Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung
Teile I–III
0922
2025
978-3-381-12692-7
978-3-381-12691-0
A. Francke Verlag
Markus Vinzent
10.24053/9783381126927
In the beginnings of Early Christianity we know of only two collections of Christian texts to which the title "New Testament" was given - one from around the middle of the second century, credited to Marcion of Sinope, and the other well known created from around the time of Irenaeus of Lyon towards the end of the same century.
The Greek text of the 10-letter collection of Paul (with German translation), which the Church Fathers witness to have been part of the 'New Testament' of Marcion of Sinope, is reconstructed here for the first time.
In volume 1 of the detailed introduction, this collection is compared with the 14-letter collection of Paul, which can be found in the canonical New Testament, and compared to the latter is shown to be the older one.
ln volume 2 and 3, the reconstructed Greek text is given, set parallel to the canonical text of the ten letters, with apparatuses to the early church witnesses and the significant variants, supplemented with a short commentary on the content of individual sections of the letter and a verse-by-verse lexicographical analysis.
9783381126927/9783381126927.pdf
<?page no="0"?> T A N Z TEXTE UND ARBEITEN ZUM NEUTESTAMENTLICHEN ZEITALTER Markus Vinzent Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung Teile I-III <?page no="1"?> Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung <?page no="2"?> T A N Z TEXTE UND ARBEITEN ZUM NEUTESTAMENTLICHEN ZEITALTER 72/ I-III herausgegeben von Matthias Klinghardt, Günter Röhser, Stefan Schreiber und Manuel Vogel <?page no="3"?> Markus Vinzent Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung Mit Mark G. Bilby, Jack Bull, K. Lance Lotharp Unter Mitarbeit von Günter Röhser Teil-I: Untersuchung <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381125623 © 2025 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 0939-5199 ISBN 978-3-381-12561-6 (Print) ISBN 978-3-381-12562-3 (ePDF) ISBN 978-3-381-12563-0 (ePub) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 9 Teil I: 11 §-1 13 a. 13 b. 16 c. 19 d. 20 e. 25 f. 26 §-2 27 a. 27 b. 34 §-3 66 a. 66 b. 70 c. 74 §-4 75 a. 75 b. 78 c. 81 d. 86 Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fragestellung und Thema . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Untersuchungsgegenstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Hauptbeobachtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Methodologische Überlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . Auszeichnung mit *, km und ˟ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zur Nomenklatur „vorkanonisch“ - „kanonisch“ . . Zur Nomenklatur „erste“ und „zweite kanonische Redaktion“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Anlage der Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die frühchristliche Tradition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die moderne Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Verhältnis der 14-Briefe-Sammlung und der *10-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . „a ist von b abhängig“: Die 14-Briefe-Sammlung ist die Grundlage, die *10-Briefe-Sammlung das Resultat von deren Bearbeitung . . . . . . . . . . . . . . . . . „b ist von a abhängig“: Die 14-Briefe-Sammlung ist eine Bearbeitung und Erweiterung der *10-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . „a und b sind von x abhängig“: Die 14-Briefe-Sammlung und die *10-Briefe-Sammlung sind abhängig von einer älteren, unbekannten Quelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die früheren Editionen von *Ap . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Adolf Hilgenfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Theodor Zahn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Adolf Harnack . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . John James Clabeaux . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> e. 88 f. 91 Teil II: 97 §-5 99 a. 100 b. 106 §-6 124 a. 127 b. 136 §-7 191 a. 191 b. 204 c. 510 §-8 512 a. 513 b. 537 §-9 553 a. 555 b. 563 c. 568 d. 572 Teil III: 573 §-10 575 a. 575 b. 578 Ulrich Schmid . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Jason BeDuhn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum . . . . . . . . . . . . Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen . . . . . . . . . . Die Struktur der Vorwürfe gegen Markion . . . . . . . . Die häresiologischen Hauptzeugen für die *10-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Bezeugung in den Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fünf Handschriften: . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zur Familie der fünf Handschriften (06, 0319, 0320, 010, 012) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung innerhalb von Markions *NT im Unterschied zur 14-Briefe-Sammlung innerhalb des kanonischen NT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verschiedene Anzahl, Anordnung, Länge und Gewicht der paulinischen Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . Vorkanonische und kanonische Sprache, Lexik, Stil und Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gemeinsamkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unterschiede . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Emphase und Verstärkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Duplikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inkonsistenzen und Inkohärenzen . . . . . . . . . . . . . . . Intertextualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das literarische Verhältnis zwischen der *10-Briefe-Sammlung und der 14-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung . . . . . . . Die Inkonsistenz der angeblichen Redaktion Markions . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Umfang der *10-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> §-11 588 a. 588 b. 595 c. 607 §-12 613 a. 613 b. 620 §-13 645 a. 645 b. 661 c. 673 Teil IV: 697 a. 699 1. 699 2. 702 3. 709 4. 739 5. 741 b. 747 c. 755 d. 763 1. 764 2. 774 775 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre kanonisch redaktionelle Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das redaktionelle Interesse der kanonischen Redaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die kanonische Redaktion von (*) Gal 2,11-21 . . . . . . Die kanonische Redaktion von *Laod nach Eph . . . Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . Makroebene: 14-Briefe-Sammlung vs. *10-Briefe-Sammlung: Die zusätzlichen vier Briefe . Mikroebene: Einige Beispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung und die beiden kanonischen Redaktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die erste kanonische Redaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . Die zweite kanonische Redaktion . . . . . . . . . . . . . . . Zur Überlieferung der Deuteropaulinen (*Laod/ Eph, *Kol/ Kol, *2Thess/ 2Thess) und zur Vorgeschichte der *10-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fragen und Antworten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Priorität der *10-Briefe-Sammlung gegenüber der 14-Briefe-Sammlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Datierung und Lokalisierung der Redaktionen . . . . Zu vermeintlichen Antimarkionismen in *Ev und *Ap . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorkanonische Lesarten in der orthodoxen Tradition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Markion, der Erzketzer? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die kanonische und die vorkanonische Redaktion und ihre stereotypen Verseröffnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nochmals zu Markion: Rezipient oder Redaktor . . . . . . . . . . *Paulus vs. Paulus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Chronologie und Geographie des Wirkens von *Paulus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die kanonische Redaktion: Von *Paulus zu Paulus . Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="8"?> 777 813 813 816 822 824 827 827 828 831 832 832 835 843 Appendix 1: Beispiele langer Sätze im Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe . An die Galater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Korinther I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Korinther II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Römer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Thessalonicher I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Thessalonicher II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Laodizäer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Kolosser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An die Philipper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An Philemon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Appendix 3: Addenda et Corrigenda Concordance of the Precanonical and Canonical New Testament . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="9"?> Vorwort Diese Untersuchung und die Rekonstruktion der zehn paulinischen Briefe wären nicht möglich gewesen ohne den Beitrag der Mitautoren, die beides durch ihre Kompetenz in Digital Humanities gefördert haben. Auch wenn das Unternehmen händisch und ohne DH begonnen wurde, wäre es nicht zu dem geworden, was es ist, ohne die kritische Überprüfung und Vertiefung, die durch die computerge‐ stützte lexikalische und semantische Suche durch die Kollegen ermöglicht wurden. Ein Werk wie das hier vorgelegte ist folglich nicht das eines Individuums, son‐ dern die Frucht vielfältiger gemeinsamer und vorangegangener Forschungen und Forschenden, von denen die bedeutendsten in der Forschungsgeschichte gewürdigt werden. Das Produkt markiert gewiss keinen Endpunkt, zumal wir, was die Digital Humanities betrifft, erst am Anfang stehen. Das Werk hat durch das Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen erheblich gewonnen, allen voran den Vordenkern der vorkanonischen Ausgabe des Neuen Testaments, Matthias Klinghardt, David Trobisch, Jason BeDuhn und Günter Röhser, dann der Generation von Klinghardts Schülern, Jan Heilmann, Nathanael Lücke, Alexander Goldmann und Tobias Flemming, auch denjenigen, die sich zuvor intensiv mit der darin enthaltenen Paulusbriefsammlung befasst haben, Harry O. Maier, Eve-Marie Becker und Ulrich B. Schmid, wie auch den Markionforscherinnen und -forschern, allen voran Judith Lieu and Dieter Roth. Ein besonderer Dank gilt den Herausgebern der Reihe TANZ, Matthias Klinghardt, Günter Röhser, Stefan Schreiber und Manuel Vogel. Von diesen sind besonders Günter Röhser und Matthias Klinghardt zu nennen, denn Ersterer hat in einer detaillierten Durchsicht der Einleitung in schier unendlicher Akribie hunderte von Korrekturen und Anregungen vorgeschlagen, die den Text erheblich verbessert haben, auch wenn er nicht allen vorgeschlagenen Hypothesen zustimmt. Matthias Klinghardt hat die gesamte Rekonstruktion Korrektur gelesen, wie Röhser unzählige Fehler korrigiert und kritische Vor‐ schläge gemacht, die immer weiterführend waren und, soweit ich ihnen folgen konnte, berücksichtigt wurden. Zu nennen ist auch Jan N. Bremmer, der es auf sich genommen hatte, den Teil der Untersuchung kritisch zu lesen und vielfältige Verbesserungsempfehlungen gegeben hat. Gedankt sei auch Chrissy Hansen für die ergänzende Literatur zu den Dutch Radicals und ihr eigenes Buch zum Philemonbrief. Schließlich hat das wissenschaftliche Umfeld des Max-Weber-Kollegs an der Universität Erfurt die Arbeit an der Rekonstruktion und deren Konzeption geprägt und gestützt, insbesondere im Rahmen des Sonderforschungsbereichs <?page no="10"?> „Strukturwandel des Eigentums“ (SFB 294, Jena/ Erfurt). Allen voran danke ich den Direktoren Hartmut Rosa und Jörg Rüpke und der Geschäftsführerin Bettina Hollstein, auch den vielen Kollegiat: innen und Fellows, den Doktorant: innen und Postdoktorant: innen, die aus dem religionshistorischen, soziologischen, wirtschafts- und rechtshistorischen Umfeld Anregungen geliefert haben. Zu nennen ist auch die jährliche kollegiale Begegnung in Bertinoro, initiiert und inspiriert von Mauro Pesce, vorangetrieben von Emiliano Urciuoli und vielen der dort immer wieder einkehrenden Kolleg: innen. Als Hauptverantwortlicher für das Team möchte ich meinen inzwischen erwachsen gewordenen Kindern Cyril und Charlotte danken, die gerade die Zeit der schweren Erkrankung meiner Frau Jutta, den Abschied von ihr und ihren Verlust mit mir geteilt haben. Miteinander haben wir daran gearbeitet, Zukunft zu gestalten, wofür das vorliegende Werk mit seinen Verantwortlichen ein Zeichen der Hoffnung ist. Markus Vinzent Erfurt / San Miguel de Abona Dezember 2024 10 Vorwort <?page no="11"?> Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="13"?> 1 „We are reading Paul’s own words, whereas we have nothing that Jesus himself wrote, and only secondor third-hand reports of his teaching“, E.P. Sanders, Paul. The Apostle’s Life, Letters, and Thought (2015), xxi. 2 Das wird bei aller Nuancierung auch bestätigt von M. Dormandy, How the Books Became the Bible (2018). 3 Zur Auszeichnung mit * und etwas weiter unten mit km und ˟ , vgl. Teil-I §-1 c. §-1 Untersuchungsgegenstand Ob Sanders recht hat, wenn er zu Beginn seines opus magnum, des Paulusbuchs, mit Blick auf die Briefe des Paulus formuliert: „Wir lesen die eigenen Worte des Paulus, während wir nichts, was Jesus selbst schrieb, besitzen, sondern von dem, was er lehrte, lediglich Berichte aus Zweit- oder Dritthänden“? 1 Die vorliegende Rekonstruktion, zu welcher wir hier die einführende Untersuchung vorlegen, wird Sanders radikalisieren. Nicht nur aus den Händen von Jesus besitzen wir keine authentischen Schriftstücke, auch für Paulus gilt, dass das, was wir unter seinem Namen kennen, mindestens aus Zweit- oder Dritthänden stammt. Die uns bekannten paulinischen Briefe liegen ausschließlich in bereits redigierten Sammlungen vor. 2 Von diesen sind zwei dem Umfang nach für das zweite Jahrhundert bezeugt, eine *10-Briefe-Sammlung, 3 die hier rekonstruiert wird und Teil von Markions *Neuem Testament ist, und eine 14-Briefe-Sammlung, die Teil des kanonischen Neuen Testaments ist - benutzt wird die letzte Ausgabe von Nestle-Aland, 28. revidierte Auflage vom Jahr 2012. Mit ihr wird die *10-Briefe-Sammlung verglichen. a. Die Hauptbeobachtungen Im Folgenden geht es um Folgendes: 1. Ausgehend von der paulinischen 14-Briefe-Sammlung wird die *10-Briefe- Sammlung rekonstruiert, zu der uns verschiedene Zeugen und Zeugnisse Zugänge verschaffen. 2. Anstelle der bisher weithin angenommenen Priorität der 14-Briefe-Samm‐ lung gegenüber der *10-Briefe-Sammlung, wird die Priorität der *10-Briefe- Sammlung gegenüber der 14-Briefe-Sammlung begründet, auch wenn Priorität nicht Ursprünglichkeit bedeutet. 3. Es wird gezeigt, dass der *10-Briefe-Sammlung bereits zwei Sammlungen vorausgehen und ihr zugrunde liegen: 4. Eine sieben Briefe umfassende Sammlung, bei der ˟ 1Kor vor ˟ Gal steht, d. h. die vermutlich in der Reihenfolge ˟ Röm, ˟ 1/ ˟ 2Kor, ˟ Gal, ˟ 1Thess, ˟ Phil, ˟ Phlm vorlag. Die Existenz dieser vorausliegenden Sammlung er‐ <?page no="14"?> 4 Der heuristische Begriff des „Milieus“ wird hier und im Folgenden, wie von I. Newton als „ambiant medium“ oder von Jean-Baptiste de Lamarck als „milieux environnants“ verstanden, wie in neuerer Zeit von N. Pethes vorgeschlagen. Ein Milieu ist eine selbstgenerierte Umwelt in Wissenschaft und Ästhetik, die diskursübergreifende Funk‐ tion besitzt zur gesellschaftlichen und ökonomischen Kontextualisierung dynamischer Entwicklungen, vgl. N. Pethes, Milieu. Die Exploration selbstgenerierter Umwelten in Wissenschaft und Ästhetik des 19.-Jahrhunderts (2017), 139. gibt sich aufgrund des Rückverweises in *Gal 5,21, der auf den in der *10-Briefe-Sammlung später stehenden Brief *1Kor (*1Kor 15,50) verweist. Ein Redaktor hätte einen solchen ins Leere laufenden Rückverweis im ersten Brief seiner Sammlung (*Gal) nicht eingefügt, sondern er muss ihn bereits vorgefunden und dann stehen gelassen haben. Das bedeutet, dass ihm eine ältere Sammlung von Briefen vorlag, in welcher *Gal auf *1Kor gefolgt war. 5. Eine drei Briefe umfassende Sammlung von km Laod, km Kol, km 2Thess. Diese Sammlung ergibt sich zunächst aus der Stellung dieser drei Briefe, die als Verbund in die ˟ 7-Briefe-Sammlung eingefügt wurden. Außerdem wird gezeigt, dass diese Briefe eine gegenüber der ˟ 7-Briefe-Sammlung deutlich andere Sprache und Inhalt aufweisen. Aus anderer Perspektive findet demnach die traditionelle Schulhypothese der Deuteropaulinen durch die vorliegende Untersuchung und Rekonstruktion eine Bestätigung. 6. Aufgrund des Sammlungsverbundes ist anzunehmen, dass die Briefe der beiden Briefsammlungen, die der *10-Briefe-Sammlung vorausliegen, be‐ reits redaktionell bearbeitet waren, bevor sie der weiteren vorkanonischen Redaktion unterzogen wurden, die sie zur *10-Briefe-Sammlung zusam‐ menbrachte. Da sich trotz der redaktionellen Bearbeitung beider vorausge‐ gangener Sammlungen für die *10-Briefe-Sammlung ein sprachlicher wie inhaltlicher Unterschied der sieben Briefe einerseits und der drei Briefe an‐ dererseits feststellen lässt, kann darauf geschlossen werden, dass diese zwei Sammlungen aus verschiedenen theologischen Schulen stammen, die im Folgenden als „Milieus“ bezeichnet werden. 4 Wie zu zeigen sein wird, steht dabei die km 3-Briefe-Sammlung im Unterschied zur ˟ 7-Briefe-Sammlung demjenigen Milieu näher, das wir als „kanonisches“ bezeichnen können. Denn sprachlich wie inhaltlich berühren sich diese drei Briefe immer wieder mit denjenigen Briefpassagen, die durch die kanonische Redaktion der *10-Briefe-Sammlung hinzugefügt wurden, außerdem berühren sie sich mit den vier Briefen, mit denen die *10-Briefe-Sammlung von der kanonischen Redaktion zur 14-Briefe-Sammlung erweitert wurde. 14 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="15"?> 7. Die beiden Milieus, in denen die *10-Briefe-Sammlung und die 14-Briefe-Sammlung entstanden sind, lassen sich aufgrund von Sprache und Inhalt voneinander unterscheiden, zugleich aber sind die beiden Milieus nicht gänzlich voneinander zu trennen, sondern in ihnen wird jeweils mit Material gearbeitet, das aus dem jeweils anderen Milieu stammt. Gegenüber den älteren Rekonstruktionsversuchen hilft vor allem das neu gewonnene Kriterium von Sprache, Lexik und Stil zur Unterscheidung der beiden Milieus, die Rekonstruktion eröffnet aber auch einen Blick in die enge Verzahnung derselben, die sich wie folgt darstellt: Von Anfang an scheint das vorkanonische Milieu Zugriff auf eine ˟ 7-Briefe-Sammlung erhalten zu haben, deren Textbestand der einzelnen Briefe und deren Abfolge der Briefe sich nicht mehr im Detail rekonstruieren lässt. Nur so viel scheint klar, dass diese ˟ 7-Briefe-Sammlung wegen der Voranstel‐ lung von ˟ 1Kor vor ˟ Gal möglicherweise mit ˟ Röm begonnen hat. Sie weist damit ein Charakteristikum auf, das sie, wie wir sehen werden, mit der kano‐ nischen 10-Briefe-Sammlung teilt. Das vorkanonische Milieu hat, wie näher dargelegt werden wird, folglich eine ˟ 7-Briefe-Sammlung erhalten, die nicht ohne Berührungspunkte zum kanonischen Milieu war. Sprache und Inhalt dieser ˟ 7-Briefe-Sammlung unterscheiden sich aber deutlich von der km 3-Briefe-Samm‐ lung, und zwar auch noch erkennbar, nachdem beide Sammlungen durch die vorkanonische Redaktion zur Form bearbeitet wurden, in welcher sie heute erreichbar sind. Aus dem Vergleich miteinander wird sich ergeben, dass die ˟ 7-Briefe-Sammlung stärker vorkanonisch geprägt ist, die km 3-Briefe-Sammlung hingegen näher beim kanonischen Milieu steht. Erst die vorkanonische Redaktion scheint eine *10-Briefe-Sammlung aus den beiden vorausgegangenen km/ ˟ Briefe-Sammlungen geschaffen zu haben. Dieser vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung bediente sich dann das kano‐ nische Milieu in einer ersten kanonischen Redaktion, aus der sie eine eigene km 10-Briefe-Sammlung formte. §-1 Untersuchungsgegenstand 15 <?page no="16"?> 5 M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019). Eine zweite kanonische Redaktion erfolgte, als diese km 10-Briefe-Sammlung überarbeitet und mit den Pastoralbriefen - in einem weiteren Schritt auch mit dem Hebräerbrief - ergänzt wurde und in die breitere Sammlung zusammen mit vier Evangelien, dem Praxapostolos (Apostelgeschichte und Katholische Briefe) und der Apokalypse aufgenommen wurde, die vom dritten Jahrhundert an als (später: kanonisches) Neues Testament bezeichnet wurde. b. Methodologische Überlegungen 1. Dem retrospektiven Ansatz gemäß, über den ich an anderer Stelle aus‐ führlicher gehandelt habe, 5 beginnt jede methodologische Überlegung mit der Erkenntnis, dass Anfang und Ansatz eines Forschungsprojektes eine, wenn nicht die ausschlaggebende Weichenstellung für die zu machenden Beobachtungen sind. 2. Zu diesem Ansatz gehört die kritische Reflexion über die eigenen Voraus‐ setzungen und eine mögliche Transparenz der expliziten und wichtiger noch impliziten Annahmen. 3. Voraussetzung für das, was hier an Rekonstruktion geboten wird, ist deren Einbettung in die Geschichte, Tradition und Kontext, aus denen heraus diese Arbeit erfolgt. Diese Einbettung wird in der Forschungsgeschichte geleistet. Nicht minder gehört zur Voraussetzung der Rekonstruktion der gegenwärtige intellektuelle Diskurs, dessen Teil die Rekonstruktion ist. Auch wenn ein zeitgenössischer Diskurs wegen des mangelnden reflexiven Abstands schwer zu erfassen ist, habe ich doch versucht, mir in dem angegebenen Werk Rechenschaft zu geben. Darin wird auch vom Horizont der Zukunft gehandelt, der zu Geschichte, Tradition und Diskurs gehört und aus dem heraus im Jetzt historische Rekonstruktionen erfolgen und sie immer auch als vorläufige erweisen. 4. Im Sinne einer offenen, fairen, multikulturellen und interreligiösen Zu‐ kunft auf unserer kleinen Erde besteht das Ziel der Untersuchung darin, Voraussetzungen für historisch oder traditionell gewachsene Erklärungs‐ muster zu erkennen und darzulegen, sie auf ihre rationale Verlässlich‐ keit hin zu überprüfen und gegebenenfalls zu dekonstruieren, um das Gespräch über Disziplinen, Konfessionen, Religionen und jegliche Weltan‐ schauungen hinaus zu ermöglichen. 16 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="17"?> 6 Auf die Zirkularität vieler Datierungen verweist T. Nicklas, Die Datierung des Zweiten Thessalonicherbriefes. Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren (2021), 210. Er schließt: „Vielleicht wäre es sinnvoll, nicht weiter von historischer Kritik, sondern von kritischer Anwendung historischer Methoden zu sprechen, dürfen doch die dabei erbrachten ‚Daten‘ nicht einfach als ‚Fakten‘ missverstanden werden, welche uns in einen Zirkel hineinführen könnten, der Möglichkeiten unseres Verstehens der Texte mehr einengt als befreit“ (ibid. 215 mit einem Verweis auf einen Gedanken, den er von Stefan Alkier erhalten hatte). 5. An die Stelle von historisch oder traditionell gewachsenen Erklärungs‐ mustern tritt eine dekonstruktive, grundlegende Skepsis gegenüber allen ererbten Konstrukten. Sie hat das Ziel, eine transparente Konstruktion von Erläuterungen zu bieten, die nachvollziehbar, korrekturfähig oder falsifizierbar sein soll. 6. Mit Blick auf den vorliegenden Untersuchungsgegenstand beginnt dieser dekonstruktiv-konstruktive Ansatz bei der Infragestellung aller überkom‐ menen Datierungen von Zeugnissen, mit denen wir uns beschäftigen, es sei denn, sie lassen sich historisch verorten. 6 7. Solche Verortung (zeitlich und lokal) beginnt bei der im gegenwärtigen Diskurs zentral verhandelten Materialität, also bei Handschriften, Papyri und dergleichen, nicht bei kritischen Editionen, auch wenn die Benutzung solcher wegen der Breite des Untersuchungsgegenstandes unerlässlich ist. 8. Nun könnte man einwenden, dass gerade die *10-Briefe-Sammlung in keiner Handschrift material greifbar ist. Doch diese Position setzt be‐ reits die Annahme der Priorität der 14-Briefe-Sammlung und der sekun‐ dären Natur als deren Abbreviatur der *10-Briefe-Sammlung voraus. Kehrt man die Bearbeitungsrichtung um und nimmt die Priorität der *10-Briefe-Sammlung an, würde die 14-Briefe-Sammlung als deren Er‐ weiterung betrachtet und alle Zeugen (Papyri, Handschriften usw.) der 14-Briefe-Sammlung würden zu solchen auch der *10-Briefe-Sammlung. 9. Da die ältesten Zeugnisse von paulinischen Briefen Zeugnisse aus Brief‐ sammlungen darstellen, beginnt diesbezüglich Materialität nicht beim Ursprung. Anstelle von Rezeption tritt darum der retrospektive Blick, der bei Materialien und Zeugen beginnt, die uns auf ältere Schichten zurückführen. Dies bedeutet, dass wir in der Retrospektion über die heute existierenden ca. 800 Handschriften für die paulinischen Briefe zunächst auf die 14bzw. 13-Briefe-Sammlung stoßen und gemeinsam mit den altkirchlichen Zeugen über diese hinaus zurück zur ihnen zugrun‐ deliegenden km 10-Briefe-Sammlung gelangen, dann zur vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung und über sie zu den vorausgegangenen beiden Sammlungen, der ˟ 7-Briefe-Sammlung und der km 3-Briefe-Sammlung. §-1 Untersuchungsgegenstand 17 <?page no="18"?> 10. Zeugnisse müssen nicht nur so alt sein wie ihr erstes, für uns greifbares In-Erscheinung-Treten anzeigt. Jegliche Hypothese aber, dass Zeugnisse älter sind als ihr erstes historisches Erscheinen, trägt eine desto stärkere Be‐ gründungslast, je weiter zeitlich zurück das Zeugnis über sein Erscheinen hinaus historisch verortet wird. 11. Um diese methodischen Überlegungen an unserem Beobachtungsgegen‐ stand zu konkretisieren: Die Untersuchung beginnt nicht mit Paulus, nicht mit seinen Briefen, nicht mit den Evangelien oder mit irgendwel‐ chen anderen frühchristlichen Schriftstücken, sondern sie beginnt bei den heute erreichbaren Handschriften und Papyri. Dieser Ansatz führt zu zwei zeitlichen Schichten. Denn wie die ca. 800 Handschriften und Papyri paulinischer Briefe belegen, begegnen diese nicht nur als Samm‐ lungen, sondern diese Sammlungen stehen ihrerseits in zwei größeren Sammlungszusammenhängen, wobei eine dieser Sammlungen offenkundig zwei verschiedene Redaktionen aufweist: - Im ausgehenden zweiten Jahrhundert legen die Bücher III-V von Irenäus, „Adversus haereses“, eine größere Sammlung von solchen Schriften nahe. In diesen Büchern wird argumentiert und aus Texten zitiert, wonach die 14 paulinischen Briefe (vielleicht auch nur 13, da der Philemonbrief nicht aufgeführt wird) innerhalb einer größeren Sammlung zu finden sind von vier Evangelien, der Apostelgeschichte, der „Katholischen“ Briefen (Apg und Kath. Briefe später „Praxapos‐ tolos“ genannt) und der Apokalypse des Johannes. Irenäus schreibt um das Jahr 177 n. Chr. in Lyon, stammt jedoch aus Kleinasien, bezeichnet Polykarp von Smyrna als seinen Lehrer und hat Kontakte nach Rom. - Vor der Mitte des zweiten Jahrhunderts soll nach dem Zeugen aus dem frühen dritten Jahrhundert, Tertullian, und weiteren Zeugen des zweiten und späterer Jahrhunderte der Reeder und ein Lehrhaus betreibende Markion von Sinope Schriften von seiner Heimat im Pontus nach Rom gebracht haben. Ihm schreiben Zeugen eine in Rom veröffentlichte Sammlung zu, die er „Neues Testament“ genannt haben soll und nach einem eigenen Vorwort, den Antithesen, und einem anonymen Evangelium (*Ev) zehn paulinische Briefe enthalten hat. - Nicht diese Sammlung der zehn paulinischen Briefe aber, sondern eine offenkundig redigierte Fassung derselben ( km 10-Briefe-Sammlung) klingt in einer Reihe von christlichen Schriften aus der Zeit vor Justin und Irenäus an. Da diese Fassung in mancherlei Hinsicht nahe dem Text ist, den wir aus der kanonischen 14-Briefe-Sammlung kennen - wenn auch weniger umfänglich: es fehlen vier zusätzliche Briefe 18 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="19"?> 7 Den Nachweis dafür, dass der Titel „Neues Testament“ der kanonischen Sammlung erst im dritten Jahrhundert zugeordnet wurde, habe ich geführt in M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 76-83. 247. und manche Kapitel und Verse - wird diese Redaktion im Folgenden als „erste kanonische Redaktion“ bezeichnet, ihr folgt eine „zweite kanonische Redaktion“, die diese kanonische 10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung erweiterte. Die Materialität der Handschriften und Papyri und die Zeugen des dritten und zweiten Jahrhunderts benennen folglich als Kontexte für die paulinischen Briefsammlungen die beiden größeren Sammlungen, das *Neue Testament des Markion und die breitere Sammlung, die aus Irenäus hervorgeht. c. Auszeichnung mit *, km und ˟ Nach allen historischen Quellen, die wir kennen, beinhaltete das *Neue Testa‐ ment des Markion zehn paulinische Briefe. Für dieses „Neue Testament“ und seine Teile wird die Auszeichnung mit einem Stern (*) verwendet (*Neues Testament; *Ev für das Evangelium, *Ap für Markions „Apostolos“, dem Titel der paulinischen Briefsammlung, auch für die darin enthaltenen Briefe, etwa *Gal für den darin befindlichen *Galaterbrief, *Paulus für den darin genannten Briefschreiber). Wenn wegen identischem Text Bezug genommen wird auf dieses *Neue Testament und auf Text des später kanonischen Neuen Testaments wird der Stern in Klammern gesetzt, etwa (*) Gal oder (*) Paulus. Dieses *Neue Testament dürfte etwa drei Dekaden früher entstanden und öffentlich gemacht worden sein, bevor diejenige Sammlung mit 26 bzw. 27 Büchern entstanden ist, die erst im dritten Jahrhundert den Titel „Neues Testament“ bekommen hat und heute als das kanonische Neue Testament betrachtet wird. 7 Diese Sammlung und die darin enthaltenen Schriften und Personen werden ohne Auszeichnung angeführt (Neues Testament, Gal, Paulus). Bereits M. Klinghardt hat allerdings darauf verwiesen, dass den kanonischen Fassungen der Texte (er bezog dies nur auf die Evangelien), die in diesem Neuen Testament versammelt sind, ältere Fassungen vorausgegangen sind, bevor sie in den Sammlungskontext des Neuen Testaments gestellt wurden. Diese Vorver‐ sionen hatte er ebenfalls mit einem * ausgezeichnet. Um Missverständnissen vorzubeugen und zwischen den beiden Milieus zu unterscheiden, werden die Vorversionen für das kanonische Neue Testament, die im kanonischen Milieu entstanden sind, im Folgenden mit km ausgezeichnet. §-1 Untersuchungsgegenstand 19 <?page no="20"?> Auch das *Neue Testament des Markion hat, wie zuvor angedeutet und wie zu zeigen sein wird, seine Vorgeschichte, auch wenn die vorliegende Studie sich vor allem auf die Untersuchung der *10-Briefe-Sammlung beschränken wird. Diese *10-Briefe-Sammlung umfasste die folgenden Briefe, und zwar in der angegebenen Reihenfolge: *Gal, *1/ *2Kor, *Röm, *1/ *2Thess, *Laod, *Kol, *Phil, *Phlm. Wie Sprache und Inhalte dieser Briefe erweisen werden, lassen sich zwei Gruppen von Briefen bilden, und zwar, wie zuvor erwähnt, die genannten sieben Briefe und die ihnen gegenüber stehenden drei Briefe. Diese sieben bzw. drei Briefe lagen in zwei verschiedenen Sammlungen vereint vor. Diese der *10-Briefe-Sammlung vorausliegenden zwei Briefsammlungen mit ihren Briefen werden mit einem Kreuz ( ˟ ) für die ˟ 7-Briefe-Sammlung und mit km für die dem kanonischen Milieu näher stehende km 3-Briefe-Sammlung ausgezeichnet. d. Zur Nomenklatur „vorkanonisch“ - „kanonisch“ Zur weiteren Verdeutlichung und zur Vermeidung von Missverständnisses sei noch hinzugefügt: Im Folgenden wird zwischen einem „vorkanonischen“ und einem „kanonischen“ Milieu unterschieden, dabei bezeichnet „vorkanonisch“ (ausgezeichnet mit *) das gelehrte Umfeld, die Schule und die Umwelt, in welcher die *10-Briefe-Sammlung und *Ev zusammengebracht und redigiert wurden und in welcher Markions *Neues Testament entstand. „Kanonisches Milieu“ (ausgezeichnet mit km ) bezeichnet den Raum, welchem die dem später kanonischen Neuen Testament nahestehenden Texte entstammen und in dem die hierauf gründenden Redaktionen anzusiedeln sind. Blicken wir zurück, begegnen wir als ältesten, erreichbaren Schichten im „vorkanonischen“ Milieu einer der beiden Vorgängersammlungen, der ˟ 7-Briefe-Sammlung, im „kanonischen“ Milieu der km 3-Briefe-Sammlung. Beide Sammlungen erlauben uns derzeit aus zweierlei Gründen nicht, über sie weiter zurück zu schreiten, da sie erstens aufgrund ihres jeweiligen Sammlungs‐ charakters bereits in redigierter Form vorliegen und zweitens uns nur innerhalb der *10-Briefe-Sammlung zugänglich sind, die ihrerseits vorkanonisch redigiert ist. Diese *10-Briefe-Sammlung wurde innerhalb des „kanonischen“ Milieus weiterbearbeitet zur km 10-Briefe-Sammlung, dann im selben Milieu zur 13bzw. 14-Briefe-Sammlung, die in das Neue Testament Eingang fand. M. Klinghardt hat den Unterschied gemacht zwischen der kanonischen Textform des Lukasevangeliums (Lk) und einem Vorstadium dieses Textes, das er in Markions *Ev erkannte. Dieses und auch die auf der Basis von *Ev entwi‐ ckelten Evangelien hatte Klinghardt mit * ausgezeichnet und „vorkanonisch“ 20 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="21"?> 8 Vgl. auch die Einleitung zu M. Vinzent, Concordance to the Precanonical and Canonical New Testament (2023). 9 E. Nestle, B. Aland, K. Aland and H. Strutwolf, Novum Testamentum Graece (2012). 10 D.A. Hagner, The Use of the Old and New Testaments in Clement of Rome (1973), 240. 313; F. Siegert, Synopse der vorkanonischen Jesusüberlieferungen. Zeichenquelle und Passionsbericht, die Logienquelle und der Grundbestand des Markusevangeliums (2010); F. Siegert, Das Leben Jesu. Eine Biographie aufgrund der vorkanonischen Über‐ lieferungen (2010). Eine ähnliche Verwendung von „vorkanonisch, begegnet bereits bei P. Feine, Eine vorkanonische Überlieferung des Lukas in Evangelium und Apostelge‐ schichte. Eine Untersuchung (1891); G. Schneider, Das Problem einer vorkanonischen Passionserzählung (1972). 11 R.W. Wall, Reading the New Testament in Canonical Context (1995); R.W. Wall, On Reading Canonical Collections. A Response (2015). 12 Zur komplexen Frage, wie der Prozess der Entstehung der kanonischen Sammlung vorzustellen ist und wie es sowohl zur Kanonisierung wie auch zur Übertragung des Titels von der vorkanonischen auf die kanonische Sammlung kam, vgl. mit weiterer Literatur: M. Vinzent, The Influence of Marcion on the Formation of the New Testament Canon (2024); J. Heilmann, Die These einer editio princeps des Neuen Testaments im Spiegel der Forschungsdiskussion der letzten zwei Jahrzehnte (2018). genannt. Um Missverständnisse zu vermeiden, wird im Folgenden Markions Evangelium zum vorkanonischen Milieu gerechnet und mit * ausgezeichnet (*Ev), während die im kanonischen Milieu entstandenen vier Evangelien wie auch die zuvorgenannte zehn Briefe umfassende Paulusbriefsammlung mit km („kanonisches Milieu“) ausgezeichnet werden. 8 Um weiteren möglichen Missverständnissen bei der Wortwahl „vorkano‐ nisch“ vorzubeugen: Es geht bei „vorkanonisch“ nicht einfach um Material, das mündlich oder schriftlich dem kanonischen griechischen Neuen Testament vorausgegangen ist, welches uns in Nestle-Aland, Novum Testamentum Graece vorliegt. 9 „Vorkanonisch“ bezieht sich auch nicht auf Quellen wie Q, Passions‐ narrative oder ähnliche Traditionen, die von der Forschung für die Zeit vor der Erstellung einzelner Schriften oder auch dieser Sammlung angenommen werden. So etwa findet sich der Begriff in Donald A. Hagner, The Use of the Old and New Testaments in Clement of Rome oder in Folker Siegerts Synopse der vorkanonischen Jesusüberlieferungen. 10 Der Begriff „vorkanonisch“ soll auch nicht einfach „ein vorkanonisches Entwicklungsstadium“ des kanonischen Neuen Testaments bezeichnen. 11 Stattdessen werden genau die Schriften als vorkanonisch gefasst, die im vorkanonischen Milieu entstanden sind und in die einzige uns historisch bekannte Sammlung aufgenommen wurden, welche im zweiten Jahrhundert als „Neues Testament“ bezeichnet wurde, nämlich die des Markion. 12 In den uns zugänglichen frühchristlichen Quellen wird überhaupt nur zwei Sammlungen der Titel „Neues Testament“ gegeben. 13 Zum einen ist es diejenige §-1 Untersuchungsgegenstand 21 <?page no="22"?> 13 Vgl. M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 22-23. Wenn Trobisch annimmt, dass bereits der Archetyp der Sammlung den Titel „Neues Testament“ trug, so gibt er in der zugehörigen Fußnote als letzten Forschungsstand den Artikel von Wolfram Kinzig an, der nach Trobisch eine „Zusam‐ menstellung der ältesten Belege“ gibt und „den Titel auf Markion zurückführt“. Diese Angabe stimmt mit Trobischs Beobachtung überein, wonach die frühesten Rezipienten des Archetyps der Sammlung sowohl in Rom wie in Kleinasien jene Kirche ist, die „mit der Bewegung, welche unter der Führung von Markion geschaffen wurde, kämpfte und sie schließlich verwarf “, so D. Trobisch, Die Endredaktion des Neuen Testaments: Eine Untersuchung zur Entstehung der christlichen Bibel (1996), 43. 105. Vgl. auch W. Kinzig, Καινὴ Διαϑήκη. The Title of the New Testament in the Second and Third Centuries (1994). 14 Vgl. jüngst M. Klinghardt, The Oldest Gospel and the Formation of the Canonical Gospels (2021). Zur älteren Forschung vgl. H.F.v. Campenhausen, Die Entstehung der christlichen Bibel (1968). 15 Vgl. hierzu jüngst T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion än‐ derte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022). L. Bormann, Zur Datierung des sogenannten Epheserbriefs (2021). Einen Überblick über die Verfasserschaft des Eph in der kritischen Forschung gibt H.W. Hoehner, Ephesians. An Exegetical Commentary (2002), 9-18. 16 Vgl. M. Vinzent, Resetting the Origins of Christianity. A New Theory of Sources and Beginnings (2023), 317; E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Paulinum (2013), 71-116. des Markion von Sinope, die bereits von den Zeugen des zweiten und frühen dritten Jahrhunderts an „Neues Testament“ genannt wird, zum anderen dieje‐ nige, die bei Irenäus erstmals greifbar wird und erst vom späteren dritten Jahrhundert an „Neues Testament“ genannt wird. Das Neue Testament Markions enthält eine einführende Präfatio, die „Anti‐ thesen“, ein einziges Evangelium (*Ev) und die paulinische *10-Briefe-Samm‐ lung. *Ev ist unter allen uns bekannten Evangelien am engsten mit demjenigen verwandt, das wir als Lukasevangelium kennen, auch wenn es erheblich kürzer als dieses ist und einige besondere Charakteristiken aufweist. 14 Verglichen mit ihren kanonischen Pendants, weisen die vorkanonischen Briefe ein ähnlich enges Berhältnis auf wie *Ev zu Lk. Die Briefe der *10-Briefe-Sammlung sind deutlich kürzer als die Parallelbriefe der kanonischen 14-Briefe-Sammlung, decken sich aber im parallelen Textbestand zu einem Großteil wörtlich mit diesen (auch wenn es Sonderphänomene gibt wie etwa die unterschiedliche Adresse im Brief, der in der vorkanonischen Sammlung an die Laodizeer gerichtet ist, während er in der kanonischen Sammlung - wenn auch nicht in allen Handschriften - als Epheserbrief bezeichnet wird 15 ). In der Forschung umstritten ist, ob Markion den paulinischen Briefen seiner Sammlung Vorworte gegeben hat, wie sie uns in der Tradition lateinischer Bibeln erhalten sind. 16 Den Forschungen von Eric Scherbenske, Jason BeDuhn 22 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="23"?> 17 Vgl. E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Paulinum (2013); J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013); M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2013). 18 Vgl. M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 22-23. 19 M. Karrer, Von den Evangelien bis zur Apk. Die Ordnung der Schriften in der Edition des Neuen Testaments (2019), 256. 20 Vgl. die verschiedenen Positionen, die diskutiert werden in M. Vinzent, The Influence of Marcion on the Formation of the New Testament Canon (2023). und eigenen folgend, 17 gehören diese Vorworte zur *10-Briefe-Sammlung und wurden in die Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung mit aufgenommen. Wie angedeutet sprechen die Quellen dafür, dass Markion seiner Sammlung der Antithesen, des *Ev und des *Ap den Titel „Neues Testament“ gegeben hatte und dass diese Sammlung die einzige war, die in den ersten beiden Jahrhunderten, ja noch bis in die erste Hälfte des dritten Jahrhunderts diesen Titel alleine trug. 18 Dies zeigt sich zum einen in dem Befund, dass „keine frühe Handschrift mit neutestamentlichen Texten ἡ καινὴ διαθήκη oder eine vergleichbare Wendung als Überschrift“ verwendet, was, wie Karrer sagt, „kein Zufall“ sei, denn „auch die Vollbibeln des 3. Jh. verzichten […] auf diese Gliede‐ rung“, die in dem „Neuen“ zum Ausdruck kommt. 19 Zum anderen verweisen alle Zeugen bis nach dem Beginn des 3. Jh. beim Gebrauch von „Neuem Testament“ auf die Sammlung Markions. Übereinstimmung besteht in der Forschung darüber, dass die Sammlung von schließlich 27 Schriften, die vom dritten Jahrhundert an den Namen „Neues Testament“ erhielt und später als die kanonische betrachtet wurde, zur Zeit des Irenäus zusammengebracht worden war, auch wenn, wie in der Forschungsge‐ schichte gezeigt und diskutiert werden wird, umstritten ist, wie man sich diese Genese genau vorzustellen hat und welches das Ziel für eine solche war. 20 Offen ist nämlich, ob man sich das Zustandekommen dieser kanonischen Sammlung als organisches Zusammenwachsen oder als Redaktionsprozess vorzustellen hat, und wenn als Redaktionsprozess, ob dieser in mehreren Stufen erfolgte oder in einer einzigen Redaktion. Nun wird die auf der Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung basierende Einleitung zeigen, dass nicht nur die *10-Briefe-Sammlung in Struktur, Aufbau und Sprache deutlich eine redaktionelle Hand aufweist, sondern dass dieselbe redaktionelle Hand auch für den Text gilt, der für *Ev bezeugt wird. Dies erlaubt, von einer einzigen „vorkanonischen“ Textform sowohl von *Ev wie von *Ap zu sprechen, zwingt aber auch dazu, dass bei der Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung immer auch Struktur, Aufbau und Sprache von *Ev mitzuberücksichtigen ist. Umgekehrt macht der Vergleich der Sammlung des §-1 Untersuchungsgegenstand 23 <?page no="24"?> 21 M. Klinghardt nennt das Ergebnis: vorkanonische Evangelien - wobei er Lk ausnimmt - und zeichnet diese Stufe mit einem Stern * aus: *Ev - *Mt - *Mk - *Joh; im Folgenden werden die Evangelien auf dieser Stufe ausgezeichnet mit *Ev, km Mt, km Mk, km Joh, wobei ich auch eine Stufe km Lk annehme. 22 Für das vorkanonische Neue Testament: *Ev und *Ap, und innerhalb von *Ap die verschiedenen Briefe; für das kanonische Neue Testament: die vier Evangelien, die Apostelgeschichte, die paulinischen Briefe, die Katholischen Briefe, die Apokalypse. Markion mit dem kanonischen Neuen Testament, insbesondere, was die Diffe‐ renz zu deren Sprache betrifft, wahrscheinlich, dass auch das kanonische Neue Testament mit seinen 27 Schriften einer durchgehenden Redaktion unterzogen wurde. Diese kanonische Redaktion wird sich noch näher spezifizieren lassen, weil sich aus den Zeugnissen des zweiten Jahrhunderts ablesen lässt, dass wir nicht nur von einer gestuften kanonischen Redaktion, sondern sogar von zwei unterscheidbaren kanonischen Redaktionen zu sprechen haben: Eine erste kanonische Redaktion erfolgte, als die *10-Briefe-Sammlung kano‐ nisch zur selben Zeit hin zur km 10-Briefe-Sammlung überarbeitet wurde, als *Ev zu km Lk, km Mt, km Mk und km Joh hin bearbeitet wurde. 21 Eine zweite kanonische Redaktion der km 10-Briefe-Sammlung fand statt, als diese Sammlung zusammen mit den vier km Evangelien in die Sammlung mit den übrigen Schriften zum (später) kanonischen Neuen Testament zusammen‐ gebunden wurde und für diesen Zweck all diese Schriften einer Redaktion unterzogen wurden. Wenn im Folgenden bei der Unterscheidung vorkanonisch-kanonisch öfter nur von einer kanonischen Version oder Redaktion gesprochen wird, dann beruht dies zum einen darauf, dass die beiden kanonischen Redaktionen sich zwar durch verschiedene Textumfänge auszeichnen, doch insgesamt eine mar‐ kant von der vorkanonischen Redaktion unterscheidbare Sprache bzw. ein anderes Textprofil aufweisen, zum anderen, dass eine über die hier vorgelegte Differenzierung zwischen den beiden kanonischen Redaktionen hinaus eine Verfeinerung dieser Differenzierung Desiderat künftiger Forschung bleiben muss. Mit der Feststellung der unterschiedlichen Profile von vorkanonischer und kanonischer neutestamentlicher Sammlung soll jedoch gar nicht in Abrede gestellt werden, dass einzelne Schriften sprachliche und inhaltliche Eigenmerk‐ male aufweisen. 22 Dennoch finden sich über alle Schriften hinweg, vorkanonisch wie kanonisch, genügend Eigenschaften, die eine Schrift zu dieser oder jener Sammlung gehörig auszeichnen. 24 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="25"?> e. Zur Nomenklatur „erste“ und „zweite kanonische Redaktion“ Wie die Untersuchung insbesondere in § 13 zeigen wird, legt es sich nahe, wie gerade vorgeführt, von zwei verschiedenen kanonischen Redaktionen zu sprechen. Die erste kanonische Redaktion betrifft die Bearbeitung der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung hin zur km 10-Briefe-Sammlung und von *Ev hin zu km Lk, km Mk, km Mt und km Joh. Diese Bearbeitung scheint, was die Evangelien betrifft, individuell vorgenommen zu sein. Dies würde die Unterschiede zwischen den Evangelien erklären. Ebenso scheint die Überarbeitung der *10-Briefe-Samm‐ lung hin zur km 10-Briefe-Sammlung unabhängig von der Überarbeitung von *Ev erfolgt sein. Die erste kanonische Redaktion scheint ebenfalls noch keine Gesamtsammlung der überarbeiteten Schriften zusammengebracht zu haben. Wie es scheint - hier ist weitere Forschung vonnöten - hat sich das kanoni‐ sche Milieu erst über die nächsten Jahre von einem eher losen Umfeld hin zu einem enger zusammengehörigen Milieu entwickelt. Diese Entwicklung hängt vermutlich damit zusammen, dass der Redaktor der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung auf die Ergebnisse der ersten kanonische Redaktion re‐ agiert hatte, indem er die *10-Briefe-Sammlung zusammen mit seinem Vorwort, den „Antithesen“, und *Ev in seinem *Neuen Testament publiziert hatte. Hierdurch herausgefordert, erfolgte eine zweite kanonische Redaktion, in der sie ihre km 10-Briefe-Sammlung erweiterte und sie erneut bearbeitete. Sie fügte zunächst drei paulinische Briefe (1/ 2Tim; Tit), dann auch den Hebräerbrief hinzu und ergänzte diese paulinische Briefsammlung mit weiteren Schriften: mit den vier im vorkanonischen *Neuen Testament kritisierten Evangelien ( km Mt, km Joh, km Mk, km Lk), die nun zu Mt, Joh, Mk und Lk bearbeitet und miteinander und mit den weiteren Schriften des Neuen Testaments harmonisiert wurden, dann dem Praxapostolos (Apostelgeschichte und Katholische Briefe) und der Apokalypse des Johannes. Im Zuge dieser Erweiterung wurde der ältere Bestand der km 10-Briefe-Sammlung aus der ersten kanonischen Redaktion etwa durch Hinzufügung von Röm 13,1-7; Röm 15-16; 1Kor 16; 2Kor 6; 8-10 erweitert (zugleich wurden in km Lk und km Apg die Präfationes und manches mehr ergänzt). Außerdem wurden alle Schriften, die in diese Sammlung übernommen wurden, gründlich überarbeitet und wenigstens teilweise miteinander harmonisiert, so dass die ausführlichere Sammlung entstand, die Irenäus seinem Werk „Adversus Haereses“ zugrunde legt. §-1 Untersuchungsgegenstand 25 <?page no="26"?> f. Die Anlage der Untersuchung Zunächst wird nach diesen Präliminarien in Teil I, die sich in § 1 der Frage‐ stellung und dem Thema widmeten, in § 2 eine Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen gegeben. § 3 spezifiziert die Stellung und Charakterisierung, die innerhalb der Entstehungsgeschichte der paulinischen Briefsammlungen der Sammlung Markions eingeräumt wurde. § 4 beschreibt die früheren Rekonstruktionsversuche dieser Briefsammlung des Markion, angefangen von demjenigen Hilgenfelds aus dem 19. Jh. bis hin zu dem der englischen Rekonstruktion BeDuhns aus dem 21.-Jh. Teil II widmet sich der Briefsammlung des Markion und ihres Textes in der Alten Kirche: In § 5 geht es um die Bezeugung der *10-Briefe-Sammlung (*Ap) durch die Häresiologen, in § 6 um Umfang und Sprache von *Ap, in § 7 um den Text von *Ap und das Verhältnis desselben zur kanonischen Textüberlieferung, in § 8 werden einige charakteristische lexikalische Gemeinsamkeiten von *Ap und *Ev aufgezeigt und mit dem Gebrauch der Lexeme auf der kanonischen Ebene verglichen, in § 9 werden einige auf dem Weg beobachtete und bei der Re‐ konstruktion begegnende weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion vorgestellt. Teil III behandelt das literarische Verhältnis zwischen der *10-Briefe-Samm‐ lung und der 14-Briefe-Sammlung, Teil IV den Weg von den Briefen oder Briefsammlungen zur *10-Briefe-Sammlung und zur 14-Briefe-Sammlung. In einem Ausblick wird das Geben und Nehmen zwischen der Redaktion der 14-Briefe-Sammlung und der Redaktion der *10-Briefe-Sammlung ausgeführt und dieses Verhältnis in den Rahmen der Redaktionen des vorkanonischen „Neuen Testaments“ und der des späteren kanonischen Neuen Testaments gestellt. 26 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="27"?> 1 So auch S.E. Porter, When and How Was the Pauline Canon Compiled? An Assessment of Theories (2004), 97. §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen a. Die frühchristliche Tradition Die Person des Paulus als Missionar, Kirchenverfolger und Kirchengründer, Prediger, Wunderwirker und Heiliger hat die Menschen durch die Jahrhunderte hindurch weit mehr beschäftigt als die des Briefschreibers. Das Thema der Sammlung seiner Briefe geriet noch seltener in den Blick. Dies hängt insbesondere damit zusammen, dass die erste, historisch in Erscheinung tretende Sammlung seiner Briefe die *10-Briefe-Sammlung (der „*Apostolos“) ist. 1 Sie wird von den damaligen Zeitgenossen und zeitnah zu ihr auf sie Bezug nehmenden oder sie kommentierenden Autoren Markion von Sinope zugeschrieben. Aufgrund der häresiologischen Kritik, die mit Irenäus von Lyon einsetzt und sich im dritten Jahrhundert mit Tertullian von Karthago und im vierten Jahrhundert vor allem mit Epiphanius von Salamis verstärkt, geht diese Sammlung allerdings als älteste Referenzquelle zu den paulinischen Briefen verloren. An ihre Stelle setzt sich durch die häresiologische Betrach‐ tung der älteren *10-Briefe-Sammlung eine jüngere 14 Briefe umfassende Sammlung, die in die größere, von Irenäus propagierte Schriftensammlung christlicher Texte, die im dritten Jahrhundert als „Neues Testament“ bezeichnet wird, Eingang gefunden hat. Wichtiger aber als diese 14-Briefe-Sammlung und ihr angeblicher Briefschreiber Paulus werden aufgrund von Biographisie‐ rung und Hagiographisierung zunächst die zeitgleich mit dem Erscheinen der 14-Briefe-Sammlung in Schriftform zutage tretenden Akten, in denen Leben und Wirken des Paulus behandelt werden (Apostelgeschichte, Epistula Apostolorum, Akten des Paulus usw.). Wie es sich mit den verschiedentlich genannten Paulusbriefen verhält, die in der frühchristlichen Literatur erwähnt werden, die aber nicht erhalten sind (es sei denn, wie manchmal vermutet wird, sie wären in die erhaltenen Briefe integriert worden), ist unklar. Zu erwähnen sind zunächst die Stellen in den Paulusbriefen, 1Kor 5,9 („Ich habe euch in meinem Brief geschrieben, nicht mit Unzüchtigen zu verkehren“); 2Kor 2,4 („Denn aus großer Sorge und Herzensnot, unter vielen Tränen schrieb ich euch, nicht, damit ihr euch betrübt, sondern damit ihr um meine übermäßige Liebe zu euch wisst“); 7,8 („Dass ich euch aber mit meinem Brief betrübt habe, bereue ich sehr“). Auffallenderweise finden sich alle drei Verweise auf weitere, nicht erhaltene oder eindeutig <?page no="28"?> 2 Vgl. zur heutigen Beurteilung der 14 Briefe M. Harding, Disputed and Undisputed Letters of Paul (2004). 3 Zur Datierung von 2Petr in das zweite Jh., vgl. W. Grünstäudl, Ein apokryphes Petrusbild im Neuen Testament. Zur Konstruktion apostolischer Autorität in OffbPetr und 2 Petr (2019); W. Grünstäudl, Geschätzt und bezweifelt. Der zweite Petrusbrief im kanongeschichtlichen Paradigmenstreit (2018); W. Grünstäudl, Der zweite Brief des Petrus. Eine Herausforderung für tolerante Geister (2018); R. Bauckham, 2 Peter and the Apocalypse of Peter (1998); R. Bauckham, 2 Peter: An Account of Research (1988); E.E. Ring, The Meaning and Significance of 2 Peter 3: 15b-17. Dissertation (1954). 4 Vgl. Iren., Adv. Haer. V 28,4. Vgl. hierzu M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 268. identifizierbare Briefe ausschließlich auf der kanonischen Ebene, was mögli‐ cherweise Hinweise darauf sind, dass die kanonische Redaktion durch solche Referenzierungen Raum für die zusätzlich von ihr zur *10-Briefe-Sammlung hinzugefügten Pseudopaulinen schaffen wollte. Denn bemerkenswert und für die Frage nach der Priorität der *10-Briefe-Sammlung nicht unbedeutend ist die Tatsache, dass von den 10 Briefen dieser Sammlung die 7 Parallelbriefe der kanonischen 14-Briefe-Sammlung (Röm, 1/ 2Kor, Gal, Phil, 1Thess, Phlm) heute als die genuinen Briefe des Paulus angesehen werden, während die weiteren drei Briefe der *10-Briefe-Sammlung in ihren Parallelbriefen innerhalb der kanonischen Sammlung (Eph, Kol, 2Thess) als zur Paulusschule gehörende Deuteropaulinen betrachtet werden. Gerade die vier Briefe, die ausschließlich in der 14-Briefe-Sammlung zu finden sind (die sogenannten Pastoralbriefe 1/ 2Tim; Tit und der Hebräerbrief) werden mehrheitlich von der modernen Forschung als Pseudopaulinen eingeschätzt. 2 Zu den Bemerkungen aus der kanonischen 14-Briefe-Sammlung tritt das Zeugnis von 2Petr 3,16, das von „allen Briefen“ des Paulus spricht, also offen‐ kundig bereits eine Sammlung voraussetzt - auch wenn wir gerne wüssten, wie 2Petr näher zu datieren ist. 3 Als Teil des Praxapostolos der kanonischen Sammlung, die im 3. Jh. „Neues Testament“ genannt werden wird, und zwar innerhalb der katholischen Briefe, bezieht sich die Referenz wohl am ehesten auf die 14-Briefe-Sammlung, die eben nicht nur 10, sondern „alle Briefe“, nämlich 14, enthält. Während die vermutlich vor der Mitte des 2. Jh. entstandene 3-Briefe-Sammlung des Ignatius noch keinen Bezug auf die Briefe des Paulus nimmt, findet sich in IgnEph 12,2 in der in der Zeit des Irenäus entstandenen 7-Briefe-Sammlung des Ignatius der Hinweis auf „alle Briefe“ des Paulus, also eine Parallele zu 2Petr 3,16. Dieser Hinweis deutet darauf hin, dass auch die 7-Briefe-Sammlung des Ignatius eine Stütze der kanonischen paulinischen Sammlung darstellt, was wiederum erklären würde, warum Irenäus auf Ignatius („einen von uns“) Bezug nimmt, auch wenn er seinen Namen verschweigt. 4 Auch 28 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="29"?> 5 Vgl. weiter unten §-13 a. 6 Zu den Paulusbriefen bei Irenäus, vgl. R. Noormann, Irenäus als Paulusinterpret. Zur Rezeption und Wirkung der paulinischen und deuteropaulinischen Briefe im Werk des Irenäus von Lyon (1994); M. Harding, Disputed and Undisputed Letters of Paul (2004). 7 Vgl. die Liste der Briefbezugnahmen in Iren., Adv. Haer. III in M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 79. Polykarp von Smyrna erwähnt in seinem Brief an die Philipper (PolPhil 3,2) den an seine Adressaten gerichteten „Brief “ des Paulus. Da er zugleich mitteilt, Paulus sei selbst bei den Philippern gewesen und hätte sie in persönlicher Präsenz gelehrt, kann sich Polykarp nur auf die kanonische Form des Phil bzw. auf Apg 16,11-40 berufen. In der Abfassung nicht genau bestimmt ist 1Klem, der davon zu berichten weiß, dass Paulus einen Brief an seine Adressaten in Korinth verfasst hatte (1Klem 47,1-3). Da er an dieser Stelle ausdrücklich auf Apollos zu sprechen kommt, liegt wiederum ein Bezug zur kanonischen 14-Briefe-Sammlung vor, da sich dieser Name nur in ihr findet. Ob und wie Autoren aus der Zeit vor Irenäus in ihren Schriften auf paulini‐ sches Gut verweisen, wird weiter unten näher beleuchtet. 5 Paulus wird in den Rahmen der apostolischen Zeit ein- und oft den übrigen Aposteln nachgeordnet. Dies lässt sich bereits an dem Propagandisten der 14-Briefe-Sammlung, Irenäus von Lyon, ablesen. 6 Zu Eingang von Buch III seines Werkes „Adversus Haereses“, in welchem er seine Sammlung christlicher Schriften vorstellt, führt er noch vor den vier Evangelien des Matthäus, Lukas, Markus und Johannes die Person des Paulus durch Bezug auf den Ersten Thessalonicherbrief und den Brief an Titus ein. Allerdings kommt er nach den Evangelien zunächst auf die Apostelgeschichte zu sprechen, bevor er zu den Briefen des Paulus zurückkehrt, indem er der Apostelgeschichte den Römerbrief, den Ersten Korintherbrief, den Galaterbrief, den Kolosserbrief, den Zweiten Brief an Timotheus und den Epheserbrief folgen lässt. Bevor er den weiteren Paulusbrief an die Philipper und dessen Ersten Brief an Timotheus und den Brief an die Hebräer anführt, berücksichtigt er die Briefe des Petrus, des Jakobus und den Ersten und Zweiten Brief des Johannes. 7 Aus der Darlegung des Irenäus ergibt sich, wie eng Paulus in den apostolischen Rahmen gestellt und seine Briefe zu denen anderer Apostel gezählt werden. Von größerer Bedeutung ist jedoch, dass zum einen der gegenüber der *10-Briefe-Sammlung neue Brief an Titus überhaupt mit in die Eröffnung der Briefe des Paulus genommen wurde und die Apostelgeschichte als Vorspann für die Betrachtung der übrigen Paulus‐ briefe gewählt wurde. Irenäus stellt nicht nur einen Sammlungszusammenhang mit Briefen anderer vermeintlicher Briefschreiber der apostolischen Zeit, des Jakobus, des Petrus, des Johannes her, er verdeutlicht, dass die Paulusbriefe im §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 29 <?page no="30"?> 8 Vgl. hierzu weiter M. Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2.-Jahrhundert (2019), 173-205. Verbund mit den sogenannten Pastoralbriefen (Titus, 1/ 2Tit) und dem Hebräer‐ brief zu lesen sind, vier Briefe, die der *10-Briefe-Sammlung hinzugewachsen sind, und dass alle Paulusbriefe durch die Brille der Apostelgeschichte gelesen werden sollen. In Konsequenz dieser ersten Vorstellung der neuen, größeren Sammlung findet sich in unseren ältesten großen Handschriftenkodizes neutestamentlicher Schriften des vierten und fünften Jahrhunderts ein fester Sammlungsverbund der Apostelgeschichte mit den sogenannten Katholischen Briefen (1/ 2Petr, Jak, 1-3Joh, Jud), welcher bald Praxapostolos genannt wird und der in zwei dieser Kodizes, dem Codex Alexandrinus und dem Codex Vaticanus, nach den vier Evangelien den Paulusbriefen sogar vorangestellt ist. 8 Jetzt wurde in materialer Hinsicht umgesetzt, was Irenäus inszeniert hatte - eine Begegnung mit Paulus und seiner missionarischen, wunderwirkenden Biographie, die derjenigen der Apostel folgte, welche zunächst durch die Evangelien und die Apostelgeschichte vorgestellt wurden: „Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelot, sowie Judas, der Sohn des Jakobus“ (Apg 1,13). Auch der diesen Aposteln gegenüber geringere Rang des Paulus, der den leiblichen Herrn nie gesehen hatte, sondern der ihm der Apostelgeschichte (und der Beschreibung des Paulus in Gal 1 und 2Kor 12) zufolge nur durch eine Offenbarung begegnet war, wurde durch die Apostelgeschichte gleich zu Beginn dokumentiert. Als Nachfolger des Verräters Judas soll, wie Petrus ausführt, „der Kreis“ von „hundertzwanzig“ Brüdern nur „einen von den Männern“ wählen, der „mit uns zusammen war in der ganzen Zeit, als der Herr Jesus unter uns aus und ein ging, von der Taufe des Johannes angefangen bis zu dem Tag, an dem er von uns hinaufgenommen wurde, - einer von diesen muss mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein“ (Apg 1,21-22). Diese Auswahlkriterien disqualifizierten allerdings Paulus. Aber auch mit Blick auf die „Zeichen und Wunder“ wird Paulus von der Apos‐ telgeschichte lediglich als Nachfolger der Auferstehungszeugen gezeichnet. Pe‐ trus ist der erste große Prediger in der Apostelgeschichte (Apg 1-2), Petrus „und die übrigen Apostel“ sind die ersten Missionare, Wunder- und Zeichenwirker (Apg 2), Petrus und Johannes diejenigen, die - wie Jesus - einen Gelähmten heilen und wie der Täufer zur Buße aufrufen (Apg 3). Dass wir es bei der Apostelgeschichte nicht nur mit einer höchst zweideutigen Behandlung des Paulus zu tun haben, in welcher dessen Briefe nicht erwähnt 30 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="31"?> 9 Übersetzung von H. Duensing, Epistula apostolorum nach dem äthiopischen und koptischen Texte (1925), 26-28, leicht verändert. Vgl. hierzu M. Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2.-Jahrhundert (2019), 211-214. werden und er den genannten Aposteln nachgeordnet wird, sondern auch mit den Anfängen der Biographisierung und Hagiographisierung des Paulus, lässt sich auch an weiteren, ähnlichen Versuchen frühchristlicher Schriften ablesen, die sich mit Paulus beschäftigen. So existiert ein „Brief der Apostel“, die sogenannte „Epistula Apostolorum“, in welcher die Autorität der verbliebenen Elf Apostel gegenüber Paulus noch geschärft wird: Schon der Titel der Schrift macht das Gewicht des einen Briefes der Apostel gegenüber den vielen Briefen eines einzigen Mannes, Paulus, deutlich. In diesem Text heißt es dann von Paulus: „‚Und siehe, ihr werdet einen Mann treffen, dessen Name Saul ist, das bedeutet verdolmetscht Paulus. Er ist Jude, beschnitten nach der Vorschrift des Gesetzes, und er wird meine Stimme vom Himmel hören mit Schrecken, Furcht und Zittern; und seine Augen werden verfinstert und durch eure Hand mit Speichel bekreuzt werden. Und alles tut ihm, wie ich euch getan habe. … Und er wird stark werden im Volk und wird predigen und lehren, und viele werden ergötzt werden, wenn sie (ihn) hören, und werden gerettet werden. Darauf wird man ihn hassen und in die Hand seines Feindes ausliefern, und er wird vor sterblichen (und vergänglichen) Königen bekennen, und das Ende des Bekenntnisses zu mir wird über ihn kommen; dafür, dass er mich verfolgt und gehasst hatte, wird er sich zu mir bekehren und predigen und lehren, und er wird unter meinen Auserwählten sein ein auserwähltes Rüstzeug und eine Mauer, die nicht fällt. Der Letzte der Letzten wird Prediger für die Heiden werden. … Ich bin es, der durch euch (zu ihm) redet. … Jenen Mann aber werde ich abwenden, dass er nicht hingeht und den bösen Plan vollbringt, und durch ihn wird Ehre meines Vaters eintreten. Denn nachdem ich fortgegangen bin und bei meinem Vater weile, werde ich vom Himmel her mit ihm reden und es wird alles geschehen, wie ich es euch über ihn vorhergesagt habe.‘“ (EpAp 31-33) 9 Die bereits in der Apostelgeschichte sich ausdrückende Unterordnung des Paulus unter die Apostel und die gemischte Botschaft zu seiner Person werden durch die „Epistula Apostolorum“ noch verstärkt. Paulus ist ein jüdischer, beschnittener gefährlicher Mann, der nur den bösen Plan der Verfolgung nicht ausführt, weil der Herr selbst zu ihm vom Himmel herab spricht. Doch der „Letzte der Letzten“ kann nur ein starker Prediger werden, indem der Herr durch die Apostel zu ihm redet. Auch in dieser Schrift ist von Paulus, dem Brief‐ schreiber, nicht die Rede. Ebensowenig ist Paulus im manichäischen Psalmbuch, §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 31 <?page no="32"?> 10 Vgl. hierzu den Text mit Erläuterungen: M. Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2.-Jahrhundert (2019), 214-219. 11 Vgl. die Paulusakten in der Übersetzung von R. Kasser, NTApo 6 II (1990), 242; vgl. T. Nicklas, Die Akten des Paulus und der Thekla als biographische Paulusrezeption (2018). 12 Vgl. hierzu M. Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2. Jahr‐ hundert (2019), 221-228. 13 Vgl. hierzu ibid. 52-58. 14 Vgl. Apg 13,9: Σαῦλος δέ, ὁ καὶ Παῦλος („Saulus, der auch Paulus heißt“); dass „Saulus“ eine literarische Kreation des Verfassers der Apostelgeschichte ist, schlägt vor M. Kochenash, Better Call Paul ‚Saul‘: Literary Models and a Lukan Innovation (2019). Vgl. zu Saulus K. Löning, Die Saulustradition in der Apostelgeschichte (1973). Vgl. auch P. Vielhauer, Aufsätze zum Neuen Testament (1965), 9-27; E. Dassmann, Der Stachel im Fleisch. Paulus in der frühchristlichen Literatur bis Irenäus (1979), 23-34. das auf verschiedenen Apostelakten basiert, ein Briefschreiber, sondern der von großem Zorn Verfolgte, einer, der nicht ermüdet. 10 In den sogenannten Paulusakten, in denen die Brieftätigkeit des Paulus wieder eine Rolle spielt - es liegt diesen Akten die 14-Briefe-Sammlung mit den Pastoralbriefen und ebenfalls die Apostelgeschichte zugrunde -, wird Paulus allerdings noch drastischer als in der „Epistula Apostolorum“ den Aposteln nachgeordnet: Hier ist es der Herrenbruder Judas, der Paulus zu seiner Einfüh‐ rung in den Kreis der Brüder bringt und ihn dazu treibt, zu den Brüdern zu sprechen. 11 Doch nicht die in der *10- oder 14-Briefe-Sammlung sich findenden Briefe des Paulus sind das Herzstück der Akten, sondern ein Dritter Brief an die Korinther spielt die zentrale Rolle, mit der sich Paulus ausdrücklich den Apos‐ teln unterstellt und seinen Gegnern ein Fälschen der Herrenworte ankreidet, während dieser Brief vehement eine asketische Weltsicht unterstreicht. 12 Noch auf einen anderen Schriftkomplex könnte man verweisen, der wie‐ derum Paulus als Briefschreiber in den Mittelpunkt stellt - es ist der „Brief‐ wechsel zwischen Paulus und Seneca“. Doch wie der Titel schon sagt, werden erneut nicht die Briefe der *10- oder 14-Briefe-Sammlung herausgestellt, son‐ dern ein anderes Briefkorpus, das den moralisch-philosophischen Märtyrer Paulus mit dem „zwei Jahre“ vor diesem „von Nero getöteten“ Stoiker im Austausch zeigt. 13 Leicht ist aus dieser Entwicklung zu erkennen, dass der vom Saulus zum Paulus Bekehrte der Apostelgeschichte des kanonischen Neuen Testaments, 14 und, wie die bildende Kunst durch die Jahrhunderte zeigt, der große Heiden‐ missionar und Heilige wirksam geworden ist, nicht der Verfasser von 10 oder 14 Briefen. Wie den Namenswandel, der in keinem der 14 Briefe zu finden ist, bietet der Verfasser der Apostelgeschichte weitere Informationen über Gestalt und Leben des Paulus, die man ausschließlich der Apostelgeschichte entnehmen 32 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="33"?> 15 Vgl. abweichende Positionen zu dem, was folgt: J.A. Libby, The Pauline Canon Sung in a Linguistic Key: Visualizing New Testament Text Proximity by Linguistic Structure, System, and Strata (2016), 125-126. 16 Sammlungseinheit bestreitet nicht Differenzen zwischen den einzelnen Briefen 1/ 2Tim und Tit, die es zweifellos gibt; Veit-Engelmann spricht trotz ihrer Kritik an der Vor‐ stellung der „unzertrennlichen Drillinge“ von „unleugbaren Gemeinsamkeiten“, so M. Veit-Engelmann, Unzertrennliche Drillinge? Motivsemantische Untersuchungen zum literarischen Verhältnis der Pastoralbriefe (2012), 2. Dass man die Briefe dennoch nicht nur auf ihre Gemeinsamkeiten hin lesen darf, wurde auch schon vielfach herausgestellt, auch wenn die drei Briefe in überlieferungsgeschichtlicher Hinsicht zumindest auf der Ebene der Zusammenstellung gemeinsam betrachtet werden, vgl. zur Kritik an einem Corpus pastorale, J. Herzer and J. Quenstedt, Die Pastoralbriefe und das Vermächtnis des Paulus. Studien zu den Briefen an Timotheus und Titus (2022); S. Butticaz, The Pastoral Epistles (2022); M. Veit-Engelmann, Unzertrennliche Drillinge? Motivseman‐ tische Untersuchungen zum literarischen Verhältnis der Pastoralbriefe (2012); J. Herzer, Abschied vom Konsens? Die Pseudepigraphie der Pastoralbriefe als Herausforderung an die neutestamentliche Wissenschaft (2004). Gerade die Sonderstellung von 2Tim wird zurecht herausgestellt von D.L. Eastman, Death (2022), 251-252. kann und die keine Anhaltspunkte innerhalb der Paulusbriefe besitzen. Auf sie wird weiter unten im Detail näher einzugehen sein. Zunächst jedoch ist festzuhalten, was längst bereits allgemein bekanntes Wissen in der Forschung darstellt und inzwischen bis in die Schulbücher und ins Abiturwissen gelangt ist: Nicht alle der 14 Briefe, die wir im Neuen Testament finden, geben vor, von Paulus verfasst zu sein. 15 Der Hebräerbrief etwa besitzt überhaupt keine Verfasserangabe und war auch wegen des besonders guten Griechischstils, den der Brief aufweist, bereits im frühen Christentum dem Paulus abgesprochen und paulusnahen Personen zugeschrieben worden. Dass dieser Brief dem Paulus zugeschrieben wurde, ergibt sich aus dem Einschluss desselben in die 14-Briefe-Sammlung. Dann besitzen wir eine Reihe von Paulus‐ briefen, die in der modernen Forschung mehrheitlich als Deuteropaulinen einer späteren Paulusschule, nicht aber Paulus selbst zugeordnet werden: Zunächst sind es die beiden eng miteinander verwandten Stücke des Kolosserbriefes und des Epheserbriefes, umstritten in der paulinischen Autorschaft ist auch der 2. Thessalonicherbrief. Eine eigene Sammlungseinheit, 16 die ebenfalls dem Paulus abgesprochen wird, sind die bereits erwähnten sogenannten Pastoralbriefe, der 1. und 2. Timotheusbrief und der Titusbrief. Dann weisen, im Unterschied zur *10-Briefe-Sammlung, viele Briefe der 14-Briefe-Sammlung eine Koautorschaft auf. Paulus hat Timotheus als Koautor nach den Eröffnungen von 2Kor 1,1; Phil 1,1; 1/ 2Thess 1,1 (vor Timotheus noch Silvanus) und Phlm 1,1; Kol 1,1, auch wenn Timotheus an keiner Stelle als „Apostel“ bezeichnet wird. In Gal 1,1 werden Paulus „alle Brüder“ zur Seite gestellt. Noch gewichtiger wird die Stellung des Timotheus durch dessen §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 33 <?page no="34"?> 17 Smith nennt die Notiz „überraschend und verwirrend“ („surprising and confusing“), W.B. Smith, Unto Romans: XV. and XVI. (1901), 150. In der Handschrift Brit. Mus., Add. 28107 vom Jahr 1097 wurde dann Tertius auch schlichtweg durch Paulus ersetzt: Salutatio timothei et caeterorum etiam et ipsius pauli qui epistolam in domino se scripsisse dicit, vgl. hierzu W.B. Smith, Unto Romans: XV. and XVI (1902). 18 Vgl. zu Retroprojektion, Relektüre, Interpolation und Zusammenführen von Texten in Sammlungen, insbesondere, was die paulinischen Briefe betrifft, den höchst an‐ spruchsvollen und innovativen Beitrag von W. Arnal, The Collection and Synthesis of „Tradition“ and the Second-Century Invention of Christianity (2011). 19 Vgl. hierzu M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 266-463. 20 Dass diese erstaunlich gering ausfällt im Vergleich zur theologischen Forschung zu Paulus, wurde kürzlich betont und dargelegt von R.S. Schellenberg and H. Wendt, Introduction (2022); E.-M. Becker, Person, Character, Self (2022). zweimalige Adressierung in den Pastoralbriefen und die ihm dadurch einge‐ räumte besondere Beziehung zu Paulus. Ergänzendes findet sich in der Apos‐ telgeschichte (Apg 16,1-3; 17-20) und im letzten Kapitel des Römerbriefs (Röm 16,21), womit Timotheus auch zu einem Mitgrüßenden des Paulus wird. Vom Römerbrief wird Röm 16,22 gesagt, Tertius sei „der Schreiber dieses Briefes“, so dass man schon vielfach über den Einfluss des Tertius auf den Römerbrief gerätselt hat. 17 Dies alles beschränkt in der 14-Briefe-Sammlung die alleinige Autorschaft des Paulus. Nun stellt sich die Frage: Wenn die Briefsammlung des Paulus von 10 Briefen auf 14 erweitert wurde (und später gar noch weitere Briefe wie der Dritte Korintherbrief unter seinen Namen gestellt wurden), wurden die zusätz‐ lichen Briefe einfach den existierenden zehn Briefen hinzugefügt oder wurden diese an die neuen, späteren Briefe innerhalb der kanonischen Sammlungen angepasst? Folgt man dem unten Teil II vorangesetzten Zitat von Shils, so bedeutet alleine schon die Tatsache, dass existierenden Werken weitere Werke hinzugesetzt werden, eine Veränderung des zuvor Existierenden, weil dieses in einem neuen Licht gelesen wird. 18 Dass eine solche Neulektüre jedoch auch mit einem Erfinden oder Neuschreiben von Briefen einherging, lehrt uns bereits die vergleichbare Briefsammlung des Ignatius von Antiochien im Laufe ihrer Entwicklung. 19 b. Die moderne Forschung Folgt man der gegenwärtigen historischen Paulusforschung, 20 wird das Bild des Paulus entgegen der dargelegten Tradition der frühen Kirche primär aus den sieben Briefen erhoben, 21 die ihm als authentische Briefe 22 oder zumindest als weniger inauthentische Briefe als andere 23 zugeschrieben werden, und zwar in 34 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="35"?> 21 Vgl. L.E. Vaage, The Corpus Paulinum (2022). Vaage schreibt jedoch kritisch: „When it comes to describing the historical Paul, scholars in exegtical practice still seem to operate on the assumption that with the latest critical edition of (at least a certain number of) the canonical books traditionally ascribed to Paul’s name we are reading basically what the man himself first wrote. Nothing could be more ahistorical than this assumption“ (ibid. 10). Die historiographische Bedeutung der Entscheidung, welche Briefe für authentisch und damit oft historisch verlässlich gehalten werden, wird hervorgehoben von B.L. White, The Pauline Tradition (2022), 41. 22 „Die authentischen Briefe des Paulus“, in F.W. Horn, Ed. Paulus Handbuch (2013), 165-227. 23 So die vorsichtige Redeweise in L.E. Vaage, The Corpus Paulinum (2022), 18. 24 Vgl. etwa die gesammelten Beiträge zu Paulus von O. Wischmeyer, Paulus. Beiträge zu einer intellektuellen Biographie. Gesammelte Aufsätze Band II (2022). Man nehme etwa die sich steigernden Kalamitäten, in die Paulus gerät, und die Vaage aufzählt nach den Stellen 1Thess 2,2. 17-18; Phil 1,20-21; Röm 15,23, zu diesen kann man mit Fredrickson hinzunehmen 2Kor 1-7; Röm 5,1-11; 8,18-39 - bis auf 2Kor (dort auch die drastischeren Beispiele, inklusive dem sogenannten Brief der Tränen), Stellen, die nur im kanonischen Paulus begegnen, vgl. L.E. Vaage, The Corpus Paulinum (2022), 19-20. Zur Funktion, dass eine Verfasser von den Widerständen im Leben berichtet, vgl. D.E. Fredrickson, Paul, Hardships, and Suffering (2016). 25 Vgl. etwa U. Schnelle, Paulus. Leben und Denken (2013). Vaage hingegen empfiehlt für eine historische Annäherung an Paulus, die Apostelgeschichte zu „vergessen“, „keep it in a kind of medically induced coma, for the sake of recovering historiographical health“, L.E. Vaage, The Corpus Paulinum (2022), 13. der Form, in der sie uns im kanonischen Neuen Testament begegnen. 24 Stützend hierzu, wenn auch nicht unkritisch, werden die Informationen gelesen, die uns die kanonische Apostelgeschichte zu seinem Leben und Wirken bietet. 25 Ferner wird zurate gezogen, was die pseudopaulinische Literatur bietet, insbesondere, um das Fortwirken des Paulus besser greifen zu können. Um dieses zu fassen, wird auch die weitere kanonische Briefliteratur und außerkanonisches Material hinzugenommen, inklusive den sogenannten Apostolischen Vätern und wei‐ terer Literatur des zweiten Jahrhunderts und späterer Jahrhunderte. Außerhalb christlicher Quellen sind Angaben zu Paulus selten, wenn es auch einige Zeugnisse gibt, die seine historische Persönlichkeit wahrscheinlich machen. Bei alledem fällt auf, dass es eine Differenz gibt in der Beurteilung des Verhältnisses der von Markion bezeugten Sammlung paulinischer Briefe und der durch das kanonische Neue Testament bewahrten Sammlung im Vergleich zu der Verhältnisbeschreibung von Markions Evangelium und dessen Beziehung zu den kanonischen Evangelien. Im Fall der Evangelien meinte man bereits früh, „ohne die Annahme weiterer Quellen nicht auszukommen: Von Gustav Volckmar bis Andrew Gregory wird für das Verhältnis zwischen dem marcio‐ nitischen Evangelium und Lk eine weitere, unbekannte Fassung angenommen - sei es, dass beide auf eine gemeinsame Quelle zurückgehen, sei es, dass §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 35 <?page no="36"?> 26 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 23. 27 Ibid. 410-411. 28 Ibid. 410. Das Argument mag man bestreiten, denn der Verfasser könnte auch an Legionen in anderen Gegenden gedacht haben. 29 Ibid. 411. ein Bearbeitungsschritt zwischen ihnen liegt“. 26 Klinghardts Untersuchung zu *Ev hatte zwar zum Ergebnis, dass er auf eine solche vorausliegende Quelle verzichtete und *Ev selbst, wie der Titel seiner Publikation anzeigt, als das „älteste Evangelium“ erwies, allerdings postulierte er für dieses, dass es das Produkt eines Anonymus sei und dieser den Anfang des Evangeliengenres schuf. Was die Datierung von *Ev betrifft, verweist Klinghardt auf die Zerstörung des Tempels von Jerusalem, auf die *Ev bereits zurückblicke (*Ev 21,5-6. 20). 27 Hinzu komme, dass mit der Geschichte von den Legions-Dämonen von Gerasa (*Ev 8,26-37) eine Datierung „vor Ende der 80er Jahre … gar nicht denkbar“ sei, weil für Gerasa „erst nach dem Jüdischen Krieg … in Palästina und seinem weiteren Umland eine römische Militärpräsenz von Kerntruppen …, also von Legionären (auf die der Name des Dämons verweist) und nicht von berittenen Hilfstruppen, die von den Bundesgenossen gestellt wurden“, bekannt ist. 28 Aus diesen und weiteren Überlegungen kommt Klinghardt auf den Zeitrahmen der Jahre 90 bis 150 n.-Chr. für die Entstehung der vorkanonischen Evangelien. 29 Im Unterschied zur Diskussion des Verhältnisses von *Ev und den kano‐ nischen Evangelien gewann, was das Verhältnis von Markions Sammlung paulinischer Briefe und den paulinischen Briefen des kanonischen Neuen Testaments betrifft, das Narrativ, wonach beiden Sammlungen womöglich eine gemeinsame ältere Sammlung von Briefen des Paulus vorausliege, aus denen sich deren Nutzer bedient oder genährt hätten, keine durchschlagende Kraft. Das lässt sich unbeschadet der später auszuführenden Hypothesen behaupten, die von einer von Paulus selbst zusammengestellten Erstsammlung seiner Briefe oder von bald nach seinem Tod entstandenen Briefsammlungen ausgehen. Weithin Standard blieb die Vorstellung, dass zumindest mit den in der kriti‐ schen Forschung als authentisch angesehenen Paulusbriefen (Röm, 1/ 2Kor, Gal, 1Thess, Phil, Phlm), auch wenn manche Forschermeinung einige dieser Briefe als Kombinationen älterer, eigenständiger Briefe fasste, der Grundstock des schriftlichen Werks des Paulus zu greifen war. Dies stützte die apologetische Position der Zeit nach Irenäus bis ins 21. Jahrhundert, wonach die Sammlung des Markion, wie Irenäus urteilte, eine unvollständige sei, die zudem zum Teil heillos verstümmelte Paulusbriefe besaß. In der weiteren Forschungsgeschichte 36 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="37"?> 30 Einen Überblick über die jüngste Paulusforschung gibt M.J. Smith, Paul in the Twenty-First Century (2013). 31 Einzelne Ausnahmen werden im Folgenden diskutiert, zu erwähnen sind ebenfalls A.v. Harnack, Die Briefsammlung des Apostels Paulus und die anderen vorkonstan‐ tinischen christlichen Briefsammlungen. Sechs Vorlesungen aus der altkirchlichen Literaturgeschichte (1926); H.Y. Gamble, The New Testament Canon. Its Making and Meaning (1992); B. Nongbri, Pauline Letter Manuscripts (2013); G. Fewster, Archiving Paul. Manuscripts, Religion, and the Editorial Shaping of Ancient Letter Collections (2016); E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Paulinum (2013); B. Nongbri, The Manuscript Tradition (2022). 32 Vgl. B. Nongbri, Pauline Letter Manuscripts (2013), 85-86; A. Standhartinger, Der Philipperbrief und die Entstehung der Paulusbriefsammlung (2021), 447. Vgl. bereits J. Murphy-O’Connor, Paul the letter-writer. His world, his options, his skills (1995), 114. 33 „To talk about the surviving manuscripts of Paul’s letters is to talk about collections of Paul’s letters“, B. Nongbri, The Manuscript Tradition (2022), 55. 34 Es ist rätselhaft, wie Tertullians Kommentar zu den Paulusbriefen übergangen werden konnte und gesagt werden kann, die Kommentare der Kirchenväter zum Corpus Paulinum hätten „angefangen“ mit „Origenes“, und „der älteste lateinische Kommentar zu den Paulusbriefen wurde von einem unbekannten Autor … zwischen 366 und 378 in Rom verfasst“, so selbst der sonst von mir sehr geschätzte P. Arzt-Grabner, A. II. Das Corpus Paulinum (2013), 9. 35 Vgl. D. Trobisch, War Paulus verheiratet? Und andere offene Fragen der Paulusexegese (2011); D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (2010); D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (1994); D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christ‐ licher Publizistik (1989); A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020); T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022); U. Schmid, Das marcionitische Evangelium und die (Text-)Über‐ werden ältere Sichtweisen und Bemühungen um die Paulusbriefsammlung(en) im Detail näher vorgestellt. So wenig in der Forschung bislang das Neue Testament und seine Teilsamm‐ lungen als Sammlungen betrachtet wurden, so selten hat man die Briefsamm‐ lung(en) des Paulus 30 als solche betrachtet. 31 Das ist erstaunlich, da uns kein einziger Paulusbrief bislang einzeln überliefert wurde, sondern ausschließlich in Sammlungszusammenhängen. 32 „Über die erhaltenen Handschriften paulini‐ scher Briefe zu sprechen, heißt, über Briefsammlungen der Briefe des Paulus zu sprechen“. 33 Der älteste Kommentar zu den paulinischen Briefen, wie er in Buch V von Tertullians Adversus Marcionem vorliegt, kommentiert bereits die Briefe als Sammlung, und zwar im Zuschnitt der *10-Briefe-Sammlung des Markion von Sinope. 34 Die entscheidenden Hinweise für eine Beschäftigung mit den Paulusbriefen als Sammlung hat David Trobisch gegeben, die vor allem im Umfeld von Matthias Klinghardt aufgegriffen wurden, 35 obwohl bereits Adolf von Harnack §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 37 <?page no="38"?> lieferung der Evangelien (2017), 94-95; U. Schmid, Marcion and the Textual History of Romans: Editorial Activity and Early Editions of the New Testament (2013), 99; J. Murphy-O’Connor, Paul the Letter-writer. His world, his Options, his Skills (1995), 114-130. Das bedeutet nicht, dass man nicht die Frage nach Umfang und Zuschnitt der Sammlung bzw. die andere nach Vorgängern zur Sammlung und deren Geschichte gestellt hätte, vgl. etwa W. Schmithals, Zur Abfassung und ältesten Sammlung der pau‐ linischen Hauptbriefe (1965). Vgl. auch T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, 1, 1-2 Das Neue Testament vor Origenes (1888); A. Deissmann, Bibelstudien Beiträge, zumeist aus den Papyri und Inschriften, zur Geschichte der Sprache, des Schrifttums und der Religion des hellenistischen Judentums und des Urchristentums (1895); W. Hartke, Die Sammlung und die ältesten Ausgaben der Paulusbriefe (1917); P.L. Couchoud, The First Edition of the Paulina. Translated by Frans-Joris Fabri and Michael Conley (2002 (1928)); H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe: An die Römer ([1906] 1971); E.J. Goodspeed, New Solutions of New Nestament Problems (1927); E.J. Goodspeed, The Meaning of Ephesians (1933). 36 A.v. Harnack, Die Briefsammlung des Apostels Paulus und die anderen vorkonstan‐ tinischen christlichen Briefsammlungen. Sechs Vorlesungen aus der altkirchlichen Literaturgeschichte (1926), 24. Ausnahmen sind mit Nennung älterer Literatur W. Schmithals, Paulus und die Gnostiker. Untersuchungen zu den kleinen Paulusbriefen (1965), 185-200; E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Paulinum (2013). (1851-1930) im frühen 20. Jh. einen ersten Anlauf zur Gattungsuntersu‐ chung „der einflußreichsten Briefsammlung der Weltgeschichte“ unternommen hatte. 36 Während ich in Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert aus dem Jahr 2022 auf die Sammlung des Neuen Testaments und am ausführlichsten auf die der Evangelien eingegangen bin, hatte ich bereits auf die hier nun vorliegende Studie verwiesen und für ein vertieftes Verständnis der ältesten paulinischen Briefsammlung geworben, und zwar sowohl, was die Untersuchung ihrer Entstehung als auch ihrer inhaltlichen Ausrichtung betrifft. Denn mir wurde bereits beim Schreiben des genannten Buches und seines Vorgängers Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2. Jahrhundert aus dem Jahr 2019 klar, dass erst eine gründliche Studie und Rekonstruktion des griechischen Textes dieser Briefsammlung weitere Aufschlüsse zum Verstehen der frühen Geschichte des Christentums und seiner Schriften geben könne. Auch wenn ich mich im Folgenden bisweilen einzelnen Briefen zuwende, soll der Blick immer auf die Sammlung als ganze gerichtet sein - und es wird sich gegen Ende der Einleitung zeigen, dass dies auch die Erweiterung des Sichtfeldes von der Sammlung paulinischer Briefe auf die größere Sammlung des Neuen Testaments bedeutet. Erst aus diesen Sammlungszusammenhängen lassen sich Teilsammlungen und innerhalb derer ihre Einzelschriften deuten. Eine solche sammlungsorientierte inhaltliche Betrachtung erscheint trotz der weit über alle 38 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="39"?> 37 T. Zahn, Einleitung in das Neue Testament (1906), 109. 38 Einen Überblick geben E.R. Richards, The Codex and the Early Collection of Paul’s Letters (1998); A.G. Patzia, The Making of the New Testament. Origin, Collection, Text & Canon (1995), 80-88. Patzia rechnet mit zwei verschiedenen Positionen, die ältere Theorie, die mit einem „langsamen Ausfließen“ („slow ooze“) der Briefe rechnet, und die jüngere, die mit einem „Big Bang“ rechnet (so ibid. 151). Dieselbe Vereinfachung findet sich bei A. Standhartinger, Der Philipperbrief und die Entstehung der Paulus‐ briefsammlung (2021), 448-455. Kritik an den Hypothesen übt J. Schröter, Sammlungen der Paulusbriefe und die Entstehung des neutestamentlichen Kanons (2018). Es fällt auf, dass P. Vielhauer auf Paulusbriefsammlungen nur kurz im Zusammenhang mit Markion eingeht („Markion war offenbar der erste, der systematisch eine vollständige Sammlung, ein Corpus Paulinum, geschaffen hat“), er rechnet aber auch mit mehreren „Sammlungen verschiedenen Umfangs“, die zur Zeit Markions „im Umlauf gewesen zu sein“ scheinen, P. Vielhauer, Geschichte der urchristlichen Literatur. Einleitung in das Neue Testament, die Apokryphen und die Apostolischen Väter (1975), 784. Ähnliches liest man bei I. Broer, der ebenfalls nur im Zusammenhang mit Markion auf die paulinische Briefsammlung zu sprechen kommt, allerdings aufgrund von 1Klem 47 von zirkulierenden Briefen im Ausgang des ersten Jahrhunderts spricht, I. Broer and H.-U. Weidemann, Einleitung in das Neue Testament (2016), 290-291. Ausführlicher mit einem Exkurs 3 „Die Sammlung der Paulusbriefe und das Werden des Kanons“, in U. Schnelle, Einleitung in das Neue Testament (2023), 507-528. 39 Gamble nennt sie die Hypothese, die mit einem „Schneeball“ vergleichbar sei, H.Y. Gamble, The New Testament Canon. Its Making and Meaning (1992). In neuerer Zeit begegnet sie als Möglichkeit formuliert etwa in I.J. Elmer, The Pauline Letters as Community Documents (2015). Gleichwohl und trotz der „inherent plausibility“, spricht Lesehorizonte hinausgehenden Fülle von Arbeiten zum Neuen Testament, auch zu Paulus, ein innovativer und vielversprechender Ansatz zu sein. Wenn man sich in der Vergangenheit mit den paulinischen Briefen im Sammlungszusammenhang beschäftigt hat, galt das Interesse am ehesten der Genese der 14-Briefe-Sammlung des Paulus, wie wir sie im kanonischen Neuen Testament vorfinden (je nachdem, ob man den Hebräerbrief mit hinzurechnet oder nicht, müsste man eigentlich von einer 14- oder 13-Briefe-Sammlung sprechen). Bereits der berühmte Erforscher des Neuen Testaments und der Patristik, Theodor Zahn (1838-1933), hatte auf die „mancherlei“ abweichenden Urteile seiner Zeitgenossen verwiesen, wie es zu der Paulusbriefsammlung ge‐ kommen sei, 37 eine Meinungsvielfalt, die inzwischen noch größer geworden ist. Im Wesentlichen wird mit folgenden verschiedenen Szenarien der Entstehung der Paulusbriefsammlung gerechnet: 38 1) Organisches Wachstum? Einer ersten Position 39 zufolge wurden die Paulusbriefe als Einzelbriefe ge‐ schrieben, von den Adressaten bewahrt, geschätzt und miteinander ausge‐ §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 39 <?page no="40"?> sich Elmer dann doch gegen sie aus, weil erste Ansätze für eine Sammlung der Briefe erst mit dem Ersten Klemensbrief gegeben seien, einem Brief, den er allerdings vor das Ende des 1. Jh. datiert. Doch nicht einmal darin gebe es eine Spur des Zweiten Korinther‐ briefes. Außerdem zeigten die Paulusbriefe Redaktionsspuren, was gegen ein graduelles Wachstum spreche. Markion schließt er als ersten Paulusbriefsammler aus, weil vor ihm der Erste Klemensbrief, die Ignatiusbriefe und Polykarp von Paulusbriefsammlungen zeugen. Das Problem dieses Argumentes ist natürlich, dass die Frühdatierung all dieser Schriften inzwischen problematisiert, wenn nicht revidiert wurde. 40 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, 1, 1-2 Das Neue Testament vor Origenes (1888), 830. 41 Ibid. 42 Vgl. die genannte Stelle Kol 4,16, die etwa als erstes Anzeichen für die organische Entstehung der Sammlung genommen wird von P.N. Harrison, Polycarp’s Two Epistles to the Philippians (1936). Ähnlich später G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disqui‐ sition upon the Corpus Paulinum (1953). Hingegen hielt bereits Kirsopp Lake fest, die Briefe seien aufgrund ihrer Bedeutung bereits von Anfang an kopiert und als Sammlung zusammengestellt worden, die sich zwar der Anordnung nach unterschieden, doch dieselben Briefe aufwiesen, vgl. K. Lake, The earlier epistles of St. Paul: Their motives and origin (1911), 356-358. 43 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, 1, 1-2 Das Neue Testament vor Origenes (1888), 830. tauscht (vgl. Kol 4,16), so dass auf diesem Weg „schon zu Lebzeiten des Paulus ebensoviele kleinere oder größere, jedenfalls unvollständige Samm‐ lungen seiner Briefe entstanden sein“ könnten, „als es Gemeinden gab, welche für Paulus und seine Lehre ein Interesse hatten“; „aus den vielen kleinen Sammlungen [wäre] die eine große entstanden, welche Marcion vorfand“, wie Zahn diese Auffassung hypothetisch zusammenfasst. 40 Ihr setzt er eine zweite Position entgegen, „den äußersten Gegensatz“ zur voranstehenden, wonach „Paulus selbst wenigstens die 9 Gemeindebriefe gesammelt, geordnet und herausgegeben habe“. 41 Strenggenommen kann man nur die erste Position als die eines organischen Wachstums der Paulusbriefsammlung bezeichnen, 42 die zu einer solchen gegen Ende des 1. Jh. zusammengewachsen sein soll, weil bei der zweiten Position Paulus als der gestalterische Redakteur seiner Sammlung betrachtet wird. Erstaunlicherweise hatte Zahn bereits beide Positionen verworfen. Die zweite sah er ausgeschlossen, weil Paulus in seinem jüngsten Brief seine schwierigen Lebensumstände als Gefangener andeutet, die „es als unmöglich zu erkennen“ geben, „daß Paulus selbst die diesen Brief mitumfassende Sammlung [hätte] veranstalten“ können. 43 Noch stärker widerspricht Zahn der ersten „einer ursprünglichen Vielheit naturwüchsig und mehr oder weniger zufällig entstan‐ dener Sammlungen, welche dann wiederum auf den unbeaufsichtigten Wegen des zwischengemeindlichen Verkehrs und der ausgleichenden Sitte sich in 40 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="41"?> 44 Ibid. 830-831. 45 A.v. Harnack, Die Briefsammlung des Apostels Paulus und die anderen vorkonstan‐ tinischen christlichen Briefsammlungen. Sechs Vorlesungen aus der altkirchlichen Literaturgeschichte (1926), 6. 46 Ibid. 47 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, 1, 1-2 Das Neue Testament vor Origenes (1888), 831. eine einzige, zuletzt alleinherrschende Sammlung verwandelt hätte“. Hiergegen spräche die Kenntnis des Polykarp nicht nur von drei „an die macedonischen Ge‐ meinden“ gerichteten Briefen, sondern etwa auch Gal und Eph und überhaupt, dass in späteren Zeiten auch Briefe in Gemeinden bekannt und gelesen wurden, die etwa nicht „der katholischen Sammlung … einverleibt worden sind, doch in der einen oder anderen Kirche, etwa in derjenigen, an welche sie gerichtet waren, beibehalten wurden.“ 44 In dem Beitrag, den Adolf von Harnack der Frage der „Sammlung der Paulusbriefe“ widmet, formuliert er ebenfalls gewichtige Argumente gegen beide genannten Positionen. Zunächst stellt er fest, „daß kein einziger echter Paulusbrief seine selbständige Überlieferung hat und daß wir auch von kleineren Teilsammlungen nichts wissen“, sondern dass „uns die Briefe sämtlich, wie die Handschriften beweisen, als gesammelte überliefert“ sind. 45 Als vormarkioniti‐ sche Briefsammlungen sieht Harnack die Existenz einer 10-Briefe-Sammlung, die erstmals durch Markion bezeugt sei und noch nicht die drei Pastoralbriefe und den Hebräerbrief umfasst habe, außerdem eine davon zu unterscheidende 13-Briefe-Sammlung, die er durch Polykarp von Smyrna in seinem Brief an die Philipper angezeigt sieht, in welchem auch die Pastoralbriefe gebraucht seien. Letztere seien „schon vor Marcion der Sammlung von 10 Briefen irgendwo hinzugefügt worden und haben die ältere Sammlung fast überall in den Kirchen sofort verdrängt.“ 46 Auch wenn man sich eine solch plötzliche Verdrängung einer älteren Sammlung historisch kaum vorstellen kann, stellen doch sowohl Zahn wie Harnack der Hypothese einer organisch gewachsenen Sammlung von Paulusbriefen gewichtige Überlegungen entgegen. Zahn hatte noch die Beobachtung hinzugefügt, dass der gleichmäßige Um‐ fang der Briefsammlung in den verschiedenen Zeugen nur den Schluss zu einer „momentane[n] Entstehung durch bewußtes Handeln und eine gleichfalls dem Zufall entnommene[n] Verbreitung derselben von dem Ort ihrer Entstehung aus“ zulasse. 47 Basierend auf der Datierung von 1Klem in die Zeit Domitians, geschah nach Zahn die Zusammenstellung der Sammlung zwischen 80 und 85 n. Chr., ohne Einschluss der Pastoralbriefe, und nach Harnack um 100 n. Chr. mit den Pastoralbriefen. 48 Schon Zahn hat mit einer gewissen Redaktion gerechnet, §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 41 <?page no="42"?> 48 Vgl. T. Zahn, Grundriss der Geschichte des neutestamentlichen Kanons. Eine Ergänzung zu der Einleitung in das Neue Testament (1901), 811-839, 835; B.M. Metzger, The Canon of the New Testament. Its Origin, Development, and Significance (1987), 42-43; E.R. Richards, Paul and first-century letter writing. Secretaries, composition, and collection (2004), 22; A.v. Harnack, Die Briefsammlung des Apostels Paulus und die anderen vorkonstantinischen christlichen Briefsammlungen. Sechs Vorlesungen aus der altkirchlichen Literaturgeschichte (1926), 6-27, 26. Vgl. auch C.S. Stevens, History of the Pauline corpus in texts, transmissions and trajectories. A textual analysis of manuscripts from the second to the fifth century (2020), 199. 49 Lietzmann rechnet für den Anfang von Vers 9 damit, dass ἐν τῇ ἐπιστολῇ „ebenso ungenau“ ist, „wie wir zu sprechen pflegen ‚in dem Briefe‘ (= ihr wißt schon in welchem, hier wohl ‚im vorigen‘ vgl. II Cor 7,8): also ist ein Brief vorhergegangen (vgl. 7,1), in dem, wohl unter anderen allgemeinen Ermahnungen auch die sich befand μὴ συναναμίγνυσθαι πόρνοις“, d. h. Lietzmann rechnet hier mit einem verlorengegan‐ genen Brief, H. Lietzmann, An die Korinther I, II (1949), 25. Mit einem solchen Verlust rechnet auch O. Zwierlein, Der Briefwechsel der Korinther mit dem Apostel Paulus (3Kor) im Papyrus Bodmer X und die Apokryphen Paulusakten (2010), 73. 50 „15 Versteht die Langmut unseres Herrn als Heil, wie ja auch unser lieber Bruder Paulus nach der ihm verliehenen Weisheit euch geschrieben hat, 16 wie überhaupt in allen Briefen, in denen er davon spricht. Manches ist in ihnen schwer verständlich, was die Ungebildeten und Ungefestigten, wie auch bei den übrigen Schriften, zu ihrem eigenen Verderben verdrehen.“ Trotz dieser und weiterer Zeugnisse (PolPhil 3,2; IgnEph 12,2) müsse man aber eingestehen, so Dahl, dass Markions Apostolos „die einzige Edition des Paulus sei, über deren Gestalt wir einigermaßen unterrichtet sind“ („We have to bear in mind that it is the only 2nd century edition of Paul about whose shape we have fairly detailed information“), so N.A. Dahl, The Origin of the Earliest Prologues to the Pauline Letters (1978). Jetzt in N.A. Dahl, Studies in Ephesians. Introductory questions, text- & edition-critical issues, interpretation of texts and themes (2000), 193. Flemming fügt diesem Urteil hinzu, dass aus den frühen Zeugnissen „nicht auf eine fest umrissene Briefsammlung geschlossen werden“ kann, die vor Markion datiert, T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 54. 51 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, 1, 1-2 Das Neue Testament vor Origenes (1888), 838. 52 D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 3-4. weil der Herausgeber nicht alle von Paulus geschriebenen Briefe aufgenommen habe, von denen wir etwa durch 1Kor 5,9-11 49 und 2Petr 3,15-16 50 wissen, sondern er nur solche ausgewählt habe, „welche nach Form und Inhalt geeignet schienen, der versammelten Gemeinde wiederholt zu ihrer Erbauung vorgelesen zu werden“. 51 Harnack „knüpft deutlich an Ansichten Zahns an und führt sie kri‐ tisch weiter“. 52 Mit Zahn nimmt er Korinth als Entstehungsort für die 10-Briefe-Sammlung an, wobei auch er in 1Kor den Eröffnungsbrief sieht, begründet mit der verallgemeinernden Adresse 1Kor 1,2b („an die Kirche Gottes, 42 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="43"?> 53 B.H. Streeter, The Four Gospels: A Study of Origins, Treating of the Manuscript Tradition, Sources, Authorship and Dates (1930), 526-527; B.H. Streeter, The Primitive Text of Acts (1933). Zur Datierung des Kanon Muratori vgl. J. Verheyden, The Canon Muratori: A Matter of Dispute (2003). Jüngst wurde die Kontextualisierung des Kanon Muratori ins vierte Jahrhundert mit neuen Argumenten untermauert, vgl. D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 40-44; C.K. Rothschild, The Muratorian Fragment as Roman Fake (2018); H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 17. 54 H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 2. 55 Ibid. die in Korinth ist - die Geheiligten in Christus Jesus, die berufenen Heiligen -, mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus überall anrufen, bei ihnen und bei uns“), die sich nicht nur auf diesen Brief, sondern darüberhinaus auf die gesamte Sammlung beziehe. B.H. Streeter nuanciert das Zahn-Harnacksche Modell der Entstehung der Sammlung und nimmt zunächst einen Kern einer Sammlung an (Röm, 1Kor, Eph und vielleicht Phil), weil dieser bereits 1Klem vor dem Ende des 1. Jh. bekannt gewesen sei, gefolgt sei dieser Kernsammlung die Paulusbriefsammlung des Markion um die Mitte des 2. Jh., und schließlich unter Hinzufügung der Pastoralbriefe erscheine die ausführlichere Sammlung von 13/ 14 Briefen in der Zeit vor dem Kanon Muratori, einem Kanonverzeichnis, das Streeter auf die Zeit um 200 n.-Chr. datiert, auch wenn diese Datierung heute umstritten ist. 53 Hans Lietzmann (1875-1942) nimmt für die kanonische 13-Briefe-Sammlung ein Urexemplar von 9 + 4 Briefen an, das diese Briefe in der heutigen Reihenfolge aufführte. 54 Als Ordnungsprinzip gibt Lietzmann an: „Zuerst kommen die Gemeindebriefe, dann die an Einzelpersonen gerichteten Schreiben; Briefe derselben Adresse bleiben beisammen, im übrigen wird nach der Länge geordnet: der große Römerbrief macht den Beginn, die kleinen Thessalonicher‐ briefe schließen die Reihe der Gemeindeschreiben. Zwar ist dies Prinzip nicht ganz genau befolgt, denn der Epheserbrief ist (um etwa eine Nestle-Seite) länger als Gal, aber auch diese geringfügige Variante darf als bedeutungslose Zufälligkeit außer Rechnung gestellt werden, wenn man die Absicht des Ordners erfassen will.“ 55 Lietzmann greift sodann auf die „augenscheinlich nach dem Muster des Paulus‐ corpus gesammelten Ignatianischen Briefe“ zurück und verweist auf die Notiz im Polykarpbrief 13,2, wo es heißt: „Die Briefe des Ignatius, die uns von ihm geschickt worden sind, und auch andere, so‐ weit wir welche besitzen, senden wir euch eurem Auftrag gemäß. Sie sind diesem Brief §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 43 <?page no="44"?> 56 PolPhil 13,2, übers. J.B. Bauer, Ed. Die Polykarpbriefe (1995), 31. 57 H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 4. 58 Vgl. andere Versuche, mit diesem Kapitel 13 umzugehen, in welchem Ignatius als noch lebend vorausgesetzt wird, während er nach Kapitel 9 desselben Briefes bereits das Martyrium erlitten hätte, vgl. J.B. Bauer, Ed. Die Polykarpbriefe (1995), 18-19. Bauer schließt sich der These von P.N. Harrisons an, wonach Kapitel 13 das Bruchstück eines früheren Briefes des Polykarp darstellt, vgl. P.N. Harrison, Polycarp’s Two Epistles to the Philippians (1936). 59 H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 4. Zu einer hiervon abweichenden Deutung von PolPhil 13, vgl. weiter unten. angeschlossen; ihr werdet aus ihnen reichen Gewinn ziehen können, denn sie sind voll Glauben, Geduld und jeglicher Erbauung im Zusammenhang mit unserem Herrn. Laßt uns auch sichere Nachrichten über Ignatius und seine Gefährten zukommen.“ 56 Aus diesem Zeugnis leitet Lietzmann ab, dass Polykarp „nicht nur den ihm selbst von Ignatius gesandten Brief treulich aufbewahrt, sondern sich auch Kopien der an andere Gemeinden gerichteten Sendschreiben verschafft (habe), und … eine Abschrift seines gesamten Materials mit Begleitschreiben nach Philippi“ sende - und er meint, „aehnlich wird es bei der Sammlung der Paulusbriefe zugegangen sein“, wobei „besonders zu beachten (sei), daß unsere Texte also letztlich auf die in den Händen der Gemeinden befindlichen Exemplare, nicht etwa - wie es bei andern Briefsammlungen der Fall ist - auf die bei den Papieren des Apostels in seinem Kopiebuch zurückbehaltenen Konzepte zurückgehen“. 57 Aus der Annahme heraus, dass es sich bei diesem Textstück des Polykarpbriefs nicht um eine Fälschung handelt, 58 und dass, wie angegeben, die Briefe aus den Adressatgemeinden stammen, erklärt Lietzmann die „willkürliche Anordnung“ der Briefe wie auch „absichtliche Tilgung[en]“ an verschiedenen Briefstellen. 59 Dem Versuch, die Paulusbriefsammlung als eine organisch gewachsene zu betrachten, widersprechen folglich wichtige Stimmen im 19. und 20. Jh., allerdings stimmen sie überein, bereits eine vormarkionitische Sammlung von Paulusbriefen anzunehmen, die sich auf die Frühdatierung von Schriften wie dem Ersten Klemensbrief, der Ignatiusbriefe und des Polykarpbriefes an die Philipper stützt. Diesbezüglich liegt ein Parallelfall vor, mit der die Datierung der Evangelien ins erste Jahrhundert zu begründen versucht wurde. Im Fall der Paulusbriefe - bei den Evangelien war dieser Ansatz mit dem Mangel an Zeugen für die narrativen Teile der Evangelien beschwert - wurden und werden literarische Bezüge, Zitate, Parallelen, Anspielungen usw. auf mehrere Paulus‐ briefe in frühchristlichen Schriften herangezogen, um auf eine dahinter liegende Sammlung als Vorlage zu schließen. Diese Überlegungen sind jedoch wie im Fall der Datierungsversuche der kanonischen Evangelien mit der inzwischen 44 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="45"?> 60 „It is also almost certain that the original collection was made before A.D. 95. At that time Clement of Rome wrote to the Corinthians and virtually quoted from Romans (Rom. 1: 29-32 - I Clem. 35: 5-6) and I Corinthians (I Cor. 1: 11-13 - I Clem. 47: 1-3; I Cor. 12: 12-26 - I Clem. 37: 5; I Cor. 13: 4-7 - I Clem. 49: 5), as well as made probable allusions to passages in II Corinthians, Galatians, Ephesians, and Philippians. Since he prefaced his citation of I Corinthians 1: 11-13 by saying, „Take up the epistle of the blessed apostle Paul“ (I Clem. 47: 1), it seems evident that he had a copy of that letter in Rome and therefore probably also had copies of the other letters, in other words already possessed the Pauline collection“, so J. Finegan, The original form of the Pauline collection (1956), 85. Finegans Argumentation findet sich dann kritiklos wieder in K. Aland, Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die wissenschaftlichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik (1982), 57. aufgegebenen oder zumindest mit guten Gründen in Frage gestellten Früh‐ datierung der herangezogenen nichtkanonischen Schriften belastet. Erkannt wurde nämlich das zirkuläre Argument, dass eine nicht näher datierbare Schrift für die ungewisse Datierung einer anderen Schrift benutzt wird, wobei diese andere Schrift wiederum zur Datierung der Ausgangsschrift des Vergleichs herangezogen wird. Um hier ein Beispiel zu geben: wir finden etwa bezüglich der Paulusbriefe den Vergleich mit dem Ersten Klemensbrief nicht nur bei Zahn im 19. Jh., sondern wieder bei Forschern auch des 20. Jh. Jack Finegan etwa schreibt: „Es ist fast sicher, dass die ursprüngliche Sammlung [der Paulusbriefe] vor dem Jahr 95 nC. geschaffen wurde. Zu dieser Zeit schrieb Klemens von Rom an die Korinther und zitierte augenscheinlich aus dem Römerbrief (Röm 1,29-32 - 1Klem 35,5-6) und aus dem Ersten Korintherbrief (1Kor 1,11-13 - 1Klem 47,1-3; 1Kor 12,12-26 - 1Klem 37,5; 1Kor 13,4-7 - 1Klem 49,5), außerdem gibt es mögliche Anspielungen an Passagen aus dem Zweiten Korintherbrief, dem Galaterbrief, dem Epheserbrief und dem Philipperbrief. Da er das Zitat aus dem Ersten Korintherbrief 1,11-13 einleitet mit: „Nimm den Brief des seligen Apostels Paulus“ (1Klem 47,1), scheint es evident zu sein, dass er ein Exemplar dieses Briefes in Rom hatte und darum möglicherweise auch Exemplare der anderen Briefe, mit anderen Worten, dass er bereits eine Paulussammlung besaß.“ 60 Abgesehen von der Zahl der widersprüchlichen Kombinationen („fast sicher“, „scheint es evident zu sein“) und Einschränkungen („augenscheinlich“, „mög‐ liche Anspielungen“, „möglicherweise“) auf einem so engen Raum, die dann doch zu einer konzisen, faktischen Schlussfolgerung führen, muss man zu dieser Argumentation zunächst festhalten, dass die Datierung des Ersten Kle‐ mensbriefes alles andere als gesichert ist. Denn diese Datierung wird stets auf die im Brief anklingende kritische Situation gestützt, die mit einer Verfol‐ §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 45 <?page no="46"?> 61 K. Erlemann, Die Datierung des Ersten Klemensbriefes - Anfragen an eine communis opinio (1998), 600. 606. Bereits im 19. Jh. hatte Franz Overbeck den Ersten Klemensbrief ins Ende des 2. Jh. datiert, vgl. F. Overbeck, Zur Geschichte des Kanons (1880), 4. Vgl. nun O. Zwierlein, Petrus in Rom: Die literarischen Zeugnisse. Mit einer kritischen Edition der Martyrien des Petrus und Paulus auf neuer handschriftlicher Grundlage (2010), 245-333. Zwierlein datiert den Ersten Klemensbrief um das Jahr 125. 62 Vgl. jüngst T.J. Bauer, Ignatius von Antiochia und Polykarp von Smyrna. Aporien bei der Analyse und Interpretation frühchristlicher Briefe (2021); M. Vinzent, Ignatius of Antioch through the Centuries (2021). Vgl. jetzt auch J.N. Bremmer, The Place, Date and Author of the Ignatian Letters: An Onomastic Approach (2021). 63 Vgl. zu diesen Prologen M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testa‐ ments im 2. Jahrhundert (2022); M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014); E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Paulinum (2013); D. Jongkind, On the Marcionite Prologues to the Letters of gung unter dem römischen Kaiser Domitian (81-96 n. Chr.) in Verbindung gebracht wird. Inzwischen aber heißt es in der einschlägigen Forschung, dass „sich eine Christenverfolgung unter Domitian nicht nachweisen“ lässt, auch die manchmal zur Datierung von 1Klem herangezogene in diesem Brief sich findende Ämterstruktur biete keinen Anhalt, sie sei im Vergleich mit anderen Schriften „eine Gleichung mit zu vielen Unbekannten“, und überhaupt seien „sämtliche vorgetragenen Textbeobachtungen und äußeren Kriterien […] nicht zwingend“. 61 Pauluszitate und -parallelen aus 1Klem können also lediglich für eine Nutzung verschiedener Briefe des Paulus in Anspruch genommen werden, am ehesten des Ersten Korintherbriefes und des Römerbriefes (naheliegend für einen Brief, der von der Gemeinde in Rom an diejenige in Korinth adressiert ist), doch eine präzisere Datierung von 1Klem als in das 1. oder 2. Jh. n. Chr. lässt sich mit ihnen nicht gewinnen. Hinzu kommt aus der vorliegenden Untersuchung, dass die Verweise, die Finegan aus den paulinischen Briefen als Parallelen zu 1Klem anführt, allesamt auf Passagen führen, die in der vorkanonischen Sammlung der Paulusbriefe sicher oder höchstwahrscheinlich gefehlt haben. Die Datierung von 1Klem wird man also nicht mit der vorkanonischen, sondern mit der kanonischen Sammlung in Beziehung zu setzen haben. Wenig hilfreich sind auch die weiteren Hinweise Finegans auf Parallelen in den Ignatiusbriefen und im Brief des Polykarp an die Philipper, da auch die Ignatiusbriefe in ihrer Datierung umstritten sind und der Brief des Polykarp nicht näher als um die Mitte des 2.-Jh. zu bestimmen ist. 62 Eine andere Begründung, eine frühe, wenn auch nicht notwendigerweise auf Paulus selbst zurückgehende Sammlung von Paulusbriefen wahrscheinlich zu machen, hatte Nils A. Dahl (1911-2001) gewagt. Er verwies auf die soge‐ nannten markionitischen Paulusprologe, 63 die er im ersten Schritt in ihrem markionitischen Charakter bestritt 64 und sie im zweiten für einen - den einzigen 46 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="47"?> Paul (2015). Unabhängig voneinander und fast zeitgleich haben die drei hier genannten Autoren den markionitischen Ursprung dieser Prologe bekräftigt. 64 Der erste, der Kritik am markionitischen Charakter der Prologe übte, war W. Mundle, Die Herkunft der „Markionitischen“ Prologe zu den Paulusbriefen (1925). Obwohl er diese Prologe grundsätzlich dennoch für markionitisch ansehen wollte, weckte G. Bardy doch Skepsis an diesem Charakter in G. Bardy, Marcionites, Prologues (1954). Bald darauf wurde jeder Bezug dieser Prologe zu Markion bestritten durch H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 165-178. Stattdessen hält Frede sie für ein Produkt des Ostens, das zur Zeit entstand, als die westliche Rezension der Paulusbriefe geschaffen worden sei, und sie seien mit dieser in den Westen gekommen sei. In jüngerer Zeit wurden diese Ansätze jedoch zurückgewiesen, vgl. E. Norelli, Markion und der biblische Kanon (2016); E. Norelli, La tradizione ecclesiastica negli antichi prologhi latini alle epistole paoline (1990), 25; J.-D. Kaestli, La Place du Fragment de Muratori dans l’histoire du canon (1994), 628; M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014); E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Paulinum (2013); H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 5-6, 172. 65 N.A. Dahl, Studies in Ephesians. Introductory questions, text- & edition-critical issues, interpretation of texts and themes (2000); N.A. Dahl, The Origin of the Earliest Prologues to the Pauline Letters (1978). 66 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 288. 67 E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Pau‐ linum (2013), 10. So hatten bereits vor ihm geurteilt J. Knox, Marcion and the New Testament. An Essay in the Early History of the Canon (1942); E.C. Blackman, Marcion and his influence (1948), 52-54; H.J. Vogels, Der Einfluss Marcions und Tatians auf Text und Kanon des Neuen Testaments (1953). Dennoch wurde jetzt erneut in einer von M. Klinghardt betreuten Dissertation der Versuch gemacht, die These von Dahl wieder aufleben zu lassen, A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020). 68 Vgl. M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), 111-122. 69 „It remains difficult to envisage how they would then have been later transferred into ‚mainstream‘ church tradition. On the other hand, the alternative argument that they, - vormarkionitischen Zeugen einer Paulusbriefsammlung nahm. 65 Nun hat man festgestellt, dass diese Prologe denselben Inhalt und dieselbe Reihenfolge der Briefe aufweisen, wie sie sich in der Paulusbriefsammlung des Markion finden. 66 Erst jüngst hat Eric Scherbenske die Prologe eingehend untersucht und „Markion oder seine Anhänger als deren Ursprung“ bestätigt. 67 Unabhängig von ihm war ich auf dasselbe Ergebnis gekommen. 68 Judith Lieu bekräftigte noch‐ mals, dass es zwar „schwer vorzustellen sei, wie die markionitischen Prologe später in die Mainstreamtradition der Kirche gelangt seien, doch die Alternative, dass sie und damit die Sammlung und die Abfolge, die sie voraussetzen, vor Markion datiert werden sollten und folglich die Tradition reflektieren, auf die er zurückgriff, wird durch die Abwesenheit jeglicher deutlicher Spur der Prologe in der frühen Zeit untergraben“. 69 Damit entfällt aber die Grundlage, auf der §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 47 <?page no="48"?> and hence the collection and sequence that they presuppose, should be dated prior to Marcion, and therefore reflect the tradition on which he drew, is undermined by the absence of any clear traces of the Prologues in the early period“, J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 240. 70 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 157-158. 71 P. Beatty Biblical II Inv. 6238. 72 Vgl. J.D. Quinn, P46 - The Pauline Canon? (1974). Zu P46, 03, 1739 und deren Qualifizierung als Repräsentanten eines „vor-alexandrinischen“ Textes, vgl. G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953); D.C. Parker, The Majuscule Manuscripts of the New Testament (2014), 55. 73 S.E. Porter, Paul and the Pauline Collection (2011); J.R. Royse, Scribal Habits in Early Greek New Testament Papyri (2008), 202. Die Frage, ob auf 1Thess noch 2Thess folgte und ggfls. danach noch die Pastoralbriefe folgten, ist umstritten; gegen die Hinzufügung der Pastoralbriefe spricht sich aus F.G. Kenyon, The Chester Beatty Biblical papyri. Descriptions and texts of twelve manuscripts on papyrus of the Greek Bible (1936), 273-274. Für die Hinzufügung spricht sich aus J. Duff, P46 and the Pastorals: A Misleading Consensus? (1998). Das Problem besteht, dass ohne zusätzlich dazugeklebte Blätter der Platz für die Pastoralbriefe nicht gereicht hätte. Hierauf hatten schon aufmerksam gemacht J. Finegan, The original form of the Pauline collection (1956), 93; S. Gieversen, The Pauline Epistles on Papyrus (1980), 211. Letzterer hat angenommen, dass zusätzliche Folios hinzugefügt worden sind. Für ältere Literatur zu diesem Papyrus, vgl. J.K. Elliott, A Bibliography of Greek New Testament Manuscripts (2000), 29-30. 74 Spätes 2. - erstes Drittel des 3. Jh.: M. Letteney, Toward a New Scribal Tendency: Reciprocal Corruptions and the Text of 1 Corinthians 8: 2-3 (2016), 391; B.W. Griffin, The Palaeographical Dating of P46. Paper delivered to the Society of Biblical Literature 1996 (1997). Erstes Drittel des 3. Jh.: D. Barker, The Dating of New Testament Papyri (2011), 580; C.K. Rothschild, Hebrews as Pseudepigraphon. The History and Significance of the Pauline Attribution of Hebrews (2009), 142; J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), x. Um 200: E.J. Epp, The Multivalence of the Term „Original Text“ in New Testament Textual Criticism (1999), 255. 2. Jh.: A. Lindemann, Die Sammlung der Paulusbriefe im 1. und 2. Jahrhundert (2003), 322. Abweichende Datierungen finden sich in der Erstauflage (100-150 nC.): D.P. Barrett and P.W. Comfort, The complete text of the earliest New Testament manuscripts (1999). In der zweiten Auflage (125-175): D.P. Barrett and P.W. Comfort, The text of the earliest New Testament Greek manuscripts (2001); P.W. Comfort, Encountering the Manuscripts: An Introduction to New Testament Dahl seine Hypothese einer frühen Paulusbriefsammlung erstellt hatte, auch wenn sie jüngst noch einmal von Goldmann wiederholt wurde. 70 Zieht man die papyrologische Grundlage mit heran, so gibt P 46 (University of Michigan) 71 einen fragmentarischen Bestand von Briefen, der tatsächlich eine Paulusbriefsammlung darstellt, 72 und zwar in der Reihenfolge: Röm 5-6; 8-16; Hebr, 1Kor; 2Kor; Eph; Gal; Phil; Kol; 1Thess. 73 Was die Datierung dieses Papyrus betrifft, so gibt die Mehrheitsmeinung den Zeitraum des späten zweiten Jh. - erstes Drittel des 3. Jh. an. 74 Diese Datierung beruht ausschließlich auf dem 48 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="49"?> Paleography & Textual Criticism (2005), 66-67. 131-139. In dieser späteren Studie wird vorgeschlagen: 150-175. 75 So P. Orsini and W. Clarysse, Early New Testament Manuscripts and Their Dates: A Critique of Theological Palaeography (2012), 458. 462; W. Clarysse and P. Orsini, Christian Manuscripts from Egypt to the Times of Constantine (2018). 76 Vgl. G. Cavallo, Il calamo e il papiro la scrittura greca dall’età ellenistica ai primi secoli di Bisanzio (2005), 184. 198. 77 Vgl. B. Nongbri, The Use and Abuse of P52 (2005), 46. So schon Archiv für Papyrusfor‐ schung 11 (1935), 113. 78 Y.K. Kim, Palaeographical Dating of P46 to the Later First Century (1988); K. Jaroš and J. Hintermaier, Das Neue Testament nach den ältesten griechischen Handschriften (2006). 79 Vgl. etwa auch D.P. Barrett and P.W. Comfort, The complete text of the earliest New Testament manuscripts (1999); D.P. Barrett and P.W. Comfort, The text of the earliest New Testament Greek manuscripts (2001); K. Jaroš and J. Hintermaier, Das Neue Testament nach den ältesten griechischen Handschriften (2006). Was Comfort-Barrett betrifft, wird von „impressionistischen Vorschlägen“ („impressionistic suggestions“) gesprochen, welche jede historische Herangehensweise vermissen lassen, so P. Orsini and W. Clarysse, Early New Testament Manuscripts and Their Dates: A Critique of Theological Palaeography (2012), 450. 80 D.C. Parker, Review of Philip W. Comfort and David P. Barrett, eds. The Complete Text of the Earliest New Testament Manuscripts. Grand Rapids: Baker, 1999. (1999). 81 P. Orsini and W. Clarysse, Early New Testament Manuscripts and Their Dates: A Critique of Theological Palaeography (2012). Vergleich der Schreibform (P 46 zugeordnet dem „Büro- und Kanzleitypus“, der im 2. und 3. Jh. begegnet, jedoch als eine „gelehrte Weiterentwicklung“ dieses Schrifttyps betrachtet, 75 weshalb der Papyrus auch als „alexandrinisch“ bezeichnet und gegenüber Vergleichstexten aus dem 2. Jh. als später eingeordnet wurde 76 ). Doch muss man bedenken, dass man bei rein papyrologischen Datie‐ rungen meist mit einem Fenster von etwa 100 Jahren rechnen muss. 77 Darum verwundert es nicht, dass auch das späte erste Jahrhundert als Datierung von P 46 vorgeschlagen wurde, 78 wobei dieser Versuch, wie überhaupt die Tendenz, dass Theologen gegenüber Papyrologen und Paläographen ihre eigenen Kriterien entwickeln, um solche Frühdatierungen aufzustellen, 79 von Textforschern wie meinem ehemaligen Departmentkollegen David C. Parker eher als „Apologetik“ statt als „Paläographie“ bezeichnet wird. 80 Man wird also eher das Fenster nach hinten statt nach vorne öffnen, wenn es um Datierungen von neutestamentli‐ chen Papyri geht. 81 Stuart Pickering schreibt: „Wenn mein Vergleich … mit … P.Beatty II [= P 46 ] richtig ist, und wenn man den Stil von der Mitte des 2. Jh. an angemessen verfolgt, müssen wir den Beatty Text recht nahe in chronologischer Verbindung mit seinen Verwandten des dritten und vierten Jh. halten. Das stimmt mit der Datierungsbreite insgesamt der anderen Beatty Texte überein, zu §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 49 <?page no="50"?> 82 S. Pickering, The Dating of the Chester Beatty-Michigan Codex of the Pauline Epistles (P46) (1998), 223. Eigene Übers. 83 P. Orsini and W. Clarysse, Early New Testament Manuscripts and Their Dates: A Critique of Theological Palaeography (2012). Eigene Übers. 84 K. Aland, Neutestamentliche Entwürfe (1979), 335-336. denen dieser gehört, und unsere Betonung des 3. und 4. Jh. für die Beleuchtung der Datierung der Gruppe wird bestätigt.“ 82 Hierzu stimmt das Ergebnis der Untersuchung von P. Orsini und W. Clarysse, die feststellten (man bemerke, dass P 46 unter den frühen Papyri nicht erwähnt wird): „Unsere paläographische Untersuchung der biblischen Papyri hat gezeigt, dass die Frühdatierungen, die einige neutestamentlichen Forscher vorgeschlagen haben, auf keiner sorgfältigen Studie der entsprechenden Schrifttypen innerhalb eines größeren Kontextes der Entwicklung griechischer Schreibhände basien, sondern sie eher von dem Wunsch leiten ließen, frühe Beispiele von Evangelien unter den Papyri zu finden … Es gibt keine neutestamentlichen Papyri aus dem ersten Jahrhundert und nur ganz wenige können dem zweiten Jahrhundert zugeordnet werden (P 52 , P 90 , P 104 , vermutlich alle aus der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts) oder dem Zeitraum zwischen dem späten zweiten und dem frühen dritten Jahrhundert (P 30 , P 64+67+4 , 0171, 0212).“ 83 Einen anderen Weg ging Kurt Aland, der kritisch zu früheren Theorien der Genese des Corpus Paulinum stand (H. Lietzmann, W. Schmithals, H.J. Frede, N.A. Dahl, G. Bornkamm). Gestützt auf damals gesammelte Testdaten, die er sich im Hinblick auf die Editio Critica Maior vorbereiten ließ, entwickelte er ein datengestütztes Modell. Ihm zufolge habe es eine dreifache Entwicklung gegeben: Am Anfang standen kleine Briefsammlungen („Klein-Corpora“), aus denen sich größere Sammlungen entwickelten („Ur-Corpora“). Von diesen habe es bereits im zweiten Jahrhundert mehrere gegeben, die an die Stelle der kleinen traten, bis sie selbst wiederum in ein „Gesamt-Corpus“ Eingang gefunden hätten. Der Schritt vom zweiten zum dritten Stadium ist markiert durch die Hinzufügung von fehlenden Briefen, die in mehreren Schritten erfolgt sei. 84 Al‐ lerdings wurde inzwischen die Methode der Auswahl von Teststellen überprüft und erkannt, dass deren ungleiche Verteilung über die Briefe und innerhalb eines Briefes (vor allem Röm) das Ergebnis beeinflusst hat. Problematisiert wurde auch, dass aufgrund solcher Daten editorisch motivierte Veränderungen innerhalb der Entstehung des Corpus festzustellen, bereits eine schwierige 50 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="51"?> 85 Vgl. U.B. Schmid and B. Morrill, Editorial Activity and Textual Affiliation: The Case of the Corpus Paulinum (2019), 380. 86 In jüngerer Zeit hat sich auch A. Standhartinger für das organische Wachstum der paulinischen Briefsammlung ausgesprochen, A. Standhartinger, Der Philipperbrief und die Entstehung der Paulusbriefsammlung (2021), 450. 87 Vgl. hierzu W. Schmithals, On the Composition and Earliest Collection of the Major Epistles of Paul (1972). 88 Vgl. E.J. Goodspeed, New Solutions of New Nestament Problems (1927), 94-103; E.J. Goodspeed, An Introduction to the New Testament (1939); J. Knox, Acts and the Pauline Letter Corpus (1966), 279-287. Vgl. weiter E.J. Goodspeed, Ephesians and the First Edition of Paul (1951); E.J. Goodspeed, The Meaning of Ephesians (1933); E.J. Goodspeed, The key to Ephesians (1956); C.L. Mitton, Unsolved New Testament Problems. Goodspeed’s Theory Regarding the Origin of Ephesians (1948); C.L. Mitton, The Epistle to the Ephesians. Its Authorship, Origin and Purpose (1951); P.N. Harrison, The Author of Ephesians (1964). Vgl. aber schon J. Weiss, Das Urchristentum (1917), 543. Vgl. hierzu auch L. Mowry, The early circulation of Paul’s letters (1944), 73-74; E.E. Ellis, The making of the New Testament documents (2002), 86. Kritisch diesem Ansatz gegenüber ist S.E. Porter, Paul and the Process of Canonization (2008), 181-182. Aufgabe sei, doch eine noch komplexere sei die Rückprojektion in die frühe Entstehungsgeschichte von paulinischen Briefen. 85 Wir erkennen, dass wir mit Aland wieder zu einer der Positionen zurück‐ gekehrt sind, gegen welche sich bereits Zahn nachdrücklich ausgesprochen hatte. 86 Zahns und Harnacks Auffassung wurden schließlich weitergeführt in der nachfolgend zu beschreibenden Hypothese. 2) „Big Bang Theorie“ Nach dieser Theorie gab es kein organisches Wachstum der Sammlung, sondern diese geht auf eine bewusste, editorische Entscheidung zurück. Die Big Bang Theorie ist mit den Namen Goodspeed, Knox, Mitton und Schenke verbunden, nach denen die Einzelbriefe zunächst ihren praktischen Zweck für die Adres‐ saten erfüllt und dann mehr oder weniger in Vergessenheit geraten waren. Bei dieser Theorie geht es darum, die drei Schlüsselfragen zu beantworten: Der Zeitpunkt bzw. die Gelegenheit, wann eine solche Herausgabe erfolgte, dann den oder die Verantwortlichen für sie und drittens, das Motiv, warum eine solche Sammlung erfolgte. 87 Die Sammlung wurde erst durch einen unbekannten Apostelschüler im Nachgang der Veröffentlichung der Apostelgeschichte, die um 90 oder 95 n. Chr. datiert wird, zusammengebracht (mit dem Grundstock Kol und Phlm, darauf aufbauend dann mit dem Umfang Röm, 1/ 2Kor, Gal, Phil, Kol, 1/ 2Thess, Phlm), um die Lehre des Paulus „der Vergessenheit zu entreißen“, wobei dieser Editor kein Redaktor war. 88 §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 51 <?page no="52"?> 89 J. Knox, Philemon among the Letters of Paul. A New View of its Place and Importance (1959). 90 H. Conzelmann, Paulus und die Weisheit (1965). 91 H.M. Schenke, Das Weiterwirken des Paulus und die Pflege seines Erbes durch die Paulusschule (1975). 92 Ibid. 508. 93 W. Schmithals, Paulus und die Gnostiker. Untersuchungen zu den kleinen Paulusbriefen (1965), 193. 94 Ibid. 191. Vgl. ähnlich K.L. Carroll, The Expansion of the Pauline Corpus (1952). 95 W. Schmithals, Paulus und die Gnostiker. Untersuchungen zu den kleinen Paulusbriefen (1965). 96 So A.G. Patzia, Canon (1993), 87; A.G. Patzia, The Making of the New Testament. Origin, Collection, Text & Canon (1995), 79-87. 97 E.R. Richards, The Codex and the Early Collection of Paul’s Letters (1998), 154-155. Vgl. auch E.R. Richards, Paul and first-century letter writing. Secretaries, composition, and collection (2004). Nach Knox lässt sich die Präsenz von Phlm nur aus dem persönlichen Interesse des Sammlers erklären, ebenfalls die von Kol, dem Rahmen von Eph, wobei er den Sammler mit dem in IgnEph erwähnten Onesimus von Ephesus identifizierte. 89 Hans-Martin Schenke hingegen sieht eine paulinische Schule, wie sie von Conzelmann vorgestellt wurde, 90 verantwortlich für das Sammeln, die Edition und die Verbreitung der Briefe des Paulus, 91 wobei der Sammlung der Epheser‐ brief als Vorwort beigegeben worden sei. 92 Auch Walter Schmithals rechnet mit einem Editor, dessen Name zwar unbe‐ kannt sei, doch dessen Motiv der antignostische Kampf war. 93 Dieser habe 16 echte Paulusbriefe zu sieben zusammengestellt, da die Zahl sieben eine „die urchristlichen Briefsammlungen zentral beherrschende Konzeption“ darstelle, 94 der Redaktor habe also der Briefsammlung ihr Gepräge gegeben, beginnend mit 1Kor und endend mit Röm. 95 Überhaupt, so urteilte man, „sei es schwierig, sich dies frühe Zirkulieren und Sammeln von Paulusbriefen vorzustellen, ohne dass es die Anleitung eines bedeutenden Individuums (oder Individuen) gegeben habe“. 96 Auch wenn Richards grundsätzlich dieser Position zuneigt und er keinen Grund sieht, eine „bewusste, rechtgestaltete, gut organisierte und theologisch getriebene Theorie“ zu leugnen, die zur Sammlung und Nutzung der Codexform geführt habe, meinte er, es müsse sich gar nicht um eine herausragende Persönlichkeit gehandelt haben, sondern man könne mit einem Sekretär des Paulus rechnen, der ohne weitere Intention sich eines Codex für die Sammlung der Paulusbriefe bedient habe. 97 Folglich sei „die erste Sammlung der Briefe des Paulus in Kodexform aus den persönlichen Kopien des Paulus entstanden, nicht aus einem 52 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="53"?> 98 E.R. Richards, The secretary in the letters of Paul (1991), 165. 99 Vgl. hierzu D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (2010); D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (1994); D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989). Zustimmend P. Arzt-Grabner, A. II. Das Corpus Pau‐ linum (2013), 11; S.E. Porter, Paul and the Process of Canonization (2008), 202; E.R. Richards, Paul and first-century letter writing. Secretaries, composition, and collection (2004), 118-123; P.W. Comfort, Encountering the Manuscripts: An Introduction to New Testament Paleography & Textual Criticism (2005), 57; E.R. Richards, The Codex and the Early Collection of Paul’s Letters (1998), 63; J. Murphy-O’Connor, Paul the Letter-writer. His world, his Options, his Skills (1995), 119-120. Vgl. in jüngerer Zeit auch I.J. Elmer, The Pauline Letters as Community Documents (2015). Arnal denkt eher an eine Paulusschule oder -schulen, die die Briefe gesammelt und Kompositbriefe aus Brieffragmenten geschaffen hatte(n), vgl. W. Arnal, The Collection and Synthesis of „Tradition“ and the Second-Century Invention of Christianity (2011), 208. 100 D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 108. Auch in seiner jüngsten Publikation vertritt er die Position, dass Markion 10 Briefe „ausgewählt“ habe, D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 56. 101 „One should not assume that any publisher would publish any letters without editorial changes just because an edition implies the use of autographs“, D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 56. 102 Ibid. Sammeln von Briefen verschiedener Empfänger“. 98 Mit der Annahme, Paulus habe vielleicht selbst bereits seine Briefe gesammelt, leitet diese Vorstellung bereits zur nächsten Theorie hin. 3) Redaktionsstufen David Trobisch entwickelte die voran aufgeführte Theorie fort, derzufolge Paulus selbst bereits eigene Kopien seiner Briefe (Röm, 1/ 2Kor, Gal) gesammelt, redaktionell bearbeitet und als Sammlung in Umlauf gebracht habe, auch wenn wir für diese Hypothese bislang keinerlei Hinweise haben. 99 Nach Trobisch sei „die Ursammlung“ „als Ergebnis einer Bearbeitung“ zu betrachten, „die an einer tendenziösen Auswahl von Paulusbriefen interessiert war“. 100 Außerdem „dürfe man nicht annehmen, dass jemand, der irgendwelche Briefe veröffentliche, diese ohne redaktionelle Veränderungen publiziert hätte, alleine deshalb, weil eine Edition die Verwendung von Autographen impliziere“. 101 Dabei ist Trobisch der Meinung, „eine erweiterte Ausgabe ist nur dann glaubwürdig, wenn sie das bereits bekannte Material so gut wie unverändert wiedergibt“. 102 Ihm zufolge teilte Markion seiner Leserschaft folgendes zu seiner Briefedition mit: „(1) dass §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 53 <?page no="54"?> 103 „The publisher of the Marcionite Edition told readers (1) that a certain Paul was the author of the letters, (2) that the selection, titles, and arrangement of the letters reflected Paul’s intentions, and (3 that the gospel book was the one Paul had received and promoted“, ibid. 56. 104 Vgl. dazu weiter unten und M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019). 105 A. Standhartinger, Der Philipperbrief und die Entstehung der Paulusbriefsammlung (2021), 460. 106 A. Taschl-Erber, Zwischen Römer- und Epheserbrief. Zur Kontextualisierung des Kolosserbriefs (2021). 107 D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 63-65. 76-77. ein gewisser Paulus der Verfasser der Briefe sei, (2) dass die Auswahl, die Titel und die Anordnung der Briefe die Absicht des Paulus reflektiere, und (3) dass das Evangelienbuch dasjenige war, das Paulus empfangen und verbreitet hatte.“ 103 Diese Position lässt sich zum Teil nachvollziehen, doch ein Vergleich mit der sich entwickelnden Sammlung der Ignatiusbriefe lehrt, dass trotz der Bewahrung des bereits bekannten Materials diejenigen, die eine Erweiterung einer Sammlung vorgenommen haben, auch erheblich das bereits Vorgelegene jeweils bearbeitet haben konnten. 104 Diese Beobachtung wird weiter gestützt durch weitere Vergleiche auch aus der paganen Briefpraxis: „Redaktionen in Sammlungs- und Überlieferungsprozessen von Briefen (sind) die Regel und nicht die Ausnahme … Die unter den antiken Papyrusfunden belegten Briefarchive bieten Auswahlen, Kürzungen und intentionale Anordnungen. Cicero‐ briefsammlungen verdanken sich in jeder Überlieferungsstufe bis in die Gegenwart vielfältigen Redaktions- und Auswahlprozessen, die von jeher sehr beherzt in Texte eingreifen und bis heute die Dokumentation von Belegstellen stark verkomplizieren … Auch für die Paulusbriefe lassen sich seit dem 2. Jahrhundert verschiedene Intentionen und Interpretationen der Editorinnen und Editoren nachweisen.“ 105 Darum fragt auch A. Taschl-Erber: „Lässt sich in Bezug auf die paulinische Briefsammlung etwa mit Sicherheit sagen, was genuin Betandteil des jeweils ursprünglichen Brieftextes gewesen ist - oder muss man vielleicht auch eine redigierende Harmonisierung miteinkalkulieren (auch im Sinne einer eventuellen Überarbeitung und Ergänzung der ‚authentischen‘ Paulinen)? “ 106 Neueste Überlegungen von Trobisch folgen dieser Logik, in denen auch er den Vergleich der Genese der Ignatiana mit den paulinischen Briefen anstellt. Hiernach wurde auch die paulinische Briefsammlung nicht nur erweitert, sondern die existierenden Briefe dabei jeweils bearbeitet. 107 54 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="55"?> 108 Ibid. 31. 109 Vgl. D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 106. 110 D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 78-79. 111 C.F.D. Moule, The Birth of the New Testament (1962), 264-265; E.R. Richards, The Codex and the Early Collection of Paul’s Letters (1998), 163; E.R. Richards, The secretary in the letters of Paul (1991). 112 D. Guthrie, New Testament introduction (1970), 653; P.W. Comfort, Encountering the Manuscripts: An Introduction to New Testament Paleography & Textual Criticism (2005), 35. 113 Vgl. die zuvor genannten Beiträge von Goodspeed, auch J. Knox, Philemon among the letters of Paul. A new view of its place and importance (1959), 10; D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 116. 114 D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 79. Da Trobisch die kanonische Edition der 14-Briefe-Sammlung für einen Teil der Redaktion des kanonischen Neuen Testaments aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts hielt, die in Wettbewerb mit einer Reihe anderer Sammlungen trat, sieht er diese auch als Antwort auf die *10-Briefe-Samm‐ lung. 108 Wenn Trobisch von „Auswahl“ spricht, kann nur gemeint sein, dass Markion nicht auf der Basis einer von Trobisch postulierten paulinischen 7-Briefe-Sammlung arbeitet, sondern sich einer dann ebenfalls postulierten 13- oder 14-Briefe-Sammlung des Paulus bedient hatte. Zugleich nimmt Trobisch allerdings an, dass die 14-Briefe-Sammlung erst durch eine Kombination der 13-Briefe-Sammlung mit dem Hebräerbrief entstanden ist. 109 Zudem müsse man zwischen Herausgeber, Redaktor und Autor bei einer solchen Sammlung unterscheiden. 110 Was die erste Redaktionsstufe der Paulusbriefe betrifft, nennen die ver‐ schiedenen Forschungspositionen als Erstherausgeber Paulus oder Lukas, 111 Timotheus 112 oder Onesimus 113 , wobei Trobisch neuerdings darauf verweist, dass der Herausgeber und Sponsor, der oft in Dedikationen genannt wird, nur Theophilus sein könne. Denn es sei der einzige innerhalb des Neuen Testaments, der erwähnt wird, und zwar ausgerechnet im Proöm des Lukasevangeliums, des erweiterten vorkanonischen Evangeliums. Er kehre wieder im Proöm des Praxapostolos, nämlich Apg 1,1. Und da die Sammlungen der Evangelien und des Praxapostolos nicht von der 14-Briefe-Sammlung des Paulus und der Offenba‐ rung des Johannes getrennt werden könnten, gilt Theophilus in der narrativen Welt des kanonischen Neuen Testaments auch als der implizite Sponsor und Herausgeber der interpolierten und erweiterten Paulusbriefsammlung. 114 Der §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 55 <?page no="56"?> 115 Ibid. 131-135. 116 H. Detering, The Falsified Paul. Early Christianity in the Twilight (2003), 127-128. 117 „Although a distinction between documents that were considered sacred and docu‐ ments that were heretical or profane was taken for granted (some thought it was acceptable to hand over heretical or defective copies), the sacred documents were rarely bound all together. There is no evidence of full sets being maintained or handed over. I take this observation to be a further indication that the canon was originally mainly a theoretical notion of interest to church leaders and theologians“, D.J. Kyrtatas, Historical Aspects of the Formation of the New Testament Canon (2009), 32. historische Herausgeber jedoch ist nach Trobisch Irenäus von Lyon, der seinen Lehrer Polykarp unter dem Decknamen des Theophilus und angedeutet mit „Carpus“ (2Tim 4,13), als eigentliche Autorität vorschiebe. 115 Auch wenn die Position der Dutch Radicals eine Außenseitermeinung ist, so soll sie dennoch nicht verschwiegen werden. Der sich in diese Tradition der Dutch Radicals stellende Hermann Detering schlug vor, dass nicht Paulus, sondern Markion der Autor oder Redaktor der paulinischen Briefe sei. 116 4) Das Fehlen einer kanonischen Sammlung im 2.-Jh. In jüngerer Zeit schien die Frage nach der frühesten Briefsammlung paulinischer Briefe überflüssig zu werden. Zum einen hat man erkannt, dass der Begriff des „Kanonischen“, der zuvor und auch weiter in dieser Untersuchung nur heuristisch zur Unterscheidung der markionitischen Sammlung von der bei Irenäus aufscheinenden, erweiterten Sammlung dient, nicht anachronistisch aus dem vierten Jahrhundert oder gar aus späteren Jahrhunderten in das zweite oder dritte Jahrhundert zurückproji‐ ziert werden dürfe. D.J. Kyrtatas hat diese Erkenntnis präzis zusammengefasst: „Auch wenn die Unterscheidung zwischen Dokumenten, die als heilig, und Do‐ kumenten, die als häretisch oder profan angesehen wurden … [gemacht wurde], so waren doch die heiligen Dokumente selten alle zusammengebunden. Es gibt kein Zeugnis dafür, dass vollständige Exemplare besessen oder weitergegeben wurden. Ich verstehe diese Beobachtung als ein weiteres Indiz dafür, dass der Kanon ursprünglich im Wesentlichen ein theoretisches Konzept im Interesse der Amtsträger der Kirche und der Theologen war.“ 117 Kyrtatas ist zuzustimmen, was die Vorsicht vor Anachronismen betrifft, doch haben wir es im Vorliegenden gerade mit Amtsträgern wie Irenäus und theologisch-philosophischen Lehrern wie Markion zu tun. Und zu diesen ist zu bemerken, dass die Schlüsse, die aus Kyrtatas‘ Beobachtung bisweilen gezogen werden, sowohl diesen wie auch den Befund übersteigen. Auch wenn man D. Brakke ernst zu nehmen hat, dass wir christliche Autoren der ersten drei Jahrhunderte nicht „auf eine genealogische 56 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="57"?> 118 „And so it is simply anachronistic to ask writers of the second century which books were in their canon and which not - for the notion of a closed canon was simply not there. We must not continue to place Christian authors on a trajectory that leads inevitably to Athanasius’s definitive list of 367“, D. Brakke, Scriptural Practices in Early Christianity: Towards a New History of the New Testament Canon (2011), 266. 119 „In principle, what Christian writers of the second century defend is the variety and profusion of Christian texts, just as they also defend the continued acceptance and use of the Old Testament“, J. Barton, Marcion Revisited (2002), 343. Linie setzen sollen, die unweigerlich zu der definitiven Liste [von kanonischen Schriften] des Athanasius von 367 führt“, halte ich es umgekehrt für keinesfalls anachronistisch, Autoren des zweiten Jahrhunderts danach zu befragen „welche Bücher in ihrem Kanon waren und welche nicht“. 118 Alleine Irenäus‘ Bemühen, gegen Markion gewand, nicht ein Evangelium, sondern vier dergleichen als die von Gott gewollte Zahl zu behaupten, und zwar genau vier, nicht weniger, aber auch nicht mehr, spricht bereits gegen die Vorstellung, es sei „den christlichen Autoren im zweiten Jahrhundert um die Vielfalt und die Verbreitung christlicher Texte gegangen, gerade so wie sie auch die weitere Akzeptanz und Nutzung des Alten Testaments verteidigen wollten“. 119 Es ging um Vielfalt, aber es ging Irenäus auch um die Definition derselben, deren Ausweitung wie Beschränkung er gegen die göttliche Vorherbestimmung und gegen den göttlichen Geist gerichtet sah. 5) Wildwuchs von Texten Nun wurde mit guten Gründen nicht nur die Anzahl, sondern auch die Text‐ stabilität der in einer Sammlung aufgenommenen Werke problematisiert, was die Bedeutung einer Sammlung zumindest, was den Textbestand der verschie‐ denen Werke betrifft, relativieren würde. Auf den genannten Hans Lietzmann zurückgehend, seine Vorstellung aber ausdehnend, trug man vor, dass sich der frühe Text der Paulusbriefe, wie wir ihm etwa in P 46 als typischem Beispiel begegnen, in jedem Manuskript so unterschiedlich darstelle, dass man keine Genealogie, ja vielleicht gar keinen singulären Ausgangspunkt in Brief oder Briefsammlung annehmen dürfe. Weder die Briefe in ihrem Urzustand noch die Briefe innerhalb einer Sammlung seien rekonstruierbar, sondern aufgrund der Vielfalt der Varianten in den Handschriften sei man einem lebendigen Text ausgesetzt, der sich von Kopist zu Kopist gewandelt habe. Lietzmann schrieb: „So oder ähnlich [wie P 46 ] sahen die Handschriften aus, welche von den Vätern des 3. Jahrhunderts benutzt wurden, welche man zu jener Zeit ins Lateinische übersetzte und welche auch der sahidischen Übersetzung zugrundelagen. Verwildert waren sie §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 57 <?page no="58"?> 120 H. Lietzmann, Kleine Schriften 2 Studien zum Neuen Testament (1958), 178. 121 B. Aland, Neutestamentliche Textforschung, eine philologische, historische und theo‐ logische Aufgabe (1995), 26-27. 122 Auf die Evangelien bezogen: D.C. Parker, The living text of the Gospels (1997). 123 So E.C. Colwell, Hort Redivivus: A Plea and a Programm (1969), 166. Ähnlich auch B.D. Ehrman, The Orthodox Corruption of Scripture. The Effect of Early Christological Controversies on the Text of the New Testament (2011), 342-343. 124 So Y.-J. Lin, The erotic life of manuscripts: New Testament textual criticism and the biological sciences (2016); F.M. Young, Ways of Reading Scripture: Collected Papers (2018), 368; J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 218. Vgl. auch D.A. Smith, Marcion’s Gospel and the Synoptics: Proposals and Problems (2019). alle, aber keine glich der anderen, und zahl- und regellos wie ihre Varianten waren auch ihre Übereinstimmungen. Dieser wildwachsende Typ wucherte weiter-…“ 120 Barbara Aland hat hingegen, auch auf Lietzmann sich beziehend, ausdrücklich auf die großen Übereinstimmungen innerhalb der Handschriften hingewiesen und daran festgehalten, dass man in ihnen doch „den ursprünglichen Text“ fassen könne, also „nicht eine frühe Rezension, Bearbeitung oder einen frühen Lokaltext“, sondern einen „frühe[n], auf das Original zurückgehende[n] Text“ zu greifen vermag, der nicht derart „verwildert“ gewesen sei, dass man nicht dennoch die häufigen Übereinstimmungen erkennen könne; die Varianten bildeten noch keine „Texttypen“ oder „Vorformen“. 121 Wenn D.C. Parker etwa von einem „lebendigen Text“ spricht, dann war dieser nicht derart amorph, dass man nicht doch durch die existierenden Textgestalten auf deren Genese schließen kann. 122 Nichtsdestotrotz haben postmodern inspirierte Forschende diese Überle‐ gungen und Gedanken zur Vorstellung eines undifferenzierbaren Text- und Variantendickichts aufgegriffen und die neutestamentliche Landschaft in den ersten beiden Jahrhunderten als wild, unkontrolliert, hektisch, unediert und frei sich entwickelnd gezeichnet. 123 Diese Vorstellung hat ihre Spuren bis in die jüngere Forschung hinterlassen, der zufolge die neutestamentlichen Texte erst allmählich fixiert worden seien und, solange sie in Handschriften gefasst waren, nur zu einem gewissen Maß stabil waren. 124 Kurz zusammengefasst bedeutet dies, dass sowohl die Grenzen von Samm‐ lungen diffuser zu konzeptualisieren seien wie auch das in ihnen Gefasste. Nimmt man jedoch die allerjüngsten Ansätze hinzu, findet sich in ihnen längst nicht mehr solch postmoderne Rhetorik. Sie sind vielmehr einer Perspek‐ tive verpflichtet, die ich, einem Vorschlag Jan N. Bremmers folgend, als Retro‐ moderne bezeichnet habe. 125 Dieser Sicht gemäß misst man erheblich weniger Spiel und mehr Ernst dem Arbeiten von Kopisten, Redaktoren und Schreibern 58 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="59"?> 125 M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 38. 126 H.A.G. Houghton, Ed. Liturgy and the Living Text of the New Testament. Papers from the Tenth Birmingham Colloquium on the Textual Criticism of the New Testament (2018). 127 So die Einleitung von ibid. xvii: „He (Wassermann) offers a counterbalance to Parker’s description of the uncontrolled aspects of early Christian textual tradition by observing that some manuscripts reflect a strict approach to the transmission of the Gospels which must also go back to the earliest period.“ Der Beitrag selbst: T. Wasserman, Was there an Alexandrian recension of the living text? (2018). 128 Vgl. etwa Jeff Cate, im zweiten Beitrag derselben Publikation, H.A.G. Houghton, Ed. Liturgy and the Living Text of the New Testament. Papers from the Tenth Birmingham Colloquium on the Textual Criticism of the New Testament (2018), xvii. Der Beitrag selbst: J. Cate, The Living Text of Mark 13: 2: Western Witnesses and the Book of Daniel (2018). 129 J.N. Birdsall, Review The Living Text of the Gospels by D. C. Parker (1999), 279. 130 Ibid. 287. 131 C.S. Stevens, History of the Pauline corpus in texts, transmissions and trajectories. A textual analysis of manuscripts from the second to the fifth century (2020). Zu einem vergleichbaren Ergebnis war nach Detailstudien bereits von Soden gekommen, wenn er schreibt: „Wieder ist deutlich, dass hinter den drei Rezensionen ein in der zu. Der Perspektivenwandel lässt sich etwa gerade an dem Band ablesen, der zum 20-jährigen Jubiläum von Parkers The Living Text of the Gospels im Jahr 2018 erschien. 126 Bereits der erste Beitrag von T. Wasserman bietet ein „Gegengewicht zu Parkers Beschreibung des unkontrollierten Aspekts der frühen christlichen Texttradition, indem er beobachtet, dass einige Handschriften einen strikten Zugriff auf die Überlieferung der Evangelien ausweisen, der auch auf die frühesten Anfänge zurückgehen muss“. 127 Doch er ist nicht der einzige Autor dieses Bandes, der in kritische Distanz zum „lebendigen Text“ geht. Gefolgt wird sein Beitrag von J. Cate, der gar nach „ursprünglichen“ Lesarten sucht, 128 eine Forschungsfrage, die Parker mit seinem Buch gerade zerstreuen wollte. Schon ein Altmeister der neutestamentlichen Zunft, J. Neville Birdsall, hatte in seiner Rezension zu Parkers Buch die Frage gestellt, ob er denn „meine, dass keines der Evangelien einen bestimmbaren literarischen Beginn habe, oder dass die Vorfahren eines unserer Evangelien aus einem Bestand gemeinsamen Materials zusammengestellt wurden […], Urtexte der frühesten Textformen sind, die wir nicht ausmachen können? “ 129 Und er schließt seine Rezension mit seiner eigenen Position, wonach er den „ausgesprochenen Pessimismus, was die Möglichkeit des Zugangs zu den frühesten Stadien der Tradition betreffe, die die Handschriften uns erlauben“, nicht teile. 130 Diese Gegenposition zur überzogenen Deutung des „lebendigen Textes“ wird gerade, was die paulinische Tradition angeht, jüngst durch Chr. S. Stevens bestätigt. 131 Er nennt in seiner §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 59 <?page no="60"?> Hauptmasse einheitlicher Text steht, den sie nur rezensiert haben“, H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 1962. Wenn auch auf anderem Weg, hatte bereits Diehl dafür argumentiert, was die lateinische Paulustradition betrifft, von einem einzigen Archetypen auszugehen, den er in die d-Tradition stellte, wenn auch nicht mit d identifizierte, vgl. E. Diehl, Zur Textgeschichte des lateinischen Paulus (1921), 106-107. 132 Das sei schon bemerkt worden von G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 272. 133 B. Aland, Neutestamentliche Textforschung und Textgeschichte: Erwägungen zu einem notwendigen Thema (1990), 187-188. Untersuchung zunächst vier Kritikpunkte an der Vorstellung, dass auf eine Zeit des Wildwuchses eine kirchliche Rezension zur Standardisierung erfolgt sei: Erstens gäbe es kein Zeugnis für einen Akt der standardisierenden Rezen‐ sion. 132 Zweitens besäßen wir keinen Hinweis auf eine Zurückweisung einer älteren redaktionell bearbeiteten Form. Drittens sei der Begriff der „Rezension“ unscharf. Viertens sei die Datierung vage, die allenfalls von verschiedenen Forschenden um das Ende des 2. Jh. angesetzt, aber von manchen bis ins Mittelalter aus‐ gedehnt werde, wenn etwa Barbara Aland schreibt, dass „in der frühesten Zeit unserer Überlieferung […] man als Schreiber mit dem Text eines Autors noch relativ frei umgehen [kann]“ und solche „frühe Freiheit“ Schreibern Gelegenheiten bot „zur Umformung und Neuformung des Stoffes“, was sich „grundlegend“ erst durch „die Verhältnisse vom 9. Jahrhundert ab“ geändert habe. 133 Wichtiger aber ist Stevens’ Beobachtung, dass entgegen der Annahme, dass frühe Zeugen wild voneinander abweichen, während spätere Zeugen einander stärker gleichen, mit Verweis auf den genannten Papyrus P 46 eine geradezu große Übereinstimmung an festem Textbestand zu erkennen sei. P 46 vergleicht er mit den frühen weiteren Zeugen, unseren ältesten großen Bibelhandschriften 01 (= Codex Sinaiticus), 02 (= Codex Alexandrinus), 03 (= Codex Vaticanus) und 04 (= Codex Ephraemi-Rescriptus), und kommt zu dem Ergebnis, dass P 46 zwar tatsächlich größere Varianzen aufzeigt gegenüber diesen Handschriften als diese Handschriften untereinander, dass jedoch P 46 dennoch durchschnitt‐ lich zu 96,9% mit den großen Handschriften 01-04 übereinstimmt, während etwa die jüngere Handschrift 06 (= Codex Claramontanus) „nur“ zu 95,2% mit diesen Handschriften übereinstimme. Auffallend sei überdies, dass gerade 06 und P 46 zwar die geringere Übereinstimmung von 94,3% aufweisen, jedoch 60 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="61"?> 134 C.S. Stevens, History of the Pauline corpus in texts, transmissions and trajectories. A textual analysis of manuscripts from the second to the fifth century (2020), 191. 135 Ibid. 192. 136 Ibid. 193. Vgl. ähnliche Ansätze in M.W. Holmes, Text and Transmission in the Second Century (2011), 60; W.L. Petersen, The Genesis of the Gospels (2002), 53-54; E.J. Epp and G.D. Fee, Studies in the theory and method of New Testament textual criticism (1993), 274. Epp spricht hier von einer „Übung in historisch-kritischer Imagination“. Vgl. zum argumentum e silentio meine Studie M. Vinzent, The Argument from Silence in Religio-Historical Research (2021). 137 C.S. Stevens, History of the Pauline corpus in texts, transmissions and trajectories. A textual analysis of manuscripts from the second to the fifth century (2020), 205. 138 Ibid. 206. „ähnliche Kategorien von Textvarianzen“ zeigten. 134 Gegen die Meinung eines verwilderten frühen Textes spricht auch der von Stevens angestellte Vergleich der bislang aufgefundenen 22 frühesten Papyri zu den Paulusbriefen, die eine „außergewöhnliche textliche Übereinstimmung und Uniformität mit den Ma‐ juskeln [also den genannten großen Bibelhandschriften 01-04.06]“ aufwiesen. 135 Nun will Stevens nicht irrigerweise behaupten, P 46 oder der Text einer der genannten Handschriften gäbe uns ein Autograph oder einen „Ausgangstext“, dazu verweist er auf die über 3.000 Textvarianten, die er aus den frühen Text‐ zeugen der ersten sechs Jahrhunderte mit fast 200 offenkundigen Fehllesarten durch seine Studie aufzeigt, doch sei „das verfügbare Material günstig und wesentlich […], um Licht auf das zu werfen, was unbekannt ist, nämlich den Textzustand in der Zeit, aus der wir bislang kein Material heben konnten“. 136 Aufgrund seiner Untersuchung der Varianten in den Handschriften bis zum 6. Jh. kommt Stevens zum Schluss, mehrere Szenarien nahezu ausschließen zu können. Hätte es, wie bereits Zahn annahm, individuelle Paulusbriefe gegeben, die bereits zu seiner Zeit von den Adressaten kopiert und verteilt worden seien, hätte es dann die Sammlung des Paulus selbst gegeben und wäre gegen das Jahr 200 n. Chr. noch eine dritte Form der Distribution hinzugekommen, dann lasse sich kaum erklären, warum die Handschriftentradition „so wenige alternative Varianten“ aufweise, nämlich präzise 177 oder 0.55% des gesamten Wortbestandes. 137 Ähnlich unwahrscheinlich sei es, dass Röm und Kol zu unterschiedlichen Zeiten in die Sammlung gelangt seien, denn auch hier fänden sich keine Varianten, die von einer Konkurrenz verschiedener Ausgaben dieser Briefe in Form der ursprünglichen Privatbriefe und der in die Sammlung aufgenommenen Briefe zeugten, und Röm und Kol unterschieden sich nicht grundlegend in der Anzahl von in den Handschriften existierenden Varianten. 138 Selbstverständlich haben sowohl Zahn wie Stevens lediglich die kanonische §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 61 <?page no="62"?> 139 Angemerkt sei, dass eine vergleichbare Beobachtung, was „die große Konformität der Textüberlieferung“ betrifft, auch für die syrische Tradition festgestellt wurde, vgl. B. Aland and A. Juckel, Das Neue Testament in syrischer Überlieferung. 2. Die paulinischen Briefe. Teil 2. 2. Korintherbrief, Galaterbrief, Epheserbrief, Philipperbrief und Kolosserbrief (1995), 8. 140 N.A. Dahl, The Origin of the Earliest Prologues to the Pauline Letters (1978), 253.263. 141 Er war sich durchaus bewusst, dass es im 2. Jh. in der Sammlung Markions und auch im Kanon Muratori, den er ebenfalls ins 2. Jh. datiert, abweichende Briefanordnungen gab, die er selbst auflistet, so H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 2. 142 Ibid. 1. 143 H.Y. Gamble, Redaction of the Pauline Letters and the Formation of the Pauline Corpus (1975). Sammlung paulinischer Briefe im Blick, anders als etwa Lietzmann, wie oben vermerkt. 139 Dass es bei einer historischen Beschreibung nicht nur, ja nicht einmal vorwiegend um Statistik geht, ja, dass man die aus diesen statistischen Beob‐ achtungen gewonnenen Einsichten in Einzelpunkten durchaus verschieden bewerten kann, werden wir bei den Detailbetrachtungen sehen, aber um einen ersten Eindruck zu gewinnen, sind solche statistisch erhobenen Zahlen aus dem Handschriftenmaterial sehr hilfreich. Insgesamt jedenfalls widerspricht Stevens der These von Niels A. Dahl, der behauptet hatte: „Auch wenn öfters angenommen worden ist, dass die gesamte Textüberlieferung der paulinischen Briefe auf einen einzigen gemeinsamen Archetyp der gesamten Sammlung zurückgeht, so ist diese Annahme doch unhaltbar [..,] eine plausible Erklärung wird dann möglich, wenn wir die Existenz von zwei ursprünglichen Editionen annehmen.“ 140 Gegen diese Theorie der zwei ursprünglichen Editionen (Privatbriefe, die einzeln in Umlauf sind und kopiert und verbreitet werden; die Sammlung dieser Briefe und ihre Reproduktion) setzt Stevens die ältere Position von Hans Lietzmann, der mit Blick auf die kanonische Sammlung 141 erklärt: „Alle uns erhaltenen Textformen der Paulusbriefe gehen auf eine einzige Sammlung zurück: kein Brief hat eine eigene Ueberlieferung. … Einzelhandschriften paulinischer Briefe gibt es nicht. … Aber noch weiter: diese Sammlung hat überall den gleichen Inhalt und auch im wesentlichen die gleiche Anordnung.“ 142 Stevens schließt sich Lietzmann an und fügt noch den Gedanken von H. Y. Gamble hinzu, wonach die Revisionen der Briefe erfolgt sein müssen, bevor die Briefe in Zirkulation gegangen seien, weshalb die Zahl der alternativen Lesarten so klein ausfallen konnte, 143 oder, fügt Stevens hinzu, sie müssen sehr 62 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="63"?> 144 T.-v. Zahn, Einleitung in das Neue Testament (1897), 114. 145 E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 95. 146 B. Nongbri, Pauline Letter Manuscripts (2013), 99; C.S. Stevens, History of the Pauline corpus in texts, transmissions and trajectories. A textual analysis of manuscripts from the second to the fifth century (2020), 202. 147 Dass der Zweite Petrusbrief die Apokalypse des Petrus aus dem zweiten Jahrhundert benutzt und darum später als bisher zu datieren ist, wurde gezeigt von W. Grünstäudl, Ein apokryphes Petrusbild im Neuen Testament. Zur Konstruktion apostolischer Autorität in OffbPetr und 2 Petr (2019); W. Grünstäudl, Geschätzt und bezweifelt. Der zweite Petrusbrief im kanongeschichtlichen Paradigmenstreit (2018); W. Grünstäudl, Der zweite Brief des Petrus. Eine Herausforderung für tolerante Geister (2018); W. Grünstäudl and T. Nicklas, Searching for Evidence: The History of Reception of the Epistles of Jude and 2 Peter (2014); J.N. Bremmer, The Apocalypse of Peter as the First Christian Martyr Text: Its Date, Provenance and Relationship with 2 Peter (2019). 148 Zur Datierung des Textes durch Zwierlein auf ca. 125, vgl. weiter oben Fußnote 54. 149 Für die Datierung der Sieben-Briefe-Sammlung in die zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts, vgl. J.N. Bremmer, The Place, Date and Author of the Ignatian Letters: An Onomastic Approach (2021); T.J. Bauer, Ignatius von Antiochia und Polykarp von Smyrna. Aporien bei der Analyse und Interpretation frühchristlicher Briefe (2021); M. spät erfolgt sein, also nach dem Tod der Erstlesenden, um dem Problem, auf das Zahn verwiesen hat, zu entgehen, dass Menschen, die noch den originalen Brief kannten, eine revidierte Form innerhalb einer Sammlung kaum als einen Paulusbrief akzeptiert hätten. 144 Zusammenfassung Überblickt man das Feld der vorgestellten fünf Positionen, gilt, dass die Annahme einer oder mehrerer älterer Sammlungen von Paulusbriefen vor Markion, wie die Neutestamentlerin E.-M. Becker formuliert, reine „Spekula‐ tion“ ist, 145 aber auch die Bandbreite von Textvarianten in den Handschriften eher für eine schmale statt breite Briefüberlieferung spricht und damit eine Bündelung von Briefen in einer redaktionellen Sammlung als Basis für deren Überlieferung stützt. B. Nongbri stellt ernüchternd fest, dass zwar keine der älteren und jüngeren Theorien der Genese von Paulusbriefsammlungen völlig auszuschließen sei, dass jedoch das verfügbare Material weder Anlass noch Akteure oder Motive hinter den Sammlungen offenkundig mache. 146 Aus diesen Überlegungen lässt sich ableiten, dass wir erstens kein Zeugnis für eine vormarkionitische Sammlung von Paulusbriefen besitzen - die Zeugen, die von mehreren Paulusbriefen sprechen (2Petr 3,15f.) 147 oder mehrere Paulusbriefe benutzen (1Klem, 148 Ignatius, 149 PolPhil 150 ) sind in ihrer Datierung nicht gesichert §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 63 <?page no="64"?> Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019). 150 Vor 167/ 168, vgl. die Einleitung. 151 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 31. 152 Von dem im zweiten Jahrhundert lebenden und in der Tradition Markions und Justins stehenden Tatian wird berichtet, er habe sowohl eine Evangelienharmonie wie auch eine Bearbeitung der Paulusbriefe vorgenommen, so Euseb. Caes., Hist. eccl. IV 29,6. -, so dass man mit Recht das Fazit unterstreichen kann, das A. Goldmann jüngst formulierte: „Im 2. Jh. existieren also (mindestens) zwei Sammlungen von Paulusbriefen. Es sind die beiden frühesten Fixpunkte, auf die sich die Forschung mit hinreichender Sicherheit berufen kann: die 10-Briefe-Sammlung und die 14-Briefe-Sammlung. Einigkeit besteht darin, dass diese beiden Textsammlungen in einem literarischen Abhängigkeitsver‐ hältnis zueinander stehen. Unklar bleibt zunächst jedoch, wie dieses literarische Abhängigkeitsverhältnis tatsächlich aussieht“. 151 Es gibt folglich nur zwei - wir können Goldmanns „mindestens“ ignorieren, weil wir von keiner weiteren Sammlung Nachricht haben, wie dargelegt - für uns fassbare Paulusbriefsammlungen aus den ersten beiden Jahrhunderten: Die ältere *10-Briefe-Sammlung, der „Apostolos“ des Markion, und die jüngere 14-Briefe-Sammlung, die uns bei Irenäus von Lyon gegen das Jahr 177 n. Chr. greifbar wird und wie sie uns schließlich in unserem kanonischen Neuen Testament vorliegt. 152 Später dürfte dann die Sammlung von P 46 als dritte Sammlung aus dem dritten Jahrhundert hinzugekommen sein. Dass die nach‐ folgende Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung schließlich doch zwei ihr vorausgehende paulinische Briefsammlungen wahrscheinlich macht, sei hier nur angedeutet - diese aber sind keine Spekulation, sondern ergeben sich aus Anlage und Material der *10-Briefe-Sammlung und widersprechen nicht den Beobachtungen etwa von Stevens. Aus all dem lässt sich erkennen, wie spannend das vorliegende Thema der Entwicklung der Sammlung paulinischer Briefe ist, und welche bis in unsere Zeit ungelösten Probleme sich mit ihm verbinden. Mit der Genese der Paulusbriefsammlung soll es nicht sein Bewenden haben. Vielmehr interessiert die inhaltliche Ausrichtung der Sammlung als ganzer und von deren Bestandteilen und zwar auf den verschiedenen Stufen ihrer Entwicklung, auch, was wir durch diese Profilierung an Einsichten für die Rekonstruktion der ältesten Sammlungen paulinischer Briefe und, wie wir entdecken werden, auch von deren Sammlungsrahmen, Markions *Neuem Testament bzw. der größeren Sammlung des Irenäus, lernen können. Es gilt 64 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="65"?> 153 P. Arzt-Grabner, A. II. Das Corpus Paulinum (2013), 15. 154 Vgl. Clem. Alex., Strom. VII 106. 155 Die Literatur zu Markion ist inzwischen gewaltig gewachsen, die Forschung vor 2010 fasst kritisch zusammen E. Norelli, Markion und der biblische Kanon (2016). folglich, wie es kürzlich in einem Paulushandbuch formuliert wurde: „Die älteste nachweisbare Sammlung geht auf Markion (um 140 n. Chr.) zurück.“ 153 Auf den Sammler, Markion von Sinope (gest. vor 161 154 ), und seine mögliche Rolle in der Entstehung der Sammlung soll weiter unten näher eingegangen werden. 155 §-2 Forschungsgeschichte zur Entstehung der paulinischen Briefsammlungen 65 <?page no="66"?> §-3 Das Verhältnis der 14-Briefe-Sammlung und der *10-Briefe-Sammlung Grundlegend gibt es lediglich drei vorstellbare Verhältnisbeschreibungen: Ent‐ weder ist a von b; b von a, oder a und b von x abhängig. Das bedeutet für unseren Fall, entweder ist eine der beiden Sammlungen die Grundlage der anderen, oder aber beide sind von einer ihnen vorausliegenden Sammlung abhängig. Dass der vorliegende Fall komplexer ist und sich der einfachen Logik entzieht, wird im Laufe der Untersuchung zu zeigen sein, da sich herausstellen wird, dass für die Erstellung der *10-Briefe-Sammlung nicht nur auf ältere Briefe bzw. Briefmate‐ rialien, sondern auf zwei Sammlungen von sieben Briefen ( ˟ Röm; ˟ 1/ ˟ 2Kor; ˟ Gal; ˟ 1Thess; ˟ Phil; ˟ Phlm) und drei Briefen ( km Laod; km Kol; km 2Thess) zurückgegriffen wurde, die einer gründlichen vorkanonischen Redaktion unterzogen wurden. Wie *Ev redaktionell zu den Versionen von km Lk, km Mt, km Mk und km Joh bearbeitet wurde, so wurde auch die *10-Briefe-Sammlung in einer ersten kanonischen Redaktion zu einer km 10-Briefe-Sammlung bearbeitet. Für die Produktion der 14-Briefe-Sammlung wurde diese km 10-Briefe-Samm‐ lung genutzt, der die drei sogenannten Pastoralbriefe und danach der Heb‐ räerbrief hinzugestellt wurden. Diese Sammlung wurde mit der die Briefe einleitenden oder ergänzenden Apostelgeschichte, mit den Katholischen Briefen und den vier vorkanonischen Evangelien verbunden. Der gesamte Verbund dieser Quellen wurde in einer zweiten kanonischen Redaktion bearbeitet und im Textbestand ergänzt. An die Stelle einer schlichten Genealogie tritt demnach eine miteinander verschachtelte differenzierte Abfolge von Redaktionen, die bislang nicht im Blick waren. Betrachtet man, wie in der Forschungsgeschichte das Verhältnis der *10-Briefe- Sammlung und der 14-Briefe-Sammlung bestimmt wurde, liegen folgende ge‐ nealogisch ausgerichtete Lösungsvorschläge vor: a. „a ist von b abhängig“: Die 14-Briefe-Sammlung ist die Grundlage, die *10-Briefe-Sammlung das Resultat von deren Bearbeitung Diese erste Position ist diejenige der häresiologischen Tradition. Bereits Ire‐ näus hatte behauptet, dass die Valentinianer die „Gleichnisse des Herrn, die Sprüche der Propheten und die Worte der Apostel“ ihren eigenen Spekulationen angepasst hätten, während er den Vorwurf der Veränderung und vor allem Verwerfung bzw. Verstümmelung dieser drei Schriftteile gegenüber Markion <?page no="67"?> 1 Vgl. Iren., Adv. Haer. I 8.1. 2 Iren., Adv. Haer. I 27,4. 3 Iren., Adv. Haer. III 12,12: Marcion, et qui ab eo sunt, ad intercidendas conversi sunt Scripturas, quasdam quidem in totum non cognoscentes, secundum Lucam autem Evan‐ gelium, et Epistolas Pauli decurtantes. 4 Tert., De praescr. 38. 5 Ibid. 6 Epiph., Pan. 42,11,12. 7 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 26. 8 Vgl. hierzu M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014). erhob. 1 Wohl weil Irenäus den verfälschenden Umgang mit der Schrift vor allem Markion anlastete, hatte er sich vorgenommen, Markion „aus dessen eigenen Schriften“ zu widerlegen, nämlich „den Reden des Herrn und der Apostel, die bei ihm Autorität besitzen“. 2 Diese Schriften waren seiner Meinung nach das Ergebnis von Markions „Verstümmelung, wobei sogar einige Bücher überhaupt nicht akzeptiert und insbesondere das Lukasevangelium und die Briefe des Paulus gekürzt wurden“. 3 Die Meinung, Markion habe sich bei seiner Redaktion auf die 14-Briefe-Sammlung gestützt, wurde nach Irenäus auch von Tertullian vertreten, wenn er ihm vorwirft, die Briefe des Paulus redigiert, geändert und gekürzt zu haben, und sich selbst dem offenkundig von Markion erhobenen Vorwurf erwehrt, „wir“, d. h. diejenigen, die die 14-Briefe-Sammlung nutzten, hätten den Text der Schriften „korrumpiert“. 4 Im Gegenzug wirft Tertullian dem Markion vor, „offen und ungeschützt sein Messer, nicht die Feder, benutzt zu haben, indem er die Schriften so zuschnitt, wie sie seinen Argumenten gepasst hätten.“ 5 Ganz in dieser häresiologischen Tradition bewegt sich auch Epiphanius von Salamis im 4. Jh., wenn er auf den „verdorbenen Verstand“ Markions die Kürzungen und Veränderungen am Text der Schriften und eben auch der paulinischen Briefe zurückführt. 6 Goldmann hat folglich richtig gesehen, dass „die Kirchenväter sich freilich mit einem Text auseinandersetzen, den sie selbst Marcion zuschreiben“. 7 Über Jahrhunderte hinweg, und zwar bis in die Zeit der Aufklärung hinein, folgte die Forschung dieser häresiologischen Auffassung und diese wurde trotz kritischer Gegenstimmen im späten 18. und frühen 19. Jh. erneut durch Hilgenfeld, Zahn, Harnack und andere verteidigt. 8 Für diese Forschung war die Abhängigkeitsrichtung klar: Ausgangspunkt bildete die 14-Briefe-Sammlung, die *10-Briefe-Sammlung bildete deren Redaktion. BeDuhn legt ausführlich dar, dass diese Position die derzeit geltende Mehr‐ heitsmeinung darstellt und den Luxus einer langen Tradition besitzt, weil sie schlicht die Standardversion der patristischen Häresiologen und Antimarkio‐ §-3 Das Verhältnis der 14-Briefe-Sammlung und der *10-Briefe-Sammlung 67 <?page no="68"?> 9 Ibid. 80. Auf ihr basieren auch die Ansätze von D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015); U. Schmid, Marcion and the Textual History of Romans: Editorial Activity and Early Editions of the New Testament (2013); U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012); J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989); A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924); T. v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 494-529. 10 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 80. 11 Ibid. Vgl. W. Sanday, The Gospels in the Second Century. An Examination of the Critical Part of a Work Entitled ‚Supernatural Religion‘ (1876), 223-230; J. Knox, Marcion and the New Testament. An Essay in the Early History of the Canon (1942), 90-96. Kritisch gegenüber Sanday (und Knox) ist H.J. Cadbury, Four Features of Lucan Style (1968), 88; H.J. Cadbury, Review of J. Knox, Marcion and the New Testament (1943), 126-127. 12 W.C. van Manen, Marcion’s brief van Paulus aan de Galatiërs (1887). Seine Arbeit bleibt leider in der jüngeren Markionforschung unberücksichtigt (Roth, Lieu, Klinghardt, Goldmann, Flemming), oder wird nur gestreift, U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 7; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 208, 358-359. 13 H.U. Meyboom, Marcion en de Marcionieten (1888), 146-164. 14 T. Whittaker, The Origins of Christianity with an Outline of Van Manen’s Analysis of the Pauline Literature (1904). 15 J. Turmel, „Martyr to the Truth“. The Autobiography of Joseph Turmel (2012); H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul I. L’épître aux Romains, traduction nouvelle avec introduction, notes et commentaires (1926); H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul II. La première épître aux Corinthiens, traduction nouvelle avec introduction et notes (1926); H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul III. La seconde épître aux Corinthiens, les épîtres aux Galates, aux Colossiens, aux Ephésiens, à Philémon, traduction nouvelle avec introduction et notes (1927); H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul IV. L’épître aux niten fortschreibe. 9 Allerdings, so gibt er zu bedenken, waren diese Autoren „nicht immer in der geeigneten Lage, zu wissen, worüber sie schrieben“. 10 Was die inneren Gründe wie Inhalt, Stil, Wortschatz und dergleichen betrifft, habe zwar W. Sanday bereits vor über hundert Jahren den Versuch gemacht, die Priorität des Lukas - wenn auch nicht der *10-Briefe-Sammlung - zu erweisen, doch sei dies durch J. Knox einer vernichtenden Kritik unterzogen worden, die bis heute nicht widerlegt sei. 11 Gleichwohl hat die lebendige Diskussion zur Stellung von Markion innerhalb der literarischen Produktion der frühen Christen im 19. Jh., genauerhin im Jahr 1853, weithin ein Ende gefunden, als sich die Mehrheitsposition etablierte, sodass diese seither nur noch von Stimmen am Rande, etwa eines W.C. van Manen, 12 H. U. Meyboom, 13 Th. Wittaker, 14 J. Turmel, 15 J. Knox, 16 R. J. Hoffmann, 17 D. S. Williams, 18 A. Gregory, 19 J. Tyson, 20 68 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="69"?> Philippiens, les épîtres aux Thessaloniciens, les épîtres pastorales, l’épître aux Hébreux. Traduction nouvelle avec introduction et notes (1928). 16 J. Knox, Marcion and the New Testament. An Essay in the Early History of the Canon (1942), 79-81. 17 R.J. Hoffmann, Marcion. On the restitution of Christianity: An essay on the development of radical Paulinist theology in the second century (1984), 113-334. 18 D.S. Williams, Reconsidering Marcion’s Gospel (1989), 478. 19 A.F. Gregory, The Reception of Luke and Acts in the Period before Irenaeus: Looking for Luke in the Second Century (2003), 173-210. 20 J.B. Tyson, Marcion and Luke-Acts: a defining struggle (2006). 21 Lieus Position ist schwer zu greifen. In ihrem opus magnum findet sich, wenn ich nichts überlesen habe, keine eindeutigere Aussage als die folgende: „the narrative account of the ministry, death, and resurrection of Jesus most probably was already referred to as ‚the Gospel‘, although that title was not identified exclusively with a particular text in written form; rather, it was he [Marcion] who so labelled the authentic version that he ‚restored‘. The written text with which he was familiar bore a strong resemblance to canonical Luke, particularly as attested within some surviving textual traditions, but likely it was in several respects shorter“, J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 436. (p. 436). Diesem Zitat zufolge, scheint Lieu damit zu rechnen, dass Markion sich einer Grundlage bedient hat, doch es wird nicht erläutert, ob diese mündlich oder schriftlich war, und es wäre hilfreich, wenn man wüsste, was die Autorin mit ‚familiar‘ gemeint hat: Hat Markion, wie von Klinghardt und seinen Schülern angenommen, lediglich einen Text benutzt, oder hat er ihn bearbeitet, ihn geschrieben? 22 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020); M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020). M. Klinghardt, Inspiration und Fälschung. Die Transzendenzkonstitution der christlichen Bibel (2013); M. Klinghardt, The Marcionite Gospel and the Synoptic Problem: A New Suggestion (2008); M. Klinghardt, „Gesetz“ bei Markion und Lukas (2006); M. Klinghardt, Markion vs. Lukas (2006); J. Heilmann, Die These einer editio princeps des Neuen Testaments im Spiegel der Forschungsdiskussion der letzten zwei Jahrzehnte (2018); A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020); T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022). 23 Vgl. zu den älteren Forschern D.T. Roth, Marcion’s Gospel and Luke (2008); M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), 145-158. J. Lieu, 21 M. Klinghardt, J. Heilmann, A. Goldmann und T. Flemming 22 und dem Verfasser dieses Buches hier in Frage gestellt worden ist. 23 §-3 Das Verhältnis der 14-Briefe-Sammlung und der *10-Briefe-Sammlung 69 <?page no="70"?> 24 H.U. Meyboom, Marcion en de Marcionieten (1888), 194-195. Es ist erstaunlich, dass in der neuesten Forschung diese wichtige Arbeit nicht mehr in den Bibliographien erscheint (vgl. BeDuhn, Lieu, Klinghardt, Goldmann, Flemming) oder nur kursorisch behandelt wird, D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 20-21. 25 Vgl. zuvor S.-68, Fußnote-15. 26 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013). Vgl. auch J. BeDuhn, New Studies of Marcion’s Evangelion (2017); J. BeDuhn, The New Marcion: Rethinking the „Arch-Heretic“ (2015). 27 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 204. 28 „If Marcion was unique in his time for the amount of authority he vested in Paul, perhaps he was the one who first collected some of Paul’s most important letters into a corpus. Adolf von Harnack explored this possibility in his classic study of Marcion, and others have endorsed it“, ibid. Er verweist auf P.L. Couchoud, La Première édition de Saint Paul (1926); R.J. Hoffmann, Marcion. On the restitution of Christianity: An essay on the development of radical Paulinist theology in the second century (1984). b. „b ist von a abhängig“: Die 14-Briefe-Sammlung ist eine Bearbeitung und Erweiterung der *10-Briefe-Sammlung Während der Fokus der Forschung in der Vergangenheit auf der Bestim‐ mung des Abhängigkeitsverhältnisses und darum der Bestimmung der Ab‐ hängigkeitsrichtung zwischen dem Evangelium der Sammlung Markions und dem Lukasevangelium lag, selten auf dem zwischen der *10-Briefe- und der 14-Briefe-Sammlung, wurde in jüngster Zeit Licht auf dieses Verhältnis ge‐ worfen und überraschenderweise gegen den langen Trend der Forschung die Abhängigkeitsrichtung umgedreht. Vorausgegangen war, dass bereits H. U. Mayboom im 19. Jh. die These, nachdem Markion das Ursprüngliche bewahrt habe, auch auf Paulus ausgedehnt hatte. 24 Es sei davon auszugehen, dass die kanonischen Schriften eine Bearbei‐ tung und Erweiterung der in Markions Sammlung vorliegenden Texte seien, eine Position, die im frühen 20. Jh. mit dem Namen J. Turmel (und seinen Pseudonymen Paul-Louis Couchoud und Henri Delafosse) verbunden ist. 25 Später im 20. Jh. griff J. D. BeDuhn die Position wieder auf. 26 Obwohl BeDuhn mit einer durch den Ersten Klemensbrief, den er gegen Ende des 1. Jh. datiert, bezeugten Zirkulation von Paulusbriefen rechnet, besteht er doch darauf, dass Markions Sammlung die erste ihrer Art ist, die wir aus den Quellen kennen. 27 Er spielt gar mit dem Gedanken: „Wenn Markion der einzige zu seiner Zeit war, der eine solche Fülle von Autorität Paulus zuschrieb, war er vielleicht derjenige, der als erster einige der wichtigsten Briefe des Paulus in eine Sammlung brachte. Adolf von Harnack hatte diese Möglichkeit bedacht … und andere hatten ihm zugestimmt.“ 28 Sodann sieht BeDuhn zwei Möglichkeiten: „Nimmt man an, dass Markions Sammlung die ursprüngliche Form der Briefe des Paulus 70 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="71"?> 29 „If one assumes that Marcion’s collection contained the original form of Paul’s letters, then the additional material found in the catholic version of the letters would be se‐ cond-century non-Pauline inventions, meant to ‚correct‘ the letters in a non-Marcionite direction. Alternatively, if one assumes that Marcion had edited the letters to suit his own purposes, then it could be that his opponents retrieved pre-Marcionite copies of the letters (and even additional letters) in their original form for their own rival collection“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 204. 30 „The variant readings … are not the product of Marcion’s editorial hand, but come from the comon textual tradition that Marcion shared with the ancestors of the catholic text“, ibid. 205. 31 Vgl. Ibid. 32 J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989); U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012); H.Y. Gamble, The New Testament Canon: Recent Research and the Status Quaestionis (2001). Gamble allerdings stützt sich auf die inzwischen widerlegte Position Dahls bezüglich der markionitischen Prologe als Zeugen für eine vormarkionitische Paulusbriefsammlung. 33 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 206. enthält, dann wäre das zusätzliche Material, das sich in der katholischen Version der Briefe findet nichtpaulinische Erfindung des zweiten Jahrhunderts, mit dem Ziel, die Briefe in eine nichtmarkionitische Richtung zu ‚korrigieren‘. Wenn man als Alternative annimmt, Markion habe die Briefe so editiert, dass sie seinen eigenen Zwecken gedient hätten, dann könnte es sein, dass seine Gegner vormarkionitische Briefkopien (und sogar zusätzliche Briefe) in ihrer ursprünglichen Form für ihre eigene kompetitive Sammlung gefunden haben könnten“. 29 Harnack habe für die zweite Position optiert, weil er sich nur so markionitische Lesarten in Zeugen katholischer Briefe erklären könne. Im Unterschied zu Harnack urteilt BeDuhn, dass solche Varianten „nicht das Produkt von Markions editorischer Hand sind, sondern aus der gemeinen Texttradition stammen, die Markion mit den Vorfahren des katholischen Textes teilt“. 30 Was Harnack und andere als markionitische Varianten in der hand‐ schriftlichen Tradition, vor allem im sogenannten „westlichen“ Text, betrachtet hatten, wären somit schlicht nichtideologisch begründete Varianten des katho‐ lischen Textes. 31 Schon vor BeDuhn hatten Clabeaux, Schmid und Gamble diese Einschätzung der Varianten vorgetragen. 32 BeDuhn zieht den Schluss, dass Markions Apostolos folglich nicht mehr die häretische Sackgasse für die Über‐ mittlung der Briefe des Paulus sei, sondern ein treuer und substantieller Zeuge für deren Existenz, Jahrzehnte vor ihrer weiteren Revision und Ausweitung im zweiten Jahrhundert und bevor wir irgendein handschriftliches Zeugnis derselben besitzen. 33 §-3 Das Verhältnis der 14-Briefe-Sammlung und der *10-Briefe-Sammlung 71 <?page no="72"?> 34 „We have some reason to think that he adopted the latter from an existing set compiled by some unknown collector of Paul’s letters. But Marcion put his distinctive stamp on all subsequent attempts to formalize a New Testament for the very reason that his particular ideology led him to elevate such a set of the letters of Paul to parity with an account of the life and teachings of Jesus himself.“ 35 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 214-215. Die 14-Briefe-Sammlung sieht BeDuhn als eine Bearbeitung der ihr vorauslie‐ genden *10-Briefe-Sammlung und schließt aus den Zeugnissen zur Existenz von Paulusbriefen und deren Sammlungen, dass Markion die erste, uns bekannte und greifbare Zusammenstellung von Paulusbriefen unternommen hat und zwar als integrales Element des ältesten und ersten uns bekannten „Neuen Testaments“. Er rechnet nicht mit einer anderen, ihr vorausliegenden, vormarkionitischen Sammlung. Und auch wenn es einige Gründe gäbe, einen solchen unbekannten Sammler anzunehmen, so habe doch Markion seinen „unverkennbaren Stempel auf alle folgenden Versuche, ein Neues Testament in eine Form zu bringen, gesetzt“, und zwar dadurch, dass er „eine solche Zusammenstellung der Paulus‐ briefe auf dieselbe Ebene gehoben habe wie den Bericht des Lebens und Lehrens von Jesus selbst“. 34 Zugleich reduziert er die Bedeutung Markions, indem er die Anordnung der Briefe wie die Inhalte oder Varianten, wie gesagt, nicht auf seine Redaktionstätigkeit zurückführt, sondern Spiegel einer existierenden breiteren Tradition begreift. Dabei unterscheidet er drei Möglichkeiten, was Markions Vorlagen betrifft, denen er sich zur Erstellung dieser Paulusbriefsammlung bedient haben kann: 35 1. Die Vorlage war bereits eine „ökonomische“ Redaktion der älteren Paulus‐ briefe, die aus diesen Briefen das entfernt hatte, was als Lokales und als Zeit- und Ortsbedingtes betrachtet wurde, um daraus ein Lehrkorpus zu schaffen oder ein solches für den generellen Gebrauch. 2. Markions Sammlung entstammt alternativen Ausgaben spezifischer Briefe, die Paulus oder seine Kollegen an verschiedene Zielgruppen (Heiden, Juden) adressiert hatten, oder man muss mit verschiedenen Versionen rechnen: versandte Versionen gegenüber solchen Versionen, die niederge‐ schrieben, später aber modifiziert oder erweitert sein konnten. 3. Markions Sammlung geht auf die nicht geordnete, freie Zirkulation von Kopien von Briefen des Paulus zurück, innerhalb derer auch freie Verän‐ derungen (wie Kürzungen und Erweiterungen) möglich waren, bevor es zu einer Standardisierung gekommen war. BeDuhn ist schließlich der Meinung, dass wir die romantische Vorstellung von einem einsamen Sammler aufgeben müssen, der die Autographe dieser Briefe 72 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="73"?> 36 „We have no idea how these texts actually took shape,“ Ibid. 217. 37 „Marcion did not compose these texts (even if there remains the separate question of whether he edited them to some degree).“ ibid. 9. 38 So T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022); A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 170-174. auf einer Reise von Gemeinde zu Gemeinde gesammelt hätte, sondern wir sollten stattdessen damit rechnen, dass die Sammlung auf Kopien des Paulus ruht, die durch ihn oder andere bearbeitet und erweitert sein konnten und im Mittelmeerraum zirkulierten. Diese genannte dritte Option stellt folglich seine bevorzugte Position dar, auch wenn er offen zugibt, dass er „keine Vorstellung davon hat, wie diese Texte tatsächlich Gestalt fanden.“ 36 Jedenfalls ist er der Meinung, dass Markion „diese Texte nicht selbst verfasst habe (auch wenn die davon unabhängige Frage bleibt, ob er sie zu einem bestimmten Grad redigiert habe)“. 37 In zwei Dissertationen, die unter M. Klinghardt als Promotionsarbeiten ent‐ standen sind, sprechen sich die Verfasser ausdrücklich dafür aus, dass, vergli‐ chen mit der im kanonischen Neuen Testament erhaltenen Paulussammlung, die Sammlung Markions die ältere sei und der kanonische Paulustext eine Redaktion derselben darstelle. 38 Dabei ist die Arbeit von Flemming bereits im Untertitel explizit, indem sie urteilt: „Marcion änderte nichts“. Insofern stellt diese Hypothese einen Sonderfall der logischen Option „b ist von a abhängig“ dar. Denn wenn Markion entgegen der häresiologischen Behaup‐ tungen kein Redaktor ist und die *10-Briefe-Sammlung nicht sein Produkt, sondern lediglich sein Objekt darstellt, dessen er sich bediente, dann dürfte man genauerhin nicht von einer Abhängigkeit b von a sprechen, sondern müsste sie der nachfolgenden Position „a und b sind von x abhängig“ zuordnen. Dies steht natürlich in Spannung zu dem, was von der modernen Forschung zur Nichtexistenz irgendwelcher historischer Hinweise auf eine vormarkionitische Paulusbriefsammlung gesagt wurde. Konsequenterweise macht sich Goldmann die ältere, wenn auch inzwischen häufiger bestrittene These von Dahl zu eigen, wonach die „markionitischen Prologe“, denen er wie Dahl den markionitischen Charakter abspricht, den Hinweis auf eine solch ältere Paulusbriefsammlung böten. §-3 Das Verhältnis der 14-Briefe-Sammlung und der *10-Briefe-Sammlung 73 <?page no="74"?> c. „a und b sind von x abhängig“: Die 14-Briefe-Sammlung und die *10-Briefe-Sammlung sind abhängig von einer älteren, unbekannten Quelle Diese Position, logisch grundsätzlich möglich, hat sich bisher noch niemand zu eigen gemacht, auch wenn die zuvor beschriebene Position 2 in der Auslegung Flemmings dicht an diese herankommt. Denn wenn a die von Markion nur benutzte, ältere *10-Briefe-Sammlung darstellt, dann ist es möglich, dass auch b nicht auf die von Markion benutzte *10-Briefe-Sammlung reagiert und diese redaktionell bearbeitet, sondern beide auf vor-a oder auch x zurückgreifen, eine Konzeption, an die auch Goldmann zu denken scheint, wenn er aus Origenes herauszuarbeiten versucht, dass es zur Zeit dieses Kirchenvaters des 3. Jh. mehrere 10-Briefe-Sammlungen gegeben habe. 74 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="75"?> 1 Dies bezieht sich etwa auf H.U. Meyboom, Marcion en de Marcionieten (1888). Vgl. hierzu A.v. Harnack, Meyboom, H. U., Marcion en de Marcionieten [Rezension] (1888). Dasselbe gilt für W.C. van Manen, Die Unechtheit des Römerbriefes (1906); R. Steck, Der Galaterbrief nach seiner Echtheit untersucht nebst kritischen Bemerkungen zu den paulinischen Hauptbriefen (1888); G.A. van den Bergh van Eysinga, Marcion als Getuige voor een voor-katholiek Christendom (1955); G.A. van den Bergh van Eysinga, Radical Views about the New Testament (1912); G.L. Rylands, A Critical Analysis of the Four Chief Pauline Epistles (1929). Hingegen ist van Manens Arbeit zum Galaterbrief sehr detailliert und darum auch zu Rate zu ziehen, auch wenn er meint, Markion habe am Text nichts geändert, sondern er habe uns den Brief „in den meest oorspronkelijken vorm“ („in der ursprünglichsten Form“) bewahrt, W.C. van Manen, Marcion’s brief van Paulus aan de Galatiërs (1887), 504. Ein spezieller Fall ist J.C. O’Neill, The recovery of Paul’s letter to the Galatians (1972). O’Neill bietet einige Bemerkungen zu Textvarianten, kommt jedoch meist zu theologisch geleiteten Entscheidungen, etwa zu Gal 1,4, wo er πονηροῦ tilgen will, wobei er auf eine „chain of textual variants“ hinweist, von denen aber nur eine einzige Hs. eine Version ohne diesen Terminus bietet, ibid. 18. 2 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855). Zu Hilgenfeld und den paulinischen Briefen, vgl. H. Pölcher, Adolf Hilgenfeld und das Ende der Tübinger Schule. Untersu‐ chungen zur Geschichte der Religionswissenschaft im 19. Jahrhundert. Diss. Teildruck §-4 Die früheren Editionen von *Ap Von den nachfolgend aufgeführten Editoren von *Ap folgen die ersten fünf - wobei Clabeaux keine Edition selbst, sondern eher Anmerkungen zu einer Edition bietet - der Priorität der 14-Briefe-Sammlung, was zur Folge hat, dass sie lediglich die Abweichungen notieren, die die 10 parallelen Briefe der *10-Briefe-Sammlung gegenüber dem kanonischen Text aufweisen. Einzig BeDuhn ist von der umgekehrten Priorität ausgegangen und bietet darum einen Fortlauftext für die Briefe, allerdings nicht in Griechisch, sondern in englischer Übersetzung, dafür aber mit ausführlichen und sehr hilfreichen Anmerkungen. Gewiss wäre noch eine Reihe anderer Forscher zu vermerken, die sich eingehend mit dem Text der *10-Briefe-Sammlung beschäftigt haben, doch weniger noch als Clabeaux bieten sie Details, aus denen man auf einzelne Lesarten des vorkanonisch angenommenen Textes schließen kann und die über das hinausgingen, was die genannten Editoren berücksichtigt haben. 1 a. Adolf Hilgenfeld Der älteste wissenschaftliche Versuch, „den Textbestand“ der *10-Briefe-Samm‐ lung, „soweit es möglich ist, wirklich herzustellen“, wurde im Jahr 1855 von Adolf Hilgenfeld (1823-1907) unternommen; Hilgenfeld entstammt der Tübinger Schule, 1858 gründete er die „Zeitschrift für wissenschaftliche Theo‐ logie“ und fungierte danach als deren Herausgeber. 2 Wie J. Zachhuber in seiner <?page no="76"?> (1962), B45-B56. Zu Hilgenfelds Stellung in der Tübinger Schule, vgl. J. Zachhuber, The‐ ology as Science in Nineteenth-Century Germany: From F.C. Baur to Ernst Troeltsch (2013), 124-130. 3 J. Zachhuber, Theology as Science in Nineteenth-Century Germany: From F.C. Baur to Ernst Troeltsch (2013), 124-125. 4 A. Hilgenfeld, Das Urchristenthum und seine neuesten Bearbeitungen von Lechler und Ritschl (1858), 58. 5 A. Hilgenfeld, Kritische Untersuchungen über die Evangelien Justin’s, der clementini‐ schen Homilien und Marcion’s. Ein Beitrag zur Geschichte der ältesten Evangelien-Li‐ teratur (1850), iii. 6 Ibid. 395. Zum Bemühen um einen wissenschaftlichen Text für *Ev vgl. auch A. Hilgenfeld, Das marcionitische Evangelium und seine neueste Bearbeitung (1853), 192-196. 7 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 429. Studie zum Manifesto der Tübinger Orthodoxie herausarbeitet hat, war bereits der Titel der Zeitschrift Programm und als Kritik am „theologischen Zeitstrom“ gedacht, auch wenn sich Hilgenfeld als „einsame Stimme in der Wüste der zeit‐ genössischen Theologie“ empfand. 3 In den ersten beiden Ausgaben der neuen Zeitschrift setzt sich Hilgenfeld kritisch mit Albrecht Ritschls Die Entstehung der altkatholischen Kirche auseinander und bezichtigt ihn als jemand, der sich als „offener Gegner der [Tübinger] Schule, aus welcher er hervorgegangen ist, und als Verfechter der gewöhnlichen apologetischen Auffassung des Urchris‐ tenthums“ entpuppt hat. 4 Hilgenfelds Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung nicht anders als die des markionitischen Evangeliums (*Ev) war Teil seines Versuchs, Schriften, die er für ebenso ursprünglich gehalten hatte wie die kanonischen, zusammenzu‐ bringen und deren „inneren Zusammenhang … darzustellen … als wesentliche Glieder dieser Literatur“ der „ältesten Kirche“. 5 Dabei zeigt sein Ansatz, dass nicht erst die jüngere Markionforschung unabhängig von einer vorausgesetzten Vorstellung einer markionitischen Theologie zu arbeiten versucht; denn schon Hilgenfeld schlug vor, abzusehen „von der dogmatischen Anstößigkeit mancher Stellen für Marcion’s System, wie von ihrer inneren Anstößigkeit und ihrer Unangemessenheit“ und zurückzugehen zum „Thatbestand, so weit er noch ermittelt werden kann,“ nämlich den „zuverlässigsten Quellen“. 6 Für seine Rekonstruktion des Paulus der markionitischen Sammlung griff Hilgenfeld auf „drei Hauptquellen“ zurück: Tert., Adv. Marc. V; Epiph., Haer. 42; und den pseud-origenianischen Dialogus de recta in Deum fide (Adamantiusdi‐ alog). 7 Die Rekonstruktionsarbeit für die paulinische Briefsammlung im Unterschied zu der des Evangeliums sah Hilgenfeld als eine leichtere an, weil Tertullian „hier und da den katholischen Text verglichen“, also „bei seiner Besprechung den 76 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="77"?> 8 Ibid. 432. 9 „However, in the latter [Tert., Adv. Marc. V] he draws attention to far more examples of Marcion’s ‚falsification‘ of the text of the Epistles than he had in the Gospel, noting both changes of single words, and extensive omissions such as the numerous ‚ditches‘ for which Marcion was responsible, particularly in Romans“, J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 235. 10 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 432. entsprechenden kanonischen Text bestimmter und klarer vor Augen gehabt“ habe, als bei seinem Kommentar zum Evangelium. Daraus schloss Hilgenfeld, dass man auch „diejenigen Anführungen paulinischer Stellen, welche in den vier ersten Büchern dieser Schrift vorkommen, im Allgemeinen auf das Gemeinsame des katholischen und des … Apostolikon beziehen und zur Herstellung des letztern hinzunehmen dürfe.“ 8 Dass man Hilgenfelds Optimismus und Anweisung nicht ohne Prüfung der Hinweise des Tertullian folgen darf, wird sich in der Rekonstruktion weiter unten zeigen. Kürzlich hat allerdings auch J. Lieu auf die Besonderheit von Tertullians Umgang mit den markionitischen Paulusbriefen im Unterschied zu dem mit Markions Evangelium hingewiesen. Sie schreibt, dass in Buch V von „Adversus Marcionem“ Tertullian „die Aufmerksamkeit auf erheblich mehr Beispiele von Markions ‚Verfälschungen‘ des Textes der Briefe richtet, als er dies zu dem des Evangeliums getan hat, indem er Änderungen einzelner Wörter vermerkt, auch ausführliche Auslassungen wie etwa die zahlreichen ‚Abgründe‘, für die Markion verantwortlich war, insbesondere im Römerbrief “. 9 Hilgenfelds Beobachtung ermunterte ihn jedefalls, auch Zitate aus Paulus, die in den ersten drei Büchern von „Adversus Marcionem“ zu finden sind, zu berücksichtigen, weil er der Auffassung war, sie seien „in dem marcionitischen Text des communis magister Paulus (III,14)“ gestanden. 10 Trotz dieser einleitenden Gedanken bietet Hilgenfeld keinen detaillierten griechischen Text der *10-Briefe-Sammlung, sondern geht die Briefe mit Blick auf ausdrückliche Bezeugungen von Text oder auch von Abwesenheitsnotizen der Zeugen durch und vermerkt lediglich, welche Abweichungen gegenüber dem kanonischen Textbestand durch die Zeugen angezeigt werden. Mit diesem Verfahren der Angabe nur von Abweichungen bietet Hilgenfeld das Format, in welchem bis zur Publikation von J. BeDuhns „The First New Testament“ im Jahr 2013 alle Versuche der Rekonstruktion von Markions „Apostolos“ unternommen wurden. Da auch BeDuhn keinen griechischen Text, sondern eine englische Übersetzung eines vorausgesetzten griechischen Textes bietet, sind §-4 Die früheren Editionen von *Ap 77 <?page no="78"?> 11 In Vorbereitung ist die Publikation einer elektronischen Ausgabe des griechischen Textes durch J. BeDuhn in Zusammenarbeit mit Mark Bilby, der der englischen Über‐ setzung von BeDuhn zugrunde liegt, wie beide einen solchen für *Ev vorgelegt haben, J.D. BeDuhn, Greek Edition of the First New Testament: ΕΥΑΓΓΕΛΙΟΝ“. Edited by Mark G. Bilby. v1.2 (2023); M.G. Bilby and J.D. BeDuhn, BeDuhn’s Greek Reconstruction of Marcion’s Gospel (2023). 12 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 409-529. Für Zahns Rekonstruktion von *Ev gibt es auch eine elektronisch lesbare Form, M.G. Bilby, Normalized Datasets of Hahn’s and Zahn’s Reconstructions of Marcion’s Gospel (2021). 13 Ibid. 410. Epiph., Pan. 42 (107,13-15 Holl). wir bis heute nicht im Besitz eines griechischen Rekonstruktionsversuches, auf Grundlage dessen Schlüsse zu Form, Inhalt, Sprache und Stil der vorkanonischen paulinischen Briefe gezogen werden können. 11 Die griechische Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung, die im Folgenden vorgelegt wird, ist folglich die erste, bei deren Erstellung jedoch auch die Ergebnisse Hilgenfelds und der späteren Bearbeiter berücksichtigt wurden. b. Theodor Zahn Im Anschluss an Hilgenfeld hatte sich Theodor Zahn erneut die Aufgabe gestellt, nach dem Muster von Hilgenfeld die Zeugen für Markions Paulus durchzugehen und auf die Abweichungen hinzuweisen, die sich aus diesen Zeugen für Markions Texte gegenüber dem kanonischen Paulus ergaben. 12 Er tat dies im Jahr 1892 im zweiten Teilband („Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band“) vom zweiten Band seiner „Geschichte des Neutestamentlichen Kanons“. Die Beilagen beginnen gleich mit der Beschreibung: „Marcions Neues Testament“ auf den Seiten 409-529. In der Art und Weise, wie Zahn (Hilgenfeld folgend) vorgeht, war er ein treuer Nachfolger des Epiphanius, aus dessen Vorrede zum Abschnitt über Markion Zahn auch gleich zitiert: „Aus dem bei ihm (Markion) vorhandenen Ev. haben wir das zur Widerlegung seines arglistigen Leichtsinns Dienliche hergesetzt, damit die, welche diese Arbeit lesen wollen, daran ein Übungsfeld des Scharfsinnes haben, zur Widerlegung der von ihm ersonnenen fremdartigen Lesarten.“ 13 Wie Hilgenfeld zuvor, legt auch Zahn folglich keinen fortlaufenden griechischen Text von Markions *Neuem Testament vor, sondern bietet ausschließlich die Abweichungen vom kanonischen Text, doch im Unterschied zu Hilgenfeld, der den von ihm rekonstruierten Text zu den wesentlichen Schriften der ältesten Kirche rechnet, rekonstruiert Zahn nur mehr ein Minderprodukt eines 78 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="79"?> 14 Ibid. 15 Ibid. 449. 16 Vgl. auch die eher kursorisch-kritische Rezension von A.v. Harnack, Meyboom, H. U., Marcion en de Marcionieten [Rezension] (1888). 17 H.U. Meyboom, Marcion en de Marcionieten (1888). 18 Ibid. 162-163. 19 Ibid. 195-196. 20 W.C. van Manen, Marcion’s brief van Paulus aan de Galatiërs (1887). 21 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 450. Häretikers. Voraussetzung für diese drastische Verschiebung ist der neue Zeit‐ geschmack, der aus dem Niedergang der aufklärerischen, kritisch-wissenschaft‐ lichen Beschäftigung mit den Anfängen des Christentums hervorgegangene romantisch-biedermeiersche Ersatz. Dieser drückt sich in der unhinterfragten Annahme aus, dass Markion einen ihm vorliegenden „altkirchliche[n] Text“ besitzt, von dem er bisweilen böswillig abweicht oder dem er ansonsten folgt bzw. ihn aufnimmt. 14 Zu dem vorgenannten Versuch Hilgenfelds, die paulinischen Briefe aus Mark‐ ions Sammlung zu bearbeiten, meint Zahn, er sei nicht einmal ein „einigermaßen eindringender Herstellungsversuch“ zu nennen. 15 Zahn setzt sich auch kritisch mit H.U. Meyboom auseinander, 16 der zwar keinen Rekonstruktionsversuch von Markions Neuem Testament vorzulegen gewagt habe, aber die Abweichungen listete, die er aus Tertullian bzw. Epiphanius herauslas. 17 Im Unterschied zu Hilgenfeld und Zahn hatte Meyboom als Ergebnis vorgetragen, dass er der apologetisch-häresiologischen Tradition überhaupt widersprechen müsse und Markion nicht für einen Redaktor oder Beschneider eines vorausliegenden kanonischen Textes ansehen könne, sondern als möglichen Verfasser (evtl. mit anderen) seines Evangeliums, 18 bzw. als Bewahrer der ursprünglichen Paulus‐ briefe. 19 Zahn hält Meybooms Studie in keinem Punkt für weiterführend, und er widerspricht auch W.C. van Manen, 20 der eine Rekonstruktion des Galaterbriefes von Markions Sammlung vorlegte, aufgrund derer er „zu beweisen gesucht [habe], daß nicht M[a]rc.[ion] den von der katholischen Kirche wesentlich unversehrt überlieferten Text dieses Briefes und somit aller Briefe des Paulus gefälscht habe, sondern daß ein Katholik nach Mrc.’s Zeit den von Mrc. in seiner ursprünglichen Form erhaltenen Brief in katholischem Geist überarbeitet habe“. 21 Den Widerwillen gegen diese Studie verhehlt Zahn denn auch nicht: §-4 Die früheren Editionen von *Ap 79 <?page no="80"?> 22 Ibid. 23 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012). 24 „Ein besonders krasses Beispiel dafür [für die historischen „Vorentscheidungen, die häufig diese Rekonstruktionsversuche belasten“, ibid.] ist die Arbeit von van Manen, der nachzuweisen versuchte, daß der marcionitische Text den ursprünglichen paulinischen Text des Gal bewahrt hätte, wohingegen der Text, den die ntl. HSS überliefern, auf eine katholische Bearbeitung zurückgehe. Die Auseinandersetzung mit van Manen hat Zahn (Geschichte II/ 2, S. 495-504) geführt und dabei die Haltlosigkeit von dessen historischen Konstruktionen anhand seines selektiven und teilweise fehlerhaften Umgangs mit den Quellen erwiesen“, U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 7. 25 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 450. „Ich bekenne, daß es mir Überwindung gekostet hat, meinen schon vor dem Er‐ scheinen dieser Arbeit fertiggestellten Text nachträglich mit kritischen Bemerkungen gegen diese holländische Arbeit auszustatten.“ 22 Zahn kritisiert insbesondere die Skepsis oder Zurückweisung des Adamantius‐ dialogs durch van Manen - wobei van Manen in dieser Hinsicht die spätere Position von Schmid 23 vorwegnimmt, der selbst erstaunlicherweise auf diesen Vorgänger lediglich durch die polemische Brille von Zahn eingeht 24 - und hebt die Tatsache hervor, dass „der von ihm so warm verfochtene marcionitische Text an sehr vielen Stellen bis in das 6., ja bis in das 9. Jahrhundert hinein in übrigens ganz katholischen Hss. fortgepflanzt worden und Jahrhunderte lang nach Mrc. ebensogut katholisch gewesen ist, wie der so eifrig bekämpfte Textus receptus.“ 25 Zahn benutzt hier das auch bei Klinghardt begegnende Argument, dass die Tatsache vom Auftauchen „markionitischer“ Lesarten in „katholischen“ Hand‐ schriften für einen Markion vorausliegenden Text spreche, wobei Zahn die Begründung nicht gänzlich ausführt, die uns Klinghardt liefert, wonach nämlich Lesarten eines Ketzers oder Erzketzers sich nicht in einen katholischen Text hätten einschleichen können, sondern solche Lesarten für das höhere Alter derselben sprechen. Zahn begnügt sich mit der polemischen Überlegung: „Wo bleibt dann der katholische Interpolator? Oder was für eine Vorstellung sollen wir uns von der katholischen Kirche machen, welche sich von diesem Interpolator halbe Kapitel ohne Widerrede und Ausnahme hat aufbinden lassen, während ganze Kirchenprovinzen an harmlosen kleinen Eigentümlichkeiten des ursprünglichen oder marcionitischen Textes wie δολοῖ statt ζυμοῖ […] Jahrhunderte lang festgehalten haben? Wenn man fortfährt, diese Art von Behandlung ernster Fragen die kritische 80 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="81"?> 26 Ibid. 450-451. Vgl. auch die eher kursorisch-kritische Rezension von W.C. van Manen, Marcion’s brief van Paulus aan de Galatiërs (1887). 27 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 454. 28 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 67*-127*. Auch hier liegt wie für Zahn ein Datenset im elektronischen Format für den griechischen Text vor, M.G. Bilby, Normalized Datasets of Harnack’s Reconstruction of Marcion’s Gospel (2021). 29 A. Harnack, Beiträge zur Geschichte der marcionitischen Kirchen (1876). Vgl. hierzu W. Kinzig, Harnack, Marcion und das Judentum. Nebst einer kommentierten Edition des Briefwechsels Adolf von Harnacks mit Houston Stewart Chamberlain (2004), 61-62. 30 W. Kinzig, Harnack, Marcion und das Judentum. Nebst einer kommentierten Edition des Briefwechsels Adolf von Harnacks mit Houston Stewart Chamberlain (2004), 60; A. Harnack, De Apellis gnosi monarchica: Commentatio historica (1874), 90-92. 31 W. Kinzig, Harnack, Marcion und das Judentum. Nebst einer kommentierten Edition des Briefwechsels Adolf von Harnacks mit Houston Stewart Chamberlain (2004), 60. zu nennen, so darf man sich nicht wundern, daß Andere das Wort ‚Kritik‘ als einen Euphemismus für ‚Gedankenlosigkeit‘ ansehen.“ 26 In seiner Rekonstruktion legt Zahn den Text Tischendorfs zugrunde und druckt nur „markionitische Texte, welche von Tischendorf abweichen“; 27 diesen gab er ausführliche Bemerkungen bei. Seine Ergebnisse werden bei unserer Rekonstruktion ebenso berücksichtigt wie die von Meyboom und van Manen. c. Adolf Harnack Den bislang größten Einfluss auf die Forschung nahm Adolf Harnacks Rekonst‐ ruktionsversuch in seinem opus magnum zu Markion vom Jahr 1921 (1924). 28 Mit seinen Forschungen zu Markion und dessen Schüler Apelles stellte er sich be‐ wusst in die Tradition der Tübinger Schule. Dies geht schon daraus hervor, dass Harnack seine „Beiträge zur Geschichte der marcionitischen Kirchen“ in Adolf Hilgenfelds „Zeitschrift für wissenschaftliche Theologie“ veröffentlichte. 29 Doch auch seine Arbeit zu Apelles erweist diese Selbstpositionierung. Kinzig ist der Schluss von Harnacks früher Arbeit zu Apelles (1874) aufgefallen, die „mit einer“, wie Kinzig meint, „merkwürdigen Wendung“ schließe: „Während die frühe Großkirche Apelles exkommuniziert habe, solle man ihn heute für einen echten Christen halten, ihn, ’der jeglicher Autorität entgegentrat und an der Heilsgeschichte geradezu desinteressiert war und statt dessen in mancherlei Dingen seiner eigenen, gleichwohl frommen Auffassung folgte.‘“ 30 In dieser Notiz sieht Kinzig korrekterweise eine „Spitze gegen die zu dieser Zeit noch durchaus einflußreichen Vertreter einer biblischen Heilsgeschichte …, die eine historisch-kritische Erforschung der Bibel weithin ablehnten“, 31 eine theologi‐ §-4 Die früheren Editionen von *Ap 81 <?page no="82"?> 32 Vgl. J. Zachhuber, Theology as Science in Nineteenth-Century Germany: From F.C. Baur to Ernst Troeltsch (2013), 124-130. 33 E. Kroymann, Ed. Tertullianus, De patientia, De carnis resurrectione, Adversus Her‐ mogenem, Adversus Valentinianos, Adversus omnes haereses, Adversus Praxean, Ad‐ versus Marcionem (1906); W.H.v.d. Sande Bakhuyzen, Ed. Der Dialog des Adamantius. Peri tēs eis theon orthēs pisteōs (1901). 34 H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe an die Römer (1919), 14-15. 35 A.v. Harnack, Marcion: das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1921), 48*, 161*ff; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 149*-167*. sche Richtung, gegen die bereits Hilgenfeld seine wissenschaftliche Zeitschrift gegründet hatte. 32 Auf Hilgenfeld und Zahn aufbauend und deren Vorschläge einer gründlichen Revision unterziehend, legte auch Harnack in einer kommentierenden Abfolge entlang der Briefordnung von Markions Paulussammlung die Abweichungen vom kanonischen Text dar und kommentierte seine Rekonstruktion der markio‐ nitischen Paulusvarianten im Detail. Anders als Zahn konnte er die textkritische Ausgabe von Tertullians „Adversus Marcionem“ durch Kroymann vom Jahr 1906 seiner Arbeit zugrunde legen und ebenso die von van de Sande-Bakhuyzen veranstaltete des Adamantiusdialogs vom Jahr 1901. 33 Vom Ansatz her unterscheidet sich Harnack nicht von Zahn, indem auch er von der apologetisch-häresiologischen Tradition ausgegangen war, dass Markion sich des kanonischen Textes der paulinischen Briefe bediente und ihn lediglich seinen eigenen Vorstellungen entsprechend anpasste und insbe‐ sondere Kürzungen und Auslassungen vornahm. Der größte Dissens - neben Details, in denen Harnack anderer Auffassung als Zahn war - zwischen beiden lag wohl in der Schlussfolgerung Harnacks, Tertullian habe nicht nur einen griechischen, sondern auch einen lateinischen Text von Markions Corpus Paulinum besessen, vermutlich eine Handschriftenbilingue, da sich die Schrift‐ zitate merklich im Wortmaterial und Stil von Tertullians Zitationsweisen in seinen anderen Werken unterscheide. Die Diskussion wurde später vielfach wieder aufgegriffen, meist zugespitzt nach eine der beiden Seiten hin - die Vorlage sei lateinisch oder griechisch gewesen. Hans Lietzmann hatte zunächst angenommen, die lateinische Übersetzung des vormarkionitischen griechischen Paulustextes sei denn auch zuerst in markionitischen Kreisen zu Propaganda‐ zwecken geschaffen worden - eine Vermutung, 34 gegen die Harnack heftig argumentierte. 35 Auf die Einwände Harnacks hin, urteilte Lietzmann in der nächsten Auflage seiner „Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe“, 82 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="83"?> 36 H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe: An die Römer (1928), 14-15. 37 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 150*. 38 Ibid. 39 Ibid. 150*-151*. 40 Ibid. 151*-152*. 41 Ibid. 152*. 42 Ibid. dass seine „in der vorigen Auflage dieser Einführung ausgesprochene Vermu‐ tung … unbeweisbar“ sei und mit „ernsthaften Bedenken“ bedacht wurde, völlig überzeugt schien er aber von der Gegenargumentation Harnacks nicht. 36 Tatsächlich hatte Harnack in einer ausführlichen Beilage zu seiner Textre‐ konstruktion darauf aufmerksam gemacht, der apologetisch-häresiologischen Annahme folgend, Markion habe einen älteren, bereits existierenden, katholi‐ schen Paulustext revidiert und gekürzt: 1. Markion habe „an viel zahlreicheren Stellen, als Tert.[ullian] es angibt, in den überlieferten Text der Paulusbriefe eingegriffen“. 37 2. „Die Eingriffe bestehen in großen Streichungen und in kleinen, aber oft sehr einschneidenden, ja sogar den Sinn des Textes an einigen Stellen in sein Gegenteil verkehrenden Korrekturen und Streichungen - größtenteils nachweisbar im Interesse seiner eigentümlichen Lehre“. 38 3. „Das griechische Apostolikon M.s […] stimmt mit seinem lateinischen Text […] im ganzen trefflich zusammen“. 39 4. „Der griechische und lateinische Text M.s [ist] je ein Zwillingsbruder des bilinguen Textes D [06], G [010] […] und daher ein Blutsverwandter der Itala und Vulgata … und zwar gerade dort, wo diese [D, 06, und G, 010] zusammenstimmen“, was „im höchsten Grade frappant“ sei, zumal es sich „um etwa 98 Stellen“ handele. 40 Das aber führe zu dem wichtigen Schluss, Harnack druckt ihn gesperrt, dass „der griechische und der lateinische M. Text die ältesten Zeugen für den WText der Paulusbriefe, die wir besitzen“, darstellten, „also die ehrwürdigsten Urkunden für diesen“ sind. 41 Hieraus folgerte Harnack, Markion habe seinen Apostolos wahrscheinlich erst in Rom abgefasst, außerdem seien folglich „eine sehr große Reihe von Eigentüm‐ lichkeiten der beiden M.Texte gegenüber den modernen Textrezensionen […] nicht Marcionitisch, wie man früher irrtümlich annahm, sondern der WText“. 42 Eine gewisse zirkuläre Argumentation liegt diesem Gedanken jedoch zu‐ grunde, da im Unterschied zu Zahn Harnack bereits in der Erstauflage seines Markionbuches durchaus mit einem Einfluss von Markions Text gerade auf §-4 Die früheren Editionen von *Ap 83 <?page no="84"?> 43 „[Die Bedeutung Markions] wird durch die Beobachtungen erwiesen, wie stark die Marcionitische Bibel als solche und auch durch ihren Text auf die katholische eingewirkt hat“, A.v. Harnack, Marcion: das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1921), 245. Beispiele bietet U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 12-13. 44 Dass dies für von Soden inkorrekt ist, wird gleich im Haupttext gezeigt. 45 A.v. Harnack, Neue Studien zu Marcion (1923), 27-28. 46 H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textge‐ stalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2030. den WText rechnet. 43 Beeindruckt durch Argumente von Bauer, Lagrange und Lietzmann, die „einen stärkeren Einfluß auf den Kirchentext“ annehmen, während „v. Soden […] (mit Zahn) [einen solchen] überhaupt in Abrede“ stellte, 44 verstärkte Harnack in „Neue Studien zu Marcion“ seine Position und formulierte, „daß ich den Einfluß des Marcionitischen Textes auf den Kirchentext noch etwas stärker hätte betonen, bzw. begründen können. Nicht nur erstreckt sich dieser Einfluß (wenn auch nicht sehr häufig) noch über den W-Text hinaus, sondern im W-Text selbst […] ist der Einfluß stärker nachweisbar. Dazu kommt, daß es einige Stellen im W-Text gibt, für die leider der Marcionitische Text nicht erhalten ist, bei deren Formulierung man aber fragen muß, ob sie nicht Marcionitischen Ursprungs sind“. 45 Tatsächlich hatte von Soden, nachdem er die Lesarten durchgegangen war, die er für markionitisch hielt, formuliert: „Dies alles kann unmöglich Zufall sein, wenn auch eine Anzahl Parallellesarten sich darunter finden. Aber ebenso erscheint ausgeschlossen, dass hier Μρ [Markion] und it gemeinsam aus einem alten Text schöpfen. Wie sollten dessen Lesarten, wenn er in Rom zur Zeit der Entstehung der lateinischen Übersetzung, die man nicht vor frühestens c. 220 wird ansetzen dürfen, noch bekannt war, meist in der ganzen griechischen Überlieferung spurlos verschwunden sein, zuweilen in K [eine der drei Haupttraditionen der griechischen neutestamentlichen Textüberlieferung nach von Soden], ganz selten in diesem oder jenem Codex aus den verschiedensten Lagern, einigemal auch in Ωρ [Origenes], plötzlich auftauchen? Viel einfacher jedenfalls ist die Annahme, dass diese Lesarten mit dem Marcionitismus sich in Rom erhielten und da und dort aus dessen Paulusbuch irgendwo wie Flugsamen Boden fanden.“ Doch wenig später schließt er: „Es bleibt nur eine Möglichkeit: direkte Beziehung.“ Und weiter: „Eine Durchforstung der übrigen Textzeugen nach Μρ-Lesarten lässt die eben besprochene Erscheinung in it und K nur noch auffallender erscheinen.“ 46 84 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="85"?> 47 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 13, 21-22. 48 Zustimmung erfuhr Harnack durch H. von Soden, Der Lateinische Paulustext bei Mar‐ cion und Tertullian (1927). Er hält Harnacks Beweis für „unwiderleglich“ (ibid. 229). Mit Harnack stimmen auch überein E.C. Blackman, Marcion and his influence (1948); K.T. Schäfer, Der griechisch-lateinische Text des Galaterbriefes in der Handschriftengruppe D E F G (1935); K.T. Schaefer, Die Überlieferung des altlateinischen Galaterbriefes [T.] 1 (1939), 17; H.J. Vogels, Handbuch der Textkritik des Neuen Testaments (1955), 79; H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 116-117; T.P. O’Malley, Tertullian and the Bible. Language, Imagery, Exegesis (1967), 37-63. Eine Kritik an Harnack legte Gilles Quispel mit seiner Utrechter Dissertation des Jahres 1943 vor, veröffentlicht als G. Quispel, De Bronnen van Tertullianus‘ Adversus Marcionem (1943). In ihr legte er gegen Harnack dar, Tertullian habe einen griechischen Markiontext benutzt. Dieser Kritik sind beigetreten: H.J. Frede, Epistula ad Ephesios (1962), 30*; B. Fischer, Das Neue Testament in lateinischer Sprache. Der gegenwärtige Stand der Forschung (1972), 26, 44-45. Ge‐ stützt wurde diese Position inzwischen durch U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 40-59. Eve-Marie Becker urteilt: „Ob Tertullian eine lateinische Übersetzung des marcionitischen Apostolikon benutzte oder den griechischen Text vor sich hatte, den er ad hoc übersetzt, läßt sich meines Erachtens nicht evident nachweisen“, auch wenn sie dann hinzufügt, dass sich „Indizien für die Vermutung anführen“ lassen, Tertullian sei ein lateinischer Text des Apostolikons vorgelegen, E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 108. Auch wenn Lieu der Meinung ist, die Frage sei noch nicht entschieden, tendiert sie zum gegensätzlichen Urteil, J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 109. Wenn dem aber so wäre, wie kann man dann noch beim Vorkommen von für Markion bezeugten Lesarten, die sich auch in anderen Handschriften finden, schließen, Markion habe sie aus einem älteren Exemplar genommen? Von Soden schließt dies aufgrund der von ihm festgestellten Phänomene aus. Entschei‐ dungskriterium könnte dann lediglich noch sein, dass nur solche Lesarten als genuin markionitische genommen werden, die eine theologisch-markionitische Tendenz aufweisen. Schmid 47 und nach ihm insbesondere Roth und Klinghardt werden gerade deshalb gegen eine theologisch-orientierte Rekonstruktionsme‐ thodologie argumentieren von welcher schon Hilgenfeld Abstand nahm. Auch wenn die Forschung inzwischen feststellte, dass bezüglich der Sprache des von Tertullian genutzten Apostolos keine letzte Sicherheit zu gewinnen ist und die Tendenz der Forschung sich eher gegen Harnacks Urteil neigte, 48 sind dennoch seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen von herausragender Be‐ deutung, zumal die nächsten Generationen sich mit ihnen intensiv beschäftigen §-4 Die früheren Editionen von *Ap 85 <?page no="86"?> 49 H. von Soden, Der Lateinische Paulustext bei Marcion und Tertullian (1927). Vgl. auch die durch diesen Aufsatz angeregte Arbeit von A.J.B. Higgins, The Latin Text of Luke in Marcion and Tertullian (1951). Von Sodens Aufsatz wird leider selten ausgewertet, er hätte die Forschung v. a. auf die Korrektur in *Gal 1,8 aufmerksam machen können. Interessant ist auch sein Urteil, dass Tertullian „eine durchaus sichere Basis für text- und übersetzungsgeschichtliche Kritik“ bietet (ibid. 239). Ein Desiderat der Forschung wäre es, die durch von Soden gegebenen lateinischen Begriffe des vorkanonischen *Paulus mit dem lateinischen Text der weiter unten zu behandelnden Bilinguenfamilie 06, 010, 012 usw. zu vergleichen, was über diese Einleitung hier weit hinausführen würde. Einen Hinweis aber gibt von Soden bereits, indem er im Vergleich des lateinischen Übersetzungsvokabulars mit der Lexik von Tertullian und Cyprian feststellt, dass der lateinische Text Markions näher bei den lateinischen Bilinguen steht als zu diesen Kirchenvätern, so ibid. 268-277. 50 J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989). 51 Schmid nennt beides ein großes Ärgernis, U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 22. mussten, wie etwa Hans von Sodens langem Aufsatz „Der lateinische Paulustext bei Marcion und Tertullian“ zu entnehmen ist. 49 d. John James Clabeaux Eine gründliche Studie zur Frage der paulinischen Briefe in der Sammlung Markions legte schließlich J. J. Clabeaux im Jahr 1989 vor, die Überarbeitung seiner Harvard-Dissertation vom Jahr 1983: „A lost Edition of the Letters of Paul: A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion“. 50 In dieser versucht er zu zeigen, Markion habe einen bereits zuvor autoritativen, vormarkionitischen griechischen Paulustext benutzt, diesen nur in ganz sel‐ tenen Fällen leicht überarbeitet und erlaube damit einen Zugang zu dem von ihm bezeugten, aber eben nicht geschaffenen neutestamentlichen Text. Leider untersucht er selbst lediglich die Briefe *1Kor, *Eph/ Laod, *Phil, *Kol, *1/ *2Thess, d. h. *2Kor und *Röm bleiben außer Betracht, und auch aus den berücksichtigten Briefen bietet Clabeaux lediglich eine nicht immer durchsichtige Auswahl von Passagen, die er bespricht. 51 Was die Varianten betrifft, die von den Zeugen (Tertullian, Adamantius, Epiphanius) als Abweichungen gegenüber dem kanonischen Text aufgeführt werden, fänden sich viele auch in Handschriften, die der Vetus Latina zugeordnet werden, was den Schluss nahelege, dass sie nicht von der Hand Markions stammten, sondern direkt oder indirekt aus der römischen Tradition von ihm übernommen wurden. Sie seien folglich keine tendenziösen Korruptionen Markions. Stattdessen gehöre seine Vorlage zu dem „westlichen“ Bibeltext, 86 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="87"?> 52 J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 5. 53 Ibid. 16-39. 54 Zu diesem Kriterium hat U. Schmid, aufbauend auf der Rezension zu Clabeaux von G.D. Fee darauf hingewiesen, dass die Kombination von „textual trivia“ und deren Wieder‐ kehr nicht nur in Hss., sondern auch bei Kirchenvätern zu einem verzerrten Gesamtbild führen kann, etwa, was Lesarten betrifft, die nicht genealogisch von Bedeutung sind, weil sie unabhängig voneinander entstehen können wie „Auslassung/ Zufügung von gliedernden Partikeln, oder Artikeln, Austausch von Singular/ Plural bei Nomina bzw. Tempora bei Verbalformen, Vertauschung von synonymen Präpositionen oder Kon‐ junktionen“, so U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 19 Anm. 80. Vgl. G.D. Fee, Review of J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul: A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus Attested by Marcion (1991). Eine Lektüre von Fee verstärkt diese Kritik, weil „die meisten der 82 ‚sicheren‘ Lesarten“ solche Trivialitäten darstellen und außerdem 10 % derselben aus einer einzigen fraglichen Stelle, nämlich zu Eph 5,28-32 stammen. Aufgrund der wichtigen Bemerkungen von Fee sind auch diese Trivialitäten in unserer Rekonstruktion berücksichtigt. womit Clabeaux die Hauptfolgerung Harnacks bestätigt. Folgerichtig wollte Clabeaux keinen durchgehenden Rekonstruktionsversuch des markionitischen Paulustextes vorlegen, sondern vielmehr auf eine Rekonstruktion des vormar‐ kionitischen Textes der Paulusbriefe hinarbeiten. Diesbezüglich stellt er 82 „sichere“ und 47 „mögliche vormarkionitische Lesarten“ vor. Dem „Maximalismus“ Harnacks stellt er seinen eigenen „Mi‐ nimalismus“ entgegen, indem er weniger als die Hälfte von Harnacks vom kanonischen Text abweichenden Lesarten akzeptiert. 52 Die Arbeit zeichnet sich durch das Bemühen um methodologische Sorgfalt aus. Um überhaupt Textzeugen und deren Referate bzw. Zitate qualifizieren zu können, erstellt Clabeaux 11 Kriterien, und zwar fünf Positiv- und sechs Negativkriterien. 53 Wegen ihrer Bedeutung seien sie hier aufgeführt: Zunächst die Positivkriterien: 1. Ein ausdrückliches Zitat; 2. Die Vollständigkeit eines Zitats; a. Unter Bewahrung der ursprünglichen Reihenfolge der Wörter; b. Zitat vom Anfang eines Paragraphen in Adv. Marc. V, welches Tertul‐ lian anschließend auslegt (gilt also nur für den Zeugen Tertullian); 3. Einleitung als Zitat; 4. Lesarten, die auch in der Parallelüberlieferung in Hss. zu finden sind; 54 5. Lesarten, die von mehr als einem Zeugen Markion zugeschrieben werden; Sodann die Negativkriterien: §-4 Die früheren Editionen von *Ap 87 <?page no="88"?> 55 H. von Soden, Der Lateinische Paulustext bei Marcion und Tertullian (1927). 56 G.D. Fee, Review of J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul: A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus Attested by Marcion (1991), 320. 57 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012). 58 See J. BeDuhn, New Studies of Marcion’s Evangelion (2017), 9. 1. Bewusste polemische Veränderung durch den Textzeugen; 2. Sprachlich bedingte Variante (erneut Tertullian mit Blick auf durch Latein bedingte Varianten); 3. Inkonsistente Zitate bei ein und demselben Zeugen; 4. Inkonsistenzen zwischen mehreren Zeugen; 5. Unverlässlicher Zeuge; 6. Zitat entspricht Zitiertendenz des Zeugen. Auch wenn man diese Kriterien sinnvollerweise der eigenen Arbeit zugrunde legt, wird man kaum zu so sicheren Urteilen gelangen, wie von Clabeaux angenommen. Fee hat zu Recht auf den (mindestens) vierstufigen Prozess aufmerksam gemacht, der bei jeder Rekonstruktionsarbeit von Markions Text zu berücksichtigen ist: 1) der Blick auf die Handschriften, die den Vätertexten zugrundeliegen, aus denen wir die Kommentierung von Markions Text ziehen - hierauf hat besonders von Soden seinen Blick bezüglich Tertullians gerichtet; 55 2) der textkritische Schluss auf einen annähernd verlässlichen Text dieser Väter; 3) über diesen auf den paulinischen Text Markions; 4) der Rückschluss auf mögliche eigene Fehler, Änderungen usw. Markions. 56 Unter Berücksichtigung dieser Kritik werden Clabeaux‘ Vorschläge zu den entsprechenden Stellen in der Rekonstruktion beachtet. e. Ulrich Schmid Wenn auch kein Neuansatz, was die vorangegangene Forschung betrifft - immer noch wird unkritisch das apologetisch-häresiologische Bild des sekundären Markion gezeichnet, der sich eine kanonische Vorlage aneignet -, so legt doch U. Schmid im Jahr 2012 die bis dahin gründlichste Auseinandersetzung mit dem markionitischen Paulustext vor. 57 Sie geht zurück auf seine unter Barbara Aland angefertigte Dissertation an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Seine Arbeit galt und gilt gerade wegen ihrer umsichtigen Behandlung der Textzeugen als wegweisend. 58 Zurückhaltend etwa ist Schmid gegenüber der Benutzung des Adamantiusdialogs als Quelle für die Rekonstruktion, andererseits achtet er gegenüber seinen Vorgängern systematisch auf die bereits von Clabeaux 88 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="89"?> 59 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 26-31. 60 Ibid. 19-20. 61 Ibid. 15. angemahnten Zitiergewohnheiten der Textzeugen, woraus Schmid ein zentrales Rekonstruktionskriterium ableitet. Dieses stellt darum auch den ersten Punkt seiner methodischen Grundlegung dar. Auch wenn Zeugen behaupten - gerade Tertullian gegenüber ist er diesbezüglich kritisch -, sie würden aus Markions Text argumentieren und ihn widerlegen, sei Vorsicht angebracht. Um hier zwi‐ schen Behauptung und Tatsache unterscheiden zu können, betrachtet Schmid die Gewohnheiten, mit denen die Zeugen sonst dieselben Schriftzitate anführen, wenn auch wegen der Materialfülle nur in Auswahl. 59 Die Zitiergewohnheit ist zudem ein Kriterium, das gemessen an Handschriften noch größeres Gewicht bei Referaten und Zitaten aus Kirchenvätern besitzt: „Während man nämlich dem Abschreiber einer HS aufs Ganze gesehen von vorne‐ herein unterstellen darf, daß er nicht nur eine real existierende HS (vielleicht ein korrigiertes oder defektes Exemplar) abschreiben wollte, sondern dies auch wirklich getan hat, wissen wir im besten Fall etwas darüber zu sagen, daß ein Kirchenvater ‚den Herrn‘, ‚den Apostel‘ oder ‚die Schrift‘ zitieren wollte, wenn er ein Bibelzitat darbot. Ob und wie häufig er wirklich eine HS konsultiert hat (warum sollte er im übrigen nicht auch mehrere HSS gekannt haben? ), bzw. wie genau er den Text einer konkreten HS wirklich ‚im Kopf hatte‘, wissen wir nicht. Wir können nur immer wieder feststellen, daß sich viele seiner Lesarten in diesen oder jenen HSS finden, einige finden sich allerdings auch in keiner HS (mehr? ), so daß sie gar als Produkt seiner ‚Zitiergewohnheit‘ aufgefaßt werden müssen, und gelegentlich hat sich der Vater auch in der Zitatzuweisung geirrt.“ 60 Differenziert und kritisch betrachtet Schmid auch die Gegenüberstellung des sogenannten „markionitischen“ Texts gegenüber dem „katholischen“ Text. Als Beispiel wählt er drei Repräsentanten des „katholischen“ Texts: P 46 , B (03) und G (012). Hierzu führt er richtig aus, dass man „erst noch genauer“ beschreiben müsste, was denn „katholisch“ überhaupt bezeichne, da „abgesehen davon, daß B eine Voll-HS ist, während P 46 und G Paulus-HSS sind […] die Paulusbriefe in diesen drei HSS weder nach Anzahl, Anordnung und Umfang noch im Blick auf eine gemeinsame Vorlage oder gar Revision überein[stimmen]. Lediglich im Gegenüber zum ‚marcionitischen‘ Text gewinnen diese drei HSS ein gemein‐ sames Profil, nämlich das, daß sie nicht ‚marcionitisch‘ sind“. 61 Leider stellt Schmid nicht die Frage, welche Rückschlüsse man ziehen müsste, wenn das einzige klare Gegenprofil das des markionitischen Textes bildet, während das, §-4 Die früheren Editionen von *Ap 89 <?page no="90"?> 62 D.S. Williams, Reconsidering Marcion’s Gospel (1989); K. Tsutsui, Das Evangelium Marcions. Ein neuer Versuch der Textrekonstruktion (1992). 63 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 11. 64 Ibid. 40-59. 65 Ibid. 58. 66 Zu Tertullian, ibid. 60-149. Zu Epiphanius, ibid. 150-196 („cum grano salis nicht so zu‐ verlässig wie das [Zeugnis] des Tertullian“, ibid. 196). Zu Adamantius, ibid. 197-236 („der Dial.-Verfasser … und/ oder einige seiner Quellen [hatten] keine authentische Kenntnis des marcionitischen Textes“, ibid. 236). Zu Origenes, ibid. 237-240, insbesondere zu Röm 15-16 und der Doxologie urteilt Schmid: „Wenn … die erste Behauptung, Marcion selbst habe die letzten beiden Kapitel gestrichen, akzeptiert wird, dann muß die zweite, jene anderen HSS [von denen Origenes spricht] seien nicht von Marcion abhängig, in letzter Konsequenz bestritten werden“, ibid. 240. Sodann folgen einige Bemerkungen zu indirekten Zeugnissen des Hieronymus, die Gal betreffen und unterschiedlich zu bewerten sind, ibid. 240-242. 67 Ibid. 243-283. was gewöhnlich unter „katholisch“ gefasst wird, ein breiter Hut ist, unter dem vielerlei verschiedengestaltige Texte zusammengefasst werden. Nach einem gründlichen und kritischen Überblick über die früheren Rekonst‐ ruktionsversuche und der hinter ihnen liegenden Methodologien von Zahn über Harnack bis Clabeaux, wobei er auch die Rekonstruktionsüberlegungen zum markionitischen Evangelium von Williams und Tsutsui einschließt, 62 widerspricht er Harnack, der markionitische Bibeltext sei einer ständigen Revision durch Markion und seine Schüler ausgesetzt gewesen, weshalb er selbst davon ausgehe, „daß sich die Quellen im großen und ganzen auf ein und denselben marcionitischen Text beziehen“. 63 Um diesen markionitischen Text der Paulusbriefe zu sichern, bietet Schmid nach seinen methodologischen Überlegungen auch noch einen Exkurs „Zum Problem einer lateinischen Über‐ setzung des marcionitischen Apostolikon bei Tertullian“, 64 wobei er ausführlich die Positionen von Harnack, von Soden und Zimmermann prüft und zum Schluss kommt, dass die „wahrscheinlichste Annahme“ ist, „daß Tertullian den marcionitischen Text ad hoc aus dem Griechischen übersetzte“, was nicht „die Existenz einer lateinischen Übersetzung der marcionitischen Bibel generell in Frage“ stelle, sondern „lediglich die Frage nach einer lateinischen Übersetzung der marcionitischen Bibel in der Hand Tertullians“ problematisiere, so dass sich eine lateinische Bibel Tertullians als „extrem unwahrscheinlich“ erweise. 65 Im Anschluss an seine methodologischen Überlegungen, die insbesondere die Zitiergewohnheiten seiner Zeugen detaillieren, wobei er auch auf eine Fülle einzelner Stellen eingeht, 66 bietet Schmid, nachdem er einen „Überblick über das erhaltene Material gibt“; 67 und eine Untersuchung der marcionitischen 90 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="91"?> 68 Ibid. 284-308. Auf diesen Teil werde ich im nächsten Kapitel näher eingehen. 69 Ibid. I/ 314-344. 70 Ibid. 308. 71 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013). Paulusbriefsammlung und des Corpus Paulinum anfügt, 68 eine Rekonstruktion der seiner Meinung nach für Markions Sammlung bezeugten Verse mit den jeweils in den Fußnoten beigegebenen Bezeugungen. 69 Dieser Text der pau‐ linischen Briefe sei jedoch nicht das Produkt Markions, er sei nur dessen „Promotor“ gewesen, denn Markions „Heilige Schrift“ habe, „zu einem Teil in dieser distinkten Form schon längst vor Marcion […] existiert“ und sei „auch kirchlich rezipiert“ worden; „ob sie dann von Marcion […] weiter zusammen‐ gestellt und bearbeitet wurde“, sei „letztlich nicht entscheidend“. Schmid fügt hinzu: „Daß die Verbreitung einer vormarcionitischen Paulusbriefausgabe mit kämpferischem und exklusiv paulinisch-heidenchristlichem Profil ein idealer Anknüpfungspunkt für die marcionitische Propaganda war“, scheine ihm „eine plausible Hypothese zu sein, die den Erfolg der marcionitischen Kirche erklären helfen kann“. 70 f. Jason BeDuhn Ein weiteres und bislang letztes Kapitel der Rekonstruktion der paulinischen Briefe in der Sammlung Markions schrieb im Jahr 2013 Jason BeDuhn mit der Monographie „The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon“, auch wenn diese nur den englischen Übersetzungstext, nicht den griechischen Urtext rekonstruiert. 71 Auch bei diesem Werk zeigt sich, wie weiterführende Forschung einerseits auf den Ergebnissen der Vergangenheit ruht und zweitens innovative Neuansätze hinzukommen, die im Zusammenspiel einen Erkennt‐ nisgewinn bedeuten. Erstmals in der Geschichte der Rekonstruktionsversuche des markionitischen Neuen Testaments wurde es unternommen, nicht nur die Abweichungen des Textes gegenüber dem kanonischen Text aufzulisten, sondern sowohl was das Evangelium wie auch die paulinischen Briefe betrifft mit dem Umstand Ernst zu machen, dass wir es bei beiden Teilen der Sammlung ursprünglich nicht mit zusammenhanglosen Fragmenten oder Bruchstücken zu tun haben, sondern mit narrativen Zusammenhängen. Das Evangelium bot eine, wenn auch ausschnitthafte, Lebensbeschreibung des Protagonisten Jesus von Nazareth, ihm war eine paulinische Briefsammlung von zehn Briefen angefügt. BeDuhn hat aus dieser Tatsache sein neues und zugleich wichtigstes Rekonst‐ ruktionskriterium gezogen - beide Teile als narratives Ganzes zu geben, soweit die Zeugnisse es erlauben, jedoch gepaart mit der Notwendigkeit, wie bei der §-4 Die früheren Editionen von *Ap 91 <?page no="92"?> 72 „We know the name of the individual responsible for the first New Testament, the circumstances of his work in compiling it, and even a date that relates to his momentous decision to establish a textual foundation for the fledgling Christian communities of his time: 144 CE. More than that, we actually know the bulk of the content of this First New Testament.“ ibid. 3. 73 Ibid. Edition eines Papyrus, als solche gekennzeichnete hypothetische Ergänzungen vorzunehmen, wo es eine berechtigte Grundlage dafür gibt. Ausgangspunkt für ihn war, wie schon der Titel seines Buches anzeigt, die Einsicht, dass Markion das erste Neue Testament in der Geschichte des Christentums geschaffen hatte: „Wir kennen den Namen des Individuums, das verantwortlich ist für das erste Neue Testament, die Umstände seiner Arbeit, dieses zusammenzustellen, und sogar ein Datum, das mit seiner folgenreichen Entscheidung, eine textliche Grundlage für die frischgebackenen christlichen Gemeinden seiner Zeit zu schaffen, zusammenhängt: 144 n. Chr. Mehr als das, wir kennen sogar den Großteil des Inhalts dieses Ersten Neuen Testaments.“ 72 Warum Beduhn diese Sammlung das „Erste Neue Testament“ nennt, erklärt sich daraus, dass unser kanonisches Neues Testament zwar in hunderten von Handschriften und Kodizes bewahrt sei, jedoch in Zeugen begegne, die alle aus der Zeit des vierten Jahrhunderts und später stammen. Auch Auszüge und Papyri gebe es, die etwa bis zum frühen dritten Jahrhundert zurückreichen, doch darüber hinaus finde sich lediglich das eine ältere Neue Testament, das bis vor die Mitte des zweiten Jahrhunderts zurückreiche und rekonstruierbar sei, das des Markion. Allerdings verbindet BeDuhn mehr als nur die früheren Rekonstruktionsversuche, auf denen er aufbaut, mit der älteren Forschung. Er teilt mit seinen Vorgängern die Annahme, dass ein oder zwei Generationen vor diesem ersten Neuen Testament „die ursprüngliche Abfassung dieser Texte selbst“ anzusetzen sei. 73 Als autoritative Sammlung sei jedoch Markions Neues Testament die erste, der wir begegnen. Auch wenn BeDuhn der Meinung ist, 92 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="93"?> 74 Wolfram Kinzig ist hier anderer Meinung, der ich mich aufgrund eigener Studien mit weiteren Zeugnissen, die die seinen bestärkten, angeschlossen habe, W. Kinzig, Καινὴ Διαϑήκη. The Title of the New Testament in the Second and Third Centuries (1994); M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022). BeDuhn kennt natürlich Kinzigs Studie, sieht sie jedoch nicht als „Beweis“. Wenn er hinzufügt, dass der Ausdruck „Neues Testament“ in den frühchristlichen Jahrhunderten eher theologisch als textorientiert gebraucht wird, so findet, wie ich gezeigt habe, der Titel bis ins frühe dritte Jahrhundert hinein doch immer nur für Markions Sammlung Verwendung, wenn es um einen Textbezug geht, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 28. 75 „Marcion is the first known witness to explicitly identify Paul as the author of several letters now included under his name in Christian scripture, including what is known as the letters to the Ephesians (which Marcion understood to have been addressed instead to the Laodiceans) and Colossians. His New Testament provides the first certain evidence for the existence of the gospel now known as Luke (although his version was shorter, and did not bear Luke’s name). … Before Marcion there was no New Testament, with him it took its first shape, and after him it gradually developed into the form we now know“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 4-5. 76 Ibid. 29. 77 Ibid. 334. dass wir nicht sicher sein können, Markion habe die Sammlung selbst als „Neues Testament“ bezeichnet, 74 so führt er doch aus: „Markion ist der erste bekannte Zeuge, der ausdrücklich Paulus als Autor verschie‐ dener Briefe benennt, die jetzt unter seinem Namen in der christlichen Schrift aufgenommen sind, eingeschlossen die Schreiben, die jetzt als Brief an die Epheser (welchen Markion stattdessen als an die Laodizeer adressiert kannte) und als Brief an die Kolosser bekannt sind. Sein Neues Testament gibt uns die erste sichere Evidenz für die Existenz des Evangeliums, das wir jetzt als das des Lukas kennen (auch wenn seine eigene Version kürzer war und nicht den Namen des Lukas trug). […] Vor Markion gab es kein Neues Testament, mit ihm erhielt es seine erste Gestalt, und nach ihm entwickelte es sich allmählich zu der Form, die wir jetzt kennen.“ 75 Die Rolle Markions mit Blick auf die Paulusbriefe sieht BeDuhn ähnlich wie die meisten seiner editorischen Vorgänger: Markion hatte eine geringere Rolle, als man ihm in der apologetisch-häresiologischen Tradition zuschrieb. Selbst die Auswahl der zehn paulinischen Briefe findet BeDuhn auch anderweitig bezeugt, etwa in Syrien und im lateinischen Westen. 76 BeDuhn verweist zur Begründung auf „verschiedene Belege, etwa den altsyrischen Kanon, den Ephräm der Syrer kannte, dann die Prologe zu den Paulusbriefen in lateinischen Handschriften“, die ihm „die Existenz einer älteren 10-Briefe-Sammlung des Paulus beweisen“. 77 Dieses Argument übersieht allerdings, dass die beiden §-4 Die früheren Editionen von *Ap 93 <?page no="94"?> 78 E.W. Scherbenske, Canonizing Paul. Ancient Editorial Practice and the Corpus Pau‐ linum (2013). Unabhängig von ihm war ich auf dasselbe Ergebnis gekommen, M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014). 79 Vgl. etwa den Versuch bei T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Mar‐ cion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 87-96. Bei einer in der Forschung bis in die jüngste Zeit derart umstrittenen Frage lassen sich die Paulusprologe gewiss nicht für eine von Markion unabhängige *10-Briefe-Sammlung als Beweismittel heranziehen. 80 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 31. von ihm genannten Zeugen gerade solche sind, die auf Markion verweisen: Ephräm wird von BeDuhn selbst als einer der Kritiker Markions bezeichnet, weil seine Homilien verschiedentlich zur Rekonstruktion des markionitischen Neuen Testaments herangezogen wurden, er und sein Umfeld also als Zeuge für diesen gilt. Und die genannten lateinischen Prologe zu den Paulusbriefen wurden kürzlich erneut von Eric Scherbenske Markion oder seinen Schülern zugeschrieben. 78 Doch selbst wenn man sich diesem Urteil nicht anschließen möchte, können diese Prologe eine Beweislast für eine ansonsten unbezeugte, Markion vorausliegende oder von ihm unabhängige *10-Briefe-Sammlung des Paulus nicht tragen. 79 BeDuhns Zeugnisse stützen folglich den Nexus von Markion und der *10-Briefe-Sammlung, und andere Zeugnisse hat bislang niemand aufführen können, die eine vormarkionitische 10-Briefe-Sammlung des Paulus hätte erweisen können. Trotz aller Kritik an der apologetisch-häresiologischen Einschätzung Mark‐ ions nimmt BeDuhn (wie ein Großteil der älteren Forschung und auch die Klinghardt-Schule) an, dass die von den Zeugen als markionitische Lesarten bezeichneten Varianten nicht von ihm herrühren, weil sie auch in vielen „katholischen biblischen Handschriften“ zu finden sind. Ihre Verbreitung in der Tradition der 14-Briefe-Sammlung spreche dafür, dass diese in einem älteren Text standen, dessen sich Markion lediglich bedient habe. 80 Auch wenn sich BeDuhn einer philologischen Herangehensweise bei seiner Rekonstruktion verschrieben hat, vermerkt er immer wieder, sobald in seinem Text Stellen begegnen, bei denen die Zeugen auf Markion verweisen, der Text gehe nicht auf 94 Teil I: Fragestellung und Thema <?page no="95"?> 81 Etwa zu Lk 4,25, auch wenn er selbst diesen Vers in seine Rekonstruktion nicht aufgenommen hat (so wenig wie Klinghardt), ibid. 131. Ein paralleler Fall ist Lk 5,39, den BeDuhn ebenfalls nicht in seinen Text aufnimmt, dabei jedoch bestreitet, Markion habe ihn aus theologischem Grund gestrichen (bzw., falls *Ev der ältere Text war, dann müsste man diesen Vers als kanonische Hinzufügung lesen, wie Klinghardt es tut). Bezüglich Gal 3,1-5 ist BeDuhn zurückhaltend, was den Hinweis des Hieronymus in seinem Galaterbriefkommentar betrifft (Interrogemus ergo hoc loco Marcionem, qui prophetas repudiat, quemodo interpretur id quod sequitur), weil er meint, man könne aus dieser Angabe „nichts über den Text Markions“ entnehmen („This is a purely hypothetical question, and does not indicate anything about Marcion’s text“), was m. E. nicht den Sachverhalt trifft - Hieronymus verweist das, was er liest, an Markion, spricht von dessen Verwerfen der Propheten und fragt sich, wie Markion demzufolge das deutet, was folgt, d. h. Hieronymus muss etwas gelesen haben, was Markion im Folgenden notiert hatte. BeDuhn ist recht zu geben, dass uns Hieronymus hier keinen Wortlaut bietet, doch ist das, was er ausführt, nicht einfach nichts. BeDuhn selbst nimmt denn auch die Verse Gal 3,1-2. 5, wenn auch in Klammern, in seine Rekonstruktion auf. Gleich darauf, zu Gal 3,6-9, berichtet Hieronymus wiederum, „Markion habe die Stelle getilgt“ (Marcion de suo apostolo erasit), was auch BeDuhn der älteren Forschung folgen lässt und er diesen Passus aus seiner Rekonstruktion auslässt. Bald darauf zu Gal 3,13-14 trägt BeDuhn dann nach, dass die Tilgung von Abraham zwar zur Theologie Markions passen könnte, jedoch die nichtmarkionitische Überlieferung (er verweist auf den Zeugen 1245) bestätige, dass solches Fehlen von Abraham auch außerhalb Markions begegne. Ohne weitere Beispiele nennen zu müssen, wird das Bemühen deutlich, in der Rekonstruktion den rekonstruierten Text von der Person Markions wegzurücken und diesen als Übermittler, jedoch nicht als Editor oder Redaktor zu betrachten. Dieses Bemühen wirkt oft wie eine petitio principii. Markion und seine Theologie oder Vorstellung zurück, sondern biete vielmehr einen Ausweis für eine nichtmarkionitische, ältere Vorlage. 81 §-4 Die früheren Editionen von *Ap 95 <?page no="97"?> 1 „Each time a new work of outstanding merit is added to the gallery of surviving works by which the tradition of literature is constituted, the tradition changes. It changes not by the addition alone but by the changes which occur in the understanding of the works which are already in the tradition“, E. Shils, Tradition (1981). Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum „Jedesmal, wenn ein neues Werk von herausragender Bedeutung zur Galerie der existierenden Werke, die die Tradition der Literatur begründet, hinzugefügt wird, wandelt sich die Tradition. Sie wandelt sich nicht allein dadurch, dass etwas hinzugekommen ist, sondern durch die Veränderungen in der Deutung der bereits existierenden Werke“. 1 <?page no="99"?> 1 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 33. 2 Ibid. §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen Alle bisherigen Editoren gehen davon aus, dass die Zeugnisse der altkirchlichen Häresiologen ein bzw. das entscheidende Kriterium für die Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung darstellen, auch wenn, wie zuvor gezeigt, das Gewicht der handschriftlichen Zeugnisse bei den Editoren zwar immer berücksichtigt wurde, aber manchmal schwankt. Was die Hauptzeugen betrifft - Tertullian und Epiphanius - herrscht Übereinstimmung in der Forschung, selbst wenn im Ein‐ zelfall die Schlussfolgerungen verschieden ausfallen. Lediglich die Bewertung und Gewichtung weiterer Zeugen fällt bei den verschiedenen Rekonstruktions‐ versuchen unterschiedlich aus. Allen Editoren war bewusst, dass jeder der altkirchlichen Häresiologen bisweilen ungenau, und, weil an vielen Stellen auch widersprüchlich, nicht immer zuverlässig in seinem Zeugnis ist und dieses auch nicht immer treu überliefert wurde. Betont wurde, dass bei Tertullian dessen Natur als Apologet und Rhetoriker und mit zunehmender historischer Distanz die häresiologische Überformung seinen Zeugniswert und denjenigen späterer Häresiologen in ihren Aussagen schmälern. Klinghardt hat die „Struktur der Vorwürfe gegen Marcion“ herausgearbeitet, die die Argumentation und das „Vorgehen der Häresiologen“ erhellt: „Welcher Grad an Vollständigkeit und welches Maß an Zuverlässigkeit lassen die Referate erwarten“, insbesondere dann, wenn „die Hauptreferenten unterschiedliche Textgestalten“ voraussetzen? 1 Zugleich konnte er feststellen, dass „sich die altkirchlichen Häresiologen trotz aller Differenzen hinsichtlich der Beurteilung der marcionitischen Theologie und seinem Text, den sie bezeugen, erstaunlich einig“ sind. 2 Ihre Vorwürfe beziehen sich nicht nur auf eine falsche Interpreta‐ tion und Auslegung der Texte, sondern beschuldigen Markion der Auswahl, der Verstümmelung und stellenweise der Textkorruption. Auch wenn sich dieses Urteil nicht nur auf das Verhältnis des in der Sammlung enthaltenen *Evangeliums gegenüber dem kanonischen Lukastext bezieht, sondern auch auf die *10-Briefe-Sammlung gegenüber dem kanonischen Text der entsprechenden Briefe, lassen sich doch bezüglich der paulinischen Briefe Differenzierungen im Urteil der Häresiologen feststellen. <?page no="100"?> 3 Iren, Adv. haer. I 27,2: Similiter autem et apostoli Pauli epistolas abscidit, auferens quaecumque manifeste dicta sunt ab apostolo de eo deo qui mundum fecit. 4 Iren., Adv. Haer. III 12,12: Marcion, et qui ab eo sunt, ad intercidendas conversi sunt Scrip‐ turas, quasdam quidem in totum non cognoscentes, secundum Lucam autem Evangelium, et Epistolas Pauli decurtantes, haec sola legitima dicunt esse quae ipsi minoraverunt. 5 Tert., De praescr. 38: -… scripturarum et expositionum adulteratio. 6 Tert., Adv. Marc. V 4,8: Sed ut furibus solet aliquid excidere de praeda in indicium, ita credo et Marcionem novissimam Abrahae mentionem dereliquisse, nulla magis auferendam. Vgl. auch ibid. V 4,2: Erubescat spongia Marcionis! Nisi quod ex abundanti retracto quae abstulit, cum validius sit illum ex his revinci, quae servavit. 7 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 18,1: De manibus haeretici praecidentis non miror si syllabas subtrahit, cum paginas totas plerumque subducit. 8 Tert., Adv. Marc. II 1,1: -… demolitione veritatis. 9 Tert., Adv. Marc. V 1,9: … ex ipsis utique epistolis Pauli, quas proinde mutilatas etiam de numero forma iam haeretici evangelii praeiudicasse debebit. 10 Tert., Adv. Marc. V 12,6: … Si et pseudapostolos dicit operarios dolosos transfiguratores sui per hypocrisin scilicet, conversationis non praedicationis adulteratae reos taxat. 11 Orig., Comm. in Rom. 10,43: Caput hoc Marcion, a quo scripturae evanglicae atque apostolicae interpolatae sint, de hac epistula penitus abstulit, sed et ab eo loco ubi scriptum est: Omne autem, quod non est ex fide peccatum est, usque ad finem cuncta dissecuit. a. Die Struktur der Vorwürfe gegen Markion 1. Markion hat die Paulusbriefe verstümmelt, gekürzt und verfälscht Nach Irenäus hätten Markion und die Seinen einige Schriften abgelehnt, „eben‐ falls Teile aus den Briefen des Apostels Paulus herausgeschnitten und alles weggelassen, was der Apostel eindeutig über den Gott gesagt hat, der die Welt erschuf “. 3 Er habe „die Paulusbriefe gekürzt“ und „alleine das sei zulässig, sagen sie, was sie verkürzt haben“. 4 Diese Meinung wiederholt Tertullian. Für ihn ist das, was Markion tut, eine „Fälschung der Schriften und Auslegungen“, 5 bisweilen durch „Tilgung“, 6 bisweilen durch „Streichen von Silben und ganzen Seiten“, 7 jedenfalls sei das Ergebnis eine „Zerstörung der Wahrheit“. 8 Den Beweis hierfür will er „aus den Briefen des Paulus selbst heraus führen, welche … in gleicher Weise wie das Evangelium entstellt wurden, und dies sogar betreffs ihrer Anzahl“. 9 Nach Tertullian bezieht Markion den Vorwurf von *2Kor 11,13 auf die Verfälscher der *10-Briefe-Sammlung, 10 ein Vorwurf, den Tertullian nur mit Mühe abzuwehren versucht und kaum rhetorisch fabriziert haben wird. Origenes äußert sich ähnlich wie die genannten Kritiker des Markion: „Markion hat die evangelischen und apostolischen Schriften interpoliert“, oder Passagen wie Röm 16,25-27, zu der diese Aussage im Kommentar gemacht wird, „vollständig getilgt“. 11 Auch Epiphanius wiederholt die Vorwürfe seiner häresiologischen Vor‐ gänger, und zwar mit ähnlichen Begriffen: Markion habe das Evangelium 100 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="101"?> 12 Epiph., Pan. 42,9,3. 13 Vgl. zu *Laod 4,31: Ἀποδέδεικται πολλάκις μὴ ἀλλότρια εἶναι τὰ ἐν τῷ νόμῳ τοῖς ὑπὸ τοῦ ἀποστόλου διδασκομένοις, κἄν τε σύ, ὦ Μαρκίων, παρακόψῃς τό „<τῇ> γυναικί“. ἀπὸ τοῦ γάρ „ἔσονται εἰς σάρκα μίαν“ δήλη σου ἔσται ἡ πᾶσα ῥᾳδιουργία. 14 Epiph. Pan. 42,11,3: ὁ μὲν γὰρ χαρακτὴρ τοῦ κατὰ Λουκᾶν σημαίνει τὸ εὐαγγέλιον. ὡς ἠκρωτηρίασται μήτε ἀρχὴν ἔχον μήτε μέσα μήτε τέλος, ἱματίου βεβρωμένου ὑπὸ πολλῶν σητῶν ἐπέχει τὸν τρόπον. 15 Adam., Dial. I 5. des Lukas beschnitten (ἀπέτεμνεν); er habe nicht nur lediglich zehn von den Paulusbriefen benutzt, sondern aus diesen nicht einmal „den gesamten Text“, sondern einiges von ihnen „beschnitten“ (περιτέμνων), einiges „verändert“ (ἀλλοιώσας), 12 wieder anderes „ausgelassen“ (παρακόψῃς). 13 Zwar verwendet Epiphanius nicht das Bild vom durch Markion teilweise zerstörten „Spiegel“ für das Verhältnis der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung, doch die par‐ allelen Urteile zum *Evangelium des Markion und seinem Verhältnis zum Lukas‐ evangelium und dem der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung legen es nahe, dass Epiphanius auch die *10-Briefe-Sammlung für einen getrübten Spiegel der 14-Briefe-Sammlung hielt. Wie *Ev wirkte die *10-Briefe-Sammlung auf ihn wie ein von Motten verfressenes Hemd. 14 Im Unterschied zu dem *Evangelium, das in Markions *Neuem Testament titellos und ohne Verfassernamen stand, trugen die Briefe den Namen des Paulus. Während das kanonische Evangelium den - heute zugegebenermaßen pseudonymen Verfasserhinweis auf Lukas erhielt, dessen Name zur Bestärkung auch noch in die 14-Briefe-Sammlung in Kol 4,14 eingetragen wurde und, wie man dem Dialog des Adamantius entnehmen kann, in der Debatte gegen die Markioniten auch hierfür Verwendung fand, 15 lässt sich erkennen, dass in Markions *Neuem Testament augenscheinlich keine Pseudonomysierung vorgenommen wurde. Die Texte werden gegeben, wie sie textintern mit keinem (Evangelium) oder mit einem Verfassernamen (die paulinischen Briefe) vor‐ liegen. 2. Markion hat die 14-Briefe-Sammlung aus theologischen Gründen redigiert Wie schon aus dem Voranstehenden deutlich geworden ist, behaupten die Häresiologen übereinstimmend, dass Markion die 14-Briefe-Sammlung aus theologischen Gründen gekürzt und bearbeitet habe, um sie seiner Theologie konform zu machen. Klinghardt hat richtig herausgestellt, dass Tertullian der Haupthäresie der Trennung von „Gesetz“ und „Evangelium“ auch den Vorwurf der Ablehnung der jüdischen Schriften entnommen hat. Das heißt: „Wann §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 101 <?page no="102"?> 16 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 37. Er führt an: Tert. Adv. Marc. IV 36,11: Ab illo deo descendisse Iesum ad deiectionem creatoris, ad destructionem legis et prophetarum? “ Zur destructio legis et prophetarum, vgl. auch ibid. IV 15,1; 25,7; 33,9. 17 Tert., Adv. Marc. IV 6,3 (Übers. Keller, korrigiert): Constituit Marcion alium esse Christum qui Tiberianis temporibus a deo quondam ignoto revelatus sit in salutem omnium gentium, alium qui a deo creatore in restitutionem Iudaici status sit destinatus quandoque venturus. Inter hos magnam et omnem differentiam scindit, quantam inter iustum et bonum, quantam inter legem et evangelium, quantam inter Iudaismum et Christianismum. 18 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 37. 19 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 3,8: De cetero pergat apostolus, negans ex operibus legis iustificari hominem, sed ex fide. Ibid.: Merito non reaedificabat quae destruxit; ibid. V 2,2: Igitur et legis destructio et euangelii aedificatio pro me faciunt in ista quoque epistula ad eam Galatarum praesumptionem pertinentes qua praesumebant Christum, ut puta (utpote? Vgl. Adv. Marc. III 11,9: utpote Christus creatoris) creatoris, salva creatoris lege credendum, quod adhuc incredibile videretur legem a suo auctore deponi. Id., De pud. 14,25 (SC 394,222): qui non solet ea quae destruxit reaedificare, ne transgressor habeatur? immer Tertullian Marcion die destructio legis et prophetarum vorwirft, hat er diesen doppelten Aspekt im Blick“. 16 Diese Haupthäresie ist bereits Zentrum der weiteren Haupthäresien, wie sie Tertullian im Vorwort von Markions *Neuem Testament, den Antithesen, gelesen haben will. Tertullian berichtet: „Marcion behauptet, der Christus, welcher zur Zeit des Tiberius von einem unbe‐ kannten Gott geoffenbart wurde zum Heil aller Völker, sei ein anderer als der, welcher vom Schöpfergott zur Wiederherstellung des jüdischen Status bestimmt worden ist und welcher dereinst erst kommen soll. Zwischen diesen beiden reisst er die Kluft der Verschiedenheit so gross und so allgemein, wie zwischen gerecht und gütig, zwischen Gesetz und Evangelium, zwischen Judentum und Christentum.“ 17 Wie Klinghardt bemerkt, hat die „Trennung von Gesetz und Evangelium“ eine „kanonische Dimension“. 18 Diese wirkt sich auch auf die Einschätzung der *10-Briefe-Sammlung aus. Nun ist erstaunlich, dass Tertullian zunächst diese Position des Markion mit Blick auf die *10-Briefe-Sammlung nicht grundsätzlich ablehnt, selbst wenn von einer „Zerstörung des Gesetzes“ und im selben Atemzug von einer „Auferbauung des Evangeliums“ die Rede ist. 19 Allerdings mildert Tertullian die Schärfe dieser Antithese des Markion, indem er die Paulusstelle *Gal 2,16. 18 („16 Ein Mensch wird nicht aus dem Gesetz gemäßen Handlungen gerecht, sondern allein aus dem Glauben 18 wenn ich nämlich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue“ 20 ) nicht antithetisch, sondern theologisch und kasuistisch interpretiert: Er gesteht zu, dass das Gesetz seit 102 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="103"?> 20 Dieses und weitere Zitate sind aus der Rekonstruktion genommen, unterstrichener Fettdruck weist auf bezeugten Text hin, Fettdruck auf inhatlich bezeugten Text, auch wenn der Wortlaut nicht gesichert ist, Normaldruck ist rekonstruiert und ergänzter Text, der für die Argumentation nötig oder sinnvoll ist, auch wenn er nicht bezeugt ist. 21 Tert., Adv. Marc. V 3,8. 22 Ibid. V 3,9. 23 Vgl. Iren., Adv. Haer. I 27,4: … seorsum contradicemus, ex ejus scriptis arguentes eum, et ex iis sermonibus qui apud eum observati sunt, Domini et Apostoli, quibus ipse utitur, eversionem ejus faciemus, praestante Deo. Johannes dem Täufer niedergerissen und die Unebenheiten der Welt geebnet wurden (vgl. Lk 3,4-5; Jes 40,3-4), doch zum einen bedeute der Gegensatz nicht, dass das Gesetz auf einen anderen Gott zurückzuführen sei, als auf den, auf den das Evangelium zurückgehe, sondern beides stamme von ein und demselben Gott, zum anderen handele es sich lediglich darum, dass das, was „Beschwernisse des Gesetzes“ (legis difficultates) seien, in „Leichtigkeiten des Evangeliums“ (evangelii facilitates) verwandelt würden. Anstelle der „Sklaverei aus dem Gesetz“ (ex legis servitute) sei die „Freiheit aus dem Glauben“ (ex fidei libertate) getreten. 21 Folglich gäbe es zwar einen Unterschied zwischen den Dingen (distantia-… rerum), nicht aber einen solchen der Urheber (auctorum). 22 Tertullian legt folglich die *10-Briefe-Sammlung dahingehend aus, dass auch durch sie nicht der unbekannte Gott gegen den Schöpfergott bzw. den Gott der Gebote des Mose gestellt werden kann. Seine Deutung widerspricht der ersten Antithese aus Markions Vorwort. 3. Die Bekämpfung Markions als Nachweis von Widersprüchen zwischen seinem Text und seiner Interpretation Bereits bei Irenäus begegnet der Wunsch, Markion auf seiner eigenen Text‐ grundlage zu widerlegen, 23 doch erst Tertullian kam diesem Ansinnen nach, weil Irenäus offensichtlich seinen Plan nicht verwirklichte, zumindest ist ein solches Werk von ihm nicht erhalten. Warum, so fragt man sich, müssen sich die frühen Häresiologen mit der Schrift ihres Gesprächspartners beschäftigen, hätten sie ihm doch schlicht entgegenhalten können, dieser müsse sich an die Autorität derjenigen Schriften halten, die in der Kirche gelten. Die einzige Antwort wird wohl sein, dass es einen solchen Kanon, also eine Richtschnur, an der sich Markion hätte ausrichten können und sollen, noch nicht gab, oder vielmehr, dass die einzige Schriftbasis, die damals vielleicht über die Kreise des Markion und der Seinen hinaus in Autorität stand, diejenige war, die sich die Häresiologen als Gesprächsbasis zu eigen machen mussten, und gegenüber der sie ihre eigene erst noch zu etablieren hatten. Das aber bedeutet, dass die 14-Briefe-Sammlung §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 103 <?page no="104"?> 24 So M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evan‐ gelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 43. 25 Ibid. 26 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 21,1. Dass mit diesem Verschonen nicht gemeint war, er habe ihn nicht gekürzt und redigiert, lässt sich an der Rekonstruktion ablesen. Selbstverständlich könnte man diese Stelle auch als starkes Argument gegen die Rekonstruktion lesen, wenn Hieronymus behauptet, Markion habe Phlm nicht redigiert, vgl. weiter unten zur Stelle in der Rekonstruktion. nicht nur jüngeren Datums ist, sie dürfte auch für die Häresiologen selbst noch diejenige Sammlung sein, die durch die Auseinandersetzung mit Markion erst an Autorität gewinnen sollte. Das Argument, dass die Häresiologen Markion nur auf dessen Schriftbasis kontern konnten, weil es keine gemeinsame Schriftbasis gab, 24 würde voraussetzen, dass man von einer kompetitiven Schriftlandschaft ausgeht, in der die Häresiologen der Gegenseite grundsätzlich dieselbe Auto‐ rität zugestanden, die sie für ihre eigenen Schriften reklamierten. Doch falls Tertullians rhetorische Diskussion mit Markion um die größere Autorität der je eigenen Schrift auf einen historischen Kern verweist, dann scheint weder Markion, der ja die Nutzer seiner Schriften Plagiatoren und Fälscher genannt haben soll, noch Tertullian, der Markion derselben Schandtaten bezichtigt, eine solche gemeinsame Einschätzung an Autorität dem je anderen zugemessen zu haben. Auf die offenkundig notgedrungene Basis des Gegners Markion sich zu be‐ wegen ließ als zentrale Strategie, ihn „des Selbstwiderspruchs“ zu überführen 25 und darüber hinaus zu erweisen, dass Markions Bemühen - selbst auf der Basis seines Schrifttextes! -, den darin vorkommenden Christus einem unbekannten Gott zuzuordnen und ihn von dem Christus des Schöpfergottes, „der zur Wie‐ derherstellung des jüdischen Status bestimmt worden ist und welcher dereinst erst kommen soll“, zu unterscheiden, ins Leere gegangen ist. Wenn Tertullian am Ende von Buch IV sagt: „Ich bemitleide Dich, Markion, Du hast Dich vergeblich abgemüht: Denn der Christus Jesus in Deinem Evangelium ist meiner! “ gesteht er nicht nur zu, dass es sich um Markions ureigenes *Evangelium handelt, sondern auch, dass Tertullian diesen Text so lesen und deuten konnte, dass er dennoch die eigene Vorstellung von dem einen Christus darin fand, der durch die Propheten angekündigt worden war und in seiner Thora die Gesetze des Mose erneuerte. Auf diesen Gedanken kommt er schließlich am Ende von Buch V mit Blick auf die paulinischen Briefe zu sprechen. Darin tadelt Tertullian Markion, dass dieser die beiden Briefe an Timotheus und den an Titus verworfen habe und damit auf dem Weg war, auch die Zahl der Briefe zu verfälschen, und das, obwohl er, wie Tertullian meint, wegen der Kürze den Brief an eine andere Einzelperson, Philemon, verschont habe. 26 Man nehme auch die schöne 104 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="105"?> 27 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 21,2: ea, quae praetractata sunt retro, de Apostolo quoque probaverimus. 28 Vgl. Epiph., Pan. 42,9,5-6; Übers. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 44. Parallele zum Schluss von Buch IV, die sich in V 1,8 findet: Wie Christus, ebenso gehört auch der Apostel mir, meint Tertullian. Jedenfalls sieht Tertullian, dass durch seine Kommentierung der *Paulusbriefe das Ergebnis aus seiner Kommentierung des *Evangeliums bestätigt werde - das heißt, auch durch die *Paulusbriefe sei es Markion nicht gelungen, die Antithesen, die er in seinem Vorwort formuliert habe, durch den Schrifttext einzulösen. 27 Noch im 4. Jh. folgt Epiphanius der Widerlegungsstrategie des Tertullian, wie bereits Klinghardt herausgestellt hat: „Ausgehend von genau dem Kanon, den er behält, dem Evangelium und den paulini‐ schen Briefen, kann ich mit Gottes Hilfe beweisen, dass Marcion ein Betrüger ist und sich im Irrtum befindet, und ich kann ihn aufs wirksamste widerlegen. (6) Denn er wird aus genau denjenigen Werken widerlegt werden, die er ohne Einspruch anerkennt (ἐξ αὐτῶν γὰρ ἀναμϕιβόλως τῶν παρ’ αὐτοῦ ὁμολογουμένων ἀνατραπήσεται).“ 28 Eine erste Folge dieser Strategie ist, dass die Häresiologen offenkundig ihrer Darlegung den Text des Markion zugrundelegen wollen - ob dies immer geschieht, wird sich erweisen müssen. Da, wie die Rekonstruktion zeigen wird, eine Reihe von widersprüchlichen Zeugnissen existiert, muss man entweder davon ausgehen, dass die Häresiologen ihrer eigenen Vorstellung nicht immer nachgekommen sind, oder dass der Text der *10-Briefe-Sammlung im Laufe der Weitergabe durch Redaktoren und Kopisten verändert wurde. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, dass, wie bereits oben vermutet, die Form der zehn Briefe ähnlich, wie sich für *Ev vermuten lässt, eine redaktionelle Veränderung erfahren hat, nachdem Markion sie von Pontus nach Rom gebracht hatte, sie von den Plagiatoren gefälscht und in Reaktion auf diese Fälschungen in die Sammlung des Neuen Testaments von Markion zusammen mit dessen Vorwort aufgenommen wurden. Dies würde dann bedeuten, dass sowohl die redaktionelle Arbeit des Markion wie die der kanonischen Redaktion nicht als unabhängige Einmalakte zu denken wären, sondern man eher von einem längeren Prozess der Redaktion ausgehen müsste, der nicht ohne gegenseitige Kenntnis beider Seiten vorstellbar wäre. An dieser Stelle sei noch auf eine zweite Folge hingewiesen, die gerade einen solch kontinuierlichen Prozess nahelegt. Die Differenz der Zeugen und ihrer Zeugnisse kann auch darauf zurückgeführt werden, dass im Laufe der weiteren §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 105 <?page no="106"?> 29 Ich danke meinem Kollegen Gerhard van den Heever, der mich an die Bedeutung der Materialität auch auf der Ebene der Zeugen im Kolloquium des Institut Protestant de Paris vom 26.02.2024 erinnert hat. 30 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 45-46. schriftlichen Überlieferung ihrer Werke, von Tertullians „Adversus Marcionem“ etwa oder des „Panarion“ des Epiphanius, mit weiteren Interferenzen, sei es durch den kanonischen Text, sei es durch Redaktor- und Schreiberhände, zu rechnen ist. Bei der Rekonstruktion wird daher nicht nur auf den kritischen Text der Werke der Häresiologen rekurriert, sondern auch deren handschriftliche Basis zurate gezogen. Dies führt an manchen Stellen zu einem vom kritischen Text abweichenden Urteil, wie zur Rekonstruktion jeweils angegeben ist. 29 Eine dritte Einsicht leitet sich vom Beweisverfahren ab: Wenn es stimmen würde, dass die Häresiologen „bei ihrer Suche nach Widersprüchen zwischen Marcions falscher Theologie und dem Text“ nicht nur „des Evangeliums“, sondern auch der *10-Briefe-Sammlung „auf Schritt und Tritt fündig“ würden, bedeutete dies, wie Klinghardt annimmt, „dass die behauptete Korrelation zwischen Text und Theologie Marcions gar nicht existiert“? Ist es so, dass „die Ausgangsbehauptung - ’Marcion hat den Text … gemäß seiner Irrlehre verfälscht! ‘ - unzutreffend“ ist? Klinghardt kann den inneren Widerspruch dieser Behauptung der Häresiologen überzeugend darlegen, und er urteilt nachvollziehbar: „Wenn Marcion sein Ziel einer Übereinstimmung von Bibeltext und Lehre auch aliter interpretando hätte erreichen können, stellt sich die Frage, warum er dann überhaupt die Mühe einer redaktionellen Bearbeitung des kanonischen Lk auf sich genommen haben sollte.“ 30 Dieses Argument, gewendet gegen die Häresiologen, macht es dann aber auch unwahrscheinlich, dass eine kanonische Redaktion überhaupt vonnöten gewesen wäre, eine 27 Bücher umfassende Sammlung zu kreieren und dabei auch die *10-Briefe-Sammlung gründlichst zu überarbeiten und durch vier neue Briefe zu ergänzen, hätte man aliter interpretando Markions *Neues Testament nichtmarkionitisch lesen können, worum sich Tertullian bemühte. b. Die häresiologischen Hauptzeugen für die *10-Briefe-Sammlung 1. Tertullian Kein anderer Kirchenvater hat sich so sehr mit Markion beschäftigt wie Tertullian. Mehr als die Hälfte seines gesamten erhaltenen Werkes - und 106 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="107"?> 31 Hieron., Comm. in Osee lib. II ad 10,1. 32 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 21,2. 33 Vgl. hierzu detailliert M. Vinzent, Tertullian’s Preface to Marcion’s Gospel (2016). 34 Vgl. Tert., De praescr. 7. 30. 33-34, vgl. hierzu ibid. 56-59. dieses ist ein sehr umfangreiches Opus dieses ersten Lateinisch schreibenden christlichen Schriftstellers - setzt sich unmittelbar oder ganz wesentlich mit dem Gelehrten aus dem Pontus auseinander, den Hieronymus mit Berufung auf Origenes als „ardens ingenii et doctissimus“ genannt hatte. 31 In drei Auflagen schuf Tertullian das überhaupt größte seiner Werke mit dem Titel „Adversus Marcionem“, das sich in fünf Büchern mit Markion auseinandersetzt. Die ersten drei Bücher sind eine systematische Auseinandersetzung Tertullians mit Markion, in den Büchern IV und V kommentiert er Markions *Neues Testament, in Buch IV das Vorwort, die Antithesen, und das *Evangelium, dann in Buch V die *10-Briefe-Sammlung des Paulus. Wie das Schlusswort zu Buch V verdeutlicht, muss es sich bei der Abfassung dieses gewaltigen Werkes um einen längeren Schreibprozess gehandelt haben, denn Tertullian entschuldigt sich gegenüber der Leserschaft für den „Verzug“ (dilatio), mit der dieser letzte Band abgeschlossen worden ist. 32 Unterstrichen wird der längere Prozess durch das Vorwort in Buch I, das auf drei verschiedene sukzessive Ausgaben des Werkes „Adversus Marcionem“ verweist. Doch waren diese fünf Bücher nicht das einzige Werk, das Tertullian zu Markion schrieb. Tertullian stellte überdies selbst den Verbund zwischen diesem Spätwerk und anderen Werken von ihm her, indem er das Werk „De praescrip‐ tione haereticorum“ mit einem 14 von überhaupt 45 Kapiteln umfassenden Vorwort ausstattete und dieses Werk als Präskript auf die weiteren antimarki‐ onitischen Werke, „De resurrectione carnis“, „De carne Christi“ und schließlich „Adversus Marcionem“ ausrichtete. 33 Der Gesamtumfang von Tertullians Publi‐ kationen gegen Markion umfasst folglich mehr als die Hälfte dessen, was von seiner literarischen Aktivität überhaupt erhalten ist. In „De praescriptione“ wendet er sich zwar nicht nur gegen Markion, sondern auch gegen dessen Schüler Apelles, gegen Valentinus und andere Häretiker, aber gegen Markion richtet er sich am deutlichsten, weil er diesen für den Lehrer der beiden anderen Genannten hält. 34 Wie bei seiner Kommentierung von Markions Vorwort, den Antithesen, und des *Evangeliums in Buch IV geht Tertullian in Buch V von „Adversus Marcionem“ auch die *10-Briefe-Sammlung des Paulus Stück für Stück oder vielmehr Brief für Brief durch, und zwar, wie die Vergleiche mit weiteren Zeugen für diese Sammlung belegen, der Reihenfolge nach, in der diese Briefe in §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 107 <?page no="108"?> 35 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 1,1: Et ideo ex opusculi ordine ad hanc materiam devolutus apostoli quoque originem a Marcione desidero; ibid. V 2,1: Principalem adversus Iudaismum epistulam nos quoque confitemur quae Galatas docet. 36 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 48-50. 37 Ibid. 50. 38 Ibid. Markions Sammlung vorlagen. Auf die Anordnung der Briefe kommt Tertullian, etwa bereits zu *Gal, anfangs ausdrücklich zu sprechen. 35 Nun stellt sich die Frage, wieviel Text seiner Vorlage Tertullian bei diesem Kommentar referiert. Was das *Evangelium betrifft, urteilt Klinghardt, dass „der Gesamtduktus seiner Widerlegung … an der systematischen Geschlossenheit interessiert“ ist, Tertullian also nicht „an einer vollständigen Wiedergabe von Marcions Bibeltext“ gelegen war. Außerdem zeigt er an einem Beispiel, dass „seine Art, Allusionen und Paraphrasen neben gekennzeichneten und unge‐ kennzeichneten Zitaten in seine Argumentation einzubinden, … einer genauen Rekonstruktion des Textes von *Ev enge Grenzen“ setzt. 36 Diese Beobachtungen treffen auch auf Tertullians Kommentierung der *10-Briefe-Sammlung zu, allerdings gibt es genrebedingt einen gewichtigen Unterschied: Was das *Evan‐ gelium betrifft, erwähnt Tertullian öfters nur Auszüge aus den verschiedenen narrativen Stücken, wobei er in unterschiedlicher Dichte zitiert, referiert und dann über kleinere oder größere Passagen hinweggeht. Ein ähnliches Vorgehen findet sich auch etwa im Abschnitt *Gal 1,11-16, im Anfang von *Gal 4,21-26, oder *1Kor 3,10-14.16-21, doch im Unterschied zu seiner Kommentierung des Evangeliums sind dies im Kommentar der *Paulusbriefe die Ausnahmen. Wei‐ tere Beispiele könnten genannt werden. Klinghardt spricht darum die Frage der „Vollständigkeit“ als „ein besonderes Problem“ an. 37 Er kalkuliert, dass „der Anteil der unbezeugten Passagen“, gemessen an *Ev (also etwa unter Abzug von Lk 1,1-4,15), „rund ein Viertel“ betrifft. 38 Und es sind gerade die unbezeugten Passagen, die auch für die frühen Editoren der *10-Briefe-Sammlung in ihren Rekonstruktionen die größten Her‐ ausforderungen darstellten. Wie zuvor zu diesen Rekonstruktionen ausgeführt, schwanken die Antworten auf diese Herausforderung von einer gewissen Zuversicht, den rechten Umfang des Textes der *10-Briefe-Ausgabe treffen zu können (Hilgenfeld), über eine etwas vorsichtige und zurückhaltende Position bei Zahn bis zu einem größeren Optimismus bei Harnack, weil er sich unter anderem an dem für ihn wichtigen Kriterium des theologischen Profils von Markion ausgerichtet hat. Dann aber bewegte sich Schmid zur gegenteiligen Position und begnügte sich nicht nur mit dem bezeugten Text der verschiedenen 108 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="109"?> 39 E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 109. 40 Ibid. 41 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 51. Zeugen, sondern maß fast ausschließlich textnahen Zitaten und Referaten des Tertullian Gewicht zu. BeDuhn korrigierte diese minimalistische Sicht, indem er aufgrund des Kriteriums der narrativen und argumentativen Logik ähnlich wie Klinghardt für das *Evangelium, wenn auch zurückhaltender als dieser, nicht attestierte Passagen aus dem kanonischen Paralleltext in den vorkanoni‐ schen Text übernahm, wenn ihm diese für die innere Argumentation als nötig erschienen. Allerdings urteilte E.-M. Becker in ihrer Studie zu den beiden *Ko‐ rintherbriefen der *10-Briefe-Sammlung, dass „Tertullians Paulus-Text in Marc. V nicht der ‚Wiederherstellung des lateinischen Paulus der Marcioniten‘ dienen“ kann, „da Tertullian ebenso gut auf einen nicht-marcionitischen altlateinischen Paulus-Text zurückgreifen konnte“. 39 Sie folgert daraus, dass „sich Tertullian kaum oder bestenfalls nur sporadisch entnehmen (lasse), nach welchen Kriterien Marcion die Paulus-Briefe sammelte und rezensierte, welche Textgestalt der Paulus-Briefe er infolgedessen edierte und welche Hermeneutik der marcioni‐ tischen Paulusinterpretation zugrunde lag“, und zwar deshalb, weil Tertullian „Marcions Paulus-Rezeption-… gerade nicht überliefern“ wollte. 40 Wenn E.-M. Beckers Sicht tragen würde, wäre es ein Todesstoß für einen jeglichen Rekonstruktionsversuch, sie würde sogar über den Minimalismus von Schmid hinausführen und dem vorliegenden Projekt die Grundlagen entziehen. Nun wird sich in den Bänden II-III (Rekonstruktion) allerdings zeigen, dass, wie bereits Hilgenfeld urteilte, die Lage für die Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung besser ist als für diejenige des *Evangeliums. Dies liegt daran, dass es offenkundig für einen Kommentator, der Argumentati‐ onsgänge verfolgt und diese auf Widersprüche zwischen Schrifttext und theologisch-markionitischer Auslegung hin untersucht, weniger dienlich ist, Bruchsteine dieser Argumentation auszulassen als narrative Passagen in *Ev. Allerdings bietet die Rekonstruktion, wie zu ersehen sein wird, dennoch größere Lakunen, auf die weder Tertullian noch ein anderer Kommentator irgendeinen Hinweis gibt. Gerade für diese Passagen stellt sich die Frage desto akuter, ob Tertullian solche Partien in toto stillschweigend übergangen hat, oder ob sie im Text der *10-Briefe-Sammlung gefehlt haben. Im Unterschied zu Tertullians Kommentierung des *Evangeliums, bei der gerade „gegen Ende hin“ die Lücken in der Kommentierung „immer stärker zu‐ nehmen“, 41 lässt sich dies für Tertullians Kommentierung der *10-Briefe-Samm‐ §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 109 <?page no="110"?> 42 Tert., Adv. Marc. V 13,1: Quanto opusculum profligatur, breviter iam retractanda sunt quae rursus occurrunt, quaedam vero tramittenda, quae saepius occurrerunt. 43 Dieses hatten schon Meyboom und van Manen bemerkt, vgl. H.U. Meyboom, Marcion en de Marcionieten (1888), 174; W.C. van Manen, Die Unechtheit des Römerbriefes (1906), 98. lung nicht in dieser Weise bestätigen. Zwar kann man auf Tertullians Notiz zu Beginn seines Kommentars zum *Römerbrief verweisen, mit der er fast entschuldigend erklärt, dass er Dinge, die er früher schon kommentiert habe, nicht nochmals wiederholen will: „Je stärker dieses kleine Werk niederschmettert, desto kürzer ist dasjenige zu be‐ handeln, was erneut begegnet, weshalb gewisses zu übergehen ist, was bereits oft begegnete.“ 42 Dennoch umfasst sein Kommentar zu *Röm 48 von ihm referierte Verse, während der später von ihm kommentierte, gegenüber *Röm um mehr als die Hälfte kürzere *Laod sogar 50 referierte Verse besitzt und der Kommentar zu dem noch kürzeren *Kol immerhin noch 24 Verse bietet. Das heißt, beide späteren Kommentare sind umfangreicher in der bezeugten Verszahl als *Röm. Allerdings gilt innerhalb der Rekonstruktion zu *Röm, dass zum Ende hin andere Zeugen an die Stelle Tertullians treten, also hier durchaus von einer abnehmenden Kommentierungsintensität Tertullians gesprochen werden kann. Insgesamt für die Kommentierung der gesamten *Briefsammlung gilt allerdings die zum *Evangelium zu machende Beobachtung der abnehmenden Intensität nicht. Eine weitere Beobachtung ist von Bedeutung. Immer wieder bestätigt der Vergleich der Lexik, sowohl was einzelne Verse betrifft, oft auch nur einzelne Worte innerhalb eines von ihm bezeugten Verses wie aber auch manchmal ganze Passagen, dass Tertullian verlässlich zitiert und referiert. Sein Zeugniswert wird gerade durch die Lexik vielfach gestützt. 2. Epiphanius Epiphanius ist schon deshalb der zweite wichtige Zeuge für die Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung, weil er uns eine Reihe von griechischen Zitaten aus dieser bietet, die er, anders als Tertullian, gesondert als Exzerpte seinem „Arzneikasten“ gegen die Häresien, dem Panarion, eingefügt hat, auch wenn, wie in der Rekonstruktion jeweils vermerkt, er wiederholt einen mit dem kanonischen Text kontaminierten oder auch den kanonischen Text bietet. 43 110 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="111"?> Es findet sich in der früheren Exzerptenliste die folgende Anzahl von Zitaten aus den Briefen in der angegebenen Reihenfolge: • *Röm (8): - *Röm 2,12-13 - *Röm 2,25 - *Röm 2,20b - *Röm 5,6 - *Röm 7,12 - *Röm 8,4 - *Röm 10,4 - *Röm 13,8b • *1Thess (0) • *2Thess (0) • *Eph (3): - *Eph 2,11-14 - *Eph 5,14 - *Eph 5,31 • *Kol (1): - *Kol 2,16 • *Phlm (0) • *Phil (0) • *Laod (1): - *Laod 4,5-6 • *Gal (8): - *Gal 3,11b. 10a. 12b - *Gal 3,13b; 4,23b - *Gal 5,3 - *Gal 5,9 - *Gal 5,14 - *Gal 5,19-21 - *Gal 5,24 - *Gal 6,13a • *1Kor (15): - *1Kor 1,19 - *1Kor 1,31 - *1Kor 2,6b - *1Kor 3,19b. 20 - *1Kor 5,7a - *1Kor 6,16 §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 111 <?page no="112"?> 44 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 181. 45 Vgl. Epiph., Pan. haer. 42,8,4 (105 H.), vgl. zu *Phil und *Phlm auch ibid. (181-182 H.). - *1Kor 9,9. 8 - *1Kor 9,9 - *1Kor 10,1-9a. 11 - *1Kor 11,7 (15) - *1Kor 12,24 - *1Kor 14,19 - *1Kor 14,21 - *1Kor 14,34 - *1Kor 15,1. 17. 11. 3 f. 54f • *2Kor (3): - *2Kor 1,20 - *2Kor 4,5. 6a - *2Kor 4,13 Zunächst lässt sich feststellen, dass Exzerpte des Epiphanius aus der *10-Briefe-Sammlung öfter nicht nur einen Vers umfassen, sondern über einen solchen nach vorne oder hinten hinausgehen. Nach Schmid sind es 67 Verse aus sechs Paulusbriefen, wobei „für immerhin 28 von diesen 67 Versen oder Versteilen-… auch Tertullian Text“ bietet, wobei „in der Mehrzahl der einschlä‐ gigen Fälle … beide Zeugnisse identisch oder nahezu identisch“ sind. 44 Was die Reihenfolge des Exzerpierten betrifft, fällt auf, dass diese Liste nicht der Abfolge der Briefe in der *10-Briefe-Sammlung entspricht, sondern offenkundig eine Blattvertauschung stattgefunden hat. Epiphanius selbst war vermutlich beim Exzerpieren der Briefabfolge der *10-Briefe-Sammlung gefolgt, die mit *Gal - *1Kor - *2Kor beginnt, gefolgt von *Röm - *1Thess - *2Thess - *Laod - *Kol - *Phil - *Phlm (allerdings verkehrt er die Reihenfolg von *Phil und *Phlm und gibt *Phlm vor *Phil), klar erkennbar an den Zahlenangaben, mit denen Epiphanius die Briefe von eins bis zehn durchnummeriert. 45 In seiner Kommentierung gibt er die Zahl jeweils im Unterschied zur Stelle, wo der Brief sich in der kanonischen Ausgabe befand. Doch scheint ein Schreiber beim Übertragen des Textes ins Panarion Rück- und Vorderseite des Blattes verwechselt zu haben, so dass die zweite Hälfte der Exzerpte vor die erste zu stehen kam. Auffallend ist auch, dass beim Exzerpieren Epiphanius zunächst nicht aus *Laod Auszüge macht, sondern vermeintlich aus Eph, und dass er dann ein Zitat aus *Laod nachträglich der Liste anfügt. Warum er aus vier Briefen keine Exzerpte bietet, vermerkt er im Text und wird in der Rekonstruktion erwähnt und diskutiert. 112 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="113"?> 46 Vgl. zu einer detaillierteren Darstellung der vermuteten, Kriterien für die Auswahl an Text U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 171-175. 47 Ibid. 158-168. Vgl. insbesondere ibid. 159-161. 48 Vgl. hierzu ibid. 161-162. Mir ist schleierhaft, warum Schmid in Vers 1 nach dem Zeugnis des Epiphanius das Wort ἀδελφοί auslässt. 49 Vgl. hierzu ibid. 163. 50 Ibid. 165. 51 Ibid. 166. 52 Vgl. Ibid. 166-167. Was die Dichte der Exzerpte betrifft, zeigt sich, dass sich Epiphanius seiner Absicht gemäß an theologischen Themenbereichen orientierte, so dass er aus manchen Kapiteln mehr, aus anderen weniger oder gar nichts exzerpierte. 46 In der später nochmals gebotenen Liste dieser Exzerpte finden sich diese in der bekannten Abfolge der *10-Briefe-Sammlung. Diese zweite Präsentation der Exzerpte ist über die korrekte Briefanordnung der *10-Briefe-Sammlung hinaus nicht schlicht eine Kopie der ersten, sondern sie überrascht auch in manch anderer Hinsicht: Betrachtet man sich die beiden Listen in der kritischen Edition von K. Holl, scheint es auf den ersten Blick so zu sein, dass die Listen bis auf die Anordnung weithin identisch sind. Doch schon U. Schmid hat im Gefolge früherer Editoren der *10-Briefe-Sammlung auf die textlichen Differenzen der beiden Listen hingewiesen, die sich in den Handschriften finden und vom Herausgeber harmonisiert wurden, prominent etwa zu *1Kor 9,8-9. 47 Darüber hinaus bieten Exzerpte bisweilen mehr Textumfang in der zweiten Liste, so etwa zu *1Kor 10,1-4. 48 Andererseits scheint Epiphanius im Zuge der Wiederbenutzung seiner Liste auch Markions redaktionelle Tätigkeit ausdrücklicher hervorgehoben zu haben, etwa zu *1Kor 10,19-20. 49 Dann finden sich „Textdifferenzen zwischen den beiden Anführungen …, die sich in einzelnen Lesarten unterscheiden, die ih‐ rerseits wiederum auch noch von anderen Textzeugen der ntl. Textüberlieferung geboten werden“. 50 Diese werden in der Rekonstruktion zu den Stellen vermerkt. Schmid hat herausgestellt, dass bei „der ersten Anführung regelmäßig eine größere Nähe zum Hauptstrom der Überlieferung“ begegnet, „wohingegen die abweichenden Lesarten der zweiten Anführung meistens nur einer Minderheit von Zeugen folgen“. 51 Dass damit die zweite Liste nicht sogleich Gewähr für eine größere Verlässlichkeit, was die Lesarten der *10-Briefe-Sammlung betrifft, bedeutet, zeigen die sich gerade in der zweiten Anführung zu findenen Lapsus. 52 Gleichwohl gilt, dass die „erste Anführung deutlich sekundär zur zweiten Anführung ist“. 53 Vergleicht man die Varianten mit der Rekonstruktion, wird schnell deutlich, dass jeder Fall für sich zu betrachten ist, 54 was jedoch darauf §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 113 <?page no="114"?> 53 Ibid. 168. Schmid formuliert dies ausdrücklich gegen Zahn, den er ibid. 167 wie folgt zitiert: „Demnach haben die zweiten Anführungen marcionitischer Texte bei Ep…als bloße Abschrift der ersten…in keinem Betracht den Werth einer Geschichtsquelle… Nur für die Textkritik des Ep., hier also der Excerpte aus Marcions Bibel bei Ep., kann selbstverständlich die Wiederholung derselben an der späteren Stelle ähnliche Dienste leisten wie eine zweite Handschrift.“ 54 Weshalb Klinghardt etwa auf das Schmid entgegenlaufende Urteil kommt, wonach „die ältere Scholienliste als zuverlässiger gelten (muss)“, M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 54. hindeutet, dass die Epiphaniushandschriften in beiden Anführungen bisweilen mit kanonischen Lesarten kontaminiert wurden, die erste Liste offenkundig stärker als die zweite, was insgesamt für die Exzerpte aus Epiphanius bedeutet, dass man immer mit im Laufe der Epiphaniusüberlieferung in diese sich einschleichenden kanonischen Lesarten zu rechnen hat. Nach eigenen Angaben hat Epiphanius sich seine Exzerpte Jahre zuvor ge‐ macht, um sie dann im Laufe seiner Ausführungen im Panarion einzufügen und mit Widerlegungen, teils kürzeren, teils längeren Ausführungen, zu versehen. Dabei bietet er die Exzerptliste zunächst als solche und wiederholt sie noch einmal zusammen mit den Widerlegungen später, was allerdings - wie bereits dargestellt - an einigen Stellen zu leichten Textvarianten führt, die jedoch zumeist auf Kopistenfehler zurückzugehen scheinen. Er selbst gibt zu seinem Procedere an: „Um die lügenhafte Erfindung und die lächerliche Lehre dieses Marcion aufzuspüren, habe ich vor etlichen Jahren die Bücher des zuvor Erwähnten [, die er erworben/ ge‐ fälscht/ in Gebrauch hat,] selbst zur Hand genommen, nämlich das von ihm soge‐ nannte Evangelium und das bei ihm Apostolikon geheißene Buch. Aus den genannten zwei Büchern habe ich zusammengestellt und der Reihe nach ausgewählt, was ihn zu widerlegen in der Lage ist; so habe ich eine Art Leitfaden für eine Abhandlung (ἐδάϕιόν τι συντάξεως) angefertigt, die Abschnitte der Reihe nach geordnet und jedes einzelne Wort aufgelistet: Erstens, zweitens, drittens. [3] Und so bin ich bis zum Ende alles durchgegangen; darin macht er seine Dummheit offen kundig, denn er behält seiner eigenen Intention entgegen (καθ᾿ ἑαυτοῦ) auch die restlichen Worte des Heilands und des Apostels bei. [4] Von diesen wurden einige von ihm manipuliert (παρηλλαγμένως ὑπ᾿ αὐτοῦ ἐρρᾳδιουργήθησαν): Der Text des Lukasevangeliums enthält sie so nicht, und so ist es auch nicht die Bedeutung des apostolischen Kanons. [5] Anderes aber ist genau so, wie es das Evangelium und der Apostel ursprünglich (ϕύσει) haben: Es ist von ihm nicht verändert und kann ihn (doch) widerlegen. 114 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="115"?> 55 Epiph., Pan. haer. 42,10,2-5, Übers. Ibid. 52. 56 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 196. 57 Ibid. 58 Hierauf weist die Abhängigkeit des Dialogs von Methodius hin, der 313 das Martyrium erlitt - die Umkehrung der Abhängigkeit, die von T. Barnes behauptet wurde, konnte Schmid widerlegen, vgl. Ibid. 203-205; T.D. Barnes, Methodius, Maximus, and Valentinus (1979). Dann weist Schmid (ibid. 206) auch darauf hin, dass in den Dialogen die kir‐ chenpolitischen Verhältnisse der 30-er Jahre vorausgesetzt sind. Ohne die Argumente Schmids zur Kenntnis zu nehmen, optiert BeDuhn für eine Abfassungszeit zwischen 290 und 310, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 38. 59 Vgl. die eingehende Untersuchung von T. Zahn, Die Dialoge des „Adamantius“ mit den Gnostikern (1888). Zur Datierung vgl. Ibid. 236-239. Dadurch lässt sich zeigen, dass das Alte Testament mit dem Neuen übereinstimmt und das Neue mit dem Alten“. 55 In der Absicht, aufzeigen zu wollen, dass trotz Markions paulinischen Briefen Altes und Neues Testament übereinstimmen und sich nicht auseinanderreißen lassen, stimmt Epiphanius mit Tertullian überein. Bei seiner Gesamtbeurteilung von Epiphanius als Zeuge für die *10-Briefe-Sammlung heißt es bei Schmid: „Epiphanius (hat) aller Wahrschein‐ lichkeit nach wirklich eine marcionitische Bibel in Händen gehabt. Aus dieser Bibel hat er Exzerpierungen vorgenommen oder vornehmen lassen, und zwar sehr wahrscheinlich von Anfang an schon nach vorformulierten Rubriken“. 56 Da die Exzerpte „mindestens durch zwei verschiedene Hände abgeschrieben worden“ sind, und beide unterschiedlich mit dem kanonischen Text kontami‐ niert wurden, ist„trotz der vermeintlich objektiven äußeren Gestalt in Form von Scholien“ „der Wortlaut nicht in jedem Fall auf den marcionitischen Text“ zurückzuführen; gleichwohl „ist Epiphanius ein wertvoller Zeuge, da er uns einiges Material bietet, das nicht durch Tertullian abgedeckt ist“. 57 3. Adamantius Die vermutlich nach 313 und vor 358, wohl in den 30-er Jahren des 4. Jh. entstandenen 58 pseudonymen fünf Dialoge „De fide“, sind ein Werk, das Ada‐ mantius (= Origenes) zugeschrieben wird. Es enthält Meinungen von Markio‐ niten, Bardaisaniten und Valentinianern, die es zu widerlegen versucht, und bietet ein weiteres Zeugnis für die Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung. 59 Diese im Stil eines Dialoges geschriebene Verteidigung der Orthodoxie, bei der Adamantius in den ersten beiden Büchern mit Markioniten (Megethius, Markus) §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 115 <?page no="116"?> 60 Eine inhaltliche Zusammenfassung der Schrift gibt U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulus‐ briefausgabe (2012), 197-198. 61 T. Zahn, Die Dialoge des „Adamantius“ mit den Gnostikern (1888), 194. Vgl. U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 200. 62 Vgl. V. Buchheit, Rufinus von Aquileja als Fälscher des Adamantiusdialogs (1958), 318. 63 Vgl. die Erwähnung dieser Schrift durch Iren., Adv. Haer. IV 6,2; vgl. hierzu T. Zahn, Die Dialoge des „Adamantius“ mit den Gnostikern (1888), 232. 64 Vgl. ibid. und Euseb., Hist. eccl. IV 24,3. Preuschen meint, sie in dem weiter unten zu besprechenden Zeugnis des (Ps.-? )Ephräm gefunden zu haben, vgl. E. Preuschen, Eine altkirchliche antimarcionitische Schrift unter dem Namen Ephräms (1911), 268. 65 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 58*-60*. 66 Ibid. 62*; U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 208. unter Beisein eines heidnischen Schiedsrichters (Eutropius) disputiert, wobei die Markioniten bis zum Ende des Dialoges als anwesend betrachtet werden, geht erwartungsgemäß mit dem Sieg der Orthodoxie zu Ende. 60 Der Zustand der griechischen Textüberlieferung, die komplett auf eine bereits reichlich verdorbene Handschrift zurückgeht, ist bedauerlich, auch wenn die Aussagen und die Struktur des Dialogs nachvollziehbar bleiben. Von Rufin stammt eine lateinische Übersetzung, die auf einer griechischen Vorlage ruht, die älter als die erhaltene griechische Texttradition ist, allerdings ihrerseits „einige kleine Lücken und unbeabsichtigte Umstellungen enthält“. 61 Außerdem trägt die lateinische Übersetzung gewohntermaßen Rufins Handschrift, ist also seine tendenzielle Bearbeitung, wie V. Buchheit in einer Untersuchung dargelegt hat. 62 Als markionitische Quellen des Dialogs könnte man wegen der Parallelen zu Iren., Adv. haer. III 7 an die weithin verloren gegangene Schrift des Justin an Markion denken, 63 doch aufgrund der Differenzen zu Justin bringt Zahn eher die Schrift des Theophilus von Antiochien gegen Markion ins Spiel, die Eusebius gelobt hat, die jedoch ebenfalls verloren ist. 64 Was die Bezeugung der *10-Briefe-Sammlung betrifft, war Zahn zuversicht‐ licher als Harnack, berief sich vor allem auf die Rufinsche Übersetzung, doch Harnack verwies darauf, dass die Dialoge „fingiert“ seien, weshalb „jedes einzelne Bibelzitat …, ob es von ‚Adamantius‘ oder von einem Häretiker vorge‐ bracht wird, für sich und im Rahmen seines Kontexts daraufhin geprüft werden (muss), ob es aus der Marcionitischen Bibel geflossen ist oder nicht“. 65 Allerdings lässt er Zahns Hinweis darauf, dass im letzten Dialogabschnitt die Paulusbriefe der Anordnung der *10-Briefe-Sammlung folgen, gelten. 66 Diesbezüglich, wie 116 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="117"?> 67 J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 80; U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 208-209. 68 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 210, 236. J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 39. 69 Vgl. zu Origenes als Zeugen U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 237-242. 70 So auch ibid. 32. überhaupt, was die Verlässlichkeit des Dialogs betrifft, ist Clabeaux kritischer als Zahn und Harnack, auch wenn er insgesamt den Dialog noch höher in seiner Verlässlichkeit des Zeugniswertes einschätzt als das Zeugnis des Epiphanius, ein Umstand, der Schmid verwundert hat. 67 Überhaupt hält Schmid Adamantius bis auf eine Stelle (*1Kor 15,45. 47; Dial II 19) für unzuverlässig und folglich nicht wert, berücksichtigt zu werden, während ihm gegenüber BeDuhn korrek‐ terweise darauf verweist, dass Adamantius keine Stellen anführt, die von den anderen Zeugen als von der *10-Briefe-Sammlung abwesend gekennzeichnet wurden, hingegen an einer Reihe von Stellen den besonderen Textbestand bietet, den auch andere Zeugen namhaft machen. 68 Man wird folglich nicht zu dem Optimismus Harnacks zurückkehren, jedoch gilt seine Einschätzung, wonach das Zeugnis des Adamantius jeweils eigens zu prüfen sein wird. Wegen der grundsätzlichen Unsicherheit, was das Zeugnis des Adamantius betrifft, wird in der Rekonstruktion (wie schon in der vergleichenden Kon‐ kordanz) bei Verweisen auf nur durch Adamantius bezeugte Lemmata vor Adamantius in Klammern ein Fragezeichen gesetzt (? Adamantiuszeugnis). 4. Origenes Origenes war der produktivste griechisch schreibende Kirchenvater der ersten drei Jahrhunderte n. Chr. und prägte mit seinen Werken die Geschichte des Christentums auf lange Zeit. Er kannte den Text der *10-Briefe-Sammlung, wie es direkte Zitate und auch die von Hieronymus überlieferten indirekte Zitate belegen. 69 Nach Tertullian ist er der erste, der ausführlich Briefe der 14-Briefe- Sammlung kommentiert, dabei aber offenkundig auch noch den Text der *10-Briefe-Sammlung im Blick hat. 70 Ein Blick in die früheren Editionen, auch in die Untersuchung Schmids und die Rekonstruktion weiter unten, zeigt, dass wir auch hier jede Bezeugung für sich nehmen müssen und von Fall zu Fall zu urteilen ist. Schmid meint, man dürfe §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 117 <?page no="118"?> 71 Ibid. 72 Vgl. J. Schäfers, Eine altsyrische antimarkionitische Erklärung von Parabeln des Herrn und zwei andere altsyrische Abhandlungen zu Texten des Evangeliums. Mit Beiträgen zu Tatians Diatessaron und Markions Neuem Testament (1917). - Schmid behandelt diesen Zeugen nur kurz, auch wenn er ihn nach den hier behandelten Zeugen in seiner Zeugenliste aufgeführt hat; diese Liste findet sich in U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 32. 73 Codex 452 (Version A) und Codex 312 (Version B) der Bibliothek der Mechitaristen von San Lazzaro, Venedig, eine weitere Handschrift der Schrift wird von BeDuhn angegeben als Escorial II.9, die ich bislang jedoch nicht auffinden konnte. 74 Preuschen meinte richtigerweise, dass der „mitgeteilte Titel“ dieser Schrift des Markion „sonst nicht bekannt“ ist, allerdings lässt der Inhalt Rückschlüsse zu, die Preuschen nicht mit den Antithesen in Zusammenhang gebracht hatte, vgl. E. Preuschen, Eine altkirchliche antimarcionitische Schrift unter dem Namen Ephräms (1911), 246. 75 J. Schäfers, Eine altsyrische antimarkionitische Erklärung von Parabeln des Herrn und zwei andere altsyrische Abhandlungen zu Texten des Evangeliums. Mit Beiträgen zu Tatians Diatessaron und Markions Neuem Testament (1917), 4-5. Eine griechische Rückübersetzung bietet: E. Preuschen, Eine altkirchliche antimarcionitische Schrift unter dem Namen Ephräms (1911), 245-246. 76 Die Textform, in der die Evangelienzitate vorliegen, hat Preuschen näher untersucht und stellte fest, „daß wir einen interessanten Texttypus vor uns haben, und zwar einen Typus, der nur in die Zeit der Bildung des Textes fallen kann. Er zeigt Verwandtschaft „aus der Anzahl der erhaltenen Bemerkungen keine weitreichenden Schlüsse ziehen“, „zumal dann, wenn man den Eindruck hat, daß die Bemerkungen im RömKomm manches Mal eher beiläufigen Charakter haben, also vermut‐ lich nicht auf einer systematischen Durchsicht des marcionitischen Textes beruhen.“ 71 5. (Ps.-? )Ephräm, der Syrer Ephräm, einem der überragenden christlichen Autoren syrischer Sprache, wird eine nur armenisch erhaltene Schrift „Erklärung des Evangeliums“ zuge‐ schrieben. 72 Sie ist in zwei voneinander abweichenden armenischen Versionen erhalten. 73 Diese Schrift hat offenkundig noch Markions *Neues Testament vor sich gehabt, denn sie überliefert uns die Eröffnung des „Proevangeliums“, was, wie der Inhalt zeigt, 74 sich auf die „Antithesen“, also das Vorwort Markions zu „seinem Buche“, bezieht („O Wunder über Wunder, Verzückung, Macht und Staunen ist das, daß man gar nichts über es sagen, noch über es denken, noch es mit irgend etwas vergleichen kann“). 75 Ob die Schrift im Verlauf der Diskussion auf Markions *10-Briefe-Sammlung zurückgreift? Zunächst wird deutlich, dass der Autor an Versen von *Ev entlang geht, 76 die offenkundig in den „Antithesen“ angeführt waren, um diese antimarkionitisch 118 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="119"?> mit der altsyrischen Version, weicht aber von dieser so stark ab, daß man ihn schwerlich in ihrer Nähe unterbringen kann. Spuren von Verwandtschaft mit D [05] und den alten Lateinern sind ebenfalls vorhanden; aber auch hier sind die Abweichungen viel stärker“, E. Preuschen, Eine altkirchliche antimarcionitische Schrift unter dem Namen Ephräms (1911), 255. 77 Vgl. in der Rekonstruktion z.St. Die meisten der angeführten Pauluszitate finden sich in griechischer Rückübersetzung in ibid. 257-260. 78 J. Schäfers, Eine altsyrische antimarkionitische Erklärung von Parabeln des Herrn und zwei andere altsyrische Abhandlungen zu Texten des Evangeliums. Mit Beiträgen zu Tatians Diatessaron und Markions Neuem Testament (1917). 79 Ibid. passim. 80 E. Preuschen, Eine altkirchliche antimarcionitische Schrift unter dem Namen Ephräms (1911), 262. 81 Ähnlich zurückhaltend ist auch J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 40-41. 82 Vgl. E. Syri, Commentarii in epistolas D. Pauli (1893). Vgl. hierzu V.S. Hovhanessian, Armenian Manuscripts of the Commentaries on the Letters of the Apostle Paul attributed to Saint Ephrem the Syrian (2011). auszulegen. Hierbei werden auch Pauluszitate angeführt. Die beiden ersten Pau‐ luszitate finden sich in der *10-Briefe-Sammlung: *1Kor 10,4; *Phil 3,20, wobei wegen des Zusatzes „Herrn“ in der Philipperstelle wohl die 14-Briefe-Sammlung zugrunde lag. 77 Hingegen spricht die nächste Anspielung (*Gal 5,9) für die Ver‐ wendung des Textes der *10-Briefe-Sammlung, wie z.St. angemerkt. Wiederum finden sich Zitate, 1Kor 15,54; 2Kor 11,2; 2Thess 2,3. 10. 11; Eph 2,20-21; 6,12, die in der *10-Briefe-Sammlung stehen (so vielleicht auch 1Kor 9,16; 13,12), auch wenn sie ebensogut aus der 14-Briefe-Sammlung entnommen sein können. 78 Möglich ist, dass die ebenfalls in dieser Schrift zu findende Stelle 1Kor 13,13 aus der *10-Briefe-Sammlung stammt. Allerdings finden sich auch Anspielungen, die nur aus der 14-Briefe-Sammlung entnommen sein können: Röm 6,5; 8,36. 38; 11,24; 12,1; 1Kor 3,1. 6. 8; 4,16; 14,20; 2Kor 5,16; 8,9; Gal 4,12; 5,17; 1Thess 2,19; 2Thess 2,7-8; Eph 4,30 (? ); 5,25-31; Kol 2,10. 20; 1Tim 1,17; Hebr 4,12-13; 5,14; 7,12; 10,31. 79 Gleichwohl zeigen gerade die Zitate aus dem Epheserbrief, dass dieser in einer „sehr stark abweichenden Gestalt“ gegenüber dem kanonischen Text vorliegt. 80 Insgesamt deuten die Pauluszitate daraufhin, dass man nur mit größter Zurückhaltung diese Schrift als Zeugen für die *10-Briefe-Sammlung beanspru‐ chen darf. 81 Zu der genannten (pseudo-)ephrämischen Schrift sind auch die Pauluskom‐ mentare des Ephräm zu berücksichtigen, die nur in armenischer Sprache erhalten sind und ins Lateinische übertragen wurden. 82 Doch auch hier ist damit zu rechnen, dass Ephräm neben der vorkanonischen vor allem die kanonische Ausgabe benutzt. §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 119 <?page no="120"?> 83 Vgl. die Argumente in M.J. Vermes, Ed. Hegemonius, Acta Archelai (= The Acts of Archelaus) (2001), 13-16. 84 Schmid erwähnt diese Schrift nur im Abkürzungsverzeichnis, U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), xvi. 85 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 92-93. 86 Vgl. J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 41-42. Der lateinisch erhaltene Text (zusammen mit den wenigen griechischen Stücken aus Kyrill von Jerusalem und Epiphanius) ist kritisch ediert von C.H. Beeson, Ed. Hegemonius, Acta Archelai (1906). Eine englische Übersetzung bietet M.J. Vermes, Ed. Hegemonius, Acta Archelai (= The Acts of Archelaus) (2001). 87 M.J. Vermes, Ed. Hegemonius, Acta Archelai (= The Acts of Archelaus) (2001), 6. 88 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 41. 89 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 92. 6. Hegemonius, Acta Archelai Die wichtige Schrift für die Geschichte des Manichäismus, ursprünglich wohl Griechisch verfasst, 83 bietet, wie die Rekonstruktion zeigt, auch einige Zeugnisse für die *10-Briefe-Sammlung, auch wenn dieses Zeugnis nur mit Vorsicht zu benutzen ist. 84 Goldmann weist diese Quelle „klar zurück“: „Selbst wenn es sich tatsächlich um marcionitisches Gedankengut handelte, welchen sich Hegemonius hier bedient, so ist damit auf keinen Fall gewährleistet, dass er dabei auch Auszüge aus dem marcionitischen Bibeltext verwendet.“ 85 BeDuhn geht näher auf die in dieser Schrift geführte fiktive Debatte ein, die von einem gewissen Hegemonius zu Beginn des 4. Jh. verfasst sein soll, 86 vermutlich jedoch in den Jahren zwischen 330 und 348 entstanden ist. 87 Während Harnack weidlich von diesem Text für seine Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung gebraucht gemacht hat, zeigt BeDuhn, dass lediglich die Kapitel 44-45 dieser Schrift auf Markions *Neues Testament Bezug nehmen. 88 Trotz des gegensätzlichen Urteils von Goldmann 89 neige ich dazu, in dieser Frage BeDuhn zu folgen und in den Kapiteln 44-45 mit Zeugnissen zu rechnen, die für die Rekonstruktion berücksichtigt werden sollten. 7. Eznik von Kolb Geboren um das Jahr 400, war Eznik von Mesrop und Sahak dem Großen dazu aufgefordert worden, griechische Väter ins Armenische zu übersetzen. Sein Werk „De Deo“, in welchem er gegen die „Heiden, die Perser, die Griechen und gegen die Markioniten“ schreibt, wird innerhalb der Widerlegung noch‐ mals unterschieden in die anfänglich bekämpfte markionitische Lehre und die 120 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="121"?> 90 Vgl. hierzu C.S.C. Williams, Eznik’s Résumé of Marcionite Doctrine (1944), 65. 91 Vgl. C.W. Mitchell, S. Ephraim’s prose refutations of Mani, Marcion, and Bardaisan of which the greater part has been transcribed from the palimpsest B.M. add. 14623 (1912), ii, cxvii. 92 L. Mariès, Le De Deo d’Eznik de Kolb connu sous le nom de „Contre les Sectes“. Etude de critique littéraire et textuelle (1924), 79-83. 93 Vgl. M.J. Blanchard and R.D. Young, Eds., Eznik. A treatise on God (1998). 94 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 63. 95 Ibid. 96 Ibid. 97 E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002). Zu weiteren kritischen Stimmen; vgl. die Forschungsgeschichte. Markioniten und eine kurze biographische Notiz am Ende. 90 Möglicherweise war er wie auch Ephräm von einer gemeinsamen, verlorenen syrischen Quelle abhängig. 91 Dennoch schätzt L. Mariès den Quellenwert dieses Werkes, auch wenn er die Quelle für Eznik (und Ephräm) nicht angeben kann. 92 Leider ist das Werk nur in einer einzigen Handschrift erhalten. 93 Wie die Rekonstruktion zeigt, bietet Eznik durchaus einige Stellen, die durch andere Zeugen nicht gegeben sind. 8. Das methodische Problem der widersprüchlichen Bezeugungen Für die *10-Briefe-Sammlung gibt es neben diesen Hauptzeugen auch noch eine Reihe von einzelnen Hinweisen in verschiedenen Schriften der Häresiologen und Kirchenväter der ersten Jahrhunderte. Diese sind jedoch verstreut und wenig systematisch. Sie bedürfen daher der Bestätigung durch die Zeugnisse von Tertullian, Epiphanius und Adamantius, die jedoch auch selbst „zusätzlicher Kriterien … für ihre Zuverlässigkeit“ bedürfen. 94 Alle Editoren testieren diesen Hauptzeugen - mit Unterschieden und gewissen Abstrichen oft in Einzelfällen - eine gewisse Tragfähigkeit, auch „wenn ihre Bezeugungen keine vollständige Rekonstruktion“ der *10-Briefe-Sammlung erlauben. 95 Klinghardt etwa liefert gute Gründe für das Bemühen des Tertullian, aufgrund seiner argumentativen Absicht gezwungenermaßen sich eng an den Wortlaut des Markion halten zu müssen, während er für Epiphanius die Sorgfalt hervor‐ hebt, mit der dieser durch Abschrift des griechischen Textes Markions auf die Abweichungen des griechischen Wortlauts achtet. 96 Auch bei Adamantius ist wohl der Rückgriff auf ein Exemplar der *10-Briefe-Sammlung zu vermuten. Nur einzelne Stimmen (etwa Becker) melden größere Bedenken gegenüber den Hauptzeugen (hier Tertullian) an. 97 §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 121 <?page no="122"?> 98 Vgl. hierzu mehr mit Stellenangaben die Rekonstruktion von *1Thess 1,1. 99 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 64. Trotz einer gewissen Tragfähigkeit und Verlässlichkeit ist jedoch - wie bei der Rekonstruktion von *Ev - auch für *Ap auf das Problem hinzuweisen, dass Zeugen für einzelne Verse oder auch größere Passagen und ganze Briefe unterschiedliche und bisweilen auch widersprüchliche Aussagen formulieren. Um bei den großen Differenzen zu beginnen. Zum *Ersten Thessalonicherbrief etwa vermerkt Tertullian, dieser Brief sei der Fälscherhand des Markion ent‐ gangen, während Epiphanius das gerade Gegenteil behauptet, der deshalb aus diesem Brief kein Zitat liefere, weil der Brief bei Markion völlig verfälscht vorliege. 98 Doch auch in Detailfragen widersprechen sich die Angaben der Zeugen nicht selten. Bei seiner Rekonstruktion von *Ev gibt Klinghardt gar an, dass bei Abweichungen gegenüber dem kanonischen Text (als Grundlage dient ihm NA 27 ) 63 % der insgesamt 135 Mehrfachbezeugungen „widersprüchlich bezeugt“ seien. 99 Was die *10-Briefe-Sammlung betrifft, sehen die Zahlen wie folgt aus: Bei 51 Abweichungen vom kanonischen Text (Grundlage: NA 28 ) finden sich 27 widersprüchliche Bezeugungen bei Mehrfachbezeugungen, hingegen 35 Übereinstimmungen. Dass beide Zahlen zusammen nicht 51 ergeben, hängt mit der Tatsache zusammen, dass für 11 Verse sowohl Übereinstimmungen wie Widersprüche vorliegen, weil es entweder mehr als einen Zeugen für die Verse gibt oder auch innerhalb eines Zeugen verschiedene Bezeugungen zu finden sind. Letzteres ist sowohl bei Epiphanius festzustellen, der in den beiden Scholienlisten einmal den kanonischen, einmal den vorkanonischen Wortlaut bezeugt, dann aber auch bei Adamantius, wo sich manchmal der vorkanonische Text bezeugt findet (öfter, wenn ein Markionit spricht, jedoch manchmal auch, wenn Adamantius oder der Richter spricht), manchmal aber auch der kanonische Text. An diesen Beobachtungen lässt sich ablesen: Erstaunlich häufig stimmen die Zeugnisse für den Text der *10-Briefe-Sammlung überein; er wird oft auch dann bestätigt, wenn ein Zeuge mehrere Zeugnisse bietet, wovon die eine oder die andere Variante eine solche ist, die auch in der kanonischen Handschriftent‐ radition zu finden ist. Insgesamt sind die Widersprüche prozentual nahe der Zahl, die auch für die Zeugnisse für *Ev gefunden wurde. Hingegen ist die Zahl insgesamt niedriger, weil an einer Reihe von Stellen übereinstimmende Zeugnisse stehen, wo der vorkanonische Text vom kanonischen nicht abweicht, insgesamt aber auch die Zahl der Bezeugungen hoch ist, an welchen wir nur das Zeugnis eines einzigen Zeugen besitzen. Trotz der Anzahl von widersprüchli‐ 122 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="123"?> chen Bezeugungen bietet sich ein Befund, der eher Vertrauen in die Zeugen gestattet. Nur eine Stelle (*Laod 6,11) weist darauf hin, dass es möglicherweise verschie‐ dene Versionen der *10-Briefe-Sammlung gegeben hat; dies mag aber vielleicht lediglich dem ungenauen Zeugnis des Adamantius für diese Stelle geschuldet sein. Es scheint vielmehr aufgrund der hohen Zahl der Übereinstimmungen und der Widersprüche, die nur Varianten des kanonischen Textes darstellen, so zu sein, dass wir es mit einer recht homogenen Tradition des Textes der *10-Briefe-Sammlung zu tun haben. Doch wegen der verbleibenden Ungewissheit hat es sich als hilfreich er‐ wiesen, dass im Laufe der Rekonstruktionsgeschichte der narrative bzw. argu‐ mentative Zusammenhang als wichtiges Forschungskriterium herausgestellt wurde, wie dies von BeDuhn für *Ev und *Ap und von Klinghardt für *Ev durchgeführt worden ist. Die Sprache spielte für BeDuhn noch kaum eine Rolle und auch in Klinghardts Rekonstruktion von *Ev findet sie nur gelegentlich eine Berücksichtigung. §-5 Die Bezeugung der altkirchlichen Häresiologen 123 <?page no="124"?> §-6 Die Bezeugung in den Handschriften Die Frage, ob sich von dem Text der zehn paulinischen Briefe, die nach dem Vorwort („Antithesen“) und dem *Evangelium in Markions *Neuem Testament standen, handschriftliche Zeugen erhalten haben, wird man be‐ reits verschieden beantworten, je nachdem, wie man das zuvor in Teil I § 3 erörterte Verhältnis der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung entscheidet. Für diejenigen, die die *10-Briefe-Sammlung als redaktionelle Bearbeitung und Verkürzung der ihr vorausliegenden 14-Briefe-Sammlung betrachten, ist die Frage nach der Existenz von handschriftlichen Zeugen schnell beant‐ wortet: Solche existieren nicht oder zumindest sind solche bislang nicht aufgetaucht. Invertiert man aber das Verhältnis und betrachtet die 14-Briefe-Sammlung als erweiternde Bearbeitung der *10-Briefe-Sammlung, dann sind alle hand‐ schriftlichen Zeugen der 14-Briefe-Sammlung zumindest in gewisser Hinsicht auch Zeugen der ihr zugrunde liegenden *10-Briefe-Sammlung, insofern immer zu fragen sein wird, ob die eine oder andere Handschrift neben dem Textbe‐ stand der Bearbeitung nicht doch auch noch Spuren des der Bearbeitung vo‐ rausliegenden Textes der *10-Briefe-Sammlung bewahrt. Entsprechend nimmt etwa BeDuhn verschiedentlich gerade solche handschriftliche Textzeugen zur Kenntnis, die Varianten zeigen, welche mit den kommentierenden Hinweisen unserer Häresiologen, was den Text der *10-Briefe-Sammlung betrifft, überein‐ stimmen. Hierbei handelt es sich vor allem, aber nicht ausschließlich und nicht immer, um solche Handschriften, die in der Vergangenheit oft als Zeugen des sogenannten „Westlichen“ Texts, als „W-Text“, „D-Text“, „Alexandrinischer Text“, „A-Text“ usw. bezeichnet wurden. Hier hat schon Schmid richtig gesagt, dass diese Bezeichnungen „reine Konvention“ sind, „sie sind austauschbar und meinen immer die durch eine Reihe charakteristischer Lesarten identifizierbaren Textformen, wie sie allgemein für das 4. Jh. angenommen werden. Die in <?page no="125"?> 1 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 271 Anm.-90. Zu diesem Thema gibt es über das, was Schmid anführt, eine längere Literaturliste, wobei Schmid darauf verweist, dass die ältere Forschung den W-Text oft „als eine recht einheitliche Größe behandelt“ hat, so ibid. 272. Hiergegen ist er der Meinung: „Weder läßt sich auch nur rudimentär ein einheitlicher Textcharakter der gesamten frühen Überlieferung erheben, noch eine irgendwie geartete Präponderanz zugunsten einer W-Textform erkennen“ (ibid. 273). Ein jüngerer Beitrag zum Thema mit Literatur der älteren Diskussion zeigt die Komplexität des Themas mit dem Ergebnis, dass es noch keine kohärente Theorie gibt, auch wenn Fortschritte im Verstehen der mit ihr verbundenen Phänomene gemacht wurden, vgl. M.W. Holmes, The „Western“ Text of Acts: A Challenge for Historians (2019), 3. Hilfreich ist sein Überblick über die Definitionen dessen, was mit „Westlich“ gemeint ist, und die Schlüsse, die hieraus gezogen werden. Sie reichen (mit Blick auf die Apostelgeschichte) von 1A: Der frü‐ heste Text; 1B: Einer der frühesten Texte; 1C: Ein früher, sekundärer Text; 2A: Eine Gruppe von Varianten, die gewöhnlich in einem bestimmten Hss.-Cluster zu finden sind; bis zu 2B: Multiple, oft unzusammenhängende, freie und idiosynkratische Varianten, hierzu werden jeweils die Forschenden mit ihren Publikationen geboten, ibid. 5. Er selbst schließt sich am ehesten der Position 2A an, weil er bemerkt, dass „viele der am stärksten charakteristischen oder typischen dieser „westlichen“ Elemente das Resultat eines absichtlichen, bewussten Handelns“ darstellen („many that are most characteristic or typical of that ‚Western‘ element are the result of intentional, mindful activity“), ibid. 19. Interessanterweise findet sich in demselben Sammelband, in welchem der Beitrag von Holmes steht, auch die Position 1A, so C.-B. Amphoux, La géographie marcienne et ses corrections ecclésiales (2019), 81, 91. Zu den Bilinguen, vgl. weiter H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 27-29, 78-79. J.J. Kloha, A Textual Commentary on Paul’s First Epistle to the Corinthians. PhD Diss. (2006); D.C. Parker, Codex Bezae: An Early Christian Manuscript and its Text (1992), 59-69. E. Nellessen, Untersuchungen zur altlateinischen Überlieferung des Ersten Thessalonicherbriefes (1965); H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964). einigen dieser Bezeichnungen mitgesetzten geographischen Zuordnungen sind demgegenüber von sekundärer Bedeutung“. 1 Einige wenige Beispiele aus BeDuhn: 1. BeDuhn verweist zu *Gal 2,11-12 für die Verwendung von „Petrus“ anstelle von „Kephas“ auf Tertullian, aber auch auf 06, 010, 012, viele andere griechische Handschriften und sy - Ephräm, den Syrer. 2. Zu *Gal 5,1 verweist er auf Tertullian, aber auch Ephräm den Syrer (sub jugo servitutis legis intremus) und Kapitelangaben in griechischen Handschriften, die auf „das Gesetz“ zu sprechen kommen, womit der Zusatz τῷ νόμῳ sich nahelegt. 3. Zu Gal 5,24 fehlt der Name „Jesus“ nach Tertullian, so aber auch in P 46 , 06, 010, 012 und weiteren griechischen Handschriften. §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 125 <?page no="126"?> 2 K. Aland and B. Aland, Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die wissenschaft‐ lichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik (1989), 92. Diese und viele weitere Beispiele lassen sich BeDuhn entnehmen und zeugen dafür, dass bei einer Inversion des Abhängigkeitsverhältnisses, Handschriften‐ zeugen durchaus für den Textbestand der *10-Briefe-Sammlung herangezogen werden können. Klinghardt hat gerade solche handschriftlichen Bezeugungen zu einem eigenständigen Kriterium bei seiner Rekonstruktion von Markions *Evangelium gemacht. Auch für die *10-Briefe-Sammlung sind sie zu berück‐ sichtigen. Nun fällt auf, dass von den etwa 800 Handschriften 2 für die 14-Briefe-Samm‐ lung es gerade die kleine Zahl von 5 Handschriften ist, die zum einen eine eigene Handschriftenfamilie bilden und zum anderen häufiger als alle anderen 795 Handschriften den Text der *10-Briefe-Sammlung bestätigen, oder anders gesagt: Näher als alle anderen handschriftlichen Zeugen der 14-Briefe-Sammlung bringen uns diese fünf Zeugen an die handschriftliche Bezeugung der *10-Briefe-Sammlung heran. Da, wie wir sehen werden, diese Handschriften nicht nur einzelne textliche Varianten haben, die mit dem für die *10-Briefe-Sammlung bezeugten Text übereinstimmen, sondern auch ein wichtiges strukturelles Merkmal aufweisen, nämlich das Fehlen des Hebräer‐ briefs, bieten diese Zeugen auch einen Einblick in die redaktionelle Entwicklung von der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung. Dieser Einblick wird durch den weiteren Umstand noch vertieft, wonach die fünf Zeugen sich auf zwei Familienarme aufteilen, wobei beide Arme gemessen an dem für die *10-Briefe-Sammlung bezeugten Text unterschiedlich nah bzw. fern von diesem sind. Das in Schritten zu entwickelnde Stemma der fünf Handschriften wird uns folglich einen weiteren Aufschluss über die Genese der *10- und der 14-Briefe-Sammlung geben, aber auch hilfreich dafür sein, welchen textkriti‐ schen Stellenwert bzw. welches Gewicht bei Variantenentscheidungen gerade für durch die Häresiologen nicht bezeugte Textpassagen die einzelnen Vertreter dieser beiden Arme besitzen. 126 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="127"?> 3 Bereits Zuntz unterschied zwischen (1) dem griechischen Archetyp, zu finden in 06; 010/ 012; (2) dem Zeugnis des Tertullian; und (3) dem Archetyp von 75 und Nichtvulgatalesarten der lateinischen Väter, G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 85. 4 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 46-61; A. Souter, The Original Home of Codex Claromontanus (D Paul ) (1905). Vgl. weiter zu dieser Handschrift K.v. Tischendorf, Codex Claromontanus sive Epistulae Pauli omnes Graece et Latine ex Codice Parisiensi celeberrimo nomine Claromontani plerumque dicto sexti ut videtur post Christum saeculi (1852); P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromontanum 2 (1889); P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromontanum 1 (1887); H.J. Vogels, Der Codex Claromontanus der Paulinischen Briefe (1933); K.T. Schäfer, Der griechisch-lateinische Text des Galaterbriefes in der Handschriftengruppe D E F G (1935); R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991). 5 R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991), 15; K.v. Tischendorf, Codex Claromontanus sive Epistulae Pauli omnes Graece et Latine ex Codice Parisiensi celeberrimo nomine Claromontani plerumque dicto sexti ut videtur post Christum saeculi (1852), xxviii. Schlossnikel gibt ibid. 17-21 eine „Rezeptionsge‐ schichte“ der Handschrift. Außerdem bietet er ibid. 23-31 eine detaillierte Beschreibung der Handschrift, ibid. 31-36 die weitere Geschichte derselben. 6 Insbesondere wird auf die Buchstabenform von b und d verwiesen, die als Minuskeln geschrieben sind und eine charakteristische Halb- oder bd-Unziale darstellen, vgl. H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 17-18. a. Fünf Handschriften: 3 1. Codex Claromontanus (06, D P , von Soden: 1026; Lat.: d, 75) 4 Diese Handschrift liegt heute in der Bibliothèque Nationale de Paris (Gr 107) und trägt ihren Namen durch den Herkunftsort, dem Coenobium Claromontanum (Clermont bei Beauvais), wo sie bis zum 16. Jh. aufbewahrt wurde. Sie wurde 1582 von dem Genfer Theologen Theodor Beza entdeckt und ging vor 1605 an Claude Dupuy, „der sie an seine Söhne, Bibliothekare an der Königlichen Bi‐ bliothek zu Paris, weitergab. Vor dem Tod von Jacques Dupuy (1656) erhielt der Claromontanus in der Königlichen Bibliothek Ludwig XIV. seinen endgültigen Standort“. 5 Aufgrund paläographischer Beobachtungen wird die Niederschrift auf die zweite Hälfte des 5.-Jh. datiert. 6 Sie enthält das Corpus Paulinum in Griechisch und in lateinischer Übersetzung, ist also eine sogenannte Bilingue, „kolomet‐ §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 127 <?page no="128"?> 7 K.T. Schäfer, Der griechisch-lateinische Text des Galaterbriefes in der Handschriften‐ gruppe D E F G (1935), 42. 8 Vgl. D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (2010), 37. 9 J.D. Michaelis, Einleitung in die göttlichen Schriften des Neuen Bundes (1788), 594. 10 R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991), 124-125. 11 Ibid. 164. 12 Vgl. A.C. Clark, The Acts of the Apostles: A critical edition with Introduction and Notes on Selected Passages (1933), 396-408. R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991); J.N. Birdsall, Review R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum (1993). 13 M. Karrer, Von den Evangelien bis zur Apk. Die Ordnung der Schriften in der Edition des Neuen Testaments (2019), 256. 14 Ibid. 260. risch in der Weise angeordnet, daß jedesmal die linke Seite den griechischen, die rechte den lateinischen Text in genauer zeilenmäßiger Entsprechung bietet“. 7 Bei ihr steht der Hebräerbrief am Ende der Sammlung, 8 „obgleich“, wie schon Michaelis vermerkt, „in dem hinter dem Briefe an Philemon befindlichen Verzeichniß der Bücher des Neuen Testaments dieser Brief nicht genannt ist“. 9 Die Handschrift bietet folglich den Hinweis darauf, dass der Hebräerbrief ursprünglich in einer Vorlage gefehlt hatte und erst später dieser Handschrift zugefügt wurde. Was den lateinischen Text angeht, wurde bereits von A.C. Clark hervorgehoben, dass derjenige des Hebräerbriefs sich vom Rest des Corpus Paulinum unterscheidet, eine Hypothese, die R.F. Schlossnikel überprüft und bestätigt hat, wonach dieser Brief einen anderen Übersetzer hatte als den, der die übrigen Paulinen übersetzt hatte. 10 Außerdem dürfte der lateinische Text des Hebräerbriefs wohl nicht aus einer bilingualen Tradition stammen, sondern aus einem „isolierte[n] Zweig“, 11 der wohl im frühen 4. Jahrhundert entstand und nach der Mitte des Jahrhunderts dem Codex zugefügt wurde, während der andere Teil des Corpus zu einer Zeit hervorgebracht wurde, in welcher der Hebräerbrief noch nicht dem Corpus fest zugerechnet wurde. 12 Auffallend ist auch: Die neutestamentlichen Schriften folgen im „Verzeichnis der Schriften und Verszahlen im Claromontanus [06] […] ohne Unterscheidung des Neuen Testaments von den vorangehenden Schriften […] nicht einmal eine Leerzeile zwischen Tobias und Evangelien ist zu vermerken“. 13 Überhaupt fehlt das Gliederungsmerkmal häufig noch bis zum „Druck des Erasmus-Testaments 1519“. 14 128 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="129"?> 15 Vgl. hierzu W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boerne‐ rianus of the Pauline Epistles (1951), 192. Zur Beschreibung des lateinischen Textes d, den Diehl für die Grundlage der späteren lateinischen Paulustradition hält, die jedoch schon recht bald zu einem Vulgatatyp überarbeitet wurde, vgl. E. Diehl, Zur Textgeschichte des lateinischen Paulus (1921). Dass es gerade die längeren Paulusbriefe sind, die in Richtung Vulgata überarbeitet wurden, wird aus dem Vergleich mit Lucifer von Cagliari gezeigt bei A. Souter, The Original Home of Codex Claromontanus (D Paul ) (1905). Souter meint schließlich, auch wenn dies, wie er schreibt, noch zu beweisen wäre, dass dieser Codex in Sardinien geschrieben wurde. 16 „The main correctors were more interested in the Greek than in the Latin text. Their general tendency was to eliminate singular readings and thus to normalize the text(s) according to current standards“, N.A. Dahl, 0230 (= PSI 1306) and the Fourth-Century Greek-Latin Edition of the Letters of Paul (1979), 81. 17 H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 255-256. 18 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 61-65. Vgl. K. Aland and B. Aland, Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die wissenschaftlichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik (1989), 119. 19 Eine ausführliche Beschreibung findet sich in R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991), 34-35. Im Unterschied zur Handschrift 010, die den lateinischen Text in den je äußeren von zwei Spalten pro Seite bietet, während der griechische Text die inneren beiden Spalten eines aufgeklappten Codex einnimmt, und zu 012, wo eine lateinische Interlinearübersetzung des Griechischen vorliegt, bietet 06 (nicht anders als 05) den griechischen und lateinischen Text auf sich gegen‐ überstehenden Seiten. 15 Was die verschiedenen Korrektorenhände betrifft, zeigt sich ein höheres Interesse am griechischen als am lateinischen Text; zudem wurde die Tendenz erkannt, „Einzellesarten zu eliminieren und so den oder die Texte nach geltenden Standards zu normalisieren“. 16 Bezüglich des lateinischen Textes meint Zimmermann, eine ältere und eine jüngere Form unterscheiden zu können. 17 2. Codex Sangermanensis (0319, D abs1 , olim: E, von Soden: 1031; Lat.: 76) 18 Die Handschrift befindet sich seit dem 18. Jh. in Sankt Petersburg, Signatur Gr. 20, und stellt eine Abschrift des Codex Claromontanus 06 (D) aus dem 9. Jh. dar. 19 Da letzterer an einigen Stellen lückenhaft ist, stellt dieser Zeuge eine wichtige Ergänzung dar. 20 Überhaupt ist er nicht, wie Wettstein meinte, nur eine §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 129 <?page no="130"?> 20 Vgl. K.T. Schäfer, Der griechisch-lateinische Text des Galaterbriefes in der Handschrif‐ tengruppe D E F G (1935), 42. 21 H. von Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. II. Teil: Text mit Apparat nebst Ergänzungen zu Teil I (1913), xv-xvi; H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apoka‐ lypse (1911), 1937. 22 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 61-62; zuvor bereits J.J. Wettstein, Hē Kainē Diathēke Tomus II. Continens Epistolas Pauli, Acta Apostolorum, Epistolas Canonicas Et Apocalypsin (1752), 547. 23 Vgl. K. Bredehorn, Aus fuldischen Handschriften: Codex Waldecensis. Fragmente einer griechisch-lateinischen Bibelhandschrift (olim Arolsen-Mengeringhausen, Stadtarchiv, s. n.; Marburg, Hessisches Staatsarchiv Best. 147 Hr 2, 2) (1999); V. Schulze, Codex Waldeccensis (Dw Paul). Unbekannte Fragmente einer Griechisch-Lateinischen Bibelhandschrift (1904). 24 Vgl. N.A. Dahl, 0230 (= PSI 1306) and the Fourth-Century Greek-Latin Edition of the Letters of Paul (1979). Dahl erwähnt an dieser Stelle noch ein Lektionarfragment mit Eph 2,19-22, das eventuell eine weitere Abschrift von 06 darstellt („the textual evidence is so slim that it remains inconclusive“, ibid. 88; er schließt aber dennoch: „the kinship between 0230 and Claromontanus is not simply due to their common descent from the fourth-century bilingual edition. They even belong to the same branch of the family of bilingual manuscripts, even though the family features in 0230 are only recognizable in the editorial design, not in the character of the text“, ibid. 92), und welches in Sankt Petersburg aufbewahrt wird. Außerdem verzeichne der Katalog von Corbie aus dem 11. Jh. noch eine Paulusbilingue, die heute verloren sei, vgl. auch H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 44-45. unnütze Abschrift - sie wurde auch durch von Soden ausgeschieden 21 - sondern bietet unter anderem unikale Lesarten, 22 diese finden sich jedoch ausnahmslos in Versen, die zur kanonischen Version gehören. Auch in dieser Handschrift steht der Hebräerbrief am Ende der Sammlung. 3. Codex Waldecensis (0320, D abs2 ; Lat.: 83) 23 Die Handschrift befindet sich im Stadtarchiv von Mengeringhausen und wird ins 10. Jh. datiert. Sie ist eine weitere Abschrift von 06 (D), stellt wiederum ein Bilingue dar, auch wenn von ihr lediglich Fragmente erhalten sind (Eph 1,13-19; 2,11-18 in Griechisch; Eph 1,5-13; 2,3-11 in Latein). Diese Handschrift bietet normalerweise den korrigierten Text von 06. 24 „Später wurden noch sechs Blätter im Staatsarchiv Marburg gefunden mit Fragmenten aus 2 Cor und Tt. Wahrscheinlich stammte diese Handschrift des 10. Jh. aus Korvey, 130 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="131"?> 25 R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991), 36. Vgl. H.J. Frede, Epistulae ad Thessalonicenses, Timotheum, Titum, Philemonem, Hebraeos (1978), 29. 26 R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991), 36. Vgl. auch H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 46. 27 R.F. Schlossnikel, Der Brief an die Hebräer und das Corpus Paulinum. Eine linguistische „Bruchstelle“ im Codex Claromontanus (Paris, Bibliothèque Nationale Grec 107+107A + 107B) und ihre Bedeutung im Rahmen von Text- und Kanongeschichte (1991), 36; H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 90. Einen Hinweis auf die Bamberger Bilingue, „48. Epistole Pauli grece et latine scripte“, in H. Bresslau, Bamberger Studien (1896), 145. wohin sie vielleicht während der Regierungszeit der Ottonen aus Corbie oder Um‐ gebung gekommen war. Die von zwei Schreibern, einer für den griechischen Text und einer für den lateinischen, abgefaßte Handschrift entspricht in Text und äußerer Anlage vollkommen dem Claromontanus: die griechische Spalte auf der Verso-Seite folgt meist D [06] der letzten Korrekturstufe, die lateinische auf der Recto-Seite 75, abgesehen von zwei Fehlern und den Verbesserungen von offenkundigen Versehen“. 25 Über den Codex Waldecensis hinaus gibt es noch weitere Hinweise auf Ab‐ schriften des Codex Claramontanus: „Die gleiche Lesung wie in Leningrad D.v. VI,3 finden wir auch in der Handschrift Laon, Bibliothèque Municipale 252 aus dem zehnten oder elften Jahrhundert“. 26 Außerdem wissen wir aus Bibliotheks‐ katalogen, „daß in Bamberg und Fulda Bilinguen lagen, die - zumindest in ihrem griechischen Text - auf eine dem Claromontanus zumindest eng verwandte Handschrift zurückgingen“. 27 Dem fragmentarischen Charakter geschuldet, wissen wir nichts über den Verbleib des Hebräerbriefs. §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 131 <?page no="132"?> 28 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769). F.H. Scrivener, An exact transcript of the Codex Augiensis, a Graeco-Latin manuscript of S. Paul’s epistles deposited in the library of Trinity college, Cambridge, to which is added a full collation of 50 manuscripts containing various portions of the Greek New Testament in the libraries of Cambridge (1859); H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 80-87. 29 K.T. Schäfer, Der griechisch-lateinische Text des Galaterbriefes in der Handschriften‐ gruppe D E F G (1935), 42. 30 Ibid. 31 Ibid. 32 Ibid. 33 Diese und die weiteren Angaben nach W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 187. 4. Codex Augiensis (010, F, von Soden: 1029; Lat.: 78) 28 Die Handschrift befindet sich heute in der Bibliothek des Trinity College Cambridge und trägt ihren Namen nach dem Abt des Klosters Reichenau („Monasterium Augiense“). Sie wurde „gegen Ende des 9. Jahrhunderts in einem schweizerischen oder alemannischen Kloster geschrieben“. 29 Auch diese Handschrift ist eine Bilingue. Bei ihr ist der „griechische Text […] in der inneren, der lateinische in der äußeren Spalte zu lesen“. 30 „Größere Buchstaben, die scheinbar regellos durch den Text verstreut sind, lassen erkennen, daß die unmittelbare oder eine mittelbare Vorlage von F die Absätze durch neue Zeile mit großem Anfangsbuchstaben kennzeichnete und F in der Zeilenanord‐ nung sich nicht an diese Vorlage angeschlossen hat“. 31 In dieser Handschrift fehlt der Hebräerbrief. 32 Leider ist die Hs. nicht vollständig, die beiden ersten Kapitel und fast die Hälfte des dritten von Röm (Röm 1,1-3,19 ἐν τῷ νόμῳ) fehlen sowohl griechisch wie lateinisch, d. h. es scheinen 5 Folia zu fehlen. 33 Weiters fehlt der griechische Text von 1Kor 3,8 (ὁ φυτεύων) - 16 (τοῦ θεοῦ); 6,7 (ἤδη) - 14 (αὐτοῦ); Kol 2,1 (καὶ ὅσοι) - 8 (τοῦ); Phlm 1,21 (πεποιθώς) - 25 (ἀμήν). Wie zu 012 weiter unten vermerkt, fehlt dort sowohl der griechische wie der lateinische Text dieser Stellen in der Hs. Dass aber in 010 hier zumindest der lateinische Text vorhanden ist, deutet darauf hin, dass schon in der oder einer der Vorlagen von 010 und 012 der griechische und der lateinische Text an diesen Stellen ausgefallen war, oder, weil der lateinische Text in 010 für die Stellen vorhanden ist, dass dieser entweder in einer weiteren Zwischentradition zwischen 010 und 012 verloren ging oder aber von 010 aus einer anderen Vorlage ergänzt wurde. Wenn es eine 132 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="133"?> 34 So ebenderselbe Schluss bei ibid. 188. 35 So ibid. 191. 36 So ibid. Zur Forschungsgeschichte zum altlateinischen Text des Neuen Testaments vgl. mit älterer Literatur P. Burton, The Latin Version of the New Testament (2013). 37 Vgl. hierzu W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boerne‐ rianus of the Pauline Epistles (1951), 192. Ergänzung war, würde dies bedeuten, dass dem Schreiber für den griechischen Text kein weiterer griechischer Zeuge zur Verfügung stand, aus dem er die Passagen hätte ergänzen können. Wie in 012 existiert eine weitere kleine, aber wichtige Lakune in 2Tim 2,12 (καὶ συνβασιλεύομεν) - 13 (ἀπιστοῦμεν), die ebenfalls vom Schreiber als Leerstelle angezeigt ist, wobei in dieser Hs. (nicht in 012) das Latein für εἰ ἀρνησόμεθα, κἀκεῖνος ἀρνήσεται ἡμᾶς aus diesem Vers ebenfalls fehlt. Da hier nicht ergänzt wurde, scheint das lateinische Exemplar der Vorlage tatsächlich zumindest diesen Ausfall gehabt zu haben und vielleicht der Ausfall auch der anderen Stellen im lateinischen Text ebenfalls in der Vorlage existiert zu haben. Wie auch immer, bereits die gemeinsamen Lakunen verdeutlichen, dass 010 und 012 in irgendeiner Beziehung zueinander stehen. 34 Schließlich gibt es weitere Unterschiede: Während die griechische Doxologie am Ende des Römerbriefes in 010 und 012 fehlt, steht in 010 der lateinische Text der Doxologie am Ende des Briefes und Platz ist ausgespart im Griechischen, sie fehlte also in seiner griechischen Vorlage. Im Unterschied zu 012 (und 06 wie auch 05) weist 010 keine Textgestaltung in Sinnzeilen auf. Entweder hatte seine Vorlage bereits keine solche Gestaltung oder aber der Codex hatte mit dieser Praxis gebrochen. 35 Ein weiterer Unterschied zu 012 besteht im vorhandenen lateinischen Text. In 010 finden wir i.W. einen Vulgatatext, während 012 einen altlateinischen Texttyp aufweist. 36 Auch das Layout, in welchem der lateinische zum griechischen Text steht, ist unterschiedlich. Hier in 010 befindet sich der lateinische und griechische Text in Parallelspalten, so dass bei geöffnetem Codex der griechische Text auf beiden Seiten die inneren Spalten besetzt, während die beiden äußeren den lateinischen Text bieten. 37 §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 133 <?page no="134"?> 38 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 80-84; H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964). Vgl. M. Klinghardt, Natürlich, eine alte Handschrift! (2022); A. Fischer, Codex Boernerianus. A Textual Analysis of 1 Timothy. STM Thesis (2019). 39 Ich erinnere mich noch gerne und dankbar an die Einführung, die mir vor Ort die Kollegen David Trobisch und Matthias Klinghardt in diese herausragende Handschrift gegeben haben. 40 M. Klinghardt, Natürlich, eine alte Handschrift! (2022), 308. 41 Ibid. 42 D.C. Parker, The Majuscule Manuscripts of the New Testament (2014), 46. 5. Codex Boernerianus (012, G, von Soden: 1028; Lat.: 77) 38 Die Handschrift wird heute aufbewahrt in der Sächsischen Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden unter der Signatur A. 145 b, datiert in die zweite Hälfte des 9.-Jh. 39 Sie „ist ein Pergamentkodex mit insgesamt 111 Blättern im Format von 25 cm x 19 cm. Auf den Blättern 2-100v enthält er, bei einem Schriftspiegel von ca. 17,5 cm x 13 cm und 20 bis 26 Langzeilen pro Seite, die Briefe des Apostels Paulus in der kanonischen Reihenfolge (Rm, 1/ 2Kor, Gal, Eph, Phil, Kol, 1/ 2Thess, 1/ 2Tim, Tit, Phlm). Von dem nur lateinisch erhaltenen, pseudepigraphen Laodizenerbrief findet sich nach dem Phlm die Überschrift, aber kein Text; der Hebräerbrief, der in allen Ausgaben zu den Paulusbriefen gezählt wird, fehlt.“ 40 „Der griechische Text ist in einer westlichen Majuskelschrift abgefasst […] Am auffälligsten ist, dass über dem griechischen Text von derselben Hand in kleiner, irischer Minuskel […] eine lateinische Interlinearübersetzung so eingetragen ist, dass sich die griechischen und lateinischen Wörter entsprechen. Von derselben Hand sind nicht nur zahlreiche Marginalglossen eingetragen, sondern auf dem ersten und den letzten Blättern auch ein […] lateinischer Kommentar zum Matthäusevangelium sowie auf der letzten Seite (fol. 111v) ein hymnisches Fragment.“ 41 Die verlorene Vorlage dieser Handschrift wurde von Bischof Marcus und seinem Neffen Moengal (später Marcellus) aus Rom in das iroschottische Kloster St. Gallen gebracht, wo diese beiden sich niederließen. Im 17. Jh. begegnet die Handschrift in den Niederlanden bei Paulus Junius, dem Leidener Rektor, dann im Jahr 1676 im Besitz von Peter Franz, und über eine Auktion gelangte sie zu dem späteren Leipziger Theologieprofessor Christian Friedrich Börner, von dem der Codex seinen heutigen Namen erhielt. Sie begegnet zum ersten Mal in Küsters Edition von Mills Greek New Testament des Jahres 1710. 42 1719 lieh sich Richard Bentley, der im Jahr zuvor den Codex 010 gekauft hatte, von Börner den 134 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="135"?> 43 W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 187. 44 So ibid. 45 M. Klinghardt, Natürlich, eine alte Handschrift! (2022), 309. 46 H.A.G. Houghton, The Latin Text of John in the Saint Gall Bilingual Gospels (Codex Sangallensis 48) (2020), 149. 47 Zu Sankt Gallen als möglichem Entstehungsort (im Unterschied zu der Forschungsmei‐ nung, wonach die Handschrift möglicherweise in Bobbio entstanden sei), vgl. weiter unten, S.-137 und ibid. 150. 48 W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 187. Codex für fünf Jahre aus, wollte ihn auch für 200 Guineen erwerben, doch Börner schlug das Angebot aus. 43 Vor der Rückgabe an seinen Besitzer ließ Bentley noch eine Kopie anfertigen, die jetzt in der Bibliothek des Trinity College Cambridge liegt (B.17.2). 44 Im Jahr 1778 „erwarb die Kurfürstliche Öffentliche Bibliothek zu Dresden den Kodex von Boerners Erben“. 45 Dieselbe Präsentation des Textes („Westliche Majuskel einer Hand des 9. Jh. mit interlinearer Übersetzung in Minuskel mit irischem Charakter“ 46 ) findet sich ebenfalls im Codex Sangallensis 48 und einem Psalter (Basel, Universitätsbibliothek, A.VII.7; VL 334). 47 Die Handschrift weist zwei Lakunen auf: Röm 1,1 (ἀφωρισμένος) - 5 (πίστεως), und 2,16 (τὰ κρυπτά) - 25 (ᾖς). 48 Weiters fehlen, vom Schreiber durch Platzaussparung angezeigt, 1Kor 3,8 (ὁ φυτεύων) - 16 (τοῦ θεοῦ); 6,7 (ἤδη) - 14 (αὐτοῦ); Kol 2,1 (καὶ ὅσοι) - 8 (τοῦ); Phlm 1,21 (πεποιθώς) - 25 (ἀμήν). Auch in 010, wie vermerkt, fehlt der griechische Text dieser Stellen, während der lateinische vorhanden ist. Wie in 010 existiert eine weitere kleine Lakune in 2Tim 2,12 (καὶ συνβασιλεύομεν) - 13 (ἀπιστοῦμεν), die ebenfalls vom Schreiber als Leerstelle angezeigt ist. Schließlich gibt es weitere Unterschiede, worauf schon bei 010 hingewiesen wurde. Während die griechische Doxologie am Ende des Römerbriefes in 010 und 012 fehlt, in 010 jedoch der lateinische Text hierfür am Ende des Briefes steht und im Griechischen Raum gelassen ist, fügt 012 unmittelbar die Subscriptio an, während Platz für die Doxologie gelassen wird am Ende von Kapitel 14. Auch wenn der Schreiber dieses Textes die Doxologie nicht zur Verfügung hatte, war er doch der Meinung, sie hätte an dieser Stelle eingeordnet sein müssen. 010 lässt keinen Raum am Ende von Kapitel 14. Auch in der Anordnung des Textbildes unterscheiden sich die beiden Hand‐ schriften 010 und 012. Hier, in 012, wird die ältere Praxis des Schreibens von Text in sinnwiedergebenden Zeilen benutzt, d. h. der Text ist in ungleich langen Zeilen arrangiert. Er entspricht damit der Praxis, die auch 06 (und 05) prägt. 49 §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 135 <?page no="136"?> 49 Vgl. hierzu ibid. 191. 50 So ibid. 191-192. 51 H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 256. 52 Vgl. hierzu W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boerne‐ rianus of the Pauline Epistles (1951), 192. 53 Vgl. hierzu ibid. 54 Bereits in Band 2 von P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromontanum 2 (1889); P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromon‐ tanum 1 (1887). 55 H. Houghton weist darauf hin, dass „offenkundig nur noch eine einzige andere inter‐ lineare Griechisch-Lateinische neutestamentliche Handschrift“ („There only appears to be one other interlinear Greek-Latin New Testament manuscript“) erhalten ist, GA 1269 aus dem 14. Jh., auch wenn „Bern Horace“ (Bern, Bürgerbibliothek MS 363) „manchmal mit den neutestamentlichen Interlinearen zusammengebracht wird“ („The 012 weist auch sehr viel häufiger große Initialen auf, die nicht den Anfang von Sinnzeilen markieren. Ein weiterer Unterschied zu 010 besteht im vorhandenen lateinischen Text. In 010 finden wir i.W. einen Vulgatatext, während 012 einen altlateinischen Texttyp aufweist, auch wenn beide Lateinversionen einen gewissen Einfluss des Griechischen durchscheinen lassen. 50 Den lateinischen Text setzt Zimmermann in die zweite Hälfte des 4. Jh. 51 Im Unterschied zu 010 bietet 012 den griechischen Text fortlaufend ohne Spalteneinteilung, während der lateinische Text weithin Wort für Wort in die darüberstehende Zeile eingetragen ist, es liegt also eine Interlinearübersetzung vor. 52 Diese Form scheint eine Weiterentwicklung gegenüber der Spaltenform von 010 darzustellen. 53 Als weiteres besonderes Phänomen bietet 012 nach Phlm noch die Super‐ scriptio des Laodizeerbriefes in Griechisch und Latein. b. Zur Familie der fünf Handschriften (06, 0319, 0320, 010, 012) 1. Gemeinsamkeiten untereinander Wie die textkritische Erforschung des Neuen Testaments herausgearbeitet hat, 54 stellen die aufgeführten Handschriften eine Familie dar, die bei aller Unterschiedlichkeit genügend Gemeinsamkeit aufweisen, die sie gerade auch, was die paulinischen Briefe auszeichnet, von den vielen übrigen Handschriften abgrenzen. Das herausragende gemeinsame Merkmal aller fünf Handschriften ist ihre Bilingualität, mit der sie sich von den meisten der anderen Paulushandschriften unterscheiden. 55 Über dieses Merkmal hinaus haben die älteren drei Hand‐ 136 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="137"?> ‚Bern Horace‘ … is also sometimes associated with the New Testament interlinears“). Er rechnet damit, dass sie „zusammen als Teil eines Projektes geschaffen wurden für eine Studienausgabe des griechischen biblischen Texts in einem der irischen Klöster auf dem europäischen Kontinent“ (“… seems to have been created together as part of a project to provide a study edition of Greek biblical texts in one of the Irish monasteries in continental Europe“), vielleicht Sankt Gallen, auch wenn derzeit der Forschungskonsens der Meinung sei, die Handschriften stammten möglicherweise aus Bobbio, so H.A.G. Houghton, The Latin Text of John in the Saint Gall Bilingual Gospels (Codex Sangallensis 48) (2020), 149. Eine Liste mit elf griechisch-lateinischen Bilinguen, 21 griechich-koptischen, zwei griechisch-arabischen und weitere Bilinguen (mit Altslavisch, Armenisch, Türkisch) führt auf D.C. Parker, Codex Bezae: An Early Christian Manuscript and its Text (1992), 60-61. Eine weitere Liste mit Griechisch-La‐ teinischen Handschriften des Neuen Testaments fügt er hinzu ibid. 63. Ergänzungen für die griechisch-koptischen Bilinguen bietet er in D.C. Parker, The Majuscule Manuscripts of the New Testament (2014), 42. 56 Vgl. ibid. 318. 57 Vgl. weiter unten. schriften 06, 010, 012 weitere Gemeinsamkeiten, worin sie sich von allen anderen Handschriften unterscheiden: 1. Es fehlt in ihnen der Hebräerbrief, oder er fehlte, wie in 06, ursprünglich, wie das Verzeichnis der Bücher des Neuen Testaments darin zeigt und die vom Rest der Briefe differierende lateinische Übersetzung von Hebr in 06 belegt. 2. Es fehlt in ihnen die Doxologie Röm 16,25-27, in 010 findet sich lediglich die lateinische Übersetzung derselben und, weil Platz ausgespart ist für den griechischen Teil, hat dieser in der Vorlage für die Handschrift gefehlt. 3. Diejenigen Zeugen, die die Passage enthalten, wonach Frauen in der Versammlung schweigen sollen, führen diese nicht wie sonst in der kano‐ nischen Version als Verse 1Kor 14,34-36 auf, sondern stellen diese Verse ans Ende dieses Kapitels. 56 4. Es gibt eine Fülle von weiteren Übereinstimmungen der drei Handschriften, die sie teilweise alleine gegenüber der restlichen Handschriftentradition bewahrt haben und welche sie mit dem für die *10-Briefe-Sammlung be‐ zeugten Text gemeinsam haben, andere solcher Übereinstimmungen mit der *10-Briefe-Sammlung teilen sie mit weiteren Handschriftenzeugen und der altkirchlichen Vätertradition. 57 Auf solche Textgemeinsamkeiten wird im weiteren einzugehen sein, zumal die drei Handschriften dieser Familie sich in der Nähe, in der sie an den Text der *10-Briefe-Sammlung herankommen, unterscheiden lassen. Diese Differenzierung wird, wie angedeutet, eine Aus‐ sagekraft über das Gewicht haben, mit dem sie bei Textentscheidungen zu Rate gezogen werden können. §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 137 <?page no="138"?> 58 Ich schließe mich hier der von Gerd Mink entwickelten „kohärenzbasierten Genea‐ logischen Methode“ an, die zunächst nicht reale Verhältnisse abbilden will, sondern „die Bildung einer Hypothese“ erlaubt, „die die Struktur der erhaltenen Überliefe‐ rung in einer Weise beschreibt, dass aus der systematischen Zusammenschau aller einzelnen lokalen Genealogien auf den generellen Textfluss in der Gesamtüberlie‐ ferung zurückgeschlossen wird“, so zusammengefasst von H. Strutwolf, Von den Kanones der Textkritik zu einer Theorie der Variantenentstehung im Rahmen der Kohärenzbasierten Genealogischen Methode. Einige vorläufige Überlegungen (2019), 277. Vgl. dazu auch den Beitrag des Erfinders selbst, G. Mink, Manuscripts, Texts, History, and the Coherence-Based Genealogical Method (CBGM): Some Thoughts and Clarifications (2019). 59 Vgl. M. Klinghardt, Natürlich, eine alte Handschrift! (2022), 317. Vgl. weiter unten S.-177-190. 60 Nach Corssen sei sie nicht vor dem Anfang des 5. Jh. geschrieben, P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromontanum 2 (1889); F. Zimmer, Der Codex Augiensis (F Paul ), eine Abschrift des Boernerianus (G Paul ) (1887). 61 Vgl. weiter oben zur Handschriftenbeschreibung S.-127-129. Wie ist nun das Verhältnis dieser Handschriften, insbesondere von 06, 010 und 012 zueinander und zur *10-Briefe-Sammlung zu bestimmen? 58 Weithin unbestritten ist, dass diese Handschriften sich auf zwei Arme eines „Familien‐ stammbaums“ verteilen lassen, was bereits durch das Fehlen des Hebräerbriefes im linken Arm gegenüber der späteren Ergänzung dieses Briefs im rechten Arm gestützt wird. 59 1. 06 hat eine (verlorengegangene) Vorlage W, 60 die sie mit der (ebenfalls ver‐ loren gegangenen) Handschrift X, der Vorlage von 012 und 010, gemeinsam hat. 61 2. 06 wurde ihrerseits als Vorlage für die Abschriften, 0319 und 0320, benutzt. 138 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="139"?> 62 M. Klinghardt, Natürlich, eine alte Handschrift! (2022), 317 („höchstens bis ins dritte“). 63 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 151*. 64 Von einem nur griechischen Text (des Evangeliums) des Markion, der Tertullian zur Verfügung stand, gehen aus: G. Quispel, De Bronnen van Tertullianus’ Adversus Marcionem (1943); J. Regul, Die antimarcionitischen Evangelienprologe (1969); J.N. Birdsall, The New Testament Text (1970), 345. B. Fischer, Das Neue Testament in lateinischer Sprache. Der gegenwärtige Stand der Forschung (1972), 20, 45. J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989); D.T. Roth, Did Tertullian possess a Greek copy or a Latin translation of Marcion’s Gospel (2009); U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 40-59. H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 6. B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019). Wie weiter unten in der Rekonstruktion zu einzelnen Stellen angemerkt, ist Haupts Urteil leider getrübt, weil er nur sehr wenige Stellen von Tertullians Bezeugung des Markiontextes berücksichtigt und an Das Stemma zeigt, dass die älteste Zeugin in das zweite bis vierte Jahrhundert hi‐ nabreicht, was weiter unten näher beleuchtet und begründet werden wird. 62 Im Folgenden bezieht sich die Untersuchung nur auf den griechischen Textbestand dieser Bilinguen, weil der lateinische Text derselben gesondert zu untersuchen wäre. Im linken Arm der Familie fehlt der Hebräerbrief. Das gilt, wie zu zeigen sein wird, auch für die *10-Briefe-Sammlung. Folglich sah Harnack zumindest teilweise das Richtige, wenn er, wie oben angeführt, schreibt, dass „der griechi‐ sche und lateinische Text“ von Markions Exemplar „je ein Zwillingsbruder des bilinguen Textes D [06], G [012] ist“. 63 Präziser müsste er in Anbetracht des nur ursprünglichen Fehlens des Hebräerbriefes in 06 sagen, dass die Handschrift 012 eine Zwillingsschwester zu Markions *Apostolos darstellt, während 06 nur mehr eine Schwester desselben ist. Wir werden weiter unten erkennen, dass die weitere Schwesterhandschrift, nämlich 010, noch enger als 012 mit der *10-Briefe-Sammlung zusammensteht. 2. Gemeinsamkeiten mit der *10-Briefe-Sammlung Nimmt man die vier Gemeinsamkeiten der vorliegenden Handschriftenfamilie der drei älteren Zeugen 06, 010, 012, so lässt sich feststellen, dass diese sich decken bzw. korrespondieren mit Charakteristiken der *10-Briefe-Sammlung: 1. Bilingualität: Bis heute war die Frage, ob Tertullian einen griechischen oder einen lateinischen Text von Markions *Apostolos vor sich hatte, nicht zu klären. 64 Die Argumente und Gegenargumente für eine der beiden §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 139 <?page no="140"?> einigen der berücksichtigten Stellen gerade auf Übereinstimmungen und Differenzen zwischen diesem Text und den Bilinguen nicht eingeht. Allerdings gab es nicht nur in der Vergangenheit Gegenstimmen, A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924); H. von Soden, Der Lateinische Paulustext bei Marcion und Tertullian (1927); A.J.B. Higgins, The Latin Text of Luke in Marcion and Tertullian (1951); A.F.J. Klijn, A Survey of the Researches into the Western Text of the Gospels and Acts (1949), 159; E.C. Blackman, Marcion and his influence (1948), 132. Lang etwa hat davor gewarnt, zu voreilig die Frage nach der einen (nur griechische Vorlage) oder der anderen Seite (nur eine lateinische) hin zu entscheiden, so T.J. Lang, Did Tertullian Read Marcion in Latin? Grammatical Evidence from the Greek of Ephesians 3: 9 in Marcion’s Apostolikon as Presented in the Latin of Tertullian’s Adversus Marcionem (2017). Auch Houghton fügt seiner Position hinzu, dass es „dennoch ab und zu Ähnlichkeiten zwischen Tertullians Zitaten und lateinischen Bibelhandschriften gibt, die darauf hinweisen, Tertullian könnte eine Übersetzung des Neuen Testaments benutzt haben“ („Nevertheless, there remain occasional similarities between Tertullian’s quotations and Latin biblical manuscripts which suggest that he might have used a translation of the New Testament“), eine Beobachtung, die sich insbesondere auf die Existenz einer lateinischen Version der Paulusbriefe bezieht, H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 6. 65 Tert., De Mon. 11. Auf dieses und das nächste Beispiel verweist H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 6. 66 Tert., Adv. Marc. V 4,8. 67 So B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019), 221-222. B.M. Metzger, The Early Versions of the New Testament. Their Origin, Transmission, and Limitations (1977), 44. Zu Ephräm, vgl. J. Molitor, Der Paulustext des hl. Ephräm aus seinem Armenisch erhaltenen Paulinenkommentar (1938). Lösungen könnten aber dadurch miteinander harmonisiert werden, dass wir annehmen, Tertullian habe eine Bilingue vor sich gehabt. Dann nämlich könnte man verstehen, warum an vielen Stellen der Eindruck entsteht, Tertullian habe unmittelbar aus einem griechischen Text übersetzt, an anderen hingegen, er habe eine lateinische Vorlage benutzt. Dass Tertullian sowohl einen lateinischen wie einen griechischen Text gekannt hat, erklärt er selbst in „De Monogamia“, wo er den lateinischen Text von 1Kor 7,39 mit dem vergleicht, was er „in Graeco authentico“ liest. 65 Dann sagt er bei der Behandlung von *Gal 4,24 in seinem Werk gegen Markion zu dem Vers: sicut inuenimus interpretatum, verweist also darauf, dass er den Text als lateini‐ sche Übersetzung des griechischen Verses liest. 66 Überhaupt wurde in der Forschung schon öfter vermerkt, dass Tertullians Bibelzitate (ganz ähnlich wie die des Ephräm) Ähnlichkeiten mit dem Text der Bilinguen besitzen, 67 und zwar sowohl was die griechischen wie die lateinischen Texte dieser Bilinguen betrifft. 68 Wenn Tertullian Markions Apostolos als Bilingue vor sich gehabt hätte, teilte die hier zu betrachtende Familie ein weiteres 140 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="141"?> 68 So G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 85. Dies gilt, auch wenn Zuntz bereits gesehen hat, dass Tertullian von anderen frühen Nicht-Vulgata-Handschriften unabhängig ist. 69 Daraus müsste man folgern, dass die älteste Sammlung der paulinischen Briefe korrek‐ terweise auch als Bilingue rekonstruiert und publiziert werden müsste - hierfür sind jedoch noch erheblich mehr Vorarbeiten zu leisten, als die vorliegende Untersuchung bieten kann, die Publikation der lateinischen Rekonstruktion des Apostolos soll hier folglich lediglich als Desiderat formuliert werden. 70 Die Aufstellung in Anlehnung (dort sind nur die Hypothesen 2-5 erwähnt) an W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 193. Merkmal mit Markions *Apostolos, das Harnack bereits erkannte hatte: die Bilingualität. 69 Wie Tertullians Beispiele zeigen, ist dies kein falscher Rückschluss aus dem bilingualen Charakter der vorliegenden Familie, sondern lediglich die Feststellung eines übereinstimmenden Merkmals. 2. Auch in der *10-Briefe-Sammlung fehlt die Doxologie Röm 16,25-27 (und es fehlen darüberhinaus die gesamten Kapitel 15-16, die allerdings bis auf die Doxologie in diesen Handschriften vorhanden sind). 3. Die Passage, wonach Frauen in der Versammlung schweigen sollen, be‐ findet sich auch in der *10-Briefe-Sammlung nicht an der Stelle der Verse 1Kor 14,34-36, allerdings im Unterschied zu der Handschriftenfamilie auch nicht am Ende des Kapitels, sondern nach *1Kor 14,21. 4. Wie zu zeigen sein wird, gibt es eine Fülle von Variantenübereinstim‐ mungen zwischen der *10-Briefe-Sammlung und Vertretern der Hand‐ schriftenfamilie. Aus diesen präliminaren Beobachtungen deutet sich bereits an, dass die hier zu verhandelnde Handschriftenfamilie einen gewissen Zwischenschritt bei der Entwicklung der *10-Briefe-Sammlung hin zur 14-Briefe-Sammlung darstellt, indem sie - je einzelne Hs. unterschiedlich - mehr oder weniger deutliche Spuren von Merkmalen beider Sammlungen aufweist. Hierüber gibt der fol‐ gende Überblick über Textvarianten, die die Familie mit der vorkanonischen Version teilt bzw. nicht teilt, weiteren Aufschluss. 3. Das Verhältnis der Zeugen innerhalb der Familie zueinander Ein besonderes Problem stellt die nähere Beschreibung des Verhältnisses der beiden Handschriften 010 und 012 zueinander dar. Im Wesentlichen wurden bislang fünf Hypothesen diesbezüglich aufgestellt: 70 §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 141 <?page no="142"?> 71 Animadverti autem, istum Codicem non esse nisi apographum praecedentis, d.-h. 010, J.J. Wettstein, Hē Kainē Diathēke Tomus II. Continens Epistolas Pauli, Acta Apostolorum, Epistolas Canonicas Et Apocalypsin (1752), 9. 72 Außerdem vertrat er noch Position 4, wie wir gleich sehen werden. Vgl. die Notiz in Bentleys erhaltenem Exemplar des Neuen Testaments zur Stelle Röm 1,1-3,19, die in 010 fehlt, es sei ein Apographon „aus unserem anderen Manuskript“, womit er 012 bezeichnete, das er ja ausgeliehen hatte, vgl. hierzu W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 198. 73 Sie waren „derived from the same Greek prototype“ und „the surviving representatives of a manuscript now lost, perhaps a century or two older than themselves“, F.H. Scrivener, An exact transcript of the Codex Augiensis, a Graeco-Latin manuscript of S. Paul’s epistles deposited in the library of Trinity college, Cambridge, to which is added a full collation of 50 manuscripts containing various portions of the Greek New Testament in the libraries of Cambridge (1859), xxvi, xxviii. 74 Cum cod. Boerner. Dresdensi (G) ad idem exemplar Graecum conformatus est, K.v. Tischendorf, Novum Testamentum Graece (1872), Not. int. 1. 010 und 012 sind voneinander unabhängig. 2. Beide wurden von derselben Vorlage entwickelt. 3. 012 ist eine Abschrift von 010. 4. 010 ist eine Abschrift von 012. 5. Beide gehen auf einen gemeinsamen Ahnen zurück. 1) 010 und 012 sind voneinander unabhängig Diese Position der Unabhängigkeit von 010 und 012 vertrat J.J. Wettstein, allerdings erwägt er auch, dass 012 aus 010 abgeschrieben sei. 71 2) Beide wurden von derselben Vorlage entwickelt R. Bentley vertrat ohne große weitere Ausführungen die Meinung, 010 und 012 stammten aus derselben Vorlage. 72 Auch Scrivener trat dieser Meinung bei, nachdem er beide Handschriften eingehend studiert hatte, zumindest, was den griechischen Text betrifft. Ihm zufolge stellen sie „die überlebenden Repräsentanten einer jetzt verlorenen Handschrift dar, die vielleicht ein oder zwei Jahrhunderte älter gewesen war als sie selbst“. 73 Auch Tischendorf sah die Nähe der beiden Handschriften und meinte, sie seien „auf dasselbe griechische Exemplar“ zurückzuführen. 74 Westcott und Hort schwanken zwischen Position 4 und der von Bentley hier vertretenen, wenn sie schreiben, sie halten 010 zumindest, was den griechischen Text betrifft, „sicher“ für eine „Abschrift“ („transcript“) von 012, „wenn nicht, ist es eine inferiore Kopie desselben unmittelbaren Exemplars“. 75 Und auch P. Corssen, der eine Detailuntersuchung der gesamten Familie vorgelegt hatte, kam zum Schluss, 010 und 012 seien 142 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="143"?> 75 „We believe F 2 to be as certainly in its Greek text a transcript of G 3 ; if not, it is an inferior copy of the same immediate exemplar“, F.J.A. Hort and B.F. Westcott, The New Testament in the Original Greek. Introduction. Appendix (1896), 149-150. 76 Nos non iam dubitamus statuere F et G ex eodem codice continua scriptura exarato vel, ut cautius dicam, in quo certe longe plurima verba inter se conexa fuerint, descriptos esse, P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromontanum 1 (1887), 4. 77 Nolim tamen pertinacius contendere cum eo, qui putaret, potius praecedentem Codicem [= 010] istius esse ἀπόγραφον, tantum dicam, consuetudinem Latina juxta Graeca ad latus apponendi videri antiquiorem illo genere, quo Latina Graecis inter lineas adscribuntur, J.J. Wettstein, Hē Kainē Diathēke Tomus II. Continens Epistolas Pauli, Acta Apostolorum, Epistolas Canonicas Et Apocalypsin (1752), 9. Zur selben Ansicht, was das höhere Alter der Seitengegenüberstellung von Griechisch und Lateinisch betrifft gegenüber der Verwendung einer Interlinearübersetzung, vgl. W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 192; W.B. Smith, The Pauline Manuscripts F and G. A Text-Critical Study (1903), 452. 78 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 1. 79 Lorenz nimmt denn auch unmittelbar Bezug auf Semler als Gegenfolie (wenn auch kritisch) für seinen Ansatz, vgl. P. Lorenz, The Latin Version and the Greek Tradition in the Gospel of Mark (2021), 133. vom selben Codex abgeschrieben. 76 Wir werden auf seine Position kurz unter Position 4 zurückkommen. 3) 012 ist eine Abschrift von 010 Wie zu Position 1 vermerkt, hatte bereits Wettstein diese Möglichkeit für wahr‐ scheinlich gehalten, konnte sich auch die umgekehrte Abhängigkeit vorstellen, gab aber zu bedenken, dass die Interlinearübersetzung das jüngere Modell sei. 77 4) 010 ist eine Abschrift von 012 Aufgrund eingehender Studien der Handschriften 06, 010, 012 hatte Semler be‐ reits darauf hingewiesen, dass „die Gelehrten bisher so verschiedener Meinung gewesen über die sogenanten codices graecolatinos, und sie diese fast ganz und gar für unbrauchbar in der Critik erkläret haben; weil sie, wie sie meinen, nach dem latteinischen Texte vorsetzlich so verändert worden, also unächt und von keinem Ansehen seien“, 78 was nicht zufällig an den weiter unten zu bespre‐ chenden Ansatz von Lorenz aus jüngster Zeit erinnert. 79 Semler hatte angemerkt - obwohl er eine Fülle von Beobachtungen zu diesen Kodizes anstellte -, es sei „wirklich der Mühe werth, welche auf die nähere Untersuchung gewendet wird; man wird immer bessere Entdeckungen nach und nach machen; denn, wenn ich gleich die gemeine hypothesin bestreite [010 und 012 seien voneinander §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 143 <?page no="144"?> 80 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 46. Auch Griesbach hatte auf die Verwandtschaft von 010 und 012 aufmerksam gemacht (proxima affinitate cognatus codici F), ohne jedoch deren Verhältnis näher zu bestimmen, J.J. Griesbach, Novum Testamentum Graece II (1806), xxii. 81 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 80. 82 Ibid. 80-84. 83 Ibid. 83-84. 84 F.H. Scrivener, An exact transcript of the Codex Augiensis, a Graeco-Latin manuscript of S. Paul’s epistles deposited in the library of Trinity college, Cambridge, to which is added a full collation of 50 manuscripts containing various portions of the Greek New Testament in the libraries of Cambridge (1859). 85 F.H. Scrivener, A Plain Introduction to the Criticism of the New Testament 1 (1894), 180-181; F.H. Scrivener, An exact transcript of the Codex Augiensis, a Graeco-Latin manuscript of S. Paul’s epistles deposited in the library of Trinity college, Cambridge, to which is added a full collation of 50 manuscripts containing various portions of the Greek New Testament in the libraries of Cambridge (1859), xxvi. 86 F.H. Scrivener, A Plain Introduction to the Criticism of the New Testament 1 (1894), 180-181. 87 „Highly significant“, W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 189. unabhängig] und widerlege, so gestehe ich doch, daß noch manches räthselhaft bleibet. Es gehört mehr Zeit zur Entdeckung der Sache“. 80 Semler legte schließlich in einer detaillierten Untersuchung dar, 012 könne „keine blosse Abschrift von F [10] sein, wenn gleich wahr ist, daß eine sehr grosse Gleichförmigkeit zwischen beiden ist. G [012] hat Verschiedenheiten entweder allein eigen, oder mit D [06], oder auch einigen andern gemein“. 81 Er geht eine lange Liste von Lesarten durch, in denen 012 gegen 010 steht 82 und schließt, Wettsteins Position sei zwar „hinlänglich widerlegt“, doch wie er schon zuvor betont habe, müssten beide Handschriften noch „viel genauer angesehen und beurtheilt werden“. 83 Einen detaillierten Vergleich stellte denn auch bald darauf F.H. Scrivener an. 84 Er hielt neben vielen Gemeinsamkeiten fest, dass beide Handschriften sich an 1.984 - in einer späteren Publikation nennt er 1.982 85 - Stellen unterschieden, wobei die meisten dieser Varianten wenig bedeutend seien, also Versehen, Ita‐ zismen, Vokal- und Konsonantvarianten, orthographisch ähnliche Formen und dgl. sind. 86 Hatch hat all diese Stellen überprüft und kam zum selben Ergebnis, wies aber darauf hin, dass es dennoch Fälle gebe, die „höchst signifikant“ seien. 87 Scrivener urteilte schließlich, „dass Cod. G nicht von Cod. F genommen sein kann, was sowohl mit Dingen, die mit ihren beiden lateinischen Versionen zu tun 144 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="145"?> 88 „That Cod. G cannot have been taken from Cod. F appears both from matters connected with their respective Latin versions, and because F contains no trace of the vacant lines left in G at the end of Rom. xiv to receive ch. xvi. 25-27“, F.H. Scrivener, A Plain Introduction to the Criticism of the New Testament 1 (1894), 181. 89 P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromontanum 2 (1889); P. Corssen, Epistularum Paulinarum codices Graece et Latine scriptos Augiensem Boernerianum Claromontanum 1 (1887). 90 Vgl. die ausführliche Rezension F. Zimmer, Rezension zu Corssen, Petrus, Epistularum Paulinarum codices … (1890); F. Zimmer, Der Codex Augiensis (F Paul ), eine Abschrift des Boernerianus (G Paul ) (1887). 91 F. Zimmer, Rezension zu Corssen, Petrus, Epistularum Paulinarum codices-… (1890). 92 So der Vorschlag von E. Diehl, Zur Textgeschichte des lateinischen Paulus (1921), 99. 93 W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 194. haben, zusammenhängt wie auch damit, dass F keine Spur der leergelassenen Zeilen in G am Ende von Röm 14 enthält, um die Verse 16,25-27 aufzunehmen“. 88 Gegen den in Position 2 genannte Corssen, der einen Vergleich der drei Handschriften 06, 010 und 012 unternommen hatte und zum Schluss gekommen war, dass 010 und 012 aus einer gemeinsamen, verlorenen Vorlage geflossen sind, die ihrerseits mit 06 auf eine wiederum nicht mehr vorhandene Vorlage zurückgehen und dass diese erste Vorlage ebenfalls eine Bilingue gewesen ist, die nicht älter als das 5. Jh. sei und wohl in Italien geschrieben wurde, 89 meldete sich F. Zimmer zu Wort 90 und argumentierte dafür, dass 010 nicht mit 012 aus einer gemeinsamen Quelle, sondern direkt aus 012 geflossen sei. 91 In seinem Versuch, 010 als minderwertige Abschrift von 012 zu erweisen, kann er zwar aufzeigen, dass 010 offenkundig 012 zur Hand hatte und unmittelbar von 012 beeinflusst ist, doch können manche Phänomene wie Lücken auf eine andere Vorlage zurückgehen und es bleiben die unikalen Lesarten von 010, die Semler aufführt und die bei Zimmer nicht diskutiert werden. Demnach kann man von Koordination 92 oder Kontamination, nicht aber von reiner Apographie ausgehen, bei der keine weitere Handschrift zurate gezogen worden wäre, vgl. hierzu die Position 5. Hatch fügt noch den Gedanken hinzu, dass aufgrund der Tatsache, dass 010 eine geringere Textqualität aufweise als 012, die Annahme einfacher sei, dass 010 aus 012 abgeschrieben wurde als umgekehrt, weil man wohl kaum mit einer Verbesserung, sondern allenfalls mit einer Verschlechterung des Textes im Laufe der Überlieferung rechnen müsse. 93 5) Beide gehen auf einen gemeinsamen Ahnen zurück Zimmers Hypothese wurde eingehend geprüft und mit guten Gründen von W.B. Smith verworfen. 94 In seiner Antwort auf Zimmer entwickelte er den Vorschlag, §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 145 <?page no="146"?> 94 W.B. Smith, The Pauline Manuscripts F and G. A Text-Critical Study (1903). 95 H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textge‐ stalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 1 § 489; W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 196. beide Handschriften 010 und 012 seien aus einem ihnen gemeinsamen Ahnen geflossen, und er betrachtete die beiden Handschriften als Cousins. Von Soden geht nochmals auf die Einwände von Smith ein und stimmt ihnen zu, wie sie später auch von Hatch akzeptiert wurden. 95 Kombiniert man die Erkenntnisse von Smith, von Soden und Hatch, kommt man auf folgendes vorläufiges Stemma: Von Soden gibt eine detaillierte Zusammenfassung der Charakteristiken für die erschlossenen Vorstufen von 010 und 012, die zeigen, dass diese nicht erst solche der vorliegenden Handschriften, sondern auch der Vorstufen waren, denen die erhaltenen Handschriften eng folgen (Layout, Textlänge auf einer Seite, Initialen, Textabschnitte), und urteilt, dass „der gemeinsame Stammkodex von 1028 [012] und 1029 [010] I al2 [= X des obigen Stemmas] … mindestens zum Teil noch continuo geschrieben [war], wie es 1026 [06] ist“, sich „der lateinische Text … in 1029 [010] über 1028 [012] hinaus der Vulgata angenähert [hat], oft völlig Vulgata geworden [ist]. Aber auch der griechische Text nicht selten 146 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="147"?> 96 Damit war schon von Soden der Meinung, der lateinische Text habe Einwirkung auf den griechischen gehabt, so jetzt auch P. Lorenz, An Examination of Six Objections to the Theory of Latin Influence on the Greek Text of Codex Bezae (2020), 175. Das Gegenargument in J.D. Michaelis, Introduction to the New Testament (1823), II 229. J.D. Michaelis, Einleitung in die göttlichen Schriften des Neuen Bundes (1788). Gleichwohl gesteht auch Michaelis ein, dass der griechische Text verschiedentlich nach dem lateinischen geändert wurde, so etwa ibid. 526, 596. Vgl. hingegen Ut enim innumeris locis manifestum sit, Latina Cantabrigiensis conformata esse ad Graeci textus typum ac normam, so D. Schultz, Disputatio de codice D Cantabrigiensi (1827), 11. 97 H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textge‐ stalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 1937-1938. 98 Ibid. 1938. 99 Ibid. 1938-1939. dem neuen lateinischen [entspricht], 96 … [allerdings] „gelegentlich … auch das Lateinische dem Griechischen angepasst“ ist. 97 Zu dem Schreiber von 012 fügt von Soden hinzu: „Für den Schreiber von 1028 [012] lässt sich wohl dasselbe nachweisen. Da er offenkundige griechische Sinnlosigkeiten nicht richtig stellt, kann auch er kaum griechisch verstanden haben. Die Anordnung des lateinischen Textes über dem griechischen setzt aber Kenntnis des Griechischen voraus. Ja der Schöpfer dieses Arrangements war ein überlegter Schreiber und Kenner verschiedener lateinischer Textformen. Nicht selten schreibt er mit einem t (= aut) verbunden zwei lateinische Ausdrücke über das griechische Wort, von denen fast immer der eine in 1026 = d, der andere in vulg sich findet und meist in 1029 = f den von d ersetzt. Diese Verdoppelung des lateinischen Wortes und überhaupt die verschiedene Länge der Ausdrücke in beiden Sprachen gleicht er stets dadurch aus, dass je nach Bedürfnis bald zwischen den lateinischen bald zwischen den griechischen Worten weitere Zwischenräume gelassen werden.“ 98 Und bezüglich des Schreibers von 010 urteilt von Soden: „Freilich auch der Schöpfer der Vorlage von 1029 [010] war ein schwacher Grieche. Er hat bei der Andeutung der Grenzen der Worte häufig Fehler gemacht, meist, wenn die zu Unrecht abgetrennte Silbe ein griechisches Wort darstellte, wie z. B. του. το l τουτο. Manchmal mag er auch nur in der Hast das Trennungszeichen um einen oder zwei Buchstaben falsch gesetzt haben. Und als er den Sachumfang der lateinischen Linie genau dem der griechischen anpasste, hat er offenbar an den zahlreichen Fehlern im Griechischen sich nicht gestossen.“ 99 Und durch Vergleich von 010 und 012 urteilt von Soden über die Vorlage I al2 [= X des obigen Stemmas]: §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 147 <?page no="148"?> 100 Ibid. 1939-1040, im Anschluss an das Zitierte führt von Soden noch kurz aus, warum 06 nicht die Vorlage von X sein kann. 101 Man darf sich nicht verwirren lassen, wenn von Soden den Archetypen zuerst I l nennt, in der Folge dann aber denselben als I al oder auch I al1 bezeichnet. 102 Hier schreibt von Soden irrtümlicherweise 1028. 103 H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textge‐ stalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 1041-1943. 104 „Against the consensus view that Bezae’s text represents an ancient Greek tradition that was the source of the Old Latin version“, P. Lorenz, A History of Codex Bezae’s Text in the Gospel of Mark (2022), 899. „1. Mit wenigen Ausnahmen wird der lateinische und griechische Text von I al2 [= X des obigen Stemmas] wieder herzustellen sein-… 2. Der Schreiber von I al2 [= X des obigen Stemmas] verstand kaum griechisch. Denn eine Reihe starker Schnitzer, die 1028 [012] und 1029 [010] gemeinsam sind, auch manche ihnen gemeinsame falsche Wortabtrennung …, Gemeinsamkeiten, die früher zu der Meinung verführten, einer der beiden sei Kopie des andern, muss auf ihren gemeinsamen Stammvater zurückgeführt werden. Die zahlreichen Itazismen lassen schliessen, dass I al2 [= X des obigen Stemmas] eine dictando geschriebene Reinschrift der zurechtredigirten Vorlage ist. 3. Der Schreiber von I al2 [= X des obigen Stemmas] hat zahlreiche Sprünge verbro‐ chen.-…“ 100 Was schließlich die Merkmale von W betrifft, fügt er hinzu: „1. Was zunächst die Form und Ausstattung betrifft, so war I al [= W des obigen Stemmas] 101 sicher, wie 1026 [06], continuo geschrieben, wie die verschiedenartigen fehlerhaften Worttrennungen in seinen Nachkommen beweisen. Die Übereinstim‐ mung von 1026 [06] mit 1029 102 [010] stellt auch ziemlich sicher, dass der griechische und lateinische Text in getrennten Kolumnen einander gegenüberstand; der griechi‐ sche hatte dabei den Ehrenplatz auf der linken Seite. Höchst wahrscheinlich ist es, dass der Text stichometrisch d.-h. in Sinnstichen abgesetzt war, wie in 1026 [06].-… 2. I al [= W des obigen Stemmas] muss Korrekturen aufgewiesen haben … [Er as‐ similiert] auch den lateinischen dem griechischen Text [im Unterschied von den Nachkommen]-…“ 103 In jüngeren Beiträgen, die zwar nicht das Corpus Paulinum, sondern die Evange‐ lientradition betreffen, insbesondere das Parallelstück zu 06, nämlich 05, Codex Bezae, wird, was die auch hier zu betrachtenden Bilinguen anlangt, aufzuzeigen versucht, dass „gegen die allgemeine Ansicht, dass Bezaes Text eine alte grie‐ chische Tradition repräsentiert, die die Quelle der altlateinischen Version ist“, 104 dessen griechischer Text „durch diorthosis eines griechischen Basistexts von 148 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="149"?> 105 „From the diorthosis of a Greek base text to selected renderings in the Old Latin version“, ibid. Vgl. auch P. Lorenz, An Examination of Six Objections to the Theory of Latin Influence on the Greek Text of Codex Bezae (2020). 106 P. Lorenz, The Latin Version and the Greek Tradition in the Gospel of Mark (2021), 133. 107 „W. Bousset took for granted the gospel citations of Justin Martyr, appealing to this text as a source of readings in Justin while ignoring Justin’s characteristic method of adapting gospel texts for rhetorical ends, a method that has produced certain readings that superficially resemble readings in the Old Latin gospels and 05“, ibid. 134 108 „For a study that makes similar assumptions with respect to Irenaeus’s text“, verweist Lorenz auf C.M. Tuckett, How Early is the ‚Western‘ Text of Acts? (2003). Zur Begründung heißt es bei Lorenz: „though Irenaeus’s citations were widely transmitted and resurface in continuous manuscripts of Acts, including 05“. 109 „Meanwhile, A. Harnack offered a rather optimistic reconstruction of Marcion’s gospel from hostile sources including Tertullian, in whose copious yet freely rendered citations he discovered ‚ein reiner W Text‘, while ignoring the fact that Tertullian does not even cite canonical texts reliably“, P. Lorenz, The Latin Version and the Greek Tradition in the Gospel of Mark (2021), 134. 110 „Recent work on Marcion perpetuates this theory of a ‚Western‘ text“, bezieht sich auf M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015); P. Lorenz, The Latin Version and the Greek Tradition in the Gospel of Mark (2021), 134. ausgewählten Lesarten in der altlateinischen Version“ herrührt. 105 Mit dieser Ge‐ genthese zur seit der Aufklärung sich etablierenden opinio communis will Lorenz die ältere Forschung neu begründet ins Recht setzen, die „Erasmus, A. Arnauld, J. A. Bengel, F. Lucas Brugensis, W. H. Estius, H. Grotius, J. Mill, R. Simon, und J. J. Wettstein“ entwickelt hatten. 106 Dabei wird geurteilt, dass bei W. Boussets Suche nach einem hinter Justins Evangelienzitaten liegenden griechischen Text Justins „charakteristische Methode der Adaption von Evangelientexten zu rhetorischen Zwecken missachtet wird, die jedoch gewisse Lesarten produziert hat, welche oberflächlich Lesarten in den altlateinischen Evangelien und 05 ähneln“. 107 Ähnliche Annahmen lege auch C.M. Tuckett seiner Studie zu Irenäus zugrunde, auch wenn „die Zitate des Irenäus breit überliefert sind und ständig in Hand‐ schriften der Apostelgeschichte, inklusive 05, wieder auftauchen“. 108 Harnack habe „eine ziemlich optimistische Rekonstruktion des Markionevangeliums aus gegnerischen Quellen, inklusive Tertullian, geboten, in dessen reichlichen, jedoch frei wiedergegebenen Zitaten er entdeckte, dass ‚ein reiner W Text‘ vorläge, ohne die Tatsache zu berücksichtigen, dass Tertullian nicht einmal kanonische Texte verlässlich zitiert“. 109 Schließlich würden auch die jüngeren Arbeiten zu Markion „diese alte Theorie eines ‚westlichen‘ Texts aufrechter‐ halten“, wobei als Beispiel Klinghardts Rekonstruktion des Markionevangeliums angeführt wird. 110 Diese nachaufklärerische Forschung sei „der ‚Parallelomanie‘ des ‚Westlichen‘ Textes aufgesessen“, dessen „klassisches Scheitern die jetzt §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 149 <?page no="150"?> 111 „The classic failure of this ‚parallelomania‘ of the ‚Western‘ text is the now debunked theory of a Western Diatessaron“, mit Hinweis auf Petersen in der Fußnote, von dem es heißt: „for a final fruition of this theory“, die Schmid „neatly dismantles“, P. Lorenz, The Latin Version and the Greek Tradition in the Gospel of Mark (2021), 134. Die Aussage bezieht sich auf U. Schmid, The Diatessaron of Tatian (2013). D. Taylor schrieb kürzlich, nicht sehr optimistisch, dass „das gesamte Feld der Diatessaronforschung gegenwärtig in Aufruhr sei“ („the entire field of Diatessaron studies is currently in a state of turmoil“), D.G.K. Taylor, New Developments in the Textual Study of the Old Syriac Gospels (2020), 6. In seinem Beitrag, in welchem Schmid erwähnt, dass er zu Petersens Forschergruppe gehörte, wenn er auch eine neue Methodologie entwickelte, die über Petersen hinausführte, legt er dar, dass es Ausgangspunkt, um verdeckte doppelte Standards, Regeln und Umstände in der Forschung zu vermeiden, sein müsse, „offen[zu]legen und [zu] diskutieren“ („exposed and discussed“), welche Voraussetzungen man macht (ibid. 118). Auffallenderweise ist gerade der Aufweis von „weithin übereinstimmenden Einträgen“ („broadly congruent entries“) genau wie deren Vergleich („compare this revision with the one represented by …“) ein wichtiger Baustein dieser Methode. Textforschung kann nicht ohne Parallelisierung arbeiten, auch nicht ohne stemmatische Beziehungen (ibid. 129), und auch Lorenz selbst macht von beidem reichlich Gebrauch, vgl. etwa P. Lorenz, The Latin Version and the Greek Tradition in the Gospel of Mark (2021). Zum „Old African Text“ etwa schreibt er: „As the earliest surviving continuous text of the Latin version, the Old African text, represented by VL1, seems to have been in existence by the 230’s CE on the basis of parallels with Cyprian, suggesting that this text was already in existence in 250 CE“ (ibid. 135) - was nun unterscheidet diese Form der Argumentation von derjenigen, die Lorenz kritisiert? Auch der gerade zitierte Taylor spricht weiter von einer „westlichen“ Textanordnung der Evangelien (ibid. 10). Im selben Aufsatz zeigt er, dass man Lesarten nicht vorschnell als Einwirkungen des Lateinischen erklären darf, wie sich nun bei seiner Lektüre eines Palimpsestes zu Mk 1,41 herausgestellt hatte (ibid. 40-41), pace P.E. Lorenz, Counting Witnesses for the Angry Jesus in Mark 1: 41. Interdependence and Insularity in the Latin Tradition (1916), 202-208. Schmid hat schließlich, vor allem auf Tertullian (und Epiphanius) aufbauend, eine griechische Rekonstruktion von Markions Apostolos vorgelegt, die eine der wichtigen Arbeiten in der Geschichte der Rekonstruktion bietet, wie wir oben gezeigt haben. 112 Ähnlich im Stil ist I.N. Mills, The Old Syriac Gospels as a Witness to Tatian’s Diatessaron? The Text-Critical Use of a Rival Tradition (2020). 113 Dieselbe Beobachtung auch in E. Diehl, Zur Textgeschichte des lateinischen Paulus (1921), 108. als solche entlarvte Theorie eines westlichen Diatessarons“ darstelle, als deren „letztes Beispiel“ W.L. Petersen mit „Tatian’s Diatessaron“ genannt wird, der durch U. Schmid „fein demontiert“ worden sei. 111 Wenn man über die polemische Rhetorik hinweg sieht, 112 erneuert Lorenz die, wie gezeigt, bereits durch von Soden immer wieder herausgestellte, 113 wichtige Beobachtung, dass bei jeder Handschrift nicht nur der Einfluss einer Vorlage zählt, sondern auch mit vielen weiteren Einflüssen gerechnet werden muss, insbesondere von weiteren (auch verlorenen) Handschriften. Ein Beispiel bietet 150 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="151"?> 114 Mit Begründung H.A.G. Houghton, The Latin Text of John in the Saint Gall Bilingual Gospels (Codex Sangallensis 48) (2020), 157-160. 115 „I demonstrated how the addition of et occurrit ut tangeret eum to John 20: 16-17, which is considered to be the reading of the Diatessaron, in all likelihood entered the Western harmony tradition in ninth-century Fulda via an Irish gospel book from the eighth century“, U. Schmid, The Diatessaron of Tatian (2013), 134-135. 116 „Thus, how can one confidently claim that such parallels, when harvested from even later Western vernacular harmonies, got there historically via a genuine link to the Diatessaron and not via influence from local gospel texts surrounding the harmony tradition? “, ibid. 135. die Bilingue Codex Sangallensis 48, in der der lateinische Text nicht aus einer Bilinguenvorlage kopiert wurde, sondern aus vielerlei Quellen stammt. 114 In unserem Fall dürften weitere, uns weithin unbekannten Rezensionen paulini‐ scher Briefe (und zwar nicht nur aus Textzeugen der Briefe selbst, sondern auch aus Lektionaren, Homiliaren und weiteren liturgischen Quellen, die sowohl kanonischen, vorkanonischen wie außerkanonischen Ursprungs sein können) Einfluss genommen haben, dann vor allem Paratexte und, worauf gerade Schmid und andere Wert gelegt haben, Glossen. In Glossen tradieren sich oft gerade vom Standardtext abweichende Lesarten, die auf die Vätertradition zurückgehen und in denen weitere Quellen zu suchen sind. Hier von vornherein auszuschließen, dass es sich bei dem Eindringen einer solchen Fremdquelle um eine Lesart der *10-Briefe-Sammlung handeln könnte, ist ebenso problematisch wie die Annahme, eine abweichende Lesart spreche bereits für eine solche. Als Beispiel einer solchen Argumentation sei auf den von Lorenz zitierten Schmid-Bei‐ trag verwiesen. Hier führt Schmid aus, dass er „zeigen konnte, dass die Hinzufügung zu Joh 10,16-17 et occurrit ut tangeret eum, die als Lesart des Diatessarons angesehen wird, mit aller Wahrscheinlichkeit die westliche Harmonietradition im Fulda des neunten Jahrhunderts durch ein irisches Evangeliar aus dem achten Jahrhundert erreichte“. 115 Hieran schließt Schmid die rhetorische Frage an: „Also, wie kann man zuversichtlich behaupten, dass solche Parallelen, wenn sie sogar von späteren volkssprachlichen westlichen Harmonien übernommen werden, historisch durch eine genuine Verbindung zum Diatessaron dorthin gelangt sind und nicht beeinflusst durch lokale Evangelientexte, die die Harmonietradition umgaben? “ 116 Die Frage ist natürlich richtig und berechtigt. Allerdings darf man meines Erachtens nicht nur nicht „zuversichtlich“ den Rückschluss auf die Herkunft aus dem Diate‐ ssaron vortragen, sondern muss im selben Maße auch dessen Bestreitung in Frage stellen. Voraussetzung für die Bestreitung dieser Herkunft ist ja doch, dass man nachweisen müsste, dass das irische Evangeliar nicht in der Diatessarontradition hat stehen können und eine solche Lesart als ausschließlich lokal, sprachlich, konjektural, §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 151 <?page no="152"?> 117 Hier hat der von Schmid zitierte Petersen bereits das Richtige gesehen: „If modern typographical and scholarly errors could, completely at random, generate readings which researchers pronounced to be ‚Tatianisms‘, then, mutatis mutandis, could not similar errors in the past, in the long transmission history of the codices, have also, at random and without any relationship to the Diatessaron, have generated similar errors … Any dispassionate observer had to answer, ’Yes, similar random errors must have occurred in the past, and, yes, they unquestionably had generated ‚Diatessaronic‘ readings which had nothing to do with the Diatessaron“, W.L. Petersen, Tatian’s Diatessaron. Its Creation, Dissemination, Significance, and History in Scholarship (1994), 303-304. Zitiert in U. Schmid, The Diatessaron of Tatian (2013), 135. Doch diesen Ausschnitt zu zitieren, bietet allenfalls einen Teil des Ganzen, denn das Angeführte sollte zwar nicht bezweifelt werden; hinzugefügt werden muss jedoch, was oben im Haupttext ausgeführt ist, die sorgsame Pflicht, auch dann, wenn sich herausstellt, dass es sich nicht um Fehler, Zufälle und dergleichen handelt, sondern um sinnvolle Lesarten aus irgendeiner im Zusammenhang stehenden Quelle. In diesem Fall muss eine Tiefenprüfung erfolgen, auch wenn solche Forschung zu einer „never-ending story“ führt (ibid. 136). Hierfür gibt Lorenz die richtige Richtung an, was den lateinischen Text der Bilinguen bzw. in seinem Fall den Old African text betrifft: „We need to isolate readings likely to have been introduced by the translators, learn their characteristics, and use these characteristics to assess the likelihood that particular Old African readings reflect the work of the translators versus features transmitted from a Vorlage“ (ibid.). 118 Vgl. U. Schmid, „Unum ex quattuor“. Eine Geschichte der lateinischen Tatianüberliefe‐ rung (2005); U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012). tendenziös oder als simpler Schreibfehler erklärt werden muss. 117 Die Tatsache, dass ein irisches Evangeliar aus dem achten Jahrhundert eine nichtkanonische Lesart aufweist, die dann „mit aller Wahrscheinlichkeit“ in den Text von Fulda aufgenommen wurde, spricht zunächst für die Bedeutung, die diese Lesart für den Schreiber des Textes aus Fulda hatte. Dieser auf den Grund zu gehen und die genannten möglichen Gründe für die Präsenz dieser Lesart im irischen Evangeliar zu bestimmen, wäre der Ansatz, der mich überzeugen könnte. Alleine der Nachweis, dass Lesarten aus lokalen Vorgängertexten bzw. in älteren Paratexten auffindbar sind und das Eindringen sol‐ cher, auch wenn sie ins Griechische übertragen werden, als Diorthosen zu bezeichnen, führt noch nicht zu einer schlüssigen und überzeugenden Erklärung. Mit einer vielfältigen Koordination und Kontamination und einer Vielfalt von möglichen Quellen rechnen zu müssen, von denen die meisten uns für immer verschlossen sein werden, macht die Aufgabe der Erklärung einer Textgenese nicht leicht, doch hier ist wiederum Schmid ein leuchtendes Beispiel, das er durch seine Diatessaronstudien und in seiner Rekonstruktion von Markions *Apostolos gab, dass nämlich eine solche Aufgabe auch nicht völlig unmöglich ist. 118 Die methodologische Diskussion schreitet gewiss voran und die Entwick‐ lung sollte keines Hiats zwischen voraufklärerischer, aufklärerischer oder nach‐ 152 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="153"?> 119 Hatch gibt lediglich eine zufällige Auswahl aus der Gesamtheit. Doch auch Hatch ist natürlich aufgefallen, dass 010 und 012 vielfach Gemeinsamkeiten haben mit 06 und 0319, W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 188. aufklärerischer Ideologie bedürfen, sondern hat im Überdenken der logischen Grundlagen, ihrer Schlussfolgerungen und nachzuverfolgenden Ergebnisse zu geschehen. 4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede von 06, 010, 012 und der *10-Briefe-Sammlung Hier und nachher werden nicht alle Gemeinsamkeiten und Unterschiede ge‐ listet, sondern es wird lediglich auf für die *10-Briefe-Sammlung bezeugten Verse oder Versteile eingegangen. Diese aber sind vollständig verzeichnet. 119 1) Gemeinsamkeiten Gal 1,18 liest Tertullian „Petrus“, und so wird Πέτρον bezeugt von 06, 010, 012 (wie auch 01 2 , 044, M latt, sz h ), was harmoniert mit *Gal 2,9, folglich noch einen Reflex des vorkanonischen Textes im kanonischen darstellt. *Gal 2,9 findet sich die von Tertullian bezeugte Reihenfolge der Apostel Petrus, Jakobus und Johannes, auch bezeugt in 06, 010, 012 (wie auch 629, ar, b, vg mss , Tert, Ambst, Pel), während die kanonische Anordnung mit der Form „Kephas“ als zweites Glied zu finden ist in 01, 03, 04, 016 vid , 018, 020, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, vg, sy, co. Auffallend sind P 46 und r, wo wir zwar die kanonische Reihenfolge, jedoch die Namensform „Petrus“ lesen, alleine „Jakobus“ liest man in 02. *Gal 2,11 steht anstelle von Κηφᾶς nach Tertullian im vorkanonischen Text Petrus (Πέτρος) und so auch in 06, 010, 012 (wie auch 018, 020, 630, 1505, 2464, M, it, vg mss , sy h , Ambst). Wieder heißt es *Gal 2,14 anstelle von τῷ Κηφᾷ nach Tertullian im vorkanonischen Text Petrum (τῷ Πετρῷ), und so auch in 06, 010, 012 (wie auch 018, 19, 025, 104, 630, 1505, 2464, M, it, vg mss , sy h , Ambst). *Gal 2,14 dasselbe Petrus-Phänomen wie zuvor, bezeugt durch 06, 010, 012 (wie auch M, it, vg mss , sy h , Ambst, Pel). *Gal 4,23 liest man anstelle von δι‘ ἐπαγγελίας nach Epiphanius im vorkano‐ nischen Text διὰ τῆς ἐπαγγελίας, und so auch 06, 010, 012 (wie auch 03, 018, 020, 025, 062, 0278, 365, 630, 1175, 1505, 1739, 1881, M, Or). *Gal 4,26 liest man anstelle von μήτηρ πάντων ἡμῶν nach Tertullian im vorkanonischen Text nur μήτηρ ἡμῶν, und so auch in 06, 010, 012 (wie auch §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 153 <?page no="154"?> P 46 , 01*, 03, 04*, 044, 6, 33, 1241, 1739, 1881, 2464, 2495, lat, sy p.hmg , co, Ir arm , Or, Ambst). *Gal 5,24 fehlt nach Epiphanius im vorkanonischen Text Ἰησοῦ, und so auch in 06, 010, 012 (wie auch P 46 , 018, 020, 0122* .2 , 81, 104 c , 365, 630, 1505, 2464, M, latt, sy). *Gal 6,10 liest Tertullian das indikativische Präsens (habemus) ἔχoμεν, und so auch 06, 010, 012 (wie auch P 46 , 02, 032, 04, 018, 019, 025, 044, 81, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739 s , 1881, 2464, M, Cl), während ἔχωμεν geboten wird von 01, 03*, 6, 33, 104, 326, 614. *Gal 6,12 fehlt nach Tertullian wieder Ἰησοῦ, und so auch 06, 010, 012 (wie auch 01, 02, 04, 018, 020, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1739, 2464, M, latt, sy), es steht aber P 46 , 03, 1175. Gal 6,16 liest Tertullian das konjunktivische Perfekt Passiv (sint recorrecti), στοιχοῦσιν, und so auch 06, 010, 012 (wie auch 01, 04*, 1739, 1881, it, Ambst), hingegen lesen das Futur στοιχήσουσιν 01, 03, 04 2 , 018, 020, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 2464, M, und P 46 liest στοιχήσωσιν. *1Kor 3,17 legt sich durch Tertullian (Quodsi templum dei quis vitiaverit, vitiabitur) die Form αὐτὸν näher, die auch in 01, 06, 010, 012, sy p.hmg steht, während τοῦτον kanonisch geboten wird. *1Kor 5,2 legt Tertullian (auferri) ein ποιήσας nahe, das bezeugt wird in 06, 010, 012 (wie auch P 46.68 , 03, 020, 025, 044, 365, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, M), während πράξας bezeugt wird durch P 11vid 01, 02, 04, 33, 81, 104, 326, 1175, 2464, Did. *1Kor 5,7 fehlt nach Epiphanius ὑπὲρ ἡμῶν im vorkanonischen Vers, so auch 06, 010, 012 (wie auch P 11vid.46vid , 01*, 02, 03, 04*, 33, 81, 1175*, 1739, latt bo, Cl, Or), während es steht in den Zeugen 01 2 , 04 3 , 020, 025, 044, 104, 365, 630, 1175 c , 1241, 1505, 1881, 2464, M, sy, sa, bo ms . *1Kor 7,10 legt Tertullian (non discedere) das Präsens nahe, μὴ χωρίζεσθαι, so auch 06, 010, 012 (wie auch 02, 1505, 1881), während der passivische Aorist μὴ χωρισθῆναι geboten wird von 01, 03, 04, 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1739, 2464, M, Cl, Epiph. *1Kor 7,29 legt Tertullian in der Eröffnung (Quia) eine Konjunktion, ὅτι, nahe, so auch bezeugt in 06, 010, 012 (wie auch 044, 104). *1Kor 10,9: Wie Epiphanius verdeutlicht, habe Markion an die Stelle von κύριον den Namen Χριστόν gesetzt, dem entsprechen die Zeugen 06, 010, 012 (wie auch P 46 , 018, 020, 044, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, M, latt, sy, co, Ir lat , Or 1739mg ), während κύριον steht in 01, 03, 04, 025, 33, 104, 326, 365, 1175, 2464, sy hmg , θεόν findet sich in 02, 81. 154 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="155"?> *1Kor 10,20 zitiert Epiphanius ohne τὰ ἔθνη, was auch fehlt in 06, 010, 012 (wie auch 03, Ambst, Spec), hingegen steht es in den Zeugen P 46vid , 01, 02, 04, 018, (020), 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, co. *1Kor 12,10 fehlen in Tertullian Äquivalente für zweimal stehendes δέ, so auch in den Zeugen 06, 010, 012 (wie auch P 46 , 03, 0201, 6, 630, 1739, (1881), latt, Cl), während sie beide stehen in 01, 02, 04, 018, 020, 025, 044, 33 vid , 81, 104, 365, 1175, 1241, 1505, 2464, M, sy. *1Kor 15,49 diskutiert Tertullian, wonach φορέσωμεν vorkanonisch zu lesen sei, so auch bezeugt für 06, 010, 012 (wie auch P 46 (+ δή), 01, 02, 04, 018, 020, 025, 044, 075, 0243, 33, 81, 104, 365, 945 txt , 1175, 1241, 1505, 1739, 2464, M, latt, bo, Ir lat , Cl, Or), während φορέσομεν bezeugt ist durch 03, 016, 6, 630, 945 v.l. , 1881, sa. *1Kor 15,50 legt sich nach Tertullian (enim) ein γάρ nahe, so auch bezeugt durch 06, 010, 012, b, Ir lat , Ambst, und von NA 28 als markionitische Lesart angegeben, anstelle eines δέ. *2Kor 5,10 legt sich nach Tertullian (mali) eher κακόν nahe, so auch bezeugt in 06, 010, 012 (wie auch in P 46 , 03, 018, 020, 025, 044, 104, 1175,1241, 1505, 2464, M, Cl), während sich φαῦλον findet in 01, 04, 048, 0243, 33, 81, 326, 365, 630, 1739, (1881)). *Röm 14,21 bezeugt Eznik σκανδαλίζεται, das auch steht in 06, 010, 012 (wie auch P 46vid , 01 2 , 03, 020, 025, 044, 0209, 33, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, M, lat, sy h , sa), während es fehlt in 01*, 02, 04, 048, 81, 945, 1506, 1739, r, sy p , bo. *Laod 1,13 liest Tertullian vos, also ὑμεῖς, so auch bezeugt in 06, 010, 012 (wie auch P 46 , 01* .2b , 03, 025, 33, 81, 104, 365, 1175, 1505, 1739; 1881, M, latt, sy, co, Ir lat ), während sich ἡμεῖς findet in den Zeugen 01 2a , 02, 018, 020, 044, 326, 629, 630, 1241, 2464. *Laod 2,20 ist der Text von Tertullian nicht gesichert. lapidem angularem hat die Handschrift R, wohingegen M nur angularem hat, was Kroymann, Harnack und von Soden bevorzugen. Das entsprechende λίθου findet sich jedoch auch in 06*, 010, 012 (wie auch 629, latt, Or pt ). *Laod 3,9 steht nach Tertullian πάντας, so auch bezeugt in 06, 010, 012 (wie auch P 46 , 01 2 , 03, 05, 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 2464, M, latt, sy, co), während es fehlt in 01*, 02, 6, 1739, 1881, Ambst, Aug. *Laod 4,26 steht nach Adamantius (jedoch im Mund des Markioniten) ein τῷ, so auch bezeugt in 06, 010, 012 (wie auch 01 2 , 018, 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 1739 c , 1881, 2464, M, Cl), während es fehlt in den Zeugen P 49 , 01*, 02, 03, 1739. §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 155 <?page no="156"?> 120 Wie wichtig die Betrachtung nicht nur der Gemeinsamkeiten, sondern auch der Unterschiede ist, hat Schmid herausgestellt, U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 274. *Laod 5,19 fehlt nach Tertullian ein ἐν vor ψαλμοῖς, so auch in den Zeugen 06, 010, 012 (wie auch 01, 02, 018, 020, 044, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 1881, 2464, M, vg ms ), während es aber steht in den Zeugen P 46 , 03, 025, 0278, 6, 33, 1739, lat. *Kol 2,16 bietet Epiphanius beide Varianten, ein ἤ und ein καί, Tertullian ein et, jedoch scheint das ἤ im vorkanonischen Text gestanden zu sein, es findet sich auch in 06, 010, 012 (wie auch 01, 02, 04, 016, 018, 020, 025, 044, 075, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 2464, M, lat, sy h , Eus) und wird von NA 28 auch als Lesart Markions angegeben, während die andere Variante steht in P 46 , 03, 1739, 1881, b, vg ms . *Phil 1,23 fehlt nach Eznik ein εἰς, so auch bezeugt in 06, 010, 012 (wie auch P 46c ). 2) Unterschiede Es gibt auch einige Gegenbeispiele, in denen die Familie mit der kanonischen Tradition geht: 120 *Gal 2,5 fehlt nach Tertullian zu Anfang ein οἷς, dafür steht die Verneinung οὐδὲ, diese beiden auffälligen Varianten sind auch bezeugt durch sy p , Marius Victorinus, Iren lat , wohingegen οἷς οὐδὲ πρὸς ὥραν gelesen wird von 06 c , 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 02, 03, 04, 018, 020, 025, 033, sy h , bo, arm, eth, OL pc); πρὸς ὥραν 06*, Tert, OL; οἷς πρὸς ὥραν Hieron, Sedulius Scottus. *Gal 4,10 bietet Tertullian die Reihenfolge verschieden, in Adv. Marc. V 6: Dies observatis et menses et tempora et annos, doch in Adv. Marc. I 20 führt er an: et observantes tempora et dies et menses et annos, während man in 06, 010, 012 findet: ἡμέρας παρατηρεῖσθε καὶ μῆνας καὶ ἐνιαυτοὺς καὶ καιρούς. *Gal 5,14 ist ein interessanter Fall. Hier lesen Tertullian (adimpleta est) und Epiphanius übereinstimmend die Perfektform πεπλήρωται, während eine Fülle von Textzeugen der kanonischen Tradition das Präsens πληροῦται bieten (06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 0122, 630, 1505, 1881, 2464, M, latt). NA 28 vermerkt folglich die Perfektform als Lesart Markions. *Gal 5,21 findet sich wohl ein alter Fehler, wonach Epiphanius einmal φόνοι anstelle von φθόνοι liest, auch wenn er zuvor φθόνοι selbst bezeugt hat. NA 28 vermerkt φθόνοι darum als markionitische Lesart. Doch φόνοι findet sich auch in 06, 010, 012 (wie auch 02, 04, 018, 020, 025, 044, 0122, 0278, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy h , bo, (Cyp)). 156 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="157"?> *1Kor 2,1 dürfte wieder ein alter Fehler sein. Während Tert., Adv. Marc. V 6,2 sacramenta, also μυστήρια liest, findet sich der Terminus μαρτύριον auch P 46vid , 01*, 02, 04*, ar, r, sz p , bo, Hipp, BasA, Ambst, findet sich μαρτύριον in den Zeugen 06, 010, 012 (und so auch 01 2 , 03, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1506, 1739, 1881, 2464, M, b, vg, sy h , sa). *1Kor 10,11 legt Tertullian (haec autem) das ταῦτα δὲ nahe, so auch bezeugt in 02, 03, 33, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, sa, während sich die kanonische Form πάντα δὲ ταῦτα findet in den Zeugen 06, 010, 012 (wie auch 01, 81, bo? , Ir arm.lat pt ), ταῦτα δὲ πάντα steht in 04, 018, 020, 025, 044, 104, 365, 1241, 1505, M, lat sy bo? *1Kor 14,34 fehlt nach Tertullian ein ὑμῶν, so auch in P 123 , 01, 02, 03, 044, 0243, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241, 1739, 1881, 2464, lat, co, während es eingefügt wird von 06, 010, 012 (wie auch 018, 020, 630, 1505, M, ar, b, sy, Cyp, Ambst). *2Kor 4,6 fehlt nach Tertullian wieder Ἰησοῦ, so auch 02, 03, 33, hingegen steht Χριστοῦ Ἰησοῦ in 06, 010, 012 (wie auch 0243, 630, 1739*, 1881, lat, Ambst), und Ἰησοῦ Χριστοῦ in P 46 , 01, 04, 016, 018, 020, 025, 044, 0209, 81, 104, 265, 1175, 1241, 1505, 1739 c , 1881, lat, Ambst. Auch diese Varianz deutet auf eine Stellung der Handschriftenfamilie zwischen vorkanonischer und kanonischer Version hin. *2Kor 4,10 legt sich nach Tertullian (dei) θεοῦ nahe, doch dies steht in keinem Zeugen, hingegen bieten 06, 010, 012 Χριστοῦ, während NA 28 und viele kanonische Zeugen Ἰησοῦ schreiben. Wieder liegt ein Hinweis für die Zwischenstellung der Familie vor. Im selben Vers legt sich nach Tertullian Χριστοῦ nahe, während NA 28 mit vielen kanonischen Zeugen Ἰησοῦ bietet, hingegen bieten 06, 010, 012 Ἰησοῦ Χριστοῦ. Deutlich finden wir eine Kontamination von vorkanonischer und kanonischer Bezeugung. *Röm 14,10 liest Tertullian Christi, so auch bezeugt durch 01 2 , 04 2 , 020, 025, 044, 048, 0209, 33, 81, 104, 365, 1175, 1505, 1881, M, r, vg cl , sy, Polyc, Ambst und NA 28 verweist auch auf Markion, hingegen lesen θεοῦ die Zeugen 06, 010, 012 (wie auch 01*, 02, 03, 04*, 630, 1506, 1739, lat, co). *Laod 2,17 fehlt nach Tertullian εἰρήνην, so auch bezeugt in 018, 020, 044, 81, 104, 630, 1241 s , 1505, M, sy h , Tyc, und wird von NA 28 als markionitische Lesart angegeben, während es in folgenden Zeugen steht: 06, 010, 012 (wie auch in P 46 , 01, 02, 03, 025, 33, 365, 1175, 1739, 1881, 2464, l 249, latt, co, Cyp, Eus, Did). *Laod 6,11: Das von Tertullian nicht gelesene ὑμᾶς fehlt auch in P 46 und 018, statt dessen lesen wir ὑμᾶς στῆναι in 03, 010, 012, 025, 230, 1739, pm, στῆναι ὑμᾶς 04, 06. §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 157 <?page no="158"?> 121 M. Klinghardt hat bereits dargelegt, dass die Differenz zwischen „‚echten‘, semantisch relevanten, und kleineren, semantisch unwirksamen oder unerheblichen Varianten häufig unscharf ist und verschieden beurteilt werden kann“, so M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersu‐ chung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 79-80. 3) Sonderfälle *1Kor 3,17 liest Tertullian das Futur (vitiabitur), was aber seine auf der kanoni‐ schen Form basierende, argumentative Zuspitzung zu sein scheint, wie seine Argumentation zeigt, darum ist wohl mit den Zeugen 06, 010, 012 (wie auch 020, 025, 0289, 6, 33, 81, 614, 1175, 1241, 2464, l 249, vg mss , Ir) wie zuvor φθείρει zu lesen, während das Futur φθερεῖ zu finden ist in den Zeugen P 46 , 01, 02, 03, 04, 044, 104, 365, 630, 1505, 1506, 1739, 1881, M, lat, co. *1Kor 12,10 legt Tertullians schlichtes virtutum ein δυνάμεων nahe, dies steht in keinem Zeugen, hingegen findet sich ἐνέργεια δυνάμεως in den Zeugen 06, 010, 012 (wie auch b), P 46 ἐνεργήματα δυνάμεως, während ἐνεργήματα δυνάμεων sich findet in 01, 02, 03, 04, 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy h , Cl. Dies ist ein gutes Beispiel, wonach gerade die hier verhandelte Familie noch von der vorkanonischen Version kontaminiert, jedoch die weit verbreitete Form ἐνεργήματα noch nicht recht aufgenommen hat. *Kol 2,16 liegt eine widersprüchliche Bezeugung vor, Tertullian bietet ein et, während Epiphanius ἤ aufweist, die zweite Variante ist bezeugt durch 06, 010, 012 (wie auch 01, 02, 04, 016, 018, 020, 025, 044, 075, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 2464, M, lat, sy h , Eus, und wird von NA 28 auch als Lesart Markions nach Epiphanius angegeben, die erste Variante ist vertreten durch P 46 , 03, 1739, 1881, b, vg ms . Wie der Gesamtüberblick der nicht trivialen Varianten 121 zeigt, überwiegen mit 29 Fällen (69 %) gegenüber 13 (31 %) Gegenbeispielen deutlich diejenigen, in denen die hier verhandelte Familie von Handschriften als ganze auf der Seite der vorkanonischen Version steht. Umgekehrt bestätigen die 31 % Unterschiede, dass die für die vorkanonische Version bezeugten Lesarten zu einem geringeren Anteil nicht in dieser Familie, sondern in anderen Texttraditionen zu finden sind. Dass es nicht regelmäßig so ist, zeigen die doch auch zahlreichen Beispiele. Von Bedeutung sind gerade auch die zwei Fälle, in denen die Kontamination der Familie mit beiden Traditionen deutlich wird, was einmal im ersten Fall hilft, bei der nicht völlig klaren Bezeugung Tertullians eine Entscheidung zu treffen. Im zweiten Fall ist ein Beispiel für Kontamination gegeben, die zu einer Eigenlösung innerhalb der Handschriftenfamilie führte. 158 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="159"?> 122 Phlm scheidet aus der Betrachtung aus, weil wir hierfür keine Textbezeugung besitzen. Weiter ist auffallend, dass sich die Fälle nicht gleichermaßen über die pauli‐ nischen Briefe verteilen. Während *1Kor (11), *Gal (10), und *Laod (4) Fälle aufweisen, in denen die Familie mit dem vorkanonischen Text geht, bieten *2Kor, *Röm, *Kol und *Phil jeweils nur einen Fall, die Briefe *1/ *2Thess sind gar nicht vertreten. 122 Bei den Gegenbeispielen haben wir folgende Anzahl von Fällen: *Gal (4), *1Kor (3) und *2Kor (3), *Laod (2) und *Röm mit einem Fall. Was *Gal, *1Kor und *Laod betrifft, korrespondieren diese Zahlen mit den positiven Fällen, wiederum fehlen Beispiele aus *1/ *2Thess. Dieser Befund wird weiter unten noch einmal näher zu betrachten sein. Insgesamt stützt er jedenfalls die zuvor gemachten Beobachtungen, dass uns mit dieser Familie ein Scharnierstück zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Textentwicklung gegeben ist. Ein interessantes Beispiel aus den obigen ist: *Laod 2,20 ist der Text von Tertullian nicht gesichert. lapidem angularem hat die Handschrift R, wohingegen M nur angularem hat, was Kroymann, Harnack und von Soden bevorzugen. Das entsprechende λίθου findet sich jedoch auch in 06*, 010, 012 (wie auch 629, latt, Or pt ). Hier ist nämlich eindrücklich, dass in 06 die ursprüngliche Lesart (06*) später geändert wurde, was anzeigt, dass 06 durch Kontamination mit einer kanonisch stärker überarbeiteten Version verglichen und entsprechend weiter dem kanoni‐ schen Text angepasst wurde. Dies stellt die Frage, ob nicht insgesamt der andere, zweite Arm der Familie näher an die vorkanonische Fassung heranzurücken ist als der Arm, der über 06 führt, worauf ja bereits die Präsenz des Hebräerbriefes in dem Arm von 06 hinwies, was neben weiteren Beobachtungen weiter unten, die Zweiarmigkeit der Tradition im Stammbaum begründet. Darum stellt sich die weiterführende Frage, ob es weitere Unterschiede gibt, wenn wir zu der vorangegangenen Übersicht eine vergleichende hinzustellen, bei der wir die beiden Familienarme im Vergleich zueinander betrachten, also einerseits die Handschriften 010, 012 und andererseits 06. 5. Gemeinsamkeiten und Unterschiede von 010, 012 verso 06 und der *10-Briefe-Sammlung Vorweg gilt es zu bemerken, dass im Folgenden keine Fälle wieder aufgegriffen werden, die im voranstehenden Überblick der Handschriften 06, 010, 012 bereits behandelt wurden. Hingegen wird es Fälle geben, auf die wir bei der Auswertung §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 159 <?page no="160"?> 123 Vgl. hierzu W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951). unten zu sprechen kommen, in denen neben 010, 012 auch 06*, 06 1 usw. begegnen. 1) Lesarten 010, 012 123 Gemeinsamkeiten *Gal 1,6 liest Tertullian ohne οὕτως, das sich in vielen kanonischen Zeugen findet, doch wie Tertullian bezeugen den Text auch 010, 012. *Gal 1,15 ὁ θεός fehlt in 010, 012 (wie auch P 46 , 03, 629, 1505, pc lat sy p , Iren lat pt, arm , Epiph), auch wenn der Vers bei Tertullian nicht im Detail bezeugt wird. Man könnte für diesen Vers verweisen auf Tert., Adv. Marc V 1,2: Denique audiens postea eum a domino allectum, dann würde man ὁ κύριος erwarten. Grammatikalisch steht jedoch im Satz zuvor ὁ θεός, es geht also nicht um eine inhaltliche Variante, sondern um eine stilistische. *Gal 3,14 liest Tertullian benedictionem, εὐλογίαν, so auch bezeugt durch 010, 012 (wie auch P 46 , 06* .c , b, vg mss , Ambst), als markionitische Lesart in NA 28 , hingegen findet sich die kanonische Variante ἐπαγγελίαν in P 99 , 01, 02, 03, 06 2 , 018, 020, 025, 044, 278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, co. *Gal 4,3 bietet Tertullian dum essemus parvuli, sub elementis mundi eramus positi, ad deserviendum eis. Mit deserviendum liegt, wie Harnack vorschlägt, eine Paraphrase des griechischen ἤμεθα δεδουλωμένοι vor, so auch bezeugt in 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 06*, 0278, 33, 365, 1175), wohingegen die folgenden Zeugen ein ἦμεν lesen: 02, 03, 04, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 81, 104, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, Cl. *Gal 4,6 Tertullian liest nostra, ἡμῶν bezeugen auch 010, 012 (so auch P 46 , 01, 02, 03, 04, 06*, 025, 0278, 104, 1175, 1241, 1739, 1881, lat, sa, bo pt , während ὑμῶν bezeugt ist durch 06 2 , 018, 020, 044, 33, 81, 365, 630, 1505, 2464, M, vg cl , sy, bo pt ). *Gal 4,31 liest Tertullian propter quod, vielleicht einem ἄρα οὖν entsprechend, das bezeugt ist durch 010, 012; ἄρα - schon von Harnack in Erwägung gezogen - ist belegt durch P 46vid , 062, 018, 020, 104, 630, 1505, M, sy h , hingegen wird ἡμεῖς δέ gelesen von 02, 04, 025, 81, 1241, 2464, r, bo; διό lesen 01, 03, 06*, 015, 0261, 0278, 33, 365, 1175, 1739, 1881, sa; om. 044. *Gal 5,1 bietet Tertullian: Qua libertate Christus nos manumisit, dem entspricht ein ᾗ ἐλευθερίᾳ Χριστὸς ἡμᾶς ἠλευθέρωσε. Nun sind zwar alle Elemente in den Handschriften bezeugt, jedoch nicht in exakt dieser Weise und Anordnung: τη ελευθερια η χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε 06 160 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="161"?> τη ελευθερια η χριστος ημας εξηγορασεν στηκετε 1505, sy hmg τη ελευθερια ουν η χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε 06 1 , 018, 020, M, τη ελευθερια η χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε ουν 104, 2464 τη ελευθερια ουν η χριστος υμας ηλευθερωσεν στηκετε 630 τη ελευθερια χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε ουν 01 2 , 04, 044, 81, 1241, 1739, 1881 τη ελευθερια ουν χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε ουν 04 2 τη ελευθερια ουν χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε 614 τη ελευθερια χριστος ημας ηλευθερωσεν στητε ουν 015, 0278, 365, 1175 η ελευθερια ημας χριστος ηλευθερωσεν στηκετε ουν 010, 012, r, Ambst τη ελευθερια ημας χριστος ηλευθερωσεν στηκετε ουν 01*, 02, 03, 025, 33, sa (bo) τη ελευθερια ημας χριστος ηλευθερωσεν στηκετε 06* Keiner der Zeugen trifft den Text präzise, doch am nächsten kommt ihm die Version, die bezeugt ist durch 010, 012 (wie auch r, Ambst). Es lässt sich leicht erklären, dass durch das spätere Hinzutreten des οὖν seine Stellung unsicher blieb, ebenso ein zweites ᾗ hinzutrat, das zwar grammatisch das Gefüge flüssiger erscheinen ließ, aber eher als Harmonisierung einzustufen ist. Die durch Tertullian nahegelegte Wortstellung von Χριστὸς ἡμᾶς ist auch handschriftlich belegt und die umgekehrte Wortstellung könnte durchaus eine Harmonisierung darstellen. Der kanonische Text hat mit der Umstellung von Χριστός und ἡμᾶς den Akteur hervorgehoben. *Gal 5,3 liegt ein textkritisch schwieriger Fall vor. Der Vers ist bei Tertullian nicht bezeugt. Trotz der Bezeugung durch Epiph., Pan. 42, sch. 3 (120. 156 Holl) scheint das πάλιν an dieser Stelle nicht dem vorkanonischen Text zuzugehören, es fehlt auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch 06*, 1739, 1881, it, Ambst). *Gal 5,14 findet sich statt des von Epiphanius bezeugten ἐν ὑμῖν, das NA 28 als markionitische Lesart verbucht wird, auffallenderweise in den Zeugen 010, 012 (wie auch ar, b Ambst) ὑμῖν ἐν ἑνὶ λόγῳ, es liegt folglich eine Kombination des vorkanonischen mit dem kanonischen Text vor. *Gal 5,20 liest Epiphanius den Plural ἔρεις, und so auch 06 1 , 010, 012 (wie auch 04, 018, 020, 025, 044, 0122, 0278, 81, 104, 365, 1175, 1241, 2464, M, latt, sy h , co, Ir lat , Cl), von NA 28 als markionitische Lesart vermerkt, gegenüber dem Singular in vielen kanonischen Zeugen. *Gal 6,12 liest Tertullian das Präsens Indikativ Aktiv (vocat), die Zeugen 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 04, 018, 020, 025, 0278, 6, 81, 104, 326, 629, 1175, 1241, 1505, 2464 pm ), während das konjunktivische διώκωνται geboten wird von 01, 03, 06, 044, 33, 365, 614, 630, 1739 pm . §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 161 <?page no="162"?> *Gal 6,17 bietet einen interessanten Fall: Tertullian liest Χριστοῦ, so auch bezeugt durch 024, 044, 81, 365, 1175, 2464, bo; stattdessen ist bezeugt κυρίου Ἰησοῦ in 04 3 , 06 2 , 018, 020, 104, 630, 1505, 1881, M, vg cl , sy (p) , κυρίου μου χριστοῦ 1739, schließlich κυρίου ἡμῶν (- 01, 06 1 ) Ἰησοῦ Χριστοῦ in 01, 06* .1 , 010, 012, it (sa mss ), Ambst, Pel, während alleine ἰησοῦ zu lesen ist in P 46 , 02, 03, 04*, 33, 629, 1241, f, t, vg st , sa ms . *1Kor 1,18 fehlt nach Tertullian ein ἡμῖν, so auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch 6, it, Ptol Ir , Cyp, Ambst). *1Kor 1,22 fehlt nach Tertullian das erste καί des kanonischen Textes, so auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch P 46 , 323, vg mss , sy p , Cyp, Ambst). *1Kor 1,28 fehlt nach Tertullian vor τὰ μὴ ὄντα ein καί, so auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch P 46 , 01*, 02, 04*, 06*, 33, 1175, 1506, 1739, b, Or pt , Ambst), es ist aber belegt in den Zeugen 01 2 , 03, 04 3 , 06 1 , 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1881, 2464, M, f, r, vg, sy, Or pt , was an der Stelle sinnverändernd ist. *1Kor 4,5 findet sich nach Tertullian et, also die schlichte Satzeröffnung καί, so auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch 06*), während es im kanonischen Text heißt ὃς καί, was sinnverändernd wirkt. *1Kor 5,8 bietet Tertullian fornicatione, das entsprechende πορνείας lesen die Zeugen 010, 012, die kanonische Version hat ζύμῃ κακίας καὶ πονηρίας. *1Kor 6,20 bieten als Hinzufügung am Ende καὶ ἐν τῷ πνεύματι ὑμῶν ἅτινά ἐστιν τοῦ θεοῦ die Zeugen 04 3 , 06 2 , 018, 020, 025, 044, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1739 mg , 1881, 2464, M, vg ms , sy, während die folgenden Zeugen diesen Passus nicht kennen, der auch für die vorkanonische Version unbezeugt ist: 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 02, 03, 04*, 06*, 33, 81, 1175, 1739 txt , lat, co, Ir lat , Meth). *1Kor 7,2: Der Passus καὶ ἑκάστη τὸν ἴδιον ἄνδρα ἐχέτω ist nicht nur bei Tertullian unerwähnt, er fehlt auch in 010, 012 mit f, g und weiteren Zeugen. *1Kor 10,4 hat Tertullian die Reihenfolge Petra autem, πέτρα δέ, in dieser Reihenfolge, so auch die Zeugen 010, 012 (wie auch 01, 03, 06* .2 , 629, 1739), die umgekehrte Reihenfolge in P 46 , 01, 04, 061, 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M. *1Kor 12,9 fehlt in Tertullian ein Äquivalent für δέ, so auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch 01*, 03, 06*, 6, 1739, latt, sy p , Cl, Did). *1Kor 12,10 bietet Tertullian den Singular distinctio, dem διάκρισις entspricht, bezeugt durch 010, 012 (wie auch 01, 04, 06*, 025, 0201, 33, 1175, latt, sy p , sa, Cl), während sich der Plural findet in P 46 , 01, 02, 062, 018, 020, 044, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, sy h , bo. *1Kor 14,21 bietet Tertullian den Dativ aliis, dem entspricht ἑτέροις in den Zeugen 010, 012 (wie auch P 46 , 06 s , 018, 020, 025, 365, 630, 1175, 1505, 1881, M, lat, sy (p) , co), von NA 28 als markionitische Lesart vermerkt, während sich der 162 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="163"?> Genitiv ἑτέρων findet in 01, 02, 03, 044, 0201, 0243, 6, 33, 81, 104, 326, 1241, 1739, 2464. *1Kor 15,25 fehlt nach Tertullian ein πάντας, so auch bezeugt durch 010, 012, 044, Tert, Hil, Or lat . *1Kor 15,25 bietet Tertullian eius, dem αὐτοῦ entspricht, so bezeugt durch 010, 012 (wie auch 02, 33, 104, 629, ar, r, vg mss , sy p ), wird von NA 28 als markionitische Lesart angegeben. *1Kor 15,50 bietet Tertullian non possidebunt, dem entspricht οὐ κληρονομήσουσιν, so bezeugt in 010, 012, ar, vg ms , bo, Ir lat.pt , Ophites Ir.lat , Ambst, und wird von NA 28 als die markionitische Lesart angegeben, hingegen bieten die Zeugen 02, 04, 06, 018, 020, 025, 044, 075, 0243, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy p , Ir gr.lat pt , Cl pt κληρονομῆσαι οὐ δύναται. In der kanonisch redigierten Version ist eine deutliche Abschwächung dieser definitiven, futurischen Aussage zu erkennen. *1Kor 15,52 bietet Tertullian in oculi momentaneo motu, das die Übersetzung von beiden Varianten sein könnte, doch im eschatologischen Zusammenhang hier ist das griechische Äquivalent eher ἐν ῥοπῇ ὀφθαλμοῦ, bezeugt in 010, 012 (wie auch P 46 , 06*, 0243, 6, 1739), während das allgemeinere ἐν ῥιπῇ ὀφθαλμοῦ steht in 01, 02, 03, 04, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M, Or. *2Kor 1,20 wird διὸ καὶ δι‘ αὐτοῦ bezeugt durch Epiphanius und steht in 010, 012 (wie auch 01, 02, 03, 04, 025, 044, (δι 0223), 0243, 33, 81, 104, 365, 1175, 1739, 2464, lat, (sy p ), co). καὶ δι’ αὐτοῦ ist bezeugt in P 46 , 06*, b; auch bezeugt ist καὶ ἐν αὐτῷ in 06 1 , 018, 020, 1241, 1505, M, sy h , Ambst; 1881 stellt mit διὸ καὶ ἐν αὐτῷ eine Hybridform dar; 630 bietet eine weitere Hybridform: ἐν αὐτῷ τὸ ἀμὴν διὸ καὶ δι‘ αὐτοῦ. *2Kor 4,4 nach διαυγάσαι fügen folgende Zeugen ein αὐτοῖς ein: 06 1 , 018, 020, 025, 044, 0209, 104, 365, 1241, 1505, 2464, M, vg cl , sy, Spec, während es in der Bezeugung bei Tertullian wie bei Adamantius (im Mund des Markioniten) fehlt in 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 02, 03, 04, 06*, 0243, 33, 81, 326, 630, 1175, 1739, 1881, lat, Ir lat , Eus, Epiph). *2Kor 4,6 bietet Adamantius (im Mund des Markioniten) den Aorist λάμψαι, auch Tertullian bietet die Vergangenheit, so auch bezeugt in 010, 012 (wie auch 01 2 , 04, 06 2 , 016, 018, 020, 025, 044, 0209, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, (2464), M, latt). Das Futur λάμψει ist bezeugt durch P 46 , 01*, 02, 03, 06*, 0243, 6, 1739, Cl, Epiph. *2Kor 5,2 bietet Tertullian despoliati, dem entspricht ἐκδυσάμενοι, zu finden in den Zeugen 010, 012 (wie auch 06*, ar, f c , Tert., Spec); hingegen findet sich §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 163 <?page no="164"?> 124 Vgl. zur Verschärfung als Charakteristikum der kanonischen Redaktion weiter unten, S.-555-563. ἐνδυσάμενοι in den Zeugen P 46 , 01, 03, 04, 06 2 , 018, 020, 025, 044, 0243, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, co. *2Kor 5,4 bietet Tertullian hoc, dem τοῦτῳ entspricht, bezeugt in 010, 012, während die kanonische Version dies nicht kennt. *2Kor 5,10 bietet Tertullian quae per corpus admisit, dem ἃ διὰ τοῦ σώματος ἔπραξεν entspricht, bezeugt in 010, 012 (wie auch 06*), während die kanonische Version τὰ διὰ (ιδια in den Zeugen P 46.99 , 365, lat, Cyp) τοῦ σώματος πρὸς ἃ ἔπραξεν hat. *Röm 8,11 bietet Tertullian Christum a mortuis, dem entspricht Χριστὸν ἐκ νεκρῶν, hingegen liest man in den Zeugen 010, 012 (wie auch 03, 062, 1505, Ir lat , Spec), von NA 28 für Markion vermerkt; τὸν Χριστὸν ἐκ νεκρῶν findet sich in den Zeugen 012, 018, 020, 025, 044, 33, 1175, 1241, 2464, M; ἐκ νεκρῶν Χριστὸν Ἰησοῦν in den Zeugen 01*, 02, 630, 1506, 1739, 1881; ἐκ νεκρῶν Ἰησοῦν Χριστόν in den Zeugen 04, 81; Χριστὸν Ἰησοῦν ἐκ νεκρῶν in den Zeugen 06*, bo; Ἰησοῦν Χριστὸν (l 249) ἐκ νεκρῶν in den Zeugen 104, l 249, lat, sy p . *Röm 10,3 bietet Tertullian suam iustitiam sistere quaerentes, dem entspricht τὴν ἰδίαν δικαιοσύνην στῆσαι ζητοῦντες, weiter bezeugt in P 46 , 01, 010, 012, 018, 020, 044, 33, 104, 1175, 1241, 1505, 2464, l 249, M, (b), d*, Ir lat , während das δικαιοσύνην fehlt in 02, 03, 06, 025, 81, 365, 629, 630, 1506, 1739, 1881, ar, vg, co, Cl. *Röm 12,9 bietet Tertullian odio … habentes malum, dem entspricht μισοῦντες τὸ πονηρόν, bezeugt auch in 010, 012, lat, sy; der verschärfte Ausdruck ἀποστυγοῦντες τὸ πονηρόν findet sich auf der kanonischen Ebene. 124 *Laod 1,10 bietet Tertullian quae in caelis et quae in terris, dem entspricht τὰ ἐν τοῖς οὐρανοῖς καὶ τὰ ἐπὶ τῆς γῆς, bezeugt in 010, 012 (wie auch 02, 018, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 1175, 1739, 1881, 2464 pm, sy h ); τε ἐν bieten 01 2 , 323, 945, Ambr; hingegen steht die kanonische Form mit ἐπί + Dativ (= „über“) in P 46 , 01*, 03, 06, 020, 6, 629, 630, 1241, 1505 pm. *Laod 1,12 steht im kanonischen Text ein αὐτοῦ, das nicht nur im Zitat des Tertullian fehlt, sondern auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch 06*, d, g, it mss). *Laod 2,12 führt Tertullian ein et auf, welches auch in den Zeugen 010, 012, it mss begegnet. *Laod 2,20 bietet Tertullian lapidem, dem λίθου entspricht, bezeugt auch in 010, 012 (wie auch 06*, 629, latt, Or pt ). *Laod 3,9 Hier wird ein διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ eingefügt von den Zeugen 06 2 , 018, 020, 104, 630, 1241 s , 1881, M, syh**, ein διὰ Χριστοῦ Ἰησοῦ in 0278, während 164 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="165"?> dieser Text bei Tertullian fehlt und so auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 02, 03, 05, 06*, 025, 044, 33, 81, 365, 1175, 1505, 1739, 2464, latt, sy p , co). *Laod 5,29 bietet Tertullian Christus, Χριστός, auch zu finden in den Zeugen 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 02, 03, 06*, 025, 044, 048, 0278, 0285, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241 s , 1505, 1739, 1881, 2464, latt, sy, co), während sich κύριος findet in den Zeugen 06 2 , 018, 020, 630, M. *Laod 6,1 fehlt gegenüber dem kanonischen Text bei Tertullian ein ἐν κυρίῳ, es fehlt auch in den Zeugen 010, 012 (wie auch 03, 06*, b, Cyp, Ambst) und wird von NA 28 als markionitische Lesart vermerkt. *Laod 6,19 fehlt bei Tertullian gegenüber dem kanonischen Text τοῦ εὐαγγελίου, das auch unbezeugt ist in den Zeugen 010, 012 (wie auch 03, b, m*, MVict, Ambst), während es steht in 01, 02, 06, 016, 018, 020, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, co. *Kol 2,17 bietet Epiphanius ὅ, auch bezeugt durch 010, 012 (wie auch 03, 614, b, d, Ambst, Spec), und es wird von NA 28 als Lesart Markions nach Epiphanius angegeben, während die kanonische Version ἅ liest. *Phil 3,21 findet sich der Zusatz εἰς τὸ γενέσθαι αὐτό in den Zeugen 06 1 , 018, 020, 025, 044, 075, 33, 104, 365, 630, 1505, 2464, M, sy, Ir, Ambr, während er fehlt in 010, 012 (wie auch 01, 02, 03, 06*, 6, 81, 323, 1175, 1241, 1739, 1881, latt, co, Ir lat , Tert). Unterschiede *Gal 2,4 führen nur die Zeugen 010, 012 ein μή ein, das den Inhalt auf den Kopf stellt. *Gal 6,9 scheint die Lesart ἐκκακῶμεν besser zu Tertullians fatigemur zu passen als die Alternativen, sie ist belegt in 04, 062, 018, 020, 024, 044, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739 s , 1881, 2464, M, Cl pt , während ἐκκακήσωμεν geboten wird von 010, 012, hingegen bezeugt P 99 ἐκλυθῶμεν, ἐγκακῶμεν findet sich in 01, 02, 03, 06*, 33, 81, 326, co, Cl pt . *Gal 6,17 bietet Tertullian Christi, so bezeugt auch durch 024, 044, 81, 365, 1175, 2464, bo, daneben ist noch überliefert κυρίου Ἰησοῦ in 04 3 , 06 2 , 018, 020, 104, 630, 1505, 1881, M, vg cl , sy (c) , κυρίου μου χριστοῦ 1739, schließlich auch noch κυρίου ἡμῶν (- 01, 06 1 ); Ἰησοῦ Χριστοῦ in 01, 06* .1 , 010, 012, it (sa mss ), Ambst, Pel, während alleine ἰησοῦ zu lesen ist in P 46 , 02, 03, 04*, 33, 629, 1241, f, t, vg st , sa ms . *1Kor 5,5 bietet Tertullian domini. Das schlichte κυρίου begegnet in P 46 , 03, 630, 1739, Tert., Epiph. Folgende Ergänzungen werden geboten: ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ haben 02, 010, 012, 025, 33, 104, 365, 1241, 1881, ar, vg cl , sy p-h **, co, Lcf. Ἰησοῦ ist bezeugt durch P 61vid , 01, 020, 44, 81, 1175, 1505, 2464, M, vg st , Ἰησοῦ Χριστοῦ haben 06, b, Ambst. §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 165 <?page no="166"?> *1Kor 9,15 bietet Tertullian quam negavit quemquam evacuaturum, dem entspricht τὸ καύχημά μου οὐδεὶς κενώσει, so auch bezeugt in P 46 , 01*, 03, 06* .c , 33, 1739, 1881, b, Tert, Ambst, Pel. Allerdings gibt es für die beiden letzten Worte einige Varianten: τις κενώσει in 010, 012; ἵνα τις κενώσει (vel κενωση) in 01 2 , 04, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 2464, M, lat, sy h ; οὐθεὶς μὴ καινώσει in 02, οὐδεὶς μὴ κενώση in 1175. *1Kor 14,33 fehlt nach Tertullian ὁ θεός, während θεός bezeugt wird durch 010, 012 (wie auch P 46 ) und die kanonische Version ὁ θεός hat. *1Kor 15,29 bietet Eznik „anstatt der Toten“, dem entspricht τῶν νεκρῶν, so bezeugt in 06 2 , 020, M, sy p , bo ms , während αὐτῶν bezeugt ist durch P 46 , 01, 02, 03, 06*, 010, 012, 018, 025, 044, 075, 0243, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, latt, sy h , co, Or, Epiph), von NA 28 in den kanonischen Text genommen. *1Kor 15,47 bietet Tertullian dominus, dem entspricht ὁ κύριος, so bezeugt in 630, von NA 28 als die markionitische Lesart angezeigt, während ἄνθρωπος ὁ κύριος zu lesen ist in 01 2 , 02, 06, 018, 020, 025, 044, 075, 81, 104, 365, 1241, 1505, 1739 mg , 1881, 2464, M, sy, dann bietet P 46 ἄνθρωπος πνευματικός. Die Lesart ἄνθρωπος ὁ κύριος scheint eine Kontamination von der Vorlage ὁ κύριος und der kanonischen Korrektur ἄνθρωπος zu sein, die noch ein Stück der Genese des kanonischen Textes anzeigt. Die kanonische Lesart ἄνθρωπος steht in 01*, 03, 04, 06*, 010, 012, 0243, 6, 33, 1175, 1739*, latt, bo. *2Kor 2,17 bietet Didymus κατέναντι τοῦ, das wieder bezeugt ist in 025, 365, κατέναντι alleine findet sich in den Zeugen P 46 , 01*, 02, 03, 04, 0243, 33, 81, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, während sich das die Schärfe mildernde κατενώπιον τοῦ in den Zeugen findet: 010, 012 (wie auch 06 1 , 012, 018, 020, 044, 104, 1241, M), das einfache κατενώπιον 06*, 1505. *2Kor 4,4 bietet Tertullian non ultro recognoverint, dem entspricht πρὸς τὸ μὴ διαυγάσαι, so bezeugt durch Adamantius aus dem Mund des Markioniten: πρὸς τὸ μὴ διαυγάσαι αὐτῶν τὸν φωτισμόν. Die Form διαυγάσαι ist auch bezeugt durch 02, 33, 104, 326, 2464. Hingegen findet sich καταυγάσαι in 04, 06, 016, 365, 1175, Epiph. Das einfache αὐγάσαι entspricht eher der Rufinübersetzung von Adamantius (fulgeat) und steht in 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 03, 018, 020, 025, 044, 0243, 81, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, M, Eus). *2Kor 5,4 lässt sich aus Tertullian, der gravemur bietet, nicht entscheiden, ob βαρούμενοι die vorkanonische Lesart war oder βαρυνόμενοι. βαρούμενοι ist bezeugt durch 06* .c , 010, 012, 1505, Ephr, während die erste Variante breit überliefert ist. Dass sie auch vorkanonisch gestanden zu haben scheint, lässt sich aus der erneuten Verwendung von βαρέω im vorkanonischen Text, *Ev 21,34, erschließen, während βαρύνω Hapax legomenon wäre. 166 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="167"?> *2Kor 5,6 lässt sich aus Tertullian (sumus) nicht entscheiden, ob die Lesart ἐνδημοῦντες, die breit bezeugt ist, oder ἐπιδημοῦντες, das in den Zeugen 06*, 010, 012, vg, Ambr zu finden ist, für die vorkanonische Version zu wählen ist. Jedoch begegnet das Verb ἐνδημέω gleich wieder in *2Kor 5,8 vorkanonisch, wird also auch hier wohl vorgelegen sein. *2Kor 5,6 bietet Tertullian abesse, dem entspricht ἀποδημοῦμεν, bezeugt durch 06, 010, 012, Ambr, aber auch die andere Lesart ἐκδημοῦμεν. Da nur der zweite Begriff gleich wieder in *2Kor 5,8 vorkanonisch belegt ist, wird man ihn wohl auch hier als vorkanonisch betrachten. ἀποδημέω steht noch 6 Mal im NT, jedoch nur auf der kanonischen Ebene (Mt 21,33; 25,14. 15; Mk 12,1; Lk 15,13; 20,9). *2Kor 5,17 gibt Tertullian nova facta sunt omnia, dem entspricht auch Ada‐ mantius (im Mund des Markioniten): γέγονε τὰ πάντα καινά (Rufin: facta sunt omnia noua), so auch bezeugt in den Zeugen 6, 33, 81, 365, 614, 630, 1241, 1505, 1881 pm, ar, b, vg cl , (Ambst), während sich καινὰ τὰ πάντα findet in 06 2 , 018, 020, 025, 044, 104, 326, 945, 2464 pm, sy h . Die kanonische Form steht in 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 03, 04, 06*, 048, 0243, 629, 1175, l 249, vg st , co, Cl). *Röm 5,6 findet sich am Anfang ἔτι γάρ bei Epiphanius, bezeugt auch in 01, 02, 04, 06 *.2 , 018, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, während εἰς τι γάρ zu lesen ist in 010, 012 (wie auch 06 1 , lat, Ir lat ); ἔτι δέ in 020; εἴ γε in 03, 945; εἰ γάρ γε in 1852, vg mss . *1Thess 2,15 verweist Tertullian auf ein ἰδίους, das er als Zusatz Markions „rügt“, bezeugt auch in 06 1 , 018, 020, 044, 104, 365, 630, 1241, 1505, 2464, M, sy, von NA 28 auch als Lesart Markions angezeigt, während es fehlt in den Zeugen 010, 012 (wie auch 01, 02, 03, 06*, 016, 025, 0208, 6, 33, 81, 629, 1739, 1881, latt, co, Or). *Laod 2,3 bietet Tertullian nos, dem ἡμεῖς entspricht, bezeugt in P 46 , 01, 02, 03, 06 1 , 018, 025, 044, 0278, 33, 81 c , 104, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, sa bo, Tert, während das Pronomen ausgelassen ist von 010, 012 (wie auch 020), während folgende Zeugen 06*, 81*, 326, 365 ὑμεῖς bieten. *Laod 2,15 bietet Tertullian novum, καινόν, breit bezeugt, jedoch wird κοινόν geboten von 010, 012 (wie auch P 46 ). *Laod 5,31 wird gegenüber dem von Tertullian bezeugten Text ein Zusatz eingefügt, der auch in den Textzeugen 6, 1739 txt , Cyp, Hier, fehlt; der Zusatz lautet καὶ κολληθήσεται τῇ γυναικὶ αὐτοῦ in 010, 012 (wie auch P 46 , 02, 06*, 0285, 33, 81, 1241 s , einige latt, einige von den genannten Zeugen haben ebenso wie der nachher genannte 01* .1 das Äquivalent für προσκολληθήσεται); καὶ προσκολληθήσεται πρὸς τὴν γυναῖκα αὐτοῦ in 01* .1 , 03, 06 2 , 018, 020, (025), 044, 0278, 104, 365, 630, 1175, 1505, 1739 mg , 1881, 2464, M, Or. §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 167 <?page no="168"?> 125 Auch wenn das vierte Buch seines armenisch verfassten Werkes „Wider die Sekten“ aus der Mitte des 5. Jh. „ausschließlich von den Marcioniten“ handelt, urteilt Harnack: „Augenscheinlich weiß er von der Bibel M.s nur das Allgemeinste, ohne sie selbst in Händen gehabt zu haben“, A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 372*; U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 33. Sonderfälle *Gal 1,6 fehlt nach Tertullian Χριστοῦ, so auch bezeugt in 010*, 012 (wie auch P 46vid , 015 vid , ar, b, Cyp, Lcf, MVict, Ephr, Ambst, Pel), hingegen findet sich Ἰησοῦ Χριστοῦ in 06, 326, 1241 c , pc sy h** , Χριστοῦ Ἰησοῦ in Sah Jer, θεοῦ bieten Orig lat , Thdt. *1Kor 8,13 bietet Eznik zwar zweimal ein „mein“, doch lassen die Zeugen 010, 012 (wie auch 06*, ar, b, Cl, Ambst) das μου aus, was vermutlich auch dem vorkanonischen Text entspricht. *1Kor 9,9 bietet Tertullian obligabis, was in den Zeugen 010, 012 (wie auch 03*, 06*, 1739) mit κημώσεις wiedergegeben wird, während φιμώσεις bezeugt ist in P 46 , 01, 02, 032, 04, 06 1 , 018, 020, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M, Or, Epiph. Letzteres entspricht denn auch dem zitierten Vers Deut. 25,4 LXX: Οὐ φιμώσεις βοῦν ἀλοῶντα. *1Kor 10,19 bietet Epiphanius zwar zweimal die Reihenfolge τί ἐστιν, doch die Präsenz der umgekehrten Reihenfolge der beiden Fälle von ἐστιν τί in den Zeugen 010, 012 (wie auch 06*), latt im ersten Fall und 06, 010, 012, latt im zweiten Fall scheint für diese Variante in der vorkanonischen Version zu sprechen. *1Thess 4,17 bietet Tertullian auferentur, dem entspricht ὑπάντησιν, bezeugt auch in 010, 012 (wie auch 06*), oder das vielfach belegte ἀπάντησιν. Beginnen wir hier bei den Sonderfällen, bei denen die Attestation unklar ist oder man gegen die Attestation des Tertullian optieren könnte. Auffallenderweise betreffen diese Fälle nur Gemeinsamkeiten: In *Gal 1,6 zeigt sich, dass die erste Hand von 010 noch wie Tertullian (und die anderen Zeugen) nicht Χριστοῦ schrieb, dieser Titel dann aber hinein korrigiert wurde, was darauf hindeutet, dass die Hs. in einem Prozess der Kontamination bzw. der Anpassung an die kanonische Form stand. In *1Kor 8,13 wird man wohl dieser Handschriftenfamilie folgen, da Eznik ein später Zeuge ist, dem Schmid überhaupt nicht vertraut und dem auch Harnack nicht unkritisch gegenübersteht. 125 In *1Kor 9,9 wird man ebenfalls mit dieser Familie gehen, da das tertulliansche obligabis zwar sowohl κημώσεις wie φιμώσεις wiedergeben kann, doch da das Zweite 168 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="169"?> 126 So etwa M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 599. 127 Phlm scheidet aus der Betrachtung aus, wie zuvor. 128 Dies bedeutet, dass nicht-intentionale Deutungsversuche in der Textkritik zu diesen Stellen zu kurz greifen, weil sie den Gesamtbefund nicht im Auge haben, der hier vorgeführt wird, vgl. ähnlich A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 123-124. Ein Gegenbeispiel stellt die nicht-intentionale Deutung etwa der Varianten von Röm 10,3 dar in R.J. Jewett, Romans. A Commentary (2007), 606. die Lesart von Dtn 25,4 LXX ist, wird man die Abweichung hiervon durch die Handschriften desto höher zu werten haben. In *1Kor 10,19 wird man wieder mit der Familie und gegen Tertullian optieren, auch wenn hier eine größere Unsicherheit vorliegt, weil es sich lediglich um eine Wortumstellung handelt. In *1Thess 4,17 gilt diese Unsicherheit umso mehr, als das tertulliansche auferentur sowohl mit dem durch diese Hss. gegebenen ὑπάντησιν wie auch mit ἀπάντησιν gehen kann. In diesem, wie im Fall zuvor gilt jedoch das von Klinghardt bereits zugrunde gelegte Prinzip der größeren Entfernung vom kanonischen Text. 126 Auch bei diesem Gesamtüberblick überwiegt die Anzahl der Gemeinsamkeiten (50 Fälle, 73 %) gegenüber den Unterschieden (19 Fälle, 27 %) deutlich, wobei die Prozentsätze gleich sind mit dem ersten Vergleichsfall. Deutlich stehen die beiden Handschriften 010, 012 in fast drei Viertel der Fälle auf Seiten der vorkanonischen Version. Zu den Gemeinsamkeiten von 010, 012 und der vorkanonischen Version: Wie im ersten Vergleich der drei Handschriften verteilen sich hier bei der Betrachtung der beiden Handschriften 010, 012 wiederum die Fälle ganz unter‐ schiedlich über die verschiedenen Briefe hinweg, wobei sie an Gemeinsamkeiten (48) aufweisen: *1Kor (18), *Gal (12), *2Kor (6), *Laod (8), *Röm (3), *Kol (1), *Phil (1), *1Thess (1), während *2Thess nicht vertreten ist. 127 Bei den Unterschieden haben wir folgende Häufigkeit: *2Kor (6), *1Kor (5), *Gal (3), *Röm (1), *1Thess (1). Vergleicht man nun die beiden bisherigen Gesamtüberblicke, fallen sofort Ähnlichkeiten und Unterschiede auf. Beide Male sind es dieselben drei Briefe, die die größten Gemeinsamkeiten mit der vorkanonischen Version derselben aufweisen, was auch einen Hinweis darauf gibt, dass die erhobenen Daten nicht auf zufälligen Lesarten oder Varianten beruhen, 128 sondern eine valide Aussage ermöglichen: Im 1. Überblick (06, 010, 012): *1Kor (11), *Gal (10) und *Laod (4) §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 169 <?page no="170"?> 129 Phlm scheidet aus der Betrachtung aus, wie zuvor. Im 2. Überblick (010, 012): *1Kor (18), *Gal (12), *Laod (8) Etwas differenzierter ist das Bild bei den nächsthäufigen Fällen: Im 1. Überblick (06, 010, 012): *2Kor (1), *Röm (1), *Kol (1), *Phil (1) Im 2. Überblick (010, 012): *2Kor (6), *Röm (3), *1Thess (1), *Kol (1), *Phil (1) Was die nicht vorkommenden Briefe betrifft, gibt es ebenfalls nur eine kleine Differenz: Im 1. Überblick (06, 010, 012): *1-*2Thess Im 2. Überblick (010, 012): *2Thess Anbetrachts dieser beiden Überblicke, erstens der Handschriften 06, 010, 012, und dann nochmals von 010, 012 alleine - wobei, wie angemerkt, beim zweiten Überblick keine Beispiele aus dem ersten wieder aufgegriffen wurden - ist eine verhältnismäßig große Übereinstimmung beider Überblicke festzustellen, und zwar nicht nur, was die drei Briefe mit den häufigsten Gemeinsamkeiten, sondern sogar noch, was deren gewichtete Reihenfolge betrifft: *1Kor - *Gal - *Laod. Dann ist auch bemerkenswert, dass bei beiden *2Thess fehlt. Zu den Unterschieden von 010, 012 und der vorkanonischen Version: Wie im ersten Vergleich der drei Handschriften verteilen sich hier bei der Betrachtung der beiden Handschriften 010, 012 wiederum die Fälle ganz unter‐ schiedlich über die verschiedenen Briefe hinweg, wobei sie an Unterschieden (19) aufweisen: *2Kor (6), *1Kor (5), *Gal (3), *Laod (3), *Röm (1), *1Thess (1), während *2Thess, *Kol und *Phil nicht vertreten sind. 129 Vergleicht man nun die beiden bisherigen Gesamtüberblicke, was die Unter‐ schiede betrifft, gibt es erneut Ähnlichkeiten und Unterschiede. Hier wiederholt sich zwar nicht genau dieselbe Gewichtung, und doch liegen die beiden Reihen ähnlich dicht zusammen wie bei dem Vergleich der Gemeinsamkeiten: Die Briefe mit der höchsten Anzahl von Unterschieden sind wiederum dieselben drei, zu der im 2. Überblick lediglich noch *Laod mit *Gal gleichziehend hinzugekommen ist. Im 1. Überblick: *Gal (4), *1Kor (3), *2Kor (3) Im 2. Überblick: *2Kor (6), *1Kor (5), *Gal (3) Etwas verschiedener ist das Bild bei den nächsthäufigen Fällen: Im 1. Überblick: *Laod (2), *Röm (1) Im 2. Überblick: *Laod (3), *Röm (1), *1Thess (1) Und auch, was die nicht vorkommenden Briefe betrifft, gibt es eine kleine Differenz: Im 1. Überblick: *1/ *2Thess 170 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="171"?> Im 2. Überblick: *2Thess, *Kol und *Phil Doch wie bei den Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die beiden Über‐ blicksvergleiche auch bei den Unterschieden nicht gewaltig. Zu den Gemeinsamkeiten und Unterschieden aus beiden Vergleichen der drei Handschriften 06, 010, 012 und der beiden Handschriften 010, 012 mit der vorkanonischen Version: Addiert man die Zahlen für die in beiden Überblicken gesondert betrachteten Handschriften, ergibt sich folgendes Ergebnis: Gemeinsamkeiten (78): 1. Überblick: *Gal (10), *1Kor (11), *2Kor (1), *Röm (1), *1Thess (0), *2Thess (0), *Laod (4), *Kol (1), *Phil (1) = 29 2. Überblick: *Gal (12), *1Kor (18), *2Kor (6), *Röm (3), *1Thess (1), *2Thess (0), *Laod (8), *Kol (1), *Phil (1) = 49 Addiert: *Gal (22), *1Kor (29), *2Kor (7), *Röm (4), *1Thess (1), *2Thess (0), *Laod (12), *Kol (2), *Phil (2) = 78 Unterschiede (32): 1. Überblick: *Gal (4), *1Kor (3), *2Kor (3), *Röm (1), *1Thess (0), *2Thess (0), *Laod (2), *Kol (0), *Phil (0) = 13 2. Überblick: *Gal (3), *1Kor (5), *2Kor (6), *Röm (1), *1Thess (1), *2Thess (0), *Laod (3), *Kol (0), *Phil (0) = 19 Addiert: *Gal (7), *1Kor (8), *2Kor (9), *Röm (2), *1Thess (1), *2Thess (0), *Laod (5), *Kol (0), *Phil (0) = 32 Die Überblicke zeigen: Ohne Zweifel bieten die folgenden vier Briefe die größte Anzahl an Gemeinsamkeiten und Unterschiede: *Gal, *1/ *2Kor, *Laod. Welche Aussagekraft dieses Ergebnis hat, muss weiter unten näher betrachtet werden. Hier allerdings soll bereits der Vergleich von 010, 012 gegenüber 06 durch‐ geführt werden. Dadurch dass 010 und 012 in beiden Vergleichen, was die Gemeinsamkeiten betrifft, konsistente Zahlen aufweisen, bedeutet dies im Um‐ kehrschluss für 06, dass diese Handschrift erheblich weniger Gemeinsamkeiten mit der vorkanonischen Version aufweist als 010 und 012. Das Bild lässt sich noch differenzieren: Nehmen wir 06*, also die Handschrift prima manu, so finden wir aus beiden Vergleichen, in welchen 010 und 012 gesondert betrachtet wurden, dass von den dort vermerkten 50 + 49 Fällen an Gemeinsamkeiten mit der vorkanonischen Version, 06* immerhin 23 + 21 mal mit 010, 012 und der vorkanonischen Version §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 171 <?page no="172"?> 130 Smith hat bereits auf die Bedeutung von Korrektoren (hier für 010 und 012) hinge‐ wiesen, W.B. Smith, The Pauline Manuscripts F and G. A Text-Critical Study (1903), 453. 131 Ein komplexer Sonderfall ist *Gal 2,5, siehe oben S. 165: Hier fehlt nach Tertullian zu Anfang ein οἷς, dafür steht die Verneinung οὐδέ, diese beiden auffälligen Varianten sind auch bezeugt durch sy p , MVict, Iren lat , wohingegen οἷς οὐδὲ πρὸς ὥραν gelesen wird von 06 c , 010, 012 (wie auch P 46 , 01, 02, 03, 04, 018, 020, 025, 033, sy h , bo, arm, eth, OL pc); πρὸς ὥραν 06*, Tert, OL; οἷς πρὸς ὥραν Hieron, Sedulius Scottus. Inhaltlich bedeutet die Tilgung von οἷς οὐδέ eine Verkehrung der Textaussage: Anstelle des vormarkionitischen „wir haben uns auch nicht einen Augenblick unterworfen und nicht nachgegeben“ steht in 06* und den aufgeführten Zeugen: „wir haben uns im Augenblick unterworfen und nachgegeben“. Auffallenderweise wurde diese Lesart in 06 c durch Addition der vorkanonischen und kanonischen Form korrigiert. geht, also 44 Gemeinsamkeiten mit der vorkanonischen Version hat, und nimmt man aus der Kategorie der Unterschiede noch die Zahl hinzu, in denen zwar 010, 012 sich von der vorkanonischen Version unterscheiden, nicht aber 06 (06*: 2; 06 1 : 1, 06 2 : 2), dann erhöht sich diese Gesamtzahl auf 49. 130 Nimmt man noch die zweite Korrektur 06 2 , die die Handschrift dreimal (einmal sogar wieder zurück! ) in Richtung vorkanonische Nähe 131 rückt, dann kommen wir bei 06 auf 52 Gemeinsamkeiten mit der vorkanonischen Version, gegenüber 78 von 010, 012, das sind etwa 25 % weniger - d. h. 06 als Basis des rechten Familienarms weist folglich ein Viertel geringere Nähe zur vorkanonischen Version gegenüber dem vergleichbaren linken Arm der Handschriftenfamilie aus. Dazu passt, dass gerade im Arm von 06 auch der Hebräerbrief begegnet (wenn auch wohl erst vom 4. Jh. an), der in 010 und 012 fehlt, also die größere Nähe von 06*, vor allem von 010, 012, gegenüber 06 zur kanonischen Version untermauert. Weiterhin ist auffallend, dass 06 von der ersten Korrekturhand 12 mal und von der zweiten Korrekturhand 11 mal weg von der vorkanonischen Version hin zum kanonischen Text korrigiert wird. Aus diesem Befund ergibt sich, dass in 06 zwar noch immer häufig vorkanonische Varianten begegnen, doch gegenüber dem anderen Familienarm von 010, 012 hat sich deren Anzahl deutlich verringert. Nimmt man auch noch die Korrekturhände hinzu, lässt sich ablesen, dass wir die Handschrift 06 im Stadium ihrer Annäherung an die kanonische Fassung vor uns haben, die in diesem Arm der Handschriftenfamilie deutlich kanonischer ausfällt als die Handschriften 010, 012 im anderen Arm. Über diese Erkenntnisse hinaus lassen sich auch noch leichte Differenzierungen anbringen, die die Handschriften 06, 010 und 012 im Vergleich zueinander betreffen, wenn man sie je einzeln betrachtet: 172 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="173"?> 132 J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769). 133 Aufgeführt in W.H.P. Hatch, On the Relationship of Codex Augiensis and Codex Boernerianus of the Pauline Epistles (1951), 189-190. 134 Ibid. 190. 2) Lesarten 010 Wie Semler zeigen kann, besitzt 010 eine Reihe von unikalen Lesarten, jedoch keine Stelle, an der 010 eine eigene Lesart für einen Vers der vorkanonischen Version besitzt. 132 3) Lesarten 012 Auch für 012 kann Semler einige unikale Lesarten aufführen, doch für die vorkanonische Version findet sich lediglich: *1Kor 1,19 ἀσυνετῶν anstelle des sonst belegten συνετῶν. *Röm 2,13 fügt die Hs. am Ende mit der kanonischen Tradition hinzu παρὰ θεῷ. *Laod 2,12 bietet sie die Hinzufügung von τοῦτῳ am Ende des Satzes. Aus dieser kleinen Übersicht ergibt sich, dass 010 und 012 erstaunlich wenige unikale Lesarten mit der vorkanonischen Version gemeinsam haben, keine weiteren Gemeinsamkeiten, aber auch 012 ist nur in wenigen Fällen weiter von ihr abgerückt. Das spricht für den engen Zusammenhang der beiden Handschriften mit ihrer Vorlage und deren beider Treue zu ihr, für einen leicht stärkeren Kanonisierungstrend von 012 und gegen die von Zimmermann vorgetragene Behauptung, 010 sei lediglich ein Apographon von 012. 4) Stellen, an denen 010 gegen 012 zeugt An gegensätzlichen Bezeugungen dieser beiden Hss. gibt es 15 Stellen. 133 Es kann wohl kaum Zufall sein, dass von all diesen Stellen, die über die Briefe Röm (6) - 2Kor (3) - Gal (2) - Eph (1) - Phil (1) - 1Tim (2) verteilt sind, nur eine einzige sich auf eine vorkanonische Stelle (*Laod/ Eph 2,15) bezieht. Dies zeigt an, dass die vorkanonisch bezeugten Stellen in diesen beiden Handschriften eine geringere Varianz aufweisen als die kanonisch bezeugten. Außerdem wird deutlich, wie Hatch herausgearbeitet hat, dass beide Handschriften verschiedene kanonische Texttraditionen an verschiedenen Stellen repräsentieren, und zwar dass an manchen Stellen eine Handschrift mit der einen, an einer anderen mit einer anderen Texttradition zusammengeht. Er folgert auch, dass die „auseinanderge‐ henden Lesarten der beiden Hss. von verschiedenen Vorlagen“ von 010 und 012 herrühren. 134 Nimmt man die Einsichten von Schmid und Lorenz hinzu, könnten §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 173 <?page no="174"?> solche Divergenzen natürlich auch auf unterschiedliche Beeinflussungen auf‐ grund von Kontamination mit anderen Quellen zurückgeführt werden. 5) Lesarten 06 Gemeinsamkeiten *Gal 6,7 ist durch Tertullian geboten Quod … hoc, dem das ἃ … ταῦτα entspricht, das sich auch 06 (wie auch P 46 , 012, lat, Spec) findet. *Laod 2,15 Tertullian legt die Variante ἑαυτῷ nahe, sie ist auch bezeugt durch 06 (wie auch 01 2 , 012, 018, 020, 044, 81, 365, 630, 1241 s , 1505, 2464, M, latt), NA 28 gibt sie als markionitische Lesart an. Unterschiede *Gal 1,6 fehlt nach Tertullian Χριστο, so auch bezeugt in 010*, 012 (wie auch P 46vid , 015 vid , ar, b, Cyp, Lcf, MVict, Ephr, Ambst, Pel), hingegen findet sich Ἰησοῦ Χριστοῦ in 06, 326, 1241 c , pc sy h** , Χριστοῦ Ἰησοῦ in Sah Jer, θεοῦ bieten Orig lat , Thdt. *Gal 6,2 Tertullian bietet adimplebitis, wozu die futurische Form ἀναπληρώσετε passt, doch findet sich die Aoristform ἀναπληρώσατε in 06 (wie auch 01, 02, 04, 044, 0122, M, Cl). *1Kor 12,10: Für ἑρμηνεία bietet 06* (wie auch 02) διερμηνεία. Doch begegnet ἑρμηνεία vorkanonisch bezeugt wieder in *1Kor 14,26 und an beiden Stellen bietet Tertullian interpretatio. *Röm 5,6 fehlt ein von Epiphanius bezeugtes ἔτι in 06 1 (wie auch 018, 020, 025, 044, 33, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, M). *Röm 10,4 liest 06* θεός, hingegen steht in d Christus, wie auch von Tertullian und Epiphanius vorkanonisch bezeugt. *Laod 2,11 steht die Variante χειροποιήτῳ in 06*, 012, anstelle des sonst bezeugten Genitivs χειροποιήτου, den auch Epiphanius bezeugt. Diese weitere Übersicht, die sich auf 06 konzentriert, zeigt, dass 06 selten unikale Lesarten gegenüber 010 bzw. 012 aufweist, worauf bereits die Vorbeobachtungen hindeuteten. Immerhin finden sich zwei weitere Gemeinsamkeiten mit der vor‐ kanonischen Version, die die Handschrift allerdings u. a. mit 012 teilt. Gegenüber diesen zwei Gemeinsamkeiten weist 06 jedoch sechs weitere Unterschiede zur vorkanonischen Version auf, von denen sie zwei erneut mit 012 teilt. Insgesamt erhöht sich damit die Differenz zwischen 06 und der vorkanonischen Version noch leicht. Nimmt man nun diese Übersicht zu den bereits gemachten Beobachtungen hinzu und addiert die entsprechenden Zahlen, ergibt sich folgendes Ergebnis: 174 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="175"?> 135 Vgl. G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 88. Für die Gemeinsamkeiten: Addition 1. und 2. Überblick Gemeinsamkeiten: *Gal (22), *1Kor (29), *2Kor (7), *Röm (3), *1Thess (1), *2Thess (0), *Laod (12), *Kol (2), *Phil (2) = 78 Hinzu kommen aus 010: (0) 012: (0) 06: *Gal (1), *Laod (1) Dies ergibt eine Gesamtsumme von 80 Gemeinsamkeiten mit folgender Rei‐ hung nach der Häufigkeit, wobei auffällt, dass die Reihenfolge sich gegenüber den addierten ersten beiden Überblicken nicht geändert hat. *1Kor (29), *Gal (23), *Laod (13), *2Kor (7), *Röm (3), *1Thess (1), *Kol (2), *Phil (2), *2Thess (0) = 80 Addition 1. und 2. Überblick Unterschiede (32): *Gal (7), *1Kor (8), *2Kor (9), *Röm (2), *1Thess (1), *2Thess (0), *Laod (5), *Kol (0), *Phil (0) = 32 Hinzu kommen aus 010: (0) 012: *1Kor (1), *Röm (1), *Laod (1) 06: *Gal (2), *1Kor (1), *Röm (2), *Laod (1) Dies ergibt eine Gesamtsumme von 41 Unterschieden mit folgender Reihung nach der Häufigkeit, wobei auffällt, dass die Reihenfolge sich gegenüber den addierten ersten beiden Überblicken leicht geändert hat: *1Kor (10), *Gal (9), *2Kor (9), *Laod (7), *Röm (5), *1Thess (1), *2Thess (0), *Kol (0), *Phil (0) = 41 Als Ergebnis lässt sich festhalten, dass die Handschriften 06, 010, 012 aus dieser Familie eine deutlich höhere Anzahl an Gemeinsamkeiten mit der vorkanoni‐ schen Version besitzen, als sie Unterschiede zu dieser aufweisen (67% : 33%). Das heißt, dass die Familie im Textbestand, den sie mit der vorkanonischen Version teilt, dieser näher als der kanonischen Version steht. Umgekehrt ist von Interesse, dass die meisten Differenzen, die diese Familie mit dem kanonischen Text hat, außerhalb des Textbestandes der vorkanonischen Version liegen. Von den von Zuntz untersuchten Stellen im Ersten Korintherbrief stehen von 13 Varianten 12 in solchen Versen oder Versteilen, die für die vorkanonische Version nicht bezeugt sind. Und die einzige verbleibende Variante (1Kor 12,10 ἐνέργεια 06, 010, 012, latt pler vs. ἐνεργήματα cett.) 135 bezieht sich auf einen Begriff, der ebenfalls für die vorkanonische Version unbezeugt ist. Zuntz hat §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 175 <?page no="176"?> 136 Ibid. 89. 137 So bereits ibid. 86. bezüglich einer Mehrzahl dieser Varianten festgestellt, dass sie Lateinisch beeinflusst sind. 136 Vergleicht man, was Gemeinsamkeiten vs. Unterschiede betrifft, den linken Arm (010, 012) (80 Gemeinsamkeiten: 32 Unterschiede) mit dem rechten Arm (06) (29 Gemeinsamkeiten: 53 Unterschiede), wird klar, dass, was den gemeinsamen Textbestand betrifft, der linke Arm der vorkanonischen Version erheblich näher steht als der rechte Arm, 137 differenziert man nach Handschriften, ergeben sich die folgenden Verhältnisse für Gemeinsamkeiten vs. Unterschiede: 06 (29 Gemeinsamkeiten: 53 Unterschiede), 010 (78 Gemein‐ samkeiten: 53 Unterschiede), 012 (78 Gemeinsamkeiten: 56 Unterschiede). Nach Nähe und Ferne zur vorkanonischen Version müsste man das oben angeführte Stemma leicht korrigieren: 6. Handschriftenstemma bezogen auf die Nähe der Familie zur *10-Briefe-Sammlung Wie die Ausführungen zuvor gezeigt haben, bildet die Handschriftenfa‐ milie mit ihren zwei Armen Zwischenstufen zwischen der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung und der kanonischen 14-Briefe-Sammlung. Es hatte sich aufgrund der Anzahl von Gemeinsamkeiten von Varianten zwischen diesen Bilinguen und der vorkanonischen Sammlung erwiesen, dass der linke Arm 176 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="177"?> 138 Schon K. Aland hatte der „Existenz“ und „Stellung des Hebr im paulinischen Korpus sozusagen Testcharakter“ zugesprochen, so K. Aland, Neutestamentliche Entwürfe (1979), 331. 139 Gut dokumentiert in D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 56-59. und darin 010 der vorkanonischen Sammlung näher stehen als der rechte Arm. Wir müssen folglich mit einem allmählich abnehmenden Einfluss der vorkanonischen Tradition auf die kanonische Sammlung rechnen, nachdem die kanonische Redaktion einmal die 13 bzw. 14-Briefe-Sammlung geschaffen hatte. Dass es auch noch eine weitere Vorstufe bzw. Zwischenstufe zwischen der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung und der 14-Briefe-Sammlung gibt, wird weiter unten in §-13 dargelegt werden. 7. Der Hebräerbrief oder: Der Weg zurück von X, W zur *10-Briefe-Sammlung 138 Wie weit lässt sich das Entstehen der Bilingue dieser Familie zurückverfolgen? Haben X und 06 nicht unmittelbar auf die *10-Briefe-Sammlung zurückge‐ griffen, erübrigt sich also W? Gegen letztere Vermutung lässt sich halten, dass X und 06 zu viele Gemein‐ samkeiten haben, die sie von der *10-Briefe-Sammlung unterscheiden, was voraussetzt, dass sie auf eine gemeinsame Vorlage zurückgegriffen haben, da sie diese Gemeinsamkeiten ansonsten zufällig parallel entwickelt hätten. Es ist aber höchst unwahrscheinlich, dass X, repräsentiert durch 010 und 012, zugleich mit 06 etwa die Briefe, wie wir weiter unten sehen werden, aus der Reihenfolge, wie sie in der *10-Briefe-Sammlung vorliegen, unabhängig voneinander in die kanonische Reihenfolge gebracht hätten. Außerdem hätten sie auch noch zufällig dieselben pseudopaulinischen Briefe 1/ 2Tim und Tit mit hinzugenommen und sie auch noch an dieselbe Stelle gestellt. Damit ist aber schon erwiesen, dass zwischen der *10-Briefe-Sammlung und X bzw. 06 noch mindestens eine gemeinsame Vorlage dieser beiden Familienarme anzunehmen ist, die hier W genannt wird. Da der Hebräerbrief im linken Familienarm (010, 012) fehlt (auch im ursprünglichen Text von 06), wird er auch in W gefehlt haben, dann aber auf dem Weg von W zu 06 hinzugenommen worden sein. Um demnach von den Zeugen von X auf das Alter von W schließen zu können, wird man zunächst der Rezeptionsgeschichte des Hebräerbriefes nachzugehen haben. Dieser ist bislang erstmals nachweislich im Brief von Justin dem Märtyrer in Rom. 139 Eine Parallele findet sich im Ersten Klemensbrief, 1Klem 36,2-5 / / Hebr §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 177 <?page no="178"?> 140 Die ältere Datierung von 1Klem auf das Ende des 1. Jh. findet sich im Überblick von M. Stover, The Dating of 1 Clement. ThM diss. (2012). Wie Stover zeigt, wurde sie bereits seit Beginn des 19. Jh. regelmäßig in Frage gestellt, am deutlichsten etwa durch Franz Overbeck, der den Ersten Klemensbrief ans Ende des 2. Jh. setzt, F. Overbeck, Zur Geschichte des Kanons (1880), 4. K. Erlemann, Die Datierung des Ersten Klemensbriefes - Anfragen an eine communis opinio (1998) zeigt: „Eine Christenverfolgung unter Domitian“ lässt sich „nicht nachweisen“ (ibid. 596). Auch das zweite traditionelle Argument, die Amtsstruktur, trägt nicht: „Ein Hinweis auf einen bestimmten Entwick‐ lungsstand der frühchristlichen Hierarchiebildung ist nicht ableitbar“ (ibid. 598). Und was „die historische Einordnung des römischen Klemens seitens Eusebs auf einer Kombination von Quellen“ basierend bietet, scheint „nicht das herzugeben …, was Euseb aus ihnen herausliest“ (ibid. 604-605). Bestenfalls die textinternen Verweise deuten „bei aller Vorsicht“ auf „das letzte Drittel des ersten Jahrhunderts“ (607), doch dies könnte eine bewusste pseudepigraphische Strategie sein. Allerdings hat O. Zwierlein in seiner detaillierten Durchsicht die textinternen Verweise auf die Zeit zwischen 120-125 einzugrenzen versucht, vgl. O. Zwierlein, Petrus in Rom: Die literarischen Zeugnisse. Mit einer kritischen Edition der Martyrien des Petrus und Paulus auf neuer handschriftlicher Grundlage (2010), 251. Zwar wurden die Argumente gegen die traditionelle Datierung anerkannt, jedoch die Neudatierung mit dem Hinweis auf 1Klem. 60,4-61,2 bestritten, da diese Stelle das Doppelkaisertum von Nerva und Trajan (98 n. Chr.) voraussetze, so W.D. Lebek, Das Datum des ersten Clemensbriefes (2011). In einer ausführlichen Replik hat Zwierlein seine Argumente bekräftigt und bezweifelt, dass Lebeks Einwand haltbar sei, O. Zwierlein, Kritisches zur Römischen Petrustradition und zur Datierung des Ersten Clemensbriefes (2010), 140-154. Auch Löhr kommt zum Ergebnis, dass der Brief sehr wahrscheinlich erst „vor der zweiten Hälfte des 2. Jh.s n. Chr.“ anzusetzen ist, H. Löhr, Erster Clemensbrief (2015), 2. Vgl. zur Verwendung von Hebr in 1Klem, auch wenn 1Klem hier ins späte erste Jahrhundert datiert wird, C. Hentschel, Lebendiges Gotteswort. Die Rezeption des Hebräerbriefs im Ersten Clemensbrief und im Hirten des Hermas. Diss. (2010). 141 Vgl. zu dieser Debatte mit weiterer Literatur K. Aland, Methodische Bemerkungen zum Corpus Paulinum bei den Kirchenvätern (1979), 33-36; G. Theissen, Untersuchungen zum Hebräerbrief (1969), 34-37. 142 Vgl. Euseb. Caes., Hist. eccl. III 38,1-3, vgl. hierzu D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 25-26. 1,3-13, doch ist erstens dessen Datierung umstritten 140 und zweitens stellt sich die Frage des Abhängigkeitsverhältnisses, nach K. Aland 1Klem von Hebr, oder ob beide Schriften auf eine ältere Tradition zurückgreifen und Hebr die spätere Bearbeitung darstellt, wie G. Theissen urteilte. 141 Alands Position findet eine Stütze in Eusebius. 142 Nur einen Hinweis darauf, dass Irenäus Hebr den Paulusbriefen annäherte, kann man aus Buch III von „Adversus haereses“ 178 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="179"?> 143 Iren, Adv. haer. III 22,4: In diesem Kapitel begegnet zunächst die Erwähnung der Nacktheit im Paradies, vgl. hierzu Hebr 4,13: „Nichts in der ganzen Schöpfung ist vor ihm verborgen. Alles ist nackt und bloß vor den Augen Gottes, dem wir für alles Rechenschaft ablegen müssen.“ Und gleich darauf wird angeführt „sie mußten nämlich erst heranwachsen“, vgl. Hebr 5,12-13: „12 Ihr seid wie Säuglinge, die nur Milch trinken, aber keine feste Nahrung essen können. 13 Ein Mensch aber, der sich von Milch ernährt, ist im Leben noch nicht sehr weit fortgeschritten und versteht nicht viel davon, was es heißt, das Richtige nach Gottes Wort zu tun.“ Vgl. M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 79, 295. Die Paulusnähe des Briefes wird auch prosopographisch hergestellt mit der Einfügung von Timotheus in Hebr 13,23, vgl. ibid. 300. Vgl. auch zu Bezügen zwischen Irenäus und Hebr, C.K. Rothschild, Hebrews as Pseudepigraphon. The History and Significance of the Pauline Attribution of Hebrews (2009), 30-31. Vgl. diesen ganzen Abschnitt, in welchem die Frage des Verhältnisses von Hebräerbrief und Irenäus wieder aufgegriffen wird, S. 177-190; es wurde schon in der Vergangenheit darauf hingewiesen, Irenäus weise keine Bezüge zu Hebr auf, R. Grant, Irenaeus of Lyons (1996), 1, 28. D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 13. 144 Euseb. Caes., Hist. eccl. V 26,3. Hiernach habe Irenäus in seinem inzwischen leider verlorenen Werk „Buch verschiedener Reden“ auch den Hebräerbrief „erwähnt und daraus einige Worte zitiert“. 145 Vgl. M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 49. Zur Rezeptionsgeschichte des Hebräerbriefes vergleiche jetzt die detaillierte und methodologisch reflektierte Studie von D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022). Zu älteren Arbeiten, vgl. W.H.P. Hatch, The Position of Hebrews in the Canon of the New Testament (1936). 146 Zu dieser Stelle und weiteren Stellen, an denen Tertullian Hebr nutzt bzw. auf ihn zu sprechen kommt, vgl. D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 59-63. 147 Clem. Alex., Adumbr. ad 1Petr 5,13. erschließen, in welchem es Anklänge an den Hebräerbrief gibt. 143 Eusebius behauptet überdies, Irenäus habe den Hebräerbrief gekannt. 144 Weder in der Drei-Briefe-Sammlung des Ignatius um die Mitte des zweiten Jahrhunderts, noch in dessen Sieben-Briefe-Sammlung aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts begegnet allerdings der Hebräerbrief. 145 Im Kom‐ mentar zu Markions *Apostolos beschwert sich Tertullian nicht, dass der Hebräerbrief in diesem fehlt, sondern er scheint auch in seinem eigenen katholischen Apostolos diesen Brief noch nicht gelesen zu haben. In De pudicitia XX 2 etwa rückt er den Brief zwar in die Nähe des Paulus, schreibt ihn aber dessen Mitarbeiter Barnabas zu. 146 Im zeitlich umstrittenen Kanon Muratori begegnet der Hebräerbrief nicht. Etwa zeitgleich zu Tertullian ist Klemens von Alexandrien noch unsicherer, was den Ursprung des Briefes betrifft, und meint, Paulus sei lediglich der Übersetzer dieses Briefes gewesen, 147 auch wenn er den Brief „doppelt so oft zitiert wie Justin und Tertullian zusammen“ 148 . Overbeck meint deshalb, Klemens von Alexandrien spiegele mit seiner Meinung auch §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 179 <?page no="180"?> 148 D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 63. 149 F. Overbeck, Zur Geschichte des Kanons (1880), 8. 150 D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 66. 151 Euseb. Caes., Hist. eccl. VI 14,1-4. diejenige, auf die hin der Hebräerbrief in den Kanon aufgenommen worden sei. 149 Als Autorität gilt dieser Brief dem Alexandriner tatsächlich „mehr als griechische Philosophen oder hebräische Schrifttexte“, und doch bleibt er nur „ein Text, ein Instrument, durch das man die Stimme des Logos hören kann“. 150 Eusebius stilisiert Klemens etwas zuversichtlicher und lässt ihn Paulus zum Autor machen, während nun Lukas der Übersetzer des Briefes sei: „In den Hypotyposen gibt Klemens, um es kurz zu sagen, gedrängte Auslegungen der ganzen Bibel […] Den Hebräerbrief weist er Paulus zu, behauptet aber, er sei an die Hebräer in hebräischer Sprache geschrieben worden, Lukas habe den Brief sorgfältig übersetzt und dann an die Griechen weitergeleitet. Daher komme es, daß die Sprache dieses Briefes dieselbe Färbung zeige wie die der Apostelgeschichte. Daß dem Briefe nicht die Worte „Paulus, der Apostel“ vorgesetzt seien, habe seinen guten Grund. „Denn“ — so erklärt er — „da er an die Hebräer schrieb, die gegen ihn voreingenommen waren und ihn verdächtigten, so war es ganz begreiflich, daß er nicht schon am Anfange durch Nennung seines Namens abstieß.“ Sodann fügt Klemens bei: „Da ferner, wie der selige Presbyter sagte, der Herr als Apostel des Allmächtigen an die Hebräer gesandt worden war, so betitelt sich Paulus, als zu den Heiden gesandt, aus Bescheidenheit nicht als Apostel der Hebräer. Er unterläßt es aus Ehrfurcht vor dem Herrn und weil er, der Lehrer und Apostel der Heiden, über seinen Beruf hinaus an die Hebräer schrieb.“ 151 Die Argumentation hinterlässt beim Leser einen eigenartigen apologetischen Eindruck, scheint sie doch erklären zu wollen, warum der Brief nicht, wie bei den anderen Briefen des Paulus üblich, zu Beginn seinen Namen trägt. Sie verstärkt den aus Klemens’ Adumbrationes gewonnenen Eindruck der Unsicherheit, der bezüglich des Briefes existierte, auch wenn hier noch „der selige Presbyter“, Eusebs Lehrer Pantaenus, bemüht wird. Auch noch um die Mitte des dritten Jahrhunderts äußert sich Origenes ratlos: „Jeder, der Stile zu unterscheiden und zu beurteilen versteht, dürfte zugeben, daß der Stil des sog. Hebräerbriefes nichts von jener Ungewandtheit im Ausdruck zeigt, welche der Apostel selber eingesteht, wenn er sich als ungeschickt in der Rede, d. i. im Ausdruck, bezeichnet, daß der Brief vielmehr in seiner sprachlichen Form ein besseres Griechisch aufweist. Daß die Gedanken des Briefes Bewunderung verdienen 180 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="181"?> 152 Orig., in Euseb. Caes., Hist. eccl. VI 25,11-14 (Übers. BKV, korrigiert). 153 D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 66-72. 154 Vgl. B.M. Metzger, The Canon of the New Testament. Its Origin, Development, and Significance (1987), 150 (Hippolytus), 162 (Cyprian). 155 Vgl. M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 65-66. 156 Euseb. Caes., Hist. eccl. III 3,5. und hinter denen der anerkannten Briefe des Apostels nicht zurückstehen, dürfte ebenfalls jeder als richtig zugeben, der mit der Lektüre des Apostels vertraut ist.“ Später bemerkt Origenes noch: „Ich aber möchte offen erklären, daß die Gedanken vom Apostel stammen, Ausdruck und Stil dagegen einem Manne angehören, der die Worte des Apostels im Gedächtnis hatte und die Lehren des Meisters umschrieb. Wenn daher eine Gemeinde diesen Brief für paulinisch erklärt, so mag man ihr hierin zustimmen. Denn es hatte seinen Grund, wenn die älteren Leute ihn als paulinisch überliefert haben. Wer indes tatsächlich den Brief geschrieben hat, weiß Gott. Soviel wir aber erfahren haben, soll entweder Klemens, der römische Bischof, oder Lukas, der Verfasser des Evangeliums und der Apostelgeschichte, den Brief geschrieben haben.“ 152 Es fällt auf, dass Origenes hier davon berichtet, dass „die älteren Leute“ (οἱ ἀρχαῖοι ἄνδρες) den Brief „als paulinisch überliefert haben“ und dass es der Fall ist, dass „eine Gemeinde“ ihn „für paulinisch erklärt“. Doch beides spricht dagegen, dass der Brief bereits Teil des Corpus Paulinum war, zumal Origenes ausdrücklich nachschiebt, dass er nicht wisse, von wem er stamme und seine Information, er werde Klemens oder Lukas zugeschrieben, nur vom Hörensagen habe. Dennoch nutzt er die Paulusnähe des Briefes, wenn er sich des Briefes bedient. 153 Während Hippolytus von Rom den Hebräerbrief zitiert, scheint Cyprian in Karthago ihn nicht zu kennen, zumindest zitiert er ihn nicht. 154 Im Canon Sinaiticus, der noch weithin die Reihenfolge der paulinischen Briefe von Markions *Apostolos bewahrt, finden wir den Hebräerbrief nach dem Römerbrief eingeschoben, während die beiden Thessalonicherbriefe nach dem Philipperbrief zu stehen kommen und vor den beiden Pastoralbriefen 2Tim und Tit. 155 Selbst Eusebius von Cäsarea, der im vierten Jahrhundert von „vier‐ zehn“ Briefen des Paulus „sicher und bestimmt“ (πρόδηλοι καὶ σαφεῖς αἱ δεκατέσσαρες) ausgeht, also Hebräer einschließt, muss noch eingestehen, „daß manche behaupteten, der Brief an die Hebräer sei von der römischen Kirche nicht als paulinisch anerkannt worden, und denselben deshalb verwarfen“. 156 Ob uns §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 181 <?page no="182"?> 157 Vgl. Euseb. Caes., Hist. eccl. VI 20,3. 158 C.K. Rothschild, Hebrews as Pseudepigraphon. The History and Significance of the Pauline Attribution of Hebrews (2009), 43. 159 Vgl. hierzu mit weiterführender Literatur D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 75-77. 160 So ibid. 75. dies einen Hinweis darauf gibt, dass der linke Arm unserer Familie (und 06 in der ursprünglicheren Form) ohne Hebräerbrief war, und damit auch W nach Rom zu verorten ist? Später in Buch VI seiner Kirchengeschichte kommt Eusebius zurück auf die insbesondere in Rom angesiedelte Kritik, die bis zu seinen Tagen diesen Brief als paulinisch ablehnt, indem er insbesondere auf den Dialog des „sehr gelehrten“ Gaius verweist: „In diesem Dialog, in welchem er die Gegner wegen ihrer kühnen, verwegenen Aufstellung neuer Schriften zum Schweigen bringt, erwähnt er nur dreizehn Briefe des heiligen Apostels, indem er den Brief an die Hebräer nicht den übrigen beizählt. Noch bis heute gilt er bei einigen Römern nicht als Schrift des Apostels“. 157 Wie zu sehen ist, lässt sich das ältere Bild einer weithin auf den Osten be‐ schränkten Akzeptanz des Hebräerbriefes und einer westlichen Zurückhaltung, wie schon C. K. Rothschild gezeigt hat und jüngst von D. Young erneut bestätigt wurde, nicht in seiner Schärfe halten, es lässt sich meines Erachtens aber auch nicht gänzlich bestreiten. 158 Wo der Brief genutzt wurde, war er mit einem gewissen Schatten überdeckt, wobei der Westen stärker als der Osten zögerlich in seiner Benutzung war. Zwei auffällige Zeugnisse seien hier noch erwähnt, weil Fragmente des Hebräerbriefes in zwei Papyri existieren, P. Amherst 1.3 (P 12 ) und P.Oxy. IV.657 (P 13 ). 159 Die Besonderheit besteht schon darin, dass es Fragmentstücke sind, die aus zwei Papyrusrollen stammen. Sie sind damit seltene Zeugen für nicht in Kodizes überlieferte christliche Schriften. Außerdem zeugt der erste für eine Überlieferung von Hebr außerhalb einer Sammlung von Paulusbriefen. Der Text von P 12 ist gepaart mit der Eröffnung von Gen und stellte vielleicht ein Amulett dar, wobei das Schreibmaterial wohl aus der zweiten Hälfte des dritten Jahrhunderts oder dem frühen vierten Jahrhundert stammt. Dieses war vor der Beschreibung mit Hebr durch einen Christen für einen Brief an seinen Geschäftspartner nach Ägypten genutzt worden. 160 Auch P 13 war bereits vor der Neubenutzung beschrieben, und zwar mit einem Auszug aus Livius, und darüberhinaus hebräische Buchstabenreste zu erkennen sind. Kolumnenzeichen sprechen dafür, dass dem Text von Hebr ein anderer Text voranstand, vielleicht aus der Parallele mit P 46 ableitbar, der Brief an die Römer. 161 182 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="183"?> 161 So ibid. 84-85. 162 Siehe hierzu mit der entsprechenden Literatur D. Young, The Concept of Canon in the Reception of the Epistle to the Hebrews (2022), 82-84. 163 Vgl. weiter unten die Tabelle, S. 192; zur weiteren Editionsgeschichte des Corpus Paulinum, vgl. Ibid. 85-98 (Osten) 164 Ähnlich denkt von Soden über die Stellung des Hebräerbriefes, H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 1650. Eine der ältesten uns erreichbaren Sammlungen, in denen der Hebräerbrief nachweislich enthalten ist, liegt in Papyrus P 46 vor. 162 Hier aber entspricht die Ordnung der Briefe nicht der später kanonischen. Zwar steht Röm am Anfang, nicht anders als in der hier verhandelten Familie, doch folgt hier wie im bereits erwähnten Canon Sinaiticus Hebr unmittelbar auf Röm und steht vor 1Kor. Eph steht vor Gal. Die Ordnung wurde verschieden interpretiert. Für unseren Zusammenhang ist wichtig, dass offenkundig im dritten Jahr‐ hundert der Hebräerbrief nicht nur für viele problematisch war, sondern of‐ fenkundig auch dann, wenn er in eine Paulusbriefsammlung gelangte, er an unterschiedlichen Stellen eingeordnet wurde, sei es nach Röm, nach Gal, 2Thess, 2Tim oder Phlm. 163 Dass er in 06 am Ende der Sammlung nach Phlm später angehängt wurde, deutet darauf hin, dass er eher eine Zugabe war und vielleicht noch nicht vollends als paulinisch angesehen wurde. 164 Denn in keinem unserer großen Kodizes des vierten und fünften Jahrhunderts steht der Hebräerbrief an dieser Stelle, erst der sogenannte byzantinische Mehrheitstext (M) wird ihn dann ans Ende der Paulusbriefsammlung stellen. Die fehlende Autorschaftsangabe des Paulus, aber auch Stil und Inhalt hatten die Nutzer offenkundig auf lange Zeit hin skeptisch gestimmt. Dieser Einblick stützt die Beobachtungen, die wir aus den Varianten ge‐ wonnen haben, dass die Vorlagen W und X dieser Familie ohne den Hebräerbrief der *10-Briefe-Sammlung nahestanden. Dass die Vorlage der Tradition gemäß eine Bilingue war, wird durch die Bilingualität der beiden von ihr stammenden Arme gestützt, denn ansonsten hätten sich wiederum zufällig zwei Bilinguen parallel aus einer Nichtbilingue entwickelt, was möglich, aber eher unwahr‐ scheinlich ist. Das bedeutet dann aber, dass diese Bilingue es war, in der zunächst eine erste Bearbeitung und teilweise Umgruppierung von Markions *Apostolos vorgenommen wurde. Sie weist auch, wie Dahl aus einem Vergleich des Zeilen‐ arrangements mit der Zeilenanordnung in dem Gotisch-Lateinischen Fragment des Guelferbytanus zeigen konnte, einen „hohen Standard an handwerklicher Fähigkeit auf und kann nur in einem großen Zentrum der Buchproduktion hergestellt worden sein. Ich vermute, dass sie in Rom hergestellt wurde, zu einer §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 183 <?page no="184"?> 165 „The original design for the bilingual edition presupposes a high standard of craftsman‐ ship and can only have originated at a major center of book production. I guess that it was produced in Rome, at a time when Greek was still used in the liturgy even though Latin was the common language spoken by Christians in the city“, N.A. Dahl, 0230 (= PSI 1306) and the Fourth-Century Greek-Latin Edition of the Letters of Paul (1979), 95. 166 M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 79. Zeit, da Griechisch noch in der Liturgie benutzt wurde, auch wenn Latein die gewöhnliche Sprache war, die die Christen in der Stadt benutzten.“ 165 Doch wie alt ist sie? Weiter oben wurde bereits Irenäus, Adversus haereses III bezüglich des Heb‐ räerbriefes angeführt. Bei der Abfassung meiner früheren Publikation „Christi Thora“ war mir bereits aufgefallen, 166 dass sich aus Buch III (und auch aus den Büchern IV-V) wenigstens mit einiger Wahrscheinlich die Struktur von Irenäus‘ größerer Schriftensammlung erheben lässt. Zunächst referiert er am Anfang von Kapitel 13 Markions Argument gegen die Sonderstellung des Paulus gegenüber allen anderen Aposteln, die dieser u. a. mit Gal 1,1 („Paulus, Apostel, nicht von Menschen oder durch einen Menschen, sondern durch Jesus Christus“) begründet hatte. Dann lässt er Gal 2,7-8 folgen (Iren., Adv. Haer. III 1: „Diese widerlegt Paulus selbst, indem er sagt, ein und derselbe Gott habe dem Petrus das Apostolat der Beschneidung und ihm das der Heiden übertragen“) und auch Röm 10,15 („Wie schön sind die Füße derer, die Gutes verkünden, die den Frieden verkünden“). In Kapitel 16 hebt Irenäus an, offensichtlich entlang seiner Sammlung, seine theologischen Ansichten apologetisch zu manifestieren. Die Reihenfolge, die sich aus diesen Büchern erheben lässt, lautet wie folgt: Röm, 1Kor, 2Kor, Gal, Kol, Eph, Phil, 1Thess, 2Thess, 1Tim, 2Tim, Tit, Hebr (? ). Unsicher ist die Stellung von 1/ 2Thess, Tit und die Frage der Präsenz von Phlm, da die ersten drei Briefe nicht in der Abfolge in Buch III 13-24 zitiert werden, sondern bereits vorweg in Buch III 1-7 begegnen und Phlm bei Irenäus gar nicht erwähnt wird. Ungewiss, wie weiter oben bereits ausgeführt, ist die Präsenz von Hebr, die nur andeutungsweise zu vermuten ist. Mit größerer Gewissheit hatte Irenäus die Briefe des Paulus ( Röm, 1Kor, 2Kor, Gal, Kol, Eph, Phil) in der Ordnung vorliegen, wie sie auch in den Bilinguen unserer Familie stehen. Hatte Irenäus im Gegenargument gegen Markion dessen vorkanonische Sammlung aufgrund theologischer Gründe umgestellt und noch nicht direkt aus dem Hebräerbrief zitiert, wie er es aus den anderen Schriften zum Teil wieder‐ holt tut, dann könnte beides darauf hindeuten, dass er zwar den Hebräerbrief bereits im Blick hatte, er diesen aber nicht gleichberechtigt in seine Sammlung 184 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="185"?> 167 C.S. Stevens, History of the Pauline corpus in texts, transmissions and trajectories. A textual analysis of manuscripts from the second to the fifth century (2020). 168 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 107. 169 „The farther you work back on the ‚Alexandrian‘ line, the more often you meet with ‚Western‘ elements; and the greater the Byzantine support for Western readings, the more often are they shared by one or other of the oldest ‚Alexandrian‘ witnesses. And the vast majority of such readings are genuine,“ ibid. aufgenommen wissen wollte - der Brief also auch bei ihm eine ähnlich unklare Stellung hatte, wie es dann ja noch bis ins vierte Jahrhundert hinein der Fall war. Damit wäre Irenäus der erste Zeuge für unsere Bilingue W. Er wird auch nicht deren Vorlage benutzt haben, weshalb er für die Notwendigkeit einer solchen zeugt, weil die unklare Stellung des Hebräerbriefes bei Irenäus am ehesten erklärt, warum in den beiden unmittel- oder wohl eher mittelbaren Kopien von W, nämlich X und 06, zum einen in X der Hebräerbrief nicht aufgenommen wurde, während er sich in 06 genau an der Stelle später finden wird - nämlich als Addendum zur Sammlung der paulinischen Briefe - wohin ihn Irenäus vielleicht gestellt hatte. Dass W und die Sammlung des Irenäus nicht parallele Entwicklungen, auch keine konkurrierenden Projekte darstellen, geht aus der Analyse der Varianten von Stevens hervor, der die große und prinzipielle Einheitlichkeit der Textüberlieferung - trotz aller Unterschiede im Detail, wie etwa zuvor gezeigt - herausgestellt hat, die sich seiner Meinung nach nur erklärt, wenn die gesamte Texttradition in genealogischer Abfolge auf einen einzigen Ursprung zurückgeht. 167 Wenn Harnack richtig gesehen hat, dass bereits die *10-Briefe-Sammlung eine Bilingue war, und da auch die Kopien von W, X und 06, Bilinguen sind, wird auch W eine Bilingue gewesen sein. Jedenfalls hatte auch schon Zuntz gesehen, dass 06, 010, 012 mit anderen Zeugen des ‚westlichen‘ Textes weiter als alle anderen Zeugen zurückreichen zu dem anzunehmenden Original, und dass ihnen P 46 und die mit diesem Papyrus verwandten Schriften nachfolgen: 168 „Je weiter man auf der ‚alexandrinischen‘ Linie zurückarbeitet, je öfter begegnet man ‚westlichen‘ Elementen; und je größer eine byzantinische Unterstützung westlicher Lesarten es gibt, desto öfter sind sie verbreitet durch die eine oder andere der ältesten ‚alexandrinischen‘ Zeugen. Und die große Mehrheit dieser Lesarten sind genuin.“ 169 Aufgrund der Perspektive, die Zuntz gewählt hat, indem er die *10-Briefe-Sammlung auf eine hypothetische Vorlage zurückführt, aus der sie sich genährt haben soll und aus der schließlich auch die Verbreitung der Lesarten, die sich sowohl in der *10-Briefe-Sammlung wie vor allem im §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 185 <?page no="186"?> 170 „Instead of supporting a rigid scheme, they bear witness to a living historical process. They intimate the ups and downs of a continuous struggle between many antagonistic forces, some making for the corruption of the primitive wording and others for its preservation … Marcion was not the critic who would notice, still less remove, these shortcomings,“ ibid. 240. 171 H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 126. 172 Ibid. 127. 173 Ibid. 253. 174 E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 5. ‚westlichen‘ Text, aber auch in den weiteren Texttraditionen findet, erklärt wird, kommt er zu dem Ergebnis: „Statt eine rigide schematische Verteilung zu stützen, bezeugen die Beobachtungen einen lebendigen historischen Prozess. Sie legen das Auf und Ab eines beständigen Kampfes zwischen vielen antagonistischen Kräften nahe, in dem einige für die Korruptelen des primitiven Wortlauts verantwortlich sind und andere für dessen Bewahrung. […] Markion war nicht der Kritiker, der diese Fehler bemerkt hätte, geschweige denn sie beseitigte.“ 170 Ähnlich wie Zuntz urteilt Zimmermann in seiner Detailuntersuchung zu 2Kor: „Die Übereinstimmungen zwischen dem lateinischen Paulustext des Marcion und dem der lateinischen Überlieferung (führen) auf Grund der gleichen griechi‐ schen Vorlage, der gleichen Art der Übersetzung und der gleichen Wortwahl … - wenn man sie nicht als bloßes Spiel des Zufalls erklären will - zwingend zu dem Schluß, daß irgendeine Gemeinsamkeit zwischen dem Bibeltext des Ketzers und dem der katholischen Kirche bestehen muß“, und er führt weiter aus: „Als die gemeinsame griechische Vorlage kann die durch Z [= hier: W], den Archetypus von D [06] F [010] G [012], vertretene Textgestalt angesehen werden. Der marcionitische Text steht dieser Textform sehr nahe und darf im wesentlichen als mit ihr identisch gelten“ und schließlich: „Die durch den Marciontext bekundete Art der Übersetzung und das Vokabular decken eine Grundschicht der lateinischen Übersetzung des 2 Kor auf, die in der gesamten lateinischen Überlieferung durchschimmert, in einigen Teilen überall sich erhalten hat, in anderen nur noch bei einzelnen Zeugen vorzufinden ist“. 171 Wie Zuntz nimmt auch Zimmermann eine gemeinsame Quelle für den lateinischen Text, eine versio latina des Corpus Paulinum an, 172 deren Grundstock er „in die Mitte des 2. Jahrh.“ datiert, und zwar in dieselbe Zeit, in die er den griechischen Archetyp von 06, 010, 012 ansetzt. 173 Becker nennt solche „Überlegungen zu einem sog. prä-marcionitischen Paulus-Text“ jedoch „hypothetisch“. 174 186 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="187"?> 175 Allerdings gehen die Meinungen der Forschung über die Datierung der lateinischen Übersetzung des Irenäus weit auseinander, sie reichen vom frühen fünften Jahrhundert bis zu einem recht frühen Zeitpunkt, nahe bei der Entstehung des griechischen Texts, vgl. die verschiedenen Positionen, die aufgeführt werden in H. Zimmermann, Untersu‐ chungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 164-165. 176 H.v. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textge‐ stalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 1989. 177 Vgl. E. Diehl, Zur Textgeschichte des lateinischen Paulus (1921), 107. Allerdings urteilt Strutwolf mit Blick auf die Apostelgeschichte und Irenäus, „dass Irenäus als ein alter Zeuge auch eine große Menge an altem Text bewahrt hat, der in der späteren freien Überlieferung weiter überformt und verändert worden ist. Dabei scheint festzustehen, dass Irenäus einen Text benutzte, der einerseits eine frühe Entwicklungsphase derje‐ nigen Traditionslinie darstellt, die später in die Zeugen 05 und P 127 eingemündet ist, an‐ dererseits aber viele der typischen Lesarten dieser späteren Zeugen noch nicht kannte. […] (S. 181) Irenäus jedenfalls lässt sich m. E. nicht als Zeuge für die frühe Existenz eines wie auch immer gearteten Texttyps, sondern eher als Repräsentant einer frühen, sich relativ große Freiheit im Umgang mit ihrem Text nehmenden Überlieferungslinie des griechischen Textes anführen“, so H. Strutwolf, Der Text der Apostelgeschichte bei Irenäus von Lyon und der sogenannte ‚Westliche Text‘ (2017), 180-181. Blümer bemerkt hierzu allerdings, dass „Strutwolf … aber auch eine beeindruckende Liste von Überein‐ stimmungen zwischen dem Codex Bezae und den Irenäuszitaten vorgelegt“ habe, W. Blümer, Die Vetus Latina-Edition der Apostelgeschichte: Überlegungen zu Chronologie, Konstituierung und Disposition der „Texttypen“ (2019), 455. Daran schließt er eine Bestärkung seines eigenen Urteils aus dem Jahr 2011 an, in der es hieß: „Wir haben vor 180 in Lyon einen griechischen Text zu postulieren, der die älteste uns faßbare Stufe jener mehrfach überarbeiteten und weiterentwickelten Textform darstellt, die später vom Codex Bezae, P127 und der syrischen sowie mittelägyptisch-koptischen Überlieferung bezeugt wird“, ebenfalls mit dem Hinweis darauf „dass der Codex Bezae eben aus dem Kloster des Hl. Irenäus in Lyon stammt - ein Aspekt, der in einschlägigen Publikationen allzu oft missachtet wird“, so W. Blümer, Zur Überlieferung der Apostelgeschichte in griechisch-römischer Tradition (2011), 415. Vgl. hierzu auch die nachfolgende Fußnote. Etwas später setzen Fischer und Houghton die Sammlung der lateinischen Paulussammlung an, auch wenn sie diese auf eine einzige Vorlage zurückführen, vgl. zu Details mit Literatur H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 169-176. 178 So bereits E. Diehl, Zur Textgeschichte des lateinischen Paulus (1921), 127-128. Diehl schließt, dass d bereits „zu Lebzeiten des Irenaeus“ entstanden sei, der von d abhängige Welche weitere Informationen besitzen wir? Auf die Nähe der Sprache zwischen Irenäus und den Bilinguen hatte bereits von Soden hingewiesen, 175 ins‐ besondere auf die der lateinischen Übersetzung des Irenäus und der lateinischen Übersetzungen in den Kodizes d e f g, 176 doch auch die Nähe der erhaltenen Reste seines griechischen Textes zur Sprache von 06 wurde hervorgehoben. 177 Es wäre folglich nicht verwunderlich, wenn sowohl der griechische wie der lateinische Text der 14-Briefe-Sammlung in zeitlicher Nähe zu Irenäus anzusetzen wäre, 178 §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 187 <?page no="188"?> Vulgatatyp „kurz nach des Bischofs Tode“ entstand, also vorhieronymianisch ist. Vgl. zur Kritik an der Vulgata-Autorschaft des Hieronymus und dem von Persig erneut zurückgewiesenen Vorschlag, Pseudo-Rufinus der Syrer sei der Autor gewesen, mit der älteren Diskussion und Literatur A. Persig, The Affiliation of the Quotations from the New Testament Epistles in the Liber de Fide (2020). Vgl. auch die noch unpublizierte, unter meiner Supervision entstandene Doktorarbeit von T.W. Dooley, Jerome’s text of the gospels, the ‚Vetus Latina‘, and the ‚Vulgate‘: with comparative tables of Jerome’s text of Matthew and Mark (2018). Zur umstrittenen Datierung der lateinischen Übersetzung von Irenäus’ Adversus Haereses, vgl. mit weiterer Literatur H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 16. 179 Vgl. B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019), 298; G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 85. 180 Der Genfer Reformator und Nachfolger Calvins, Théodore de Bèze (1519-1605), nach dem Codex 05 auch Codex Bezae benannt ist, hatte diese Handschrift der Universität Cambridge geschenkt und gibt uns Nachricht, dass der Codex vorher im Kloster des Heiligen Irenäus in Lyon gewesen sei. Wie lange er dort lag, ist unbezeugt und unklar. Zur Heimat des Codex Bezae (05) B.M. Metzger and B.D. Ehrman, The text of the New Testament: its transmission, corruption, and restoration (2005), 70-74. Parker erarbeitet eine Reihe von Argumenten für die Produktion des Codex in Beirut im 4. Jh., doch seine Vorlage führt er zurück zum selben Ort, Beyrut, im frühen 3. Jh., vgl. D.C. Parker, Codex Bezae: An Early Christian Manuscript and its Text (1992), 280-281. 181 E. Diehl, Zur Textgeschichte des lateinischen Paulus (1921), 131; ob diese „Revisionen“ den Weg von der *10-Briefe zur 14-Briefe-Sammlung erhellen können, wäre zu unter‐ suchen. und zwar wie bereits die *10-Briefe-Sammlung als Bilingue angelegt, diese als Vorlage nehmend und zugleich eine Antwort auf sie gebend. Auch die Nähe der Sprache des Tertullian zu 06 wurde schon länger gesehen und jüngst erneut hervorgehoben. 179 Was den lateinischen Text betrifft, schließt Diehl: „Den lateinischen Text der Paulinischen Briefe überhaupt dankt die Welt einem oder dem ‚Apostolos‘-Exemplar des großen christlichen Apologeten von Lyon, der ersten Vorlage des Claromontanus, den, mit dem Evangeliar vereint, 180 als kostbarstes Kleinod einstmals das Kloster des Irenaeus zu Lyon barg. Aber nicht nur das griechi‐ sche und lateinische ‚Urbild‘ des lateinischen Paulus hat uns Irenaeus beschieden, auf ihn und seinen Namen weisen auch die gründlichsten und folgenschwersten Revisionen […] zur Urform der vg [Vulgata]: sie weisen in die Zeit und den Kreis der Männer, welche der Nachwelt das für den Westen fremdsprachige Werk des streitbaren Bischofs gerettet haben, den Irenaeus latinus.“ 181 Bonifatius Fischer wollte sogar noch vor Irenäus zurückgehen, auch noch vor Tatian, und formulierte, dass „aufgrund zahlreicher Indizien eine einzige 188 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="189"?> 182 B. Fischer, Das Neue Testament in lateinischer Sprache. Der gegenwärtige Stand der Forschung (1972), 24. 45. 183 „The earliest dated reference in Latin to the books of the New Testament is found in the proceedings of the trial of a group of Christians in Carthage, known as the Scillitan Martyrs, held on 17 July 180“, so H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 3. Vgl. auch G. Bonner, The Scillitan Martyrs and the Pauline Epistles (1956); F. Ruggiero, Atti dei Martiri Scilitani. Introd., testo, traduzione, testimonianze e commento (1991). 184 Vgl. zu diesem Text J. Bremmer, Imitation of Christ in the Passion of the Scilitan Martyrs? (2020). 185 „… in each case a single Latin translation underlies all the surviving evidence for the Old Latin tradition“, H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 12. 186 „Occasions when the Latin tradition agrees on a reading not or poorly attested in Greek provide evidence in favour of a single original translation. One of the best known examples is Mark 9: 15, where all pre-Vulgate Latin manuscripts have gaudentes, ‚rejoicing‘ rather than ‚running‘, apparently due to the misreading of προστρέχοντες as προσχαίροντες (as found in Codex Bezae)“, ibid. Übersetzung für die lateinischen Evangelien anzunehmen“ ist, nicht anders, als er von einer einzigen „Urübersetzung“ auch der Paulusbriefe spricht. 182 Zu dieser zeitlichen Ansetzung passt, dass auch H. Houghton seine Ge‐ schichte des lateinischen Neuen Testaments wie folgt beginnt: „Der früheste datierte Bezug in Latein auf die Bücher des Neuen Testaments findet sich in den Akten des Prozesses einer Gruppe von Christen in Karthago, bekannt als die Scillitanischen Märtyrer, der am 17. Juli 180 stattfand“, 183 in denen es heißt: „Saturninus, der Prokonsul, sagte: ’Was sind die Dinge, in Eurem Behältnis? ’ Speratus sagte: ’Bücher und Briefe des Paulus, eines gerechten Mannes.’“ 184 Auch wenn der Text im Unklaren lässt, ob sich nur „Briefe“ auf Paulus bezieht oder auch „Bücher“, wird doch deutlich, dass von Paulusbriefen hier die Rede ist. Wohlgemerkt, ältere Zeugnisse für diese Briefe in Latein gibt es nicht. Houghton stimmt mit den Herausgebern der Vetus Latina darin überein, dass aufgrund der heute verfügbaren Quellen sich der Schluss nahelege, dass „in jedem einzelnen Fall eine einzige lateinische Übersetzung all den überlebenden Zeugnissen für die altlateinische Tradition zugrundeliegt“. 185 Dass diese eine Quelle eine Bilingue gewesen ist, findet einen kleinen Hinweis in der lateini‐ schen Tradition von Mk 9,15. Nach Houghton ist dies das „bekannteste“ Beispiel, eine der „Gelegenheiten, da die lateinische Tradition übereinstimmend eine Lesart biete, die nicht oder schwach in Griechisch bezeugt ist“, hier nämlich in 05, dem Codex Bezae. Die lateinische Tradition liest gaudentes „die sich freuen“, statt „die rennen“, wohl aufgrund eines Lesefehlers von προστρέχοντες als προσχαίροντες. 186 §-6 Die Bezeugung in den Handschriften 189 <?page no="190"?> 187 Das vermutet bereits W. Arnal, The Collection and Synthesis of „Tradition“ and the Second-Century Invention of Christianity (2011), 204-205. Die 14-Briefe-Sammlung scheint folglich in zeitlicher Nähe und im Umfeld des Irenäus entstanden zu sein, 187 die wie die *10-Briefe-Sammlung, zu der sie in Konkurrenz geschaffen wurde, ebenfalls als Bilingue angelegt war. Es ergibt sich folglich das detailliertere Stemma: Das Stemma, das auch die Zwischenstufen von Revisionen (hier zusammenfas‐ send als Y' und Z' bezeichnet) einschließt, verdeutlicht, dass bei der Rekonstruk‐ tion der *10-Briefe-Sammlung, insbesondere Varianten zum kanonischen Text, die sich in dieser Handschriftenfamilie finden, besonderer Berücksichtigung bedürfen. Dabei wird man Varianten von 010, 012 höher gewichten als solche, die sich ausschließlich in 06 finden. Andererseits besitzen Varianten, die sowohl in 06 als auch in 010, 012 zu finden sind, ein noch größeres Gewicht, auch wenn nicht alle solche Varianten bereits die Sicherheit bieten, im Text der *10-Briefe-Sammlung gestanden zu sein. 190 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="191"?> 1 Die Liste stützt sich auf die beiden Tabellen von D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (2010), 37. 40. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung innerhalb von Markions *NT im Unterschied zur 14-Briefe-Sammlung innerhalb des kanonischen NT In einem ersten Unterpunkt widmen wir uns dem äußerlich unterschiedlichen Profil der beiden Briefsammlungen. Auf diesen folgt eine eingehend kompara‐ tive Untersuchung der Sprache beider Sammlungen. Anhand dieser beiden Punkte soll das unterschiedliche Profil der beiden Briefsammlungen, auch innerhalb der jeweils größeren NT-Sammlungen erkennbar gemacht werden. Die verschiedenen Profile lassen sich nicht nur aus den textlichen Varianten der parallelen Verse, die sich in beiden Sammlungen finden, erschließen, sondern insbesondere auch anhand des Textbestandes, den die kanonische Sammlung gegenüber der vorkanonischen als Mehrtext besitzt. Da es kaum vorkanoni‐ schen Mehrtext gegenüber der kanonischen Sammlung gibt, ist die Gegenprobe nur sehr eingeschränkt möglich. Es wird sich zeigen, dass viele der sprachlichen Beobachtungen beim Ver‐ gleich der *10-Briefe-Sammlung mit der 14-Briefe-Sammlung sich vertiefen lassen, indem über diese beiden Korpora hinaus einerseits zusammen mit der *10-Briefe-Sammlung auch *Ev berücksichtigt wird, andererseits zusammen mit der 14-Briefe-Sammlung auch die weiteren Schriften des kanonischen Neuen Testaments herangezogen werden. a. Verschiedene Anzahl, Anordnung, Länge und Gewicht der paulinischen Briefe Die Bedeutung, den der Umfang der Sammlung der paulinischen Briefe wie deren Anordnung hat, erweist sich als aufschlussreich, insbesondere was die Differenz zwischen den 10 paulinischen Briefen der vorkanonischen Sammlung und den 13 (inklusive des Hebräerbriefs: 14) Briefen der kanonischen Sammlung betrifft. Gehen wir zunächst jedoch nicht von fixen Sammlungen aus, sondern werfen wir einen Blick in wichtige Zeugnisse und Handschriften und deren Bestand, den sie an paulinischen Briefen aufweisen, um weiteren Aufschluss über die Genese der beiden paulinischen Briefsammlungen zu gewinnen: 1 <?page no="192"?> 2 Vgl. hierzu S. 46-47, 94. Was die Reihenfolge der Prologe und damit die Anordnung der Briefe betrifft, sind diese lediglich aus internen Verweisen zu gewinnen, so etwa zu Beginn des Prologs zu 1Kor, wo ein similiter steht, das auf einen voranstehenden Brief mit ähnlichem Inhalt, nämlich Gal, verweist, richtig bereits erkannt von D. de Bruyne, Prologues Bibliques d’Origine Marcionite (1907). Die Gegenüberlegung, dass auch der zweite Teil von Röm gemeint sein könnte, wurde bereits von Mundle selbst, der diesen Einwand aufwarf, in Frage gestellt, vgl. W. Mundle, Die Herkunft der „Markionitischen“ Prologe zu den Paulusbriefen (1925), 24-25. Aufgefallen war mir aber auch, dass Tertullian durch Anspielungen zu erkennen gibt, dass er diese Paulusprologe gekannt hat, vgl. M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014). 3 A.L. Smith, Catalogue of the Syriac MSS in the Convent of S. Catharine on Mount Sinai (1894), 11-14. Quispel erwähnt zwar die gegenüber der markionitischen Sammlung hinzugekommenen Briefe, stellt aber heraus dass „die markionitische (wir würden sagen: ‚originale‘) Form des paulinischen Korpus bewahrt blieb“ („the ‚Marcionite‘ (we would call it: ‚original‘) shape of the Pauline corpus has been preserved“), G. Quispel, Marcion and the Text of the New Testament (1998), 354. 01 Gal 1Kor 2Kor Röm 1Thess 2Thess Laod Kol Phil Phlm 02 Gal - 1Kor 2Kor Röm 1Thess 2Thess Eph Kol Phlm Phil Laod - - - - 03 Gal - 1Kor 2Kor Röm 1Thess 2Thess Laod Kol Phil Phlm 1Tim 2Tim Tit - - 1 Röm - 1Kor 2Kor Gal Eph Phil Kol 1Thess 2Thess - 1Tim 2Tim Tit Phlm - 2 Röm - 1Kor 2Kor Gal Eph Phil Kol 1Thess 2Thess - 1Tim 2Tim Tit Phlm Laod 3 Röm - 1Kor 2Kor Gal Eph Kol Phil 1Thess 2Thess - 1Tim 2Tim Tit Phlm Hebr 4 Röm Hebr 1Kor 2Kor Eph Gal Phil Kol 1Thess ? - - - - - - 5 Röm - 1Kor 2Kor Gal Hebr Eph Phil Kol 1Thess 2Thess 1Tim 2Tim ? - - 6 Gal - 1Kor 2Kor Rom Hebr Kol Eph Phil 1Thess 2Thess - 2Tim Tit Phlm - 7 Röm - 1Kor 2Kor Gal Eph Phil Kol 1Thess 2Thess Hebr 1Tim 2Tim Tit Phlm - 8 Röm - 1Kor 2Kor Gal Eph Kol Phil 1Thess 2Thess - 1Tim 2Tim Tit Phlm Hebr 9 Röm - 1Kor 2Kor Gal Eph Kol Phil 1Thess 2Thess Hebr 1Tim 2Tim Tit Phlm - 10 Röm - 1Kor 2Kor Gal Eph Phil Kol 1Thess 2Thess Hebr 1Tim 2Tim Tit Phlm Hebr 01 = Tertullians Angaben zur *10-Briefe-Sammlung 02 = Epiphanius‘ Angaben zur *10-Briefe-Sammlung 03 = Markionitische Paulusprologe 2 1 = 010 2 = 012 3 = 06 4 = P 46 5 = Kapitel in 03 6 = Kanon Sinaiticus 3 192 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="193"?> 4 A.L. Smith, Catalogue of the Syriac MSS in the Convent of S. Catharine on Mount Sinai (1894), 11-14. 5 G. Quispel, Marcion and the Text of the New Testament (1998), 354-355. So schon der von ihm zitierte H.D. Betz, Paul in the Mani Biography (Codex Manichaicus Coloniensis) (1986). Quispel erwähnt, dass bis zum Zeitpunkt der Abfassung seines Artikels „nicht eine einzige tendenziöse Lesart markionitischen Ursprungs unter den vielen Pauluszitaten in manichäischen Quellen gefunden wurde“ („up till this date, not a single tendentious reading of Marcionite origin has been found among the many quotations from Paul in Manichaean sources“), G. Quispel, Marcion and the Text of the New Testament (1998), 355. Auf die Nähe zwischen der *10-Briefe-Sammlung und der manichäischen Tradition verweist auch Ps.-(? ), Ephräm, Erklärung des Evangeliums. 6 N.A. Dahl, Studies in Ephesians. Introductory questions, text- & edition-critical issues, interpretation of texts and themes (2000), 195. A. Souter, The Text and Canon of the New Testament (1954), 209. 7 = 01, 02, 03, 04 8 = M 9 = Minuskel 5 10 = Minuskel 794 Bereits in § 6 war die Absenz bzw. Präsenz des Hebräerbriefes von Bedeutung, weil sie ein wichtiges Element darstellt, um die dort besprochene Handschrif‐ tenfamilie in zwei Arme zu unterteilen. Wie in dieser Übersicht hier auf Anhieb zu erkennen ist, ist der Hebräerbrief, was die Anzahl seines Vorkommens und seine Anordnung in der paulinischen Briefsammlung anlangt, das volatilste Element. Gewöhnlich werden die Nummern 01 (Tertullian, Anf. 2. Jh.), 02 (Epiphanius, 4. Jh.), 6 (Kanon oder Catalogus Sinaiticus, um 400 4 ), mit der invertierten Stellung von vorangestelltem Gal und nachgestelltem Röm als Zeugen für den markionitischen *Apostolos genommen. Quispel hat jedoch darauf hingewiesen, dass auch Manichäer, die nicht den markionitischen *Apostolos benutzten, auf eine kanonische Vorlage Zugriff gehabt haben, in der ebenfalls Gal und 1/ 2Kor vor Röm standen. 5 Vergleicht man die Angaben von 01 (Tertullian), 02 (Epiphanius) mit 6 (Kanon oder Catalogus Sinaiticus), stellt man fest, dass in letzterem eine Mischung zwischen der von Tertullian und Epiphanius für die Sammlung des Markion gegebenen Angaben und deren Anordnung vorliegt und der großen Anzahl griechischer Handschriften mit ihrer Anzahl und An‐ ordnung der paulinischen Briefe. 6 Wie bereits oben zum Hebräerbrief ausgeführt wurde, stellt die Handschriftenfamilie 06 (hier: 3), 010 (hier: 1), 012 (hier: 2) ebenfalls eine Zwischenstation dar zwischen der *10-Briefe-Sammlung und der 14-Briefe-Sammlung. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 193 <?page no="194"?> 7 Vgl. Epiph., Pan. 42,11,10; die oben angeführte Liste findet sich in ibid. 42,9,4. 8 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 65*. Ein genauerer Blick auf die Angaben zu Markions Paulusbriefsammlung gibt uns folgende Details: 01 = Tertullian Gal 1/ 2Kor Röm 1/ 2Thess Laod Kol Phil Phlm - - - - 02 = Epiphanius Gal 1/ 2Kor Röm 1/ 2Thess Eph Kol Phlm Phil Laod - - - 6 = Kanon Sinai‐ ticus Gal 1/ 2Kor Röm Hebr Kol Eph Phil Phil 1/ 2Thess 2Tim Tit Phlm Von den drei Verzeichnissen scheint Tertullian, der die Briefe auch eingehend kommentiert, uns das verlässlichste Verzeichnis überliefert zu haben. Bei Epiphanius wird sowohl der Epheserbrief wie der Laodizeerbrief genannt, wohl deshalb, weil in der kanonischen Sammlung des Neuen Testaments das von Markion als Laodizeerbrief geführte Schreiben Epheserbrief genannt wird. Da Epiphanius wiederholt die Liste der Briefe aufführt und auch aus ihnen exzerpiert, wird deutlich, dass er tatsächlich den Laodizeerbrief in der *10-Briefe-Sammlung im Anschluss an 1/ 2Thess meint, auch wenn er diesen als Epheserbrief bezeichnet. 7 Dass er am Ende nochmals den Laodizeerbrief gesondert aufführt, hängt vielleicht mit dem Umstand zusammen, dass er bei der Abfassung seiner Widerlegung des Markion in seinem „Arzneikasten“ (Panarion), bei der er auf eigene frühere Aufzeichnungen, wie bereits erwähnt, zurückgegriffen hat, „infolge der Unvollkommenheit seiner Aufzeichnung zu der Ansicht [kam], M.[arkion] habe sowohl den Epheserals auch einen Laodiceerbrief in seiner Bibel gehabt“, so dass er „den größeren Teil der Zitate unter jenem Titel, eines aber unter diesem [anführte]“. 8 Der Kanon Sinaiticus kennt schließlich den Laodizeerbrief nicht mehr. Auffallend ist auch die verschiedene Reihenfolge von Phil und Phlm bei Epi‐ phanius gegenüber Tertullian und die Platzierung des Phil ans Ende, wogegen Tertullian und der Kanon Sinaiticus darin übereinstimmen, dass sie Phlm ganz am Ende ihrer Sammlung haben, wobei im Kanon heraussticht, dass Phil gleich zweimal nacheinander gegeben wird und hierauf zunächst 1/ 2Thess folgen, dann nur zwei der bekannten drei Pastoralbriefe vor Phlm. Im Kanon Sinaiticus findet sich auch Hebr, hier zwischen Röm und Kol eingeordnet. Wenn angenommen wird, dass beide Reihenfolgen von Phil/ Phlm und Phlm/ Phil auf Markion zurückführbar seien, setzt man voraus, beide Kommentatoren von Markions *Apostolos hätten „verschiedene Ausgaben der Bibel Marcions“ vorliegen gehabt, „die neben der unterschiedlichen Anordnung der Texte teil‐ 194 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="195"?> 9 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 25 Anm. 14. 10 Vgl. hierzu M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), 55-60; U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 9. 11 Ob dieser Kanon ursprünglich Griechisch oder bereits Lateinisch geschrieben war, ist in der Forschung umstritten, doch scheint ein östlicher Ursprung eher wahrscheinlich, vgl. hierzu A.C.J. Sundberg, Canon Muratori: A Fourth Century List (1973), 2, 34. C. Guig‐ nard, The Original Language of the Muratorian Fragment (2015); H.A.G. Houghton, The Latin New Testament. A Guide to its Early History, Texts, and Manuscripts (2016), 17. 12 Can. Murat. 76-77. Außerdem wird später gesagt, es habe noch „ein neues Buch Markions der Psalmen“ gegeben, ibid. 83. 13 Im Mittelalter begegnet dann aber eine Notiz zu Kol 4,16, in der erstens auf einen mark‐ ionitischen Laodizeerbrief verwiesen wird, verglichen mit Lightfoots Edition wird er geboten von T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 584-585. Zweitens wird auch ein Alexandrinerbrief genannt, so Herveus Dolensis (PG 181,1355). Vgl. zu Letzterem ibid. 576-577. 586. Während Zahn sich bemüht, einen im Sacramentarium et Lectionarium Bobiense, einer Handschrift des 7. Jh. (Paris BN Lat. 13246), aufbewahrten Text mit dem Titel Epistula Pauli apostoli ad Colossenses mit diesem markionitischen Alexandrinerbrief zu identifizieren, schließe ich mich dem Urteil von Norelli an, dass der Text „nichts zu tun hat“ mit diesem Markion zugeschriebenen Brief, E. Norelli, Markion und der biblische Kanon (2016), 25; T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen weise auch erhebliche Abweichungen im Wortlaut aufwiesen“. 9 Das ist möglich - man müsste wohl genauer vom „Neuen Testament“ Markions sprechen - und würde vor allem die manchmal abweichenden Angaben bei Tertullian und Epiphanius, was einzelne Verse und Worte betrifft, erklären. 10 Insgesamt hatten wir aber in § 5 festgestellt, dass sich die Differenzen, was die häresiologischen Zeugnisse betrifft, in Grenzen halten. Über diese drei Angaben zur Sammlungsanordnung der *10-Briefe-Samm‐ lung hinaus finden wir noch die leichte Variante in Ephräms Paulusbriefsamm‐ lung, die der des Markion nahesteht, wonach der von Tertullian am Schluss erwähnte Phlm durch den sogenannten Dritten Korintherbrief ersetzt ist, der ansonsten als Teil der Paulusakten überliefert wird. Eine weitere Information bietet der Kanon Muratori (2. oder 4. Jh.), 11 der zu berichten weiß: „Es soll bei der Schule des Markion auch einen an die Laodizeer geben und einen anderen an die Alexandriner, dem Namen des Paulus zugeschrieben“ („Fertur etiam ad Laudecenses alia ad alexandrinos Pauli nomine fincte ad heresem marcionis“). 12 Den Laodizeerbrief sehen wir in den Verzeichnissen des Tertullian und Epiphanius, der Alexandrinerbrief jedoch ist nur durch dieses Zeugnis des Kanon Muratori belegt. 13 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 195 <?page no="196"?> Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 586-592. Vergleicht man die vorkanonische paulinische Briefsammlung, wie sie uns in den genannten Zeugen mitgeteilt wird, mit der 14-Briefe-Sammlung, wie wir sie aus der Mehrheit der griechischen Handschriften kennen, ergeben sich folgende Übereinstimmungen und Unterschiede: Die *10-Briefe-Sammlung umfasst zehn paulinische Briefe in einer von den Zeugen weithin übereinstimmend gegebenen Reihenfolge: *Gal, *1/ *2Kor, *Röm, *1/ *2Thess, *Laod (in der 14-Briefe-Sammlung Eph genannt), *Kol, *Phil, *Phlm. Die 14-Briefe-Sammlung weist folgende Schriften in einer ebenfalls weithin übereinstimmenden Reihenfolge auf, wobei i.W. lediglich die An- und Abwe‐ senheit und die Stellung des Hebräerbriefs differiert. In der Mehrzahl der Handschriften (8 = M) lautet die Reihenfolge: Röm, 1/ 2Kor, Gal, Eph, Kol, Phil, 1/ 2Thess, 1/ 2Tim, Tit, Phlm, Hebr. Nach allgemeinem Konsens sollen folgende sieben Briefe, die sich in beiden Sammlungen finden, von Paulus selbst stammen: Röm, 1/ 2Kor, Gal, Phil, 1Thess, Phlm. Ihre Anordnung vom ältesten zum jüngsten hin ist umstritten, da die Briefe selbst nicht datiert sind. Vergleicht man die beiden Sammlungen nach der Anordnung der Briefe, ergibt sich folgende Gegenüberstellung: 14-Briefe-Sammlung *10-Briefe-Sammlung Röm 1Kor 2Kor Gal Eph Phil Kol 1Thess 2Thess 1Tim 2Tim Tit Phlm Hebr *Gal *1Kor *2Kor *Röm *1Thess *2Thess *Laod *Kol *Phil *Phlm 196 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="197"?> 14 H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 167-168. 15 So D. Trobisch, Paul’s Letter Collection. Tracing the Origins (1994), 17. 16 D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 111-113. 17 Die folgende Tabelle findet sich in D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (2010), 80. Das Ordnungskriterium der 14-Briefe-Sammlung war, wie in der Forschung herausgestellt wurde, sowohl ein biographisches wie ein geographisches. 14 Auffallenderweise stehen die drei Briefe *2Thess, *Laod, *Kol innerhalb der *10-Briefe-Sammlung unmittelbar beieinander, während ihre parallelen Pen‐ dants in der 14-Briefe-Sammlung nahe beieinander aber nicht zusammenstehen, sondern jeweils durch einen Parallelbrief der *10-Briefe-Sammlung getrennt sind. Auf 2Thess folgen dann zunächst weitere, heute als Pseudepigraphe angesehene Briefe in der kanonischen Sammlung (2Thess, 1/ 2Tim, Tit), bis dann die Sammlung mit dem parallelen Schlussbrief zu dem der *10-Briefe-Sammlung und dem angefügten Hebr beschlossen wird. Was die ersten vier Briefe in der vorkanonischen wie der kanonischen Sammlung betrifft, so stimmen diese überein, lediglich Gal und Röm stehen an vertauschten Stellen. Nach welchem Prinzip wurden die paulinischen Briefe in den beiden vergli‐ chenen Sammlungen angeordnet? Trobisch (und Lietzmann vor ihm) hatte für die kanonische Sammlung vorgeschlagen, die Editoren hätten die Briefe zunächst gegliedert nach Adres‐ saten - zuerst die Briefe an Gemeinden, dann diejenigen an Einzelpersonen, und als weiteres Kriterium dann die Länge der Briefe berücksichtigt, wobei mehrere Briefe an dieselbe Gemeinde bzw. an dieselbe Person zusammengestellt wurden, ebenfalls nach der Länge geordnet. 15 Dieses Verfahren habe Vorteile für Kopisten in der Kalkulation und der Einteilung des nötigen Beschreibraumes der Schreibgrundlage gehabt. Außerdem rechnet Trobisch damit, dass dieses Ordnungsprinzip gewählt wurde, weil die Briefe undatiert waren und damit eine chronologische Anordnung nicht möglich war. 16 Hier seine Tabelle, die die Anzahl der Buchstaben in den Briefen angibt: 17 Brief 14-Briefe-Sammlung Röm 34.410 1Kor 32.767 2Kor 22.280 Gal 11.091 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 197 <?page no="198"?> 18 Ibid. 81-82; D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 57; H. Lietzmann, Einführung in die Textge‐ schichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 2. Brief 14-Briefe-Sammlung Eph 12.012 Phil 8.009 Kol 7.897 1Thess 7.423 2Thess 4.055 1Tim 8.869 2Tim 6.538 Tit 3.733 Philem 1.575 Hebr 26.382 In Anbetracht der Länge der Briefe, muss Trobisch einschränken, dass die Zahlen lediglich für den zweiten Teil der Sammlung, also die Briefe an Ein‐ zelpersonen, passen, während im ersten Teil der Epheserbrief doch um fast 1.000 Zeichen länger als der ihm voranstehende Galaterbrief ist. Lietzmann hatte dafür, wie wir sahen, keine Erläuterung, aber Trobisch erklärt sich dieses Phänomen damit, dass mit Eph, der ja in der modernen Forschung als Deuteropaulinum betrachtet wird, ein Anhang beginne. 18 Auch wenn wir als Vergleich die Anordnung der Briefe in P 46 nehmen, lässt sich die Reihe nicht völlig mit der absteigenden Länge in Einklang bringen (verwendet werden dieselben Zahlen wie in der voranstehenden Tabelle): 4 Röm Hebr 1Kor 2Kor Eph Gal Phil Kol 1Thess ? - 34.410 26.382 32.767 22.280 12.012 11.091 8.009 7.897 7.423 - Auch wenn in dieser Sammlung Eph und Gal in absteigender Richtung platziert sind, sticht doch Hebr mit seinen 26.382 Zeichen heraus und steht gegen die sonst ersichtliche absteigende Tendenz der gereihten Briefe. Hier kommt man auch nicht mit dem Argument eines Anhangs weiter. Die Gründe für die 198 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="199"?> 19 Die Kalkulation erfolgte aufgrund von NA 27 und der im Anhang gegebenen Rekonstruk‐ tion des vorkanonischen *Paulus. Für die Kalkulation wurden die Buchstabenzeichen gewählt unter Ausschluss der Interpunktionszeichen und der Tituli. Die Prozentzahlen beziehen sich auf den Anteil eines Briefes, gemessen am Umfang der jeweiligen Sammlung; die letzte Spalte „Vergleich“ bietet das prozentuale Verhältnis des Umfangs zwischen vorkanonischem und kanonischem Text, z. B. *Gal besitzt 53,61 % der Buchstabenzeichen von Gal. 20 H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 167-168; M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 69. 21 So aber D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den An‐ fängen christlicher Publizistik (1989), 111. Platzierung müssen zumindests mit Blick auf Hebr hier und Gal und Eph in der vorausgegangenen Anordnung andere gewesen sein. Vergleichen wir die 14-Briefe-Sammlung mit der *10-Briefe-Sammlung be‐ züglich der Reihenfolge der Briefe: 19 Brief *10-Briefe- Sammlung innere % 14-Briefe- Sammlung Trobisch innere % Ver‐ gleich Gal 5.943 14,52% 11.085 11.091 7,84% 53,61% 1Kor 14.119 34,50% 32.759 32.767 23,15% 43,10% 2Kor 5.003 12,22% 22.279 22.280 15,74% 22,46% Röm 5.347 13,06% 34.433 34.410 24,31% 15,53% 1Thess 1.063 2,60% 7.419 7.423 5,25% 14,33% 2Thess 1.220 2,98% 4.048 4.055 2,87% 30,14% Laod 4.564 11,15% 12.001 12.012 8,49% 38,03% Kol 1.723 4,21% 7.886 7.897 5,58% 21,85% Phil 1.265 3,09% 7.998 8.009 5,66% 15,82% Phlm 680 1,66% 1.562 1.575 1,11% 43,53% - - - - - - - gesamt 40.927 100,00% 141.470 141.519 100,00% 28,93% Für die *10-Briefe-Sammlung hatte bereits H.J. Frede, wie erwähnt, erkannt, 20 dass die Briefe nicht aufgrund ihrer Länge, 21 sondern geographisch und biogra‐ phisch geordnet waren - angefangen mit *Gal und *1Kor, beide aus Ephesus geschrieben, *2Kor von weiter nördlich aus Troas, auf dem Weg zwischen Ephesus und Korinth, dann *Röm, geschrieben aus Korinth, dann *1/ *2Thess §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 199 <?page no="200"?> 22 D. Trobisch, Die Paulusbriefe und die Anfänge der christlichen Publizistik (2010), 79. aus Athen, und der Rest der Briefe als Gefangener, auch wenn nicht sicher ist, von welcher Stadt diese Briefe ausgegangen sein sollen, die Angaben variieren (*Kol aus Ephesus, *Phil und *Phlm aus Rom). Hierzu kommt die biographische Angabe, Paulus habe Phlm geschrieben als „alter Mann“ (Phlm 1,9, jedoch nicht vorkanonisch bezeugt). Allerdings ist dennoch auffällig, dass diejenigen fünf Gemeindebriefe am Anfang der Sammlung stehen, die zugleich die längsten Briefe (mit Ausnahme von Phil, der länger als 1Thess ist) und von dem Redaktor offenkundig auch der biographisch frühen Phase zugerechnet wurden. Dann wurden die drei Briefe eingeschoben, die die moderne Forschung als Deutero‐ paulinen betrachtet, und zwar offenkundig deshalb nach *1Thess und vor *Phil, weil der erste der drei Briefe, *2Thess, sich an *1Thess anschloss und die drei Briefe vermutlich bereits als Sammlung vom Redaktor angetroffen wurden. Diesen und *Phil folgt dann der einzige an eine Einzelperson gerichtete Brief, den die vorkanonische Sammlung kennt, *Phlm. Die drei *Deuteropaulinen traten allerdings nicht sieben einzelnen paulinischen Briefen hinzu, sondern wurden, wie der Rückverweis in *Gal 5,21 erweist, der auf eine Stelle in einem in der Sammlung späteren Brief (*1Kor 15,50) geht, bereits in eine existierende ältere Sammlung eingeschoben, auch wenn die vorkanonische Redaktion gegenüber dieser älteren Sammlung *Gal dem *1Kor vorangestellt hat. Grundsätzlich gelten für die Frage der Umstellung der Reihenfolge von Briefen bei der Bearbeitung von Sammlungen Trobischs methodologische Über‐ legungen und vergleichende Beobachtungen zu anderen antiken Briefsamm‐ lungen. Er stellte fest: „So lange die Herstellung von Büchern nur erfolgen konnte, indem einzelne Exem‐ plare von Hand abgeschrieben wurden, war es technisch sehr aufwendig, eine ältere Sammlung von Schriften umzuordnen, und kam deshalb auch nur selten vor. Die handschriftliche Überlieferung von Sammlungen zeigt immer und immer wieder, daß die Abschreiber die Anordnung der Vorlagen mit großer Trägheit übernahmen. Wenn neue Briefe an alte Sammlungen angefügt wurden, neigten die Herausgeber dazu, neue Briefe einfach nur als Anhang an das Ende der älteren Sammlung zu stellen. Sie hatten Hemmungen, alle Briefe neu anzuordnen.“ 22 Wie zuvor gesehen, findet Trobischs Erkenntnis ihre Bestätigung aus der voran‐ stehenden Tabelle, die die *10-Briefe-Sammlung mit der 14-Briefe-Sammlung vergleicht. Die Trägheit, Briefsammlungen umzustellen, setzt dann umgekehrt wichtige Gründe voraus, wenn tatsächlich Umstrukturierungen existierender 200 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="201"?> 23 Vgl. die verschiedenen Narrationen, die sich aus der Umkehr der Reihenfolge von Gal und Röm ergeben, M. Vinzent, Resetting the Origins of Christianity. A New Theory of Sources and Beginnings (2023), 291-298, 308-309. Sammlungen vorgenommen wurden. Bildet die *10-Briefe-Sammlung die Vor‐ gängerin der 14-Briefe-Sammlung, können wir nach den Gründen für deren Umstrukturierung suchen. Angeschlossen hatte sich die kanonische Redaktion an den Grundaufriss, wonach zunächst die Gemeindebriefe vor dem Brief an eine Einzelperson standen. Innerhalb dieser Gemeindebriefe wurde jedoch der Galaterbrief mit dem Römerbrief vertauscht. Wie wir sahen, konnte hier nicht einfach nur die Brieflänge verantwortlich gewesen sein, weil sonst wie in P 46 Gal nach Eph und Hebr nach Röm eingefügt worden wären. Stattdessen scheint für die Umstellung von Gal und Röm die umstrittene Autoritätsuntermauerung des Paulus durch *Gal und die Festigung der Beziehung der Kirche zu Israel in Röm ausschlaggebend gewesen zu sein. 23 Umgekehrt gilt, da bereits der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung eine ältere Sammlung der sieben pauli‐ nischen Briefe vorgelegen hatte, in welcher *Gal nach *1Kor stand, dass die vorkanonische Redaktion durch die Umstellung von *Röm und *Gal gerade die Autorität des *Paulus hervorheben wollte, eine Umstellung, die dann die erste kanonische Redaktion rückgängig gemacht hat. Dass in der kanonischen Sammlung gegenüber der *10-Briefe-Sammlung, die *2Thess an *1Thess angeschlossen hatte und die beiden weiteren *Deute‐ ropaulinen *Laod und *Kol im Block folgen ließ, auf Eph und Kol jeweils einer der sieben Briefe folgt (Phil, 1Thess) und sich 2Thess anschließt, zeigt möglicherweise: Erstens wird die *10-Briefe-Sammlung kaum eine Bearbeitung der 14-Briefe-Sammlung sein. Sie hätte dann die drei auseinanderstehenden Briefe zu einem Block zusammengefügt. Das hätte aber vorausgesetzt, dass die Redaktion Kenntnis davon gehabt hätte, dass es sich bei diesen drei Briefen um von den sieben Briefen zu unterscheidende Deuteropaulinen handeln würde. Dann wäre diese Redaktion der modernen Forschung weit vorangegangen. Viel leichter lässt sich erklären, dass eine kanonische Redaktion den Block dieser drei Deuteropaulinen auflöst und mit jeweils einem der sieben Briefe durchschießt, um eine größere Integrität der Briefsammlung zu erwirken. Zweitens scheint die Reihenfolge Eph-Kol-2Thess (trotz der dazwischengeschalteten Briefe) noch die ursprüngliche Reihenfolge zu bieten, in welcher die vorkanonische Redaktion diese drei Briefe aus der vorangehenden Sammlung vorgelegen waren. Dass die vorkanonische Redaktion *2Thess nach vorne gestellt hat, lag daran, dass sie diesen Brief an *1Thess anschließen wollte. Aus demselben Grund der Integration scheinen in der 14-Briefe-Sammlung auch die Pastoralbriefe vor §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 201 <?page no="202"?> und nicht als Anhang nach Phlm gestellt worden zu sein. Zugleich mögen diese inhaltlichen Gründe das Argument der Brieflänge gestützt haben wie umgekehrt. Welche der beiden Überlegungen von größerer Bedeutung war, lässt sich nicht mehr ermitteln. Vergleichen wir noch die Länge der Briefe, wie sie in der *10-Briefe-Samm‐ lung und der 14-Briefe-Sammlung vorliegen, so fällt auf, dass die zehn Briefe in ganz unterschiedlicher Weise kanonisch erweitert wurden, und zwar, was die ersten fünf Gemeindebriefe betrifft, unmittelbar ihrer Stellung folgend: Brief *10-Briefe- Sammlung 14-Briefe- Sammlung Prozentuale Erweiterung Gal 5.943 11.085 86,52% 1Kor 14.119 32.759 132,02% 2Kor 5.003 22.279 345,31% Röm 5.347 34.433 543,97% 1Thess 1.063 7.419 597,93% 2Thess 1.220 4.048 231,80% Laod 4.564 12.001 162,95% Kol 1.723 7.886 357,69% Phil 1.265 7.998 532,25% Phlm 680 1.562 129,71% Demnach wurde der Galaterbrief mit über 86,52 % am geringsten kanonisch erweitert, gefolgt von Phlm und 1Kor, deutlich stärker dann 2Kor und nochmals deutlich stärker Röm, und wieder leicht stärker 1Thess, dann Phil nochmals etwas geringer als 1Thess und Röm. Gleichwohl sind diese drei Briefe gemessen an den anderen drei Gemeindebriefen (Gal, 1/ 2Kor) insgesamt deutlich stärker und im Vergleich zueinander etwa gleich stark erweitert worden. Phlm muss bei dieser Betrachtung nicht völlig außer Acht bleiben, auch wenn dessen vorkanonischer Bestand insgesamt unbezeugt und darum in der Rekonstruktion hypothetisch ist. Sollte allerdings die hypothetische Rekonstruktion dennoch der historischen Wirklichkeit nahe kommen, läge der Umfang der Erweiterung in der Nähe derjenigen von 1Kor und damit innerhalb des Wahrscheinlichen. Gegenüber der Erweiterung dieser sieben Briefe der vorkanonischen Samm‐ lung fällt diejenige des Blockes der drei Deuteropaulinen auf. Sie liegen mit 202 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="203"?> 2Thess (281,80%), *Laod/ Eph (162,95%) und Kol (357,69%) deutlich im geringeren Bereich der Erweiterung, nur noch geringer als sie erweitert sind 1Kor und Gal, jedoch deutlich übertroffen von Röm, 1Thess und Phil. Wie bereits zuvor angedeutet fallen diese drei heute als Deuteropaulinen angesehenen Briefe 2Thess, Laod/ Eph, Kol hiermit erneut auf. Wahrscheinlich bildeten sie bereits vor der vorkanonischen Redaktion der *10-Briefe-Sammlung einen Sammlungszusammenhang, der nach Umstellung von *Gal und *Röm in den älteren Verbund der sieben Briefe eingefügt wurde. Blicken wir noch auf die Länge der Briefe in den beiden Sammlungen in Hinsicht auf deren relatives Gewicht innerhalb der Sammlungen, indem wir auf die oben bereits gebotene Tabelle zurückkommen: Briefe *10-Briefe- Sammlung innere % 14-Briefe- Sammlung innere % Vergleich Gal 5.943 14,52% 11.085 7,84% 53,61% 1Kor 14.119 34,50% 32.759 23,15% 43,10% 2Kor 5.003 12,22% 22.279 15,74% 22,46% Röm 5.347 13,06% 34.433 24,31% 15,53% 1Thess 1.063 2,60% 7.419 5,25% 14,33% 2Thess 1.220 2,98% 4.048 2,87% 30,14% Laod 4.564 11,15% 12.001 8,49% 38,03% Kol 1.723 4,21% 7.886 5,58% 21,85% Phil 1.265 3,09% 7.998 5,66% 15,82% Phlm 680 1,66% 1.562 1,11% 43,53% - - - - - - gesamt 40.927 100,00% 141.470 100,00% 28,93% In der *10-Briefe-Sammlung ist der längste Brief *1Kor, der über die doppelte Länge der nächst längeren Briefe besitzt. Diese nächst längeren Briefe sind *Gal - *Röm - *2Kor. Ihnen stehen deutlich nach *Phil - *1Thess - *Phlm, während von den drei Deuteropaulinen *Laod über die doppelte Länge der nächsten beiden Briefe besitzt, *Kol - *2Thess. Dieses Verhältnis verändert sich grundlegend innerhalb der kanonischen Sammlung. Hier steht Röm als längster Brief vorne, gefolgt von 1Kor, 2Kor, Eph. Röm ist folglich aufgrund seiner gewaltigen Erweiterung und der gemessen §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 203 <?page no="204"?> 24 Wie eng Stil und Inhalt zusammen zu betrachten sind, zeigt M. Duncan, The Danger of Using Style to Determine Authorship: The Case of Luke and Acts (2020). daran geringen Erweiterung von Gal zum gewichtigsten Brief der kanonischen Sammlung geworden. Gefolgt wird er von 1Kor, der ebenfalls erheblich erweitert wurde und noch mehr der nachfolgende 2Kor. Wie zu ersehen ist, wurde dem‐ nach durch die vergleichsweise geringe Erweiterung von Gal dessen allein schon durch die Länge gegebene Gewichtung drastisch gegenüber den anderen Briefen reduziert. Inhaltliche und längenmäßige prozentuale Reduktion, verbunden mit der Stellung in der Briefsammlung gehen folglich Hand in Hand. Nachdem wir bisher auf die äußeren Merkmale der beiden Sammlungen eingegangen sind, sollen im Folgenden ihre sprachlichen Merkmale in den Fokus rücken. Dabei wird es von Interesse sein zu prüfen, ob sich innerhalb der vorkanonischen Sammlung nocheinmal ein spezifisches Profil der drei Deuteropaulinen feststellen lässt. b. Vorkanonische und kanonische Sprache, Lexik, Stil und Inhalt Über das, was eingangs zu § 7 bereits ausgeführt wurde, geht es in diesem Abschnitt um eine nähere Analyse des sprachlichen und inhaltlichen Profils der *10-Briefe-Sammlung im Vergleich zu demjenigen der 14-Briefe-Sammlung, und zwar jeweils im Rahmen ihres neutestamentlichen Kontexts. 24 Denn, wie zu erkennen sein wird, lassen sich nicht nur die beiden Briefsammlungen in ihren Profilen voneinander unterscheiden und näher bestimmen, sondern viele der Elemente, die sich als typisch für das Profil der *10-Briefe-Sammlung erweisen, teilt diese Sammlung auch mit dem in Markions *Neuem Testament stehenden *Evangelium, während viele der Elemente, die für die 14-Briefe-Sammlung typisch sind, auch in anderen Schriften des (später) kanonischen Neuen Testa‐ ments begegnen. Grundlage für diese Untersuchung ist die Rekonstruktion der *10-Briefe- Sammlung nur insofern, als für den Vergleich solche Textpassagen herange‐ zogen werden, die durch die Zeugen attestiert sind, während der in der Rekon‐ struktion erschlossene, in Normaldruck gegebene Text hier unberücksichtigt bleibt. Für den kanonischen Text wurde NA 28 zugrunde gelegt. Beide Texte wurden für diese Untersuchung in eine maschinenlesbare Form gebracht und mit dem gesamten Team für eine computergestützte Auswertung aufbereitet. 204 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="205"?> 1. Griechisch bzw. Lateinisch Was die Sprache der *10-Briefe-Sammlung betrifft, legen sich zwei nahe: Latein bzw. Griechisch. Tertullian kommentiert die Sammlung auf Latein, Epiphanius macht sich seine Exzerpte aus einer griechischen Sammlung, und Adamantius kreiert einen Dialog, in welchem die Kontrahenten auf Griechisch mit griechi‐ schen Schriftzitaten, auch aus der *10-Briefe-Sammlung, diskutieren. Rufin hat dann diesen Dialog ins Lateinische übertragen, ob bei den Schriftzitaten diese selbst übersetzend oder auf eine lateinische Quelle rückgreifend, müsste noch geklärt werden. Wie in § 2, § 5 und § 6 dargelegt, wurde in der Geschichte der Forschung die Frage aufgeworfen, auf welcher sprachlichen Grundlage Tertullian seinen Kommentar zu Markions *Neuem Testament abgefasst hatte, Latein oder Griechisch. Harnack hatte aufgrund von Tertullians eigenen Hinweisen, die an der einen Stelle einen griechischen Text voraussetzen, an der anderen einen lateinischen, darauf geschlossen, dass er vermutlich eine Bilingue vor sich hatte. Dieser Schluss wurde gefestigt durch die Ausführungen in § 6, die darauf hinauslaufen, dass aus den etwa 800 Handschriftenzeugen für die 14-Briefe-Sammlung es gerade 5 Bilinguen sind, die immer wieder in ihrem Textbestand der *10-Briefe-Sammlung am nächsten kommen. Es scheint folglich auch der bilinguale Charakter dieser 5 Handschriften für deren Nähe zu einer bilingualen *10-Briefe-Sammlung zu sprechen. Nun geht die nachfolgende Untersuchung i.W. auf die griechisch be‐ zeugte *10-Briefe-Sammlung und die durch NA 28 dokumentierte griechische 14-Briefe-Sammlung ein. Wenn darüber hinaus die jeweils größeren neutesta‐ mentlichen Sammlungen herangezogen werden, so werden erneut vor allem deren griechische Textgestalten betrachtet. Eine Untersuchung (und Rekon‐ struktion) der lateinischen *10-Briefe-Sammlung im Vergleich zur lateinischen 14-Briefe-Sammlung bleibt ein Desiderat, dem hier nicht nachgekommen werden kann. 2. Die Textbasis für den Sprachvergleich Was die griechische *10-Briefe-Sammlung betrifft, die für die folgende Untersu‐ chung als Basis für einen Vergleich mit der 14-Briefe-Sammlung benutzt wird, so wird nicht die im Anhang I gebotene Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung gewählt, sondern lediglich die von den Zeugen attestierten Textteile, um eine Zirkularität der Argumentation zu vermeiden. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 205 <?page no="206"?> 25 M. Vinzent, Concordance to the Precanonical and Canonical New Testament (2023). Man beachte auch die fortlaufend aktualisierte Korrekturliste zu dieser Concordance, die den weiteren Erkenntnisgewinn und die Korrektur kleinerer Druckfehler dokumen‐ tiert: Markus Vinzent’s Blog: Concordance to the precanonical and canonical New Test ament - some more details and corrections. Eine beim Druck dieser Einleitung aktuelle Korrekturliste findet sich im Anhang zur Einleitung weiter unten, S.-835-842. 26 Nur ganz wenige Lemmata fehlen wie etwa der bestimmte Artikel, für den es keine validen Daten gibt, da eine der wichtigsten Quellen für die Rekonstruktion des vorkanonischen Neuen Testaments Tertullians Werke darstellen, die in Latein und nicht Griechisch geschrieben sind. Da sprachbedingt im Lateinischen der bestimmte Artikel fehlt, lässt sich selten etwas über die Benutzung desselben in der griechischen Vorlage des Tertullian ermitteln. 27 Α α---Kata Biblon Wiki Lexicon (02.11.2022). 28 A. Schmoller, Handkonkordanz zum griechischen Neuen Testament (1949). 29 Benutzt wurde die zweite Auflage von 1985, die auf NA 26 beruht, da coronabedingt die Ausleihsituation der Bibiliotheken keinen Zugriff auf eine andere Ausgabe erlaubte. 30 Vgl. New Testament Transcripts (uni-muenster.de). Als Referenz dient die kürzlich publizierte „Concordance to the Precanonical and Canonical New Testament“. 25 Sie umfasst nicht nur die *10-Briefe-Samm‐ lung (wie oben angemerkt: lediglich die für diese ausdrücklich von mindestens einem Zeugen belegten Textteile) und die 14-Briefe-Sammlung, sondern auch den Text von *Ev (wiederum nur in dem Textbestand, der mindestens durch einen Zeugen belegt ist) und des kanonischen Neuen Testaments auf der Basis von NA 28 mit seinen über 5.500 Lemmata (die 14-Briefe-Sammlung ist darin ein‐ geschlossen). 26 In einigen wenigen Fällen werden für Lemmata, die sehr häufig in einer der Versionen des Neuen Testaments zu finden sind, auch spezifische grammatische Formen als Untereinträge gegeben, so dass wir nicht nur etwas über die erste Ebene von Lemma und Lexem, sondern auch über die zweite von Lemmaform und Lexemform aussagen können. Über die Konkordanz erlaubt die geparste computerlesbare Textgestalt auch, nach Wortkombinationen zu suchen, was für die Rekonstruktion genutzt wurde. Die Konkordanz wurde erstellt unter Nutzung von Kata Biblon, Wiki Lexicon of the Greek New Testament, 27 auch an manchen Stellen korrigiert durch die neutestamentliche Konkordanz von Schmoller 28 und die „Computer Con‐ cordance to the Novum Testamentum Graece“. 29 NA 28 wurde für textkritische Varianten benutzt, oft erweitert durch die Angaben des New Testament Trans‐ cripts Prototype. 30 Was die Lemmata des vorkanonischen Neuen Testaments betrifft, folgen die Konkordanz und die vorliegende Sprachuntersuchung folglich nicht einer der existierenden Rekonstruktionen von *Ev oder *Ap, sondern richten sich nach dem von den Zeugen als anwesend oder abwesend bezeugten Text, wie dieser 206 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="207"?> 31 D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015); J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013). 32 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012); J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989). Für die ältere Literatur vgl. M. Klinghardt, The Oldest Gospel and the Formation of the Canonical Gospels (2021); M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020); M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020). 33 Nach Schmid kann der Dialog des Adamantius nicht in einer methodisch kontrollierten Weise benutzt werden, vgl. U.B. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (1995), 236. 34 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892); A.v. Harnack, Marcion. Das Evan‐ gelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924). 35 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013). jüngst von M. Klinghardt in seiner Rekonstruktion von *Ev mit Fettdruck und Unterstreichung markiert wurde (geprüft gegen die Rekonstruktionen von Roth und BeDuhn), 31 und von U. Schmid für die *10-Briefe-Sammlung in einer Liste am Ende seiner Untersuchung vorgelegt wurde (geprüft gegen die Anmerkungen von Hilgenfeld, Zahn, Harnack, Clabeaux und BeDuhn). 32 Das Zeugnis des Adamantius - auch wenn es m. E. manchmal Zeugniswert hat, gerade wenn Text in markionitischem Mund erscheint (vgl. weiter oben § 5) - wurde für Nachweise zum vorkanonischen Text weder in der Konkor‐ danz noch in der folgenden Untersuchung berücksichtigt (wenn auch jeweils angegeben), um der Kritik von Schmid und Roth an diesem Zeugen Rechnung zu tragen. 33 Nicht berücksichtigt in der Konkordanz und in der folgenden Sprachuntersuchung wurden diejenigen Passagen, die die Herausgeber von *Ev oder *Ap (die eigene Rekonstruktion in Anhang I eingeschlossen) ohne Zeugenbasis etwa aus narrativer Notwendigkeit rekonstruiert haben (Zahn und Harnack für *Ev und *Ap, 34 Klinghardt für *Ev, und BeDuhn für *Ev und *Paul 35 ). Allerdings wurden die Hinweise der Zeugen auf die Abwesenheit von Text berücksichtigt und entsprechend vermerkt. Folglich berücksichtigt die Konkordanz und die folgende Untersuchung lediglich Textbestand, der durch mindestens einen Zeugen gesichert ist, auch wenn vorkanonische Termini in anderen, unbezeugten Passagen gestanden haben können. Dies untergräbt einerseits eine rein statistische Verlässlichkeit der Daten und der Vergleichser‐ gebnisse, die hierauf beruhen, andererseits bewegen wir uns im Folgenden bei unseren Angaben über Präsenz und Absenz von Termini auf nachvollziehbarer, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 207 <?page no="208"?> 36 Vgl. mit älterer Literatur M. Reiser, Sprache und literarische Formen des Neuen Testaments. Eine Einführung (2001), 29-48. 37 Ibid. 29. 38 E. Norden, Die antike Kunstprosa vom VI. Jahrhundert v. Chr. bis in die Zeit der Renaissance. Band-2 (1918), 492-510. bezeugter und nicht hypothetischer Textbasis. Nur so ist zu vermeiden, dass die Rekonstruktion Ausgangsbasis für eine Stiluntersuchung wird, die ihrerseits ein Instrument für die Rekonstruktion darstellt. Ein besonderer Fall ist schließlich *Phlm, da von diesem Brief nicht ein einziger Vers von Zeugen vermerkt ist, auch wenn sowohl Tertullian wie Epiphanius uns mitteilen, dass dieser Brief zur *10-Briefe-Sammlung gehört habe. Da die Zeugen aber keinen Hinweis auf die Art des Textbestandes bieten, ist der Brief auch bei keinem vorkanonischen Lemma in der Vergleichskonkor‐ danz oder der folgenden Untersuchung berücksichtigt. Ein weiterer besonderer Fall ist Markions Vorwort, die „Antithesen“, zu seinem *Neuen Testament. Auch der Wortbestand dieses Vorworts wurde bei der Konkordanz und der nachfolgenden Untersuchung nicht berücksichtigt, da sich die Forschung noch nicht auf eine verlässliche Rekonstruktion dieses Vorworts verständigen konnte. Aus demselben Grund wurden auch die markionitischen Paulusprologe nicht berücksichtigt und spielen auch in der nachfolgenden lexikalischen Untersu‐ chung keine Rolle. 3. Untersuchungen zur Lexik, Stil, Semantik und Rhetorik der 14-Briefe-Sammlung Dergleichen Untersuchungen haben bereits Geschichte. Woran es allerdings mangelt ist eine Untersuchung der Sprache der Sammlung der 14 Briefe, wie auch die Studien zur Sprache der größeren Sammlung des Neuen Testaments über eine Generalisierung bzw. Fragen von Semitismen selten hinausgeht. 36 Dass sich nirgends „eine Spur von Klassizismus oder gar Attizismus“ zeigt, lässt sich in dieser Radikalität, wie zu zeigen sein wird, für die 14-Briefe-Sammlung nicht halten. 37 Zur Sprache des kanonischen Paulus hat sich eingehend und kritisch E. Norden geäußert, der seinen „Stil, als Ganzes betrachtet, (für) unhellenisch“ hielt, womit er wie viele vor und nach ihm auf die sprachlichen und stilistischen Besonderheiten hinwies, die die Sprache des Paulus vom klassischen Griechisch unterscheidet. 38 Andere, wie der von Norden gescholtene und sich gegen ihn verteidigende G. Heinrici, hielten dagegen, dass „der Wortschatz des Paulus, sein Stil, so stark er auch das Gepräge des Autodidakten trage“, so entsprächen „seine 208 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="209"?> 39 G. Heinrici, Der zweite Brief an die Korinther (1900), 436-458, 451. 40 A. Deissmann, Licht vom Osten. Das Neue Testament und die neuentdeckten Texte der hellenistisch-römischen Welt (1923), 53; A. Deissmann, Licht vom Osten. Das Neue Testament und die neuentdeckten Texte der hellenistisch-römischen Welt (1908); A. Thumb, Die griechische Sprache im Zeitalter des Hellenismus. Beiträge zur Geschichte und Beurteilung der Koinē (1901); J.H. Moulton, Einleitung in die Sprache des Neuen Testaments (1911). 41 T. Nägeli, Der Wortschatz des Apostels Paulus. Diss. (1904), 13. 42 Vgl. K.A.G.v. Zezschwitz, Profangraecitaet und biblischer Sprachgeist. Eine Vorlesung über die biblische Umbildung hellenischer Begriffe besonders der psychologischen (1859). Detailliert und auch die ältere Forschung berücksichtigend (Norden, Heinrici, Deissmann) T. Nägeli, Der Wortschatz des Apostels Paulus. Diss. (1904). Der Begriff der Sondersprache wurde erst entwickelt (für das von Christen gebrauchte Latein) von C. Mohrmann und J. Schrijnen, vgl. C. Mohrmann, Die altchristliche Sondersprache in den Sermones des hl. Augustin (1932); C. Mohrmann, Altchristliches Latein. Entstehung und Entwicklung der Theorie der altchristlichen Sondersprache (1939); C. Mohrmann, Études sur le latin des chrétiens. 1 Latin des chrétiens (1961); C. Mohrmann, Études sur le latin des chrétiens. 2 Latin chrétiens et médiéal (1961); C. Mohrmann, Études sur le latin des chrétiens. 4 Latin chrétien et latin médiéval (1977); C. Mohrmann, Études sur le latin des chrétiens. 3 Latin chrétien et liturgique (1979). Was sie an Chrakteristiken zur christlichen (lateinischen) Koine anführt, lässt sich auch auf das Griechische anwenden. Vgl. auch die Arbeiten von J. Schrijnen, Studien zur Syntax der Briefe des hl. Cyprian (1936); J. Schrijnen, Charakteristik des altchristlichen Latein (1932). 43 N. Treu, Das Sprachverständnis des Paulus im Rahmen des antiken Sprachdiskurses (2018). dialektischen Mittel … zum überwiegenden Theile den populären Formen der rhetorisch geschulten hellenischen Bildung … [und Paulus sei] von der Geistes‐ luft der hellenistischen religiös-ethischen Bewegung des ersten Jahrhunderts nicht unberührt geblieben“. 39 Verbreitert wurde das Wissen um den sprachlichen Kontext des Neuen Testaments durch Inschriften, Ostraka und Papyrusfunde, die aufgenommen wurden von A. Deißmann, A. Thumb und J.H Moulton und Deißmann zu dem Urteil führten, „dass das Neue Testament im großen und ganzen ein Denkmal der spätgriechischen Umgangssprache ist“. 40 Dieser Position schließt sich Th. Nägeli an und nuanciert sie, die „Schreibweise des Paulus“ sei „weder unhellenisch noch im eigentlichen Sinne literarisch geschult, sondern gehör[e] in den Bereich einer zwar unliterarischen, aber doch nicht eigentlich vulgären, sondern im Ausdruck gewandten Umgangssprache, die sich auch in den abstrakten Lebensgebieten zu bewegen weiss“. 41 Bisweilen wurde der christliche Glaube als Einfluss auf das Griechische herausgehoben und es wurde sogar von einer christlichen Sondersprache gesprochen. 42 Ohne die Besonderheit der Sprache zu minimieren, wurde inzwischen je‐ doch auch auf die Nähe derselben zum frühkaiserzeitlichen philosophischen Diskurs hingewiesen. 43 Die Rhetorik des Paulus im Vergleich zur antiken wurde §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 209 <?page no="210"?> 44 C.J. Classen, Philologische Bemerkungen zur Sprache des Apostels Paulus (1994/ 1995), 94. Vgl. auch C.J. Classen, St. Paul’s Epistles and Ancient Greek and Roman Rhetoric (1992); C.J. Classen, Paulus und die antike Rhetorik (1991). 45 Vgl. M. Vahrenhorst, Kultische Sprache in den Paulusbriefen (2008). 46 Er unterscheidet nochmals zwischen Semantik und Pragmatik, der „Bedeutungsnuance eines Wortes innerhalb einer sprachlichen Äußerung“ und der „konkrete(n) Situation einer sprachlichen Äußerung und deren Funktion innerhalb eines Kommunikationsge‐ schehens“, wobei er herausarbeitet, wie eng beide Sichtweisen miteinander verbunden sind. Im Folgenden wird beides berücksichtigt, jedoch, wie bereits von Schumacher aufgezeigt, der Semantik das größere Gewicht zugemessen, T. Schumacher, Zur Ent‐ stehung christlicher Sprache. Eine Untersuchung der paulinischen Idiomatik und der Verwendung des Begriffes πίστις (2012), 20. Bei seinem biographischen Zugang führt er als erstes Apg 21,39 ein und verortet Paulus nach Tarsus in Kilikien (ibid. 83-96). 47 Vgl. J.A. Libby, The Pauline Canon Sung in a Linguistic Key: Visualizing New Testament Text Proximity by Linguistic Structure, System, and Strata (2016); G.K. Barr, Scalometry and the Pauline Epistles (2004); G.K. Barr, The Impact of Scalometry on New Testament Letters (2002); G.K. Barr, Interpolations, Pseudographs, and the New Testament Epistles (2002); G.K. Barr, A Computer Model for the Pauline Epistles (2001); G.K. Barr, Scalometry and the Dating of the New Testament Epistles (2000); G.K. Barr, Literary Dependence in the New Testament Epistles (1997); K.J. Neumann, The Authenticity of the Pauline Epistles in the Light of Stylostatistical Analysis (1990). Allerdings liegt der Schwerpunkt - meist aus evangelikalem Interesse - auf den Pseudopaulinen, vgl. J.W. Aageson, Paul, the Pastoral Epistles, and the Early Church (2008); J.W. Aageson, The Pastoral Epistles, Apostolic Authority, and the Development of the Pauline Scriptures (2004); A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974); G.W. Knight, The Pastoral Epistles. A Commentary on the Greek Text (1992); S.E. Porter, Paul and the Pauline Collection (2011); P.H. Towner, Pauline Theology or Pauline Tradition in the Pastoral Epistles: The Questions of Method (1995); P.H. Towner, The Letters to Timothy and Titus (2006); M. Harding, What are they saying about the Pastoral epistles? (2001). Vgl. auch E.A. Nida and J.P. Louw, Lexical Semantics of the Greek New Testament. A Supplement to the Greek-English Lexicon of the New Testament Based on Semantic Domains (1992); J. van Nes, Pauline Language and the Pastoral Epistles (2018). 48 Vgl. die posthum herausgegebene Arbeit von E.T. Mayerhoff, Der Brief an die Colosser mit vornehmlicher Berücksichtigung der drei Pastoralbriefe (1838). 49 W. Bujard, Stilanalytische Untersuchungen zum Kolosserbrief als Beitrag zur Methodik von Sprachvergleichen (1973). Vgl. zuvor bereits H.J. Holtzmann, Kritik der Epheservon C.J. Classen untersucht, der Paulus rhetorische Kenntnisse zurschreibt. 44 Die paulinische Kultsprache untersuchte jüngst M. Vahrenhorst. 45 Wichtige Überlegungen zur Semantik der paulinischen Sprache hat Th. Schumacher vorgetragen, wählt dabei allerdings einen biographischen Zugang, der sich u. a. auf die Apostelgeschichte stützt. 46 Gerade die zeitgenössische Computerlinguistik hat sich den paulinischen Briefen, vor allem den Pseudepigraphen, gewidmet. 47 Zu den Deuteropaulinen, insbesondere Kol, hatte bereits E. Th. Mayerhoff im 19. Jh. gearbeitet. 48 Die Computerlinguistik wurde wieder aufgegriffen von W. Bujard. 49 Wichtige Hin‐ 210 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="211"?> und Kolosserbriefe auf Grund einer Analyse ihres Verwandtschaftsverhältnisses (1872); E. Haupt, Die Gefangenschaftsbriefe (1902). 50 Vgl. etwa M.D. Goulder, Luke. A New Paradigm (1989). J. Jeremias, Die Sprache des Lukasevangeliums. Redaktion und Tradition im Nicht-Markusstoff des dritten Evangeliums (1980). 51 M.B. O’Donnell, Linguistic Fingerprints or Style by Numbers? The Use of Statistics in the Discussion of Authorship of New Testament Documents (1999), 207. Vgl. auch die kritische Sicht in B.L. White, The Pauline Tradition (2022), 43-45. 52 Vgl. das Literaturverzeichnis unten und die angeführte Literatur aus seiner Feder. 53 Vgl. G.K. Barr, Interpolations, Pseudographs, and the New Testament Epistles (2002), 441. 54 Vgl. G.K. Barr, A Computer Model for the Pauline Epistles (2001), 233. weise zum paulinischen Sprachgebrauch finden sich auch in den Studien zum Sprachgebrauch des Lukas. 50 Was die evidenzbasierte, oft auch computergestützte Linguistik betrifft, ist ein besonderes Phänomen zu beachten - sie wird oft benutzt, um an Inhalten sich ausrichtende Kritik an der Authentizität von paulinischen Briefen oder Briefteilen zurückzuweisen. Überhaupt hat man gerade solche stilometrische Untersuchungen als „statisticulating“ kritisiert, weil sie nicht selten „unbegrün‐ dete und statistisch ungerechtfertigte Zahlen benutzten, um eine spezifische Absicht zu verfolgen“. 51 Beispiele hierfür bieten etwa der mit einer ganzen Reihe von einschlägigen Studien hervorgetretene George K. Barr. 52 In seiner „Scalometry“ geht der als Architekt ausgebildete Barr auf „Maße“ ein, untersucht Satzlängen und zyklische Abwechslungsmuster zwischen längeren und kürzeren Sätzen, 53 die aufgrund ihres rhythmischen Charakters 54 Aufschluss darüber geben sollen, ob die verschiedenen unter dem Namen des Paulus laufenden Briefe vom selben Verfasser stammen oder unterschiedlichen Autoren zuzuordnen sind. Dabei werden mathematisch-statistische Modellierungen benutzt, um die mittlere Länge von Sätzen einzelner Briefe herauszufinden und miteinander zu verglei‐ chen. Das Problem beginnt allerdings, wie Barr richtig hervorhebt, bei dem Um‐ stand, dass die Briefe in den ältesten Zeugen in scriptio continua, also ohne Zwischenabstände zwischen Worten, und auch weithin ohne Interpunktion geschrieben wurden. Oft dienten Konjunktionen oder Satzkonstruktionen als Hinweise auf Sinneinheiten. Darum stellt er fest, dass auch in den verschie‐ denen kritischen Editionen des griechischen Textes der paulinischen Briefe die Interpunktion verschieden gesetzt wird, gerade dann, wenn es sich um Abschnitte handelt, in denen lange oder sehr lange Sätze vorhanden sind. Deshalb differieren etwa die Editionen des Epheserbriefes, in welchem die §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 211 <?page no="212"?> 55 Vgl. die graphische Darstellung in G.K. Barr, Scalometry and the Pauline Epistles (2004), 37; G.K. Barr, A Computer Model for the Pauline Epistles (2001), 234. 56 Vgl. die graphische Darstellung mit Erläuterung in G.K. Barr, Scalometry and the Pauline Epistles (2004), 39. 57 „The problem posed by short questions is at its most acute in the epistle to the Romans. Questions account for about 25 % of the sentences in the UBS3 text, and must be grouped, to obtain a text that is homogeneous in terms of scale“, ibid. 52-53. 58 Vgl. zum mathematischen Modell G.K. Barr, A Computer Model for the Pauline Epistles (2001), 236-239. 59 „To answer the other questions it is necessary to outline a scenario within which Ephesians and Colossions could have been written“, G.K. Barr, Scalometry and the Pauline Epistles (2004), 74. größte Anhäufung von langen und sehr langen Sätzen begegnet, auch am stärksten voneinander. 55 Ein zweites Phänomen stört eine statistische Erhebung, nämlich die Verknüp‐ fung von Inhalt und Satzlänge. Wie Barr behauptet, finden sich die längeren Sätze in der Regel in „doctrinal“, also theologischen, Abschnitten, die kürzeren eher in „ethischen“. 56 Ein weiteres Hindernis stellen kurze Fragen dar, die oft gerade in den theo‐ logischen Abschnitten zu finden sind. Aus diesen bildet Barr eine Gruppe, „um einen homogenen Text mit Blick auf das Maß“ zu erhalten, was m. E. allerdings ein gehöriges Maß an interpretatorischer Ungenauigkeit in die eigentlich als objektiv dargestellten Methodologie einschließt, erst recht, wenn es sich etwa wie im Römerbrief um 25 % des gesamten Textumfangs handelt. 57 Was Barr selbst gruppiert, bietet ihm dann die Ausgangsbasis für seine Betrachtung der Gliederungsstruktur, was das Merkmal einer Zirkularität darstellt. Das größte Problem erscheint mir, wenn festgestellte Unterschiede - etwa die Differenz von Röm 15-16 gegenüber Röm 1-14 oder die Differenz zwischen Eph/ Kol und den anderen Briefen des Paulus mit zusätzlichen historischen „Szenarien“ erklärt werden, die diese Differenzen erläutern und im Ergebnis minimieren sollen, d. h. wenn zur oder vielmehr anstelle von „mathematischer“ Konsistenz 58 Erläuterungen treten, in welcher Weise die Abweichungen „ent‐ standen sein könnten“. 59 In Anschlag gebracht wird die Möglichkeit, dass Briefe zu einem späteren Zeitpunkt im Leben des Paulus entstanden sein könnten, es wird auf 2Tim 4,13 verwiesen, wonach Paulus erst noch „Timotheus befragt, er solle ihm noch Bücher und Handschriften besorgen“. Damit, dass Briefe später entstanden sein können, sollen auch andere Anomalien erklärt werden: Folgt ein Brief nicht denselben Maßlängen an Sätzen, dann werden solche Teile auf die Übernahme solcher Versatzstücke zurückgeführt, die Paulus bei der (mündlichen) Abfassung 212 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="213"?> 60 Vgl. auch G.K. Barr, Interpolations, Pseudographs, and the New Testament Epistles (2002), 447. 61 G.K. Barr, Scalometry and the Pauline Epistles (2004), 74. 62 G.K. Barr, Interpolations, Pseudographs, and the New Testament Epistles (2002), 441. 63 „If one were to do so then one might be tempted to conclude … that the Synoptic Gospels had the same author, that Acts was not written by Luke (as on the graphs these two works do not overlap), that Hebrews and 1 and 2 Peter shared the same author …, and that the Pastorals were written by the same author who wrote the Petrine Epistles“, G.K. Barr, Scalometry and the Pauline Epistles (2004), 105. 64 Vgl. H. Förster, Missing the Point: Modern Punctuation Practice as Authoritative but Possibly Problematic Decision-Making (2023). 65 A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974). der Briefe benutzt habe 60 und ihn spontan zu bestimmten Themen sprechen ließen, 61 oder es wird auf Interpolationen geschlossen (etwa 1Tim 3,1-16). 62 Bei der Betrachtung der Pastoralbriefe greift Barr zurück auf die Funde von Kollegen, die diese Briefe nach anderen Statistiken untersuchten und vor vor‐ schnellen Autorschaftszuschreibungen oder deren -zurückweisungen warnten, denn würde man das aufgrund gerade von Satzlängen tun, käme man zu dem Ergebnis, „dass die synoptischen Evangelien denselben Autor [wie Röm, 1/ 2Kor und Gal, die eine Gruppe bilden,] hätten, dass Apg nicht von Lukas geschrieben wäre …, dass Hebr und 1/ 2Petr denselben Verfasser hätten […] und dass die Pastoralbriefe von demselben Verfasser geschrieben wären wie die petrinischen Briefe.“ 63 Der Ansatz Barrs, mit Satzlängen zu operieren, scheint mir mit zu vielen Unwägbarkeiten verbunden zu sein, welche in der Natur des Materials liegen, 64 auch wenn trotz derselben sich eine gewisse Kohärenz der großen paulinischen Gemeindebriefe (Röm, 1/ 2Kor und Gal) und eine Differenz zwischen diesen und Eph/ Kol bzw. den Pastoralbriefen und Hebr herausstellen ließ. Dass man auch Satzlängen berücksichtigen kann, wird weiter unten verdeutlicht, jedoch mit entsprechenden Caveats. Zwar ebenfalls mit dem Ziel und Ergebnis, den Epheserbrief als genuinen Paulusbrief zu erweisen, jedoch mit größerer Präzision, wenn auch nicht com‐ putergestützt, ist die detaillierte Studie von A. van Roon angelegt. 65 Nach einigen einleitenden Überblicken zur Forschungsgeschichte und äußeren Zeugen zum Epheserbrief, die auf der damaligen Frühdatierung der zu Rate gezogenen außer‐ kanonischen Schriften beruht, besteht die Untersuchung aus vierhundert Seiten lexikalischer und stilistischer Untersuchung des Epheserbriefs im Vergleich zum Kolosserbrief und vor allem zu den sieben paulinischen Briefen, die innerhalb der Forschung Paulus meist zugesprochen werden (Röm, 1/ 2Kor, Gal, 1Thess, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 213 <?page no="214"?> 66 Ibid. 102. 67 „The following analysis will demonstrate that the components which make up the par‐ ticular style of Eph. do occur elsewhere in the epistles of Paul but that an accumulation of them (and thus, a completely identical style) is found in no other epistle. There is one single exception; the style of Col. show[]s a[n] extraordinary affinity with that of Eph., being almost the same“, ibid. 68 „On the basis of our own research, we can affirmatively state that the style of Eph. is closely linked with that of R. 1; R. 3: 21-26 and R. 4: 11-25 and i[s] furthermore identical to that of R. 1: 1-10 and 1 C. 1: 1-9. For the rest, there are many points of contact between Eph. and R. in respect of style“, ibid. 197. 69 Ibid. 208. Vgl. A.Q. Morton, The Authorship of Greek Prose (1965); A.Q. Morton, Paul, the Man and the Myth. A study in the Authorship of Greek Prose (1966). Phil, Phlm). Auf diese Studie werden wir weiter unten in dieser Einleitung zurückkommen. Im Ergebnis beantwortet van Roon die Frage, „ob der Stil von Eph innerhalb des Rahmens an Variation, die man im Rest des Corpus Paulinum ohne Pastoralbriefe und Hebr findet, bleibt und ob der spezifische Stil des Eph entsprechend erklärt werden kann“. 66 Diese Fragen zeigen bereits, dass sich sowohl Überschneidungen wie auch Differenzen ergeben haben, und van Roon fügt hinzu: „Die nachfolgende Analyse wird zeigen, dass die Komponenten, welche den beson‐ deren Stil des Eph ausmachen, auch anderswo in den Briefen des Paulus auftauchen, aber dass eine solche Ansammlung derselben (und so, ein vollständig übereinstim‐ mender Stil) in keinem anderen Brief zu finden ist. Allerdings gibt es eine Ausnahme, der Stil von Kol zeigt eine außerordentliche Nähe zu dem von Eph, so sehr, dass er fast derselbe ist“. 67 Nach seinen Detailvergleichen zum Stil fasst van Roon zusammen: „Aufgrund unserer eigenen Untersuchungen können wir mit Bestimmtheit sagen, dass der Stil von Eph eng verwandt ist mit dem von Röm 1; 3,21-26 und 4,11-25 und überdies identisch ist mit dem von Röm 1,1-10 und 1Kor 1,1-9. Was das Übrige betrifft, so gibt es vielfältige Berührungspunkte zwischen Eph und Röm, was den Stil betrifft.“ 68 Gleichwohl muss er sich gerade gegenüber dem Vergleich, den etwa Morton auf der Basis von computergestützten Ergebnissen zur Häufigkeit von kleinen Funktionswörtern wie καί, ἐν, αὐτός, εἶναι und δέ, und aufgrund der Satzlängen (wir erinnern uns an Barr), aufgrund derer er Eph für nicht authentisch erklärt hatte, wehren, indem er darauf verweist, dass sowohl diese wie auch die Benutzung von eher ungewöhnlichen Wörtern ein Charakteristikum des Stils eines Autors oder Redners sein kann. 69 214 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="215"?> 70 A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974), 208. Van Roon baut schon vor auf S.-100. 71 Mit Nachweisen und Literatur C. Gerber, Paulus und seine ‚Kinder‘. Studien zur Bezie‐ hungsmetaphorik der paulinischen Briefe (2012), 49-50. Doch wie Barr versucht auch van Roon die von ihm zugestandenen Differenzen zwischen Eph- und dem (fast) identischen Kol-Stil mit nicht objektiven, vermeint‐ lich historischen Hypothesen zu nivellieren. Er verweist auf die Möglichkeit, dass Paulus sich eines Helfers oder eines Sekretärs beim Abfassen der Briefe bedient habe, der „den Stil der Briefe des Paulus beeinflusst haben könnte“. 70 So wenig man einer solchen Hypothese widersprechen kann, zumal gerade in den Paulus‐ briefen mit der Nennung von Koautoren und Schreibern eine solche Möglichkeit unterstrichen wird - wir werden auf diese Hinweise im Detail zurückkommen -, so sehr raubt jedoch eine solche Hypothese die Schärfe und Genauigkeit der auf hunderten von Seiten aufgeführten faktischen Belege. Letztlich muss man entweder an Mortons Position einer unverwechselbaren Stilistik eines Autors festhalten oder die Bedeutung von Stil, Lexik und anderen autorenbezogenen Kriterien in Frage stellen. Ein weiteres, in sich sogar doppeltes Problem im Umgang mit dieser Briefli‐ teratur des Paulus stellt sich für unseren Zusammenhang. Denn erstens sind Briefe in der Antike kein „Gegenstand der Rhetorik“, 71 und zweitens gehen die existierenden Untersuchungen zu Sprache und Stil des Paulus nicht auf die *10-Briefe-Sammlung ein, d. h. die Ergebnisse müssen geprüft und auf die vorkanonische Sammlung im Vergleich zur 14-Briefe-Sammlung hin sondiert werden. 4. Sprachvergleich der *10-Briefe-Sammlung mit der 14-Briefe-Sammlung Dieser Teil des Projektes zielt darauf, dass, je genauer sich der Sprachgebrauch der beiden Sammlungen voneinander unterscheiden lässt, desto genauer lassen sich auch Passagen der *10-Briefe-Sammlung identifizieren und rekonstruieren, die durch die Häresiologen nicht bezeugt sind. Wenn im Folgenden Lexik, Stil, Semantik und Rhetorik der *10-Briefe-Samm‐ lung und der 14-Briefe-Sammlung miteinander verglichen werden, ist vorweg einzugestehen, dass das Nachfolgende nicht mehr als ein Versuch sein kann, an der Oberfläche beider Sammlungen zu kratzen, weil Sprachvergleiche von Textkorpora ein Feld ist, welches mit computergestütztem Textmining derzeit erst in der Entwicklung ist und mit weiteren Erkenntnissen und technologischen Fortschritten künftig mit erheblich weiteren und tieferen Forschungsergeb‐ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 215 <?page no="216"?> 72 Die Tabelle wurde übernommen, vereinfacht und ins Deutsche übertragen aus J.A. Libby, The Pauline Canon Sung in a Linguistic Key: Visualizing New Testament Text Proximity by Linguistic Structure, System, and Strata (2016), 137. 73 „In this sort of work on language, so our research teaches us, a wealth of variables, many of which may be weak discriminators, almost always offer more tenable results than a smaller number of strong ones. Strong features, perhaps, are easily recognized and modified by an author and just as easily adopted by disciples and imitators,“ J. Burrows, ‚Delta‘: A measure of stylistic difference and likely authorship (2002), 268. Burrows bewahrt uns davor, Stilometrie als Hauptargument zu nehmen und sie zu sehr zu gewichten, um einen definitive Entscheidung über identische Autorschaft zweier Texte zu fällen, vorsichtiger urteilt darum zu recht M. Duncan: „if stylometry is qualified in that it cannot definitively claim authorship between two texts but offers probability and possible links between works, then it is useful. The tentative explorations of nissen gerechnet werden kann. Von den möglichen - hier bereits in ihrer Komplexität reduzierten - Feldern einer lexikalischen und stilistischen Unter‐ suchung, werden im Folgenden i.W. nur die ersten beiden Ebenen systematisch angegangen und die darunter liegenden Ebenen nur in Einzelfällen betrachtet werden können: 72 Objekt Definition Ziel Anzahl Lemma Ein Lexem Anzahl, Präsenz und Abwesenheit des Lemmas Gesamtzahl des Lemmas in NA 28 Bestimmtes Lemma Bestimmte Le‐ xemform Anzahl, Präsenz und Abwesenheit der Lexemform Gesamtzahl des Lemmas in NA 28 Semanti‐ sche Do‐ main Bestimmte Bedeutung Anzahl, Präsenz, Abwesenheit einer bestimmten Bedeutung - Grammatik Satzteile Anzahl, Präsenz, Abwesenheit einer grammatikalischen Konstruktion - Wort‐ gruppen Reine oder auch modif‐ zierte Wort‐ gruppen Anzahl, Präsenz, Abwesenheit - Die wichtigsten lexikalischen Elemente zur Determinierung eines Stils sind kleine und gewöhnliche Lexeme, technisch ‚Funktionsbegriffe‘ genannt, etwa Artikel, Konjunktionen, Präpositionen, Pronomina, basierend auf der Annahme, dass „deutliche Merkmale wohl leicht von einem Bearbeiter erkannt und modifi‐ ziert werden können und ebenso leicht durch einen Schüler oder Nachahmer ad‐ optiert werden können“, während „unterschwellige Unterscheidungsmerkmale fast immer stärker haltbare Aussagen liefern.“ 73 Darüber hinaus sind charakte‐ 216 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="217"?> computational linguistics in this area are more defensible, if excessively optimistic“, M. Duncan, The Danger of Using Style to Determine Authorship: The Case of Luke and Acts (2020), 216. Ich hoffe, dass das, was hier vorgelegt wird, nicht übermäßig optimistisch ist. 74 Vgl. etwa Y. Zhao and J. Zobel, Searching with style: Authorship attribution in classic literature (2007), 59. 75 ‚To characterize the unique writing style of an author‘, ibid. Zur Geschichte und verschiedenen Methoden von ‚nontraditional authorship attribution‘ vgl. E. Stamatatos, A survey of modern authorship attribution methods (2009); D.I. Holmes, The Evolution of Stylometry in Humanities Scholarship (1998). 76 Y. Zhao and J. Zobel, Searching with style: Authorship attribution in classic literature (2007), 60. ristische Merkmale bestimmte Wortformen, Wortlängen, Kombinationen von Wörtern, Satzlängen und einiges mehr. Diese und andere wurden seit langem als Hauptindikatoren, 74 zur Bestimmung des einzigartigen Stils eines Autors angesehen. 75 Eine ältere Vergleichsstudie zwischen zwei Texten von möglicherweise ver‐ schiedenen Autor: innen, die auf einer Basis von 1.000 Wörter umfassenden Texten durchgeführt wurde, konnte nur zu einer statistischen Genauigkeit der Autorschaftsbestimmung von etwa 10 % führen, während eine Untersuchung von 10.000 Wörtern bereits eine Genauigkeit von etwa 53 % erbrachte. 76 Auch wenn wir mit dem kanonischen Neuen Testament über mehr als 138.000 Wörter als Ausgangsbasis verfügen, besteht die Vergleichsbasis der *10-Briefe-Samm‐ lung und der 14-Briefe-Sammlung doch nur in folgender Wortzahl (verglichen werden auch die sieben kanonischen, allgemein als authentisch betrachteten Briefe und die 13-Briefe-Sammlung, also die kanonische 14-Briefe-Sammlung ohne Hebr): Briefe *10-Briefe- Samm‐ lung in‐ nere % Kano‐ nische 7-Briefe in‐ nere % Ver‐ gleich 13-Briefe- Samm‐ lung in‐ nere % 14-Briefe- Samm‐ lung in‐ nere % Gal 1.181 14,18% 2.230 7,71% 52,96% 2.230 6,88% 2.230 2,85% 1Kor 2.907 34,90% 6.830 23,62% 42,56% 6.830 21,07% 6.830 8,73% 2Kor 998 11,98% 4.477 15,48% 22,29% 4.477 13,81% 4.477 5,72% Rom 1.115 13,39% 7.111 24,59% 15,68% 7.111 21,93% 7.111 9,09% 1Thess 215 2,58% 1.481 5,12% 14,52% 1.481 4,57% 1.481 1,89% 2Thess 240 2,88% 823 2,85% 29,16% 823 2,54% 823 1,05% Laod 923 11,08% 2.422 8,37% 38,11% 2.422 7,47% 2.422 3,10% Kol 354 4,25% 1.582 5,47% 22,38% 1.582 4,88% 1.582 2,02% §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 217 <?page no="218"?> Briefe *10-Briefe- Samm‐ lung in‐ nere % Kano‐ nische 7-Briefe in‐ nere % Ver‐ gleich 13-Briefe- Samm‐ lung in‐ nere % 14-Briefe- Samm‐ lung in‐ nere % Phil 254 3,05% 1.629 5,63% 15,59% 1.629 5,02% 1.629 2,08% Philem 143 1,72% 335 1,16% 42,69% 335 1,03% 335 0,43% - - - - - - - - - - gesamt 8.330 100,00% 28.920 100,00% 28,80% 28.920 89,21% 28.920 36,98% 1Tim - - - - - 1.602 4,94% 1.602 2,05% 2Tim - - - - - 1.238 3,82% 1.238 1,58% Tit - - - - - 659 2,03% 659 0,84% - - - - - - - - - - gesamt 32.419 100,00% 32.419 41,45% - - Hebr - - - - - - - 13.372 17,10% - - - - - - - - - - Summe - - 78.211 100,00% Das bedeutet, uns steht für den Vergleich zwischen der *10-Briefe-Sammlung und der 14-Briefe-Sammlung nur ein Textbestand zur Verfügung, der basierend auf dem Textumfang der *10-Briefe-Sammlung (gemäß der Rekonstruktion in Anhang I) von ca. 8.330 Wörtern in (älterer) statistischer Hinsicht nicht einmal die 50 % Wahrscheinlichkeitsmarke erreichen kann. Alles, was darum im Folgenden an Vergleichsergebnissen gewonnen wird, kann lediglich kumulativ eine Tendenz beschreiben. Um jedoch gleich einem Fehlschluss vorzubeugen, sei hier bereits vermerkt, dass es in diesem Teil der Untersuchung nicht um statistische Beweise geht, auch wenn diese künftig nicht ausgeschlossen werden sollen. Denn im Laufe der Arbeit an der Rekonstruktion und ihrer Einleitung entstanden Kontakte zu Kolleg: innen der Digital Humanities, mit deren Hilfe Fragen der Autorbestim‐ mung unterstützt und künftig weiter verfeinert und gesichert werden können. Auch in dieser Hinsicht ist die vorliegende Arbeit „work in progress“ und zugleich ein Specimen, anhand dessen solche durch die Digital Humanities unterstützten Autorfragen methodologisch weiterentwickelt werden können. Die jüngere und jüngste linguistische Computerwissenschaft hat enorme Fortschritte aufzuweisen und ist inzwischen nicht mehr nur auf größere oder große Datensätze angewiesen, sondern kann auch bereits bei kleineren sta‐ tistisch relevante Ergebnisse aufzeigen. Während man vor wenigen Jahren 218 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="219"?> 77 Vgl. J. Burrows, ‚Delta‘: A measure of stylistic difference and likely authorship (2002), 267. 78 Vgl. G. Hirst and O. Feiguina, Bigrams of syntactic labels for authorship discrimination of short texts (2007). Für ältere, geschlossene Fragestellungen und deren Ergebnisse, vgl. F. Mosteller and D.L. Wallace, Inference and Disputed Authorship: The Federalist Papers (1964); D. Holmes, A widow and her soldier: stylometry and the American Civil War (2001). 79 Vgl. R. Gorman, Author identification of short texts using dependency treebanks without vocabulary (2020). 80 Vgl. G. Hirst and O. Feiguina, Bigrams of syntactic labels for authorship discrimination of short texts (2007). 81 Vgl. hierzu M.G. Bilby, J. Bull and K.L. Lotharp, Normalized Datasets of Zahn’s, van Manen’s, and Harnack’s Greek Reconstructions of Marcion’s Apostolos (2023). gerade bei kleineren Textsequenzen von 100 bis 1.500 Wörtern nur eine geringe Annäherung erreichen konnte, selbst unter der Voraussetzung, dass Texte be‐ stimmte Charakteristiken einer Autorschaft aufweisen und nicht innerhalb der Lebenskarriere einer Autorin oder eines Autors zu weit auseinander liegen, ist die Treffsicherheit inzwischen erheblich gewachsen. 77 Darüberhinaus bezogen sich ältere erfolgreichere Versuche auf eine geschlossene Auswahl von zwei oder drei Autor: innen, denen Texte zuzuordnen waren, etwa die Prosa von zwei Autorinnen wie Charlotte und Anne Brontë, wo bereits bei Passagen mit wenig mehr als 200 Wörtern eine Treffgenauigkeit von 92,4% erzielt werden konnte. 78 Neuere Versuche hingegen stellen sich auch offenen Herausforderungen 79 und versuchen, Autor: innenbestimmungen bei immer kleineren Texteinheiten durchzuführen. Hierbei stellte sich heraus, dass gerade die Syntax, also nicht nur die Anzahl von Wörtern, sondern deren Kombination zu zwei, drei oder mehr Wörtern (Bigrams, Trigrams) charakteristische Elemente eines Autor: innen‐ stiles darstellen lassen. 80 Um eine solche Untersuchung für die hier gewählten Texte zu ermöglichen, wurden die Texte von Mark Bilby geparst, jedes Wort nach der BibleWorks Greek Morphology (BGM) morphologisch getaggt, vom gesamten Team verglichen mit den älteren Editionen und entsprechend doku‐ mentiert. 81 Die Ergebnisse dieser Untersuchungen sind in die Annotierung der Rekonstruktion eingeflossen. Wie die wenigen Ergebnisse bereits anzeigen, wird die Rekonstruktion gerade der nichtbezeugten Teile des *Apostolos von weiteren Verfeinerungen profitieren. Dass die vorliegende Rekonstruktion dennoch vorab der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden soll, geschieht in der Hoffnung, den Pool der an Digital Humanities Interessierten zu erweitern und ihnen die Grundlage für eine solche Arbeit zu geben. Darum wird die vorliegende Rekonstruktion auch in Kürze in digitaler, geparster und morpho‐ logisch getaggter Form zur Verfügung gestellt werden - außerdem arbeiten wir §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 219 <?page no="220"?> 82 „Funktionswörter sind Verbindungswörter, Konjunktionen und Präpositionen, die eher mit der Syntax als mit dem Inhalt zusammenhängen, und die sich als aussagekräftig in stilometrischen Studien erwiesen haben“ („Function words are words such as connectives, conjunctions and prepositions, which are associated with syntax rather than content, and have proved effective in stylometric studies“), so D.L. Mealand, Hellenistic Greek and the New Testament: A Stylometric Perspective (2012). Eine Ge‐ schichte der stilometrischen Forschung gibt D.I. Holmes, The Evolution of Stylometry in Humanities Scholarship (1998). Ein Vorreiter zur Untersuchung von Funktionswörtern in griechischer Literatur, auch der neutestamentlichen und den Briefen des Paulus, ist A.Q. Morton, Paul, the Man and the Myth. A study in the Authorship of Greek Prose (1966); A.Q. Morton, The Authorship of Greek Prose (1965). Auf die Bedeutung insbesondere der Konjunktionen verweist W. Bujard, Stilanalytische Untersuchungen zum Kolosserbrief als Beitrag zur Methodik von Sprachvergleichen (1973), 24-26. Überhaupt wäre es ein Desiderat, wenn man wie Bujard die Untersuchung der Funk‐ tionswörter so detaillieren würde, wie er es in seiner Arbeit vorbildhaft getan hat (also Differenzierung zwischen den verschiedenen Konjunktionen - adversativ, kausal, hypothetisch/ konzessiv, komparativ, final, konsekutiv, in Aussagesätzen, temporal, Fragepartikel, sonstige, kopulativ, disjunktiv) (ibid. 24-48). Die Sonderstellung der kanonischen Deuteropaulinen gegenüber den kanonischen Paulusbriefen hat Bujard m.-E. klar erwiesen. daran, diese Texte sowohl mit einer digitalen Ausgabe der Konkordanz wie mit weiteren Datensätzen antiker Texte und Prosopographien zu verknüpfen. Da wir uns primär auf die paulinische Briefsammlung konzentrieren, werden zwar jeweils Lexik und Stil derselben untersucht, die Beobachtungen jedoch auch in den größeren Kontext des vorkanonischen *Neuen Testaments wie der größeren Sammlung, die später im Laufe des dritten Jahrhunderts als kanonisches Neues Testament bekannt wurde, gestellt. Dass wir dennoch im folgenden vom vorkanonischen und vom kanonischen Neuen Testament (*NT; NT) reden, geschieht lediglich der Einfachheit halber, um nicht immer erneut von der erweiterten Sammlung zu sprechen, die erst später als kanonisches Neues Testament bezeichnet wurde. 5. Zum weiteren Gang der Untersuchung Wie eingangs zum letzten Unterabschnitt vermerkt, geht es zunächst um einen Vergleich der Benutzung von Konjunktionen, Präpositionen, Pronomina und ähnlichen kleinen Wörtern, strukturnahe Begriffe, die oftmals mehr über den Stil eines Autors oder Redaktors aussagen als inhaltlich geladene Begriffe. 82 Im weiteren Verlauf der Sprachuntersuchung bewegen wir uns im zweiten Schritt zur Gegenprobe und betrachten Funktionsbegriffe, die in *Paulus vorhanden sind, im Vergleich zu ihrer Benutzung durch Paulus und das kanonische Neuen Testament. Es folgt im nächsten Schritt eine Zusammenfassung der Beboach‐ 220 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="221"?> 83 Vgl. zur Nutzung von Funktionsbegriffen - die ich hier etwas weiter fasse als manch andere Autoren - zur Bestimmung und Abgrenzung stilistischer Eigenarten und Differenzen vgl. D.L. Mealand, Hellenistic Greek and the New Testament: A Stylometric Perspective (2012); D.L. Mealand, The Extent of the Pauline Corpus: A Multivariate Approach (1995); D.L. Mealand, Positional Stylometry Reassessed: Testing a Seven Epistle Theory of Pauline Authorship (1989). 84 „At its heart lies an assumption that authors have an unconscious aspect to their style, an aspect which cannot consciously be manipulated but which possesses features which are quantifiable and which may be distinctive“, so D.I. Holmes, The Evolution of Stylometry in Humanities Scholarship (1998), 111. tungen zu den Funktionsbegriffen. Im weiteren Verlauf werden häufigere Begriffe betrachtet, die in *Paulus fehlen, was einen weiteren Aufschluss über Differenzen gibt, die zwischen dem sprachlichen Profil der *10-Briefe-Samm‐ lung und der 14-Briefe-Sammlung wie auch zum kanonischen Neuen Testa‐ ment bestehen. Auch hier wird in einem nächsten Schritt die Gegenprobe gemacht und es werden Begriffe untersucht, die in der *10-Briefe-Sammlung, jedoch relativ selten in der 14-Briefe-Sammlung wie überhaupt im kanonischen Neuen Testament begegnen. Es schließt sich ein Vergleich der Benutzung von Verba simplicia vs. Verba composita in der *10-Briefe-Sammlung und in der 14-Briefe-Sammlung wie im kanonischen Neuen Testament an. Zunächst schließt diese Untersuchung mit einem Vergleich der verwendeten Satzlängen in der *10-Briefe-Sammlung und in der 14-Briefe-Sammlung. Wie angedeutet, geht es bei dieser sprachlichen Vergleichsuntersuchung darum, möglichst prägnant herauszuarbeiten, in welcher Hinsicht die beiden Korpora sich unterscheiden, um hieraus für die Rekonstruktionsarbeit ein Instrument zu erhalten, bei Varianten eine Abwägung vornehmen zu können, welche eher dem zu rekonstruierenden Textprofil entspricht, und bei unbe‐ zeugten Textpassagen zunächst zu entscheiden, ob solche als von den Zeugen übersehene bzw. nicht erhaltene, aber möglicherweise zur *10-Briefe-Sammlung gehörende Textstücke zu betrachten sind, oder ob die größere Wahrschein‐ lichkeit darin besteht, dass diese Passagen der kanonischen Redaktion zuzu‐ schreiben sind. a) Funktionsbegriffe, die in *Paulus fehlen 83 Bei der Untersuchung der Funktionsbegriffe wird vorausgesetzt, dass ein Autor oder Redaktor „einen unbewussten Aspekt seines Stiles besitzt, einen Aspekt, der nicht absichtlich manipuliert werden kann, sondern solche Merkmale aufweist, die quantifizierbar sind und distinkt sein können“. 84 Jede Auswahl dessen, was als Funktionswörter bezeichnet wird, unterliegt allerdings einer §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 221 <?page no="222"?> 85 Die wenig scharfe Abgrenzung dessen, was ein Funktionsbegriff ist, lässt sich leicht erkennen, wenn man die verschiedenen Beschreibungen derselben betrachtet. Anders als oben formuliert, fordert etwa Bailey (1979), Funktionswörter müssten strukturell, häufig und leicht quantifizierbare sein. Morton zu Beginn der 90er Jahre verstand unter Funktionswörtern „kurze Worte“ von zwei oder drei Buchstaben, sodann Wörter, die mit Vokal anfangen (ibid. 114), Holmes fasst auch lexikalische, syntaktische und semantische Elemente darunter (ibid.). 86 Paulus wird in den Listen angegeben mit k-Pl, um Verwechslungen zu vermeiden, im Unterschied zum vorkanonischen *Paulus. 87 Ein Asteriskus * vor einem Lemma oder einer Schriftstelle bedeutet, dass das Lemma in der vorkanonischen Version zu finden ist. Wird ein Lemma fett gedruckt, findet es sich sowohl in der vorkanonischen paulinischen Briefsammlung (*Paulus) wie im vorkanonischen Evangelium (*Ev). bestimmten wissenschaftlichen Perspektive und solche Termini lassen sich nicht scharf gegenüber anderen abgrenzen. 85 Beginnen wir mit einer Reihe von Funktionswörtern, die ausschließlich im kanonischen Paulus zu finden sind; 86 vorangestellt sind jeweils die Fundstellen in Briefen, die auch in der vorkanonischen Sammlung enthalten sind, in denen diese Begriffe - also auf der vorkanonischen Ebene - jedoch nicht begegnen. 87 Der Untersuchung liegt eine Liste von 117 solcher Funktionswörter und Wortformen zugrunde, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen. Dabei mag überraschen, dass selbst Begriffe, die eine gewisse Häufigkeit auf der kanonischen Ebene besitzen, trotzdem für die vorkanonische Sammlung der paulinischen Briefe nicht bezeugt sind. Nehmen wir als beliebig gewählte Marke das zwanzigmalige Vorkommen, so finden sich folgende 32 Worte oder Wortformen, die trotz ihrer kanonischen Häufigkeit für die vorkanonische Sammlung der paulinischen Briefe nicht bezeugt sind. Die nachfolgende Tabelle gliedert diese Begriffe gleich nochmals nach Gesamtanzahl des Vorkommens im kanonischen Neuen Testament (letzte Spalte rechts) und gibt einen Einblick, ob und wenn ja, in welchen der kanonischen paulinischen Briefe der Begriff begegnet. Dabei gibt die Zahl in der Eröffnungsspalte links (Pl) die Anzahl des Vorkommens eines Begriffes in den sieben Paulusbriefen der kanonischen Sammlung an, die von der modernen Forschung Paulus als authentische Briefe zugeschrieben werden und deren Kurzfassung in der vorkanonischen Version zu finden ist, in der die hier angegebenen Begriffe jedoch, wie zuvor gesagt, fehlen. 222 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="223"?> 88 Inzwischen hat sich herausgestellt, dass der Begriff einmal vorkanonisch bezeugt ist für *Gal 4,25 = Eph 1,21 (zu dieser Gleichsetzung vergleiche man die Rekonstruktion). Lemma Anzahl in den kano‐ nisch-paulinischen Briefen, die auch vorkanonisch stehen Anzahl in kano‐ nisch-paulinischen Briefen, die nicht-vor‐ kanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der ka‐ nonischen Sammlung - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - τέ 22 - - 1 - - - 19 243 αὐτῆς 9 - 1 1 1 - - 8 159 πάλιν 28 - - - - - - 9 159 κἀγώ 24 - 1 - - - - 1 93 εὐθέως 1 - - - - 83 οὗτοι 8 - - 1 1 1 - 2 77 ἤδη 8 1 - - 1 2 - - 68 πᾶσαν 13 1 - 2 1 - 1 1 53 οὐκέτι 12 - 1 - - - - 2 51 ἅπας - - 1 - 1 - - - 49 τινα 8 1 - 1 - - - 2 46 ᾖ 14 - 1 - 1 1 1 - 42 πάντοτε 19 4 1 3 - - - 1 42 πάσης 88 4 - 5 2 4 - 2 3 41 ἄρτι 9 1 - - - 40 μήτε - 1 - - 1 - - 1 38 ταύτης 2 - - - - - - 3 36 ὁμοίως 4 - - - - - - 1 33 οἵ 2 - - - - - - 1 31 ἐπεί 10 - - - - - - 9 29 οὔπω 2 - - - - - - 3 29 τούτους 3 - - - - 1 - 1 26 χιλιάς 1 - - - - 25 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 223 <?page no="224"?> Lemma Anzahl in den kano‐ nisch-paulinischen Briefen, die auch vorkanonisch stehen Anzahl in kano‐ nisch-paulinischen Briefen, die nicht-vor‐ kanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der ka‐ nonischen Sammlung - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - τινας 4 1 - - - - - 1 24 ἀντί 3 1 1 - - 23 κἀκεῖνος 2 - - - - 1 - 1 23 παντός 4 1 1 - - - - 4 23 τεσσεράκοντα 1 - - - - - - - 22 ἀληθῶς 1 - - - - 21 μέχρι 5 - 1 - 1 1 - 1 21 μήτι 5 - - - - 20 ὡσαύτως 2 - - - 4 - 2 - 20 Zunächst ist festzustellen, dass die häufigsten Funktionsbegriffe, nehmen wir hier diejenigen, die 40 Mal und öfter in der kanonischen Sammlung zu finden sind, also die ersten 14 Begriffe von τέ bis ἄρτι, sich abgesehen von zwei Ausnahmen (εὐθέως: 1; ἅπας: 2) acht Mal und öfter in der kanonischen Paulus‐ briefsammlung finden. Doch auch die übrigen Funktionswörter kommen alle bei Paulus in unterschiedlicher Häufigkeit vor. Vergleicht man das prozentuale Auftreten der Funktionswörter bei Paulus (die sieben Paulusbriefe Röm - 1/ 2Kor - Gal - Phil - 1Thess - Phlm; die drei Deuteropaulinen Eph - Kol - 2Thess; die drei Pastoralbriefe 1/ 2Tim - Tit) und Hebr gemessen an ihrem Auftreten im restlichen NT (45.791 Wörter Paulus gegenüber 91.537 Wörter restliches NT = 50,02%: 49,98%), ergibt sich folgendes Bild, geordnet ist die Tabelle nach der dritten Spalte k(anonisches)-NT ohne k(anonischen)-Pl: Lemma k-Pl k-NT ohne k-Pl k-Pl erwartet k-NT ohne k-Pl Anteil k-Pl Anteil Anteil k-Pl: k-Pl erwartet τέ 44 199 100 0,217% 0,096% 22% αὐτῆς 20 139 70 0,152% 0,044% 14% 224 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="225"?> Lemma k-Pl k-NT ohne k-Pl k-Pl erwartet k-NT ohne k-Pl Anteil k-Pl Anteil Anteil k-Pl: k-Pl erwartet πάλιν 37 122 61 0,133% 0,081% 30% εὐθέως 1 82 41 0,090% 0,002% 1% κἀγώ 26 67 34 0,073% 0,057% 39% οὗτοι 13 64 32 0,070% 0,028% 20% ἤδη 12 56 28 0,061% 0,026% 21% ἅπας 2 47 24 0,051% 0,004% 4% οὐκέτι 15 36 18 0,039% 0,033% 42% μήτε 3 35 18 0,038% 0,007% 9% πᾶσαν 19 34 17 0,037% 0,041% 56% τινα 12 34 17 0,037% 0,026% 35% ταύτης 5 31 16 0,034% 0,011% 16% ἄρτι 10 30 15 0,033% 0,022% 33% οἵ 3 28 14 0,031% 0,007% 11% ὁμοίως 5 28 14 0,031% 0,011% 18% ᾖ 18 24 12 0,026% 0,039% 75% οὔπω 5 24 12 0,026% 0,011% 21% χιλιάς 1 24 12 0,026% 0,002% 4% πάσης 20 21 11 0,023% 0,044% 95% τεσσεράκοντα 1 21 11 0,023% 0,002% 5% τούτους 5 21 11 0,023% 0,011% 24% ἀληθῶς 1 20 10 0,022% 0,002% 5% κἀκεῖνος 4 19 10 0,021% 0,009% 21% ἀντί 5 18 9 0,020% 0,011% 28% τινας 6 18 9 0,020% 0,013% 33% μήτι 5 15 8 0,016% 0,011% 33% πάντοτε 28 14 7 0,015% 0,061% 200% §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 225 <?page no="226"?> 89 Siehe unten S.-233-247. Lemma k-Pl k-NT ohne k-Pl k-Pl erwartet k-NT ohne k-Pl Anteil k-Pl Anteil Anteil k-Pl: k-Pl erwartet παντός 10 13 7 0,014% 0,022% 77% μέχρι 9 12 6 0,013% 0,020% 75% ὡσαύτως 8 12 6 0,013% 0,017% 67% ἐπεί 19 10 5 0,011% 0,041% 190% Zur Erläuterung: Die zweite Spalte „k-Pl“ gibt insgesamt an, wie häufig das Funktionswort in den 14 paulinischen kanonischen Briefen des kanonischen Neuen Testaments (k-Pl im k-NT) vorkommt. Die dritte Spalte „k-NT ohne k-Pl“ gibt insgesamt an, wie häufig das Funktionswort im gesamten Neuen Testament außerhalb der 14 paulinischen kanonischen Briefe vorkommt. Die vierte Spalte „k-Pl erwartet“ gibt an, wie häufig ein Begriff in k-Pl zu erwarten wäre, wenn er genauso häufig dort aufträte wie im restlichen k-NT. Dabei ist natürlich zu bedenken, dass k-NT selbst eine Kompositgröße darstellt von Schriften verschiedener Autoren mit unterschiedlichen Stilen, ein Thema, das weiter unten wieder aufgegriffen und detailliert werden wird. 89 Die fünfte Spalte „k-NT ohne k-Pl Anteil“ gibt an, welchen prozentualen Anteil das Lexem am gesamten Wortbestand von k-NT ohne k-Pl hat. Die sechste Spalte „k-Pl Anteil“ gibt an, welchen prozentualen Anteil das Lexem am gesamten Wortbestand von k-Pl hat. Die siebte und letzte Spalte „Anteil k-Pl: k-Pl erwartet (vierte Spalte)“ gibt den prozentualen Anteil an, den die Anzahl von Funktionswörtern in k-Pl gegenüber der erwarteten Anzahl erfüllt. Wie die Übersicht zeigt, kommen zwar alle Funktionswörter, die in k-NT ohne k-Pl stehen, auch in k-Pl vor, es ergibt sich jedoch ein recht variables Bild mit - abgesehen von besonderen Ausreißern (εὐθέως: 1 - 82 - 41; χιλιάς: 1 - 24 - 12; ἀληθῶς: 1 - 20 - 10) - mehr als vierfacher (τέ: 44 - 199 - 100) bis hin zu halb so großer Erwartung (πάντοτε: 28 - 14 - 7), wobei auch einige Begriffe fast den Erwartungen entsprechen (πάσης, παντός), wenn wir als Toleranzabweichung 30-% nehmen. Nun lässt sich das Bild noch etwas nuancieren: 226 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="227"?> Nehmen wir zunächst nur den Hebräerbrief im Vergleich gesondert und lassen diesen aus den paulinischen Briefen heraus. Dieser Brief mit seinen 13.372 griechischen Wörtern macht 9,74% des NT aus. Es ergibt sich folgender Vergleich: Lemma k-Pl ohne Hebr k-NT ohne k-Pl k-Pl ohne Hebr er‐ wartet k-NT ohne k-Pl Anteil k-Pl ohne Hebr Anteil Anteil k-Pl ohne Hebr: k-Pl ohne Hebr er‐ wartet τέ 25 199 70 0,217% 0,077% 35% αὐτῆς 12 139 49 0,152% 0,037% 24% πάλιν 28 122 43 0,133% 0,086% 65% εὐθέως 1 82 29 0,090% 0,003% 3% κἀγώ 25 67 24 0,073% 0,077% 105% οὗτοι 11 64 23 0,070% 0,034% 49% ἤδη 12 56 20 0,061% 0,037% 61% ἅπας 2 47 17 0,051% 0,006% 12% οὐκέτι 13 36 13 0,039% 0,040% 102% μήτε 2 35 12 0,038% 0,006% 16% πᾶσαν 18 34 12 0,037% 0,056% 149% τινα 10 34 12 0,037% 0,031% 83% ταύτης 2 31 11 0,034% 0,006% 18% ἄρτι 10 30 11 0,033% 0,031% 94% οἵ 2 28 10 0,031% 0,006% 20% ὁμοίως 4 28 10 0,031% 0,012% 40% ᾖ 18 24 8 0,026% 0,056% 212% οὔπω 2 24 8 0,026% 0,006% 24% χιλιάς 1 24 8 0,026% 0,003% 12% πάσης 17 21 7 0,023% 0,052% 229% τεσσεράκοντα 1 21 7 0.023% 0,003% 13% τούτους 4 21 7 0,023% 0,012% 54% §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 227 <?page no="228"?> Lemma k-Pl ohne Hebr k-NT ohne k-Pl k-Pl ohne Hebr er‐ wartet k-NT ohne k-Pl Anteil k-Pl ohne Hebr Anteil Anteil k-Pl ohne Hebr: k-Pl ohne Hebr er‐ wartet ἀληθῶς 1 20 7 0,022% 0,003% 14% κἀκεῖνος 3 19 7 0,021% 0,009% 45% ἀντί 5 18 6 0,020% 0,015% 78% τινας 5 18 6 0,020% 0,015% 78% μήτι 5 15 5 0,016% 0,015% 94% πάντοτε 27 14 5 0,015% 0,083% 545% παντός 6 13 5 0,014% 0,019% 130% μέχρι 8 12 4 0,013% 0,025% 188% ὡσαύτως 8 12 4 0,013% 0,025% 188% ἐπεί 10 10 4 0,011% 0,031% 282% Vergleicht man den prozentualen Anteil an Funktionswörtern in k-Pl ohne Hebr, fällt die große Diskrepanz zum vorhergehenden Vergleich ins Auge. Zwar gibt es immer noch einen Ausreißer (εὐθέως), doch die beiden anderen früheren Ausreißer liegen schon sehr viel näher an der Anzahl, die man in k-Pl erwarten würde (χιλιάς 1 statt 8; ἀληθῶς 1 statt 7). Zwar gibt es höhere und niedrigere erwartete Werte als zu erwarten waren, doch wieder unter Annahme einer 30 % Toleranzabweichung liegen nun 15 von 31 Funktionswörtern in oder über der erwarteten Anzahl. Überhaupt zeigt die Tabelle, dass diese Funktionswörter mehrheitlich deutlich bis gewaltig (πάντοτε 27 statt 5 = 545 %) über der erwarteten Anzahl vorkommen. Die Abweichung zum voranstehenden Vergleich ergibt sich schon aus dem Unterschied zwischen der Nutzung dieser Funktionswörter in Hebr und im restlichen NT. Von 32 Funktionswörtern in k-NT begegnen 11 überhaupt nicht in Hebr, und die, die begegnen, weisen deutlich verschiedene prozentuale Anteile auf. Bereinigt man die paulinischen Briefe von Hebr, rückt ihr Profil damit deutlich näher an das von k-NT. Bereinigen wir nun auch noch die paulinischen Briefe vom Textbestand des vorkanonischen Paulus (soweit bezeugt), so dass wir lediglich den kanonischen Textbestand von Paulus mit dem kanonischen Textbestand des restlichen NT 228 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="229"?> 90 Gut wäre es, wenn man auch noch den vorkanonischen Textbestand von *Ev aus dem kanonischen Textbestand herausnehmen könnte, doch sind die vorhandenen Rekonstruktionsversuche deutlich verschieden im Umfang. vergleichen, 90 ergibt sich folgendes Ergebnis des Vergleichs für die Funktions‐ wörter im verbleibenden paulinischen Text: Lemma Pl ohne Hebr, ohne *Pl NT ohne Pl Pl ohne Hebr, ohne *Pl erwartet NT ohne Pl Anteil Pl ohne Hebr, ohne Pl An‐ teil Anteil Pl ohne Hebr, ohne *Pl: Pl ohne Hebr, ohne *Pl er‐ wartet τέ 25 199 52 0,217% 0,104% 48% αὐτῆς 12 139 37 0,152% 0,050% 33% πάλιν 28 122 32 0,133% 0,116% 87% εὐθέως 1 82 22 0,090% 0,004% 5% κἀγώ 25 67 18 0,073% 0,104% 142% οὗτοι 11 64 17 0,070% 0,046% 65% ἤδη 12 56 15 0,061% 0,050% 81% ἅπας 2 47 12 0,051% 0,008% 16% οὐκέτι 13 36 9 0,039% 0,054% 137% μήτε 2 35 9 0,038% 0,008% 22% πᾶσαν 18 34 9 0,037% 0,075% 201% τινα 10 34 9 0,037% 0,042% 112% ταύτης 2 31 8 0,034% 0,008% 25% ἄρτι 10 30 8 0,033% 0,042% 127% οἵ 2 28 7 0,031% 0,008% 27% ὁμοίως 4 28 7 0,031% 0,017% 54% ᾖ 18 24 6 0,026% 0,075% 285% οὔπω 2 24 6 0,026% 0,008% 32% χιλιάς 1 24 6 0,026% 0,004% 16% πάσης 17 21 6 0,023% 0,071% 308% §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 229 <?page no="230"?> Lemma Pl ohne Hebr, ohne *Pl NT ohne Pl Pl ohne Hebr, ohne *Pl erwartet NT ohne Pl Anteil Pl ohne Hebr, ohne Pl An‐ teil Anteil Pl ohne Hebr, ohne *Pl: Pl ohne Hebr, ohne *Pl er‐ wartet τεσσεράκοντα 1 21 7 0.023% 0,004% 18% τούτους 4 21 6 0,023% 0,017% 72% ἀληθῶς 1 20 5 0,022% 0,004% 19% κἀκεῖνος 3 19 5 0,021% 0,012% 60% ἀντί 5 18 5 0,020% 0,021% 106% τινας 5 18 5 0,020% 0,021% 106% μήτι 5 15 4 0,016% 0,021% 127% πάντοτε 27 14 4 0,015% 0,112% 733% παντός 6 13 3 0,014% 0,025% 175% μέχρι 8 12 3 0,013% 0,033% 253% ὡσαύτως 8 12 3 0,013% 0,033% 253% ἐπεί 10 10 3 0,011% 0,042% 380% Auch wenn wir noch gewisse Abweichungen zwischen der erwarteten Anzahl an Funktionswörtern für k-Pl und denjenigen, die wir tatsächlich in k-Pl finden, feststellen, verdeutlicht sich der Hinweis darauf, dass der vorkanonische Textbe‐ stand vom kanonischen Textbestand in seinem lexikalischen Profil verschieden ist. Bei der wieder angenommenen Toleranzabweichung von 30 % liegen nun 18 von 31 Funktionswörter in oder über der erwarteten Anzahl, das ist nun erstmals mehr als die Hälfte. Auch wenn das Profil des kanonischen Paulusbrie‐ fanteils und der Rest des kanonischen Neuen Testaments nicht deckungsgleich sind, bilden diese doch ein Gesamtprofil, das mit dem vorkanonischen Profil kontrastiert. Denn nehmen wir den Befund der vorkanonischen Version des *Paulus, wonach alle diese 117 Funktionswörter zu 100 % fehlen, ergibt sich zunächst einmal, dass zwischen dem vorkanonischen *Paulus und dem kanonischen Paulus ein deutlich anderes Profil existiert, während die Differenz zwischen dem 230 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="231"?> 91 Bujard hat einen ähnlichen Vergleich angestellt, indem er Kol, Eph und 2Thess mit den sieben „echten“ paulinischen Briefen verglichen hat und, wie sich aus seiner Tabelle entnehmen lässt, was die adversativen Konjunktionen δε, μεν, μενουνγε, αλλα, πλην betrifft, eine deutliche Differenz gefunden: Während die sieben paulinischen Briefe (außer μενουνγε und πλην) die adversativen Konjunktionen häufig gebrauchen, finden sie sich in den Deuteropaulinen deutlich seltener bzw. gar nicht, vgl. W. Bujard, Stilanalytische Untersuchungen zum Kolosserbrief als Beitrag zur Methodik von Sprachvergleichen (1973), 26-27. Ein ähnliches Bild ergibt sich für die kausalen Konjunktionen (ibid. 27-28). kanonischen Paulus und dem kanonischen NT verglichen damit relativ gering ist. 91 Dieser Kontrast wird noch deutlicher, nimmt man zu den 117 gerade bespro‐ chenen Funktionswörtern die Liste der weiteren 39 Funktionswörter hinzu, die ebenfalls im vorkanonischen *Paulus fehlen, allerdings auch in keinem der kanonisch-paulinischen Briefe anzutreffen sind, die vorkanonisch stehen: Lemma Anzahl in kanonisch-paulinischen Briefen, die nicht-vorkanonisch stehen Anzahl gesamt in der kanonischen Sammlung - 1Tim 2Tim Tit Hebr Sonst NT - ἄνευ - - - - 3 3 ἄτερ - - - - 2 2 δεῦτε - - - - 13 13 δήποτε - - - - 1 1 δήπου - - - 1 0 1 ἐάνπερ - - - 3 0 3 ἑκάστοτε - - - - 1 1 ἑκατόν - - - - 17 17 ἑκατονείκοσι - - - - 1 1 ἑκατοπεντήκοντα - - - - 1 1 ἑκατονταπλασίων - - - - 3 3 ἐλωΐ - - - - 1 1 ἔνατος - - - - 11 11 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 231 <?page no="232"?> Lemma Anzahl in kanonisch-paulinischen Briefen, die nicht-vorkanonisch stehen Anzahl gesamt in der kanonischen Sammlung ἐντεῦθεν - - - - 12 12 ἕξ - - - - 15 15 ἐξαίφνης - - - - 6 6 ἑξῆς - - - - 5 5 ἐπαύριον - - - - 18 18 εὐθύς (sofort) - - - - 53 53 καθότι - - - - 6 6 καίτοι - - - 1 1 2 καίτοιγε - - - - 2 2 κἀκεῖ - - - - 10 10 κἀκεῖθεν - - - - 12 12 κάτω - - - - 12 12 ὅδε - - - - 11 11 ὀκτώ - - - - 11 11 πρίν - - - - 14 14 πρωΐ - - - - 13 13 πρωΐα - - - - 3 3 ταχύ - - - - 13 13 τεσσαρακονταετής - - - - 2 2 τέσσαρες - - - - 43 43 τεσσαρεσκαιδέκατος - - - - 2 2 τεταρταῖος - - - - 1 1 τέταρτος - - - - 10 10 τοιόσδε - - - - 1 1 τριακόσιοι - - - - 2 2 τρισχίλιοι - - - - 1 1 232 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="233"?> Dieser Tabelle lässt sich entnehmen, dass von diesen 39 Funktionswörtern, die nicht im vorkanonischen *Paulus stehen, nur 3 im kanonischen Paulus begegnen - und zwar ausschließlich im Hebräerbrief, also in keinem der sieben Briefe (sonst wären diese Funktionswörter ja bereits in der zuvor erörterten Liste der 117 Funktionswörter begegnet), jedoch auch in keinem der Pastoralbriefe, wobei man hier argumentieren könnte, dass diese ja relativ kurz sind. Damit zeigt sich die Differenz zwischen *Paulus/ Paulus (ohne Hebr) gegenüber dem weiteren kanonischen Neuen Testament. Wenn wir nun weiter bedenken, dass dem vorkanonischen *Paulus gegenüber dem kanonischen Paulus 117 Funktionswörter fehlen, und darüberhinaus noch weitere 39 Wörter gegenüber dem kanonischen Neuen Testament, also 156 Funktionswörter, und dann die Tatsache hinzunehmen, dass der vorkanonische *Paulus diese Differenz an Funktionswörtern zum kanonischen Paulus und dem kanonischen Neuen Testament zu 100 % mit dem vorkanonischen *Ev teilt, in welchem all diese Funktionswörter ebenfalls unbezeugt sind, stellen wir fest, welch große Nähe die Profile von *Paulus und von *Ev besitzen im Unterschied zum kanonischen Neuen Testament. Wir werden auf diese Beobachtung weiter unten ausführlicher zu sprechen kommen und sie in größerer Tiefe betrachten. b) Funktionsbegriffe, die in *Paulus auch vorhanden sind Kein Vergleich kommt ohne seinen Gegenvergleich aus. Nicht alle Funktions‐ begriffe fehlen in *Pl. In unsere Überlegung werden alle in der Concordance mit Stellenangaben aufgeführten 170 einschlägigen Funktionsbegriffe einbezogen. Geordnet ist die Liste nach der Anzahl des Vorkommens der Lemmata im kanonischen NT (drittletzte Spalte; bei den Lemmata bedeutet ein Unterstrich vor dem Lemma, dass es sich um eine Wortform handelt): Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 1 *νή 1 0 0 0 1 0 1 1 0 0 2 _*ᾖς 1 0 0 0 1 0 1 1 0 0 3 *ἡνίκα 1 0 0 0 1 0 2 2 0 0 4 *ὑπεράνω 1 0 0 0 1 0 3 3 0 0 5 *ὑπήκοος 1 0 0 0 1 0 2 3 1 0 6 _*ἤμεθα 1 0 1 0 2 0 2 4 1 0 7 _*ὄντι 1 0 0 0 1 0 3 4 1 0 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 233 <?page no="234"?> Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 8 *ὅλως 1 0 0 0 1 0 3 4 1 0 9 _*ὄντων 1 0 0 0 1 0 4 6 1 1 10 *εἴπερ 1 0 0 0 1 0 6 7 1 1 11 *κατέναντι 1 0 0 0 1 0 3 8 3 0 12 *ἴσος 1 0 0 0 1 0 1 8 4 0 13 *οὐδενὶ (neutr./ mask. Dat. Sg.) 1 0 0 0 1 0 2 9 4 0 14 _*οὖσιν 1 0 0 0 1 0 6 10 2 1 15 _*ὄντας 0 0 0 1 1 0 7 11 2 1 16 _*ἦμεν 1 0 0 0 1 0 5 11 3 1 17 *ἐπειδή 3 0 0 0 3 0 5 11 3 1 18 *πλάνη 0 1 0 0 1 0 4 13 5 1 19 _*ἔστω 1 0 0 0 1 1 4 13 5 1 20 *τρίς 1 0 0 0 1 0 4 13 5 1 21 *ἔσωθεν 1 0 0 0 1 2 1 13 6 0 22 _*ἀρά 1 0 0 0 1 1(? ) 1 5 6 0 23 _*ὄντος 0 0 1 0 1 0 3 15 6 0 24 *ἐνιαυτός 1 0 0 0 1 0 5 15 5 1 25 *Ὦ (empha‐ tisch) 2 0 0 0 2 2 7 16 5 1 26 _*ὄντα 1 0 0 0 1 0 4 17 7 1 27 _*ἦτε 1 0 1 0 2 0 7 19 6 1 28 *αὐταῖς (fem. Dat. Pl.) 1 0 0 0 1 1 5 20 8 1 29 *νυνί 1 0 1 0 2 0 18 24 3 3 30 _*ὄντες 2 0 0 0 2 0 12 26 7 2 31 _*ἔσονται 0 0 1 0 1 0 6 29 12 1 32 *ποτέ 0 0 2 1 3 1 22 31 5 3 33 *ἐγγύς 0 0 2 0 2 1 7 32 13 1 234 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="235"?> Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 34 *πλήν 1 0 0 0 1 7 5 32 14 1 35 *ταχύς 1 0 0 0 1 1 7 32 13 1 36 *ναί 1 0 0 0 1 1 9 37 14 1 37 *ὥσπερ 2 0 0 0 2 0 17 43 13 3 38 *πάσῃ (fem. Dat. Sg.) 0 1 0 0 1 0 32 44 6 5 39 *σεαυτοῦ 2 0 0 0 2 1 13 44 16 2 40 *οἷς (Relativ‐ pronomen, Dat. Pl.) 1 0 1 0 2 1 9 47 19 1 41 _*ὤν 1 0 0 0 1 1 16 48 16 2 42 *πρό 1 0 0 1 2 4 13 49 18 2 43 *ποῦ 1 0 0 0 1 0 11 51 20 2 44 *ἄρα 2 0 0 0 2 1 29 52 12 4 45 *οὕς (Personal‐ pronomen mask. Akk. Pl.) 1 0 0 0 1 1 13 52 20 2 46 *ἔμπροσθεν 1 0 0 0 1 0 7 52 23 1 47 *αὐτά (neutr. Nom. / Akk. Pl.) 1 0 0 0 1 3 11 53 21 2 48 _*ἐσμέν 1 0 1 0 2 0 29 54 13 4 49 *ἄχρι 2 0 0 0 2 0 17 55 19 3 50 *διό 1 0 1 0 2 0 36 56 10 5 51 *ὅπως 1 0 0 0 1 0 11 58 24 2 52 *διὰ τοῦτο 0 1 0 0 1 0 25 59 17 4 53 *παντί (neutr. / mask. Dat. Sg.) 2 0 0 1 3 2 38 59 11 6 54 *πᾶσα(ι) (fem. Nom. / Vok. Sg. / Pl.) 1 0 0 0 1 0 18 60 21 3 55 *ἔσχατος 2 0 0 0 2 1 8 60 26 1 56 *οὐχί 1 0 0 0 1 0 20 62 21 3 57 *τοιοῦτος 2 0 0 0 2 0 37 62 13 6 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 235 <?page no="236"?> Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 58 *τρίτος 2 0 0 0 2 0 5 62 29 1 59 *μηδέ 1 0 0 1 2 1 23 63 20 3 60 *ποῖος 1 0 1 0 2 3 5 63 29 1 61 *πολλά (neutr. Nom. / Akk. Pl.) 2 0 0 0 2 3 12 64 26 2 62 *εἴτε 4 0 0 0 4 0 63 67 2 9 63 *ἔξω 1 0 0 0 1 2 8 69 31 1 64 *τούτου (neutr. / mask. Gen. Sg.) 4 0 2 0 6 1 17 69 26 3 65 *πρώτον / πρῶτος 2 1 0 0 3 3 18 70 26 3 66 *τούτων (neutr. / mask. Gen. Pl.) 1 0 0 0 1 5 9 72 32 1 67 *μόνον 2 0 0 0 2 0 35 73 19 5 68 *πᾶν (neutr. Nom / Akk. / Vok. Sg.) 2 0 0 1 3 0 25 73 24 4 69 *ὧν (Relativ‐ pronomen fem., mask., neutr., Gen. Pl.) 0 1 0 0 1 1 32 78 23 5 70 *τινες (mask. / fem. Nom. Pl.) 3 0 0 0 3 3 24 79 28 4 71 *μᾶλλον 3 0 0 0 3 1 50 85 18 7 72 *ὥστε 4 1 0 0 5 0 40 86 23 6 73 *αὐτοί (mask. Nom. Pl.) 2 0 0 0 2 2 25 87 31 4 74 *ἕκαστος 5 0 1 0 6 2 24 87 32 4 75 *πάντας (mask. Akk. Pl.) 1 0 1 0 2 1 35 90 28 5 76 *οὐδέν (neutr. Nom./ Akk. Sg.) 1 0 0 0 1 2 25 90 33 4 77 *πᾶσιν (neutr. / mask. Dat. Pl.) 2 0 1 0 3 1 47 91 22 7 236 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="237"?> Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 78 _*ἐστε 5 0 0 0 5 2 47 92 23 7 79 *μηδείς 1 0 0 0 1 3 37 93 28 6 80 *εἷς (mask. Nom.) 1 0 1 0 2 2 18 95 39 3 81 *οὐδείς (mask. Nom. Sg.) 1 0 1 0 2 2 19 96 39 3 82 *ἔτι 2 0 0 0 2 3 29 96 34 4 83 *ἦσαν 1 0 0 0 1 2 4 96 46 1 84 *τι (neutr. Nom. / Akk. Sg.) 1 0 0 0 1 1 30 99 35 4 85 *ἐνώπιον 1 0 0 0 1 5 20 100 40 3 86 *αὐτό (neutr. Nom. / Akk. Sg.) 2 0 0 0 2 0 29 100 36 4 87 *οὐχ 3 0 0 0 3 2 40 105 33 6 88 *οὔτε 1 0 0 0 1 2 33 106 37 5 89 *πῶς 1 0 0 0 1 2 28 109 41 4 90 *ἕτερος 4 0 0 0 4 4 35 109 37 5 91 *ὅτε 2 0 0 0 2 0 21 112 46 3 92 *ἅ 4 0 0 1 5 5 27 114 44 4 93 *αὐτήν (fem. Akk. Sg.) 1 0 1 0 2 1 10 120 55 1 94 *ᾧ (Relativpro‐ nomen mask. / neutr. Dat. Sg.) 2 0 1 0 3 3 51 121 35 8 95 *ὅσος 3 0 0 0 3 1 34 121 44 5 96 *ὅλος 1 0 0 0 1 1 16 123 54 2 97 *ἴδιος 3 0 0 0 3 1 48 123 38 7 98 _*εἶναι 3 0 1 0 4 1 57 126 35 8 99 *ὅταν 1 0 0 1 2 4 24 128 52 4 100 *πάντων (neutr. / mask. Gen. Pl.) 1 0 1 1 3 0 60 131 36 9 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 237 <?page no="238"?> Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 101 *πάντα (neutr. Nom. / Akk. / Vok. Pl. oder mask. Akk. Sg.) 3 1 3 1 8 5 120 135 8 18 102 *σύν 3 0 0 3 6 1 39 136 49 6 103 *οὗ (Relativpro‐ nomen, neutr. / mask. Gen.) 1 0 0 0 1 3 41 145 52 6 104 *τίς (mask. / fem. Nom. Sg.) 3 0 1 0 4 8 33 146 57 5 105 _*εἰσίν 4 0 0 0 4 1 44 147 52 7 106 *δύο 3 0 2 0 5 6 12 147 68 2 107 *αὐτός (mask. Nom. Sg.) 0 0 1 1 2 5 34 153 60 5 108 *νῦν 1 0 0 0 1 2 56 157 51 8 109 *ἕως 1 0 0 0 1 1 16 159 72 2 110 *οὐδέ 4 0 0 0 4 6 41 161 60 6 111 *τότε 1 0 0 0 1 3 17 164 74 3 112 *ὅστις 5 1 0 0 6 1 50 165 58 7 113 *ὑπέρ 3 0 0 1 4 2 112 172 30 17 114 *πάντες (mask. Nom. / Vok. Pl.) 5 1 1 0 7 1 63 172 55 9 115 *ἄλλος 6 0 0 0 6 3 31 172 71 5 116 ἀμήν 1 0 0 0 1 0 16 175 80 2 117 *καθώς 5 0 1 1 7 4 96 186 45 14 118 *ἄν 1 0 0 0 1 1 27 205 89 4 119 *μέν 5 0 0 0 5 0 79 208 65 12 120 *σοι (Dat. Sg. / mask. Nom. / Vok. Pl. von σύ / σός) 0 0 1 0 1 1 29 212 92 4 121 *ὅς (Relativpro‐ nomen, mask. Nom. Sg.) 5 0 0 1 6 5 62 213 76 9 122 *παρά 5 1 0 0 6 1 51 217 83 8 238 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="239"?> Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 123 *οὕτως 6 0 0 0 6 2 81 221 70 12 124 *τις (mask. / fem. Nom. Sg.) 5 0 0 1 6 4 67 223 78 10 125 *ὑμεῖς (Nom. Pl.) 1 0 3 0 4 5 19 229 105 3 126 *ὅ 3 0 0 1 4 4 61 237 88 9 127 *ταῦτα (neutr. Nom. / Akk. Pl.) 4 0 0 0 4 6 39 242 102 6 128 *ὑπό 6 0 1 0 7 4 85 248 82 13 129 *ἐγώ 2 0 1 0 3 5 893 263 -315 133 130 *ἐκεῖνος 2 0 1 0 3 4 47 265 109 7 131 _*ἦν 2 0 0 0 2 1 17 301 142 3 132 *τοῦτο (neutr. Nom. / Akk. Sg.) 1 1 1 0 3 5 140 313 87 21 133 *τί 4 0 0 0 4 11 64 333 135 10 134 *αὐτούς (mask. Akk. Pl.) 0 1 0 0 1 4 29 340 156 4 135 *περί 2 0 0 0 2 2 74 354 140 11 136 *σου (Gen. Sg. von σύ / σός) 3 0 0 0 3 11 61 361 150 9 137 *ἑαυτοῦ 7 1 3 0 11 9 129 361 116 19 138 *ἐάν 6 0 0 0 6 7 103 375 136 15 139 *ἤ 5 0 0 1 6 8 127 384 129 19 140 *ἐμός 3 0 1 0 4 7 33 389 178 5 141 *ὑμᾶς (Akk. Pl.) 4 1 1 3 9 9 246 400 77 37 142 *ὑμῶν (Gen. Pl.) 6 0 2 0 8 20 259 462 102 39 143 *μετά 1 0 0 0 1 8 96 501 203 14 144 *αὐτῶν (fem. / mask. / neutr. Gen. Pl.) 4 0 0 0 4 7 94 502 204 14 145 *κατά 6 0 2 2 10 3 235 510 138 35 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 239 <?page no="240"?> Nr. Lemma *Pl ohne Pseud *2Th *Laod *Kol *Pl insg. *Ev Pl NT Pl erw. *Pl erw. 146 *εἰ 7 0 0 0 7 18 223 529 153 33 147 *ὡς 2 0 2 0 4 1 179 543 182 27 148 *αὐτοῖς (neutr. / mask. Dat. Pl.) 1 1 0 0 2 2 39 543 252 6 149 *ὑμῖν (Dat. Pl.) 3 0 0 0 3 20 170 559 195 25 150 *οὖν 2 0 0 0 2 3 124 576 226 18 151 *ἵνα 18 1 2 0 21 6 267 691 212 40 152 *διά 29 1 3 2 35 7 348 692 172 52 153 *ἀπό 10 2 1 0 13 9 128 711 292 19 154 *ἀλλά 22 1 3 0 26 1 327 734 204 49 155 *πρός 6 0 2 0 8 1 166 753 294 25 156 *αὐτῷ (neutr. / mask. Dat. Sg.) 5 0 1 2 8 14 76 780 352 11 157 *ἡμεῖς 29 0 3 1 33 5 244 840 298 36 158 *αὐτόν (mask. Akk. Sg.) 3 1 1 1 6 11 69 841 386 10 159 _*ἔστιν 18 1 4 4 27 22 231 843 306 34 160 *ἐπί 7 1 4 0 12 20 163 965 401 24 161 *ἐκ 20 0 2 0 22 10 229 978 375 34 162 *μή 22 2 4 2 30 22 481 1091 305 72 163 *γάρ 36 0 1 0 37 11 549 1127 289 82 164 *αὐτοῦ (neutr. / mask. Gen. Sg.) 5 2 2 3 12 17 203 1197 497 30 165 *ὅτι 19 1 1 0 21 25 292 1348 528 43 166 *οὐ (nicht) 42 1 0 1 44 19 558 1725 584 83 167 *εἰς 21 2 5 2 30 28 499 1870 686 74 168 *ἐν 61 2 17 9 89 29 1071 2971 950 159 169 *δέ 25 0 2 1 28 28 730 3036 1154 109 170 *καί 59 5 16 6 86 103 1795 9651 3930 267 240 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="241"?> Zunächst lässt sich gerade im Vergleich zu dem voranstehenden Fall der Funkti‐ onsbegriffe, die in *Pl fehlen, feststellen, dass solche Begriffe wohl nicht deshalb in der Rekonstruktion von *Pl fehlen, weil die Zeugen, die der Rekonstruktion zugrunde liegen, Funktionsbegriffe gewöhnlicherweise übergangen hätten. Die vorliegende Liste belegt, dass eine ganze Fülle solcher Begriffe sehr wohl auch für *Pl bezeugt sind, was für Pronomina gilt, Konjunktionen und andere kleine Begriffe. Die Tabelle ist nach der geringsten Häufigkeit der im NT vorkommenden Funktionsbegriffe, die auch in *Pl nachweisbar sind, hin zur größten Häufigkeit geordnet. Diese Anordnung macht zunächst deutlich: 1. Die vierzehn ersten, nur einmal in *Pl stehenden Begriffe von νή bis οὖσιν stehen nicht weniger häufig (und auch nicht öfters), als man gemessen am Umfang von *Pl erwarten würde, wenn sie in derselben Häufigkeit vorkämen, wie sie in Pl begegnen. 2. Diese vierzehn Begriffe stehen mit einer Ausnahme (Nr. 6: ἤμεθα in *Laod) in keinem der *Deuteropaulinen. Sie begegnen auch nicht in *Ev. 3. Es fällt auf, wenn man das Vorkommen dieser 14 Funktionsbegriffe auf der kanonischen Ebene vergleicht, dass diese Begriffe in Pl begegnen, aber von Nr. 1-10 (νή bis εἴπερ) nur geringfügig häufiger im Rest des NT. Bis κατέναντι (Nr. 11) liegen sie auch in oder über der Anzahl, die man aufgrund des prozentualen Wortanteils in Pl erwarten würde. Das ändert sich mit ἴσος (Nr. 12), wo man 4-malige Präsenz erwarten würde, das Wort jedoch nur 1 Mal in Pl zu finden ist, und bei dem danach stehenden οὐδενὶ (Nr.-13), das 4 Mal erwartet würde, doch nur 2 Mal zu finden ist. Dennoch liegt auch hier die tatsächliche Präsenz der Begriffe in Pl im Bereich des Erwarteten. Gehen wir zu den weiteren Begriffen, findet sich erstmals eine Form, ὄντας (Nr. 15), in einem der *Deuteropaulinen, *Kol, die sonst nicht weiter vorkano‐ nisch belegt ist, auch nicht in *Ev, und die in Pl gleich 7 Mal begegnet, wenn auch nur 2 Mal erwartet. Ein ähnliches Phänomen haben wir gleich wieder mit πλάνη (Nr. 18), das 1 Mal in *2Thess steht, sonst vorkanonisch nicht vorkommt, jedoch 4 Mal in Pl begegnet bei einem Erwartungshorizont von 5. Bei den weiteren Begriffen begegnet erstmals ein Begriff, ἔσωθεν (Nr. 21), der sowohl in *Pl steht, auch im *Ev, jedoch in keinem der *Deuteropaulinen. Er wird 6 Mal in Pl erwartet, steht jedoch nur 1 Mal. Die Verbform ἄρας (Nr. 22) ähnelt diesem Begriff, steht vermutlich auch in *Ev, wird aber 6 Mal in Pl erwartet und steht wiederum nur 1 Mal. Beide Begriffe deuten darauf hin, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 241 <?page no="242"?> dass die *Deuteropaulinen Pl nahe stehen. Die Differenz zwischen *Pl und den *Deuteropaulinen wird auch mit den nächsten Begriffen deutlich. Von Anfang bis ὅταν (Nr. 99), d. h. für die ersten 99 Funktionsbegriffe gilt folgendes Muster, das insofern auch zahlenmäßig nicht uninteressant ist, als wir es bei den Begriffen von αὐταῖς (Nr. 28) an bereits mit einer Präsenz von 20 Treffern, und danach ab ὥσπερ (Nr. 37) schon mit mehr als 40 Treffern im NT zu tun haben. Diese Häufigkeit steigert sich bis zu dem hier betrachteten ὅταν (Nr. 99) auf immerhin 128 Treffer im NT: Begriffe, die in *Pl stehen, finden sich häufig nicht in den *Deuteropaulinen (von 99 Funktionsbegriffen trifft dies auf 66 zu), bzw. wenn sie auch dort stehen, in *Laod (17 x mit 1 Eintrag, 3 x auch mit 2 Einträgen), in *Kol (8), in *2Thess (6), dann fällt auf, dass sie öfters nicht in den sieben Briefen von *Pl (8), allerdings in *Ev stehen (Nr. 33: ἐγγύς, 2 x in *Laod; Nr. 69: ὧν in *2Thess; besonders auffallend ist Nr.-32: ποτέ, das 2 x in *Laod und 1 x in *Kol steht). Wir werden später auch auf diese Beobachtung zurückkommen müssen. Zunächst aber deutet dieses Muster auf ein verschiedenes Profil der *Deutero‐ paulinen gegenüber *Pl hin, und zeigt eine leichte Nähe der *Deuteropaulinen zu *Ev an. Auch bei den weiteren, nun z.T. häufigeren Begriffen in *Pl sticht diese Differenz zwischen *Pl und *Deuteropaulinen ins Auge, so dass, fürs Ganze der 170 hier untersuchten Funktionsbegriffe gilt: In 88 Fällen sind Funktionsbegriffe, die für *Pl bezeugt sind, in keinem der *Deuteropaulinen vorhanden, selbst dann, wenn es sich wie im Fall οὖν (Nr. 150) um einen Begriff handelt, der 576 Mal im NT und 124 Mal in Pl steht. Gewiss, er ist selten in *Pl (2), steht aber auch im *Ev (3). Es gilt aber auch etwa für εἰ (Nr. 146), das immerhin 529 Mal im NT, 223 Mal in Pl, 7 Mal in *Pl, auch 18 Mal im *Ev steht, jedoch nicht in den *Deuteropaulinen. Oder, um ein weiteres Beispiel aufzuführen: ἐάν (Nr. 138) steht 375 Mal im NT, 103 Mal in Pl, 6 Mal in *Pl, 7 Mal im *Ev, nie in einem der *Deuteropaulinen. Da, wo Funktionsbegriffe in *Deuteropaulinen stehen, begegnet folgende Verteilung: Nr. - Lemma in *Pl o. *Deuterop. im *Ev *Deuterop. *2Th *Laod *Kol ≥ erw. in *Pl insg. < erw. in *Pl 6 - _*ἤμεθα 1 - - 1 - 2/ 1 - 15 - _*ὄντας - - - - 1 - 1/ 3 18 - *πλάνη - - 1 - - - 1/ 5 23 - _*ὄντος - - - 1 - - 1/ 2 242 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="243"?> Nr. - Lemma in *Pl o. *Deuterop. im *Ev *Deuterop. *2Th *Laod *Kol ≥ erw. in *Pl insg. < erw. in *Pl 27 - _*ἦτε 1 - - 1 - 2/ 1 - 29 - *νυνί 1 - - 1 - 2/ 2 - 31 - _*ἔσονται - - - 1 - - 1/ 2 32 - *ποτέ - 1 - 2 1 3/ 2 - 33 - *ἐγγύς - 1 - 2 - - 3/ 4 38 - *πάσῃ - - 1 - - - 1/ 2 40 - *οἷς 1 1 - 1 - 2/ 1 - 42 - *πρό 1 4 - - 1 2/ 2 - 48 - _*ἐσμέν 1 - - 1 - - 2/ 4 50 - *διό 1 - - 1 - - 2/ 3 52 - *διὰ τοῦτο - - 1 - - - 1/ 5 53 - *παντί 2 2 - - 1 3/ 2 - 59 - *μηδέ 1 1 - - 1 - 2/ 4 60 - *ποῖος 1 3 - 1 - - 2/ 6 64 - *τούτου 4 1 - 2 - 6/ 3 - 65 - *πρώτον 2 3 1 - - 3/ 3 - 68 - *πᾶν 2 - - - 1 3/ 3 - 69 - *ὧν - 1 1 - - - 1/ 6 72 - *ὥστε 4 - 1 - - 5/ 1 - 74 - *ἕκαστος 5 2 - 1 - 6/ 3 - 75 - *πάντας 1 1 - 1 - 2/ 1 - 77 - *πᾶσιν 2 1 - 1 - 3/ 2 - 80 - *εἷς 1 2 - 1 - - 2/ 9 81 - *οὐδείς 1 2 - 1 - 2/ 1 - 92 - *ἅ 4 5 - - 1 5/ 3 - 93 - *αὐτήν 1 1 - 1 - - 2/ 3 94 - *ᾧ 2 3 - 1 - 3/ 1 - §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 243 <?page no="244"?> Nr. - Lemma in *Pl o. *Deuterop. im *Ev *Deuterop. *2Th *Laod *Kol ≥ erw. in *Pl insg. < erw. in *Pl 98 - _*εἶναι 3 1 - 1 - - 4/ 5 99 - *ὅταν 1 4 - - 1 - 2/ 4 100 - *πάντων 1 - - 1 1 5 - 101 - *πάντα 3 5 1 3 1 8/ 4 - 102 - *σύν 3 1 - - 3 - 6/ 7 104 - *τίς 3 8 - 1 - - 4/ 6 106 - *δύο 3 6 - 2 - 5/ 4 - 107 - *αὐτός - 5 - 1 1 - 2/ 4 112 - *ὅστις 5 1 1 - - 6/ 5 - 113 - *ὑπέρ 3 2 - - 1 4/ 4 - 114 - *πάντες 5 1 1 1 - 7/ 7 - 117 - *καθώς 5 4 - 1 1 7/ 7 - 120 - *σοι - 1 - 1 - - 1/ 6 121 - *ὅς 5 5 - - 1 6/ 3 - 122 - *παρά 5 1 1 - - 6/ 3 - 124 - *τις 5 4 - - 1 6/ 4 - 125 - *ὑμεῖς 1 5 - 3 - 4/ 1 - 126 - *ὅ 3 4 - - 1 4/ 4 - 128 - *ὑπό 6 4 - 1 - 7/ 3 - 129 - *ἐγώ 2 5 - 1 - - 3/ 4 130 - *ἐκεῖνος 2 4 - 1 - - 3/ 6 132 - *τοῦτο 1 5 1 1 - - 3/ 5 134 - *αὐτούς - 4 1 - - - 1/ 4 137 - *ἑαυτοῦ 7 9 1 3 - 11/ 5 - 139 - *ἤ 5 8 - - 1 6/ 3 - 140 - *ἐμός 3 7 - 1 - 4/ 4 - 141 - *ὑμᾶς 4 9 1 1 3 9/ 1 - 244 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="245"?> Nr. - Lemma in *Pl o. *Deuterop. im *Ev *Deuterop. *2Th *Laod *Kol ≥ erw. in *Pl insg. < erw. in *Pl 142 - *ὑμῶν 6 20 - 2 - 8/ 8 - 145 - *κατά 6 3 - 2 2 10/ 5 - 147 - *ὡς 2 1 - 2 - 4/ 2 - 148 - *αὐτοῖς 1 2 1 - - - 2/ 7 151 - *ἵνα 18 6 1 2 - 21/ 8 - 152 - *διά 29 7 1 3 2 35/ 4 - 153 - *ἀπό 10 9 2 1 - 13/ 9 - 154 - *ἀλλά 22 1 1 3 - 26/ 18 - 155 - *πρός 6 1 - 2 - 8/ 6 - 156 - *αὐτῷ 5 14 - 1 2 8/ 6 - 157 - *ἡμεῖς 29 5 - 3 1 33/ 5 - 158 - *αὐτόν 3 11 1 1 1 - 6/ 7 159 - _*ἔστιν 18 22 1 4 4 27/ 2 - 160 - *ἐπί 7 20 1 4 - 12/ 5 - 161 - *ἐκ 20 10 - 2 - 22/ 8 - 162 - *μή 22 10 2 4 2 30/ 2 - 163 - *γάρ 36 11 - 1 - 37/ 6 - 164 - *αὐτοῦ 5 17 2 2 3 12/ 3 - 165 - *ὅτι 19 25 1 1 - 21/ 7 - 166 - *οὐ 42 19 1 - 1 43/ 17 - 167 - *εἰς 21 28 2 5 2 30/ 9 - 168 - *ἐν 61 29 2 17 9 89/ 5 - 169 - *δέ 25 28 - 2 1 28/ 2 - 170 - *καί 59 103 5 16 6 86/ 14 - Zunächst sticht ins Auge, dass von den 170 Funktionswörtern, die vorkanonisch zu finden sind und dann ein- oder mehrfach auch in den *Deuteropaulinen wieder begegnen, lediglich 14 nicht zugleich in *Pl und im *Ev bezeugt sind, d. h. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 245 <?page no="246"?> wir haben es augenscheinlich - abgesehen von den weniger häufig bezeugten ersten sieben Begriffen (Nr. 6-31), dann vereinzelt (Nr. 38; 72; 100) und dem kleinen Block von drei Begriffen (Nr. 48-52) - mit einem hohen Maß an Übereinstimmung der vorkanonischen Lexik in *Pl und im *Ev zu tun. Ab Nr. 101 sind alle Funktionsbegriffe in beiden vorkanonischen Entitäten bezeugt. Nun könnte man urteilen, dass dies an der Häufigkeit der Begriffe liegen könnte. Hiergegen spricht, dass das Phänomen bereits bei relativ selten bezeugten Begriffen zu bemerken ist, etwa Nr.-40: οἷς, das in *Pl (ohne *Deuteropaulinen) nur 1 x und auch im *Ev nur 1 Mal bezeugt ist, und im NT nur 47 Mal steht. Es gilt aber auch für den gleich darauffolgenden Begriff Nr. 42: πρό, der in *Pl (ohne *Deuteropaulinen) 1 Mal und im *Ev 4 Mal bezeugt ist, und im NT 49 Mal steht, außerdem waren ja schon in der vorangegangenen Aufstellung deuteropaulinisch nicht bezeugte Begriffe und Formen, die weniger als 49 Mal im NT stehen (_ἔστω; ἔσωθεν; Ὦ; αὐταῖς; πλήν; ταχύς; ναί; σεαυτοῦ; ὤν), in Doppelbezeugung in *Pl und im *Ev begegnet. Als nächstes ist bemerkenswert, dass von den 170 auch *deuteropaulinisch bezeugten Begriffen 58 in *Laod stehen (mit insgesamt 126 Belegstellen), 32 in *Kol (mit 59 Belegstellen) und 29 in *2Thess (mit 38 Belegstellen). Verglichen miteinander weisen sie folgendes Profil im Verhältnis zu *Pl und *Ev auf: - Nicht in *Pl In *Pl Nicht im *Ev Im *Ev *Laod 6 52 8 50 *Kol 3 29 3 29 *2Thess 5 24 4 25 Aus dieser Aufschlüsselung geht hervor, dass bei allen drei *Deuteropaulinen festzustellen ist, dass sie fast im gleichen Maße Gemeinsamkeiten mit *Pl wie mit *Ev haben, wobei bei *Laod und *2Thess die zu *Pl leicht überwiegen. Umgekehrt weisen sie in ähnlicher Weise Differenzen zu diesen beiden *Entitäten auf. Bezieht man die Zahlen auf die unterschiedliche Länge der Briefe, *Laod: 923 Wörter; *Kol: 354 Wörter; *2Thess: 240 Wörter, erkennt man, dass auch die tatsächliche Anzahl der in ihnen präsenten Funktionswörter, die sie mit *Pl und *Ev teilen, für ein gemeinsames Profil der drei *Deuteropaulinen spricht, auch wenn dieses sich wiederum von dem Profil von *Pl wie *Ev, wie die entsprechenden Absenzen zeigen, deutlich weniger unterscheidet als es mit diesen übereinstimmt. Was die letzten beiden Spalten der vorigen Tabelle betrifft, in denen vermerkt wird, wie das Verhältnis der proportional erwarteten Anzahl der Funktionsbe‐ 246 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="247"?> griffe in *Pl insgesamt sich zu den tatsächlich darin zu findenden verhält, stellt man fest, dass - trotz einigen wenigen Ausreißern - i.W. die Erwartungen getroffen oder übertroffen werden (gerade bei den häufigeren Begriffen), und ab und zu eher knapp (erneut mit einigen Ausreißern) unterschritten werden. c) Zusammenfassung Funktionsbegriffe Sowohl was den negativen Befund (Funktionsbegriffe, die auf der kanonischen Ebene - z.T. sogar häufig - stehen, sind vorkanonisch abwesend) betrifft, wie auch den positiven Befund (Funktionsbegriffe, die kanonisch stehen und auch vorkanonisch begegnen), zeigt sich übereinstimmend, dass wir es, was diese Begriffe betrifft, mit einem unterschiedlichen Profil auf der vorkanonischen und auf der kanonischen Ebene zu tun haben. Dies gilt, auch wenn sich innerhalb beider Ebenen wiederum Differenzen feststellen lassen. Wie nicht anders zu erwarten ist, unterscheidet sich das Profil der kanonischen Paulus‐ briefsammlung von derjenigen des Rests des kanonischen Neuen Testaments, und wenn man die Untersuchung noch weiter ausdifferenzieren würde auf die Einzelschriften des Neuen Testaments, würde man vermutlicherweise noch weitere Unterschiede feststellen. Ähnlich gibt es auch einen Profilunterschied zwischen den vorkanonischen sieben *Paulusbriefen und den drei *Deuteropau‐ linen, die der vorkanonischen Sammlung zugehören. Und wie man auch hier noch weiter differenzieren könnte, wenn man die einzelnen sieben *Briefe untersuchen würde, zeigt die relative Profilübereinstimmung der drei vorkano‐ nischen *Deuteropaulinen gegenüber den sieben *Briefen insgesamt: Man kann von einem bestimmten Profil dieser *Deuteropaulinen gegenüber dem Rest des vorkanonischen *Paulus sprechen. Ein Fazit der Untersuchung zu den Funktionsbegriffen lautet demnach: 1. Wir haben es mit einem deutlich anderen Profil der vorkanonischen paulinischen *Briefsammlung gegenüber der kanonischen zu tun. 2. Diese Differenz besteht überhaupt zwischen der vorkanonischen paulini‐ schen *Briefsammlung und dem kanonischen Neuen Testament. 3. Dieser zweite Punkt beruht auf der deutlichen Profilnähe zwischen der vorkanonischen paulinischen *Briefsammlung und dem vorkanonischen *Evangelium. 4. Innerhalb der vorkanonischen und der kanonischen Ebene lassen sich jeweils Profildifferenzen festmachen. Was die vorkanonische Ebene be‐ trifft, liegen diese in einer gewissen eigenen Profilschärfe der drei *Deu‐ teropaulinen gegenüber den übrigen sieben paulinischen *Briefen wie dem vorkanonischen *Evangelium. Auch wenn die drei *Deuteropaulinen näher zur vorkanonischen Ebene stehen als zur kanonischen, befinden §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 247 <?page no="248"?> 92 Auffälligerweise in Röm 15,11, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. wir uns mit diesen doch auf einer gewissen Zwischenebene zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene. d) Häufigere Begriffe, die in *Paulus fehlen Wichtig für die nähere Bestimmung des sprachlichen Profils sind auch häu‐ figere, oft eher unauffällige und wenig inhaltlich geladene Begriffe, auch wenn diese Definition weit offen ist. Darum werden wir wie zuvor bei den Funktionsbegriffen zunächst auf die Wörter achten, die in der vorkanonischen *Paulusbriefsammlung fehlen und von einer gewissen Häufigkeit sind (10 Mal und öfter präsent im NT). Nimmt man den Gesamtbestand von über 4.800 verschiedenen Wörtern in der paulinischen Briefsammlung des kanonischen Neuen Testaments, fehlen in der vorkanonischen *Paulusbriefsammlung davon die zuvor besprochenen 117 Funktionswörter. Betrachtet man das ganze kano‐ nische Neue Testament, sind es bei über 5.600 verschiedenen Wörtern 156 Funktionswörter, die fehlen. 412 häufigere Wörter lassen sich aufführen, die im NT stehen, die aber in *Paulus fehlen. Aus diesen wurden 293 herausgezogen, die in Paulus mindestens 10 Mal im kanonischen Neuen Testament stehen, aber in *Paulus fehlen. Diese 293 Begriffe sollen als nächstes untersucht werden. Sie verteilen sich wie folgt: Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 1 ἁγιάζω 5 - 1 - 1 1 - 6 30 2 ἀδελφή 9 - - - 1 - - - 50 3 ἀδικέω 7 - - 1 - - - - 32 4 ἀείδω - - 1 1 - - - - 14 5 αἰνέω 1 92 - - - - - - - 10 6 αἱρέομαι 1 1 - - - - - 1 17 7 αἰτία - - - - - 2 1 1 22 8 αἴτιος - - - - - 2 1 2 27 9 ἀκάθαρτος 2 - 1 - - - - - 33 248 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="249"?> 93 Auffälligerweise in Röm 15,21, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist (in beiden Fällen ein Zitat aus der jüdischen Schrift). 94 Alle Belegstellen in 1Kor. 95 Davon eine Belegstelle in Röm 15,31, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 10 ἄκανθα - - - - - - - 1 14 11 ἀκοή 6 - - - - 2 - 2 24 12 ἀληθής 1 - - - - - 1 - 27 13 ἀμπελών 1 - - - - - - - 23 14 ἀναγγέλλω 2 93 - - - - - - - 20 15 ἀνάγω 1 - - - - - - 1 24 16 ἀναιρέω - 1 - - - - - 1 28 17 ἀνακρίνω 8 94 - - - - - - - 16 18 ἀναλαμβάνω - - 2 - 1 2 - - 19 19 ἀναπαύω 3 - - - - - - - 15 20 ἀναστροφή 1 - 1 - 1 - - 1 13 21 ἀνατέλλω - - - - - - - 1 10 22 ἀναφέρω - - - - - - - 3 10 23 ἀνομία 3 2 - - - - 1 3 16 24 ἄνομος - 1 - - 1 - - - 10 25 ἀντιλέγω 1 - - - - - 2 - 14 26 ἀξιόω 1 1 - - 1 - - 2 11 27 ἀπειθέω 6 95 - - - - 1 2 2 22 28 ἀπιστία 3 - - - 1 - - 2 12 29 ἀποκαθίστημι - - - - - - - 1 10 30 ἀποκρίνω - - - 1 - - - - 265 31 ἀπολαμβάνω 2 - - 1 - - - - 14 32 ἀπολογέομαι 1 - - - - - - - 13 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 249 <?page no="250"?> 96 Davon drei Belegstellen in Röm 15,1. 2. 3, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 97 Davon eine Belegstelle in Röm 15,8, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 98 Davon zwei Belegstellen in Röm 15,4; 16,26, in zwei Kapiteln, die von *Röm abwesend sind. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 33 ἀρέσκω 12 96 - - - - 1 - - 21 34 ἀριθμός 1 - - - - - - - 21 35 ἄρσην 1 - - - - - - - 12 36 αὐξάνω 4 - 2 3 - - - - 27 37 ἀφαιρέω 1 - - - - - - 1 11 38 ἄφεσις - - 1 1 - - - 2 18 39 ἀφήκω/ ἀφίημι - - - - - - - 1 22 40 ἀφίστημι - - - - 2 1 - 1 15 41 ἀφορίζω 4 - - - - - - - 11 42 βαπτίζω 10 - - - - - - - 90 43 βεβαιόω 4 97 - - 1 - - - 3 10 44 βιβλίον/ βυβλίον 1 - - - - 1 - 2 37 45 βίβλος 1 - - - - - - - 10 46 βλασφημία - - 1 1 1 - - - 22 47 βουλή 1 - 1 - - - - 1 14 48 βούλομαι 6 - - - 3 - 1 1 41 49 βρέφος - - - - - 1 - - 10 50 γεωργέω - - - - - - - 1 12 51 γεωργός - - - - - 1 - - 19 52 γραφή 10 98 - - - 1 1 - - 54 53 γρηγορέω 3 - - 1 - - - - 23 54 δειπνέω 1 - - - - - - - 11 250 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="251"?> 99 Davon eine Belegstellen in Röm 15,31, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 100 Davon drei Belegstellen in Röm 15,8. 25; 16,1, in zwei Kapiteln, die von *Röm abwesend sind. 101 Davon eine Belegstelle in Röm 15,1, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 55 δέσμιος 2 - 2 - - 1 - 2 17 56 δεσπότης - - - - 2 1 1 - 10 57 διακονία 12 99 - - 1 1 2 - 1 35 58 διάκονος 11 100 - - 4 3 - - - 36 59 διακρίνω 6 - - - - - - - 21 60 διαλέγω - - - - - - - 1 14 61 διαμαρτύρομαι 1 - - - 1 2 - - 16 62 διατάσσω 5 - - - - - 1 - 18 63 διαφέρω 4 - - - - - - - 13 64 διηγέομαι - - - - - - - 1 10 65 διψάω 2 - - - - - - - 18 66 δυνατός 18 101 - - - 1 2 1 4 115 67 δύω/ δύνω - - - - - - - 1 20 68 δωρεά 5 1 2 - - - - 1 20 69 δωρεάν 3 1 1 - - - - - 14 70 δῶρον - - 1 - - - - 5 20 71 ἐάω 1 - - - - - - - 14 72 ἐγκαταλείπω - - - - - 2 - 2 12 73 ἔθος - - - - - - - 1 13 74 εἰσάγω - - - - - - - 1 11 75 ἐκκόπτω 2 - - - - - - - 10 76 ἐκπίπτω 2 - - - - - - - 13 77 ἐκπορεύω - - 1 - - - - - 36 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 251 <?page no="252"?> 102 Davon eine Belegstelle in Röm 15,9, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 103 Nach dem von mir nachgetragenen Zeugnis des Hieronymus steht dieser Begriff in *Gal 1,4 - er ist folglich in dieser Liste zu ignorieren. 104 Davon eine Belegstelle in Röm 15,9, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 105 Der Beleg in Röm 15,3, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 78 ἐκχέω 2 - - - - - 1 - 35 79 ἔλαιον - - - - - - - 1 12 80 ἐλέγχω - - 2 - 1 2 3 1 20 81 ἔλεος 5 102 - 1 - 1 3 2 1 35 82 ἐλευθερόω 6 - - - - - - - 15 83 ἐμφανίζω - - - - - - - 2 10 84 ἐνδείκνυμι 2 - 3 - 1 1 2 2 12 85 ἔνοχος 1 - - - - - - 1 10 86 ἐντέλλω - - - - - - - 2 17 87 ἐξάγω - - - - - - - 1 14 88 ἐξαιρέω 103 1 - - - - - - - 11 89 ἔξειμι 1 - - - - 1 - - 10 90 ἐξομολογέομαι 3 104 - - - - - - - 10 91 ἐπαγγέλλω 1 - - - 2 - 1 4 15 92 ἐπέρχομαι - - 1 - - - - - 11 93 ἐπιζητέω 2 - - - - - - 2 17 94 ἐπικαλέω 4 - - - - 1 - 1 35 95 ἐπιλαμβάνω - - - - 2 - - 2 19 96 ἐπιμένω 6 - - 1 1 - - - 20 97 ἐπιπίπτω 1 105 - - - - - - - 15 98 ἐπίσταμαι - - - - 1 - - 1 16 252 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="253"?> 106 Davon eine Belegstelle in Röm 16,22, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 107 Davon eine Belegstelle in Röm 15,28, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 108 Davon zwei Belege in Röm 15,29; 16,18, aus zwei Kapiteln, die von *Röm abwesend sind. 109 Davon eine Belegstelle in Röm 15,10, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 110 Davon eine Belegstelle in Röm 16,4, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 99 ἐπιστολή 9 106 4 - 1 - - - - 25 100 ἐπιτελέω 5 107 - - - - - - 2 11 101 ἐρευνάω 2 - - - - - - - 12 102 ἐρημόω 1 - - - - - - - 10 103 ἐρωτάω 3 1 - - - - - - 71 104 εὐάρεστος 5 - 1 1 - - 1 1 10 105 εὐλογία 6 108 - 1 - - - - 2 16 106 εὐσέβεια - - - - 8 1 1 - 15 107 εὐφραίνω 3 109 - - - - - - - 16 108 εὐχαριστέω 17 110 2 2 4 - - - - 43 109 εὐχαριστία 6 - 1 2 3 - - - 15 110 εὔχομαι 3 - - - - - - - 10 111 ζηλόω 10 - - - - - - - 20 112 ζῷον - - - - - - - 1 23 113 θηρίον - - - - - - 1 1 46 114 θρόνος - - - 1 - - - 4 70 115 θυσιαστήριον 3 - - - - - - 2 23 116 ἰάομαι - - - - - - - 1 31 117 ἱκανός 5 - - - - 1 - - 45 118 ἱκανόω 3 - - 1 - 1 - - 18 119 ἰσχυρός 3 - - - - - - 3 27 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 253 <?page no="254"?> 111 Davon eine Belegstelle in Röm 15,18, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 112 Davon eine Belegstelle in Röm 15,26, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 120 καθίημι - - - - - - - 1 18 121 καθίστημι - - - - - - 1 3 21 122 καταβολή - - 1 - - - - 3 11 123 κατάγω 1 - - - - - - - 12 124 κατακαίω 1 - - - - - - 1 13 125 κατακείω 1 - - - - - - - 12 126 καταλαμβάνω 5 - 1 - - - - - 20 127 κατανοέω 1 - - - - - - 2 14 128 καταρτίζω 4 - - - - - - 3 15 129 κατεργάζομαι 17 111 - 1 - - - - - 25 130 κατεσθίω 2 - - - - - - - 15 131 κεῖμαι 4 - - - 1 - - - 30 132 κερδαίνω 5 - - - - - - - 20 133 κλάδος 5 - - - - - - - 12 134 κλάω 2 - - - - - - - 15 135 κληρόνομος 6 - - - - - 1 3 15 136 κλῆρος - - - 1 - - - - 13 137 κλῆσις 4 1 3 - - 1 - 1 11 138 κλητός 6 - - - - - - - 12 139 κλίνω - - - - - - - 1 10 140 κοιμάω 9 - - - - - - - 20 141 κοινός 1 - - - - - 1 1 23 142 κοινόω - - - - - - - 1 15 143 κοινωνία 12 112 - - - - - - 1 21 254 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="255"?> 113 Davon zwei Belegstellen in Röm 16,6. 12, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 144 κοινωνός 5 - - - - - - 1 12 145 κοπιάω 8 113 - 1 1 2 1 - - 26 146 κόπος 10 1 - - - - - 1 21 147 κοσμέω - - - - 1 1 - - 10 148 κρείσσων 5 - - - - - - 12 23 149 κρίσις - 1 - - 1 - - 2 50 150 κύριοι 1 - 2 2 - - - - 14 151 κωλύω 3 - - - 1 - - 1 27 152 λατρεύω 3 - - - - 1 - 6 23 153 -- εἶπεν 2 - - - - - 1 1 611 154 -- εἶπον 1 - - - - - - 2 166 155 -- εἴρηκεν 1 - - - - - - 5 10 156 -- ἔλεγεν 1 - - - - - - - 74 157 -- ἔλεγον 2 1 - - - - - - 74 158 -- ἐρρέθη / ἐρρέθησαν 3 - - - - - - - 11 159 -- λέγειν 1 - 1 - - - 1 4 41 160 -- λεγόμενος - - - 1 - - - - 12 161 -- λέγοντος - - - - - - - 1 25 162 -- λέγων 3 - - - - - - 8 194 163 λῃστής 1 - - - - - - - 15 164 λῆψις 1 - - - - - - - 15 165 λιθάζω 1 - - - - - - 1 11 166 λογίζομαι 31 - - - - 1 - 1 43 167 λυπέω 9 - 1 - - - - - 30 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 255 <?page no="256"?> 114 Davon eine Belegstelle in Röm 15,14, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 168 λύπη 6 - - - - - - 1 17 169 μακροθυμέω 2 - - - - - - 1 11 170 μακροθυμία 4 - 1 2 1 2 - 1 14 171 μάλιστα 3 - - - 3 1 1 - 12 172 μαργαρίτης - - - - 1 - - - 11 173 μαρτυρία - - - - 1 - 1 - 39 174 μαστιγόω - - - - - - - 2 10 175 μερίζω (zu‐ teilen) 5 - - - - - - 1 16 176 μεστός 2 114 - - - - - - - 10 177 μετανοέω 1 - - - - - - - 36 178 μετάνοια 3 - - - - 1 - 3 24 179 μετρέω 2 - - - - - - - 13 180 μιμέομαι 4 2 1 - - - - 2 11 181 μονογενής - - - - - - - 1 11 182 νεώτερος - - - - 3 - - - 11 183 νηστεία 3 - - - - - - - 10 184 νικάω 2 - - - - - - - 29 185 νίπτω - - - - - - 1 - 17 186 νοέω 1 - 2 - 1 1 - 1 14 187 νομίζω 1 - - - 1 - - - 18 188 νόσος - - - - 1 - - - 13 189 ξενίζω - - - - - - - 1 10 190 οἰκέω 8 - - - 2 - - 4 39 256 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="257"?> 115 Davon eine Belegstelle in Röm 16,23, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 116 Der eine Beleg ist Röm 15,6, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 117 Davon eine Belegstelle in Röm 15,13, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 191 οἰκόνομος 4 115 - - - - - 1 - 10 192 οἰκουμένη 1 - - - - - - 2 16 193 ὄμνυμι - - - - - - - 6 27 194 ὁμοθυμαδόν 1 116 - - - - - - - 12 195 ὁμοιόω 1 - - - - - - 1 17 196 ὁμοίως 4 - - - - - - 1 33 197 ὅρκος - - - - - - - 2 10 198 παιδεύω 2 - - - 1 1 1 3 13 199 παραγίγνομαι 1 - - - - 1 - 1 42 200 παράγω 1 - - - - - - - 11 201 παραιτέομαι - - - - 2 1 1 2 14 202 παραλαμβάνω 8 1 - 3 - - - 1 54 203 παρεμβολή - - - - - - - 3 10 204 παρέχω 1 - - 1 2 - 1 - 17 205 παρρησιάζομαι 1 - 1 - - - - - 10 206 παύω - - 1 1 - - - 1 15 207 πειράζω 6 - - - - - - 5 42 208 πειράω 2 - - - - - - 4 12 209 περισσεύω 20 117 - 1 1 - - - - 42 210 πετεινός 1 - - - - - - - 15 211 πέτρα 2 - - - - - - - 17 212 πιάζω 1 - - - - - - - 12 213 πιπράσκω 1 - - - - - - - 10 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 257 <?page no="258"?> 118 Davon eine Belegstelle in Röm 16,2, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 119 Davon eine Belegstelle in Röm 15,7, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 120 Davon eine Belegstelle in Röm 15,12, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 121 Davon eine Belegstelle in Röm 15,27, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 214 πίπτω 7 - - - - - - 3 112 215 πλεονεξία 3 - 2 1 - - - - 10 216 πλῆθος - - - - - - - 1 34 217 πληθύνω 1 - - - - - - 1 14 218 πλουτέω 5 - - - 3 - - - 18 219 ποικίλος - - - - - 1 1 2 10 220 πόρνος - - 1 - 1 - - 2 12 221 ποταμός 1 - - - - - - - 18 222 πρᾶγμα 4 118 - - - - - - 3 11 223 πραΰτης (und πραϋς) 3 - 1 1 - 1 1 - 22 224 πρεσβύτερος - - - - 4 - 1 1 74 225 προάγω - - - - 2 - - 1 21 226 προσέρχομαι - - - - 1 - - 7 97 227 προσκαρτερέω 2 - 1 1 - - - - 11 228 προσκυνέω 1 - - - - - - 2 67 229 προσλαμβάνω 5 119 - - - - - - - 15 230 πύλη - - - - - - - 1 11 231 ῥίζα 4 120 - - - 1 - - 1 17 232 σάλπιγξ 1 - - - - - - - 12 233 σαλπίζω 1 - - - - - - - 12 234 σαρκικός 8 121 - - - - - - 1 11 235 σῖτος 1 - - - - - - - 15 258 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="259"?> 122 Davon eine Belegstelle in Röm 16,25, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 123 Davon drei Belegstellen in Röm 16,7. 11. 21, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 124 Davon drei Belegstellen in Röm 16,3. 9. 21, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 125 Alle Belege aus 1Kor. 126 Davon eine Belegstelle in Röm 15,21, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 127 Davon eine Belegstelle in Röm 16,1, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 128 Davon eine Belegstelle in Röm 16,1, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 236 σπλάγχνον 7 - - 1 - - - - 12 237 σπουδή 7 - - - - - - 1 12 238 στάσις - - - - - - - 1 10 239 στέφανος 2 - - - - 1 - - 25 240 στήκω 5 1 - - - - - - 12 241 στηρίζω 5 122 2 - - - - - - 16 242 στρατιώτης - - - - - 1 - - 27 243 συγγενής 4 123 - - - - - - - 13 244 συλλαμβάνω 1 - - - - - - - 20 245 συμφέρω 2 - - - - - - - 19 246 συνάγω 1 - - - - - - - 66 247 σύνδουλος - - - 2 - - - - 11 248 συνείδησις 10 - - - 4 1 1 5 32 249 συνεργέω 7 - - 1 - - - - 11 250 συνεργός 11 124 - - 1 - - - - 14 251 συνέρχομαι 8 125 - - - - - - - 34 252 συνίημι 3 126 - 1 - - - - - 31 253 συνίστημι („stehen mit“) 7 127 - - 1 - - - - 11 254 συνίστημι („empfehlen“) 9 128 - - - - - - - 10 255 συντρίβω 1 129 - - - - - - - 10 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 259 <?page no="260"?> 129 Der eine Beleg in Röm 16,20, einem Kapitel, das von *Röm abwesend ist. 130 Davon drei Belege in Röm 15,18; 16,19. 26 aus zwei Kapiteln, die von *Röm abwesend sind. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 256 σφραγίς 2 - - - 1 - - - 17 257 τάξις 1 - - 1 - - - 6 10 258 τάσσω 2 - - - - - - - 10 259 τεῖχος 1 - - - - - - 1 10 260 τελειόω 3 - - 1 - - - 10 32 261 τελευτάω - - - - - - - 1 14 262 τηρέω 3 - 1 - 2 1 - - 81 263 τίκτω 1 - - - - - - 2 19 264 τίμιος 1 - - - - - - 1 13 265 τράπεζα 2 - - - - - - 1 15 266 τρόπος 2 2 - - - 1 - 1 14 267 τυγχάνω 3 - - - - 1 - 2 13 268 ὕδωρ - - 1 - - - - 2 82 269 ὑμέτερος 5 - - - - - - - 11 270 ὑπακοή 11 130 - - - - - - 1 16 271 ὑπομιμνήσκω - - - - - 1 1 - 11 272 ὑστερέω 7 - - - - - - 3 19 273 ὕψιστος - - - - - - - 1 13 274 φαίνω 3 - - - - - - 1 34 275 φείδομαι 5 - - - - - - - 10 276 φέρω 1 - - - - 1 - 5 71 277 φεύγω 2 - - - 1 1 - 1 33 278 φιλέω 1 - - - - - 1 - 25 260 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="261"?> 131 Davon zwei Belege Röm15,13. 32, einem Kapitel mit Vers, das von *Röm abwesend ist. 132 Im Nachgang musste noch ergänzt werden: μαρτυρέω. Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 279 φόβος 13 - 2 - 1 - - 1 61 280 χαρά 17 131 - - 1 - 1 - 4 62 281 χείρων - - - - 2 2 - 3 29 282 χιλιάς 1 - - - - - - - 25 283 χόρτος 1 - - - - - - - 17 284 χράω 4 - - - 2 - - - 12 285 χρηστότης 4 - 1 1 - - 1 - 11 286 χρύσεος - - - - 1 1 - 1 25 287 χρυσίον - - - - 1 - - 1 14 288 χρυσός 1 - - - 1 - - - 12 289 χρυσόω - - - - - - - 1 13 290 χωλός - - - - - - - 1 19 291 χωρέω 1 - - - - - - - 11 292 ψεύστης 1 - - - 1 - 1 - 10 293 ὠφελέω 4 - - - - - - 2 17 Diese Liste von häufigeren Wörtern im neutestamentlichen Paulus, die im vorkanonischen *Paulus fehlen, 132 führt uns, wie wir sehen werden, nahe an die Lexik nicht nur des kanonischen Paulus, sondern überhaupt zu derjenigen der kanonischen Redaktion. Beginnen wir mit der Perspektive des Hebräerbriefes aus dieser Liste: Zunächst lässt sich feststellen, dass 149 der Begriffe zum Teil recht häufig in Hebr begegnen, wobei die Werte von Nr. 148: κρείσσων mit 12 Mal bis herab zu 81 Begriffen, die 1 Mal begegnen, reichen. Dennoch nährt sich die Liste der Abwesenheit von Begriffen nicht alleine aus dem Wortüberschuss, den der Hebräerbrief alleine hätte. Wir dürfen nicht vergessen, dass hier nur §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 261 <?page no="262"?> Begriffe ausgewählt wurden, die mindestens 10 Mal im kanonischen Neuen Testament stehen. Etwa die drei häufigsten Begriffe der Liste, die in Hebr stehen (Nr.-148: 12 Mal; Nr.-260: 10 Mal; Nr.-162: 8 Mal), sind oft im Rest des Neuen Testaments belegt (Nr.-148: 23 Mal; Nr.-260: 32 Mal; Nr.-162: 194 Mal), es handelt sich also bei diesen Wörtern nicht um spezifisches Vokabular nur des Hebräerbriefes. Und doch stellt die Sprache des Hebr nicht nur gegenüber der vorkanonischen Ebene, sondern auch gegenüber dem kanonischen Paulus etwas Besonderes dar. Denn von den 149 Wörtern, die durch Hebr in der Liste belegt sind und in *Paulus fehlen, finden sich die folgenden 31 Wörter auch nicht im kanonischen Paulus: Nr.-10: ἄκανθα Nr.-79: ἔλαιον Nr.-181: μονογενής Nr.-290: χωλός Nr.-21: ἀνατέλλω Nr.-83: ἐμφανίζω Nr.-189: ξενίζω - Nr.-22: ἀναφέρω Nr.-86: ἐντέλλω Nr.-193: ὄμνυμι - Nr.-29: ἀποκαθίστημι Nr.-87: ἐξάγω Nr.-197: ὅρκος - Nr.-39: ἀφήκω/ ἀφίημι Nr.-112: ζῷον Nr.-203: παρεμβολή - Nr.-50: γεωργέω Nr.-116: ἰάομαι Nr.-216: πλῆθος - Nr.-60: διαλέγω Nr.-120: καθίημι Nr.-230: πύλη - Nr.-64: διηγέομαι Nr.-139: κλίνω Nr.-238: στάσις - Nr.-67: δύω/ δύνω Nr.-142: κοινόω Nr.-261: τελευτάω - Nr.-73: ἔθος Nr. 161: - λέγοντος Nr.-273: ὕψιστος - Nr.-74: εἰσάγω Nr.-174: μαστιγόω Nr.-289: χρυσόω - Da es sich um auch sonst häufiger im Neuen Testament begegnende Lexik handelt, lässt sich eine gewisse Nähe von Hebr und dem Rest des Neuen Testaments feststellen, zugleich aber auch eine gewisse Distanz zwischen dem kanonischen Paulus und Hebr. Eine zweite Perspektive - Röm 15-16: Ein ähnliches Phänomen begegnet bei der Betrachtung der folgenden 36 Begriffe, die in *Paulus fehlen und alle unter anderem in den beiden letzten Kapiteln von Röm begegnen. Doch wie bei Hebr ist es auch bei diesen Kapiteln des Römerbriefes so, dass es keine Sondersprache ist, die uns diese Begriffe spiegeln. Denn auch diese Begriffe stehen ja 10 Mal und öfter im Neuen Testament. Und doch stechen folgende 14 Termini heraus, die nur hier im kanonischen Paulus zu finden sind: 262 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="263"?> Nr.-5: αἰνέω Nr.-176: μεστός Nr.-14: ἀναγγέλλω Nr.-194: ὁμοθυμαδόν Nr.-17: ἀνακρίνω Nr.-229: προσλαμβάνω Nr.-90: ἐξομολογέομαι Nr.-243: συγγενής Nr.-97: ἐπιπίπτω Nr.-251: συνέρχομαι Nr.-100: ἐπιτελέω Nr.-254: συνίστημι („empfehlen“) Nr.-107: εὐφραίνω Nr.-255: συντρίβω Erneut lässt sich eine gewisse Nähe zum Rest des kanonischen Neuen Testa‐ ments feststellen, während zugleich eine Differenz gegenüber der Lexik des kanonischen Paulus, ganz zu schweigen vom vorkanonischen *Paulus, besteht. Überhaupt lässt sich eine Nähe auch zwischen der Sprache von Röm 15-16 und Hebr feststellen: Nr.-27: ἀπειθέω; Nr.-43: βεβαιόω; Nr.-57: διακονία; Nr.-66: δυνατός; Nr. 81: ἔλεος; Nr. 100: ἐπιτελέω; Nr. 105: εὐλογία; Nr. 143: κοινωνία; Nr. 222: πρᾶγμα; Nr. 231: ῥίζα; Nr. 234: σαρκικός; Nr. 270: ὑπακοή; Nr. 280: χαρά. Demnach finden sich 13 gemeinsame Begriffe, wobei innerhalb von Paulus sich 5 dieser Begriffe nicht in weiteren Deutero- oder Pseudopaulinen finden (4 in Röm 15: Nr. 100; Nr. 143; Nr. 222; Nr. 234; 1 in Röm 16: Nr. 270). Allerdings führt dieser Vergleich auf das weitere Cluster. Denn die nachfolgenden Begriffe teilen sich Röm 15-16 und Hebr mit deren Präsenz in den Pastoralbriefen (Nr. 27; Nr. 66; Nr. 232), mit den Pastoralbriefen und mit Eph (Nr. 81), mit den Pastoralbriefen und mit Kol (Nr.-57), nur mit Eph (Nr.-105) oder nur mit Kol (Nr.-43). Demnach scheint die Nähe von Röm 15-16 nicht nur zu Hebr (bzw. umge‐ kehrt) zu existieren - sondern mit einer gewissen Differenz auch zu den anderen Deutero- und Pseudopaulinen, insbesondere zu den Pastoralbriefen, zu Eph und Kol. Eine dritte Perspektive - Past: Die sprachliche Verbindung dieser Schriften (inkl. Hebr) erhärtet sich, wenn man die obige Liste von den Pastoralbriefen aus betrachtet: Alleine steht einer oder stehen mehrere der Pastoralbriefe in dieser Liste nur 13 Mal (Nr. 49; 51; 56; 106; 147; 171; 172; 173; 182; 185; 188; 241; 270). Hingegen ist mit deutlichem Abstand die häufigste Kombination diejenige, wonach die Pastoralbriefe Begriffe mit Pl und Hebr gemeinsam haben; 22 Mal (Nr. 27; 28; 44; 48; 66; 91; 94; 113; 141; 151; 152; 153; 166; 178; 190; 198; 199; 231; 248; 267; 276; 277). Auch noch sehr häufig ist 17 Mal die Kombination mit Hebr alleine (Nr. 7; 8; 11; 39; 72; 95; 98; 121; 135; 201; 219; 224; 225; 226; 281; 286; 287) und 15 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 263 <?page no="264"?> Mal mit Pl alleine (Nr. 33; 52; 61; 62; 78; 117; 131; 187; 191; 218; 239; 278; 284; 288; 292). Dann, mit mehr als der Hälfte, 8 Mal, folgt die Kombination mit Pl + Eph + Hebr (Nr. 1; 20; 55; 81; 84; 159; 186; 279). Die Hälfte weniger, 4 Mal stehen die zwei Kombinationen mit Pl + Kol (Nr. 58; 96; 118; 204) und mit Pl + Eph + Kol (Nr. 109; 145; 223; 285). Es folgen 3 Mal die Kombinationen mit 2Thess + Hebr (Nr. 23; 26; 149); 2 Mal jeweils die Kombinationen mit Eph + Hebr (Nr. 80; 220); Pl + Kol + Hebr (Nr. 57; 280); Pl + Eph + Kol + Hebr (Nr. 104; 170), und jeweils 1 Mal die Kombinationen mit Eph (Nr. 18), mit Eph + Kol (Nr. 46), mit 2Thess (Nr. 24), mit Pl + Eph (Nr. 262); Pl + 2Thess + Hebr (Nr. 266), mit Pl + 2Thess + Kol + Hebr (Nr.-202) und mit Pl + 2Thess + Eph + Hebr (Nr.-137). Aus diesen Zahlen wird erkennbar, dass die Pastoralbriefe, die eine gewisse ei‐ gene Lexik besitzen, die sie mit dem übrigen Neuen Testament teilen, gegenüber Paulus eine ebenfalls erkennbare Distanz aufweisen, dann am häufigsten ihre Terminologie in der paulinischen Sammlung mit Paulus und Hebr gemeinsam haben, bald danach sowohl mit Hebr alleine wie mit den sieben Paulusbriefen alleine. Allerdings gibt es auch Überlappungen mit den Deuteropaulinen in unterschiedlicher Konstellation, wobei auch hier wieder auffällt, wie oft Hebr in diesen Kombinationen mit auftaucht. Eine vierte Perspektive - die Deuteropaulinen: Es ist zu bemerken, dass von den Deuteropaulinen 2Thess nie ein Wort alleine aufweist (immer mitzubedenken ist, dass es natürlich Wortbestand ist, der 10 x und häufiger im NT begegnet), während Eph 2 Mal alleine steht (Nr. 77; 92), Kol hingegen doppelt so oft, also 4 Mal (Nr. 30; 136; 160; 247). Das Alleinstehen gibt uns Aufschluss über die Selbständigkeit eines lexikalischen Profils. Die Nähe zu Paulus drückt sich durch das Teilen von Wortmaterial mit diesem aus, was in allen drei Deuteropaulinen ins Auge sticht. Am seltensten hat wiederum 2Thess Wortmaterial, das nicht mit den sieben Paulusbriefen geteilt wird, lediglich im Fall der zweimaligen Übereinstimmungen mit den Past (Nr. 24; 149) und 1 Mal Hebr (Nr.-16). Hingegen hat Eph eine Reihe von Übereinstimmungen, ohne die sieben Briefe des Paulus, nämlich 1 Mal mit Kol (Nr. 4), 1 Mal mit Kol und Past (Nr. 46), 2 Mal mit Kol und Hebr (Nr. 38; 206), 1 Mal mit Past (Nr. 18), 2 Mal mit Past und Hebr (Nr. 80; 220), und 3 Mal mit Hebr (Nr. 70; 122; 268). Etwas weniger selbständig ist Kol, der ohne Pl folgende Übereinstimmungen hat: 1 Mal mit Eph und Past (Nr. 46), 2 Mal mit Eph und Hebr (Nr. 38; 206) und 1 Mal mit Hebr (Nr.-114). Die Abhängigkeit von Paulus erweist sich an der alleinigen Übereinstimmung mit diesem, im Falle von 2Thess liegt diese 4 Mal vor (Nr. 103; 157; 240; 241), im Fall von Eph 6 Mal (Nr. 9; 126; 129; 167; 205; 252), im Fall von Kol 7 Mal (Nr. 2; 31; 53; 236; 249; 250; 253). 264 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="265"?> Aus diesen und den voranstehenden Zahlen ergibt sich eine Tendenz: Kol ist einerseits am selbständigsten und zugleich Paulus am nächsten, dann kommen in absteigender Tendenz Eph und 2Thess (aber nur, was die Nähe zu Paulus, nicht was die Selbständigkeit angeht, s. vorletzter Absatz). Was die weiteren Übereinstimmungen mit Pl, den Deuteropaulinen und Hebr betrifft, gibt sich folgende Übersicht: 2Thess: + Pl + Eph: Nr. 69; + Pl + Eph + Kol: Nr. 108; + Pl + Eph + Past + Hebr: Nr. 137; + Pl + Eph + Hebr: Nr. 68; + Pl + Kol: Nr. 99; + Pl + Kol + Hebr: Nr. 202; + Pl + Hebr: Nr. 6; 146; + Pl + Past + Hebr: Nr. 26; 266; Eph: + Pl + 2Thess: Nr. 69; + Pl + 2Thess + Kol: Nr. 108; + Pl + 2Thess + Past + Hebr: Nr.-137; + Pl + 2Thess + Hebr: Nr. 68; + Pl + Kol: Nr. 36; 150; 209; 215; 227; + Pl + Kol + Past: Nr. 109; 145; 285; + Pl + Kol + Past + Hebr: Nr. 104; 170; + Pl + Past: Nr. 262; + Pl + Past + Hebr: Nr. 1; 20; 55; 81; 84; 159; 186; 279; + Pl + Hebr: Nr. 47; 105; Kol: + Pl + 2Thess: Nr. 99; + Pl + 2Thess + Eph: Nr. 108; + Pl + Eph: Nr. 36; 150; 209; 215; 227; + Pl + Eph + Past: Nr. 109; 145; 285; + Pl + Eph + Past + Hebr: Nr. 104; 170; 280; + Pl + Past: Nr. 58; 96; 118; 204; + Pl + Past + Hebr: Nr. 57; + Pl + Hebr: Nr. 43; 257; 260; Wie schon bei der Untersuchung von Hebr aufgefallen ist, sticht die Nähe von Hebr zu den Deuteropaulinen und den Past hervor. 2Thess hat am wenigstens §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 265 <?page no="266"?> Übereinstimmungen mit den anderen Deuteropaulinen, Past und Hebr, während Eph am meisten von diesen hat, gefolgt von Kol. Bei Eph folgt nach den Übereinstimmungen mit Pl, Past und Hebr diejenige mit Pl + Kol, umgekehrt ist die häufigste Übereinstimmung von Kol direkt die mit Pl + Eph. Die Übereinstimmung von Eph und Kol mit 2Thess (und umgekehrt) ist hingegen deutlich geringer. Es verwundert folglich nicht, wenn in der Forschung immer schon Eph und Kol als eng zusammenstehend betrachtet wurden. Eine fünfte Perspektive - Paulus: Hier fällt sofort auf, dass die sieben „authentischen“ Briefe des Paulus 70 Begriffe besitzen, die sie mit keinem anderen der kanonischen paulinischen Briefe teilen (Nr. 5; 13; 14; 17; 19; 32; 34; 35; 41; 42; 45; 54; 59; 63; 65; 71; 75; 76; 82; 88; 90; 97; 101; 102; 107; 110; 111; 123; 125; 130; 132; 133; 134; 138; 140; 148; 156; 158; 163; 164; 176; 177; 179; 183; 184; 194; 200; 203; 210; 211; 212; 213; 221; 229; 232; 233; 235; 243; 244; 245; 246; 251; 254; 255; 258; 269; 275; 282; 283; 291). Auch in diesem Fall wird man dies als Alleinstellungsmerkmal betrachten, was für ein eigenständiges lexikalisches Profil spricht. Gleichwohl finden sich auch bei Pl Übereinstimmungen mit den weiteren Briefen: + 2Thess: Nr. 103; 157; 240; 241; + 2Thess + Eph: Nr. 69; + 2Thess + Eph + Kol: Nr. 108; + 2Thess + Eph + Past + Hebr: Nr. 137; + 2Thess + Eph + Hebr: Nr. 68; 180; + 2Thess + Kol: Nr. 99; + 2Thess + Kol + Hebr: Nr. 202; + 2Thess + Hebr: Nr. 6; 146; + 2Thess + Past + Hebr: Nr. 23; 26; 266; + Eph: Nr. 9; 126; 129; 167; 205; 252; + Eph + Kol: Nr. 36; 150; 209; 215; 227; + Eph + Kol + Past: Nr. 109; 145; 223; 285; + Eph + Kol + Past + Hebr: Nr. 104; 170; 279; + Eph + Hebr: Nr. 47; 105; + Eph + Past: Nr. 262; + Eph + Past + Hebr: Nr. 20; 55; 81; 84; 159; 186; + Kol: Nr. 31; 53; 236; 249; 250; 253; + Kol + Past: Nr. 58; 96; 109; 204; + Kol + Past + Hebr: Nr. 57; 280; + Kol + Hebr: Nr. 43; 257; 260; 266 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="267"?> + Past: Nr. 2; 12; 25; 27; 33; 52; 61; 62; 78; 89; 117; 131; 171; 187; 191; 218; 239; 256; 278; 284; 288; 292; + Past + Hebr: Nr. 11; 28; 44; 48; 66; 91; 94; 135; 141; 151; 152; 153; 166; 178; 190; 198; 199; 231; 248; 267; 276; 277; + Hebr: Nr. 15; 37; 87; 93; 100; 115; 119; 124; 127; 128; 143; 144; 154; 155; 162; 165; 168; 169; 175; 192; 195; 196; 207; 208; 214; 217; 222; 228; 234; 237; 259; 263; 264; 265; 270; 272; 274; 293. Eine sechste Perspektive - die Häufigkeit der Wörter: Hier folgt dieselbe Liste wie oben S. 248-261, lediglich nach Häufigkeit ge‐ ordnet und gekürzt auf die Wörter, die 40 x und häufiger in der Liste erscheinen: Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 153 -- εἶπεν 2 - - - - - 1 1 611 30 ἀποκρίνω - - - 1 - - - - 265 162 - - λέγων 3 - - - - - - 8 194 154 -- εἶπον 1 - - - - - - 2 166, davon 36 in der gramm. Form von Pl 66 δυνατός 18 - - - 1 2 1 4 115 214 πίπτω 7 - - - - - - 3 112 226 προσέρχομαι - - - - 1 - - 7 97 42 βαπτίζω 10 - - - - - - - 90 269 ὕδωρ - - 1 - - - - 2 82 263 τηρέω 3 - 1 - 2 1 - - 81 156 -- ἔλεγεν 1 - - - - - - - 74 157 -- ἔλεγον 2 1 - - - - - - 74 224 πρεσβύτερος - - - - 4 - 1 1 74 103 ἐρωτάω 3 1 - - - - - - 71 277 φέρω 1 - - - - 1 - 5 71 114 θρόνος - - - 1 - - - 4 70 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 267 <?page no="268"?> Nr. Lemma Anzahl in den ka‐ nonisch-paulinischen Briefen, die auch vor‐ kanonisch stehen Anzahl in kanonisch-pau‐ linischen Briefen, die nicht-vorkanonisch sind Anzahl ge‐ samt in der kanoni‐ schen Sammlung - - Pl 2Th Eph Kol 1Tim 2Tim Tit Hebr - 228 προσκυνέω 1 - - - - - - 2 67 246 συνάγω 1 - - - - - - - 66 281 χαρά 17 - - 1 - 1 - 4 62 280 φόβος 13 - 2 - 1 - - 1 61 52 γραφή 10 - - - 1 1 - - 54 202 παραλαμβάνω 8 1 - 3 - - - 1 54 2 ἀδελφή 9 - - - 1 - - - 50 149 κρίσις - 1 - - 1 - - 2 50 113 θηρίον - - - - - - 1 1 46 117 ἱκανός 5 - - - - 1 - - 45 108 εὐχαριστέω 17 2 2 4 - - - - 43 166 λογίζομαι 31 - - - - 1 - 1 43 199 παραγίγνομαι 1 - - - - 1 - 1 42 207 πειράζω 6 - - - - - - 5 42 209 περισσεύω 20 - 1 1 - - - - 42 48 βούλομαι 6 - - - 3 - 1 1 41 159 -- λέγειν 1 - 1 - - - 1 4 41 Wenn wir alleine die ersten vier Einträge und hier darunter vor allem drei Wortformen betrachten, die über 100 Mal im Neuen Testament stehen, jedoch in *Paulus fehlen, stellen wir fest, dass sie auch in Paulus sehr selten sind - ἀποκρίνω mit 265 Einträgen im NT findet sich weder in *Paulus noch in den sieben Briefen des Paulus, es steht nur ein einziges Mal auf kanonischer Ebene in Kol 4,6. Ähnlich erstaunlich erscheint die extrem seltene Nutzung von εἶπον, eine Aoristform, die im NT 166 Mal steht, jedoch in den sieben Paulusbriefen nur ein einziges Mal begegnet, Gal 2,14. Dieser Vers ist zwar vorkanonisch bezeugt, jedoch gerade dieses Wort ist es nicht, da Tertullian (reprehendit) offenkundig ein anderes Verb gelesen hat. Ansonsten findet sich die Verbform nur noch 2 Mal in Hebr. Ähnlich überrascht die verwandte Aoristform εἶπεν, die 611 Mal im 268 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="269"?> 133 M. Vinzent, Concordance to the precanonical and canonical New Testament (2023). 134 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 745. NT steht, jedoch bereits im kanonischen Paulus mit nur zwei Einträgen extrem schwach belegt ist (1Kor 11,24; 2Kor 6,16). Ansonsten steht sie noch 1 Mal in Tit (Tit 1,12) und Hebr (Hebr 1,5; 12,21). In beiden Fällen steht die Aoristform des Verbes demnach nur auf der kanonischen Ebene. Nimmt man zu *Paulus den Befund aus *Ev hinzu, ergibt sich das Folgende: ἀποκρίνω: Das Verb ist nur 3 Mal für *Ev bezeugt, jedoch ausschließlich durch Adamantius. Folgt man U. Schmid, müsste man die Zeugnisse gleich verwerfen - sie sind entsprechend auch in der „Concordance to the Precanonical and Canonical New Testament“ vermerkt. 133 *Ev 9,20: Hier gibt Tert., Adv. Marc. IV 21,6: … cum pro omnibus responderet, Tu es Christus. Klinghardt hat zurecht das responderet fett markiert, d. h. angedeutet, dass das Verb dem Sinn nach, aber nicht wörtlich gegeben ist, weil es im kanoni‐ schen Text heißt: Ὑμεῖς δὲ τίνα με λέγετε εἶναι; Πέτρος δὲ ἀποκριθεὶς εἶπεν, Τὸν Χριστὸν τοῦ θεοῦ. Außerdem stellt er richtig fest, dass „auch das Petrusbekenntnis *9,20 … widersprüchlich bezeugt [ist]. Während Adamantius, darin der kanonischen Formulierung entsprechend, nur das Objekt im Akkusativ nennt (τὸν Χριστόν), bezeugt Tertullian gleich zwei Mal einen eigenständigen Satz: tu es Christus/ σὺ εἶ ὁ Χριστός.“ 134 Obwohl Adamantius dieses Zeugnis in seinem Dialog dem Markioniten in den Mund gelegt hat (und gleich zu *Ev 9,22 angibt, das Zitierte stamme aus dem *Evangelium der Markioniten), spricht jedoch bereits die kanonische Form des Bekenntnisses dagegen, dass der Markionit hier aus dem eigenen *Evangelium vorträgt, vielmehr gibt er den Text der kanonischen Version. Damit sollte man jedoch auch bei dem genannten vorsichtigen Urteil Klinghardts bleiben. Doch dann dürfte man auch die Einleitungsformel δὲ ἀποκριθεὶς εἶπεν (oder, wie sie Klinghardt in seiner Rekonstruktion wiedergibt: ἀποκριθεὶς δὲ Πέτρος εἶπε) nicht als gesicherte Lesart des vorkanonischen Textes auszeichnen (pace Klinghardt, vgl. den nächsten zu besprechenden Vers, in welchem Klinghardt anders rekonstruiert). Weder ἀποκρίνω noch εἶπεν sind folglich für diesen Vers sicher bezeugt. *Ev 17,20: An dieser Stelle bietet Tert., Adv. Marc. IV 35,12: inquit, weshalb Klinghardt diesmal die an die zuvor verhandelte Stelle erinnernde kanonische Formulierung ἀπεκρίθη αὐτοῖς καὶ εἶπεν in seiner Rekonstruktion verkürzt auf ἀπεκρίθη und in Normaldruck anfügt αὐτοῖς καὶ εἶπεν, womit er verdeutlicht, dass hier eine möglicherweise kanonische Form vorliegt, auf jeden Fall der Wortlaut unbezeugt ist. Also auch hier ist weder ἀποκρίνω noch εἶπεν sicher bezeugt. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 269 <?page no="270"?> 135 Mit der älteren Forschung, vgl. T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band-2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 485; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 226*-227*; siehe auch K. Tsutsui, Das Evangelium Marcions. Ein neuer Versuch der Textrekonstruktion (1992), 117-118. 136 D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 390. *Ev 18,42: An dieser Stelle bietet Tert., Adv. Marc. IV 36,12: Qui non ita credet, non audiet ab illo, Fides tua te salvum fecit. Adamantius verweist ausdrücklich darauf, dass das Nachfolgende aus dem *Evangelium der Markioniten stamme (ἐκ τοῦ αὐτῶν εὐαγγελίου), weshalb Klinghardt 135 - im Unterschied zu Roth - weithin dem Adamantiustext vertraut und ihn als bezeugt in seine Rekonstruktion aufnimmt, eingeschlossen das ἀποκριθείς. Hier die fünf Versionen, die wir von diesem Text besitzen: Lk 18,41-42 Adam. V 14 gr. Adam. V 14 lat. Klinghardt Epiph., sch. 51 ὁ δὲ εἶπεν, Κύριε, ἵνα ἀναβλέψω. ὁ δὲ εἶπε· κύριε, ἵνα ἀναβλέψω. At ille dixit: Do‐ mine ut vi‐ deam. ὁ δὲ εἶπεν· Κύριε, ἵνα ἀναβλέψω. καὶ ὅτε ἰάθη, 42 καὶ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν αὐτῷ, Ἀνάβλεψον· ἡ πίστις σου σέσωκέν σε. καὶ ἀποκριθεὶς εἶπεν ὁ Ἰησοῦς· Ἀνάβλεψον· ἡ πίστις σου σέσωκέ σε. Et respondens Iesus dixit: Uide! Fides tua te saluum fecit. καὶ ἀποκριθεὶς ὁ Ἰησοῦς εἶπεν αὐτῷ, Ἀνάβλεψον· ἡ πίστις σου σέσωκέ σε. φησίν· ἡ πίστις σου σέσωκέν σε. Nimmt man die weiteren Zeugen hinzu, erkennt man, dass die Wortstellung εἶπεν ὁ Ἰησοῦς in Adam. gr. unikal ist, Klinghardt sie jedoch verwirft und stattdessen die kanonische Reihenfolge übernimmt. ἀποκριθεὶς liest man auch in den Zeugen 05, 157 und zahlreichen altlateinischen Handschriften, das von Klinghardt aufgenommene αὐτῷ fehlt jedoch nicht nur in Adam. gr. und lat., sondern auch in 032, 044*, 1200 und dem persischen Diatessaron. Da Roth schon zu den voranstehenden Versen, die nach Adamantius aus dem *Evangelium der Markioniten stammen sollen, aus mehreren Stellen aufgrund der mangelnden Varianten in den Handschriften den Eindruck ge‐ wann, dass der Adamantiustext nicht notwendigerweise den Markiontext wiedergibt, hält er die Übernahme der Verse 41-42 in die Rekonstruktion des Markiontextes für „highly speculative“. 136 Es verwundert, dass bislang keiner der Rekonstrukteure auf das Epiphaniusscholion eingegangen ist. Gewiss kann hier ein verkürzendes Referat vorliegen, aber die narrativ kurze Version, die den von Klinghardt als abwesend betrachteten Vers 39, aber auch die unsicheren Verse 40-42 ersetzt, könnte durchaus den älteren Text von *Ev widerspiegeln. Der Epiphaniustext vermeidet die Doppelung 270 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="271"?> von ἀναβλέψω - Ἀνάβλεψον, wobei solche Doppelungen, wie wir sehen werden, eine typische rhetorische Figur der kanonischen Redaktion darstellen. Und anstelle der bereits zuvor beide Male für die kanonische Redaktion typischen Wendung ἀποκριθεὶς … εἶπεν - wobei NA 28 das ἀποκριθεὶς ohne Vermerk ausgelassen hat - und anstelle von εἶπεν, das hier gleich wieder doppelt steht, liest man ein schlichtes φησίν. Wie man hier auch immer entscheiden will - die Diskussion zeigt, dass auch in diesem dritten Fall weder ἀποκριθεὶς noch εἶπεν gesicherte Lesarten sind. Nimmt man jetzt noch den Gesamtbefund, der sich aus der vergleichenden „Concor‐ dance“ ergibt, hinzu, wonach bei 265 Belegen im Neuen Testament für ἀποκρίνω diese drei Fälle die einzigen möglichen Stellen für die vorkanonische Präsenz des Lexems darstellen, und der Begriff, wie die Liste oben zeigt, zum ersten im vorkanonischen *Paulus und dann auch im kanonischen Paulus der sieben Briefe fehlt, und er nur ein einziges Mal in einem Deuteropaulinum, Kol 4,6, auftaucht und sogar noch in den Pastoralbriefen und dem Hebräerbrief fehlt, wird man wohl davon ausgehen müssen, dass auch in den drei Fällen von *Ev der Begriff gefehlt haben wird, nicht anders als die Wortform εἶπεν. εἶπεν: Es verwundert nach der gerade geführten Diskussion wohl nicht, dass auch diese Aoristform für den vorkanonischen *Paulus unbezeugt ist. Über die gerade diskutierten Stellen hinaus findet sie sich in *Ev wiederum nur in einer Passage, die fast ausschließlich durch Adamantius bezeugt ist, Lk 16,24-31, und der Begriff wird mit der Ausnahme von Vers 1, wo er durch Epiphanius angezeigt wird, auch nur durch Adamantius bezeugt (so in 16,24-25). In diesem Vers 31 liegt auch noch das Zeugnis des Epiphanius vor. Während Adam. II 10 zitiert: ὁ δὲ εἶπεν· εἰ Μωυσέως καὶ τῶν προφητῶν οὐκ ἤκουσαν, gibt Epiph., Scholion 46 die Einleitung wieder: εἶπεν Ἀβραάμ. Ἔχουσι Μωυσέα καὶ τοὺς προφήτας, ἀκουσάτωσαν αὐτῶν. Wie schon die Diskrepanz beider Versionen in Formulierung und Inhalt spiegelt, scheint an diesem Text redaktionell geändert worden zu sein. Im Folgeschluss zu der voranstehenden Diskussion scheint es wenig wahrscheinlich, in einem der beiden Zeugnisse eine verlässliche Grundlage für den vorkanonischen Text zu sehen. Es legt sich eher der Schluss nahe, dass die Aoristform, die auf kanonischer Ebene mit 611 Nachweisen extrem beliebt ist, offenkundig auf der vorkanonischen Ebene nicht - oder wenn man vorsichtig formulieren will - nicht ein einziges Mal sicher bezeugt ist. εἶπον: Für diese Verbform ist keine Diskussion vonnöten. Die Form ist weder irgendwo für *Paulus noch für *Ev bezeugt. Dass sie vermutlich nicht oder nur ganz selten auch auf der vorkanonischen Ebene stand, erweist sich schon daran, dass sie sogar im kanonischen Paulus nur an einer einzigen Stelle begegnet (Gal 2,14). Allerdings taucht sie dann 2 Mal in Hebr auf und scheint für die kanonische Redaktion dann doch mit 166 Nachweisen (wobei 36 davon präzise diese grammatikalische Form darstellen, die §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 271 <?page no="272"?> sich in Mt, Mk, Joh, Apg, der genannten Gal-Stelle und Hebr findet, auffallenderweise jedoch nicht in Lk! ) überhaupt eine bedeutende Form geworden zu sein. Kommen wir zurück zur Liste der Häufigkeiten: Ohne auf alle Termini einzugehen, greife ich an dieser Stelle - weitere, eher inhaltlich geladene Begriffe wie ὕδωρ und πρεσβύτερος werden weiter unten verhandelt - nur noch einige wenige, bemerkenswerte heraus. προσέρχομαι: Dieser Begriff, der in *Paulus fehlt, auch nicht im *Ev steht, begegnet allerdings auch nicht ein einziges Mal in Paulus, inklusive der Deute‐ ropaulinen. Die einzige Fundstelle ist in den Pastoralen (1Tim 6,3) und gleich 7 Mal begegnet er in Hebr. Blickt man ins ganze Neue Testament, ist der Begriff am beliebtesten in Mt (über 50 Nachweise), während er in Lk gerade 10 Mal, allerdings noch seltener in Mk (5 Mal) und in Joh nur 1 Mal steht. ἐρωτάω: Das Verb ist weder für *Paulus noch für *Ev bezeugt, und gemessen an den häufigen Nachweisen für das restliche Neue Testament findet es sich auch selten in Paulus (3 Mal) sowie den Deuteropaulinen (1 Mal) und fehlt auch völlig in den Past und Hebr. φέρω: Wieder ein Verb, das häufig im NT begegnet, jedoch in *Paulus und *Ev fehlt, dann aber nur ein einziges Mal (Röm 9,22) bei Paulus auftaucht, 1 Mal in den Past und wieder häufiger (5 Mal) in Hebr. θρόνος: Ähnlich lässt sich für dieses Nomen festhalten, dass es weder für *Paulus noch für *Ev bezeugt ist, dann aber auch nicht in einem der sieben Briefe des Paulus steht, sondern nur in dem Deuteropaulinum Kol 1,16 und wieder häufiger (4 Mal) in Hebr. προσκυνέω: Weder für *Paulus noch für *Ev bezeugt, erfreut sich das Verb großer Beliebtheit bei Mt (13 Mal), steht bei Lk nur 3 Mal (2 Mal in der Versu‐ chungsgeschichte, die im vorkanonischen Text fehlt; und im Abschiedsbericht, Lk 24,52, wo die Verbkonstruktion ebenfalls im vorkanonischen Text fehlt). Die Zahlen erweisen diesen Begriff folglich nicht nur als redaktionelle Einmalzutat in Paulus (1Kor 14,25), der Begriff begegnet dann nicht nur wieder 2 Mal in Hebr, sondern auch in Lk. συνάγω: Weder für *Paulus noch für *Ev bezeugt, erfreut auch dieses Verb sich großer Beliebtheit bei Mt (26 Mal), während es auch bei Lk noch relativ häufig steht (11 Mal); es begegnet aber bei Paulus nur ein einziges Mal (1Kor 5,4). κρίσις: Weder für *Paulus noch für *Ev bezeugt, begegnen wir erneut einem bei Mt beliebten Begriff (12 Mal), der bei Lk nur in den Kapiteln 10-11 zu finden ist (4 Mal) und in den sieben Paulusbriefen überhaupt nicht auftaucht, sondern erst in dem Deuteropaulinum Eph, in den Past und 2 Mal in Hebr. 272 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="273"?> 137 Die Gesamtzahl übersteigt 163, weil manche Begriffe an mehr als einer Stelle stehen; wenn sie innerhalb desselben Briefes mehrmals stehen, werden sie nicht mehrfach gezählt. θηρίον: Weder für *Paulus noch für *Ev bezeugt, haben wir es hier nicht mit einem Mt-Begriff zu tun, denn er fehlt in diesem Evangelium, auch wenn er in Mk (1,13) steht. Er begegnet auch nicht in Paulus, sondern erst in den Past und Hebr. Was lässt sich aus diesen Beispielen an Gemeinsamkeiten herauslesen? Es scheint, dass die vorkanonische Ebene, und zwar insbesondere *Paulus, aber immer noch erkennbar auch *Ev mit ihrer Lexik auf die kanonischen Spiegeltexte (so der Sprachgebrauch des Epiphanius) eingewirkt haben. Das führt zumindest bei einer Reihe der Begriffe dazu, dass sie bei Paulus und in Lk relativ (im Vergleich mit anderen Briefen oder Evangelien) selten Eingang finden. Die kanonischen Evangelien erscheinen lexikalisch eher den Past und Hebr nahe zu stehen, bedingt auch den Deuteropaulinen. Wenn Paulus- und Lk-Stellen diese Terminologie überhaupt bieten, geschieht es jeweils in solchen Passagen, die gegenüber der vorkanonischen Ebene deutlich als Zusatztexte erkennbar sind. Lässt sich auch hier ein Gegenvergleich durchführen? Gibt es auf der vorka‐ nonischen Ebene beliebte Begriffe, die auf der kanonischen Ebene nicht, oder selten aufgegriffen werden? e) Begriffe in *Paulus, die nicht mehr als doppelt so häufig im NT stehen Erschwert wird ein solcher Gegenvergleich dadurch, dass eine Vorlage, die zum großen Teil spiegelbildlich in die Abschrift übernommen und hierbei lediglich überarbeitet, erweitert und selten gekürzt wird, naturgemäß, wie bereits im vorangehenden Vergleich bemerkt, ihre Spuren in den Abschriften hinterlässt. Allerdings lässt sich prüfen, ob einige der Termini dann innerhalb des kanoni‐ schen Textes nachweislich eine geringe weitere Verwendung gefunden haben. Als erstes ist festzuhalten, dass man eine Liste von 163 solcher Begriffe zusammenstellen kann, die also erstaunlich lange ist. Sie verteilen sich über die Briefe, wie folgt: 137 *1Kor: 46 *Laod: 30 *2Kor: 24 *Gal: 23 *Röm: 19 *Phil: 13 *Kol: 12 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 273 <?page no="274"?> *2Thess: 5 *1Thess: 3 Außerdem *Ev: 8 Blicken wir zunächst auf die sieben *Paulusbriefe: *Gal weist 23 Einträge auf. Der Brief teilt sich diese Begriffe mit *1Kor (3 Mal, davon einmal einen Begriff mit *1Kor und denselben auch mit *2Kor gemeinsam), *2Kor (1 Mal), *Röm (1 Mal) und *Ev (1 Mal). *1Kor bietet die größte Anzahl mit 46 Einträgen. Der Brief teilt sich diese Begriffe mit *Gal (3 Mal), *2Kor (2 Mal), *Röm (2 Mal), *Phil (2 Mal), *2Thess (1 Mal), *Laod (2 Mal, davon 1 Mal gemeinsam mit *Ev) und *Ev (3 Mal). *2Kor weist 24 Einträge auf. Der Brief teilt sich diese Begriffe mit *Gal (2 Mal, einmal einen Begriff gemeinsam mit *1Kor, einmal einen Begriff mit *2Kor), *1Kor (3 Mal, davon einmal einen Begriff mit *Phil, einmal einen Begriff mit *Röm). *Röm hat 19 Einträge. Er teilt Begriffe mit *Gal (1 Mal), *1Kor (2 Mal, davon einmal einen Begriff mit *2Kor), *2Kor (1 Mal, denselben Begriff mit *1Kor), *2Thess (1 Mal, denselben Begriff mit *Ev), *Laod (1 Mal), und *Ev (1 Mal, denselben Begriff mit *2Thess). *Phil weist 13 Einträge auf. Der Brief teilt Begriffe mit *1Kor (2 Mal, davon einen Begriff auch mit *2Kor), *2Kor (1 Mal, denselben Begriff auch mit *1Kor) und *Ev (1 Mal). *1Thess hat die wenigsten Einträge mit 3. Er teilt einen Begriff mit *Ev. Betrachten wir die *Deuteropaulinen: *2Thess, das nur 5 dieser Begriffe aufweist, teilt sich Begriffe mit *1Kor (1 Mal), *2Kor (1 Mal), *Röm (1 Mal) und diesen selben Begriff auch mit *Ev (1 Mal). *Laod (Gesamtzahl 30) teilt sich Begriffe mit *1Kor (1 Mal), *2Kor (1 Mal), *Röm (1 Mal), *Kol (2 Mal) und *Ev (2 Mal, davon 1 Mal gemeinsam mit *1Kor). Die 12 Begriffe von *Kol tauchen nie in einem anderen Brief auf, mit Ausnahme von 2 Mal in *Laod. Wie zu ersehen ist, steht von den Deuteropaulinen *Laod bei dem hier betrachteten Wortschatz den anderen sieben Briefen der vorkanonischen Ebene am nächsten, gefolgt von *2Thess, am entferntesten ist *Kol. Schließen wir noch *Ev an: Die Liste weist 8 Einträge auf. *Ev teilt Begriffe mit *Gal (1 Mal), *1Kor (3 Mal, davon einen Begriff mit *Laod), *Röm (1 Mal, denselben Begriff mit *2Thess), *1Thess (1 Mal), *Phil (1 Mal), *2Thess (1 Mal, denselben Begriff mit *Röm), *Laod (2 Mal, davon einen Begriff mit *1Kor). 274 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="275"?> Aus dieser Betrachtung lässt sich folgern, dass es sich bei einem Großteil des Wortschatzes durchaus um Hapax legomena handeln kann, aus deren Verwen‐ dung nicht leicht weitere Schlüsse gezogen werden können, jedoch ist die Tatsache aufschlussreich, dass 20 dieser Begriffe in mehr als einem *Brief bzw. auch im *Evangelium zu finden sind. Gerade die vielfache Wiederbezeugung, die sich herausstellen ließ, spricht dafür, dass wir es tatsächlich mit Profilbegriffen der vorkanonischen Version zu tun haben - über die hinaus es gewiss eine Fülle von weiteren gibt, die jedoch aufgrund ihrer Wiederverwendung auf der kanonischen Ebene für uns lexikalisch nicht herauszufiltern sind. Umso bedeutsamer ist jedoch, dass wir es hier mit innerhalb von *Paulus wiederkeh‐ renden Begrifflichkeiten zu tun haben, die dennoch keine große Karriere auf der kanonischen Ebene gemacht haben. Die Profilnähe von *Paulus und *Ev erweist sich erneut aufgrund der Wiederkehr gerade solcher Begriffe in *Ev - fast die Hälfte dieser wiederkehrenden Begriffe finden sich eben nicht nur in *Paulus, sondern auch in *Ev, was gerade deshalb umso auffälliger ist, als diese Begriffe im gesamten kanonischen Neuen Testament nur spärlichst aufgegriffen werden. Bevor wir zu den Inhalten dieser Begriffe kommen, sei noch ein Blick darauf geworfen, ob wir einen Aufschluss aufgrund der Rezeption dieser Begriffe auf der kanonischen Ebene erhalten können. Zunächst lässt sich feststellen, dass von den 163 Begriffen die kanonische Redaktion vier Begriffe überhaupt nicht in die kanonische Redaktionsstufe übernommen hat: *Gal 2,18: ἀνοικοδομέω. Allerdings begegnet der Begriff gleich 2 Mal in der inhaltlich parallelen Stelle Apg 15,16. Die vorkanonische Version hat hier möglicherweise einen Einfluss auf den Text gehabt und es wäre die Frage zu stellen, ob bei der Abfassung von Apg die vorkanonische oder die kanonische Version des Galaterbriefes genutzt wurde, vielleicht hat sich an beiden Stellen allerdings lediglich der Sprachgebrauch der LXX ausgewirkt. *1Thess 5,23: συντηρέω. Auf der kanonischen Ebene begegnet nur das verbum simplex. Allerdings findet sich das verbum compositum nicht nur erneut auf der vorkanonischen Ebene in *Ev (1 Mal), es steht dann auf kanonischer Ebene außer in Lk (2 Mal) auch in Mt und Mk. Hier scheint die vorkanonische Sprache folglich einen Einfluss nicht auf die Redaktion des Paulus, aber auf die der Evangelien gehabt zu haben. *1Kor 9,9: κημόω. Hieraus ist nicht viel abzuleiten, auf der kanonischen Ebene ist das Synonym φιμόω verwendet, beide Begriffe sind Hapax legomena. *1Kor 15,52: ῥοπῇ. Ebensowenig lässt sich aus diesem Beispiel etwas ablesen, auf kanonischer Ebene ist das dem Begriff ähnliche Synonym ῥιπῇ verwendet, beides wiederum Hapax legomena. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 275 <?page no="276"?> Wichtiger ist die nächste Beobachtung, dass in 26 Fällen die kanonische Redak‐ tion den ihr offensichtlich wenig eigenen Begriff wiederum im selben Brief, oft im kurz davor oder danach folgenden Vers verwendet, aber sonst gar nicht oder nicht mehr als weitere zwei Mal. Wenn Begriffe in anderen neutestamentlichen Schriften verwendet werden, sticht erwartungsgemäß die Vorlage der sieben *Paulusbriefe heraus, angeführt vom *Römerbrief, der durch die kanonische Redaktion erheblich erweitert wurde, mit 18 Wiederverwendungen, gefolgt von *2Kor mit 6, *1Kor mit 4, *1Thess und *Phil mit jeweils 3 und *Gal mit 2. Von den übrigen Schriften werden die Begriffe am stärksten von Apg benutzt (13 Mal), dann von den Past (9 Mal), von Apk (7 Mal) und von den Evangelien (Mk: 7 Mal; Mt: 6 Mal; Joh: 4 Mal; Lk: 2 Mal). In den Katholischen Briefen begegnet die Terminologie lediglich in einigen (1Petr: 3 Mal; 2Petr wie Jak und 1Joh jeweils 2 Mal). Was die Deuteropaulinen betrifft, begegnet die Terminologie spärlich, jeweils 4 Mal in Eph und Kol, wobei zwei dieser Einträge jeweils miteinander übereinstimmen, so dass sich eigentlich nur 2 Begriffe in ihnen finden, während 2Thess überhaupt nicht als Zielbrief begegnet. Besonderes Licht müssen wir auf folgende Begriffe werfen: θνητός: Dieser Begriff ist 3 Mal für *1Kor bezeugt (*1Kor 6,20; 15,53. 54), je 1 Mal für *2Kor und für *Röm. All diese Stellen werden durch die kanonische Redaktion übernommen, sogar noch eine in Röm hinzugefügt (Röm 8,11), doch der Begriff begegnet an weiteren Stellen auf der kanonischen Ebene nicht mehr. μεταμορφόω und μετασχηματίζω, die auch inhaltlich miteinander verwandt sind, begegnen auf vorkanonischer Ebene, beide Begriffe in *2Kor, der zweite auch in *1Kor und *Phil. Alle Stellen werden auf der kanonischen Ebene übernommen, der erste begegnet dann auch Röm 12,2 und gleich 2 Mal in Mt, der zweite Begriff wird auch noch in zwei weitere, unmittelbar mit 2Kor 11,14, dem Ausgangsvers, verbundene Verse eingebracht, in einen Vers davor (2Kor 11,13) und in einen Vers danach (2Kor 11,15) - aber ansonsten begegnen sie nicht mehr im kanonischen Neuen Testament. Weiter sind μορφή und μόρφωσις zu betrachten. Der erste Begriff steht in *Phil, der zweite in *Röm, und beide werden sie wieder von der kanonischen Redaktion übernommen; der zweite findet auch noch in 2Tim 3,5 Aufnahme, sonst jedoch nicht. Diese Stelle in 2Tim mag etwas Aufschluss zu dem zweiten hier aufgegriffenen Terminus geben und uns weiter führen: „5 Den Schein (μόρφωσις) der Frömmigkeit wahren sie, verleugnen aber deren Kraft. Wende dich von diesen Menschen ab! 6 Zu ihnen gehören nämlich auch die Leute, die sich in die Häuser einschleichen und dort gewisse Frauen auf ihre Seite ziehen, die von Sünden beherrscht und von Begierden aller Art umgetrieben werden, 7 Frauen, 276 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="277"?> die ständig am Lernen sind und die doch nie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen können.“ (2Tim 3,5-7) Hier im apologetischen Kontext wird der Begriff aufgegriffen, er ist negativ konnotiert, eine Besonderheit der vorkanonischen Ebene. Eine ähnliche Kon‐ notation schwingt auch *Röm 2,20-21 mit: „20 Als jemand, der die Gestalt der Erkenntnis und der Wahrheit im Gesetz hat, 21 belehrst du andere, du lehrst dich selbst nicht, der du predigst, man soll nicht stehlen, du stiehlst? “ (*Röm 2,20-21) Auch μορφή haftet ein gewisser Schatten an. In *Phil 2,6-8 wird von der Gestalt Gottes und der Gestalt eines Sklaven gesprochen: „6 der in der Gestalt Gottes war, es aber nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, 7-sondern sich selbst entäußerte und die Gestalt eines Sklaven annahm in der Ähnlichkeit und dem Äußeren des Menschen, erfunden als Mensch. 8 Er erniedrigte sich und wurde gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“ (*Phil 2,6-8) Der Begriff steht in Verbindung mit Diebesgut (ἁρπαγμός), mit dem Sich-Ent‐ ledigen (κενόω) und dem menschlichen Äußeren (σχῆμα), das Gehorsamsein (ὑπήκοος) wird erwähnt, vier Begriffe, die vorkanonisch stehen, die aber nur an dieser Stelle im kanonischen Neuen Testament wieder begegnen. Alle hier aufgeführten Begriffe gehören in einen thematischen Komplex der Gestaltwerdung und -veränderung und der Todesthematik, die offenkundig vorkanonisch in ein und demselben lexikalischen Feld verhandelt wurde, welche von der kanonischen Redaktion zwar übernommen, jedoch nicht so sich zu eigen gemacht wurde, dass sie diese Lexik in größerem Maße weiter verwendete. Eine Spur ist noch im längeren Markusschluss erhalten, Mk 16,12: „Darauf erschien er in einer anderen Gestalt (ἐφανερώθη ἐν ἑτέρᾳ μορφῇ) zweien von ihnen, als sie unterwegs waren und aufs Land gehen wollten.“ Auch an dieser Stelle geht es um eine Erscheinungsgestalt, doch es ist eine Art der Begegnung, die dazu führt, dass den Zeugen nicht geglaubt wird (Mk 16,13). Der Begriff ὑπήκοος findet sich in Apg 7,39, und zwar innerhalb der Stephanusrede, wo ausgeführt wird: „Unsere Väter wollten sich ihm [sc. Mose] nicht unterordnen“, während er in 2Kor 2,9 in die prüfende Frage eingeflochten wird: „ob ihr wirklich in allen Stücken gehorsam seid? “ Es scheint, dass diese Begriffe nicht nur vorkanonischer Lexik, sondern auch vorkanonischer Theologie verpflichtet sind und, um hier einmal zu spekulieren, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 277 <?page no="278"?> 138 Tert., Adv. Marc. V 12,6: Si et pseudapostolos dicit operarios dolosos transfiguratores sui, per hypocrisin scilicet, conversationis non praedicationis adulteratae reos taxat. vielleicht darum auf der kanonischen Ebene zwar nicht gemieden, jedoch auch nicht multipliziert wurden. Diese Spekulation wird zur Hypothese untermauert durch die weiteren Begriffe: ψευδάδελφος und ψευδαπόστολος. Der zweite dieser Begriffe, der in *2Kor 11,13 begegnet, wird von Tertullian in seinem kritischen Kommentar aufge‐ griffen und in den nämlichen Zusammenhang der Terminologie gebracht, die wir zuvor betrachtet hatten: „Wenn er [sc. Paulus] trügerisch Handelnde, die sich selbst wandelten, nämlich aufgrund der Hypokrisie, als Pseudapostel bezeichnet, dann belastet er sie mit der Verfälschung des Umgangs, nicht mit der der Lehre.“ 138 Auf der vorkanonischen Ebene hatte dieser Titel einen Bezug zu dem ersten Begriff des ψευδάδελφος von *Gal 2,4: „… 4 wegen der falschen Brüder, jenen Eindringlingen, die sich eingeschlichen hatten, um die Freiheit, die wir in Christus haben, auszuspähen, damit wir versklavt würden. 5 Wir haben uns auch nicht einen Augenblick unterworfen, damit die Wahrheit des Evangeliums bewahrt bliebe.“ (*Gal 2,4-5) Entgegen der Beteuerung von Tertullian macht der Kontext von *Gal 2,4-5 offenkundig, dass es nicht um den Lebenswandel, sondern um den Inhalt und die Wahrheit von Pauli Botschaft oder sein Evangelium ging. Auch hier ist der Umgang bei der Wiederaufnahme dieses Begriffes des ψευδάδελφος aufschlussreich - während der andere des ψευδαπόστολος sich an keiner weiteren Stelle findet. In 2Kor 11,26, wo ψευδάδελφος wieder be‐ gegnet, ist er eingebunden in eine lange Liste von Kalamitäten, von denen Paulus berichtet und denen er in seinem Leben ausgesetzt gewesen sei. Er sei zu schwach, die Korinther zu schikanieren (V. 21), er spricht von seiner solidarischen Schwachheit (V. 29) und davon, sich dessen zu rühmen, was mit seiner Schwachheit zu tun hat (V. 30). Als „Narr“ redend, sagt er dies (2Kor 11,16-33,16). Vergleicht man diese Selbstaussage mit dem deutlichen Wort in *Gal 2,4-5, erkennt man, wie bereits Tertullian auf die Auslegung kommen konnte, *Gal 2,4-5 wie auch *2Kor 11,13 nicht im Sinne der Auseinandersetzung um die Wahrheit, sondern nur um eine Frage des Lebenswandels zu lesen; diese semantische Verschiebung war das Ergebnis der kanonischen Redaktion. 278 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="279"?> Auf diesem Hintergrund lässt sich vielleicht - hier muss man erneut speku‐ lieren - erklären, warum Wörter gerade aus diesem Zusammenhang (*Gal 1-2) kaum weitere Verwendung auf der kanonischen Ebene gefunden haben: ὀρθοποδέω, ὑπερβολή, καταγιγνώσκω, ἀνοικοδομέω, ἀνατίθημι, καταδουλόω, κατασκοπέω, παρείσακτος, παρεισέρχομαι, διχοστασία, δολιόω, δόλιος, wie auch für die Soteriologie und Theologie der vorkanonischen Ebene typische Begriffe: ἐπικατάρατος, ἐξαγοράζω, δουλεία, ὑπεράνω, φαρμακεία; das gleiche gilt auch für weitere Begriffe aus dem medizinischen Bereich ἴαμα, στίγμα, μέθη, φύραμα; weitere Begriffe, die kanonisch kaum weiter verwendet werden sind: ἀρραβών, ἀνταποδίδωμι mit ἀνταπόδομα (Letzteres nur *Ev), ἱερόθυτος, νέκρωσις, νέκρωσις, ἀθανασία, ἄρρητος, ἀγνωσία, ἄψυχος, ἑτερόγλωσσος, ἑρμηνεία, διάκρισις, νουθεσία, φανέρωσις, ἀποκρύπτω, ἀρχιτέκτων. Werfen wir noch einen Blick auf die Begrifflichkeit der *Deuteropaulinen: Wie bereits zuvor bei den Funktionsbegriffen festgestellt wurde, stehen die *Deuteropaulinen lexikalisch näher bei der vorkanonischen als bei der kanoni‐ schen Ebene. Das wird auch dadurch gestützt, dass wir es bei den hier zu betrachtenden Begriffen mit einer deutlichen Präsenz von Wörtern aus den *Deuteropaulinen zu tun haben. Zwar liegen sie jeweils etwas unterhalb der zu vergleichenden sieben *Paulusbriefe in der absoluten Zahl - setzt man das aber ins Verhältnis zur Länge der Briefe, ergibt sich folgende Aufstellung: Brief Briefumfang an Wörtern Häufigkeit der Begriffe Prozentualer Anteil *Gal 1181 23 1,95% *1Kor 2907 46 2,58% *2Kor 998 24 2,40% *Röm 1115 19 2,06% *1Thess 215 3 1,40% *2Thess 240 5 2,08% *Laod 923 30 3,25% *Kol 354 12 3,39% *Phil 254 13 5,12% *Phlm 143 0 0 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 279 <?page no="280"?> Demnach hat den höchsten Anteil an diesen Wörtern *Phil, gefolgt von *Kol, dann *Laod, *1Kor, *2Kor, *2Thess, *Röm, *Gal, *1Thess, *Phlm. Die *Deutero‐ paulinen liegen folglich mit *Kol und *Laod im vorderen Drittel, mit *2Thess gerade zu Beginn der zweiten Hälfte der Liste, d.-h. auch hier erweisen sie sich eingebunden in das vorkanonische lexikalische Profil. Diese Nähe drückt sich auch darin aus, wie oft von den *Deuteropaulinen vor allem *Laod und bedingt auch *2Thess diese Wörter mit verschiedenen anderen vorkanonischen Briefen wie auch *Ev teilen, nur *Kol fällt hier auf, da dieser Brief lediglich gemeinsame Begriffe mit *Laod besitzt. Ziehen wir auch hier ein Gesamtfazit aus der Untersuchung sowohl zu den häufigeren Begriffen, die in *Paulus fehlen, wie zu denjenigen, die in *Paulus stehen und nicht mehr als doppelt so oft im Neuen Testament zu finden sind: 1. Wiederum stellen wir fest, dass wir es mit einem deutlich anderen Profil der vorkanonischen paulinischen Briefsammlung gegenüber der kanonischen zu tun haben. Über 400 häufigerer Begriffe des Neuen Testaments, wovon nahezu 300 in Paulus stehen, sind für *Paulus unbezeugt. 2. Da all diese Begriffe, wie für ein paar strittige Fälle gezeigt, auch nicht für das vorkanonische *Evangelium bezeugt sind, stellen wir nicht nur eine Differenz zwischen *Paulus und Paulus, sondern überhaupt eine solche zwischen dem vorkanonischen *Neuen Testament und dem kanonischen Neuen Testament fest. 3. Dieser zweite Punkt beruht wiederum auf der deutlichen Profilnähe zwi‐ schen der vorkanonischen paulinischen *Briefsammlung und dem vorka‐ nonischen *Evangelium. Bezüglich des hier untersuchten lexikalischen Materials teilen sich beide vorkanonischen Teile des *Neuen Testaments ihr lexikalisches Profil. Zu Unterschieden wird weiter unten etwas zu sagen sein. 4. Da, wie in der Untersuchung zu den Funktionsbegriffen sich zeigte, die *Deuteropaulinen näher zur vorkanonischen Ebene stehen als zur kano‐ nischen, erklärt sich auch, dass selbst noch auf der kanonischen Ebene die etwas größere Distanz zwischen den Deuteropaulinen und den sieben Paulusbriefen, vor allem gemessen an der Nähe von Past und Hebr zu diesen sieben Paulusbriefen hervorscheint: Die voranstehende Übersicht führt vor Augen, dass die größte Nähe der sieben Paulusbriefe zu Hebr existiert (bzw. umgekehrt) (38 Übereinstimmungen), gefolgt von Past (23 Übereinstimmungen) und der Kombination von Past und Hebr (22 Übereinstimmungen), woraus geschlossen werden muss, dass eine größere lexikalische Nähe zwischen den sieben Paulusbriefen, Past und Hebr exis‐ 280 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="281"?> tiert als zwischen diesen sieben Paulusbriefen und den Deuteropaulinen (bzw. wiederum umgekehrt). 5. Dieses Phänomen stützt wiederum das voranstehende, wonach offen‐ kundig die *Deuteropaulinen, die ja wie die vorkanonischen sieben *Paulusbriefe Teil der vorkanonischen Sammlung waren, aufgrund ihres eigenen lexikalischen Profils noch in ihrer kanonischen Überarbeitung in ihrer gewissen Sonderstellung erkennbar bleiben. Zugleich zeigt sich, wie die letzte Untersuchung zu den häufigeren Begriffen erwies, dass auch die kanonischen Überarbeitungsspuren an diesen Deuteropaulinen lexikalisch erkennbar sind, manchmal deutlicher als an den sieben Paulusbriefen. 6. Innerhalb der kanonischen Entitäten lassen sich Profildifferenzen festma‐ chen. Hatten wir zuvor bereits eine gewisse eigene Profilschärfe der drei *Deuteropaulinen gegenüber den übrigen sieben *paulinischen Briefen festgestellt, hat sich dieses Ergebnis auf der kanonischen Ebene erhärtet. Näher an dem übrigen Neuen Testament stehen lexikalisch Hebr und Past, was auch, jedoch nur zum Teil, für die kanonisch-redaktionellen Teile der sieben paulinischen Briefe gilt. Gerade das Fehlen von häufigeren Begriffen auf der kanonischen Ebene spricht dafür, dass aufgrund des eigenständigen Wortmaterials der vorkanonischen Ebene diese als Vorlage für die kanonische Sammlung erkennbar wurde, also die sieben vorkano‐ nischen *Briefe die Vorlage für die kanonischen sieben Paulusbriefe waren und diese wiederum die Vorlage darstellten, auf welche hin Hebr und Past geschrieben wurden und von der die übrigen kanonischen Texte Anleihen genommen haben. f) Verba simplicia vs. Verba composita Im kanonischen Neue Testament sind etwas über 1.000 verschiedene verba composita vorhanden - auch hier ist die Definition nicht haarscharf, zu Ver‐ gleichszwecken habe ich all jene ausgewählt, bei denen mehr als 5 composita von einer Vorsilbe existieren, und komme auf 1.057 solcher composita insgesamt. Von diesen sind vorkanonisch im *NT 185 bezeugt. Nimmt man im Verhältnis den Umfang an verschiedenen Wörtern des kanonischen Neuen Testaments mit etwas über 5.600 an, muss man den Umfang im vorkanonischen *NT dagegen halten, nach meiner „Concordance“ sind es etwa 1.180 verschiedene, bezeugte Wörter. Daraus ergibt sich ein Verhältnis von 19 % (NT): 15 % (*NT). In der kanonischen Sammlung der Paulinen liegen nach meiner Aufstellung 515 verba composita vor, von denen 124 in *Paulus stehen, das macht bei einem Umfang an verschiedenen Wörtern von 4.638 in der kanonischen pau‐ linischen Sammlung gegenüber 1.158 in *Paulus ein Verhältnis von 11,11% §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 281 <?page no="282"?> (Paulus) : 10,70% (*Paulus). Rein zahlenmäßig scheint demzufolge der Gebrauch von Kompositverben sowohl im kanonischen Neuen Testament gegenüber dem vorkanonischen *Neuen Testament wie dem kanonischen Paulus gegenüber dem vorkanonischen *Paulus häufiger zu sein, im Fall des paulinischen Ver‐ gleichs fällt der Unterschied geringer aus als im Neuen Testament insgesamt. Umso auffälliger ist, wenn man sich bestimmte Kompositformen betrachtet. Bemerkenswert ist etwa die Familie der συγ-, συλ-, συμ-, συν-, συσ- Gruppe: *συγκεράννυμι 2 *1Kor 12,24 1Kor 12,24; Hebr 4,2 *συγκοινωνέω 3 *Laod 5,11 Eph 5,11; Phil 4,14; Apk 18,4 *συζωοποιέω 2 *Kol 2,13 Eph 2,5; Kol 2,13 *συμβαίνω 8 *1Kor 10,11 Mk 10,32; Lk 24,14; Apg 3,10; 20,19; 21,35; 1Kor 10,11; 1Petr 4,12; 2Petr 2,22 *σύμμορφος 2 *Phil 3,21 Röm 8,29; Phil 3,21 *συναπάγω 3 *Röm 12,16 Gal 2,13; Röm 12,16; 2Petr 3,17 *συντηρέω 4 *Ev 5,38; *1Thess 5,23 etwa Lk 2,19 in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mt 9,17; Mk 6,20; Lk 2,19; 5,38 *συστέλλω 2 *1Kor 7,29 Apg 5,6; 1Kor 7,29 συγκαθίζω 2 - Lk 22,55; Eph 2,7 συγκακοπαθέω 2 - 2Tim 1,8; 2,3 συγκακουχέομαι 1 - Hebr 11,25 συγκαλέω 8 *Ev 9,1 (? Adamantius‐ zeugnis) etwa Lk 15,6. 9, in Versen oder Ver‐ steilen, die in *Ev fehlen, und über‐ haupt in Mk 15,16; Lk 9,1; 15,6. 9; 23,13; Apg 5,21; 10,24; 28,17 συγκάμπτω 1 - Röm 11,10 συγκλείω 4 - Lk 5,6; Röm 11,32; Gal 3,22. 23 συγκρίνω 2 - 1Kor 2,13; 2Kor 10,12 συγχαίρω 7 - Lk 1,58; 15,6. 9, alle drei Verse fehlen in *Ev; 1Kor 12,26; 13,6; Phil 2,17. 18 συζάω / συζῶ 3 - Röm 6,8; 2Kor 7,3; 2Tim 2,11 συλαγωγέω 1 - Kol 2,8 282 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="283"?> συλάω 1 2Kor 11,8 συλλαμβάνω 16 - etwa in Lk 1,24. 31. 36; 2,21, alle‐ samt Verse, die in *Ev nicht vor‐ handen sind, dann in Lk 5,7, wo anstelle des Begriffes vorkanonisch wohl βοηθεῖν steht, wie überhaupt ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 26,55; Mk 14,48; Lk 1,24. 31. 36; 2,21; 5,7. 9; 22,54; Joh 18,12; Apg 1,16; 12,3; 23,27; 26,21; Phil 4,3; Jak 1,5) συμβασιλεύω 2 - 1Kor 4,8; 2Tim 2,12 συμβιβάζω 7 - Apg 9,22; 16,10; 19,33; 1Kor 2,16; Eph 4,16; Kol 2,2. 19 συμμαρτυρέω 3 - Röm 2,15; 8,16; 9,1 συμμερίζω 1 - 1Kor 9,13 συμμορφίζομαι 1 - Phil 3,10 συμμορφόομαι / συμμορφίζομαι 1 - Phil 3,10 συμπαθέω 3 - Hebr 4,15; 10,34; 1Petr 3,8 συμπαραγίγνομαι 2 - Lk 23,48; 2Tim 4,16 συμπαρακαλέω 1 - Röm 1,12 συμπαραλαμβάνω 4 - Apg 12,25; 15,37. 38; Gal 2,1 συμπαραμένω 1 - Phil 1,25 συμπάσχω 2 - Röm 8,17; 1Kor 12,26 συμπέμπω 2 - 2Kor 8,18. 22 συμφέρω 15 - Mt 5,29. 30; 18,6; 19,10; Joh 11,50; 16,7; 18,14; 2Kor 8,10; 12,1 σύμφημι 1 - Röm 7,16 σύμψυχος 1 - Phil 2,2 συνάγω 59 - etwa Lk 3,17; 15,13, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 2,4; 3,12; 6,26; 12,30; 13,2. 30. 47; 18,20; 22,10.34. 41; 24,28; 25,24. 26. 32. 35. 38. 43; 26,3. 57; 27,17. 27. 62; 28,12; Mk 2,2; 4,1; 5,21; 6,30; 7,1; Lk 3,17; 11,23; 12,17. 18; 15,13; 17,37; 22,66; §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 283 <?page no="284"?> Joh 4,36; 6,12. 13; 11,47. 52; 15,6; 18,2; 20,19; Apg 4,5. 26. 27. 31; 11,26; 13,44; 14,27; 15,6. 30; 20,7. 8; 1Kor 5,4; Apk 16,14. 16; 19,17. 19; 20,8 συναγωνίζομαι 1 - Röm 15,30 συναθλέω 2 - Phil 1,27; 4,3 συναναμείγνυμι 3 - 1Kor 5,9. 11; 2Thess 3,14 συναναπαύομαι 1 - Röm 15,32 συναντάω 6 - Lk 9,37; 22,10; Apg 10,25; 20,22; Hebr 7,1. 10 συναντιλαμβάνομαι 2 - Lk 10,40; Röm 8,26 συναποθνῄσκω 3 - Mk 14,31; 2Kor 7,3; 2Tim 2,11 συναπόλλυμι 1 - Hebr 11,31 συναποστέλλω 1 - 2Kor 12,18 συναρμολογέω 2 - Eph 2,21; 4,16 συνδέω 1 - Hebr 13,3 συνδοξάζω 1 - Röm 8,17 σύνδουλος 10 - Mt 18,28. 29. 31. 33; 24,49; Kol 1,7; 4,7; Apk 6,11; 19,10; 22,9 συνεγείρω 3 - Eph 2,6; Kol 2,12; 3,1 συνεπιμαρτυρέω 1 - Hebr 2,4 συνεργέω 11 - Mk 16,20; Röm 8,28; 1Kor 3,9; 16,16; 2Kor 1,24; 6,1; Kol 4,11; Phil 4,3; Phlm 1,24; Jak 2,22; 3Joh 1,8 συνέρχομαι 30 - etwa Lk 5,15, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mt 1,18; Mk 3,20; 6,33; 14,53; Lk 5,15; 23,55; Joh 11,33; 18,20; Apg 1,6. 21; 2,6; 5,16; 9,39; 10,23. 27. 45; 11,12; 15,38; 16,13; 19,32; 21,16. 22; 22,30; 25,17; 28,17; 1Kor 7,5; 11,17. 18. 20. 33. 34; 14,26 συνεσθίω 5 - Lk 15,2; Apg 10,41; 11,3; 1Kor 5,11; Gal 2,12 συνήδομαι 1 - Röm 7,22 συνθάπτω 2 - Röm 6,4; Kol 2,12 284 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="285"?> συνίημι 26 etwa Lk 2,50; 18,34; 24,45, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 13,14. 15. 23; 15,10; 16,12; 13,13. 23. 51; 17,13; Mk 4,12; 6,25; 7,14; 8,17. 21; Lk 2,50; 8,10; 9,18; 18,34; 24,45; Apg 7,25; 28,26. 27; Röm 3,11; 15,21; 2Kor 10,12; Eph 5,17 συνίστημι („empfehlen“) 9 - Röm 16,1; 2Kor 3,1; 4,2; 5,12; 6,4; 7,11; 10,12. 18; Gal 2,18 συνίστημι („zusammen‐ stellen“) 10 - etwa Lk 9,32, in einem Vers, der in *Ev fehlt, wie überhaupt in Röm 3,5; 5,8; 16,1; 2Kor 6,4; 7,11; 10,18; Gal 2,18; Kol 1,17; 2Petr 3,5. συνοικοδομέω 1 - Eph 2,22 συντελέω 7 - etwa Lk 4,2. 13, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 7,28; 13,4; Lk 4,2. 13; Apg 21,27; Röm 9,28; Hebr 8,8 συντέμνω 1 - Röm 9,28 συντρίβω 7 - etwa Lk 4,18, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mt 12,20; Mk 5,4; 14,3; Lk 4,18; Joh 19,36; Apg 2,27; Röm 16,20. συνυποκρίνομαι 1 - Gal 2,13 συνυπουργέω 1 - 2Kor 1,11 συνωδίνω 1 - Röm 8,22 σύσσωμος 1 - Eph 3,6 συστατικός 1 - 2Kor 3,1 συσταυρόομαι 5 - Mt 27,44; Mk 15,32; Joh 19,32; Röm 6,6; Gal 2,20 συστενάζω 1 - Röm 8,22 συστοιχέω 1 - Gal 4,25 συσχηματίζω 2 - Röm 12,2; 1Petr, 1,14 Es liegen aus dieser Gruppe im kanonischen Paulus 75 Begriffe vor, denen im vorkanonischen *Paulus 8 Begriffe gegenüberstehen, was gemessen am Umfang an verschiedenen Wörtern von 4.638 in der kanonischen paulinischen Sammlung gegenüber 1.158 in *Paulus ein Verhältnis von 1,62% : 0,69% ergibt. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 285 <?page no="286"?> 139 Wegen der Mehrfachverwendung übersteigt die folgende Gesamtzahl die Zahl 26. Das heißt, diese Wortgruppe von verba composita begegnet mehr als doppelt so häufig im kanonischen Paulus wie im vorkanonischen *Paulus. Bemerkenswert ist auch, dass keines der Verben, das im vorkanonischen Text steht mehr als 9 Mal im kanonischen Text begegnen, während 9 der composita, die nur im kanonischen Text 10 Mal und häufiger dort stehen. Für die Differenz im Profil zwischen Paulus und *Paulus sprechen bereits diese Zahlen. Doch auch innerhalb der vorkanonischen Ebene lässt sich fest‐ stellen, dass gleich zwei der composita aus den *Deuteropaulinen stammen, was gemessen an der geringen Zahl von 8 insgesamt bereits eine deutliche Differenz im Wortanteil (0,157% : 0,096%) ausmacht, d. h. auch in Hinsicht der composita stehen die *Deuteropaulinen zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene. Eines der composita, συζωοποιέω begegnet dann auf der kanonischen Ebene nur in Eph wieder, es scheint also, dass selbst bei der kanonischen Redaktion der *Deuteropaulinen deren Lexik noch eine Spur hinterlassen hat. Ein ähnliches Phänomen begegnet mit συντηρέω welches gerade in Lk nicht nur aufgenommen wird, sondern im selben Evangelium auch in der vorkanonisch abwesenden Kindheitsgeschichte zu finden ist wie auch bei den beiden anderen Synoptikern Mt und Mk. Als weiteres ist zu bemerken, dass insbesondere die Apg, Phil, die Petrusbriefe und Röm, dann einmal auch Gal, Hebr und Apk die Rezipienten der vorkanonischen composita sind. Dies verwundert nicht allzusehr, weil auch die kanonischen composita vermehrt in diesen Schriften begegnen: Röm (26 Mal), Apg (9 Mal, und zum Teil unter häufiger Benutzung, συμβαίνω 3 Mal, συγκαλέω 3 Mal, συμβιβάζω 3 Mal, συμπαραλαμβάνω 3 Mal, συνάγω 11 Mal, συναντάω 2 Mal, συνέρχομαι 17 Mal, συνεσθίω 2 Mal, συνίημι 3 Mal), Phil (8 Mal), Petrusbriefe (4 Mal) Eph (9 Mal), Gal (9 Mal), Hebr (7 Mal), Apk (3 Mal). Nicht nur ist die hohe Zahl von 26 dieser Begriffe in Röm bemerkenswert, zum Teil mit wiederkehrender Verwendung, 139 es finden sich diese Begriffe auch quer über den Römerbrief verteilt, mit einer besonderen Häufung in Kapitel 8: Kap. 1 (1 Mal), Kap. 2 (1 Mal), Kap. 3 (2 Mal), Kap. 5 (1 Mal), Kap. 6 (3 Mal), Kap. 7 (2 Mal), Kap. 8 (8 Mal), Kap. 9-11 (5 Mal), Kap.-12 (1 Mal), Kap.-15-16 (6 Mal). Weiter ist bemerkenswert, dass nur ein einziges der vorkanonisch stehenden composita ebenfalls in *Ev begegnet. Ein Vergleich der Zahlen von kanonischer Ebene und *Ev: 286 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="287"?> *συλλαλέω 6 *Ev 9,30; 22,4 Mt 17,3; Mk 9,4; Lk 4,36; 9,30; 22,4; Apg 25,12 *συμπνίγω 5 *Ev 8,42 Mt 13,22; Mk 4,7. 19; Lk 8,14. 42 *συμπορεύομαι 4 *Ev 7,11 (nach Klinghardt eine Ei‐ gentümlichkeit von *Ev); 24,15 Mk 10,1; Lk 7,11; 14,25; 24,15 *συμφωνέω 7 *Ev 5,36 Mt 18,19; 20,2. 13; Lk 5,36; Apg 5,9; 15,15; 1Kor 7,5 *συνευδοκέω 6 *Ev 11,48 Lk 11,48; Apg 8,1; 22,20; Röm 1,32; 1Kor 7,12. 13 *συνέχω 12 *Ev 22,63 etwa Lk 4,38; 12,50; 19,43, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 4,24; Lk 4,38; 8,37. 45; 12,50; 19,43; 22,63; Apg 7,57; 18,5; 28,8; 2Kor 5,14; Phil 1,23 *συντηρέω 4 *Ev 5,38; *1Thess 5,23 etwa Lk 2,19 in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mt 9,17; Mk 6,20; Lk 2,19; 5,38 Nachdem aus dieser Kategorie im kanonischen Neuen Testament 136 Begriffe vorliegen, von denen sieben im vorkanonischen *Ev und sieben weitere in *Paulus, also insgesamt 14 im vorkanonischen *Neuen Testament bezeugt sind, ergibt diese Zahl gemessen am Umfang an verschiedenen Wörtern von 5.437 im kanonischen Neuen Testament gegenüber 1.180 im vorkanonischen *NT ein Verhältnis von 2,5% : 0,12%. Das Ergebnis zeigt, dass wir sowohl bei einem Vergleich Paulus zu *Paulus wie auch NT zu *NT beidemale einen Anteil von we‐ niger als der Hälfte an composita-Präsenz im vorkanonischen Text besitzen, auch wenn der Anteil beim zweiten Vergleich leicht höher ist. Insgesamt allerdings erweist dies erneut, dass nicht nur das Profil der kanonischen gegenüber der vorkanonischen (und umgekehrt) Ebene sich deutlich unterscheiden, sondern es bestätigt sich, dass auch das vorkanonische Profil von *Paulus demjenigen von *Ev sehr nahe steht. Auch hier ist ein Gegenvergleich hilfreich. Denn mit Bezug auf eine andere Kompositgruppe begegnet uns ein deutlich anderes Verhältnis. Nehmen wir ὑπ-/ ὑπερ-: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 287 <?page no="288"?> 140 Wie in der Concordance bezieht sich bei Mehrfachangaben die erste Zahl auf Kata Biblon - Wikilexicon of the Greek New Testament, die zweite Zahl bietet die Zählung der Computerkonkordanz. *ὑπάγω 84 / 79 140 *Ev 8,42 etwa Lk 4,8. 16; 19,29, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 4,10; 5,24. 41; 8,4. 13. 32; 9,6; 13,44; 16,23; 18,15; 19,21; 20,4. 7. 14; 21,28; 26,18. 24; 27,65; 28,10; Mk 1,44; 2,11; 5,19. 34; 6,31. 33. 38; 7,29; 8,33; 10,21. 52; 11,2; 14,13. 21; 16,7; Lk 4,8. 16; 8,42; 10,3; 12,58; 17,14; 19,30; Joh 3,8; 6,21. 67; 7,3. 33; 8,14. 21; 9,7. 11; 11,8. 31. 44; 12,11. 35; 13,3. 33. 36; 14,4. 5. 28; 15,16; 16,5. 10. 16. 17; 18,8; 21,3; Jak 2,16; 1Joh 2,11; Apk 10,8; 13,10; 14,4; 16,1; 17,8. 11 *ὑπακούω 24 / 21 *Ev 8,25; *2Thess 1,8; *Laod 6,1 Mt 8,27; Mk 1,27; 4,41; Lk 8,25; 17,6; Apg 12,13; 6,7; Röm 6,7. 12. 16; 10,16; Eph 6,1. 5; Kol 3,20. 22; 2Thess 1,8; 3,14; Phil 2,12; Hebr 5,9; 11,8; 1Petr 3,6 *ὑπάρχω 66 / 60 *Ev 8,3; 11,41; 16,14 (Ada‐ mantius‐ zeugnis); *Phil 2,6 etwa Lk 12,33 und 23,50, jeweils in einem Versteil, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mt 19,21; 24,47; 25,15; Lk 7,25; 8,3. 41; 9,48; 11,13. 21; 12,15. 33. 44; 14,33; 16,1. 14. 32; 19,8; 23,50; Apg 2,30. 45; 3,2. 6; 4,32. 34. 37; 5,4; 7,55; 8,16; 10,12; 14,8; 16,3. 20. 37; 17,24. 27. 29; 19,36. 40; 21,20; 22,3; 27,12. 21. 34; 28,7. 18; Röm 4,19; 1Kor 7,26; 11,7. 18; 12,22; 13,3; 2Kor 8,17; 12,16; Gal 1,14; 2,14; Phil 2,6; 3,29 Hebr 10,34; Jak 2,15; 2Petr 1,8; 2,19; 3,11 *ὑπεραίρω 2 *2Kor 12,7; *2Thess 2,4 2Kor 12,7; 2Thess 2,4 *ὑπερέχω 5 *Phil 3,8 Röm 13,1; Phil 2,3; 3,8; 4,7; 1Petr 2,13 *ὑπερπερισσεύω 2 *Röm 5,20 Röm 5,20; 2Kor 7,4 *ὑποδέω 3 *Laod 6,15 Mk 6,9; Apg 12,8; Eph 6,15 *ὑπομένω 19 / 17 *Röm 12,12 etwa Lk 2,43, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mt 10,22; 24,13; Mk 13,13; Lk 2,43; Apg 17,14; Röm 12,12; 1Kor 13,7; 2Tim 2,10. 12; Hebr 10,32; 12,2. 3. 7; 1Petr 2,20; Jak 1,12; 5,11 *ὑποστρέφω 41 / 35 *Ev 17,15; 23.56; 24,9 etwa Lk 1,56; 2,20. 39. 43. 45; 4,1. 14; 8,39, in Versen, die in *Ev fehlen, Lk 288 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="289"?> 19,12, in einem Teilvers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mk 14,40; Lk 1,56; 2,20. 39. 43. 45; 4,1. 14; 7,10; 8,37. 39. 40; 9,10; 10,17; 11,24; 17,15. 18; 19,12; 23,48. 56; 24,9. 33. 52; Apg 1,12; 8,25. 28; 12,25; 13,13. 34; 20,3; 14,21; 21,6; 22,17; 23,32; 26,18; Gal 1,17; Hebr 7,1; 2Petr 2,21 *ὑποτάσσω 46 / 38 *Röm 10,3: *Laod 1,22; 5,21 etwa Lk 2,51, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Lk 2,51; 10,17. 20; Röm 8,7. 20; 10,3; 13,1. 5; 1Kor 14,32. 34; 15,27. 28; 16,16; 2Kor 9,13; Gal 2,5; Eph 1,22; 5,21. 24; Kol 3,18; Phil 3,21; 1Tim 2,11; 3,4; Tit 2,9; 3,1; Hebr 2,5. 8; 12,9; Jak 4,7; 1Petr 2,13. 18; 3,1. 5. 22; 5,5 ὑπαντάω 10 - Mt 8,28; 28,9; Mk 5,2; Lk 8,27; 14,31; Joh 4,51; 11,20. 30; 12,18; Apg 16,16 ὑπείκω 1 - Hebr 13,17 ὑπεραυξάνω 1 - 2Thess 1,3 ὑπερβαίνω 1 - 1Thess 4,6 ὑπερβάλλω 5 - 2Kor 3,10; 9,14; Eph 1,19; 2,7; 3,19 ὑπερεκτείνω 1 - 2Kor 10,14 ὑπερεκχέω 1 - Lk 6,38 (Tert., Adv. Marc. IV 17,9 scheint das verbum simplex zu lesen: pressam ac fluentem) ὑπερεντυγχάνω 1 - Röm 8,26 ὑπερνικάω 1 - Röm 8,37 ὑπεροράω 1 - Apg 17,30 ὑπερπλεονάζω 1 - 1Tim 1,14 ὑπερυψόω 1 - Phil 2,9 ὑπερφρονέω 1 - Röm 12,3 ὑπέχω 1 - Jud 1,7 ὑπηρετέω 3 - Apg 13,36; 20,34; 24,23 ὑποβάλλω 1 - Apg 6,11 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 289 <?page no="290"?> ὑποδείκνυμι 6 etwa Lk 3,7; 6,47, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 3,7; Lk 3,7; 6,47; 12,5 (nach Epiphanius ist das Verb in diesem Vers unbezeugt, auch wenn Tertullian es innerhalb seiner Gegen‐ argumentation im Zitieren des kano‐ nischen Textes aufweist; Klinghardt - wie vor ihm Zahn, Harnack und Roth - folgt an dieser Stelle allerdings Tertullian); Apg 9,16; 20,35 ὑποδέχομαι 4 - Lk 10,38; 19,6; Apg 17,7; Jak 2,25 ὑποζώννυμι 1 - Apg 27,17 ὑποκρίνω 1 - Lk 20,20 ὑπολαμβάνω 5 - Lk 7,43; 10,30, beide Male in Versen, die in *Ev fehlen; Apg 1,9; 2,15; 3Joh 1,8 ὑπολείπω 1 - Röm 11,3 ὑπολιμπάνω 1 - 1Petr 2,21 ὑπομιμνῄσκω 11 - Lk 22,61; Joh 14,26; 2Tim 2,14; Tit 3,1; 2Petr 1,12. 13; 3,1; 3Joh 1,10; Jud 1,5 ὑπονοέω 3 - Apg 13,25; 25,18; 27,27 ὑποπλέω 2 - Apg 27,4. 7 ὑποπνέω 1 - Apg 27,13 ὑποστέλλω 4 - Apg 20,20. 27; Gal 2,12; Hebr 10,38 ὑποστρώννυμι 1 - Lk 19,36 ὑποτίθημι 2 - Röm 16,4; 1Tim 4,6 ὑποτρέχω 1 - Apg 27,16 ὑποφέρω 3 - 1Kor 10,13; 2Tim 3,11; 1Petr 2,19 ὑποχωρέω 2 - Lk 5,16, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 9,10 Bei diesen composita liegen uns insgesamt 43 Wörter vor, zehn davon vorkano‐ nisch präsent. Hier fällt zunächst die Diskrepanz zum vorher durchgeführten Vergleich der συγ-, συλ-, συμ-, συν-, συσ- Gruppe auf. Während dort die vorkanonisch bezeugten Begriffe alle weniger als zehn Mal auf der kanonischen Ebene begegnen und auf dieser Ebene gerade solche composita, die vorkanonisch 290 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="291"?> nicht bezeugt sind, öfter 10 Mal und mehr stehen (συνάγω 66 / 59 Mal), ist es in dieser neuen Liste umgekehrt. Keiner der vorkanonisch nicht bezeugten Begriffe steht auf kanonischer Ebene mehr als 11 Mal, überhaupt gibt es nur 2 Begriffe (ὑπομιμνῄσκω 11 Mal; ὑπαντάω: 10 Mal), die etwas häufiger stehen. Hingegen finden sich mehr als die Hälfte der vorkanonisch bezeugten composita öfter als 19 Mal mit deutlich hohen Frequenzen bis zu ὑπάγω (84 / 79 Mal). Zwei dieser vorkanonisch bezeugten Begriffe sind vorkanonisch in *Ev und *Paulus bezeugt (ὑπακούω, ὑπάρχω) und auch die anteiligen Verhältnisse, gemessen am Wortbestand sind völlig anders in Bezug auf das Verhältnis des kanonischen NT zum vorkanonischen *NT: 0,79% : 0,85%. Das heißt, während wir im vorangegangenen Vergleich proportional weniger als die Hälfte an composita in der vorkanonischen Version fanden, stehen hier sogar mehr composita im vorkanonischen als im kanonischen Neuen Testament. Führen wir den Vergleich noch für die paulinischen Sammlungen durch, ergibt sich ein Verhältnis von acht vorkanonischen Belegen für *Paulus, auf kanonischer Ebene 24, was ein Verhältnis bezogen auf den Bestand an Wörtern ergibt von: 0,52 % kanonisch: 0,69 % vorkanonisch. Hiermit findet sich in der vorkanonischen Version eine stärkere Präsenz von diesen composita als in Paulus. Und auch hier teilen sich *Paulus und *Ev ihre Tendenz im Profil, wonach diese composita in ihrem Anteil den der kanonischen Version übersteigen. Nun fällt auch ins Auge, dass ausgerechnet bei dem compositum ὑπάγω zwar eine Bezeugung für *Ev gegeben ist, die kanonisch aufgegriffen, dort auch in Lk multipliziert wird und sich in allen Evangelien dann reichlich findet sowie auch in den katholischen Briefen und der Apokalypse, man jedoch fragen könnte, ob der Begriff, der immerhin gewaltige 84 / 79 Mal auf kanonischer Ebene zu finden ist, nicht einfach nur wegen unserer auswählenden Zeugen vorkanonisch bei *Paulus nicht bezeugt ist. Dem widerspricht, dass der Begriff nicht nur bei *Paulus fehlt, sondern auch nicht ein einziges Mal im kanonischen Paulus und auch nicht in der Apostelgeschichte zu finden ist. Wie bereits weiter oben tentativ festgestellt, scheint auch hier die vorkanonische Lexik auf die kanonische Redaktion der mit Paulus beschäftigen Texte einen Einfluss gehabt zu haben, was dazu führte, dass ein sonst häufig benutzter Begriff in diesen Schriften des Neuen Testaments völlig ausfällt. Gegenbeispiele sind ὑπακούω und ὑπάρχω, die sowohl in *Ev wie in *Paulus vorkanonisch bezeugt sind und entsprechend auch auf kanonischer Ebene multipliziert werden und in den Evangelien, Apg wie den paulinischen und den Katholischen Briefen stehen. Nicht ganz so deutlich wie ὑπάγω ist ὑποστρέφω, das ebenfalls häufig auf kanonischer Ebene steht (41 / 35 Mal), jedoch nicht für *Paulus bezeugt ist, und auf der kanonischen Ebene zwar neben den Evangelien Mk und Lk auch in der §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 291 <?page no="292"?> 141 T. Schumacher, Zur Entstehung christlicher Sprache. Eine Untersuchung der paulini‐ schen Idiomatik und der Verwendung des Begriffes πίστις (2012), 126. 142 Ibid. 130. Apg steht, jedoch für Paulus lediglich einmal in Gal und einmal in Hebr zu finden ist. Auch das entsprechende andere Phänomen gibt es, wonach vorkanonisch nicht für *Ev bezeugte composita sich auf der kanonischen Ebene nur in den Evangelien finden: ὑπεραίρω, ὑπερέχω, ὑπερπερισσεύω. Anders verhält sich das *Laod bezeugte ὑποδέω, das auch Mk und Apg aufgegriffen wird, ähnlich wie ὑποτάσσω, das allerdings nicht nur *Laod, sondern auch *Röm steht. Der einzige Beleg ohne *Deuteropaulinum ist das in *Röm bezeugte ὑπομένω, das in den Synoptikern, Apg, den Paulinen und den Katholischen Briefen aufgegriffen wird. Auf kanonischer Ebene stechen wieder die Kapitel 8 und 16 von Röm ins Auge, in denen sich auch diese composita finden. Wollte man eine inhaltliche Interpretation wagen, deutet der Unterschied darauf hin, dass auf der kanonischen Ebene der Gedanke, etwas zusammen zu unternehmen, deutlicher ausgeprägt ist als auf der vorkanonischen, während auf der vorkanonischen der Gedanke einer gestuften Welt, die vertikal orientiert ist, vorherrscht. Auch wenn es lohnenswert wäre, alle im vorkanonischen und kanonischen Text zu findenden verba composita zu betrachten, muss es hier für die einfüh‐ renden Untersuchungen bei Beispielen sein Bewenden haben. Bestätigt wurde durch sie die bisher wiederholt festgestellte deutliche Profildifferenz zwischen vorkanonischer und kanonischer Paulusbriefsammlung wie überhaupt die zwi‐ schen vorkanonischer und kanonischer Ebene, während zugleich die große Nähe zwischen vorkanonischem *Paulus und *Ev gesichert wurde. g) Attizismen Wenn auch die vergangene Forschung die Sprache des Paulus der Koine zugeordnet hatte, weder vulgär noch literarisch, hat man doch auch Attizismen festgestellt. Für diesen gelten Rückgriffe auf sprachliche Vorbilder der vorhel‐ lenistischen Zeit für typisch, die sich „zu einem als ‚programmatisch‘ oder ‚normativ‘ zu bezeichnenden Attizismus“ steigerten, „der im 2. Jahrhundert n. Chr. seinen Höhepunkt erreichte“. 141 Was Paulus betrifft, formuliert Schuma‐ cher vorsichtig: „Zwar ist Paulus nicht mit den strengen Attizisten vergleichbar, das steht außer Frage, doch ein entsprechender ‚attizistischer Niederschlag‘ ist bei ihm keinesfalls unwahrscheinlich.“ 142 Tatsächlich hat Th. Nägeli in seiner Untersuchung „Der Wortschatz des Apostels Paulus“, wenn auch nicht auf eine Fülle, so doch auf eine Reihe 292 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="293"?> 143 T. Nägeli, Der Wortschatz des Apostels Paulus. Diss. (1904), 16-17. von Attizismen, unter Angabe der Autoren, bei denen solche vorkommen, hingewiesen, die er bei Paulus finden konnte. Beginnen wir mit „alte[n] und in der Kaiserzeit wieder auftretende[n] Wörter[n], die zwischen 300 und Chr. Geb. in Prosa nicht zu belegen sind“, eine Liste, die für unseren Zusammenhang aufschlussreich ist, wie zu zeigen sein wird. 143 Ich führe alle Begriffe auf, die Nägeli nennt, gebe nicht die Fundstellen bei den antiken Vorbildern an - diese sind leicht bei Nägeli nachzuschlagen - sondern führe die Fundstellen aus der Concordance an: Lemma Zahl vorkanonisch kanonisch ἀγανάκτησις 1 - 2Kor 7,11 ἁγνότης 2 - 2Kor 6,6; 11,3 ἀδημονέω 3 - Mt 26,37; Mk 14,33; Phil 2,26 αἰδώς 2 - 1Tim 2,9; Hebr 12,28 ἄμετρος 2 - 2Kor 10,13. 15 ἀναψύχω 1 - 2Tim 1,16 ἀνεξερεύνητος 1 - Röm 11,33 ἀνήμερος 1 - 2Tim 3,3 ἄνοιξις 2 / 1 - Eph 6,19; Apk 3,7 ἀντίθεσις 1 - 1Tim 6,20 ἀπαρασκεύαστος 1 - 2Kor 9,4 ἀπειλή 4 / 3 - Apg 4,17. 29; 9,1; Eph 6,9 ἀπουσία 1 - Phil 2,12 ἄστοργος 2 - Röm 1,31; 2Tim 3,3 ἀφίημι γυναῖκα/ ἄνδρα 3 - 1Kor 7,11. 12. 13 ἀψευδής 1 - Tit 1,2 δεῦρο (zeitl.) 1 - Röm 1,13 διακονία 35 / 34 - Lk 10,40; Apg 6,1. 4; 11,29; 12,25; 20,24; Röm 11,13; 12,7; 15,31; 1Kor 16,15; 2Kor 3,7. 8. 9; 4,1; 5,18; 6,3; 9,12; 11,8; Kol 4,17; §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 293 <?page no="294"?> 144 Ibid. 17. 145 Ibid. 1Tim 1,12; 2Tim 4,5. 11; Hebr 1,14; Apk 2,19 ἐλαφρός 2 - Mt 11,30; 2Kor 4,17 *ἐλευθερία 11 *Gal 2,4; 5,1 Röm 8,21; 1Kor 10,29; 2Kor 3,17; Gal 2,4; 5,1. 13; Jak 1,25; 2,12; 1Petr 2,16. 19 *ἐλεύθερος 24 / 23 *Gal 4,22. 23 Mt 17,26; Joh 8,33. 36; Röm 6,20; 7,3; 1Kor 7,21. 22. 39; 9,1. 19; 12,13; Gal 4,26. 30. 31; Eph 6,8; Kol 3,11; 1Petr 2,16; Apk 6,15; 13,16; 19,18 Zu dieser Liste von Begriffen vermerkt Nägeli: „Es ist nicht zu leugnen, dass der paulinische Wortschatz eine Reihe von Ausdrücken enthält, die den Apostel an die oberste Grenze dessen zu führen scheinen, was wir einem ausserhalb der klassizistischen Schule stehenden Hellenisten zutrauen dürfen.“ 144 Nachdem nur die beiden letzten Begriffe, von denen Nägeli schreibt, dass sie „vermutlich auch von den Moralphilosophen der hellenistischen Zeit verwendet“ wurden, 145 auch vorkanonisch bezeugt sind, ist aus der Liste abzulesen, dass wir es hier nicht mit dem *paulinischen Wortschatz zu tun haben, sondern mit dem der kanonischen Redaktion, die sich durch solche Attizismen ausweist. Wir können aber noch weitere Beobachtungen zu dieser Liste machen. Nachdem, wie weiter unten in § 13 ausgeführt wird, aus der vorliegenden Liste die vorkanonisch unbezeugten attizistischen Begriffe mit ihren paulini‐ schen Versen, in denen sie stehen, bei keinem unserer vorirenäischen Autoren anklingen, erhärtet sich, dass es sich nicht nur um eine attizistischen Tendenz der kanonischen Redaktion überhaupt, sondern insbesondere mit einer solchen der zweiten kanonischen Redaktion handelt. Das erklärt, warum eine solche at‐ tizistische Tendenz gerade in den Pastoralbriefen begegnet (1/ 2Tim; Tit), auch in Hebr, und über diese hinaus an solchen Stellen in den zehn paulinischen Briefen, die demnach vermutlich auf die zweite kanonische Redaktion zurückgehen. Vor allem aufschlussreich ist dies für den Begriff der διακονία, der zusammen mit seinen Versen sich der zweiten kanonischen Redaktion zuordnen lässt. Ähnlich wichtig ist, dass auch die verschiedenen Passagen aus 2Kor offenkundig der zweiten kanonischen Redaktion zugehören und erst zu diesem Zeitpunkt in diesen Brief eingetragen wurden. 294 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="295"?> 146 Ibid. 29-33; Reiser, Sprache und lit. Formen des NT, 69. 147 T. Nägeli, Der Wortschatz des Apostels Paulus. Diss. (1904), 69. Die Belege bietet er in M. Reiser, Hat Paulus Heiden bekehrt? (1995), 79-80. Er führt an E.A. Judge, Paul’s Boasting in Relation to Contemporary Professional. Practice (1968); M.F. Wiles, The Divine Apostle. The Interpretation of St. Paul’s Epistles in the Early Church (1967). 148 T. Nägeli, Der Wortschatz des Apostels Paulus. Diss. (1904), 69. 149 Vgl. weiter oben, S.-211-214. 150 Vgl. A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974), 105-135. Es sei etwa nur auf die Passage 2Kor 11,16-30 verwiesen, welcher M. Reiser eine „grandiose Eloquenz“ bescheinigt, die auch der „bemerkt …, wer schnarcht“, eine Bemerkung des Augustinus, die Reiser zitiert. 146 Er hebt „die ungekünstelte Frische dieser Rede“ hervor, die „Klassische Philologen immer wieder als ‚Rhetorik des Herzens‘ gerühmt“ hätten. 147 Doch auch diese rhetorische Passage gehört zur kanonischen Redaktion, auch wenn sie nach Ausweis der Zeugen des zweiten Jahrhunderts bereits zur ersten kanonischen Redaktion gehört hat. Auch diese Beispiele können nur einen Fingerzeig für künftige Forschung sein, die verdeutlichen, dass es sich lohnen wird, weitere Text- und Wort‐ vergleiche anzustellen (man vgl. etwa die von Nägeli aufgelisteten „nachklas‐ sische[n] Wörter“ der „höheren Κοινή“, von denen ein Großteil dieselben attizistischen Merkmale aufweist wie die vorgezeigte Liste), 148 um ein noch detaillierteres Bild der kanonischen Redaktionen und auch der Genese der paulinischen Briefsammlung zu gewinnen. Für diese Einleitung muss ich mich des Umfangs wegen auf diese Beispiele beschränken. h) Satzlängen Auch wenn die Diskussion weiter oben zu Barr eine gewisse Zurückhaltung gegenüber dem Kriterium von Satzlängen zur Bestimmung von Autorschafts‐ fragen empfohlen hat, 149 führt van Roon mit Blick auf textimmanente Satzstruk‐ turmerkmale wie Konjunktionen und andere einige bemerkenswerte Phäno‐ mene auch bezüglich Satzlängen vor Augen, die zu berücksichtigen sind. 150 Dabei blickt er nicht nur auf die Satzlänge, begrenzt durch Interpunktionen, sondern bestimmt diese vielmehr historisch adäquat durch die textimmanente Benutzung der oratio perpetua, verbunden mit gliedernden adverbialen Verbin‐ dungen mit Präpositionseinleitungen, konsekutiven Genitiven und Paralleli‐ smen. Widmen wir uns zunächst dieser Art von Satzlängenbestimmung. Als Ausgangspunkt wählt van Roon den Umfang von Sätzen, gemessen an der Zahl von Zeilen, die diese Sätze in der Ausgabe von Nestle (17. Aufl. von 1941) einnehmen, und nimmt als äußere Bestimmung Nestles Gliederung, die zumindest eine gewisse Konsistenz biete. 151 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 295 <?page no="296"?> 151 Ibid. 106. 152 Ibid. 153 Ibid. 106-107. 154 Vgl. ibid. 107. 155 Zu berücksichtigen ist auch die Vorliebe für Partizipialkonstruktionen, die gemessen an den sieben paulinischen Briefen in Kol am häufigsten ist, jedoch auch für Eph gemessen an den sieben Briefen nur von 2Kor übertroffen wird. Bujard formuliert in seinem Fazit: „Die Fortführung des Satzes mit Hilfe eines im Nominativ stehenden Partizips im Kol (und im Eph) (begegnet) unverhältnismäßig häufiger“, so W. Bujard, Stilanalytische Untersuchungen zum Kolosserbrief als Beitrag zur Methodik von Sprachvergleichen (1973), 63. Sätze, die acht oder mehr Zeilen in der Nestleausgabe umfassen, bezeichnet van Roon als lange Sätze, von welchen Eph die meisten aller paulinischen Briefe aufweist. Gewichtet man allerdings die Länge der Briefe, dann kommt 2Thess proportional Eph sogar gleich, oder übertrifft diesen Brief sogar noch an langen Sätzen. 152 Sodann lässt sich feststellen, dass auch andere Briefe, nämlich Röm, 1Kor und Phil proportional ähnlich viele lange Sätze beinhalten, auch Kol. 153 Nimmt man als Länge 14 Zeilen von Nestle oder mehr, so lassen sich solche Sätze als „überdurchschnittlich“ („exceedingly“) lang bezeichnen. Von diesen allerdings hat Eph tatsächlich mehr als alle anderen Briefe, nämlich insgesamt sechs, allerdings besitzt auch 2Thess einen solchen, womit dieser Brief wiederum längenproportional gesehen Eph gleichkommt. Kol besitzt drei solcher Sätze, was längenproportional Eph und 2Thess gleichkommt. Überhaupt ist einer dieser Sätze mit 29 Zeilen bei Nestle überhaupt der längste, der sogar den nächst überlangen Satz mit 28 Zeilen von Eph noch übertrifft. Allerdings gibt es auch in Röm eine Passage, in denen ein solch überlanger Satz begegnet, Röm 4,11-5,21. 154 Aus van Roon lässt sich eine Liste von 14 langen bzw. überlangen Sätzen aus Eph herausziehen, jedoch verweist er auch auf 50 ähnlich lange Sätze aus Röm, 1/ 2Kor, Gal, Phil, 1/ 2Thess, Kol und Phlm. Es lohnt sich, diese langen Sätze mit der vorkanonischen *Paulussammlung zu vergleichen. Im Appendix 1 findet sich dieser Textvergleich, den es an dieser Stelle zu besprechen gilt. Zunächst betrachten wir eine Gegenüberstellung der 14 langen bzw. über‐ langen Sätze aus *Laod und Eph. 155 Ihr ist zu entnehmen, dass von den 14 Passagen für 5 derselben kein vorkanonischer Text bezeugt ist, und das, obwohl der Epheserbrief (vorkanonisch: *Laodizeerbrief) recht gut bezeugt ist - gerade in den Passagen, die nicht zu denjenigen mit langen Passagen gehören (also etwa *Laod 2,10-13; 4,8. 10. 25-26; 5,2. 14. 16. 18-19. 22-23. 25. 28-32; 6,1-4. 11-12). Die Kapitel 5 und 6 sind geradezu erhellend: In den Passagen der langen Sätze von Eph bietet *Laod entweder lediglich einen kurzen Satz (*Laod 5,8. 296 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="297"?> 156 Hier sind auch die einschlägigen Beobachtungen zur Verwendung des „lose ange‐ hängten Infinitiv(s)“ zu beachten, vgl. hierzu ibid. 57-58. 11), oder weniger lange Sätze (*Laod 6,14-16; 19-20), oder gar keinen Text (für Eph 6,5-8), und da, wo *Laod außerhalb dieser Passagen eine rechte Textfülle besitzt, finden wir keine langen Sätze. Nach der apologetischen Perspektive, die mit einer Kürzung des Eph durch Markion rechnet, hätte Markion folglich einen Teil der langen Sätze gekürzt, andere lange Sätze übersprungen und nur einen langen Satz aus Eph 2,14-18 weitgehend übernommen. Die umgekehrte Bearbeitungsrichtung ist auch hier einleuchtender, wonach der vorkanonische Text mit einem langen, mehreren immer noch recht langen, und der Mehrzahl der kurzen Sätze die Vorlage gebildet hat, die eine Redaktion im Stil vor allem der längeren Sätze bearbeitet und den Brief mit weiteren langen Sätzen angereichert hat. Allerdings lässt sich das Phänomen des einen langen und mehrerer immer noch recht langer Sätze noch leichter erklären, wenn - wie wir sehen werden, wird sich diese Hypothese bei der Betrachtung der Lexik weiter erhärten - *Laod selbst wiederum auf eine Vorlage zurückgeht, die aus dem km Milieu stammt. D.h. man müsste in diesem Fall folgende Bearbeitungsstufen annehmen: Werfen wir einen Blick auf den Kolosserbrief: 156 Auch bei diesem Brief begegnet uns ein ähnliches Phänomen. Aus den sieben Passagen mit langen oder längeren Sätzen, bietet *Kol für einen davon einen kürzeren Text (Kol 2,1-3), bei allen anderen begegnen z.T. sogar drastisch kürzere Versionen. Auch der längere Satz von Kol 3,5-11 liegt nur als zwei kurze Verse in *Kol 3,9-10 vor. Auch für Kol wird man dieselbe Doppelstruktur der Bearbeitung annehmen dürfen, wie sie uns bei Eph begegnet ist: Gestützt wird diese Struktur durch die ebenfalls bei diesem Brief begegnende Beobachtung, dass Text für *Kol gerade für diejenigen Passagen gut bezeugt sind, in denen kurze Sätze begegnen (*Kol 1,21-22; 2,4. 16-23; 3,3-4). Folglich scheint auch hier die Bearbeitungsrichtung von km Kol nach *Kol zu Kol gelaufen §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 297 <?page no="298"?> 157 Auf diesen Passus auf kanonischer Ebene verweisen als Beispiel für eine assoziative Denkweise S. Alkier and T. Paulsen, Philologisch-kritische Beobachtungen zur sprach‐ lichen Gestaltung des Römerbriefes (2024), 39. Auf der vorkanonischen Ebene ist er allerdings um Vers 15 kürzer, wird also erst auf der kanonischen Ebene zu einem langen Satz. Das zweite Beispiel, das sie geben ist Röm 11,17-24, eine Passage, die nur auf der kanonischen Ebene begegnet. 158 Ibid. 40. 159 Ibid. 41. zu sein und es wurden auch hier von der kanonischen Redaktion lange Sätze in dem Brief hinzugesetzt. Nehmen wir das dritte deuteropaulinische Schreiben, 2Thess: Dieser Brief bietet nur eingangs 2Thess 1,3-12 einen langen Satz, der in *2Thess diesem gegenüber erheblich kürzer ist, und dann einen weiteren in Kapitel 2,8-10, der ebenfalls verkürzt vorkanonisch bezeugt ist. Nachdem für *2Thess jedoch einige weitere Textstücke bezeugt sind, gibt es auch hier einen zu den beiden voranstehenden Fällen ähnlichen Befund. Es liegen beide längere Sätze in kürzerer Form vorkanonisch vor, dann aber gibt es vor allem Parallelen zu den Briefteilen mit kurzen Sätzen (*2Thess 2,1. 3-4; 3,10). Man wird vielleicht auch hier mit einer doppelten Bearbeitungsstruktur rechnen, auch wenn der Befund wegen der Kürze des Briefes weniger deutlich ist. Begeben wir uns zu den sieben Paulusbriefen: Der Römerbrief bietet ein besonderes Beispiel. Von zehn Passagen längerer Sätze bietet *Röm für sieben keinen Text, bei den drei weiteren begegnen zwei kurze und nur ein längerer Satz, der jedoch kürzer als der zu vergleichende kanonische ist (*Röm 2,14. 16). 157 Drei der zehn Passagen stehen in den beiden Kapiteln von Röm 15-16, die für die vorkanonische Version als abwesend bezeugt sind. Die von S. Alkier und T. Paulsen als „bestes Beispiel“ für „eine asyndetische Aufzählung“ genannte Passage, in der „oft assoziative Aneinanderreihung herrscht (und) in der die Glieder oft nur teilweise zueinander passen“, ist Röm 1,29-31, die nur auf der kanonischen Ebene zu finden ist. 158 Ein von ihnen vorgestelltes „markantes Beispiel für eine polysyndetische Aufzählung“ ist Röm 8,38f., das eine „zehngliedrige Aufzählung“ bietet, bestehend „zum Teil aus Gegensatzpaaren-…, zum Teil aber auch aus einer locker assoziativ wirkenden Reihung“, erneut nur auf der kanonischen Ebene anzutreffen. 159 Außerdem 298 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="299"?> 160 Ibid. 161 Ibid. 41-42. 162 Ibid. 43-44. begegnen Beispiele für eine nachdrückliche „Betonung einzelner Wörter“ als „Anadiplose (unmittelbare Wiederholung eines Wortes vom Ende eines Satzes oder Teilsatzes am Beginn des Folgenden) und Epanalepse (Wiederholung eines Wortes mit einem oder mehreren Wörtern dazwischen)“ in Röm 9,30 und „die Repetitio (unmittelbare Wiederholung einer Wortgruppe …) und die Anapher (Wiederholung eines Wortes jeweils am Beginn des folgenden Satzes oder Teil‐ satzes-…) in Röm 13,7“ - beides Verse, die nur kanonisch stehen. 160 Polyptoton („die Aufeinanderfolge verschiedener Formen desselben Wortes“) findet sich z. B. Röm 2,12-14 (doch nur verkürzt vorkanonisch in den Versen *Röm 2,12-13) und ausschließlich kanonisch in Röm 2,1-3, ebenso mit „staccato-artige[r] Klangwirkung“ in Röm 12,3 auf der kanonischen Ebene. 161 Schließlich braucht man nur die kanonische Passage Röm 12,9-15 mit der vorkanonischen *Röm 12,9. 10. 12. 14 zu vergleichen, um zu erkennen, dass die kanonische Redaktion den Text zu einem „Stilmittelcluster“ erweitert. 162 Auch beim Römerbrief begegnet das Phänomen, dass diejenigen Passagen, die für *Röm bezeugt sind, durchweg kurze oder nicht besonders lange Sätze umfassen (*Röm 1,16-18. 21-23; 2,2. 12-13. 20-21. 24-25. 27-29; 3,19-20; 4,2; 5,1. 6. 10. 20-21; 7,4-5. 6? -7. 11-14. 18-19? 23-24; 8,3-5. 6-7. 9-11; 10,1-4; 11,33-35; 12,9. 10. 12. 14. 16-19; 13,8-10; 14,1? 2-3? 10. 21. 23). Beim 1. Korintherbrief begegnen wir ebenfalls neun Passagen mit längeren Sätzen, von denen allerdings nur für eine Passage kein vorkanonischer Text bezeugt ist. Für die übrigen Passagen liegen nur verkürzte Sätze vor, wenn auch für vier dieser Passagen die Kürzungen eher gering ausfallen. Beim 2. Korintherbrief sind es wieder zehn Passagen mit längeren Sätzen. Hier ist es ganz anders als im 1. Korintherbrief. Denn für diese zehn Passagen liegt vorkanonisch gesicherter Text nur für eine Passage vor, vielleicht auch noch Text für eine weitere, der jedoch unbezeugt ist. Für die drei Passagen mit den längsten Sätzen (2Kor 6,1-10; 8,1-7; 9,10-14) gibt es keine Textbezeugung für die vorkanonische Version. Damit wird deutlich, auch die vorkanonische Ebene bietet einen längeren Satz, solche Sätze und dann noch längere sind jedoch ein typisches Merkmal der kanonischen Ebene, die sich durch die Vielzahl der längeren Sätze auszeichnet, für die keine vorkanonischen Paralleltexte aufzuweisen sind. Auch hier liegen gerade für die Passagen mit kürzeren Sätzen wieder vorkanonische Paralleltexte vor (*2Kor 1,1-3. 20; 2,17; 3,3. 6-7. 11. 13-16. 18; 4,4-6. 13. 16. 18; 5,1-6. 8. 10. 17; 7,1; 11,2. 13-14; 12,2. 4. 7-9; 13,1. 2. 10). §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 299 <?page no="300"?> Was den Galaterbrief betrifft, so begegnen drei Passagen mit längeren Sätzen, zu denen jeweils paralleler vorkanonischer Text existiert, der jedoch alle drei Sätze in verkürzter Form bietet. Außerhalb dieser längeren Sätze findet sich wiederum reichlich Text, der parallel zu kurzen Satzpassagen steht (*Gal 1,6-8. 13-14; 2,1-5. 11-12. 14. 16. 18; 3,10-14; 4,3-6. 8-9. 22-26. 31; 5,1. 3. 6. 9-10. 14. 19-21. 24; 6,2. 6-10. 12-14. 17). Im 1. Thessalonicherbrief begegnen 9 Passagen mit längeren Sätzen, von denen es für nur 2 vorkanonische Passagen parallelen Text gibt. In diesen beiden Passagen sind die Sätze kürzer. Gleichwohl ergibt sich erneut, dass außerhalb dieser Passagen Text für diesen Brief vorkanonisch bezeugt ist (*1Thess 1,1; 3,1; 4,7. 15-17; 5,19-23). Im Philipperbrief finden sich acht Passagen mit längeren Sätzen, von denen für vier Passagen paralleler vorkanonischer Text existiert, wiederum mit jeweils kürzeren Sätzen. Und wiederum begegnet außerhalb dieser Passagen vorkano‐ nischer Text mit kürzeren Sätzen (*Phil 1,1; 1,15-17. 23; 3,3. 5. 7. 20-21). Der Gesamtüberblick zu den sieben Paulusbriefen ergibt demnach, dass in allen diesen Briefen auf der vorkanonischen Ebene die Anzahl längerer Sätze kleiner als die auf der kanonischen Ebene ist. *1Kor hat dabei mit acht die meisten solcher längeren Sätze, gefolgt von *Phil mit vier, *Gal, der für alle drei längeren Sätze der kanonischen Version parallelen Text besitzt, dann *Röm mit drei, *1Thess mit zwei und *2Kor mit einem. Gemeinsam aber ist allen vorkanonischen Briefen, dass auch da, wo sie längere Sätze bieten, diese immer kürzer sind als die der kanonischen Version. Aus all dem lässt sich schließen, dass es zwar längere Sätze in der vorkano‐ nischen Version gibt, ausgedehnte Sätze jedoch ein typisches Merkmal der kanonischen Version darstellen, die in allen zehn Briefen zu finden sind. Dabei ist vor allem die Diskrepanz erkennbar, dass die vorkanonischen Briefe gerade in solchen Passagen parallelen Text aufweisen, die auch in den kanonischen Briefen solche mit kurzen Sätzen sind. Will man daraus einen Schluss auf die Bearbeitungsrichtung ziehen, so ist es wenig wahrscheinlich, dass eine Redaktion zwar eine Reihe von längeren Sätzen stehengelassen hätte, wenn auch ein wenig verkürzt, dann aber all die anderen Passagen nur deshalb gekürzt hätte, weil sie lange Sätze aufweisen, und vorwiegend solche mit kurzen Sätzen stehen ließ. Viel leichter erklärbar ist, wenn die vorkanonische Version die ursprünglichere gewesen wäre, die sich gewöhnlicherweise kurzer Sätze bedient, an einzelnen Stellen etwas längere Sätze verwendet, die durch die kanonische Redaktion sogar noch verlängert und gepaart wurden mit gerade von der kanonischen Redaktion bevorzugten langen und längeren Sätzen. Norelli hatte schon erkannt, dass, was hier die 300 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="301"?> 163 Auch wenn er dies auf den Inhalt bezieht, darf man es wohl auch auf den Stil beziehen, ohne Norelli überzuinterpretieren, E. Norelli, Marcione lettore dell’ epistola ai Romani (1994), 670. 164 A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974), 108. 165 „It is unthinkable that this striking correspondence between Eph. and the HP schould be the result of a painstaking pseudographical imitation of the long sentences from authentic epistles. For, particularly there, where we found a strong affinity between the long sentences of Eph. and those of the other epistles, even Goodspeed and Mitton who discern a copying from other epistles throughout practically the whole of Eph., could find almost nothing derivative“, ibid. 110. 166 Ibid. 112. 167 K.G. Kuhn, Der Epheserbrief im Lichte der Qumrantexte (1961), 335. vorkanonische Version genannt wird, sich „einfacher und erheblich kompakter“ darstellt im Vergleich zur kanonischen. 163 Umgekehrt spricht für eine durchge‐ hend redaktionelle Nutzung längerer Sätze deren strukturelle und inhaltliche Platzierung. Van Roon hat festgestellt - was durch unsere Liste im Anhang leicht nachzuvollziehen ist -, dass solch längere Sätze nie am Ende eines Briefes begegnen, sich dafür aber in Passagen finden, bei denen es um Eucharistie geht, um Gebete, Segnungen, Doxologien, theologische Ausführungen, paränetische Stücke und in Sätzen, die in Digressionen stehen, auch bisweilen in solchen, die direkt an die Adressaten gerichtet sind (1Thess; Eph). 164 Van Roon urteilt zu Recht, dass „es undenkbar ist, dass diese ins Auge stechenden Korrespondenzen zwischen Eph und den sieben Paulusbriefen das Ergebnis einer peniblen pseu‐ depigraphischen Imitation der langen Satzform authentischer Briefe sein sollte“, zumal die ältere Forschung, die Eph abhängig von diesen Briefen gesehen hat, gerade für diese Passagen fast keine Indizien für irgendwelche Abhängigkeit gefunden hatte. 165 Doch stellt dieses Ergebnis, wie der Vergleich mit der vorkanonischen Version der Briefe zeigt, kein Argument für die Authentizität von Eph und Kol (für den van Roon dieselben Auffälligkeiten wie für Eph feststellte) dar, sondern erweist sich vielmehr als ein typisches Merkmal der kanonischen Redaktion, welche sich sowohl in den sieben Paulusbriefen wie auch in den drei Deuteropaulinen findet. Van Roon mag auch richtig liegen, wenn er die langen Sätze als Hinweis darauf betrachtet, dass den Schreibern eine formale, literarisch-rhetorische, griechische Bildung fehlte, während der Satzbau jüdisch-literarischen Gewohnheiten ent‐ spricht, die etwa auch in den Schriften von Qumran festgestellt wurden, 166 nämlich „unendlich sich hinziehende[] locker gereihte[] Bandwurmsätze“. 167 Eine besondere Form längerer Satzstrukturierung stellt die adverbiale Ad‐ junktion dar, die durch eine Präposition eingeführt wird. Van Roon sieht sie als Charakteristikum des Stils von Eph, doch er findet sie auch etwa in 2Kor. Ein §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 301 <?page no="302"?> teils asyndetischer, teils subordinierender Anschluss steht in Eph 1,5; 2,2 und 4,12: Paulus Kanonisch Vorkanonisch Eph 1,5-6 5 ἐν ἀγάπῃ προορίσας ἡμᾶς εἰς υἱοθεσίαν διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ εἰς αὐτόν, κατὰ τὴν εὐδοκίαν τοῦ θελήματος αὐτοῦ, 6 εἰς ἔπαινον δόξης τῆς χάριτος αὐτοῦ ἧς ἐχαρίτωσεν ἡμᾶς ἐν τῷ ἠγαπημένῳ. 5 εἰς υἱοθεσίαν ἐλήμφθημεν διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ, κατὰ τὴν εὐδοκίαν τοῦ θελήματος αὐτοῦ, Eph 2,2 ἐν αἷς ποτε περιεπατήσατε κατὰ τὸν αἰῶνα τοῦ κόσμου τούτου, κατὰ τὸν ἄρχοντα τῆς ἐξουσίας τοῦ ἀέρος, τοῦ πνεύματος τοῦ νῦν ἐνεργοῦντος ἐν τοῖς υἱοῖς τῆς ἀπειθείας. ἐν αἷς περιεπατήσατε κατὰ τὸν αἰῶνα τοῦ κόσμου τούτου, κατὰ τὸν ἄρχοντα τῆς ἐξουσίας τοῦ ἀέρος, τοῦ ἐνεργοῦντος ἐν τοῖς υἱοῖς τῆς ἀπειθείας Eph 4,12-13 12 πρὸς τὸν καταρτισμὸν τῶν ἁγίων εἰς ἔργον διακονίας, εἰς οἰκοδομὴν τοῦ σώματος τοῦ Χριστοῦ, 13 μέχρι καταντήσωμεν οἱ πάντες εἰς τὴν ἑνότητα τῆς πίστεως καὶ τῆς ἐπιγνώσεως τοῦ υἱοῦ τοῦ θεοῦ, εἰς ἄνδρα τέλειον, εἰς μέτρον ἡλικίας τοῦ πληρώματος τοῦ Χριστοῦ, - Während Eph/ *Laod 1,5(-6) wegen der schwachen Bezeugung nicht aussage‐ kräftig ist, lässt sich an Eph/ *Laod 2,2 ablesen, dass diese typisch für Eph gehaltene Konstruktion auch für die vorkanonische Version dieses Briefes, also *Laod bezeugt ist. Dies lässt sich am ehesten erklären, wenn, wie oben bereits vermutet, es eine doppelte Bearbeitung gegeben hat. Es wäre sonst kaum erklärlich, wie die Redaktion der vorkanonischen Ebene eine solche adverbiale Adjunktion ausgerechnet in einen Brief geschrieben hätte, der dann auf der kanonischen Ebene genau diese Konstruktion als typisches Merkmal ausweist. Es scheint vielmehr so zu sein, dass wir mit *Laod 2,2 auf einen Vers stoßen, der bereits in der Vorlage der vorkanonischen Redaktion vorhanden war, was wiederum auch erläutert, warum dieser Vers kaum weiter von der kanonischen Redaktion bearbeitet wurde. Das könnte auch für *Laod 1,5 zutreffen, denn dieser Satz scheint lediglich durch eine kleine Einleitung (ἐν ἀγάπῃ) und durch Vers 6 kanonisch erweitert worden zu sein. Dass die längere Konstruktion für Eph typisch, für die vorka‐ nonische Redaktion untypisch ist, erweist zum einen Eph 4,12-13, zu dem es 302 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="303"?> 168 Vgl. A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974), 114. 169 Ibid. 116-117. 170 Van Roon verweist auch auf Röm 3,21-26 als dem Ort mit den meisten präpositionalen Adjunktverbindungen, doch diese beginnen genau dort, wo der kanonische Text keine Parallele im vorkanonischen Text besitzt! kein vorkanonisches Gegenstück gibt, zum anderen die weitere Verwendung der Konstruktion auf der kanonischen Ebene, wenn van Roon etwa Verknüpfungen mit der Präposition ἐν in Eph 1,17; 4,19; 5,26; 6,24 vergleicht mit Röm 5,15, alles Wendungen auf der kanonischen Ebene. 168 Man braucht sich nur die Liste der Präpositionalverbindungen zu betrachten, die van Roon aufführt, um zu erkennen, wie zentral diese Konstruktion für Eph 1,1-14 ist, doch sie begegnet eben auch in Röm 1,1-10. 169 Setzt man den vorkanonischen Text daneben, sieht der Befund wie folgt aus: Paulus Kanonisch Vorkanonisch Eph 1,1-14 1-… διὰ-… [ἐν] καὶ-… ἐν 2-… ἀπὸ 3-… ἐν-… ἐν-… ἐν 4-… ἐν-… πρὸ-… κατενώπιον-… ἐν 5 ἐν-… εἰς-… διὰ-… εἰς-… κατὰ 6 εἰς-… ἐν 7 ἐν ᾧ-… διὰ-… κατὰ 8-… εἰς-… ἐν 9-… κατὰ-… ἐν 10 εἰς-… ἐν-… ἐν 11 ἐν ᾧ καὶ-… κατὰ-… κατὰ 12 εἰς-… εἰς-… ἐν 13 ἐν ᾧ καὶ-… ἐν ᾧ καὶ 14-… εἰς-… εἰς 1-… ἐν 2-… ἀπὸ 3-… ἐν-… ἐν-… ἐν -5-… εἰς-… διὰ-… κατὰ 6 εἰς-… ἐν 7 ἐν ᾧ-… διὰ -9-… κατὰ 10 εἰς-… ἐν-… ἐν -12 εἰς-… εἰς-… ἐν 13 ἐν ᾧ καὶ-… ἐν ᾧ - Röm 1,1-10 1-… εἰς 2-… διὰ-… ἐν 3 περὶ-… ἐκ-… κατὰ 4-… ἐν-… κατὰ-… ἐξ 5 δι’-… εἰς-… ἐν-… ὑπὲρ 6 ἐν 7-… ἐν-… ἀπὸ 8-… διὰ-… περὶ-… ἐν 9-… ἐν-… ἐν 10-… ἐπὶ-… ἐν-… πρὸς ----5-… ἐν -7-… ἐν-… ἀπὸ Dieser Vergleich 170 bestätigt, dass auch für das erste Kapitel von *Laod es wohl bereits eine kanonisch orientierte Vorlage km Laod für *Laod gegeben hat, in der bereits präpositionale Adjunktionen standen, auch wenn diese Art der Konstruktion bei der kanonischen Überarbeitung erheblich erweitert worden §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 303 <?page no="304"?> 171 Vgl. hierzu A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974), 119. 172 So ibid. 120. 173 Außer Acht gelassen sind solche Genitive, die von einem Personalpronomen im Genitiv gefolgt sind, vgl. für weitere Details ibid. 121. ist. Die Duplikation von ἐν ᾧ καὶ in Vers 11 (gegenüber dem bereits existierenden Vers 13) auf dieser Überarbeitungsstufe ist erneut Ausdruck einer kanonischen Charakteristik. Im Gegensatz dazu scheint der *Römerbrief ohne eine Vorlage mit Adjunk‐ tionen bearbeitet worden zu sein. Hier ist die präpositionale Adjunktkonstruk‐ tion erst bei der kanonischen Bearbeitung eingeführt worden. Der Effekt dieser Konstruktion besteht nicht nur in der internen Gliederung eines Satzes, sondern gerade durch die Verwendung von präpositionalen Adjunktionen am Ende eines Gedankens auch in der Unterbrechung eines Gefüges und der Markierung eines Endes, d. h. sie dienen inhaltlichen wie ästhetischen Zwecken. 171 Wie die Passagen mit den längeren Sätzen sich vorwiegend auf den kanonischen Textbestand beziehen, so begegnet auch dieses Phänomen der präpositionalen Adjunktverbindungen in den paulinischen Briefen an den Stellen, an denen der kanonische Text keine oder ganz wenig vorkanonische Korrespondenzen hat. Dieses Stilmerkmal ist darum desto auffallender, als weder in der christlichen älteren Literatur der ersten beiden Jahrhunderte noch in der nichtchristlichen Literatur sich nämliche Elemente finden mit Ausnahme von älteren jüdisch-christlichen liturgischen Texten. 172 Eine weitere Form von Satzverlängerungen sind konsekutive Genitive, die sich bisweilen auch reimen. Von diesen gibt es im Epheserbrief 15 Fälle, 173 wobei in zwei Fällen drei unmittelbar aufeinander folgende stehen, und zwar im selben Vers: Eph 4,13 (… εἰς τὴν ἑνότητα τῆς πίστεως καὶ τῆς ἐπιγνώσεως τοῦ υἱοῦ τοῦ θεοῦ, εἰς ἄνδρα τέλειον, εἰς μέτρον ἡλικίας τοῦ πληρώματος τοῦ Χριστοῦ). Der Vers hat keine Parallele im vorkanonischen Text. Diese Kumulation von Genitiven begegnet jedoch auch in Röm 2,5 (… ἐν ἡμέρᾳ ὀργῆς καὶ ἀποκαλύψεως δικαιοκρισίας τοῦ θεοῦ); 8,21 (… ἀπὸ τῆς δουλείας τῆς φθορᾶς εἰς τὴν ἐλευθερίαν τῆς δόξης τῶν τέκνων τοῦ θεοῦ); 11,17 (… ἐν αὐτοῖς καὶ συγκοινωνὸς τῆς ῥίζης τῆς πιότητος τῆς ἐλαίας ἐγένου). Keiner dieser drei Verse hat eine Parallele im vorkanonischen Text. Während die Kumulation von Genitiven auch in Kol zu finden ist und hier und da auch in anderen Briefen, spricht der Befund hier deutlich für eine kanonische stilistische Präferenz, die der vorkanonische Text nicht mit ihr teilt. Ein hiermit verwandtes Stilphänomen ist die Genitivkonstruktion von Synonymbegriffen, die 12 Mal in Eph begegnet: 304 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="305"?> 174 Ibid. 123; E. Percy, Die Probleme der Kolosser- und Epheserbriefe (1946), 62, 214-215. 175 Vgl. A. van Roon, The Authenticity of Ephesians (1974), 124. Paulus Kanonisch Vorkanonisch Eph 1,5 κατὰ τὴν εὐδοκίαν τοῦ θελήματος αὐτοῦ - Eph 1,6 εἰς ἔπαινον δόξης τῆς χάριτος αὐτοῦ - Eph 1,11 κατὰ τὴν βουλὴν τοῦ θελήματος αὐτοῦ - Eph 1,12 εἰς ἔπαινον δόξης αὐτοῦ εἰς ἔπαινον δόξης Eph 1,19 κατὰ τὴν ἐνέργειαν τοῦ κράτους τῆς ἰσχύος αὐτοῦ - Eph 2,2 κατὰ τὸν αἰῶνα τοῦ κόσμου τούτου, κατὰ τὸν ἄρχοντα τῆς ἐξουσίας τοῦ ἀέρος κατὰ τὸν αἰῶνα τοῦ κόσμου τούτου, κατὰ τὸν ἄρχοντα τῆς ἐξουσίας τοῦ ἀέρος Eph 2,14 τὸ μεσότοιχον τοῦ φραγμοῦ - Eph 2,15 τὸν νόμον τῶν ἐντολῶν τὸν νόμον τῶν ἐντολῶν Eph 3,7 κατὰ τὴν δωρεὰν τῆς χάριτος τοῦ θεοῦ τῆς δοθείσης μοι κατὰ τὴν ἐνέργειαν τῆς δυνάμεως αὐτοῦ - Eph 3,21 εἰς πάσας τὰς γενεὰς τοῦ αἰῶνος τῶν αἰώνων - Eph 4,23 τῷ πνεύματι τοῦ νοὸς ὑμῶν - Eph 5,2 εἰς ὀσμὴν εὐωδίας - Aus dieser Aufstellung wird erkennbar, dass die Vorliebe für die synonymen Genitive auch in drei vorkanonischen Versen in diesem Brief vorhanden ist, jedoch die Mehrzahl auf der kanonischen Ebene begegnet. Erneut spricht dies für eine doppelte Bearbeitung, wonach bereits die vorkanonische Redaktion eine km Briefvorlage mit solchen Merkmalen besaß, die dann bei einer weiteren Bearbeitung gehäuft wurden. Nachdem solche Genitive auch in Kol begegnen, während sie sich außerhalb von Paulus nur in LXX, hingegen selten in nichtjüdischer und -christlicher Literatur finden, hat man sie als ein paulinisches Stilmerkmal bezeichnet, 174 doch sie stellen sich insbesondere als ein solches der kanonischen Redaktion heraus, mit der diese sich an den Stil der LXX anlehnt. 175 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 305 <?page no="306"?> 6. Inhaltlich bedeutende Begriffe, die in *Paulus fehlen, aber im NT stehen Anders als die reine Lexik und Fragen des Stils wie Satzlängen geben benutztes und nichtbenutztes Vokabular von inhaltlich gewichtigen Begriffen Auskunft über Autor: innenschaft, soziales Umfeld, Argumentationsrichtungen und ähnli‐ ches. Desto mehr dürfen wir uns Informationen erwarten, die uns das Verhältnis der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung näher aufschließen, und zwar was die relative Chronologie und die sich in ihnen spiegelnde gesell‐ schaftlichen, kulturellen und religiösen Welten betrifft. Solche Hinweise sind erneut von Bedeutung, wenn es um Entscheidungen bezüglich der Auswahl von Varianten bei der Rekonstruktion geht, oder um Aufnahme oder Zurückweisung von durch Zeugen für die *10-Briefe-Sammlung nicht bezeugten Textpassagen. Was inhaltlich bedeutende Begriffe sind, ist naturgemäß am wenigstens klar abgrenzbar, es kann darum nur eine begrenzte Auswahl aufgeführt und nur ein Bruchteil davon näher betrachtet werden. Ausgewählt werden im Folgenden ganz unterschiedliche Termini, die historiographisch, sprachlich, ethisch, lit‐ urgisch, theologisch oder philosophisch von einer gewissen Tragweite sind und zumeist mit einer gewissen Häufigkeit im kanonischen Neuen Testament vorkommen. Gewiss hätte man die Auswahl noch leicht ausweiten können, doch bereits das Gebotene soll einen ersten Einblick in die inhaltliche Profildifferenz zwischen der *10-Briefe-Sammlung einerseits und der 14-Briefe-Sammlung und dem kanonischen Neuen Testament andererseits bzw. die Nähe zwischen *Paulus und *Ev verdeutlichen. Anders als bei den Vergleichen zuvor ist es hier dienlich, zwar vornehmlich auf Begriffe einzugehen, die in *Paulus fehlen, aber auch verwandte Begriffe zu berücksichtigen, die für *Paulus entweder bezeugt oder nicht bezeugt sind. Die Begriffe werden zunächst nach Sachgebieten geordnet und innerhalb dieser in alphabetischer Reihenfolge betrachtet, es sei denn, Begriffe, die inhaltlich zusammengehören, werden zusammengezogen. a) Historiographisch Zunächst fällt auf, dass eine Reihe von Termini, die die Schreibkultur betreffen, im vorkanonischen *Paulus nicht begegnen (βιβλαρίδιον, βιβλίον/ βυβλίον, βίβλος, βίος, γραφή, διερμηνεύω, διηγέομαι, διήγησις, ἐπιστολή, ἑρμηνεύω, μεθερμηνεύω, μνημεῖον, μνήμη), aber auch andere wie βάρβαρος und weitere historisch relevante Begriffe. Während βασιλεύς etwa im *Ev nur negativ bewertet steht, in *Paulus gar nicht, begegnen weder im *Ev noch in *Paulus die zur Wortgruppe gehörigen βασιλικός, βασίλισσα. Dann fehlen auch βουλή, 306 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="307"?> 176 Sowohl διατάσσω wie διαταγή werden gebraucht, um militärische oder rechtliche Dinge zu regeln, doch diese Sprache begegnet erst auf der kanonischen Ebene; zum Sprachgebrauch vgl. T. Morgan, Being ‚in Christ‘ in the Letters of Paul (2020), 174. 177 Ein typischer Begriff der Antike, der das Zerstören von Städten oder Siedlungen betrifft, ibid. 175. 178 Zum absolut stehenden Nomen vgl. ThWNT I 583-584. 179 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 557. διατάσσω, διαταγή, 176 δεσπότης, διωγμός, ἔθος, ζηλωτής, ἡγεμών, θρόνος, μαρτυρέω, νικάω, νίκη, οἰκουμένη, πολεμέω, πορθέω, 177 στάσις, στρατεία, στράτευμα, στρατηγός, στρατιά, στρατιώτης, συγγενής, σχίσμα, ὑβρίζω, χώρα, χωρέω. Βασιλεύς und das gesamte Wortfeld dieses Begriffes ist von Interesse. In *Paulus steht auffallenderweise lediglich das Nomen βασιλεία und zwar sowohl bezeugt für *Gal wie für *1Kor, 178 und zwar nur im Sinne der βασιλεία θεοῦ, also des Reiches Gottes, so auch mehrfach im *Ev, wo jedoch entweder von βασιλεία τοῦ θεοῦ die Rede ist oder von βασιλεία τῶν οὐρανῶν. Nachdem die Bezeugungen für *Ev bei Tertullian immer regnum dei lauten, lässt sich allerdings nicht entscheiden, ob im *Ev ebenfalls wie in *Paulus βασιλεία ohne Artikel stand oder wie auf der kanonischen Ebene mit Artikel. Dass wir an den verschiedenen Stellen vom *Ev keine Handschriftenvarianten besitzen, spricht eher dafür, dass auch im *Ev der Artikel stand. Grundsätzlich allerdings ist die Wendung βασιλεία τοῦ θεοῦ eine gerade auf der kanonischen Ebene sehr beliebte, wobei, wie Klinghardt betont, „damit zu rechnen [sei], dass das inhaltliche Interesse eines Redaktors durch Elemente seines Prätextes angeregt sein kann, die er dann durch Weiterentwicklung und Verstärkung akzentuieren und zu einem deutlich profilierten redaktionellen Konzept ausarbeiten kann“. 179 Blicken wir auf Paulus. Dort begegnet etwa in Eph 5,5 eine widersprüchliche Bezeugung, bei der nach βασιλεία P 46 τοῦ θεοῦ bietet, 010, 012, bo ms , Ambst bieten τοῦ θεοῦ καὶ Χριστοῦ, 1739*, vg ms hingegen Χριστοῦ τοῦ θεοῦ, wobei NA 28 keiner dieser Lesarten folgt, sondern schwer nachvollziehbar offenkundig eine eigene Emendation vornimmt und τοῦ Χριστοῦ καὶ θεοῦ schreibt. Wie diese Varianten zeigen, muss es bei der näheren Bestimmung der Zuschreibung des Reiches Unstimmigkeiten gegeben haben, wobei τοῦ θεοῦ jedoch in allen Varianten zu finden ist. Kol 1,13 findet sich schließlich τὴν βασιλείαν τοῦ υἱοῦ τῆς ἀγάπης αὐτοῦ, aber ebenda 4,11 wieder τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ, so auch 2Thess 1,5, nicht anders in den Briefen des Paulus, Röm 14,17 und 1Kor 4,20, und übereinstimmend hiermit Apg 1,3; 8,12; 14,22; 19,8; 28,23. 31. Apg 20,25 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 307 <?page no="308"?> 180 Vgl. auch EvHebr, frg. 11: regnum coelorum. ist bemerkenswert, weil es hier folgende Varianten gibt: 06, gig, sa, Lcf lesen τὴν βασιλείαν τοῦ (+ κυρίου gig) Ἰησοῦ, hingegen haben 08, 019, 614, 1175, 1241, 1505, M, vg, bo pt τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ, dann 323, 945, 1739, 1891 τὸ εὐαγγέλιον τοῦ θεοῦ, und P 74 , 01, 02, 03, 04, 044, 33, 453, 2818, sy, bo pt schlicht τὴν βασιλείαν. In den weiteren neutestamentlichen Schriften begegnet diese Formulierung βασιλεία τοῦ θεοῦ nur noch in Apk 12,10. Nimmt man die kanonischen Evangelien hinzu, so steht in Mt 3,2; 4,17; 5,3. 10. 19. 20; 6,33 (etliche Hss.); 7,21; 8,11; 10,7; 11,11. 12; 13,11. 24. 31. 33. 43 (in 038, f 13 , 700). 44. 45. 47. 52; 16,19; 18,1. 3. 4; 19,12. 14. 23. 24 (in 035, f 1 , 33, ff 1 , sy s.c , bo ms ); 20,1; 22,2; 23,13; 25,1 βασιλεία τῶν οὐρανῶν, allerdings findet sich Mt 12,28; 21,31. 43 auch βασιλεία τοῦ θεοῦ und Mt 26,29 βασιλεία τοῦ πατρός. In Mk 1,15; 4,11. 26. 30; 9,1. 47; 10,14. 15. 23. 24. 25; 12,34; 14,25; 15,43 lesen wir βασιλεία τοῦ θεοῦ, aber Mk 11,10 auch βασιλεία τοῦ πατρός, in Joh 3,3. 5 βασιλεία τοῦ θεοῦ. In Joh 3,5 bieten allerdings die Zeugen 01*, 0141, pc e βασιλεία τῶν οὐρανῶν, während die restlichen Zeugen βασιλεία τοῦ θεοῦ bieten. 180 Dieser Überblick lehrt zum einen, dass es ganz unterschiedliche und für die einzelnen Schriften typische Profilmerkmale gibt, zum anderen, dass die vorkanonische Formulierung βασιλεία θεοῦ in *Paulus, wie gerade die weiteren Schriften des Neuen Testaments zeigen, gar nicht gewöhnlich ist, sondern offenkundig erst für die kanonische Redaktion der Evangelien von Mk und Lk wie auch Apg und die Deuteropaulinen die typische Wendung ist, während Mt vielmehr βασιλεία τῶν οὐρανῶν, die auch im *Ev begegnet, bevorzugt. Joh fällt aus dieser Aufstellung fast vollständig heraus, da bei ihm der Terminus βασιλεία offenkundig nicht unbekannt, aber so fremd wie für *Paulus ist, auch wenn er häufiger im *Ev begegnet. Auf die Differenz zwischen *Paulus und *Ev werden wir weiter unten beim Vergleich der beiden vorkanonischen Textteile noch zu sprechen kommen. Wenn es in 1Kor 6,9 ohne Artikel vor θεοῦ heißt: θεοῦ βασιλείαν οὐ κληρονομήσουσιν und gleich darauf in 1Kor 6,10 dann ebenfalls οὐχ ἅρπαγες βασιλείαν θεοῦ κληρονομήσουσιν, und wieder im Parallelvers zum vorkano‐ nischen in 1Kor 15,50 steht βασιλείαν θεοῦ κληρονομῆσαι οὐ δύναται, dann weicht dieser Sprachgebrauch merklich von der sonst im kanonischen Paulus begegnenden Form mit Artikel βασιλεία τοῦ θεοῦ ab. Die Fälle scheinen Hinweise darauf zu sein, dass diese abweichende Formulierung durch die vorkanonische in *Gal 5,21 und *1Kor 15,50 provoziert wurde, wo es beidemale identisch heißt: βασιλείαν θεοῦ οὐ κληρονομήσουσιν, Formulierungen, die sonst an keiner weiteren Stelle im Neuen Testament begegnen. 308 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="309"?> 181 Dies scheint ein Reflex des herodianischen Selbstverständnisses zu sein, wie es her‐ ausgearbeitet wurde von A. Shaliṭ, Hurdus ha-melekh, ha-isch u poalo (1960), 234. Herodes nannte sich auf Münzen ΒΑΣΙΛΕΥ[Σ ΜΕΓΑΣ] ΑΓΡΙΠΠΑΣ ΦΙΛΟ[ΚΑΙΣ]ΑΡ, König Agrippa der Große, Freund des Kaisers, A. Kindler, R. Grafman and G.A. Sivan, Coins of the Land of Israel Collection of the Bank of Israel. A Catalogue (1974), 41-43, 43 coin 54. Und sein Messiasanspruch lässt sich ebenfalls aus seinen Münzen ableiten, vgl. W. Wirgin, Two Notes (1961), 153-154. Vgl. hierzu mit weiterer Lit. E. Hammerschmidt, Königsideologie im spätantiken Judentum (1963), 506-507; J.H. Charlesworth, Who claimed Herod was the Christ? (2015). Schon Tertullian weiß zu berichten, dass auch die Herodianer Herodes als Christus ansahen, Ps.-Tert., Adv. om. Haer. I 1: … cum his etiam Herodianos, qui Christum Herodem esse dixerunt. Vgl. auch Epiph., haer. 19 (Holl 224,10-12): Ἡρῴδην δὲ οὗτοι ἡγοῦντο Χριστόν, Χριστὸν τὸν έν πάσαις γραφαῖς νόμου τε καὶ προφητῶν προσδοκώμενον νομίσαντες αὐτὸν εἶναι τὸν Ἡρῴην. Dasselbe weiß auch Hieronymus, Comm. in Matth. 3,1755 (CChrSL 77, 203): Quidam Latinorum ridicule Herodianos putant qui Herodem Christum esse crederent, und id., Adv. Luciferam 23: Quod Herodiani Herodem regem suscepere pro Christo (PL 23, 187). 182 In der Tradition der Lehre von den zwei Messiassen, die schon in Sach 4,14 begegnet, auch in Qumran, heißt es in Test. Sim. VII 2: ἀναστήσει γὰρ κύριος ἐκ τοῦ Λευὶ ὡς ἀρχιερέα καὶ ἐκ τοῦ Ἰούδα ὡς βασιλέα, und in Test. Rub. VI liest man von einem βασιλεὺς αἰώνιος und einem ἀρχιερεὺς χριστός. 183 Vgl. W. Horbury, Jewish Messianism and the Cult of Christ (1998), 47. 184 So M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evange‐ lien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1206. Es geht bei diesem Wortfeld jedoch nicht nur um die Herrschaft, das Reich, die βασιλεία, sondern auch um weitere zugehörige Begriffe, allen voran um den des Herrschers, des βασιλεύς, der im damaligen Verstehen zunächst mit dem römischen Kaiser, *Ev/ Lk 23,2 (so auch 1Petr 2,13. 17), oder, wie in Lk 1,5 mit Lokalherrschern wie Herodes 181 assoziiert wurde. Dass der Titel „Kaiser“, „König“ oder „Herrscher“ auch mit dem Titel „Christus“ und „Messias“ gleichgesetzt werden konnte, sehen wir aus der damals zeitnahen jüdischen Literatur, etwa dem Testamentum Simeon (VII 2), 182 und wurde befördert durch die jüdisch-hellenistische Verbindung von Königtum und Messianismus. 183 Die Assoziation auf vorkanonischer Ebene von Kaiser und Christus, die Jesus vom Volk dediziert (*Ev 23,2) - Klinghardt sieht sie auch für *Ev 19,38 möglich, auch wenn sie dort nicht bezeugt ist -, dann aber nach *Ev 23,2-3 gar keine Rolle für Pilatus spielt, erhöht nur die Spannung, dass der Anlass, den die Leute den Hohenpriestern und Sanhedristen durch diese Dedikation geben, für die Römer kein Anklagegrund ist. Ob damit allerdings alle an dieser Stelle vorgebrachten Vorwürfe gegenüber Jesus - wie etwa die Auflösung von Gesetz und Propheten - er sich „nicht hat zuschulden kommen lassen“, weil sie „ausgerechnet in einer Reihe von erkennbar falschen Anklagen der Gegner“ erwähnt werden, 184 geht m. E. aus dieser Stelle schon deshalb nicht hervor, weil Pilatus dem Text nach ja §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 309 <?page no="310"?> 185 2Kor 11,32-33: „32 In Damaskus ließ der Statthalter des Königs Aretas die Stadt der Damaszener bewachen, um mich festzunehmen. 33 Aber durch ein Fenster wurde ich in einem Korb die Stadtmauer hinuntergelassen und so entkam ich ihm“; Apg 9,23-25: „23 So verging einige Zeit; da beschlossen die Juden, ihn zu töten. 24 Doch ihr Plan wurde dem Saulus bekannt. Sie bewachten sogar Tag und Nacht die Stadttore, um ihn zu beseitigen. 25 Aber seine Jünger nahmen ihn und ließen ihn bei Nacht in einem Korb die Stadtmauer hinab“. 186 Vgl. D.A. Campbell, An Anchor for Pauline Chronology: Paul’s Flight from „The Ethnarch of King Aretas“ (2 Corinthians 11: 32-33) (2002); E.A. Knauf, Zum Ethnarchen des Aretas 2 Kor 11: 32 (1983). Wegen der Unterschiedlichkeit der Perspektiven und Narrative in Apg und Paulus hat die Forschung die historiographische Verlässlichkeit von Apg gegenüber Paulus heruntergesetzt und vorgeschlagen, dem kurzen Bericht von Paulus zu folgen, so M. Harding, On the Historicity of Acts. Comparing Acts 9.23-5 with 2 Corinthians 11.32-3 (1993). Eine bessere Erklärung ist, dass dieselbe Geschichte z.T. mit literarischen Parallelen als solche kenntlich gemacht, der literarisch-narrativen Funktion der Kohärenz zweier Schriften im selben Korpus des Neuen Testaments gedient hat, vgl. zu diesem Konzept J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019). 187 „There is in fact no direct evidence for Nabataean control of Damascus at any point in the period we are considering outside 2 Cor 11,32-33, and the question would not even be raised if it were not for the Pauline text“, J. Taylor, The Ethnarch of King Aretas at Damascus: A Note on 2 Cor 11, 32-33 (1992), 724. gerade einen gewichtigen Vorwurf der genannten herausgreift - auf die anderen geht er nicht ein - und fragt: „Bist Du der Christus? “, worauf Jesus diesen Vorwurf nicht zurückweist, sondern antwortet: „Du sagst es“. Gleichwohl wird aus diesem Dialog auch deutlich, dass zumindest die Königstitulatur für Christus im *Ev allein als Volkszuweisung an Jesus und damit kritisch betrachtet wird (*Ev 23,2). Dem entspricht, dass auch in *Paulus diese Titulatur überhaupt nicht erwähnt wird, und sie nur ein einziges Mal in einem der sieben kanonischen Paulusbriefe steht. Dort, in 2Kor 11,32 wird der Ethnarch des Königs Aretas erwähnt im Zusammenhang der kuriosen Flucht des Paulus aus der Stadt Damaskus durch ein Fenster in der Stadtmauer, die er vermittels eines Korbes verlässt, eine Geschichte, die auch aus Apg 9,23-24 bekannt ist und deren historische Hintergründe nicht völlig klar sind. 185 Die Forschung hat diese Angaben zur Flucht miteinander zu harmonisieren und historisch zu lesen versucht, 186 doch wie bereits die vielfachen gegenseitigen Bezüge in dieser Diskussion von Apg und 2Kor zeigen, scheint die Geschichte eine weitere kanonisch-redaktionelle Fiktion zu sein - zumal wir von einer irgendgearteten Kon‐ trolle des Nabatäers Aretas IV über Syrien keine historische Information besitzen 187 - , die sowohl in 2Kor 11 wie Apg 9 eingetragen wurde, auch um die Apg mit den Katholischen Briefen und den Paulusbriefen zu verknüpfen. Ihr Zweck war zum einen, 310 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="311"?> 188 Lk 1,32-33. 189 Vgl. so auch M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1075; D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 430; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 227*-228*. Ähnlich, auch wenn er in Vers 12 die Königsherrschaft mit aufnimmt, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 120-121. Zahn hingegen rechnet mit der Präsenz des kanonischen Texts, T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band-2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 485. die Biographie des Paulus anschaulicher zu machen, zum anderen, eine literarische Kohärenz zwischen Apg und Paulusbriefen herzustellen. Gleichwohl entwickelt die kanonische Redaktion schon zu Beginn von Lk 1,32-33 eine ganz andere Christologie, die sich bis in die Apokalypse, wie wir sehen werden, noch steigern wird. Im Anfang des Lukasevangeliums wird von Christus verheißen, dass „32 er groß sein und Sohn des Höchsten (ἔσται μέγας καὶ υἱὸς ὑψίστου) genannt werden wird. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben (δώσει αὐτῷ κύριος ὁ θεὸς τὸν θρόνον Δαυὶδ). 33 Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen (βασιλεύσει ἐπὶ τὸν οἶκον Ἰακὼβ) und seine Herrschaft wird kein Ende haben (τῆς βασιλείας αὐτοῦ οὐκ ἔσται τέλος).“ 188 Diese Königschristologie wird dann auch bei der Überarbeitung des Gleichnisses von den anvertrauten Minen (*Ev 19,11-28) in dieses eingetragen, eine Passage, die nach Tertullian vorkanonisch vorhanden war, jedoch der „politischen“ wie insbesondere der königlichen Elemente entbehrt hatte (die Rückkehr Jesu als König erfolgt bei der Parusie). 189 Überhaupt findet sich das Thema des Herrschens dann auch im kanonischen Paulus, etwa in der Stelle 1Kor 4,7-8: „Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen? 8 Ihr seid schon satt, ihr seid schon reich geworden, ohne uns seid ihr zur Herrschaft gelangt (ἐβασιλεύσατε). Wäret ihr doch nur zur Herrschaft gelangt (ἐβασιλεύσατε)! Dann könnten auch wir mit euch zusammen herrschen (συμβασιλεύσωμεν).“ Mit Ausnahme der einen Paulusstelle 2Kor 11,32 begegnet das Nomen βασιλεύς nur mehr in den Pastoralbriefen (1Tim 1,17: τῷ δὲ βασιλεῖ τῶν αἰώνων; 2,2; 6,15), im Hebräerbrief (Hebr 7,1. 2; 11,23. 27) und in den katholischen Briefen §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 311 <?page no="312"?> 190 Vgl. Mal 1,14 LXX: καὶ ἐπικατάρατος ὃς ἦν δυνατὸς καὶ ὑπῆρχεν ἐν τῷ ποιμνίῳ αὐτοῦ ἄρσεν καὶ εὐχὴ αὐτοῦ ἐπ᾽ αὐτῷ καὶ θύει διεφθαρμένον τῷ κυρίῳ· διότι βασιλεὺς μέγας ἐγώ εἰμι, λέγει κύριος παντοκράτωρ, καὶ τὸ ὄνομά μου ἐπιφανὲς ἐν τοῖς ἔθνεσιν. Vgl. auch MartPol. 9,3; 17,3. Zu weiteren Stellen ThWNT I 579. 191 Vgl. 1Klem 61,2. Zu Recht trennen die Kommentatoren diese beiden Verse (man beachte das δὲ zu Beginn von Vers 17), vgl. G. Wohlenberg, Die Pastoralbriefe (der erste Timotheus-, der Titus- und der zweite Timotheusbrief); mit einem Anhang: Unechte Paulusbriefe (1923), 99-100; D. Guthrie, The Pastoral Epistles. An Introduction and Commentary (1990), 76-77. 192 Apk 1,5: ὁ ἄρχων τῶν βασιλέων τῆς γῆς; 15,3: ᾄδουσιν τὴν ᾠδὴν Μωϋσέως τοῦ δούλου τοῦ θεοῦ καὶ τὴν ᾠδὴν τοῦ ἀρνίου λέγοντες, Μεγάλα καὶ θαυμαστὰ τὰ ἔργα σου, κύριε ὁ θεὸς ὁ παντοκράτωρ: δίκαιαι καὶ ἀληθιναὶ αἱ ὁδοί σου, ὁ βασιλεὺς τῶν ἐθνῶν. Eine kleine Unsicherheit in die monarchianische Interpretation bringt der Genitiv τοῦ ἀρνίου, doch im Licht der voran angeführten Stelle Apk 1,5 wird man diesen Genitiv wohl entsprechend interpretieren müssen (so auch die Einheitsübersetzung, 2016: „Sie sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied zu Ehren des Lammes und sprachen: Groß und wunderbar sind deine Taten, / Herr und Gott, du Herrscher über die ganze Schöpfung. Gerecht und zuverlässig sind deine Wege, / du König der Völker“). Anders lesen manche Kommentatoren diesen Genitiv, setzen Mose und Jesus nebeneinander und beziehen den Hymnus auf den von Jesus unterschiedenen Gott, J. Roloff, Die Offenbarung des Johannes (1984), 158-159; E. Lohse, Die Offenbarung des Johannes (1960), 81-82; A. Wikenhauser, Die Offenbarung des Johannes (1959), 118-119. Anders deutet Lohmeyer, der zwar parallel übersetzt, doch in seinem Kommentar zum ersten auf die schon vor ihm bemerkte Schwierigkeit des doppelten Genitivs (Mose, das Lamm) hinweist, und dann vermerkt, dass er in der Formulierung, dass die Überwinder auf dem himmlischen Meer „stehen“, „eine Steigerung gegenüber dem (1Petr 2,13. 17). Hierzu stimmt auch, dass Christus in Did 14,3; Herm. vis. 3, 9, 8 als βασιλεὺς μέγας bezeichnet wird. 190 Die erste Stelle in 1Tim 1,16-17 ist Teil eines Bekenntnisses zu Christus Jesus, das jedoch in eine Doxologie mündet an den einzigen Gott, den König der Äonen, 191 eine Aussage, die an den Lobpreis im Buch Tobit 13,2. 7 erinnert: „2 Gelobt sei der Gott, der bis in die Äonen lebt und seine Herrschaft (βασιλεία) … 7 und erhebt den König der Äonen (ὑψώσατε τὸν βασιλέα τῶν αἰώνων)“. Diese Doxologie entspricht sowohl in der Struktur wie teilweise (der Bezug zu Christus fehlt in Tobit) im Inhalt derjenigen von 1Tim 6,14-16 (Christus wird gelobt, doch der einzige Gott, der Christus sendet, gilt als einziger König, und zwar als König der Könige). Die zweite Stelle ist Teil eines Aufrufs, für die Könige zu beten (1Tim 2,2). Historisierend wird der Titel im Hebräerbrief genutzt, wo er u. a. den Pharao bezeichnet. Auf ein ganz neues Niveau hebt die Apokalypse den Titel, die Schrift, mit der das Neue Testament schließt. In ihr wird Christus zu demjenigen, der über alle Kaiser oder Könige der Erde herrscht, und wohl monarchianisch geglaubt wird als der „König der Völker“, „Herr und Gott“, „Herrscher über die ganze Schöpfung“. 192 Die Heiligen gelten 312 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="313"?> Durchzug durch das Rote Meer“ erkennt, weshalb das Moselied nicht nur deren eigenen Sieg preist, „sondern ebenso den [Sieg] des Lammes“, d. h. er sieht das Lied als einen Preis über das Lamm, wie es in der Einheitsübersetzung aufgefasst wird, E. Lohmeyer, Die Offenbarung des Johannes (1953), 131. Zu dieser Interpretation passt auch, dass in Apk 17,14 das Lamm als „der Herr der Herren und der König der Könige“ bezeichnet wird (κύριος κυρίων ἐστὶν καὶ βασιλεὺς βασιλέων), was wiederholt wird in Apk 19,13-16 und ausdrücklich als Name des „Wortes Gottes“ bezeichnet wird. 193 Apk 5,10. 194 Apk 6,15. Ähnlich auch die Verwendung des Königstitels in Apk 16,12. 14 und Apk 17; 18,3. 9; 21,24. 195 „Das gebräuchlichste Wort für Buchrolle, Buch, Schrift in der Koine“, ThWNT I 615. Vgl. zu diesem Begriff, den Gramaglia für einen typisch lukanisch-redaktionellen hält, P. A. Gramaglia, Ed. Marcione e il Vangelo (di Luca) (2017), 6. Einen detaillierten Überblick gibt J.N. Bremmer, From Holy Books to Holy Bible: An Itinerary from Ancient Greece to Modern Islam via Second Temple Judaism and Early Christianity (2010). 196 Schon Zahn rechnet mit dem Fehlen dieses Passus, und zwar wegen der Angabe von Tert., Adv. Marc. IV 8,2, dass Christus deshalb verworfen wurde nicht wegen der Predigt, sondern wegen „eines einzigen Spruches“, der in Vers 4,23 steht, so T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 457. Ihm folgt mit weiteren Argumenten Harnack, der ebenfalls die Perikope nur gekürzt in *Ev sieht, so dass sie „wahrscheinlich nur die als diejenigen, die zu einem Königreich (und zu Priestern darin; vgl. auch 1Petr 2,9) gemacht wurden, die „auf Erden herrschen werden“ (βασιλείαν καὶ ἱερεῖς, καὶ βασιλεύσουσιν ἐπὶ τῆς γῆς), 193 während alle Könige, von denen auch Apk 10,11 die Rede ist, und Herrschenden als furchtsam geschildert werden. 194 Gegen sie führt der oberste König, also der Kaiser, das Lamm und Wort Gottes, den entscheidenden Krieg. Es ist wohl kein Zufall, dass das Neue Testament mit dieser gesteigerten Titulaturdeutung im letzten Buch endet, stellt sie doch geradezu auf den Kopf, was auf der vorkanonischen Ebene mit dem Weg zur βασιλεία θεοῦ, dem Reich Gottes, beschrieben wurde, der darin besteht, „19 die Wirkungen des Fleisches … 20 … Feindschaften, Streitigkeiten … Fälle von Eigennutzen, Spaltungen, Parteiungen“ (*Gal 5,19-20) zu meiden, d. h. einen friedvollen Weg zu gehen, zumal es in *1Kor 15,50 heißt: „das Verwesliche erbt nicht das Unverwesliche“. Was die Nomenklatur der Schreibkultur betrifft, findet sich βιβλίον 195 nur drei Mal in Lk, und zwar in zwei Versen, die zu der Nazarethperikope gehören, in denen Jesus aus der Jesajarolle vorliest (Lk 4,17. 20). Doch in diesem Teil wird in Lk 4,18 mit der Geistsalbung auf Lk 3,16. 22 (Geisttaufe, Geistbegabung Jesu) verwiesen, auf Verse, die nachweislich im vorkanonischen *Ev gefehlt haben, woraus Klinghardt wie die früheren Rekonstrukteure des vorkanonischen *Evangeliums schließt, dass auch die Passage Lk 4,17-21 im vorkanonischen *Ev fehlte. 196 Nicht anders steht es mit βίβλος. Auch dieser Begriff begegnet nur zwei §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 313 <?page no="314"?> Mitteilung [enthielt], daß Jesus dort durch eine Predigt die Juden erzürnt habe, sowie den Parabelspruch (v. 23)“, so A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 186*. Roth übergeht diese Argumente und ist darum zurückhaltender, wenn er die Passage als „unbezeugt“ bezeichnet und „possibly not present“ qualifiziert, D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 412. BeDuhn verweist denn auch korrekt auf Tert., Adv. Marc. IV 7,4, wonach ausdrücklich die Passage in Lk, bei der Jesus „bei seinem ersten Auftreten“ verdeutlicht habe, „er sei nicht gekommen, um das Gesetz und die Propheten zu zerstören“, gestrichen sei, entsprechend lässt er diese Passage denn auch aus seiner Rekonstruktion bis auf Vers 23 aus, so J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 130. Klinghardts Urteil ist demnach sowohl von der Textgrundlage wie der vorangegangenen Forschung wohl begründet, M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 543-546. 197 Der Singulargebrauch nimmt „entwicklungsgeschichtlich“ seinen „Ausgang … von der Bezeichnung der Tora als βίβλος“, ThWNT I 615. 198 Zum Sprachgebrauch in Apk vgl. ThWNT I 617-620. 199 Vgl. ThWNT II 749-754. 200 διερμηνεύω findet sich in Lk 24,27, in einem Vers, der in *Ev fehlt, dann wieder in Apg und 1Kor; ἑρμηνεύω nur im Joh und Hebr; μεθερμηνεύω nur Mt, Mk, Joh und Apg; μνημεῖον steht im selben Zusammenhang wie διερμηνεύω in Lk 24, ebenfalls in Mt, Mk, Joh, Apg; μνήμη nur 2Petr. Mal in Lk, an einer ersten Stelle, Lk 3,4, von der wir wissen, dass sie nicht in *Ev stand, dann in Lk 20,42, wo der Begriff in dem möglichen parallelen Vers von *Ev fehlt. 197 Beide Begriffe, der erste noch dreimal häufiger als der zweite, sind reichlich belegt in den kanonischen Evangelien (der zweite fehlt nur in Joh), auch wenn beide jeweils nur ein Mal bei Paulus belegt sind (der erste Gal 3,10; der zweite Phil 4,3), auch wenn der erste noch in den Pastoralbriefen (2Tim 4,13) und gleich zweimal in Hebr steht; der erste findet sich gleich dreimal in Apg und beide Begriffe finden sich wiederholt in der Apokalypse. 198 Ähnlich verhält es sich mit γραφή, 199 was reichlich in den Evangelien belegt ist, auch bei Paulus - man bemerke wieder die Präsenz in den Zusatzkapiteln Röm 15 und 16 -, auch in Gal 3,8. 22, also nahe an Gal 3,10, wo uns βιβλίον entgegentrat, und dann vor allem in den Pastoralbriefen und den Katholischen Briefen (man vgl. vor allem zu den letzten beiden Briefsets auch βίος). Diese Belegstellen mit dem Auftauchen der Begriffe 200 in den Evangelien, der kanoni‐ schen Schicht auch der Paulusbriefe, dann in den Pastoralbriefen, Hebr, Apk und Apg, auch in den Katholischen Briefen spricht dafür, dass wir es mit einer Nomenklatur zu tun haben, die erst in der zweiten kanonischen Redaktion eine Relevanz gewonnen hat, wo die Schriftlichkeit und das Format derselben von Bedeutung geworden sind. Dies wird unterstützt von der Präsenz der weiteren, oben gelisteten Termini, die auf die Schriftlichkeit und den Umgang 314 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="315"?> 201 Vor allem, weil schon Origenes das voranstehende ἐπιχειρέω negativ qualifizierte und damit auch die διήγησις nicht wertfrei verstanden wird, sondern als ein Schriftwerk, von dem sich Lk absetzen will - es ist mir übrigens unverständlich, wie neutestament‐ liche Exegeten dieses Zeugnis des Origenes zur Seite schieben können, wo doch auch die einzigen beiden anderen Belegstellen für ἐπιχειρέω im Neuen Testament, Apg 9,29 und 19,13, den überaus negativen Ton dieses Verbs bestätigen (vor allem dann, wenn man noch von derselben Autorschaft an Lk und Apg ausgehen möchte), die eher neutrale Verwendung in einer Widmung an Nero ist doch weniger naheliegend, vgl. zu Thessalos und seiner Widmung an Nero M.-J. Lagrange, Évangile selon Saint Luc (1927), 2. Zur positiven Bewertung H.J. Cadbury, Commentary on the Preface of Luke (1922), 493-494; I.H. Marshall, The Gospel of Luke. A Commentary on the Greek Text (1978), 41; G. Schneider, Das Evangelium nach Lukas 1 Kapitel 1 - 10 (1977), 38; J. Ernst, Das Evangelium nach Lukas (1977), 47. Zustimmend auch J.R. Dillon, Previewing Luke’s Project from His Prologue (Luke 1: 1-4) (1981), 206-207; M. Wolter, Die Proömien des lukanischen Doppelwerks (Lk 1,1-4 und Apg 1,1-2) (2009), 486. Hingegen argumentierte für eine Kritik G. Klein, Lukas 1,1-4 als theologisches Programm (1964). Ihm schließt sich an F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas Teilband 1: Lk 1,1---9,50 (1989), 34. 202 ThWNT VII 570. mit Schriftprodukten verweisen. Auf die Ebene dieser Redaktion verweist dann insbesondere die Verwendung auch von ἐπιστολή, die sich etwa in Röm nur in dem Zusatzkapitel 16 findet, auch in 1Kor 16 in einem Kapitel, das sich als kanonisch-redaktionelles herausstellen wird. Es wurde schon viel über διήγησις in Lk 1,1 gerätselt, 201 einem Vers, der vor‐ kanonisch fehlt, doch wenn man feststellt, dass das zugehörige Verb διηγέομαι noch zwei Mal in Lk wiederholt wird, dann auch zwei Mal in Mk steht, drei Mal in Apg und ein Mal in Hebr auftaucht, aber weder in *Paulus noch in Paulus, wird man diese Wortgruppe auf die Ebene der zweiten kanonischen Redaktion verweisen. Was die weiteren für die historiographischen Elemente bedeutenden Begriffe betrifft, greife ich lediglich noch πολεμέω, στάσις, στρατεία, στράτευμα, στρατηγός, στρατιά, στρατιώτης und σχίσμα heraus. Insgesamt fällt auf, dass im vorkanonischen *Paulus diese ganze Reihe an Begriffen zu den Themen Zwiespalt, Aufstand und Militär unbezeugt ist und sie erst durch die (wohl zweite) kanonische Redaktion in die Texte geschrieben werden. Dass dies z.T. eher verhalten geschieht, lässt sich bereits an στάσις ablesen, das in den Evangelien nur ein Mal in Mk zu finden ist (Mk 15,7) und zwei Mal in Lk, während es für Paulus überhaupt nur in Hebr nachweisbar ist (Hebr 9,8; hier im Sinn von „Bestand“ 202 ). Betrachten wir die Einträge in Lk 23,19. 25, stellen wir fest, dass dies in einer Perikope geschieht, die nach Tertullians Angaben nachweislich in *Ev vorhanden war, auch wenn die sprachliche Gestalt nicht mehr präzise rekonstruierbar ist. Doch gerade die Lesart von §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 315 <?page no="316"?> 203 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1222. 204 Letzteres findet sich auch in der Sieben-Briefe-Sammlung des Ignatius (IgnEph 8,1). 205 H. Paulsen, Schisma und Häresie: Untersuchungen zu 1Kor 11, 18. 19 (1982), 206. Vgl. hierzu auch A. Brent, Luke-Acts and the Imperial Cult in Asia Minor (1997), 419. *Ev 23,25, wo nach 05 Barabbas nicht διὰ στάσιν καὶ φόνον ins Gefängnis geworfen worden war, sondern nur ἕνεκα φόνου, scheint den vorkanonischen Text wiederzugeben, dem die kanonisch-redaktionelle Tendenz der Steigerung durch die Hinzufügung von στάσις entspricht, „die lk Redaktion hat dadurch den Gegensatz zwischen Barabbas und Jesus noch gesteigert“. 203 War Klinghardt noch unsicher, ob folglich auch in *Ev 23,18 der Passus στάσιν τινὰ γενομένην ἐν τῇ πόλει καὶ eine kanonisch-redaktionelle Zugabe darstellt, deutet der lexikalische Befund darauf hin, dass auch dieser Teil im vorkanonischen Text gefehlt hat. Auch in Mk 15,7 wurde eine entsprechende Passage eingefügt: ἦν δὲ ὁ λεγόμενος Βαραββᾶς μετὰ τῶν στασιαστῶν δεδεμένος οἵτινες ἐν τῇ στάσει φόνον πεποιήκεισαν, hier noch leicht weiter gesteigert, dass nicht nur Barabbas, sondern mit ihm auch noch weitere Aufständische bei dem Mord „während des Aufstandes“ beteiligt waren. Der Begriff selbst begegnet wohl nicht zufällig wieder in Apg 15,2 bei der Begründung des Beschlusses, wonach sich Paulus und Barnabas zu den Aposteln und den Ältesten nach Jerusalem zu begeben hätten, es sei nämlich zwischen ihnen und den Leuten von Judäa wegen der Frage der Beschneidung eine στάσις entstanden. Wenig später in Apg 19,40 wird „Aufruhr“, στάσις, dann auch als Drohgebärden eingeführt, sollten die Ankläger des Paulus bzw. seiner Gefährten nicht den Rechtsweg einschlagen. Und es ist genau dieser Vorwurf, mit dem der Hohepriester Hananias mit einigen Ältesten und sogar einem Anwalt namens Tertullus Paulus vor den Statthalter Felix gebracht hatten (Apg 24,1-5). Zuvor wurde in Apg 23,7. 10 noch von einer στάσις zwischen Pharisäern und Sadduzäern im Dissenz um die Auferstehung berichtet. Im Kontext der Evangelien las man diese Hinweise auf στάσις mit derselben Schärfe, die sich hier in Apg niedergeschlagen hat und die verdeutlichen sollte, wie schwerwiegend der Streitfall war, der es notwendig gemacht hatte, dass sich Paulus und Barnabas der Beratung und Entscheidung der Apostel zu stellen hatten. Schließlich dient der Terminus auch in 1Klem (9 Mal) zusammen mit σχίσμα neben ζῆλος und ἔρις 204 als „Kennzeichnung der Störung der gottgewollten Ordnung“. 205 Dieser Gebrauch erklärt auch, warum der Begriff σχίσμα auf der vorkanoni‐ schen Ebene in *Paulus fehlt. Im *Ev kann er begegnet sein, wie Epiphanius bezeugt, doch werden wir gleich bei στρατηγός weiter unten sehen, dass 316 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="317"?> 206 Tert., Adv. Marc. IV 11,10: … ut ostenderet se evangelii novitatem separare a legis vetustate, suam demonstrabat et illam a qua separabat alienorum separatione non fuisse notandam, quia nemo alienis sua adiungit ut ab alienis separare possit. 207 Klinghardt folgt hier Epiphanius und übernimmt μειζον γαρ σχισμα γενησεται für *Ev 5,36b, M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 584. BeDuhn folgt ebenfalls Epiphanius, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 101. Roth und Harnack sehen die Perikope bezeugt, sind jedoch der Meinung, dass der Wortlaut nicht mehr zu rekon‐ struieren sei, D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 414; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 189*-190*. Zahn folgt ebenfalls Epiphanius, T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 459. 208 Vgl. zu ihr auch MartPol 2; 4,6; 7. 209 Vgl. ThWNT VI 512-515. man bisweilen auch seinem Zeugnis misstrauen muss, weil, wie auch andere Stellen in der Rekonstruktion des *Paulus zeigen, sein Text nicht unkontaminiert von der kanonischen Version ist. Das Beispiel vom neuen Stück Stoff auf einem alten Gewand und dem neuen Wein in alten Weinschläuchen stellt nach Tertullian eines der herausfordernden Gleichnisse dar, mit welchem Markion die Inkompatibilität von Christentum und Judentum und die Unmöglichkeit, das Neue Testament mit dem Alten Testament zu verbinden, veranschaulichte. 206 Trotz dem Herausstellen der Antithese hält *Ev aber daran fest, dass man darum keinen neuen Flicken auf ein altes Gewand nähen kann, wie man auch keinen neuen Wein in alte Schläuche gießen dürfe, weil man sonst beides zerstöre. Es geht *Ev folglich um den Erhalt sowohl des Neuen wie auch um den „Nutzen für das Alte“ (*Ev 5,36-38). 207 Was Epiphanius bietet, könnte durch Mt/ Mk kontaminiert sein, in Lk 5 fehlt der Begriff. Im Mt ist das Szenario unter Nutzung von σχίσμα scharf formuliert, während dem Beispiel im Lk eine andere Wende gegeben wird, wenn es am Ende in Lk 5,39 heißt: „Niemand, der alten Wein trinkt, will jungen; denn er sagt: Der alte ist bekömmlich.“ Zu der Gruppe πολεμέω, στρατεία, στράτευμα, στρατηγός, στρατιά, στρατιώτης: 208 Die Bedeutung von „kämpfen“ (πολεμέω) 209 kommt den zuvor betrachteten Termini στάσις und σχίσμα am nächsten in Jak 4,1-2, wo sich über die internen Kämpfe der Adressaten beklagt wird: „1 Woher kommen Kriege (πόλεμοι) bei euch, woher Streitigkeiten (μάχαι)? Etwa nicht von den Leidenschaften, die in euren Gliedern streiten? 2 Ihr begehrt und erhaltet §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 317 <?page no="318"?> 210 Jak 4,1-2. doch nichts. Ihr mordet und seid eifersüchtig und könnt dennoch nichts erreichen. Ihr streitet und führt Krieg (μάχεσθε καὶ πολεμεῖτε).“ 210 Nun begegnet πόλεμος bereits im *Ev, auch in *Paulus (wenn auch nur in *Laod 6,16). Im *Ev steht es im Kontext der Endzeitrede (vgl. auch Mt 24,6-7 / / Mk 13,7-8 / / Lk 21,9-10), für die Kämpfe „Königreich gegen Königreich und Volk gegen Volk“, die als Vorboten der Endzeit verstanden werden. Einen wichtigen Hinweis für den möglichen Werdegang der redaktionellen Arbeit sowohl an *Paulus wie Paulus gibt uns in diesem Kontext *Laod/ Eph 6,14-16: *Laod 6,14-16 Eph 6,14-16 14 στῆτε οὖν περιζωσάμενοι τὴν ὀσφὺν ὑμῶν ἐν ἀληθείᾳ καὶ ἐνδυσάμενοι τὸν θώρακα τῆς δικαιοσύνης 15 καὶ ὑποδησάμενοι τοὺς πόδας ἐν ἑτοιμασίᾳ τοῦ εὐαγγελίου τῆς εἰρήνης, 14 στῆτε οὖν περιζωσάμενοι τὴν ὀσφὺν ὑμῶν ἐν ἀληθείᾳ καὶ ἐνδυσάμενοι τὸν θώρακα τῆς δικαιοσύνης 15 καὶ ὑποδησάμενοι τοὺς πόδας ἐν ἑτοιμασίᾳ τοῦ εὐαγγελίου τῆς εἰρήνης, 16 οὐ τοῦ πολέμου ἐν ᾧ πάντα τὰ βέλη τοῦ πονηροῦ τὰ πεπυρωμένα σβέσαι· 16 ἐν πᾶσιν ἀναλαβόντες τὸν θυρεὸν τῆς πίστεως, ἐν ᾧ δυνήσεσθε πάντα τὰ βέλη τοῦ πονηροῦ [τὰ] πεπυρωμένα σβέσαι· *Laod 6,14-16 Eph 6,14-16 14-So steht nun, eure Lenden umgürtet mit der Wahrheit und angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit, 15-die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens, 14-So steht nun, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit und angetan mit dem Brust‐ panzer der Gerechtigkeit, 15 und beschuht an den Füßen mit Bereitschaft für das Evangelium des Friedens; 16 nicht des Krieges, um darin alle feu‐ rigen Geschosse des Bösen auszulö‐ schen. 16-bei allem ergreift den Schild des Glau‐ bens, mit dem ihr alle feurigen Pfeile des Bösen auslöschen könnt Zunächst lässt sich feststellen, dass zwar militärische Sprache verwendet wird, doch wird auf der vorkanonischen Ebene ausdrücklich die Qualifizierung „des Evangeliums“ als ein solches „des Friedens“ dadurch unterstrichen, dass es kein solches „des Krieges“ sei, also dass es trotz der militärischen Sprache nicht einmal um Verteidigung gehe. Wenn auf der kanonischen Ebene das Greifen „zum Schild des Glaubens“ hinzugefügt wird, tritt ein entscheidender Interpre‐ 318 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="319"?> 211 In Euseb. Caes., Hist. eccl. V 16,21: οἱ ἀπὸ τῆς Μαρκίωνος αἱρέσεως Μαρκιανισταὶ καλούμενοι πλείστους ὅσους ἔχειν Χριστοῦ μάρτυρας λέγουσιν. 212 Vgl. hierzu weiter unten die Zusammenfassung. tationswandel zu Tage. Während auf der vorkanonischen Ebene derjenige, der den Weg des Friedensevangeliums geht und nur mit dem „Brustpanzer der Gerechtigkeit“ ausgerüstet seine Bereitschaft für dieses Friedensevangelium lebt, den feurigen Geschossen des Bösen ausgesetzt, aber dadurch diese aus‐ löscht - eine Umschreibung für die Martyriumsbereitschaft -, wird durch die kanonisch-redaktionelle Einführung des Schildes des Glaubens der Gedanke des Selbstschutzes eingeführt. Nun wissen wir, dass Markioniten nach Ausweis eines anonymen Antimontanisten stolz auf ihre Martyriumsbereitschaft waren, dass diese aber zugleich von ihren Gegnern kritisiert wurde: „Diejenigen, die von der Häresie des Markion kommen und Markioniten heißen, sagen, sie be‐ säßen die meisten Märtyrer Christi“, heißt es bereits im zweiten Jahrhundert. 211 Auch im Licht dessen, was im Anschluss hier angeführt wird, stellt sich die Frage, wie diese militärische Sprache auf die vorkanonische Ebene gelangt, der, wie wir sehen werden, eine solche weithin fremd ist und, wenn überhaupt, dann nur im eschatologischen Zusammenhang begegnet. Es liegt ein Hinweis darauf vor, dass die km Deuteropaulinen - mit dieser Kennzeichnung wird, wie früher dargelegt, hier wieder ausgezeichnet, was an Material der vorkanonischen *Redaktion durch die kanonische Redaktion zugekommen zu sein scheint - möglicherweise den übrigen *Paulusbriefen, die selbst bereits als Sammlung vor der vorkanonischen existiert zu haben scheinen, hinzugestellt und vermittels Bearbeitung durch die vorkanonische *Redaktion in die *7-Briefe-Sammlung eingegliedert wurden. Ob der Text der km Deuteropaulinen bereits den Hinweis auf den Schild des Glaubens enthalten hatte und er dann durch die *Redaktion getilgt worden war, oder ob dieser Passus erst durch die kanonische Redaktion Vers 16 zugewachsen ist, lässt sich nicht mehr sicher bestimmen, allerdings sind spätere Zuwächse eher wahrscheinlich als Kürzungen. Folgt man diesem Prinzip, scheint es jedoch so zu sein, dass vermutlich der vorkanonische Text der km Deuteropaulinen bereits die Verse 14-16 mit der militärischen Sprache lieferte, jedoch noch ohne den Zusatz „nicht des Krieges“. Diesen Zusatz scheint erst die vorkanonische *Redaktion den km Versen hinzugefügt zu haben, um diese im eigenen Sinne zu verdeutlichen. Im Gegenzug dazu scheint die kanonische Redaktion wiederum diese Verdeutlichung durch den Hinweis auf den „Schild des Glaubens“ korrigiert und den Zusatz wieder gestrichen zu haben. Die Bearbeitung scheint also Stufen gehabt zu haben. 212 Wie weit die kanonische Sammlung zur Steigerung bereit ist, lässt sich am Hebräerbrief ablesen. Hier geht es nicht nur um Selbstverteidigung, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 319 <?page no="320"?> 213 Zu diesem Terminus und der Wortgruppe um ihn vgl. ThWNT VII 701-713. 214 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1187. BeDuhn hat die Verse 22,49-53 in seine Rekonstruktion nicht aufgenommen, Verse 49-51 aufgrund des Auslassungsvermerks bei Epiphanius, Verse 52-54a wegen der Nähe von Versen 53-54a zu johanneischer Terminologie, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 188. Er verweist hierbei auf M. A. Matson, In Dialogue with Another Gospel? The Influence of the Fourth Gospel on the Passion Narrative of the Gospel of Luke (2001), 127; J.A. Fitzmyer, The Gospel according to Luke. Introd., transl., and notes. 2. (X - XXIV) (1985), 1452. Roth und Harnack sehen die Stelle ebenfalls als unbezeugt, D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 433; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 234*. Zahn sieht den kanonischen Text präsent, T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 491. sondern Glaube wird über die Tradition der Vergangenheit definiert als Er‐ probtwerden und Standhaftigkeit (Hebr 11,27), aber auch als Besiegen von Königreichen (οἳ διὰ πίστεως κατηγωνίσαντο βασιλείας), Stopfen von Löwen‐ mäulern (ἔφραξαν στόματα λεόντων) (Hebr 11,33), Stark-Werden im Krieg und In-die-Flucht-Schlagen feindlicher Heere (ἐγενήθησαν ἰσχυροὶ ἐν πολέμῳ, παρεμβολὰς ἔκλιναν ἀλλοτρίων) (Hebr 11,34). Und im letzten Buch der kanoni‐ schen Sammlung, in der Apokalypse, heißt es, dass „der rettende Sieg, die Macht und die Königsherrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten“ deshalb da ist, weil zuvor „im Himmel ein Kampf “ entbrannt war und „Michael und seine Engel […] den großen Drachen, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt […], auf die Erde gestürzt […] und hinabgeworfen“ haben (Apk 12,7-10). Das Kriegsgeschehen gipfelt in Gottes Kampf, in welchem er „die große Hure gerichtet“ hat, wodurch er „König geworden ist, der Herr, unser Gott, der Herrscher über die ganze Schöpfung“ (Apk 19,2. 6). Von dem „Treuen und Wahrhaftigen“ wird dann in der Schau berichtet, dass er „Krieg führt, seine Augen waren wie Feuerflammen […] bekleidet mit einem blutgetränkten Gewand, und sein Name heißt: Das Wort Gottes“ (Apk 19,11-13). στρατηγός steht in den neutestamentlichen Evangelien nur in Lk 22,4. 52. 213 Auch wenn Epiphanius den Begriff für *Ev bezeugt, sieht Klinghardt hier wohl richtig, wenn er in *Ev 22,4 der Lesart von 05, it sy s.c folgt, welche ἀρχιερεῦσι bezeugen. Für *Ev 22,52 macht er plausibel, dass in diesem unbezeugten Vers, wo im parallelen Vers nur Lk die Adressaten spezifiziert, diese nicht aufgeführt waren und sie in Lk eine „redaktionelle Einfügung“ darstellen, „die gezielt auf Lk 22,4 zurückweist“. 214 Ein στρατηγός ist für keinen der vorkanonischen oder kanonischen paulinischen oder katholischen Briefe bekannt, findet sich jedoch 320 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="321"?> 215 *1Kor 9,7: τίς στρατεύεται; τίς φυτεύει ἀμπελῶνα καὶ ἐκ τοῦ καρποῦ αὐτοῦ οὐκ ἐσθίει καὶ πίνει; τίς ποιμαίνει ποίμνην καὶ ἐκ τοῦ γάλακτος οὐκ ἐσθίει; 216 2Kor 10,3-6. 217 1Tim 1,18: -… ἵνα στρατεύῃ ἐν αὐταῖς τὴν καλὴν στρατείαν. 218 2Tim 2,3-6. Vgl. auch IgnPol 6,2 - ein Vers, der auch in der Drei-Briefe-Sammlung des Ignatius präsent ist. wiederholt in der Apostelgeschichte, was desto auffälliger ist, als das Dienen als Soldat sowohl vorkanonisch bezeugt ist (*1Kor 9,7 215 ) wie auch kanonisch wiederholt begegnet (Lk 3,14, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 1Kor 9,7; 2Kor 10,3; 1Tim 1,18; 2Tim 2,4; Jak 4,1; 1Petr 2,11). Hierbei ist zu bemerken, dass an der vorkanonischen Stelle der Militärdienst (neben dem Weinbau und dem Weiden der Herde) lediglich als Beispiel dafür genommen wird, dass man nicht aus sich heraus, sondern immer aus den Leistungen oder von Früchten seinen Lohn erhält, während auf der kanonischen Ebene von einem geistlich-militärischen Kampf die Rede ist. So schreibt etwa der kanonische Paulus in 2Kor 10,3-6: „3 Denn obwohl wir im Fleisch wandeln, kämpfen wir nicht nach dem Fleisch (οὐ κατὰ σάρκα στρατευόμεθα). 4 Denn die Waffen (ὅπλα) unseres Kampfes (στρατείας) sind nicht fleischlich (οὐ σαρκικὰ), sondern mächtig vor Gott (δυνατὰ τῷ θεῷ) zur Zerstörung von Festungen. Wir zerstören Gedankengebäude 5 und jede Höhe, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, und nehmen jeden Gedanken gefangen (αἰχμαλωτίζοντες) zum Gehorsam gegen Christus. 6 Und wir sind bereit, allen Ungehorsam zu bestrafen, sobald euer Gehorsam vollkommen geworden ist.“ 216 Diese Vorstellung vom Glauben als einem Kampf entspricht der Auffassung, die in den Pastoralbriefen wiederkehrt, wenn es in 1Tim 1,18 heißt: „… durch diese Worte gestärkt, kämpfe den guten Kampf “. 217 In 2Tim 2,3-6 wird sichtlich die Stelle ( * ) 1Kor 9,7 aufgegriffen, jedoch mit der kanonischen Vorstellung vom Glaubenskampf eingeführt und erweitert: „3 Leide mit mir als guter Soldat (στρατιώτης) Christi Jesu! 4 Keiner, der in den Krieg zieht (στρατευόμενος), lässt sich in Alltagsgeschäfte verwickeln, denn er will, dass sein Heerführer (στρατολογήσαντι) mit ihm zufrieden ist. 5 Und wer an einem Wettkampf teilnimmt, erhält den Siegeskranz nicht, wenn er nicht nach den Regeln kämpft. 6 Der Bauer, der die ganze Arbeit tut, soll als Erster seinen Teil von der Ernte erhalten.“ 218 Während aus ( * ) 1Kor 9,7 noch der Lohngedanke erscheint, überlagert doch der geistige Kampf die Stelle. Nimmt man dann die weitere Steigerung hinzu, die uns vorhin zunächst aus dem Hebräerbrief und schließlich der Apokalypse entgegen getreten ist, so fügt sich das Bild einer Entwicklung von einem vorkanonischen „Evangelium des Friedens, nicht des Krieges“ hin zu einer §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 321 <?page no="322"?> 219 Vgl. hierzu auch meine Ausführungen zu Gewalt im frühen Christentum in M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 307-320. 220 Es ist überhaupt ein Merkmal der kanonischen Redaktion, die Biographie des Paulus auszuweiten - etwa die Selbstbezeichnung, er sei ein Israelit, findet sich nur auf der kanonischen Ebene (2Kor 11,22; Röm 11,1; besonders markant ist Phil 3,5, ein Vers, der vorkanonisch bezeugt ist, jedoch gerade diese Selbstbezeichnung nicht), vgl. A. Standhartinger, Philippians and Philemon (2022). 221 „Punitive encounters with local and Roman magistrates feature in every stratum of the ancient Pauline tradition, from the undisputed letters to the deutero-Pauline material, and the canonical Acts to the apocryphal Acts of Paul“, R.S. Schellenberg, Beatings and Imprisonments (2022), 123. 222 Vgl. hierzu etwa mit Blick auf den Streit zwischen Rufin und Hieronymus, ibid. 138-139. immer kampfeswilligeren Auffassung in der kanonischen Sammlung des Neuen Testaments. 219 Damit ergibt sich aber aus der Betrachtung der historiographischen Termini, die allesamt in *Paulus fehlen und fast vollständig auch in *Ev zu fehlen scheinen, dass wir es erneut mit einer deutlichen Differenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene zu tun haben, eine Differenz, die sowohl lexikalisch wie inhaltlich fassbar ist. Dieser Differenz gegenüber steht eine große Kohärenz von *Paulus und *Ev was ebenfalls Lexik und Inhalt betrifft. Und ihr gegenüber steht eine andere Kohärenz der kanonischen Redaktionsebene, auch wenn innerhalb derselben es eine Steigerungslogik gerade der kriegerischen Ideologie gibt, die sich in den jüngeren Schriften findet, welche später in die Sammlung aufgenommen wurden. Damit taucht wieder der Hinweis darauf auf, dass wir es mit zwei kanoni‐ schen Redaktionen zu tun haben, wobei sich die vorkanonische *Redaktion bereits an Quellensammlungen bedient, die gewisse Nähen zum kanonischen Milieu aufweisen. Auf all diese Aspekte wird auch in den nachfolgenden Untersuchungen zu achten sein. Eine für die Biographie des kanonischen Paulus zentrale Vorstellung 220 ist die seiner Bestrafung durch lokale und römische Magistrate, die nach Schel‐ lenberg „auf jeder Ebene der alten paulinischen Tradition begegnet, von den unbestrittenen Briefen um deuteropaulinischen Material und von der kanoni‐ schen Apostelgeschichte zu den apokryphen Paulusakten“. 221 Zugleich lässt sich an der späteren Rezeption ablesen, dass der Topos der Gefängnishaft zur Authentifizierung der eigenen Position des kanonischen Paulus diente. 222 Nun fällt auf, dass ein Kernbegriff, der des Misshandeltwerdens (ὑβρίζω) zwei Mal in Lukas begegnet (Lk 11,45; 18,32), an einer Stelle in Mt (Mt 22,6), auch in einem der sieben Paulusbriefe (1Thess 2,2) und schließlich auch Apg 14,5, doch all diese Stellen befinden sich auf der kanonischen Ebene. 322 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="323"?> Lk 11,45 („Darauf erwiderte ihm ein Gesetzeslehrer: Meister, mit diesen Worten beleidigst du auch uns“), ein Vers, in welchem das Verb begegnet, ist vorkanonisch unbezeugt, auch wenn die nächsten beiden Verse und auch Verse davor bezeugt sind. Lk 18,32 („Denn er wird den Heiden ausgeliefert, wird verspottet, misshandelt und angespuckt werden“), wo das Verb erneut begegnet, steht innerhalb einer Perikope, die nach Epiphanius im vorkanonischen Text abwesend ist. Im Gleichnis vom königlichen Hochzeitsmahl schildert Matthäus (Mt 22,6), dass die Geladenen sich nicht um die Einladung kümmerten, sondern ihrer Arbeit auf dem Acker oder im eigenen Laden nachgingen, während „andere über seine Diener herfielen, sie misshandelten und umbrachten“, drastische Reaktionen, wie Menschen mit der gewährten Chance und den sie überbringenden Boten umgehen. Als Antwort, so schildert Matthäus, wurde der einladende König zornig, „schickte seine Heere, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen“. Blicken wir in das Zeugnis des Paulus, so führt 1Thess 2,2 eine Liste der Bedrängnisse auf, in die er geraten war: „Obwohl wir zuvor gelitten hatten und misshandelt (ὑβρισθέντες) worden waren in Philippi, wie ihr wisst, haben wir im Vertrauen auf unseren Gott Freimütigkeit gehabt, bei euch das Evangelium Gottes zu verkündigen in vielem Kampf “. Die Apostelgeschichte berichtet: „5 Als die Apostel merkten, dass die Heiden und die Juden zusammen mit ihren Führern entschlossen waren, sie zu misshandeln (ὑβρίσαι) und zu steinigen, 6-flohen sie in die Städte von Lykaonien, Lystra und Derbe und in deren Umgebung“ (Apg 14,5-6). Was die Gesetzeslehrer gegenüber Jesus kritisieren, dass sie durch seine Worte beleidigt werden, gilt umgekehrt als Vorwurf gegenüber den Feinden Jesu, zunächst den Heiden, dass sie den Herrn verspotten und misshandeln, gerade so, wie es das Gleichnis bei Matthäus von den Juden ausführt, dort verbunden mit der Kapitalstrafe. Die kanonische Redaktion appliziert diese Form des Bedrängnisses auf Paulus, wobei es hier nicht mehr Heiden, sondern nicht gläubig gewordene Juden waren, die Paulus misshandelt hatten, während in der Apostelgeschichte diese Bedrängnis überhaupt auf „die Apostel“ ausgeweitet wurde und ausdrücklich nun „Heiden und Juden“ als Bedränger benannt werden. Damit jedoch nicht genug, in 2Kor 11 weitet die kanonische Redaktion diese Ansätze zu einer Selbstapologie des kanonischen Paulus aus: „23 Sie sind Diener Christi? Ich rede unsinnig - ich bin es mehr: in viel größerer Mühe, in viel mehr Gefängnissen, weit mehr Schlägen, oft in Todesgefahr. 24 Von den Juden habe ich fünfmal die vierzig Geißelhiebe weniger einen empfangen. 25 Dreimal bin ich mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt worden, dreimal habe ich Schiffbruch §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 323 <?page no="324"?> 223 Ibid. 126 224 Ibid. 127. Grundsätzlicher zur Abhängigkeit der Apostelgeschichte von den Paulus‐ briefen: R.S. Schellenberg, The First Pauline Chronologist? Paul’s Itinerary in the Letters and in Acts (2015); R.I. Pervo, Dating Acts. Between the Evangelists and the Apologists (2006). 225 *Phil 1,13; *Phlm 1,9. 13; vgl. *2Kor 1,8; *Gal 6,17. erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer. 26 Oft auf Reisen, in Gefahren durch Flüsse, in Gefahren durch Räuber, in Gefahren durch mein eigenes Volk, in Gefahren durch Heiden, in Gefahren in der Stadt, in Gefahren in der Wüste, in Gefahren auf dem Meer, in Gefahren unter falschen Brüdern; 27 in Mühe und Arbeit, oft in Nachtwachen, in Hunger und Durst, oft in Fasten, in Kälte und Blöße. 28 Und außer all dem das tägliche Andringen auf mich, die Sorge um alle Kirchen. 29 Wer ist schwach, und ich bin nicht schwach? Wer wird zu Fall gebracht, und ich brenne nicht? 30 Wenn gerühmt werden muss, so will ich mich meiner Schwachheit rühmen. 31 Der Gott und Vater des Herrn Jesus, der gepriesen sei in Ewigkeit, weiß, dass ich nicht lüge.“ (2Kor 11,23-31). Bereits der letzte Satz lässt die kritische Leserschaft aufmerken - wenn in der literarischen Fiktion betont werden muss, dass der Vortragende nicht lügt, ist doppelte Skepsis angebracht. In diesem Fall ist es ein Hinweis auf den literarisch-fiktiven Charakter dieser Passage, die gerade wegen ihrer Detailverliebtheit und Drastik sich gegenüber dem vorkanonischen *Paulus deutlich in Stil und Inhalt abhebt. Es wurde bereits die sprachliche Nähe zwischen dieser Passage und Apg 16 gesehen, 223 doch als „einfachste Erklärung“ wurde angenommen, die Apostelgeschichte habe den Paulusbrief benutzt. 224 Schellenberg etwa verweist darauf, dass ῥαβδίζω im Neuen Testament nur an unserer Stelle hier, 2Kor 11,25, und ein weiteres Mal in Apg 16,22 steht. Dann findet sich das verwandte ῥαβδοῦχος nur Apg 16,35. 38. Dann führt er πληγή an, das ebenfalls an beiden Vergleichsstellen zu finden ist (2Kor 11,23; Apg 16,23), und auch φυλακή, das wieder in 2Kor 11,23 und Apg 16,23. 27. 37 steht. Nimmt man allerdings die weiteren Fundstellen von πληγή und φυλακή hinzu, erkennt man, dass die einfachste Erklärung nicht die der Abhängigkeit der Apg 16 von 2Kor 11 darstellt, sondern dass es sich um die zweite kanoni‐ sche Redaktion handelt, deren Sprachgebrauch und Intentionalität sich darin niedergeschlagen hat. Denn πληγή und φυλακή begegnen zunächst gemeinsam auf der vorkanonischen Ebene in *Ev 12,35-59 (πληγή: *Ev 12,48; φυλακή: *Ev 12,38. 58) in einem eschatologischen Zusammenhang, während die Begriffe im vorkanonischen *Paulus fehlen, obwohl *Paulus sich an verschiedenen Stellen als in Gefangenschaft geraten zu erkennen gibt. 225 Die kanonische Redaktion führt diese eschatologisch besetzte Terminologie jedoch über in einen 324 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="325"?> 226 Für diese literarische Konstruktion spricht auch, dass in späteren kanonischen (etwa den Pastoralbriefen) und nichtkanonischen paulinischen Pseudepigraphen sich die Tendenz fortpflanzt, also etwa in 3Kor, Ps.-Laod usw., vgl. auch 1Klem 5,6; vgl. R.S. Schellenberg, Beatings and Imprisonments (2022), 127-128. Man vgl. auch die Hindeutung auf den bevorstehenden Tod auf der kanonischen Ebene, etwa Phil 1,20-24, vgl. hierzu D.L. Eastman, Death (2022), 250-251. Jetztbezug. Im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter, das in *Ev fehlt, heißt es Lk 10,30: „Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder (πληγὰς ἐπιθέντες); dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen“. Bereits in 2Kor 6,4-8 wird die Terminologie (πληγή und φυλακή im selben Vers 5! ) eingesetzt, um Paulus sein eigenes Lob singen zu lassen: „4 In allem empfehlen wir uns als Diener Gottes: in vielem Ausharren, in Bedräng‐ nissen, in Nöten, in Ängsten, 5 in Schlägen, in Gefängnissen (ἐν πληγαῖς, ἐν φυλακαῖς), in Zeiten der Unruhe, in Mühen, in Wachen, in Fasten, 6 in Reinheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Güte, im Heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe, 7 im Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, 8 in Ehre und Unehre, in übler und guter Nachrede, als Betrüger und Wahrhafte“ (2Kor 6,4-8). Ansonsten begegnet πληγή nur noch wiederholt in der Apokalypse. Deutlicher ist φυλακή, das ca. 50 Mal im Neuen Testament steht, gleich zwei Mal in den Anfangskapiteln von Lukas, die in *Ev fehlen, dann aber auch wiederholt in Mt, Mk, Lk, ein Mal in Joh und 18 Mal in der Apostelgeschichte, auch in 1Petr 3,19; Hebr 11,36 und drei Mal in der Apokalypse. Wie bedeutsam die Gefangenenterminologie für den Praxapostolos ist, lässt sich an der Stelle des Ersten Petrusbriefes ablesen, 1Petr 3,19, nach der Christus nach seiner Auferstehung als Geist „auch zu den Geistern gegangen ist, die im Gefängnis waren, und ihnen gepredigt hat“. In Hebr 11,36 gilt das Gefangenwerden als Zeugnis und Ausweis des Glaubens: „Andere haben Spott und Schläge erduldet, ja sogar Ketten und Kerker.“ Hiermit schließt sich der Kreis, denn Schläge und Gefangengenommenwerden sind Authentifizierungsstrategien, mit denen die kanonische Redaktion sprachlich und inhaltlich arbeitet, um Paulus auszuweisen, ebenso die Apostel und Heiden und Juden für diese Bedrängnisse als Urheber zu stilisieren. Was zunächst wie eine literarische Abhängigkeit der Apostelgeschichte vom kanonischen Paulus erscheint, erweist sich als Tendenz der zweiten kanonischen Redaktion. 226 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 325 <?page no="326"?> 227 Es erstaunt, wenn Kommentatoren zum Johannesevangelium nicht auf die Verbindung zum synoptischen Gleichnis von den Weinbauern verweisen, vgl. A. Wikenhauser, Das Evangelium nach Johannes (1961), 282-284. Einen Verweis bietet wenigstens W. Bauer, Das Johannesevangelium (1933), 189. b) Ökonomisch Auch was die ökonomischen Termini betrifft, ist es nur möglich, auf eine Auswahl hinzuweisen. Auf den ersten Blick fällt auf, dass die Termini ἁδρότης, γεωργέω, γεώργιον, γεωργός, δηνάριον, διακονία, διάκονος, ἐργασία vorkanonisch unbezeugt sind. Auch wenn κληρονομέω und κληρονομία vorkanonisch zu finden sind, fehlt κληρονόμος, auch κλῆρος. Und auch wenn κοινωνέω bezeugt ist, fehlen doch die Begriffe κοινός, κοινόω, κοινωνία, κοινωνικός, κοινωνός, κοπιάω, κτῆμα, λατρεία, λατρεύω, λῃστής, οἰκετεία, οἰκέτης, οἰκέω, οἴκημα, οἰκητήριον, οἰκοδεσποτέω. Οἰκονομία steht in *Laod, es fehlen aber οἰκονομέω und οἰκόνομος. Weiterhin begegnen ebenfalls nicht οἰκουμένη, πλοιάριον, πλοῖον, πλουσίως, πλουτέω, πλουτίζω, συνεργέω, συνεργός und ὑπηρέτης. Will man alphabetisch vorgehen, fehlt zunächst die ganze folgende Gruppe im vorkanonischen Text: γεωργέω 12 / 1 - etwa Lk 20,9. 10. 14, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 21,33. 35. 38. 40. 41; Mk 12,1. 2. 7; Lk 20,9. 10. 14; Hebr 6,7 γεώργιον 1 - 1Kor 3,9 γεωργός 19 - etwa Lk 20,9. 10. 14. 16, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt in Mt 21,33. 34. 35. 38. 40. 41; Mk 12,1. 2. 7. 9; Lk 20,9. 10. 14. 16; Joh 15,1; 2Tim 2,6; Jak 5,7 Was die zentrale Perikope in Lk 20,9-18 betrifft, besitzen wir einen präzisen Aus‐ lassungsvermerk des Epiphanius in seinem Scholion 55. Doch dieses Gleichnis von den Weinbauern fehlt nicht nur im *Ev, es fehlt auch jeder Hinweis auf γεωργέω in *Paulus. Auch von einem γεωργός ist weder bei *Paulus noch im *Ev die Rede, während etwa Joh ihn kennt, und zwar sogar als Vater Jesu (ὁ πατήρ μου ὁ γεωργός ἐστιν), wie wenn Joh auf die Pointe des Gleichnisses anspielen wollte, das gar nicht in diesem Evangelium aufgeführt ist ( Joh 15,1). 227 Auch der kanonische Paulus hilft nach, indem die kanonische Redaktion in 1Kor 3,9 Paulus schreiben lässt: „Wir sind nämlich Gottes Mitarbeiter: Gottes Ackerfeld (γεώργιον), Gottes Bau (οἰκοδομή)“. Dass damit eine Verbindung 326 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="327"?> 228 M. Wolter, Das Lukasevangelium (2008), 394; M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 831. existiert mit dem Gleichnis von den Weinbauern zeigt die Präsenz der beiden auch dort beieinander stehenden Begriffe γεώργιον und οἰκοδομή und zwar insbesondere in der Matthäusfassung (Mt 21,33: Ἄνθρωπος ἦν οἰκοδεσπότης ὅστις … ᾠκοδόμησεν πύργον, καὶ ἐξέδετο αὐτὸν γεωργοῖς; 40-41: γεωργοῖς 42: οἱ οἰκοδομοῦντες). In den Pastoralbriefen heißt es 2Tim 2,6 in Anlehnung an 1Kor 9,7, jedoch in der Diktion der synoptischen Evangelien: „Der Bauer (γεωργός), der die ganze Arbeit tut, soll als Erster seinen Teil von der Ernte erhalten“. Ganz ähnlich spielt Jak 5,7 auf 1Kor 9,7 an, wiederum in der Diktion der kanonischen Redaktion: „Siehe, auch der Bauer (γεωργός) wartet auf die kostbare Frucht der Erde“. Und Hebr 6,7 liest man: „Wenn ein Boden den häufig herabströmenden Regen trinkt und denen, für die er bebaut wird (γεωργεῖται), nützliche Gewächse hervorbringt, empfängt er Segen von Gott“. Es ist zu erkennen, wie eng sowohl sprachlich und inhaltlich die Texte der kanonischen Redaktion aufeinander hin gearbeitet sind. δηνάριον steht in Lk 7,41, ausgerechnet innerhalb des Zusatzgleichnisses von den beiden Schuldnern, das, wie Klinghardt darlegt, schon länger in der Forschung Anlass zur Spekulation gab und inhaltliche Inkonsistenzen zum Kontext aufweist. Während Letzterer in Teilen für *Ev bezeugt ist, ist es das Zusatzgleichnis nicht. Es ist folglich nachvollziehbar, dass die Verse Lk 7,41-43 in *Ev gefehlt haben. Auch beim weiteren Vers, in welchem δηνάριον begegnet, Lk 10,35, stößt man auf das Phänomen, dass keiner unserer Zeugen für *Ev die Verse Lk 10,29-37 erwähnt oder streift. Was in diesen Versen und ihrem vorderen Kon‐ text verhandelt wird, setzt, wie bereits Wolter gesehen hat, den „Zusammenhang der jüdisch-christlichen Trennungsprozesse“ voraus, und Klinghardt attestiert, dass „die gesamte Thematik … unstrittig einen wesentlichen Schwerpunkt des redaktionellen Gesamtkonzepts von Lk-Act, der sich in der literarischen Anlage des Doppelwerkes zeigt“, bildet. 228 Wiederum steht der Begriff in Lk 20,24, er wird auch - allerdings in seiner antimarkionitischen Argumentation - bei Tertullian erwähnt (denario Caesaris), doch 05 und d bieten hier τὸ νόμισμα bzw. figuram. An dieser Stelle schwankt Klinghardt und optiert eher für δηνάριον, doch erneut hilft für die Entscheidung der lexikalische Vergleich. Es ist wohl kein Zufall, dass δηνάριον an keiner Stelle in *Ev gesichert ist, eher sogar die Abwesenheit des Begriffes naheliegt, und zugleich der Begriff auch bei *Paulus fehlt. νόμισμα ist der neutestamentlich weniger geläufige Begriff, der nur ein Mal in Mt 22,19 in der Parallelstelle begegnet, hingegen ist Mt δηνάριον ganz §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 327 <?page no="328"?> geläufig, ja begegnet sogar noch im selben Vers, dann auch kurz zuvor in Mt 20 gleich vier Mal in dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20,1-16), und weiter in Mt 18,28. Dieser Gebrauch weist νόμισμα als den ihm eher ungebräuchlichen Begriff aus, der sich am ehesten erklärt, wenn er aus der vorkanonischen Vorlage, aus *Ev, genommen und mit dem geläufigeren δηνάριον ergänzt wurde, von wo dieser Begriff seinen Weg zu Lk fand. Auch Mk ist nur δηνάριον geläufig (Mk 6,37; 12,15 im Paralleltext zu Lk 20,24; Mk 14,5), und so steht er auch zwei Mal in Joh ( Joh 6,7; 12,5), und wieder, gleich zwei Mal im selben Vers, in Apk 6,6. Auch für diesen Terminus δηνάριον ist auffallend, dass er nicht nur in *Paulus fehlt, sondern trotz der Geläufigkeit in allen vier neutestamentlichen Evange‐ lien, auch in der Apg und in der kanonischen Briefliteratur fehlt. Nun kann man daraus nicht zu viel ableiten, denn hier könnte die narrative Gelegenheit gefehlt haben, sich dieses Begriffes zu bedienen. Doch der Gedanke von Geld lag etwa dem kanonischen Paulus nicht fern, denn er verwendet den in Geld gezahlten Sold, ὀψώνιον, gleich drei Mal: Röm 6,23 innerhalb einer längeren Passage, die für *Paulus unbezeugt ist, jedoch viele Merkmale der kanonischen Redaktion aufweist; 1Kor 9,7 in einem Versteil, der vorkanonisch nicht bezeugt ist; 2Kor 11,8 in einem Vers, der innerhalb einer unbezeugten Passage (2Kor 11,3-12) steht, und in welchem gleich zwei ökonomisch bedeutende Begriffe kombiniert sind: ἄλλας ἐκκλησίας ἐσύλησα λαβὼν ὀψώνιον πρὸς τὴν ὑμῶν διακονίαν, die vorkanonisch nicht bezeugt sind. Auch hier ist es wenig wahrscheinlich, dass der Zufall herrscht, sondern die Lexik bestätigt die Nichtbezeugung und spricht für die vorkanonische Abwesenheit dieser Verse, wie dies vielfach weiter unten in der Rekonstruktion wieder begegnen wird. Dazu kommt, dass der Terminus ὀψώνιον ausgerechnet wieder in einem Vers in der Johanneserzählung von Lk (Lk 3,14) auftaucht, die bezeugtermaßen in *Ev gefehlt hat. Daraus folgt: Wahrscheinlich stand in *Ev 20,24 τὸ νόμισμα, während die beiden anderen Termini, das konkretere δηνάριον und τὸ ὀψώνιον kanonische Begriffe sind, die in den Evangelien zu finden sind und von denen der zweite auch beim kanonischen Paulus begegnet. Im Gegenüber zu diesem lexikalischen Befund steht die vorkanonische Ebene, wo einmal der eher weniger spezifische Begriff τὸ νόμισμα in *Ev begegnet, während weder im *Ev noch in *Paulus einer der kanonischen Begriffe stand. Auch in diesem Fall erweist sich die Profildifferenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene und die relative Kohärenz innerhalb der beiden Ebenen als Hilfe für die Frage der Rekonstruktion. 328 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="329"?> 229 Vgl. hierzu B.J. Koet, E. Murphy and E. Ryökäs, Eds., Deacons and Diakonia in Early Christianity. The First Two Centuries (2018). Vgl. ThWNT II 87-88. 230 Vgl. hierzu ThWNT II 88-93. 231 So M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evange‐ lien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 837; D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 421; T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 471. 232 Röm 12,7: εἴτε διακονίαν ἐν τῇ διακονίᾳ („hat einer die Gabe des Dienens, dann diene er“). 233 Röm 15,31: ἵνα-… ἡ διακονία μου-… 234 Vgl. auch weiter unten unsere Beobachtungen zu διακονέω. Der Begriff διακονία ist gerade zuvor bereits angeklungen, 229 wir können auch den weiteren verwandten des διάκονος dazunehmen. 230 Οbwohl beide Begriffe um die 30 Mal im kanonischen Neuen Testament stehen, finden sie sich weder bei *Paulus noch im *Ev. Was διακονία betrifft, steht der Begriff in den synop‐ tischen Evangelien nur an einer Stelle, Lk 10,40. Auch wenn die kleine Erzählung von Maria und Martha unbezeugt ist, 231 Harnack und Tsutsui sie schlicht übergehen, sind die von Klinghardt geltend gemachten Argumente gewichtig, die eine Präsenz der Perikope im *Ev wahrscheinlich machen. Doch stellt sich die Frage der Lexik, insofern die kanonische Handschriftenüberlieferung eine gründliche Bearbeitung der Stelle durch die kanonische Redaktion nahelegt. Dies gilt auch für Lk 10,40, zumal der sich darin befindliche Begriff διακονία gerade auf der kanonischen Ebene als ein sehr beliebter erweist. Er steht wiederholt in der Apostelgeschichte, in sieben der 14 Briefe des kanonischen Paulus, wovon nur drei zu den sieben „authentischen“ Paulusbriefen gehören. Der Begriff gibt sich also allen Anschein, dass er ein wichtiger Begriff für die kanonische Bearbeitung gerade des Pauluskorpus war. In Röm 11,13 lobt sich Paulus selbst: „Insofern ich Apostel der Heiden bin, rühme ich meinen Dienst,“ offensichtlich, weil er sich selbst als jemanden ansah, der „die Gabe des Dienens“ besaß. 232 In dem für *Röm als abwesend bezeugten Kapitel 15 stellt er erneut sich selbstlobend heraus: „… damit ich von den Ungläubigen in Judäa errettet werde und mein Dienst für Jerusalem den Heiligen angenehm sei“ (Röm 15,31). 233 Die Kombination von „Dienst“ und „Heiligen“ begegnet wieder in dem für den vorkanonischen *Paulus unbezeugten Kapitel 1Kor 16 (1Kor 16,15): „Sie haben sich in den Dienst für die Heiligen gestellt“. 234 Sprechend ist die gleich zweimalige Wiederbezeugung in 2Kor 3,7-8, in Versen, die für *Paulus bezeugt sind, doch gerade die Verwendung von διακονία ausgespart ist. Dass der Begriff tatsächlich an diesen Stellen vorkanonisch nicht stand, leitet sich zudem aus der Inkonsistenz ab, die der Begriff in den beiden Versen erzeugt - der Sinn dieser Verse ohne diese Begriffe ist viel §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 329 <?page no="330"?> 235 2Kor 4,1: -… ἔχοντες τὴν διακονίαν ταύτην-… 236 2Kor 6,4-10: 4 …ὡς θεοῦ διάκονοι … 5 ἐν πληγαῖς, ἐν φυλακαῖς … 7 ἐν λόγῳ ἀληθείας, ἐν δυνάμει θεοῦ: διὰ τῶν ὅπλων τῆς δικαιοσύνης τῶν δεξιῶν καὶ ἀριστερῶν-… grundsätzlicher angesiedelt, weshalb auch in den Folgeversen der vorkanonischen Version überhaupt nicht mehr von einer διακονία die Rede ist. Offensichtlich war dies auch den Redaktoren schon bewusst, weshalb sie einen neuen Vers 9 hinzugefügt haben: „Denn wenn schon im Dienst der Verurteilung eine Herrlichkeit war, übertrifft die Herrlichkeit des Dienstes der Gerechtigkeit.“ (2Kor 3,9). Abgesehen davon, dass sich Tertullian eine solche Steigerung, bei der der neue Dienst auf den alten aufbaut, wohl kaum hätte entgehen lassen, steht der Vers quer zur Argumentation, obwohl er lediglich den Inhalt des Kontextes zusammenzufassen scheint. Denn in den Versen 10-11 wird ausdrücklich davon gesprochen, dass die frühere Herrlichkeit vergänglich war, es also keine auf sie aufbauende Steigerung gibt, sondern eine Antithetik zwischen einer vergehenden und einer bleibenden Herrlichkeit, so dass man mit Vers 10 den Schluss zu ziehen hat, dass die vergehende Herrlichkeit gar keine solche war. Es wird deutlich, die kanonische Redaktion hatte nicht nur den Begriff der διακονία in diese Verse eingebracht, sondern auch versucht, die Antithetik zu unterlaufen. Schließlich greift der kanonische Paulus das Thema des Dienstes in 2Kor 4 gleich zu Anfang in einem Passus, der für *Paulus unbezeugt ist, wieder auf und bezieht ihn wiederum auf sich, Paulus: „Deshalb erlahmen wir nicht, die wir diesen Dienst ausüben, der uns durch Gottes Erbarmen übertragen wurde.“ 235 In 2Kor 5,18, wiederum eine für *Paulus unbezeugte Passage, wird dieser Dienstauftrag auf Gott selbst zurückgeführt. In 2Kor 6,4-10, wiederum unbezeugt für *Paulus, folgt die längste Selbstbelobigung, in welcher der kanonische Paulus seinen Dienst detailliert beschreibt: „4 In allem empfehlen wir uns als Diener Gottes: in vielem Ausharren, in Bedräng‐ nissen, in Nöten, in Ängsten, 5 in Schlägen, in Gefängnissen, in Zeiten der Unruhe, in Mühen, in Wachen, in Fasten, 6 in Reinheit, in Erkenntnis, in Langmut, in Güte, im Heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe, 7 im Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch die Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, 8 in Ehre und Unehre, in übler und guter Nachrede, als Betrüger und Wahrhafte; 9 als Verkannte und Anerkannte, als Sterbende und siehe, wir leben; als Gezüchtigte und doch nicht Getötete; 10 als Traurige, aber jederzeit fröhlich; als Arme und viele reich machend; als nichts Besitzende und doch alles Besitzende.“ 236 Man vergleiche mit diesen an asianische Rhetorik des zweiten Jahrhunderts erin‐ nernden Worte auch das mit einer rhetorischen Selbsterniedrigung verbundene Selbstlob in Apg 20,24: „Aber ich will mit keinem Wort mein Leben wichtig nehmen, wenn ich nur meinen Lauf vollende und den Dienst erfülle, der mir von Jesus, dem Herrn, übertragen wurde: das Evangelium von der Gnade Gottes zu bezeugen“. 237 Um 330 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="331"?> 237 Apg 20,24: -… τὴν διακονίαν ἣν ἔλαβον παρὰ τοῦ κυρίου Ἰησοῦ-… 238 Schon Zahn sieht diesen Dienst als Hinweis auf die Kollektenreise, von der ja zuvor in Apg 11,29 die Rede war (τῶν δὲ μαθητῶν καθὼς εὐπορεῖτό τις ὥρισαν ἕκαστος αὐτῶν εἰς διακονίαν πέμψαι τοῖς κατοικοῦσιν ἐν τῇ Ἰουδαίᾳ ἀδελφοῖς, „Sie beschlossen, jeder von den Jüngern solle nach seinem Vermögen den Brüdern, die in Judäa wohnen, etwas zur Unterstützung senden“), vgl. T.v. Zahn, Die Apostelgeschichte des Lucas. Zweite Hälfte Kap.-13-28 (1921), 395. 239 2Kor 9,12: ὅτι ἡ διακονία τῆς λειτουργίας ταύτης … διὰ πολλῶν εὐχαριστιῶν τῷ θεῷ. welchen Dienst geht es? In 2Kor 9,12 wird dieser Dienst erläutert: 238 es geht um die Fundraisingaktion des Paulus, den er als den „Dienst“ bezeichnet, der „nicht nur den Mangel der Heiligen“ füllt, sondern „reichlich vielen Dank zu Gott“ bringt. 239 Auch in den Deuteropaulinen findet sich die Rede vom „Dienst“, etwa im Gruß von Kol 4,17. Dann auch in den Pastoralbriefen. Hier singt Paulus ähnlich der Selbsterniedrigung in 2Kor 6 sein Lob: „12 Ich danke dem, der mir Kraft gegeben hat: Christus Jesus, unserem Herrn. Er hat mich für treu gehalten und in seinen Dienst genommen, 13 obwohl ich früher ein Lästerer, Verfolger und Frevler war“ (1Tim 1,12-13). In 2Tim 4, 5. 11 werden die Mitarbeiter in denselben Dienst einbezogen, der Adressat Timotheus, dann Lukas und Markus. In Hebr 1,14 sind es die Engel, von denen dieser Dienst ausgesagt wird, „denen zu helfen, die das Heil erben sollen“. Der Engel der Gemeinde in Thyatira wird in Apk 2,19 gelobt: „Ich kenne deine Taten, deine Liebe und deinen Glauben, dein Dienen und deine Geduld und ich weiß, dass du in letzter Zeit mehr getan hast als am Anfang“. Demnach ist der Begriff insbesondere für die kanonische Redaktion der kanoni‐ schen Paulusbriefe von herausragender Bedeutung, sowohl, was die Selbststili‐ sierung des Paulus betrifft wie die Verknüpfung mit seinen Mitarbeitern. Der Hebräerbrief und die Apokalypse überhöhen die Terminologie in den Bereich der Engel. Während διακονία auf Lk beschränkt war, begegnet διάκονος in allen vier kanonischen Evangelien. In Mt 20,26 (/ / Mk 10,43) gibt der Herr die Anweisung: „Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein“, ähnlich wiederholt in Mt 23,11: „Der Größte von euch soll euer Diener sein“. Dazwischen wird auf die Diener des Königs verwiesen (Mt 22,13). Mk 9,35 formuliert leicht anders: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“. Auch Joh kennt „Diener“, etwa die im Haus tätigen bei der Hochzeit in Kana ( Joh 2,5. 9), und auch er kennt das „Dienen“ in Jesu Nachfolge, wenn er ihn Joh 12,26 sprechen lässt: „Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren“. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 331 <?page no="332"?> 240 Tert., Adv. Marc. IV 41,1-2. Vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entste‐ hung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1169. BeDuhn, Roth, Harnack und Zahn sehen sie als unbezeugt und fügen sie nicht in ihre Rekonstruktion ein, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 186; D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 433; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 233; T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 491. 241 Tert., Adv. Marc. IV 41,1: Vae, ait, per quem traditur filius hominis; Lk 22,22: … πλὴν οὐαὶ τῷ ἀνθρώπῳ ἐκείνῳ δι’ οὗ παραδίδοται. 242 Tert., Adv. Marc. IV 41,1: Ergo iam Vae constat imprecationis et comminationis inclama‐ tionem intellegendam et irato et offenso deputandam. 243 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1171. Für *Ev ist auch dieser Begriff nicht bezeugt. Es lohnt sich, einen Blick auf die Parallelstelle Lk 22,26-27 zum „Dienen und Herrschen“ zu werfen. Die Verse gehören nämlich zu einer Perikope, die durch einen Hinweis des Tertullian für *Ev als darin präsent markiert wird. 240 Übersehen wurde bislang, dass Tertullian mit dem Anführen des „Wehe“ zwar klar auf Vers *Ev 22,22 anspielt, 241 doch wird der darauf folgende Hinweis auf „denjenigen, der irritiert (iratus) und verletzt (offensus)“ reagiert, 242 sich nicht nur diesen oder auf Vers 23 beziehen, sondern auch auf die darauf folgenden Verse *Ev 22,24-27. Gemeinsam ist dem Verrat des Judas und dem Wettstreit zwischen den Aposteln, dass sie „nicht so“ sein sollen: „24 Es gab aber einen Wettstreit unter ihnen, wer der Größte sei. 25 Er aber sprach zu ihnen: Die Könige der Völker herrschen über sie; und die Macht über sie ausüben, werden Wohltäter genannt. 26 Aber ihr nicht so! Vielmehr soll der Größte unter euch wie der Kleinste sein, und der Anführer soll eher wie der Diener sein als der, 27 der zu Tisch liegt. Denn ich kam in eure Mitte nicht wie einer, der zu Tisch liegt, sondern wie ein Diener. 28 Ihr aber, die ihr in meinen Prüfungen bei mir geblieben seid, seid in meinem Dienst gewachsen wie ein Diener. 29 Und ich bestimme für euch die Herrschaft, wie sie mein Vater für mich bestimmt hat, 30 damit ihr essen und trinken werdet an meinem Tisch in meiner Herrschaft, und ihr werdet euch auf zwölf Thronen niederlassen und die zwölf Stämme Israels richten.“ (*Ev 22,24-30). Klinghardt sieht den Text „geringfügig bearbeitet“ durch die kanonische Redak‐ tion. 243 Auch wenn er richtig beobachtet, dass „Tertullians Zeugnis“ zu dieser ganzen Perikope „sehr großzügig ist“ und seine „eher flächige als genaue Bezeugung … bis zum Ende des Evangeliums an[hält]“ und damit deutlich 332 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="333"?> 244 BeDuhn hat die gesamte Perikope als möglicherweise fehlend vermerkt, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 124. von der engmaschigeren Lektüre von *Ev zuvor Abstand nimmt, so würde es doch erstaunen, wenn er sich eine Aussage wie die von Vers 30, wonach die Jünger „auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten werden“, hätte entgehen lassen. Der Vers wird folglich vorkanonisch gefehlt haben. 244 Auch die Übertragung des Reiches durch den Sohn, der es seinerseits vom Vater vermacht bekommen hat, wäre eine Stütze dieses Argumentes aus Vers 30 gewesen, womit er Markions Antithese von Christentum und Judentum hätte widerlegen können. Diese Verheißung bzw. Vererbung des Reiches (διατίθεμαι ὑμῖν καθὼς διέθετο) wird als Erblassung auch aufgefasst in Hebr 9,16-17: „16 Wo nämlich ein Testament (διαθήκη) vorliegt, muss der Tod des Erblassers (διαθεμένου) nachgewiesen werden; 17 denn ein Testament (διαθήκη) wird erst im Todesfall rechtskräftig und gilt nicht, solange der Erblasser (ὁ διαθέμενος) noch lebt“. In diesem Sinne werden die beiden Begriffe διαθήκη und διατίθημι auch in der Apostelgeschichte verstanden: „Ihr seid die Söhne der Propheten und des Testaments (τῶν προφητῶν καὶ τῆς διαθήκης), das Gott euren Vätern vermacht hat (διέθετο), als er zu Abraham sagte: Durch deine Nachkommenschaft sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Apg 3,25). Noch an weiteren Stellen im Hebräerbrief lesen wir diese Erblasservorstellung: „Denn das wird das Testament (ἡ διαθήκη) sein, das ich nach diesen Tagen dem Haus Israel überlasse (διαθήσομαι) - spricht der Herr: Ich lege meine Gesetze in ihr Denken hinein und schreibe sie ihnen in ihr Herz. Ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein“ (Hebr 8,10), eine Aussage, die Hebr 10,16 wiederholt wird: „Dies ist das Testament (ἡ διαθήκη), das ich nach diesen Tagen ihnen überlassen werde (διαθήσομαι) - spricht der Herr: Ich lege meine Gesetze in ihr Herz und schreibe sie in ihr Denken hinein“. Nun begegnet διατίθημι, das sieben Mal im Neuen Testament steht, überhaupt nur auf der kanonischen Ebene; es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass wir es zumindest in den Versen Lk 22,29-30 mit einem kanonisch-redaktionellen Text zu tun haben. Da diese Verse argumentativ den Gedanken fortsetzen, der sich aus der Selbstbeschreibung des „zu Tisch Liegenden“ nährt, also voraussetzen, dass der zum Tisch des Vaters gehörende Sohn der erste Erbe des Vaters ist, der wiederum das von ihm Geerbte denjenigen, die die Tischgäste bedienen, weitervererben kann, scheinen auch die voranstehenden Verse zumindest kano‐ nisch-redaktionell bearbeitet worden zu sein. Dass in ihnen aber im Unterschied zu den Parallelen in Mt, Mk und Joh gerade nicht das Nomen διάκονος begegnet, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 333 <?page no="334"?> sondern ausschließlich das Verb διακονέω, welches auch *Ev 8,3 vorkanonisch bezeugt ist, scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass in den Versen 22,24-27 vorkanonischer Textbestand vorhanden zu sein scheint. Gleichwohl findet sich das Verb διακονέω nicht im vorkanonischen *Paulus, sondern wird zu einem Schlüsselbegriff der kanonischen Redaktion, wie über‐ haupt die Wortfamilie zentral für die kanonische Ebene wird. Allerdings lässt sich diese Aussage verfeinern, worauf die eher punktuelle und die Apostel kritisierende Anwesenheit im *Ev und das Fehlen in *Paulus hindeutet: So steht das Verb an keiner anderen Stelle in den sieben Briefen des kanonischen Paulus außer Röm und zwar gerade in einem der beiden letzten, für die vorkanonische Ebene als abwesend markierten Kapitel, in Röm 15,25: „Jetzt aber reise ich nach Jerusalem, um den Heiligen zu dienen (διακονῶν τοῖς ἁγίοις)“, und in Phlm 1,13: „Ich wollte ihn bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle diene in den Fesseln des Evangeliums (διακονῇ ἐν τοῖς δεσμοῖς τοῦ εὐαγγελίου)“. Schon bei unseren Beobachtungen zuvor zu διακονία ist uns auf der kanonischen Ebene die Kombination von „Heiligen“ und „Dienst“ aufgefallen. Während in 1Kor 3,5 und Phil 1,1 jeweils ein Partizip von διακονέω stehen könnte, liest man dort jedoch jeweils das Nomen, d. h. das Verb fehlt in diesen beiden Briefen genauso wie im Galaterbrief, dem ersten Thesalonicherbrief, allerdings auch in den Deuteropaulinen 2Thess, Eph und Kol. Wie zuvor vermerkt, stützt die wiederholte Benutzung des Verbs - im Unterschied zur vorkanonischen Ebene - die wachsende Bedeutung des Dienens in der kanonischen Fassung. Diese Beobachtung findet ihre Bestätigung in den Pastoralbriefen. In 1Tim 3,10-13 finden wir die enge Verzahnung von Verb und Nomen: „10 Auch sie soll man vorher prüfen, und nur wenn sie unbescholten sind, sollen sie dienen (διακονείτωσαν). 11 Ebenso müssen Frauen ehrbar sein, nicht verleumderisch, sondern nüchtern und in allem zuverlässig. 12 Diakone (διάκονοι) sollen Männer einer einzigen Frau sein und ihren Kindern und ihrem eigenen Haus gut vorstehen. 13 Denn wer gut dient (διακονήσαντες), erlangt einen hohen Rang und große Zuversicht im Glauben an Christus Jesus.“. In 2Tim 1,18 begegnet das Verb: „Der Herr gebe ihm, dass er beim Herrn Erbarmen findet an jenem Tag, und was er in Ephesus dient (διηκόνησεν), weißt du selbst am besten“. Auch in Hebr 6,10 begegnet das Verb und zwar gleich 2 Mal: „Denn Gott ist nicht so ungerecht, euer Tun zu vergessen und die Liebe, die ihr seinem Namen bewiesen habt, indem ihr den Heiligen gedient habt und noch dient (διακονήσαντες τοῖς ἁγίοις καὶ διακονοῦντες)“. Wie zuvor in Röm 15,25 wird hier der Gedanke vom „den Heiligen dienen“ aufgegriffen. 334 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="335"?> 245 Vgl. R.M. Hübner, Die Anfänge von Diakonat, Presbyterat und Episkopat in der frühen Kirche (1986); R.P. Symonds, Deacons in the Early Church (1955). 246 Zu dieser Bezeichnung vgl. R.M. Hübner, Die Anfänge von Diakonat, Presbyterat und Episkopat in der frühen Kirche (1986). Betrachten wir noch das Nomen διάκονος näher. 245 Wie schon zuvor zu Lk 22,24-27 vermerkt, begegnet das Nomen lediglich in drei der kanonischen Evangelien, Mt, Mk und Joh. Es findet sich allerdings nicht nur nicht in *Paulus und *Ev, sondern ist auch relativ spärlich bei Paulus belegt. Allen voran findet es sich gleich zwei Mal allerdings in den im vorkanonischen *Paulus fehlenden zwei letzten Kapiteln des Römerbriefs, ein Mal in Röm 15 (Röm 15,8), dann in Röm 16,1. An der ersten Stelle wird Christus selbst „Diener der Beschnittenen“ genannt (was an die Genitivverbindung in Gal 2,17 erinnert, wo gefragt wird, ob Christus etwa „Diener der Sünde“ sei), an der zweiten wird Phöbe, die „Dienerin der Gemeinde von Kenchreä“ gegrüßt. In 1Kor 3,5 bezeichnet sich Paulus zusammen mit Apollos selbst als „Diener“, so auch 2Kor 6,4. Offenkundig gilt zur Zeit der kanonischen Redaktion von 2Kor 11,15 der Titel „Diener“ bereits als Ehrentitel, denn man kann sich damit schmücken, wie Paulus seinen Gegnern vorwirft, wenn diese „Diener sich als Diener der Gerechtigkeit verkleiden (ὡς διάκονοι δικαιοσύνης)“. Zwar gesteht der kanonische Paulus den Korinthern zu, dass sie „Diener Christi (διάκονοι Χριστοῦ)“ sind, doch er hält sich selbst für einen „größeren“ Diener (2Kor 11,23). Dazu passt, dass in Phil 1,1 die „Diener“ zusammen mit den „Aufsehern“, wenn auch an zweiter Stelle, gegrüsst werden (ἐπισκόποις καὶ διακόνοις). 246 In 1Thess 3,2 gibt es eine Reihe von Varianten. NA 28 wählt die Lesart von 06*, 33, b, Ambst, die nur καὶ συνεργὸν τοῦ θεοῦ bieten, noch kürzer sind die Zeugen 03, vg mss , die καὶ συνεργόν haben, hingegen findet sich καὶ διάκονον τοῦ θεοῦ in 01, 02, 025, 044, 0278, 6, 81, 1241, 1739, 1881, 2464, lat, co, Bas; καὶ διάκονον τοῦ θεοῦ καὶ συνεργὸν ἡμῶν in 06 2 , 018, 020, 104, 365, 630, 1505, M, vg mss , sy p.h **, διάκονον καὶ συνεργὸν τοῦ θεοῦ 010, 012. Hier lässt sich schwer ermessen, was die ältere Lesart sein könnte. Die Tendenz allerdings, dass in den sieben Briefen des Paulus der Begriff „Diener“ eher spärlich benutzt wird, spricht für die von NA 28 gewählte Variante, vielleicht auch für die noch kürzere. Überhaupt geben diese Varianten uns einen Hinweis darauf, dass wir bei der kanonischen Redaktion ebenfalls mit gewissen Stufen zu rechnen haben. Nimmt man die Deuteropaulinen, findet sich folgender Befund: Eph 3,7 lobt sich Paulus: „dessen [Christi Jesu] Diener (διάκονος) ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach der Wirkung seiner Kraft gegeben wurde“, was an das Selbstlob seines „Dienstes“ erinnert, das uns in den kanonischen Briefen und Apg weiter oben begegnet ist. Im selben Brief wird im Schlussteil §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 335 <?page no="336"?> auf den „treuen Diener“ Tychikus verwiesen (Eph 6,21) und im Schlussteil des Kolosserbriefes kommt der Redaktor wieder auf ihn mit diesem Titel zurück (Kol 4,7). Ganz ähnlich wird in der Eröffnung von Kol 1,7 der „treue Diener Christi“ Epaphras, der auch als „geliebter Mitsklave“ bezeichnet wird, eingeführt, und der wieder in der Grußliste Kol 4,12 begegnet („Es grüßt euch Epaphras, der einer der euren ist“), auch in Phlm 1,23 („Es grüßt dich Epaphras, mein Mitgefangener in Christus Jesus“), beidemale hier, ohne als διάκονος bezeichnet zu werden, und sich selbst stellt Paulus in Kol 1,23. 25 gleich zwei Mal als „Diener“ des Evangeliums bzw. der Gemeinde heraus. In den Pastoralbriefen wird für „Diakone“ eine Liste von ethischen Bedin‐ gungen aufgestellt (1Tim 3,8-13): „8 Ebenso müssen Diakone (Διακόνους) sein: achtbar, nicht doppelzüngig, nicht dem Wein ergeben und nicht gewinnsüchtig; 9 sie sollen mit reinem Gewissen am Geheimnis des Glaubens festhalten. 10 Auch sie soll man vorher prüfen, und nur wenn sie unbescholten sind, sollen sie ihren Dienst ausüben (διακονείτωσαν). 11 Ebenso müssen Frauen ehrbar sein, nicht verleumderisch, sondern nüchtern und in allem zuverlässig. 12-Diakone (διάκονοι) sollen Männer einer einzigen Frau sein und ihren Kindern und ihrem eigenen Haus gut vorstehen (προϊστάμενοι). 13 Denn wer seinen Dienst gut versieht (διακονήσαντες), erlangt einen hohen Rang und große Zuversicht im Glauben an Christus Jesus.“ Diesem Katalog wird in 1Tim 4,6 noch hinzugefügt: „ein guter Diener Christi Jesu“ ist, wer „erzogen [ist] in den Worten des Glaubens und der guten Lehre, der du gefolgt bist“. Blickt man auf die Untersuchung dieser Wortfamilie zum Thema „Dienen, Dienst, Diener“ zurück, wird erneut offenkundig, dass wir es mit einer weit‐ gehenden Übereinstimmung von *Paulus und *Ev zu tun haben. Es wird auch erneut die Diskrepanz deutlich zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene. Wiederum scheint Letztere sich in zwei unterscheidbaren Redaktionen entwickelt zu haben. Es stehen die sieben Paulusbriefe der vorka‐ nonischen Ebene näher, dann auch bisweilen die Deuteropaulinen, was auf die Wirkung der vorkanonischen redaktionellen Bearbeitung und deren lexi‐ kalischen Einfluss zurückzuführen ist. Außerdem scheinen die beiden letzten Kapitel des Römerbriefes in einer gewissen Nähe zu den Pastoralbriefen zu stehen, in welchen eine stärkere Institutionalisierung zu bemerken ist. Die zweigeteilte kanonische Redaktion wird dadurch gestützt, dass auch ein Blick in die frühe Kirche für eine wachsende Bedeutung und Sicherung des διάκονος als Amt und der διακονία als System spricht. Der Begriff begegnet in 1Klem 42,5: „Denn die Schrift sagt irgendwo: Ich will ihre Episkopen in Gerech‐ 336 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="337"?> 247 1Klem 42,5: οὕτως γάρ που λέγει ἡ γραφή· Καταστήσω τοὺς ἐπισκόπους αὐτῶν ἐν δικαιοσύνῃ καὶ τοὺς διακόνους αὐτῶν ἐν πίστει; vgl. Jes 60,17 LXX: … καὶ δώσω τοὺς ἄρχοντάς σου ἐν εἰρήνῃ καὶ τοὺς ἐπισκόπους σου ἐν δικαιοσύνῃ. 248 Vgl. hierzu mit weiterer Literatur B.J. Koet, Isaiah 60: 17 as a Key for Understanding the Two-fold Ministry of Ἐπισκόποι and Διάκονοι according to First Clement (1 Clem. 42: 5) (2018). 249 Justin, 1Apol 65,5; 67,5. 250 „The manner in which Justin introduces the term, οἱ καλούμενοι παρ᾽ ἡμιν διάκονοι, ’the ones called among us „deacons”‘ (1Apol. 65.5), suggests that even if the term itself was not a neologism, then the way he was using the term could not be assumed to be familiar to his implied non-Christian readers“, P. Foster, Deacons (διάκονος) and διακονία in the Writings of Justin and Irenaeus (2018). 251 Vgl. Iren., Adv. Haer. I 13,5; entsprechend liest er Apg 6,5 in Adv. Haer. III 12,10. 252 Vgl. zur Wortgruppe ThWNT III 766-786. tigkeit aufstellen und ihre Diakone im Glauben“. 247 Auffälligerweise ist der etwas vage formulierte Schriftbezug kein solcher, der auf die zuvor besprochenen Schriften der erweiterten Sammlung geht, sondern einen Jesajavers ( Jes 60,17 LXX) aufruft, den 1Klem jedoch deutlich anpasst. Zwar werden auch bei Jesaja Episkopen erwähnt, doch sind diese den Archonten untergeordnet, während hier Diakone eingeführt werden, die bei Jesaja fehlen, und die Episkopen treten an die Stelle der Archonten, denn die Diakone sind den Episkopen nun zum Dienst verpflichtet. Dass nach 1Klem Episkopen und Diakone deshalb nichts Neues seien, weil sie schon bei Jesaja genannt würden, ist folglich nicht nur ein etwas weit hergeholtes Argument, es unterstreicht auch, dass die Kritiker, gegen welche sich 1Klem richtet, die die Presbyter (welche 1Klem wohl mit den Episkopen gleichsetzt) abgesetzt hatten und möglicherweise diese Art der Hierarchie in der Gemeinde ablehnten, nicht unrecht hatten. 248 Bei Justin ist im erhaltenen Werk διακονία gar nicht belegt, und διάκονος begegnet nur zwei Mal im Zusammenhang mit dem Verteilen der Eucharistie (unter den Anwesenden und unter den Abwesenden), und zwar im Plural. 249 Beim ersten Mal führt er die „Diener“ jedoch ein als „die von uns sogenannten Diener“, was darauf hindeutet: „selbst wenn es kein Neologismus war, dann zeigt doch die Art und Weise, wie er den Begriff benutzt, dass er nicht damit rechnen konnte, dass der implizierten nichtchristlichen Leserschaft der Begriff vertraut gewesen war“. 250 Irenäus hingegen kennt den Begriff bereits offenkundig als Amtsbezeichnung. 251 Kommen wir zu κληρονομέω und κληρονομία, die vorkanonisch bezeugt sind, wobei allerdings κληρονόμος unbezeugt ist. 252 Als erstes lässt sich festhalten: Diese Begriffsfamilie ist den johanneischen Schriften gänzlich fremd, κληρονομέω begegnet aber zwei Mal in *Paulus (*Gal §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 337 <?page no="338"?> 253 *Ev 12,13-14: 13 Εἶπεν δέ τις αὐτῷ ἐκ τοῦ ὄχλου, Διδάσκαλε, εἰπὲ τῷ ἀδελϕῷ μου μερίσασθαι μετ‘ ἐμοῦ τὴν κληρονομίαν. 14 ὁ δὲ εἶπεν αὐτῷ, Ἄνθρωπε, τίς με κατέστησεν κριτὴν [ἢ μεριστὴν] ἐϕ’ ὑμᾶς. 254 EvThom 72. 255 Tert., Adv. Marc. IV 28,10: Denique probavit malam vocem. 256 Tert., Adv. Marc. IV 28,9: Christus vero postulatus a quodam ut inter illum et fratrem ipsius de dividunda haereditate componeret, operam suam, et quidem tam probae causae, denegavit. Iam ergo melior Moyses meus Christo tuo, fratrum paci studens, iniuriae occurrens. Vgl. hierzu weiter unten. 5,21; *1Kor 15,50) und κληρονομία steht sowohl im *Ev wie in *Paulus (*Ev 12,13; *Laod 1,18). Beginnen wir mit dem Verb. In *Gal 5,21 folgt auf einen langen Lasterkatalog die Schlussfolgerung, dass Menschen, die solchen Lastern erliegen, das „Reich nicht erben werden“. Dasselbe gilt nach *1Kor 15,50 auch für „Fleisch und Blut“. Bereits zuvor anlässlich der Besprechung der βασιλεία wurde darauf hingewiesen, dass sowohl in *Gal 5,21 wie *1Kor 15,50 es beide Male identisch heißt: βασιλείαν θεοῦ οὐ κληρονομήσουσιν, und dass diese Formulierung sonst an keiner weiteren Stelle im Neuen Testament begegnet. Statt von „Erben“ ist vorkanonisch vielmehr von Nichterben die Rede. Dazu passt nahtlos, dass das Nomen im *Ev ebenfalls in einen negativen Kontext gestellt wird. In *Ev 12,13 heißt es: „13 Einer aus der Menge sprach zu ihm: Lehrer, sprich mit meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teilt! 14 Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter eingesetzt über euch? “ 253 Tertullian führt diese Stelle aus Markions *Evangelium an, die sich in keinem anderen der kanonischen Evangelien außer in Lk findet - der Spruch begegnet noch im Thomasevangelium 254 -, weil die darin zu lesende Botschaft Tertullian zutiefst widersprach, und er den Vers darum als einen „üblen Spruch“ bezeich‐ nete. Schon dadurch, dass Markion diesen Spruch anführe, scheine dessen Mes‐ sias ihm auch zuzustimmen. 255 Dabei widerspreche eine solche Auffassung, sich einer „rechten Sache“ (proba causa) wie der eines Erbstreits zwischen Brüdern zu schlichten, jedem Anstand, während etwa Mose zwischen zwei streitende Brüder getreten sei, weil er um den Frieden zwischen diesen besorgt gewesen sei (Ex 2,13; vgl. Apg 7,27-29). 256 Dass es bei dieser Stelle nicht um ein Beispiel aus dem Leben ging, sondern die Stelle im übertragenen Sinne gemeint sei, nämlich um die Frage des Erbes zwischen Juden und Christen, verdeutlicht Tertullian im Anschluss. Denn das Anliegen Markions sei es gewesen, Christus nicht zum Richter für die Wiederherstellung des Friedens zwischen diesen Brüdern zu machen, weil er die Trennung zwischen Mose und Christus herausstellen 338 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="339"?> 257 Tert., Adv. Marc. IV 28,10: Sed enim optimi et non iudicis dei Christus … Aut numquid indigne tulerit hoc dicto fugatum Moysen, ideoque in causa pari disceptantium fratrum voluit illos commemoratione eiusdem dicti confudisse? 258 Die Mehrheit der Altlateiner bietet possidebo, während nur d, e hereditabo haben. 259 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 831. wollte, die Verwerfung des Mose und seiner Richtertätigkeit einerseits und die Herausstellung von Markions „Christus des besten und nicht richtenden Gottes“ andererseits. 257 Was nun das Erbe betrifft, verschweigt Tertullian allerdings, wie die Geschichte sich fortsetzt, denn im Folgenden wird verdeutlicht, dass es gerade nicht um „Habgier, Besitz und Überfluss“ geht (*Ev 12,15), unterstützt mit dem nachfolgenden Gleichnis vom reichen Kornbauern (*Ev 12,16-20), d. h. der (christlichen) Leserschaft wird gesagt: Das, was ihnen gegeben ist, gehört ihnen überhaupt nicht, ein Streit darum ist also eitles Bemühen. Wir finden folglich sowohl bei *Paulus wie im *Ev dieselbe kritisch-negative Haltung mit Blick auf das Erbe. In der kanonischen Redaktion hat man sich offensichtlich schwer getan mit dieser Botschaft, darum fehlt wohl das Beispiel in den anderen Evangelien. Im Lk, wo der Text beibehalten wurde, fügte die Redaktion die Frage der Erbschaft bereits kurz zuvor in Lk 10,25 ein, eine Passage, die auch in Mt und Mk erhalten ist, wo sich der Erbschaftsgedanke jedoch nicht findet. Er scheint auch in der vorkanonischen Fassung gefehlt zu haben, denn dort gibt Tertullian den entscheidenden Begriff mit consequar wieder, das auch in c steht, 258 was vielleicht σχήσω voraussetzt, jedoch wohl kaum κληρονομήσω, das wir in Lk 10,25 lesen: „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? “ Doch auch wenn man hier (und im ähnlichen Fall in *Ev/ Lk 18,18, hier bietet Tertullian possidebo und e consequar) κληρονομήσω vorkanonisch lesen würde, erhielten beide Szenen, die erste mit dem Hinweis auf das Liebesgebot, das in der kanonischen Fassung ausdrücklich auf das Gesetz bezogen wird, und die zweite, bei der die Frage um das Gewinnen oder Erben des ewigen Lebens wieder aufgegriffen wird, durch die Hinzufügung des für *Ev unbezeugten Gleichnisses vom guten Samaritaner eine inhaltlich andere Ausrichtung: „Die lk Redaktion ist nicht so sehr am Gebot der Gottesliebe interessiert oder an der Frage, welches Verhalten genau ‚Leben‘ zur Folge hat, sondern zielt vordringlich“ darauf ab, ihren Lesern zu „demonstrieren, dass die Annahme von Nichtjuden durch Juden aufgrund des Erweises tätiger Liebe durch das jüdische Gesetz geboten ist“. 259 Dieser Beobachtung Klinghardts lässt sich noch hinzufügen, womit der Text in *Ev 18,22 fortgeführt wird: „Als Jesus das aber hörte, sprach er zu ihm: ’Eines §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 339 <?page no="340"?> 260 M. Vinzent, „Inheritance of Land - The Origin of Property“ (2024). 261 Vgl. Ibid. fehlt dir: Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, dann wirst du einen Schatz im Himmel haben. Und dann: Auf, und folge mir nach! ‘ Es geht also nicht um Erbschaft, und nur bedingt um den Schatz im Himmel, denn dessen Bedingung ist das Gegenteil von Gewinnen, es geht, wie zuvor im Gleichnis vom reichen Kornbauern (*Ev 12,16-20) und im vorkanonischen *Paulus darum, den Armen zu geben (*Gal 2,10). Folglich findet sich auch in den Seligpreisungen in *Ev keine solche Stelle, die von einem Erbe von Weltlichem spricht. An diesem Punkt lässt sich am deutlichsten die Differenz aufzeigen, die die kanonische Redaktion einbringt. Denn in Mt wird eine Seligpreisung eingefügt, die weder im *Ev steht noch im Lk: „Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben“ (Mt 5,5; wieder aufgegriffen in Jak 2,5: „Erben des Reiches“). Hier ist das Thema der Erbschaft, das weiter oben bei der Betrachtung von „Dienen und Herrschen“ aus dem Hebräerbrief bereits begegnet war, prominent. Vor allem geht es nicht nur um ein finanzielles Erbe, sondern sogar um ein Landerbe, also nicht nur um eine Vermögensübertragung, sondern um eine solche von Eigentum. Anders als bei den Begriffen zuvor, brauche ich nicht die gesamte kanonische Vorstellung des Erbgedankens hier zu entfalten, sondern kann auf eine eigene Studie zu dem Thema Erbschaft und Eigentum verweisen. 260 In ihr wird unter Rückgriff auf die Zeugnisse des kanonischen Neuen Testaments und auf weitere Zeugnisse der frühen Kirche dargelegt, dass es eine grundsätz‐ liche Differenz zwischen dem auf göttliches Erbe, insbesondere auf Landerbe, ausgerichteten kanonischen Interesses gibt und einer jeglichen Erbgedanken übersteigenden Testamentsvorstellung der vorkanonischen Ebene. 261 Die Testa‐ mentsvorstellung der vorkanonischen Ebene schreibt sich auch in den Titel „Neues Testament“ ein, welches nicht mehr ein Testament bezüglich Erblassung an Land oder Dingen wie in der Thora, bedeutet, sondern eine antithetische Erbvorstellung - also eher eine Erbverweigerung -, in welcher das alte Erbe zurückgewiesen und an die Stelle von Ansprüchen ein Lassen und Hergeben von allem des Himmelreiches wegen tritt. Dieser Neuansatz führt wohl auch dazu, dass weder in *Paulus noch im *Ev eine Erwähnung eines Erben (κληρονόμος) zu finden ist, während sich der Begriff in den synoptischen Evangelien, wiederholt bei Paulus und auch im Jakobusbrief findet. Eines der sprechendsten Beispiele, das in der genannten Studie ausführlich behandelt wird, ist das in *Ev als fehlend bezeugte Gleichnis von den Weingärtnern (Lk 20,9-18 / / Mt 21,33-46 / / Mk 12,1-12), in welchem der Erbstreit vorgeführt wird. 340 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="341"?> 262 Röm 15,27: … εἰ γὰρ τοῖς πνευματικοῖς αὐτῶν ἐκοινώνησαν τὰ ἔθνη, ὀφείλουσιν καὶ ἐν τοῖς σαρκικοῖς λειτουργῆσαι αὐτοῖς. 263 Vgl. hierzu T.R. Blanton IV, Manual Labor and Sustenance (2022), 104. 264 Vgl. hierzu T.R. Blanton IV, A Spiritual Economy. Gift exchange in the Letters of Paul of Tarsus (2017); G.W. Peterman, Paul’s Gift from Philippi. Conventions of Gift-Exchange and Christian Giving (1997); P. Marshall, Enmity in Corinth: Social Conventions in Paul’s Relations with the Corinthians (1987). 265 T.R. Blanton IV, Manual Labor and Sustenance (2022), 104-105. Mit Verweis auf J. Thiessen, Les lettres de l’apôtre Paul et la rhétorique du discours figuré: Fondements méthodologiques et études de cas. PhD diss. (2020), 535-541. Zusammenfassend lässt sich für diese Wortgruppe sagen, dass erneut eine hohe Übereinstimmung an Lexik und inhaltlicher Konzeption von *Paulus und *Ev festzustellen ist, die in diesem Fall antithetisch derjenigen der kanonischen Ebene gegenübersteht. Wie bereits zuvor zu „Dienen und Herrschen“ deutlich wurde, gibt es ebenfalls eine gewisse Kohärenz innerhalb der kanonischen Ebene, in der allerdings Steigerungsstufen zu bemerken sind, die offenkundig mit zunehmend jüngeren Schrift- und Redaktionsphasen einhergehen. Kommen wir zu dem Begriff κοινωνέω, der vorkanonisch bezeugt ist, während die Begriffe κοινός, κοινόω, κοινωνία, κοινωνικός, κοινωνός gänzlich fehlen. In *Gal 6,6, der einzigen vorkanonischen Bezeugung des Verbs κοινωνέω, hat dieses einen deutlich finanziellen Sinn: „6 Wer aber im Wort des Evangeliums unterwiesen wird, lasse den, der ihn unterweist, an allen Gütern teil‐ haben.“ In Röm 12,13 begegnet das Verb auf kanonischer Ebene („Nehmt Anteil an den Nöten der Heiligen; gewährt jederzeit Gastfreundschaft! “) und scheint ebenfalls finanziell gemeint zu sein. Die Erwähnung der Heiligen erinnert erneut an Röm 15,25, zumal auch in Röm 15,27 das Verb wieder begegnet: „Wenn die Heiden an ihren geistlichen Gütern Anteil bekommen haben, so sind sie auch verpflichtet, ihnen in den leiblichen zu dienen.“ 262 Wie wichtig Gastfreundschaft und das Empfangen von Gästen für den kanonischen Paulus ist, lässt sich an Stellen wie Röm 16,1-2 und Phlm 1,22 ablesen. 263 Auch das „Geben und Nehmen“ von Phil 4,15 spricht für eine u. a. monetäre Interpretation, und zwar im Sinne der Donation und des Gabentauschs, in welchen der kanonische Paulus involviert war. 264 Auch eher „euphemistische“ Aussagen, wie die des kanonischen Paulus, dass er von Gemeinden „auf seinen Weg geleitet“ würde (Röm 15,16), fallen in diese Kategorie, sind jedoch alleine auf der kanonischen Ebene zu finden (1Kor 16,6; 2Kor 1,16). 265 Allerdings konnte die kanonische Ebene auf dem vorkanonischen Paulus aufbauen (wo allerdings die hier ver‐ handelte Terminologie fehlt), denn in *1Kor 9 erklärt *Paulus ausführlich, dass die Gemeinde eine Gegengabepflicht dafür habe, dass er ihr das Evangelium §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 341 <?page no="342"?> 266 Blanton, der zuvor wie Schellenberg die Position bezog, wonach Paulus in diesem Kapitel eher die Gabe zurückgewiesen habe, betont inzwischen, Paulus habe doch auf dem Gabenaustausch bestanden, wie dies auch Thiessen darlegt, vgl. hierzu T.R. Blanton IV, A Spiritual Economy. Gift exchange in the Letters of Paul of Tarsus (2017), 61-75; R.S. Schellenberg, Did Paul Refuse an Offer of Support from the Corinthians? (2018); T.R. Blanton IV, Manual Labor and Sustenance (2022), 155; J. Thiessen, Les lettres de l’apôtre Paul et la rhétorique du discours figuré: Fondements méthodologiques et études de cas. PhD diss. (2020), 544-545. 267 Vgl. P. Robertson, Literacy and Education (2022); J.C. Poirier, Paul and Literacy (2016). 268 B.W. Longenecker, Remember the Poor. Paul, Poverty, and the Greco-Roman World (2010), 307. geschenkt hat, 266 doch Gegengabe, so *Paulus, ist keine Entlohnung (*1Kor 9,18: ἀδάπανον). Die Apostelgeschichte spinnt daraus die Information, Paulus habe sich durch eigene Arbeit in Ephesus finanziert. Apg 20,34: „Ihr wisst selbst, dass für meinen Unterhalt und den meiner Begleiter diese Hände hier gearbeitet haben (ὑπηρέτησαν αἱ χεῖρες αὗται).“ Diese Aussage stimmt teilweise wörtlich überein mit der kanonischen Formulierung in 1Kor 4,12: „und als Arbeiter mühen wir uns mit den eigenen Händen (ἐργαζόμενοι ταῖς ἰδίαις χερσίν).“ Auffallenderweise erweckt die kanonische Redaktion der Paulusbriefe den Eindruck, dass Paulus, dem als Briefschreiber oder -diktierer eine entsprechende Ausbildung und damit auch ein gewisser Sozialstatus zugeschrieben wird, 267 als „Apostel Jesus Christi-… in seinem ökonomischen Profil-… abgesunken war“. 268 In ganz anderem Sinn fasst 1Tim 5,22 den Begriff κοινωνέω auf, nämlich als gemeinsames Sich-Schuldigmachen (was an Mt 23,30 erinnert: „Hätten wir in den Tagen unserer Väter gelebt, wir hätten uns nicht mitschuldig gemacht am Blut der Propheten“). Im Hebräerbrief meint es eigentlich das Verbinden mit bzw. das Anteilhaben an zwei Teilen (Hebr 2,14; vgl. Hebr 10,33). In 1Petr 4,13 findet es sich als Teilhabe am Leiden Christi und ebenfalls theologisch gewendet steht es als Nomen in 2Petr 1,4 für die Teilhabe an der göttlichen Natur. 2Joh 1,11 fasst den Begriff als Mitschuldig-Werden, erinnert folglich wieder an 1Tim 5,22 und auch an Mt 23,30. κοινωνός in 1Kor 10,18 spricht vom Anteil haben am Altar und kommt erneut Mt 23,30 nahe, wo es um eine Gemeinschaft am Blut der Propheten geht. Lk 5,10 hingegen versteht das Wort schlicht als Mitarbeiter, ähnlich wie κοινωνία in Gal 2,9, wo es um Zusammenarbeit geht. In Hebr 10,33 bezeichnet κοινωνοί die Teilhaber (ähnlich wie das Verb in Hebr 2,14). κοινός/ κοινόω: κοινός steht gleich drei Mal auf kanonischer Ebene in Röm 14,14, und scheint denselben negativen Beigeschmack zu haben wie in Mt 15,11. 18. 20 / / Mk 7,2. 5. 20. 23 („Nicht das, was in den Mund hineinkommt, macht den Menschen unrein, sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den 342 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="343"?> Menschen unrein“, Mt 15,11), allerdings ist es der einzige Vers, der den Begriff in den sieben Paulusbriefen bezeugt. Ähnlich negativ liest man ihn auch in Apg 10,14. 15. 28 (πᾶν κοινὸν καὶ ἀκάθαρτον, Apg 10,14); 11,8. 9; 21,28; und in Apk 21,27 (πᾶν κοινὸν καὶ [ὁ] ποιῶν βδέλυγμα καὶ ψεῦδος). Ganz im Gegensatz dazu wird er hochgeschätzt als das Gemeinsame in Apg 4,32, ähnlich wie Phlm 1,17 κοινωνός gebraucht. In Tit 1,4 steht κοινός in Verbindung mit „Glaube“ und so ist der Begriff auch positiv aufgefasst in Jud 1,3 (περὶ τῆς κοινῆς ἡμῶν σωτηρίας). Hingegen benutzt ihn der Hebräerbrief im Sinne von „für gemein halten“, sei es in negativem Zusammenhang in Hebr 10,29 (τὸ αἷμα τῆς διαθήκης κοινὸν ἡγησάμενος), sei es im positiven in Hebr 9,13 (τὸ αἷμα … τοὺς κεκοινωμένους ἁγιάζει). κοινωνία bringt uns zurück zu Röm 15, wo es wie zuvor in finanziellem Zusammenhang steht, und zwar spezifisch für die Sammlung für die Heiligen (εὐδόκησαν γὰρ Μακεδονία καὶ Ἀχαΐα κοινωνίαν τινὰ ποιήσασθαι εἰς τοὺς πτωχοὺς τῶν ἁγίων τῶν ἐν Ἰερουσαλήμ, Röm 15,26). Hierum geht es auch in 2Kor 8,4 (τὴν χάριν καὶ τὴν κοινωνίαν τῆς διακονίας τῆς εἰς τοὺς ἁγίους); 9,13; um das Spenden auch in 1Tim 6,18 (κοινωνικός) und Hebr 13,16. In 1Kor 1,9 ist es gar die Gemeinschaft mit Christus (εἰς κοινωνίαν τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν), und im selben Brief die mit Christi Blut (κοινωνία ἐστὶν τοῦ αἵματος τοῦ Χριστοῦ), in Phil 3,10 mit seinen Leiden ([τὴν] κοινωνίαν [τῶν] παθημάτων). In 2Kor 13,13 wird die Gemeinschaft mit dem Heiligen Geist (ἡ κοινωνία τοῦ ἁγίου πνεύματος) angezeigt, die sich auch Phil 2,1 findet (κοινωνία πνεύματος), zuvor in Phil 1,5 als Gemeinschaft auf das Evangelium hin bezeichnet (ἐπὶ τῇ κοινωνίᾳ ὑμῶν εἰς τὸ εὐαγγέλιον ἀπὸ τῆς πρώτης ἡμέρας ἄχρι τοῦ νῦν), in Phlm 1,6 als solche des Glaubens (ἡ κοινωνία τῆς πίστεώς); vgl. auch 1Joh 1,3, wo diese Vorstellung noch im selben Vers rückgebunden wird an diejenige mit dem Vater und dem Sohn, Jesus Christus (ἡ κοινωνία δὲ ἡ ἡμετέρα μετὰ τοῦ πατρὸς καὶ μετὰ τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ Ἰησοῦ Χριστοῦ), und zwar ist es eine Gemeinschaft des Lichtes, nicht der Dunkelheit (1Joh 1,6-7), was sofort an 2Kor 6,14 als Abgrenzungsbeschreibung der eigenen Identität anschließt (τίς κοινωνία φωτὶ πρὸς σκότος). Überblicken wir das gesamte Wortfeld von κοινο/ ωergibt sich, dass dieses Feld der vorkanonischen Ebene bis auf den verhaltenen Hinweis in *Gal 6,6 fremd ist. An dieser einen Stelle geht es um den Hinweis darauf, dass der Mensch, dem das Evangelium gelehrt wird, den Lehrenden entlohnen soll. Auf der kanonischen Ebene wird dieser Gedanke fortgeführt, und zwar ausgeweitet zu einer großangelegten Spendenaktion, von der vor allem Röm 15, 1Kor 16, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 343 <?page no="344"?> 269 Vgl. hierzu weiter unten die Ausführungen über die Kollektensammlung in §-12 b. 1. 270 Vgl. zur Auflistung dieser Begriffe und deren Übersetzung C. Böttrich, Jerusalemkol‐ lekte (2013). 271 Zur „Agrartheologie“ des kanonischen Paulus vgl. H.D. Betz, H. D., 2. Korinther 8 und 9 (1993), 179-183. 2Kor 8-9 und Apg 16. 20-21. 24 die Rede ist, allesamt Passagen, die vorkanonisch unbezeugt sind bzw. fehlen. 269 Wie weiter unten ausgeführt, hat die kanonische Redaktion dieses groß angelegte Projekt über mehrere Schriften, und zwar - wie der Vergleich mit der vorkanonischen Version erweist - ausschließlich auf dieser Ebene verteilt. Als Terminologie verwendete man die Begriffe 270 κοινωνία, „Gemeinschaftsaktion“ (2Kor 8,4; Röm 15,26-27; vgl. Gal 2,10; 6,6; Phil 4,15; 2Kor 9,12-14); λογεία, „Sammlung“ (1Kor 16,1. 2), εὐλογία „Segensgabe“ (Röm 15,29; 16,18; 1Kor 10,16; 2Kor 9,5. 6; Gal 3,14; Eph 1,3; Hebr 6,7; 12,17; Jak 3,10; 1Petr 3,9; Apk 5,12. 13; 7,12), χάρις, „Liebesgabe“ (1Kor 16,3; 2Kor 8,4. 6. 7. 19), διακονία, „Dienst“ (2Kor 8,4; 9,12; Röm 15,25; 1Kor 12,5; 16,15; 2Kor 4,1; 5,18; 11,8; Röm 11,13; 12,7), καρπός (Röm 15,28; 2Kor 9 271 ), ἁδρότης, „Ertrag“ (2Kor 8,20; vgl. 2Kor 8,2-4), ἐλεημοσύναι, „Almosen“ (Apg 24,17; vgl. Mt 6,2. 3. 4; Lk 11,41; 12,33; Apg 3,2. 3. 10; 9,36; 10,2. 4. 31). Die einzigen Begriffe, die von all diesen vorkanonisch begegnen, sind fol‐ gende: übereinstimmend in *Ev und *Paulus findet sich χάρις, jedoch in der ganz anderen Bedeutung als „Dank“ oder „Gnade“ (*Ev 6,34; *1Kor 15,57; *Röm 5,21; *Laod 3,8). Dann steht alleine in *Ev 6,43; 21,30 καρπός, jedoch in Gleichniszusammenhängen und nichtmetaphorischem Gebrauch. ἐλεημοσύνη begegnet einmal im Singular in *Ev 11,41 in der Rede gegen die Pharisäer, sie sollten ihren „Besitz als Almosen hergeben“, dann sei „für sie alles rein“. Aus diesem Vergleich lässt sich der Schluss ziehen, dass dem vorkanonischen *Paulus jegliche Kollektensammlung fremd ist. Von daher wäre es erstaunlich, wenn diese eine historische Gegebenheit und keine Erfindung der kanonischen Redaktion wäre. Als letztere ist sie erklärbar, denn sie spricht Paulus nicht nur ein organisatorisches Talent zu, sie fügt ihn auch ein in die sich institutio‐ nalisierende Kirche aus sich gegenseitig finanziell unterstützenden Gemeinden, deren ideal vorgestelltes Zentrum Jerusalem bildet mit den drei Säulen Jakobus, Kephas (Petrus) und Johannes, denen Paulus sich unterordnet, deren Beschlüsse er umsetzt und deren Auftrag der Heidenmission er als gesetzesfrommer Jude mit Erfolg erfüllt. Auch der innergemeindliche Güterausgleich der idealen Urgemeinde würde gut dazu passen (Apg 2; 4,32-37). Neben dieser inhaltli‐ chen Konstruktion und Konturierung dient die Kollektensammlung über die verschiedenen Schriften hinweg auch der literarischen Verknüpfung durchaus 344 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="345"?> 272 Vgl. hierzu J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019). 273 Vgl. etwa J.A. Quigley, Divine accounting theo-economics in early Christianity (2021). diverser Schriften, um sie zu einem kohärenten Metanarrativ zusammenzu‐ schließen. 272 Was das Thema der Kollektensammlung betrifft, hat die kanonische Redak‐ tion zu einer erheblich ökonomisierten Sicht des Paulus beigetragen, 273 wobei erneut auffällt, wie sich nicht nur die beiden Porträts des vorkanonischen *Paulus und des kanonischen unterscheiden, sondern wie sehr auch die Lexik von *Ev und *Paulus einander nahe stehen. κοπιάω ist kein zu vernachlässigender Begriff, denn er beschreibt zentral die eigene Aktivität des Paulus, vor allem in 1Kor 15,10: „Mehr als sie alle habe ich mich bemüht (ἐκοπίασα), nicht ich aber, sondern die Gnade Gottes, die mit mir war“, indem er sich gegenüber allen anderen herausstellt. Überdies begegnet dieses Verb häufiger in der Selbstbeschreibung, vor allem Gal 4,11: „Ich fürchte mit Blick auf euch, dass ich mich vergeblich um euch bemüht habe (κεκοπίακα)“; Phil 2,16: „Indem ihr das Wort des Lebens festhaltet, mir zum Ruhm auf den Tag Christi, dass ich nicht vergeblich gelaufen bin noch vergeblich mich bemüht habe (ἐκοπίασα)! “ In Kol 1,29 wird die Verbindung zwischen dem Bemühen des Paulus und der Kraft Christi hergestellt: „Dafür mühe ich mich (κοπιῶ) und kämpfe ich mit Hilfe seiner Kraft, die machtvoll in mir wirkt“. Auch die Pastoralbriefe kennen das Bemühen des Paulus: „Dafür mühen wir uns (κοπιῶμεν) und kämpfen wir, denn wir haben unsere Hoffnung auf den leben‐ digen Gott gesetzt, den Retter aller Menschen, besonders der Gläubigen“ (1Tim 4,10). Außerdem führt die Benutzung des Verbs zur finanziellen Belohnung und zur Agrartheologie des Paulus zurück, wenn es 2Tim 2,6 heißt: „Der Bauer, der sich bemüht (κοπιῶντα), soll als Erster seinen Teil von der Ernte erhalten.“ Der Hinweis von 1Kor 4,12, wonach Paulus aus eigener Kraft und aus eigenen Mitteln sich unterhält („Wir mühen uns ab (κοπιῶμεν), indem wir mit eigenen Händen arbeiten“), der in gewisser Weise dem gerade angeführten 2Tim 2,6 entspricht, wird noch deutlicher von den Ausführungen in Apg 20,33-35 gestützt: „33 Silber oder Gold oder Kleider habe ich von keinem verlangt; 34 ihr wisst selbst, dass für meinen Unterhalt und den meiner Begleiter diese Hände hier gearbeitet haben. 35 In allem habe ich euch gezeigt, dass man sich auf diese Weise abmühen und sich der Schwachen annehmen soll, in Erinnerung an die Worte Jesu, des Herrn, der selbst gesagt hat: Geben ist seliger als nehmen.“ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 345 <?page no="346"?> 274 Mit Verweis auf den Herrn Epiph., Pan. Haer. 74,5; Const. Ap. IV 3; fast wortgleich wieder Anast. Sin., Quaest. 14 (PG 89, 468). Ohne auf einen Spruch Jesu zu verweisen, liegt das Agraphon möglicherweise hinter 1Klem 2,1, vielleicht auch Did 4,5, was darauf hindeuten könnte, dass es eine von Apg unabhängige Tradition gegeben hat, so zumindest der Kommentar zu Agraphon 69 in A. Resch, Agrapha: Aussercanonische Schriftfragmente (1906), 90-91. 275 U. Mell, Die Entstehungsgeschichte der Trias „Glaube Hoffnung Liebe“ (1.Kor 13,13) (2009), 214. 276 Dieser Vers (zusammen mit den Versen 13-22) wird allerdings als eine spätere Interpo‐ lation angesehen von K.G. Eckart, Der zweite echte Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher (1961). 277 Eph 4,28: ὁ κλέπτων μηκέτι κλεπτέτω, μᾶλλον δὲ κοπιάτω ἐργαζόμενος ταῖς [ἰδίαις] χερσὶν τὸ ἀγαθόν, ἵνα ἔχῃ μεταδιδόναι τῷ χρείαν ἔχοντι („Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nützliche Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann“). Mit diesem uns auch aus anderen, wenn auch nicht kanonischen Quellen, 274 bekannten Jesuslogion (offenkundig aus einer größeren Sammlung von Worten) begründet Paulus seine Position. Der Spruch erinnert an Jesus Sirach 4,31 LXX („Deine Hand sei nicht offen zum Nehmen / und verschlossen beim Geben“; μὴ ἔστω ἡ χείρ σου ἐκτεταμένη εἰς τὸ λαβεῖν καὶ ἐν τῷ ἀποδιδόναι συνεσταλμένη). Hieraus leitet sich dann ab, dass man sich denjenigen unterordnen soll, die sich „im Kontext der Gemeindeleitung“ wie Paulus abmühen. 275 1Kor 16,16: „Solchen ordnet euch unter, ebenso jedem, der mitarbeitet und sich abmüht (κοπιῶντι)! “; 1Thess 5,12: „Erkennt die an, die sich unter euch mühen (κοπιῶντας) und euch vorstehen im Herrn und euch zurechtweisen! “; 276 Röm 16,6: „Grüßt Maria, die für euch viel Mühe auf sich genommen hat (ἐκοπίασεν)! “; Röm 16,12: „Grüßt Tryphäna und Tryphosa, die sich im Herrn gemüht haben (τὰς κοπιώσας)! Grüßt die geliebte Persis; sie hat im Herrn große Mühe auf sich genommen (ἐκοπίασεν)! “ Weiter geht noch die Ansage in den Pastoralbriefen, wenn es in 1Tim 5,17 heißt: „Älteste, die das Amt des Vorstehers gut versehen, verdienen doppelte Anerkennung, besonders solche, die sich mit ganzer Kraft um das Wort und die Lehre bemühen (οἱ κοπιῶντες).“ Gelobt wird das Bemühen um das Wort des Herrn auch in der Apokalypse: „Du legst Geduld an den Tag und hast um meines Namens willen Schweres ertragen und bist nicht müde geworden (κεκοπίακες)“ (Apk 2,3). In dem vorkanonisch nicht bezeugten Vers Eph 4,28 begegnet das Verb als „Bemühen“ im Sinne von „etwas Verdienen“, um davon „dem Notleidenden abzugeben“. 277 Auch in den Evangelien begegnet κοπιάω. Sowohl das Matthäusevangelium wie das Lukasevangelium haben eine etwas widersprüchliche Position. Einer‐ seits verweist das Beispiel mit den Lilien auf dem Feld darauf, dass diese 346 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="347"?> 278 Vgl. Mi 6,15 LXX: σὺ σπερεῖς καὶ οὐ μὴ ἀμήσῃς; Ijob 31,8 LXX: σπείραιμι ἄρα καὶ ἄλλοι φάγοισαν; Dtn 20,6 LXX: καὶ τίς ὁ ἄνθρωπος, ὅστις ἐφύτευσεν ἀμπελῶνα καὶ οὐκ εὐφράνθη ἐξ αὐτοῦ; Dtn 28,30 LXX: ἀμπελῶνα φυτεύσεις καὶ οὐ τρυγήσεις αὐτόν; Hag 1,6 LXX: ἐσπείρατε πολλὰ καὶ εἰσηνέγκατε ὀλίγα, ἐφάγετε καὶ οὐκ εἰς πλησμονήν, ἐπίετε καὶ οὐκ εἰς μέθην, περιεβάλεσθε καὶ οὐκ ἐθερμάνθητε ἐν αὐτοῖς, καὶ ὁ τοὺς μισθοὺς συνάγων συνήγαγεν εἰς δεσμὸν τετρυπημένον. 279 Ob der Plural „andere“ auf Jesus zu beziehen ist, ist m. E. fraglich, pace G. Maier, Jo‐ hannes-Evangelium 1 (1984), 175. Auch Schnackenburg liest Vers 37 (Sing.! ) generisch, R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium 1 Einleitung und Kommentar zu Kap.-1-4 (1965), 485-487. 280 R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium 1 Einleitung und Kommentar zu Kap. 1 - 4 (1965), 486. Vgl. zur narrativen Kohärenz erneut J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019). „wachsen, ohne sich zu mühen“ (αὐξάνουσιν: οὐ κοπιῶσιν, Mt 6,28 / / Lk 12,27), während in Mt 11,28 Jesus diejenigen zu sich ruft, die sich bemühen, und in Lk 5,5 erklärt Simon gegenüber Jesus, dass sie sich die ganze Nacht über vergeblich gemüht hätten, aber auf sein Wort hin diese Mühe fortsetzen wollten. In Joh 4,6 wird gar von Jesus selbst berichtet, dass er sich „gemüht“ hatte und kurz darauf heißt es: „37 Denn hier hat das Sprichwort recht: Einer sät und ein anderer erntet. 38 Ich habe euch gesandt zu ernten, wofür ihr euch nicht abgemüht habt (κεκοπιάκατε); andere haben sich abgemüht (κεκοπιάκασιν) und euch ist ihre Mühe (κόπον) zugute‐ gekommen“ ( Joh 4,37-38). Der Hinweis auf das Sprichwort in Vers 37, 278 der auffallenderweise in P 75 fehlt, mit der Auslegung in Vers 38 ist eine andere Weise das auszudrücken, was mit dem Lilienbeispiel gesagt wurde, dass nämlich der Lohn demjenigen gegeben wird, der sich nicht selbst bemüht hat. 279 Schnackenburg rechnet mit einer Übernahme des κοπιάω aus Paulus, doch vielmehr spricht die wiederholte Wahl dieses Terminus „für die Missionsarbeit“ und zwar „im missionstechni‐ schen Sinn“ dafür, 280 dass diese Begrifflichkeit eine solche der kanonischen Redaktion ist, mit der erneut genau solche hermeneutischen Kohärenzverbin‐ dungen hergestellt werden sollen, wie sie von Schnackenburg an dieser Stelle wahrgenommen werden. Für *Ev ist das Beispiel von den Lilien bezeugt, wenn auch der Wortlaut unklar ist, doch macht Tertullian übereinstimmend mit 05, d, sys.c, Clem deutlich, dass er anstelle von κοπιάω ein νήθω oder ὑφαίνω gelesen hat, das zweite ein Hapax legomenon im Neuen Testament. Zwar ist auch die Perikope vom wunderbaren Fischzug und der Berufung des Petrus für *Ev bezeugt, jedoch wiederum nicht §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 347 <?page no="348"?> 281 *1Thess 4,4: εἰδέναι ἕκαστον ὑμῶν τὸ ἑαυτοῦ σκεῦος κτᾶσθαι ἐν τιμῇ. 282 Mt 10,9: Μὴ κτήσησθε χρυσὸν μηδὲ ἄργυρον μηδὲ χαλκὸν εἰς τὰς ζώνας ὑμῶν. 283 Vgl. Tert., Adv. Marc. IV 39,8; vgl. auch Mk 13,13: … ὁ δὲ ὑπομείνας εἰς τέλος οὗτος σωθήσεται; Mt 24,13: ὁ δὲ ὑπομείνας εἰς τέλος οὗτος σωθήσεται; M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekon‐ struktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1128-1129; T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 488; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 231*; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 183. 284 Apg 8,20: -… ὅτι τὴν δωρεὰν τοῦ θεοῦ ἐνόμισας διὰ χρημάτων κτᾶσθαι. der genaue Wortlaut, so dass nicht geurteilt werden kann, ob darin κοπιάω zu lesen war oder nicht. Wir begegnen erneut dem Phänomen, dass ein zentraler Begriff auf der kanonischen Ebene weder für *Paulus noch für *Ev sicher bezeugt ist. Bevor wir uns κτῆμα zuwenden, werfen wir erst einen Blick auf κτάομαι. Hier besitzen wir ein Verb, das auch vorkanonisch bezeugt ist für *1Thess 4,4, im Sinne von „halten“, „bewahren“. 281 Bei Mt hingegen bedeutet das Verb ex negativo das, was man „sich nicht einstecken soll“ (Mt 10,9). 282 Der Sinn des Verbs im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner im Tempel (Lk 18,9-14) schließt dem an, wenn es darum geht, dass der Pharisäer alles, was er erwirbt, verzehntet. Ob das Verb hier auch vorkanonisch vorhanden war, ist unklar, denn das Gleichnis ist zwar für *Ev bezeugt, jedoch nicht dessen genauer Wortlaut. Lk 21,19 bietet jedoch eine Vergleichsmöglichkeit zwischen Lk und *Ev. In Lk heißt es: ἐν τῇ ὑπομονῇ ὑμῶν κτήσασθε τὰς ψυχὰς ὑμῶν („Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen“). Interessanterweise formuliert an dieser Stelle jedoch *Ev, wie Tertullian bezeugt („salvos facietis vosmetipsos“), unter Benutzung eines anderen Verbs. Klinghardt, Zahn folgend, notiert: σώσετε ἑαυτούς, eine Lesart, die schon Harnack und BeDuhn von Zahn übernommen hatten. 283 Nun fällt auf, dass das Verb κτάομαι kein weiteres Mal bei Paulus begegnet und nur noch in Apg auftaucht, dort im Sinn von „kaufen“, was eher an Mt und Lk anschließt. An der ersten Stelle, Apg 1,18 steht es im Kontext von Judas, dem Verräter, der sich für seinen Lohn „ein Grundstück kaufte (κτᾶσθαι)“. In ähnlich negativem Kontext, der Petrusschelte des Simon in Samaria, begegnet das Verb erneut in Apg 8,20. 284 Und ein drittes Mal findet sich der Begriff in Apg 22,28, wo der Oberst darauf hinweist, er habe für das Bürgerrecht „ein Vermögen bezahlt (ἐκτησάμην)“, worauf Paulus erwidert, er hingegen sei sogar „als Römer geboren“. 348 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="349"?> Der Vergleich zeigt, dass das Verb auf vorkanonischer Ebene in positivem Sinn verwendet wird, und zwar nicht im Sinne eines Erwerbens oder Gewin‐ nens, sondern im Sinn von „in Ehre Halten“, während es auf kanonischer Ebene eher den gewöhnlicheren Sinn von „Kaufen“, „Erwerben“, „Gewinnen“ besitzt, zum Teil auch in negativer Bedeutung, die vor allem durchgehend in der Apostelgeschichte präsent ist. Auch wenn bei diesem Verb nicht viel für die Nähe von *Paulus und *Ev festzustellen ist, zeigt sich doch eine Differenz zwischen vorkanonischem und kanonischem Sinngehalt des Verbes. Offenkundig hat die schwache vorkanoni‐ sche Bezeugung eine Auswirkung auch auf die Redaktion des Paulus gehabt, wo dieser Begriff nicht weiter Eingang gefunden hat. Hingegen hat ihn die kanonische Redaktion in vor allem negativem Sinn in die Evangelien Mt, Lk und in die Apg einfließen lassen. Wenden wir uns nun κτῆμα zu. Bereits Mt 19,22 / / Mk 10,22 wird verdeutlicht, dass der junge Mensch, der „ein großes Vermögen“ hat, von Jesus „traurig weg geht“. Dieses Beispiel begegnet auch in *Ev/ Lk 18,18-30 (wenn auch 18,25 in *Ev zu fehlen scheint), doch begegnet der Begriff „Vermögen“ in Vers 23 nicht (jedoch χρήματα in Vers 24 / / Mk 10,23). Hingegen findet er sich in Apg 2,45, was sich wie eine Gegengeschichte zu dem Beispiel mit dem jungen Menschen mit großem Vermögen liest. Denn hier heißt es: „Sie verkauften Vermögen (κτήματα… ἐπίπρασκον) und Güter und teilten davon allen zu, jedem so viel, wie er nötig hatte.“ Allerdings schiebt Apg 5,1 gleich das Gegenbeispiel von Hana‐ nias und Saphira nach, welche zwar ihr Vermögen verkauft hatten, jedoch von dem Erlös etwas für sich abgezweigt hatten (νοσφίζω). Nun findet sich νοσφίζω nurmehr wieder in Tit 2,10 bei der Aufforderung an die „Sklaven“, diese sollten nichts für sich abzweigen, auch wenn an dieser Stelle verständlicherweise nicht von κτῆμα die Rede ist. Was folglich κτῆμα betrifft, zeigt sich übereinstimmend in *Paulus und *Ev das Fehlen dieses Begriffes, welches auch in Lk bemerkbar ist, und erst durch die kanonische Redaktion hat der Begriff in Mk, Mt und Apg Eingang gefunden hat. λατρεία wie λατρεύω sind Termini technici, die ein Dienstverhältnis ausdrü‐ cken, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen. Das Nomen steht nur ein einziges Mal in einem der vier Evangelien, nämlich in Joh 16,2, und zwar in einem hochaufgeladenen Zusammenhang: „Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen, ja es kommt die Stunde, in der jeder, der euch tötet, meint, Gott einen heiligen Dienst zu leisten (λατρείαν προσφέρειν τῷ θεῷ)“. Nicht minder aufgeladen und ebenfalls in der Auseinandersetzung und Näher‐ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 349 <?page no="350"?> 285 So überschreibt Otto Michel seinen Kommentarabschnitt zu Röm 12,1-2 mit „Der neue Gottesdienst“, O. Michel, Der Brief an die Römer (1957), 258. 286 Diese Anrede, auch wenn sie vorkanonisch bezeugt ist für *Gal 4,31; *1Kor 10,1; 15,1. 50, findet sich im Römerbrief nur auf der kanonischen Ebene. 287 O. Michel, Der Brief an die Römer (1957), 260. bestimmung des Verhältnisses zu seinen „Brüdern“, den „Israeliten“, formuliert Paulus unter Benutzung dieses Begriffes in Röm 9,1-5: „1 Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist, 2 dass ich große Traurigkeit und unablässigen Schmerz in meinem Herzen habe. 3 Denn ich selbst, ich wünschte, verflucht zu sein, weg von Christus um meiner Brüder willen, meiner Verwandten nach dem Fleisch, 4 die Israeliten sind, denen die Sohnschaft gehört und die Herrlichkeit und die Bündnisse und die Gesetzgebung und der Gottesdienst (λατρεία) und die Verheißungen; 5 denen die Väter gehören und aus denen Christus dem Fleisch nach stammt, der über allem ist, Gott gepriesen in Ewigkeit. Amen.“ Es folgen auf diese Zeilen die drei Kapitel Ausführungen zu diesem Verhältnis - wobei Paulus an keiner einzigen Stelle den Terminus „Synagoge“ benutzt, der wie überhaupt diese drei Kapitel bis auf wenige Sätze in *Paulus fehlt. Zum Schluss seiner Darlegungen kehrt Paulus bei der zusammenfassenden Überleitung in Röm 12,1 zu dem Begriff λατρεία zurück, einem Zentralbegriff für die Verhältnisbestimmung: 285 „Ich ermahne euch nun, Brüder, 286 durch die Barmherzigkeiten Gottes, eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer, das sei euer vernünftiger Gottesdienst (λογικὴν λατρείαν).“ Mit diesem Begriff verdeutlicht der kanonische Paulus den Unterschied zwi‐ schen dem, was seinen israelitischen Brüdern gegeben ist, ein physischer Gottesdienst, gegenüber dem „vernünftigen Gottesdienst“, den er von seinen Adressatenbrüdern erwartet. Diesen Ausdruck hat man auch mit 1Petr 2,5 in Zusammenhang gebracht: πνευματικὰς θυσίας εὐπροσδέκτους [τῷ] θεῷ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ, 287 er steht aber auch Hebr 9,1.6-11 nahe, wenn es dort zur Verhältnisbestimmung heißt: „1 Der erste Bund hatte zwar gottesdienstliche Vorschriften (δικαιώματα λατρείας) und ein irdisches Heiligtum … 6 So also ist das alles geordnet. In das erste Zelt gehen die Priester das ganze Jahr hinein, um die heiligen Dienste (λατρείας) zu verrichten. 7 In das zweite Zelt aber geht nur einmal im Jahr der Hohepriester allein hinein, und zwar mit dem Blut, das er für sich und für die unwissentlich begangenen 350 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="351"?> Vergehen des Volkes darbringt. 8 Damit macht der Heilige Geist deutlich, dass der Weg in das Heiligtum noch nicht offensteht, solange das erste Zelt noch Bestand hat. 9 Das ist ein Gleichnis, das auf die gegenwärtige Zeit hinweist, in der Gaben und Opfer dargebracht werden, die das Gewissen des Opfernden (λατρεύοντα) nicht zur Vollkommenheit führen können; 10 es handelt sich nur um Speisen und Getränke und allerlei Waschungen, äußerliche Vorschriften, die bis zu der Zeit einer besseren Ordnung auferlegt worden sind. 11 Christus aber ist gekommen als Hohepriester der künftigen Güter durch das größere und vollkommenere Zelt, das nicht von Menschenhand gemacht, das heißt nicht von dieser Schöpfung ist.“ Wie durch diesen Text deutlich wird, steigert Hebr die Verhältnisbestimmung und führt sie zu einer klaren Hierarchie zwischen dem Gottesdienst im irdi‐ schen Heiligtum, was ein Dienen (λατρεύουσιν) gegenüber „einem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge“ heißt (Hebr 8,5), und dem künftigen Heiligtum mit Christus als dem „Hohepriester der künftigen Güter“, welches ein vollkommenerer Gottesdienst in einem Zelt, „das nicht von Menschenhand gemacht“ ist, oder, wie es dann Hebr 12,28 heißt: „Darum wollen wir dankbar sein, weil wir ein unerschütterliches Reich empfangen, und wollen Gott so dienen (λατρεύωμεν), wie es ihm gefällt, in ehrfürchtiger Scheu“. Dieser Altar ist jedoch für die „Diener des [ersten, irdischen] Zeltes“ verschlossen (Hebr 13,10). Auch wenn das Nomen λατρεία sonst nicht weiter im kanonischen Neuen Testament begegnet, findet sich doch das Verb λατρεύω noch an einigen Stellen. Es steht zunächst an drei Stellen in Lk, die allesamt zu den Eingangskapiteln gehören und im *Ev fehlen, nämlich in der prophetischen Rede des Zacharias (Lk 1,74), bei der Beschreibung der Prophetin Hanna (2,37), und in Jesu Widerrede gegen den Teufel (4,8 / / Mt 4,10). Als Selbstbeschreibung des apostolischen Dienstes steht es dann gleich zu Anfang des Römerbriefes (Röm 1,9), und zwar in Absetzung von dem Götzendienst der Menschen (Röm 1,25) und nach Phil 3,3 auch in Unterscheidung zu anderen Beschnittenen, deren Beschneidung Paulus als irdischen Vorzug bezeichnet und für einen Verlust im Licht der Erkenntnis Christi hält (Phil 3,7-8), wobei die Philipperpassagen auch vorkanonisch stehen, auffälligerweise aber ohne die Bezeugung von λατρεύω. Den Gedanken vom geistigen Dienst (λατρεύω ἀπὸ προγόνων ἐν καθαρᾷ συνειδήσει) greift dann auch 2Tim 1,3 auf. Apg 7,7 spricht vom Dienen Abrahams und seiner Nachkommen als Sklaven (δουλεύσουσιν; auch gegenüber Gott (λατρεύσουσίν μοι) und von ihrem Ster‐ nenkult (Apg 7,42), dann aber tritt Paulus vor dem Statthalter Felix auf und spricht davon, dass er „dem Weg entsprechend, den sie eine Sekte nennen,“ dem Gott seiner Väter „dient“ (Apg 24,14), auch „einem Engel dieses Gottes“ (Apg 27,23), und auch „die Juden“ dienen diesem „Gott unablässig“ (Apg 26,7). §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 351 <?page no="352"?> 288 Tert., Adv. Marc. IV 33,1. 289 Allerdings begegnet auch θεραπεία ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Wie diese Übersicht ergibt, handelt es sich bei „Dienst“ und „Dienen“ um Zentralbegriffe der kanonischen Redaktion, insbesondere in der Abgrenzung zwischen Synagoge und Kirche, zwischen dem ersten und dem neuen Zelt und in der Definition des Weges, der als „Häresie“ von „den Juden“ bezeichnet werde. Dieses Bemühen um eine Definition des Verhältnisses und damit um eine Selbstbestimmung über die verschiedenen Schriften hinweg ist auf der kanonischen Ebene von herausragender Bedeutung, doch die Terminologie fehlt übereinstimmend in *Ev und *Paulus und eine Identitätsbestimmung, wie man weiter ausführen müsste, gibt es vorkanonisch erst in Ansätzen, wie man etwa an *Phil 3 sehen konnte. Die Wortgruppe οἰκετεία, οἰκέτης, οἰκέω, οἴκημα, οἰκητήριον, οἰκοδεσποτέω ist bemerkenswert, und so ist die seltene vorkanonische Bezeugung von οἰκία (nur in *Ev 10,5) und οἰκεῖος (*Laod 2,19) auffällig. Ohne hier alle Stellen durchgehen zu können - alleine οἰκία steht schon etwa 100 Mal im Neuen Testament -, sei doch darauf verwiesen, dass wir es mit einer auf der kanonischen Ebene höchst beliebten Terminologie zu tun haben. Ich greife darum nur die etwas seltener stehenden Termini heraus und beginne mit οἰκέτης. Während der Vers Lk 16,13, wo dieser Terminus begegnet, auch vorkanonisch bezeugt ist, gibt Tertullian diesen Begriff nicht, sondern nur das verallgemeinernde: „Quibus duobus dominis neget posse serviri …“ 288 Dass dies kein Zufall ist, zeigt Röm 14,4. *Röm 14,2 ist bezeugt, aufgrund der Lexik und des argumentativen Zusammenhangs kann auch der nächste Vers vorkanonisch gestanden sein, doch spricht nicht nur die Unbezeugtheit, sondern auch die weitere Lexik (στήκω, das 12 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene; πίπτω, das insgesamt 112 Mal im NT steht, ebenfalls ausschließlich auf der kanonischen Ebene) von Vers 4 dafür, dass dieser Vers auf die kanonische Redaktion zurückgeht. Hier ergibt sich aus dem Befund zu Lk 16,13 und Röm 14,4, dass auch der Begriff οἰκέτης auf diese Redaktion zurückzuführen ist. Dazu passt, dass das Nomen οἰκετεία in Mt 24,45 (… ὁ πιστὸς δοῦλος καὶ φρόνιμος ὃν κατέστησεν ὁ κύριος ἐπὶ τῆς οἰκετείας αὐτοῦ τοῦ δοῦναι αὐτοῖς τὴν τροφὴν ἐν καιρῷ) begegnet, während im Parallelvers Lk 12,42 zu lesen ist: … ὁ πιστὸς οἰκονόμος ὁ φρόνιμος, ὃν καταστήσει ὁ κύριος ἐπὶ τῆς θεραπείας αὐτοῦ τοῦ διδόναι ἐν καιρῷ [τὸ] σιτομέτριον. Erst in Lk 12,45 ist vom Sklaven die Rede, der in Mt 24 durch die kanonische Redaktion bereits in Vers 45 eingetragen wurde und entsprechend wurde die θεραπεία zur οἰκετεία dieser Redaktion gemäß verändert. 289 352 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="353"?> 290 *Gal 6,10: ἄρα ὡς καιρὸν ἔχομεν, ἐργαζώμεθα τὸ ἀγαθόν. οἰκεῖος steht drei Mal auf der kanonischen Ebene (Gal 6,10; Eph 2,19; 1Tim 5,8). Der erste Fall, Gal 6,10, ist besonders sprechend, weil der Anfang des Verses vorkanonisch bezeugt ist, jedoch gerade dort, wo kanonische Sprache einsetzt, die Bezeugung nicht mehr von Tertullian weitergeführt wird, obwohl er die Passage zuvor, *Gal 6,2. 6-10 detailliert kommentiert hat. Im ersten Halbvers, der vorkanonisch bezeugt ist, heißt es *Gal 6,10: „Deshalb lasst uns, solange wir Zeit haben, Gutes tun.“ 290 Hingegen heißt es in der kanonischen Version Gal 6,10: „Deshalb also lasst uns, solange wir Zeit haben mögen, allen gegenüber Gutes tun, besonders aber denen, die zu den Unseren des Glaubens gehören! (οἰκείους)! “ Wie bereits zuvor festgestellt wurde, bietet auch diese Erweiterung des Verses eine Verengung des Gesichtsfelds auf die eigene Gruppe, dient also der Identitätsbestimmung. Solche Abgrenzung, verbunden mit dem Aufruf für die eigenen Glaubensgenossen zu sorgen, begegnet dann 1Tim 5,8: „Wenn aber jemand für die Seinen, besonders für die eigenen Genossen (οἰκείων), nicht vorsorgt, der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger“. In *Laod/ Eph 2,19 lesen wir: *Laod 2,19: „Ihr seid folglich nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen, nämlich Hausgenossen Gottes.“ Eph 2,19: „Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes (οἰκεῖοι τοῦ θεοῦ).“ Mit der Eröffnung Ἄρα οὖν verdeutlicht Eph den präsentischen Sinn und damit die Hinordnung auf die Zuhörer. Nun ist nicht nur der Begriff οἰκεῖος ein auf der kanonischen Ebene stehender Begriff, der ausschließlich in *Laod vorkanonisch bezeugt ist, dasselbe Phänomen bietet das hier stehende ξένος, das 15 Mal im NT steht und vorkanonisch nur für *Laod 2,12. 19 bezeugt ist. Auch πάροικος, das vier Mal im NT steht, ist nur an dieser Stelle vorkanonisch bezeugt und steht ansonsten auf der kanonischen Ebene (Apg 7,6. 29; Eph 2,19; 1Petr 2,11). Das zugehörige Verb παροικέω steht zwei Mal im NT, jeweils auf kanonischer Ebene (Lk 24,18; Hebr 11,9). Und auch das Nomen παροικία steht zwei Mal, ebenfalls jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 13,17; 1Petr 1,17). συμπολίτης ist Hapax legomenon im NT. Da die einzige vorkanonische Bezeugung für οἰκεῖος wie auch der anderen hier aufgeführten Begriffe *Laod bietet, ist ein weiterer Hinweis darauf ge‐ wonnen, dass wir es mit einer doppelten Bearbeitungsstruktur bei *Laod/ Eph zu tun haben. Die vorkanonische Redaktion hatte eine aus dem Umkreis, aus der später die kanonische Redaktion hervorgehen wird, stammende Vorlage km Laod §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 353 <?page no="354"?> 291 Jes 53,1 LXX: κύριε, τίς ἐπίστευσεν τῇ ἀκοῇ ἡμῶν …, vgl. O. Michel, Der Brief an die Römer (1957), 231. zur Hand, in welche diese einschlägige kanonische Lexik vorhanden war, die sie weiter bearbeitet hat zu *Laod; dann wiederum hat die kanonische Redaktion das Produkt der vorkanonischen Redaktion erhalten und dieses bei der Einbindung des Briefs in die größere Sammlung weiter redaktionell bearbeitet zu Eph. Wie bereits zu den historiographischen Begriffen in der Zusammenfassung vermerkt wurde, lassen sich folglich auch bei den ökonomischen Termini dieselben Beobachtungen anstellen. Zum ersten gibt es eine große Differenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen redaktionellen Ebene, wobei auf der kanonischen Ebene es durchaus verschiedene Nuancen gibt, die näher zu verfolgen wären. Auf der vorkanonischen Ebene, wo all die aufgeführten Begriffe schlichtweg fehlen, sowohl in *Paulus wie im *Ev, lässt sich aber an den mitbetrachteten Begriffen, die auf der vorkanonischen Ebene zu finden sind, erkennen, dass sowohl ein terminologisches wie inhaltlich eng verschränktes Profil derselben existiert. c) Sprachlich Gerade, wo es um Sprache und sprachliche Profile geht, sind Begriffe, die sich auf literarische, rhetorische und narrative Prozesse beziehen, von Bedeutung. Wie zuvor auch, greife ich wiederum nur einige Begriffe heraus, die ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt sind. Beginnen wir mit ἀκοή. Der Begriff begegnet recht häufig im kanonischen Paulus. In gewisser Hinsicht schließt er an das Thema der Identitätsbestimmung bzw. -abgrenzung an, ein wichtiges Thema auf der kanonischen Ebene, das bereits zuvor verhandelt wurde, wenn es in Röm 10,16-17 heißt: „16 Aber nicht alle haben dem Evangelium gehorcht (ὑπήκουσαν); denn Jesaja sagt: Herr, wer hat unserer Verkündigung geglaubt? 17 So kommt der Glaube aus der Verkündigung (τῇ ἀκοῇ), die Verkündigung (ἐξ ἀκοῆς) aber durch das Wort Christi.“ In diesen zwei Versen steht erstens die From ὑπήκουσαν, dann gleich drei Mal mit der Steigerung das Nomen „Verkündigung/ Kunde“ (ἀκοή), wonach niemand der Verkündigung glaubt, wo doch Glaube aus der Verkündigung stammt und diese wieder auf Christus selbst zurückzuführen ist. Als Teil der Auseinandersetzung mit seinen Brüdern, den Israeliten, verweist Paulus zunächst auf den Jesajavers, dem er diesen Begriff entnimmt, und zwar in der LXX Fassung, die anders als der masoretische Text mit der Anrede an den Herrn, Gott, eröffnet. 291 Gott, der Herr, wird hier mit Christus gleichgesetzt, der durch 354 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="355"?> 292 Ibid. 293 Dtn 23,21 LXX: αὐτοὶ παρεζήλωσάν με ἐπ᾽ οὐ θεῷ, παρώργισάν με ἐν τοῖς εἰδώλοις αὐτῶν· κἀγὼ παραζηλώσω αὐτοὺς ἐπ᾽ οὐκ ἔθνει, ἐπ᾽ ἔθνει ἀσυνέτῳ παροργιῶ αὐτούς. 294 Jes 65,1-2 LXX: ἐξεπέτασα τὰς χεῖράς μου ὅλην τὴν ἡμέραν πρὸς λαὸν ἀπειθοῦντα καὶ ἀντιλέγοντα οἳ οὐκ ἐπορεύθησαν ὁδῷ ἀληθινῇ ἀλλ᾽ ὀπίσω τῶν ἁμαρτιῶν αὐτῶν. sein Wort validiert, was zu hören ist, die oral verkündete Botschaft. Schon kurz zuvor in Röm 10,14 wurde auf die Bedeutsamkeit dieser Kunde hingewiesen: „Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht geglaubt haben? Und wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben (ἤκουσαν)? Und wie sollen sie hören (ἀκούσωσιν) ohne einen Verkündiger? “ Wegen seiner dreigliedrigen, bündigen Form wurde gefragt, ob es sich bei Vers 17 nicht um eine Glosse handelt. 292 In den nachfolgenden Versen verschärft sich die Auseinandersetzung mit Israel durch weitere Fragen: „Haben sie es nicht gehört? “ (Röm 10,18), „Hat Israel es nicht verstanden? “ (Röm 10,19) mit der harschen Hinzufügung, die Mose in den Mund gelegt wird: „Ich will euch zur Eifersucht reizen durch das, was kein Volk ist, durch ein unverständiges Volk will ich euch erzürnen (ἐπ‘ οὐκ ἔθνει, ἐπ’ ἔθνει ἀσυνέτῳ παροργιῶ ὑμᾶς)“ (ibid.; Dtn 32,21 293 ), und mit einem weiteren Zitat aus Jesaja verdeutlicht Paulus, dass es nicht an Gott lag, denn dieser hatte sich nach Israel ausgestreckt, sondern dass die Schuld bei Israel liegt ( Jes 65,2 294 ). In derselben Art formuliert Paulus auch Gal 3,2 gegenüber den Galatern: „Habt ihr den Geist aus dem Gesetz gemäßen Handlungen oder vom Hören (ἐξ ἀκοῆς) des Glaubens erhalten? “ und fast gleichlautend - man bemerke die Duplikation als Merkmal der kanonischen Redaktion - in Gal 3,5: „Der euch folglich den Geist vermittelt hat und Kräfte unter euch bewirkte, geschah dies aus dem Gesetz gemäßen Handlungen oder vom Hören (ἐξ ἀκοῆς) des Glaubens? “ Im Ersten Thessalonicherbrief wird die Bedeutung der Kunde personalisiert auf Paulus und seine Adressaten: „Deshalb danken wir auch Gott unablässig dafür, dass ihr, als ihr das von uns verkündigte (ἀκοῆς) Wort Gottes empfingt, es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern als das, was es in Wahrheit ist: als das Wort Gottes, das in euch wirkt, die ihr glaubt“ (1Thess 2,13). Die Bedeutung der Kunde findet sich auch in den kanonischen Evangelien. Mt 4,24 formuliert, dass sich „die Kunde (ἀκοή) von ihm (oder seine Kunde) in ganz Syrien verbreitete“. Mk 1,28 schreibt von „der Kunde (ἀκοή) von ihm (oder seiner Kunde), die sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa verbreitete“. Außerdem kennt er ein Gleichnis der Taubstummenheilung (Mk 7,31-37; in der Mt-Parallele Mt 15,29-31 werden Stumme, Lahme und Blinde geheilt, doch von Tauben ist nicht die Rede). Wichtiger aber ist, dass der Terminus im selben Zusammenhang der Identi‐ tätsbeschreibung und -abgrenzung zu finden ist, wieder mit Bezug zu Jesaja, und §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 355 <?page no="356"?> 295 Vgl. auch Jes 6,10 LXX: ἐπαχύνθη γὰρ ἡ καρδία τοῦ λαοῦ τούτου, καὶ τοῖς ὠσὶν αὐτῶν βαρέως ἤκουσαν καὶ τοὺς ὀφθαλμοὺς αὐτῶν ἐκάμμυσαν, μήποτε ἴδωσιν τοῖς ὀφθαλμοῖς καὶ τοῖς ὠσὶν ἀκούσωσιν καὶ τῇ καρδίᾳ συνῶσιν καὶ ἐπιστρέψωσιν καὶ ἰάσομαι αὐτούς. Vgl. auch Fußnote 1042. 296 Vgl. Jes 6,9-10 LXX: 9 καὶ εἶπεν Πορεύθητι καὶ εἰπὸν τῷ λαῷ τούτῳ ᾿Ακοῇ ἀκούσετε καὶ οὐ μὴ συνῆτε καὶ βλέποντες βλέψετε καὶ οὐ μὴ ἴδητε· 10 ἐπαχύνθη γὰρ ἡ καρδία τοῦ λαοῦ τούτου, καὶ τοῖς ὠσὶν αὐτῶν βαρέως ἤκουσαν καὶ τοὺς ὀφθαλμοὺς αὐτῶν ἐκάμμυσαν, μήποτε ἴδωσιν τοῖς ὀφθαλμοῖς καὶ τοῖς ὠσὶν ἀκούσωσιν καὶ τῇ καρδίᾳ συνῶσιν καὶ ἐπιστρέψωσιν καὶ ἰάσομαι αὐτούς. zwar im Johannesevangelium mit Bezug zur selben Jesajastelle, die uns bereits aus dem Römerbrief bekannt ist, Jes 53,1: „37 Obwohl Jesus so viele Zeichen vor ihren Augen getan hatte, glaubten sie nicht an ihn. 38 So sollte sich das Wort erfüllen, das der Prophet Jesaja gesprochen hat: Herr, wer hat unserer Kunde geglaubt? Und der Arm des Herrn - wem wurde seine Macht offenbar? 39 Denn sie konnten nicht glauben, weil Jesaja an einer anderen Stelle gesagt hat: 40 Er hat ihre Augen blind gemacht und ihr Herz hart, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile“ ( Joh 12,37-40). 295 In dieser Auseinandersetzung mit Juden führt Johannes dasselbe Zitat wie Paulus an, allerdings mit der bemerkenswerten Betonung nicht der Kunde oder des Gehörs, sondern, indem er ein weiteres Zitat aus demselben Buch Jesaja ( Jes 6,10) hinzufügt, verschiebt er das Gewicht hin zu den Augen, dem Sehen und zur Einsicht. Darin unterscheidet sich Johannes von Matthäus, der in Hinsicht auf die Gewichtung des Gehörs näher bei Paulus bleibt: „Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen. 14 An ihnen erfüllt sich das Prophe‐ tenwort Jesajas: Hören sollt ihr, hören und doch nicht verstehen; / sehen sollt ihr, sehen und doch nicht einsehen. 15 Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. / Mit ihren Ohren hören sie schwer / und ihre Augen verschließen sie, / damit sie mit ihren Augen nicht sehen / und mit ihren Ohren nicht hören / und mit ihrem Herzen / nicht zur Einsicht kommen / und sich bekehren und ich sie heile. 16-Eure Augen aber sind selig, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören. 17 Denn, amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.“ (Mt 13,13-17) 296 Kurz darauf berichtet Mt 14,1, dass auch Herodes die Kunde von Jesus ver‐ nommen hatte. Auch von den endzeitlichen Dingen wird man Kunde erhalten (Mt 24,5-6 / / Mk 13,7). In der Apostelgeschichte wird von den Menschen in 356 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="357"?> 297 Vgl. hierzu wieder J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019), 199. 298 Vgl. auch wenig später die Kritik in Hebr 5,1: Περὶ οὗ πολὺς ἡμῖν ὁ λόγος καὶ δυσερμήνευτος λέγειν, ἐπεὶ νωθροὶ γεγόνατε ταῖς ἀκοαῖς. 299 Nachdem, was zuvor in Röm gesagt war, erstaunt dies, auch im Kontext dessen, dass in der Antike „der Hand und dem Auge besonderer Wert beigemessen wurde“, A. Lindemann, Der Erste Korintherbrief (2000), 273. 300 Vgl. hierzu M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 823. Athen berichtet, denen die neue Lehre zu Gehör gebracht wurde (Apg 17,20) und wenig später, Apg 28,25-27, begegnen wir wieder dem Jesajavers, den wir gerade bei Johannes gelesen hatten, Jes 6,9-10, der hier Paulus in den Mund gelegt wird. Offenkundig dient diese Apg-Stelle wie überhaupt der wiederholt zitierte Jesajavers der Verstärkung der narrativen Verknüpfung, die bereits Johannes mit seinem Rückbezug zum Römerbrief hergestellt hatte. 297 Aufgrund dieser herausgehobenen Bedeutung, die Gehör und Kunde haben, formuliert 2Tim 4,3-4, dass diejenigen, die die gesunde Lehre nicht ertragen und sich Fabeleien zuwenden, sich „das Ohr kitzeln lassen“ oder gar „das Ohr abwenden“. Hierzu passt auch die Kritik in Hebr 4,2, wenn es heißt, dass „auch uns das Evangelium verkündet worden ist wie jenen, doch hat ihnen das Wort der Kunde (ἀκοῆς) nichts genützt, weil es sich nicht durch den Glauben mit den Hörern (ἀκοαῖς) verband“. 298 Dass das Gehör zum Leib gehört - allerdings ohne größere Gewichtung als andere Sinne, 299 erfährt man aus 1Kor 12,16-17, einer Passage, die vielleicht auch in *Paulus gestanden war und etwas in Spannung steht zu der herausgehobenen Bedeutung gerade des Gehörs in Röm. Dazu würde passen, dass im *Ev, anders etwa als in den zitierten Passagen aus Mt, das Sehen und Gesehene von größerer Bedeutung ist als das Hören und die Kunde, wenn etwa in *Ev 10,23 zunächst das Sehen seliggepriesen wird und in *Ev 10,24 vom Hören und der Kunde gar nicht mehr die Rede ist. 300 Auch wenn Lk 10,24b das Hören ergänzt, bleiben Hören und Kunde in diesem Evangelium verglichen mit Mt und Mk weniger beleuchtet. Überblickt man diese Ausführungen zu ἀκοή, wird deutlich, dass die Kunde und das Hören für die vorkanonische Ebene, und zwar sowohl für *Paulus wie auch *Ev, von geringerer Bedeutung als das Sehen ist. Hierin unterscheidet sich die kanonische Redaktion, die durch die Synoptiker, die Apostelgeschichte und die Paulinen hindurch das Hören und die Kunde aufwertetet, auch wenn das Johannesevangelium trotz Bezug zu Paulus mit der Herausstellung des Sehens §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 357 <?page no="358"?> der vorkanonischen Ebene näher steht als den anderen kanonischen Schriften - auch später werden wir sehen, dass Joh öfter als die Synoptiker Elemente der vorkanonischen Ebene nutzt. Vielleicht wurde darum durch die Apg eine stärkere Verbindung von Joh mit den übrigen kanonischen Schriften hergestellt. ἀπογραφή ist ein seltenes Wort, nur Lk 2,2 und Apg 5,37 kennen es, weder (*) Paulus noch *Ev. Das damit verwandte Verb ἀπογράφω steht in Lk 2,1. 3. 5, nur in einer Passage, die im *Ev fehlt, dann wieder in Hebr 12,23, in einem Brief, der in *Paulus fehlt. Insofern mag man nicht allzuviel aus dem Fehlen des Terminus auf der vorkanonischen Ebene schließen. Häufiger begegnen ἀπολογέομαι und ἀπολογία, etwa Röm 2,15, wo von den Heiden die Rede ist, in deren Gewissen sowohl Selbstanklage wie Selbst‐ verteidigung zu finden sind. Auf das Gewissen spielt Paulus auch 2Kor 7,11 an. Davon zu unterscheiden ist Phil 1,7, wo Paulus von der Verteidigung des Evangeliums spricht. Auffallenderweise ist gerade der zweite Halbsatz von Phil 1,16, in welchem diese Rede von Paulus, der das Evangelium verteidigt, vorkommt, in diesem ansonsten vorkanonisch bezeugten Vers unbezeugt. In 2Tim 4,16 wird schließlich von der „ersten Verteidigung“ des Paulus gesprochen, bei der niemand für ihn eingetreten sei. Diesen Sinn der Selbstverteidigung des Paulus greift auch Apg 22,1; 24,10; 25,8 und 26,1. 2. 24 auf. Überhaupt versteht Apg 19,33 den Begriff formal als „Verteidigungsrede“, hier vor der Volksversammlung. 1Petr 3,15 weitet den Gedanken aus, dass man stets bereit sein soll, sich gegenüber allen zu verteidigen (ἕτοιμοι ἀεὶ πρὸς ἀπολογίαν παντὶ …). Dieser Gedanke der Selbstverteidigung vor Autoritäten ist auch Lukas bekannt und er lässt Jesus mahnen, dass man sich darüber nicht besorgen solle (Lk 12,11), ein Vers, der im Wortlaut vorkanonisch nicht bezeugt ist, auch wenn die Perikope im *Ev vorhanden war. Ähnlich in der Endzeitrede kommt Lk 21,14 auf die Verteidigung zu sprechen und Tertullian erwähnt in seinem Kommentar zu *Ev, dass man „im Tribunal antworten müsse“ (Adv. Marc. IV 39,6). *Ev wird folglich das Verb im eschatologischen Zusammenhang gekannt haben. Wenn dem so war, dann scheint die kanonische Redaktion diese Vorstellung in die Gegenwart versetzt und zu einer Abgrenzungsstrategie entwickelt zu haben, die sich gerade für Paulus geeignet hatte. Es fällt auf, dass die gesamte folgende Wortgruppe vorkanonisch fehlt: 358 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="359"?> αὐλέω 6 / 3 Mt 11,17; 14,66; 26,69; Lk 7,32; 1Kor 14,7 αὐλή 13 / 12 - Mt 26,3. 58. 69; Mk 14,54. 66; 15,16; Lk 11,21; 22,55; Joh 10,1. 16; 18,15; Apk 11,2 αὐλητής 2 - Mt 9,23; Apk 18,22 αὐλίζομαι 2 - Mt 21,17; Lk 21,37 αὐλός 1 - 1Kor 14,7 Die Wörter dieser Gruppe stehen in den kanonischen Evangelien, wohingegen es nur einen einzigen Beleg in der paulinischen Literatur gibt, 1Kor 14,7 - und dieser Vers ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. Vielleicht war es gerade der Mangel an vorkanonischen Vorgaben, die zu der spärlichen Bezeugung in Paulus führte. Jedenfalls finden wir erneut eine Übereinstimmung zwischen *Paulus und *Ev, denen ein anderes sprachliches Profil der kanonischen Ebene gegenübersteht. Erstaunlicher noch ist das Fehlen von ἐρωτάω sowohl in *Paulus wie in *Ev: Bei einem Terminus, der über 60 Mal im kanonischen Neuen Testament steht, auch in Apg und 1/ 2Joh. Doch begegnet uns vielleicht ein ähnliches Phänomen wie in der zuvor betrachteten Gruppe: Durch den Ausfall auf der vorkanonischen Ebene hat sich der Begriff per kanonische Redaktion nur bedingt eingetragen, wobei die relative Häufigkeit in Joh auffällt, dann auch Lk und Apg, während er innerhalb der sieben Paulusbriefe nur drei Mal begegnet, 1 Mal in 2Thess. κάλαμος ist ebenfalls für die vorkanonische Ebene unbezeugt, weder für *Paulus noch für *Ev. Der Begriff begegnet auch nur an einer Parallelstelle zu einer der drei Stellen, in denen er für die anderen synoptischen Evangelien bezeugt ist (Mt 11,7), nämlich im Abschnitt über den Täufer, Lk 7,24 - die Perikope ist in *Ev vorhanden, doch gerade dieser Versteil ist unbezeugt. Die zweite Episode der Verspottung Jesu unter Verwendung eines Stocks findet sich nicht in Lk (Mt 27,29-30 / / Mk 15,19), schließlich auch nicht das Reichen von Essig am Kreuz (Mt 27,48 / / Mk 15,36). Einen Schlüssel liefert vielleicht Mt 12,18-21, wo der Begriff Mt 12,20 aus Jes 42,3 genommen ist: „18 Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, / mein Geliebter, an dem ich Gefallen gefunden habe. Ich werde meinen Geist auf ihn legen / und er wird den Völkern das Recht verkünden. 19 Er wird nicht streiten und nicht schreien / und man wird seine Stimme nicht auf den Straßen hören. 20-Das geknickte Rohr (κάλαμον) wird er nicht zerbrechen / und den glimmenden Docht nicht auslöschen, / bis er dem Recht zum §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 359 <?page no="360"?> 301 Vgl. Jes 42,3 LXX: κάλαμον τεθλασμένον οὐ συντρίψει καὶ λίνον καπνιζόμενον οὐ σβέσει, ἀλλὰ εἰς ἀλήθειαν ἐξοίσει κρίσιν. Sieg verholfen hat. 21 Und auf seinen Namen werden die Völker ihre Hoffnung setzen“ (Mt 12,18-21). 301 Warum in 05* der Passus „Das geknickte Rohr“ fehlt? Auch wenn die anderen beiden Synoptiker Mk und Lk die Perikope der Heilung besitzen, bietet nur Mt diesen Jesajaverweis, und selbst darin hat es noch eine Tradition gegeben, bei der gerade der Begriff des „Rohres“ fehlt. Er scheint also erst durch die kanonische Redaktion überhaupt in den Text der größeren Sammlung gekommen zu sein und wurde theologisch als prophetisches Erfüllungszeichen gewichtet, eine Vorstellung, die derjenigen Markions widersprach. Auf diese Ebene gehört auch 3Joh 1,13, wo das Rohr dann zum Schreibrohr wird: „Vieles hätte ich dir noch zu schreiben; ich will aber nicht mit Tinte und Rohr (καλάμου) schreiben.“ Als Messstab dient es ihn Apk 11,1; 21,15-16. Wiederum ist auf eine ganze Wortgruppe zu verweisen, die vorkanonisch gefehlt hat, auch wenn der Begriff λόγος sowohl in *Paulus wie *Ev steht: λογεία 8 / 2 - Apg 7,38; Röm 3,2; 1Kor 16,1. 2; Hebr 5,12; 1Petr 4,11 λογίζομαι 43 / 41 - Mk 11,31; 15,28; Lk 22,37; Joh 11,50; Apg 19,27; Röm 2,3. 26; 3,28; 4,3. 4. 5. 6. 8. 9. 10. 11. 22. 23. 24; 6,11; 8,18. 36; 9,8; 14,14; 1Kor 4,1; 13,5; 2Kor 3,5; 5,19; 10,2. 7. 11; 11,5; 12,6; Gal 3,6; Phil 3,13; 4,8; 2Tim 4,16; Hebr 11,19; 1Petr 5,12; Jak 2,23 λογικός 2 - Röm 12,1; 1Petr 2,2 λόγιον 4 - Apg 7,38; Röm 3,2; Hebr 5,12; 1Petr 4,11 λόγιος 7 / 1 - Apg 7,38; Röm 3,2; 1Kor 16,1. 2; Hebr 5,12; 1Petr 4,11 λογισμός 2 - Röm 2,15; 2Kor 10,5 λογομαχέω 1 - 2Tim 2,14 λογομαχία 1 - 1Tim 6,4 Die einzige Passage (Lk 22,35-38), in der einer dieser Begriffe (λογίζομαι) in Lk steht, fehlt nach Epiphanius’ explizitem Hinweis im *Ev. 302 Doch auch in *Paulus finden sich diese Begriffe nicht, obwohl sie in Paulus überaus gebräuchlich sind 360 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="361"?> 302 Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 64; M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1177. 303 Verwiesen wird auf Gal 5,2. 11 (beide Male kritisch gegenüber Beschneidung); Röm 2,25 (ist nützlich, wenn man das Gesetz befolgt); 3,1-2 (Was ist der Nutzen der Beschneidung, und in fünf der sieben Paulusbriefe wie auch in den Pastoralbriefen, Hebr, dann auch in den Katholischen Briefen 1Petr und Jak begegnen. Mit Ausnahme von Mt, das hier der vorkanonischen Ebene näher steht, begegnet gerade λογίζομαι in den anderen kanonischen Evangelien, auch in Apg. In Apg 7,38 sind „die Worte des Lebens“ gemeint, die Mose auf dem Sinai empfangen hat. Im selben Sinn wird Röm 3,2 von den „Worten“ gesprochen, die Gott „den Juden“ anvertraut hat (ἐπιστεύθησαν τὰ λόγια τοῦ θεοῦ). Der ausführlichste Passus, in dem gleich zwei Begriffe dieser Wortgruppe zu finden sind, ist 2Kor 10,2-5: „2 Ich [sc. Paulus]bitte euch, dass ich, wenn ich anwesend bin, nicht mutig auftreten muss mit jener Zuversicht, mit der ich beabsichtige, gegen einige vorzugehen, die uns vorwerfen (λογίζομαι τολμῆσαι ἐπί τινας τοὺς λογιζομένους ἡμᾶς), wir würden nach dem Fleisch wandeln. 3 Denn obwohl wir im Fleisch wandeln, kämpfen wir nicht nach dem Fleisch. 4 Denn die Waffen unseres Kampfes sind nicht fleischlich, sondern mächtig vor Gott zur Zerstörung von Festungen. Wir zerstören Gedankengebäude 5 und jede Höhe, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt, und nehmen jeden Gedanken gefangen zum Gehorsam gegen Christus.“ Erneut beschreibt das Wortfeld eine Situation der Auseinandersetzung, bei der es um Identitätsfindung und Abgrenzung geht. Verständlicherweise greift der Paulus der Pastoralbriefe diese Semantik auf und spricht von „Wortgefechten“ in 1Tim 6,4 und brandmarkt Streitereien um Worte in 2Tim 2,14. In Hebr 5,12 wird den Adressaten vorgehalten, sie müssten noch in den Anfängen „der Worte Gottes“ Unterrichtete werden, während in 1Petr 4,11 die Angesprochenen mit dem Auftrag versehen werden, die „Worte“ auszusprechen, „die Gott … gibt“. Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass in 1Kor 16,1. 2 „die Geldsammlung für die Heiligen“ gemeint ist. Auch dieser Überblick zeigt eine gewisse Konsistenz der kanonischen Se‐ mantik von Begriffen, die vorkanonisch fehlen. d) Ethisch Es ist schon längst aufgefallen, dass die Ethik des Paulus voller Inkonsistenzen zu sein scheint. „Paulus kann lautstark gegen Beschneidung argumentieren, sie dann aber auch einen Vorzug nennen. 303 Er kritisiert Petrus, den Heiden §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 361 <?page no="362"?> groß in jeder Hinsicht); Phil 3,3 („Die Beschnittenen sind wir“); 1Kor 7,18 („Wenn einer als Beschnittener berufen wurde, soll er beschnitten bleiben. Wenn einer als Unbeschnittener berufen wurde, soll er sich nicht beschneiden lassen“). 304 „Paul can argue vociferously against circumcision but also call it a benefit. He criticises Peter for mandating Jewish practices of gentiles but later he is himself advising gentile Jesus-believers to adopt Jewish practices“, A. Phillips Wilson, Paul and the Jewish Law. A Stoic Ethical Perspective on His Inconsistency (2022), 1. jüdische Lebensweise zu empfehlen, doch später empfiehlt er selbst heidni‐ schen Jesusgläubigen, jüdische Lebensweise zu übernehmen …“ 304 Doch wir werden erkennen, dass Inkonsistenzen - nicht nur in der Ethik - ein Merkmal der kanonischen Redaktion darstellen, wohl ein Hinweis darauf, dass diese Redaktion nicht nur auf eine einzige Person zurückzuführen ist. Hingegen wird deutlich, dass sich die vorkanonische Fassung auch in ethischer Hinsicht deutlich konsistenter darstellt. ἀδικία steht vorkanonisch, sowohl in *Ev wie in *Paulus: *ἀδικία 27 / 25 *Ev 16,9; *Röm 1,18; *2Thess 2,12 Mt 23,25; Lk 13,27; 16,8. 9; 18,6; Joh 7,18; Apg 1,18; 8,23; Röm 1,18. 29; 2,8; 3,5; 6,13; 9,14; 1Kor 13,6; 2Kor 12,13; 2Thess 2,10. 12; 2Tim 2,19; Hebr 8,12; Jak 3,6; 2Petr 2,13. 15; 1Joh 1,9; 5,17 *ἄδικος 12 *Ev 16,11 Mt 5,45; Lk 16,10. 11; 18,11; Apg 24,15; Röm 3,5; 1Kor 6,1. 9; Hebr 6,10; 1Petr 3,18; 2Petr 2,9 Doch man wundert sich über die Unbezeugtheit von ἀδικέω und ἀδίκημα sowohl für *Ev wie für *Paulus: ἀδικέω 32/ 28 - Mt 20,13; Lk 10,19; 18,11; Apg 7,24. 26. 27; 25,10. 11; 1Kor 6,7. 8. 9; 2Kor 7,2. 12; Gal 4,12; Kol 3,25; Phlm 1,18; 2Petr 2,13; Apk 2,11; 6,6; 7,2. 3; 9,4. 10. 19; 11,5; 22,11 ἀδίκημα 3 - Apg 18,14; 24,20; Apk 18,5 Dass es bei diesen beiden Begriffen durchaus um finanzielle Dinge geht, erweist Phlm 1,18: „Wenn er dir aber Schaden zugefügt (ἠδίκησέν) hat oder dir etwas schuldet, so setze das auf meine Rechnung! “ Dies wird auch durch *Ev 16,11; Lk 16,10-11; 18,11; Mt 20,13; Apk 6,6 gestützt, es kann aber auch im Sinn von Schaden überhaupt gemeint sein (Apk 7,2-3; 9,4. 10. 19; 11,5). Apg 7,24-27 ist drastisch, weil die Stelle von Mose berichtet, dass er einen Ägypter dafür 362 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="363"?> 305 Vgl. die nachfolgende Fußnote, zuvor auch S.-338. erschlagen hatte, weil er einem Israeliten „Unrecht“ getan hatte, doch solches „Unrecht“ geschah dann auch unter den Brüdern, eine Situation, bei der Mose dazwischengeht. Der Unrechttuende stößt Mose zur Seite und fragt: „Wer hat dich zum Anführer und Schiedsrichter über uns bestellt? Willst Du mich etwa umbringen? “ (Apg 7,27-28). Diese Geschichte ist uns bereits zuvor begegnet, weil sie Tertullian benutzt hat, um gegen Markions Auslegung in *Ev 12,13-14 zu eifern. An dieser Stelle in *Ev heißt es nämlich: „13 Einer aus der Menge sprach zu ihm: Lehrer, sprich mit meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teilt! 14 Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter eingesetzt über euch! “ 305 Die Geschichte in Apg liest sich wie eine Gegengeschichte zu *Ev/ Lk 12,13-14 und eine kanonische Korrektur derselben. Während im *Ev/ Lk Christus sich nicht zum Richter macht, greift Mose hart durch, richtet und ahndet Unrecht mit Tötung des Unrechttuers. Allerdings trägt Apg 7,24 gegenüber Ex 2,12 Begrifflichkeiten ein (beistehen, Recht verschaffen), die das Verhalten Moses als durchweg positiv und „gerecht“ erscheinen lassen. Dem stimmt Kol 3,25 zu: „Denn der Unrecht tut (ἀδικῶν), wird empfangen, was er Unrechtes getan hat (ἠδίκησεν), und da gibt es kein Ansehen der Person.“ Und auch 2Petr 2,13 wiederholt: „als Lohn für ihr Unrecht (ἀδικίας) werden sie Unrecht erleiden (ἀδικούμενοι).“ Dieses Beispiel gibt uns einen Einblick dafür, worin eine redaktionelle Korrektur bestehen konnte: Offensichtlich aus Hochachtung vor dem geschrie‐ benen Wort wurden Textvorlagen zwar überarbeitet, auch inhaltlich korrigiert, in einen anderen Kontext geschoben oder, wie in diesem Fall, mit einer anderen Geschichte konterkariert, nicht notwendigerweise aber gestrichen (auch wenn Streichungen ebenfalls bei einer Redaktion vorkamen). Die Passage, in der der Begriff bei Paulus gleich mehrfach begegnet, ist 1Kor 6,7-9: „7 Ist es folglich nicht gänzlich euer Versagen, dass ihr miteinander Prozesse führt? Warum leidet ihr nicht lieber Unrecht (ἀδικεῖσθε)? Weswegen lasst ihr euch nicht eher übervorteilen, 8 stattdessen begeht ihr selber Unrecht (ἀδικεῖτε) und übervorteilt, und zwar Brüder. 9 Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte (ἄδικοι) Gottes Reich nicht erben werden? “ Von Unrechttun, insbesondere der Übervorteilung von Brüdern, setzt sich Paulus in 2Kor 7,2 selbst deutlich ab (was aufgenommen wird in Apg 25,10-11). §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 363 <?page no="364"?> 306 E. Norelli, Marcione lettore dell’ epistola ai Romani (1994). Die Relativierung des Gesetzes in dieser Hinsicht drückt sich auch in *Röm 2,12 aus: „So viele haben ohne Gesetz gesündigt, sie werden auch ohne Gesetz zugrunde gehen, und so viele unter einem Gesetz gesündigt haben, werden durch ein Gesetz gerichtet werden“ (ὅσοι γὰρ ἀνόμως ἥμαρτον, ἀνόμως καὶ ἀπολοῦνται: καὶ ὅσοι ἐν νόμῳ ἥμαρτον, διὰ νόμου κριθήσονται). Er hatte in Gal 4,12 seine Adressaten gelobt, dass sie ihm kein Unrecht angetan hätten, und nimmt auch seine kritischen Worte an die Adressaten etwas zurück: „Wenn ich euch also auch geschrieben habe, nicht, um den zu treffen, der Unrecht getan hatte (ἠδικήσαμεν), auch nicht, um dem Recht zu verschaffen, der Unrecht erlitten hatte (ἀδικηθέντος), sondern um euern Eifer um uns vor euch und vor Gott offenbar zu machen.“ (2Kor 7,12) Doch auch der Gedanke vom Unrechttun ist nicht nur, wie in den vorangegan‐ genen Zitaten, innerhalb der eigenen Gruppe thematisiert, sondern dient, wie man aus Apk 22,11 entnehmen kann, auch zur Abgrenzung gegenüber den Unheiligen: „Wer Unrecht tut, tue weiter Unrecht (ἀδικῶν ἀδικησάτω), der Unreine bleibe unrein, der Gerechte handle weiter gerecht und der Heilige strebe weiter nach Heiligkeit.“ Im nächsten Vers wird dann ausgeführt, dass beim Kommen des Herrn jeder den Lohn erhalten wird, der „seinem Werk entspricht“. Die Thematik von Unrecht und der Begegnung dieses Unrechts ist, wie das Beispiel des Mose auf der kanonischen Ebene verdeutlicht, grundsätzlich auf beiden Ebenen unterschiedlich gelöst. Während die vorkanonische Ebene das Unrecht gewähren lässt (*Ev 16,11) und nicht gegen es richtend einschreitet (*Ev 12,13-14), sondern davon ausgeht, dass sich der Unrechte selber richtet, 306 ist es auf der kanonischen Ebene Christus, der wie Mose dem Unrecht begegnet, eine Position, die schließlich auch Tertullian vertritt. Erneut stehen nicht nur sprachlich, sondern hier vor allem inhaltlich-theo‐ logisch und ethisch zwei verschiedene Profile vor uns, wobei die Nähe von *Ev und *Paulus wiederum deutlich wird. Zwei weitere Begriffe, die vorkanonisch nicht begegnen sind ἀνομία und ἄνομος. Sie führen uns erneut zu Lk 22,35-38, was durch Epiphanius’ Vermerk als abwesend von *Ev notiert ist. Hingegen verweist Jesus diejenigen, die in seinem Namen Dämonen austreiben als „Gesetzlose“ von sich (Mt 7,23). Die Begriffe sind auch für die paulinischen Briefe gut belegt. In Röm 4,7-8 sind sie sogar Teil von Seligpreisungen, die die kanonische Redaktion aus Ps 31,1-2 LXX gezogen hat: 364 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="365"?> 307 Tert., Adv. Marc. IV 6,3: magnam et omnem differentiam scindit, quantam inter iustum et bonum, quantam inter legem et evangelium, quantam inter Iudaismum et Christia‐ nismum. „7 Selig sind sie, deren Gesetzlosigkeiten (ἀνομίαι) vergeben und deren Sünden bedeckt sind. 8 Selig ist der Mann, dem der Herr die Sünde nicht zurechnet.“ Man bemerke die Verwendung des kurz zuvor diskutierten λογίζομαι. ἀνομία meint wörtlich Ungesetzlichkeit oder widergesetzliches Verhalten. So formu‐ liert es denn auch Paulus in Röm 6,19: „Ich rede menschlich wegen der Schwachheit eures Fleisches. Denn wie ihr eure Glieder der Unreinigkeit und der Gesetzlosigkeit (ἀνομίᾳ) zur Ungebundenheit (ἀνομίαν) gestellt habt, so stellt jetzt eure Glieder zur Gerechtigkeit zur Heiligung! “ Gleich zwei Mal steht hier der Begriff, der der Gerechtigkeit entgegengesetzt wird - womit ein Stichwort fällt, das Markions Kritik am Gott der Gerechtigkeit aufgreift, man denke etwa an eine der zentralen Antithesen aus Markions Vorwort, des großen Unterschieds, wie Tertullian anführt: „zwischen Gerech‐ tigkeit und Güte, zwischen Gesetz und Evangelium, zwischen Judentum und Christentum“. 307 Wie diese Antithese von Gerechtigkeit und Güte eine Identitätsbildung und zugleich Abgrenzung bedeutet, gefasst in dem erstmals in der Geschichte des frühen Christentums greifbaren Konzept von „Christentum“ gerade im Gegen‐ über zu dem von Markion als Antithese formulierten „Judentum“, verschärft die kanonische Redaktion diesen Begriff, wenn es 2Kor 6,14 heißt: „Ordnet euch keinem fremden Joch mit Ungläubigen unter! Was teilen sich denn Gerechtigkeit und Ungesetzlichkeit? Oder was ist Licht gegenüber Finsternis gemeinsam? “ Anders als bei Markion geht es hier nicht um die Abgrenzung gegenüber dem Judentum, sondern um eine solche des Lichtes gegenüber einer zur Finsternis radikalisierten Welt, die der Gesetzlosigkeit unterliegt. Es verwundert folglich nicht, wenn beide Begriffe (ἀνομία und ἄνομος) auf der vorkanonischen Ebene nicht vorkommen, jedoch auf der kanonischen Ebene ein besonderes Gewicht besitzen. Denn gerade in den Deuteropaulinen, Pastoralbriefen, Hebr und den katholischen Briefen begegnen die Begriffe wieder. 2Thess 2,3 ist ein eindrückliches Beispiel: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 365 <?page no="366"?> 308 Dies hat schon Willi Marxsen gesehen, die Anspielung dennoch auf 1Thess bezogen, W. Marxsen, Der zweite Thessalonicherbrief (1982), 79-81. *2Thess 2,3 2Thess 2,3 3 πρῶτον ἀποκαλυφθῇ ὁ ἄνθρωπος τῆς ἀμαρτίας, ὁ υἱὸς τῆς ἀπωλείας, 4 ὁ ὑπεραιρόμενος ἐπὶ πάντα λεγόμενον θεὸν ἢ σέβασμα, ὥστε αὐτὸν εἰς τὸν ναὸν τοῦ θεοῦ καθίσαι, ἀποδεικνύντα ἑαυτὸν ὅτι ἔστιν θεός. 3 μή τις ὑμᾶς ἐξαπατήσῃ κατὰ μηδένα τρόπον: ὅτι ἐὰν μὴ ἔλθῃ ἡ ἀποστασία πρῶτον καὶ ἀποκαλυφθῇ ὁ ἄνθρωπος τῆς ἀνομίας, ὁ υἱὸς τῆς ἀπωλείας, 4 ὁ ἀντικείμενος καὶ ὑπεραιρόμενος ἐπὶ πάντα λεγόμενον θεὸν ἢ σέβασμα, ὥστε αὐτὸν εἰς τὸν ναὸν τοῦ θεοῦ καθίσαι, ἀποδεικνύντα ἑαυτὸν ὅτι ἔστιν θεός. *2Thess 2,3 2Thess 2,3 3- Zuerst muss der Mensch der Sünde offenbar werden, der Sohn des Verderbens, 4-der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, so sehr erhebt, dass er sich sogar in den Tempel Gottes setzt und sich als Gott ausgibt. 3-Lasst niemanden euch in irgendeiner Weise betrügen! Denn zuerst muss der Abfall kommen und der Mensch der Un‐ gesetzlichkeit offenbart werden, der Sohn des Verderbens, 4 der sich widersetzt und erhebt über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, sodass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst für Gott ausgibt. Entweder hat die kanonische Redaktion in diesem Vers eine wesentliche Kor‐ rektur vorgenommen, oder die vorkanonische Redaktion, die, wie sich verschie‐ dentlich bereits herausgestellt hat, womöglich eine kanonisch beheimatete Vorlage für die eigene Redaktion benutzt hatte, korrigierte diese entsprechend. Dass die kanonische Redaktion den Satz „Lasst … betrügen! “ voransetzt (was eher wahrscheinlich ist, als dass die vorkanonische Redaktion diesen ausge‐ lassen hätte), spricht eher dafür, dass tatsächlich die Korrektur von „Ungesetz‐ lichkeit“ zur „Sünde“ durch die vorkanonische Redaktion vorgenommen wurde, die kanonische Redaktion diese Änderung aber wieder rückgängig gemacht hatte. Abgrenzend gegenüber der vorkanonischen Version (in der ja auch *1Thess vorhanden war, obwohl das, was hier verhandelt wird, dort thematisch nicht begegnet 308 ) formuliert die kanonische Redaktion, dass man sich „durch niemanden“ in „irgendeiner Weise“, also auch nicht durch einen alternativen Thessalonicherbrief, täuschen lassen soll. Die kanonische Redaktion fügt dann 366 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="367"?> 309 Vgl. etwa die von NA 28 angegebene Stellen Jes 57,3-4 LXX: 3 ὑμεῖς δὲ προσαγάγετε ὧδε, υἱοὶ ἄνομοι, σπέρμα μοιχῶν καὶ πόρνης. 4ἐν τίνι ἐνετρυφήσατε; καὶ ἐπὶ τίνα ἠνοίξατε τὸ στόμα ὑμῶν; καὶ ἐπὶ τίνα ἐχαλάσατε τὴν γλῶσσαν ὑμῶν; οὐχ ὑμεῖς ἐστε τέκνα ἀπωλείας, σπέρμα ἄνομον; Ps 88,23 LXX: οὐκ ὠφελήσει ἐχθρὸς ἐν αὐτῷ, καὶ υἱὸς ἀνομίας οὐ προσθήσει τοῦ κακῶσαι αὐτόν. 310 Tert., Adv. Marc. V 16,4: secundum vero Marcionem nescio ne sit Christus creatoris. 311 So W. Marxsen, Der zweite Thessalonicherbrief (1982), 84. 312 Jes 11,4 LXX: ἀλλὰ κρινεῖ ταπεινῷ κρίσιν καὶ ἐλέγξει τοὺς ταπεινοὺς τῆς γῆς· καὶ πατάξει γῆν τῷ λόγῳ τοῦ στόματος αὐτοῦ καὶ ἐν πνεύματι διὰ χειλέων ἀνελεῖ ἀσεβῆ. 313 Vgl. auch Mt 24,12. den Verweis auf den wohl alttestamentlich zu beziehenden „Abfall von Gott“ ein. 309 Vorkanonisch richtet sich der Spruch nicht gegen den gesetzwidrigen Men‐ schen, sondern den sündigen, der in *2Thess 2,9 als „mit der Kraft des Satans“ ausgestattete bezeichnet wird. Auch wenn sich Tertullian ungewiss ist, wen Markion als diesen Menschen bezeichnet, so unterstellt er ihm, dass er damit den Messias und Christus des Schöpfergottes gemeint habe. 310 Tertullians Unsicherheit spricht eher dafür, dass Markion diese Gleichsetzung nicht voll‐ zogen, sondern vielmehr an den satanischen Widersacher selbst gedacht hatte. Wichtiger aber ist, dass die kanonische Redaktion wie Tertullian sicherstellen wollte, dass der Text nicht missverstanden würde und weder auf Christus noch auf eine bereits eingetretene oder nahe anstehende Wiederkehr zu beziehen sei, und setzt hinzu: „7 Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit (ἀνομίας) ist bereits am Werk; nur wer ihn jetzt aufhält, wird ihn aufhalten, bis er aus dem Weg ist. 8 Dann wird der Gesetzlose offenbart werden, den der Herr Jesus durch den Hauch seines Mundes vernichten wird und den er durch das Erscheinen seiner Ankunft beseitigen wird“ (2Thess 2,7-8). Der Text ist zugegebenermaßen dunkel, 311 greift jedoch wieder auf Jesaja ( Jes 11,4b) zurück, 312 indem er die Richterfunktion, die mit dem Mund und den Lippen tötend wirkt, auf Jesus überträgt. Nicht anders denkt Mt 13,41-42, wo es heißt: „41 Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gesetzloses (ἀνομίαν) getan haben, 42-und werden sie in den Feuerofen werfen.“ 313 In Mt 23,28 werden gar die Schriftgelehrten und Pharisäer als Menschen voll Heuchelei und Gesetzlosigkeit bezeichnet. Auch diese kanonische Vorstellung des richtenden Jesus, der die Menschen von der Gesetzlosigkeit erlöst, widerspricht derjenigen Markions diametral, wie sie uns zuvor bereits begegnet ist. Sie wird wieder aufgegriffen im Titusbrief §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 367 <?page no="368"?> 314 In 1Tim 1,9 wird dann auch betont, dass das Gesetz gut ist, wenn es recht eingesetzt wird, weil es sich eben gegen Gesetzlose richtet. 315 Hebr 1,8-9: 8 πρὸς δὲ τὸν υἱόν, Ὁ θρόνος σου, ὁ θεός, εἰς τὸν αἰῶνα τοῦ αἰῶνος, καὶ ἡ ῥάβδος τῆς εὐθύτητος ῥάβδος τῆς βασιλείας σου. 9 ἠγάπησας δικαιοσύνην καὶ ἐμίσησας ἀνομίαν: διὰ τοῦτο ἔχρισέν σε ὁ θεός, ὁ θεός σου, ἔλαιον ἀγαλλιάσεως παρὰ τοὺς μετόχους σου. 316 Vgl. hierzu weiter unten S.-406. 317 Es wird nur das Verb ἐλεέω an einer Stelle für *Ev 18,38 bezeugt, doch auch das Verb ist reichlich auf der kanonischen Ebene vorhanden. 2,14: „Er hat sich für uns hingegeben, damit er uns von aller Gesetzlosigkeit (ἀνομίας) erlöse und für sich ein auserlesenes Volk schaffe, das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.“ 314 Diesen Gedanken verficht auch der Zweite Petrusbrief (2Petr 2,8-9) und schließlich auch der Hebräerbrief, wenn man in Hebr 1,8-9 315 den Ps 44,7-8 LXX auf den Sohn hin liest, 316 wo es unter anderem in Vers 9 heißt: „… der die Gerechtigkeit liebt und die Gesetzlosigkeit (ἀνομίαν) hasst.“ Durch den neuen Bund wird nach Hebr 8,12 und 10,17 die Gesetzlosigkeit vergeben. Ob Hebr wie 1Joh beide Versionen des Zweiten Thessalonicherbriefes kannten? Hebr 8,12 heißt es in einer Fülle von Zeugen: ἁμαρτιῶν αὐτῶν καὶ τῶν ἀνομιῶν; 1Joh 3,4: Πᾶς ὁ ποιῶν τὴν ἁμαρτίαν καὶ τὴν ἀνομίαν ποιεῖ, καὶ ἡ ἁμαρτία ἐστὶν ἡ ἀνομία. Ein wichtiger Begriff der kanonischen Ebene ist ἔλεος, der sowohl in *Paulus wie im *Ev unbezeugt ist. 317 Er begegnet in Röm 9-12. 15, genau in den Kapiteln, die weithin oder ganz in *Röm fehlen. Wieder geht es um Identitätsbestimmung und um Abgrenzung von den Juden: „22 Wenn aber Gott, da er seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, mit großer Geduld die Gefäße des Zorns, die zum Verderben zubereitet sind, getragen hat, 23 damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit (ἐλέους), die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat, kundtue? 24 Die er auch berufen hat, uns nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.“ (Röm 9,22-24) In Kapitel 11 schließen folgende Verse an: „30 Denn wie auch ihr einst Gott ungehorsam wart, nun aber Barmherzigkeit gefunden habt (ἠλεήθητε) durch ihren Unglauben, 31 so haben auch jene jetzt nicht gehorcht wegen der euch erwiesenen Barmherzigkeit (ἐλέει), damit auch sie nun Barmherzigkeit finden (ἐλεηθῶσιν).“ (Röm 11,30-31) Mit Berufung auf Ps 17,50 LXX schreibt die Redaktion in Röm 15,9: 368 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="369"?> 318 Vgl. Ps 17,50 LXX: διὰ τοῦτο ἐξομολογήσομαί σοι ἐν ἔθνεσιν, κύριε, καὶ τῷ ὀνόματί σου ψαλῶ. 319 Man vgl. hierzu auch Jak 2,12-13: „12 Darum redet und handelt wie solche, die nach dem Gesetz der Freiheit gerichtet werden! 13 Denn das Gericht ist erbarmungslos gegen den, der nicht mit Erbarmen gehandelt hat. Erbarmen triumphiert über das Gericht.“ Vgl. auch Jak 3,17. „die Heiden aber sollen Gott verherrlichen um der Barmherzigkeit (ἐλέους) willen, wie geschrieben steht: Darum will ich dich preisen unter den Heiden und deinem Namen lobsingen.“ 318 Als „Gefäße der Barmherzigkeit“ (σκεύη ἐλέους) bezeichnet dieser Paulus die eigene Gruppe nicht nur aus Juden, sondern auch aus Heiden, und es ist diese Gruppe, dank derer und nach Einschluss aller Heiden Gott sich auch dem verstockten Teil Israels erbarmen wird. Erbarmen ist folglich ein Kippbegriff, an dem die Heilszukunft hängt, doch die eigene Gruppe wird durch diesen zum Dreh- und Angelpunkt erhoben. Was in Röm 9-11 ausgeführt wird, ist gleichsam Trost und Ermahnung, gerade das, was in Röm 12,8 zum Ausdruck gebracht wird als Auftrag an die Adressaten: Wer zum Trösten und Ermahnen berufen ist, der gebe in „Ermahnung; der gibt, gebe in Einfalt; der vorsteht, sei mit Fleiß; der Barmherzigkeit übt (ἐλεῶν), sei mit Freudigkeit.“ Im selben Zusammenhang von Identität und Abgrenzung heißt es in Gal 6,15-16: „15 Denn weder ist die Beschneidung etwas noch das Unbeschnitten‐ sein, sondern: neue Schöpfung. 16 Und die dieser Vorgabe folgen, über ihnen sei Friede und Erbarmen komme, und über das Israel Gottes.“ Die Verse verdeutlichen, dass weder Beschneidung noch Unbeschnittensein von Relevanz sind, weil es um etwas völlig Neues, um eine neue Schöpfung geht, die ihre eigene ethische und gesetzliche Grundlage besitzt. Auf der kanonischen Ebene wird eine in Röm prophetisch begründete und dem Erbarmensgrundsatz folgende friedliche Verhältnisbestimmung zwischen Kirche und Israel projek‐ tiert. Während diese Thematik des göttlichen Erbarmens für Israel an keiner weiteren Stelle in den sieben Paulusbriefen aufgegriffen wird - 1Kor 7,25 findet sich, dass Paulus durch Gottes Erbarmen vertrauenswürdig gemacht sei; in 2Kor 4,1 dass dieses Erbarmen ihm seinen Dienst übertragen habe; von Gottes Erbarmen für ihn und seinen Mitarbeiter Epaphroditus spricht Phil 2,27 319 - kommt Paulus gerade in den Deuteropaulinen auf dieses Thema zurück. In der folgenden Parallelstelle heißt es: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 369 <?page no="370"?> *Laod 2,11-16 Eph 2,4. 11-16 - 4-Aber Gott, der reich ist an Barmherzig‐ keit, hat um seiner großen Liebe willen, mit der er uns liebte, und obwohl wir tot waren in unseren Übertretungen, uns mit Christus lebendig gemacht — aus Gnade seid ihr gerettet! 11 Erinnert euch daran, dass ihr einst als Heiden im Fleisch, die ihr Unbeschnittenheit genannt wurdet von denen, die sich Beschnittenheit nennen, die mit Händen am Fleische vorgenommen wird, 11-Darum denkt daran, dass ihr einst als Heiden im Fleisch, die ihr Unbeschnitten‐ heit genannt wurdet von denen, die sich Beschnittenheit nennen, die mit Händen am Fleische vorgenommen wird, 12 dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürger‐ recht Israels und Fremde gegenüber den Bündnissen und der Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in dieser Welt. 12-dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Is‐ raels und Fremde gegenüber den Bünd‐ nissen der Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt. 13-Jetzt aber, in Christus, seid ihr, die ihr einst fern wart, durch sein Blut nahe geworden. 13 Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst fern wart, durch das Blut Christi nahe geworden. 14-Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und die Zwi‐ schenwand der Feindschaft im Fleisch niedergerissen hat, 14 Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und die Zwischenwand des Zauns abgebrochen hat, die Feind‐ schaft in seinem Fleisch, 15-der das Gesetz der Gebote in seine Edikte aufgehoben hat, um die zwei in sich selbst zu einem neuen Menschen zu machen, indem er Frieden stiftet. 16 Er versöhnte die beiden mit Gott in einem einzigen Leib durch das Kreuz, nachdem er die Feindschaft in ihm getötet hat. 15-nachdem er das Gesetz mit seinen Geboten durch seine Edikte aufgehoben hat, um die zwei in sich zu einem neuen Menschen zu machen. Er stiftete Frieden 16-und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet. Während die Ausführungen zu der Differenzierung zwischen Israel und den Adressaten, zwischen denen, die von den Beschnittenen Unbeschnittenheit ge‐ nannt wurden, weithin identisch vorkanonisch und kanonisch stehen, ist gerade die Passage zu Gottes Erbarmen (Eph 2,4) unbezeugt für die vorkanonische Version. Allerdings gibt es auch inhaltlich nicht unbedeutende unterschiedliche Nu‐ ancen im Folgetext, wie ich zur Stelle *Laod 2,15 in der Rekonstruktion ausführe. Hier sei nur soviel bemerkt, dass das Friedensthema aufgenommen ist, jedoch das Thema des Erbarmens an Israel fehlt. Gerade im Licht dessen, was in der 370 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="371"?> 320 1Tim 1,2; 2Tim 1,2; hier auch im Gebetswunsch 2Tim 1,16. 18; ferner in Tit 1,4, jedoch nur in den Zeugen 02, 04 2 , 018, 020, 81, 104, 630, 1241, 1505, M, sy h , bo ms , während es fehlt in 01, 04*, 06, 010, 012, 025, 044, 088, 365, 629, 1175, latt, sy p , co, Chr, NA 28 ; vgl. auch 1Petr 1,3; 2Joh 1,3; Jud 1,2. 21. Fußnote zur Rekonstruktion von *Laod 2,15 ausgeführt wird, spricht vieles dafür, dass dies eine typische Passage ist, die zeigt, dass die vorkanonische Redaktion eine Briefvorlage erhalten hatte, die offenkundig aus dem Kreis derer stammte, in welchem in der Folge auch die vorkanonische *10-Briefe-Sammlung und damit auch die aus ihm stammenden drei Briefe km Laod, km Kol, km 2Thess, redaktionell (weiter-)bearbeitet wurden. Das Thema des „Erbarmens“ wird von den Pastoralbriefen in die Grußadresse aufgenommen. 320 Die Variante in Tit 1,4 unterstreicht, dass wir es mit keinem unbedeutenden und unumstrittenen Begriff zu tun haben, und das Fehlen im Arm mit den Zeugen 06, 010, 012 stützt, dass dieser Terminus in der vorkanonischen Version nicht vorhanden war. Auch in einer Mahnung in Hebr 4,16 begegnet der Terminus. Umgekehrt belegt gerade die Übereinstimmung der Pastoralbriefe mit den Katholischen Briefen in der Aufnahme des Terminus in die Grußformel, dass wir es mit einer kanonischen Redaktionszutat zu tun haben - was darauf hindeutet, dass der Terminus erst in der zweiten kanonischen Redaktion in die Texte eingetragen wurde, wobei eine gewisse Inkonsistenz in der Bearbeitung der von der vorkanonischen Sammlung übernommenen Briefe und solcher, die diesen hinzugestellt wurden, zutage tritt. In der vorkanonischen Version fehlt jegliche Bezeugung für die komplette Wortfamilie von μακροθυμέω, μακροθυμία, μακρόθυμος, μακροθύμως. Das Nomen begegnet prominent früh im Römerbrief innerhalb der Anrede zum Thema von Gottes Gericht (Röm 2,3-5): „3 Denkst du aber dies, o Mensch, der du richtest, die solches tun, und verübst dasselbe, dass du dem Gericht Gottes entfliehen wirst? 4 Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut (μακροθυμίας) und weißt nicht, dass die Güte Gottes dich zur Umkehr leitet? 5 Aber nach deiner Verstocktheit und deinem unbußfertigen Herzen häufst du dir selbst Zorn auf für den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes.“ An späterer Stelle im selben Brief, Röm 9,22, spricht Paulus von den „Gefäßen des Zorns“, nachdem wir weiter oben bereits vom Gefäß des Erbarmens gelesen hatten, welches im daran anschließenden Vers zu finden ist: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 371 <?page no="372"?> 321 Als Epithet Gottes auch 1Petr 3,20. 322 Vgl. auch Eph 4,2: μετὰ πάσης ταπεινοφροσύνης καὶ πραΰτητος, μετὰ μακροθυμίας, ἀνεχόμενοι ἀλλήλων ἐν ἀγάπῃ (“… mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld, indem ihr einander in Liebe ertragt“). „Wenn aber Gott, da er seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, mit großer Geduld (μακροθυμίᾳ) die Gefäße des Zorns, die zum Verderben zubereitet sind, getragen hat.“ Langmut und Erbarmen gehören folglich als Gottesepithete zusammen und gehören beide zur kanonischen Ebene. 321 Während allerdings Erbarmen aus‐ schließlich von Gott ausgesagt wird, durch das Paulus seinen Dienst erhielt und in seiner Autorität gestützt wird, bezieht sich die Langmut auch auf ihn persönlich (2Kor 6,6). Paulus empfiehlt sie auch seinen Adressaten (1Thess 5,14; vgl. auch Kol 1,11), und sie gilt nach Gal 5,22 als eine der Früchte des Geistes, nach 1Kor 13,4 als erstes Epithet der Liebe. Der Begriff spielt auch in deutero- und pseudopaulinischen Briefen eine wichtige Rolle. Unmittelbar an das anschließend, was wir gerade zur persönli‐ chen Ausrichtung der Langmut gesagt haben, heißt es in Kol 3,12: „Zieht nun an als Gottes Auserwählte, Heilige und Geliebte herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut, Geduld (μακροθυμίαν)“, 322 und in 1Tim 1,16 liest man von Erbarmen und Langmut: „Ich habe gerade darum Erbarmen gefunden, damit Christus Jesus an mir als Erstem seine ganze Geduld (μακροθυμίαν) erweisen konnte, zum Vorbild für alle, die in Zukunft an ihn glauben, um das ewige Leben zu erlangen“. In 2Tim 3,10 ist Geduld oder Langmut einer der Charakterzüge, die Paulus zugeschrieben werden, und so wird sie auch seinem Adressaten empfohlen (so auch 2Tim 4,2; begründet mit der Langmut der Propheten wird sie empfohlen in Jak 5,7-10). Nach Hebr 6,15 war es die Geduld oder Langmut, durch die Abraham seine Verheißung erlangt hatte und durch die auch die Adressaten dieses Briefes „Erben der Verheißungen sind“ (Hebr 6,12). In 1 Petr 3,20 und 2Petr 3,9. 15 gilt sie als Epithet Gottes. Während das Nomen den Evangelien fremd ist, steht das Verb an einer Stelle im Gleichnis von der bittenden Witwe, das zwar vorkanonisch bezeugt ist, dessen Wortlaut wir jedoch nicht genau kennen (Lk 18,7). Bei Mt findet sich das Verb zwei Mal bei der Frage, wie oft man dem Bruder vergeben muss (Mt 18,26. 29), beides Perikopen, die singulär in Lk bzw. Mt stehen und keine synoptischen Parallelen haben. Zu prüfen wäre, ob die Möglichkeit sich erhärtet, dass bei entsprechendem Begriffsvorkommen in solchem Sondergut eine größere Wahrscheinlichkeit besteht, dass dieses komplett nachgetragen ist. Das Adverb steht einmal in Apg 26,3 in der Bitte des Paulus an König Agrippa. 372 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="373"?> 323 Vgl. hierzu weiter unten S.-661-673. 324 Zu diesem Kernbegriff des kanonischen Neuen Testaments, auch des kanonischen Paulus, gibt es selbstverständlich eine Legion von Literatur, vgl. z. B. W. Willis, Conscience in the New Testament (2021); J.A. McGuckin, Conscience in Early Christian Thought (2021); P.G. Kirchschläger, Gewissen aus moraltheologischer Sicht (2017), 158-163; H.-J. Eckstein, Der Begriff „Gewissen“ bei Paulus und in seinem Umfeld (2003); C. Heil, Die Ablehnung der Speisegebote durch Paulus. Zur Frage nach der Stellung des Apostels zum Gesetz (1994); K. Stendahl, The Apostle Paul and the Introspective Conscience of the West (1963). 325 Vergleiche das Papiasfragment bei Vardan Vardapet, Erläuterungen aus der Heiligen Schrift (Papias, frg. 25 Hübner). Die Perikope begegnet weder in den frühen Papyri aus dem 3. Jh. (P 66 und P 75 ), auch nicht in den beiden großen, schon genannten Kodizes, dem Codex Sinaiticus und dem Codex Vaticanus aus dem 4. Jh., sondern findet sich erst in der lateinisch-griechischen Handschrift, dem Codex Bezae, der gerade für das Lk eine Version bietet, die *Ev sehr nahesteht, und in der Apg, aber auch in anderen Texten, die die Handschrift bietet, eine Fülle kleinerer und auch größerer Änderungen, Mehrtexte und Auslassungen aufweist. Vergleiche hierzu und zur Diskussion der Perikope, was ihre Herkunft betrifft, M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 39-42. Ähnlich wie beim Begriff „Erbarmen“ überrascht es, dass auch der Begriff „Langmut“ offenkundig einen Terminus darstellt, der sich erst in der kanoni‐ schen Redaktion findet, jedoch stärker präsent wird in der pseudopaulinischen Literatur und den Katholischen Briefen als deren Präsenz etwa in den Evangelien festzustellen ist. Es scheint auch hier die Differenz der beiden kanonischen Re‐ daktionen hindurch - wobei die Evangelien wesentlich auf die erste kanonische Redaktion zurückgehen, ebenso die wesentlichen Teile der Paulusbriefe, die jedoch (wie vermutlich der späte Markusschluss) in der zweiten kanonischen Redaktion erneut bearbeitet und erweitert wurden, als die weiteren Briefe wie die Pastoralbriefe, Hebr und die Katholischen Briefe der Sammlung hinzu‐ traten. 323 Vorkanonisch fehlt auch der kanonisch wichtige Begriff συνείδησις. 324 Ähnlich wie bei dem gerade besprochenen μακροθυμία ist dieser Begriff mit einer Ausnahme abwesend von den kanonischen Evangelien, oder um es präziser zu sagen, er steht nur an einer Stelle in Joh 8,9, und zwar ausgerechnet in der in vielen frühen Handschriften fehlenden Perikope von Jesus und der Ehebrecherin ( Joh 7,53-8,11), die nach gegenwärtiger Forschung nicht vor Papias von Hierapolis, der offenkundig diese Perikope kannte und überlieferte, zu lesen ist, sondern erst später ins Johannesevangelium gelangte. 325 Wieder begegnet uns ein Hinweis darauf, dass wie beim späten Markusschluss auch das Johannesevangelium wohl in der zweiten kanonischen Redaktion erweitert und bearbeitet wurde. Hier kann man weiter präzisieren, denn der Begriff §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 373 <?page no="374"?> συνείδησις findet sich nicht einmal in der Mehrzahl der Handschriftenzeugen, die wir für diese Perikope besitzen, sondern lediglich in den wenigen Zeugen 017, 579 pm, bo pt , wo es heißt: καὶ ὑπὸ τῆς συνειδήσεως ἐλεγχόμενοι ἐξήρχοντο εἷς καθ‘ εἷς anstelle des von NA 28 bevorzugten ἐξήρχοντο εἷς καθ’ εἷς, bezeugt durch 036, 700, 892 pm (lat). Wie der Begriff *Ev fremd ist, so begegnet er in Röm 2,15 innerhalb einer Passage, die für *Röm gut bezeugt ist, allerdings steht er im zweiten Vers, der vorkanonisch unbezeugt ist. Nun könnte man wie Theodor Zahn der Auffassung sein, Tertullian habe in seinem Kommentar den zweiten Teil dieses Verses stillschweigend übergangen. Doch muss man dann erklären, warum der Begriff an weiteren Stellen in den sieben Paulusbriefen (Röm 9,1; 13,5; 1Kor 8,7, 10. 12; 10,25. 27. 28. 29; 2Kor 1,12; 4,2; 5,11) zu finden ist, die Tertullian dann ebenfalls alle übergangen hätte - das systematische Fehlen des Begriffes auf der vorkanonischen Ebene spricht also eher dafür, dass es sich bei diesem Begriff wie bei diesen Versen oder Versteilen um typisch kanonisch-redaktionelles Gut handelt, welches erst im Laufe des zweiten Jahrhunderts, und, wie das Johannesevangelium andeutet, vermutlich erst in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts bei der zweiten kanonischen Redaktion in die Texte aufgenommen wurde. Dieser Schluss wird gestützt, dass auch bei Paulus der Begriff als Variante offenkundig später eingetragen wurde in 1Kor 8,7a, wo man anstelle von συνηθείᾳ in den Zeugen 01 2 , 06, 010, 012, 020, 104, 365, 1175, 1241, 1505, 2464, M, lat, sy, Ambst συνειδήσει liest. συνείδησις ist demnach eine Zutat, die im Zusam‐ menhang nicht mit der Entstehung der Evangelien in der ersten kanonischen Re‐ daktion, sondern erst im Zusammenhang der Zusammenstellung derselben mit weiteren Schriften in der größeren Sammlung des späteren kanonischen Neuen Testaments durch die zweite kanonische Redaktion aufgenommen wurde. Das wird dadurch gestützt, dass der Begriff noch nicht in den Deuteropaulinen begegnet und zeugt dafür, dass die zweite kanonische Redaktion Protopaulinen und Deuteropaulinen verschieden redaktionell behandelt, möglicherweise, weil ihnen der Textbestand der Deuteropaulinen vertrauter war. Da die beiden ka‐ nonischen Redaktionen wohl mehrere Dekaden auseinander liegen, erklärt sich auch, dass ein Begriff wie συνείδησις eine veränderte Sprache, aber auch einen geschärften ethischen Kontext voraussetzt, innerhalb dessen Schüler derer, die die erste kanonische Redaktion durchführten, ihre eigenen Vorstellungen in die Texte eintrugen. Oder anders gesagt, man muss zwischen der Bearbeitung der *10-Briefe-Sammlung (und *Ev) in der ersten kanonischen Redaktion und der neuerlichen Bearbeitung dieser Materialien in der zweiten kanonischen Redaktion bei Hinzunahme der Pastoralbriefe, Hebr, Apg und der Katholischen Briefe und Apk unterscheiden. Hierauf deutet die Präsenz des Begriffes gerade 374 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="375"?> 326 Diesen Schlussgedanken verdanke ich Jan Bremmer als Anmerkung bei der Lektüre des Manuskripts. in den Pastoralbriefen, Hebr, Apg und 1Petr hin. Darauf, dass etwa auch der Römerbrief nochmals bearbeitet wurde, deutet auch Röm 2,15 hin: „Sie zeigen, dass das Werk des Gesetzes in ihre Herzen geschrieben ist, indem ihr Gewissen mitzeugt und ihre Überlegungen einander anklagen oder auch entschuldigen.“ Dieser Vers, der, wie gesagt, in der sonst vorkanonisch gut bezeugten Passage fehlt, spricht davon, dass das Werk des Gesetzes wohl in die Herzen geschrieben ist, dass aber die entscheidende Instanz das Gewissen ist, welches zwischen Klage und Entschuldigung unterscheidet. Röm 9,1 nimmt dann Bezug auf das eigene Gewissen des Paulus. Schließlich spricht Röm 13,5 davon, dass man sich der staatlichen Gewalt nicht nur wegen der Strafe, sondern auch wegen des Gewissens unterzuordnen habe (weiter unten wird sich zeigen, dass Röm 13,1-7 eine Passage ist, die wohl erst durch die zweite kanonische Redaktion in diesen Brief gekommen ist). Dies spricht dafür, dass die Verinnerlichung des christlich moralischen Denkens ein größeres Gewicht erhält, was eher zu einem späteren Entwicklungsstadium der Ethik passt 326 und wohl erst in der zweiten kanonischen Redaktion hervortrat. Bezüglich des Götzenopfers können wir erneut den Vergleich von vorkano‐ nischer und kanonischer Version anstellen: *1Kor 10,25. 28. 31 1Kor 10,25-31 25 Πᾶν τὸ πωλούμενον ἐσθίετε. - 25 Πᾶν τὸ ἐν μακέλλῳ πωλούμενον ἐσθίετε μηδὲν ἀνακρίνοντες διὰ τὴν συνείδησιν, - 26 τοῦ κυρίου γὰρ ἡ γῆ καὶ τὸ πλήρωμα αὐτῆς. 27 εἴ τις καλεῖ ὑμᾶς τῶν ἀπίστων καὶ θέλετε πορεύεσθαι, πᾶν τὸ παρατιθέμενον ὑμῖν ἐσθίετε μηδὲν ἀνακρίνοντες διὰ τὴν συνείδησιν. 28 ἐὰν δέ τις ὑμῖν εἴπῃ, Τοῦτο εἰδωλόθυτόν ἐστιν, μὴ ἐσθίετε. - 28 ἐὰν δέ τις ὑμῖν εἴπῃ, Τοῦτο ἱερόθυτόν ἐστιν, μὴ ἐσθίετε δι’ ἐκεῖνον τὸν μηνύσαντα καὶ τὴν συνείδησιν - 29 συνείδησιν δὲ λέγω οὐχὶ τὴν ἑαυτοῦ ἀλλὰ τὴν τοῦ ἑτέρου. ἱνατί γὰρ ἡ ἐλευθερία μου κρίνεται ὑπὸ ἄλλης συνειδήσεως; 30 εἰ ἐγὼ χάριτι μετέχω, τί βλασφημοῦμαι ὑπὲρ οὗ ἐγὼ εὐχαριστῶ; 31 εἴτε οὖν ἐσθίετε εἴτε πίνετε εἴτε τι ποιεῖτε, πάντα εἰς δόξαν θεοῦ. 31 εἴτε οὖν ἐσθίετε εἴτε πίνετε εἴτε τι ποιεῖτε, πάντα εἰς δόξαν θεοῦ ποιεῖτε. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 375 <?page no="376"?> *1Kor 10,25. 28. 31 1Kor 10,25-31 25-Alles, was verkauft wird, das esst. 25-Alles, was auf dem Fleischmarkt ver‐ kauft wird, das esst, ohne aus Gewissens‐ gründen nachzuforschen. - 26-Denn dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt. 27-Wenn ein Ungläubiger euch einlädt und ihr hingehen möchtet, dann esst, was euch vorgesetzt wird, ohne aus Gewissensgründen nachzuforschen! 28-Wenn euch aber jemand darauf hin‐ weist: Das ist Götzenopfer! , dann esst nicht davon; 28-Wenn euch aber jemand darauf hin‐ weist: Das ist Opferfleisch! , dann esst nicht davon mit Rücksicht auf den, der euch aufmerksam gemacht hat, und auf das Gewissen; - 29-ich meine aber nicht das eigene Ge‐ wissen, sondern das des anderen; denn warum soll meine Freiheit vom Gewissen eines anderen abhängig sein? 30 Wenn ich in Dankbarkeit mitesse, soll ich dann ge‐ tadelt werden, dass ich etwas esse, wofür ich Dank sage? 31-Ob ihr esst oder trinkt oder etwas an‐ deres tut: alles zur Verherrlichung Gottes! 31-Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: Tut alles zur Verherrlichung Gottes! Auch wenn die Bezeugung dieser Passage dürftig ist, so wird doch so viel deutlich, dass in der vorkanonischen Version eine klare Ansage zum Umgang mit dem Essen oder Nichtessen von Opferfleisch gegeben wird. Wird einem Gast bei einer Einladung Opferfleisch vorgesetzt, soll man so lange davon essen, als nicht ausdrücklich der Opferfleischcharakter verdeutlicht wird. Doch ob man das Opferfleisch isst oder nicht, ist nicht entscheidend, letztlich geschehe alles zur Verherrlichung Gottes. Die kanonische Version führt, ähnlich wie bei der zuvor diskutierten Stelle, erhebliche Nuancierungen und weitere Reflexionsstufen ein. Sie führt das Thema des Gewissens ein, das sich wie ein Refrain durch die Passage zieht, und zwar nicht nur auf die Adressaten, sondern sogar auf den Gastgeber bezogen. Schließlich wird die Verherrlichung Gottes am Ende mit einer liturgischen Nuance des Danksagens verbunden, worauf wir im nächsten Abschnitt zur liturgischen Lexik zurückkommen werden. Was die Bearbeitungsrichtung be‐ trifft, macht diese zusätzliche Komplexität und die Institutionalisierung auf der kanonischen Ebene deutlich, dass wir es bei ihr erneut viel eher mit einer Fortentwicklung zu tun haben, als dass ein vorkanonischer Abbreviator eine 376 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="377"?> inhaltliche und lexikale Reduktion vorgenommen hätte. Liturgie und Institutio‐ nalisierung deuten darauf hin, dass auch diese Überarbeitung ein Produkt der zweiten kanonischen Redaktion ist. In 2Kor 1,12 rühmt sich Paulus schließlich mit Hinweis auf Gottes Gnade, bezeugt durch sein „Gewissen“, und so empfiehlt er sich nicht nur dem Ange‐ sicht Gottes, sondern auch jedem menschlichen Gewissen in 2Kor 4,2. Auch an dieser Stelle ist auffallend, dass die vorkanonisch recht gut bezeugten Partien aus diesem Kapitel erst mit *2Kor 4,4 einsetzen. Umgekehrt endet die gute vorkanonische Bezeugung des ganzen Anfangs von *2Kor 5 just mit Vers 10, während sich der Verweis auf die Gewissen der Adressaten in Vers 11 findet. Konsequenterweise wird wohl auch diese kanonische Bearbeitung der zweiten kanonischen Redaktion zuzuweisen sein. Gestützt wird dies durch die Tatsache, dass das Gewissen auffallenderweise nicht in den Deuteropaulinen thematisiert wird. Hingegen spielt die Bedeutung des Gewissens in allen Pastoralbriefen, Hebr, Apg und in 1Petr aus den Katholischen Briefen wiederum eine Rolle - wir begegnen folglich einem Befund, der die Gewissensthematik der zweiten kano‐ nischen Redaktion zuordnen lässt. Ob die Gewissensthematik den genannten Schriften (die dann selbst Teil der zweiten kanonischen Redaktion wären) entstammt und aufgrund der Präsenz dieser Thematik dann in die Protopaulinen eingetragen wurde, oder ob sie durch die zweite kanonische Redaktion erst in die Pseudopaulinen, in Apg und 1Petr eingetragen wurde, lässt sich derzeit noch nicht klären und stellt ein künftiges Forschungsdesiderat dar. 1Tim 1,5 verweist auf die Unterweisung, die unter anderem aus „gutem Gewissen“ zu erfolgen hat. Von dem „guten Gewissen (ἀγαθὴν συνείδησιν)“ wird kurz später gesagt, dass man mit ihm den guten Kampf kämpfen soll, dass jedoch „manche es missachtet und so im Glauben Schiffbruch erlitten“ hätten (1Tim 1,8-19). Wir erkennen, dass zur Zeit der Pastoralbriefe die Frage des Gewissens an Fahrt gewinnt. Das reine Gewissen wird ausdrücklich bei den Qualifikationen der Diakone genannt mit Bezug auf „das Geheimnis des Glau‐ bens“ (1Tim 3,9) und es spielt eine Rolle bei der Zurückweisung überzogener asketischer Forderungen wie dem Verbot der Heirat und bestimmter Speisen (1Tim 4,2-3), Themen die durchaus auf eine antimarkionitische Ausrichtung hin gelesen werden können. In 2Tim 1,3 dankt Paulus Gott, er und sogar schon seine „Vorfahren“ hätten Gott „mit reinem Gewissen“ gedient. Und in Tit 1,15 hilft die Frage des Gewissens für die Unterscheidung zwischen Reinen und Unreinen, Gläubigen und Ungläubigen, denn Letztere seien sogar, was „ihr Denken und ihr Gewissen“ betrifft, unrein. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 377 <?page no="378"?> 327 Vgl. Justin, 1Apol 29,3 wird das eigene Gewissen genannt; Dial. 93,2 spricht vom üblen Gewissen; IgnTrall 7 nennt das „Reinsein im Gewissen“ (καθαρός ἐστιν τῇ συνειδήσει); IgnPhilad 6 erwähnt, dass man „guten Gewissens ist“ (εὐσυνείδητός εἰμι); IgnMagn 4 das Gegenteil („kein gutes Gewissen haben“) - man beachte, dass diese drei Stellen aus den Ignatianen aus drei Briefen stammen, die erst um die Zeit des Irenäus den älteren drei Ignatiusbriefen hinzugestellt wurden; Iren., Adv. Haer. I 13,7; II 21,2; IV 18,3; IV 26,4 (von Moses und Paulus und ihrem guten Gewissen); IV 36,6. Interessant ist auch, dass in dem erhaltenen Brief des Kaisers Mark Aurel an den Senat, der dem Eusebius von Cäsarea noch unbekannt war, aber in derselben Handschrift, dem Codex Parisinus Graecus 450, nach den Werken des Justin zu finden ist, zwei Mal vom Gewissen die Rede ist - auch wenn uns der Brief nur in einer späteren Überarbeitung vorliegt, geht er dennoch auf ein früheres, womöglich echtes Schreiben des Kaisers zurück, vgl. R. Freudenberger, Ein angeblicher Christenbrief Mark Aurels (1968). Der Text steht in Hebr 9,9 stellt fest, dass „Gaben und Opfer“, die gegenwärtig dargebracht würden „das Gewissen (συνείδησιν) des Opfernden nicht zur Vollkommenheit führen können“, um den Kontrast herauszustellen, „um wie viel mehr das Blut Christi … unser Gewissen (συνείδησιν) von toten Werken reinigen könne, damit wir dem lebendigen Gott dienen“ (Hebr 9,14). Im Kapitel 10 wird vom Sündengewissen gesprochen (Hebr 10,22) und dazu aufgefordert: „lasst uns mit aufrichtigem Herzen und in voller Gewissheit des Glaubens hinzutreten, die Herzen durch Besprengung gereinigt vom schlechten Gewissen (συνειδήσεως πονηρᾶς) und den Leib gewaschen mit reinem Wasser! “ (Hebr 10,22). Im Gebetswunsch am Ende des Briefes (Hebr 13) wird die Nachdrücklichkeit des Gewissens nochmals verdeutlicht: „18 Betet für uns! Wir sind nämlich überzeugt, ein gutes Gewissen (καλὴν συνείδησιν) zu haben, weil wir in allem recht zu leben suchen. 19 Eindringlich bitte ich euch, dies zu tun, damit ich euch möglichst bald zurückgegeben werde.“ Den Sklaven empfiehlt 1Petr 2,18-19 sich auch launenhaften Herren unterzu‐ ordnen, weil es „eine Gnade sei“, Kränkungen und Unrecht aus „einem auf Gott hin ausgerichteten Gewissen“ zu erleiden. Bescheiden und ehrfürchtig soll man aufgrund „eines reinen Gewissens“ schließlich denen gegenüber sein, die einen in Verruf bringen (1Petr 3,16). Dann erinnert der Brief an die Taufe, die nicht den Körper von Schmutz reinige, sondern „eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen“ darstelle (1Petr 3,21). Wie dieser Überblick erweist, gewinnt nicht nur das Thema des reinen Gewis‐ sens im Zuge der späteren Pseudepigraphen eine wachsende Bedeutung, es wird auch in liturgische Bahnen gelenkt, ein weiterer Hinweis darauf, dass wir es bei diesen kanonisch-redaktionellen Zutaten mit Elementen zu tun haben, die sich am ehesten historisch in die Zeit von Justin, der Sieben-Briefe-Sammlung des Ignatius und Irenäus einfügen, 327 womit erneut die Zeit der zweiten kanonischen 378 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="379"?> J. Otto, Ed. Corpus Apologetarum Christianorum saeculi secundi (1879), I 246-253. Vgl. auch A. Harnack, Die Quelle der Berichte über das Regenwunder im Feldzuge Marc Aurels gegen die Quaden (1894), 878-879. 328 *Ev 11,9-11: 9 κἀγὼ ὑμῖν λέγω, αἰτεῖτε, καὶ δοθήσεται ζητεῖτε, καὶ εὑρήσετε· κρούετε, καὶ ἀνοιχθήσεται ὑμῖν. 10 πᾶς γὰρ ὁ αἰτῶν λαμβάνει [καὶ ὁ ζητῶν εὑρίσκει] καὶ τῷ κρούοντι ἀνοίγεται. 11 ἐάν τινα ἐξ ὑμῶν αἰτήσῃ ὁ υἱὸς αὐτοῦ ἄρτον, μὴ λίθον ἐπιδώσει αὐτῷ; ἢ ἐὰν αἰτήσῃ ἰχθύν, μὴ ὄϕιν ἐπιδώσει αὐτῷ; auch wenn Vers 12 (mit αἰτέω) bei Klinghardt als bezeugt ausgewiesen ist, besteht das Zeugnis doch nur in dem wenig verlässlichen Adamantius und ist darum im Vorliegenden ausgelassen. Redaktion aufgerufen wird. Betrachtet man die Texte insgesamt im Vergleich, scheint die Differenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene auf. Zugleich belegen die Ausführungen aber auch den Unterschied zwischen der ersten kanonischen Redaktion von *Ev hin zu den vier Evangelien bzw. der anfänglichen Bearbeitung der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung hin zur km 10-Briefe-Sammlung und der zweiten kanonischen Redaktion mit der Erweiterung der Sammlung, die eine erneute Bearbeitung der vorhandenen Texte und deren Erweiterung hin zur größeren Sammlung bedeutete. Diese zweite kanonische Redaktion findet in einem fortgeschrittenen theologischen, liturgischen und institutionellen Kontext statt. e) Philosophisch-juristisch Eine Reihe von Begriffen, die der philosophisch-juristischen Sprache zugehören, sind unbezeugt für die vorkanonische Ebene, sowohl für *Ev wie für *Paulus, bzw. sie fehlen auf dieser Ebene. Beginnen wir mit einer Wortgruppe, die vorkanonisch unbezeugt ist, obwohl das Verb - wie schon öfter vermerkt, begegnen vorkanonisch Verben eher als Nomina oder Adjektive - vorkanonisch steht, und zwar sowohl im *Ev wie in *Paulus: αἰτέω. Auch wenn der Begriff rechtliche Nuancen enthält, soll er hier unter den philosophischen Begriffen abgehandelt werden. Das Verb αἰτέω findet sich in *Ev 11,9-11: „9 Und ich sage Euch: Bittet, dann wird (euch) gegeben! Sucht, dann werdet ihr finden! Klopft, dann wird euch geöffnet! 10 Denn jeder, der bittet, empfängt und dem Klopfenden wird geöffnet. 11 Wenn einen von euch sein Sohn um Brot bittet, wird er ihm etwa einen Stein geben? Oder wenn er einen Fisch erbittet, wird er ihm etwa eine Schlange geben? “ 328 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 379 <?page no="380"?> 329 *1Kor 1,22: ἐπειδὴ Ἰουδαῖοι σημεῖα αἰτοῦσιν καὶ Ἕλληνες σοφίαν ζητοῦσιν. 330 Vgl. S.-391, 437, 568. Auch im vorkanonischen *Paulus begegnet das Verb, und zwar in *1Kor 1,22: „denn Juden fordern Zeichen, Griechen suchen Weisheit.“ 329 Nicht nur stimmt die Lexik der vorkanonischen Ebene, was das Verb betrifft, überein, für die vorkanonische Ebene ist auch übereinstimmend die folgende, verwandte Sprachgruppe unbezeugt: αἴτημα 3 - Lk 23,24; Phil 4,6; 1Joh 5,15 αἰτία 22 / 20 - Mt 19,3. 10; 27,37; Mk 15,26; Lk 8,47; Joh 18,38; 19,4. 6; Apg 10,21; 13,28; 22,24; 23,28; 25,18. 27; 28,18. 20; 2Tim 1,6. 12; Tit 1,13; Hebr 2,11 αἴτιος 27 / 5 - Mt 19,3. 10; 27,37; Mk 15,26; Lk 8,47; 23,4. 14. 22; Joh 18,38; 19,4. 6; Apg 10,21; 13,28; 19,40; 22,24; 23,28; 25,18. 27; 28,18. 20; 2Tim 1,6; 1,12; Tit 1,13; Hebr 2,11; 5,9 αἰτίωμα 1 - Apg 25,7 Schon auf den ersten Blick erkennt man, dass nur ein einziger Beleg aus einem der sieben Paulusbriefe stammt, Phil 4,6: „Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden.“ 330 Desto häufiger sind die Begriffe auf der Ebene der zweiten kanonischen Redaktion vertreten, also im Praxapostolos, wobei vor allem die Apg hervorsticht, dann auch in den Pastoralbriefen und Hebr. Im Gleichnis von der blutflüssigen Frau begegnet ein Terminus der Wort‐ gruppe in einem Vers, der für *Ev unbezeugt ist (Lk 8,47: αἰτία), auch wenn das Gleichnis als solches vorkanonisch bezeugt ist. Wieder ist ein solcher zu finden bei der Überstellung Jesu zu Pilatus, eine Passage, die gut bezeugt ist, doch endet diese Bezeugung just vor dem Teilvers, in welchem der Terminus begegnet, im zweiten Teil von Lk 23,4: „Da sagte Pilatus zu den Hohepriestern und zur Volksmenge: Ich finde keine Schuld (αἴτιον) an diesem Menschen.“ Eine ähnliche Formulierung mit εὑρίσκω + αἴτιον steht bald wieder in Lk 23,14: „und sagte zu ihnen: Ihr habt mir diesen Menschen gebracht, der ein Volksaufwiegler sein soll. Ich habe ihn in euerer Gegenwart verhört, aber an ihm keinen Grund (αἴτιον) für euere Anklagen gefunden“. Diese Passage ist unbezeugt, auch wenn danach Stücke aus den Versen 18-19 vorkanonisch bezeugt sind. Eine ähnliche Formulierung, bei der lediglich die umgekehrte Reihenfolge gegeben ist, steht im selben Kapitel in Vers 22: „Zum dritten Mal sagte er zu ihnen: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Ich habe 380 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="381"?> keinen Grund (αἴτιον) feststellen können, wofür er den Tod verdient. Daher will ich ihn auspeitschen lassen und dann werde ich ihn freilassen“ - wiederum ist dieser Passus nicht mehr bezeugt. Gewiss könnten die vier Stellen zufällig von unseren Zeugen übergangen worden sein, doch wahrscheinlicher ist es, dass es sich bei ihnen um kanonisch-redaktionelle Formulierungen handelt, die in den vorkanonischen Text eingetragen wurden. Hinzu kommt der Vergleich mit den weiteren Evangelien. Joh 18,38 schließt nah an Lk 23 an: „Pilatus sagte zu ihm: Was ist Wahrheit? Nachdem er das gesagt hatte, ging er wieder zu den Juden hinaus und sagte zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm (οὐδεμίαν εὑρίσκω ἐν αὐτῷ αἰτίαν).“ Ebenfalls in Joh 19,4-6: „4 Pilatus ging wieder hinaus und sagte zu ihnen: Seht, ich bringe ihn zu euch heraus; ihr sollt wissen, dass ich keine Schuld an ihm finde. 5 Jesus kam heraus; er trug die Dornenkrone und den purpurroten Mantel. Pilatus sagte zu ihnen: Seht, der Mensch! 6 Als die Hohepriester und die Diener ihn sahen, schrien sie: Kreuzige ihn, kreuzige ihn! Pilatus sagte zu ihnen: Nehmt ihr ihn und kreuzigt ihn! Denn ich finde keine Schuld an ihm.“ In Mt 19,3. 10 begegnet der Terminus: „3 Da kamen Pharisäer zu ihm, um ihn zu versuchen, und fragten: Darf man seine Frau aus jedem beliebigen Grund (αἰτίαν) aus der Ehe entlassen? -… 10-Da sagten seine Jünger zu ihm: Wenn das Verhältnis des Mannes zur Frau so ist, dann ist es nicht gut zu heiraten.“ Prominent heißt es in Mt 27,37 (/ / Mk 15,26): „Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld (αἰτίαν) angab: Das ist Jesus, der König der Juden.“ An Lk 23 erinnert ebenfalls Apg 13,28: „Obwohl sie keinen Grund fanden, wofür er den Tod verdient hätte (μηδεμίαν αἰτίαν θανάτου εὑρόντες), forderten sie von Pilatus seine Hinrichtung.“ Zu vergleichen sind auch folgende Stellen, an denen in Apg vom „Grund“ die Rede ist: Apg 10,21 heißt es: „Petrus stieg zu den Männern hinab und sagte: Siehe, ich bin der, den ihr sucht. Aus welchem Grund (αἰτία) seid ihr hier? “ Apg 22,24: „Da befahl der Oberst, ihn in die Kaserne zu führen, und ordnete an, ihn unter Geißelschlägen zu verhören. Auf diese Weise wollte er herausfinden, aus welchem Grund (αἰτίαν) sie derart gegen ihn tobten.“ Apg 23,28: „Und weil ich den Grund (αἰτίαν) ermitteln wollte, wessen sie ihn beschuldigten, brachte ich ihn vor ihren Hohen Rat.“ Apg 25,7: „Als dieser erschien, umringten ihn die Juden, die von Jerusalem herabgekommen waren, und brachten viele schwere Beschuldigungen (αἰτιώματα) vor, konnten sie aber nicht beweisen.“ Apg 25,18: „Bei der Gegenüberstellung brachten die Kläger keinen Anklagegrund (αἰτίαν) wegen solcher Verbrechen vor, die ich vermutet §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 381 <?page no="382"?> 331 Lk 1,3: ἔδοξε κἀμοὶ παρηκολουθηκότι ἄνωθεν πᾶσιν ἀκριβῶς καθεξῆς σοι γράψαι, κράτιστε Θεόφιλε („Nun habe auch ich mich entschlossen, nachdem ich allem von Beginn hatte.“ Apg 25,27: „Denn es scheint mir unsinnig, einen Gefangenen zu schicken, ohne Gründe (αἰτίας) anzugeben, dem man ihm vorwirft.“ Apg 28,18: „Diese haben mich verhört und wollten mich freilassen, da kein Todesgrund (αἰτίαν θανάτου) gegen mich vorlag.“ Apg 28,20: „Aus diesem Grund (αἰτίαν) habe ich darum gebeten, euch sehen und sprechen zu dürfen. Denn um der Hoffnung Israels willen trage ich diese Fesseln.“ Fast alle Einträge in Apg stammen folglich aus einem Verfahrens- oder Prozesskontext. Nicht fern hiervon ist 1Joh 5,15, einem Vers, in welchem Termini aus der Wortgruppe gleich drei Mal stehen: „Wenn wir wissen, dass er uns bei allem hört, was wir erbitten (αἰτώμεθα), dann wissen wir auch, dass er unsere Bitten schon erfüllt hat, die wir von ihm erbeten haben (τὰ αἰτήματα ἃ ᾐτήκαμεν ἀπ’ αὐτοῦ).“ Wie eng die beiden Pastoralbriefe 2Tim und Tit zusammengehören, erkennt man an ihrer übereinstimmenden Verwendung von δι’ ἣν αἰτίαν: 2Tim 1,6: „Aus diesem Grund (αἰτίαν) rufe ich dir ins Gedächtnis: Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteilgeworden ist! “ 2Tim 1,12: „Aus diesem Grund (αἰτίαν) muss ich auch dies alles erdulden; aber ich schäme mich nicht, denn ich weiß, wem ich Glauben geschenkt habe, und ich bin überzeugt, dass er die Macht hat, das mir anvertraute Gut bis zu jenem Tag zu bewahren.“ Tit 1,13: „Unser Zeugnis ist wahr. Aus diesem Grund (αἰτίαν) weise sie streng zurecht, damit sie im Glauben gesund werden.“ Über die Zusammengehörigkeit dieser beiden Briefe hinaus verbindet die Verwendung von δι‘ ἣν αἰτίαν diese Briefe mit der zweiten kanonischen Redaktion, Lk 8,47; Apg 22,24 und hier Hebr 2,11: „Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle aus Einem; aus diesem Grund (δι’ ἣν αἰτίαν) schämt er sich nicht, sie Brüder zu nennen.“ Hebr 5,9 kennt aber auch die nicht konjunktionelle Verwendung und besitzt damit eine Verknüpfung sowohl zu den Pastoralbriefen wie auch zu den vorge‐ nannten Schriften: „Zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber (αἴτιος) des ewigen Heils geworden.“ Die Vergleiche zeigen, dass die Rede vom „Grund“ gerade auf der Ebene der zweiten kanonischen Redaktion eine gewisse Bedeutung hat, die inhaltlich und teilweise auch formal Schriften auf dieser Ebene miteinander verbindet. Weiter von Interesse ist ἀκριβής und ἀκριβόω. Vorkanonisch ist beides nicht belegt und dort wohl auch fehlend, sowohl in *Ev wie in *Paulus. ἀκριβής steht in Lk nur in dessen Prolog, Lk 1,3, 331 und findet sich überhaupt auf kanonischer Ebene sonst 382 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="383"?> an sorgfältig nachgegangen bin, es für dich, hochverehrter Theophilus, der Reihe nach aufzuschreiben“). 332 Vgl. zur Emphatisierung als Charakteristikum der kanonischen Redaktion weiter unten, S.-555-563. 333 Vgl. S.-314, auch 660. nur noch einmal in einem der sieben Paulusbriefe, 1Thess 5,2, an einer weiteren Stelle im Deuteropaulinum Eph 5,15 und an einer Stelle in der Apg 18,25. In dem vorkanonisch nicht bezeugten Vers 1Thess 5,2 lesen wir die emphati‐ sche Redeweise: „denn ihr selbst wisst genau (ἀκριβῶς), dass der Tag des Herrn so kommt wie ein Dieb in der Nacht.“ Während der Verse 14 vorkanonisch bezeugt ist, liest man ähnlich emphatisch in dem sich anschließenden, nicht mehr bezeugten Vers Eph 5,15: „So seht nun genau (ἀκριβῶς) darauf, wie ihr vorsichtig wandelt, nicht als Unweise, sondern als Weise! “ Auch dieser Vers ist vorkanonisch nicht bezeugt, wenn auch danach die Verse 18-19 wieder bezeugt sind. Erneut ist es wahrscheinlicher, dass die Zeugen nicht beide Male die Begrifflichkeit übergangen haben, sondern dass die erste kanonische Redaktion emphatisierend in den Text eingegriffen hat, wie sie dem Lukasevangelium eine solche Emphase auch schon in den Prolog hineingeschrieben hatte. 332 Außerdem sind die Begriffe ἀληθής und ἀληθῶς zu beleuchten. Was ἀληθής betrifft, so fällt auf, dass der Terminus nicht nur in *Ev und *Paulus fehlt, er begegnet auch nicht in Lk und steht nur an einer Stelle in einem der sieben Paulusbriefe, nämlich im vierten Kapitel des Philipperbriefes, das bereits kurz zuvor für kanonisch-redaktionelle Lexik aufgefallen ist. 333 Phil 4,8 ermahnt: „Übrigens, Brüder, was wahrhaftig (ἀληθῆ) ist, was ehrbar ist, was gerecht ist, was rein ist, was liebenswert ist, was wohllautend ist, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, darauf seid bedacht! “ In Mk begegnet ἀληθής nur an einer Stelle, bezogen auf den Herrn selbst (Mk 12,14): „Sie kamen zu ihm und sagten: Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig (ἀληθής) bist und auf niemanden Rücksicht nimmst; denn du siehst nicht auf die Person, sondern lehrst wahrhaftig den Weg Gottes. Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht? Sollen wir sie zahlen oder nicht zahlen? “ Ähnlich wird an der parallelen, ebenfalls der einzigen Stelle, an der der Terminus bei Mt begegnet, in Mt 22,16 ausgeführt: „Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du wahrhaftig (ἀληθής) bist und den Weg Gottes in Wahrheit (ἐν ἀληθείᾳ) lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person.“ Im Unterschied zu dem Fehlen des Begriffes in Lk und dem unikalen Beleg in Mk und in Mt begegnet er häufig in Joh. In Joh 3,33: „Wer sein Zeugnis annimmt, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 383 <?page no="384"?> 334 Joh 6,55: 5 ἡ γὰρ σάρξ μου ἀληθής ἐστιν βρῶσις, καὶ τὸ αἷμά μου ἀληθής ἐστιν πόσις. hat besiegelt, dass Gott wahrhaftig (ἀληθής) ist.“ Joh 4,18 urteilt Jesus über die Frau aus Samaria am Brunnen: „Fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Damit hast du wahrhaft (ἀληθές) gesprochen.“ Als wahrhaft bezeichnet Jesus auch das Zeugnis des Johannes ( Joh 5,32): „Ein anderer ist es, der über mich Zeugnis ablegt, und ich weiß: Das Zeugnis, das er über mich ablegt, ist wahrhaft (ἀληθής).“ Dies wird wieder aufgegriffen in Joh 10,41: „Viele kamen zu ihm. Sie sagten: Johannes hat kein Zeichen getan; aber alles, was Johannes über diesen gesagt hat, erwies sich als wahr (ἀληθῆ).“ Auch sein eigenes Fleisch und Blut bezeichnet Jesus als wahrhafte Speise und wahrhaften Trank ( Joh 6,55). 334 In Joh 7,18 wird eine Begründung gegeben, indem zwischen eigener und göttlicher Autorität unterschieden wird: „Wer von sich aus spricht, sucht seine eigene Ehre; wer aber die Ehre dessen sucht, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig (ἀληθής) und in ihm ist keine Ungerechtigkeit.“ Dieser Satz dient als Hinleitung zu einem kleinen Wahrheitsexkurs ein Kapitel später, Joh 8,13-26, bei dem die Pharisäer Jesus auf sein eigenes Prinzip hin zu widerlegen versuchen, er sich aber gerade auf dieses Prinzip hin verteidigt: „13 Da sagten die Pharisäer zu ihm: Du legst über dich selbst Zeugnis ab; dein Zeugnis ist nicht wahrhaft. 14 Jesus erwiderte ihnen: Auch wenn ich über mich selbst Zeugnis ablege, ist mein Zeugnis wahrhaft. Denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe. Ihr aber wisst nicht, woher ich komme und wohin ich gehe. 15 Ihr urteilt, wie Menschen urteilen, ich urteile über niemanden. 16 Wenn ich aber urteile, ist mein Urteil wahr; denn ich bin nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat. 17 Und in eurem Gesetz steht geschrieben: Das Zeugnis von zwei Menschen ist wahrhaft. 18 Ich bin es, der über mich Zeugnis ablegt, und auch der Vater, der mich gesandt hat, legt über mich Zeugnis ab. 19 Da fragten sie ihn: Wo ist dein Vater? Jesus antwortete: Ihr kennt weder mich noch meinen Vater; würdet ihr mich kennen, dann würdet ihr auch meinen Vater kennen. 20 Diese Worte sagte er, als er im Tempel bei der Schatzkammer lehrte. Aber niemand nahm ihn fest; denn seine Stunde war noch nicht gekommen. 21 Ein andermal sagte Jesus zu ihnen: Ich gehe fort und ihr werdet mich suchen und ihr werdet in eurer Sünde sterben. Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen. 22 Da sagten die Juden: Will er sich etwa umbringen? Warum sagt er sonst: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen? 23 Er sagte zu ihnen: Ihr stammt von unten, ich stamme von oben; ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt. 24 Ich habe euch gesagt: Ihr werdet in euren Sünden sterben; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben. 25 Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Jesus antwortete: Warum rede ich überhaupt noch mit euch? 384 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="385"?> 335 D. Trobisch, The Gospel according to John in the Light of Marcion’s Gospelbook (2018). 26 Ich hätte noch viel über euch zu sagen und viel zu richten, aber er, der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt.“ Nach dem Lanzenstich am Kreuz heißt es Joh 19,35: „Und der es gesehen hat, hat es bezeugt und sein Zeugnis ist wahr (ἀληθινή). Und er weiß, dass er wahrhaft (ἀληθῆ) redet, damit auch ihr glaubt.“ Schließlich legt der Schreiber des Evangeliums für sich selbst Zeugnis ab ( Joh 21,24): „Dies ist der Jünger, der all das bezeugt und der es aufgeschrieben hat; und wir wissen, dass sein Zeugnis wahrhaft (ἀληθής) ist.“ Mit diesem Vers werden nicht nur die vorigen Kapitel, insbesondere der Diskurs der Kapitel 7-8, aufgenommen, diese Redaktionsbemerkung sichert auch die eigene Zeugniskraft des Textes ab. Wie David Trobisch herausgearbeitet hat, 335 wird durch das „wir“, das dem „Jünger“ gegenübergestellt ist, eine neue Instanz eingeführt, die von diesem Zeugnis gebenden Jünger unterschieden ist, und ihrerseits bezeugt, dass das Zeugnis des Jüngers wahrhaftig ist. Dass dieses Urteil selbst wahrhaftig ist, beruht auf der im Evangelium entwickelten Argumentationskette: Die Leser, das „wir“, hinter denen, wie Trobisch richtig sah, sich die Redaktoren von Joh zu erkennen geben, urteilen nicht aus sich heraus, sondern aufgrund des Zeugnisses des Jüngertextes, dieser hat den Text nicht aus sich heraus geschrieben hat, sondern als Offenbarungsträger der Wahrheit dessen, über den er berichtet, Jesus Christus. Christus wiederum sprach nicht aus sich heraus, sondern als Offenbarungsträger für den, von dem er beauftragt wurde und von dem er stammt, seinem Vater. So verleiht das Argument Joh göttliche Wahrhaftigkeit. Es lässt sich erkennen, wie der Begriff des Wahrhaften in diesem Evangelium ein zentraler Redaktionsgedanke geworden ist. Nach Apg 12,9 vertraut Petrus aufgrund einer Vision, die hier gleichgesetzt wird mit einem Nichtwissen um die Wahrhaftigkeit des Geschauten: „Und Petrus ging hinaus und folgte ihm, ohne zu wissen, dass es wahrhaft (ἀληθές) war, was durch den Engel geschah; es kam ihm vor, als habe er eine Vision.“ Wie wichtig die Wahrhaftigkeit des Zeugnisses gerade in in ihrer Autorität bestrittenen Schriften - nicht anders als für die Redaktion, wie in Joh 21,24 selbst - ist, wird auch aus der Notiz in 1Petr 5,12 deutlich: „Durch Silvanus, den ich für einen vertrauenswürdigen Bruder halte, habe ich euch kurz geschrieben: Ich habe euch ermahnt und habe bezeugt, dass dies die wahrhafte (ἀληθῆ) Gnade Gottes ist, in der ihr stehen sollt.“ Der Zeugniswert wird gleich mehrfach abgesichert: durch einen „vertrauenswürdigen Bruder“, durch das Zeugnis des Schreibers (angeblich Petrus), durch die Wahrhaftigkeit und die Erläuterung, dass die „wahrhafte Gnade“ eine solche von Gott ist. Wer soviel Wahrheits‐ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 385 <?page no="386"?> 336 Vgl. S.-382, auch 531. 337 Die Verbindung zu Joh 21,24 wurde bereits gesehen von F. Vouga, Die Johannesbriefe (1990), 92, auch wenn Vouga auf die Zeugenschaft des Jüngers und nicht auf diejenige der Wir-Gruppe abhebt. bekundung am Ende seines Briefes braucht, dem wird die heutige kritische Leserschaft desto weniger vertrauen. Auf der Wahrhaftigkeit des Zeugnisses besteht Tit 1,13, ein Vers, den wir bereits kurz zuvor betrachtet hatten: „Unser Zeugnis ist wahr. Darum weise sie streng zurecht, damit sie im Glauben gesund werden.“ 336 Mit dem Mittel von Sprichwörtern, die schon aus sich heraus als wahrhaft bezeichnet werden, heißt es 2Petr 2,22: „Auf sie [die Irrlehrer] trifft das wahre (ἀληθοῦς) Sprichwort zu: Der Hund kehrt zurück zu dem, was er erbrochen hat, und: Die gewaschene Sau wälzt sich wieder im Dreck.“ Die eigene Wahrhaftigkeit betont auch 1Joh 2,8: „Wiederum schreibe ich euch ein neues Gebot, was wahrhaft (ἀληθές) ist in ihm und in euch, weil die Finsternis vergeht und das wahre Licht schon leuchtet.“ Sie wird am Ende des Abschnitts in 1Joh 2,27 wieder aufgegriffen und wie in Tit 1,12-13 und 2Petr von der Lüge abgesetzt: „Was euch betrifft, so bleibt die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, in euch und ihr braucht euch von niemandem belehren zu lassen; wie euch vielmehr seine Salbung über alles belehrt, so ist es auch wahrhaft (ἀληθές) und nicht lügenhaft. Und wie er euch belehrt hat, so bleibt ihr in ihm.“ Man vergleiche hiermit auch, was die kanonische Redaktion in Gal 4,16 an Kontrast einträgt, wo Paulus mahnend fragt: „Bin ich also euer Feind geworden, weil ich euch die Wahrheit sage (ἀληθεύων)? “ Schließlich begegnet in 3Joh am Ende eine ähnlich multiplizierte Bewahrhei‐ tung wie in Joh 21 und in 1Petr 5: „Für Demetrius legen alle und die Wahrheit (ἀληθείας) selbst Zeugnis ab; auch wir legen Zeugnis ab und du weißt, dass unser Zeugnis wahrhaft (ἀληθής) ist (3Joh 1,12).“ Erneut begegnen verschiedene Wahrheits- und Zeugnisinstanzen, und in dem „wir“ stecken erkennbar 337 wie in Joh 21 die Redaktionsverantwortlichen. Schauen wir noch auf das verwandte ἀληθῶς. In Lk dient das Adverb an drei Stellen formelhaft (λέγω δὲ ὑμῖν ἀληθῶς ein Mal, ἀληθῶς λέγω ὑμῖν ein Mal, λέγω ὑμῖν ἀληθῶς ein Mal) zur Betonung der Aussage. In Lk 9,27 („Wahrhaftig, das sage ich euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht schmecken, bis sie das Reich Gottes gesehen haben“) ist das Adverb vorkanonisch unbezeugt, auch wenn der voranstehende Vers und Teile des Verses selbst bezeugt sind. Lk 12,44 („Wahrhaftig, ich sage euch: Er wird ihn über sein ganzes Vermögen einsetzen“) ist der Vers erneut nicht als Ganzer für *Ev bezeugt, doch kann der Vers vorkanonisch gestanden sein, worauf die Variante 386 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="387"?> αμην hinweist, die sich in den Zeugen 05, 1215, 1229, 2487, c, d, georg, MacarAeg findet. Lk 21,3 („Da sagte er: Wahrhaftig, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr hineingeworfen als alle anderen“) ist das Adverb erneut unbezeugt für *Ev, so hier auch die gesamte Passage der „Gabe der Witwe“. Sollte es wiederum nur Zufall sein, dass die Zeugen all diese Nennungen übergangen haben? In Mt 14,33 begegnet das Adverb in einem Bekenntnis als emphatischer Aus‐ druck: „Die Jünger im Boot aber fielen vor Jesus nieder und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn bist du.“ So auch in Mt 27,54 (/ / Mk 15,39): „Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Jesus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was geschah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, Gottes Sohn war dieser! “ Zuvor schon begegnete das Adverb als Verstärkung der Aussage in Mt 26,73 (/ / Mk 14,70): „Wenig später kamen die Leute, die dort standen, und sagten zu Petrus: Wahrhaftig, auch du gehörst zu ihnen, deine Mundart verrät dich.“ Auch in Joh begegnet das Adverb, und zwar als Gegenüberstellung zur Unwahr‐ heit: Joh 1,47: „Jesus sah Natanaël auf sich zukommen und sagte über ihn: Sieh, ein wahrhafter Israelit, an dem kein Falsch ist.“ Wieder bei der Frau aus Samaria heißt es zur Bestärkung eines Bekenntnisses (Joh 4,42): „Und zu der Frau sagten sie: Nicht mehr aufgrund deiner Rede glauben wir, denn wir haben selbst gehört und wissen: Er ist wahrhaft der Retter der Welt.“ Eine ähnliche Bekenntnisverstärkung steht Joh 6,14: „Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wahrhaft der Prophet, der in die Welt kommen soll.“ Und wiederholt in Joh 7,40: „Einige aus dem Volk sagten, als sie diese Worte hörten: Dieser ist wahrhaft der Prophet.“ Auch im Bekenntniszusammenhang stand kurz zuvor in Joh 7,26: „Und doch redet er in aller Öffentlichkeit und man lässt ihn gewähren. Sollten die Oberen wahrhaft erkannt haben, dass er der Christus ist? “ Wieder um die Frage des Bekennens geht es in Joh 8,31: „Da sagte er zu den Juden, die zum Glauben an ihn gekommen waren: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger.“ Im Zwiegespräch mit dem Vater sagt Jesus schließlich (Joh 17,8): „Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben und sie haben sie angenommen. Sie haben wahrhaft erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast.“ Auch dieser Terminus steht nur noch an einer Stelle in einem der sieben Paulusbriefe (1Thess 2,13) und an zwei im Praxapostolos (Apg 12,11; 1Joh 2,5). In 1Thess 2,13 heißt es: „Deshalb danken wir auch Gott unablässig dafür, dass ihr, als ihr das von uns verkündigte Wort Gottes empfingt, es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern als das, was es in Wahrheit ist: als das Wort Gottes, das in euch wirkt, die ihr glaubt.“ In Apg 12,11 wird bestätigend gesagt: „ Da kam Petrus zu sich und sagte: Nun weiß ich wahrhaft, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 387 <?page no="388"?> 338 Vgl. zur Emphatisierung als Charakteristikum der kanonischen Redaktion weiter unten, S.-555-563. 339 Epiph., Pan. haer. 42, sch. 29. 340 Vgl. Hos 2,1: Καὶ ἦν ὁ ἀριθμὸς τῶν υἱῶν Ισραηλ ὡς ἡ ἄμμος τῆς θαλάσσης, ἣ οὐκ ἐκμετρηθήσεται οὐδὲ ἐξαριθμηθήσεται …; Jes 10,22: καὶ ἐὰν γένηται ὁ λαὸς Ισραηλ ὡς ἡ ἄμμος τῆς θαλάσσης, τὸ κατάλειμμα αὐτῶν σωθήσεται· λόγον γὰρ συντελῶν καὶ συντέμνων ἐν δικαιοσύνῃ. der Hand des Herodes entrissen hat und all dem, was das Volk der Juden erwartet hat.“ Und in 1Joh 2,5: „Wer sich aber an sein Wort hält, in dem ist die Gottesliebe wahrhaft vollendet; daran erkennen wir, dass wir in ihm sind.“ Auffallend ist, dass das Adverb ἀληθῶς formelhaft in Lk steht im Unterschied zu seiner Nutzung in den anderen drei Evangelien. Hier wiederum finden sich Parallelverse, aber auch unterschiedliche Perikopen, in denen es steht. Deutlich jedoch wie beim Terminus zuvor ist, dass auch das Adverb der Emphase entspricht, die für die kanonische Redaktion charakteristisch ist und erwartungsgemäß gerade im Praxapostolos wieder zu finden ist. 338 Von ganz anderer Semantik sind die Begriffe ἀριθμέω und ἀριθμός, wobei gerade der letzte mit ca. 20 Einträgen nicht wenig bedeutend ist. Vorkanonisch sind beide Begriffe weder für *Ev noch für *Paulus bezeugt, doch sie geben uns, wie wir sehen werden, einen möglichen Einblick in den redaktionellen Status der Apokalypse. Das Verb steht Lk 12,6-7: „6 Verkauft man nicht fünf Spatzen für zwei Pfennige? Und doch ist nicht einer von ihnen vor Gott vergessen. 7 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt (ἠρίθμηνται). Fürchtet euch nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen“; / / Mt 10,30. Dies ist eine Passage, die Epiphanius ausdrücklich als fehlend in Markions Evangelium vermerkt. 339 Das nächste Mal begegnet die Rede von der Zahl in Lk 22,3, diesmal vermerkt Tertullian, dass dieser Vers in Markions Text gefehlt habe. Wir sehen, die Präsenz oder Absenz von bestimmten Worten und damit einer spezifischen Lexik ist kein Zufall, sie entspricht einem bestimmten redaktionellen Profil. Während das Verb nur noch an der Parallelstelle in Mt 10,30 steht, findet sich das Nomen noch in Joh 6,10: „Jesus sagte: Lasst die Leute sich setzen! Es gab dort nämlich viel Gras. Da setzten sie sich; es waren der Zahl nach (τὸν ἀριθμόν) etwa fünftausend Männer“. Auch im gesamten Paulus findet sich das Nomen nur an einer einzigen Stelle, Röm 9,27, hier in einem Zitat aus Jesaja, wie es heißt. Tatsächlich stellt der Vers allerdings ein Mischzitat dar aus Hos 2,1 und Jes 10,22, wobei der Terminus „Zahl“ aus dem teilweise parallelen Hoseavers entnommen ist: „Und Jesaja ruft über Israel aus: Wenn auch die Israeliten so zahlreich wären wie der Sand am Meer---nur der Rest wird gerettet werden.“ 340 388 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="389"?> Weiter lassen sich Verb und Nomen nur noch in der Apokalypse belegen: Apk 5,11 wird die „Zahl der Engel“ genannt, dann wird Apk 7,4 „die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren,“ aufgezählt: „Es waren hundertvierund‐ vierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen“, und Apk 7,9 einer „großen Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen“ gegenübergestellt, die „niemand zählen (ἀριθμῆσαι) konnte“. Bei der Beschreibung der „sechsten Posaune“ wird zweifach auf die Zahl der Reiter des Heeres gepocht (Apk 9,16). In einer merkwürdigen Schau eines Tieres, das aus der Erde aufstieg, heißt es Apk 13,17-18: „17 Kaufen oder verkaufen konnte nur, wer das Kennzeichen trug: den Namen des Tieres oder die Zahl (ἀριθμὸν) seines Namens. 18 Hier ist die Weisheit. Wer Verstand hat, berechne den Zahlenwert (ἀριθμὸν) des Tieres. Denn es ist die Zahl (ἀριθμὸς) eines Menschennamens; und seine Zahl (ἀριθμὸς) ist sechshundertsechsundsechzig.“ Die Zeugen P 47 , 01, sy ph , sa lassen „und seine Zahl“ (καὶ ὁ ἀριθμὸς αὐτοῦ) aus. Dann heißt es gleich weiter (Apk 14,1): „Und ich sah und siehe, das Lamm stand auf dem Berg Zion und bei ihm waren hundertvierundvierzigtausend; auf ihrer Stirn trugen sie seinen Namen und den Namen seines Vaters geschrieben.“ Hier fällt wieder auf, dass eine große Zahl von Handschriftenzeugen gerade unseren Terminus nicht aufweist, und er nur geboten wird von 046, 2377, M k , sy h . Bei der Schau der sieben letzten Plagen wird erneut auf die Bedeutung der Zahl hingewiesen (Apk 15,2): „Dann sah ich etwas, das einem gläsernen Meer glich und mit Feuer durchsetzt war. Und die Sieger über das Tier, über sein Standbild und über die Zahl (ἀριθμοῦ) seines Namens standen auf dem gläsernen Meer und trugen die Harfen Gottes.“ Schließlich geht es beim endgültigen Sieg über den Satan um eine unzählbare Zahl: „Er wird ausziehen, um die Völker an den vier Ecken der Erde, den Gog und den Magog, zu verführen und sie zusammenzuholen für den Kampf; sie sind so zahlreich (ἀριθμός) wie die Sandkörner am Meer.“ Das Zitat erweist sich als eine Wiederaufnahme von Hos 2,1, das in Röm 9,27 als vermeintliches Jesajazitat ausgegeben wurde: ὁ ἀριθμὸς αὐτῶν ὡς ἡ ἄμμος τῆς θαλάσσης - Hos 2,1: ὁ ἀριθμὸς τῶν υἱῶν Ισραηλ ὡς ἡ ἄμμος τῆς θαλάσσης. Bereits die Verteilung des Zahlgedankens über die Schriften - abwesend auf der vorkanonischen Ebene, selten auf der Ebene der vier Evangelien, dann nur an einer Stelle in den Paulinen und diese ist es gerade, die in Apk als letzte zitiert wird, spricht dafür, dass bei der Eingliederung der Apk zu deren Sicherung auch ein Anker in Röm gesetzt wurde und das Zahlenthema in Lk und Mt erst in dieser Redaktion in Lk und Mt erst Eingang fand. Dass es weder in Apg noch in den katholischen Briefen noch in den Pastoralbriefen begegnet, zeigt deren redaktionell §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 389 <?page no="390"?> 341 Vgl. S.-476-479. enge Nähe. Wann genau die Apk in die Sammlung gekommen ist, ist nicht völlig klar, vielleicht erst im Anschluss an die zweite kanonische Redaktion. Obwohl γνωρίζω und γνῶσις zumindest bei *Paulus vorkanonisch bezeugt sind, fehlt irgendeine vorkanonische Bezeugung für γνώμη, γνώστης und γνωστός. Das Verb γνωρίζω steht in *1Kor 15,1: „Über die Auferstehung der Toten. Ich lasse euch wissen, Brüder und Schwestern, das Evangelium, das ich euch verkündet habe: “ und in *Laod 3,10: „So soll den Hoheiten und Herrschaften des himmlischen Bereichs durch die Kirche die vielfältige Weisheit Gottes bekannt werden.“ Auf kanonischer Ebene findet sich das Verb in den Evangelien lediglich in Lk 2,15. 17 („15 Und es geschah, als die Engel von ihnen in den Himmel zurückgekehrt waren, sagten die Hirten zueinander: Lasst uns nach Betlehem gehen, um das Ereignis zu sehen, das uns der Herr bekannt gemacht hat! “ … 17 Als sie es sahen, machten sie das Wort bekannt, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war“), Teil der Kindheitsgeschichte, die in *Ev fehlt. Das Verb taucht dann nur noch in Joh auf. Joh 15,15 („Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles bekannt gemacht, was ich von meinem Vater gehört habe“). Noch deutlichter ist die Formulierung in Joh 17,26, die das Verb gleich zwei Mal benutzt: „Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht und werde ihn bekannt machen, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen ist und ich in ihnen bin.“ In den vorkanonisch abwesenden Versen Röm 9,22-23 heißt es: „22 Wenn aber Gott, da er seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun (γνωρίσαι) wollte, mit großer Geduld die Gefäße des Zorns, die zum Verderben zubereitet sind, getragen hat, 23 damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat, kundtue (γνωρίσῃ)? “ Erneut findet sich das Verb in der in *Röm fehlenden Schlusspassage, Röm 16,26: „Jetzt aber offenbart / und durch prophetische Schriften nach dem Willen des ewigen Gottes bekannt gemacht (γνωρισθέντος), / um alle Heiden zum Gehorsam des Glaubens zu führen …“ Wie die Diskussion von σωτήρ zeigen wird, 341 verrät gerade diese Schlusspassage mit dem Hinweis auf das Bekanntmachen durch die prophetischen Schriften einen antimarkionitischen Zug der Redaktion. Auch 1Kor 12,3 begegnet das Verb, doch gerade dieser Vers ist unbezeugt für die vorkanonische Version, nachdem zuvor Vers 1 und danach ein Stück aus Vers 4 vorkanonisch bezeugt sind. In 1Kor 12,3 lesen wir: „Darum lasse ich euch wissen, dass keiner, der aus dem Geist Gottes redet, sagt: Jesus sei verflucht, und 390 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="391"?> 342 Siehe zuvor S.-390, auch 542. 343 Der Passus scheint eine kanonisch-redaktionelle Duplikation der Aussage von Kol 1,26 zu sein (τὸ μυστήριον τὸ ἀποκεκρυμμένον ἀπὸ τῶν αἰώνων καὶ ἀπὸ τῶν γενεῶν- νῦν δὲ ἐφανερώθη τοῖς ἁγίοις αὐτοῦ), die zwar auch auf der kanonischen Ebene nur bezeugt ist, jedoch inhaltlich spannungsfrei sich noch im markionitischen Denkmodell befindet. Bei dessen Einpassung in Eph wurde die Spannung jedoch kanonisch-redaktionell geschaffen, indem der Text von der markionitischen Aussage weggerückt werden sollte. Dies belegt einmal mehr die manchmal inkonsistente Vorgehensweise der kanonischen Redaktion; vgl. auch S.-568-572. keiner kann sagen: Jesus ist der Herr, wenn nicht aus dem Heiligen Geist.“ Die Formulierung ist fast identisch mit der vorkanonisch bezeugten von *1Kor 15,1, wie zuvor angeführt, scheint aber erst durch die kanonische Redaktion in 1Kor 12,3 eingetragen worden zu sein in Anlehnung an *1Kor 15,1. Dieselbe Imitation gilt wohl auch für den vorkanonisch unbezeugten Vers 2Kor 8,1: „Wir geben euch jetzt, Brüder, Kenntnis (Γνωρίζομεν δὲ ὑμῖν) von der Gnade Gottes, die in den Kirchen Mazedoniens gegeben worden ist.“ Auch in Gal 1,11 steht eine ähnliche Formulierung, die, auch wenn sie hier nicht vorkanonisch bezeugt ist, wegen des narrativ-logischen Zusammenhangs an dieser Stelle aber möglicherweise gestanden war: „Ich gebe euch bekannt (Γνωρίζω δὲ γὰρ ὑμῖν), Brüder: Das Evan‐ gelium, das ich verkündet habe, stammt nicht von Menschen.“ Auf kanonischer Ebene ist das Verb wiederzufinden in Phil 1,22: „Wenn aber das Leben im Fleisch mir Gelegenheit gibt zu fruchtbarer Arbeit, so weiß ich nicht (οὐ γνωρίζω), was ich wählen soll.“ Dieser Vers ist nicht bezeugt, während voran die Verse 14-18 und nachfolgend gleich Vers 23 bezeugt sind. Schließlich ist das gesamte Kapitel 4 von Phil unbezeugt und der Lexik nach auch von *Phil abwesend. In Phil 4,6 liest man: „Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden (γνωριζέσθω)! “ In *Laod 1,9 („uns das Geheimnis seines Willens kundtat, nach seinem Wohlgefallen, das er vorgenommen hat“) kann man angesichts der Nicht‐ bezeugung des Verbs an dieser Stelle, jedoch bezeugt für *Laod 3,10 342 und *Laod 6,19, schwanken, ob man es nicht auch für 1,9 annehmen darf, zumal es auch grammatisch in diesen Zusammenhang passen würde. Im Zusammenhang von Eph 3,3. 5, wo das Verb noch zwei Mal begegnet, ist jedoch auffallend, dass die Verse Eph 3,1-7 unbezeugt sind. Außerdem begegnet in dieser Passage, vor allem im letzten Halbvers 5, erneut dieselbe Vorstellung der prophetischen Vorausbekanntgabe (hier allerdings gemildert, wenn nicht in Spannung mit dem „jetzt“ 343 ), die Eph 1,9 und 3,9 eine Widerrede zu Markion enthält (Eph 3,3-5): „3 dass mir durch Offenbarung das Geheimnis kundgetan wurde, wie ich oben kurz geschrieben habe. 4 Dadurch könnt ihr beim Lesen meine Einsicht in das Geheimnis §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 391 <?page no="392"?> 344 Ps 15,11 LXX: ἐγνώρισάς μοι ὁδοὺς ζωῆς· πληρώσεις με εὐφροσύνης μετὰ τοῦ προσώπου σου, τερπνότητες ἐν τῇ δεξιᾷ σου εἰς τέλος. des Christus erkennen, 5 das in anderen Generationen den Menschenkindern nicht kundgetan wurde (ἐγνωρίσθη), wie es nun seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist offenbart wurde.“ Das Verb steht auch in Kol 1,27, und zwar in einer Passage (Kol 1,25-29), die durchaus der markionitischen Vorstellung von der früheren Verborgenheit von Gottes Heilsplan entspricht. Die Verse sind jedoch für *Kol nicht bezeugt. In Kol 1,27 heißt es: Ihnen wollte „Gott kundtun (γνωρίσαι)…, was der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Heiden ist, nämlich Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit.“ Als emphatische Zeugnissicherung steht das Verb dann in Kol 4,7-9: „7 Tychikus, der geliebte Bruder und treue Diener und Mitknecht im Herrn, wird euch alles kundtun (γνωρίσει), was mich betrifft. 8 Ich habe ihn eben darum zu euch gesandt, damit ihr erfahrt, wie es um uns steht, und er eure Herzen tröste. 9 Mit ihm kommt Onesimus, der treue und geliebte Bruder, der einer der euren ist. Sie werden euch alles berichten (γνωρίσουσιν), was hier vorgeht.“ Auch im Praxapostolos begegnet das Verb, zunächst Apg 2,28: „Du hast mir die Wege zum Leben gezeigt (ἐγνώρισας), / du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Angesicht“, und zwar als Zitat aus Ps 15,11 LXX: „Du hast mir die Wege zum Leben gezeigt, / du wirst mich erfüllen mit Freude vor deinem Angesicht.“ 344 In 2Petr 1,16 wird das Verb aufgegriffen und die unmittelbare Offenbarung für Petrus reklamiert: „Denn wir sind nicht klug ausgedachten Geschichten gefolgt, als wir euch die machtvolle Ankunft unseres Herrn Jesus Christus bekannt machten (ἐγνωρίσαμεν), sondern wir waren Augenzeugen seiner Macht und Größe.“ Der Überblick zur vorkanonischen und kanonischen Verwendung von γνωρίζω führt vor Augen, dass vorkanonisch das Verb benutzt wird, um das präsentische „bekannt machen“ des Evangeliums und der Weisheit Gottes durch den Offenbarungsträger Paulus bzw. die Kirche vor Augen zu führen, während die kanonische Redaktion diesen Präsentismus unterläuft und ihn in die Tradition zurückzuverlegen versucht. Das geschieht mit der Behauptung einer alternativen Offenbarung in Lk 2 (durch die Engel) oder durch den Herrn selbst ( Joh 15; 17 - hier auch Vergangenheit und Zukunft betont; Gal 3,8; Röm 1,2), oder durch Gott, der im Voraus bekannt gab (Röm 8,29) durch die „prophetischen Schriften“ (Röm 16). *Laod/ Eph ist ein spannendes Konglomerat, weil hier vorkanonische Gedanken (präsentisches Kundgeben: Jetzt) mit antimarkionitischen Vorstel‐ 392 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="393"?> 345 Vgl. zur Verschärfung als Charakteristikum der kanonischen Redaktion weiter unten, S.-555-563. lungen (Bekanntgabe im Voraus) verknüpft vorliegen, die dann auf kanonischer Ebene teilweise antimarkionitisch verschärft werden. 345 Diese Tendenz der antimarkionitischen Ausrichtung wirkt sich noch deutlicher auf der Ebene der kanonischen Redaktion im Praxapostolos aus. Hier wird das Bekanntgeben ausdrücklich auf den Psalter zurückgeführt und apologetisch gerade gegen „klug ausgedachte Geschichten“ gerichtet, denen die eigene Augenzeugenschaft des Petrus entgegengestellt wird. Auch das Nomen, γνῶσις, ist vorkanonisch bezeugt, wenn auch nur für *Paulus, *1Kor 12,8: „Den einen wird durch den Geist die Fähigkeit der Weisheit gegeben, anderen, gemäß demselben Geist, die Fähigkeit der Erkenntnis“, auch *2Kor 4,6: „Aufgrund von Gott, der sprach: Aus Fins‐ ternis wird Licht aufleuchten, der in unseren Herzen aufgeleuchtet ist, damit die Erkenntnis seines Glanzes im Antlitz Christi erstrahlt,“ für *Röm 2,20: „Als jemand, der die Gestalt der Erkenntnis und der Wahrheit im Gesetz hat …“ und *Phil 3,8: … „um der Erkenntnis Christi, die alles überragt.“ Wie bereits das Verb, so begegnet in Lk das Nomen in der Kindheitsgeschichte Lk 1,77, und zwar wiederum in der Prophetie des Zacharias: „Du wirst seinem Volk Kenntnnis (γνῶσιν) vom Heil geben/ in der Vergebung seiner Sünden.“ Allerdings begegnet das Nomen auch noch Lk 11,52 in einer Scheltrede gegen die Gesetzesgelehrten: „Weh euch Gesetzeslehrern! Ihr habt den Schlüssel zur Erkenntnis (γνώσεως) weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen und die, die hineingehen wollten, habt ihr daran gehindert.“ Auffallenderweise begegnet das Nomen in keinem anderen der vier Evangelien. Wie bereits das Verb, so erfreut sich allerdings auch das Nomen einer gehäuften Benutzung im kanonischen Paulus. Röm 11,33 etwa steht: „O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis (γνώσεως) Gottes! Wie unergründlich sind seine Entschei‐ dungen, wie unerforschlich seine Wege! “ Obwohl dieser Vers vorkanonisch gut bezeugt ist, fehlt bei dieser Bezeugung gerade der Teil „und der Erkenntnis“ (καὶ γνώσεως). Die Bedeutung des Nomens wird auch aus Röm 15,14 ersichtlich, ein Vers aus einem der beiden Schlusskapitel, die in *Röm fehlen: „Ich bin aber selbst überzeugt, meine Brüder, dass auch ihr selbst voller Güte seid, erfüllt von aller Erkenntnis (γνώσεως) und fähig, einander zu ermahnen.“ Ähnlich zuversichtlich für „alle Erkenntnis“ ist der Dank in der Eröffnung von 1Kor 1,5 dafür, „dass ihr an allem reich geworden seid in ihm, in jeglichem Gedanken und jeglicher Erkenntnis (γνώσει)“, und die Wiederholung des Opti‐ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 393 <?page no="394"?> mismus in 1Kor 8,1, nicht ohne Kritik an Erkenntnis zu üben: „Wir wissen, dass wir alle Kenntnis (γνῶσιν) besitzen. Die Kenntnis (γνῶσις) macht aufgeblasen, während die Liebe aufbaut.“ Und im selben Kapitel äußert sich Paulus nicht weniger kritisch: „10 Wenn dich, der Du Kenntnis (γνῶσιν) hast, nämlich einer beim Götzenbild zum Essen sitzen sieht, wird sein Gewissen, da er schwach ist, nicht dazu auferbaut, Götzenopferfleisch zu essen? 11 Denn der Schwache, wird von deiner Kenntnis (γνώσει) verdorben, der Bruder, für den Christus gestorben ist.“ (1Kor 8,10-11) Ähnlich erkenntniskritisch äußert sich Paulus wieder in 1Kor 13,2, wiederum auf „alle Erkenntnis“ blickend: „Und wenn ich Prophetie besäße, alle Geheim‐ nisse wüsste und alle Erkenntnis (γνῶσιν), und wenn ich allen Glauben hätte, so dass ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, ich wäre nichts.“ Weniger kritisch - Teile des Verses sind vorkanonisch bezeugt, doch nicht der Gedanke der Erkenntnis - schreibt Paulus in 1Kor 14,6: „Nun aber, Brüder, wenn ich zu euch komme und in Zungen rede, was nütze ich euch, wenn ich nicht zu euch sprechen werde, sei es in einer Offenbarung oder in einer Erkenntnis (γνώσει) oder in einer Prophetie oder im Unterricht? “ Auch in 2Kor 2,14 kommt Paulus auf Erkenntnis zu sprechen, speziell auf Christi Erkenntnis: „Dank sei Gott, der uns stets im Triumphzug Christi mitführt und durch uns den Geruch seiner Erkenntnis (γνώσεως) an allen Orten verbreitet! “ In seiner Selbstempfehlung verweist Paulus 2Kor 6,6 auch auf seinen apostolischen Dienst „in Reinheit, in Erkenntnis (γνώσει), in Langmut, in Güte, im Heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe.“ Und ähnlich in 2Kor 11,6 schreibt er von sich in einer Art captatio: „Auch wenn ich ungeschickt in der Rede bin, so doch nicht in der Erkenntnis (γνώσει); vielmehr haben wir sie euch in allem und in allen Dingen kundgetan.“ Dann schlägt er in 2Kor 8,7 den Bogen von der Erkenntnis zum Spenden: „Aber so wie ihr an allem reich seid, an Glauben, Rede und Erkenntnis (γνώσει), und an jedem Eifer und an der Liebe, die von uns in euch ist, so sollt ihr auch an dieser Gnade überströmend sein.“ 2Kor 10,5 erläutert er den Unterschied zwischen einer zu kritisierenden Erkenntnis und derjenigen, die verfolgt werden soll: „(Wir reißen) jede Höhe (nieder), die sich gegen die Erkenntnis (γνώσεως) Gottes erhebt, und nehmen jeden Gedanken gefangen zum Gehorsam gegen Christus.“ Die erkenntniskritische Tendenz setzt sich in den Deuteropaulinen fort. Eph 3,19 spielt Erkennen gegen Erkenntnis aus, wenn es heißt, man solle „die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft.“ Anders wendet dieselbe Einsicht Kol 2,3: „in dem [sc. Christus] alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen sind.“ 394 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="395"?> 346 M. Janssen, ‚Wider die Antithesen der fälschlich sogenannten Gnosis‘ - 1 Tim 6,20 und die Antithesen Markions (2011); J. Herzer, Juden - Christen - Gnostiker. Zur Gegnerproblematik der Pastoralbriefe (2008). Abgelehnt wird dieser Bezug von S. Schreiber (mit weiteren älteren und jüngeren Stimmen) in S. Schreiber, Orientierungs‐ marken? Im Irrgarten „klassischer“ und neuerer Datierungen der neutestamentlichen Pseudepigraphen (2021). 347 So G. Quispel, Marcion and the Text of the New Testament (1998), 357-358; H.O. Maier, Marcion the Circumsizer (2019); R.W. Wall and R.B. Steele, 1 and 2 Timothy and Titus (2012), 25. Etwas vorsichtiger äußert sich Harnack, weil er den antimarkioni‐ tischen Charakter der Pastoralbriefe insgesamt für widerlegt hält, allerdings, was 1Tim 6,17-21 betrifft, doch urteilt, dies sei „höchstwahrscheinlich ein Zusatz“, der auf die „Antithesen“ anspielen und „antimarcionitisch sein“ könne, so A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 3*. Das Argument, das ihn verunsichert, wonach die „Antitheses“ hier mit der ψευδώνυμος γνῶσις zusammengebunden sind, was, wie er meint „schwerlich … in so früher Zeit“ denkbar ist, beruht auf dem Zirkelschluss, wonach er die Pastoralbriefe früh datiert und diese Frühdatierung wiederum gegen die Anspielung auf Markions „Antitheses“ benutzt. Datiert man die Pastoralbriefe hingegen um oder nach der Mitte des 2. Jh., versteht man, dass sie genau wie Irenäus die Theologie des Markion in einem Zug mit der des Valentin bzw. der Valentinianer bestreiten. Zur Spätdatierung der Pastoralbriefe vgl. jetzt M. Theobald, Israel-Vergessenheit in den Pastoralbriefen. Ein neuer Vorschlag zu ihrer historisch-theologischen Verortung im 2. Jahrhundert n. Chr. unter besonderer Berücksichtigung der Ignatius-Briefe (2016). Vgl. mit weiterer Literatur, die die Pastoralbriefe ins 2 Jh. datieren S. Schreiber, Orientierungsmarken? Im Irrgarten „klassischer“ und neuerer Datierungen der neutes‐ tamentlichen Pseudepigraphen (2021), 13-23. Diese Erkenntniskritik wird weiter verstärkt in den Pastoralbriefen, wenn es 1Tim 6,20 heißt: „Timotheus, bewahre, was dir anvertraut ist! Halte dich fern von dem gottlosen Geschwätz und den Widersprüchen der fälschlich sogenannten Erkenntnis (ψευδωνύμου γνώσεως)! “ Weil in diesem Vers mit „den Widersprü‐ chen“ (ἀντιθέσεις) der Titel von Markions Vorwort zu seinem Evangelium und damit seinem *Neuen Testament anzuklingen scheint (ἀντιθέσεις), 346 hat man in der Forschung bereits wiederholt auf das antimarkionitische Profil dieses Verses hingewiesen, selbst dann, wenn die Pastoralbriefe früh datiert wurden. 347 Hingegen wird im Praxapostolos positiv von Erkenntnis und Erkennen gesprochen, etwa in Apg 21,24 im Zusammenhang der Verteidigung des Paulus: „Nimm sie mit und weihe dich zusammen mit ihnen; trag die Kosten für sie, damit sie sich das Haar abscheren lassen können! So wird jeder erkennen (γνώσονται), dass an dem, was man von dir erzählt hat, nichts ist, sondern dass auch du das Gesetz genau beachtest.“ Ein besonderes Zeugnis für diese positive Einschätzung der Erkenntnis liefert 2Petr 1,5-6: „5 Darum setzt allen Eifer daran, mit eurem Glauben die Tugend zu verbinden, mit der Tugend die Erkenntnis (γνῶσιν), 6 mit der Erkenntnis (γνώσει) die Selbst‐ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 395 <?page no="396"?> beherrschung, mit der Selbstbeherrschung die Ausdauer, mit der Ausdauer die Frömmigkeit.“ So wird denn auch am Ende des Briefes auf die Erkenntnis, die Christus selbst zugeschrieben wird, verwiesen (3,18): „Wachset in der Gnade und Erkenntnis (γνώσει) unseres Herrn und Retters Jesus Christus! Ihm gebührt die Herrlich‐ keit, jetzt und bis zum Tag der Ewigkeit. Amen.“ Die Erkenntnis klingt auch an im Rat für den Umgang der Männer mit Frauen in 1Petr 3,7: „Ebenso sollt ihr Männer im Umgang mit den Frauen kenntnisvoll (γνῶσιν) sein, denn sie sind der schwächere Teil; ehrt sie, denn auch sie sind Erben der Gnade des Lebens. So wird euren Gebeten nichts mehr im Weg stehen.“ Wie im Praxapostolos begegnet eine positive Einschätzung von Erkenntnis auch in Apk 3,9, und zwar in scharfem Kontrast zu Schein und „Lüge“, mit denen der Text sich von den Mitgliedern der „Synagoge des Satans, die sich als Juden ausgeben,“ abgrenzt. Der kleine Überblick belegt, dass Erkennen und Erkenntnis im vorkanoni‐ schen *Paulus positiv als seine Bekanntgabe für den Inhalt von seinem Evan‐ gelium, der Weisheit bzw. des Willens Gottes benutzt wird, und so begegnet Erkenntnis auch auf kanonischer Ebene in den Evangelien bei Lk und Joh wie auch in den sieben Briefen des Paulus und in den Deuteropaulinen. Allerdings wird auf der kanonischen Ebene die vorkanonisch präsentisch verstandene Erkenntnis an die jüdische Tradition gebunden. Auch im Praxapostolos ist Erkenntnis noch weiterhin positiv konnotiert. Und doch begegnet auf der kanonischen Ebene bereits bei Paulus eine erkenntniskritische Tendenz, die sich in den Deuteropaulinen manifestiert und in 1Tim noch weiter verstärkt. Blicken wir auf die vorkanonisch nichtbezeugten Begriffe dieses Wortfeldes: γνώμη, γνώστης und γνωστός: Vorkanonisch unbezeugt, steht der Begriff γνώμη in 1Kor 1,10: „Ich bitte euch aber, Brüder, durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle einmütig seid und es keine Spaltungen unter euch gibt, sondern seid eines Sinnes und derselben Meinung (γνώμῃ)! “ 1Kor 7,25: „Über die Unverheirateten aber habe ich kein Gebot vom Herrn. Ich gebe euch aber eine Meinung (γνώμην)als einer, den der Herr durch sein Erbarmen vertrauenswürdig gemacht hat.“ 1Kor 7,40: „Seliger aber ist sie, meiner Meinung (γνώμην) nach, wenn sie unverheiratet bleibt, mir scheint aber, dass auch ich Gottes Geist habe.“ Phlm 1,14: „aber ohne dein Einverständnis (γνώμης)wollte ich nichts tun, damit deine Wohltat nicht etwa erzwungen, sondern freiwillig sei.“ Apg 20,3 finden wir: „Dort blieb er drei Monate. Als er mit dem Schiff nach Syrien fahren wollte, planten die Juden einen Anschlag auf ihn. So kam er zu der Meinung (γνώμης), den Rückweg über 396 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="397"?> Mazedonien zu nehmen.“ Und in der Apk lesen wir: „13-Sie sind einer Meinung (γνώμην) und übertragen ihre Macht und Gewalt dem Tier. … 17 Denn Gott lenkt ihr Herz so, dass sie seine Meinung (γνώμην) umsetzen: Sie sollen einen Willen (γνώμην) ausführen und ihre Herrschaft dem Tier übertragen, bis die Worte Gottes erfüllt sind“ (Apk 17,13. 17). Erkennbar ist, dass an allen Stellen, in denen auf kanonischer Ebene der Terminus γνώμη begegnet, es sich um eine individuelle Meinung handelt, sei es von Gott, von Paulus oder von Menschen allgemein. Es liegt folglich eine recht geschlossene Semantik des Begriffes vor, sowohl im kanonischen Paulus, der Apg und der Apk. γνώστης begegnet nur in der Apg. In Apg 26,3 spricht Paulus und nennt König Agrippa einen „Kenner“: „… besonders, da du ein Kenner (γνώστην) aller jüdischen Bräuche und Streitfragen bist. Deshalb bitte ich, mich großmütig anzuhören.“ γνωστός ist etwas häufiger im Neuen Testament zu finden, erstmals in Lk 2,44 als Teil der Kindheitsgeschichte, die in *Ev fehlt. Jesus war in Jerusalem zurückgeblieben, während seine Eltern abgereist waren: „Sie meinten, er sei in der Pilgergruppe, und reisten eine Tagesstrecke weit; dann suchten sie ihn bei den Verwandten und Bekannten (γνωστοῖς).“ Der Terminus begegnet dann wieder in Lk 23,49, innerhalb einer Passage (Lk 23,47-49), die für *Ev unbezeugt ist: „Alle seine Bekannten (γνωστοί) aber standen in einiger Entfernung, auch die Frauen, die ihm von Galiläa aus nachgefolgt waren und die dies mit ansahen.“ Nun begegnet der Terminus auch in Joh 18,15.16: „15 Simon Petrus und ein anderer Jünger folgten Jesus. Dieser Jünger war mit dem Hohepriester bekannt (γνωστός) und ging mit Jesus in den Hof des Hohepriesters. 16 Petrus aber blieb draußen am Tor stehen. Da kam der andere Jünger, der Bekannte (γνωστὸς) des Hohepriesters, heraus; er sprach mit der Pförtnerin und führte Petrus hinein.“ Und der Terminus findet sich reichlich wieder in der Apostelgeschichte. In Apg 15,18 steht er in der Rede des Jakobus, der von dem berichtet, was Gott prophetisch vorausverkündigt hat, „was ihm [sc. dem Herrn] seit Ewigkeit bekannt ist (γνωστὰ ἀπ’ αἰῶνος).“ Zuvor stand er bereits in Apg 1,19: „Das wurde allen Einwohnern von Jerusalem bekannt (γνωστόν); deshalb nannten sie jenes Grundstück in ihrer Sprache Hakeldamach, das heißt Blutacker“; 2,14: „Da trat Petrus auf, zusammen mit den Elf; er erhob seine Stimme und begann zu reden: Ihr Juden und alle Bewohner von Jerusalem! Dies §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 397 <?page no="398"?> 348 J. Weiss, Der erste Korintherbrief (1910), 291. soll Euch bekannt sein (γνωστόν), achtet auf meine Worte! “; 4,10. 16: „10. Bekannt soll (γνωστόν) Euch und dem ganzen Volk Israel sein: im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, den ihr gekreuzigt habt und den Gott von den Toten auferweckt hat. Durch ihn steht dieser Mann gesund vor euch … 16. und sagten: Was sollen wir mit diesen Leuten anfangen? Dass ein bekanntes (γνωστόν) Zeichen durch sie geschehen ist, das ist allen Einwohnern von Jerusalem bekannt; wir können es nicht abstreiten“; 9,42: „Bekannt (γνωστόν) wurde das wurde in ganz Joppe und viele kamen zum Glauben an den Herrn“; 13,38: „Bekannt soll (γνωστόν) Euch sein, meine Brüder: Durch diesen wird euch die Vergebung der Sünden verkündet und in allem, worin euch das Gesetz des Mose nicht gerecht machen konnte“; 19,17: „Das wurde allen Juden und Griechen, die in Ephesus wohnten, bekannt (γνωστόν); alle wurden von Furcht gepackt und der Name Jesu, des Herrn, wurde hoch gepriesen“; 28,22. 28-29: „22 Wir wünschen aber von dir zu hören, was du denkst; denn von dieser Sekte ist uns bekannt (γνωστόν), dass sie überall auf Widerspruch stößt. … 28 Darum soll Euch bekannt sein (γνωστόν): Den Heiden ist dieses Heil Gottes gesandt worden. Und sie werden hören! “. Wie ein typisches Kennwort und öfters formelhaft zieht sich das γνωστός durch den Text der Apg. Es geht nicht nur um Annahmen und Meinungen, sondern um sich einzuprägende Gewissheiten, die hier erzählt werden. Vergleicht man im Überblick die für die vorkanonische Ebene unbezeugten drei Begriffe γνώμη, γνώστης und γνωστός, erkennt man eine jeweils kohärente Semantik auf der kanonischen Ebene. Da die Begriffe teilweise für die vorkano‐ nische Ebene als abwesend bezeugt sind, auf der kanonischen Ebene zumindest für einige Stellen und Schriften aber als zentral, spricht viel dafür, dass sie auch an den anderen unbezeugten Stellen vorkanonisch abwesend waren und zu dem differenzierten Profil der vorkanonischen gegenüber der kanonischen Ebene beitragen. διακρίνω ist wiederum vorkanonisch nicht bezeugt, steht jedoch in Mt 16,3; 21,21; Mk 11,23 und im kanonischen Paulus und Praxapostolos. Johannes Weiss hat aus der Septuaginta als semantischen Hintergrund herausgear‐ beitet, dass das Verb „nicht bloß den Sinn hat: von andern unterscheiden, sondern: eine Sache in dem ihr eigentümlichen Wert richtig erkennen und behandeln.“ 348 398 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="399"?> Röm 4,20 heißt es: „Er zweifelte (διεκρίθη) nicht im Unglauben an der Verheißung Gottes, sondern wurde stark im Glauben, indem er Gott die Ehre erwies.“ Zu dieser Semantik passt 1Kor 6,5, wo es heißt: „Zur Beschämung sage ich das euch. So ist denn nicht ein weiser unter euch, der die Fähigkeit hat, zwischen Brüdern zu richten (διακρῖναι)? “ Im Sinne von „zweifeln“ findet sich das Verb in Röm 14,23, einem Vers, dessen letzter Teil vorkanonisch bezeugt ist, doch dessen Eröffnung, wo der Terminus begegnet, vorkanonisch unbezeugt ist: *Röm 14,23 Röm 14,23 πᾶν δὲ ὃ οὐκ ἐκ πίστεως ἁμαρτία ἐστίν. ὁ δὲ διακρινόμενος ἐὰν φάγῃ κατακέκριται, ὅτι οὐκ ἐκ πίστεως: πᾶν δὲ ὃ οὐκ ἐκ πίστεως ἁμαρτία ἐστίν. *Röm 14,23 Röm 14,23 --Alles aber, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde. Wer aber zweifelt, ist verurteilt, wenn er isst, weil es nicht aus Glauben geschieht; alles aber, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde. In ähnlicher Weise sind die Verse 1Kor 11,29-31 auffällig: *1Kor 11,29 1Kor 11,29-32 29 κρίμα ἑαυτῷ - 29 ὁ γὰρ ἐσθίων καὶ πίνων κρίμα ἑαυτῷ ἐσθίει καὶ πίνει μὴ διακρίνων τὸ σῶμα. - 30 διὰ τοῦτο ἐν ὑμῖν πολλοὶ ἀσθενεῖς καὶ ἄρρωστοι καὶ κοιμῶνται ἱκανοί. - 31 εἰ γὰρ ἑαυτοὺς διεκρίνομεν, οὐκ ἂν ἐκρινόμεθα: - 32 κρινόμενοι δὲ ὑπὸ τοῦ κυρίου παιδευόμεθα, ἵνα μὴ σὺν τῷ κόσμῳ κατακριθῶμεν. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 399 <?page no="400"?> *1Kor 11,29 1Kor 11,29-32 29 als Urteil über sich. 29-Denn wer davon isst und trinkt, ohne den Leib des Herrn zu unterscheiden, der zieht sich das Gericht zu, indem er isst und trinkt. - 30-Deswegen sind unter euch viele schwach und krank und nicht wenige sind schon entschlafen. - 31 Würden wir uns nämlich selbst prüfen, dann würden wir nicht gerichtet. 32 Wenn wir aber von dem Herrn gerichtet werden, ist es zur Erziehung, damit wir nicht zu‐ sammen mit der Welt verurteilt werden. Liest man den vorkanonisch bezeugten Versteil, so sprechen sie nicht einmal von einem Selbstrichten, sondern das Urteil wird verstanden im Sinne von „Selbsterziehung“. Die kanonische Ebene verdreht den Sinn, stellt ihn gar auf den Kopf - denn, wenn man unterscheiden würde, „würden wir nicht gerichtet“, da aber viele dies nicht zu tun scheinen, sind sie zur Verdammung durch ein Fremdgericht verurteilt. Der nur kanonisch begegnende Terminus „prüfen“ hat also zentrale Bedeutung für diesen Abschnitt und wird sicherlich nicht zufällig übergangen, sondern vielmehr redaktionell eingefügt worden zu sein. διαλέγω ist ein Begriff, der weder vorkanonisch bezeugt ist noch in Lk begegnet. Hingegen findet er sich unter allen vier Evangelien alleine in Mk 9,34, obwohl es synoptische Parallelen zur Perikope gibt in *Ev 9,46-48 / / Lk 9,46-48 / / Mt 18,1-5: „Sie schwiegen, denn sie hatten auf dem Weg miteinander darüber gesprochen (διελέχθησαν), wer der Größte sei.“ Ansonsten steht das Verb nur noch reichlich im Praxapostolos, insbesondere in Apg, dann auch in Hebr. In Apg 17,2. 17: „2 Nach seiner Gewohnheit ging Paulus zu ihnen und redete (διελέξατο) an drei Sabbaten zu ihnen, wobei er von den Schriften ausging. … 17 Er redete (διελέγετο) in der Synagoge mit den Juden und Gottesfürchtigen und auf dem Markt sprach er täglich mit denen, die er gerade antraf “; 18,4. 19: „4 An jedem Sabbat redete (διελέγετο) er in der Synagoge und suchte Juden und Griechen zu überzeugen. … 19 Sie gelangten nach Ephesus. Dort trennte er sich von den beiden; er selbst ging in die Synagoge und redete (διελέξατο) zu den Juden“; 19,8.9: „8 Er ging in die Synagoge und redete (διαλεγόμενος) drei Monate lang freimütig und suchte sie vom Reich Gottes zu überzeugen. 9 Da aber einige verstockt waren, sich widersetzten und vor allen Leuten den Weg Jesu verspotteten, trennte er sich mit den Jüngern von ihnen und redete (διαλεγόμενος) täglich im Lehrsaal des Tyrannus“; 20,7.9: „7 400 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="401"?> Als wir am ersten Tag der Woche versammelt waren, um das Brot zu brechen, redete (διελέγετο) Paulus zu ihnen, denn er wollte am folgenden Tag abreisen; und er dehnte seine Rede bis Mitternacht aus. … 9 Ein junger Mann namens Eutychus saß im offenen Fenster und sank in tiefen Schlaf, als Paulus immer länger redete (διαλεγομένου); überwältigt vom Schlaf, fiel er aus dem dritten Stock hinunter; als man ihn aufhob, war er tot“; 24,12.25: „12 Sie haben mich weder im Tempel noch in den Synagogen noch anderswo in der Stadt dabei angetroffen, dass ich mit jemandem redete (διαλεγόμενον) oder einen Aufruhr im Volk erregt hätte. … 25 Als er aber über Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit und das bevorstehende Gericht redete (διαλεγομένου), geriet Felix in Furcht und unterbrach ihn: Für jetzt kannst du gehen; wenn ich Zeit finde, werde ich dich wieder rufen.“ Wie die Stellen zeigen, verwendet die Apg wiederholt für den Vortrag des Paulus das Verb διαλέγω, auch wenn es weder vorkanonisch noch kanonisch bei Paulus Verwendung findet. Solches Reden war kein schlichtes Predigen, sondern wie bereits der Sprachgebrauch in Mk aber auch an den meisten Stellen in Apg erweist, eine Streitpredigt oder zumindest eine emphatische Rede. So ist das Verb auch konnotiert in Jud 1,9: „Als der Erzengel Michael mit dem Teufel rechtete und über den Leichnam des Mose redete (διελέγετο), wagte er es nicht, ein lästerndes Urteil zu fällen, sondern sagte: Der Herr weise dich in die Schranken.“ Ähnlich emphatisch auffordernd steht das Verb auch in Hebr 12,5: „Und ihr habt die Mahnung vergessen, die euch als Söhne anredet (διαλέγεται): Mein Sohn, verachte nicht die Erziehung des Herrn / und verzage nicht, wenn er dich zurechtweist! “ Bei diesem Verb handelt es sich folglich um einen für Apg typischen Begriff zur Beschreibung der Redeweise des Paulus, der sich in Spuren auch in dem zum Praxapostolos gehörenden Jud findet, dann auch in Hebr und offenkundig während der kanonischen Redaktion auch in Mk eingetragen wurde. Etwas verbreiteter, jedoch auf die vier Evangelien begrenzt, ist das Verb διαλογίζομαι. Es steht gleich an zwei Stellen im Anfang von Lk, der in *Ev fehlt, Lk 1,29: „Sie erschrak über die Anrede und überlegte (διελογίζετο), was dieser Gruß zu bedeuten habe“; 3,15: „Das Volk war voll Erwartung und alle überlegten (διαλογιζομένων) im Herzen, ob Johannes nicht vielleicht selbst der Christus sei.“ Dann steht es in Lk 5,21-22 (/ / Mk 2,6. 8), wobei Vers 21b für die vorkanonische Ebene bezeugt ist, jedoch nicht die Passagen, in denen das Verb steht: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 401 <?page no="402"?> *Ev 5,21 Lk 5,21-22 21 καὶ ἤρξαντο διαλογίζεσθαι οἱ γραμματεῖς καὶ οἱ Φαρισαῖοι (ἐν ταῖς καρδίαις αὐτῶν) λέγοντες, τίς ἀϕήσει ἁμαρτίας εἰ μὴ μόνος ὁ θεός; 21 καὶ ἤρξαντο διαλογίζεσθαι οἱ γραμματεῖς καὶ οἱ Φαρισαῖοι λέγοντες, Τίς ἐστιν οὗτος ὃς λαλεῖ βλασφημίας; τίς δύναται ἁμαρτίας ἀφεῖναι εἰ μὴ μόνος ὁ θεός; - 22 ἐπιγνοὺς δὲ ὁ Ἰησοῦς τοὺς διαλογισμοὺς αὐτῶν ἀποκριθεὶς εἶπεν πρὸς αὐτούς, Τί διαλογίζεσθε ἐν ταῖς καρδίαις ὑμῶν; *Ev 5,21 Lk 5,21-22 Und die Schriftgelehrten und die Phari‐ säer fingen an (in ihren Herzen) zu über‐ legen und sagten: Wer vergibt Sünden außer Gott allein? 21 Und die Schriftgelehrten und die Phari‐ säer fingen an zu überlegen: Wer ist dieser, der Lästerungen ausspricht? Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein? - 22 Jesus aber erkannte ihre Gedanken und erwiderte ihnen: Was überlegt ihr in euren Herzen? Klinghardt hat zwar den nichtbezeugten Teil von Vers 21 und auch Vers 22 in seine Rekonstruktion von *Ev aufgenommen, doch ist die Verwendung des Verbs vorkanonisch unbezeugt. An der nächsten Stelle, Lk 12,17, ist die Perikope vorkanonisch vorhanden, jedoch der Wortlaut für diesen Vers ist ungewiss. Ein weiteres Mal steht das Verb im Gleichnis von den Weingärtnern, Lk 20,14, für das Epiphanius jedoch ausdrücklich vermerkt, dass es in *Ev gefehlt hat. Weiters begegnet das Verb nur in Mt 16,7. 8: „Sie aber überlegten untereinander (διελογίζοντο) und sagten: Wir haben kein Brot mitgenommen. 8 Als Jesus das merkte, sagte er: Ihr Kleingläubigen, was überlegt ihr (διαλογίζεσθε), dass ihr kein Brot habt? “ (vgl. Mk 8,16. 17); 21,25: „Woher stammte die Taufe des Jo‐ hannes? Vom Himmel oder von den Menschen? Da überlegten sie (διελογίζοντο) und sagten zueinander: Wenn wir antworten: Vom Himmel! , so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt? “ (vgl. Mk 11,31); dann auch Mk 9,33: „Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Was habt ihr auf dem Weg überlegt (διελογίζεσθε)? “ und Joh 11,50: „Ihr überlegt (λογίζεσθε) nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.“ An letzter Stelle ist zu bemerken, dass διαλογίζεσθε als Variante in den Zeugen 05, M zu finden ist, auch wenn sie als solche nicht in NA 28 vermerkt ist. 402 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="403"?> 349 Man bemerke „das für Lk so typische ἐπιστάτης im Vokativ - Vielleicht ist auch interessant, dass Lk das Verb an der Parallelstelle zu Mk 14,68 getilgt hat (22,57) - weil es nicht Jesus zum Objekt haben sollte (vgl. Apg 19,15)“, so eine Anregung von G. Röhser zum Textentwurf. Der Auslassungsvermerk für Lk 20,9-18, aber auch die variierende Lesart in Joh 11 stützen, dass es weniger wahrscheinlich ist, dass unsere Quellen just diejenigen Verse in *Ev übergangen hätten, in denen das Verb begegnet, sondern es ist viel eher wahrscheinlich, dass das Verb erst auf der kanonischen Ebene der Harmonisierung der Evangelien in diese eingetragen wurden und, wie gerade Joh zeigt, zuvor wohl eine größere Verschiedenheit an Ausdrücken existiert hatte. Vorkanonisch fehlt die gesamte Gruppe: ἐπίσταμαι 16 / 14 - Mk 14,68; Apg 10,28; 15,7; 18,25; 19,15. 25; 20,18; 22,19; 24,10; 26,26; 1Tim 6,4; Hebr 11,8; Jak 4,4; Jud 1,10 ἐπίστασις 2 - Apg 24,12; 2Kor 11,28 ἐπιστάτης 8 / 7 - Lk 5,5; 8,24. 45; 9,33. 49; 17,13; Apg 26,26 Beginnen wir mit dem Verb ἐπίσταμαι, das nicht nur vorkanonisch unbezeugt ist, sondern auch in Lukas wie auch im kanonischen Paulus und sogar den Deuteropaulinen fehlt, hingegen steht es lediglich im Pastoralbrief 1Tim, dann in Hebr und im Praxapostolos (Apg, Jak, Jud). Von allen Evangelien kennt es nur Mk. 349 Beginnen wir mit Mk 14,68, wo das Verb in den Mund des Petrus gelegt wird: „Doch er leugnete und sagte: Ich weiß nicht und verstehe (ἐπίσταμαι) nicht, wovon du redest. Dann ging er in den Vorhof hinaus.“ Im Praxapostolos begegnet das Verb an folgenden Stellen, zunächst Apg 10,28: „Da sagte er zu ihnen: Ihr wisst (ἐπίστασθε), dass es einem Juden nicht erlaubt ist, mit einem Nichtjuden zu verkehren oder sein Haus zu betreten; mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen Menschen unheilig oder unrein nennen darf “; 15,7: „Als ein heftiger Streit entstand, erhob sich Petrus und sagte zu ihnen: Brüder, wie ihr wisst (ἐπίστασθε), hat Gott schon längst hier bei euch die Entscheidung getroffen, dass die Heiden durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und zum Glauben gelangen sollen“; 18,25: „Er war unterwiesen im Weg des Herrn. Er sprach mit glühendem Geist und trug die Lehre von Jesus genau vor; doch kannte er (ἐπιστάμενος) nur die Taufe des Johannes“; 19,15. 25: „15 Aber der böse Geist antwortete ihnen: Jesus kenne ich und auch Paulus ist mir bekannt (ἐπίσταμαι). Doch wer seid §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 403 <?page no="404"?> ihr? … 25 er rief diese und die anderen damit beschäftigten Arbeiter zusammen und sagte: Männer, ihr wisst (ἐπίστασθε), dass wir unseren Wohlstand diesem Gewerbe verdanken“; 20,18: „Als sie bei ihm eingetroffen waren, sagte er: Ihr wisst (ἐπίστασθε), wie ich vom ersten Tag an, seit ich die Provinz Asien betreten habe, die ganze Zeit in eurer Mitte war“; 22,19: „Da sagte ich: Herr, sie wissen (ἐπίστανται) doch, dass ich es war, der jene, die an dich glauben, ins Gefängnis werfen und in den Synagogen auspeitschen ließ“; 24,10: „Auf einen Wink des Statthalters erwiderte Paulus: Da ich dich seit vielen Jahren als Richter für dieses Volk kenne (ἐπιστάμενος), verteidige ich meine Sache voll Zuversicht“; 26,26: „Der König kennt (ἐπίσταται) diese Dinge; deshalb spreche ich auch freimütig zu ihm. Ich bin überzeugt, dass ihm nichts davon entgangen ist; das alles hat sich ja nicht in irgendeinem Winkel zugetragen“. In Jak 4,14 heißt es: „Ihr wisst (ἐπίστασθε) doch nicht, was morgen mit eurem Leben sein wird. Rauch seid ihr, den man eine Weile sieht; dann verschwindet er.“ Dann steht in Jud 1,10: „Diese jedoch lästern, was sie nicht kennen; was sie aber wie die unvernünftigen Tiere von Natur aus verstehen (ἐπίστανται), daran gehen sie zugrunde.“ 1Tim 6,4: „Der ist verblendet; er versteht (ἐπιστάμενος) nichts, sondern ist krank vor lauter Auseinandersetzungen und Wortgefechten. Diese führen zu Neid, Streit, Verleumdungen, üblen Verdächtigungen.“ Hebr 11,8: „Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen (ἐπιστάμενος), wohin er kommen würde.“ Wie der Vergleich zwischen diesem Verb und dem zuvor besprochenen διαλέγω zeigt, ähneln sich die Befunde auf erstaunliche Weise - lediglich zu 1Tim und Jak differieren sie, ansonsten begegnet das Verb hier wie dort bei Mk als einzigem Evangelium, dann reichlich in Apg und Jud und dann in Hebr. Wie dort, so findet sich auch hier eine einheitliche Semantik, die auch teilweise formelhaft wirkt. Erneut erweckt dieser Befund den Eindruck, dass dieser Terminus in die weiteren Schriften kam, als der Praxapostolos in die Sammlung aufgenommen wurde, das heißt, wir dürfen diese Präsenz der zweiten kanonischen Redaktion zuordnen. Weitere Begriffe fehlen vorkanonisch und weisen teilweise ähnliche Merkmale auf wie die bereits besprochenen: ἑρμηνεύω, ἐρωτάω, ζηλόω, ζήτημα, ζήτησις, λογίζομαι, λογικός, λόγιον, λόγιος, λογισμός, λογομαχέω, λογομαχία. Aus dieser Liste sei nur noch ζήτησις herausgegriffen, weil der Begriff die Nähe von Apg und den Pastoralbriefen erneut unterstreicht. ζήτησις steht nur an einer Stelle in den vier Evangelien: Joh 3,25: „Da kam es zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden zum Streit (ζήτησις) über die Frage der Reinigung“. Weiters finden wir das Nomen nur noch in Apg 15,2. 7: 404 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="405"?> 350 In M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 184-212. „2 Da nun nicht geringer Zwist und Streit (ζητήσεως) zwischen ihnen und Paulus und Barnabas entstand, beschloss man, Paulus und Barnabas und einige andere von ihnen sollten wegen dieser Streitfrage zu den Aposteln und den Ältesten nach Jerusalem hinaufgehen. … 7 Als ein heftiger Streit (ζητήσεως) entstand, erhob sich Petrus und sagte zu ihnen: Brüder, wie ihr wisst, hat Gott schon längst hier bei euch die Entscheidung getroffen, dass die Heiden durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und zum Glauben gelangen sollen“; 25,20: „Da ich mich auf den Streit (ζήτησιν) über diese Dinge nicht verstand, fragte ich, ob er nach Jerusalem gehen wolle, um sich dort deswegen richten zu lassen“. Bei allen Belegen handelt es sich um interne jüdische bzw. innergemeindliche Streitigkeiten. In den Pastoralbriefen, und zwar in allen drei, begegnet der Terminus wieder, hier vor allem in dem Appell, sich nicht auf Diskussionen und Streitereien mit Gegnern einzulassen: 1Tim 1,4: „… und sich mit Fabeleien und endlosen Geschlechterreihen abzugeben, die nur Streitereien (ζητήσεις) mit sich bringen, statt dem Heilsplan Gottes zu dienen, der sich im Glauben verwirklicht“; 6,4: „Der ist verblendet; er versteht nichts, sondern ist krank vor lauter Streitereien (ζητήσεις) und Wortgefechten. Diese führen zu Neid, Streit, Verleumdungen, üblen Verdächtigungen“; 2Tim 2,23: „Lass dich nicht auf törichte und unsinnige Streitereien (ζητήσεις) ein; du weißt, dass sie nur Auseinandersetzungen her‐ vorbringen“; Tit 3,9: „Lass dich nicht ein auf törichte Streitereien (ζητήσεις) und Erörterungen über Geschlechterreihen, auf Auseinandersetzungen und Gezänk über das Gesetz; sie sind nutzlos und vergeblich“. Wie der Hinweis auf die Fabeleien und Geschlechterreihen andeutet, scheint es sich um markionitische und valentinianische Gegner zu handeln. Gegenüber der Apg ist das gegnerische Profil zugespitzter, wenn sich auch die Semantik des Begriffes deckt. Die Belege zeigen, dass es sich um eine Terminologie handelt, die für die zweite kanonische Redaktion von Bedeutung war. f) Liturgisch Auch wenn die Begriffe oft nicht deutlich von ethischen zu unterscheiden sind, seien hier einige aufgeführt und diskutiert, die auf der kanonischen Ebene begegnen, aber auf der vorkanonischen fehlen. Wir beginnen mit ἀγαλλίασις und ἀγαλλιάω. Auf die Nähe zwischen Apg und der Kindheitsgeschichte von Lk habe ich bereits an anderer Stelle ausführlich hingewiesen. 350 Darüberhinaus wird hier deutlich, wie nah diese beiden Texte §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 405 <?page no="406"?> 351 Hab 3,18 LXX: ἐγὼ δὲ ἐν τῷ κυρίῳ ἀγαλλιάσομαι, χαρήσομαι ἐπὶ τῷ θεῷ τῷ σωτῆρί μου. Vgl. auch Jes 61,10 LXX: καὶ εὐφροσύνῃ εὐφρανθήσονται ἐπὶ κύριον. ἀγαλλιάσθω ἡ ψυχή μου ἐπὶ τῷ κυρίῳ. 352 Apg 16,34: ἀναγαγών τε αὐτοὺς εἰς τὸν οἶκον παρέθηκεν τράπεζαν, καὶ ἠγαλλιάσατο πανοικεὶ πεπιστευκὼς τῷ θεῷ. 353 Apg 2,26: διὰ τοῦτο ηὐφράνθη ἡ καρδία μου καὶ ἠγαλλιάσατο ἡ γλῶσσά μου, ἔτι δὲ καὶ ἡ σάρξ μου κατασκηνώσει ἐπ’ ἐλπίδι; vgl. Ps 15,9 LXX: διὰ τοῦτο ηὐφράνθη ἡ καρδία μου, καὶ ἠγαλλιάσατο ἡ γλῶσσά μου, ἔτι δὲ καὶ ἡ σάρξ μου κατασκηνώσει ἐπ᾽ ἐλπίδι. Hebr, den Katholischen Briefen und Apk stehen. Denn weder vorkanonisch in *Ev oder *Paulus, noch auf kanonischer Ebene anderswo in einem der Evangelien begegnet ἀγαλλίασις, und ἀγαλλιάω findet sich nur ein weiteres Mal in Lk, ein Mal in Mt und zwei Mal in Joh. In der Engelsbotschaft an Elisabet heißt es Lk 1,14: „Du wirst dich freuen und jubeln (ἀγαλλίασις) und viele werden sich über seine Geburt freuen“, was Elisabet in ihrer Begrüßung von Maria aufgreift (Lk 1,44): „Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Jubel (ἀγαλλιάσει) in meinem Leib“ und sich in Marias Lobpreis fortsetzt (Lk 1,47): „mein Geist jubelt (ἠγαλλίασεν) über Gott, meinen Retter“. Es klingt Hab 3,18 an. 351 Diese Rede vom Jubel begegnet in der Apg bei der Beschreibung des Brechens des Brotes (Apg 2,46): „Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Jubel (ἀγαλλιάσει) und Lauterkeit des Herzens.“ Und erneut bei gedecktem Tisch im Haus des Gefängniswärters von Philippi (Apg 16,34) 352 . Hiermit wird eine narrative Verbindung zwischen den Anfängen des Lebens Jesu und dem der Kirche hergestellt. Dass dies keine überzogene Interpretation ist belegt Hebr 1, wo ebenfalls gleich zu Beginn auf die Diener, die Engel und „Liturgen“ hingewiesen wird. Die von Gott bereits den Vorvätern durch die Propheten gegebene Botschaft vom Sohn, „den er als Erbe von allem eingesetzt hat“, wird mit den Worten der jüdischen Schrift, vor allem Ps 44,7-8 LXX, bekräftigt (Hebr 1,9): „Du liebst das Recht und hasst das Unrecht, / darum, o Gott, hat dein Gott dich gesalbt / mit dem Öl des Jubels wie keinen deiner Gefährten.“ In Jud 1,24-25 führt dies zum Lobpreis ( Jud 1,24-25): „24 Dem einen Gott aber, der die Macht hat, euch vor jedem Fehltritt zu bewahren und euch untadelig und voll Jubel (ἀγαλλιάσει) vor seine Herrlichkeit treten zu lassen, 25 ihm, der uns durch Jesus Christus, unseren Herrn, rettet, gebührt die Herrlichkeit, Hoheit, Macht und Gewalt vor aller Zeit und jetzt und für alle Zeiten. Amen.“ Das Verb ἀγαλλιάω kennt Lk auch später und beschreibt damit Jesu eigene Rede (Lk 10,21): „In dieser Stunde rief Jesus, vom Heiligen Geist erfüllt, voll Jubel (ἠγαλλιάσατο).“ Johannes wendet es auf die Juden ( Joh 5,35) und Abraham ( Joh 8,56), die Apostelgeschichte unter Nutzung von Ps 15 LXX auf Jesus (Apg 2,26) 353 406 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="407"?> 354 Man notiere in Lk 7,21 noch die Lesartenvarianten, denn Ἐν αὐτῇ τῇ ὥρᾳ steht in 044, 33, 1424, dann Ἐν αὐτῇ δὲ τῇ ὥρᾳ bieten 02, 05, 017, 037, 038, 040, 565, M, lat, sy h , und Ἐν ἐκείνῃ τῇ ὥρᾳ findet sich in P 75 , 01, 03, 019, 032, f 1.13 , 579, 700, 892, 1241, 2542, c, (e, q), co, Cyr. 355 Vgl. hierzu M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1101. Man vgl. auch Lk 2,38 zur Eröffnung: καὶ αὐτῇ τῇ ὥρᾳ. 356 So die übereinstimmende Rekonstruktion in ibid. 622; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 102; A.v. Harnack, Marcion. Das Evan‐ gelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 192*. 357 Vgl. Tert., Adv. Marc. IV 21,10-11. an. Auch wenn im Abschnitt Lk 10,17-24 der Text vor Vers 21 und auch danach vorkanonisch bezeugt ist, ist es gerade diese Einleitung des neuen Gedankens nicht. Zwar hat Klinghardt sie in seine Rekonstruktion aufgenommen (auch wenn Klinghardt anstelle von αὐτῇ τῇ ὥρᾳ für die Version aus Mt 11,25 optiert, könnte man doch eher für die Präsenz des ersten Teils des Verses argumentieren, weil der Wortlaut ἐν αὐτῇ τῇ ὥρᾳ in *Ev 12,12 bezeugt ist), doch als Perikopeneröffnung steht die Wendung αὐτῇ τῇ ὥρᾳ kurz später Lk 13,31 am Anfang einer Passage, die ausdrücklich durch Epiphanius als fehlend in Markions *Evangelium bezeugt wird. Außerdem findet sie sich als Eröffnung in Lk 7,21, in einem für *Ev unbezeugten Vers, obwohl die Perikope wieder belegt ist. 354 Schließlich wird sie auch erst durch die kanonische Redaktion in 20,19 eingeschoben, wie Epiphanius zeigt. 355 Als Eröffnungsformulierung gehört sie folglich eher zur kanonischen Ebene, und so gehört auch dieser für *Ev unbezeugte Versteil Lk 10,21a zu ihr. Das Verb begegnet auch in Mt 5,12 am Ende der Seligpreisungen: „Freut euch und jubelt (ἀγαλλιᾶσθε): Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel. So wurden nämlich schon vor euch die Propheten verfolgt.“ Der parallele Vers in Lk 6,23 wird mit einem anderen Verb (σκιρτήσατε) gebildet: „Freut euch und jauchzt an jenem Tag; denn siehe, euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn ebenso haben es ihre Väter mit den Propheten gemacht.“ Hinzu kommt, dass gerade dieser Teil von Vers 23 für *Ev unbezeugt ist und wohl auch im Text gefehlt hat. 356 Als Eröffnungsjubel kennt 1Petr 1,6. 8 und dann später noch einmal 4,13 das Verb. In Apk 19,7 ist das Jubeln schließlich Teil der himmlischen Freude über die Ankunft der Hochzeit des Lammes. Der vorliegende Vergleich zu den beiden Begriffen, die auf der vorkanoni‐ schen Ebene übereinstimmend in *Ev und *Paulus fehlen, jedoch auf der kano‐ nischen Ebene begegnen, lässt sie uns näher verorten. Auch wenn Tertullian den Eindruck erweckt, Markion habe bereits die Kindheitsgeschichte kritisiert, 357 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 407 <?page no="408"?> 358 Vgl. hierzu die erhellenden Ausführungen von A. Brent, Can There Be Degrees of Docetism? (2018), 23-25. scheint diese Behauptung, die in weitere Ausführungen gegen Häretiker einge‐ bunden ist, welche die Leiblichkeit Jesu bestreiten, eher Tertullians Rhetorik geschuldet zu sein. Aus der Tatsache, dass *Ev keine Kindheitsgeschichte Jesu aufweist, zog Tertullian den Schluss, unter anderen Häretikern habe Markion die lukanische Erzählung zurückgewiesen. Diese lukanische Kindheitsgeschichte muss nicht bereits in der ersten kanonischen Redaktion bei der Erweiterung von *Ev zu km Lk in dieses Evangelium gekommen sein, sondern scheint, wie die Lexik nahelegt, erst in der weiteren Bearbeitung von km Lk zum kanonischen Lukasevangelium durch die zweite kanonische Redaktion in dieses Evangelium gelangt zu sein. Darum besteht die große Nähe zwischen dieser Kindheitsge‐ schichte, dem Praxapostolos, Hebr und Apk. Obwohl ἅγιος vorkanonisch sowohl in *Ev wie *Paulus belegt ist und ἁγιασμός an einer Stelle für *1Thess 4,3 bezeugt ist, fehlen umso auffallender die Termini ἁγιάζω, ἁγιότης, ἁγιωσύνη, ἁγιώτατος auf der vorkanonischen Ebene. ἁγιωσύνη wird gleich anfangs in Röm 1,4 eingeführt in der Wendung „Geist der Heiligkeit“ zur Auszeichnung Jesu: „1 … berufen zum Apostel, ausgesondert für das Evangelium Gottes, 2 das er durch seine Propheten in heiligen Schriften vorher verheißen hat, 3 betreffs seines Sohnes, der aus der Nachkommenschaft Davids geboren ist dem Fleisch nach, 4 und kraft seines Geistes der Heiligkeit (πνεῦμα ἁγιωσύνης) eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht durch die Auferstehung von den Toten, Jesus Christus, unseres Herrn.“ (Röm 1,1-4) Dieser in *Röm fehlende Passus unterläuft Markions Antithesen. Im kanoni‐ schen Römerbrief wird das Evangelium Gottes auf die Propheten und jüdischen Heiligen Schriften bezogen, indem Letztere als Vorausverheißende vorgestellt werden - exakt die Vorstellung, die Markion mit seinen Antithesen abgelehnt hatte. Auch der nächste Gedanke, dass der Sohn dem Fleisch nach geboren sei (Markion spricht von einer himmlischen Herabkunft des Sohnes) und dass er Nachkomme Davids sei (ebenfalls von Markion abgelehnt), und dass dieser erst „seit der Auferstehung von den Toten“ „als Sohn Gottes in Macht“ eingesetzt sei, widerspricht Markions Vorstellung, nach welcher der Sohn bereits seit seiner Herabkunft mit Macht auftrat, auch wenn er damit weder seine Leiblichkeit oder Fleischlichkeit bestreiten wollte - doch er meinte, der Sohn besitze einen engelhaften oder, wie Valentinus sagen würde, psychischen Leib. 358 408 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="409"?> 359 Am eindrücklichsten für den gesamten Komplex der hier verhandelten Terminologie und Inhalte ist S. Whittle, Covenant Renewal and the Consecration of the Gentiles in Romans (2015). Die Studie bezieht sich in ihrer Abhandlung auf genau diejenigen einschlägigen Kapitel von Röm, die in *Röm fehlen (Röm 9,24-25; 10,6-8; 11,26-27; 12,1-2; 15,7-13. 15-16; die einzige Ausnahme ist Röm 13,8-10, was jedoch ein Abschnitt ist, der eher mit dem auch vorkanonisch bezeugten Abschnitt in *Röm 2,27-29 in Verbindung gebracht wird als mit den übrigen Kapiteln). Wenn sie folglich die Passagen für authentisch hält, verweist sie vielmehr auf den kanonischen Paulus. An 2Kor 7,1 können wir eine ähnliche Ergänzung durch die kanonische Redaktion feststellen: *2Kor 7,1 2Kor 7,1 Reinigen wir uns also von der Unrein‐ heit des Leibes und des Blutes. Das sind die Verheißungen, Geliebte, die wir haben. Reinigen wir uns also von aller Unreinheit des Leibes und des Geistes und streben wir in Gottesfurcht nach vollkom‐ mener Heiligung. Während die vorkanonische Version von Reinigung spricht, was die Unreinheit des Leibes und des Blutes betrifft, also sie ausschließlich auf das Körperliche bezieht, korrigiert die kanonische Redaktion und ersetzt „des Blutes“ mit „des Geistes“ und fügt das Streben hinzu, welches Änderung voraussetzt. Wie bereits zuvor zur συνείδησις vermerkt, geht es auch hier um eine geistige Ausrichtung, die an dieser Stelle mit der „vollkommenen Heiligung“ verbunden wird. Hierzu passt, wenn es 1Thess 3,13 heißt: „… damit er eure Herzen festige und untadelig mache in Heiligkeit (ἁγιωσύνῃ) vor unserem Gott und Vater bei der Ankunft unseres Herrn Jesus mit allen seinen Heiligen (τῶν ἁγίων).“ ἁγιότης begegnet als Hapax legomenon in Hebr 12,10, wo die harte Zucht dazu dient, dass man „Anteil an der Heiligkeit“ des Vaters gewinnt. Und mit Jud 1,20 begegnet die Terminologie auch in einem Brief aus dem Praxapostolos: „Ihr aber, Geliebte, baut weiter auf eurem heiligsten (ἁγιωτάτῃ) Glauben, betet im Heiligen Geist.“ Das Verb ἁγιάζω steht hervorstechend in der Vaterunserbitte Lk 11,2, doch gerade diese Bitte fehlt in der vorkanonischen Parallelversion des Vaterunsers. Es spielt auf der kanonischen Ebene auch für Paulus eine bedeutende Rolle, was uns zurück zum Römerbrief führt, jedoch wiederum zu einem gerade für die vorkanonische Version als abwesend bezeugten Kapitel, Röm 15 (Röm 15,15-16): 359 „15 Ich habe euch aber zum Teil etwas kühn geschrieben, um euch zu erinnern, wegen der Gnade, die mir von Gott gegeben ist, 16 dass ich ein Diener Christi Jesu für die §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 409 <?page no="410"?> 360 O. Michel, Der Brief an die Römer (1957), 325. 361 So etwa W.B. Smith, Unto Romans: XV. and XVI. (1901), 133. „The ground-note of this section (Röm 15,14-29, MV) is apologetic, and that in so far it is entierly discordant with the introduction, 1,8-15. There the writer’s spirit was as far as possible from apology for visiting the Romans, much less for writing to them; on the contrary, he excuses himself for not coming to them, on the ground that he had indeed often planned a visit, but his plans had miscarried; and he cannot find a single expression quite strong enough to voice adequately his yearning, and prayer, and purpose to visit them, but he piles up intensives one upon another. There is no possibility of mistake here.“ 362 Vgl. hierzu J.P. Mathur und M. Vinzent, Pre-canonical Paul. His Views Towards Sexual Immorality (2018). 363 O. Michel, Der Brief an die Römer (1957), 327. Heiden sein soll, der das Evangelium Gottes priesterlich verwaltet, damit das Opfer der Heiden wohlgefällig wird, geheiligt (ἡγιασμένη) durch den Heiligen Geist.“ Dieser Passus ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Zunächst erinnert er Kommentatoren an den Eingang, Röm 1,8-17, 360 wobei gerade Röm 1,8-15 im vorkanonischen Text gefehlt hat. Andere haben jedoch wegen dieses Bezugs auf die inhaltliche Widersprüchlichkeit der Passagen im Römerbrief hingewiesen. 361 Paulus ruft einiges in Erinnerung, bezeichnet das Schreiben als teilweise „etwas kühn“, verweist dann aber gleich auf Gottes Gnade, aus der heraus er dies gesagt habe. Schließlich bezeichnet er sich als Priester, damit die Heiden eine Opfergabe werden, „geheiligt durch Heiligen Geist“. Das Erinnern wird zurecht auf 1Kor 4,17 bezogen: „Deswegen habe ich euch Timotheus geschickt, der mein geliebtes und verlässliches Kind im Herrn ist, der euch erinnern wird an meine Wege in Christus Jesus, wie ich sie überall in allen Kirchen lehre.“ Auch diese Stelle findet sich nur auf der kanonischen Ebene und, wie der Name Timotheus zeigt, stellt dieser Passus den Bezug zu den Pastoralbriefen her. 362 Der Ausdruck διὰ τὴν χάριν τὴν δοθεῖσάν μοι „klingt bei Pls formelhaft“, als Belege lassen sich anführen: Röm 12,3: διὰ τῆς χάριτος τῆς δοθείσης μοι. 6: κατὰ τὴν χάριν τὴν δοθεῖσαν ἡμῖν; 1Kor 3,10: Κατὰ τὴν χάριν τοῦ θεοῦ τὴν δοθεῖσάν μοι; Gal 2,9: τὴν χάριν τὴν δοθεῖσάν μοι; Eph 3,2: τῆς χάριτος τοῦ θεοῦ τῆς δοθείσης μοι. 7: τῆς χάριτος τοῦ θεοῦ τῆς δοθείσης μοι. 8: ἐδόθη ἡ χάρις αὕτη. 363 Auch diese Belege stehen ebenfalls ausnahmslos auf der kanonischen Ebene. Die einzige, nicht mehr formelhafte Aussage, dass Paulus Gnade gegeben wurde, begegnet vorkanonisch in *Laod 3,8, wo es heißt: „Mir, dem Geringsten unter allen, wurde diese Gnade zuteil“ (Ἐμοὶ τῷ ἐλαχιστοτέρῳ πάντων ἐδόθη ἡ χάρις αὕτη), und sie fällt aus der Reihe heraus. Demnach scheint dieser letzte Vers vermutlich eine Formulierung zu sein, die die vorkanonische Redaktion kreiert oder selbst bereits vorgefunden hat, auf deren Basis dann aber 410 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="411"?> 364 So ihre Charakterisierung in ibid. 365 Auf die Besonderheit der Sprache in Röm 15-16, insbesondere der vorliegenden Passage, wurde in der Vergangenheits bereits wiederholt hingewiesen, allerdings ohne großen Einfluss auf die generelle Meinung. Hart urteilt etwa Smith zu Röm 15,16: „If the Author ad Galatas or ad Romanos wrote such words“, es werden zuvor aufgezählt λειτουργός, προσφορά, ἱερουργοῦντα, „to these same Romans, then nothing is impossible; Coke may have written Hamlet, we may believe anything of anybody“, W.B. Smith, Unto Romans: XV. and XVI. (1901), 135. Smith setzt die Abfassung von Röm 15-16 „almost certainly … after the struggle against Marcion“, ibid. 155. Auch Ryder verweist gerade auf die unpaulinische Sprache in Röm 15,16, W.H. Ryder, The Authorship of Romans XV, XVI (1898), 188. die kanonische Redaktion die Formel geschaffen und sie in die verschiedenen Briefe als „feierlich[e]“ 364 eingefügt hat. Wegen der Selbstbezeichnung an der zitierten Stelle Röm 15,16 als „Priester“ (λειτουργός) sei hier als kleiner Exkurs auf die gesamte Wortfamilie einge‐ gangen: 365 λειτουργέω 2 - Apg 13,2; Röm 15,27, in einem Vers, der in *Röm fehlt λειτουργία 6 - Lk 1,23, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 2Kor 9,12; Phil 2,17. 30; Hebr 8,6; 9,21 λειτουργικός 1 - Hebr 1,14 λειτουργός 6 / 5 - etwa Röm 15,16, in einem Vers, der in *Röm fehlt, und überhaupt in Röm 13,6; 15,16; Phil 2,25; Hebr 1,7; 8,2; 10,11 Zwar steht λειτουργός noch zwei weitere Male in den sieben Paulusbriefen (Röm 13,6; Phil 2,25), jedoch immer nur auf der kanonischen Ebene. Auch wenn die beiden Stellen nicht unmittelbar im Kontext von Opfer oder Priestertum stehen, deutet doch die erste Stelle auf die Verbindung zwischen Dienst und fi‐ nanziellen Leistungen hin, es geht nämlich um Steuerabgaben, wobei von denen die Steuern einzuziehen haben gesagt wird, dass sie „Leiturgoi Gottes sind“. An der zweiten Stelle spricht Paulus von Epaphroditus, der ihm ein Leiturgos ist. Wie tief der „heilige Dienst“ mit einer finanziellen Gabe verbunden ist, erläutert 2Kor 9,12: „Denn der Dienst dieses Werkes (ἡ διακονία τῆς λειτουργίας ταύτης) erfüllt nicht nur den Mangel der Heiligen, sondern bringt auch reichlich vielen Dank zu Gott.“ In Röm 15,16 hat der Begriff eine deutlicher kult-liturgische Bedeutung. Daran erinnert nun der Gebrauch dieses Begriffes in Hebr 1,7, 366 eine Stelle, die uns bereits im Zusammenhang mit dem liturgisch verorteten §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 411 <?page no="412"?> 366 Vgl. auch den Gebrauch des Hapax legomenon im NT, λειτουργικός, in Hebr 1,14; vgl. zur kultischen Sprache von Hebr E.W. Stegemann und W. Stegemann, „Does the Cultic Language in Hebrews Represent Sacrificial Metaphors? “ (2005). Jubel begegnet war. In Hebr 8,2 wird der Hohepriester, Christus, „als Diener des Heiligtums (τῶν ἁγίων λειτουργός) und des wahren Zeltes, das der Herr selbst aufgeschlagen hat,“ bezeichnet. Und gleich im Anschluss heißt es in Hebr 8,3-6: „3 Denn jeder Hohepriester wird eingesetzt, um Gaben und Opfer darzubringen; deshalb muss auch dieser etwas haben, was er darbringt. 4 Wäre er nun auf Erden, so wäre er nicht einmal Priester, da es hier schon Priester gibt, die nach dem Gesetz die Gaben darbringen. 5 Sie dienen (λατρεύουσιν) einem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge (λατρεύουσιν), nach der Anweisung, die Mose erhielt, als er daranging, das Zelt zu errichten: Sieh zu, heißt es, dass du alles nach dem Urbild ausführst, das dir auf dem Berg gezeigt wurde. 6 Jetzt aber ist ihm ein umso erhabenerer Priesterdienst (λειτουργίας) übertragen worden, weil er auch Mittler eines besseren Bundes ist, der auf bessere Verheißungen gegründet ist.“ Im selben Zusammenhang begegnet der Begriff λειτουργός in Hebr 10,11 (vgl. auch 9,21): „Und jeder Priester steht Tag für Tag da, versieht seinen Dienst (λειτουργῶν) und bringt viele Male die gleichen Opfer dar, die doch niemals Sünden wegnehmen können.“ Allerdings erinnert Röm 15,27 dann auch wie‐ derum an den finanziellen Aspekt des Dienstes. Nachdem er im Vers zuvor von der Sammlung Mazedoniens und Achaias für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem gesprochen hat, fügt der Verfasser hinzu: „Ja, sie haben es beschlossen, und sie sind es ihnen auch schuldig; denn wenn die Heiden an ihren geistlichen Gütern Anteil bekommen haben, so sind sie auch verpflichtet, ihnen in den leiblichen zu dienen (λειτουργῆσαι).“ Im Kontext eines geistigen Gottesdienstes finden wir das Verb in Phil 2,17: „Doch wenn auch mein Leben dargebracht wird zusammen mit dem Opfer und Dienst eures Glaubens (λειτουργίᾳ τῆς πίστεως ὑμῶν), so freue ich mich und freue mich mit euch allen.“ Kurz darauf stellt Paulus Epaphroditus ein Quasi-Märtyrerzeugnis aus, Phil 2,30: „Denn um des Werkes Christi willen ist er dem Tod nahegekommen, indem er sein Leben wagte, um den Dienst (λειτουργίας), den ihr mir nicht erweisen konntet, zu erfüllen.“ Schließlich begegnet der liturgische Gebrauch von λειτουργέω in der Apg 13,2 im Rahmen einer Gottesdienstfeier, in der Barnabas mit Paulus von den Verantwortlichen in Antiochien ausgewählt wurden: „Als sie zu Ehren des Herrn Gottesdienst feierten (λειτουργούντων) und fasteten, sprach der Heilige Geist: Wählt mir Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie berufen habe! “ Im Rahmen des Tempeldienstes kennt auch die Kindheitsgeschichte des Lk den Terminus λειτουργία (Lk 1,23). 412 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="413"?> Wir werden auf denselben Befund, der schon zuvor festgestellt wurde, zurückverwiesen. Die vorkanonische Ebene kennt die Terminologie gänzlich nicht, weder *Ev noch *Paulus, sie begegnet auch nicht in den vier Evangelien, mit Ausnahme der Kindheitsgeschichte des Lk, auch nicht in den Deuteropau‐ linen, sondern prominent nur in Röm 15, Hebr, dann auch Apg und vereinzelt in zwei weiteren der sieben Paulusbriefe. Damit erhärtet sich die Feststellung, dass diese Terminologie einen Eintrag der zweiten kanonischen Redaktion darstellt. Wieder begegnen wir einem miteinander übereinstimmenden vorkanonischen Profil von *Ev und *Ap und können dieses Profil vor allem von demjenigen der zweiten kanonischen Redaktion unterscheiden. Innerhalb der kanonischen Ebene scheinen erneut die vier Evangelien und Deuteropaulinen in ihrem wesentlichen Bestand der ersten kanonischen Redaktionsstufe anzugehören, während die lukanische Kindheitsgeschichte, Apg und Hebr zur zweiten zu rechnen sind. Bei dieser weiteren Redaktion scheinen dann auch insbesondere mit dem Hinweis auf Timotheus die Pastoralbriefe im Hintergrund gestanden zu haben. Die komplette Wortfamilie ἀμώμητος, ἄμωμον, ἄμωμος ist unbezeugt für die vorkanonische Ebene, fehlt aber auch in den vier Evangelien, Apg, und von den sieben Paulusbriefen finden wir nur ein Zeugnis in Phil 2,15, dafür ist die Familie aber präsent in den Deuteropaulinen, Hebr, den Katholischen Briefen und Apk. ἀμώμητος 2 / 1 - Phil 2,15; 2Petr 3,14 ἄμωμος 9 / 8 - Eph 1,4; 5,27; Kol 1,22; Phil 2,15; Hebr 9,14; Jud 1,24; 1Petr 1,19; Apk 14,5; 18,13 In Phil 2,15 steht die Aufforderung, „damit ihr untadelig und lauter seid, Kinder Gottes ohne Makel (ἄμωμα), mitten unter einem verdrehten und verkehrten Geschlecht, unter dem ihr leuchtet wie Lichter in der Welt.“ So findet man sie auch in 2Petr 3,14: „Deswegen, Geliebte, die ihr dies erwartet, bemüht euch darum, von ihm ohne Makel (ἀμώμητοι, var. lect. ἄμωμοι) und Fehler in Frieden angetroffen zu werden! “ Auch Eph 1,4: „Wie er uns in ihm erwählt hat vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig (ἀμώμους) seien vor ihm in Liebe.“ Das „wir“ bezieht sich auf die ganze Kirche, wie Eph 5,27 ausführt: „damit er die Kirche sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen hat, sondern dass sie heilig und untadelig (ἄμωμος) sei.“ Christologisch wie in Eph wird diese Heiligkeit und Makellosigkeit (auch in dieser direkten Zusammenstellung) in Kol 1,22 §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 413 <?page no="414"?> 367 Vgl. S.-378. 368 Man vgl. noch Jud 1,24 - und dort liegt keine Opferterminologie vor. Die Stelle gehört eher in die Nähe der Deuteropaulinen, war aber oben schon einmal im Zusammenhang mit dem „Jubel“ erwähnt worden (beides zweite kanonische Redaktion). begründet, „… um euch heilig und untadelig (ἀμώμους) und unverklagbar vor sich hinzustellen.“ Wie schon vorweg auf die enge Verbindung zur Ritualsprache im Hebr hingewiesen wurde, so begegnen wir ihr erneut Hebr 9,14: 367 „um wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst als makelloses (ἄμωμον) Opfer kraft des ewigen Geistes Gott dargebracht hat, unser Gewissen von toten Werken reinigen, damit wir dem lebendigen Gott dienen.“ Auch in 1Petr 1,19 bezieht sich die Makellosigkeit auf das Opferlamm Christus: „… mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Makel (ἀμώμου) und Flecken.“ Weil diejenigen, die dem Lamm folgen, von diesem freigekauft sind, sind auch sie, Apk 14,5 zufolge, „ohne Fehl: sie sind makellos (ἄμωμοί).“ Bei dieser Wortgruppe gibt es einen engen Zusammenhang zwischen den Deuteropaulinen Eph und Kol, Hebr und den Katholischen Briefen und Apk. Ob hierfür Phil 2,15 den Ausschlag gab? Wäre Phil 2,15 erst später redaktionell bearbeitet, würde man sich wohl eine weitere Übereinstimmung mit zusammen‐ hängenden Begriffen - wie etwa „heilig und makellos“ der Deuteropaulinen, „ohne Flecken“ und makellos aus Eph und 1Petr und 2Petr, oder eine Opferter‐ minologie von Hebr und den Katholischen Briefen erwartet haben. 368 Demnach war wohl Phil 2,15 der erste Eintrag dieser Terminologie in einen der sieben Briefe durch die kanonische Redaktion erfolgt, was auch bedeutet, dass die Deuteropaulinen Eph und Kol vermutlich erst danach bei der Zusammenstel‐ lung mit Hebr, den Katholischen Briefen und Apk - ebenso wie diese selbst - in dieser Hinsicht weiter redaktionell bearbeitet wurden. Umgekehrt deutet die Verwendung von ἄζυμος als Bezeichnung für das Pascha‐ fest darauf hin, dass dieser Begriff bereits bei der Bearbeitung der Evangelien kanonisch-redaktionell aufgenommen wurde. Er begegnet in den drei synopti‐ schen Evangelien, wo anstelle des in *Ev 22,8 stehenden τοῦ πάσχα jeweils τῶν ἀζύμων zu finden ist. Auch in Mt 26,17 heißt das Fest so wie in Lk, während Mk 14,1 beide Begriffe aufnimmt: τὸ πάσχα καὶ τὰ ἄζυμα, auch in Mk 14,12, was zeigt, dass wir es bei der Doppelbegrifflichkeit mit einer bewussten Entscheidung zu tun haben, wobei zu bemerken ist, dass in Mk 14,1 das καὶ τὰ ἄζυμα in den Zeugen 05, a, ff 2 fehlt, was noch eine Spur bietet für die Bearbeitungsrichtung *Ev > kanonische Redaktion. Da auch in der Apg das Fest wie in Lk und Mt heißt, spricht dies für die kanonisch-redaktionelle Sprache. 414 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="415"?> 369 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 650-651. In Paulus begegnet das Fest nicht, wobei besonders auffällig ist, dass an der einen Stelle, wo das Adjektiv sich findet, 1Kor 5,7.8, nicht von tatsächlichen ungesäuerten Broten die Rede ist, sondern von der Ethik und davon, dass Christus unser Pascha ist, und zwar vorkanonisch belegt, was erklärt, warum auch das Fest in *Ev τὸ πάσχα heißt. Bis in solche Details hinein geht bisweilen die Übereinstimmung der Sprache von *Ev und *Paulus einerseits und der deutlich davon sich abgrenzenden der kanonischen Redaktion andererseits, auch wenn wir wie in Mk noch Spuren der älteren Version finden. Auch wenn ἄξιος vorkanonisch belegt ist für *Ev 12,48, sind ἀξιόω und ἀξίως vorkanonisch unbezeugt. Das Verb steht in Lk 7,7 gerade in einem Versteil, den Klinghardt zurecht als fehlend markiert hat 369 , und das Adjektiv begegnet in einem weiteren Evangelium nur noch in Mt 22,8. Desto bedeutender ist, dass die Terminologie auch in keinem der sieben Paulusbriefe steht, sondern erst im Deuteropaulinum 2Thess 1,11 innerhalb eines Gebetes auftaucht: „Deshalb beten wir auch ohne Unterlass für euch, dass unser Gott euch für würdig mache (ἀξιώσῃ) und in seiner Macht allen Willen zum Guten und das Werk des Glaubens vollende.“ In 1Tim 5,17 wird das Verb im Kontext von Ämtern gebraucht: „Älteste, die das Amt des Vorstehers gut versehen, sind doppelter Anerkennung würdig (ἀξιούσθωσαν), besonders solche, die sich mit ganzer Kraft dem Wort und der Lehre widmen.“ In negativer Wendung nach Apg 15,38 „hielt aber Paulus es für wert (ἠξίου), ihn [sc. Barnabas] nicht mitzunehmen, weil er sie in Pamphylien im Stich gelassen hatte, nicht mit ihnen gezogen war und an ihrer Arbeit nicht mehr teilgenommen hatte.“ Im Gespräch zwischen „den führenden Männern der Juden“ und Paulus sagen jene nach Apg 28,22: „Wir halten es aber für wert (ἀξιοῦμεν), von dir zu hören, was du denkst; denn von dieser Sekte ist uns bekannt, dass sie überall auf Widerspruch stößt.“ Hebr 3,3 bezieht das Würdigen auf Jesus: „Denn er [sc. der gerade zuvor in Vers 1 genannte Jesus] ist größerer Herrlichkeit gewürdigt worden (ἠξίωται) als Mose, so wie der, der ein Haus erbaut, größere Ehre hat als das Haus selbst.“ In Apk 3,4 geht es um die Würdigkeit von bestimmten Menschen in Sardes: „Du hast aber einige Leute in Sardes, die ihre Kleider nicht befleckt haben; sie werden mit mir in weißen Gewändern gehen, denn sie sind es wert (ἄξιοί εἰσιν).“ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 415 <?page no="416"?> Und wiederum negativ gewandt findet sich das Adjektiv in Apk 16,6: „Sie haben das Blut von Heiligen und Propheten vergossen; deshalb hast du ihnen Blut zu trinken gegeben, so haben sie es verdient (ἄξιοί εἰσιν).“ Im selben Sinn und nicht ohne inhaltliche Anklänge steht das Verb auch in Hebr 10,29: „Meint ihr nicht, dass eine noch viel härtere Strafe der verdient (ἀξιωθήσεται), der den Sohn Gottes mit Füßen getreten, das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, verachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat? “ Werfen wir noch einen Blick auf das Adverb ἀξίως: Zunächst begegnet es in keinem der vier Evangelien, hingegen in einem der beiden Kapitel von Röm, die nachweislich in *Röm fehlen: Röm 16,2, wo es in der Empfehlung für Phöbe heißt: „Nehmt sie im Namen des Herrn auf, würdig (ἀξίως) den Heiligen, und steht ihr in jeder Sache bei, in der sie euch braucht; denn für viele war sie ein Beistand, auch für mich selbst.“ Zu Anfang von Phil 1,27 wird diese Art des Wandels auf die Adressaten bezogen: „Alleine: Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi würdig ist (ἀξίως)! “ Und in 1Thess 2,11-12: „11 Wie ihr wisst, so haben wir jeden einzelnen von euch, wie ein Vater seine Kinder ermahnt, getröstet und aufgerufen, 12 damit ihr in einer Weise wandelt, die Gott würdig ist (ἀξίως), der euch in sein Reich und in seine Herrlichkeit beruft.“ Eine ähnliche Anrede macht Paulus in den Deuteropaulinen, Eph 4,1: „So ermahne ich euch nun, ich, der Gefangene im Herrn, dass ihr der Berufung würdig (ἀξίως) lebt, mit der ihr berufen worden seid.“ Und in ähnlichem Wortlaut liest man in Kol 1,10: „damit ihr des Herrn würdig (ἀξίως) wandelt, ihm in allem wohlgefällig seid, Frucht bringt in jedem guten Werk und wachst in der Erkenntnis Gottes.“ Auch in 3Joh 1,6 wird der Adressat aufgefordert, diesmal aber darum gebeten, Brüder und Fremde entsprechend auszustatten: „Sie haben vor der Gemeinde für deine Liebe Zeugnis abgelegt. Du wirst gut daran tun, wenn du sie für ihre Reise so ausrüstest, wie es Gottes würdig ist (ἀξίως).“ Überblickt man die Belege für diese beiden Begriffe, stellt man zunächst fest, dass sie weder vorkanonisch bei *Ev noch *Paulus und auch nicht in den vier Evangelien auf der kanonischen Ebene zu finden sind. Bei Paulus erscheint ἀξίως innerhalb eines der vorkanonisch abwesenden Schlusskapitel von Röm (Röm 16,2), die bereits zuvor für die zweite kanonische Redaktion notiert wurden, zusammen mit Apg und den Katholischen Briefen, also dem Praxapostolos, und Hebr, so auch hier. Allerdings begegnet ἀξίως auch in den Deuteropaulinen und gelegentlich hier und da in zwei weiteren der sieben Paulusbriefe, gerade so wie auch an einzelnen Stellen in Lk und Mt und in Apk. Trotz dieses Befundes spricht die Präsenz in den einschlägigen Stellen der zweiten kanonischen Redaktion dafür, dass diese Begriffe wohl erst durch 416 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="417"?> 370 Vgl. hierzu die Ausführungen, die aufgrund des Missverständnisses der Stelle in der For‐ schung vorgetragen wurden und sogar Steck dazu veranlassen, einen Anachronismus in *1Kor 15,29, was das erste Jahrhundert betrifft, zu sehen, vgl. R. Steck, Der Galaterbrief nach seiner Echtheit untersucht nebst kritischen Bemerkungen zu den paulinischen Hauptbriefen (1888), 266-268. 371 Vgl. U. Volp, Tod und Ritual in den christlichen Gemeinden der Antike (2002), 39. 372 Tert., Adv. Marc. V 10,1: Viderit institutio ista. Kalendae, si forte, Februariae respondebunt illi, pro mortuis petere. Noli ergo apostolum novum statim auctorem aut confirmatorem eius denotare. sie bei der Hinzunahme des Praxapostolos en vogue kamen, hier vielleicht bedingt durch die Präsenz in den Deuteropaulinen. Jedenfalls stellen auch sie eine Verbindung zwischen den verschiedenen Schriften auf dieser kanonischen Redaktionsebene dar. Den geradezu kontrastierenden Befund bietet ἀρχισυνάγωγος. Der Begriff ist vorkanonisch unbezeugt, fehlt jedoch auch im kanonischen Paulus, in den Katholischen Briefen und in Apk. Hingegen findet er sich in Lk 8,49; 13,14, auch in Mk 5,22 (im Plural). 35. 36. 38, allerdings nicht in Mt und Joh. In Apg 13,15 finden wir den Terminus wieder im Plural und in Apg 18,8 erfahren wir den Namen eines solchen, Krispus, und in 18,17 den eines anderen, Sosthenes. Letz‐ terer begegnet als Mitabsender des Ersten Korintherbriefs in der kanonischen Fassung. In einer Detailuntersuchung wäre zu prüfen, ob der Begriff eher zur ersten oder zur zweiten kanonischen Redaktion gehört. βαπτίζω steht vorkanonisch nur einmal in *Ev (*Ev 11,38) im Sinne von „vor dem Essen reinigen“, nie auf die Taufe der Menschen bezogen, und einmal bei *Paulus in der Wendung οἱ βαπτιζόμενοι ὑπὲρ τῶν νεκρῶν; εἰ ὅλως νεκροὶ οὐκ ἐγείρονται, τί καὶ βαπτίζονται ὑπὲρ αὐτῶν (*1Kor 15,29). Kanonisch gelesen, und so wird es immer übersetzt, geht es um eine „Taufe für die Toten“. Doch was soll eine „Taufe für die Toten“ sein? 370 Vorkanonisch gesehen, wo der Taufbegriff weder einen Bezug zu einer christlichen Initiation noch zu einem sakralen Verständnis hat, scheint der Begriff hingegen ein „Reinigen für die Toten“ zu bedeuten. Das allerdings hat reichlich Hintergrund in jüdischen Rein‐ heitsvorschriften, denn die Berührung eines toten Körpers bedeutete kultische Unreinheit (Num 5,2; 19,11-22), auch Gräber galten als Orte der Unreinheit. 371 Tertullian gibt uns noch den Hintergrund hierzu in seinem Kommentar zur Stelle, wenn er meint, Markion beziehe diese Stelle auf „die Kalenden des Februar“, doch solle er sich dessen „enthalten, den Apostel dafür zu schelten, er habe entweder dieses [Ritual] jüngst erfunden oder ihm seine Zustimmung erteilt“. 372 Wie man aus Ovid erfährt, diente der Februar, insbesondere der 21. des Monats dafür, den Gräbern der Vorfahren die Ehre zu erweisen und ihren §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 417 <?page no="418"?> 373 Vgl. Ovid, Fasti II 19 („Februa Romani dixere piamina patres“; „Die Römer nannten die Reinigungen ‚Februa‘, sagten die Ahnen“), vgl. auch 533-536. 374 Es ist deshalb inkorrekt zu behaupten, Tertullian habe „seine Unwissenheit dessen gestanden, was mit dieser Aktivität [der Totentaufe bei Markion] gemeint sei“, so N.H. Taylor, Baptism for the Dead (1 COR 15: 29)? (2002), 111. Bereits der Herausgeber und englische Übersetzer von Tertullian, Adversus Marcionem I-V, Evans, hatte auf Ovid verwiesen, vgl. zur Stelle. 375 Der Sinn erschließt sich auf der vorkanonischen Ebene nicht mit Sicherheit, während die kanonische Redaktion den Sinn in Eph 4,7 klar als Taufe der Menschen verdeutlicht: Ἑνὶ δὲ ἑκάστῳ ἡμῶν ἐδόθη ἡ χάρις κατὰ τὸ μέτρον τῆς δωρεᾶς τοῦ Χριστοῦ („Jedem einzelnen von uns aber ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe Christi“). Nichtsdestotrotz berichtet Tertullian von der Existenz der Taufe in Markions Gemeinde: „Denn Du erlaubst weder die Verbindung von Mann und Frau noch lässt Du Personen zum Sakrament der Taufe und der Eucharistie zu, die sich sonstwo vermählt hatten, es sei denn, sie hatten miteinander vereinbart, sich vom Geschlechtsverkehr zu enthalten,“ so Tert., Adv. Marc. IV 34,5; vgl. auch ibid. I 14,3; 28,2-3. An anderer Stelle schreibt Tertullian: „Kein Fleisch wird eingetaucht, es sei denn es ist jungfräulich oder verwitwet oder unverheiratet oder hat die Taufe durch Trennung erkauft,“ so Tert., Adv. Marc. I 29,1; ähnlich Ephräm, der Syrer in seinen Hymnen gegen Häresien, 22, 21,5; 27, 2-3; 42, 6-9; vgl. M. Vinzent, Marcion’s Roman Liturgical Traditions, Innovations and Counter-Rites: Fasting and Baptism (2014). Hier muss ich jedoch ein Wort der Vorsicht hinzusetzen, da dieser Artikel noch vor der Rekonstruktion von *Paulus geschrieben wurde. Legt man die neue Textbasis zugrunde, erscheint es vielmehr, dass Markion vielleicht noch keine Taufe in seiner Gemeinde übte und erst spätere Markioniten diese Praxis einführten und Tertullian eine zu seiner Zeit in markionitischen Gemeinden geübte Praxis in die Zeit des Markion nach Rom zurückprojiziert oder diese schlicht annimmt. Die Alternative wäre, dass Markion, wie ich in diesem Artikel annahm, die Taufe möglicherweise als Innovation in seiner Gemeinde einführte, aber noch keine Taufterminologie für diese Praxis entwickelt hatte und auch nicht in *Paulus vorfand. 376 Vgl. zu dieser Thematik ausführlich M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 130-132. 158. manes zu opfern. 373 Aus Ovid erfährt man denn auch, dass die römischen Väter den Namen ‚Februa‘ Instrumenten der Reinigung gegeben haben. 374 Wenn vorkanonisch βάπτισμα in *Ev (*Ev 20,4: Das Taufen des Johannes) wie *Paulus (*Laod 4,5: der einzige vorkanonische Hinweis auf die Taufe des Herrn, der in Eph 4,5 zur Taufe von Menschen semantisch verschoben wird 375 ) begegnet, dann findet sich die Johannestaufe und ein nicht näher erläuterter Taufbegriff in *Laod. Es fehlten dann wieder βαπτισμός und βαπτιστής in *Ev und *Paulus. Der Befund ist für die Bearbeitungsrichtung wichtig. Beginnen wir bei dem vorkanonisch bezeugten βάπτισμα. Der Begriff fällt in *Ev/ Lk 20,4 im Zusammenhang der Frage, ob die Taufe des Johannes aus dem Himmel stammt oder von Menschen. 376 Dann steht er in Lk 12,50, wo er sich jedoch nicht auf die Johannestaufe bezieht, sondern offenkundig auf Jesu künftigen Tod: 377 „Ich 418 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="419"?> 377 Klostermann spricht von einer „Gethsemanestimmung“, E. Klostermann, Das Lukas‐ evangelium (1929), 141. Ernst meint: „ein verhüllter Hinweis auf sein [sc. Jesu] eigenes Martyrium (vgl. Mk 10,38)“, J. Ernst, Das Evangelium nach Lukas (1977), 413. Auf den Tod Jesu hin liest den Vers auch M. Wolter, Das Lukasevangelium (2008), 469. 378 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 926-927. muss mit einer Taufe getauft werden und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist.“ Klinghardt hat wahrscheinlich gemacht, dass sowohl dieser Vers, wie der voranstehende Lk 12,49b „Wie froh wäre ich, es würde schon brennen! “ aus Gründen des Fehlens in Zeuge e (Evangelium Palatinum) und der narrativen Logik im vorkanonischen Text gefehlt haben. 378 Nachdem Mt 3,6-16 von der Johannestaufe und der Taufe Jesu durch Johannes berichtet hat (/ / Mk 1,4. 5. 8. 9 / / Lk 3,7. 12. 16. 21.; vgl. auch Mk 6,14. 24 und Lk 7,29-30), wird in Mt 20,22-23 folgendes ausgeführt: „Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sagten zu ihm: Wir können es. 23 Da antwortete er ihnen: Meinen Kelch werdet ihr trinken; doch den Platz zu meiner Rechten und zu meiner Linken habe nicht ich zu vergeben; dort werden die sitzen, für die es mein Vater bestimmt hat.“ Nun bieten die Zeugen 04, 017, 022, 032, 036, 037, 33, 565, 579, 700, 892, 1241, 1424, l 844, M, (f), h, q, sy p.h , bo pt , (Mar Ir ) folgenden Zusatz nach „den ich trinken werde“ (ὃ ἐγὼ μέλλω πίνειν): ἢ (καὶ 892) τὸ βάπτισμα ὃ ἐγὼ βαπτίζομαι βαπτισθῆναι. Auch in Vers 23 gibt es einen Zusatz, nach „werdet ihr trinken“ (πίεσθε), der geboten wird von folgenden Zeugen: 04, 017, 022, 032, 036, 037, 33, 565, 579, 700, 1241, (1424), l 844, M, f, h, q, sy p.h , bo pt , (Mar Ir ), er lautet: καὶ τὸ βάπτισμα ὃ ἐγὼ βαπτίζομαι βαπτισθήσεσθε, 892 bietet: καὶ τὸ βάπτισμα βαπτισθήσεσθε. Zu vergleichen ist insbesondere die Parallelstelle Mk 10,38: „Jesus erwiderte: Ihr wisst nicht, worum ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder die Taufe auf euch nehmen, mit der ich getauft werde? “ Die Zusätze in Mt deuten darauf hin, dass sie wahrscheinlich erst durch die kanonische Redaktion in den Text genommen wurden, und zwar im Zuge der Bearbeitung und Teilharmonisierung der vier Evangelien, bei der dann diese Thematik der Taufe im Hinblick auf Jesu Tod in die synoptischen Evangelien Eingang fand, und, wie wir sehen werden, im Zusammenhang der Bearbeitung der sieben Paulusbriefe und der Hinzufügung des Praxapostolos zur Sammlung. Schließlich begegnet bei Mk gegen Ende des Evangeliums, Mk 16,15-16, und zwar in dem von vielen für später gehaltenen langen Markusschluss 379 , auch §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 419 <?page no="420"?> 379 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 344-345 rechnet den langen Markusschluss zur kanonischen Ausgabe. 380 Vgl. H.C. Brennecke, Ecclesia est in re publica, id est in imperio romano (Optatus III 3). Das Christentum in der Gesellschaft an der Wende zum „konstantinischen Zeitalter“ (2007), 72-88, 83. 381 Just., 1Apol. 61. 382 Iren., Adv. Haer. III 17,1; Epid., 41. 383 Did. 7,1,3. 384 Acta Thomae 27. 49. 121 u.ö. 385 Apoc.Joh., R. Kasser, Le livre secret de Jean (versets 1-124) (1965), 136. 386 Tert., De bapt. 18,6 (Übers. Kellner): si qui pondus intellegant baptismi magis timebunt consecutionem quam dilationem. 387 „(Tertullian) suggests that the practice was not commonly employed at the beginning of the third century“, C.N. Jefford, How Shaky a Foundation: The Apostolic Fathers (2024), 5. noch eine dritte Verwendung von Taufe, nämlich die missionarische im Hinblick auf die zu taufenden Menschen: „15 Dann sagte er zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung! 16 Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden“. Mt gipfelt sogar in dem Taufauftrag, Mt 28,19: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Hanns Christof Brennecke hat allerdings herausgearbeitet, dass trotz der bedeutenden Stellung dieses Auftrags am Ende des Matthäusevangeliums (wie ähnlich auch bei Mk), er offenkundig nur be‐ scheidene Spuren in der frühchristlichen Literatur hinterlassen hat. 380 Schriften, in denen er begegnet, gerade mit dem Schwerpunkt auf die missionarische Taufe, sind etwa Justins 1. Apologie, 381 Irenäus, Adv. haer. und Epid., 382 die Didache, 383 die Acta Thomae, 384 oder auf die Gegenwart Christi hin gerichtete wie etwa das Apocryphon des Johannes. 385 Auch diese Vergleichstexte sprechen dafür, dass wir es mit einer kanonisch redaktionellen Vorstellung zu tun haben, die aus der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts stammt. Gestützt wird diese zeitliche Kontextualisierung durch Tertullian, der in seiner Schrift über die Taufe schreibt: „Wenn manche einsähen, daß die Taufe eine schwere Bürde ist, so würden sie sich vor deren Erteilung mehr fürchten, als vor dem Aufschub derselben.“ 386 Wie C.N. Jefford in seiner „Presidential Address“ für NAPS im Jahr 2022 richtig gesehen hat, zeigt diese Aussage, dass die Taufpraxis „zu Beginn des dritten Jahrhunderts noch nicht allgemein üblich war“. 387 420 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="421"?> Die Apostelgeschichte (Apg 1,22; 10,37; 13,24; 18,25 und 19,3. 4) benutzt βάπτισμα ausschließlich für die Johannestaufe, das ist besonders an der letzten Stelle eindrücklich, wo sowohl von der Johannestaufe wie von dem Taufen „auf den Namen Jesu“ die Rede ist. Doch nur bei der Johannestaufe steht das Nomen, im Falle der Taufe „auf den Namen Jesu“ nur das Verb „taufen“. Während im vorkanonischen Paulus - mit Ausnahme von *Laod 4,5, ein Vers, auf den wir gleich zu sprechen kommen - βάπτισμα unbezeugt ist, finden wir den Terminus in Röm 6,4, wo Paulus von dem Begrabensein mit Jesus Christus durch die Taufe auf den Tod spricht, hier verknüpft die kanonische Redaktion folglich die zweite und dritte Deutung von βάπτισμα, die auf den Tod Jesu und die missionarische Taufe der Menschen. Es ist dies allerdings die einzige Stelle in den sieben Paulusbriefen, die das Nomen bietet, neben der auch vorkanonisch bezeugten Stelle *Laod/ Eph 4,5. In ihr ist das Nomen in die folgende Formel eingereiht: *Laod 4,5 Eph 4,5 5 εἷς κύριος, μία πίστις, ἓν βάπτισμα, - 5 εἷς κύριος, μία πίστις, ἓν βάπτισμα, 6 εἷς Χριστός, εἷς θεὸς καὶ πατὴρ πάντων, ὁ ἐπὶ πάντων καὶ διὰ πάντων καὶ ἐν πᾶσιν ἡμῖν 6 εἷς θεὸς καὶ πατὴρ πάντων, ὁ ἐπὶ πάντων καὶ διὰ πάντων καὶ ἐν πᾶσιν. *Laod 4,5 Eph 4,5 Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, - 5-ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, 6 ein Christus, ein Gott und Vater aller, der über uns allen und durch alle und in allen ist. 6-ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist. Man bemerke, dass im vorkanonischen Text Christus in der Formel steht und ein ἡμῖν am Ende. Die Formel mit Christus ist insofern sprachlich vollendeter, als dadurch drei mal drei Glieder vorliegen (Herr - Glaube - Taufe; Christus - Gott - Vater aller; über uns allen - durch alle - in allen). Sie könnte, wie in Eph vorliegend vielleicht schon der vorkanonischen Redaktion als Vorlage durch km Laod überliefert worden sein, die sie dann komplettiert hätte. Und auch wenn es eher wahrscheinlich ist, dass eine stilistisch vollkommene Form im Laufe eines Redaktionsprozesses verstümmelt wird, als dass eine unvollkommene Formel in einem solchen Prozess vervollkommnet wird, ist es doch wenig §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 421 <?page no="422"?> wahrscheinlich, dass eine kanonische Redaktion den Christusbegriff gestrichen hätte, wäre er ihr in *Laod begegnet. Es ist jedoch denkbar, dass selbst die ursprüngliche Formel ohne Christus und ohne ἡμῖν am Ende geschaffen war und die ursprünglichen Redaktoren von km Laod beim Rückerhalt des vorkanonisch bearbeiteten Briefes die Korrektur in *Laod verwarfen. Wir dürfen darum davon ausgehen, dass die Formel in der Vorlage km Laod für *Laod so vorlag, wie sie in Eph heute auf uns gekommen ist, und erst die vorkanonische Redaktion sowohl Christus wie ἡμῖν eingefügt hat. Damit hat sie der Formel eine deutlicher christologische Ausrichtung gegeben, bei der es nicht mehr nur um den Herrn geht, der mit Glaube und Taufe gereiht wird, sondern auch um Christus, der als Gott und Vater aller geglaubt wird und der ausdrücklich der absolut transzendente ist und der - personalisiert - über allen, nicht einfach über allem, durch alle und in allen ist. Diese Änderungen können Ausschlag dafür gewesen sein, dass die kanonische Redaktion bei der weiteren Überarbeitung von *Laod zum kanonischen Epheserbrief diese Änderungen nicht übernommen hat. Der Ausdruck „Taufe“ in der Formel lässt offen, um welches Taufverständnis es sich handelt, auch der Kontext ist nicht eindeutig. Zuvor geht es vorkanonisch in *Laod 3 um die Paulus zuteil gewordene Gnade, die zur Enthüllung von Gottes geheimem Ratschluss dienen sollte - wir befinden uns folglich nicht im Zusam‐ menhang von Jesu Tod, doch man kann fragen, ob es um ein missionarisches Verständnis geht. Dafür könnte zunächst der Anschluss der Psalmstelle (Ps 67,19 LXX) in *Laod 4,8 mit „er erbeutete Gefangene“ sprechen, der nach Tertullians Hinweis allegorisch auszulegen war. Doch diese Auslegung rekurriert nicht auf einer mit der Taufe verbundenen missionarischen Tätigkeit der Kirche, sondern mit dem Aufstieg und Abstieg des Herrn. Das aber heißt, dass Taufe in diesem Zusammenhang tatsächlich eher mit der Johannestaufe, auch der Taufe auf den Tod und vielleicht nur verhalten mit der missionarischen Taufe in Verbindung steht. Ganz anders, selbstverständlich, kontextualisiert die kanonische Redaktion. Hier wird die Formel in einen liturgisch-institutionellen Rahmen gestellt und die Formel als Ausdruck der „Hoffnung“ und „Berufung“ der Adressaten ausgelegt (Eph 4,4). Diese redaktionelle Deutung von Taufe begegnet denn auch im weiteren Deuteropaulinum: In Kol 2,12, eine Stelle, die sich eng an Röm 6,3-4 anlehnt, lesen wir: „Indem ihr mit ihm begraben wurdet in der Taufe, in der ihr auch mit ihm auferweckt worden seid durch den Glauben an das Wirken Gottes, der ihn aus den Toten auferweckt hat.“ Diese Taufe findet sich auch in 1Petr 3,21: „Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet. Sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi.“ Beide Verse 422 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="423"?> zeigen Kombinationsvorstellungen von Taufe. Beide Male ist Jesu Todestaufe angedeutet, beim ersten Mal mit dem Begrabensein und der Auferweckung, beim zweiten Mal durch die Auferstehung. Beide Male geht es auch um die Taufe von Menschen, und zwar als missionarische Taufe. Wie sich aus diesem Überblick ergibt, haben wir es mit einer Entwicklung der Semantik zu tun. Auf der vorkanonischen Ebene in *Ev geht es ausschließlich um die Johannestaufe. In *Paulus ist nicht einmal von ihr die Rede. Es verwundert darum auch nicht, dass die Begriffe βαπτισμός und βαπτιστής auf dieser Ebene nicht begegnen. Selbst in den drei synoptischen km Evangelien und in der Apostelgeschichte ist das Nomen βάπτισμα noch fast oder ausschließlich an die Johannestaufe gebunden, ausschließlich dann, wenn man annimmt, dass erst bei der zweiten kanonischen Redaktion dieser Texte das Thema Taufe auf den Tod Jesu in die nun in die Sammlung integrierten vier Evangelien, den Praxapostolos, die Paulinen usw. eingetragen wurde (eben auch nur für Röm 6 in den sieben Paulusbriefen). Hierauf deuten die Zusätze in Mt, die Texte in Mk, die noch nicht in *Ev vorhandenen Stellen in Lk und vor allem ein Komposit wie Apg 19,3-5 hin. Dass auch das missionarische Taufthema dieser redaktionellen Bearbeitungs‐ stufe zugehört, legt sich durch das Auftauchen im längeren Markusschluss und am Ende von Mt nahe, vor allem, wenn man diese Texte in die zeitgenössische Literatur hineinstellt. Dass in der Apostelgeschichte das Nomen βάπτισμα ausschließlich für die Johannestaufe Verwendung findet, deutet darauf hin, dass Apg nicht erst von und ausschließlich für die zweite kanonische Redaktion geschaffen wurde, sondern zumindest auf eine Vorlage km Apg zurückzugehen scheint, die noch eine eigene Zielrichtung verfolgte. Allerdings wird man gerade aus der Passage Apg 19,3-5 schließen dürfen, dass sie die zweite kanonische Redaktion spiegelt, in der Apg ihren Zielen dienlich gemacht wurde. Aufgrund dieser Redaktion stellt diese Passage den engen Zusammenhang zwischen Johannestaufe und dem Taufen auf Jesus und damit der missionarischen Taufe her, während im Praxapostolosschreiben 1Petr 3,21 dann wie bei Röm 6 auch das Nomen für die Taufe auf Jesus Verwendung findet. Die Verwendung des Nomens für die Taufe in *Ev und *Laod stützt die Kohä‐ renz der vorkanonischen Lexik. Dass in *Laod sich zum Teil einer Formel bedient wird, in der - aus der Perspektive der kanonischen Redaktion - „Taufe“ im missionarischen und liturgisch-institutionellen Sinne verstanden wurde, weist darauf hin, dass dieser Brief (wie *Kol und *2Thess) in Nähe der kanonischen Re‐ daktion entstanden ist, auch wenn die naheliegenden kanonischen Deutungen nur bedingt Eingang in die vorkanonische Redaktion gefunden haben. Vielmehr §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 423 <?page no="424"?> werden die aus dem Milieu der kanonischen Redaktion ererbten Vorlagen im Sinne der vorkanonischen Sprache und Inhalte bearbeitet. Und dennoch, wie oben gezeigt, scheint die typisch vorkanonische Lexik und Semantik von βαπτισμός und βαπτιστής nicht im gleichen Maße in diesen Deuteropaulinen auf wie in den übrigen vorkanonischen Texten. Betrachten wir noch die weiteren Begriffe aus dieser Wortfamilie: Es wurde bereits eingangs darauf hingewiesen, dass βαπτίζω vorkanonisch nur einmal in *Ev (*Ev 11,38) im Sinne von Reinigen vor dem Essen (so auch Mk 7,4; Lk 11,38; vgl. auch Hebr 9,10) steht und nie auf die Taufe von Menschen bezogen wird, bei *Paulus fehlt das Verb überhaupt. Hingegen begegnet das Verb auf kanonischer Ebene in Röm 6,3 für die Taufe auf Jesus, wie schon gezeigt wurde, wobei vorausgesetzt wird, dass Paulus selbst auch auf Christus Jesus getauft wurde: „Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, auf seinen Tod getauft sind? “ Von seinen Adressaten als Getaufte spricht auch Gal 3,27: „Denn ihr seid alle in Christus getauft, habt Christus angezogen.“ Häufiger steht das Verb dann im Ersten Korintherbrief. Zunächst in einer längeren Passage, die vorkanonisch fehlt: „13 Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwa Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden? 14 Ich danke Gott, dass ich niemanden von euch getauft habe, außer Krispus und Gaius, 15 damit keiner sagen kann, ihr seiet auf meinen Namen getauft worden. 16 Doch habe ich auch das Haus des Stephanas getauft. Das übrige weiß ich nicht mehr, ob ich jemand anderes getauft habe. 17-Christus hat mich nämlich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden, nicht in der Weisheit des Wortes, damit das Kreuz Christi nicht entleert wird.“ (1Kor 1,13-17) Zwar wird an dieser Stelle nicht explizit von Taufen auf den Namen Jesu Christi gesprochen, doch lässt sich dies aus der Ablehnung, es sei kein Taufen auf den Namen des Paulus, aus dem Vers ableiten. 1Kor 10,2 spricht dann von Taufen „auf Mose … in der Wolke und im Meer“. 1Kor 12,13 scheint davon auszugehen, dass auch Paulus wie seine Adressaten getauft ist: „Durch einen Geist wurden wir alle in einen Leib getauft, Juden wie Griechen, Sklaven wie Freie; und alle wurden wir mit dem einen Geist getränkt.“ In 1Kor 15,29 wird dann auch noch erwähnt, dass sich „einige für die Toten taufen“ lassen. Reichlich verwendet wird schließlich das Verb auch in den vier Evangelien, dann auch in der Apg. Wie bereits zuvor notiert, begegnet das Verb, außer mit der Konnotation für Reinigung (*Ev 11,38; so auch Mk 7,4; *Ev/ Lk 11,38), vorkanonisch nicht, kanonisch zunächst im Zusammenhang mit der Johannestaufe (Mt 3,6. 11. 13. 14. 16 / / Mk 1,4. 5. 8. 9; 6,14. 24 / / Lk 3,7. 12. 16. 21.; 7,29-30), dann innerhalb der 424 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="425"?> 388 Vgl. zu diesem Befund bereits M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 261. Schnackenburg meint, „daß auf die Taufe Jesu nur angespielt wird“, was bereits ein Euphemismus ist, doch einige Seiten später spricht der Kommentator schlicht und ohne Einschränkung von „der Taufe Jesu“, was sich nur aus der Querlektüre des Johannesevangeliums aus dem Blickwinkel der Synoptiker ergibt - so liest man Texte innerhalb einer Sammlung -, R. Schnackenburg, Das Johannesevangelium 1 Einleitung und Kommentar zu Kap. 1-4 (1965), 284. 303. Schärfer sieht Walter Bauer, der feststellt, dass Joh „die Erzählung, daß und wie Jesus getauft worden sei … entbehr[t]“, W. Bauer, Das Johannesevangelium (1933), 39. Weiss nennt es ein „blosses Schweigen von der Taufe Jesu“ und erklärt dies damit, dass Joh nicht „eine in der Gemeinde überall angenommene Thatsache wegleugnen“ wollte, sondern „wie in der Versuchungsgeschichte ein Moment der Herrlichkeitsoffenbarung des Logos“ nicht darin sehen konnte, B. Weiss, Das Johannes-Evangelium (1902), 73. Zusätze Mt 20,22-23 bzw. in Mk 10,38-39 und Lk 12,50 mit der Taufe auf den Tod, und dem missionarischen Taufauftrag (Mt 28,19 / / Mk 16,16). Im Unterschied zum Nomen finden wir das Verb auch im Johannesevangelium - und hier gleich eingangs, um die Verbindung zwischen dem Taufen des Johannes (wobei nirgends gesagt wird, Johannes habe Jesus getauft) und dem Taufen mit Heiligem Geist durch Jesus miteinander hierarchisch zu verknüpfen ( Joh 1,25-33): „25 Sie fragten ihn: Warum taufst du denn, wenn du weder der Messias noch Elija noch der Prophet bist? 26 Johannes antwortete ihnen: Ich taufe mit Wasser. Mitten unter euch steht der, den ihr nicht kennt, 27 der nach mir kommt, dessen Schuhriemen aufzuknüpfen ich nicht würdig bin. 28 Das geschah in Betanien jenseits des Jordan, wo Johannes taufte. 29 Am folgenden Tag sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt. 30 Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, weil er vor mir war. 31 Auch ich kannte ihn nicht. Aber um Israel mit ihm bekannt zu machen, deshalb bin ich gekommen und taufe mit Wasser. 32 Und Johannes bezeugte: Ich sah den Geist wie eine Taube vom Himmel herabsteigen und er blieb auf ihm. 33 Auch ich kannte ihn nicht. Aber er, der mich gesandt hat, um mit Wasser zu taufen, hat zu mir gesagt: Auf wen du den Geist herabsteigen und auf ihm bleiben siehst, der ist es, der mit Heiligem Geist tauft.“ Diesem Bericht zufolge wurde Johannes beauftragt, mit Wasser zu taufen, auch den zu offenbaren, auf den er den Geist herabkommen sieht, doch dass er selbst Jesus getauft habe, wird nicht gesagt. 388 Es fehlt entsprechend auch der Titel „Täufer“ in Joh. Dieselbe Kombination des Taufens durch Jesus und dem Taufen durch Johannes, allerdings zum ausdrücklichen Zweck, dass Jesu Taufen von Johannes gestützt wird, begegnet in Joh 3,22-27: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 425 <?page no="426"?> 389 Zu diesem Thema vgl. weiter unten, nächste Seite. „22 Danach begab sich Jesus mit seinen Jüngern in die Landschaft Judäa. Dort hielt er sich mit ihnen auf und taufte. 23 Aber auch Johannes taufte, nämlich in Änon bei Salim, weil es dort viel Wasser gab. Und die Leute kamen und ließen sich taufen. 24 Johannes war nämlich noch nicht ins Gefängnis geworfen worden. 25 Da kam es zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden zum Streit über die Reinigung. 26 Sie gingen zu Johannes und sagten zu ihm: Rabbi, der bei dir war jenseits des Jordan und für den du Zeugnis abgelegt hast, siehe, der tauft, und alle kommen zu ihm. 27 Johannes antwortete: Kein Mensch kann sich etwas nehmen, wenn es ihm nicht vom Himmel gegeben ist.“ Etwas eigentümlich ist die in Joh 4,1-2 nachgeschobene Information, wonach nicht Jesus selbst, sondern seine Jünger es seien, die taufen, außerdem sei den Pharisäern zu Ohren gekommen, Jesus sei erfolgreicher in seiner Taufmission als Johannes: „1 Als Jesus erfuhr, dass den Pharisäern zu Ohren gekommen war, er gewinne und taufe mehr Jünger als Johannes, 2 doch taufte Jesus nicht selbst, sondern seine Jünger.“ Ohne wirkliche Erklärung wird schließlich in Joh 10,40 berichtet: „Dann ging er wieder auf die andere Jordanseite an den Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte, und blieb dort.“ Im Johannesevangelium lesen wir demnach nichts von einem Taufen auf Jesus oder auf Jesu Tod, überhaupt ist das Taufen des Johannes kein Akt der Umkehr, die Bußpredigt wird vielmehr Jesus selbst in den Mund gelegt ( Joh 8,33. 37-39. 56). Taufen ist Offenbaren Jesu für Israel, eine Art Vorstufe zum eigentlichen Taufen, das Jesus zugesprochen wird, der nicht mit Wasser, sondern mit Heiligem Geist taufe ( Joh 1,31. 33). Dass Taufen mit Wasser geschieht und eine Reinigung bedeutet, wird nur bezüglich der Johannestaufe erwähnt ( Joh 3,23-25). 389 Apg 1,5 liest sich zunächst wie eine Fortsetzung von Joh: „Denn Johannes hat mit Wasser (ὕδατι) getauft (ἐβάπτισεν), ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft werden.“ Wenig später aber ergänzt die Apg die Angaben des Joh mit synoptischen Stücken. Wie bereits zuvor vermerkt, benutzt sie das Nomen für die Johannestaufe (ab Apg 1,22) und dann folgt die Erwähnung der missionarischen (Massen-)Taufe, die als Umkehr und Vergebung der Sünden zur Vorbereitung für die Gabe des Heiligen Geistes verstanden wird (Apg 2,38), vor allem aber als das Aufnahmeritual für die Zugehörigkeit zur Gemeinde - eine Deutung, die Apg in den Mund des Petrus legt und aus Apg 2,41 hervorgeht. 390 In Apg 8 dient diese missionarische Taufe 426 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="427"?> 390 Vgl. Apg 2,38: Πέτρος δὲ πρὸς αὐτούς, Μετανοήσατε, [φησίν,] καὶ βαπτισθήτω ἕκαστος ὑμῶν ἐπὶ τῷ ὀνόματι Ἰησοῦ Χριστοῦ εἰς ἄφεσιν τῶν ἁμαρτιῶν ὑμῶν, καὶ λήμψεσθε τὴν δωρεὰν τοῦ ἁγίου πνεύματος. Apg 2,41 spricht von 3.000 Neumitgliedern an einem Tag. 391 Vgl. die formelhaften Wendungen in Hebr 6,2: βαπτισμῶν διδαχῆς ἐπιθέσεώς τε χειρῶν, ἀναστάσεώς τε νεκρῶν, καὶ κρίματος αἰωνίου. gar zur Abwerbung von Menschen, die dem samaritanischen Zauberer Simon zuneigten, doch dann der Predigt des Philippus vertrauten und sich samt Simon taufen ließen (Apg 8,5-13). Doch weil sie „nur getauft auf den Namen Jesu, des Herrn“ waren, bedurften sie noch des Eingreifens des Petrus und Johannes, die den Getauften die Hände auflegten für den Geistempfang (Apg 8,14-25). Unmittelbar im Anschluss wird dann die Taufe des äthiopischen Kämmerers berichtet (Apg 8,26-40). Schließlich wird die Taufe des Saulus durch Hananias erzählt (Apg 9,1-18), dann die Taufe des heidnischen Hauptmanns Cornelius und der anwesenden Heiden (Apg 10,23-47; wiederholt in Apg 11,1-18), die der gottesfürchtigen Purpurhändlerin Lydia aus Thyatira und ihres Hauses (Apg 16,14-15), des Gefängniswärters und seinese Hauses (Apg 16,23-33), des Synagogenvorstehers Krispus, seines ganzen Hauses und vieler Korinther (Apg 18,8), etwa die von zwölf Männern in Ephesus (Apg 19,1-7), und wiederholt zum Schluss der geradezu atemberaubenden Tauftour wird wiederholt, wie es dazu kam, dass Saulus durch Hananias getauft wurde (Apg 22,2-21). Was an missionarischer Taufkonzeption durch die kanonische Redaktion in die synoptischen Evangelien eingetragen wurde, das exemplifiziert die Apostel‐ geschichte in höchst lebendiger, wenn nicht sogar in überzogener Weise. Desto erstaunlicher ist, dass diese Fülle von Taufberichten einer völligen Abwesenheit des Verbs in den Katholischen Briefen, Hebr, den Deuteropaulinen und Apk gegenübersteht. Selbstverständlich wurde schon zuvor zum Nomen vermerkt, dass dieses in den Deuteropaulinen Eph und Kol und auch in 1Petr begegnet, von Taufen ist dann ebenfalls in Hebr 6,2 die Rede, und im letzten Fall geradezu formelhaft-liturgisch. 391 Aus all dem ergibt sich, dass die oben zum Nomen angestellten Überlegungen sich durch die Beobachtungen zum Verb zum Teil stützen und auch ergänzen lassen. Hatte etwa die Verwendung des Nomens vorkanonisch den Bezug zur Johannestaufe, ohne dass sich die Taufterminologie (Nomen, Verb oder verwandte Begriffe) auf dieser Ebene finden lässt, schlägt sich zunächst einmal diese Terminologie bei der Überarbeitung von *Ev hin zu den vier km Evangelien nieder - allerdings setzt zusätzlich der kanonische Sinn einer Taufe auf den Tod Jesu und auch der der missionarischen Taufe von Menschen ein. Auch die Apg spiegelt noch wie die km Evangelien die Abhängigkeit von *Ev, indem §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 427 <?page no="428"?> 392 Zum Nomen mit weiterer Literatur vgl. A. MacGowan, The Myth of the „Lord’s Supper“: Paul’s Eucharistic Meal: Terminology and Its Ancient Reception (2015), 506-509; M. Klinghardt, Gemeinschaftsmahl und Mahlgemeinschaft. Soziologie und Liturgie frühchristlicher Mahlfeiern (1994), 269-371. 393 Joh bezeichnet das Abschiedsmahl folgerichtig nicht als Passamahl. Die Hinweise, die wir besitzen, deuten lediglich darauf hin, dass das Mahl in der zeitlichen Nähe von Pessach stattfand. Zum Zeitpunkt, da Jesus stirbt, werden die Lämmer für das Passamahl das Nomen ausschließlich für die Johannestaufe benutzt wird, darum die ausgesprochene Vermutung, dass ähnlich wie die vier km Evangelien auch Apg zunächst eigenständig war, bevor sie mit den weiteren Schriften harmonisiert wurde. Wie die Beschränktheit der Taufterminologie auf dieser Ebene belegt, scheint erst die Überarbeitung von km Apg, d. h. die aus dem kanonischen Milieu stammende Apg vor ihrer Integration in die größere Sammlung durch die zweite kanonische Redaktion, bei deren Integration in die größere Sammlung die intensive Verwendung der missionarischen Taufterminologie veranlasst zu haben, was aus der Verwendung des Verbs deutlich wird, das die Apg zur Fanfare des missionarischen Taufgedankens macht - dieses Verb in diesem Sinn zieht sich wie ein roter Faden durch diese Schrift und scheint, wie die Zusätze in Mt zeigen, wohl zum selben Zeitpunkt auch in die vier km Evangelien eingetragen worden zu sein, als diese mit der Apg in der Sammlung vereint wurden, d. h. zum Zeitpunkt der zweiten kanonischen Redaktion. Dass die Verwendung dieser Terminologie ein typischer Gedanke kanonischer Redaktoren ist, lässt sich an der Verwendung des Nomens nicht für die Johannestaufe, sondern für die missionarische Taufe auf den Tod Jesu in Eph und Kol ablesen, wie man dieses dann auch in Röm 6 und nicht nur in Apg, sondern auch im Praxapostolos (1Petr) findet. Es lässt sich an dieser Wortfamilie folglich die Entwicklung von der vorkanonischen *Ebene über die erste kanonische Redaktion mit den vier km Evangelien hin zur zweiten kanonischen Redaktion mit der Apg verfolgen. Kommen wir zu δειπνέω und δεῖπνον. Das Verb fehlt auf der vorkanonischen Ebene. Das Nomen steht hingegen vorkanonisch bezeugt für *Ev 14,12. 16. 17. 24, vielleicht auch 20,46, jedoch nie im Zusammenhang mit dem Abschiedsmahl des Herrn. 392 Für dieses verwendet *Ev den Namen τὸ πάσχα (*Ev 22,8. 15), worauf auch *1Kor 5,7 anspielt („Christus ist als unser Pascha geopfert worden“). Der Sprachgebrauch, wonach δεῖπνον nicht für dieses Paschamahl Verwen‐ dung findet, begegnet auch in den synoptischen Evangelien (Mt 23,6; Mk 6,21; 12,39; Lk 14,12. 16. 17. 24; 20,46) und selbst in Joh, wo es wie in den synoptischen Evangelien auch für ein normales Mahl stehen kann ( Joh 12,2) und wiederholt für das Abschiedsmahl mit Jesus Verwendung findet, meint es nicht das Pascha‐ mahl ( Joh 13,2. 4; 21,20). 393 Mk, Mt und Lk schließen sich für dieses Mahl *Ev 428 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="429"?> geschlachtet. In Joh liegt der Todestag Jesu vor dem Passafest, in den Synoptikern ist es der erste Festtag. Das ist der eine - der einzige - Unterschied zwischen den Synoptikern und Joh, der sich nicht ausgleichen lässt. Des Weiteren wird in Joh 18,28 erwähnt, dass die jüdischen Führer vor dem Passahfest nicht in das Prätorium gehen wollten, um sich nicht zu verunreinigen. Dies deutet darauf hin, dass das Passahfest bevorstand (s. auch Joh 11,55; 12,1; 13,1; 18,39; 19,14: τὸ πάσχα), vgl. P.F. Bradshaw, Reconstructing Early Christian Worship (2009), 3-4. 394 Vgl. Mk 14,12-16: 12 Καὶ τῇ πρώτῃ ἡμέρᾳ τῶν ἀζύμων, ὅτε τὸ πάσχα ἔθυον, λέγουσιν αὐτῷ οἱ μαθηταὶ αὐτοῦ, Ποῦ θέλεις ἀπελθόντες ἑτοιμάσωμεν ἵνα φάγῃς τὸ πάσχα; 13 καὶ ἀποστέλλει δύο τῶν μαθητῶν αὐτοῦ καὶ λέγει αὐτοῖς, Ὑπάγετε εἰς τὴν πόλιν, καὶ ἀπαντήσει ὑμῖν ἄνθρωπος κεράμιον ὕδατος βαστάζων: ἀκολουθήσατε αὐτῷ, 14 καὶ ὅπου ἐὰν εἰσέλθῃ εἴπατε τῷ οἰκοδεσπότῃ ὅτι Ὁ διδάσκαλος λέγει, Ποῦ ἐστιν τὸ κατάλυμά μου ὅπου τὸ πάσχα μετὰ τῶν μαθητῶν μου φάγω; 15 καὶ αὐτὸς ὑμῖν δείξει ἀνάγαιον μέγα ἐστρωμένον ἕτοιμον· καὶ ἐκεῖ ἑτοιμάσατε ἡμῖν. 16 καὶ ἐξῆλθον οἱ μαθηταὶ καὶ ἦλθον εἰς τὴν πόλιν καὶ εὗρον καθὼς εἶπεν αὐτοῖς, καὶ ἡτοίμασαν τὸ πάσχα. Mt 26,17-19: 17 Τῇ δὲ πρώτῃ τῶν ἀζύμων προσῆλθον οἱ μαθηταὶ τῷ Ἰησοῦ λέγοντες, Ποῦ θέλεις ἑτοιμάσωμέν σοι φαγεῖν τὸ πάσχα; 18 ὁ δὲ εἶπεν, Ὑπάγετε εἰς τὴν πόλιν πρὸς τὸν δεῖνα καὶ εἴπατε αὐτῷ, Ὁ διδάσκαλος λέγει, Ὁ καιρός μου ἐγγύς ἐστιν: πρὸς σὲ ποιῶ τὸ πάσχα μετὰ τῶν μαθητῶν μου. 19 καὶ ἐποίησαν οἱ μαθηταὶ ὡς συνέταξεν αὐτοῖς ὁ Ἰησοῦς, καὶ ἡτοίμασαν τὸ πάσχα; Lk 22,7-14: 7 Ἦλθεν δὲ ἡ ἡμέρα τῶν ἀζύμων, [ἐν] ᾗ ἔδει θύεσθαι τὸ πάσχα. 8 καὶ ἀπέστειλεν Πέτρον καὶ Ἰωάννην εἰπών, Πορευθέντες ἑτοιμάσατε ἡμῖν τὸ πάσχα ἵνα φάγωμεν. 9 οἱ δὲ εἶπαν αὐτῷ, Ποῦ θέλεις ἑτοιμάσωμεν; 10 ὁ δὲ εἶπεν αὐτοῖς, Ἰδοὺ εἰσελθόντων ὑμῶν εἰς τὴν πόλιν συναντήσει ὑμῖν ἄνθρωπος κεράμιον ὕδατος βαστάζων· ἀκολουθήσατε αὐτῷ εἰς τὴν οἰκίαν εἰς ἣν εἰσπορεύεται. 11 καὶ ἐρεῖτε τῷ οἰκοδεσπότῃ τῆς οἰκίας, Λέγει σοι ὁ διδάσκαλος, Ποῦ ἐστιν τὸ κατάλυμα ὅπου τὸ πάσχα μετὰ τῶν μαθητῶν μου φάγω; 12 κἀκεῖνος ὑμῖν δείξει ἀνάγαιον μέγα ἐστρωμένον· ἐκεῖ ἑτοιμάσατε. 13 ἀπελθόντες δὲ εὗρον καθὼς εἰρήκει αὐτοῖς, καὶ ἡτοίμασαν τὸ πάσχα. 14 Καὶ ὅτε ἐγένετο ἡ ὥρα, ἀνέπεσεν καὶ οἱ ἀπόστολοι σὺν αὐτῷ. an und nennen es τὸ πάσχα. 394 Joh hat auffallenderweise keinen besonderen Namen für das Mahl. Bedeutend ist auch, dass Paulus erst auf der kanonischen Ebene von diesem Mahl als δεῖπνον (1Kor 11,20-21) spricht, was anzeigt, dass vorkanonisch dieses Nomen noch nicht auf das Herrenmahl Anwendung fand und auch in 1Kor ausdrücklich als solches adjektivisch qualifiziert werden muss (1Kor 11,20: κυριακὸν δεῖπνον). Die Passagen in Joh und 1Kor spiegeln folglich die kanonische Redaktionsgewohnheit wider. Apk 19,9. 17 überhöht die Vorstellung, indem sie vom eschatologischen „Hochzeitsmahl des Lammes“ und vom „großen Mahl Gottes“ spricht. Zu diesem Befund passt die Benutzung des Verbs δειπνέω. Dieses begegnet in Lk 22,20 im Zusammenhang des letzten Paschamahls, und zwar in einem Vers, für den Klinghardt aufgrund der Nichtbezeugung in Tertullian und den Lk-Handschriftenzeugen plausibel machen konnte, dass er (wie 22,19b) im vorkanonischen Text gefehlt hat und erst durch die kanonische Redaktion auf‐ genommen wurde. Vielleicht stand es im Zusammenhang mit einem normalen §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 429 <?page no="430"?> 395 J. Roloff, Die Offenbarung des Johannes (1984), 64. 396 Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 42. So bereits T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 479; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Mono‐ graphie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 219*; K. Tsutsui, Das Evangelium Marcions. Ein neuer Versuch der Textrekonstruktion (1992), 110; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 172; M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 986-987. 397 Röm 15,10: καὶ πάλιν λέγει, Εὐφράνθητε, ἔθνη, μετὰ τοῦ λαοῦ αὐτοῦ; vgl. Dtn 32,43 LXX: εὐφράνθητε, οὐρανοί, ἅμα αὐτῷ, καὶ προσκυνησάτωσαν αὐτῷ πάντες υἱοὶ θεοῦ· εὐφράνθητε, ἔθνη, μετὰ τοῦ λαοῦ αὐτοῦ-… Mahl in *Ev 14,24 wie das Nomen auch. Wie in Lk, so begegnet das Verb erneut in 1Kor 11,25 im selben Zusammenhang des Herrenmahls. Apk 3,20, wie zuvor zum Nomen angedeutete, überhöht die Vorstellung erneut, indem der Vers einen „Hinweis auf das baldige Kommen des Herrn und Vorwegnahme der zukünftigen Mahlgemeinschaft mit ihm in der Vollendung“ gibt, 395 ein Mahlhalten (des Herrn) mit den Menschen, die ihn einlassen. Bei diesem kleinen Einblick in die Verwendung dieser beiden Termini ergibt sich erneut eine kohärente Lexik und Semantik der vorkanonischen Ebene in *Ev und *Paulus, es zeigt sich aber interessanterweise auch - wie beim vorangegangenen Vergleich zu Taufe und Taufen, dass sich diese Lexik und Semantik, was das Nomen betrifft, auch noch in den synoptischen Evangelien bemerkbar macht, jedoch auf der Ebene des Verbs ändert. Als Verb trägt es die kanonische Redaktion auch hier gerade in Lk, dann auch in 1Kor ein, während in Joh auch das Nomen für das Abschiedsmahl Verwendung findet, auch bedingt durch die verschiedene zeitliche Verortung dieses Mahls im Vergleich zu den Synoptikern. εὐφραίνω ist ein recht beliebter Begriff auf der kanonischen Ebene, doch er begegnet vorkanonisch weder in *Ev noch in *Paulus. Insbesondere steht er gleich vier Mal in einer Perikope, die in *Ev nach Epiphanius als fehlend bezeugt ist, im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15,11-32), 396 und es wird auch in Lk 16,19 gefehlt haben, wo nur Adamantius der Zeuge ist. Auch in keinem anderen der vier Evangelien taucht der Begriff auf, dafür steht er aber wieder in einem der beiden Kapitel im Römerbrief, die für *Röm als abwesend gelten (Röm 15,10). Hier an dieser Stelle, die ein Zitat aus Dtn 32,43 darstellt, 397 und überhaupt auf der kanonischen Ebene von Paulus erfreut sich das Verb einiger Beliebtheit. Es geht um das Erfreuen von Paulus selbst (2Kor 2,2), in Gal 4,27 steht es wieder in einem Zitat aus der jüdischen Schrift, 430 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="431"?> 398 Gal 4,27: γέγραπται γάρ, Εὐφράνθητι, στεῖρα ἡ οὐ τίκτουσα: ῥῆξον καὶ βόησον, ἡ οὐκ ὠδίνουσα: ὅτι πολλὰ τὰ τέκνα τῆς ἐρήμου μᾶλλον ἢ τῆς ἐχούσης τὸν ἄνδρα; vgl. Is 54,1 LXX: Εὐφράνθητι, στεῖρα ἡ οὐ τίκτουσα, ῥῆξον καὶ βόησον, ἡ οὐκ ὠδίνουσα, ὅτι πολλὰ τὰ τέκνα τῆς ἐρήμου μᾶλλον ἢ τῆς ἐχούσης τὸν ἄνδρα, εἶπεν γὰρ κύριος. 399 Apg 2,26: διὰ τοῦτο ηὐφράνθη ἡ καρδία μου καὶ ἠγαλλιάσατο ἡ γλῶσσά μου, ἔτι δὲ καὶ ἡ σάρξ μου κατασκηνώσει ἐπ’ ἐλπίδι; vgl. Ps 15,9 LXX: διὰ τοῦτο ηὐφράνθη ἡ καρδία μου, καὶ ἠγαλλιάσατο ἡ γλῶσσά μου, ἔτι δὲ καὶ ἡ σάρξ μου κατασκηνώσει ἐπ᾽ ἐλπίδι. 400 Vgl. S.-406. Jes 54,1. 398 Auch in Apg 2,26 steht es wieder in einem solchen Zitat, dieses Mal aus Ps 15 genommen, 399 der uns bereits zuvor beim Verb ἀγαλλιάω begegnet ist. 400 Und in Apg 7,41 findet es sich erneut in der Beschreibung Israels, das sich dem selbstgeschaffenen Götzenwerk erfreut. Auch in Apk begegnet εὐφραίνω (Apk 11,10; 12,12; 18,20), wobei auch hier, in Apk 12,12, es aus den jüdischen Schriften gezogen ist, und zwar wie in Röm 15,10 aus Dtn 32,43. Auch Apk 18,20 lässt die jüdische Schrift anklingen, allerdings ist dieser Vers Jer 51,48 in der Septuaginta nicht erhalten. Eindrucksvoll zeigt sich nicht nur neuerlich die Konsistenz der vorkanoni‐ schen Ebene, sondern auch die der kanonischen Redaktion, wobei sich wie‐ derum nahelegt, dass auch die zu dieser Redaktion gehörenden Evangelien km Mt, km Mk, km Lk, km Joh diesen Begriff entbehrten, und er erst auf der Ebene der er‐ weiterten Sammlung mit der Hinzunahme von und in Überarbeitung von km Apg, der Abfassung von Röm 15-16, der Überarbeitung der sieben *Paulusbriefe und dem Zuschluss von Apk diese redaktionellen Elemente aufgenommen wurden, wiederholt als Rückbindung des Textes an die jüdischen Schriften. Es ist diese Rückbindung an jüdische Schriften, die Markion in seiner Präfatio kritisiert hatte, was aber vermutlich gerade deshalb eine Motivation bildete, um diesen Zug der Rückbindung an die Schrift innerhalb der erweiterten Sammlung noch erheblich deutlicher zu machen. Einen teilweise parallelen Fall bildet die Wortgruppe πρεσβεία, πρεσβεύω, πρεσβυτέριον, πρεσβύτερος, denn sie begegnet in Lk 15,25 und Lk 22,52, beide Male in explizit als vorkanonisch abwesend markierten Perikopen, und weist weitere Elemente auf, wie sie im voran besprochenen Vergleich begegneten. Man vergleiche auch πρεσβύτης, das sich in Lk 1,18 findet, in der Ankündigung der Geburt des Johannes, die in *Ev fehlt, dann wieder in Phlm 1,9 und Tit 2,2. Ebenso betrachte man πρεσβῦτις, das nur in Tit 2,3 steht. Trotz der reichen Bezeugung allein von πρεσβύτερος (66 Belege im Neuen Testament) ist die Wortgruppe weder für *Ev noch für *Paulus bezeugt. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 431 <?page no="432"?> 401 Vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1162. 402 E. Lohmeyer, Das Evangelium des Markus (1967), 153. Im Folgenden geht es um eine zentrale Gruppe für die frühchristliche Liturgie, die bis auf eine Ausnahme auf der vorkanonischen Ebene, sowohl für *Ev wie *Paulus, unbezeugt ist: εὐχαριστέω, εὐχαριστία, εὐχάριστος. Die Ausnahme am Anfang. Zwar haben wir eine unterschiedliche Bezeugung für *Ev 10,21, insofern Tertullian „Gratias enim, inquit, ago et confiteor“ bietet, während Epiphanius lediglich εὐχαριστῶ σοι anführt, doch auch wenn Tertullian zusätzlich das für Lk bezeugte ἐξομολογοῦμαί σοι zu lesen scheint, bestätigen doch beide, Tertullian und Epiphanius, die Benutzung von εὐχαριστῶ σοι als Teil der Worte Jesu. In Lk 17,16 könnte das Verb vielleicht ebenfalls gestanden sein, und zwar im Zusammenhang des Samariters, der Gott dankt (Tert.: „deo gratiam reddidit Samarites“), wenn man aber Lk 22,17. 19 hinzunimmt - Lk 18,11 ist unbezeugt für *Ev - und sieht, dass Klinghardt mit Recht auf die Lesart für Lk 22,17 in d verweist, die sich von 05 unterscheidet und benedixit bietet, was zurecht mit εὐλογήσας von ihm wiedergegeben wird, und dass dann für Vers Lk 22,19 in d wiederum benedixit steht und durch Adamantius das εὐλογήσας bestätigt wird, 401 ist wohl auch damit zu rechnen, dass wir auch für Lk 17,16 in der Vorlage *Ev mit εὐλογέω („segnen“) anstelle von εὐχαριστέω („danken“) zu rechnen haben. Andererseits könnte man auf *Ev 10,21 verweisen, wo Tertullian εὐχαριστῶ σοι mit „gratias ago“ wiedergegeben hat. Der Einstieg in die Diskussion ist mit Hypothesen belastet, erst die weiteren Vergleiche werden den Einblick vertiefen. Mk 8,6 bietet bei der Erzählung von der Speisung der Viertausend folgenden Text: „Da forderte er die Leute auf, sich auf den Boden zu setzen. Dann nahm er die sieben Brote, sprach das Dankgebet (εὐχαριστήσας), brach die Brote und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen; und die Jünger teilten sie an die Leute aus.“ Mk bietet folglich einen „Dank“ zum Brot, der einen „Anklang an den Wortlaut des Abendmahlberichtes“ hören lässt. 402 Im Bericht zum Abendmahl heißt es dann in Mk 14,22-24: „22 Während des Mahls nahm er das Brot und sprach den Segen; dann brach er das Brot, reichte es ihnen und sagte: Nehmt, das ist mein Leib. 23 Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet (εὐχαριστήσας), gab ihn den Jüngern und sie tranken alle daraus. 24 Und er sagte zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird.“ 432 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="433"?> 403 Lohmeyer unterscheidet nicht, sondern übersetzt mit „danken“, im zugehörigen Kom‐ mentar spricht er jedoch vom „Segen“, ibid. 302-303 Hier ist Schmid präziser, der zwischen beidem unterscheidet, vgl. J. Schmid, Das Evangelium nach Markus (1938), 165-167. Auch Grundmann macht einen Unterschied, reflektiert aber nicht darüber, W. Grundmann, Das Evangelium nach Markus (1971), 284-285. McGowan hat darauf hinge‐ wiesen, dass die Terminologie „unterbewertet ist bei der Interpretation frühchristlicher Mähler“ („Names thus remain underutilized in interpreting early Christian meals“), A. MacGowan, The Myth of the „Lord’s Supper“: Paul’s Eucharistic Meal: Terminology and Its Ancient Reception (2015), 504. Es erstaunt, dass Mk hier - im Unterschied zu Mk 8,6 - mit dem Brot nicht das „Dankgebet“ verbindet, sondern den „Segen“. 403 Auch in Mt 14,19 bei der Speisung der Fünftausend (vgl. die Parallele in Mk 6,41) heißt es εὐλόγησεν καὶ κλάσας ἔδωκεν τοῖς μαθηταῖς τοὺς ἄρτους. Hingegen in Mt 15,36 bei der Speisung der Viertausend lesen wir: „Und er nahm die sieben Brote und die Fische, sprach das Dankgebet (εὐχαριστήσας), brach sie und gab sie den Jüngern und die Jünger gaben sie den Menschen.“ Deutlich steht auch dieser Text in Nähe zum Bericht über das Abendmahl, Mt 26,26-28 (vgl. zuvor Mk 14,22-24): „26 Während des Mahls nahm Jesus das Brot und sprach den Segen (εὐλογήσας); dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und esst; das ist mein Leib. 27 Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet (εὐχαριστήσας), gab ihn den Jüngern und sagte: Trinkt alle daraus; 28 das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden.“ Wie im Bericht von Mk unterscheidet auch Mt im Abendmahlbericht zwischen dem Segen über das Brot und dem Dank über den Kelch. Auch wenn zu Lk bereits etwas gesagt wurde, seien die Stellen hier detail‐ lierter aufgeführt. In Lk gibt es keine Parallelstelle zur Speisung der Viertausend, wohl aber der Fünftausend, Lk 9,16: „Jesus aber nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, segnete sie (εὐλόγησεν) und brach sie; dann gab er sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten.“ Ein Dank begegnet in Lk 17,16 im Mund des Samariters. Erneut findet sich der Dank im Mund des Pharisäers: „Gott, ich danke (εὐχαριστῶ) dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort“ (Lk 18,11). Schließlich kehrt der Dank wieder im Abendmahlsbericht: „17 Und er nahm einen Kelch, sprach das Dankgebet (εὐχαριστήσας) und sagte: Nehmt diesen und teilt ihn untereinander! 18 Denn ich sage euch: Von nun an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken, bis das Reich Gottes kommt. 19-Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet (εὐχαριστήσας), brach es und reichte es ihnen mit §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 433 <?page no="434"?> den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis! 20 Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.“ (Lk 22,17-20) In diesem Bericht in Lk fällt für unseren Zusammenhang zweierlei auf: Lk kennt einen Mahleingangskelch, aus dem alle trinken. Auf ihn folgt das Brot, dann ein weiterer Kelch „nach dem Mahl“; von einem Segensgebet ist nicht die Rede, obwohl es in der Speisung der Fünftausend stand, stattdessen wird zwei Mal von einem Dankgebet gesprochen. Auch Joh kennt eine Speisung der Fünftausend mit einem Gebet Joh 6,11 (vgl. auch Joh 6,23): „Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet (εὐχαριστήσας) und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten; ebenso machte er es mit den Fischen.“ Joh spricht wieder vom Dank im Zusammenhang mit der Erweckung des Lazarus ( Joh 11,41): „Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke (εὐχαριστῶ) dir, dass du mich erhört hast.“ Allerdings berichtet Joh nicht von den Worten Jesu beim Abschiedsmahl. Während das Nomen in keinem der Evangelien begegnet, werden Verb und Nomen geradezu inflationär bei Paulus benutzt. Zunächst begegnet das Verb in allen Brieferöffnungen mit Ausnahme von Gal: Röm 1,8: „Zuerst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle, dass euer Glaube verkündet wird in der ganzen Welt.“ 1Kor 1,4-5: „4 Ich danke meinem Gott jederzeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde, 5 dass ihr an allem reich geworden seid in ihm, in jeglichem Gedanken und jeglicher Erkenntnis.“ 2Kor 1,11: „wobei auch ihr durch das Gebet für uns mithelft, damit von vielen Personen für die uns gegebene Gnade durch viele für uns gedankt wird.“ Phil 1,3-5: „3 Ich danke meinem Gott bei jeder Erinnerung an euch, 4 allezeit in jedem meiner Gebete für euch alle, indem ich mein Gebet mit Freuden darbringe, 5 wegen eurer Teilnahme am Evangelium vom ersten Tag an bis jetzt.“ 1Thess 1,2: „Wir danken Gott allezeit für euch alle, indem wir euch in unseren Gebeten erwähnen“ (vgl. auch 1Thess 2,13: „Deshalb danken wir auch Gott unablässig dafür, dass ihr, als ihr das von uns verkündigte Wort Gottes empfingt, es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern als das, was es in Wahrheit ist: als das Wort Gottes, das in euch wirkt, die ihr glaubt“). Phlm 1,4: „Ich danke meinem Gott jedes Mal, wenn ich bei meinen Gebeten deiner gedenke.“ Auch in den Deuteropaulinen: 434 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="435"?> Eph 1,15-16: „Darum höre ich nicht auf, für euch zu danken, wenn ich in meinen Gebeten an euch denke; denn ich habe von eurem Glauben an Jesus, den Herrn, und von eurer Liebe zu allen Heiligen gehört.“ Kol 1,3: „Wir danken Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus, und beten allezeit für euch“ (vgl. auch Kol 1,12: „und dem Vater Dank sagt, der euch tüchtig gemacht hat zum Anteil am Erbe der Heiligen im Licht“). 2Thess 1,3: „Wir müssen Gott immer für euch danken, Brüder, wie es recht ist, weil euer Glaube außerordentlich wächst und die Liebe jedes Einzelnen von euch allen gegenüber den anderen zunimmt“ (vgl. auch 2Thess 2,13: „Wir aber müssen Gott immer für euch danken, Brüder, die vom Herrn geliebten, dass Gott euch von Anfang an erwählte zur Rettung durch die Heiligung des Geistes und Glauben an die Wahrheit“). Dann findet sich der Dank auch in den Schlussgrüßen von Röm 16,3-4: „3 Grüßt Prisca und Aquila, meine Mitarbeiter in Christus Jesus, 4 die für mein Leben ihren eigenen Hals hingehalten haben, denen nicht allein ich danke, sondern auch alle Gemeinden der Heiden.“ Ähnlich auch in 1Thess 5,18: „Dankt in allem; denn das ist der Wille Gottes in Christus Jesus für euch.“ Nachdem keine dieser Danksagungen vorkanonisch bezeugt ist, aber auch sonst lexikalisch Danksagungen der kanonischen Redaktion zuzuweisen sind, zeigt sich in diesen Eingangsformulierungen der Versuch, eine stilistische Kohärenz über die meisten der paulinischen Briefe zu legen und den Eindruck zu erwe‐ cken, sie bildeten ein einheitliches Korpus. Dass *Ev 10,21 das εὐχαριστῶ σοι in Jesu Mund legt, könnte vielleicht den Ausschlag für die kanonische Redaktion gebildet haben, auch in den konstruierten Evangelienberichten dieses Wort zu benutzen, das dann, wie gezeigt, immer stärker eine liturgisch-eucharistische Färbung bekam. Das Nichtdanken wird in Röm 1,21 (vielleicht auch vorkanonisch präsent) zur Abgrenzung gegenüber den Völkern und zur eigenen Identitätsbeschreibung ex negativo: „Denn obwohl sie Gott kannten, haben sie ihn doch nicht als Gott verherrlicht oder ihm gedankt (ηὐχαρίστησαν), sondern sind in ihren Gedanken in nichtigen Wahn verfallen, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert.“ Diesen gegenüber ist der Dank für den kanonischen Paulus von Bedeutung: In Röm 7,25 dankt Paulus Gott für sein rettendes Handeln an ihm, in 1Kor 1,14 dafür, dass er „niemanden“ seiner Adressaten „getauft habe, außer Krispus und Gaius.“ Röm 14,6-7: „6 …wer isst, isst für den Herrn und dankt Gott; wer nicht isst, enthält sich für den Herrn und dankt Gott. 7 Denn keiner von uns lebt sich selbst, und keiner stirbt §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 435 <?page no="436"?> sich selbst“ In ähnlichem Zusammenhang steht 1Kor 10,30: „Wenn ich in Dankbarkeit mitesse, warum soll ich für das verunglimpft werden, wofür ich gedankt habe? “ Im Kontext des Abendmahls steht 1Kor 11,24: „… den Dank sprach, es brach und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! “ Eine inhaltliche Bestimmung, wie man danken soll, gibt Paulus in 1Kor 14,16-18: „16 Wenn du nur im Geist den Lobpreis sprächst (εὐλογῇς) und ein Unkundiger anwesend ist, wie kann er zu deinem Dankgebet (εὐχαριστίᾳ) das Amen sprechen; er versteht ja nicht, was du sagst. 17-Dein Dankgebet (εὐχαριστεῖς) mag noch so gut sein, aber der andere wird nicht auferbaut. 18 Ich danke (εὐχαριστῶ) Gott, dass ich mehr als ihr alle in Zungen rede.“ An dieser Stelle scheinen εὐλογεῖν und εὐχαριστεῖν synonym verstanden zu sein. Eph 5,20: … „und sagt allezeit Gott, dem Vater, Dank (εὐχαριστοῦντες) für alles in dem Namen unseres Herrn Jesus Christus.“ Ähnlich wie hier fügt Kol 3,15-17 einen solchen Aufruf in den Text ein: „15 Und der Friede Christi regiere in euren Herzen, zu dem ihr auch in einem Leib berufen seid; und seid dankbar (εὐχάριστοι). 16 Lasst das Wort Christi reichlich in euch wohnen in aller Weisheit; lehrt und ermahnt einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt Gott dankbar in euren Herzen. 17 Und alles, was ihr tut in Wort oder Werk, tut alles im Namen des Herrn Jesus, und dankt (εὐχαριστοῦντες) Gott, dem Vater, durch ihn.“ Zwar geht es in Apg 27,35 um Nahrungsaufnahme, aber der Bezug zum Abendmahl bzw. zur Eucharistie, wie zuvor bei Paulus (1Kor 11,24), ist unverkennbar: „Nach diesen Worten nahm er Brot, dankte Gott vor den Augen aller, brach es und begann zu essen.“ Paulus, der Gott dankt, steht auch in Apg 28,15. Ein Dankgebet formuliert Apk 11,17: „Wir danken dir, Herr und Gott, / du Herrscher über die ganze Schöpfung, / der du bist und der du warst; denn du nahmst deine große Macht in Anspruch / und tratest die Herrschaft an.“ Das Nomen εὐχαριστία begegnet nicht vorkanonisch, weder in *Ev noch in *Paulus, und findet sich auch nicht in einem der vier Evangelien. Dafür steht es desto öfter auf der kanonischen Stufe in den Paulinen, auch in Apg 24,3 und zwei Mal in Apk: Zunächst in 1Kor 14,16, einer Stelle, die gerade schon angeführt wurde. 2Kor 4,15: „Denn alles tun wir euretwegen, damit die Gnade, die überreich geworden ist, durch immer mehr den Dank vervielfachen mögen zur Herrlichkeit Gottes.“ Ähnlich formuliert Paulus 1Thess 3,9: „Denn was können wir Gott für euch als Dank geben für all die Freude, mit der wir uns wegen euch vor unserem Gott freuen? “ 2Kor 9,11-12: „11 sodass ihr in allem reich werdet zu aller Freigebigkeit, die durch uns Dank zu Gott bewirkt. 12 Denn der Dienst dieses Werkes erfüllt nicht nur den Mangel der Heiligen, sondern bringt auch reichlich vielen Dank zu Gott.“ Die Stelle 436 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="437"?> 404 Vgl. zu den Lemmata in M. Vinzent, Concordance to the Precanonical and Canonical New Testament (2023), 222-223. Es ist deshalb bemerkenswert, wenn in der Studie wurde weiter oben (zu λειτουργία) bereits behandelt, da in ihr der finanzielle Aspekt der Spendensammlung anklingt. Phil 4,6: „Seid um nichts besorgt, sondern in allem lasst durch Gebet und Flehen mit Danksagung eure Anliegen vor Gott kundwerden.“ Dann findet sich εὐχαριστία auch in den Deuteropaulinen: Eph 5,4 in der Ermahnung: … „auch nicht schändliches und närrisches oder loses Reden, was unanständig ist, sondern vielmehr Danksagung.“ Kol 2,7: … „verwurzelt und aufgebaut in ihm und gefestigt im Glauben, wie ihr gelehrt worden seid, und überfließend in Danksagung.“ Kol 4,2: „Seid beharrlich im Gebet und wacht darin mit Danksagung.“ Auch in 1Tim: 1Tim 2,1: „Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen.“ 1Tim 4,3-4: „3 Sie verbieten die Heirat und fordern den Verzicht auf bestimmte Speisen, die Gott doch dazu geschaffen hat, dass die, die zum Glauben und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangt sind, sie mit Danksagung zu sich nehmen. 4 Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird.“ Apg 24,1-3: „1 Nach fünf Tagen kam der Hohepriester Hananias mit einigen Ältesten und dem Anwalt Tertullus herab und sie brachten beim Statthalter ihre Klage gegen Paulus vor. 2 Er wurde herbeigeholt und Tertullus erhob Anklage mit folgenden Worten: Tiefen Frieden genießen wir durch dich und durch deine Umsicht hat sich für dieses Volk vieles gebessert. 3 Das erkennen wir immer und überall mit großer Dankbarkeit an, erlauchter Felix.“ Auch in der Apokalypse: Apk 4,9: „Und wenn die Lebewesen dem, der auf dem Thron sitzt und in alle Ewigkeit lebt, Herrlichkeit und Ehre und Dank erweisen.“ Apk 7,12 in einer Gebetsform: „Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen.“ Überschauen wir die Belege, konstatieren wir, dass das Verb sicher in *Ev 10,21 und allenfalls nochmals in *Ev 17,16 stand, beide Male allerdings in einem nichtliturgischen und nicht mit dem Abschiedsmahl oder dem Abendmahl verbundenen Kontext. An Stellen, an denen vom Abschiedsmahl des Herrn die Rede ist oder auf dieses angespielt wird, begegnet der andere Begriff von „Segen/ Segnen“ oder „Lobpreis/ Lobpreisen“ (εὐλογία/ εὐλογέω), der vorkano‐ nisch sowohl in *Ev wie *Paulus, und dann auch in allen vier Evangelien zu finden ist. 404 Dieser hat sich auch im Kontext der Eucharistie in den beiden §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 437 <?page no="438"?> von Lies nach einer Durchsicht der damals aktuellen Forschungsliteratur festgestellt wird, dass die „Eulogia als Grundgestalt der Eucharistie“ zu betrachten sei, L. Lies, Eulogia---Überlegungen zur formalen Sinngestalt der Eucharistie (1978), 93-97. 405 Zur Differenzierung zwischen der ersten und der zweiten kanonischen Redaktion vgl. man v.-a. §-13. 406 Vgl. M. Vinzent, Die Auferstehung Christi im frühen Christentum (2014), 265-302. Zum Vergleich von Paulus und der Didache (wobei er die Form der Didache für die ältere hält) vgl. V.A. Alikin, The Earliest History of the Christian Gathering: Origin, Development and Content of the Christian Gathering in the First to Third Centuries (2010), 103-114. synoptischen Evangelien Mt und Mk erhalten, doch bemerkenswert ist, dass er im Unterschied zu Lk 24,30 in Lk 22,17. 19 εὐχαριστεῖν gewichen ist. Überhaupt lässt sich die wachsende Bedeutung dieses Verbs - das Nomen ist in keinem der vier Evangelien anzutreffen - auf der kanonischen Ebene feststellen. Das kann man nicht nur an seiner Präsenz in Joh ablesen, sondern vor allem an seinem fest markierten Einsatz in den Eröffnungen von neun paulinischen Briefen, wie auch an dem Einsatz des Verbes innerhalb einiger dieser Briefe, und zwar sowohl außerhalb des Eucharistiebezugs wie innerhalb desselben. Auch die Apg bildet mit ihren zwei Belegen einen Link zu den beiden wichtigsten semantischen Feldern, die im kanonischen Paulus präsent sind: Eucharistie und Dank des Paulus. Auch das Nomen begegnet schließlich auf der kanonischen Ebene in den Paulinen, inklusive der Deuteropaulinen und der Pastoralbriefe, Verb und Nomen begegnen in der Apk. Ergänzend sei darauf hingewiesen, dass auch einige wenige weitere Termini für Mähler im Neuen Testament zu finden sind, vom „Brechen des Brotes“ war oben (zu ἀγαλλίασις) die Rede (Apg 2,42. 46; vgl. Lk 24,35), dann etwa von ἀγάπη (Jud 1,12). All dies deutet darauf hin, dass im Unterschied zur vorkanonischen Ebene die Wortgruppe vor allem Einzug gehalten hat, als die zweite kanonische Redaktion 405 die größere Sammlung zusammengestellt hat und in diesem Zuge die Texte überarbeitete. Gerade der Eucharistie- und Liturgiebezug spricht für ein stärker institutionalisiertes und ritualisiertes Umfeld. Wollte man zeitgenössische Vergleichsliteratur hinzuziehen, wird man wieder auf die zweite Hälfte des zweiten Jahrhundertkommen. 406 Das Nomen findet sich in der Sieben-Briefe-Sammlung des Ignatius (IgnEph 13: συνέρχεσθαι εἰς εὐχαριστίαν θεοῦ καὶ εἰς δόξαν), fehlt jedoch noch in der vorangegangenen Drei-Briefe-Sammlung, es findet sich in Justin, 1Apol 66,1 als Terminus, der offenkundig noch nicht gut eingeführt ist (ἡ τροφὴ αὕτη καλεῖται παρ‘ ἡμῖν εὐχαριστία), in Iren, Adv. haer. IV 18,5 und in der leider nicht näher als auf das zweite Jahrhundert datierbaren Didache (Did 9,1). 407 438 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="439"?> 407 Vgl. J. Bremmer, Eucharist and Agapê in the Later Second Century: The Case of the Older Apocryphal Acts and the Pagan Novel (2020). 408 Epiph., Pan., Scholion 28; vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 891; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 162. Eine wichtige Wortgruppe ist die folgende mit θυμίαμα, θυμιατήριον, θυμιάω und dem häufiger stehenden θυσιαστήριον. Zunächst gilt es festzuhalten - all diese Termini begegnen ausschließlich auf der kanonischen Ebene und sind für die vorkanonische Ebene, was *Ev betrifft, als fehlend bezeugt. Sie stehen nämlich gehäuft in der Kindheitsgeschichte des Lk, die nachweislich in *Ev fehlt, dann aber auch nur einmal inmitten von Lk (Lk 11,51), doch gerade für die Passage Lk 11,49-51 liegt uns ein expliziter Auslassungsvermerk des Epiphanius vor. 408 Schauen wir uns zunächst das häufigere θυσιαστήριον näher an. Von Zacharias berichtet Lk im ersten Kapitel: „10 Während er nun zur festgelegten Zeit das Rauchopfer darbrachte, stand das ganze Volk draußen und betete. 11 Da erschien dem Zacharias ein Engel des Herrn; er stand auf der rechten Seite des Rauchopferaltars (θυσιαστηρίου τοῦ θυμιάματος).“ (Lk 1,10-11) Auf Zacharias kommt Lk 11,51 zurück, wenn damit auch ein anderer Zacharias gemeint ist als in der Kindheitsgeschichte - doch gerade die Namensgleichheit, verbunden mit der wiederauftauchenden Terminologie bestätigt, dass es hier nicht um historische Personen geht, sondern um narrative Verbindungen: „… vom Blut Abels bis zum Blut des Zacharias, der zwischen Altar und Tempelhaus umgebracht wurde. Ja, das sage ich euch: An dieser Generation wird es gerächt werden.“ Auch Mt kennt die Terminologie (Mt 5,23-24): „23 Wenn du deine Opfergabe zum Altar (θυσιαστήριον) bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe! “ Und wie in Lk verknüpft Mt mit derselben Phantomgestalt des Zacharias, der hier sogar näher bestimmt wird mit einem Vaternamen, für den wir keine weitere Information besitzen, nochmals die Terminologie in Mt 23,18-20. 35: „18 Auch sagt ihr: Wenn einer beim Altar schwört, gilt es nicht, wenn er aber bei dem Opfer schwört, das auf dem Altar liegt, gilt es. 19 Ihr Blinden! Was ist wichtiger: das Opfer oder der Altar, der das Opfer erst heilig macht? 20 Wer beim Altar schwört, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 439 <?page no="440"?> 409 Vgl. 1Kg 19,10. 14: 10 καὶ εἶπεν Ηλιου Ζηλῶν ἐζήλωκα τῷ κυρίῳ παντοκράτορι, ὅτι ἐγκατέλιπόν σε οἱ υἱοὶ Ισραηλ· τὰ θυσιαστήριά σου κατέσκαψαν καὶ τοὺς προφήτας σου ἀπέκτειναν ἐν ῥομφαίᾳ, καὶ ὑπολέλειμμαι ἐγὼ μονώτατος, καὶ ζητοῦσι τὴν ψυχήν μου λαβεῖν αὐτήν. … 14 καὶ εἶπεν Ηλιου Ζηλῶν ἐζήλωκα τῷ κυρίῳ παντοκράτορι, ὅτι ἐγκατέλιπον τὴν διαθήκην σου οἱ υἱοὶ Ισραηλ· τὰ θυσιαστήριά σου καθεῖλαν καὶ τοὺς προφήτας σου ἀπέκτειναν ἐν ῥομφαίᾳ, καὶ ὑπολέλειμμαι ἐγὼ μονώτατος, καὶ ζητοῦσι τὴν ψυχήν μου λαβεῖν αὐτήν. 410 Hebr 13,10: ἔχομεν θυσιαστήριον ἐξ οὗ φαγεῖν οὐκ ἔχουσιν ἐξουσίαν οἱ τῇ σκηνῇ λατρεύοντες („Wir haben einen Altar, von dem zu essen die Diener des Zeltes keine Erlaubnis haben“). der schwört bei ihm und bei allem, was darauf liegt. … 35 So wird all das unschuldige Blut über euch kommen, das auf Erden vergossen worden ist, vom Blut Abels, des Gerechten, bis zum Blut des Zacharias, Barachias Sohn, den ihr zwischen dem Tempelgebäude und dem Altar ermordet habt.“ Während in Lk, Zacharias und die Altar- und Opferterminologie die innere narrative Kohärenz stärkten, führt diese Notiz zu einer Kohärenzverstärkung zwischen Lk und Mt. Doch diese beschränkt sich nicht nur auf die beiden synoptischen Evangelien, sondern die kanonische Redaktion nimmt auch in Röm wieder Bezug auf dieses Thema, wenn Röm 11,3 dem Jesaja in den Mund gelegt wird, aus 1Kg 19,10. 14 gezogen: „Herr, sie haben deine Propheten getötet, deine Altäre niedergerissen, und ich bin übriggeblieben, ich allein, und sie trachten mir nach dem Leben.“ 409 Das Töten wird in Apk 6,9 jedoch nicht mehr auf die Propheten bezogen, sondern auf die „unter dem Opferaltar“ geschauten „Seelen derer, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten.“ Bei einem Vergleich der Verkündigung des Evangeliums mit dem Altardienst plädiert Paulus dafür, dass das erste auch entlohnt werden soll, so wie das zweite entlohnt wird (1Kor 9,13). Dieselbe Position wird kurz später, 1Kor 10,18, wiederholt: „Seht das Israel dem Fleisch nach, sind nicht die, die die Opfer essen, Teilhaber am Opferaltar (θυσιαστηρίου)? “ Erneut begegnet diese Terminologie lediglich in Hebr, in Jak und der Apk, etwa Hebr 13,10, wo der Altar als unzugänglich für die Diener des Zeltes, also die Israeliten, genannt wird. 410 In Jak 2,21 wird an Abraham und Isaak erinnert: „Abraham, unser Vater, wurde er nicht aus den Werken als gerecht anerkannt, als er seinen Sohn Isaak auf den Opferaltar (θυσιαστήριον) legte? “ Die Apk schließlich spiritualisiert diese Termini und nennt etwa Apk 5,8 die „Gebete der Heiligen“ „Opfer“, um nur eine Stelle herauszugreifen. Dieser Überblick zeigt erneut, dass wir es nicht nur mit einer übereinstim‐ menden Abwesenheit der gesamten Terminologie auf der vorkanonischen 440 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="441"?> 411 Epiph., Pan., Scholion 41; vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 953; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 170. Ebene zu tun haben, sondern auch mit unterscheidbaren kanonischen Redak‐ tionen. Auf der Ebene der km Evangelien scheinen diese Einträge noch gefehlt zu haben, sie hätten ansonsten wohl ein Echo in anderen Schriften hinterlassen - was dafür spricht, dass auch die Kindheitsgeschichte des Lk zu großen Teilen zur zweiten kanonischen Redaktion gehört. Das erklärt, warum die bei dieser Wort‐ gruppe verhandelte Terminologie insbesondere zur Kohärenzbildung innerhalb von Lk dient, dann auch zu der von Lk und Mt, was erst notwendig wurde, als die km Evangelien zur größeren Sammlung zusammengestellt und miteinander teilweise harmonisiert wurden. Bei dieser Gelegenheit wurden gerade auch die in ihrer Zugehörigkeit zur Sammlung umstrittenen Schriften Hebr, Jak und Apk durch diese terminologischen Verbindungen in der Zuordnung und in ihrer Zugehörigkeit zu ihr gestärkt. Zwar begegnet ἰατρός an einer Stelle vorkanonisch (*Ev 5,31), doch fehlen ἰάομαι und ἴασις. Für die Perikope Lk 13,31-35 liegt eine ausdrückliche Auslas‐ sungsnotiz von Epiphanius vor. 411 Der Vers Lk 13,32 lautet: „Er antwortete ihnen: Geht und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen (ἰάσεις), heute und morgen, und am dritten Tag werde ich vollendet.“ Das Nomen steht sonst nur noch in der Apostelgeschichte, Apg 4,22: „Denn der Mann, an dem das Zeichen der Heilung (ἰάσεως) geschah, war über vierzig Jahre alt“, und kurz darauf Apg 4,30 innerhalb eines Gebetes: „Streck deine Hand aus, damit Heilungen (ἴασιν) und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus! “ Zum Verb ἰάομαι ist zu bemerken, dass es vorkanonisch nicht bezeugt ist, weder für *Ev noch für *Paulus, und es fehlt überhaupt jeder Eintrag auch für den kanonischen Paulus (mit Ausnahme des Hebräerbriefes). Gleichwohl steht es häufiger als das Nomen, etwa Lk 4,18; 6,19; 9,2; 22,51, in Versen oder Versteilen, die in *Ev fehlen. Erstmals bei Lk - in *Ev fehlt diese Passage, darum wird hier der Versuch gemacht, eine aus den Zeugen, die unten angegeben sind, hypothetisch erschlos‐ sene km Fassung von Lk, die allerings die in NA 28 gewählt ist, mit dem wohl kanonischen Text von Lk zu vergleichen - steht der Begriff ausgerechnet in der Antrittsrede, die Jesus in Nazareth hält, indem er aus der Jesajarolle vorliest: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 441 <?page no="442"?> km Lk 4,18 Lk 4,18 Πνεῦμα κυρίου ἐπ’ ἐμέ, οὗ εἵνεκεν ἔχρισέν με εὐαγγελίσασθαι πτωχοῖς, ἀπέσταλκέν με -κηρύξαι αἰχμαλώτοις ἄφεσιν καὶ τυφλοῖς ἀνάβλεψιν, ἀποστεῖλαι τεθραυσμένους ἐν ἀφέσει. Πνεῦμα κυρίου ἐπ’ ἐμέ, οὗ εἵνεκεν ἔχρισέν με εὐαγγελίσασθαι πτωχοῖς, ἀπέσταλκέν με, ἰάσασθαι τοὺς συντετριμμένους τὴν καρδίαν, κηρύξαι αἰχμαλώτοις ἄφεσιν καὶ τυφλοῖς ἀνάβλεψιν, ἀποστεῖλαι τεθραυσμένους ἐν ἀφέσει. km Lk 4,18 Lk 4,18 Der Geist des Herrn ruht auf mir; / denn er hat mich gesalbt. Er hat mich ge‐ sandt, / damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; -um den Gefangenen die Entlassung zu verkünden / und den Blinden das Augen‐ licht; damit ich die Zerschlagenen in Frei‐ heit setze. Der Geist des Herrn ruht auf mir; / denn er hat mich gesalbt. Er hat mich ge‐ sandt, / damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe; / um die zu heilen, die gebrochenen Herzens sind, um den Gefan‐ genen die Entlassung zu verkünden / und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze. Nach den folgenden Zeugen ist der Passus aus Jes 61,1 (ἰάσασθαι τοὺς συντετριμμένους τῇ καρδίᾳ), in welchem unser Terminus steht, ausgelassen: 01, 03, 05, 019, 032, 040, f 13 , 33,579, 700, 892*, lat sy s , co, Or, Eus, Did, hingegen wird der Passus unter Verwendung des Akkusativs τὴν καρδίαν geboten in 02, 017, 036, 037, 038, 044, 0102, f 1 , 565, 892 c , 1241, 1424, 2542, M, f, vg cl , sy p.h , bo mss , Ir lat . Wichtig ist hier die Bezeugung des Fehlens vor allem in 05, weil Codex Bezae darauf hinweist, dass wir hier den älteren Text zu fassen bekommen. Das aber eröffnet die Möglichkeit, dass wir es mit dem Text von km Lk 4,18 zu tun haben, der unseren Terminus noch nicht bot, und dass dieser Passus erst im Zuge der kanonischen Redaktion der größeren Sammlung einer noch größeren Annähe‐ rung an Jes 61,1 wegen ergänzt wurde. Wenn NA 28 hier durch die Auslassung den älteren Text wiedergibt, folgt die Edition an dieser Stelle der Intention, möglichst autornahe Texte zu bieten - doch sie tut dies im Widerspruch zu der Tatsache, dass der Text im Sammlungszusammenhang der kanonischen Sammlung des kanonischen Neuen Testaments geboten wird. Auf diesen inneren Widerspruch von NA hat bereits Klinghardt hingewiesen, er kann jedoch detailliert werden, indem NA nicht nur „in ungezählten textkritischen Einzelentscheidungen nicht die Formulierungen des Lk als Teil der Kanonischen Ausgabe“ bietet, auch 442 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="443"?> 412 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 25. 413 Vgl. D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 414; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 191*. 414 Gegen Harnack, vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 618-619. 415 Lk 9,2: καὶ ἀπέστειλεν αὐτοὺς κηρύσσειν τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ καὶ ἰᾶσθαι [τοὺς ἀσθενεῖς]. 416 Vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 726. nicht als alternative „Lesarten“ des „ältesten vorkanonischen Evangeliums“, 412 sondern, wie hier, den Text des km Lk. Der Terminus kehrt wieder in Lk 5,17/ 6,18-19, wo Lk von der großen heilenden Kraft spricht, die von Jesus ausgehe. Allerdings erwähnt Tertullian das Verb nicht und nur der erste Teil des Verses 19 ist für *Ev bezeugt. 413 Klinghardt macht wahrscheinlich, dass der zweite Teil, der den Passus mit dem Heilen umfasst, nicht von Epiphanius übergangen wurde, sondern in *Ev abwesend war. 414 Das Parallelphänomen begegnet in Lk 9,2, wo der Vers in diesem Fall durch Tertullian bezeugt wird. Lk 9,2 heißt es, dass Jesus die Zwölf „aussandte, das Reich Gottes zu verkünden und die Kranken zu heilen“, 415 doch gerade das Verb „heilen“ ist durch Tertullian, der den Vers anführt, unbezeugt. 416 In Lk 7,7; 8,47; 14,4 steht der Begriff, doch die erste und dritte Passage sind insgesamt für *Ev schwach bezeugt, so dass man hieraus nicht viel ableiten kann, in der zweiten ist dieser Vers nicht bezeugt, auch wenn der Vers davor und zumindest teilweise der Vers danach bezeugt sind. Dennoch lässt sich vermerken, dass auch in der Parallelperikope zu Lk 7,7, in Mt 8, das Verb an zwei Stellen bezeugt ist, und zwar parallel zu Lk 7,7 in Mt 8,8, jedoch zusätzlich noch in Mt 8,13, wo an der Lukasstelle anstelle von ἰάομαι ein ὑγιαίνω benutzt wird. Lk 9,11 ist unbezeugt, jedoch auffallender ist wieder Lk 9,42, wo wir erneut zwei Versionen finden: km Lk 9,42 Lk 9,42 ἔτι δὲ προσερχομένου αὐτοῦ ἔρρηξεν αὐτὸν τὸ δαιμόνιον καὶ συνεσπάραξεν: ἐπετίμησεν δὲ ὁ Ἰησοῦς τῷ πνεύματι τῷ ἀκαθάρτῳ, καὶ ἀφήκεν αὐτὸν καὶ ἀπέδωκεν τὸν παῖδα τῷ πατρὶ αὐτοῦ. ἔτι δὲ προσερχομένου αὐτοῦ ἔρρηξεν αὐτὸν τὸ δαιμόνιον καὶ συνεσπάραξεν: ἐπετίμησεν δὲ ὁ Ἰησοῦς τῷ πνεύματι τῷ ἀκαθάρτῳ, καὶ ἰάσατο τὸν παῖδα καὶ ἀπέδωκεν αὐτὸν τῷ πατρὶ αὐτοῦ. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 443 <?page no="444"?> 417 Vgl. Jes 6,10 LXX: ἐπαχύνθη γὰρ ἡ καρδία τοῦ λαοῦ τούτου, καὶ τοῖς ὠσὶν αὐτῶν βαρέως ἤκουσαν καὶ τοὺς ὀφθαλμοὺς αὐτῶν ἐκάμμυσαν, μήποτε ἴδωσιν τοῖς ὀφθαλμοῖς καὶ τοῖς ὠσὶν ἀκούσωσιν καὶ τῇ καρδίᾳ συνῶσιν καὶ ἐπιστρέψωσιν καὶ ἰάσομαι αὐτούς. Vgl. auch Fußnote 703. km Lk 9,42 Lk 9,42 Aber noch während er ihn herbrachte, brach der Dämon los und riss ihn zu‐ sammen. Aber Jesus herrschte den un‐ reinen Geist an, so dass er ihn losließ, und er gab den Knaben seinem Vater. Aber noch während er ihn herbrachte, brach der Dämon los und riss ihn zu‐ sammen. Aber Jesus herrschte den un‐ reinen Geist an, heilte den Knaben und gab ihn seinem Vater. Wie bereits in Lk 4,18 liegt auch gerade für die Bezugnahme auf das „Heilen“ wiederum eine Doppelbezeugung vor. Die km Version wird durch die Zeugen 05, e repräsentiert, die hier gegenüber der Mehrheitsbezeugung den oben angegebenen alternativen Text lesen. Da es kaum zufällig sein kann, dass wir gerade bei diesem Begriff „heilen“ erneut auf einen Alternativtext stoßen, wird auch der Befund zur ersten Stelle in seiner Bedeutung verstärkt und die dort angestellte Überlegung, dass wir es nicht mit einer willkürlichen Änderung, sondern mit einer redaktionellen Korrektur zu tun haben, gewinnt an Wahrscheinlichkeit. Das inhaltsstärkere „Heilen“, das, wie Mt 13,15 zeigt, auf Jes 6,10 zurückführt, 417 wird wohl kaum durch ein „ihn Loslassen“ verflacht worden sein, so dass erneut die Version aus Codex Bezae sich als die ältere herausstellt, die konsequenterweise auf der kanonischen Ebene durch „Heilen“ geschärft und alttestamentlich ausgerichtet wurde. Daraus darf man jedoch auch schließen, dass die sonst nur für die kanonische Version bezeugten Stellen, wo „Heilen“ vorkommt, auf dieselbe kanonische Redaktion zurückzuführen sind. Diese Schlussfolgerung wird weiter bestärkt. In Lk 17,15 finden wir erneut eine variante Bezeugung: km Lk 17,15 Lk 17,15 εἷς δὲ ἐξ αὐτῶν, ἰδὼν ὅτι ἐκαθαρίσθη, ὑπέστρεψεν μετὰ φωνῆς μεγάλης δοξάζων τὸν θεόν. εἷς δὲ ἐξ αὐτῶν, ἰδὼν ὅτι ἰάθη, ὑπέστρεψεν μετὰ φωνῆς μεγάλης δοξάζων τὸν θεόν. km Lk 17,15 Lk 17,15 Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er gereinigt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. Einer von ihnen aber kehrte um, als er sah, dass er geheilt war; und er lobte Gott mit lauter Stimme. 444 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="445"?> 418 Epiph., Pan. haer. 42, Scholion 67; M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1184. 419 Ibid. 1185 Klinghardt verweist ibid. Auf Lk 5,17; 6,19; 9,2. 42, während die Stellen Lk 9,11; 14,4 für *Ev unbezeugt sind. Die Zeugen 05, 124, 157, 892, 954, 1424, 1675, 2643, l253, l547, aur, b, d, f, g 1 , gat, 1, λ, r 1 , vg, sy s.c.p , Tat arab.pers , sa, got, aeth bieten alle εκαθαρισθη, 1319 kombiniert εκαθαρισθη και ιαθη, doch alleine ιαθη wird geboten von den Zeugen a, c, e, ff 2 , q, M und NA 28 . Auch an dieser Stelle dürfte wieder die vom Codex Bezae angeführte Zeugenreihe den älteren Text wiedergeben, der an dieser Stelle vielleicht auch den vorkanonischen Text von *Ev darstellt, da der Vers, wenn auch nicht der Terminus, für *Ev bezeugt ist. Das würde dann auch wieder bestätigen, dass die erste kanonische Redaktion etwa von km Lk 17,15, die bisweilen im Codex Bezae aufleuchtet, sich von der zweiten kanonischen Redaktion abheben lässt. Schließlich liegt für die Passage Lk 22,49-51 (Vers 51: „Da sagte Jesus: Lasst es! Nicht weiter! Und er berührte das Ohr und heilte den Mann“) ein expliziter Auslassungsvermerk des Epiphanius vor. 418 Lk berichtet, dass Jesus das abgeschlagene Ohr des hohepriesterlichen Sklaven sogleich heilt, eine Information, die kein anderes neutestamentliches Evangelium bietet. „Diese hoheitlich-messianische Geste wirkt stark theologisierend: Jesus heilt sogar seine Feinde. Darüber hinaus deutet auch der Sprachgebrauch auf Lk als Urheber von V. 51 hin: ἰάομαι ist ein lk Vorzugswort, mit dem er wiederholt *Ev ergänzt.“ 419 Wir können nach dem Notierten das Urteil von Klinghardt noch detaillieren - die zweite kanonische Redaktion hat öfter den Text von km Lk mit diesem Begriff theologisch geschärft, ihr einen prophetischen Klang gegeben und sie damit stärker von der vorkanonischen Vorlage geschieden. Auch die anderen beiden synoptischen Evangelien kennen das Verb, wenn auch Mk nur an einer Stelle, Mk 5,29, wo er von einer Frau spricht, die geheilt wurde: „Und sofort versiegte die Quelle des Blutes und sie spürte in ihrem Leib, dass sie von ihrem Leiden geheilt war (ἴαται).“ Mt 8,8 bietet den Spruch: „Und der Hauptmann antwortete: Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach einkehrst; aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener geheilt (ἰαθήσεται)! “ Die Aktion ist erfolgreich (Mt 8,13): „Und zum Hauptmann sagte Jesus: Geh! Es soll dir geschehen, wie du geglaubt hast. Und in derselben Stunde wurde sein Diener gesund (ἰάθη).“ In Mt 13,15 wird Jes 6,9-10 zitiert, eine Passage, die in Vers 10 im Heilen gipfelt: „Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. / Mit ihren Ohren hören sie schwer / und ihre Augen verschließen sie, / damit sie mit ihren Augen nicht sehen / und mit ihren Ohren nicht hören / und mit §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 445 <?page no="446"?> ihrem Herzen / nicht zur Einsicht kommen / und sich bekehren und ich sie heile (ἰάσομαι).“ In Mt 15,28 schließt die Erzählung der kranken Tochter einer heidnischen Frau mit den Worten Jesu: „Es soll dir geschehen, wie du willst. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt (ἰάθη).“ Auch Johannes kennt dieses Verb. Von einem königlichen Beamten berichtet Joh 4,47: „Als er hörte, dass Jesus von Judäa nach Galiläa gekommen war, suchte er ihn auf und bat ihn, herabzukommen und seinen Sohn zu heilen (ἰάσηται); denn er lag im Sterben.“ Joh 5,13 spricht von einem Geheilten (ἰαθεὶς). Joh 12,40 wird wiederum Jesaja, und zwar aus derselben Passage, die uns gerade bereits begegnet war, Jes 6,10, zitiert: „Er hat ihre Augen blind gemacht und ihr Herz hart, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen, damit sie sich nicht bekehren und ich sie nicht heile.“ Zu Apg 3,11 fällt auf, dass nur der byzantinische Mehrheitstext die Eröffnung von Apg 3,11 bietet (Κρατοῦντος δὲ τοῦ ἰαθέντος χωλοῦ; „nachdem aber der Gelähmte, der geheilt war“), während NA 28 anführt: Κρατοῦντος δὲ αὐτοῦ und im Apparat verschiedene Varianten hierzu angibt, jedoch nicht die des Mehrheitstextes. Apg 9,34 berichtet von einer Heilung durch Petrus: „Petrus sagte zu ihm: Äneas, Jesus Christus heilt (ἰᾶται) dich. Steh auf und richte dir dein Bett! Sogleich stand er auf.“ Dann predigt Petrus von Jesus in Apg 10,38: „wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte (ἰώμενος), die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm.“ Auch von Paulus wird eine Heilung berichtet, Apg 28,8: „Der Vater des Publius lag gerade mit Fieber und Ruhr im Bett. Paulus ging zu ihm hinein und betete; dann legte er ihm die Hände auf und heilte (ἰάσατο) ihn.“ Und zum glorreichen Abschluss begegnet uns zum dritten Mal dasselbe Zitat aus Jes 6,10 in Apg 28,27. Hebr 12,13 schreibt über die Erziehung des Herrn (Vers 5), indem wohl auf Mt 8 und gerade auf den sich nur im Mehrheitstext von Apg 3,11 erhaltenen Lahmen Bezug genommen wird: „Schafft ebene Wege für eure Füße, damit die lahmen Glieder nicht ausgerenkt, sondern vielmehr geheilt werden (ἰαθῇ)! “ Für Heilung (ἰαθῆτε) sollen die Adressaten nach Jak 5,16 beten. Schließlich bezieht 1Petr 2,24 die Heilung eindrücklich auf die Kreuzeswunden Christi: „Er hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot sind für die Sünden und leben für die Gerechtigkeit. Durch seine Wunden seid ihr geheilt (ἰάθητε).“ Auch wenn die Erwähnungen des Heilens in den vier Evangelien eher selten sind, entsprechen sie doch einer zugrundeliegenden, auf Jes 6,10 zurück‐ geführten Vorstellung, die gerade wegen des nur punktuellen Einsatzes und ihrer bündigen Art auf die zweite kanonische Redaktion zurückzuführen sein 446 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="447"?> 420 Vgl. zu dieser Funktion der Apostelgeschichte C. Mount, Acts (2022); D.P. Moessner, „The ‚Strange New Dish‘ Called Acts! “ (2017). wird, also vermutlich in den km Evangelien wie km Lukas zeigt, vermutlich noch nicht gestanden war. Dafür spricht, dass diese Vorstellung auch im kanonischen Paulus fehlt und erst im Hebr und im Praxapostolos (Apg; Jak; 1Petr) zu finden ist. Wie diese Zeugnisse wiederum bestätigen, schafft die zweite kanonische Redaktion mit Thema, Lexik und Wiederholung desselben Jesajazitats ein Kohärenzband, das die Synoptiker, Johannes und die Apostelgeschichte umfasst und auch den Bezug zur Ankündigung des Jesaja herstellt. Diese Operation wird erst durch die zweite kanonische Redaktion entstanden sein, als die vier Evangelien zu einer Sammlung miteinander, mit dem Praxapostolos und den um Hebr erweiterten Paulus verbunden worden sind. Nicht nur diese Beobachtung, sondern auch die verschiedensten Zeugen aus der Zeit vor Irenäus legen nahe, dass es vor Irenäus, also auf der Stufe der ersten kanonischen Redaktion, noch keine Sammlungseinheit dieser bearbeiteten km Evangelien und der km 10-Briefe-Sammlung der Paulinen gegeben hat, sondern lediglich einzelne km Evangelien einerseits und eine km 10-Briefe-Sammlung der Paulinen anderer‐ seits. Bis Irenäus kennen Autoren darüberhinaus lediglich Markions *Neues Testament. Im vorliegenden Fall scheint dieser Redaktion gereicht zu haben, dieses Thema in Hebr als Teil des kanonischen Paulus zu haben, ohne es in weitere Briefe von Paulus einzutragen, vielleicht um so die gerade umstrittenen Schriften wie Hebr als notwendige Bestandteile der Sammlung zu erweisen. Analoges lässt sich für die Hinzunahme von Apg, Jak und 1Petr erwägen. Um mich hier nicht wiederholen zu müssen und die Darstellung zu straffen, führe ich lediglich die folgenden Stellen an, an welchen die Wortgruppe um ἱερατεύω steht. Wir begegnen dem unmittelbar wenigstens teilweise parallelen Phänomen wie bei der vorangegangenen Wortgruppe. Die Termini begegnen in der Kindheitsgeschichte des Lk, die nachweislich in *Ev gefehlt hat, stehen sodann in Apg, auch in einem der beiden Kapitel vom Ende des Römerbriefes, die in *Röm gefehlt haben, sodann in Hebr und 1Petr - sie gehören damit zur Lexik derselben zweiten kanonischen Redaktion und und erfüllen denselben Zweck wie die Wortgruppe zuvor, indem sie gerade die umstrittenen Schriftteile zueinander binden, zum einen die Kindheitsgeschichte, dann die beiden zusätz‐ lichen Kapitel Röm 15-16, wobei das Scharnier wieder die Apostelgeschichte darstellt, 420 und es werden auch die umstrittenen Schriften Hebr und 1Petr zugebunden. Wie zuvor wird diese Inklusion und Vernetzung bei der zweiten kanonischen Redaktion zur Erstellung der größeren Sammlung erfolgt sein: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 447 <?page no="448"?> 421 06* hat in Vers 24 ἱερατεία. In Vers 14 steht wieder der kanonische Text im NA 28 -Apparat. 422 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 569. 423 Vgl. S.-404, 425. ἱερατεία 1 Lk 1,9, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Hebr 7,5 ἱεράτευμα 2 1Petr 2,5. 9 ἱερατεύω 1 Lk 1,8, in einem Vers, der in *Ev fehlt ἱεροσυλέω 1 Röm 2,22 ἱερόσυλος 1 Apg 19,37 ἱερουργέω 1 Röm 15,16, in einem Vers, der in *Röm fehlt ἱερωσύνη 4 Hebr 7,11. 12. 14. 24 421 Einen weiteren Parallelfall bietet der Begriff καθαρισμός. Wiederum steht er in der Kindheitsgeschichte von Lk 2,22, dann nochmals in Lk 5,14, wo auch Epiphanius diesen Begriff für *Ev bezeugt, doch haben wir das widersprechende Zeugnis von Tertullian, der an dieser Stelle einen anderen Text bietet (munus quod; τὸ δῶρον ὅ), der sich dann auch in Mt 8,4 findet, „während Mk die Bedeutung des Opfers als Reinigungsopfer herausstellt“. 422 Ansonsten begegnet der Terminus in der Parallelstelle in Mk 1,44: „Er sagte zu ihm: Sieh, dass du niemandem etwas sagst, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring für deine Reinigung (καθαρισμοῦ) dar, was Mose festgesetzt hat - ihnen zum Zeugnis.“ Joh verweist auf ihn bei seiner Erzählung von der Hochzeit zu Kana ( Joh 2,6): „Es standen dort sechs steinerne Wasserkrüge, wie es der Reinigungssitte (καθαρισμὸν) der Juden entsprach; jeder fasste ungefähr hundert Liter.“ Ein Kapitel weiter, das uns weiter oben bereits beschäftigt hat (bei ζήτησις und βαπτίζω), 423 Joh 3,25, begegnet er wieder in der Auseinandersetzung mit den Jüngern des Johannes und der Frage der Abgrenzung von Jesus: „Da kam es zwischen den Jüngern des Johannes und einem Juden zum Streit über die Frage der Reinigung (καθαρισμοῦ).“ Ansonsten steht er nurmehr in Hebr 1,3, also gleich zu Beginn, und zwar in einer Bekenntnisformel: „Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung (καθαρισμόν) von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt“, und 2Petr 1,9 ergänzt er ex negativo aus der Verfehlung des Aufrufs zur rechten Lebensführung: „Wem dies nämlich fehlt, der ist blind 448 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="449"?> und kurzsichtig; er hat vergessen, dass er gereinigt worden ist (καθαρισμοῦ) von seinen früheren Sünden.“ Dieser Vergleich verknüpft die Schriften, in denen die beiden vorangegan‐ genen Wortgruppen vorkommen, da hier über diesen Begriff sowohl die lexika‐ lisch-narrative Kohärenz zwischen Kindheitsgeschichte des Lk und dem Rest des Evangeliums hergestellt wird, wie auch diejenige zwischen Mk, Lk und Joh, dann aber auch wiederum mit zwei der umstrittenen Schriften, Hebr und dieses Mal 2Petr, die mit eingebunden werden. Als weiteres Beispiel, das an die voranstehenden drei Vergleiche anknüpft, könnte man τίκτω untersuchen, an dieser Stelle sei jedoch nur darauf hinge‐ wiesen. Bei κοσμέω, κοσμικός, κόσμιος liegt der Fall etwas anders. Diese Begriffe sind vorkanonisch nicht bezeugt, stehen jedoch in Lk 11,25 (/ / Mt 12,44) und 21,5. An der ersten Stelle geht es um den unreinen Geist, der zurückkehrt und sein Haus „sauber und geschmückt (κεκοσμημένον)“ findet. An der zweiten Stelle wird vom Tempel in Jerusalem gesagt, er sei „mit schön bearbeiteten Steinen und Weihegeschenken geschmückt (κεκόσμηται)“, was Jesus zu seinem Drohwort verleitet. Unter den Droh- und Scheltworten begegnen wir der Wortgruppe wieder in Mt 23,29: „Weh euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler! Ihr errichtet den Propheten Grabstätten und schmückt (κοσμεῖτε) die Denkmäler der Gerechten.“ Auch im Gleichnis von den klugen und den törichten Jungfrauen, Mt 25,7 ist sie vertreten: „Da standen die Jungfrauen alle auf und machten ihre Lampen zurecht (ἐκόσμησαν).“ Weiter stehen Begriffe aus dieser Gruppe nur noch in einem Katholischen Brief (1Petr 3,5), dann Apk 21,2.19 und in den Pastoralbriefen: 1Petr 3,5 liest man: „So haben sich einst auch die heiligen Frauen geschmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten: Sie ordneten sich ihren Männern unter.“ In Apk 21,2. 19 heißt es: „2 Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. 19 Die Grundsteine der Stadtmauer sind mit edlen Steinen aller Art geschmückt; der erste Grundstein ist ein Jaspis, der zweite ein Saphir, der dritte ein Chalzedon, der vierte ein Smaragd.“ 1Tim 2,9-11 über Frauen: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 449 <?page no="450"?> „9 A Auch sollen die Frauen sich mit Anstand würdig (κοσμίῳ) und besonnen kleiden; nicht Haartracht, Gold, Perlen oder kostbare Kleider seien ihr Schmuck, 10 sondern gute Werke; so gehört es sich für Frauen, die gottesfürchtig sein wollen. 11 Eine Frau soll sich still und in voller Unterordnung belehren lassen.“ Im nächsten Kapitel, 1Tim 3,2, heißt es ganz ähnlich über die Episkopoi: „Deshalb soll der Episkopos untadelig, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, besonnen sein, von würdiger Haltung (κόσμιον), gastfreundlich, fähig zu lehren.“ Tit 2,10-12 dehnt dies auf die Sklaven und alle Menschen aus: „[Die Sklaven sollen …] nichts veruntreuen; sie sollen zuverlässig und treu sein, damit sie in allem der Lehre Gottes, unseres Retters, würdig seien (κοσμῶσιν). 11 Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. 12 Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen (κοσμικὰς) Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben.“ Dieser Text spielt mit dem Kontrast von κοσμέω („würdig sein“) und κόσμιος („irdisch“). Entsprechend qualifiziert Hebr 9,1 das Heiligtum des ersten Bundes als „irdisches (κοσμικόν)“. Es lässt sich erkennen, dass wir auch hier eine lexikalische Klammer besitzen, welche auf der kanonischen Sammlungsebene der zweiten kanonischen Redak‐ tion alte und neue Texte zusammenhält. Aus den eher negativ konnotierten Begriffen in den kanonischen Evangelien gewinnt man die Mahnungsworte zur Unterordnung der Frau im Ersten Petrusbrief und in den Pastoralbriefen und die Abgrenzungsidentität im Hebräerbrief. In der Apk begegnet beides - hier schmückt sich die Braut für den Mann, zugleich wird mit dem Begriff die besondere Schönheit der neuen Stadt herausgehoben, die sie vom vergangenen ersten Himmel und der vergangenen ersten Erde absetzen. Aber so wichtig die Inhalte sind, so sind es auch die semantisch-narrativen Vebindungsfunktionen, die diese Begriffe eher auf der unbewussten Ebene der Leserschaft ausüben. Ich könnte jetzt weitere Begriffe analysieren, die zu dieser Subsektion ge‐ hören wie λίβανος, λιβανωτός, μαρτυρία (letzteres nicht bezeugt für Paulus), προσήλυτος, προσκυνέω (das immerhin 60 Mal im Neuen Testament steht), ῥαββί, σέβομαι (mit 10 Einträgen für das Neue Testament, aber abwesend von den paulinischen Texten), σφραγίς, ὑγιής, die alle weder für *Ev noch für *Paulus bezeugt sind, jedoch zum Sprachgebrauch der kanonischen Redaktion gehören, doch will ich mich aus Raumgründen nur noch mit dem Begriff ὕδωρ im Rahmen der liturgischen Begriffe beschäftigen. ὕδωρ steht ca. 80 Mal im Neuen Testament, in Lk begegnet es sechs Mal, doch es ist weder bezeugt für *Ev noch für *Paulus. In Lk 3,16 und 7,44 steht der 450 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="451"?> 424 Lk 3,16 ist als abwesend bezeugt, zu Lk 7,44 vgl. die Ausführungen in M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 681-694. 425 Klinghardt (2020) gibt zur Stelle an: (8,24) τη θαλασση/ maris: Epiph f ¦ τω κλυδωνι/ undae: D d ¦ τω υδατι/ aquae: a aur b c e ff 2 l q r 1 ¦ τω κλυδωνι του υδατος: M ● (8,25) τη θαλασση/ mari: Tert 1424 aur b c f ff 2 g 1 gat l q r 1 vg sy s .c Tat arab ¦ τω υδατι/ aquae: a d e M. Begriff in Versen oder Versteilen, die in *Ev fehlen. 424 Entscheidender für unseren Zusammenhang sind die Verse Lk 8,24. 25, wo anstelle dieses Begriffes in den Parallelversen in *Ev nach Epiphanius, f, slav 1ms θαλάσσῃ steht, während 05, d τῷ κλυδῶνι; undae bieten. 425 In Lk 16,24 ist der Parallelvers in *Ev nur durch Adamantius bezeugt, der ὕδωρ bietet, was jedoch eher auf die kanonische Ebene verweist. Lk 22,10 ist unbezeugt für *Ev. Nicht weniger auffallend ist, dass der vorkanonische *Paulus den Begriff ebensowenig wie *Ev kennt, auch nicht der kanonische Paulus der sieben Briefe, sondern dass der Begriff nur an einer Stelle in dem Deuteropaulinum Eph 5,26 und an zwei Stellen in Hebr steht. Steigen wir bei dieser Stelle des Epheserbriefes ein, Eph 5,26: *Laod 5,22-23. 25-32 Eph 5,22-33 22 αἱ γυναῖκες τοῖς ἀνδράσιν ὑποτάσσεσθε, 23 ὅτι ἀνήρ ἐστιν κεφαλὴ τῆς γυναικὸς ὡς καὶ ὁ Χριστὸς κεφαλὴ τῆς ἐκκλησίας· - … 22 αἱ γυναῖκες τοῖς ἰδίοις ἀνδράσιν ὡς τῷ κυρίῳ, 23 ὅτι ἀνήρ ἐστιν κεφαλὴ τῆς γυναικὸς ὡς καὶ ὁ Χριστὸς κεφαλὴ τῆς ἐκκλησίας, αὐτὸς σωτὴρ τοῦ σώματος· 24 ἀλλ‘ ὡς ἡ ἐκκλησία ὑποτάσσεται τῷ Χριστῷ, οὕτως καὶ αἱ γυναῖκες τοῖς ἀνδράσιν ἐν παντί. 25 καθὼς καὶ ὁ Χριστὸς ἠγάπησεν τὴν ἐκκλησίαν, - 25 Οἱ ἄνδρες, ἀγαπᾶτε τὰς γυναῖκας, καθὼς καὶ ὁ Χριστὸς ἠγάπησεν τὴν ἐκκλησίαν καὶ ἑαυτὸν παρέδωκεν ὑπὲρ αὐτῆς, 26 ἵνα αὐτὴν ἁγιάσῃ καθαρίσας τῷ λουτρῷ τοῦ ὕδατος ἐν ῥήματι, - 27 ἵνα παραστήσῃ αὐτὸς ἑαυτῷ ἔνδοξον τὴν ἐκκλησίαν, μὴ ἔχουσαν σπίλον ἢ ῥυτίδα ἤ τι τῶν τοιούτων, ἀλλ’ ἵνα ᾖ ἁγία καὶ ἄμωμος. 28 καὶ οἱ ἄνδρες ἀγαπᾶν τὰς ἑαυτῶν γυναῖκας. ὁ ἀγαπῶν τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα τὴν ἑαυτοῦ σάρκα ἀγαπᾷ. 28 οὕτως ὀφείλουσιν καὶ οἱ ἄνδρες ἀγαπᾶν τὰς ἑαυτῶν γυναῖκας ὡς τὰ ἑαυτῶν σώματα. ὁ ἀγαπῶν τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα ἑαυτὸν ἀγαπᾷ. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 451 <?page no="452"?> 29 Οὐδεὶς γάρ ποτε τὴν ἑαυτοῦ σάρκα μισεῖ ἀλλ’ ἐκτρέφει καὶ θάλπει αὐτήν, καθὼς καὶ ὁ Χριστὸς τὴν ἐκκλησίαν. 29 Οὐδεὶς γάρ ποτε τὴν ἑαυτοῦ σάρκα ἐμίσησεν ἀλλ’ ἐκτρέφει καὶ θάλπει αὐτήν, καθὼς καὶ ὁ Χριστὸς τὴν ἐκκλησίαν, 30 ὅτι μέλη ἐσμὲν τοῦ σώματος αὐτοῦ ἐκ τὴς σαρκὸς αὐτοῦ καὶ ἐκ τῶν ὀστέων αὐτοῦ, 30 ὅτι μέλη ἐσμὲν τοῦ σώματος αὐτοῦ. 31 ἀντὶ τοῦ καταλείψει ἄνθρωπος πατέρα καὶ μητέρα, καὶ ἔσονται οἱ δύο εἰς σάρκα μίαν. 31 ἀντὶ τούτου καταλείψει ἄνθρωπος τὸν πατέρα καὶ τὴν μητέρα καὶ προσκολληθήσεται πρὸς τὴν γυναῖκα αὐτοῦ, καὶ ἔσονται οἱ δύο εἰς σάρκα μίαν. 32 τὸ μυστήριον τοῦτο μέγα ἐστίν· ἐγὼ δὲ λέγω εἰς Χριστὸν καὶ ἐκκλησίαν. 32 τὸ μυστήριον τοῦτο μέγα ἐστίν· ἐγὼ δὲ λέγω εἰς Χριστὸν καὶ εἰς τὴν ἐκκλησίαν - 33 πλὴν καὶ ὑμεῖς οἱ καθ’ ἕνα, ἕκαστος τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα οὕτως ἀγαπάτω ὡς ἑαυτόν, ἡ δὲ γυνὴ ἵνα φοβῆται τὸν ἄνδρα. *Laod 5,22-23. 25. 28-32 Eph 5,22-33 22-Ihr Frauen ordnet Euch den Män‐ nern unter; … 22-Die Frauen ihren eigenen Männern als dem Herrn, 23-denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. - 23 denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist, die er als seinen Leib erlöst hat. - 24-Wie nun die Kirche sich Christus un‐ terordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern unterordnen in allem. 25- Wie auch Christus die Kirche geliebt hat, - 25 Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt hat und sich selbst für sie hingegeben hat, - 26 um sie zu heiligen, nachdem er sie ge‐ reinigt hat durch das Wasserbad im Wort; - 27 damit er die Kirche sich selbst verherr‐ licht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen hat, son‐ dern dass sie heilig und untadelig sei. 28-liebten die Männer ihre Frauen. Wer seine Frau liebt, liebt sein eigenes Fleisch. - 28-So sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihre eigenen Leiber. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. 452 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="453"?> 426 Vgl. weiter unten ausführlicher. 29- Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch Christus die Kirche. 29-Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch Christus die Kirche. 30-Denn wir sind Glieder seines Leibes, aus seinem Fleisch und aus seinen Kno‐ chen, 30 Denn wir sind Glieder seines Leibes. 31-statt dass der Mann Vater und Mutter verlassen und sich binden wird, und die zwei ein Fleisch sein werden. 31-Deshalb wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. 32-Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich deute es auf Christus und die Kirche. 32 Dieses Geheimnis ist groß; ich aber deute es auf Christus und die Kirche. - - 33-Doch auch ihr---jeder von euch liebe seine Frau so wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann. Diese Passage verstärkt die bereits früher gemachen Beobachtungen zum Prozess des Gebens und Nehmens zwischen dem kanonischen Milieu auf der einen Seite und auf der anderen Seite der vorkanonischen Redaktion. Es ist kaum anzunehmen, dass die vorkanonische Redaktion Passagen entfernt hätte, in denen Christus genannt wurde, zumal von ihm bereits in Vers 23 die Rede war. Vers 24 wirkt wie eine Duplikation - ein für die kanonische Redaktion vielfach festgestelltes Stilmerkmal. 426 Das „Wasser“ im Ausdruck „Wasserbad“ begegnet in dem nicht bezeugten Textteil. Dass Tertullian hier nicht stillschweigend über vorhandenen Text hinweggegangen ist, belegt die weitere Lexik. Der Ausdruck τῷ λουτρῷ ist ein Hinweis auf die zweite kanonische Redaktion, denn λουτρόν begegnet ausschließlich im Neuen Testament, und zwar wieder in den Pastoralbriefen in liturgischem Kontext: Tit 3,5 („hat er uns gerettet - nicht aufgrund von Werken der Gerechtigkeit, die wir vollbracht haben, sondern nach seinem Erbarmen - durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung im Heiligen Geist“). ὕδωρ, wie vermerkt, steht außer Eph und Hebr überhaupt nicht anderswo in Paulus, so dass wir mit folgender möglicher Genese zu rechnen haben: Die vorkanonische Redaktion erhielt aus dem kanonischen Milieu ihre Vorlage für *Laod, in welchem die oben bezeugten oder (weil unbezeugt, aber argumentativ und narrativ notwendig) vorhandenen Textteile standen. In der §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 453 <?page no="454"?> 427 Vgl. T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022). Passage wird eine Unterordnung der Frauen unter die Männer vertreten, wobei eine gewisse Reziprozität der Beziehung durch Vers 25 angedeutet wird. Es fehlte in dieser Vorlage die Aussage über die Makellosigkeit der Kirche, die sich weder Markion noch Tertullian als sein Kommentator hätte entgehen lassen, wenn sie in der Vorlage bereits enthalten gewesen wäre. Die Verpflichtung der Männer von Vers 28 bezieht sich folglich in der Vorlage, die vorkanonisch über‐ nommen wurde, nicht auf die Makellosigkeit der Frau oder gar des weiblichen Körpers, sondern es wird von den Männern verlangt, dass der Mann seine Frau so liebt, wie Christus die Kirche geliebt hat und wie die Männer ihren eigenen Leib lieben, d. h. genauerhin wie das eigene Fleisch - eine Konkretisierung, die mit dem nächsten Argument in Vers 29 zu tun hat, wo es darum geht, dass kein Mensch das eigene Fleisch hasst, sondern es „nährt und pflegt“ - die kanonische Einfügung in Vers 28 („wie ihre eigenen Leiber“, eine abändernde Duplizierung von *Laod 5,28) und die Auslassung in Vers 30 („aus seinem Fleisch und aus seinen Knochen“), die auf die zweite kanonische Redaktion zurückzuführen sind, verwässern eher das Argument. Was von Vers 31 an folgt, ist höchst interessant. Auch wenn man zunächst meinen könnte, dass der heute in der kanonischen Version gegebene Text die ältere Vorlage gewesen sein könnte, die dann die vorkanonische Redaktion zu einer asketischen Umkehrung des Sinnes veranlasst hat - in *Laod ist das „tiefe Geheimnis“ ein solches von Christus und Kirche, das darin besteht, dass wie Christus die Kirche, auch der Mann die Frau liebt und sie als solche Glieder von Christi Leib, seiner Kirche sind, eine Gliedschaft, die an die Stelle der sexuellen Gemeinschaft der Ehe tritt. Mehr noch, auch wenn es eine Hierarchie zwischen Mann und Frau gibt, so führt diese zu einer Verpflichtung des Mannes gegenüber der Frau, der die Unterordnung der Frau unter den Mann. Vers 33 ist weithin eine Duplikation dessen, was zuvor in *Laod ausge‐ führt wurde, auffallenderweise, ohne die kanonische Erweiterung „wie ihre eigenen Leiber“ aufzugreifen. Das spricht dafür, dass in der älteren Vorlage zunächst die asketische Aussage enthalten war. In diesem Punkt wird man Flemming bei seiner Betrachtung der Textgeschichte des Epheserbriefes Recht geben, wenn er seinem Buch den Untertitel gibt: „Marcion änderte nichts“. 427 Wenn wir diesen Hinweis generalisieren könnten, kämen wir m. E. zwar noch nicht ohne Weiteres zu dem „authentischen“ Brieftext des Paulus, jedoch zu dem „älteren“ Text dieses Briefes, der dennoch, wie die Lexik weiter oben gezeigt hat, eher im kanonischen Milieu als im vorkanonischen zu verorten 454 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="455"?> 428 Ibid. 210. 429 Dionysius, in Euseb. Caes., Hist. eccl. IV 23,2-13; vgl. hierzu ausführlich M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 49-53. ist. Flemming urteilt in der Zusammenfassung seiner Studie: „Es bedeutet …, den Epheserbrief - und das darin gezeichnete Paulusbild - als ein redaktionell hergestelltes Produkt des 2. Jahrhunderts zu lesen.“ 428 Unsere Beobachtungen hier lassen dies sogar noch präzisieren. Der Epheserbrief war ursprünglich in einem kanonischen Milieu entstanden, wie seine Sprache verrät, stand jedoch in einer ersten Form km Laod, die dem asketisch ausgerichteten *Laodizeerbrief als Vorlage diente, nahe. Erst durch die Integration in die erweiterte Sammlung und im Zuge der zweiten kanonischen Redaktion des Briefes wurde er nicht nur zum an die Epheser adressierten Brief, wie wir ihn heute kennen, sondern erhielt auch eine asketische Entschärfung, was durch die Berührung gerade mit den Pastoralbriefen bestärkt wird. Will man parallele historische Diskurse hinzunehmen, braucht man lediglich in den zumindest summarisch erhaltenen Briefwechsel des Dionysius von Korinth mit Pinytus von Knossos auf Kreta wie überhaupt in die Briefe des Dionysius zu schauen, der „die Häresie des Markion“ bekämpft. Dem Pinytus legt Dionysius nahe, er solle „den Brüdern bezüglich der Enthaltsamkeit keine schweren Lasten als unerlässliche Pflichten auferlegen“, doch Pinytus antwortet Dionysius abschlägig und ganz im Sinne Markions, man solle „kräftigere Nahrung verabreichen und die eigenen Leute mit höheren Lehren bedenken, damit sie schließlich nicht immer nur mit geistiger Milch wie Kinder verzogen unvermerkt erschlaffen“. 429 Wie Pinytus von Knossos bezeugt, gab es folglich nach dem Jahr 170 n. Chr. ein kanonisch orientiertes Milieu, zu dem Dionysius gehört - überhaupt unser erster Zeuge, der die kanonische Apostelgeschichte zitiert - und der sich brüderlich in Abgrenzung zu Markion mit Pinytus austauscht, doch offenkundig gerade markionitische Tendenzen dieses Pinytus zu korrigieren versucht, eine Korrektur, gegen die sich Pinytus ausspricht. Dieser Diskurskontext bildet wohl auch das Umfeld, in welchem man sich die zweite kanonische Redaktion vorzustellen hat. Kommen wir noch zum Hebräerbrief. Hier findet sich ὕδωρ in Hebr 9,19, einer Ritualfeier des Mose, innerhalb eines Kapitels, das uns in den vorangegangenen Vergleichen bereits mehrmals begegnet ist: „19 Nachdem Mose jedes Gebot dem Gesetz gemäß dem ganzen Volk vorgelesen hatte, nahm er das Blut der jungen Stiere und der Böcke, dazu Wasser (ὕδατος), rote Wolle und Ysop, besprengte das Buch selbst und das ganze Volk 20 und sagte: Das ist das Blut des Bundes, den Gott geboten hat für euch. 21 Dann besprengte er auch das Zelt und alle gottesdienstlichen Geräte auf gleiche Weise mit dem Blut.“ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 455 <?page no="456"?> 430 Vgl. zuvor zum Gewissen, S.-358, 375-378. Und wenig weiter, in Hebr 10,22, wird es in Bezug auf die Adressaten gesetzt, erneut in einem Vers, den wir bereits besprochen hatten: 430 „Lasst uns mit aufrichtigem Herzen und in voller Gewissheit des Glaubens hinzutreten, die Herzen durch Besprengung gereinigt vom schlechten Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser (ὕδατι)! “ Was bei Mose die Besprengung war, wird im Hebräerbrief ein auf das Gewissen bezogenes spirituelles Ritual, dem dieser Brief jedoch noch nicht den Namen „Taufe“ gibt. Schließlich finden wir ὕδωρ wiederholt auch in den Katholischen Briefen, Jak 3,12 steht es für „Süßwasser“, in 1Petr 3,20-21 wird das rettende Wasser verglichen mit dem „Vorbild“ Noah und wird mit der Taufe (sowie dem Thema „Gewissen“) verknüpft: „20 Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde; in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser (ὕδατος) gerettet. 21 Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet. Sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi.“ An die Sintflut erinnert auch 2Petr 3,5-6, hebt jedoch nur den negativen Aspekt des Wassers hervor: „5 Wer das behauptet, übersieht, dass es einst die Himmel gab und eine Erde, die aus dem Wasser entstand und durch das Wasser (ὕδατος) Bestand hatte auf das Wort Gottes hin. 6 Durch dieses wurde die damalige Welt vom Wasser (ὕδατι) überflutet und ging zugrunde.“ Vom Glauben spricht 1Joh 5,5-8: „5 Wer sonst besiegt die Welt, außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist? 6-Dieser ist es, der durch Wasser (ὕδατος) und Blut gekommen ist: Jesus Christus. Er ist nicht nur im Wasser gekommen, sondern im Wasser (ὕδατι) und im Blut. Und der Geist ist es, der Zeugnis ablegt; denn der Geist ist die Wahrheit. 7 Denn drei sind es, die Zeugnis ablegen: 8-der Geist, das Wasser (ὕδωρ) und das Blut; und diese drei sind eins.“ Wie der Hebräerbrief, spricht auch 1Joh von Wasser und Blut, ohne auf die Taufe zu sprechen zu kommen, auch wenn es um das Zeugnis des Glaubens und das Zeugnisgeben geht. Reichlich begegnet ὕδωρ auch in der Apokalypse. Von dem Wasser des Eufrat ist die Rede (Apk 16,12); die Stimme des Menschensohngleichen klingt wie 456 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="457"?> „das Rauschen von Wassermassen“ (Apk 1,15: ἡ φωνὴ αὐτοῦ ὡς φωνὴ ὑδάτων πολλῶν; vgl. auch Apk 14,2; 19,6); von Wasserquellen, die Gott geschaffen hat (Apk 8,10; 14,7; 16,4) und Wasser, das bitter geworden ist, spricht Apk 8,10-11; die Schlange kann verderbendes Wasser speien (Apk 12,15); die große Hure sitzt an den vielen Gewässern (Apk 17,1. 15); Wasser kann in Blut verwandelt werden (Apk 11,6). Vor allem steht „Wasser“ aber auch für das „Neue“: die Zukunft wird in diesen Zügen in Apk 7,17 beschrieben: „Das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser (ὑδάτων) des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.“ Vom „neuen Himmel und der neuen Erde“ heißt es Apk 21,6: „Wer durstig ist, den werde ich unentgeltlich aus der Quelle trinken lassen, aus der das Wasser (ὕδατος) des Lebens strömt.“ Und in Apk 22,1: „Und er zeigte mir einen Strom, das Wasser (ὕδατος) des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus.“ Gegen Ende des Buches wird verheißen (Apk 22,17): „Der Geist und die Braut aber sagen: Komm! Wer hört, der rufe: Komm! Wer durstig ist, der komme! Wer will, empfange unentgeltlich das Wasser (ὕδωρ) des Lebens! “ Wie wir gleich sehen werden, finden sich in diesen Versen Anklänge an Joh 7,37-38. Nehmen wir noch die vier Evangelien und die Apg hinzu: Bei Lk ist es zunächst das Thema der Johannestaufe (vgl. auch Lk 3,12. 16 / / Mt 3,11 / / Mk 1,8. 10; vgl. Joh 1,26-33); ὕδωρ begegnet wieder in Lk 7,44 bei Jesus und der Sünderin; beim Sturmstillen (Lk 8,24-25; vgl. Mt 14,28-29); bei Lazarus, der mit der „Spitze seines Fingers in Wasser (ὕδατος) tauchen“ und dem reichen Mann „die Zunge kühlen“ soll (Lk 16,24); und schließlich auf dem Weg zur Vorbereitung des Paschamahls (Lk 22,10 / / Mk 14,13). Bei Matthäus findet sich ὕδωρ noch in eigentümlichen Erzählungen: den Schweinen von Gerasa (Mt 8,32); dem Mann mit dem mondsüchtigen Sohn (Mt 17,15); beim Waschen der Hände des Pilatus (Mt 27,24). Mk kennt noch den Spruch (Mk 9,41): „Wer euch auch nur einen Becher Wasser (ὕδατος) zu trinken gibt, weil ihr zu Christus gehört - Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.“ Joh kommt darauf zu sprechen bei der Hochzeit zu Kana ( Joh 2,7. 9; 4,46); er überliefert den Jesusspruch ( Joh 3,5): „Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus dem Wasser (ὕδατος) und dem Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Von Jesus wird gesagt, er habe getauft in Judäa, während auch Johannes taufte in Änon, „weil viele Gewässer (ὕδατα) dort waren“ ( Joh 3,22-23). Wasser spielt eine zentrale Rolle bei der Begegnung mit der Samaritanerin am Brunnen ( Joh 4,6-42); auch am Betesdateich ( Joh 5,3. 4. 7); am letzten Tag des Laubhüttenfestes ruft Jesus ( Joh 7,37-38): §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 457 <?page no="458"?> 431 Vgl. M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 132-272. „37 … Wer Durst hat, komme zu mir und es trinke, 38 wer an mich glaubt! Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme von lebendigem Wasser (ὕδατος) fließen.“ Dieser Spruch ist eng verwandt mit den Aussagen aus den letzten beiden Kapiteln der Apk, die zuvor aufgeführt wurden. Schließlich begegnet Wasser bei der Fußwaschung der Jünger ( Joh 13,5), und nach dem Lanzenstich in Jesu Seite, aus der „sogleich Blut und Wasser herausflossen“ ( Joh 19,34), womit ein weiteres Thema aufklingt, das zuvor in Hebr, 1Joh und Apk bereits begegnete. Auch für die Apg ist ὕδωρ von Bedeutung. Wie in den kanonischen Evange‐ lien begegnet das Nomen zunächst bei der Johannestaufe (Apg 1,5) und auch bei der letzten Erwähnung von ὕδωρ (Apg 11,16), dazwischen bei der Taufe des Kämmerers durch Philippus (Apg 8,36-39), und Petrus sagt Apg 10,47: „Kann jemand denen das Wasser (ὕδωρ) zur Taufe verweigern, die ebenso wie wir den Heiligen Geist empfangen haben? “ Im Konspexus ist zu sehen, dass ὕδωρ insbesondere durch die zweite kanoni‐ sche Redaktion theologisch, rituell, liturgisch und spirituell aufgeladen wird. Zunächst ist der Begriff völlig abwesend auf der vorkanonischen Ebene, und dort begegnet die Alternative θαλάσσῃ. Einzug gehalten hat ὕδωρ, wie an Lk abzulesen ist, auf der Ebene der ersten kanonischen Redaktion und zwar in Reaktion auf die vorkanonische Kritik an Johannes dem Täufer. 431 Folglich begegnet ὕδωρ zuallererst in den vier km Evangelien. Im Gefolge der zweiten kanonischen Redaktion finden wir es dann in der Apostelgeschichte sogar bei der ersten und letzten Erwähnung im Kontext der Johannestaufe. Desto auffälliger ist, dass ὕδωρ nicht im kanonischen Paulus der sieben Briefe und der Pastoralbriefe steht, was am ehesten dadurch erklärbar ist, dass sich hier das vorkanonische Narrativ noch durchgesetzt hat (vgl. auch weiter oben zu der nur an einer Stelle begegnenden Taufe, Röm 6). Selbst noch im Deute‐ ropaulinum km Laod erscheint der Begriff noch nicht, sondern erst während der zweiten kanonischen Redaktion bei der Zusammenstellung der größeren Sammlung scheint er hineingekommen zu sein. Insofern müssen wir auch unterscheiden zwischen der Schaffung der vier km Evangelien in Antwort auf *Ev und der Redaktion der *Deuteropaulinen hin zu ihrer kanonischen Form in der km 10-Briefe-Sammlung und derjenigen Form, die die Deuteropaulinen erhielten, als sie durch die zweite kanonische Redaktion bearbeitet wurden und die km 10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung erweitert wurde. Diese Unter‐ 458 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="459"?> 432 Vgl. wiederum die Konkordanz. 433 Die Perikope, in welcher dieser Vers steht, war schon kurz zuvor Gegenstand der Betrachtung, vgl. S.-449. 434 Roth vermerkt, dass der Vers zwar bezeugt ist, jedoch der Wortlaut unklar sei, D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015), 423. BeDuhn lässt dieselbe Passage aus mit Verweis auf dieselben handschriftlichen Zeugen wie Klinghardt, beide stimmen in diesem Urteil scheidung fügt sich zur Differenzierung, die bereits Klinghardt vorgenommen hatte, was die Entstehung der vier Evangelien unter Benutzung von *Ev betrifft. Dabei bezeichnete er nicht nur *Ev als das vorkanonische Stadium von Lk, sondern nahm auch „vorkanonische“ Versionen der übrigen drei Evangelien an. Wie zur Nomenklatur bemerkt, bezieht sich der in unserer Rekonstruktion und dieser Einleitung hierzu benutzte Begriff „vorkanonisch“ ausschließlich auf *Ev und *Ap. Klinghardt hatte richtigerweise angenommen, dass diese Evangelien (auch wenn er Lk ausgenommen hatte) dann einer kanonischen Redaktion unterzogen wurden, als sie in die größere Sammlung aufgenommen wurden, eine Redaktion, die hier die zweite kanonische Redaktion genannt wird. Deutlich wird diese Entwicklung durch die immer größere Präsenz von ὕδωρ in der Apg, Hebr, den Katholischen Briefen und der Apk, selbstverständlich angeregt durch die vielfache Präsenz des Begriffes in den vier Evangelien. Auch hier gilt, was bereits mehrfach zuvor bemerkt worden ist, dass durch die Präsenz des Begriffes in den kanonischen Evangelien, vor allem in Johannes, der Jesus selbst taufen lässt, und in den weiteren Schriften, der Apg, die ὕδωρ im Zusammenhang der Johannestaufe, der Philippustaufe und der Petrustaufe benutzt, und dann wiederum in solchen Schriften, die in ihrer Authentizität umstritten waren, Hebr, den Katholischen Briefen und Apk, von der zweiten kanonischen Redaktion eine Klammer für deren integrale Notwendigkeit für die Sammlung geschaffen wurde. g) Theologisch Wieder gibt es eine Reihe von recht häufigen Begriffen, die auf der vorkano‐ nischen Ebene fehlen und hier nicht im Einzelnen alle behandelt werden können. 432 Ich greife zunächst ἀνάπαυσις und ἀναπαύω heraus. Während das Nomen lediglich in Mt, Lk und Apk steht, findet sich das Verb auch noch bei Mk, in drei der sieben Paulusbriefe, auch 1Petr und Apk. In Lk 11,24 (/ / Mt 12,43) ist das Nomen für *Ev nicht bezeugt, 433 doch sprechender ist Lk 12,19, wo die Zeugen 05, a, b, c, d, e, (ff 2 ) folgende Passage des Verses auslassen: κειμενα εις ετη πολλα αναπαυου φαγε πιε, während dieser Passus zu finden ist in aur, f, q, M, NA 28 . Klinghardt vermerkt diesen Passus zurecht als abwesend. 434 Hinter *Ev 12,19 (wie auch *Ev 12,20) liegt Sir 11,19, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 459 <?page no="460"?> also überein, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 112. 164; M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 904-907. 435 Vgl. Sir 11,19 LXX: ἐν τῷ εἰπεῖν αὐτόν Εὗρον ἀνάπαυσιν καὶ νῦν φάγομαι ἐκ τῶν ἀγαθῶν μου, καὶ οὐκ οἶδεν τίς καιρὸς παρελεύσεται καὶ καταλείψει αὐτὰ ἑτέροις καὶ ἀποθανεῖται. worin Klinghardt den Grund sieht, dass in der Revision dieser Schriftbezug verdeutlicht wurde. 435 Mt überliefert den Jesusspruch Mt 11,29, der den einschlägigen Teil des Verses aus einer Kombination von Jer 6,16 und Sir 6,28, wo er das Verb findet, gewinnt: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden (ἀνάπαυσιν) für eure Seele.“ Die Tendenz ist dieselbe wie die von Lk - sie verdeutlicht, dass der Jesusspruch nicht nur jüdische Prophetie atmet, sondern auch aus dieser herzuleiten ist, dasselbe Verfahren, das Tertullian bei seiner Kommentierung des Markionevangeliums verwendet. Dass die Ruhe aufgegeben werden soll, weil „die Stunde gekommen ist“, findet sich in der Gethsemaneerzählung Mt 26,45 (/ / Mk 14,41). Auch in Lk 12,19 war das Ausruhen bereits als Charakterisierung des Narren genutzt, dem gesagt wird, dass man noch „in dieser Nacht“ sein Leben zurückfordern wird (Lk 12,20). In Mk 6,31 fordert Jesus die Apostel auf, an einem einsamen Ort ein wenig auszuruhen (ἀναπαύσασθε). Auf kanonischer Ebene verweist 2Kor 7,13 auf das Ruhen des Geistes: „Deswegen sind wir getröstet worden. Über unseren Trost hinaus erfreut uns vielmehr die Freude des Titus, dessen Geist durch euch alle neue Kraft gefunden hat (ἀναπέπαυται).“ Zu Titus, der bereits in Vers 6 erwähnt wird, wird weiter unten zu den Namensnennungen mehr zu sagen sein. Der Vers greift 1Kor 16,18 auf: „Sie haben nämlich meinen und euren Geist beruhigt (ἀνέπαυσαν). Erkennt diese folglich an! “ Während von dieser Erquickung hier vor der Grußadresse am Ende des Briefes die Rede ist, findet sie sich am Anfang und gegen Ende in Phlm 1,7: „Denn ich habe viel Freude und Trost durch deine Liebe, weil die Herzen der Heiligen durch dich, Bruder, erquickt worden sind (ἀναπέπαυται)“, und Phlm 1,20: „Ja, Bruder, lass mich von dir Nutzen haben im Herrn; erquicke (ἀνάπαυσόν) mein Herz in Christus! “ 1Petr 4,14 greift (mit den Worten von Jes 11,2) die Seligpreisung von Lk 6,22 auf: „Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzu‐ preisen; denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, erquickt (ἀναπαύεται) euch.“ 460 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="461"?> 436 Vgl. Iren., Adv. Haer. III 11,8; vgl. den synoptischen Vergleich, der *Ev mit einschließt in Iren., Adv. Haer. IV 6 und hierzu Text und Diskussion in M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 266-270. Vgl. auch weiter unten, S.-585. 437 Vgl. Apk 6,11, wo vom vorläufigen Ruhen der bereits mit weißem Gewand Ausgestat‐ teten bis zur Vollzahl der Märtyrer berichtet wird, vgl. in ähnlichem Zusammenhang die eingeforderte Standhaftigkeit, nicht Idololatrie zu betreiben in Apk 14,10-11. Weiter liest man von „Ruhe“ und „Ruhen“ nur noch in der Apokalypse. Gleich an der ersten Stelle (Apk 4,8) wird von den vier Tieren berichtet, die bereits Irenäus mit den vier Evangelisten gleichgesetzt hat unter Berufung auf diese Stelle (die ihrerseits wieder auf Ez 1,4-14 zurückgreift), und von denen gilt, dass sie „nicht ruhen (ἀνάπαυσιν οὐκ ἔχουσιν)“, sondern „bei Tag und Nacht rufen“ und den Herrn, Gott, als „Herrscher über die ganze Schöpfung“ preisen - vergessen wir nicht, dass Irenäus auf diese vier Evangelien verweist und sie von dem fünften absetzt, das er danach zitiert, dem *Evangelium Markions. 436 Die beiden letzten Bezeugungen in Apk (6,11; 14,11.13) stehen im Rahmen der Diskussion der Standfestigkeit und Bereitschaft zum Martyrium und erinnern demnach an 1Petr. 437 Bei der Verwendung der beiden Begriffe ἀνάπαυσις und ἀναπαύω stellt sich die große Bedeutung der alttestamentlichen Bezüge heraus - Jesus Sirach, Jesaja, Jeremias, Ezechiel. Zusätzlich zur Funktion der narrativen Kohärenz spielt also auch die Rückbindung der Texte an die jüdischen Schriften eine herausragende Rolle. Aufschlussreich ist eine Durchsicht der Verwendungen von βλασφημία und βλάσφημος. Wie schon öfter bemerkt, sind wiederum Nomen und Adjektiv dieser Gruppe vorkanonisch nicht bezeugt, während das Verb βλασφημέω an einer Stelle für *Paulus belegt ist: *Röm 2,24: *Röm 2,24 Röm 2,24 Τὸ ὄνομα τοῦ θεοῦ δι’ ὑμᾶς βλασφημεῖται. τὸ γὰρ ὄνομα τοῦ θεοῦ δι’ ὑμᾶς βλασφημεῖται ἐν τοῖς ἔθνεσιν, καθὼς γέγραπται. *Röm 2,24 Röm 2,24 Euretwegen wird der Name Gottes ge‐ lästert. Denn der Name Gottes wird euretwegen unter den Nationen gelästert, wie ge‐ schrieben steht. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 461 <?page no="462"?> 438 Vgl. Jes 52,5 LXX: τάδε λέγει κύριος. δι᾽ ὑμᾶς διὰ παντὸς τὸ ὄνομά μου βλασφημεῖται ἐν τοῖς ἔθνεσιν. 439 Vgl. G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 130. Der Vers steht in der kritischen Gegenüberstellung von dem, was das jüdische Gesetz gebietet, und dem, was entgegen diesem Gesetz gelebt wird: „Denn euretwegen wird der Name Gottes gelästert.“ 438 Ganz ähnlich wie bei der Diskussion von ἀνάπαυσις und ἀναπαύω verdeut‐ licht die kanonische Redaktion den Rückbezug des Textes auf die jüdische Schrift, hier auf Jes 52,5 LXX (“…Spruch des Herrn, alle Tage wird mein Name gelästert unter den Nationen“; τάδε λέγει κύριος. δι᾽ ὑμᾶς διὰ παντὸς τὸ ὄνομά μου βλασφημεῖται ἐν τοῖς ἔθνεσιν). In Selbstverteidigung spricht Paulus davon, „Und gilt am Ende das, womit man uns verleumdet und was einige uns in den Mund legen“ (Röm 3,8) und in Ablehnung von Speisegeboten begegnet das Verb auf der kanonischen Ebene wieder in Röm 14,16: „So soll nun euer Gutes nicht verlästert werden (βλασφημείσθω).“ 1Kor 4,13 ist vorkanonisch nicht bezeugt, doch es begegnet die Variante βλασφημούμενοι. Diese steht in den Zeugen P 68 , 01 2 , 03, 06, 010, 012, 020, 044, 0289, 630, 1881 c , 1881, 2464, M während die Variante δυσφημούμενοι zu finden ist in P 46 , 01*, 02, 04, 025, 33, 81, 1175, 1506, l 249, l 846, Cl, Eus. Wie die einschlägigen Zeugen 06, 010, 012 nahelegen, scheint βλασφημούμενοι von der vorkanonischen Sprache beeinflusst zu sein. 439 In den sieben Briefen des Paulus begegnet der Begriff nämlich nur an den beiden Stellen Röm 3,8 und 14,16 und als Variante in 1Kor 4,13. Erst auf der Ebene der Pastoralbriefe, des Praxapostolos, und zwar sowohl in Apg wie in mehreren Katholischen Briefen und in der Apk begegnet das Verb wiederholt. Nicht das Verb, jedoch das Nomen liest man in den beiden Deuteropaulinen Eph und Kol. Ähnlich wie wir es gleich in den Pastoralbriefen lesen werden, steht es in Eph 4,31 innerhalb einer innergemeindlichen Mahnung: „Alle Bitter‐ keit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung (βλασφημία) seien von euch weggetan samt aller Bosheit! “ In einem solchen Kontext und teilweise wörtlich parallel begegnet das Nomen auch in Kol 3,8: „Jetzt aber legt auch ihr das alles ab: Zorn, Grimm, Bosheit, Lästerung (βλασφημίαν), hässliche Redensarten aus eurem Mund.“ In einer Mahnung an Timotheus wegen des rechten Glaubens, heißt es 1Tim 1,20: „Zu ihnen gehören Hymenäus und Alexander, die ich dem Satan übergeben habe, damit sie in Zucht genommen werden und nicht mehr lästern (βλασφημεῖν).“ In 1Tim 6,1 steht das Verb erneut in einer Mahnung: „Alle, die das Joch der Sklaverei zu tragen haben, sollen ihren Herren alle Ehre erweisen, damit 462 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="463"?> 440 Vgl. Ez 33,4 LXX: καὶ ἀκούσῃ ὁ ἀκούσας τὴν φωνὴν τῆς σάλπιγγος καὶ μὴ φυλάξηται, καὶ ἐπέλθῃ ἡ ῥομφαία καὶ καταλάβῃ αὐτόν, τὸ αἷμα αὐτοῦ ἐπὶ τῆς κεφαλῆς αὐτοῦ ἔσται· der Name Gottes und die Lehre nicht in Verruf kommen (βλασφημῆται).“ In Tit 2,5 werden die älteren Frauen ermahnt, die jüngeren Frauen dazu anzuhalten, „besonnen zu sein, ehrbar, häuslich, tüchtig und ihren Männern gehorsam, damit das Wort Gottes nicht in Verruf kommt (βλασφημῆται).“ Nach Tit 3,2 soll man sich der Obrigkeit gegenüber entsprechend verhalten, „niemanden zu schmähen (βλασφημεῖν), friedfertig zu sein, gütig und alle Freundlichkeit allen Menschen gegenüber zu zeigen! “ Die Mahnungen passen zu dem Menschenbild, wonach „die Menschen selbstsüchtig sein werden, habgierig, prahlerisch, überheblich, lästerlich (βλάσφημοι), ungehorsam gegen die Eltern, undankbar, gottlos …“ (2Tim 3,2). In Apg 13,45 werden „die Juden“ mit dieser Charakteristik überzogen: „Als die Juden die Scharen sahen, wurden sie eifersüchtig, widersprachen den Worten des Paulus und stießen Lästerungen (βλασφημοῦντες) aus.“ Sie sind auch das Ziel der folgenden historisch verheerend wirkenden Kritik in Apg 18,6 mit einem Zitat aus Ez 33,4: „Als sie sich dagegen auflehnten und Lästerungen (βλασφημούντων) ausstießen, schüttelte er seine Kleider aus und sagte zu ihnen: Euer Blut komme über euer Haupt! Ich bin daran unschuldig. Von jetzt an werde ich zu den Heiden gehen.“ 440 Ein Kapitel weiter wird Paulus in Schutz genommen, er sei kein „Tempelräuber und kein Lästerer“ der Artemis von Ephesus (Apg 19,37). Als Verfolger des anderen „Weges“ wird Paulus über sich selbst sagen gelassen (Apg 26,11): „Und in allen Synagogen habe ich oft versucht, sie durch Strafen zur Lästerung (βλασφημεῖν) zu zwingen; in maßloser Wut habe ich sie sogar bis in Städte außerhalb des Landes verfolgt.“ In Jak 2,7 wird, die Reichen betreffend, die Frage gestellt: „Sind nicht sie es, die den guten Namen lästern (βλασφημοῦσιν), der über euch ausgerufen worden ist? “ Die Seligpreisung von 1Petr 4,14, hatten wir bereits zuvor erwähnt (vgl. auch 1Petr 4,4), doch das Verb hier steht in einer Ergänzung des Verses, die nur durch die Zeugen 025, 044, 1448, 1611, Byz, it, vg ww , sy h** , sa mss , bo ms , Cyp geboten wird: κατα μεν αυτους βλασφημειται κατα δε υμας (ημας 1448, Cyp) δοξαζεται: „Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzupreisen; denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, ruht auf euch, wird auch wenn er einerseits wegen ihnen, andererseits wegen Euch gelästert, wird andererseits wegen euch verherrlicht.“ Von falschen Propheten ist in 2Petr 2,2 die Rede: „Und ihren Ausschweifungen werden sich viele anschließen und ihretwegen wird der Weg der Wahrheit in Verruf kommen (βλασφημηθήσεται).“ Kurz darauf (2Petr 2,10) werden die §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 463 <?page no="464"?> Ungerechten beschrieben, „besonders jene, die sich von der schmutzigen Be‐ gierde ihres Körpers beherrschen lassen und die Macht des Herrn verachten. Diese frechen und anmaßenden Menschen schrecken nicht davor zurück, die überirdischen Mächte zu lästern (βλασφημοῦντες).“ Und in 2Petr 2,12 wird ergänzt: „Diese Menschen aber sind wie unvernünftige Tiere, die von Natur aus dazu geboren sind, gefangen zu werden und umzukommen. Sie lästern (βλασφημοῦντες) über Dinge, die sie nicht verstehen. In ihrer Verderbtheit werden auch sie verderben.“ An diese Klagen über die körperlich Unzüchtigen erinnert Jud 1,8: „Genauso beflecken auch diese Träumer das Fleisch, sie erkennen die Macht des Herrn nicht an und lästern (βλασφημοῦσιν) die über‐ irdischen Mächte.“ Und Jud 1,10: „Diese jedoch lästern (βλασφημοῦσιν), was sie nicht kennen; was sie aber wie die unvernünftigen Tiere von Natur aus verstehen, daran gehen sie zugrunde.“ „Lästern“ begegnet auch in der Apk - vom Tier aus dem Meer heißt es Apk 13,6: „Das Tier öffnete sein Maul, um Gott und seinen Namen zu lästern (βλασφημίας … βλασφημῆσαι), seine Wohnung und alle, die im Himmel wohnen.“ Vom vierten der sieben Engel mit den Schalen des Zorns wird Apk 16,9 berichtet: „Und die Menschen verbrannten in der großen Hitze. Dennoch lästerten (ἐβλασφήμησαν) sie den Namen Gottes, der die Macht über diese Plagen hat. Sie bekehrten sich nicht dazu, ihm die Ehre zu geben.“ Vom fünften in Apk 16,11: „Dennoch lästerten (ἐβλασφήμησαν) sie den Gott des Himmels wegen ihrer Schmerzen und ihrer Geschwüre; und sie ließen nicht ab von ihrem Treiben.“ Am Ende des Kapitels, Apk 16,21, wird ein apokalyptisches Szenario gezeichnet: „Und gewaltige Hagelbrocken, zentnerschwer, stürzten vom Himmel auf die Menschen herab. Dennoch lästerten (ἐβλασφήμησαν) die Menschen Gott wegen dieser Hagelplage; denn die Plage war über die Maßen groß.“ Das Nomen (βλασφημία) steht schließlich in 1Tim 6,4; Jud 1,9 und Apk 2,9; 13,1. 5. 6; 17,3. Vergegenwärtigt man sich, dass das Verb trotz vorkanonischer Vorgabe durch *Paulus beim kanonischen Paulus selten ist, Nomen und Adjektiv gar nicht begegnen, wird der Abstand zwischen dem kanonischen Paulus zu den Deuteropaulinen, insbesondere aber zu den Pastoralbriefen, zum Praxapostolos und zur Apk desto deutlicher. Wir haben es in diesen Schriften und Korpora mit Situationen zu tun, in denen „Lästern“ zu einem wichtigen Begriff von Mahnung und Abgrenzung benutzt wird. Verb und Nomen begegnen auch auf der Ebene der vier Evangelien. Zunächst das Verb: In Lk 12,10b sind handschriftlich im Wesentlichen zwei verschiedene Versionen bezeugt, die eine von 05, c, d, e, die mit Tertullian übereinstimmt 464 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="465"?> 441 Vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 894-896. 901. und anstelle des Verbs βλασφημέω schlicht λέγω bietet, während NA 28 mit dem Mehrheitstext folgende Version dieses Halbsatzes hat: „Wer aber den Heiligen Geist lästert (βλασφημήσαντι), dem wird nicht vergeben werden.“ 441 An der nächsten Stelle ist zwar Lk 22,63-64 für *Ev bezeugt, doch nicht Lk 22,65, wo wir dem Verb wieder begegnen: „Und noch viele andere Lästerungen (βλασφημοῦντες) stießen sie gegen ihn aus.“ Lk 23,39 steht in einer Passage, die für *Ev unbezeugt ist, auch wenn sie vielleicht in *Ev gestanden war. Nimmt man noch das Nomen hinzu, begegnet es an einer Stelle in Lk 5,21 (/ / Mt 9,3 / / Mk 2,7), bei der Heilung des Gelähmten: „Und die Schriftgelehrten und die Pharisäer fingen an zu überlegen: Wer ist dieser, der Lästerungen (βλασφημίας) ausspricht? Wer kann Sünden vergeben außer Gott allein? “ Mt 26,65 berichtet, dass beim Verhör vor dem Hohen Rat „der Hohepriester sein Gewand zerriss und rief: Er hat Gott gelästert (ἐβλασφήμησεν)! Wozu brauchen wir noch Zeugen? Jetzt habt ihr die Gotteslästerung (βλασφημίαν) gehört.“ Auch die Leute, die am Kreuz vorbeigingen, „lästerten (ἐβλασφήμουν) ihn, schüttelten den Kopf “ (Mt 27,39 / / Mk 15,29). Eine deutliche Ansage macht Mk 3,28-29 (/ / Mt 12,31-32): „28 Amen, ich sage euch: Alle Vergehen und Lästerungen (βλασφημίαι) werden den Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern (βλασφημήσωσιν) mögen; 29 wer aber den Heiligen Geist lästert (βλασφημήσῃ), der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften.“ Das Thema „Lästerung“, insbesondere „Gotteslästerung“, besitzt auch einen Ort bei Joh, in einer Auseinandersetzung mit „den Juden“ ( Joh 10,33-36): „33-Die Juden antworteten ihm: Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung (βλασφημίας); denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott. 34 Jesus erwiderte ihnen: Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter? 35 Wenn er jene Menschen Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht aufgehoben werden kann, 36 dürft ihr dann von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: Du lästerst (βλασφημεῖς) Gott - weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn? “ Trotz dieser prononcierten, allerdings nur sehr vereinzelten Verwendungen von Verb und Nomen in den vier Evangelien, stellt sich die Frage, ob diese Ausführungen, die es nur auf kanonischer Ebene gibt, auf die erste kanonische §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 465 <?page no="466"?> 442 Vgl. M. Böhm, Zum Glaubensverständnis des Philo von Alexandrien. Weisheitliche Theologie in der 1. Hälfte des 1.-Jahrhunderts n.-Chr. (2017), 162-163. Redaktion dieser Texte zurückgehen oder vielmehr erst auf die zweite kanoni‐ sche Redaktion, als die km Evangelien in die größere Sammlung eingegangen sind. Hier wird künftige Forschung vielleicht mehr herausfinden können, vor allem etwa die Frage beantworten, ob synoptisch parallele Verwendungen wie etwa Lk 5,21 / / Mt 9,3 / / Mk 2,7, dann Mk 3,28-29 / / Mt 12,31-32; Mk 14,64 / / Mt 26,65 und Mt 27,39 / / Mk 15,29 eher ein Zeichen für die erste oder zweite kanonische Redaktion darstellen. Die Tatsache, dass an den synoptisch parallelen Stellen jeweils das Nomen (z.T. auch mit dem häufiger zu findenden Verb) begegnet, stellt nach den bisherigen Beobachtungen, wonach die nominale Abstrahierung eher auf der zweiten kanonischen Redaktionsebene begegnet, einen Hinweis dafür bereit, dass möglicherweise auch manche synoptische Harmonisierung erst auf der zweiten kanonisch-redaktionellen Ebene stattgefunden hat. Dafür spricht, dass die Häufung des Begriffes erst in den Schriften zu finden ist, die zur letzten Ergänzung der Paulinen gehören, nämlich (einmal von Hebr abgesehen) den Pastoralbriefen und dann auch im Praxapostolos und Apk. Vielleicht wird man darum auch die Mahnlisten in Eph und Kol dieser kanonischen Redaktion zuschreiben, die nicht nur eine innere Klammer zwischen diesen beiden eh einander nahestehenden Briefen verstärken, sondern auch diese beiden Briefe mit den Pastoralbriefen und insbesondere mit dem Praxapostolos und Apk verbinden wollten und sollten. Folgende Gruppe ist vorkanonisch unbezeugt, sowohl für *Ev wie für *Paulus: εὐσέβεια 15 - Apg 3,12; 1Tim 2,2; 3,16; 4,7. 8; 6,3. 5. 6. 11; 2Tim 3,5; Tit 1,1; 2Petr 1,3. 6. 7; 3,11 εὐσεβέω 3 / 2 - Apg 17,23; 1Tim 5,4; 2Petr 2,9 εὐσεβής 4 / 3 - Apg 10,2. 7; 22,12; 2Petr 2,9 εὐσεβῶς 2 - 2Tim 3,12; Tit 2,12 Wie die Belegstellen zeigen, bewegen wir uns innerhalb der zweiten kanoni‐ schen Redaktion, bei der die größere Sammlung zusammengebracht wurde, denn es stehen zusammen die Apg, die Pastoralbriefe und 2Petr aus den Katho‐ lischen Briefen. Die Begrifflichkeit steht der „jüdischen Weisheitstradition“ und auch Philo nahe. 442 466 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="467"?> 443 Er erinnert an 4Makk 6,31: ῾Ομολογουμένως οὖν δεσπότης τῶν παθῶν ἐστιν ὁ εὐσεβὴς λογισμός. In Apg 3,12 bezieht sich εὐσέβεια auf Petrus selbst: „Als Petrus das sah, wandte er sich an das Volk: Israeliten, was wundert ihr euch darüber? Was starrt ihr uns an, als hätten wir aus eigener Kraft oder Frömmigkeit (εὐσεβείᾳ) bewirkt, dass dieser gehen kann? “ Etwas später in Apg 10,2 wird von dem Hauptmann Cornelius berichtet, er und sein ganzes Haus seien „fromm (εὐσεβής) und gottesfürchtig, er gab dem Volk reichlich Almosen und betete beständig zu Gott.“ Auch einer seiner Soldaten gilt als „fromm“ (Apg 10,7). Vom Areopag berichtet Paulus: „Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt (εὐσεβεῖτε), ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.“ Obwohl an der ersten Stelle Frömmigkeit auf Petrus bezogen wird - allerdings mit einer negativen semantischen Nuance, da es um ein abwehrendes Argument geht, wird deutlich, dass der Begriff im Zusammenhang heidnischer Frömmigkeit gebraucht wird bei Beispielen, die den Übergang zwischen Fremdidentität und Eigenidentität markieren. Diese Schwelle greift auch 1Tim 2,2 auf, wenn es um die Bitte geht „für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Frömmigkeit (εὐσεβείᾳ) und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können.“ Allerdings wird stärker als in Apg deutlich, dass der Begriff zur Selbstbeschreibung avan‐ ciert ist. Dies bestätigt auch 1Tim 3,16 mit dem Bekenntnissatz: 443 „Wahrhaftig, groß ist das Geheimnis unserer Frömmigkeit (εὐσεβείας): Er wurde offenbart im Fleisch, / gerechtfertigt durch den Geist, geschaut von den Engeln, / verkündet unter den Völkern, geglaubt in der Welt, / aufgenommen in die Herrlichkeit.“ Auch die Begriffe δυναμόω, δυνάστης, δυνατέω, δυνατός sind vorkanonisch nicht bezeugt, und zwar weder in *Ev noch in *Paulus, und das, obwohl der Begriff δύναμαι in *Ev und δύναμις sowohl in *Ev wie in *Paulus zu finden sind. δυναμόω steht nur an einer Stelle in Kol 1,11 (vgl. die v.l. in Eph 6,10: „Schließlich: Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn! “) und an einer in Hebr 11,34. In der Eröffnung von Kol findet sich die Bitte für die Gemeinde: „…mit aller Kraft gestärkt werdet (δυναμούμενοι) nach der Macht seiner Herrlichkeit zu allem standhaften Ausharren und Geduld mit Freuden.“ Im lobenden Rückblick auf „alle, die aufgrund des Glaubens besonders anerkannt wurden, jedoch das Verheißene nicht erlangten“ (Hebr 11,39), im Unterschied zu „uns“, „für die Gott etwas Besseres vorgesehen hatte“, heißt es dann: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 467 <?page no="468"?> 444 Vgl. Ps 111,9 LXX: ἐσκόρπισεν, ἔδωκεν τοῖς πένησιν· ἡ δικαιοσύνη αὐτοῦ μένει εἰς τὸν αἰῶνα τοῦ αἰῶνος, τὸ κέρας αὐτοῦ ὑψωθήσεται ἐν δόξῃ. „33 Sie haben aufgrund des Glaubens Königreiche besiegt, Gerechtigkeit geübt, Verheißungen erlangt, Löwen den Rachen gestopft, 34 Feuersglut gelöscht; sie sind der Schärfe des Schwertes entgangen; sie kamen zu Kraft (ἐδυναμώθησαν), als sie schwach waren; sie wurden stark im Kampf und haben feindliche Heere in die Flucht geschlagen.“ (Hebr 11,33-34) Während *Röm 14,2 bezeugt ist und vom narrativen Zusammenhang und aus dem Vergleich der Lexik auch Vers 3 noch vorkanonisch gestanden zu sein schien, auch wenn dieser Vers nicht mehr bezeugt ist, dürfte dies nicht für Vers 4 gelten. Dort heißt es: „Wer bist du, dass du den Hausknecht eines anderen richtest? Er steht oder fällt seinem eigenen Herrn. Er wird aber aufrecht gehalten werden, denn der Herr vermag (δυνατεῖ), ihn aufrecht zu halten.“ Dann steht im nächsten Kapitel, das in *Röm fehlt, gleich zu Anfang, Röm 15,1: „Wir aber, die Starken (οἱ δυνατοὶ), sind verpflichtet, die Schwächen der Schwachen zu tragen und nicht uns selbst zu gefallen.“ Während die Verse *1Kor 1,19-25. 27-29. 31 vorkanonisch gut bezeugt sind, ist es gerade Vers 26 nicht, wo wir lesen: „Seht nämlich auf eure Berufung, Brüder, da sind nicht viele Weise dem Fleisch nach, nicht viele Mächtige (δυνατοί), nicht viele Vornehme.“ In 2Kor 9,8-9, innerhalb eines Kapitels, das im Ganzen für die vorkanonische Ebene unbezeugt ist und durch die Lexik auch als abwesend bekräftigt wird, liest man: „8 Gott aber kann (δυνατεῖ) euch jede Gnade überreichlich geben, sodass ihr in allem allezeit volle Genüge habt und noch überreich seid zu jedem guten Werk, 9 wie geschrieben steht: Er hat ausgestreut, er hat den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.“ 444 Während in *2Kor 13 die Verse 2 und 10 vorkanonisch bezeugt sind, heißt es gerade in den Versen 3 und 9: „3 Ihr sucht ja einen Beweis dafür, dass Christus in mir spricht, der euch gegenüber nicht schwach ist, sondern mächtig (δυνατεῖ) unter euch … 9 Denn wir freuen uns, wenn wir schwach sind, ihr aber stark seid (δυνατοὶ ἦτε); dies auch erbitten wir, euer Vollkommenwerden.“ Die Mächtigen - als Gegenspieler des Paulus - kennt auch Apg 25,5: „Die Mächtigen (δυνατοὶ) unter euch, sagte er, können mit hinabkommen, und wenn gegen den Mann etwas vorliegt, sollen sie gegen ihn Anklage erheben.“ 468 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="469"?> 445 Vgl. Ps 44,6 LXX: τὰ βέλη σου ἠκονημένα, δυνατέ,—λαοὶ ὑποκάτω σου πεσοῦνται—ἐν καρδίᾳ τῶν ἐχθρῶν τοῦ βασιλέως. 446 Vergleiche zu diesem Vers auch S.-401-402. Wie dieser erste Überblick zu den Verben (und einigen ausgewählten Belegen zum Adjektiv) zeigt, gilt für die kanonische Redaktion der Paulinen nicht nur die Terminologie von „Stärken“ als Spezifikum Gottes, das aus seiner Kraft oder Macht heraus dann auf die Seinen übertragen wird, sondern auch die Gegenfigur von Stärke und Schwäche. Mächtigsein ist ein spezifisches Charakteristikum für ausgewählte Führungsfiguren. Nachdem die beiden Verben weder vorkanonisch noch in den vier Evangelien begegnen, es jedoch eine Affinität von Apg und Paulus gibt, spricht dies dafür, dass diese Vorstellungen erst durch die zweite kanonische Redaktion in die paulinischen Briefe kamen, als sie in die größere Sammlung eingepasst wurden. Diese Beobachtung wird gestärkt, nimmt man den Terminus δυνάστης hinzu. Denn dieser begegnet nur an einer Stelle in der Kindheitsgeschichte des Lk 1,52 und dann erneut in Apg 8,27 und 1Tim 6,15. Die Lukasstelle ist ein Vers aus dem Lied der Maria, genährt aus Job 12,18-19. 21: „Er stürzt die Mächtigen (δυνάστας) vom Thron / und erhöht die Niedrigen,“ bei dem uns gerade dieses Gegenüber von Stärke und Schwäche wieder be‐ gegnet. Die Apg 8,27 kennt „den Mächtigen (δυνάστης)“, den äthiopischen Kämmerer. 1Tim 6,15 führt den Begriff an als Epithet Gottes: „… das zur vorherbestimmten Zeit herbeiführen wird der selige und einzige Mächtige (δυνάστης), der König der Könige und Herr der Herren.“ Erneut legt es sich nahe, dass die Kindheitsgeschichte durch die zweite kanonische Redaktion in km Lk eingefügt wurde, als Lk zusammen mit der Apg und den Pastoralbriefen in die größere Sammlung eingebracht wurde. Das unterstreicht weiter die Verwendung von δυνατός. Auch dieser Terminus steht im Lied der Maria, kurz zuvor in Lk 1,49 als Aussage über Maria selbst, wobei die Gottesanrede „Mächtiger (δυνατός)“ aus Ps 44,6 genommen ist: „Denn der Mächtige hat Großes an mir getan / und sein Name ist heilig.“ 445 Auch in der Täuferpredigt, die in *Ev fehlt, wird auf die Macht Gottes verwiesen (Lk 3,8). Dann taucht das Verb wieder auf in Lk 5,21: 446 *Ev 5,21 Lk 5,21 καὶ ἤρξαντο διαλογίζεσθαι οἱ γραμματεῖς καὶ οἱ Φαρισαῖοι (ἐν ταῖς καρδίαις αὐτῶν) λέγοντες, τίς ἀϕήσει ἁμαρτίας εἰ μὴ μόνος ὁ θεός; καὶ ἤρξαντο διαλογίζεσθαι οἱ γραμματεῖς καὶ οἱ Φαρισαῖοι λέγοντες, Τίς ἐστιν οὗτος ὃς λαλεῖ βλασφημίας; τίς δύναται ἁμαρτίας ἀφεῖναι εἰ μὴ μόνος ὁ θεός §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 469 <?page no="470"?> 447 Hier würde ich darum die Rekonstruktion Klinghardts um diesen Teil Τὶ οὗτος λαλεῖ βλασϕημίας verkürzen. *Ev 5,21 Lk 5,21 Und die Schriftgelehrten und die Phari‐ säer fingen an (in ihren Herzen) zu über‐ legen und sagten: Wer vergibt Sünden außer Gott allein? Und die Schriftgelehrten und die Phari‐ säer fingen an zu überlegen: Wer ist dieser, der Lästerungen ausspricht? Wer hat die Macht, Sünden zu vergeben außer Gott allein? Da in diesem Vers gerade der wichtigste Teil für unsere Untersuchung hier gut bezeugt ist durch Tert., Adv. Marc. IV 10,1, wird deutlich, dass im kanonischen Text zwei wichtige Änderungen vorgenommen wurden. In dem Passus, der uns hier interessiert, ist es der Hinweis auf das Können oder die Macht Gottes, Sünden zu vergeben, er aus dem Futur ἀφήσει heraus entwickelt und gegenüber *Ev hinzugefügt wurde, dann wird durch die kanonische Redaktion auch der voranstehende Hinweis auf die Lästerung aufgenommen worden sein, der schon zuvor besprochen wurde. 447 Ohne hier alle Stellen in Lk und den weiteren drei Evangelien durchzugehen, sei nur darauf verwiesen, dass das Verb auch an den weiteren Stellen vorkanonisch nicht bezeugt und wohl auch abwesend gewesen ist (vgl. die Concordance mit den dort genannten Ausnahmen *Ev 9,40; 16,13. 26, wo es aber nicht um die Macht Gottes geht). Wie man der Concordance ebenfalls entnehmen kann, begegnet gerade δυνατός in einer Häufigkeit auf der kanonischen Ebene in den vier Evangelien, Paulus (inkl. Pastoralbriefen, jedoch nicht in den Deuteropaulinen), Hebr, dem Praxapostolos (mit Apg, Jak, 1Joh) und Apk - wobei die Abwesenheit in den Deuteropaulinen uns einen Hinweis darauf bietet, dass es vor allem ein Terminus der zweiten kanonischen Redaktion ist, der offenkundig zuvor noch nicht in den Deuteropaulinen Verwendung fand, folglich die kanonische Ebene, die aus der zweiten kanonischen Redaktion hervorgegangen ist, als dessen eigentlichen Verwendungskontext stärkt. ἐπιφαίνω, ἐπιφάνεια und ἐπιφανής bilden eine weitere Gruppe theologischer Begriffe, die vorkanonisch sowohl für *Ev wie für *Paulus unbezeugt ist. Das Verb begegnet wiederum in Lk nur in der in *Ev abwesenden Kindheitsge‐ schichte und diese gehört wiederum zu dem Ensemble von Apg und Pastoral‐ briefen, wo es weiter steht. In der hymnenartigen Prophetie des Zacharias heißt es (Lk 1,79), dass „das Licht aus der Höhe“ kommen wird „um allen zu erscheinen (ἐπιφᾶναι), / die in 470 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="471"?> 448 Tert., Adv. Marc. IV 7,2: Viderit enim sicubi apparuisse positum est. Apparere subitum ex inopinato sapit conspectum, qui semel impegerit oculos in id quod sine mora apparuit. Descendisse autem dum fit, videtur et subit oculos de facto. Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, / und unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens.“ Dass hier von „Erscheinen“ die Rede ist, erinnert an Tertullians Kritik an Markions Eröffnung seines *Evangeliums. Denn Markion sprach von einer Herabkunft Christi, doch Tertullian meint, eine solche, die nicht körperlich zu denken sei, dürfe man nicht mit dem Begriff der „Herabkunft“ beschreiben, sondern müsse den der „Erscheinung“ wählen. 448 Auch „der Weg des Friedens“ lässt an Markions zeitlichen Kontext vom Ende des zweiten jüdischen Krieges denken. Wenn Lk 1,79 von „Erscheinung“ spricht, dann aber in Lk 1,80 vom „Kind“, das „heranwuchs“ und davon, dass „es in der Wüste lebte bis zu dem Tag, an dem es seinen Auftrag für Israel erhielt“, verfolgt die Redaktion eine ähnliche Tendenz wie Tertullian, der mit seiner Kritik gegen die seines Erachtens Entkörperlichung oder Entmaterialisierung Christi durch Markion argumentiert. An einer Stelle in dem Deuteropaulinum 2Thess 2,8 begegnet das Nomen in einschlägigem Zusammenhang: „Dann wird der Gesetzlose offenbart werden, den der Herr Jesus durch den Hauch seines Mundes vernichten wird und den er durch das Erscheinen (ἐπιφανείᾳ) seiner Ankunft beseitigen wird.“ Dass auch der tötende Jesus und, wie die Pastoralbriefe gleich hinzusetzen werden, der rich‐ tende Retter ein deutlich antimarkionitisches Profil besitzt, wird offenkundig. In 1Tim 6,14 wird „Erscheinen“ auf die künftige Ankunft des Herrn hin gelesen, allerdings in der Selbstvorstellung des Paulus in 2Tim 1,10 auf das jetzige „Erscheinen (ἐπιφανείας) unseres Retters Christus Jesus. Er hat den Tod vernichtet und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium,“ wie auch drei Kapitel weiter in 2Tim 4,1 auf das künftige Erscheinen als Richter: „Ich beschwöre dich bei Gott und bei Christus Jesus, dem kommenden Richter der Lebenden und der Toten, bei seinem Erscheinen (ἐπιφάνειαν) und bei seinem Reich.“ Im selben Kapitel heißt es in 2Tim 4,8: „Schon jetzt liegt für mich der Kranz der Gerechtigkeit bereit, den mir der Herr, der gerechte Richter, an jenem Tag geben wird, aber nicht nur mir, sondern allen, die sein Erscheinen (ἐπιφάνειαν) ersehnen.“ Tit 2,11-13 spricht von beiden Erscheinungen in einem Zug, wenn auch hier die Richterfunktion unerwähnt bleibt: „11 Denn die Gnade Gottes ist erschienen (Ἐπεφάνη), um alle Menschen zu retten. 12 Sie erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 471 <?page no="472"?> 449 Vgl. Job 12,18-19 LXX: 18 καθιζάνων βασιλεῖς ἐπὶ θρόνους καὶ περιέδησεν ζώνῃ ὀσφύας αὐτῶν. 19 ἐξαποστέλλων ἱερεῖς αἰχμαλώτους, δυνάστας δὲ γῆς κατέστρεψεν. loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben, 13 während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen (ἐπιφάνειαν) der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.“ Ein Kapitel weiter, Tit 3,4-5 wird nochmals ausgeführt: „4 Als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien (ἐπεφάνη), 5 hat er uns gerettet - nicht aufgrund von Werken der Gerechtigkeit, die wir vollbracht haben, sondern nach seinem Erbarmen - durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung im Heiligen Geist.“ Von einem epiphanen Tag spricht auch die Apg 2,20 (= Joel 3,4): „Die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln / und der Mond in Blut, / ehe der Tag des Herrn kommt, / der große und herrliche (ἐπιφανείας) Tag.“ Allerdings ist zu bemerken, dass gerade dieser Zusatz καὶ ἐπιφανῆ in den Zeugen 01, 06, gig, r fehlt. Es kann dies ein Hinweis darauf sein, dass er noch nicht in km Apg stand, als die Textvorlage bearbeitet wurde, um sie der von der zweiten kanonischen Redaktion veranstalteten Sammlung einzufügen. Nur in einem narrativen Zusammenhang begegnet dann das Verb Apg 27,20: „Mehrere Tage hindurch zeigten sich (ἐπιφαινόντων) weder Sonne noch Sterne und der heftige Sturm hielt an. Schließlich schwand uns alle Hoffnung auf Rettung.“ Überblickt man die Gruppe, wird nicht nur das vorkanonische Fehlen der Terminologie, sondern auch das auf der Ebene der sieben Paulusbriefe und der vier Evangelien - mit Ausnahme des Eintrags in der Kindheitsgeschichte - deutlich. Die Gruppe scheint, vermutlich auch in 2Thess und Apg, erst im Zuge der Zusammenstellung der größeren Sammlung durch die zweite kanonische Redaktion in die älteren Texte gelangt zu sein mit einer antimarkionitischen Ausrichtung. θρόνος begegnet mit über 60 Einträgen reichlich im kanonischen Neuen Testa‐ ment. Ähnlich wie bei der vorbesprochenen Gruppe, steht das Nomen in der Kindheitsgeschichte (Lk 1,32. 52) und nur noch ein weiteres Mal in Lk 22,30, wo es für die vorkanonische Ebene unbezeugt ist. In Lk 1,32 spricht der Engel über den künftigen Sohn Marias: „Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron (θρόνον) seines Vaters David geben.“ Lk 1,52 ist uns bereits zuvor bei der Diskussion von δυνάστης begegnet, wo es, genährt aus Job 12,18-19, um den Sturz der „Mächtigen von den Thronen (θρόνων)“ und um die Erhöhung der Niedrigen ging. 449 In Lk 22,30 geht 472 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="473"?> 450 Vgl. auch Mt 19,28: ὁ δὲ Ἰησοῦς εἶπεν αὐτοῖς, Ἀμὴν λέγω ὑμῖν ὅτι ὑμεῖς οἱ ἀκολουθήσαντές μοι, ἐν τῇ παλιγγενεσίᾳ, ὅταν καθίσῃ ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου ἐπὶ θρόνου δόξης αὐτοῦ, καθήσεσθε καὶ ὑμεῖς ἐπὶ δώδεκα θρόνους κρίνοντες τὰς δώδεκα φυλὰς τοῦ Ἰσραήλ. 451 Vgl. Jes 66,1 LXX: Οὕτως λέγει κύριος ῾Ο οὐρανός μοι θρόνος, ἡ δὲ γῆ ὑποπόδιον τῶν ποδῶν μου· ποῖον οἶκον οἰκοδομήσετέ μοι; ἢ ποῖος τόπος τῆς καταπαύσεώς μου; es um die künftige Richtertätigkeit Jesu, der seinen Jüngern gegenüber ausführt: „Ihr sollt in meinem Reich an meinem Tisch essen und trinken und ihr sollt auf Thronen (θρόνων) sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.“ 450 Die Rede vom „Thron“ begegnet auch bei Mt. In Mt 5,34; 23,22 wird der Himmel „Gottes Thron“ genannt. Dass es der Thron des Menschensohnes für das Gericht ist, bestätigt Mt 25,31: „Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron (θρόνου) seiner Herrlichkeit setzen.“ Nun gilt, dass der Terminus weder in *Ev noch in *Paulus steht, doch auch im kanonischen Paulus der sieben Briefe begegnet er nicht. Erst im Deuteropaulinum Kol innerhalb der Ausführungen über Christus liest man: „15 Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung. 16 Denn in ihm ist alles erschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne (θρόνοι) oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; alles ist durch ihn und für ihn geschaffen.“ (Kol 1,15-16) War es zuvor das antimarkionitische Moment der Richtertätigkeit Christi, wird hier die Schöpfertätigkeit hervorgehoben, die Markion bestritten hatte. Apg 2,30 verdeutlicht ein drittes antimarkionitisches Argument, nämlich das der göttlichen Vorhersage des Kommens Christi, was Markion ebenfalls ausdrück‐ lich verneint hatte: „Da er ein Prophet war und wusste, dass Gott ihm einen Eid geschworen hatte, einer von seinen Nachkommen werde auf seinem Thron (θρόνον) sitzen“ (Apg 2,30). Diese Ansage wird durch die Predigt des Stephanus aufgegriffen, der aus Jes 66,1 zitiert: „Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel für meine Füße. Was für ein Haus könnt ihr mir bauen? , spricht der Herr. Oder welcher Ort kann mir als Ruhestätte dienen? “ (Apg 7,49) 451 Auch der Hebräerbrief kennt den richtenden Sohn auf dem Thron (Hebr 1,8): „Zum Sohn: Dein Thron (θρόνος), o Gott, steht für immer und ewig, und: Das Zepter deiner Herrschaft ist ein gerechtes Zepter.“ Vom „Thron der Gnade“ spricht Hebr 4,16. Dann heißt es in Hebr 8,1: „Die Hauptsache bei dem Gesagten aber ist: Wir haben einen solchen Hohepriester, der sich zur Rechten des Thrones (θρόνου) der Majestät im Himmel gesetzt hat.“ Dieser ist der Jesus, auf den man blicken soll, „den Urheber und Vollender des Glaubens; er hat angesichts der vor §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 473 <?page no="474"?> 452 Vgl. zuvor zu S.-461. ihm liegenden Freude das Kreuz auf sich genommen, ohne auf die Schande zu achten, und sich zur Rechten von Gottes Thron (θρόνου) gesetzt“ (Hebr 12,2). Ansonsten begegnet die Rede vom Thron nurmehr in der Apokalypse. Gleich in der Selbstvorstellung des Johannes (Apk 1,4-5) kommt die Apk auf den Thron zu sprechen: „4 … Gnade sei mit euch und Friede von Ihm, der ist und der war und der kommt, und von den sieben Geistern vor seinem Thron (θρόνου) 5 und von Jesus Christus; er ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten, der Herrscher über die Könige der Erde.“ Es gilt die Verheißung Apk 3,21: „Wer siegt, der darf mit mir auf meinem Thron (θρόνῳ) sitzen, so wie auch ich gesiegt habe und mich mit meinem Vater auf seinen Thron (θρόνῳ) gesetzt habe.“ Die Kapitel 4-5. 7-8 (vgl. auch 11,16; 14,3; 19,4-5; 20,4; 21,3-5; 22,1-3) von Apk sind eine große richtende Thronschau (vgl. Apk 20,11-12) mit dem einen Thron in der Mitte und 24 Thronen um diesen, genauso wie ihn die vier Tiere umringen, die Irenäus mit den vier Evangelisten identifizierte, worüber bereits weiter oben gehandelt wurde. 452 Apk 5,5 heißt es dann: „Gesiegt hat der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids“. Mit dieser Genealogie nimmt die Apk ein weiteres antimarkionitisches Element auf, da Markion die Davidssohnschaft des Christus abgelehnt hatte. Dieses antimarkionitische Profil wird noch deutlicher in Apk 6,16-17, wo nun auch vom „Zorn des Lammes“ die Rede ist: „16 Sie sagten zu den Bergen und Felsen: Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Blick dessen, der auf dem Thron (θρόνου) sitzt, und vor dem Zorn des Lammes; 17 denn der große Tag ihres Zorns ist gekommen.“ Apk 2,13 kennt auch einen „Thron des Satans“. Es wird kaum Zufall sein, dass gerade in der Kindheitsgeschichte des Lukas, dann in Mt, Lk und Apg, in einem Deuteropaulinum und in den umstrittenen Schriften Hebr und Apk eine Reihe von antimarkionitischen Positionen in Verbindung mit dem Terminus θρόνος stehen, der - nachdem er auf der vorkanonischen Ebene fehlt und auch in den sieben kanonischen Paulusbriefen nicht begegnet - auf der Ebene der kanonischen zweiten Redaktion in die Texte eingetragen, oder wie in der Apk zu einem ganzen Szenario entwickelt wurde. Diese Texte werden folglich zusammengehalten aufgrund ihrer gemeinsamen antimarkionitischen Gegenpositionen und lexikalisch über den Thronbegriff untereinander redaktionell verknüpft. 474 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="475"?> Auch die Termini λύτρον, λύτρωσις und λυτρωτής sind vorkanonisch unbe‐ zeugt, obwohl das Verb λυτρόω an einer Stelle, *Ev/ Lk 24,21 im Dialog der Emmausjünger zu finden ist: „Und wir hatten Hoffnung, dass er der sei, der kommen werde, um Israel zu erlösen (λυτροῦσθαι).“ Wie öfter bereits festgestellt, fehlen auch dann, wenn Verben einer be‐ stimmten Wortgruppe vorkanonisch bezeugt sind, die entsprechenden Nomina auf der vorkanonischen Ebene. Das Nomen λύτρωσις aus der hier zu betrachtenden Wortgruppe begegnet bei Lk lediglich an zwei Stellen in der Kindheitsgeschichte, die in *Ev fehlt. Zunächst im Lobpreis des Zacharias (Lk 1,68): „Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels! / Denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung (λύτρωσιν) geschaffen.“ Und bald darauf (Lk 2,38) äußert sich die Prophetin Hanna: „Zu derselben Stunde trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung (λύτρωσιν) Jerusalems warteten.“ Auf die jüdische Vorgabe verweist ausdrücklich Apg 7,35: „Diesen Mose, den sie verleugnet hatten mit den Worten: Wer hat dich zum Anführer und Schiedsrichter bestellt? , ihn hat Gott als Anführer und Erlöser (λυτρωτὴν) gesandt durch die Hand des Engels, der ihm im Dornbusch erschien.“ Es wird folglich an beiden Stellen in Lk die Erlösung als prophetisch vorangekündigte eingeführt, gestützt durch Apg - ein Gedanke, den Markion ausdrücklich abgelehnt hatte. Zwar nicht von Erlösung oder Erlöser, doch von Lösegeld spricht Mt 20,28 (/ / Mk 10,45): „Wie der Menschensohn nicht gekommen ist, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld (λύτρον) für viele.“ Hebr 9,12 sieht diese Vorankündigung eingelöst, indem der Brief ausdrücklich auf den Unterschied zwischen dem früheren und dem jetzigen Erlösungsweg im Blut Christi hinweist: „Nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut ist er ein für alle Mal in das Heiligtum hineingegangen und so hat er eine ewige Erlösung (λύτρωσιν) bewirkt.“ Auch Tit 2,14 - unter Nutzung des Verbs - legt diese Erlösung auf Christi Tod aus: „Er hat sich für uns hingegeben, damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse (λυτρώσηται) und für sich ein auserlesenes Volk schaffe, das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.“ In 1Petr 1,18-19 wird auf die durch Christi Blut herbeigeführte Erlösung aus der früheren Lebensweise hingewiesen: „18 Ihr wisst, dass ihr aus eurer nichtigen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft (ἐλυτρώθητε) wurdet, nicht um Silber oder Gold, 19 sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel.“ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 475 <?page no="476"?> Auch wenn vorkanonisch von der Hoffnung der Jünger Jesu und dessen „Er‐ lösen“ Israels die Rede ist, scheint dieses Thema erst bei der zweiten kanonischen Redaktion innerhalb der erweiterten Sammlung aufgegriffen und redaktionell bei der Überarbeitung der entsprechenden Stellen in den drei Evangelien, den neuen Paulinen und dem Praxapostolos eingetragen worden zu sein. Daran schließt sinnvollerweise die Diskussion zu dem Erlösungstitel Christi, σωτήρ, an. Denn, obwohl σωτηρία vorkanonisch bezeugt ist, und zwar in *Ev wie in *Paulus, begegnet σωτήρ als Bezeichnung Christi vorkanonisch nur an einer Stelle: *1Thess 5,23. An dieser Stelle wird Christus als der künftig erwartete Herr und „Retter“ bezeichnet. Der Befund ähnelt dem der gerade besprochenen Wortgruppe, weil hier σωτήρ wie dort λύτρωσις kanonisch ausschließlich in der Kindheitsgeschichte von Lk zu finden ist, wiederum an zwei Stellen, und hier auf den bereits gekom‐ menen „Retter“ verweist. Wir stellen folglich einen deutlichen semantischen Unterschied zur vorkanonischen Verwendung fest. Lk 1,47 fällt der Titel im Lobpreis der Maria: „… und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“ Während der Titel an der ersten Stelle noch als Gottestitulatur gelesen werden kann, nicht als ein solcher Christi, ist Lk 2,11 deutlicher, wenn der Engel verkündet: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.“ Obwohl der Titel 24 Mal im Neuen Testament steht, findet er sich weder in Mk noch in Mt, auch nur einmal in Joh 4,42 (im Mund der Samariter): „Und zu der Frau sagten sie: Nicht mehr aufgrund deiner Rede glauben wir, denn wir haben selbst gehört und wissen: Er ist wirklich der Retter (σωτήρ) der Welt.“ Selbst im kanonischen Paulus begegnet der Begriff nur an einer weiteren Stelle in einem der sieben Paulusbriefe, Phil 3,20: *Phil 3,20 Phil 3,20 ἡμῶν γὰρ τὸ πολίτευμα ἐν οὐρανοῖς ὑπάρχει, ἐξ οὗ ἀπεκδεχόμεθα Χριστόν ἡμῶν γὰρ τὸ πολίτευμα ἐν οὐρανοῖς ὑπάρχει, ἐξ οὗ καὶ σωτῆρα ἀπεκδεχόμεθα κύριον Ἰησοῦν Χριστόν *Phil 3,20 Phil 3,20 Denn unsere Bürgerrecht ist in den Himmeln, von woher wir Christus er‐ warten Denn unsere Heimat ist in den Himmeln, von woher wir Jesus Christus, den Herrn, erwarten, auch als Retter. 476 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="477"?> Wie der Vergleich zu dem gut bezeugten Vers erweist, fehlt vorkanonisch gerade das vorausstehende und hervorgehobene „auch als Retter“ des kanonischen Texts. Gleichwohl stimmt an dieser Stelle die Semantik mit der vorkanonischen Version überein - der Retter ist hier der künftig Erwartete. „Retter“ steht noch an einer Stelle in dem Deuteropaulinum Eph 5,23: *Laod 5,23 Eph 5,23 ὅτι ἀνήρ ἐστιν κεφαλὴ τῆς γυναικὸς ὡς καὶ ὁ Χριστὸς κεφαλὴ τῆς ἐκκλησίας. ὅτι ἀνήρ ἐστιν κεφαλὴ τῆς γυναικὸς ὡς καὶ ὁ Χριστὸς κεφαλὴ τῆς ἐκκλησίας, αὐτὸς σωτὴρ τοῦ σώματος. *Laod 5,23 Eph 5,23 denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist, er, Retter seines Leibes. Auch an dieser Stelle wirkt der Teil, der nicht für den vorkanonischen Vers bezeugt ist („er, Retter seines Leibes“), wie eine spätere Hinzufügung. Und an dieser Stelle findet sich bereits die heilsgeschichtlich präsentische, also kanonische Semantik des Begriffes. Ein Blick auf die Häufung dieses Titels innerhalb der Pastoralbriefe und auch des Praxapostolos bestätigt, dass wir es bei ihm mit einer kanonisch-redaktio‐ nellen Bezeichnung der zweiten kanonischen Redaktion zu tun haben, die im Zuge der Zusammenstellung der größeren Sammlung in diese eingeschrieben wurde. In 1Tim 1,1 ist der Titel in der Grußadresse präsent, hier als Epithet Gottes selbst: „Paulus, Apostel Christi Jesu gemäß dem Auftrag Gottes, unseres Retters, und Christi Jesu, unserer Hoffnung.“ Als solches kehrt es wieder in 1Tim 2,3: „Das ist recht und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter.“ Und nochmals in 1Tim 4,10: „Dafür arbeiten und kämpfen wir, denn wir haben unsere Hoffnung auf den lebendigen Gott gesetzt, den Retter aller Menschen, besonders der Gläubigen.“ In 2Tim 1,10 wird der Titel auf Christus verwendet, und zwar auf den, der bereits erschienen ist: „Jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbart.“ Auf Gott und auf Christus liest Tit in der Eröffnung (Tit 1,3-4) den Titel: „3 Zur vorherbestimmten Zeit aber hat er sein Wort offenbart durch die Verkündigung, mit der ich durch den Auftrag Gottes, unseres Retters, betraut worden bin. 4 An Titus, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 477 <?page no="478"?> 453 2Petr 2,20: … τοῦ κυρίου [ἡμῶν] καὶ σωτῆρος Ἰησοῦ Χριστοῦ …; 2Petr 3,2: … τοῦ κυρίου καὶ σωτῆρος; 2Petr 3,18: -… τοῦ κυρίου ἡμῶν καὶ σωτῆρος Ἰησοῦ Χριστοῦ-… sein rechtmäßiges Kind, aufgrund des gemeinsamen Glaubens: Gnade und Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserem Retter.“ Für Gott findet er nochmals Verwendung in Tit 2,10, um ihn gleich drei Verse weiter auf Christus zu beziehen, und zwar als den zu Erwartenden: „Während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.“ In dieser Verbindung begegnet er wieder in Tit 3,4-6, hier allerdings sowohl als Titel für Gott wie für Christus: „4 Als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres Retters, erschien, 5 hat er uns gerettet - nicht aufgrund von Werken der Gerechtigkeit, die wir vollbracht haben, sondern nach seinem Erbarmen - durch das Bad der Wiedergeburt und die Erneuerung im Heiligen Geist. 6 Ihn hat er in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter.“ Auch die Apg kennt den Titel, an der ersten Stelle wird er auf die Autorität Gottes zurückgeführt, jedoch gelesen auf Christus hin (Apg 5,31): „Ihn [scil. Jesus] hat Gott als Anführer und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken.“ Ausdrücklich betont - entgegen der Bestreitung der prophetischen Ankündigung - die Apg (Apg 13,23): „Aus seinem Geschlecht hat Gott dem Volk Israel, der Verheißung gemäß, Jesus als Retter geschickt.“ Insgesamt sieben Mal steht der Titel schließlich in den Katholischen Briefen des Praxapostolos: Im Lobpreis am Ende ( Jud 1,25): „Ihm, der uns durch Jesus Christus, unseren Herrn, rettet, gebührt die Herrlichkeit, Hoheit, Macht und Gewalt vor aller Zeit und jetzt und für alle Zeiten. Amen.“ Wie bei 1Tim gleich in der Eröffnung liest man auch in 2Petr 1,1. 11: „1 Simon Petrus, Knecht und Apostel Jesu Christi, an jene, die durch die Gerechtigkeit unseres Gottes und Retters Jesus Christus den gleichen kostbaren Glauben erlangt haben wie wir. … 11 So wird euch in reichem Maß gewährt, in das ewige Reich unseres Herrn und Retters Jesus Christus einzutreten.“ „Herr und Retter“ sind Christi Titel auch in 2Petr 2,20; 3,2. 18. 453 In 1Joh 4,14 liest man: „Wir haben geschaut und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Retter der Welt (vgl. oben Joh 4,42).“ Wie bereits verschiedentlich zuvor bemerkt, gruppieren sich die Pastoral‐ briefe mit dem Praxapostolos und fügen sich in die zweite kanonische Redaktion, die zur größeren Sammlung führte. Der vorkanonisch für den künftigen Retter 478 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="479"?> 454 Auch wenn Klinghardt *Ev 16,30 mit diesem Terminus aufnimmt, ist der einzige Zeuge der gerade für diese Perikope den kanonischen Text wiedergebende Adamantius. 455 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 582. reservierte Begriff wird immer stärker im Laufe des Redaktionsprozesses zu einem zentralen Begriff, bei dem immer wieder auf den bereits Erschienenen Bezug genommen wird, wenn auch die vorkanonische Semantik nicht völlig verschwindet. Beide Begriffe, μετανοέω, μετάνοια, Verb bzw. Nomen, sind vorkanonisch sowohl in *Ev wie *Paulus unbezeugt, 454 begegnen allerdings gerade im Täufer‐ zusammenhang, jedoch nicht nur in den synoptischen Evangelien, sondern auch in dem kanonischen Paulus, im Praxapostolos und in der Apk. Auch hier stößt zunächst ins Auge, dass das Nomen gleich an zwei Stellen im dritten Kapitel des Lk steht, das in *Ev fehlt. Lk 3,3. 8 (vgl. Mk 1,4 / / Mt 3,8-9. 11) findet man es bei der Beschreibung des Täufers: „3 Und er zog in die Gegend am Jordan und verkündete dort überall die Taufe der Umkehr (μετανοίας) zur Vergebung der Sünden. … 8 Bringt Früchte hervor, die eure Umkehr (μετανοίας) zeigen, und fangt nicht an, bei euch zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater! Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken.“ In Lk 5,32 wird folgender Spruch Jesus in den Mund gelegt: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr (μετάνοιαν) zu rufen.“ Während der Vers zuvor durch Tertullian vorkanonisch bezeugt ist, ist es dieser Spruch nicht - außerdem weisen die Handschriften Varianten auf, die darauf hindeuten, dass wir es hier möglicherweise gerade bei der Formulierung εἰς μετάνοιαν mit einer Variante zu tun haben, die weder in *Ev stand, weil sie „die synoptischen Parallelen Mk 2,17 / / Mt 9,13“ nicht enthalten, 455 noch in den noch nicht von der kanonischen Redaktion redigierten Evangelien, worauf die Varianten in Mt verweisen. Die Formulierung fehlt dort nämlich in den Zeugen 01, 03, 05, 022, 032, 036*, 037, 0233, f 1 , 33, 565 al lat, sy p.h. , bo pt , welche bieten: οὐ γὰρ ἦλθον καλέσαι δικαίους ἀλλαὰ ἁμαρτωλούς, hingegen bieten die Formulierung die Zeugen 04, 020, 038, 0281, f 13 , c, g 1 , sy s.hmg , mae, bo pt . Die Varianten zeigen die mögliche Genese dieses Verses an: Während in der vorkanonischen Fassung von *Ev nur der bezeugte Teil stand („Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen“), fügt mk Mt wohl hinzu: „sondern Sünder“, während auf der Ebene der zweiten kanonischen Redaktion hieraus wurde: „Sünder zur Umkehr“. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 479 <?page no="480"?> 456 Ibid. 982. 457 Ibid. 1304. Was Lk 15,7 betrifft, einem Vers, in welchem „Umkehr“ wieder begegnet, hat Klinghardt im Detail herausgearbeitet, dass - auch wenn Unsicherheiten, was die „genaue sprachliche Gestalt“ betrifft, bestehen - „das Gleichnis“ in *Ev „mit der betont herausgehobenen Schlussfolgerung Jesu über die Freude“ schloss. 456 Die Verse Lk 24,47-48 führen den Begriff im Vers 47 auf: „47 Und in seinem Namen wird man allen Völkern Umkehr (μετάνοιαν) verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden. Angefangen in Jerusalem, 48 seid ihr Zeugen dafür“. Die Verse stehen innerhalb des Passus von Lk 24,44-49, der, wie Klinghardt plausibel macht, „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in *Ev gefehlt“ hat. 457 In Joh begegnet weder das Nomen noch das Verb. Beim kanonischen Paulus stößt man gleich in Röm 2,4 auf das Nomen: „Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut und weißt nicht, dass die Güte Gottes dich zur Buße (μετάνοιαν) leitet? “ Während der Vers Röm 2,2 vorkanonisch bezeugt ist, sind es die nachfolgenden Verse bis inklusive Vers 11 nicht - und die Lexik spricht, wie die Rekonstruktion zeigt, dafür, dass dieser Teil im vorkanonischen Text gefehlt hat. Das gilt auch für den nächsten Beleg in 2Kor 7,9-10: „9 jetzt freue ich mich, nicht weil ihr betrübt worden seid, sondern weil ihr zur Umkehr (μετάνοιαν) geführt worden seid. Denn ihr seid Gott gemäß betrübt worden, damit ihr durch uns keinen Schaden erlitten habt. 10 Denn die Gott gemäße Betrübtheit bewirkt nämlich Umkehr (μετάνοιαν) zum Heil, die nicht bereut zu werden braucht; die Betrübnis der Welt hingegen bewirkt den Tod.“ Obwohl mit dieser Aussage einer von Gott gewollten Sinnesänderung zum Heil hin der Umkehr ein großes theologisches Gewicht beigemessen scheint, ist es desto erstaunlicher, von dieser Umkehr sonst kaum etwas in den sieben Briefen des Paulus zu lesen. Ergänzt wird das Aufgeführte lediglich noch durch die Benutzung des Verbs in 2Kor 12,21, innerhalb einer ebenfalls vorkanonisch unbezeugten und nicht vorhandenen Passage (2Kor 12,10-21): „dass, wenn ich wiederkomme, mein Gott mich demütigen wird bei euch und ich trauern muss über viele, die früher gesündigt haben und nicht Buße getan haben (μὴ μετανοησάντων) für die Unreinheit und Unzucht und Ausschweifung, die sie begangen haben.“ (2Kor 12,21). Mit der Seltenheit der Vorstellung im kanonischen Paulus der sieben Briefe und der völligen Abwesenheit in den drei Deuteropaulinen kontrastiert die 480 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="481"?> Häufigkeit, in der Nomen und Verb auf der Ebene der kanonischen Redaktion begegnen, also im Praxapostolos, in einem der Pastoralbriefe, Hebr und Apk. Die Apg 2,38 lässt Petrus mahnen: „… Kehrt um (Μετανοήσατε) und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung eurer Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.“ Ein Kapitel weiter predigt Petrus im Stil des Johannes: „Also kehrt um (μετανοήσατε) und tut Buße, damit eure Sünden getilgt werden.“ Die nachfolgende Stelle klang bereits weiter oben beim Begriff „Retter“ an (Apg 5,31): „Ihn hat Gott als Anführer und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken.“ Wieder ermahnt Petrus in Apg 8,22: „Kehre dich (μετανόησον) von deiner Bosheit ab und bitte den Herrn, dass dir das Ansinnen deines Herzens vergeben werde! “ Als Reaktion auf eine Petruspredigt wird Apg 11,18 berichtet: „Als sie das hörten, beruhigten sie sich, priesen Gott und sagten: Gott hat also auch den Heiden die Umkehr (μετάνοιαν) zum Leben geschenkt.“ Dann nimmt Apg 13,24 ausdrücklich Bezug auf den Täufer: „Vor dessen Auftreten hat Johannes dem ganzen Volk Israel eine Taufe der Umkehr (μετανοίας) verkündet.“ In Apg 17,30 wird auch Paulus zum Umkehrprediger: „Gott, der über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen hat, gebietet jetzt den Menschen, dass überall alle umkehren (μετανοεῖν) sollen.“ Er verweist ausdrücklich auf den Täufer in Apg 19,4: „Paulus sagte: Johannes hat mit der Taufe der Umkehr (μετανοίας) getauft und das Volk gelehrt, sie sollten an den glauben, der nach ihm komme: an Jesus.“ Umkehr wird gar zu einem zentralen Element seiner Selbstbeschreibung und Selbstzeugnis in Apg 20,21: „Ich habe vor Juden und Griechen Zeugnis abgelegt für die Umkehr (μετάνοιαν) zu Gott und den Glauben an Jesus, unseren Herrn.“ So heißt es gleich zwei Mal im letzten Eintrag Apg 26,20, dass Paulus „… zuerst denen in Damaskus und in Jerusalem, dann im ganzen Land Judäa und bei den Heiden verkündete, sie sollten umkehren (μετανοεῖν), sich Gott zuwenden und der Umkehr (μετανοίας) entsprechende Taten tun.“ In 2Tim 2,25 wird beschrieben, was einen guten „Knecht des Herrn“ auszeichnen soll: „der auch die mit Güte zurechtweist, die sich hartnäckig widersetzen, damit Gott ihnen vielleicht Umkehr (μετάνοιαν) zur Erkenntnis der Wahrheit schenkt.“ Um Umkehr geht es auch in 2Petr 3,9: „Der Herr der Verheißung zögert nicht, wie einige meinen, die von Verzögerung reden, sondern er ist geduldig mit euch, weil er nicht will, dass jemand zugrunde geht, sondern dass alle zur Umkehr (μετάνοιαν) gelangen.“ Aus Hebr 6 lässt sich entnehmen, dass der Text bereits einen gewissen ritualisierten und institutionaliserten Kontext voraussetzt, bei dem die Umkehr Teil eines Initiationsprozesses darstellt, dem eine höhere Stufe des „Vollkomme‐ neren“ gegenübersteht: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 481 <?page no="482"?> „1 Darum wollen wir beiseitelassen, was man zuerst von Christus verkünden muss, und uns dem Vollkommeneren zuwenden; wir wollen nicht noch einmal den Grund legen mit der Abkehr (μετανοίας) von toten Werken und dem Glauben an Gott, 2 mit der Lehre über die Taufen und die Handauflegung, über die Auferstehung der Toten und das ewige Gericht; 3 das wollen wir dann tun, wenn Gott es zulässt. 4 Denn es ist unmöglich, jene, die einmal erleuchtet worden sind, die von der himmlischen Gabe genossen und Anteil am Heiligen Geist empfangen haben, 5 die das gute Wort Gottes und die Kräfte der kommenden Weltzeit gekostet haben, 6 dann aber abgefallen sind, erneut zur Umkehr (μετάνοιαν) zu bringen; da sie den Sohn Gottes noch einmal für sich ans Kreuz schlagen und zum Gespött machen.“ Nach Hebr 12,17 ist Esau ein Beispiel für denjenigen, dem keine Umkehr (μετανοίας) möglich war. In Apk 2,5 wird Ephesus gerügt: „Bedenke, aus welcher Höhe du gefallen bist! Kehr zurück (μετανόησον) zu deinen ersten Taten! Wenn du nicht umkehrst (μετανοήσῃς), werde ich zu dir kommen und deinen Leuchter von seiner Stelle wegrücken.“ Anschließend wird in Apk 2,16 Pergamon gedroht: „Kehr also um (μετανόησον)! Sonst komme ich bald und werde sie mit dem Schwert in meinem Mund bekämpfen.“ Und dann heißt es zu Thyatira in Apk 2,21-22: „21 Ich habe ihr Zeit gelassen umzukehren (μετανοήσῃ); sie aber will nicht umkehren (μετανοῆσαι) und von ihrer Unzucht ablassen. 22 Siehe, ich werfe sie auf das Krankenbett und alle, die mit ihr Ehebruch treiben, bringe ich in große Bedrängnis, wenn sie sich nicht abkehren (μετανοήσωσιν) vom Treiben dieser Frau.“ Auch Sardes wird ermahnt (Apk 3,3): „Denk also daran, wie du die Lehre empfangen und gehört hast! Halte daran fest und kehr um (μετανόησον)! Wenn du aber nicht aufwachst, werde ich kommen wie ein Dieb und du wirst bestimmt nicht wissen, zu welcher Stunde ich zu dir komme.“ Nach Laodikea lässt Jesus schreiben (Apk 3,19): „Wen ich liebe, den weise ich zurecht und nehme ihn in Zucht. Mach also Ernst und kehr um (μετανόησον)! “ Später, Apk 9,20-21, werden die Menschen geschildert, die nicht umkehrten vom Götzendienst. Vom Zorn der Engel gegenüber Menschen, die nicht um‐ kehren berichtet Apk 16,9-11. Der Überblick zeigt, dass eine Terminologie und die mit ihr verbundene Vorstellung, die vorkanonisch unbezeugt ist und auch kanonisch zunächst nur verhalten begegnet (mit fast der Hälfte der Stellen bei den Synoptikern, bei Johannes nicht, zwei Stellen in den sieben Briefen des Paulus, in den Deuteropaulinen nicht), vermutlich erst durch die zweite kanonische Redaktion nachgetragen und auf der kanonisch-redaktionellen Ebene bei der Zusammen‐ 482 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="483"?> führung der größeren Sammlung zu einem zentralen theologischen Topos wird. Es überrascht inzwischen kaum mehr, dass sich gerade zu dieser, öfter an den Täufer geknüpften, Umkehrmahnung wieder die einschlägigen späten und zum Teil umstrittenen Schriften um die Apostelgeschichte herum gruppieren. Wenden wir uns noch einigen Christusbezeichnungen zu: μονογενής ist vorkanonisch unbezeugt, findet sich auch weder in Mt noch Mk. In Lk 7,12 steht der Begriff in einem nicht christologischen Zusammenhang, ist jedoch für den Vers nicht vorkanonisch bezeugt, auch wenn der Vers selbst durch Tertullian für *Ev bezeugt ist. Ähnlich wird in Lk 8,42 von Jairus, dem Synagogenvorsteher, berichtet, er habe nur eine einzige Tochter (θυγάτηρ μονογενής) gehabt, doch davon zeugen weder Epiphanius noch Tertullian für *Ev. In Lk 9,38 heißt es: „Und siehe, ein Mann aus der Menge schrie: Meister, ich bitte dich, schau auf meinen Sohn! Es ist mein einziger (μονογενής μοί ἐστιν).“ Wiederum berichten uns von dieser dramatischen Zuspitzung weder Epiphanius noch Tertullian etwas für *Ev. Es ist nur schwer anzunehmen, dass ihnen angesichts des einziggeborenen Sohnes Gottes eine solche Terminologie durchgegangen wäre, wenn sie diese vorkanonisch gelesen hätten. Vor allem spricht auch gegen die Präsenz dieser Verse in *Ev, dass kein anderes synopti‐ sches Evangelium den Begriff aufgegriffen hat. Eine ähnliche Dramatisierung begegnet nur in Hebr 11,17: „Aufgrund des Glaubens hat Abraham den Isaak hingegeben, als er auf die Probe gestellt wurde; er gab den einzigen Sohn (τὸν μονογενῆ) dahin, er, der die Verheißungen empfangen hatte.“ Im ersten Kapitel von Joh lesen wir: „14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes (ὡς μονογενοῦς) vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. 15 Johannes legt Zeugnis für ihn ab und ruft: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. 16 Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. 17 Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. 18 Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige (μονογενής), der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ War in Vers 14 der Titel noch Adjektiv zu Sohn, mutiert er vier Verse weiter zu einem Adjektiv, das die Übersetzer der Einheitsübersetzung zu einem Substantiv verselbständigen. Joh 3,16-18 wiederholt das auf den Sohn bezogene Adjektiv: „16 Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn (τὸν υἱὸν τὸν μονογενῆ) hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 483 <?page no="484"?> 458 M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jh. (2022), 260: „Joh zeigt sich … eher als Mittelweg zwischen den Synoptikern und Markion.“ 459 Diese Unterscheidung setzt erst im 4.-Jh. ein. 460 Zur frühchristlichen und patristischen Verwendung des Titels mit Stellenangaben vgl. J.B. Lightfoot, Saint Paul’s Epistles to the Colossians and to Philemon. A Revised Text with Introductions, Notes, and Dissertations (1890), 144-148; J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 139. Leben hat. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. 18 Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes (τὸ ὄνομα τοῦ μονογενοῦς υἱοῦ τοῦ θεοῦ) geglaubt hat.“ Es begegnet nicht das erste Mal das Phänomen, dass ein zwischen Markion und seinen synoptischen Redaktoren umstrittenes Thema wie hier das Richten oder Nichtrichten Jesu von Joh aufgegriffen und eher in Anlehnung an Markion beantwortet wird. 458 Zugleich aber rückt Joh auch wiederum von Markion ab, indem er die Weltliebe Gottes betont, zumal der Logos nicht wie bei Markion in eine ihm fremde, sondern in die von ihm geschaffene Welt, in sein Eigentum, gekommen war ( Joh 1,11). Der Titel besagt demnach zugleich die Einzigkeit des Sohnes, aber auch, dass der Sohn ein Einziggewordener oder Einziggeborener ist. 459 Dieses johanneische Thema wird dann auch innerhalb des Praxapostolos in 1Joh 4,9 aufgegriffen: „Darin offenbarte sich die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigen Sohn (τὸν υἱὸν τὸν μονογενῆ) in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben.“ Vielleicht durch die Vorgabe in Joh, was die Spur in 1Joh erklären würde, hat die kanonische Redaktion die Dramatisierung mit Blick auf die mitgehörte christologische Titulatur in Lk eingetragen und und damit Lk mit Joh ein wenig konsonant gemacht, was wegen 1Joh 4,9 dafür spräche, dass diese Harmonisierung erst durch die zweite kanonische Redaktion erfolgte. Ein weiterer, in der späteren Theologiegeschichte wichtiger Titel Christi liegt in πρωτότοκος vor. 460 Auch er ist vorkanonisch unbezeugt, begegnet jedoch in der in *Ev fehlenden Kindheitsgeschichte des Lk 2,7: „Und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen (πρωτότοκον). Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war.“ Zu bemerken ist, dass gerade der Titel „Erstgeborener“ im Zeugen 032 fehlt. Dass es sich hierbei möglicherweise nicht um eine schlichte Auslassung handelt, verdeutlicht die Bezeugung der Parallelstelle Mt 1,25. Hier bieten lediglich die Zeugen 01, 03, 035 vid , 071 vid , f 1.13 , 33, it, mae, sy s.c (sa, bo) das von NA 28 gebotene schlichte υἱόν, hingegen schreiben die Zeugen 04, 05, 017, 019, 022, 032, 036, 037, 087, 565, 579, 484 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="485"?> 700, 892, 1241, l 844, l 2211, M, aur, d, f, ff 1 , q, vg, sy p.h τον υιον αυτης (- Dc, 019, d, q) τον πρωτοτοκον. Auf kanonischer Ebene begegnet der Titel in Röm 8,29: „Denn die er auser‐ sehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollen dem Bild seines Sohnes, damit dieser der Erstgeborene (πρωτότοκον) sei unter vielen Brüdern.“ Wieder begegnet der Begriff auf kanonischer Ebene in Kol 1,15. 18: *Kol 1,15. 17 Kol 1,15-18 15 ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ τοῦ ἀοράτου, 15 ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ τοῦ ἀοράτου, πρωτότοκος πάσης κτίσεως, - 16 ὅτι ἐν αὐτῷ ἐκτίσθη τὰ πάντα ἐν τοῖς οὐρανοῖς καὶ ἐπὶ τῆς γῆς, τὰ ὁρατὰ καὶ τὰ ἀόρατα, εἴτε θρόνοι εἴτε κυριότητες εἴτε ἀρχαὶ εἴτε ἐξουσίαι· τὰ πάντα δι‘ αὐτοῦ καὶ εἰς αὐτὸν ἔκτισται· 17 καὶ αὐτός ἐστιν πρὸ πάντων, 17 καὶ αὐτός ἐστιν πρὸ πάντων καὶ τὰ πάντα ἐν αὐτῷ συνέστηκεν, - 18 καὶ αὐτός ἐστιν ἡ κεφαλὴ τοῦ σώματος τῆς ἐκκλησίας· ὅς ἐστιν ἀρχή, πρωτότοκος ἐκ τῶν νεκρῶν, ἵνα γένηται ἐν πᾶσιν αὐτὸς πρωτεύων, *Kol 1,15. 17 Kol 1,15-18 15-Es (scil. das Wort) ist Bild des un‐ sichtbaren Gottes, 15-Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung. - 16 Denn in ihm ist alles erschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; alles ist durch ihn und für ihn geschaffen. 17-und es ist vor allem. 17 Und er ist vor allem, und alles hat seinen Bestand in ihm. - 18 Und er ist das Haupt des Leibes, der Kirche. Er ist der Anfang, der Erstgeborene von den Toten, damit er in allem der Erste sei. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 485 <?page no="486"?> 461 Vgl. Justin, 1Apol. 63; Tat., Or. 5,2 (τὸ ἔργον πρωτότοκον τοῦ πατρός); vgl. M.R. Crawford, The „Problemata“ of Tatian: Recovering the Fragments of a Second-Century Christian Intellectual (2016), 554. Der Vergleich zeigt, dass aus dieser Sequenz nur zwei Hauptstücke vorkanonisch bezeugt sind, an deren erste sich auf der kanonischen Ebene unmittelbar der hier verhandelte Titel „der Erstgeborene“ anschließt, ein Titel, der allerdings mit Blick auf die Toten in Vers 18 wieder aufgegriffen wird, beide Male jeweils in den vorkanonisch nicht bezeugten Versen. Auch Hebr 1,6 findet sich der Titel, um Christus als den Thronenden vor‐ zustellen: „Wenn er aber den Erstgeborenen (πρωτότοκον) wieder in die Welt einführt, sagt er: Alle Engel Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen.“ Später im selben Brief wird „der Erstgeborene“ bereits zum festen Titel, auf den hin auch die ihm Zugehörigen als „Erstgeborene“ tituliert werden (Hebr 12,23): „… und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen (πρωτοτόκων), die im Himmel verzeichnet sind, und zu Gott, dem Richter aller, und zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten.“ Ein weiteres Mal finden wir den Titel in der Eröffnung von Apk 1,5, wo Jesus nicht nur zeitliche Priorität, sondern auch hierarchischer Vorrang über die Autoritäten dieser Erde eingeräumt wird: „Jesus Christus; er ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten (ὁ πρωτότοκος τῶν νεκρῶν), der Herrscher über die Könige der Erde-…“ Die Einschätzung der Genese dieses Titels und seiner Verwendung lässt sich am ehesten daraus gewinnen, dass er in der Kindheitsgeschichte des Lk zu finden ist, wenn auch von einem Zeugen (032) nicht belegt, während wir in der Kindheitsgeschichte des Mt divergierende Bezeugung vorliegen haben. Dies spricht in diesem Fall, auch wenn Codex Bezae den Titel bietet, dafür, dass die ältere Form die schlichte war, in der der Titel noch gefehlt hatte, genau so, wie wir auch in *Ev und *Paulus diesem Titel noch nicht begegnen, auch nicht in km Kol. Es spricht viel dafür, dass der Terminus erst bei der Teil‐ harmonisierung in der zweiten kanonischen Redaktion in die Matthäuszeugen, vielleicht sogar, wenn man den einen Zeugen von Lk gewichten möchte, in die breite Lukasüberlieferung Eingang gefunden hat. Das würde erklären, warum er auch in der weiteren Sammlung so spärlich begegnet, in Kol erst auf derselben kanonisch-redaktionellen Ebene wie in Röm, Hebr und Apk. Dass er in Apg wie überhaupt im Praxapostolos und den Pastoralbriefen fehlt, rückt diese Schriften wiederum näher zusammen. Ein Blick in die Literatur des zweiten Jahrhunderts unterstreicht den zeitlichen Kontext des späteren zweiten Jahrhunderts. Der Terminus begegnet etwa bei Justin und in Abwandlung dann bei Tatian. 461 486 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="487"?> 462 2Sam 7,8. 14: 8 καὶ νῦν τάδε ἐρεῖς τῷ δούλῳ μου Δαυιδ Τάδε λέγει κύριος παντοκράτωρ-… 14 ἐγὼ ἔσομαι αὐτῷ εἰς πατέρα, καὶ αὐτὸς ἔσται μοι εἰς υἱόν· παντοκράτωρ ist eine im Neuen Testament seltene Bezeichnung und beschränkt sich auf die kanonische Ebene, und dort lediglich auf den kanonischen Paulus und die Apk. Bei Paulus steht der Titel 2Kor 6,18, einer Stelle, an der es heißt: „17 … Und ich werde euch aufnehmen 18 und euch Vater sein und ihr sollt für mich zu Söhnen und Töchtern werden, sagt der Herr, der Allherrscher (παντοκράτωρ).“ Die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Gott, dem Allmächtigen, und seinem Sohn bzw. seinen Söhnen, erinnert an die Nathansweissagung von 2Sam 7,13-14 über David und die Errichtung des Tempels. 462 Das Thema von Gottes Allmacht spielt denn auch gleich zu Beginn der Apokalypse eine wichtige Rolle (Apk 1,8): „Ich bin das Alpha und das Omega, spricht Gott, der Herr, der ist und der war und der kommt, der Allmächtige (ὁ παντοκράτωρ).“ Auch in der Beschreibung der vier Tiere wird Gott, der Herr, als der Allmächtige bezeichnet (Apk 4,8), eine Bezeichnung, die insgesamt 9 Mal in Apk steht. Was die Präsenz mit Blick auf Apk und 2Kor betrifft, liegen zwei Möglich‐ keiten nahe. Entweder die Apk war von 2Kor inspiriert oder die zweite kano‐ nische Redaktion hat eine Verknüpfung zwischen Apk und Paulus herstellen wollen. Für die zweite Lösung spricht, dass der Allmachtsgedanken weder vorkanonisch noch kanonisch in den Evangelien oder bei Paulus sonst begegnet, die letzte Benutzung in Apk 21,22 aber den Gedanken von Gottes Allmacht mit dem verheißenen Tempel verknüpft und sich damit an die Nathansweissagung anschließt. Die Stelle in 2Kor dient folglich über die inhaltliche Aussage hinaus als Anker für die umstrittene Apk, die die kanonische Redaktion hiermit befestigt. Der Anker dürfte von der zweiten kanonischen Redaktion in 2Kor positioniert worden zu sein. 7. Inhaltlich bedeutende Begriffe, die in *Paulus stehen, aber im NT nicht häufig sind Auch was inhaltlich gewichtige Begriffe betrifft, ist es sinnvoll die Gegenseite zur voranstehenden Nr.-6 zu prüfen. Darum ist zu fragen, ob es auch Begriffe gibt, die in der *10-Briefe-Sammlung stehen und kaum eine Karriere in der 14-Briefe-Sammlung und im kanonischen Neuen Testament gehabt haben. Zu solchen zähle ich hier Begriffe, die nicht erheblich mehr als doppelt so häufig auf der kanonischen Ebene im Vergleich §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 487 <?page no="488"?> 463 Einige wenige Ausnahmen mache ich dort, wo ein Begriff mehrmals in derselben kanonischen Schrift bzw. im unmittelbaren Zusammenhang aufgegriffen wird. 464 Auf ein paar weitere wurde bereits weiter oben verwiesen unter der Überschrift § 7 5.e „Begriffe in *Paulus, die nicht mehr als doppelt so häufig im NT stehen“. 465 *Ev 12,36: … ὑμεῖς ὅμοιοι ἀνθρώποις προσδεχομένοις τὸν κύριον ἑαυτῶν πότε ἀναλύσῃ ἐκ τῶν γάμων, ἵνα ἐλθόντος καὶ κρούσαντος εὐθέως ἀνοίξωσιν αὐτῷ. 466 Vgl. Phil 1,23: συνέχομαι δὲ ἐκ τῶν δύο, τὴν ἐπιθυμίαν ἔχων εἰς τὸ ἀναλῦσαι καὶ σὺν Χριστῷ εἶναι, πολλῷ [γὰρ] μᾶλλον κρεῖσσον. 467 *Ev 14,14 / / Lk 14,14: καὶ μακάριος ἔσῃ, ὅτι οὐκ ἔχουσιν ἀνταποδοῦναί σοι, ἀνταποδοθήσεται γάρ σοι ἐν τῇ ἀναστάσει τῶν δικαίων. zur vorkanonischen stehen. 463 Es gibt etwa 130 von diesen, von denen hier nur eine kleine Auswahl diskutiert werden kann. 464 Betrachten wir uns zunächst die drei Begriffe, die sowohl für *Ev wie für *Paulus bezeugt sind, aber dennoch kaum weiters auf der kanonischen Ebene belegt sind: ἀναλύω steht *Ev 12,36 (/ / Lk 12,36): „… ihr sollt Menschen gleichen, die ihren Herrn erwarten, wenn er von der Hochzeit zurückkommt, damit sie, wenn er kommt und klopft, ihm sofort öffnen.“ 465 In *Phil 1,23 (/ / Phil 1,23) heißt es: „Ich habe das Verlangen, zurückzukommen und bei Christus zu sein.“ 466 Nachdem das Verb nur an den beiden vorkanonischen Stellen und an deren Parallelstellen auf der kanonischen Ebene steht, scheint es zur genuinen Lexik der vorkanonischen Ebene zu gehören. Auch in der Semantik stimmen beide Stellen überein und sogar inhaltlich berühren diese sich. An der ersten Stelle kehrt der Herr zurück, an der zweiten ist es derjenige, der sich nach dessen Nähe bei seiner Rückkehr sehnt, beide Male geht es um Aufbruch und Rückkehr zur Begegnung zwischen dem Herrn und dem Menschen, der ihm begegnen will. Aufgegriffen wird die Terminologie als Nomen in 2Tim 4,6. Auch der nächste Begriff hat theologische Relevanz: ἀνταποδίδωμι. Er findet sich vorkanonisch in *Ev 14,14; *Röm 11,35; *2Thess 1,6 und auf der kanonischen Ebene an den Parallelstellen dieser Verse und zusätzlich in Röm 12,19 (dasselbe Zitat wie Hebr 10,30), 1Thess 3,9 und Hebr 10,30. *Ev 14,14 / / Lk 14,14 heißt es: „Dann wirst du selig sein, denn weil sie nichts haben, um es dir zurückzugeben, wird dir bei der Auferstehung der Gerechten zurückgegeben werden.“ 467 Zunächst fällt auf, dass wie in *Ev 10,16 (vgl. weiter unten zu ἀθετέω) das eher seltene Verb ἀνταποδίδωμι im selben Satz wiederholt wird. *Röm 11,35 / / Röm 11,35 steht: „Wer hat ihm vorher etwas gegeben, so dass es ihm zurückvergolten werde? “ *2Thess 1,6: „Gerecht ist es vom Herrn, denen, die euch bedrängen, Bedrängnis zurückzuvergelten.“ 488 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="489"?> Zunächst ist zu bemerken, dass sowohl in *Ev 14,14 wie in *Röm 11,35 zwar von „Vergelten“ die Rede ist, jedoch beide Male dies ex negativo formuliert wird, d. h. es geht mehr um Nichtvergelten als um Vergelten. Anders jedoch steht es in *2Thess 1,6, wo es um eine tatsächliche Vergeltung an denen geht, die andere bedrängen. Vergleichen wir mit dieser Semantik diejenige der kanonischen Ebene: 1Thess 3,9: „Denn was können wir Gott für euch als Dank geben (ἀνταποδοῦναι) für all die Freude, mit der wir uns wegen euch vor unserem Gott freuen? “ Hebr 10,30: „Wir kennen doch den, der gesagt hat: Mein ist die Rache, ich werde vergelten (ἀνταποδώσω), und ferner: Der Herr wird sein Volk richten.“ Wie in *2Thess wird auch in Hebr von einem „Vergelten“, nicht von einem „Nichtvergelten“ gesprochen. Dieser Befund des Begriffes in dieser Semantik stützt die zuvor geäußerte Vermutung, wonach wir mit einer Vorlage km 2Thess rechnen können, die der vorkanonischen Redaktion aus dem Kreis der kanoni‐ schen Redaktion zugekommen ist. Vielleicht war es diese Stelle aus km 2Thess, gegen welche die vorkanonische Redaktion zur Rede vom „Nichtvergelten“ gebracht wurde, da, wie Tertullian in seinem Kommentar erklärt, Markion den Vers von *2Thess 1,6 nicht auf Christus, sondern auf den Schöpfergott gelesen hatte, dem er dieses Vergelten zuschrieb. Hebr 10,30 unterstreicht hingegen die Vorstellung, wonach Gott tatsächlich aus seiner Rache heraus vergelten wird. Hieraus folgt für die Genese der Redaktion: Gegen die Verwendung von „Vergeltung“ in km 2Thess formuliert die vorkanonische Redaktion den Text, wie er für *2Thess bezeugt ist. Die kanonische Redaktion in Hebr hingegen schreibt die ursprüngliche Semantik fort. Neben diesen beiden Begriffen, die sowohl für *Ev wie für *Paulus bezeugt sind, gibt es noch eine Reihe weiterer Begriffe, die nur für *Paulus bezeugt sind (diejenigen, die nur für *Ev bezeugt sind, werden hier nicht eigens aufgeführt, sondern müssten in einer eigenen Studie untersucht werden), aus denen nur einige wenige Beispiele noch betrachtet werden sollen. Ein auffälliger Begriff ist ἄγαμος. Er steht vorkanonisch nur in *1Kor 7 und kanonisch nur im selben parallelen Kapitel 1Kor 7: §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 489 <?page no="490"?> *1Kor 7,1-2. 7-8. 10-11 1Kor 7,1-11 1 Περὶ τῶν γάμων, καλὸν ἀνθρώπῳ γυναικὸς μὴ ἅπτεσθαι 1 Περὶ δὲ ὧν ἐγράψατε μοι, καλὸν ἀνθρώπῳ γυναικὸς μὴ ἅπτεσθαι: 2 διὰ τὴν πορνείαν · ἕκαστος τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα μὴ ἐχέτω. 2 διὰ δὲ τὰς πορνείας ἕκαστος τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα ἐχέτω, καὶ ἑκάστη τὸν ἴδιον ἄνδρα ἐχέτω - 3 τῇ γυναικὶ ὁ ἀνὴρ τὴν ὀφειλὴν ἀποδιδότω, ὁμοίως δὲ καὶ ἡ γυνὴ τῷ ἀνδρί. - 4 ἡ γυνὴ τοῦ ἰδίου σώματος οὐκ ἐξουσιάζει ἀλλὰ ὁ ἀνήρ: ὁμοίως δὲ καὶ ὁ ἀνὴρ τοῦ ἰδίου σώματος οὐκ ἐξουσιάζει ἀλλὰ ἡ γυνή. - 5 μὴ ἀποστερεῖτε ἀλλήλους, εἰ μήτι ἂν ἐκ συμφώνου πρὸς καιρὸν ἵνα σχολάσητε τῇ προσευχῇ καὶ πάλιν ἐπὶ τὸ αὐτὸ ἦτε, ἵνα μὴ πειράζῃ ὑμᾶς ὁ Σατανᾶς διὰ τὴν ἀκρασίαν ὑμῶν. 6 τοῦτο δὲ λέγω κατὰ συγγνώμην, οὐ κατ’ ἐπιταγήν. 7 θέλω γὰρ ἀνθρώπους εἶναι ὡς καὶ ἐμαυτόν: ἀλλὰ ἕκαστος ἴδιον ἔχει χάρισμα, ὅς μὲν οὕτως, ὅς δὲ οὕτως. 7 θέλω δὲ πάντας ἀνθρώπους εἶναι ὡς καὶ ἐμαυτόν: ἀλλὰ ἕκαστος ἴδιον ἔχει χάρισμα ἐκ θεοῦ, ὁ μὲν οὕτως, ὁ δὲ οὕτως. - 8 Λέγω δὲ τοῖς ἀγάμοις καὶ ταῖς χήραις, καλὸν αὐτοῖς ἐὰν μείνωσιν ὡς κἀγώ: - 9 εἰ δὲ οὐκ ἐγκρατεύονται γαμησάτωσαν, κρεῖττον γάρ ἐστιν γαμῆσαι ἢ πυροῦσθαι. 10 τοῖς γεγαμηκόσιν παραγγέλλω, οὐκ ἐγὼ ἀλλὰ ὁ Χριστός, γυναῖκα ἀπὸ ἀνδρὸς μὴ χωρίζεσθαι 10 τοῖς δὲ γεγαμηκόσιν παραγγέλλω, οὐκ ἐγὼ ἀλλὰ ὁ κύριος, γυναῖκα ἀπὸ ἀνδρὸς μὴ χωρισθῆναι 11 ἐὰν χωρισθῇ, μενέτω ἄγαμος ἢ τῷ ἀνδρὶ καταλλαγήτω. 11 ἐὰν δὲ καὶ χωρισθῇ, μενέτω ἄγαμος ἢ τῷ ἀνδρὶ καταλλαγήτω καὶ ἄνδρα γυναῖκα μὴ ἀφιέναι. *1Kor 7,1-2. 7-8. 10-11 1Kor 7,1-11 7,1 Über die Ehe: Ein Mann tut gut daran, keine Frau zu berühren 7,1 Über das, was ihr mir geschrieben habt: Ein Mann tut gut daran, keine Frau zu berühren. 2-wegen der Unzucht, es soll keiner eine eigene Frau haben. 2 Wegen der Gefahr der Unzuchtsünden soll aber jeder seine Frau haben und jede soll ihren Mann haben. 490 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="491"?> 3 Der Frau gegenüber soll der Mann seine Pflicht erfüllen, ebenso aber auch die Frau gegenüber dem Mann. - 4 Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann, ebenso aber verfügt auch der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau. - 5 Entzieht euch einander nicht, außer in Übereinstimmung für eine Zeit, um dem Gebet Raum zu geben, und kommt wieder zusammen, damit euch der Satan wegen eurer Unenthaltsamkeit nicht in Versuchung führt. - 6 Das sage ich als Zugeständnis, nicht als Gebot. 7-Ich will nämlich, dass die Menschen so wie ich sind. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. 7 Ich will aber, dass alle Menschen wie ich sind. Doch jeder hat seine eigene Gnaden‐ gabe von Gott, der eine so, der andere so. - 8 Ich sage aber den Unverheirateten und den Witwen: Es ist gut für sie, wenn sie auch so blieben wie ich. - 9 Wenn sie aber nicht enthaltsam leben können, sollen sie heiraten. Es ist nämlich besser zu heiraten, als sich zu verzehren. 10-Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern Christus: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen, 10 Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern der Herr: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen, 11-wenn sie sich trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann. 11 wenn sie sich aber auch trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann, und der Mann darf die Frau nicht entlassen. Mit der vorliegenden Passage liegt ein Text vor, in welchem die kanonische Redaktion der vorkanonischen Vorlage diametral widerspricht. Während die erste Aussage in Vers 1, wonach es „gut für den Mann“ sei, „keine Frau zu berühren“, von der kanonischen Redaktion den Briefadressaten zugeschrieben wird, antwortet der kanonische Paulus in Vers 2 mit dem Hinweis auf die „Gefahr der Unzuchstsünden“ - so muss man das schlichte τὰς πορνείας wegen der sonst entstehenden narrativen Disjunktion inter‐ pretierend übersetzen, bereits ein Zeichen der nicht vollständig konsistenten Redaktion -, dass „jeder seine Frau haben und jede … ihren Mann haben“ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 491 <?page no="492"?> 468 Auf den Widerspruch zwischen dem *Paulus des Markion und dem seinen weist bereits Tertullian hin: Tert., Adv. Marc. V 7,6: Sequitur de nuptiis congredi, quas Marcion constantior apostolo prohibet. Etenim apostolus, etsi bonum continentiae praefert, tamen coniugium et contrahi permittit et usui esse, et magis retineri quam disiungi suadet. … Marcion totum concubitum auferens fidelibus (viderint enim catechumeni eius), repudium ante nuptias iubens-… sollen. Narrativ konsistenter ist hier die vorkanonische Ebene, wenn *Paulus seine Meinung äußert, dass keiner eine eigene Frau haben soll. Nur die kanonische Ebene muss denn auch eine Erläuterung nachschieben, wie die of‐ fenkundige Spannung zwischen der Anfrage der Adressaten und der Antwort des Paulus zu differenzieren ist. In den Versen 3-6 wird von den gegenseitigen Ehepflichten gesprochen, auch, dass sich die beiden Ehepartner einander sexuell nicht entziehen sollen. Nicht erst der Tertulliankommentar zu dieser Stelle verdeutlicht, dass diese Verse gegen die Position des Markion gerichtet sind, der von Ehepartnern, die sich seiner Gemeinde angeschlossen hatten, verlangte, dass sie sich einander sexuell enthielten. 468 Wie die Verse 10-11 ausführen, hatte *Paulus, sich ausdrücklich auf ein Herrenwort berufend, der Frau keine Ehescheidung oder Trennung erlaubt, doch auch mit einer solchen gerechnet und in diesem Fall von ihr verlangt, „unverheiratet“ zu bleiben oder sich wieder mit ihrem Mann zu versöhnen - selbstverständlich auf der Basis der sexuellen Enthaltsamkeit. Die kanonische Redaktion erweitert das Gebot, indem sie dem Mann verbietet, eine Frau, die sich mit ihm ver‐ söhnt (oder versöhnen will? ), zu verstoßen. Zusätzlich setzt die kanonische Redaktion mit der Einfügung von Vers 9 eine andere Voraussetzung, indem sie Unverheirateten die Ehe in Aussicht stellt, wenn sie „nicht enthaltsam leben können“. Die Differenz zwischen beiden Ebenen ist folglich eine solche zwischen radikaler Askese des vorkanonischen *Paulus und einer Ehe mit sexueller Intimität, die auf der kanonischen Ebene toleriert wird. Die verschiedenen Gnadengaben (*1Kor 7,7), die ein jeder hat, beziehen sich vorkanonisch auf das Unverheiratetsein und das Verheiratetsein, auch wenn beide Lebensweisen von sexueller Enthaltsamkeit geprägt sind. Dass der Begriff ἄγαμος an keiner weiteren Stelle des kanonischen Neuen Testaments aufgegriffen wird, ist folglich kaum verwunderlich. Der Begriff ἁγνῶς ist nur *Phil 1,17 / / Phil 1,17 bezeugt und belegt. Man liest in *Phil 1,16-17 / / Phil 1,16-17: 492 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="493"?> *Phil 1,16-17 Phil 1,16-17 16 οἱ ἐξ ἀγάπης, . 16 οἱ μὲν ἐξ ἀγάπης, εἰδότες ὅτι εἰς ἀπολογίαν τοῦ εὐαγγελίου κεῖμαι, 17 οἱ δὲ ἐξ ἐριθείας τὸν Χριστὸν καταγγέλλουσιν, οὐχ ἁγνῶς 17 οἱ δὲ ἐξ ἐριθείας τὸν Χριστὸν καταγγέλλουσιν, οὐχ ἁγνῶς, οἰόμενοι θλῖψιν ἐγείρειν τοῖς δεσμοῖς μου. *Phil 1,16-17 Phil 1,16-17 16-Die einen verkünden Christus aus Liebe, - 16 Die einen aus Liebe, weil sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evange‐ liums eingesetzt bin; 17-die andern aber aus Eigennutz, nicht lauter. 17 die anderen aber verkündigen Christus aus Eigennutz, nicht lauter, indem sie meinen Fesseln Bedrängnis hinzufügen wollen. Zur selben Wortfamilie gehört auch das ebenfalls vorkanonisch bezeugte ἁγνός, das *2Kor 11,2 zu finden ist: „… um eine reine Jungfrau zu Christus zu stellen.“ Im Unterschied zum Adverb begegnet das Adjektiv jedoch häufig auf der kanonischen Ebene (8 Mal), auch das Verb ἁγνίζω (7 Mal); an zwei Stellen in 1Tim findet sich das Nomen ἁγνεῖα, an einer Stelle in Apg steht ἁγνισμός und an zwei Stellen in 2Kor das Nomen ἁγνότης, jeweils ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Bei der Selbstempfehlung der „Diener Gottes“ heißt es in 2Kor 6,6: „… in Reinheit (ἐν ἁγνότητι), in Erkenntnis, in Langmut, in Güte, im Heiligen Geist, in ungeheuchelter Liebe“. In 2Kor 11,3 liest man: „Ich fürchte aber, dass wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so auch eure Gedanken von der aufrichtigen und reinen Hingabe (τῆς ἁγνότητος) an Christus abgelenkt werden könnten.“ Wie ein Blick in die Varianten zeigt, ist gerade das Element der Reinheit nur in folgenden Zeugen zu lesen: P 46.124 , 01*, 03, 010, 012, 33, 81, 104, (06. 326), ar, r, sy h** , co, Pel, während diese Worte fehlen in den Zeugen 01 2 , 015, 018, 020, 025, 044, 0121, 0243, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, (b), f*, vg, sy p , Jul. In 2Kor 7,11 heißt es: „Denn siehe, wie groß war doch der Eifer, zu dem euch diese Gott gemäße Betrübnis geführt hat, wie Entschuldigung, sogar Bedauern, dann Furcht, Sehnsucht, dann Eifer und sogar Bestrafung! In allem habt ihr gezeigt, dass ihr in dieser Sache unschuldig (ἁγνοὺς) seid.“ In Phil 4,8: „Übrigens, Brüder, was wahrhaftig ist, was ehrbar ist, was gerecht ist, was rein (ἁγνά) ist, was liebenswert ist, was wohllautend ist, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, darauf seid bedacht.“ §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 493 <?page no="494"?> Eng an Phil schließen sich die Pastoralbriefe an, wenn in 1Tim 4,12 dem Adressaten zugesagt wird: „Niemand soll dich wegen deiner Jugend gering schätzen. Sei vielmehr den Gläubigen ein Vorbild in deinen Worten, in deinem Lebenswandel, in der Liebe, im Glauben, in der Reinheit (ἁγνείᾳ)! “ Ein Kapitel später wird er in 1Tim 5,22 angemahnt: „Lege keinem vorschnell die Hände auf und mach dich nicht mitschuldig an fremden Sünden; bewahre dich rein (ἁγνὸν)! “ Ähnlich soll er im Umgang mit Frauen seine Reinheit bewahren, wie es in 1Tim 5,2 heißt: „… mit älteren Frauen wie mit Müttern, mit jüngeren wie mit Schwestern, in aller Reinheit (ἁγνείᾳ)! “ In Tit 2,5 wird den Frauen geraten: „… besonnen zu sein, rein (ἁγνάς), häuslich, tüchtig und ihren Männern gehorsam, damit das Wort Gottes nicht in Verruf kommt.“ Daran knüpft wiederum 1Petr 3,2 an, wo den Frauen gesagt wird, sie sollen sich den Männern unterordnen und wie bedeutend ihr reines Leben für ihre Männer sei, gerade dann, wenn diese nicht dem Wort gehorchen: „Sie (die Männer) sehen, wie ihr in Gottesfurcht ein reines (ἁγνήν) Leben führt.“ Zuvor in 1Petr 1,22 wurde bereits gesagt: „Der Wahrheit gehorsam, habt ihr euer Herz rein gemacht (ἡγνικότες) für eine aufrichtige geschwisterliche Liebe; darum hört nicht auf, einander von Herzen zu lieben.“ 1Joh 3,3 generalisiert die Bedeutung von Reinheit für alle Gläubigen: „Jeder, der diese Hoffnung auf ihn setzt, reinigt sich (ἁγνίζει), so wie er rein (ἁγνός) ist.“ In diesen Katholischen Briefen wird die Bedeutung von „rein“ insbesondere aus der hervorgehobenen Ersterwähnung innerhalb der Liste von Jak 3,17 offenkundig: „Doch die Weisheit von oben ist erstens rein (ἁγνή), sodann friedfertig, freundlich, gehorsam, reich an Erbarmen und guten Früchten, sie ist unparteiisch, sie heuchelt nicht.“ Bald darauf heißt es in Jak 4,8: „Naht euch Gott, dann wird er sich euch nahen! Reinigt die Hände, ihr Sünder, reinigt (ἁγνίσατε) eure Herzen, ihr Menschen mit zwei Seelen! “ Auch in der Apg spielt Reinheit eine Rolle, womit die Konsistenz innerhalb des Praxapostolos wieder zum Vorschein kommt. Apg 24,18-19 wird Paulus in den Mund gelegt: „18 Als ich mich zu diesem Zweck im Tempel hatte reinigen lassen (ἡγνισμένον), fanden mich - nicht mit einer Volksmenge und nicht bei einem Tumult---19-einige Juden aus der Provinz Asien; sie müssten vor dir erscheinen und Anklage erheben, wenn sie etwas gegen mich vorzubringen haben.“ Zuvor in Apg 21,24. 26 liest man bereits: „24 Nimm sie mit und reinige (ἁγνίσθητι) dich zusammen mit ihnen; trag die Kosten für sie, damit sie sich das Haar abscheren lassen können! So wird jeder einsehen, dass an dem, was man von dir erzählt hat, nichts ist, sondern dass auch du das Gesetz genau beachtest. … 26 Da nahm Paulus die Männer mit und reinigte (ἁγνισθεὶς) sich am nächsten Tag zusammen mit ihnen, ging dann in den Tempel und meldete das Ende der Reinigungstage (ἁγνισμοῦ) an, damit für jeden von ihnen das Opfer dargebracht werde.“ Von einer Reinigung berichtet auch Joh 11,55: „Das 494 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="495"?> Paschafest der Juden war nahe und viele zogen schon vor dem Paschafest aus dem ganzen Land nach Jerusalem hinauf, um sich zu reinigen (ἁγνίσωσιν).“ Aus dem Überblick geht hervor, dass Reinheit bereits vorkanonisch begegnet, auf der kanonischen Ebene jedoch ein größeres Gewicht erhält. Reinheit wird auf die jüdische Ritualpraxis zurückgeführt, findet Eingang in Tugendlisten und Umgangsregeln, wobei die große Nähe zwischen Praxapostolos und Pasto‐ ralbriefen erneut deutlich wird, während umgekehrt die Wortfamilie in den drei synoptischen Evangelien gar nicht begegnet und in Joh nur an einer Stelle. Es scheint also erst die zweite kanonische Redaktion in Aufnahme der vorkanonischen Terminologie der Wortfamilie eine größere Bedeutung gegeben zu haben, als die größere Sammlung zusammengestellt wurde. αἵρεσις steht im kanonischen Paulus lediglich an den beiden Parallelstellen, an denen es bereits vorkanonisch bezeugt ist (*Gal 5,20; *1Kor 11,19), darüberhinaus steht der Terminus lediglich noch im Praxapostolos (Apg und 2Petr). Im Lasterkatalog von *Gal 5,20 heißt es: „… 20 Götzendienste, Zaubereien, Feindschaften, Streitigkeiten, Eifersüchte, Jähzornigkeiten, Fälle von Eigennutzen, Spaltungen, Parteiungen.“ In *1Kor 11,19 wird festgestellt: „Es muss Parteiungen geben, damit die Bewährten offenkundig werden.“ Nun ist verwunderlich, dass an keinen weiteren Stellen im kanonischen Paulus, auch nicht in den Deuteropaulinen oder den Pastoralbriefen, auf diese Parteiungen zurückgekommen wird. Hingegen findet sich der Terminus mehrmals in Apg und in 2Petr. Er steht in Apg 15,5 zur Bezeichnung der Gruppe der Pharisäer: „Da erhoben sich einige aus der Partei (αἱρέσεως) der Pharisäer, die gläubig geworden waren, und sagten: Man muss sie beschneiden und von ihnen fordern, am Gesetz des Mose festzuhalten.“ Deutlich negativer wird er wieder verwendet in Apg 24,5: „Wir finden nämlich, dieser Mann ist eine Pest, ein Unruhestifter bei allen Juden in der Welt und ein Rädelsführer der Partei (αἱρέσεως) der Nazoräer.“ Wichtig ist die Verteidigung des Paulus in Apg 24,14, wonach man seine Gruppe, die er als „Weg“, seine Kritiker aber als eine „Partei“ bezeichneten, nicht als Gruppe außerhalb der jüdischen Tradition betrachten dürfe, weil er sich an „das Gesetz und die Propheten“ halte, genau die beiden Größen, die Markion verworfen hatte: „Das allerdings bekenne ich dir: Dem Weg (ὁδὸν) entsprechend, den sie eine Partei (αἵρεσιν) nennen, diene ich dem Gott meiner Väter. Ich glaube an alles, was im Gesetz und in den Propheten steht.“ Und in Apg 26,5 bestärkt Paulus: „Ich bin ihnen von früher her bekannt, und wenn sie wollen, können sie bezeugen, dass ich nach der strengsten Partei (αἵρεσιν) unserer Religion gelebt habe, nämlich als Pharisäer.“ Andererseits berichtet Apg 28,22, die Partei, die Paulus nun vertrete, sei „überall auf Widerspruch“ gestoßen. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 495 <?page no="496"?> 469 Vgl. zu diesem Tugendkatalog E.-M. Becker, Σοφία ἄνωθεν versus ἄνω κλῆσις? Jas 3: 15, 17 and Phil 3: 14 (2022). In 2Petr 2,1 wird der Begriff „Partei“ schließlich zur Bezeichnung einer ab‐ weichlerischen Gruppe innerhalb der eigenen Kultgemeinschaft verwendet: „Es gab aber auch falsche Propheten im Volk, wie es auch unter euch falsche Lehrer geben wird. Sie werden Verderben bringende Parteien (αἱρέσεις) einschleusen und den Herrn, der sie freigekauft hat, verleugnen. Doch dadurch bringen sie über sich selbst rasches Verderben.“ Der Begriff ἅιρεσις bedeutet hier wie bei Irenäus eine „häretische Partei“ und belegt damit seine späte Eintragung durch die zweite kanonische Redaktion (hier allerdings in Differenz zur Apg). Dieser Vergleich zeigt, wie begrenzt die Verwendung des Terminus αἵρεσις ist. Vorkanonisch bereits negativ bewertet und als Möglichkeit der Bedrohung der eigenen Gruppe hervorgehoben, belegt die Apg eine Situation, in der der Begriff als Fremdbezeichnung für den eigenen Weg betrachtet wird, um auch wiederum auf die Pharisäer wie auch auf die Sadduzäer verwendet zu werden. Doch in 2Petr zielt er deutlich im irenäischen Sinn auf Dissidentengruppen. Im selben Lasterkatalog von *Gal 5,20 steht auch ἐριθεία, das die Einheitsüber‐ setzung mit „Eigennutzen“ wiedergibt. Der Begriff steht nochmals vorkanonisch in *Phil 1,17: „… die andern aber aus Eigennutzen, nicht lauter.“ Auf kanonischer Ebene tritt zu diesen beiden Stellen noch der Lasterkatalog in 2Kor 12,20: „Denn ich fürchte, dass ich euch nicht so finde, wie ich will, und dass auch ich von euch so gefunden werde, wie ihr nicht wollt; dass Streit, Eifersucht, Zorn, Fälle von Eigennutz (ἐριθείαι), Verleumdungen, Klatsch, Überheblichkeiten und Unruhen vorhanden sind.“ Hinzu kommen zwei Verse des Jakobusbriefes, Jak 3,14. 16: „14 Wenn ihr aber bittere Eifersucht und Eigennutzen (ἐριθείαν) in eurem Herzen tragt, dann prahlt nicht und verfälscht nicht die Wahrheit! … 16 Wo nämlich Eifersucht und Eigennutzen (ἐριθεία) herrschen, da gibt es Unordnung und böse Taten jeder Art.“ 469 Dieser Terminus unterstreicht die begrenzte Verwendung, die auf kanoni‐ scher Ebene lediglich auf eine Übernahme aus dem vorkanonischen Laster‐ katalog *Gal 5,20 bzw. aus *Phil 1,17 beschränkt ist - in den unmittelbar parallelen Versen, dann in einer fast wörtlichen Duplikation in 2Kor und durch Wiederaufnahme in Phil 2,3 und Röm 2,8. Die kanonische Redaktion hat dann den Terminus nochmals in Jak aufgenommen, womit dieser Brief mit den Paulusbriefen lexikalisch verknüpft wurde. ἀλληγορέω steht alleine in *Gal 4,24 / / Gal 4,24: „Das ist bildlich gesprochen.“ Der Begriff ist nicht unbedeutend für die Auslegung der jüdischen Schrift, 496 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="497"?> 470 Vgl. hierzu Hier., Ad Gal. II 4,26; J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 232. 249-250. 365. 471 Vgl. zu dieser Frage mit älterer Literatur C.J.P. Friesen, Reading Dionysius: Euripides’ Bacchae and the Cultural Contestations of Greeks, Jews, Romans, and Christians (2015); E. Haenchen, Die Apostelgeschichte (1961), 611; J. Hackett, Echoes of Euripides in Acts of the Apostles? (1956); J. Hackett, Echoes of the Bacchae in Acts of the Apostles? (1956). begegnet aber nur an dieser Stelle im Neuen Testament. Während Origenes von Markions Ablehnung allegorischer Auslegung spricht, weist Tertullian hingegen darauf hin, dass Markion gelegentlich durchaus eine allegorische Interpretation vorträgt, die Frage von Markions Verwendung der bzw. Zurück‐ haltung gegenüber der Allegorie war also seinen Kritikern bereits ein hervorzu‐ hebendes Thema gewesen. 470 Auf kanonischer Ebene hat das Verb keine weitere Verwendung gefunden. ἐξαγοράζω steht an zwei Stellen vorkanonisch, in *Gal 3,13; („Christus hat uns aus dem Fluch des Gesetzes herausgekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist; Verflucht ist jeder, der am Holz hängt“); 4,5 („damit er die unter dem Gesetz herauskaufe, und damit wir in die Sohnschaft aufgenommen würden“), und kanonisch an deren Parallelstellen und zusätz‐ lich in den Deuteropaulinen Eph 5,16: „Kauft (ἐξαγοραζόμενοι) die Zeit aus, denn die Tage sind böse“ und mit fast identischer, lediglich in der Wortstellung verschiedener Wendung in Kol 4,5: „Wandelt in Weisheit gegenüber denen, die außerhalb sind, und kauft (ἐξαγοραζόμενοι) die Zeit aus! “ Wie sich aus dem Vergleich des vorkanonischen Gebrauchs ergibt, liegt beide Male eine zentrale soteriologische Formulierung vor. So wurde sie auch in die kanonische Version übernommen. Vergleicht man hiermit jedoch die Nutzung in den Deuteropaulinen, begegnet eine völlig andere Semantik des Begriffes, die dem soteriologischen Feld enthoben ist. Damit ergibt sich eine semantische Übereinstimmung auf der vorkanonischen, jedoch eine semantische Differenz auf der kanonischen Ebene. Letztere lässt sich wiederum nur erklären, wenn die Bearbeitungsrichtung von der vorkanonischen zur kanonischen Ebene verläuft. Ein weiterer Terminus aus dem soteriologischen Bereich ist κέντρον. Er steht vorkanonisch in *1Kor 15,55: „55 Wo ist dein Sieg, Tod? / Wo ist dein Stachel, Tod? “ Trotz dieser bemerkenswerten Metapher begegnet der Begriff „Stachel“ auf der kanonischen Ebene nur im Parallelvers und dem sich anschließenden Vers 1Kor 15,56 (eine typisch kanonische Duplikation), dann in Apg und Apk. In Apg 26,14 findet sich der Begriff zwar im Umfeld des Paulus, doch ist „Stachel“ hier eher aus einem Sprichwort, vielleicht über Umwegen auf Euripides zurückgehend, 471 genommen im Sinn von „Widerstand“: „Wir alle §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 497 <?page no="498"?> 472 Iren., Adv. Haer. I 27,2. 473 Tert., Adv. Marc. V 11,9 (vgl. auch Adv. Marc. V 18,12): Hanc Marcion captavit sic legendo: In quibus deus aevi huius, ut creatorem ostendens deum huius aevi alium suggerat deum alterius aevi. Vgl. hierzu J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 36. stürzten zu Boden und ich hörte eine Stimme auf Hebräisch zu mir sagen: Saul, Saul, warum verfolgst du mich? Es wird dir schwerfallen, gegen den Stachel (κέντρα) auszuschlagen.“ Schließlich begegnet der Begriff auch im Bericht über die fünfte Posaune von Apk 9,10: „Sie haben Schwänze und Stacheln (κέντρα) wie Skorpione und in ihren Schwänzen ist die Kraft, mit der sie den Menschen schaden, fünf Monate lang.“ Wie bereits zuvor bei ἐξαγοράζω festgestellt, spricht die differierende Semantik der Benutzung in der Parallelstelle 1Kor 15 auf der einen Seite und den ganz anders gelagerten Verwendungsweisen in Apg und Apk dafür, dass die kanonische Redaktion in 1Kor 15 die Semantik der vorkanonischen Ebene übernommen hat, bei der Wiederverwendung des Begriffes in anderen Schriften jedoch andere Traditionen vorlagen. κέρδος ist auf vorkanonischer Ebene nur bezeugt für *Phil 3,7. Auf kanonischer Ebene kommt zum Parallelvers noch eine weitere Stelle in Phil 1,21 und eine weitere im Pastoralbrief Tit 1,11 hinzu. *Phil 3,7 heißt es: „Was mir ein Gewinn war, das habe ich um Christus willen für Verlust gehalten.“ In Phil 1,21 liest man ähnlich, nur in umgekehrter Logik: „Denn für mich ist Christus das Leben und das Sterben Gewinn (κέρδος).“ Tit 1,11 bietet: „Ihnen muss man den Mund stopfen, denn aus übler Gewinnsucht (κέρδους) zerstören sie ganze Familien mit ihren falschen Lehren.“ Aus diesem kleinen Vergleich ergibt sich, dass der im Neuen Testament sel‐ tene Begriff κέρδος in gleicher Semantik innerhalb von Phil wieder aufgegriffen wird, doch zwischen Phil und Tit eine semantische Differenz besteht. κοσμοκράτωρ gilt nach Irenäus als ein Titel, den Markion dem jüdischen Gott gegeben hat. 472 Der Begriff begegnet tatsächlich vorkanonisch in *Laod 6,12 (/ / Eph 6,12), wo es heißt: „… denn unser Kampf richtet sich gegen die Mächte, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen.“ Tertullian berichtet später, dass Markion den „Gott dieser Weltzeit“ (ὁ θεὸς τοῦ αἰῶνος τούτου, *2Kor 4,4) mit den „Weltherrschern dieser Finsternis“ gleichgesetzt habe. 473 Markion kann κοσμοκράτωρ kaum aus dem km Deuteropaulinum gewonnen haben, da er sonst auf der kanonischen Ebene nicht begegnet, sondern die ka‐ nonische Redaktion wird ihn wohl nur an dieser Stelle aus der vorkanonischen Redaktion in Eph 6,12 mitübernommen haben. 498 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="499"?> Ein weiterer theologisch interessanter Begriff ist μορφή. Auch er steht vorka‐ nonisch in *Phil 2,6. 7 und findet sich dann in der Parallelstelle in Phil 2,6. 7 und noch einmal im längeren Markusschluss, Mk 16,12. Dann ist vorkanonisch auch von einer μόρφωσις in *Röm 2,20 die Rede, was kanonisch in der Parallelstelle aufgegriffen, aber auch in 2Tim 3,5 zu finden ist, während nur auf der kanoni‐ schen Ebene noch an einer Stelle, Gal 4,19, das Verb μορφόω steht. Betrachten wir uns die Parallelstellen: *Phil 2,6. 7 Phil 2,6. 7 6 ὃς ἐν μορφῇ θεοῦ ὑπάρχων οὐχ ἁρπαγμὸν ἡγήσατο τὸ εἶναι ἴσα θεῷ, 6 ὃς ἐν μορφῇ θεοῦ ὑπάρχων οὐχ ἁρπαγμὸν ἡγήσατο τὸ εἶναι ἴσα θεῷ, 7 ἀλλὰ ἑαυτὸν ἐκένωσεν μορφὴν δούλου λαβών, ἐν ὁμοιώματι ἀνθρώπου καὶ σχήματι εὑρεθεὶς ἄνθρωπος. 7 ἀλλὰ ἑαυτὸν ἐκένωσεν μορφὴν δούλου λαβών, ἐν ὁμοιώματι ἀνθρώπων γενόμενος: καὶ σχήματι εὑρεθεὶς ὡς ἄνθρωπος *Phil 2,6. 7 Phil 2,6. 7 6 der in der Gestalt Gottes war, es aber nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, 6 der in der Gestalt Gottes war, es aber nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, 7-sondern sich selbst entäußerte und die Gestalt eines Sklaven annahm in der Ähnlichkeit und dem Äußeren des Menschen, erfunden ein Mensch. 7-sondern sich selbst entäußerte, die Gestalt eines Sklaven annahm und den Menschen ähnlich wurde; und in seiner äußeren Erscheinung wie ein Mensch er‐ funden. Und die folgende Stelle: *Röm 2,20 Röm 2,20 20 ἔχοντα τὴν μόρφωσιν τῆς γνώσεως καὶ τῆς ἀληθείας ἐν τῷ νόμῳ 20 παιδευτὴν ἀφρόνων, διδάσκαλον νηπίων, ἔχοντα τὴν μόρφωσιν τῆς γνώσεως καὶ τῆς ἀληθείας ἐν τῷ νόμῳ *Röm 2,20 Röm 2,20 20 Als jemand, der die Gestalt der Er‐ kenntnis und der Wahrheit im Gesetz hat, 20 ein Erzieher der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen, der die Form der Erkenntnis und der Wahrheit im Gesetz hat §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 499 <?page no="500"?> In 2Tim 3,5 lesen wir: „Die äußere Form (μόρφωσιν) der Frömmigkeit wahren sie, verleugnen aber deren Kraft. Wende dich von diesen Menschen ab! “ Während die vorkanonische Verwendung von μορφή eine inkarnato‐ risch-theologische ist, die offenkundig keine substantielle, sondern eher eine äußerliche Erscheinung markiert, wie dies auch bei μόρφωσις zum Ausdruck kommt, avanciert der Begriff auf der kanonischen Ebene zu einem eher sub‐ stantiellen Verständnis, weshalb in Phil 2,7 das ὡς eingefügt wird, und wie man ihn dann in Gal 4,19 annehmen darf: „meine Kinder, für die ich wieder Geburtswehen leide, bis Christus in euch verwandelt wird (μορφωθῇ).“ Wie Mk 16,12 zu verstehen ist, wird erst durch den Kontext klar: „Darauf erschien er in einer anderen Gestalt (μορφῇ) zweien von ihnen, als sie unterwegs waren und aufs Land gehen wollten.“ Nachdem die beiden, denen Jesus erschienen war, von ihrem Erleben berichten und ihnen nicht geglaubt wird, „erschien Jesus den Elf selbst, als sie bei Tisch waren; er tadelte ihren Unglauben und ihre Verstocktheit, weil sie denen nicht glaubten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten“ (Mk 16,14) - die Stelle demonstriert folglich den Realismus, den die zweite kanonische Redaktion hinter Mk 16,12 legen will. Das Zeugnis unterstreicht, dass wir von einer Semantik des äußeren Scheins auf vorkanonischer Ebene zu einer solchen des Realismus auf der kanonischen Ebene geführt werden, was an Tertullians antimarkionitische Argumentation in seinen Schriften De resurrectione mortuorum und in De carne Christi erinnert. ὄλεθρος steht *1Kor 5,5 und *2Thess 1,9 vorkanonisch, während es nicht nur an den kanonischen Parallelstellen begegnet, sondern zusätzlich noch 1Thess 5,3 und 1Tim 6,9. *1Kor 5,5 (/ / 1Kor 5,5) heißt es: „… diesen Menschen dem Satan zu übergeben zum Verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird.“ In *2Thess 1,9: „Sie werden mit ewigem Verderben bestraft. Sie sind fern vom Angesicht des Herrn und seiner Macht.“ Wie zuvor zu *2Thess 1,6 bei ἀνταποδίδωμι (dort ging es allerdings um die Alternative Christus oder Schöpfergott) bereits festgehalten wurde, gibt Tertullian an, dass Markion diese Verse nicht auf den transzendenten, guten, sondern auf den jüdischen Schöpfergott hin ausgelegt habe. Der vorkanonische *Paulus unterscheidet folglich zwischen einer Übergabe nur des Fleisches in das Verderben zur Rettung des Geistes und dem ewigen Verderben des ganzen Menschen, das für die ältere jüdische Tradition gehalten wird. Auf kanonischer Ebene hingegen, für die Tertullian selbst mit seiner Inter‐ pretation steht, bezieht sich 2Thess 1,6 auf den christlichen Gott, d. h. auch er rechnet mit einem völligen Verderben derer, „die Gott nicht kennen“ (2Thess 1,8). Ähnlich formuliert die kanonische Ebene auch 1Thess 5,3: „Wenn sie 500 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="501"?> nämlich sagen: Frieden und Sicherheit, dann wird sie das Verderben (ὄλεθρος) plötzlich überfallen wie die Geburtswehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen.“ In 1Tim 6,9 lesen wir: „Die aber reich sein wollen, geraten in Versuchung und Verstrickung und in viele sinnlose und schädliche Begierden, welche die Menschen ins Verderben (ὄλεθρον) und in den Untergang stürzen.“ Im selben Kapitel warnt Paulus vor denen, die „Antithesen“ vortragen (1Tim 6,20) - was bereits als Anspielung auf Markions Vorwort zu seinem *Evangelium und *Neuen Testament bezeichnet wurde, es ist also durchaus möglich, dass auch 1Tim 6,9 formuliert wurde, mit Markions Reichtum als Schiffseigner vor Augen. Gleichwie, der kleine Überblick zum Begriff ὄλεθρος verdeutlicht erneut die semantische Differenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene. Möglicherweise deutet die semantische Verschie‐ bung auch noch eine antimarkionitische Tendenz der Redaktion hier an. Ein weiterer vorkanonisch präsenter Begriff ist ὁμοίωμα. Er findet sich *Röm 8,3 und *Phil 2,7, dann auf kanonischer Ebene noch öfter in Röm 1,23; 5,14; 6,5; auch an den Parallelstellen Röm 8,3 und Phil 2,7 und ein weiteres Mal in Apk 9,7. Man vergleiche: *Röm 8,3 Röm 8,3 -ὁ θεὸς υἱὸν πέμψας ἐν ὁμοιώματι σαρκὸς ἁμαρτίας. τὸ γὰρ ἀδύνατον τοῦ νόμου, ἐν ᾧ ἠσθένει διὰ τῆς σαρκός, ὁ θεὸς τὸν ἑαυτοῦ υἱὸν πέμψας ἐν ὁμοιώματι σαρκὸς ἁμαρτίας καὶ περὶ ἁμαρτίας κατέκρινεν τὴν ἁμαρτίαν ἐν τῇ σαρκί. *Röm 8,3 Röm 8,3 -Gott sandte den Sohn in der Ähnlich‐ keit des Fleisches der Sünde. Denn was dem Gesetz unmöglich war, weil es durch das Fleisch geschwächt war, das tat Gott, indem er seinen eigenen Sohn in der Ähnlichkeit des Fleisches der Sünde und für die Sünde sandte; so verurteilte er die Sünde im Fleisch. Der Vers war deutlich kürzer in der vorkanonischen Fassung, vor allem dürfte wie beim zuvor betrachteten Begriff μόρφωσις auch hier auf vorkanonischer Ebene eher von „Ähnlichkeit“ die Rede gewesen sein. Auf kanonischer Ebene hingegen bestand die Gefahr, den Begriff als „Gestalt“ zu lesen, weshalb die weiteren Ausführungen hinzugesetzt werden, um an dieser Stelle ein substan‐ tielles Missverständnis zu vermeiden: Der Sohn hat - wie vorkanonisch - nur §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 501 <?page no="502"?> 474 Darum pochen Interpreten der kanonischen Form auf den nichtdoketischen Charakter der Formulierung, vgl. etwa F. Watson, Pauline Reception and the Problem of Docetism (2018), 66; M.N.A. Bockmuehl, The Epistle to the Philippians (1997), 137; C.E.B. Cran‐ field, A critical and exegetical commentary on the Epistle to the Romans. 1 Introduction and commentary on Romans I-VIII (1975), 379. eine „Ähnlichkeit des Fleisches“ der Sünde, ist aber selbst sündlos. 474 Diese Vermutung wird gestützt durch die Verwendung des Begriffes ὁμοίωμα in der Formulierung ἐν ὁμοιώματι ἀνθρώπου καὶ σχήματι εὑρεθεὶς ἄνθρωπος in *Phil 2,7, wie weiter oben bereits aufgeführt wurde. Es geht nur um eine Ähnlichkeit und Äußerlichkeit, die Jesus in der Gestalt eines Menschen bzw. des Fleisches angenommen hat, während auf der kanonischen Ebene erneut der Realismus unterstrichen wird. Auch wenn das aus den unmittelbar mit der vorkanonischen Ebene parallelen Stellen nicht deutlich hervorgeht, bestätigen die weiteren kanonischen Fund‐ stellen diese Beobachtung. Röm 1,23 lesen wir: „… und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit der Gestalt (ὁμοιώματι) des Bildes, das dem vergänglichen Menschen, Vögeln, vierfüßigen und kriechenden Tieren entspricht.“ Die Gestalt des Bildes ist real, auch wenn der dargestellte Mensch und die Tiere vergänglich und ephemer sind. Röm 5,14 heißt es: „Dennoch herrschte der Tod von Adam bis Mose, auch über die, die nicht gesündigt hatten nach der Gleichgestalt der Übertretung Adams, der ein Vorbild des Kommenden ist.“ Noch deutlicher als zuvor ist die Realität Adams als (Ur-)Ge‐ stalt des Künftigen eine reale Figur, und als solche begegnet „Gestalt“ auch in Röm 6,5: „Denn wenn wir mit ihm verbunden worden sind in der Gestalt (ὁμοιώματι) seines Todes, so werden wir es auch in der seiner Auferstehung sein.“ Apk 9,7: „Und die Gestalten (ὁμοιώματα) der Heuschrecken sehen aus wie Rosse, die zur Schlacht gerüstet sind; auf ihren Köpfen tragen sie etwas, das goldschimmernden Kränzen gleicht, und ihre Gesichter sind wie Gesichter von Menschen.“ Wie zuvor auf der kanonischen Ebene des Paulus ist auch hier von tatsächlichen Gestalten von Heuschrecken die Rede, die mit dem Aussehen vergleichbarer Dinge wie Rosse verglichen werden. Erneut lässt sich eine semantische Verschiebung von der vorkanonischen zur kanonischen Ebene, von „Ähnlichkeit“ zu „Gestalt“ hin feststellen. Übergangen wurden bislang solche Begriffe, die ausschließlich in den Deutero‐ paulinen stehen, aber dennoch kaum weitere Verwendung auf der kanonischen Ebene gefunden haben. Es handelt sich um folgende Anzahl solcher Begriffe: *2Thess: 2 *Laod: 21 502 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="503"?> 475 Tert., Adv. Marc. V 16,4: Quis est autem homo delicti, filius perditionis, quem revelari prius oportet ante domini adventum, extollens se super omne quod deus dicitur et omnem religionem, consessurus in templo dei et deum se iactaturus? Secundum nos quidem anti‐ christus, ut docent veteres ac novae prophetiae, ut Ioannes apostolus, qui iam antichristos dicit processisse in mundum praecursores antichristi spiritus, negantes Christum in carne venisse, et solventes Iesum, scilicet in deo creatore: secundum vero Marcionem nescio ne sit Christus creatoris. Nondum venit apud illum. *Kol: 7 Betrachten wir uns die beiden in *2Thess bezeugten Termini. Der erste ist ἐνέργεια, der gleich an zwei Stellen in diesem Brief vorkanonisch steht. Zu den kanonischen Parallelstellen kommen dann noch Stellen in Eph, Kol und Phil. *2Thess 2,9-12 (/ / 2Thess 2,9-12) lesen wir: „9 Er wird bei seiner Ankunft die Kraft des Satans haben mit aller Macht und Zeichen und Wundern der Lüge 10 und mit allem Trug der Ungerechtigkeit bei denen, die verloren gehen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht annahmen, um gerettet zu werden. 11-Darum lässt er sie der Macht des Irrtums verfallen, dass sie der Lüge glauben, 12 damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Gefallen fanden an der Ungerechtigkeit.“ Auch wenn sich Tertullian in Markions Auslegung dieser Stelle nicht ganz sicher ist, schließt er doch wohl richtig aus Markions Lektüre von Kapitel 1 von *2Thess, dass dieser diese Stelle nicht wie Tertullian die Verse 9-10 auf den Antichristen, sondern auf den richtenden Gesalbten des Schöpfergottes bezieht. 475 Ganz anders lesen wir in Eph 1,19, einem Vers, von dem nur die letzten Worte „seiner Stärke“ (τῆς ἰσχύος αὐτοῦ) vorkanonisch bezeugt sind, vom Wirken Christi: „… und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken (ἐνέργειαν) seiner Kraft und Stärke.“ In Eph 3,7, einem Vers, der nicht vorkanonisch bezeugt ist, auch wenn direkt im Anschluss daran dann die Verse 8-10 bezeugt sind, sagt Paulus von sich selbst und dem Evangelium: „Dessen Diener ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach der Wirkung (ἐνέργειαν) seiner Kraft gegeben wurde.“ Wiederum von Christus spricht Paulus in Eph 4,16: „Aus dem der ganze Leib zusammengefügt ist und zusammengehalten durch jedes Band der Unterstützung, entsprechend der Wirkung (ἐνέργειαν) jedes einzelnen Teils, indem es das Wachstum des Leibes bewirkt zur Erbauung seiner selbst in Liebe.“ Und wieder ist es die Kraft Christi, auf die sich auch Kol 1,29 bezieht: „Dafür arbeite und ringe ich auch, gemäß seiner wirksamen Kraft (ἐνέργειαν), die in mir wirkt in Macht.“ Kol 2,12 spricht zwar von Christus, schreibt die Kraft aber §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 503 <?page no="504"?> Gott zu: „indem ihr mit ihm begraben wurdet in der Taufe, in der ihr auch mit ihm auferweckt worden seid durch den Glauben an die Wirkung (ἐνέργειαν) Gottes, der ihn aus den Toten auferweckt hat.“ Wenn wir von den Deuteropaulinen zu den sieben Paulusbriefen gehen, begegnet uns der Terminus nur Phil 3,21. Man vergleiche: *Phil 3,21 Phil 3,21 ὃς μετασχηματίσει τὸ σῶμα τῆς ταπεινώσεως ἡμῶν σύμμορφον τῷ σώματι τῆς δόξης αὐτοῦ. ὃς μετασχηματίσει τὸ σῶμα τῆς ταπεινώσεως ἡμῶν σύμμορφον τῷ σώματι τῆς δόξης αὐτοῦ κατὰ τὴν ἐνέργειαν τοῦ δύνασθαι αὐτὸν καὶ ὑποτάξαι αὐτῷ τὰ πάντα. *Phil 3,21 Phil 3,21 der den Leib unserer Niedrigkeit um‐ gestalten wird in die Gleichgestalt seines verherrlichten Leibes. der den Leib unserer Niedrigkeit umge‐ stalten wird in die Gleichgestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich auch alles unterwerfen kann. Wie zu erkennen ist, ist gerade der letzte Teil von Phil 3,21 mit dem Terminus „Kraft“, der auf Christus bezogen ist, unbezeugt. Aus diesem Überblick ergibt sich, dass für die vorkanonische Version lediglich eine negative Semantik von ἐνέργεια bezeugt ist, während die kanonische Ebene den Begriff fast immer auf Christus und zweimal auf Gott (Eph 3,7; Kol 2,12) hin liest. Das deutet darauf hin, dass der Begriff in *2Thess wohl bereits aus der km Vorlage stammt, der dann in anderem Kontext nicht mehr auf den richtenden Christus, sondern den Antichristen bezogen wurde und als solcher auch in der kanonischen Version von 2Thess stehenblieb. Trotz der veränderten Semantik auf der kanonischen Ebene erfolgte auf ihr nur eine bescheidene Rezeption der vorkanonischen Terminologie. Der zweite, vorkanonisch ausschließlich in *2Thess begegnende Begriff, der auf der kanonischen Ebene wenig rezipiert wurde, ist σέβασμα. Er findet sich in *2Thess 2,4 im Bericht über den „Sohn des Verderbens“ (*2Thess 2,3): „Der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, so sehr erhebt, dass er sich sogar in den Tempel Gottes setzt und sich für Gott ausgibt.“ Der Teminus σέβασμα („Heiligtum“) findet sich kanonisch nur in der Parallelstelle und in Apg 17,23: „Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer (σεβάσματα) ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: Einem unbekannten Gott. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.“ 504 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="505"?> 476 Diesen Gedanken und die Frage verdanke ich G. Röhser. Selbst bei diesem Begriff wird trotz der wenigen Belege die semantische Differenz zwischen vorkanonischer und kanonischer Ebene deutlich und die einhergehende semantische Spannung zwischen *2Thess 2,4 und Apg 17,23. Während an erster Stelle „Heiligtum“ positiv besetzt ist und mit dem „Tempel Gottes“ gleichgesetzt wird, bildet der Begriff in Apg einen Ausdruck für die heidnischen Tempel. Die Spannung besteht aber auch auf der kanonischen Ebene selbst: zwischen 2Thess 2,4 und Apg 17,23. Gehört Apg 17,23 zur zweiten kanonischen Redaktion und hat die Spannung erst später eingebracht? 476 Wenden wir uns einigen Belegen aus den beiden anderen Deuteropaulinen zu und nehmen zunächst die Begriffe, die sowohl in *Kol wie in *Laod bezeugt sind. ἀπαλλοτριόω steht vorkanonisch in *Laod 2,12 und *Kol 1,21, zu den kanoni‐ schen Parallelen hierzu findet sich noch ein weiterer Beleg in Eph 4,18. *Kol 1,21 (/ / Kol 1,21) ist bezeugt: „Auch euch, die ihr einst entfremdet und feindlich gesinnt wart in bösen Werken.“ *Laod 2,12 (/ / Eph 2,12) heißt es: „Dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremde gegenüber den Bündnissen und der Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in dieser Welt.“ Das Verb wird neu aufgenommen in Eph 4,18: „… die verfinstert sind in ihrem Verstand, entfremdet (ἀπηλλοτριωμένοι) dem Leben Gottes wegen der Unwissenheit, die in ihnen ist, wegen der Verhärtung ihres Herzens.“ Zwar findet sich hier das Verb, doch klingt mit dem verfinsterten Sinn die Semantik des Kolosserverses an. ἀποκαταλλάσσω ist ein weiteres Verb, das sowohl in *Laod wie in *Kol bezeugt ist. *Laod 2,16 (/ / Eph 2,16 ohne τούτῳ am Ende) heißt es: „Er versöhnte die beiden mit Gott in einem einzigen Leib durch das Kreuz, nachdem er die Feindschaft in ihm getötet hat.“ Zu *Kol 1,20. 22 / / Kol 1,20. 22 vergleiche: *Kol 1,20. 22 Kol 1,20. 22 20 καὶ ἀποκαταλλάξαι τὰ πάντα εἰς αὐτόν, εἰρηνοποιήσας διὰ τοῦ αἵματος τοῦ σταυροῦ αὐτοῦ.-… 20 καὶ δι’ αὐτοῦ ἀποκαταλλάξαι τὰ πάντα εἰς αὐτόν, εἰρηνοποιήσας διὰ τοῦ αἵματος τοῦ σταυροῦ αὐτοῦ, [δι‘ αὐτοῦ] εἴτε τὰ ἐπὶ τῆς γῆς εἴτε τὰ ἐν τοῖς οὐρανοῖς.-… 22 νυνὶ δὲ ἀποκατήλλαξεν ἐν τῷ σώματι αὐτοῦ διὰ τοῦ θανάτου. 22 νυνὶ δὲ ἀποκατήλλαξεν ἐν τῷ σώματι τῆς σαρκὸς αὐτοῦ διὰ τοῦ θανάτου παραστῆσαι ὑμᾶς ἁγίους καὶ ἀμώμους καὶ ἀνεγκλήτους κατενώπιον αὐτοῦ, §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 505 <?page no="506"?> *Kol 1,20. 22 Kol 1,20. 22 20 und alles mit sich versöhnen, indem es Frieden machte durch das Blut seines Kreuzes-… - und durch ihn alles mit sich zu versöhnen, sei es, was auf Erden oder was im Himmel ist, indem er Frieden machte durch das Blut seines Kreuzes.-… 22-hat es nun aber versöhnt in seinem Leib durch den Tod. 22-hat er nun aber versöhnt in dem Leib seines Fleisches durch den Tod, um euch heilig und untadelig und unverklagbar vor sich hinzustellen. Übereinstimmend ist auf der vorkanonischen Ebene das Thema der Versöhnung angesprochen, welches verknüpft ist mit dem Kreuz. Die kanonische Redaktion fügt jedoch in beiden Versen von Kol 1 Ergänzungen (alles auf Erden und im Himmel, Thema des Hinstellens, in Eph 5,27) hinzu, die sowohl im *Laod/ Eph-Vers wie vorkanonisch in *Kol fehlten. Nehmen wir noch Beispiele von Termini, die im *Kolosserbrief stehen und selten auf der kanonischen Ebene wieder auftauchen. συζωοποιέω ist aufschlussreich, denn es steht vorkanonisch in *Kol 2,13, auch im Parallelvers auf der kanonischen Ebene, dann auch in Eph 2,5, ist jedoch nicht vorkanonisch für *Laod bezeugt. *Kol 2,13 liest man: „Gott hat euch mit Christus zusammen lebendig gemacht und verzeihte uns die Übertretungen.“ In Kol 2,13 heißt es etwas umfangreicher in Vers 2,13: „Und euch, die ihr tot wart in euren Übertretungen und dem unbeschnittenen Zustand eures Fleisches, hat er zusammen mit ihm lebendig gemacht, indem er uns alle Übertretungen verzeihte.“ Nun fällt auf, dass Eph 2,4-6 nicht an die vorkanonische, sondern an die kanonische Form von Kol 2,13 anschließt: „4 Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat uns geliebt mit seiner großen Liebe, 5 und obwohl wir tot waren in unseren Übertretungen, hat er uns mit Christus lebendig gemacht — aus Gnade seid ihr gerettet! 6 und hat uns mit ihm auferweckt und mit ihm in den himmlischen Regionen gesetzt in Christus Jesus.“ (Eph 2,4-6) Dieser Passus lässt den ersten Teil von Kol 2,13, der für die vorkanonische Fas‐ sung unbezeugt ist, in dem Kursivierten aufscheinen. Die kanonische Redaktion hat folglich sowohl das Verb wie auch den ersten Teil parallel zum kanonischen Kol 2,13 in Eph eingetragen, was die Übereinstimmung auf der kanonischen Ebene bestätigt, jedoch auch die Differenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene unterstreicht. 506 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="507"?> 477 Zu Inkonsistenzen der kanonischen Redaktion vgl. S.-568-572. ἀπεκδύομαι steht vorkanonisch in *Kol 3,9 (/ / Kol 3,9): *Kol 3,9 Kol 3,9 -ἀπεκδυσάμενοι τὸν παλαιὸν ἄνθρωπον. μὴ ψεύδεσθε εἰς ἀλλήλους, ἀπεκδυσάμενοι τὸν παλαιὸν ἄνθρωπον σὺν ταῖς πράξεσιν αὐτοῦ. *Kol 3,9 Kol 3,9 -denn ihr habt den alten Menschen ausgezogen. Belügt einander nicht, da ihr den alten Menschen mit seinen Handlungen ausge‐ zogen habt. Auf kanonischer Ebene findet sich zuvor in Kol 2,15: „Er hat die Mächte und Gewalten entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt, indem er in ihm über sie triumphierte.“ Die verschiedene Übersetzung desselben Verbs zeigt die semantische Diffe‐ renz an, die den Gebrauch des Verbs auf der kanonischen Ebene in Kol 2,15 von derjenigen unterscheidet, die sich vorkanonisch und kanonisch in *Kol 3,9 / / Kol 3,9 findet. Diese Diskrepanz untermauert die Inkonsistenz der kanonischen Redaktion, die bereits wiederholt festgestellt wurde. 477 εἰρηνοποιέω ist ein weiterer Begriff, der in *Kol 1,20 steht, auch im Parallelvers auf der kanonischen Ebene, und im Nomen εἰρηνοποιοί in Mt 5,9 anklingt. *Kol 1,20 war uns gerade begegnet: „… und alles mit sich versöhnen, indem es Frieden machte durch das Blut seines Kreuzes“ (Kol 1,20: „… und durch ihn alles mit sich zu versöhnen, sei es, was auf Erden oder was im Himmel ist, indem er Frieden machte durch das Blut seines Kreuzes“). In Mt 5,9 liest man: „Selig, die Frieden stiften; / denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.“ Da man diese Seligpreisung weder in *Ev noch in Lk liest, scheint das Verb der Vorlage km Kol anzugehören und von dort in *Kol das Nomen in Mt gekommen zu sein, doch es erstaunt, dass es nicht weiter auf der vorkanonischen oder kanonischen Ebene rezipiert wurde. In *Laod begegnen drei Mal so viele dieser Wörter wie in *Kol, was womöglich dafür spricht, dass dieser Brief, wie sich schon angedeutet hat, zwar in einem kanonnahen Milieu entstanden ist, sich jedoch einer Lexik bedient, die etwas weiter von der kanonischen entfernt ist als diejenige von *Kol. Insbesondere §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 507 <?page no="508"?> 478 Tert., Adv. Marc. V 17,11: Ipsius, inquit, sumus factura, conditi in Christo. Aliud est facere, aliud condere. Sed utrumque uni dedit. Homo autem factura creatoris est. Idem ergo condidit in Christo qui et fecit. Quantum enim ad substantiam, fecit; quantum ad gratiam, condidit. fällt auf, dass der Brief eine Reihe von Hapax legomena (ἄθεος; ἐλαχιστότερος; ἑτοιμασία; κοσμοκράτωρ; πολυποίκιλος; προελπίζω; συμπολίτης) aufweist und Termini, die aus den Pastoralbriefen (αἰχμαλωτεύω, als v.l. in 2Tim 3,6), im Praxapostolos (ἀκρογωνιαῖος; πολιτεία; πυρόω) und der Apk (αἰχμαλωσία; ἐκτρέφω; πυρόω) bekannt sind. θάλπω steht *Laod 5,29 („Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch Christus die Kirche“) und begegnet außer im kanonischen Parallelvers noch in 1Thess 2,7 („Sondern wir waren sanft unter euch, wie eine stillende Mutter ihre Kinder pflegt“). ποίημα steht *Laod 2,10 / / Eph 2,10: *Laod 2,10 Eph 2,10 αὐτοῦ ἐσμεν ποίημα, κτισθέντες ἐν Χριστῷ. αὐτοῦ γάρ ἐσμεν ποίημα, κτισθέντες ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ ἐπὶ ἔργοις ἀγαθοῖς οἷς προητοίμασεν ὁ θεός, ἵνα ἐν αὐτοῖς περιπατήσωμεν. *Laod 2,10 Eph 2,10 Dessen Werk sind wir, die wir in Christus geschaffen wurden. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, damit wir in ihnen wandeln sollen. Der Teminus findet sich kanonisch erneut in Röm 1,20: „Denn seine unsichtbare Wesensart, nämlich seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt in den Werken durch Nachdenken wahrgenommen, sodass sie keine Entschuldigung haben.“ Nach Tertullians Kommentar zu *Laod 2,10 scheint Markion das Schaffen nicht dem transzendenten Gott, sondern dem Schöpfer zugeschrieben zu haben, den er von dem Transzendenten unterschieden hatte, was den Anlass dafür bietet, warum Tertullian heftig gegen diese Unterscheidung argumentiert. 478 Die Begrifflichkeit selbst scheint jedoch durch die Vorlage km Laod in den Text gekommen zu sein und von dort zu *Laod und durch die kanonische Redaktion den Weg zu Röm gefunden zu haben, allerdings war die Vorstellung vom 508 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="509"?> 479 C.W. Concannon, Assembling early Christianity: Trade, networks, and the letters of Dionysios of Corinth (2017); C.W. Concannon, In the Great City of the Ephesians: Contestations over Apostolic Memory and Ecclesial Power in the Acts of Timothy (2016). 480 Zur Namensnennung von Orten vgl. die Ausführungen in der Einleitung zur englischen Übersetzung der hier vorgelegten Rekonstruktion des Apostolos, M.G. Bilby, Paul’s Literary Metamorphosis. Translations of Marcion’s Apostolos and Canonical Counter‐ parts (2024). Schaffen Gottes durch Christus wohl zwischen beiden Seiten umstritten, dass keine weitere Rezeption derselben stattfand. προτίθημι steht außer in *Laod 1,9 / / Eph 1,9 („damit er uns das Geheimnis seines Willens kundtat, nach seinem Wohlgefallen, das er vorgenommen hatte“), dann erneut auf der kanonischen Ebene in Röm 1,13: „Ich will euch aber nicht verschweigen, Brüder, dass ich mir oft vorgenommen habe (προεθέμην), zu euch zu kommen - bin aber bisher verhindert worden - damit ich auch unter euch etwas Frucht wirke, wie unter den übrigen Heiden; “ 3,25: „Ihn hat Gott zum Sühnopfer für den Glauben hingestellt (προέθετο) in seinem Blut, um seine Gerechtigkeit zu zeigen wegen der Nachsicht mit den Sünden, die zuvor geschehen waren unter Gottes Geduld.“ Semantisch an die vorkanonische Ebene schließt sich Röm 1,13 an, während Röm 3,25 eine etwas andere Semantik bietet. ὕμνος steht *Laod 5,19 („Wenn ihr Gott Psalmen und Hymnen singt! “), während Eph 5,19 ausführlicher ist: „Redet zueinander in Psalmen und Lobge‐ sängen und geistlichen Liedern, singt und spielt dem Herrn in eurem Herzen.“ Dann taucht der Begriff wieder auf kanonischer Ebene auf in Kol 3,16 („Lasst das Wort Christi reichlich in euch wohnen in aller Weisheit; lehrt und ermahnt einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern, singt Gott dankbar in euren Herzen.“ Wie die Zusätze gegenüber der vorkanonischen Version („geistliche Lieder“, „Herzen“) erweisen, gehen die Kolosserstelle und die erweiterte Epheserstelle parallel und unterscheiden sich gemeinsam von der vorkanonischen Version. 8. Namensnennungen von Personen Namen haben nicht nur eine historische Bedeutung (Autor: innen, Adressat: innen, Grußlisten), sie geben auch Aufschluss über ein reales oder auch literarisch-fiktives Netzwerk, das eine Sammlung von Texten über dieselben ausspannt. 479 Das Personennetz, das uns in der *10-Briefe-Sammlung begegnet, ist be‐ grenzt. 480 In ihr finden sich nur 9 Namen, 5 derselben hat sie mit *Ev gemeinsam (fettgedruckt; in *Ev finden sich 15 weitere Namen). §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 509 <?page no="510"?> 481 Die Untersuchung erscheint 2025 bei Herder und ist Teil von M. Vinzent, Von Paulus zu Saulus. Zwei Paulusbriefsammlungen im 2. Jh. An Namen v.-Chr. begegnen: Ἀβραάμ, Ἀδάμ, Μωϋσῆς n. Chr. finden sich: Ἰάκωβος, Ἰησοῦς, Ἰωάν(ν)ης, Παῦλος, Πέτρος, Τίτος. Die über die fettgedruckten Namen hinaus begegnenden Namen in *Ev lauten, v. Chr.: Δαυίδ, Ἠλίας, Λώτ, Νῶε, Σολομών; n. Chr.: Ζακχαῖος, Ζεβεδαῖος, Ἡρῴδης, Ἰούδας, Ἰωσήφ, Κλεοπᾶς, Λάζαρος, Νεεμάν, Πιλᾶτος, Σίμων. Hingegen finden sich in der 14-Briefe-Sammlung und überhaupt dem kanoni‐ schen Neuen Testament erstaunliche 328 Personennamen. Auch wenn man den größeren Umfang der kanonischen Sammlung in Anschlag bringen würde, läge die Anzahl der genannten Personen prozentual deutlich höher als auf der vorkanonischen Ebene. Hinzu kommt, dass die Personennamen, die in der *10-Briefe-Sammlung und in *Ev stehen, erheblich öfter auf der kanonischen Ebene wiederkehren. Eine Untersuchung und ein Vergleich der beiden Personennetzwerke wird dem Umfang wegen in einer gesonderten Publikation vorgenommen. 481 c. Zusammenfassung Wie sich aus den Einzeluntersuchungen zur Anzahl, Anordnung und Länge der Briefe in der *10-Briefe-Sammlung im Vergleich zu der der 14-Briefe-Sammlung, dann auch zur Sprache, Lexik und zum Stil ergeben hat, weisen beide Samm‐ lungen einen je spezifischen und eigenen Charakter auf. Beiden Sammlungen liegen zwei verschiedene Profile zugrunde, die als solche erkennbar sind, auch wenn die kanonische selbst nochmals unterschieden werden kann in eine erste und eine zweite Redaktion. Die Einzelbriefe beider Sammlungen können nur gelesen und verstanden werden, wenn sie als Sammlungsteile aufgefasst werden, das gilt auch dann, wenn man anerkennt, dass verschiedene Komponenten der beiden Sammlungen wiederum aus verschiedenen Quellen stammen. So hat es sich nahegelegt, dass die drei Deuteropaulinen (*Laod, *Kol, *2Thess) einen anderen Ursprung haben als die sieben Briefe (*Gal, *1/ *2Kor, *Röm, *1Thess, *Phil, *Phlm), bevor sie vorkanonisch redaktionell einheitlich bearbeitet und zur *10-Briefe-Samm‐ lung miteinander verbunden wurden. Nachdem im Rahmen der ersten kano‐ nischen Redaktion *Ev hin zu km Lk, km Mk, km Mt und km Joh und *Ap hin zur km 10-Briefe-Sammlung entwickelt wurden, fasste Markion *Ev und *Ap zu einer 510 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="511"?> Sammlung zusammen, die er mit einem Vorwort versah, in welcher er auf die vorangegangene Bearbeitung seiner Schriften im kanonischen Milieu kritisch Stellung bezog. Das heißt: Markions *Neues Testament (mit dessen Präfatio, den Antithesen) liest sich als dessen Antwort auf die Bearbeitung von *Ev und *Ap. Eine Antwort auf Markions *Neues Testament stellt dann die Erweiterung und Überarbeitung der kanonisch bereits bearbeiteten Texte dar, so dass wir aufgrund einer zweiten kanonischen Redaktion zu der erweiterten Sammlung kommen, die Irenäus propagiert und im dritten Jahrhundert den Titel „Neues Testament“ erhalten wird und später zum allgemein anerkannten kanonischen Neuen Testament avanciert. §-7 Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung 511 <?page no="512"?> §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich Wie gerade in der Zusammenfasssung zu § 7 hervorgehoben, ließ sich auch für die *10-Briefe-Sammlung und über diese hinaus für das *Neue Testament des Markion eine einheitliche Bearbeitung feststellen. Dies gilt, auch wenn wegen der verschiedenen literarischen Genera eines Evangeliums und einer Briefsammlung, keine vollständige Übereinstimmung von Sprache, Lexik und Stil anzunehmen ist. Desto erstaunlicher aber muss es erscheinen, dass trotz der unterschiedlichen Genera und der mit ihnen verbundenen Inhalte - hier eine biographisierernde Narration des Auftretens Jesu, des Christus, bis hin zu seinem Tod und seinen Erscheinungen als Auferstandener, da die Briefe an 8 verschiedene Adressaten - Sprache, Lexik und Stil von *Paulus und *Ev so nahe beieinander stehen. Um Nähe und Ferne, Gemeinsamkeiten und Unterschiede besser fassen zu können, wird in diesem Paragraphen auf dieses besondere Verhältnis näher eingegangen. Denn je besser mit dieser Untersuchung das Profil der vorkanonischen Redak‐ tion verstanden wird, desto deutlicher kann im nächsten Paragraphen (§ 9) dann auch dasjenige der kanonischen Redaktion mit einigen Charakteristika hervortreten. Wie aus der Concordance zu ersehen ist, sind von den 1.277 vorkanonisch bezeugten Wörtern bzw. Wortformen, 359 sowohl für *Ev wie für *Paulus bezeugt, also etwa 28 %. Der unikate Wortbestand für *Paulus beläuft sich auf 466 Wörter, derjenige von *Ev auf 452 Wörter, womit der jeweilige Eigenanteil fast gleich groß ist. Vergleicht man, wie weiter oben geschehen, zunächst die Funktionsbegriffe aus der Perspektive des *Paulus, stellt man fest, dass bereits bei einer Gesamtprä‐ senz solcher Funktionsbegriffe von 13 und mehr Vorkommen im gesamten *NT die Übereinstimmungen von *Paulus und *Ev beginnen. Von einer Gesamtprä‐ senz von 31 an gibt es nur noch wenige *paulinische Funktionsbegriffe, die sich nicht in *Ev finden. Ab einer Gesamtpräsenz von 212 stehen alle verbleibenden 50 Funktionsbegriffe von *Paulus auch in *Ev. Geht man den Vergleich von *Ev an, ist zunächst bemerkenswert, dass in *Ev nur wenige Funktionsbegriffe stehen, die sich nicht in *Paulus finden. Während von den 170 in *Paulus stehenden Funktionsbegriffen 120 mit *Ev geteilt werden, d. h. *Paulus besitzt einen Eigenbestand von 50 solcher Begriffe, kommt man in *Ev noch nicht einmal auf diese Anzahl, da sich nur 43 solcher Begriffe unikal dort finden. Wie bei der Gesamtzahl der unikalen Begriffe, liegen *Paulus und *Ev jedoch wiederum nahe beieinander, besitzen aus allen Funktionsbegriffen <?page no="513"?> 1 F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas Teilband 1: Lk 1,1---9,50 (1989), 379. 2 *Ev 10,16: Ὁ ἀκούων ὑμῶν ἐμοῦ ἀκούει, καὶ ὁ ἀθετῶν ὑμᾶς ἐμὲ ἀθετεῖ· ὁ δὲ ἐμοῦ ἀκούων ἀκούει τοῦ ἀποστείλαντός με. 3 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 679. (170 + 43 = 213) jedoch etwa 56 % gemeinsam, d. h. sie haben einen hohen Anteil an gemeinsamen Funktionsbegriffen. Wenn weiter oben von der deutlichen Profilnähe zwischen der vorkano‐ nischen paulinischen Briefsammlung und dem vorkanonischen Evangelium gesprochen wurde, sollen hier allerdings auch die Unterschiede beleuchtet werden. Wie gerade festgestellt wurde, bestehen diese mehr im spezifischen allgemeinen Wortbestand als in dem der Funktionsbegriffe, was man sich auch bei einer gemeinsamen redaktionellen Grundlage für beide Textsammlungen nicht anders erwarten würde, betrachtet man etwa die unterschiedlichen Gat‐ tungen und verschiedenen Vorlagen (hier: Briefe oder Briefsammlungen, dort: ein Evangelium). Gibt es Beispiele, die einen weiteren Aufschluss über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede dieser beiden Textsammlungen geben können? a. Gemeinsamkeiten Gemeinsame Begriffe, die in beiden Textsammlungen häufig stehen, sind we‐ niger aussagekräftig als solche, die sowohl vorkanonisch wie kanonisch selten stehen. Ich greife hier lediglich solche Begriffe heraus, die nicht häufiger als 20 Mal im kanonischen Neuen Testament zu finden sind. Von diesen gibt es 50, so dass auch hier eine Auswahl der zu besprechenden Wörter zu treffen ist. Gewählt werden diejenigen, deren Lemma mit α beginnen: ἀθετέω begegnet nur 16 Mal im kanonischen Neuen Testament und ist nach Bovon „schwierig zu übersetzen“. 1 In *Ev 10,16 lesen wir: „Wer euch hört, hört mich. Und wer euch abweist, weist mich ab. Wer aber mich hört, hört den, der mich gesandt hat.“ 2 In *1Kor 1,19 heißt es: „Es steht nämlich geschrieben: Ich werde die Weisheit der Weisen vernichten und die Klugheit der Klugen abweisen.“ Der eher ungewöhnliche Begriff steht auf kanonischer Ebene innerhalb eines Passus, der für *Ev unbezeugt ist, der jedoch „hervorragend zu Tertullians Argumentation in 4,18 gepasst hätte“, so dass „kaum ein Zweifel daran bestehen“ kann, „dass *Ev diesen Text nicht enthielt.“ 3 Hier heißt es an der Stelle Lk 7,30: „Doch die Pharisäer und die Gesetzeslehrer haben den Willen Gottes für sich §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 513 <?page no="514"?> selbst abgewiesen (ἠθέτησαν) und sich von Johannes nicht taufen lassen.“ An *Ev und die beiden Lukasstellen erinnert Joh 12,48: „Wer mich abweist (ἀθετῶν) und meine Worte nicht annimmt, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich gesprochen habe, wird ihn richten am Jüngsten Tag.“ In ähnlicher Semantik, wenn auch in anderem Kontext begegnet das Verb in Mk 6,26: „Da wurde der König sehr traurig, aber wegen der Eide und der Gäste wollte er ihren Wunsch nicht abweisen (ἀθετῆσαι).“ Ein Kapitel später wird Mk 7,9 Jesus auf die Zunge gelegt: „Und weiter sagte Jesus: Sehr geschickt weist ihr Gottes Gebot ab (ἀθετῶν), um eure eigene Überlieferung aufzurichten.“ Bei Mt findet sich das Verb nicht. Ganz im Sinn der vorkanonischen Verwendung und wie in *Ev unter zweifa‐ cher Benutzung des Wortes im selben Satz spricht Paulus in dem vorkanonisch zwar nicht bezeugten, möglicherweise aber doch vorkanonisch gestandenen Vers 1Thess 4,8: „Daher, wer dies (scil. nicht unrein zu leben) verachtet (ἀθετεῖ), verachtet (ἀθετεῖ) nicht einen Menschen, sondern Gott, der uns seinen Heiligen Geist gegeben hat.“ Auf kanonischer Ebene verteidigt sich Paulus in Gal 2,21: „Ich setze die Gnade Gottes nicht beiseite (ἀθετῶ); käme nämlich durch das Gesetz die Gerechtigkeit, wäre folglich Christus umsonst gestorben.“ Im juristischen Sinn argumentiert der kanonische Paulus in Gal 3,15: „Brüder, ich spreche als Mensch: Niemand setzt das rechtsgültig festgelegte Testament eines Menschen außer Kraft (ἀθετεῖ) oder fügt etwas hinzu.“ Von Witwen, die wieder heiraten, heißt es in 1Tim 5,12: „und ziehen sich das Urteil zu, das erste Versprechen, das sie Christus gegeben haben, abzuweisen (ἠθέτησαν).“ Im Sinne des eher rechtlichen Aufgebens und Abweisens heißt es auch Hebr 10,28: „Wer das Gesetz des Mose verwirft (ἀθετήσας), muss ohne Erbarmen auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen hin sterben.“ Und schließlich tadelt Jud 1,8 die Irrlehrer: „Genauso beflecken auch diese Träumer das Fleisch, sie weisen die Macht des Herrn ab (ἀθετοῦσιν) und lästern die überirdischen Mächte.“ Lexik und Semantik von *Ev ist in Mk, Lk, Joh und 1Thess greifbar und klingt auch Gal 2 noch nach, während der Pastoralbrief und der Hebräerbrief eher die juristische Deutung von Gal 3 verfolgen. Jud steht wiederum der vorkanonischen Ebene näher. Wie der Überblick zeigt, hat das Verb keine große Präsenz, es spricht jedoch für die Nähe von *Ev und *Paulus und dafür, dass wir es mit einer zusammenge‐ hörigen Semantik zu tun haben, von der sich einige der kanonischen Verwen‐ dungen deutlich abheben, die an nichtparallelen Stellen zur vorkanonischen Version stehen. 514 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="515"?> ἀμφότερος steht 14 oder 15 Mal im kanonischen Neuen Testament und begegnet in dem zentralen vorkanonischen Beispiel vom neuen Wein, den man nicht in alte Schläuche gießen soll, *Ev 5,38: *Ev 5,38 Lk 5,38 ἀλλὰ οἶνον νέον εἰς ἀσκοὺς καινοὺς βάλλουσιν, καὶ ἀμϕότεροι συντηροῦνται. ἀλλὰ οἶνον νέον εἰς ἀσκοὺς καινοὺς βλητέον. *Ev 5,38 Lk 5,38 Sondern man gießt jungen Wein in neue Schläuche. Und beide bleiben erhalten. Sondern man gießt jungen Wein in neue Schläuche. Wie leicht zu erkennen ist, weist gerade die kanonische Ebene unseren Begriff nicht auf. In einer nicht weniger gewichtigen, ebenfalls das Thema der Identität und das Verhältnis zum Gesetz behandelnden Stelle, findet sich der Terminus gleich drei Mal wieder in *Laod 2,14. 16. 18, eine Stelle, die bereits weiter oben angeklungen ist: *Laod 2,14-18 Eph 2,14-18 14 Αὐτὸς γάρ ἐστιν ἡ εἰρήνη ἡμῶν, ὁ ποιήσας τὰ ἀμφότερα ἓν καὶ τὸ μεσότοιχον λύσας τὴς ἔχθρας ἐν τῇ σαρκὶ, 14 Αὐτὸς γάρ ἐστιν ἡ εἰρήνη ἡμῶν, ὁ ποιήσας τὰ ἀμφότερα ἓν καὶ τὸ μεσότοιχον τοῦ φραγμοῦ λύσας, τὴν ἔχθραν ἐν τῇ σαρκὶ αὐτοῦ, 15 τὸν νόμον τῶν ἐντολῶν δόγμασιν καταργήσας, ἵνα τοὺς δύο κτίσῃ ἐν ἑαυτῷ εἰς ἕνα καινὸν ἄνθρωπον ποιῶν εἰρήνην 15 τὸν νόμον τῶν ἐντολῶν ἐν δόγμασιν καταργήσας, ἵνα τοὺς δύο κτίσῃ ἐν αὐτῷ εἰς ἕνα καινὸν ἄνθρωπον ποιῶν εἰρήνην 16 ἀποκαταλλάξῃ τοὺς ἀμφοτέρους τῷ θεῷ ἐν ἑνὶ σώματι διὰ τοῦ σταυροῦ, ἀποκτείνας τὴν ἔχθραν ἐν αὐτῷ. 16 καὶ ἀποκαταλλάξῃ τοὺς ἀμφοτέρους ἐν ἑνὶ σώματι τῷ θεῷ διὰ τοῦ σταυροῦ, ἀποκτείνας τὴν ἔχθραν ἐν αὐτῷ. 17 εὐηγγελίσατο εἰρήνην τοῖς μακρὰν καὶ τοῖς ἐγγύς· 17 καὶ ἐλθὼν εὐηγγελίσατο εἰρήνην ὑμῖν τοῖς μακρὰν καὶ εἰρήνην τοῖς ἐγγύς· 18 τὴν προσαγωγὴν οἱ ἀμφότεροι πρὸς τὸν πατέρα. 18 ὅτι δι’ αὐτοῦ ἔχομεν τὴν προσαγωγὴν οἱ ἀμφότεροι ἐν ἑνὶ πνεύματι πρὸς τὸν πατέρα. §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 515 <?page no="516"?> 4 H. Schlier, Der Brief an die Epheser. Ein Kommentar (1958), 123. 5 Schon Schlier hat gemeint, diese Passage verrate sprachlich und formal „eine relative Eigenheit und Geschlossenheit“, die ihn an „gnostisierendes Judentum“ erinnere, so *Laod 2,14-18 Eph 2,14-18 14-Denn er ist unser Friede, der die beiden Teile vereinigt hat und die trennende Wand der Feindschaft im Fleisch niedergerissen hat, 14 Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und die Zwischenwand des Zauns abgebrochen hat, die Feind‐ schaft in seinem Fleisch, 15-der das Gesetz der Gebote in seine Edikte aufgehoben hat, um die zwei in sich selbst zu einem neuen Menschen zu machen, indem er Frieden stiftet. 15 nachdem er das Gesetz mit seinen Ge‐ boten durch seine Edikte aufgehoben hat, um die zwei in sich zu einem neuen Men‐ schen zu machen. Er stiftete Frieden 16-Er versöhnte die beiden mit Gott in einem einzigen Leib durch das Kreuz, nachdem er die Feindschaft in ihm getötet hat. 16 und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet. 17-Er verkündete Frieden den Fernen und den Nahen, 17 Und er kam und verkündete den Frieden: euch, den Fernen, und Frieden den Nahen. 18-den beiden Zugang zum Vater. 18 Denn durch ihn haben wir beide in dem einen Geist Zugang zum Vater. Die Passage ist rhetorisch gefeilt und es wurden in ihr nicht unberechtigterweise eine Stilisierung und Rhythmisierung und damit eine bewusste Komposition festgestellt, ja sogar an ein Stück eines Hymnus gedacht, das hier integriert worden ist. 4 Mit dem kleinen zusätzlichen Wort αὐτοῦ am Ende von Vers 14 und der Veränderung des Genitives τὴς ἔχθρας in einen etwas ungewöhnlichen appo‐ sitionellen Akkusativ verschiebt die kanonische Redaktion den vorkanonischen Sinn der Vorlage. Während in *Laod die „trennende Wand der Feindschaft“ zwischen Juden und Heiden bzw. Judentum und Christentum „im Fleisch“ bestand, die der Retter „niedergerissen hat“, ist es auf der kanonischen Ebene die generalisiert verstandene „Zwischenwand des Zauns“, die als „Feindschaft“ interpretiert wird und die der Retter in seinem heilbringenden eigenen Fleisch niederriss. Aus dem typisch markionitisch als feindlich betrachteten Fleisch wurde auf kanonischer Ebene das Erlöserfleisch. Es ist kaum vorstellbar, dass die Vorlage von *Laod bereits diese markionitische Formulierung erhielt, was es wahrscheinlich macht, dass sie von der vorkanonischen Redaktion geschaffen und sie von der kanonischen Redaktion korrigiert wurde. 5 Bereits weiter 516 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="517"?> ibid. 122. 128. Als Nähe zum Gedanken vom trennenden und zu überwindenden Zaun führt Schlier Beispiele für den Gedanken des Gesetzes als Zaun aus der rabbinischen Literatur an, dann fügt er auch an ActThadd (bei Euseb. Caes., Hist. eccl. I 13,20), außerdem aus der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius: IgnEph 13,2. 6 So auch verstanden von Schlier, der als Angesprochene das „wir“ sieht, aus „Juden und Heiden“, ibid. 138. 7 Zu Inkonsistenzen der kanonischen Redaktion, vgl. die Fußnoten 1268, 1372, 1618, 1810, 1813. 8 Wenn Schlier, vom kanonischen Text geleitet, den Gegensatz zwischen „Juden“ und „Heiden“ sieht, gibt er doch zugleich zu, dass das „beide“ (τὰ ἀμφότερα) unbestimmt und rätselhaft ist, H. Schlier, Der Brief an die Epheser. Ein Kommentar (1958), 213-216. Dibelius hingegen liest den Gegensatz als den zwischen „Juden und Heidenchristen“ und sieht hinter dem Text Jes 57,14-21 LXX: 14 καὶ ἐροῦσιν Καθαρίσατε ἀπὸ προσώπου αὐτοῦ ὁδοὺς καὶ ἄρατε σκῶλα ἀπὸ τῆς ὁδοῦ τοῦ λαοῦ μου. 15 Τάδε λέγει κύριος ὁ ὕψιστος ὁ ἐν ὑψηλοῖς κατοικῶν τὸν αἰῶνα, ἅγιος ἐν ἁγίοις ὄνομα αὐτῷ, κύριος ὕψιστος ἐν ἁγίοις ἀναπαυόμενος καὶ ὀλιγοψύχοις διδοὺς μακροθυμίαν καὶ διδοὺς ζωὴν τοῖς συντετριμμένοις τὴν καρδίαν 16 Οὐκ εἰς τὸν αἰῶνα ἐκδικήσω ὑμᾶς οὐδὲ διὰ παντὸς ὀργισθήσομαι ὑμῖν· πνεῦμα γὰρ παρ᾽ ἐμοῦ ἐξελεύσεται, καὶ πνοὴν πᾶσαν ἐγὼ ἐποίησα. 17 δι᾽ ἁμαρτίαν βραχύ τι ἐλύπησα αὐτὸν καὶ ἐπάταξα αὐτὸν καὶ ἀπέστρεψα τὸ πρόσωπόν μου ἀπ᾽ αὐτοῦ, καὶ ἐλυπήθη καὶ ἐπορεύθη στυγνὸς ἐν ταῖς ὁδοῖς αὐτοῦ. 18 τὰς ὁδοὺς αὐτοῦ ἑώρακα καὶ ἰασάμην αὐτὸν καὶ παρεκάλεσα αὐτὸν καὶ ἔδωκα αὐτῷ παράκλησιν ἀληθινήν, 19 εἰρήνην ἐπ᾽ εἰρήνην τοῖς μακρὰν καὶ τοῖς ἐγγὺς οὖσιν· καὶ εἶπεν κύριος ᾿Ιάσομαι αὐτούς. 20 οἱ δὲ ἄδικοι οὕτως κλυδωνισθήσονται καὶ ἀναπαύσασθαι οὐ δυνήσονται. 21 οὐκ ἔστιν χαίρειν τοῖς ἀσεβέσιν, εἶπεν κύριος ὁ θεός oben wurde auf die Zentralität des Friedensthemas im Verhältnis Alt-Neu, Judentum-Christentum, für die vorkanonische Ebene hingewiesen, und zwar gerade in der Zusammenschau von *Ev 5,38 und *Laod 2,14-18. Für die Bearbeitungsrichtung vorkanonisch > kanonisch spricht, dass der wichtige Begriff ἀμφότερος, der die Garantie darstellt, dass der Friede ein solcher für beide Seiten darstellt, in *Ev 5,38 auf der kanonischen Ebene fehlt, hier aber erneut in *Laod begegnet, und zwar gleich drei Mal. Zwar betont die vorkanonische Ebene, dass Juden und Heiden, Judentum und Christentum zwei Größen sind, doch hat Christus nach der vorkanonischen Lesart diese beiden miteinander vereinigt, in sich selbst (hier auf der vorkanonischen Ebene das reflexive ἑαυτῷ) zu einem neuen Menschen gemacht und sie beide „mit Gott in einem einzigen Leib durch das Kreuz“ versöhnt. Damit verkündet der vorkanonische *Paulus, wie Vers 17 ausführt, nicht nur den Frieden den Christen (ὑμῖν), seien sie Ferne oder Nahe, wie es von der kanonischen Redaktion behauptet wird, 6 sondern „Ferne“ bezieht sich vorkanonisch auf Heiden, Nähe auf Juden, doch beiden ist der Zugang zum Vater eröffnet und Friede ist zwischen ihnen hergestellt, ein Friede, der auch zwischen Judentum und Christentum gilt. Folgt man der kanonischen Fassung, wird die logische Inkonsistenz offen‐ kundig 7 - es geht um die trennende Wand, die im „Gesetz“ bestand, d. h. es geht zunächst um die Trennung von Juden und Christen, 8 während die kanonische §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 517 <?page no="518"?> („14 Und er spricht: Bahnt, bahnt, ebnet den Weg, / räumt die Hindernisse aus dem Weg meines Volkes! 15 Denn so spricht der Hohe und Erhabene, / er wohnt in Ewigkeit, sein Name ist Der Heilige: Als Heiliger wohne ich in der Höhe, / aber ich bin auch bei dem Zerschlagenen und dem im Geist Niedrigen, um den Geist der Niedrigen wieder aufleben zu lassen / und das Herz der Zerschlagenen neu zu beleben. 16 Denn nicht auf ewig will ich streiten / und nicht für immer zürnen. Sonst würde der Geist vor mir verschmachten / und der Lebensatem, den ich gemacht habe. 17 Über die Schuld seiner Gewinnsucht zürnte ich, / schlug mein Volk, verbarg mich und war zornig. Aber es ging abtrünnig auf dem Weg seines eigenen Herzens. / 18 Seine Wege habe ich gesehen und will es heilen und führen, ihm und seinen Trauernden wieder Trost schenken. / 19-Ich erschaffe Frucht der Lippen. Friede, Friede dem Fernen und dem Nahen, spricht der Herr, / ich werde ihn heilen. 20 Aber die Frevler sind wie das aufgewühlte Meer, / das nicht zur Ruhe kommen kann / und dessen Wasser Schmutz aufwühlt und Schlamm. 21 Kein Friede den Frevlern, / spricht mein Gott! “), vgl. M. Dibelius and H. Greeven, An die Kolosser, Epheser, an Philemon (1953), 68-69. Redaktion zwischen dieser Trennung und derjenigen zwischen dem Gesetz anerkennenden Christen (oder Heidenchristen? ) und denen, die das Gesetz überwunden sehen, hin- und herspringt. Will man, wie Dibelius eine Anspielung auf Jes 57,14-21 annehmen, so for‐ muliert die vorkanonische Version geradezu ein Gegenstück zu diesem Prophe‐ tentext: Während die Jesajaprophetie eine exklusive Friedensvorstellung für die Angesprochenen vorträgt, geht es in der vorkanonischen Version um die Schaffung eines völlig neuen Menschen, der aus „beiden“, derjenigen unter dem Gesetz und derjenigen, die nicht unter diesem Gesetz stehen, geformt ist. Mit der Aufhebung des Gesetzes sind damit alle im Frieden des neuen Menschen, womit auch denen unter dem Gesetz nicht deren Existenzberechtigung verneint wird. Gewiss steckt in dem Begriff τὰ ἀμφότερα eine gewisse Unbestimmtheit und Rätselhaftigkeit, weil man ja fragen kann, wie man noch von einer solchen Existenzberechtigung des Judentums sprechen kann, wenn man zugleich eine Aufhebung des Gesetzes in Christus und der Gebote „in seine Edikte“ propagiert. In dieser Hinsicht verdeutlicht die kanonische Redaktion und macht die Christen nicht nur zu Alleinhörenden, sondern auch zu Alleinangeredeten dieser Botschaft. Das findet sich auch in Apg 8,38 und verbindet wohl nicht zufällig den Apostel Philipp und den ersten, nach der Apg in der Geschichte der Kirche zu taufenden Heiden, den äthiopischen Kämmerer: „Er ließ den Wagen halten und beide (ἀμφότεροι), Philippus und der Kämmerer, stiegen in das Wasser hinab und er taufte ihn.“ An einer weiteren Stelle, Apg 19,16 bezieht sich der Begriff auf die Söhne „eines gewissen Skeuas, eines jüdischen Oberpriesters“, die im Namen Jesu, „den Paulus verkündet“, einen bösen Geist auszutreiben versuchen: „Und der Mensch, in dem der böse Geist hauste, stürzte sich auf sie beide (ἀμφοτέρων), überwältigte sie und setzte ihnen so zu, dass sie nackt und zerschunden aus 518 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="519"?> 9 *Ev 12,36: καὶ ὑμεῖς ὅμοιοι ἀνθρώποις προσδεχομένοις τὸν κύριον ἑαυτῶν πότε ἀναλύσῃ ἐκ τῶν γάμων, ἵνα ἐλθόντος καὶ κρούσαντος εὐθέως ἀνοίξωσιν αὐτῷ. 10 Dieser ist auch etwa belegt in Sap 2,1: εἶπον γὰρ ἐν ἑαυτοῖς λογισάμενοι οὐκ ὀρθῶς ᾿Ολίγος ἐστὶν καὶ λυπηρὸς ὁ βίος ἡμῶν, καὶ οὐκ ἔστιν ἴασις ἐν τελευτῇ ἀνθρώπου, καὶ οὐκ ἐγνώσθη ὁ ἀναλύσας ἐξ ᾅδου („Sie tauschen ihre verkehrten Gedanken aus und sagen: / Kurz und traurig ist unser Leben; für das Ende des Menschen gibt es keine Heilung / und man kennt keinen, der aus der Unterwelt zurückkehrt“). Epigr. Graec. 340 (2./ 3. Jh.): ἐς δὲ θεοὺς ἀνέλυσα [κ]αὶ ἀθανάτοισι μέτειμι … („Zu den Göttern aber bin ich zurückgekehrt und bin zusammen mit den Unsterblichen“), G. Kaibel, Epigrammata graeca ex lapidibus conlecta (1878), 133. dem Haus fliehen mussten.“ (Apg 16,13-16) In Apg 23,8 begegnet der Begriff als Ausdruck für zwei Themen (Auferstehung; Engel/ Geist): „Die Sadduzäer behaupten nämlich, es gebe weder Auferstehung noch Engel noch Geist, die Pharisäer dagegen bekennen sich zu beidem (τὰ ἀμφότερα).“ Wie die spärliche Verwendung des Begriffes auf der kanonischen Ebene belegt, dem hier auch eine gewisse Unschärfe beigegeben ist, so scheint er doch gerade vorkanonisch eine wichtige Funktion zu besitzen, indem er das Verhältnis von Juden und Heiden, Judentum und Christentum so zu beschreiben versucht, dass in Christus, und zwar in seiner Neufassung des Gesetz mit seinen Edikten, die auf dem Gesetz als Zaun basierende Feindschaft zwischen Juden und Heiden und zwischen Judentum und Christentum in die Erschaffung eines neuen Menschen und zu einem Frieden gebracht hat und diese scheinbaren Gegensatzpaare versöhnt wurden. Der Begriff ἀμφότερος stellt gewissermaßen die markionitische Ergänzung zur Antithese dar. ἀναλύω ist der im Alphabet nächste Begriff, der sogar nur zwei Mal in der kanonischen Sammlung steht, und zwar nur an den Parallelstellen zu den Fundstellen des Begriffes auf der vorkanonischen Ebene: *Ev 12,36; *Phil 1,23. *Ev 12,36 lesen wir: „Und ihr sollt Menschen gleichen, die ihren Herrn erwarten, wenn er von der Hochzeit zurückkommt, damit sie, wenn er kommt und klopft, ihm sofort öffnen.“ 9 In *Phil 1,23 steht: „Ich habe das Verlangen, zurückzukommen und bei Christus zu sein.“ Die beiden Stellen weisen nicht nur dieselbe Lexik auf, auch inhaltlich stimmen sie zueinander, weil es um die Vereinigung mit dem Herrn geht - in *Ev eine Bewegung des Herrn zu den Wartenden, in *Paulus eine solche des Menschen zum Herrn. Gerade angesichts der inhaltlichen und theologischen Aufladung dieses Begriffes 10 ist es desto erstaunlicher, dass er auf der kanoni‐ schen Ebene nur an diesen beiden Stellen aufgegriffen wurde, jedoch nicht weiter Verwendung gefunden hat. Er dürfte demzufolge zum sprachlichen Urgestein der vorkanonischen Redaktion gehören. §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 519 <?page no="520"?> 11 *Ev 21,15: ἐγὼ γὰρ δώσω ὑμῖν στόμα καὶ σοϕίαν ᾗ οὐ δυνήσονται ἀντιστῆναι ἢ ἀντειπεῖν ἅπαντες οἱ ἀντικείμενοι ὑμῖν. ἀνθίστημι steht 14 im Neuen Testament, an folgenden zwei vorkanonischen Stellen: *Ev 21,15; *Gal 2,11 und deren kanonischen Parallelstellen. *Ev 21,15 heißt es: „Ich selbst nämlich werde euch Mund und Weisheit geben, der alle eure Widersacher nicht widerstehen und widersprechen werden können.“ 11 *Gal 2,11 lesen wir: „Petrus habe ich ins Angesicht widerstanden, weil er geheuchelt hatte.“ Erneut haben wir es mit einem inhaltlich gewichtigen Begriff zu tun. Im Fall von *Ev geht es um ein Zitat aus der endzeitlichen Rede, die den Hörenden auffordert, offen und mutig von der Wahrheit Kunde zu geben, so dass auch die Widersacher nichts dagegen tun können, bei *Paulus wird genau diese offene Rede praktiziert, und hier ist gerade Petrus der Widersacher, der auch tatsächlich nicht widerspricht. Die Verwendung des Begriffes innerhalb des vorkanonischen *Neuen Testaments in *Gal hat folglich eine scharfe, auch endzeitliche Richtung. Auf kanonischer Ebene wird der Begriff an manchen Stellen aufgegriffen. Mt 5,39 bietet gewissermaßen die Gegenbotschaft zu Gal 2,11, wenn es hier heißt: „Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand (ἀντιστῆναι), sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin! “ Zwar kann der Vers für sich und in seinem unmittelbaren Kontext als Mahnung zur Duldung und Ertragung von Leid gelesen werden, doch die Benutzung gerade dieses Begriffes, der aus Gal 2,11 bekannt ist, deutet eine Paulus gegenüber kritische Position an. Auch Röm 9,19 wird von Widerstand abgeraten: „Du wirst nun zu mir sagen: Warum tadelt er dann noch? Denn wer hat seinem Willen widerstanden (ἀνθέστηκεν)? “ Nicht weniger kritisch ist die Aufforderung in Röm 13,2: „Wer sich daher der Obrigkeit widersetzt (ἀνθέστηκεν), widersteht der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ein Urteil über sich bringen.“ Auch in den Pastoralbriefen wird die Kritik am Widerstand vorgetragen. In 2Tim 3,8 lesen wir: „Wie sich Jannes und Jambres dem Mose widersetzt haben (ἀντέστησαν), so widersetzen sich (ἀνθίστανται) auch diese Leute der Wahrheit: Menschen, verdorben im Denken, nicht bewährt im Glauben.“ Ein Kapitel weiter heißt es 2Tim 4,15: „Nimm auch du dich vor ihm in Acht, denn er hat sich unseren Worten heftig widersetzt (ἀντέστη)! “ Im Praxapostolos begegnet das Verb Apg 6,10, wo von den Widersachern des Stephanus gesagt wird: „… aber sie konnten der Weisheit und dem Geist, mit dem er sprach, nicht widerstehen (ἀντιστῆναι).“ Die Formulierung lässt vermuten, 520 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="521"?> dass dies nicht ohne Kenntnis von *Ev 21,15 / / Lk 21,15 niedergeschrieben wurde. Erneut begegnet das Verb in Apg 13,8: „Aber Elymas, der Zauberer - so wird nämlich sein Name übersetzt -, trat gegen (ἀνθίστατο) sie auf und suchte den Prokonsul vom Glauben abzuhalten.“ Wie zuvor auf der kanonischen Ebene auch, ist an beiden Stellen in der Apg das Verb negativ besetzt. Anders lesen wir in Jak 4,7, dass dem Teufel Widerstand zu leisten ist: „Ordnet euch also Gott unter, leistet dem Teufel Widerstand (ἀντίστητε) und er wird vor euch fliehen.“ Dieselbe Position vertritt auch 1Petr 5,9: „Leistet ihm [scil. dem Teufel] Widerstand (ἀντίστητε) in der Kraft des Glaubens! Wisst, dass eure Brüder und Schwestern in der Welt die gleichen Leiden ertragen.“ Was die Deuteropaulinen angeht, so finden sich in *Laod 6 die Verse 12 und 14 bezeugt, doch nicht Vers 13, in welchem es heißt: „Deshalb ergreift die ganze Waffenrüstung Gottes, damit ihr an dem bösen Tag widerstehen (ἀντιστῆναι) und, wenn ihr alles ausgerichtet habt, stehen bleiben könnt.“ Nachdem, wie in der Rekonstruktion zur Stelle vermerkt ist, der weitere Wortbestand des Verses deutlich kanonisch gefärbt ist, wird dieser Vers vorka‐ nonisch wohl gefehlt haben, auch wenn die Semantik von ἀνθίστημι an dieser Stelle auf die vorkanonische Ebene verweist. Der Verweis darauf, am Tag des Unheils zu widerstehen, reiht sich in die kanonische Deutung ein, dass man zwar weder Feinden noch der Regierung noch sonst widerstehen, sondern vielmehr dulden soll, jedoch nicht den Teufel. Vergleicht man die Semantik des Verbs, wird erneut eine Differenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Ebene deutlich, die für die unter‐ schiedlichen Profile der beiden Ebenen spricht. ἀνταποδίδωμι ist ein weiterer Begriff, der eher selten in der kanonischen Sammlung zu finden ist, gerade sieben Mal. Dennoch begegnet er gleich drei Mal vorkanonisch: *Ev 14,14; *Röm 11,35; *2Thess 1,6. Er wurde weiter oben bereits näher besprochen (p. 488, 500). ἀπέχω steht 19 Mal in der kanonischen Sammlung und findet sich vorkanonisch in *Ev 6,24 und *1Thess 4,3. Vergleiche: *Ev 6,24 Lk 6,24 Πλὴν οὐαὶ τοῖς πλουσίοις, ὅτι ἀπέχετε τὴν παράκλησιν. Πλὴν οὐαὶ ὑμῖν τοῖς πλουσίοις, ὅτι ἀπέχετε τὴν παράκλησιν ὑμῶν. §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 521 <?page no="522"?> 12 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 625. 13 Nicht zu der vorliegenden Stelle, aber etwa vermerkt von Klinghardt für *Ev 6,6, vgl. Ibid. 609. Als Beispiel aus *Paulus / Paulus könnte man auch auf *Röm 12,9 und andere Stellen verweisen, wie oben vermerkt. *Ev 6,24 Lk 6,24 Aber wehe den Reichen, denn ihr habt euren Trost empfangen. Aber wehe Euch, den Reichen, denn ihr habt euren Trost empfangen. Der Vergleich weist eine minimal erscheinende Änderung der kanonischen Ebene auf - die allerdings, wie man zeigen könnte, charakteristisch für diese ist, bzw. im Unterschied zu ihr ein Charakteristikum der vorkanonischen Ebene verdeutlicht - die Redaktion fügt ein „Euch“ (ὑμῖν) ein, was eine direkte Ansprache der Hörerschaft bedeutet und damit zu einer Emphatisierung des Ausdruckes beiträgt. Diese Hinzufügung erfolgt in den Weherufen gleich „an drei Stellen“ und bedeutet auch, dass im weiteren Text „syntaktische Änderungen“ vorgenommen werden 12 müssen - es handelt sich also nicht nur um einen kosmetischen Texteingriff. Wie man auch an anderen Stellen zeigen könnte, ist es ein Cha‐ rakteristikum der kanonischen Redaktion, dass sie Sachverhalte emphatisiert oder verschärft, während die vorkanonische Ebene im Vergleich nüchterner und distanzierter formuliert. 13 In *1Thess 4,3 (/ / 1Thess 4,3) liest man: „Das ist der Wille Gottes: eure Heiligung, dass ihr euch der Unzucht enthaltet.“ Zwar liegt ein konträrer Sinn des Verbes vor gegenüber *Ev, der in diesem Zitat mit der Präposition ἀπό erreicht wird, doch an beiden Stellen geht es um Heilsrelevanz. Während *1Thess 5,19-20 vorkanonisch bezeugt ist und ebenso ein Großteil von Vers 23, fehlt die Bezeugung für die Verse 21-22, und man liest in Vers 22: „Enthaltet Euch (ἀπέχεσθε) von dem Bösen in jeder Gestalt! “ Wie zur Stelle in der Rekonstruktion ausgeführt wird, spricht die parallele Verwendung des Verbes, wieder mit ἀπό dafür, dass dieser Vers (und so auch Vers 21) trotz Unbezeugtheit zu einem Teil auf die vorkanonische Ebene zurückgehen könnte. Wenn auch im untheologischen Sinn, jedoch in der Bedeutung von „erhalten“ wie in *Ev findet sich das Verb in Phil 4,18 in einem langen unbezeugten und wohl auch vorkanonisch nicht enthaltenen Passus: „Ich habe aber alles empfangen (ἀπέχω) und habe Überfluss; ich bin völlig versorgt, nachdem ich 522 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="523"?> von Epaphroditus das von euch Gesandte empfangen habe, einen duftenden Wohlgeruch, ein annehmbares Opfer, Gott wohlgefällig.“ Phlm 1,15 liest man: „Vielleicht wurde er nämlich deshalb eine Zeit von dir getrennt, damit du ihn auf ewig zurückhättest (ἀπέχῃς).“ Auch wenn für Phlm kein Textbestand vorkanonisch bezeugt ist, wir aber wissen, dass der Brief vorkanonisch vorhanden ist, kann es durchaus sein, dass auch dieser Vers vorkanonisch gestanden war, es wäre wiederum eine heilsbezogene Deutung des Verbes. In gänzlich untheologischem Zusammenhang steht der Begriff im vorkano‐ nisch unbezeugten Vers Lk 7,6, im als abwesend bezeugten Vers Lk 15,20 und in dem wiederum unbezeugten Teil von Vers Lk 24,13. An allen drei Stellen bezeichnet das Verb „entfernt sein von“ im räumlichen Sinn. Hingegen wird das Verb wie in *Ev 6,24 / / Lk 6,24 auch in Mt 6,2 (/ / Mk 7,6) genutzt (so auch Mt 6,5. 16): „5 Wenn du Almosen gibst, posaune es nicht vor dir her, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden! Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten (ἀπέχουσιν) … 16 Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler! Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten (ἀπέχουσιν).“ Theologisch steht er im Sinne von *1Thess 4,3 / / 1Thess 4,3 mit ἀπό in Mt 15,8: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, / sein Herz aber ist weit weg (ἀπέχει) von mir.“ Mt kennt aber auch den untheologisch räumlichen Sinn (Mt 14,24), so wie Mk den formelhaften Sinn (ἀπέχει: „es ist genug“) (Mk 14,41) benutzt. Im Praxapostolos wird direkt Bezug genommen auf *1Thess 4,3 / / 1Thess 4,3, wenn es Apg 15,20 heißt: „… man weise sie nur an, sich von Verunreinigung durch Götzenopferfleisch und Unzucht zu enthalten (ἀπέχεσθαι) und weder Ersticktes noch Blut zu essen.“ Wiederholt wird die Information in Apg 15,29: „Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht sich zu enthalten (ἀπέχεσθαι). Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig. Lebt wohl! “ In beiden Fällen wird „enthalten“ jedoch mit ἀπέχω + Gen. gebildet. Dieselbe Konstruktion wird auch im weiteren zum Praxapostolos gehörenden Schreiben, 1Petr 2,11 formuliert: „Geliebte, da ihr Fremde und Gäste seid in dieser Welt, er‐ mahne ich euch: Enthaltet (ἀπέχεσθαι) Euch der irdischen Begierden, die gegen die Seele kämpfen! “ Dass auch im Pastoralbrief 1Tim 4,3 dieselbe Konstruktion Verwendung findet, spricht wiederum dafür, dass wir es mit Praxapostolos und Pastoralbriefen mit derselben, der zweiten kanonischen Redaktion, zu tun haben: „Sie verbieten die Heirat und fordern, sich von bestimmten Speisen zu enthalten (ἀπέχεσθαι), die Gott doch dazu geschaffen hat, dass die, die zum §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 523 <?page no="524"?> Glauben und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangt sind, sie mit Danksagung zu sich nehmen.“ Die Durchsicht der Belege zeigt, dass sich die vorkanonische Ebene durch eine theologische Deutung des Verbs auszeichnet, die an manchen Parallelstellen bzw. auf sie bezugnehmenden Stellen auf der kanonischen Ebene ebenfalls durchscheint, doch auf der kanonischen Ebene wird das Verb häufiger an von diesen unabhängigen Stellen im gewöhnlichen (räumlichen) Sinn verwendet, was zum einen für eine Nähe von *Ev und *Paulus und für eine Verschiedenheit der Profile der beiden Ebenen spricht. ἀπιστέω wie ἄπιστος steht sowohl in *Ev wie in *Paulus, begegnet aber auch auf der kanonischen Ebene an den Parallelstellen und an weiteren Stellen. Das erste Mal, dass man einem Begriff dieser Wortfamilie begegnet, geschieht in *Ev 9,41, innerhalb der Perikope, in welcher ein Mensch aus der Menge die Jünger gebeten hatte, seinen von einem Geist besessenen Sohn zu heilen, doch die Jünger erwiesen sich als unfähig, den Geist auszutreiben. Hierauf heißt es: *Ev 9,41 Lk 9,41 Mt 17,17. 19-20 Mk 9,19. 24 Καὶ (εἶπεν? ) πρὸς αὐτούς Ὦ γενεὰ ἄπιστος, ἕως πότε -ἀνέξομαι ὑμῶν; προσάγαγε τὸν υἱόν σου. ἀποκριθεὶς δὲ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν· ὦ γενεὰ ἄπιστος καὶ διεστραμμένη, ἕως πότε ἔσομαι πρὸς ὑμᾶς καὶ ἀνέξομαι ὑμῶν; προσάγαγε ὧδε τὸν υἱόν σου. 17 ἀποκριθεὶς δὲ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν, ὦ γενεὰ ἄπιστος καὶ διεστραμμένη, ἕως πότε μεθ’ ὑμῶν ἔσομαι; ἕως πότε ἀνέξομαι ὑμῶν; φέρετέ μοι αὐτὸν ὧδε. 19 … Διὰ τί ἡμεῖς οὐκ ἠδυνήθημεν ἐκβαλεῖν αὐτό; 20 ὁ δὲ λέγει αὐτοῖς, Διὰ τὴν ὀλιγοπιστίαν ὑμῶν: ἀμὴν γὰρ λέγω ὑμῖν, ἐὰν ἔχητε πίστιν ὡς κόκκον σινάπεως, ἐρεῖτε τῷ ὄρει τούτῳ, Μετάβα ἔνθεν ἐκεῖ, καὶ μεταβήσεται: καὶ οὐδὲν ἀδυνατήσει ὑμῖν. 19 ὁ δὲ ἀποκριθεὶς αὐτοῖς λέγει· ὦ γενεὰ ἄπιστος, ἕως πότε πρὸς ὑμᾶς ἔσομαι; ἕως πότε ἀνέξομαι ὑμῶν; φέρετε αὐτὸν πρός με. ----------24 εὐθὺς κράξας ὁ πατὴρ τοῦ παιδίου ἔλεγεν, Πιστεύω: βοήθει μου τῇ ἀπιστίᾳ. 524 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="525"?> 14 Auf kanonischer Ebene wird der Exkurs aufgenommen in Lk 17,5-6, falls die Passage nicht bereits in *Ev stand. *Ev 9,41 Lk 9,41 Mt 17,17. 19-20 Mk 9,19. 24 Und er sprach zu ihnen: „Ungläubiges Ge‐ schlecht! Wie lange muss ich euch ertragen? Bring deinen Sohn! “ Aber indem er ant‐ wortete, sprach Jesus: Ungläubiges und verführtes Ge‐ schlecht! Wie lange muss ich noch bei euch sein und euch ertragen? Bring deinen Sohn her! 17 Aber indem er antwortete, sprach Jesus: Ungläubiges und verführtes Ge‐ schlecht! Wie lange muss ich noch mit euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen? Bringt ihn her zu mir! … 19 … Warum konnten denn wir den Dämon nicht austreiben? 20 Er antwortete: Wegen eures Kleinglau‐ bens. Denn, amen, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senf‐ korn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort! und er wird wegrücken. Nichts wird euch unmöglich sein 19 Indem er aber antwortete, sagt er zu ihnen: Ungläubiges Ge‐ schlecht! Wie lange muss ich noch bei euch sein? Wie lange muss ich euch noch ertragen? Bringt ihn zu mir! ------------24 Da rief der Vater des Knaben: Ich glaube; hilf meinem Unglauben! Der synoptische Vergleich macht augenkundig, dass die schlichteste Fassung in *Ev vorliegt. Wie in Mk bewahrt, werden die Jünger auch in Lk als „ungläubiges Geschlecht“ bezeichnet, während Lk und Mt noch hinzusetzen: „verführt“ (διεστραμμένη; vgl. *Ev 23,2 / / Lk 23,2), was eine gewisse Entschuldung der Angesprochenen andeutet. Schon Mk setzt hinzu, dass Jesus bei ihnen, den Jüngern, ist und, auch wenn er mit den Jüngern nicht einverstanden ist, sie dennoch erträgt. Außerdem bezieht er den Unglauben auf den Vater. Wir sehen folglich, wenn man hier *Ev als Ausgangspunkt des synoptischen Vergleichs nimmt, wie von dieser Vorlage ausgehend, die Entschuldungsstra‐ tegie von Mk hin zu Lk und schließlich zu dem exkursartigen Dialog 14 in Mt ständig gesteigert wird. Nun wissen wir jedoch, wie schon verschiedentlich angedeutet, dass bei Markion nur Paulus der Apostel par excellence war, während alle anderen §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 525 <?page no="526"?> 15 Vgl. weiter unten S.-533. 16 *Ev 12,46: ἥξει ὁ κύριος τοῦ δούλου ἐκείνου ἐν ἡμέρᾳ ᾗ οὐ προσδοκᾷ καὶ ἐν ὥρᾳ ᾗ οὐ γινώσκει, καὶ διχοτομήσει αὐτὸν καὶ τὸ μέρος αὐτοῦ μετὰ τῶν ἀπίστων θήσει. Apostel heftig kritisiert wurden. Dieser Kritik an den Jüngern und Aposteln entgegen zu treten, diente wohl auch die vorliegende Passage, die in der kanonischen Revision der Vorlage in den vier Evangelien in ihrer Schärfe gemindert wurde. Bei Matthäus sieht man es insbesondere an der variierenden Lesart. Denn anstelle des Terminus „Unglaubens“ (ἀπιστίαν), der von 04, 05, 017, 032, 036, 037, 565, 1241, 1424, M, latt, sy s.p.h bezeugt ist, liegt in den Zeugen 01, 03, 038, 0281, f 1.13 , 33, 579, 700, 892, l 2211, sy c , co, Or die Variante ὀλιγοπιστίαν vor, die NA 28 übernommen hat, doch spricht die innere Logik (das Senfkorn ist ja bereits klein - und würde demnach ja einem Kleinglauben entsprechen) eher für die erste Variante als die ursprünglichere, während die zweite bereits eine Weichzeichnung des ansonsten drastischen Spruches darstellt, eine Minderung der Schärfe in der Kritik an den Jüngern, die zur kanonischen Redaktion passen würde. Ein Gutteil derselben Zeugen, die ὀλιγοπιστίαν bieten, besitzen, wie weiter unten zu zeigen sein wird, in Mt 25,18 eine variierende Lesart, die erneut eine Reaktion auf *Ev darstellt. 15 An der nächsten Stelle *Ev 12,46 heißt es: „Dann wird der Herr jenes Sklaven an einem Tag kommen, an dem er ihn nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und er wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Anteil bei den Ungläubigen zuweisen.“ 16 Das Nomen könnte auch in *1Kor 14,22 (/ / 1Kor 14,22) gestanden haben, worauf Tertullians Kommentar zur Stelle hindeutet, wenn der Begriff auch nicht gesichert ist: „So ist Zungenreden ein Zeichen nicht für die Glaubenden, sondern für die Ungläubigen, prophetisches Reden aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Glaubenden.“ Auf der kanonischen Ebene wird dasselbe Nomen im nächsten Vers zunächst wohl aufgrund einer Übernahme gleich wiederholt und im übernächsten Vers mit dem Adjektiv ergänzt, einer Passage, an der man die kanonisch-redaktio‐ nelle semantische Verschiebung ablesen kann: 526 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="527"?> *1Kor 14,24-25 1Kor 14,23-25 - 23 Ἐὰν οὖν συνέλθῃ ἡ ἐκκλησία ὅλη ἐπὶ τὸ αὐτὸ καὶ πάντες λαλῶσιν γλώσσαις, εἰσέλθωσιν δὲ ἰδιῶται ἢ ἄπιστοι, οὐκ ἐροῦσιν ὅτι μαίνεσθε; 24 ἐὰν δὲ πάντες προφητεύωσιν, εἰσέλθῃ δέ τις ἄπιστος, 24 ἐὰν δὲ πάντες προφητεύωσιν, εἰσέλθῃ δέ τις ἄπιστος ἢ ἰδιώτης, ἐλέγχεται ὑπὸ πάντων, ἀνακρίνεται ὑπὸ πάντων, 25 καὶ οὕτως τὰ κρυπτὰ τῆς καρδίας αὐτοῦ φανερὰ γίνεται. 25 τὰ κρυπτὰ τῆς καρδίας αὐτοῦ φανερὰ γίνεται, καὶ οὕτως πεσὼν ἐπὶ πρόσωπον προσκυνήσει τῷ θεῷ, ἀπαγγέλλων ὅτι Ὄντως ὁ θεὸς ἐν ὑμῖν ἐστιν. *1Kor 14,24-25 1Kor 14,23-25 - Wenn also die ganze Gemeinde sich ver‐ sammelt und alle in Zungen reden und es kommen Unkundige oder Ungläubige herein, werden sie dann nicht sagen: Ihr seid verrückt? 24-Wenn aber alle prophezeien und ein Ungläubiger kommt herein, 24 Wenn aber alle prophezeien und ein Ungläubiger oder Unkundiger kommt herein, dann wird er von allen widerlegt, von allen geprüft; 25-so wird auch das in seinem Herzen Verborgene, aufgedeckt. 25 das in seinem Herzen Verborgene, wird offenbar. Und so wird er auf sein Ange‐ sicht niederfallen, Gott anbeten und be‐ kennen: Wahrhaftig, Gott ist unter euch! Es ist ersichtlich, dass sich die kanonische Redaktion derselben Strategie wie im Vergleich von *Ev 9,41 par. bedient. Gegenüber dem ersten, für die vorkanoni‐ sche Fassung unbezeugten Vers 23 erfolgt eine semantische Verschiebung durch die kanonische Redaktion. Der Ungläubige ist nicht mehr Heide, sondern ihm wird eine weitere Bestimmung hinzugestellt und er wird damit ausdrücklich als der Unkundige (ἰδιώτης) bezeichnet, womit ein Gemeindebezug hergestellt wird. Dass wir hier nicht überinterpretieren, können wir aus Vers 24 ablesen, wo erneut vorkanonisch vom Ungläubigen die Rede ist und wiederum auf kanonischer Ebene ergänzt wird: „oder Unkundiger“ (ἰδιώτης). Dem dient auch der Hinweis auf die gemeindliche Prüfung in Vers 24 und auf das Bekenntnis des offenkundig Gemachten in Vers 25. In *2Kor 4,4 (vgl. 2Kor 4,4) steht: §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 527 <?page no="528"?> *2Kor 4,4 2Kor 4,4 ἐν οἷς ὁ θεὸς τοῦ αἰῶνος τούτου ἐτύφλωσεν τὰ νοήματα τῶν ἀπίστων πρὸς τὸ μὴ διαυγάσαι τὸν φωτισμὸν τοῦ εὐαγγελίου τῆς δόξης τοῦ Χριστοῦ, ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ. ἐν οἷς ὁ θεός τοῦ αἰῶνος τούτου ἐτύφλωσεν τὰ νοήματα τῶν ἀπίστων εἰς τὸ μὴ αὐγάσαι τὸν φωτισμὸν τοῦ εὐαγγελίου τῆς δόξης τοῦ Χριστοῦ, ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ. *2Kor 4,4 2Kor 4,4 In ihnen, der Gott dieser Weltzeit, das Denken der Ungläubigen verblendet, so dass der Glanz des Evangeliums der Herrlichkeit Christi, der Gottes Bild ist, nicht aufstrahlt. in denen der Gott dieser Weltzeit das Denken der Ungläubigen verblendet hat, auf dass der Glanz des Evangeliums der Herrlichkeit Christi, der Gottes Bild ist, nicht aufstrahlt. Die Differenzen an dieser Stelle sind eher minimal. Vergleicht man *1Kor, *2Kor mit *Ev 12,46, wo man jedes Mal das Nomen findet, erkennt man schnell den ähnlichen Gebrauch: Ungläubige sind Heiden, was selbstverständlich den Vor‐ wurf von *Ev 9,41 noch drastischer klingen lässt. An den zwei Stellen *2Kor und *Ev 12,46 ist von der harschen Aktion Gottes gegenüber Ungläubigen die Rede, jedoch, wie Tertullian beide Male mitteilt, sei hier nicht vom transzendenten Gott die Rede, sondern von dem jüdischen Schöpfergott, der die Ungläubigen verurteile und sie verblende. Demgegenüber ist *Ev eine interne Kritik Jesu an den Jüngern, die offenkundig vorkanonisch vertreten und kanonisch nur gemildert übernommen wird. In einer längeren Passage kommt der kanonische Paulus auf Ungläubige, Heiden, zurück, nachdem er eine lange Selbstapologie in 2Kor 6 zuvor formuliert hatte, schreibt er dann: „14 Ordnet euch keinem fremden Joch mit Ungläubigen unter! Was teilen sich denn Gerechtigkeit und Ungesetzlichkeit? Oder was ist Licht gegenüber Finsternis gemeinsam? 15 Was ist der Zusammenklang von Christus gegenüber Beliar? Oder was teilt ein Gläubiger mit einem Ungläubigen (ἀπίστου)? “ (2Kor 6,14-15) Im Unterschied zur vorkanonischen Fassung von *2Kor 4,4, wo das harsche göttliche Urteil über den Ungläubigen und seine Aktion gegen ihn auf den jüdischen Schöpfergott, nicht auf den Gott der Christen, zurückgeführt wird, finden wir an dieser Stelle eine Aussage über den Christus der Gläubigen, der mit dem Ungläubigen, der Finsternis, Beliar, nichts gemein haben kann. Anders, versöhnlicher im Umgang mit Ungläubigen, liest sich 1Kor 10,27: „Wenn euch einer der Ungläubigen (ἀπίστων) einlädt und ihr wollt hingehen, dann esst, alles, was euch bereitet wird, ohne das Gewissen zu befragen! “ Es 528 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="529"?> 17 *Ev 24,11: καὶ ἐϕάνησαν ἐνώπιον αὐτῶν ὡσεὶ λῆρος τὰ ῥήματα ταῦτα, καὶ ἠπίστουν αὐταῖς. könnte sein, dass dieser Vers, auch wenn er nicht für die vorkanonische Version bezeugt ist, möglicherweise doch darin gestanden war, auch wenn andere Elemente darauf hinweisen, dass er auf die kanonische Redaktion zurückgeht. Deutlich abgrenzender ist 1Kor 6,6: „Stattdessen wird ein Bruder mit dem andern gerichtet, und dies vor Ungläubigen (ἀπίστων).“ Hier wird kritisiert, dass Streitigkeiten nicht innergemeindlich geklärt werden, und es wird eine Abgrenzung formuliert, wie wir sie zuvor nur auf der kanonischen Ebene gelesen haben. Mt 13,57-58 bezieht „Unglaube“ allerdings auf das jüdische Umfeld, ja gar auf die Familie Jesu selbst (/ / Mk 6,4-6), wenn Jesus spricht: „57 Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat und in seiner Familie. 58 Und er wirkte dort nicht viele Machttaten wegen ihres Unglaubens (ἀπιστίαν).“ Das Verb steht in *Ev 24,11: „Aber wie Geschwätz schienen diese Worte vor ihnen, und sie glaubten ihnen nicht.“ 17 Und wenig später lesen wir es wieder in: *Ev 24,41 Lk 24,41 ἔτι δὲ ἀπιστούντων αὐτῶν εἶπεν αὐτοῖς, ῎Εχετέ τι βρώσιμον ἐνθάδε; ἔτι δὲ ἀπιστούντων αὐτῶν ἀπὸ τῆς χαρᾶς καὶ θαυμαζόντων εἶπεν αὐτοῖς, Ἔχετέ τι βρώσιμον ἐνθάδε; *Ev 24,41 Lk 24,41 Als sie aber noch ungläubig waren, sprach er zu ihnen: „Habt Ihr etwas zu essen hier? “ Als sie es aber vor Freude immer noch nicht glauben konnten und sich verwun‐ derten, sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier? An den beiden Stellen, an denen das Verb verwendet wird, erfahren wir: trotz des Unglaubens der Apostel (der auf der kanonischen Ebene allerdings zu einem „vor Freude immer noch nicht glauben“ Können in der Schärfe gemindert wird) erscheint der Herr den Emmausjüngern, und obwohl auch sie nicht glaubten, offenbart er sich ihnen. Erstaunlicherweise begegnen Verb und Nomen an keiner weiteren Stelle in Lk, außer an den Parallelstellen der Verse von *Ev. Das Verb findet sich noch in zwei Versen in Mk, jedoch lediglich in dem längeren Markusschluss (Mk 16,11. 16), was einen Hinweis dafür bietet, dass wir es hier §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 529 <?page no="530"?> bereits mit der Harmonisierungstendenz der zweiten kanonischen Redaktion bei der Überarbeitung der Evangelien für die größere Sammlung zu tun haben. Mk 16,11 erinnert an *Ev 24,11 / / Lk 24,11 (*Ev 24,11, vgl. kurz zuvor; Lk 24,11: „Doch die Apostel hielten diese Reden für Geschwätz und glaubten ihnen nicht.“): „Als sie hörten, er lebe und sei von ihr gesehen worden, glaubten sie es nicht (ἠπίστησαν).“ Dazu passt auch die Verwendung des Nomens in Mk 16,14: „Später erschien Jesus den Elf selbst, als sie bei Tisch waren; er tadelte ihren Unglauben (ἀπιστίαν) und ihre Verstocktheit, weil sie denen nicht glaubten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten.“ Dem schließt sich wenig später mit dem Missionsauftrag Jesu dessen Drohwort an in Mk 16,16: „Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt (ἀπιστήσας), wird verurteilt werden.“ Sowohl der längere Markusschluss wie die Rede vom sich Taufen lassen deuten auf die Zeit um Irenäus hin und sprechen für Änderungen der zweiten kanonischen Redaktion. Beim kanonischen Paulus begegnet das Verb Röm 3,3 in der Thematisierung des Schicksals der Juden: „Denn was ist, wenn einige nicht gläubig waren (ἠπίστησάν)? Wird ihre Untreue die Treue Gottes aufheben? “ Diesen Juden hält Paulus das Beispiel Abrahams entgegen (Röm 4,20): „Er zweifelte aber nicht im Unglauben (ἀπιστίᾳ) an der Verheißung Gottes, sondern wurde stark im Glauben, indem er Gott die Ehre erwies.“ In seiner grundlegenden Reflexion zum Schicksal der Juden gehört dieser Begriff zum zentralen Inventar (Röm 11,20-23): „20 Richtig! Um ihres Unglaubens willen sind sie ausgebrochen worden, du aber stehst durch den Glauben. Sei nicht hochmütig, sondern fürchte dich! 21 Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, wird er auch dich nicht verschonen. 22 Sieh nun die Güte und die Strenge Gottes: Gegen die Gefallenen Strenge, gegen dich aber Gottes Güte, wenn du an der Güte bleibst; sonst wirst auch du abgehauen werden. 23 Aber auch jene, wenn sie nicht im Unglauben verharren, werden eingepfropft werden; denn Gott vermag, sie wiederum einzupfropfen.“ Auch wenn hier von Güte Gottes die Rede ist, bezieht diese sich doch auf die angeredeten Christen, während sich die Strenge, wie zuvor schon für die kanonische Version als Charakteristikum vermerkt, gegenüber den Juden geäußert wird. In diesen kanonischen Diskurs passt auch der Praxapostolos. Zunächst liest man von der Differenz derer, die glauben und denen die ungläubig blieben in Apg 28,24, wo von den Juden, die intensiv von Paulus unterrichtet wurden gegen Ende der Apg gesagt wird: „Die einen ließen sich durch seine Worte überzeugen, die andern blieben ungläubig (ἠπίστουν).“ Dann macht 1Petr 2,6-8 den Unterschied deutlich zwischen denen, die glauben und 530 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="531"?> denen die Ehre gilt, einen auserwählten Stein zu besitzen, und den anderen, „die nicht glauben“ und die sich nicht nur an diesem Stein stoßen, ja durch ihn sogar „zu Fall“ kommen - ja, dieser Fall sei sogar deren Bestimmung: „6 Denn es heißt in der Schrift: Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, einen Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde. 7-Euch, die ihr glaubt, gilt diese Ehre. Für jene aber, die nicht glauben, ist dieser Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden, 8 zum Stein, an den man anstößt, und zum Felsen, an dem man zu Fall kommt. Sie stoßen sich an ihm, weil sie dem Wort nicht gehorchen; doch dazu sind sie bestimmt.“ In den Pastoralbriefen wird Paulus selbst zum Beispiel für den jüdischen Unglauben, aus dem er allerdings befreit wurde (1Tim 1,13): „Obwohl ich früher ein Lästerer, Verfolger und Frevler war. Aber ich habe Erbarmen gefunden, denn ich wusste in meinem Unglauben (ἀπιστίᾳ) nicht, was ich tat.“ Wer mit den Ungläubigen in 1Tim 5,8 gemeint ist, ist nicht sofort klar, doch in Folge des zuvor Zitierten und des nachfolgenden Zitats können wiederum am ehesten Gemeindemitglieder gemeint sein: „Wenn aber jemand für seine Ange‐ hörigen, besonders für die eigenen Hausgenossen, nicht sorgt, der verleugnet damit den Glauben und ist schlimmer als ein Ungläubiger (ἀπίστου).“ Auch 2Tim 2,13 kommt auf Unglauben (im Sinne von Untreue) zu sprechen und bezieht diesen auf die eigene Haltung und die der Angeredeten: „Wenn wir untreu (ἀπιστοῦμεν) sind, bleibt er doch treu, / denn er kann sich selbst nicht verleugnen.“ Die klare Abgrenzung von Juden und Gemeindemitgliedern, die sich „an jüdische Fabeleien … und an Gebote von Menschen“ halten, nimmt Tit 1,13-14 vor: „13 Unser Zeugnis ist wahr. Darum weise sie streng zurecht, damit sie im Glauben gesund werden 14 und sich nicht mehr an jüdische Fabeleien halten und an Gebote von Menschen, die sich von der Wahrheit abwenden! 15 Für die Reinen ist alles rein; für die Unreinen und Ungläubigen (ἀπίστοις) aber ist nichts rein, sogar ihr Denken und ihr Gewissen sind unrein.“ Herauszustellen ist, dass wie bereits zuvor auf der kanonischen Ebene in 1Kor 14,23-25 die kanonische Redaktion den Ungläubigen nicht als Heide, sondern innergemeindlich konnotiert hat, so wird er auch hier zusätzlich als Unreiner spezifiziert. Im Kontext der Abgrenzung gegenüber dem untreuen Israel, das „in die Irre geht“ und nicht in „das Land der Ruhe“ gelangen kann, formuliert Hebr 3,12: „Gebt Acht, Brüder und Schwestern, dass keiner von euch ein böses, ungläubiges (ἀπιστίας) Herz hat, dass keiner vom lebendigen Gott abfällt.“ Für §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 531 <?page no="532"?> Israel hingegen gilt (Hebr 3,19): „Und wir sehen, dass sie nicht hineinkommen konnten wegen ihres Unglaubens (ἀπιστίαν).“ Die Apk (Apk 21,8) ist nicht auf Juden und Christen fokussiert, sondern auf Gläubige und Ungläubige überhaupt, zwischen denen die Differenz von Heil und Fluch, von Leben und zweitem Tod steht: „Aber die Feiglinge und Ungläu‐ bigen (ἀπίστοις), die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner - ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein. Dies ist der zweite Tod.“ Auch wenn die semantische Breite auf der kanonischen Ebene größer als auf der vorkanonischen ist, lassen sich doch wiederum einerseits deutliche Über‐ einstimmungen auf vorkanonischer Ebene zwischen *Ev und *Paulus erkennen und eine Veränderung der Semantik von der vorkanonischen zur kanonischen Ebene nachzeichnen. ἀποκρύπτω ist gleich drei Mal für die vorkanonische Ebene bezeugt, es steht nur vier Mal im Neuen Testament (Lk 10,21; 1Kor 2,7; Eph 3,9; Kol 1,26): *Ev 10,21; *1Kor 2,7 und *Laod 3,9. An der ersten Stelle besteht folgender Befund: *Ev 10,21 Lk 10,21 1 Ἐν ἐκείνῳ τῷ καιρῷ ἠγαλλιάσατο ἐν τῷ πνεύματι καὶ εἶπεν, Εὐχαριστῶ σοι, κύριε τοῦ οὐρανοῦ, ὅτι ἀπέκρυψας ταῦτα ἀπὸ σοϕῶν καὶ συνετῶν, καὶ ἀπεκάλυψας αὐτὰ νηπίοις· ναί, ὁ πατήρ, ὅτι οὕτως εὐδοκία ἐγένετο ἔμπροσθέν σου. Ἐν αὐτῇ τῇ ὥρᾳ ἠγαλλιάσατο [ἐν] τῷ πνεύματι τῷ ἁγίῳ καὶ εἶπεν, Ἐξομολογοῦμαί σοι, πάτερ, κύριε τοῦ οὐρανοῦ καὶ τῆς γῆς, ὅτι ἀπέκρυψας ταῦτα ἀπὸ σοφῶν καὶ συνετῶν, καὶ ἀπεκάλυψας αὐτὰ νηπίοις: ναί, ὁ πατήρ, ὅτι οὕτως εὐδοκία ἐγένετο ἔμπροσθέν σου. *Ev 10,21 Lk 10,21 In jener Zeit jubelte er über den Geist und sprach: „Ich danke dir, Herr des Him‐ mels, denn du hast das, was vor den Weisen und Verständigen verborgen war, den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, denn so hat es Dir wohlgefallen. In dieser Stunde rief Jesus, vom Heiligen Geist erfüllt, voll Freude aus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, denn du hast das, was vor den Weisen und Klugen verborgen war, den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, denn so hat es Dir wohlgefallen. In diesem Vers sind mehrere Abweichungen festzustellen. Für unseren Zusam‐ menhang von Bedeutung ist die Hinzufügung „und der Erde“, hatte doch Markion diese Erde nicht als das Eigentum des vor der Erscheinung Christi 532 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="533"?> 18 Vgl. weiter oben S.-526. verborgenen und transzendenten Gottes, sondern als Produkt und Eigentum des jüdischen Schöpfergottes betrachtet. Dem entgegen hielt Tertullian wie vor ihm schon die kanonische Redaktion an der Identität des Schöpfergottes und Vaters des von Christen verehrten Messias Jesus Christus fest. Das Thema Verborgenheit war folglich ein zentrales für Markion und die vorkanonische Redaktion, denn es erläuterte, dass vor Christi Erscheinung und Offenbarung niemand von Gott noch von seinem Messias noch von seinem Heilsplan etwas wissen konnte. Darum waren für Markion auch weder Thora noch Propheten irgendwelche Offenbarungsträger. Die Menschen, die die Offenbarung empfangen, sind allesamt „Unmündige“ - es gibt also keine Auserwählten, die irgendeinen Vorteil gegenüber anderen Menschen hätten. Die kleine Änderung, dass der Vater auch Herr der Erde ist, besitzt also mehr als nur ein kleines Gewicht. In der Parallelstelle Mt 11,25-26 wird die obige Aussage wiederholt, allerdings begegnet nicht mehr das durch ἀπό verstärkte Kompositum, sondern das schlichte κρύπτω: „25 In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen (ἔκρυψας) und es den Unmündigen offenbart hast. 26-Ja, Vater, so hat es dir gefallen.“ Mt übernimmt fast wörtlich den Vers aus *Ev, wobei er lediglich ἐξομολογοῦμαί σοι anstelle von εὐχαριστῶ σοι schreibt, doch auch er nimmt „und der Erde“ auf wie die kanonische Redaktion in Lukas. Wir dürfen also davon ausgehen, dass dieser Zusatz in der zweiten kanonischen Redaktion aufgenommen wurde, als die vier Evangelien, wie die synoptische Anlage zeigt, zu einer Teilsammlung zusammengebracht und damit teilharmonisiert wurden. Im selben Evangelium erhält das Verb, erneut als einfaches κρύπτω, dann noch eine negative Konnotation, es gilt als Ausdruck des faulen und untreuen Dieners, der seine Talente nicht wachsen lässt, sondern sie in einen Acker vergräbt, Mt 25,18: „Der aber, der das eine Talent erhalten hatte, ging und grub ein Loch in die Erde und versteckte (ἔκρυψεν) das Geld seines Herrn.“ Zu dem Verb gibt es eine Variante, denn ἀποκρύπτω findet sich in den Zeugen 017, 032, 036, 038, f1.13, 565, 579, 1241, 1424, M, während das verbum simplex bezeugt wird durch 01, 02, 03, 04, 05, 019, 33, 700, 892, l 844, l 2211. Wie bereits weiter oben zu ὀλιγοπιστίαν 18 vermerkt, bietet ein Gutteil derselben Zeugen, die hier ἀποκρύπτω bieten, auch dort eine Variante (ἀπιστίαν), die eine vorkanonische Nähe darstellen. Sowohl hier wie dort dürften die Korrekturen erst durch die §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 533 <?page no="534"?> 19 Vgl. zu diesem Thema die Rekonstruktion in Teil II, S. 389, 393. 20 Vgl. auch die Parallelstelle Kol 1,25-26, die ähnlich Eph 3,9 eine inhaltliche Korrektur an der vorkanonischen Version darstellt, indem sie das strittige (ἐν) τῷ θεῷ auslässt. zweite kanonische Redaktion in den Text gelangt sein, als die größere Sammlung des Irenäus als Gegensammlung zur vorkanonischen zusammengebracht wurde. NA 28 folgt an beiden Stellen der Handschriftentradition, welche die ältere Variante bietet - und das, obwohl in NA 28 ein Neues Testament als Sammlung geboten und keine Einzelschriften reproduziert werden. 19 Auch im vorkanonischen Paulus begegnet das Verb: *1Kor 2,7 1Kor 2,7 ἀλλὰ λαλῶ θεοῦ σοφίαν ἐν μυστηρίῳ, τὴν ἀποκεκρυμμένην, ἣν προώρισεν ὁ θεὸς πρὸ τῶν αἰώνων εἰς δόξαν ἡμῶν: ἀλλὰ λαλοῦμεν θεοῦ σοφίαν ἐν μυστηρίῳ, τὴν ἀποκεκρυμμένην, ἣν προώρισεν ὁ θεὸς πρὸ τῶν αἰώνων εἰς δόξαν ἡμῶν: *1Kor 2,7 1Kor 2,7 Doch spreche ich von der Weisheit Gottes im Geheimnis, die verborgene, die Gott vor allen Zeiten voraus‐ bestimmt hat zu unserer Verherrli‐ chung. Vielmehr verkünden wir die Weisheit Gottes im Geheimnis, die verborgene, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung. Die kanonische Redaktion hat bei diesem Vers die vorkanonische Vorlage fast vollständig übernommen, und wie bereits in *Ev wird auf die Verborgenheit von Gottes Plan und Weisheit hingewiesen. Die Weisheit war von Gott voraus‐ bestimmt, doch sie war niemandem offenkundig. Und selbst jetzt noch heißt es, dass die Weisheit als eine solche „im Geheimnis“ verkündet wird. An keiner weiteren Stelle in einem der sieben Paulusbriefe ist von dieser Verborgenheit die Rede. Sie findet sich erst wieder in zwei Deuteropaulinen, *Laod/ Eph und Kol. *Laod 3,9 (/ / Eph 3,9) heißt es, dass Paulus die Gnade zuteil geworden sei: 20 *Laod 3,9 Eph 3,9 καὶ φωτίσαι πάντας τίς ἡ οἰκονομία τοῦ μυστηρίου τοῦ ἀποκεκρυμμένου ἀπὸ τῶν αἰώνων τῷ θεῷ τῷ τὰ πάντα κτίσαντι. καὶ φωτίσαι [πάντας] τίς ἡ οἰκονομία τοῦ μυστηρίου τοῦ ἀποκεκρυμμένου ἀπὸ τῶν αἰώνων ἐν τῷ θεῷ τῷ τὰ πάντα κτίσαντι 534 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="535"?> 21 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 18,1-2. 22 *Ev 12,20: εἶπεν δὲ αὐτῷ ὁ θεός, Ἄϕρων, ταύτῃ τῇ νυκτὶ τὴν ψυχήν σου ἀπαιτήσουσιν ἀπὸ σοῦ· ἃ δὲ ἡτοίμασας, τινὸς ἔσται. *Laod 3,9 Eph 3,9 Und allen (zu) entbergen, was die Verwirklichung des geheimen Rat‐ schlusses beinhaltet, der von Ewigkeit her dem Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war. (zu) enthüllen, was die Verwirklichung des geheimen Ratschlusses beinhaltet, der von Ewigkeit her in Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war. Tertullian weist zur *Laod-Stelle ausdrücklich darauf hin, 21 dass Markion die Präposition „in“ kassiert und damit dem ganzen Vers einen völlig anderen Sinn gegeben habe. Drehen wir die Bearbeitungsrichtung um, erkennen wir in Tertullians Angabe das Vorgehen der kanonischen Redaktion. Diese hat an diesem Vers wiederum nur eine winzige Änderung vorgenommen, doch dadurch diesem eine nicht- oder vielmehr antimarkionitische Ausrichtung gegeben. Während die vorkanonische Version wie auch in *Ev von der grundsätzli‐ chen Verborgenheit von Gottes Ratschluss ausgeht, welcher dem jüdischen Schöpfergott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war (und damit auch in dessen Thora und seinen Propheten nicht zur Offenbarung gelangen konnte), bietet die kanonische Redaktion die Korrektur durch die Hinzufügung des „in“, so dass der Ratschluss nun gerade in diesem jüdischen Schöpfergott verborgen war. Dass wir es jedoch mit einer kanonischen Redaktion und nicht mit einem ursprünglichen Gedanken derselben zu tun haben, erweist gerade das Verb ἀποκρύπτω. Wäre es nicht ein typisches Lexem der vorkanonischen Version, wieso ist es dann gleich drei Mal auf dieser Ebene bezeugt, während es sich nur an den Parallelstellen (und jeweils mit inhaltlich bedingten Textkorrekturen) an den kanonischen Parallelstellen begegnet, sonst jedoch nicht auf dieser Ebene. Der verborgene Ratschluss Gottes ist eben kein typisch kanonischer Gedanke, sondern ein adoptierter und dann auch nur adaptierter, der nolens volens auf kanonischer Ebene mitgenommen wird. Diese Beobachtung stützt erneut eine Bearbeitungsrichtung vorkanonisch > kanonisch. ἄϕρων ist ein in der kanonischen Sammlung rarer Begriff (er begegnet 11 Mal im Neuen Testament), doch er ist sowohl für *Ev wie *Paulus bezeugt. *Ev 12,20 lesen wir: „Gott aber sprach zu ihm: „Du Narr! In dieser Nacht wird man deine Seele von dir fordern. Was du angehäuft hast - wem wird es gehören? “ 22 §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 535 <?page no="536"?> 23 Ob das auf der kanonischen Ebene in Lk 9,39 begegnende ἀφρός mit dem Nomen verwandt ist, ist unklar, das Adjektiv könnte vielleicht auch vorkanonisch in *Ev gestanden sein: λαμβάνει γὰρ αὐτὸν ἐξαίϕνης πνεῦμα καὶ ρήσσει καὶ σπαράσσει μετὰ ἀϕροῦ καὶ μόγις ἀποχωρεῖ ἀπ‘ αὐτοῦ συντρῖβον αὐτόν („Es packt ihn nämlich plötzlich ein Geist und reißt ihn und lässt ihn zucken mit Schaum; fast nie lässt er von ihm ab und schlägt ihn in Stücke“), so M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 765. 24 Vgl. hierzu M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion (2018). Interessanterweise findet sich dasselbe Schimpfwort auch in *1Kor 15,36: „Du Narr! Auch das, was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht vorher stirbt.“ Nun ist nicht nur das Schimpfwort als Anrede parallel zu *Ev, es steht auch noch in einem semantisch parallelen Kontext von Loslassen von Besitz. 23 In ganz anderem Kontext und nicht in Anrede, sondern in einer Selbstverteidigung verwendet der kanonische Paulus in zwei Versen von 2Kor 12 den Begriff, um abzuweisen, er sei ein „Narr“: „Denn wenn ich mich rühmen wollte, so wäre ich kein Narr (ἄφρων), denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich dessen aber, damit niemand höher von mir denke, als was er an mir sieht oder von mir hört“ (2Kor 12,6). Wenig später, 2Kor 12,11 sagt er: „Ich bin ein Narr (ἄφρων) geworden; ihr habt mich dazu gezwungen. Denn ich hätte von euch empfohlen werden sollen. Denn ich bin in nichts geringer gewesen als die überragenden Apostel, obwohl ich nichts bin.“ Hieraus lässt sich schließen, dass wir erneut einer konsistenten Lexik und Semantik auf der vorkanonischen Ebene von *Ev und *Paulus begegnen, die sich deutlich von derjenigen der kanonischen Ebene unterscheidet. Nun ließen sich noch weitere Charakteristika in dieser Hinsicht anführen, doch ich verweise nur noch auf einige wenige: Gemeinsam ist *Ev und *Paulus etwa die spärlichere Verwendung und Bezugnahme auf Ἀβραάμ, die auf der kanonischen Ebene häufig erfolgt. Wie Tertullian ausdrück‐ lich herausstellt, ist dies nicht nur ein Merkmal von *Ev, sondern auch von *Paulus und Klinghardt hat dieses Phänomen als Merkmal der kanonischen Redaktion näher behandelt. 24 οὐαί steht 46 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,24. 25. 26; 11,42. 43. 46. 47; 17,1; 22,22, ansonsten auf der kanonischen Ebene stehend in Mt 11,21; 18,7; 23,13. 14. 15. 16. 23. 25. 27. 29; 24,19; 26,24; Mk 13,17; 14,21; Lk 6,24. 25. 26; 10,13; 11,42. 43. 44. 46. 47. 52; 17,1; 21,23; 22,22; 1Kor 9,16; Jud 1,11; Apk 8,13; 9,12; 11,14; 12,12; 18,10. 16. 19. Der Befund zeigt: das οὐαί, das nur an einer Stelle im kanonischen Paulus steht, ist kaum typisch für die kanonische Redaktion der Paulusbriefe, sondern 536 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="537"?> 25 Zur herausragenden Bedeutung von „Wahrheit“ in den markionitischen Prologen der *Briefe, vgl. die Rekonstruktion. von dieser aus der vorkanonischen Vorlage von *Ev übernommen und an einigen wenigen weiteren Stellen, insbesondere an Parallelstellen bei Mt und Mk, eingepflegt worden. Dass es 1Kor 9,16 steht, ist eher ein Hinweis darauf, dass dieser Vers, der für die vorkanonische Fassung unbezeugt ist, möglicherweise im vorkanonischen Text gestanden war. Eigentümlich ist auch die Konstruktion οὐαί + γάρ, die überhaupt nur an dieser Stelle im Neuen Testament begegnet und erneut auf eine vorkanonische Präsenz derselben hindeutet. Eine Reihe weiterer Charakteristika der vorkanonischen Redaktion ergeben sich ex negativo aus den weiter unten aufzuführenden Charakteristika der kanonischen Redaktion. b. Unterschiede An dieser Stelle soll jedoch zunächst die Gegenprobe gemacht werden und nach den lexikalischen und semantischen Differenzen zwischen *Ev und *Paulus gefragt werden. Wie wir eingangs zu diesem Paragraphen vermerkt haben, be‐ sitzen *Ev und *Paulus je etwa zu gleichen Anteilen auch einen Eigenwortschatz, den sie nicht miteinander teilen. Nachdem Funktionsbegriffe bereits weiter oben behandelt wurden, geht es im Folgenden um den weiteren Wortschatz. Anders als bei den Gemeinsamkeiten ist hier vor allem auf solche Begriffe zu achten, die eher häufig im Neuen Testament stehen (etwa mit einer Häufigkeit von 50+) und auch mehr als an einer Stelle vorkanonisch vorkommen, weil deren Absenz in *Ev bzw. *Paulus uns möglicherweise einen Aufschluss über unterschiedliche Sprache und Lexik derselben gibt. Erneut beschränken wir uns auf Begriffe, die mit α beginnen, zugegeben, eine kleine Auswahl, die jedoch leicht verbreitert werden kann. Beginnen wir mit *Paulus: ἀλήθεια steht über 100 Mal auf der kanonischen Ebene, ist hingegen vorkano‐ nisch nur für *Paulus bezeugt. 25 In *Gal 2,14 ist der Begriff Teil der Kritik an Petrus und den Leuten, die von Jakobus kamen: „Aber dass sie nicht geradlinig auf die Wahrheit des Evangeliums zugingen, warf ich dem Petrus vor.“ Zu *Kol 1,5-6 vergleiche: §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 537 <?page no="538"?> *Kol 1,5-6 Kol 1,5-6 διὰ τὴν ἐλπίδα τὴν ἀποκειμένην ἐν τοῖς οὐρανοῖς, ἣν ἠκούσατε ἐν τῷ λόγῳ τῆς ἀληθείας τοῦ εὐαγγελίου 6 τοῦ παρόντος εἰς ὑμᾶς, καθὼς καὶ ἐν παντὶ τῷ κόσμῳ ἐστὶν· διὰ τὴν ἐλπίδα τὴν ἀποκειμένην ὑμῖν ἐν τοῖς οὐρανοῖς, ἣν προηκούσατε ἐν τῷ λόγῳ τῆς ἀληθείας τοῦ εὐαγγελίου 6 τοῦ παρόντος εἰς ὑμᾶς, καθὼς καὶ ἐν παντὶ τῷ κόσμῳ ἐστὶν καρποφορούμενον καὶ αὐξανόμενον καθὼς καὶ ἐν ὑμῖν, ἀφ’ ἧς ἡμέρας ἠκούσατε καὶ ἐπέγνωτε τὴν χάριν τοῦ θεοῦ ἐν ἀληθείᾳ· *Kol 1,5-6 Kol 1,5-6 5-wegen der Hoffnung, die bereitliegt im Himmel, von der ihr gehört habt durch das Wort der Wahrheit des Evangeliums, 5 wegen der Hoffnung, die für euch bereit‐ liegt im Himmel, von der ihr zuvor gehört habt durch das Wort der Wahrheit des Evangeliums, 6-das zu euch gekommen ist, wie es auch in der ganzen Welt ist. 6 das zu euch gekommen ist, wie es auch in der ganzen Welt Frucht bringt und wächst, so auch unter euch, von dem Tag an, da ihr es gehört und die Gnade Gottes in Wahrheit erkannt habt. Der Vergleich unterstreicht die Hinordnung der Wahrheit auf die Adressaten durch die kanonische Redaktion (Zusatz: „für euch“ und der Zusatz am Ende von Vers 6), während vorkanonisch zwar die Adressaten angeredet werden, doch gerade die Tatsache, dass das Wort der Wahrheit „in der ganzen Welt ist“, die Hauptaussage darstellt. *Laod 1,13 (/ / Eph 1,13) lautet: „In ihm seid auch ihr, als ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium eures Heils, gehört habt und geglaubt habt, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung.“ In *Laod 6,14 (/ / Eph 6,14) finden wir auch: „Steht nun, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit und angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit.“ Trotz der klaren Trennung zwischen den Aposteln, die nicht auf die Wahrheit zusteuern bzw. solchen, die nicht die Wahrheit, sondern Täuschung verkünden, erklärt *Paulus zwischen Resignation und Zuversicht in *Phil 1,18 (/ / Phil 1,18): „Jedenfalls wird Christus verkündigt, sei es aus Vorwand oder in Wahrheit, und darüber freue ich mich.“ Dies steht in starkem Kontrast zu der Haltung, die die vorkanonische Version dem Messias des jüdischen Gottes zuschreibt (*2Thess 2,9-12; / / 2Thess 2,9-12): „9 Er wird bei seiner Ankunft die Kraft des Satans haben mit aller Macht und Zeichen und Wundern der Lüge 10 und mit allem Trug der Ungerechtigkeit bei 538 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="539"?> denen, die verloren gehen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht annahmen, um gerettet zu werden. 11 Darum lässt er sie der Macht des Irrtums verfallen, dass sie der Lüge glauben, 12 damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Gefallen fanden an der Ungerechtigkeit.“ Diesen Versen setzt die kanonische Redaktion die vorkanonisch unbezeugten Verse hinzu: „13 Wir aber sind Gott allezeit zu dank verpflichtet, Brüder, die vom Herrn geliebten, dass Gott euch von Anfang an erwählte zur Rettung durch die Heiligung des Geistes und Glauben an die Wahrheit, 14 wozu er euch durch unser Evangelium berief, um den Ruhm unseres Herrn Jesus Christus zu erlangen.“ (2Thess 2,13-14) Wie Tertullian bezieht die kanonische Redaktion die zitierten Verse 9-12 auf den Christus des jüdischen Schöpfergottes, den sie mit dem von den Christen verehrten Gott identifiziert. Damit wird diesem das Richten und Urteilen über diejenigen anheimgegeben, die der Wahrheit nicht geglaubt haben. Die Nähe der Stellen *Gal 2,14; *Kol 1,5-6; *Laod 1,13; *Phil 1,18 und an letztere sich anschließend *2Thess 2,9-12 ist unübersehbar, denn in ihnen wird Wahrheit unmittelbar auf das Evangelium und die wahre Lehre bezogen. Es fällt lediglich *Laod 6,14 aus diesen Stellen heraus, ein Vers, der mit der Abgrenzungsintention eher auf die kanonischen Verse 2Thess 2,13-14 verweist. Dieser Befund deutet an, dass der Sprachgebrauch hier auf km Laod 6,14 zurückzuführen ist und der vorkanonischen Redaktion bereits als Vorlage diente. Die Kombination von Wahrheit und Evangeliumsverkündigung wie in den anderen genannten Stellen begegnet nicht in Lk, wo an drei Stellen, an denen das Nomen steht, es jeweils in eine andere formelhafte Wendung eingebunden ist, die wiederum in *Paulus nicht anzutreffen ist: ἐπ' ἀληθείας (Lk 4,25; 20,21; 22,59). Nachdem diese drei Stellen für *Ev unbezeugt sind, scheint diese Formulierung auf die kanonische Redaktion zurückzugehen, das Nomen also tatsächlich in *Ev abwesend zu sein. Für Lk hingegen ist es von Bedeutung, dass Jesus darauf besteht, dass er „bei der Wahrheit“ spricht. Auch in Mt hat Wahrheit für die Rede Jesu eine große Bedeutung. In Mt 22,16 lesen wir: „Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du wahr bist (ἀληθὴς εἶ) und in Wahrheit (ἀληθείᾳ) den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person.“ Gleich doppelt wird hier von wahrhaft sein bzw. in der Wahrheit lehren herausgestellt, auch wenn es die einzige Stelle in Mt ist, wo von Wahrheit gehandelt wird. Teilweise wörtlich identisch liest man in der Parallelstelle Mk 12,14: „Sie kamen zu ihm und sagten: §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 539 <?page no="540"?> 26 Joh 1,17: ὅτι ὁ νόμος διὰ Μωϋσέως ἐδόθη, ἡ χάρις καὶ ἡ ἀλήθεια διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ ἐγένετο. 27 Röm 9,1: Ἀλήθειαν λέγω ἐν Χριστῷ, οὐ ψεύδομαι, συμμαρτυρούσης μοι τῆς συνειδήσεώς μου ἐν πνεύματι ἁγίῳ („Ich sage die Wahrheit in Christus, ich lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im Heiligen Geist“). Meister, wir wissen, dass du wahr bist (ἀληθὴς εἶ) und auf niemanden Rücksicht nimmst; denn du siehst nicht auf die Person, sondern lehrst bei der Wahrheit (ἐπ’ ἀληθείας) den Weg Gottes …“ Diese letzte Formulierung (ἐπ’ ἀληθείας) verrät bereits den formelhaften Gebrauch, der uns in Lk begegnet ist. Mk lässt dann auch die Schriftgelehrten das wahre Reden Jesu bestätigen, Mk 12,32: „Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Bei der Wahrheit (ἐπ’ ἀληθείας) hast du gesagt: Er allein ist der Herr und es gibt keinen anderen außer ihm.“ Es geschieht erneut mit der Formel ἐπ’ ἀληθείας. Eher beläufig fällt der Begriff in Mk 5,33 steht: „Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit (ἀλήθειαν).“ Bei Johannes avanciert das Nomen zu einem Zentralbegriff. Er steht bereits Joh 1,14: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit (ἀληθείας).“ „Wahrheit“ zieht sich schließlich durch einen Gutteil dieses Evangeliums und dient zunächst auch zur Antithese von Gesetz/ Mose gegenüber Gnade/ Wahrheit/ Jesus Christus ( Joh 1,17), 26 man vgl. weiter Joh 3,21; 4,23. 24; 5,33; 8,32. 40. 44. 45. 46; 14,6. 17; 15,26; 16,7. 13; 17,17. 19; 18,37. 38. Eine große Bedeutung besitzt der Wahrheitsbegriff auch in den drei johan‐ neischen Briefen wie überhaupt, wie unten zu sehen, im Praxapostolos. Denn die Formel ἐπ’ ἀληθείας findet sich wieder in Apg 4,27 zum Nachdruck des Gesagten: „Bei der Wahrheit, verbündet haben sich in dieser Stadt gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Stämmen Israels.“ So auch im Petrusbekenntnis, Apg 10,34: „Da begann Petrus zu reden und sagte: Bei der Wahrheit (Ἐπ' ἀληθείας), jetzt begreife ich, dass Gott nicht auf die Person sieht.“ Nur an einer Stelle findet sich das Nomen außerhalb der Formel, und zwar in der Selbstapologie des Paulus, der von sich behauptet, dass er Worte der Wahrheit und Besonnenheit spricht: „Paulus erwiderte: Ich bin nicht von Sinnen, erlauchter Festus; was ich sage, ist wahr (ἀληθείας) und vernünftig“ (Apg 26,25), was an Röm 9,1 erinnert. 27 Auch in den Petrusbriefen hat der Terminus Konjunktur. 1Petr 1,22: „Der Wahrheit (ἀληθείας) gehorsam, habt ihr euer Herz rein gemacht für eine aufrichtige geschwisterliche Liebe; darum hört nicht auf, einander von Herzen 540 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="541"?> zu lieben“, 2Petr 1,12: „Darum will ich euch immer daran erinnern, auch wenn ihr es schon wisst und in der Wahrheit (ἀληθείᾳ) gefestigt seid, die jetzt gegenwärtig ist“. Ähnlich wie in Mt, Mk liest man in Joh 14,6: „Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit (ἀλήθεια) und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ „Der Weg der Wahrheit“ wird zu einer Selbstbeschreibung der eigenen Identität in 2Petr 2,2: „Und ihren Ausschweifungen werden sich viele anschließen und ihretwegen wird der Weg der Wahrheit (ἀληθείας) in Verruf kommen.“ Innerhalb der sieben Briefe des Paulus steht der Begriff in den Gemeinde‐ briefen Röm, 1/ 2Kor, Gal und Phil, dann auch in den drei Deuteropaulinen, in den drei Pastoralbriefen und Hebr. Ohne auf all diese Stellen hier eingehen zu müssen, findet sich ein Bezug zur vorkanonischen Verwendung an folgenden Stellen, zunächst 2Kor 4,2: „sondern wir haben die Verborgenheit der Schande abgetan, indem wir nicht in einer List umherwandeln und das Wort Gottes nicht leiden lassen, sondern in der Offenkundigkeit der Wahrheit (ἀληθείας). So empfehlen wir uns jedem Gewissen der Menschen vor dem Angesicht Gottes.“ An dieser Stelle wird der kanonische Paulus zum Advokaten des in der kanonischen Sammlung vorgelegten Evangeliums wie auch der überarbeiteten Form der paulinischen Briefe, für die er selbstbestätigend „vor dem Angesicht Gottes“ und vor „jedem Gewissen der Menschen“ die Wahrheitsbestätigung abgibt. Diese liefert er auch für seinen Mitarbeiter Titus, 2Kor 7,14: „Denn wenn ich euch vor ihm gerühmt hatte, so brauchte ich mich nicht zu schämen, sondern, wie wir alles in Wahrheit (ἀληθείᾳ) zu euch geredet haben, so erwies sich auch unser Rühmen vor Titus als Wahrheit (ἀλήθεια).“ Auch wenn der Begriff an der nachfolgenden Stelle (1Kor 4,17), an der Paulus für Timotheus eintritt, nicht fällt, ist man doch unmittelbar an 2Kor 7,14 erinnert: „Deswegen habe ich euch Timotheus geschickt, der mein geliebtes und verlässliches Kind im Herrn ist, der euch erinnern wird an meine Wege in Christus Jesus, wie ich sie überall in allen Kirchen lehre.“ Mit diesen Zeugnissen werden nicht nur die Mitarbeiter gestärkt, es werden zugleich die an diese beiden Mitarbeiter adressierten sogenanten Postoralbriefe salviert. Was soviel Zeugniskraft vonnöten hat, verrät die Hand des Fälschers, und wer soviel Zeugnis aufführen muss, scheint noch höchst kritisch betrachtet worden zu sein. Nimmt man die hier versammelten Beispiele, ergibt sich eine deutliche Botschaft des *Paulus, die offenkundig in *Ev keinen gleichsprachigen Ausdruck gefunden hat. Das lässt sich - wie bei *Laod 6,14 in anderer Richtung - am ehesten als Übernahme der vorkanonischen Redaktion auf eine ihre zugrun‐ §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 541 <?page no="542"?> 28 Für den griechischen Text, vgl. die Rekonstruktion in Teil II. deliegende Vorlage zurückführen, sei es mündlich, sei es schriftlich. Die z.T. wörtlichen Wiederholungen über verschiedene Briefe hinweg sprechen eher für eine schriftliche Vorlage, was ein Hinweis darauf böte, dass der vorkanonischen Redaktion nicht nur die drei Briefe km Laod, km Kol und km 2Thess in einer Vorfas‐ sung vorlagen, sondern auch die sieben Briefe des Paulus. Dass diese Briefe als Sammlung der vorkanonischen Redaktion vorlagen (wenn auch nicht aus dem kanonischen Milieu), hat sich aufgrund der Beobachtungen zum Rückverweis in *Gal 5,21 nahegelegt. Ein weiterer Begriff ist ἀρχή. Dieser steht über 50 Mal im kanonischen Neuen Testament. Auf der vorkanonischen Ebene ist er bezeugt für *Gal und *Laod. Eine bereits auffallende Stelle ist *Gal 4,25-26. Was *Gal 4,25/ Gal 4,25 (und ein Stück aus *Gal 4,26/ Gal 4,26) betrifft, hat die kanonische Redaktion einen Tausch mit *Laod 1,21/ Eph 1,21 (und einem Stück von *Laod 1,22/ Eph 1,22) vorgenommen. In *Gal 4,25-26 heißt es: „25 das andere [scil. Testament] zeugt hoch über jegliche Hoheit, Macht und Herrschaft und (über) jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird, 26 - in welche heilige Kirche wir uns begeben haben, die unsere Mutter ist.“ 28 Die nächste vorkanonische Bezeugung findet sich dann tatsächlich in *Laod 3,10: „So soll den Hoheiten und Herrschaften des himmlischen Bereichs durch die Kirche die vielfältige Weisheit Gottes bekannt werden.“ Nur auf der kanonischen Ebene steht die teilweise parallele Formulierung Kol 1,16: „Denn in ihm ist alles erschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Mächte oder Gewalten; alles ist durch ihn und für ihn geschaffen.“ Was die vorkanonische Redaktion in *Gal formuliert, nämlich dass das Tes‐ tament über alle Hoheit hinaus zur Kirche führt, wird auf der kanonischen Ebene aus dem Zusammenhang in *Gal gelöst. Dort nämlich steht es als Antithese zwischen dem einen Testament, das in die Sklaverei führt, und dem anderen, das zur Offenbarung der Weisheit Gottes durch die Kirche führt. Im neuen Zusammenhang von Eph 1,21 ist die Antithese aufgelöst und die Aussage von *Gal wird zu einer christologischen Formulierung (Eph 1,20-21): „20 Er ließ sie wirksam werden in Christus, den er von den Toten auferweckt und im Himmel zu seiner Rechten erhoben hat, 21 hoch über jegliche Hoheit und Gewalt, Macht und Herrschaft und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird.“ 542 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="543"?> Man vergleiche hingegen den neuen Text, den die kanonische Redaktion in Gal 4,25-26 formuliert: *Gal 4,24-26 Gal 4,24-26 24 ἅτινά ἐστιν ἀλληγορούμενα: αὗται γάρ εἰσιν δύο διαθῆκαι, μία μὲν ἀπὸ ὄρους Σινᾶ, εἰς τὴν συναγωγὴν τῶν Ἰουδαίων κατὰ τὸν νόμον γεννῶσα εἰς δουλείαν, 24 ἅτινά ἐστιν ἀλληγορούμενα: αὗται γάρ εἰσιν δύο διαθῆκαι, μία μὲν ἀπὸ ὄρους Σινᾶ, εἰς δουλείαν γεννῶσα, ἥτις ἐστὶν Ἁγάρ. - 25 ἄλλη δὲ ὑπεράνω πάσης ἀρχῆς γεννῶσα καὶ δυνάμεως καὶ ἐξουσίας καὶ παντὸς ὀνόματος ὀνομαζομένου οὐ μόνον ἐν τῷ αἰῶνι τούτῳ, ἀλλὰ καὶ ἐν τῷ μέλλοντι, 25 τὸ δὲ Ἁγὰρ Σινᾶ ὄρος ἐστὶν ἐν τῇ Ἀραβίᾳ, συστοιχεῖ δὲ τῇ νῦν Ἰερουσαλήμ, δουλεύει γὰρ μετὰ τῶν τέκνων αὐτῆς. - 26 εἰς ἣν ἐπηγγειλάμεθα ἁγίαν ἐκκλησίαν, ἥτις ἐστὶν μήτηρ ἡμῶν. 26 ἡ δὲ ἄνω Ἰερουσαλὴμ ἐλευθέρα ἐστίν, ἥτις ἐστὶν μήτηρ ἡμῶν: *Gal 4,24-26 Gal 4,24-26 24-Das ist bildlich gesprochen: Diese (Frauen) bedeuten zwei Testamente. Das eine vom Berg Sinai, das in die Synagoge der Juden zeugt gemäß dem Gesetz, in die Sklaverei, 24-Das ist bildlich gesprochen: Diese (Frauen) bedeuten zwei Bundesschlüsse, der eine vom Berg Sinai, der zur Sklaverei gebiert; das ist Hagar, 25 das andere zeugt hoch über jegliche Hoheit, Macht und Herrschaft und (über) jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird, 25-doch Hagar steht für den Berg Sinai in Arabien, der aber das jetzige Jerusalem entspricht, denn es dient mit seinen Kin‐ dern als Sklaven, 26-in welche heilige Kirche wir uns begeben haben, die unsere Mutter ist. 26-doch das obere Jerusalem ist frei; das die Mutter von uns allen ist. Hier tritt auf der kanonischen Ebene eine neue Antithese anstelle der vorkano‐ nischen. Es dreht sich immer noch um Synagoge und Kirche, auch wenn Letztere nicht ausdrücklich mit Namen genannt wird, auch um Sklaverei und Freiheit, doch geht es jetzt um zwei Städte - „das jetzige Jerusalem“ und „das Jerusalem oben“. Was auf der kanonischen Ebene als christologische Aussage formuliert wird, beschreibt auf der vorkanonischen das Wesen der Kirche, nämlich eine Existenz jenseits aller Hoheit, aller religiösen (vgl. Lk 8,41, ein vorkanonisch unbezeugter Vers) oder weltlichen Autorität und politischen Herrschaft. Dem‐ gegenüber ist die kanonische Existenzweise mit dem Geborenwerden in das obere Jerusalem ausschließlich auf die Alternative zum irdischen Jerusalem §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 543 <?page no="544"?> 29 Vgl. M. Vinzent, Effectless Prophecy, Hatred between Shepherds and Elders, and Sacrifice to Beliar - The Great Despair of The Ascension of Isaiah (2021). 30 Lk 8,41: οὗτος ἄρχων τῆς συναγωγῆς ὑπῆρχεν. 31 Lk 18,18: Καὶ ἐπηρώτησέν τις αὐτὸν ἄρχων λέγων, Διδάσκαλε ἀγαθέ, τί ποιήσας ζωὴν αἰώνιον κληρονομήσω („Einer von den führenden Männern fragte ihn: Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? “). bezogen. Dass von diesem Jerusalem gesagt wird, es diene „mit seinen Kindern als Sklaven“, wird sich nicht nur auf die Versklavung durch das Gesetz beziehen, es wird auch nicht nur die Bildadaption der alttestamentlichen Hagar sein, sondern könnte auch die Tatsache reflektieren, dass in der Zeit nach 135 n. Chr. Juden nicht mehr die Macht über die eigene Stadt hatten, sondern aus ihrer eigenen Stadt verbannt waren und die Römer die eigentliche Herrschaft über Jerusalem übernommen hatten. Wie wir auch an der Hechalotliteratur ablesen können, entwickelte sich als Reaktion auf die jüdischen Kriege und die Okkupation Palästinas durch die Römer die sich ausbreitende Idee vom himmlischen Jerusalem und einem spirituellen Tempel. 29 Auf der kanonischen Ebene begegnet das Nomen in Lk 8,41 als Synagogen‐ vorsteher, 30 und zu vergleichen gilt: *Ev 12,11 Lk 12,11 ὅταν δὲ εἰσϕέρωσιν ὑμᾶς εἰς τὰς ἐξουσίας, μὴ προμεριμνᾶτε πῶς ἀπολογήσησθε ἢ τί εἴπητε ὅταν δὲ εἰσφέρωσιν ὑμᾶς ἐπὶ τὰς συναγωγὰς καὶ τὰς ἀρχὰς καὶ τὰς ἐξουσίας, μὴ μεριμνήσητε πῶς ἢ τί ἀπολογήσησθε ἢ τί εἴπητε: *Ev 12,11 Lk 12,11 Und wenn sie Euch vor die Machthaber führen, sorgt nicht im Voraus, wie ihr antworten sollt oder was ihr sprechen sollt. Und wenn sie Euch vor die Gerichte der Synagogen und vor die Herrscher und Machthaber führen, dann sorgt euch nicht, wie ihr euch verteidigen oder was ihr antworten oder was ihr sprechen sollt. Wie Tertullian bezeugt, spricht diese Stelle vorkanonisch lediglich von den Herrschaften, während die kanonische Redaktion unser Nomen wie in Lk 8,41 (/ / Mt 9,18; vgl. auch Joh 3,1) auch schon im Sinne der synagogalen Institution als Leitung einbringt. Ähnlich dürfte der Fall in Lk 18,18 liegen, auch wenn dort nicht angegeben wird, welche Art Leitung der fragende Mann hat - erneut fehlt diese Angabe in Tertullian und damit im ansonsten vorkanonisch bezeugten Vers. 31 544 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="545"?> 32 Joh 12,31: νῦν κρίσις ἐστὶν τοῦ κόσμου τούτου, νῦν ὁ ἄρχων τοῦ κόσμου τούτου ἐκβληθήσεται ἔξω („Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird die Hoheit dieser Welt hinausgeworfen werden“); 14,30: οὐκέτι πολλὰ λαλήσω μεθ’ ὑμῶν, ἔρχεται γὰρ ὁ τοῦ κόσμου ἄρχων: καὶ ἐν ἐμοὶ οὐκ ἔχει οὐδέν („Ich werde nicht mehr viel zu euch sagen; denn es kommt die Hoheit der Welt. Über mich hat er keine Macht“); 16,11: περὶ δὲ κρίσεως, ὅτι ὁ ἄρχων τοῦ κόσμου τούτου κέκριται (“… des Gerichts, weil die Hoheit dieser Welt gerichtet ist“). Zu vergleichen ist auch der zwar unbezeugte, aber möglicherweise doch vorkanonisch vorhandene Vers: *Ev 20,20 Lk 20,20 Καὶ ἀποχωρήσαντες ἀπέστειλαν ἐγκαθέτους ὑποκρινομένους ἑαυτοὺς δικαίους εἶναι, ἵνα ἐπιλάβωνται αὐτοῦ λόγου ὥστε παραδοῦναι αὐτὸν τῷ ἡγεμόνι. Καὶ παρατηρήσαντες ἀπέστειλαν ἐγκαθέτους ὑποκρινομένους ἑαυτοὺς δικαίους εἶναι, ἵνα ἐπιλάβωνται αὐτοῦ λόγου, ὥστε παραδοῦναι αὐτὸν τῇ ἀρχῇ καὶ τῇ ἐξουσίᾳ τοῦ ἡγεμόνος. *Ev 20,20 Lk 20,20 Und sie gingen fort und schickten Spitzel, die sich selbst verstellten, als ob sie ehrlich seien, um ihn bei seiner Rede zu ertappen, so dass sie ihn dem Statthalter übergeben könnten. Daher lauerten sie ihm auf und schickten Spitzel, die sich selbst verstellten, als ob sie ehrlich seien, um ihn bei seiner Rede zu ertappen, so dass sie ihn der Hoheit und der Herrschaft des Statthalters übergeben. Die vorkanonisch bereits vorhandene Kombination „Hoheit und Herrschaft“ wird auf der kanonischen Ebene häufiger verwendet, wie zu ersehen ist, scheint aber nicht der Sprache von *Ev zu entsprechen (so wenig wie der des Mk, der das Nomen nur im zeitlichen Sinn kennt). Erneut finden wir einen Hinweis darauf, dass ein vorkanonisch für *Paulus spezifischer Sprachgebrauch erst auf der kanonischen Ebene Nachwirkungen hinterlässt. Nachdem er noch nicht in *Ev stand, scheint er in den Deuteropau‐ linen auch erst über die Parallelstellen hinaus durch die kanonische Redaktion dort eingetragen worden zu sein. Als „Hoheit/ Herrscher dieser Welt“ ist das Nomen bekannt in Joh 12,31; 14,30 und 16,11. 32 Auch der kanonische Paulus benutzt das Nomen, so in Röm 8,38-39: „38 Denn ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Hoheiten (ἀρχαί), weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 39 weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf uns wird scheiden können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 545 <?page no="546"?> 33 Vgl. S.-498. 34 Jud 1,6: ἀγγέλους τε τοὺς μὴ τηρήσαντας τὴν ἑαυτῶν ἀρχὴν ἀλλὰ ἀπολιπόντας τὸ ἴδιον οἰκητήριον εἰς κρίσιν μεγάλης ἡμέρας δεσμοῖς ἀϊδίοις ὑπὸ ζόφον τετήρηκεν. Ähnlich liest man die Kombination von „Hoheit und Herrschaft“ wieder in 1Kor 15,24, einem unbezeugten, vielleicht aber vorkanonisch vorhandenen Vers, während die Verse 21-22 davor und Vers 25 vorkanonisch bezeugt sind: „dann das Ende, wenn er jede Hoheit, Herrschaft und Kraft entmachtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt.“ Man vergleiche eine Stelle, die wir bereits weiter oben angeführt hatten: 33 *Laod 6,12 Eph 6,12 Denn unser Kampf richtet sich gegen die Mächte, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die geistli‐ chen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen. Denn unser Kampf richtet sich nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte, gegen die Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen. Dieser Vergleichsvers unterstreicht, dass die vorkanonische Version wenig an der physischen Herrschaft, sondern vielmehr am Kampf gegen die spirituellen kosmischen Kräfte interessiert ist, während die kanonische Redaktion vom Kampf „gegen Menschen aus Fleisch und Blut“ spricht und die Hoheiten in diesen Bereich einordnet. Um diese geht es auch mit der bekannten hier zwei Mal benutzten Formel von „Hoheiten und Herrschaften“ in Kol 2,10. 15: „10 und ihr seid in ihm zur Fülle gebracht, der das Haupt jeder Herrschaft (ἀρχῆς) und Gewalt ist. … 15 Er hat die Mächte und Gewalten entwaffnet und sie öffentlich zur Schau gestellt, indem er in ihm über sie triumphierte.“ Auch in Tit 3,1 geht es mit derselben Formel um die realen Hoheiten: „Erinnere sie daran, sich den Hoheiten (ἀρχαῖς) und Herrschaften unterzuordnen und ihnen zu gehorchen und zu jedem guten Werk bereit zu sein.“ Im Praxapostolos ist „Hoheit“ an einer Stelle bekannt als engelhafte Macht, das Nomen wird aber ansonsten nur im zeitlichen Sinn gebraucht. 34 Hingegen kennt die Apk 1,5 die Hoheit Christi: „… und von Jesus Christus; er ist der treue Zeuge, der Erstgeborene der Toten, die Hoheit (ἄρχων) über die Könige der Erde. Ihm, der uns liebt und uns von unseren Sünden erlöst hat durch sein Blut.“ Die Durchsicht der Stellen lässt erkennen, dass ein vorkanonisch gebrauchter Begriff und sogar eine Formulierung in *Paulus, die semantisch geistige Mächte bezeichnet, auf kanonischer Ebene zu einer öfter wiederholten Formel erstarren, 546 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="547"?> 35 Bemerke die Korrektur zur Konkordanz im Appendix der Einleitung. allerdings mit einer semantischen Verschiebung hin zu den Realkräften dieser Welt, ähnlich wie die kanonische Redaktion bereits beim ersten Auftreten in *Gal die spiritualisierte Lesart verändert. Dass im gesamten Praxapostolos nicht die Formel begegnet und das Nomen mit einer Ausnahme - Jud, hier aber im spirituellen Sinn - eine andere Semantik als sonst auf dieser kanonischen Ebene aufweist, spricht dafür, dass dieser Textkomplex auf einen eigenen älteren Bestand zurückgeht, der dann kanonisch aufgenommen wurde, ohne dass es hier zu einer vollständigen Harmonisierung gekommen war, zumindest nicht, was den vorliegenden Begriff betrifft. Mit Blick auf die vorkanonische Ebene bestätigt sich der Befund, dass mit diesem Terminus ein eigenständiges Sprachelement des *Paulus vorliegt, das vermutlich aus einer Vorlage für die vorkanonische Redaktion stammt. Wechseln wir die Perspektive und gehen über zu *Ev: ἀπέρχομαι steht über 100 Mal in der kanonischen Sammlung. 35 Vorkanonisch bezeugt ist das Verb für *Ev 5,14; 22,7, für *Paulus ist es unbezeugt, und überhaupt findet sich das Verb auf der kanonischen Ebene nur zwei Mal belegt für Paulus: Gal 1,17 - wo im parallelen, wenn auch unbezeugten, Vers *Gal 1,17 vermutlich das verbum simplex stand; Röm 15,28, in einem Vers, der in der vorkanonischen Sammlung gefehlt hat. Für *Ev 5,14 vergleiche man: *Ev 5,14 Lk 5,14 καὶ αὐτὸς παρήγγειλεν αὐτῷ μηδενὶ εἰπεῖν, ἀλλὰ ἄπελθε, δεῖξον σεαυτὸν τῷ ἱερεῖ, καὶ προσένεγκε τὸ δῶρον ὃ προσέταξεν Μωϋσῆς, ἵνα εἰς μαρτύριον ᾖ τοῦτο ὑμῖν. καὶ αὐτὸς παρήγγειλεν αὐτῷ μηδενὶ εἰπεῖν, ἀλλὰ ἀπελθὼν δεῖξον σεαυτὸν τῷ ἱερεῖ, καὶ προσένεγκε περὶ τοῦ καθαρισμοῦ σου καθὼς προσέταξεν Μωϋσῆς, εἰς μαρτύριον αὐτοῖς. *Ev 5,14 Lk 5,14 Und er trug ihm auf, niemandem etwas zu sagen; vielmehr: „Geh weg! Zeige dich dem Priester und bring die Gabe dar, die Mose aufgetragen hat, damit dies für euch zum Zeugnis ist! “ Und er trug ihm auf, niemandem etwas zu sagen, sondern, indem er wegging: zeige dich dem Priester und bring das Reini‐ gungsopfer dar, wie es Mose angeordnet hat, zum Zeugnis für sie! Die kanonische Redaktion hat Eingriffe in diesem Vers vorgenommen. Was das Verb betrifft, wurde die Aufforderung in ein Partizip Aorist verändert, womit das §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 547 <?page no="548"?> 36 F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas Teilband 1: Lk 1,1---9,50 (1989), 241. 37 Auf den stehengebliebenen falschen Rückverweis von Lk 4,23 wurde bereits verwiesen, vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 160. Der Erklärungsversuch, dies auf eine „komplizierte rhetorische Gestaltung“ zurückzu‐ führen, die „fiktiv auf eine Situation“ in der Zukunft verweist, erscheint mir schwieriger als der Vorschlag von früheren Auslegern wie Klostermann, Johnson und jetzt auch Klinghardt, die von einer „Unachtsamkeit bei der Umstellung“ der Kapharnaum- und Nazarethperikope ausgehen, vgl. mit Lit. M. Wolter, Das Lukasevangelium (2008), 196. Subjekt im Satz geändert wurde. Denn vorkanonisch sollte der geheilte Aussät‐ zige weggehen, auf der kanonischen Ebene spricht Jesus, indem er wegging. Der Unterschied liegt darin, dass vorkanonisch die Distanz zwischen dem heilenden Jesus und dem Geheilten, der der jüdischen Seite zugerechnet wird (darum auch am Ende das „für euch“), darum also auch die Distanz zwischen Jesus und der jüdischen Seite, auf der kanonischen Ebene verringert wird. Folglich ändert die Redaktion auch das die Gegenüberstellung betonende vorkanonische „für euch“ in ein „für sie“, auch wenn Letzteres wegen der Bezugslosigkeit im Kontext in der Luft hängt und, wie Bovon zugesteht, „bekanntlich schwer zu verstehen“ ist. 36 Nicht nur an dieser Stelle erkennt man die oft wenig sorgsame Redaktionsarbeit am Text, die ein Charakteristikum der kanonischen Redaktion darstellt. 37 Auch für *Ev 22,8 ist das Verb bezeugt, man vergleiche: *Ev 22,8 Lk 22,8 καὶ ἀπέστειλεν δύο τῶν μαθητῶν αὐτοῦ εἰπών, Ἀπελθόντες ἑτοιμάσατε ἵνα ϕάγωμεν τὸ πάσχα. καὶ ἀπέστειλεν Πέτρον καὶ Ἰωάννην εἰπών, Πορευθέντες ἑτοιμάσατε ἡμῖν τὸ πάσχα ἵνα φάγωμεν. *Ev 22,8 Lk 22,8 Und er sandte zwei seiner Jünger und sprach: „Geht weg und trefft Vorberei‐ tungen, damit wir das Passa essen! “ Jesus sandte Petrus und Johannes aus und sprach: Geht voran und bereitet das Pa‐ schamahl für uns vor, damit wir es essen! “ Der erste Teil des Verses ist zwar nicht vorkanonisch bezeugt, doch Klinghardt hat gute Argumente vorgebracht, wonach die verschiedene Bezeugung am ehesten für eine namenlose Anführung zweier Jünger hier spricht, die dann im Zuge der kanonischen Redaktion mit Petrus und Johannes identifiziert wurden, wobei er gerade auf die Parallele in Apg hinweist, in denen diese beiden öfter als Paar auftauchen (Apg 3,1-11; 4,13. 19; 8,14). 38 Wie zuvor dargelegt, besteht ein Charakteristikum der kanonischen Redaktion darin, Sachverhalte 548 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="549"?> 38 Vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1153. 39 Nicht zu der vorliegenden Stelle, aber etwa vermerkt von Klinghardt zu *Ev 6,6, vgl. Ibid. 609. Als Beispiel aus *Paulus / Paulus könnte man auch auf *Röm 12,9 und andere Stellen verweisen, wie oben vermerkt, vgl. S.-712-713. und Positionen zu emphatisieren bzw. zu verschärfen. 39 Hierin spiegelt sich überhaupt eine Tendenz, gerade in der zweiten kanonischen Redaktion bei der Einbeziehung des Praxapostolos und der Pastoralbriefe, solche Konkretisie‐ rungen vorzunehmen. Für den vorliegenden Zusammenhang ist außerdem von Belang, dass das Verb ἀπέρχομαι durch die kanonische Redaktion ersetzt wird mit πορεύομαι, was sicher die Autorität der beiden mit Namen genannten, Petrus und Johannes, stärkte, dass sie zu Vorboten und Wegbereitern des Paschamahls werden. Die Bedeutung wird noch größer, wenn man betrachtet, dass das Verb ἀπέρχομαι auf der kanonischen Ebene durchaus beliebt ist, auch wenn es trotz zweimaliger Bezeugung in *Ev dann in *Paulus gar nicht bezeugt ist und folglich auch nur an zwei Stellen - eine, die sicher von *Paulus abwesend ist, Röm 15,28, und eine, die hochwahrscheinlich vorkanonisch gefehlt hat, Gal 1,17 - in Paulus Eingang fand. Dieser Befund unterstreicht, dass es nicht nur unsere Zeugen sind, die eventuell Verse mit diesem Verb übergangen hätten, sondern dass das Verb tatsächlich auch nicht im vorkanonischen *Paulus stand. Desto wichtiger ist, dass es zu finden ist in einem der beiden letzten Kapitel des Römerbriefes. Es ist eben ein Verb der zweiten kanonischen Redaktion, welches auf der Stufe des Praxapostels zu finden ist. Während es nämlich etwa bei den Deuteropaulinen völlig fehlt, steht es gleich sechs Mal in Apg, dann auch in Jak und Jud und acht Mal in Apk. Mit dem Fehlen des Verbs in *Paulus erweist sich das Verb als ein Hinweis darauf, dass auch *Ev eine gewisse eigenständige Lexik besitzt, die am ehesten auf eine Vorlage hindeutet, da ein sonst so häufiger Begriff kaum vom Korpus des vorkanonischen *Paulus inklusive der *Deuteropaulinen abwesend sein würde. Doch bewegen wir uns noch auf einer hypothetischen Basis, darum folgen noch Betrachtungen weiterer Begriffe. ἀποστέλλω steht 127 Mal im Neuen Testament, ist aber für *Paulus unbezeugt, steht jedoch drei Mal in *Ev. Das erste Mal begegnet das Verb in *Ev 7,27: „Der ist es, über den ge‐ schrieben steht: Siehe, ich sende meinen Boten vor deinem Angesicht, der dir den Weg bereiten wird.“ 40 Während die kanonische Redaktion einige kleinere Änderungen in Lk 7,27 vorgenommen hat, ist der Vers jedoch weithin §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 549 <?page no="550"?> 40 *Ev 7,27: αὐτός ἐστιν περὶ οὗ γέγραπται, Ἰδοὺ ἀποστέλλω τὸν ἄγγελόν μου πρὸ προσώπου σου, ὃς κατασκευάσει τὴν ὁδόν σου. 41 Für einen detaillierten Vergleich vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 676-677. 42 *Ev 14,17 (/ / Lk 14,17): καὶ ἀπέστειλεν τὸν δοῦλον αὐτοῦ τῇ ὥρᾳ τοῦ δείπνου εἰπεῖν τοῖς κεκλημένοις, ῎Ερχεσθε, ὅτι ἤδη ἕτοιμά ἐστιν. 43 *Ev 24,50: Ἐξήγαγεν δὲ αὐτοὺς ἔξω πρὸς Βηθανίαν, καὶ ἐπάρας τὰς χεῖρας αὐτοῦ εὐλόγησεν αὐτούς. καὶ αὐτὸς ἀπέστειλεν τοὺς ἀποστόλους εἰς τὸ κηρυχθῆναι πᾶσιν τοῖς ἔθνεσιν. 44 Vgl. Jes 52,7 LXX: ὡς ὥρα ἐπὶ τῶν ὀρέων, ὡς πόδες εὐαγγελιζομένου ἀκοὴν εἰρήνης, ὡς εὐαγγελιζόμενος ἀγαθά („Wie willkommen sind auf den Bergen / die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, / der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheißt“). übernommen, der sich auch mit wenigen Abwandlungen in Mk 1,2 und Mt 11,10 findet. 41 Die nächste Bezeugung ist *Ev 14,17 (/ / Lk 14,17): „Und er schickte seinen Sklaven zur Stunde des Mahls und ließ ihn zu den Eingeladenen sagen: Kommt, denn es ist schon angerichtet! “ 42 Eine dritte Bezeugung findet sich in *Ev 24,50: „Er führte sie hinaus nach Bethanien. Und er erhob seine Hände und segnete sie. Und er sandte die Abgesandten aus, um allen Heidenvölkern zu verkündigen.“ 43 Beim Vergleich der drei Stellen fällt als Gemeinsamkeit auf, dass das Verb jeweils ein Aussenden zur Vorbereitung einer künftigen Handlung oder eines künftigen Geschehens bezeichnet. Die Ausgesandten jedoch unterscheiden sich an allen drei Stellen, einmal ist es Johannes, einmal ein Sklave und am Ende sind es die Apostel. Das Verb ist folglich noch nicht eingegrenzt auf den Apostelbegriff, wie gerade die Doppelung von Aussenden und Ausgesandten (Aposteln) am Ende erweist. Das ändert sich auf der kanonischen Ebene, wo die Benutzung des Begriffs multipliziert wird - alleine in Lk steht das Verb 22 Mal an Stellen, die in *Ev fehlen oder unbezeugt sind. Bei *Paulus ist das Verb unbezeugt, doch die schwache Bezeugung im kanonischen Paulus (Röm 10,15; 1Kor 1,17; 2Kor 12,17) unterstreicht wie bei dem zuvor betrachteten Begriff, dass das Verb tatsächlich auf vorkanonischer Ebene in *Paulus abwesend war und wiederum relativ spärlich in Paulus eingetragen wurde. Es begegnet in Röm 10,15, einer Passage, die in *Röm höchstwahrscheinlich fehlt: „Und wie sollen sie verkündigen, wenn sie nicht gesandt werden (ἀποσταλῶσιν)? Wie geschrieben steht: Wie lieblich sind die Füße derer, die Gutes verkündigen! “ 44 Hier wird die in *Ev 24,50 sich anbahnende Verbindung zwischen Verkündi‐ gung und Abgesandtsein fortentwickelt und - antimarkionitisch - mit einem 550 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="551"?> 45 Vgl. auch Apg 3,26. 46 Vgl. Ex 2,14 LXX: ὁ δὲ εἶπεν Τίς σε κατέστησεν ἄρχοντα καὶ δικαστὴν ἐφ᾽ ἡμῶν;-… Zitat aus dem Propheten Jesaja begründet. Ebenfalls verknüpft mit Verkündi‐ gung begegnet das Verb in 1Kor 1,17, einem unbezeugten Vers, während der darauffolgende Vers vorkanonisch bezeugt ist: „Christus hat mich nämlich nicht gesandt (ἀπέστειλεν) zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden, nicht in der Weisheit des Wortes, damit das Kreuz Christi nicht entlehrt wird.“ Schließlich steht es in 2Kor 12,17 mit Blick auf seinen Mitarbeiter Titus: „Habe ich etwa jemanden von denen, die ich zu euch gesandt habe (ἀπέσταλκα), durch ihn übervorteilt? “ Aus allen drei Stellen ist zu entnehmen, dass es um Autorisierung, insbeson‐ dere für die Verkündigung geht. Doch wieder begegnet das Phänomen, dass sich das Verb weder vorkanonisch bei *Paulus noch in den Deuteropaulinen findet, dann aber 24 Mal in der Apostelgeschichte, vier Mal in den Katholischen Briefen (1Petr; 1Joh) und drei Mal in der Apokalypse, wir haben es also erneut mit einer Begrifflichkeit zu tun, die erst durch die zweite kanonische Redaktion im Zusammenhang in die Texte aufgenommen wurde. Man braucht nur 1Petr 1,12 zu lesen, um die enge Verbindung von Verkün‐ digung und Abgesandtsein auf dieser Ebene vor Augen zu haben: „Ihnen wurde offenbart, dass sie damit nicht sich selbst, sondern euch dienten; und jetzt ist euch dies alles von denen verkündet worden, die euch in der Kraft des vom Himmel gesandten (ἀποστείλῃ) Heiligen Geistes das Evangelium gebracht haben. Das alles zu sehen ist sogar das Verlangen der Engel.“ In 2Tim 4,12 ist Tychikus der von Paulus Gesandte. Nach Apg 3,20 ist Jesus der von Gott gesandte Christus, 45 nach Apg 7,34-35 ist Mose der von Gott Gesandte: „34 Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und seine Klage gehört. Ich bin herabgestiegen, um sie zu retten. Und jetzt geh, ich sende dich nach Ägypten. 35 Diesen Mose, den sie verleugnet hatten mit den Worten: Wer hat dich zum Anführer und Schiedsrichter bestellt? , ihn hat Gott als Anführer und Befreier gesandt (ἀπέσταλκεν) durch die Hand des Engels, der ihm im Dornbusch erschien.“ 46 Die Absendung wird durch Schriftzitate, hier aus Ex 2,14, zum Autoritätserweis. Wie in Lk 7,27 wird nach Apg 8,14 „Petrus und Johannes“ von den Aposteln nach Samarien gesandt. Hananias ist von Jesus „gesandt“, dem Saulus die Hand aufzulegen (Apg 9,17). Auch der Geist sendet (Apg 10,20), Judas und Silas werden abgesandt (Apg 15,27) usw. Mit der Sendung des Engels eröffnet die Apk 1,1. Ohne hier alle Belege vorzuführen wird bereits deutlich, dass das Senden, gerade mit Blick auf Verkündigung, Offenbarung und Autorität der Gesandten §-8 Charakteristika von *Ap und *Ev. Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich 551 <?page no="552"?> eine zentrale Stellung innerhalb der zweiten kanonischen Redaktion erhält, und zwar gerade durch die Hinzunahme des Praxapostolos, auch der Pastoralbriefe, Hebr und Apk. Es wäre ein eigenes Forschungsdesiderat, die hier nur beispielhaft angeführte Untersuchung fortzusetzen, doch für die vorliegende Einführung sollen die Bei‐ spiele genügen. Sie zeigen, dass *Ev nicht anders als *Paulus auf Quellmaterial, und, wie nahegelegt, auf bereits existierende schriftliche Vorlagen zurückgreift. Die eigene Lexik der Quellen scheint hier und da noch durch, auch wenn, wie zuvor wiederholt festgestellt wurde, das vorkanonische *Neue Testament insgesamt über ein hohes Maß an lexikalischer, semantischer und inhaltlicher Übereinstimmung aufweist, die durch die vorkanonische Redaktion geprägt ist. 552 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="553"?> 1 Vgl. hierzu weiter unten mehr. §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt Hier sollen noch einige weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion hinzugefügt werden, die über die Lexik hinausgehen und nicht nur Unterschiede zwischen der 14-Briefe-Sammlung und der *10-Briefe-Sammlung betreffen, wenn auch auf diese der Schwerpunkt gelegt wird. 1 In der folgenden Liste von Charakteristika ist die Apg gesondert mit hinzugenommen (zu ergänzen wären künftig auch der Rest des Praxapostolos, nämlich die Katholischen Briefe, dann auch die Apk, und zu detaillieren wäre innerhalb der vorkanonischen Sammlung zwischen den sieben Briefen und den Deuteropaulinen): Charakteristikum *Paulus Paulus Apg Persönliches Netz‐ werk Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Gruppe der Apostel Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Politische Verbin‐ dungen Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Auseinandersetzung Christentum - Ju‐ dentum Gering Explizit Explizit, apologetisch Hinweise auf andere Texte Gering Wiederholt Gering Familienverhältnisse des Paulus Gering Wiederholt, detail‐ liert Gering Autobiographische Details Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Reisebeschreibungen Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Geographische Be‐ züge Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Chronologische Be‐ züge Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Wunder der Apostel Gering Wiederholt Wiederholt, detail‐ liert <?page no="554"?> Emphase, Verstär‐ kung Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Dramatisierung Gering Wiederholt, implizit Wiederholt, implizit Theatralik Gering Wiederholt, implizit Wiederholt implizit Autorschaftsbezeu‐ gung Keine Wiederholt, detail‐ liert Gering Fundraising Gering Wiederholt, detail‐ liert Gering Finanzielle Unabhän‐ gigkeit Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt Traditionsbetonung Gering Wiederholt, formel‐ haft Ausdrücklich, im‐ plizit Athletische Bilder Gering Wiederholt, detail‐ liert Wiederholt, detail‐ liert Askese Wiederholt Gering Gering Apostel als Vorbilder Nur Paulus V.a. Petrus, Johannes, Jakobus, die Zwölf V.a. Petrus, Johannes, Jaobus, die Zwölf Stoische Philosophie Gering Wiederholt, implizit Wiederholt, implizit Ehre/ Schande Tropoi Gering Wiederholt, nach‐ drücklich Wiederholt, nach‐ drücklich Tugendkataloge Gering Wiederholt, nach‐ drücklich Wiederholt, nach‐ drücklich Vergleiche/ Parallelen Gering Häufig, detailliert Häufig, apologetisch Wörter mit Präfix συ- Gelegentlich Häufig Häufig Doxologische, liturgi‐ sche Sprache Gelegentlich Häufig Häufig Rhetorik Gelegentlich Häufig Häufig Verweise auf die jüdi‐ sche Schrift Gelegentlich Häufig, LXX Katenen Häufig, LXX Katenen Duplikationen Selten Häufig Selten Inkonsistenzen Selten Häufig Selten Die Liste selbst führt bereits ein deutlich unterschiedliches Profil der beiden Ebenen vor Augen. Viele der Elemente haben sich bereits aus den zuvor 554 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="555"?> 2 Vgl. M. Vinzent, Von Paulus zu Saulus. Zwei Paulusbriefsammlungen im 2. Jh. (2025). 3 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 546. 4 Ibid. 557. 5 Ibid. angestellten Beobachtungen ergeben, weitere muss die künftige Forschung explizieren. Eine Einführung wie diese kann nur einen ersten Einblick geben. In der Einführung zur englischen Übersetzung wird sie ergänzt mit dem geographischen Netzwerk der beiden paulinischen Versionen, in einer geson‐ derten Publikation zu *Paulus/ Paulus wird das Personen-Netzwerk im Vergleich vorgestellt. 2 Im Folgenden sollen nur einige wenige der hier gelisteten Punkte beleuchtet werden. a. Emphase und Verstärkung Verschiedenste Elemente zeigen die emphatische Natur der kanonischen Redak‐ tion. Ihr dient etwa die verschiedene, das Argument verstärkende Bezugnahme zur jüdischen Schrift, einzelne Zufügungen, manchmal Duplikationen, narrative Ergänzungen und Details usw., auf die für *Ev z.T. bereits Klinghardt hinge‐ wiesen hat. Zu Lk 4,25-27 vermerkt Klinghardt, „dass Lk das ganz analoge Beispiel von der Witwe im phönizischen Sarepta aus 1Kön 17,7-24 sucht, findet und als Verstärkung dazustellt.“ 3 Bezüglich des „Syntagmas βασιλείαν τοῦ θεοῦ + Verb des Verkündigens ist diese Akzentuierung in der Tat zu beobachten,“ die eine „Weiterentwicklung und Verstärkung“ der vorkanonischen Vorlage bedeutet. 4 Die „Ersetzung von ἀπαγγελίσασθαι durch εὐαγγελίσασθαι erweist“ sich als Verdeutlichung, „Jesus zum Urheber des Evangeliums zu machen, dessen zentralter Inhalt er selbst ist.“ 5 Die „Einleitung der kanonischen Fassung des Bildwortes [Lk] 5,36a ἔλεγεν δὲ καὶ παραβολὴν πρὸς αὐτοὺς ὅτι ist für *Ev unbezeugt. Vergleichbare Einleitungen gibt es als lk Eigentümlichkeiten noch öfter: 6,39: εἶπεν δὲ καὶ παραβολὴν αὐτοῖς. 12,16: εἶπεν δὲ παραβολὴν πρὸς αὐτοὺς λέγων. 13,6: ἔλεγεν δὲ ταύτην τὴν παραβολήν. 14,7: ἔλεγεν δὲ πρὸς τοὺς κεκλημένους παραβολήν-… λέγων πρὸς αὐτούς. 15,3: εἶπεν δὲ πρὸς αὐτοὺς τὴν παραβολὴν ταύτην λέγων. 21,29: καὶ εἶπεν παραβολὴν αὐτοῖς. §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 555 <?page no="556"?> 6 Ibid. 590-591. 7 Ibid. 639. 8 Ibid. 642. 9 Ibid. 645. 10 Ibid. 1214. 11 Ibid. 1229. 12 Ibid. 655. 13 Ibid. 754. 14 Ibid. 771-772. … Die genannten Einleitungen zu den Gleichnissen bzw. Bildworten sind daher typisch für die lk Redaktion. Auch wenn dies nicht bedeutet, dass sie in allen Fällen zwingend in *Ev gefehlt haben müssen, spricht doch vieles dafür, dass die lk Redaktion die Kontextverklammerungen der Gleichnisse entweder eingefügt oder doch zumindest verstärkt hat.“ 6 Angesichts von Lk 6,30b lässt sich feststellen, dass „Lk die Besitzethik … redaktionell“ herausarbeitet (zu erkennen an Lk 3,10-14) „und in dieser Ausfor‐ mung der Besitzethik einen redaktionellen Schwerpunkt gesetzt“ hat, der die deutliche Ausprägung in *Ev noch intensiviert. 7 Zu Lk 6,34b heißt es: „Die unbezeugte (auch in EvThom 95 fehlende) Aussage von V. 34b geht … davon aus, dass man denen borgen soll, von denen man nicht erwarten kann, das Geborgte zurückzuerhalten - das ist gegenüber dem Zinsverbot eine deutliche Steigerung.“ 8 Obwohl die narrative Kohärenz der kanonischen Ebene manchmal zu wünschen übrig lässt - vermerkt unter dem Punkt Inkonsistenz, auf die bereits verwiesen wurde, bemüht sie sich bisweilen dennoch, eine solche zu verdeutlichen, wie man etwa Lk 6,39a an der Einleitung ersehen kann. „Die lk Redaktion macht aus den drei relativ unverbunden nebeneinander stehenden Sentenzen und Bildworten eine »Gleichnisrede.«“ 9 Das gilt auch für Lk 23,8b 10 und Lk 23,28 (welche die Verknüpfung mit Lk 19,41 hervorhebt). 11 Bei Lk 7,7a hat „der vorkanonische Text … dem Centurio hier eine soziale Selbst‐ einschätzung in den Mund gelegt, die erst durch das Votum der Ältesten mit dem Hinweis auf den Bau der Synagoge den religiösen Aspekt der Würdigkeit erhält,“ also auch hier erfolgt erst auf der redaktionellen Ebene der Nachdruck. 12 In Lk 9,23 steht über *Ev hinausgehend ein emphatisierendes καθ‘ ἡμέραν. 13 Auch die längere Fassung von Lk 9,45 gegenüber *Ev ist eine Stärkung der Aussage. 14 556 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="557"?> 15 Ibid. 855. 16 Ibid. 940. 17 Ibid. 941. 18 Ibid. 1059. 19 Ibid. 1123. 20 Ibid. 1076. 21 Ibid. 1088. 22 Ibid. 1150. 23 Ibid. 1200. Im Vaterunser fügt die lk Fassung der Brotbitte Lk 11,3 τὸ καθʼ ἡμέραν hinzu, womit „der iterative Sinn“ eingeführt wird, so dass das Brot „Tag für Tag erbeten“ wird, was eine markante Intensivierung der Aussage darstellt. 15 Lk 13,10 steht anstelle des Singulars der Plural „ἐν τοῖς σάββασιν im Mehrheits‐ text,“ der den Aspekt unterstreicht, „der auch durch die Coniugatio periphrastica (ἦν δὲ διδάσκων) hervorgehoben wird, dass nämlich Jesus immer (noch) am Sabbat in den Synagogen lehrte.“ 16 Erneut begegnen wir einer Hervorhebung. Bezüglich Lk 13,16 stellt Klinghardt fest, dass Lk „das Konzept der Abrahams‐ kindschaft nicht ‚erfunden‘, sondern es aufgegriffen und ausgebaut hat.“ 17 *Ev 18,30: „In diesem Fall ist das ursprüngliche ‚siebenfach‘ in *Ev zunächst durch Mk (und in seiner Folge durch Mt) in ‚hundertfach‘ gesteigert worden, die lk Redaktion hat die abweichenden Formulierungen seiner Prätexte - ‚siebenfach‘ in *Ev, ‚hundertfach‘ in Mk und Mt - vereinheitlicht (‚vielfach‘).“ 18 Lk 18,39 wird der Bittruf, anders als im *Ev, wiederholt und damit die Aussage emphatisch gesteigert. 19 „Lk 19,25 ist ein Zusatz der lk Redaktion, der die Pointe von *19,26 (wer hat, dem wird gegeben werden) vorbereitet und verstärkt.“ 20 Lk 19,47f. gilt, dass „die lk Redaktion … Einfügungen“ vornimmt, die „die schrittweise Annäherung Jesu an Jerusalem bzw. an den Tempel sehr deutlich verstärkt … die Erzählzeit gegenüber der erzählten Zeit zu[nehmen lässt], die Etappen werden immer kürzer,“ und das Geschehen wirkt immer dramatischer. 21 Lk 22,3 (wie Mt 4,3. 6) untermauert „die Beweiskraft“ durch den Schriftbezug und „die rahmenden Referenzen auf die eigene, kanonische Schriftgrundlage“, die zugleich „die genaue Differenzierung zwischen der kanonischen und der marcionitischen Schriftgrundlage“ herausstellt. 22 *Ev 22,70 wird von der lk Redaktion gesagt, dass sie „die Sinnrichtung von *Ev an dieser Stelle nicht verändert, sondern nur verstärkt“ hat. 23 §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 557 <?page no="558"?> 24 Ibid. 1224. 25 Ibid. 1222. 26 Ibid. 1241. 27 Ibid. 1248. 28 Ibid. 1252. 29 Ibid. 1279. 30 Ibid. 1285. *Ev 23,13ff zerlegen Mk und Mt „die Geminatio des Kreuzigungsrufs-… in zwei Einzelsätze“ „als Ausdruck der Steigerung.“ 24 *Ev 23,22-25 steigert die „lk Redaktion … den Gegensatz zwischen Barrabas und Jesus noch.“ 25 *Ev 23,36 intensiviert Mk 15,23 die Narration, indem er vorträgt, dass „die Soldaten tatsächlich einen besonders guten Wein anbieten.“ 26 Bezüglich *Ev 23,48 gilt, dass Lk den Gedanken, dass Jerusalems „Verwüstung nahe ist“ „an anderen Stellen deutlich“ unterstreicht. 27 Lk 23,52 betrifft „die Charakterisierung Josephs, die Lk durch seine redaktio‐ nellen Zusätze an *Ev profilierte“, denn sie „passen durchweg zu seiner auch sonst zu beobachtenden theologischen Intention. So hat der Hinweis, dass Joseph »die Herrschaft Gottes erwartete« (23,51: ὃς προσεδέχετο τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ), Entsprechungen in weiteren redaktionellen Texten: Lk 2,25 wird Analoges von Simon gesagt, der ebenfalls »gerecht und fromm war und die παράκλησις τοῦ Ἰσραήλ erwartete.« In Lk 2,38 spricht Hanna zu πᾶσιν τοῖς προσδεχομένοις λύτρωσιν Ἰερουσαλήμ. Hier und in *24,21 wird durch diese Herrschaftserwartung eine spezifisch jüdische Hoffnung ausgedrückt. Lk 23,51 hat sie aus Mk übernommen.“ Diese Profilierung gilt auch für „die entsprechende Erwartung der ‚Emmausjünger‘, Jesus sei ὁ μέλλων λυτροῦσθαι τὸν Ἰσραήλ, bereits für *Ev bezeugt … (s. zu *24,21; Tert. 4,43,3): Lk hat dieses Element also bereits in *Ev vorgefunden, es dann aber durch die redaktionellen Zusätzen“ verschärft. 28 Zu *Ev 24,13 finden sich, wie auch zu anderen Stellen, wiederholte „Aktualisie‐ rungen der Zeitangaben“, die „ein wichtiges - aber offensichtlich redaktionell verstärktes - Element darstellen.“ 29 Bei der Bearbeitung von *Ev 24,21 führt die lk Redaktion eine „überladene Erweiterung der Datierung“ ein, sie präzisiert „erheblich“. 30 Lk 24,24 hebt die lk Redaktion „sehr deutlich hervor“, „dass der Glaube an die Auferstehung nicht schon durch das Nicht-Sehen des Leichnams im leeren 558 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="559"?> 31 Ibid. 1285-1286. 32 Ibid. 1289. 33 Ibid. 600. 34 Ibid. 1018. 35 Ibid. 756. Grab, sondern erst das Sehen des Auferstandenen begründet wird. Dieses Element könnte eine Weiterführung der synoptischen Parallelen Mk 16,1-8 || Mt 28,1-8 (die Frauen sehen das leere Grab und den jungen Mann, aber nicht den Auferstandenen) sowie Mt 28,9f (Erscheinung des Auferstandenen vor den Frauen) sein bzw. auf die Tradition vom Diebstahl des Leichnams (Mt 28,11-15) reagieren: Das Nicht-Sehen des Leichnams erzeugt keinen Glauben. Dass dieses Element von den beiden Jüngern betont wird, die gerade mit dem Auferstandenen sprechen, ist natürlich eine besondere Verstärkung der Ironie, die schon die vorkanonische Erzählung ausgezeichnet hat.“ 31 Lk 24,30 werden durch die Einfügung des Artikels „vor ἄρτον und das Partizip κλάσας vor ἐπεδίδου αὐτοῖς,“ also durch relativ kleine „Zusätze“ der „Anklang an die eucharistische Terminologie“ verdeutlicht. 32 Was bislang als Merkmal der lk Redaktion bezeichnet wurde, wird jedoch auch für Mk festgestellt. Anlässlich der Parallele zu *Ev 6,1-5, ein Text, der weithin von Mk 2,23-26 übernommen wird, lässt sich beobachten: „Mk verstand das Ährenraufen der Jünger als einen ‚Gang durch die Saatfelder‘: Sie bahnen Jesus einen Weg (ὁδὸν ποιεῖν) durch das Korn und nehmen damit für ihn ein königliches Privileg in Anspruch; der Vorwurf wird dadurch verstärkt, dass dies noch dazu an einem Sabbat geschah.“ 33 Zu *Ev 17,6 lässt Mk den sich selbst versetzenden Berg „nicht nur von einer Stelle an eine andere gehen … (μεταβαίνω), sondern [er lässt] ihn sich ins Meer stürzen … (βλήθητι εἰς τὴν θάλασσαν),“ malt folglich die Szene weiter dramatisierend aus. 34 Es gibt auch Beispiele für die Emphatisierung gegenüber *Ev bei Mt. So findet man in der Parallele zu *Ev 9,26, dass Mt „diese beiden Aussagen über das ‚Kommen‘ aus Mk übernommen“ hat, doch dabei „den Gerichtsaspekt von Mk 8,38 || Mt 16,27 verstärkt und hinzugesetzt (hat): καὶ τότε ἀποδώσει ἑκάστῳ κατὰ τὴν πρᾶξιν αὐτοῦ.“ 35 §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 559 <?page no="560"?> 36 Vgl. Ibid. 1000-1001. 37 Ibid. 1189. Gegenüber *Ev 16,16 identifiziert Mt 11,14 den Täufer mit Elia, verdeutlicht also nicht nur die Verbindung zur alttestamentlichen Prophetie, sondern fügt auch noch mit Mt 11,12 den Anfang des βιάζεσθαι hinzu, er dramatisiert also deutlich. 36 Auch for Joh vermerkt Klinghardt diese Tendenz. Zur Passage *Ev 22,47-53 verweist Klinghardt auf den Schwertstreich des Petrus aus Joh 18,10, wobei es „das rechte Ohr“ sein musste, das von Petrus abgehauen wird, was eine „Steigerung des Verisimile“ und eine Anreicherung desselben darstelle. 37 Die Emphatisierung und Detaillierung ist also nicht nur ein Merkmal der lk Redaktion, sondern bezieht sich auch auf die Gestaltung von Mk, Mt und Joh, sie wird darum wohl eher auf die zweite kanonische Redaktion zurückgehen, bei der die vier Evangelien in der kanonischen Sammlung zusammengebracht und teilharmonisiert wurden. Bezüglich Lk 18,25 und den Parallelen in Mk 10,23 und Mt 19,23 entwickelt Klinghardt bereits eine Differenzierung innerhalb der kanonischen Redaktion, die gerade aus der ständig erweiterten Emphatisierung und Verstärkung der Aussage heraus gewonnen wird: „Die kanonische Redaktion hat in alle Fassungen eingegriffen. Am geringfügigsten sind die Änderungen an *Mt [hier: km Mt] 10,24: Sie betreffen nur einzelne Worte. Deutlicher sind die redaktionellen Spuren in Mk: Hier ist in Anlehnung an Mt 19,24 das Kamellogion als eine zweite Antwort Jesu verstanden (π ά λ ι ν δὲ λέγω ὑμῖν Mt 19,24 || ὁ δὲ Ἰησοῦς π ά λ ι ν ἀποκριθεὶς λέγει αὐτοῖς Mk 10,24). Diese Änderung ist sinnvoll, wenn der kanonische Redaktor die Größe des Erschreckens deutlich machen wollte, die durch Mt 19,25b οἱ μαθηταὶ ἐ ξ ε π λ ή σ σ ο ν τ ο σ ϕ ό δ ρ α- λέγοντες vorgegeben war. Die kanonische Bearbeitung von Mk ist darüber hinaus erkennbar an der Einfügung von 10,24 mit der ersten Notiz über das Erschrecken der Jünger (οἱ δὲ μαθηταὶ ἐθαμβοῦντο …), der Wiederholung von 10,23 und der dadurch herausgestellten Zuspitzung des Kamellogions, jetzt in der Form, die i. W. in die kritischen Ausgaben aufgenommen wurde, also vor allem mit der Verdoppelung des Verbs, die schon deswegen sinnvoll ist, weil das vorkanonische διελθεῖν zwar zur Bildhälfte passt, nicht aber für die Sachhälfte: Durch ein Nadelöhr kann man hindurchgehen, in die Basileia geht man aber hinein. Außerdem hat Mk 10,26 die zweite Jüngerreaktion gesteigert (οἱ δὲ π ε ρ ι σ σ ῶ ς ἐξεπλήσσοντο …).-… Auf diese letzte Ebene der kanonischen Redaktion gehört dann auch die kanonische Fassung von 560 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="561"?> 38 Ibid. 1057-1058. 39 Ibid. 1141. Lk 18,25: Lk übernimmt zwar die »kanonischen« Formulierungen von Mt 19,14 und Mk 10,24 (εὐκοπώτερον anstelle von τάχιον), folgt ansonsten aber der *Ev-Struktur, der Fortgang des Gesprächs zeigt keine Spuren der mk Erweiterungen: Die Jünger werden an keiner Stelle als solche erwähnt (erst in Lk 18,28 spricht Petrus); da es nur eine Reaktion der Hörer (18,26: οἱ ἀκούσαντες) gibt, ist diese auch nicht durch gesteigertes Erschrecken o. ä. hervorgehoben: Die Hörer fragen einfach, wie dann jemand gerettet werden kann.“ 38 Ein ähnliches Stufungsmodell, bei dem bereits Mk, dann Mt und schließlich Lk eine steigernde Tendenz zum Vorschein kommen lässt, wird für die Bearbeitung von *Ev 21,30b gezeigt. 39 Was Klinghardt für *Ev und die vier von *Ev abhängigen Evangelien gezeigt hat, lässt sich aber ebenso für *Paulus und die auf ihm aufbauende kanonische Re‐ daktion erweisen, es werden nur ein paar verschiedene, ausgewählte Beispiele aufgeführt. πᾶς ist trotz der relativ geringen Bezeugung in *Ev und den von der Forschung für genuin gehaltenen (vorkanonischen) Briefen des *Paulus präsent in *Laod und *2Thess, dann aber häufig auf der kanonischen Ebene, wo es oft als emphatische Verstärkung steht wie etwa in Gal 1,2. Gal 1,3. 6; 3,28; 1Kor 6,20; Phil 1,3 wird auf kanonischer Ebene das adressierende Pronomen aufgenommen zur direkteren, emphatisierten Ansprache. Gal 1,17 hat das kanonisch hinzugefügte πολύς dieselbe emphatisierende Funktion. Gal 1,18 steht zusätzlich ein πρός auf kanonischer Ebene, das gerade auf ihr, oft sogar in Serie, zur Verstärkung dient. Gal 5,7 steht auf kanonischer Ebene Ἐτρέχετε καλῶς: τίς ὑμᾶς ἐνέκοψεν, eine typisch der Verlebendigung dienende emphatisierende direkte Anrede. Gal 6,13 wird im nur noch kanonische bezeugten Versteil das ὑμέτερος ähnlich emphatisch benutzt. 1Kor 1,20 der Emphase dienen auch (rhetorische) Fragen wie hier auf kanonischer Ebene. 1Kor 4,9 besitzt das eröffnende nachdrückliche δοκῶ γάρ auf der kanonischen Ebene diese Funktion. 1Kor 4,16 finden wir auf der kanonischen Ebene die Satzeröffnung παρακαλῶ οὖν ὑμᾶς in gleicher Funktion. 1Kor 6,5 nimmt diese Funktion die Wendung wahr: πρὸς ἐντροπὴν ὑμῖν λέγω. §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 561 <?page no="562"?> 40 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 112. 41 Dies bezieht sich bereits auf die vorkanonisch präsenten Aussagen von 2Thess 3, „the entire section is framed in this rather authoritarian way“, R.S. Ascough, 1 & 2 Thessalonians (2022), 374. Überhaupt sieht Ascough den größten Unterschied zwischen dem Ersten und dem Zweiten Thessalonicherbrief in der Autoritätsbehauptung des Zweiten, der nur auf die eigenen Worte poche (ibid. 378). 42 „The Paul of Colossians and Ephesians is a man of decisive action and confident directives. As the apostle to the gentiles, he is a revealer of divine mystery who will go to the ends of earth to lead others to share in this divine knowledge“, M.Y. Macdonald, Colossians and Ephesians (2022), 379. 1Kor 9,16 spricht Zuntz davon, dass eine Lesart - die zur kanonischen Ebene gehört - einen „sehr persönlichen Eindruck“ vermittelt. 40 Dies bringt jedoch eine typische Eigenschaft der kanonischen Redaktion zum Vorschein, nämlich den Briefen einen emphatisch-persönlicheren und historisierenden Ausdruck zu verleihen. Röm 9,1 bietet die kanonische Ebene wiederum eine emphatische Eröffnung: Ἀλήθειαν λέγω ἐν Χριστῷ, οὐ ψεύδομαι, συμμαρτυρούσης-… Phil 1,23 begegnet die Steigerungsform κρείσσων oder κρείττων, die 23 Mal im NT steht, ausschließlich jedoch auf der kanonischen Ebene anzutreffen ist und deren emphatische Steigerungscharakteristik anzeigt. Phlm 1,9 - die kanonische Ebene kennt, wie hier, detaillierte, zum Teil emphatische Selbstdarstellungen des Paulus mit manchmal minutiöser biographischer Information, ebenfalls zur Dramatisierung und Emphatisierung des Textes. Wir sehen, dass *Paulus gegenüber Paulus erheblich nüchterner schreibt, während die kanonische Redaktion nicht anders als in den Evangelien den Vorlagentext aufpeppt. Dem entspricht dann auch, dass gerade die Deuteropau‐ linen in der kanonischen Version wie auch die Apg und die Pastoralbriefe diese Tendenz weiter steigern. Als eine wesentliche Erweiterung, Emphatisierung und Verstärkung kann auch die größere historische Detaillierung der Biographie des Paulus angesehen werden. Auf sie wurde verschiedentlich hingewiesen, das Thema kehrt auch immer wieder in den Anmerkungen der Rekonstruktion auf. Hier sei nur soviel zusätzlich bemerkt, dass bereits die Schaffung der Deute‐ ropaulinen 2Thess, Eph und Kol diese Tendenz verstärkt, wenn etwa zu 2Thess festgestellt wurde, dass der Brief „recht autoritär gerahmt ist“ 41 und zu den beiden letzten Briefen bemerkt wird, dass diese Briefe vor allem das Bild des „Mannes schildern, der entschieden handelt und selbstbewusst Anweisungen gibt, der der Apostel der Heiden ist, ein Offenbarer der göttlichen Geheimnisse, der bis zu den Enden der Welt gehen wird, um andere an diesem göttlichen Wissen teilhaben zu lassen.“ 42 Das vergleichbare Phänomen kennzeichnet auch 562 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="563"?> 43 Vgl. S. Butticaz, The Pastoral Epistles (2022), 402-404. 44 „The author of the Pastoral Epistles aims to clarify and ‚canonize‘ what Pauline lessons and images ought to be retained for the future, and, in doing so, to foreclose any competing interpretations“, ibid. 45 Bereits Weisse erkannte in solchen Duplikationen das Merkmal einer späteren Hand, vgl. C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. 46 „… the recognition that what we imagine in terms of a pristine and absolute original is in fact an act of repetition or doubleness; that pointing to moments of origination actually involves acts of endless and imperfect duplication and repetition, in which there is no real original, or in which what is original is constructed as such by the very act of duplicating it“, W. Arnal, The Collection and Synthesis of „Tradition“ and the Second-Century Invention of Christianity (2011), 201. Vgl. auch T. Masuzawa, In Search of Dreamtime. The Quest for the Origin of Religion (1993), 25. die Pastoralbriefe, in denen gerade die gesteigerte Selbstautorisierung und Multiplizierung der sich zugeschriebenen Epithete bemerkt wurde. 43 Zweck derselben war es „zu verdeutlichen und zu ‚kanonisieren‘, welche paulinischen Lehren und Bilder in der Zukunft bewahrt werden sollten, und in dieser Hinsicht jegliche wettstreitende Interpretation auszuschließen“. 44 b. Duplikation Die kanonische Redaktion hat eine auffallende Tendenz zur Duplizierung von Aussagen, Satzteilen und dergleichen, 45 auch wenn es einige Doppelungen bereits auf vorkanonischer Ebene gibt (etwa *Ev 7,19-20; 8,45; *1Kor 15,21), doch solche Doppelungen sind auf kanonischer Ebene derart häufig, oft zudem ungeschickt, dass sie ein Merkmal der kanonischen Redaktion darstellen. Dies geht natürlich mit der voran beschriebenen Tendenz der Emphase einher, ein Moment, das ebenfalls bereits Klinghardt nicht entgangen ist. Bereits T. Masuzawa hat solche Duplizierung als generelles Merkmal für die konstruktive Konzeptualisierung von Ätiologien und Ursprungsfiktionen im Feld der Religionswissenschaft benannt, was W. Arnal für die Geschichte des frühen Christentums fruchtbar machte. Es ist die „Erkenntnis, dass das, was wir uns als ehrwürdig und absolut ursprünglich vorstellen tatsächlich ein Akt der Wiederholung und Duplikation darstellt; dass nämlich der Verweis auf Augenblicke der Ursprünglichkeit einen Akt endloser und unvollkommener Duplikationen und Repetitionen darstellt, in welchem es nichts wirklich Ur‐ sprüngliches gibt, oder in welchem das, was ursprünglich ist, als solches gerade durch den Akt der Duplikation selbst konstruiert ist.“ 46 Bereits im 19. Jh. hatte Mayerhoff auf die Duplikationen, die für ihn noch ein Zeichen von „Gedankenarmuth“ darstellte, gerade im Kolosserbrief aufmerksam §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 563 <?page no="564"?> 47 E.T. Mayerhoff, Der Brief an die Colosser mit vornehmlicher Berücksichtigung der drei Pastoralbriefe (1838), 46-48. 48 Vgl. W. Bujard, Stilanalytische Untersuchungen zum Kolosserbrief als Beitrag zur Methodik von Sprachvergleichen (1973), 91-95. 49 Ibid. 96. 50 Ibid. 100. 51 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 579. 52 Ibid. 611-612. 53 Ibid. 619. 54 Ibid. 713. gemacht, 47 doch Bujard hat hier differenziert und auch Passagen aus Paulus angeführt, in denen ebenfalls ähnliche Duplikationen zu finden sind, wobei eine Durchsicht seiner Beispiele schnell vor Augen führt, dass es insbesondere solche Verse und Passagen sind, die vorkanonisch unbezeugt und der Lexik entsprechend in der vorliegenden Rekonstruktion der kanonischen Ebene zugeordnet sind (z. B. Röm 13,1-7; Phil 3,10-19). 48 Gleichwohl unterscheidet er zwischen Kol und den angeführten Stellen, weil in Kol die Duplikationen „im Blick auf die Gedankenführung zwar nicht schlechthin irrelevant sind, … doch keine sachlich tragende Funktion haben“, 49 dabei merkt er auch die Verse und Stellen an, in denen solches auch in den beiden Vergleichspassagen aus Röm und Phil geschieht. Schließlich bescheinigt Bujard dem Verfasser von Kol „einen Mangel … an Beweglichkeit im Denken und Formulieren“. 50 Allerdings finden sich die dem ähnlichen Niveau zugeordneten Vergleichsstellen aus den beiden Passagen ausnahmslos in vorkanonisch unbezeugten Stellen der kanonischen Redaktion, so dass das Urteil Bujards auch eine Reflexion des Textbestandes der kanonischen Redaktion darstellt. Zu Lk 5,26 vermerkt Klinghardt als typisch für die kanonische Redaktion „die eigenartige und eher unglückliche Doppelung der Wendung“ δοξάζειν τὸν θεόν. 51 Zu Lk 6,12 heißt es: „Dass Lk 6,12 redaktionell bearbeitet ist, lässt sich an der unglück‐ lichen Doppelung der Erwähnung des Gebets Jesu (ἐξελθεῖν αὐτὸν … προσεύξασθαι … ἐν τῇ προσευχῇ) zeigen.“ 52 Zu Lk 6,18-19: „Zusammen mit der abschließenden Heilungsnotiz 6,19c hat Lk mit diesen Ergänzungen eine etwas ungeschickte Doppelung zu *6,18 geschaffen - ein weiterer Hinweis für eine redaktionelle Ergänzung von 6,19bc.“ 53 *Ev 8,27: „Aus Tertullians Referat geht hervor, dass *Ev - wie Mk 5,2 und Lk 8,27 - nur von einem Besessenen sprach (in uno homine-…), nicht von zwei, wie Mt 8,28. Diese »Verdoppelung« geht, wie Mt 9,27-31; 20,29-34 zeigt, mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Konto der mt Redaktion.“ 54 564 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="565"?> 55 Ibid. 892. 56 Ibid. 1123. 57 Ibid. 1268-1269. 58 Ibid. 1285. 59 Ibid. 1291. 60 Ibid. 1310. 61 Ibid. 553. 62 Ibid. 735. Lk 11,49-51: „Lk 11,49-51 liefert eine Begründung für das fünfte Wehe in *11,47 und verdoppelt damit die Begründung, die bereits der vorkanonische Text in *11,48b gegeben hatte. Aus dieser Verdoppelung resultiert eine inhaltliche Spannung.“ 55 Lk 18,39 bietet, anders als in *Ev, eine Wiederholung des Bittrufs und damit die Steigerung der Aussage. 56 Zu *Ev 24,9f.: „Denn dass die Frauen »dies alles« (ταῦτα πάντα) »den Elfen und allen übrigen« (τοῖς ἕνδεκα καὶ πᾶσιν τοῖς λοιποῖς) berichteten, wird in Lk 24,10b auf ungeschickte Weise wiederholt: ἔλεγον πρὸς τοὺς ἀποστόλους ταῦτα. Diese nicht sehr glückliche Doppelung ist offensichtlich die Folge einer Bearbeitung von *24,9f, die der ausgesprochen disparaten Textüberlieferung zugrunde liegt.“ 57 Lk 24,21 wird „der Ausgangspunkt der Zählung mit den Ereignissen seit dem voran‐ gegangenen Freitag doppelt erwähnt.“ 58 Lk 24,24. 27: „Die eigenartige Doppelung der ὡς-Sätze (ὡς ἐλάλει ἡμῖν ἐν τῇ ὁδῷ - ὡς διήνοιγεν ἡμῖν τὰς γραϕάς) zeigt dabei deutlich, an welcher Stelle die redaktionelle Erweiterung einsetzt.“ 59 Lk 24,39: „Die Doppelung, die Joh durch Abfolge von zwei Erscheinungen vor den Jüngern geschaffen hatte ( Joh 20,19-23.26-29), hat Lk durch die Verdoppelung der Aufforderung Jesu an die Jünger aufgegriffen (24,39: ἴδετε τὰς χεῖράς μου καὶ τοὺς πόδας μου, ὅτι …; ψηλαϕήσατέ με καὶ ἴδετε, ὅτι …), und er hat durch die Einfügung von ἐγὼ αὐτός εἰμι auch den (zuerst bei Joh begegnenden) Identitätserweis, dass der Erscheinende der auferstandene Gekreuzigte sei, hier mit eingefügt - allerdings in umgekehrter Abfolge. Dadurch wird sein Text nicht eben glatter.“ 60 Das gilt auch für Mk: Mk 1,16-34 gestaltete er eine Passage, wo er im Summarium die Gegenüberstellung von Exorzismus und Heilung nicht nur ein Mal, sondern gleich doppelt erwähnt: Mk 1,32: πάντας τοὺς κακῶς ἔχοντας καὶ τοὺς δαιμονιζομένους; 1,34: ἐθεράπευσεν πολλοὺς κακῶς ἔχοντας ποικίλαις νόσοις, καὶ δαιμόνια πολλὰ ἐξέβαλεν. 61 Mk 6,16 / / *Ev 9,9: „Mk hat“ die vorkanonische Notiz Ἰωάννην ἐγὼ ἀπεκεϕάλισα „übernommen, sie durch den nachgeschobenen Bericht untersetzt und auf diese Weise die etwas unschöne Doppelung geschaffen.“ 62 Mk 12,32f. (vgl. *Ev 10, 25. 27): „Es gibt nicht eine ἐντολὴ πρώτη πάντων, sondern zwei. Neu gegenüber *Ev ist die Replik, die Mk dem Schriftgelehrten in den Mund legt §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 565 <?page no="566"?> 63 Ibid. 64 Ibid. 834. 65 Ibid. 876-877. 66 Ibid. 1309. und die Jesu Antwort noch einmal wiederholt (Mk 12,32f). Diese Doppelung klingt nicht sehr geschickt, aber sie markiert deutlich die große Übereinstimmung zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten.“ 63 Auch für Mt lässt sich die Doppelungstendenz zeigen. Zu *Ev 8,21 vermerkt Klinghardt: „Da Mt der mk Vorlage folgt (wie 12,49 || Mk 3,34 zeigt), hat er die entsprechende Formulierung in der Exposition (12,46: εἱστήκεισαν ἔξω || Mk 3,31: ἔξω στήκοντες) von dort übernommen; im Unterschied zu Mk, der die Wiederholung dieser Formulierung in der Botenrede vermeidet, folgt Mt hier *Ev und hat auf diese Weise eine stilistisch unglückliche Doppelung geschaffen.“ 64 Zu *Ev 11,14-29: „Wie schon zu *11,14f || Mt 9,32f und 12,22-24 hat Mt auch an dieser Stelle durch die Verdoppelung der Rezeption (*6,43f || Mt 12,31f und 7,17ff) eine Dublette geschaffen.“ 65 Und auch in Joh finden sich diese: „Den Aspekt des (vorläufig noch anhaltenden) Unglaubens der Jünger (*24,41a) behandelt Joh 20,24-29 in der eigenständigen Tho‐ masperikope und gibt ihm auf diese Weise Gewicht. Die Erscheinung vor Thomas (20,26-29) verdoppelt die Erscheinung von 20,19-23.“ 66 Die Tendenz zur Duplikation von Aussagen, Worten und Versen findet sich ebenso ausgeprägt in der Bearbeitung von *Paulus zum kanonischen Paulus: Gal 2,6-9a wirkt wie eine glättende Doppelung zu dem, was in 2,9b-10 folgt. Gal 2,16: … ἐὰν μὴ διὰ πίστεως Ἰησοῦ Χριστοῦ, καὶ ἡμεῖς εἰς Χριστὸν Ἰησοῦν ἐπιστεύσαμεν, ἵνα δικαιωθῶμεν ἐκ πίστεως Χριστοῦ … Die Duplikation bzw. Tripli‐ kation der Namen entspricht der Tendenz der kanonischen Redaktion. Gal 3,2 bietet inhaltlich eine Duplikation zu den Ausführungen von Vers 5. 1Kor 3,18: Wie schon öfter fügt die kanonische Redaktion auch an dieser Stelle eine gewisse redundante Doppelung hinzu, wenn sie auf den Äon verweist, der dann gleich im nächsten Vers mit „diesem Kosmos“ wieder anklingt. 1Kor 4,16-21: Hier fällt das zweimalige φυσιοῦν auf, ein Begriff, der sonst für die vorkanonische Fassung spricht, doch dessen Duplikation hier ein Zeichen für dessen Adaption in die kanonische Fassung darstellt. 1Kor 5,13: Dieser Vers ist eine Duplikation mit leichter Variation von Vers *1Kor 5,2. 1Kor 7,20: Dieser Vers (ἕκαστος ἐν τῇ κλήσει ἧ ἐκλήθη ἐν ταύτῃ μενέτω) findet seine Teilduplikation in 1Kor 7,24 (ἕκαστος ἐν ᾧ ἐκλήθη, ἀδελφοί, ἐν τούτῳ μενέτω παρὰ θεῷ). 566 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="567"?> 67 M. Wolter, Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8 (2014), 411-412. 68 Ibid. 438. 1Kor 7,23: Dieser Vers (τιμῆς ἠγοράσθητε: μὴ γίνεσθε δοῦλοι ἀνθρώπων) ist eine Teilduplikation des vorkanonisch stehenden Verses *1Kor 6,20 (ἠγοράσθητε γὰρ τιμῆς: δοξάσατε τὸν θεὸν ἐν τῷ θνητῷ σώματι). 1Kor 8,4: Περὶ τῆς βρώσεως οὖν τῶν εἰδωλοθύτων stellt eine typische kanonische Duplikation dar. 1Kor 9,15-16: Typisch für die kanonische Form ist die Duplikation des καύχημα. 1Kor 9,16: Dieser Vers behauptet das nochmals, was bereits auf der kanonischen Ebene in Vers 12 gesagt wurde. 1Kor 10,1: Die Wiederholung des πάντες geht auf das Konto der kanonischen Redaktion zurück. 1Kor 10,1-2: Vers 2 ist eine typische kanonische Duplikation dessen, was zuvor vorkanonisch bereits in Vers 1 gesagt wurde (Vers 1: ὑπὸ τὴν νεφέλην ἦσαν καὶ πάντες διὰ τῆς θαλάσσης διῆλθον, Vers 2: ἐν τῇ νεφέλῃ καὶ ἐν τῇ θαλάσσῃ). 1Kor 12,11: Hier scheint wieder eine typisch kanonische Duplikation vorzuliegen, indem das Ende von Vers 4 der kanonischen Ebene wieder aufgenommen wird. 1Kor 12,28: Der unbezeugte zweite Teil von Vers 28 entspricht einer kanonischen Duplikation dessen, was in den Versen 8-10 bereits geschrieben wurde. 1Kor 13,4: Das auf der kanonischen Ebene eingefügte ἡ ἀγάπη scheint das Result der kanonischen Duplikationstendenz zu sein. 1Kor 15,16: Dieser Vers ist eine wortnahe Duplikation von Vers 14a. 1Kor 15,17: Wie der Vers zuvor ist dieser eine wortnahe Duplikation von Vers 14b. 1Kor 15,22: πάντες begegnet auf der kanonischen Ebene gleich zwei Mal. 1Kor 15,46: τὸ πνευματικόν steht auf kanonischer Ebene gleich zwei Mal im selben Vers. 1Kor 15,53-54: Der unbezeugte Anfangsteil von Vers 54 τὸ φθαρτὸν τοῦτο ἐνδύσηται ἀφθαρσίαν καί scheint wieder eine typische Duplikation der kanonischen Redaktion zu sein. 2Kor 3,2: Im Licht des nächstbezeugten Verses 3 nimmt sich der unbezeugte Vers 2 wie eine typische Duplikation der kanonischen Redaktion aus. Röm 6,21-23: Die Nähe zu Röm 7,5-6 zeigt eine gewisse Duplikationstendenz. Röm 7,1-3: Der „Rückgriff auf 1Kor 7,39“ 67 zeigt die Duplikationstendenz. Röm 7,9-10: Auffallend ist die Duplikation, vergleicht man die Teilübereinstimmung der Verse 8-10 und 11. 68 Röm 12,14: Beachte das zwei Mal in einem Vers stehende εὐλογεῖτε. Röm 13,14: Die enge Parallele zu *Gal 5,19-21 erweist sich als eine gewisse Duplikation. §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 567 <?page no="568"?> 69 Zur Inkonsistenz im Umgang mit dem Gesetz bei Paulus, vgl. A. Phillips Wilson, Paul and the Jewish Law. A Stoic Ethical Perspective on His Inconsistency (2022). 70 Vgl. S.-548. Eph 1,14: Das εἰς ἔπαινον τῆς δόξης αὐτοῦ ist eine Wiederholung desselben Ausdrucks aus dem vorkanonischen Vers 12. Eph 5,24: Der Vers fasst zusammen, was gerade in den Versen 22-23 gesagt wurde. Eph 6,13: Wiederum steht δύναμαι auf der kanonischen Ebene, in Duplikation zum voranstehenden Vers. Eph 6,18: Zur Kombination von προσευχή und δέησις bemerke man, dass sie auf kanonischer Ebene in Phil 4,6 zu finden ist, was einen Hinweis darauf bietet, dass das hier unbezeugte προσευχή ein kanonischer Zusatz ist, was auch die Duplikation zu dem gleich nachfolgenden verwandten προσευχόμενοι erklären würde. Kol 1,17 klingt wie eine Redundanz bzw. Duplikation der Verse 15b-16. Kol 3,8: die hier gebotene zweite Liste bildet eine gewisse Duplikation der in Vers 5 voranstehenden Liste. Kol 3,11: Zu diesem Vers führe ich weiter unten in der Fußnote zur Rekonstruktion folgendes aus: „Zunächst ist zu diesem Vers die Dublette zu dem ebenfalls für die vorkanonische Fassung unbezeugten Vers Gal 3,28 zu vermerken: οὐκ ἔνι Ἰουδαῖος οὐδὲ Ελλην, οὐκ ἔνι δοῦλος οὐδὲ ἐλεύθερος, οὐκ ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ: πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ. Auch die Parallele zu dem ebenfalls auf der kanonischen Ebene stehenden Vers Röm 1,14: Ελλησίν τε καὶ βαρβάροις, σοφοῖς τε καὶ ἀνοήτοις ὀφειλέτης εἰμί. Nimmt man die Ergänzung in Kol 3,11 nach dem anfänglichen οὐκ ἔνι aus den Zeugen 06*, 010, 012, 629, it, vg s , Hil, Ambr hinzu, die hier αρσεν και θηλυ einfügen, ist der komplette Vers aus Gal 3,28 aufgenommen und ergänzt mit vier weiteren Stücken, das erste auch als Paar gestaltet, welches Röm 1,14 mit Gal 3,28 und dieser Kolosserstelle hier verknüpft. Nicht nur die Duplikation, sondern auch die Herstellung solcher intertextueller Verknüpfung ist ein Merkmal der kanonischen Redaktion.“ c. Inkonsistenzen und Inkohärenzen Weiter oben ist, etwa bei der Behandlung der ethischen Lexik, die Inkonsistenz des kanonischen Paulus aufgefallen, während die vorkanonische Ebene deutlich konsistenter wirkt, auch wenn sie, wie *Gal 5,21 zeigte, nicht frei von solchen ist. 69 Auf Inkonsistenzen in der (hier müsste man ggfls. unterscheiden zwischen erster und zweiter kanonischer) Redaktion hat auch bereits Klinghardt hinge‐ wiesen: Lk 4,23 ist das herausragendste Beispiel, das weiter oben bereits angeführt wurde. 70 568 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="569"?> 71 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 553. 72 Ibid. 593. 73 Ibid. 1211. 74 Zu weiteren Inkonsistenzen der kanonischen Redaktion, vgl. die S.-568-572. Lk 4,38: „Die Erwähnung des Simon an dieser Stelle des lk Erzählfadens [bedeutet] eine weitere narrative Inkohärenz …, da Simon erst in *5,3-11 in die Erzählung eingeführt wird.“ 71 Inkonsistenzen lassen sich auch bei Mk feststellen: *Ev 5,33-39 / / Mk 2,18-22: Hier hat Mk „die Exposition dadurch »verbessert«, dass er den Hinweis auf die Gebetspraxis, die im Weiteren keine Rolle spielt, gestrichen und das Ganze auf das Problem des Fastens konzentriert hat. In der Exposition ist auch die Frage durch den Hinweis auf die Fastenpraxis der Johannesjünger und der Pharisäer plausibilisiert, die dann als Fragesteller identifiziert werden. Dadurch entstand jedoch die Inkohärenz, dass die Frager über sich selbst in der 3. Pers. sprechen.“ 72 *Ev 23,4 wird bei der Redaktion in Mk gestrichen, so dass „die neuerliche und verstärkte Klage der Hohenpriester in der Luft hängt und unvermittelt erscheint.“ 73 Fälle der Inkonsistenz oder Inkohärenz finden sich auch beim kanonischen Paulus in der Revision von *Paulus: 74 Gal 2,2: Hier wird aus der vorkanonischen Vorlage das singuläre „Ich“ übernommen, obwohl auf der kanonischen Ebene Paulus nicht alleine auftritt, sondern im Gespann zu dritt reist. 2Kor 3,7: Hier fügt die kanonische Redaktion ein ἡ διακονία ein, was inkonsistent ist, da im Folgetext überhaupt nicht auf eine διακονία eingegangen wird. Vergleicht man Eph 3,1-7 mit Kol 1,26-27 werden Parallelen und Inkonsistenzen augenscheinlich. Der schon länger gesehene herausragendste Fall von Inkonsistenz oder Inkohä‐ renz bildet der Zweite Korintherbrief. Folgt man der Teilungstheorie, die Blanton kurz zusammenfasst und in der Rekonstruktion an den entsprechenden Stellen berücksichtigt ist, ergibt sich folgende Aufteilung von 2Kor: 1. Brief: 2Kor 1,1-2,13; 7,5-16; 13,11-13 2. Brief: 2Kor 2,14-6,13; 7,1-4 3. Brief: 2Kor 8,1-24 4. Brief: 2Kor 9,1-15 5. Brief: 2Kor 10,1-13,10 §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 569 <?page no="570"?> 75 T.R. Blanton IV, Paul’s Covenantal Theology in 2 Corinthians 2.14-7.4 (2012), 61. 76 Auffallenderweise sind es genau diese „beiden Briefe“, die Blanton im Konspexus betrachtet, vgl. Ibid. 62. 77 H.D. Betz, 2. Korinther 8 und 9. Ein Kommentar zu zwei Verwaltungsbriefen des Apostels Paulus (1993). 78 R. Bieringer, Love as that which Binds Everything Together? The Unity of 2 Corinthians Revisited in Light of Αγαπ- Terminology (2014), 24; B. Nongbri, 2 Corinthians and possible material evidence for composite letters in antiquity (2015). Und ein Fragment: 2Kor 6,14-7,1 75 Wie aus *2Kor erkennbar wird, besitzen wir aus dem 8., 9. und 10. Kapitel, verglichen mit dem kanonischen Brief, keinen vorkanonischen Text, auch 13,11-13 ist vorkanonisch nicht vorhanden. Hierbei fällt auf, dass bereits die bisherige Forschung zur Teilungstheorie diese vier Bereiche als irgendwie teileigenständige oder eigenständige Passagen aufgefasst hat. Nimmt man als Bearbeitungsrichtung jedoch *2Kor > 2Kor an, erweist sich die Sinnhaftigkeit einer Aufteilung von 2Kor durch die Forschung als Hinweis auf die Inkonsistenz oder Inkohärenz der kanonischen Redaktion. Sie hat den älteren *2Kor an so vielen Stellen in der Argumentation unterbrochen, dass der Eindruck verschie‐ dener Briefe entstehen musste, der, wie etwa der erste oben angenommene, fast ausschließlich kanonisches Textmaterial umfasst, während der angenommene zweite am getreuesten der Vorlage von *2Kor folgt und zusammen mit dem angenommenen fünften, der sich ebenfalls noch eng an *2Kor anlehnt, 76 diesen weithin umfassen. Die sich daran anschließenden sogenannten „zwei adminis‐ trativen Briefe des Apostel Paulus“, wie sie Betz nennt, 77 gehen wie die vielen Digressionen und Ergänzungen gänzlich auf die kanonische Redaktion zurück. Aufschlussreich ist auch die Sonderuntersuchung zum Stamm αγαπ-, die R. Bieringer zu 2Kor durchführt, zunächst einmal basierend auf der Annahme einer Einheit von 2Kor. Dabei stellt er fest, dass Paulus in diesem Brief diesen Stamm drei Mal für die Menschenliebe Gottes verwendet (9,7; 13,11. 13), ein Mal für die Liebe der Korinther für jemanden, der fehltrat (2,8), sechs Mal für Paulus, der seine Liebe gegenüber den Korinthern ausdrückt (2,4; 7,1; 8,7; 11,11; 12,15. 19) und noch weitere drei Male, wo Objekt (6,6; 6,6. 24) oder Subjekt (12,15) nicht klar sind. In einem Fall drückt Paulus Christi Liebe für uns aus (5,14). Vergleicht man diese Liste mit *2Kor, so fällt auf, dass nur der alleinstehende letzte Fall vorkanonisch möglicherweise gestanden war, alle anderen Fälle jedoch zum Text der kanonischen Redaktion gehört. Wenn Bieringer nach seiner Untersuchung der verschiedenen Stellen, die nach der Teilungstheorie auf verschiedene Briefe verteilt wären, zum Schluss kommt, dass es sich um eine kohä‐ rente Vorstellung in 2Kor handelt, die ein Netzwerk über den gesamten Brief darstellt, wo „alles mit allem in Beziehung steht“, 78 und wo insbesondere die liebende Beziehung 570 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="571"?> 79 Z. Safrai and P.J. Tomson, Paul’s ‚Collection for the Saints‘ (2 Cor 8-9) and Financial Support of Leaders in Early Christianity and Judaism (2014), 219. 80 R. Bieringer, Love as that which Binds Everything Together? The Unity of 2 Corinthians Revisited in Light of Αγαπ- Terminology (2014), 11. des Paulus zu den Korinthern wie auch die Gottes zu den Menschen im Vordergrund steht, dann bringt er im Vergleich zu *2Kor ein weiteres Merkmal der kanonischen Redaktion zum Ausdruck - der Versuch, einen Kohärenzeindruck über einen Brief hin zu schaffen, auch wenn, wie Bieringer zeigt, damit gewisse Spannungen zu anderen (vorkanonischen wie kanonischen) Paulusbriefen entstanden, und durch die Redaktion, wie die Teilungstheorie betont, eben auch zu nicht überwindbaren Spannungen innerhalb des einen Briefes führten. Nimmt man die Untersuchung zu 2Kor 8 und 9 von Safrai und Tomson hinzu, die herausheben, dass Paulus mit der Kollektensammlung ein völlig neues, zwar jüdische Motive integrierendes Modell der Finanzierung geschaffen hatte, das jedoch einen erheblich größeren Entwicklungsstand an Organisationsstruktur voraussetzt, als man ihn aus den anderen Briefen gewohnt ist, 79 dann spricht auch diese Abnormalität für eine der weiteren Inkonsistenzen innerhalb dieses Briefes - eben ein Grund, warum Kapitel 8 und Kapitel 9 für gesonderte Briefe durch die Teilungstheorie gehalten werden. Während Safrai und Tomson jedoch noch mit der traditionellen Datierung der Paulusbriefe operieren und diesen Brief folglich für ein „revolutionäres“ Produkt halten, verglichen mit den Schriften der Tannaiten, die darin ein weit vorausschauendes Organisationstalent des Paulus sehen, dem die Tannaiten erst nach drei-, vier Generationen später an Entlohnungsmodellen nachgekommen wären, führt die hier vorgelegte Platzierung des kanonischen Texts dazu, die kanonische Redaktion passgenau zu kontextualisieren. Der Vergleich von *2Kor und 2Kor und die Annahme der Bearbeitungsrichtung *2Kor > 2Kor löst demnach eine crux der bisherigen Paulusforschung - Bieringer spricht von einer über 200-jährigen Trennung der Forschung in Lager, zwischen denen ein „stalemate“ herrsche 80 - und ist ein hervorragendes Beispiel für das, was hier unter Inkonsistenz und Inkohärenz verhandelt wird. Zu einer weiteren Inkonsistenz: Die Kombination Περὶ δέ steht 14 Mal im NT, und zwar immer als Satzanfang und ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 22,31; 24,36; Mk 12,26; 13,32; Joh 16,11; Apg 21,25; 1Kor 7,1. 25; 8,1; 12,1; 16,1. 12; 1Thess 4,9; 5,1). Sie steht jedoch nicht ein Mal im Lukasevangelium, während sie in allen anderen kanonischen Evangelien, auch in der Apostelgeschichte begegnet. Offenkundig hatte die kanonische Redaktion das Lukasevangelium, das diese Kombination durch die vorkanonische Vorlage, die diese Kombination nicht enthielt, auch nicht mit ihr ausgestattet, was, wie wiederholt bemerkbar §-9 Weitere Charakteristika der kanonischen Redaktion insgesamt 571 <?page no="572"?> 81 S. Alkier and T. Paulsen, Philologisch-kritische Beobachtungen zur sprachlichen Ge‐ staltung des Römerbriefes (2024), 40. Mit Verweis auf M. Reiser, Sprache und literarische Formen des Neuen Testaments. Eine Einführung (2001), 76. 82 R. Barthes, Am Nullpunkt der Literatur. Literatur oder Geschichte. Kritik und Wahrheit (2006), 17-18. Vgl. S. Alkier and T. Paulsen, Philologisch-kritische Beobachtungen zur sprachlichen Gestaltung des Römerbriefes (2024), 46-47. 83 S. Alkier and T. Paulsen, Philologisch-kritische Beobachtungen zur sprachlichen Ge‐ staltung des Römerbriefes (2024), 47. ist, auf eine gewisse Autorität des vorkanonischen Textes und eine Inkonsistenz innerhalb der kanonischen Redaktion schließen lässt. Wenn auch nicht zu den Inkonsistenzen zu zählen, sei doch erwähnt, dass der kanonische Paulus sich auch als „Gleichniserzähler“ versucht, wobei ihm diese nach Reiser „meist misslingen: Töpfergleichnis (Röm 9,21f.); Gleichnis vom gepfropften Ölbaum (Röm 11,17-24); Glieder des Körpers (Röm 12,4-8)“, 81 Passagen, die allesamt vorkanonisch fehlen. d. Intertextualität R. Barthes hat auf das gestuarium eines Textes verwiesen, das zwischen dem „Horizont der Sprache“ und der „Vertikalität des Stils“ liegt und einen „Raum für eine andere formale Realität: für die ‚Schreibweise‘“ bildet. 82 S. Alkier verweist bezüglich des kanonischen Paulus auf die intertextuelle Bezugnahme auf die griechische Fassung der jüdischen Schrift: „Die notwendig eklektisch verfahrende intertextuelle Schreibweise wird … als positionelle und damit auch als machtförmig kontingente Auswahl möglicher Schriften und Schriftbezüge sichtbar. Der Machtaspekt der paulinischen intertextuellen Schreibweise gerät vollends in den Blick, wenn ihr monologischer Charakter in Betracht gezogen wird“; verdeutlicht wird diese Schreibweise anhand von Röm 4, einem Kapitel, das vorkanonisch gefehlt hat. Es ist genau der Unterschied des kanonischen Paulus und des vorkanonischen *Paulus, der diesen Bezug auf die griechische jüdische Bibel in dieser Weise nicht kennt, welcher die Differenz zwischen beiden Textversionen verdeutlicht. 83 572 Teil II: Der Apostolos und sein Text im frühen Christentum <?page no="573"?> Teil III: Das literarische Verhältnis zwischen der *10-Briefe-Sammlung und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="575"?> 1 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020); T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022). 2 D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 102-103. §-10 Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung Auf einige der Aporien haben kürzlich A. Goldmann und T. Flemming auf‐ merksam gemacht. 1 Ihre Beobachtungen werden zu berücksichtigen sein. a. Die Inkonsistenz der angeblichen Redaktion Markions Vorweg gilt es im Blick auf die vorangegangenen Überlegungen aus den Teilen I und II festzustellen: Die älteren Editoren von Hilgenfeld bis zu Schmid, mit Ausnahme einiger kritischer Stimmen wie van Manen, gingen von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung aus und sahen die Bearbeitungsrichtung 14-Briefe-Sammlung > *10-Briefe-Sammlung. Für diese Auffassung war es notwendig, dem Herausgeber der *10-Briefe-Sammlung ein Bearbeitungskon‐ zept zuzuschreiben, es sei denn, man hätte davon ausgehen wollen, dass die *10-Briefe-Sammlung inhaltlich/ mechanisch zufällig (Blatt-/ Briefverlust) oder aus anderen Umständen, finanzieller, kommerzieller, pädagogischer Art verkleinert worden war gegenüber ihrer vermutlichen Vorlage, der größeren Sammlung mit überdies durchaus längeren Briefen. Gewiss lassen sich in der Überlieferungsgeschichte antiker Werke und Brief‐ sammlungen Verkürzungen und Reduktionen benennen, eine Epitome stellt jedoch eher die Ausnahme innerhalb der Überlieferungsgeschichte antiker Texte dar, während gerade Briefsammlungen dazu tendieren, im Laufe der Geschichte zu wachsen, sowohl, was die Anzahl der inkludierten Briefe betrifft wie auch deren Länge. D. Trobisch vermerkt hierzu, dass nach einer womöglichen Autorenedition „in einem weiteren Stadium“ diese oder andere „Ursammlungen um zusätzliche Briefe ergänzt (werden). Vorherrschende Eingriffe sind Erweite‐ rungen und Einfügungen, Konflationen bei der Textgestaltung, Interpolationen und Aufnahme gefälschter Schriften sind typisch.“ 2 Dieselbe Forderung nach einem klaren Bearbeitungskonzept ist nicht un‐ bedingt für die Zusammenstellung einer ersten Sammlung erforderlich. Für eine solche kann es eine Fülle von Begründungen und Absichten geben. Sie reichen von einem persönlichen Wunsch nach Bewahrung und Verbreitung der eigenen Gedanken über eine antiquarische Sammlerleidenschaft all dessen, was an Briefmaterial von einer bestimmten Persönlichkeit überliefert ist, hin <?page no="576"?> 3 K. Berger, Hellenistische Gattungen im Neuen Testament (1984), 1327; K. Berger, Apostelbrief und apostolische Rede: Zum Formular frühchristlicher Briefe (1974). D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 102-103. 4 Vgl. die Paralleldiskussion zu *Ev und Lk in M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 127. zu einer bestimmten Materialauswahl, um ein erwünschtes Profil einer solchen Persönlichkeit mit einer entsprechenden Sammlung zu schaffen. Dass Briefsammlungen nicht unbedingt redigiert oder ediert werden, lässt sich an vielen als Papyri erhaltenen Briefsammlungen ablesen, die aus unter‐ schiedlichen Interessen zusammengebunden zu sein scheinen, doch hat die Diskussion, die A. Deissmann im Jahr 1901 anstieß, gezeigt, dass hier zu nuancieren ist. Als Privatbriefe bezeichnete K. Berger die paulinischen Briefe, doch ist zu unterscheiden zwischen privaten Briefen und nichtliterarischen oder „vorlite‐ rarischen Briefe(n)“. 3 Ein erheblicher Unterschied besteht darin, ob wir es, wie in vielen Papyri mit Einzelbriefen oder - was uns auch bei Papyribriefen begegnet - mit Bündelungen oder Briefsammlungen zu tun haben, die für einen weiteren Kreis als den der unmittelbaren Adressaten bestimmt waren. Auch wenn solche, wie die Paulusbriefsammlungen, Briefe enthalten, die als Privatbriefe angesehen werden könnten und vielleicht an einen bestimmten Adressatenkreis gerichtet waren, sobald Briefe in Briefsammlungen Eingang fanden, die für eine literarische Öffentlichkeit bestimmt sind, muss man mit deren literarischen Bearbeitungen rechnen. Unabhängig davon, ob wie etwa Goldmann und Flemming vorschlagen, die Bearbeitungsrichtung umgekehrt wird von der *10-Briefe-Sammlung > 14-Briefe-Sammlung wird man nach einem Bearbeitungskonzept auch nach der 14-Briefe-Sammlung zu fragen haben. Diese Einsicht hat ein Gewicht für die Bestimmung der Aporien für die Priorität der 14-Briefe-Sammlung. Denn da alle Häresiologen von einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung ausgegangen waren, fragten sie lediglich nach dem Bearbeitungskonzept der *10-Briefe-Sammlung. Ihnen zufolge hatte Markion aufgrund von seinen theologischen Vorstellungen die Sammlung bearbeitet, d. h. „verfälscht“, „beschnitten“ und „verstümmelt“. 4 Wenn Klinghardt als eine Aporie darauf rekurriert, dass für die eigene Beweisführung der Häresiologen „die dafür anzunehmende Korrelation von Text und Theologie Marcions gar nicht zu erweisen ist“, und Irenaeus, Tertullian und Epiphanius vielmehr 576 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="577"?> 5 Iren, Adv. haer. I 27,4, der lateinische Text auf S.-100. pointiert feststellen, dass Marcions Text „geeignet sei, seine eigene Theologie zu widerlegen“, bin ich der Meinung, man müsse diese Aussage relativieren. Alleine das fünfbändige Werk des Irenäus zeigt, welche Mühe er aufbringen muss, um sich mit der theologischen Interpretation seiner Hauptgegner Valen‐ tinus und Markion auseinanderzusetzen. Auch wenn er für die Beschäftigung mit Markion in Aussicht stellt, dass er diesen aus seinen eigenen Werken („seorsum contradicemus, ex iis sermonibus“), womit er ausdrücklich dessen Schrift meint („Domini et Apostoli“), zu widerlegen beabsichtigt, 5 so argumen‐ tiert er doch durchweg aus seiner eigenen, womöglich 27 Bücher umfassenden Sammlung neutestamentlicher Schriften. Anders Tertullian, der den Wunsch des Irenäus aufgreift und in seinem ebenfalls fünfbändigen Werk „Gegen Markion“ in den beiden letzten Büchern detailliert in Buch IV Markions Vorwort, die Antithesen, und dann von Anfang bis Ende dessen Evangelium kommentiert und aus diesem heraus diesen zu überführen versucht. Dasselbe Vorgehen prägt auch seine Kommentierung in Buch V von Markions *10-Briefe-Sammlung. Dabei wird auf Schritt und Tritt deutlich, dass es für ihn gar nicht so einfach ist, den Text dieser Sammlung dafür zu nutzen, Markions „eigene Theologie zu widerlegen“. Gewiss finden sich eine Reihe von Stellen, die Tertullian genüsslich heraushebt und Markion des Selbstwiderspruches bezichtigt. Doch die Ausführ‐ lichkeit seiner Kommentierung ist der beste Beweis dafür, dass er auf weite Stre‐ cken hin gehörige Mühe hat, solche Selbstwidersprüche aufzudecken. Vielmehr bemüht er sich, auf dessen Textbasis seiner Interpretation zu widersprechen, indem er wieder und wieder, für die Leserschaft bisweilen bis zur Ermüdung, Zitate aus dem alten Testament heranzieht. Mit diesen versucht er darzulegen, dass einerseits die Novitäten, die Markion mit seinem paulinischen Text gegen‐ über der alttestamentlichen Botschaft herausstellt, längst von Mose und den Propheten vorausverkündigt waren. Dabei bestreitet er gerade nicht die Neuheit dessen, was mit Christus gekommen ist, sondern lediglich, dass diese Neuheiten nicht solche eines vom Gott des alten Testaments unterschiedenen bis zu Christi Ankunft unbekannten Gottes gewesen sind. Sie seien deshalb auch in der Schrift des alten Bundes zu finden. Die Erweisung von Markions Selbstwiderspruchs stellt folglich nicht das Zentrum der häresiologischen Widerlegung dar. Es lässt sich vermuten, dass die Häresiologen darum wussten, dass eine solche Argumentationsstrategie argumentativ nur funktioniert hätte, wäre Markion tatsächlich der Bearbeiter der seiner *10-Briefe-Sammlung vorausliegenden 14-Briefe-Sammlung gewesen. Da dies, wie zu zeigen sein wird, jedoch gar nicht der Fall war, ein Umstand, den zumindest Irenäus und Tertullian noch kennen §-10 Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung 577 <?page no="578"?> 6 Es bedarf darum keiner parallelen Ausführungen zur „Inkonsistenz der angeblichen Re‐ daktion Marcions“, wie sie von Klinghardt für das Verhältnis von *Ev und Lk angestellt werden, M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 127-133. mussten, wäre es geradezu selbstzerstörerisch gewesen, hätten sie sich auf diese Strategie konzentriert. Nimmt man die starken Affinitäten zwischen der *10-Briefe-Sammlung und dem „Westlichen Text“, wie in § 6 gezeigt, ins Auge, so sehe ich keine Aporie und schon gar kein unlösbares Problem darin, dass bei der Annahme einer markionitischen Redaktion der 14-Briefe-Sammlung in so vielen Fällen die „katholische“ Textüberlieferung von Markions Redaktion beeinflusst wurde. Da Markion zu Lebzeiten nie als Häretiker galt, auch wenn er und sein *Neues Testament nicht unwidersprochen blieben, wäre es doch durchaus möglich gewesen, dass bei einer konkurrierenden Situation der kanonischen und vorkanonischen Briefsammlungen durch Kontamination Lesartvarianten der vorkanonischen Sammlung in die kanonische Sammlung eingedrungen wären. Allerdings ist zuzugestehen, dass die umgekehrte Bearbeitungsrichtung eine Präsenz dieser Lesarten um vieles leichter erklären lässt. Sollte, wie sich in dieser Untersuchung herausstellt, die 14-Briefe-Sammlung eine Bearbeitung der bereits existierenden *10-Briefe-Sammlung sein, erklärt sich fast von selbst, warum eine Fülle von älteren Lesarten sich in den Handschriften der 13- (ohne Hebr) oder 14-Briefe-Sammlung erhalten haben, und zwar, je stärker diese Handschriften, wie etwa die in § 6 diskutierten Bilinguen, auch andere Eigenschaften mit der *10-Briefe-Sammlung teilen und damit die größere Nähe zu dieser aufweisen. Aus zweierlei Gründen (ein Erstbearbeiter hat nicht notwendigerweise ein festes Konzept; Varianten einer nicht häretischen, nur konkurrierenden Samm‐ lung können in die andere Sammlung eindringen) fällt folglich die Aporetik für die Priorität der 14-Briefe-Sammlung weg, und an deren Stelle tritt die größere historische Wahrscheinlichkeit, dass die *10-Briefe-Sammlung die Grundlage der 14-Briefe-Sammlung darstellt. 6 b. Der Umfang der *10-Briefe-Sammlung Was das Verhältnis der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung betrifft, gilt dieselbe Beobachtung, die Klinghardt für dasjenige zwischen *Ev und Lk gemacht hat. Es finden sich so gut wie keine Texte in der *10-Briefe-Sammlung, die sich nicht auch in der 14-Briefe-Sammlung finden - trotz aller Differenzen 578 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="579"?> 7 Ibid. 134. 8 Ibid. 9 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 61. 10 Ibid. 61-62. Nicht aufgeführt werden Wortersetzungen oder Umformulierungen, es sei denn, es liegt eine wesentliche Sinnänderung vor. 11 Korrekt müsste man angeben: καὶ σοφία. 12 Harnack gibt versehentlich „I Thess. 5,13“. 13 Wie bereits im vorausgehenden Teil des Kommentars, Tert., Adv. Marc. V 20,1: quod alii ex fiducia vinculorum eius audentius sermonem enuntiarent, alii per invidiam et conten‐ tionem, quidam vero et per sermonis existimationem, scheint das, was Zahn und Harnack hier als Mehrtext annehmen, auf die Explikation des Tertullian zurückzugehen, jedoch nicht auf den vorkanonischen Text. in den parallelen Texten. Deshalb gilt auch derselbe Einwand gegen die Priorität der 14-Briefe-Sammlung, den Klinghardt formuliert hat: Bei einer solchen Prio‐ rität „wäre zu erwarten, dass eine inhaltliche Redaktion, wie sie die Häresiologen Marcion unterstellen, ihren Ausdruck in klärenden und vereindeutigenden Zusätzen gefunden hätte.“ 7 Dies ist nicht nur „nicht der Fall“, 8 sondern das Phänomen von klärenden und vereindeutigenden Zusätzen, vor allem aber eines relativ konsistenten redaktionellen Bearbeitungskonzepts findet sich in der 14-Briefe-Sammlung, sowohl was die erste wie auch die zweite kanonische Redaktion betrifft. 1. Texte der *10-Briefe-Sammlung, die sich nicht in der 14-Briefe-Sammlung finden Die wenigen Texte, die die *10-Briefe-Sammlung als Mehrtext gegenüber der 14-Briefe-Sammlung besitzt, wurden von der Forschung, die eine Priorität der letzteren annimmt, als „schwindend gering(e)“ „Zusätze“ gewertet. 9 Harnack gibt folgende Mehrtexte: 10 *Gal 1,7: κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου; nicht nur bezeugt durch Tertullian, sondern auch durch Adamantius. *1Kor 1,18: σοφία 11 *1Thess 2,15: ἰδίους, auch in in 06 1 , 018, 020, 044, 104, 365, 630, 1241, 1505, 2464, M, sy *1Thess 5,23: 12 καὶ σωτῆρος *Phil 1,16: ἤδη καί τινες ἐξ ἀγῶνος 13 Zu dieser Liste, aus der, wie angemerkt der letzte Eintrag zu streichen ist, muss man noch folgende Mehrtexte hinzufügen: §-10 Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung 579 <?page no="580"?> *Gal 1,7: πάντως εἰς ἕτερον *Gal 2,10: ἵνα *Gal 2,11: Πρὸς Πέτρον; Der Name des Petrus als Πέτρος findet sich auch in 06, 010, 012, 018, 020, 630, 1505, 2464, M, it, vg mss , sy h , MVict, Ambst, ebenfalls in der altlateinischen Tradition in 61, 64, 75, 76, 77, 78, 89. *Gal 2,14: ὠνείδισεν τῷ Πέτρῳ; Πέτρῳ ist bezeugt durch 06, 010, 012, 018, 19, 025, 104, 630, 1505, 2464, M, it, vg mss , sy h , MVict, Hier, Ambst, Pel und durch die altlateinische Tradition: 58, 61, 75, 76, 77, 78, 89, 135. *Gal 4,6: τοῦ θεοῦ *Gal 4,8: οὖν-… τῇ *Gal 4,24: εἰς τὴν συναγωγὴν τῶν Ἰουδαίων κατὰ τὸν νόμον ↑*Laod 1,21: ἄλλη δὲ γεννῶσα *Gal 4,26: εἰς ἣν ἐπηγγειλάμεθα ἁγίαν ἐκκλησίαν *Gal 5,1: τῷ νόμῳ *Gal 5,14: ὑμῖν; ὑμῖν ἐν ἑνὶ λόγῳ in den Zeugen 06*, 010, 012, ar, b, d, g, go, MVict, Ambst, Aug, Pel, Cass und in der altlateinischen Tradition in 61, 75, 76, 89, 135. *1Kor 1,18: τοῦ Χριστοῦ *1Kor 1,28: τοῦ κόσμου] καὶ τὰ ἐλάχιστα *1Kor 2,16: καὶ τίς αὐτοῦ σύμβουλος ἐγένετο *1Kor 6,13: ὡς ὁ ναὸς τῷ θεῷ καὶ ὁ θεὸς τῷ ναῷ *1Kor 7,1: τῶν γάμων *1Kor 8,4: ἐστιν; auch bezeugt durch add ἐστιν Iren. (Adv. haer. III 6,5) und Ambrosi‐ aster. *1Kor 8,6: ἡμῖν *1Kor 9,8: εἰ Μωϋσέως *1Kor 10,11: τυπικῶς] καθῶς *1Kor 14,35: δέ τι] μὴ *1Kor 15,1: Περὶ ἀναστάσεως νεκρῶν *1Kor 15,25: αὐτοῦ 1 *1Kor 15,29: αὐτῶν] τῶν νεκρῶν; auch bezeugt durch 062, 020, M, sy p , bo ms . *1Kor 15,36: πρῶτον; auch bezeugt durch Adamantius und die lateinischen Zeugen Ambst adr , CypTes var . *1Kor 15,45: Ἀδὰμ] κύριος; κύριος oder Ἀδὰμ fehlt in P 46 . *1Kor 15,47: ἄνθρωπος] ὁ κύριος; findet sich auch in dem Zeugen 630, während ανθρωπος ο κυριος zu lesen ist in 01 2 , 02, 06, 018, 020, 025, 044, 075, 81, 104, 365, 1241, 1505, 1739 mg , 1881, 2464, M, sy, hingegen bietet P 46 ανθρωπος πνεθματικος; in der altlateinnischen Tradition lässt Pel var das homo aus. ὁ οὐράνιος; so auch bezeugt durch 010, 012, latt. 580 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="581"?> *1Kor 15,50: δέ] γάρ; so auch bezeugt durch 06, 010, 012, Ir lat , Ambst, und in der altlateinischen Tradition in 75, 76, 77, 89. *1Kor 15,51: οὐ κοιμηθησόμεθα] μὲν ἀναστησόμεθα *1Kor 15,52: ἐν ἀτόμῳ, ἐν ῥοπῇ ὀφθαλμοῦ *2Kor 1,20: ὅσαι] πᾶσαι αἱ *2Kor 2,17: κατένωπιον θεοῦ ἐν Χριστῷ λαλοῦμεν] ἐν Χριστῷ διδάσκοντες κατέναντι τοῦ θεοῦ; κατέναντι τοῦ steht in 025, 365, κατέναντι alleine findet sich in den Zeugen P 46 , 01*, 02, 03, 04, 0243, 33, 81, 630, 1175, 1739, 1881, 2464. *2Kor 3,3: ἐπιστολὴ] ἡ καινὴ διαθήκη *2Kor 3,14: αὐτῶν] τοῦ κόσμου *2Kor 3,18: δὲ πάντες] ἤδη; auch bezeugt durch Pel var ; itaque, das sich findet in der altlateinischen Tradition in 61, Ambstr, Pel b . *2Kor 4,6: τοῦ θεοῦ] αὐτοῦ; auch bezeugt durch P 46 , 04*, 06*, 010, 012, b, d, g, r, Adam, Cyr, Pel var , und eius in der altlateinischen Tradition in 64, 76, 76, 77, 89, suae Ambst ed . *2Kor 4,10: Ἰησοῦ 1 ] θεοῦ; Die Zeugen 06, 010, 012 bieten hingegen Χριστοῦ, und so auch die altlateinische Tradition in 75, 76, 77, 78, 89, während domini iesu in Ambst r steht, domini nostri iesu christi in Spec ed , domini iesu christi in Spec var und der Begriff ausgelassen ist in Pel var . Ἰησοῦ 2 ] Χριστοῦ; Tertullian bietet nur Christus, doch die Zeugen 06, 010, 012 Ἰησοῦ Χριστοῦ, so auch die altlateinische Tradition in 75, 76, 77, 89, Pel b , Spm var , und christi iesu in 61, Spm ed . *2Kor 4,11: Ἰησοῦ] Χριστοῦ *2Kor 5,4: τοῦτῳ; 06, 010, 012, 81, (104), 1505, it, vg cl , sy, bo, go, Ambst, Spec und in der altlateinischen Tradition in 51, 89 hoc habitaculo, dann 58 tabernaculo isto, dann corpore isto 61, Pel b , dann hoc corpore 67, Ambst r , Pel a , habitaculo isto 75,76, dann habitaculo hoc 77, Spm, dann tabernaculo hoc 78, dann hoc tabernaculo isto 88*, dann hoc tabernaculo 88 c , Pel var , dann isto corpore Ambst ed , dann hoc sumus corpore Pel var . τοῦ σώματος; vgl. zu τοῦτῳ zuvor. *2Kor 5,17: καινά] τὰ πάντα; καινὰ τὰ πάντα durch Tertullian nahe, die auch zu finden ist in 06 2 , 018, 020, 025, 044, 104, 326, 945, 2464 pm, sy h ; τὰ πάντα καινά steht in Adamantius und in den Zeugen 6, 33, 81, 365, 614, 630, 1241, 1505, 1881 pm, ar, b, vg cl , Ambst ed , Pel b und in der altlateinischen Tradition in 54, 58, 61, 89: omnia nova. *2Kor 7,1: πνεύματος] ἅιματος *Röm 3,20: τότε *Röm 3,22: οὐ γάρ] Τίς *Röm 5,1: Χριστοῦ, οὐκ ἐκ νόμου *Röm 7,7: ὅτι *Röm 7,23: ἔστιν §-10 Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung 581 <?page no="582"?> *Röm 8,10: ἐστιν; legt sich nahe aufgrund von Tert. und wir auch geboten von 010, 012 lat, Ambst., Spec. *Röm 13,8: ἕτερον] πλησίον; geboten von Epiphanius, gestützt von Tertullian, und zu finden in 1735. *Röm 14,21: σκανδαλίζεται; geboten durch Eznik, wobei sich ἢ σκανδαλίζεται ἢ ἀσθενεῖ in den Zeugen findet P 46vid , 012, 03, 06, 010, 012, 020, 025, 044, 0209, 33, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, M, lat, sy h , sa. *1Thess 4,15: κυρίου] Χριστοῦ; in 03 findet sich Ἰησοῦ. *2Thess 1,6: θεῷ] κυρίῳ *2Thess 2,3: ἀνομίας] ἀμαρτίας; das von Tertullian sich nahelegt, findet sich auch in 02, 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 630, 1175, 1241, 1505, M, lat, sy, Ir lat , Eus. *Laod 1,1: Ἐφέσῳ] Λαοδικείᾳ; nahegelegt durch Tertullian und Epiphanius, es findet sich keine Adresse in P 46 , 01*, 03*, 6, 1739. *Laod 1,5: ἐλήφθημεν ἡμᾶς *Laod 2,12: καὶ 2 ; legt sich nahe durch Tertullian und Rufin, begegnet auch in 010, 012, it mss. *Laod 2,13: τοῦ Χριστοῦ] αὐτοῦ; geboten von Tertullian und Epiphanius, während 0278 Ἰησοῦ bietet, om. P 46 , 03. *Laod 2,19: καὶ] ἀλλ‘ *Laod 4,6: εἷς Χριστός *Laod 5,19: κυρίῳ] θεῷ *Laod 5,22: ὑποτάσσεσθε; von Tertullian nahegelegt, findet sich in (06, 010, 012), 018, 020, 630, M, sy, υποτασσεσθωσαν in 01, 02, 016, 025, (044), 0278, 6, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241 s , 1505, 1739, 1881, 2464, lat, sy hmg , co, om. P 46 , 03, Cl, Hier mss . *Laod 5,28: ἑαυτὸν] τὴν ἑαυτοῦ σάρκα *Laod 6,4: αὐτὰ] τὰ τέκνα *Laod 6,16: οὐ τοῦ πολέμου *Kol 2,13: Θεὸς *Kol 2,16: καὶ ἐν] ἢ; legt sich durch Epiphanius an einer Stelle nahe, während Tertullian et bietet, aber bezeugt durch 01, 02, 04, 06, 010, 012, 016, 018, 020, 025, 044, 075, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 2464, M, lat, sy h , Eus. *Kol 2,17: ἅ] ὅ; durch Epiphanius geboten, auch bezeugt durch 03, 010, 012, 614, b, d, g, go, Aug, Ambst, Spec. *Kol 2,18: μὴ; auch bezeugt durch 01 2 , 04, 061, 018, 020, 026, 044, 075, 0278, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241 s , 1505, 1881, 2464, M, Hier mss , *Kol 3,3: ὑμῶν] ἡμῶν *Phil 1,23: Χριστῷ] τῷ κύριῳ *Phil 3,9: μὴ ἔχων] ἔχων μὴ δι‘ αὐτοῦ τὴν 582 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="583"?> 14 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 137. 15 Ibid. 143. Ähnlich, wenn auch nicht ganz so deutlich wie beim Vergleich von *Ev und Lk, das Klinghardt bezüglich solcher Mehrtexte angestellt hat, lassen sich hier von diesen 82 Stellen immerhin 31 aufzeigen, die eine Spur in der Hand‐ schriftentradition der 14-Briefe-Sammlung hinterlassen haben. Was Harnack für vernachlässigungswerte Zusätze hielt, ist jedoch eine Stütze für die Um‐ kehrung der Bearbeitungsrichtung, wonach nicht die 14-Briefe-Sammlung der *10-Briefe-Sammlung vorausging, sondern die *10-Briefe-Sammlung Grundlage für die 14-Briefe-Sammlung war. Denn es wäre auch hier nur schwer erklär‐ lich, wieso die *10-Briefe-Sammlung bei oft theologisch nicht relevanten Vari‐ anten einen so nachdrücklichen Einfluss auf die Überlieferung des Textes der 14-Briefe-Sammlung genommen hätte. Nimmt man die *10-Briefe-Sammlung als Grundlage, dann erklären sich die Varianten als Spuren der älteren Textform, die sich trotz des wachsenden Einflusses des Textes der 14-Briefe-Sammlung in den Zeugen letzterer finden. Wie oben in § 6 dargelegt, sind sie Indikatoren für die entstehende Distanz, die der Text der 14-Briefe-Sammlung gegenüber der *10-Briefe-Sammlung im Laufe der Zeit aufbaut. Betrachtet man sich die voranstehende Liste näher, fällt auf, dass die kano‐ nische Redaktion an vielen Stellen (die Liste wäre noch erheblich zu vermehren, wären alle Textänderungen, nicht nur die Textüberschüsse bzw. inhaltlichen Änderungen berücksichtigt) nicht nur Mehrtext geliefert, sondern an vielen Stellen „gestrichen und umformuliert“ hat, wir sehen dieselbe Redaktion am Werk, auf die Klinghardt für die Bearbeitung von *Ev zu Lk hingewiesen hat. 14 Es gilt darum auch, dass das „Fehlen ‚redaktioneller Verstärkungen‘“, die Klinghardt ebenfalls bemerkt hatte, auch im Fall des Verhältnisses der beiden Briefsammlung für die *10-Briefe-Sammlung gilt. Während Redaktionen und Bearbeitungen der Verdeutlichung dienen und mit Korrekturen und Zusätzen arbeiten, lassen sich solche bei einem Vergleich der beiden Briefsammlungen nur für die 14-Briefe-Sammlung gegenüber der *10-Briefe-Sammlung verbuchen. Hieraus ist ein weiteres Argument gegeben für die Priorität der letzteren. Um‐ gekehrt wäre „eine Redaktion, die keinerlei Zusätze macht, um ihr redaktionelles Konzept positiv zum Ausdruck zu bringen, … völlig singulär und ist von daher höchst unwahrscheinlich“. 15 §-10 Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung 583 <?page no="584"?> 16 Vgl. hierzu weiter oben Teil I §-2 b. 17 N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019). Auch Klinghardt urteilt, dass die Apg „nicht nur nicht in Marcions Bibelausgabe enthalten war, sondern der marcionitischen Theologie auch deutlich widersprochen haben würde: Neben der zentralen Bedeutung Jerusalems und des Tempels sind vor allem der Apostelbegriff, die Bedeutung der Jerusalemer Apostel in Act 1-15 sowie die insgesamt positive Zeichnung des Judentums kaum mit der für Marcion bezeugten Theologie vereinbar“, M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 145. 2. Die beiden Briefsammlungen und die Apostelgeschichte Die Fragestellung nach diesem Verhältnis ist nicht unbedeutend für die Frage der Bearbeitungsrichtung der beiden Briefsammlungen. Geht man von der häresi‐ ologischen Behauptung aus, die 14-Briefe-Sammlung sei der *10-Briefe-Samm‐ lung vorausgegangen, und nimmt man noch die inzwischen vertretene Position hinzu, wonach selbst bei einer Priorität der *10-Briefe-Sammlung diese von Markion lediglich aufgefunden, ihm aber bereits vorausgelegen existiert habe, 16 dann stellt sich sogleich die Frage, warum die Apostelgeschichte auf die Briefe des Paulus nicht eingeht. Da Paulus in ihr eine wichtige Person darstellt, jedoch seine Briefe in ihr keine Rolle spielen - auf sie wird zumindest nicht ausdrücklich angespielt -, wäre dies desto verwunderlicher, wenn die 14-Briefe-Sammlung Grundlage für die redaktionelle Verkürzung und Bearbeitung derselben durch Markion gewesen wäre. Eine kanonische Redaktion, die eine Apostelgeschichte in ihre Sammlung aufnimmt, hätte die 14-Briefe-Sammlung desto besser gegen eine häretische Distortion derselben schützen können, wenn sie die Briefe des Paulus fest in die Biographie der Apostelgeschichte verankert hätte. Umgekehrt erklärt sich viel leichter, dass der Nichtbezug auf Briefe, die entweder noch jung, noch umstritten und vor allem die Spuren der Redaktion einer konkurrierenden Redaktion zeigten, in ihrer Autorität nicht weiter herausgekehrt wurden, son‐ dern inhaltlich durch die in der Apostelgeschichte gegebenen Reden und Taten des Paulus konterkarriert oder zumindest inhaltlich korrigiert werden sollten. In einer jüngeren Untersuchung versucht N. Lücke in diese Richtung zu argumentieren und liest die Apostelgeschichte als einen Versuch derselben, eine narrative Kohärenz zu den paulinischen Briefen herzustellen, die diese einer markionitischen Interpretation entziehen soll, um so der 14-Briefe-Sammlung Raum zu verschaffen. 17 Die 14-Briefe-Sammlung teilt ein Stück Schicksal mit dem Lukasevangelium. Liest man Irenäus und Tertullian, dann ist offenkundig, dass die wichtigsten Evangelien für sie diejenigen sind, die auch die Namen zweier Apostel tragen: 584 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="585"?> 18 Vgl. Iren., Adv. Haer. III 11,8 (Reihenfolge: Joh - Lk - Mt - Mk), vgl. hierzu und zu anderen Reihenfolgen in Irenäus: M. Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2. Jahrhundert (2019), 155-157. Tert., Adv. Marc. IV 2,2: „Unser Glaube wird angeleitet aus den Aposteln Johannes und Matthäus, aufgerichtet aus den Apostelschülern Lukas und Markus“ (nobis fidem ex apostolis Ioannes et Matthaeus insinuant, ex apostolicis Lucas et Marcus instaurant); ibid. 2,4: „Von den Kommentatoren, die wir besitzen … ist Lukas jedoch kein Apostel, sondern ein Apostelschüler, kein Lehrer, sondern ein Schüler, jedenfalls geringer als der Meister, gewiss desto später, als Nachfolger des späteren Apostles, zweifelsohne des Paulus, so dass, selbst wenn Markion das Evangelium unter dem Namen des Paulus vorgestellt hätte, hätte die Alleinstellung des Werks nicht für den Glauben ausgereicht ohne die Stütze der vorangegangenen“ (Nam ex iis commentatoribus quos habemus … Lucas non apostolus sed apostolicus, non magister sed discipulus, utique magistro minor, certe tanto posterior quanto posterioris apostoli sectator, Pauli sine dubio, ut et si sub ipsius Pauli nomine evangelium Marcion intulisset, non sufficeret ad fidem singularitas instrumenti destituta patrocinio antecessorum); Tert., De praescr. 3,6. 8; 4,1-4 (Mt); 3,10; 7,10 ( Joh), vgl. hierzu M. Vinzent, Tertullian’s Preface to Marcion’s Gospel (2016), 45. 61. 96-97. 19 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 1,1-3. 20 Tert., Adv. Marc. V 2,7: Quodsi et ex hoc congruunt Paulo Apostolorum Acta, cur ea respuatis iam apparet. Matthäus und Johannes. 18 Das Lukasevangelium ist hingegen, wie Tertullian ausdrücklich argumentiert, lediglich dasjenige eines Apostelschülers, nicht eines Apostels. Zudem ist Lukas nicht der Schüler eines in den Apostellisten der Evangelien zu findenden Apostels, sondern lediglich der Mitarbeiter des Paulus, der sich bekanntermaßen selbst als der „letzte“ der Apostel bezeichnet hat, und dem Tertullian in seinem Werk gegen Markion das Recht abspricht, sich selbst als Apostel zu autorisieren. 19 Es ist darum nur folgerichtig, dass die Apostelgeschichte zusammen mit den Katholischen Briefen zum Praxapostolos gebündelt wurde und im Codex Alexandrinus wie im Codex Vaticanus aus dem vierten und fünften Jahrhundert nach den Evangelien der 14-Briefe-Sammlung vor die paulinischen Briefe eingeordnet wurde. Wie das Lukasevangelium - ausgedrückt in der Bezeich‐ nung desselben mit dem Namen des Apostelschülers Paulus - zeigte auch die 14-Briefe-Sammlung noch eine zu große Nähe zum *Neuen Testament des Markion, ein Umstand, der möglicherweise erklärt, warum auch Justin auf diese Briefe nicht ausdrücklich zurückgreift. Erst Tertullian weist auf die Kongruenz zwischen den Paulusbriefen und der Apostelgeschichte hin. 20 Die etwa von Harnack angenommene Priorität der 14-Briefe-Sammlung, die einherging mit seiner Annahme der Priorität des Doppelwerks von Lk/ Apg stößt gleich auf mehrere Hindernisse. Sie widerspricht dem Schweigen der Apg (wie auch Justins) über die 14-Briefe-Sammlung. Sie erklärt auch nicht, warum Texte, die gegen Markion gerichtet sind, die Paulusbriefe völlig übergehen, §-10 Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung 585 <?page no="586"?> 21 H.F.v. Campenhausen, Die Entstehung der christlichen Bibel (1968), 383. 22 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 172. 23 Vgl. hierzu die Zusammenfassung der Argumente bei M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 167-173. 24 Dafür, „daß die beiden - höchst unterschiedlichen - Teile der christl. Bibel überhaupt zu einer literarischen Einheit werden konnten … (ist) darin zu suchen, daß ,die Weis‐ sagungen des Alten Testaments (…) erst durch „das Evangelium“ erfüllt und enthüllt‘ wurden,“ J. Wehnert, Die Wir-Passagen der Apostelgeschichte ein lukanisches Stilmittel aus jüdischer Tradition (1989), 201. Zitiert ist H.v. Campenhausen, Die Entstehung der christlichen Bibel (1968), 383. 25 Jan Bremmer in einer handschriftlichen Notiz an mich. statt die 14-Briefe-Sammlung gegen Markion und die *10-Briefe-Sammlung zu benutzen, wie es schließlich Irenäus tut. Hinzu kommt, dass Harnack auch von einer Priorität von Markions *Neuen Testament gegenüber der kanonischen Sammlung ausgeht, weil er, wie nach ihm v. Campenhausen, 21 Markions *Neues Testament als Stimulus und Vorlage für die kanonische Sammlung herausge‐ stellt hat, zugleich aber der Meinung ist, Markion habe die Apostelgeschichte bewusst aus seinem *Neuen Testament ausgeschieden. 22 Das aber zwingt zu der Annahme, dass Markion zwar das Doppelwerk Lk/ Apg kannte, Lk redaktionell zu *Ev bearbeitete, jedoch die Apg bewusst ignorierte, während er noch nicht die gesamte größere Sammlung kannte, die Irenäus vorliegt. Nun gibt es jedoch gute Gründe dafür, dass das Doppelwerk Lk/ Apg auf lange Zeit hin nicht existierte, sondern deren Bezug aufeinander nur durch die in der kanonischen Sammlung redaktionell eingebrachten Vorwörter von Lk und Apg und weiterer Passagen wie der Himmelfahrt erfolgte. 23 Darüberhinaus lässt sich auch das Argument von Wehnert, was die Funktion der Apostelgeschichte zusammen mit der des Lukasevangeliums betrifft, nicht nachvollziehen, wonach dieses „lukanische Doppelwerk“ „schon wegen seines Umfangs (Lk/ Apg nehmen zusammen mehr als ein Viertel des NT ein) wahrscheinlich eine entscheidende Rolle“ im Prozess der Zusammenführung von Altem und Neuem Testament gespielt hat. 24 Mit Jan Bremmer bin ich gegenüber der Position von Wehnert skeptisch, da, wie die Quellen ausweisen, die Apostelgeschichte viel zu wenig im frühen Christentum bekannt gewesen war und offenkundig auch nur selten gelesen und gedeutet wurde. 25 Richtig an Wehnerts Beobachtung hingegen ist, dass die Präsenz von beiden Werken in der später kanonischen Sammlung zum Zwecke dieser Brückenbildung des Neuen Testaments zum Alten Testament dient. 586 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="587"?> 3. Der Ausweg aus den Aporien: Die Priorität der *10-Briefe-Sammlung Aus den vorangenannten zwei Punkten ergibt sich bereits die Aporetik einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung, die anhand der Einzelbefunde in vielerlei Hinsicht erneut vor Augen geführt werden kann. Dieser Nachweis ist der Interpretation der Häresiologen gegenüber zu bevorzugen, da diese seit Irenäus unisono die 14-Briefe-Sammlung für die ältere halten und die *10-Briefe-Samm‐ lung als eine Verstümmelung derselben behandeln. Doch stellt sich die Frage, ob im Vergleich der *10-Briefe-Sammlung und der 14-Briefe-Sammlung die Erweiterungen und Korrekturen von letzterer einem konsistenten redaktionellen Konzept folgen. Wie verhält es sich mit den vielen Textüberschüssen und dem Verhältnis zwischen der 14-Briefe-Sammlung, der Apostelgeschichte wie überhaupt mit dem Praxapostolos. Dabei gilt auch hier - wie im Verhältnis *Ev/ Lk - die Annahme einer direkten literarischen Abhängigkeit als die einfachste Hypothese. §-10 Die Aporien der Priorität der 14-Briefe-Sammlung 587 <?page no="588"?> §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre kanonisch redaktionelle Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung In diesem Paragraphen können nur ausgewählte Stellen betrachtet werden, die die *10-Briefe-Sammlung in ihrer Priorität gegenüber der 14-Briefe-Sammlung stützen. Wir greifen als Beispiele den Eröffnungsbrief der *10-Briefe-Sammlung, *Gal, heraus, und einen der Deuteropaulinen, *Laod. Es wäre ein Desiderat der Forschung, weitere Stellen in Gegenüberstellung der beiden Sammlungen zu bearbeiten und die vorliegende Hypothese zu kritisieren, zu korrigieren oder auch zu präzisieren. a. Das redaktionelle Interesse der kanonischen Redaktion Ausgangspunkt für die vorliegende Untersuchung ist die Beobachtung des Tertullian, dass der *Galaterbrief die *10-Briefe-Sammlung angeführt hat, wäh‐ rend, wie dann Epiphanius dezidiert herausstellt, dieser Brief seine Stellung mit dem Römerbrief im kanonischen Neuen Testament getauscht hat. Gibt es einen inneren und redaktionell-konzeptionellen Zusammenhang zwischen der Stellung dieser beiden Briefe in den beiden Sammlungen und deren Textgestalt? Wir beginnen bei der Gegenüberstellung der beiden verschiedenen Selbst‐ vorstellungen des Briefschreibers: *Gal Gal 1,1-Παῦλος ἀπόστολος, οὐκ ἀπ’ ἀνθρώπων οὐδὲ δι‘ ἀνθρώπου ἀλλὰ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ ἐγείραντος αὑτὸν ἐκ νεκρῶν, 1,1-Παῦλος ἀπόστολος, οὐκ ἀπ’ ἀνθρώπων οὐδὲ δι‘ ἀνθρώπου ἀλλὰ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ θεοῦ πατρὸς τοῦ ἐγείραντος αὐτὸν ἐκ νεκρῶν, 2- [¿ταῖς ἐκκλησίαις? ] ἐν Γαλατίᾳ: 2 καὶ οἱ σὺν ἐμοὶ πάντες ἀδελφοί, ταῖς ἐκκλησίαις τῆς Γαλατίας: 3 χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς καὶ κυρίου Ἰησοῦ, 3 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ, *1Kor 1Kor 1,1 Παῦλος ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ - 1,1 Παῦλος κλητὸς ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ διὰ θελήματος θεοῦ, καὶ Σωσθένης ὁ ἀδελφός, 2 τῇ ἐκκλησίᾳ ἐν Κορίνθῳ: 2 τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ, ἡγιασμένοις ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, κλητοῖς ἁγίοις, σὺν πᾶσιν τοῖς <?page no="589"?> ἐπικαλουμένοις τὸ ὄνομα τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ ἐν παντὶ τόπῳ, αὐτῶν καὶ ἡμῶν: 3 χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ. 3 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. *2Kor 2Kor 1 Παῦλος ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ τῇ ἐκκλησίᾳ τῇ ἐν Κορίνθῳ, τῇ Ἀχαΐᾳ: 1 Παῦλος ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ διὰ θελήματος θεοῦ, καὶ Τιμόθεος ὁ ἀδελφός, τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ, σὺν τοῖς ἁγίοις πᾶσιν τοῖς οὖσιν ἐν ὅλῃ τῇ Ἀχαΐᾳ: 2 χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ. 2 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. 3 Εὐλογητὸς ὁ θεὸς τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὁ πατὴρ τῶν οἰκτιρμῶν, 3 Εὐλογητὸς ὁ θεὸς καὶ πατὴρ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὁ πατὴρ τῶν οἰκτιρμῶν καὶ θεὸς πάσης παρακλήσεως, *Röm Röm 1,1 Παῦλος, ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ 1,1 Παῦλος δοῦλος Χριστοῦ Ἰησοῦ, κλητὸς ἀπόστολος, ἀφωρισμένος εἰς εὐαγγέλιον θεοῦ, - 2 ὃ προεπηγγείλατο διὰ τῶν προφητῶν αὐτοῦ ἐν γραφαῖς ἁγίαις, - 3 περὶ τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ τοῦ γενομένου ἐκ σπέρματος Δαυὶδ κατὰ σάρκα, - 4 τοῦ ὁρισθέντος υἱοῦ θεοῦ ἐν δυνάμει κατὰ πνεῦμα ἁγιωσύνης ἐξ ἀναστάσεως νεκρῶν, Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν, 5ἐν τοῖς ἔθνεσιν, 5 δι’ οὗ ἐλάβομεν χάριν καὶ ἀποστολὴν εἰς ὑπακοὴν πίστεως ἐν πᾶσιν τοῖς ἔθνεσιν ὑπὲρ τοῦ ὀνόματος αὐτοῦ, - 6 ἐν οἷς ἐστε καὶ ὑμεῖς κλητοὶ Ἰησοῦ Χριστοῦ, Stellen wir zunächst eine banal erscheinende, jedoch zugleich fundamentale Frage, unter Annahme einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung: Welcher christ‐ liche Redaktor würde mit der Wendung θεοῦ πατρός einen Hinweis auf den höchsten Gott, den Vater, aus einer Vorlage streichen? Vielleicht ließe sich dies §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 589 <?page no="590"?> 1 Tert., Adv. Marc. V 5,1-2: [1] … Quod non utique salutem praescribit eis quibus scribit, sed gratiam et pacem, non dico … [2] Haec cum a deo patre nostro et domino Iesu annuntians communibus nominibus utatur, competentibus nostro quoque sacramento, non puto dispici posse quis deus pater et dominus Iesus praedicetur, nisi ex accedentibus cui magis competant. Außerdem lässt sich leicht zeigen, dass Markion kein monarchianisch denkender Theologe war, vgl. hierzu M. Vinzent, Von Paulus zu Saulus. Zwei Paulus‐ briefsammlungen im 2.-Jh. (2025), 244-255. 2 §-9 b. mit dem Hinweis auf die Selbsterweckung Jesu Christi erklären, wenn mit ihr die monarchianische Identifikation von Jesus Christus mit dem höchsten Gott ausgesagt wäre. Dann hätte der Redaktor eine Doppelung der Gottestitulatur an dieser Stellung vermeiden wollen, vielleicht aus Angst vor einer möglichen ditheistischen Interpretation. Sollte dies plausibel sein, dann stößt diese Erklä‐ rung jedoch an ihre Grenze bei der Beobachtung einer Inkonsistenz in *1Kor 1,3. Für diese Stelle wird von Tertullian ausdrücklich bezeugt, dass in Markions Text θεοῦ πατρός zu lesen war. 1 Ändern wir die Bearbeitungsrichtung *10-Briefe-Sammlung > 14-Briefe- Sammlung erklären sich die Änderungen widerspruchsfrei. Zum ersten wird das καὶ θεοῦ πατρός von der kanonischen Redaktion in den Text eingeschoben, um erstens die Selbsterweckung zu einer Erweckung Jesu Christi durch Gott, den Vater, umzuformulieren, zweitens um eine größere Konsistenz zwischen Vers 1 und Vers 3 herzustellen, in denen auf der kanonischen Ebene das θεοῦ πατρός wiederholt wird und - nach *1Kor 1,3, wo dieses Element ebenfalls steht mit dem zusätzlichen Hinweis, dass die Brieferöffnungen eher ähnlich bei Markion formuliert wurden - wohl auch für *Gal 1,3 vorausgesetzt werden darf. Als redaktionelle Motive und Merkmale lässt sich festhalten: • Harmonisierung, die einher geht mit Duplikation • Theologische Hervorhebung von Gott, Vater. Das erste Merkmal wurde wegen seiner Charakteristik für die kanonische Redaktion bereits eigens behandelt. 2 Die theologische Hervorhebung von Gott, Vater, in der Wendung θεοῦ πατρός begegnet 18 Mal im kanonischen Neuen Testament und gemäß *1Kor 1,3 wurde sie auch 11 Mal in der *10-Briefe-Sammlung verwendet, wenn auch nur an einer Stelle bezeugt: *Gal 1,3; *2Kor 1,2; *Röm 1,7; *1Thess 1,1; *2Thess 1,2; *Laod 1,2; 6,23; *Kol 1,2; *Phil 1,2; *Phlm 1,2 und zwar immer in der Wendung χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρός bzw. an einer Stelle (*Laod 6,23) in der Wendung Εἰρήνη καὶ ἀγάπη μετὰ πίστεως ἀπὸ θεοῦ πατρός. Aufgrund der vorkanonischen Vorgabe findet sich die Formulierung auch in der kanonischen Ausgabe: Röm 1,7; 1Kor, 1,3; 2Kor 1,2; Gal 1,1. 3; Eph 1,2; 590 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="591"?> 6,23; Phil 1,2; 2,11; Kol 1,2; 1Thess 1,1; 2Thess 1,2; 1Tim 1,2; 2Tim 1,2; Tit 1,4; Phlm 1,3; 1Petr 1,2; 2Petr 1,17; 2Joh 1,3. Hierbei fällt allerdings auf, dass die kanonische Redaktion die Formulierung nicht nur in alle paulinischen Briefe - bis auf den Hebräerbrief! - aufgenommen hat, inklusive der Pastoralbriefe, sondern sie auch in drei der katholischen Briefe eingetragen hat. Das zeigt, dass wir nicht nur von einer Redaktion der paulinischen 14-Briefe-Sammlung sprechen können, sondern dass wir auch von einer übergreifenden kanonischen Redaktion reden. Da jedoch einige Briefe (Hebr, Jak, 1Joh, 3Joh, Jud) ohne diese Wendung auskommen, zeigt sich als weiteres Merkmal der kanonischen Redaktion eine gewisse Inkonsistenz. Dass sich die Inkonsistenz nicht nur auf die Anzahl der Briefe bezieht, sondern auch auf den Wortlaut, zeigen Gal 1,1; Phil 2,11 und 1Thess 1,1. Denn während die kanonische Redaktion überall dort, wo vorkanonisch das θεοῦ πατρός nach ἀπό in der Wendung ἀπὸ θεοῦ πατρός bezeugt bzw. berechtigterweise vermutet werden kann und in den kanonischen Parallelversen ebenso das ἀπὸ θεοῦ πατρός geboten wird, fehlt in der 14-Briefe-Sammlung in den drei genannten Versen, an denen θεοῦ πατρός steht, jeweils das ἀπό: - *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung *Gal 1,1/ Gal 1,1 διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ θεοῦ πατρὸς *1Thess 1,1/ 1Thess 1,1 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ ἐν θεῷ πατρὶ καὶ κυρίῳ Ἰησοῦ Χριστῷ: χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη *Phil 2,11/ Phil 2,11 - κύριος Ἰησοῦς Χριστὸς εἰς δόξαν θεοῦ πατρός Bei der ersten Stelle, Gal 1,1, liegt der Fall einfach: das καὶ θεοῦ πατρός ist vorkanonisch nicht bezeugt und wird wohl auch gefehlt haben, während es kanonisch ohne bekannte Varianten steht. In *1Thess 1,1 wird man aufgrund der Notiz des Tertullian zu *1Kor 1 an‐ nehmen dürfen, dass vorkanonisch ἀπὸ θεοῦ πατρός stand, während kanonisch in 1Thess 1,1 die Dativkonstruktion ἐν θεῷ πατρί gewählt ist. Dabei sind folgende Varianten zu verzeichnen: Post πατρί add. ἡμῶν die Zeugen 02, 81, (629), ar, r, vg s , sa mss . ♦ Post Χριστῷ add. ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν (- 06) καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ die Zeugen 01, 02, 06, 016, 018, 020, 025, 33, 81, 104, (365), 630, 1175, 1241, 1505, 2464, M, (m), vg mss , sy h** , bo, om. in 03, 010, 012, 044, 0278, 629, 1739, 1881, lat, sy p , sa, NA 28 . §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 591 <?page no="592"?> Die Varianten zeigen an, dass es in den Handschriften Harmonisierungen mit 2Thess 1,1-2 gegeben hat, wo es heißt: ἐν θεῷ πατρὶ ἡμῶν καὶ κυρίῳ Ἰησοῦ Χριστῷ: 2 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς [ἡμῶν] καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. Es liegen folgende Varianten vor: Post πατρός om ἡμῶν in 03, 06, 025, 0111 vid , 33, 1739, 1881, m, bo pt , add 01, 02, 010, 012, 016, 018, 020, 0278, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 2464, M, lat, sy, sa, bo pt . Zu sehen ist, dass bei beiden Thessalonicherbriefen die von den übrigen Briefen abweichende dativische Konstruktion ἐν θεῷ πατρί steht, die offenkundig die vorkanonische und auch sonst kanonisch gebrauchte Wendung ἀπὸ θεοῦ πατρός ersetzt hatte. Letztere fehlt in einigen Handschriften, die öfter der vorkanonischen Version näher stehen. Doch auch hier scheint dies kein Hinweis darauf zu sein, dass die vorkanonische Version den Vers wie 2Thess 1,1-2 bot, sondern wohl eher, dass in diesen Handschriften weiter zu harmonisieren versucht wurde. Das wird auch durch 2Thess 1,2 gestützt, ein Vers, der sich näher an die sonstige vorkanonische Fassung anlehnt. Außerdem spricht für kanonische Harmonisierung, dass in 1Thess 1,1 das ἀπὸ θεοῦ πατρὸς [ἡμῶν] καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ nicht an εἰρήνη, sondern an Ἰησοῦ Χριστῷ angeschlossen wurde, was zu einer Verdoppelung der Nennung Jesu Christi führt. Daraus folgt, dass das Fehlen des ἀπὸ θεοῦ πατρός in 1Thess 1,1 wohl die ältere, oder zumindest eine der kanonischen Varianten darstellt. Dass wir es mit der nicht das ἀπό beinhaltenden Wendung θεοῦ πατρός mit einer kanonisch-redaktionellen Wendung zu tun haben, belegt auch Phil 2,11. Hier ist es die Erweiterung des εἰς δόξαν, das im vorkanonischen Text keine Korrespondenz besitzt. Wir können folglich zusammenfassen, dass θεοῦ πατρός, welches an drei Stellen im kanonischen Text steht, jeweils ohne Korrespondenz im vorkanoni‐ schen Text, eine Wendung darstellt, die die kanonische Redaktion in den Text eingetragen hat. Hiermit aber führt die kanonische Redaktion eine gewisse Inkonsistenz im Gebrauch dieser Wendung ein (meistens mit, drei Mal ohne ἀπό) und, wie die Varianten zeigen, nimmt sie eine Duplikation in Kauf, die in den der vorkanonischen Version näher stehenden Handschriften fehlt. Ein weiteres Element, das die kanonische Version von Gal 1,1-3 auszeichnet, ist die Verwendung der Pronomen ἐμοί in Vers 2, ὑμῖν und ἡμῶν in Vers 3, die jeweils vorkanonisch unbezeugt sind. Betrachten wir uns die Selbstvorstellung in *1Kor/ 1Kor. Erneut stellt sich sofort die schlichte Frage, warum bei Annahme einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung ein Abbreviator das Lob des Adressaten, der Kirche von Korinth, von Vers 2 herausgeschnitten hätte, dann auch das Pronomen der Anrede ὑμῖν in Vers 3. 592 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="593"?> Noch weniger wahrscheinlich ist, dass die ausdrückliche Bezugnahme, wonach die Berufung des Paulus als Apostel auf den Willen Gottes zurückgeht, irgendein Redaktor ausgelassen hätte, es sei denn, er habe Paulus in seiner Autorität reduzieren wollen. Hier spräche schon eher dafür, dass ein Markionit das zwie‐ spältige κλητός von Vers 1 getilgt hätte, auch die Nennung eines Mitschreibers, Σωσθένης ὁ ἀδελφός, weil beides die wesentliche Alleinstellung, die Paulus für sich in *Gal/ Gal gerade betont hatte, gefährdet haben könnte. Aus den genannten Gründen ist es wiederum eher wahrscheinlich, dass wir es mit einer Bearbeitungsrichtung *10-Briefe-Sammlung > 14-Briefe-Sammlung zu tun haben. Denn aus den gerade geschilderten inhaltlichen Gründen legt sich eine antimarkionitische Erweiterung dieser Verse nahe. Darüberhinaus bietet die Nennung des Σωσθένης eine Verknüpfung zwischen dem Ersten Korintherbrief und der Apostelgeschichte (Apg 18,17). Zunächst aber sticht gleich ins Auge, dass die in der vorkanonischen Fassung fehlenden Elemente innerhalb der kanonischen Fassung miteinander verknüpft werden. Das κλητός aus Vers 1 kehrt wieder im κλητοῖς von Vers 2 und klingt an im danach stehenden ἐπικαλουμένοις. Der Verweis auf Christus, der vorkanonisch nur einmal steht, kehrt gleich drei weitere Male in der kanonischen Version wieder auf. Pronomen werden eingeführt (ὑμῖν, Vers 3) oder wiederholt (ἡμῶν, Vers 2), der Text folglich personalisiert. Auch bei dem Vergleich der Selbstvorstellung in *2Kor/ 2Kor scheint es wenig wahrscheinlich, dass ein Abbreviator wiederum den Hinweis auf den Willen Gottes aus dem Text entfernt hätte - ebenfalls wäre es wenig erklärlich, warum erneut das Lob der Adressaten herausgefallen wäre, während eine redaktionelle Erweiterung für die 14-Briefe-Sammlung schnell einsichtig ist: Der Text wird durch die Hinzufügung von Pronomen (ὑμῖν, Vers 2) wiederum personalisiert. Mit der erneuten Einfügung eines Mitabsenders, dieses Mal Τιμόθεος ὁ ἀδελφός, wird Paulus wieder aus seiner Alleinstellung gebracht, außerdem die Verbin‐ dung zu der kanonischen Ergänzung der Kapitel Röm 15-16 (Röm 16,21), den Pastoralbriefen (1Tim 1,2. 18; 6,20; 2Tim 1,2), den Deuteropaulinen (Kol 1,1), dem Hebräerbrief (Hebr 13,23) und der Apostelgeschichte (Apg 16,1; 17,14. 15; 18,5; 19,22; 20,4) geschaffen und die kirchliche Reichweite verbreitert (ἐν ὅλῃ τῇ Ἀχαΐᾳ). Zu dieser Intensivierung durch die kanonische Redaktion gehört auch die Verwendung von πᾶσιν, die bereits in 1Kor 1,2 auffällt (auch ebd. ἐν παντὶ τόπῳ), hier aber wiederholt wird (2Kor 1,1; auch πάσης in Vers 3). Kommen wir zu der Selbstvorstellung in *Röm/ Röm. Auch hier wäre die Annahme einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung nur schwer verständlich, denn sie bedarf der Erklärung, warum ein Abbreviator die Erwähnung des §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 593 <?page no="594"?> „Evangeliums Gottes“ ausgelassen hätte, während es der typischen Tendenz von Redaktionen entspricht, Erweiterungen vorzunehmen, was für die Priorität der *10-Briefe-Sammlung vor der 14-Briefe-Sammlung spricht. Denn in den für die vorkanonische Version unbezeugten Versen 2-4 wird mit dem ὁρίζω von Vers 4 das ἀφορίζω aus Vers 1 wieder aufgegriffen, ebenso mit προεπαγγέλλομαι aus Vers 2 das εὐαγγέλιον aus Vers 1, mit dem θεοῦ aus Vers 4 das θεοῦ aus Vers 1. In dem vorkanonisch unbezeugten Vers 5 wird mit ὑπακοή auf den vorkanonisch unbezeugten δοῦλος angespielt. Schließlich greift das κλητός in Vers 6 das κλητός von Vers 1 auf. Ein weiteres Element fällt auf - die Verwendung der Pronomen ἡμῶν - ὑμεῖς. Und die für die Korintherbriefe festgestellte Erweiterung der Reichweite der Kirche führt im Römerbrief zu deren Universalisierung (ἐν πᾶσιν τοῖς ἔθνεσιν) gegenüber der vorkanonischen Version. Es zeigt sich eine enge Verknüpfung zwischen den Versen 2-6 mit den kanonischen Ergänzungen in Vers 1, womit insgesamt eine kanonische Verbun‐ denheit der Verse 1-6 aufleuchtet. Hätte hier ein Abbreviator gearbeitet, wäre ein solch präzises Herausschneiden viel schwerer als für einen Redaktor, der einen gegebenen Text so ergänzt, dass er in den Folgeversen gerade die ergänzten Elemente erläuternd ausführt. Ähnliche Verknüpfungen wurden auch bereits für 1Kor festgestellt. Nimmt man die Vergleichsstellen aus Gal, 1/ 2Kor und Röm zusammen, fällt auf, dass die Selbstvorstellungen eher Erweiterungen der kanonischen Redaktion für die 14-Briefe-Sammlung nahelegen als Abbreviationen einer vorkanonischen für die *10-Briefe-Sammlung. Die kanonische Redaktion der 14-Briefe-Samm‐ lung zeigt das Bemühen, den Text zu personalisieren, erklärend zu erweitern, es werden redaktionell-literarische Bezüge zwischen den Erweiterungen einge‐ bracht und über diese hinaus Verknüpfungen der Selbstvorstellungen mit der größeren kanonischen Sammlung hergestellt, die eine vernetzte Konsistenz ge‐ rade mit den auf Paulus bezogenen kanonischen Hinzufügungen zu insinuieren versuchen (Röm 15-16; Apg; Deuteropaulinen, Pastoralbriefe, Hebräerbrief). In Kauf genommen werden Duplikationen und Inkonsistenzen innerhalb der 14-Briefe-Sammlung. Ohne bereits an dieser Stelle generalisieren zu wollen, also lediglich be‐ zogen auf die kleine Stichprobenuntersuchung der vier Selbstvorstellungen des Paulus, die zuvor unternommen wurde, lässt sich ähnlich parallel, wie Klinghardt es für den Vergleich der Eröffnung von *Ev und Lk/ Apg getan hat, feststellen, dass das redaktionelle Interesse eine Anti-Tendenz aufweist, d. h. die 14-Briefe-Sammlung ist als Korrektur der *10-Briefe-Sammlung, insbesondere von dessen Paulusbild, angelegt. Es gilt auch hier, dass diese Tendenz zunächst 594 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="595"?> 3 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 172. 4 Tert., Adv. Marc. IV 4,4. 5 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 173. 6 Dieser Vergleich wurde angeregt durch Fragen, die Harry O. Maier in einer Email an mich vom 21.7.23 aufgeworfen hatte und dem ich darum sehr zu Dank verpflichtet bin. Vgl. auch B.S. McAdon, Rhetorical Mimesis and the Mitigation of Early Christian Conflicts. Examining the Influence that Greco-Roman Mimesis may have in the Composition of Matthew, Luke, and Acts (2018). vorwiegend „eher formal zu verstehen und auf die literarische Diskreditierung des älteren“ Textes zu beziehen ist, „der durch den redaktionell erweiterten (und kanonisch gewordenen) ersetzt werden soll.“ 3 Betrachtet man sich insbesondere die Zusätze der Verse Röm 1,1b-4, wird man sogar inhaltlich hinzufügen dürfen, dass dieser Passus mit dem Hinweis darauf, dass das „Evangelium Gottes“ bereits „durch seine Propheten … vorher verheißen“ worden ist „in heiligen Schriften“ und dass der „Sohn … aus der der Nachkommenschaft Davids“ ist, durchaus von einem Kritiker als Interpolation ad concorporationem legis et prophetarum 4 hatte bezeichnet werden können, und dieser nicht nur, wie etwa Lk 1, „auf eindrückliche Weise“ nahekommt. 5 b. Die kanonische Redaktion von (*) Gal 2,11-21 Um für die Frage der Bearbeitungsrichtung ein weiteres Beispiel anzufügen, soll hier auf Kapitel 2 von *Gal/ Gal eingegangen werden. 6 *Gal 1,11-17; 2,1↓1,18. ↓1,19. 2,2-5. 6. 9-12. 13. 14. 16. 18 Gal 1,11-24; 2,1-21 Apg Weitere Zeugnisse 11-Ich gebe euch aber zu verstehen, Brüder und Schwestern, dass das Evangelium, das von mir verkündet wurde, nicht von Men‐ schen stammt; 11-Ich gebe euch aber zu verstehen, Brüder, dass das Evangelium, das von mir verkündet wurde, nicht von Men‐ schen stammt; - - 12 doch-ich habe es nicht von einem Men‐ schen übernommen, aber auch nicht gelernt, sondern durch eine Of‐ fenbarung Jesu Christi. 12 doch-ich habe es nicht von einem Men‐ schen übernommen und auch nicht gelernt, sondern durch eine Of‐ fenbarung Jesu Christi. - - §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 595 <?page no="596"?> *Gal 1,11-17; 2,1↓1,18. ↓1,19. 2,2-5. 6. 9-12. 13. 14. 16. 18 Gal 1,11-24; 2,1-21 Apg Weitere Zeugnisse 13-Als ich damals zum Judentum ge‐ hörte, verfolgte ich die Kirche maßlos und bekämpfte sie - 13-Ihr habt nämlich mein Benehmen damals im Judentum zu Ohren bekommen, dass ich über die Maßen die Kirche Gottes verfolgte und sie vernichtete - - 14-und im Judentum war ich über die Maßen ein Eiferer, was die Überlieferungen meiner Väter betraf. - 14 und im Judentum viele Gleichaltrigen in meinem Geschlecht übertraf und micht mit dem größten Eifer für die Überlieferungen meiner Väter einsetzte. - - 15-Dann aber gefiel es ihm, der mich ausersehen hatte, 15-Als es Gott aber ge‐ fiel, der mich schon im Mutterleib ausersehen und durch seine Gnade berufen hat, - - 16-Christus in mir zu offenbaren, damit ich unter den Völkern ihn im Evangelium verkünde. 16- seinen Sohn in mir zu offenbaren, damit ich unter den Völkern ihn im Evangelium ver‐ künde, sofort zog ich nicht Fleisch und Blut hinzu; - - - 17-ich ging auch nicht nach Jerusalem hinauf zu den Aposteln, die vor mir waren, sondern ging weg nach Arabien und kehrte wieder um nach Damaskus. - - - 18-Dann, nach drei Jahren ging ich nach Jerusalem hinauf, um mich mit Kephas zu treffen, und blieb bei ihm, fünfzehn Tage. - - - 19-Allerdings einen an‐ deren der Apostel sah ich nicht als nur Ja‐ kobus, den Bruder des Herrn. - - 596 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="597"?> *Gal 1,11-17; 2,1↓1,18. ↓1,19. 2,2-5. 6. 9-12. 13. 14. 16. 18 Gal 1,11-24; 2,1-21 Apg Weitere Zeugnisse - 20-Was ich euch schreibe - beim Angesicht Gottes, siehe, dass ich nicht lüge. - - - 21-Im Anschluss ging ich in die Gegend Sy‐ riens und Kilikiens. - - - 22 Dem Angesicht nach blieb ich den Kirchen Judäas, und zwar denje‐ nigen in Christus, unbe‐ kannt. - - - 23-Allein aber hatten sie vernommen, dass derjenige, der uns da‐ mals verfolgte, jetzt den Glauben im Evan‐ gelium verkündet, den er früher vernichtete. - - - 24-Und mit Bezug auf mich priesen sie Gott. - - 2,1-Und, vierzehn Jahre später, ging ich nach Jerusalem hinauf, (↓1,18-…) um Petrus kennenzu‐ lernen (↓1,19)-und die übrigen Apostel. 2,1-Dann, vierzehn Jahre danach, ging ich wieder nach Jerusalem hinauf, mit Barnabas; indem ich auch Titus mitnahm. Barnabas ist (Apg 11,22) Ge‐ währsmann von Je‐ rusalem, um die Missionserfolge des Paulus in Antiochia zu prüfen, ein „treff‐ licher Mann, erfüllt vom Heiligen Geist und Glauben“ (Apg 11,24). Apg führt nur Paulus und Barnabas „und einige“ an. Barnabas ist be‐ schnitten, sein Vetter ist Markus (Kol 4,10) 2-Ich ging hinauf auf‐ grund einer Offenba‐ rung, legte ihnen das Evangelium vor, das ich unter den Völ‐ kern verkünde, ich wollte sicher sein, dass ich nicht ins Leere gelaufen bin oder laufe, 2-Ich ging aber hinauf aufgrund einer Offen‐ barung und legte ihnen das Evangelium vor, das ich unter den Völ‐ kern verkünde, jedoch denen, die etwas gelten, je einzel, ich wollte nicht ins Leere laufen oder gelaufen sein. Sie reisen als Ge‐ sandte der Gemeinde von Antiochien. Sie werden „von der Gemeinde, den Aposteln und Äl‐ testen empfangen“ (Apg 15,4), also of‐ fensichtlich erfolgt die Unterredung nicht einzeln - §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 597 <?page no="598"?> *Gal 1,11-17; 2,1↓1,18. ↓1,19. 2,2-5. 6. 9-12. 13. 14. 16. 18 Gal 1,11-24; 2,1-21 Apg Weitere Zeugnisse 3-doch nicht einmal Titus, der bei mir war, ein Grieche, wurde zur Beschnei‐ dung gezwungen, 3-Doch nicht einmal Titus, der bei mir war, ein Grieche, wurde zur Beschneidung ge‐ zwungen, „Man muss sie (die Unbeschnittenen) be‐ schneiden und von ihnen fordern, am Gesetz des Mose fest‐ zuhalten.“ (Apg 15,5) - 4-wegen der fal‐ schen Brüder, jenen Eindringlingen, die sich eingeschlichen hatten, um die Frei‐ heit, die wir in Christus haben, aus‐ zuspähen, damit wir versklavt würden. 4-wegen der falschen Brüder, jenen Eindring‐ lingen, die sich einge‐ schlichen hatten, um die Freiheit, die wir in Christus Jesus haben, auszuspähen, damit wir versklavt würden. „einige aus der Partei der Pharisäer“ (Apg 15,5) - 5 Wir haben uns auch nicht einen Augen‐ blick unterworfen, damit die Wahrheit des Evangeliums be‐ wahrt bliebe. 5-ihnen haben wir uns keinen Augenblick un‐ terworfen, damit die Wahrheit des Evange‐ liums bei euch erhalten bliebe. „ein heftiger Streit“ (Apg 15,7) - --6 Es macht für mich keinen Unterschied. 6 Aber auch von denen, die etwas gelten - das, was sie früher waren, macht für mich keinen Unterschied, das Ge‐ sicht eines Menschen nimmt Gott nicht -, auch von denen, die etwas gelten, wurde mir nichts auferlegt. 7-Sondern im Gegen‐ teil, sie sahen, dass mir das Evangelium für die Unbeschnittenen anvertraut ist wie dem Petrus für die Beschnit‐ tenen---8-denn derje‐ nige, der Petrus zum Aposteldienst unter den Beschnittenen be‐ fähigt hat, befähigte auch mich zum Dienst unter den Völkern - Petrus spricht gegen den Zwang eines Jo‐ ches auf dem Na‐ cken (Apg 15,10); Ja‐ kobus mit Verweis auf die Propheten Amos und Jesaja schließt sich Petrus an (Apg 15,13-19). „Man weise sie nur an, Verunreinigung durch Götzenopfer‐ fleisch und Unzucht zu meiden und weder Ersticktes noch Blut zu essen“ (Apg 15,20; „Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden“, Apg 15,29). Geben dies als Schreiben mit und senden Paulus, Bar‐ nabas zusammen mit Judas und Silas nach Antiochia - 598 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="599"?> *Gal 1,11-17; 2,1↓1,18. ↓1,19. 2,2-5. 6. 9-12. 13. 14. 16. 18 Gal 1,11-24; 2,1-21 Apg Weitere Zeugnisse 9- Petrus, Jakobus und Johannes gaben mir die rechte Hand, damit ich zu den Heiden gehe, sie zu den Beschnittenen, 9-und sie erkannten die mir gegebene Gnade. Jakobus, Kephas und Johannes, die dafür gelten, die Säulen zu sein, gaben mir und Barnabas die Rechte zum Zeichen der Ge‐ meinschaft, damit wir zu den Heiden, sie aber zu den Beschnittenen gingen. - - 10 auf dass wir an die Armen denken. 10-Alleine der Armen sollten wir uns erin‐ nern; und das zu tun, dessen habe ich mich eifrig bemüht. - - - - Judas und Silas kehren zurück, Paulus trennt sich von Barnabas, der mit Markus nach Zypern reist, Paulus wählt sich Silas - eine der Inkonsis‐ tenzen, da er nach Apg 15,34 ja zurück‐ gekehrt war - - 11-Petrus habe ich ins Angesicht wider‐ standen, weil er ge‐ heuchelt hatte, 11-Als aber Kephas nach Antiochia ge‐ kommen war, habe ich ihm ins Angesicht wi‐ derstanden, weil er ge‐ heuchelt hatte. Das Folgende bleibt unerwähnt. - 12 er hatte mit den Heiden gegessen, als er aber kam, enthielt er sich, denn er fürch‐ tete die aus der Be‐ schneidung. 12 Bevor nämlich einige von Jakobus kamen, hatte er mit den Heiden gemeinsam gegessen. Nach sie aber kamen, duckte er sich und ent‐ hielt sich, weil er die aus der Beschneidung fürchtete. - - 13-Und mit ihm heu‐ chelten die anderen. 13-Und mit ihm zu‐ sammen heuchelten die - - §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 599 <?page no="600"?> *Gal 1,11-17; 2,1↓1,18. ↓1,19. 2,2-5. 6. 9-12. 13. 14. 16. 18 Gal 1,11-24; 2,1-21 Apg Weitere Zeugnisse anderen Juden, sodass auch Barnabas sich mit ihm entzog aufgrund ihrer Heuchelei. 14 Aber dass sie nicht geradlinig auf die Wahrheit des Evan‐ geliums zugingen, warf ich dem Petrus vor: 14 Als ich aber sah, dass sie nicht geradlinig auf die Wahrheit des Evan‐ geliums zugingen, sagte ich zu Kephas in Gegen‐ wart aller: Wenn du, ein Jude, dich als Heide be‐ nimmst und nicht als Juden lebst, wie kannst du die Heiden zwingen, zu Judaisieren? - - - 15-Wir, die wir der Natur nach Juden sind und nicht aus den Heiden Sünder, - - 16-Ein Mensch wird nicht aus dem Ge‐ setz gemäßen Hand‐ lungen gerecht, son‐ dern allein aus dem Glauben, 16-wissen, dass der Mensch nicht aus dem Gesetz gemäßen Hand‐ lungen gerecht wird, es sei denn durch den Glauben Jesu Christi; und auch wir glaubten an Christus Jesus ge‐ langt, damit wir ge‐ recht würden aus dem Glauben Christi und nicht aus dem Gesetz gemäßen Handlungen; weil aus dem Gesetz gemäßen Handlungen wird kein Fleisch ge‐ recht. - - - 17-Wenn aber wie in Chrisuts gerecht zu werden suchen und auch als Sünder er‐ funden werden, ist Christus folglich ein Sklave der Sünde? Das sei ferne! - - 600 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="601"?> 7 Gegen zu schnelle Harmonisierung der Berichte argumentieren G. Tatum, Galatians 2: 1-14 / Acts 15 and Paul’s Ministry in 1 Thessalonians and 1 Corinthians (2009); P.J. Achtemeier, An Elusive Unity: Paul, Acts, and the Early Church (1986). Sie dennoch (zumindest chronologisch) zu harmonisieren versucht P. Parker, Once More, Acts and Galatians (1967). Andere Versuche sind zahlreich, hier nur eine Studie, über die weitere, ältere Literatur zu finden ist: W.O. Walker, Why Paul Went to Jerusalem: The Interpretation of Galatians 2: 1-5 (1992). *Gal 1,11-17; 2,1↓1,18. ↓1,19. 2,2-5. 6. 9-12. 13. 14. 16. 18 Gal 1,11-24; 2,1-21 Apg Weitere Zeugnisse 18-wenn ich näm‐ lich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue. 18-Denn wenn ich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue, dann stelle ich mich auch selbst als Über‐ treter hin. - - - 19-Ich bin nämlich durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Mit Christus bin ich gekreu‐ zigt worden. - - - 20-Doch nicht mehr ich lebe, sondern es lebt in mir Christus. Was ich aber nun im Fleische lebe, lebe ich im Glauben des Sohnes Gottes, der mich geliebt und sich für mich hin‐ gegeben hat. - - - 21-Ich setze die Gnade Gottes nicht beiseite; käme nämlich durch das Gesetz die Gerech‐ tigkeit, wäre folglich Christus umsonst ge‐ storben. - - Liest man, wie bisher in der Forschung geschehen, nur die Berichte von Gal und Apg nebeneinander, muss man den Eindruck gewinnen, dass es sich anfangs um zwei deutlich unterschiedliche Berichte desselben Geschehens handelt, die nur teilweise miteinander harmonieren, 7 während der zweite Teil dessen, was §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 601 <?page no="602"?> 8 T. Söding, Das Apostelkonzil als Paradebeispiel kirchlicher Konfliktlösung. Anspruch, Wirklichkeit und Wirkung (2012), 28. Gal 2 berichtet, nicht in Apg zu finden ist, anstelle dessen findet sich hier die Erzählung von den Missionsreisen. Die Differenzen zwischen den Berichten fasst Th. Söding prägnant zu‐ sammen: „Paulus stellt die Sache so dar, dass er mit Barnabas und anderen Antiochenern nach Jerusalem gezogen sei, aufgrund göttlicher Eingebung, um die Apostel dort und die Urgemeinde zu zwingen, Farbe zu bekennen (Gal 2,1f.), Lukas hingegen spricht von einem Beschluss der Kirche von Antiochia, eine Delegation mit Paulus und Barnabas an der Spitze nach Jerusalem zu schicken, damit dort der Streit über die Beschneidung geschlichtet werde, der durch eine judaistische Delegation vor Ort ausgelöst worden war (Apg 15,1f.). Nach dem Galaterbrief nimmt Paulus - ein geschickter Schachzug - den unbeschnittenen Heidenchristen Titus sozusagen als Demonstrationsobjekt für die Früchte der Heidenmission mit; die Apostelgeschichte erwähnt ihn mit keiner Silbe. Paulus schreibt, er habe mit der Vollversammlung der Urgemeinde und besonders mit den „Säulen“, Jakobus, Kephas und Johannes, geredet (Gal 2,2), Lukas hingegen, dass nach der Begrüßung durch die Gemeinde (Apg 15,4) die „Apostel und Presbyter“ die Angelegenheit geprüft haben (Apg 15,5). Paulus stellt es so dar, dass seinem Plädoyer in eigener Sache niemand etwas entgegenzusetzen hatte; Lukas so, dass zwar die Berichte von Paulus und Barnabas wichtig, entscheidend aber die Reden und Reflexionen von Petrus und Jakobus waren (Apg 15,6-21). Nach dem Galaterbrief haben die „Säulen“ Paulus als Apostel anerkannt, indem sie per Handschlag die Gemeinschaft mit ihm besiegelt haben (Gal 2,7ff.), nach Lukas sind nur die Zwölf Apostel im eigentlichen Sinne. Paulus sagt, ihm sei rein gar nichts „auferlegt“ worden (Gal 2,6); nach dem Aposteldekret werden die Heidenchristen aber verpflichtet, die Minimalvorschriften aus Lev 17-18 für den Umgang mit Juden, eine Vorform der „noachitischen Gebote“, zu halten (Apg 15,19f.22-28; vgl. 21,25). Nach dem Galaterbrief ist eine Kollekte der heidenchristlichen Gemeinden für Jerusalem vereinbart worden (Gal 2,10; vgl. Röm 15,26; 1Kor 16,1; 2Kor 8-9), während Lukas zwar eine antiochenische Kollekte für die Urgemeinde kennt (Apg 11,29f.), aber nicht mit dem Apostelkonzil in Zusammenhang bringt. Schließlich berichtet Paulus im Anschluss an das Konzil von einem handfesten Krach in Antiochia mit Petrus und Barnabas (Gal 2,11-14,11), während Lukas nur ein persönliches Zerwürfnis zwischen Paulus und Barnabas zu kennen scheint (Apg 15,36-41).“ 8 Im Angesicht der Unterschiede zwischen den beiden Berichten lassen sich kaum irgendwelche Versöhungen ausmachen, sondern vielmehr erhebliche 602 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="603"?> 9 „The pressing problem typically has been to make the two canonical ‚sources‘ for ‚a life of Paul‘ agree enough with each other so as to render their obvious disagreements with each other less significant“, L.E. Vaage, The Corpus Paulinum (2022), 13. 10 Vgl. hierzu die reiche Forschung zu diesen beiden Passagen aus Gal 1-2 und Apg 15: H. Zeigan, Aposteltreffen in Jerusalem. Eine forschungsgeschichtliche Studie zu Galater 2,1-10 und den möglichen lukanischen Parallelen (2005); R. Schäfer, Paulus bis zum Apostelkonzil. Ein Beitrag zur Einleitung in den Galaterbrief, zur Geschichte der Jesusbewegung und zur Pauluschronologie (2004); R. Pesch, Das Jerusalemer Abkommen und die Lösung des Antiochenischen Konfliktes. Ein Versuch über Gal 2, Apg 10,1-11,18; Apg 11,27-30; 12,25 und Apg 15,1-34 (1983). Differenzen, wie die Spalten 2 und 3 oben im Vergleich erweisen und Söding in seiner Zusammenfassung verdeutlicht, und man wundert sich nicht, dass es das „wiederkehrende, drückende Problem gab, die beiden kanonischen ‚Quellen‘ für eine ‚Lebensbeschreibung des Paulus‘ soweit miteinander übereinstimmen zu lassen, so dass die augenscheinlichen gegenseitigen Widersprüche weniger bedeutsam erschienen“. 9 Da man Gal für das ältere Zeugnis hielt, bewegte sich die Diskussion zu den Parallelen und Unterschieden im Wesentlichen um die Frage, wie die Apostelgeschichte versucht hatte, das Zeugnis des Paulus zu korrigieren. 10 Geht man von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung aus, müsste man er‐ klären, warum die historischen Details des paulinischen Aufenthalts in Arabien und Damaskus den Abbreviator gestört hatte, so dass er diese tilgte. Vor allem ist schwer zu erläutern, warum der ausführliche Bericht der ersten Reise nach Jerusalem mit dem Aufenthalt bei Petrus, der Begegnung mit Jakobus und der weiteren Reise nach Syrien und Kilikien gelöscht wurde. Warum interessierte sich der Abbreviator nicht dafür, dass *Paulus von den Gemeinden in Judäa gelobt wurde? Ebenfalls ist unerklärlich, dass er die Anerkenntnis der Gnade für Paulus getilgt hatte. Und warum sollte Paulus den Petrus nicht entschuldigen? Die sich einschleichenden Brüder werden nicht auf Jakobus zurückgeführt - und Petrus ist der Alleinschuldige, während die anderen mit ihm heucheln. Ebenso inkonsistent mit der Intentionsrichtung des Berichtes in *Gal wäre die Löschung der Begründung, die in Gal 2,14-15 gegeben wird, wobei es sich nicht um eine literarische Inkonsistenz handelt, wie man sie öfter auf der kanonischen Ebene findet, sondern mit einem redaktionellen Widerspruch, der dem Redaktor ein widersinniges Verfahren unterlegen würde. Am schwerwiegendsten ist, warum der Abbreviator Barnabas eliminiert, und zwar nicht nur an dieser Stelle, sondern gleich zwei weitere Male in *Gal (2,9. 13), auch in *1Kor 9,6. Hingegen erklärt sich bei einer umgekehrten Bearbeitungsrichtung von der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung viel leichter die Funktion der Einfügung des Barnabas in diesen Bericht. Sie dient §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 603 <?page no="604"?> 11 Zu Inkonsistenzen der kanonischen Redaktion vgl. S.-568-572. nicht nur inhaltlich, sondern auch literarisch der Vernetzung des Galaterberichts mit den Deuteropaulinen (Kol 4,10) und insbesondere der Apostelgeschichte, wo Barnabas häufig erscheint (Apg 4,36; 9,27; 11,22. 25. 30; 12,25; 13,1. 2. 7. 43. 46. 50; 14,12. 14. 20; 15,2. 12. 22. 25. 35. 36. 37. 39) und als Begleiter des Paulus fungiert. Dreht man die Bearbeitungsrichtung um und geht von der *10-Briefe -Sammlung hin zur 14-Briefe-Sammlung und dient die *10-Briefe-Sammlung als Vorlage für die 14-Briefe-Sammlung und die Apostelgeschichte, wird plötzlich deutlich, dass die kanonische Revision von *Gal zu Gal eine erste harmonisie‐ rende Relektüre von *Gal darstellt, die einen ersten Schritt der Weichzeichnung von *Gal versucht und Apg als eine konsequente Fortführung dieser Tendenz zu verstehen ist. Inwieweit die Erstellung von Gal bereits bei der ersten kanonischen Redaktion erfolgte, und welche mögliche Korrektur der Text bei der Hinzufügung von Apg in der zweiten kanonischen Redaktion erfuhr ist eine spannende Frage für künftige Forschung, die hier nur erwähnt werden kann. Während *Gal, wie gesagt, mit keinem Wort Barnabas erwähnt, wird Bar‐ nabas von Apg bereits vorweg eingeführt als der vom Heiligen Geist begabte Kontrolleur des Paulus. Barnabas gilt nach Kol 4,10 als Vetter des Markus, eines Mitarbeiters des Paulus. Dass im kanonischen Gal an dritter Stelle auch Titus erwähnt wird, reiht dessen Autorität hinter diejenige des Barnabas. Da vorkanonisch von keiner ersten Reise die Rede ist und die Verse 1,18-19 nur kanonisch stehen, wird in *Gal 2,1 sogleich auf *Paulus vs. Petrus und die übrigen Apostel verwiesen. Ganz anders in Gal. Hier wird eine erste Reise, drei Jahre nach dem ebenfalls nur in Gal und Apg berichteten Aufenthalt des Paulus in Damaskus, berichtet, bei der Paulus Kephas kennenlernt, 15 Tage bei ihm bleibt und Jakobus, den Bruder des Herrn, sieht, auch wenn er keinen „von den anderen Aposteln“ sah (Gal 1,19). Titus ist eingangs von *Gal nicht erwähnt, d. h. die Autorität liegt alleine bei *Paulus. Konsequenterweise wird in *Gal 2,1 auch nur von „ich“ gesprochen, was auch Gal 2,1 stehen blieb, auch wenn Paulus der kanonischen Version nach im Gespann zu dritt reist. Selbst in Gal 2,2 erhält sich der Singular „ich“, wohl aufgrund seiner vorkanonischen Vorlage, auch wenn Paulus eigentlich von „wir“ sprechen müsste. 11 Nur in Gal erhalten die Ansprechpartner des Paulus (dort mit Barnabas und Titus) den Titel „die etwas gelten“. Nach *Gal wird erst in Vers 3 von einem Begleiter des *Paulus gesprochen, „Titus“, der „ein Grieche“ und der unbeschnitten ist. 604 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="605"?> Gewiss ist die deutliche Position des *Paulus (*Gal 2,4-5) auch in Gal bewahrt, doch spätestens in Gal 2,8 wird Petrus die Kraft zum Aposteldienst beschieden, bevor Paulus auf die seine „unter den Völkern“ verweist. Diese Anerkennung seiner Gnade durch seine Ansprechpartner sind Gal wichtig, denn die Angese‐ henen werden auf der kanonischen Ebene nun sogar zu „den Säulen“ befördert. Auch beim sich anschließenden Streit zwischen Paulus und Petrus lassen sich die Weichzeichnungen erkennen. Wiederum fehlt Barnabas im Bericht von *Gal, während er in Gal erneut auftaucht (Gal 2,13). Dann wird, was vorkanonisch eine simple Kritik an Petrus ist - dass er nämlich nur dann gerecht wird, wenn er wieder gutmacht, was er durch seine Wankelmütigkeit oder des Gesetzes wegen zerstört hat, auf der kanonischen Ebene zu einer theologischen Betrachtung von Gesetz und Sünde ausgeweitet. Diese Ausweitung, angeregt durch die kurze vorkanonische Andeutung in *Gal 2,20, überdeckt die vorausliegende Petrusexhortation. In *Gal war es gar nicht nur eine Ermahnung und Zurückweisung des Petrus, sondern, weil hier das Geschehen ohne Zeitdehnung und Ortsveränderung von Jerusalem nach Antiochien in Jerusalem stattfindet, zugleich eine solche der gesamten Kirche in Jerusalem. Das heißt, mitermahnt wurden auch Jakobus und Johannes („die anderen), *Gal 2,13. Es erklärt sich demnach, warum die kanonische Redaktion den Streit nach Antiochien verschiebt, aus ihm eine Auseinandersetzung vor allem des Paulus mit Petrus macht, und als Gegenreaktion nicht nur die Apostelgeschichte, sondern auch die auf Jakobus, Petrus und Johannes zurück‐ geführten Briefe mit der Apostelgeschichte zur Teilsammlung des Praxapostolos zusammen und in die eigene größere Sammlung einbindet. Dies verändert die Narration weiter und verleiht der Kirche in Jerusalem noch mehr Gewicht gegenüber Paulus. Paulus gilt dann als (finanzieller) Unterstützer, nicht als Kritiker, der Kirche von Jerusalem, d. h. auch die Geschichte von der Jerusalem‐ kollekte, die in die Überarbeitung der paulinischen Briefe in der kanonischen Sammlung aufgenommen wird und auch von der Apostelgeschichte angedeutet wird, hilft, den Dissenz zwischen Paulus und Jerusalem zu minimieren. Nun stellt sich die Frage, wie viele Hände haben an diesen Texten gearbeitet? Ist dieselbe Hand, die den vorkanonischen Text von *Gal zu Gal revidiert hat, diejenige, die die Apg schrieb bzw. die Apg überarbeitete. Aufgrund unseres kleinen Beispiels ist diese Frage nicht abschließend zu behandeln. Methodologisch ist aber soviel zu sagen, dass die Einführung einer zusätzlichen Redaktionsstufe und damit einer höheren Komplexität der Erklärung nach Ockhams Razor einer stärkeren Begründung bedarf als der Verzicht auf sie. Dann aber gilt: Gal markiert deutlich einen Schritt weg von der gegenüber Petrus und den weiteren Aposteln antagonistischen Position des *Paulus in §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 605 <?page no="606"?> 12 Um hier weiterzuforschen, müsste man sich im Detail die Varianten der Handschriftent‐ radition der Apg betrachten, insbesondere die zahlreichen Varianten die etwa Codex Bezae aufweist. *Gal und hin zu der diesen Antagonismus reduzierenden Version der Apg. Kann dieselbe Hand klare Widersprüche produziert oder stehen gelassen haben? Auch hier eröffnet die umgekehrte Bearbeitungsrichtung *10-Briefe-Sammlung > 14-Briefe-Sammlung weiteren Forschungsbedarf. Wäre die Apg von derselben Hand geschrieben worden, die die Redaktion zu Gal hervorgebracht hat, würde man wohl mit weniger Spannungen zwischen Gal und Apg rechnen müssen, es sei denn, diese Hand hätte einerseits den Vorgängertext *Gal berücksichtigen wollen oder berücksichtigen müssen. Eher wahrscheinlich ist, dass *Gal nur in Maßen zu Gal zu bearbeiten war, weil wohl mit jedem weiteren und größeren Eingriff in *Gal auch die Gefahr bestand, dass der als *Gal bekannte Brief nicht mehr in der Bearbeitung als authentisch erkannt worden wäre und man die Bearbeitung als Travestie abgelehnt haben könnte. Es war wohl eher angebracht, *Gal subtil zu Gal zu verändern und diesem Ergebnis eine ausführlichere, eigenständige Narration, die Apostelge‐ schichte, an die Seite zu geben, die in gleicher Intention die Bearbeitung zu einem noch deutlicheren Harmoniebild zwischen Paulus, Petrus, Jakobus, Johannes und Jerusalem schuf. Differenziert man, wie sich aus der bisherigen Untersu‐ chung nahegelegt hat, zwischen einer ersten und einer zweiten kanonischen Redaktion, könnte man auch eine erste, vielleicht behutsame Redaktion für die km 10-Briefe-Sammlung annehmen, der eine gründlichere Redaktion von Gal bei der Integration der Apostelgeschichte und dieser Sammlung bei der zweiten kanonischen Redaktion gefolgt ist. Denn wie bereits Irenäus beweist, werden die kanonischen Paulusbriefe tatsächlich aus und durch die Brille der Apg, der Deuteropaulinen und der Pastoralbriefe gelesen. Wenn man sich zum anderen von der weit verbreiteten, aber nicht unproblematischen Annahme einer zum Zeitpunkt der Redaktion bereits unwidersprochenen Autorität des Paulus frei‐ macht - die vorliegende Passage ist ja gerade eine Auseinandersetzung um die Stellung des Paulus und trägt somit die Zeichen des Widerspruchs dieser Autorität und deren rechten Einordnung - dann erkennt man, wie bedeutsam die Apostelgeschichte war, um überhaupt die Paulusbriefe in der kanonischen Sammlung belassen zu können. Auf sie konnte man nicht verzichten, wobei die Lexik und die vielfachen Verbindungen zwischen ihr und anderen Texten des kanonischen Neuen Testaments dafür sprechen, dass auch der Text der Apg erheblich bearbeitet wurde, um sie innerhalb der neutestamentlichen Sammlung zu platzieren. 12 606 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="607"?> c. Die kanonische Redaktion von *Laod nach Eph Es folgen hier nur wenige Beispiel für die Frage der Bearbeitungsrichtung, auf welche Flemming u. a. hingewiesen haben, vor allem auch deshalb, weil weitergehende Überlegungen zu den bislang in der Forschung angestellten möglich sind. *Laod 5,28-29 Eph 5,28-29 28 καὶ οἱ ἄνδρες ὀφείλουσιν ἀγαπᾶν τὰς ἑαυτῶν γυναῖκας. ὁ ἀγαπῶν τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα τὴν ἑαυτοῦ σάρκα ἀγαπᾷ. 28 οὕτως ὀφείλουσιν καὶ οἱ ἄνδρες ἀγαπᾶν τὰς ἑαυτῶν γυναῖκας ὡς τὰ ἑαυτῶν σώματα. ὁ ἀγαπῶν τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα ἑαυτὸν ἀγαπᾷ. 29 Οὐδεὶς γάρ ποτε τὴν ἑαυτοῦ σάρκα μισεῖ ἀλλ’ ἐκτρέφει καὶ θάλπει αὐτήν, καθὼς καὶ ὁ Χριστὸς τὴν ἐκκλησίαν. 29 Οὐδεὶς γάρ ποτε τὴν ἑαυτοῦ σάρκα ἐμίσησεν ἀλλ’ ἐκτρέφει καὶ θάλπει αὐτήν, καθὼς καὶ ὁ Χριστὸς τὴν ἐκκλησίαν, *Laod 5,28-29 Eph 5,28-29 28-sollen auch die Männer ihre Frauen lieben. Wer seine Frau liebt, liebt sein eigenes Fleisch. 28-Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. 29-Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch der Christus die Kirche. 29 Denn keiner hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und pflegt es, wie auch Christus die Kirche. Flemming zeigt, dass die Erklärungsmodelle von Clabeaux und Schmid auf der Basis der Priorität der 14-Briefe-Sammlung komplex, ja zu komplex sind, als dass sie überzeugen könnten: „Um eine sekundäre Entstehung der Lesart in Laod 5,28 zu erklären, müsste man … Clabeaux zufolge“ einen doppelten Zeilensprung, „der jedoch eine ganz bestimmte Aufteilung der Worte auf einer Zeile voraussetzt“, annehmen, was Schmid „für viel zu hypothetisch“ hält, ihm zufolge handele es sich vielmehr um „einen Schreibfehler durch den Ausfall von ὡς nach γυναῖκας, der eine intensive grammatische Neujustierung des Satzes zur Folge gehabt habe“, was nicht minder hypothetisch erscheint. Geht man von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung aus, wäre kaum zu verstehen, warum die Erklärung in Eph, man solle seine eigene Frau wie den eigenen „Leib“ lieben in eine zumindest zweideutige Rede von der Liebe des eigenen „Fleisches“ hätte geändert werden sollen. Unabhängig davon, ob man das „Fleisch“ in *Laod 5,28 als „die eigenen Kinder“ verstehen will oder unbedarft im Sinn der „irdischen Begierden“ liest (*Gal 5,24: „Die zu Christus §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 607 <?page no="608"?> 13 Vgl. diese und weitere Hinweise in T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 126-127. 132; W.v. Heyden, Doketismus und Inkarnation. Die Entstehung zweier gegensätzlicher Modelle von Christologie (2014), 262. gehören, haben das Fleisch mit den Leidenschaften und den Begierden gekreuzigt“, / / Gal 5,24; *Röm 7,18: „in mir, das heißt, in meinem Fleisch wohnt nichts Gutes“, / / Röm 7,18; Röm 8,6: „Denn das Trachten des Fleisches führt zum Tod“; *Laod 2,3: „Unter ihnen haben auch wir alle gelebt in den Begierden unseres Fleisches, / / Eph 2,3), passt die asketische Ausrichtung zur *10-Briefe-Sammlung. Während die Bearbeitung von der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Samm‐ lung wenig überzeugend ist, erklärt sich die umgekehrte Bearbeitungsrichtung leichter. Der kanonische Text von Eph 5,28-29 verdeutlicht und vereindeutigt die Rede durch den Wechsel von „Fleisch“ nach „Leib“. Kleine Änderungen haben folglich kein unbedeutendes Gewicht für die Platzierung der Texte in der Überlieferungsgeschichte. Ähnlich etwa hatte man in *Laod/ Eph 2,14 auf das nur im kanonischen Text zu findende αὐτοῦ verwiesen, das wiederum nicht leicht als Tilgung, sondern viel eher als kanonische Hinzufügung zu deuten ist und als Teil der Diskussion verstanden werden kann, die im zweiten Jahrhundert zunehmend bezüglich der Positionen, die dem Doketismus gegen Ende des zweiten Jahrhunderts zugeordnet wurden, verhandelt worden sind. Man vergleiche etwa die dem Doketismus gegenüber geäußerte Kritik in der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, aber auch durch Irenäus in Adversus Haereses und in 1Tim 3,16. 13 Eine eher unscheinbare Differenz findet sich in folgendem Vers *Laod/ Eph 2,3: *Laod 2,3 Eph 2,3 (nicht NA 28 ) ἐν οἷς καὶ ἡμεῖς πάντες ἀνεστράφημέν ἐν ταῖς ἐπιθυμίαις τῆς σαρκὸς ἡμῶν ποιοῦντες τὰ θελήματα τῆς σαρκὸς, καὶ ἤμεθα φύσει τέκνα ὀργῆς ὡς καὶ οἱ λοιποί· ἐν οἷς καὶ ὑμεῖς πάντες ἀνεστράφημέν ποτε ἐν ταῖς ἐπιθυμίαις τῆς σαρκὸς ἡμῶν ποιοῦντες τὰ θελήματα τῆς σαρκὸς καὶ τῶν διανοιῶν, καὶ ἤμεθα τέκνα φύσει ὀργῆς ὡς καὶ οἱ λοιποί· Unter ihnen haben auch wir alle ge‐ lebt in den Begierden unseres Flei‐ sches, indem wir den Willen des Flei‐ sches taten, und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die anderen. 3-unter ihnen haben auch wir alle einst gelebt in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches und der Gedanken taten und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die anderen. - 608 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="609"?> 14 Auf die erste geht bereits Flemming ein, T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheser‐ briefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodice‐ nerbrief (2022), 133-135. 15 Ibid. 134. Wie Tertullians Referat und Kommentar und die Varianten in der Rekonstruk‐ tion zeigen, liegen folgende Differenzen vor, auch wenn diese NA 28 nicht zu entnehmen sind - der griechische kanonische Text und die Übersetzung sind darum für diesen Vergleich hier geändert worden: 14 *Laod 2,3 Eph 2,3 auch wir P 46 , 01, 03, 06 1 , 018, 025, 044, 0278, 33, 81 c , 104, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, sa bo, Tert., om 010, 012, 020. auch Ihr 02, 06*, 81*, 326, 365 einmal Tert Alle anderen Zeugen - und der böse Sinn Tert Alle anderen Zeugen Die in den wenigen Textzeugen vorhandene Lesart „auch Ihr“ ist grammatika‐ lisch schwierig, aber sie verändert wegen des Verbs ἀνεστράφημεν in der 1. Pers. Pl. die Satzkonstruktion, d. h. der erste Teil gehört noch zur Konstruktion des voranstehenden Verses: „2 in denen ihr einst gelebt habt nach dem Zeitlauf dieser Welt, unter dem Fürsten der Macht der Luft, der am Werk ist in den Söhnen des Ungehorsams. 3 Unter ihnen haben auch wir alle gelebt“. Vers 3 setzt dann erst ein mit dem Verb ἀνεστράφημεν, was unterstrichen wird mit dem nachgeschobenen ποτε/ „einmal“, das, wie Tertullian anzeigt, in *Laod gefehlt hat, auch wenn dies keine Spuren in den Handschriften hinterlassen hat. Inhaltlich rückt der Text von Eph 2,3 Paulus von den in Vers 2 genannten Söhnen des Ungehorsams ab, während *Laod ihn zu diesen zählt. Flemming ist hier in der Deutung zuzustimmen: „Tendenziell ist es leichter zu erklären, dass Paulus nachträglich in gewisser Weise ‚sakralisiert‘ wurde, indem nur ‚die Anderen‘ (καὶ ὑμεῖς) zu den vormaligen ‚Söhnen des Ungehorsams‘ gerechnet werden.“ 15 Um Paulus diesen zu entheben, nahm es die kanonische Redaktion in Kauf, eine aufwendigere und nicht ganz überzeugende Konstruktion zu Beginn von Vers Eph 2,3 einzuführen. Gewonnen wurde wenig, weil aus *Laod doch das Eingeständnis übernommen wurde, wonach Paulus zu denen gerechnet wird, §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 609 <?page no="610"?> 16 Ibid. 135-136. die „von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die anderen“. Die kanonische Redaktion mindert lediglich dadurch den Schluss, dass die bösen Gedanken als Versuchungen eingeführt werden, um nicht das Fleisch allein verantwortlich für diese natürliche Zugehörigkeit zu machen - erneut ein von Tertullian für den vorkanonischen nicht bezeugtes Element, das als nicht völlig konsistente Hinzufügung (Gedanken unterliegen dem freien Willen, sind nicht schlicht Ausfluss der Natur) gewertet werden muss. Was diese beiden Beispiele aufzeigen - obwohl, wie aus den lexikalischen Vergleichen deutlich wurde, *Laod nahe bei den Texten der kanonischen Redak‐ tion steht und sich vermuten lässt, dass der Redaktor der *10-Briefe-Sammlung bereits auf eine Sammlung von 3 Briefen ( km Laod, km Kol, km 2Thess) zurückgreift, die aus dem Umfeld der kanonischen Redaktion stammt, liegt dieser Brief doch in einer Form in der *10-Briefe-Sammlung vor, die sich von Eph der kanonischen Redaktion nicht nur dadurch unterscheidet, dass die kanonische Redaktion zu Eph eine Reihe von Mehrtext bietet, sondern trotz Übernahme des meisten Textes aus *Laod doch auch Änderungen darin vornahm. Die beiden hier gegebenen Beispiele deuten darauf hin, dass diese Ände‐ rungen keine Rückbesserungen der möglicherweise durch den Redaktor der *10-Briefe-Sammlungen vorgenommenen Korrekturen an seiner Vorlage ge‐ wesen sein können, sondern dass wir es mit Verdeutlichungen der kanonischen Auffassung in Eph gegenüber *Laod bzw. dem kanonisch bearbeiteten Brief der km 10-Briefe-Sammlung zu tun haben. Eine weitere Stelle mit einer signifikanten Differenz findet sich in *Laod/ Eph 2,20: *Laod 2,20 Eph 2,20 ἐποικοδομηθέντες ἐπὶ τῷ θεμελίῳ τῶν ἀποστόλων, ὄντος ἀκρογωνιαίου λίθου αὐτοῦ Χριστοῦ. ἐποικοδομηθέντες ἐπὶ τῷ θεμελίῳ τῶν ἀποστόλων καὶ προφητῶν, ὄντος ἀκρογωνιαίου αὐτοῦ Χριστοῦ Ἰησοῦ. aufgebaut auf dem Fundament der Apostel; der Eckstein ist Christus selbst. aufgebaut auf dem Fundament der Apostel und Propheten; die Ecke ist Christus Jesus selbst. Nur wenn man diesen Vers aus dem Zusammenhang reißt, kann man Tertullians Vorwurf, Markion habe hier die „alten Propheten“ aus dem Text gestrichen, „völlig ins Leere“ laufen sehen. 16 Denn in den voranstehenden Versen wird davon gesprochen, dass Christus „das Gesetz der Gebote in seine Edikte 610 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="611"?> 17 Die beiden, von Flemming ibid. gegebenen Belegverse für „Aposteln und Propheten“ in Gemeinden, Eph 3,5; 4,11, stehen, entgegen seiner Annahme, nicht in *Laod, können also nicht als Gegenbeispiele herangezogen werden, sondern unterstreichen lediglich, welch gewachsene Bedeutung solche Propheten in Eph gewonnen haben, auch wenn, wie in der Rekonstruktion zu *1Kor 12,18 und weiteren Stellen von *1Kor die Prophetie (im Gegensatz zur Zungenrede) eine wichtige Rolle spielt. 18 T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 136. 19 Ibid. 137. aufgehoben hat, um die zwei in sich selbst zu einem neuen Menschen zu machen, indem er Frieden stiftet“ (*Laod 2,15). Dass die Angeredeten „nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen, nämlich Hausgenossen Gottes“ (*Laod 2,19) sind, greift zurück in die Ge‐ schichte, wenn folglich in Vers 2,20 auf der kanonischen Ebene nicht nur wie in *Laod von „Aposteln“, sondern von „Aposteln und Propheten“ gesprochen wird, kann sich dies kaum auf die in der Gemeinde wirkenden Propheten beziehen, sondern Tertullian liest richtig, dass diese Stelle die jüdischen Propheten meint. 17 Dass die Auslassung von καὶ προφητῶν dann auch in der Minuskelhand‐ schrift 112 und in l 1 +a zu finden ist, deutet Flemming wohl zurecht als möglichen überlieferungsgeschichtlichen Zusammenhang zu *Laod und ist m. E. am leichtesten zu verstehen als eine intentionale Erweiterung der kanonischen Redaktion. Wie Flemming ebenfalls schreibt, weist dies darauf hin, dass diese Worte „und Propheten“ „eingefügt wurden, sodass die Adressaten nun als ‚auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut‘ bezeichnet werden“, und zwar „als Hinweis auf und als Anschluss an das Alte Testament (und seine Propheten) … andererseits kann es auch als eine Angleichung an die Aussagen in Eph 3,5 und 4,11 verstanden werden“, 18 zwei Verse, die nur auf der kanonischen Ebene von Eph anzutreffen sind. Die Auslassung oder Hinzufügung im selben Vers *Laod/ Eph 2,20 von λίθου bedarf auch noch einer weiteren Überlegung. Flemming führt diese Variante auf, um darzulegen, dass es sich „am einfachsten um eine sekundäre Hinzufü‐ gung“ handelt, die auf die kanonische Redaktion zurückgehe, und zwar in „Angleichung an 1Petr 2,6“, wo vom „Eckstein“ die Rede ist, und zwar mit ausdrücklichem Verweis auf die jüdische Schrift ( Jes 28,16 LXX). 19 Hiergegen ist einzuwenden, dass der Terminus λίθου gerade in solchen Handschriften begegnet, die sonst näher bei der vorkanonischen Version stehen, unter anderen in 06, 010, 012 - außerdem ist er durch Tertullian und weitere Väter bezeugt, d. h. man wird diesen Terminus für *Laod annehmen müssen. Warum er dennoch - mit Schriftbeweis - in 1Petr 2,6 zu finden ist, von der kanonischen Redaktion jedoch in Eph 2,20 ausgelassen wurde, findet §-11 Die *10-Briefe-Sammlung und ihre Bearbeitung zur 14-Briefe-Sammlung 611 <?page no="612"?> seine Erklärung wohl in der Konkurrenzstellung zu „Petrus“. Während die vorkanonische Version nicht von Christus als ἀκρογωνιαίου spricht, sondern von ἀκρογωνιαίου λίθου hat die kanonische Redaktion eine Doppelstrategie, um Petrus (= der Stein/ Fels) nicht um seine Sonderstellung als „Fels“ zu bringen. Sie schreibt anstelle des Bekenntnisses von *Ev 9,18-22 des Petrus: „Du bist der Christus“ in Mt 16,18 das Bekenntnis Christi gegenüber Petrus auf: „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen“ (κἀγὼ δέ σοι λέγω ὅτι σὺ εἶ Πέτρος, καὶ ἐπὶ ταύτῃ τῇ πέτρᾳ οἰκοδομήσω μου τὴν ἐκκλησίαν, καὶ πύλαι ᾅδου οὐ κατισχύσουσιν αὐτῆς), welches bereits Jes 28,16 anführt („Darum - so spricht Gott, der Herr: Siehe, ich lege in Zion einen Grundstein, einen harten und kostbaren Eckstein, ein fest gegründetes Fundament: Wer glaubt, treibt nicht zur Eile“), und in 1Petr 2,6 lässt sie Petrus dieses Bekenntnis selbst Christus gegenüber wiederholen: „Denn es heißt in der Schrift: Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, einen kostbaren Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde.“ Auf zweierlei Weise wird folglich aus einem paulinischen Bekenntnis zu Christus ein wahrhaft petrinisches Bekenntnis. Während im kanonischen Eph Paulus nicht mehr vom „Stein“ spricht, wird Petrus, der Stein bzw. Fels heißt, von Christus ausdrücklich zum „Felsen“ gemacht, während dieser Fels wiederum Christus als Eckstein bekennt. Λίθου gehört folglich in den vorkanonischen Text von *Laod, wie von Tertullian bezeugt, die kanonische Redaktion hat ihn in Eph getilgt und ihn stattdessen nach Mt und 1Petr verschoben, was die Priorität des vorkanonischen Briefes stützt, aber auch die intentionale Bearbeitung desselben durch die kanonische Redaktion erläutert. 612 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="613"?> 1 So etwa anlässlich seines Kommentars zu *Laod 3 in Tert. Adv. Marc. V 18,1. 2 So in einer Email an mich vom 7.11.2023. §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung a. Makroebene: 14-Briefe-Sammlung vs. *10-Briefe-Sammlung: Die zusätzlichen vier Briefe Ausgehend von der Prämisse der Priorität der 14-Briefe-Sammlung, urteilt Tertullian, dass Markion „ganze und sehr viele Seiten auslässt“. 1 Nun scheinen die großen Lücken in der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung, verglichen mit der 14-Briefe-Sammlung, wie Günter Röhser schrieb „das Hauptproblem“ der vorliegenden Rekonstruktion „zu sein“; auch stellt er die Frage, „auf welche methodisch nachvollziehbare Weise“ man „zu dermaßen umfangreichen ‚Kürzungen‘ der kanonischen Paulustexte“ für die vorkanonische Sammlung kommt, gilt doch: „fehlende Bezeugung bedeutet nicht automatisch fehlendes Vorhandensein.“ 2 Meines Erachtens wirkt hier zunächst die Lesegewohnheit des kanonischen Paulus und die Priorität der 14-Briefe-Sammlung nach, denn dreht man das Bearbeitungsverhältnis um, wäre zu fragen, ob es denn methodisch nachvoll‐ ziehbar ist, wie man zu solch umfangreichen Erweiterungen gelangt, und ob und wann trotz fehlender Bezeugung Zusatztext anzunehmen ist. Um erneut mit einer recht einfach wirkenden Beobachtung zu beginnen. Durch die Zeugen wird bestätigt, dass die *10-Briefe-Sammlung, wie ihr Name bereits besagt, nicht nur ganze und viele Seiten Text, sondern, unter Annahme der 14-Briefe-Priorität sogar gleich vier vollständige Briefe der 14-Briefe-Samm‐ lung ausgelassen hat. Auch hierfür müsste man eine redaktionelle Begründung suchen. Warum hätte man die Pastoralbriefe und den Hebräerbrief weglassen sollen? Irenäus macht von ihnen Gebrauch, zumindest die Pastoralbriefe sind jahrhundertelang in ihrer Authentizität unangefochten. Hätte der Redaktor der *10-Briefe-Sammlung keine Briefe an Einzelpersonen aufnehmen wollen, hätte er auch den Philemonbrief streichen müssen. Warum sollte er den Hebräerbrief abgelehnt haben? Gewiss könnte man inhaltliche Gründe anführen, doch dazu müsste man ein theologisches Profil der *10-Briefe-Sammlung herausstellen, das die jüngere Forschung gerade ablehnt, indem sie der älteren Forschung, etwa Harnack, widerspricht, und in diesen Briefen keine markionitische Theologie sehen will. Nimmt man die Priorität der *10-Briefe-Sammlung an, lösen sich diese Probleme und finden wir überdies eine Antwort auf Röhsers Frage. Die zweite kanonische Redaktion fügte der in der ersten kanonischen Redaktion überarbei‐ <?page no="614"?> 3 „The Pastoral Epistles are …, in the view of a scholarly consensus which this commen‐ tary accepts, pseudepigraphal. That is, they are post-Pauline documents“, J. Twomey, The Pastoral Epistles through the Centuries (2009), 2. 4 Vgl. mit Belegen und älterer Literatur, „virtually all modern scholars have abandoned the notion of Pauline authorship and wisely recognize the futility of identifying the author with a specific person known from the pages of history“, P.M. Eisenbaum, Locating Hebrews within the Literary Landscape of Christian Origins (2005), 217. 5 Tert., De praescr. 33,6: Timotheum instruens (1Tim. 4,3) nuptiarum quoque interdictores suggillat. Ita instituunt Marcion et Apelles eius secutor („Indem er Timotheus unterweist, rügt er diejenigen, die auch die Eheschließungen verbieten. So lehren Markion und sein Nachfolger Apelles“, eigene Übers.). 6 Dennoch ist erstaunlich, dass diese Überlegung meist nicht angestellt wird, vgl. etwa in dem Klassiker des 17. Jh. A. Hunwick, Ed. Richard Simon, Critical History of the Text of the New Testament. Wherein is Established the Truth of the Acts on which the Christian Religion is Based (2013), 137-146. teten km 10-Briefe-Sammlung vier neue und volle Briefe hinzu, als sie die größere Sammlung mit den vier Evangelien, dem Praxapostolos von Apostelgeschichte und Katholischen Briefen, der 14-Briefe-Sammlung des Paulus und der Offenba‐ rung zusammenstellte. 1/ 2Tim, Tit, Hebr ergänzten die km 10-Briefe-Sammlung. Nun sind diese vier Briefe allerdings, verglichen mit den anderen zehn Briefen gerade diejenigen, die die moderne Forschung am weitesten von Paulus wegge‐ rückt hat. Die Pastoralbriefe sind „im Blick des wissenschaftlichen Konsensus pseudepigraphisch, d. h., sie sind nachpaulinische Dokumente“. 3 Der Hebräer‐ brief nimmt nicht einmal selbst in Anspruch, von Paulus zu stammen, und zuvor wurde bereits dargelegt, wie lange der Hebräerbrief in seiner Zugehö‐ rigkeit zum paulinischen Schrifttum im frühen Christentum umstritten war. 4 Auffallenderweise liest Tertullian die Pastoralbriefe als Kritik an Markion und dessen Schüler Apelles, wegen der von diesen abgelehnten Ehe und der positiven Haltung gegenüber der Ehe in diesen Briefen. 5 Dies könnte ein historischer Reflex sein, der die Ursprungsabsicht für deren Eingliederung in die paulinische Briefsammlung erhellt. Hinzu kommt, dass 1Tim 6,20, wie oben dargelegt, am ehesten als Zitat und Kritik an Markions Titel seiner Präfatio zu seinem *Neuen Testament zu lesen ist. Geht man von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung aus, dann müsste man den vier Briefen eine deutliche nicht- oder gar antimarkionitische Position zuschreiben und sie gegegn Markion gerichtet verstehen, oder man hätte dem Abbreviator ein solch feines Gespür für den ursprünglichen Paulus zuzuge‐ stehen, dass er gerade solche Briefe aus der 14-Briefe-Sammlung herausfilterte, die auch die moderne Forschung dem Paulus abspricht. 6 Hieraus folgt die eigentliche Frage, die zur Lösung des von Röhser angeschnit‐ tenen Problems der großen Lücken hinführt: Wieso sollte ausgerechnet die, was 614 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="615"?> 7 So die Position („very slightly“; „do not reveal heavy editing or revision“) von E.P. Sanders, Paul. The Apostle’s Life, Letters, and Thought (2015), xix-xx. den paulinischen Textbestand betrifft, weniger verlässliche 14-Briefe-Samm‐ lung die ältere sein, aus der ein Abbreviator die paulinischere *10-Briefe-Samm‐ lung herausgeschnitten hätte? Und wenn die *10-Briefe-Sammlung die verläss‐ licheren Briefe bewahrt, wieso kann man dann den größeren Textbestand dieser zehn Briefe - verglichen mit dem Bestand der *10-Briefe-Sammlung - innerhalb der unzuverlässigeren 14-Briefe-Sammlung ungefragt und selbstver‐ ständlich für den verlässlicheren Text halten, den ein Abbreviator reduziert hätte? Wäre es methodologisch nicht a priori naheliegender, dass diejenige Sammlung, die von vornherein lediglich paulusnähere Briefe enthält erstens die ältere ist als die um Pseudepigraphen erweiterte, und dass man die Brieftexte dieser ältere Sammlung auch für die paulusnäheren Texte betrachten müsste? Wenn Redaktoren fähig sind, vier vollständig neue, pseudopaulinische Briefe ihrer Paulussammlung hinzuzustellen, liegt es dann nicht auf der Hand, dass dieselben Redaktoren auch existierende paulinische Texte mit neuen Kapiteln und Versen ausstatten? Die Tatsache der zusätzlichen vier Pseudepigraphen der 14-Briefe-Sammlung spricht folglich für die Priorität der *10-Briefe-Sammlung und auch für die größere Paulusnähe der Briefzuschnitte dieser zehn Briefe. Aus dem Problem der großen Lücken wird die Frage nach dem Grund für die zusätzlichen Briefe und die Mehrtexte, was die zehn Briefe betrifft. Wir sehen, schon bevor man sich der Frage der Textüberlieferung und der Textzuschnitte nähert, spricht bereits die Markoebene gegen die größere Verlässlichkeit und Priorität der 14-Briefe-Sammlung. Eine zweite Überlegung oder vielmehr ein Vergleich mit einem Parallelfall aus dem zweiten Jahrhundert ist erhellend: Die Entwicklung der Briefsammlungen der Ignatiana. Die Wahrscheinlichkeit, dass nicht die 14-Brief-Sammlung reduziert, sondern die *10-Brief-Sammlung um vier Briefe erweitert und in diesem Zusammenhang alle zuvor existierenden zehn Briefe nicht nur „sehr leicht“, sondern erheb‐ lich überarbeitet und erweitert editiert wurden, 7 ist kein isoliertes Phänomen innerhalb frühchristlicher Briefsammlungsgenesen. Vergleicht man diese Ent‐ wicklungsgeschichte mit derjenigen der Ignatiusbriefe, so erkennt man die Ähnlichkeit des redaktionellen Umfangs. §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 615 <?page no="616"?> 8 Die Zahlen für die Ignatiusbriefe sind Näherungswerte, da wir es mit verschiedenen Sprachen zu tun haben, in denen die Sammlungen bewahrt sind. Um eine bessere Vergleichbarkeit zu besitzen, wird jeweils die Wortzahl gegeben von Lightfoots engli‐ scher Übersetzung der drei Versionen, weil dadurch auch Artikel und Konjunktionen mitgerechnet werden, die in der syrischen Übersetzung der 3-Briefe-Sammlung sonst fehlen. Paulinische Briefe Wörter Faktor Ignatiusbriefe Wörter 8 Faktor *10-Briefe- Sammlung 8330 - 3-Briefe- Sammlung 3102 - 14-Briefe- Sammlung 45791 + 449.52% 7-Briefe-Sammlung 13175 + 324.72% darin die 10 Briefe 23758 + 185.18% darin die 3 Briefe 6243 + 101.33% - - - 13-Briefe-Sammlung im Verhältnis zur 7-Briefe-Sammlung 29390 + 123.02% - - - darin die 3 Briefe 7738 + 23,92% - - - darin die 7 Briefe 19800 + 50.27% Bei diesem Vergleich wird deutlich, dass die von G. Röhser als Hauptproblem erachtete substantielle Erweiterung im vergleichbaren Rahmen der Bearbeitung der Ignatiusbriefe liegt. Zunächst stimmt dies für die Makroebene: Die ältere 3-Briefe-Sammlung des Ignatius wurde einige Jahrzehnte später innerhalb des zweiten Jahrhunderts um weitere vier Briefe erweitert. Gleichzeitig unterzog man die älteren drei Briefe der Sammlung einer gründlichen Bearbeitung unter Verbreiterung des Textbe‐ standes. So wuchs die Sammlung insgesamt über das Dreifache an Wörtern und die drei älteren Briefe wurden um mehr als das Doppelte ausgeweitet. Verglei‐ chen wir hiermit unter Annahme einer Priorität der *10-Briefe-Sammlung die Entwicklung der Paulusbriefe, so stellen wir vielleicht nicht zufällig denselben Anstieg betreffs der Anzahl der zusätzlichen Briefe fest und auch ein vergleichbares Verhältnis der Erweiterung des existierenden Wortbestands der Briefe. Auch die *10-Briefe-Sammlung des *Paulus wuchs (wie die Ignatiusbriefsammlung von drei zu sieben Briefen) um vier Briefe zur 14-Briefe-Sammlung, und zwar um mehr als das Vierfache im Wortbestand (während die Ignatiusbriefe um mehr als das Dreifache im Wortbestand wuchs). 616 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="617"?> 9 IgnRöm 6 (Übers. BKV). Dass dieses redaktionelle Vorgehen sogar noch im vierten Jahrhundert bei den Ignatianen grosso modo gilt, zeigt die zweite Redaktion der Sammlung von der 7-Briefe-Sammlung hin zur 13-Briefe-Sammlung. Erneut wuchs nicht nur die Sammlung der Ignatianen durch Vermehrung an Briefen, jetzt um sechs Briefe, also fast mehr als das Doppelte, sondern auch die älteren drei Briefe der Ausgangssammlung wurden nochmals erweitert um fast ein Drittel, und die sieben Briefe der Zwischensammlung wurden um fast die Hälfte erweitert. Dieses letzte Ergebnis zeigt, dass die offenkundig größere Autorität besitzenden älteren drei Briefe der Ausgangssammlung weniger erweitert wurden als die für die 7-Briefe-Sammlung hinzugekommenen vier Briefe. Beide Briefsamm‐ lungsredaktionen belegen aber, dass das, was Röhser ein „Hauptproblem“ nennt, geradezu der Normalfall zu sein scheint bei der Genese von christlichen Briefsammlungen durch deren frühchristliche Redaktionen. Der Vergleich der Paulusbriefredaktion mit der des Ignatius bestätigt, dass die kanonische Redaktionsarbeit innerhalb derselben Parameter liegt wie sie an den Ignatianen ablesbar sind. Ein Detailvergleich der beiden Redaktionen auf der Mikroebene wäre eine eigene Forschungsarbeit wert. Hier soll jedoch nur auf zwei parallele Aspekte hingewiesen werden. Bei der Redaktion der drei Briefe unter Hinzunahme von vier Briefen für die 7-Briefe-Sammlung wurden in die existierenden drei Briefe Digressionen hinein gestellt, die von den modernen Editoren als eigenständige Kapitel gezählt werden. So etwa IgnRöm 6: In diesem Kapitel wird eine lebendige Selbstvorstellung des Verfassers gegeben: „1. Mir werden nichts nützen die Enden der Erde noch die Königreiche dieser Welt. Für mich ist es besser, durch den Tod zu Christus Jesus zu kommen, als König zu sein über die Grenzen der Erde. Ihn suche ich, der für uns gestorben ist; ihn will ich, der unseretwegen auferstanden ist. Mir steht die Geburt bevor. 2. Verzeihet mir, Brüder; hindert mich nicht, das Leben zu gewinnen, wollet nicht meinen Tod, gönnet mich, da ich Gottes eigen sein will, nicht der Welt und täuschet (mich) nicht mit Irdischem; lasset mich reines Licht empfangen. Wenn ich dort angelangt bin, werde ich ein Mensch sein. 3. Gönnet mir, ein Nachahmer zu sein des Leidens meines Gottes. Wenn ihn jemand in sich hat, so bedenke er, was ich will, und leide mit mir, da er meine Bedrängnis kennt.“ 9 Auch drei Kapitel weiter begegnen wir einem solchen Einschub, dieses Mal ist es eine captatio benevolentiae und zugleich eine Aufforderung zum Gedenken an die „Kirche von Syrien“ und ein persönlicher Gruß des Verfassers, IgnRöm 9: §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 617 <?page no="618"?> 10 Vgl. zu diesen Namen J.N. Bremmer, The Place, Date and Author of the Ignatian Letters: An Onomastic Approach (2021). „1. Gedenket in eurem Gebete der Kirche von Syrien, deren Hirte an meiner Statt Gott ist. Jesus Christus allein wird ihr Bischof sein und - eure Liebe. 2. Ich aber muss mich schämen, zu ihren Mitgliedern zu zählen; denn ich verdiene es nicht, da ich der letzte unter ihnen bin und eine Fehlgeburt; aber durch (Gottes) Erbarmung bin ich etwas, wenn ich zu Gott gelangt bin. 3. Meine Seele grüßt euch und die Liebe der Kirchen, die mich aufgenommen haben im Namen Jesu Christi, nicht wie einen (gewöhnlichen) Durchreisenden. Denn auch die, die nicht an meinem Wege - den ich dem Fleische nach mache---liegen, haben mir von Stadt zu Stadt das Geleite gegeben.“ Außerdem wird dem Brief eine Schlusspassage angehängt, bei der der Ort angegeben wird, von dem aus der Brief verfasst wurde, es wird sein Mitarbeiter Crocus eingeführt und auf weitere namenlose Gefährten verwiesen, schließlich wird noch das Datum der Abfassung gegeben. Ähnlich erfolgen solche Einschlüsse und Zusätze in IgnEph. Nach der Eröffnung fügt die Redaktion eine Erweiterung der Eingangsgrüße ein, das zweite Kapitel, IgnEph 2 - und es verwundert nicht, dass hier gleich wieder Namen fallen, der Mitarbeiter Burrhus und erneut begegnet Crocus! Dann werden noch Onesimus, Euplus und Fronto erwähnt. 10 Nach diesem neuen Kapitel folgen noch weitere zusätzliche Kapitel (IgnEph 3-5: Aufruf zur Einheit; IgnEph 6: Achtung vor dem Bischof; IgnEph 7: Warnung vor Falschlehrern; IgnEph 11: Aufforderung zur Furcht Gottes; IgnEph 14: Aufforderung zu Glaube und Liebe; IgnEph 16: Das Schicksal der Falschlehrer; IgnEph 17: Warnung vor falschen Lehren; IgnEph 18: Die Herrlichkeit des Kreuzes und Christus, der Samen Davids. Wiederum begegnen wir einem zugefügten Schlusskapitel, IgnEph 21, bei dem Polykarp erwähnt wird. Diese Einfügungen nehmen nicht nur Bezug auf offensichtlich aktuelle Themen zur Zeit der Redaktion, sie dienen auch dazu, über Namensnennungen die überarbeiteten alten Briefe mit den neugeschaffenen zu einem Gefüge zu verbinden, indem diese Namen wie Brücken zu den neuen Briefen dienen und umgekehrt. Denn in den neuen Briefen findet sich die gerade eingefügte Person des Burrhus etwa, der auch in dem neuen Brief, IgnSm (IgnSm 12), und in dem wieder neuen Brief, IgnPhilad (IgnPhilad 11), gegrüßt wird. Vergleicht man diesen Befund mit der kanonischen Redaktion der Paulinen, stellen wir exakt dieselben Phänomene fest. In den neu hinzugefügten Kapiteln Röm 15-16 (wie in Ignatius sind es Grußkapitel) werden Namen (etwa Priska und Aquila) eingefügt, die dann wieder in der Apg begegnen. Nicht anders ist in die Eröffnungen Timotheus 618 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="619"?> eingefügt, der wieder im Ersten Korintherbrief auftaucht und der die Verbindung zu den Pastoralbriefen herstellt. Nicht anders wie bei den Ignatianen, wo wir im Epheserbrief des Ignatius ganze Kapitel finden, die eingeschoben werden, entdecken wir neben Personenbrücken auch in der 14-Briefe-Sammlung der Paulinen ganze Kapitel, die die kanonische Redaktion verfasst und einfügt - man denke an 2Kor 8-10 u.-a. zur Kollekte. Ohne dass der Vergleich hier im Detail geführt werden kann, zeigen bereits die wenigen Beobachtungen, wie sehr die kanonische Redaktion in Umfang und Inhalt Parallelen zu derjenigen der Ignatiusredaktion hin zur 7-Briefe-Samm‐ lung (und man könnte dieselben Beispiele erneut für die Redaktion von der 7-Briefe-Sammlung hin zur 13-Briefe-Sammlung aufzeigen) aufweist. Das aber bedeutet zweierlei: Die Priorität der *10-Briefe-Sammlung gegenüber der 14-Briefe-Sammlung und ihre Erweiterung, was die Anzahl der Briefe und die Überarbeitung der zehn Briefe für die 14-Briefe-Sammlung betrifft, entspricht dem zeitlichen Kontext des zweiten Jahrhunderts. Beides sollte uns nicht verwundern, sondern entspricht dem, was man erwarten würde. Was die Frage der Authentizität betrifft, bewegen wir uns noch nicht auf sicherem Fundament. Wie auch die 3-Briefe-Sammlung nicht notwendi‐ gerweise in ihrem Textbestand, wie er uns vorliegt, auf einen historischen Ignatius des zweiten Jahrhunderts zurückzuführen ist, werden wir auch die *10-Briefe-Sammlung nicht ungefragt als Ausdruck des historischen Paulus lesen dürfen. Positiv ausgedrückt: Will man - zunächst hypothetisch - an einem Autor „Paulus“ festhalten, wird man die vorkanonische Version der in der vorliegenden Rekonstruktion gegebenen Form für autornäher betrachten dürfen als die kanonische Form der Briefe innerhalb der 14-Briefe-Sammlung, doch sind wir mit diesen Briefen noch weit davon entfernt zu wissen, welche Elemente möglicherweise auf Paulus selbst zurückgehen dürften. Dass sich die vorkanonische Redaktion bereits zweier Briefsammlungen bedient hat, mag uns einen Weg aufzeigen, auf welchem die künftige Forschung über die hier vorgelegte Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung weiter zurück in deren Vorgeschichte dringen könnte. §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 619 <?page no="620"?> 11 C. Böttrich, Jerusalemkollekte (2013). 12 Vgl. weiter oben in §-7 6. b. 13 Vgl. K.F. Nickle, The Collection. A Study in the Strategy of Paul (1966); V.D. Verbrugge, Paul’s Style of Church Leadership illustrated by His Instructions to the Corinthians on the Collection (1992); D. Georgi, Der Armen zu gedenken. Die Geschichte der Kollekte des Paulus für Jerusalem (1994); B. Beckheuer, Paulus und Jerusalem: Kollekte und Mission im theologischen Denken des Heidenapostels (1997); S. Joubert, Paul as Benefactor: Reciprocity, Strategy and Theological Reflection in Paul’s Collection (2000); K.J. O’Mahony, Pauline Persuasion: A Sounding in 2 Corinthians 8-9 (2000); B.-M. Kim, Die paulinische Kollekte (2002); D.J. Downs, The Offering of the Gentiles Paul’s Collection for Jerusalem in Its Chronological, Cultural, and Cultic Contexts (2008); Z. Safrai and P.J. Tomson, Paul’s ‚Collection for the Saints‘ (2 Cor 8-9) and Financial Support of Leaders in Early Christianity and Judaism (2014). Das Werk von Georgi ist eine Neuausgabe mit einem neuen Vorwort seiner heidelberger Habilitationsschrift b. Mikroebene: Einige Beispiele 1. Die Kollektensammlung (Röm 15, 1Kor 16, 2Kor 7-10, Gal 2 und Apg 11. 16. 20-21. 24) C. Böttrich gibt den Stellenwert an, den die Aktion für Paulus besitzt: „Die Kollektensammlung der paulinischen Gemeinden für ihre bedürftigen Schwes‐ tern und Brüder in Jerusalem stellt eine der faszinierendsten finanziellen Transaktionen dar, die aus der Zeit der Antike überliefert sind. Sie steht auch nicht etwa isoliert am Rande der paulinischen Verkündigungstätigkeit, sondern führt mitten in das Zentrum seiner Rechtfertigungstheologie hinein.“ 11 Die Kollektensammlung ist verankert in einer Reihe seiner Briefe wie auch der Apostelgeschichte. Allerdings finden sich ausnahmslos alle Hinweise auf diese Kollektensammlung auf der kanonischen Ebene, nicht auf der vorkanoni‐ schen. 12 So heißt es etwa in Röm 15,25-32, einem Kapitel, das nachweislich im vorkanonischen *Röm gefehlt hat, dass Paulus im Rahmen der Reiseplanung nach Spanien auf die Kollektensammlung zu sprechen kommt: „25 Jetzt aber reise ich nach Jerusalem, um den Heiligen zu dienen. 26 Denn Maze‐ donien und Achaia haben beschlossen, eine gewisse Gabe für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem zu leisten. 27 Ja, sie haben es beschlossen, und sie sind es ihnen auch schuldig; denn wenn die Heiden an ihren geistlichen Gütern Anteil bekommen haben, so sind sie auch verpflichtet, ihnen in den leiblichen zu dienen. 28 Wenn ich nun dies vollbracht und diese Frucht ihnen versiegelt habe, will ich über euch nach Spanien reisen. 29 Ich weiß aber, dass ich, wenn ich zu euch komme, in der Fülle des Segens Christi kommen werde.“ Bevor wir auf einige Details dieser Kollektensammlung oder Spendenaktion 13 zu sprechen kommen, muss man sich wieder die schlichte Frage stellen: Welcher 620 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="621"?> des Jahres 1965. Vgl. auch W. Schmithals, Die Kollekten des Paulus für Jerusalem (2004). Schmithals (ibid. 79) nennt Georgis Ausführungen „eine komplexe und zugleich phantasievolle Geschichte der Kollekte“ (Betonung im Original). Downs theologische Betrachtung der Kollektensammlung, die allerdings auch chronologische, historische und paulinisch-rhetorische Elemente detailliert, gibt einen guten Einblick in die theo‐ logische Ausrichtung der kanonischen Sammlung. 14 Vgl. B.W. Longenecker, Remember the Poor. Paul, Poverty, and the Greco-Roman World (2010); C. Heil, „Die Armen nicht vergessen“. Die Kollekte des Apostels Paulus für die Armen in Jerusalem (2008). 15 Auffallenderweise ist gerade die neuere Forschung skeptisch gegenüber dieser Ein‐ führung in Gal 2,10 und versucht, diese Notiz von der Kollekte zu trennen, vgl. hierzu D.J. Downs, The Offering of the Gentiles Paul’s Collection for Jerusalem in Its Chronological, Cultural, and Cultic Contexts (2008). Er verweist auf die antiochenische Ausrichtung der Stelle auf V. Weber, Die antiochenische Kollekte, die übersehene Hauptorientierung für die Paulusforschung: Grundlegende Radikalkur zur Geschichte des Urchristentums. Friedensgabe zum Jubiläumsjahr 1917 (1917). 16 C. Böttrich, Jerusalemkollekte (2013). 17 Bezüglich der historischen Verwertbarkeit für die Spezifizierung der Kollekte ist Downs kritisch: D.J. Downs, The Offering of the Gentiles Paul’s Collection for Jerusalem in Its Chronological, Cultural, and Cultic Contexts (2008), 28. Abbreviator, der in *Gal 2,10 formuliert sah („auf dass wir an die Armen denken“), 14 hätte diese fundamentale Sozialaktion des Paulus an all den angege‐ benen Stellen getilgt und jedes Andenken an diese „Zeichen“ der „Gemeinschaft für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem“ willentlich beseitigt? Dies ist desto unerklärlicher, als der Abbreviator seine Redaktion mit einer solchen Akribie und, ohne irgendein Überbleibsel in seiner *10-Briefe-Sammlung zu lassen, umgesetzt hätte, zumal, wie Böttrich anfangs formulierte, diese Kollekte im Zentrum der paulinischen Rechtfertigungstheologie stand. Die Kollektensammlung wird bereits Gal 2,10 kurz eingeführt als Beschluss, 15 ihr Beginn wird in 1Kor 16,1-4 als konzertierte Aktion beschrieben, und ihr widmen sich zwei ganze Kapitel von 2Kor 8,1-9,15, wobei man auch Kapitel 10 noch als Bekräftigung derselben mit hinzunehmen kann. In 2Kor 8 werden zunächst die Makedonier den Korinthern als leuchtende Vorbilder vorgestellt, anschließend umgekehrt die Korinther den Makedoniern - eine Spannung, die die Forschung zur Annahme einer Zusammenstellung mehrerer Briefe oder „unabhängiger Verwaltungsschreiben des Paulus“ geführt hat 16 -, dann ergänzt Apg 20,4, 17 nachdem zuvor von einem geplanten Anschlag „der Juden“ auf Paulus berichtet war, dass dieser, um dem Anschlag zu entgehen, den „Rückweg über Mazedonien“ nehmen wollte, wobei er von „Sopater, dem Sohn des Pyrrhus, aus Beröa, Aristarch und Secundus aus Thessalonich, Gaius aus Derbe und Timotheus sowie Tychikus und Trophimus aus der Provinz Asien“ begleitet wurde. Dieser Hinweis führt wohl zurück auf die in 1Kor §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 621 <?page no="622"?> 18 Das muss wohl mit dem Ausdruck τοὺς κατὰ τὰ ἔθνη πάντας Ἰουδαίους (Einheits‐ übersetzung: „unter den Heiden lebenden Juden“) gemeint sein, so jedenfalls auch E. Haenchen, Die Apostelgeschichte (1961), 540; H.H. Wendt, Die Apostelgeschichte (1913), 301. 19 Zu Apg 21,25 als spätere redaktionelle Überarbeitung (Wendt) oder Interpolation (Harnack), auch zu den textkritischen Varianten, gerade etwa in 05, vgl. H.H. Wendt, Die Apostelgeschichte (1913), 302-303. 20 J. Roloff, Die Apostelgeschichte (1981), 312. 16,3 angekündigte Delegation („Vertrauensleute mit Briefen“), die Paulus of‐ fenkundig zur Ablieferung der Kollekte in Jerusalem begleitete. Ausführlich schildert dann Apg 21,15-40 die Kollektenübergabe in Jerusalem, ohne je konkret auf sie einzugehen. Stattdessen wird auch Paulus als gesetzeskonformer Jude geschildert (καὶ αὐτὸς φυλάσσων τὸν νόμον) im Gegensatz zu dem Gerücht, das über ihn berichtet worden sei - Apg 21,27-28 erläutert, dass Urheber des Vorwurfs „die Juden aus der Provinz Asien“ seien -, er sei ein Bekehrer, der die gesetzestreuen Juden zur „Apostasie von Mose“ gebracht habe, indem er die Juden der Diaspora 18 aufgefordert hätte, ihre Kinder nicht beschneiden zu lassen und nicht ihren Gewohnheiten gemäß zu leben. Nichts sei an diesen Gerüchten jedoch wahr, betont Apg 21,24. Was die „gläubig gewordenen Heiden“ betrifft, verweist Apg 21,25 auf den früheren Beschluss, wohl das Aposteldekret aus Apg 15,21-27, das hier allerdings auf einen größeren Adressatenkreis hingeordnet wird. 19 Die Erzählung endet in der Gefangennahme des Paulus durch den Obersten der Kohorte, der ihn dem Volksauflauf entzog, dann jedoch zum Volk sprechen ließ. Weder in diesem Bericht, noch in der nachfolgenden Predigt über seine Herkunft aus der Diaspora, seine Ausbildung bei Gamaliel „genau nach dem Gesetz“, seine Verfolgung der Menschen, die „diesen Weg“ gewählt hatten, seine Beauftragung durch „den Hohepriester und den ganzen Rat der Ältesten“ und seine Bekehrung von Saulus zu Paulus erwähnt er die Kollekte (Apg 22,1-21). Doch die Nichterwähnung war wohl weniger eine ausgesparte „melodiefüh‐ rende Stimme“, 20 sondern eher eine Suspension, die den Bogen erlauben sollte, der zu Apg 24,17 führt, wo in einer weiteren Verteidigungsrede Paulus vor dem römischen Prokurator Felix darauf verweist, dass er „Almosen für sein Volk“ nach Jerusalem hatte bringen wollen (δι‘ ἐτῶν δὲ πλειόνων ἐλεημοσύνας ποιήσων εἰς τὸ ἔθνος μου παρεγενόμην καὶ προσφοράς). Obwohl es ausführliche Kapitel in den Paulusbriefen zur Kollekte gibt, vor allem 2Kor 8,1-9,15, wird nirgends, weder bei Paulus noch in der Apostelge‐ schichte, die gesamte Geschichte dieser Aktion erzählt. Der bei Annahme einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung vermuteten sorgfältigen Resektion aller Hinweise auf die Kollekte durch den Abbreviator steht eine filigrane Verteilung 622 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="623"?> 21 Vgl. M.L. Frettlöh, Der Charme der gerechten Gabe. Motive einer Theologie und Ethik am Beispiel der paulinischen Kollekte für Jerusalem (2001). 22 Vgl. J. Gnilka, Die Kollekte der paulinischen Gemeinden für Jerusalem als Ausdruck ekklesialer Gemeinschaft (1996). der Informationen zu dieser Kollekte in verschiedenen paulinischen Schriften und der Apostelgeschichte gegenüber. Während kaum vorstellbar ist, dass ein Abbreviator, zumindest ohne erkennbaren Grund, sich die Mühe gemacht hätte, diese Information aus der 14-Briefe-Sammlung herauszulösen, spricht die redak‐ tionell leichtere Möglichkeit dafür, eine solche Aktion über die verschiedenen Schriften zu verteilen, für die Priorität der *10-Briefe-Sammlung. Allerdings bleibt die Frage, warum die kanonische Redaktion eine solche historische Fiktion in die 14-Briefe-Sammlung wie auch in die Apostelgeschichte eingefügt hat. Böttrich gibt einen Hinweis, denn er verweist, wie gesehen, auf die Rechtfer‐ tigungstheologie, in welche diese Kollekte eingebunden ist, und die ebenfalls mit den vorkanonisch fehlenden Abschnitten von Röm 4,3-25; 5,11-19 und 6,1-7,3 verbunden ist, während in der vorkanonischen Version von *Röm der Brief auf die Gesetzesproblematik beschränkt bleibt. Nach *Röm gibt es lediglich die Antithese zwischen „gerecht“ gemacht „aus dem Glauben Christi“ versus Handeln und Leben „aus dem Gesetz“ (*Röm 5,1). Das Dazwischentreten des Gesetzes führte dazu, dass die „Übertretung überfließe“ (*Röm 5,20), damit die Gnade übergroß werde. Doch die Adressaten seien tot für das Gesetz, auch wenn, wie in *Paulus selbst, das Gesetz in den Gliedern herrsche. Auf der kanonischen Ebene hingegen besitzt die Kollekte den Charme der gerechten Gabe 21 und ist zugleich Ausdruck ekklesialer Gemeinschaft. 22 Sie ist gewisser‐ maßen ein Handeln, ein Werk, das trotz aller Werkkritik auf der vorkanonischen Ebene praktisch begründete Rechtfertigung einführt und damit die Antithesen entschärft. Auch dieses Thema hat neben einer inhaltlich-theologischen eine redaktio‐ nelle Funktion auf der literarischen Ebene. Diese lässt sich bereits an der Bedeutung des Titus ablesen, der eine zentrale Rolle innerhalb der Kollekte besitzt. Titus wird bereits in 2Kor 7,6-7 in einer personalisierten Notiz des Paulus zur Vorbereitung des Berichts über die Kollekte eingeführt: „6 Aber der die Geringen tröstet, Gott, hat uns getröstet durch das Auftauchen des Titus, 7 doch nicht nur durch sein Auftauchen, sondern auch durch den Trost, den er bei euch erfahren hatte, denn er berichtete uns von eurer Sehnsucht, eurer Klage, eurem Eifer für mich, sodass ich mich noch mehr freute.“ Daran schließt Paulus den Hinweis auf einen Brief an, welchen er an die Korin‐ ther geschrieben und in welchen er diese getadelt habe, was seine Adressaten §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 623 <?page no="624"?> 23 Vgl. H.v. Lips, Timotheus und Titus. Unterwegs für Paulus (2008). 24 Vgl. weiter oben §-7 b. 8. 25 Vgl. zu beiden weiter oben §-7 b. 8. betroffen machte (2Kor 7,8-12). Letztlich dient dieser Hinweis jedoch lediglich dazu, um auf die Freude des Titus zuzusteuern, „dessen Geist durch euch neue Kraft gefunden hat“ (2Kor 7,13). Grund hierfür ist, dass Paulus die Adressaten vor Titus gerühmt hat und dieser den Korinthern deshalb zugetan sei. Dann folgt das Beispiel der Makedonier, die nach ganzen Kräften spendeten, ganz von sich aus (2Kor 8,3). Paulus fügt hinzu, dass er Titus ermutigt habe, dieses Liebeswerk, das er früher bei den Korinthern begonnen hatte, „nun auch [zu] vollenden“ (2Kor 8,6). Titus wird folglich zur zentralen Figur innerhalb der Kollekte. 23 Er ist der Gefährte und Mitarbeiter des Paulus, der für die Korinther tätig ist (2Kor 8,23), ist voller Enthusiasmus (2Kor 8,16-17) und vermittelt zwischen Paulus und den Korinthern (2Kor 2,12-13; 7,5-7. 14-16). Titus gehört zu den Brüdern, die Paulus an die Gemeinden schickt (2Kor 8,16-23). Wie oben zu Titus vermerkt, 24 verweist der Name auf die Pastoralbriefe, insbesondere auf den Brief des kanonischen Paulus an Titus, in welchem er ihn sein „rechtmäßiges Kind“, also als Erben, bezeichnet (Tit 1,4). Als Beauftragter des Paulus setzt er „in den einzelnen Städten“ Kretas „Älteste“ ein (Tit 1,5), Bischöfe als „Haushalter Gottes“ (Tit 1,7). Die Kollekte mit Titus in einer zentralen Rolle sichert folglich auch die Einbindung der Pastoralbriefe in die 14-Briefe-Sammlung, zumal sich Titus „an das zuverlässige Wort hält, das der Lehre entspricht“, d. h. das, was die Leserschaft im Titusbrief liest, entspricht „der gesunden Lehre“ und überführt „die Widersprechenden“ (Tit 1,9). Neben der theologisch-ethischen Bedeutung besitzt die Kollekte folglich, wie bereits betont, auch eine literarische Funktion für die narrative Kohärenz der 14-Briefe-Sammlung, insbesondere für die neu in sie hineingenommenen Pastoralbriefe. Diese widerum stützen die Bedeutsamkeit der Werke für die Rechtfertigung, wenn etwa Tit 3,8 herausstellt, dass „gute Werke … gut und für die Menschen nützlich“ sind und, nach Tit 3,9 man sich nicht „auf Streit und Gezänk über das Gesetz“ einlassen soll. Schließlich finden sich in diesem Brief wieder Personen, die diesen Text rückbinden an die Apostelgeschichte (z. B. Apollos) und die Deuteropaulinen (Tychikus). 25 Die Beobachtungen und Überlegungen verdeutlichen, dass die kanonisch redaktionelle Entwicklung einer aus *Gal 2,10 herausgesponnenen fiktiven Kollekte eher wahrscheinlich ist als die Löschung einer historischen Reflexion durch einen Abbreviator. 624 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="625"?> 2. Große Lücken in *Röm oder Mehrtext in Röm Für die Bestimmung der Bearbeitungsrichtung sind auch die Stellen im Rö‐ merbrief von Bedeutung, in denen sich die 14-Briefe-Sammlung von der *10-Briefe-Sammlung signifikant unterscheiden. Es handelt sich vor allem um Röm 1,8-15. 24-31; 2,3-11; 3,1-18. 23-31; 4,3-25; 5,11-19; 6,1-7,3; 8,12-9,33; 10,5-11,32; 12,1-8; 13,1-7. 11-14; 15-16. Auf ersten Anhieb wird deutlich, dass der Römerbrief in beiden Versionen sich erheblich unterscheidet. Geht man von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung aus, wirkt *Röm wie eine drastische Verstümmelung der kanonischen Vorlage. Systematisiert man die Liste der größeren „Lücken“ bzw. des kanonischen Mehrtexts, ergibt sich folgende Aufstellung, die nacheinander kommentiert werden soll: a. Dankanrede an die Adressaten (Röm 1,8-15) b. Gott liefert die Heiden aus und richtet alle Menschen, Juden und Griechen (Röm 1,24-31; 2,3-11; 3,1-18. 23-31; 13,11-14) c. Abraham: Glaube und Gesetz (Röm 4,1-25; 5,11-19; 6,1-7,3) d. Geist, nicht Fleisch (Röm 8,12-9,33) e. Die Israeliten und die Kirche (Röm 10,5-11,32) f. Der Leib und die vielen Glieder (Röm 12,1-8) g. Unterordnung unter die staatliche Gewalt (Röm 13,1-7) h. Paränese und Grüße (Röm 15-16) a) Dankanrede an die Adressaten (Röm 1,8-15) Geht man von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung aus, wird man sich wieder fragen müssen, warum der Abbreviator auch in diesem Brief Dank und Lob die Adressaten betreffend getilgt hatte. Denn das parallele Phänomen begegnet auch bezüglich der folgenden Briefe, in denen jeweils die auf den Eröffnungsgruß folgende Anrede an die Adressaten im vorkanonischen Brief fehlt: 1Kor 1,4-17; 2Kor 1,9-19; 1Thess 1,2-2,13; 2Thess 1,3-5; Kol 1,7-14; Phil 1,3-13; Phlm 1,4-7; Gal und Eph, die dann Ausnahmen wären, bieten jedoch solche Dankadressen nicht einmal auf kanonischer Ebene - eine weitere der vielen kanonischen Inkonsistenzen. Was hätte einen Abbreviator bewegen können, in all diesen Briefen die Dank‐ adressen zu löschen? Dreht man die Bearbeitungsrichtung um, ist zu fragen, welche Motivation gab es für die kanonische Redaktion, solche Dankadressen §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 625 <?page no="626"?> 26 Es wurde die Meinung vertreten, dass 2Kor weder nach Intention noch Form eine Dankpassage bietet, so P. Arzt-Grabner, Paul’s Letter Thanksgiving (2010), 131. 27 So A. Nygren, Der Römerbrief (1951), 50. 28 O. Michel, Der Brief an die Römer (1957), 36. 29 Ibid. 37. 30 Ibid. 31 Ibid. 43. an den aufgeführten Stellen in sieben oder acht 26 der zehn Briefe einzufügen, dabei jedoch Gal und Eph auszusparen? Nehmen wir den Ausgangspunkt bei Röm 1,8-15. Diese Dankadresse gilt als zweiter, weniger wichtiger Teil der Einleitung, 27 mit welcher Paulus sich bemüht, „eine persönliche Beziehung“ zwischen ihm „und der Gemeinde herzustellen“. 28 Schließlich klingt ein persönliches Bekenntnis an (Röm 1,14-16a), er beschreibt „deklarativ und feierlich“ „den Inhalt seines Evangeliums“ (Röm 1,16b-17). 29 Dies deutet darauf hin, dass Paulus sich „gegen Mißtrauen und Verdächtigungen zu wehren (hat), die in der Gemeinde selbst entstanden oder von außen in sie hineingetragen wurden“. 30 Aufgrund dieser inhaltlichen Skizze verschärft sich die Frage, warum ein Abbreviator, der Paulus ein solches Gewicht zumisst, dass er eine Paulusbrief‐ sammlung veranstaltet, gerade dessen Vorstellung seines persönlichen Bekennt‐ nisses und damit seine Verteidigung gegen Anwürfe eines Kernstücks berauben sollte? Bei Umkehrung der Bearbeitungsrichtung ist die Erklärung einsichtiger. Die kanonische Redaktion, die als ein Charakteristikum eine Personalisierung und als ein weiteres eine gewisse Zwiespältigkeit in das Porträt des Paulus einbringt, fügt eine solche Dankadresse in den Römerbrief ein. In ihr wird zunächst die bereits angeklungene Universalisierung der Reichweite christlicher Botschaft verdeutlicht - „euer Glaube … wird in der ganzen Welt“ bekannt gemacht (Röm 1,8). Paulus lässt sich durch Gott selbst autorisieren (Röm 1,9), er macht ihn zum Zeugen, nachdem Gal 1,1 nicht Menschen, sondern nur Jesus Christus sein Zeuge ist, zu welchem nur die kanonische Redaktion das θεοῦ πατρός hinzusetzt. Er bittet für denselben Zuspruch wie seine Adressaten (Röm 1,12), muss sich aber bescheiden, weil er „ein Schuldner“ gegenüber seinen Adressaten ist (Röm 1,14). 31 Hierin drückt sich die Ambivalenz aus, mit der die kanonische Redaktion Paulus sich einerseits als Autorität vorstellen lässt, andererseits seine Autorität zugleich untergräbt und in ein gewisses Zwielicht stellt. Ähnlich etwa lesen wir in der Dankadresse in 1Kor, dass den Korinthern „keinerlei Gnadengabe fehlt“ (1Kor 1,7), zugleich aber muss der kanonische Paulus vor Spaltungen warnen und die Adressaten anhalten, „eines Sinnes und 626 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="627"?> derselben Meinung“ zu sein (1Kor 1,10), wobei sich „die Streitereien“ gerade auf das Verhältnis ihm gegenüber richten (1Kor 1,12). Wenn er an dieser Stelle zugibt, dass er Gegenspieler hat, Apollos, dass er Krispus und Gaius nicht getauft hat, sondern nur „das Haus des Stephanas“ (1Kor 1,12-16) und er mit einer captatio betont, er verkünde das Evangelium „nicht in der Weisheit des Wortes“ (1Kor 1,17) wirft die kanonische Redaktion erneut Licht und Schatten auf den Protagonisten. Mehr noch als die Dankadresse im Römerbrief verdeutlicht diejenige von 1Kor auch die literarisch-redaktionelle Funktion dieses Abschnittes. Durch die Erwähnung des Apollos wird dieser kanonische Mehrtext verknüpft mit der Apostelgeschichte (Apg 18,24; 19,1) und den Pastoralbriefen (Tit 3,13), Krispus verbindet ebenfalls mit der Apostelgeschichte (Apg 18,8); Gaius darüberhinaus (Apg 19,29; 20,4) bindet Röm 16 ein (Röm 16,23), aber auch die Katholischen Briefe (3Joh 1,1), Stephanas begegnet nochmals im letzten Kapitel von 1Kor (1Kor 16,15. 17), wo nach dem Bericht zur Kollekte Stephanas vor Fortunatus und Achaikus genannt werden, Namen, die nur an dieser Stelle (1Kor 16,17) im Neuen Testament begegnen. Erneut wird deutlich, Namen dienen der kano‐ nischen Redaktion zur Herstellung einer literarischen Kohärenz verschiedener Schriftkorpora und deren Schriften. Auch die Dankadresse von 2Kor verweist auf die eigene Schwäche des Paulus, wobei er auf die eigene Aufrichtigkeit und „Einfachheit“ hinweisen muss, die er „fleischlicher Weisheit“ gegenüberstellt (2Kor 1,12). Er spricht auch von dem eigenen Leichtsinn und von seinem fleischlichen Willen (2Kor 1,17) und ruft Gott an, dass er nicht diesen unterworfen wird (2Kor 1,18). Er betont auch, dass er „nichts anderes“ schreibe, „als was ihr lest oder was ihr wisst“ (2Kor 1,13) - eine deutliche Autorisierung gerade dieser kanonischen Fassung des Briefes, mit der sich die Redaktion offenkundig gegenüber konkurrierenden paulinischen Schriften, vielleicht gar gegenüber *2Kor absetzen will. Genannt werden auch als seine Mitverkünder Silvanus und Timotheus (2Kor 1,19). Erneut bilden diese Namen Kohärenzverbindungen, Silvanus hin zu den beiden Thessalonicherbriefen (1Thess 1,1; 2Thess 1,1) und zu den Katholischen Briefen (1Petr 5,12), das Netz, das mit Timotheus gespannt wird, ist noch weiter und umfasst wiederum die beiden Thessalonicherbriefe (1Thess 1,1; 3,2. 6; 2Thess 1,1); Phlm 1,1; Röm 16 (Röm 16,10), die Apostelgeschichte (Apg 16,1; 17,14. 15; 18,5; 19,22; 20,4), die Deuteropaulinen (Kol 1,1), die Pastoralbriefe (1Tim 1,2. 18; 6,20; 2Tim 1,2) und den Hebräerbrief (Hebr 13,23), dient folglich als Scharnier für die 14-Briefe-Sammlung und deren Zusammenhalt mit der kanonischen Sammlung des Praxapostolos. §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 627 <?page no="628"?> 32 Wegen des nicht ganz durchsichtigen griechischen Textes, vgl. man die alternativen Übersetzungsmöglichkeiten in W. Marxsen, Der zweite Thessalonicherbrief (1982), 42. In der Dankadresse von 1Thess 1,2-10; 2,1-13 wird das Netz bestärkt, die Rede ist von großer Bedrängnis (1Thess 1,6) und von der Aufnahme, die Paulus bei den Adressaten gefunden hat, eine Botschaft, die überall erzählt wurde. Dann aber wird wiederum vom Leiden und gar von Misshandlungen des Paulus in Philippi berichtet und auch davon, dass Paulus das Evangelium bei den Adressaten freimütig, doch „in vielem Kampf “ verkündigte (1Thess 2,2). Er muss sich verteidigen, dass er nicht predigte, um die Adressaten irrezuführen, nicht in „Unreinheit noch mit List“, „verborgener Habgier“ und Ehrsucht (1Thess 2,3-6) - also auch in dieser Dankadresse fällt Schatten auf seine Botschaft, von der er sich freischreiben muss, indem er sich wie zuvor auf Gott als Zeugen beruft (1Thess 2,5), dann auch die Adressaten als Zeugen nennt (1Thess 2,10). Die kanonische Redaktion verfolgt dieselbe Strategie wie zuvor in den genannten Dankadressen - es ist ein merkwürdig schillerndes Bild, das der kanonische Paulus von sich zeichnet und welches den Widerspruch durchblicken lässt, den seine Botschaft hinterlassen hat. Nicht anders klingt die Dankadresse von 2Thess 1,3-5. Während zunächst von den Adressaten und deren „Ausdauer“ und „Glauben“ gesprochen wird (2Thess 1,4), auch vom „gerechten“ Gericht Gottes, schiebt der kanonische Paulus in 2Thess 2,2 nach, die Adressaten sollen sich „nicht so schnell“ in ihrem „Verstand erschüttert oder erschreckt“ sein lassen, „weder durch eine Geistererscheinung noch durch eine Rede noch durch einen Brief, der von uns sein soll, als ob der Tag des Herrn schon gekommen wäre.“ 32 Damit gibt die kanonische Redaktion zu er‐ kennen, dass sie der Leserschaft von einem anderen Brief an die Thessalonicher Kenntnis geben will - innerhalb der kanonischen Sammlung kann sich dies nur auf den voranstehenden Ersten Thessalonicherbrief beziehen, insbesondere auf 1Thess 4,15-17, auch wenn man grundsätzlich auch an *2Thess denken könnte - und es klingt, wie eine gewisse Distanzierung des Paulus von demselben, doch es geht um eine Distanzierung gegenüber dessen Missinterpretation (wie auch von der prophetischen und mündlichen Botschaft des Paulus), wonach der Tag des Herrn bereits gekommen sei. Nimmt man wahr, dass die dubiose Stelle eine solche ist, die bereits vorkanonisch *1Thess 4,15-17 steht, dann erklärt sich die Reaktion der kanonischen Redaktion. Sie hatte die problematische Stelle in ihren 1Thess übernommen, allerdings versucht, mit 1Thess 5,1-11 bereits die Interpretation zu steuern und zu korrigieren. Denn hier wird gegen eine präsentische Deutung der Stelle argumentiert: 628 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="629"?> „1 Von den Zeiten und Gelegenheiten, Brüder, habt ihr nicht nötig, dass man euch etwas schreibe; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn so kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie nämlich sagen: Frieden und Sicherheit, dann wird sie das Verderben plötzlich überfallen wie die Geburtswehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen. 4 Ihr aber, Brüder, seid nicht in Finsternis, dass euch der Tag wie ein Dieb überraschen sollte.“ (1Thess 5,1-4) Gemäß dieser Deutung ist der Tag des Herrn nicht bereits gekommen, sondern er steht noch aus, wenn auch erwartet in einer bedrohlich nahen Zukunft. Um diese kanonische Deutung weiter zu bestärken, fügt 2Thess 2,2 die Skepsis gegenüber einer Fehldeutung ein, die sich sinnvollerweise auf die vorkanonische Version *1Thess 4,15-17 bezieht, einen Brief, in welcher die kanonische Deutung von 1Thess 5 eben fehlt. Entsprechend kann die kanonische Deutung in 2Thess 2,5-6 hinzufügen: „5 Erinnert ihr euch nicht daran, dass ich euch dies sagte, als ich noch bei euch war? 6 Und jetzt wisst ihr, was ihn aufhält, damit er zu seiner Zeit offenbart wird“. Die Stelle stützt die kanonische Version von 1Thess, insbesondere das von der kanonischen Redaktion hinzugesetzte Kapitel 5 mit der entsprechenden Deutung und Kritik an der vorkanonischen und von ihr übernommenen Verse in 1Thess 4,15-17. Verhält es sich mit der Genese der beiden Briefe in der vorgeschlagenen Weise, wird auch redaktionsgeschichtlich deutlich, dass der vorkanonischen Version der Briefe ein gewisser Respekt bei der kanonischen Redaktion entge‐ gengebracht wird, sei es, dass die vorkanonischen Briefe bereits eine gewisse Autorität besaßen - darauf weist bereits der Umstand hin, dass sie als Grundlage für die eigene Rezension genommen wurden, und auch, dass über diese Briefe hinaus nur vier weitere pseudepigraphe Briefe zur 14-Briefe-Sammlung hinzu‐ gefügt wurden. Zugleich kann man an diesem Fall ablesen, dass die kanonische Redaktion vorwiegend durch ergänzende und korrigierende Erweiterungen mit dem vorkanonisch existierenden Text umgegangen ist, nicht aber vorkanonisch erhaltenen Text schlichtweg eliminiert hätte. In der Dankadresse von Kol 1,7-14 stoßen wir gleich zu Beginn auf die Nennung des „geliebten Mitknecht“ Epaphras. Mit dieser Nennung (Kol 1,7; 4,12) wird der Brief an die sieben Briefe des Paulus über den Philemonbrief angeschlossen (Phlm 1,23). Auch das zweite Element, des Schattens über Paulus, begegnet in der Kolosserdankadresse. Zunächst lobt Paulus die Adressaten, dass der Vater sie befähigt hat, „am Erbe der Heiligen im Licht“ teilzuhaben (Kol 1,12), sofort aber schließt er sich selbst mit ein, wenn er fortführt, dass der Vater „uns-… der Gewalt der Finsternis“ entrissen hat (Kol 1,13). Die Dankadresse in Phil 1,3-13 beginnt hingegen nach dem Lob der Adres‐ saten gleich mit diesem Schatten über der eigenen Person des Paulus, er spricht §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 629 <?page no="630"?> von seiner Gefangenschaft, „Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums“ (Phil 1,7) und wiederum davon, dass Gott sein Zeuge sei. Schließlich betet er dafür, dass seine Adressaten an „Erkenntnis“ und „Einsicht“ reicher werden, um beurteilen zu können, „was das Beste ist“ (Phil 1,9-10). Wie dieser Blick durch die kanonischen Dankadressen zeigt, begegnen wiederholt vor allem zwei Elemente, zum einen die literarische Kohärenz, die im Wesentlichen über die Nennung von Namen erreicht wird, zum anderen das Selbstporträt des Paulus, der seine Adressaten lobt, zugleich aber eine Unbestimmtheit und Zwiespältigkeit äußert, was die eigene Person und seine eigene Redlichkeit betrifft - wiederholt wird Gott zum Zeugen angerufen, was nicht unbedingt das Vertrauen der Leserschaft in die Selbsteinschätzung des Paulus stärkt. Aus beiden Elementen ergibt sich ein redaktionelles Profil dieser Dankadressen. Während die Ambiguität, was die Charakterbeschreibung des Paulus betrifft, noch dazu hätte dienen können, einen möglichen Abbreviator, der Paulus aus den anderen Aposteln herausheben möchte, dazu zu veranlassen, die Dankadressen zu tilgen, spricht das erste Element der literarischen Kohärenz dafür, dass dem Abbreviator weder die 14-Briefe-Sammlung vorgelegen war noch die kanonische Sammlung, die später den Titel Neues Testament erhielt. Da diese Sammlung nicht vor dem letzten Drittel des zweiten Jahrhunderts entstanden sein kann, müsste man eh mit einem Abbreviator rechnen, der erst zu dieser Zeit gewirkt hätte. Chronologisch widerspricht dieser Ansatz jedoch den Zeugen, die die *10-Briefe-Sammlung bereits vor die Mitte des 2. Jh. setzen und Markion von Sinope zuschreiben. Hieraus lässt sich lediglich der Schluss ziehen, dass gerade das Element der literarischen Kohärenz dafür spricht, dass wir mit einer Bearbeitungsrichtung *10-Briefe-Sammlung > 14-Briefe-Sammlung konfrontiert werden und die beiden Elemente der persönlichen Charakteristiken des Paulus der kanonischen Redaktion zuzuordnen haben. b) Gott liefert die Heiden aus und richtet alle Menschen, Juden und Griechen (Röm 1,24-31; 2,3-11; 3,1-18. 23-31; 13,11-14) Die nur auf der kanonischen Ebene bezeugten Verse Röm 1,24-31 sprechen von einer aktiven Auslieferung der heidnischen Menschen an die Unreinheit des Leibes, und zwar durch deren eigenes Tun, das in der Verehrung der Geschöpfe anstelle des Schöpfers besteht (Röm 1,24-25). Als Folge dessen werden sexuelle Fehlverhalten genannt: Frauen haben widernatürlichen Verkehr, offenkundig, wie der nächste Vers nahelegt, in Liebe zueinander, wie auch Männer homose‐ xuellen Verkehr haben (Röm 1,26-27). Dies führt zu weiteren Haltlosigkeiten, von der eine ganze Liste geboten wird (Röm 1,29-31). Die Konsequenz ist das „Gericht Gottes“ (Röm 2,3), der „Tag des Zorns“ (Röm 2,5). Diesem wird die 630 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="631"?> Gabe des ewigen Lebens für diejenigen entgegengesetzt, die beharrlich Gutes tun (Röm 2,7). Erstmals werden in Vers 11 Juden genannt, die die Bedrängnis als erste treffen soll, dann auch die Griechen. Den Gedanken des Vorzugs, auch wenn dieser zu einer größeren Bedrohung führt, entwickelt Kapitel 3 weiter, und zwar erneut mit Blick auf die Juden (Röm 3,1). Die Zentralfrage ist die nach dem Zorn Gottes, ob dieser nicht „ungerecht“ sei (Röm 3,5). Dies bestreitet Paulus mit dem Argument, dass nur aufgrund desselben Gottes derselbe die Welt richten kann (Röm 3,6). Wenn es nun die Juden härter trifft, haben die Adressaten einen Vorteil? Auch dies bestreitet Paulus, indem er auf die Schrift verweist, die Juden wie Griechen stünden unter der Herrschaft der Sünde (Ps 13,1-3 LXX). Ohne dass man den Eindruck eines Bruches hat, obwohl mit den Versen Röm 3,19-22 Parallelverse zu den vorkanonischen Versen stehen, fährt der kanonische Text in Röm 3,23 fort, dass es zwischen Juden und Griechen keinen Unterschied gäbe, weil nicht das entscheide, was jemand tue, sondern allein das Gesetz des Glaubens (Röm 3,27-28). Gott sei nämlich ein Gott der Juden wie der Heiden (Röm 3,29). Auch wenn dieses Thema anhand des Beispiels von Abraham weiter entwickelt wird, insbesondere auf der kanonischen Ebene, worauf wir im nächsten Unterpunkt eingehen werden, sei hier auf Röm 13,11-14 verwiesen. In paränetischer Weise spricht Paulus die Adressaten an und fordert sie auf, die leiblichen Begierden und überhaupt die Werke der Finsternis abzulegen („Schmausereien und Trinkgelage“, „Unzucht und Ausschweifungen“, „Streit und Eifersucht“). Die Abschnitte verdeutlichen, dass einerseits den Juden gegenüber den Griechen die größere Bedrängnis für den Tag des Zornes und das göttliche Gericht droht, andererseits (gläubige) Griechen hieraus sich jedoch nicht im Vorteil sehen sollen. Insgesamt geht es bei der Paränese vor allem, wenn auch nicht ausschließlich, um leibliche und sexuelle Fehlverhalten. Bei Annahme einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung müsste man mit einem Abbreviator rechnen, der den göttlichen Zorn und sein Richten zurückweist und - unverständlicherweise - hiermit zugleich die moralische Botschaft insbesondere gegen leibliche und sexuelle Fehlverhalten verwirft und beides tilgt. Nun ist keine andere Position aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert bekannt, als die des Markion von Sinope, nach welcher der Schöpfergott als ein zorniger abgelehnt und überhaupt das Gericht Gottes bestritten wird. Will man folglich von einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung ausgehen, könnte man keinen anderen als ihn mit dem Abbreviator für diese Passagen benennen. Dies verunmöglicht jedoch das zweite Element, da Markion nach allem, was §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 631 <?page no="632"?> 33 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13,2-3: [2] … Quoniam et iram dicit revelari de caelo super impietatem et iniustitiam hominum qui veritatem in iniustitia detineant. [3] Cuius dei ira? Utique creatoris. Ergo et veritas eius erit cuius et ira quae revelari habet in ultionem veritatis. 34 Dass Homosexualität, die an drei Stellen in den paulinischen Schriften verworfen wird, ausschließlich auf der kanonischen Ebene bekämpft wird, wurde an anderer Stelle gezeigt, vgl. J.P. Mathur und M. Vinzent, Pre-canonical Paul. His Views Towards Sexual Immorality (2018). 35 Auf den Parallelfall, wonach der lukanische Prolog eine antimarkionitische Stoßrich‐ tung besitzt, hat Klinghardt aufmerksam gemacht, wie oben vermerkt, M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 172. die Häresiologen berichten, gerade für seine strenge Askese und Sexualmoral bekannt war, die noch weiter ging als die Vorstellungen etwa des Tertullian und vieler anderer, indem er sogar den innerehelichen Sexualverkehr abgelehnt haben soll. Ihm das Tilgen von Passagen zuzuschreiben, in welchen gegen sexuelle Fehlverhalten geschrieben wird, wäre widersinnig. So bleibt die nicht weiter begründbare Annahme eines Abbreviators, der sowohl Gottes Gericht wie sexuelles Fehlverhalten aus dem paulinischen Text löschen wollte. Dreht man das Bearbeitungsverhältnis um (*10-Briefe-Sammlung > 14-Briefe-Sammlung) löst sich der Widerspruch: Die kanonische Redaktion macht sich zum einen gegen Markion der vorkanonischen Erwähnung vom „Zorn“, der „vom Himmel her offenbart“ wird „über Gottlosigkeit und Unge‐ rechtigkeit der Menschen“ (*Röm 1,18) dienlich, allerdings in einer eigenen In‐ terpretation, die der Markions nach Aussagen Tertullians widerspricht. Markion nämlich, so Tertullian, habe als Urheber dieses Zornes auf den Schöpfer ver‐ wiesen - während die kanonische Redaktion ausdrücklich vom „Zorn Gottes“ an dieser Stelle spricht 33 und die Stelle entsprechend interpretiert. Gegen Markion folglich setzt die kanonische Redaktion einerseits die Behauptung vom Zorn Gottes und der Bedrohung der Menschen durch das kommende Gericht Gottes, andererseits weist sie die sexuell-asketische Rigorosität Markions zurück, indem sie lediglich - neben anderen Übeln - Homosexualität und andere fleischliche Begierden zurückweist. 34 Durch diese Beobachtungen und Überlegungen wird nicht nur die umge‐ kehrte Bearbeitungsrichtung gestützt, sie weisen auch darauf hin, dass die kanonische Redaktion mit ihrer Korrektur an der *10-Briefe-Sammlung eine solche an zwei zentralen Positionen des Markion vorzunehmen versucht. 35 632 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="633"?> 36 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 90. 37 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,8: … ita eius dei esse utramque dispositionem apud quem invenimus utriusque dispositionis delineationem. 38 Vgl. zu beidem A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspek‐ tiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 90. 39 Ibid. 90-91. 40 Pace Klinghardt, Goldmann und Flemming, vgl. Ibid. 91. 41 Auf den historischen Paulus führt Klinghardt die von Markion lediglich verwendeten Briefe zurück, vgl. M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion (2018), 229. 243. 246. 248. 252-254. 257. c) Abraham: Glaube und Gesetz (Röm 4,1-25; 5,11-19; 6,1-7,3. 8. 25) Röm 4 gilt als „ein Paradebeispiel für das Problem der ‚redaktionellen Inkonsis‐ tenz‘, das für die Bestimmung des Bearbeitungsverhältnisses zwischen dem Bi‐ beltext Marcions und dem kanonischen Bibeltext von grundlegender Bedeutung ist“. 36 Wie im Kommentar zu *Gal 4,22 vermerkt, macht Tertullian Markion den Vorwurf, eine Erwähnung Abrahams stehengelassen zu haben, die er hätte tilgen müssen, ja, gerade diese. Denn die Spur über Abraham führe dazu, dass in der allegorischen Botschaft von den zwei Söhnen die beiden göttlichen Ordnungen die Hand des einzigen Gottes aufscheinen ließen. 37 Tertullian wirft seinem Gegner folglich Unachtsamkeit vor und eine redaktionelle Inkonsistenz. 38 Goldmann hat seinem Lehrer Klinghardt folgend diesen Vorwurf als „leicht durchschaubares Hilfsargument“ erkannt, das nicht nur Tertullian, sondern auch der älteren Forschung „dazu dient, das Axiom der theologisch motivierten Streichungstätigkeit des Marcion aufrecht zu erhalten“, auch wenn es „metho‐ disch nicht als Grundlage eines Arguments verwendet werden darf “, weil es der „eigenen Argumentation den Boden“ entziehe. 39 Allerdings folgt meines Erachtens daraus nicht zwingendermaßen, dass man Markion „schlicht als Tradent“ und „nicht als Redaktor“ verstehen muss. 40 Denn ob Markion oder ein anderer die *10-Briefe-Sammlung zusammengestellt hat, die Markion dann nur benutzt hätte - jemand musste diese Sammlung zusam‐ mengebracht haben -, lässt uns methodisch nur eine Alternative: Entweder dieser jemand, gleich ob Markion oder jemand anderes, hat die älteren beiden Sammlungen redaktionell unbearbeitet verwendet (und dann wären auch die Vorlagensammlungen der sieben Briefe und der drei Briefe wohl Zusammen‐ stellungen unbearbeiteter Briefe gewesen), sei es dass es Briefe des historischen Paulus waren, 41 sei es, dass der Redaktor bereits Pseudepigraphen aufgesessen war; oder aber dieser jemand hat die *10-Briefe-Sammlung erstellt, geordnet und redaktionell bearbeitet, wohl ähnlich wie die beiden Vorlagensammlungen erstellt wurden, denen er sich bediente. §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 633 <?page no="634"?> 42 Hiermit rechnet auch Klinghardt, ibid. 224. 227; vgl. auch M.S. Goodacre, Fatigue in the Synoptics (1998). Will man Markion grundsätzlich von jeglichem Einfluss auf die *10-Briefe-Sammlung fernhalten, kann man auch nicht an dem „Hilfsargument“ des Tertullian und der älteren Forschung festhalten und dann dürfte man auch nicht den Vorwurf erheben, der Text weise Passagen wie die eine des Abraham auf, die angeblich seinen theologischen Positionen widersprechen bzw. gegen die Trennung von Evangelium einerseits, Gesetz und Propheten andererseits stünden. Zu bedenken ist auch, dass ein Redaktor, der zwei ältere Sammlungen nutzt, dennoch Inkonsistenzen produziert, sei es aus redaktio‐ neller Erschöpfung oder anderen widrigen Umständen, 42 außerdem scheint eine integrierende Sammlung wie die *10-Briefe-Sammlung, die zwei unterschied‐ liche Sammlungen aufnimmt, offenkundig nicht auf Konkurrenz angelegt war, dessen Redaktor folglich auch nicht unter Zwang zur Kohärenz gestellt zu haben, wie dies von einer konkurrierenden Gegensammlung zu erwarten wäre. Dass dennoch die spätere kanonische Redaktion, die eine Gegensammlung erstellt, erheblich mehr „Nachlässigkeiten und Inkonsistenzen“ aufweist, ist darum desto bemerkenswerter. In dieser Hinsicht hatte bereits der scharfsichtige Rhetor Tertullian Recht gehabt, wenn er auf Inkonsequenzen hinwies, auch wenn man davon ausgehen darf, dass derjenige, der die Sammlung zusammengebracht hat, sich bemüht haben wird, die älteren Materialien entsprechend einem möglichst kohärenten Redaktionskonzept zu bearbeiten. Dass die *10-Briefe-Sammlung keine willkür‐ liche bzw. zufällige Tradition älterer, unbearbeiteter Einzelbriefe bzw. einer Sammlung derselben darstellt, ist durch die voranstehenden Überlegungen aus‐ zuschließen. Dass nur deshalb, weil „Inkonsequenzen naturgemäß kontingent sind … eine historische Rekonstruktion darauf verzichten“ muss, weil eine Rekonstruktion „auf Regelhaftigkeit angewiesen“ sei, ist eine petitio principii, der ich nicht folgen kann. Eine Rekonstruktion eines Textes, bei dem man naturgemäß mit Inkonsequenzen rechnen muss und solche auch aufweist, kann und darf in einer Rekonstruktion nicht systematisch kohärenter hergestellt werden, als er vermutlich war. Gleich wer die Sammlung veranstaltet hat, wird gelegentlich Inkonsistenzen produzieren. Das bedeutet noch nicht, dass die Erwähnung Abrahams notwendigerweise eine solche sein muss, wie die nachfolgenden Beobachtungen lehren. Tertullian zufolge hat Markion den Namen Abrahams nur selten erwähnt. Etwa zu Gal 3,6-9 vermerkt er ausdrücklich, dass Markion diese Abraham-Pas‐ 634 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="635"?> 43 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 3,11: Sed et cum adicit: Omnes enim filii estis fidei, ostenditur quid supra haeretica industria eraserit, mentionem scilicet Abrahae, qua nos apostolus filios Abrahae per fidem affirmat, secundum quam mentionem hic quoque filios fidei notavit. Vgl. hierzu M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion (2018). 44 Wie A. Laato bemerkt hat, sind sich in dieser heilsgeschichtlichen Sicht die Lösungs‐ ansätze der Apostelgeschichte, des kanonischen Paulus und des Justin, des Märtyrers, recht nahe, vgl. A. Laato, Abraham in Justin Martyr’s Dialogue (2022); S. Wendel, Interpreting the Descendant of the Spirit: A Comparison of Justin’s Dialogue with Trypho and Luke-Acts (2007); J.S. Siker, Disinheriting the Jews. Abraham in Early Christian Controversy (1991). Die Nähe wird desto deutlicher, wenn man die ganz andere Position des Josephus daneben stellt, der etwa „alle Passagen ausließ, in denen Genesis von Gottes Verheißung, die Nationen zu segnen, spricht“, so E. Koskenniemi, Excellent, but How? Abraham in Josephus (2022), 39. sage und insbesondere die Aussage, dass die Adressaten „Söhne Abrahams“ sind, gestrichen habe. 43 Vielleicht begegnet Abraham nur drei Mal in Markions *Neuem Testament, während er 73 Mal auf der kanonischen Ebene begegnet, davon alleine 29 Mal in der 14-Briefe-Sammlung. Selbst wenn man davon die zehn Erwähnungen in Hebr abzieht, bleiben 19 kanonische Erwähnungen des Abraham. Bei der Annahme der Priorität der 14-Briefe-Sammlung müsste man davon ausgehen, dass der Abbreviator 15 Mal den Namen des Abraham gelöscht, ihn erstaunlicherweise aber 1 Mal im Text belassen hätte (*Gal 4,22). Das würde die zuvor genannte und von Tertullian gescholtene Inkonsistenz des Markion erhärten, falls dieser Vorwurf der Wirklichkeit entspräche, doch fragt es sich, ob Tertullian hier recht gesehen hat, da der Vorwurf auf der Priorität der kanonischen Texte ruht. Betrachten wir uns die Texte näher. In *Gal 4,21-26 wird unterschieden zwischen den Kindern der Sklavin, die „in die Synagoge der Juden“ gezeugt werden, und denjenigen der Freien, die „hoch über jegliche Hoheit, Macht und Herrschaft und (über) jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird,“ gezeugt werden (*Gal 4,24-25 ↑Laod 1,21). Zwischen diesen beiden Arten von Kindern gibt es nichts Gemeinsames. Die Allegorie enthebt Abraham der Vaterschaft, die über Sarah geführt hätte, weil es um eine göttliche Zeugung der Freien geht. Ganz anders argumentiert die Redaktion der 14-Briefe-Sammlung. Hier wird mit Gen 16,15; 21,2 LXX auf das Wort der „Verheißung“ abgehoben und eine heilsgeschichtliche Allegorie geboten. 44 In diesem Sinne fragt der kanonische Text Röm 4,3: „Was sagt die Schrift? “ Auch wenn der Text fortfährt, dass Abraham der Lohn, von dem Röm 4,2 die Rede ist, „nicht nach Gnade“ ange‐ rechnet wird, so steht er ihm doch zu (Röm 4,4), ja sein Glaube wird ihm sogar „als Gerechtigkeit angerechnet“ (Röm 4,9; wiederholt in 4,22-23). Der Kunstgriff, §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 635 <?page no="636"?> 45 Auffallenderweise wird dem Mann gegenüber nicht von derselben Verpflichtung gesprochen. mit dem die positive Bewertung Abrahams auf kanonischer Ebene gelingt, führt über das Argument, dass er bereits als Unbeschnittener geglaubt habe (Röm 4,10), weshalb er zum Vater aller, nicht nur der Beschnittenen, geworden sei, sondern auch der Unbeschnittenen, und einschränkend: nur der Beschnittenen, insofern diese „dem Beispiel des Glaubens“ im Sinne der Nachfolge Jesu folgen (Röm 4,10-12). Verheißung wird so an diesen Glauben gebunden (Röm 4,13) und der Anspruch auf Alleinerbschaft erhoben (Röm 4,14). Verbunden mit der Antithese von Gesetz und Gnade wird diejenige zwischen dem Gericht und der Gerechtsprechung (Röm 4,16. 18). In einer längeren Ausführung wird in Röm 6 auf die Taufe „auf Christus Jesus“ eingegangen (Röm 6,3), die einen Wandel „in einem neuen Leben“ bedeutet (Röm 6,4) und verdeutlicht, dass die Adressaten „nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade“ stehen (Röm 6,14). Sich unter die Gnade zu stellen, heißt gehorsam zu sein, „Sklaven der Gerechtigkeit“, Sklaven Gottes zu werden (Röm 6,18. 22). Wie im Abschnitt zuvor, wird dieses Bemühen dem Dienst „der Unreinigkeit und der Gesetzlosigkeit“ entgegen gestellt (Röm 6,19). Wie konkret dies auf Sexualität und Ehe ausgelegt wird, entwickelt die kanonische Redaktion: Eine Frau darf zur Lebenszeit ihres Ehemannes keinem anderen gehören (Röm 7,3). 45 Allerdings ergriff die Sünde die „Gelegenheit und verursachte … jede Art von Begierde“ (Röm 7,8), der nur durch die Vernunft begegnet werden kann (Röm 7,25). Fragt man sich auf der Basis der Priorität der 14-Briefe-Sammlung, wen diese Abrahamsinterpretation so gestört haben mag, dass zwar Abraham im Text *Gal 4,22 der *10-Briefe-Sammlung stehen blieb, wenn auch von dieser kritisiert, er dann aber an allen anderen Stellen gelöscht wurde und mit ihm die Ausführungen zur christlichen Taufe - obwohl die Taufe an einer Stelle in *Laod 4,5 in einer Bekenntnisformel erwähnt wird (wenn auch möglicherweise hier die Johannestaufe gemeint ist) - dann müsste man einen Abbreviator finden, der die christliche Taufe ablehnt, ein äußerst kritisches Verhältnis zu Abraham aufweist und eine Antithese entwickelt hatte zwischen Gesetz und Freiheit, zwischen Irdischem und Himmlischem und zugleich die Akzeptanz der sexuellen Ehegemeinschaft zusammen mit der Kritik gegenüber sexuellen Fehlverhaltens löschte. Auch hier wird man im frühen Christentum nicht fündig werden können. Stattdessen bietet sich Markion erneut als die Zielscheibe der kanonischen Redaktion an. Während, wie oben zur Terminologie gezeigt, im gesamten 636 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="637"?> 46 Etwa zeitgleich zur kanonischen Redaktion oder ihr wenig vorauslaufend finden sich diese Gedanken auch in Justins Dialog mit Trypho. 47 Zu diesem Supersessionismus vgl. M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanoni‐ schen Redaktion (2018), 257. Der Supersessionismus ist m. E. auch nicht mit A. Laato dadurch zu minimieren - er sieht in Justin keinen „reinen Supersessionismus“, indem vorkanonischen Text kein sicherer Hinweis auf die christliche Taufe zu finden ist, sondern allenfalls von der Taufe durch Johannes die Rede ist, hat die kanonische Redaktion die Ausführungen zur christlichen Taufe in den Text von Röm 6 aufgenommen. Zugleich wurde die Kritik an Abraham reduziert und Abraham über die genannten Argumente zu einem Vater von Beschnittenen und Unbeschnittenen eingeführt und zwar dergestalt, dass nur solche Beschnittenen unter die „Kinder der Verheißung“ gerechnet werden, die Jesus Christus nach‐ folgen. 46 Entgegen der sexuellen Askese Markions, die auch Eheleute betraf, nimmt die kanonische Redaktion die Rigorosität zurück, womit sie Frauen in die Pflicht nimmt, ihren Männern „anzugehören“, so lange diese leben, um nicht Ehebrecherinnen zu werden. d) Geist, nicht Fleisch (Röm 8,12-9,33) Ähnlich deutlich wie bei den vorangegangenen Passagen ist das Profil dieser großen „Lücke“ bzw. dieses Mehrtextes. Man muss nicht „nach dem Fleisch“ leben (Röm 8,12), sondern soll „die Taten des Leibes“ töten (Röm 8,13). Solche Lebensweise macht den Gläubigen zum „Erben Gottes und Miterben Christi“ (Röm 8,17). Diese Bestimmung wurde bereits „im Voraus“ bestimmt, wie der Sohn „Erstgeborene sei unter vielen Brüdern“ (Röm 8,29), und folglich wurden die Gläubigen auch von Gott und Christus gerecht gemacht und „verherrlicht“ (Röm 8,30). Dies gilt im Unterschied zu den „Israeliten“ (Röm 9,4), weil „nicht alle, die aus Israel sind“, „Israel“ sind (Röm 9,6). Folglich sind auch nicht alle Nachkommen Abrahams erbberechtigte Kinder - diese Nachkommenschaft führt nur über Isaak und Sarah und gilt nur für deren „Kinder der Verheißung“, eine Aussage, die bereits zuvor auf kanonischer Ebene begegnet ist (Röm 9,8; Gal 4,28). Da der Töpfer Herr über den Ton ist, kann er auch „Gefäße des Zorns“ herstellen und diese „zur Vernichtung“ bereiten (Röm 9,21-22). Wie nicht alle Heiden, so werden auch die Israeliten, so zahlreich sie wären, nicht alle gerettet, sondern „nur der Überrest“ (Röm 9,27 mit Berufung auf Jes 10,22 LXX). Schließlich heißt es, dass Gott „in Zion einen Stein des Anstoßes“ aufrichtet, an dem zuschanden kommt und zugrunde geht, wer nicht glaubt (Röm 9,33). Erneut müsste man nach einem Abbreviator Ausschau halten, der die 14-Briefe-Sammlung um diesen Supersessionismus und Exklusivitätsanspruch der Kirche gebracht hätte. 47 Selbst Markion, von dem Tertullian berichtet, dass §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 637 <?page no="638"?> man auf die Möglichkeit verweist, dass es innerhalb der Christen auch solche aus dem jüdischen Volk gibt, die die Gesetze des Mose weiterhin praktizieren, jedoch an Christus glauben, vgl. A. Laato, Abraham in Justin Martyr’s Dialogue (2022), 23. 48 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 122. 49 Vgl. zu Röm 9-11 auch ibid. 115-145. er die Antithese zwischen Christentum und Judentum formuliert habe, käme hierfür nicht in Frage, weil trotz aller antithetischen Formulierung niemand von ihm behauptet, er habe eine Form des Supersessionismus gelehrt und Israel beerben wollen, wie beides etwa aus dem Barnabasbrief oder Justin bekannt ist. Solche Vorstellungen scheinen um die Mitte des zweiten Jahrunderts in Reaktion auf den Zweiten jüdischen Krieg geäußert worden zu sein, doch Markion gehört nicht zu diesen Lehrern. Kehrt man die Bearbeitungsrichtung wieder um, lässt sich leicht verstehen, wie eine kanonische Redaktion in der genannten zweiten Jahrhunderthälfte in Abwandlung von Markions Antithese und in Fortschreibung des Barnabas‐ briefes und Justins die Haltung des Christentums gegenüber dem Judentum verhärtet und verschärft hat, auch wenn, wie der weitere Diskurs des nächsten Unterpunkts, eine eschatologische Perspektive auch für ganz Israel eingeräumt wurde. e) Die Israeliten und die Kirche (Röm 10,5-11,32) Nachdem die vorkanonisch vorhandene Eröffnung von Kapitel 10 bereits ka‐ nonische Überarbeitungsspuren zeigt, die der kanonischen Redaktion zum „Wahrheitsbeweis“ dienten, „die Zuverlässigkeit der jüdischen Traditionen und Verheißungen (zu) belegen“ und damit den „Erweis der Kohärenz zwischen Altem und Neuem Testament“ aufzuzeigen, 48 erweitert sie die ersten vier Verse mit einer großen Digression (Röm 10,5-11,32). 49 Nimmt man wieder die Priorität der 14-Briefe-Sammlung an, handelt es sich um weitere Überlegungen zum Verhältnis von Israel und Kirche. Sie schließen an die Verse an, die mit der *10-Briefe-Sammlung geteilt sind (Röm 10,1-4) und in welchen um eine Rettung Israels gebetet und davon gesprochen wird, dass „Christus zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt“, geworden ist. Im Rückgriff auf alttestamentliche Verse fährt die kanonische Redaktion fort, Christus weder vom Himmel herabzuholen oder „von den Toten herauf‐ zuführen“ (Röm 10,6-7). Dabei greift Paulus ausdrücklich auf den letzten Vers zurück, den er mit *Paulus gemeinsam hat, dass „das Ende des Gesetzes … Christus [ist] für jeden, der glaubt“ (Röm 10,4), und deutet diesen nun. Glauben heißt dem Evangelium gehorchen (Röm 10,16), dessen Kunde in 638 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="639"?> 50 A. Laato, Abraham in Justin Martyr’s Dialogue (2022), 22-23. die ganze Welt gedrungen ist (Röm 10,18). Israel ist jedoch unverständig, „ungehorsam“, widerspenstig (Röm 10,20-21). Doch obwohl die Israeliten Gottes Propheten getötet haben, „gibt es auch in der jetzigen Zeit ein[en] Überrest … gemäß der Gnadenwahl“ (Röm 11,5), während die Übrigen „verhärtet wurden“ (Röm 11,7). Gleichwohl kann sie Gott wieder einpropfen (Röm 11,23), und zwar aufgrund der prophetischen Verheißung sogar „ganz Israel“, wenn „die Vollzahl der Heiden eingegangen ist“ (Röm 11,25-26). Auch wenn die Israeliten „hinsichtlich des Evangeliums“ „Feinde“ sind, sind sie doch „hinsichtlich der Erwählung-… Geliebte um der Väter willen“ (Röm 11,28). Folgt man den Überlegungen zu den voranstehenden Unterpunkten und kehrt das Bearbeitungsverhältnis um, lässt sich das verhandelte Thema hier auf der Basis der Priorität der *10-Briefe-Sammlung angehen. Die kanonische Redaktion versucht zunächst, die Exklusivität der Kirche gegenüber Israel an die Stelle einer Antithese Markions, wonach jede dieser beiden messianischen Bewegungen ihre eigene Kultpraxis besitzt, zu setzen. Dann aber fügt sie eine Eschatologie hinzu, dergemäß ein universalistischer Sieg der Kirche innerhalb der heidnischen Welt zu einem Szenario führt, in welchem Gott auch die Verheißungen an die Väter aufgrund jener Zusage wirklich machen wird. Das räumt der Kirche in der Zeit die unhinterfragbare Vorrangstellung, Überordnung und Direktive gegenüber den Verstockten ein, es erlaubt ihr auch das Beerben Israels in dieser Zeit, auch wenn es das Hoffnungstor auf das Eschaton für Israel offen hält. Ob irgendjemand diese Ausführungen im zweiten Jahrhundert gelöscht hätte? Für den Barnabasbrief und Justin waren sie zu israelfreundlich, hatte sie doch nur denjenigen das jüdische Gesetz Praktizierenden Rettung in Aussicht gestellt, die an Christus glaubten. 50 Für Markion war die Position zu israelfeindlich - für beide Positionen hätte wohl kein Grund bestanden, diese Ausführungen zu tilgen, aber sie deutlich zu überarbeiten. f) Der Leib und die vielen Glieder (Röm 12,1-8) Auf der Grundlage der Priorität der 14-Briefe-Sammlung lässt sich eine Tilgung dieses Abschnittes kaum erklären. Welcher Redaktor des ersten oder zweiten Jahrhunderts hätte die „Barmherzigkeit Gottes“ abgelehnt oder für anstößig gehalten? Wer hätte nicht gewollt, dass man sich dieser Welt nicht angleicht? Wer wollte nicht die Erneuerung des Denkens, besonnen sein, wer bestritt die §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 639 <?page no="640"?> 51 Justin, 1. Apol. 17; 1Klem 61, die Texte finden sich weiter unten. Vielgestalt der Aufgaben und die Einheit des Leibes? Wer bestritt die Gabe prophetischer Rede? Nur wenn man die Bearbeitungsrichtung umkehrt und die Priorität der *10-Briefe-Sammlung annimmt, löst sich das Rätsel. Ihr gemäß steht die Auffor‐ derung „in der Bruderliebe … herzlich zueinander“ zu sein (*Röm 12,10). Diese Auffassung wird von der kanonischen Redaktion zu eingang des Kapitels 12 in einer Konkretisierung auf die liturgische Praxis („vernünftiger Gottesdienst“, „Erneuerung des Sinnes“ „Dienen“, „Lehren“, „Ermahnen“, auch mit Blick auf die Vorsteher) hin fortentwickelt, Elemente, die in der vorkanonischen Version noch nicht greifbar sind. g) Unterordnung unter die staatliche Gewalt (Röm 13,1-7) Wollte man für diesen Abschnitt an der Priorität der 14-Briefe-Sammlung fest‐ halten, müsste man mit einem Abbreviator rechnen, der zälotischen Charakters wäre und die staatliche Gewalt ablehnte. Hingegen kennen wir im zweiten Jahrhundert keinen Christen, der sich dahingehend geäußert hat - Tit 3,1 heißt es: „Erinnere sie daran, sich den Obrigkeiten und Machthabern unterzuordnen und ihnen zu gehorchen“; im Ersten Klemensbrief wie auch bei Justin 51 wird für die staatliche Obrigkeit gebetet, Aristides setzt sich in seiner Apologie ab von Ägyptern, Barbaren, Griechen und Juden, aber nicht von Römern usw. Wer sollte der Abbreviator sein? Hält man an der Priorität der *10-Briefe-Sammlung fest, lässt sich der Abschnitt leicht in den Trend der gerade genannten Lehrmeinungen des zweiten Jahrhunderts einfügen, welche insbesondere nach dem desaströsen Zweiten jü‐ dischen Aufstand unter Bar Kokhba dafür warben, sich der staatlichen Ordnung zu unterwerfen und die Christen als treue Gefolgsleute zu erweisen. h) Paränese und Grüße (Röm 15-16) Die beiden Kapitel, die nachweislich in der *10-Briefe-Sammlung gefehlt haben, setzen zunächst die Paränese, die in Röm 12,1-8 begegnete, fort. Es geht um die gegenseitige Auferbauung der Leserschaft. Welche Schriften in Röm 15,4 auch immer gemeint sind - sei es der vorangegangene Brief, dann wäre es eine Selbstautorisierung, sei es die 14-Briefe-Sammlung, dann wäre es eine Autorisierung dieser Sammlung, seien es die jüdischen Schriften, dann wäre es eine bewusste Verknüpfung der erweiterten kanonischen Sammlung mit diesen -, es geht um das gegenseitige sich Annehmen. 640 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="641"?> 52 Vgl. M. Vinzent, Von Paulus zu Saulus. Zu zwei Paulusbriefsammlungen im 2. Jh. (2025); vgl. auch C.W. Concannon, Assembling early Christianity: Trade, networks, and the letters of Dionysios of Corinth (2017); C.W. Concannon, In the Great City of the Ephesians: Contestations over Apostolic Memory and Ecclesial Power in the Acts of Timothy (2016). Welcher Abbreviator sollte daran Anstoß nehmen? Nachdem an Röm 11 angeknüpft wird, gilt das dort Ausgeführte auch hier. Dass es sich um eine kanonische Texterweiterung gegenüber *Röm handelt, deutet der Hinweis auf die Kühnheit des Briefes von Röm 15,15-16 an. Zum einen muss die Redaktion gegenüber dem konkurrierenden älteren *Röm die Überarbeitung mit den Mehrtexten und auch die oft kühne Neuinterpretation des erweiterten Textes verteidigen, zum anderen dienen diese Verse der göttli‐ chen Autorisierung der kanonischen Revision, die sich der Stimme von Paulus, eines Priesters versichert, der „das Evangelium Gottes“ verwaltet und damit nicht nur die Bearbeitung der *10-Briefe-Sammlung, sondern zugleich auch von *Ev zu Lk hin rechtfertigt. Wenn sich hier Paulus in Röm 15,17-19 rühmt, rühmt sich die kanonische Redaktion durch seine Worte: „18 Denn ich werde nicht wagen, von etwas zu reden, was Christus nicht durch mich gewirkt hat, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen, durch Wort und Tat, 19 in der Kraft von Zeichen und Wundern, in der Kraft des Geistes Gottes.“ Die kanonische Redaktion könnte sich kaum einer höheren Rhetorik be‐ dienen, um ihr literarisches Produkt abzusichern. Mit der Erwähnung all der Gegenden, in welche diese Botschaft getragen wurde und werden soll, macht die Redaktion den universalen Anspruch der neuen Edition deutlich (Röm 15,19-26). Das ganze mündet zugleich in eine finanzielle Zusage der bereits genannten Kollekte - mit der neuen Ausgabe der Briefe kommt auch ein finanzieller Anreiz, diese anzunehmen (Röm 15,28-29): „28 Wenn ich nun dies vollbracht und diese Frucht ihnen versiegelt habe, will ich über euch nach Spanien reisen. 29 Ich weiß aber, dass ich, wenn ich zu euch komme, in der Fülle des Segens Christi kommen werde.“ Kapitel 16 dient vor allem dem möglichst weiten Ausspannens des vermeint‐ lichen Unterstützernetzwerks, der dieser Edition die Autorität und den Einfluss verschaffen soll, den der Hinweis auf die Zeugenschaft Gottes nicht zu erbringen vermag. An dieser Stelle verweise ich auf die Ausführungen zu den Namen, die hier nicht neu aufgegriffen und auch nicht erweitert werden soll, auch wenn es lohnenswert wäre, die vielen Namen unter diesem Aspekt neu zu lesen und das so geschaffene Netzwerk zu visualisieren. 52 §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 641 <?page no="642"?> 53 Orig., Comm. in Rom. 10,43. 54 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020). 55 Siehe oben §-7 b. 8. t. Es sei noch auf die Interpretation des Zeugnisses des Origenes zur Doxologie Röm 16,25-27 hingewiesen, denn in ihm erwähnt Origenes die verschiedenen, ihm zugänglichen Handschriften zum Römerbrief: Caput hoc Marcion, a quo scripturae evang‐ licae atque apostolicae interpolatae sint, de hac epistula penitus abstulit, sed et ab eo loco ubi scriptum est: Omne autem, quod non est ex fide peccatum est, usque ad finem cuncta dissecuit. Diesen Abschnitt hat Markion, von dem die evangelischen und apostolischen Schriften interpoliert wurden, von diesem Brief völlig getilgt, und nicht nur dies, sondern bereits von der Stelle, wo ge‐ schrieben steht: „Alles aber, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde“ (Röm 14,23), hat er bis zum Ende alles weggeschnitten. In aliis vero exemplaribus, id est in his, quae non sunt a Marcione temerata, hoc ipsum caput diverse positum invenimus. In anderen Exemplaren jedoch, und zwar in denen, die nicht von Markion korrum‐ piert wurden, finden wir diesen Abschnitt unterschiedlich platziert. In nonnullis etenim codicibus post eum locum, quem supra diximus, hoc est Omne autem, quod non est ex fide, peccatum est, statim cohaerens habetur: Ei autem, qui potens est vos confirmare. Denn in manchen Kodizes findet er sich an derjenigen Stelle, die wir oben angeführt haben, das heißt nach dem Wort: „Alles aber, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde“, sofort zusammenstehend mit „Dem aber, der die Macht hat, euch Kraft zu geben“ (Röm 16,25a). Alii vero codices in fine id, ut nunc est positum, continent. Andere Kodizes beinhalten diesen am Ende, wo er jetzt steht. Bezüglich Markion spricht Origenes von nur einer einzigen Briefvorlage, auf die er sich bezieht, während dieser gegenüber er von mehreren Handschriften spricht, „die von Markion nicht korrumpiert wurden“ (quae non sunt a Marcione temerata) und die die Doxologie nach Röm 14,23 aufweisen. Diesen fügt er die Erwähnung weiterer Kodizes an, die offenkundig auch nicht von Markion berührt wurden und die den Abschnitt der Doxologie dort stehen haben, „wo er jetzt steht“ (ut nunc est positum). 53 Goldmann hebt rechtens das „et nunc“ hervor und leitet daraus ab, dass diese Stellung der Doxologie am Ende von Kapitel 16 wohl noch kein hohes Alter besitzt. 54 Auf die verschiedenen Zeugnisse für die Existenz eines nur 14 Kapitel umfassenden *Römerbriefes wurde bereits weiter oben hingewiesen. 55 642 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="643"?> 56 Vgl. zu den vorgebrachten vermeintlichen Gründen, aus denen Markion die beiden Kapitel getilgt haben soll, K. Aland, Der Schluss und die ursprüngliche Gestalt des Römerbriefes (1979), 294; H.J. Vogels, Der Einfluss Marcions und Tatians auf Text und Kanon des Neuen Testaments (1953), 282; E. Käsemann, An die Römer (1974), 367; A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 163. 57 „Daß Markion die 14-Kapitel-Form geschaffen hätte, ist wohl schon bei Origenes eine Konstruktion“, D. Trobisch, Die Entstehung der Paulusbriefsammlung: Studien zu den Anfängen christlicher Publizistik (1989), 74. 58 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 109-110. 59 Vgl. auch die Diskussion dieses Themas in der Rekonstruktion zu *Röm 14,23. Auch in diesem Fall scheint die Priorität der *10-Briefe-Sammlung einen Schlüssel für die Lektüre dieser beiden Kapitel des Römerbriefes in die Hand zu geben. Während in der älteren Forschung Markion verantwortlich gemacht wurde für die Streichung der beiden Kapitel 15-16 des Römerbriefes der 14-Briefe-Sammlung, 56 wurde von Goldmann, Trobisch folgend, 57 versucht, aus dem Text des Origenes Folgendes herauszulesen: „Handelt es sich nun bei den Handschriften, in denen die Doxologie nach 14,23 positioniert ist, tatsächlich um von Marcion unbeeinflusste, also ‚katholische‘ Kodizes, so kann auch der kurze Römerbrief nicht auf Marcion zurückgeführt werden, sondern muss auf andere Weise zustande gekommen sein.“ Auch wenn ich die Prämisse dieses Argu‐ mentes akzeptiere, kann ich mich doch der Schlussfolgerung nicht anschließen. Denn dann hätte die deutliche Unterscheidung, die Origenes zwischen Hand‐ schriften, die von Markion korrumpiert wurden, und solchen, die von ihm nicht beschnitten wurden, keinen Sinn. Oder, wie kann man von der Angabe, dass es auch „katholische“ Kodizes gibt, in denen Röm nur 14 Kapitel umfasst, darauf schließen, dass diese zusätzlich all die Lücken aufweisen, von denen Goldmann zuvor gehandelt hat (etwa Röm 4; Teile von Röm 9-11 usw.), und wieso wäre ein solcher kurzer Paulusbrief ein „katholisches“ Produkt, hat Goldmann doch zu den darin enthaltenen Lücken notiert, dass in Reaktion auf diesen lückenhaften Text die kanonische Redaktion eine „antimarkionitische“ Textversion gesetzt hatte, wenn er zu Röm 4 formuliert: Es „wird eine offensichtliche Gegenfront zu den theologischen Ansichten der Marcioniten aufgebaut, v. a. aber gegen deren Textkorpus, das bekanntlich ja ohne AT auskommt“. 58 Hätte der „katholische“ 14-Kapitel umfassende Römerbrief auch die Lücke von Röm 4 enthalten, warum fügt die kanonische Redaktion ein Kapitel 4 in „Gegenfront“ zu Markion ein? Nur weil Markion einen kurzen kanonischen Paulusbrief genutzt hatte? 59 Über‐ zeugender scheint mir, dass die *10-Briefe-Sammlung die Grundlage für beide „katholische“ Handschriftenfamilien bildete, die von der kanonischen Redaktion §-12 Die großen Lücken in der *10-Briefe-Sammlung 643 <?page no="644"?> 60 Schon F. Chr. Baur meinte, dass Röm 15-16 „im Geiste des Verfassers der Apostelge‐ schichte“ abgefasst waren, F.C. Baur, Paulus, der Apostel Jesu Christi. Sein Leben und Wirken, seine Briefe und seine Lehre; ein Beitrag zu einer kritischen Geschichte des Urchristenthums (1845), 408-409. in den genannten Kapiteln mit Mehrtext ausgestattet wurde. Die eine Familie bot Röm mit 14 Kapiteln (ob ebenfalls ohne Röm 4 und mit den Lücken in Röm 9-11 lässt sich nicht mehr erweisen), doch deuten die Varianten etwa unserer Bilinguenfamilie und weitere, bereits notierte Beobachtungen darauf hin, dass es zwei kanonische Redaktionen gab, die von *Röm zum kanonischen Röm innerhalb der 14-Briefe-Sammlung geführt hatten. Eine erste Redaktion zeichnet sich aus, dass von dieser Redaktion *Röm mit 14 Kapiteln überarbeitet wurde, ohne die Kapitel 15 und 16 hinzuzufügen. Die zweite kanonische Redaktion fügt dann die beiden Kapitel Röm 15-16 hinzu, was wegen der vielen Parallelen von Röm 15-16 zur Apg 60 zum Zeitpunkt geschah, als die 14-Briefe-Sammlung mit dem Praxapostolos und den weiteren Schriften zur kanonischen Sammlung zusammengestellt worden ist. 644 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="645"?> 1 T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 208. §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung und die beiden kanonischen Redaktionen Folgt man den voranstehenden Überlegungen und akzeptiert die Priorität der *10-Briefe-Sammlung gegenüber der 14-Briefe-Sammlung, „besitzt dies wesent‐ liche Konsequenzen für das Bild der Überlieferungsgeschichte“ der Paulusbriefe. Es verbietet sich, die sieben kanonischen Briefe (Röm, 1/ 2Kor, Gal, 1Thess, Phil, Phlm) auf Paulus direkt zurückzuführen. Selbst wenn Paulus selbst diese sieben Briefe zusammengestellt hätte, liegen sie uns doch nur in redaktionellen Bearbeitungen vor. In einem ersten Schritt soll gefragt werden, welche der beiden Sammlungen, die *10-Briefe-Sammlung oder die 14-Briefe-Sammlung, sich in den Werken der Autoren, die vor Irenäus schrieben - auch wenn man den näheren Zeitpunkt der Abfassung ihrer Werke kaum präzise fassen kann - niedergeschlagen hat. Dies wird uns Aufschluss geben für die Frage der frühen Überlieferung, aber auch einen ersten Einblick geben in die Genese der 14-Briefe-Sammlung, die sich als eine in zwei kanonischen Redaktionen zeigen wird. In einem zweiten Schritt soll über den Weg der drei Deuteropaulinen (*Laod, *Kol, *2Thess), die in der *10-Briefe-Sammlung vorhanden sind, jedoch, wie in § 7 gezeigt, gegenüber der Sammlung der sieben paulinischen Briefe ein eigenes Gepräge aufweisen, auch die Genese der *10-Briefe-Sammlung näher erschlossen werden. a. Die erste kanonische Redaktion Jüngst wurde vorgeschlagen, „dass die neutestamentliche 14-Briefe-Sammlung am einfachsten als Überarbeitung der bei Marcion bezeugten 10-Briefe-Samm‐ lung … zu erklären“ sei, wobei punktuelle Konflationen zwischen Handschriften der älteren *10-Briefe-Sammlung mit denen der 14-Briefe-Sammlung stattge‐ funden hätten; hierdurch müsse man „mit wenigen, konkreten Eingriffen in die Textüberlieferung“ rechnen unter „Annahme eines redaktionellen Schrittes bei der Herausgabe der 14-Briefe-Sammlung, bei dem [etwa, MV] die Laodicenerdurch die Epheseradresse ersetzt wurde“. 1 Im vorliegenden Unterpunkt (a) wird hingegen deutlich werden, dass unabhängig von der Frage der Priorität einer der beiden Sammlungen, die 14-Briefe-Sammlung der Genese nach aus zwei kanonischen Redak‐ tionen hervorgeht. Ähnlich wird sich im nächsten Unterpunkt (b) auch die <?page no="646"?> 2 Für einen guten Überblick zu dieser Forschung vgl. J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 4-12. 3 W. Schneemelcher, Paulus in der griechischen Kirche des zweiten Jahrhunderts (1964), 4-13. 4 „In support of Schneemelcher’s scepticism, it might be noted that no writer before Irenaeus cites any Pauline passage with clear ascription of authorship with the exception of Clement of Rome’s citation of 1 Cor 1: 11-13 (see 1 Clem 47.1-3)“ (eigene Übers.), M. Harding, Disputed and Undisputed Letters of Paul (2004), 131. 5 A.E. Barnett, Paul Becomes a Literary Influence (1941), x. 6 Die Fundstellen der in der Liste angegebenen biblischen Stellen lassen sich leicht anhand des unten aufgeführten Barnett auffinden, die nur leicht ergänzt wurden. Aufschlussreich wäre auch die Frage, welche Briefe die kanonischen Evangelien evtl. gekannt haben. Für Mk wurde eine solche Kenntnis ausgeschlossen, vgl. M. Werner, Der Einfluss paulinischer Theologie im Markusevangelium. Eine Studie zur neutesta‐ mentlichen Theologie (1923), 209. Doch Joh wird attestiert, er habe die kanonischen 10 Briefe des Paulus gekannt, so E. Dassmann, Der Stachel im Fleisch. Paulus in der frühchristlichen Literatur bis Irenäus (1979), 39. Dassmann verweist auf die wenig spezifische Angabe bei B.H. Streeter, The Four Gospels: A Study of Origins, Treating of the Manuscript Tradition, Sources, Authorship and Dates (1930), 371; B.W. Bacon, Pauline Elements in the Fourth Gospel: Parables of the Shepherd, John X.l-39 (1929), 202. Der Kenntnis von Paulus in Joh wurde jedoch deutlich widersprochen: „auch nicht die leiseste Spur“, so H. Thyen, Studien zum Corpus Iohanneum (2007), 603. Allerdings gibt es nach Durchsicht von Barnett doch eine Reihe von Parallelen, die zumindest die *10-Briefe-Sammlung ihrer Genese nach detaillieren lassen. Geht man von der Priorität der *10-Briefe-Sammlung aus, lassen sich beide Genesen chronologisch beschreiben. Fragt man, ob und wenn ja, welche Briefe des Paulus in der Zeit vor Irenäus von Lyon zitiert werden, stößt man auf widersprüchliche Angaben in der Forschung. 2 W. Schneemelcher führt aus, dass kein einziger Zeuge vor Irenäus ein unzweideutiges Pauluszitat liefere, allenfalls Formeln, die Traditionen an‐ klingen lassen, welche auch in den paulinischen Briefen anzutreffen seien, ohne dass diese eine literarische Abhängigkeit bedeuten könnten. 3 M. Harding fügt hinzu, dass Schneemelchers Skepsis dadurch gestützt würde, dass „kein Autor vor Irenäus irgendeine paulinische Passage mit einer deutlichen Autorzuschrei‐ bung zitiere mit Ausnahme des Zitats von 1Kor 1,11-13 in Klemens von Rom“, 4 das zuvor angeführt wurde. Hingegen hat A.E. Barnett bereits im Jahr 1941 eine Fülle von Parallelen aufgeführt und diskutiert, die er mit den Kategorien A-C qualifizierte („high decree of probability“; „a reasonable degree of probability“; „and a reasonable degree of probability of literary indebtedness on the part of the passages quoted“ 5 ). Seiner Studie zufolge kennen die frühchristlichen Werke folgende Paulusbriefe (wobei im Folgenden nicht zwischen A-C unterschieden wird): 6 646 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="647"?> Kenntnis von Paulustraditionen in Joh wahrscheinlich macht, um nur eine Auswahl zu geben: Gal 3,7 (Γινώσκετε ἄρα ὅτι οἱ ἐκ πίστεως, οὗτοι υἱοί εἰσιν Ἀβραάμ); Röm 4,12 (καὶ πατέρα περιτομῆς τοῖς οὐκ ἐκ περιτομῆς μόνον ἀλλὰ καὶ τοῖς στοιχοῦσιν τοῖς ἴχνεσιν τῆς ἐν ἀκροβυστίᾳ πίστεως τοῦ πατρὸς ἡμῶν Ἀβραάμ); Röm 9,7-8 (7 οὐδ‘ ὅτι εἰσὶν σπέρμα Ἀβραάμ, πάντες τέκνα, ἀλλ’, Ἐν Ἰσαὰκ κληθήσεταί σοι σπέρμα. 8 τοῦτ‘ ἔστιν, οὐ τὰ τέκνα τῆς σαρκὸς ταῦτα τέκνα τοῦ θεοῦ, ἀλλὰ τὰ τέκνα τῆς ἐπαγγελίας λογίζεται εἰς σπέρμα) und Joh 8,39 (Ἀπεκρίθησαν καὶ εἶπαν αὐτῷ, Ὁ πατὴρ ἡμῶν Ἀβραάμ ἐστιν. λέγει αὐτοῖς ὁ Ἰησοῦς, Εἰ τέκνα τοῦ Ἀβραάμ ἐστε, τὰ ἔργα τοῦ Ἀβραὰμ ἐποιεῖτε); 1Thess 4,17 (ἔπειτα ἡμεῖς οἱ ζῶντες οἱ περιλειπόμενοι ἅμα σὺν αὐτοῖς ἁρπαγησόμεθα ἐν νεφέλαις εἰς ἀπάντησιν τοῦ κυρίου εἰς ἀέρα· καὶ οὕτως πάντοτε σὺν κυρίῳ ἐσόμεθα) und Joh 14,3 (καὶ ἐὰν πορευθῶ καὶ ἑτοιμάσω τόπον ὑμῖν, πάλιν ἔρχομαι καὶ παραλήμψομαι ὑμᾶς πρὸς ἐμαυτόν, ἵνα ὅπου εἰμὶ ἐγὼ καὶ ὑμεῖς ἦτε); 2Thess 2,3 (ὁ υἱὸς τῆς ἀπωλείας) und Joh 17,12 (ὁ υἱὸς τῆς ἀπωλείας). Wie Barnett richtig erkannt hatte, gehen die Bezüge zu neun der zehn paulinischen Briefe, d. h. mit Ausnahme von Phlm, zu der kanonisch bearbeiteten km 10-Briefe-Sammlung, A.E. Barnett, Paul Becomes a Literary Influence (1941), 142. Zu weiteren Übereinstimmungen und Unterschieden zwischen Paulus und Johannes, vgl. E. Dassmann, Der Stachel im Fleisch. Paulus in der frühchristlichen Literatur bis Irenäus (1979), 43. 7 Der Vers ist nicht für die vorkanonische Version bezeugt, könnte dort aber gestanden sein, vermutlich dann aber ohne den letzten, hier parallelen Teil (εἰς τὸ εἶναι αὐτοὺς ἀναπολογήτους). 8 Nachdem Vers 5 nur auf der kanonischen Ebene steht, geht die Parallele auf diese Version. 9 Das πρωτότοκος findet sich nur im kanonischen Versteil. Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung Justin - - Apologie - Röm 1,20 7 1Kor 2,4-5 8 1Kor 15,33 Kol 1,15 9 Dialog mit Trypho --------*1Kor 12,12 ------- Röm 2,4 Röm 2,26-29 11 Röm 3,12 Röm 4,3 Röm 4,9-11 Röm 11,2-5 1Kor 5,7-9 12 1Kor 12,7-10 13 1Kor 12,12 14 Gal 3,6-9 Gal 3,10 15 Gal 3,13 16 Gal 3,16 Gal 3,27-28 Gal 4,22-23. 29 17 2Thess 2,4 18 §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 647 <?page no="648"?> 10 Hier zeigt das λίθου, dass Justin wenn nicht die vorkanonische Version, zumindest diese Variante des kanonischen Verses kannte. 11 Vers 26 steht nicht vorkanonisch, die Parallele geht also zur kanonischen Version. 12 Vers 9 steht nicht vorkanonisch, die Parallele geht also auf die kanonische Version. 13 Wie der Einschluss des vorkanonisch nicht vorhandenen Verses 7 bestätigt, geht die Parallele zur kanonischen Version. 14 Auch wenn *1Kor 12,12 vorkanonisch bezeugt ist, wird, nachdem bereits die beiden voranstehenden Verse auf die kanonische Version gegangen sind, auch diese zur kanonischen Version gehen. 15 Der ausdrückliche Hinweis in Justin, Dial. 95,1, dass er hier aus der Schrift zitiert, spricht dafür, dass er die kanonische Version des Verses verwendet. 16 Der ausdrückliche Hinweis in Justin, Dial. 89,2, wonach er hier ein (Schrift)zitat bietet, spricht dafür, dass er die kanonische Version des Verses verwendet. 17 Die Erwähnung des Isaak von Vers 29 zeigt, dass die Parallele auf die kanonische Version geht. 18 Die Parallele ὁ ἄνθρωπος τῆς ἀνομίας zeigt, dass sie auf die kanonische Version geht. 19 Die Verse 11-12 stehen nicht vorkanonisch, die Parallele geht also auf die kanonische Version. 20 Während Vers 7 vorkanonisch unbezeugt ist, auch wenn er dort gestanden sein mag, ist für Vers 8 genau das Parallelstück (ἀναβὰς εἰς ὕψος) unbezeugt und wird auch vorkanonisch gefehlt haben. 21 Auszuscheiden sind: die angegebene B-Parallele 1Klem 24,4-5 zu 1Kor 15,36-37, da sie eher, wie angegeben, an Mk 4,3. 8 erinnert; die C-Parallele 1Klem 33,1 zu Röm 6,1, die, wie angegeben, eher den typischen Diatribenstil wiedergibt; die C-Parallele 1Klem 36,2 zu 2Kor 3,18, die sich nur auf ein Verb mit verschiedenen Präfixen bezieht; und die C-Parallele 1Klem 42,4. Auszuscheiden ist auch die behauptete Parallele zwischen 1Klem 61 und Röm 13,1-7: Aus den wenigen gemeinsam anklingenden Worten (ἐξουσία; ὑποτάσσεσθαι; ἀγαθόν; τιμή) auf eine literarische Abhängigkeit zu schließen und zu behaupten, „viele Vokabeln dieses Gebetes erinnern unmittelbar an die Formulierung der Römerbriefstelle“ und „dieser Abschnitt des großen Kirchengebetes [von 1Klem 61] ist jedenfalls ohne Römer 13 kaum zustande gekommen“, scheint mir eine gewagte Position zu sein. Die spezifische Argumentation beider Stellen ist eine verschiedene. Die hier zitierte Position findet sich in F.H. Keienburg, Die Geschichte der Auslegung von Römer 13, 1-7 (1952), 25. Ihr folgt V.M. Morales Vásquez, Contours of a Biblical Reception Theory. Studies in the Rezeptionsgeschichte of Romans 13.1-7 (2012), 161. Allerdings verweist auch Morales Vásquez auf den „signifikanten Unterschied“ zwischen beiden Texten, weil in 1Klem „die politischen Autoritäten nicht dafür bestellt wurden, die Gerechtigkeit zu bewahren und das Böse zu bestrafen“, wie dies in Röm 13,1-7 der Fall ist (ibid. 163). Schneider führt Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung ---*Laod 2,20 10 Kol 2,11-13 19 Kol 3,11 Eph 1,21 -Eph 4,7-8 20 1Klem 21 - Röm 1,29-32 648 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="649"?> das Gebet bei 1Klem nicht auf Röm 13, sondern auf die „Gebetspraxis der Synagoge“ zurück, N. Brox und G. Schneider, Eds., Clemens von Rom, Epistola ad Corinthios (1994), 50. Eine hellenistisch-jüdische und griechisch-römische Tradition hinter 1Klem 61 sieht A. Lindemann, Die Clemensbriefe (1992), 175. Es sei nur bemerkt, dass Morales Vásquez auch MartPol für ein Zeugnis der Rezeption von Röm 13,1-7 hält, doch dieser Text bietet noch eine geringere Nähe zum kanonischen Paulustext (ibid. 164-166). 22 Auch hier fällt auf, dass gerade die vorkanonisch bezeugten Verse *1Kor 1,18-19. 24 ausgespart sind. 23 Der Bezug geht wegen des zuvor in 1Klem 13,1 erwähnten μὴ καυχάσθω ὁ σοφὸς ἐν τῆ σοφίᾳ nicht auf *1Kor 1,31, sondern auf die kanonische Version. 24 Diese Parallele ist auffällig, weil sie nur den kanonischen Text nimmt unter Aussparung der dazwischen auch vorkanonisch stehenden Verse *1Kor 15,21-22. 25 Hier ist zu bemerken, dass mit ἕνα Χριστόν ein Element begegnet, das nur im vorkanonischen Vers steht. 26 Hier ist darauf hinzuweisen, dass PolPhil 4,1 den Stellen 1Tim 6,7. 10 und PolPhil 9,2 der Stelle 2Tim 4,10 nahestehen, was aus dem gemeinsamen Milieu von Polykarp und den Pastoralbriefen herrühren kann, worauf ausdrücklich von Campenhausen aufmerksam gemacht hatte, vgl. H.v. Campenhausen, Polykarp von Smyrna und die Pastoralbriefe (1951); H.v. Campenhausen, Aus der Frühzeit des Christentums. Studien zur Kirchengeschichte des ersten und zweiten Jahrhunderts (1963), 197-252; K. Berding, Polycarp and Paul. An analysis of their literary & theological relationship in light of Polycarp’s use of biblical & extra-biblical literature (2002), 67-68. 100. Wichtig ist auch, dass Polykarps meistbenutzte Quelle der Katholische Brief 1Petr ist, er auch 1Joh kennt und in der Eröffnung seines Philipperbriefs eine Parallele zu Apg 2,24 zu verzeichnen ist, vgl. hierzu M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 28-29. Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung --------*1Kor 12,8-9 ----*Gal 3,1 Röm 4,7-9 Röm 9,4 Röm 12,4-6 1Kor 1,2. 3 1Kor 1,11-13 1Kor 1,17. 21-22. 26 22 1Kor 1,30-31 23 1Kor 2,9 1Kor 12,8-9 1Kor 13,4-5 1Kor 15,20. 23 24 2Kor 11,23-27 Gal 2,9 Gal 3,1 Gal 6,1 Eph 4,4-6 25 Phil 4,15 PolPhil 26 --- Röm 12,10 27 Röm 13,8-10 28 Röm 14,10. 12 29 (mit 2Kor 5,10) §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 649 <?page no="650"?> 27 Die Parallele zu Röm 12,10b zeigt, dass die Parallele im kanonischen, nicht im vorka‐ nonischen Vers zu finden ist. 28 Der vorkanonisch nicht bezeugte Versteil Röm 13,8a zeigt, dass die Parallele zur kanonischen Version geht. 29 Vers 12 zeigt, dass die Parallele zur kanonischen Version führt. 30 Auch wenn der Vers in die Rekonstruktion aufgenommen ist, ist doch der Wortlaut nicht gesichert (falls man den Vers überhaupt vorkanonisch stehen lassen will). 31 Der Einschluss des πάντων zeigt, dass die Parallele zur kanonischen Version geht. 32 Nicht überzeugend sind die angezeigten Parallelen zu IgnEph 12,2. Eine etwas vorsichti‐ gere Zählung gibt M.P. Brown, The Authentic Writings of Ignatius. A Study of Linguistic Criteria (1963), 136. Auf einige Parallelen habe ich aufmerksam gemacht in M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 308. 33 J. Bull zeigt, dass zwischen 3 IgnPol 1,2 und Eph 4,2-3 keine Parallele besteht, J. Bull, Ignatius’ Letters to Polycarp, the Ephesians and the Romans. A Textual Analysis and Comparison (2025). 34 Geht auf die 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung ------*Gal 6,7. 10 ----*Laod 4,26 (Ps 4,5 LXX) 1Kor 6,2 1Kor 6,9-10 1Kor 13,13 30 1Kor 15,28a 2Kor 4,14 Gal 4,26 31 Gal 6,7. 10 1Thess 1,8 2Thess 1,3-4 2Thess 3,15 Eph 2,5. 8. 9 Eph 4,26 (Ps 4,5 LXX) Phil 2,10 Phil 2,16 Phil 2,17 Phil 3,1 Phil 3,18 Phil 3,21b Phil 4,10 Ignatius 32 - - IgnEph 33 --------*Laod 2,15 Röm 1,3-4 34 Röm 6,4 35 Röm 8,5. 8 36 1Kor 1,18-23 37 1Kor 3,16-17 38 1Kor 6,9-10 39 Gal 5,11 Eph 1,3-12 40 Eph 2,15 41 650 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="651"?> 34 Geht auf die 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 35 Da die entscheidende Parallele von IgnEph 19,3 (εἰς καινότητα αἰδίου ζωῆς) in der 3-Briefe-Sammlung nicht enthalten ist, geht die Parallele auf die 7-Briefe-Sammlung. 36 Wie Röm 8,8 anzeigt, besteht die Parallele zur kanonischen Version. Bei Ignatius geht sie zur 3-Briefe- und 7-Briefe-Sammlung. Auch hier stellt J. Bull die Nähe beider Texte in Frage, J. Bull, Ignatius’ Letters to Polycarp, the Ephesians and the Romans. A Textual Analysis and Comparison (2025). 37 Wie die Fragen in IgnEph 18,1 ποῦ σοφός; ποῦ συζητητής; anzeigen, geht die Parallele zur kanonischen Version. Bei Ignatius geht sie zur 7-Briefe-Sammlung. 38 Die nähere Parallele aufgrund des ἐν ὑμῖν besteht zur kanonischen Version. Bei Ignatius geht sie nur zur 7-Briefe-Sammlung. 39 Geht nur zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 40 Wie die vielen Parallelen gerade zu den in *Laod fehlenden Versen und Versteilen zeigen, besteht die Beziehung zu Eph, nicht zu *Laod. Und wie das προορίσας von Eph 1,5 / / IgnEph Inscr. zeigt, handelt es sich um die 7-Briefe-Sammlung der Ignatianen, nicht um die 3-Briefe-Sammlung. J. Bull ist skeptisch, dass es sich überhaupt um eine Abhängigkeit hier handelt, vgl. J. Bull, Ignatius‘ Letters to Polycarp, the Ephesians and the Romans. A Textual Analysis and Comparison (2025). 41 Geht zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 42 Parallele zur 3-Briefe- und 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 43 Parallele nur zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 44 IgnEph 14,1: τέλος δὲ ἀγάπη. Parallele nur zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, nicht vermerkt in Barnett, jedoch in M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 308. 45 IgnEph 10,3: ἐν πάσῃ ἁγνείᾳ. Parallele nur zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, nicht vermerkt in Barnett, jedoch in ibid. 46 Dieser Brief ist nur enthalten in der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 47 Dieser Brief ist nur enthalten in der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 48 Wie die Verse 1Kor 15,15. 32 zeigen, handelt es sich hier um eine Parallele mit der kanonischen Version. Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung *Laod 5,1 Eph 5,1 42 Kol 1,7 43 1Tim 1,5 44 1Tim 5,2 45 IgnMagn 46 *1Kor 5,7 1Kor 5,7 Kol 1,7 IgnTrall 47 - 1Kor 3,1-3 1Kor 4,1 1Kor 9,27 1Kor 10,32.33 1Kor 15,14-15. 32 48 Kol 1,16 1Tim 6,1 49 Tit 2,5 50 §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 651 <?page no="652"?> 49 IgnTrall 8,2: τὸ ὄνομά μου … βλασφημεῖται. Parallele nur zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, nicht vermerkt in Barnett, jedoch in M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 308. 50 Vgl. zur voranstehenden S.-44. 51 Geht zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 52 Kann auf beide Sammlungen des Ignatius gehen. 53 Kann auf beide Sammlungen des Ignatius gehen. 54 Der parallele Teil des Verses (καλὸν γάρ μοι μᾶλλον ἀποθανεῖν) befindet sich nur im kanonischen Vers. Die Parallele geht zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 55 Geht zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 56 Geht auf die 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 57 Dieser Brief ist nur enthalten in der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 58 Schon zuvor in IgnEph ging diese Parallele zur kanonischen Version. 59 Wie der Begriff διακονία in IgnPhilad 1,1 erweist, ist dieser Vers mit der kanonischen Sprache vertraut. 60 IgnPhilad 11,2: τῇ κοινῇ ἐλπίδι ἡμῶν. Parallele nur zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, nicht vermerkt in Barnett, jedoch in M. Vinzent, Writing the History of Early Christi‐ anity: From Reception to Retrospection (2019), 308. 61 Dieser Brief ist nur enthalten in der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 62 Wie 1Kor 1,7 erweist, geht diese Parallele zur kanonischen Version. 63 IgnSm 1,1: ἐκ γένους Δαυὶδ κατὰ σάρκα. Parallele nur zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, nicht vermerkt in Barnett, jedoch in M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 308. 64 Kann auf beide Sammlungen des Ignatius gehen. Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung IgnRöm - Röm 1,3 51 1Kor 4,4 52 1Kor 7,22 53 1Kor 9,15 54 1Kor 15,8-9 55 1Thess 2,4 56 IgnPhilad 57 -(*1Kor 3,16) 1Kor 2,10 1Kor 3,16 58 1Kor 6,9-10 1Kor 10,16-17 2Kor 1,12 Gal 1,1 59 1Tim 1,1 60 IgnSm 61 --*Eph 2,16 Röm 1,3-4 1Kor 1,1. 7 62 Eph 2,16 Phil 3,15 Phil 4,13 2Tim 2,8 63 IgnPol - Eph 4,2-4 64 652 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="653"?> 65 Wie der parallele Teil von Eph 5,25 (Οἱ ἄνδρες, ἀγαπᾶτε τὰς γυναῖκας) erweist, geht die Parallele zur kanonischen Version. Die Parallele kann auf beide Sammlungen des Ignatius gehen. 66 Kann auf beide Sammlungen des Ignatius gehen. 67 Wie die Parallele zu 1Kor 7,39 (ἐὰν δὲ κοιμηθῇ ὁ ἀνήρ) erweist, handelt es sich um eine solche zur kanonischen Version. 68 „There are no direct citations of the Pauline letters, nor are there any references to Paul. The writer probably knew Paul’s letters, but their literary influence on him was negligible beyond the general consideration that he adopted the epistle as a literary medium for religious instruction“, A.E. Barnett, Paul Becomes a Literary Influence (1941), 204. Allerdings beachte man Barn 2,6, eine Stelle, die sehr nah zu *2Kor 3,3. 6 steht, was nahelegt, dass Barn vielleicht Kenntnis vom *Neuen Testament hatte. 69 Bezüglich der Didache gilt, dass alle möglichen Ähnlichkeiten „extremely vague“ sind, ibid. 208. 70 „There are no formal quotations of the Pauline letters. The allusions to these letters are so general and free that in no instance is there certainty of literary dependence“, ibid. 213. Zwischen 2Klem 9,3-4 und 1Kor 6,19 ist die einzige Beziehung der Gedanke von der Reinhaltung des Tempels Gottes, nämlich des Leibes. 71 Auffallend ist, dass die Parallele zu dem vorkanonisch nicht mehr bezeugten Teil dieses Verses geht (καὶ αὐτὸν ἔδωκεν κεφαλὴν ὑπὲρ πάντα τῇ ἐκκλησίᾳ). 72 Dieser für die vorkanonische Version unbezeugte Vers könnte in Arist., Apol. 4,1 durchscheinen, vielleicht auch Röm 1,24-25. Aristides wird sich möglicherweise der kanonischen Version bedient haben. 73 Auch hier gilt, dass wohl die kanonische Version, wenn überhaupt, zugrunde liegt, da zwar Vers 12 vorkanonisch bezeugt ist, Vers 8 jedoch nicht. 74 Der parallele Versteil findet sich auf der kanonischen Ebene (καὶ τὰ πάντα ἐν αὐτῷ συνέστηκεν). Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung Eph 5,25. 29 65 Eph 6,13 66 Hermas - 1Kor 7,18. 39. 40 67 Eph 4,4 Barn 68 - Röm 4,3. 10 Did 69 - - 2Klem 70 - 1Kor 2,9 1Kor 9,24-25 Eph 1,4-5 Eph 1,22 71 Aristides, Apologia - Röm 1,23 72 Röm 1,25 Röm 7,8. 12 73 Kol 1,17 74 Kol 3,12 §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 653 <?page no="654"?> 75 Dieser für die vorkanonische Version nicht bezeugte Vers könnte aber dort gestanden sein. 76 Die weiters angeführten Stellen Kol 2,20 und Kol 3,1 scheinen zu weit entfernt zu sein, um Schlüsse daraus zu ziehen. 77 Der parallele Versteil findet sich nur in der kanonischen Version (πεπραμένος ὑπὸ τὴν ἁμαρτίαν). 78 Das πρωτότοκος findet sich nur im kanonischen Versteil. 79 Auffallenderweise werden die von Strawbridge als meistrezipierte Passagen des Paulus in den ersten drei Jahrhunderten bezeichneten Perikopen (1Kor 2,6-16; Eph 6,10-7,1; 1Kor 15,50-58 und Kol 1,15-20) in der Liste nur gestreift - wir haben es folglich mit einer anderen Form der Rezeption in der Zeit vor Irenäus als derjenigen der Zeit nach Irenäus zu tun, vgl. J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 22. Autoren/ Werke *10-Briefe-Sammlung 14-Briefe-Sammlung Tatian, Ad Graecos - Röm 1,20 75 Röm 6,10 76 Röm 7,14 77 Kol 1,15 78 Selbst wenn man mit Schneemelcher skeptisch sein und eine direkte Abhängig‐ keit der von Barnett behandelten Autoren und ihrer Werke bestreiten möchte, muss man Barnett doch zugestehen, dass er erstens umsichtig argumentiert und zweitens ein kumulatives Argument vorbringt. 79 Viele der einzelnen Wortparallelen oder parallelen Wendungen und Kon‐ strukte mögen für sich genommen als nicht tragfähig für die Behauptung einer literarischen Abhängigkeit betrachtet werden, aber insgesamt gelingt es Barnett m. E. zu verdeutlichen, dass - um Schneemelcher noch einmal zu bemühen - diese Autoren und ihre Schriften mit den verglichenen paulinischen Briefen zumindest gemeinsame Traditionen besitzen. Alle Belege wurden, wie in der Tabelle vorgeführt, mit der *10-Briefe-Sammlung unserer Rekonstruktion (wobei nicht bezeugte Teile ausdrücklich benannt werden) verglichen. Aus diesem Vergleich ergeben sich einige wichtige, für die Überlieferung der Texte und die Frage der Genese der 14-Briefe-Sammlung (und abgeleitet auch für die der *10-Briefe-Sammlung) wichtige Ergebnisse: 1. Um bei den gewöhnlich in die hadrianische Zeit, also vor Ende des Zweiten jüdischen Krieges datierten Autoren oder Werken zu beginnen: Für den Barnabasbrief konnte Barnett keinerlei Zitat oder eine zu klassifzierende Parallele vermerken, mit großer Vorsicht verweist er auf Röm 4,3. 10 als einzige mögliche Vergleichsstelle. Allerdings wurde oben vermerkt, dass Barn 2,6 mit der Rede vom „neuen Gesetz unseres Herrn Jesus Christus“ 654 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="655"?> 80 Vgl. Tert., Adv. Marc. IV 14,1. 81 Vgl. M. Vinzent, Ertragen und Ausharren - die Lebenslehre des Barnabasbriefes (1995). 82 Vgl. M. Vinzent, The Argument from Silence in Religio-Historical Research (2021). *2Kor 3,3. 6 und *Ev mit der Feldrede sehr nahe kommt. Tertullian hatte von Markions „neuem Edikt Christi“, der neuen Thora gesprochen. 80 Sollte der Verfasser des Barnabasbriefes das vorkanonische *Neue Testament gekannt haben? Er will bewusst nicht als Lehrer sprechen (Barn 1,7; 4,9) - was ein oben erwähntes Thema aus *Ap aufnimmt. Barn 15,8 kennt die Auferstehung Christi, auch wenn sie keine Spur innerhalb der Soteriologie des Briefes hinterlassen hat. 81 2. Ebenfalls keine klassifizierbare Parallele gibt Barnett für die nicht näher datierbare Didache. Einen wichtigen Befund liefern die Ignatianen. Denn in der vermutlich um die Mitte des zweiten Jahrhunderts entstandenen 3-Briefe-Sammlung des Ignatius finden sich nur fünf mögliche Vergleichs‐ stellen. Obwohl Barnett 39 Bezüge der Ignatianen zu paulinischen Briefen vorstellt, darunter sechs der sieben Briefe des Paulus - die Ausnahme bildet der kurze Phlm - und zwei der drei Deuteropaulinen (Eph, Kol, hier ist 2Thess die Ausnahme), finden sich nur wenige Stellen, die aus der 3-Briefe-Sammlung hätten entnommen sein können. Doch bis auf diese gehen alle Parallelen zu Textteilen, die in der 3-Briefe-Sammlung gefehlt haben und Teile der 7-Briefe-Sammlung sind. Diese 7-Briefe-Sammlung wird jedoch von einer zunehmenden Anzahl von Forschungsmeinungen später als die 3-Briefe-Sammlung, möglicherweise in die Zeit des Irenäus oder kurz zuvor gesetzt. Auch hier fällt auf, dass es keine Bezüge zu einem der vier Briefe gibt, die die 14-Briefe-Sammlung über die *10-Briefe-Samm‐ lung hinaus beinhaltet. Dieser Befund der Abwesenheit dieser vier Briefe stellt für diejenigen ein Problem dar, die von einer vormarkionitischen 10-Briefe-Sammlung von Paulusbriefen ausgehen, die Markion nur benutzt habe. Für diese Annahme kann man sich nur auf das argumentum e silentio berufen und denjenigen, die auf dieses Schweigen der Zeugen hinweisen, den Vorwurf machen, dass sie aus einem Schweigen ein Argument schmieden. Dieses Gegenargument ist jedoch nicht weniger problematisch als das argumentum e silentio. Denn wer trotz Schweigen von Zeugen die Existenz einer Sammlung postuliert, muss zumindest auf die Hypothetik dieses Postulats verweisen. 82 Historisch leichter wäre das Schweigen der Zeugen zu erklären, wenn sie nicht reichlich aus der km 10-Briefe-Sammlung zitieren würden. 3. Nehmen wir die nächste, gegen Ende der Zeit des Hadrian oder in der Zeit des Antoninus Pius, also nach dem Ende des Zweiten jüdischen §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 655 <?page no="656"?> 83 Dass 1Kor der meistgenutzte paulinische Brief der ersten Jahrhunderte ist, wurde schon früher erkannt, L.L. Welborn, „Take up the Epistle of the Blessed Paul the Apostle“. The Contrasting Fates of Paul’s Letters to Corinth in the Patristic Period (2002), 345; J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 24. 84 Vgl. hierzu die Vergleichszahlen weiter oben §-7 a. Krieges, zu datierende Quelle: die Apologie des Aristides. Hier begegnen drei Parallelen aus dem Römerbrief und zwei aus dem Kolosserbrief. Was vielleicht eher zufällig wirkt, nämlich Zeugnisse aus einem der sieben Briefe des Paulus und Zeugnisse aus einem der drei Deuteropaulinen (Eph, Kol, 2Thess), wird, wie alle weiteren zu betrachtenden Zeugen aus dieser Tabelle erweisen, zum typischen Modell: zitiert wird in der Zeit vor Justin aus den zehn Briefen, die in der *10-Briefe-Sammlung begegnen, jedoch nach der Textform, die sich erst in der 14-Briefe-Sammlung vor‐ findet. Allerdings findet sich auch hier aus der 14-Briefe-Sammlung nicht eine einzige Parallele zu den vier Briefen, die die 14-Briefe-Sammlung über die Briefe der *10-Briefe-Sammlung hinaus hat. Würde man der 14-Briefe-Sammlung Priorität gewähren, könnte man dieses Schweigen kaum erklären, die bessere historische Erklärung ist hingegen, dass die *10-Briefe-Sammlung Priorität besitzt und eine erste kanonische Redak‐ tion diese zu einer km 10-Briefe-Sammlung überarbeitete, ohne noch die vier Briefe der Sammlung hinzugefügt zu haben. Das Schweigen der bisherigen vorirenäischen Zeugen zu diesen vier Briefen verdeutlicht, dass die *10-Briefe-Sammlung auf der Basis genau dieser zehn Briefe von der kanonischen Redaktion übernommen wurde und sie nur diese Briefe redaktionell bearbeitet und mit einer Reihe von Mehrtexten ausgestattet hat. Noch eine weitere Beobachtung lässt sich anhand von Aristides und den an‐ deren Zeugen machen: Die herausragendere Bedeutung des Römerbriefes gegenüber dem Galaterbrief. 26 von 111 Bezügen zur 14-Briefe-Sammlung sind solche zu Röm, während nur die Hälfte davon, nämlich dreizehn Bezüge, zu Gal gehen. Nur 1Kor mit 39 Bezügen ist häufiger als Röm verzeichnet. 83 Hier die Zahlen für die weiteren Briefe: Eph (14), Phil (11), Kol (10), 2Thess (3), 2Kor (3), 1Thess (1), Phlm (0). Daraus ergibt sich zweierlei: Erstens harmonieren die Zahlen mit der Neugewichtung, die der Römer‐ brief in der 14-Briefe-Sammlung gegenüber der *10-Briefe-Sammlung gewinnt, das betrifft seine Umstellung, durch die er zum Eröffnungsbrief avancierte, und auch seine deutliche Textausweitung. 84 Dann gewinnen die Deuteropaulinen dasselbe Gewicht, das die sieben Paulusbriefe besitzen, 656 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="657"?> 85 Vgl. zuvor Fußnote 26. 86 A.v. Harnack, Lightfoot on the Ignatian Epistles. II. Genuineness and Date of the Epistles (1986), 186. 87 Vgl. zur Forschungsgeschichte mit Angaben der verschiedenen Datierungsvorschlägen und einer begründeten Widerlegung des von T. Barnes vorgeschlagenen Jahres 157 O. Zwierlein, Die Urfassungen der Martyria Polycarpi et Pionii und das Corpus Polycarpianum (2014), II 1-5. Vgl. T.D. Barnes, A Note on Polycarp (1967); T.D. Barnes, Pre-Decian Acta Martyrum (1968), 510-514. sie ordnen sich harmonisch in diese ein. Es ist also gar nicht auffällig, dass wir bei Aristides zwei Bezüge zu Röm und zwei zu Kol finden, auch in Justin etwa finden wir sowohl in seiner Apologie wie in seinem Dialog mit Typho Bezüge zu einigen der kanonischen sieben Briefe wie zu den Deuteropaulinen. Dasselbe gilt für 1Klem, PolPhil, 7 Ign, Herm, 2Klem. 4. Bei den 22 parallelen Passagen zwischen Polykarps Brief an die Philipper und Paulus besitzen wir weithin vergleichbare Ergebnisse: Es stehen 20 Mal Verse parallel, und zwar immer entweder solche, für die es keinen korrespondierenden Vers vorkanonisch gibt, oder solche, deren Parallelen nicht auf die Version des vorkanonischen, sondern des kanonischen Verses hinweisen. Nur einmal steht ein vorkanonisch-kanonisch identischer Vers parallel und einmal der in beiden Versionen begegnende Psalmvers. Auch hier spricht der Befund dafür, dass Polykarp eine Nähe zur kanonischen Version der Paulusbriefe aufweist und, wie 1Klem, sogar mit einer Vorliebe gerade für die kanonischen Verse und Versteile, während er wie 1Klem mehr als zurückhaltend ist, vorkanonische Textmaterialien zu verwenden. Dass in seinem Brief an die Philipper der Philipperbrief des Paulus von besonderer Bedeutung ist, verwundert nicht, dass es aber gerade die kanonische Version ist, ist besonders wichtig. Zu diesen Beobachtungen ist hinzuzunehmen, dass, wie in der Anmerkung oben vermerkt, 85 die wichtigste Quelle für Polykarp der Katholische Brief 1Petr ist, er auch 1Joh kennt und seine Brieferöffnung eine Parallele zur Apg aufweist. Mit Poly‐ karps Philipperbrief lässt sich folglich die zweite kanonische Redaktion, die gerade auf den Praxapostolos zurückgreift, gut datieren, sie muss etwa um oder nach seiner Abfassung des Philipperbriefs angesetzt werden. Diesen Brief zu datieren ist nicht völlig klar, Harnack gibt an, dass er während des gesamten erwachsenen Lebens von Polykarp geschrieben sein kann. 86 Doch scheint er nach Irenäus’ Brief an Florinus nicht zur Zeit zu gehören, in der Polykarp Lehrer war am Hof des künftigen Antoninus Pius in Ephesus. Wann Polykarp das Martyrium ereilte? Hierüber wurde in der Forschung vielfach verhandelt. 87 Aus dem „Martyrium des Polykarp“ lernen wir nur den 23. Februar, jedoch nicht das Jahr. Lange wurde als Todesjahr das Jahr §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 657 <?page no="658"?> 88 Vgl. W. Telfer, The Date of the Martyrdom of Polycarp (1952). Hier findet sich auch die Auseinandersetzung mit anderen Datierungsvorschlägen. 89 Vgl. Euseb. Caes., Hist. eccl. IV 15,1 (Chron. ad ann. 2183 ab Abr.). 90 O. Zwierlein, Die Urfassungen der Martyria Polycarpi et Pionii und das Corpus Polycarpianum (2014), II 36. 155 oder 157 angenommen, doch ruht dies auf der Frühdatierung der Igna‐ tianen und den als unzuverlässig erwiesenen Anhängen zum „Martyrium des Poykarp“, während in jüngerer Zeit das Jahr 168 vorgeschlagen wurde. 88 Dieser Vorschlag ruht auf der Angabe bei Eusebius, wonach Polykarp unter Mark Aurel (161-180) das Martyrium erlitt (zwischen 161 und 168), und zwar nach Eusebs „Chronik“, dass dieses im Jahr 167 stattgefunden habe. 89 Umsichtig schlägt O. Zwierlein die Jahre 161-167/ 168 als mögliche Todesjahre vor. 90 Diese Datierung und die Wahrscheinlichkeit, dass der Philipperbrief nicht in die Zeit Polykarps als Lehrer fällt, bringen uns für dessen Abfassung in die späten fünfziger bzw. sechziger Jahre, also näher an Irenäus, der in seinem Brief an Florinus stolz von seiner Schülerschaft bei Polykarp berichtet. Die zweite kanonische Redaktion scheint hiermit in die späten sechziger oder anfangs der siebziger Jahre gefallen zu sein. 5. Justin, der auf Markion ausdrücklich Bezug nimmt und sogar eine leider bis auf ein Fragment verlorene Schrift an diesen richtet, ist wohl mit 24 Parallelfällen nicht zufällig ein außerordentlich wichtiger Zeuge. Er stützt, was als mögliche Erklärung der Genese der 14-Briefe-Sammlung dargelegt wurde. Denn wie Aristides bietet er Parallelen zu - bis auf den kurzen Philemonbrief - allen sieben Briefen des Paulus und zu den drei Deute‐ ropaulinen (Eph, Kol, 2Thess), d. h. er kennt eine 10-Briefe-Sammlung, allerdings, wie bereits Aristides und wie die Parallelen mit Nachdruck belegen, in der Form, die die kanonische Redaktion diesen zehn Briefen gegeben hat. 6. Die Durchsicht der 18 parallelen Passagen zwischen 1Klem und Paulus, die Barnett aufführt und die gewiss unterschiedliches Gewicht haben, gibt das bereits gewohnte Ergebnis: bis auf eine Parallelstelle *1Kor/ 1Kor 12,8-9 führen die Parallelen ausschließlich auf Passagen, die nur auf der kanoni‐ schen Ebene zu finden sind. Dabei fällt mehreres auf: Zweimal begegnen Parallelpassagen, bei denen ausgerechnet die Verse in diesen Passagen keine Parallelen aufweisen, welche auch vorkanonisch vorhanden sind. Dann gibt es eine Parallelstelle, diejenige zu Eph, die noch ein Element von *Laod besitzt, das nicht in Eph vorhanden ist. Das könnte auf die Kenntnis der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung hindeuten oder auf eine vorkanonische Variante, die sich in 1Klem erhalten hat. Zu fünf von 658 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="659"?> 91 Auch J. Bull sieht die möglichen Parallelen zur 7-Briefe-Sammlung des Ignatius gehen, J. Bull, Ignatius’ Letters to Polycarp, the Ephesians and the Romans. A Textual Analysis and Comparison (2025). den sieben paulinischen Briefen gibt es Parallelen, auch zu einem der drei Deuteropaulinen. Dass Phlm hier nicht begegnet ist von geringem Gewicht, da der Brief auch sonst nicht begegnet. Aber erneut findet sich auch keiner der drei Pastoralbriefe, auch nicht der Hebräerbrief in der Liste. Wichtig ist die Beobachtung, dass weder in 1Klem noch in einem der anderen Zeugen ein Bezug zu Kapitel 16 des Ersten Korintherbriefs existiert. 7. Dann fällt auf, dass aus zwei Briefen der 3-Briefe-Sammlung des Ignatius überhaupt keine Parallelen von Barnett vermerkt sind ( 3 IgnRom; 3 IgnPol). Die beiden Parallelen aus 3 IgnEph können auch aus der 7-Briefe-Samm‐ lung gezogen sein, was sich aufgrund der 39 Parallelen, die alle auf die kanonische 14-Briefe-Sammlung gehen, nahelegt. 91 Von den 14 Briefen dieser Sammlung begegnen Parallelen zu sechs dieser Briefe, nur Philemon bleibt wieder unerwähnt, was wegen dessen Kürze kaum verwundert. An Deuteropaulinen werden Eph und Kol aufgeführt, 2Thess fehlt. Auch hier findet sich keine Parallele zu einem der vier zusätzlichen Briefe, die in der 14-Briefe-Sammlung gegenüber der *10-Briefe-Sammlung hinzugetreten sind. Einer der häufigsten Briefe mit Parallelen ist 1Kor, allerdings fällt auch die Häufigkeit von Eph auf. Überhaupt ist Eph der einzige Brief, zu welchem Parallelen in IgnPol existieren. Aus eigenen Beobachtungen und Vergleichen habe ich noch sechs Parallelen aus den Pastoralbriefen zu den Parallelen hinzugefügt, die Barnett vermerkt. Doch wiederum gehen diese Parallelen alle zur späteren 7-Briefe-Sammlung aus der Zeit des Irenäus, nicht zur älteren 3-Briefe-Sammlung aus der Zeit des Markion, und überhaupt zu zwei der vier Briefe, die zu den drei hinzugekommen waren. Erneut spiegeln also auch die Parallelen in den Ignatianen die Präsenz der km 10-Briefe-Sammlung. Nur sehr verhalten gibt es Anklänge in der 3-Briefe-Sammlung des Ignatius, dann allerdings erstmals auch an die um die Pastoralbriefe erweiterte Sammlung paulinischer Briefe in der späteren 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. 8. Betrachtet man Hermas, bestätigt die Bezugnahme zu 1Kor und Eph das Muster, dass diese Zeugen Parallelen zu zwei Komponenten der 14-Briefe-Sammlung aufweisen: Einmal zu einem der sieben Briefe des Paulus und dann zu einem der drei Deuteropaulinen. Dass bei einem Schreiben, das sich nach Rom verortet, kein Bezug zu Röm begegnet, ist bemerkenswert. §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 659 <?page no="660"?> 92 Barnett meint denn auch - wegen des Fehlens eines Hinweises auf Phlm - dass die vor‐ irenäischen Autoren eine 9-Briefe-Sammlung bezeugen, A.E. Barnett, Paul Becomes a Literary Influence (1941), 2-3. 277. Unwahrscheinlich halten dies A. Lindemann, Paulus, Apostel und Lehrer der Kirche. Studien zu Paulus und zum frühen Paulusverständnis (1999), 30; M. Harding, Disputed and Undisputed Letters of Paul (2004), 131. 9. Hingegen spielt Röm gerade bei Aristides und Tatian die größte Rolle, bei beiden gefolgt von Kol. 10. Alle diese Autoren und ihre Werke stehen zumindest in der kanonischen Tradition (Schneemelcher), wenn sie nicht sogar die Kenntnis der kanoni‐ schen Briefversion in einer km 10-Briefe-Sammlung besitzen. 11. Da alle Zeugen - mit Ausnahme der späten 7-Briefe-Sammlung des Ignatius aus der Zeit des Irenäus - ausschließlich Parallelen zur kanonischen Briefversion einer km 10-Briefe-Sammlung aufweisen, legt sich nahe, dass in der Zeit vor Irenäus die kanonisch-redaktionelle Briefe-Sammlung noch keine 14, sondern nur 10 Briefe umfasst hatte. 92 12. Nimmt man aufgrund der zuvor gemachten Beobachtungen eine Priorität der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung an, muss man von zwei kanoni‐ schen Redaktionen zur Genese der 14-Briefe-Sammlung ausgehen. In einem frühen Schritt, den Zeugen nach zu urteilen, spätestens nach dem Ende des Zweiten jüdischen Krieges, wurde die vorkanonische *10-Briefe-Sammlung zur km 10-Briefe-Sammlung umgearbeitet, und zwar, wie die Zeugen hier nahelegen, auch mit der Umgruppierung von Röm und Gal. Diese km 10-Briefe-Sammlung wurde zu einem späteren Stadium, vermut‐ lich erst zur Zeit des Irenäus, zur 13/ 14-Briefe-Sammlung erweitert. Dies scheint wohl im Zusammenhang der Eingliederung der kanonischen Brief‐ sammlung in die kanonisch erweiterte Sammlung geschehen zu sein, die später Neues Testament genannt wurde. Da keiner der oben aufgeführten Zeugen 1Kor 16; 2Kor 8-10; Röm 13,1-7; 15-16 und Kol 4 berührt, scheinen diese Abschnitte bzw. Kapitel erst bei der zweiten Redaktion den Briefen hinzugefügt worden zu sein, während andere Texterweiterungen (etwa Röm 4-6; 9-11; Phil 4) bereits bei der ersten Redaktion erfolgt waren. Da weder Eph 1,1 noch Kol 4,16 irgendwo anklingt, bildete die fehlende Ortsangabe bzw. der Charakter dieses Briefes als Laodizeerbrief kein Problem, d. h. die Veränderung des Laodizeerbriefes zu einem Epheserbrief scheint ebenfalls erst das Ergebnis der zweiten kanonischen Redaktionsstufe zu sein. 660 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="661"?> 93 Zur möglichen „Entstehung der Pastoralbriefe“ und zum Verhältnis von Hebr und Apg und zur narrativen Kohärenzfunktion derselben vgl. J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019), 242-259. 236-241. 94 Zur Apg und deren Kohärenzverhalten innerhalb der kanonischen Sammlung, vgl. Ibid. 65-108. 121-170. 264-265. Man vgl. die Bemerkung zu Lükes Gesamtbild des Verhältnisses von Apg zur *10-Briefe-Sammlung weiter unten, auch zur Erläuterung, warum die Apg in der vorliegenden Studie auf die zweite Redaktionsstufe gesetzt wird. 95 Vgl. weiter unten gegen Ende dieses Unterpunktes. 96 A.E. Barnett, Paul Becomes a Literary Influence (1941), 2-3. 277. b. Die zweite kanonische Redaktion Einen Schritt über die erste kanonische Redaktion hinaus führen uns die Pastoralbriefe (1/ 2Tim; Tit), der Hebräerbrief 93 und die Apostelgeschichte, 94 angedeutet durch Hinweise auf einige Passagen aus den Pastoralbriefen und der Apostelgeschichte in Polykarps Brief an die Philipper und in der 7-Briefe-Samm‐ lung des Ignatius. 1. Da es eine Verbindung zwischen den Pastoralbriefen und dem Hebräerbrief gibt, 95 zeugen die Pastoralbriefe für eine 14-Briefe-Sammlung (auch sie kennen die Deuteropaulinen Eph, Kol und 2Thess), und zwar in deren kanonischen Version, wie schon die Bedeutung des Timotheus in den Pastoralbriefen belegt. 96 Doch über diese Kenntnis hinaus zeugen sie auch dafür, dass zu dem Zeitpunkt, als die Pastoralbriefe der kanonischen Sammlung hinzugefügt wurden, auch die kanonischen Briefe nochmals überarbeitet und Stellen, auf die die Zeugen zuvor keinen Bezug genommen haben, eingefügt wurden. Hier fallen vor allem die folgenden wichtigen Passagen des Ersten und Zweiten Korintherbriefes und des Römerbriefes auf: 1Kor 16; 2Kor 8-10 (Titus, der große Fundraiser); Röm 13,1-7 und Röm 15-16. Zu Röm 13,1-7 vergleiche man: 1Tim 2,1-5 Röm 13,1-7 1 Παρακαλῶ οὖν πρῶτον πάντων ποιεῖσθαι δεήσεις, προσευχάς, ἐντεύξεις, εὐχαριστίας, ὑπὲρ πάντων ἀνθρώπων, 1 Πᾶσα ψυχὴ ἐξουσίαις ὑπερεχούσαις ὑποτασσέσθω. οὐ γὰρ ἔστιν ἐξουσία εἰ μὴ ὑπὸ θεοῦ, αἱ δὲ οὖσαι ὑπὸ θεοῦ τεταγμέναι εἰσίν· 2 ὑπὲρ βασιλέων καὶ πάντων τῶν ἐν ὑπεροχῇ ὄντων, ἵνα ἤρεμον καὶ ἡσύχιον βίον διάγωμεν ἐν πάσῃ εὐσεβείᾳ καὶ σεμνότητι. 2 ὥστε ὁ ἀντιτασσόμενος τῇ ἐξουσίᾳ τῇ τοῦ θεοῦ διαταγῇ ἀνθέστηκεν, οἱ δὲ ἀνθεστηκότες ἑαυτοῖς κρίμα λήμψονται. §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 661 <?page no="662"?> 3 τοῦτο καλὸν καὶ ἀπόδεκτον ἐνώπιον τοῦ σωτῆρος ἡμῶν θεοῦ, 3 οἱ γὰρ ἄρχοντες οὐκ εἰσὶν φόβος τῷ ἀγαθῷ ἔργῳ ἀλλὰ τῷ κακῷ. θέλεις δὲ μὴ φοβεῖσθαι τὴν ἐξουσίαν; τὸ ἀγαθὸν ποίει, καὶ ἕξεις ἔπαινον ἐξ αὐτῆς· 4 ὃς πάντας ἀνθρώπους θέλει σωθῆναι καὶ εἰς ἐπίγνωσιν ἀληθείας ἐλθεῖν. 4 θεοῦ γὰρ διάκονός ἐστιν σοὶ εἰς τὸ ἀγαθόν. ἐὰν δὲ τὸ κακὸν ποιῇς, φοβοῦ· οὐ γὰρ εἰκῇ τὴν μάχαιραν φορεῖ· θεοῦ γὰρ διάκονός ἐστιν, ἔκδικος εἰς ὀργὴν τῷ τὸ κακὸν πράσσοντι. 5 εἷς γὰρ θεός, εἷς καὶ μεσίτης θεοῦ καὶ ἀνθρώπων, ἄνθρωπος Χριστὸς Ἰησοῦς. 5 διὸ ἀνάγκη ὑποτάσσεσθαι, οὐ μόνον διὰ τὴν ὀργὴν ἀλλὰ καὶ διὰ τὴν συνείδησιν. - 6 διὰ τοῦτο γὰρ καὶ φόρους τελεῖτε, λειτουργοὶ γὰρ θεοῦ εἰσιν εἰς αὐτὸ τοῦτο προσκαρτεροῦντες. 7 ἀπόδοτε πᾶσιν τὰς ὀφειλάς, τῷ τὸν φόρον τὸν φόρον, τῷ τὸ τέλος τὸ τέλος, τῷ τὸν φόβον τὸν φόβον, τῷ τὴν τιμὴν τὴν τιμήν. 1Tim 2,1-5 Röm 13,1-7 1-Vor allem fordere ich zu Bitten und Gebeten, zu Fürbitte und Danksagung auf, und zwar für alle Menschen, 1 Jede Seele unterwerfe sich den obrigkeit‐ lichen Gewalten; denn es gibt keine Obrig‐ keit außer von Gott, und die bestehenden sind von Gott verordnet. 2-für die Herrscher und für alle, die Macht ausüben, damit wir in aller Fröm‐ migkeit und Rechtschaffenheit ungestört und ruhig leben können. 2 Wer sich daher der Obrigkeit widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ein Urteil über sich bringen. 3-Das ist recht und wohlgefällig vor Gott, unserem Retter; 3-Denn die Regierenden sind nicht ein Schrecken für die guten Werke, sondern für die bösen. Willst du dich aber vor der Obrigkeit nicht fürchten, so tue das Gute, und du wirst Lob von ihr haben; 4-er will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. 4-denn sie ist Gottes Dienerin, dir zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst; sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zum Zorngericht an dem, der das Böse tut. 5 Denn: Einer ist Gott, / Einer auch Mittler zwischen Gott und Menschen: / der Mensch Christus Jesus. 5-Darum ist es notwendig, sich unterzu‐ ordnen, nicht allein um des Zorns willen, sondern auch um des Gewissens willen. 662 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="663"?> 97 1Klem 61 (Übers. BKV). 1Tim 2,1-5 Röm 13,1-7 - 6-Deshalb entrichtet ihr auch Steuern; denn sie sind Gottes Diener, die eben dazu beständig tätig sind. - 7 So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll; Furcht, dem die Furcht; Ehre, dem die Ehre gebührt. Dass man sich den Machthabern unterordnen soll, findet sich an beiden Stellen. Dass diese Aufforderung, sogar zum Gebet, wie in 1Tim 2,1-5 formuliert, im zweiten Jahrhundert eine Bedeutung gewinnt, erweisen der Erste Klemensbrief und Justin. Bei 1Klem 61 heißt es: „1. Du, o Herr, hast ihnen die Vollmacht zu herrschen gegeben durch Deine übergroße und unbeschreibliche Stärke, damit wir die von Dir ihnen verliehene Herrlichkeit und Ehre anerkennend ihnen gehorchen, ohne irgendwie Deinem Willen zu widerspre‐ chen; schenke ihnen, Herr, Gesundheit, Frieden, Einigkeit und Stärke, damit sie ohne Anstoß ihre von Dir verliehene Herrschaft führen. 2. Denn Du, o Herr, himmlischer König der Ewigkeiten, verleihest den Menschenkindern Ehre und Ansehen und Macht über das, was auf Erden ist; leite Du, o Herr, ihren Sinn so wie es gut und Dir wohlgefällig ist (vgl. Dtn 12,25. 28; 13,18), damit sie gottesfürchtigen Sinnes in Frieden und Milde ihre von Dir verliehene Gewalt ausüben und so Deiner Gnade teilhaftig werden. 3. Der Du allein imstande bist, diese und noch größere Wohltaten unter uns zu wirken, Dich preisen wir durch den obersten Priester und Führer unserer Seelen Jesus Christus; durch ihn sei Dir die Ehre und die Verherrlichung jetzt und von Geschlecht zu Geschlecht und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ 97 Nach der Mitte des zweiten Jahrhunderts formuliert Justin in seiner Ersten Apologie: „Abgaben und Steuern suchen wir überall vor allen anderen euren Beamten zu entrichten, wie wir von ihm angeleitet worden sind. Denn in jener Zeit kamen einige und fragten, ob man dem Kaiser Steuern entrichten solle. Und er antwortete: Saget mir: Wessen Bild trägt die Münze? Sie sprachen: Des Kaisers. Und da entgegnete er ihnen: Gebet denn, was des Kaisers ist, ist dem Kaiser und was Gottes ist, Gott (vgl. Mt 22,17: „17 Sage uns nun: Was meinst du, ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen oder nicht? 18 Jesus aber kannte ihre Bosheit und sagte: Was stellt ihr mir eine Falle, ihr Heuchler? 19 Zeigt mir die Steuermünze! Da reichten sie ihm einen Denar. 20 Er §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 663 <?page no="664"?> 98 Justin, Apol. I 17 (Übers. BKV). fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist dies? 21 Sie antworteten: Des Kaisers. Da sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! “). Darum beten wir zwar Gott allein an, euch aber leisten wir im übrigen freudigen Gehorsam, indem wir euch als Könige und Herrscher der Menschen anerkennen und beten, daß ihr nebst eurer Herrschermacht auch im Besitze vernünftiger Einsicht erfunden werdet.“ 98 Die Pastoralbriefe sprechen jedoch nicht nur dafür, dass mit ihnen zusammen auch Röm 13,1-7 in die Briefsammlung gelangt ist, sie zeugen auch für die Präsenz der Kapitel Röm 15-16: 1Tim 3,7 Röm 15,3 … μὴ εἰς ὀνειδισμὸν ἐμπέσῃ καὶ παγίδα τοῦ διαβόλου. καθὼς γέγραπται, Οἱ ὀνειδισμοὶ τῶν ὀνειδιζόντων σε ἐπέπεσαν ἐπ’ ἐμέ; vgl. Ps 69,9 LXX: -… οἱ ὀνειδισμοὶ τῶν ὀνειδιζόντων σε ἐπέπεσαν ἐπ᾽ ἐμέ. 1Tim 2,1-5 Röm 15,3 damit er nicht in üble Nachrede fällt und in die Falle des Teufels. Die üblen Nachreden derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen 2Tim 3,16 Röm 15,4 πᾶσα γραφὴ θεόπνευστος καὶ ὠφέλιμος πρὸς διδασκαλίαν, πρὸς ἐλεγμόν, πρὸς ἐπανόρθωσιν, πρὸς παιδείαν τὴν ἐν δικαιοσύνῃ. ὅσα γὰρ προεγράφη, εἰς τὴν ἡμετέραν διδασκαλίαν ἐγράφη, ἵνα διὰ τῆς ὑπομονῆς καὶ διὰ τῆς παρακλήσεως τῶν γραφῶν τὴν ἐλπίδα ἔχωμεν. 2Tim 3,16 Röm 15,4 Jede Schrift ist, als von Gott eingegeben, auch nützlich zur Belehrung, zur Wider‐ legung, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit. Denn was früher geschrieben wurde, wurde zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch die Geduld und den Trost der Schriften Hoffnung haben. 2Tim 1,9-10 Röm 16,25-26 9-… τοῦ σώσαντος ἡμᾶς καὶ καλέσαντος κλήσει ἁγίᾳ, οὐ κατὰ τὰ ἔργα ἡμῶν ἀλλὰ κατὰ ἰδίαν πρόθεσιν καὶ χάριν, Τῷ δὲ δυναμένῳ ὑμᾶς στηρίξαι κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου καὶ τὸ κήρυγμα Ἰησοῦ Χριστοῦ, κατὰ ἀποκάλυψιν 664 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="665"?> 99 Vgl. zu mehr Details weiter oben §-7 b. 8. S. τὴν δοθεῖσαν ἡμῖν ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ πρὸ χρόνων αἰωνίων, 10 φανερωθεῖσαν δὲ νῦν διὰ τῆς ἐπιφανείας τοῦ σωτῆρος ἡμῶν Χριστοῦ Ἰησοῦ, καταργήσαντος μὲν τὸν θάνατον φωτίσαντος δὲ ζωὴν καὶ ἀφθαρσίαν διὰ τοῦ εὐαγγελίου. μυστηρίου χρόνοις αἰωνίοις σεσιγημένου 26 φανερωθέντος δὲ νῦν διά τε γραφῶν προφητικῶν κατ’ ἐπιταγὴν τοῦ αἰωνίου θεοῦ εἰς ὑπακοὴν πίστεως εἰς πάντα τὰ ἔθνη γνωρισθέντος. 2Tim 1,9-10 Röm 16,25-26 9-Er hat uns gerettet; mit einem heiligen Ruf hat er uns gerufen, nicht aufgrund unserer Taten, sondern aus eigenem Ent‐ schluss und aus Gnade, die uns schon vor ewigen Zeiten in Christus Jesus geschenkt wurde; 10-jetzt aber wurde sie durch das Erscheinen unseres Retters Christus Jesus offenbart. Er hat den Tod vernichtet und uns das Licht des unvergänglichen Lebens gebracht durch das Evangelium. 25 Dem aber, der euch stärken kann nach meinem Evangelium und der Predigt von Jesus Christus, gemäß der Offenbarung des Geheimnisses, das von ewigen Zeiten her verschwiegen war, 26 jetzt aber of‐ fenbart und durch prophetische Schriften nach Befehl des ewigen Gottes zum Glau‐ bensgehorsam an alle Nationen bekannt gemacht worden ist. Die drei Stellen aus dem Ersten und dem Zweiten Timotheusbrief kommen den beiden Versen Röm 15,3-4 und 16,25-26 nahe, auch wenn sie nicht mit ihnen identisch sind. Gleichwohl gibt es keine Stelle in der obigen Zeugenliste, die solche Nähe zu Röm 15-16 aufweist. Zu Röm 16 gibt es weitere Parallelen in den Pastoralbriefen. Hier handelt es sich zunächst um die Erwähnung des Ehepaars Priska und Aquila. 99 Dieses Paar begegnet nur in 2Tim 4,19, 1Kor 16,19 und Röm 16,3 und in Apg 18,2. 18. 26. Mit diesen Stellen gewinnen wir einen Einblick in die zweite kanonische Re‐ daktionsstufe. Zum Zeitpunkt, als die Pastoralbriefe und die Apostelgeschichte der größeren Sammlung hinzugefügt werden, werden die Bezugskapitel 1Kor 16,19 und Röm 16,3 in diese kanonischen Briefe eingefügt, um die literarische Kohärenz zwischen diesen Schriften herzustellen. Man bedenke, dass die Apos‐ telgeschichte erstmals überhaupt zeitgleich von Dionysius von Korinth (man bemerke den Bischofssitz), dem Lehrer des Irenäus, Polykarp von Smyrna, und Irenäus von Lyon erwähnt wird, d.-h. etwa um das Jahr 177. Dies wird gestützt durch die Erwähnung des Erastos, der nur in 2Tim 4,20, ebenfalls mit Bezug zu Korinth erwähnt wird (Ἔραστος ἔμεινεν ἐν Κορίνθῳ, Τρόφιμον δὲ ἀπέλιπον ἐν Μιλήτῳ ἀσθενοῦντα). Er begegnet wieder in Röm 16,23 als Ökonom der Stadt Korinth (… ἀσπάζεται ὑμᾶς Ἔραστος ὁ οἰκονόμος τῆς πόλεως) und wird in Apg 19,22 gar verbunden mit Timotheus (ἀποστείλας §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 665 <?page no="666"?> 100 Zu Hebr folgen gleich im nächsten Unterabschnitt noch weitere Bemerkungen. δὲ εἰς τὴν Μακεδονίαν δύο τῶν διακονούντων αὐτῷ, Τιμόθεον καὶ Ἔραστον, αὐτὸς ἐπέσχεν χρόνον εἰς τὴν Ἀσίαν). Da Erastos aus Korinth stammt, wird er in 1Kor 16 nicht erwähnt, doch wir befinden uns in derselben Kohärenzfiktion wie zuvor: 2Tim - Röm 16 - Apg. Ein weiterer Hinweis auf diese redaktionelle Tätigkeit der zweiten kano‐ nischen Redaktion begegnet im Zweiten Timotheusbrief. Erwähnt wird das Gefangenensein des Paulus. In 2Tim 1,8 heißt es: μηδὲ ἐμὲ τὸν δέσμιον αὐτοῦ, hierzu finden wir eine Parallele in Eph 3,1: ἐγὼ Παῦλος ὁ δέσμιος τοῦ Χριστοῦ [Ἰησοῦ]; in Eph 4,1 (ἐγὼ ὁ δέσμιος ἐν κυρίῳ), in Phlm 1,1. 9: Παῦλος δέσμιος Χριστοῦ Ἰησοῦ; Παῦλος πρεσβύτης, νυνὶ δὲ καὶ δέσμιος Χριστοῦ Ἰησοῦ und in Apg 23,18: Ὁ δέσμιος Παῦλος. Es könnte folglich durchaus sein, dass auch Phlm in der Grussadresse durch die zweite kanonische Redaktion überarbeitet wurde und mit der Ortsangabe auch noch Eph 3 und 4. Schließlich stützt 2Tim 4,10-12 die bereits weiter oben diskutierte Autorisie‐ rung von Mk und Lk, wenn es hier heißt: „10 Demas hat mich nämlich aus Liebe zu dieser Welt verlassen und ist nach Thessalonich gereist, Kreszens nach Galatien, Titus nach Dalmatien. 11 Nur Lukas ist noch bei mir. Bring Markus mit; denn er kann mir gute Dienste leisten. 12 Tychikus habe ich nach Ephesus gesandt.“ (2Tim 4,10-12) Man vergleiche die Parallelen: Kol 4,14 („Es grüßt euch Lukas, der geliebte Arzt, und Demas“) und Phlm 1,24 („Markus, Aristarchus, Demas und Lukas, meine Mitarbeiter“). Ebenso ist Tit 1,1 der Titel „Sklave“ für Paulus zu bemerken, der wohl ebenfalls erst auf dieser Stufe in den Römer- und den Philipperbrief aufgenommen wurde und dessen Verwendung durch Tit 1,1 ausdrücklich gestützt wird: Tit 1,1: Παῦλος δοῦλος θεοῦ, ἀπόστολος δὲ Ἰησοῦ Χριστοῦ / / Röm 1,1: Παῦλος δοῦλος Χριστοῦ Ἰησοῦ, κλητὸς ἀπόστολος / / Phil 1,1: Παῦλος καὶ Τιμόθεος δοῦλοι Χριστοῦ Ἰησοῦ. Einen letzten, wichtigen Hinweis bietet Hebr 11,26: … θησαυρῶν τὸν ὀνειδισμὸν τοῦ Χριστοῦ … mit der Parallele in 1Tim 3,7 (… μὴ εἰς ὀνειδισμὸν ἐμπέσῃ καὶ παγίδα τοῦ διαβόλου) und Röm 15,3 (… ἀλλὰ καθὼς γέγραπται, Οἱ ὀνειδισμοὶ τῶν ὀνειδιζόντων σε ἐπέπεσαν ἐπ’ ἐμέ), eine Stelle, die bereits eingangs zu diesem Unterpunkt aufgeführt wurde. Dieser zufolge legt sich nahe, dass zum selben Zeitpunkt, als Röm 15,3 formuliert wurde, auch die Pastoralbriefe und der Hebräerbrief zur Briefsammlung hinzugefügt wurden. 100 666 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="667"?> 101 Auf die Nähe der Pastoralbriefe zur Apostelgeschichte verweist auch J. Schröter, Sammlungen der Paulusbriefe und die Entstehung des neutestamentlichen Kanons (2018), 808. 102 Vgl. eine vorläufige Studie J.P. Mathur und M. Vinzent, Pre-canonical Paul. His Views Towards Sexual Immorality (2018) und die Parallelpublikation zur vorliegenden Rekonstruktion: M. Vinzent, Von Paulus zu Saulus. Zwei Paulusbriefsammlungen im 2.-Jh. (2025). 103 Vgl. zur narrativen Kohärenzfunktion der Apg J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019), 264. 104 Ibid. 26. Wir können schlussfolgern: Die zweite kanonische Redaktion zeichnet sich aus durch die Hinzufügung der drei Pastoralbriefe und des Hebräerbriefes zur km 10-Briefe-Sammlung und deren Zusammenfügung mit dem Praxapostolos zur größeren Sammlung des Irenäus. 101 Zu diesem Zeitpunkt wurden die Schlusska‐ pitel 1Kor 16 und Röm 15-16 und weitere Kapitel und Mehrtexte diesen Briefen hinzugefügt, dann die Ortsangabe in Eph eingefügt und der Brief von einem Laodizeerbrief zu einem Epheserbrief verändert, außerdem hat man vielleicht noch die Eröffnungen nicht nur von Eph, sondern auch von Röm 1,1 und Phil 1,1 leicht korrigiert. Dass auf dieser Stufe weitere Anpassungen vorgenommen wurden, wurde bereits gezeigt und ist überhaupt anzunehmen, wäre jedoch eine eigene Studie wert. 102 Bleibt noch die Frage nach der Stellung der Apostelgeschichte und des Hebräerbriefs. 2. Lüke hat zu plausibilisieren versucht, dass die Apg eine 10-Briefe-Sammlung kennt, in der jedoch Röm 15-16 bereits vorhanden war. 103 Allerdings hatte ihm bei der Abfassung seiner Studie „noch keine Rekonstruktion des markioni‐ tischen Apostolos“ vorgelegen, die nicht auf der älteren Hilgenfeld - Schmid Vorstellung von einer Revision des Markion basierte. Da Lüke der Meinung ist, dass „Markion seine Paulusbriefsammlung (k)einer umfassenden Redaktion unterzog“, benutzte er zur „Untersuchung der intertextuellen Abhängigkeit“ den kanonischen „neutestamentlichen Text dieser Briefe“, wobei er „die von den Häresiologen explizit verzeichneten Unterschiede … beachtet“. 104 Vergleicht man seine oft scharfen Beobachtungen mit ihrem insgesamt tragfähigen Kon‐ zept der literarischen Kohärenz, ist lediglich mit Blick auf die nachstehende Rekonstruktion zu korrigieren, dass, wie zu zeigen sein wird, Apg zwar auf eine 10-Briefe-Sammlung zurückverweist, diese jedoch nicht die vorkanonische Version ist, sondern die bereits durch die erste kanonische Redaktion gegangene Sammlung. §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 667 <?page no="668"?> 105 Vgl. zu diesen weiter oben §-7 b. 8. i. und q. 106 Zu dieser vgl. §-11 b. 107 Zur Debatte mit weiterführender Literatur vgl. J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019), 242-243. Am einfachsten lässt sich dies bereits an den Personen aufzeigen, die in der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung fehlen, sowohl in Apg wie in der km 10-Briefe-Sammlung jedoch eine herausragende Rolle spielen: Barnabas und Timotheus - ohne dass an dieser Stelle nochmals die Nachweise geführt werden müssten. 105 Eine weitere Stütze dafür, dass Apg die km 10-Briefe-Sammlung kennt, findet sich bei der Gegenüberstellung von *Gal 1-2, Gal 1-2 und Apg 15 weiter oben. 106 Wichtig sind auch Verweise, die auch zum Teil bei Lüke zu finden sind, wonach deutlich wird, dass die Apg zusammen mit den Pastoralbriefen und dem Hebräerbrief in dieser zweiten kanonischen Redaktion zur km 10-Briefe-Samm‐ lung hinzugekommen sind. Dabei scheinen den Briefen (was uns nach dem bisher Gesagten wenig überraschen wird) vorausliegende Versionen zugrunde gelegen zu haben. Dies erklärt, weshalb sich die Forschung immer noch darüber streitet, ob die drei Pastoralbriefe als Corpus oder als Einzelbriefe geschaffen wurden, und wenn als Corpus wie eine solche Sammlung verstanden werden muss. 107 Auffallendes Kohärenzmerkmal, das nach Ausweis der oben aufgeführten Zeugen erst in der zweiten kanonischen Redaktion erstellt wurde, ist die wiederholt uns beschäftigende Kollektensammlung, und dabei insbesondere die Rolle des Titus. Er gilt nämlich, wie oben zu seiner Person ausgeführt, der (zweiten) kanonischen Redaktion nicht nur als der große Fundraiser nach 2Kor 8,6-7. 10. 16-22; 12,18; als solcher erscheint er in Apg 20,4 als Mitglied der Kollektendelegation. Auf Titus verweist wenig überraschend auch der Titusbrief, denn er soll zu Paulus nach Nikopolis im Nordwesten Griechenlands kommen, weil Paulus dort überwintern wolle (Tit 3,12). Noch etwas Dramatik fügt 2Tim 4,9-11 hinzu, wo Paulus den Timotheus auffordert, zu ihm zu kommen, denn, wie Demas „aus Liebe zu dieser Welt“ ihn verlassen und sich nach Thes‐ salonich abgesetzt habe, sei Crescens nach Galatien und Titus nach Dalmatien gegangen, einzig Lukas sei ihm verblieben. Darum solle Timotheus auch Markus mitbringen. Liest man solche Informationen nicht gleich historisch, sondern fragt nach deren literarischen Funktion, wird erkennbar, dass der Leserschaft Historie suggeriert wird, nicht anders als mit der Bitte an Timotheus, zwei Verse weiter: „Wenn du kommst, bring den Mantel mit, den ich in Troas bei Karpus gelassen habe, auch die Bücher, vor allem die Pergamente! “ (2Tim 4,13) 668 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="669"?> 108 Ibid. 257-258. 109 Ibid. 258. Es geht bei diesen Namen nicht um Realhistorie, es geht um literarische Fingerzeige: Paulus verweist auf Lukas (und wer das liest, denkt im Zusammen‐ hang mit Büchern und Pergamenten an das Evangelium), dann soll Timotheus Markus mitbringen (es steht einem das Markusevangelium vor Augen). Die Pastoralbriefe sind so tief in die Teppichkette der kanonischen Sammlung geschossen, dass demjenigen, der sich auf diesem Teppich bewegt, kaum mehr auffällt, dass es sich um ganz verschiedene Lagen und Ebenen handelt. Lüke schließt aus seinen Beobachtungen auf eine „Theorie zur Entstehung der Pastoralbriefe“, die einleuchtet: „1Tim stiftet die narrative Kohärenz zwischen Tit und 2Tim, wobei die Kohärenz zwischen Tit und 1Tim besonders auf der Ebene der thematischen Kohärenz ausge‐ prägt ist (Inhalt und formale Gestaltung) und die Kohärenz zwischen 2Tim und 1Tim v. a. mittels narrativer Elemente auf der Ebene der narrativen Kontinuität hergestellt wird-… 1Tim und 2Tim [scheinen] den Gesamttext Zehnbriefesammlung-Tit-Act zu‐ sammen zu binden, wobei 1Tim dem Tit gleichsam Schützenhilfe für die Anerkennung als Teil der Paulusbriefsammlung gewährt“. 108 Allerdings würde ich aus diesem dichten Gewebe nicht die weitere Folgerung von Lüke ziehen, dass Apg und Pastoralbriefe „sich … unabhängig voneinander in die Erzählwelt der Zehnbriefesammlung einschreiben“, um eine „Authen‐ tizitätsfiktion“ zu erzeugen. 109 Diesen Texten kann man ein eigenes Agens zuschreiben, sie werden gewiss, das erweist schon die Lexik, aus verschiedenen Händen stammen, aber Texte wachsen nicht eigenständig, noch fallen sie zufällig aus, sondern sie werden sehr kunstvoll von einer Redaktion zueinander gefügt, nicht ohne Brüche und Inkonsistenzen, wie vermerkt, jedoch mit der nachhaltigen Kraft der Erzeugung eines Gesamteindrucks, der mit Paulus asso‐ ziiert werden soll. Die 10-Briefe-Sammlung, von der hier die Rede ist, ist deutlich das kanonische Ergebnis der ersten kanonischen Redaktion, während die zweite kanonische Redaktion die Apg und die Pastoralbriefe in die Erzählwelt der 10-Briefe-Sammlung eingeschrieben hat. 3. Hebr wurde bereits weiter oben in diesem Unterpunkt unter 1. kurz gestreift. C.K. Rothschild hat zeigen können, dass es viele Bezüge durch den gesamten Hebräerbrief zu den Paulusbriefen gibt, ja dieser Brief habe überhaupt keine eigene Zirkulation besessen, sondern sei aus paulinischem Material gefertigt, damit er das Corpus Paulinum erweitere und als Teil desselben gelesen würde. 110 §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 669 <?page no="670"?> 110 C.K. Rothschild, Hebrews as Pseudepigraphon. The History and Significance of the Pauline Attribution of Hebrews (2009). 111 Ibid. 12-13. 112 Vgl. Ibid. 155-161. 113 Vgl. J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulus‐ briefen (2019), 240. 114 Vgl. Apg 28,25: ἀσύμφωνοι δὲ ὄντες πρὸς ἀλλήλους ἀπελύοντο, εἰπόντος τοῦ Παύλου ῥῆμα ἓν ὅτι Καλῶς τὸ πνεῦμα τὸ ἅγιον ἐλάλησεν διὰ Ἠσαΐου τοῦ προφήτου πρὸς τοὺς πατέρας ὑμῶν; Hebr 1,1: Πολυμερῶς καὶ πολυτρόπως πάλαι ὁ θεὸς λαλήσας τοῖς πατράσιν ἐν τοῖς προφήταις. Außerdem sieht Rothschild gerade eine Aufgabe von Hebr darin, die Paulus‐ briefe und Apg zu harmonisieren. 111 Während Rothschild Hebr abhängig von der Apg hält, 112 meint Lüke, der Befund spräche eher für die Umkehrung der Abhängigkeit. 113 M.E. lässt sich diese Frage deshalb nicht entscheiden - und sie braucht auch nicht entschieden zu werden - weil wir es bei beiden Texten nicht mit den ursprünglichen Versionen zu tun haben, sondern mit deren für die Sammlung von der Redaktion bearbeiteten Fassungen. Für die Redaktion aber war entscheidend, dass etwa der Schlussabschnitt von Apg (Apg 28,25) und der Anfang von Hebr (Hebr 1,1) aufeinander anspielen. 114 Vergleicht man die beiden, wird man Rothschild Recht geben in der Meinung, dass sich der Anfang von Hebr wie eine Ausweitung der Aussage der Stelle aus der Apg liest. Denn hier wird nicht nur darauf abgehoben, dass Gott durch die Propheten zu den Vätern sprach, sondern auch, dass er dies auf vielfältige und vielerlei Weise getan hat - was sich wie eine Erläuterung für die Unterschiedlichkeit auch der Rezeption dieser Propheten in den verschie‐ denen kanonischen Schriften liest, zu denen Apg und Hebr hinzugenommen worden sind. Diese beiden Stellen zeigen folglich nicht nur die Signatur einer Redaktion, sie geben auch das Programm dieser Redaktion zu erkennen, das in der Verknüpfung der jüdischen prophetischen Vätertradition mit derjenigen der christlichen Schriften besteht - eine Verbindung, die Markion in seinen Antithesen bereits kritisierte, die die kanonische Redaktion jedoch in ihrer Korrektur der markionitischen Sammlung des vorkanonischen *Paulus gerade intensivieren wollte und die durch die zweite kanonische Redaktion weiter verstärkt wird. Fassen wir die Zwischenergebnisse anhand folgender Grafik zusammen: 670 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="671"?> Zwischen der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung des Markion muss es, wie die Zeugen der Zeit vor Justin und Irenäus erweisen, eine erste kanonische Redaktion dieser *10-Briefe-Sammlung gegeben haben, in der durchgehend die Sammlung des Markion kanonisch zu einer km 10-Briefe-Sammlung überar‐ beitet wurde. Diese kanonisch überarbeitete Sammlung ist bei den Zeugen, die offenkundig dem kanonischen Milieu nahestehen, überliefert, wenn sie auch keiner dieser Zeugen ausdrücklich zitiert oder auch nur erwähnt (man denke etwa an das vollständige Schweigen über sie bei Justin). Dies deutet darauf hin, dass sie zwar verfügbar, offenkundig jedoch noch nicht die Autorität des von Markion publizierten *Neuen Testaments und der darin enthaltenen *10-Briefe-Sammlung besaß. Außerdem spricht der Befund dafür, dass die überarbeitete km 10-Briefe-Sammlung noch nicht mit den vier km Evangelien in einer Sammlung zusammengebunden war. Dieses Phänomen mag auch erklären, warum das kanonische Milieu eine zweite kanonische Redaktion dieser Sammlung (und mit ihr wohl auch der vier Evangelien) in Angriff nahm, um auf der einen Seite mit der kanonischen Sammlung eine Alternative zu Markions *Neuem Testament zu schaffen und der eigenen Sammlung eine Autorisierung und ein größeres Gewicht zu verleihen, auf der anderen Seite, der paulinischen Briefsammlung dadurch im kanoni‐ schen Milieu Akzeptanz zu verschaffen, indem sie ihre Bedeutung innerhalb des kanonischen erweiterten Sammlungskontextes reduzierte. Die Skepsis im zweiten Jahrhundert gegenüber einer paulinischen Briefsammlung, gerade im kanonischen Milieu, war genährt aus ihrer Vorgängerin, der vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung, die Markion von Sinope zugeschrieben wurde. Da die Auseinandersetzungen um seine Position in den sechziger und siebziger Jahren des zweiten Jahrhunderts zunahmen, bemühten sich seine Gegner, die in §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 671 <?page no="672"?> der *10-Briefe-Sammlung gelehrte, allen anderen Aposteln gegenüber heraus‐ ragende Autorität des Paulus, dessen asketisches Profil und seine Insistenz auf der Neuheit der christlichen Thora, die in Antithese zur jüdischen Thora stand, zu mindern. Außerdem sollten die mit dem vorkanonischen *Neuen Testament konkurrierenden und durch Markions „Antithesen“ kritisierten Schriften im Ansehen gehoben werden. Beidem diente die zweite kanonische Redaktion. Sie ging diese Aufgaben auf zweierlei Weise an: 1. Durch den Einschub bzw. die Aufnahme der Apostelgeschichte mit den Ka‐ tholischen Briefen (der spätere Praxapostolos). Diese bildeten die leitende Erzählung mit der Nachordnung des Paulus, der mit seiner Briefsammlung hinter den Briefen der drei Säulen Jerusalems, des Jakobus, Petrus und Johannes mit ihren Briefen zu stehen kam. 2. Durch die Bearbeitung und Erweiterung der km 10-Briefe-Sammlung. Die Briefe erhielten an vielen Stellen, insbesondere in den Eröffnungen und in den Grußsequenzen am Ende Mehrtext, die Sammlung wurde überhaupt durch die Hinzunahme von den drei Pastoralbriefen und schließlich dem Hebräerbrief ergänzt. Diente die Aufnahme der Apostelgeschichte und der Katholischen Briefe der Aufwertung der zwölf Apostel, insbesondere der drei Säulen, und damit der Herabstufung des Paulus, half die Hinzufügung der Pastoralbriefe der antiaske‐ tischen Tendenz. Der Hebräerbrief verdeutlichte, dass das Christentum tief in die Geschichte der jüdischen Tradition eingeschrieben ist und aus dieser heraus lebt, wie es Hebr 1,1-2 bereits antimarkionitisch formuliert: „Vielmals und auf vielerlei Weise hatte Gott von alters her zu den Vätern gesprochen durch die Propheten. 2 Am Ende dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben des Alls eingesetzt, durch den er auch die Welt erschaffen hat.“ In vierfacher Weise widersprechen diese Verse der aus *Paulus abgeleiteten Vorstellung Markions: Dass Gott durch die Väter und Propheten gesprochen habe, hatte Markion bestritten, ebenso, dass der, der durch Väter und Propheten gesprochen hat, derselbe Gott sei, der durch seinen Sohn sprach, dann auch, dass der Sohn zum Erben des Alls eingesetzt sei und schließlich, dass dieser Gott die Welt geschaffen habe. Die Mehrtexte zusammen mit der durchgehenden Bearbeitung aller Texte stellten sicher, dass die 13/ 14-Briefe-Sammlung eingepasst wurde in den grö‐ ßeren Zusammenhang, der durch die vier Evangelien, den Praxapostolos und 672 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="673"?> 115 H.W. Hoehner, Ephesians. An Exegetical Commentary (2002), 1. 116 PolPhil 12,1. 117 Vgl. die verschiedenen Stellen, die verzeichnet sind bei J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 58. die Apokalypse vorgegeben wurde. Folglich sollten die Paulusbriefe im Licht dieser anderen Texte gelesen und verstanden werden. Nun lassen sich durch die Zeugen und Beobachtungen auch Datierungen in die Genese einbringen. Während die vorkanonische *10-Briefe-Sammlung des Markion um 138 anzusetzen ist, der bereits zwei Vorlagensammlungen vorausgehen, die noch nicht datierbar sind, wird die km 10-Briefe-Sammlung zwischen 138 und 144 hergestellt worden sein, denn Markion blickt bereits kritisch auf sie in seinem Vorwort zurück, das er seinem *Neuen Testament voranstellt. Diese Datierung wird durch die Zeugen gestützt, die vor Justin und Irenäus geschrieben haben und diese km 10-Briefe-Sammlung zu kennen scheinen. Die zweite kanonische Redaktion scheint dem Philipperbrief des Polykarp zufolge in den späten sechziger Jahren entstanden zu sein, zeitgleich etwa mit Justin, gewiss vor Irenäus und damit vor dem Jahr 177. Zunächst als 13-Briefe-Sammlung in den sechziger Jahren angelegt, wurde sie bald danach ergänzt mit dem Hebräerbrief, der bereits bei Irenäus mit in die Sammlung gerechnet wird. Die 13-Briefe-Sammlung stellt den bilingualen Archetyp dieser kanonischen Sammlung dar, aus der sich die Handschriftenfamilie der Bilin‐ guen entwickelt, die allerdings noch vielfach Affinitäten zur vorkanonischen *10-Briefe-Sammlung des Markion bietet. c. Zur Überlieferung der Deuteropaulinen (*Laod/ Eph, *Kol/ Kol, *2Thess/ 2Thess) und zur Vorgeschichte der *10-Briefe-Sammlung 1. *Kol/ Kol---*Laod/ Eph Der Epheserbrief, der in der *10-Briefe-Sammlung als Laodizeerbrief läuft, gilt als „eines der einflussreichsten Dokumente in der christlichen Kirche“ 115 und wird von Poykarp in seinem Brief an die Philipper zu den „Schriften“ gerechnet. 116 Tertullian und Epiphanius sprechen, wie in der Rekonstruktion vermerkt, ausdrücklich von den verschiedenen Adressaten (Laodizeer, Epheser) in der *10-Briefebzw. der 14-Briefe-Sammlung, doch, was die Autorschaft betrifft, waren sie, wie überhaupt die frühe Christenheit, einer Meinung, dass es sich um einen genuinen Brief des Paulus handelt. 117 §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 673 <?page no="674"?> 118 M. Barth, Ephesians 1. Introduction, Translation, and Commentary on Chapters 1-3 (1974), 4. 119 H. Hübner, An Philemon, an die Kolosser, an die Epheser (1997), 17. 120 Ibid. 9. 121 M. Barth, Ephesians 1. Introduction, Translation, and Commentary on Chapters 1-3 (1974), 22. 122 Vgl. zu den Positionen mit Literatur J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 58. 123 M. Harding, Disputed and Undisputed Letters of Paul (2004), 156. 124 Vgl. die Beispiele bei J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 136. 125 A. Standhartinger, Studien zur Entstehungsgeschichte und Intention des Kolosserbriefs (1999), 91. Nach Sprache und Stil allerdings erwecke der Epheserbrief den Eindruck, er sei „in der nachapostolischen Zeit geschrieben worden“, weil „unter den 80 Begriffen, die in keinem anderen Paulusbrief zu finden seien“, jedoch im Epheserbrief begegneten, befänden sich „viele“, die z.T. weder in der Septuaginta noch im Neuen Testament noch in einem Text der vorchristlichen Periode zu finden seien, die jedoch bei den sogenannten Apostolischen Vätern begegnen. 118 Schließlich wird er in der neutestamentlichen Forschung als vom Kolosserbrief abhängig gesehen, „eine sozusagen editio secunda des Kol“, meint H. Hübner, 119 zumal es unmittelbare literarische Parallelen zwischen beiden Briefen gibt. Der Kolosserbrief wiederum wurde in die Nähe des Philemonbriefes gestellt, weil „allein die in ihnen genannten Personen … zum größeren Teil identisch“ sind. 120 Dann wurde auf die vielen Parallelen (wie auch Unterschiede) zum Ersten Petrusbrief, zum Hebräerbrief und zum Johannesevangelium hingewiesen, die drei neutestamentlichen Schriften, die nach dem Kolosserbrief die „meisten substantiellen, extensiven und beeindruckendsten Parallelen“ zum Epheserbrief aufwiesen. 121 In der modernen Forschung sind die Meinungen gespalten zwischen denen, die an einer Autorschaft des Paulus festhalten, und anderen, die diesen Text für ein Deuteropaulinum halten, und weiteren, die den Brief als eine Erweiterung eines ursprünglichen Paulusbriefes durch einen Paulusschüler sehen. 122 Aller‐ dings wurde auch bemerkt, dass der Epheserbrief weniger einen Briefcharakter besitzt und sich viel eher wie „ein reflektierter, spekulativer Traktat“ liest. 123 Wie der Laodizeer-/ Epheserbrief galt auch der Kolosserbrief für die frühen christlichen Autoren als authentischer Brief des Paulus. 124 Was den Kolosserbrief betrifft, wurde festgestellt, dass er zwar „mit großer Wahrscheinlichkeit den Phlm gekannt hat, daß jedoch eine literarische Ab‐ hängigkeit von einem bestimmten anderen erhaltenen Paulusbrief … nicht nachgewiesen werden konnte.“ 125 Das hat Auswirkungen für die Frage nach 674 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="675"?> 126 Ibid. 127 Ibid. 128 G. Röhser, Der Schluss als Schlüssel: Zu den Epistolaria des Kolosserbriefes (2009), 132. 129 Ibid. 133. 130 Ibid. 134. 131 T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 67. 132 G. Röhser, Der Schluss als Schlüssel: Zu den Epistolaria des Kolosserbriefes (2009), 135. 133 Ibid. 134 Ibid. 135-136. der Autorschaft und der Beziehung zu den anderen paulinischen Briefen. „Seit Beginn der Kolosserbriefforschung gilt, daß die Verf. des Kol eine Reihe von Formulierungen aufnehmen, die auch in den Paulusbriefen zu belegen sind,“ 126 dass aber offenkundig keine direkte literarische Abhängigkeit nachzuweisen ist. A. Standhartinger postulierte eine mündliche paulinische Tradition, die Einfluss auf die Formulierung von Kol als Pseudepigraph genommen habe. 127 G. Röhser entwickelte ein anderes Szenario, um die „möglicherweise fiktive Gesamtsituation“ zu erklären, „die der Verfasser des Kol entwirft, bzw. um das Bild von den realen Abläufen und Umständen, das sich aus einer Zusammen‐ schau der Epistolaria von Kol und Phlm ergibt“, aufzuzeigen. 128 Entscheidend ist, dass in Kol Onesimus „nicht mehr - wie im zuvor verfassten Phlm - als Sklave des Philemon, sondern - dem dortigen Wunsche des Paulus entsprechend (Phlm 13.21) - als geschätzter Mitarbeiter des Apostels mit umfassendem Informationsauftrag (Kol 4,9)“ erscheint. 129 Röhser liest die „intendierte Selbigkeit der Haftsituation mit dem Philipper- und dem Philemonbrief “ als „Hinweise auf eine Situation gegen Ende des Lebens von Paulus und auf die begonnene oder beginnende Formierung einer ‚Paulusschule‘“. 130 In diese setzt er dann die Entstehung sowohl von Kol wie Eph, bei denen es sich aufgrund der „Übereinstimmungen“, insbesondere „zwischen Kol 4,7-8 und Eph 6,21-22 sowie der in beiden Briefen aufgezeigten Gefangenschaftssi‐ tuation“, 131 „um die mündlich gezielt abgesprochene oder literarisch gezielt hergestellte Einzeichnung der beiden Briefe in denselben Entstehungszusam‐ menhang handelt“. 132 Sollte es sich um eine mündliche Tradition handeln, meint Röhser, müsse man mit der Entstehung von Kol und Eph „in engem zeitlichen Zusammenhang rechnen“, 133 wobei Eph ursprünglich der in Kol 4,16 genannte Laodizeerbrief sei. 134 Was Flemming als „Entstehungshintergrund“ aufführt, qualifiziert Röhser allerdings ausdrücklich nicht als Darstellung von „tatsächlichen Relationen der §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 675 <?page no="676"?> 135 T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 67; G. Röhser, Der Schluss als Schlüssel: Zu den Epistolaria des Kolosserbriefes (2009), 136. 136 G. Röhser, Der Schluss als Schlüssel: Zu den Epistolaria des Kolosserbriefes (2009), 142. 137 Ibid. 143. 138 Ibid. 144. 139 Eine nähere Identifikation des oder der Verfasser schließt er aus, damit sieht er auch Kol 4,7-8 nicht als Hinweis auf einen Verfasser, etwa Tychikus, ibid. 145. 147, gegen O. Leppä, The Making of Colossians. A Study on the Formation and Purpose of a Deutero-Pauline Letter (2003), 263-264. 140 G. Röhser, Der Schluss als Schlüssel: Zu den Epistolaria des Kolosserbriefes (2009), 147. 141 Vgl. Ibid. 148. 142 Vgl. Euseb. Caes., Hist. eccl. I 13,3; M. Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2. Jahrhundert (2019), 84-85; J. Corke-Webster, A Man for the Times: Jesus and the Abgar Correspondence in Eusebius of Caesarea’s Ecclesiastical History (2017). Paulusmitarbeiter“, sondern als literarische Produkte, wie sie der „implizite“ Verfasser „erscheinen“ lässt. 135 Nach einer Durchsicht der „Darstellung der Paulusmitarbeiter in ihren Rela‐ tionen“ kommt Röhser zum Schluss, dass diese „sich als Antwort des Verfassers auf eine nachpaulinische Situation gut verständlich machen“ lässt. 136 Es geht in ihr um die Form der „pseudepistolographischen Fiktion des Kol“, die „am noch lebenden Paulus festgemacht“ wird, wie umgekehrt um „die aktuelle Sprechsituation des Kol“, die in einer „fiktiven verankert und begründet“ wird. 137 Die Autorfiktion, meint Röhser, lasse sich wegen der Vielfalt pseudepigraphi‐ scher Phänomene in der Antike nur induktiv angehen, also vom vorliegenden Text aus. 138 Er verortet die Verfasser im Kreis „der Missionare um bzw. nach Paulus“, der „eine Fiktion zu schaffen und aufrecht zu erhalten sucht, die in der Regel nur von ihresgleichen durchschaut werden kann und soll“. 139 Eine der Voraussetzungen hierfür sei „die Realexistenz der im Kol genannten Personen“, 140 und eine möglichst große Nähe zwischen fiktiver und tatsächlicher Abfassungszeit. 141 Gegen diese beiden Argumente gibt es jedoch gerade aus der Pseudepigraphie gewichtige Gegenbeispiele. Man braucht nur an den Briefwechsel zwischen Jesus und Abgar zu denken, der nicht vor Eusebius auftaucht und wohl auch nicht älter ist. 142 Wenn Kol folglich in großer Nähe zur Abfassung von Eph steht, Zeit und Ort jedoch offen sind, weil es sich bei beiden Schreiben um Entwürfe literarischer Fiktionen handelt, wie stehen diese zueinander und zu den anderen Paulusbriefen? Flemming schlägt vor, dass der in Kol 4,16 genannte „Laodicenerbrief “ am ehesten der *Laodizeerbrief der *10-Briefe-Sammlung sei. 143 Beide Briefe 676 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="677"?> 143 T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 71-87. 144 Ibid. 82. 84. 145 Ibid. 84-85. Flemming verweist auf Glaser, der die fiktionale Narrativität der Pastoral‐ briefe herausgestellt hat, T. Glaser, Paulus als Briefroman erzählt. Studien zum antiken Briefroman und seiner christlichen Rezeption in den Pastoralbriefen (2009). seien möglicherweise „von einem Autor … in gegenseitiger Kenntnis verfasst“, und zwar als „Zwillingsfälschung“, sinnvollerweise „bei der Herausgabe einer Paulusbriefsammlung“. 144 Er rückt beide Briefe in die Nähe der Pastoralbriefe, die ebenfalls „eine Geschichte von Paulus“ erzählen, „die durch ein aufmerksames ‚kanonisches‘ Lesen eruiert werden kann“. 145 Allerdings haben wir im voranstehenden Unterabschnitt a. gesehen, dass die Pastoralbriefe vermutlich erst zusammen mit dem Hebräerbrief in der zweiten kanonischen Redaktion zur Sammlung hinzugekommen sind. Da Kol 4,16 in der vorkanonischen Version der Briefe nicht vorhanden ist und auch nicht von den vorirenäischen Zeugen erwähnt wird (wie überhaupt das gesamte Kapitel vier des Kolosserbriefes), spricht dies dafür, dass dieser Vers erst bei der zweiten kanonisch-redaktionellen Bearbeitung und Erweiterung hinzugefügt wurde, zu einem Zeitpunkt also, als der Laodizeerbrief zum Epheserbrief wurde. Dieser Vers bietet dann aber auch einen Hinweis darauf, dass die zweite kanonische Redaktion die km 10-Briefe-Sammlung zu der größeren Sammlung mit dem Praxapostolos und den vier kanonischen Evangelien (Mt, Mk, Lk, Joh) hinzugestellt hat. Denn Kol 4,16 steht in einem größeren Zusammenhang - er fehlt vorkanonisch und er wird von den Zeugen vor Justin und Irenäus auch nicht erwähnt. Der Vers steht in folgender Passage: „7 Tychikus, der geliebte Bruder und treue Diener und Mitknecht im Herrn, wird euch alles kundtun, was mich betrifft. 8 Ich habe ihn eben darum zu euch gesandt, damit ihr erfahrt, wie es um uns steht, und er eure Herzen tröste. 9 Mit ihm kommt Onesimus, der treue und geliebte Bruder, der einer der euren ist. Sie werden euch alles berichten, was hier vorgeht. 10 Es grüßt euch Aristarchus, mein Mitgefangener, und Markus, der Vetter des Barnabas, über den ihr Weisungen erhalten habt; wenn er zu euch kommt, nehmt ihn auf. 11 Und Jesus, der Justus genannt wird. Diese allein sind aus der Beschneidung meine Mitarbeiter am Reich Gottes, die mir ein Trost geworden sind. 12 Es grüßt euch Epaphras, der einer der euren ist, ein Knecht Christi Jesu, der allezeit in den Gebeten für euch ringt, dass ihr vollkommen und zur Fülle gebracht, in allem Willen Gottes steht. 13 Denn ich bezeuge ihm, dass er viel Mühe hat um euch und um die in Laodizea und in Hierapolis. 14 Es grüßt euch Lukas, der geliebte Arzt, und Demas. 15 Grüßt die Brüder in Laodizea und Nymphas und die Gemeinde in seinem Haus. 16 Und wenn der Brief bei euch gelesen ist, so sorgt dafür, dass er auch §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 677 <?page no="678"?> in der Gemeinde der Laodizeer gelesen wird, und dass ihr auch den aus Laodizea lest. 17 Und sagt Archippus: Sieh auf den Dienst, den du im Herrn empfangen hast, dass du ihn erfüllst. 18 Der Gruß mit meiner, des Paulus, Hand. Gedenkt meiner Fesseln! Die Gnade sei mit euch.“ (Kol 4,7-18) Tychikus ist uns schon verschiedentlich begegnet. Er ist nach dem Epheserbrief der einzige Gewährsmann des Paulus (Eph 6,21), er gilt auch in Kol hier als geliebter Bruder und treuer „Diener und Mitknecht“ und bietet auch hier als Gesandter des Paulus die Stütze für die Wahrheit der Botschaft - eine literarische Selbstautorisierung. Dass gleich anfangs auch Onesimus eingeführt wird, verknüpft den Kolos‐ serbrief und den Epheserbrief mit dem Philemonbrief (Phlm 1,10), außerdem verbindet das Thema der Gefangenschaft des Paulus diesen Brief mit ihm (und dem Philipperbrief). Kol verortet Onesimus in Kolossä. Wie oben zu diesen beiden Namen ausgeführt wurde, scheint es, dass die kanonische Redaktion, und zwar, wie wir jetzt annehmen dürfen, die zweite derselben, die einander verknüpfenden Namen und Knotenpunktinformationen in den Kolosserbrief eingefügt hat (mit den entsprechenden Erweiterungen des Phlm), um diese Verbindung zu ermöglichen. Die nächsten Verse des Zitierten geben weitere Aufschlüsse zur zweiten kanonischen Redaktion, auch wenn sie in pseudepigraphisch verklausulierter Form geschrieben sind, um die Paulusfiktion aufrecht zu erhalten. Mit Aristarch wird erneut die Verbindung zu Phlm (Phlm 1,24) hergestellt, auch zu Markus, der an dieser Phlm-Stelle noch vor Aristarch erwähnt wird. Dass Markus der Vetter des Barnabas sein soll, setzt Markus in unmittelbare Nähe zu dem engen Mitarbeiter des Paulus und damit zu Paulus selbst. Dass über Barnabas hinaus auch noch Timotheus mit zur Partie gehört, wissen nur die Apostelgeschichte und der Zweite Timotheusbrief (2Tim 4,11), wo Markus Mitarbeiter des Timo‐ theus ist, der ihn zu Paulus mitnehmen soll. Nach 1Petr 5,13 gilt er dann als Mitarbeiter des Petrus. Auch diese Namen verweisen auf die zweite kanonische Redaktion. Die Zusatzangabe, wonach die Adressaten schon Anweisungen erhalten haben, Markus (? ) aufzunehmen (Kol 4,10), bietet uns eine weitere Informa‐ tion, auch wenn sie nicht sofort einsehbar ist. Denn diese Angabe hat keine Korrespondenz in irgendeinem Paulusbrief und bringt darum diejenigen, die 678 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="679"?> 146 So A. Lindemann, Der Kolosserbrief (1983), 73. Lindemann spekuliert an dieser Stelle auch darüber, ob die Aussagen sich nicht auf Markus, sondern auf Barnabas beziehen sollen, schließt dann aber: „Sprachlich wäre dies möglich, aber doch wohl weniger wahrscheinlich“. 147 J. Gnilka, Der Kolosserbrief (1980), 238. diese „dunklen Aussagen“ 146 nicht in ihrer literarischen Kompositionsfunktion, sondern als Historie lesen, zum Grübeln: „Es sind Aufträge, Anweisungen - in mündlicher oder schriftlicher Form - ergangen. Aber von wem und welchen Inhalts? Aus der Luft gegriffen ist die Meinung, Markus sei mit der Organisation der Gemeinde beauftragt. Am besten sieht man den Inhalt kurz wiedergegeben, die Aufnahme des Gesendeten. Der Übergang in die oratio recta könnte dies nahelegen. Dann handelte es sich um Empfehlungen oder Empfehlungs‐ briefe, wie sie in der frühesten Christenheit verbreitet waren (Apg 18,27; 2 Kor 3,1).“ 147 Der hier erwähnte Markus, den sie aufnehmen sollen, wenn er zu ihnen kommt, gilt der kanonischen Redaktion zufolge als Verfasser des Markusevangeliums, der seit Papias von Hierapolis als Dolmetscher und Mitarbeiter des Petrus angesprochen wird. Hier jedoch wird er zunächst in die Nähe des Paulus gerückt. Wer von der Priorität der *10-Briefe-Sammlung und auch von *Ev ausgeht, dem erschließt sich die möglicherweise dahinter liegende Geschichte. Im Zuge der ersten kanonischen Redaktion wird *Ev überarbeitet zu den Evangelien, die später kanonisch werden. Wie wir sahen, fügt erst die zweite kanonische Redaktion Kol 4,1-18 in den Kolosserbrief ein, um u. a. Markus und Lukas herauszustellen. Dass erst um die Aufnahme des Markus geworben wird (Kol 4,10), deutet an, dass weder Markus noch das angeblich von Markus verfasste Evangelium bereits die nötige Autorität besitzt. Nachdem das vorka‐ nonische Evangelium (*Ev) und die *10-Briefe-Sammlung vor allen anderen die Autorität des Paulus herausgestellt hat, oft in Antithese zu Petrus (und Jakobus), wird durch die zweite kanonische Redaktion die Kompatibilität von Mk mit der inzwischen vorliegenden km 10-Briefe-Sammlung hergestellt. Durch diese Redaktion, bei der die Apostelgeschichte mit den Katholischen Briefen und die Pastoralbriefe (mit Hebr) dazukommen, wird sowohl die Paulusbeziehung des Markus (2Tim 4,11) wie auch die Petrusbeziehung desselben (1Petr 5,13) betont - was die vorkanonische Antithese von Paulus und Petrus unterläuft. Zugleich schwächt die Apostelgeschichte das intime Verhältnis zwischen Markus und Paulus ab (Markus begleitet Barnabas und Paulus bei der sogenannten ersten Missionsreise nur bis Perge, Apg 13,13; zwischen Barnabas und Paulus entsteht ein Konflikt, der zur Trennung der beiden führt, Apg 15,37. 39). §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 679 <?page no="680"?> 148 Vgl. Tert., Adv. Marc. IV 2,1. Dass Markus auf das Markusevangelium hin zu lesen ist, zeigt nach der Erwäh‐ nung von Justus und Epaphras diejenige des Lukas (Kol 4,11-12. 14). Denn Lukas gilt der kanonischen Redaktion als der Verfasser des Lukasevangeliums - gerade jenes Evangeliums, das nach Angaben der Häresiologen von Markion benutzt, verfälscht und gekürzt worden sei. Da Mk mit der fehlenden Kindheitsgeschichte dem *Ev gleich im Anfang ähnelt und Lk die größte Nähe der vier später kanonischen Evangelien zu *Ev besitzt, leuchtet ein, warum in diesem Deuteropaulinum Paulus in die Nähe von Markus und Lukas und umgekehrt gesetzt werden. Es dient dazu, diese drei im Verbund zu lesen und, gemessen an den in der Sammlung der zweiten kanonischen Redaktion stehenden anderen Schriften, vor allem Mt, Joh, Apg mit den Katholischen Briefen als nachrangig zu betrachten. Aufgrund der Antithese, die Markion nach Tertullian zwischen Judentum und Christentum setzte, versteht man auch, warum zunächst Aristarch, Markus und Barnabas zusammen mit Jesus Justus als die einzigen Juden bezeichnet werden, die mit Paulus „für das Reich Gottes arbeiten“. Wiederum ist es der Versuch, eine markionitische Antithese aufzuheben. Als Orte werden Laodizea und Hierapolis genannt, auch, dass der Kolosserbrief in Laodizea und der Laodizeerbrief in Kolossä gelesen werden sollen (Kol 4,13. 16). Es geht folglich nicht nur um die Anweisung, Menschen aufzunehmen, sondern (auch) darum, deren vermeintliche literarische Produkte zu akzeptieren. Dass nur die zwei Evangelien von Apostelschülern der Autorisierung bedürfen, ergibt sich daraus, dass in der ersten kanonischen Redaktion die vier Evangelien mit den vier Namen Matthäus und Johannes, Markus und Lukas ausgestattet wurden. Hierbei wurden den beiden Evangelien, die am weitesten von *Ev entfernt sind, die Namen von Aposteln zugeschrieben, den beiden, die *Ev stärker als diese beiden ähneln, lediglich solche von Apostelschülern. Dass diese Zuschreibung bei der ersten kanonischen Redaktion erfolgte, ergibt sich daraus, dass Markions Antithesen bereits eine Kritik an dieser Zuschreibung formulieren, wenn wir Tertullian diesbezüglich vertrauen dürfen. 148 Gleichwohl wollte die kanonische Redaktion auch Mk und Lk, die zusammen mit Mt und Joh von Markion im Vorwort zu seinem *Neuen Testament kritisiert wurden, nicht dieser Kritik preisgeben. Sie ergänzte folglich in der zweiten kanonischen Redaktion den Kolosserbrief mit einem vierten Kapitel, um so auch diese Evangelien der Leserschaft zu empfehlen, allerdings, wie die Namen an‐ zeigen und der ersten kanonischen Redaktion folgend, mit weniger Nachdruck. Liest man diese Passage aus Kol, wie hier vorgeschlagen, lässt sich in ihr eine Durchsetzungsstrategie erkennen. Die zweite kanonische Redaktion hat 680 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="681"?> gegenüber dem *Neuen Testament Markions ihre konkurrierende Sammlung in den Gemeinden als Referenzlektüre verortet. Wie die Liste der Zeugen im voranstehenden Unterpunkt a. belegt, hatte bereits die erste kanonische Redaktion diesen Weg eingeschlagen, wenn auch nur mit bedingtem Erfolg, vielleicht dadurch, dass sie Markions *Neuem Testament keine (überlegene) kompakte Sammlung, sondern nur eine Briefsammlung ( km 10-Briefe-Sammlung) und die Evangelien als Einzelschriften entgegengesetzt hatte. Erst durch die zweite kanonische Redaktion und dem propagandistischen antihäretischen Werk des Irenäus war es offenkundig gelungen, der größeren Sammlung zum Durchbruch zu verhelfen. Doch auch dies geschah nicht über Nacht. Denn kein Autor des zweiten Jahrhunderts und beginnenden dritten Jahrhunderts nannte jemals die kanonische Sammlung „Neues Testament“. Zugleich zeigen die Zeugen vor Polykarp und Irenäus mit ihrem Ver‐ schweigen der Schriften der ersten kanonischen Redaktion, dass diese die Au‐ torität dieser Schriften noch nicht in dem gewünschten Maße hatte durchsetzen können. Zwar klingt die km 10-Briefe-Sammlung in diesen Zeugen an, doch zu sehr scheint das *Neue Testament des Markion die konkurrierenden Schriften überschattet zu haben und vielleicht überhaupt als grundsätzlich problematisch erscheinen lassen. Dies lässt sich vielleicht aus der Nähe und dem gegenseitigen Austausch erklären, der zwischen den beiden Milieus existierte und im Laufe der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts immer stärker in Frage gestellt wurde. Im Zuge der Verhärtung der Fronten entstand offenkundig das Bedürfnis nach der weitergehenden kanonisch-redaktionellen Anstrengung der zweiten kanonischen Redaktion zur Verdrängung der vorkanonischen Sammlung. Diese scheint zur Zeit des älteren Polykarp begonnen und im Umkreis des Irenäus zum Abschluss gekommen zu sein. Irenäus ist dann auch der erste Zeuge für eine 14-Briefe-Sammlung des Paulus und für eine Sammlung, die zusätzlich die vier Evangelien, die Apostelgeschichte mit den Katholischen Briefen wie auch die Apokalypse des Johannes umfasste. Dass wir trotz der zwei kanonischen Redaktionen von einem kanonischen Milieu und, wenn wir keinen Anhalt für eine Differenzierung haben, von einer kanonischen Redaktion sprechen können, hängt mit der durchgehenden kano‐ nischen Theologie zusammen. Es ist ein weiteres anzugehendes Forschungsfeld, lexikalisch und semantisch noch stärker zwischen erster und zweiter Redaktion zu differenzieren. Grundsätzlich wird man mit einer solchen Differenzierung rechnen dürfen, da zwischen der ersten und zweiten kanonischen Redaktion mindestens eine Gelehrtengeneration liegt. Die Unterschiede werden nicht geringer ausfallen als diejenigen zwischen der 3-Briefe-Sammlung und der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius. §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 681 <?page no="682"?> Nun begegnen sowohl in Eph wie in Kol christliche Haustafeln (Eph 5,22-6,9; Kol 3,18-4,1). Sie besitzen kein Äquivalent in einem der sieben pauli‐ nischen Briefe, dagegen klingen sie insbesondere in 1Petr 2,18-3,7 und in der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius (IgnPol) an. *Laod 5,22. 25. 28-31; 6,1-2. 4 Eph 5,21-6,9 Kol 3,18-4,1 Weitere Paral‐ lelen - 5,21-Ordnet euch ein‐ ander unter in der Furcht Christi: - Sodann, ihr Jün‐ geren: Ordnet euch den Ältesten unter! Alle aber begegnet einander in Demut! (1Petr 5,5) 5,22-Ihr Frauen, ordnet Euch den Männern unter; 23-denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. 22 Die Frauen ihren eigenen Männern als dem Herrn, 23 denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist, er, Retter seines Leibes. 3,18 Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. - So haben sich einst auch die hei‐ ligen Frauen ge‐ schmückt, die ihre Hoffnung auf Gott setzten: Sie ordneten sich ihren Männern unter. (1Petr 3,5) - 24 Wie nun die Kirche sich Christus unter‐ ordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern unterordnen in allem. - - 25- Wie auch Christus die Kirche geliebt hat, 25 Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt hat und sich selbst für sie hinge‐ geben hat, - - - 26 um sie zu hei‐ ligen, nachdem er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort; 27 damit er die Kirche sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen hat, son‐ dern dass sie heilig und untadelig sei. - - 682 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="683"?> *Laod 5,22. 25. 28-31; 6,1-2. 4 Eph 5,21-6,9 Kol 3,18-4,1 Weitere Paral‐ lelen 28-lieben auch die Männer ihre Frauen. Wer seine Frau liebt, liebt sein eigenes Fleisch. 28-So sollen auch die Männer ihre Frauen lieben wie ihre ei‐ genen Leiber. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. 19-Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht bitter gegen sie. Ebenso sollt ihr Männer im Um‐ gang mit den Frauen rücksichts‐ voll sein, denn sie sind der schwä‐ chere Teil; ehrt sie, denn auch sie sind Erben der Gnade des Lebens (1Petr 3,7) 29-Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch Christus die Kirche. 29-Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch Christus die Kirche. - - 30-Denn wir sind Glieder seines Leibes, aus seinem Fleisch und aus seinen Knochen, 30-Denn wir sind Glieder seines Leibes. - - 31-statt dass der Mann Vater und Mutter verlassen und sich binden wird, und die zwei ein Fleisch sein werden. 32-Dies ist ein tiefes Ge‐ heimnis; ich deute es auf Christus und die Kirche. 31-Deshalb wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter ver‐ lassen und seiner Frau anhängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. 32 Dieses Geheimnis ist groß; ich aber deute es auf Christus und die Kirche. - - - 33-Doch auch ihr-- -jeder von euch liebe seine Frau so wie sich selbst, die Frau aber ehre den Mann. - - 6,1-Ihr Kinder, ge‐ horcht euren El‐ tern, denn das ist recht! 2-Ehre deinen Vater und deine Mutter. 6,1-Ihr Kinder, ge‐ horcht euren Eltern im Herrn, denn das ist recht. 2 Ehre deinen Vater und deine Mutter---das ist das 20-Ihr Kinder, ge‐ horcht euren El‐ tern in allem, denn das ist wohlge‐ fällig im Herrn. - ------ §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 683 <?page no="684"?> *Laod 5,22. 25. 28-31; 6,1-2. 4 Eph 5,21-6,9 Kol 3,18-4,1 Weitere Paral‐ lelen -4-Und ihr Väter, erzieht die Kinder in der Zucht und Ermahnung des Herrn! erste Gebot mit Ver‐ heißung -, 3 damit es dir wohl ergehe und du lange lebst auf der Erde. 4 Und ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, son‐ dern zieht sie auf in der Zucht und Ermahnung des Herrn. -----21-Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht, damit sie nicht mutlos werden. - -- - 5-Ihr Sklaven, ge‐ horcht euren irdi‐ schen Herren mit Furcht und Zittern, in Einfalt eures Her‐ zens, als dem Christus; 6 nicht mit Augendie‐ nerei, als Menschen‐ gefällige, sondern als Sklaven Christi, die den Willen Gottes von Herzen tun; 7 dient mit gutem Willen dem Herrn und nicht den Menschen, 8 da ihr wisst, dass jeder, was er Gutes tut, das‐ selbe vom Herrn emp‐ fangen wird, sei er ein Sklave oder ein Freier. 9 Und ihr Herren, tut dasselbe gegen sie und lasst das Drohen, da ihr wisst, dass auch euer Herr im Himmel ist und bei ihm kein Ansehen der Person gilt. 10 Zuletzt, seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke. 22 Ihr Sklaven, ge‐ horcht in allem euren irdischen Herren, nicht in Augendienerei als Menschengefäl‐ lige, sondern in Einfalt des Her‐ zens, den Herrn fürchtend. ----23 Alles, was ihr tut, arbeitet von Herzen, als für den Herrn und nicht für Menschen, 24 da ihr wisst, dass ihr vom Herrn das Erbe als Lohn emp‐ fangen werdet. Ihr dient dem Herrn Christus. 25 Denn der Unrecht tut, wird empfangen, was er Unrechtes getan hat, und da gibt es kein An‐ sehen der Person. 4,1-Ihr Herren, ge‐ währt euren Sklaven das, was recht und gerecht ist, da ihr wisst, dass auch ihr einen Herrn im Himmel habt. - 684 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="685"?> Es brauchen hier nicht die Einzelbeobachtungen wiederholt zu werden, die in der Rekonstruktion anlässlich von Kol 3,18-4,1 vorgeführt werden und wo sich zeigt, dass Eph wie Kol auf *Laod zurückgreifen, wenn sie diese Vorlage teilweise auch eigenständig fortentwickeln. Man könnte sogar daran denken, dass in Kol 3,18-21 die Vorlage für *Laod zu finden ist, da sie die Themen in derselben Reihenfolge jeweils kurz anreißt wie dort. Dagegen spricht allerdings, dass die Passage Kol 3,18-21 gerade keine Parallele in *Kol besitzt. Sie scheint nur ein Summarium dessen zu sein, was in *Laod ausgeführt ist. An Kol 3,22-4,1 ist dann abzulesen, dass im Ergebnis Kol und Eph parallel gehen, ohne an dieser Stelle eine Vorlage in *Laod zu besitzen. Dies spricht dafür, dass ein direktes Verhältnis auch zwischen Kol und Eph besteht. Wichtig ist, dass da, wo es eine Vorlage, *Laod, gibt, Kol ebenfalls Text besitzt; ja sogar 1Petr folgt diesem Muster insoweit, als die parallelen Passagen bis auf den Beginn solche sind, für die *Laod Text bietet. Dennoch bestätigt gerade die Eröffnungsparallele (/ / 1Petr 5,5), dass dieser Katholische Brief auf die kanonische Version von km Laod/ Eph zugreift, nicht unmittelbar oder allein auf *Laod. Auch 1Petr entwickelt den Text teilweise eigenständig fort. Umgekehrt wäre es erstaunlich, wenn Eph die Grundlage für *Laod und Kol wäre: Wie sollte man erklären, dass *Laod und Kol immer dann parallel gleich Text auslassen, der in Eph vorhanden ist: Vers 21. 24. 26-27. 33. Wenn weder Eph (wegen dieser parallelen Nichtbezeugung dieser Verse in *Laod und Kol) noch Kol (wegen des Fehlens des Textes in *Kol) die Grundlage für die vorkanonische Sammlung bieten, dann kann nur *Laod diese Grundlage bilden. Sie wurde in Eph übernommen und erweitert, in Kol (wegen des Fehlens in *Kol) summarisch übernommen. Ob Eph von Kol oder Kol von Eph in der nur ihnen parallelen Passage zu den Sklaven am Ende abhängig ist, müsste eigens untersucht werden. Doch ist auffällig, dass Kol nur im Abschnitt zu den Sklaven längere Ausführungen hat, wo es keine kurze Ausführung zu diesem Thema in *Laod gibt. Wenn man von einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung ausginge, ließe sich kaum erklären, warum ein Abbreviator diese Passage von Kol wegschneidet, da sie in *Kol fehlt, während er in *Laod gerade diejenigen Passagen bietet, die wir in Eph und Kol parallel lesen und die dann teilweise auch in 1Petr aufgegriffen werden. Dreht man die Bearbeitungsrichtung um und nimmt die Priorität der *10-Briefe-Sammlung an, dann lässt sich leicht verstehen, dass Kol und Eph den Text von *Laod aufgegriffen haben. Das Hauptinteresse lag in Kol und Eph bei der Sklavenfrage, bei Eph wie bei 1Petr auch bei dem Thema der Hierarchie. Die Parallelen in 1Petr deuten auf eine neuerliche Bearbeitung von Eph und Kol durch die zweite kanonische Redaktion hin. §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 685 <?page no="686"?> 2. *2Thess/ 2Thess Auch der Zweite Thessalonicherbrief stellt für die Paulusforschung eine Heraus‐ forderung dar, solange man von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung ausgeht. Zunächst geht es um die Spannung zwischen Erstem und Zweitem Thessa‐ lonicherbrief: In 1Thess 4,13-18 spricht Paulus von der unmittelbaren Wiederkunft Christi und ermutigt die Gläubigen, in Erwartung dieses Ereignisses zu leben. Die Kerngedanken stehen in *1Thess, ihr Inhalt wird jedoch bereits nach dem, was 2Thess formuliert, verschoben: *1Thess 4,15-17 1Thess 4,13-18 - 13 Οὐ θέλομεν δὲ ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, περὶ τῶν κοιμωμένων, ἵνα μὴ λυπῆσθε καθὼς καὶ οἱ λοιποὶ οἱ μὴ ἔχοντες ἐλπίδα. 14 εἰ γὰρ πιστεύομεν ὅτι Ἰησοῦς ἀπέθανεν καὶ ἀνέστη, οὕτως καὶ ὁ θεὸς τοὺς κοιμηθέντας διὰ τοῦ Ἰησοῦ ἄξει σὺν αὐτῷ. 15 οἱ περιλειπόμενοι εἰς τὴν παρουσίαν τοῦ Χριστοῦ, ---16 καὶ οἱ νεκροὶ ἐν Χριστῷ ἀναστήσονται πρῶτοι, 17 ἁρπαγησόμεθα ἐν νεφέλαις εἰς ὑπάντησιν τοῦ κυρίου εἰς ἀέρα. 15 τοῦτο γὰρ ὑμῖν λέγομεν ἐν λόγῳ κυρίου, ὅτι ἡμεῖς οἱ ζῶντες οἱ περιλειπόμενοι εἰς τὴν παρουσίαν τοῦ κυρίου οὐ μὴ φθάσωμεν τοὺς κοιμηθέντας· 16 ὅτι αὐτὸς ὁ κύριος ἐν κελεύσματι, ἐν φωνῇ ἀρχαγγέλου καὶ ἐν σάλπιγγι θεοῦ, καταβήσεται ἀπʼ οὐρανοῦ, καὶ οἱ νεκροὶ ἐν Χριστῷ ἀναστήσονται πρῶτον, 17 ἔπειτα ἡμεῖς οἱ ζῶντες οἱ περιλειπόμενοι ἅμα σὺν αὐτοῖς ἁρπαγησόμεθα ἐν νεφέλαις εἰς ἀπάντησιν τοῦ κυρίου εἰς ἀέρα· καὶ οὕτως πάντοτε σὺν κυρίῳ ἐσόμεθα. 18 ὥστε παρακαλεῖτε ἀλλήλους ἐν τοῖς λόγοις τούτοις. *1Thess 4,15-17 1Thess 4,13-18 - 13-Wir wollen euch aber, Brüder, nicht in Unwissenheit lassen über die, die ent‐ schlafen sind, damit ihr nicht traurig seid wie die anderen, die keine Hoffnung haben. 14 Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die Entschlafenen durch Jesus mit ihm bringen. 686 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="687"?> *1Thess 4,15-17 1Thess 4,13-18 15- Wir, die Lebenden, die übrig bleiben bis zur Ankunft Christi, -16- ---und die in Christus Entschlafenen, werden als erste auferstehen, --17 wir werden in Wolken entrückt zur Begegnung mit dem Herrn in der Luft. 15-Denn das sagen wir euch als Wort des Herrn: Wir, die Lebenden, die übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, werden den Entschlafenen keineswegs zuvorkommen. 16 Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen mit einem Ruf, mit der Stimme eines Erzengels und mit der Posaune Gottes, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen. 17 Danach werden wir, die Lebenden, die übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken, um dem Herrn in der Luft entgegenzutreten; und so werden wir immer beim Herrn sein. 18 So tröstet euch nun gegenseitig mit diesen Worten. In der vorkanonischen Version der Passage wird klar formuliert, dass die „Ankunft Christi“ stattfinden wird, während von den vom Brief Adressierten noch einige am Leben sein werden. Diese übrig Gebliebenen werden zusammen mit den bereits verstorbenen Gläubigen, „als erste auferstehen … (und) zur Begegnung mit dem Herrn“ entrückt. Auf der kanonischen Ebene wird zunächst ein Vorspann hinzugefügt, der die bereits Verstorbenen heraushebt und im Rückgriff auf den vorkanonisch nicht existierenden Vers 14 deren Schicksal erhellen will. Von ihnen wird gesagt, dass bei der Ankunft des Herrn auch diese emporgeführt würden. Diese historisierende Aussage bereitet den nächsten kanonischen Vers 15 vor, scheint aber aus dem vorkanonischen heraus entwickelt worden zu sein. Während es in Vers 15 vorkanonisch heißt, dass die Entschlafenen mit den noch übrig gebliebenen Lebenden bei Christi Ankunft auferstehen und entrückt werden, folgert die kanonische Redaktion daraus in den Versen 14-15 (Paulus unter die möglicherweise noch Lebenden eingeschlossen), dass die noch Lebenden den Verstorbenen nichts voraus haben werden - was die Sorge und Trauer von Vers 13 erklärt, so, als hätten die verstorbenen Vorfahren gegenüber den noch Lebenden bei der Parousie einen Nachteil. Die Überlegung erinnert an einen Einwand, der in 4Esra 5,41 begegnet: „Aber ich sagte: Doch siehe, Herr, Du bist bereit, (mit Segen) denen zu begegnen, die §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 687 <?page no="688"?> 149 4Esra 5,41: Et dixi: Sed ecce, Domine, tu praees his qui in fine sunt, et quid facient qui ante nos sunt aut nos aut hi, qui post nos? (eigene Übers.), Text in: A.F. Klijn, Der lateinische Text der Apokalypse des Esra (1983), 36-37. Zu vergleichen sind auch die Psalmen Salomos 18,6-7: „Der Herr reinigt Israel für den Tag, da er Erbarmen haben wird über es und er wird seinen Gesalbten zurückbringen. Gesegnet sind diejenigen, die an diesen Tagen sein werden: Denn sie werden die Güte des Herrn sehen, die er der Generation, die kommen wird, übermitteln wird“ (eigene Übers.), nach: M.E. Stone and F.M. Cross, Fourth Ezra. A Commentary on the Book of Fourth Ezra (1990), 148. Diese und weitere Anklänge sind zu finden in E. Owusu, The Fate of the Dead and the Living at the Lord’s Parousia (2021), 177-179. 150 Eher wie eine Verlegenheit („alles paßt nur ungefähr“, so Dobschütz siehe unten, er denkt darum an ein „Agraphon“) klingen Versuche, dieses Herrenwort in Mt 13,27 („Er wird die Engel aussenden und die Auserwählten sammeln aus allen vier Windrichtungen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels“) zu sehen. Die Verlegenheit zeigt sich auch in den exkursartigen Ausführungen in E. Owusu, The Fate of the Dead and the Living at the Lord’s Parousia (2021), 158-170. Solche ältere Positionen von Pelagius an und viele weitere Vorschläge werden gelistet in E.v. Dobschütz, Die Thessalonicher-Briefe (1909), 193; E. Best, A commentary on the first and second Epistles to the Thessalonians (1986), 189-190. Übrigens fällt auf, dass die kanonische Redaktion Vers 15 mit einem ausdrücklichen Verweis auf ein Herrenwort eröffnet - sie sagt damit, dass sie den von der vorkanonischen Version nicht gebotenen Text von Vers 14 als „Herrenwort“ und damit als autoritativen Text begreift. das Ende überlebt haben, aber was sollen unsere Vorfahren tun, oder wir selbst und unsere Nachkommen? “ 149 In perspektivischer Verschiebung der vorkanonischen Position, die davon ausgeht, dass die bereits Verstorbenen und die noch übrigen Lebenden gleich‐ zeitig auferstehen, was als Entrückung gedeutet wird, geht es der kanonischen Version nicht mehr primär um die Gleichzeitigkeit von Auferstehung und Entrückung von bereits Verstorbenen und noch Lebenden - auch wenn diese Vorstellung kanonisch übernommen wird unter Trennung und zeitlicher Stu‐ fung von Auferstehung der Gestorbenen und Entrückung aller - sondern darum, dass Gott auch die Verstorbenen durch Jesus zu ihm führt. Der Blick wird folglich weniger nach vorne gerichtet, sondern in die Vergangenheit, auf die Verstorbenen hin. 150 Diese Verschiebung hat eine ablenkende Bedeutung, denn in 1Thess 5,1-11 setzt die kanonische Redaktion bereits die Ermutigung des Paulus an die Gemeinde hinzu, wachsam und vorbereitet zu sein, da der Tag des Herrn unerwartet kommen wird, womit wiederum von der Unmittelbarkeit der Pa‐ 688 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="689"?> 151 Zwar klingt 1Thess 5,1-11 nach Mahnung zur Wachsamkeit, doch zugleich werden die Angesprochenen nicht als Kinder der Nacht bezeichnet (in der sie überrascht werden könnten), sondern als solche des Tages, als Söhne des Lichts, vgl. so auch A.L. Moore, The Parousia in the New Testament (1966), 110. Da Moore nur den kanonischen Text des Paulus und des NTs liest, kommt er zum Schluss, dass man zwar im NT von einer gewissen Naherwartung ausging, dass diese jedoch keine auf eine bestimmte Zeit hin angelegte war (ibid. 160). 152 So auch A. Steinmann, Briefe an die Thessalonicher und Galater (1923), 50; E.v. Dobschütz, Die Thessalonicher-Briefe (1909), 267. 153 Vgl. E.v. Dobschütz, Die Thessalonicher-Briefe (1909), 265-267, 267. 154 Vgl. Ibid. 266. rousie, die nach dem zuvor Geschriebenen in das Leben zumindest einiger der Adressaten fallen soll, deflektiert. 151 In 2Thess versucht die kanonische Redaktion noch deutlicher, der unmittel‐ baren Erwartung der Parousie entgegenzutreten. Mit der bis auf einen Vers vorkanonisch unbezeugten Stelle 2Thess 3,6-15 betont sie die Notwendigkeit, ein geordnetes und produktives Leben zu führen, anstatt in Erwartung der unmittelbaren Wiederkunft Christi in Untätigkeit zu verfallen. Es wird sogar davor gewarnt, dass einige Menschen die bevorstehende Wiederkunft Christi als Entschuldigung für Faulheit nutzen. In 2Thess 2,1-12 heißt es, dass bestimmte Ereignisse, wie das Auftreten des „Menschen der Sünde“, des „Sohns des Verderbens“ (*2Thess 2,3 / / 2Thess 2,3), vor der Wiederkunft Christi geschehen müssen. Dies kann man wie *1Thess auf eine nahe Wiederkunft Christi hin lesen, doch gegen diese Lektüre schreitet erneut die kanonische Redaktion ein und setzt verdeutli‐ chende Worte hinzu, um weder diese Stelle in 2Thess noch 1Thess im Sinn der unmittelbaren Wiederkunft Christi zu verstehen, 152 wenn es heißt: „… dass ihr nicht so schnell in eurem Verstand erschüttert oder erschreckt werdet, weder durch eine Geisterscheinung noch durch eine Rede noch durch einen Brief, wie wenn es von uns sein soll, als ob der Tag des Herrn schon gekommen wäre.“ Die Skepsis, was den vermeintlichen Brief betrifft, und die Frage, ob sich „wie wenn es von uns sein soll“ nur auf den Brief oder auch auf die beiden oder eines der beiden zuvor genannten Elemente bezieht (Geisterscheinung, Rede), ist im Laufe der Geschichte vielfach diskutiert worden, doch Dobschütz hat gute Argumente vorgebracht, die es wahrscheinlich machen, dass alle drei Elemente gemeint sind. 153 Er hat auch richtig bemerkt, dass der Nebensatz „nicht von vornherein die paulinische Herkunft solcher Äußerungen“ negiert, nur dass Paulus sagen will: „seine Autorität soll in keiner Weise dazu mißbraucht werden, so verkehrte Anschauungen zu decken“. 154 §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 689 <?page no="690"?> Die Abwehr einer unmittelbar bevorstehend gedachten Parousie entspricht auch sonst dem kanonischen Paulus. So liest man etwa in Röm 3,4 von der Rechtfertigung, die in eine unbestimmte Zukunft gesetzt wird („Auf keinen Fall! Gott sei wahrhaftig, auch wenn jeder Mensch ein Lügner ist; wie geschrieben steht: Damit du gerechtfertigt wirst in deinen Worten und obsiegst, wenn man mit dir rechten wird“), ebenfalls von der Auferstehung in Röm 6,5. 8 („5 Denn wenn wir mit ihm verbunden worden sind in der Ähnlichkeit seines Todes, so werden wir ihm auch in der Ähnlichkeit seiner Auferstehung sein; 8 Sind wir aber mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden“). In Eph 2,4-6 wird die in *1/ *2Thess vertretene unmittelbar erwartete Parousie, die Auferweckung von den Toten und die Entrückung, als vergangenes Ge‐ schehen umgedeutet, dem ein weiteres, künftiges in Aussicht gestellt wird: „4 Aber Gott, der reich ist an Barmherzigkeit, hat uns geliebt, und obwohl wir tot waren in unseren Übertretungen, hat er uns mit Christus lebendig gemacht — aus Gnade seid ihr gerettet! 5 und hat uns mit ihm auferweckt und mit ihm in den himmlischen Regionen gesetzt in Christus Jesus, 6 um in den kommenden Zeitaltern den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade zu zeigen durch seine Güte gegenüber uns in Christus Jesus.“ (Eph 2,4-6) Hierzu ist zu vergleichen, dass in Joh 5,24 ebenfalls gesagt wird, dass man „den Tod schon hinter sich gelassen und das unvergängliche Leben erreicht“ habe. Der Unterschied zwischen einem vorkanonisch geglaubten nahen Ende der Zeit und einem kanonischen Einräumen einer noch unbestimmten Zukunft begegnet man auch in anderen Texten. In *Ev 12,45-48 (/ / Lk 12,45-48; Mt 24,48-50) wird gegen die Position, dass der „Herr noch lange nicht kommt“, gelehrt, dass der „Herr an einem Tag kommen wird, an dem er nicht erwartet wird“ (*Ev 12,45-46). Diese vorkanonische Position hat sich im Sinne eines absehbaren Endes auch in Mk 13,30 eingeschrieben: „Amen, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht.“ Die Gegen‐ position findet sich in Mt 24,14: „Aber dieses Evangelium vom Reich wird in der ganzen Welt verkündet werden, allen Völkern zum Zeugnis. Und dann wird das Ende kommen.“ *Paulus formuliert, dass die „Zeit kurz ist“ (*1Kor 7,29), während die kanonische Redaktion eine Dehnung der Zeit hinzufügt: „In der Zukunft soll …, denn die Gestalt dieser Welt vergeht“ (1Kor 7,29. 31). Auf eine unbestimmte Zeit verlegt der kanonische Paulus diese Parousie in 1Tim 6,14-15: „14 Bewahre den Auftrag makellos und untadelig bis zum Erscheinen unseres Herrn Jesus Christus, 15 das zur rechten Zeit herbeiführen 690 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="691"?> 155 E. Grässer, Das Problem der Parusieverzögerung in den synoptischen Evangelien und in der Apostelgeschichte (2020), 214. wird der selige und alleinige Herrscher.“ Noch drastischer thematisiert 2Petr 3,3-4 das Thema, indem die Infragestellung der Parousieverzögerung in den Mund von Spöttern gelegt wird und ihnen gegenüber erklärt wird, dass der Herr die Zeit anders misst als die Menschen, was eine Verschiebung hin zu einer ferneren Erwartung darstellt. Eine theologische Erläuterung bietet dann derselbe Brief, 2Petr 3,8-9, wonach der Herr nicht langsam ist, sein Versprechen zu erfüllen, sondern geduldig mit den Menschen umgeht, um diesen Zeit zur Umkehr zu geben. Ähnlich werden die Adressierten in 1Joh 2,28 ermahnt, in Christus zu bleiben, damit sie bei seiner Erscheinung zuversichtlich sein können. Die Betonung liegt mehr auf der Vorbereitung durch ein rechtschaffenes Leben als auf einer unmittelbaren Erwartung. Passend zu den hier aufgeführten Katholischen Briefen ist der Befund der Apostelgeschichte. Wie festgestellt wurde, denkt ihr Verfasser „in langen Zeiträumen“ (etwa Apg 26,29), und er ist „nicht durch die Naherwartung“ motiviert. 155 Es wird deutlich, dass auf vorkanonischer Ebene die Parousie als eine nah bevorstehende gesehen wird, eine Vorstellung, die auch noch in synoptischen Evangelien begegnet, dann aber durch die zweite kanonische Redaktion durch eine Streckung der Zeit angepasst und verändert wurde. Der Erläuterung dieser Zeitdehnung dient etwa der Mehrtext in 2Thess 2,5-8: „5-Erinnert ihr euch nicht daran, dass ich euch dies sagte, als ich noch bei euch war? 6 Und jetzt wisst ihr, was ihn aufhält, damit er zu seiner Zeit offenbart wird. 7 Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist bereits am Werk; nur wer ihn jetzt aufhält, wird ihn aufhalten, bis er aus dem Weg ist. 8 Dann wird der Gesetzlose offenbart werden, den der Herr Jesus durch den Hauch seines Mundes vernichten wird und den er durch das Erscheinen seiner Ankunft beseitigen wird.“ (2Thess 2,5-8) Nimmt man an, dass die *10-Briefe-Sammlung Priorität gegenüber der 14-Briefe-Sammlung hat, lassen sich wichtige Beobachtungen machen: In diesem Passus wird von einem Parousieverzug gesprochen: „Jetzt wisst ihr, was ihn aufhält“, auch davon, dass „er zu seiner Zeit offenbart wird“. Das räumt eine nicht näher bemessbare Zeit ein. 1. Die kanonische Redaktion nimmt Text und Angaben der vorkanonischen Version ernst und geht - wie Redaktionen üblicherweise - mit ihren Vorlagen sorgsam um. Auch wenn Inhalte, wie im vorliegenden Fall die unmittelbar bevorstehend geglaubte Parousie, nicht der eigenen Vorstel‐ §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 691 <?page no="692"?> 156 Vgl. S. 695. Smith meint, dass zwar *Ev dem Lukasevangelium vorausgeht, man dennoch aber an Q und Mk als den zwei Quellen, die *Ev vorausliegen sollen, festhalten soll, D.A. Smith, Marcion’s Gospel and the Synoptics: Proposals and Problems (2019). lung entsprechen, werden solche nicht einfach getilgt, sondern durch redaktionelle Vorspanne, Zwischentexte oder zusätzliche Inhalte in ihrer Bedeutung verändert, der Blick der Lesenden neu orientiert und die Inhalte damit relativiert. 2. Dabei nimmt die kanonische Redaktion - wie schon die vorkanonische, wenn diese auch in geringerem Maß - Inkonsistenzen in Kauf. 3. Zusammenfassung: Die km Sammlung von km Kol, km Eph, km 2Thess als eine vorkanonische Vorlage Eines hat sich weiter oben aus dem sprachlichen Vergleich nahegelegt, was durch die voranstehenden Überlegungen bestärkt wird: Die drei kanonischen Deuteropaulinen (Eph, Kol, 2Thess) haben vielerlei sprachliche, syntaktische (Satzlängen) und theologische Elemente gemeinsam, mit denen sie sich von den sieben paulinischen Briefen unterscheiden. Allerdings teilen sie auch eine Reihe von sprachlichen Merkmalen, die sie wiederum mit der kanonischen Redaktion verbinden. Sie scheinen der vorkanonischen Redaktion bereits als km Sammlung vorgelegen zu sein, die diese mit der zweiten, ebenfalls ihr zur Verfügung stehenden Quellsammlung von sieben Briefen zusammenband und teilweise zu harmonisieren versuchte. Das Gesamtpaket der *10-Briefe-Sammlung scheint dann wieder (zusammen mit *Ev) in das km Milieu zurückgekehrt zu sein, aus welchem die vorkanonische Redaktion die km 3-Briefe-Sammlung erhalten hatte. Im Kreis der kanonischen Redaktion scheinen diese Briefe dann, wie die übrigen Schriften auch, einer doppelten Redaktion unterzogen worden zu sein, zunächst als Überarbeitung der *10-Briefe-Sammlung zur km 10-Briefe-Sammlung nach dem Ende des Zweiten jüdischen Krieges und noch bevor Markion sein *Neues Testament veröffentlicht hatte, und dann in einer zweiten kanonischen Redak‐ tion um die Zeit des Irenäus. Bereits Klinghardt kam zum Ergebnis, dass wir innerhalb der kanonischen Redaktion zu differenzieren haben. 156 Dieses wird durch die vorliegenden Untersuchungen gestützt. Fassen wir die bisherigen Ergebnisse in der folgenden Grafik zusammen: 692 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="693"?> a. Die vorkanonische *Redaktion besitzt vorhandenes Material: Zwei ihr zur Verfügung stehende paulinische Briefsammlungen, eine ˟ Sammlung mit sieben paulinischen Briefen ( ˟ Röm; ˟ 1/ ˟ 2Kor; ˟ Gal; ˟ 1Thess; ˟ Phil; ˟ Phlm) und eine km Sammlung von drei deuteropaulinischen Briefen ( km Laod; km Kol; km 2Thess). Letztere entstammt dem Milieu, aus dem auch die späteren kano‐ nischen Redaktionen hervorgehen. Ein Grund für die Unsicherheit in einer näheren Bestimmung dieser Quellensammlungen in ihrem Textbestand besteht darin, dass die vorkanonische Redaktion die beiden Sammlungen durchgehend, gründlich, inhaltlich und sprachlich bearbeitet hat, nicht ohne ein paar Inkonsequenzen. Sie hat die Briefe umgestellt, *Gal an den Anfang vor *1Kor gesetzt, auch wenn in *Gal 5,21 noch ein jetzt falscher Rückverweis auf *1Kor 15,50 stehen geblieben ist. *2Thess wurde an *1Thess angeschlossen. Wie grundlegend die inhaltliche und sprachliche Redaktion ausfiel, lässt sich an der relativ einheitlichen Lexik der sieben *Briefe des Paulus erkennen, die sich gerade im Vergleich zu den *Deute‐ ropaulinen wie auch zum kanonischen Profil herausstellen lässt, aber auch an den sprachlichen Anpassungen, die in den drei *Deuteropaulinen zu finden sind. Da bei der Untersuchung der Funktionsbegriffe weiter oben festgestellt wurde, dass die Lexik der in der *10-Briefe-Sammlung vorhandenen *Deu‐ teropaulinen öfter mit denen von *Ev als mit *Ap übereinstimmt, deutet dies daraufhin, dass bei der vorkanonischen Bearbeitung der km Deutero‐ §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 693 <?page no="694"?> 157 Vgl. M. Vinzent, Methodological Assumptions in the Reconstruction of Marcion’s Gospel (Mcn). The Example of the Lord’s Prayer (2018), 208-209. 158 Wie weiter oben wiederholt festgestellt, gibt es eine Nähe der Pastoralbriefe und der Apostelgeschichte (dazu könnte man auch noch andere Acta nehmen), vgl. mit älterer Lit. C. Mount, Acts (2022), 28. Mount verweist etwa auf 2Tim, einen Abschiedsbrief, der wie Apg 20 das Martyrium des Paulus voraussetzt, das dann in den Paulusakten (ActPl 14) narrativ ausgestaltet wird. Es verwundert folglich nicht, wenn er (ibid. 36) die Apostelgeschichte für das „latest stratum of the New Testament“ hält. paulinen *Ev bereits bekannt war und die Bearbeitung durch die Sprache von *Ev beeinflusst worden ist. b. Die vorkanonische *10-Briefe-Sammlung, die in das Milieu der kanoni‐ schen Redaktion zurückgewandert ist, lässt sich nicht mehr wiederher‐ stellen (so wenig wie *Ev als Grundlage von km Mt, km Joh, km Mk und km Lk, weshalb man m.E. *Ev nur in der Fassung rekonstruieren kann, in welcher es in Markions *Neuem Testament vorgelegen war) und wird darum auch in der vorliegenden Rekonstruktion nicht weiter thematisiert (man hätte ihr darum an dieser Stelle auch eine andere Auszeichnung als mit einem * geben können, vielleicht sogar müssen). Hingegen bietet die untenstehende Rekonstruktion die *10-Briefe-Sammlung, von der zuvor in a. die Rede war und wie sie in Markions *Neuem Testament zu finden ist, das als Antwort auf die kanonische Bearbeitung von *Ev und der *10-Briefe-Sammlung mit seiner Präfatio veröffentlicht wurde. Es ist zumindest anzunehmen - und es gibt m. E. auch einige Hinweise dafür 157 - dass der Textbestand von *Ev und der *10-Briefe-Sammlung durch die erste kanonische Redaktion kontaminiert wurde. c. Dieses *Neue Testament kam wieder in die Hände des kanonischen Milieus, das der vorkanonischen Redaktion die drei km Deuteropaulinen zur Verfügung gestellt hatte. In diesem Milieu erfolgte dann die Zusam‐ menstellung der größeren Sammlung, angefangen zur Zeit Polykarps in den späten sechziger Jahren und vollendet in der Zeit des Irenäus vor dem Jahr 177. Markions Präfatio, die Antithesen, und sein *Evangelium wurden ersetzt durch die vier (später kanonischen) Evangelien, gefolgt vom Praxapostolos (Apostelgeschichte mit den Katholischen Briefen), 158 einer durch die Pastoralbriefe auf 13 Briefe erweiterten Sammlung paulinischer Briefe und der Apokalypse des Johannes. Vermutlich in einem zweiten Schritt wurde bei dieser Redaktion dann der Hebräerbrief zur Paulusbrief‐ sammlung hinzugefügt, so dass wir zur bekannten 14-Briefe-Sammlung des Paulus gelangen. Diese zweite kanonische Redaktion hat offenkundig nicht nur alle ihr verfügbaren Texte gründlich revidiert, sie hat auch in die km 10-Briefe-Sammlung nicht nur die vier neuen Briefe hineingestellt, 694 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="695"?> 159 Nach wie vor die detaillierteste Untersuchung der Frage bietet W.B. Smith, Unto Romans: XV. and XVI (1902); W.B. Smith, Unto Romans: XV. and XVI. (1901). Auch wenn man nicht allen seinen Schlussfolgerungen folgen möchte, sind sie dennoch zur Kenntnis zu nehmen. Unter Absehung des zweiten Artikels von Smith, vgl. jetzt auch A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020). sondern auch die älteren zehn Briefe selbst erheblich überarbeitet und an Textbestand bereichert. Stellen wie 1Kor 16; 2Kor 8-10; Röm 13,1-7 und Röm 15-16, 159 Kol 4 und Teile von Eph 5,22-6,10 sind auf diese zweite kanonische Redaktion zurückzuführen, zu weiteren Passagen oder Versen werden im Kommentar der Rekonstruktion Beobachtungen angestellt. d. Weil die Texte der Pastoralbriefe, Hebr, 1/ 2Petr, 2/ 3Joh und Apk erst zum Zeitpunkt der zweiten kanonischen Redaktion in die breite Sammlung des künftigen Neuen Testaments gelangten, waren sie noch längere Zeit im frühen Christentum in ihrer Zugehörigkeit zum Neuen Testament um‐ stritten. Gerade sie bezüglich, hatte sich die zweite kanonische Redaktion bemüht, sie miteinander und mit den älteren Texten der Sammlung durch verschiedene Verweise redaktionell zu verknüpfen. e. Doch darf nicht vergessen werden, dass auch die breite Sammlung aus der Zeit des Polykarp und Irenäus noch Jahrzehnte brauchte, bis sie im frühen Christentum zum Referenzpunkt wurde, auch wenn Irenäus den Eindruck erwecken will, dass sie die Grundlage des Glaubens bilde und die traditionell angestammte Sammlung sei. Weder Justin noch Irenäus gibt ihr den Titel „Neues Testament“, auch Tertullian kennt sie noch nicht unter diesem Titel, Irenäus und Tertullian verweisen mit diesem Titel einzig auf Markions *Neues Testament. Daraus ergibt sich: Anstelle eines Modells, wonach es ein organisches Wachstum oder einen einzigen Ausgangspunkt für die Genese der paulinischen Briefe gegeben hätte - etwa eine Autorenedition durch Paulus - zeigen die vorangehenden Beobachtungen und die nachfolgende Rekonstruktion, dass wir uns zunächst bei der Erklärung der Frühgeschichte noch zu bescheiden haben. Über die allerersten Anfänge dieser Briefe und ihre Authentizität haben wir keine Erkenntnisse. Zu erschließen sind zwei Briefsammlungen: eine aus einem kanonischen Milieu stammende drei km Deuteropaulinen umfassende und eine aus dem vorkanonischen Milieu stammende ˟ 7-Briefe-Sammlung. Über diese Stufe ist noch wenig bekannt, da die Briefe lediglich aus der bereits kräftigen Über‐ arbeitung erschlossen werden können, wie sie in der hier rekonstruierten §-13 Die gestufte Genese der *10-Briefe-Sammlung u. d. beiden kanonischen Redaktionen 695 <?page no="696"?> *10-Briefe-Sammlung vorliegen. Die *10-Briefe-Sammlung stellt sich also als der eigentliche Untersuchungsgegenstand heraus, von dem auszugehen ist, sowohl für die Vorgeschichte derselben wie für deren Rezeption, auch wenn die Sammlung bereits eine Rekonstruktion bildet. Ihre Rezeption und die weitere Genese der paulinischen Briefsammlung lässt sich besser greifen als die Vorgeschichte. In zwei kanonischen Redak‐ tionen wurde die *10-Briefe-Sammlung weiter entwickelt, zunächst hin zur km 10-Briefe-Sammlung, schließlich zur 13dann 14-Briefe-Sammlung. Das wichtigste Ergebnis von allem ist vermutlich, dass die beiden Milieus, kanonisch und vorkanonisch, nicht unabhängig voneinander und schon gar nicht ohne gegenseitige Wertschätzung und Beeinflussung gearbeitet haben. Sie haben ihre Ergebnisse miteinander ausgetauscht und scheinen diese in jeder Hinsicht ernst genommen zu haben. Beide Milieus scheinen ihre Ein‐ flussbereiche besessen zu haben, die es in der künftigen Forschung noch näher zu bestimmen gilt, und es mag wenig überraschen, dass die Zeugen für das kanonische Milieu heute zahlreicher sind als diejenigen, die für das vorkanonische Milieu erschließbar sind. Denn im Verlauf der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts laufen die Wege beider Milieus auseinander und mit Polykarp und Irenäus entwickeln sich eine Verhärtung und eine Konfrontation gegenüber dem vorkanonischen Milieu und dessen Häretisierung. Sieger in der Geschichte hinterlassen in der Regel mehr Spuren als die von ihnen Besiegten. Diese sich anbahnende Häretisierung darf jedoch nicht anachronistisch bereits in die Frühphase der Genese der paulinischen Briefsammlung zurückverlegt werden. 696 Teil III: Das literarische Verhältnis zw. d. *10- und der 14-Briefe-Sammlung <?page no="697"?> Teil IV: Ausblick <?page no="699"?> a. Fragen und Antworten Im Folgenden werden die wichtigsten Erkenntnisse kurz zusammengefasst, insbesondere die verwendeten Methoden und die aus ihnen resultierenden Schlussfolgerungen. Da diese deutlich abweichen von der früheren Forschung bei der Behandlung der Genese der paulinischen Briefsammlung, wird desto umsichtiger methodisch zu argumentieren sein. Wie bereits gegen Ende des vo‐ ranstehenden Paragraphen deutlich wurde, wirft die vorliegende Untersuchung eine ganze Reihe neuer Forschungsdesiderate auf, die zugleich die Vorläufigkeit des hier Vorgenommenen verdeutlichen. 1. Die Priorität der *10-Briefe-Sammlung gegenüber der 14-Briefe-Sammlung Wie sich im Laufe der Untersuchung herausgestellt hat, steht die *10-Briefe-Sammlung des Markion nicht am Anfang oder am Ursprung der paulinischen Briefe, ja nicht einmal der paulinischen Briefsammlungen, eine erste und grundlegende Erkenntnis. Dies hatte die frühere Forschung zwar auch bereits gesehen, hing jedoch dem positivistischen und historisierenden Versuch an, auf der Grundlage der Priorität der 14-Briefe-Sammlung diese zum Ausgangspunkt zu nehmen, um die Frühgeschichte der paulinischen Briefe zu schreiben. Die *10-Briefe-Sammlung wurde als Verkürzung der 14-Briefe-Sammlung betrachtet. Was die 14-Briefe-Sammlung betrifft, wurden zunächst die Pseudopaulinen (Pastoralbriefe, Hebräerbrief) und die die paulinischen Briefe nicht erwähnende Apostelgeschichte in der kritischen Forschung außen vor gelassen, um vorwie‐ gend aus den sieben der Mehrheit der Forschung für authentisch geltenden Briefe (bei F. Baur waren es nurmehr die vier großen Gemeindebriefe Röm, 1/ 2Kor, Gal) den historischen Paulus zu gewinnen. Von diesen sieben Briefen unterschied man die drei Deuteropaulinen (Eph, Kol, 2Thess), die eine große Anzahl von Forschenden Paulus absprachen und -sprechen (oder ihm lediglich eine Grundsubstanz derselben zuschrieben bzw. zuschreiben) und sie in eine frühe Paulusschule einreihten. Sodann wurden in der Datierung umstrittene Zeugnisse des ersten und zweiten Jahrhunderts hinzugenommen (2Petr 3,15-16; PolPhil 3,2; 7 IgnEph 12,2), die von Paulusbriefen berichten, um entweder ein organisches Wachsen von Einzelbriefen hin zu einer Sammlung oder zu meh‐ reren Sammlungen zu beschreiben, den Ausgang bei Paulus selbst zu suchen bzw. verschiedene Redaktionsstufen der Paulusbriefsammlung zu fassen. All diese Versuche stießen und stoßen sich an dem historisch greifbaren Phänomen in unseren Zeugen, die lediglich zwei Paulusbriefsammlungen aus der Zeit vor <?page no="700"?> 1 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 31. 2 Orig., Hom. Jos. 7,1, Text und Übersetzung in ibid. 28. 3 Ibid. 31. 4 Ibid. 26. 5 Hierzu zählen drei Elemente: 1. Die syrische Bezeugung, die zu Ephräm führt, der Markion kennt und auf der Basis seines Textes gegen diesen predigt; 2. Der ebenfalls syrische Catalogus Sinaiticus, dessen Paulusbriefsammlung wie die des Markion mit Gal beginnt; 3. Die markionitischen lateinischen Paulusprologe - das Argument, dass Scherbenske und dem vorliegenden Verfasser der markionitische Charakter dieser Prologe lediglich „als Hilfsargument für andere Kontexte“ gedient habe (Flemming), greift zu kurz. Sowohl Scherbenske wie der Verfasser hier haben sich eingehend mit diesen Prologen befasst, sie mit Kollegen wie etwa Zwierlein diskutiert, und auch D. Jongkind kam kürzlich zu dem mit unseren Positionen übereinstimmenden Urteil, wonach diese Prologe „nur zu Marcions Paulusbriefsammlung passen würden“, so der Bericht von Flemming selbst, T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022), 93; D. Jongkind, On the Marcionite Prologues to the Letters of Paul (2015), 406-407. Betrachtungen wie die des markionitischen oder nichtmarkionitischen Cha‐ rakters dieser Prologe können und dürfen nicht interessegeleitet entschieden, sondern müssen auf der Sachbasis argumentiert werden. dem Ende des zweiten Jahrhunderts kennen, „zwei Fixpunkte“, wie sie genannt wurden: 1 Die von vielen Zeugen Markion zugeschriebene *10-Briefe-Sammlung, die hier auch vorkanonische Sammlung genannt wird, und die den Schriften des Irenäus zugrundeliegende, in der vorliegenden Untersuchung als kanonisch bezeichnete 14-Briefe-Sammlung, die ausdrücklich erst von Origenes bezeugt wird. 2 Außerdem besteht „Einigkeit“ darin, „dass diese beiden Textsammlungen in einem literarischen Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen“. 3 Wie dieses sich gestaltet und wie die Genese der beiden Sammlungen auch in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit zu beschreiben ist, waren die Ausgangsfragen der voranstehenden Untersuchungen. Vertreter, die die Priorität der 14-Briefe-Sammlung zugunsten der *10-Briefe-Sammlung verkehrten, plädierten dafür, dass die dem Markion von den Zeugen zugeordnete Sammlung keine wirklich solche des Markion sei - also nicht von ihm bearbeitet, redigiert oder dergleichen - sondern von ihm lediglich tradiert und durch seinen Namen desavouiert wurde, „selbst wenn die Kirchenväter sich freilich mit einem Text auseinandersetzen, den sie selbst Marcion zuschreiben“. 4 Dass Markion sich lediglich einer ihm bereits vorausliegenden *10-Briefe-Sammlung bediente, konnte nicht durch historische Zeugnisse belegt werden - die einzigen drei Zeugen, die für dieses Postulat benutzt wurden, sind ausgerechnet solche, die auf Markion verweisen 5 -, sondern wurde durch folgende Überlegungen zu plausibilisieren versucht. 700 Teil IV: Ausblick <?page no="701"?> 6 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 35. 7 „Undenkbar“: T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons 1,2 Das Neue Testament vor Origenes (1889), 638. „Halsbrecherisch“: M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 82. 8 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 35. 9 Ibid. 36. Festgestellt wurde, dass „der Text des marcionitischen Apostolos zahlreiche Spuren in allen Bereichen der handschriftlichen (kanonischen, MV) Überlie‐ ferung hinterlassen“ hat, 6 auch wenn, wie oben gezeigt, es eine Handschrif‐ tengruppe von Bilinguen gibt, die diese Spuren deutlicher zeigen als andere Handschriften. Ein solch weitreichender Einfluss eines Textes auf die katholi‐ sche und orthodoxe Tradition des kanonischen Textes verwunderte, wurde als „undenkbar“ bzw. „halsbrecherisch“ eingeschätzt, 7 da die Häresiologen die Sammlung Markions als „Ketzerwerk“ gebrandmarkt hätten. 8 Harnack versuchte, dieses Problem mit dem Hinweis auf die Benutzung des „Westlichen“ Textes durch Markion zu lösen, ohne jedoch sich dessen gewahr zu sein, dass gerade die traditionell mit diesem Label verbundenen Handschriften die Mark‐ ionnähe aufweisen - wir stehen hier folglich einem Zirkelschluss gegenüber, abgesehen davon, dass inzwischen dieses Label des „Westlichen Textes“ höchst umstritten ist. Die von Goldmann vorgeschlagene „plausiblere Antwort“ als diejenige der Kirchenväter, die dem Ketzer Markion eine Textsammlung zuschrieben, lautet: „Es handelt sich gar nicht um einen Ketzertext, der die neutestamentliche Überlieferung so stark beeinflusst hat. Die 10-Briefe-Sammlung ist also nicht das Werk eines Häretikers. Sie ist keine Verkürzung bzw. Verstümmelung der 14-Briefe-Sammlung, sondern eine ältere Textsammlung der Paulusbriefe, die spätestens ab der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts im Umlauf war und die handschriftliche Textüberlieferung der Paulusbriefe maßgeblich beeinflusste“. 9 Aus Harnacks biblischem Philologen Markion wurde ein Tradent, und der Tradent wurde zum Zeugen für eine ältere Textsammlung. Der von Goldmann zuvor genannte erste „Fixpunkt“ wurde weiter zurück in die Vorgeschichte der Sammlung Markions geschoben. Auf das „Ketzer“-Problem wird weiter unten eigens eingegangen. a. Fragen und Antworten 701 <?page no="702"?> 10 D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 146-147. 2. Datierung und Lokalisierung der Redaktionen Der Schritt von dem Handschriftenmaterial, der Textvergleichung und Lexik hin zur Rekonstruktion einer Schiene historischer Zeit- und Entstehungsräume ist einerseits hypothetisch, andererseits notwendig. Auch bei diesem Schritt geht es wie bei jeder guten wissenschaftlichen Hypothese nicht um dogmatische Wahrheiten oder um Entscheidungen zwischen richtig und falsch, sondern vielmehr um solche der größeren und kleineren Wahrscheinlichkeiten. Wie bereits zuvor angeklungen, legt sich aufgrund der in dieser Untersu‐ chung festgestellten handschriftlichen Basis mit der insgesamt geringen Abwei‐ chung an Textvarianten bei gleichzeitig hoher Konsistenz von Sammlungsein‐ heiten und der von den Handschriften geforderten, unbezeugten Vorstufen und den historischen Bezeugungen für die *10-Briefe-Sammlung und der erweiterten 14-Briefe-Sammlung zur Zeit des Irenäus nahe, dass wir zunächst von diesen beiden Zeiträumen und geographischen Orten auszugehen haben: Die vorkanonische *10-Briefe-Sammlung ist zu Lebzeiten Markions (Markion stirbt vor 161), vermutlich in Rom, bekannt geworden. Man wird sie noch etwas näher an das Ende des Zweiten jüdischen Krieges rücken dürfen, auch wenn das von Harnack vorgeschlagene Jahr 144 für die Publikation von Markions *Evangelium strittig ist. 10 Die kanonische 14-Briefe-Sammlung wird von Irenäus um das Jahr 177 bezeugt, doch mit dem Hinweis auf den Ersten Korintherbrief und dem in ihm enthaltenen Apollos durch 1Klem 47,1-3 legt sich nahe, dass *Ev bereits zu Lebzeiten des Markion zu den vier später kanonischen Evange‐ lien km Mt, km Joh, km Mk und km Lk weiterbearbeitet wurde - nach Ausweis des Tertullian hatte Markion bereits Kenntnis von diesen vier Evangelien -, so auch die *10-Briefe-Sammlung im selben Zusammenhang einer ersten kanonischen Redaktion unterzogen wurde, von der Markion vermutlich ebenso Kenntnis erhalten hatte, wie er sie von den vier Evangelien hatte. Es wird also methodologisch deutlich - die Frage der Genese der Paulusbrief‐ sammlungen lässt sich nicht von der Genese des „Neuen Testaments“ loslösen. Aufgrund der hohen lexikalischen, semantischen und auch sprachlich-in‐ haltlichen wie theologischen Übereinstimmungen des vorkanonischen *Neuen Testaments gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder dieses *Neue Testament setzt eine vormarkionitische Redaktion voraus, die beide Teile der Sammlung, *Ev und *Ap, in hohem Maße redigiert und in diese Sammlung gebracht hat, eine Sammlung, die Markion dann ohne weitere (große) Eingriffe schlicht benutzt hat 702 Teil IV: Ausblick <?page no="703"?> (man erinnere sich an die Klinghardt-Goldmann-Flemming Hypothese), oder die Sammlung wurde von Markion in diese Fassung und Form gebracht. Nehmen wir zunächst einmal mit Klinghardt-Goldmann-Flemming an, die vorkanonische Sammlung sei vormarkionitisch entstanden, dann gibt es m. E. nur drei mögliche Hypothesen, wie man sich die Genese dieser Sammlung bezüglich Datierung und Lokalisierung vorstellen kann: 1. Paulus hat, wie Trobisch angenommen hatte, seine eigenen Briefe gesam‐ melt, zumindest die sieben, die ihm heute noch als authentische Briefe zugeschrieben werden, allerdings in der Fassung, wie sie weiter unten rekonstruktiv vorgelegt werden. Dann müsste Paulus aufgrund der großen genannten Übereinstimmungen auch *Ev geschrieben haben. Seine Aus‐ sage, *Gal 1,7 von τὸ εὐαγγέλιόν μου bezöge sich folglich nicht auf seine Botschaft, sondern auf den von ihm geschriebenen Evangelientext. Als Ort der Abfassung käme nur Rom in Frage, weil zu dieser Sammlung auch der Philemonbrief gehört, den Paulus diesem Brief nach als alter Mann im Gefängnis geschrieben hat. Demnach wäre die vorkanonische Sammlung kurz vor dem Tod des Paulus, also spätestens um 61 n. Chr. in Rom zusammengestellt worden. Diese Hypothese stößt auf einige Probleme: a. Wie kann es sein, dass Paulus bei seiner eigenen Briefsammlung auch drei Briefe mit aufnimmt, die in ihrer Lexik, ihrer Semantik und auch wegen ihres Inhalts sich als Deuteropaulinen erweisen, die der späteren kanonischen Lexik, Semantik und deren Inhalt nahestehen? b. Wieso zeigen sich in den *Paulusbriefen so wenig biographische Züge und so wenige inhaltliche Bezüge zu *Ev? c. Warum gibt es eine Rezeption von paulinischem Material in einer Reihe von Schriften aus der Zeit vor Irenäus, jedoch keine solche der narrativen Details von *Ev, sondern allenfalls einige Logia des Herrn mit z.T. deutlicher Diskrepanz der Worte, die dem Herrn in dieser Literatur zugeschrieben werden, verglichen mit dem Bestand an Logia, die sich in *Ev und den später kanonischen Evangelien findet? d. Warum, wenn eine solche Sammlung als Ganze von Paulus stammen würde, gibt es weder für eine Sammlung seiner Briefe noch für die Gesamtsammlung des paulinischen *Neuen Testaments bei einer so hohen Authentifizierung und Autorisierung wie der des Paulus kein einziges altkirchliches Zeugnis für deren Existenz? e. Warum wurde bei solcher Autorität der Sammlung eine kanonische Alter‐ nativausgabe geschaffen? a. Fragen und Antworten 703 <?page no="704"?> 11 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 408-410. 12 Wenn Klinghardt meint, dass einer der Unterschiede zwischen seiner und meiner Po‐ sition „am wichtigsten die Existenz der vorkanonischen Fassungen der Evangelien“ sei, so erweist schon die vorliegende Studie, dass wir in der Annahme ihrer Existenz einer Meinung sind (und ich lediglich auch noch für Lk eine solche Stufe annehmen möchte), vgl. ibid. 421. Wenn er hingegen kritisiert, dass nach meinem Ansatz die Entstehung der vorkanonischen Evangelien in „einem Jahrzehnt“ anzunehmen sei, unterscheidet sich dies nicht von dem engen Zeitraum, den er selbst für diese Entwicklung angenommen hat, wie oben im Haupttext zitiert. 13 Ibid. 411. 14 Ibid. f. Wieso besitzt diese Alternativausgabe antimarkionitische Charakteris‐ tiken? g. Wieso verbinden alle bekannten altkirchlichen Zeugen, die wir besitzen, die vorkanonische Sammlung ausschließlich mit dem Namen des Markion, und warum macht Tertullian gegenüber Markion den Vorwurf, er hätte eigentlich seinen eigenen Namen *Ev zuschreiben sollen, und ist der Meinung, Markions Vorwort der Antithesen beziehe sich sowohl auf *Ev wie auf die *paulinische Briefsammlung? 2. Die zweite Möglichkeit wäre, wie von Klinghardt-Goldmann-Flemming angenommen, dass ein Anonymus entweder gegen Ende des ersten Jahr‐ hunderts oder spätestens nach dem Zweiten jüdischen Krieg eine vorka‐ nonische Sammlung zusammengestellt hätte. Matthias Klinghardt beschäftigt sich mit der Datierung der kanonischen Redaktion, die er aufgrund von einigen Parallelen (Lk 5,32 / / Justin, 1Apol. 15,8; Lk 6,29 / / Justin, 1Apol. 16,1; Lk 23,46 / / Justin, Dial. 105,5) für Justin voraussetzt. Ebenso sei Justins Kenntnis der Himmelfahrt entweder auf Lk 24,51 oder Apg 1 zurückzuführen. Nicht bedacht wird, dass die Abhängig‐ keit möglicherweise auch umgekehrt sein könnte, und dass die kanonische Redaktion auf römisches Traditionsgut, das auch Justin bekannt war, oder auf Justin zurückgegriffen hatte, als sie die vorkanonischen Texte bearbeitete. 11 Was die vorkanonische Sammlung betrifft, nimmt Klinghardt als mögli‐ chen Zeitraum für die Abfassung der vorkanonischen Evangelien km Mk, km Mt und km Joh 12 (er nimmt *Ev als die vorkanonische Form von Lk) die Jahre 90-150 an. 13 Die traditionellen Datierungen der kanonischen Evangelien (Mk um 70; Mt zwischen 80 und 90; Lk um oder nach 90) hält er für „nicht nur ungenau, sie sind auch abhängig von problematischen Vorentscheidungen“. 14 Aufgrund des „enge[n] literarische[n] Rückgriff[s] 704 Teil IV: Ausblick <?page no="705"?> 15 Ibid. 412. 16 Vgl. E.-M. Becker and M. Vinzent, Marcion and the Dating of Mark and the Synoptic Gospels (2018), 10-11; M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), chapter 4. 17 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evan‐ gelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 413. der einzelnen Überlieferungsstufen auf alle jeweiligen Prätexte“ meint Klinghardt, „dass der Prozess der Entstehung der vorkanonischen Über‐ lieferung zwischen *Ev und *Joh [hier: km Joh] sich keineswegs über die ganze Zeitspanne zwischen 90 und etwa 144 n. Chr. erstreckt haben muss“, sondern ist der Meinung: „Zwischen den einzelnen vorkanonischen Über‐ lieferungsstadien liegen möglicherweise eher Monate oder wenige Jahre als Jahrzehnte.“ 15 Derselben Meinung war ich ebenfalls bereits gewesen, wonach die enge synoptische Verzahnung für einen eher zeitlich (wie räumlich) begrenzten Rahmen spricht. 16 Klinghardt gibt schließlich drei mögliche Szenarien an: „Bei einer gleich‐ mäßigen Verteilung käme man für *Ev auf die Zeit ab 90, für *Mk [hier: km Mk] auf das erste Jahrzehnt des 2. Jh., für *Mt [hier: km Mt] auf die Mitte der 120er Jahre und für *Joh [hier: km Joh] auf die Zeit kurz vor 144“. Klinghardt meint weiter, es wäre auch möglich, „dass die gesamte schriftliche Evangelienüberlieferung in nur wenigen Jahren ganz am Anfang des Zeitraumes (zwischen 90 und 100) oder aber auch erst ganz an seinem Ende (130 bis 144) entstanden wäre. Und schließlich ist es auch möglich, dass *Ev etwa seit den 90-er Jahren eine längere Zeit als einziges Evangelium existierte, dass aber die vorkanonische Fortschreibung von *Mk [hier: km Mk] bis *Joh [hier: km Joh] nur wenige Jahre in Anspruch nahm; eine solche Fortschreibung ließe sich bis zur Jahrhundertwende vorstellen, aber sie könnte genauso gut auch erst in den 130er Jahren stattgefunden haben.“ 17 Auffallenderweise geht Klinghardt nicht auf die vorkanonische Sammlung als ganze ein. Der Entstehungsort einer solchen Sammlung wäre nicht näher bestimmbar, könnte aber eine der großen intellektuellen Zentren des römischen Reiches sein. Aufgrund der genannten Übereinstimmungen kann dieser Anonymus jedoch nicht nur *Ev verfasst oder redigiert haben, sondern er muss auch der Verfasser oder Redaktor der *Paulusbriefe gewesen sein. Dieser muss dann auch die km Deuteropaulinen integriert und bearbeitet haben. Diese Sammlung wurde dann von Markion unberührt genutzt und lediglich mit einem tendenziös markionitischen Vorwort versehen. a. Fragen und Antworten 705 <?page no="706"?> An Problemen stellen sich die beiden erstgenannten (a - b) nicht, während das dritte (c) bestehen bleibt. Das vierte (d) stellt sich nicht, weil man davon ausgehen darf, dass eine anonyme Sammlung wohl geringere Auf‐ merksamkeit erfahren haben dürfte als eine durch Paulus autorisierte. Gleichwohl bleibt es erstaunlich, wenn eine solche Sammlung gänzlich unerwähnt geblieben wäre. Da die Sammlung nicht authentifiziert war und zudem noch mit einem Vorwort des Markion versehen, von diesem für seine Zwecke benutzt und als solche vielleicht erst bekannt wurde, wären zumindest einige der Kritiken an dieser anonymen Sammlung bzw. eine kanonische Alternativsammlung verständlich, was das Problem (e) minimieren, wenn auch nicht völlig beseitigen würde. Weiterhin ein Stein des Anstoßes bleiben die textinternen und externen Hinweise auf den antimarkionitischen Charakter der kanonischen Sammlung (f), die ja auch von Klinghardt vorgeführt werden. Das stärkste, äußere Problem ist die Attestierung der Zuordnung der Texte zu Markion und seinem *Neuen Testament (g). 3. Eine dritte Möglichkeit wäre, dass der Anonymus entweder Lukas war oder ein Anonymus, der von der frühen Rezeption mit Lukas identifiziert wurde. Letztere Variante erscheint dann wahrscheinlicher, weil es gerade die kanonische Redaktion ist, die nach Ausweis der oben genannten Zeugen, Lukas als engsten Mitarbeiter des Paulus porträtiert. Lukas, einige Jahre jünger angesetzt als Paulus, hätte folglich das literarische Werk seines Leh‐ rers zusammengebracht, die sieben *Paulusbriefe in der vorkanonischen Version zusammengestellt, z.T. aus dessen schriftlichen Zeugnissen, z.T. aus dessen mündlichen Vorträgen, Material, das er dann gründlich redigiert hätte. Schließlich hätte Lukas auch das Lukasevangelium in Form von *Ev geschrieben, das er mit den sieben *Paulusbriefen verbunden hat. Die drei *Deuteropaulinen müsste er dann in einer Vorversion aus einem Milieu genommen haben, in welchem ebenfalls Paulusbriefe gesammelt und redaktionell bearbeitet worden sind. Diese drei Briefe hätte Lukas überar‐ beitet in seine Sammlung aufgenommen. Seine *10-Briefe-Sammlung wäre dann später weiter zur kanonischen 14-Briefe-Sammlung erweitert und die zehn Briefe weiter bearbeitet worden. Nachdem die ersten kirchlichen Zeugen für das Wirken des Paulus in Rom plädieren, könnte die Sammlung einige Jahre nach dem Tod des Paulus in Rom entstanden sein. Mit den kanonischen Vorworten zu Lk und Apg hat die kanonische Redaktion bewusst an diese vorkanonische Sammlung angeknüpft und, wie das Vorwort zu Apg insbesondere ausweist, die vorkanonische Sammlung zur kanonischen erweitert. Damit hätte die kanonische Redaktion kein 706 Teil IV: Ausblick <?page no="707"?> pseudonymes Evangelium, sondern das erste, auf Lukas zurückgeführte Evangelium (*Ev) benutzt, das zu Unrecht dem Markion angedichtet wurde. Dieser ersten Version des Lk (*Ev) wurden später die pseudonymen drei Evangelien hinzugestellt. An Problemen fallen bei dieser Lösung einige der zuvor genannten weg, neue kommen hinzu: Das erste Problem (a) stellt sich so nicht. Denn Lukas hätte eben wei‐ teres Paulusmaterial gesucht und dieses integriert. Aus der Herkunft der *Deuteropaulinen ergibt sich deren lexikalische, semantische und inhaltliche Sonderstellung gegenüber den sieben *Briefen, aufgrund der redaktionellen Tätigkeit des Lukas ihre insgesamt doch immer noch große Übereinstimmung in diesen Charakteristiken mit *Ev. Auch das zweite Problem (b) stellt sich wie bei der zweiten Möglichkeit nicht, weil Lukas zwar Information aus dem Paulusmaterial in *Ev und Material aus *Ev in *Paulus hätte eintragen können, doch weil er seinen Quellen hatte treu bleiben wollen, hatte er sich an deren Inhalt ausgerichtet und lediglich die literarische Form, Lexik, Semantik und theologischen Inhalt eigenständig redigiert. Schwerwiegender ist das dritte Problem (c), weil bei einer so frühen Zusam‐ menstellung des vorkanonischen *Neuen Testaments es wenig erklärlich wäre, warum nur Elemente des *Paulusbriefteils und Paulusmaterialien sich in der frühchristlichen Literatur vor Irenäus finden, aber kein solches der narrativen Elemente von *Ev. Mit diesem Problem verbindet sich das nur leicht verschobene vierte Pro‐ blem (d). Zwar ist Lukas gewiss weniger gewichtig an Autorität als Paulus, gleichwohl wäre es kaum erklärlich, dass eine so frühe Sammlung, die zudem noch von einem Evangelisten zusammengestellt wurde, von allen frühkirchlichen Zeugen ungenannt geblieben wäre. Tertullian behauptet lediglich, Markion habe auf Lk zurückgegriffen und dieses Evangelium ver‐ dorben und gekürzt, getrennt von dieser Aussage meint er auch, Markion habe die Paulusbriefsammlung bearbeitet und gekürzt, aber von einer Bear‐ beitung einer Sammlung des Lukas weiß er so wenig wie von einer solchen des Paulus. Wieso hätte man bei einer solchen Authentifizierung wie eines lukanischen Neuen Testaments, nicht diese vorkanonische Sammlung als ganze dem Lukas in den Quellen zugeschrieben und, stattdessen, nur von einer markionitischen Verderbnis des Lk und, gesondert hiervon, der Paulusbriefe gesprochen? Und warum, wenn Lukas der Begründer des „Neuen Testaments“ war, waren Autoren wie Justin, Irenäus und Tertullian der Benutzung des Titels dieser Sammlung so abgeneigt und verwendeten a. Fragen und Antworten 707 <?page no="708"?> diesen Titel „Neues Testament“ ausschließlich, wenn sie mit Blick auf Markions Sammlung argumentieren? Hatte Markion auch den Titel „Neues Testament“ desavouiert? Auch die nächste Frage (e) bleibt ohne Antwort, ja, das Problem erhärtet sich gar noch. Denn wieso hätte es einer kanonischen Ausgabe bedurft, wenn die vorkanonische bereits aus der Hand eines Evangelisten gestammt hätte? Wie Irenäus von Evangelien berichtet, die von den verschiedenen Häretikern genutzt und missbraucht wurden, so hätte man auch von einem markionitischen Missbrauch der Lukassammlung sprechen können. Auch die Frage (f) wäre desto rätselhafter. Wenn die vorkanonische Aus‐ gabe von Lukas gestammt hätte, wieso stellt man ihr eine antimarkionitisch ausgerichtete kanonische Ausgabe gegenüber? Und die weitere Frage (g) bleibt ebenfalls unbeantwortbar - alleine die Tatsache, dass Markion, ohne Eingriffe, eine lukanische Sammlung benutzt hätte, macht weder diese Ausgabe zum Angriffspunkt noch erhebt sie deren Nutzer zum Ziel von so viel Invektiven, wie sie vor allem nach Markions Tod, und insbesondere nach den Ausführungen des Irenäus und Tertullian geäußert werden. 4. Eine letzte, vierte Möglichkeit - soweit ich sehe, gibt es keine weitere - besteht darin, dass Markion selbst derjenige war, der sowohl *Ev entweder verfasst oder gründlich die ihm vorliegenden Sammlungen von Logia und Narrativen (Q; Proto-*Ev? ) redigiert hatte, dann auch die Sammlung der km Deuteropaulinen, die Sammlung der sieben ˟Briefe. Nun stellt sich natürlich zunächst die Frage, die Klinghardt neben dem Häresieverdacht Markions aufgeworfen hat: wieso finden sich nichtmarki‐ onitische Vorstellungen zumindest in *Ev, und folgen wir BeDuhn, sowohl in *Ev wie in *Ap? Auch in dieser Frage lässt sich die Frage nach der Charakteristik der *10-Briefe-Sammlung nicht von der von *Ev abtrennen. Sollte Markion aber, was sich durch die Benutzung von zwei Briefsamm‐ lungen nahelegt, auch bereits auf eine Sammlung von Herrenlogia und -narrationen zurückgegriffen haben, lässt sich die Frage beantworten: Die drei Vorlagen brachten gewisse Vorstellungen ein, die Markion unpassend waren, die er aber nicht konsequent redaktionell bearbeitet hat. Wie ihm der falsche Rückverweis in *Gal 5,21 (auf *1Kor 15,50) stehen blieb, finden sich auch einige weitere Inkonsistenzen und auch solche Elemente, die wirklich oder vermeintlich Markions von den Häresiologen zuschriebenen Positionen widersprechen. 708 Teil IV: Ausblick <?page no="709"?> 18 Ibid. 45. Klinghardt verweist hier auf Tert., Adv. Marc. IV 43,7: Et Marcion quaedam contraria sibi illa, credo industria, eradere de evangelio suo noluit, ut ex his quae eradere potuit nec erasit, illa quae erasit aut negetur erasisse aut merito erasisse dicatur. Nec parcit nisi eis quae non minus aliter interpretando quam delendo subvertit. 19 Ibid. 129. 20 T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022). 21 Vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 130. 22 Zu dieser Stelle vermerkt BeDuhn: „In apparent disjunction with Marcionite ideology, Jesus advocates or affirms Torah law repeatedly in the Evangelion. When asked the way to ‚inherit life,‘ Jesus invokes Torah law (10.26), and specifically affirms Deut 6.5 (10.27-28). Likewise, when asked the means to obtain ‚eternal life,‘ Jesus affirms the good start effected by following the core commandments of Exod 20.12-16 (or Deut 5.16-20) from one’s youth, to which one need only add one thing more to ‚have a treasure in the sky‘: dispose of possessions and follow Jesus (18.20-22),“ so J. BeDuhn, The First New Testment (2013), 75. 3. Zu vermeintlichen Antimarkionismen in *Ev und *Ap Beginnen wir mit den Überlegungen Klinghardts: Klinghardt hebt zunächst auf den häresiologischen Widerspruch ab, wonach Markion vorgeworfen wird, er habe „den Text des Evangeliums gemäß seiner Irrlehre ver‐ fälscht“, dann aber auch, dass ihm derselbe Tertullian etwa vorwerfe, er sei bei seiner Redaktion inkonsequent gewesen und habe Aussagen stehen lassen, die seiner Vor‐ stellung widersprächen. Allerdings habe er hiermit seine eigene Argumentation gegen Markion gefährdet, weshalb überhaupt die These einer markionitischen Verfälschung des Evangelientextes „unzutreffend“ sei. 18 An späterer Stelle führt er den Gedanken fort: „Wenn *Ev das redaktionelle Konzept nicht erkennen lässt, das überhaupt erst zu seiner Herstellung geführt haben soll, dann ist die Annahme einer entsprechenden redaktionellen Bearbeitung insgesamt obsolet: Es gibt keinen Grund mehr, überhaupt eine Bearbeitung des kanonischen Lk-Evangeliums durch Marcion zu postulieren - abgesehen natürlich von den diesbezüglichen Beteuerungen der Häresiologen.“ 19 Ent‐ sprechend titelt die bei Klinghardt abgefasste Dissertation „Marcion änderte nichts“. 20 Harnack hatte mit einer inkonsistenten Redaktion des Markion gerechnet, doch da er gerade die theologischen Positionen des Markion als Kriterium für seine eigene Rekonstruktion von Markions Texten herangezogen hat, hatte er sich selbst, wie Klinghardt scharfsinnig erkannte, ein wichtiges Fundament für die Rekonstruktion entzogen. 21 Nach Klinghardt gibt es zwei deutliche Fälle, die der für Marcion angenom‐ menen Theologie widersprechen. 1. Eine erste Zentralstelle ist *Ev 18,18-22: 22 a. Fragen und Antworten 709 <?page no="710"?> *Ev 18,18-22 Lk 18,18-22 18 Καὶ ἐπηρώτησέν τις αὐτὸν λέγων, Διδάσκαλε ἀγαθέ, τί ποιήσας ζωὴν αἰώνιον †σχήσω†; 18 Καὶ ἐπηρώτησέν τις αὐτὸν ἄρχων λέγων, Διδάσκαλε ἀγαθέ, τί ποιήσας ζωὴν αἰώνιον κληρονομήσω; 19 †ὁ δὲ†, †μή με λέγε† ἀγαθόν. εἷς ἐστιν ἀγαθός (†ὁ πατήρ†). 19 εἶπεν δὲ αὐτῷ ὁ Ἰησοῦς, Τί με λέγεις ἀγαθόν; οὐδεὶς ἀγαθὸς εἰ μὴ εἷς ὁ θεός. 20 ὁ δὲ εἶπεν Τὰς ἐντολὰς †οἶδα†·Μὴ ϕονεύσῃς, Μὴ μοιχεύσῃς, Μὴ κλέψῃς, Μὴ ψευδομαρτυρήσῃς, Τίμα τὸν πατέρα σου καὶ τὴν μητέρα. 20 τὰς ἐντολὰς οἶδας: Μὴ μοιχεύσῃς, Μὴ φονεύσῃς, Μὴ κλέψῃς, Μὴ ψευδομαρτυρήσῃς, Τίμα τὸν πατέρα σου καὶ τὴν μητέρα. 21 Ταῦτα πάντα ἐϕύλαξα ἐκ νεότητος. 21 ὁ δὲ εἶπεν, Ταῦτα πάντα ἐφύλαξα ἐκ νεότητος. 22 ἀκούσας δὲ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν αὐτῷ, ἕν σοι λείπει· πάντα ὅσα ἔχεις πώλησον καὶ διάδος πτωχοῖς, καὶ ἕξεις θησαυρὸν ἐν τοῖς οὐρανοῖς, καὶ δεῦρο ἀκολούθει μοι. 22 ἀκούσας δὲ ὁ Ἰησοῦς εἶπεν αὐτῷ, Ἔτι ἕν σοι λείπει: πάντα ὅσα ἔχεις πώλησον καὶ διάδος πτωχοῖς, καὶ ἕξεις θησαυρὸν ἐν [τοῖς] οὐρανοῖς, καὶ δεῦρο ἀκολούθει μοι. *Ev 18,18-22 Lk 18,18-22 18 Und einer fragte ihn und sprach: „Guter Lehrer, was muss ich tun, um ewiges Leben zu erhalten? “ 18 Und einer von den führenden Männern fragte ihn: „Guter Lehrer, was muss ich tun, um ewiges Leben zu erben? “ 19 Darauf aber er: „Nenne mich nicht gut! Ein einziger ist gut, der Vater. 19 Ihm aber sagte Jesus: „Was nennst Du mich gut, keiner ist gut außer dem Ein‐ zigen, Gott. 20 Darauf aber sagte der: „Ich kenne die Gebote: Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen. Ehre Deinen Vater und Deine Mutter. 20 Du kennst doch die Gebote: Du sollst ehebrechen. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht stehlen. Du sollst kein falsches Zeugnis ablegen. Ehre Deinen Vater und Deine Mutter.“ 21 Das alles habe ich seit meiner Ju‐ gend beachtet.“ 21 Der aber sagte: „Das alles habe ich seit meiner Jugend beachtet.“ 22 Als Jesus das aber hörte, sprach er zu ihm: „Eines fehlt Dir: Verkaufe alles, was Du hast, und gib es den Armen, dann wirst Du einen Schatz im Himmel haben. Und dann: Auf, und folge mir nach! “ 22 Als Jesus das aber hörte, sprach er zu ihm: „Eines fehlt Dir noch: Verkaufe alles, was Du hast, und gib es den Armen, dann wirst Du einen Schatz im Himmel haben. Und dann: Auf, und folge mir nach! “ 710 Teil IV: Ausblick <?page no="711"?> 23 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1047. 24 Klinghardt zitiert sie irrtümlich als Röm 13,19a, vgl. M. Klinghardt, Das älteste Evan‐ gelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 139; K. Tsutsui, Das Evangelium Marcions. Ein neuer Versuch der Textrekonstruktion (1992), 116. Klinghardt kommentiert: „Denn in diesem *Ev-Text erklärt Jesus eindeutig, dass es erstens nur einen Gott gibt (was Marcions Annahme von zwei oder drei göttlichen Prinzipien diametral wider‐ spricht), dass zweitens dieser eine Gott gut ist (was der marcionitischen Gotteslehre mit der Unterscheidung von creator und deus bonus widerspricht) und dass drittens dieser eine, gute Gott der Gott der Gebote ist (was nicht zu dem angenommenen mar‐ cionitischen Antinomismus passt). *18,19 belegt daher für *Ev gleich drei der zentralen theologischen Aussagen, deren Beseitigung Marcions angebliche Bearbeitung des kanonischen Lk motiviert haben sollte; sie erlauben den Häresiologen die problemlose Widerlegung seiner Theologie aus dem Text seines Evangeliums. Deutlicher als hier lässt sich kaum zeigen, dass der angenommenen marcionitischen Redaktion des kanonischen Lk das dafür notwendige redaktionelle Konzept fehlt.“ 23 Zwar verweist Klinghardt auch auf Tsutsui, der bereits die Parallele in *Röm 13,9 herangezogen hatte, 24 betrachtet diese Stelle aber zur Erläuterung nicht weiter: *Röm 13,8-10 Röm 13,8-10 8 ὁ γὰρ ἀγαπῶν τὸν πλησίον νόμον πεπλήρωκε. 8 Μηδενὶ μηδὲν ὀφείλετε, εἰ μὴ τὸ ἀλλήλους ἀγαπᾶν: ὁ γὰρ ἀγαπῶν τὸν ἕτερον νόμον πεπλήρωκεν. 9 τὸ γὰρ οὐ φονεύσεις, οὐ μοιχεύσεις, οὐ κλέψεις, οὐ ψευδομαρτυρήσεις - ἀνακεφαλαιοῦται, ἐν τῷ Ἀγαπήσεις τὸν πλησίον ὡς σεαυτόν. 9 τὸ γὰρ Οὐ μοιχεύσεις, Οὐ φονεύσεις, Οὐ κλέψεις, Οὐκ ἐπιθυμήσεις, καὶ εἴ τις ἑτέρα ἐντολή, ἐν τῷ λόγῳ τούτῳ ἀνακεφαλαιοῦται, [ἐν τῷ] Ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν. 10 ἡ ἀγάπη τῷ πλησίον κακὸν οὐκ ἐργάζεται: πλήρωμα οὖν νόμου ἡ ἀγάπη. 10 ἡ ἀγάπη τῷ πλησίον κακὸν οὐκ ἐργάζεται: πλήρωμα οὖν νόμου ἡ ἀγάπη. a. Fragen und Antworten 711 <?page no="712"?> 25 Tert., Adv. Marc. V 14,9: Haec si Marcion de industria erasit, quid apostolus eius exclamat, nullas intuens divitias dei, tam pauperis et egeni quam qui nihil condidit, nihil praedicavit, nihil denique habuit, ut qui in aliena descendit? („Wenn Markion aus Fleiß dies gelöscht hatte, was ruft sein Apostel, der keine Reichtümer Gottes zu betrachten hat, so arm und bedürftig wie derjenige, der nichts geschaffen hat, nichts angekündigt hat, schließlich nichts besitzt, der wie in ein Fremdes herabsteigt? “) 26 Tert., Adv. Marc. V 14,10: Inde ergo exclamatum est: O profundum divitiarum et sapientiae dei! cuius iam thesauri patebant. … Qui tanta de scripturis ademisti, quid ista servasti, quasi non et haec creatoris? *Röm 13,8-10 Röm 13,8-10 8- Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. 8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr einander liebt; denn wer den an‐ deren liebt, hat das Gesetz erfüllt. 9-Denn das: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht fal‐ sches Zeugnis ablegen! sind zusammen‐ gefasst: Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst. 9 Denn das: Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren, und wenn es ein anderes Gebot gibt, es ist in diesem Wort zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 10-Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe die Erfül‐ lung des Gesetzes. 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses; so ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. Wie eng die beiden Texte gerade auf der vorkanonischen Ebene zusammen‐ stehen, ergibt sich bereits aus derselben Reihenfolge der Gebote vom Nichttöten, Nicht-die-Ehe-Brechen und Nicht-Stehlen, während die kanonische Ebene hier die ersten beiden Gebote in umgekehrter Reihenfolge bietet. Möglicherweise stand sogar das Nicht-Falsches-Zeugnis-Ablegen in der vorkanonischen Fas‐ sung von *Röm, was die Nähe der beiden Stellen noch stärker zum Ausdruck kommen ließe, während das Nicht-Begehren der kanonischen Fassung offen‐ kundig im vorkanonischen Text von *Röm gefehlt hat. Von diesem ist auch in *Ev und Lk nicht die Rede. Zunächst ist folglich wiederum eine Nähe von *Ev und *Paulus festzustellen. Nun stellt sich die Frage der Interpretation: stehen beide Stellen im dreifachen Widerspruch zur Theologie des Markion, wie Klinghardt meint, oder nicht? Tertullians Kommentar zu *Röm 11,33 („O Tiefe des Reichtums und der Weisheit Gottes! Und wie unerforschlich seine Wege! “) führt aus, dass Markion in diesem Gott nicht den Schöpfer, sondern den fremden, un‐ bekannten Gott liest, 25 der erst jetzt diese Reichtümer offenlege. 26 Auf diese Reichtümer kommt Tertullian schließlich zu sprechen, es seien „die Gebote des neuen Gottes, die wir betrachten“. 27 Zitiert wird zunächst *Röm 12,9-10: 712 Teil IV: Ausblick <?page no="713"?> 27 Tert., Adv. Marc. V 14,11: Plane novi dei praecepta videamus. 28 Tert., Adv. Marc. V 14,13: Merito itaque totam creatoris disciplinam principali praecepto eius conclusit, Diliges proximum tanquam te. 29 Tert., Adv. Marc. V 14,13: quis sit deus legis iam ignoro. Metuo ne deus Marcionis. 30 Tert., Adv. Marc. IV 36,4: de praeceptis creatoris an ea sciret. 31 Tert., Adv. Marc. IV 36,5: Resciditne Christus priora praecepta, non occidendi, non adulterandi, non furandi, non falsum testandi, diligendi patrem et matrem? an et illa servavit et quod deerat adiecit? 32 In Ps.-Hipp., Contra Noetum 11 wird Markion als Prediger „des Einen“ bezeichnet. Vgl. das abwägende Urteil „Marcion apparently took the separation between supreme and Creator deities much further than any of his contemporaries might have envisaged, until it becomes an unfathomable gulf, a gulf that can only be conceptualised in spatial language. Others, the so-called gnostics, did something similar, but they qualified it by a cosmological myth that would ultimately derive the Demiurge back from the transcendent deity. Marcion did not follow this path nor apparently did he have any alternative myth of origins; either this was not the inspiration of his thought or, more probably, it was unnecessary for his explanatory or soteriological purposes. It is therefore difficult to decide whether Marcion was ultimately a Monist, as might be claimed for Valentinus and as is asserted by Hippolytus, or a dualist; in part this is „9 Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten! 10 In der Bruderliebe seid herzlich zueinander! “ Es folgen *Röm 12,12. 14. 16-19 („12 Freut euch in der Hoffnung, seid geduldig in der Bedrängnis! 14 Segnet, verflucht nicht! 16 Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den Niedrigen! Haltet euch nicht selbst für klug! 17 Vergeltet niemand Böses mit Bösem! ↑19 Rechtfertigt Euch nicht selbst ↑, ↓18 Haltet mit den Menschen Frieden↓! “). An diese neuen Gebote schließt sich unmittelbar die zitierte Passage aus *Röm 13,8-10 an. Tertullian versucht nachzuweisen, dass Markion mit diesen Geboten „des neuen Gottes“ „das gesamte Gesetz des Schöpfers mit dessen Hauptgebot beschlossen habe“, nämlich dem Nächstenliebegebot aus *Röm 13,8. 28 Und doch gesteht er ein: Wenn man diese Gebote nicht dem Schöpfer zuschreibe, dann gehörten sie „Markions Gott“. 29 In ähnlicher Weise versucht Tertullian auch in seinem Kommentar zu *Ev 18,8-10 die dort angeführten Gebote ausdrücklich als solche des Schöpfers herauszustellen, 30 und dass Christus diese „früheren“ Gebote, wie Tertullian sie bezeichnet, nicht zurückgenommen, sondern lediglich ergänzt habe, was fehlte. 31 Tertullians Argumentation verdeutlicht demnach, entgegen der Interpretation Klinghardts: a. Markion liest den *Ev- und *Röm-Text tatsächlich so, dass es nur einen Gott, den Vater, gibt - Klinghardts Annahme, Markion habe zwei oder drei Prinzipien gelehrt, ist eine anachronistische Verzerrung und Retrojektion der Häresiologen. 32 Auch wenn Markion die Schöpfung auf einen Demi‐ a. Fragen und Antworten 713 <?page no="714"?> because, as will be seen below, it is not philosophical principles but scriptural imagery that shapes his account of the Demiurge“, so J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 336-337. urgen zurückgeführt hatte, hatte er gerade an einem einzigen unbekannten, fremden und guten Gott festgehalten. Darin unterscheidet er sich nicht wesentlich von einem jüdischen Vorgänger wie Philo von Alexandrien. b. Dieser Gott ist in der Tat der einzige, gute Gott, der Schöpfer hingegen ist Richter, wankelmütig usw., d. h. die Lehre von dem einzigen, guten Gott widerspricht gerade nicht der Unterscheidung von creator und deus bonus, diese Unterscheidung ist die Voraussetzung der Lehre vom einzigen, guten Gott, dem Vater. c. Dieser einzige, gute Gott ist in der Tat der Gott der Gebote, aber nicht, wie Klinghardt, der Argumentation Tertullians folgend, meint, der Gott der jüdischen Gebote, sondern der „neue Gott“ der neuen Gebote von Christi Thora, d. h. der Gebote, die mit denen übereinstimmen, welche in *Ev und *Ap zu finden sind. Dass sich ein Teil dieser Gebote auch in der jüdischen Thora findet, bestreitet Markion nicht - auch wenn dies für Tertullian das Hauptargument gegen ihn begründet -, auch wenn er mit *Ev 18,22 diese Gebote nochmals durch den Armutsaufruf in der Nachfolge Christi überbietet, ganz ähnlich wie er in *Röm 13,8 der Erfüllung des Gesetzes mit seinen Geboten das Liebesgebot voranstellt, das alle Gebote zusammenfasst (Röm 13,9). Wie zu sehen ist, bleibt von den von Klinghardt hervorgehobenen Widersprü‐ chen zwischen dieser Stelle in *Ev (und *Röm) und Markions theologischer Auffassung nichts. Tertullian hatte dies bereits scharf erkannt und darum sich auch so heftig darum bemüht, die Gebote und das Gesetz mit der „früheren“ Tradition zu identifizieren, doch dies war Teil seiner rhetorischen antimarkio‐ nitischen Strategie. Da BeDuhn bezüglich dieser Textstelle noch die weitere aus *Ev 10,26-28 hinzufügt, soll auch diese betrachtet werden: 714 Teil IV: Ausblick <?page no="715"?> 33 Tert., Adv. Marc. IV 25,15: In evangelio veritatis legis doctor dominum aggressus, Quid faciens, inquit, vitam aeternam consequar? In haeretico vita solummodo posita est, sine aeternae mentione. *Ev 10,25-28 Lk 10,25-28 25 ἰδοὺ νομοδιδάσκαλός τις ἀνέστη ἐκπειράζων αὐτὸν λέγων, τί ποιήσας ζωὴν σχήσω; 25 Καὶ ἰδοὺ νομικός τις ἀνέστη ἐκπειράζων αὐτὸν λέγων, Διδάσκαλε, τί ποιήσας ζωὴν αἰώνιον κληρονομήσω; 26 ὁ δὲ ἀποκριθεὶς εἶπεν 26 ὁ δὲ εἶπεν πρὸς αὐτόν, Ἐν τῷ νόμῳ τί γέγραπται; πῶς ἀναγινώσκεις; 27 Ἀγαπήσεις κύριον τὸν θεόν σου ἐξ ὅλης τῆς καρδίας σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ ψυχῇ σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ ἰσχύϊ σου 27 ὁ δὲ ἀποκριθεὶς εἶπεν, Ἀγαπήσεις κύριον τὸν θεόν σου ἐξ ὅλης [τῆς] καρδίας σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ ψυχῇ σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ ἰσχύϊ σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ διανοίᾳ σου, καὶ τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν. 28 εἶπεν δὲ αὐτῷ, Ὀρθῶς εἶπες 28 εἶπεν δὲ αὐτῷ, Ὀρθῶς ἀπεκρίθης: τοῦτο ποίει καὶ ζήσῃ. *Ev 10,25-28 Lk 10,25-28 25 Siehe, ein Gesetzeslehrer stellte sich hin; er stellte ihn auf die Probe und sagte: „Was muss ich tun, um Leben zu erhalten? “ 25 Und siehe, ein Gesetzeskundiger stand auf, um ihn auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben? “ 26 Er aber antwortete und sprach: 26-Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? 27 „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deinem ganzen Leben und mit deiner ganzen Kraft! “ 27-Er aber antwortete und sprach: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deinem ganzen Leben, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst. 28 Er aber sprach zu ihm: „Du hast recht gesprochen.“ 28-Er aber sprach zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben! In Tertullians Kommentar, der das „Evangelium der Wahrheit“ dem „Häreti‐ schen“, also Markions, entgegensetzt, wird hervorgehoben, dass in diesem nicht vom „ewigen Leben“ die Rede sei, sondern schlicht vom „Leben“. 33 Tertullian stellt ausdrücklich heraus, dass Vers 27 sich auf die Thora beziehe, eben deshalb, weil dieser Bezug in Markions Text gefehlt habe. Tertullian wundert sich darum, wieso Jesus einem Gesetzeslehrer vorträgt, was dieser gewiss selbst bereits a. Fragen und Antworten 715 <?page no="716"?> 34 Eine erste Interpretation dieser Stelle habe ich gegeben in M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 336-338. Man vergleiche *2Kor 3,3. 6 („3 Erkennbar seid ihr das Neue Testament Christi, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des Lebendigen, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern auf fleischliche Tafeln des Herzens 6 des Neuen Testaments, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“) und auch die Position des Barnabasbriefs, wo es heißt (Barn 2,6): ταῦτα οὖν κατήργησεν, ἵνα ὁ καινὸς νόμος τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ἄνευ ζυγοῦ ἀνάγκης ὤν, μὴ ἀνθρωποποίητον ἔχῃ τὴν προσφοράν („Das also hat er abgeschafft, damit das neue Gesetz unseres Herrn Jesus Christus, das kein Zwangsjoch ist, nicht ein Opfer habe, das Menschenwerk ist“; Übers. BKV). Möglicherweise hatte Barn. Kenntnis vom vorkanonischen *Neuen Testament. gewusst hatte, wenn er sich denn auf das Leben, und nicht auf das künftige, das ewige und damit das nur Christen vorbehaltene Wissen bezöge. Sodann gibt Tertullian zu erkennen, dass Markions Text Vers 27 als „neues Gebot“ vorgestellt hatte (novum inferens praeceptum), was ja nur dann gelte, wenn es sich nicht auf die tägliche Gesetzespraxis des „Lebens“, sondern auf das „ewige Leben“ richte. Für unseren Zusammenhang ist wichtig, dass Tertullian durch seinen Kommentar kenntlich macht, dass *Ev gerade nicht als Referenz zur jüdischen Thora gelesen wurde, sondern als Verweis auf das „neue Gebot“ der Thora Christi. 34 Auf diesem Hintergrund versteht man darum auch die Differenz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Version dieser Passage. Die kanonische Redaktion reduziert die Autorität des Fragenden, indem sie ihn nur zum „Gesetzeskundigen“ (νομικός) macht, Jesus den Meistertitel verleiht und ihn zur eigentlichen Autorität erhebt. Mit dem Zusatz „ewiges“ zu „Leben“ verschiebt sie zudem den Inhalt in den spirituell-theologischen Raum. Und sie fügt hinzu, dass Jesus ausdrücklich auf die jüdische Thora verweist („Er aber sprach zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du? “). Es handelt sich folglich nicht mehr, wie Tertullian den Vers noch gelesen hat, um ein neues Gebot, das Jesus anführt, sondern um das Gebot der jüdischen Schrift, das der Gesetzeskundige selbst in dieser Schrift liest! Betrachtet man sich diesen Text eingehend, erkennt man, dass er nachgerade das Gegenteil von dem verdeutlicht, was BeDuhn aus ihm herauslesen will. Er führt keinen Widerspruch, nicht einmal eine Inkonsistenz zur Vorstellung des Markion ein, sondern stellt eine markante These Markions vor Augen, die sowohl Tertullian wie die Redaktoren des kanonischen Textes erkannt und in ihr Gegenteil zu verkehren versucht haben. 2. Klinghardt führt ein weiteres Beispiel für einen angeblichen Widerspruch von *Ev und Markions Theologie an. Es handelt sich um *Ev 23,2: 716 Teil IV: Ausblick <?page no="717"?> 35 Klinghardt fügt hier in den vorkanonischen Text kursiv ein, d. h. ohne größere Gewissheit, dass der Text vorkanonisch gestanden oder abwesend war: „von uns, weil sie nicht getauft sind wie wir und nicht gereinigt“ (ἀπὸ ἡμῶν, οὐ γὰρ βαπτίζονται ὡς καὶ ἡμεῖς οὐδὲ καθαρίζονται καὶ λέγοντα). Nach der lexikalischen Untersuchung wird der Text jedoch eher abwesend gewesen sein. *Ev 23,1-5 Lk 23,1-5 1 Καὶ ἀναστάντες ἤγαγον αὐτὸν ἐπὶ τὸν Πιλᾶτον. 1 Καὶ ἀναστὰν ἅπαν τὸ πλῆθος αὐτῶν ἤγαγον αὐτὸν ἐπὶ τὸν Πιλᾶτον. 2 ἤρξαντο δὲ κατηγορεῖν αὐτοῦ λέγοντες, Τοῦτον εὕραμεν διαστρέϕοντα τὸ ἔθνος καὶ καταλύοντα τὸν νόμον καὶ τοὺς προϕήτας καὶ κελεύοντα ϕόρους μὴ δοῦναι καὶ ἀποστρέϕοντα τὰς γυναῖκας καὶ τὰ τέκνα καὶ λέγοντα ἑαυτὸν βασιλέα Χριστὸν εἶναι. 2 ἤρξαντο δὲ κατηγορεῖν αὐτοῦ λέγοντες, Τοῦτον εὕραμεν διαστρέφοντα τὸ ἔθνος ἡμῶν καὶ κωλύοντα φόρους Καίσαρι διδόναι -καὶ λέγοντα ἑαυτὸν Χριστὸν βασιλέα εἶναι. 3 ὁ δὲ Πιλᾶτος ἠρώτησεν αὐτὸν λέγων, Σὺ εἶ ὁ Χριστός; ὁ δὲ ἀποκριθεὶς αὐτῷ ἔϕη, Σὺ λέγεις. 3 ὁ δὲ Πιλᾶτος ἠρώτησεν αὐτὸν λέγων, Σὺ εἶ ὁ βασιλεὺς τῶν Ἰουδαίων; ὁ δὲ ἀποκριθεὶς αὐτῷ ἔφη, Σὺ λέγεις. 4 ὁ δὲ Πιλᾶτος εἶπεν πρὸς τοὺς ἀρχιερεῖς καὶ τοὺς ὄχλους, Οὐδὲν εὑρίσκω αἴτιον ἐν τῷ ἀνθρώπῳ τούτῳ. 5 οἱ δὲ ἐπίσχυον λέγοντες ὅτι Ἀνασείει τὸν λαὸν διδάσκων καθ’ ὅλης τῆς Ἰουδαίας, καὶ ἀρξάμενος ἀπὸ τῆς Γαλιλαίας ἕως ὧδε. 4 ὁ δὲ Πιλᾶτος εἶπεν πρὸς τοὺς ἀρχιερεῖς καὶ τοὺς ὄχλους, Οὐδὲν εὑρίσκω αἴτιον ἐν τῷ ἀνθρώπῳ τούτῳ. 5 οἱ δὲ ἐπίσχυον λέγοντες ὅτι Ἀνασείει τὸν λαὸν διδάσκων καθ’ ὅλης τῆς Ἰουδαίας, καὶ ἀρξάμενος ἀπὸ τῆς Γαλιλαίας ἕως ὧδε. *Ev 23,1-5 Lk 23,1-5 1 Und sie erhoben sich und führten ihn zu Pilatus. 1 Und es erhob sich die ganze Menge von ihnen und sie führten ihn zu Pilatus. 2 Sie fingen an, ihn anzuklagen, indem sie sagten: „Wir haben gefunden, dass dieser das Volk verhetzt; und das Ge‐ setz und die Propheten auflöst; und befiehlt, keine Steuern zu zahlen; und die Frauen und Kinder abspenstig macht 35 und sagt, er selbst sei der König Christus.“ 2 Sie fingen aber an, ihn anzuklagen, indem sie sagten: Wir haben gefunden, dass dieser unser Volk verhetzt und verhindert, keine Steuern dem Kaiser zu zahlen und sagt, er selbst sei der König Christus. 3 Aber Pilatus fragte ihn und sagte: „Bist du der Christus? “ Er aber antwor‐ tete ihm und sprach: „Du sagst es.“ 3 Aber Pilatus fragte ihn und sagte: „Bist du der König der Juden? “ Er aber antwor‐ tete ihm und sprach: „Du sagst es.“ a. Fragen und Antworten 717 <?page no="718"?> 36 Klinghardt zitiert hier J.E.C. Schmidt, Ueber das ächte Evangelium des Lucas, eine Vermuthung (1796), 483. 37 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 141-142. 38 Tert., Adv. Marc. IV 42,1: Vos dicitis, sic pronuntiasset, hoc se esse quod dicerent. 39 So bereits E. Klostermann, Das Lukasevangelium (1929), 223. *Ev 23,1-5 Lk 23,1-5 4 Pilatus aber sprach zu den Hohenprie‐ stern und zu der Menge: „Ich finde keinen Schuldgrund an diesem Menschen.“ 4 Pilatus aber sprach zu den Hohenprie‐ stern und zu der Menge: „Ich finde keinen Schuldgrund an diesem Menschen.“ 5 Aber sie blieben hartnäckig und sagten: „Er wiegelt das Volk auf in ganz Judäa und angefangen von Galiläa bis hierher.“ 5 Aber sie blieben hartnäckig und sagten: „Er wiegelt das Volk auf in ganz Judäa und angefangen von Galiläa bis hierher.“ Deutlich erkennbar ist der für *Ev bezeugte Text erheblich länger als der kanonische Text. Wir haben es an dieser Stelle folglich mit einer Textreduktion durch die kanonische Redaktion zu tun. Klinghardt kommentiert: „Sehr viel schwerer als die überlieferungsgeschichtlichen Beobachtungen wiegt aber der unübersehbare Umstand, dass der - aus Sicht von *Ev eindeutig falsche - Vorwurf der Auflösung von Gesetz und Propheten der für Marcion angenommenen Theologie diametral widerspricht: Wenn Marcion eine theologisch induzierte Bearbeitung des Lk vorgenommen haben sollte, dann hätte er an dieser Stelle in der Tat »seinem Zwecke entgegen« geändert! 36 Im Horizont des altkirchlichen Verstümmelungsvorwurfs ist es schlechterdings undenkbar, dass Marcion diese Art von Sympathie für »Gesetz und Propheten« an den Tag gelegt haben soll. Aufschlussreich ist dabei nicht nur das Phänomen selbst, sondern auch seine Behandlung durch die Vertreter der Lk-Priorität: Sie haben diesen redaktionellen Unterschied nur nebenhin zur Kenntnis genommen, die gravierenden Folgen, die er für ihre eigene Theorie aufwarf, aber weder vermerkt noch gar zu lösen versucht.“ 37 Wieder ist es hilfreich, Tertullians Kommentar zur Kenntnis zu nehmen. Er liest im Text, dass Christus durch das zweimalige „Du sagst es“ die Anschuldigungen nicht von sich gewiesen hat. 38 Damit trifft er den Sinn der Stelle genauer als Klinghardt. Denn nicht alle der vom Volk vorgetragenen Anschuldigungen sind „eindeutig falsch“, wenn Jesus nach dem vorliegenden Text den Beschuldi‐ gungen auch „keine unbedingte Bejahung“ zollt. 39 Ganz zu leugnen sind die Vorwürfe wiederum nicht - in Markions Version von *Paulus heißt es etwa *Röm 10,4, Christus sei „das Ende des Gesetzes“ und in *Laod 2,15: „… der 718 Teil IV: Ausblick <?page no="719"?> 40 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 715. 41 Klinghardt verweist hier auf diese bereits von Bovon vorgetragene These, F.o. Bovon, Das Evangelium nach Lukas Teilband 2 Lk 9,51-14,35 (1996), 25. 42 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 788-789. 43 Klinghardt verweist hier auf A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 239*; K. Tsutsui, Das Evangelium Marcions. Ein neuer Versuch der Textrekon‐ struktion (1992), 129. das Gesetz der Gebote in seine Edikte aufgehoben hat“ -, auch wenn der Text Pilatus gewissermaßen entschuldigt, da Pilatus Jesus für unschuldig hält. Eine gewisse Volksverhetzung lässt sich nicht leugnen, wie denn auch die Hartnäckigkeit der Hohenpriester und der Menge unterstreicht, die auf Jesu Wirktätigkeit von Galiläa bis nach Jerusalem verweisen. Aus diesem Text jedoch eine antimarkionitische Position zu lesen, erscheint mir eine Überinterpretation zu sein, insbesondere, wenn wir den Text mit dem der kanonischen Redaktion vergleichen. Überdies meint Klinghardt, die kanonische Redaktion zeichne sich durch eine antimarkionitische Tendenz aus. Diese macht er etwa fest an: Lk 8,28: „Die Dämonen erkennen Jesus in der Tat als Sohn des höchsten Gottes an. Wenigstens für Lk 8,28 liegt die Vermutung nahe, dass diese Präzisierung auch eine antimarcionitische Intention verfolgt hat.“ 40 Lk 9,55-56: „… die lk Redaktion Elemente des vorkanonischen Textes gestrichen hat, um auf diese Weise ein theologisches Problem aus der Welt zu schaffen: Die theologische Begründung der Kritik Jesu an den Jüngern für ihren Eifer. … Wenn der implizierte Gegensatz zwischen dem alttestamentlichen Vorbild und dem Verhalten des Menschensohns für den redaktionellen Eingriff verantwortlich ist, dann lässt sich dies am ehesten als eine antimarcionitische Maßnahme verstehen. 41 Sie macht die generelle Bearbeitungsabsicht der lk Redaktion deutlich, ohne dass diese sich darauf reduzieren lässt.“ 42 Lk 24,27: „Die Unvereinbarkeit der Aussage von 24,27 mit der für Marcion angenom‐ menen Theologie bildet dann auch den Hintergrund des einhelligen Urteils der Vertreter der Lk-Priorität, dass dieser Vers (durch Marcion) »sicher gestrichen« sei. 43 Allerdings muss das Fehlen von V. 27 genau anders herum erklärt werden: Nicht Marcion hat ihn aus Lk gestrichen, sondern Lk hat ihn zu *Ev ergänzt. An dieser Stelle lässt sich einmal mehr das Problem der »redaktionellen Plausibilität« demonstrieren: a. Fragen und Antworten 719 <?page no="720"?> 44 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1289. Wäre Marcion daran interessiert gewesen, die theologische Bedeutung von »Gesetz und Propheten« für das Verständnis Jesu durch die Streichung einzelner Aussagen in seinem Evangelientext zu eliminieren, hätte sich dieses Interesse noch an anderer Stelle (z. B. in *6,27; *16,31 usw.; s. jeweils dort) niederschlagen müssen: Eine gezielte Beseitigung der Aussagen über Gesetz und Propheten lässt sich für *Ev eben nicht wahrscheinlich machen. Dagegen ist eine (ebenso gezielte! ) Ergänzung von *Ev um die prophetische Funktion der Schrift in Lk 24,27 ohne weiteres plausibel: Sie konstituiert das hermeneutische Konzept, das die lk Redaktion vor allem in Kap. 24 entfaltet hat und erweist sich durchgängig in den entsprechenden Zusätzen.“ 44 Wenn folglich die kanonische Redaktion sich durch eine antimarkionitische Tendenz auszeichnet, die Vorwürfe, wie Klinghardt sie interpretiert, jedoch „eindeutig falsch“ wären, die in *Ev 23,2 stehen, warum hätte dann die kanoni‐ sche Redaktion etwa den Vorwurf, Jesus habe „das Gesetz und die Propheten auf[ge]löst“ und „die Frauen und Kinder abspenstig gemacht“, gestrichen, und ihn damit noch stärker entschuldet, als dies Pilatus tut? Liest man den Text hingegen wie Tertullian und Klostermann, dann greift Pi‐ latus lediglich den letzten Vorwurf auf, nach *Ev einen theologisch gewendeten Vorwurf, der von der Menge politisch gemeint war, nach Lk den messianisch-jü‐ disch-politischen Vorwurf („König der Juden“), eine ethnische Interpretation der Messianität, die Markion in seinen Antithesen gerade abgelehnt hatte. Die Auflösung von Gesetz und Propheten und das Abspenstig machen von Frauen und Kindern waren folglich keine ganz falschen Behauptungen, die gegen Markions Vorstellung sprächen, sondern sie waren ganz im Gegenteil der markionitischen Position so nahe stehend, dass sie die kanonische Redaktion aus dem Text entfernt hatte, wie sie auch die rein theologische Frage des Pilatus in eine messianisch-jüdisch-politische verändert hatte. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass keine der Belegstellen für eine antimarkionitische Position von *Ev stichhaltig ist, hingegen der markionitische Charakter dieser Stellen, gerade im Licht der Reaktion Tertullians und der kanonischen Redaktion mehr als wahrscheinlich ist. Methodologisch ist außerdem anzumerken, dass Klinghardt insoweit der älteren apologetischen Tradition folgt, indem von einem redaktionellen Kon‐ zept Markions gesprochen wird, das man dem häretischen Redaktor, der eine orthodoxe Vorlage zurechtzimmert, zuschreibt. Auch wenn Klinghardt gegen die Vertreter der Lukaspriorität einwendet, dass man Markion ein solches 720 Teil IV: Ausblick <?page no="721"?> 45 T. Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (2022). redaktionelles Konzept gerade nicht nachsagen könne, weil der Text - auch wenn, wie hier gezeigt, zu Unrecht - Inkonsistenzen zu Markions Theologie aufweise, so stimmt doch die Logik des Arguments in dreierlei Hinsicht nicht. 1. Wenn *Ev nicht von Markion stammt, „Marcion änderte nichts“, 45 und Markion den Text lediglich benutzt hätte, dann testiert man Markion, dass er einen nicht oder nur teilweise mit seiner Theologie übereinstimmenden Grundlagentext benutzt hatte und benutzen konnte. Wenn für Markion solche Inkonsistenzen bei der Benutzung möglich waren, wieso schließt man aus, dass er solche Inkonsistenzen nicht selbst hätte herstellen oder stehen lassen können? 2. Inkonsistenzen, sollte es sie denn gegeben haben, treten schärfer hervor, wenn man einen Text bearbeitet, als wenn man einen Text abfasst. Nur wenn man bereits von einem häretischen Profil des Markion ausgeht, wird man ein scharfes, konsistentes Profil eines markionitischen Textes erwarten. Sollte aber nach Klinghardt *Ev die Priorität vor Lk und allen anderen Evangelien haben, dann handelt es sich um einen Ersttext, der, wie oben gezeigt, Jahrzehnte vor irgendeiner Häretisierung Markions liegt. Bei einem solchen Frühtext in einer erst entstehenden Diskussion würden gewisse Inkonsistenzen, die sich erst aus einem später von Häresiologen gezeichneten Bild ergeben, nicht verwundern. Dies gilt erst recht, wenn, wie angenommen, Markion auf eine noch nicht näher bestimmbare, aber sich wohl von *Ev unterscheidbare Vorlage oder Vorlagen zurückgegriffen und diese redaktionell bearbeitet hätte. 3. Stimmen die oben gemachten Beobachtungen und handelt es sich gar nicht um Inkonsistenzen, sondern bestenfalls um Unschärfen, passen diese sehr wohl zur Positionierung von *Ev gegenüber den anderen Evangelien und sprechen nicht gegen Markions redaktionelle Tätigkeit mit Blick auf *Ev. Hatte er die beiden Briefvorlagen bearbeitet, wird er auch möglicherweise ihm zur Verfügung gestandene Vorlage(n) von *Ev bearbeitet haben. Kommen wir zu den Inkonsistenzargumenten BeDuhns, soweit sie sich nicht bereits mit den von Klinghardt genannten überschneiden: Wie Klinghardt stellt auch BeDuhn die Frage „Warum beinhalten seine [Mark‐ ions] Textversionen soviel Material, das in offenem Konflikt mit seinen eigenen Ideen steht? “ 46 In der Schlussfolgerung geht BeDuhn bei seiner englischspra‐ chigen Rekonstruktion von *Ev und *Ap „nicht davon aus, dass Markion die a. Fragen und Antworten 721 <?page no="722"?> 46 „Why do his versions of the texts contain so much material in direct conflict with his own ideas? “, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 32. 47 „… does not assume that Marcion edited the texts; neither does it accept uncritically Marcion’s own implicit claims for the authenticity of the form of the texts he canonized“, ibid. 33. 48 „Marcion did not edit a single exemplar of the Evangelion from which all copies of the Marcionite New Testament were made. Perhaps, then, he did not edit the Evangelion at all, and possibly the same was true of the Apostolikon. Definitive conclusions about these possibilities await further research“, ibid. 58. 49 „Jesus repeatedly presumes a judgment to which people will be subject (6.24-25; 11.4; 12.5; 12.8-10; 12.47-48; 13.27-28; 16.22ff.; 17.2; 21.34-35; 22.22), even though the Marcionites refused to associate God or Jesus with any sort of judgment.“ ibid. 73 50 Vgl. hierzu das ausführliche Kapitel M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 305-351. Texte redaktionell bearbeitet hat, auch werden die impliziten eigenen Behaup‐ tungen Markions nicht unkritisch zugrundegelegt, wonach die Texte, die er kanonisierte, die authentische Form böten.“ 47 Wenig später formuliert BeDuhn noch deutlicher: „Markion bearbeitete nicht ein einziges Exemplar des Evangeliums, von dem alle Abschriften des markionitischen Neuen Testaments gemacht wurden. Vielleicht also bearbeitete er das Evangelium überhaupt nicht, und möglicherweise gilt dasselbe für das Apostolikon. Endgültige Schlüsse über diese Möglichkeiten bleiben künftiger Forschung vorbehalten.“ 48 *Ev 6,24-25 (und so auch *Ev 11,4; 12,5. 8-10; 12,47-48; 13,27-28; 16,22ff.; 17,2; 21,34-35; 22,22): „Jesus nimmt wiederholt ein Urteil an, dem Menschen unterworfen sein werden …, auch wenn die Markioniten Gott oder Jesus mit keinem Urteil in Verbindung bringen wollten.“ 49 Zu den Weherufen, die im Zusammenhang der Makarismen der Feldpredigt stehen, und zu den weiteren hier vermerkten Weherufen habe ich ausführlich in meinem Buch „Christi Thora“ Stellung genommen und gezeigt, dass die Weherufe zum einen in einem direkt reziproken Verhältnis zu den Makarismen stehen, sie sind folglich keine Verfluchungen, sondern Einladungen zu Makarismen, wie umgekehrt die Makarismen keine solchen zur Privilegierung oder Überheblichkeit darstellen, sondern in die Dynamik von Zuspruch und Verpflichtung führen. Hinzu kommt, dass es für Markion nicht um eine Absenz von Urteil oder gar Drohung geht, sondern - wogegen Tertullian bereits argumentiert - um eine Selbstverurteilung des Menschen. Nicht Gott oder Christus droht und urteilt, sondern Gott und Christus weisen lediglich darauf hin, dass die Menschen sich selbst verstricken und verderben, wovor sie Gott und Christus gerade bewahren wollen. 50 722 Teil IV: Ausblick <?page no="723"?> 51 „Only one God is mentioned in the Evangelion; nothing is said of a distinct demiurge responsible for this world, as found in Marcionite belief. Contrary to the latter, God plays a direct role in managing the earth. He feeds the ravens (12.24) and clothes the grass (12.28) gratuitously, and so can be relied upon to feed and clothe human beings, too“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 72. 52 Vgl. Ibid. 73. 53 Tert., Adv. Marc. IV 6,3: Constituit Marcion alium esse Christum qui Tiberianis temporibus a deo quondam ignoto revelatus sit in salutem omnium gentium, alium qui a deo creatore in restitutionem Iudaici status sit destinatus quandoque venturus. Inter hos magnam et omnem differentiam scindit, quantam inter iustum et bonum, quantam inter legem et evangelium, quantam inter Iudaismum et Christianismum. 54 „Although Jesus at times disassociates himself from the role of punisher (9.54-55), at other times his words sound threatening (e.g., 12.49, 51) in a manner not in accord with Marcionite Christology“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 71. *Ev 12,24. 28: „Nur ein Gott wird im Evangelium erwähnt, ein davon unterschiedener Demiurg, der für die Welt verantwortlich wäre, wie man ihn im markionitischen Glauben findet, bleibt unerwähnt. Im Gegensatz dazu spielt Gott eine direkte Rolle bei der Bemühung um die Erde. Er füttert die Raben (*Ev 12,24) und kleidet das Gras (*Ev 12,28).“ 51 Allerdings beobachtet BeDuhn, dass zwar vom „Gott, der ‚Herr des Himmels‘“ (*Ev 10,21), die Rede ist, doch nicht, wie in der kanonischen Parallele, von „und der Erde“, 52 was folglich Raum für einen Demiurgen lässt oder zumindest einer kanonisch-redaktionellen Verdeutlichung bedurfte. Hier handelt es sich m. E., wie gerade das letzte Argument erweist, nicht um eine Spannung, schon gar nicht um eine Inkonsistenz, sondern um ein eher typisches Phänomen, das zu Markion passt. Da sein theologischer Fokus gerade nicht die „Erde“, sondern die Transzendenz, also der „Himmel“, ist, wird man auch nicht erwarten dürfen, dass die Botschaft Jesu sich auf diese Welt oder deren Demiurgen bezieht. Mehr zum Demiurgen sei weiter unten zu *Paulus ausgeführt. Dass sich der Gott des Himmels nicht nur um das Heil des Menschen besorgt, sondern auch Tier- und Pflanzenbeispiele herangezogen werden, unterstreicht lediglich, dass sich der Gott von *Ev um ein universales Heil kümmert, worauf bereits Markions Antithesen einen Hinweis geben, wenn Markion sich von einem partikularen Gottes- und Messiasbegriff absetzt, der sich lediglich um die Wiederherstellung des jüdischen Status kümmert. 53 *Ev 12,49. 51: „Auch wenn Jesus sich bisweilen von der Rolle des Bestrafenden absetzt (*Ev 9,54-55), klingen seine Worte an anderen Stellen bedrohlich (*Ev 12,49. 51), in einer Weise, die nicht mit markionitischer Christologie übereinstimmt.“ 54 Dieses Thema klang bereits zuvor zu den Weherufen an. Ebenfalls in meinem Buch „Christi Thora“ wird auf diese Passage detailliert eingegangen. 55 Für Tertullian war dieser Passus von Bedeutung, denn er konnte an ihm zeigen, wie schwer sich a. Fragen und Antworten 723 <?page no="724"?> 55 M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 312-316. 56 Ibid. 315. Markion mit diesem Text getan hat. In „Christi Thora“ habe ich ausgeführt: „Tertullian informiert uns, dass Markion das Feuer, das Jesus auf die Erde werfen will, als emphatische Ausdrucksweise deutet, die den erbitterten Kampf zwischen einem nicht verurteilenden und einem verurteilenden Gott anzeigt. In der Konsequenz führt dies zwar nicht zu Verbrennungen von Menschen, aber zum Schwert als Metapher der Spaltung. Markion ist sich demnach bewusst, dass sein Christusbild wie überhaupt dieses Evangelium zu einer Hausspaltung führt, wörtlich genommen zu einer Spaltung von Familien, und zwar sowohl der engsten Bande zwischen Vater und Sohn und Mutter und Tochter wie zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, im übertragenen Sinn zu einer Spaltung des einen jüdischen Kults zwischen Alt und Jung, zwischen Tradition und Innovation. Verständlich ist darum auch an dieser Stelle das Bemühen seiner Leserschaft, mit diesem provokanten Text umzugehen. Mk wie Joh lassen ihn beiseite, Mt und Lk ändern die Stoßrichtung. Mt lässt das Feuerbeispiel aus und bewahrt lediglich die Entzweiung der Jüngeren und Älteren, von untereinander verfeindeten Hausgenossen, Lk verbindet das Feuerbeispiel mit dem Topos der Taufe als Vorausschau auf Jesu Tod, er historisiert und spiritualisiert also den Text und nimmt ihm die antithetische Schärfe zwischen gütigem und gerechtem Gott. Doch gleich ob Tertullian Markion korrekt las, und wie sehr Markion mit dieser Passage sich bemühte umzugehen, so erkennen wir zunächst einmal, dass sich Markion offenkundig nicht nur für seine eigene Vorstellung leichtgängige Texte aus der mündlichen Tradition ausgewählt hatte, sondern einem Schatz an Vorgaben folgte, die auch ihn und seine eigene Vorstellung von Christus und Gott infrage stellen konnten. Dies spricht für eine gewisse Quellentreue, die er vermutlich nicht anders als im Fall der Paulusbriefe an den Tag legt.“ 56 Selbst wenn man hier nicht überzogen von Widerspruch zu oder Inkonsistenz in Markions Vorstellung sprechen kann, so haben doch Tertullian und wie er BeDuhn den Finger in eine Wunde gelegt - *Ev bietet Texte, mit denen offenkundig auch Markion Probleme hatte. Löst man sich jedoch von dem Erklärungsmuster, dass ein Häretiker einen orthodoxen Text verstümmelt und zurechtgestutzt hat, und geht man hingegen davon aus, dass hier ein Autor oder Redaktor Materialien (vielleicht bereits eine Sammlung) verarbeitet, denen gegenüber er sich verpflichtet sieht und sie trotz redaktionellem Interesse möglichst umfassend bietet, dann wird man gerade die Präsenz von Texten, mit denen auch Markion interpretatorische Mühe hatte, zur Verlässlichkeit von Markion und nicht gegen dessen Autoren- oder Redaktortätigkeit rechnen. *Ev 19,10: „Jesus sieht seine Rolle darin, zu retten, ‚was verloren gegangen war‘ (*Ev 19,10; vgl. *Ev 15,4ff), was nicht mit markionitischen Ansichten des neuen und 724 Teil IV: Ausblick <?page no="725"?> 57 „Jesus sees his role as rescuing ‚that which had been lost‘ (19.10; cf. 15.4ff.), which does not correspond with Marcionite views of the novel and gratuitous nature of God’s intervention on behalf of the people of this world.“ J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 71. 58 „Jesus implies that he and John derive their authority from the same source (20.3-8), an idea sharply at odds with Marcionite views.“ ibid. 76. 59 M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 235. 60 „Jesus discusses the resurrection from the dead (20.35), and his own resurrection has a physical character (24.39, 41-42), in contrast to Marcionite rejection of the idea gnadenvollen Wesens von Gottes Eingreifen für die Menschen dieser Welt korrespon‐ diert.“ 57 Ich muss gestehen, dass ich dieses Argument BeDuhns nicht verstehe. Das einzige Problem, das Tertullian näher ausführt, ist die Beschränkung der Errettung dessen, „was verloren gegangen war“, und er impliziert, Markion meine damit nicht den ganzen Menschen, sondern lediglich die Seele - diese nämlich sei das Verlorene und nur dieses werde nach Markion gerrettet. Das entspricht natürlich dem, was Markion in *1Kor 5,3. 5 gelesen hatte („3 Ich urteile, 5 diesen Menschen dem Satan zu übergeben zum Verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird“), und noch deutlicher *1Kor 15,50 („denn dies sage ich, Brüder und Schwestern, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben werden; das Verwesliche erbt nicht das Unverwesliche“). *Ev 20,3-8: „Jesus impliziert, dass er und Johannes ihre Autorität aus derselben Quelle erhalten (*Ev 20,3-8), eine Vorstellung die in scharfem Widerspruch zu markioniti‐ schen Ansichten steht.“ 58 Wie ich ebenfalls in meinem Buch „Christi Thora“ ausgeführt habe, sehe ich diesen scharfen Widerspruch nicht, sondern lese die Stelle anders als BeDuhn: „Sowohl nach *Ev wie nach Lk verweigert Jesus, Auskunft über den Ursprung seiner eigenen Vollmacht zu geben, weil die Pharisäer aus Furcht vor dem Volk keine Stellung beziehen. Dennoch legt die Geschichte nahe, dass sie aus eigenen Stücken sehr wohl Johannes für nichts anderes als einen Menschen hätten halten wollen. Hieran schließt sich jedoch die Kritik an dem Prophetenglauben des Volkes an, womit *Ev die Antithese verbindet zwischen Jesus, dessen Vollmacht tatsächlich einen himmlischen Ursprung hat, und Johannes, dem diese himmlische Vollmacht nur von den Menschen zugeschrieben wird, sei es aus Unkenntnis des Volkes oder aus Furcht der Pharisäer. Aus derselben Furcht heraus wollen die Pharisäer schließlich Hand an Jesus legen.“ 59 *Ev 24,39. 41-42: „Jesus diskutiert die Auferstehung von den Toten (*Ev 20,35), und seine eigene Auferstehung besitzt eine physische Natur (*Ev 24,39. 41-42), was im Kontrast zur markionitischen Verwerfung des Gedankens einer physischen Auferste‐ hung steht.“ 60 Anders als BeDuhn lese ich auch diese Stelle, wie ich bereits vor langer Zeit dargelegt habe. 61 Während die Parallelperikope in Lk gerade die Physikalität und a. Fragen und Antworten 725 <?page no="726"?> of physical resurrection“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 72. 61 M. Vinzent, Der Schluß des Lukasevangeliums bei Markion (2002). 62 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1297-1298. 63 Ibid. 1298. 64 M. Vinzent, ‚Ich bin kein körperloses Geistwesen‘. Zum Verhältnis von Kerygma Petri, „Doctrina Petri“ und IgnSm III (1999). 65 Vgl. auch H.E. Lona, Über die Auferstehung des Fleisches. Studien zur frühchristlichen Eschatologie (1993). Fleischlichkeit an dieser Stelle unterstreicht (Lk fügt hinzu: ψηλαφήσατέ με καὶ ἴδετε, ὅτι; „Fasst mich doch an und begreift“), versuchte bereits Tertullian „die Marcioniten in sarkastischem Ton des Selbstwiderspruchs zu überführen“ und „es überrascht nicht, dass seine gewundene Erklärung über die tortuositas und Inkonsequenz der vermeint‐ lichen Redaktion Marcions gerade in diesem Kontext begegnet.“ 62 Wie Klinghardt richtig hervorhebt, findet sich nämlich in Vers *Ev 24,37 das Stichwort φάντασμα, während in *Ev 24,39 das synonym verwendete πνεῦμα steht. Klinghardt kommentiert richtig: „unabhängig von Tertullians Argumentation bleibt das Problem bestehen, dass *Ev in *24,37. 39 zwei unterschiedliche, aber offensichtlich synonym verwendete Begriffe enthielt (ϕάντασμα; πνεῦμα), während die kanonische Fassung in beiden Fällen πνεῦμα bietet. Im Rahmen der Lk-Priorität erscheint dieser Wechsel als beab‐ sichtigte begriffliche Differenzierung; für diese gibt es jedoch nicht den geringsten Anhaltspunkt. Unter der umgekehrten Annahme der *Ev-Priorität löst sich dieses Problem jedoch in Wohlgefallen auf, denn in diesem Fall hat die lk Redaktion genau das getan, was man von einer Redaktion erwartet: Sie beseitigt Unklarheiten und vereinheitlicht die unterschiedliche, aber offensichtlich synonyme Begrifflichkeit. Der viel diskutierte Wortlaut von *24,37. 39 bestätigt auf diese Weise noch einmal die An‐ nahme der *Ev-Priorität.“ 63 Darüber hinaus zeugt aber auch die kanonische Redaktion erneut dafür, wie *Ev gelesen wurde, und wo die Redaktion Nachbesserungsbedarf sah. Offenkundig verstand sie den Text (ähnlich der Kritik des Tertullian und wiederum wie BeDuhn) nicht als Erweis einer physischen Auferstehungsbehauptung, sondern störte sich am Begriff des Phantasmas, strich diesen und ersetzte ihn mit πνεῦμα, fügte aber auch noch zwei deutliche Zusätze hinzu: ψηλαϕήσατέ με καὶ ἴδετε und σάρκα καί. Wie sehr gerade diese Aussagen innerhalb einer antimarkionitischen und antidoketischen Debatte des späten zweiten Jahrhunderts auch in weiteren Schriften (IgnSm; Doctrina Petri; Origenes, De principiis) eine Rolle spielten, habe ich bereits an früherer Stelle ausgeführt. 64 Diese Debatte und die kanonische Redaktion belegen, dass der Text in *Ev von Antidoketen als anstößig empfunden wurde und man ihn für ein physisches Verständnis der Auferstehung zu verdeutlichen suchte. 65 BeDuhns 726 Teil IV: Ausblick <?page no="727"?> 66 Ich biete seine Liste bereinigt um solche Zitate, die in der untenstehenden Rekonstruk‐ tion nicht begegnen, und umgestellt auf LXX. Behauptung von einem antimarkionitischen Sinn dieser Stelle in *Ev fehlt demnach die Grundlage. BeDuhns Schlussfolgerung, dass *Ev „weder mehr noch weniger mit markio‐ nitischer Theologie wie mit ‚orthodoxer‘ Theologie übereinstimmt“ und dass folglich „nichts spezifisch ‚Markionitisches‘ hinzugefügt wurde“, steht in deut‐ lichem Kontrast zu den bereits zu Klinghardt und nochmals zu den obigen Ausführungen hinzugefügten Beobachtungen. Während BeDuhn nicht anders als Klinghardt an verschiedenen Stellen korrekt auf die Übereinstimmung zwischen markionitischer Theologie und *Ev hinweist, führen bei beiden die Gegenbeispiele, die einen Widerspruch oder auch nur eine Inkonsistenz zwi‐ schen *Ev und Markion aufzeigen sollen, zum Gegenteil und erweisen desto stärker den markionitischen Charakter von *Ev. Fügen wir noch BeDuhns parallel gelagerte Ausführungen zu *Paulus hinzu. Zunächst bietet BeDuhn eine lange Liste von Zitaten aus der jüdischen Schrift, die auch bei *Paulus begegnen: 66 *Gal 3,11 (Hab 2,4) *Gal 3,13 (Dtn 21,23) *Gal 4,22 (Gen 16,15; 21,2) *Gal 5,14 (Lev 19,18; vgl. *Ev 10,27; Lk 10,27) *1Kor 1,19 ( Jes 29,14) *1Kor 1,31 ( Jer 9,23) *1Kor 2,16 ( Jes 40,13) *1Kor 3,19 ( Job 5,12) *1Kor 3,20 (Ps 93,11) *1Kor 9,9 (Dtn 25,4) *1Kor 10,7 (Ex 32,6) *1Kor 14,21 ( Jes 28,11-12) *1Kor 15,45 (Gen 2,7) *1Kor 15,54-55 (Hos 3,14; Jes 13,14) *2Kor 4,6 (vgl. Gen 1,3-4; Ijob 35,17) *2Kor 13,1 (Dtn 19,15) *Röm 2,24 ( Jes 52,5) *Röm 11,34-35 ( Jes 40,13-14) *Röm 12,17 (Lev 19,18) *Röm 12.19 (Dtn 32,35) *Laod 4,8 (Ps 67,19) a. Fragen und Antworten 727 <?page no="728"?> 67 Liste und Kommentar in J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 212. 68 „It simply is not plausible to propose ideological motives for the differences between the Apostolikon and the catholic text of Paul’s letters,“ ibid. *Laod 5,14 ( Jes 26,19; 51,17 oder 60,1) *Laod 5.31 (Gen 2.24) *Laod 6,2 (Ex 20,12) Hierzu kommentiert BeDuhn, 67 Markion habe all diese Verse der jüdischen Schrift in *Ap stehen lassen, auch ihren Kontext nicht verändert und sie weder kritisch noch negativ behandelt. Am auffallendsten sei etwa die Passage in *1Kor 10,1-10 mit den Ausfüh‐ rungen entlang Ex und Num. Dann bediene sich *1Kor 5,7 dem Gedanken des Paschalammes. *1Kor 8,6 werde Gott, wie BeDuhn meint, als „Schöpfer“ bezeichnet, doch es heißt: „so gibt es für uns nur einen Gott, den Vater, aus dem alles für uns ist“. Er wird auch nicht der „Hersteller“ (fashioner) des menschlichen Leibes in *1Kor 12,24 genannt, sondern es heißt: „Gott aber hat den Leib zusammengefügt.“ Gott ist auch nicht Hersteller von Tieren und Pflanzen, sondern es heißt in *1Kor 15,38-41: „38 Gott gibt ihm den Leib, wie er will, und zwar jedem Samen einen eigenen Leib. 39-Nicht alles Fleisch ist dasselbe: Das Fleisch der Menschen ist anders als das des Viehs, das Fleisch der Vögel ist anders als das der Fische. 40-Auch gibt es Himmelskörper und irdische Körpe. 41 Ein anderer ist der Glanz der Sonne als der Glanz des Mondes, anders als der Glanz der Sterne.“ Es geht in dieser Passage also um die Verschiedenheit der Leiber, die Gott für verschiedene Dinge in der Welt vorgesehen hat. Gleichwohl findet sich in *2Kor 4,6 die bemerkenswerte Aussage: „Aufgrund von Gott, der sprach: Aus Finsternis wird Licht aufleuchten, der in unseren Herzen aufgeleuchtet ist, damit die Erkenntnis seines Glanzes im Antlitz Christi erstrahlt! “ Gerade letzte Stelle war den Zeugen so wichtig, dass die Stelle sowohl bei Tertullian wie auch bei Epiphanius (auch bei Adamantius) bezeugt ist. Aus diesen Zeugnissen ziehe ich jedoch nicht den Schluss, den BeDuhn hieraus ableitet. Ihm zufolge sei es „einfach nicht plausibel, ideologische Motive für die Unterschiede zwischen dem Apostolikon und dem katholischen Text der Paulusbriefe“ anzunehmen. 68 Aus den voranstehenden lexikalischen, semanti‐ schen und inhaltlichen Untersuchungen hat sich gerade das Gegenteil dieses Schlusses ergeben. Worauf BeDuhn aber zurecht hinwies, hatte ich bereits in einem Aufsatz zur jüdischen Positionierung Markions einmal vorgetragen. 69 Wir 728 Teil IV: Ausblick <?page no="729"?> 69 M. Vinzent, Marcion the Jew (2013). 70 Tert., Adv. Marc. III 6,2: atque ita coacta est cum Iudaico errore sociari et ab eo argumentationem sibi struere, quasi Iudaei certi et ipsi alium fuisse qui venit, non modo respuerint eum ut extraneum verum et interfecerint eum ut adversarium, agnituri sine dubio et omni officio religionis prosecuturi, si ipsorum fuisset. “ (Übers. BKV). 71 Vgl. hierzu weiter M. Vinzent, Marcion the Jew (2013), 180-181. 72 „It suited Tertullian’s purpose admirably to associate Marcion and the Jews (against whom he also wrote a tract) to their mutual disadvantage, but there is no reason to doubt his report. Marcion apparently believed, with the Jews, that the creator did not prophesy the Messiah’s death and would not at any rate have subjected him to that cursed form, crucifixion,“ S.G. Wilson, Marcion and the Jews (1986), 53-54. kennen keinen Autor der ersten beiden Jahrhunderte unserer Zeitrechnung, der so genährt ist aus jüdischer Schrift und Tradition, wie hier von BeDuhn vorgeführt, und nicht aus einem jüdischen Kontext stammt. Hinzu kommt, worauf bereits Tertullian in seiner Kritik an Markion hinwies, dass Markion die von der kanonischen Redaktion wie auch von Tertullian vertretene Auffassung der Schuld „der Juden“ an Jesu Tod minimiert. Nach Tertullian lautete das Argument, dass Markions Annahme, der Christus des unbekannten Gottes sei prophetisch nicht vorherverkündet worden, zum Schluss führe, „sich dem Irrtum der Juden anzuschließen und sich der Beweisführung derselben zu bedienen in dem Sinn, als wären die Juden ihrerseits auch vollständig überzeugt gewesen, der Erschienene sei ein anderer und als hätten sie ihn nicht bloss als ihnen fremdartig verworfen, sondern auch als Feind getötet. Denn sie würden ihn ohne Zweifel anerkannt und mit ehrfurchtsvollen Diensten jeder Art beehrt haben, wenn er der ihre gewesen wäre.“ 70 In weniger apologetischer Rhetorik bedeutet dies - „die Juden“ haben Christus lediglich aus Irrtum verworfen und getötet, weil sie ihn, der nicht von ihren Propheten vorverkündigt worden ist, nicht hatten erkennen können und er ihnen schlicht fremd war, denn, hätten sie ihn erkannt, dann hätten sie ihn anerkannt und verehrt. Tertullian hält dem Argument entgegen, dass durch die Propheten nicht nur Christus vorhergesagt worden sei, sondern auch die Tötung dieses Christus, d. h. er akzeptiert weder eine Entschuldung der Juden noch deren Voraussetzung, dass nach Markion der Christus des unbekannten Gottes selbst unbekannt und fremd sei. 71 Bereits S.G. Wilson hatte erkannt, dass Tertullian, der einen eigenen Traktat „Gegen die Juden“ geschrieben hatte, „Markion mit den Juden assoziierte zu deren gegenseitigem Nachteil“, weil „offensichtlich Markion mit den Juden glaubte, dass der Schöpfer nicht den Tod des [nach Markion wahren] Messias prophezeite und ihn keinesfalls der verfluchten Form der Kreuzigung unter‐ worfen hätte“. 72 Während Tertullian folglich Markion zu einem Verteidiger a. Fragen und Antworten 729 <?page no="730"?> 73 Tert., Adv. Marc. III 6,10: … ut et ipsum hominem qua suum, id est Iudaeum, sed Iudaismi exorbitatorem et destructorum. 74 Tert., Adv. Marc. V 11,11: Ero similis altissimi, ponam in nubibus thronum meum; sicut et tota huius aevi superstitio illi mancipata est qui excaecet infidelium corda et inprimis apostatae Marcionis. An dieser Stelle ist nicht von der Apostasie Markions von der Kirche die Rede, sondern von der gegenüber dem jüdischen Gott. 75 Tert., Adv. Marc. IV 33,8: Quasi non et nos limitein quendam agnoscamus Ioannem consti‐ tutum inter vetera et nova, ad quem desineret Iudaismus et a quo inciperet Christianismus. 76 Tert., Adv. Marc. V 13,2: sine dubio et evangelium et salutem iusto deo deputat, non bono, ut ita dixerim secundum haeretici distinctionem, transferenti ex fide legis in fidem evangelii, suae utique legis et sui evangelii. Gleich anschließend erläutert Tertullian, dass er im Unterschied zu Markion diese Verse auf den Schöpfer bezieht, Markion sie folglich auf den unbekannten Gott bezogen hatte. der Juden macht, in deren Nähe er ihn stellt, vertritt er selbst die Position, Christus sei zwar als Mensch ein Jude gewesen, „habe sich vom Judentum jedoch abgewandt und das Judentum vernichtet.“ 73 Auch wenn Tertullian sonst Markion kritisch gegenübersteht, so zeichnet er ihn doch wie Christus als jemanden, der einst ein frommer Jude war, dann aber ein Apostat des Judentums wurde, 74 und er überbietet noch Markions Vorstellung von der Gültigkeit des Gesetzes und der Prophetie bis zum Täufer, indem er sogar von einem Verlöschen des Judentums zu Beginn des Christentums spricht. 75 Markion sah Thora, Prophetie und Judentum nicht durch die Thora Christi verändert, verbessert, übertroffen und abgetan, wie Tertullian dies annahm, sondern er verstand das neue Gesetz als Fülle des gesamten Gesetzes, als ein völlig unvergleichliches, als Alternative und Antithese zum alten Gesetz, das er zwar mit *2Kor 3,13 für ephemer hielt, das aber weiter bestand und bis zum Ende auch bestehen wird (*2Kor 3,16). Das neue Gesetz war anders, unvergänglich, nicht mündlich gegeben oder in Stein gehauen wie die Gebote des Mose, sondern ein ius scriptum, das wie im römischen Recht als Neues von dem neuen Magistrat promulgiert wurde, es war auch materiell und konzeptuell ein anderes Recht unter Ausschluss von zentralen Elementen wie Verfolgung, Zwang, Urteil, Vollstreckung und Schuldtitel. Christi Thora war neudefiniert als Rettung aller. In der Diskussion zur Stellung des jüdischen Proselytismus bei Tertullian in seinem Werk gegen Markion wird erstens deutlich, dass Markion - entgegen der Auffassung Tertullians - noch keinen Unterschied zwischen christlicher und jüdischer Gemeinde vorfand, sondern mit seinem *Neuen Testament erst für eine solche Unterscheidung plädierte, andererseits wollte Markion, dass Prosel‐ yten nicht zu solchen des Schöpfergottes würden, sondern einen Gott verehrten, „der Menschen vom Gesetzesglauben zum Evangeliumsglauben hinüberträgt, nämlich zu seinem eigenen Gesetz und seinem eigenen Evangelium.“ 76 730 Teil IV: Ausblick <?page no="731"?> 77 Vgl. Tert., Adv. Marc. III 21,2-4, und zu diesem Text M. Vinzent, Marcion the Jew (2013), 187-188. Zweitens sagt Tertullian ausdrücklich, dass Markion die Proselytenfrage aufgeworfen und an die Schrift herangetragen habe, was sich wohl nur auf die Antithesen beziehen kann. Das Proselytenthema wurde also von Markion eingebracht (interpoliert, sagt Tertullian), nicht etwa, weil es durch den Text vorgegeben war. Diskutiert wird zwischen Tertullian und Markion Jes 42,4 („Und in seinem Namen, sagt er, sollen die Heiden hoffen“). 77 Dies legt nahe, dass sich das Thema aus dem soziohistorischen Kontext heraus stellte, aus welchem Markion stammte und in welchem er lehrte, einer jüdischen Gemeinde mit proselytischem Anteil. Selbst wenn Markion mit keinem Finger die Sammlung des *Neuen Testa‐ ments berührt und sie lediglich in seinem Unterricht benutzt hätte, kämen wir zum selben Ergebnis: Ein Lehrer des zweiten Jahrhunderts, der sich in seinem Unterricht der Briefe eines griechischschreibenden Juden bedient, in welchen, wie die Liste der jüdischen Schriftzitate zeigt, wiederholt auf die jüdischen Schriften verwiesen wird, auch auf den Gott, der sagte: „Aus Finsternis wird Licht aufleuchten! “, und der jüdische Vorstellungen wie die des Messias, der Propheten und vieler anderer verwendet, auch wenn er eine antithetische Vor‐ stellung zu allem Jüdischen entwickelt, ist wohl viel eher einem jüdischen Milieu zuzuordnen als einem paganen. Doch wie man auch diese Frage entscheiden möchte, das Vorhandensein der jüdischen Schriftverweise, die BeDuhn auflistet, spricht nicht gegen eine mögliche Redaktionstätigkeit Markions an diesen Texten, denn dann müsste man Markion auch vorwerfen, er habe gar nicht erst von einem Messias, von Jesus und von allen anderen jüdischen Themen sprechen dürfen, also auch gar nicht *Ev und *Ap benützen können. Wenden wir uns einzelnen Beispielfällen BeDuhns zu: Eine erste herausragende Stelle mit einem Zitat aus der jüdischen Schrift (Dtn 25,4) ist *1Kor 9,7-9: a. Fragen und Antworten 731 <?page no="732"?> *1Kor 9,7-10 1Kor 9,7-10 7 τίς στρατεύεται, τίς φυτεύει ἀμπελῶνα καὶ ἐκ τοῦ καρποῦ αὐτοῦ οὐκ ἐσθίει καὶ πίνει; τίς ποιμαίνει ποίμνην καὶ ἐκ τοῦ γάλακτος οὐκ ἐσθίει; 7 τίς στρατεύεται ἰδίοις ὀψωνίοις ποτέ; τίς φυτεύει ἀμπελῶνα καὶ τὸν καρπὸν αὐτοῦ οὐκ ἐσθίει; ἢ τίς ποιμαίνει ποίμνην καὶ ἐκ τοῦ γάλακτος τῆς ποίμνης οὐκ ἐσθίει; 8 Μὴ κατὰ ἄνθρωπον λέγω, ἢ εἰ καὶ ὁ νόμος Μωϋσέως ταῦτα λέγει. 8 Μὴ κατὰ ἄνθρωπον ταῦτα λαλῶ, ἢ καὶ ὁ νόμος ταῦτα οὐ λέγει; 9 γέγραπται γὰρ, Οὐ κημώσεις βοῦν ἀλοῶντα. μὴ τῶν βοῶν μέλει τῷ θεῷ; 10 δι’ ἡμᾶς γὰρ ἐγράφη. 9 ἐν γὰρ τῷ Μωϋσέως νόμῳ γέγραπται, Οὐ φιμώσεις βοῦν ἀλοῶντα. μὴ τῶν βοῶν μέλει τῷ θεῷ; 10 ἢ δι’ ἡμᾶς πάντως λέγει; δι‘ ἡμᾶς γὰρ ἐγράφη, ὅτι ὀφείλει ἐπ’ ἐλπίδι ὁ ἀροτριῶν ἀροτριᾶν, καὶ ὁ ἀλοῶν ἐπ‘ ἐλπίδι τοῦ μετέχειν. *1Kor 9,7-10 1Kor 9,7-10 7 Wer leistet Kriegsdienst, wer pflanzt einen Weinberg und isst und trinkt nicht aus seinem Ertrag? Wer weidet eine Herde und trinkt nicht von der Milch? 7-Wer leistet denn Kriegsdienst und be‐ zahlt sich selber den Sold? Wer pflanzt einen Weinberg und isst nicht von seinem Ertrag? Oder wer weidet eine Herde und trinkt nicht von der Milch der Herde? 8-Sage ich das nicht den Menschen ent‐ sprechend, selbst wenn das Gesetz des Mose das sagt? 8-Sage ich das nur als Mensch? Sagt das nicht auch das Gesetz? 9-Es steht nämlich geschrieben: Du sollst dem Ochsen beim Dreschen keinen Maulkorb anlegen. Liegt Gott etwas an den Ochsen? 9-Im Gesetz des Mose steht doch: Du sollst dem Ochsen beim Dreschen keinen Maulkorb anlegen. Liegt denn Gott etwas an den Ochsen? 10-Unseretwegen wurde es ge‐ schrieben. 10-Spricht er nicht allenthalben unse‐ retwegen? Ja, unseretwegen wurde ge‐ schrieben: Der Pflüger wie der Drescher sollen ihre Arbeit in der Erwartung tun, ihren Teil zu erhalten. Zu dieser Passage kommentiert BeDuhn: „Das Zitat in Vers 9 stammt aus Dtn 25,4, und es ist bemerkenswert, dass Markion nicht, wie seine Kritiker es erwarten würden, ein direktes Zitat aus dem Gesetz des Mose, das Paulus autoritativ zitiert, wegschneidet, es vielmehr Gott zuschreibt und allegorisch interpretiert, was alles diametral den Ansichten des Markion widerspricht, wie 732 Teil IV: Ausblick <?page no="733"?> 78 „The quotation in v. 9 is from Deut 25.4, and it is noteworthy that Marcion did not excise (as his critics would expect) a direct quote of the Law of Moses, which Paul cites authoritatively, attributes to God, and interprets allegorically - all of which would appear to be diametrically opposed to the views of Marcion as our sources (and modern scholarship) represent them“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 278. 79 „8 [I am not speaking these things in a human way,] even if the Law does not say these things (explicitly)“, ibid. 237. sie uns unsere Quellen (und die moderne Forschung) präsentieren.“ 78 Sieht BeDuhn hier richtig? BeDuhns Einwand hängt an seiner, m. E. inkorrekten, Interpretation der Stelle, die aus seiner Übersetzung von Vers 8 erkennbar wird: „8 [Ich sage das nicht nur als Mensch,] auch wenn das Gesetz das nicht (ausdrücklich) sagt.“ 79 Die Hinzufügung des im Text nicht vorhandenen und darum von BeDuhn auch in Klammern gesetzten „ausdrücklich“ (explicitly) zeigt, dass er den im Text formulierten Gegensatz zwischen dem, was *Paulus „nicht nur als Mensch“ sagen will, und dem Gesetz, das dies „sagt,“ entschärft und mindert. *Paulus nennt zunächst Beispiele aus dem beruflichen Alltag, Militär, Weinbau und Hirtentätigkeit, Arbeiten, für die die Arbeit Leistenden jeweils aus ihrem Ertrag entlohnt werden. Wenn man das, was im Gesetz steht, hinzunimmt, gewinnt man zunächst den Eindruck, das Gesetz sage dasselbe, und tatsächlich fasst es so auch die kanonische Redaktion auf, indem sie im zweiten Teil von Vers 8 die Konjunktion sinnverdrehend verändert. Die vorkanonische Fassung lässt den Gegensatz deutlicher hervortreten. Doch worin besteht dieser Gegensatz? Denn auch im Gesetz heißt es ja, man solle dem Ochsen beim Dreschen keinen Maulkorb anlegen, was ja bedeutet, dass auch das arbeitende Tier die Möglichkeit hat, aus seiner Arbeit eine Entlohnung zu erhalten. Der Duktus der weiteren Perikope zeigt, dass es um *Paulus selbst, den Apostel geht, der sich auf das Recht beruft, für die Arbeit, die er leistet, entlohnt zu werden. Von Zweierlei spricht das Gesetz nach diesen Versen nicht: Dass es ein menschlicher Arbeiter ist, der seinen Lohn verdient, und dass es nicht darum geht, einen Ochsen am Essen zu hindern, sondern den Arbeitenden aktiv von dem sich nähren zu lassen, das er selbst schafft. Auch wenn die beiden Nuancen vielleicht spitzfindig wirken, mit denen *Paulus hier einen Unterschied zwischen seinen Ausführungen und denen des Gesetzes konstruiert, so scheint doch auch der zweite Versteil von Vers 9 nochmals beide Elemente zu unterstreichen. Auf die Frage von Vers 9 lassen sich zwei Antworten denken: Dem Gott des Gesetzes geht es wohl wirklich nur um den Ochsen - darum die Differenz zu dem, was *Paulus beabsichtigt. Dann müsste Vers 10 sich auf Vers 7 beziehen, was möglich, aber nicht zwingend ist. Wenn dem nicht so wäre, lautet die Antwort: Gott geht a. Fragen und Antworten 733 <?page no="734"?> 80 Tert., Adv. Marc. V 7,11: Ergo et legem allegoricam secundum nos probavit, et de evangelio viventibus patrocinantem. 81 Vgl. Clem. Alex., Strom. III 5,38-39; vgl. hierzu J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 133. 82 Tert., Adv. Marc.V 7,10: sed divina illi auctoritas deerat. Legem igitur opponit creatoris ingratis, quam destruebat; sui enim dei nullam talem habebat. es gar nicht um den Ochsen, sondern der Spruch aus Dtn 25,4 muss auf den Menschen hin ausgelegt werden, denn des Menschen, oder vielmehr *Paulus wegen, wurde Dtn 25,4 geschrieben. Der Prediger des Evangeliums ist für diese Tätigkeit zu entlohnen. In letzterem Sinn hat wohl auch Tertullian die vorkanonische Version gelesen. Denn er spießt die Verse erstens als Verweis dafür auf, wonach Markion hier eine allegorische Interpretation fordert. Nun wissen wir, dass in Markions *Paulus ausdrücklich von allegorischer Interpretation gesprochen und von ihr Gebrauch gemacht wird, man denke an *Gal 4,24 (ἅτινά ἐστιν ἀλληγορούμενα), 80 aber es ist ein häresiologischer Topos, den wir nicht nur bei Tertullian finden, sondern der auch bei Klemens von Alexandrien begegnet, wonach Markion das, was in den Schriften bei den Propheten allegorisch zu verstehen sei, immer wörtlich auslege. 81 Außerdem unterschiebt Tertullian Markions Vers 7, sein *Paulus könne für diese Aussage keine göttliche Autorität, also kein Logion seines Christus, vorweisen, sondern müsse sich stattdessen des jüdischen Gesetzes bedienen. 82 Auch diese Überlegungen widerlegen, dass wir es mit einer Spannung oder Inkonsistenz zu markionitischen Auffassungen zu tun haben. Die nächste Passage ist *1Kor 10,7-11: *1Kor 10,7. 9-11 1Kor 10,7-11 7 μηδὲ εἰδωλολάτραι γίνεσθε, καθώς τινες αὐτῶν: ὥς γέγραπται, Ἐκάθισεν ὁ λαὸς φαγεῖν καὶ πιεῖν, καὶ ἀνέστησαν παίζειν. 7 μηδὲ εἰδωλολάτραι γίνεσθε, καθώς τινες αὐτῶν: ὥσπερ γέγραπται, Ἐκάθισεν ὁ λαὸς φαγεῖν καὶ πεῖν, καὶ ἀνέστησαν παίζειν. - 8 μηδὲ πορνεύωμεν, καθώς τινες αὐτῶν ἐπόρνευσαν, καὶ ἔπεσαν μιᾷ ἡμέρᾳ εἴκοσι τρεῖς χιλιάδες. 9 μηδὲ ἐκπειράζωμεν τὸν Χριστόν, καθώς τινες αὐτῶν ἐξεπείρασαν, καὶ ὑπὸ τῶν ὄφεων ἀπώλοντο. 9 μηδὲ ἐκπειράζωμεν τὸν κύριον, καθώς τινες αὐτῶν ἐπείρασαν, καὶ ὑπὸ τῶν ὄφεων ἀπώλλυντο. 10 μηδὲ γογγύζετε, καθάπερ τινὲς αὐτῶν ἐγόγγυσαν, καὶ ἀπώλοντο ὑπὸ τοῦ ὀλοθρευτοῦ. 734 Teil IV: Ausblick <?page no="735"?> 83 „This entire passage is at odds with Marcion’s ideology as it has been traditionally understood, saying as it does that Christ accompanied the Israelites out of Egypt, and punished them for wrongdoing, and that these incidents, as reported in Jewish scripture, serve as examples for Christians. Either our understanding of Marcion’s beliefs is totally wrong, or Marcion did not touch a passage even as problematic for him as this one is, and found some way to interpret it away“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 280. 11 ταῦτα δὲ καθῶς συνέβαινεν ἐκείνοις, ἐγράφη δὲ πρὸς νουθεσίαν ἡμῶν, εἰς οὓς τὰ τέλη τῶν αἰώνων κατήντησεν 11 πάντα δὲ ταῦτα τυπικῶς συνέβαινον ἐκείνοις, ἐγράφη δὲ πρὸς νουθεσίαν ἡμῶν, εἰς οὓς τὰ τέλη τῶν αἰώνων κατήντηκεν. *1Kor 10,7. 9-11 1Kor 10,7-11 7 Werdet nicht Götzenverehrer wie ei‐ nige von ihnen, wie geschrieben steht: Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken; dann standen sie auf, um sich zu vergnügen. 7 Werdet nicht Götzenverehrer wie einige von ihnen, wie geschrieben steht: Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken; dann standen sie auf, um sich zu ver‐ gnügen. - 8-Lasst uns nicht Unzucht treiben, wie einige von ihnen Unzucht trieben! Da‐ mals fielen an einem einzigen Tag drei‐ undzwanzigtausend Menschen. 9-Lasst uns auch nicht Christus her‐ ausfordern. 9-Lasst uns auch nicht den Herrn heraus‐ fordern, wie es einige von ihnen taten, und die von Schlangen getötet wurden! - 10 Murrt auch nicht, gerade wie einige von ihnen murrten; sie wurden vom Ver‐ derber umgebracht! 11 Wie das aber ihnen geschah, ist uns zur Warnung aufgeschrieben worden, uns, die das Ende der Zeiten erreicht. 11 All die Dinge aber stießen ihnen als Beispiele zu, uns zur Warnung wurde es aufgeschrieben, uns, die das Ende der Zeiten erreicht. BeDuhn schreibt zur Stelle: „Diese gesamte Passage widerspricht Markions Ideologie, wie sie traditionell verstanden wurde, indem sie sagt, wie es hier heißt, dass Christus die Israeliten aus Ägypten begleitet hat und sie für ihr Fehlverhalten bestraft hat, und dass diese Vorkommnisse, wie sie in der jüdi‐ schen Schrift geschildert werden, als Beispiele für Christen dienen. Entweder verstehen wir Markions Glaubensauffassungen völlig falsch, oder Markion berührte selbst eine Passage nicht, die so problematisch für ihn war wie diese, und fand irgendeinen Weg, sie weg zu interpretieren.“ 83 a. Fragen und Antworten 735 <?page no="736"?> 84 Zum griechischen Textvergleich, vgl. die Rekonstruktion. Der vorkanonische Text bietet deutlich das Schriftzitat Ex 32,6 („Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken, dann standen sie auf, um sich zu ver‐ gnügen“). Im Zuschnitt des bezeugten vorkanonischen Textes (wobei BeDuhn auch Vers 8, allerdings in Klammern, in seine Übersetzung mit aufnimmt, im Text bei ihm stehen auch die Verse 9-11) wird jedoch eine deutliche Differenz zwischen denen, die als Götzenverehrer bezeichnet werden und auf die das Schriftzitat hinzielt, worauf sich dann auch der Anfang von Vers 11 bezieht, und den Adressaten des *Paulus gemacht. BeDuhns Interpretation und die Anwendung von Ex 32,6 auf Christen, die seines Erachtens Markions Auffassung widerspricht, leitet sich jedoch ausschließlich aus dem für die vorkanonische Fassung unbezeugten Text ab. Damit aber dient diese Passage nicht für den Erweis der Spannung mit Markions Inhalt, sondern im Gegenteil dafür, dass die kanonische Redaktion den Text so umgestaltet hat, dass er zu einer christologischen Deutung und zu einem Widerspruch zu Markions Auffassung geführt hat. Von einem Begleiten Christi und einer Bestrafung ist im bezeugten vorkanonischen Text nicht die Rede - der Hinweis auf Ex zeigt lediglich, dass einige derjenigen, die in der jüdischen Schrift gemahnt wurden, diese Mahnung nicht ernstgenommen haben, eine Warnung für die Adressaten des *Paulus, Christus nicht zu versuchen. Und wir erinnern uns, dass es bei Markion Warnungen und auch Urteile gibt, doch sind es Urteile, die die Menschen über sich selbst fällen - möglicherweise allerdings war dieser Vers ein Anstoß zur Entwicklung der in *Ev fehlenden Versuchungsgeschichten Jesu. Der nächste von BeDuhn herausgehobene Vers ist *1Kor 10,25. Man ver‐ gleiche ihn im Zusammenhang: 84 *1Kor 10,25. 28. 31 1Kor 10,25-31 25-Alles, was verkauft wird, das esst. 25 Alles, was auf dem Fleischmarkt ver‐ kauft wird, das esst, ohne das Gewissen zu befragen. - 26 Denn dem Herrn gehört die Erde und ihre Fülle. - 27 Wenn euch einer der Ungläubigen ein‐ lädt und ihr wollt hingehen, dann esst, alles, was euch bereitet wird, ohne das Gewissen zu befragen! 736 Teil IV: Ausblick <?page no="737"?> 28-Wenn euch aber jemand darauf hin‐ weist: Das ist Götzenopfer! , dann esst nicht davon; 28 Wenn euch aber jemand sagt: Dies ist Opferfleisch, dann esst nicht davon wegen dem, der auch auf das Gewissen hingezeigt hat; - 29 das heißt, nicht das eigene Gewissen, sondern das des anderen; warum nämlich wird meine Freiheit vom Gewissen eines anderen gerichtet? - 30 Wenn ich in Dankbarkeit mitesse, warum soll ich für das verunglimpft werden, wofür ich gedankt habe? 31-Ob ihr esst oder trinkt oder etwas an‐ deres tut: alles zur Verherrlichung Gottes! 31 Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas tut, tut alles zur Verherrlichung Gottes! BeDuhn meint, dass dieser Vers, der auf der kanonischen Ebene vom Fleisch‐ markt spricht, für einen vegetarischen Asketen wie Markion nicht duldbar ge‐ wesen wäre, der Vers beweise also, dass Markion nicht den Finger an diesen Vers rührte und ihn ideologisch auch nicht korrigierte. Doch auch hier ist BeDuhns Urteil von seiner Rekonstruktion und der darauf aufbauenden Übersetzung geleitet. Denn er sieht den ersten Teil von Vers 25 bezeugt und übersetzt in Klammern auch den zweiten Teil, wobei er mit angefügten Auslassungszeichen annimmt, dass noch weiterer Text des Verses vorhanden war. Diese Zuversicht kann leicht aus der englischen Tendenzübersetzung herrühren, wenn der Herausgeber und Übersetzer Evans von Tertullians „Adversus Marcionem“ das permissio omnium obsoniorum adversus legem mit „permission to use meats contrary to the law“ überträgt. Denn das dem Griechischen ὀψώνιον entliehene obsonium meint zunächst einmal alles, was mit Brot gegessen werden kann, wie Saucen, Fisch, Fleisch und Früchte, nicht aber gezwungenermaßen Fleisch alleine. Von hier sofort vorkanonisch zurückzuschließen auf μάκελλον, den (Fleisch-)markt, ist gewagt. Schmid sieht überhaupt die Verse 25-28 als unbe‐ zeugt, und, will man Tertullians Kommentar auf einen vorkanonischen Text hin lesen und auch im Hinblick auf den narrativen Zusammenhang Text für die vorkanonische Fassung reklamieren, wird man wohl nicht mehr als den obigen Text annehmen. Noch ein weiterer Aspekt ist hierbei von Bedeutung. Dass es sich bei dem „Götzenopfer“ notwendigerweise um Fleisch handelt, gibt das Wort selbst nicht her, denn geopfert werden konnten in der Antike auch andere Dinge, auch anderes Essen. „εἰδωλόθυτος selbst beinhaltet keinen spezifischen Bezug zu Nahrungsmittel, geschweige denn Fleisch, es bedeutet a. Fragen und Antworten 737 <?page no="738"?> 85 „εἰδωλόθυτος itself does not contain specific reference to food, let alone meat; it is simply things offered to idols“, so A. Phillips Wilson, Paul and the Jewish Law. A Stoic Ethical Perspective on His Inconsistency (2022), 125. schlicht Dinge, die Idolen geopfert werden“. 85 Zur Verdeutlichung verbindet die kanonische Redaktion diese Begrifflichkeit folglich mit „Blut“, etwa in Apg 15,29 und 21,25, während der Begriff in *1Kor und 1Kor unbestimmt die Opfer für Götter (ἱερόθυτος, Hapax legomenon im NT, aber zwei Mal vorhanden auf der vorkanonischen Ebene: *1Kor 10,19. 28, auf der kanonischen Ebene nur im Parallelvers 1Kor 10,28 benutzt) oder Idole (εἰδωλόθυτος, *1Kor 8,4; 10,19 und den kanonischen Parallelversen, auf kanonischer Ebene dann auch in Apg 15,29; 21,25; 1Kor 8,4. 7. 10; 10,19. 28; Apk 2,14. 20) meint. In der vorkanonischen Fassung der obigen Passage *1Kor 10,25. 28. 31 ist folglich überhaupt nicht von „Fleisch“ die Rede - anders als in der kanonischen Fassung! - bietet folglich keinen Widerspruch, sondern geradezu eine Stütze für den vegetarischen Asketen, desto stärker, wenn man vergleicht, dass die kanonische Redaktion eine antivegetarische Fassung des Textes bietet. Die einzige, mit dieser Passage verbundene vorkanonische Stelle, in welcher von „Fleisch“ in diesem Zusammenhang die Rede ist, begegnet in *1Kor 8,13, wo es heißt: „Wenn eine Speise meinem Bruder oder meiner Schwester zum Anstoß wird, will ich bis in Ewigkeit kein Fleisch mehr essen, um meinem Bruder oder meiner Schwester keinen Anstoß zu geben“. Dem entspricht der ebenfalls vorkanonisch bezeugte Vers in *Röm 14,21: „Es ist nicht gut, Fleisch zu essen oder Wein zu trinken und auch etwas zu tun, woran dein Bruder oder deine Schwester Anstoß nimmt oder geschwächt wird“. Beide Male finden wir eine Übereinstimmung von *Paulus mit dem vegetarisch orientierten Markion und es sind überhaupt die einzigen zwei Stellen, an denen auch kanonisch von κρέας die Rede ist - Fleisch gehört folglich nicht zur Nahrung im vorkanonischen *Paulus, während der kanonische Paulus eine gewisse Inkonsistenz aufweist, der unter gewissen Bedingungen auch Fleischgenuss akzeptiert. Wenn ich nichts überlesen habe, lässt sich aus den vorgenannten Überle‐ gungen ableiten, dass weder Klinghardts Einwände noch diejenigen BeDuhns irgendeine Passage als inkonsistent mit Markions Auffassungen oder diesen widersprechend erweisen konnten. Hingegen konnte in diesen Fällen der markionitische Charakter sowohl von *Ev wie von *Paulus belegt werden, und zwar insbesondere erkennbar an der antimarkionitischen Neufassung, die diese Texte durch die kanonische Redaktion erhalten hatten. 738 Teil IV: Ausblick <?page no="739"?> 86 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 6. 87 Vgl. S.-701. 88 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), 75. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 82. 4. Vorkanonische Lesarten in der orthodoxen Tradition Ein weiteres für Klinghardt wie für BeDuhn zentrales Argument gegen den markionitischen Ursprung vieler Lesarten, die aufgrund der Bezeugungen für den vorkanonischen Text anzunehmen sind, stellt deren Präsenz in Schrift‐ zeugen des kanonischen Neuen Testaments (Handschriften, Väterzitaten usw.) dar. Diese Übereinstimmungen beschränken sich nicht nur auf die Hand‐ schriften und Traditionen, die in der Vergangenheit mit dem irreführenden Begriff des „Westlichen“ Textes bezeichnet wurden (06, it, sy), sondern umfassen auch weitere handschriftliche Zeugen, also etwa koptische, äthiopische, arme‐ nische, georgische, gotische usw. Klinghardt ist der Überzeugung, dass die Übereinstimmungen nur durch den Einfluss eines älteren, Markion bereits vorausliegenden Texts von *Ev (wie auch *Ap) haben zustande kommen können, und BeDuhn rechnet ebenfalls mit älteren „autoritativen christlichen Schriften“, 86 die Markion lediglich gesammelt und in sein *Neues Testament aufgenommen habe. Wie bereits weiter oben angedeutet, 87 ist Klinghardt der Meinung, die „Vorstellung, dass der von Marcion emendierte Text einen nennenswerten Einfluss auf die kanonische Textüberlieferung ausgeübt haben soll, nachgerade halsbrecherisch (ist). Denn sie setzt voraus, dass ausgerechnet die »tendenziösen« Änderungen des Erzketzers den kanonischen Text beeinflusst haben sollen, obwohl doch von Justin und Irenaeus an nicht nur die Theologie, sondern vor allem der Text Marcions im Fokus der Häresiologen stand und Marcion wie kein zweiter wegen der »Verstümme‐ lung« und »Verfälschung« seines Textes auf das heftigste bekämpft wurde! Wie schon Theodor Zahn sehr richtig gesehen hatte, ist dies völlig undenkbar. Dass Harnack sich überhaupt auf eine derartig gewagte These eingelassen hat, ist nur aus seinem Interesse an den theologischen Emendationen Marcions zu erklären.“ 88 Trotz dieser emphatisch vorgetragenen Position halte ich dennoch Harnacks Meinung für die berechtigtere. Denn Voraussetzung von Zahn-Klinghardt ist, wie hier ausdrücklich formuliert, die Ketzerpositionierung Markions. Dabei hätte bereits der Hinweis auf „Justin und Irenaeus“ vor einer solchen warnen müssen. Denn mit Justin befinden wir uns am Lebensende von Markion, der vor 161 n. Chr. verstorben war, und mit Irenäus stehen wir bereits über eine a. Fragen und Antworten 739 <?page no="740"?> 89 Tert., De praescr. 30,2: In catholicae primo doctrinam credidisse apud ecclesiam Roma‐ nensem sub episcopatu Eleutherii benedicti, donec ob inquietam semper eorum curiosi‐ tatem, qua fratres quoque uitabant, semel et iterum eiecti. Vgl. M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert (2022), 117-118. Dekade nach Markions Tod. Wie an anderer Stelle erwähnt, datiert Tertullian den wiederholten Ausschluss Markions - die erste Notiz dieser Art, von der wir wissen, wobei selbst diese schon aufgrund der biographischen Unmöglichkeit des Ausschlusses eines längst Verstorbenen höchst unwahrscheinlich ist - in die Zeit des römischen Bischofs Eleutherius, womit die Jahre (174? -189? ), also die Zeit des Irenäus, aufgerufen wird. 89 Da die vermeintlichen Einflüsse eines vor‐ kanonischen Textes auf die kanonische Tradition erheblich früher anzusetzen sind - nach der hier vorgetragenen Meinung in die Jahre nach 135, kommt ein Ausschluss eines solchen Einflusses aufgrund häresiologischer Überlegungen gar nicht infrage. Die große Aufmerksamkeit der Intellektuellen, die Markion im zweiten Jahrhundert widerfahren ist, spricht vielmehr dafür, dass der Text, den er entweder benutzte, wie Klinghardt und BeDuhn meinen, oder der von ihm redigiert worden ist, zusammen mit seiner Person präsent war. Sollte der Text tatsächlich die Evangelientradition und die der Sammlung paulinischer Briefe erstmals in einem „Neuen Testament“ in die Öffentlichkeit gebracht haben, war diese Sammlung der Bezugstext, auf den die weitere Tradition zurückgegriffen hatte. Dabei geht es nicht nur um solche Varianten, die in der späteren Diskussion als „tendenziöse“ bezeichnet wurden, sondern überhaupt um das weite Feld der Varianten innerhalb der kanonischen Tradition, die mit dem vorkanonischen Text übereinstimmen. Sollten die obigen Überlegungen zum bilingualen Charakter des vorkanonischen Textes überzeugen, legt sich schon von daher eine Einflussmöglichkeit gerade auf die lateinische und griechische kanonische Tradition nahe. Dass der Einfluss darüber hinaus auch in weiteren Sprachen nachweislich ist, hängt wohl damit zusammen, dass, wie gezeigt, sich ein Neues Testament aus einem einzigen Evangelium und der paulinischen Briefliteratur offenkundig noch lange gegenüber einem solchen der vier Evangelien, der 13 paulinischen Briefe, dann auch unter Einschluss des Hebräerbriefes, des Praxapostolos und der Apokalypse gehalten hat. Zusammenfassend schließe ich, dass zwar die Möglichkeit, dass das vorkano‐ nische *Neue Testament auf einen Anonymus zurückzuführen ist, der dann vielleicht mit Lukas identifiziert wurde, nicht ausgeschlossen werden kann, doch lässt sich die redaktionelle Tätigkeit Markions auf der Basis der bisher in der Forschung vorgetragenen Argumente nicht bestreiten, sie ist vielmehr die wahrscheinlichere Option. 740 Teil IV: Ausblick <?page no="741"?> 90 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 35. 91 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 247*. 92 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons 1,2 Das Neue Testament vor Origenes, zweite Hälfte (1889), 638. So auch M.-J. Lagrange, Introduction a l’étude du Nouveau Testament P. 2. Critique textuelle 2: La critique rationnelle (1935), 514-515. Hiergegen hat Vogels wiederholt auf Markions Einfluss auf die Texttradition des NTs bestanden, vgl. H.J. Vogels, Handbuch der Textkritik des Neuen Testaments (1955), 140-144; H.J. Vogels, Der Einfluss Marcions und Tatians auf Text und Kanon des Neuen Testaments (1953); H.J. Vogels, Der Codex Claromontanus der Paulinischen Briefe (1933), 299. 93 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), 75. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 82. 94 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos (1995), 294. 95 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 35. 5. Markion, der Erzketzer? Das Argument, das Goldmann mit Verweis auf Zahn und Klinghardt vorge‐ tragen hat, wonach es verwundern würde, wenn der Text eines Erzketzers die kanonische Textüberlieferung beeinflusst hätte, basiert, wie ich hier zeigen möchte, auf falschen Voraussetzungen. So sehr die jüngere Forschung der häresiologischen Tradition gegenüber kritisch geworden ist, folgt sie dieser doch in einem wesentlichen Punkt, nämlich in der Vorstellung, Markion sei spätestens nach dem „Ausschluss“ aus der katholischen Kirche im Jahr 144 als Erzketzer und „Gebrandmarkter“ betrachtet worden. 90 In diesem Punkt schließt man sich der älteren Forschung von Zahn und Harnack an, die aus dieser Voraussetzung geschlossen hatten, Markion habe sich eines bereits existierenden, (früher) als „westlich“ bezeichneten Textes als Vorlage bedient, so Harnack, 91 bzw. es sei „angesichts der unversöhnlichen Feindschaft der Kirche gegen Marcion … undenkbar“, dass Markion den or‐ thodox-katholischen Text des Neuen Testaments hätte beeinflussen können, so Zahn. 92 Klinghardt steigert dies zur Emphase, wie kurz zuvor zitiert. 93 Ähnlich urteilt Schmid, ihm zufolge gilt für die Paulusbriefe, wenn er bezüglich des Römerbriefes schreibt: „Es scheint mir … vollkommen undenkbar, daß ausgerechnet der von Marcion stark bearbeitete Röm überhaupt Einfluß auf die Textüberlieferung genommen haben kann“. 94 Auch Goldmann ist dieser Annahme gefolgt. 95 Nun gilt es aber zu beachten, dass Markion zeitlebens von niemandem als Häretiker bezeichnet oder betrachtet wurde, und es auch nach seinem Tode eine a. Fragen und Antworten 741 <?page no="742"?> 96 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 82. U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcio‐ nitischen Paulusbriefausgabe (2012), 294; M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), 75; S. Moll, The arch-heretic Marcion (2010); J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015); A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 23-24.36. 97 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 29. 98 A. Le Boulluec, La notion d’hérésie dans la littérature grecque IIe-IIIe siecle (1985). 99 Vgl. hierzu etwa S. Yli-Karjanmaa, Illusory Polemics: Clement and Irenaeus on the Gnostics (2022), 50. geraume Zeit gedauert hat, bis man ihn zu dem Ketzer verzeichnen konnte, als der er heute selbst in der kritischen Wissenschaft noch wahrgenommen wird. Ketzerhüte sind leider dunkel, sie sind auch breit und haben Marktwert, doch wenig historische Höhe oder Tiefe. Auch wenn die jüngere Markionforschung (A. Goldmann, M. Klinghardt, U. Schmid, J. Lieu, S. Moll und andere) 96 Markion als Erzketzer sieht, den vielleicht schon Polykarp als Satan und Irenäus als Häretiker bezeichneten, so hebt sich doch J. BeDuhn gegenüber dieser Profilierung deutlich ab. Ihm zufolge ist es zu „einfach, der traditionell-polemischen Verdächtigung von Markions ‚häretischen‘ Beweggründen und Methoden zu glauben, um Markions schmäleren Kanon des Neuen Testaments und die kürzeren Bücher darin zu erklären“, und er fährt fort: „Tertullian, der drei Generationen nach Markion schreibt, meinte, dass dieser eine bereits existierende Sammlung von christlichen Schriften benutzt hatte, die universal als autoritativ angesehen worden war, und er habe einige zurückgewiesen, andere bearbeitet. Doch können wir sofort den Anachronismus in Tertullians Annahmen erkennen. Er kannte keine solche autoritative Sammlung christlicher Schriften, wo auch immer, aus der Zeit vor Markion, und selbst zu Tertullians Zeiten war eine Über‐ einstimmung, was eine solche Sammlung betraf, jenseits universeller Akzeptanz“. 97 Markion war nicht schon immer, und schon gar nicht zu seinen Lebzeiten, als Häretiker oder Erzketzer bekannt, abgesehen davon, dass A. Le Boulluec vor Jahren bereits herausgearbeitet hat, dass wir von einer Häretisierung im späteren Sinne vor Irenäus überhaupt nicht sprechen können. 98 Selbst nach Irenäus hatte der Häretisierungsprozess nicht alle Autoren, die wir kennen, affiziert, wie wir etwa an Klemens von Alexandrien ablesen können. 99 742 Teil IV: Ausblick <?page no="743"?> 100 Tert., De praescr. 30,2: In catholicae primo doctrinam credidisse apud ecclesiam Roma‐ nensem sub episcopatu Eleutherii benedicti, donec ob inquietam semper eorum curiosi‐ tatem, qua fratres-quoque uitabant, semel et iterum eiecti. 101 So Iren., Adv. Haer. III 3,3. Vgl. hierzu D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 23-24. 102 Vgl. Cyprian, Ep. 73,4. Selbst, nachdem Markion seine eigene römische Gemeinde gegründet hatte, war es vermutlich weder vor seinem Tod noch danach zu einem völligen Bruch gekommen. Denn wenn wir Tertullian vertrauen dürfen, gab es keine einmalige Trennung von der früheren römischen Gemeinde, die Markion finanziell mit einer Stiftung ausgestattet hatte, sondern vermutlich eher eine sich allmählich entwickelnde Loslösung von dieser Gemeinde ohne jeglichen Eklat. Tertullian schreibt von Markion und Valentinus, dass die beiden nicht nur einmal, sondern „mehr als einmal“ verworfen worden seien, und dass diese Verwerfungen in der Amtszeit des römischen Bischofs Eleutherius (174? -189? ) stattgefunden hätten. 100 Diese Zeitangabe beschreibt jedoch eine Situation, die geraume Zeit nach Markions Tod liegt. Dass sie sich vermutlich nicht auf Schüler Markions bezieht, sondern auf Markion selbst, erklärt sich wie folgt: Eleutherius ist nicht irgendein Bischof von Rom, sondern nach Irenäus derjenige Bischof, der genau zu der Zeit in Rom den Bischofssitz innehat, zu der Irenäus schreibt, 101 in der also auch die kanonische Redaktion der verbreiterten Sammlung, die später Neues Testament genannt wird, entsteht. Wenn Tertullian folglich die „Verwerfung“ des Markion in die Zeit dieses Bischofs datiert, dann steht hinter der Behauptung dieser Verwerfung wohl der von Tertullian gestützte Versuch des Irenäus, die verbreiterte Sammlung gegenüber der markionitischen, vorkanonischen Sammlung mit Autorität auszustatten. Dass beides, die mehrfache Verwerfung wie auch der Besitz der verbreiterten Sammlung einer römischen Autorität, eine tertulliansche Fiktion und Apolo‐ getik darstellt, erhellt sich daraus, dass Irenäus selbst weder von einer Verwer‐ fung des Markion noch von einer existierenden römischen Autorisierung der von ihm propagierten Sammlung berichtet. Außerdem spricht gegen irgendeine Verwerfung des Markion, dass wir aus der Zeit des Bischofs Stephanus von Rom wissen, dass man gerade in Rom noch auf Jahrzehnte kein schlechtes Verhältnis mit der Geschwistergemeinde der Markioniten hatte, wenn in einem Schreiben römischer Bekenner aus der Mitte des 3. Jh. an Cyprian von Karthago ausgeführt wird, dass zu dieser Zeit die katholische und die markionitische Gemeinde (wie auch andere, etwa die Novatianer und Valentinianer) in Rom in gegenseitiger Sakramentengemeinschaft standen. 102 a. Fragen und Antworten 743 <?page no="744"?> 103 Vgl. M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), 8-9. 104 Epiph., Haer. 42,1,3-6. 105 Vgl. G. May, Markion und der Gnostiker Kerdon (1984). Dass allerdings Justin und Irenäus offenkundig mit ihrer expliziten Kritik an Markion Einfluss gehabt hatten, zeigen erste Schreiben, die „Gegen Markion“ gerichtet sind. Diese stammen jedoch erst von Autoren, die zur Zeit des Irenäus und später schreiben, man denke etwa an Theophilus von Antiochien, Philippus von Gortyna, Modestus und Irenäus von Lyon, der selbst ein Werk gegen Markion geplant hatte. Vor der Amtszeit des Eleutherius allerdings richten sich alle einschlägige Schreiben, die sich mit Markion - durchaus kritisch! - beschäftigen, direkt an ihn, nicht gegen ihn, was etwa an dem leider nur als kleines Fragment erhaltenen Werk des Justin ablesbar ist oder an dem des Rhodo, und später noch an denen des Bardesanes und des Hippolyt von Rom. 103 Gerade römische Schreiben, wie man an Hippolyt ablesen kann, scheinen, noch länger als an anderen Orten, nicht gegen Markion gerichtet zu sein. Also, auch wenn es Scharfmacher gab wie Polykarp, Irenäus und Tertullian, scheint Markion zu Lebzeiten und gerade in Rom noch Jahrzehnte danach nicht als Häretiker oder Ketzer gegolten zu haben. Gewiss gab es, wie es unter Akademikern heute auch bisweilen üblich ist, sachliche Kritik, die man bei Justin und anderen greifen kann. Irenäus, wie vor ihm Justin in der ersten Apologie, bemühte sich nach Kräften, aus Markion (wie aus Valentinus) einen Häretiker neuen Verständnisses zu machen, also nicht mehr Häretiker im Sinne eines Schulhauptes und Häresie als gewöhnliche Schulmeinung genommen. Irenäus’ Werk „Gegen die Häresien“ war der Versuch, seine Gegner zu Unortho‐ doxen abzustempeln, während Justin in seiner ersten Apologie darauf abzielte, aus Markion einen dämonenbesessenen, von Staats wegen zu verfolgenden Abtrünnling zu machen. Doch es ist anachronistisch, zu Lebzeiten Markions bereits einen fundamentalen „Bruch“, eine „öffentliche Konfrontation“ oder gar eine „Exkommunikation“ Markions anzunehmen. Dies sind Szenarien, für die wir in der Mitte des 2. Jh. noch keine kirchlichen Institutionen kennen, geboren aus Vorstellungen, die uns erst nach der Mitte des 4. Jh. bei dem Ketzerfeind Epiphanius von Salamis in seinem „Arzneikasten“ gegen die Häretiker mit Blick auf Markion begegnen. In ihnen avanciert der Asket Markion zu einem Sohn eines christlichen Bischofs, der eine Gott geweihte Jungfrau missbraucht, was zu Markions Exkommunikation geführt habe. 104 Als Reaktion darauf, so lernen wir von Epiphanius, habe sich Markion der Irrlehre eines Kerdo zugewandt, über den wir sonst keine verlässlichen historischen Informationen besitzen. 105 Der Markionfoscher Gerhard May, der sich auf den älteren Kenner Jürgen Regul beruft, hat darauf hingewiesen, dass es die antihäretischen Versuche des 744 Teil IV: Ausblick <?page no="745"?> 106 G. May and K. Greschat, Markion. Gesammelte Aufsätze (2005), 77. 107 Vgl. A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 84-85; S. Moll, The arch-heretic Marcion (2010); J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015). 108 Tert., Adv. Marc. IV 4,4. Irenäus, des Tertullian und anderer waren, die Spannung zwischen Markion und der römischen Gemeinde zu dramatisieren und sie zu einem radikalen Bruch oder gar zu einem Ausschluss Markions zu stilisieren, um die Inkompatibilität zwischen Alt und Neu herauszustellen, die Markion vertrat, und damit seine Theologie und mit ihr den Urheber derselben zu diskreditieren. 106 Wie aus einigen Zeugen des 2. und 3. Jh. zu entnehmen ist, war die Strategie nicht überall gleich erfolgreich, gerade nicht in Rom, während durch die Einflüsse von Origenes, Eusebius, Epiphanius und viele andere spätere Ketzer‐ verfolger die Forschungsmeinung sich bis heute durchgesetzt hatte, Markion als Ketzer oder gar Erzketzer zu titulieren. 107 Wie man aus Goldmann und Flemming entnehmen kann, übertragen sie die Position ihres Lehrers zum Markionevangelium auf die Sammlung der Paulusbriefe, eine Übertragung, die ich schon vom Ansatz her für problematisch halte. Die Nichtparallelität lässt sich bereits daran erkennen, dass Markion zwar an etlichen Stellen - nicht anders als seine akademischen Kollegen - davon spricht, dass es sich bei dem Evangelium um das ihm eigene handele, ein Evangelium, das von ihm als „Evangelienschreiber“ (Tertullian nennt ihn „Evangelizator“ 108 ) verfasst worden sei und, wenn auch nicht konsequent, aber dennoch weithin seine eigene Theologie widerspiegele, er jedoch die Paulusbriefsammlung anders zu behandeln scheint. Hier wird von Tertullian behauptet, Markion habe die Briefe dem Paulus zugeschrieben, während er selbst hinter die Sammlung zurücktrete. Das bedeutet nun natürlich nicht, dass ihm grundsätzlich andere Materialien vorlagen, als er sie für das Evangelium zur Verfügung hatte. Doch legt er das Evangelium ohne Autorzuschreibung vor, während er die Briefsammlung „Paulus“ zuschreibt. Welchen Unterschied dies macht und inwieweit Markion für beide Teile seines *Neuen Testaments Herausgeber oder auch Redaktor war, wird eine der Fragen sein, die es zu beantworten gilt, nicht anders als die andere, ob wir es mit authentischen a. Fragen und Antworten 745 <?page no="746"?> 109 Zu Markion als Redaktor vgl. E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 103-104. Zur Frage der Pseudonymität, vgl. bereits K. Aland, Noch einmal: Das Problem der Anonymität und Pseudonymität in der christlichen Literatur der ersten beiden Jahrhunderte (1980); K. Aland, Das Problem der Anonymität und Pseudonymität in der christlichen Literatur der ersten beiden Jahrhunderte (1967). Paulusbriefen oder mit Pseudepigraphen zu tun haben, oder ob eine solch polarisierte Differenz überhaupt dem Befund entspricht. 109 Was jedenfalls nach der vorliegenden Untersuchung nicht ausgeschlossen werden sollte, ist die Möglichkeit, dass Markion eine substantielle Redaktion der *10-Briefe-Sammlung durchgeführt hat. Dass er sich dabei zweier ihm vorlie‐ gender Briefsammlungen, einer 7-Briefe-Sammlung und einer 3-Briefe-Samm‐ lung von paulinischen Briefen bedient hatte, ergab sich aus dem Material. 746 Teil IV: Ausblick <?page no="747"?> 1 E. Armstrong, Robert Estienne. Royal Printer. An Historical Study of the Elder Ste‐ phanus (1986), xx. 33-34. b. Die kanonische und die vorkanonische Redaktion und ihre stereotypen Verseröffnungen Die vorliegende Untersuchung zusammen mit der Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung stützt die von D. Trobisch und M. Klinghardt angenom‐ mene kanonische Redaktion, die zu einer kanonischen Ausgabe einer 27 Einzel‐ schriften umfassenden Sammlung führte, welche im dritten Jahrhundert den Titel „Neues Testament“ erhielt. Es hat sich herausgestellt, dass wir es bei der *10-Briefe-Sammlung zusammen mit *Ev nicht nur mit einem ausgeprägten sprachlichen und theologischen Profil zu tun haben, sondern dass sich dieses Profil auch markant von demjenigen abheben lässt, das die kanonische Redaktion mit ihrer 14-Briefe-Sammlung und den weiteren Schriften des späteren „Neuen Testaments“ auszeichnet. Dass die kanonische Redaktion sich des vorkanonischen „Neuen Testaments“ als Grundlage bedient hatte, und darüberhinaus die weiteren der 27 Einzelschriften, die die breitere Sammlung bildeten, aufgrund ihrer Eigensprache und Eigenvor‐ stellungen aus teilweise unterschiedlichen Milieus stammen, kann dennoch nicht über die gemeinsamen Elemente hinwegsehen lassen, die Merkmale einer, wenn auch zweifachen kanonischen Redaktion sind. Über das bereits vorweg Verhandelte hinaus soll an dieser Stelle zum Schluss lediglich auf ein weiteres dieser Merkmale hingewiesen werden, die Besonder‐ heit der vielfach stereotypen Verseröffnungen gerade auf der kanonischen Ebene. Nun könnte man einwenden, dass es in den frühchristlichen Handschriften und Kodizes bei einer scriptio continua weder Verse noch Kapitel gab. Das stimmt natürlich, aber dennoch bildeten gewisse Satzanfänge Sinneinschnitte, die schließlich die Voraussetzung bildeten, damit im 16. Jh. Robert Estienne eine Verszählung in seine gedruckten Bibelausgaben einführen konnte. 1 Würde man von der Priorität der 14-Briefe-Sammlung ausgehen und auch noch davon, dass wir es bei den übrigen Schriften des kanonischen Neuen Testa‐ ments nur mit Einzelschriften zu tun hätten, dann lässt sich kaum erklären, dass wir es über viele der 27 Schriften hinweg mit denselben, oft stereotyp wirkenden Versanfängen zu tun haben, die auffälligerweise in der *10-Briefe-Sammlung keine oder nur sehr spärlich Verwendung finden. <?page no="748"?> Ich nenne hier nur einige Beispiele: 1. εἰ δέ (ohne εἰ δὲ μή γε) steht 65 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT, nicht ein Mal auf der vorkanonischen Ebene. Insgesamt findet sich die Kombination εἰ δέ 90 Mal im NT (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36) ausschließlich auf der kanonischen Ebene, davon 65 Mal als Verseröffnung und zwar in Mt (5 x); Lk (5 x); Joh (2 x); Apg (3 x); Röm (15 x); 1Kor (18 x); Gal (4 x); Phil (1 x); 2Thess (1 x); 1Tim (3 x); Phlm (1 x); Hebr (1 x); Jak (4 x); 1Petr (1 x). Wie zu erkennen ist, begegnet sie in drei der kanonischen Evangelien, im Praxapostolos und in acht von 14 paulinischen Briefen, davon in fünf der sieben Paulusbriefe, auch im Deuteropaulinum 2Thess, auch in einem Pastoralbrief und in Hebr. Das heißt, diese Verseröffnung weist auf die zweite kanonische Redaktion hin. 2. διὰ τοῦτο steht 38 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT und, während sie ein Mal im Vers vorkanonisch im Deuteropaulinum 2Thess belegt ist, findet sie sich sonst nicht vorkanonisch. διὰ τοῦτο steht 64 Mal im NT, davon 38 Mal als Verseröffnung und zwar in Mt (7 x); Mk (1 x); Lk 11,49; Joh (6 x); Apg (1 x); Röm (4 x); 1Kor (3 x); 2Kor (3 x); Eph (3 x); Kol (1 x); 1Thess (2 x); 2Tim (1 x); Hebr (1 x); 3Joh (1 x); Apk (3 x), während es vorkanonisch nur im Vers für *2Thess 2,11 bezeugt ist. Diese Verseröffnung steht in allen kanonischen Evangelien, in vier der sieben Paulusbriefe, in zwei der drei Deuteropaulinen, in der Apg, in einem der Pastoralbriefe, Hebr und der Apk - also über alle vier Teilsamm‐ lungen des kanonischen Neuen Testaments und auch über alle Teile der 14-Briefe-Sammlung hinweg, ist folglich eine typische Verseröffnung, die auf die zweite kanonische Redaktion hinweist. 3. εἰ γάρ steht 39 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT und, obwohl sie ein Mal in *1Kor im Vers vorkanonisch bezeugt ist, steht sie nie vorkanonisch als Verseröffnung. Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröffnung und zwar in Joh (1 x); Röm (10 x); 1Kor (2 x); 2Kor (4 x); Gal (3 x); Kol (1 x); 1Thess (1 x); Hebr (4 x); 2Petr (2 x); im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8. Diese Verseröffnung begegnet in einem der kanonischen Evangelien, in fünf der sieben Paulusbriefe, im Hebr und in einem der katholischen Briefe, sie verweist damit auf die zweite kanonische Redaktion. 4. Τοῦτο δέ steht 28 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT, nicht ein Mal auf der vorkanonischen Ebene. 748 Teil IV: Ausblick <?page no="749"?> Insgesamt findet sich die Kombination Τοῦτο δέ 32 Mal im NT, davon 28 Mal als Verseröffnung und zwar in Mt (3 x); Lk (1 x); Joh (9 x); Apg (6 x); Röm (1 x); 1Kor (5 x); 2Kor (1 x); Gal (1 x); 2Tim (1 x). Diese beliebte Verseröffnung findet sich in drei der kanonischen Evan‐ gelien, in der Apg, in vier der 14 paulinischen Briefe und in einem Pastoralbrief. Auch diese Verseröffnung weist auf die zweite kanonische Redaktion hin. 5. ἐγὼ δέ steht 21 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT und, obwohl sie ein Mal im Vers in einem der drei Deuteropaulinen (*Laod) zu finden ist, steht sie nie vorkanonisch als Verseröffnung. Die Kombination ἐγὼ δέ steht 33 Mal im NT, davon 21 Mal als Verseröff‐ nung und zwar in Mt (6 x); Lk (1 x, in einem Vers, der in *Ev fehlt); Joh (4 x); Apg (3 x); Röm (2 x); 1Kor (1 x); 2Kor (2 x); Gal (1 x); im Vers vorkanonisch bezeugt für *Laod 5,32. Diese Verseröffnung findet sich in drei der kanonischen Evangelien, in der Apg, in vier der sieben Paulusbriefe und weist mit dieser Verteilung eher auf die erste kanonische Redaktion hin. 6. ὑμεῖς δέ steht 18 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT, nicht ein Mal auf der vorkanonischen Ebene. Insgesamt findet sich die Kombination ὑμεῖς δέ 37 Mal im NT, davon 18 Mal als Verseröffnung und zwar in Mt (2 x) Mk (2 x); Lk (2 x); Apg (1 x); Röm (1 x); 1Kor (2 x); Gal (1 x); Eph (1 x); 1Thess (1 x); 2Thess (1 x); Jak (1 x); 1Petr (1 x); Jud (2 x). Die Liste zeigt, dass diese Verseröffnung in drei der kanonischen Evange‐ lien steht, im Praxapostolos und in zwei der drei Deuteropaulinen. Diese Verteilung spricht für die zweite kanonische Redaktion. 7. καὶ μή steht 17 Mal als Verseröffnung. Während sie im Vers vorkanonisch drei Mal bezeugt ist, findet sie sich als Verseröffnung ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Die Kombination καὶ μή steht 86 Mal im NT, davon 17 Mal als Verseröff‐ nung und zwar in Mt (3 x); Mk (1 x); Lk (5 x); Röm (3 x). In diesem Fall begegnet dieselbe Verseröffnung in drei der kanonischen Evangelien und im Römerbrief. Sie verweist mit dieser Verteilung deutlich auf die erste kanonische Redaktion. 8. οἶδα steht 14 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT und ist vorkano‐ nisch lediglich zwei Mal im Vers bezeugt. Die Form οἶδα steht 56 Mal im NT, davon 14 Mal als Verseröffnung und zwar Joh (1 x); Röm (3 x); 2Kor (2 x); Phil (2 x); Apk (6 x), vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25; 18,20 (jeweils im Vers). b. Die kanonische und die vorkanonische Redaktion und ihre stereotypen Verseröffnungen 749 <?page no="750"?> Diese Verseröffnung steht folglich in einem kanonischen Evangelium, in drei der sieben Paulusbriefe und in der Apk, was auf die erste oder zweite kanonische Redaktion hindeutet. 9. Περὶ δέ steht 14 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT, nicht ein Mal auf der vorkanonischen Ebene. Die Kombination Περὶ δέ steht 14 Mal im NT, immer als Verseröffnung und zwar Mt (2 x); Mk (2 x); Joh (1 x); Apg (1 x); 1Kor (6 x); 1Thess (2 x). Diese Verseröffnung steht in drei der kanonischen Evangelien, in zwei der sieben Paulusbriefe und in Apg, was eher auf die erste kanonische Redaktion hinweist. 10. ὁ δὲ θεός steht 16 Mal als Verseröffnung im kanonischen NT und ist vorkanonisch nur ein Mal im Vers bezeugt. Die Kombination ὁ δὲ θεός steht 16 Mal im NT, davon 13 Mal als Verser‐ öffnung und zwar Lk (1 x); (Apg 2 x); Röm (4 x, nur in den Kapiteln 15-16); 1Kor (2 x); Eph (1 x); Phil (1 x); Hebr (1 x); 1Petr (1 x), vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,15 (im Vers). Diese Verseröffnung steht in einem kanonischen Evangelium, im Praxa‐ postolos (Apg und 1Petr), in zwei der sieben Paulusbriefe (man bemerke bei Röm nur in den Kapiteln 15-16! ), in einem der drei Deuteropaulinen und in Hebr. Die Verteilung weist deutlich auf die zweite kanonische Redaktion hin. Auch wenn wir noch weitere Verseröffnungen anführen könnten, wird deut‐ lich, dass die typisch-kanonischen Verseröffnungen über die verschiedenen Teilsammlungen des kanonischen NT und über die unterschiedlichsten Ein‐ zelschriften hinweg stehen. Sie lassen sich sogar einordnen nach einer der beiden kanonischen Redaktionen. Ohne durchgehende kanonische Redak‐ tion(en) wären solch durchgehende Merkmale, gerade auch im Kontrast zur vorkanonischen Ebene, schwer erklärlich. Nimmt man noch die Priorität der 14-Briefe-Sammlung an, wäre völlig unerklärlich, warum und wie ein Abbre‐ viator diese Verseröffnungen so klinisch hätte eliminieren oder verändern können. Die Gegenprobe ist weniger eindeutig, da der Sprachgebrauch einer Vorlage sich immer auch punktuell in denjenigen des Sekundärtextes einträgt. Dennoch sei auf einige Verseröffnungen hingewiesen, die vorkanonisch stehen und öfter nur oder vor allem in den unmittelbaren kanonischen Parallelversen zu finden sind. 750 Teil IV: Ausblick <?page no="751"?> 1. ἐπειδή findet sich drei Mal bezeugt als vorkanonische Verseröffnung, kann jedoch möglicherweise ein weiteres Mal darin gestanden sein, auch wenn diese Stellen nicht bezeugt sind. Hingegen bevorzugt die kanonische Redaktion eine Erweiterung derselben (ἐπειδὴ γάρ; ἐπειδὴ καί), oder es folgt auf ἐπειδή direkt ein Verb. ἐπειδή steht zehn Mal im kanonischen NT, davon sieben Mal als Verseröff‐ nung und zwar: vorkanonisch kanonisch - Lk 7,1: ἐπειδὴ + Verb *Ev 11,6, wenn auch unbezeugt: ἐπειδὴ Lk 11,6: ἐπειδὴ - Apg 15,24: ἐπειδὴ + Verb *1Kor 1,21: ἐπειδὴ 1Kor 1,21: ἐπειδὴ γάρ *1Kor 1,22: ἐπειδὴ 1Kor 1,22: ἐπειδὴ καί *1Kor 15,21: ἐπειδὴ 1Kor 15,21: ἐπειδὴ γάρ - Phil 2,26: ἐπειδὴ + Verb Zwar ist *Ev 11,6 unbezeugt, doch die Parallelstelle Lk 11,6 ist die einzige Stelle im kanonischen NT, wo diese Verseröffnung unverstärkt oder ohne unmittelbar folgendes Verb steht. Gerade dann, wenn man diesen Vers wegen der Unbezeugtheit nicht gelten lassen möchte, wird doch deutlich, wie die kanonische Redaktion diese für sie eher seltene Verseröffnung behandelt. Sie begegnet bei Paulus nur an Stellen, an denen sie vorkano‐ nisch nicht steht, verstärkt oder erweitert durch ein Verb, gerade so, wie es ein Mal zusätzlich in Lk und in einem der sieben Paulusbriefe steht. Die vorkanonische Redaktion verwendet konsistent nur das einfache ἐπειδή. Die Verteilung auf der kanonischen Ebene spricht für eine Bearbeitung bei der zweiten kanonischen Redaktion. 2. Οὐκ οἴδατε ὅτι steht zwölf Mal im kanonischen NT, davon sechs Mal als Verseröffnung, wobei es zusätzlich mit einem vorangestellten ἤ vier wei‐ tere Male als Verseröffnung steht. Vorkanonisch steht die Verseröffnung fünf Mal: b. Die kanonische und die vorkanonische Redaktion und ihre stereotypen Verseröffnungen 751 <?page no="752"?> vorkanonisch kanonisch - Röm 6,16: οὐκ οἴδατε ὅτι ᾧ παριστάνετε *1Kor 3,16: οὐκ οἴδατε ὅτι ναὸς θεοῦ ἐστε 1Kor 3,16: οὐκ οἴδατε ὅτι ναὸς θεοῦ ἐστε - 1Kor 6,2: ἢ οὐκ οἴδατε ὅτι οἱ ἅγιοι *1Kor 6,3: οὐκ οἴδατε ὅτι ἀγγέλους κρινοῦμεν; 1Kor 6,3: οὐκ οἴδατε ὅτι ἀγγέλους κρινοῦμεν - 1Kor 6,9: ἢ οὐκ οἴδατε ὅτι ἄδικοι θεοῦ *1Kor 6,15: οὐκ οἴδατε ὅτι τὰ σώματα ὑμῶν 1Kor 6,15: οὐκ οἴδατε ὅτι τὰ σώματα ὑμῶν *1Kor 6,16: οὐκ οἴδατε ὅτι ὁ κολλώμενος 1Kor 6,16: ἢ οὐκ οἴδατε ὅτι ὁ κολλώμενος *1Kor 6,19: οὐκ οἴδατε ὅτι τὰ σώματα ὑμῶν 1Kor 6,19: ἢ οὐκ οἴδατε ὅτι τὸ σῶμα ὑμῶν ναὸς - 1Kor 9,13: οὐκ οἴδατε ὅτι οἱ τὰ ἱερὰ ἐργαζόμενοι - 1Kor 9,24: οὐκ οἴδατε ὅτι οἱ ἐν σταδίῳ τρέχοντες Zunächst ist zu bemerken, dass die Verseröffnung bis auf einen ka‐ nonischen Beleg in Röm nur in ( * ) 1Kor steht. Bei einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung wäre wiederum wenig erklärlich, warum ein Abbre‐ viator diese Eröffnung aus Röm und 1Kor und vor allem das ἤ aus drei Versen getilgt hätte. Bei Umkehrung der Bearbeitungsrichtung ist es einfacher zu erläutern, dass die Formel mit ἤ die der kanonischen Redaktion gemäßere Formel darstellt. Sie verwendet sie in zwei Versen, die für die *10-Briefe-Sammlung nicht bezeugt sind und wohl auch abwesend waren, außerdem fügt sie das ἤ an zwei Stellen hinzu, wo es in der Vorlage fehlt. Dass sie es an zwei Stellen nicht hinzugefügt hat, wo es auch vorkanonisch nicht steht, zeigt, dass sie hier der Vorlage folgt, was zu einer gewissen Inkonsistenz auf der kanonischen Ebene führt. An zwei Stellen übernimmt sie die Verseröffnung, wo wohl kein vorkanonischer Vers vorliegt. Auch der Anschluss an die Verseröffnung unterscheidet sich leicht. Vorkanonisch folgt jeweils ein Substantiv mit oder ohne Artikel, im Singular oder Plural. Auf der kanonischen Ebene folgen auch komplexere Strukturen: ᾧ …; οἱ τά …; οἱ ἐν. Lediglich in den Parallelversen steht die einfache substantivische Weiterung, die dann an zwei weiteren Stellen 752 Teil IV: Ausblick <?page no="753"?> kanonisch noch zu finden ist. Auch hier findet sich eine Variation, die man wohl keine Inkonsistenz nennen muss. Gleichwohl begegnen zwei verschiedene Profile im Umgang mit dieser Verseröffnung, die kanonisch wohl auf die erste kanonische Redaktion verweist. 3. Περί wurde bereits weiter oben unter Nr. 9 der Verseröffnungen als Περὶ δέ behandelt. Wie dort gezeigt, steht Περὶ δέ 14 Mal, und zwar immer als Verseröffnung und immer auf der kanonischen Ebene, aber nicht ein Mal vorkanonisch: vorkanonisch kanonisch *1Kor 7,1: Περὶ τῶν γάμων 1Kor 7,1: Περὶ δὲ ὧν ἐγράψατε μοι - 1Kor 7,25: Περὶ δὲ τῶν παρθένων - 1Kor 8,1: Περὶ δὲ τῶν εἰδωλοθύτων *1Kor 12,1: Περὶ τῶν πνευματικῶν 1Kor 12,1: Περὶ δὲ τῶν πνευματικῶν - 1Kor 16,1: Περὶ δὲ τῆς λογείας τῆς εἰς τοὺς ἁγίους - 1Kor 16,12: Περὶ δὲ Ἀπολλῶ τοῦ ἀδελφοῦ - 1Thess 4,9: Περὶ δὲ τῆς φιλαδελφίας - 1Thess 5,1: Περὶ δὲ τῶν χρόνων καὶ τῶν καιρῶν Zunächst fällt auf, dass die kanonische Version mit angeschlossenem δέ 14 Mal steht, zusätzlich in drei der kanonischen Evangelien, aber gerade nicht in Lk, wobei zu bemerken ist, dass das einfache Περί auch nicht als Verser‐ öffnung in *Ev begegnet. Es begegnet aber in Apg. Vorkanonisch steht die Verseröffnung schlicht mit dem Genetivartikel und daran anschließend ein Nomen im Genetiv, worüber zu handeln ist. Auf der kanonischen Ebene wird sie nicht nur durch das stereotype δέ erweitert, auch der Anschluss variiert (öfter mit dem pluralischen Genetivartikel wie vorkanonisch, dann aber auch mit dem Pronomen im Genitiv und einem Nomen (so auch in Joh). Auch hier besteht ein deutlicher Profilunterschied im Umgang mit dieser Verseröffnung. Erneut wäre bei Annahme einer Priorität der 14-Briefe-Sammlung schwer zu erklären, warum ein Abbreviator zwei Mal δέ tilgt, hingegen die durchgehend über drei der kanonischen Teilsamm‐ lungen hinweg gebrauchte Verseröffnung Περὶ δέ eine stereotype Floskel b. Die kanonische und die vorkanonische Redaktion und ihre stereotypen Verseröffnungen 753 <?page no="754"?> ist, mit der wohl die zweite kanonische Redaktion den Text redigiert und harmonisiert hat. 4. τίς γὰρ ἔγνω steht auf vorkanonischer Ebene an zwei Stellen: *1Kor 2,16; *Röm 11,34 (so auch in den parallelen kanonischen Stellen). 5. ἵνα καθώς steht ein Mal vorkanonisch als Verseröffnung (*1Kor 1,31) und auf kanonischer Ebene nur im Parallelvers. Auch an dieser Stelle wäre es lohnenswert, weitere Beispiele des unterschied‐ lichen Profils zu untersuchen und vorzuführen. Für diese einleitende Untersu‐ chung hier begnüge man sich mit dieser Auswahl. Sie zeigt erstens ein unterschiedliches Profil der vorkanonischen und der kanonischen Verseröffnungen. Letztere sind einerseits stereotyp und ziehen sich über verschiedene Schriften und verschiedene Teilsammlungen des kano‐ nischen NT, während die untersuchten vorkanonischen Verseröffnungen von diesen differieren, auch wenn sie ebenfalls zum Teil sowohl in *Ev wie in *Ap zu finden sind. Zweitens zeigt sich, dass unter Annahme einer Priorität der 14-Briefe-Samm‐ lung nur schwer erklärlich ist, wie ein Abbreviator die kanonischen Verseröff‐ nungen hätte konsistent kürzen können. Drittens ist es leichter ersichtlich bei Annahme der Priorität der *10-Briefe-Sammlung, dass die kanonischen Redaktionen die vorkanonischen Verseröffnungen entweder übernehmen - auch wenn sie diese nicht zu ihren stereotypen Verseröffnungen zählen und sie nicht häufig weiter verwenden - oder sie leicht erweitern und als solche multiplizieren, ebenfalls über verschie‐ dene Schriften und Teilsammlungen hinweg. 754 Teil IV: Ausblick <?page no="755"?> 1 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 402. 2 Ibid. 422. 3 „Diese Datierungen [bleiben] nicht nur ungenau, sie sind auch abhängig von proble‐ matischen Vorentscheidungen“, ibid. 411. 4 Ibid. 412. c. Nochmals zu Markion: Rezipient oder Redaktor Klinghardt sprach tentativ von einer „protokanonischen Sammlung“ von *Ev, km Mt, km Mk, km Joh. 1 Nimmt man noch die Bearbeitung der *10-Briefe-Sammlung hin zur km 10-Briefe-Sammlung in den Blick, wird eine „protokanonische Samm‐ lung“ eher fraglich, zu der ja auch die Sammlung der paulinischen Briefe gehört hätte. Zu verschieden scheinen die km Ergebnisse zu sein. Doch auch hier wird erst die künftige Forschung nähere Auskünfte dazu geben können, wie nah und ferne sich die km Schriften standen. Geht man einen Schritt zurück, wissen wir aus den Zeugen, dass die vorka‐ nonische *10-Briefe-Sammlung zusammen mit *Ev (und Markions Vorwort) im Sammlungskontext von Markions *Neuem Testament vorlag. Gilt nun für diese Sammlung, was Klinghardt für *Ev herauszuarbeiten versucht hat und was „als heuristische Annahme der gesamten Untersuchung“ Klinghardts zu *Ev „zugrunde liegt,“ auch für die *10-Briefe-Sammlung, dass nämlich Markion „nicht schriftstellerisch oder redigierend tätig geworden“ ist, sondern dieses *Neue Testament „nur einfach benutzt“ hat? 2 Widerspricht dieser Annahme nicht bereits die Tatsache, dass Markion der Sammlung ein eigenes Vorwort gegeben hat? Klinghardt dachte an zwei Modelle: 1. Das von Klinghardt präferierte Modell geht von Markion als Rezipienten aus. In Folge dieses Ansatzes wird die protokanonische Sammlung des „Neuen Testaments“ in die Zeit vor Markion platziert. Der traditionellen Datierung der vier kanonischen Evangelien in das letzte Drittel des ersten Jahrhunderts steht er skeptisch gegenüber: 3 Es „ist in der Regel nicht wirklich ersichtlich, wie sich eine Datierung noch vor der Wende zum 2. Jh. begründen lässt. Denn die inneren Kriterien, die dafür in der Regel angegeben werden, erlauben diese Einschränkungen nicht wirklich“. 4 Schließlich denkt er sich vier Zeitfenster, in denen seiner Meinung nach die vier Protoevangelien entstanden sein können: <?page no="756"?> 5 Ibid. 413. 6 Ibid. 422. 7 Mit Berufung auf B. Aland, art. Marcion/ Marcioniten (1992), 93. 1. „für *Ev auf die Zeit ab 90, für *Mk [hier: km Mk] auf das erste Jahrzehnt des 2.-Jh., für *Mt [hier: km Mt] auf die Mitte der 120er Jahre und für *Joh [hier: km Joh] auf die Zeit kurz vor 144“; 2. „die gesamte schriftliche Evangelienüberlieferung [wurde] in nur wenigen Jahren-… zwischen 90 und 100“ geschaffen; 3. diese vier Evangelien sind von „130 bis 144“ entstanden; oder 4. *Ev war „seit den 90-er Jahren eine längere Zeit als einziges Evangelium“ vorhanden, dessen „Fortschreibung von *Mk [hier: km Mk] bis *Joh [hier: km Joh] nur wenige Jahre in Anspruch nahm“, und zwar entweder „bis zur Jahrhundertwende“ oder „erst in den 130er Jahren“. 5 Zieht man diese Zeitangaben analog aus für die paulinische Briefsammlung, müsste man von einer Existenz derselben von den 90-er Jahren ausgehen und die protokanonische Bearbeitung derselben in der Zeit danach ansetzen entsprechend den Optionen, die zuvor für die Evangelien angegeben sind. Diesem zeitlichen Ansatz ist kein Zeugnis entgegenzuhalten, auch wenn die letzte Zeitangabe („erst in den 130er Jahren“) eher zu dem Befund passt, dass ein gewichtiger Zeuge wie Justin in seinen Schriften noch keinen expliziten Bezug zu dieser Sammlung herstellt, auch wenn die oben aufgeführten Zeugen nachweislich eine kanonische Bearbeitung der *10-Briefe-Sammlung kennen und Polykarp und Irenäus zwischen den späten sechziger Jahren und 177 n. Chr. die Texte der größeren Sammlung kennen. Eine spätere Datierung ist darum wohl eher wahrscheinlich als eine der früheren Optionen. In diesem Modell avanciert Markion zum ersten Zeugen des protokano‐ nischen „Neuen Testaments“. Dieses wurde mit Markion assoziiert, weil er diese Sammlung rezipiert hatte. Dabei kann sich Klinghardt zwei verschiedene Szenarien vorstellen: Das Erste: Markion hätte die Sammlung, die er aus dem Pontus nach Rom gebracht hatte, „weder erstellt noch bearbeitet, sondern sie einfach als die Grundlage ak‐ zeptiert, die ihm überkommen und die im Pontus im Gebrauch war.“ 6 Der „nicht schriftstellerisch oder redigierend“ tätig Gewesene, ausgestattet mit einer Lehre, die „schlicht“ war, 7 stieß, wen wundert es, nicht sofort in Rom auf Widerspruch. „Seine theologischen Vorstellungen müssen nicht grundsätzlich auf Ablehnung ge‐ troffen sein, und seine Schriftensammlung bot noch weniger Anstoß“. 8 Allerdings habe es zu dieser Zeit konkurrierende neutestamentliche Sammlungen gegeben, die 756 Teil IV: Ausblick <?page no="757"?> 8 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 422. 9 Ibid. 423. 10 Ibid. 423-425. 11 So die Überschrift zu seiner Diskussion in seinem Ausblick in ibid. 416. „umfangreicher“ waren, und, nachdem Markion vielleicht aus der „Verbindung zu Kerdon“ sich „theologisch weiterentwickelt“ hatte, sei „ein exklusiver Gegensatz“ zwischen Markion und der römischen Gemeinde entstanden. „In diesem Fall wäre die Kanonische Ausgabe der Versuch, in einer sich verschärfenden Debatte gegenüber der von Marcion vertretenen Theologie die jüdischen Wurzeln des Christentums und seine heilsgeschichtliche Dimension nicht nur theologisch zu behaupten, sondern sie auch durch eine erweiterte Schriftgrundlage zu begründen.“ 9 Das Zweite: Angenommen (angeregt durch einen Hinweis des Tertullian), Markion sei „erst in Rom Christ“ geworden, dann wäre die Auseinandersetzung nicht durch „das Zusammentreffen regional unterschiedlicher Schriftsammlungen“ entstanden, sondern wäre „ein Phänomen innerhalb der römischen Gemeinde(n)“ gewesen. Dabei wären *Ev und die *10-Briefe-Sammlung in Rom „gelesen“ worden. „Aus einer pluralen Evangelienüberlieferung“ sei „zunehmend eine Konkurrenz zwischen dem einen Evangelium und einer protokanonischen Sammlung“ entstanden. Markion wäre folglich lediglich ein „(besonders prominenter) Repräsentant in einer kontroversen Entwicklung“ gewesen, wobei er „die Unvereinbarkeit des einen wahren Evangeliums gegenüber anderen“ vertrat, vielleicht „in Parteinahme in einer weiter gefassten Auseinandersetzung“. „In diesem Verständnis erscheint Marcion als Katalysator einer Entwicklung, die schon vor und unabhängig von ihm eingesetzt hatte“, „ein konservativer Bewahrer, der die Geltung des althergebrachten Evangeliums einfor‐ derte“. Allerdings lasse sich nicht bestreiten, dass es eine „Korrelation“ zwischen Markions „theologischen Optionen“ und der Schriftgrundlage des von ihm bezeugten „Neuen Testaments“ gibt, so dass „die Häresiologen die von Marcion verwendete Schriftensammlung so exklusiv mit ihm in Verbindung bringen, dass sie immer wieder von ‚seinem‘ Evangelium sprechen können.“ Und es sei „diese Korrelation zwischen Theologie und Schrift“ gewesen, die „für die Erstellung einer Konkurrenzausgabe verantwortlich gewesen“ sei, nämlich der kanonischen Ausgabe. 10 Dieses zweite Szenario, das Klinghardt sich auch vorstellen konnte, korrespondiert enger mit meiner eigenen Vorstellung, die ich darum hier gleich im Licht der Untersuchungen in diesem Band und der Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung darlege: Auch wenn ich Markion nicht für den „Begründer der Jesusüberlieferung“ gehalten hatte oder halte, 11 so hatte ich ihn zumindest als Autor oder gründlichen Redaktor der ihm vorausgegangenen eher mündlichen als schriftlichen Jesus- und schriftlichen c. Nochmals zu Markion: Rezipient oder Redaktor 757 <?page no="758"?> Paulustraditionen gehalten. Die später kanonischen Evangelien waren in Reaktion auf das erste Evangelium, *Ev, entstanden und Markion hat mit der Herausgabe seines „Neuen Testaments“ unter Hinzufügung der *10-Briefe-Sammlung und seiner Präfatio, den Antithesen, auf diese Evangelien reagiert. Aufgrund der vorliegenden Untersuchung muss ich dieses Modell korrigieren, präzi‐ sieren und erweitern. Markion erwies sich als gründlicher Redaktor, der angeregt war durch zwei Sammlungen von Paulusbriefen, auf die er gestoßen war. Er hatte sich sowohl für *Ap wie für *Ev bereits gesammelten Materials bedient, für *Ev anonymes, da er *Ev keinem Autor zuschreibt, für *Ap zweier Sammlungen, die Paulus als Absender aufwiesen. Diese älteren Sammlungen redigierte er zu *Ev und *Ap. Welche der beiden Redak‐ tionen zuerst erfolgte, müsste gesondert untersucht werden in einem sorgsamen Vergleich von *Ev und *Ap. Was *Ap betrifft, hatte Markion die beiden älteren Sammlungen in eine einzige *10-Briefe-Sammlung zusammengebracht, deren Briefordnung er eigenständig struk‐ turiert hatte, indem er *Gal an den Anfang stellte und die km 3-Briefe-Sammlung von km Laod, km Kol, km 2Thess en bloc in die restrukturierte ˟ 7-Briefe-Sammlung einfügte, wobei er alle paulinischen Briefen für die *10-Briefe-Sammlung redigierte. *Ev und *Ap dienten ihm vermutlich als Studienmaterialien in seinem Schulhaus, nachdem er im Anschluss an das Ende des Zweiten jüdischen Krieges in den Jahren nach 135/ 138 nach Rom gekommen war, sich dort der Gemeinde angeschlossen und ein Schulhaus gegründet hatte. Die von ihm redaktionell erstellte *10-Briefe-Sammlung war an diejenigen seiner Kolleg: innen gelangt, von denen er die km 3-Briefe-Sammlung erhalten hatte. Dieses Milieu nenne ich das kanonische, weil nach Erhalt der *10-Briefe-Sammlung dort die erste kanonische Redaktion hin zur km 10-Briefe-Sammlung erfolgt war wie auch diejenige von *Ev hin zu den vier protokanonischen Evangelien, die sprachliche Spuren aufweisen welche sich bereits in der km 3-Briefe-Sammlung von km Laod, km Kol, km 2Thess finden lassen. In Reaktion auf diese erste kanonische Redaktion, bei der die vier Evangelien und die km 10-Briefe-Sammlung noch keine Sammlung darstellten, hat Markion *Ev und die *10-Briefe-Sammlung zu einer eigenen Sammlung redaktionell zusammengestellt und in die Öffentlichkeit gebracht, nun versehen mit einem provokativen Vorwort, den „Antithesen“, die seine *Neues Testament genannte Sammlung von den protoka‐ nonischen Texten absetzen sollte. Während Markion sein *Neues Testament dem „Alten Testament“ gegenüber kon‐ trastierte, waren die Texte des kanonischen Milieus bemüht, die neuen Texte den jüdischen Schriften zu inkorporieren. Markions neuer Kult mit einer neuen Kultle‐ gende und neuen Kultschriften stand in Wettbewerb mit der Rückbindung dieses 758 Teil IV: Ausblick <?page no="759"?> 12 Da Klinghardt bei der Datierungsfrage annimmt, dass das Lukasevangelium im proto‐ kanonischen Stadium mit *Ev gleichzusetzen ist, während km Mt, km Mk, km Joh eine von *Ev verschiedene vorkanonische Existenz besäßen, liest er die Bezüge von Justin auf Lk als Beleg für die „kanonische Ausgabe“, ibid. 406-411. Die „Identifizierung von Lk mit der kanonischen Redaktion“ ist m. E. jedoch problematisch, stattdessen wird in dem hier zur Debatte stehenden Modell ebenfalls von zwei Stufen der Entwicklung von Lk ausgegangen, also km Lk und Lk, wie dies für die drei anderen Evangelien und auch für die paulinische Briefsammlung angenommen wird. 13 Vgl. P. Pilhofer, Presbyteron kreitton. Der Altersbeweis der jüdischen und christlichen Apologeten und seine Vorgeschichte (1990). 14 Vgl. zu den ersten beiden Einwänden gegen Innovationen und deren Promotoren den Beitrag von B. Godin, Innovation. A Study in the Rehabilitation of a Concept (2015), 46. Kultes in die jüdische Kulttradition. Dieser Wettbewerb war aber keiner auf Biegen und Brechen, auch wenn er sich zunehmend verhärtete und mit Justin, wohl nach dem Tod Markions, auch der Wunsch an den Kaiser herangetragen wurde, die Vertreter des neuen Kultgedankens zu verfolgen. Dennoch fanden die literarischen Austauschpro‐ zesse vor solcher Verhärtung etwa zwanzig Jahre zuvor, in den Jahren von 135/ 138 bis in die vierziger und fünfziger Jahre auf akademischem Niveau und offenkundig im Versuch der gegenseitigen Verständigung statt. Der Ort des Austauschs war Rom, vielleicht mit einer Reichweite bis nach Ephesus und Kleinasien, wo Papias von Hierapolis von ihnen berichtet und Polykarp involviert ist bis hin zu einem Besuch bei Bischof Aniket in Rom im Jahr 155. Jedenfalls wird man eine dichte Zusammenarbeit, die zeitliche, wenn nicht unbedingt räumliche Nähe voraussetzt, annehmen müssen. Diesem Modell zufolge sind Justins „Erinnerungen der Apostel“ Reflexionen der als Reaktion auf *Ev entstandenen Evangelien, die in der ersten kanonischen Redaktion überarbeitet wurden. Dies würde die Datierung dieser km Evangelien in die Zeit vor Justin setzen, d. h. in die vierziger Jahre des 2. Jh. 12 Zu Justin gesellen sich die übrigen, weiter oben aufgeführten Zeugen, die alle dafür sprechen, dass auch die km 10-Briefe-Sammlung in dieser Zeit bekannt war. Diese Zeugen - man muss einschränkend sagen, Zeugen, die die katholische und orthodoxe Tradition überlieferte - sprechen dafür, dass die km Sammlung bei weitem erfolgreicher war als das *Neue Testament des Markion. Das dürfte aus zwei Gründen wenig überraschen. In einer Zeit, in der galt, dass das Ältere das Bessere sei (presby‐ teron kreitton), 13 hatte sich Markion vielfach exponiert: 14 1. Zunächst stand Markion gegen die grundlegende Vorstellung, der zufolge sein aus‐ drücklich als „Neues“ bezeichnetes Projekt sich der Kritik derer wie Justin auslieferte, die die Traditionen (und zwar nicht nur jüdische) hinter sich wussten und aufgrund von Ordnung, Autoritäten und Standesbewusstsein einer jeden Radikalneuerung skeptisch, wenn nicht feindlich gegenüber standen. c. Nochmals zu Markion: Rezipient oder Redaktor 759 <?page no="760"?> 15 Vgl. B.S. Easton, Early Christianity. The Purpose of Acts and Other Papers (1955), 43. 16 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band-1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 425. 2. Markion lieferte sich der emotionalen Kritik aus, die Neuerung mit einer Aufgabe des Hergebrachten und Gewohnten verband und die Aufforderung zu solchem Verzicht mit „Häresie“ im negativen Sinne zu verknüpfen begann, wie wir es vor allem bei Irenäus und Tertullian lesen. 3. Dann hatte der wohlhabende Markion erstaunlicherweise die ökonomischen Einwände unterschätzt, die mit der Antithese von Christentum und Judentum ver‐ bunden waren. Wenn die christlichen Gemeindemitglieder nach der Verbannung der Beschnittenen aus Jerusalem die Verbindung zur jüdischen Gemeinde kappten, kam das einem Verzicht auf angestammte Versammlungsräume, Synagogen, Grabstätten, Wohngebäude von befreundeten und befeindeten Gemeindegliedern gleich. Sie hatten sich freiwillig und ohne äußeren Zwang erheblicher Ressourcen beraubt. 4. Außerdem setzte sich Markions Projekt dem Vorwurf der superstitio aus, denn, wer sich in Antithese zum Judentum begab, befand sich bereits auf dem schlüpfrig-steilen Abhang in die religio illicita, einer politischen Gefahr, der gerade die Apg entgegen‐ zutreten versucht. 15 Es gab folglich viele Gründe, warum sich Markions *Neues Testament lediglich in der modifizierten und moderateren Form der kanonischen Redaktion(en) erhielt und durchsetzte. Ein weiteres Moment liegt in der auch sonst festzustellenden Überlieferungserfahrung, dass öfters erweiterte Sammlungen - ablesbar etwa an der Überlieferungsgeschichte der Ignatianen - eine größere Verbreitung gewannen als kürzere Wettbewerberinnen und letztere schließlich verdrängten. Gleichwohl zeigt das Schweigen der genannten Zeugen, vor allem auch des Justin, was die paulinische Briefsammlung betrifft, und das Bemühen des Irenäus, die breitere Sammlung hoffähig zu machen, welchen Einsatzes es bedurfte, um selbst das kanonisch bearbeitete *Neue Testament des Markion als Referenztext des jungen Christentums einzuführen. Nach der ersten kanonischen Redaktion bedurfte es einer zweiten, die mit zusätzlichen Schriften arbeitete und erst aufgrund dieser Pseudepi‐ graphen zur Durchsetzung der Sammlung führte, wie sie in Polykarps Brief an die Philipper im Ausgang der sechziger Jahre des zweiten Jahrhunderts anklingt und von Irenäus in den siebziger Jahren propagiert wurde. Betrachtet man sich beide Modelle, wird man Klinghardt zustimmen können: „Auch, wenn anderes denkbar ist: So könnte es gewesen sein.“ 16 Er selbst optiert für das erste Modell, auch wenn er das zweite Modell - in der früheren, von mir entworfenen Form, jedoch ohne Markions Autorschaft - für „gut denkbar“ hielt, wonach „die vorkanonischen Evangelien erst seit der zweiten Hälfte der 130er 760 Teil IV: Ausblick <?page no="761"?> 17 Ibid. 18 Ibid. 423. Jahre (auch) als Reaktion auf den (zweiten) Jüdischen Aufstand entstanden“ wären. Dabei stellt er fest, dass dies „eine Frageperspektive“ ist, „die so bislang nur ganz gelegentlich … aufgeworfen wurde, die aber im methodischen Horizont“ dessen, was er selbst im Zusammenhang mit der Rekonstruktion von *Ev erarbeitet hat, „möglich ist“ und „für die Interpretation der Evangelien ungeahnte Perspektiven eröffnen“ würde. 17 Mir selbst scheint, gerade nach der Erarbeitung der Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung, das zweite Modell eher der historischen Wirklichkeit näher zu kommen, auch wenn wir es mit vielen Unbekannten zu tun haben. Problematisch erscheint mir am ersten Modell, dass man sich gegen die Wolke der Zeugen stemmen muss, die alle dieses *Neue Testament und nicht nur *Ev Markion zuschreiben und mit seinem Namen assoziieren. Von all den im ersten Modell genannten konkurrierenden Sammlungen finden wir kein Sterbenswörtchen in irgendeinem unserer Zeugen. Sie sind so hypothetisch wie die vor Jahrzehnten postulierte Quelle Q. Ausgenommen sind die zwei sich aus den Zeugen für *Ap ergebenden paulinischen Briefsammlungen, die darauf schließen lassen, dass auch für *Ev möglicherweise eine schriftliche oder mehrere solcher Vorlagen vorhanden war(en) - doch, Letzteres ist eine Hypothese, weil für sie keine Daten vorliegen, sondern sie sich lediglich aus dem Profil eines Redaktors ergibt, der sich für seine paulinische Sammlung älterer Sammlungen bedient. Dann scheint mir fraglich, wie man Markion als literarisch oder redaktionell Untätigen und reinen Rezipienten konzipieren kann, sich ihn dann aber als theologisch denkenden, gar von Kerdon beeinflussten Schriftleser - ohne sich schriftlich über diese Lektüre geäußert zu haben - vorstellt, so dass der „von Marcion vertretenen Theologie“ mit einer konkurrierenden Schriftensammlung entgegengetreten werden musste, und die „Offenlegung der jeweiligen theolo‐ gischen Implikationen“ - immer noch schriftlos - „zu der Kontroverse geführt“ habe, „in der materiale theologische Differenzen mit einem Streit über die rich‐ tige Schriftgrundlage verbunden waren“. 18 Gewiss, möglich ist dieses Szenarium, es scheint mir nach dem jetzigen Stand dieser Untersuchung jedoch weniger wahrscheinlich als das zweite Modell, bei dem eine gesunde Skepsis gegenüber den Häresiologen aufgrund der heute durchsichtigen Argumentationsabsichten derselben existiert. Die antimarkionitischen Häresiologen versuchten, den Status quo der orthodoxen Schriftenbasis apostolisch abzusichern, was noch deren fragilen Stand durchscheinen lässt. c. Nochmals zu Markion: Rezipient oder Redaktor 761 <?page no="762"?> Doch auch hier gilt: Ein abschließendes Urteil, was die beiden Modelle betrifft, lässt sich bei einem Bild, aus welchem zu viele Teile herausgebrochen sind, nicht fällen. Näher kommen wir ihm durch die enge, vertrauensvolle und zugleich kritische gemeinsame Arbeit in der Erforschung des Neuen Testaments und der Patristik. 762 Teil IV: Ausblick <?page no="763"?> 1 Ibid. 425. 2 M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 266-464. 3 M. Klinghardt an mich vom 29.3.2024. d. *Paulus vs. Paulus In seinem Ausblick meint Klinghardt, dass die neue, von ihm und die hier weiter verfolgte Frageperspektive „wegen der Geltung der Zwei-Quellenthe‐ orie“ „ohne Aussicht auf breitere Rezeption“ sei. 1 Diesbezüglich bin ich einer optimistischeren Auffassung. Zunächst deshalb, weil durch die vorliegende Untersuchung sich ergibt, dass die *10-Briefe-Sammlung zwei ältere paulinische Sammlungen voraussetzt. Das ergibt für das Profil der Redaktion, dass sie eher auf existierenden Sammlungen und nicht auf einzelnen Briefen oder gar - wie ich früher annahm - eher auf mündlicher Tradition beruht. Diese neue Einsicht bietet auf ganz anderem Weg die Möglichkeit, dass die Redaktion sich auch für *Ev möglicherweise einer älteren Sammlung, sei es einer wie auch immer gearteten Form von Q, Prä-*Ev oder Prä-Lk bedient hat. Damit schließt die neue Perspektive also durchaus an die ältere Forschung an und ersetzt diese nicht. Außerdem entstehen wissenschaftliche Werke in der historischen Zunft nicht kurzatmig. Damit haben sie den Vorteil, dass Inhalt und Durchsetzungs‐ vermögen von längerem Atem sein können. Vor einigen Jahren las ich die Arbeiten von William Cureton (1808-1864) zu Ignatius von Antiochien, die durch den wissenschaftlichen Opponenten Joseph Barber Lightfoot (1828-1889) fast völlig in Vergessenheit geraten waren. Dabei entdeckte ich, dass Cureton schärfer gesehen hatte als der ihn überstrahlende Lightfoot. 2 Mir wurde klar, dass wissenschaftliche Erkenntnisse im Gebiet der Geschichte von Religion und Konfession bisweilen etwas länger brauchen sich durchzusetzen als in anderen Wissenschaftsbereichen. Letztlich ist Markion auch in diesem Punkt ein Lehrbeispiel - „neue“ Perspektiven haben es selten leicht, gegen etablierte Sichtweisen anzukommen, weil sie das Gewicht der Gewohnheit, die Sorge vor der Unbequemlichkeit, sich neu zu positionieren, und letztlich die Ökonomie (was würde es kosten, wenn man all die Einleitungen zum Neuen Testament und all die Kirchengeschichten neu schreiben, drucken und verkaufen müsste) gegen sich haben. Dabei hat Klinghardt Recht, wenn er mir in einer Email schreibt: Wir müssen „das (hist.) Paulus-Bild komplett neu denken“, „genauer: [wir können es] überhaupt nicht rekonstruieren“. 3 <?page no="764"?> 4 J. Murphy-O’Connor, St. Paul’s Corinth. Texts and Archaeology (2002). 5 Die aus vier Fragmenten rekonstruierte Inschrift findet sich abgedruckt in É. Bourguet, De rebus Delphicis imperatoriae aetatis, capita duo (1905), 63. 6 Mit Quellen und Literatur: A. Plassart, L’inscription de Delphes mentionnant le proconsul Gallion (1967), 374. Dem ersten Teil dieses Zitates stimme ich zu, was den zweiten Teil betrifft, möchte ich differenzieren. Zwar liegt die Vorgeschichte der *10-Briefe-Samm‐ lung stärker im Dunkel der Geschichte als ihre Rezeption, aber dennoch gibt sie uns einige Auskünfte, wie sie die Person des *Paulus sieht. Inwieweit wir hier ein literarisches Konstrukt oder Historie vor uns haben, müsste als Frage im Anschluss gestellt werden, denn wir haben es mit einer Sammlung zu tun, die vom Tod ihres vermeintlichen Autors etwa 80 Jahre getrennt ist. 1. Chronologie und Geographie des Wirkens von *Paulus a) Die absolute Chronologie In der bisherigen Paulusforschung wird die „absolute Chronologie“ an drei Elementen fest gemacht, wobei nach der vorliegenden Untersuchung und Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung zwei davon ausschließlich auf die zweite kanonische Redaktion zurückgehen, ebenso das dritte, wenn auch nur mittelbar. Als „wichtigster“ Anhalt „für die paulinische Chronologie“ gilt der Hinweis der Apostelgeschichte auf das Wirken des Paulus in Korinth zur Zeit des Prokonsuls Gallio (Apg 18,12. 14. 17). 4 Denn Gallio ist inschriftlich bezeugt. Bereits der erste, der auf die Gallioinschrift hingewiesen hat und sie publizierte, Émile Bourguet in seiner Sorbonner Doktorarbeit vom Jahr 1905, 5 wurde von einem seiner Prüfer darauf hingewiesen, wie wichtig diese Inschrift für die Chronologie des Paulus sei. 6 William M. Ramsay (1851-1939), der berühmte schottische Altertumswissenschaftler, klassischer Archäologe und Erforscher insbesondere kleinasiatischer Inschriften, wies denn auch ausdrücklich auf diesen wichtigen Fund hin: „Der Text ist unglücklicherweise erheblich verstümmelt, und der volle Sinn kann nicht mehr erschlossen werden, aber die wichtigsten Punkte für die paulinische Chronologie sind im Grunde sicher, (1) das Dokument war ein Brief, den der Kaiser 764 Teil IV: Ausblick <?page no="765"?> 7 „The text is unfortunately much mutilated, and the full meaning cannot be recovered; but the most important points for Pauline chronology are practically certain, (1) the document was a letter sent by the Emperor Claudius when he bore the title Imperator XXVI, i.e. A.D. 52, to the city of Delphi, (2) he mentions Junius Gallio his friend and proconsul of Achaia“, W.M. Ramsay, Luke’s Authorities in Acts I-XII (1909), 467-468. 8 Ibid. 468. 9 Vgl. mit Dokumenten und Literatur A. Plassart, L’inscription de Delphes mentionnant le proconsul Gallion (1967), 377-378. Ihm zustimmend J. Reynolds, Roman Inscriptions 1966-1970 (1971), 144. 10 Vgl. E. Haenchen, Die Apostelgeschichte (1977), 78-79. Klaudius … im Jahr 52 an die Stadt Delphi geschickt hatte, (2) es erwähnt Junius Gallio, seinen Freund und Prokonsul von Achaia.“ 7 Ramsay gesteht allerdings in einer Fußnote, dass - wie man aus der Rekon‐ struktion Bourguets entnehmen kann - sowohl die Angaben „Freund“ und „von Achaia“ in der Inschrift fehlen und Ergänzungen von Bourguet sind. 8 Fünf Jahre nach der Publikation der Inschrift konnte Bourguet noch drei weitere Fragmente den bereits bekannten vier hinzufügen, außerdem entdeckte man, dass der Brief nicht an die Stadt Delphi, sondern vermutlich an den Nachfolger von Gallio geschickt worden war. Das Datum des Jahres 52 wurde aufgrund anderer Informationen zu Klaudius bestätigt, was, nimmt man die Angabe der Apostelgeschichte hinzu, zu einer Datierung der Anwesenheit des Paulus in Korinth für die Zeit Winter 49/ 50 bis Sommer 51 sprechen würde. 9 Die Nachricht von diesem Fund machte bald die Runde und wurde von der neutestamentlichen Wissenschaft als Anker für die Chronologie des Wirkens des Paulus genommen. Haenchen etwa gibt die Inschrift ohne Verweis auf die weiteren drei Fragmente und ohne Hinweis auf die hypothetischen Ergän‐ zungen und nennt sie „das wichtigste chronologische Datum“, das durch diese Inschrift für Paulus geliefert werde. 10 Die Apostelgeschichte berichtet: „11 So blieb er [Paulus] ein Jahr und sechs Monate und lehrte bei ihnen das Wort Gottes.12 Als aber Gallio Prokonsul von Achaia war, traten die Juden einmütig gegen Paulus auf, führten ihn vor den Richterstuhl 13 und sprachen: Dieser Mann verführt die Leute zu einer gesetzwidrigen Art der Gottesverehrung. 14 Als Paulus etwas erwidern wollte, sagte Gallio zu den Juden: Wenn es sich um ein Unrecht oder Verbrechen handelte, so würde ich euere Klage ordnungsgemäß behandeln. 15 Wenn es sich aber um Streitfragen über Lehre, Namen oder euer Gesetz handelt, da seht selbst zu; denn über solche Dinge will ich nicht Richter sein. 16 Damit wies er sie von seinem Richterstuhl weg. 17 Da fielen alle Griechen über den Synagogenvorsteher Sosthenes her und verprügelten ihn vor dem Richterstuhl. Gallio aber kümmerte sich nicht darum.“ (Apg 18,11-17) d. *Paulus vs. Paulus 765 <?page no="766"?> 11 Ibid. 80. 12 D. Slingerland, Acts 18: 1-18, the Gallio Inscription, and Absolute Pauline Chronology (1991), 441. 13 Ibid. 443. 14 Vgl. hierzu M. Vinzent, Writing the History of Early Christianity: From Reception to Retrospection (2019), 77-161. Haenchen leitet aus der Inschrift und diesem Text ab: „Wahrscheinlich haben die Juden bei dem neuen Statthalter ihre Klage gegen Paulus anzubringen versucht - vielleicht noch im Mai 51. Paulus würde dann Korinth im Frühsommer 51 verlassen haben. Da er nach Apg 18,11 sich 18 Monate dort aufgehalten hat, würde er im Winter 49/ 50 nach Korinth gekommen sein.“ 11 Nun wurde allerdings inzwischen darauf hingewiesen, dass es die Tendenz der Apostelgeschichte ist, „durchgehend das Material so zu bearbeiten, zu formen und zu organisieren, dass die jüdische Bevölkerung im römischen Reich herabgewürdigt wird, nirgends deutlicher als in der vorliegenden Diskussion.“ 12 Slingerland schließt darum, dass gerade Apg 18 „sehr problematisch ist, was die chronologische Rekonstruk‐ tion betrifft“. 13 Gallio, bekannt als Marcus Annaeus Novatus, war der ältere Bruder Senecas. Der Vater war Marcus Annaeus Seneca. Adoptiert durch Lucius Iunius Gallio hatte er dessen Namen angenommen. Es ist folglich nicht ausgeschlossen, dass bei der Abfassung der Apostelgeschichte Gallios Prokonsulschaft noch bekannt war und dafür genutzt wurde, dem Text einen historischen Bezug zu geben. Nicht anders verfuhr etwa der Vitenschreiber des Abercius von Hierapolis, der einen Briefauszug des Kaisers Mark Aurel und Inschriftenfragmente nutzte, um eine Lebensgeschichte eines fiktiven christlichen Bischofs Abercius vom Ende des zweiten Jahrhunderts zu entwerfen, der angeblich den kaiserlichen Haushalt zum Christentum bekehrt habe. 14 Am Beispiel des Abercius lässt sich ablesen, dass gerade Hagiographie mit historischen Namen und durch Inschriften und Spolien beglaubigte Personen arbeitet, um ihren Fiktionen historische Glaubwürdigkeit zu verleihen. Es verwundert darum nicht, in der Apostelgeschichte den Verweis auf den Pro‐ konsul Gallio zu finden, der als historischer Zeuge für die antipaulinische Verfolgertätigkeit der Juden dient. Nachdem diese Information erst durch die zweite kanonische Redaktion vorgetragen wird, dürfte deren historische Verlässlichkeit noch geringer einzuschätzen sein, als Slingerland angenommen hatte. Sie gehört in die Requisitenkammer der zweiten kanonischen Redaktion, auf der kaum das Gebäude der paulinischen Chronologie errichtet werden sollte. Besser scheint es mit der bei Sueton (ca. 70 - ca. 122) erhaltenen Notiz (Claudius 25,4) zu stehen, wonach dieser Kaiser „die Juden aus Rom vertrieb, 766 Teil IV: Ausblick <?page no="767"?> 15 Vgl. Sueton, Nero 33,1. 16 Orosius, Hist. VII 6,15. 17 So schon mit wichtigen Detaildiskussionen in J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulusbriefen (2019), 139-144. 18 J. Murphy-O’Connor, St. Paul’s Corinth. Texts and Archaeology (2002), 151. 19 Vgl. S.-310-313. weil sie, von Chrestus aufgehetzt, fortwährend Unruhe stifteten“, ein Erlass, der bis zu seiner Außerkraftsetzung durch Nero, seinem Nachfolger, in Kraft war. 15 Nicht erst Orosius, der die Vertreibung auf das 9. Regierungsjahr des Kaisers Claudius datiert (= 49 n. Chr.), 16 deutet diese Geschichte christlich, sie wird auch in der Apg so vorgestellt, und zwar im selben Kapitel, in welchem auch Gallio begegnet: „2 Dort [in Korinth] traf Paulus einen aus Pontus stammenden Juden namens Aquila, der vor Kurzem aus Italien gekommen war, und dessen Frau Priscilla. Claudius hatte nämlich angeordnet, dass alle Juden Rom verlassen müssten. Diesen beiden schloss er sich an, 3 und da sie das gleiche Handwerk betrieben, blieb er bei ihnen und arbeitete dort. Sie waren Zeltmacher von Beruf “ (Apg 18,2-3). Mit dieser Information hat sich die zweite kanonische Redaktion einen mehr als fünfzig Jahre zuvor schreibenden römischen Autor zu Nutze gemacht. Auf ihr aufbauend erzählt sie die Geschichte des jüdischen Zeltmacher-Ehepaars Aquila und Priscilla, das bei dieser Vertreibung aus Rom nach Korinth kam, und mit dem sich Paulus traf. Da, wie oben gezeigt, alle Informationen zu diesem Ehepaar allein auf der zweiten kanonischen Redaktionsebene angesiedelt sind (Apg, Röm 16, 1Kor 16 und 2Tim), wird man auch sie als fiktives Element zur Kohärenzherstellung ansehen müssen, 17 deren historischer Wert so fraglich ist wie der Bezug zu Gallio. Ein dritter historischer Anhalt wird im Hinweis des kanonischen Paulus auf Aretas IV, den König der Nabatäer, in 2Kor 11,32-33 gesehen. 18 Dass auch dies vermutlich eine literarische Fiktion darstellt, wurde bereits zuvor angesprochen. 19 Im Ergebnis lässt sich festhalten: Die sogenannte „absolute Chronologie“ ist ein Produkt der kanonischen Redaktion. Für den vorkanonischen *Paulus fällt sie aus. b) Die relative Chronologie Mit der relativen Chronologie ist es besser bestellt, auch wenn die in der Paulusforschung aus der „absoluten Chronologie“ genommenen Daten fehlen. d. *Paulus vs. Paulus 767 <?page no="768"?> 20 H.J. Frede, Altlateinische Paulus-Handschriften (1964), 167-168. 21 An keiner Stelle stellt sich *Paulus als Auferstehungszeuge heraus. 22 In *1Kor 7,7 wird angedeutet, dass *Paulus unverheiratet ist; ebd. 9,18 und *2Kor 2,17, dass er unentgeltlich lehrt. Doch das ist eher hilfreich. Denn wie schon früher von H. J. Frede festgestellt wurde, waren die Briefe des *Paulus in der *10-Briefe-Sammlung biographisch angeordnet, 20 außerdem waren sie geographisch gegliedert: *Gal und *1Kor sind von Ephesus aus geschrieben; *2Kor von dem weiter nördlich gelegenen Troja, welches auf dem Weg zwischen Ephesus und Korinth liegt. Von wo *Röm geschrieben ist, ist unklar, aber man könnte wie die kanonische Redaktion darauf schließen, dass er noch in Korinth entstanden ist. *1/ *2Thess stammen aus dem nahegelegenen Athen. *Kol soll von Ephesus, *Phil und *Phlm von Rom aus geschrieben sein. Diese Angaben, die weithin aus den Prologen stammen, harmonieren weithin mit der Anordnung der Briefe, führen aber auch über das hinaus, was Paulus selbst in seinen Briefen an rudimentären Angaben macht: „wir beschlossen, in Athen zurückzubleiben“ (*1Thess 3,1) „9 Um der Liebe willen, will ich vielmehr eine Bitte aussprechen. 10 Ich bitte dich für mein Kind, das ich gezeugt habe in meinen Fesseln, Onesimus, 11 der dir einst unnütz war, jetzt aber ist er mir nützlich, 12 den ich wieder zurückschicke. 13 Ich wollte ihn bei mir behalten, damit er mir an deiner Stelle diene in den Fesseln des Evangeliums“ (*Phlm 1,9-13). Die vorkanonischen Briefe geben der Leserschaft der Sammlung einen wenn auch dürftigen Blick in die Lebensstationen des *Paulus. Sein Leben wird beleuchtet von seinen Anfängen als durch eine Offenbarung Christi Affizierten, der sich von Galatien - ob es Zufall ist, dass Galatien die Gegend ist, die an Markions Heimat im Pontus südlich angrenzt? - aus nach Rom bewegt und über die genannten Stationen nach Rom in Gefangenschaft gelangt. Wir erfahren folglich mehr zu den Stationen von *Paulus als zu seiner biographischen Entwicklung. c) Zur Geographie Auf der Basis der Anordnung der Briefe in der Sammlung ist von *Gal aus‐ zugehen. In diesem Brief berichtet *Paulus auch über seine Zeit vor seiner Offenbarung (vgl. auch *2Kor 12,2. 4. 7-9). 21 Er gehörte „zum Judentum“, eine der wenigen biographischen Notizen in den vorkanonischen Briefen. 22 Sie wird ergänzt durch *1Kor 10,1, wo er von „unsere(n) Väter(n)“ spricht, 768 Teil IV: Ausblick <?page no="769"?> 23 A. Standhartinger, Der Philipperbrief (2021), 221. 24 Vgl. 2Makk 2,21; 8,1; 14,38; 4Makk 4,26; vgl. C.A. Barton und D. Boyarin, Imagine No Religion. How Modern Abstractions Hide Ancient Realities (2016); D. Boyarin, Judaism. The Genealogy of a Modern Notion (2018). dabei auf den Exodus anspielt, und letztlich diesen Hinweis als Beispiel gegen Götzenopfer nimmt (*1Kor 10,19). Dann stößt man in *Phil 3,3. 7-9 auf eine gewisse Selbstkritik des *Paulus: „Wir sind die Beschnittenen, die sich rühmen im Fleisch, beschnitten, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, ein Pharisäer“ (*Phil 3,3). Der kanonische Text dieser Philipperstelle unterscheidet sich deutlich vom vorkanonischen (Phil 3,3: „Denn die Beschneidung sind wir, die wir im Geist Gottes dienen und uns in Christus Jesus rühmen und nicht auf irdische Vor‐ züge vertrauen“). Fast alle Auslegungen dieser kanonischen Stelle fassen die Beschneidung metaphorisch als Herzensbeschneidung oder nicht von Händen gemachte Beschneidung auf. Dies ist gewiss dem Wortlaut des kanonischen Textes geschuldet, während der vorkanonische klar von einer fleischlichen Beschneidung berichtet. A. Standhartinger liest den kanonischen Vers so, dass Paulus „hier und in Röm 4,11 Beschneidung als Ehrennamen hervor[hebt]“, wozu sie auch auf Röm 15,8 verweist. 23 Deutlicher als im kanonischen Text wird vorkanonisch jedoch der Kontrast deutlich zwischen der physisch verstandenen Beschneidung als selbstrühmender Ehrenname und der bereitwilligen Aufgabe bzw. dem Verlust dieses physischen Vorzugs um Christi willen und dessen Erkenntnis, „die alles überragt“, wie *Phil 3,8 ausführt. Die physische Beschneidung erklärt *Paulus gar für „Dreck“, verteidigt hingegen die Beschneidung des Herzens (*Röm 2,29) und setzt „aus dem Gesetz“ antithetisch „aus Gott“ entgegen (*Phil 3,8-9). Trotz all dem relativiert *Paulus in *1Kor 9,20 jegliche Kultzugehörigkeit, indem er formuliert: „Den Juden bin ich ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen; denen, die unter dem Gesetz stehen, bin ich einer unter dem Gesetz geworden, um die zu gewinnen, die unter dem Gesetz stehen“. Die Selbstbeschreibung, ein Jude zu sein, ist bemerkenswert. Desto mehr, als das Nomen „Judentum“, das in Markions Vorwort, den Antithesen, zu finden ist als Gegenüber von „Christentum“, sich nach D. Boyarin außerhalb christlicher Schriften in der damaligen Zeit sehr selten findet. 24 In der christlichen Literatur des zweiten Jahrhunderts begegnet es wieder in der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, die wohl aus der Zeit um Irenäus stammt (IgnMagn 8,1; 10,3; IgnPhilad 6,1), nicht aber in dessen 3-Briefe-Sammlung. Zum allerersten Mal in jüdischen Schriften findet sich das Nomen „Judentum“ im Zweiten und im Vierten d. *Paulus vs. Paulus 769 <?page no="770"?> 25 Es ist typisch für die neutestamentliche Exegese, den Hinweis auf das Gedenken der Armen ausschließlich auf Paulus zu beziehen, so schon T.v. Zahn, Der Brief des Paulus an die Galater (1922), 105. Aus der Kollektennarration heraus wird der Vers gelesen von H. Schlier, Der Brief an die Galater (1971), 80-81. Hingegen zeigt die Grammatik des Texts sowohl vorkanonisch wie kanonisch, dass die Verpflichtung zur Sorge für Buch der Makkabäer, in einem christlichen Text erstmals in Markions gerade erwähnten Präfatio, was zum hier Vorgetragen in *Gal 1,13 passt. *Paulus gesteht, dass er sich für die Tradition seiner Väter über die Maßen eingesetzt hatte, doch er stellt sich als „Auserwählten“ vor, dem sich Christus of‐ fenbart habe (*Gal 1,14-16), der für ihn diese jüdische Vergangenheit relativierte. Wie man sich diese Offenbarung vorzustellen hat, ob sie zu einem bestimmten Zeitpunkt geschah, an einem bestimmten Ort, wird nicht gesagt. Als nächtes hören wir, dass *Paulus 14 Jahre nach der Offenbarung hinauf nach Jerusalem gegangen ist (*Gal 2,1). Das setzt voraus, dass mit der Offenbarung zumindest ein datierbares Ereignis in der Biographie des *Paulus gemeint sein soll, auch wenn wir keine näheren Angaben hierzu besitzen. Wenn *Paulus in *Phil 3,7 meint, er habe das, was ihm „ein Gewinn war-… um Christi willen für Verlust gehalten“, so hat er sich doch nicht als Nichtjude gesehen, sondern vielmehr als eigentlicher, als geistlicher Jude, „denn nicht der ist Jude, der es äußerlich ist … sondern der ist Jude, der es im Verborgenen ist, und Beschneidung ist die des Herzens, im Geist, nicht im Buchstaben“ (*Röm 2,28-29). Zugleich setzt sich *Paulus auch von Griechen (*1Kor 1,18-31) und auch vom Kaiser und der römischen Obrigkeit ab, von „den Vollkommenen der Machthaber dieser Zeit, die einst entmachtet werden“ (*1Kor 2,6). Ob die Information, *Paulus schreibe von Athen an die Thessalonicher (*1Thess 3,1; Prolog zu *1Thess) sich auf einen Zeitpunkt innerhalb dieser 14 Jahre beziehen soll oder auf die Zeit nach seinem Aufenthalt in Jerusalem, ist auf den ersten Blick nicht klar. Doch muss man den Text wohl so lesen, dass *Paulus bereits in diesen 14 Jahren seine Botschaft verkündet hat, wenn er bei seinem - wiederum auf einer Offenbarung beruhenden - Besuch in Jerusalem, bei dem er Petrus traf und die übrigen Apostel, berichtet, dass er bereits für das Evangelium unterwegs war (*Gal 2,2). Außerdem scheint der Besuch eine Auseinandersetzung mit Falschbrüdern vorausgesetzt zu haben, die das Wirken des Paulus auszuspähen versucht hatten und ihn vermutlich wieder zur Observanz des Gesetzes zurückzubringen bemüht waren (*Gal 2,4). Nachdem er von Petrus, Jakobus und Johannes „die rechte Hand“ erhalten hatte (*Gal 2,9), auf dass er „zu den Heiden gehe, sie zu den Beschnittenen“, wobei beide Seiten „an die Armen denken“ (*Gal 2,10) wollten, 25 kam es 770 Teil IV: Ausblick <?page no="771"?> die Armen auch auf Petrus, Jakobus und Johannes zu beziehen ist. Grund für die ausschließliche Interpretation auf Paulus hin ist die von der kanonischen Redaktion in die Texte eingeschriebene große Kollektenaktion des Paulus für Jerusalem, die ihn zum großen Spendensammler und Organisator macht, was sich auf die Interpretation dieser Stelle hier auswirkt. Zur Kollekte vgl. B.W. Longenecker, Remember the Poor. Paul, Poverty, and the Greco-Roman World (2010); C. Heil, „Die Armen nicht vergessen“. Die Kollekte des Apostels Paulus für die Armen in Jerusalem (2008). Vgl. auch zuvor Fußnote 1363. 26 U. Schnelle, Paulus. Leben und Denken (2013), 32. 27 Vgl. J.N. Lüke, Über die narrative Kohärenz zwischen Apostelgeschichte und Paulus‐ briefen (2019), 136-139. 28 M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), 14-19. Vgl. auch O. Zwierlein, Die antihäretischen Evangelienprologe und die Entstehung des Neuen Testaments (2015), 7, 23-30. doch zu einer Auseinandersetzung zwischen ihm und Petrus. Im Unterschied zu *Paulus hatte dieser sich vor denen „aus der Beschneidung“ gefürchtet und die Mahlgemeinschaft mit Unbeschnittenen beendet (*Gal 2,11-12). Kommen wir zurück auf *1Thess. Dass der Brief erst später in der Sammlung steht, deutet darauf hin, dass er erst zu einem späteren Zeitpunkt in der Biographie des *Paulus angesetzt werden soll. Damit dürfte die aus der Paulusforschung bekannte „erste Missionsreise“ sich eben‐ falls als ein Produkt der zweiten kanonischen Redaktion herausstellen, da die Infor‐ mation, Paulus habe von Philippi kommend die Gemeinde in Thessalonich begründet (1Thess 2,1-13), auf die zweite kanonische Redaktion zurückgeht. Das gilt auch für die korrespondierende Angabe, wonach Paulus von Philippi (Apg 16,11-12a) „beim Beginn der Verkündigung des Evangeliums … aus Mazedonien aufbrach“ (Phil 4,15), „nach Thessalonich“ (Apg 17,1) kam und über Beröa nach Athen (Apg 17,10. 15) und von dort nach Korinth (Apg 18,1) reiste. Das heißt, was die Forschung als Bestätigung des Berichts der Apg „in seinen Grundzügen“ durch die Paulusbriefe nennt, 26 ist eine Fiktion der zweiten kanonischen Redaktion, die mit ihr eine literarische Kohärenz zwischen den hier genannten Schriften 1Thess, Phil und Apg herstellte. 27 Nun stellt sich die Frage, warum *Paulus seinen Brief nach Galatien aus Ephesus geschrieben haben soll. Lokalisiert die Briefsammlung ihre Gegenspieler in dieser Stadt? Das würde zu dem antimarkionitischen Prolog passen, der uns den Bericht des Papias von Hierapolis überliefert, in welchem der Versuch Markions, mit Johannes ins Gespäch zu kommen, dokumentiert ist; wegen Markions Präfatio, den Antithesen, hat ihn Johannes zurückgewiesen, dabei hatte Markion Schriften oder Briefe zu ihm gebracht. 28 Dies klingt, als habe Markion sein *Neues Testament Johannes zur Kenntnis gebracht. Möglicher‐ weise ist die Erwähnung von Ephesus aber vielmehr ein literarischer Hinweis d. *Paulus vs. Paulus 771 <?page no="772"?> 29 Aus Justin geht dies nicht hervor, doch Eusebius berichtet uns dies in Hist. eccl. IV 18,6: καὶ διάλογον δὲ πρὸς Ἰουδαίους συνέταξεν, ὃν ἐπὶ τῆς Ἐφεσίων πόλεως πρὸς Τρύφωνα τῶν τότε Ἑβραίων ἐπισημότατον πεποίηται. Dass Trypho sich auf *Ev bezieht, lässt sich aus Justin herauslesen, der sich gegenüber Trypho dadurch verteidigt, indem er die antimarkionitischen Argumente des Trypho als nicht ihn, Justin, selbst betreffend zu entlarven versucht, vgl. Justin, Dial. 11. 30 J.N. Bremmer, The Place, Date and Author of the Ignatian Letters: An Onomastic Approach (2021). darauf, dass Ephesus als Knotenpunkt und Ort markiert wird, wo Markion einerseits die km 3-Briefe-Sammlung ( km Laod, km Kol, km 2Thess) gefunden hatte und wohin Markion sein *Ev und seine *10-Briefe-Sammlung gebracht hatte. Neben Polykarp und Irenäus als Personen, die mit dem kanonischen Milieu verbunden sind, bietet uns dies vielleicht einen Hinweis darauf, dass auch die km 3-Briefe-Sammlung in Kleinasien entstanden ist. Nicht zufällig ist Ephesus der Ort, an welchem Justin, der im Austausch mit Markion stand, zumindest nach Eusebius von Cäsarea, seinen Dialog mit Tryphon stattfinden lässt. 29 Polykarp ist Gemeindevorsteher von Smyrna, sein Schüler Irenäus wurde von ihm in Ephesus unterrichtet. Unlängst hat J. Bremmer die Redaktion der 7-Briefe-Sammlung des Ignatius in die Nähe von Smyrna gesetzt. 30 Auch *1Kor soll von Ephesus aus geschrieben sein. Wenn es in *1Kor heißt, *Paulus „lege wie ein weiser Baumeister den Grund, der gelegt ist: Christus“ (*1Kor 3,10-11), und wenn dies von Ephesus geschrieben ist, dann könnte dies ein weiterer Hinweis darauf sein, dass die vorkanonische Redaktion die Entstehung der Sammlung (literarisch? ) in Ephesus verortet. Dafür spricht auch, dass Paulus von den Korinthern als dem „Neuen Testament“ spricht, das „mit dem Geist des Lebendigen … auf fleischliche Tafeln des Herzens“ geschrieben ist (*2Kor 3,3). Das Werk sollte erst noch „durch Feuer“ geprüft werden (*1Kor 3,13), was vielleicht das Szenarium andeutet, von dem Papias berichtet. Das *Neue Testament war nicht als der Weisheit letzter Schluss gedacht, es war nicht „auf Tafeln aus Stein“ gemeißelt. Es war ihm offenkundig gar nicht so sehr der Wortlaut - die „Buchstaben“ (*2Kor 3,6) - von Bedeutung, sondern der Sinngehalt, der zwischen verschiedenen Orten, mit verschiedenen Gruppierungen und in verschiedenen Milieus zu verhandeln war. Wenn den Korinthern „Paulus, Kephas“ gehören (*1Kor 3,22), ist das eine Kurzformel für *Ap und *Ev? *Paulus (und damit der Redaktor der Sammlung) nimmt sich zurück, indem er vom „letzten Platz“ von „uns Aposteln“ spricht, und stattdessen auf seine Botschaft, „das Evangelium“, verweist, durch das er seine „Kinder-… gezeugt“ hat (*1Kor 4,9. 14-15). 772 Teil IV: Ausblick <?page no="773"?> 31 Von einem möglicherweise zweiten Besuch in Korinth wissen lediglich die Interpreta‐ tionen des kanonischen Textes (2Kor 2,1), vgl. hierzu kritisch C.C. Stephen, On Paul’s Second Visit to Corinth: Πάλιν, Parsing, and Presupposition in 2 Corinthians 2: 1 (2016). 32 Vgl. mit Verweis auf ältere Literatur J.M. Glessner, Ethnomedical Anthropology and Paul’s „Thorn“ (2 Corinthians 12: 7) (2017); L. Hagel, The Angel of Satan: 2 Corinthians 12: 7 Within a Social-Scientific Framework (2019), 202-203. *2Kor ist schließlich von Troja aus geschrieben, d. h. *Paulus befand sich auf der Reise in Richtung Rom, 31 wobei er von eigener Not in der Provinz Asien Andeutungen macht bis hin zu Verzweiflung und der Auslieferung zum Tod (*2Kor 1,8-9; 4,8-11). Dass dies keine äußere Verfolgung darstellte, wird durch den Hinweis auf die „Lügenapostel“ verdeutlicht, die *Paulus als „unehrliche Arbeiter“ und solche kritisiert, die sich „freilich tarnen als Apostel“ (*2Kor 11,13). Andererseits verweist er auf eine eigene Schwäche (*2Kor 12,7), über die in der Forschung bereits viel gerätselt wurde. 32 Von welcher Stelle aus der *Römerbrief verfasst wurde? Der Prolog erwähnt, er sei „von Athen“ geschrieben, was einen Hinweis darauf bietet, dass dieser Prolog nicht auf den kanonischen Römerbrief gemünzt ist, der mit der Erwäh‐ nung des Gaius in Röm 16,23 zumindest nahelegt, der Brief sei noch in Korinth verfasst worden. Da der nächste Brief in der Sammlung *1Thess ist, der nach Angaben des Prologs und nach *1Thess 3,1 von Athen aus geschrieben wurde, versteht man, dass die kanonische Redaktion darauf schließen konnte, dass der Römerbrief in Korinth abgefasst wurde, was man sich als mögliche Station zwischen Troja und Athen erschließen konnte. Auch *2Thess ist nach dem Prolog noch von Athen aus geschrieben. In welchem Ort der nächste Brief, *Laod, verfasst ist, lässt der Prolog offen, und der Prolog zum *Kol scheint bereits die geographische Anomalie bemerkt zu haben, wenn zwar Ephesus angegeben wird, zugleich aber auf die Gefangenensituation des *Paulus verwiesen wird („darum schreibt ihnen der Apostel, obwohl er bereits gefangen war, von Ephesus aus“). Die letzten biographischen Informationen, die wir erhalten, sind die Bestärkungen durch die Prologe zu *Phil und *Phlm, wonach *Paulus in Rom vom Gefängnis aus schreibt. Offen bleibt, wie diese Reise chronologisch zu fassen ist. Viel ist es nach alldem nicht, was wir aus den Prologen und Briefen der *10-Briefe-Sammlung über das Wirken des *Paulus erfahren. Daran schließen sich Fragen an: Sind diese Angaben so spärlich, weil die Redaktion in der Mitte des 2. Jh. keine weiteren Informationen mehr besaß, oder wird nicht mehr geboten, um eine pseudonyme Autorenfiktion aufrecht zu erhalten? Letzteres ist eher zu verneinen angesichts der Tatsache, dass die kanonische Redaktion ein gutes Beispiel dafür ist, dass sie die vorkanonische *10-Briefe-Sammlung mit d. *Paulus vs. Paulus 773 <?page no="774"?> einer Fülle von historischen Datenmaterialien und Erzählungen ausstattet, was die Autorenfiktion tatsächlich gestärkt und nicht geschwächt hatte. 2. Die kanonische Redaktion: Von *Paulus zu Paulus Um auf Klinghardts zweiten Teil seines Zitates seiner oben angeführten Email an mich kurz zurückzukommen. Auch wenn ich zuvor die Aussage, dass man „überhaupt nicht“ das Paulus-Bild rekonstruieren könne, zu relativieren und detaillieren versucht habe, muss ich mich letztlich doch wieder Klinghardt anschließen. Denn bereits die wenigen Andeutungen, die in den voranstehenden Ab‐ sätzen zum *Paulus-Bild, seiner Chronologie und Geographie, gemacht wurden, beruhten auf der *10-Briefe-Sammlung, wie sie uns aus der Sammlung des Markion, vermittelt über die Häresiologen und die Rekonstruktion, zugänglich sind. Uns tritt in vielen, wenn wohl auch nicht in allen Punkten, ein markioniti‐ scher *Paulus in diesen Briefen entgegen. Inwieweit wir damit einem histori‐ schen Paulus begegnen, und ob dieser überhaupt zugänglich ist, lässt sich aus einer Briefsammlung, die nach dem Zweiten jüdischen Krieg entstanden ist, noch nicht entscheiden. Dass sich Markion gerade einer km 3-Briefe-Sammlung bedient hatte, die bereits nach heutigem Verständnis nur Deuteropaulinen enthielt, stärkt weder das Vertrauen in seine Quellen, noch dasjenige in das Produkt seiner Sammlung. Dass er sich aber älterer Quellen bedient hatte und zwar offenkundig der besten, die damals erhältlich waren, und dass er diese in eine Form gegossen hatte, die noch die heutige Forschung Paulus selbst oder zumindest im Fall der drei Briefe seiner Schule zuschreibt, spricht sowohl für seine Spürnase beim Sammeln wie für seine sorgfältige Hand bei der Redaktion. Es darf ihm wohl etwas mehr Vertrauen entgegengebracht werden, als verschattet durch die dunklen Wolken der Häresiologen es überlicherweise der Fall ist. 774 Teil IV: Ausblick <?page no="775"?> 1 Zu diesem inzwischen geflügelten Wort, das uns bereits als solches überliefert wird von Johannes von Salisbury, vgl. mit Quellenangabe und Text M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), v. M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), v. Die Notwendigkeit einer fundamentalen Neukonzeptionierung der gesamten frühchristlichen Geschichte hat zuletzt angemahnt W. Arnal, The Collection and Synthesis of „Tradition“ and the Second-Century Invention of Christianity (2011). 2 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), vi. M. Kling‐ hardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), vi. 3 M. Vinzent, Concordance to the Precanonical and Canonical New Testament (2023). Nachwort Wir sind keine Zwerge und sitzen auch nicht auf Schultern von Riesen, 1 das hat Matthias Klinghardt mit seinem bewusst mutigen Schritt in seinem Werk „Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien“ von 2015 bewiesen. Auf dem von ihm eingeschlagenen Weg entstand die vorliegende kritische Edition der ältesten rekonstruierbaren Sammlung paulinischer Briefe. Sie teilt mit Klinghardts Unternehmen, dass die Rekonstruktion vor allem aus antihäretischen Zeugen geschöpft ist. Darum gilt auch für sie, dass „nicht nur etliche unsichere Urteile [gefällt werden mussten], die man mit Gründen auch anders fällen könnte, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit auch manche Fehler und Versehen“ stehen geblieben sind. 2 Doch Fortschritt gibt es nicht ohne Wagnis und Mut, wenn diese gebündelt sind mit Vorsicht, Bescheidenheit, Selbstkritik und Weitsicht. Um diese vier Bedingungen zu erfüllen, ging der Rekonstruktion die bereits erwähnte Erstellung der „Concordance to the preca‐ nonical and canonical New Testament“ mit ihren über 5.500 Lemmata voraus. 3 Aus diesem Vergleich der Lexik des vorkanonischen *Neuen Testaments und des kanonischen erwuchs die Zugewinnung eines weiteren Kriteriums für die Rekonstruktion, die vor allem für die unbezeugten Verse bzw. Passagen sich als hilfreich herausstellte. Wie gerade die Rekonstruktion des vorkanonischen *Philemonbriefes zeigt, bietet das Kriterium von Sprache, Lexik und Syntax für sich genommen keinen sicheren Hinweis für die Entscheidung, ob ein unbezeugter Vers im vorkanonischen Text gefehlt hat oder präsent war, und wenn präsent, in welcher Form er vorkanonisch anzunehmen ist. Allerdings im Zusammenspiel mit weiteren Rekonstruktionskriterien, auf die im Band der Rekonstruktion eingangs eingegangen wird, ist die Lexik eine gewichtige <?page no="776"?> 4 „Es liegt im Wesen aller Kanonisation ihre Objecte unkenntlich zu machen, und so kann man denn auch von allen Schriften unseres neuen Testaments sagen, dass sie im Augenblick ihrer Kanonisierung aufgehört haben verstanden zu werden“, F. Overbeck, Zur Geschichte des Kanons (1880), 1. Rekonstruktionsstütze. Lexik, Sprache und Syntax ergänzen und sichern die methodischen Perspektiven, die BeDuhn und Klinghardt gewählt haben, indem sie von einem fortlaufenden vorkanonischen Text von *Ev bzw. der Briefe des *Paulus ausgingen. Auch mit einem erweiterten Kriterienspektrum gelangen wir noch nicht zu völlig abgesicherten Ergebnissen, zu sehr überlagern die später kanonisierten Texte die ihnen vorausliegenden, haben sie überformt und vielfach unkenntlich gemacht. Überhaupt verändert, wie schon Overbeck erkannte, eine Kanonisie‐ rung das Wesen eines Texts und erschwert einen Zugang zu ihm und erst recht zu den ihm vorausliegenden Quellen. 4 Diese kanonische Belastung gilt jedoch nicht nur für die kanonischen Texte und ihre Quellen, sie gilt auch für die Paratexte des Kanonischen, die vom Augenblick einer Kanonisierung an apokry‐ phisiert werden und dadurch in einen neuen hermeneutischen Rahmen gestellt werden, durch dessen Überblendung sie in noch größeres Dunkel geraten. Trotz neuer und zusätzlicher Methoden lassen sich folglich keine statistischen Gewissheiten erreichen, und doch ruht die nachfolgende Rekonstruktion auf einem stärkeren Fundament als die früheren Versuche. Die Gesamtverantwortung für das Projekt liegt bei dem internationalen Digital Humanities Team, das mich zu unterstützen begann, nachdem ich zunächst händisch und alleine mit diesem Projekt begonnen hatte. Was die Einzelentscheidungen betrifft, wurden diese mit dem Team diskutiert, im Falle von Fehlern übernehme ich selbst die Verantwortung. 776 Nachwort <?page no="777"?> Appendix 1: Beispiele langer Sätze im Vergleich Paulus Kanonisch Vorkanonisch Eph 1,3-14 3 Εὐλογητὸς ὁ θεὸς καὶ πατὴρ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὁ εὐλογήσας ἡμᾶς ἐν πάσῃ εὐλογίᾳ πνευματικῇ ἐν τοῖς ἐπουρανίοις ἐν Χριστῷ, - 4 καθὼς ἐξελέξατο ἡμᾶς ἐν αὐτῷ πρὸ καταβολῆς κόσμου, εἶναι ἡμᾶς ἁγίους καὶ ἀμώμους κατενώπιον αὐτοῦ ἐν ἀγάπῃ, - 5 προορίσας ἡμᾶς εἰς υἱοθεσίαν διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ εἰς αὐτόν, κατὰ τὴν εὐδοκίαν τοῦ θελήματος αὐτοῦ, 5 εἰς υἱοθεσίαν διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ, κατὰ τὴν εὐδοκίαν τοῦ θελήματος αὐτοῦ, 6 εἰς ἔπαινον δόξης τῆς χάριτος αὐτοῦ ἧς ἐχαρίτωσεν ἡμᾶς ἐν τῷ ἠγαπημένῳ, 6 εἰς ἔπαινον δόξης τῆς χάριτος αὐτοῦ ἧς ἐχαρίτωσεν ἡμᾶς ἐν τῷ ἠγαπημένῳ, 7 ἐν ᾧ ἔχομεν τὴν ἀπολύτρωσιν διὰ τοῦ αἵματος αὐτοῦ, τὴν ἄφεσιν τῶν παραπτωμάτων, κατὰ τὸ πλοῦτος τῆς χάριτος αὐτοῦ, 7 ἐν ᾧ ἔχομεν τὴν ἀπολύτρωσιν διὰ τοῦ αἵματος αὐτοῦ. - 8 ἧς ἐπερίσσευσεν εἰς ἡμᾶς ἐν πάσῃ σοφίᾳ καὶ φρονήσει - 9 γνωρίσας ἡμῖν τὸ μυστήριον τοῦ θελήματος αὐτοῦ, κατὰ τὴν εὐδοκίαν αὐτοῦ ἣν προέθετο ἐν αὐτῷ 9 γνωρίσαι ἡμῖν τὸ μυστήριον τοῦ θελήματος αὐτοῦ, κατὰ τὴν εὐδοκίαν ἣν προέθετο 10 εἰς οἰκονομίαν τοῦ πληρώματος τῶν καιρῶν, ἀνακεφαλαιώσασθαι τὰ πάντα ἐν τῷ Χριστῷ, τὰ ἐπὶ τοῖς οὐρανοῖς καὶ τὰ ἐπὶ τῆς γῆς: ἐν αὐτῷ, 10 εἰς οἰκονομίαν τοῦ πληρώματος τῶν καιρῶν, ἀνακεφαλαιώσασθαι τὰ πάντα ἐν τῷ Χριστῷ, τὰ ἐν τοῖς οὐρανοῖς καὶ τὰ ἐπὶ τῆς γῆς 11 ἐν ᾧ καὶ ἐκληρώθημεν προορισθέντες κατὰ πρόθεσιν τοῦ τὰ πάντα ἐνεργοῦντος κατὰ τὴν βουλὴν τοῦ θελήματος αὐτοῦ, - <?page no="778"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 12 εἰς τὸ εἶναι ἡμᾶς εἰς ἔπαινον δόξης αὐτοῦ τοὺς προηλπικότας ἐν τῷ Χριστῷ: 12 εἰς τὸ εἶναι ἡμᾶς εἰς ἔπαινον δόξης τοὺς προηλπικότας ἐν τῷ Χριστῷ. 13 ἐν ᾧ καὶ ὑμεῖς ἀκούσαντες τὸν λόγον τῆς ἀληθείας, τὸ εὐαγγέλιον τῆς σωτηρίας ὑμῶν, ἐν ᾧ καὶ πιστεύσαντες ἐσφραγίσθητε τῷ πνεύματι τῆς ἐπαγγελίας τῷ ἁγίῳ, 13 Ἐν ᾧ καὶ ὑμεῖς ἀκούσαντες τὸν λόγον τῆς ἀληθείας, τὸ εὐαγγέλιον, ἐν ᾧ πιστεύσαντες ἐσφραγίσθητε τῷ πνεύματι τῆς ἐπαγγελίας τῷ ἁγίῳ. 14 ὅ ἐστιν ἀρραβὼν τῆς κληρονομίας ἡμῶν, εἰς ἀπολύτρωσιν τῆς περιποιήσεως, εἰς ἔπαινον τῆς δόξης αὐτοῦ. -- Eph 1,15-23 15 Διὰ τοῦτο κἀγώ, ἀκούσας τὴν καθ’ ὑμᾶς πίστιν ἐν τῷ κυρίῳ Ἰησοῦ καὶ τὴν ἀγάπην τὴν εἰς πάντας τοὺς ἁγίους, - 16 οὐ παύομαι εὐχαριστῶν ὑπὲρ ὑμῶν μνείαν ποιούμενος ἐπὶ τῶν προσευχῶν μου, - 17 ἵνα ὁ θεὸς τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὁ πατὴρ τῆς δόξης, δώῃ ὑμῖν πνεῦμα σοφίας καὶ ἀποκαλύψεως ἐν ἐπιγνώσει αὐτοῦ, 17 ἵνα ὁ θεὸς τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὁ πατὴρ τῆς δόξης, δώῃ ὑμῖν πνεῦμα σοφίας καὶ ἀποκαλύψεως ἐν ἐπιγνώσει αὐτοῦ, 18 πεφωτισμένους τοὺς ὀφθαλμοὺς τῆς καρδίας [ὑμῶν] εἰς τὸ εἰδέναι ὑμᾶς τίς ἐστιν ἡ ἐλπὶς τῆς κλήσεως αὐτοῦ, τίς ὁ πλοῦτος τῆς δόξης τῆς κληρονομίας αὐτοῦ ἐν τοῖς ἁγίοις, 18 πεφωτισμένους τοὺς ὀφθαλμοὺς τῆς καρδίας εἰς τὸ εἰδέναι ὑμᾶς τίς ἐστιν ἡ ἐλπὶς τῆς κλήσεως, τίς ὁ πλοῦτος τῆς κληρονομίας ἐν τοῖς ἁγίοις, 19 καὶ τί τὸ ὑπερβάλλον μέγεθος τῆς δυνάμεως αὐτοῦ εἰς ἡμᾶς τοὺς πιστεύοντας κατὰ τὴν ἐνέργειαν τοῦ κράτους τῆς ἰσχύος αὐτοῦ 19 τῆς ἰσχύος αὐτοῦ. - 20 ἣν ἐνήργησεν ἐν τῷ Χριστῷ ἐγείρας αὐτὸν ἐκ νεκρῶν, καὶ καθίσας ἐν δεξιᾷ αὐτοῦ ἐν τοῖς ἐπουρανίοις 20 Ἣν ἐνήργησεν ἐν τῷ Χριστῷ ἐγείρας αὐτὸν ἐκ νεκρῶν καὶ καθίσας ἐν δεξιᾷ αὐτοῦ ἐν τοῖς ἐπουρανίοις. 21 ὑπεράνω πάσης ἀρχῆς καὶ ἐξουσίας καὶ δυνάμεως καὶ κυριότητος καὶ παντὸς ὀνόματος ὀνομαζομένου οὐ μόνον ἐν τῷ αἰῶνι τούτῳ ἀλλὰ καὶ ἐν τῷ μέλλοντι: - 778 Appendix 1 <?page no="779"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 22 καὶ πάντα ὑπέταξεν ὑπὸ τοὺς πόδας αὐτοῦ, καὶ αὐτὸν ἔδωκεν κεφαλὴν ὑπὲρ πάντα τῇ ἐκκλησίᾳ, 22 πάντα ὑπέταξεν ὑπὸ τοὺς πόδας αὐτοῦ. 23 ἥτις ἐστὶν τὸ σῶμα αὐτοῦ, τὸ πλήρωμα τοῦ τὰ πάντα ἐν πᾶσιν πληρουμένου. - Eph 2,1-7 1 Καὶ ὑμᾶς ὄντας νεκροὺς τοῖς παραπτώμασιν καὶ ταῖς ἁμαρτίαις ὑμῶν, 2,1 Καὶ ὑμᾶς ὄντας νεκροὺς τοῖς παραπτώμασιν καὶ ταῖς ἁμαρτίαις ὑμῶν, 2 ἐν αἷς ποτε περιεπατήσατε κατὰ τὸν αἰῶνα τοῦ κόσμου τούτου, κατὰ τὸν ἄρχοντα τῆς ἐξουσίας τοῦ ἀέρος, τοῦ πνεύματος τοῦ νῦν ἐνεργοῦντος ἐν τοῖς υἱοῖς τῆς ἀπειθείας: 2 ἐν αἷς περιεπατήσατε κατὰ τὸν αἰῶνα τοῦ κόσμου τούτου, κατὰ τὸν ἄρχοντα τῆς ἐξουσίας τοῦ ἀέρος, τοῦ ἐνεργοῦντος ἐν τοῖς υἱοῖς τῆς ἀπειθείας 3 ἐν οἷς καὶ ἡμεῖς πάντες ἀνεστράφημέν ποτε ἐν ταῖς ἐπιθυμίαις τῆς σαρκὸς ἡμῶν, ποιοῦντες τὰ θελήματα τῆς σαρκὸς καὶ τῶν διανοιῶν, καὶ ἤμεθα τέκνα φύσει ὀργῆς ὡς καὶ οἱ λοιποί: 3 ἐν οἷς καὶ ἡμεῖς πάντες ἀνεστράφημέν ἐν ταῖς ἐπιθυμίαις τῆς σαρκὸς ἡμῶν ποιοῦντες τὰ θελήματα τῆς σαρκὸς καὶ ἤμεθα φύσει τέκνα ὀργῆς ὡς καὶ οἱ λοιποί· 4 ὁ δὲ θεὸς πλούσιος ὢν ἐν ἐλέει, διὰ τὴν πολλὴν ἀγάπην αὐτοῦ ἣν ἠγάπησεν ἡμᾶς, - 5 καὶ ὄντας ἡμᾶς νεκροὺς τοῖς παραπτώμασιν συνεζωοποίησεν τῷ Χριστῷ χάριτί ἐστε σεσῳσμένοι - 6 καὶ συνήγειρεν καὶ συνεκάθισεν ἐν τοῖς ἐπουρανίοις ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, 7 ἵνα ἐνδείξηται ἐν τοῖς αἰῶσιν τοῖς ἐπερχομένοις τὸ ὑπερβάλλον πλοῦτος τῆς χάριτος αὐτοῦ ἐν χρηστότητι ἐφ’ ἡμᾶς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ. - Eph 2,14-18 14 Αὐτὸς γάρ ἐστιν ἡ εἰρήνη ἡμῶν, ὁ ποιήσας τὰ ἀμφότερα ἓν καὶ τὸ μεσότοιχον τοῦ φραγμοῦ λύσας, τὴν ἔχθραν, ἐν τῇ σαρκὶ αὐτοῦ, 14 Αὐτὸς γάρ ἐστιν ἡ εἰρήνη ἡμῶν, ὁ ποιήσας τὰ ἀμφότερα ἓν καὶ τὸ μεσότοιχον λύσας τὴς ἔχθρας ἐν τῇ σαρκὶ, 15 τὸν νόμον τῶν ἐντολῶν ἐν δόγμασιν καταργήσας, ἵνα τοὺς δύο κτίσῃ ἐν αὐτῷ εἰς ἕνα καινὸν ἄνθρωπον ποιῶν εἰρήνην, 15 τὸν νόμον τῶν ἐντολῶν δόγμασιν καταργήσας, ἵνα τοὺς δύο κτίσῃ ἐν ἑαυτῷ εἰς ἕνα καινὸν ἄνθρωπον ποιῶν εἰρήνην Appendix 1 779 <?page no="780"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 16 καὶ ἀποκαταλλάξῃ τοὺς ἀμφοτέρους ἐν ἑνὶ σώματι τῷ θεῷ διὰ τοῦ σταυροῦ, ἀποκτείνας τὴν ἔχθραν ἐν αὐτῷ. 16 ἀποκαταλλάξῃ τοὺς ἀμφοτέρους τῷ θεῷ ἐν ἑνὶ σώματι διὰ τοῦ σταυροῦ, ἀποκτείνας τὴν ἔχθραν ἐν αὐτῷ. 17 καὶ ἐλθὼν εὐηγγελίσατο εἰρήνην ὑμῖν τοῖς μακρὰν καὶ εἰρήνην τοῖς ἐγγύς: 17 εὐηγγελίσατο εἰρήνην τοῖς μακρὰν καὶ τοῖς ἐγγύς· 18 ὅτι δι’ αὐτοῦ ἔχομεν τὴν προσαγωγὴν οἱ ἀμφότεροι ἐν ἑνὶ πνεύματι πρὸς τὸν πατέρα. 18 τὴν προσαγωγὴν οἱ ἀμφότεροι πρὸς τὸν πατέρα. Eph 2,19-22 19 ἄρα οὖν οὐκέτι ἐστὲ ξένοι καὶ πάροικοι, ἀλλὰ ἐστὲ συμπολῖται τῶν ἁγίων καὶ οἰκεῖοι τοῦ θεοῦ, 19 Ἄρα οὐκ ἐστὲ ξένοι καὶ πάροικοι ἀλλὰ συμπολῖται τῶν ἁγίων, ἀλλ’ οἰκεῖοι τοῦ θεοῦ, 20 ἐποικοδομηθέντες ἐπὶ τῷ θεμελίῳ τῶν ἀποστόλων καὶ προφητῶν, ὄντος ἀκρογωνιαίου αὐτοῦ Χριστοῦ Ἰησοῦ, 20 ἐποικοδομηθέντες ἐπὶ τῷ θεμελίῳ τῶν ἀποστόλων, ὄντος ἀκρογωνιαίου λίθου αὐτοῦ Χριστοῦ, 21 ἐν ᾧ πᾶσα οἰκοδομὴ συναρμολογουμένη αὔξει εἰς ναὸν ἅγιον ἐν κυρίῳ, 21 ἐν ᾧ πᾶσα οἰκοδομὴ συναρμολογουμένη. 22ἐν ᾧ καὶ ὑμεῖς συνοικοδομεῖσθε εἰς κατοικητήριον τοῦ θεοῦ ἐν πνεύματι. - Eph 3,1-7 1 Τούτου χάριν ἐγὼ Παῦλος ὁ δέσμιος τοῦ Χριστοῦ [Ἰησοῦ] ὑπὲρ ὑμῶν τῶν ἐθνῶν - 2 εἴ γε ἠκούσατε τὴν οἰκονομίαν τῆς χάριτος τοῦ θεοῦ τῆς δοθείσης μοι εἰς ὑμᾶς, - 3 [ὅτι] κατὰ ἀποκάλυψιν ἐγνωρίσθη μοι τὸ μυστήριον, καθὼς προέγραψα ἐν ὀλίγῳ, - 4 πρὸς ὃ δύνασθε ἀναγινώσκοντες νοῆσαι τὴν σύνεσίν μου ἐν τῷ μυστηρίῳ τοῦ Χριστοῦ, - 5 ὃ ἑτέραις γενεαῖς οὐκ ἐγνωρίσθη τοῖς υἱοῖς τῶν ἀνθρώπων ὡς νῦν ἀπεκαλύφθη τοῖς ἁγίοις ἀποστόλοις αὐτοῦ καὶ προφήταις ἐν πνεύματι, - 780 Appendix 1 <?page no="781"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 6 εἶναι τὰ ἔθνη συγκληρονόμα καὶ σύσσωμα καὶ συμμέτοχα τῆς ἐπαγγελίας ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ διὰ τοῦ εὐαγγελίου, - 7 οὗ ἐγενήθην διάκονος κατὰ τὴν δωρεὰν τῆς χάριτος τοῦ θεοῦ τῆς δοθείσης μοι κατὰ τὴν ἐνέργειαν τῆς δυνάμεως αὐτοῦ. - Eph 3,8-12 8 ἐμοὶ τῷ ἐλαχιστοτέρῳ πάντων ἁγίων ἐδόθη ἡ χάρις αὕτη, τοῖς ἔθνεσιν εὐαγγελίσασθαι τὸ ἀνεξιχνίαστον πλοῦτος τοῦ Χριστοῦ, 8 Ἐμοὶ τῷ ἐλαχιστοτέρῳ πάντων ἐδόθη ἡ χάρις αὕτη, τοῖς ἔθνεσιν εὐαγγελίσασθαι τὸν ἀνεξιχνίαστον πλοῦτον τοῦ Χριστοῦ 9 καὶ φωτίσαι [πάντας] τίς ἡ οἰκονομία τοῦ μυστηρίου τοῦ ἀποκεκρυμμένου ἀπὸ τῶν αἰώνων ἐν τῷ θεῷ τῷ τὰ πάντα κτίσαντι, 9 καὶ φωτίσαι πάντας τίς ἡ οἰκονομία τοῦ μυστηρίου τοῦ ἀποκεκρυμμένου ἀπὸ τῶν αἰώνων τῷ θεῷ τῷ τὰ πάντα κτίσαντι, 10 ἵνα γνωρισθῇ νῦν ταῖς ἀρχαῖς καὶ ταῖς ἐξουσίαις ἐν τοῖς ἐπουρανίοις διὰ τῆς ἐκκλησίας ἡ πολυποίκιλος σοφία τοῦ θεοῦ, 10 ἵνα γνωρισθῇ ταῖς ἀρχαῖς καὶ ταῖς ἐξουσίαις ἐν τοῖς ἐπουρανίοις διὰ τῆς ἐκκλησίας ἡ πολυποίκιλος σοφία τοῦ θεοῦ, 11 κατὰ πρόθεσιν τῶν αἰώνων ἣν ἐποίησεν ἐν τῷ Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν, - 12 ἐν ᾧ ἔχομεν τὴν παρρησίαν καὶ προσαγωγὴν ἐν πεποιθήσει διὰ τῆς πίστεως αὐτοῦ. - Eph 3,14-19 14 Τούτου χάριν κάμπτω τὰ γόνατά μου πρὸς τὸν πατέρα, - 15 ἐξ οὗ πᾶσα πατριὰ ἐν οὐρανοῖς καὶ ἐπὶ γῆς ὀνομάζεται, - 16 ἵνα δῷ ὑμῖν κατὰ τὸ πλοῦτος τῆς δόξης αὐτοῦ δυνάμει κραταιωθῆναι διὰ τοῦ πνεύματος αὐτοῦ εἰς τὸν ἔσω ἄνθρωπον, - 17 κατοικῆσαι τὸν Χριστὸν διὰ τῆς πίστεως ἐν ταῖς καρδίαις ὑμῶν, ἐν ἀγάπῃ ἐρριζωμένοι καὶ τεθεμελιωμένοι, - Appendix 1 781 <?page no="782"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 18 ἵνα ἐξισχύσητε καταλαβέσθαι σὺν πᾶσιν τοῖς ἁγίοις τί τὸ πλάτος καὶ μῆκος καὶ ὕψος καὶ βάθος, - 19 γνῶναί τε τὴν ὑπερβάλλουσαν τῆς γνώσεως ἀγάπην τοῦ Χριστοῦ, ἵνα πληρωθῆτε εἰς πᾶν τὸ πλήρωμα τοῦ θεοῦ. - Eph 4,1-6 1 Παρακαλῶ οὖν ὑμᾶς ἐγὼ ὁ δέσμιος ἐν κυρίῳ ἀξίως περιπατῆσαι τῆς κλήσεως ἧς ἐκλήθητε, - 2 μετὰ πάσης ταπεινοφροσύνης καὶ πραΰτητος, μετὰ μακροθυμίας, ἀνεχόμενοι ἀλλήλων ἐν ἀγάπῃ, - 3 σπουδάζοντες τηρεῖν τὴν ἑνότητα τοῦ πνεύματος ἐν τῷ συνδέσμῳ τῆς εἰρήνης: - 4 ἓν σῶμα καὶ ἓν πνεῦμα, καθὼς καὶ ἐκλήθητε ἐν μιᾷ ἐλπίδι τῆς κλήσεως ὑμῶν: - 5 εἷς κύριος, μία πίστις, ἓν βάπτισμα: 5 εἷς κύριος, μία πίστις, ἓν βάπτισμα, 6 εἷς θεὸς καὶ πατὴρ πάντων, ὁ ἐπὶ πάντων καὶ διὰ πάντων καὶ ἐν πᾶσιν. 6 εἷς Χριστός, εἷς θεὸς καὶ πατὴρ πάντων, ὁ ἐπὶ πάντων καὶ διὰ πάντων καὶ ἐν πᾶσιν ἡμῖν. Eph 4,11-16 11 καὶ αὐτὸς ἔδωκεν τοὺς μὲν ἀποστόλους, τοὺς δὲ προφήτας, τοὺς δὲ εὐαγγελιστάς, τοὺς δὲ ποιμένας καὶ διδασκάλους, - 12 πρὸς τὸν καταρτισμὸν τῶν ἁγίων εἰς ἔργον διακονίας, εἰς οἰκοδομὴν τοῦ σώματος τοῦ Χριστοῦ, - 13 μέχρι καταντήσωμεν οἱ πάντες εἰς τὴν ἑνότητα τῆς πίστεως καὶ τῆς ἐπιγνώσεως τοῦ υἱοῦ τοῦ θεοῦ, εἰς ἄνδρα τέλειον, εἰς μέτρον ἡλικίας τοῦ πληρώματος τοῦ Χριστοῦ, - 14 ἵνα μηκέτι ὦμεν νήπιοι, κλυδωνιζόμενοι καὶ - 782 Appendix 1 <?page no="783"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch περιφερόμενοι παντὶ ἀνέμῳ τῆς διδασκαλίας ἐν τῇ κυβείᾳ τῶν ἀνθρώπων ἐν πανουργίᾳ πρὸς τὴν μεθοδείαν τῆς πλάνης, 15 ἀληθεύοντες δὲ ἐν ἀγάπῃ αὐξήσωμεν εἰς αὐτὸν τὰ πάντα, ὅς ἐστιν ἡ κεφαλή, Χριστός, - 16 ἐξ οὗ πᾶν τὸ σῶμα συναρμολογούμενον καὶ συμβιβαζόμενον διὰ πάσης ἁφῆς τῆς ἐπιχορηγίας κατ’ ἐνέργειαν ἐν μέτρῳ ἑνὸς ἑκάστου μέρους τὴν αὔξησιν τοῦ σώματος ποιεῖται εἰς οἰκοδομὴν ἑαυτοῦ ἐν ἀγάπῃ. - Eph 4,20-24 20 ὑμεῖς δὲ οὐχ οὕτως ἐμάθετε τὸν Χριστόν, - 21 εἴ γε αὐτὸν ἠκούσατε καὶ ἐν αὐτῷ ἐδιδάχθητε, καθώς ἐστιν ἀλήθεια ἐν τῷ Ἰησοῦ, - 22 ἀποθέσθαι ὑμᾶς κατὰ τὴν προτέραν ἀναστροφὴν τὸν παλαιὸν ἄνθρωπον τὸν φθειρόμενον κατὰ τὰς ἐπιθυμίας τῆς ἀπάτης, - 23 ἀνανεοῦσθαι δὲ τῷ πνεύματι τοῦ νοὸς ὑμῶν, - 24 καὶ ἐνδύσασθαι τὸν καινὸν ἄνθρωπον τὸν κατὰ θεὸν κτισθέντα ἐν δικαιοσύνῃ καὶ ὁσιότητι τῆς ἀληθείας. - Eph 5,7-13 7 μὴ οὖν γίνεσθε συμμέτοχοι αὐτῶν: - 8 ἦτε γάρ ποτε σκότος, νῦν δὲ φῶς ἐν κυρίῳ: ὡς τέκνα φωτὸς περιπατεῖτε 8 ἦτε γάρ ποτε σκότος, νῦν δὲ φῶς 9 ὁ γὰρ καρπὸς τοῦ φωτὸς ἐν πάσῃ ἀγαθωσύνῃ καὶ δικαιοσύνῃ καὶ ἀληθείᾳ - 10 δοκιμάζοντες τί ἐστιν εὐάρεστον τῷ κυρίῳ: - Appendix 1 783 <?page no="784"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 11 καὶ μὴ συγκοινωνεῖτε τοῖς ἔργοις τοῖς ἀκάρποις τοῦ σκότους, μᾶλλον δὲ καὶ ἐλέγχετε, 11 μὴ συγκοινωνεῖτε τοῖς ἔργοις τοῦ σκότους. 12 τὰ γὰρ κρυφῇ γινόμενα ὑπ’ αὐτῶν αἰσχρόν ἐστιν καὶ λέγειν: - 13 τὰ δὲ πάντα ἐλεγχόμενα ὑπὸ τοῦ φωτὸς φανεροῦται. - Eph 6,5-8 5 Οἱ δοῦλοι, ὑπακούετε τοῖς κατὰ σάρκα κυρίοις μετὰ φόβου καὶ τρόμου ἐν ἁπλότητι τῆς καρδίας ὑμῶν ὡς τῷ Χριστῷ, - 6 μὴ κατ’ ὀφθαλμοδουλίαν ὡς ἀνθρωπάρεσκοι ἀλλ‘ ὡς δοῦλοι Χριστοῦ ποιοῦντες τὸ θέλημα τοῦ θεοῦ ἐκ ψυχῆς, - 7 μετ’ εὐνοίας δουλεύοντες, ὡς τῷ κυρίῳ καὶ οὐκ ἀνθρώποις, 8 εἰδότες ὅτι ἕκαστος, ἐάν τι ποιήσῃ ἀγαθόν, τοῦτο κομίσεται παρὰ κυρίου, εἴτε δοῦλος εἴτε ἐλεύθερος. - Eph 6,14-20 14 στῆτε οὖν περιζωσάμενοι τὴν ὀσφὺν ὑμῶν ἐν ἀληθείᾳ, καὶ ἐνδυσάμενοι τὸν θώρακα τῆς δικαιοσύνης, 14 στῆτε οὖν περιζωσάμενοι τὴν ὀσφὺν ὑμῶν ἐν ἀληθείᾳ καὶ ἐνδυσάμενοι τὸν θώρακα τῆς δικαιοσύνης 15 καὶ ὑποδησάμενοι τοὺς πόδας ἐν ἑτοιμασίᾳ τοῦ εὐαγγελίου τῆς εἰρήνης, 15 καὶ ὑποδησάμενοι τοὺς πόδας ἐν ἑτοιμασίᾳ τοῦ εὐαγγελίου τῆς εἰρήνης, 16 ἐν πᾶσιν ἀναλαβόντες τὸν θυρεὸν τῆς πίστεως, ἐν ᾧ δυνήσεσθε πάντα τὰ βέλη τοῦ πονηροῦ [τὰ] πεπυρωμένα σβέσαι: 16 οὐ τοῦ πολέμου ἐν ᾧ πάντα τὰ βέλη τοῦ πονηροῦ τὰ πεπυρωμένα σβέσαι· 17 καὶ τὴν περικεφαλαίαν τοῦ σωτηρίου δέξασθε, καὶ τὴν μάχαιραν τοῦ πνεύματος, ὅ ἐστιν ῥῆμα θεοῦ, - 18 διὰ πάσης προσευχῆς καὶ δεήσεως προσευχόμενοι ἐν παντὶ καιρῷ ἐν πνεύματι, καὶ εἰς αὐτὸ ἀγρυπνοῦντες ἐν πάσῃ προσκαρτερήσει καὶ δεήσει περὶ πάντων τῶν ἁγίων, 18 Διὰ δεήσεως ἐν καιρῷ, - 784 Appendix 1 <?page no="785"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 19 καὶ ὑπὲρ ἐμοῦ, ἵνα μοι δοθῇ λόγος ἐν ἀνοίξει τοῦ στόματός μου, ἐν παρρησίᾳ γνωρίσαι τὸ μυστήριον τοῦ εὐαγγελίου 19 ἵνα δοθῇ λόγος ἐν ἀνοίξει τοῦ στόματός, ἐν παρρησίᾳ γνωρίσαι τὸ μυστήριον 20 ὑπὲρ οὗ πρεσβεύω ἐν ἁλύσει, ἵνα ἐν αὐτῷ παρρησιάσωμαι ὡς δεῖ με λαλῆσαι. 20 ἐν ἁλύσει, ἵνα ἐν αὐτῷ παρρησιάσωμαι. Paulus Kanonisch Vorkanonisch Kol 1,3-8 1,1 Παῦλος ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ διὰ θελήματος θεοῦ καὶ Τιμόθεος ὁ ἀδελφὸς 1,1 Παῦλος ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ διὰ θελήματος θεοῦ 2 τοῖς ἐν Κολοσσαῖς ἁγίοις καὶ πιστοῖς ἀδελφοῖς ἐν Χριστῷ· χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν. 2 τοῖς ἐν Κολοσσαῖς, χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν. 3 Εὐχαριστοῦμεν τῷ θεῷ πατρὶ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ πάντοτε περὶ ὑμῶν προσευχόμενοι, - 4 ἀκούσαντες τὴν πίστιν ὑμῶν ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ καὶ τὴν ἀγάπην ἣν ἔχετε εἰς πάντας τοὺς ἁγίους - 5 διὰ τὴν ἐλπίδα τὴν ἀποκειμένην ὑμῖν ἐν τοῖς οὐρανοῖς, ἣν προηκούσατε ἐν τῷ λόγῳ τῆς ἀληθείας τοῦ εὐαγγελίου 5 διὰ τὴν ἐλπίδα τὴν ἀποκειμένην ἐν τοῖς οὐρανοῖς, ἣν ἠκούσατε ἐν τῷ λόγῳ τῆς ἀληθείας τοῦ εὐαγγελίου 6 τοῦ παρόντος εἰς ὑμᾶς, καθὼς καὶ ἐν παντὶ τῷ κόσμῳ ἐστὶν καρποφορούμενον καὶ αὐξανόμενον καθὼς καὶ ἐν ὑμῖν, ἀφ’ ἧς ἡμέρας ἠκούσατε καὶ ἐπέγνωτε τὴν χάριν τοῦ θεοῦ ἐν ἀληθείᾳ: 6 τοῦ παρόντος εἰς ὑμᾶς, καθὼς καὶ ἐν παντὶ τῷ κόσμῳ ἐστὶν· 7 καθὼς ἐμάθετε ἀπὸ Ἐπαφρᾶ τοῦ ἀγαπητοῦ συνδούλου ἡμῶν, ὅς ἐστιν πιστὸς ὑπὲρ ὑμῶν διάκονος τοῦ Χριστοῦ, - 8 ὁ καὶ δηλώσας ἡμῖν τὴν ὑμῶν ἀγάπην ἐν πνεύματι. - Appendix 1 785 <?page no="786"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch Kol 1,9-20 9 Διὰ τοῦτο καὶ ἡμεῖς, ἀφ’ ἧς ἡμέρας ἠκούσαμεν, οὐ παυόμεθα ὑπὲρ ὑμῶν προσευχόμενοι καὶ αἰτούμενοι ἵνα πληρωθῆτε τὴν ἐπίγνωσιν τοῦ θελήματος αὐτοῦ ἐν πάσῃ σοφίᾳ καὶ συνέσει πνευματικῇ, - 10 περιπατῆσαι ἀξίως τοῦ κυρίου εἰς πᾶσαν ἀρεσκείαν, ἐν παντὶ ἔργῳ ἀγαθῷ καρποφοροῦντες καὶ αὐξανόμενοι τῇ ἐπιγνώσει τοῦ θεοῦ, - 11 ἐν πάσῃ δυνάμει δυναμούμενοι κατὰ τὸ κράτος τῆς δόξης αὐτοῦ εἰς πᾶσαν ὑπομονὴν καὶ μακροθυμίαν, μετὰ χαρᾶς - 12 εὐχαριστοῦντες τῷ πατρὶ τῷ ἱκανώσαντι ὑμᾶς εἰς τὴν μερίδα τοῦ κλήρου τῶν ἁγίων ἐν τῷ φωτί: - 13 ὃς ἐρρύσατο ἡμᾶς ἐκ τῆς ἐξουσίας τοῦ σκότους καὶ μετέστησεν εἰς τὴν βασιλείαν τοῦ υἱοῦ τῆς ἀγάπης αὐτοῦ, - 14 ἐν ᾧ ἔχομεν τὴν ἀπολύτρωσιν, τὴν ἄφεσιν τῶν ἁμαρτιῶν: - 15 ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ τοῦ ἀοράτου, πρωτότοκος πάσης κτίσεως, 15 ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ τοῦ ἀοράτου, 16 ὅτι ἐν αὐτῷ ἐκτίσθη τὰ πάντα ἐν τοῖς οὐρανοῖς καὶ ἐπὶ τῆς γῆς, τὰ ὁρατὰ καὶ τὰ ἀόρατα, εἴτε θρόνοι εἴτε κυριότητες εἴτε ἀρχαὶ εἴτε ἐξουσίαι: τὰ πάντα δι’ αὐτοῦ καὶ εἰς αὐτὸν ἔκτισται, - 17 καὶ αὐτός ἐστιν πρὸ πάντων καὶ τὰ πάντα ἐν αὐτῷ συνέστηκεν. 17 καὶ αὐτός ἐστιν πρὸ πάντων, 18 καὶ αὐτός ἐστιν ἡ κεφαλὴ τοῦ σώματος, τῆς ἐκκλησίας: ὅς ἐστιν ἀρχή, πρωτότοκος ἐκ τῶν νεκρῶν, ἵνα γένηται ἐν πᾶσιν αὐτὸς πρωτεύων, - 19 ὅτι ἐν αὐτῷ εὐδόκησεν πᾶν τὸ πλήρωμα κατοικῆσαι 19 ἐν ἑαυτῷ εὐδόκησεν πᾶν τὸ πλήρωμα κατοικῆσαι 786 Appendix 1 <?page no="787"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 20 καὶ δι’ αὐτοῦ ἀποκαταλλάξαι τὰ πάντα εἰς αὐτόν, εἰρηνοποιήσας διὰ τοῦ αἵματος τοῦ σταυροῦ αὐτοῦ, [δι‘ αὐτοῦ] εἴτε τὰ ἐπὶ τῆς γῆς εἴτε τὰ ἐν τοῖς οὐρανοῖς. 20 καὶ ἀποκαταλλάξαι τὰ πάντα εἰς ἑαυτόν, εἰρηνοποιήσας διὰ τοῦ αἵματος τοῦ σταυροῦ αὐτοῦ, Kol 1,24-29 24 Νῦν χαίρω ἐν τοῖς παθήμασιν ὑπὲρ ὑμῶν, καὶ ἀνταναπληρῶ τὰ ὑστερήματα τῶν θλίψεων τοῦ Χριστοῦ ἐν τῇ σαρκί μου ὑπὲρ τοῦ σώματος αὐτοῦ, ὅ ἐστιν ἡ ἐκκλησία, 24 ἀνταναπληρῶ τὰ ὑστερήματα τῶν θλίψεων τοῦ Χριστοῦ ἐν τῇ σαρκί ὑπὲρ τοῦ σώματος αὐτοῦ, ὅ ἐστιν ἡ ἐκκλησία. 25 ἧς ἐγενόμην ἐγὼ διάκονος κατὰ τὴν οἰκονομίαν τοῦ θεοῦ τὴν δοθεῖσάν μοι εἰς ὑμᾶς πληρῶσαι τὸν λόγον τοῦ θεοῦ, - 26 τὸ μυστήριον τὸ ἀποκεκρυμμένον ἀπὸ τῶν αἰώνων καὶ ἀπὸ τῶν γενεῶν νῦν δὲ ἐφανερώθη τοῖς ἁγίοις αὐτοῦ, - 27 οἷς ἠθέλησεν ὁ θεὸς γνωρίσαι τί τὸ πλοῦτος τῆς δόξης τοῦ μυστηρίου τούτου ἐν τοῖς ἔθνεσιν, ὅ ἐστιν Χριστὸς ἐν ὑμῖν, ἡ ἐλπὶς τῆς δόξης: - 28 ὃν ἡμεῖς καταγγέλλομεν νουθετοῦντες πάντα ἄνθρωπον καὶ διδάσκοντες πάντα ἄνθρωπον ἐν πάσῃ σοφίᾳ, ἵνα παραστήσωμεν πάντα ἄνθρωπον τέλειον ἐν Χριστῷ: - 29 εἰς ὃ καὶ κοπιῶ ἀγωνιζόμενος κατὰ τὴν ἐνέργειαν αὐτοῦ τὴν ἐνεργουμένην ἐν ἐμοὶ ἐν δυνάμει. - Kol 2,1-3 1 Θέλω γὰρ ὑμᾶς εἰδέναι ἡλίκον ἀγῶνα ἔχω ὑπὲρ ὑμῶν καὶ τῶν ἐν Λαοδικείᾳ καὶ ὅσοι οὐχ ἑόρακαν τὸ πρόσωπόν μου ἐν σαρκί, - 2 ἵνα παρακληθῶσιν αἱ καρδίαι αὐτῶν, συμβιβασθέντες ἐν ἀγάπῃ καὶ εἰς πᾶν πλοῦτος τῆς πληροφορίας τῆς συνέσεως, εἰς ἐπίγνωσιν τοῦ μυστηρίου τοῦ θεοῦ, Χριστοῦ, - Appendix 1 787 <?page no="788"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 3 ἐν ᾧ εἰσιν πάντες οἱ θησαυροὶ τῆς σοφίας καὶ γνώσεως ἀπόκρυφοι. - Kol 2,8-15 8 βλέπετε μή τις ὑμᾶς ἔσται ὁ συλαγωγῶν διὰ τῆς φιλοσοφίας καὶ κενῆς ἀπάτης κατὰ τὴν παράδοσιν τῶν ἀνθρώπων, κατὰ τὰ στοιχεῖα τοῦ κόσμου καὶ οὐ κατὰ Χριστόν: 8 τῆς φιλοσοφίας καὶ κενῆς ἀπάτης κατὰ τὴν παράδοσιν τῶν ἀνθρώπων, κατὰ τὰ στοιχεῖα τοῦ κόσμου· 9 ὅτι ἐν αὐτῷ κατοικεῖ πᾶν τὸ πλήρωμα τῆς θεότητος σωματικῶς, - 10 καὶ ἐστὲ ἐν αὐτῷ πεπληρωμένοι, ὅς ἐστιν ἡ κεφαλὴ πάσης ἀρχῆς καὶ ἐξουσίας, - 11 ἐν ᾧ καὶ περιετμήθητε περιτομῇ ἀχειροποιήτῳ ἐν τῇ ἀπεκδύσει τοῦ σώματος τῆς σαρκός, ἐν τῇ περιτομῇ τοῦ Χριστοῦ, - 12 συνταφέντες αὐτῷ ἐν τῷ βαπτισμῷ, ἐν ᾧ καὶ συνηγέρθητε διὰ τῆς πίστεως τῆς ἐνεργείας τοῦ θεοῦ τοῦ ἐγείραντος αὐτὸν ἐκ νεκρῶν: - 13 καὶ ὑμᾶς νεκροὺς ὄντας [ἐν] τοῖς παραπτώμασιν καὶ τῇ ἀκροβυστίᾳ τῆς σαρκὸς ὑμῶν, συνεζωοποίησεν ὑμᾶς σὺν αὐτῷ, χαρισάμενος ἡμῖν πάντα τὰ παραπτώματα, 13 Θεὸς συνεζωοποίησεν ὑμᾶς σὺν αὐτῷ, χαρισάμενος ἡμῖν τὰ παραπτώματα. 14 ἐξαλείψας τὸ καθ’ ἡμῶν χειρόγραφον τοῖς δόγμασιν ὃ ἦν ὑπεναντίον ἡμῖν, καὶ αὐτὸ ἦρκεν ἐκ τοῦ μέσου προσηλώσας αὐτὸ τῷ σταυρῷ: - 15 ἀπεκδυσάμενος τὰς ἀρχὰς καὶ τὰς ἐξουσίας ἐδειγμάτισεν ἐν παρρησίᾳ, θριαμβεύσας αὐτοὺς ἐν αὐτῷ. - Kol 3,5-11 5 Νεκρώσατε οὖν τὰ μέλη τὰ ἐπὶ τῆς γῆς, πορνείαν, ἀκαθαρσίαν, πάθος, ἐπιθυμίαν κακήν, καὶ τὴν πλεονεξίαν ἥτις ἐστὶν εἰδωλολατρία, 6 δι’ ἃ - 788 Appendix 1 <?page no="789"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch ἔρχεται ἡ ὀργὴ τοῦ θεοῦ [ἐπὶ τοὺς υἱοὺς τῆς ἀπειθείας]: - - 7 ἐν οἷς καὶ ὑμεῖς περιεπατήσατέ ποτε ὅτε ἐζῆτε ἐν τούτοις. - 8 νυνὶ δὲ ἀπόθεσθε καὶ ὑμεῖς τὰ πάντα, ὀργήν, θυμόν, κακίαν, βλασφημίαν, αἰσχρολογίαν ἐκ τοῦ στόματος ὑμῶν: - 9 μὴ ψεύδεσθε εἰς ἀλλήλους, ἀπεκδυσάμενοι τὸν παλαιὸν ἄνθρωπον σὺν ταῖς πράξεσιν αὐτοῦ, ἀπεκδυσάμενοι τὸν παλαιὸν ἄνθρωπον 10 καὶ ἐνδυσάμενοι τὸν νέον τὸν ἀνακαινούμενον εἰς ἐπίγνωσιν κατ’ εἰκόνα τοῦ κτίσαντος αὐτόν, 10 καὶ ἐνδυσάμενοι τὸν νέον τὸν ἀνακαινούμενον. 11 ὅπου οὐκ ἔνι Ελλην καὶ Ἰουδαῖος, περιτομὴ καὶ ἀκροβυστία, βάρβαρος, Σκύθης, δοῦλος, ἐλεύθερος, ἀλλὰ [τὰ] πάντα καὶ ἐν πᾶσιν Χριστός. - Paulus Kanonisch Vorkanonisch 2Thess 1,3-12 3 Εὐχαριστεῖν ὀφείλομεν τῷ θεῷ πάντοτε περὶ ὑμῶν, ἀδελφοί, καθὼς ἄξιόν ἐστιν, ὅτι ὑπεραυξάνει ἡ πίστις ὑμῶν καὶ πλεονάζει ἡ ἀγάπη ἑνὸς ἑκάστου πάντων ὑμῶν εἰς ἀλλήλους, - 4 ὥστε αὐτοὺς ἡμᾶς ἐν ὑμῖν ἐγκαυχᾶσθαι ἐν ταῖς ἐκκλησίαις τοῦ θεοῦ ὑπὲρ τῆς ὑπομονῆς ὑμῶν καὶ πίστεως ἐν πᾶσιν τοῖς διωγμοῖς ὑμῶν καὶ ταῖς θλίψεσιν αἷς ἀνέχεσθε, - 5 ἔνδειγμα τῆς δικαίας κρίσεως τοῦ θεοῦ, εἰς τὸ καταξιωθῆναι ὑμᾶς τῆς βασιλείας τοῦ θεοῦ, ὑπὲρ ἧς καὶ πάσχετε, - Appendix 1 789 <?page no="790"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 6 εἴπερ δίκαιον παρὰ θεῷ ἀνταποδοῦναι τοῖς θλίβουσιν ὑμᾶς θλῖψιν 6 δίκαιον παρὰ κυρίῷ ἀποδοῦναι τοῖς θλίβουσιν ὑμᾶς θλῖψιν 7 καὶ ὑμῖν τοῖς θλιβομένοις ἄνεσιν μεθ’ ἡμῶν ἐν τῇ ἀποκαλύψει τοῦ κυρίου Ἰησοῦ ἀπ‘ οὐρανοῦ μετ’ ἀγγέλων δυνάμεως αὐτοῦ 7 καὶ τοῖς θλιβομένοις ἄνεσιν ἐν τῇ ἀποκαλύψει τοῦ κυρίου Ἰησοῦ ἀπ’ οὐρανοῦ μετ‘ ἀγγέλων δυνάμεως αὐτοῦ 8 ἐν πυρὶ φλογός, διδόντος ἐκδίκησιν τοῖς μὴ εἰδόσιν θεὸν καὶ τοῖς μὴ ὑπακούουσιν τῷ εὐαγγελίῳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ, 8 διδοῦς ἐκδίκησιν τοῖς μὴ εἰδόσιν θεὸν καὶ τοῖς μὴ ὑπακούουσιν τῷ εὐαγγελίῳ, 9 οἵτινες δίκην τίσουσιν ὄλεθρον αἰώνιον ἀπὸ προσώπου τοῦ κυρίου καὶ ἀπὸ τῆς δόξης τῆς ἰσχύος αὐτοῦ, 9 οἵτινες δίκην τίσουσιν ὄλεθρον αἰώνιον ἀπὸ προσώπου τοῦ κυρίου καὶ ἀπὸ τῆς δόξης τῆς ἰσχύος αὐτοῦ, 10 ὅταν ἔλθῃ ἐνδοξασθῆναι ἐν τοῖς ἁγίοις αὐτοῦ καὶ θαυμασθῆναι ἐν πᾶσιν τοῖς πιστεύσασιν, ὅτι ἐπιστεύθη τὸ μαρτύριον ἡμῶν ἐφ’ ὑμᾶς, ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ· - 11 εἰς ὃ καὶ προσευχόμεθα πάντοτε περὶ ὑμῶν, ἵνα ὑμᾶς ἀξιώσῃ τῆς κλήσεως ὁ θεὸς ἡμῶν καὶ πληρώσῃ πᾶσαν εὐδοκίαν ἀγαθωσύνης καὶ ἔργον πίστεως ἐν δυνάμει, - 12 ὅπως ἐνδοξασθῇ τὸ ὄνομα τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ ἐν ὑμῖν, καὶ ὑμεῖς ἐν αὐτῷ, κατὰ τὴν χάριν τοῦ θεοῦ ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. - 2Thess 2,8-10 8 καὶ τότε ἀποκαλυφθήσεται ὁ ἄνομος, ὃν ὁ κύριος [Ἰησοῦς] ἀνελεῖ τῷ πνεύματι τοῦ στόματος αὐτοῦ καὶ καταργήσει τῇ ἐπιφανείᾳ τῆς παρουσίας αὐτοῦ, - 9 οὗ ἐστιν ἡ παρουσία κατ’ ἐνέργειαν τοῦ Σατανᾶ ἐν πάσῃ δυνάμει καὶ σημείοις καὶ τέρασιν ψεύδους 9 οὗ ἐστιν ἡ παρουσία κατ’ ἐνέργειαν τοῦ Σατανᾶ ἐν πάσῃ δυνάμει καὶ σημείοις καὶ τέρασιν ψεύδους 10 καὶ ἐν πάσῃ ἀπάτῃ ἀδικίας τοῖς ἀπολλυμένοις, ἀνθ’ ὧν τὴν ἀγάπην τῆς ἀληθείας οὐκ ἐδέξαντο εἰς τὸ σωθῆναι αὐτούς. 10 καὶ ἐν πάσῃ ἀπάτῃ ἀδικίας τοῖς ἀπολλυμένοις, ἀνθ’ ὧν τὴν ἀγάπην τῆς ἀληθείας οὐκ ἐδέξαντο εἰς τὸ σωθῆναι αὐτούς. 790 Appendix 1 <?page no="791"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch Röm 1,1-7 1 Παῦλος δοῦλος Χριστοῦ Ἰησοῦ, κλητὸς ἀπόστολος, ἀφωρισμένος εἰς εὐαγγέλιον θεοῦ, 1,1 Παῦλος ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ - 2 ὃ προεπηγγείλατο διὰ τῶν προφητῶν αὐτοῦ ἐν γραφαῖς ἁγίαις, - 3 περὶ τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ τοῦ γενομένου ἐκ σπέρματος Δαυὶδ κατὰ σάρκα, - 4 τοῦ ὁρισθέντος υἱοῦ θεοῦ ἐν δυνάμει κατὰ πνεῦμα ἁγιωσύνης ἐξ ἀναστάσεως νεκρῶν, Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν, - 5 δι’ οὗ ἐλάβομεν χάριν καὶ ἀποστολὴν εἰς ὑπακοὴν πίστεως ἐν πᾶσιν τοῖς ἔθνεσιν ὑπὲρ τοῦ ὀνόματος αὐτοῦ, 6 ἐν οἷς ἐστε καὶ ὑμεῖς κλητοὶ Ἰησοῦ Χριστοῦ, 5 ἐν τοῖς ἔθνεσιν, 7 πᾶσιν τοῖς οὖσιν ἐν Ῥώμῃ ἀγαπητοῖς θεοῦ, κλητοῖς ἁγίοις: χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. 7 πᾶσιν ἐν-ἀγάπῃ θεοῦ, χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ. Röm 1,26-27 26 διὰ τοῦτο παρέδωκεν αὐτοὺς ὁ θεὸς εἰς πάθη ἀτιμίας: αἵ τε γὰρ θήλειαι αὐτῶν μετήλλαξαν τὴν φυσικὴν χρῆσιν εἰς τὴν παρὰ φύσιν, - 27 ὁμοίως τε καὶ οἱ ἄρσενες ἀφέντες τὴν φυσικὴν χρῆσιν τῆς θηλείας ἐξεκαύθησαν ἐν τῇ ὀρέξει αὐτῶν εἰς ἀλλήλους, ἄρσενες ἐν ἄρσεσιν τὴν ἀσχημοσύνην κατεργαζόμενοι καὶ τὴν ἀντιμισθίαν ἣν ἔδει τῆς πλάνης αὐτῶν ἐν ἑαυτοῖς ἀπολαμβάνοντες. - Röm 1,28-32 28 καὶ καθὼς οὐκ ἐδοκίμασαν τὸν θεὸν ἔχειν ἐν ἐπιγνώσει, παρέδωκεν αὐτοὺς ὁ θεὸς εἰς ἀδόκιμον νοῦν, ποιεῖν τὰ μὴ καθήκοντα, - 29 πεπληρωμένους πάσῃ ἀδικίᾳ πονηρίᾳ πλεονεξίᾳ κακίᾳ, μεστοὺς - Appendix 1 791 <?page no="792"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch φθόνου φόνου ἔριδος δόλου κακοηθείας, ψιθυριστάς, - 30 καταλάλους, θεοστυγεῖς, ὑβριστάς, ὑπερηφάνους, ἀλαζόνας, ἐφευρετὰς κακῶν, γονεῦσιν ἀπειθεῖς, - 31 ἀσυνέτους, ἀσυνθέτους, ἀστόργους, ἀνελεήμονας: - 32 οἵτινες τὸ δικαίωμα τοῦ θεοῦ ἐπιγνόντες, ὅτι οἱ τὰ τοιαῦτα πράσσοντες ἄξιοι θανάτου εἰσίν, οὐ μόνον αὐτὰ ποιοῦσιν ἀλλὰ καὶ συνευδοκοῦσιν τοῖς πράσσουσιν. - Röm 2,14-17 14 ὅταν γὰρ ἔθνη τὰ μὴ νόμον ἔχοντα φύσει τὰ τοῦ νόμου ποιῶσιν, οὗτοι νόμον μὴ ἔχοντες ἑαυτοῖς εἰσιν νόμος: 14 ὅταν τὰ μὴ νόμον ἔχοντα φύσει τὰ τοῦ νόμου ποιῶσιν, οἱ τοιοῦτοι νόμον μὴ ἔχοντες ἑαυτοῖς εἰσιν νόμος: - 15 οἵτινες ἐνδείκνυνται τὸ ἔργον τοῦ νόμου γραπτὸν ἐν ταῖς καρδίαις αὐτῶν, συμμαρτυρούσης αὐτῶν τῆς συνειδήσεως καὶ μεταξὺ ἀλλήλων τῶν λογισμῶν κατηγορούντων ἢ καὶ ἀπολογουμένων, - 16 ἐν ἡμέρᾳ ὅτε κρίνει ὁ θεὸς τὰ κρυπτὰ τῶν ἀνθρώπων κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου διὰ Χριστοῦ Ἰησοῦ. 16 ἐν ἡμέρᾳ ὅτε κρίνει ὁ θεὸς τὰ κρυπτὰ τῶν ἀνθρώπων κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου διὰ Χριστοῦ. 17 Εἰ δὲ σὺ Ἰουδαῖος ἐπονομάζῃ καὶ ἐπαναπαύῃ νόμῳ καὶ καυχᾶσαι ἐν θεῷ - Röm 3,21-26 21 Νυνὶ δὲ χωρὶς νόμου δικαιοσύνη θεοῦ πεφανέρωται, μαρτυρουμένη ὑπὸ τοῦ νόμου καὶ τῶν προφητῶν, 21 Νυνὶ δὲ χωρὶς νόμου δικαιοσύνη θεοῦ πεφανέρωται, 22 διὰ πίστεως Χριστοῦ. Τίς ἐστιν διαστολή; 22 δικαιοσύνη δὲ θεοῦ διὰ πίστεως Ἰησοῦ Χριστοῦ, εἰς πάντας τοὺς πιστεύοντας: οὐ γάρ ἐστιν διαστολή: - 23 πάντες γὰρ ἥμαρτον καὶ ὑστεροῦνται τῆς δόξης τοῦ θεοῦ, - 792 Appendix 1 <?page no="793"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 24 δικαιούμενοι δωρεὰν τῇ αὐτοῦ χάριτι διὰ τῆς ἀπολυτρώσεως τῆς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ: - 25 ὃν προέθετο ὁ θεὸς ἱλαστήριον διὰ [τῆς] πίστεως ἐν τῷ αὐτοῦ αἵματι εἰς ἔνδειξιν τῆς δικαιοσύνης αὐτοῦ διὰ τὴν πάρεσιν τῶν προγεγονότων ἁμαρτημάτων - 26 ἐν τῇ ἀνοχῇ τοῦ θεοῦ, πρὸς τὴν ἔνδειξιν τῆς δικαιοσύνης αὐτοῦ ἐν τῷ νῦν καιρῷ, εἰς τὸ εἶναι αὐτὸν δίκαιον καὶ δικαιοῦντα τὸν ἐκ πίστεως Ἰησοῦ. - Röm 4,16-21 16 διὰ τοῦτο ἐκ πίστεως, ἵνα κατὰ χάριν, εἰς τὸ εἶναι βεβαίαν τὴν ἐπαγγελίαν παντὶ τῷ σπέρματι, οὐ τῷ ἐκ τοῦ νόμου μόνον ἀλλὰ καὶ τῷ ἐκ πίστεως Ἀβραάμ (ὅς ἐστιν πατὴρ πάντων ἡμῶν, - 17 καθὼς γέγραπται ὅτι Πατέρα πολλῶν ἐθνῶν τέθεικά σε) κατέναντι οὗ ἐπίστευσεν θεοῦ τοῦ ζῳοποιοῦντος τοὺς νεκροὺς καὶ καλοῦντος τὰ μὴ ὄντα ὡς ὄντα: - 18 ὃς παρ’ ἐλπίδα ἐπ‘ ἐλπίδι ἐπίστευσεν εἰς τὸ γενέσθαι αὐτὸν πατέρα πολλῶν ἐθνῶν κατὰ τὸ εἰρημένον, Οὕτως ἔσται τὸ σπέρμα σου: - 19 καὶ μὴ ἀσθενήσας τῇ πίστει κατενόησεν τὸ ἑαυτοῦ σῶμα [ἤδη] νενεκρωμένον, ἑκατονταετής που ὑπάρχων, καὶ τὴν νέκρωσιν τῆς μήτρας Σάρρας, - 20 εἰς δὲ τὴν ἐπαγγελίαν τοῦ θεοῦ οὐ διεκρίθη τῇ ἀπιστίᾳ ἀλλ’ ἐνεδυναμώθη τῇ πίστει, δοὺς δόξαν τῷ θεῷ - 21 καὶ πληροφορηθεὶς ὅτι ὃ ἐπήγγελται δυνατός ἐστιν καὶ ποιῆσαι. - Röm 5,12-14 12 Διὰ τοῦτο ὥσπερ δι’ ἑνὸς ἀνθρώπου ἡ ἁμαρτία εἰς τὸν - Appendix 1 793 <?page no="794"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch κόσμον εἰσῆλθεν καὶ διὰ τῆς ἁμαρτίας ὁ θάνατος, καὶ οὕτως εἰς πάντας ἀνθρώπους ὁ θάνατος διῆλθεν, ἐφ‘ ᾧ πάντες ἥμαρτον 13 ἄχρι γὰρ νόμου ἁμαρτία ἦν ἐν κόσμῳ, ἁμαρτία δὲ οὐκ ἐλλογεῖται μὴ ὄντος νόμου: - 14 ἀλλὰ ἐβασίλευσεν ὁ θάνατος ἀπὸ Ἀδὰμ μέχρι Μωϋσέως καὶ ἐπὶ τοὺς μὴ ἁμαρτήσαντας ἐπὶ τῷ ὁμοιώματι τῆς παραβάσεως Ἀδάμ, ὅς ἐστιν τύπος τοῦ μέλλοντος. - Röm 15,22-25 22 Διὸ καὶ ἐνεκοπτόμην τὰ πολλὰ τοῦ ἐλθεῖν πρὸς ὑμᾶς: - 23 νυνὶ δὲ μηκέτι τόπον ἔχων ἐν τοῖς κλίμασι τούτοις, ἐπιποθίαν δὲ ἔχων τοῦ ἐλθεῖν πρὸς ὑμᾶς ἀπὸ πολλῶν ἐτῶν, - 24 ὡς ἂν πορεύωμαι εἰς τὴν Σπανίαν: ἐλπίζω γὰρ διαπορευόμενος θεάσασθαι ὑμᾶς καὶ ὑφ’ ὑμῶν προπεμφθῆναι ἐκεῖ ἐὰν ὑμῶν πρῶτον ἀπὸ μέρους ἐμπλησθῶ - 25 νυνὶ δὲ πορεύομαι εἰς Ἰερουσαλὴμ διακονῶν τοῖς ἁγίοις. - Röm 15,30-32 30 Παρακαλῶ δὲ ὑμᾶς [,ἀδελφοί,] διὰ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ διὰ τῆς ἀγάπης τοῦ πνεύματος, συναγωνίσασθαί μοι ἐν ταῖς προσευχαῖς ὑπὲρ ἐμοῦ πρὸς τὸν θεόν, - 31 ἵνα ῥυσθῶ ἀπὸ τῶν ἀπειθούντων ἐν τῇ Ἰουδαίᾳ καὶ ἡ διακονία μου ἡ εἰς Ἰερουσαλὴμ εὐπρόσδεκτος τοῖς ἁγίοις γένηται, - 32 ἵνα ἐν χαρᾷ ἐλθὼν πρὸς ὑμᾶς διὰ θελήματος θεοῦ συναναπαύσωμαι ὑμῖν. - Röm 16,25-27 [Τῷ 25 δὲ δυναμένῳ ὑμᾶς στηρίξαι κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου καὶ τὸ κήρυγμα Ἰησοῦ Χριστοῦ, κατὰ - 794 Appendix 1 <?page no="795"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch ἀποκάλυψιν μυστηρίου χρόνοις αἰωνίοις σεσιγημένου 26 φανερωθέντος δὲ νῦν διά τε γραφῶν προφητικῶν κατ’ ἐπιταγὴν τοῦ αἰωνίου θεοῦ εἰς ὑπακοὴν πίστεως εἰς πάντα τὰ ἔθνη γνωρισθέντος, - 27 μόνῳ σοφῷ θεῷ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ ᾧ ἡ δόξα εἰς τοὺς αἰῶνας: ἀμήν.] - Paulus Kanonisch Vorkanonisch 1Kor 1,1-3 1 Παῦλος κλητὸς ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ διὰ θελήματος θεοῦ, καὶ Σωσθένης ὁ ἀδελφός, 1,1 Παῦλος ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ 2 τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ, ἡγιασμένοις ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, κλητοῖς ἁγίοις, σὺν πᾶσιν τοῖς ἐπικαλουμένοις τὸ ὄνομα τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ ἐν παντὶ τόπῳ, αὐτῶν καὶ ἡμῶν: 2 τῇ ἐκκλησίᾳ ἐν Κορίνθῳ: 3 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. 3 χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ. 1Kor 1,4-8 4 Εὐχαριστῶ τῷ θεῷ μου πάντοτε περὶ ὑμῶν ἐπὶ τῇ χάριτι τοῦ θεοῦ τῇ δοθείσῃ ὑμῖν ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, - 5 ὅτι ἐν παντὶ ἐπλουτίσθητε ἐν αὐτῷ, ἐν παντὶ λόγῳ καὶ πάσῃ γνώσει, - 6 καθὼς τὸ μαρτύριον τοῦ Χριστοῦ ἐβεβαιώθη ἐν ὑμῖν, - 7 ὥστε ὑμᾶς μὴ ὑστερεῖσθαι ἐν μηδενὶ χαρίσματι, ἀπεκδεχομένους τὴν ἀποκάλυψιν τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ: - 8 ὃς καὶ βεβαιώσει ὑμᾶς ἕως τέλους ἀνεγκλήτους ἐν τῇ ἡμέρᾳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ [Χριστοῦ]. - Appendix 1 795 <?page no="796"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 1Kor 1,26-29 26 Βλέπετε γὰρ τὴν κλῆσιν ὑμῶν, ἀδελφοί, ὅτι οὐ πολλοὶ σοφοὶ κατὰ σάρκα, οὐ πολλοὶ δυνατοί, οὐ πολλοὶ εὐγενεῖς: - 27 ἀλλὰ τὰ μωρὰ τοῦ κόσμου ἐξελέξατο ὁ θεὸς ἵνα καταισχύνῃ τοὺς σοφούς, καὶ τὰ ἀσθενῆ τοῦ κόσμου ἐξελέξατο ὁ θεὸς ἵνα καταισχύνῃ τὰ ἰσχυρά, 27 ἀλλὰ τὰ μωρὰ τοῦ κόσμου ἐξελέξατο ὁ θεὸς ἵνα καταισχύνῃ τὰ σοφά, καὶ τὰ ἀσθενῆ τοῦ κόσμου ἐξελέξατο ὁ θεὸς ἵνα καταισχύνῃ τὰ ἰσχυρά, 28 καὶ τὰ ἀγενῆ τοῦ κόσμου καὶ τὰ ἐξουθενημένα ἐξελέξατο ὁ θεός, τὰ μὴ ὄντα, ἵνα τὰ ὄντα καταργήσῃ, 28 καὶ τὰ ἀγενῆ καὶ τὰ ἐλάχιστα καὶ τὰ ἐξουθενημένα ἐξελέξατο ὁ θεός, τὰ μὴ ὄντα, ἵνα τὰ ὄντα καταργήσῃ, 29 ὅπως μὴ καυχήσηται πᾶσα σὰρξ ἐνώπιον τοῦ θεοῦ. 29 ὅπως μὴ καυχήσηται πᾶσα σὰρξ, 1Kor 2,6-9 6 Σοφίαν δὲ λαλοῦμεν ἐν τοῖς τελείοις, σοφίαν δὲ οὐ τοῦ αἰῶνος τούτου οὐδὲ τῶν ἀρχόντων τοῦ αἰῶνος τούτου τῶν καταργουμένων: 6 σοφίαν λαλοῦμεν ἐν τοῖς τελείοις τῶν ἀρχόντων τοῦ αἰῶνος τούτου τῶν καταργουμένων. 7 ἀλλὰ λαλοῦμεν θεοῦ σοφίαν ἐν μυστηρίῳ, τὴν ἀποκεκρυμμένην, ἣν προώρισεν ὁ θεὸς πρὸ τῶν αἰώνων εἰς δόξαν ἡμῶν: 7 ἀλλὰ λαλοῦμεν θεοῦ σοφίαν ἐν μυστηρίῳ, τὴν ἀποκεκρυμμένην, ἣν προώρισεν ὁ θεὸς πρὸ τῶν αἰώνων εἰς δόξαν ἡμῶν: - 8 ἣν οὐδεὶς τῶν ἀρχόντων τοῦ αἰῶνος τούτου ἔγνωκεν, εἰ γὰρ ἔγνωσαν, οὐκ ἂν τὸν κύριον τῆς δόξης ἐσταύρωσαν. 8 ἣν οὐδεὶς τῶν ἀρχόντων τοῦ αἰῶνος τούτου ἔγνωκεν, εἰ γὰρ ἔγνωσαν, οὐκ ἂν τὸν κύριον τῆς δόξης ἐσταύρωσαν. 9 ἀλλὰ καθὼς γέγραπται, Ἃ ὀφθαλμὸς οὐκ εἶδεν καὶ οὖς οὐκ ἤκουσεν καὶ ἐπὶ καρδίαν ἀνθρώπου οὐκ ἀνέβη, ἃ ἡτοίμασεν ὁ θεὸς τοῖς ἀγαπῶσιν αὐτόν. - 1Kor 9,19-23 19 Ἐλεύθερος γὰρ ὢν ἐκ πάντων πᾶσιν ἐμαυτὸν ἐδούλωσα, ἵνα τοὺς πλείονας κερδήσω: - 796 Appendix 1 <?page no="797"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 20 καὶ ἐγενόμην τοῖς Ἰουδαίοις ὡς Ἰουδαῖος, ἵνα Ἰουδαίους κερδήσω: τοῖς ὑπὸ νόμον ὡς ὑπὸ νόμον, μὴ ὢν αὐτὸς ὑπὸ νόμον, ἵνα τοὺς ὑπὸ νόμον κερδήσω: 20 Ἐγενόμην τοῖς Ἰουδαίοις ὡς Ἰουδαῖος, ἵνα Ἰουδαίους κερδήσω: τοῖς ὑπὸ νόμον ὡς ὑπὸ νόμον, ἵνα τοὺς ὑπὸ νόμον κερδήσω: - 21 τοῖς ἀνόμοις ὡς ἄνομος, μὴ ὢν ἄνομος θεοῦ ἀλλ’ ἔννομος Χριστοῦ, ἵνα κερδάνω τοὺς ἀνόμους: - 22 ἐγενόμην τοῖς ἀσθενέσιν ἀσθενής, ἵνα τοὺς ἀσθενεῖς κερδήσω: τοῖς πᾶσιν γέγονα πάντα, ἵνα πάντως τινὰς σώσω. 22 ἐγενόμην τοῖς πᾶσιν γέγονα πάντα, ἵνα πάντας σώσω. 23 πάντα δὲ ποιῶ διὰ τὸ εὐαγγέλιον, ἵνα συγκοινωνὸς αὐτοῦ γένωμαι. - 1Kor 10,1-4 1 Οὐ θέλω γὰρ ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, ὅτι οἱ πατέρες ἡμῶν πάντες ὑπὸ τὴν νεφέλην ἦσαν καὶ πάντες διὰ τῆς θαλάσσης διῆλθον, 1 Οὐ θέλω γὰρ ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, ὅτι οἱ πατέρες ἡμῶν ὑπὸ τὴν νεφέλην ἦσαν καὶ πάντες διὰ τῆς θαλάσσης διῆλθον, - 2 καὶ πάντες εἰς τὸν Μωϋσῆν ἐβαπτίσθησαν ἐν τῇ νεφέλῃ καὶ ἐν τῇ θαλάσσῃ, - 3 καὶ πάντες τὸ αὐτὸ πνευματικὸν βρῶμα ἔφαγον, 3 καὶ πάντες τὸ πνευματικὸν βρῶμα ἔφαγον, 4 καὶ πάντες τὸ αὐτὸ πνευματικὸν ἔπιον πόμα: ἔπινον γὰρ ἐκ πνευματικῆς ἀκολουθούσης πέτρας: ἡ πέτρα δὲ ἦν ὁ Χριστός. 4 καὶ πάντες τὸ πνευματικὸν ἔπιον πόμα: ἔπιον γὰρ ἐκ πνευματικῆς ἀκολουθούσης πέτρας: ἡ πέτρα δὲ ἦν ὁ Χριστός. 1Kor 12,8-11 8 ᾧ μὲν γὰρ διὰ τοῦ πνεύματος δίδοται λόγος σοφίας, ἄλλῳ δὲ λόγος γνώσεως κατὰ τὸ αὐτὸ πνεῦμα, 8 ᾧ διὰ τοῦ πνεύματος δίδοται λόγος σοφίας, ἄλλῳ λόγος γνώσεως κατὰ τὸ αὐτὸ πνεῦμα 9 ἑτέρῳ πίστις ἐν τῷ αὐτῷ πνεύματι, ἄλλῳ δὲ χαρίσματα ἰαμάτων ἐν τῷ ἑνὶ πνεύματι, 9 ἑτέρῳ πίστις ἐν τῷ αὐτῷ πνεύματι, ἄλλῳ χαρίσμα ἰαμάτων, 10 ἄλλῳ δὲ ἐνεργήματα δυνάμεων, ἄλλῳ [δὲ] προφητεία, ἄλλῳ [δὲ] διακρίσεις πνευμάτων, ἑτέρῳ γένη 10 ἄλλῳ δυνάμεων, ἄλλῳ προφητεία, ἄλλῳ διάκρισις πνευμάτων, ἑτέρῳ γένη Appendix 1 797 <?page no="798"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch γλωσσῶν, ἄλλῳ δὲ ἑρμηνεία γλωσσῶν: γλωσσῶν, ἄλλῳ ἑρμηνεία γλωσσῶν: 11 πάντα δὲ ταῦτα ἐνεργεῖ τὸ ἓν καὶ τὸ αὐτὸ πνεῦμα, διαιροῦν ἰδίᾳ ἑκάστῳ καθὼς βούλεται. - 1Kor 12,21-24 21 οὐ δύναται δὲ ὁ ὀφθαλμὸς εἰπεῖν τῇ χειρί, Χρείαν σου οὐκ ἔχω, ἢ πάλιν ἡ κεφαλὴ τοῖς ποσίν, Χρείαν ὑμῶν οὐκ ἔχω: - 22 ἀλλὰ πολλῷ μᾶλλον τὰ δοκοῦντα μέλη τοῦ σώματος ἀσθενέστερα ὑπάρχειν ἀναγκαῖά ἐστιν, - 23 καὶ ἃ δοκοῦμεν ἀτιμότερα εἶναι τοῦ σώματος, τούτοις τιμὴν περισσοτέραν περιτίθεμεν, καὶ τὰ ἀσχήμονα ἡμῶν εὐσχημοσύνην περισσοτέραν ἔχει, - 24 τὰ δὲ εὐσχήμονα ἡμῶν οὐ χρείαν ἔχει. ἀλλὰ ὁ θεὸς συνεκέρασεν τὸ σῶμα, τῷ ὑστερουμένῳ περισσοτέραν δοὺς τιμήν, 24 ἀλλὰ ὁ θεὸς συνεκέρασεν τὸ σῶμα. 1Kor 15,3-8 3 διὸ γνωρίζω ὑμῖν ὅτι οὐδεὶς ἐν πνεύματι θεοῦ λαλῶν λέγει, Ἀνάθεμα Ἰησοῦς, καὶ οὐδεὶς δύναται εἰπεῖν, Κύριος Ἰησοῦς, εἰ μὴ ἐν πνεύματι ἁγίῳ. 3ὅτι Χριστὸς ἀπέθανεν, 4 καὶ ἐτάφη καὶ ἐγήγερται τῇ τρίτῃ ἡμέρᾳ, 4 Διαιρέσεις δὲ χαρισμάτων εἰσίν, τὸ δὲ αὐτὸ πνεῦμα: - 5 καὶ διαιρέσεις διακονιῶν εἰσιν, καὶ ὁ αὐτὸς κύριος: - 6 καὶ διαιρέσεις ἐνεργημάτων εἰσίν, ὁ δὲ αὐτὸς θεός, ὁ ἐνεργῶν τὰ πάντα ἐν πᾶσιν. - 7 ἑκάστῳ δὲ δίδοται ἡ φανέρωσις τοῦ πνεύματος πρὸς τὸ συμφέρον. - 8 ᾧ μὲν γὰρ διὰ τοῦ πνεύματος δίδοται λόγος σοφίας, ἄλλῳ δὲ λόγος γνώσεως κατὰ τὸ αὐτὸ πνεῦμα, - 798 Appendix 1 <?page no="799"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 2Kor 1,8-11 8 Οὐ γὰρ θέλομεν ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, ὑπὲρ τῆς θλίψεως ἡμῶν τῆς γενομένης ἐν τῇ Ἀσίᾳ, ὅτι καθ’ ὑπερβολὴν ὑπὲρ δύναμιν ἐβαρήθημεν, ὥστε ἐξαπορηθῆναι ἡμᾶς καὶ τοῦ ζῆν: 8 Οὐ γὰρ θέλομεν ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, ὑπὲρ τῆς θλίψεως ἡμῶν τῆς γενομένης ἐν τῇ Ἀσίᾳ, ὅτι καθ’ ὑπερβολὴν ὑπὲρ δύναμιν ἐβαρήθημεν, ὥστε ἐξαπορηθῆναι ἡμᾶς καὶ τοῦ ζῆν: 9 ἀλλὰ αὐτοὶ ἐν ἑαυτοῖς τὸ ἀπόκριμα τοῦ θανάτου ἐσχήκαμεν, ἵνα μὴ πεποιθότες ὦμεν ἐφ’ ἑαυτοῖς ἀλλ‘ ἐπὶ τῷ θεῷ τῷ ἐγείροντι τοὺς νεκρούς: - 10 ὃς ἐκ τηλικούτου θανάτου ἐρρύσατο ἡμᾶς καὶ ῥύσεται, εἰς ὃν ἠλπίκαμεν [ὅτι] καὶ ἔτι ῥύσεται, - 11 συνυπουργούντων καὶ ὑμῶν ὑπὲρ ἡμῶν τῇ δεήσει, ἵνα ἐκ πολλῶν προσώπων τὸ εἰς ἡμᾶς χάρισμα διὰ πολλῶν εὐχαριστηθῇ ὑπὲρ ἡμῶν. - 2Kor 4,7-11 7 Ἔχομεν δὲ τὸν θησαυρὸν τοῦτον ἐν ὀστρακίνοις σκεύεσιν, ἵνα ἡ ὑπερβολὴ τῆς δυνάμεως ᾖ τοῦ θεοῦ καὶ μὴ ἐξ ἡμῶν: 7 Ἔχομεν τὸν θησαυρὸν ἐν ὀστρακίνοις σκεύεσιν, ἵνα ἡ ὑπερβολὴ τοῦ θεοῦ καὶ οὐχ ἡμῶν: 8 ἐν παντὶ θλιβόμενοι ἀλλ’ οὐ στενοχωρούμενοι, ἀπορούμενοι ἀλλ‘ οὐκ ἐξαπορούμενοι, 8 θλιβόμενοι ἀλλ’ οὐ στενοχωρούμενοι, ἀπορούμενοι ἀλλ‘ οὐκ ἐξαπορούμενοι, 9 διωκόμενοι ἀλλ’ οὐκ ἐγκαταλειπόμενοι, καταβαλλόμενοι ἀλλ‘ οὐκ ἀπολλύμενοι, 9 διωκόμενοι ἀλλ’ οὐκ ἐγκαταλειπόμενοι, καταβαλλόμενοι ἀλλ‘ οὐκ ἀπολλύμενοι, 10 πάντοτε τὴν νέκρωσιν τοῦ Ἰησοῦ ἐν τῷ σώματι περιφέροντες, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Ἰησοῦ ἐν τῷ σώματι ἡμῶν φανερωθῇ. 10 τὴν νέκρωσιν τοῦ θεοῦ ἐν τῷ σώματι περιφέροντες, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Χριστοῦ ἐν τῷ σώματι ἡμῶν φανερωθῇ. 11 ἀεὶ γὰρ ἡμεῖς οἱ ζῶντες εἰς θάνατον παραδιδόμεθα διὰ Ἰησοῦν, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Ἰησοῦ φανερωθῇ ἐν τῇ θνητῇ σαρκὶ ἡμῶν. 11 εἰς θάνατον παραδιδόμεθα, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Χριστοῦ φανερωθῇ ἐν ἡμῶν σαρκί. 2Kor 6,1-10 1 Συνεργοῦντες δὲ καὶ παρακαλοῦμεν μὴ εἰς κενὸν τὴν χάριν τοῦ θεοῦ δέξασθαι ὑμᾶς - Appendix 1 799 <?page no="800"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 2 λέγει γάρ, Καιρῷ δεκτῷ ἐπήκουσά σου καὶ ἐν ἡμέρᾳ σωτηρίας ἐβοήθησά σοι: ἰδοὺ νῦν καιρὸς εὐπρόσδεκτος, ἰδοὺ νῦν ἡμέρα σωτηρίας - 3 μηδεμίαν ἐν μηδενὶ διδόντες προσκοπήν, ἵνα μὴ μωμηθῇ ἡ διακονία, - 4 ἀλλ’ ἐν παντὶ συνίσταντες ἑαυτοὺς ὡς θεοῦ διάκονοι, ἐν ὑπομονῇ πολλῇ, ἐν θλίψεσιν, ἐν ἀνάγκαις, ἐν στενοχωρίαις, - 5 ἐν πληγαῖς, ἐν φυλακαῖς, ἐν ἀκαταστασίαις, ἐν κόποις, ἐν ἀγρυπνίαις, ἐν νηστείαις, - 6 ἐν ἁγνότητι, ἐν γνώσει, ἐν μακροθυμίᾳ, ἐν χρηστότητι, ἐν πνεύματι ἁγίῳ, ἐν ἀγάπῃ ἀνυποκρίτῳ, - 7 ἐν λόγῳ ἀληθείας, ἐν δυνάμει θεοῦ: διὰ τῶν ὅπλων τῆς δικαιοσύνης τῶν δεξιῶν καὶ ἀριστερῶν, - 8 διὰ δόξης καὶ ἀτιμίας, διὰ δυσφημίας καὶ εὐφημίας: ὡς πλάνοι καὶ ἀληθεῖς, - 9 ὡς ἀγνοούμενοι καὶ ἐπιγινωσκόμενοι, ὡς ἀποθνῄσκοντες καὶ ἰδοὺ ζῶμεν, ὡς παιδευόμενοι καὶ μὴ θανατούμενοι, - 10 ὡς λυπούμενοι ἀεὶ δὲ χαίροντες, ὡς πτωχοὶ πολλοὺς δὲ πλουτίζοντες, ὡς μηδὲν ἔχοντες καὶ πάντα κατέχοντες. - 2Kor 8,1-7 1 Γνωρίζομεν δὲ ὑμῖν, ἀδελφοί, τὴν χάριν τοῦ θεοῦ τὴν δεδομένην ἐν ταῖς ἐκκλησίαις τῆς Μακεδονίας, - 2 ὅτι ἐν πολλῇ δοκιμῇ θλίψεως ἡ περισσεία τῆς χαρᾶς αὐτῶν καὶ ἡ κατὰ βάθους πτωχεία αὐτῶν ἐπερίσσευσεν εἰς τὸ πλοῦτος τῆς ἁπλότητος αὐτῶν: - 800 Appendix 1 <?page no="801"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 3 ὅτι κατὰ δύναμιν, μαρτυρῶ, καὶ παρὰ δύναμιν, αὐθαίρετοι - 4 μετὰ πολλῆς παρακλήσεως δεόμενοι ἡμῶν τὴν χάριν καὶ τὴν κοινωνίαν τῆς διακονίας τῆς εἰς τοὺς ἁγίους - 5 καὶ οὐ καθὼς ἠλπίσαμεν ἀλλὰ ἑαυτοὺς ἔδωκαν πρῶτον τῷ κυρίῳ καὶ ἡμῖν διὰ θελήματος θεοῦ, - 6 εἰς τὸ παρακαλέσαι ἡμᾶς Τίτον ἵνα καθὼς προενήρξατο οὕτως καὶ ἐπιτελέσῃ εἰς ὑμᾶς καὶ τὴν χάριν ταύτην. - 7 ἀλλ’ ὥσπερ ἐν παντὶ περισσεύετε, πίστει καὶ λόγῳ καὶ γνώσει καὶ πάσῃ σπουδῇ καὶ τῇ ἐξ ἡμῶν ἐν ὑμῖν ἀγάπῃ, ἵνα καὶ ἐν ταύτῃ τῇ χάριτι περισσεύητε. - 2Kor 8,18-21 18 συνεπέμψαμεν δὲ μετ’ αὐτοῦ τὸν ἀδελφὸν οὗ ὁ ἔπαινος ἐν τῷ εὐαγγελίῳ διὰ πασῶν τῶν ἐκκλησιῶν - 19 οὐ μόνον δὲ ἀλλὰ καὶ χειροτονηθεὶς ὑπὸ τῶν ἐκκλησιῶν συνέκδημος ἡμῶν σὺν τῇ χάριτι ταύτῃ τῇ διακονουμένῃ ὑφ’ ἡμῶν πρὸς τὴν [αὐτοῦ] τοῦ κυρίου δόξαν καὶ προθυμίαν ἡμῶν - 20 στελλόμενοι τοῦτο μή τις ἡμᾶς μωμήσηται ἐν τῇ ἁδρότητι ταύτῃ τῇ διακονουμένῃ ὑφ’ ἡμῶν: - 21 προνοοῦμεν γὰρ καλὰ οὐ μόνον ἐνώπιον κυρίου ἀλλὰ καὶ ἐνώπιον ἀνθρώπων. - 2Kor 9,10-14 10 ὁ δὲ ἐπιχορηγῶν σπόρον τῷ σπείροντι καὶ ἄρτον εἰς βρῶσιν χορηγήσει καὶ πληθυνεῖ τὸν σπόρον ὑμῶν καὶ αὐξήσει τὰ γενήματα τῆς δικαιοσύνης ὑμῶν: - 11 ἐν παντὶ πλουτιζόμενοι εἰς πᾶσαν ἁπλότητα, ἥτις κατεργάζεται δι’ ἡμῶν εὐχαριστίαν τῷ θεῷ - Appendix 1 801 <?page no="802"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 12 ὅτι ἡ διακονία τῆς λειτουργίας ταύτης οὐ μόνον ἐστὶν προσαναπληροῦσα τὰ ὑστερήματα τῶν ἁγίων, ἀλλὰ καὶ περισσεύουσα διὰ πολλῶν εὐχαριστιῶν τῷ θεῷ - 13 διὰ τῆς δοκιμῆς τῆς διακονίας ταύτης δοξάζοντες τὸν θεὸν ἐπὶ τῇ ὑποταγῇ τῆς ὁμολογίας ὑμῶν εἰς τὸ εὐαγγέλιον τοῦ Χριστοῦ καὶ ἁπλότητι τῆς κοινωνίας εἰς αὐτοὺς καὶ εἰς πάντας, - 14 καὶ αὐτῶν δεήσει ὑπὲρ ὑμῶν ἐπιποθούντων ὑμᾶς διὰ τὴν ὑπερβάλλουσαν χάριν τοῦ θεοῦ ἐφ’ ὑμῖν. - 2Kor 10,3-6 3 ἐν σαρκὶ γὰρ περιπατοῦντες οὐ κατὰ σάρκα στρατευόμεθα - 4 τὰ γὰρ ὅπλα τῆς στρατείας ἡμῶν οὐ σαρκικὰ ἀλλὰ δυνατὰ τῷ θεῷ πρὸς καθαίρεσιν ὀχυρωμάτων λογισμοὺς καθαιροῦντες - 5 καὶ πᾶν ὕψωμα ἐπαιρόμενον κατὰ τῆς γνώσεως τοῦ θεοῦ, καὶ αἰχμαλωτίζοντες πᾶν νόημα εἰς τὴν ὑπακοὴν τοῦ Χριστοῦ, - 6 καὶ ἐν ἑτοίμῳ ἔχοντες ἐκδικῆσαι πᾶσαν παρακοήν, ὅταν πληρωθῇ ὑμῶν ἡ ὑπακοή. - 2Kor 10,14-16 14 οὐ γὰρ ὡς μὴ ἐφικνούμενοι εἰς ὑμᾶς ὑπερεκτείνομεν ἑαυτούς, ἄχρι γὰρ καὶ ὑμῶν ἐφθάσαμεν ἐν τῷ εὐαγγελίῳ τοῦ Χριστοῦ: - 15 οὐκ εἰς τὰ ἄμετρα καυχώμενοι ἐν ἀλλοτρίοις κόποις, ἐλπίδα δὲ ἔχοντες αὐξανομένης τῆς πίστεως ὑμῶν ἐν ὑμῖν μεγαλυνθῆναι κατὰ τὸν κανόνα ἡμῶν εἰς περισσείαν, - 16 εἰς τὰ ὑπερέκεινα ὑμῶν εὐαγγελίσασθαι, οὐκ ἐν ἀλλοτρίῳ κανόνι εἰς τὰ ἕτοιμα καυχήσασθαι. - 802 Appendix 1 <?page no="803"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 2Kor 11,24-28 24 ὑπὸ Ἰουδαίων πεντάκις τεσσεράκοντα παρὰ μίαν ἔλαβον, - 25 τρὶς ἐρραβδίσθην, ἅπαξ ἐλιθάσθην, τρὶς ἐναυάγησα, νυχθήμερον ἐν τῷ βυθῷ πεποίηκα: - 26 ὁδοιπορίαις πολλάκις, κινδύνοις ποταμῶν, κινδύνοις λῃστῶν, κινδύνοις ἐκ γένους, κινδύνοις ἐξ ἐθνῶν, κινδύνοις ἐν πόλει, κινδύνοις ἐν ἐρημίᾳ, κινδύνοις ἐν θαλάσσῃ, κινδύνοις ἐν ψευδαδέλφοις, - 27 κόπῳ καὶ μόχθῳ, ἐν ἀγρυπνίαις πολλάκις, ἐν λιμῷ καὶ δίψει, ἐν νηστείαις πολλάκις, ἐν ψύχει καὶ γυμνότητι: - 28 χωρὶς τῶν παρεκτὸς ἡ ἐπίστασίς μοι ἡ καθ’ ἡμέραν, ἡ μέριμνα πασῶν τῶν ἐκκλησιῶν. - 2Kor 12,20-21 20 φοβοῦμαι γὰρ μή πως ἐλθὼν οὐχ οἵους θέλω εὕρω ὑμᾶς, κἀγὼ εὑρεθῶ ὑμῖν οἷον οὐ θέλετε, μή πως ἔρις, ζῆλος, θυμοί, ἐριθείαι, καταλαλιαί, ψιθυρισμοί, φυσιώσεις, ἀκαταστασίαι: - 21 μὴ πάλιν ἐλθόντος μου ταπεινώσῃ με ὁ θεός μου πρὸς ὑμᾶς, καὶ πενθήσω πολλοὺς τῶν προημαρτηκότων καὶ μὴ μετανοησάντων ἐπὶ τῇ ἀκαθαρσίᾳ καὶ πορνείᾳ καὶ ἀσελγείᾳ ἧ ἔπραξαν. - Paulus Kanonisch Vorkanonisch Gal 1,1-5 1 Παῦλος ἀπόστολος, οὐκ ἀπ’ ἀνθρώπων οὐδὲ δι‘ ἀνθρώπου ἀλλὰ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ θεοῦ πατρὸς τοῦ ἐγείραντος αὐτὸν ἐκ νεκρῶν, 1,1-Παῦλος ἀπόστολος, οὐκ ἀπ’ ἀνθρώπων οὐδὲ δι‘ ἀνθρώπου ἀλλὰ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ ἐγείραντος αὑτὸν ἐκ νεκρῶν, 2 καὶ οἱ σὺν ἐμοὶ πάντες ἀδελφοί, ταῖς ἐκκλησίαις τῆς Γαλατίας: 2- [¿ταῖς ἐκκλησίαις? ] ἐν Γαλατίᾳ: 3 χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς καὶ κυρίου Ἰησοῦ, Appendix 1 803 <?page no="804"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 3 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ, - 4 τοῦ δόντος ἑαυτὸν ὑπὲρ τῶν ἁμαρτιῶν ἡμῶν ὅπως ἐξέληται ἡμᾶς ἐκ τοῦ αἰῶνος τοῦ ἐνεστῶτος πονηροῦ κατὰ τὸ θέλημα τοῦ θεοῦ καὶ πατρὸς ἡμῶν, 4 τοῦ δόντος ἑαυτὸν ὑπὲρ τῶν ἁμαρτιῶν ἡμῶν ὅπως ἐξέληται ἡμᾶς ἐκ τοῦ αἰῶνος τοῦ ἐνεστῶτος πονηροῦ. 5 ᾧ ἡ δόξα εἰς τοὺς αἰῶνας τῶν αἰώνων: ἀμήν. - Gal 1,15-17 15 ὅτε δὲ εὐδόκησεν [ὁ θεὸς] ὁ ἀφορίσας με ἐκ κοιλίας μητρός μου καὶ καλέσας διὰ τῆς χάριτος αὐτοῦ 15 ὅτε δὲ εὐδόκησεν ὁ ἀφορίσας με ἐκ κοιλίας μητρός μου. - 16 ἀποκαλύψαι τὸν υἱὸν αὐτοῦ ἐν ἐμοὶ ἵνα εὐαγγελίζωμαι αὐτὸν ἐν τοῖς ἔθνεσιν, εὐθέως οὐ προσανεθέμην σαρκὶ καὶ αἵματι, 16 ἀποκαλύψαι τὸν Χριστὸν ἐν ἐμοὶ ἵνα εὐαγγελίσωμαι αὐτὸν ἐν τοῖς ἔθνεσιν. 17 οὐδὲ ἀνῆλθον εἰς Ἱεροσόλυμα πρὸς τοὺς πρὸ ἐμοῦ ἀποστόλους, ἀλλὰ ἀπῆλθον εἰς Ἀραβίαν, καὶ πάλιν ὑπέστρεψα εἰς Δαμασκόν. - Gal 2,6-10 6 ἀπὸ δὲ τῶν δοκούντων εἶναί τι ὁποῖοί ποτε ἦσαν οὐδέν μοι διαφέρει: πρόσωπον [ὁ] θεὸς ἀνθρώπου οὐ λαμβάνει ἐμοὶ γὰρ οἱ δοκοῦντες οὐδὲν προσανέθεντο, 6 οὐδέν μοι διαφέρει, - 7 ἀλλὰ τοὐναντίον ἰδόντες ὅτι πεπίστευμαι τὸ εὐαγγέλιον τῆς ἀκροβυστίας καθὼς Πέτρος τῆς περιτομῆς, - 8 ὁ γὰρ ἐνεργήσας Πέτρῳ εἰς ἀποστολὴν τῆς περιτομῆς ἐνήργησεν καὶ ἐμοὶ εἰς τὰ ἔθνη, - 9 καὶ γνόντες τὴν χάριν τὴν δοθεῖσάν μοι, Ἰάκωβος καὶ Κηφᾶς καὶ Ἰωάννης, οἱ δοκοῦντες στῦλοι εἶναι, δεξιὰς ἔδωκαν ἐμοὶ καὶ Βαρναβᾷ κοινωνίας, ἵνα ἡμεῖς εἰς τὰ ἔθνη, αὐτοὶ δὲ εἰς τὴν περιτομήν: 9Πέτρος καὶ Ἰάκωβος καὶ Ἰωάννης δεξιὰς ἔδωκαν ἐμοὶ ἵνα ἐγὼ εἰς τὰ ἔθνη, αὐτοὶ εἰς τὴν περιτομήν 804 Appendix 1 <?page no="805"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 10 μόνον τῶν πτωχῶν ἵνα μνημονεύωμεν, ὃ καὶ ἐσπούδασα αὐτὸ τοῦτο ποιῆσαι. - Paulus Kanonisch Vorkanonisch 1Thess 1,2-5 2 Εὐχαριστοῦμεν τῷ θεῷ πάντοτε περὶ πάντων ὑμῶν, μνείαν ποιούμενοι ἐπὶ τῶν προσευχῶν ἡμῶν, ἀδιαλείπτως - 3 μνημονεύοντες ὑμῶν τοῦ ἔργου τῆς πίστεως καὶ τοῦ κόπου τῆς ἀγάπης καὶ τῆς ὑπομονῆς τῆς ἐλπίδος τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ ἔμπροσθεν τοῦ θεοῦ καὶ πατρὸς ἡμῶν, - 4 εἰδότες, ἀδελφοὶ ἠγαπημένοι ὑπὸ [τοῦ] θεοῦ, τὴν ἐκλογὴν ὑμῶν, - 5 ὅτι τὸ εὐαγγέλιον ἡμῶν οὐκ ἐγενήθη εἰς ὑμᾶς ἐν λόγῳ μόνον ἀλλὰ καὶ ἐν δυνάμει καὶ ἐν πνεύματι ἁγίῳ καὶ [ἐν] πληροφορίᾳ πολλῇ, καθὼς οἴδατε οἷοι ἐγενήθημεν [ἐν] ὑμῖν δι’ ὑμᾶς. - 1Thess 1,8-10 8 ἀφ’ ὑμῶν γὰρ ἐξήχηται ὁ λόγος τοῦ κυρίου οὐ μόνον ἐν τῇ Μακεδονίᾳ καὶ [ἐν τῇ] Ἀχαΐᾳ, ἀλλ‘ ἐν παντὶ τόπῳ ἡ πίστις ὑμῶν ἡ πρὸς τὸν θεὸν ἐξελήλυθεν, ὥστε μὴ χρείαν ἔχειν ἡμᾶς λαλεῖν τι: - 9 αὐτοὶ γὰρ περὶ ἡμῶν ἀπαγγέλλουσιν ὁποίαν εἴσοδον ἔσχομεν πρὸς ὑμᾶς, καὶ πῶς ἐπεστρέψατε πρὸς τὸν θεὸν ἀπὸ τῶν εἰδώλων δουλεύειν θεῷ ζῶντι καὶ ἀληθινῷ, - 10 καὶ ἀναμένειν τὸν υἱὸν αὐτοῦ ἐκ τῶν οὐρανῶν, ὃν ἤγειρεν ἐκ [τῶν] νεκρῶν, Ἰησοῦν τὸν ῥυόμενον ἡμᾶς ἐκ τῆς ὀργῆς τῆς ἐρχομένης. - 1Thess 2,4-8 4 ἀλλὰ καθὼς δεδοκιμάσμεθα ὑπὸ τοῦ θεοῦ πιστευθῆναι τὸ εὐαγγέλιον οὕτως λαλοῦμεν, οὐχ ὡς ἀνθρώποις ἀρέσκοντες ἀλλὰ - Appendix 1 805 <?page no="806"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch θεῷ τῷ δοκιμάζοντι τὰς καρδίας ἡμῶν. 5 οὔτε γάρ ποτε ἐν λόγῳ κολακείας ἐγενήθημεν, καθὼς οἴδατε, οὔτε ἐν προφάσει πλεονεξίας, θεὸς μάρτυς, - 6 οὔτε ζητοῦντες ἐξ ἀνθρώπων δόξαν, οὔτε ἀφ’ ὑμῶν οὔτε ἀπ‘ ἄλλων, - 7 δυνάμενοι ἐν βάρει εἶναι ὡς Χριστοῦ ἀπόστολοι, ἀλλὰ ἐγενήθημεν νήπιοι ἐν μέσῳ ὑμῶν. ὡς ἐὰν τροφὸς θάλπῃ τὰ ἑαυτῆς τέκνα, - 8 οὕτως ὁμειρόμενοι ὑμῶν εὐδοκοῦμεν μεταδοῦναι ὑμῖν οὐ μόνον τὸ εὐαγγέλιον τοῦ θεοῦ ἀλλὰ καὶ τὰς ἑαυτῶν ψυχάς, διότι ἀγαπητοὶ ἡμῖν ἐγενήθητε. - 1Thess 2,14-16 14 ὑμεῖς γὰρ μιμηταὶ ἐγενήθητε, ἀδελφοί, τῶν ἐκκλησιῶν τοῦ θεοῦ τῶν οὐσῶν ἐν τῇ Ἰουδαίᾳ ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, ὅτι τὰ αὐτὰ ἐπάθετε καὶ ὑμεῖς ὑπὸ τῶν ἰδίων συμφυλετῶν καθὼς καὶ αὐτοὶ ὑπὸ τῶν Ἰουδαίων, 14 τὰ αὐτὰ ἐπάθετε καὶ ὑμεῖς ὑπὸ τῶν ἰδίων συμφυλετῶν καθὼς καὶ αὐτοὶ ὑπὸ τῶν Ἰουδαίων, 15 τῶν καὶ τὸν κύριον ἀποκτεινάντων Ἰησοῦν καὶ τοὺς προφήτας, καὶ ἡμᾶς ἐκδιωξάντων, καὶ θεῷ μὴ ἀρεσκόντων, καὶ πᾶσιν ἀνθρώποις ἐναντίων,. 15 τῶν καὶ τὸν κύριον ἀποκτεινάντων Ἰησοῦν καὶ τοὺς ἰδίους προφήτας. 16 κωλυόντων ἡμᾶς τοῖς ἔθνεσιν λαλῆσαι ἵνα σωθῶσιν, εἰς τὸ ἀναπληρῶσαι αὐτῶν τὰς ἁμαρτίας πάντοτε. ἔφθασεν δὲ ἐπ’ αὐτοὺς ἡ ὀργὴ εἰς τέλος - 1Thess 3,6-8 6 Ἄρτι δὲ ἐλθόντος Τιμοθέου πρὸς ἡμᾶς ἀφ’ ὑμῶν καὶ εὐαγγελισαμένου ἡμῖν τὴν πίστιν καὶ τὴν ἀγάπην ὑμῶν, καὶ ὅτι ἔχετε μνείαν ἡμῶν ἀγαθὴν πάντοτε, ἐπιποθοῦντες ἡμᾶς ἰδεῖν καθάπερ καὶ ἡμεῖς ὑμᾶς, - 806 Appendix 1 <?page no="807"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 7 διὰ τοῦτο παρεκλήθημεν, ἀδελφοί, ἐφ’ ὑμῖν ἐπὶ πάσῃ τῇ ἀνάγκῃ καὶ θλίψει ἡμῶν διὰ τῆς ὑμῶν πίστεως, - 8 ὅτι νῦν ζῶμεν ἐὰν ὑμεῖς στήκετε ἐν κυρίῳ. - 1Thess 3,11-13 11 Αὐτὸς δὲ ὁ θεὸς καὶ πατὴρ ἡμῶν καὶ ὁ κύριος ἡμῶν Ἰησοῦς κατευθύναι τὴν ὁδὸν ἡμῶν πρὸς ὑμᾶς: - 12 ὑμᾶς δὲ ὁ κύριος πλεονάσαι καὶ περισσεύσαι τῇ ἀγάπῃ εἰς ἀλλήλους καὶ εἰς πάντας, καθάπερ καὶ ἡμεῖς εἰς ὑμᾶς, - 13 εἰς τὸ στηρίξαι ὑμῶν τὰς καρδίας ἀμέμπτους ἐν ἁγιωσύνῃ ἔμπροσθεν τοῦ θεοῦ καὶ πατρὸς ἡμῶν ἐν τῇ παρουσίᾳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ μετὰ πάντων τῶν ἁγίων αὐτοῦ. [ἀμήν.] - 1Thess 4,3-6 3 τοῦτο γάρ ἐστιν θέλημα τοῦ θεοῦ, ὁ ἁγιασμὸς ὑμῶν, ἀπέχεσθαι ὑμᾶς ἀπὸ τῆς πορνείας, 3 τοῦτο ἐστιν θέλημα τοῦ θεοῦ, ὁ ἁγιασμὸς ὑμῶν, ἀπέχεσθαι ὑμᾶς ἀπὸ τῆς πορνείας, 4 εἰδέναι ἕκαστον ὑμῶν τὸ ἑαυτοῦ σκεῦος κτᾶσθαι ἐν ἁγιασμῷ καὶ τιμῇ, 4 εἰδέναι ἕκαστον τὸ ἑαυτοῦ σκεῦος κτᾶσθαι ἐν τιμῇ, 5 μὴ ἐν πάθει ἐπιθυμίας καθάπερ καὶ τὰ ἔθνη τὰ μὴ εἰδότα τὸν θεόν, 5 μὴ ἐν ἐπιθυμίᾳ καθάπερ καὶ τὰ ἔθνη. 6 τὸ μὴ ὑπερβαίνειν καὶ πλεονεκτεῖν ἐν τῷ πράγματι τὸν ἀδελφὸν αὐτοῦ, διότι ἔκδικος κύριος περὶ πάντων τούτων, καθὼς καὶ προείπαμεν ὑμῖν καὶ διεμαρτυράμεθα. - 1Thess 5,7-10 7 οἱ γὰρ καθεύδοντες νυκτὸς καθεύδουσιν, καὶ οἱ μεθυσκόμενοι νυκτὸς μεθύουσιν: - 8 ἡμεῖς δὲ ἡμέρας ὄντες νήφωμεν, ἐνδυσάμενοι θώρακα πίστεως καὶ ἀγάπης καὶ περικεφαλαίαν ἐλπίδα σωτηρίας: - Appendix 1 807 <?page no="808"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch 9 ὅτι οὐκ ἔθετο ἡμᾶς ὁ θεὸς εἰς ὀργὴν ἀλλὰ εἰς περιποίησιν σωτηρίας διὰ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, - 10 τοῦ ἀποθανόντος ὑπὲρ ἡμῶν ἵνα εἴτε γρηγορῶμεν εἴτε καθεύδωμεν ἅμα σὺν αὐτῷ ζήσωμεν. - 1Thess 5,15-18 15 ὁρᾶτε μή τις κακὸν ἀντὶ κακοῦ τινι ἀποδῷ, ἀλλὰ πάντοτε τὸ ἀγαθὸν διώκετε [καὶ] εἰς ἀλλήλους καὶ εἰς πάντας. - 16 Πάντοτε χαίρετε, - 17 ἀδιαλείπτως προσεύχεσθε, - 18 ἐν παντὶ εὐχαριστεῖτε: τοῦτο γὰρ θέλημα θεοῦ ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ εἰς ὑμᾶς. - Paulus Kanonisch Vorkanonisch Phil 1,3-8 3 Εὐχαριστῶ τῷ θεῷ μου ἐπὶ πάσῃ τῇ μνείᾳ ὑμῶν, - 4 πάντοτε ἐν πάσῃ δεήσει μου ὑπὲρ πάντων ὑμῶν μετὰ χαρᾶς τὴν δέησιν ποιούμενος, - 5 ἐπὶ τῇ κοινωνίᾳ ὑμῶν εἰς τὸ εὐαγγέλιον ἀπὸ τῆς πρώτης ἡμέρας ἄχρι τοῦ νῦν, - 6 πεποιθὼς αὐτὸ τοῦτο, ὅτι ὁ ἐναρξάμενος ἐν ὑμῖν ἔργον ἀγαθὸν ἐπιτελέσει ἄχρι ἡμέρας Χριστοῦ Ἰησοῦ: - 7 καθώς ἐστιν δίκαιον ἐμοὶ τοῦτο φρονεῖν ὑπὲρ πάντων ὑμῶν, διὰ τὸ ἔχειν με ἐν τῇ καρδίᾳ ὑμᾶς, ἔν τε τοῖς δεσμοῖς μου καὶ ἐν τῇ ἀπολογίᾳ καὶ βεβαιώσει τοῦ εὐαγγελίου συγκοινωνούς μου τῆς χάριτος πάντας ὑμᾶς ὄντας. 8 μάρτυς γάρ μου ὁ θεός, ὡς ἐπιποθῶ πάντας ὑμᾶς ἐν σπλάγχνοις Χριστοῦ Ἰησοῦ. - 808 Appendix 1 <?page no="809"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch Phil 1,12-14 12 Γινώσκειν δὲ ὑμᾶς βούλομαι, ἀδελφοί, ὅτι τὰ κατ’ ἐμὲ μᾶλλον εἰς προκοπὴν τοῦ εὐαγγελίου ἐλήλυθεν, - 13 ὥστε τοὺς δεσμούς μου φανεροὺς ἐν Χριστῷ γενέσθαι ἐν ὅλῳ τῷ πραιτωρίῳ καὶ τοῖς λοιποῖς πάσιν, - 14 καὶ τοὺς πλείονας τῶν ἀδελφῶν ἐν κυρίῳ πεποιθότας τοῖς δεσμοῖς μου περισσοτέρως τολμᾶν ἀφόβως τὸν λόγον λαλεῖν. 14 τοὺς πεποιθότας τοῖς δεσμοῖς μου περισσοτέρως τολμᾶν ἀφόβως τὸν λόγον λαλεῖν. Phil 1,18-20 18 τί γάρ; πλὴν ὅτι παντὶ τρόπῳ, εἴτε προφάσει εἴτε ἀληθείᾳ, Χριστὸς καταγγέλλεται, καὶ ἐν τούτῳ χαίρω: ἀλλὰ καὶ χαρήσομαι, 18 πλὴν ὅτι παντὶ τρόπῳ, εἴτε προφάσει εἴτε ἀληθείᾳ, Χριστὸς καταγγέλλεται. 19 οἶδα γὰρ ὅτι τοῦτό μοι ἀποβήσεται εἰς σωτηρίαν διὰ τῆς ὑμῶν δεήσεως καὶ ἐπιχορηγίας τοῦ πνεύματος Ἰησοῦ Χριστοῦ, - 20 κατὰ τὴν ἀποκαραδοκίαν καὶ ἐλπίδα μου ὅτι ἐν οὐδενὶ αἰσχυνθήσομαι, ἀλλ’ ἐν πάσῃ παρρησίᾳ ὡς πάντοτε καὶ νῦν μεγαλυνθήσεται Χριστὸς ἐν τῷ σώματί μου, εἴτε διὰ ζωῆς εἴτε διὰ θανάτου. - Phil 1,27-30 27 Μόνον ἀξίως τοῦ εὐαγγελίου τοῦ Χριστοῦ πολιτεύεσθε, ἵνα εἴτε ἐλθὼν καὶ ἰδὼν ὑμᾶς εἴτε ἀπὼν ἀκούω τὰ περὶ ὑμῶν, ὅτι στήκετε ἐν ἑνὶ πνεύματι, μιᾷ ψυχῇ συναθλοῦντες τῇ πίστει τοῦ εὐαγγελίου, - 28 καὶ μὴ πτυρόμενοι ἐν μηδενὶ ὑπὸ τῶν ἀντικειμένων, ἥτις ἐστὶν αὐτοῖς ἔνδειξις ἀπωλείας, ὑμῶν δὲ σωτηρίας, καὶ τοῦτο ἀπὸ θεοῦ: - 29 ὅτι ὑμῖν ἐχαρίσθη τὸ ὑπὲρ Χριστοῦ, οὐ μόνον τὸ εἰς αὐτὸν πιστεύειν ἀλλὰ καὶ τὸ ὑπὲρ αὐτοῦ πάσχειν, 30 τὸν αὐτὸν ἀγῶνα ἔχοντες οἷον εἴδετε ἐν ἐμοὶ καὶ νῦν ἀκούετε ἐν ἐμοί. - Appendix 1 809 <?page no="810"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch Phil 2,1-5 1 Εἴ τις οὖν παράκλησις ἐν Χριστῷ, εἴ τι παραμύθιον ἀγάπης, εἴ τις κοινωνία πνεύματος, εἴ τις σπλάγχνα καὶ οἰκτιρμοί, - 2 πληρώσατέ μου τὴν χαρὰν ἵνα τὸ αὐτὸ φρονῆτε, τὴν αὐτὴν ἀγάπην ἔχοντες, σύμψυχοι, τὸ ἓν φρονοῦντες, - 3 μηδὲν κατ’ ἐριθείαν μηδὲ κατὰ κενοδοξίαν, ἀλλὰ τῇ ταπεινοφροσύνῃ ἀλλήλους ἡγούμενοι ὑπερέχοντας ἑαυτῶν, - 4 μὴ τὰ ἑαυτῶν ἕκαστος σκοποῦντες, ἀλλὰ [καὶ] τὰ ἑτέρων ἕκαστοι. - 5 τοῦτο φρονεῖτε ἐν ὑμῖν ὃ καὶ ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, - Phil 2,5-8 5 τοῦτο φρονεῖτε ἐν ὑμῖν ὃ καὶ ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, - 6 ὃς ἐν μορφῇ θεοῦ ὑπάρχων οὐχ ἁρπαγμὸν ἡγήσατο τὸ εἶναι ἴσα θεῷ, 6 ὃς ἐν μορφῇ θεοῦ ὑπάρχων οὐχ ἁρπαγμὸν ἡγήσατο τὸ εἶναι ἴσα θεῷ, 7 ἀλλὰ ἑαυτὸν ἐκένωσεν μορφὴν δούλου λαβών, ἐν ὁμοιώματι ἀνθρώπων γενόμενος: καὶ σχήματι εὑρεθεὶς ὡς ἄνθρωπος 7 ἀλλὰ ἑαυτὸν ἐκένωσεν μορφὴν δούλου λαβών, ἐν ὁμοιώματι ἀνθρώπου καὶ σχήματι εὑρεθεὶς ἄνθρωπος 8 ἐταπείνωσεν ἑαυτὸν γενόμενος ὑπήκοος μέχρι θανάτου, θανάτου δὲ σταυροῦ. 8 ἐταπείνωσεν ἑαυτὸν γενόμενος ὑπήκοος θανάτου, θανάτου σταυροῦ. Phil 2,9-11 9 διὸ καὶ ὁ θεὸς αὐτὸν ὑπερύψωσεν καὶ ἐχαρίσατο αὐτῷ τὸ ὄνομα τὸ ὑπὲρ πᾶν ὄνομα, - 10 ἵνα ἐν τῷ ὀνόματι Ἰησοῦ πᾶν γόνυ κάμψῃ ἐπουρανίων καὶ ἐπιγείων καὶ καταχθονίων, - 11 καὶ πᾶσα γλῶσσα ἐξομολογήσηται ὅτι κύριος Ἰησοῦς Χριστὸς εἰς δόξαν θεοῦ πατρός. - 810 Appendix 1 <?page no="811"?> Paulus Kanonisch Vorkanonisch Phil 3,8-11 8 ἀλλὰ μενοῦνγε καὶ ἡγοῦμαι πάντα ζημίαν εἶναι διὰ τὸ ὑπερέχον τῆς γνώσεως Χριστοῦ Ἰησοῦ τοῦ κυρίου μου, δι’ ὃν τὰ πάντα ἐζημιώθην, καὶ ἡγοῦμαι σκύβαλα ἵνα Χριστὸν κερδήσω 8 διὰ τὸ ὑπερέχον τῆς γνώσεως Χριστοῦ, καὶ ἡγοῦμαι σκύβαλα 9 καὶ εὑρεθῶ ἐν αὐτῷ, μὴ ἔχων ἐμὴν δικαιοσύνην τὴν ἐκ νόμου ἀλλὰ τὴν διὰ πίστεως Χριστοῦ, τὴν ἐκ θεοῦ δικαιοσύνην ἐπὶ τῇ πίστει, 9 ἔχων μὴ ἐμὴν δικαιοσύνην τὴν ἐκ νόμου ἀλλὰ τὴν δι’ αὐτοῦ τὴν ἐκ θεοῦ. 10 τοῦ γνῶναι αὐτὸν καὶ τὴν δύναμιν τῆς ἀναστάσεως αὐτοῦ καὶ [τὴν] κοινωνίαν [τῶν] παθημάτων αὐτοῦ, συμμορφιζόμενος τῷ θανάτῳ αὐτοῦ, - 11 εἴ πως καταντήσω εἰς τὴν ἐξανάστασιν τὴν ἐκ νεκρῶν. - Appendix 1 811 <?page no="813"?> Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe Um den narrativen Zusammenhang der Briefe leichter als in der sich anschlie‐ ßenden Rekonstruktion wahrnehmen zu können, wird hier eine Übersetzung der zehn Briefe geboten. Ihr liegen die Rekonstruktionsentscheidungen zu grunde, die im nachfolgenden Teil im Einzelnen begründet werden. Im Unter‐ schied zur Rekonstruktion sind die verschiedenen Grade der Textsicherheit typographisch nicht kenntlich gemacht. Diese sind leicht der Rekonstruktion zu entnehmen. Hier aber geht es darum, die rekonstruierten Briefe für sich sprechen zu lassen. An die Galater Die Galater sind Griechen. Zunächst hatten sie das Wort der Wahrheit von dem Apostel angenommen, doch nach seiner Abreise wurden sie durch Falschapostel versucht, so dass sie zum Gesetz und zur Beschneidung konvertierten. Diese ruft der Apostel zurück zum Glauben der Wahrheit, indem er ihnen von Ephesus aus schreibt. 1,1 Paulus, Apostel, nicht von Menschen oder durch einen Menschen, son‐ dern durch Jesus Christus, der sich von den Toten erweckt hat, 2 [¿an die Gemeinden? ] in Galatien. 3 Gnade und Friede von Gott, Vater, und dem Herrn Jesus, 4 der sich selbst für unsere Sünden hingegeben hat, um uns aus der gegenwärtigen bösen Weltzeit zu befreien. 6 Ich bin erstaunt, dass ihr euch schnell hinwendet zu einem anderen Evangelium, 7 das gegenüber meinem Evangelium überhaupt kein anderes ist, es gibt bestenfalls einige Leute, die euch aufwiegeln und das Evangelium von Christus zu einem anderen verfälschen wollen. 8 Jedoch, auch wenn ein Engel aus dem Himmel euch ein anderes Evangelium verkündet hätte als das, das wir verkündet haben - der sei Gott überantwortet. 11 Ich gebe euch aber zu verstehen, Brüder und Schwestern, dass das Evangelium, das von mir verkündet wurde, nicht von Menschen stammt; 12 ich habe es ja nicht von einem Menschen übernommen, aber auch nicht gelernt, sondern durch eine Offenbarung Gottes. 13 Als ich damals zum Judentum gehörte, verfolgte ich die Kirche maßlos und bekämpfte sie, 14 und im Judentum war ich über die Maßen ein Eiferer, was <?page no="814"?> die Überlieferungen meiner Väter betraf. 15 Dann aber gefiel es ihm, der mich ausersehen hatte, 16 Christus in mir zu offenbaren, damit ich unter den Völkern ihn im Evangelium verkünde. 2,1 Und, vierzehn Jahre später, ging ich nach Jerusalem hinauf, (↓1,18 …) um Petrus kennenzulernen (↓1,19) und die übrigen Apostel. 2 Ich ging hinauf aufgrund einer Offenbarung, legte ihnen das Evangelium vor, das ich unter den Völkern verkünde, ich wollte sicher sein, dass ich nicht ins Leere gelaufen bin oder laufe, 3 doch nicht einmal Titus, der bei mir war, ein Grieche, wurde zur Beschneidung gezwungen, 4 wegen der falschen Brüder, jenen Eindringlingen, die sich eingeschlichen hatten, um die Freiheit, die wir in Christus haben, auszuspähen, damit wir versklavt würden. 5 Wir haben uns auch nicht einen Augenblick unterworfen, damit die Wahrheit des Evangeliums bewahrt bliebe. 6 Es macht für mich keinen Unterschied. 9 Petrus, Jakobus und Johannes gaben mir die rechte Hand, damit ich zu den Heiden gehe, sie zu den Beschnittenen, 10 auf dass wir an die Armen denken. 11 Petrus habe ich ins Angesicht widerstanden, weil er geheuchelt hatte, 12 er hatte mit den Heiden gegessen, als er aber kam, enthielt er sich, denn er fürchtete die aus der Beschneidung. 13 Und mit ihm heuchelten die anderen. 14 Aber dass sie nicht geradlinig auf die Wahrheit des Evangeliums zugingen, warf ich dem Petrus vor: 16 Ein Mensch wird nicht aus dem Gesetz gemäßen Handlungen gerecht, sondern allein aus dem Glauben, 18 wenn ich nämlich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue, 10-11 dass der Gerechte aus dem Glauben leben soll. Diejenigen nämlich, die unter dem Gesetz sind, sind unter einem Fluch. 12 Wer sie (die Gebote des Gesetzes) aber tut, wird in ihnen leben. 13 Christus hat uns aus dem Fluch des Gesetzes herausgekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist; verflucht ist jeder, der am Holz hängt, 14 auf dass wir so das Lob des Geistes durch den Glauben empfangen. 26 Denn alle seid ihr Söhne des Glaubens. 4,1 Ich spreche aber noch nach Menschenart. 3 Solange wir Unmündige waren, waren wir Sklaven der Elementarmächte dieser Welt. 4 Als aber die Fülle der Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn aus, 5 damit er die unter dem Gesetz herauskaufe, und damit wir in die Sohnschaft aufgenommen würden. 6 Dass ihr aber Söhne Gottes seid, sandte er seinen Geist heraus in unsre Herzen, der ruft: Abba, Vater. 8 Wenn ihr dann den Naturgöttern dient, 9 wie könnt ihr als Gott Erkennende wieder zu den schwachen und armseligen Elementarmächten zurückkehren, 10 die ihr so ängstlich auf bestimmte Zeiten achtet, auf Tage, Monate und Jahre? 814 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="815"?> 21 Sagt mir, die ihr unter einem Gesetz sein wollt, lest ihr das Gesetz nicht? 22 Es steht geschrieben: Abraham hatte zwei Söhne, einen von der Sklavin und einen von der Freien, 23 einerseits den von der Sklavin dem Fleisch nach Ge‐ zeugten, andererseits den von der Freien aufgrund der Verheißung Gezeugten. 24 Das ist bildlich gesprochen: Diese (Frauen) bedeuten zwei Testamente. Das eine vom Berg Sinai, das in die Synagoge der Juden zeugt gemäß dem Gesetz, in die Sklaverei, 25 ↑Eph 1,21 das andere zeugt hoch über jegliche Hoheit, Macht und Herrschaft und (über) jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird, 26 in welche heilige Kirche wir uns begeben haben, die unsere Mutter ist. 31 Daraus folgt, Brüder und Schwestern, dass wir nicht Kinder einer Sklavin, sondern der Freien sind. 5,1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft durch das Gesetz auflegen! 3 Ich verweise aber darauf, dass der Mensch, der sich beschneiden lässt, verpflichtet ist, das ganze Gesetz zu halten. 6 In Christus vermag weder die Beschneidung noch die Unbeschnittenheit etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe erfüllt. 9 Ein wenig Sauerteig verdirbt den ganzen Teig. 10 Wer euch verstört, wird die Folge tragen. 14 Denn das ganze Gesetz ist in Euch erfüllt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! 19 Of‐ fenkundig sind die Wirkungen des Fleisches, die da sind: Ehebruch, Unreinheit, Ausschweifung, 20 Götzendienste, Zaubereien, Feindschaften, Streitigkeiten, Eifersüchte, Jähzornigkeiten, Fälle von Eigennutzen, Spaltungen, Parteiungen, 21 Neidereien, maßlose Trinksucht und Gelage, wie ich es vorausgesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben. 24 Die zu Christus gehören, haben das Fleisch mit den Leidenschaften und den Begierden gekreuzigt. 6,2 Tragt die Last der anderen und so werdet ihr Christi Thora erfüllen. 6 Wer aber im Wort des Evangeliums unterwiesen wird, lasse den, der ihn unterweist, an allen Gütern teilhaben. 7 Ihr irrt, Gott lässt seiner nicht spotten; denn was der Mensch sät, wird er auch ernten. 8 Wer auf das eigene Verderben sät, wird aus dem Verderben Verderben ernten; wer aber auf das Leben sät, wird vom Leben Leben ernten. 9 Lasst uns aber nicht müde werden, das Gute zu tun; wir werden ernten, sobald die Zeit dafür gekommen ist. 10 Deshalb lasst uns, solange wir Zeit haben, Gutes tun. 12 Jene Leute, die im Fleisch nach Anerkennung streben, nötigen euch nur deshalb zur Beschneidung, damit sie wegen des Kreuzes Christi nicht verfolgt werden. 13 Doch die Beschnittenen halten nicht einmal selbst das Gesetz, sondern wollen, dass ihr euch beschneiden lasst, damit sie sich eures Fleisches rühmen können. 14 Die Welt ist mir gekreuzigt und ich der Welt, 17 ich nämlich trage die Leidensmerkmale Christi an meinem Leib. An die Galater 815 <?page no="816"?> An die Korinther I Die Korinther sind Achäer. Gleichsam hatten sie vom Apostel das Wort der Wahrheit gehört, doch auf vielfache Weise wurden sie durch Falschapostel un‐ tergraben, manche verführt durch wortreiche philosophische Rhetorik, andere irregeführt durch eine Sekte des jüdischen Gesetzes. Diese ruft der Apostel zurück zur wahren und evangelischen Weisheit, indem er ihnen von Ephesus schreibt. 1,1 Paulus, Apostel Jesu Christi, 2 an die Kirche, die in Korinth ist. 3 Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus! 18 Das Kreuz Christi ist denen, die verloren gehen, Torheit; denen aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft und Weisheit. 19 Es steht nämlich geschrieben: Ich werde die Weisheit der Weisen vernichten und die Klugheit der Klugen abweisen. 20 Gott hat nämlich alle Weisheit der Welt als Torheit entlarvt, 21 denn die Welt erkannte Gott nicht angesichts der Weisheit Gottes auf dem Weg der Weisheit. Gott beschloss, durch die Torheit der Verkündigung die Glaubenden zu retten, 22 denn Juden fordern Zeichen, Griechen suchen Weisheit. 23 Wir verkünden Christus, das Kreuz, Juden ein Ärgernis, Griechen eine Torheit, 24 für die Juden und Griechen Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 25 Denn das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen und das Schwache an Gott ist stärker als die Menschen. 27 Aber das Törichte in der Welt hat Gott erwählt, um die Weisen zuschanden zu machen, und das Schwache in der Welt hat Gott erwählt, um das Starke zuschanden zu machen. 28 Und das Niedrige und das Letzte und das Verachtete hat Gott erwählt: das, was nichts ist, um das, was etwas ist, zu vernichten, 29 damit kein Fleisch sich rühmen kann, 31 damit, wie geschrieben steht, wer sich also rühmen will, der rühme sich in Gott. 2,1 Ich verkünde das Geheimnis Gottes 4 nicht durch Überzeugendes der Weisheit. 6 Ich spreche von der Weisheit unter den Vollkommenen der Macht‐ haber dieser Zeit, die einst entmachtet werden. 7 Doch spreche ich von der Weisheit Gottes im Geheimnis, die verborgene, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung, 8 die keiner der Machthaber dieser Zeit erkannt hat; denn hätten sie die erkannt, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 16 Denn wer begreift den Verstand des Herrn und wer kann ihn belehren? 3,10 Ich lege wie ein weiser Baumeister den Grund, 11 der gelegt ist: Christus. 12 Wer baut auf diesem Grund mit kostbaren Steinen, mit Holz weiter? 13 Der dieses Werk geschaffen hat, wird offenbar werden; durch Feuer wird er offenbart, und wie das Werk beschaffen ist, wird das Feuer prüfen. 14 Hält das 816 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="817"?> Werk stand, das er aufgebaut hat, so empfängt er Lohn. 16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch einwohnt? 17 Wer den Tempel Gottes zerstört, den zerstört es. 18 Werdet töricht, um weise zu werden. 19 Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. Es steht nämlich geschrieben: Er fängt die Weisen in ihrer eigenen List. 20 Und wiederum: Der Herr kennt die Gedanken der Weisen; er weiß, sie sind nichtig. 21 Daher soll sich niemand eines Menschen rühmen. Denn alles gehört euch; 22 Paulus, Kephas, Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: Alles gehört euch. 4,5 Er bringt sowohl Licht in das Verborgene des Dunklen wie er auch die Absichten der Herzen aufdecken wird, und dann wird jeder sein Lob von Gott erhalten. 9 Gott hat uns, die Apostel*innen, als die Letzten abgestellt, als Todgeweihte; denn wir sind zum Schauspiel geworden für die Welt, für Engel und Menschen. 14 Dies schreibe ich euch als meine geliebten Kinder. 15 Ich habe euch durch das Evangelium gezeugt. 5,1 Allgemein heißt es unter den Heiden, dass einer mit einer Frau seines Vaters lebt, 2 doch er möge aus eurer Mitte gestoßen werden, der so etwas getan hat. 3 Ich urteile, 5 diesen Menschen dem Satan zu übergeben zum Verderben seines Fleisches, damit sein Geist am Tag des Herrn gerettet wird. 7 Beseitigt den alten Sauerteig, damit ihr neuer Teig seid, wie ihr ungesäuertes Brot seid; denn auch Christus ist als unser Pascha geopfert worden. 8 Lasst uns also das Fest nicht mit dem alten Sauerteig feiern, auch nicht mit dem Sauerteig der Unzucht, sondern mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit 11 zusammen essen. 6,3 Wisst ihr nicht, dass wir über Engel richten werden? 13 Der Leib ist nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib, wie der Tempel für Gott und Gott für den Tempel, 14 der den Herrn auferweckt und der auch uns auferweckt hat. 15 Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Darf ich nun die Glieder Christi nehmen und zu Gliedern einer Dirne machen? Das sei ferne! 16 Wisst ihr nicht: Wer mit einer Dirne schläft, ist ein Leib mit ihr? Denn, es heißt, die zwei werden ein Fleisch sein. 18 Flieht die Unzucht! 19 Wisst ihr nicht, dass euer Leib nicht euch selbst gehört; 20 denn um einen Preis seid ihr erkauft worden. Drum verherrlicht also Gott im sterblichen Leib! 7,1 Über die Ehe: Ein Mann tut gut daran, keine Frau zu berühren 2 wegen der Unzucht; es soll keiner eine eigene Frau haben. 7 Ich will nämlich, dass die Menschen so wie ich sind. Doch jeder hat seine eigene Gnadengabe von Gott, der eine so, der andere so. 10 Den Verheirateten gebiete nicht ich, sondern Christus: Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen, 11 wenn sie sich trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann, 29 - denn die Zeit ist kurz -, 39 und sich nur im Herrn zu verhüllen. An die Korinther I 817 <?page no="818"?> 8,4 Über die Götzenopfer nun. Wir wissen, dass ein Götze nichts ist, 5 und nämlich, selbst wenn es im Himmel oder auf der Erde die, die Götter heißen, gibt, 6 so gibt es für uns nur einen Gott, den Vater, aus dem alles für uns ist. 13 Wenn eine Speise meinem Bruder oder meiner Schwester zum Anstoß wird, will ich bis in Ewigkeit kein Fleisch mehr essen, um meinem Bruder oder meiner Schwester keinen Anstoß zu geben. 7 Wer wird Soldat, wer pflanzt einen Weinberg und isst nicht aus seinem Ertrag? Wer weidet eine Herde und trinkt nicht von der Milch? 8 Sage ich das nicht dem Menschen entsprechend, selbst wenn das Gesetz des Mose das sagt? 9 Es steht nämlich geschrieben: Du sollst dem Ochsen beim Dreschen keinen Maulkorb anlegen. Liegt Gott etwas an den Ochsen? 10 Unseretwegen wurde es geschrieben. 14 So hat auch der Herr angeordnet, dass diejenigen, die das Evangelium verkünden, vom Evangelium leben. 15 Ich habe nichts von dem in Anspruch genommen. Mir wird niemand diesen Ruhm entleeren. 16 Wenn ich das Evangelium verkünde, gebührt mir nämlich kein Dank. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde! 18 Was wird nun mein Lohn sein? Dass ich unentgeltlich verkünde und so das Evangelium Christi bringe? 20 Den Juden bin ich ein Jude geworden, um Juden zu gewinnen; denen, die unter dem Gesetz stehen, bin ich einer unter dem Gesetz geworden, um die zu gewinnen, die unter dem Gesetz stehen. 22 Allen bin ich alles geworden, um alle zu retten. 10,1 Ich will Euch nicht im Unwissen lassen, Brüder und Schwestern, dass unsere Väter unter der Wolke waren und alle durch das Meer zogen 3 und alle die geistige Speise aßen 4 und alle den geistigen Trank tranken; denn sie tranken aus dem geistigen Felsen, der mit ihnen zog. Und dieser Fels war Christus. 5 Er aber hatte an den meisten von ihnen in der Wüste kein Gefallen. 6 Das aber waren Beispiele für uns: damit wir uns nicht von der Gier nach bösen Dingen beherrschen lassen, wie auch jene sich von der Gier beherrschen ließen. 7 Werdet nicht Götzenverehrer wie einige von ihnen, wie geschrieben steht: Das Volk setzte sich zum Essen und Trinken; dann standen sie auf, um sich zu vergnügen. 9 Lasst uns auch nicht Christus herausfordern. 11 Wie das aber ihnen geschah, ist uns zur Warnung aufgeschrieben worden, uns, die das Ende der Zeiten erreicht. 14 Darum also, meine Geliebten, flieht den Götzendienst! 19 Was sage ich nun? Dass Göttergaben wirklich etwas sind, oder Götzenopfer wirklich etwas ist? 20 Nein, aber was man dort opfert, opfert man den Dämonen und nicht Gott. 25 Alles, was verkauft wird, das esst. 28 Wenn euch aber jemand darauf hinweist: Das ist Götzenopfer! , dann esst nicht davon; 31 Ob ihr esst oder trinkt oder etwas anderes tut: alles zur Verherrlichung Gottes! 818 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="819"?> 11,3 Christus ist das Haupt eines Mannes. 4 Jeder Mann, der betet oder prophetisch redet und dabei sein Haupt bedeckt hat, entehrt sein Haupt. 5 Jede Frau aber, die betet oder prophetisch redet und dabei ihr Haupt nicht verhüllt, entehrt ihr Haupt. 7 Ein Mann darf sein Haupt nicht verhüllen, weil er Bild Gottes ist. 10 Die Frau soll Acht haben auf ihr Haupt um der Engel willen. 11 Doch gibt es weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau im Herrn. 12 Wie die Frau vom Mann stammt, so auch der Mann durch die Frau. 19 Es muss nämlich Parteiungen geben, damit die Bewährten offenkundig werden. 23 Ich nämlich habe von Gott empfangen, dass der Herr Jesus, in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, nachdem er den Kelch genommen, gedankt hatte, und sagte: Nehmt diesen und teilt ihn unter euch. 24 Und indem er das Brot nahm, nachdem er gedankt hatte, gab er es seinen Jüngern und sagte: Das ist mein Leib. 28 Ein Mensch soll sich selbst prüfen und dann soll er von dem Brot essen und aus dem Kelch trinken 29 als Urteil über sich. 12,1 Über die Gaben des Geistes möchte ich euch nicht in Unkenntnis lassen, Brüder und Schwestern. 2 Wisst, dass es 4 verschiedene Gnadengaben gibt. 8 Den einen wird durch den Geist die Fähigkeit der Weisheit gegeben, anderen, gemäß demselben Geist, die Fähigkeit der Erkenntnis, 9 anderen in demselben Geist Glaube, anderen, die Gnadengabe der Krankheitsheilung, 10 anderen Kräfte, anderen prophetisches Reden, anderen die Unterscheidung der Geister, anderen Arten der Zungenrede, anderen schließlich, sie zu übersetzen. 12 Denn wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder aber des einen Leibes, obgleich es viele sind, ein Leib sind: So ist es auch mit Christus. 14 Auch der Leib ist nicht nur ein Glied, sondern viele. 18 Nun aber hat Gott die Glieder so in den Leib eingefügt, wie es seiner Absicht entsprach. 19 Wären alle zusammen nur ein Glied, wo bliebe dann der Leib? 20 So aber gibt es viele Glieder und doch nur einen Leib. 24 Gott aber hat den Leib zusammengefügt. 27 Ihr seid Leib und Glied Christi aus Teilen. 28 Der Herr hat in der Kirche Apostel, Propheten, eingesetzt. 29 Sind etwa alle Apostel, alle Propheten? 31 Zu den höheren Gnadengaben zeige ich euch einen überragenden Weg: 13,1 Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich tönendes Erz oder eine lärmende Zimbel. 2 Und wenn ich Prophetie besäße, alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis, 3 und wenn ich meinen Leib opferte, damit ich verbrannt werde, hätte aber die Liebe nicht, nützte es nichts. 4 Die Liebe ist langmütig, ereifert sich nicht, prahlt nicht. 6 Sie freut sich nicht über das Unrecht. 7 Sie glaubt alles, hofft alles, erträgt alles. 13 Für jetzt bleiben diese drei: Glaube, Hoffnung, Liebe; doch am größten unter ihnen ist die Liebe. An die Korinther I 819 <?page no="820"?> 14,1 Folgt der Liebe! Strebt aber nach den Geistesgaben, vor allem aber dass ihr prophezeit! 2 Denn wer in Zungen redet, redet nicht zu Menschen, sondern zu dem Gott; keiner hört ihn: Der Geist redet geheimnisvolle Dinge. 3 Wer aber prophezeit, redet zu Menschen. Er baut auf, ermutigt, spendet Trost. 4 Wer in Zungen redet, erbaut sich selbst; wer aber prophezeit, baut die Kirche Gottes auf. 6 Wenn ich nicht zu euch sprechen werde in einer Offenbarung, in einer Prophetie oder im Unterricht, 7 (sondern) leblose Musikinstrumente nicht deutlich unterschiedene Töne hervorbringen, wie soll man dann erkennen? 9 So ist es auch mit euch, wenn ihr beim Reden in Zungen kein verständliches Wort hervorbringt. Wer soll dann das Gesprochene verstehen? Ihr redet nur in den Wind. 15 Was folgt daraus? Ich soll im Geist beten, aber ich soll mit dem Verstand beten. Ich soll im Geist lobsingen, aber ich soll mit dem Verstand lobsingen. 17 Dein Lobpreis mag noch so gut sein, aber der andere wird nicht auferbaut, 19 doch vor der Gemeinde will ich lieber fünf Worte durch das Gesetz reden, um auch andere zu unterweisen, als zehntausend Worte in Zungen stammeln: 21 Im Gesetz steht geschrieben: In anderen Sprachen und in anderen Lippen werde ich dieses Volk ansprechen. 21b-c↑34 Die Frauen sollen in der Versammlung schweigen; es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern haben sich unterzuordnen, wie auch das Gesetz sagt, 35 es sei denn sie wollen etwas lernen. 22 So ist Zungenreden ein Zeichen nicht für die Glaubenden, sondern für die Ungläubigen, prophetisches Reden aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Glaubenden. 24 Wenn aber alle prophezeien und ein Ungläubiger kommt herein, 25 so wird auch das in seinem Herzen Verborgene aufgedeckt. 30 Wenn aber noch einem andern Anwesenden eine Offenbarung zuteil wird, soll der erste schweigen. 31 ihr könnt nämlich einer nach dem andern prophezeien. So lernen alle etwas und alle werden ermutigt. 32 Auch der Geist der Prophet: innen ist den Prophet: innen unterworfen, 33 denn er ist keiner der Unordnung, sondern des Friedens. 15,1 Über die Auferstehung der Toten. Ich lasse euch wissen, Brüder und Schwestern, das Evangelium, das ich euch verkündet habe: 3 Christus ist gestorben, 4 wurde begraben und auferweckt nach drei Tagen, 11 so verkünden wir und so glaubt ihr. 12 Wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht? 14 Ist Christus nicht auferweckt worden, dann ist auch die Verkündigung von uns leer. 21 Da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Wie sie in Adam sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden, 24 wenn er Macht, Gewalt und Kraft entmachtet hat und seine Herrschaft Gott übergibt. 25 Denn er muss herrschen, bis er ihm seine Feinde unter seine Füße gelegt hat. 26 Der 820 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="821"?> letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod. 28 Dann unterwirft sich auch der Sohn, damit Gott alles in allem sei. 29 Was werden die tun, die sich für die Toten reinigen zu lassen? Wenn Tote überhaupt nicht auferweckt werden, warum lässt man sich dann für sie reinigen? 35 Nun könnte einer fragen: Wie werden die Toten auferweckt, was für einen Leib werden sie haben? 36 Du Narr! Auch das, was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht vorher stirbt. 37 Und was du säst, ist nicht der Leib, der entstehen wird, sondern nur ein Samenkorn eines Weizenkorns oder eines anderen. 38 Gott gibt ihm den Leib, wie er will, und zwar jedem Samen einen eigenen Leib. 39 Nicht alles Fleisch ist dasselbe: Das Fleisch der Menschen ist anders als das des Viehs, das Fleisch der Vögel ist anders als das der Fische. 40 Auch gibt es Himmelskörper und irdische Körper. 41 Ein anderer ist der Glanz der Sonne als der Glanz des Mondes, anders als der Glanz der Sterne. 42 So ist es auch mit der Auferstehung der Toten. Gesät wird in Verweslichkeit, auferweckt wird in Unverweslichkeit. 43 Gesät wird in Unschamhaftigkeit, auferweckt in Glanz. Gesät wird in Schwäche, auferweckt wird in Stärke. 44 Gesät wird ein psychischer Leib, auferweckt ein geistiger Leib. 45 So steht es auch geschrieben: Adam, der erste Mensch, wurde ein psychisches Lebewesen. Der letzte Herr wurde lebendig machender Geist. 46 Aber zuerst kommt nicht das Geistige. 47 Der erste Mensch stammt von der Erde und ist irdisch; der zweite Herr, der himmlische, stammt vom Himmel. 48 Wie der von der Erde irdisch war, so sind es auch die Irdischen. Und wie der vom Himmel himmlisch ist, so sind es auch die Himmlischen. 49 Und wie wir nach dem Bild des Irdischen gestaltet wurden, so werden wir auch nach dem Bild des Himmlischen gestaltet. 50 Denn dies sage ich, Brüder und Schwestern, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben werden; das Verwesliche erbt nicht das Unverwesliche. 51 Seht, ich nenne euch ein Geheimnis: nicht alle werden wir entschlafen, aber wir werden alle verwandelt werden, 52 die Toten werden als Unverwesliche auferweckt und wir werden verwandelt, in einem Nu, in einem Augenblick. 53 Denn dieses Verwesliche muss sich mit Unverweslichkeit bekleiden und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit bekleiden. 54 Wenn sich aber dieses Verwesliche mit Unverweslichkeit bekleidet und dieses Sterbliche mit Unsterblichkeit be‐ kleidet, dann geschieht das Wort der Schrift: Verschlungen ist der Tod zum Sieg. 55 Wo ist dein Sieg, Tod? Wo ist dein Stachel, Tod? 57 Gott sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat. An die Korinther I 821 <?page no="822"?> An die Korinther II Nachdem Buße getan war, schreibt er ihnen versöhnliche Worte von Troja, und, indem er sie auch lobt, ermahnt er sie zu besseren Dingen. 1,1 Paulus, Apostel Jesu Christi, an die Kirche, die in Korinth, in Achaia, ist. 2 Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus! 3 Gepriesen sei der Gott unseres Herrn Jesu Christi, der Vater des Erbarmens. 6 Sind wir aber in Not, so ist es zu eurem Trost und Heil. Werden wir getröstet, so ist es zu eurem Trost, der wirksam wird durch Geduld in den gleichen Leiden, von denen auch wir leiden. 8 Denn wir wollen euch über die Not nicht in Unkenntnis lassen, Brüder und Schwestern, die in der Provinz Asien über uns kam, weil sie uns über alles Maß bedrückte; unsere Kraft war so sehr erschöpft, dass wir am Leben zweifelten. 20 Denn alle Verheißungen Gottes sind in ihm das Ja, und darum ergeht auch durch ihn das Amen zu Gottes Lobpreis, 2,15 unter denen, die gerettet werden, wie unter denen, die verloren gehen, 16 den einen aus dem Tod in den Tod; den anderen aus dem Leben in das Leben. 17 Wir sind nicht wie die übrigen, die mit dem Wort Gottes Geschäfte machen, sie lehren in Christus aus Gott gegen den Gott. 3,2 Das Testament des Lebens seid ihr; eingeschrieben in unsere Herzen und von den Menschen anerkannt und gelesen. 3 Erkennbar seid ihr das Neue Testament Christi, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des Lebendigen, nicht auf Tafeln aus Stein, sondern auf fleischliche Tafeln des Herzens 6 das Neue Testament, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig. 7 Wenn das Testament des Todes, das in Buchstaben in Steine gemeißelt war, so herrlich war, dass die Israeliten das Gesicht des Mose nicht anschauen konnten, weil es eine Herrlichkeit ausstrahlte, die doch vergänglich war, 11 um wieviel mehr dasjenige, das in Herrlichkeit bleibt und nicht vergänglich ist, 13 doch nicht das des Mose. Er legte über sein Gesicht eine Hülle, damit die Israeliten nicht in das Ende des Vergänglichen sahen. 14 Doch das Denken der Welt wurde verhärtet. Bis zum heutigen Tag bleibt die gleiche Hülle, wenn aus dem Alten Testament vorgelesen wird, weil sie nicht aufgedeckt wird, so dass sie in Christus beseitigt wird. 15 Bis heute liegt die Hülle auf ihrem Herzen, wenn Mose vorgelesen wird. 16 Sobald er aber zu dem Gott zurückkehrt, wird die Hülle entfernt. 18 Wir spiegeln darum schon mit enthülltem Angesicht Christus, indem wir in dasselbe Bild verwandelt werden, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, gerade wie durch den Herrn der Geister 4,4 in ihnen, der Gott dieser Weltzeit, das Denken der Ungläubigen verblendet, so dass der Glanz des Evangeliums der Herrlichkeit Christi, der Gottes Bild ist, nicht aufstrahlt. 822 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="823"?> 5 Denn wir verkünden nämlich nicht uns selbst, sondern Christus Jesus als Herrn, uns aber als eure Sklaven durch Jesus, 6 aufgrund von Gott, der sprach: Aus Finsternis wird Licht aufleuchten, der in unseren Herzen aufgeleuchtet ist, damit die Erkenntnis seines Glanzes im Antlitz Christi erstrahlt. 7 Wir tragen den Schatz in zerbrechlichem Geschirr, so dass das Übermaß von Gott und nicht von uns ist. 8 Wir werden in die Enge getrieben und werden doch nicht beengt; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; 9 wir werden verfolgt und sind doch nicht verlassen; wir werden niedergeworfen, aber nicht vernichtet. 10 Wir tragen das Sterben Gottes an unserem Leib, damit auch das Leben Christi an unserem Leib sichtbar wird. 11 Wir werden immer dem Tod übergeben, damit auch das Leben Jesu an unserem sterblichen Fleisch offenbar wird. 13 Doch haben wir den gleichen Geist des Glaubens, und wir glauben und darum reden wir. 16 Darum werden wir nicht müde, sogar, wenn auch unser äußerer Mensch verdirbt, doch der uns innere wird Tag für Tag erneuert. 17 Denn die jetzige kleine Vergänglichkeit und Last unserer Not schafft uns in maßlosem Übermaß ein ewiges Gewicht an Herrlichkeit, 18 uns, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare blicken; denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare ist ewig. 5,1 Wenn unser irdisches Haus abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel. 2 Denn wir seufzen auch und sehnen uns danach, mit dem himmlischen Haus überkleidet zu werden. 3 Wenn wir sodann wirklich bekleidet werden, werden wir nicht nackt erscheinen. 4 Solange wir nämlich in diesem Zelt des Leibes leben, seufzen wir unter schwerer Last, weil wir nicht entkleidet, sondern überkleidet werden möchten, damit so dieses Sterbliche verschlungen wird vom Leben, 5 Gott, der uns den Anteil des Geist gegeben hat. 6 Wir leben fern vom Herrn in der Fremde, solange wir in diesem Leib zu Hause sind. 8 Wir ziehen es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein. 10 Wir alle müssen vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit jeder seinen Lohn empfängt für das Gute oder Böse, das er im Leib getan hat, 17 sodass, wenn daher in Christus eine neue Schöpfung ist, das Alte vergangen ist, siehe, Neues ist geworden. 7,1 Reinigen wir uns also von der Befleckung des Leibes und des Blutes, 11,2 um eine reine Jungfrau zu Christus zu stellen, 13 hingegen sind die Pseudoapostel, betrügerische Arbeiter, indem sie sich freilich verkleiden als Apostel, 14 denn er, der Satan, verkleidet sich als Engel des Lichts. 12,2 Gott kennt einen Mensch in Christus, der bis in den dritten Himmel 4 in das Paradies entrückt wurde. Er hörte unaussprechliche Worte, die ein Mensch nicht sagen darf, 7 selbst wegen der außerordentlichen Offenbarungen. Damit ich mich nicht überhebe, wurde mir ein Dorn ins Fleisch gegeben: ein Engel des An die Korinther II 823 <?page no="824"?> Satans, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. 8 Dreimal habe ich den Herrn gebeten, dass er von mir ablassen möge, 9 doch die Kraft wird in der Schwachheit vollbracht. 13,1 Von drei Zeugen soll jede Sache bestätigt werden. 2 Ich habe es vorhergesagt und sage es voraus, ich werde nicht mehr verschonen, 8 Denn wir können nichts gegen die Wahrheit tun, sondern nur für die Wahrheit. 10 Ich schreibe diese Dinge abwesend, damit ich nicht, anwesend, streng handeln muss nach der Autorität, die mir der Herr gegeben hat. An die Römer Die Römer leben in Gegenden von Italien. Sie wurden von Falschaposteln erreicht und im Namen unseres Herrn Jesus Christus wurden sie zum Gesetz und den Propheten irregeführt. Diese ruft der Apostel zurück zum wahren evangelischen Glauben, indem er von Athen schreibt. 1,1 Paulus, Apostel Jesu Christi, 5 unter den Heiden, 7 an alle in Gottes Liebe, Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus! 16 Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht: Denn es ist Gottes Kraft zur Rettung für jeden, der glaubt, für den Juden und Griechen. 17 Denn Gerech‐ tigkeit Gottes wird in ihm offenbart aus Glauben zum Glauben. 18 Denn der Zorn wird vom Himmel her offenbart über Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit in Ungerechtigkeit unterdrücken. 21 Denn obwohl sie Gott kannten, haben sie ihn doch nicht als Gott verherrlicht oder ihm gedankt, sondern sind in ihren Gedanken in nichtigen Wahn verfallen, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert. 22 Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden 23 und haben die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes vertauscht mit einem Bild, das des vergänglichen Menschen. 2,2 Wir wissen aber, dass Gottes Urteil der Wahrheit entsprechend ist über alle die, die so etwas tun. 12 So viele haben ohne Gesetz gesündigt, sie werden auch ohne Gesetz zugrunde gehen, und so viele unter einem Gesetz gesündigt haben, werden durch ein Gesetz gerichtet werden. 13 Denn nicht die Hörer eines Gesetzes sind vor einem Gott gerecht, sondern die Täter eines Gesetzes werden für gerecht erklärt werden. 14 Denn wenn die, die kein Gesetz haben, von Natur aus tun, was das Gesetz verlangt, so sind diese, die kein Gesetz haben, sich selbst ein Gesetz 16 an dem Tag, an dem Gott das Verborgene der Menschen durch Christus prüfen wird nach meinem Evangelium, 20 als das, das die Gestalt der Erkenntnis und der Wahrheit im Gesetz hat. 21 Belehrst du andere, du 824 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="825"?> lehrst dich selbst nicht, der du predigst, man soll nicht stehlen, du stiehlst? 24 Euretwegen wird der Name Gottes gelästert. 25 Denn die Beschneidung ist wohl nützlich, wenn du das Gesetz hälst; wenn du aber ein Übertreter des Gesetzes bist, ist deine Beschneidung zur Unbeschnittenheit geworden, 27 und der von Natur Unbeschnittene, der das Gesetz erfüllt, wird dich richten, der du mit Buchstaben und Beschneidung ein Übertreter des Gesetzes bist. 28 Denn nicht der ist Jude, der es äußerlich ist, noch ist das die Beschneidung, die äußerlich sichtbar am Fleisch geschieht, 29 sondern der ist Jude, der es im Verborgenen ist, und Beschneidung ist die des Herzens, im Geist, nicht im Buchstaben, dessen Lob kommt nicht von Menschen. 3,19 Wir wissen aber, dass alles, was das Gesetz sagt, es denjenigen sagt, die unter dem Gesetz sind, damit alle Münder gestopft werden und die ganze Welt schuldig sei. 20 Damals war das Gesetz, 21 jetzt aber ist die Gerechtigkeit Gottes ohne Gesetz offenbar geworden 22 durch Glauben an Christus. Was ist der Unterschied? 5,1 Da wir nun gerecht worden sind aus dem Glauben Christi, nicht aus dem Gesetz, lasst uns Frieden haben mit Gott. 6 Denn hierfür ist Christus schon zu der Zeit, als wir noch schwach waren, für die Gottlosen gestorben, 10 als wir Gottes Feinde waren. 20 Das Gesetz aber ist dazwischen hineingekommen, damit die Übertretung überfließe. Überfließend ist die Gnade geworden, 21 damit, wie die Sünde geherrscht hat im Tod, so auch die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zum Leben durch Jesus Christus. 7,4 Auch ihr seid durch den Leib Christi dem Gesetz getötet worden, damit ihr einem anderen angehört, nämlich dem, der von den Toten auferweckt worden ist. 5 Im Fleisch wirkten die affektiven Triebe der Sünden, die durch das Gesetz waren, in den Gliedern. 6 Jetzt aber sind wir vom Gesetz frei gemacht worden, indem wir dem gestorben sind, unter dem wir festgehalten wurden, sodass wir im neuen Dienst des Geistes dienen, nicht im alten Dienst des Buchstabens. 7 Was sollen wir also sagen? Ist das Gesetz Sünde? Auf keinen Fall! Aber ich hätte die Sünde nicht erkannt außer durch das Gesetz, 11 weil die Sünde durch das Gebot Gelegenheit genommen hatte und mich betrog, 12 so ist das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig und gerecht und gut, 13 damit sie als Sünde erkannt würde; denn die Sünde sollte durch das Gebot über alle Maßen sündig werden. 14 Das Gesetz selbst ist geistlich. 18 In mir, das heißt, in meinem Fleisch wohnt nichts Gutes. 19 Denn das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. 23 Ein anderes Gesetz herrscht in meinen Gliedern, das dem Gesetz meines Verstandes widerstreitet und mich gefangen nimmt unter das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. 24 Ich elender Mensch! Wer wird mich erretten von diesem Leib des Todes? 8,3 Gott sandte den Sohn in der Gestalt des Fleisches der Sünde, 4 damit die An die Römer 825 <?page no="826"?> Forderung des Gesetzes erfüllt werde in uns, die wir nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist leben. 5 Denn diejenigen, die dem Fleisch nach sind, sinnen auf das, was dem Fleisch entspricht; diejenigen aber, die dem Geist angehören, sinnen auf das, was dem Geist entspricht. 6 Denn die Denkweise des Fleisches ist der Tod, aber die Denkweise des Geistes ist Leben und Frieden; 7 weil die Denkweise des Fleisches feindselig gegen Gott ist; denn sie unterwirft sich dem Gesetz Gottes nicht, denn sie kann es auch nicht. 8 Diejenigen aber, die im Fleisch sind, können Gott nicht gefallen. 9 Ihr seid nicht im Fleisch, sondern im Geist. 10 Der Leib ist zwar tot wegen der Sünde, der Geist aber ist Leben wegen der Gerechtigkeit. 11 Derjenige, der Christus von den Toten auferweckt hat, der wird auch eure sterblichen Leiber lebendig machen. 10,1 Das Wohlgefallen meines Herzens und mein Gebet zu Gott für Israel ist, dass sie gerrettet werden. 2 Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber nicht nach Erkenntnis. 3 Denn da sie Gott nicht kannten und ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten suchten, haben sie sich der Gerechtigkeit Gottes nicht unterworfen. 4 Denn das Ende des Gesetzes ist Christus zur Gerechtigkeit für jeden, der glaubt. 11,33 O Tiefe des Reichtums und der Weisheit Gottes! Und wie unerforschlich seine Wege! 34 Wer nämlich hat den Sinn des Herrn erkannt, oder wer ist sein Ratgeber gewesen? 35 Wer hat ihm vorher etwas gegeben, so dass es ihm zurückvergolten werde? 12,9 Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten! 10 In der Bruderliebe seid herzlich zueinander! 12 Freut euch in der Hoffnung, seid geduldig in der Bedrängnis! 14 Segnet, verflucht nicht! 16 Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den Niedrigen! Haltet euch nicht selbst für klug! 17 Vergeltet niemand Böses mit Bösem! ↑19 Rechtfertigt Euch nicht selbst↑, ↓18 Haltet mit den Menschen Frieden↓! 13,8 Wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn das: Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen! sind zusammengefasst: Du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst. 10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes, 14,1 nicht zur Entscheidung strittiger Fragen. 2 Der eine glaubt, er dürfe alles essen, der Schwache aber isst Gemüse. 3 Wer isst, verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, richte den nicht, der isst. 10 Du aber, warum richtest du deinen Bruder? Oder auch du, warum verachtest du deinen Bruder? Denn wir werden alle vor dem Richterstuhl Gottes stehen, 17 denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede. 826 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="827"?> 21 Es ist gut, nicht Fleisch zu essen und nicht Wein zu trinken und auch nichts zu tun, woran dein Bruder Anstoß nimmt oder geschwächt wird. 23 Alles aber, was nicht aus Glauben ist, ist Sünde. An die Thessalonicher I Die Thessalonicher sind Makedonier in Christus Jesus, die, nachdem das Wort der Wahrheit angenommen war, selbst in der Verfolgung ihrer eigenen Stadt am Glauben festhielten; darüber hinaus nahmen sie nicht die Dinge entgegen, die ihnen von den Falschaposteln gesagt wurden. Diese lobt der Apostel, indem er ihnen von Athen aus schreibt. 1,1 Paulus, Apostel Jesu Christi, an die Kirche der Thessalonicher. Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus! 2,14 Ihr habt von euren Landsleuten gelitten wie auch sie von den Juden. 15 Diese haben den Herrn, Jesus, als auch die eigenen Propheten getötet. 3,1 Weil wir beschlossen, in Athen zurückzubleiben, 3 niemand durch diese Bedrängnisse erschüttert werde, 4 haben wir euch im Voraus gesagt, dass wir Bedrängnis haben würden, wie es auch eingetroffen ist. 4,3 Das ist der Wille Gottes: eure Heiligung, dass ihr euch der Unzucht enthaltet, 4 dass jeder von euch lernt, sein eigenes Gefäß in Ehre zu halten, 5 nicht in Leidenschaft der Begierde wie die Heiden. 7 Denn Gott hat uns nicht zur Unreinheit berufen, sondern zur Heiligkeit. 10 Tut dies auch gegenüber den Brüdern und Schwestern in Mazedonien. 15 Wir, die Lebenden, die übrig bleiben bis zur Ankunft Christi, 16 und die in Christus Entschlafenen, werden als Erste auferstehen, 17 wir werden in Wolken entrückt zur Begegnung mit dem Herrn in der Luft. 5,19 Den Geist löscht nicht aus! 20 Prophetische Reden verachtet nicht! 21 Prüft alles, 22 meidet jedes Böse in jeder Gestalt! 23 Er selbst bewahre euren Geist, eure Seele und euren Leib zusammen untadelig bei der Ankunft des Herrn und unseres Retters Christus. An die Thessalonicher II An die Thessalonicher schreibt er und weist sie auf die neueste Zeit hin und auf die Entlarvung der Gegner. Er schreibt von Athen. 1,1 Paulus, Apostel Jesu Christi, an die Kirche der Thessalonicher. 2 Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus! An die Thessalonicher I 827 <?page no="828"?> 6 Gerecht ist es vom Herrn, denen, die euch bedrängen, Bedrängnis zurück zu geben, 7 und den Bedrängten Ruhe zu schenken, wenn Jesus, der Herr, sich vom Himmel her offenbart mit seinen mächtigen Engeln, 8 indem er an denen Vergeltung übt, die Gott nicht kennen und dem Evangelium unseres Herrn Jesus nicht gehorchen. 9 Sie werden mit ewigem Verderben bestraft. Sie sind fern vom Angesicht des Herrn und seiner Macht. 2,1 Hinsichtlich der Ankunft des Herrn: 3 Zuerst muss der Mensch der Sünde offenbart werden, der Sohn des Verderbens, 4 der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, so sehr erhebt, dass er sich sogar in den Tempel Gottes setzt und sich für Gott ausgibt. 9 Er wird bei seiner Ankunft die Kraft des Satans haben mit aller Macht und Zeichen und Wundern der Lüge 10 und mit allem Trug der Ungerechtigkeit bei denen, die verloren gehen, weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht annahmen, um gerettet zu werden. 11 Darum lässt er sie der Macht des Irrtums verfallen, dass sie der Lüge glauben, 12 damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Gefallen fanden an der Ungerechtigkeit. 3,10 Wir gebieten dies: wenn jemand nicht arbeiten will, so soll er auch nicht essen. An die Laodizäer Die Laodizäer sind Asiaten. Auch diese lobt der Apostel Paulus dass sie, nachdem sie einst den Glauben angenommen hatten, im Wort der Wahrheit verblieben, als er ihnen schrieb. 1,1 Paulus, Apostel Jesu Christi, an alle in Laodizea. 2 Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus. 3 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Regionen in Christus, 5 der uns zur Sohnschaft aufgenommen hat durch Jesus Christus, nach dem Wohlgefallen seines Willens, 6 der sie uns geschenkt hat in seinem Geliebten. 7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, nach dem Reichtum seiner Gnade, 9 damit er uns das Geheimnis seines Willens kundtat, nach seinem Wohlgefallen, das er vorgenommen hatte. 10 um die Verwaltung der Vollendung der Zeiten zusammenzufassen, nämlich alles in Christus, das im Himmel und auf der Erde ist, 12 damit wir zum Lob der Herrlichkeit dienen, die wir zuvor auf Christus gehofft haben. 13 In ihm seid auch ihr, als ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium eures Heils, gehört habt und geglaubt habt, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung, 17 auf dass der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, euch den Geist der Weisheit und der Offenbarung gebe, damit 828 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="829"?> 1 Der Satz, würde man der Grammatik folgen, ist weiterhin von Satz 14 und dem „um“ (ἵνα) abhängig, würde aber im Deutschen zu einer ungebührlich komplexen Übersetzung führen. ihr ihn erkennt. 18 Er erleuchte die Augen des Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, zu welchem Reichtum des Erbes in den Heiligen, 20 das er wirksam werden ließ in Christus, den er von den Toten auferweckt und im Himmel zu seiner Rechten erhoben hat. 22 Alles hat er ihm zu Füßen gelegt. 2,1 Ihr wart tot durch eure Übertretungen und Sünden, 2 in denen ihr einst gelebt habt nach dem Zeitlauf dieser Welt, unter dem Fürsten der Macht der Luft, der am Werk ist in den Söhnen des Ungehorsams. 3 Unter ihnen haben auch wir alle gelebt in den Begierden unseres Fleisches, indem wir den Willen des Fleisches taten und von Natur Kinder des Zorns waren wie auch die anderen, 10 dessen Werk sind wir, die wir in Christus geschaffen wurden. 11 Erinnert euch daran, dass ihr einst als Heiden im Fleisch, die ihr Unbe‐ schnittenheit genannt wurdet von denen, die sich Beschnittenheit nennen, die mit Händen am Fleisch vorgenommen wird, 12 dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, ausgeschlossen vom Bürgerrecht Israels und Fremde gegenüber den Bündnissen und der Verheißung, ohne Hoffnung und ohne Gott in dieser Welt. 13 Jetzt aber, in Christus, seid ihr, die ihr einst fern wart, durch sein Blut nahe geworden. 14 Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht hat und die trennende Wand der Feindschaft im Fleisch niedergerissen hat, 15 der das Gesetz der Gebote durch seine Edikte aufgehoben hat, um die zwei in sich selbst zu einem neuen Menschen zu machen, indem er Frieden stiftet. 16 Er 1 versöhnte die beiden mit Gott in einem einzigen Leib durch das Kreuz, nachdem er die Feindschaft in ihm getötet hat. 17 Er verkündete Frieden den Fernen und den Nahen, 18 den beiden Zugang zum Vater. 19 Ihr seid folglich nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen, nämlich Hausgenossen Gottes, 20 aufgebaut auf das Fundament der Apostel; der Eckstein ist Christus selbst, 21 in ihm ist der ganze Bau zusammengehalten. 3,3 Durch eine Offenbarung wurde mir das Geheimnis mitgeteilt. 8 Mir, dem Geringsten unter allen, wurde diese Gnade zuteil: Ich soll den Heiden mit dem Evangelium den unergründlichen Reichtum Christi verkünden 9 und allen entbergen, was die Verwirklichung des geheimen Ratschlusses beinhaltet, der von Ewigkeit her dem Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war. 10 So soll den Hoheiten und Herrschaften des himmlischen Bereichs durch die Kirche die vielfältige Weisheit Gottes bekannt werden, 4,5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, 6 ein Christus, ein Gott und Vater aller, der über uns allen und durch alle und in allen ist. 8 Darum heißt es: Er erbeutete Gefangene. 10 Derselbe, der An die Laodizäer 829 <?page no="830"?> hinabgestiegen ist, ist auch hinaufgestiegen über alle Himmel, damit er alles erfülle. 22 Legt den alten Menschen des früheren Wandels ab, der durch die betrüge‐ rischen Begierden zugrunde geht, 23 und lasst euch erneuern in eurem Geist und Sinn 24 und zieht den neuen Menschen an! 25 Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, jeder mit dem Nächsten, denn wir sind untereinander Glieder. 26 Zürnt, sündigt nicht! Die Sonne gehe nicht unter über eurem Zorn, 27 und gebt nicht Raum dem Teufel, 5,2 und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Gabe und Opfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch! 8 Denn ihr wart einst Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. 11 Habt keine Gemeinschaft mit den Werken der Finsternis! 14 Denn alles, was offenbar wird, das ist Licht. Darum heißt es: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten. 16 Kauft die Zeit aus, denn die Tage sind böse. 18 Und berauscht euch nicht mit Wein, 19 wenn ihr Gott Psalmen und Hymnen singt! 22 Ihr Frauen, ordnet Euch den Männern unter; 23 denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. 25 Wie auch Christus die Kirche geliebt hat, 28 lieben auch die Männer ihre Frauen. Wer seine Frau liebt, liebt sein eigenes Fleisch. 29 Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch Christus die Kirche. 30 Denn wir sind Glieder seines Leibes, aus seinem Fleisch und aus seinen Knochen, 31 statt dass der Mann Vater und Mutter verlassen und sich binden wird, und die zwei ein Fleisch sein werden. 32 Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich deute es auf Christus und die Kirche. 6,1 Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern, denn das ist recht! 2 Ehre deinen Vater und deine Mutter. 4 Und ihr Väter, erzieht die Kinder in der Zucht und Ermahnung des Herrn! 11 Zieht die ganze Waffenrüstung Gottes an, damit ihr standhalten könnte gegen die listigen Anschläge des Teufels, 12 denn unser Kampf richtet sich gegen die Mächte, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Regionen. 14 So steht nun, eure Lenden umgürtet mit der Wahrheit und angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit, 15 die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens, 16 nicht des Krieges, um darin alle feurigen Geschosse des Bösen auszulöschen, 18 durch Gebet zum rechten Zeitpunkt, 19 dass das rechte Wort gegeben werde, sooft sich der Mund auftue, freimütig das Geheimnis des Evangeliums bekannt zu machen, 20 in Ketten, damit ich in ihm freimütig rede. 830 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="831"?> An die Kolosser Die Kolosser sind ebenfalls Asiaten, genau wie die Laodizäer. Doch auch wenn sie von Falschaposteln erreicht worden sind, während der Apostel sie selbst noch nicht erreicht hatte, auch diese korrigiert er durch einen Brief. Denn sie hatten das Wort von Archippus gehört, der auch den Dienst für sie übernommen hatte. Darum schreibt ihnen der Apostel, obwohl er bereits gefangen war, von Ephesus aus. 1,1 Paulus, Apostel Christi Jesu, 2 an die in Kolossä, Gnade und Friede von Gott, unserm Vater, 5 wegen der Hoffnung, die bereitliegt im Himmel, von der ihr gehört habt durch das Wort der Wahrheit des Evangeliums, 6 das zu euch gekommen ist, wie es auch in der ganzen Welt ist. 15 Es ist Bild des unsichtbaren Gottes, 17 und es ist vor allem. 19 In sich wollte es die ganze Fülle wohnen lassen, 20 und alles mit sich versöhnen, indem es Frieden machte durch das Blut seines Kreuzes. 21 Auch euch, die ihr einst entfremdet und feindlich gesinnt wart in bösen Werken 22 hat es nun aber versöhnt in seinem Leib durch den Tod. 24 Ich erfülle, was noch fehlt von den Bedrängnissen Christi im Fleisch für seinen Leib, der die Kirche ist. 2,4 Dies sage ich, damit euch niemand betrüge mit verführerischen Reden 8 der Philosophie und mit leerem Betrug einfängt gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß den Grundsätzen der Elementarmächte der Welt! 13 Gott hat euch mit ihm zusammen lebendig gemacht und verzeiht uns die Übertretungen. 16 So lasst euch von niemand richten sei es wegen Speise sei es wegen Trank oder wegen eines Festes, ob Neumond oder Sabbate, 17 die nur ein Schatten der künftigen Dinge sind, der Körper aber ist Christus. 18 Lasst euch von niemand um den Kampfpreis bringen, indem er Demut und Engelverehrung vorgibt, sich in das vertieft, was er nicht gesehen hat. 19 Er hält nicht fest am Haupt. 20 Warum lasst ihr euch auferlegen: 21 Rühre nicht an, koste nicht! 22 Gebote und Lehren der Menschen sind es. 23 Diese Dinge haben zwar einen Anschein von Weisheit in selbstgewähltem Gottesdienst und Demut und Nichtschonen des Leibes, sind aber von keinem Wert zur Befriedigung des Fleisches. 3,3 Unser Leben ist nämlich verborgen mit Christus in Gott. 4 Wenn aber Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werden auch wir mit Christus in Gott offenbar werden in Herrlichkeit, 9 denn ihr habt den alten Menschen ausgezogen 10 und habt den neuen Menschen angezogen. An die Kolosser 831 <?page no="832"?> An die Philipper Die Philipper selbst sind Makedonier. Nachdem sie einst das Wort der Wahr‐ heit angenommen hatten, verharrten sie im Glauben und empfingen keine Falschapostel. Dies lobt der Apostel, indem er ihnen durch Epaphroditus vom Gefängnis in Rom aus schreibt. 1,1 Paulus, Apostel Christi Jesu, an alle in Philippi. 2 Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus! 12 Brüder und Schwestern, ich will euch wissen lassen, dass meine Lage sich weiter zum Fortschritt des Evangeliums entwickelt hat, 14 sodass die durch meine Fesseln Ermutigten es desto kühner wagen, das Wort ohne Furcht zu reden. 15 Einige zwar predigen Christus auch aus Neid und Streit, andere aber aus guter Gesinnung. 16 Viele verkünden Christus aus Liebe, 17 andere aber aus Eigennutz, nicht lauter. 18 Jedenfalls wird Christus verkündigt, sei es aus Vorwand oder in Wahrheit, und darüber freue ich mich. 23 Ich habe das Verlangen, zurückzukommen und bei Christus zu sein, 2,6 der in der Gestalt Gottes war, es aber nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein, 7 sondern sich selbst entäußerte und die Gestalt eines Sklaven annahm in der Ähnlichkeit und dem Äußeren des Menschen, erfunden ein Mensch. 8 Er erniedrigte sich und wurde gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz. 3,3 Wir sind die Beschneidung, die sich rühmen im Fleisch, 5 beschnitten, vom Stamm Benjamin, Hebräer von Hebräern, ein Pharisäer. 7 Was mir ein Gewinn war, das habe ich um Christus willen für Verlust gehalten 8 um der Erkenntnis Christi, die alles überragt, und halte es für Dreck, 9 indem ich nicht meine eigene Gerechtigkeit haben will, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch ihn, diejenige, die aus Gott hervorgeht. 20 Denn unser Bürgerrecht ist in den Himmeln, von woher wir Christus erwarten, 21 der den Leib unserer Niedrigkeit umgestalten wird in die Gleichgestalt seines verherrlichten Leibes. An Philemon Er verfasst freundschaftliche Worte an Philemon bezüglich seines Dieners Onesimus. Doch er schreibt ihm von Rom aus dem Gefängnis. 1,1 Paulus, Gefangener Christi Jesu, an Philemon. 3 Gnade und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus! 9 Um der Liebe willen 10 bitte ich dich für mein Kind, das ich gezeugt habe in meinen Fesseln, Onesimus, 11 der dir einst unnütz war, jetzt aber ist er mir nützlich, 12 den ich wieder zurückschicke. 13 Ich wollte ihn bei mir behalten, 832 Appendix 2: Die Übersetzung der ältesten Sammlung paulinischer Briefe <?page no="833"?> damit er mir an deiner Stelle diene in den Fesseln des Evangeliums. 15 Vielleicht wurde er nämlich deshalb eine Zeit von dir getrennt, damit du ihn auf ewig zurückhättest. 22 Bereite eine Herberge für mich, denn ich hoffe, dass ich durch eure Gebete euch geschenkt werde. An Philemon 833 <?page no="835"?> Appendix 3: Addenda et Corrigenda Concordance of the Precanonical and Canonical New Testament Aufgrund der vorliegenden Rekonstruktion sich ergebende Änderungen, Er‐ gänzungen und Korrekturen der in TANZ veröffentlichten Concordance of the Precanonical and Canonical New Testament: Ἀαρών In row four instead of Heb 5: 14 read: Heb 5: 4 *ἀγαπάω Third row, add: *Laod 1: 6 *ἁγιασμός In third row, add: *1 Thes 4: 7 *ἀγνοέω In third row, add: *Rom 10: 3 ἄζυμος (as the feast) Differentiate between the feast and the adjective, for the feast in the second row: 7; in the fourth row: for example in Lk 22: 7, where we find in the parallel verse in *Ev τοῦ πάσχα, and overall in Mt 26: 17; Mk 14: 1, 12; Lk 22: 1, 7; Acts 12: 3; 20: 6 *ἄζυμος (as adjective) For the adjective in the second row: 2, in the third row: *1 Cor 5: 7, 8; in the fourth row: 1 Cor 5: 7, 8 αἰνέω In row four instead of Acts 2: 47; 38: 9 read: Acts 2: 47; 3: 8, 9 αἰτία In row four after Lk 8: 47; insert: Joh αἰτίωμα This entry ended up in the Concordance twice - delete the first one *αἰών Third row, add: *Gal 1: 4 *ἀκούω Third row, add: *Col 1: 5 ἀλαλάζω Add this lemma; second row, add: 2; fourth row add: Mk 5: 38; 1 Cor 13: 1 ἀναλαμβάνω Fourth row, change Mt for Mk *ἀλήθεια Third row instead of *Gal 2: 15 write: *Gal 2: 14; to *Laod 1: 13 and add; *6: 14; *Phil 1: 18; *Col 1: 5; *2 Thes 2: 10, 11, 12 *ἀλληγορέω Should be noted with * and also noted in the third row for *Gal 4: 24 *ἁμαρτία In third row, add: *Gal 1: 4 *ἀναβαίνω Add to the third row: *Laod 4: 10 <?page no="836"?> ἀναπαύω Fourth row instead of 2 Cor 7: 13; 16: 18 read: 1 Cor 16: 18; 2 Cor 7: 13 *ἀνάστασις In third row, add: *1 Cor 15: 1 *ἀνόητος This lemma should be bold; third row, add: *Gal 3: 1 *ἀπείθεια This lemma should carry a *; third row, add: *Laod 2: 2 *ἀπέρχομαι Row three instead of 22: 7 read 22: 8; fourth row after „and in“ add: Gal 1: 17 and; and at the end add: and overall Mt 2: 22; 4: 24; 5: 30; 8: 18, 19, 21, 31, 32, 33; 9: 7; 10: 5; 13: 25, 28, 46; 14: 15, 16, 25; 16: 4, 21; 18: 30; 19: 22; 20: 5; 21: 29, 30; 22: 5, 22; 25: 10, 18, 25, 46; 26: 36, 42, 44; 27: 5, 60; 28: 8, 10; Mk 1: 20, 35, 42; 3: 13; 5: 17, 20, 24; 6: 28, 32, 36, 37, 46; 7: 24, 30; 8: 13; 9: 43; 10: 22; 11: 4; 12: 12; 14: 10, 12, 39; 16: 13; Lk 1: 23, 38; 2: 15; 5: 13, 14, 25; 7: 24; 8: 31, 37, 39; 9: 12, 57, 59, 60; 10: 30; 17: 23; 19: 32; 22: 4, 13; 23: 33; 24: 12, 24; Jn 4: 3, 8, 28, 43, 47; 5: 15; 6: 1, 22, 66, 68; 7: 53; 9: 7, 11; 10: 40; 11: 28, 46, 54; 12: 19, 36; 16: 7; 18: 6; 20: 10; Acts 4: 15; 5: 26; 9: 17; 10: 7; 16: 39; 23: 32; 28: 29; Rom 15: 28; Gal 1: 17; Jas 1: 24; Jud 1: 17; Rev 9: 12; 10: 9; 11: 14; 12: 17; 16: 2; 18: 14; 21: 1, 4 ἀποδείκνυμι Should be noted without *, third row take off: *2 Cor 2: 4 ἀποκαταλλάσσω Third row instead of Col 1: 20 read: Col 1: 20, 22 and fourth row instead of Col 1: 20, 21 read: Col 1: 20, 22 *ἀπολαμβάνω The lemma should carry an *, third row, add: *1 Cor 15: 38 Ἀπολλῶς The lemma should not carry an * and the third row should be empty *ἀπολογέομαι Should be noted with * and add to the third row: -*Ev 21: 14 (Tertullian: responderi) *ἀπόστολος Third row, take off *Gal 1: 17, but add *1 Cor 12: 28 *ἄρα Third row, add: *Gal 6: 10 *ἀρχή Row three delete: *Col 1: 16; fourth row instead of Lk 1: 21 read: Lk 1: 2 Ἄρχιππος Fourth row, instead of Phlm 4: 2, write Phlm 1: 2 *ἄφοβος This lemma should carry an *; third row, add: *Phil 1: 14 *ἀφορίζω Should be noted with * and add to the third row: *Gal 1: 15 *βαπτίζω The lemma should be bold; third row add: *1 Cor 15: 29 (in the sense of cleansing) *βάπτισμα Fourth row, instead of Col 2: 2 read: Col 2: 12 *βασιλεύω Third row add: *Rom 5: 21 836 Appendix 3 <?page no="837"?> *βασκαίνω This lemma should carry an *; third row, add: *Gal 3,1 *βρῶμα The lemma should not be bold, third row take off: *Ev 9: 13 *Γαλάται This lemma should carry an *; third row, add: *Gal 1: 2; 3: 1 *γάμος This lemma should be bold, third row add: *1Kor 7: 1 *γνωρίζω Third row to *Laod 3: 10 add: ; 6: 19 γογγύζω Should not be noted with * and take off in the third row: * 1 Cor 10: 10 *δέομαι Add this lemma, in third row, write: *Ev 9: 40, in fourth row, write: in Lk 5: 12, where this part of the verse in *Ev is missing; 8,38; 22,32, in verses that are missing in *Ev; and overall in Mt 9: 38; Lk 5: 12; 8: 28; 8: 38; 9: 38, 40; 10: 2; 21: 36; 22: 32; Acts 4: 31; 8: 22, 24, 34; 10: 2; 17: 25; 21: 39; 26: 3; Rom 1: 10; 2 Cor 5: 20; 8: 4; 10: 2; Gal 4: 12; 1 Thes 3: 10 Δημᾶς Fourth row, instead of Col 4: 4, write: Col 4: 14 δειπνέω Fourth row, instead of Lk-… 22: 20, 46, write: Lk-… 22: 20 *δεσμός Third row, take off: *Phil 1: 13 διαλέγω Fourth row, instead of Acts 17: 2, 7, write: Acts 17: 2, 17 *διαθήκη In row three, add: *2 Cor 3: 3 *διδάσκω In third row, delete: *Ev 4: 31; 20: 1, 21 διδαχή Should not be noted with *; third row take off the entry *δίδωμι In third row, add: *Gal 1: 4 *δικαιοσύνη Third row, add: *Laod 6: 14 διακρίνω Fourth row, add: Mt 16,3; 21,21; Mk 11,23 *διώκω Third row, instead of *Gal 6: 21, write: *Gal 6: 12 *ἑαυτοῦ In third row, add: *Gal 1: 4 *ἔθνος Third row, instead of *Gal 2: 9, write: *Gal 1: 16; 2: 9 *εἰδωλόθυτος Third row, instead of *1 Cor 8: 1, write: *1 Cor 8: 4 • ἐστε/ ἔστε Third row, add: 1 Cor 10: 7; Rom 12: 16 *ἐκ Third row, add: *Gal 1: 4 *ἕκαστος Third row, take off: *1 Cor 3: 13 *ἐκγαμίζω The lemma should not be bold; in row three take off: *1 Cor 7: 38 Appendix 3 837 <?page no="838"?> *ἐκμυκτηρίζω Third row, instead of * Lk, write: *Ev *ἐκδίκησις Third row, take off: *Rom 12,19 *ἐλευθερόω The lemma should carry an *; in row three add: *Gal 5: 1; in row four add: Gal 5: 1 *ἐνδύω Third row, add: *Col 3: 10 *ἐνέργεια Third row, take off: *Laod 1: 19 *ἐνίστημι Third row, add: *Gal 1: 4 *ἐνοικέω Should be noted with * and add to the third row: *1 Cor 3: 16 ἐντροπή The lemma should not carry an *; third row take off: *1 Cor 15: 34 *ἐνώπιος The lemma should not be bold, in third row take off: *1 Cor 1: 29; *Ev 16: 15 *ἐξαιρέω The lemma should carry an *, third row add: *Gal 1: 4 *ἐξαπατάω The lemma should carry an *, third row add: *Rom 7: 11 *ἐξεγείρω The lemma should carry an *, third row add: *1 Cor 6: 13 *ἔξειμι The lemma should carry an *, third row add: *2 Cor 12: 4, fourth row add: 2 Cor 12: 4 *ἐπίγειος Add this lemma; second row: 7; third row: *1 Cor 15: 40; *2 Cor 5: 1; fourth row: Jn 3: 12; 1 Cor 15: 40; 2 Cor 5: 1; Phil 2: 10; 3: 19; Jam 3: 15 ἐπίσταμαι Fourth row in Acts, instead of 2: 26, write: 26: 26; instead of Jas 4: 4, write: Jas 4: 14 *ἐριθεία Add in fourth row: Rom 2,8; Phil 2: 3 *ἔστω In row two write: 14 instead of 13; in row three, write: *Gal 1: 9 instead of *Gal 1: 8 *ἔσχατος In row three, take off: *1 Cor 4: 9 *εὐαγγελίζομαι In row three instead of *Gal 1: 9 write: *Gal 1: 9, 16 *εὐδοκέω In row three add: *Gal 1: 15 *εὐλογία The lemma should carry an *; third row, add: *Gal 3: 14 *εὐχαριστέω The lemma should carry an *; third row, add: *Ev 10,21; fourth row instead of Phil 1: 3, 4Col 1: 3, write: Phil 1: 3, 4; Col 1: 3 *εὐωδία This lemma should carry an *; third row, add: *Laod 5: 2 *ζάω Third row, add: *Gal 3: 12 838 Appendix 3 <?page no="839"?> *ζωοποιέω Third row, add: *1 Cor 15: 36 *ἤ Third row, delete: *1 Cor 9: 8; Rom 11: 34 *θώραξ This lemma should carry an *; third row, add: *Laod 6: 14 ἰάομαι Fourth row amongst Lk delete: 12: 40 and change Lk 6: 17 to Lk 6: 18 *ἱερόθυτος Add in third row: *1 Cor 10: 19 Ἰλλυρικόν Instead of the lemma Ἰλλυριοί, write: Ἰλλυρικόν *Ἰουδαῖος Add to third row: *1 Cor 15: 20; *Rom 2: 29 *Ἰουδαϊσμός Should be noted with * and add to the third row: *Gal 1: 13, 14 *καθίζω In third row, delete: *1 Cor 6: 4 *καινός In third row, add: *2 Cor 3: 3 *καιρός In third row, add: *Laod 1: 10 *κακός Add to third row: *2 Cor 5: 10 *καλέω No longer bold, as in row 3 one has to take off: *Gal 1: 6 *καρδία Add to the third row: *1 Cor 4: 5; *Rom 2: 29; *Laod 1: 18 *καταβαίνω This lemma should be bold, third row, add: *Laod 4: 10 *κέντρον In third row, delete: *1Cor 15: 56 *κερδαίνω Should be noted with * and add in third row: *1 Cor 9: 20 *κηρύσσω In third row, delete: *Rom 2: 21, but add: *Phil 1: 15 κινδυνεύω This lemma should not be noted with *. Third row take off both entries *κλέπτω This lemma should be bold, third row, add: *Rom 13: 9 *κληρονομέω Add to the third row: *Ev 10: 25 (? ); 18: 18 (? ); *κληρονομία Fourth row, add: Rom 11: 1 *κλῆσις This lemma should carry a *; third row, add: *Laod 1: 18 κοινωνία Change 2 Cor 13: 14 to: 2 Cor 13: 13 *κρίνω Third row: correct *1 Cor 11: 31 to: *1 Cor 11: 32 *κρύπτω This lemma should be printed in bold. Third row, add: *Kol 3: 3 *κτάομαι Add to the fourth row: 1 Thes 4: 4 *κύριος In third row, take off: *1 Cor 1: 31; 11: 23; *1 Thes 4: 15 Appendix 3 839 <?page no="840"?> *λαλέω In third row, add: *Laod 5: 19 μακροθυμία In fourth row instead of 2 Pet 3: 15. 20, read: 1 Pet 3: 20; 2 Pet 3: 15 *μανθάνω Add to third row: 1 Cor 14: 35 μαρτυρέω This lemma should not be noted with *; third row, take off: *Rom 10: 2 μάχαιρα This lemma should not be noted with *; third row, take off: *Laod 6: 17 *μέσος This lemma should be printed in bold. Third row, add: *1 Cor 5: 2 μετάνοια In fourth row, first line, delete the entry of Lk 2: 17 *μετατίθημι This lemma should carry an *; third row, add: *Gal 1: 6 μήν (really) Add this lemma, in two add: 1, in fourth row: Heb 6: 14 *μήν (month) Replace the old lemma μήν with this one; in row two add: 18; in row three, add: *Gal 4,10; in row four add: Lk 1: 24, 26, 36, 56; 4: 25, in verses that are missing in *Ev, and overall in Lk 1: 24, 26, 36, 56; 4: 25; Acts 7: 20; 18: 11; 19: 8; 20: 3; 28: 11; Gal 4: 10; Jas 5: 17; Rev 9: 5, 10, 15; 11: 2; 13: 5; 22: 2 *μισέω Third row, add: *Rom 12: 9 *μνημονεύω Third row, add: *Laod 2: 11 *μοιχεύω This lemma should be bold: Third row, add: *Rom 13: 9 *μυστήριον Third row, add: *Laod 6: 19 *ναός Third row, add: *1 Cor 6: 13 *νῖκος Third row, add: *1 Cor 15: 54 *ὀλέθριος Add this lemma, third row, add: *2 Thes 1: 9 *ὄλεθρος Third row, delete: *2 Thes 1: 9 *ὅπως In third row, add: *Gal 1: 4 *ὀσμή This lemma should carry an *, third row, add: *Laod 5: 2 *οὐράνιος This lemma should carry an *, third row, add: *1 Cor 15: 47 *οὐρανός this entry ended up in the Concordance twice - the second is the correct one, though one-might never have enough „heavens“ in any project *ὀφθαλμός Third row, add: *Laod 1: 18 *παιδίσκη In third row, instead of *Gal 4: 22. 30 write: *Gal 4: 22. 23. 30 840 Appendix 3 <?page no="841"?> *πάλιν This lemma should carry an *, third row, add: *1 Cor 3: 20 παντός (neut. Gen. Sg.) Should be noted with *. In first row, take off: mask.; add to third row: *Laod 1: 21; fourth row, take off: Mt 13: 19; Lk 8: 47; 20: 45; 24: 19; Acts 13: 10; 1 Cor 11: 3; 2 Cor 7: 1; 2 Thes 3: 6; Jud 1: 25 παντός (mask. Gen. Sg.) Add this new lemma; fourth row, add: Mt 13: 19; Lk 8: 47; 20: 45; 24: 19; Acts 13: 10; 1 Cor 11: 3; 2 Cor 7: 1; 2 Thes 3: 6; Jud 1: 25 περικεφάλαιος This lemma should not carry an *; third row, delete: *Laod 6: 17 * πληρόω In third row, take off: *Gal 5: 3 *πλήσιος In third row, add: *Rom 13: 9 *ποιέω In third row, add: *Gal 5: 3 *πόλεμος In fourth row, add: Lk 21: 9 *πονηρός In third row, add: *Gal 1: 4; *Laod 6: 16 πορθέω In fourth row, write instead of Gal 1: 23 write: Gal 1: 13, 23 προορίζω Should not be noted with *, third row, take off: *1 Cor 2: 7 *προφήτης Fourth row, instead of Mt 1: 2, write: Mk 1: 2 *πυρόω Third row, instead of *Laod 6: 15, write: *Laod 6: 16 *ῥῆμα Third row, take off: *Laod 6: 17 *ῥύομαι This lemma should be bold, third row, add: *Rom 7: 24 *Σατάν Third row, add: *2 Thes 2: 9 *σῖτος Schould be noted with *, third row, add: *1 Cor 15: 37 *σοφία In third row, add: *1 Cor 12: 8 *σύμβουλος In third row, add: *1 Cor 2: 16 συνείδησις In fourth row, add: 1 Cor 8: 7 *σῴζω In third row, add: * 1 Cor 9: 22 *σωτήρ This lemma should carry an *; third row, add: *1Thes 5: 23 σωτήριος This lemma should not carry an *; third row, delete: *Laod 6: 17 *τέκνον In third row, add: *1 Cor 4: 14 *τούτῳ Should be noted with * and add to the third row: *Gal 4: 25 *ὑπάρχω In third row, add: *1 Cor 11: 7 *ὑπέρ In third row, add: *Gal 1: 4 Appendix 3 841 <?page no="842"?> *ὑποτάσσω In third row, add: *1 Cor 14: 34 *φεύγω Should be noted with * and add to the third row: *1 Cor 6: 18 *φονεύω This lemma should be bold, third row, add: Rom 13: 9 *φραγμός This lemma should not be bold, third row, delete: *Laod 2: 14. In fourth row, instead of Mk 21: 1, read: Mk 12: 1 *χάρισμα In third row, add: *1 Cor 12: 9 *χαριτόω This lemma should carry a *, third row, add: *Laod 1: 6 *χράω Should be noted with * and add to the third row: *1 Cor 9: 15 *ψαλμός In third row, take off: *1 Cor 14: 26 *ψεύδομαι In third row, instead of *1 Thes 2: 11 write: *2 Thes 2: 11 842 Appendix 3 <?page no="843"?> Bibliographie Aageson, J. W. (2004). “The Pastoral Epistles, Apostolic Authority, and the Development of the Pauline Scriptures.” In: The Pauline Canon. S. E. Porter (ed.) (Leiden): 5-26. Aageson, J. W. (2008). Paul, the Pastoral Epistles, and the Early Church (Peabody, Mass). Achtemeier, P. J. (1986). “An Elusive Unity: Paul, Acts, and the Early Church.” In: The Catholic Biblical Quarterly 48(1), 1-26. Agamben, G. (2015). Die Zeit, die bleibt. Ein Kommentar zum Römerbrief (Frankfurt am Main). Aland, B. 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KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 0939-5199 ISBN 978-3-381-12571-5 (Print) ISBN 978-3-381-12572-2 (ePDF) ISBN 978-3-381-12573-9 (ePub) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="883"?> 9 9 1 11 2 20 3 23 25 0 27 1 28 28 30 30 43 52 70 70 88 103 103 107 121 128 128 146 Inhalt Anhang I -Rekonstruktion: -Der Text der ältesten Sammlung der paulinischen Briefe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Grundlagen und Kriterien der Rekonstruktion . . . . Hinweise zur Textgestaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rekonstruktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Titulus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (Gal) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Titulus und Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,1-2 3 4 [5]: Anschrift und Gruß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,6-9: Der Anlass des Briefes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,[10] 11 12-16 17 [↓18-↓19] [20-24]: Die Berufung zum Apostel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,1 (↓1,18-↓19) 2-5 6 [7-8] 9-10: Das Apostelkonzil in Jerusalem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,11-12 13 14 [15] 16 [17] 18 [19-21]: Die Auseinandersetzung mit Petrus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,1 [2-5]: Aufruf an die Galater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,[6-9] 10-14 [15-18]: Der Freikauf vom Fluch des Gesetzes 3,[19-25] 26 [27-29]: Alle sind Söhne des Glaubens . . . . . . . Kapitel 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4,[1-2]↓3,15 4,3-6 [7] 8-10 [11-20]: Von Sklaven zu Freien . . 4,21 22-24 ↑*Laod 1,21 [25] 26 [27-30] 31: Sklaverei und Freiheit im Gesetz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="884"?> 159 159 175 186 186 2 202 202 202 202 209 212 218 226 232 232 246 246 249 252 267 267 269 280 287 287 300 300 309 318 318 326 Kapitel 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5,1 [2] 3 [4-5] 6 [7-8] 9-10 [11-13]: Freiheit oder Knechtschaft 5,14 [15-18] 19-21 [22-23] 24 [25-26]: Das vom Geist geleitete Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6,[1] 2 [3-5] 6-10 [11] 12-14 [15-16] 17 [18]: Einer trage des anderen Last . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (1Kor) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Titulus und Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,1-3: Anschrift und Gruß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,[4-9]: [Dank an Gott] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,[10-17]: [Mahnung zur Einheit] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,18-23 24 25: Das Kreuz Christi, Kraft und Weisheit Gottes 1,[26] 27-29 [30] 31: Wer sich rühme, rühme sich des Herrn Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,1 [2-3] 4 [5] 6-8 [9-15] 16: Die Weisheit Gottes und der Verstand des Herrn waren verborgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,[1-4]: [Die Unmündigkeit der Gemeinde] . . . . . . . . . . . . . . 3,[5-9]: [Paulus, der Gründer, und Apollos, sein Nachfolger] 3,10-14 [15] 16-22 [23]: Paulus, der Gründer - ob es Nachfolger gibt, etwa Petrus, erweisen deren Werke . . . . . . Kapitel 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4,[1-4]: [Das Urteil über Paulus] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4,5 [6-8] 9 [10-13]: Der Herr wird Licht in das Verborgene bringen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4,14-15 [16-21]: Gruss an diejenigen, die von Paulus stammen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5,1-3 [4] 5 [6] 7-8 [9-10] 11 [12-13]: Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid! . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6,[1-2] 3 [4-11]: Wer soll richten? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6,[12] 13-16 [17] 18-20: Meidet die Unzucht . . . . . . . . . . . . . Kapitel 7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7,1-2 [3-6] 7: Keiner soll eine Frau haben . . . . . . . . . . . . . . . . 7, [8-9] 10-11 [12-16]: Unverheiratete und Verheiratete . . . . 6 Inhalt <?page no="885"?> 332 336 349 349 361 361 385 385 398 412 412 423 438 438 446 459 459 467 467 481 500 500 526 553 553 3 563 563 7,[17-24]: [Lebensstand und Berufung] . . . . . . . . . . . . . . . . . 7,[25-28] 29 [30-38] 39 [40]: Die Zeit ist kurz . . . . . . . . . . . . Kapitel 8 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8,[1-3] 4-6 [7-12] 13: Über das Götzen Geopferte . . . . . . . . . Kapitel 9 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9,[1-6] 7-10 [11-13] 14-15 16 [17] 18 [19] 20 [21] 22 [23-27]: Die Rettung aller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 10 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10,1 [2] 3-7 [8] 9 [10] 11: Die Warnung der Schrift vor Götzendienst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10,[12-13] 14 [15-18] 19-20 [21-24] 25 [26-27] 28 [29-30] 31 [32-33]: Meidet das Götzenopfer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 11 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11,[1-2] 3 4 5 [6] 7-10 11-12 [13-16]: Über Nichtverhüllung und Verhüllung des Hauptes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11,[18] 19 [20-22] 23-25 [26-27] 28 29 [30-34]: Über Parteiungen und Bewährung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 12 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12,1 2 [3] 4 [5-7] 8-10 [11]: Der eine Geist und die vielen Gaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12,12 [13] 14 [15-17] 18 19-20 [21-23] 24 [25-26] 27 28 29 [30] 31: Der Leib ist einer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 13 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13,1 2-4 [5] 6-7 [8-12] 13: Das Größte ist die Liebe . . . . . . . . Kapitel 14 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14,1-2 3-4 [5] 6-7 [8] 9 [10-14] 15 [16] 17 [18] 19: Statt Zungenrede Prophetie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14,[20] 21 21b-c 22 [23] 24-25 [26-29] 30-31 32-33 [34-40]: Keine Zungenrede, aber die Predigt von Frauen . . . . . . . . . . Kapitel 15 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15,1 [2] 3-4 [5-10] 11-12 [13] 14 [15-20] 21-22 [23] 24 25 26 [27] 28: Über die Auferstehung der Toten? . . . . . . . . . . . . . . . 15,29 [30-34] 35-55 [56] 57 [58]: Verschlungen ist der Tod vom Sieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [Kapitel 16] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [16],[1-24]: [Die Geldsammlung und Grüße] . . . . . . . . . . . . . (2Kor) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Titulus und Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="886"?> 564 564 571 579 579 585 590 590 609 609 628 628 646 646 654 654 665 665 675 675 683 683 691 691 701 710 710 717 724 724 Kapitel 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,1 2 3 [4-5] 6 [7] 8 [9-11]: Gruß und Trost . . . . . . . . . . . . . . 1,[12-19] 20 [21-24]: Gott ist das Ja zu allem . . . . . . . . . . . . . Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,[1-13: ] [Mahnungen] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,[14] 15-16 17: Die Kritik des Paulus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,[1] 2 3 [4-5] 6-7 [8-10] 11 [12] 13-16 [17] 18: Die neue Thora des Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4,[1-3] 4-11 [12] 13a [13b-15] 16 17 18: Der Schatz im zerbrechlichen Gefäß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5,1-6 [7] 8 [9] 10 [11-16] 17 [18-21]: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [Kapitel 6] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [6],[1-18]: [Ermahnungen und Selbstempfehlung] . . . . . . . . Kapitel 7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7,1 [2-16]: Aufruf zur Reinigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [Kapitel 8] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [8],[1-24]: [Die Spendenaktion und Titus] . . . . . . . . . . . . . . . [Kapitel 9] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [9],[1-15]: [Aufruf zum großzügigen Spenden] . . . . . . . . . . . [Kapitel 10] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [10],[1-18]: [Der mahnende, strafende, sich durch den Herrn empfehlende Paulus] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 11 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11,[1] 2 [3-12] 13-14 [15]: Reinheit und Transparenz . . . . . . 11,[16-32]: [Prahlen mit Schwachheit] . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 12 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12,[1] 2 [3] 4 [5-6] 7-9: Entrückung und Vollendung der Kraft in der Schwachheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12,[10-21]: [Selbstkritik des Paulus] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 13 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13,1-2 [3-7] 8 [9] 10 [11-13]: Schluss - die Aufforderung aus der Ferne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="887"?> Anhang I Rekonstruktion: Der Text der ältesten Sammlung der paulinischen Briefe Einführung <?page no="889"?> 1 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 1: Untersuchung. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020); M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020). 2 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), 454. 3 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855). 4 W.C. van Manen, Marcion’s brief van Paulus aan de Galatiërs (1887). 5 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892). 1 Grundlagen und Kriterien der Rekonstruktion Der vorliegende Band lehnt sich in Struktur und Anlage möglichst eng an den Rekonstruktionsversuch von M. Klinghardt, „Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien“ an. 1 Naturgemäß macht die *10-Briefe-Sammlung einige Besonderheiten in der Rekonstruktion erforderlich, doch beruhen beide Rekonstruktionen auf der gemeinsamen Grundlage, wonach das vorkanonische *Neue Testament, das die Häresiologen mit dem Namen Markions verbinden, Priorität hat gegenüber der kanonischen Sammlung. Zu den Differenzen zwischen dem hier entwickelten Ansatz und dem, der die Grundlage der Rekonstruktion von *Ev bildet, gibt der Einleitungsband weitere Auskünfte. Die hier vorgelegte Rekonstruktion der *10-Briefe-Sammlung baut wie ihre Vorgängerinnen auf den Ergebnissen der früheren Forschung auf, insbesondere auf dem inzwischen gewachsenen Katalog von Kriterien für die Rekonstruktion. Diese sind in hierarchischer Ordnung - wobei im Einzelfall unter Angabe einer Begründung von ihr abgewichen werden muss - die folgenden vier Kriterien: 1. Die Bezeugung durch die altkirchlichen Häresiologen, die in Einleitung § 5 aufgeführt und diskutiert sind, bildet das Hauptkriterium. Allerdings gilt auch, weil, wie ausgeführt, alle Zeugen kritisch zu lesen sind, diese sich in Einzelfällen öfter widersprechen und manchmal nur ergänzen, dass auch dieses Kriterium, wie alle anderen, immer in der Zusammenschau mit allen weiteren Kriterien genommen werden muss. Wie bereits bei Klinghardts Rekonstruktion von *Ev lassen sich erste Erkenntnisse „hinsichtlich des Umfangs, der Akoluthie und der narrativen Struktur“ der Briefsammlung erkennen. 2 Weder folgt die Rekonstruktion einer optimistischen Einschätzung der Hauptzeugen für die Rekonstruktion des Textes - wie wir sie bei den älteren Markioneditoren finden (Hilgenfeld 3 - van Manen 4 - Zahn 5 - Harnack 6 ), noch <?page no="890"?> 6 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924). 7 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012). 8 P.A. Gramaglia, Ed. Marcione e il Vangelo (di Luca) (2017). Auch wenn Gramaglia in manchen Punkten mit Klinghardt übereinstimmt, etwa, dass *Ev älter als Lk ist, so nimmt er doch eine komplexere Struktur der Genese an, indem er Markion von einer anderen Version des Lk abhängig sein lässt, die der Verfasser von Lk in den Jahren 80-90 abgefasst habe. Seine lexikalisch-syntagmatischen Untersuchungen, auf denen seine Hypothese unter Annahme von Q basiert, ist allerdings dadurch eingeschränkt, dass er zu selten Paulus und schon gar nicht *Paulus mit in diese Untersuchungen einbezogen hat, gerade auf diese Schwachstelle wurde bereits hingewiesen, J. Heilmann, Un conf‐ ronto con Matthias Klinghardt - Neues Buch von P. Gramaglia zum „marcionitischen“ Evangelium (2017). 9 C. Gianotto and A. Nicolotti, Il vangelo di Marcione (2019). Es gibt inzwischen auch einen elektronischen Datenset der Rekonstruktion Klinghardts und Nicolottis, M.G. Bilby, Normalized Datasets of Klinghardt’s and Nicolotti’s Reconstructions of Marcion’s Gospel (2021). 10 M.G. Bilby, The First Gospel, the Gospel of the Poor: A New Reconstruction of Q and Resolution of the Synoptic Problem based on Marcion’s Early Luke (2023). 11 „We can have little confidence that his [Tertullian’s] citations of Marcion’s text have any practical text-critical value, despite his stated intention to reproduce his source accurately“, P. Lorenz, A History of Codex Bezae’s Text in the Gospel of Mark (2022), 112. 12 Man vgl. etwa Beckers Fazit zu den Korintherbriefen: „Welche Textgestalt des 1. und 2. Korintherbriefes Marcion edierte und wie er beide Briefe interpretiert, läßt sich aus dem Zeugnis Tertullians mit einiger Sicherheit nur so weit entnehmen, wie Tertullian explizit darauf hinweist“, E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 109. Diesem kritischen, aber abgewogenen Urteil gegenüber erscheinen die Ausführungen von Lorenz als überspitzt: „In the case of Tertullian, we are faced with almost constant uncertainty as to how much of the transmitted text belongs to Tertullian himself and how much to Marcion’s gospel … There can be little doubt then that Tertullian’s value as a source of Marcion’s text has been grossly overrated, particularly at the level of detail required for text-critical analysis of its underlying readings … neither Roth nor Klinghardt adequately addresses bevorzugen wir den Minimalismus von Schmid, 7 der fast ausschließlich auf Ter‐ tullian und Epiphanius rekurriert (ähnlich für *Ev auch Roth), sondern wägen ab, wie dies auch die neueren Editoren von Markion tun (BeDuhn - Klinghardt - Gramaglia 8 - Nicolotti 9 - Bilby 10 ). Wie Einleitung und Rekonstruktion erweisen, ist auch keine pessimistische Sicht adäquat, die wenig oder kaum Vertrauen in die Zeugen setzt, wonach „diese Zitate von Markions Text keinen praktischen textkritischen Wert besitzen, auch wenn er [Tertullian etwa] ausdrücklich behauptet, seine Quelle präzise wiedergeben zu wollen“ - eine Position, die Lorenz auf den Punkt bringt, 11 auch wenn die selbst kritischen Stimmen in der Vergangenheit erheblich nuancierter waren. 12 12 Einführung <?page no="891"?> the crucial systemic weakness of Tertullian’s testimony, namely, that it exists only in a free version and, hence, can supply us with no direct access to Marcion’s Greek text … It is hard to see then how Tertullian can supply us with any reliable text, given that in Tertullian’s citations we are not dealing with Marcion’s actual readings at all, but with readings inferred from a third, surrogate source pieced together through the Greek apparatus, from witnesses having no well-defined relationship with Marcion’s text“, P. Lorenz, A History of Codex Bezae’s Text in the Gospel of Mark (2022), 112. 115-116. 117. Im Kommentar (jeweils im Abschnitt C.) wird regelmäßig auf die folgenden Werke eingegangen, ohne dass jedesmal mit einer Fußnote auf sie verwiesen wird, um den Kommentar nicht zu überfrachten. Die Angaben sind jedoch leicht zu verfolgen, weil sie in diesen Werken immer in den Bemerkungen zu den entsprechenden Stellen der *10-Paulus-Briefsammlung zu finden sind: • Hilgenfeld, Adolf, „Das Apostolikon Marcion’s“, in: Zeitschrift für die histo‐ rische Theologie 25 (1855), 426-463. • van Manen, W.C., „Marcions brief van Paulus aan de Galatiërs“, in: Theolo‐ gisch Tijdschrift 21 (1887), 405-533. • Zahn, Theodor, Geschichte des neutestamentlichen Kanons, Zweiter Band: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (Erlangen und Leipzig, 1892). • Harnack, Adolf von, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott (Leipzig, 1924), 67*-127* • Schmid, Ulrich, Marcion und sein Apostolos, Arbeiten zur neutestamentli‐ chen Textforschung 25 (Berlin, New York, 2012), I/ 315-/ 344. • BeDuhn, Jason David, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (Salem, 2013). 2. Die handschriftliche Bezeugung der kanonischen Tradition ist das nächste Kri‐ terium. Dabei gilt, dass aus den etwa 800 Handschriften für die 14-Briefe-Samm‐ lung, wie in § 6 gezeigt, insbesondere die bilingualen Zeugen, und zwar 010, 012 stärker als 06 und stärker als die von 06 abhängigen Zeugen 0319 und 0320 zu gewichten sind. Insgesamt stellt die Rekonstruktion der vorkanonischen Sammlung der *10-Briefe-Sammlung die Forschung entgegen der im Kommentar zitierten Meinung Hilgenfelds vor eine größere Herausforderung als etwa die bereits nicht wenig komplexe Rekonstruktion von *Ev. Dies hängt vor allem an der weitaus geringeren Zahl der handschriftlichen Varianten in der kanonischen Tradition, die etwa gerade für M. Klinghardt nicht das erste, aber als ein stark gewichtetes Kriterium für die Rekonstruktion von *Ev galt. Textvarianten in den Handschriftenzeugen bieten wichtige Hinweise für die Differenzierung 1 Grundlagen und Kriterien der Rekonstruktion 13 <?page no="892"?> 13 Vgl. M. Klinghardt, The Oldest Gospel and the Formation of the Canonical Gospels (2021), 79-94. 14 K. Aland, Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die wissenschaftlichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik (1982), 297. 15 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 152*; M. Klinghardt, The Oldest Gospel and the Formation of the Canonical Gospels (2021), 73. 16 C.S. Stevens, History of the Pauline corpus in texts, transmissions and trajectories. A textual analysis of manuscripts from the second to the fifth century (2020). 17 So ibid. 73, 261. Vgl. A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020). Auf das Thema dieser beiden Schlusskapitel des kanonischen Römerbriefes wird weiter unten näher eingegangen, vgl. xxx. zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Textgestalt, 13 weil solche Varianten „die Funktion eines Seismographen [erfüllen], der umso gewaltiger ausschlägt, je gewaltiger das Erdbeben“, wie Kurt Aland es in den Vergleich gebracht hat, wobei er die doppelte Einsicht anschließt: „1. Wird in die Überlieferung des neutestamentlichen Textes gewaltsam eingegriffen, laufen die Lesarten auseinander wie eine Hühnerschar, in die ein Habicht oder auch nur ein Hund einfällt, und 2. hartnäckig hält die Überlieferung des neutestamentlichen Textes fest, was in ihr einmal existiert hat, und sei es auch um den Preis der Produktion von Unsinn.“ 14 Varianten in den Textzeugen spielen also eine gewichtige Rolle bei der Erken‐ nung von redaktionellen Änderungen, die über Verschreibungen hinausgehen. Auch in den Paulusbriefen sind solche nicht inexistent. Auf sie wurde bereits von Harnack hingewiesen, 15 und sie wurden kürzlich auf der Basis der verfügbaren Handschriften zu den paulinischen Briefen aus der Zeit vor dem 6. Jh. zusam‐ mengestellt. 16 Aus dieser Zusammenstellung zeigt sich etwa, dass die letzten Kapitel des Römerbriefes (untersucht wurden von Stevens die Kapitel 14-16 im Vergleich zu 1-13) fast die doppelte Menge an Textabweichungen aufweisen als die ersten dreizehn Kapitel, was Goldmanns Annahme, die Kapitel 15 und 16 seien erst später dem Römerbrief hinzugefügt worden, stützt. 17 Schwierig sind die Fälle, bei denen Textvarianten vom Text, der durch die im Kriterium zuvor beschriebenen Zeugen bezeugt wird, abweichen oder diesem widersprechen. Bereits Klinghardt hat zu Recht wiederholt auf die Grundregel verwiesen, dass in solchen Fällen „die am weitesten vom Mehrheitstext entfernte Fassung mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den ältesten, vorkanonischen Text bietet“. 18 14 Einführung <?page no="893"?> 18 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 615. 19 Vgl. bereits den Hinweis: „… dalle analisi lessicali (a cui però Matthias Klinghardt non ricorre in modo sistematico),“ P. A. Gramaglia, Ed. Marcione e il Vangelo (di Luca) (2017), ix-x. 20 Die Seitenangaben beziehen sich auf M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020). 3. Das Kriterium von Profil und Sprache der *10-Briefe-Sammlung ist gegenüber den früheren Editionen (und auch gegenüber der Rekonstruktion von *Ev durch die Editoren) neu hinzugewonnen, auch wenn es M. Klinghardt bereits in An‐ sätzen bei seiner Rekonstruktion des vorkanonischen Evangeliums verwendet hat und welches Gramaglia besonders betont. 19 Klinghardt waren bereits typische Ausdrücke und Wendungen der kanonischen Redaktion aufgefallen: 20 „ἀναβαίνων“ ist „typisch lk und deswegen der Redaktion verdächtig“. (1079) „Die Formulierung αὐτῇ τῇ ὥρᾳ ist typisch lk“. (1292) „Die Kombination διδάσκειν καὶ εὐαγγελίζεσθαι ist typisch lk“. (1094) „δοξάζειν τὸν θεόν“ ist als „Wendung ‚typisch lk‘“. (1246) „καὶ ἐγένετο“ ist „typisch lk“. (1079) „typisch lk Eingangsphrase ἐγένετο δὲ ἐν + Datierung + A.c.I.“ (604) „Die Formulierung καὶ ἐγένετο ἐν μιᾷ τῶν ἡμερῶν διδάσκοντος … klingt typisch ‚lukanisch‘“. (1093) „Die Ersetzung von ὁ Ἰησοῦς durch auktoriales ὁ κύριος in Lk 11,39 ist eines der typischen Merkmale der lk Redaktion und taucht verschiedentlich auf “. (883) „die komprehensive Verwendung von Ἰουδαία als Bezeichnung des gesamten von Juden bewohnten Landes in Palästina (ist) eine typisch lk Wendung“. (559) „Ein typischer und für die lk Redaktion in hohem Maß aufschlussreicher ‚Lukanismus‘ liegt dagegen in der Bezeichnung Jesus als κύριος durch die Erzählstimme vor“. (663) „absolutes ὁ κύριος; οἱ ἀπόστολοι; προστίθημι“ als „typisch lk Elemente“. (1019) „Der Imperativ ποιεῖτε-… ὁμοίως ist typisch lk“. (640) „σκιρτήσατε“ als „typisch lk“. (629) „tota iudaea et omnis regio“ bzw. „omnis regio“ gilt als „typisch lk Wendung“. (668) „Die Einfügung von εἰς μετάνοιαν in Mt 9,13 und Lk 5,32 ist … eine typische Ergänzung der kanonischen Ausgabe“. (582) „Die Vorstellung, dass die Weisheit als prophetisches Medium dient (das dann eben auch ‚gerechtfertigt‘ werden kann), ist typisch lk und taucht in einem ebenfalls red. Text wieder auf (Lk 11,49)“. (679) 1 Grundlagen und Kriterien der Rekonstruktion 15 <?page no="894"?> Außerdem waren Klinghardt bereits weitere sprachliche Tendenzen der kano‐ nischen Redaktion aufgefallen: Die „Aktualisierung der deuteronomistischen Prophetenmordtradition, wie sie für die lk Redaktion typisch ist-…“ (888) Inkongruenz: Die konsekutive Verwendung von ἔμπροσθεν und ἐνώπιον als „Inkon‐ gruenz-… ein vergleichsweise typisches Phänomen bei der Redaktion“. (900) Redaktionelle „Unachtsamkeit“. (983) „Überladene Formulierung πῶς ἢ τί ἀπολογήσησθε ἢ τί εἴπητε - ein ganz typisches Phänomen bei der redaktionellen Zusammenführung mehrerer Texte“. (902) Wie in § 7 erarbeitet, besitzt die *10-Briefe-Sammlung eine Reihe von charak‐ teristischen Merkmalen, in denen sie sich von den Mehrtexten bzw. Textverän‐ derungen durch die kanonische Redaktion unterscheidet. Wie in § 8 weiter entwickelt, betrifft dieses Profil nicht nur die *10-Briefe-Sammlung, sondern auch *Ev, das in Markions *Neuem Testament stand. Dieses Kritierum ist hilfreich bei der Prüfung der altkirchlichen Häresi‐ ologen, insbesondere dann, wenn diese sich widersprechen bzw. wenn kein Zeugnis eines der altkirchlichen Zeugen zu Versen oder ganzen Passagen vorliegt. Im letzteren Fall, also für unbezeugte Verse, gilt, dass ein oder zwei Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen, aus einer fehlenden Bezeugung, die gewöhnlicherweise zu einem non liquet führen müsste, die Abwesenheit eines Verses wahrscheinlich macht. Liegen drei oder vier solcher Elemente vor, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der Abwesenheit eines Verses; liegen mehr als vier Elemente vor, wird man von der Abwesenheit eines Verses ausgehen müssen. Gleichwohl ist auch diese Einschätzung im Kontext einer Passage zu sehen, so dass im seltenen Einzelfall ein Vers, der nur ein oder zwei Elemente ausweist, dennoch als abwesend betrachtet werden kann, wenn er in einen Kontext eingebunden ist, der insgesamt eine hohe Anzahl an ausschließlich kanonischen Elementen aufweist. Solche Verse sind jedoch genau zu prüfen, da Verse, die nur ein oder zwei solcher Elemente aufweisen, durchaus innerhalb einer ansonsten abwesenden Passage gerade solche vorkanonische Verse sein könnten, um die herum die kanonische Redaktion eine Passage gebaut hat. Hier gilt zusätzlich das unter 4. aufgeführte Kriterium der argumentativen, narrativen und grammatischen Kontextualisierung. Wenn der vorkanonisch letztbezeugte und nächstbezeugte Vers eines überbrückenden Verses bedarf oder ein solcher Vers kontextuell sinnvoll erscheint, erhöht sich die Wahrscheinlich‐ keit von dessen Präsenz. Wenn er mit kontextuellen Bezügen gänzlich in die ansonsten als abwesend zu bewertende Passage eingebunden ist, wird auch er 16 Einführung <?page no="895"?> 21 Vgl. M. Vinzent, Concordance to the Precanonical and Canonical New Testament (2023). Da diese Konkordanz auf den älteren Rekonstruktionen aufbaut - auch um die Forschung nicht in einen Zirkel zu führen, wonach eine solche Konkordanz auf meiner hier vorgelegten Rekonstruktion bereits basiert - wird im Appendix zu der vorliegenden Rekonstruktion eine Tabelle angefügt, die Addenda (und Corrigenda) anführt, die sich aus dieser Rekonstruktion nun nahelegen. als abwesend zu beurteilen sein. Für eine Entscheidung hilft dann, was in § 8 als Charakteristika für *Ap und *Ev erarbeitet wurde; außerdem lassen sich solche Verse mit den in §§ 9-11 vorgeführten Charakteristika der kanonischen Redaktion kontrastieren. Um diesem Kriterium gerecht zu werden, wird für den gesamten Text (unbe‐ zeugt und bezeugt) der *10-Briefe-Sammlung das Sprachmaterial möglichst um‐ fangreich untersucht und in einem Kommentarteil zu jedem Vers in Abschnitt D. dokumentiert. Begriffe werden, meist wenn sie erstmals in der Paulussammlung des Markion begegnen, auf der Grundlage der von mir erstellten Konkordanz 21 mit der Anzahl ihres Auftretens geprüft und aufgegliedert nach ihrer Bezeugung für die vorkanonische und kanonische Ebene. Dabei wird insbesondere ein Augenmerk auf die kleinen Worte gerichtet. Sodann werden auch Wortkombi‐ nation auf ihre vorkanonische und kanonische Präsenz gesichtet. Allerdings ist hier eine Vollständigkeit weder sinnvoll noch möglich, da eine solche erst einer computerbasierten Auswertung des rekonstruierten vorkanonischen Textes und seines Vergleichs mit dem kanonischen Text vorbehalten bleiben muss. Gleichwohl, wie die Einleitung zeigt, ist der händisch bearbeitete und zusätzlich computergestützte lexikalische Vergleich bereits höchst aufschlussreich. 4. Das Kriterium der argumentativen, narrativen und grammatischen Kontextuali‐ sierung. Wie in 3. bereits ausgeführt, gilt, dass wir es in der *10-Briefe-Sammlung mit vollständigen Brieftexten zu tun haben, nicht mit Fragmentstücken. Die Briefe hatten eine fortlaufende, argumentativ und narrativ voranschreitende Struktur. Innerhalb der Sammlung waren die zehn Briefe redaktionell zusam‐ mengebunden. Die durch die altkirchlichen Häresiologen bezeugten Stellen sollten darum nicht wie bei einem Schweizer Käse mit Löchern geboten werden, sondern die Rekonstruktion steht vor der Herausforderung, die bereits M. Klinghardt für *Ev und J. BeDuhn für *Ev und *Ap zu meistern versucht haben, einen möglichst sinnvollen Text der Briefe zu bieten, der zugleich eine gewisse Wahrscheinlichkeit auf vorkanonische Präsenz bietet. An den wenigen Stellen, an denen die Bezeugung zu lückenhaft ist, wird auf fehlenden Text mit Auslassungszeichen (…) hingewiesen. Um bei der Rekonstruktion nicht dem Vorwurf Vorschub zu leisten, sie würde einen Text der vorkanonischen paulinischen Briefsammlung erstellen, 1 Grundlagen und Kriterien der Rekonstruktion 17 <?page no="896"?> 22 Vgl. D.T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (2015). Zu Roths Rekonstruktion von *Ev liegt nun ein elektronisches Datenfile vor, M.G. Bilby, Normalized Datasets of Roth’s Reconstruction of Marcion’s Gospel (2021). 23 Vgl. zu solchen, theologisch geleiteten Rekonstruktionsversuchen weiter oben xxx. 24 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 527. der zu einer bereits vorausgesetzten Interpretation passe, und auch, weil die Aufgabe der Rekonstruktion eine genuin philologische und textkritische ist, werden, Roth und Klinghardt bei ihrer Rekonstruktion von *Ev folgend, 22 im Unterschied zu den meisten anderen Rekonstruktionsversuchen keine theologi‐ schen Annahmen, Inhalte oder Urteile bei der Texterstellung Berücksichtigung finden, es sei denn sie sind Teil der narrativen Konsistenz. 23 Schlussbemerkungen: Was für die Rekonstruktion von *Ev gilt, muss auch hier als Einschränkung vorausgeschickt werden. Die Rückgewinnung des Textes aus häresiologischen Referaten lässt keine vollständige und keine genaue Rekonstruktion der Brief‐ sammlung zu: „Dazu sind die Zeugnisse zu lückenhaft und zu widersprüchlich … Obwohl die beiden Hauptzeugen eine beachtliche Zahl an Informationen für eine Rekonstruktion liefern, bleiben Umfang und Genauigkeit einer solchen Rekonstruktion eingeschränkt“, und „obwohl Epiphanius in vielen Fällen genau zitiert, ist sein Zeugnis lückenhaft und auch in den Zitaten seiner Scholienliste nicht immer vollständig, so dass an dieser Stelle Lücken bleiben, deren Umfang jeweils im Einzelfall abzuwägen ist“. 24 Anders als bei der Rekonstruktion von *Ev macht die vorliegende Rekon‐ struktion von *Ap jedoch deutlich, dass die vermuteten Lücken von Text, die die Zeugen stillschweigend übergangen haben, erheblich seltener und im Umfang geringer sind. Hier hilft das neugewonnene Kriterium der Lexik, die grundsätzliche Skepsis am Zeugniswert und Umfang der Überlieferung unserer Zeugen zu verringern. Wie *Ev engstens verwandt ist mit Lk, haben wir bei der Rekonstruktion der Paulusbriefsammlung auch den glücklichen Umstand, dass die Briefe der *10-Briefe-Sammlung und der ihnen entsprechenden der 14-Briefe-Sammlung oft wörtlich parallel sind. Der kanonische Text darf folglich auch bei dieser Konstruktion von *Ap als Basistext dienen, soweit die Rekonstruktionskriterien diesen bestätigen. Auch hier gilt, dass wir von einer direkten Abhängigkeit ausgehen dürfen, 25 und zwar, wie oben in der Einleitung gezeigt, in einer Bearbeitungsrichtung, die von der *10-Briefe-Sammlung zur 14-Briefe-Sammlung führt. Im Unterschied 18 Einführung <?page no="897"?> 25 Vgl. hierzu, was das Markionevangelium und das Lukasevangelium betrifft M. Kling‐ hardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), 454. zu M. Klinghardts Rekonstruktion, der auch für die unbezeugten Teile von *Ev an vielen Stellen den kanonischen Text zugrundelegt, wird in der vorliegenden Rekonstruktion bei allen unbezeugten Textteilen (wie zur Kontrolle auch bei allen bezeugten) das Kriterium von Profil und Sprache herangezogen und ebenfalls das Kriterium der argumentativen, narrativen und grammatischen Kontextualisierung daraufhin geprüft. Als kanonischer Vergleichstext wird der von SBL, verglichen mit NA 28 , gebotene zugrunde gelegt. Da die Arbeit an einer Editio Critica Maior der paulinischen Briefe noch im Anfang steht, wird bei weiterem Fortschritt auch der kritische Apparat der Rekonstruktion angepasst werden müssen und gewiss die eine oder andere editorische Entscheidung neu zu treffen sein. Nachträge diesbezüglich bleiben einer digitalen Ausgabe der vorliegenden Rekonstruktion vorbehalten. Ergänzend sei noch erwähnt, was M. Klinghardt zu *Ev bereits festgehalten hat, dass die Zielsprache der Rekonstruktion das Griechische ist, wohl die ursprüng‐ liche Sprache, in der die paulinischen Briefe erstverfasst vorlagen, auch wenn die Handschriftenfamilie 06, 012, 0319, 010 von Bilingualen darauf hindeutet, dass wir möglicherweise mit einer frühen, vielleicht gleichzeitigen Ausgabe der *10-Briefe-Sammlung in beiden Sprachen (Griechisch und Latein) zu rechnen haben. Da die Erhellung dieser Möglichkeit jedoch einer eigenen Untersuchung bedürfte und gegebenenfalls eine gesonderte Rekonstruktion des lateinischen Textes zur Folge hätte, beschränkt sich die vorliegende Rekonstruktion auf den griechischen Text, auch wenn der lateinisch schreibende Tertullian uns keinen direkten Zugang zu seiner sehr wahrscheinlich bilingualen Vorlage erlaubt. Die beiden weiteren Hauptzeugen Epiphanius und Adamantius verwenden Griechisch, wobei Adamantius’ Dialog auch in der lateinischen Übersetzung des Rufin vorliegt. Um die unterschiedlichen Grade von Gewissheit und Wahrscheinlichkeit des rekonstruierten Textes anzuzeigen, werden, wie von M. Klinghardt bereits verwendet, diese im Schrifttypus angezeigt, wie gleich näher ausgeführt wird. 1 Grundlagen und Kriterien der Rekonstruktion 19 <?page no="898"?> 2 Hinweise zur Textgestaltung Gemäß der Kriterien gestaltet sich die Anlage des Textes, der sich aus dem direkten Vergleich der *10-Briefe-Sammlung mit dem der parallelen Briefe der 14-Briefe-Sammlung ergibt. Zur besseren Referenzialität werden, wie von M. Klinghardt für *Ev gewählt, die kanonische Verszählung in den Briefen auch für den vorkanonischen Text übernommen, auch wenn viele Verse des kanonischen Textes im vorkanonischen Text nicht begegnen und einige Versumstellungen durch die kanonische Redaktion vorgenommen wurden. Analog zu den durch Perikopen strukturierten Text von *Ev schien es für die Sammlungen der Paulusbriefe ebenfalls sinnvoll, den Text der einzelnen Briefe in Sinnabschnitte zu teilen und den einzelnen Abschnitten in jeweils vier Punkten A-D die Kommentierung hinzuzufügen: Im Abschnitt A werden die biblischen Parallelstellen und die häresiologischen Textzeugen in Originalsprache (bei lateinischen und griechischen Quellen) gegeben. Im Abschnitt B folgen ausgewählte, nennenswerte Textvarianten aus der handschriftlichen Überlieferung. Kriterium für die Auswahl war, dass die Vari‐ anten einen möglichen Aufschluss für die Rekonstruktion des vorkanonischen Textes bzw. für die Reaktion auf diesen durch den kanonischen Text erkennbar machen. Im Abschnitt C werden zunächst die Rekonstruktionsvorschläge und Bemer‐ kungen der früheren Editoren (Hilgenfeld, Zahn, Harnack, Schmid, BeDuhn und ggf. einiger anderer) angeführt. Es folgen gegebenenfalls kurze inhaltliche Kommentare zu den Versen und Hinweise auf die Forschung zu ihnen, soweit sie für die Rekonstruktion des vorkanonischen Textes und dessen Rezeption im kanonischen Text von Bedeutung sind. Eine umfänglichere Beschäftigung mit älteren theologischen und textkritischen Beobachtungen, die sich ausschließlich auf den kanonischen Text beziehen, verbot sich des Umfangs wegen. Im Abschnitt D, der gegenüber der Rekonstruktion von *Ev durch M. Kling‐ hardt neu hinzukommt, wird der lexikalische und semantische Vergleich zu den einzelnen Versen vorgenommen und im Anschluss daran ein Urteil zur Abwesenheit von Versen oder zu deren Rekonstruktion gegeben. In diesem Abschnitt wird man, was die einzelnen Lexeme betrifft, auf die oben genannte Konkordanz zurückgreifen, um die Stellenangaben zu den einzelnen Begriffen nachzulesen. Für Wortformen, Kombinationen und Wen‐ dungen, die in der Konkordanz nicht enthalten sind, werden die entsprechenden Stellenangaben innerhalb des vorkanonischen und kanonischen NT in der Regel beim ersten Auftreten angeführt, an späteren Stellen auf diese Verse verwiesen. Bei Lexemen, die vorkanonisch bezeugt sind, wird für *Ev bei einem <?page no="899"?> 1 Da letztere Zahlen später nachgetragen wurden, empfiehlt es sich, bei der Angabe von nur einer Zahl, die in der Regel Kata Biblon Lexicon of the Greek New Testament ent‐ nommen ist, nochmals einen Blick in die Konkordanz werfen, um die möglicherweise unterschiedliche Zählung zu prüfen. 2 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), 454. 3 Ibid. 4 Vgl. hierzu die Einleitung. einzigen Auftreten die präzise Stelle angegeben, bei mehrfacher Präsenz eines Begriffes lediglich auf *Ev verwiesen, die entsprechenden Stellen lassen sich der Konkordanz entnehmen. Was die Zählung der Präsenzstellen im kanonischen NT betrifft, so werden diese wie in der Konkordanz gegeben (und zwar zunächst nach Kata Biblon Lexicon of the Greek New Testament, dann nach der Compu‐ terkonkordanz). 1 Was die Textrekonstruktion betrifft, wird das Rekonstruktionsurteil wie in Klinghardts *Ev typographisch visualisiert: „Wörtlich genau gesicherte Pas‐ sagen sind im Text durch Fettdruck und Unterstreichung gekennzeichnet. Bezeugte, aber nicht wörtlich zitierte Passagen oder Lemmata erscheinen im rekonstruierten Text in Fettdruck (aber ohne Unterstreichung).“ 2 Dass dasselbe im Unterschied zu Klinghardts Ausgabe nicht auch für die Tertullianreferate erfolgt, hängt mit der Einsicht zusammen, dass Tertullians Referate nicht nur auf einzelne Lemmata hin gelesen werden sollen, sondern immer auch im Zu‐ sammenhang seiner (Gegen-)argumente, die oft erst Aufschluss zu den Zitaten und Referaten aus der *10-Briefe-Sammlung geben. Es schien auch ratsam, den vorkanonischen und kanonischen Text nicht, wie in Klinghardts Ausgabe von *Ev, übereinanderzulegen und durch Klammern bzw. Petitdruck zu kenn‐ zeichnen, sondern in Parallelkolumnen zu geben, wobei in der linken Kolumne jeweils der vorkanonische, auf der rechten der kanonische Text nach SBL wie‐ dergegeben wird. Wo die Rekonstruktionsentscheidung zu keinem plausiblen Ergebnis führt, wurde der Text ¿kursiv? geboten. „Unbezeugte Passagen, die sehr wahrscheinlich“ in der *10-Briefe-Sammlung „enthalten waren, erscheinen ohne weitere Kennzeichnung in Normaldruck“. 3 Lediglich die Briefe der kanonischen Ausgabe, die für die *10-Briefe-Sammlung nicht bezeugt sind, fehlen in der vorliegenden Edition. Um ein verlässlicheres Ergebnis des Lexikvergleichs zu erzeugen, sind alle Texte des kanonischen Neuen Testaments berücksichtigt, nicht nur die Briefe, die parallel zur *10-Briefe-Sammlung stehen. Auch die weiteren Schriften des kanonischen NT sind hierbei berücksichtigt. 4 In der Rekonstruktion werden die markionitischen Prologe in der lateini‐ schen Sprache angeführt, weil sich bisher ein griechischer Textzeuge für 2 Hinweise zur Textgestaltung 21 <?page no="900"?> dieselben nicht gefunden hat und vielleicht auch nicht existiert hatte. Hier eine künstliche Retroversion anzubieten schien nicht sinnvoll. Es sei noch bemerkt, dass des schnelleren Überblicks wegen die üblicherweise im Deutschen ausgeschriebenen Ordinalzahlen eins bis zwölf im Folgenden als Zahlen 1-12 geschrieben werden. 22 Einführung <?page no="901"?> 1 E. Nestle, B. Aland and K. Aland, Novum Testamentum Graece (2013), 37*-38*. 2 Detailinformationen zu diesen Zeugen in H.A.G. Houghton, C.M. Kreinecker, R.F. MacLachlan and C.J. Smith, The Principal Pauline Epistles. A Collation of Old Latin Witnesses (2019), 11-26. 3 Gemäß der Rekonstruktion von H.J. Vogels, Das Corpus Paulinum des Ambrosiaster (1957). 3 Abkürzungen Die Abkürzungen für die Zeugen folgen NA 28 , 1 darüber hinaus werden altlatei‐ nische Lesarten entnommen aus Houghton u.-a., The Principal Pauline Letters, wobei weitgehend deren Siglen Verwendung finden: 2 Ambr = Ambrosiaster 3 - Ambrst a (Amiens, Bibliothèque municipale, 87) in Rom,1/ 2Kor - Ambrst g (Ghent, University Library, 455) in 1/ 2Kor - Ambrst w (Wien, Österreichische Nationalbibliothek, lat. 743) in Rom - Ambrst z (Florenz, BML, Ashb. 60) in Gal Lesarten, die nur durch diese Hss. bezeugt sind, werden entsprechend vermerkt. - Ambrst var bedeutet, dass mehrere Zeugen die Lesart bieten. - Ambrstr bezieht sich auf die Edition von 1579, die auf einer Hs basiert, die heute verloren ist. Cass = Complexiones CypTes = Cyprian, Ad Quirinum Sp m = Ps.-Aug., Liber de diuinis scripturis 31 = Milan, Biblioteca Ambrosiana, T.27 sup.: Ordo scrutiniorum 32 = Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Weißenburg 76: Lectionarium Guelferbytanus 51 = Stockholm, Kungliga Biblioteket, A.148: Codex Gigas 54 = Paris, Bibliothèque nationale de France, lat. 321: Codex Perpinianensis 58 = Orlando FL, The Scriptorium, VK 799: Codex Wernigerodensis 61 = Dublin, Trinity College,TCD MS 52: Liber Ardmachanus 64 = München, Bayerische Staatsbibliothek, Clm 6436; München, Universitäts‐ bibliothek, 4 o 928 frg.1-2; Göttweig, Stiftsbibliothek, s.n.: Fragmenta Frisingensia 67 = León, Archivo Catedralicio, 15: Palimpsestus Legionensis <?page no="902"?> 75 = Paris, Bibliothèque nationale de France, gr. 107 und 107A: Codex Claromon‐ tanus 76 = St. Petersburg, National Library of Russia, F.v. XX: Codex Sangermanensis 77 = Dresden, Sächsische Landesbibliothek, A.145b: Codex Boernerianus 78 = Cambridge,Trinity College, B.17.1: Codex Augiensis 79 = Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek, Weißenburg 64, fol. 255-256, 277, 280: Codex Carolinus 80 = Heidelberg, Universitätsbibliothek, 1334 83 = Marburg, Hessisches Staatsarchiv, Best. 147: Codex Waldeccensis (pars secunda) 84 = Vatican, Biblioteca Apostolica Vaticana, Reg. lat. 9, fol.2-3 86 = Monza, Biblioteca Capitolare, i-2/ 9 87 = Sélestat, Bibliothèque Humaniste, 1B 88 = Basel, Universitätsbibliothek, B.I.6 89 = Budapest, National Széchényi Library, Cod. Lat. 1 135 = Milan, Biblioteca Ambrosiana, E.26 inf. 251 = Paris, Bibliothèque nationale de France, lat. 9427: Lectionarium Luxoviense 262 = Toledo, Catedral, Biblioteca del Cabildo, 35-5: Liber misticus 271 = Toledo, Catedral, Biblioteca del Cabildo, 35-6: Liber misticus 411 = London, British Library, MS Add. 30851 24 Einführung <?page no="903"?> Rekonstruktion <?page no="905"?> 1 J. Heilmann, Die These einer editio princeps des Neuen Testaments im Spiegel der Forschungsdiskussion der letzten zwei Jahrzehnte (2018), 34-35; W.E. Crum, Short Texts from Coptic Ostraca and Papyri (1921); W.C. Till, Die koptischen Ostraka der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek (1960). 0 Titulus ὁ ἀπόστολος - A. Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas 1,1,1 (PL 26, 313A, 4-7; CCSL 77A,13): Sciendum quoque in Marcionis apostolo non esse scriptum …; ibid. 1,3,6 (PL 26 352A; CCSL 77A,74): Marcion de suo Apostolo erasit. Epiph., Pan. 42,10,2 (106 H.): ἀποστολικὸν καλούμενον; ibid. 42,10,3 (106 H.): τοῦ ἀποστόλου λέξεις; ibid. 42,10,4 (106 H.): τοῦ ἀποστολικοῦ; ibid. 42,10,5 (106 H.): ὁ ἀπόστολος; ibid. 42,10,7 (107 H.): τοῦ ἀποστολικοῦ; ibid. 42,11,7 (117 H.): ὡς παρ᾽ αὐτῷ τὸ ἀποστολικόν; ibid. (118 H.): ἐν δὲ τῷ ἀποστολικῷ; ibid. 42,12,1 (155 H.): ὡς ἔχει τὸ ἀποστολικόν; ibid. 42,12,3 (182 H.): δὲ ἐν τῷ ἰδίῳ ἀποστολικῷ. Adam., Dial. I 5 (im Mund des Megethius): τῷ σῷ φάλσῳ οὐ πιστεύω ἀποστολικῷ (Rufin: Tuo falso codici non credo); ibid. II 5 (im Mund des Markioniten): τῷ ἐμῷ ἀποστολικῷ πείθομαι (Rufin: Meo codici adquiesco); ibid. (im Mund des Adamantius): ἔχω τὸ ἀποστολικόν σου καὶ ἀναγινώσκω λέγοντος (Rufin: Habeo uestrum codicem et lego ubi dicit apostolus); ibid. II 18 (im Mund des Adamantius): ἄκουε τοῦ ἀποστόλου τοῦ ὑπ᾽ αὐτῶν προκομισθέντος (Rufin: lego apostolum quem ipsi proferunt). Ostracon, Till n. 148 (KO 679; Crum, Short Texts, 41, Nr. 165), der von einem „kleinen Apostolos“ spricht. 1 B. Anstelle von ὁ ἀπόστολος spricht Epiphanius wiederholt auch von τὸ ἀποστολικόν. C. Hilgenfeld spricht vom „Apostolikon“, Zahn ebenfalls (Ἀποστολικόν), so auch Harnack und Beduhn. Schmid hingegen ist der erste Herausgeber, der zum Titel „Apostolos“ wechselt, ohne diesen Wechsel allerdings selbst zu begründen oder Quellen hierfür anzugeben. <?page no="906"?> 1 Vgl. zu den markionitischen Prologen M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), 111-131. 2 Die kritische Edition in M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), 118. 1 (Gal) Titulus und Vorwort Der Titel ist gut bezeugt, der Prolog entstammt den sogenannten markioniti‐ schen Prologen. 1 1 Πρὸς Γαλάτας - Galatae sunt Graeci. hi verbum veritatis primum ab apostolo acceperunt, sed post discessum eius temptati sunt a falsis apostolis, ut in legem et circumcisionem verterentur. hos apostolus revocat ad fidem veritatis scribens eis ab Epheso. - A. *Titel: Tert., Adv. Marc. V 2, praef.: De epistula ad Galatas; V 2,1: Principalem adversus Iudaismum epistulam nos quoque confitemur quae Galatas docet, und ibid. IV 3,2: Marcion nactus epistulam Pauli ad Galatas; vgl. Epiph., Pan. 42,9,4 (105 H.): πρώτη μὲν πρὸς Γαλάτας; ibid. 42,12,1 (155 H.): ἀπὸ τῆς πρὸς Γαλάτας ἐπιστολῆς· αὕτη παρ’ αὐτῷ [scil. Μαρκίωνι] πρώτη κεῖται; ibid. 42,12,3 (173 H.): Τῆς πρὸς Κορινθίους β· αὕτη δὲ τρίτη κεῖται παρὰ τῷ Μαρκίωνι μετηλλαγμένως δὲ διὰ τὸ πρώτην παρ’ αὐτῷ τετάχθαι τὴν πρὸς Γαλάτας. Prolog: vgl. die kritische Edition. 2 B. Die Varianten sind in der kritischen Edition vermerkt. C. 1. Den Titel bieten Zahn und Harnack, letzterer mit Verweis auf Epiphanius und Tertullian. Die Adressaten und der Titulus gehen auch hervor aus dem zitierten markionitischen Prolog. Der Titel ist bei Schmid unerwähnt. 2. Der Prolog weist textkritisch keine großen Probleme auf. Anstelle von fidem schreibt E 2 viam, was vermutlich eine Verschreibung darstellt, weil via nur hier in den Prologen begegnen würde, während die fides wiederholt in den Prologen begegnet (fidem veram et evangelicam, Prol*1Kor in W; evangelicam fidem, Prol*Röm; in fide Prol*1Thess; fidem evangelicam Prol*Laod; auditam fidem Prol*Kol, add in D; in fide Prol*Phil). In den beiden Handschriften F und R wird Titus als Schreiber genannt. <?page no="907"?> 3 Vgl. Einleitung I 538-539. a. Die Prologe zu den Briefen (mit Ausnahme derer, die für Zweitbriefe, also *2Kor und *2Thess verfasst sind), folgen i.W. derselben Struktur. Sie bieten zunächst wie dieser hier zu *Gal die Angabe der ethnisch-geographischen Zugehörigkeit, hier Graeci, „Griechen“, während etwa die Korinther als Achäer bezeichnet werden, die Römer als solche, die „in den Regionen Italias“ (in partibus Italiae) leben usw. Die Prologe geben folglich die Gegend an, in welchen die Adressaten leben. Nächst beschreiben sie, wie die Adressaten in Kontakt mit dem „Wort der Wahrheit“ (verbum veritatis) (so auch Prol*1Kor; Prol*1Thess; Prol*Phil), dem „wahren evangelischen Glauben“ (ad veram evangelicam fidem, Prol*Röm; fidem evangelicam, Prol*Laod) oder dem Wort (verbum, Prol*Kol) gekommen waren. Dann geben sie Grund und Ziel des Briefes an und am Ende nennen sie den Ort, von welchem aus der Brief geschrieben worden ist, hier „von Ephesus“ (ab Epheso). b. Das „Wort der Wahrheit“, das die Galater „durch den Apostel“ erhalten haben, wird kontrastiert mit deren Hinkehr „zum Gesetz und zur Beschneidung“, die auf deren „Verführung durch falsche Apostel“ zurückgeführt wird, nachdem der Apostel sie verlassen hatte. Ziel des Briefes sei ein „Zurückrufen zum Glauben der Wahrheit“. Die gleich doppelte Nennung der „Wahrheit“ entspricht der hohen Bedeutung, die die ἀλήθεια auf der vorkanonischen Ebene besitzt, sie begegnet zwei Mal vorkanonisch in den sieben Briefen des *Paulus, noch 6 weitere Male in den *Deuteropaulinen (*Gal 2,14; *Laod 1,13; 6,14; *Phil 1,18; *Kol 1,5; *2Thess 2,10. 11. 12) und über 100 Mal auf der kanonischen Ebene. Wie diese Zahlen andeuten, war ein bereits vorkanonisch bedeutender Begriff, offenkundig für die kanonische Ebene von noch größerer Bedeutung, die sich bereits in den drei *Deuteropaulinen spiegelt, welche deren Nähe zur kanonischen Ebene unterstreicht. Die kanonische Redaktion hat den Begriff dann auch vermehrt noch bei ihrer Überarbeitung der *Deuteropaulinen in die kanonische Fassung insbesondere von *Laod zu Eph eingetragen (Eph 1,13; 4,21. 24. 25; 5,9; 6,14; Kol 1,5. 6), während 2Thess dieselbe Häufigkeit des Begriffes wie vorkanonisch aufweist. Zwei Mal wird vorkanonisch von der „Wahrheit des Evangeliums“ gesprochen (*Gal 2,14; *Kol 1,5). Auch das „Wort der Wahrheit“, das im Prolog begegnet, findet sich vorkanonisch in *Laod 1,13. Dass „Wahrheit“ vorkanonisch sich mit Ausnahme von *Laod 6,14, einem Vers, der der kanonischen Ebene nähersteht, jeweils auf das Evangelium bezieht, wird in der Einleitung behandelt. 3 Auch der Begriff „Pseudoapostel“ (falsus apostolos, ψευδαπόστολος) begegnet vorkanonisch, und zwar in *2Kor 11,13 und wird auch kanonisch nur im Paral‐ 1 (Gal) 29 <?page no="908"?> lelvers, aber sonst nicht mehr gebraucht. Der verwandte Begriff ψευδάδελφος findet sich ebenfalls vorkanonisch, und zwar in *Gal 2,4, worauf der Prolog wohl anspielt, denn weiter unten an dieser Stelle heißt es: „4 … der falschen Brüder, jenen Eindringlingen, die sich eingeschlichen hatten, um die Freiheit, die wir in Christus haben, auszuspähen, damit wir versklavt würden. 5 Wir haben uns auch nicht einen Augenblick unterworfen, damit die Wahrheit des Evangeliums bewahrt bliebe.“ (*Gal 2,4-5) Der Prolog greift demnach eine zentrale Stelle des Briefes auf, die im Prol*Röm noch nachklingt (ad veram evangelicam fidem, Prolog Röm). Damit scheinen die Pseudoapostel mit den Falschbrüdern gleichgesetzt zu werden, zumal es gerade um Gesetz und Beschneidung geht, die im Brief später thema‐ tisiert werden (zum Gesetz, νόμος: *Gal 2,16; 3,10-11; 4,5; 5,3. 14; 6,2. 13; zum Beschnittensein vgl. *Gal 6,13). c. Woher die Absenderangabe „von Ephesus“ stammt, erschließt sich nicht. Sie kehrt wieder im Prol*1Kor, findet sich als Ortsangabe jedoch vorkanonisch sonst nicht. Kapitel 1 1,1-2 3 4 [5]: Anschrift und Gruß Was Anschrift und Gruß betrifft, ist lediglich erstere vorkanonisch bezeugt, wenn auch in verkürzter Fassung, während auch mit einer Kurzfassung des Grußes vorkanonisch zu rechnen ist. Aufgrund des Zeugnisses des Hieronymus ist auch mit der kurzen theologischen Erläuterung im ersten Teil von Vers 4 zu rechnen. Die Doxologie scheint hingegen gefehlt zu haben. 1,1-Παῦλος ἀπόστολος, οὐκ ἀπ’ ἀνθρώπων οὐδὲ δι’ ἀνθρώπου ἀλλὰ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ ἐγείραντος αὑτὸν ἐκ νεκρῶν, 1,1-Παῦλος ἀπόστολος, οὐκ ἀπ’ ἀνθρώπων οὐδὲ δι’ ἀνθρώπου ἀλλὰ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ θεοῦ πατρὸς τοῦ ἐγείραντος αὐτὸν ἐκ νεκρῶν, 2- τοῖς ἐν Γαλατίαις· 2 καὶ οἱ σὺν ἐμοὶ πάντες ἀδελφοί, ταῖς ἐκκλησίαις τῆς Γαλατίας· 3 χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς καὶ κυρίου Ἰησοῦ, 3 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ, 4 τοῦ δόντος ἑαυτὸν ὑπὲρ τῶν ἁμαρτιῶν ἡμῶν ὅπως ἐξέληται ἡμᾶς ἐκ τοῦ αἰῶνος τοῦ ἐνεστῶτος πονηροῦ. 4 τοῦ δόντος ἑαυτὸν ὑπὲρ τῶν ἁμαρτιῶν ἡμῶν ὅπως ἐξέληται ἡμᾶς ἐκ τοῦ αἰῶνος τοῦ ἐνεστῶτος πονηροῦ κατὰ τὸ θέλημα τοῦ θεοῦ καὶ πατρὸς ἡμῶν, 5 ᾧ ἡ δόξα εἰς τοὺς αἰῶνας τῶν αἰώνων· ἀμήν. 30 Rekonstruktion <?page no="909"?> 4 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 439. A. *1,1-2: Tert., Adv. Marc. V 1,3: Ipse se, inquit, apostolum est professus, et quidem non ab hominibus nec per hominem, sed per Iesum Christum; ibid. V 1,6: Inde apostolum ostendo persecutorem, non ab hominibus neque per hominem. Vgl. auch Vgl. ibid. V 5, praef. 1: De epistula ad Corinthios prima. [1] Praestructio superioris epistulae ita duxit, ut de titulo eius non retractaverim, certus et alibi retractari eum posse, communem scilicet et eundem in epistulis omnibus. Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas 1,1,1 (PL 26, 313A, 4-7; CCSL 77A,13): Sciendum quoque in Marcionis apostolo non esse scriptum „et per deum patrem“ volentis exponere, Christum non a deo patre, sed per semetipsum suscitatum, ut est illud „Solvite templum hoc, et ego in triduo suscitabo illud“ ( Joh 2,19) necnon et alibi „Nemo tollit animan meam a me“ ( Joh 10,18), sed ego pono eam a meipso. Potestatem habeo ponendi eam et rursum potestatem habeo sumendi illam. So auch NA 28 . ♦ *1,1: Vgl. Tert., Adv. Prax. 28,6 (CCSL 2,1201): Sic et Paulus ubique deum patrem ponit et dominum nostrum Iesum Christum. … Cum ad Galatas, non ab hominibus se apostolum praefert nec per hominem sed per Iesum Christum et deum patrem. ♦ *1,3: Auch wenn Tertullian kein wörtliches Zitat bietet, vermerkt er doch zu Beginn seines Kommentars zu *1Kor in Adv. Marc. V 5,1: Praestructio superioris epistulae ita duxit, ut de titulo eius non retractaverim, certus et alibi retractari eum posse, communem scilicet et eundem in epistulis omnibus. Quod non utique salutem praescribit eis quibus scribit, sed gratiam et pacem; ibid.: Euangelizator enim bonorum, id est gratiae dei, pacem quam praeferendam sciebat. Haec cum a deo patre nostro et domino Iesu annuntians. Demnach spiegelt die Eröffnung von *Gal den auch sonst zu findenden Briefgruß der Paulusbriefe, allerdings bezeugt Tertullian nicht das „für Euch“ (ὑμῖν), auch wenn es BeDuhn aufführt. ♦ *1,4: Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas 1,1,4-5 (CCSL 77A,15): Qui dedit semetipsum pro peccatis nostris, ut eriperet nos de praesenti saeculo malo… Quaeritur quomodo praesens saeculum malum dictum sit; solent quippe haeretici hinc capere occasiones ut alium lucis et futuri saeculi, alium tenebrarum et praesentis adserant conditorem. Vgl. auch Tert., De cult. fem. II 6,4 (SC 17,120): Bene properatis ad dominum! Bene festinatis excedere de isto iniquissimo saeculo quibus ad finem appropinquare deforme est. B. (1,1) αὑτόν: Wie schon Hilgenfeld richtig sah, konnte das ΑΥΤΟΝ schlicht als αὐτόν oder reflexiv αὑτόν gelesen werden. 4 Die Selbstauferweckung Jesu ist keine „unsinnige Lesart“ des Hieronymus, wie BeDuhn meint, sondern auch anderwärts im zweiten Jahrhundert belegt, etwa in den Ignatianen, vgl. IgnSm 1-2; PolPhil 2; Noët of Smyrna, in Hippol., Ref. IX 10,12; auch Ps.-Hippol., C. Noët. 3,2; Mart. Petri 2. Darum braucht man auch nicht, wie T. Baarda, 1 (Gal) 31 <?page no="910"?> 5 T. Baarda, Marcion’s Text of Gal. 1: 1 (1988). 6 J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 162. 7 J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 243. 8 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 443. Hieronymus’ Position zu bestreiten. 5 Doch auch Clabeaux folgt Hieronymus nicht. 6 Jüngst ist allerdings auch Lieu dafür eingetreten, Hieronymus ernst zu nehmen. 7 Dass dennoch vorkanonisch auch die Position vertreten wird, dass Gott Jesus erweckt hat, widerspricht dieser Position nicht aufgrund des Gottesbegriffs, der Gott und Christus eng zusammen hält, vgl. zur Aufweckung Jesu durch Gott etwa *1Kor 6,14; *Röm 8,11; *Laod 1,20. ♦ (1,3) ἡμῶν: Die Stellung des ἡμῶν vor Ἰησοῦ findet sich in P 46 , P 51vid , 03, 06, 010, 012, 015, 018, 020, 104, 630, 1175, 1505, 1739,1881, M, vg, sy, sa, bo mss , και κυριου 0278, vg mss , während die umgekehrte Ordnung enthalten ist in 01, 02, 025, 044, 33, 81, 326, 365, 1241, 2464, ar, b, Ambst. In den Zeugen 1877, al vg mss ist ἡμῶν ausgefallen. Die Varianz könnte möglicherweise darauf zurückzuführen sein, dass im vorkanonischen Text das Personalpronomen gar nicht stand, zumal es häufig an Stellen im vorkanonischen Text fehlt, wo es die kanonische Redaktion nachgetragen hat (man achte auf die langen Listen der Konkordanz, wo das Personalpronomen in Serie in Textstellen erscheint, die in *Ev oder *Paulus fehlen; hierzu passt etwa auch der Befund von ἡμέτερος, das 8 Mal im NT steht, etwa Röm 15,4, in einem Vers, der in *Paulus fehlt, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene begegnet in Apg 2,11; 24,6; 26,5; Röm 15,4; 2Tim 4,15; Tit 3,14; 1Joh 1,3; 2,2; die Diskrepanz zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Version mit Blick auf die Personalpronomen wäre eine eigene Untersuchung wert; wegen der Häufigkeit des Begriffes ἡμεῖς, wird nur an dieser Stelle ausführlich auf ihn verwiesen). ♦ (1,4) ὑπέρ: Diese von NA 28 gewählte Lesart bieten die Zeugen P 51 , 01 1 , 03, 015, 0278, 6, 33, 81, 326, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 2464, jedoch steht περι in den Zeugen P 46 , 01*, 02, 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 104, 1739, 1881, M, (g). C. Hilgenfeld ist überaus optimistisch, was die Rekonstruktion von Markions Version des Galaterbriefs angeht (diesem Optimismus sind wir im Einleitungs‐ band bereits bei von Soden begegnet, und zwar nicht nur in Bezug auf den Galaterbrief, sondern überhaupt auf den *Apostolos): „Bei dem Galaterbrief ist die directe Bezeugung so reichlich und die Polemik der Gegner so einge‐ hend, daß wir hier mit voller Sicherheit bestimmen können, was vorhanden, verändert oder gestrichen war“. 8 Die anderen Editoren sind zurückhaltender als Hilgenfeld. Harnack verweist noch auf den „gefälschten Laodizenerbrief “ (nicht 32 Rekonstruktion <?page no="911"?> 9 Der „gefälschte Laodizenerbrief “ wird nach Harnack, der die Rezension von Lightfoot nutzt, zitiert: A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Mono‐ graphie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 137*-138*, 137*. 10 E.S. Lodovici, Sull’ interpretazione di alcuni testi della Lettera ai Galati in Marcione e in Tertulliano (1972), 375-377. 11 Van Manens Text zum Galaterbrief: W.C. van Manen, Marcion’s brief van Paulus aan de Galatiërs (1887), 528-533. 12 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 1-5. 13 G. Quispel, Marcion and the Text of the New Testament (1998), 352. 14 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003). zu verwechseln mit *Laod! ), auch wenn dieser, wie wir sehen werden, selten Zeugniswert besitzt. in Vers 1 dieses Laodizenerbriefs liest man: Paulus apostolus non ab hominibus neque per hominem, sed per Iesum Christum, fratribus. 9 Vgl. Tert., Adv. Prax. 28,6-8: Sic et Paulus ubique Deum Patrem ponit et dominum nostrum Iesum Christum. Cum ad Romanos scribit, gratias agit Deo per Dominum nostrum Iesum Christum. Cum ad Galatas non ab hominibus se apostolum praefert nec per hominem sed per Iesum Christum et Deum Patrem. Et habes totum instrumentum eius, quae in hunc modum pronuntiant et duos proponunt: Deum Patrem et Dominum nostrum Iesum Christum … Auf diese Zitiergewohnheit hat auch Lodovici verwiesen und darum die ältere Position von Hilgenfeld und Harnack bestätigt. 10 1. (1,1) Hilgenfeld, ihm folgend van Manen, 11 Zahn und später Schmid und BeDuhn, optiert für die oben angegebene Eröffnung von Gal ohne καὶ θεοῦ πατρός. 12 Dieser Ausdruck ist bei Tertullian unerwähnt und wird von Hieronymus ausdrücklich als abwesend bezeugt. Quispel hält die Angabe des Hieronymus für „eine sehr vertrauenswürdige Tradition“ („this is a very trustworthy tradition“). 13 Für die nächste Passage aus Vers 1 vgl. auch das oben von Hieronymus Zitierte, worauf auch Hilgenfeld ver‐ weist (wenn er auch αὐτὸν statt αὑτὸν für den markionitischen Text annimmt), insbesondere, wenn man Tertullians Zitiergewohnheit hinzunimmt. 14 Das τοῦ ἐγείραντος αὑτὸν ἐκ νεκρῶν gilt für Schmid jedoch als unbezeugt. Zur Diskussion des Apostelseins als Selbststilisierung des *Paulus vgl. auch Tert., Adv. Marc. V 12,9 zu *2Kor 13,2. Schließlich ist auch zu diesem Brief der Kommentar zu beachten, den Ter‐ tullian zum Ersten Korintherbrief gibt, wie oben zitiert. Seiner Meinung nach waren die verschiedenen Brieferöffnungen relativ einheitlich, so dass er nur zum Ersten Korintherbrief diese näher kommentiert - warum er diese Angabe nicht zum Galaterbrief bereits hier gemacht hat, hängt wohl mit den Abweichungen 1 (Gal) 33 <?page no="912"?> 15 Zum kanonischen Briefformular des Paulus, vgl. mit weiterführenden Literatur K.M. Schmidt, Ein Anklang wohnt dem Anfang inne. Die relative Datierung neutestament‐ licher Pseudepigraphen im Lichte eines dynamisch veränderten Briefformulars (2021). 16 H. Schlier, Der Brief an die Galater (1951), 5. 17 H. Lietzmann, An die Korinther I, II (1949), 4. 18 M. Munson, Biblical Semantics. Applying Digital Methods for Semantic Information Extraction to Current Problems in New Testament Studies (2017), 92. zusammen, die sich im Galaterbrief gegenüber den weiteren Briefen finden. 15 Die übrigen Briefe scheinen demnach in der Brieferöffnung einander noch ähnlicher gewesen zu sein. 2. (1,2) Dieser Vers gilt nach Zahn und Schmid als unbezeugt. Harnack rechnet mit seiner Anwesenheit, wenn auch die sprachliche Fassung nicht zu bestimmen sei. Van Manen gibt als Text den kanonischen. Der unbezeugte Passus καὶ οἱ σὺν ἐμοὶ πάντες ἀδελφοί scheint auf die kanonische Redaktion zurückzugehen, da Paulus - wie die Hinzufügungen von Timotheus in den Grußadressen der Briefe (2Kor; Phil; 1Thess; 2Thess; Kol; Phlm) zeigt - auf der kanonischen Ebene selten als Alleinabsender figu‐ riert. Im Text der kanonischen Redaktion steht „der Apostel … hier mit allen zusammen“. 16 Im Gegensatz dazu agiert *Paulus vorkanonisch immer allein. Problematisch ist, ob ταῖς ἐκκλησίαις in der Eröffnung vorhanden war. Kein Zeuge erwähnt den Ausdruck. Lietzmann hat auf den Sprachgebrauch der Apg verwiesen und hält die auf der LXX gegründete Benutzung von ἐκκλησία als Name für die eigene christliche Versammlung im Gegensatz zur jüdischen συναγωγή für einen Ausdruck des Anspruchs, „das wahre Israel zu sein“. 17 Dieser Anspruch erinnert an die Position Justins des Märtyrers aus der zweiten Hälfte des zweiten Jh. Präzisiert wurde die Semantik von ἐκκλησία durch M. Munson. Er stützt frühere Forschungspositionen, die auf die Nähe des neutes‐ tamentlichen Gebrauchs von ἐκκλησία zu dem von Philo von Alexandrien hingewiesen hatten, vor allem die mit diesem Begriff verbundenen Inhalte wie „Einschluss“ und „Ausschluss“. Außerdem besäße der Begriff einen Bezug zu jüdischen Festversammlungen. Dann aber ergab seine computergestützte semantische Analyse, dass Philo „Opfer und Tempel“ hervorhebt, „d.h. Dinge, die den Mitgliedern der jüdischen ἐκκλησία zu tun erlaubt seien, weil sie bereits Mitglieder sind, während das Neue Testament auf den Exodus orientiert sei, das Ereignis, das das Volk Israel erst schuf. Demnach seien beide an jüdischen Festen interessiert, Philo, weil der Exodus Mitgliedschaft bestärkt, das Neue Testament hingegen, weil es Mitgliedschaft ermöglicht“. 18 Trotz dieses Unterschieds sei die semantische Nähe zu Philo so stark, dass man auch den Terminus nicht anders als bei Philo übersetzen sollte, also eher mit „Versammlung“ und nicht 34 Rekonstruktion <?page no="913"?> 19 Vgl. sein ausführliches Kapitel 1.7 „Determining the Best Parameters“, in ibid. 22-47. mit „Kirche“. An dieser Stelle kann nicht der semantische Ansatz von Munson in adäquater Weise dargestellt und diskutiert werden. Allerdings stellt er heraus, wie bedeutend die Parameter sind, auf deren Basis die linguistischen Erhebungen getätigt werden. 19 Betrachten wir die vorkanonische Semantik, sticht ins Auge, dass der Begriff, der immerhin 120/ 114 Mal im kanonischen Neuen Testament steht, vorkanonisch in den sieben *Briefen nur ein einziges Mal begegnet und dort tatsächlich die versammelte „Gemeinde“ beschreibt (*1Kor 14,19), in der *Paulus lehrend etwas vorträgt. Eine andere Semantik bieten die beiden *Deuteropaulinen *Laod und *Kol, in denen der Terminus gleich fünf Mal begegnet. Schon die Häufigkeit, in der der Begriff in ihnen steht, verweist diese *Deuteropaulinen in die Nähe des kanonischen Sprachgebrauchs. Dem Inhalt nach verweist der Begriff allerdings nicht auf die versammelte Gemeinde. In *Laod 3,8-10 erläutert *Paulus den Sendungsauftrag, zunächst seinen eigenen, dann denjenigen der Kirche gegenüber „den Hoheiten und Herrschaften des himmlischen Bereichs“, denen „durch die Kirche die vielfältige Weisheit Gottes bekannt werden“ soll (*Laod 3,10). Hier den Begriff mit „Versammlung“ zu übersetzen, wäre unpassend. Es lässt sich auch kein Bezug zu einem der jüdischen Feste, weder zu Opfer, Tempel noch Exodus feststellen. An der nächsten Stelle, an der der Begriff begegnet, geht es um die interne Hierarchie, nämlich darum, dass sich die „22 Frauen-… den Männern unter[ordnen]“ sollen, „23 denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Kirche ist“ (*Laod 5,22-23). Im nächsten Satz heißt es: „25 Wie auch Christus die Kirche geliebt hat, 28 sollen auch die Männer ihre Frauen lieben. Wer seine Frau liebt, liebt sein eigenes Fleisch. 29 Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und zieht es auf, wie auch Christus die Kirche“ (*Laod 5,25. 28-29). Sodann deutet *Paulus die Beziehung zwischen Mann und Frau „auf Christus und die Kirche“ (*Laod 5,32). In keinem dieser Verse gibt es einen Bezug, der für die Nähe zu Philo spricht, sondern es geht um die christliche Institution und ihre innere Struktur, weshalb die Übersetzung „Kirche“ gerechtfertigt ist. In *Kol 1,24 lesen wir: „Ich erfülle am Fleisch, was noch fehlt von den Bedrängnissen Christi für seinen Leib, der die Kirche ist“. Wie in *Laod geht es auch an dieser Stelle nicht um eine gemeindliche Versammlung, sondern um das Instrument der „Kirche“. Hieraus lässt sich ablesen: 1 (Gal) 35 <?page no="914"?> 20 W. Dittenberger, Sylloge inscriptionum Graecarum Suppl. Orientis Graeci inscriptiones selectae (1903), II 304 (n. 608). 1. Vorkanonisch spielt in den sieben *Briefen ἐκκλησία fast keine Rolle - es steht an einer einzigen Stelle für die Gemeindeversammlung. 2. In deutlichem Unterschied zu diesem Befund begegnet der Terminus in ähnlicher Häufigkeit wie auf der kanonischen Ebene in den beiden *Deuteropaulinen. Hier wird man den Begriff mit „Kirche“ wiederzugeben haben, weil es in ihnen nicht um die gemeindliche Versammlung geht. Wie in der Einleitung öfters herausgearbeitet wurde, erweisen sich die drei *Deuteropaulinen in mancherlei Hinsicht der kanonischen Ebene näher als der vorkanonischen. 3. Diese Nähe zur kanonischen Ebene erweist sich auch im Inhalt mit der Herausstellung der Unterordnung der Frau unter den Mann, welche in starkem Kontrast zum vorkanonischen Verständnis von *1Kor 14,22b-c steht. 4. Aus der Berücksichtigung der drei *Deuteropaulinen mit ihrer Semantik und ihren Inhalten und den daraus sich ergebenden Spannungen inner‐ halb der *10-Briefe-Sammlung gewinnen wir einen Hinweis darauf, dass der Redakteur der vorkanonischen Sammlung einen erheblichen Respekt gegenüber seinen Quellen besaß und trotz aller sprachlichen Überarbei‐ tung offenkundig bereit war, semantische und inhaltliche Differenzen und Inkonsistenzen in Kauf zu nehmen und die Texte nicht völlig zu harmonisieren. Nimmt man den im zweiten Jahrhundert schreibenden Theoph., Ad Autol. II 14 hinzu, liest man: τὰς συναγωγὰς λεγομένας ἐκκλησίας. Diese Erläuterung von Synagogen, „die Kirchen genannt werden“, deutet darauf hin, dass die jüdische Institution mit einem Begriff gleichgesetzt wird, der hierfür noch nicht allgemeinbekannt oder zumindest in dieser Gleichsetzung noch nicht selbstver‐ ständlich war. Auch in Hermas, Mand. XI 9. 13. 14 liest man noch von einer συναγωγή und so auch in Jak 2,2. Über die Ebioniten schreibt Epiph., Pan. 30 (Holl 357): συναγωγὴν δὲ καλοῦσι τὴν ἑαυτῶν ἐκκλησίαν καὶ οὐχὶ ἐκκλησίαν. Für Markioniten ist die Bezeichnung συναγωγή für den Kultraum in Deir Ali, das ehemalige Lebaba im südlichen Syrien, belegt: Συναγωγὴ Μαρκιωνιστῶν κώμ(ης) Λεβάβων τοῦ κ(υρίο)υ καὶ σ(ωτῆ)ρ(ος) Ἰη(σοῦ) Χρηστοῦ, προνοίᾳ Παύλου πρεσβ(υτέρου) τοῦ λχ΄ ἔτους. 20 Aus all dem legt sich nahe, dass der vorkanonisch unbezeugte Terminus ἐκκλησία an vorliegender Stelle in Vers 2 erst von der kanonischen Redaktion in den Text eingetragen wurde. 36 Rekonstruktion <?page no="915"?> 21 Vgl. M. Meiser, Galater (2007), 14. 22 H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 22. 23 Mit näherer Begründung H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 5-8. 24 Vgl. F. Bovon, Une formule prépaulinienne dans l’épître aux Galates (Ga 1, 4-5) (1978). 25 C. Breytenbach, The Septuagint Version of Isaiah 53 and the Early Christian Formula ‚He Was Delivered for Our Trespasses‘ (2009). 26 H. Schlier, Der Brief an die Galater (1951), 8. 3. (1,3) Nach Zahn und Schmid gilt der Vers als unbezeugt. Nach Harnack fehlte er nicht, auch wenn seine Textgestalt nicht bezeugt ist. Van Manen gibt: χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς καὶ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ. BeDuhn lässt das Χριστοῦ aus. Wie Tertullians Kommentar zu *1Kor 1,1 lehrt, wird man nicht nur dort, sondern auch hier mit dem Gnaden- und Friedensgruß vorkanonisch rechnen dürfen, weil Tertullian von der Gleichtönigkeit der *paulinischen Brieferöffnungen spricht und für *1Kor diesen hier unbezeugten Gruß bezeugt. Zur Aufnahme dieses Verses in den späteren Laodizenerbrief (2) vgl. man Meiser. 21 Nach Lietzmann soll die Verwendung des Begriffes χάρις in der Grußformel eine „Neuschöpfung“ des Paulus sein, während εἰρήνη „bereits vereinzelt auf jüdisch-griechischem Gebiet“ dem hebräischen Schalom nachgebildet sei. 22 4. (1,4-5) Van Manen hält die beiden Verse für abwesend, während Zahn und Harnack sie vorhanden sehen, ohne dass sich ihre sprachliche Gestalt bestimmen ließe. Schmid und BeDuhn sehen sie als unbezeugt, Detering hält lediglich 1,5 für abwesend. 23 Bovon bezeichnet Gal 1,4-5 als eine vorpaulinische Passage. 24 Zur weiteren Erklärung von Gal 1,4-5 wurde schließlich auch Röm 4,25a (ὃς παρεδόθη διὰ τὰ παραπτώματα ἡμῶν) und Röm 8,32 (ὅς γε τοῦ ἰδίου υἱοῦ οὐκ ἐφείσατο, ἀλλὰ ὑπὲρ ἡμῶν πάντων παρέδωκεν αὐτόν) herangezogen. 25 Diese beiden Verse aus dem Römerbrief sind jedoch nur für die kanonische Version bezeugt. Hier zu den Versen im Einzelnen: 5. (1,4) Harnack hält Gal 1,4 für vorhanden. Das τοῦ δόντος ἑαυτὸν hat „eine sprachliche und sachliche Parallele“ in 1Tim 2,6 (ὁ δοὺς ἑαυτὸν ἀντίλυτρον ὑπὲρ πάντων) und Tit 2,14 (ὃς ἔδωκεν ἑαυτὸν ὑπὲρ ἡμῶν). 26 Es fällt auf, dass weiter unten in Gal 2,20b (παραδόντος ἑαυτὸν ὑπὲρ ἐμοῦ) für *Gal unbezeugt ist. Auf die kanonisch-redaktionelle Stufe verweisen die in der vorkanonischen Sammlung unbezeugten Stellen Röm 4,25a (ὃς παρεδόθη διὰ τὰ παραπτώματα ἡμῶν) und 8,32 (ὑπὲρ ἡμῶν πάντων παρέδωκεν αὐτόν), ebenso Eph 5,2. 25 (παρέδωκεν ἑαυτὸν ὑπὲρ ἡμῶν; ἑαυτὸν παρέδωκεν ὑπὲρ αὐτῆς). Die hier angesprochene Vorstellung von der Hingebung wegen unserer Sünden lässt 1 (Gal) 37 <?page no="916"?> 27 Vgl. M. Meiser, Galater (2007), 14. 28 F. Bovon, Une formule prépaulinienne dans l’épître aux Galates (Ga 1, 4-5) (1978), 97-105. 29 H. Schlier, Der Brief an die Galater (1951), 2-3. 30 Vgl. hierzu mit weiterer Lit. A. Sand, ἄνθρωπος (2011). sich zurückführen auf Jes 53,6. 12 (κύριος παρέδωκεν αὐτὸν ταῖς ἁμαρτίαις ἡμῶν; διὰ τὰς ἁμαρτίας αὐτῶν παρεδόθη). Auch der Gedanke von „der gegen‐ wärtigen, bösen Welt“ wurde von der kanonischen Redaktion aufgegriffen, wobei das ἐνεστῶτα in Röm 8,38 mit Eph 5,16 (αἱ ἡμέραι πονηραί εἰσιν), aber auch mit ( * ) 1Kor 3,22 (εἴτε κόσμος εἴτε ζωὴ εἴτε θάνατος εἴτε ἐνεστῶτα εἴτε μέλλοντα) korrespondiert, also bereits vorkanonisch bezeugt ist. Hier gilt es zu entscheiden, welches Gewicht man Hieronymus als Zeugen gibt. Nachdem dieser unmittelbar zuvor (Zeile 13) ausdrücklich auf „Markions Apostolos“ zu sprechen kommt und diesen Text mit dem kanonischen vergleicht und er auch, was diesen Vers hier betrifft, auf die „Häretiker“ verweist, spricht viel dafür, dass er uns auch an dieser Stelle Kenntnis vom vorkanonischen Textbestand gibt. Auf die Nähe von Gal 1,4 zum sog. Freer-Logion hat man bereits verwiesen. 27 6. (1,5) Was diesen Vers betrifft, der von niemandem vorkanonisch bezeugt wird, sind wir auf die Lexik angewiesen. Die aber spricht deutlich für eine Abwesenheit des Verses vom vorkanonischen Text. Bovon meint, dass sich in der Doxologie nichts spezifisch Christliches zeige, er sieht sie verbunden mit einer apokalyptisch-jüdischen Tradition. 28 D. (1,1) Παῦλος steht 174 / 158 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für diese Stelle hier, *Gal 1,1 und noch für *1Kor 3,22; *2Kor 1,1; *Röm; *1Thess 1,1; *2Thess 1,1; *Laod 1,1; *Kol 1,1, d. h. nur für die Brieferöffnungen mit Ausnahme von *1Kor 3,22 - alle anderen Erwähnungen finden sich lediglich auf der kanonischen Ebene. Hieraus lässt sich bereits auf ein Merkmal der kanonischen Redaktion schließen, die Paulus sehr viel häufiger von sich reden lässt und auch seine Person oft emphatisch in den Vordergrund stellt, wie noch weiter zu sehen sein wird. ♦ ἀπόστολος steht 83 / 80 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 17; *Laod 2,20. An der vorliegenden Stelle unterstreicht er den Gedanken der „Autorisation“. 29 ♦ ἀπό steht 711 / 646 Mal im NT, vergleichsweise selten gebraucht auf der vorkanonischen Ebene in Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9, während der Begriff oft in Serie steht auf der kanonischen Ebene. ♦ ἄνθρωπος steht 588 / 551 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt insbesondere in *Ev in der Wendung ὁ υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου (*Ev 5,24; 6,5. 22; 9,18. 22. 27. 44; 12,10. 40; 17,22. 24; 19,10; 21,27; 22,69; 24,7). 30 ♦ οὐδέ steht 161 / 144 Mal 38 Rekonstruktion <?page no="917"?> im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ διά ist noch häufiger im NT zu finden und steht 692 / 668 Mal darin, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,1. 4. 16; 3,14; 4,23; 5,6; *1Kor 1,21; 4,15; 9,10; 10,1; 11,10; 12,8; 14,19; 15,21; *2Kor 4,5; 5,10; *Röm 2,12. 16. 24; 3,22; 5,21; 7,4. 7. 11; 8,10; *2Thess 2,11; *Laod 2,16; 3,10; 4,6; *Kol 1,20. 22; *Phil 1,15; 3,8. 9, wobei auffällt, dass der Begriff immer wieder gerade in solchen Versen begegnet, die für die vorkanonische Ebene nicht bezeugt sind. ♦ Ἰησοῦς steht 1080 / 919 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 1,3; *2Kor 1,3; 4,5; *Röm 5,21. Obwohl vorkanonisch bezeugt, findet sich der Name relativ selten auf der vorkanonischen Ebene; dagegen ist der Name auf der kanonischen Ebene immer wieder gerade in den Versen zu finden, die in der vorkanonischen Fassung fehlen oder für sie unbezeugt sind. ♦ Χριστός steht 672 / 531 Mal im NT und ist, anders als Jesus, deutlich stärker vorkanonisch bezeugt, nämlich für *Ev und *Gal 1,1; 2,4; 3,13; 5,1. 6. 24; 6,2; *1Kor 1,1. 23; 3,11; 5,7; 6,15; 10,4. 9; 11,3; 12,12; 15,12. 22; *2Kor 1,3; 4,5. 6; 5,10. 17; 11,2; *Röm 2,16; 5,6. 21; 7,4; 8,11; 10,4; 14,10; *1Thess 4,16; 5,23; *Laod 1,10. 12. 17. 20; 2,10. 12. 13. 20; 5,14. 23. 29. 32; *Kol 1,24; 2,17; *Phil 1,17. 18; 3,7. 8. ♦ Die Kombination ἀλλὰ διά steht 7 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 1,12. ♦ Die Kombination διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ steht 14 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Röm 5,21. ♦ θεός steht 1424 / 1318 Mal im NT und ist sehr häufig vorkanonisch bezeugt. Es fällt aber auch hier auf, wie gerade die kanonische Redaktion den Begriff multipliziert und er insbesondere in den Versen Verwendung findet, die in der vorkanonischen Fassung abwesend oder für diese unbezeugt sind. ♦ πατήρ im Singular steht 297 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,3; 5,1; *Laod 1,17; 2,18; 4,6; 5,31; 6,2. ♦ Die Wendung θεοῦ πατρός steht 18 Mal im NT (Röm 1,7; 1Kor, 1,3; 2Kor 1,2; Gal 1,1. 3; Eph 1,2; 6,23; Phil 1,2; 2,11; Kol 1,2; 2Thess 1,2; 1Tim 1,2; 2Tim 1,2; Tit 1,4; Phlm 1,3; 1Petr 1,2; 2Petr 1,17; 2Joh 1,3), vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,3. ♦ ἐγείρω steht 169 / 144 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 15,4. 14. 17. 29. 35. 44; *Röm 8,11; *Laod 1,20; 5,14. ♦ αὐτόν steht 841 Mal im NT, ist vorkanonisch gut bezeugt, auch wenn die vielen Stellen auffallen, in denen es in solchen Versen oder Versteilen steht, die in der vorkanonischen Version fehlen. ♦ Zur Variante (ἑ)αυτοῦ: Dieses Pronomen steht 361 Mal im NT und ist vorkanonisch gut bezeugt für *Ev und *Paulus. ♦ Der Ausdruck τοῦ ἐγείραντος steht 3 Mal im NT (Röm 8,11; Gal 1,1; Kol 2,12), vorkanonisch bezeugt nur für diese Stelle hier. ♦ Die weitere Wendung τοῦ ἐγείραντος αὐτὸν ἐκ νεκρῶν steht noch 1 weiteres Mal im NT, Kol 2,12. ♦ νεκρός steht 138 / 128 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,12. 29. 35. 52; *Röm 8,10. 11; *1Thess 4,16; *Laod 1,20; 2,1; 5,14. ♦ Die Wendung ἐκ νεκρῶν steht 44 Mal im NT (Mt 17,9; 4 Mal Mk; Lk 9,7; 16,31; 20,35; 24,46; 6 Mal Joh; 7 Mal Apg; Röm 4,24; 6,4. 9. 13; 7,4; 8,11; 10,7. 9; 11,15; 1Kor 15,12. 20; Gal 1,1; Eph 1,20; Phil 3,11; Kol 1 (Gal) 39 <?page no="918"?> 31 Vgl. zu *Ev 8,21 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kano‐ nischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1391. 2,12; 2Tim 2,8; Hebr 11,19; 13,20; 1Petr 1,3. 21), in Lk 24,46, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,31; 20,35; *Röm 7,4; 8,11; *Laod 1,20. Zur Rekonstruktion: Aus dem Vergleich von Lexik und Bezeugung lässt sich entnehmen, dass die bezeugten Teile gut vorkanonisch bezeugt sind, und die Wendung ἐκ νεκρῶν wird wohl vorkanonisch gestanden sein. Hier muss man sich auf die Textzeugen der Tradition, Tertullian und Hieronymus, stützen, wie in Abschnitt C. diskutiert. (1,2) σύν steht 136 Mal im NT, und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,14; *Gal 2,3; 5,24; *Thess 4,17; *Kol 2,13; 3,3. 4; *Phil 1,23. ♦ Die Kombination οἱ σὺν ἐμοὶ ἀδελφοί begegnet nur wieder auf der kanonischen Ebene, Phil 4,21. ♦ πάντες steht 172 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3. Nun fällt nicht nur auf, dass der Begriff in erheblichem Maß gerade in solchen Versen begegnet, die für die vorkanonische Ebene fehlen, er wird zwar vorkanonisch seltener eingesetzt, ist darum jedoch argumentativ gewichtiger auf der vorkanonischen als er es auf der kanonischen Ebene ist. Auf letzterer wirkt er (wie andere Formen von πᾶς auch) eher als emphatischer Ausdruck. Dass er trotz der relativ geringen Bezeugung in *Ev und in den von der Forschung für genuin gehaltenen (vorkanonischen) *Briefen des *Paulus deutlich in *Laod und *2Thess bezeugt ist, verweist auf die Sonderstellung dieser beiden Briefe innerhalb der *10-Briefe-Sammlung, vgl. hierzu die Einleitung. ♦ ἀδελφός oder ἀδελφοί, die 367 / 343 Mal im NT stehen, sind sehr beliebt auf der kanonischen Ebene, bereits auffallend seltener in *Ev als in Lk 31 und ähnlich spärlich in *Paulus, nur bezeugt für *Gal 4,31; *1Kor 8,13; 10,1; 15,1; 15,50. Sie sind auffallenderweise auch selten in Mk mit Ausnahme von Mk 1,19; 3,17; 5,37. ♦ ἐκκλησία, das 120 / 114 Mal im NT steht, ist vorkanonisch lediglich bezeugt in *1Kor 14,19; *Laod 3,10; 5,23. 29. 32; *Kol 1,24, wobei auffällt, dass der Begriff folglich nur ein einziges Mal bezeugt ist für einen Brief, der von der modernen Wissenschaft dem Paulus zugeschrieben wird. ♦ Γαλάται steht 4 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. Nachdem, worauf mich Mark Bilby in einer Email vom 17.5.23 aufmerksam gemacht hat, alle Ortsnamen und Empfänger bei *Paulus im Dativ stehen, während die kanonische Redaktion den Genitiv bevorzugt, wird man auch hier eher von einem Dativ ausgehen dürfen. Zur Rekonstruktion: Den Zeugen zufolge scheint vorkanonisch lediglich Ga‐ latien erwähnt zu sein. Wie in C. dargelegt, wird der Terminus „Kirchen“ vorkanonisch gefehlt haben. Ebenfalls scheint der unbezeugte Passus καὶ οἱ 40 Rekonstruktion <?page no="919"?> 32 Vgl. C. Breytenbach, „Charis“ and „eleos“ in Paul’s Letter to the Romans (2009). 33 F. Bovon, Une formule prépaulinienne dans l’épître aux Galates (Ga 1, 4-5) (1978), 94. σὺν ἐμοὶ πάντες ἀδελφοί auf die kanonische Redaktion zurückzugehen, da Paulus - wie die Hinzufügungen von Timotheus in den Grußadressen der Briefe (2Kor; Phil; 1Thess; 2Thess; Kol; Phlm) zeigt - auf der kanonischen Ebene öfter Mitabsender erhält, außerdem begegnet das οἱ σὺν ἐμοὶ πάντες ἀδελφοί 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene. (1,3) χάρις steht 171 / 156 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; *1Kor 15,57; *Röm 5,21; *Laod 3,8. Zu seinem Gehalt vgl. Breytenbach. 32 ♦ ὑμῖν steht 559 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,21; *1Kor 3,16; 15,1. Auch bei diesem Pronomen fällt die Häufigkeit auf, in welcher es gerade in Versen begegnet, die in der vorkanonischen Version fehlen oder die unbezeugt sind, außerdem fehlt es an einigen Stellen in den vorkanonischen Parallelversen, was zeigt, dass das adressierende Pronomen der für die kanonische Redaktion typischen Emphase wegen an verschiedenen Stellen in den Text eingetragen wurde. ♦ εἰρήνη findet sich 98 / 92 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,3; *Röm 5,1; *Laod 2,14. 15. 17; 6,15. ♦ Das im kanonischen Text stehende Personalpronomen 1. Pers. Pl. ἡμεῖς findet sich 830 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Paulus. Zur Rekonstruktion: Wie sich aus der Bezeugung Tertullians zu 1Kor ergibt, wird man wohl mit dem oben rekonstruierten Text zu rechnen haben. Hiergegen spricht auch nicht die Lexik, wenn auch deutlich ist, wie sehr die Begrifflichkeit auch auf der kanonischen Ebene von Bedeutung ist. (1,4) δίδωμι steht 471 / 415 Mal im NT und ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; *1Kor 12,8; 15,57; *Laod 3,8. ♦ Die Form δόντος steht 3 Mal im NT (2Kor 5,18; Gal 1,4; 2,20 als Variante), nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ Zu bemerken ist auch, dass die Formulierung von der Selbsthingabe wieder begegnet in 2Kor 8,5 (ἑαυτοὺς ἔδωκαν), dort auf der kanonischen Ebene. Bovon verweist darauf, 33 dass in den Pastoralbriefen der Gedanke von Christi Selbsthingabe begegnet (1Tim 2,6: ὁ δοὺς ἑαυτὸν ἀντίλυτρον ὑπὲρ πάντων; Tit 2,14: ὃς ἔδωκεν ἑαυτὸν ὑπὲρ ἡμῶν ἵνα λυτρώσηται ἡμᾶς ἀπὸ πάσης ἀνομίας), Verse, die auf die kanonische Ebene verweisen. ♦ ὑπέρ steht 172 / 150 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 6,28. 40; *Gal 3,13; *1Kor 15,29; *Röm 5,6; *Kol 1,24. ♦ Die Variante περί steht 354 / 333 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,27; 17,2; *1Kor 8,1; 12,1, sie war folglich keine beliebte Konjunktion der vorkanonischen Ebene, wie auch die vielen Verse belegen, in denen die kanonische Redaktion diese Konjunktion besitzt, die aber in der vorkanonischen Ebene nicht vorhanden sind. ♦ ἁμαρτία, das 184 / 173 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *Röm 5,21; 7,7. 11; 8,3. 10; 1 (Gal) 41 <?page no="920"?> 34 So ibid. 35 Ibid. 92. 36 Ibid. 93. 14,23; *2Thess 2,3. ♦ Die Wendung ὑπὲρ τῶν ἁμαρτιῶν ἡμῶν steht 1 weiteres Mal im NT, 1Kor 15,3, dort noch ergänzt mit κατὰ τὰς γραφάς, auch wenn Bovon recht zu haben scheint, dass der Ausdruck deutlich macht, dass an dieser Stelle auf eine ältere Formulierung verwiesen wird. 34 ♦ ὅπως, das 58 / 53 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,4; *1Kor 1,29. ♦ ἐξαιρέω steht 11 / 8 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für diese Stelle hier, ansonsten vor allem präsent in der Apostelgeschichte, und Bovon sieht recht, dass Paulus dieses Wort an keiner weiteren Stelle gebraucht. 35 ♦ αἰών, das 146 / 122 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *1Kor 2,6. 7. 8; 10,11; *2Kor 4,4; *Laod 2,2; 3,9. ♦ ἐνίστημι steht 9 / 7 Mal im NT, auf die Nähe zu der vorkanonischen Stelle *1Kor 3,22 wurde bereits hingewiesen. ♦ πονηρός, das 81 / 78 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *Kol 1,21. Der Gedanke begegnet wieder auf der kanonischen Ebene in Eph 5,16 (ἐξαγοραζόμενοι τὸν καιρόν, ὅτι αἱ ἡμέραι πονηραί εἰσιν). ♦ Gerade die sich anschließende, nicht mehr vorkanonisch bezeugte Formulierung (κατὰ τὸ θέλημα τοῦ θεοῦ καὶ πατρὸς ἡμῶν) hat Bovon an eine Verbindung mit der liturgischen Sprache des Epheserbriefes erinnern lassen (Eph 1,5. 9. 11: κατὰ τὴν εὐδοκίαν τοῦ θελήματος αὐτοῦ … 9 … τὸ μυστήριον τοῦ θελήματος αὐτοῦ, κατὰ τὴν εὐδοκίαν αὐτοῦ … 11 … κατὰ τὴν βουλὴν τοῦ θελήματος αὐτοῦ). 36 ♦ κατά steht 510 / 476 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,11; 4,23; *Röm 2,2. 16; 5,6; 10,2; *Laod 1,9; 2,2; *Kol 2,8. 22. Bei diesem Wörtchen fällt nicht nur die geringe Zahl der vorkanonischen Bezeugungen auf. Viel gewichtiger ist die Häufigkeit, in der der Begriff gerade in Versen und Versteilen begegnet, die in *Ev fehlen. Es wäre eine eigene Studie wert, die Benutzung und Nichtbenutzung des Begriffes in Paulus zu untersuchen, denn diese würde erweisen, dass der Begriff auch dort zum typischen Gebrauch der kanonischen Redaktion gehört. ♦ θέλημα, das 65 / 62 Mal im NT steht und ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion ist, der etwa in *Ev nicht begegnet, jedoch zwei Mal für *Paulus bezeugt ist (*1Thess 4,3; *Laod 1,9). ♦ Zu πατήρ vgl. zuvor zu den Versen 1 und 3. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Hieronymus, wobei auffällt, dass gerade der unbezeugte Teil auch eine Lexik aufweist, die für die Abwesenheit dieses Teils spricht (πονηρός, κατά, θέλημα). (1,5) εἰς steht 1870 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Paulus. ♦ Die vorkanonisch unbezeugte Doxologie ᾧ ἡ δόξα εἰς τοὺς αἰῶνας τῶν αἰώνων: ἀμήν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Gal 1,5; 2Tim 4,18; Hebr 13,21). Sie verweist auch auf weitere Formulierungen der kanonischen Redaktion, etwa Röm 11,36 (αὐτῷ ἡ δόξα εἰς τοὺς αἰῶνας: ἀμήν), Phil 4,20 (τῷ δὲ θεῷ καὶ πατρὶ ἡμῶν ἡ 42 Rekonstruktion <?page no="921"?> δόξα εἰς τοὺς αἰῶνας τῶν αἰώνων: ἀμήν), Eph 3,21 (αὐτῷ ἡ δόξα ἐν τῇ ἐκκλησίᾳ καὶ ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ εἰς πάσας τὰς γενεὰς τοῦ αἰῶνος τῶν αἰώνων: ἀμήν) und 1Tim 1,17 (τῷ δὲ βασιλεῖ τῶν αἰώνων, ἀφθάρτῳ, ἀοράτῳ, μόνῳ θεῷ, τιμὴ καὶ δόξα εἰς τοὺς αἰῶνας τῶν αἰώνων: ἀμήν), allesamt unbezeugt für *Paulus. ♦ ἀμήν, obwohl es 175 / 130 Mal im NT belegt ist, findet es sich vorkanonisch nur bezeugt für *2Kor 1,20, und an dieser Stelle dient das Wort nicht als Formel, wie an einer Fülle von Stellen auf der kanonischen Ebene deutlich wird, sondern als Nomen τὸ Ἀμήν, das ausdrücklich zusammengestellt wird mit τὸ Ναί. Obwohl es auch als Nomen in 1Kor 14,16 benutzt wird, gilt es doch an dieser Stelle als Schlussformel. Der Begriff steht etwa im gleichen Maß in den kanonischen Evangelien wie beim kanonischen Paulus, was die Differenz zur vorkanonischen Bezeugung noch verdeutlicht. Zur Abwesenheit: Der Vers ist vorkanonisch unbezeugt, und, wie gerade die Doxologie ausweist (ᾧ ἡ δόξα εἰς τοὺς αἰῶνας τῶν αἰώνων: ἀμήν), gestützt durch den vorkanonisch und kanonisch unterschiedlichen Gebrauch von ἀμήν, ein Produkt der kanonischen Redaktion. Der Vers hat vorkanonisch gefehlt. 1,6-9: Der Anlass des Briefes Trotz einiger Differenzen stimmt die Darstellung des Anlasses des Briefes mit der kanonischen Version weithin überein. Lediglich der Anfang und das Ende werden durch die kanonische Redaktion deutlich erweitert. 6-Θαυμάζω ὅτι ταχέως μετατίθεσθε εἰς ἕτερον εὐαγγέλιον, 6 Θαυμάζω ὅτι οὕτως ταχέως μετατίθεσθε ἀπὸ τοῦ καλέσαντος ὑμᾶς ἐν χάριτι Χριστοῦ εἰς ἕτερον εὐαγγέλιον, 7-ὃ πάντως οὐκ ἔστιν ἄλλο κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου, εἰ μή τινές εἰσιν οἱ ταράσσοντες ὑμᾶς καὶ θέλοντες μεταστρέψαι εἰς ἕτερον εὐαγγέλιον τοῦ Χριστοῦ. 7 ὃ οὐκ ἔστιν ἄλλο· εἰ μή τινές εἰσιν οἱ ταράσσοντες ὑμᾶς καὶ θέλοντες μεταστρέψαι τὸ εὐαγγέλιον τοῦ Χριστοῦ. 8 ἀλλὰ καὶ ἐὰν ἄγγελος ἐξ οὐρανοῦ ἄλλως εὐαγγελίσηται, 8 ἀλλὰ καὶ ἐὰν ἡμεῖς ἢ ἄγγελος ἐξ οὐρανοῦ εὐαγγελίζηται ὑμῖν παρ’ ὃ εὐαγγελισάμεθα ὑμῖν, ἀνάθεμα ἔστω. 9καὶ εἴ τις ὑμᾶς εὐαγγελίζεται παρ’ ὃ εὐαγγελισάμεθα ὑμῖν ἀνάθεμα ἔστω. 9 ὡς προειρήκαμεν, καὶ ἄρτι πάλιν λέγω, εἴ τις ὑμᾶς εὐαγγελίζεται παρ’ ὃ παρελάβετε, ἀνάθεμα ἔστω. A. *1,6: Tert., Adv. Marc. V 2,4: Miror vos tam cito transferri ab eo qui vos vocavit in gratiam ad aliud evangelium; ibid. V 2,5: ut uiderentur sic ad aliud euangelium 1 (Gal) 43 <?page no="922"?> transferri; I 20,4: qui uellent galatas ad aliud euangelium transferre; id., De praescr. 27,3 (SC 46,124): Miror quod sic tam cito transferimini ab eo qui uos uocauit in gratia, ad aliud euangelium; Adam., Dial. I 6 (im Mund des Megethius): Miror quod sic tam cito transferimini in aliud evangelium (nur Rufin im Mund des Megethius). Schmid, der versehentlich auf Tert., Adv. Marc. V 1,4 verweist und Adam. nicht gelten lässt, führt diesen Vers nicht auf als Bestand von *Gal an. ♦ *1,7: Tert., Adv. Marc. V 2,5: Nam et adiciens quod aliud evangelium omnino non esset, creatoris confirmat id quod esse defendit … est autem evangelium etiam dei novi, quod vis tunc ab apostolo defensum; iam ergo duo sunt evangelia apud duos deos, et mentitus erit apostolus dicens quod aliud omnino non est, cum sit et aliud, cum sic suum evangelium defendere potuisset, ut potius demonstraret, non ut unum determinaret; ibid., I 20,4: qui uellent galatas ad aliud euangelium transferre; ibid., IV 3,2: simul et accusantis pseudapostolos quosdam pervertentes euangelium Christi; ibid., IV 4,5: etiam si angelus Marcion, citius anathema dicendus quam euangelizator quia aliter euangelizavit. Adam., Dial. I 6 (im Mund des Megethius): οὐκ ἔστιν ἄλλο κατὰ τὸ εὐαγγέλιον μοῦ, εἰ μή τινές εἰσιν οἱ ταράσσοντες ὑμᾶς καὶ θέλοντες μεταστρέψαι εἰς ἕτερον εὐαγγέλιον τοῦ Χριστοῦ (Rufin: quod non est aliud nisi sunt qui vos conturbant et volunt pervertere euangelium Christi). In Rufins Übersetzung des Dialogs fehlt das κατὰ τὸ εὐαγγέλιον μοῦ. Vgl. Orig., Comm in Ioh. V (104 Preuschen): Ἔτι προσθήσω εἰς τὴν τούτου ἀπόδειξιν ῥητὸν ἀποστολικὸν μὴ νενοημένον ὑπὸ τῶν Μαρκίωνος καὶ διὰ τοῦτο ἀθετούντων τὰ εὐαγγέλια· τῷ γὰρ τὸν ἀπόστολον λέγειν· Κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ καὶ μὴ φάσκειν εὐαγγέλια ἐκεῖνοι ἐφιστάντες φασίν, οὐκ ἂν πλειόνων ὄντων εὐαγγελίων, τὸν ἀπόστολον ἑνικῶς τὸ εὐαγγέλιον εἰρηκέναι, οὐ συνιέντες ὅτι, ὡς εἷς ἐστιν ὃν εὐαγγελίζονται πλείονες, οὕτως ἕν ἐστι τῇ δυνάμει τὸ ὑπὸ τῶν πολλῶν εὐαγγέλιον ἀναγεγραμμένον καὶ τὸ ἀληθῶς διὰ τεσσάρων ἕν ἐστιν εὐαγγέλιον. ♦ *1,8: Tert., Adv. Marc. V 2,5-6: Licet angelus de caelo aliter evangelizaverit, anathema sit … Sed et si nos aut angelus de caelo aliter evangelizaverit; ibid., IV 4,5: etiam si angelus Marcion, citius anathema dicendus quam euangelizator quia aliter euangelizavit; id., De praescr. 6,5 (SC 46,95): Itaque etiamsi angelus de caelis aliter euangelizaret, anathema diceretur a nobis; ibid., 29,7 (SC 46, 126): Et si angelus de caelo aliter euangelizaverit citra quam nos, anathema sit; vgl. id., De carn. 6,2 (SC 216,234): Etiam si angelus de caelis aliter euangelizaverit vobis quam nos euangelizavimus, anathema sit; ibid., 24,2 (SC 216,306): Aeque, etiamsi angelus de caelis aliter euangelizaverit vobis quam nos, anathema sit. Adam., Dial. I 6 (im Mund des Adamantius): ἀλλὰ κἂν ἡμεῖς ἢ ἄγγελος ἐξ οὐρανοῦ εὐαγγελίσηται ὑμῖν παρ’ ὃ εὐηγγελισάμεθα ὑμῖν (Rufin: Sed et si nos inquit aut angelus de coelo euangelizaverit vobis praeterquam quod euangelizavimus vobis anathema sit), und zuvor Megethius an dieser Stelle: 44 Rekonstruktion <?page no="923"?> 37 Die Zahlensiglen der altlateinischen Tradition folgen H.A.G. Houghton, C.M. Kreine‐ cker, R.F. MacLachlan and C.J. Smith, The Principal Pauline Epistles. A Collation of Old Latin Witnesses (2019). Die Namensiglen folgen NA 28 . 38 Vgl. G.D. Kilpatrick, Western Text and Original Text in the Epistles (1944), 60-61. 39 Vgl. zu weiteren Variationen H.A.G. Houghton, C.M. Kreinecker, R.F. MacLachlan and C.J. Smith, The Principal Pauline Epistles. A Collation of Old Latin Witnesses (2019), 392. εἴ τις ὑμᾶς εὐαγγελίσεται παρ’ ὃ εὐαγγελισάμεθα ὑμῖν, ἀνάθεμα ἔστω (Rufin: Si vobis quis aliter evangelizaverit, anathema sit). Adam., Dial. I 6 (im Mund des Megethius): εἴ τις ὑμᾶς εὐαγγελίσεται παρ’ ὃ εὐαγγελισάμεθα ὑμῖν ἀνάθεμα ἔστω (Rufin: Si vobis quis aliter euangelizaverit anathema sit). ♦ *1,9: Tert., Adv. Marc. V 2,6: Ceterum si nec ipse aliter evangelizaturus, utique nec angelus. Adam., Dial. I 6 (im Mund des Megethius): εἴ τις ὑμᾶς εὐαγγελίσεται παρ’ ὃ εὐαγγελισάμεθα ὑμῖν ἀνάθεμα ἔστω (Rufin: Si vobis quis aliter euangelizaverit anathema sit). B. (1,6) οὕτως om 010, 012 und die altlateinische Tradition: 77, Ambst var . 37 ♦ ἀπὸ τοῦ καλέσαντος ὑμᾶς ἐν χάριτι Χριστοῦ om Adam ♦ Χριστοῦ om P 46vid , 010*, 012, 015 vid , ar, b, auch die altlateinische Tradition: 61, 77, 89, Cyp, Lcf, MVict, Ephr, Ambst, Pel, Ἰησοῦ Χριστοῦ bieten 06, 326, 1241 c , pc sy h** , Χριστοῦ Ἰησοῦ schreiben Sah Hier, θεοῦ bieten Orig lat , Thdt, 7, 327, 336, Χριστοῦ bieten 01, 02, 03, vg, sy, bo und die meisten Hss. 38 ♦ (1,7) κατὰ τὸ εὐαγγέλιον μοῦ bieten Tert, Adam, om NA 28 ohne Varianten im App. Harnack ergänzt noch: (ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ? ). ♦ (1,8) ἄλλως wird von Schmid ausgelassen, fügt dann in Klammern hinzu ὑμῖν παρ’ ὃ εὐαγγελισάμεθα ὑμῖν. ♦ εὐαγγελίσηται: Die verschiedene Zeitstufe ist auffallend. Die bei Tertullian und Adamantius bezeugte Form des konj. Aorist ist auch in 01*, b, g, Tert und Lcf bezeugt. Die Zeugen P 51vid , 03, 010, 012, 016, 044, ar bieten εὐαγγελίζηται, die Zeugen 018 024, 0278, 365, 614, 1505, 1881, 2464 pm haben εὐαγγελίζεται. Tertullian und Adamantius scheinen die ursprüngliche Lesart zu geben, so auch NA 28 . ♦ Die Auslassung von ὑμῖν bieten 01*, 12, 61, b, g, Tert., De praescr. 6,29 (allerdings präsent in Tert., De carne 6,2; 24,2), Cypr., Lucif., Ambst. 39 ♦ (1,8) Anstelle von παρελάβετε bietet P 51 ein ἐλάβετε. C. Alle Verse dieses Abschnittes sind gut bezeugt, wenn auch in leicht verschie‐ dener Form gegenüber der kanonischen. 1. (1,6) In diesem Vers fehlt οὕτως in einigen einschlägigen Handschriften, auch wenn dieses seine Entsprechung bei Tertullian und Adamantius hat. Doch nach dem Prinzip, dass die der kanonischen Version entfernteste Bezeugung 1 (Gal) 45 <?page no="924"?> 40 J.C. O’Neill, The recovery of Paul’s letter to the Galatians (1972), 21-22. 41 So J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 83-84. 42 Vgl. G.D. Fee, Review of J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul: A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus Attested by Marcion (1991). 43 Vgl. B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019), 259; B.D. Haupt, Tertullian’s Text of Galatians (2017). die eher vorkanonische ist, wird der Begriff οὕτως ausgelassen. Die mit ihm verbundene zeitliche Dramatisierung könnte auf das Konto der kanonischen Redaktion gehen. 2. Schwierig ist die Frage, ob das von Tertullian bezeugte, jedoch von dem rufinschen Adamantius im Mund des Markioniten Megethius unbezeugte ἀπὸ τοῦ καλέσαντος ὑμᾶς ἐν χάριτι Χριστοῦ im vorkanonischen Text stand oder fehlte. Hilgenfeld rechnet mit dem kanonischen Text, eventuell mit dem Nichtvorhandensein des von Tertullian ausgelassenen Χριστοῦ. Van Manen bietet: Θαυμάζω ὅτι οὕτως ταχέως μετατίθεσθε ἀπὸ τοῦ καλέσαντος ὑμᾶς εἰς (τὴν) χάριν, εἰς ἕτερον εὐαγγέλιον, lässt aber Χριστοῦ aus, was auch bei Zahn, Harnack und BeDuhn fehlt. O’Neill hält das Fehlen von Χριστοῦ für den älteren Text. 40 Schmid setzt Χριστοῦ in Klammern. Clabeaux folgt den älteren Herausgebern, verweist jedoch darauf, dass die Verbindung χάρις Χριστοῦ im Unterschied zu χάρις θεοῦ sonst nicht bei Paulus begegnet. 41 Dass der kanonische Text nicht ohne Χριστοῦ auskam, argumentiert Fee, der darauf verweist, dass das Χριστοῦ die lectio difficilior darstelle. 42 Doch ist auch hier zu bedenken, dass eine lectio difficilior nicht schon eo ipso die Ursprünglichkeit sichert, könnte doch durchaus die Tendenz der christlichen Verdeutlichung in der Redaktion zu einer solchen lectio aus inhaltlichen Gründen geführt haben. Da Adamantius gegenüber Tertullian meist der schwächere Zeuge ist, ist an dieser Stelle die Lexik mitzuberücksichtigen. Und hier fällt, wie unten gezeigt wird, auf, dass καλέω zwar für *Ev bezeugt ist, jedoch ein bevorzugter kanonischer Begriff ist. ἐν χάριτι, und zwar ohne Χριστοῦ, entspricht Tertullians Zitiergewohnheit, etwa Tert., De praescr. 27: Miror quod sic tam cito transferimini ab eo qui vos (al. suos) vocavit in gratia, ad aliud evangelium. Diese Form ist auch bezeugt vom Ambrosiaster. 43 Abwägend wird man folglich den Passus der kanonischen Redaktion zu‐ schreiben. Dafür spricht auch die schwankende Überlieferung. 3. (1,7) Am Anfang dieses Verses ist Zahn sich unsicher, was die Stellung des πάντως betrifft. Harnack rekonstruiert den Anfang: ὃ ἄλλο (ἕτερον? ) πάντως οὐκ ἔστιν, doch sprechen für die obige Form das Zeugnis des Adamantius und 46 Rekonstruktion <?page no="925"?> 44 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 68*. 45 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 10-12. 46 „… who are disturbing you and wishing to change (it) into a different proclamation of the Christos“, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 229. 47 „Paul denounces the authority of any other gospel book. In no uncertain words, Paul expresses his disgust at anyone who might turn ‚to a different gospel‘ than ‚what you received‘“, D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 53. der kanonische Text, auch wenn Harnack kommentiert: „Dieser Text ist hart, aber zu originell, um als spätere Korruption beiseite geschoben zu werden“. 44 Van Manen gibt: ὃ οὐκ ἔστιν, εἰ μή τινές εἰσιν οἱ ταράσσοντες ὑμᾶς καὶ θέλοντες μεταστρέψαι τὸ εὐαγγέλιον τοῦ Χριστοῦ. Auf den möglichen Einschluss von κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου geht Hilgen‐ feld nicht ein, Zahn folgt dem kanonischen Text, aber Harnack sieht diesen Einschluss. 45 Man bemerke, dass am Ende in *Gal 1,7 ausdrücklich von einer Verfälschung des Evangeliums des Paulus gesprochen wird, eine Formulierung, die die kanonische Redaktion glättet. Schmid macht hierzu keine Angaben. BeDuhn übernimmt die obige Version, übersetzt jedoch: „… die Euch ver‐ wirren und (es) in eine andere Verkündigung Christi ändern wollen“, 46 was unlogisch ist, da Paulus dann ja annehmen würde, es könne verschiedene, von Christus autorisierte Evangelien geben. Darum weicht die von uns gewählte Übersetzung von derjenigen BeDuhns ab. Trobisch hat richtig erkannt, dass die vorkanonische Version dieses Verses „die Autorität eines jeglichen anderen Evangelienbuches verwirft. In völlig klaren Worten drückt Paulus seine Ver‐ abscheuung gegenüber jedem aus, der sich ‚zu einem anderen Evangelium‘ hinwendet, weg von dem ‚das Ihr empfangen habt‘“. 47 4. (1,8) Für diesen Vers hat von Soden auf eine wichtige Korrektur an Harnacks Rekonstruktion aufmerksam gemacht, ein Fehler, der sich auch zu Schmid und BeDuhn weitervererbt hatte: Tertullian bezeugt nicht ἡμεῖς ἤ. Wenn Tertullian nachschiebt sed et si nos aut angelus de caelo aliter evangelizaverit, dann zitiert er hier, wie von Soden richtig erkannt hatte, den kanonischen Text. Mit dieser Hinzufügung trägt die kanonische Redaktion eine deutlich antipaulinische Kritik in diesen Text ein, denn sie macht ihn zu einer möglichen Quelle für ein anderes Evangelium. Der vorkanonische Text ist stringent und verweist als mögliche Herkunft für ein anderes Evangelium einzig auf einen Engel. Trotz der Bezeugung des ὑμῖν nach εὐαγγελισάμεθα im Dialog optierten be‐ reits Zahn und Harnack für das Fehlen von ὑμῖν, auch wenn sich Zahn bezüglich 1 (Gal) 47 <?page no="926"?> 48 Nach Detering lassen sich diese Fälle nicht entscheiden, doch vertraut er am ehesten in dieser Sache Harnack, H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 13-16. 49 Vgl. zu diesem zweiten Besuch H. Schlier, Der Brief an die Galater (1951), 14. 50 C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. des παρ’ ὃ εὐαγγελισάμεθα ὑμῖν, das er als fehlend vermerkt, nicht ganz sicher ist. Bezeugung und Variatio sprechen aber dafür, dass ὑμῖν nach εὐαγγελίσηται gegen Adamantius wohl doch im ursprünglichen Text gefehlt hat, zumal auch in weiteren Zeugen die Stellung dieses Wortes schwankt. BeDuhn bewahrt das ὑμῖν. 48 Van Manen bietet: κἄν τε ἡμεῖς ἢ ἄγγελος εὐαγγελίσηται ὑμῖν παρ’ ὃ παρελάβετε, ἀνάθεμα ἔστω. 5. (1,9) In diesem Vers ist der erste Teil nach Zahn und Schmid unbezeugt. Be‐ Duhn setzt παρ’ ὃ παρελάβετε in eckige Klammern. Auch der Anathematismus ist dann nicht bezeugt, wenn man das Bezeugte auf Vers 1,8 bezieht. Selbstverständlich ist es schwierig bei zwei so ähnlichen Versen im kanoni‐ schen Text zu entscheiden, auf welchen der beiden der Bezug der Zeugnisse geht, oder ob es eine Bezeugung eines zweimaligen ἀνάθεμα ἔστω bedeutet. Da Duplikationen ein Merkmal der kanonischen Redaktion sind, dürften die beiden Verse *Gal 1,8-9, wie oben gegeben, zu rekonstruieren sein. Dann steht das ἀνάθεμα ἔστω auch nicht nach „Engel“, sondern nach „Menschen“, was besser zum Inhalt passt. Die Auslassung von Gal 1,9a durch Tertullian deutet darauf hin, dass dieser Passus zur kanonischen Redaktionsstufe gehört, denn er bezieht sich „am ehesten“ auf den in Apg 18,23 beschriebenen zweiten Besuch des Paulus in Galatien. 49 Dazu stimmt, wie unten zu sehen ist, auch der lexikalische Befund. Weisse hatte den Vers als Interpolation getilgt. 50 D. (1,6) θαυμάζω steht 50 / 43 Mal im NT, vorkanonisch nur für diese Stelle hier bezeugt. ♦ ὅτι steht 1348 / 1297 Mal im NT, und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Paulus. ♦ οὕτως steht 221 / 208 Mal im NT, davon 45 Mal als Verseröffnung, in Lk 12,21 als Verseröffnung in einem Vers, der in *Ev fehlt, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,31; 21,31 (als Verseröffnung); *Gal 6,2; *1Kor 7,7; 15,11 (Verseröffnung). 22. 42; *Röm 5,21, hier jedoch nicht dramatisierend oder floskelhaft, sondern mit Bedacht eingesetzt, während es vielfach auf der kanonischen Ebene als Füllwort begegnet. ♦ ταχέως ist vorkanonisch bezeugt *Ev 14,21, obwohl es nur 10 Mal überhaupt im NT steht. Das verwandte ταχύς steht 32 Mal im NT, vorkanonisch nur in der Form ταχέως wie hier bezeugt für *Ev 14,21; *Gal 1,6. ♦ μετατίθημι steht 6 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ καλέω steht 173 / 148 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für 48 Rekonstruktion <?page no="927"?> *Ev. ♦ ὑμᾶς (Akk. Pl.) steht 400 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,6; 5,10; *1Kor 10,1; *Röm 2,24; *2Thess 1,6; *Laod 6,11; *Kol 1,6. 21; 2,16. Auffallend ist bei diesem Personalpronomen, dass es nicht nur in vielen Versen steht, die in der vorkanonischen Version fehlen, sondern, dass es geradezu in Serien in diesen Versen begegnet (man nehme nur Mt 10,13. 14. 16. 17. 19. 23. 40; Joh 15,9. 12. 15. 16. 18. 19. 20. 21; Röm 15,7. 13. 15. 22. 23. 24. 29. 30. 32; 16,6. 16. 17. 19. 21. 22. 23. 25; 1Kor 4,6. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 21; 16,5. 6. 7. 10. 12. 15. 19. 20; 2Kor 2,1. 2. 3. 4. 5. 7. 8. 10; 12,14. 15. 16. 17. 18. 20. 21; Phil 1,7. 8. 10. 12. 24. 26. 27; 1Thess 2,1. 2. 9. 11. 12. 18; 3,2. 4. 5. 6. 9. 11. 12; 5,4. 12. 14. 18. 23. 24. 27; 2Thess 2,1. 2. 3. 5. 13. 14. 17). Die Häufigkeit des Begriffs entspricht der redaktionellen Besonderheit der emphatischen Anrede, vgl. die Einleitung. ♦ Das kleine Wort ἐν steht 2971 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Paulus. Ohne statistisch belastbare Aussagen treffen zu können, fällt jedoch der Befund innerhalb der Paulusbriefe auf. Wenn man die vorkanonische und die kanonische Fassung derselben oder auch nur des Ersten Thessalonicherbriefes in beiden Fassungen vergleicht, erkennt man, dass das kleine Wort gerade in Versen begegnet, die in der vorkanonischen Fassung unbezeugt sind und vermutlich auch gefehlt haben, und zwar zum Teil in Serien von Versen, während gerade die bezeugten Verse oft von der Präsenz des Wortes ausgespart sind. Der Begriff erweist sich also als ein Merkmal der kanonischen Redaktion. Wie deutlich die Verwendung sich allerdings auch innerhalb der kanonischen Redaktionsebene unterscheidet, zeigt die eher spärliche Verwendung des Begriffes im Hebräerbrief. ♦ Wichtiger ist noch, dass die Kombination ἐν χάριτι nicht für den vorkanonischen *Paulus bezeugt ist, hingegen beim kanonischen 3 Mal begegnet (2Kor 1,12; Röm 5,15; 2Thess 2,16). ♦ Auch die kürzere Form χάριτι, die 24 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 1,4.♦ ἕτερος steht 109 / 99 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,6; *1Kor 12,9. 10; 14,21. Der Begriff ist auffällig oft bezeugt für Lk und, wie die häufige Bezeugung für *Ev und *Paulus belegt, könnte er womöglich noch öfter im vorkanonischen Text gestanden sein, ist jedenfalls ein auf dieser Ebene gerne benutzter Terminus. ♦ εὐαγγέλιον steht 79 / 76 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,6; 2,2. 14; *1Kor 4,15; 9,14; 15,1; *Röm 1,16; 2,16; *Laod 1,13; 6,15; *Kol 1,5; *2Thess 1,8. Zur Rekonstruktion: Das οὕτως ist nach dem Prinzip des Vorzugs der am weitesten von der kanonischen Version entfernten Variante ausgelassen. Dies wird gestützt durch die Lexik, weil die kanonische Redaktion den Begriff oft floskelhaft einsetzt. Mit den obigen Gründen ist das vom rufinschen Adamantius unbezeugte ἀπὸ τοῦ καλέσαντος ὑμᾶς ἐν χάριτι Χριστοῦ ausgelassen. Dies wird auch durch die Lexik gestützt, nachdem καλέω ein sehr beliebter kanonischer Begriff ist, ὑμᾶς auf dieser Ebene oft emphatische Bedeutung hat, ἐν ebenfalls 1 (Gal) 49 <?page no="928"?> 51 Pace G. Schwab, Echtheitskritische Untersuchungen zu den vier kleineren Paulusbriefen 1/ A (2011), 386. reichlich dort begegnet und ἐν χάριτι vorkanonisch für *Paulus nicht bezeugt ist, aber mehrfach bei Paulus. (1,7) ὅ steht 237 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7. 8; *1Kor 15,1; *Kol 1,24. ♦ ἔστιν steht 843 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Paulus. ♦ ἄλλος, das 172 / 155 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ μή steht 1091 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt *Ev und *Paulus. Auch wenn der Begriff vielfach vorkanonisch bezeugt ist, fällt doch auf, wie häufig er gerade - und dann oft in längeren Serien - in solchen Versen steht, die in der vorkanonischen Version fehlen oder für diese unbezeugt sind. ♦ τινες (Nom. Fem. / Mask. Pl.) steht 79 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 10,7; *Phil 1,15. ♦ ταράσσω steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,38; *Gal 1,7; 5,10. Das Verb ist kein Lukanismus und gehört auch nicht erst der kanonischen Redaktion an, da das Wort auch in *Ev 24,38 zu finden ist und wohl von dort in die Texte der kanonischen Edition gelangt ist. 51 ♦ μεταστρέφω ist nur 3 Mal im NT belegt und findet sich ansonsten nurmehr auf der kanonischen Ebene (Apg 2,20; Gal 1,7; Jak 4,9). Zur Rekonstruktion: Aufgrund der Bezeugung legt sich die oben gegebene Rekonstruktion nahe, die auch bis das ansonsten nicht vorkanonisch bezeugte μεταστρέφω durch die Lexik gestützt wird. (1,8) Die Wendung ἀλλὰ καὶ ἐάν steht ein einziges Mal im NT, hier vorkanonisch bezeugt. ♦ ἐάν steht 375 / 351 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; 2,16; 6,7; *1Kor 7,11; *2Kor 3,16; *Röm 2,25. Besonders auffällig sind auf der kanonischen Ebene begegnende lange Serien von Argumenten mit der Wiederholung der Konjunktion ἐάν, die etwa in Paulusbriefen nur in Passagen begegnen, die vorkanonisch nicht bezeugt sind (so auch *Ev/ Lk). ♦ Die Kombination καὶ ἐάν steht 30 Mal im NT, etwa Lk 19,31 in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; *Gal 1,8. ♦ ἤ steht 384 / 343 Mal im NT, davon 31 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 8 Mal Mt; Lk 11,12; 13,4; 14,31; 15,8; 2 Mal Apg; Röm 2,4; 3,29; 6,3; 7,1; 9,21; 10,7; 11,35; 1Kor 6,2. 9. 16. 19; 9,6. 10. 22; 14,36; 2Kor 11,7; Jak 4,5; im Vers: 41 Mal Mt; 22 Mal Mk; Lk 2,24. 26 in Versen, die in *Ev fehlen; 5,23; 6,9; 7,19. 20; 8,16 (in einem Vers, der in *Ev fehlt); 9,13. 25; 10,12. 14; 12,11. 14 (wo der Versteil in *Ev fehlt). 41. 47. 51; 13,4 (in einem Vers, der in *Ev fehlt). 15; 14,3. 5. 12; 15,7 (in einem Versteil, der in *Ev fehlt); 16,13. 17; 17,2. 7. 21. 23; 18,11. 25 (in einem Vers, der in *Ev fehlt). 29; 20,2. 4. 22; 21,15; 22,27; 12 Mal Joh; 28 Mal Apg; Röm 1,21; 2,15; 3,1; 4,9. 10. 13; 6,16; 7,1; 8,35; 9,11; 11,2. 34; 13,11; 14,4. 10. 13; 1Kor 1,13; 2,1; 4,3. 21; 5,10. 11; 7,9. 11. 15. 16; 9,7. 50 Rekonstruktion <?page no="929"?> 8; 9,15; 10,19; 11,4. 5. 6. 22. 27; 12,21; 13,1; 14,5. 7. 19. 23. 24. 27. 29. 37; 15,37; 16,6; 2Kor 1,13. 17; 3,1; 6,14. 15; 9,7; 10,12; 11,4; 12,6; 13,5; Gal 1,8. 10; 2,2; 3,2. 5. 15; 4,27; Eph 3,20; 5,3. 4. 5. 27; Phil 3,12; Kol 2,16; 3,17; 1Thess 2,19; 2Thess 2,4; 1Tim 1,4; 2,9; 5,4. 19; 2Tim 3,4; Tit 1,6; 3,12; Phlm 1,18; 4 Mal Hebr; 7 Mal Jak; 6 Mal 1Petr; 2Petr 2,21; 1Joh 4,4; 4 Mal Apk), vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung: *Ev 11,12; im Vers: *Ev 6,9; 7,19; 11,11; 13,15; 14,12; 20,4; 16,17; 17,2; und *Gal 1,8; 2,2; *1Kor 7,11; *Kol 2,16. Bei dieser Konjunktion fällt auf, wie oft sie gerade in den Passagen steht, die in *Ev oder *Paulus entweder unbezeugt sind oder sicher gefehlt haben. ♦ ἄγγελος steht 186 / 176 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 4,9; 6,3; 11,10; *2Kor 11,14; 12,7; *2Thess 1,7; *Kol 2,18. ♦ οὐρανός steht 300 Mal im NT, vorkanonisch gut bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 8,5; 15,47; 5,1. 2; 12,2; *Röm 1,18; *2Thess 1,7; *Laod 1,10; *Kol 1,5; *Phil 3,20. ♦ εὐαγγελίζομαι steht 58 / 54 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt in *Ev 9,6; *Gal 1,9; *1Kor 15,1; *Laod 2,17. ♦ παρά steht 217 / 194 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8. 12; *1Kor 3,19; *Röm 2,13; 12,16; *2Thess 1,6. Auch bei diesem Funktionswort ist festzustellen, wie oft es gerade in solchen Versen begegnet, die von der vorkanonischen Fassung abwesend sind. ♦ ἀνάθεμα steht 7 / 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,9. ♦ ἔστω steht 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,35; *Gal 1,9, vgl. die Konkordanz. Zur Rekonstruktion: Für den Text oben spricht die Bezeugung. (1,9) Zum unbezeugten Versteil: ὡς steht 543 / 504 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,22; *Gal 5,14; *Röm 13,9; *Laod 2,3; 5,23. Auch bei diesem kleinen Wörtchen ist nicht nur auffallend, wie oft es gerade in solchen Versen oder Versteilen steht, die in *Ev fehlen, sondern wie gehäuft es gerade an Stellen begegnet, und zwar in langen Reihen, die auch bei *Paulus fehlen oder unbezeugt sind. ♦ προλέγω, das 18 / 15 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21, vielleicht auch für *2Kor 13,2. ♦ ἄρτι steht 40 / 36 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ πάλιν, das 159 / 141 Mal im NT steht, etwa Lk 6,42, wo im parallelen Vers in *Ev der Begriff fehlt, findet sich mit Ausnahme von *1Kor 3,20 (in der Kombination καὶ πάλιν als Hinweis auf ein weiteres Schriftzitat) alleinstehend nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbform λέγω steht 214 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,51; *Laod 5,32. Zum bezeugten Teil: Die Kombination εἴ τις (maskuline Form) steht 40 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,9; *1Kor 3,17; *2Kor 5,17. ♦ τις (Nom. Fem. / Mask. Sg.) steht 223 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,9; *1Kor 3,12. 17; 15,35; *2Kor 5,17; *Kol 2,16. Auch wenn der Begriff häufig gerade in solchen Versen steht, die in der vorkanonischen Fassung fehlen, ist er jedoch für diese Ebene bezeugt. Jeremias hat bereits bemerkt, dass dieses adjektivische τις sich besonders häufig „im 1 (Gal) 51 <?page no="930"?> 52 J. Jeremias, Die Sprache des Lukasevangeliums. Redaktion und Tradition im Nicht-Mar‐ kusstoff des dritten Evangeliums (1980), 15. lukanischen Doppelwerk“ findet, während es „in den übrigen Evangelien nur ganz vereinzelt [steht] (Mt 1, Mk 3, Joh 7 bzw. 8)“. 52 Zum wieder unbezeugten Teil: παρά vgl. zuvor zu Vers 8 und weiter unten zu Vers 12. ♦ παραλαμβάνω, das 54 / 50 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu ἔστω vgl. zuvor zu Vers 8. Zur Rekonstruktion: Die Rekonstruktion geht auf die Bezeugung zurück, diese wird im vorliegenden durch die Lexik bestätigt, insbesondere, was die Auslas‐ sung der nichtbezeugten Teile betrifft, die kanonische Termini aufweisen (ἄρτι, παραλαμβάνω). 1,[10] 11 12-16 17 [↓18-↓19] [20-24]: Die Berufung zum Apostel Dieser Passus ist nur schwach bezeugt, auch wenn Teile desselben den Zeugen zufolge vorhanden waren, jedoch muss mit einer kanonischen Überarbeitung derselben wie des ganzen Passus gerechnet werden, wodurch der Text zugleich erweitert zu sein scheint. - 10 Ἄρτι γὰρ ἀνθρώπους πείθω ἢ τὸν θεόν; ἢ ζητῶ ἀνθρώποις ἀρέσκειν; εἰ ἔτι ἀνθρώποις ἤρεσκον, Χριστοῦ δοῦλος οὐκ ἂν ἤμην. 11 Γνωρίζω δὲ γὰρ ὑμῖν, ἀδελφοί, ὅτι τὸ εὐαγγέλιον τὸ εὐαγγελισθὲν ὑπ’ ἐμοῦ οὐκ ἔστιν κατὰ ἄνθρωπον· 11 Γνωρίζω γὰρ ὑμῖν, ἀδελφοί, τὸ εὐαγγέλιον τὸ εὐαγγελισθὲν ὑπ’ ἐμοῦ ὅτι οὐκ ἔστιν κατὰ ἄνθρωπον· 12 οὐδὲ γὰρ ἐγὼ παρὰ ἀνθρώπου παρέλαβον αὐτό, οὐδὲ ἐδιδάχθην, ἀλλὰ δι’ ἀποκαλύψεως θεοῦ. 12 οὐδὲ γὰρ ἐγὼ παρὰ ἀνθρώπου παρέλαβον αὐτό, οὔτε ἐδιδάχθην, ἀλλὰ δι’ ἀποκαλύψεως Ἰησοῦ Χριστοῦ. 13 ποτε ἐν τῷ Ἰουδαϊσμῷ καθ’ ὑπερβολὴν ἐδίωκον τὴν ἐκκλησίαν καὶ ἐπολέμουν αὐτήν, 13 Ἠκούσατε γὰρ τὴν ἐμὴν ἀναστροφήν ποτε ἐν τῷ Ἰουδαϊσμῷ, ὅτι καθ’ ὑπερβολὴν ἐδίωκον τὴν ἐκκλησίαν τοῦ θεοῦ καὶ ἐπόρθουν αὐτήν, 14 καὶ ἐν τῷ Ἰουδαϊσμῷ περισσοτέρως ζηλωτὴς ὑπάρχων τῶν πατρικῶν μου παραδόσεων. 14 καὶ προέκοπτον ἐν τῷ Ἰουδαϊσμῷ ὑπὲρ πολλοὺς συνηλικιώτας ἐν τῷ γένει μου, περισσοτέρως ζηλωτὴς ὑπάρχων τῶν πατρικῶν μου παραδόσεων. 15 ὅτε δὲ εὐδόκησεν ὁ ἀφορίσας με 15 ὅτε δὲ εὐδόκησεν [ὁ θεὸς] ὁ ἀφορίσας με ἐκ κοιλίας μητρός μου καὶ καλέσας διὰ τῆς χάριτος αὐτοῦ 16 ἀποκαλύψαι 52 Rekonstruktion <?page no="931"?> 16 ἀποκαλύψαι τὸν Χριστὸν ἐν ἐμοὶ ἵνα εὐαγγελίσωμαι αὐτὸν ἐν τοῖς ἔθνεσιν, οὐ προσανεθέμην σαρκὶ καὶ αἵματι, τὸν υἱὸν αὐτοῦ ἐν ἐμοὶ ἵνα εὐαγγελίζωμαι αὐτὸν ἐν τοῖς ἔθνεσιν, εὐθέως οὐ προσανεθέμην σαρκὶ καὶ αἵματι, 17 οὐδὲ ἦλθον εἰς Ἱεροσόλυμα. 17 οὐδὲ ἀνῆλθον εἰς Ἱεροσόλυμα πρὸς τοὺς πρὸ ἐμοῦ ἀποστόλους, ἀλλὰ ἀπῆλθον εἰς Ἀραβίαν, καὶ πάλιν ὑπέστρεψα εἰς Δαμασκόν. - 18 Ἔπειτα μετὰ ἔτη τρία ἀνῆλθον εἰς Ἱεροσόλυμα ἱστορῆσαι Κηφᾶν, καὶ ἐπέμεινα πρὸς αὐτὸν ἡμέρας δεκαπέντε· 19 ἕτερον δὲ τῶν ἀποστόλων οὐκ εἶδον, εἰ μὴ Ἰάκωβον τὸν ἀδελφὸν τοῦ κυρίου. 20 ἃ δὲ γράφω ὑμῖν, ἰδοὺ ἐνώπιον τοῦ θεοῦ ὅτι οὐ ψεύδομαι. 21 ἔπειτα ἦλθον εἰς τὰ κλίματα τῆς Συρίας καὶ τῆς Κιλικίας. 22 ἤμην δὲ ἀγνοούμενος τῷ προσώπῳ ταῖς ἐκκλησίαις τῆς Ἰουδαίας ταῖς ἐν Χριστῷ, 23 μόνον δὲ ἀκούοντες ἦσαν ὅτι Ὁ διώκων ἡμᾶς ποτε νῦν εὐαγγελίζεται τὴν πίστιν ἥν ποτε ἐπόρθει, 24 καὶ ἐδόξαζον ἐν ἐμοὶ τὸν θεόν. A. 1,10: Vgl. Tert., De idol. 14,3 (CCSL 2,1114): Si hominibus, inquit, vellem placere, servus Christi non essem. ♦ *1,11-12: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 1,3: Ipse se, inquit, apostolum est professus, et quidem non ab hominibus nec per hominem, sed per Iesum Christum; ibid., V 1,6: Inde apostolum ostendo persecutorem, non ab hominibus neque per hominem; inde et ipsi credere inducor; ibid., V 2,7: Exinde decurrens ordinem conversionis suae de persecutore in apostolum scripturam Apostolicorum confirmat, apud quam ipsa etiam epistulae istius materia recognoscitur, intercessisse quosdam qui dicerent circumcidi oportere et observandam esse Moysi legem, tunc apostolos de ista quaestione consultos ex auctoritate spiritus renuntiasse non esse imponenda onera hominibus quae patres ipsi non potuissent sustinere; id., De praescr. 6,4 (SC 46,95): Apostolos domini habemus auctores qui nec ipsi quicquam ex suo arbitrio quod inducerent elegerunt, sed acceptam a Christo disciplinam fideliter nationibus adsignaverunt. Iren., Adv. haer. III 13,1: Eos autem qui dicunt solum Paulum veritatem cognovisse, cui per revelationem manifestatum est mysterium. Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas 1,11-12 (CCSL 77A): Marcion et Basilides et caeterae haereticorum pestes non habent dei euangelium, quia non habent spiritum sanctum, sine quo humanum fit euangelium quod docetur. ♦ *1,13-17: Tert., Adv. Marc. V 1,6: Inde apostolum ostendo persecutorem, non ab hominibus neque per hominem; inde et ipsi credere inducor; ibid., V 2,7: Exinde decurrens ordinem conversionis suae de persecutore in apostolum scripturam Apostolicorum confirmat, apud quam ipsa 1 (Gal) 53 <?page no="932"?> etiam epistulae istius materia recognoscitur, intercessisse quosdam qui dicerent circumcidi oportere et observandam esse Moysi legem, tunc apostolos de ista quaestione consultos ex auctoritate spiritus renuntiasse non esse imponenda onera hominibus quae patres ipsi non potuissent sustinere. Vgl. auch ibid., V 6,10: Et numquid ipse tunc Paulus destinabatur, de Iudaea, id est de Iudaismo, auferri habens in aedificationem Christianismi, positurus unicum fundamentum, quod est Christus? V 3,5: Itaque frustrandi erant falsi fratres, speculantes libertatem Christianam, ne ante eam in servitutem abducerent Iudaismi quam sciret se Paulus non <in> vacuum cucurrisse, quam dexteras ei darent antecessores, quam ex censu eorum in nationes praedicandi munus subiret. ♦ 1,14: Vgl. Tert., De pud. 1,13 (SC 394,148): Adeo divertit a sententiis pristinis nec idcirco deliquit, quod aemulator factus est non paternarum traditionum, sed Christianarum. ♦ *1,15: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 1,2: Denique audiens postea eum a domino allectum, iam in caelis quiescente, quasi inprovidentiam existimo si non ante scivit illum sibi necessarium Christus, sed iam ordinato officio apostolatus et in sua opera dimisso, ex incursu, non ex prospectu, adiciendum existimavit (vgl. ὅτε δὲ εὐδόκησεν), necessitate, ut ita dixerim, non voluntate; ibid., V 1,5: Nam mihi Paulum etiam Genesis olim repromisit (vgl. ὁ ἀφορίσας με). Inter illas enim figuras et propheticas super filios suos benedictiones Iacob cum ad Beniamin direxisset, Beniamin, inquit, lupus rapax ad matutinum comedet adhuc, et ad vesperam dabit escam (ὅτι καθ’ ὑπερβολὴν). Ex tribu enim Beniamiin oriturum Paulum providebat (ὁ ἀφορίσας με), lupum rapacem ad matutinum comedentem, id est prima aetate vastaturum pecora domini ut persecutorem ecclesiarum (ἐδίωκον τὴν ἐκκλησίαν), dehinc ad vesperam escam daturum, id est devergente iam aetate oves Christi educaturum ut doctorem nationum (εὐαγγελίσωμαι αὐτὸν ἐν τοῖς ἔθνεσιν); ibid., V 1,6: Nam et Saulis primo asperitas insectationis (ὅτι καθ’ ὑπερβολὴν) erga David, dehinc paenitentia et satisfactio, bona pro malis recipientis, non aliud portendebat quam Paulum in Saule secundum tribus et Iesum in David secundum virginis censum …; vgl. Jes 49,1. 5-6 LXX: 1 λέγει κύριος ἐκ κοιλίας μητρός μου ἐκάλεσεν τὸ ὄνομά μου. 5 καὶ νῦν οὕτως λέγει κύριος ὁ πλάσας με ἐκ κοιλίας δοῦλον ἑαυτῷ τοῦ συναγαγεῖν τὸν Ιακωβ καὶ Ισραηλ πρὸς αὐτόν συναχθήσομαι καὶ δοξασθήσομαι ἐναντίον κυρίου καὶ ὁ θεός μου ἔσται μου ἰσχύς 6 καὶ εἶπέν μοι μέγα σοί ἐστιν τοῦ κληθῆναί σε παῖδά μου. ♦ *1,16: Vgl. Tert., De res. Mort. 50,7 (CCSL 2,993): Sunt, qui carnem et sanguinem Iudaismum velint accipi propter circumcisionem, alienum et ipsum a dei regno, quia et ille vetustati deputetur et hoc titulo iam et alibi ab apostolo denotetur, qui post revelatum in se filium dei ad euangelizandum eum in nationibus statim non retulerit ad carnem et sanguinem, id est ad circumcisionem, id est ad Iudaismum, sicut ad Galatas scribit. ♦ 1,23: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 2,7: Exinde decurrens ordinem conversionis suae de persecutore in 54 Rekonstruktion <?page no="933"?> 53 Für die ältere Form ohne ὁ θεὸς plädiert auch G.D. Kilpatrick, Western Text and Original Text in the Epistles (1944), 62. apostolum, scripturam apostolicorum confirmat, apud quam ipsa etiam epistulae istius materia recognoscitur; id., De praescr. 23,3 (SC 46,118): Neque enim, si ipse se apostolum de persecutore profitetur; ibid., 23,6 (SC 46,118): demutatus in praedicatorem de persecutore; ibid., 23,8 (SC 46,119): Nam et illi non essent mirati de persecutore factum praedicatorem. ♦ 1,24: Vgl. Tert., De praescr. 23,8 (SC 46,119): si aliquid contrarium praedicaret nec dominum praeterea magnificassent quia adversarius eius Paulus obvenerat. B. (1,11) Das δέ findet sich in P 46 , 01* .2 , 02, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, b, vg ms , sy, bo, in der lateinischen Tradition 58, 89, Ambst, Pel, Thdt und reflektiert den vorkanonischen Text. ♦ οὐδέ ist bezeugt durch 01, 02, 06* .c , 010, 012, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241 s , 1739, 1881, 2464. Statt οὐδέ setzt die kanonische Redaktion das etwas schwächere οὔτε. Der vorkanonische Text stellt aber deutlich heraus, dass *Paulus sein Evangelium nicht von einem Menschen übernommen, aber es auch nicht von einem Menschen gelernt habe. ♦ (1,13) Die Lesart ἐπολέμουν bieten die einschlägigen Zeugen 010, 012. ♦ (1,15) ὁ θεός fehlt in P 46 , 03, 010, 012, 629, 1505, pc lat sy p , Iren lat pt, arm , Epiph, man wird also das Fehlen auch für *Paulus postulieren dürfen, insbesondere, wenn, wie unten erklärt, in Vers 12 am Ende nicht das mit Apg 9,4-5 harmonisierte Ἰησοῦ Χριστοῦ, sondern θεοῦ gelesen wird. 53 ♦ Das am Ende im kanonischen Text nachfolgende καὶ καλέσας διὰ τῆς χάριτος αὐτοῦ fehlt in P 46 , 6, 1739, 1881 und gehört wohl wie das κλητός von 1Kor 1,1 und Röm 1,1 zur kanonischen Ebene. ♦ (1,16) Den grammatisch korrekten konjunktivischen Aorist εὐαγγελίσωμαι bieten die Zeugen P 46 und 06*. ♦ (1,17) Die schwankende Überlieferung des Begriffes ἦλθον und die Benutzung der Form von ἀνέρχεσθαι durch die kanonische Redaktion ( Joh 6,3) stützen die Annahme, dass der ursprüngliche Text lediglich das von P 46 bezeugte einfache ἦλθον aufwies, das dann durch die Zeugen 01, 02, 018, 020, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, M, sy h im Sinne der kanonischen Redaktion präzisiert wurde. Die durch P 51 , 03, 06, 010, 012, 2464 belegte Form ἀπῆλθον könnte aufgrund des gleich in der kanonischen Redaktion nachfolgenden ἀπῆλθον (eine Form, die auch Lk 9,57 begegnet, nicht aber in *Ev 9,57, des weiteren Mt 8,19; 19,22 par. Mk 10,22; 21,29-30; Mk 1,20; Joh 6,66-68; Jud 7; Apk 21,1. 4) eine harmonisierende Form darstellen. Überhaupt steht ἀπέρχομαι 132 Mal im NT, begegnet bei Paulus jedoch nur hier und Röm 15,28, beide Male auf der kanonischen Ebene, dann in Lk 1,23. 38; 2,15; 8,39; 9,57; 1 (Gal) 55 <?page no="934"?> 54 Bei van Manen wird er allerdings bis auf ἔτι nach der kanonischen Version geboten wurde. Auch Detering plädiert (mit einer Deutung von πείθειν als „jemandem sich genehm machen“) für die Präsenz des Verses, H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 16-18. 55 vgl. H. Schlier, Der Brief an die Galater (1951), 15. 56 H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 22-23. Zu δοῦλος Χριστοῦ als literarische Figur der vollkommenen Frömmigkeit, vgl. J. Bremmer, Slaves of God/ Christ: narrated total devotion in the apocryphal Acts of Peter (2023). 10,30; 19,32; 24,1. 24, in einer ganzen Reihe von Versen, die in *Ev fehlen oder in denen der Begriff fehlt, vorkanonisch aber bezeugt für *Ev 5,14; 22,7. C. 1. (1,10) Nach Hilgenfeld und allen weiteren Editoren (mit Ausnahme von van Manen, der bis auf ἔτι den kanonischen Text bietet) gilt Gal 1,10 als unbezeugt, und der Vers wird vermutlich in *Gal gefehlt haben, 54 weil auch die parallele Verteidigung des Paulus gegen denselben Vorwurf in 1Thess 2,4. 6 und ähnliche in 2Kor 3,1; 4,2; 5,11; 10,1. 10 allesamt nicht für *Paulus bezeugt sind. 55 Gleichermaßen ist auch der Gedanke, dass Paulus Gott oder dem Herrn zu Gefallen leben will, nur an weiteren Stellen belegt, die für *Paulus nicht bezeugt sind, 1Thess 2,4. 15; 4,1; 1Kor 7,32. Auch der Ausdruck Χριστοῦ δοῦλος scheint der redaktionellen Stufe zuzugehören, die die Stellung des Paulus zu minimieren sucht, vgl. die nicht für *Paulus belegten Stellen Röm 1,1 (δοῦλος Χριστοῦ Ἰησοῦ) und Phil 1,1 (δοῦλοι Χριστοῦ Ἰησοῦ). Lietzmann hat zum einen darauf verwiesen, dass sich „Betende gern vor Gott“ als δοῦλος bezeichnet haben, es hierfür eine Fülle von Beispielen aus der jüdischen Schrift gibt, sich nach Lk 2,29 auch Symeon δοῦλος σου einführt und überhaupt diese „at. (alttestamentlichen) Redeformen … in der Kirche üblich geblieben … und in den liturgischen Gebeten noch bis zur Gegenwart in Gebrauch“ seien. Auch wenn Paulus „die Formel“ selbst vermeide und an deren Stelle δοῦλος (‚Ιησοῦ) Χριστοῦ verwende, bleibe doch auch hier „augenscheinlich als formelles Muster die at. Vorzugsbezeichnung einzelner Gottesmänner wirksam“. 56 Die in der Fußnote zitierte Studie von Bremmer zeigt, dass diese Bezeichnung in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts en vogue kommt. Die paulinischen Belege, die Bremmer anführt (Röm 1,1; 6,22; 1Kor 7,22; Gal 1,10; 1Thess 1,9-10; Phil 1,1; dazu noch Jak 1,1; Apk 1,1), stehen ausnahmslos auf der kanonischen Ebene. Wir befinden uns folglich auf dieser kanonischen Ebene. Auch der weitere lexikalische Kontext (auch wenn es Vorläufer in der jüdischen Bibel, etwa παῖς θεοῦ, gibt), zeigt, dass wir uns mit diesem Vers in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts befinden. 56 Rekonstruktion <?page no="935"?> 57 Auch van Manen gibt den kanonischen Text, in V. 12 lediglich ohn οὔτε ἐδιδάχθην. Allerdings sieht er die Verse 13-14 als abwesend. 2. Wegen des vorkanonisch nicht vorhandenen Verses Gal 1,10 schließt die in etlichen Zeugen belegte Variante δὲ von Vers 11 adversativ an *Gal 1,9 an. Bei BeDuhn fehlt dieses Wort. Auch wenn der Vers selbst nicht bezeugt ist, setzt doch der nachfolgende Vers 12 mit seiner Argumentation einen solchen oder ähnlichen Vers 11 voraus. Zu den Versen 11-17 sieht Harnack keinen Grund für einen anderen Text als den der kanonischen Ausgabe. 57 BeDuhn verweist darauf, dass *Gal 1,11 zentral für das Bild des Paulus bei Markion ist. Man vgl. auch *1Kor 9,1. Erst für Vers 12 sind nach Tertullian Stücke bezeugt, vor allem die Gegen‐ überstellung, wonach *Paulus nicht von einem Menschen, sondern durch Jesus Christus zum Apostel bestellt wurde. Da diese Aussage nicht im Zusammenhang mit der Kommentierung von *Gal 1,1 allein erfolgt und sich darum nicht ausschließlich auf diesen Vers bezieht, wird aus Tertullians Einleitung zum *Galaterbrief in Adversus Marcionem V 1,6 doch deutlich, an welche Stelle er denkt. Zwar argumentiert Tertullian zunächst mit der Apostelgeschichte, schließt dann aber an, dass er aufgrund von Apg auch dazu veranlasst werde, ihm, *Paulus, selbst zu glauben (inde et ipsi credere inducor). Das bedeutet, zweierlei: erstens, dass Tertullian den Zusammenhang von Verfolgung und Apostolat des *Paulus aus *Gal kannte und, weil sich diese Verbindung lediglich in *Gal 1,12 findet, ein Zeugnis für diesen Vers bietet; und, zweitens, dass gerade Aussagen zur Person des *Paulus von Tertullian nicht nur bei der Kommentie‐ rung dieser Stelle zu finden sind. Aus dieser Beobachtung heraus ist dann auch wichtig, dass *Paulus das im Neuen Testament sich nur an dieser Stelle in den Versen 13-14 befindende Ἰουδαϊσμός bezeugt. Dies geschieht zwar anlässlich der Kommentierung von *1Kor, hat in diesem Brief jedoch keinen Anhalt und wird sich erneut zurück auf den *Galaterbrief beziehen, zumal Tertullian ja schon von Anfang seiner Kommentierung von *1Kor ausdrücklich auf *Gal zurückverweist. Dann legt es sich allerdings auch nahe, dass man entweder beide Bezeugungen von Ἰουδαϊσμός in den Versen 13-14 oder zumindest eine der beiden in den vorkanonischen Text aufnehmen sollte. Die Entscheidung ist hier dadurch erschwert, dass an beiden Stellen das mit dem Begriff verbundene Wort ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnet (Vers 13: ἀναστροφή; Vers 14: προκόπτω). Gegen die Erwähnung in Vers 13 spricht weiterhin, dass auch der Ausdruck τὴν ἐμήν sich nurmehr auf der kanonischen Ebene bei Paulus findet. 1 (Gal) 57 <?page no="936"?> 58 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 440. 59 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 70*. 60 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), I/ 315. 61 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 230. 62 Insbesondere aufgrund von Stil und Wortwahl, vgl. mit älterer Literatur, H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 18-20. 63 E. Barnikol, Die vorchristliche und frühchristliche Zeit des Paulus. Nach seinen geschichtlichen und geographischen Selbstzeugnissen im Galaterbrief (1929), 31-46. 3. (1,11-17) Hilgenfeld sieht diese Verse von Tertullian „wenigstens berührt“, auch wenn er keine näheren Details findet. 58 Zahn sieht Vers 11 vorhanden, aber ohne Kenntnis um den Wortlaut, er nimmt aber für die Verse 12-17 den kanonischen Text an. Harnack sieht „die Schilderung, wie Paulus durch seine Bekehrung das Evangelium empfangen hat … durch den einzigen Satz gedeckt“, der oben angegeben ist, Tert., Adv. Marc. V 2,7: Exinde decurrens ordinem con‐ versionis suae de persecutore in apostolum. 59 Schmid sieht nur eine „summarische Anspielung“, 60 und BeDuhn gibt eine Übersetzung des kanonischen Textes in Klammern, wobei er in Vers 17 einen Text annimmt, dem der folgende griechische Text zugrunde liegt: τοὺς πρὸ ἐμοῦ ἀποστόλους, vom Rest des Satzes setzt er lediglich noch die Übersetzung von ἀλλά in Klammern hinzu und fügt Auslassungszeichen an. 61 Van Manen sieht die Verse 13 und 14 als unbezeugt, und Detering hält nur die Verse 13-14 für abwesend. 62 4. Am Ende des Verses 12 ist trotz fehlender Varianten nicht Ἰησοῦ Χριστοῦ zu lesen, sondern θεοῦ. Das ergibt sich aus dem Verbbezug von Vers 15 εὐδόκησεν und, davon abhängig, Vers 16 ἀποκαλύψαι τὸν Χριστόν … Da Christus sich nicht selbst offenbart hat, sondern hier als von Gott offenbart gilt, ist Gott Subjekt auch von Vers 15. Dass das Subjekt in Vers 15 nicht näher bestimmt ist, zumindest in einigen Zeugen, setzt voraus, dass zuvor am Ende von Vers 12 die Offenbarung als eine solche von Gott und nicht von Jesus Christus benannt wurde. Gestützt wird dies durch die Bezeugung des Hieronymus, der vom „dei euangelium“ spricht. Außerdem ergibt sich dann eine Übereinstimmung zwischen *Gal 1,12 und *2Kor 4,6, wo ebenfalls Gott als derjenige eingeführt wird, der spricht und dessen Glanz „im Angesicht Christi erstrahlt“. 5. (1,13-13) Zu diesem Vers vergleiche man die Auslegung von Barnikol, der das kanonische ἐν τῷ Ἰουδαϊσμῷ … ἐν τῷ γένει μου mit „in meiner Genossenschaft“ übersetzt und auslegt. 63 6. (1,15-16) Für Vers 15 gibt van Manen auch den zweiten Teil in der Form: καὶ καλέσας εἰς τὴν χάριν (αὐτοῦ). Vers 16 liest er in der kanonischen Form. 58 Rekonstruktion <?page no="937"?> 64 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 497. So jüngst auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 20-25. Die Verse 18-22 tilgt F.R. McGuire, Did Paul write Galatians? (1967-1968). 65 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 70*. 66 J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 244. 67 Vgl. T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 498. So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 20-21. Van Manen meint, Tertullian habe durch die Auslassung absichtlich die beiden Reisen nach Jerusalem zu einer reduzieren wollen, W.C. van Manen, Marcion’s brief van Paulus aan de Galatiërs (1887), 510. Das unbezeugte ἐκ κοιλίας μητρός μου καὶ καλέσας διὰ τῆς χάριτος αὐτοῦ wird kaum gestanden sein, sonst hätte Tertullian wohl auf die Parallelstelle aus Jes 49,1. 5-6 LXX verwiesen. 7. (1,17) Dass in diesem Vers das im kanonischen Text nachfolgende πρὸς τοὺς πρὸ ἐμοῦ ἀποστόλους, ἀλλὰ ἀπῆλθον εἰς Ἀραβίαν, καὶ πάλιν ὑπέστρεψα εἰς Δαμασκόν auf die kanonische Redaktion zurückgeht, auch wenn Apg 8,3 und 9,2 die Dinge etwas anderes erzählen und nicht von einer Verfolgung in Damaskus, sondern von einer solchen in Jerusalem ausgehen, legt sich aus Folgendem nahe: Es findet sich eine ähnliche Formulierung, die ebenfalls der kanonischen Redaktion zuzuordnen ist, Röm 16,7: … οἵτινές εἰσιν ἐπίσημοι ἐν τοῖς ἀποστόλοις, οἳ καὶ πρὸ ἐμοῦ γέγοναν ἐν Χριστῷ. Man vergleiche auch die lexikalische Bemerkung unten zu πάλιν. Van Manen bietet den Vers wie folgt: οὐδὲ ἀπῆλθον εἰς Ἀραβίαν, καὶ πάλιν ὑπέστρεψα εἰς Δαμασκόν. BeDuhn sieht den Vers bis πρὸς τοὺς πρὸ ἐμοῦ ἀποστόλους reichen. 8. (1,18-23) Van Manen gibt den Passus mit Ausnahme von Vers 23, doch schon Th. Zahn urteilte zu Recht, dass der Abschnitt dieser Verse „wahrscheinlich ganz oder großen Theils gefehlt“ habe. 64 Harnack meint: „Wenn dieser Abschnitt nicht ganz fehlte (was wahrscheinlich), muß ihn M. korrigiert haben. Sicher fehlte der erste Besuch in Jerusalem“. 65 So erwägt vorsichtig auch Lieu, auch wenn sie das Fehlen auf alle Verse 18-24 ausdehnt. 66 Zugleich gibt sie zu bedenken, ob das Übergehen nicht wie Iren., Adv. Haer. III 13,3 Teil einer argumentativen Strategie ist. Das Fehlen des Abschnittes legt sich auch durch das redaktionell hinzuge‐ fügte πάλιν in Gal 2,1 nahe, das allerdings auch in Iren., Adv. Haer. III 13,3 und im Ambrosiaster nicht zu finden ist. 67 Schmid geht auf die Auslassung nicht ein, doch BeDuhn weist die Verse als fehlend aus. 1 (Gal) 59 <?page no="938"?> 68 H. Detering, The Falsified Paul. Early Christianity in the Twilight (2003), 105; H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 22. 69 Vgl. P.L. Couchoud, La Première édition de Saint Paul (1926), 23-24. 70 Iren., Adv. Haer. III 13,3. 71 Tert., Adv. Marc. V 2,7: Exinde decurrens ordinem conversionis suae de persecutore in apostolum scripturam Apostolicorum confirmat. Bilby meint, die oben für die Verse 23-24 gegebenen Zeugnisse Tertullians seien Zeugen für den markionitischen Text, doch spricht die Lexik eher gegen die Anwesenheit beider Verse, außerdem lässt sich das Zitat aus Adv. Marc. eher auf die Verse 13-17 beziehen, und es ist nicht ausgemacht, dass Tertullian in De praescr. den *Apostolos benutzt. 8. (1,20) Detering hebt zu Recht diesen unbezeugten Vers hervor. Wer behaupten muss, ἃ δὲ γράφω ὑμῖν, ἰδοὺ ἐνώπιον τοῦ θεοῦ ὅτι οὐ ψεύδομαι, macht sich suspekt, und solcherlei Behauptungen erscheinen gerade dort auf der kanonischen Ebene sinnvoll, wo man einer kanonischen Hinzufügung ausgesetzt ist. 68 Man vergleiche etwa die Beteuerung zu Beginn des kanonischen Kapitels Röm 9: Ἀλήθειαν λέγω ἐν Χριστῷ, οὐ ψεύδομαι, und wieder gegen Ende des ebenfalls kanonischen Kapitels 2Kor 11, wo es in Vers 31 feierlich heißt: ὁ θεὸς καὶ πατὴρ τοῦ κυρίου Ἰησοῦ οἶδεν, ὁ ὢν εὐλογητὸς εἰς τοὺς αἰῶνας, ὅτι οὐ ψεύδομαι. Der Vers zeigt die Tendenz der kanonischen Redaktion, Gal und Apg mitein‐ ander zu harmonisieren, wie es bei Irenäus ausdrücklich formuliert ist: 69 „Wenn jemand also nach der Apostelgeschichte sorgfältig die Zeit bestimmen will, in der er nach Jerusalem in der erwähnten Angelegenheit hinaufzog, so wird er auf die von Paulus angegebenen Jahre kommen, so daß die Zählung Pauli mit dem Zeugnis des Lukas über die Apostel völlig übereinstimmt.“ 70 Dasselbe Interesse der kanonischen Redaktion spiegelt sich auch bei Tertullian: „Paulus beschreibt in Kürze den Verlauf seiner Konversion vom Verfolger zum Apostel, indem er bestätigt, was in der Apostelgeschichte geschrieben ist“. 71 D. (1,10) ἄρτι, das 40 / 36 Mal im NT begegnet, davon 2 Mal als Verseröffnung (Gal 1,10; 1Thess 3,6), findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πείθω, das 59 / 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. ♦ ζητέω steht 130 / 117 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *Röm 10,3. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. ♦ ἀρέσκω steht 21 / 17 Mal im NT, darunter häufig bei Paulus, jedoch immer auf der kanonischen Ebene. ♦ ἔτι, das 96 / 93 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,15; *Röm 5,6. ♦ δοῦλος steht insgesamt 128 Mal im NT, vorkanonisch 60 Rekonstruktion <?page no="939"?> nur selten, etwa in *Ev 12,37. 46, während δοῦλος als Selbstbezeichnung mit Blick auf Menschen vorkanonisch in *2Kor 4,5 bezeugt ist, doch fehlt der Begriff im Hinblick auf das Verhältnis zu Gott oder Christus auf der vorkanonischen Ebene. ♦ ἄν steht 205 / 167 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8. ♦ Die Form ἤμην steht 16 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. Zur Abwesenheit: Die Anzahl der ausschließlich kanonisch belegten Elemente (ἄρτι, ἀρέσκω, δοῦλος für das Verhältnis zu Gott, ἤμην) und des für die kanoni‐ sche Version beliebten πείθω unterstreichen, dass der Vers nicht nur unbezeugt, sondern ein Produkt der kanonischen Redaktion ist und im vorkanonischen Text gefehlt hat. (1,11) Die Kombination Γνωρίζω γάρ oder Γνωρίζω δέ steht nur ein Mal im NT, hier in diesem Vers. ♦ Auch die Kombination Γνωρίζω (δὲ) γὰρ ὑμῖν steht nur hier im NT. ♦ γνωρίζω, das 29 / 25 Mal im NT steht und auch für die vorkanonische Ebene bei *Paulus bezeugt ist (*1Kor 15,1; *Laod 3,10; 6,19). ♦ Der Plural ἀδελφοί steht 106 Mal im NT (16 Mal Apg; Röm 1,13; 7,1. 4; 8,12; 10,1; 11,25; 12,1; 15,14. 30; 16,17, drei Verse, die in *Röm fehlen; 1Kor 1,10. 11. 26; 2,1; 3,1; 4,6; 7,24. 29; 10,1; 11,33; 12,1; 14,6. 20. 26. 39; 15,1. 31. 50. 58; 16,15; 2Kor 1,8; 8,1; 13,11; Gal 1,11; 3,15; 4,12. 28. 31; 5,11. 13; 6,1. 18; Phil 1,12; 3,13. 17; 4,1. 8; 1Thess 1,4; 2,1. 9. 14. 17; 3,7; 4,1. 10. 13; 5,1. 4. 12. 14. 25; 2Thess 1,3; 2,1. 13. 15; 3.1. 6. 13; 4 Mal Hebr; 18 Mal Jak; 2Petr 1,10; 1Joh 3,13), vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; *1Kor 10,1; 15,1. 50. ♦ εὐαγγέλιον steht 79 / 76 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,6; 2,2. 14; *1Kor 4,15; 9,14; 15,1; *Röm 1,16; 2,16; *Laod 1,13; 6,15; *Kol 1,5; *2Thess 1,8. ♦ εὐαγγελίζομαι, das 58 / 54 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,6; *Gal 1,9. 16; *1Kor 15,1; *Laod 2,17, vgl. zuvor zu Vers 9. ♦ ὑπό steht 248 / 220 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,10; 4,3. 5; *1Kor 10,1; 15,25; *2Kor 5,4; *Laod 2,11. ♦ Die Kombination ὑπ’ ἐμοῦ steht nur hier im NT. ♦ Die Wendung ὅτι οὐκ ἔστιν steht 7 Mal im NT, davon ein Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene (Verseröffnung: Eph 6,12; im Vers: Mk 6,4; Joh 8,44; Apg 10,34; 25,16; Röm 3,10; Gal 1,11). ♦ Die Wendung κατὰ ἄνθρωπον steht 6 Mal im NT (Röm 3,5; 1Kor 3,3; 9,8; 15,32; Gal 1,11; 3,15), vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,1 (3,15). Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Vers unbezeugt ist, sprechen doch einige Gründe für dessen vorkanonischen Präsenz. Die Verseröffnung Γνωρίζω δὲ γὰρ ὑμῖν wie die Formulierung ὑπ’ ἐμοῦ stehen nur hier im NT. Alle weiteren Elemente des Verses sind vorkanonisch bezeugt, weshalb wohl anstelle von ὅτι οὐκ schlicht οὐκ zu lesen ist, während das ὅτι zuvor stand, so wie in *1Kor 10,1 belegt. 1 (Gal) 61 <?page no="940"?> (1,12) οὐδέ steht 161 / 144 Mal im NT, gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal, vgl. zuvor zu Vers 1 und weiter unten zu Vers 17. ♦ Die Kombination οὐδὲ γάρ steht 9 Mal im NT, davon 6 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Lk 20,36; 3 Mal Joh; 2 Mal Apg; Röm 8,7; Gal 1,12; 6,13), vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,36; *Gal 6,12. ♦ Die Variante οὔτε findet sich 106 / 87 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,6. ♦ παρὰ ἀνθρώπου steht nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene ( Joh 5,34). ♦ παραλαμβάνω steht 54 / 50 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.) steht 100 Mal im NT, vorkanonisch lediglich bezeugt für *2Kor 3,14; 4,13. ♦ διδάσκω, das 102 / 97 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,12; *Röm 2,21. ♦ Die Form ἐδιδάχθην ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Kombination ἀλλὰ διά steht 7 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 1,1. ♦ ἀποκάλυψις, das 22 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt, *1Kor 14,6; *2Thess 1,7. Zur Rekonstruktion: Auch wenn nur das οὐδέ … παρὰ ἀνθρώπου … ἀλλὰ δι’ Ἰησοῦ Χριστοῦ bei Tertullian bezeugt ist (non ab hominibus … sed per Iesum Christum), dürfte über das Bezeugte hinaus weiteres Textmaterial in der vorkanonischen Fassung präsent gewesen sein, wie die vielfach vorkanonischen Elemente zeigen, auch wenn dieses, wie der kanonische Begriff παραλαμβάνω zeigt, wohl kanonisch redaktionell überarbeitet zu sein scheint. (1,13) ποτέ steht 29 Mal im NT, nur hier als Verseröffnung, vorkanonisch weiter bezeugt für *Laod 2,11. 13; *Kol 1,21. ♦ ἀκούω steht 466 / 430 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 1,13; *Kol 1,5. ♦ Die Form ἠκούσατε steht 26 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 4 Mal Mt; Mk 14,64; Joh 14,28; Gal 1,13; im Vers: 2 Mal Mt; Lk 7,22; 2 Mal Joh; Apg 1,4; Eph 3,2; 4,21; Phil 2,26; 4,9; Kol 1,6. 23; Jak 5,11; 4 Mal 1Joh; 2Joh 1,6), vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,5. ♦ Die Kombination τὴν ἐμήν findet sich weiterhin nur auf der kanonischen Ebene bei Paulus (1Kor 7,40; 11,24. 25; 2Kor 1,23) ♦ ἀναστροφή begegnet 13 Mal im NT, jedoch nur auf der kanonischen Ebene, nicht in den Evangelien, sondern in einem pseudopaulinischen Schriften und katholischen Briefen (Eph 4,22; 1Tim 4,12; Hebr 13,7; 1Petr 1,15. 18; 2,12; 3,1. 2. 16; 2Petr 2,7; 3,11; Jak 3,13). ♦ Ἰουδαϊσμός begegnet im ganzen NT nur an dieser Stelle in den Versen 13 und 14, nach Tertullian bezeugt für die vorkanonische Ebene. Wie bereits von ihm aus den Markions Antithesen zitiert, scheint dies ein typischer vorkanonischer Begriff zu sein, der schließlich außer in den beiden kanonischen Parallelversen nicht mehr weiter von der kanonischen Redaktion verwendet wird. ♦ Das von Tertullian bezeugte ὑπερβολή, das 8 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,7, mit der Formel καθ’ ὑπερβολὴν gar in *1Kor 12,31. ♦ διώκω steht 47 / 45 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,12; *Gal 6,12. Zwar kann das Verb, gerade zur Zeit der zweiten Sophistik, 62 Rekonstruktion <?page no="941"?> 72 Vgl. M.D. Nanos and H. Wendt, Galatians (2022), 336-339. wie Nanos/ Wendt zeigen rhetorisch genutzt werden im Sinne von diskreditieren, argumentativ dagegenhalten, doch scheint gerade die vorkanonische Wendung, wie sie sich auch in *Ev dokumentiert, tatsächlich den Verfolgungscharakter zu haben. 72 ♦ ἐκκλησία steht 120 / 114 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,19; *Laod 3,10; 5,23. 29. 32; *Kol 1,24. ♦ Der Ausdruck ἐκκλησία τοῦ θεοῦ steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 20,28; 1Kor 1,2; 10,32; 11,16. 22; 15,9; 2Kor 1,1; Gal 1,13; 1Thess 2,14; 2Thess 1,4). ♦ Zu πορθέω vgl. weiter unten zu Vers 23. ♦ Die in den einschlägigen Handschriften 10 und 12 bezeugte alternative Lesart πολεμέω, die sich 11 / 7 Mal im NT findet, begegnet allerdings weiter ausschließlich auf der kanonischen Ebene, jedoch weder in Lk noch in Paulus. ♦ αὐτήν steht 110 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,24; *2Kor 3,18; *Laod 5,29. Zur Rekonstruktion: Die von Tertullian bezeugten oder angedeuteten Teile des Verses sind, wie auch die Lexik erweist, vorkanonisch bezeugte Begriffe, während die unbezeugten und hier ausgelassenen Termini solche sind, die sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene finden. Eine Ausnahme bildet das unbezeugte ἐπολέμουν, das jedoch in den Text aufgenommen wurde, weil es als Variante in den einschlägigen Handschriften 010 und 012 begegnet und möglicherweise eine Spur des vorkanonischen Textes darstellt. (1,14) προκόπτω steht 6 Mal im NT und ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Zu Ἰουδαϊσμός vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ πολλοί, πολλαί (Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Fem. / Mask. Pl.) steht 164 Mal im NT, vorkanonisch nicht bezeugt für *Paulus, sondern nur für *Ev 4,27; 14,16; 21,8. Man vergleiche auch den Singular πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.), der ebenfalls für *Paulus unbezeugt ist, vorkanonisch nur belegt für *Ev 12,48; 21,27. Der Befund stützt die Beobachtung (siehe Einleitung), wonach die kanonische Redaktion die Emphase liebt und Angaben verstärkt. ♦ συνηλικιώτης ist Hapax legomenon im NT. ♦ γένος steht 22 / 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt in *1Kor 12,10; *Phil 3,5. ♦ περισσοτέρως, das 15 Mal im NT steht, vorwiegend in paulinischen Briefen, ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. ♦ ζηλωτής, das 8 Mal im NT steht, ist nur kanonisch belegt ist. ♦ πατρικός ist Hapax legomenon im NT. ♦ παράδοσις, das 13 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Kol 2,8. Zur Rekonstruktion: Auch hier sind die von Tertullian bezeugten oder ange‐ deuteten Teile des Verses, wie auch die Lexik erweist, vorkanonisch bezeugte Begriffe, während die unbezeugten und hier ausgelassenen Termini solche sind, die sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene finden. Dass auch ζηλωτής 1 (Gal) 63 <?page no="942"?> aufgenommen wurde, auch wenn es sonst nur kanonisch belegt ist, ist narrativ bedingt, kann aber eine kanonische Überformung des Verses darstellen. (1,15) ὅτε steht 112 / 103 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,3. 4. ♦ εὐδοκέω steht 22 / 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt hier und für *1Kor 1,21; 10,5; *2Kor 5,8; *2Thess 2,12; *Kol 1,19, und stand vielleicht auch in *Ev 12,32. ♦ ἀφορίζω, das 11 / 10 Mal im NT steht, hier von Tertullian bezeugt, findet sich sonst nur auf der kanonischen Ebene (Mt 13,49; 25,32; Lk 6,22; Apg 13,2; 19,9; Röm 1,1; 2Kor 6,17; Gal 1,15; 2,12). ♦ κοιλία, das 24 / 22 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,27 und stand vielleicht auch in *1Kor 6,13. ♦ μήτηρ steht 91 / 83 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,26; *Laod 5,31; 6,2. ♦ καλέω, das 173 / 148 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ χάρις, das 171 / 156 Mal im NT steht, vorkanonisch gut bezeugt und doch ein Begriff großer Beliebtheit auf der kanonischen Ebene. ♦ αὐτοῦ steht 1197 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Paulus. Zur Rekonstruktion: Der Vers wird entsprechend der Bezeugung durch Tertul‐ lian gegeben. Ausgelassen ist ὁ θεός mit den einschlägigen Handschriften 010, 012 und das unbezeugte ἐκ κοιλίας μητρός μου καὶ καλέσας διὰ τῆς χάριτος αὐτοῦ wird wohl gefehlt haben, vgl. auch P 46 und einige spätere Zeugen. (1,16) ἀποκαλύπτω steht 33 / 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,17. 18; *2Thess 1,7, 2,3. ♦ υἱός steht 418 / 379 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,4. 6. 22; *2Kor 3,7; *Röm 8,3; *2Thess 2,3. ♦ Die Kombination ἐν ἐμοί steht 41 Mal im NT steht, 3 Mal in Mt; Mk 14,6; Lk 7,23; 12,8; 22,37 (fehlt in *Ev); 14 Mal in Joh; Apg 28,18; Röm 7,8. 17. 18. 20; 1Kor 9,15; 14,11; 2Kor 11,10; 13,3; Gal 1,16. 24; 2,20; Phil 1,26. 30; 4,9; Kol 1,29; 1Tim 1,16, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,23; 12,8. ♦ ἵνα steht 691 / 663 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Paulus. Bemerkenswert ist die äußerst häufige Benutzung der Konjunktion im Johannesevangelium. ♦ εὐαγγελίζομαι, das 58 / 54 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt in *Ev und *Paulus. ♦ Zu αὐτόν vgl. zuvor zu Vers 1 und weiter Vers 18. ♦ ἔθνος, das 175 / 162 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; *1Thess 4,5; *Laod 2,11. ♦ εὐθέως steht 83 / 36 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt, wobei die Stelle hier die einzige ist in einem paulinischen Brief. ♦ προσανατίθημι steht nur hier und noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene (Gal 2,6). ♦ Zu αἷμα, das 102 Mal im NT zu finden ist, steht auch vorkanonisch. ♦ σάρξ steht 154 / 147 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4. Zur Rekonstruktion: Aufgrund der Bezeugung Tertullians wird der obige Text gegeben, anstelle von „Sohn“ wird „Christus“ gesetzt und wegen des narrativen 64 Rekonstruktion <?page no="943"?> 73 H. Schlier, Der Brief an die Galater (1951), 29. Zusammenhangs, der die grammatikalische Konstruktion voraussetzt, auch das unbezeugte Ende von Vers 16 angefügt. Allerdings ist das emphatisierende und für die kanonische Redaktion typische εὐθέως ausgelassen, während das seltene προσανατίθημι durchaus vorkanonisch gestanden haben kann. (1,17) οὐδέ ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal, vgl. zuvor zu den Versen 1 und 12. ♦ ἀνέρχομαι steht nur 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Gal 1,17. 18; Joh 6,3). Die Variante des verbum simplex ἔρχομαι ist hingegen gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,4; *1Kor 15,35. ♦ Ἱεροσόλυμα steht 231 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,20; *Gal 2,1. ♦ πρός steht 753 / 699 Mal im NT und ist erstaunlich häufig an Stellen erwähnt, die in der vorkanonischen Version fehlen oder für diese nicht bezeugt sind - und dann gerade oft noch in Serien und häufig emphatisch den Adressaten von etwas Gesagtem herausstellend -, hingegen ist die Präposition auf der vorkanonischen Ebene selten und dann ausschließlich inhaltlich auf einen Gegenstand oder ein Ziel (z. B. Gott, den Herrn usw.) gerichtet. ♦ πρό steht 49 Mal im NT, etwa Lk 9,52; 10,1, erstaunlich gut vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,27 (πρὸ προσώπου σου); 11,38 (πρὸ τοῦ ἀρίστου); 21,12 (πρὸ δὲ τούτων); 22,15 (πρὸ τοῦ με παθεῖν); *1Kor 2,7 (πρὸ τῶν αἰώνων); *Kol 1,17 (πρὸ πάντων). ♦ Ἀραβία steht nur hier im NT und 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls auf kanonischer Ebene in Gal 4,25. ♦ Die Wendung πρὸ ἐμοῦ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2 Mal Joh; Röm 16,7; Gal 1,17). ♦ πάλιν, das 159 / 141 Mal im NT steht, etwa Lk 6,42, wo im parallelen Vers in *Ev der Begriff fehlt, findet sich mit Ausnahme von *1Kor 3,20 (in der Kombination καὶ πάλιν als Hinweis auf ein weiteres Schriftzitat) alleinstehend nur auf der kanonischen Ebene. Es wurde bemerkt, dass der kleine Begriff „bei Verben des Gehens, Schickens, Rufens [im kanonischen Paulus] die Vorstellung des Zurück aus[drückt] und … so mit dem Verbum in einem Begriff verbunden [ist], wie auch 2Kor 1,16 und Phil 1,26, während in Gal 1,17 wie in Apg 18,21 der Begriff ‚pleonastisch steht‘“. 73 ♦ ὑποστρέφω steht 41 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Δαμασκός steht 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (wiederholt in Apg und 2Kor 11,32; Gal 1,17). Zur Rekonstruktion: Der Weg, wohin *Paulus nicht ging oder ging, wird von keinem Zeugen ausgeführt. Die schlichte Variante ἦλθον in dem alten Papyrus P 46 und die Abwandlung, vor allem ἀπῆλθον, vielleicht beeinflusst durch die nachfolgende identische Form auf der kanonischen Ebene, stellen Hinweise darauf dar, dass zumindest die negative Aussage, dass *Paulus nicht nach Jerusalem ging, im vorkanonischen Text stand; dafür spricht auch die unbezeugte Aussage des voranstehenden Verses, dass er weder Fleisch noch 1 (Gal) 65 <?page no="944"?> 74 Hierauf macht aufmerksam H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 22. Blut konsultierte, was zu der Alleinstellung des Paulus passt, mit der er sich in diesem ersten Kapitel von *Gal gegenüber allen anderen Menschen positioniert und wohl darum auch von Jerusalem Abstand hält. Weitere biographische Reiseangaben sind eher typisch für die kanonische Redaktion und werden darum vermutlich im vorkanonischen Text gefehlt haben. Hierfür spricht auch die Lexik, man betrachte sich etwa den auffallenden Befund für πάλιν. Hinzu kommen die oben zu diesem Textteil vermerkten Parallelen auf der kanonischen Ebene. (1,18) ἔπειτα, das 17 / 16 Mal im NT steht, davon 8 Mal als Verseröffnung (Verseröff‐ nung: Lk 16,7; Joh 11,7; 1Kor 15,6. 7; Gal 1,18. 21; 2,1; 1Thess 4,17; im Vers: 1Kor 12,28; 15,23. 46; Hebr 7,2. 27; Jak 3,17; 4,14), findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μετά steht 501 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 12,18. Auch bei diesem kleinen Wörtchen fällt auf, dass es insbesondere in Versen steht, die in *Ev fehlen, aber auch an vielen Stellen in Versen, bei denen die Parallelverse in *Ev dieses Wort wohl entbehrten. ♦ ἔτος steht 53 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 3,1; *Gal 2,1 ♦ ἀνέρχομαι, steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ♦ Zum vorkanonisch bezeugten Ἱεροσόλυμα, das 231 / 62 Mal im NT steht, vgl. zuvor zu Vers 17. ♦ ἱστορέω steht noch ein Mal, kanonisch bezeugt in Gal 2,1, man vgl. aber auch das in 06* erhaltene διιστορων in Apg 17,23, der Areopagrede. 74 ♦ Κηφᾶν als von der kanonischen Redaktion bevorzugter Name des Petrus. ♦ ἐπιμένω steht 20 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Eben, vor allem in Apg und Paulus. ♦ Zu αὐτόν vgl. zuvor zu den Versen 1. 16. ♦ Die Kombination πρός + αὐτός ist unbezeugt im vorkanonischen *Paulus, steht jedoch 3 Mal im kanonischen Paulus (Gal 1,18; Eph 6,9: Kol 3,19) und überhaupt 189 Mal im kanonischen NT. ♦ ἡμέρα steht 414 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,10; 5,5; *2Kor 4,16. Der Terminus „Tag“ ist insofern bemerkenswert, als die vorkanonische Ebene ihn nicht nur vergleichsweise spärlich verwendet, sondern überhaupt Bezeugungen nur dann begegnen, wenn „Tag“ nicht einfach eine historische Zeitangabe bedeutet, sondern eine inhaltlich (oft theologische) Gewichtung hat. Umgekehrt zeigt sich aus diesem Vergleich, dass die kanonische Redaktion sich durch eine Historisierung der Narration auszeichnet. Der Plural „Tage“ wie hier findet sich im vorkanonischen *Paulus nur an einer Stelle (*Gal 4,10), hingegen 4 Mal im kanonischen Paulus (Gal 1,18; 4,10; Eph 5,16; 2Tim 3,1) und überhaupt 165 Mal im kanonischen Neuen Testament. ♦ δεκαπέντε steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 11,18; Apg 27,28; Gal 1,18). Überhaupt sind Begriffe mit δεκαfür den vorkanonischen *Paulus nur 1 Mal bezeugt (Gal 2,1), während sie sich 4 Mal im kanonischen Paulus finden (1Kor 15,5, 2Kor 12,2; 66 Rekonstruktion <?page no="945"?> 75 Email an mich vom 27.05.2023. Gal 1,18; 2,1) und insgesamt 97 Mal im kanonischen NT stehen. Kardinalzahlen sind nur 1 Mal im vorkanonischen *Paulus bezeugt (*1Kor 14,19), während sie 7 Mal im kanonischen Paulus stehen (1Kor 10,8; 14,19; 15,5; 2Kor 11,24; Gal 1,18; 3,17; 1Tim 5,9) und 351 Mal überhaupt im kanonischen NT. ♦ Die Beobachtungen zum kanonischen Charakter dieses Verses werden durch die Kombination von „Tag“ + „Zahl“ verstärkt, die unbezeugt für die vorkanonische Ebene ist, doch auch im kanonischen Paulus fehlt, während sie allerdings im kanonischen NT 9 Mal begegnet (Lk 4,2, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt in Mt 4,2; 17,1; Mk 9,2; Lk 4,2; Joh 20,26; Apg 20,6; 21,4; 28,14). Zur Abwesenheit: Die Lexik stützt, dass die Unbezeugheit des Verses auch dessen Abwesenheit von der vorkanonischen Ebene bedeutet. Darauf weisen auch eine Reihe von Elementen hin, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἔπειτα; ἀνέρχομαι; ἱστορέω; ἐπιμένω; πρός + αὐτός - nicht in *Paulus; δεκαπέντε; Kombination von „Tag“ + „Zahl“). Mark Bilby 75 hat bereits festgestellt, dass der einzige Beleg für den Plural „Tage“ (vgl. auch *Gal 4,10) eine Kritik an der religiösen Observanz von Festtagen bedeutet, während die kanonische Redaktion geradezu besessen von der positiven Nutzung von „Tag“ und „Tagen“ ist, vor allem, wenn es um die Synchronisierung zwischen Paulus und der Apostelgeschichte geht, um eine plausible und einigermaßen kohärente Geschichte zu fabrizieren. (1,19) Die Kombination von ἕτερον + δέ ist Hapax legomenon im NT. Die Kombination von ἕτερος in anderen Deklinationsformen + δέ ist unbezeugt für den vorkanonischen *Paulus, jedoch 3 Mal vorhanden im kanonischen Paulus (1Kor 3,4; 15,40 innerhalb von μέν-… δέ; Gal 1,19) und steht überaupt 8 Mal im kanonischen NT. ♦ Das Zusam‐ mentreffen von δέ + τῶν begegnet sonst nicht im vorkanonischen *Paulus, allerdings 4 Mal im kanonischen Paulus (1Kor 2,6; Gal 1,19; 2,6; 1Thess 5,1) und überhaupt 19 Mal im kanonischen NT. ♦ Der Plural τῶν ἀποστόλων steht im vorkanonischen *Paulus nur 1 Mal (*Laod 2,20), während er 3 Mal im kanonischen Paulus zu finden ist (1Kor 15,9; Gal 1,19; Eph 2,20) und 17 Mal überhaupt im kanonischen NT (meist in Apg). ♦ ὁράω steht 754 Mal im NT. Bei diesem Verb ist auffallend, wie oft es gerade in Passagen steht, die in der vorkanonischen Fassung abwesend sind. Für *Paulus gibt es denn auch nur einen bezeugten Beleg (*1Kor 5,17), während gerade die Bezeugungen des Verbs beim kanonischen Paulus in den für die vorkanonische Fassung nichtbezeugten Versen besonders auffällig sind. Das Verb ist also trotz mancher vorkanonischen Bezeugungen ein deutlich von der kanonischen Redaktion bevorzugter Begriff. ♦ Noch auffälliger ist die Kombination von οὐκ + εἶδον, sie ist unbezeugt für *Paulus, 1 (Gal) 67 <?page no="946"?> begegnet allerdings 1 Mal in Paulus (Gal 1,19) und 2 Mal im kanonischen NT (Apk 21, 22). Selbst wenn man die Suche erweitert und nach οὐ + allen Formen von ὁράω sucht, ergibt sich immer noch kein Ergebnis für *Paulus, allerdings 3 Einträge für Paulus (1Kor 2,9: Ἃ ὀφθαλμὸς οὐκ εἶδεν, innerhalb eines LXX-Zitats von Jes 64,3: οὐδὲ οἱ ὀφθαλμοὶ ἡμῶν εἶδον; Gal 1,19; Kol 2,1) und überhaupt 15 für das kanonische NT. ὁράω + οὐδείς ist ebenfalls für *Paulus unbezeugt, steht aber 1 Mal in Paulus (1Tim 6,16). ♦ Der Ausdruck εἰ μή + ein spezifisches Nomen ist unbezeugt für *Paulus, steht jedoch 3 Mal in Paulus (1Kor 1,14; 2,2; Gal 1,19) und überhaupt 6 Mal im kanonischen Neuen Testament. Erweitert man die Suche nach εἰ μή + irgendein Nomen, gibt es immer noch keinen Eintrag für *Paulus, jedoch 5 für Paulus (Röm 9,29; 11,15; 1Kor 1,14; 2,2; Gal 1,19) und überhaupt 11 für das kanonische NT. ♦ Ἰάκωβος findet sich 51 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt jedoch für *Gal 2,9. ♦ Die Verbindung von einem spezifischen Nomen im Akk. Sg. + bestimmten Artikel ist unbezeugt für *Paulus, begegnet jedoch 17 Mal bei Paulus und überhaupt 69 Mal im kanonischen NT. ♦ Der Ausdruck τὸν ἀδελφόν steht 37 Mal im NT, 12 Mal in Paulus, ausschließlich kanonisch belegt. Zur Abwesenheit: Auch dieser Vers dürfte aufgrund der mangelnden Bezeugung und der einschlägigen Lexik auf die kanonische Redaktion zurückgehen. Auch bei diesem Vers danke ich ausdrücklich Mark Bilby für die Vorschläge in der zum voranstehenden Vers genannten Email. (1,20) ἅ steht 114 Mal im NT, vorkanonisch gut bezeugt für *Ev und *Gal 2,18; 5,21; *1Kor 10,20; *2Kor 5,10; *Kol 2,17. ♦ Die Kombination von ὅς + δέ begegnet zwar 2 Mal vorkanonisch (*Gal 2,20; *1Kor 7,7), ist aber sehr geläufig für die kanonische Ebene, 15 Mal im kanonischen Paulus und 58 Mal im kanonischen NT. ♦ Deutlicher ist noch die Kombination von δέ + γράφω, die unbezeugt ist für *Paulus, jedoch 3 Mal im kanonischen Paulus begegnet (Röm 15,15; 1Kor 5,11; Gal 1,20) und noch weitere 2 Mal im kanonischen NT ( Joh 19,19; 20,31). ♦ γράφω, das 213 / 191 Mal im NT belegt ist, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,19. 31; 3,19; 9,10; 10,7. 11; 14,21; 15,54, vielleicht sogar auch in einer sehr ähnlichen Formulierung (*1Kor 4,14: ὑμᾶς ταῦτα γράφω). ♦ Die Kombination von γράφω + σύ ist unbezeugt für den vorkanonischen *Paulus, findet sich jedoch 12 Mal im kanonischen Pauls (Röm 15,15; 1Kor 5,9. 11; 14,37, 2Kor 1,13; 2,4; 7,12; 9,1; Gal 1,20; Phil 3,1; 1Thess 4,9; Phlm 1,21) und 30 Mal überhaupt im kanonischen NT. ♦ Die Kombination von ἰδού + ἐνώπιον ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Kombination von ἐνώπιον + ὁ + θεός ist vorkanonisch unbezeugt, findet sich jedoch 10 Mal im kanonischen Paulus (Röm 14,22; 1Kor 1,29; 2Kor 4,2; 7,12; Gal 1,20; 1Tim 5,4. 21; 6,13; 2Tim 2,14; 4,1) und überhaupt 25 Mal im kanonischen NT. ♦ ἐνώπιον steht 100 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,29. ♦ Der Ausdruck ἐνώπιον τοῦ θεοῦ ist nur kanonisch belegt, in *Ev 16,15 ist ἐνώπιον τῶν ἀνθρώπων bezeugt, aber nicht ἐνώπιον τοῦ θεοῦ (m.-E. zu ändern in 68 Rekonstruktion <?page no="947"?> 76 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 997. 77 Ibid. 559. Klinghardt), 76 vgl. auch 1Kor 1,29; 2Kor 4,2; 7,12; Röm 14,22. ♦ ψεύδομαι steht 10 Mal im NT und ist auch vorkanonisch ein Mal bezeugt (*1Thess 2,11). ♦ Die Kombination οὐ + ψεύδομαι ist unbezeugt für den vorkanonischen *Paulus, steht aber 4 Mal im kanonischen Paulus (Röm 9,1; 2Kor 11,31; Gal 1,20; 1Tim 2,7) und 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im kanonischen NT in Apg 5,4. Zur Abwesenheit: Erneut stützt die Lexik die fehlende Bezeugung des Verses und erweist diesen als eine floskelhafte rhetorische Zutat der kanonischen Redaktion, ohne die der Text narrativ besser fließt. (1,21) Zum kanonischen ἔπειτα, das 17 / 16 Mal im NT steht vgl. zuvor zu Vers 18. ♦ ἔρχομαι steht 709 Mal im NT, ist mehrfach vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,4; *1Kor 15,35. ♦ κλίμα steht nur 3 Mal im NT und nur auf der kanonischen Ebene (Gal 1,21; Röm 15,23; 2Kor 11,10). ♦ Συρία steht 8 Mal im NT und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (Mt 4,24; Lk 2,2; Apg 15,23. 41; 18,18; 20,3; 21,3; Gal 1,21). ♦ Κιλικία steht 9 Mal im NT, ebenfalls ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 6,9; 15,23. 41; 21,39; 22,3. 34; 27,5; Gal 1,21). Zur Abwesenheit: Die Frage, ob dieser Vers an- oder abwesend im Text war, ist schwierig zu beantworten. Zunächst deutet der lexikalische Befund zu den Ortsangaben gegen eine Präsenz, dagegen steht die Präsenz von zwei eher unbedeutenden Wörter ἔπειτα und ἔρχομαι, die vorkanonisch anderwärts be‐ zeugt sind. Nimmt man jedoch die nachfolgenden Verse in Blick, die lexikalisch stark von der kanonischen Redaktion geprägt sind, wird man wohl auch den vorliegenden Vers als abwesend einstufen. (1,22) ἤμην, das 16 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἀγνοέω findet sich 23 Mal im NT und ist auch vorkanonisch belegt (*1Kor 10,1; 12,1). ♦ πρόσωπον findet sich 84 Mal im NT, für die vorkanonische Ebene bezeugt in *Ev und *Gal 2,11; *2Kor 3,18; 4,6; *2Thess 1,9. ♦ ἐκκλησία, das 120 / 114 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt in *1Kor 14,19; *Laod 3,10; 5,23. 29. 32; *Kol 1,24. ♦ Ἰουδαία steht 47 Mal im NT und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene. Dass dieser Begriff zur kanonischen Ebene gehört, hat schon M. Klinghardt erkannt: „Die komprehensive Verwendung von Ἰουδαία als Bezeichnung des gesamten von Juden bewohnten Landes in Palästina (ist) eine typisch lk Wendung“. 77 ♦ Ἰουδαῖος, das 250 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *1Kor 9,20; 15,20; *Röm 1,16; 2,29; *1Thess 2,14. 1 (Gal) 69 <?page no="948"?> Zur Abwesenheit: Wie im Vers zuvor sprechen auch hier kanonische Begriffe (ἤμην, Ἰουδαία) gegen die Anwesenheit des Verses. Die biographische Anrei‐ cherung geht wohl auch hier auf Kosten der kanonischen Redaktion. (1,23) Die Wendung μόνον δέ steht 11 Mal im NT, nur hier als Verseröffnung (an‐ sonsten 7 Mal als Verseröffnung mit voranstehendem οὐ), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀκούω steht 466 / 430 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 1,13; *Kol 1,5. ♦ Die Verbform ἦσαν steht 96 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,1. ♦ διώκω ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,12; *Gal 6,21. ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ εὐαγγελίζομαι, das 58 / 54 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt in *Ev und *Paulus, vgl. zuvor zu Vers 16. ♦ πίστις, das 257 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16. 20; 3,11. 26; 5,6; *1Kor 12,9; *2Kor 4,13; *Röm 1,17; 5,1; *Laod 4,5. ♦ πορθέω steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, die anderen Male in Apg 9,21, dann Gal 1,13. Zur Abwesenheit: Erneut wird die unbezeugte biographische Narration kano‐ nisch fortgesponnen. Zwar begegnen fast alle Termini auch vorkanonisch, doch πορθέω bietet einen wichtigen Hinweis. Nachdem der Vers den Inhalt von dem zum Teil bezeugten Vers *Gal 1,13 aufgreift (wo allerdings offenkundig die Variante ἐπολέμουν stand), während die kanonische Version wohl πορθέω bietet und dieser Begriff wieder in Apg 9,21 begegnet, scheint der Vers ebenfalls auf die kanonische Redaktion zurückzuführen zu sein. Vielleicht lag ihm ein vorkanonischer Text zugrunde, der jedoch nicht mehr herzustellen ist (Hinweis auf Paulus, den Verfolger? ). (1,24) δοξάζω steht 68 / 61 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,20. ♦ Die Form ἐδόξαζον steht 6 Mal im NT, in Lk 5,26, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (Lk 5,26; 7,16; 3 Mal Apg; Gal 1,24). ♦ Die Kombination ἐν ἐμοί, die 41 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. Zur Abwesenheit: Auch wenn wir nur ein Element vorliegen haben, das ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt ist, spricht doch der Zusam‐ menhang mit den voranstehenden Versen dafür, dass dieser Vers ebenfalls ein Produkt der kanonischen Redaktion ist und vorkanonisch gefehlt hat. Kapitel 2 2,1 (↓1,18-↓19) 2-5 6 [7-8] 9-10: Das Apostelkonzil in Jerusalem Der Abschnitt zum Apostelkonzil ist recht gut bezeugt und dürfte bis auf einige wichtige Weiterungen durch die Verse 7-8 und einige Anpassungen an die 70 Rekonstruktion <?page no="949"?> andere narrative Einpassung durch die kanonische Redaktion von dieser weithin übernommen worden zu sein. Die Rekonstruktion der Passage ist vielfach sicherer als das Eingangskapitel von *Gal. 2,1 Καὶ διὰ δεκατεσσάρων ἐτῶν ἀνέβην εἰς Ἱεροσόλυμα, (↓1,18-…) ἱστορῆσαι Πέτρον (↓1,19) καὶ τοὺς λοιποὺς ἀποστόλους. 2,1 Ἔπειτα διὰ δεκατεσσάρων ἐτῶν πάλιν ἀνέβην εἰς Ἱεροσόλυμα μετὰ Βαρναβᾶ, συμπαραλαβὼν καὶ Τίτον· 2 ἀνέβην δὲ κατὰ ἀποκάλυψιν· ἀνεθέμην αὐτοῖς τὸ εὐαγγέλιον ὃ κηρύσσω ἐν τοῖς ἔθνεσιν, μὴ εἰς κενὸν ἔδραμον ἢ τρέχω. 2 ἀνέβην δὲ κατὰ ἀποκάλυψιν· καὶ ἀνεθέμην αὐτοῖς τὸ εὐαγγέλιον ὃ κηρύσσω ἐν τοῖς ἔθνεσιν, κατ’ ἰδίαν δὲ τοῖς δοκοῦσιν, μή πως εἰς κενὸν τρέχω ἢ ἔδραμον. 3 ἀλλ’ οὐδὲ Τίτος ὁ σὺν ἐμοί, Ἕλλην ὤν, ἠναγκάσθη περιτμηθῆναι 3 ἀλλ’ οὐδὲ Τίτος ὁ σὺν ἐμοί, Ἕλλην ὤν, ἠναγκάσθη περιτμηθῆναι· 4 διὰ τοὺς παρεισάκτους ψευδαδέλφους, οἵτινες παρεισῆλθον κατασκοπῆσαι τὴν ἐλευθερίαν ἡμῶν ἣν ἔχομεν ἐν Χριστῷ, ἵνα ἡμᾶς καταδουλώσουσιν· - 4 διὰ δὲ τοὺς παρεισάκτους ψευδαδέλφους, οἵτινες παρεισῆλθον κατασκοπῆσαι τὴν ἐλευθερίαν ἡμῶν ἣν ἔχομεν ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, ἵνα ἡμᾶς καταδουλώσουσιν· 5 οὐδὲ πρὸς ὥραν εἴξαμεν τῇ ὑποταγῇ, ἵνα ἡ ἀλήθεια τοῦ εὐαγγελίου διαμένῃ· 5 οἷς οὐδὲ πρὸς ὥραν εἴξαμεν τῇ ὑποταγῇ, ἵνα ἡ ἀλήθεια τοῦ εὐαγγελίου διαμείνῃ πρὸς ὑμᾶς. -6 οὐδὲν προσανέθεντο. 6 ἀπὸ δὲ τῶν δοκούντων εἶναί τι ὁποῖοί ποτε ἦσαν οὐδέν μοι διαφέρει· πρόσωπον ὁ θεὸς ἀνθρώπου οὐ λαμβάνει ἐμοὶ γὰρ οἱ δοκοῦντες οὐδὲν προσανέθεντο, - 7 ἀλλὰ τοὐναντίον ἰδόντες ὅτι πεπίστευμαι τὸ εὐαγγέλιον τῆς ἀκροβυστίας καθὼς Πέτρος τῆς περιτομῆς, 8 ὁ γὰρ ἐνεργήσας Πέτρῳ εἰς ἀποστολὴν τῆς περιτομῆς ἐνήργησεν καὶ ἐμοὶ εἰς τὰ ἔθνη, 9Πέτρος καὶ Ἰάκωβος καὶ Ἰωάννης δεξιὰς ἔδωκαν ἐμοί, ἵνα ἐγὼ εἰς τὰ ἔθνη, αὐτοὶ εἰς τὴν περιτομήν, 9 καὶ γνόντες τὴν χάριν τὴν δοθεῖσάν μοι, Ἰάκωβος καὶ Κηφᾶς καὶ Ἰωάννης, οἱ δοκοῦντες στῦλοι εἶναι, δεξιὰς ἔδωκαν ἐμοὶ καὶ Βαρναβᾷ κοινωνίας, ἵνα ἡμεῖς εἰς τὰ ἔθνη, αὐτοὶ δὲ εἰς τὴν περιτομήν· 10 ἵνα μόνον τῶν πτωχῶν μνημονεύωμεν. 10 μόνον τῶν πτωχῶν ἵνα μνημονεύωμεν, ὃ καὶ ἐσπούδασα αὐτὸ τοῦτο ποιῆσαι. A. *2,1(↓1,18) (↓1,19): Tert., Adv. Marc. V 3,1: Denique ad patrocinium Petri ceterorumque apostolorum ascendisse Hierosolymam post annos quatuordecim 1 (Gal) 71 <?page no="950"?> scribit; id., De praescr. 23,7 (SC 46,118): Dehinc, sicut ipse enarrat, ascendit Hierosolymam cognoscendi Petri causa. ♦ *2,2: Tert., Adv. Marc. V 3,1: ut conferret cum illis de evangelii sui regula, ne in vacuum tot annis cucurrisset aut curreret; ibid., V 3,4: ipso quoque apostolo ne in vacuum cucurrisset aut curreret suspecto; ibid., V 3,5: quam sciret se Paulus non <in> vacuum cucurrisse (Evans, 520: sciret se Paulus: Paulus sciret se; <in>: in); ibid., IV 2,5: ne forte in vacuum cucurrisset, id est ne non secundum illos credidisset et non secundum illos euangelizaret. ♦ *2,3: Tert., Adv. Marc. V 3,2-3: Cum vero nec Titum dicit circumcisum … Sed nec Titus, qui mecum erat, cum esset Graecus, coactus est circumcidi; ibid., V 2,7: intercessisse quosdam, qui dicerent circumcidi oportere et observandam esse Moysi legem. ♦ *2,4: Tert., Adv. Marc. V 3,3: Ergo propter falsos, inquit, superinducticios fratres, qui subintraverant ad speculandam libertatem nostram quam habemus in Christo, ut nos subigerent servituti … propter superinducticios falsos fratres, et reliqua; ibid., I 20,4: Sed et si quosdam falsos fratres inrepsisse descripsit; ibid., I 20,6: falsos et apostolos et fratres notans in hac causa; ibid., IV 3,2: simul et accusantis pseudapostolos quosdam pervertentes euangelium Christi; ibid., IV 3,4: Proinde si et pseudapostoli irrepserant; ibid., V 2,7: intercessisse quosdam, qui dicerent circumcidi oportere et observandam esse Moysi legem; ibid., V 3,2: ex defensione adhuc legis concussam ab eis, quos propterea falsos et superinducticios fratres appellat. Zu superinducticius vgl. auch id., De monog. 14,1 (SC 343,194): circumcidens Timotheum propter superinducticios fratres (wobei Gal 2,4 mit Apg 16,3 kombiniert werden). ♦ *2,5: Tert., Adv. Marc. V 3,3: nec ad horam cessimus subiectioni; ibid.: Intendamus enim et sensui ipsi et causae eius, et apparebit vitiatio scripturae; ibid., I 20,6: et apostolus ea iam recusanda pronuntiabat. ♦ *2,6: Vgl. Tert., Adv. Marc. IV 3,3: Porro etsi reprehensus est Petrus et Iohannes et Iacobus, qui existimabantur columnae, manifesta causa est: personarum enim respectu videbantur variare convictum; vgl. id., De praescr. 23,10 (SC 46,119): Ceterum si reprehensus est Petrus quod, cum convixisset ethnicis, postea se a convictu eorum separabat personarum respectu, utique conversationis fuit vitium, non praedicationis. ♦ 2,7-8: Vgl. Tert., De praescr. 23,9 (SC 46,119): Itaque et dexteram ei dederunt, signum concordiae et convenientiae, et inter se distributionem officii ordinaverunt, non separationem euangelii nec ut aliud alter sed ut aliis alter praedicarent, Petrus in circumcisionem, Paulus in nationes. ♦ *2,9: Tert., Adv. Marc. V 3,6: Bene igitur quod et dexteras Paulo dederunt Petrus et Iacobus et Ioannes, et de officii distributione pepigerunt, ut Paulus in nationes, illi in circumcisionem; ibid., IV 3,3: Porro etsi reprehensus est Petrus et Ioannes et Iacobus, qui existimabantur columnae, manifesta causa est. Personarum enim respectu videbantur variare convictum; ibid., V 3,5: quam dexteras ei darent antecessores; vgl. auch ibid., I 20,2: Nam et ipsum Petrum ceterosque, columnas apostolatus, 72 Rekonstruktion <?page no="951"?> 78 Vgl. J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 60. 79 Diese Zeugen machen allerdings nicht „die Mehrheit der anderen Zeugen“ aus, pace J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 245. Sie stimmt hier im übrigen (überzogenerweise) mit dem ähnlichen Urteil von Detering überein, der behauptet, dass das οὐδέ „is missing in texts of most of the Catholic church fathers“, so H. Detering, The Falsified Paul. Early Christianity in the Twilight (2003), 103. Allerdings ist es nicht unbedeutend, dass wichtige Väter‐ stimmen und handschriftliche Zeugen eine solche Revision des paulinischen Textes vorgenommen haben. Inkorrekt ist, wenn Lieu in Fußnote 33 auf derselben Seite angibt, keine anderen Zeugen außer Tertullian wiesen das Fehlen von οἷς auf. Clabeaux führt detailliert die Zeugen für die verschiedenen Versionen auf: οἷς οὐδὲ πρὸς ὥραν P 46 , 01, 02, 03, 04, 06 c , 010, 012, 018, 020, 025, 033, sy h , bo, arm, eth, OL pc; οὐδὲ πρὸς ὥραν Tert, sy p , MVict, Iren lat ; πρὸς ὥραν 06*, Tert, OL: DI; οἷς πρὸς ὥραν Hieron, Sedulius Scottus. Clabeaux schließt, dass, auch wenn die zweite Version die älteste bezeugte sei, es doch eher wahrscheinlich sei, dass ein Schreiber ein οἷς weglässt, als dass er es hinzusetzt, so J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 84-85. Dem schließt sich an E.S. Lodovici, Sull’ interpretazione di alcuni testi della Lettera ai Galati in Marcione e in Tertulliano (1972), 377-381. Doch Hilgenfeld hat schon den vorkanonischen Wortlaut wie oben als „den unverfälschten Text“, den Markion „bewahrt hatte“ angesehen, während, wie Irenäus, Adv. Haer. III 13,3, der katholische Text die Negation ausgelassen habe. a Paulo reprehensos opponunt; ibid., I 20,4: Atquin de praedicationis unitate … dextras iunxerant, et ipsa officii distributione de evangelii societate condixerant; ibid., IV 2,5: Denique ut cum auctoribus contulit et convenit de regula fidei, dextras miscuerunt et exinde officia praedicandi distinxerunt, ut illi in Iudaeos, Paulus in Iudaeos et in nationes; id., De praescr. 23,9: Itaque et dexteram ei dederunt, signum concordiae et convenientiae, et inter se distributionem officii ordinaverunt, non separationem euangelii nec ut aliud alter sed ut aliis alter praedicarent, Petrus in circumcisionem, Paulus in nationes. ♦ *2,10: Tert., Adv. Marc. V 3,6: … tantum ut meminissent egenorum. B. (2,1) Nach ἐτῶν schwankt die Überlieferung. Anstelle von πάλιν ἀνέβην bieten die umgekehrte Reihenfolge 06, 010, 012, ar, b, während das πάλιν ausgelassen ist in vg ms , bo, Ir lat und Ambst. 04 bietet πάλιν ἀνῆλθον. ♦ (↓1,18…) Anstelle von Κηφᾶν findet sich Πέτρον in 01 2 , 06, 010, 012, 044, M latt, sz h . ♦ (↓1,19) οὐδένα ist hinzugefügt in P 51vid , 06*, 010, 012. ♦ (2,4) δέ nach διά om f und die altlateinische Tradition: 54, 75, 76, 78, Tert, Hier, Theodor von Mopsuestia und Theodoret. ♦ Ἰησοῦ om Ephr, ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ om Aug. ♦ nach ἵνα add μη 010, 012. ♦ Anstelle von καταδουλώσουσιν bietet 06* καταδουλώσωνται. 78 ♦ (2,5) οἷς wie οὐδὲ om 06*, b, d, Ir lat , Tert, MVict, Ambst, Hier ms , Pel, Cass. 79 ♦ Die Variante διαμένῃ in 02, 010 und 012. ♦ (2,6) ὁ vor θεός om 03, 04, 06, 1 (Gal) 73 <?page no="952"?> 80 Vgl. H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 81 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 70*. 010, 012, 018, 020, 630, 1505, 1739, 1881, 2464, M, add P 46 , 01, 02, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 365, 614, 1175, 1241. ♦ Schmid schreibt (ἐ)μοὶ. ♦ ἐμοὶ καὶ Βαρναβᾷ fehlt in der altlateinischen Tradition (84) und in Aug. ♦ κοινωνίας fehlt in der altlateinischen Tradition (84). ♦ Die Reihenfolge ἵνα μόνον τῶν πτωχῶν findet sich in vielen altlateinischen Zeugen. 80 C. 1. Der Hinweis auf Petrus und die übrigen Apostel wie auch die von Harnack bereits genannte Notwendigkeit, einen Reisegrund anzugeben, sprechen dafür, dass in *Gal 2,1 die Information, die jetzt in Gal 1,18-19 zu finden ist, stand, aller‐ dings wohl verkürzt auf: … ἱστορῆσαι Πέτρον καὶ τοὺς λοιποὺς ἀποστόλους. Das ist auch syntaktisch notwendig, da das in *Gal 2,3 folgende αὐτοῖς einen Rückbezug braucht, der mindestens auf zwei Personen verweist, von denen gerade in Gal 1,18-19 die Rede ist. 2. Hilgenfeld meint, dass „fast jeder einzelne Vers“ von *Gal 2,1-14 bei Tertullian „erörtert“ wird. 3. (2,1) Van Manen gibt *Gal 2,1 nach dem kanonischen Text. Zahn nimmt den gesamten Vers ohne πάλιν und ohne die Teile aus *Gal 1,18-19 als gegeben an. Harnack urteilt zu den beiden ersten Versen vom zweiten Kapitel: „Hier standen die Worte Ἔπειτα διὰ δεκατεσσάρων ἐτῶν πάλιν ἀνέβην εἰς Ἱεροσόλυμα und μήπως εἰς κενὸν ἔδραμον ἢ τρέχω, aber sonst war der Text deshalb verändert, weil aus dem übergangenen Abschnitt des 1. Kapitels (aus v. 18 u. 19) der Zweck der Reise nachgebracht werden sollte“. 81 Schmid folgt Zahn, sieht aber das anfängliche Ἔπειτα nicht anwesend und schreibt für *Gal 2,1: (Ἔπειτα) διὰ δεκατεσσάρων ἐτῶν (πάλιν) ἀνέβην εἰς Ἱεροσόλυμα… Mit dieser Beobachtung liegt Schmid wohl richtig; denn erstens zeigt die Differenz, mit der Tertullian den vorkanonischen Text mit denique anführt, den kanonischen aber mit dehinc (in De praescr.), dass dieses dehinc nicht Ἔπειτα wiedergibt, sondern vielleicht lediglich ein καί denotiert. Dem entspricht auch die Wiedergabe eines καί durch denique von Tertullian für *Kol 1,20. Hinzu kommt, dass Ἔπειτα nur auf der kanonischen Ebene begegnet. Be‐ Duhn folgt Schmid. Nur in der kanonischen Redaktion findet sich die stilistisch 74 Rekonstruktion <?page no="953"?> 82 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 25. 83 Ibid. 84 H. Schlier, Der Brief an die Galater (1951), 34. unschöne und repetitive Wiederholung des Satzanfangs Ἔπειτα in Gal 1,18. 21 und 2,1, zumal Gal 1,18. 21 vorkanonisch gefehlt haben. Zu dem nicht bezeugten πάλιν. Das Auslassen von πάλιν wird für die vorkanonische Version anzunehmen sein, so auch NA 28 . 82 An dieser Stelle scheint bei *Gal noch nicht erwähnt worden zu sein, dass Titus Paulus begleitet hat, was erst in *Gal 2,3 Erwähnung findet. Von Barnabas ist überhaupt nicht die Rede. 3. Was Barnabas betrifft, scheint er von *Paulus nicht erwähnt zu sein. 83 Er wird als Figur durch die kanonische Redaktion eingefügt, um so die Verbindung zur Apostelgeschichte, zu 1Kor und Kol herzustellen. „Barnabas ist der Levite Jo‐ seph von der Insel Kypern, der schon frühzeitig zur Jerusalemer Kirche gestoßen war (Apg 4,36f.). Er führt in der Darstellung der Apg Paulus in Jerusalem bei den Aposteln ein (Apg 9,27) und ist so etwas wie der Jerusalemer Vertrauensmann in Antiochien (Apg 11,22; 13,1f.; 15,35). Er dient der Jerusalemer Kirche, wenn man so sagen darf, als syrischer Nuntius (Apg 11,25.30; 12,25). Mit Paulus arbeitete er bis zu der am Beginn der sogenannten zweiten Missionsreise erfolgten Trennung zusammen (Apg 15,36ff.; vgl. 1Kor 9,6; Gal 2,9.13; Kol 4,10)“. 84 4. ↓*Gal 1,18 wird Πέτρον und nicht wie in der kanonischen Redaktion Κηφᾶν geboten haben. Hierfür spricht die schwankende Überlieferung, bei der Πέτρον von 01 2 , 06, 010, 012, 044, M latt, sz h geboten wird. Ebenfalls wird dies gestützt durch die Verwendung von Πέτρος in *Ev. 8,45; 12,41. Allerdings erwähnt *Paulus auch Κηφᾶς, das 9 Mal im NT steht, in *1Kor 3,22, wo es heißt, man solle sich keines Menschen rühmen, weil alle und alles den Adressaten gehöre, allen voran „Paulus, Apollos, Kephas“. In *Gal 2,9 findet sich in P 46 , r, 06, 010, 012, 629, 1175, a, b, vg mss , Ambst Πέτρος, nicht Κηφᾶς, in *Gal 2,11 dasselbe Phänomen in 06, 010, 012, M, it, vg mss , sy h , Ambst, und wieder in *Gal 2,14 dasselbe in 06, 010, 012, M, it, vg mss , sy h , Ambst, Pel. Die kanonische Redaktion kann durch Κηφᾶς in *1Kor 3,22 inspiriert worden sein: Σὺ εἶ Σίμων ὁ υἱὸς Ἰωάννου: σὺ κληθήσῃ Κηφᾶς ὃ ἑρμηνεύεται Πέτρος, was wieder in Joh 1,42 aufklingt: Σὺ εἶ Σίμων ὁ υἱὸς Ἰωάννου· σὺ κληθήσῃ Κηφᾶς (ὃ ἑρμηνεύετα Πέτρος). Sie ist aber so wenig wie *Paulus (und auch Joh 1,42) konsistent. Grundsätzlich könnte man, wo alternative Überlieferungen vorliegen, die beiden Namen Πέτρος und Κηφᾶς je auf *Gal und Gal verteilen, und die öfter *Paulus tradierenden Zeugen 06 und 012 legen nahe, dass die 1 (Gal) 75 <?page no="954"?> 85 Email vom 28.5.23, ich danke auch für die hier dokumentierten Kombinationsergeb‐ nisse. 86 Vgl. S.H. Levinsohn, Discourse Features of New Testament Greek. A Coursebook on the Information Structure of New Testament Greek (2000); S. Runge, The Exegetical Significance of Synoptic Differences from the Standpoint of Discourse Grammar (2015); S.E. Runge, Discourse Grammar of the Greek New Testament. A practical Introduction for Teaching and Exegesis (2010); I. Larsen, Word Order and Relative Prominence in New Testament Greek. A New Look (2001). kanonische Redaktion an den varianten Stellen „Kephas“ schrieb, während in *Gal der Name „Petrus“ verwendet wurde. 5. (↓1,19) Wie die einschlägigen Zeugen belegen, stand hier ein οὐδένα im vorkanonischen Text, das die kanonische Redaktion entfernt und damit die Aussage entschärft hat. 6. (2,2) κατὰ ἀποκάλυψιν ist eine im Neuen Testament ungewöhnliche Formulierung, sie ist nicht für *Paulus bezeugt, begegnet jedoch 3 Mal bei Paulus (Röm 16,25; Gal 2,2, Eph 3,3), doch sonst nirgends im NT. Bilby hatte aufgrund dieses Befundes vorgeschlagen, den Halbvers aus der Rekon‐ struktion von *Paulus herauszunehmen, 85 doch erweisen die vorkanonische Bezeugung sowohl des Verbs wie des Nomens und insbesondere die seltene Wiederaufnahme im kanonischen Neuen Testament, außerdem das erklärbare Desinteresse der kritischen Kommentatoren an diesem göttlichen Erweis der Autorität des Paulus, dass der Halbvers mit größerer Wahrscheinlichkeit doch im vorkanonischen Text stand, auch wenn er, was die grammatikalische Form betrifft, Überarbeitungsspuren der kanonischen Redaktion zeigt. 7. Zum Problem der Reihenfolge oder Wortstellung: 86 Schmid behält die kanonische Reihenfolge von τρέχω ἢ ἔδραμον bei, ihm folgt BeDuhn, setzt allerdings den ersten Teil des Verses [ἀνεθέμην αὐτοῖς τὸ εὐαγγέλιον ὃ κηρύσσω ἐν τοῖς ἔθνεσιν] in eckige Klammern. Alle bisherigen Editoren lassen das in der Tat unbezeugte ἀνέβην δὲ κατὰ ἀποκάλυψιν: καὶ aus, allerdings ist es narrativ sinnvoll - es markiert, dass Paulus trotz der Begegnung mit Petrus und Jakobus sich nicht aufgrund ihrer, sondern ausschließlich aufgrund einer eigenen Offenbarung nach Jerusalem begeben hat - und entspricht auch dem Bericht von *2Kor 12,1ff. Wie in Tert., Adv. Marc. V 12,9 auf den *Galaterbrief verwiesen wird, um auf die Parallelität aufmerksam zu machen, so ist das dort angeführte a domino datam sibi affirmat zumindest eine Stütze dafür, dass Tertullian möglicherweise auch in *Gal 2,2 davon las, dass Paulus aufgrund einer Offenbarung nach Jerusalem ging. Dass kein Kritiker an diesem göttlichen Erweis für die Autorität des Paulus interessiert war, liegt auf der Hand. 8. Der in der kanonischen Redaktion auf Vers 2 ἐν τοῖς ἔθνεσιν folgende Hinweis auf diejenigen, die in der Gemeinde als etwas Besonderes zu gelten 76 Rekonstruktion <?page no="955"?> 87 Vgl. EpAp 31-33, vgl. hierzu M. Vinzent, Die Auferstehung Christi im frühen Chris‐ tentum (2014), 202-203. 88 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 25. 89 So auch ibid. 28. 90 Tertullian, Contre Marcion. Tome V (Livre V). Texte critique par Claudio Moreschini. Introduction, traduction et commentaire par René Braun (2004), 94. 91 Vgl. T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 498; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 70*. scheinen (τοῖς δοκοῦσιν) und denen Paulus einzeln sein Evangelium vorgelegt habe, könnte schon wegen der impliziten Kritik an der Autorität der Apostel im vorkanonischen *Paulus gestanden sein, findet sich aber durch keinen Zeugen belegt. *Paulus hat demnach seinen Gesprächspartnern sein Evangelium einzeln vorgelegt, doch ist damit keine Unterordnung angezeigt, wie sie etwa in der „Epistula Apostolorum“ vorgeführt wird. 87 Van Manen lässt den zweiten Teil des Verses (κατ’ ἰδίαν δὲ τοῖς δοκοῦσιν, μή πως εἰς κενὸν τρέχω ἢ ἔδραμον) aus. 88 9. Auch wenn keine Varianten für μή in den Textzeugen vorliegen, spricht Tertullians ne doch dafür, dass hier lediglich die einfache Form stand, einen weiteren Hinweis bietet die sonst nur auf der kanonischen Stelle stehende Konjunktion μή πως, vgl. zum Vers in der nachfolgenden Fußnote. 10. (2,3) Wegen der guten Bezeugung stimmen alle Editoren überein und bieten die oben stehende Rekonstruktion, allerdings lässt van Manen ὁ aus und nimmt σὺν ἐμοί in Klammern. Dass Titus hier ausführlich eingeführt wird, während er nach der kanonischen Redaktion bereits in Gal 2,1 zusammen mit Barnabas erwähnt wird, spricht für die Redaktionsrichtung *Gal > Gal, denn warum hätte man nicht bereits in Gal 2,1 die Charakterisierung des Titus gegeben, die man in ( * ) Gal 2,3 vorfindet? 11. (2,4) Beide Male fehlt ein Hinweis bei Tertullian auf das δέ nach διά, das schon van Manen auslässt. 89 Dabei behauptet Tertullian, Markion habe den Vers korrumpiert. Der Tertullianherausgeber Braun meint, Tertullian habe nach Vers 3 einen Schlusspunkt gelesen. 90 Gegen die Präsenz des Wortes sprechen auch andere Zeugen und die altlateinische Tradition. 91 Auch Schmid schließt sich diesem Urteil an. BeDuhn verweist darauf, dass die Hinzufügung des δέ zu einer ungelenken syntaktischen Struktur führt, allerdings die Rolle der Falschbrüder verdeutlicht. Auch hier stimmen wegen der guten Bezeugung alle Editoren bei der Rekonstruktion überein, die auch oben gegeben ist. 12. Wenn die sonst einschlägigen Zeugen 010, 012 nach ἵνα ein μη einfügen, scheinen sie die Polemik mindern zu wollen. 1 (Gal) 77 <?page no="956"?> 92 So auch H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 93 Zu dieser Identifikation vgl. auch J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 245; J. Lieu, Heresy and Scripture (2013), 94-95. 13. (2,5) Tertullian bezeugt nur das οὐδὲ πρὸς ὥραν εἴξαμεν τῇ ὑποταγῇ. Zahn, Harnack, Schmid und BeDuhn folgen Hilgenfeld in der Rekonstruktion, indem sie nur diesen Teil bieten, während van Manen den ganzen Vers wie oben bietet. οἷς ist bei Tertullian unbezeugt und die Auslassung wird von NA 28 als markionitische Lesart gekennzeichnet. 92 Damit stimmen sowohl einschlägige Handschriften wie auch altlateinische Zeugen überein, Tertullian wird den Begriff folglich nicht einfach übergangen haben. Die Variante διαμένῃ mit ihrer präsentischen Zeitform drückt aus, dass auch noch zum Zeitpunkt der Abfassung des Briefes *Paulus der Auffassung ist, dass die Wahrheit des Evangeliums bei den Adressaten bleiben soll. Aus diesem durativen Aspekt machte die kanonische Redaktion eine historisierende Aussage. 14. Tertullian wirft zu diesem Vers dem Markion eine Textverfälschung vor, Tert., Adv. Marc. V 3,3: Intendamus enim et sensui ipsi et causae eius, et apparebit vitiatio scripturae. Es klingt, als habe ihm, ähnlich wie Irenäus, Adv. Haer. III 13,3, eine Negation gefehlt. Hierdurch wird dem Vers bei Irenäus, Tertullian und den oben angegebenen Textzeugen der kanonischen Fassung geradezu der gegenteilige Sinn des Verses unterschoben, woraus Irenäus das Argument zieht, dass Paulus einen Konsens mit den Aposteln gesucht habe (Iren., Adv. haer. III 13,3). Allerdings erhält die Stelle auch durch das Fehlen von οἷς eine andere Richtung. Die Schelte gegen die eingedrungenen Falschbrüder trifft dann nämlich nicht irgendwelche unbekannten Personen, sondern sie werden mit denjenigen identifiziert, denen *Paulus zuvor die Botschaft vorgelegt hat. 93 Um diese Deutung zu vermeiden, hat die kanonische Redaktion den Bezug zu den Falschbrüdern mit dem οἷς hergestellt, zuvor die Autoritäten eingeführt, denen Paulus „einzeln“ seine Botschaft vorlegte (κατ’ ἰδίαν δὲ τοῖς δοκοῦσιν), und dann gleich im nächsten kanonischen Vers 2,6 erneut auf diese Falschbrüder Bezug genommen. 15. Dass ἵνα ἡ ἀλήθεια τοῦ εὐαγγελίου διαμείνῃ in *Gal vorhanden war, will Harnack mit Hinweis auf die Bedeutung dieser Überlegung in den mark‐ ionitischen Prologen einsichtig machen, ἡ ἀλήθεια τοῦ εὐαγγελίου sei „der Zentralbegriff “ dieser Prologe und spiegele sich auch hier. Außerdem denkt auch er bereits an die möglicherweise präsentische Zeitstufe mit διαμενῃ. 78 Rekonstruktion <?page no="957"?> 94 Vgl. A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 71*. 95 Ibid. 96 U. Schnelle, Paulus. Leben und Denken (2013), 123. Eine ausführliche Diskussion bietet H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 31-32. 97 Ebenso Detering, wobei er auch das voranstehende τῆς ἀκροβυστίας mittilgt H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 32-35. 98 E. Barnikol, The Non-Pauline Origin of the Parallelism of the Apostles Peter and Paul (1998), 295; E. Barnikol, Der nichtpaulinische Ursprung des Parallelismus der Apostel Petrus und Paulus (Galater 2,7-8) (1931), 28. Vgl. auch W.O. Walker, Galatians 2: 7b-8 as a Non-Pauline Interpolation (2003), 583. 99 So O. Cullmann, Peter: Disciple-Apostle-Martyr. A Historical and Theological Study (1962), 20. Vgl. E. Dinkler, Der Brief an die Galater: Zum Kommentar von Heinrich Schlier (1953-1955), 182-183. Wiederabgedruckt in E. Dinkler, Signum crucis. Aufsätze zum Neuen Testament und zur christlichen Archäologie (1967), 278-280. Vgl. auch E. Dinkler, Die Petrus-Rom-Frage: Ein Forschungsbericht (1959), 197-198. Von BeDuhn ist dieser Teil des Verses nicht ausgewiesen, doch von Harnack beibehalten. 94 Bis auf οἷς und πρὸς ὑμᾶς wird er vorhanden gewesen sein, wie die Überlegungen Harnacks nahelegen, wenn auch διαμένω darauf hindeutet, dass der Vers bei der zweiten kanonischen Redaktion überarbeitet wurde. 16. (2,6) Bei diesem Vers sieht van Manen eine Lücke: ἀπὸ δὲ τῶν δοκούντων εἶναί τι … ὁποῖοί ποτε ἦσαν und sieht das zweite οἱ δοκοῦντες als fehlend. Zahn hingegen meint, dass Tertullian Vers 6 (mit den nachfolgenden Verse 7-8) kaum übergangen hätte, hätte er ihn vorgefunden. Harnack verweist darauf, dass dieser Passus bis V. 9a „ganz unbezeugt“ sei und „gefehlt haben“ müsse, es sei denn die Verse wären „ganz umgestaltet“ gewesen. 95 Schmid sieht sie als unbezeugt. BeDuhn hält Gal 2,6-9a für eine jüngere Hinzufügung zu dem ursprünglichen Argument des Paulus. Schnelle hält die Passage für paulinisch. 96 17. (2,7-8) Nach allen Editoren sind diese beiden Verse unbezeugt, wie zum Vers zuvor dargelegt, van Manen gibt sie jedoch wie folgt: 7 καθὼς Πέτρος τῆς περιτομῆς, 8 ὁ γὰρ ἐνεργήσας Πέτρῳ εἰς ἀποστολὴν τῆς περιτομῆς ἐνήργησεν καὶ ἐμοὶ εἰς τὰ ἔθνη. 97 Barnikol liest die Verse 7-8 als eine Antwort auf Markion, da Petrus hier eine göttliche Beauftragung zum Apostolat - der Begriff ἀποστολή findet sich nur in der kanonischen Redaktion: Gal 2,8; 1Kor 9,2; Röm 1,5; Apg 1,25 - bezeugt wird, die eine entscheidende Widerlegung von Markion darstellt, weil sie Paulus das Apostolat vorbehält. 98 Schon in der Vergangenheit ist die Besonderheit, ins‐ besondere die Namensbezeugung „Petrus“, an dieser Stelle aufgefallen, was Oscar Cullmann und Erich Dinkler dazu führte, Gal 2,7b-8 als Zitat aus einem „offiziellen Dokument“ zu betrachten, welches „Petrus“ benutze. 99 In Anknüp‐ 1 (Gal) 79 <?page no="958"?> 100 E. Barnikol, Der nichtpaulinische Ursprung des Parallelismus der Apostel Petrus und Paulus (Galater 2,7-8) (1931). 101 W.O. Walker, Galatians 2: 7b-8 as a Non-Pauline Interpolation (2003). 102 Vgl. W.C. van Manen, Marcion’s brief van Paulus aan de Galatiërs (1887), 513-514.530; P.L. Couchoud, La Première édition de Saint Paul (1926), 258; H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul (1927), III 189-190. 103 Vgl. hierzu auch H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul (1927), 189-190. 104 Vgl. zur Duplikation die Einleitung hierzu. 105 Diese Reihenfolge auch Tert., Adv. Marc. IV 3,3; De praescr. 15,2 und Adv. Prax. 15,8. fung an Harnack weist allerdings Barnikol auf eine andere Spur. 100 In seiner Untersuchung von Gal 2,7-8 zeigt er, dass auffallenderweise in 1Kor 1,12; 3,22; 9,5 und 15,5 alle Zeugen einhellig „Kephas“ schreiben, während in Gal 2,7. 8 beide Male fast alle Zeugen „Petrus“ bieten, die Peshitta allerdings schreibt כּ אפי . Für Gal 1,18; 2,9. 11. 14 haben wir zwei klar getrennte Überlieferungen, eine erste, die „Kephas“ hat: 01 (in Gal 1,18, 01*), 02 und 03 (für Gal 2,9, nicht 02, aber auch noch 04, 018, 020, vg; für Gal 2,11. 14 auch noch 04, 016, vg), und eine zweite, die „Petrus“ hat: 06, 010, 012 (für Gal 1,18; 2,11. 14 noch 010, 018, 020, wobei Gal 1,18 auch noch 01 2 , 044, M latt, sz h , it, vg; für Gal 2,9 noch P 46 , r, 629, 1175, a, b, fu, vg mss , Ambst; für Gal 2,11 noch M, it, vg mss , sy h , Ambst; für Gal 2,14 noch M, it, vg mss , sy h , Ambst, Pel). Barnikol schließt hieraus, dass Gal 2,7-8 eine spätere Interpolation sei. Ihm stimmte Walker zu. 101 Die Zeugen können aus unserer Perspektive aber auch anders gelesen werden, wie bereits früher gesehen wurde. 102 Wenn beide Rezensionen die zwei Namen kennen, die kano‐ nische Redaktion aber den Namen „Kephas“ bevorzugt, weil er durch *1Kor 3,22 bereits genannt war, und sie in ihrer Erweiterung von *1Kor zu 1Kor diesen Namen noch drei Mal in den Brief einträgt (1,12; 9,5; 15,5), dann hat sie auch in Gal 2 diesen Namen öfters anstelle von „Petrus“ gesetzt, auch wenn *Gal immer den Petrusnamen verwendete. Die Inkonsistenz der kanonischen Redaktion (und von *Paulus) nimmt jedoch Barnikol die Basis, um die beiden Verse Gal 2,7-8 auf dieser Grundlage als spätere Interpolation zu betrachten. Umgekehrt eröffnet sie die Möglichkeit, dass *Gal 2,6-9a zwar unbezeugt ist, doch, wie Harnack annahm, der Text durchaus in irgendeiner Weise in *Gal hat vorhanden sein können, vielleicht nur mit dem kleinen Stück, das oben gegeben wird. 103 18. (2,9) Van Manen gibt den Vers nach dem kanonischen Text. Der erste Teil des Verses (καὶ γνόντες τὴν χάριν τὴν δοθεῖσάν μοι) wird von BeDuhn in Klammern in den Text genommen. Doch gehört Vers 9a noch zu dem Passus 2,6-9a, der sich wie eine glättende Doppelung zu dem, was in 2,9b-10 folgt, liest. 104 19. Was die Abfolge der drei Personen betrifft, spricht Tertullian im zweiten Zeugnis (Adv. Marc. IV 3,3) von Petrus, Jakobus, Johannes, 105 und zwar vermut‐ 80 Rekonstruktion <?page no="959"?> 106 G. Quispel, Marcion and the Text of the New Testament (1998), 352. 107 H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 108 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 35. 109 Detering hingegen hält die Frage von Absenz und Präsenz offen, ibid. 35-36. lich verteidigend aus dem eigenen Paulustext heraus, so urteilten schon Zahn und Quispel. 106 Die hier bezeugte Reihenfolge findet sich auffallenderweise in 06, 010, 012, 629, it, ar, go, b, vg mss , Tert, Or, Hier, Theodt, Ambst, Pel und weiter in der altlateinischen Tradition: 75, 76, 77, 78, 84, 89; die kanonische Anordnung mit der Form „Kephas“ hingegen in 01, 03, 04, 016 vid , 018, 020, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, vg, sy, co. Als markionitische Lesart vermerkt durch von Soden. 107 Auffallend ist P 46 und r, wo wir zwar die kanonische Reihenfolge, jedoch den Namen „Petrus“ lesen, allein „Jakobus“ liest man in 02. Die Ordnung von *Gal 1,9 findet sich auch in *Ev 8,51 (hier ist die Reihenfolge von Klinghardts Rekonstruktion zu der hier vorliegenden zu korrigieren) nach den Zeugen 01, 02, 020, 33, 700, 892, 1241, 1424, al vg c1 , sy s.c.p , sa ms , bo. Vers 9a ist unbezeugt und leitet sich auch narrativ in der kanonischen Redaktion aus den in *Gal fehlenden Versen 7-8 ab, wird also auch in *Gal gefehlt haben. Es ist zu bemerken, dass die drei Genannten in *Gal nicht den Namen „Säulen“ trugen. Vielleicht reagiert hierauf die kanonische Redaktion mit den Versen 2,6-9a mit dem Zusatz in 2,9 οἱ δοκοῦντες στῦλοι εἶναι, auch wenn Harnack meint, dass dieser Zusatz in *Gal nicht gefehlt habe. Dagegen sieht er κοινωνίας als fehlend an, weil es zwei Mal bei Tertullian ausgelassen ist, ihm folgt auch Schmid, wohingegen BeDuhn es in Klammern aufnimmt. 20. Bezüglich des ἐγώ anstelle des ἡμεῖς sieht Harnack, Tertullian folgend, wohl richtig, da, wie bereits oben in Vers 2,1 vom Begleiter Barnabas nicht die Rede war, 108 folglich Paulus von sich und nicht von „uns“ spricht, anders Schmid und BeDuhn, die hier Barnabas miterwähnt sehen, Schmid schreibt (ἡμεῖς μέν). Das Fehlen von ἐμοὶ καὶ Βαρναβᾷ in der altlateinischen Tradition in 84 und Aug stützt allerdings Tertullians Zeugnis und Harnacks Schlussfolgerung. 21. (2,10) Van Manen tilgt diesen Vers. 109 Zahn sieht den kanonischen Text für diesen Vers bezeugt, Harnack gibt als Text den obigen Bestand, ihm schließen sich Schmid und BeDuhn an. D. 1 (Gal) 81 <?page no="960"?> 110 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1079. (2,1) ἔπειτα, das 17 / 16 Mal im NT steht, davon 8 Mal als Verseröffnung, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 1,18. ♦ δεκατεσσάρων steht 3 Mal im NT, ansonsten auf der kanonischen Ebene (Mt 1,17; 2Kor 12,2; Gal 2,1). ♦ ἔτος, das 53 / 49 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt ist für *Ev 3,1; *Gal 2,1. ♦ ἀναβαίνω, das 89 / 82 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch weiter bezeugt in *Laod 4,10 (man vgl. auch die Ausführungen zu *Laod 4,8) und steht vielleicht auch in *Ev 18,10 und *Ev 19,28, doch an letzter Stelle liegt die Variante πορεύω vor, vielleicht ist das Verb auch in *Ev 5,19; 19,4 und vielleicht *Gal 2,2 zu vermuten, doch insgesamt erweist sich der Begriff als eine beliebte Formulierung der kanonischen Redaktion. Klinghardt meint: „ἀναβαίνων“ ist „typisch lk und deswegen der Redaktion verdächtig“. 110 ♦ Ἱεροσόλυμα, das 231 / 62 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,20; *Gal 2,1. ♦ Βαρναβᾶς, der 31 / 28 Mal im NT steht, begegnet nur auf der kanonischen Ebene. ♦ συμπαραλαμβάνω steht 6 / 4 Mal im NT, immer nur auf der kanonischen Ebene, und zwar weiters nur in der Apostelgeschichte (Apg 12,25; 15,37. 38), und gehört zu den typischen Komposittermini mit συγ / συμ / συν, vgl. die Einleitung. ♦ Τίτος, der 13 Mal im NT erwähnt wird und ein Mal vorkanonisch in *Gal 2,3 zu finden ist. (↓1,18…). ♦ ἱστορέω steht kanonisch Gal 1,18 und ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἐπιμένω, das 20 / 17 Mal im NT steht, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. (↓1,19) Ἰάκωβος, das sich 51 / 42 Mal im NT findet, etwa Lk 22,8 in manchen Zeugen, wo der Name im parallelen Vers in *Ev fehlt, vorkanonisch bezeugt jedoch für diese Stelle hier und *Gal 2,9. Zur Rekonstruktion: Zuvor wurde bereits in Nr. 1 begründet, warum die Informationen aus den Versen 1,18-19 vermutlich erst hier in *Gal standen; der Eingangsvers 2,1 folgt dem Zeugnis Tertullians. Auch wenn gerade in den Versen 1,18-19 ein Großteil des Textes unbezeugt ist, scheint aber doch der narrative Zusammenhang deren vorkanonische Präsenz zu rechtfertigen. Da Barnabas von Tertullian nicht erwähnt wird und überhaupt vorkanonisch nicht begegnet, wird er auch hier gefehlt haben. Und obwohl Titus vorkanonisch bezeugt ist, wird er hier von Tertullian ebenfalls nicht angeführt; auch er wird vermutlich gefehlt haben und erst in 2,3 eingeführt worden sein. Ob Jakobus hier erwähnt wird, wie die kanonische Fassung nahelegt, ist möglich, aber nicht sicher. Da er jedoch in *Gal 2,9 genannt wird, könnte er auch hier bereits gestanden sein. 82 Rekonstruktion <?page no="961"?> (2,2) ἀναβαίνω, das 89 / 82 Mal im NT begegnet, wurde gerade im Vers 2,1 vorkano‐ nisch bezeugt und findet sich ebenfalls *Laod 4,10. ♦ Die spezifische Form (1. Pers. Sg. Aorist) + δέ ist jedoch für *Paulus unbezeugt, während sie 4 Mal in Paulus begegnet (1Kor 1,16; 9,15; 2Kor 9,3; Gal 2,2) und überhaupt 7 Mal im kanonischen NT. Weitet man die Suche nach weiteren Konjugationsformen vom Aorist des Verbes + δέ aus, werden die Ergebnisse noch deutlicher: Immer noch liegt keine Bezeugung für *Paulus vor, jedoch finden sich 5 für Paulus (1Kor 1,16; 9,15; 2Kor 9,3; Gal 2,2; Phil 4,10). Die Suche nach der 1. P. Ind. Akt. eines beliebigen Verbes + δέ ergibt je einen Eintrag für *Gal 5,3 und *1Kor 15,1, diese Kombination scheint auch, wenn auch unbezeugt, 10 weitere Male vorkanonisch vorzukommen und findet sich 50 Mal bei Paulus und noch 23 weitere Male im Rest des kanonischen NT. Weitet man die Suche auf alle Verben + δέ aus, gibt es 25 Einträge für *Paulus, 136 für Paulus und überhaupt 914 für das kanonische NT. ♦ ἀποκάλυψις steht 22 / 18 Mal im NT und ist auch vorkanonisch bezeugt. ♦ ἀνατίθημι ist nur 2 Mal im NT belegt, die andere Stelle gehört zur kanonischen Ebene (Apg 25,14). ♦ αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.) steht 543 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; *2Thess 2,11. ♦ εὐαγγέλιον, das 79 / 76 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt nicht in *Ev, jedoch in *Paulus. ♦ κηρύσσω begegnet 63 / 61 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,2 und *1Kor 1,23; 15,11; *2Kor 4,5. ♦ ἔθνος, das 175 / 162 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; *1Thess 4,5; *Laod 2,11. ♦ δοκέω, das 100 / 63 Mal im NT steht, weist eher auf die kanonische Ebene hin. ♦ Das hier nicht bezeugte πως steht 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 27,12; Röm 1,10; 11,14. 21; 1Kor 8,9; 9,27; 2Kor 2,7; 9,4; 11,3; 12,20; Gal 2,2; 4,11; Phil 3,11; 1Thess 3,5). ♦ κενός, das 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,2; *Kol 2,8. ♦ μήπως steht 12 Mal im NT und ist nur für die kanonische Ebene bezeugt (Acts 27,29; Röm 11,21; 1Kor 8,9; 9,27; 2Kor 2,7; 9,4; 11,3; 12,20; Gal 2,2; 4,11; 1Thess 3,5). ♦ τρέχω steht insgesamt 20 Mal im NT, außer der vorliegenden Stelle ist es nur auf der kanonischen Ebene belegt; der Teminus bietet einen wichtigen Hinweis darauf, dass die Lexik eines einzelnen Begriffes kein sicheres Mittel für die Zuordnung von Versen zu den verschiedenen Ebenen darstellt. Zur Rekonstruktion: Der Anfang des Verses ist unbezeugt, doch wie oben Nr. 6 ausgeführt wurde, sprechen einige Argumente für dessen Präsenz. Narrativ sinnvoll ist auch der unbezeugte Passus ὃ κηρύσσω ἐν τοῖς ἔθνεσιν, zumal auch die Lexik vorkanonisch belegt ist. Dass das nachfolgende, ebenfalls unbezeugte κατ’ ἰδίαν δὲ τοῖς δοκοῦσιν vermutlich gefehlt hat, wird durch δοκέω gestützt. Tertullian hätte sich wohl kaum entgehen lassen, wenn er eine paulinische Stütze für die Autorität der in Jerusalem Anwesenden gelesen hätte. Das πως ist unbezeugt und zugleich ein ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehendes Flickwort, wird hier also gefehlt haben. 1 (Gal) 83 <?page no="962"?> 111 Vgl. S.-210. (2,3) Die Kombination ἀλλ’ οὐδέ steht 5 Mal im NT, 1 weiteres Mal1 weiteres Mal möglicherweise vorkanonisch in *Ev 23,15, wenn auch unbezeugt, die weiteren Male lediglich auf der kanonischen Ebene (Lk 23,15; Apg 19,2; 1Kor 3,2; 4,3; Gal 2,3). ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ Τίτος, der 13 Mal im NT erwähnt wird, ist ein Mal vorkanonisch in *Gal 2,3 zu finden. ♦ Ἕλλην steht 29 / 25 Mal im NT, vorkanonisch in *Gal 2,3; *1Kor 1,22. ♦ Die Verbform ὤν steht 48 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,6; *Gal 2,3. ♦ ἀναγκάζω, das 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,3. ♦ περιτέμνω steht 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,3; 6,13. Zur Rekonstruktion: Die vorkanonische und die kanonische Fassung stimmen überein, so alle Editoren. (2,4) Die Kombination διὰ τούς steht 10 Mal im NT, vorkanonisch weiter in *1Kor 11,10, ansonsten auf der kanonischen Ebene (Mt 14,9; 2 Mal Mk; 2 Mal Joh; Apg 16,3; Röm 11,28; 1Kor 11,10; 2Tim 2,10; Hebr 1,14). ♦ Die erweiterte Kombination διὰ δὲ τούς steht noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Mt 24,22. ♦ παρείσακτος ist Hapax legomenon im NT. ♦ ψευδάδελφος steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, kanonisch bezeugt in 2Kor 11,26. ♦ ὅστις steht 165 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. ♦ παρεισέρχομαι steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, erneut auf der vorkanonischen Ebene, *Röm 5,20, stellt also ein typisch vorkanonischer Begriff dar. ♦ κατασκοπέω ist wieder Hapax legomenon im NT. ♦ ἐλευθερία steht nur 11 Mal im NT, davon vorkanonisch bezeugt hier in *Gal 2,4 und wieder in *Gal 5,1. ♦ ἔχω steht 843 / 711 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,4; 4,22; 6,10; *1Kor 5,1; 7,7; 11,10; *2Kor 4,13; *Röm 2,14. 20; 5,1; 10,2; *Laod 2,12. 18; *Phil 3,4 (? ). ♦ Zur Wendung ἐν Χριστῷ und ihrer ausschließlich „encheiristischen“ Verwendung auf der vorkanonischen Ebene vgl. zu 1Kor 1,4. 111 ♦ Die kanonisch stehende Kombination ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ begegnet 47 Mal im Neuen Testament, ausschließlich im kanonischen Paulus, vgl. zu 1Kor 1,4. ♦ καταδουλόω steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, und zwar auf der kanonischen Ebene in 2Kor 11,20. Zur Rekonstruktion: Sie folgt Tertullian und stimmt mit derjenigen der älteren Editoren überein. (2,5) Zu οὐδέ vgl. zuvor zu Vers 3. ♦ ὥρα, das 116 / 106 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,44; *Gal 2,5. ♦ εἴκω ist Hapax legomenon im NT. ♦ ὑποταγή steht 5 / 4 Mal im NT, weiters nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀλήθεια steht 112 / 109 Mal im NT und ist ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion, 84 Rekonstruktion <?page no="963"?> ist aber auch ein vorkanonisch wichtiger Begriff, bezeugt für *Gal 2,14; *Laod 1,13; 6,14; *Phil 1,18; *Kol 1,5; *2Thess 2,10. 11. 12. ♦ Das nicht mehr bezeugte εὐαγγέλιον, das 79 / 76 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt nicht in *Ev, jedoch in *Gal 1,6; 2,2. 14; *1Kor 4,15; 9,14; 15,1; *Röm 1,16; 2,16; *Laod 1,13; 6,15; *Kol 1,5; *2Thess 1,8. ♦ διαμένω ist 5 Mal im NT anzutreffen und steht überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (Lk 1,22; 22,28; Gal 2,5; Hebr 1,11; 2Petr 3,4). ♦ Die Wendung πρὸς ὑμᾶς steht 71 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. weiter unten zu 2Kor 3,1. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians und nimmt auch unbezeugten Text hinzu, wie oben in C.13-15 erläutert. (2,6) Die Kombination ἀπὸ δέ steht 9 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 4 Mal Mt; 2 Mal Mk; Apg 20,17; Gal 2,6; im Vers: Lk 19,26), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Infinitiv εἶναι steht 125 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ Die Kombination εἶναί τι steht nur hier. ♦ ὁποῖος findet sich 5 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ποτε steht 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,11. 13; 5,29; *Kol 1,21, vgl. zu Röm 11,30. ♦ Die Form ἦσαν steht 96 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,1. ♦ οὐδέν (Nom. / Akk. Neut. Sg.) steht 90 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,2; 23,9; *1Kor 8,4. ♦ διαφέρω, das 13 Mal im NT steht, ist ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ πρόσωπον, das sich 84 / 76 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt in *Ev und *Gal 2,11; *2Kor 3,18; 4,6; *2Thess 1,9. ♦ Die Kombination οὐ λαμβάνει steht 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, Mt 10,38. ♦ Die Kombination ἐμοὶ γάρ steht 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Phil 1,21. ♦ Die Wendung οἱ δοκοῦντες steht 3 Mal im NT (Mk 10,42; Gal 2,6. 9), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ προσανατίθημι steht nur hier und noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene (Gal 1,16). Zur Rekonstruktion: Wegen der Spannung zwischen V. 6, wo von *Paulus behauptet wird, es sei ihm „nichts auferlegt worden“, und Apg 11 und 15,19-21, an denen von gewissen Einschränkungen die Rede ist, wenn auch nicht völlig eindeutig, ist trotz der fehlenden Bezeugung des Verses *Gal 2,6 wahrscheinlich, dass οὐδὲν προσανέθεντο im Text von *Gal gestanden war. Die kanonische Redaktion hat mit beiden Kapiteln, Apg 11 und 15, sich bemüht, die Schärfe der Aussage von Gal 2,6 zu mindern. In Apg 11 erklärt die Himmelsstimme: „Was Gott für rein erklärt hat, sollst du nicht unrein nennen“ (Act 11,9), in Apg 15 wird von Unbeschnittenen vier Enthaltungen gefordert (Götzen, Hurerei, Ersticktes, Blut), was auf Lev 17,10.15; 18,24-26; 20,1-3 rekurriert, Vielleicht war auch die Kritik an denen, die als Autoritäten erschienen, noch Teil von *Gal, was aus demselben Grund von den Zeugen nicht beachtet wurde. Mit dem Fehlen des 1 (Gal) 85 <?page no="964"?> 112 Zum monströsen Satz vgl. H. Schlier, Der Brief an die Galater (1951), 41. 113 E. Barnikol, Der nichtpaulinische Ursprung des Parallelismus der Apostel Petrus und Paulus (Galater 2,7-8) (1931). Großteils der Verse 6-9a findet sich dieser „monströse“ Satz auch nicht länger im vorkanonischen Text. 112 (2,7) τοὐναντίον steht nur 3 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene (2Kor 2,7; Gal 2,7; 1Petr 3,9). ♦ πιστεύω, das 265 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21 (τοὺς πιστεύοντας); 15,11; *Röm 1,16 (τῷ πιστεύοντι); 10,4 (τῷ πιστεύοντι); *2Thess 2,12 (οἱ μὴ πιστεύσαντες); *Laod 1,13 (πιστεύσαντες), vgl. weiter unten Vers 16. ♦ ἀκροβυστία steht 22 / 20 Mal im NT und ist auch vorkanonisch bezeugt (*Röm 2,25. 27; *Laod 2,11). ♦ καθώς steht 186 / 182 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,21; *1Kor 1,31; 10,6; 14,34; 15,49; *Laod 5,29; *Kol 1,6. Auch bei diesem Terminus ist auffällig, wie häufig der Begriff sowohl in *Ev wie in *Paulus an den Stellen auf der kanonischen Vergleichsebene steht, die für die vorkanonische als abwesend bezeugt sind. Dort jedoch begegnet der Begriff zum Teil wiederum in Serien ( Joh 17,2. 11. 14. 16. 18. 21. 22. 23; Apg 7,17. 42. 44. 48; Röm 3,4. 8. 10; 9,13. 29. 33; 15,3. 7. 9. 21). ♦ περιτομή, das 38 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch für *Paulus bezeugt, *Gal 2,9; 5,6; *Röm 2,25. 29; *Laod 2,11. Zur Abwesenheit: Vgl. zum nächsten Vers 2,8. (2,8) ἐνεργέω, das 22 / 21 Mal im NT steht, ist vorkanonisch zwei Mal für *Laod 1,20; 2,2 bezeugt - auffallend ist etwa *Gal 5,6, wo anstelle dieses Wortes eine Variante zu finden ist. ♦ Zu „Petrus“ vgl. zum voranstehenden Vers. 113 ♦ ἀποστολή steht 4 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene (Apg 1,25; Röm 1,5; 1Kor 9,2; Gal 2,8). ♦ Zu περιτομή vgl. den Vers zuvor. ♦ ἔθνος, das 175 / 162 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; *1Thess 4,5; *Laod 2,11. Zur Abwesenheit: Da die Zeugen zu diesen Versen schweigen, hielten bereits die früheren Editoren sie für unbezeugt und wegen ihres Inhalts waren Zahn, Harnack und BeDuhn der Meinung, sie seien abwesend. Zwar sind einige der Begriffe vorkanonisch bezeugt, jedoch begegnet auch ein solcher, der ausschließlich auf der kanonischen Ebene steht (τοὐναντίον) und ein weiterer, der vorkanonisch nur in *Laod bezeugt ist (ἐνεργέω). Ausschlaggebend ist wohl das Argument von Zahn, dass Tertullian sich kaum eine solche Passage für seine Argumentation hätte entgehen lassen. Die beiden Verse scheinen demnach eher abwesend gewesen zu sein. (2,9) κοινωνία, das 21 / 19 Mal im NT steht, findet sich überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (Apg 2,42; Röm 15,26; 1Kor 1,9; 10,16; 2Kor 6,14; 8,4; 9,13; 13,13; Gal 86 Rekonstruktion <?page no="965"?> 114 A. Schmoller, Handkonkordanz zum griechischen Neuen Testament (1949), 285. 115 Vgl. weiter unten S. 170, 201. 2,9; Phil 1,5; 2,1; 3,10; Phlm 1,6; Hebr 13,16; 1Joh 1,3. 6. 7). Im Sinne von „Gemeinschaft“ wie in Gal 1,9 steht κοινωνία in Röm 15,26; 1Kor 1,9; 2Kor 6,14; Phil 2,1; 3,10; 1Joh 1,3.6-7, so „e) societas“. 114 Zum nicht bezeugten Teil: χάρις, das 171 / 156 Mal im NT steht, ist vorkanonisch gut bezeugt und doch ein Begriff von großer Beliebtheit auf der kanonischen Ebene. 115 ♦ Die Kombination τὴν χάριν τὴν δοθεῖσαν + Dativ begegnet nur auf der kanonischen Ebene bei Paulus (außer der Stelle hier, weiter Röm 12,6; 15,15; 1Kor 3,10; vgl. auch Kol 1,25: κατὰ τὴν οἰκονομίαν τοῦ θεοῦ τὴν δοθεῖσάν μοι). Zum bezeugten Teil: ♦ Zu Κηφᾶς vgl. zu *Gal 1,18. ♦ Ἰάκωβος, das sich 51 / 42 Mal im NT findet, ist für diese Stelle vorkanonisch bezeugt. ♦ Ἰωάν(ν)ης findet sich 152 Mal im NT, doch an keiner weiteren neutestamentlichen Briefstelle außer der vorliegenden; vorkanonisch ist der Name sonst noch bezeugt für *Ev (hier allerdings der Täufer und nach Klinghardts Rekonstruktion von *Ev 9,28 - und folglich auch *Ev 5,10; 6,14 - auch die Zebedaiden). ♦ στῦλος steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ δεξιός findet sich 56 / 54 Mal im NT, vorkanonisch weiters bezeugt für *Ev 22,69 und *Laod 1,20. ♦ δοκέω, das 100 / 63 Mal im NT steht, weist eher auf die kanonische Ebene hin. ♦ Βαρναβᾶς, der 31 / 28 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ κοινωνία, das 21 / 19 Mal im NT steht, wurde kurz zuvor bereits erörtert. ♦ ἔθνος, das 175 / 162 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; *1Thess 4,5; *Laod 2,11. ♦ αὐτοί (Nom. Mask. Pl.) steht 87 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; 6,13. ♦ περιτομή steht 38 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,9; 5,6; *Röm 2,25. 29; *Laod 2,11. Zur Rekonstruktion: Wie zuvor begründet, wird der Hinweis auf die Säulen und Barnabas gefehlt haben, weshalb auch Paulus von sich und nicht von „uns“ spricht. Der unbezeugte Eingangsteil des Verses scheint abwesend gewesen zu sein, wie die kanonische Lexik erweist, außerdem gehört sie, wie zuvor für die Inhalte in Nr.-18 beschrieben, zum kanonisch voranstehenden Passus. (2,10) Zum bezeugten Versteil: μόνον, das 73 Mal im NT steht, weder in *Ev noch in Lk, ist jedoch vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 7,39. ♦ πτωχός, das 38 / 34 Mal im NT steht, etwa in Lk 4,18, in einem Vers, der in *Ev fehlt, ist gut vorkanonisch bezeugt. ♦ μνημονεύω steht 21 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 17,22. Zum nicht mehr bezeugten Versteil: Die eröffnende Kombination ὃ καὶ ist ein typisch kanonischer Anschluss, mit dem Hinzufügungen zum vorkanonischen Text 1 (Gal) 87 <?page no="966"?> verbunden werden und der auch sonst ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnet (Anschluss an die vorkanonische Version: Gal 2,10; 1Kor 15,1. 3; innerhalb des kanonischen Textes: 1Kor 11,23; 2Thess 1,11; Kol 1,29; 4,3; Phil 2,5). ♦ σπουδάζω, das 11 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt, und zwar nur für die Briefliteratur (Gal 2,10; 1Thess 2,17; Eph 4,3; 2Tim 2,15; 4,9. 21; Tit 3,12; Hebr 4,11; 2Petr 1,10. 15; 3,14). ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,14; 4,13. ♦ τοῦτο steht 313 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,50. 53; *2Thess 2,11; *Laod 5,32. ♦ Die Kombination αὐτὸ τοῦτο steht 8 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 9,17; 13,6; 2Kor 5,5; Gal 2,10; Eph 6,22; Phil 1,6; Kol 4,8; 2Petr 1,5). ♦ ποιέω steht 640 / 568 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; 6,9; 15,29; *Röm 2,14; *Laod 2,14. 15. Zur Rekonstruktion: In Übereinstimmung mit den älteren Editoren, wurde nur der bezeugte Text gewählt. Die Lexik mit den ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugten Elementen (ὃ καί; σπουδάζω; αὐτὸ τοῦτο) stützt die Abwesenheit des unbezeugten Teils. 2,11-12 13 14 [15] 16 [17] 18 [19-21]: Die Auseinandersetzung mit Petrus Der Passus ist recht gut bezeugt, auch wenn die kanonische Redaktion Zusätze zu den verschiedenen Versen gemacht und weitere eigene Verse zwischen den Altbestand geschoben hat. Die bemerkenswertesten Änderungen sind erstens die zeitliche Distanzierung der Auseinandersetzung vom Besuch und der Begegnung mit Petrus in Jerusalem und ihre Verlagerung nach Antiochien, der neuerliche Verweis auf die ungenannten Leute von Jakobus und die Hinzu‐ fügung des Barnabas. Aufgrund dieser Neusituierung erhielt die Passage eine erhebliche Neuausrichtung. 11 Πρὸς Πέτρον κατὰ πρόσωπον ἀντέστην, ὅτι κατεγνωσμένος ἦν, 11 Ὅτε δὲ ἦλθεν Κηφᾶς εἰς Ἀντιόχειαν, κατὰ πρόσωπον αὐτῷ ἀντέστην, ὅτι κατεγνωσμένος ἦν. 12 μετὰ τῶν ἐθνῶν συνήσθιεν. ὅτε δὲ ἦλθεν, ἀφώριζεν ἑαυτόν, -φοβούμενος τοὺς ἐκ περιτομῆς. 12 πρὸ τοῦ γὰρ ἐλθεῖν τινας ἀπὸ Ἰακώβου μετὰ τῶν ἐθνῶν συνήσθιον· ὅτε δὲ ἦλθον, ὑπέστελλεν καὶ ἀφώριζεν ἑαυτόν, φοβούμενος τοὺς ἐκ περιτομῆς. 13 καὶ συνυπεκρίθησαν αὐτῷ. 13 καὶ συνυπεκρίθησαν αὐτῷ καὶ οἱ λοιποὶ Ἰουδαῖοι, ὥστε καὶ Βαρναβᾶς συναπήχθη αὐτῶν τῇ ὑποκρίσει. 88 Rekonstruktion <?page no="967"?> 14 ἀλλ’ ὅτι οὐκ ὀρθοποδοῦσιν πρὸς τὴν ἀλήθειαν τοῦ εὐαγγελίου, ὠνείδισεν τῷ Πέτρῳ· 14 ἀλλ’ ὅτε εἶδον ὅτι οὐκ ὀρθοποδοῦσιν πρὸς τὴν ἀλήθειαν τοῦ εὐαγγελίου, εἶπον τῷ Κηφᾷ ἔμπροσθεν πάντων, Εἰ σὺ Ἰουδαῖος ὑπάρχων ἐθνικῶς καὶ οὐχὶ Ἰουδαϊκῶς ζῇς, πῶς τὰ ἔθνη ἀναγκάζεις Ἰουδαΐζειν; - 15 Ἡμεῖς φύσει Ἰουδαῖοι καὶ οὐκ ἐξ ἐθνῶν ἁμαρτωλοί, 16 οὐ δικαιοῦται ἄνθρωπος ἐξ ἔργων νόμου, ἐὰν μὴ διὰ πίστεως, 16 εἰδότες δὲ ὅτι οὐ δικαιοῦται ἄνθρωπος ἐξ ἔργων νόμου ἐὰν μὴ διὰ πίστεως Ἰησοῦ Χριστοῦ, καὶ ἡμεῖς εἰς Χριστὸν Ἰησοῦν ἐπιστεύσαμεν, ἵνα δικαιωθῶμεν ἐκ πίστεως Χριστοῦ καὶ οὐκ ἐξ ἔργων νόμου, ὅτι ἐξ ἔργων νόμου οὐ δικαιωθήσεται πᾶσα σάρξ. - 17 εἰ δὲ ζητοῦντες δικαιωθῆναι ἐν Χριστῷ εὑρέθημεν καὶ αὐτοὶ ἁμαρτωλοί, ἆρα Χριστὸς ἁμαρτίας διάκονος; μὴ γένοιτο. 18 ἃ κατέλυσα ταῦτα ἀνοικοδομῶ. 18 εἰ γὰρ ἃ κατέλυσα ταῦτα πάλιν οἰκοδομῶ, παραβάτην ἐμαυτὸν συνιστάνω. - 19 ἐγὼ γὰρ διὰ νόμου νόμῳ ἀπέθανον ἵνα θεῷ ζήσω. Χριστῷ συνεσταύρωμαι· - 20 ζῶ δὲ οὐκέτι ἐγώ, ζῇ δὲ ἐν ἐμοὶ Χριστός· ὃ δὲ νῦν ζῶ ἐν σαρκί, ἐν πίστει ζῶ τῇ τοῦ υἱοῦ τοῦ θεοῦ τοῦ ἀγαπήσαντός με καὶ παραδόντος ἑαυτὸν ὑπὲρ ἐμοῦ. - 21 οὐκ ἀθετῶ τὴν χάριν τοῦ θεοῦ· εἰ γὰρ διὰ νόμου δικαιοσύνη, ἄρα Χριστὸς δωρεὰν ἀπέθανεν. A. *2,11: Tert., Adv. Marc. V 3,7: Sed reprehendit Petrum non recto pede ince‐ dentem ad evangelii veritatem. Plane reprehendit, non ob aliud tamen quam ob inconstantiam victus, quem pro personarum qualitate variabat; ibid. I 20,3: Igitur si ferventer adhuc, ut neophytus, adversus Iudaismum aliquid in conversatione reprehendum existimavit, passiuum scilicet convictum; vgl. zuvor zu *2,9 ibid. IV 3,3 (reprehensus est Petrus); Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas 3,5,19b (CCSL 77A,164): Occulte, inquiunt, Petrum laceret, cui supra in faciem restitisse se scribit. Vgl. auch Tert., Adv. Marc. I 20,2, vgl. zu *Gal 2,9; id., De praescr. 23,1 (SC 46,118): Proponunt ergo ad suggillandam ignorantiam aliquam apostolorum quod Petrus et qui cum eo reprehensi sunt a Paulo; ibid., 23,5 (SC 46,118): Tamen doceant ex eo quod allegant Petrum a Paulo reprehensum aliam 1 (Gal) 89 <?page no="968"?> euangelii formam a Paulo superductam citra eam quam praemiserat Petrus et ceteri; ibid., 24,2 (SC 46,119): Sed quoniam perversissimi isti illam reprehensionem ad hoc obtendunt ut suspectam faciant doctrinam superiorem. ♦ *2,12: Tert., Adv. Marc. V 3,7: … timens eos qui erant ex circumcisione, non ob aliquam divinitatis perversitatem, de qua et aliis in faciem restitisset, qui de minore causa conversationis ambiguae Petro ipsi non pepercit, si quomodo Marcionitae volunt credidisset (Evans, 522: pepercit, si: pepercit. Sed); vgl. auch ibid., I 20,3: Igitur si ferventer adhuc, ut neophytus, adversus Iudaismum aliquid in conversatione reprehendum existimavit, passiuum scilicet convictum; id., De praescr. 23,10 (SC 46,119): Ceterum si reprehensus est Petrus quod, cum convixisset ethnicis, postea se a convictu eorum separabat personarum respectu, utique conversationis fuit vitium, non praedicationis. ♦ *2,14: Tert., Adv. Marc. V 3,7: Sed reprehendit Petrum non recto pede incedentem ad evangelii veritatem; Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas 3,5,10b (CCSL 77A,164): non recto pede incedunt ad euangelii ueritatem. Vgl. auch Tert., Adv. Marc. I 20,2: quod non recto pede incederent ad euangelii ueritatem; IV 3,2: non recto pede incedentes ad ueritatem euangelii; ibid., IV 3,3: Et tamen cum ipse Paulus omnibus omnia fieret, ut omnes lucraretur, potuit et Petro hoc in consilio fuisse aliquid aliter agendi quam docebat; vgl. auch id., De praescr. 23,1. 5, vgl. zu Gal 2,11; ibid., 23,10, vgl. zu Gal 2,12 (convixisset ethnicis); ibid. 24,2 (SC 46,119): ipsum Paulum dixisse factum se esse omnibus omnia, Iudaeis Iudaeum, non Iudaeis non Iudaeum ut omnes lucrificaret. ♦ *2,16: Tert., Adv. Marc. V 3,8: De cetero pergat apostolus, negans ex operibus legis iustificari hominem, sed ex fide. ♦ *2,18: Tert., Adv. Marc. V 3,8: Merito non reaedificabat quae destruxit; ibid., V 2,2: Igitur et legis destructio et euangelii aedificatio pro me faciunt in ista quoque epistula ad eam Galatarum praesumptionem pertinentes qua praesumebant Christum, ut puta creatoris, salva creatoris lege credendum, quod adhuc incredibile videretur legem a suo auctore deponi; vgl. Hegemonius, Acta Arch. 45 (66,9-14 Beeson): Addit autem ex prima epistula… Ipsum quoque Paulum et propria sua persona dicebat adserere id quod ait: Si ea quae destruxi iterum aedifico, praevaricatorem me constituo; vgl. auch Tert., De pud. 14,25 (SC 394,222): qui non solet ea quae destruxit reaedificare, ne transgressor habeatur? ♦ 2,20: Tert., Adv. Marc. V 3,6: Si haec quoque intellegi ex hoc postulant, id quoque nemo dubitabit, eius dei et Christi praedicatorem Paulum cuius legem quamvis excludens, interim tamen pro temporibus admiserat, statim amoliendam si novum deum protulisset. Adam., Dial. V 22 (im Mund des Adamantius): ὃ δὲ νῦν ζῶ ἐν σαρκί, ἐν πίστει ζῶ τῇ τοῦ υἱοῦ τοῦ θεοῦ τοῦ ἀγαπήσαντός με· (Rufin: Quod autem nunc uiuo in carne in fide uiuo filii die, qui redemit me, während der griechische Text ἀγαπήσαντός με bietet). 90 Rekonstruktion <?page no="969"?> 116 Hierauf hat mich Mark Bilby in einer Email vom 13.8.2023 hingewiesen. 117 Unsicher über Absenz oder Präsenz von τινας ἀπὸ Ἰακώβου ist H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 37-39. B. (2,11) Der Name als Πέτρος findet sich auch in 06, 010, 012, 018, 020, 630, 1505, 2464, M, it, vg mss , sy h , MVict, Ambst, ebenfalls in der altlateinischen Tradition in 61, 64, 75, 76, 77, 78, 89. ♦ (2,12) τινα lesen P 46 , d, g c , r*, Ir lat . ♦ P 46 , vg ms lesen συνήσθιον. ♦ ἦλθεν wird geboten von P 46 , 01, 03, 06*, 010, 012, 33, b, dm gm Ir lat . ♦ (2,13) καί 3 om P46, 03, 6, 630, 1739, 1881, ar, f, vg, bo. ♦ (2,14) Πέτρῳ ist bezeugt durch 06, 010, 012, 018, 19, 025, 104, 630, 1505, 2464, M, it, vg mss , sy h , MVict, Hier, Ambst, Pel und durch die altlateinische Tradition: 58, 61, 75, 76, 77, 78, 89, 135, während Κηφᾷ zu finden ist in P 46 , 01, 02, 03, 04, 016, 044, 0278, 33, 81, 365, 629, 1175, 1241, 1739, 1881, vg, co. ♦ Nach ζῇς steht in den Zeugen 018, 020, 1505, M, sy h ein τί. ♦ (2,16) δέ om P 46 , 02, 062, 018, 025, 044, 0278*, 33, 365, 630, 1505, 1739, 1881, M, sy h . ♦ Die Wortstellung statt Ἰησοῦ Χριστοῦ lautet Χριστοῦ Ἰησοῦ in P 46 , 03, 016, 33, 81, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, ar, d, sy, vg mss . Statt ὅτι ist διότι belegt in 04, 062, 016, 018, 020, 025, 044, M, f, vg. ♦ (2,20) Anstelle von τοῦ υἱοῦ τοῦ θεοῦ liest man τοῦ θεοῦ καὶ Χριστοῦ in P 46 , 03, 06*, 010, 012, (b), MVict. C. 1. (2,11) Bezeugt ist durch Tertullian ausschließlich Πέτρος und κατὰ πρόσωπον αὐτῷ ἀντέστην, so Harnack, Schmid und BeDuhn. Allerdings muss man auch noch ὅτι κατεγνωσμένος ἦν als zumindest angedeutet hinzunehmen, da dies anklingt in ad evangelii veritatem. Plane reprehendit, non ob aliud tamen quam ob inconstantiam victus, quem pro personarum qualitate variabat. Van Manen gibt den Vers nach dem kanonischen Text, und BeDuhn nimmt wegen des narrativen Zusammenhangs mit dem Nachfolgenden den Rest des kanonischen Textes mit auf. 2. Mit Tertullian (Petrum) ist hier der Akkusativ Πέτρον zu schreiben. 116 3. (2,12) Durch Tertullian bezeugt ist φοβούμενος τοὺς ἐκ περιτομῆς, so auch Harnack und Schmid. Mit dem causa conversationis ambiguae wird m. E. aber auch auf die Inkonsistenz von Petrus mit Blick auf die Mahlgemeinschaft mit den Heiden hingewiesen. Van Manen gibt den kanonischen Text, ändert aber τινας ἀπὸ Ἰακώβου zu Ἰάκωβον. 117 BeDuhn nimmt wohl wegen des narrativen Zusammenhangs auch weiteren Textbestand des Verses auf. Warum er das ἀπὸ Ἰακώβου auslässt, wird von ihm nicht angegeben, mag aber damit zusammenhängen, dass es für Jakobus und die Leute von ihm bei Tertullian keinen Hinweis gibt. Die Varianten der Handschriften sind an dieser Stelle für die Rekonstruktion von Bedeutung. Die einschlägigen Handschriften bieten συνήσθιεν, denen die 1 (Gal) 91 <?page no="970"?> 118 Vgl. bei Euseb. Caes., Hist. eccl. I 12,2. 119 Vgl. hierzu H. Schlier, Der Brief an die Galater (1951), 48. 120 Vgl. Tert., Adv. Marc. V 3,7. Variante συνήσθιον gegenübersteht. Durch die dritte Person wird der Akt des Mit-den-Heiden-Essens von Petrus weggenommen und verallgemeinert, womit dieser gewissermaßen in Schutz genommen wird. Dieser Inschutznahme entspricht auch das folgende ἦλθον, das dem ἦλθεν gegenübersteht. Letzteres ist noch erheblich weiter bezeugt, inklusive wiederum durch die einschlägigen Handschriften. Der Plural bezieht sich auf die durch die kanonische Redaktion erst eingeschalteten Leute von Jakobus, die nach Antiochien kommen, wo Petrus mit den Heiden gegessen habe. Auf diese Jakobusleute bezieht sich dann die Furcht des Petrus. Die vorkanonische Version skizziert eine andere Szene. Hier ist *Paulus noch in Jerusalem und, nachdem ihm nichts auferlegt war, Petrus, Jakobus und Johannes ihre Rechte gereicht hatten und vereinbart war, dass er zu den Heiden, sie aber zu den Beschnittenen gehen sollten unter Beachtung der Armen, kam es gleich vor Ort offenkundig noch zum Eklat zwischen *Paulus und Petrus. Denn dieser hatte sich nicht mit den Beschnittenen abgegeben, sondern zusammen mit Heiden gegessen, ging dann aber und entzog sich diesen aus Furcht vor denen aus der Beschneidung, zu denen er ja eigentlich hatte gehen wollen. Wie schwer sich nicht erst die kanonische Redaktion mit der Reaktion des *Paulus gegen Petrus tat, erweisen die Versuche vieler Kirchenväter, die selbst noch mit der abgeminderten kanonischen Fassung Schwierigkeiten hatten, wie man schon Ende des 2. bzw. Anfang des 3. Jh. bei Klemens von Alexan‐ drien erkennen kann, der diesen Kephas nicht für Petrus, sondern für einen der übrigen aus den 70 von Jesus Berufenen hielt. 118 Hingegen argumentiert Origenes, es habe gar keine wirkliche Auseinandersetzung zwischen Paulus und Petrus stattgefunden. 119 Tertullian spielt die Auseinandersetzung von einer inhaltlich-dogmatisch-ritualistischen zu einer solchen des Lebenswandels her‐ unter. 120 4. (2,13) Der Vers ist unbezeugt, wird aber von van Manen und Zahn als vorkanonisch präsent angenommen. BeDuhn nimmt nur den ersten Halbvers vorkanonisch an. Norelli verweist darauf, dass Markion an dieser Stelle den Hinweis auf die Ἰουδαῖοι nicht gelesen hatte, wobei er allerdings davon ausgeht, dass er zumindest diesen Vers mit οἱ λοιποί gelesen hatte, was er auf Jakobus und Johannes bezogen habe (und zwar mit Blick auf *2Kor 2,17). Allerdings fehlt für Gal 2,13 die textliche Basis für einen solchen Bezug, wie bereits Lieu erkannt hatte, 121 da der Vers unbezeugt ist. Die unterschiedliche handschriftliche Bezeugung des folgenden καί, das in einigen Handschriften fehlt, deutet auf eine 92 Rekonstruktion <?page no="971"?> 121 E. Norelli, La Funzione di Paolo nel Pensiero di Marcione (1986), 557; J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 246. 122 So B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019), 261. 123 Vgl. H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 39-44. 124 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 440. 125 Detering hält ihn für präsent, vgl. H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 39-44. 126 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 499. Störung oder Korrektur an dieser Stelle hin: Βαρναβᾶς ist folglich erst durch die kanonische Redaktion dem Vers zugestellt. 5. (2,14) Es ist möglich, dass Hieronymus bei seinem Zeugnis hier abhängig ist von Tertullian. 122 Da dieser Vers mit seiner eigentümlichen Übersetzung bei Tertullian jedoch ausschließlich in dessen antimarkionitischen Werk begegnet, ist es wohl genauso, wenn nicht gar eher wahrscheinlich, dass beide auf eine von Tertullian und Hieronymus gemeinsame Quelle zurückgehen. Harnack, Schmid und BeDuhn sehen οὐκ ὀρθοποδοῦσιν πρὸς τὴν ἀλήθειαν τοῦ εὐαγγελίου als bezeugt. Van Manen gibt den kanonischen Text (unter Auslassung von καὶ οὐχὶ Ἰουδαϊκῶς), BeDuhn nimmt wegen der Narration auch noch ein adversatives „Aber“ am Anfang von V. 14 auf. M.E. zeigt die alternative Lesart „Petrus“ in den Zeugen, dass auch der Nachsatz noch in *Gal vorhanden war. εἶπον ist hier nicht bezeugt, weil Tertullian an seiner Stelle offenkundig ein anderes Verb gelesen hatte (Tert.: reprehendit). 6. (2,15) Dieser Vers ist unbezeugt, so die älteren Editoren Zahn, Harnack, Schmid, BeDuhn. Van Manen allerdings gibt den Vers, tilgt das ἁμαρτωλοί, nimmt danach aber eine Lücke an. Detering tilgt den Vers. 123 7. (2,16) Hilgenfeld sagt ausdrücklich, dass Tertullian Vers 16 „berührt“. 124 Van Manen meint, der Vers sei abwesend. 125 Zahn verweist darauf, dass es „die indirekte Satzform verbietet …, hierin den genauen und vollständigen Wortlaut zu finden“. 126 Harnack sieht οὐ δικαιοῦται ἄνθρωπος ἐξ ἔργων νόμου ἐὰν μὴ (ἀλλὰ? ) διὰ πίστεως bezeugt, ebenso, ohne die Klammer, Schmid. BeDuhn folgt Schmid, nimmt aber in Klammern den zweiten Teil des Verses hinzu aufgrund der Narration. Der Vorspann εἰδότες δὲ ὅτι gehört wie der voranstehende V. 15, an welchen er anschließt, zur kanonischen Redaktion. 1 (Gal) 93 <?page no="972"?> 127 Vgl. M.D. Nanos and H. Wendt, Galatians (2022), 339-343; M.D. Nanos, Re-framing Paul’s Opposition to Erga Nomou as ‚Rites of a Custom‘ for Proselyte Conversion Completed by the Synecdoche ’Circumcision.’ (2021). 128 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 39-44. 129 Vgl. H. Schlier, Der Brief an die Galater (1951), 59. 130 G.A. van den Bergh van Eysinga, Radical Views about the New Testament (1912), 71. Wie die ἔργων νόμου zu übersetzen und zu interpretieren sind, ist viel disku‐ tiert worden, Tertullian scheint sie schlicht als Werke des Gesetzes zu verstehen, jüngst hat Nanos nochmals argumentiert, es gehe eher um Initiationsriten. 127 Tertullian hat διὰ πίστεως ohne Ἰησοῦ Χριστοῦ stehend. 8. (2,17) Dieser Vers ist nach allen älteren Editoren unbezeugt, nach van Manen abwesend. 128 Der Vers greift auf die Erwähnung der Sünder im kanonisch redaktionellen Vers 15 zurück und führt diesen weiter. 129 Überhaupt ist er nur zu verstehen im Licht von Röm 6-7, worauf bereits hingewiesen wurde, 130 was ein Zeichen für die notwendig sammlungsübergreifende Lektüre ist, wobei die kanonische Redaktion hier auf dem vorkanonischen Vers von *Röm 7,4 weiterbaut. 9. (2,18) Hilgenfeld und van Manen sehen den Vers wie angegeben bezeugt. Zahn findet den Vers frei bezeugt, während Harnack den kanonischen Text (mit εἰ γάρ) annimmt. Schmid sieht als bezeugten Textbestand: ἃ κατέλυσα ταῦτα πάλιν οἰκοδομῶ bezeugt sehen. BeDuhn geht darüber hinaus und stellt noch in Klammern Text hinzu, dem der folgende griechische Wortlaut zugrunde liegt: παραβάτην ἐμαυτὸν συνιστάνω. Dieses Thema greift den redaktionellen Verse 15 und 17 auf, wird also nicht nur unbezeugt, sondern auch im Text als fehlend zu betrachten sein. Anstelle des kanonischen πάλιν οἰκοδομῶ (Vg: iterum aedifico) legt das Tertulliansche reaedificabat eher ἀνοικοδομῶ nahe (das in diesem Sinn auch in Apg 15,16 wiederkehrt), zumal die Verwendung von πάλιν häufiger im kanonischen redaktionellen Text begegnet als im vorkanonischen. 10. (2,19) Van Manen gibt den Vers nach dem kanonischen Text, doch er ist nach allen anderen Editoren unbezeugt. Auffällig ist das eröffnende ἐγὼ γάρ, mit dem Paulus sich emphatisch einführt. Die Kombination ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,17, wenn dort auch nicht als Verseröffnung. Denn als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 15,9. Kanonisch steht sie zusätzlich in 2Kor 12,11; Phil 4,11, und an diesen Stellen auffälligerweise wie in Gal 2,19 gefolgt von bzw. verbunden mit einem Verb in der Vergangenheit, während *Gal 6,17 nicht direkt mit einem Verb verbunden ist und das regierende Verb im Präsens steht. 94 Rekonstruktion <?page no="973"?> 131 Ich danke für diesen Hinweis Gregory Hartzler-Miller, der mir freundlicherweise in einer Email vom 28.5.23 von Mark Bilby übermittelt wurde. 132 Notiz in der genannten Email. 133 Vgl. J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 169. Wie BeDuhn auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 44. 11. (2,20) Hilgenfeld schließt aus dem Zeugnis des Adamantius, dass „auch V. 20 vorhanden war“. Van Manen gibt den Vers nach dem kanonischen Text (anstelle von τοῦ υἱοῦ τοῦ θεοῦ schreibt er τοῦ θεοῦ καὶ Χριστοῦ). Zahn, Harnack und BeDuhn sehen den folgenden Text belegt: ὃ δὲ νῦν ζῶ ἐν σαρκί, ἐν πίστει ζῶ τῇ τοῦ υἱοῦ τοῦ θεοῦ τοῦ ἀγοράσαντός με, Schmid weist den Vers als unbezeugt aus. Auf einen möglichen Bezug Tertullians auf diese Stelle wies mich Bilby hin. Während Tertullian zuvor Gal 2,6 diskutiert, könnte er mit dei et Christi auf diesen Vers zu sprechen kommen, doch bietet uns dieser Verweis keinen Textanhalt. 131 Bilby weist korrekt darauf hin, dass es das Phänomen häufiger gibt, dass Tertullian bereits im Voraus auf einen erst nachfolgenden Vers zu sprechen kommt. 132 Auch wenn Clabeaux Gründe vorbringt, die für die kanonische Lesart ἀγαπήσαντος sprechen, wonach sie ein Lesefehler des Rufin hätte sein können und er folglich auch die schwierigere Lesart darum nicht bevorzugt, optiert BeDuhn doch für die lectio difficilior, und zwar, weil der Gedanke des rettenden Kaufs auch an anderen Stellen zentral sei, so *Gal 3,13; *1Kor 6,20; 7,23. 133 Wie Clabeaux richtigerweise angibt, passt der Passus καὶ παραδόντος ἑαυτὸν ὑπὲρ ἐμοῦ gut zu der Lesart ἀγοράσαντος. 12. (2,21) Van Manen gibt auch diesen Vers nach dem kanonischen Text (unter Auslassung von τοῦ θεοῦ), während alle anderen Editoren ihn für unbezeugt halten. Er führt mit der Gnade ein neues Thema ein. D. (2,11) ὅτε, das 112 / 103 Mal im NT steht, etwa Lk 2,21. 22. 42; 4,25; 13,35; 15,30; 22,35, in Versen, die in *Ev fehlen, vorkanonisch nur bezeugt für *Gal 4,3. 4. ♦ Die Kombination ὅτε δέ steht 17 Mal im NT, davon 16 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,15; 4,4 (als Verseröffnung: 3 Mal Mt; Lk 15,30, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8 Mal Apg; Gal 1,15; 2,11; 4,4; Tit 3,4; im Vers: Gal 2,12). Die Verteilung ergibt, dass diese Kombination aus dem vorkanonischen Sprachgebrauch bei der zweiten kanonischen Redaktion kanonisch übernommen wurde und eine gewisse Bedeutung gewonnen hatte. ♦ Zu Κηφᾶς vgl. zu *Gal 1,18. ♦ Das vorkanonisch unbezeugte Ἀντιόχεια steht 19 / 18 Mal im NT, nur an dieser Stelle in einem Paulusbrief, den die moderne 1 (Gal) 95 <?page no="974"?> 134 Vgl. hierzu J. Schröter, Sammlungen der Paulusbriefe und die Entstehung des neutes‐ tamentlichen Kanons (2018), 808. Forschung Paulus zuschreibt, doch hier wie an allen anderen Stellen ausschließlich auf der kanonischen Ebene, dann vor allem in der Apg (Apg 11,19. 20. 22. 26. 27; 13,1. 14; 14,19. 21. 26; 15,22. 23. 30. 35; 18,22; Gal 2,11; 2Tim 3,11). ♦ πρόσωπον, das sich 84 / 76 Mal im NT findet, ist für die vorkanonische Ebene bezeugt in *Ev und *Gal 2,11; *2Kor 3,18; 4,6; *2Thess 1,9. ♦ αὐτῷ steht 780 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,11; *1Kor 12,9; *2Kor 1,20; *Röm 1,17; 11,35; *Laod 2,16; *Kol 1,19; 2,13. ♦ ἀνθίστημι steht 16 / 14 Mal im NT, vorkanonisch nochmals bezeugt für *Ev 21,15. ♦ καταγιγνώσκω steht nur 3 Mal im NT, die beiden anderen Male auf der kanonischen Ebene in 1Joh 3,20. 21. ♦ Verbform ἦν, die 301 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,4; *Phil 3,7. Zur Rekonstruktion: Bezeugung bzw. fehlende Bezeugung und Lexik stimmen zusammen. Mit den älteren Editoren wird der oben bezeugte Text geboten, allerdings unter Änderung des Kasus für Petrus gemäß Tertullian, auch unter Aufnahme des angedeuteten weiteren Teiles. Wie die weiteren Verse dieser Passage, die auf die kanonische Redaktion zurückgehen, erweisen werden, werden die unbezeugten Teile von Vers 11, also die temporale Eröffnung und der Hinweis auf Antiochien, Produkte der kanonischen Redaktion sein. (2,12) Die Kombination πρὸ τοῦ γάρ steht nur hier im NT. ♦ Die kürzere Kombination πρὸ τοῦ steht 11 Mal im NT, davon 2 Mal kanonisch als Verseröffnung (Gal 2,12; 3,23, beide Male mit einem folgenden ἔρχομαι), im Vers begegnet die Kombination vorkanonisch in *Ev 11,38 (+ Nomen); 22,15 (+ Verb), ansonsten auf der kanonischen Ebene (Mt 6,8; Lk 2,21; 11,38; 22,15; 4 Mal Joh; Apg 23,15). ♦ πρό, das 49 / 47 Mal im NT steht, gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,7 (πρὸ τῶν αἰώνων); *Kol 1,17 (πρὸ πάντων). ♦ τινας (Akk. Fem. / Mask. Pl.) steht 24 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Zu ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, vgl. zu Vers 6. ♦ Zu Ἰάκωβος vgl. zuvor zu Vers 9. ♦ ἔθνος, das 175 / 162 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; *1Thess 4,5; *Laod 2,11. ♦ συνεσθίω steht 5 Mal im NT, weiter nur kanonisch bezeugt (Lk 15,2; Apg 10,41; 11,3; 1Kor 5,11). ♦ Zu ὅτε vgl. zum voranstehenden Vers, zum nachfolgenden Vers 14. ♦ ὑποστέλλω steht 4 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt (Apg 20,20. 27; Gal 2,12; Hebr 10,38). ♦ ἀφορίζω, das 11 / 10 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,15. ♦ φοβέω, das 110 / 95 Mal im NT steht, vorkanonisch wieder bezeugt für *Ev. ♦ Zu τοὺς ἐκ περιτομῆς vgl. weiters auf kanonischer Ebene Apg 10,45; 11,2; Röm 4,12; Gal 2,12; Kol 4,12; Tit 1,10. 134 Zur Rekonstruktion: Mit den älteren Editoren wird der von Tertullian bezeugte Schlussteil des Verses geboten. Aufgrund von Tertullians Andeutung wird auch 96 Rekonstruktion <?page no="975"?> der Hinweis auf das Essen mit den Heiden hinzugenommen. Aus Gründen der narrativen Logik ist die Absonderung des *Paulus erforderlich. Da ἀφορίζω bereits *Gal 1,15 kanonisch bezeugt wurde, ὑποστέλλω jedoch lediglich kano‐ nische Bezeugung besitzt, wird nur das erste der beiden Verben geboten. Die angezeigten Varianten deuten noch auf die verschiedenen Szenarien hin, wie sie auf der vorkanonischen und der kanonischen Ebene geboten werden, folglich wird auch das im Singular stehende ἦλθεν mit dem adversativen zeitlichen Anschlutz ὅτε δέ aufgeführt. (2,13) συνυποκρίνομαι ist Hapax legomenon im NT. ♦ Ἰουδαῖος, das 250 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *1Kor 9,20; 15,20; *Röm 1,16; 2,29; *1Thess 2,14. ♦ ὥστε steht 86 / 83 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,21; *2Kor 3,7; 5,17; *Röm 7,12; *2Thess 2,4. ♦ Βαρναβᾶς, der 31 / 28 Mal im NT begegnet, findet sich immer nur auf der kanonischen Ebene, vor allem in der Apostelgeschichte (Apg 4,36; 9,27; 11,22. 25. 30; 12,25; 13,1. 2. 7. 43. 46. 50; 14,12. 14. 20; 15,2. 12. 22. 25. 35. 36. 37. 39; 1Kor 9,6; Gal 2,1. 9. 13; Kol 4,10). ♦ συναπάγω steht 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,16. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.) steht 502 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15. ♦ ὑπόκρισις steht 8 / 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,1. Zur Rekonstruktion: Die unbezeugte Verseröffnung beginnt mit einem Hapax legomenon, während bald darauf mit Barnabas eine kanonische Figur erscheint. Auf der kanonischen Ebene bezieht sich das plurale συνυπεκρίθησαν auf die zuvor eingeführten Jakobleute, während es sich auf der vorkanonischen Ebene, falls vorhanden, auf Jakobus und Johannes beziehen würde. Diese Inkrimination von Jakobus und Johannes hätte genügend Grund dafür geboten, warum die kanonische Redaktion im Zusammenhang mit der Umge‐ staltung der Stelle auch diesen Vers entsprechend erweitert hatte. Sie fügte die Jakobusleute ein, um Jakobus und Johannes aus dem Bezug zu entfernen, diesen Jakobusleuten stellte sie auch noch „die übrigen Juden“ hinzu. Schließlich wurde auch noch Barnabas angeführt, was insgesamt die vorkanonische Narration konterkariert. Was zunächst allein gegen Petrus gesagt war und durch Vers 13 dann auch noch auf die beiden weiteren Personen, Jakobus und Johannes, die *Paulus zuvor ihre Hand gereicht hatten, ausgedehnt wurde, lief jetzt gegen Jakobusleute und weitere Juden. Auch wenn bezüglich Vers 13 keine Sicherheit zu gewinnen ist, spricht doch gerade die kanonische Überarbeitung für die Präsenz des ersten Versteils. Gestützt wird diese Entscheidung durch den narrativen Zusammenhang mit dem bezeugten Teil von Vers 14, der mit einem Plural beginnt, welcher sich nur 1 (Gal) 97 <?page no="976"?> durch die Präsenz der gerade formulierten Ausweitung des Kasus gegen Petrus auf einen solchen auch gegen Jakobus und Johannes rechtfertigt. (2,14) Die Eröffnung ἀλλ’ ὅτι steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,20. ♦ Zu ὅτε vgl. zu den voranstehenden Versen 11 und 12. ♦ ὀρθοποδέω ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἀλήθεια steht 112 / 109 Mal im NT und ist ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion, auch wenn er zwei Mal vorkanonisch (*Gal 2,15; *Laod 1,13) bezeugt ist. ♦ εὐαγγέλιον, das 79 / 76 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt nicht in *Ev, jedoch in *Gal 1,6; 2,2. 14; *1Kor 4,15; 9,14; 15,1; *Röm 1,16; 2,16; *Laod 1,13; 6,15; *Kol 1,5; *2Thess 1,8. ♦ Die unbezeugte Aoristform εἶπον steht 166 Mal im NT, ist überhaupt nur an dieser Stelle bei Paulus vorhanden und steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu Πέτρος vgl. die frühere Diskussion zu Κηφᾶς. Zum nicht mehr bezeugten Teil: ἔμπροσθεν steht 52 / 48 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,10. ♦ πάντων steht 132 Mal im NT, etwa Lk 1,71; 2,31; 3,15. 19; 4,15. 20; 7,28. 35; 11,50; 14,10; 24,27, vorkanonisch nur ein Mal für einen Brief bezeugt, den die Forschung Paulus zuschreibt (*Röm 12,18), dann auffallenderweise gleich drei Mal in *Deuteropaulinen (*Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17). ♦ Ἰουδαῖος, das 250 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *1Kor 9,20; 15,20; *Röm 1,16; 2,29; *1Thess 2,14. ♦ Die Kombination σὺ Ἰουδαῖος steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 4,9; Röm 2,17; Gal 2,14). ♦ Das Adverb ἐθνικῶς steht nur hier im NT, das Adjektiv ἐθνικός steht vier weitere Male, immer nur auf der kanonischen Ebene (Mt 5,47; 6,7; 18,17; 3Joh 1,7). ♦ οὐχί steht 62 / 53 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20. ♦ Das Adverb Ἰουδαϊκῶς ist Hapax legomenon im NT, genauso wie das Adjektiv Ἰουδαϊκός (Tit 1,14), die beide auf der kanonischen Ebene stehen. ♦ Das nach ζῇς in manchen Zeugen stehende τί, das 333 Mal im NT zu finden ist, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,19; 15,29; *Röm 7,7; *Phil 1,18. Auch bei diesem Wort, das vorkanonisch durchaus gut bezeugt ist, fällt auf, dass es sich gerade in solchen Versen häuft, die in der vorkanonischen Version fehlen. ♦ πῶς steht 109 / 103 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,35. ♦ ἀναγκάζω steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,3. ♦ ἰουδαΐζω ist Hapax legomenon im NT. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. Zur Rekonstruktion: Auch wenn die Eröffnung nicht bezeugt ist und keine Textvariante vorliegt, legt sich doch die vorkanonisch bezeugte Kombination ἀλλ’ ὅτι nahe. Weiter oben in Nr. 4 wurde die Hinzunahme von „Petrus“ am Ende des Verses begründet, anstelle von εἶπον muss ein anderes Verb gestanden sein, da Tertullian reprehendit bietet. Denkbar wäre ὠνείδισεν, das auch *Ev 6,22 vorkanonisch belegt ist. Die weiteren, nicht mehr bezeugten Ausführungen gehen wohl auf die kanonische Redaktion zurück, die offenkundig hierzu keine 98 Rekonstruktion <?page no="977"?> 135 Klinghardt gibt als vorkanonische Bezeugung *Ev 9,40 an, doch Epiphanius bezeugt an dieser Stelle nur οὐκ; erneut gibt er als vorkanonische Bezeugung *Ev 10,24 an, doch an dieser Stelle bezeugt Tertullian eine andere Konstruktion (Tert.: dico enim vobis, quia prophetae non viderunt quae vos videtis; Rekonstruktion Klinghardt: προϕῆται ἠθέλησαν ἰδεῖν ἃ ὑμεῖς βλέπετε καὶ οὐκ εἶδαν). Vorlage mehr hatte, was die schwankende Überlieferung gerade in diesem Teil des Verses belegt. Für die Zuordnung dieser Passage zur kanonischen Redaktion sprechen Thema und die ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugte Wendung σὺ Ἰουδαῖος und ἐθνικῶς. (2,15) φύσις, das 16 / 14 Mal im NT steht, jedoch nur in der Briefliteratur, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,8; *Röm 2,14; *Laod 2,3. ♦ Zu Ἰουδαῖος vgl. zum Vers zuvor. ♦ Die Kombination καὶ οὐκ steht 205 Mal im kanonischen NT, davon 8 Mal in Versen von Lk (Lk 7,32 (2x); 8,19; 10,24; 13,34; 15,28; 18,34; 19,44), die in *Ev fehlen; 135 dann steht sie 10 Mal in Lk, wo sie für *Ev unbezeugt ist (Lk 9,53; 11,6; 13,24; 14,5. 30; 17,22; 18,4; 19,3; 20,26; 24,18); 12 Mal im kanonischen Paulus (Gal 2,15. 16; Gal 6,4; 1Kor 6,19; 2Kor 10,8; 11,29 2x; 13,10; Eph 6,7; Kol 3,23. 25; Phil 3,3), ist jedoch nicht ein Mal bezeugt für *Ev oder *Paulus. ♦ Die erweiterte Kombination καὶ οὐκ ἐξ findet sich gleich wieder auf kanonischer Ebene in Gal 2,16. ♦ ἔθνος, das 175 / 162 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; *1Thess 4,5; *Laod 2,11. ♦ ἁμαρτωλός steht 49 / 47 Mal im NT, vorkanonisch ein Mal bezeugt für *Ev 7,37. Bereits Klinghardt hat „die mutmaßlichen Eintragungen von ἁμαρτωλοί“ als Merkmal der kanonischen Redaktion herausgehoben (vgl. ders. zu *Ev 5,27). Zur Abwesenheit: Das Ἡμεῖς φύσει Ἰουδαῖοι greift den unmittelbar voranste‐ henden kanonischen Schlussteil des Verses 14 auf, wird folglich auf derselben Redaktionsstufe stehen. Lexikalisch am auffallendsten ist die Verwendung der Kombination καὶ οὐκ, die auf der kanonischen Redaktionsstufe sehr beliebt ist, jedoch für die vorkanonischen Version völlig unbezeugt ist. Der Vers wird folglich vorkanonisch abwesend gewesen sein. (2,16) Zum unbezeugten Versteil: οἶδα steht 339 / 318 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8. ♦ Zu εἰδότες als nur kanonisch bezeugte Form vgl. weiter unten zu 2Kor 1,7. ♦ δικαιόω steht 59 / 39 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13, auch wenn es ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion ist. ♦ ἔργον, das 187 / 169 Mal im NT steht, ist ein Begriff der kanonischen Ebene. ♦ νόμος steht 204 / 195 Mal im NT, vorkanonisch reichlich bezeugt für *Ev und *Paulus. ♦ πίστις, das 257 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16. 20; 3,11. 26; 5,6; *1Kor 12,9; *2Kor 4,13; *Röm 1,17; 5,1; *Laod 4,5, vgl. weiter Vers 20. ♦ Die Wendung 1 (Gal) 99 <?page no="978"?> εἰς Χριστὸν Ἰησοῦν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 24,24; Röm 6,3; Gal 2,16). ♦ Zu πιστεύω vgl. zuvor zu Vers 7. Zum bezeugten Versteil: Die Wendung οὐκ ἐξ ἔργων steht 6 Mal im NT (Röm 9,12; Gal 2,16; Eph 2,9; Tit 3,5; Jak 2,21. 25), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ δικαιόω steht 59 / 39 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. ♦ πᾶσα(ι) (Nom. / Vok. Fem. Sg. / Pl.) steht 60 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29 (mit derselben Formulierung wie hier πᾶσα σάρξ). ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4, vgl. weiter unten zu Vers 20. Zur Rekonstruktion: Was den Vorspann betrifft, wurde oben Nr. 7 bereits die Begründung gegeben, warum sie hier ausgeschieden wird. Diese Entscheidung wird auch durch die Elemente gestützt, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (εἰδότες; εἰς Χριστὸν Ἰησοῦν). Der bezeugte Text scheint der einzige vorkanonische Teil des Verses gewesen zu sein; warum hätte Tertullian sonst gerade die intensiven dreimaligen Verweise auf Jesus Christus oder Christus ausgelassen? Sowohl diese Wiederholungen wie auch das dreimalige ἔργων νόμου spiegelt die kanonische Tendenz der Duplikation, hier gar der Triplikation. (2,17) Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ ζητέω, das 130 / 117 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *Röm 10,3. ♦ δικαιόω, das 59 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13, vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ Die Kombination καὶ αὐτοί steht 21 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; Lk 14,12; 16,28; 3 Mal Joh; 3 Mal Apg; Röm 8,23; 11,31; 15,14, in einem Vers, der in *Röm fehlt; Gal 2,17; 1Thess 2,14; 2Tim 2,10; Hebr 13,3; 1Petr 1,15; 2,5; Apk 6,11). ♦ εὑρίσκω steht 198 / 176 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Phil 2,7. ♦ αὐτοί (Nom. Mask. Pl.), vgl. zuvor zu Vers 9. ♦ ἁμαρτωλός, das 49 / 47 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,37. ♦ ἆρα steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene bezeugt (Lk 18,8; Apg 8,30; Gal 2,17). ♦ ἁμαρτία, das 184 / 173 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,4; *Röm 5,21; 7,7. 11; 8,3. 10; 14,23; *2Thess 2,3. ♦ διάκονος, das 36 / 29 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Der Ausdruck μὴ γένοιτο steht 15 Mal im NT, etwa Lk 20,16 in einem Vers, der in *Ev fehlt, er ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,7. ♦ γί(γ)νομαι steht 735 / 670 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,13; *1Kor 3,18; 4,5. 9; 10,6. 7; 15,54; *2Kor 5,17; *Röm 2,25; 7,7; 11,34; 12,16; *Laod 2,13. Wie die hohe Präsenz gerade in Versen 100 Rekonstruktion <?page no="979"?> und Versteilen, die im vorkanonischen Text nicht enthalten sind, zeigt, war dies kein sehr beliebter Begriff derselben, hingegen ein ausgesprochen beliebter Terminus der kanonischen Redaktion. Zur Abwesenheit: Der Vergleich der Lexeme mit dem Vorhandensein von ausschließlich (Verseröffnung εἰ δέ; καὶ αὐτοί; ἆρα; διάκονος) oder bevorzugt (ἁμαρτωλός) kanonischer Termini bestätigt die fehlende Bezeugung des Verses und spricht dafür, dass der Vers in der vorkanonischen Fassung gefehlt hat. (2,18) Zum unbezeugten Versteil: Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröffnung, als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. Zum bezeugten Versteil: καταλύω, das 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur für die vorliegende Stelle *Gal 2,18 bezeugt. ♦ ταῦτα steht 242 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,18; *1Kor 9,8; 10,11; *Phil 3,7. ♦ ἀνοικοδομέω steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Apg 15,16. ♦ Die Variante, das Verb οἰκοδομέω, das 47 / 40 Mal im NT steht, ist vorkanonisch gut belegt, jedoch auch ein beliebter Begriff der kanonischen Ebene. ♦ Die Form ἐμαυτόν steht 18 Mal im NT, etwa Lk 7,7, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 8,9; Lk 77. 8; 5 Mal Joh; Apg 26,2; 1Kor 4,3. 6; 7,7; 9,19; 2Kor 11,7. 9; Gal 2,18; Phil 3,13; Phlm 1,13). Zum nicht mehr bezeugten Versteil: παραβάτης steht 5 Mal im NT, vorkanonisch be‐ zeugt für *Röm 2,25. 27. ♦ συνίστημι, das 20 Mal im NT steht, ist jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden. ♦ ἐμαυτοῦ steht 38 Mal im NT, begegnet jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Die unbezeugte Eröffnung ist für die vorkanonische Ver‐ sion grammatikalisch eher störend. Nach dem bezeugten Versteil findet sich im unbezeugten Teil zwar das bei *Paulus bezeugte παραβάτης, doch stützt das rein kanonisch bezeugte Verb συνίστημι zusammen mit dem nur kanonisch bezeugten ἐμαυτοῦ, den Schluss, dass der unbezeugte Teil wohl vorkanonisch nicht vorhanden war. (2,19) νόμος steht 204 / 195 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; 3,10-11; 4,5; 5,3. 14; 6,2. 13; *1Kor 9,8; 14,21. 34; *Röm 2,12. 13. 14. 20. 25; 3,21; 5,20; 7,4. 7. 12. 14. 23; 8,4; 10,4; 13,8; *Laod 2,15. ♦ ἀποθνήσκω, das 119 / 111 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,3. 22; *Röm 5,6. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. ♦ συσταυρόομαι steht 6 / 5 Mal im NT, immer nur auf der kanonischen Ebene. 1 (Gal) 101 <?page no="980"?> Zur Abwesenheit: Die emphatische Eröffnung wurde bereits oben in Nr. 10 diskutiert, sie spricht eher für die kanonische Ebene, wofür auch συσταυρόομαι spricht. Vermutlich wird der Vers in der vorkanonischen Fassung gefehlt haben. (2,20) Zu ζάω vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ οὐκέτι, das 51 / 47 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν ἐμοὶ Χριστός begegnet ähnlich auch Röm 8,10 (Χριστὸς ἐν ὑμῖν), Gal 4,19 (Χριστὸς ἐν ὑμῖν), Eph 3,17 (τὸν Χριστὸν διὰ τῆς πίστεως ἐν ταῖς καρδίαις ὑμῶν), Kol 1,27 (Χριστὸς ἐν ὑμῖν), und zwar immer nur auf der kanonischen Ebene. ♦ νῦν steht 157 / 148 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ Zu σάρξ vgl. zuvor zu Vers 16. ♦ ἀγαπάω steht 157 / 143 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,14; *Röm 13,8. 9. ♦ Zu πίστις vgl. zuvor zu Vers 16. ♦ Die Wendung τοῦ υἱοῦ τοῦ θεοῦ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 5,25; Gal 2,20; Eph 4,13; 1Joh 5,13). ♦ παραδίδωμι steht 134 / 119 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,5, wohl auch hier in *Gal 2,20, wenn hierfür auch unbezeugt. Zur Abwesenheit: Der Eingangsteil ζῶ δὲ οὐκέτι ἐγώ, ζῇ δὲ ἐν ἐμοὶ Χριστός scheint kanonisch redaktionell zu sein, denn er setzt die christologische Verstär‐ kung der Verse 17 und 19 fort. Überhaupt weist der vorkanonisch unbezeugte Vers Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (οὐκέτι; ἐν ἐμοὶ Χριστός; τοῦ υἱοῦ τοῦ θεοῦ). (2,21) ἀθετέω, das 17 / 16 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,16; *1Kor 1,19. ♦ Die Wendung χάριν τοῦ θεοῦ steht 8 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 3,10; 2Kor 6,1; 8,1; 9,14; Gal 2,21; Kol 1,6; 2Thess 1,12; 1Petr 5,12). ♦ ἄρα, das 52 / 49 Mal im NT steht, findet sich auch vorkanonisch (*Ev 11,20; *Gal 4,31; 6,10; *1Kor 15,14). ♦ δωρεά, das 20 / 11 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. Zur Abwesenheit: Zum einen ist der Vers unbezeugt, dann findet sich auch die nur kanonisch bezeugten Elemente χάριν τοῦ θεοῦ und δωρεά, außerdem führt der Vers mit „Gnade“ ein Thema ein, das zuvor nur in Gal 1,6. 15; 2,9 jeweils auf kanonischer Ebene anklang und vorkanonisch wohl allenfalls im Gruß *Gal 1,3 begegnete. Der Vers wird deshalb wohl auf die kanonische Redaktion zurückgehen und im vorkanonischen Text gefehlt haben. 102 Rekonstruktion <?page no="981"?> 136 Auf die Tertullianstelle hat mich Mark Bilby in einer Email an mich vom 29.12.2023 aufmerksam gemacht, ebenfalls auf die wichtige Stelle *Ev 24,25, die diesen Vers hier stützt und umgekehrt die Nähe von *Ap und *Ev aufzeigt. Kapitel 3 3,1 [2-5]: Aufruf an die Galater Auf diese Passage verweist Hieronymus nur sehr allgemein. Allerdings bietet Tertullian einen Hinweis, der für die vorkanonische Präsenz von Vers 1 spricht. 136 Der Rest des Passus scheint auf die kanonische Ebene zurückzugehen. 3,1 Ὦ ἀνόητοι Γαλάται, τίς ὑμᾶς ἐβάσκανεν; 3,1 Ὦ ἀνόητοι Γαλάται, τίς ὑμᾶς ἐβάσκανεν, οἷς κατ’ ὀφθαλμοὺς Ἰησοῦς Χριστὸς προεγράφη ἐσταυρωμένος; - 2 τοῦτο μόνον θέλω μαθεῖν ἀφ’ ὑμῶν, ἐξ ἔργων νόμου τὸ πνεῦμα ἐλάβετε ἢ ἐξ ἀκοῆς πίστεως; - 3 οὕτως ἀνόητοί ἐστε; ἐναρξάμενοι πνεύματι νῦν σαρκὶ ἐπιτελεῖσθε; 4 τοσαῦτα ἐπάθετε εἰκῇ; εἴ γε καὶ εἰκῇ. 5 ὁ οὖν ἐπιχορηγῶν ὑμῖν τὸ πνεῦμα καὶ ἐνεργῶν δυνάμεις ἐν ὑμῖν ἐξ ἔργων νόμου ἢ ἐξ ἀκοῆς πίστεως; A. 3,1-5: Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas (PL 26, 348A): Interro‐ gemus [ergo, PL] hoc loco Marcionem, qui prophetas repudiat, quomodo interpretur id quod sequitur; vgl. Tert., Adv. Marc. V 2,2, vgl. zu Gal 2,18. ♦ 3,1: Vgl. Tert., De praescr. 27,2-3 (SC 46,124): Omnia ista scrupulositatis incitamenta invenias praetendi ab haereticis. [3] Tenent correptas ab apostolo ecclesias: O insensati Galatae, quis vos fascinavit? B. (3,1) τῇ ἀληθείᾳ μὴ πείθεσθαι findet sich nach ἐβάσκανεν als Ergänzung in 04, 062, 018, 020, 025, 044, 0278, 33 c , 104, 365, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M, vg c1 , sy h , Hier mss . ♦ Nach προεγράφη wird ἐν ὑμῖν eingefügt von 06, 010, 012, 018, 020, 33 c , 1505, 2464, M, it, vg c1 , sy h . C. 1. (3,1) Auch wenn man aus dem Hinweis des Hieronymus nicht den Wortlaut entnehmen kann, deutet er in seinem Kommentar zu Gal 3 doch an, dass er hier Text gelesen hat, auch wenn er dies mit einer Diskussion zu einer Prophetenstelle liest. Letzteres kann sich nicht auf Vers 1 beziehen, sondern kann nur auf *Gal 3,10-14 hin gesagt sein. Hingegen ist das Zeugnis Tertullians 1 (Gal) 103 <?page no="982"?> 137 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 72*. 138 M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion (2018), 230. Vgl. auch H. Wendt, Galatians 3: 1 as an Allusion to Textual Prophecy (2016). 139 Vgl. die Einleitung I, S. 563-568. aus De praescr. zu gewichten, der ausdrücklich auf seine Gegner, vornehmlich Markion, verweist und dann deren Kritik an den Galatern mit dem oben gegebenen Text als Grundlage bietet. Van Manen gibt den Vers nach dem kanonischen Text, und Zahn sieht den Vers als bezeugt. Zurückhaltend ist Harnack, auch wenn er notiert: „Die schmerzliche Frage an die Galater, wer sie bezaubert habe, und die Frage, ob sie den Geist aus Gesetzeswerken oder aus dem Glauben empfangen hätten … sind unbezeugt, aber werden nicht gefehlt haben“. 137 Nach Schmid ist der Text unbezeugt, während BeDuhn den Text der Verse 1-2 in Klammern aufnimmt. BeDuhn meint zu den Versen 1-5, dass die Kritiker Markions diesen Text eher als Unterstützung von Markions Vorstellung ansahen, ihn also schweigend übergingen. Auch Klinghardt hält diese fünf Verse für vorkanonisch. 138 Für eine Entscheidung kommen uns wiederum die Textvarianten und die Lexik zuhilfe. 2. Nachdem weiter oben bereits auf die Bedeutung der Wahrheit hingewiesen wurde, könnte der Hinweis auf sie hier einen ursprünglichen Bestandteil des Textes anzeigen. Dann findet sich die Ergänzung ἐν ὑμῖν nach προεγράφη durch die einschlägigen Handschriften. Doch der Inhalt bezieht sich nicht auf die prophetischen Weissagungen, sondern gemäß der Paulusoffenbarung auf deren Gehalt. 3. (3,2) Van Manen gibt auch diesen Vers nach dem kanonischen Text. Während Zahn Vers 1 als bezeugt ansah, ist er sich bei den Versen 2-3 weniger sicher, auch wenn er in irgendeiner Form mit ihnen rechnet. Auch Harnack rechnet mit diesen Versen, auch wenn er sie nicht bezeugt sieht. Schmid sieht sie schlicht als unbezeugt. Auch BeDuhn sieht die Verse als unbezeugt, rechnet aber mit einigen Ausführungen, damit das Nachfolgende narrativ sinnvoll anschließt. Allerdings bietet der Vers vom Inhalt her eine Duplikation zu den Ausführungen von Vers 5, was ein Merkmal der kanonischen Redaktion ist. 139 4. (3,3-5) Erneut gibt van Manen den kanonischen Text (unter Auslassung von οὖν in Vers 5 und ebd. ohne ἐξ ἔργων νόμου ἢ ἐξ ἀκοῆς πίστεως, wobei er hier einen ausgelassenen Text annimmt). Doch was gerade für die Verse 1-2 gesagt wurde, trifft auch auf diese hier zu: Es geht in ihnen gerade nicht um ein prophetisches Verständnis des προεγράφη, sondern um eine Weiterführung des durch die kanonische Redaktion getilgten ἐν ὑμῖν und zieht noch deutlicher die Linie zur Offenbarungserfahrung aus. Damit entspricht keiner der Verse 104 Rekonstruktion <?page no="983"?> dem von Hieronymus angezeigten Inhalt, auch wenn dennoch Vers 1 von ihm gelesen zu sein scheint. D. (3,1) Die Wendung Ὦ ἀνόητοι steht 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25. ♦ ἀνόητος, das sich 6 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25. ♦ Γαλάται steht 4 Mal im NT, vorkanonisch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in *Gal 1,2. ♦ βασκαίνω ist Hapax legomenon im NT. ♦ τίς (Nom. Fem. / Mask. Sg.) steht 146 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,16; *Röm 11,34. 35; *Laod 3,9. ♦ πείθω, das 59 / 52 Mal im NT steht, ist ein Mal vorkanonisch bezeugt (*Phil 1,14). ♦ ὀφθαλμός ist vorkanonisch bezeugt. ♦ προγράφω steht 5 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt (Röm 15,4; Gal 3,1; Eph 3,3; Jud 1,4). ♦ σταυρόω, das 62 / 46 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,24; 6,14; *1Kor 2,8; *Laod 2,16; *Kol 1,20; *Phil 2,8. Zur Rekonstruktion: Was die Verseröffnung betrifft, finden wir den Hinweis bei Tertullian, dann auch die etwas allgemein gehaltene Bezeugung des Hier‐ onymus, der an dieser Stelle vorkanonischen Text liest, auch wenn sich seine Angabe dann inhaltlich eher auf Vers 10 bezieht. Da die ungewöhnliche Wen‐ dung Ὦ ἀνόητοι nur an dieser Stelle hier und nochmals in Lk 24,25 steht, dort aber vorkanonisch bezeugt ist, scheinen wir es mit einem markanten, vorkanonischen Ausdruck zu tun zu haben. Nachdem auch Tertullian in De praescr. auf haeretici anspricht und den Text gibt, wird dieser vorkanonisch an unserer Stelle gestanden sein. Zwar begegnet das Thema mit dem Gekreuzigten wieder in dem bezeugten Vers 13, liest man aber die letztbezeugten Verse 2,16. 18. 20, dann fügen sich 3,10-14 unmittelbar an diese Diskussion an. Es verwundert darum nicht, dass gerade προγράφω nur kanonisch bezeugt ist. (3,2) τοῦτο, das 313 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,50. 53; *2Thess 2,11; *Laod 5,32. ♦ μόνον, das 73 Mal im NT steht, ist weder für *Ev noch Lk belegt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,10; *1Kor 7,39. ♦ μανθάνω, das 143 / 25 Mal im NT zu finden ist, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,10; *1Kor 15,35. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vorkanonischen bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9). ♦ Jedoch ist die Kombination ἀφ’ ὑμῶν ausschließlich im kanonischen Paulus belegt (Gal 3,2; 1Kor 14,36; 1Thess 1,8; 2,6. 17; 3,6; Eph 4,31). ♦ πνεῦμα (Sg.), steht 340 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,14; 4,6; *1Kor 3,16; 5,5; 12,9; 15,45; *2Kor 3,6; 4,13; *Röm 8,4. 10; *1Thess 5,19. 23; *Laod 1,17. ♦ Die Kombination ἢ ἐξ begegnet nur beim kanonischen Paulus (Gal 3,2. 5; 2Kor 3,1; 9,7). ♦ ἀκοή, das 24 Mal im NT steht, ist ebenfalls ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Auch 1 (Gal) 105 <?page no="984"?> die Kombination ist nur auf der kanonischen Ebene belegt (Gal 3,2. 5; Röm 10,17: ἡ πίστις ἐξ ἀκοῆς). Zur Abwesenheit: Die unter Nr. 3 oben angeführten Bedenken zur Anwesen‐ heit dieses Verses werden durch die Lexik verstärkt. Zentrale Begriffe sind ausschließlich kanonisch belegt (ἀκοή), aber auch Kombinationen von Begriffen (ἀφ’ ὑμῶν; ἢ ἐξ; ἐξ ἀκοῆς). Der Vers hat in der vorkanonischen Fassung gefehlt. (3,3) οὕτως als Satzeröffnung (davon zu unterscheiden ist οὕτως καί oder δέ) begegnet wiederholt beim kanonischen Paulus (Gal 4,3; 1Kor 2,11; 4,1; 6,5; 8,12; 9,14. 24. 26; 11,12; 14,9. 12; 15,42; 2Kor 1,5; Röm 1,15; 4,18; 6,11; 11,5; 1Thess 2,8; Eph 5,28), vorkanonisch bei *Paulus jedoch nicht (nur in *Ev 12,31). ♦ ἀνόητος, das sich 6 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19. ♦ ἐνάρχομαι steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls für die kanonische Ebene belegt (Phil 1,6). ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4, vgl. weiter unten zu Vers 20. ♦ ἐπιτελέω steht 11 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Zunächst spricht die Duplikation des ἀνόητος gegen die Präsenz der Eröffnung in der vorkanonischen Version. Auch die Emphase derselben spricht für die kanonische Ebene. οὕτως als Satzeröffnung ist nur auf der kanonischen Ebene bei Paulus belegt und dort sehr beliebt. Nachdem auch ἐνάρχομαι und ἐπιτελέω nur kanonisch belegt sind, wird der Vers auf die kanonische Redaktion zurückgehen und im vorkanonischen Text gefehlt haben. (3,4) τοσοῦτος steht 23 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,9. ♦ πάσχω steht 44 / 42 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ εἰκῇ, das 7 / 6 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ εἴ γε begegnet nur 5 Mal im NT, etwa in 2Kor 5,3, wo in der parallelen Stelle in *2Kor 5,3 die Partikel εἴπερ steht, also ausschließlich in der paulinischen Briefliteratur und immer nur auf der kanonischen Ebene, während εἴπερ 7 Mal im NT zu finden ist und vorkanonisch bezeugt ist für *1Kor 8,5. Zur Abwesenheit: Aufgrund der fehlenden Bezeugung und der Lexik ist es eher wahrscheinlich, dass auch diese Verse in der vorkanonischen Fassung gefehlt haben, zumal auch der Vers 3,1 gut an den nächstbezeugten Vers 10 anschließt. 106 Rekonstruktion <?page no="985"?> (3,5) οὖν steht 576 / 501 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,19 (τί οὖν φημι); *Röm 7,7 (Τί οὖν ἐροῦμεν; Tertullian: Quid ergo dicemus); auffallend ist nicht nur die relative Seltenheit der Bezeugung des Begriffes sowohl in *Ev wie in *Paulus, sondern auch, dass er dort nicht wie hier und auf der kanonischen Ebene floskelhaft einfließt, sondern jeweils als Argumentationsemphase dient. ♦ ἐπιχορηγέω steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐνεργής steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ ἔργον, das 187 / 169 Mal im NT steht, ist trotz der *Gal 2,16 vorkanonisch bezeugten Wendung τὸ ἔργον νόμου überwiegend ein Begriff der kanonischen Ebene. ♦ Zu ἀκοή vgl. zu Vers 2. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem Vers stechen die Begriffe ins Auge, die ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt sind (ἐπιχορηγέω; ἐνεργής; ἀκοή; ἐν ὑμῖν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat in der vorkanonischen Fassung gefehlt. 3,[6-9] 10-14 [15-18]: Der Freikauf vom Fluch des Gesetzes Das Kernstück dieses Passus mit den Versen 10-14 ist gut bezeugt und wohl auch der einzige Teil, der vorkanonisch vorhanden war. Zuvor und danach wurden von der kanonischen Redaktion Texte eingefügt, um diesen Passus in das kanonische Narrativ einzubringen. Wie der Kommentar (C) zeigen wird, ist der Redaktion diese Neukontextualisierung nicht wirklich gelungen und sie zeigt noch die Bearbeitungsrichtung *Gal > Gal. - 6 καθὼς Ἀβραὰμ ἐπίστευσεν τῷ θεῷ, καὶ ἐλογίσθη αὐτῷ εἰς δικαιοσύνην. 7 Γινώσκετε ἄρα ὅτι οἱ ἐκ πίστεως, οὗτοι υἱοί εἰσιν Ἀβραάμ. 8 προϊδοῦσα δὲ ἡ γραφὴ ὅτι ἐκ πίστεως δικαιοῖ τὰ ἔθνη ὁ θεὸς προευηγγελίσατο τῷ Ἀβραὰμ ὅτι Ἐνευλογηθήσονται ἐν σοὶ πάντα τὰ ἔθνη. 9 ὥστε οἱ ἐκ πίστεως εὐλογοῦνται σὺν τῷ πιστῷ Ἀβραάμ. 10-11ὁ δίκαιος ἐκ πίστεως ζήσεται· ὅσοι γὰρ ὑπὸ νόμον ὑπὸ κατάραν εἰσίν· 10 ὅσοι γὰρ ἐξ ἔργων νόμου εἰσὶν ὑπὸ κατάραν εἰσίν· γέγραπται γὰρ ὅτι Ἐπικατάρατος πᾶς ὃς οὐκ ἐμμένει πᾶσιν τοῖς γεγραμμένοις ἐν τῷ βιβλίῳ τοῦ νόμου τοῦ ποιῆσαι αὐτά. 11 ὅτι δὲ ἐν νόμῳ οὐδεὶς δικαιοῦται παρὰ τῷ θεῷ δῆλον, ὅτι Ὁ δίκαιος ἐκ πίστεως ζήσεται· 12 ὁ δὲ ποιήσας αὐτὰ ζήσεται ἐν αὐτοῖς. 12 ὁ δὲ νόμος οὐκ ἔστιν ἐκ πίστεως, ἀλλ’ Ὁ ποιήσας αὐτὰ ζήσεται ἐν αὐτοῖς. 1 (Gal) 107 <?page no="986"?> 13 Χριστὸς ἡμᾶς ἐξηγόρασεν ἐκ τῆς κατάρας τοῦ νόμου γενόμενος ὑπὲρ ἡμῶν κατάρα, Ἐπικατάρατος πᾶς ὁ κρεμάμενος ἐπὶ ξύλου, 13 Χριστὸς ἡμᾶς ἐξηγόρασεν ἐκ τῆς κατάρας τοῦ νόμου γενόμενος ὑπὲρ ἡμῶν κατάρα, ὅτι γέγραπται, Ἐπικατάρατος πᾶς ὁ κρεμάμενος ἐπὶ ξύλου, 14 ἵνα τὴν εὐλογίαν τοῦ πνεύματος λάβωμεν διὰ τῆς πίστεως. 14 ἵνα εἰς τὰ ἔθνη ἡ εὐλογία τοῦ Ἀβραὰμ γένηται ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, ἵνα τὴν ἐπαγγελίαν τοῦ πνεύματος λάβωμεν διὰ τῆς πίστεως. - 15 Ἀδελφοί, κατὰ ἄνθρωπον λέγω· ὅμως ἀνθρώπου κεκυρωμένην διαθήκην οὐδεὶς ἀθετεῖ ἢ ἐπιδιατάσσεται. 16 τῷ δὲ Ἀβραὰμ ἐρρέθησαν αἱ ἐπαγγελίαι καὶ τῷ σπέρματι αὐτοῦ. οὐ λέγει, Καὶ τοῖς σπέρμασιν, ὡς ἐπὶ πολλῶν, ἀλλ’ ὡς ἐφ’ ἑνός, Καὶ τῷ σπέρματί σου, ὅς ἐστιν Χριστός. 17 τοῦτο δὲ λέγω· διαθήκην προκεκυρωμένην ὑπὸ τοῦ θεοῦ ὁ μετὰ τετρακόσια καὶ τριάκοντα ἔτη γεγονὼς νόμος οὐκ ἀκυροῖ, εἰς τὸ καταργῆσαι τὴν ἐπαγγελίαν. 18 εἰ γὰρ ἐκ νόμου ἡ κληρονομία, οὐκέτι ἐξ ἐπαγγελίας· τῷ δὲ Ἀβραὰμ δι’ ἐπαγγελίας κεχάρισται ὁ θεός. A. 3,6-9: Die Passage fehlt nach dem ausdrücklichen Zeugnis des Hieronymus im Text des Markion: Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas 1,3,6 (PL 26, 352A; CCSL 77A,74): Sicut Abraham credidit deo, et reputatum est ei ad iustitiam. Ab hoc loco usque ad eum ubi scribitur: Qui ex fide sunt benedicentur cum fideli Abraham Marcion de suo Apostolo erasit. Vgl. Tert., Adv. Marc. V 3,9: Proinde si in lege maledictio est, in fide vero benedictio, utrumque habes propositum apud creatorem; ibid., V 3,11: Sed et cum adicit: Omnes enim filii estis fidei, ostenditur quid supra haeretica industria eraserit: mentionem scilicet Abrahae, qua nos apostolus filios Abrahae per fidem adfirmat, secundum quam mentionem hic quoque filios fidei notavit. Ceterum quomodo filii fidei? et cuius fidei, si non Abrahae? ; ibid., V 3,12: Si enim Abraham deo credidit, et deputatum est iustitiae, atque exinde pater multarum nationum mervit nuncupari, nos autem, credendo deo magis proinde iustificamur, sicut Abraham, et vitam proinde consequimur, sicut iustus ex fide vivit: sic fit ut et supra filios nos Abrahae pronuntiarit, qua patris fidei, et hic filios fidei, per quam Abraham pater nationum fuerat repromissus; ibid., V 4,8: ita credo et Marcionem novissimam Abrahae mentionem dereliquisse, nullam magis auferendam, etsi ex parte convertit (Evans, 528, 530; nullam: nulla; auferendam: auferenda); id., De monog. 6,1 (SC 343,152. 154): Si enim ex fide filii deputamur Abrahae, ut apostolus docet, dicens ad [154] Galatas: Cognoscitis 108 Rekonstruktion <?page no="987"?> nempe quia qui ex fide isti sunt filii Abrahae, quando credidit Abraham Deo et deputatum est ei in iustitiam? ; id., De res. Mort. 18,12 (CCSL 2,919-920): Sic et per Abraham, patrem fidei, divinae familiaritatis virum, discimus; id., De carn. 22,5, vgl. zu Gal 3,16. ♦ *3,10-12: Vgl. Epiph., Pan. 42, 12, sch. 1 (120. 156 H.): Μάθετε ὅτι ὁ (ὅτι ὁ conj. In 120 aus διότι) δίκαιος ἐκ πίστεως ζήσεται: ὅσοι γὰρ ὑπὸ νόμον ὑπὸ κατάραν εἰσίν· ὁ δὲ ποιήσας αὐτὰ ζήσεται ἐν αὐτοῖς. Tert., Adv. Marc. V 3,9: Proinde si in lege maledictio est, in fide vero benedictio, utrumque habes propositum apud creatorem. Zuvor findet sich V 3,8-9: 8. … ut iam ex fidei libertate iustificetur homo, non ex legis servitute, quia iustus ex fide vivit. 9. Quod si prophetes Abacuc praenuntiavit, habes et apostolum prophetas confirmantem, sicut et Christus; ibid., V 3,12: sicut iustus ex fide vivit; Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas 2,3,13a (CCSL 77A,88): Quod si Apostoli voluerit nos testimonio coartare dicentis: Quicumque ex operibus legis sunt sub maledicto sunt. Scriptum est enim: maledictus omnis qui non permanserit in omnibus quae scripta sunt in libro legis ut faciat ea, et adserere omnes qui sub lege fuerint fuisse maledictos. Vgl. Dtn 27,26 LXX: Ἐπικατάρατος πᾶς ἄνθρωπος, ὃς οὐκ ἐμμενεῖ ἐν πᾶσιν τοῖς λόγοις τοῦ νόμου τούτου τοῦ ποιῆσαι αὐτούς· καὶ ἐροῦσιν πᾶς ὁ λαός Γένοιτο; Hab 2,4 LXX: ὁ δὲ δίκαιος ἐκ πίστεώς μου ζήσεται; Lev 18,5 LXX: ἃ ποιήσας ἄνθρωπος ζήσεται ἐν αὐτοῖς. ♦ *3,13: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 3, 9-10: 9. … Cur autem Christus factus sit pro nobis maledictio ipso apostolo edocente, manifestum est quam nobiscum faciat, id est secundum fidem creatoris. 10. Neque enim quia creator pronuntiavit, Maledictus omnis [in, Evans om] ligno suspensus, ideo videbitur alterius dei esse Christus. Adam., Dial. I 27: Παῦλος λέγει, ὅτι Χριστὸς ἡμᾶς ἐξηγόρασε; Epiph., Pan. 42, 12, sch. 2 (156 H.): Ἐπικατάρατος πᾶς ὁ κρεμάμενος ἐπὶ ξύλου, ὁ δὲ ἐκ τῆς ἐπαγγελίας, διὰ τοῖς ἐλευθέρας. Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas 2,3,13a (PL 26, 360A; CCSL 77A,87): Subrepit in hoc loco Marcion de potestate creatoris, quem sanguinarium, crudelem infamat et iudicem, asserens nos redemptos esse per Christum, qui alterius boni dei filius sit. Qui si intellegeret quo differret emere et redimere (quia qui emit alienum emit, qui autem redimit id emit proprie quod suum fuit et suum esse desivit), numquam scripturarum verba simplicia in calumniam sui dogmatis detorqueret; Vgl. Tert., Adv. Marc. I 11,8: qui et maledictum in se creatoris admisit ligno suspensus et idcirco a creatore iam tunc in lege maledictus; ibid., IV 21,11: ita nec de crucix maledicto erubescendus; ibid., V 3,11: Facilius enim credetur eius esse per maledictionem Christi benedictionem prospexisse homini, qui et maledictionem aliquando et benedictionem proposuerit ante hominem, quam qui neutrum umquam sit apud te professus (Evans, 524: credetur: crederetur; umquam: unquam). Adam., Dial. I 27 (im Mund des Megethius): Παῦλος λέγει, ὅτι Χριστὸς ἡμᾶς ἐξηγόρασε (Rufin: ut Paulus diceret: Christus nos redemit); vgl. auch Tert., 1 (Gal) 109 <?page no="988"?> Adv. Prax. 29,3 (CCSL 2,1202): Maledictione enim crucifixi, quae ex lege in filium competit - quia Christus pro nobis maledictio factus est, non pater - Christum in Patrem convertentes, in Patrem blasphematis; ibid., 29,4 (CCSL 2,1202): Nos autem dicentes Christum crucifixum, non maledicimus illum, sed maledictum legis referimus; id., De fug. 12,2 (CCSL 2,1150): ut fieret pro nobis maledictum; quia maledictus qui pependit in ligno (CSEL 76,36: pependit: pependerit); id., De pat. 8,3 (SC 310,88): dominus ipse maledictus in lege est et tamen solus est benedictus. Vgl. Dtn 27,26 LXX: Ἐπικατάρατος πᾶς ἄνθρωπος, ὃς οὐκ ἐμμενεῖ ἐν πᾶσιν τοῖς λόγοις τοῦ νόμου τούτου τοῦ ποιῆσαι αὐτούς· καὶ ἐροῦσιν πᾶς ὁ λαός Γένοιτο; Dtn 21,23 LXX: κεκατηραμένος ὑπὸ θεοῦ πᾶς κρεμάμενος ἐπὶ ξύλου. ♦ *3,14: Tert., Adv. Marc. V 3,11: Accepimus igitur benedictionem spiritalem per fidem. ♦ 3,15-18: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 3,11: Sed et cum adicit: Omnes enim filii estis fidei, ostenditur quid supra haeretica industria eraserit, mentionem scilicet Abrahae, qua nos apostolus filios Abrahae per fidem affirmat, secundum quam mentionem hic quoque filios fidei notavit. Ceterum quomodo filii fidei? et cuius fidei, si non Abrahae? Diese Notiz über Markions Auslassung dessen, was vor *Gal 3,26 steht, greift Tertullian zu Beginn von Kapitel 4 wieder auf und führt aus, ibid. V 4,1-2: [1] Sub eadem Abrahae mentione, dum ipso sensu revincatur, Adhuc, inquit, secundum hominem dico: dum essemus parvuli, sub elementis mundi eramus positi, ad deserviendum eis. Atquin non est hoc humanitus dictum. Non enim exemplum est, sed veritas. Quis enim parvulus, utique sensu, quod sunt nationes, non elementis subiectus est mundi, quae pro deo suspicit? Illud autem fuit, quod cum Secundum hominem dixisset, tamen testamentum hominis nemo spernit aut superordinat. [2] Exemplo enim humani testamenti permanentis divinum tuebatur. Abrahae dictae sunt promissiones et semini eius: non dixit seminibus, quasi pluribus, sed semini, tanquam uni, quod Christus est. Erubescat spongia Marcionis! Nisi quod ex abundanti retracto quae abstulit, cum validius sit illum ex his revinci quae servavit; vgl. auch id., De carn. 22,5 (SC 216,300): Retexens enim promissionem benedictionis nationum in semine Abrahae: Et in semine tuo benedicentur omnes nationes: non, inquit, dixit seminibus tamquam de pluribus, sed semine de uno, quod est Christus; id., De pat. 6,3 (SC 310,80): Ita fides patientia inluminata, cum in nationes seminaretur per semen Abrahae, quod est Christus, et gratiam legi superduceret; vgl. auch id., Adv. Iud. 2,8 (CCSL 2,1337-1338. B. (3,12) Nach αὐτά steht ein zusätzliches ἄνθρωπος in D 1 , M, a, vg s , sy hmg . ♦ (3,14) Anstelle von ἐπαγγελίαν wird εὐλογίαν bezeugt durch P 46 , 06* .c , 010, 012, 110 Rekonstruktion <?page no="989"?> 140 So auch H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 141 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 440. 142 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 45-47. 143 Zu Abraham in der kanonischen Redaktion, vgl. M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion (2018). 144 C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. b, d, g, vg mss , Vig, Ambst, als markionitische Lesart vermerkt in NA 28 . 140 Hingegen findet sich die kanonische Variante ἐπαγγελίαν in P 99 , 01, 02, 03, 06 2 , 018, 020, 025, 044, 278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, co. C. 1. (3,6-9) Hilgenfeld meint, des Hieronymus’ „Zeugnis lässt sich in keiner Hinsicht anfechten, da es auch durch Tertullian vollkommen bestätigt wird“. 141 Van Manen, Zahn, Harnack, Schmid und BeDuhn folgen Hilgenfeld. 142 Aller‐ dings meint Harnack, dass Tertullian die Stelle übergehe, aber dennoch den Begriff εὐλογοῦνται „des Originaltextes aus v. 9 im Gedächtnis“ habe; dabei führt Harnack den obigen Text aus Tert., Adv. Marc. V 3,9 an. Doch das Zitat verrät, dass Harnack nicht völlig korrekt urteilt, wie schon von Soden erkannt und richtiggestellt hatte, denn der Anfang des Zitats ist der Beleg für *Gal 3,10, dem Tertullian argumentativ das aus Gal 3,9 entnommene benedictio = εὐλογοῦνται entgegenhält. Markion könne nicht nur vom Gesetz als Fluch, sondern müsse auch vom Segen desselben sprechen, was er dann mit Dtn 11,26 begründet, Tert. Adv. Marc. V 3,9: Ecce posui, inquit, ante te maledictionem et benedictionem (Dtn 11,26). Non potes distantiam vindicare. Das „Gegensatz behaupten“ (distantiam vindicare) scheint sich nicht auf eine ausdrückliche Behauptung Markions zu beziehen, etwa einen Kommentar zur Stelle, sondern scheint aus dem Fehlen von Vers 9 in *Gal von Tertullian abgeleitet zu sein. Tertullian selbst führt etwas später aus, dass Markion „zuvor die Erwähnung Abrahams getilgt (eraserit) habe“, so Tert., Adv. Marc. V 3,11 und dass überhaupt jeder Bezug zu Abraham in Markions *Galaterbrief bis auf einen Hinweis (*Gal 4,22; dann nochmals *Röm 4,2) fehle, so ibid. V 4,8. 143 Weisse meinte, dieser Vers sei aus Röm 4,3-4 herübergenommen worden, 144 was man als kanonische Harmonisierung auffassen kann. 1 (Gal) 111 <?page no="990"?> 145 Vgl. M. Meiser, Galater (2007), 15. 20. 146 Detering gibt die Epiphaniusversion ohne ὅτι Ἐπικατάρατος πᾶς ὃς οὐκ ἐμμένει πᾶσιν τοῖς γεγραμμένοις ἐν τῷ βιβλίῳ τοῦ νόμου τοῦ ποιῆσαι αὐτά, H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 47-50. 147 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 72*. 148 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 1/ 316. 2. (3,8) Auffallenderweise entwickelt Justin, Dial. 119 eine parallele Vorstel‐ lung zur kanonischen, und auch für Irenäus sind die vorliegenden Verse antimarkionitisch bedeutend. 145 3. Hier folgt in den Versen Gal 3,6-9 die durch die Tilgung von ἐν ὑμῖν durch die kanonische Redaktion vorbereitete alternative Lesart des προεγράφη, also der Hinweis auf die Vorschau, die in der jüdischen Schrift für den abrahamischen Glauben existiert. 4. (3,10-12) Wie aus Epiphanius zu ersehen ist, ordnet er die Verse: 11b, 10a, 12b. Meyboom sieht den Vers wie oben. Hilgenfeld gibt aber zu bedenken, dass vielleicht auch Vers 11 bis δῆλον gestanden haben kann. Van Manen gibt diese Verse wie Epiphanius, jedoch mit der kanonischen Erweiterung: Μάθετε ὅτι ὁ δίκαιος ἐκ πίστεως ζήσεται: ὅσοι γὰρ ὑπὸ νόμον ὑπὸ κατάραν εἰσίν· ὅτι Ἐπικατάρατος πᾶς ὃς οὐκ ἐμμένει πᾶσιν τοῖς γεγραμμένοις ἐν τῷ βιβλίῳ τοῦ νόμου τοῦ ποιῆσαι αὐτά. ὁ δὲ ποιήσας αὐτὰ ζήσεται ἐν αὐτοῖς. 146 Harnack urteilt zu dieser Zeugenlage: „Die Verse 10b, 11a und 12a haben also nach ihm (scil. Epiphanius) gefehlt; die Beziehung auf das AT (γέγραπται) ist entfernt; auch die Umstellung ist glaublich. Aus Tert.s freier Darlegung … kann man nur mit geringer Wahrscheinlichkeit schließen, daß 11a (wenn auch in Umformung) doch nicht gefehlt hat; dagegen ist deutlich daß die Worte „quod si prophetes“ etc. Tert.s Eigentum sind. - Μάθετε ist von M. frei eingeschoben. - Ὑπὸ νόμον ist sonst unbezeugt (> ἐξ ἔργων νόμον εἰσίν, aber gleich darauf ὑπὸ κατάραν), ebenso ὁ δὲ (> ἀλλὰ ὁ)“. 147 Schmid hält das Μάθετε ὅτι ὁ δίκαιος ἐκ πίστεως ζήσεται „entweder“ für eine „redaktionelle Überleitung“ oder eine „Randbemerkung“. 148 Nach ὑπὸ νόμον fügt Schmid ein: (εἰσίν). Und anstelle von ὁ δὲ schreibt er (ἀλλά). Auch BeDuhn gesteht, dass kein Zeuge die Verse 11a oder 12a bezeugt, nimmt aber komplett die Verse 10-12 (mit den unbezeugten Teilen in Klammern) auf und folgt der kanonischen Ordnung, wobei er in Vers 11 das Μάθετε einfügt. 5. Das zusätzliche ἄνθρωπος in einigen Zeugen ist eine Harmonisierung, weil das Schriftzitat ziemlich abrupt in den Text eingeschoben ist. Wie das Subjekt 112 Rekonstruktion <?page no="991"?> 149 So zu Gal 3,6-14 H.D. Betz, Der Galaterbrief. Ein Kommentar zum Brief des Apostels Paulus an die Gemeinden in Galatien (1988), 250. 150 So P. Lampe, Reticentia in der Argumentation: Gal 3,10-12 als Stipatio Enthymematum (1999), 27. 151 Vgl. J. Becker and U. Luz, Die Briefe an die Galater, Epheser und Kolosser (1998), 50. 152 Vgl. etwa den Versuch von P. Lampe, Reticentia in der Argumentation: Gal 3,10-12 als Stipatio Enthymematum (1999), 27. ist auch das Objekt αὐτά ohne direkten Bezugspunkt, und doch ergibt das Zitat Sinn, weil es sich insgesamt auf diejenigen, die unter dem Gesetz sind, bezieht. 6. Wie bereits zu Vers 3,1 bemerkt, führt der narrative Zusammenhang zu einem unmittelbaren Übergang der Verse 2,16. 18. 20 zu diesen Versen hier 3,10-14, nur kurz unterbrochen von der Galaterschelte von *Gal 3,1. In Kapitel 2 erläutern diese Verse, warum die Reaktion des Petrus eine solche Heuchelei darstellte und ihn von dem geradlinigen Weg der Wahrheit des Evangeliums abbrachte, was mit der Rücksicht und Bedeutung der Beschneidung zu tun hat. Die Antwort des *Paulus lautet: „Ein Mensch wird nicht aus dem Gesetz gemäßen Handlungen gerecht, sondern allein aus dem Glauben“ (*Gal 2,16), es ist ein Glaube, der aufbaut, was er niedergerissen hat - vermutlich die Verbindung zwischen Beschnittenen und Unbeschnittenen. *Gal 3,10 knüpft hieran an. Dem Glaubenden, der aufbaut, was zerrissen war, stehen diejenigen gegenüber, „die unter dem Gesetz sind“, die aber „unter einem Fluch“ stehen, weil sie die Werke des Gesetzes tun, von denen in *Gal 2,16 die Rede war. Ihr eigenes Gesetz verpflichtet sie dazu. Genau dagegen steht jedoch die Botschaft Christi, wie dann Vers 13 ausführen wird. 7. Vergleicht man mit dieser klaren Aussage das Rätsel, das die kanonische Redaktion hieraus macht, kann man lediglich die modernen Exegeten zitieren, unter denen „Übereinstimmung“ herrscht, „daß es äußerst schwierig ist, dem Beweisgang des Paulus in diesem Abschnitt zu folgen“. 149 Es wurde zu Recht auf die Unstimmigkeit hingewiesen, wonach in Vers 10 „aus dem Fluch, der auf dem Nicht-Erfüllen des Gesetzes liegt“, gefolgert wird, „daß der, der aus Geset‐ zeswerken lebt, verflucht sei“, es sei auch rätselhaft, wieso in Vers 11 aus dem Satz „aus Glauben kommen Leben/ Gerechtigkeit“ der andere folge, „daß aus dem Gesetz nie Leben/ Gerechtigkeit resultieren können“ und es nehme „Wunder, inwiefern das Schriftzitat 3,12b den Vordersatz 3,12a zu begründen“ vermöge. 150 Bisweilen nahm man an, es fehlten ein oder mehrere Zwischengedanken. 151 Der Widerspruch im gesamten Gefüge kann auch nicht durch einen Hinweis auf Brachylogie geheilt werden, gewissermaßen ein Zugeständnis an die irgendwie unbefriedigende Argumentation. 152 Wie an manchen anderen Stellen scheint die kanonische Redaktion auch an dieser Stelle bei ihrer Arbeit überfordert 1 (Gal) 113 <?page no="992"?> 153 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 441. 154 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 73*. 155 Unsicher, was γέγραπται betrifft, ist H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 50-51. 156 Vgl. zu diesen Diskussionen M.D. Litwa, The Evil Creator. Origins of an Early Christian Idea (2021), 141. 157 Vgl. G. Jeremias, Der Lehrer der Gerechtigkeit (1963), 133-134; F.F. Bruce, The epistle of Paul to the Galatians. A commentary on the Greek text (1982), 165; C.D. Stanley, „Under a Curse“: A Fresh Reading of Galatians 3.10-14 (1990), 505. 158 Vgl. P. Feine, Das gesetzesfreie Evangelium des Paulus nach seinem Werdegang dargestellt (1899); A.J. Hultgren, Paul’s Pre-Christian Persecutions of the Church: Their Purpose, Locale, and Nature (1976); S. Kim, The Origin of Paul’s Gospel (1984); H. Räisänen, Paul and the Law (1983); M. A. Seifrid, Justification by Faith. The Origin and d-Development of a c-Central Pauline Theme (1992). Zu Deut 21,23 als Referenztext dieser Debatte, vgl. G. Jeremias, Der Lehrer der Gerechtigkeit (1963); H.-W. Kuhn, The Impact of Selected Qumran Texts on the Understanding of Pauline Theology (2006); F.G. Martínez, Galatians 3: 10-14 in the Light of Qumran (2014); D. Chapman, Ancient gewesen zu sein, sie arbeitete nicht gründlich, nicht logisch, sondern ihre Arbeit resultierte in einem etwas hilflosen Endtext. 8. (3,13) Das ὁ δέ … ἐλευθέρας des Epiphanius ist eigentlich ein weiteres Scholion, das *Gal 4,23 wiedergibt, so schon Zahn. Van Manen gibt den Vers nach dem kanonischen Text (unter Auslassung von γέγραπται). Hilgenfeld nennt Vers 13 „eine Lieblingsstelle der Marcioniten, welche sowohl auf den Gesetzes‐ fluch über den Gekreuzigten, als auch auf die Erkaufung der Menschheit (die Christo an sich fremd gewesen sei) besondres Gewicht legten“. 153 Harnack meint, „die direkt nicht bezeugten Worte von ἐκ τ. κατάρας bis κατάρα können nicht gefehlt haben“. 154 Harnack führt das ὅτι γέγραπται in seinem Text mit, so auch BeDuhn in Klammern, doch, wie man gerade zuvor aus Vers 10 entnehmen kann, scheint die für Vers 13 unbezeugte Einleitungsformel hier ebenfalls entbehrlich. 155 Schmid sieht bezeugt: Χριστὸς … γενόμενος ὑπὲρ ἡμῶν κατάρα, (ὅτι γέγραπται) Ἐπικατάρατος πᾶς ὁ κρεμάμενος ἐπὶ ξύλου. 9. Die Diskussion des Verfluchtseins am Kreuz findet sich auch im weiteren patristischen Umfeld vom 2. ( Justin) bis ins 4. Jh. (Hieronymus) und weiter. 156 Vor allem wurde die Frage aufgeworfen, ob Paulus bereits den Gedanken vermeiden wollte, dass der jüdische Gott seinen eigenen Sohn verflucht. 157 Es gibt in der Forschung auch die (antijüdische) Vermutung, dass es sich um eine jüdische, gegen den Messiasprätendenten gerichtete Invektive aus dem ersten Jahrhundert handele, die vielleicht schon Paulus selbst vertrat, als er die Kirche verfolgte. 158 114 Rekonstruktion <?page no="993"?> Jewish and Christian Perceptions of Crucifixion (2008); K.S. O’Brien, The Curse of the Law (Galatians 3.13): Crucifixion, Persecution, and Deuteronomy 21.22-23 (2006). 159 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 441. 160 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 51-53. 161 Vgl. M. Meiser, Galater (2007), 14. 162 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 53-57. 163 Vgl. E.S. Lodovici, Sull’ interpretazione di alcuni testi della Lettera ai Galati in Marcione e in Tertulliano (1972), 381-385. 10. (3,14) Hilgenfeld meint: „Es ist gewiß nicht zufällig, daß er [sc. Markion] sowohl den Segen Abrahams als auch die Vorherverkündigung (ἐπαγγελίαν) des Geistes gar nicht berührt, da er sich solche Waffen gegen den Feind der Patriarchen und Propheten nimmermehr hätte entgehen lassen. Es ist nur anzunehmen, daß Marcion wirklich das Angegebene (ähnlich wie 3,6-9 die Glaubensgerechtigkeit und den Segen Abrahams) beseitigt hatte“. 159 Seine Rekonstruktion lautet: ἐλάβομεν οὖν τὴν εὐλογίαν τοῦ πνεύματος διὰ τῆς πίστεως, so auch die von van Manen, Zahn und Harnack. Schmid und BeDuhn bieten den Text wie oben, 160 wobei alle Editoren das Fehlen von Vers 14a annehmen, gemäß dem Hinweis Tertullians auf das Fehlen von Abraham. Die Wendung ἡ εὐλογία τοῦ Ἀβραάμ klingt an in 1Klem 31,2. 161 11. (3,15-18) Wie für Vers 14a bereits ausgeführt, ist auch diese lange, unbe‐ zeugte Passage nach Hilgenfeld, van Manen, Zahn, Harnack, Schmid (nimmt nur Verse 15-18 als fehlend, den Rest als unbezeugt) und BeDuhn (er nimmt allerdings noch den Vers 22 in den Text hinein) als nicht vorhanden anzusehen. 162 BeDuhn sieht die Ausführungen von Tertullian, Adv. Marc. V 4,1-2 korrek‐ terweise als Anzeige für eine Transposition von Gal 3,15a zu Gal 4,3. Denn Tertullian hat auch Mühe zu bestreiten, dass der Vers 3,15a in Markions Apos‐ tolos vor 4,3 steht, und argumentiert dahingehend, dass er - selbstverständlich seinem kanonischen Gal folgend, wie Harnack schon erläutert hat - eigentlich zu Gal 3,15-16 gehöre (Adhuc, inquit, secundum hominem dico: dum essemus parvuli, sub elementis mundi eramus positi, ad deserviendum eis). Daraus aber abzuleiten, wie Lodovici verfährt, dass diese Verse 3,15-16 auch bei Markion standen, ist, wie Harnack und alle anderen Editoren gesehen haben, wohl wenig wahrscheinlich. 163 Wenn BeDuhn für Gal 3,22 auf Tert., Adv. Marc. V 14,11 verweist, lässt sich das von ihm Zitierte („Had the creator’s law for this reason concluded all things under sin…? “), nicht nachweisen. 1 (Gal) 115 <?page no="994"?> D. (3,6) καθώς als Satzeröffnung findet sich ausschließlich bei Paulus auf der kanonischen Ebene (Gal 3,6; 1Kor 1,6; 2Kor 6,16; 8,15; 9,9; Röm 1,17; 2,24, 3,4. 10; 4,17; 8,36; 9,13. 33; 10,15; 11,8). ♦ Ἀβραάμ, das 75 / 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,22; *Röm 4,2. ♦ πιστεύω, das 265 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21 (τοὺς πιστεύοντας); 15,11; *Röm 1,16 (τῷ πιστεύοντι); 10,4 (τῷ πιστεύοντι); *2Thess 2,12 (οἱ μὴ πιστεύσαντες); *Laod 1,13 (πιστεύσαντες), vgl. weiter unten Vers 22. ♦ λογίζομαι ist ein wichtiger Begriff ausschließlich der kanonischen Ebene, vgl. weiter oben zu Vers 5. ♦ δικαιοσύνη, das 97 / 92 Mal im NT steht, ist ein bedeutender Begriff der kanonischen Redaktion, wenn er auch vorkanonisch in *Paulus bezeugt ist. Zur Abwesenheit: Wie bereits die Satzeröffnung anzeigt und von λογίζομαι gestützt wird, gibt es Spezifika der kanonischen Redaktion, die den unbezeugten Vers auch als von der vorkanonischen Fassung abwesend erzeigen. (3,7) Die Aufforderung γινώσκετε (bisweilen auch am Satzanfang wie hier, etwa 2Kor 8,9) begegnet nur auf der kanonischen Ebene bei Paulus (Gal 3,7; 2Kor 8,9; Phil 2,22). ♦ ἄρα, das 52 / 49 Mal im NT steht, findet sich auch vorkanonisch (*Ev 11,20; *Gal 4,31; 6,10; *1Kor 15,14). ♦ Zu Ἀβραάμ vgl. zuvor zu Vers 6. ♦ οὗτοι steht 77 Mal im NT und findet sich überhaupt nur auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: In diesem kurzen Vers begegnen bereits zwei ausschließlich für die kanonische Fassung belegten Formen (die Verseröffnung γινώσκετε; οὗτοι), dazu kommt der ausdrücklich als abwesend gekennzeichnete Bezug zu Abraham - der Vers geht folglich auf die kanonische Redaktion zurück und war in der vorkanonischen Fassung abwesend. (3,8) προοράω steht 6 / 4 Mal im NT, ist jedoch ausschließlich für die kanonische Ebene belegt, sonst findet er sich nur noch in Apg. ♦ Der Charakter der kanonischen Redaktion zeigt sich auch in der Verwendung von ἡ γραφή, einem Begriff, der ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden ist. ♦ δίκαιος, das 84 / 79 Mal im NT steht, ist auch vorkanonisch bezeugt. ♦ ἔθνος, das 175 / 162 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; *1Thess 4,5; *Laod 2,11. ♦ προευαγγελίζομαι ist Hapax legomenon im NT. ♦ Zu Ἀβραάμ vgl. zuvor zu Vers 6. ♦ ἐνευλογέομαι begegnet nur 2 Mal im NT, auch das andere Mal auf der kanonischen Ebene (Apg 3,25; Gal 3,8). ♦ Die Wendung ἐν σοί steht 20 Mal im NT (3 Mal Mt; Mk 1,11; Lk 3,22; 11,35; 19,44; Joh 17,21; Röm 9,17; Gal 3,8; 1Tim 4,14; 2Tim 1,5. 6; 2 Mal Apk), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung πάντα τὰ ἔθνη steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 25,32; Apg 15,17; Röm 15,11; 16,26, in zwei Versen, die in *Röm fehlen; Gal 3,8; 3 Mal Apk). 116 Rekonstruktion <?page no="995"?> 164 P.A. Gramaglia, Ed. Marcione e il Vangelo (di Luca) (2017), 6. Zur Abwesenheit: Wiederum begegnen Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (προοράω; γραφή; ἐνευλογέομαι; ἐν σοί; πάντα τὰ ἔθνη), und wiederum der Verweis auf den Abwesenden Abraham - auch dieser Vers ist folglich Produkt der kanonischen Redaktion und vorkanonisch abwesend. (3,9) Die hier unbezeugte Konjunktion ὥστε steht 86 / 83 Mal im NT, davon 37 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,21 (Verseröffnung); *2Kor 3,7 (im Vers); *Röm 7,12; *2Thess 2,4 (im Vers). ♦ εὐλογέω steht 45 / 42 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,16 und *Röm 12,14. Trotz der vorkanonischen Bezeugung erweist sich der Terminus als ein beliebter der kanonischen Redaktion. ♦ πιστός, was 69 Mal im NT steht, findet sich nur negativ vorkanonisch bezeugt. ♦ Zu Ἀβραάμ vgl. zuvor zu Vers 6. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist zwar nur ein Element auf, das nur auf der kanonischen Ebene belegt ist (πιστός), doch sein Fehlen in der vorkanonischen Version wird gestützt durch die kanonische Nennung von Abraham, der nach Ausweis Tertullians gefehlt hat. (3,10) ἔργον, das 187 / 169 Mal im NT steht, ist trotz der vorkanonischen Bezeugung in *Gal 2,16 (τὸ ἔργον νόμου) überwiegend ein Begriff der kanonischen Ebene. ♦ κατάρα steht 6 Mal im NT, gleich weiter unten in Vers 13 vorkanonisch bezeugt, ansonsten auf der kanonischen Ebene stehend. ♦ γέγραπται ist eine der typischen Weisen (*1Kor 9,9 kann auch ein Mal γέγραφεν stehen), in der auch in der vorkanonischen Fassung auf die Schrift verwiesen wird - öfter im Unterschied zur kanonischen Fassung, wo im Gegensatz zu dieser gerne von ἡ γραφή die Rede ist. In dieser Hinsicht ist Gramaglia nicht völlig korrekt, da er bei seiner Lexik leider *Paulus zu wenig berücksichtigt hat und darum γέγραπται für einen synoptischen Sprachgebrauch hält. 164 ♦ ἐπικατάρατος steht 3 Mal im NT, gleich weiter in Vers 13 vorkanonisch bezeugt. ♦ ἐμμένω steht 4 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (Apg 14,22; 28,30; Gal 3,10; Hebr 8,9). ♦ πᾶσιν steht 91 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6. ♦ βιβλίον steht 37 / 34 Mal im NT, etwa Lk 4,17. 20, überhaupt also nur in Lukasversen, die in *Ev fehlen, und auch sonst ausschließlich auf der kanonischen Ebene, insbesondere in der Apokalypse. ♦ αὐτά (Nom. / Akk. Neut. Pl.) steht 53 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,23. 26; 10,21; *Gal 3,12. Zur Rekonstruktion: Wie die früheren editorischen Versuche zeigen, ist die Rekonstruktion dieses und des nächsten Verses nicht einfach. Allerdings besteht weitgehend Übereinstimmung, dass die Versteile 10b und 11a vorkanonisch 1 (Gal) 117 <?page no="996"?> 165 Vgl. etwa Klinghardt zu *Εv 23,56. nicht vorhanden waren. Offenkundig fehlte auch der Verweis auf die jüdische Schrift (γέγραπται). Die Rekonstruktion folgt der Anordnung des Textes, wie von Epiphanius angezeigt. (3,11) Zu dem von Epiphanius bezeugten μανθάνω, das 143 / 25 Mal im NT zu finden und vorkanonisch bezeugt ist für *Gal 3,10; *1Kor 15,35, gilt zu bedenken, dass Klinghardt an einzelnen Stellen festgestellt hat, dass auch dem Zeugnis des Epiphanius manchmal Misstrauen entgegengebracht werden muss, zumal, wie hier, die Eröffnung noch Kommentar des Epiphanius sein könnte. 165 ♦ ὅσος steht etwa Lk 8,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,22; *Gal 3,10; *2Kor 1,20; *Röm 2,12. ♦ Das in der kanonischen Fassung begegnende οὐδείς (Nom. Mask. Sg.) steht 96 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8; 9,15; *Laod 5,29. Bei diesem Begriff ist zu bemerken, dass er nicht nur öfter an Stellen steht, die in *Ev und *Paulus fehlen, sondern, wie an vorliegender Stelle, offenkundig auch alternativ für andere Begriffe und Konstruktionen durch die Redaktion verwendet wurde. ♦ νόμος, das 204 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch reichlich bezeugt für *Ev und *Paulus. ♦ δικαιόω, das 59 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. ♦ παρά, das 217 / 194 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8. 12; *1Kor 3,19; *Röm 2,13; 12,16; *2Thess 1,6. ♦ δῆλος steht 5 / 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 26,73; 1Kor 15,27; Gal 3,11; 1Tim 6,7; Hebr 12,27). ♦ δίκαιος steht 84 / 79 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,11; *Röm 2,13; 7,12; *2Thess 1,6. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. Zur Rekonstruktion: Der oben in den Text genommene Teil ist vorkanonisch bezeugt, während das im unbezeugten Teil stehende δῆλος nur kanonisch bezeugt ist; wir sehen also eine Übereinstimmung der fehlenden Bezeugung und Lexik, d. h. der unbezeugte Teil war wohl auch abwesend von der vorkanonischen Version. (3,12) Zu dem auch vorkanonisch bezeugten ζάω vgl. zum voranstehenden Vers 3,11. ♦ αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.), das 543 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; *2Thess 2,11. Zur Rekonstruktion: Auch bei diesem Vers folgen wir mit den älteren Editoren dem Zeugnis des Epiphanius, lexikalisch lässt sich kein neues Argument ge‐ winnen. (3,13) ἐξαγοράζω steht 4 Mal im NT, vorkanonisch wieder bezeugt in *Gal 4,5. ♦ Zu κατάρα vgl. zuvor zu Vers 10. ♦ ἐπικατάρατος steht 3 Mal im NT steht, vgl. zuvor zu Vers 10. ♦ κρεμάννυμι steht 8 / 7 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene bezeugt. 118 Rekonstruktion <?page no="997"?> 166 Vgl. J. Jeremias, OMΩΣ (I Cor 14, 7; Gal 3, 15) (1961). 167 Vgl. hierzu H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 54. 168 Vgl. O. Eger, Rechtswörter und Rechtsbilder in den paulinischen Briefen (1918), 92-93. ♦ ξύλον steht 20 Mal im NT, ansonsten nurmehr für die kanonische Ebene bezeugt, wobei es nur eine weitere Stelle bei Paulus gibt. Zur Rekonstruktion: Es gibt keinen Dissens der älteren Editoren, und sie geben den Text wie oben, der gut bezeugt ist. (3,14) Zum unbezeugten Versteil: ἔθνος, das 175 / 162 Mal im NT steht, ist vorkano‐ nisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; *1Thess 4,5; *Laod 2,11. ♦ εὐλογία steht 16 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Ἀβραάμ, das 75 / 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,22; *Röm 4,2. ♦ Die Variante ἐπαγγελία steht 52 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23; *2Kor 1,20; *Laod 1,13; 2,12. ♦ Die Kombination ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ begegnet 47 Mal im Neuen Testament, ausschließlich im kanonischen Paulus, vgl. zu 1Kor 1,4. Zur Rekonstruktion: Die Rekonstruktion folgt dem Zeugnis Tertullians, demzu‐ folge der Anfang von Vers 14 gefehlt hat; so urteilen auch die früheren Editoren. Strittig ist lediglich die Wortstellung, doch kann man Tertullians Wortstellung nicht immer folgen, da er diese öfter umkehrt. (3,15) Die Verbform λέγω, die 214 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,51; *Laod 5,32, vgl. weiter Vers 17. ♦ ὅμως, das 3 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. 166 ♦ κυρόω steht 2 Mal im NT, auch das andere Mal auf der kanonischen Ebene (Gal 3,15; 2Kor 2,8). 167 ♦ διαθήκη, das 33 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *2Kor 3,3; *Laod 2,12. ♦ Zu dem kanonisch beliebten οὐδείς (Nom. Mask. Sg.), vgl. zuvor zu Vers 11. ♦ ἀθετέω steht 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,16; *1Kor 1,19. ♦ Das verbum compositum ἐπιδιατάσσομαι ist Hapax legomenon im NT, doch das verbum simplex, διατάσσω, das 18 / 16 Mal im NT steht und in Vers 19 wieder begegnet, findet sich ausschließlich belegt für die kanonische Redaktionsstufe. ἐπιδιατάσσομαι ist juristischer terminus technicus. 168 Zur Abwesenheit: Wie aus dem Zeugnis Tertullians hervorgeht, handelt es sich hier um einen vorkanonisch fehlenden Text. Das wird bestätigt durch die Lexik von ausschließlichen Begriffen der kanonischen Redaktion (ὅμως; κυρόω; διατάσσομαι) und solcher, die dort beliebt sind (οὐδείς). (3,16) Die Kombination τῷ δέ steht 12 Mal im NT, davon 10 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 4,4. 5; 16,25, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 15,57; 2Kor 2,14; Gal 3,16. 18; Eph 3,20; Phil 4,20; 1Tim 1,17; Jud 1,24; im Vers: Lk 12,10, wo 1 (Gal) 119 <?page no="998"?> 169 Vgl. hierzu H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Expla‐ nations (2003), 55. diese Kombination fehlt und δέ nachgestellt steht; Gal 3,18), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbformen ἐρρέθη / ἐρρέθησαν stehen 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. 169 ♦ Zu Ἀβραάμ, das 75 / 73 Mal im NT steht, vgl. zuvor zu Vers 14. ♦ ἐπαγγελία, das 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch für *2Kor 1,20; *Laod 1,13; 2,12 bezeugt. ♦ σπέρμα, das 45 / 43 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,38. ♦ Die Verbform λέγει steht 338 Mal im NT, ist jedoch nur schwach (man vgl. etwa die lange Serie in Röm 9,15. 17. 25; 10,6. 8. 11. 16. 19. 20. 21; 11,2. 4. 9, in Versen, die in *Röm fehlen) bezeugt, wenn auch sowohl für *Ev wie für *Paulus, bei *Paulus für *1Kor 9,8; 14,34; *Laod 5,14. ♦ Die Kombination ἀλλ’ ὡς steht 17 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene, nicht in Lk jedoch u. a. in Paulus (Röm 9,32; 1Kor 3,1; 4,14; 2Kor 2,17; 7,14; 11,17; Gal 3,16; 4,14; Eph 5,15. 24; 6,6). ♦ σου (Gen. Mask. / Neut. Sg. von σύ / σός) steht 361 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,14; *1Kor 15,55; *Röm 2,25. Zur Abwesenheit: Hier gilt analog das zum voranstehenden Vers notierte. Wieder wird die Abwesenheit gestützt durch die Lexik der ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehenden Elemente (τῷ δέ; ἐρρέθη / ἐρρέθησαν; ἀλλ’ ὡς) und durch die Abwesenheitsnotiz für Abraham. (3,17) τοῦτο vgl. zuvor zu Vers 2. ♦ Zur Verbform λέγω vgl. zuvor zu Vers 15. ♦ διαθήκη, das 33 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *2Kor 3,3; *Laod 2,12. ♦ προκυρόομαι ist Hapax legomenon im NT, das verbum simplex steht 2 Mal auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu Vers 15. ♦ ἔτος, das 53 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 3,1; *Gal 2,1. ♦ ἀκυρόω steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 15,6; Mk 7,13; Gal 3,17). ♦ τετρακόσιοι steht 4 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (Apg 5,36; 7,6; 13,20; Gal 3,17). ♦ τριάκοντα steht 13 / 9 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ καταργέω, das 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15 und vielleicht *2Kor 3,11. 13. ♦ Zu ἐπαγγελία vgl. zum Vers 16 zuvor. Zur Abwesenheit: Auch hier gilt analog, was zu Vers 15 notiert wurde. Die Ab‐ wesenheit wird erneut durch die Lexik gestützt, die ausschließlich kanonische Terminologie aufweist (ἀκυρόω; τετρακόσιοι; τριάκοντα). (3,18) Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröff‐ nung, als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. ♦ κληρονομία steht 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,13; *Laod 1,18. ♦ Zu ἐπαγγελία vgl. 120 Rekonstruktion <?page no="999"?> zum Vers 16 zuvor. ♦ Die Kombination τῷ δέ steht 12 Mal im NT, davon 10 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 3,16. ♦ χαρίζω bzw. χαρίζομαι steht 24 / 23 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Auch hier gilt analog, was zu Vers 15 notiert wurde. Erneut findet sich eine Lexik mit ausschließlich kanonischen Elementen (Verseröffnung εἰ γάρ; χαρίζω bzw. χαρίζομαι). 3,[19-25] 26 [27-29]: Alle sind Söhne des Glaubens Für diesen Abschnitt ist nur ein Stück des Verses 26 bezeugt. Der restliche Teil ist wiederum eine Hinzufügung, die der Narration der kanonischen Redaktion mit Blick auf die heilsgeschichtliche Stellung des Gesetzes folgt. - 19 Τί οὖν ὁ νόμος; τῶν παραβάσεων χάριν προσετέθη, ἄχρις οὗ ἔλθῃ τὸ σπέρμα ᾧ ἐπήγγελται, διαταγεὶς δι’ ἀγγέλων ἐν χειρὶ μεσίτου. 20 ὁ δὲ μεσίτης ἑνὸς οὐκ ἔστιν, ὁ δὲ θεὸς εἷς ἐστιν. 21 Ὁ οὖν νόμος κατὰ τῶν ἐπαγγελιῶν [τοῦ θεοῦ]; μὴ γένοιτο· εἰ γὰρ ἐδόθη νόμος ὁ δυνάμενος ζῳοποιῆσαι, ὄντως ἐκ νόμου ἂν ἦν ἡ δικαιοσύνη. 22 ἀλλὰ συνέκλεισεν ἡ γραφὴ τὰ πάντα ὑπὸ ἁμαρτίαν ἵνα ἡ ἐπαγγελία ἐκ πίστεως Ἰησοῦ Χριστοῦ δοθῇ τοῖς πιστεύουσιν. 23 Πρὸ τοῦ δὲ ἐλθεῖν τὴν πίστιν ὑπὸ νόμον ἐφρουρούμεθα συγκλειόμενοι εἰς τὴν μέλλουσαν πίστιν ἀποκαλυφθῆναι. 24 ὥστε ὁ νόμος παιδαγωγὸς ἡμῶν γέγονεν εἰς Χριστόν, ἵνα ἐκ πίστεως δικαιωθῶμεν· 25 ἐλθούσης δὲ τῆς πίστεως οὐκέτι ὑπὸ παιδαγωγόν ἐσμεν. 26 Πάντες γὰρ υἱοὶ ἐστε τῆς πίστεως. 26 Πάντες γὰρ υἱοὶ θεοῦ ἐστε διὰ τῆς πίστεως ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ. - 27 ὅσοι γὰρ εἰς Χριστὸν ἐβαπτίσθητε, Χριστὸν ἐνεδύσασθε· 28 οὐκ ἔνι Ἰουδαῖος οὐδὲ Ελλην, οὐκ ἔνι δοῦλος οὐδὲ ἐλεύθερος, οὐκ ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ· πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ. 29 εἰ δὲ ὑμεῖς Χριστοῦ, ἄρα τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα ἐστέ, κατ’ ἐπαγγελίαν κληρονόμοι. A. Vgl. zur Bezeugung den Abschnitt zuvor. ♦ 3,19: Vgl. Tert., De uxor. I 2,3. ♦ *3,26: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 3,11: Sed et cum adicit: Omnes enim filii estis fidei; ibid.: Ceterum quomodo filii fidei? ♦ 3,29: Tert., Adv. Marc. V 3,11: Sed et 1 (Gal) 121 <?page no="1000"?> 170 Vgl. G.D. Kilpatrick, Western Text and Original Text in the Epistles (1944), 62. 171 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 53-57. 172 Vgl. Iren., Adv. Haer. IV 2,7; vgl. hierzu M. Meiser, Galater (2007), 20. 173 Vgl. Clem. Alex., I 165-167; Strom. I 28,2; VI 11,2; zu dieser Stelle vgl. Ibid. 24. 174 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 441. 175 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 57-59. cum adicit: Omnes enim filii estis fidei, ostenditur quid supra haeretica industria eraserit, mentionem scilicet Abrahae, qua nos apostolus filios Abrahae per fidem affirmat, secundum quam mentionem hic quoque filios fidei notavit. B. (3,19) Anstelle von νόμος; τῶν παραβάσεων χάριν προσετέθη (ἐτέθη 06, 2464) in 01, 02, 03, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 0176 vid , 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, M lat; Cl findet sich νόμος τῶν παράξεων ἐτέθη in 010, 012, it, Ir lat , Ambst, Spec, νόμος τῶν παράξεων in P 46 ♦ (3,21) τοῦ θεοῦ add 01, 02, 04, 06, 018, 020, 025, 044, 0278, 33, 81, 365, 630, 1175, 1241, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, co, του Χριστου add 104, θεου add 010, 012, om in P 46 , 03, d, Ambst. 170 ♦ (3,28) Statt εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ findet sich in P 46 , 01 c , 02 ἐστε Χριστοῦ. C. 1. (3,19-25) Vgl. zur Kommentierung den Abschnitt zuvor. Alle Editoren rechnen mit der Abwesenheit dieses Abschnittes. 171 Zusammen mit diesem hat die kanonische Redaktion eine lange Ausführung zur heilsgeschichtlichen Stellung des Gesetzes entworfen, innerhalb derer Abraham und die Verheißung seines Samens eine zentrale Rolle spielen. In der vorkanonischen Version fehlt diese Narration, doch sie gibt einen Einblick in die spezifische theologische Diskussion, die zum ausgehenden zweiten Jahrhundert geführt wurde - ein zentrales Thema, dem sich ja auch der heilsgeschichtliche Entwurf des Irenäus in Adv. haer. widmet. Insbesondere die Funktion des Gesetzes behandelt Irenäus. Für ihn ist das Gesetz der Erzieher auf Christus hin, sodass man den Unglauben „nicht dem Gesetz anlasten“ kann. 172 Dem gegenüber Irenäus etwas jüngeren alexandrinischen Lehrer Klemens von Alexandrien dient die kanonische Passage „für die berühmte Konzeption der Heilsgeschichte, der gemäß beide, die Tora und die von ihr abhängige Philosophie der Griechen, auf Christus hinführen“. 173 2. (3,26) Hilgenfeld rechnete wegen Tertullians „freiern Anführung“ mit dem kanonischen Text. 174 Van Manen, Zahn, Schmid und BeDuhn stimmen mit der hier vorgelegten Version überein. 175 122 Rekonstruktion <?page no="1001"?> 176 Vgl. J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 126; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 266. 177 Bezüglich der Verse 27-28 ist Detering unentschlossen, Vers 29 sieht er als abwesend, H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 59. 178 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 73*. 179 Vgl. zu dem Thema „Erbe“ im Detail die Einleitung, Teil II § 7 6 b. Tertullian scheint jedenfalls nicht filii dei gelesen zu haben, Harnack hält dies für einen Transmissionsfehler, der sich auch bei Hilarius, Hom. in Ps. 91 findet, und erklärt dies aus Dittographie. BeDuhn überzeugt diese Erklärung nicht, er verweist aber auf *Gal 4,6, wo von „Söhnen Gottes“ die Rede ist. Auffallend ist die mögliche Kombination beider Versionen in Tert., Adv. Prax. 13,4, wo es per fidem filio Dei heißt. 176 3. (3,27-29) Dieser Textteil ist unbezeugt, auch wenn Hilgenfeld darauf hinweist, Tertullian habe bereits Adv. Marc. III 17 Vers 17 berührt, während er Vers 29 als fehlend ansieht wegen der Erwähnung Abrahams. 177 BeDuhn lässt Vers 27 aus, doch Harnack meint, dass der Text „schwerlich gefehlt haben“ kann. 178 Während van Manen die Passage auslässt, hat Zahn sie im Text gesehen, wenn auch ohne τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα. Auch Schmid sieht nur diese Erwähnung Abrahams abwesend, den Rest unbezeugt. Da in diesem Passus wieder auf Abraham verwiesen wird (vgl. denselben Ausdruck auch in 2Kor 11,22 auf der kanonischen Ebene), ist dies gewiss eine kanonische redaktionelle Ergänzung, fehlte also in *Gal. Das Taufthema der Verse 27-28 schließt gut an den Segen des Geistes in V. 14 an. Vielleicht ist also nur V. 29 eine kanonische Redaktion. Wenn dem so wäre, würde aus der verschiedenen Überlieferung in V. 28 statt εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ das in P 46 und 01 c , 02 bezeugte ἐστε Χριστοῦ *Gal entsprechen. Da Vers 29 auf das Thema von Vers 19 zurückkehrt, scheint dieser Vers aber wohl doch als ganzer der kanonischen Redaktion anzugehören. Dazu passt auch, dass das Thema des Erben ein solches vor allem der kanonischen Redaktionsebene ist. Für *Ev ist bezeugt, dass das Gleichnis von den bösen Weinpächtern (Lk 20,9-18) mit dem Thema der Erbschaft gefehlt hat, während in *Ev 12,13 nur ein Mal κληρονομία bezeugt ist, und Jesus sich deutlich dagegen wendet, zwischen den streitenden Brüdern in dieser Szene eine Richterposition einzunehmen. Zwar begegnet das Thema „Erben“ auch in *Gal 5,21 und *1Kor 15,50, doch beide Male im negativen Sinne, dass das Üben der Werke des Fleisches vom Erben des Himmelreiches ausschließt. Das Thema der Erbschaft der Verheißungen ist folglich kein geläufiges Thema von *Ev oder *Paulus. 179 Mit der Erbschaft ist in 1 (Gal) 123 <?page no="1002"?> 180 G.A. van den Bergh van Eysinga, Radical Views about the New Testament (1912), 71. 181 Schon gesehen von H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians-- -Explanations (2003), 55. 182 Vgl. Ibid. der kanonischen Fassung die heilsgeschichtliche Vorstellung der prophetischen Verheißungen verbunden, die auf Christus hin gelesen werden. Es ist also nicht zufällig, dass Vers 29 Abraham anführt - er ist integraler Bestand dieses Verses. Darum ist es auch kein Zufall, dass Gal 3,14-18, wo diese Erbschaft angespro‐ chen im Zusammenhang mit Abraham angesprochen wird, als Versblock von allen Editoren als vorkanonisch abwesend bezeichnet wird. Der prophetische Zusammenhang wird weiter unten durch Gal 4,30 markiert, der ebenfalls für *Gal unbezeugt ist. 4. (3,29) Dass dieser kanonische Vers mit dem anderen von Röm 9,7 verbunden ist, wurde bereits von G.A. van den Bergh van Eysinga gesehen. 180 Es ist ein Zeichen dafür, wie die kanonische Redaktion briefübergreifend ihre Themen platziert hat. D. (3,19) Die Eröffnung (im Akkusativ) τί οὖν steht 23 Mal im NT, davon 12 Mal als Verseröffnung wie hier, dann im Vers in Lk 3,10; 20,15. 17, in Versen, die in *Ev fehlen, jedoch vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,19; *Röm 7,7 vgl. Röm 3,9. ♦ παράβασις, das 7 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. 181 ♦ χάριν + Gen. in der Bedeutung „wegen“ steht nur noch Eph 3,1. 14; 1Tim 5,14; Tit 1,5. 11, 182 weist also deutlich auf die zweite kanonische Redaktionsstufe hin. ♦ προστίθημι steht 19 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,31. ♦ ἄχρι steht 55 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,25; *2Kor 3,14. ♦ Das Relativpronomen οὗ, das 145 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 8,6 (ἐξ οὗ). ♦ Zu σπέρμα vgl. zuvor zu Vers 16 und weiter Vers 29. ♦ ἐπαγγέλλω findet sich 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Auch das Nomen ἐπάγγελμα, das 2 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene (2Petr 1,4; 3,13), während sich das andere verwandte Nomen ἐπαγγελία 52 Mal im NT findet, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23; *2Kor 1,20; *Laod 1,13; 2,12. ♦ διατάσσω, das 18 / 16 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἄγγελος, der 186 / 176 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 4,9; 6,3; 11,10; *2Kor 11,14; 12,7; *2Thess 1,7; *Kol 2,18. ♦ χείρ, das 158 / 178 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ μεσίτης steht 6 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. Die Verteilung (Tit, Hebr) stützt, dass wir es mit einer Hinzufügung der zweiten kanonischen Redaktion zu tun haben. 124 Rekonstruktion <?page no="1003"?> Zur Abwesenheit: Auch wenn einige Editoren diese Passage nur als unbezeugt einstufen, spricht doch die Lexik für deren Abwesenheit aufgrund der Reihe aus‐ schließlich kanonischer Begriffe (παράβασις; ἐπαγγέλλω; διατάσσω; μεσίτης). Die Lexik spricht dafür, dass dieser Vers zur zweiten kanonischen Redaktion gehört. (3,20) Zu μεσίτης vgl. zum voranstehenden Vers 19. Zur Abwesenheit: Hier gilt analog, was zu Vers 19 notiert wurde. (3,21) ἐπαγγελία, das 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch für *Gal 4,23; *2Kor 1,20; *Laod 1,13; 2,12 bezeugt. ♦ Der Titel δυνάμενος, der 3 Mal im NT steht, begegnet nur auf der kanonischen Ebene (Mt 19,12; Gal 3,21; Jak 4,12). ♦ δύναμαι steht 233 / 210 Mal im NT, vorkanonisch lediglich bezeugt für *Ev 9,40; 16,13. 26 (? Adamantiuszeugnis). ♦ ζωοποιέω, das 12 / 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,45; *2Kor 3,6; *Röm 8,11. ♦ ὄντως steht 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἄν, das 205 / 167 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8. ♦ Die Verbform ἦν, die 301 Mal im NT steht, ist vorkanonisch ähnlich spärlich für *Ev wie *Paulus bezeugt, in *Paulus (*1Kor 10,4; *Phil 3,7). ♦ δικαιοσύνη, das 97 / 92 Mal im NT steht, ist ein bedeutender Begriff der kanonischen Redaktion, wenn er auch vorkanonisch in *Paulus bezeugt ist. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers fallen die ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugten Begriffe bzw. Formen auf (δυνάμενος; ὄντως). Auch dieser Vers wird folglich vorkanonisch gefehlt haben. (3,22) συγκλείω steht 4 Mal im NT, immer jedoch auf der kanonischen Ebene. ♦ ἡ γραφή begegnet nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ἁμαρτία, das 184 / 173 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,4; *Röm 5,21; 7,7. 11; 8,3. 10; 14,23; *2Thess 2,3. ♦ Zu ἐπαγγελία vgl. zuvor zu Vers 21. ♦ Zu πιστεύω vgl. zuvor zu Vers 3. ♦ Die Formulierung ἐκ πίστεως Ἰησοῦ steht noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Röm 3,26. Zur Abwesenheit: Auch dieser Vers ist unbezeugt und wird aufgrund der nur kanonisch begegnenden Begriffe (συγκλείω; γραφή; ἐκ πίστεως Ἰησοῦ) auch abwesend gewesen sein. (3,23) πρό, das 49 / 47 Mal im NT steht, etwa Lk 9,52; 10,1, in Versen, die in *Ev fehlen, ist erstaunlich gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,7 (πρὸ τῶν αἰώνων); *Kol 1,17 (πρὸ πάντων). ♦ φρουρέω steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Gal 3,23; 2Kor 11,32; Phil 4,7; 1Petr 1,5). ♦ Zu συγκλείω vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ μέλλω, das 129 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und 1 (Gal) 125 <?page no="1004"?> *Paulus. ♦ ἀποκαλύπτω steht 33 / 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,17. 18; *2Thess 1,7, 2,3. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers fallen die ausschließlich kanonisch belegten Begriffe (φρουρέω; συγκλείω) auf. Auch dieser Vers wird vorkanonisch gefehlt haben. (3,24) Die Kombination ὥστε ὁ steht 5 Mal (Röm 7,12; 13,2; 1Kor 10,12; 2Kor 4,12; Gal 3,24), jeweils als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,12; *Röm 7,12. ♦ παιδαγωγός steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,15; Gal 3,24. 25). ♦ δικαιόω, das 59 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers ist gerade der zentrale Begriff nur auf der kanonischen Ebene belegt (παιδαγωγός). Auch er wird auf der vorkanonischen Ebene gefehlt haben. (3,25) οὐκέτι, das 51 / 47 Mal im NT steht, ist eine Konjunktion der kanonischen Redaktion. ♦ Zu παιδαγωγός vgl. zum voranstehenden Vers 24. ♦ Die Verbform ἐσμέν steht 54 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; *Laod 2,10. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers finden sich wieder zwei wichtige Begriffe, eine Konjunktion und ein Zentralbegriff, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (οὐκέτι; παιδαγωγός). Der Vers wird folglich in der vorkanonischen Version gefehlt haben. (3,26) Zum bezeugten Versteil: πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3, vgl. weiter unten zu Vers 28. ♦ Zur Verbform ἐστε vgl. zuvor zu Vers 3 und danach Vers 29. Zum unbezeugten Versteil: Die Kombination ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ begegnet 47 Mal im Neuen Testament, ausschließlich im kanonischen Paulus, vgl. zu 1Kor 1,4. Zur Rekonstruktion: Mit den früheren Editoren Zahn, Schmid und BeDuhn folgt der obige Text dem Zeugnis Tertullians. (3,27) Zu ὅσος vgl. zuvor zu Vers 10. ♦ βαπτίζω, das 90 / 77 Mal im NT steht, ist im Sinn von „Taufen“ ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt, vgl. die Einleitung in Band I. ♦ ἐνδύω, das 30 / 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt. Zur Abwesenheit: Dass in diesem unbezeugten Vers das Verb βαπτίζω im Sinne von Taufen begegnet, verweist ihn auf die kanonische Ebene, er wird folglich im vorkanonischen Text gefehlt haben. 126 Rekonstruktion <?page no="1005"?> (3,28) ἔνι steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Ἰουδαῖος, das 250 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *1Kor 9,20; 15,20; *Röm 1,16; 2,29; *1Thess 2,14. ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ Ἕλλην, das 29 / 25 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch zwar nicht in *Ev, jedoch in *Paulus. ♦ Zu δοῦλος, das 128 Mal im NT steht, jedoch vorkanonisch nicht mit Blick auf die Beziehung zu Christus, vgl. etwa die vorkanonische Bezeugung in *2Kor 4,5. ♦ ἐλεύθερος steht 24 / 23 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt in *Gal 4,22. 23. ♦ ἄρσην, das 12 / 9 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ θῆλυς steht 5 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene bezeugt (Mt 19,4; Mk 10,6; Röm 1,26. 27; Gal 3,28). ♦ Zu πάντες vgl. zuvor zu Vers 26. ♦ ὑμεῖς steht 229 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 7,4; *Laod 1,13; 2,11. 13. Bei diesem Pronomen ist wiederum auffällig, dass es in Serien in solchen Versen der kanonischen Redaktionsstufe begegnet, die in der vorkanonischen fehlen (Lk 9,13. 20. 44. 55; 11,13. 39. 48; Joh 4,20. 22. 32. 35. 38; 5,20. 33. 34. 35. 38. 39. 44. 45; 7,8. 28. 34. 36. 47; 8,14. 15. 21. 22. 23. 31. 38. 41. 44. 46. 47. 49. 54; 13,10. 13. 14. 15. 33. 34; Kol 3,4. 7. 8. 13; 4,1. 16; 1Thess 2,10. 14. 19. 20). Auch dies ist ein Beispiel für die emphatische Anrede der kanonischen Redaktionsstufe, vgl. die Einleitung. ♦ Die Kombination ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ begegnet 47 Mal im Neuen Testament, ausschließlich im kanonischen Paulus, vgl. zu 1Kor 1,4. ♦ Vgl. zu beiden Versen 3,27-28 die ebenfalls auf der kanonischen Ebene stehenden Verse 1Kor 12,13: καὶ γὰρ ἐν ἑνὶ πνεύματι ἡμεῖς πάντες εἰς ἓν σῶμα ἐβαπτίσθημεν, εἴτε Ἰουδαῖοι εἴτε Ἕλληνες, εἴτε δοῦλοι εἴτε ἐλεύθεροι, καὶ πάντες ἓν πνεῦμα ἐποτίσθημεν und Kol 3,11: ὅπου οὐκ ἔνι Ἕλλην καὶ Ἰουδαῖος, περιτομὴ καὶ ἀκροβυστία, βάρβαρος, Σκύθης, δοῦλος, ἐλεύθερος, ἀλλὰ τὰ πάντα καὶ ἐν πᾶσιν Χριστός. Zur Abwesenheit: Neben der fehlenden Bezeugung begegnen wieder einige ausschließlich kanonische (ἔνι; δοῦλος, vorkanonisch nicht mit Blick auf die Beziehung zu Christus; ἄρσην; θῆλυς; ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ) bzw. kanonisch beliebte (ὑμεῖς) Elemente, der Vers wird also in der vorkanonischen Version gefehlt haben. Vergleiche die innerkanonischen Parallelen der beiden Verse 3,27-28 mit 1Kor 12,13 und Kol 3,11. (3,29) Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ ἄρα, das 52 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonischen bezeugt. ♦ Ἀβραάμ, der 75 / 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,22; *Röm 4,2. ♦ Zu σπέρμα vgl. zuvor zu den Versen 16. 19. ♦ Zur Verbform ἐστε vgl. zuvor zu den Versen 3. 26. ♦ Zu ἐπαγγελία vgl. zuvor zu Vers 21. ♦ κληρόνομος steht 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt. 1 (Gal) 127 <?page no="1006"?> Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers begegnen wieder Ele‐ mente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden sind (Verseröff‐ nung εἰ δέ; κληρόνομος) und der als abwesend markierte Abraham. Auch dieser Vers wird folglich zur kanonischen Redaktion gehören und im vorkanonischen Text abwesend gewesen sein. Kapitel 4 4,[1-2]↓3,15 4,3-6 [7] 8-10 [11-20]: Von Sklaven zu Freien Der Kernteil dieses Abschnittes ist gut bezeugt, ihm wurden zu Beginn und am Ende von der kanonischen Redaktion eine Rahmung gegeben, die den Inhalt neu positioniert. Dem dient auch die Versetzung des Eingangsverses 3,15 und die Einschaltung von Vers 7 mit dem Verweis auf den Erben. 4↓3,15 ἔτι κατὰ ἄνθρωπον λέγω. 4,1 Λέγω δέ, ἐφ’ ὅσον χρόνον ὁ κληρονόμος νήπιός ἐστιν, οὐδὲν διαφέρει δούλου κύριος πάντων ὤν, 2 ἀλλὰ ὑπὸ ἐπιτρόπους ἐστὶν καὶ οἰκονόμους ἄχρι τῆς προθεσμίας τοῦ πατρός. 3 ὅτε ἦμεν νήπιοι, ὑπὸ τὰ στοιχεῖα τοῦ κόσμου ἤμεθα δεδουλωμένοι· 3 οὕτως καὶ ἡμεῖς, ὅτε ἦμεν νήπιοι, ὑπὸ τὰ στοιχεῖα τοῦ κόσμου ἤμεθα δεδουλωμένοι· 4 ὅτε δὲ ἦλθεν τὸ πλήρωμα τοῦ χρόνου, ἐξαπέστειλεν ὁ θεὸς τὸν υἱὸν αὐτοῦ, 4 ὅτε δὲ ἦλθεν τὸ πλήρωμα τοῦ χρόνου, ἐξαπέστειλεν ὁ θεὸς τὸν υἱὸν αὐτοῦ, γενόμενον ἐκ γυναικός, γενόμενον ὑπὸ νόμον, 5 ἵνα τοὺς ὑπὸ νόμον ἐξαγοράσῃ, ἵνα εἰς υἱοθεσίαν ἐλήμφθημεν. 5 ἵνα τοὺς ὑπὸ νόμον ἐξαγοράσῃ, ἵνα τὴν υἱοθεσίαν ἀπολάβωμεν. 6 Ὅτι δέ ἐστε υἱοὶ τοῦ θεοῦ, ἐξαπέστειλεν τὸ πνεῦμα αὐτοῦ εἰς τὰς καρδίας ἡμῶν, κρᾶζον, Αββα ὁ πατήρ. 6 Ὅτι δέ ἐστε υἱοί, ἐξαπέστειλεν ὁ θεὸς τὸ πνεῦμα τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ εἰς τὰς καρδίας ὑμῶν, κρᾶζον, Αββα ὁ πατήρ. - 7 ὥστε οὐκέτι εἶ δοῦλος ἀλλὰ υἱός· εἰ δὲ υἱός, καὶ κληρονόμος διὰ θεοῦ. 8 εἰ οὖν τοῖς τῇ φύσει οὖσι θεοῖς δουλεύετε, 8 Ἀλλὰ τότε μὲν οὐκ εἰδότες θεὸν ἐδουλεύσατε τοῖς φύσει μὴ οὖσιν θεοῖς· 9 γνόντες θεόν, πῶς ἐπιστρέφετε ἐπὶ τὰ ἀσθενῆ καὶ πτωχὰ στοιχεῖα; 9 νῦν δὲ γνόντες θεόν, μᾶλλον δὲ γνωσθέντες ὑπὸ θεοῦ, πῶς ἐπιστρέφετε πάλιν ἐπὶ τὰ ἀσθενῆ καὶ πτωχὰ στοιχεῖα, οἷς πάλιν ἄνωθεν δουλεύειν θέλετε; 128 Rekonstruktion <?page no="1007"?> 10 καιροὺς παρατηροῦντες καὶ ἡμέρας καὶ μῆνας καὶ ἐνιαυτούς. 10 ἡμέρας παρατηρεῖσθε καὶ μῆνας καὶ καιροὺς καὶ ἐνιαυτούς. - 11 φοβοῦμαι ὑμᾶς μή πως εἰκῇ κεκοπίακα εἰς ὑμᾶς. 12 Γίνεσθε ὡς ἐγώ, ὅτι κἀγὼ ὡς ὑμεῖς, ἀδελφοί, δέομαι ὑμῶν. οὐδέν με ἠδικήσατε· 13 οἴδατε δὲ ὅτι δι’ ἀσθένειαν τῆς σαρκὸς εὐηγγελισάμην ὑμῖν τὸ πρότερον, 14 καὶ τὸν πειρασμὸν ὑμῶν ἐν τῇ σαρκί μου οὐκ ἐξουθενήσατε οὐδὲ ἐξεπτύσατε, ἀλλὰ ὡς ἄγγελον θεοῦ ἐδέξασθέ με, ὡς Χριστὸν Ἰησοῦν. 15 ποῦ οὖν ὁ μακαρισμὸς ὑμῶν; μαρτυρῶ γὰρ ὑμῖν ὅτι εἰ δυνατὸν τοὺς ὀφθαλμοὺς ὑμῶν ἐξορύξαντες ἐδώκατέ μοι. 16 ὥστε ἐχθρὸς ὑμῶν γέγονα ἀληθεύων ὑμῖν; 17 ζηλοῦσιν ὑμᾶς οὐ καλῶς, ἀλλὰ ἐκκλεῖσαι ὑμᾶς θέλουσιν, ἵνα αὐτοὺς ζηλοῦτε. 18 καλὸν δὲ ζηλοῦσθαι ἐν καλῷ πάντοτε, καὶ μὴ μόνον ἐν τῷ παρεῖναί με πρὸς ὑμᾶς, - 19 τέκνα μου, οὓς πάλιν ὠδίνω μέχρις οὗ μορφωθῇ Χριστὸς ἐν ὑμῖν· - 20 ἤθελον δὲ παρεῖναι πρὸς ὑμᾶς ἄρτι, καὶ ἀλλάξαι τὴν φωνήν μου, ὅτι ἀποροῦμαι ἐν ὑμῖν. A. 4,1 *↓3,15 3: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,1: Sub eadem Abrahae mentione, dum ipso sensu revincatur, Adhuc, inquit, secundum hominem dico: dum essemus parvuli, sub elementis mundi eramus positi, ad deserviendum eis. Atquin non est hoc humanitus dictum. Non enim exemplum est, sed veritas. ♦ *4,4: Vgl. Tert. Adv. Marc. V 4,2: Cum autem evenit impleri tempus, misit deus filium suum. Ibid. V 4,7: At ubi tempus expletum est misit deus filium suum. Vgl. auch Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas 4,4 (PL 26, 372A): Diligenter attendite, quod (apostolos) non dixerit: Factum per mulierem, quod Marcion et ceterae haereses volunt, quae putativam Christi carnem simulant, sed ex muliere, ut non per illam, sed ex illa natus esse credatur. *4,5: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,3: Ut eos qui sub lege erant redimeret-… et ut adoptionem filiorum acciperemus. Adam., Dial. II 19 (im Mund des Megethius) schreibt zwei Mal εἰς υἱοθεσίαν ἐλήφθημεν (Rufin: in adoptione vocati sumus und in adoptione nos susciperet). ♦ *4,6: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,4: Itaque ut certum esset nos filios dei esse, misit spiritum suum in corda nostra, clamantem: Abba, pater. ♦ *4,8-9: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,5: Post has itaque divitias non erat revertendum ad infirma et mendica elementa. Elementa autem apud Romanos quoque etiam primae litterae solent dici. Non ergo per mundialium elementorum derogationem a deo eoram 1 (Gal) 129 <?page no="1008"?> 183 Zu weiteren Varianten, vgl. H.A.G. Houghton, C.M. Kreinecker, R.F. MacLachlan and C.J. Smith, The Principal Pauline Epistles. A Collation of Old Latin Witnesses (2019), 415. Als markionitische Lesart vermerkt durch H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 184 Vgl zu den lateinischen Varianten vgl. H.A.G. Houghton, C.M. Kreinecker, R.F. Mac‐ Lachlan and C.J. Smith, The Principal Pauline Epistles. A Collation of Old Latin Witnesses (2019), 416. avertere cupiebat, etsi dicendo supra, Si ergo his qui in (in MR Kroymann Harnack; non Hirsaugiensis Beatus Rhenanus Pamelius Evans) natura sunt dei servitis, physicae, id est naturalis, superstitionis elementa pro deo habentis suggillabat errorem, nec sic tamen elementorum deum taxans. Vgl. Iren., Adv. Haer. III 12,6: Quemadmodum enim gentibus non secundum sententiam illorum loquebantur sed cum fiducia dicebant quoniam dii ipsorum non essent dii, simili modo et Iudaeis adnuntiassent, si alterum maiorem et perfectiorem scissent patrem non adnutrientes neque augentes eorum non veram de Deo opinionem. Et ethnicorum autem solventes errorem et auferentes eos a suis diis non utique alterum eis inferebant errorem; sed auferentes eos iis qui non erant dii eum qui solus erat Deus et verus Pater ostenderunt. ♦ *4,10: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,6: Dies observatis et menses et tempora et annos, et sabbata ut opinor et coenas puras et ieiunia et dies magnos. ♦ 4,19: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,6 in seinem Kommentar zu *1Kor: Filii mei quos parturio rursus. B. (4,3) Die Lesart ἤμεθα findet sich in P 46 , 01, 06*, 010, 012, 0278, 33, 365, 1175, wohingegen ἦμεν gelesen wird von den Zeugen 02, 03, 04, 061, 018, 020, 025, 044, 81, 104, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, Cl. ♦ (4,6) Anstelle von υἱοί wird τοῦ θεοῦ gelesen von d, f, g, go, Tert, Hil, MVict, Ambr, Hier, Pel und weiteren Zeugen der altlateinischen Tradition: 51, 58, 75, 76, 77, 88, 89, 135. 183 ♦ ὁ θεός om 03, 1739, Tert, sa. ♦ Nach τὸ πνεῦμα om P 46 , Tert τοῦ υἱοῦ. ♦ ἡμῶν ist bezeugt durch P 46 , 01, 02, 03, 04, 06*, 010, 012, 025, 0278, 104, 1175, 1241, 1739, 1881, lat, sa, bo pt , Tert. ὑμῶν bezeugen 06 2 , 018, 020, 044, 33, 81, 365, 630, 1505, 2464, M, vg cl , sy, bo pt . ♦ (4,7) εἶ vor δοῦλος om 010, 012. ♦ (4,8) φύσει om 018, b, d, Ir lat , Ambst, Spec. ♦ Nach ἐπιστρέφετε om πάλιν Aug. ♦ (4,10) Anstelle von παρατηρεῖσθε ist παρατηροῦντες zu finden in P 46 . ♦ (4,10) Die Reihenfolge ἡμέρας παρατηρεῖσθε καὶ μῆνας καὶ ἐνιαυτούς καὶ καιρούς ist zu finden in 06, 010, 012 und der Mehrzahl der Lateiner. 184 ♦ (4,11) Anstelle von κεκοπίακα findet man die Aorist Variante ἐκοπίασα in P 46 , 1739, 1881. ♦ (4,14) Anstelle von ὑμῶν liest man μου τὸν in P 46 (ohne μου), 04* vid , 06 c , 018, 020, 025, 044, 365, 630, 1175, 1505, M, ar, vg ms , sy h , sa, bo ms . Nur τόν bieten 012, 0278, 81, 104, 326, 130 Rekonstruktion <?page no="1009"?> 185 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 74*. 186 C. Burchard, Zu Galater 4,1-11 (1999), 42. 187 Nach einer ausführlichen Diskussion entscheidet sich Detering für die Abwesenheit der beiden Verse 4,1-2, vgl. H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 60-65. 1241, 2464, ὑμῶν τόν findet sich 6, 1739, 1881, Or. ♦ οὐδὲ ἐξεπτύσατε om P 46 . ♦ (4,15) Anstelle von ποῦ findet sich τίς in 06, 018, 020, 630, 1505, M, b, r, sy h , Ambst. ♦ Nach οὖν findet sich als Ergänzung ἦν in 06 (010, 012: ᾖ), 018, 630, M, b, r, Ambst, ist also die natürliche Ergänzung zur voranstehenden Variante. Zum gesamten Eingang vgl. die altlateinische Tradition: quae ergo fuit 64, 89, Aug, quae ergo erat 75, 76, MVict, Ambst, Thdt. ♦ Nach ἐξορύξαντες add ἄν 01 c2 . ♦ Nach ζηλοῦτε add ζηλοῦτε δὲ τὰ κρείττω χαρίσματα in 06*, 010, 012, ar, b, Ambst. ♦ (4,18) Nach δέ add τό in 06*, 010, 012, 018, 020, 025, 104, 630, 1505, M, während anstelle von ζηλοῦσθαι in 01, 03, 33, lat ζηλοῦσθε zu lesen ist. ♦ (4,19) Statt τέκνα liest man τεκνία in 01 2 , 01, 06 2 , 044, M, lat. C. 1. (4,1-2 ↓3,15) Trotz dieser deutlichen Aussage Tertullians, der Zahn, Schmid und BeDuhn folgen, meint Harnack, dass die beiden Verse Gal 4,1-2 zwar „unbezeugt“ sind, „aber sie haben sicherlich nicht gefehlt und gaben auch zu Korrekturen keinen Anlaß“. 185 Auch Hilgenfeld hatte bereits diese beiden Eingangsverse als präsent gesehen. Vers 1 nähme dann mit Λέγω δέ Bezug zu Gal 3,29. 186 Diesen Vers führt Vers 1 mit dem Gedanken des Erben (κληρονόμος) fort. Gal 3,29 ist jedoch, wie zuvor gezeigt, gewiss der kanonischen Redaktion zuzuordnen, so werden auch die Verse Gal 4,1-2 in *Gal gefehlt haben, was auch van Manen bereits gesehen hat. Das hierher genommene, *Gal ↓3,15 einleitende, ἔτι setzt folglich nicht, wie Harnack annimmt, die Verse Gal 4,1-2 voraus, sondern markiert die Distinktion zwischen dem, was bisher als Mensch, Sohn oder Kind gesagt wurde und dem kommenden τὸ πλήρωμα τοῦ χρόνου des nächsten Verses. Van Manen ist sich unsicher bei der Präsenz von ἔτι, 187 und BeDuhn meint, adhuc (ἔτι) sei eine Zutat Tertullians, indem er das in Gal 4,3 stehende οὕτως καὶ ἡμεῖς ausgelassen habe, wie auch bei Klemens von Alexandrien bezeugt, während Ephräm, der Syrer, den Passus von Gal 3,15 nicht besitzt, ihn aber auch nicht nach 4,3 setzt. 2. (4,3) Van Manen gibt den Text wie oben (anstelle von ἤμεθα schreibt er ἦμεν). Zahn übersetzt näher am Lateinischen ins Griechische ἦμεν τεθειμένοι εἰς τὸ δουλεῦσαι αὐτοῖς, doch Harnack sieht wohl recht, dass das Lateinische 1 (Gal) 131 <?page no="1010"?> 188 Vgl. D.T. Roth, What ἐν τῷ κόσμῳ are the στοιχεῖα τοῦ κόσμου? (2014); C. Burchard, Zu Galater 4,1-11 (1999); R. Faust, Die στοιχεῖα τοῦ κόσμου in Gal 4,3.9: Religionsge‐ schichtlicher Kontext und argumentative Funktion (1993); D. Rusam, Neue Belege zu den στοιχεῖα τοῦ κόσμου (Gal 4,3-9; Kol 2,8.20) (1992). 189 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 65-67. 190 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 267. 191 F. Watson, Pauline Reception and the Problem of Docetism (2018), 65. 192 Vgl. Iren., Adv. Haer. III 16,3. 7, vgl. hierzu M. Meiser, Galater (2007), 20. eine Paraphrase des δεδουλωμένοι bietet. Schmid schreibt statt ἤμεθα wie Zahn ἦμεν. Aus BeDuhn lässt sich nicht entnehmen, ob er Zahn oder Harnack folgt. Zu τὰ στοιχεῖα τοῦ κόσμου gibt es eine Reihe von Untersuchungen. 188 3. (4,4) Der letzte Teil des Verses von Gal 4,4 ist beide Male von Tertullian nicht erwähnt. Wie oben gibt van Manen den Text wieder 189 (anstelle von ἐξαπέστειλεν schreibt er ἀπέστειλεν). Harnack meint, Hieronymus verwechsle im dem gegebenen Zitat Markion mit Valentinus, doch scheint Hieronymus nicht den markionitischen Text wiederzugeben. Im Gegenteil, er formuliert seine Kritik aufgrund des Fehlens dieses Verses in der vorkanonischen Version. Wohl darum verdeutlicht er mit dem einleitenden „diligenter“, dass es sich um einen Argumentationsschluss, nicht um die Wiedergabe einer Vorlage handelt: Diligenter attendite-… Dass per mulierem nur eine hypothetisch angenommene Lesart beschreibt, die sich aus Markions und anderer Häretiker Auffassung (putativam Christi carnem simulant) ergeben würde, bestätigt Pamphilus in seiner Apologie für Origenes 113, wie BeDuhn zeigt. 190 Hilgenfeld, Zahn, Harnack, Schmid und BeDuhn führen übereinstimmend den Vers nur bis τὸν υἱὸν αὐτοῦ an und Watson erklärt den Teil ausdrücklich für abwesend. 191 Irenäus liest aus Gal 4,4 „die Einheit des Heilshandelns Gottes, der eben als der in der Heiligen Schrift Israels bezeugte Gott zugleich der Vater Jesu Christi ist, sowie die planvolle Ordnung in seinem Handeln“ verdeutlicht. 192 4. (4,5) Hilgenfeld und van Manen optieren für den kanonischen Text dieses Verses. Harnack meint, dass Tertullian, nachdem er zuvor aus *Gal zitiert habe, hier weiter den *Gal-Text biete, und plädiert für die Adamantiusvariante, deren Griechisch dem Latein Tertullians eher entspricht als der kanonische Text. Schmid folgt Zahn, BeDuhn verweist auf Adamantius und folgt diesem. Adam., Dial. II 19 wird von BeDuhn für *Röm 8,15 in Anspruch genommen, dort findet sich jedoch eine Formulierung, die weiter entfernt ist von diesem Zitat als *Gal 4,5, wie der Text hier nach Tertullian rekonstruiert ist. Adamantius wird folglich eher diesen Vers hier wiedergeben. 132 Rekonstruktion <?page no="1011"?> 193 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 442. 194 Wenn ich richtig interpretiere, so auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 67-68. 195 Vgl. dort. 196 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 68-69. 197 Detering gibt den Vers wie oben, ibid. 69-72. 5. (4,6) Der Text ist gewiss anfangs etwas frei wiedergegeben. Hilgenfeld weist darauf hin, dass Tertullian über das τοῦ υἱοῦ „hinweggeht“ und es „sich schwer entscheiden lasse[], ob er bloß abkürzend citirt, oder ob diese Worte wirklich fehlten“. 193 Van Manen gibt den Text wie oben (anstelle von ἐστε schreibt er ἐσμεν 194 ). Zahn übersetzt wörtlich: ὅτι οὖν (καὶ ἡμεῖς? ) ἐσμεν υἱοὶ θεοῦ, ἀπέστειλεν τὸ πνεῦμα αὐτοῦ (? ). 6. Die Variante τοῦ θεοῦ wurde auch von Zahn, Schmid und BeDuhn aufgenommen, Harnack hat sie übergangen. Der Rest des Verses ist bei den Editoren übereinstimmend parallel mit dem kanonischen Text. Das in einigen Zeugen fehlende ὁ θεὸς ist eine Bestätigung für τοῦ θεοῦ, das zuvor im Text stand, auch wenn es in der vorkanonischen Fassung gefehlt haben dürfte. Die Auslassung des bei Tertullian wie P 46 fehlende τοῦ υἱοῦ lässt den Text erneut monarchianisch klingen und wird auch vorkanonisch gefehlt haben, auch wenn Harnack und Schmid es aufgenommen haben. 7. Die Frage, ob ἡμῶν oder ὑμῶν zu lesen ist, wird durch Tertullian ent‐ schieden, der nostra liest, zumal dies die lectio difficilior darstellt. ὑμῶν scheint vielmehr die kanonische Fassung widerzuspiegeln, auch wenn NA 28 ἡμῶν gibt. 8. Das κρᾶζον, Αββα ὁ πατήρ ist teilweise wörtlich wieder aufgenommen auf der kanonischen Ebene in Röm 8,15. 195 9. (4,7) Der Vers ist unbezeugt, van Manen tilgt ihn, 196 er könnte nach Zahn jedoch vorhanden gewesen sein. Dieser Meinung ist auch Harnack, für Schmid ist der Vers schlicht unbezeugt, BeDuhn nimmt ihn in Klammern in den Text auf. 10. (4,8) Van Manen schlägt vor: εἰ μὲν οὖν ἐδουλεύσατε τοῖς μὴ φύσει οὖσι θεοῖς. 197 Zahn rekonstruiert: εἰ οὖν τοῖς τῇ φύσει οὖσι θεοῖς δουλεύετε. Schmid schließt sich Zahn weithin an und gibt als bezeugten Text: εἰ γὰρ (vel οὖν) τοῖς τῇ φύσει οὖσιν θεοῖς δουλεύετε. Harnack probiert sich am ganzen Satz und schreibt: εἰ οὖν (γνόντες θεόν, μᾶλλον δὲ γνωσθέντες ὑπὸ θεοῦ? ) τοῖς ἐν τῇ φύσει οὖσι θεοῖς δουλεύετε. BeDuhn versucht zu zeigen, dass Tertullian nicht ἐν, wie Harnack annimmt, sondern μὴ gelesen hat. Beide Varianten haben eine Handschriftengrundlage. 1 (Gal) 133 <?page no="1012"?> 198 J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 258. 199 Pace E.S. Lodovici, Sull’ interpretazione di alcuni testi della Lettera ai Galati in Marcione e in Tertulliano (1972), 385-391. 200 H.J.W. Drijvers, Marcion’s reading of Gal. 4,8: Philosophical background and influence on Manichaeism (1994), 340. Vgl. die Nutzung von Gal 4,8 durch Aristides (3,2), hierzu M. Meiser, Galater (2007), 15. 201 Vgl. H.J.W. Drijvers, Marcion’s reading of Gal. 4,8: Philosophical background and influence on Manichaeism (1994), 340. 202 Vgl. M.D. Nanos and H. Wendt, Galatians (2022), 339-340. Unrichtig ist die Meinung von Lieu, „there is no other manuscript for the absence of the negative“. 198 Gleichwohl stimmt sie der Rekonstruktion Zahns grundsätzlich zu. Lodovici verweist auf die oben zitierten Ausführungen in Iren., Adv. Haer. III 12,6 und sieht richtig, dass Irenäus hier die Meinung anderer zitiert, die Kühnes berichten, doch distanziert Irenäus sich nicht von diesen, was die Schlussfolgerung Lodovicis, hier einen Hinweis auf Markions Apostolos zu besitzen, infrage stellt. Bereits die diesem Zitat voranstehenden Ausführungen des Irenäus stützen diese Infragestellung, da er in Adv. haer. III 3,1-5 entwickelt, dass die Schrift immer, wenn sie von heidnischen Göttern spricht, diese beson‐ ders qualifiziert. Als Beispiel dient Paulus, wenn dieser in Gal 4,8-9 „diejenigen scheidet, welche nicht Götter sind, von dem, der in Wahrheit Gott ist, wenn er sagt: ’Wenn ihr einst denen dientet, die nicht Götter waren, so erkennet ihr jetzt Gott und werdet von Gott erkannt’.“ 199 Die Verneinung geht gegen die Ausführungen Tertullians, der ausdrücklich das „in natura“ mit „physicae, id est naturalis“ erläutert, und scheint vielmehr eine kanonische Reduktion des Zugeständnisses darzustellen, Naturgötter als Götter zu bezeichnen. Es geht also nicht darum, dass diese Götter nicht existiert hätten oder keine Götter sind, sondern dass sie physische Götter, Naturgötter, waren, denen die Adressaten nicht wieder dienen sollen. Richtig sieht Drijvers, wenn er im Text liest, dass es darum geht „hervorzuheben, dass die Menschheit allgemein und die Galater besonders Götter verehrten, die zur Naturwelt gehören, und dass sie sogar nach ihrer Konversion zum unbekannten Gott zurück zum Kult dieser Götter in Form schwacher Elemente zurückkehrten“ (eigene Übers.). 200 Spätere Häresiologen haben daraus einen sexualisierten Mythos für die Erschaffung der Welt durch den Schöpfer gesponnen, ein Mythos den Drijvers noch dem Markion zuschreibt. 201 Dass hier nicht jüdische Kultpraxis angegriffen wird, haben Nanos/ Wendt korrekt hervorgehoben. 202 Mit Blick auf Tertullian (in natura) ist wohl eher τῇ φύσει und nicht nur φύσει zu lesen, auch wenn dies grundsätzlich möglich wäre. Hilgenfeld liest anstelle 134 Rekonstruktion <?page no="1013"?> 203 Vgl. jedoch die ausführliche Erläuterung und Restituierung des „in“ durch Moreschini Tertullian, Contre Marcion. Tome V (Livre V). Texte critique par Claudio Moreschini. Introduction, traduction et commentaire par René Braun (2004), 116. 204 W.C. van Manen, Marcion’s brief van Paulus aan de Galatiërs (1887), 487. Über diesen Zusatz lässt sich nach Detering kein sicheres Urteil fällen, H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 72. von „in“ ein „non“, was dann spätere Editoren Tertullians übernommen haben. 203 Die Auslassung des φύσει in einigen Zeugen stellt eine harmonisierende Ver‐ einfachung dar. BeDuhn setzt den Anfang in Klammern und folgt dem kanonischen Text: „[But then, when you did not know God,] you slaved for those who by nature are not gods“. 11. (4,9) Mit den „Reichtümern“ scheint Tertullian die jetzt eingetretene Gotteserkenntnis (νῦν δὲ γνόντες θεόν) zu umschreiben, der Teil scheint demnach nicht, wie Zahn angenommen hat, als Ganzes im Text gefehlt zu haben. Zumindest das Partizip mit Objekt ist syntaktisch notwendig. Van Manen gibt den Vers nach dem kanonischen Text (anstelle von δουλεύειν schreibt er δουλεῦσαι). Harnack plädiert für die Anwesenheit von Vers 9a (allerdings aus angenommener markionitischer Theologie heraus). Schmid sieht für Vers 9 lediglich folgenden Text bezeugt: ἐπιστρέφετε ἐπὶ τὰ ἀσθενῆ καὶ πτωχὰ στοιχεῖα, es fehlt also das im kanonischen Text stehende πάλιν. BeDuhn setzt den Teil bis vor das von Schmid Angeführte in Klammern, wobei auch er das πάλιν auslässt. Am Ende übersetzt er auch das οἷς πάλιν ἄνωθεν δουλεύειν θέλετε, was jedoch wohl zur kanonischen Redaktion gehört, bereits angezeigt in dem dort wiederholten πάλιν. 12. (4,10) Van Manen, Zahn, Harnack geben den Text nach der kanonischen Version. Van Manen setzt allerdings in Klammern hinzu: καὶ σάββατα, ὡς οἶμαι, καὶ δεῖπνα καθαρὰ καὶ νηστείας καὶ ἡμέρας μεγάλας, angeregt durch Hos 2,12-13 (12 καὶ νῦν ἀποκαλύψω τὴν ἀκαθαρσίαν αὐτῆς ἐνώπιον τῶν ἐραστῶν αὐτῆς, καὶ οὐδεὶς οὐ μὴ ἐξέληται αὐτὴν ἐκ χειρός μου· 13 καὶ ἀποστρέψω πάσας τὰς εὐφροσύνας αὐτῆς, ἑορτὰς αὐτῆς καὶ τὰς νουμηνίας αὐτῆς καὶ τὰ σάββατα αὐτῆς καὶ πάσας τὰς πανηγύρεις αὐτῆς). 204 Was die Reihenfolge von „Tage“, „Monate“ und „Jahre“ betrifft, so schreibt Tertullian an anderen Stellen, Adv. Marc. I 20,4: … et observantes tempora et dies et menses et annos; ders., De ieiu. 14,1-2: horum igitur tempora observantes et dies et menses et annos? … in totum devotionem temporum et dierum et mensium et annorum erasit apostolus; ibid. 2,6: sic et cum Galatis nos quoque percuti aiunt observatores dierum et mensium et annorum, d. h. hier haben wir die Reihenfolge καιροὺς παρατηρεῖσθε καὶ ἡμέρας καὶ μῆνας καὶ ἐνιαυτούς. Eine 1 (Gal) 135 <?page no="1014"?> 205 M. Meiser, Galater (2007), 15. 206 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 63. dritte Reihenfolge (nicht dieselbe, wie Schmid und BeDuhn meinen), begegnet in einer Reihe von Zeugen. Einfluss hat gewiss auch die Reihenfolge ausgeübt, wie sie in Apk 9,15 begegnet (εἰς τὴν ὥραν καὶ [manche Zeugen: εἰς τὴν ἡμέραν; ἡμέραν] καὶ μῆνα καὶ ἐνιαυτόν). Von der Systematik her sind lediglich die Reihenfolge der dreimaligen Erwähnung Tertullians sinnvoll, beginnend mit dem Oberbegriff tempora vor den einzelnen, richtig gesetzten dies, menses und annos, und diejenige der alternativen Handschriften, die mit καιρούς schließt, wobei die schlüssigste Reihenfolge gewiss die dreifache des Tertullian ist, die vermutlich auch in *Gal 4,10 gestanden war. Es ist auffallend, dass Tertullian diese Kalenderobservanz kritisiert und konkretisierend hinzusetzt: Sabbate, reine Mähler, Fasten und große Tage, offenkundig Observanzen, die Christen weiterhin verfolgten. „In‐ nerhalb der apologetischen Literatur bezeichnet Gal 4,10 seit Aristides 14,4 und dem Diogn 4,5 den Irrtum der jüdischen Gottesauffassung“. 205 13. (4,11-20) Die Passage Gal 4,11-20 ist unbezeugt, allerdings nehmen van Manen und Zahn an, dass die Verse 11-21 vorhanden gewesen waren. Van Manen gibt den Text nach der kanonischen Version (in Vers 14 sieht er zwischen ἐν τῇ σαρκί μου … οὐκ ἐξουθενήσατε eine Lücke; in den Versen 17-18 gibt er anstelle von ἵνα αὐτοὺς ζηλοῦτε. 18 καλὸν δὲ ζηλοῦσθαι ἐν καλῷ: (οἱ …) … ζηλοῦσθε). Auch Harnack urteilt so und verweist noch auf die mögliche Bezeugung von Vers 19 in Tert., Adv. Marc. V 8,6, die BeDuhn aufgreift, auch wenn Schmid diesbezüglich skeptisch ist. 206 Doch muss berücksichtigt werden, dass Tertullian an dieser Stelle zunächst 1Kor 4,15b zitiert (in evangelio ego vos generavi = διὰ τοῦ εὐαγγελίου ἐγὼ ὑμᾶς ἐγέννησα), dann Gal 4,19, wobei ihm wohl überhaupt die Nähe dieser beiden Briefstellen vor Augen stand. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die hier zur Debatte stehende Passage aus Gal durch die kanonische Redaktion eingetragen wurde, um Gal an 1Kor 4 anzunähern oder ob sie auf *Gal zurückgeht? Auf letztere Lösung könnten eine ganze Reihe von signifikanten Abweichungen innerhalb der Passage vom kanonischen Text hinweisen; diese könnten natürlich auch eingetragen sein, weil erst die kanonische Redaktion diese Verse formuliert hatte. Für Tertullian wäre der Hinweis auf die eigene Schwäche des Paulus, falls er sie im Text gelesen hätte, Grund gewesen, diesen Text anzuführen, er wird folglich gefehlt haben. 14. (4,12) Die Entsprechung zwischen diesem kanonischen Vers und einem weiteren kanonischen Vers, 1Kor 4,16 (παρακαλῶ οὖν ὑμᾶς, μιμηταί μου 136 Rekonstruktion <?page no="1015"?> 207 Auf diese Verbindung hat hingewiesen G.A. van den Bergh van Eysinga, Radical Views about the New Testament (1912), 71-72. 208 C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. γίνεσθε), weist auf die briefübergreifende Kohärenz hin, die die kanonische Redaktion geschaffen hat. 207 15. (4,17-18) Weisse erkannte die Repetitionen in diesen beiden Versen als Merkmal einer späteren Hand: 17 ζηλοῦσιν ὑμᾶς οὐ καλῶς, ἀλλὰ ἐκκλεῖσαι ὑμᾶς θέλουσιν, ἵνα αὐτοὺς ζηλοῦτε. 18 καλὸν δὲ ζηλοῦσθαι ἐν καλῷ πάντοτε, καὶ μὴ μόνον ἐν τῷ παρεῖναί με πρὸς ὑμᾶς. 208 16. (4,19) Statt der Variante τεκνία scheint Tertullian das kanonische τέκνα mit filii wiederzugeben, um Paulus nicht gegenüber seinen Lesenden größer zu machen, während die Variante τεκνία einiger Zeugen besser zu den Geburts‐ wehen passt. Mit τέκνα liest Harnack den ersten Teil als für Markion bezeugt, BeDuhn setzt in Klammern den nicht bezeugten Textteil hinzu. Schmid sieht den gesamten Text als unbezeugt, und schon Harnack war skeptisch, ob man diesen Tertullianschen Beleg für *Gal heranziehen dürfe. Das verwendete πάλιν unterstreicht die Abwesenheit in *Gal. 17. (4,20) Auch wenn dieser Vers unbezeugt ist und narrativ an den unbe‐ zeugten Passus Gal 4,11-19 an- und ihn abschließt, nimmt Zahn ihn in seine Rekonstruktion auf, Harnack rechnet auch mit ihm, Schmid hält ihn jedoch schlicht für unbezeugt, BeDuhn ebenfalls, lässt ihn aber aus. D. (↓3,15) ἔτι steht 96 / 93 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,15; *Röm 5,6. Es fällt auf, dass die kleine Partikel sich sowohl in *Ev wie in *Paulus findet und auch bei Lukas häufiger steht. Gemessen daran ist sie auf der kanonischen Ebene eher spärlich vertreten. ♦ κατὰ ἄνθρωπον ist vorkanonisch nicht weiter bezeugt, könnte aber auch *Gal 1,11; *1Kor 9,8 gestanden sein, kanonisch findet es sich nochmals 1Kor 3,3; 9,8; 15,32; Röm 3,5. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, dem außer Harnack auch die älteren Editoren folgen. (4,1) Die Verbform λέγω, die 214 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,51; *Laod 5,32. ♦ ὅσος steht 121 / 110 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,22; *Gal 3,10; *2Kor 1,20; *Röm 2,12. ♦ χρόνος, das 61 / 54 Mal im NT steht, ist nur ein Mal vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,4. ♦ κληρονόμος, das 15 Mal im NT steht, ist ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden. ♦ νήπιος, das 18 / 15 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt. ♦ οὐδέν (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 1 (Gal) 137 <?page no="1016"?> 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 8,4. ♦ διαφέρω, das 13 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ δοῦλος, das 128 Mal im NT steht, ist als Selbstbezeichnung im Verhältnis zu Gott oder Christus nicht auf der vorkanonischen Ebene bezeugt. ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur ein Mal für einen Brief bezeugt, den die Forschung Paulus zuschreibt (*Röm 12,18), dann auffallenderweise gleich drei Mal in *Deuteropaulinen (*Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17). ♦ Die Verbform ὤν, die 48 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,6; *Gal 2,3. Zur Abwesenheit: Zur fehlenden Bezeugung fallen Termini auf, die ausschließ‐ lich auf der kanonischen Ebene belegt sind (κληρονόμος; διαφέρω; δοῦλος als Selbstbezeichnung im Verhältnis zu Gott oder Christus) oder auf dieser beliebt sind (χρόνος; πάντων). Der Vers wird folglich der kanonischen Redaktion zuzuordnen sein und in der vorkanonischen Version gefehlt haben. (4,2) ἐπίτροπος steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ οἰκόνομος steht 10 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἄχρι, das 55 / 49 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,25; *2Kor 3,14. ♦ προθεσμία ist Hapax legomenon im NT. Zur Abwesenheit: Zur fehlenden Bezeugung fallen auch hier gleich zwei zentrale Begriffe auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen (ἐπίτροπος; οἰκόνομος). Auch dieser Vers dürfte folglich nicht nur unbezeugt, sondern auch auf der vorkanonischen Ebene gefehlt haben. (4,3) ὅτε, das 112 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,3. 4. ♦ Die Verbform ἤμεθα, die 4 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,3; *Laod 2,3. ♦ Die Variante ἦμεν, die 11 Mal im NT steht, ist weiters nicht vorkanonisch bezeugt. ♦ νήπιος, das 18 / 15 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt. ♦ στοιχεῖον steht 7 Mal im NT, gleich wieder vorkanonisch bezeugt in *Gal 4,9 und *Kol 2,8. ♦ κόσμος, das 196 / 186 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,29; *Gal 4,3; 6,14; *1Kor 1,20. 21. 27; 3,19. 22; 4,9; 6,14; *Laod 2,2. 12; *Kol 1,6; 2,8. ♦ Die Verbform ἤμεθα steht 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,3; *Laod 2,3. ♦ δουλόω (bzw. das Nomen δοῦλος) steht 51 Mal im NT, vorkanonisch wiederum bezeugt für *Ev 12,37. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians bis auf die Verbform ἤμεθα, die anstelle der von Zahn bevorzugten Variante ἦμεν gewählt wird. Auch wenn ἦμεν tatsächlich näher an Tertullian anschließt, gibt hier das Gewicht der einschlägigen Handschriftenzeugen, die ἤμεθα bieten, den Ausschlag. Au‐ ßerdem hilft hier erneut die Lexik. Während ἤμεθα lediglich 4 Mal im NT belegt ist und auch an einer weiteren Stelle vorkanonisch bezeugt ist, steht die 138 Rekonstruktion <?page no="1017"?> kanonisch beliebtere Form ἦμεν 11 Mal im NT und ist an keiner weiteren Stelle vorkanonisch bezeugt. Überhaupt ist lexikalisch zu bemerken, dass alle Begriffe der Rekonstruktion auch andernorts vorkanonisch bezeugt sind. (4,4) Zu ὅτε vgl. zum voranstehenden Vers 3. ♦ πλήρωμα steht 18 / 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,4; Röm 13,10; *Laod 1,10; *Kol 1,19. ♦ χρόνος, das 61 / 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt nur für diese Stelle hier, *Gal 4,4. ♦ ἐξαποστέλλω steht 14 / 13 Mal im NT, vorkanonisch gleich wieder bezeugt für *Gal 4,6. ♦ γυνή steht 246 / 215 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,1; 7,2 (? ). 10; 11,5. 10; 14,34; *Laod 5,22. 23. 28. ♦ Die Kombination ἐκ γυναικός begegnet nur 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene 1Kor 11,8. ♦ Die Wendung ὑπὸ νόμον steht 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,10; 4,5; *1Kor 9,20. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians und aller älteren Editoren. Unbezeugt und tatsächlich auch nicht vorhanden scheint der letzte Passus dieses Verses zu sein mit dem Hinweis auf Frau und Gesetz. Mit Ausnahme von χρόνος, das nur für diese Stelle vorkanonisch bezeugt ist, sind die weiteren Begriffe im bezeugten Teil vorkanonisch andernorts ebenfalls bezeugt. Im unbezeugten Teil fällt lediglich die Kombination ἐκ γυναικός auf, die nur noch ein Mal kanonisch bezeugt ist. Wie die älteren Editoren und die Forschung urteilte, wird wohl nur der oben gegebene Text vorkanonisch vorhanden gewesen sein. (4,5) ἐξαγοράζω, das 4 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bereits belegt für *Gal 3,13. ♦ υἱοθεσία, steht 5 Mal im NT, 1 weiteres Mal1 weiteres Mal vorkanonisch bezeugt in *Laod 1,5. ♦ λαμβάνω, das 292 / 260 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,14; *1Kor 3,14; *Röm 7,11; *Phil 2,7. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, nimmt jedoch auch den von Adamantius im Mund des Markioniten bezeugten Text auf. Die Lexik bietet ein herausragendes Beispiel, denn auch so seltene Begriffe wie ἐξαγοράζω und υἱοθεσία, die außer in den kanonischen Parallelstellen trotz oder vielleicht gerade wegen ihrer inhaltlichen Besonderheit sonst kaum mehr im kanonischen NT begegnen, sind beide andernorts wieder vorkanonisch bezeugt. Es handelt sich bei ihnen folglich um Urgestein der vorkanonischen Lexik. (4,6) Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19, vgl. weiter Vers 28. ♦ Zu ἐξαποστέλλω, das 14 Mal im NT steht, vgl. zuvor die weitere, vorkanonische Bezeugung in Vers 4. ♦ καρδία steht 173 / 157 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 14,25; *2Kor 3,15; 4,6; *Röm 2,15. ♦ κράζω, das 71 / 56 Mal im NT steht, 1 (Gal) 139 <?page no="1018"?> ist vorkanonisch nur an dieser Stelle hier bezeugt. ♦ ἀββα steht 3 Mal im NT, die beiden anderen Male auf der kanonischen Ebene (Mk 14,36; Röm 8,15; Gal 4,6). Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians unter Berücksich‐ tigung auch der handschriftlichen Varianten, die Tertullian bestätigen. Wenn Zahn für den Anfang, Tertullian wörtlich folgend, οὖν (καὶ ἡμεῖς? ) ἐσμεν vorschlägt, könnte man geneigt sein, diesen Text aufzunehmen, doch begegnet bereits im Vers zuvor der Wechsel zwischen allgemein Genannten (τοὺς ὑπὸ νόμον) und der 1. Pers. Pl. (ἐλήφθημεν), dem gewissermaßen auch die Spannung zwischen der 2. Pers. Pl. (ἐστε) und der 1. Pers. Pl. (ἡμῶν) im vorliegenden Text entspricht. In beiden Fällen begegnet uns die lectio difficilior, die man jedoch nicht auflösen muss, zumal es keine handschriftlichen Varianten hierfür gibt. (4,7) οὐκέτι, das 51 / 47 Mal im NT steht, ist eine Konjunktion der kanonischen Redaktion. ♦ Die Verbform εἶ steht 89 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ δοῦλος, das 128 Mal im NT steht, fehlt vorkanonisch als Bezeichnung des Verhält‐ nisses des Menschen zu Gott oder Christus. ♦ κληρονόμος, das 15 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden. Zur Abwesenheit: Zur fehlenden Bezeugung des Verses kommt die Beobach‐ tung, dass in diesem kurzen Vers gleich drei der Termini ausschließlich kano‐ nische sind (οὐκέτι; δοῦλος als Bezeichnung des Verhältnisses des Menschen zu Gott oder Christus; κληρονόμος). Der Vers dürfte demnach vorkanonisch gefehlt haben. (4,8) τότε steht 164 / 160 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,54. ♦ μέν steht 208 / 180 Mal im NT, vorkanonisch lediglich bezeugt für *1Kor 7,7; 15,39; 2,25; 7,12; 8,10. Dass dieser Terminus ein besonderes Merkmal der kanonischen Redaktion ist, lässt sich an der Häufigkeit ablesen, mit der er gerade in Versen fehlt, die für die vorkanonische Fassung bezeugt sind. ♦ οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8, vgl. weiter Vers 13. ♦ Zu εἰδότες als nur kanonisch bezeugte Form vgl. weiter unten zu 2Kor 1,7. ♦ δουλεύω, das 26 / 25 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,13; *Gal 4,8. ♦ φύσις, das 16 / 14 Mal im NT steht, ist nur in der Briefliteratur und auch vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,8; *Röm 2,14; *Laod 2,3. ♦ Die Verbform οὖσιν steht 10 Mal im NT, nur kanonisch bezeugt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians in der Rekonstruk‐ tion, die bereits Zahn gegeben hat. Dass das nicht bezeugte Ἀλλὰ τότε μὲν οὐκ εἰδότες θεὸν eine kanonische Formulierung ist, wird gestützt durch die Form εἰδότες, die nur kanonisch belegt ist. Das μὴ οὖσιν θεοῖς ist unbezeugt und war möglicherweise auch in der vorkanonischen Version abwesend. 140 Rekonstruktion <?page no="1019"?> (4,9) νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, etwa Lk 1,48; 2,29, in Versen, die in *Ev fehlen, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ μᾶλλον δέ begegnet nur 5 Mal im NT begegnet, immer bei Paulus, jedoch nur kanonisch bezeugt (Röm 8,34; 1Kor 14,1. 5; Gal 4,8; Eph 4,28; 5,11). ♦ Die nicht bezeugte Wendung ὑπὸ θεοῦ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 13,1; Gal 4,9). ♦ πῶς, das 109 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,35. ♦ ἐπιστρέφω steht 41 / 36 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt in *Ev 17,4 und *2Kor 3,16. ♦ ἀσθενής, das 35 / 26 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,9, *1Kor 1,25. 27; *Röm 5,6. ♦ πτωχός, das 38 / 34 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt. ♦ στοιχεῖον, das 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,3. 9; *Kol 2,8. ♦ ἄνωθεν steht 14 / 13 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu δουλεύω vgl. zuvor zu Vers 8. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, die Eröffnung scheint auch durch ihn angedeutet, wenn auch im Textbestand unklar. Anderer‐ seits wurde in Nr. 10 verdeutlicht, dass die Eröffnung syntaktisch notwendig ist. Das πάλιν nach ἐπιστρέφετε hat Tertullian wohl nicht übergangen, es fehlt auch in Augustinus und wird wohl auch nicht im vorkanonischen Text gestanden sein. Was das unbezeugte μᾶλλον δὲ γνωσθέντες ὑπὸ θεοῦ betrifft, so scheint auch dies im vorkanonischen Text gefehlt zu haben, gestützt dadurch, dass μᾶλλον δέ und ὑπὸ θεοῦ vorkanonisch unbezeugt sind. Im Gegensatz hierzu sind die bezeugten Textteile weiters vorkanonisch bezeugt. (4,10) καιρός, das 90 / 86 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,42. 56; *Gal 4,10; 6,9. 10; *1Kor 7,29; *Röm 5,6. ♦ παρατηρέω steht 8 / 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,7. Auch das zugehörige Nomen παρατήρησις, das Hapax legomenon im NT ist, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 17,20. ♦ ἡμέρα, das 414 / 389 Mal im NT steht, ist vorkanonisch gut bezeugt. ♦ μήν steht 18 Mal im NT, weiters nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ ἐνιαυτός steht 15 / 14 Mal im NT, weiters ebenfalls nur auf der kanonischen Ebene belegt. Zur Rekonstruktion: Was den Text betrifft, sind sich alle Editoren einig, indem sie dem kanonischen Text folgen, doch wird hier die Textvariante berücksichtigt und die partizipiale Form παρατηροῦντες gewählt. Wie oben in Nr. 11 diskutiert, richtet sich der Text zwar am Zeugnis Tertullians aus, ohne jedoch das vierte Element „Zeiten“ hinzuzunehmen, was wohl eine summarische Angabe von Tertullian darstellt. (4,11) φοβέω, das 110 / 95 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,12. ♦ Die Form φοβοῦμαι steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 18,4; 2Kor 11,3; 12,20; Gal 4,11). ♦ πως, das 15 Mal im NT steht, findet 1 (Gal) 141 <?page no="1020"?> sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ εἰκῇ, das 7 / 6 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ κοπιάω, das 26 / 23 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonischen Ebene bezeugt. Man bedenke auch, dass κόπος ein Begriff ist, der zwar 21 Mal im NT begegnet, jedoch nur auf der kanonischen Ebene steht. ♦ εἰς ὑμᾶς steht 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,6, vgl. 1Thess 4,8. Zur Abwesenheit: Zu der fehlenden Bezeugung des Verses häufen sich die Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehen (φοβοῦμαι; πως; εἰκῇ; κοπιάω). Daraus lässt sich folgern, dass der Vers nicht nur unbezeugt, sondern auch in der vorkanonischen Version abwesend war. Dass εἰς ὑμᾶς nur durch *Kol vorkanonisch bezeugt ist, zeigt die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Sprache. (4,12) Die Form γίνεσθε steht 24 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung und als solche immer auf der kanonischen Ebene: Lk 6,36, wo im Parallelvers in *Ev der Imperativ ἔστε gestanden war; Gal 4,12; Eph 4,32; 5,1; Jak 1,22; doch auch im Vers stand es wohl nur auf der kanonischen Ebene: Lk 12,40 deutet das Tertulliansche simus an, dass auch im Parallelvers von *Ev eine Form von εἶναι stand, auch wenn Klinghardt hier γίνεσθε bietet; Röm 12,16, wo nach Tertullian im Parallelvers in *Röm eine Form von εἶναι stand; 1Kor 4,16; 7,23; 10,7, wo Epiphanius im Parallelvers in *1Kor zwar γίνεσθε bietet, doch angesichts der differierenden Bezeugungen an den anderen Stellen er wohl den kanonischen Text hat, also ist auch an dieser Stelle wohl ἔστε zu schreiben; 10,32; 11,1; 14,20; 15,58; 2Kor 6,14; Eph 5,7. 17; Phil 3,17; Kol 3,15; Jak 3,1. ♦ δέω, das 112 / 43 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,25. 53; *2Kor 5,10. ♦ οὐδέν (Nom. / Akk. Neut. Sg.), vgl. zuvor ebenfalls auf der kanonischen Ebene stehend in Vers 1, jedoch vorkanonisch bezeugt. ♦ ἀδικέω findet sich 32 / 28 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Auch dieser Vers ist unbezeugt, doch wie γίνεσθε und ἀδικέω anzeigen, wohl von der vorkanonischen Version abwesend. (4,13) Zu οἶδα vgl. zuvor zu Vers 8. ♦ Die Kombination οἴδατε δέ steht nur 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls als Verseröffnung und auf der kanonischen Ebene in Phil 4,15. ♦ ἀσθένεια, das 27 / 24 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4, vgl. weiter zu den Versen 14. 23. 29. ♦ εὐαγγελίζομαι, das 58 / 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Paulus. ♦ πρότερος, das 13 / 11 Mal im NT steht, nur noch auf der kanonischen Ebene steht. 142 Rekonstruktion <?page no="1021"?> Zur Abwesenheit: Der Vers ist ebenso vorkanonisch unbezeugt, aber es finden sich mehrere Begriffe, die vorkanonisch bezeugt sind, allerdings auch Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (οἴδατε δέ; πρότερος). Darum dürfte wohl auch dieser Vers vorkanonisch abwesend gewesen sein. (4,14) πειρασμός steht 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,4. ♦ Zu σάρξ vgl. zum Vers 13 zuvor und zu den Versen 23. 29. ♦ ἐν τῇ σαρκί μου findet sich vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,18, vorkanonisch steht die Wendung neben der Parallelstelle zu hier auch Röm 7,18; Kol 1,24. ♦ Die kürzere Wendung ἐν τῇ σαρκί steht 7 Mal im NT (Röm 7,5. 18; 8,3; Gal 4,14; Eph 2,14; Phil 1,24; Kol 1,24), vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,18; *Laod 2,14; *Kol 1,24. ♦ ἐξουθενέω steht 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Thess 5,20. Auffallend ist Apg 4,11 aufgrund des Zitats von Ps 118 (LXX 117),22, eines Verses, der in Mt 21,42 nach der LXX zitiert wird, in der Apostelgeschichte jedoch mit ἐξουθενεῖν angeführt wird. Hier scheint sich also die vorkanonische Sprache auf den Sprachgebrauch der Redaktion der Apostelgeschichte punktuell ausgewirkt zu haben. ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ ἐκπτύω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Kombination ἀλλὰ ὡς steht 17 Mal im NT, immer auf er kanonischen Ebene (2 Mal Mt; Joh 7,10; Röm 9,32; 1Kor 3,1; 4,14; 2Kor 2,17; 7,14; 11,17; Gal 3,16; 4,14; Eph 5,15. 24; 6,6; 1Petr 2,16; 1Joh 2,27), wobei besonders die Stellen in Eph auffällig sind. Kapitel 5 und 6 in *Laod sind gut vorkanonisch bezeugt, doch ausgerechnet in den unbezeugten Zwischenversen 5,15. 24 begegnet die vorliegende Kombination. ♦ ἄγγελος, der 186 / 176 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 4,9; 6,3; 11,10; *2Kor 11,14; 12,7; *2Thess 1,7; *Kol 2,18. ♦ δέχομαι, das 62 / 56 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Thess 2,10. Zur Abwesenheit: Dieser Vers, der unbezeugt ist, fällt durch seine nur auf der kanonischen Ebene zu findende Kombination ἀλλὰ ὡς auf. Gegen die Präsenz spricht zusätzlich der narrative Zusammenhang. Der Vers wird demnach vor‐ kanonisch abwesend gewesen sein. (4,15) Die Kombination ποῦ οὖν steht 2 Mal im NT, auch das weitere Mal auf der kanonischen Ebene in Rm 3,27. ♦ ποῦ steht 51 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,55. ♦ Verbform ἦν, die 301 Mal im NT steht, ist vorkanonisch ähnlich spärlich in *Ev wie *Paulus bezeugt (*Paulus: *1Kor 10,4; *Phil 3,7). ♦ μακαρισμός steht nur noch zwei weitere Male, auch auf der kanonischen Ebene (Röm 4,6. 9). ♦ μαρτυρέω, das 90 / 76 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form μαρτυρῶ steht 6 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 10,2; Kol 4,13; Apk 22,18; im Vers: Joh 7,7; 2Kor 8,3; Gal 4,15), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μάρτυς, das 39 / 35 Mal im NT steht, ist vorkanonisch belegt, 1 (Gal) 143 <?page no="1022"?> 209 Ich danke Mark Bilby (Email vom 26.09.2023) für lexikalische Untersuchungen. jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion ist. ♦ δυνατός, das 115 / 32 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination εἰ δυνατόν steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; 2 Mal Mk; Apg 20,16; Röm 12,18; Gal 4,15). ♦ ὀφθαλμός, das 109 / 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch für *Ev und *Paulus bezeugt. ♦ ἐξορύσσω steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT, auch auf der kanonischen Ebene (Mk 2,4; Gal 4,15). ♦ Die Variante ἄν, die 205 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8. Zur Abwesenheit: Auch dieser Vers ist unbezeugt und weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ποῦ οὖν; μακαρισμός; μαρτυρέω; δυνατός; εἰ δυνατόν; ἐξορύσσω). Er ist Produkt der kanonischen Redaktion und hat auf der vorkanonischen Ebene gefehlt. (4,16) ἐχθρός, das 39 / 32 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,20; *Laod 2,16 und *Kol 1,21. ♦ ἀληθεύω steht nur 2 Mal im NT, beide Male auf der kanonischen Ebene (Gal 4,16; Eph 4,15). Zur Abwesenheit: Der unbezeugte kurze Vers gehört aufgrund des Gebrauchs der ersten Person Singular wohl zur insgesamt unbezeugten Einheit Gal 4,11-18, die eine typisch kanonisch-redaktionelle Selbstreferenz des Paulus bietet. 209 In diesem kurzen Vers ist ἀληθεύω nur kanonisch bezeugt. Der Vers wird von der vorkanonischen Version abwesend gewesen sein. (4,17) ζηλόω steht 20 / 11 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Das Adverb καλῶς steht 38 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ αὐτούς (Akk. Mask. Pl.) steht 340 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Thess 2,10. ♦ ἐκκλείω steht nur noch ein Mal im NT, wieder auf der kanonischen Ebene in Röm 3,27. ♦ χάρισμα, das 18 / 17 Mal im NT steht, ist ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion, der vorkanonisch für *1Kor 7,7; 12,9 bezeugt ist. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers finden sich wieder Termini, die ausschließlich kanonisch bezeugt (ζηλόω; ἐκκλείω) oder auf dieser Ebene beliebt sind (χάρισμα; καλῶς). Der Vers dürfte nicht nur unbezeugt, sondern auch von der vorkanonischen Ebene abwesend sein. (4,18) καλός, das 109 / 101 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,9. ♦ πάντοτε, das sich 42 / 41 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μόνον, das 73 Mal im NT steht, findet sich weder in *Ev noch in Lk, und ist vorkanonisch nur bezeugt für *Gal 2,10; *1Kor 7,39, also deutlich ein 144 Rekonstruktion <?page no="1023"?> beliebter Terminus der kanonischen Ebene. ♦ πάρειμι, das sich 25 / 24 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 13,10. Zur Abwesenheit: In diesem unbezeugten Vers begegnet ein ausschließlich kanonisch bezeugter Begriff (πάντοτε), neben für die kanonische Redaktion beliebten Begriffen (μόνον; πάρειμι). Auch dieser Vers wird demnach vorkano‐ nisch gefehlt haben. (4,19) τέκνον, das 103 / 99 Mal im NT steht, ist vorkanonisch gut bezeugt, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion. ♦ Die Variante τεκνίον steht 9 / 8 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt ( Joh 13,33; Gal 4,19; 1Joh 2,1. 12. 28; 3,7. 18; 4,4; 5,21). ♦ Das Personalpronomen οὕς Akk. Mask. Pl. steht 52 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,27; *1Kor 10,11. ♦ πάλιν, das 159 / 141 Mal im NT steht, etwa Lk 6,42, wo im parallelen Vers in *Ev der Begriff fehlt, findet sich mit Ausnahme von *1Kor 3,20 (in der Kombination καὶ πάλιν als Hinweis auf ein weiteres Schriftzitat) alleinstehend nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ὠδίνω, das 5 / 3 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μέχρι steht 21 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ μορφόω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. Zur Abwesenheit: Während die Frage der Bezeugung oder fehlenden Bezeugung umstritten ist, unterstützt die Lexik mit der Häufung ausschließlich kanonischer Elemente (τεκνίον; ὠδίνω; μέχρι; ἐν ὑμῖν) die vorkanonische Abwesenheit des Verses. (4,20) Die Form ἤθελον steht nur hier im NT. ♦ πάρειμι, das sich 25 / 24 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 13,10. ♦ ἄρτι, das 40 / 36 Mal im NT steht, ist ein Begriff der kanonischen Redaktion. ♦ ἀλλάσσω, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,52, vielleicht stand es auch in *Gal 4,20. ♦ φωνή steht 153 / 139 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἀπορέω, das 6 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Zur kanonischen Wendung ἐν ὑμῖν vgl. zum voranstehenden Vers. Zur Abwesenheit: Dieser Vers ist wieder unbezeugt und weist trotz Kürze gleich drei ausschließlich kanonische Begriffe auf (ἄρτι; ἀπορέω; ἐν ὑμῖν). Der Vers ist wird vorkanonisch abwesend gewesen sein. Damit ist die gesamte Passage, wie bereits von M. Bilby vermutet, nicht nur unbezeugt, sondern hatte auch im vorkanonischen Text gefehlt. 1 (Gal) 145 <?page no="1024"?> 4,21 22-24 ↑*Laod 1,21 [25] 26 [27-30] 31: Sklaverei und Freiheit im Gesetz In Fortsetzung der Umschreibung des ansonsten gut bezeugten Passus, verfolgt die kanonische Redaktion ihre Narration, die dazu führt, den zentralen Vers *Laod 1,21 aus diesem vorliegenden Verbund in den Neukontext des Epheser‐ briefes hineinzunehmen. 21 Λέγετέ μοι, οἱ ὑπὸ νόμον θέλοντες εἶναι, τὸν νόμον οὐκ ἀναγινώσκετε; 22 γέγραπται ὅτι Ἀβραὰμ δύο υἱοὺς ἔσχεν, ἕνα ἐκ τῆς παιδίσκης καὶ ἕνα ἐκ τῆς ἐλευθέρας. 21 Λέγετέ μοι, οἱ ὑπὸ νόμον θέλοντες εἶναι, τὸν νόμον οὐκ ἀκούετε; 22 γέγραπται γὰρ ὅτι Ἀβραὰμ δύο υἱοὺς ἔσχεν, ἕνα ἐκ τῆς παιδίσκης καὶ ἕνα ἐκ τῆς ἐλευθέρας. 23 ἀλλ’ ὁ μὲν ἐκ τῆς παιδίσκης κατὰ σάρκα γεγέννηται, ὁ δὲ ἐκ τῆς ἐλευθέρας διὰ τῆς ἐπαγγελίας. 23 ἀλλ’ ὁ μὲν ἐκ τῆς παιδίσκης κατὰ σάρκα γεγέννηται, ὁ δὲ ἐκ τῆς ἐλευθέρας δι’ ἐπαγγελίας. 24 ἅτινά ἐστιν ἀλληγορούμενα· αὗται γάρ εἰσιν δύο διαθῆκαι, μία μὲν ἀπὸ ὄρους Σινᾶ, εἰς τὴν συναγωγὴν τῶν Ἰουδαίων κατὰ τὸν νόμον γεννῶσα εἰς δουλείαν, 24 ἅτινά ἐστιν ἀλληγορούμενα· αὗται γάρ εἰσιν δύο διαθῆκαι, μία μὲν ἀπὸ ὄρους Σινᾶ, εἰς δουλείαν γεννῶσα, ἥτις ἐστὶν Ἁγάρ. 25 ↑*Laod 1,21 ἄλλη δὲ ὑπεράνω πάσης ἀρχῆς γεννῶσα καὶ δυνάμεως καὶ ἐξουσίας καὶ παντὸς ὀνόματος ὀνομαζομένου, οὐ μόνον ἐν τῷ αἰῶνι τούτῳ, ἀλλὰ καὶ ἐν τῷ μέλλοντι, 25 τὸ δὲ Ἁγὰρ Σινᾶ ὄρος ἐστὶν ἐν τῇ Ἀραβίᾳ, συστοιχεῖ δὲ τῇ νῦν Ἰερουσαλήμ, δουλεύει γὰρ μετὰ τῶν τέκνων αὐτῆς. 26 εἰς ἣν ἐπηγγειλάμεθα ἁγίαν ἐκκλησίαν, ἥτις ἐστὶν μήτηρ ἡμῶν. 26 ἡ δὲ ἄνω Ἰερουσαλὴμ ἐλευθέρα ἐστίν, ἥτις ἐστὶν μήτηρ πάντων ἡμῶν· - 27 γέγραπται γάρ, Εὐφράνθητι, στεῖρα ἡ οὐ τίκτουσα· ῥῆξον καὶ βόησον, ἡ οὐκ ὠδίνουσα· ὅτι πολλὰ τὰ τέκνα τῆς ἐρήμου μᾶλλον ἢ τῆς ἐχούσης τὸν ἄνδρα. 28 ἡμεῖς δέ, ἀδελφοί, κατὰ Ἰσαὰκ ἐπαγγελίας τέκνα ἔσμεν. 29 ἀλλ’ ὥσπερ τότε ὁ κατὰ σάρκα γεννηθεὶς ἐδίωκεν τὸν κατὰ πνεῦμα, οὕτως καὶ νῦν. 30 ἀλλὰ τί λέγει ἡ γραφή; Ἔκβαλε τὴν παιδίσκην καὶ τὸν υἱὸν αὐτῆς, οὐ γὰρ μὴ κληρονομήσει ὁ υἱὸς τῆς παιδίσκης μετὰ τοῦ υἱοῦ τῆς ἐλευθέρας. 31 ἄρα, ἀδελφοί, οὐκ ἐσμὲν παιδίσκης τέκνα ἀλλὰ τῆς ἐλευθέρας. 31 διό, ἀδελφοί, οὐκ ἐσμὲν παιδίσκης τέκνα ἀλλὰ τῆς ἐλευθέρας. A. *4,22-26: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,8: Sed ut furibus solet aliquid excidere de praeda in indicium, ita credo et Marcionem novissimam Abrahae mentionem dereliquisse, nulla magis auferenda, etsi ex parte convertit. Si enim Abraham duos 146 Rekonstruktion <?page no="1025"?> liberos habuit, unum ex ancilla et alium ex libera, sed qui ex ancilla carnaliter natus est, qui vero ex libera per repromissionem: quae sunt allegorica, id est aliud portendentia: haec sunt enim duo testamenta, sive duae ostensiones, sicut invenimus interpretatum, unum a monte Sina in synagogam Iudaeorum secundum legem generans in servitutem, aliud super omnem principatum generans, vim, dominationem, et omne nomen quod nominatur, non tantum in hoc aevo sed et in futuro, quae est mater nostra, in quam repromisimus sanctam ecclesiam; ideoque adicit, Propter quod, fratres, non sumus ancillae filii sed liberae, utique manifestavit et Christianismi generositatem in filio Abrahae ex libera nato allegoriae habere sacramentum, sicut et Iudaismi servitutem legalem in filio ancillae, atque ita eius dei esse utramque dispositionem apud quem invenimus utriusque dispositionis delineationem. Vgl. Gen 16,15; 21,2 LXX: Καὶ ἔτεκεν Αγαρ τῷ Αβραμ υἱόν, καὶ ἐκάλεσεν Αβραμ τὸ ὄνομα τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ, ὃν ἔτεκεν αὐτῷ Αγαρ, Ισμαηλ; καὶ συλλαβοῦσα ἔτεκεν Σαρρα τῷ Αβρααμ υἱὸν εἰς τὸ γῆρας εἰς τὸν καιρόν, καθὰ ἐλάλησεν αὐτῷ κύριος. ♦ *4,23: Vgl. als weiteren Zeugen Epiph., Pan. 42, sch. 2 (120. 156 H.): ὁ δὲ ἐκ τῆς ἐπαγγελίας, διὰ τῆς ἐλευθέρας. ♦ *4,24: Vgl. Tert., Adv. Marc. III 5,4: docens proinde et Galatas duo argumenta filiorum Abrahae allegorice cucurrisse. Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas (PL 26, 391B): Marcion et Manichaeus hunc locum in quo dixit apostolus Quae quidem sunt allegorica, et cetera quae sequuntur, de codice suo tollere noluerunt, putantes adversus nos relinqui: quod scilicet Lex aliter sit intelligenda, quam scripta est. ♦ *4,25 ↑*Laod 1,21: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,8: … aliud super omnem principatum generans, vim, dominationem, et omne nomen quod nominatur, non tantum in hoc aevo sed et in futuro, quae est mater nostra, in quam repromisimus sanctam ecclesiam; ideoque adicit, Propter quod, fratres, non sumus ancillae filii sed liberae, utique manifestavit et Christianismi generositatem in filio Abrahae ex libera nato allegoriae habere sacramentum, sicut et Iudaismi servitutem legalem in filio ancillae, atque ita eius dei esse utramque dispositionem apud quem invenimus utriusque dispositionis delineationem. Iren., Adv. haer. III 7,1: In quibus deus saeculi huius excaecavit mentes infidelium et alterum quidem esse deum saeculi huius dicunt, alterum vero qui sit super omnem principatum et initium et potestatem. Adam., Dial. V 13 (im Mund des Adamantius): ἀλλὰ καὶ πάσης ἀρχῆς, ἐξουσίας, κυριότητος, ὀνόματος ὀνομαζομένου οὐ μόνον ἐν τούτῳ τῷ αἰῶνι, ἀλλὰ καὶ ἐν τῷ μέλλοντι (Rufin: Sed omnium uel principatuum, uel potestatum, uel dominationum, et omne nomen quod nominatur non solum in hoc saeculo sed etiam in futuro uerbum die dominum confitetur). ♦ *4,26: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,8: … quae est mater nostra, in quam repromisimus sanctam ecclesiam; ideoque adicit, Propter quod, fratres, non sumus ancillae filii sed liberae, utique manifestavit et Christianismi generositatem in filio Abrahae ex libera nato allegoriae habere sacramentum, sicut et Iudaismi 1 (Gal) 147 <?page no="1026"?> 210 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 89-90. 211 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 442. Vgl. auch G. Sellin, Hagar und Sara. Religionsgeschichtliche Hintergründe der Schriftallegorese Gal 4,21-31 (1999). 212 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 73. servitutem legalem in filio ancillae, atque ita eius dei esse utramque dispositionem apud quem invenimus utriusque dispositionis delineationem. ♦ 4,27: Das Zitat aus Jes 54,1 LXX: Εὐφράνθητι, στεῖρα ἡ οὐ τίκτουσα, ῥῆξον καὶ βόησον, ἡ οὐκ ὠδίνουσα, ὅτι πολλὰ τὰ τέκνα τῆς ἐρήμου μᾶλλον ἢ τῆς ἐχούσης τὸν ἄνδρα, εἶπεν γὰρ κύριος. ♦ *4,31: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,8: Propter quod, fratres, non sumus ancillae filii sed liberae. B. (4,21) Die Lesart ἀναγινώσκετε findet sich in 06, 010, 012, 104, 1175, latt, sa (bo pt ). ♦ (4,23) μέν om P 46 , 03, f, vg, Pel. ♦ Die Lesart διὰ τῆς findet sich in 03, 06, 010, 012, 018, 020, 025, 062, 0278, 365, 630, 1175, 1505, 1739, 1881, M, Or. ♦ (4,26) Nach μήτηρ liest man παντων in 01 2 , 01, 04 3 , 018, 020, 025, 0261 vid , 0278, 81, 104, 365, 630, 1175, M, ar, b, t, vg mss , sy h , Ir lat . ♦ (4,28) ἡμεῖς … ἔσμεν ist für die kanonische Redaktion bezeugt - wenn auch nicht in NA 28 aufgenommen - durch 01, 02, 04, 06 2 , 018, 020, 025, 044, 062, 81, 104, 630, 1241, 1505, 2464, M, lat, sy, bo. Die Variante ὑμεῖς-… ἐστέ findet sich in den Zeugen P 46 , 03, 06*, 010, 012, 0261 vid , 0278, 6, 33, 365, 1175, 1739, 1881, b, sa, Ir lat , Ambst. ♦ (4,31) ἄρα ist bezeugt durch P 46vid , 06 2 , 018, 020, 104, 630, 1505, M, sy h , ἄρα οὖν durch 010, 012. Hingegen wird ἡμεῖς δέ gelesen von 02, 04, 025, 81, 1241, 2464, r, bo; διό lesen 01, 03, 06*, 015, 0261, 0278, 33, 365, 1175, 1739, 1881, sa; om 044. C. 1. (4,21-22) Van Manen gibt den kanonischen Text dieser Verse. Harnack meint, die Einleitung (Λέγετέ μοι … γέγραπται γὰρ ὅτι), die unbezeugt ist, könne so gelautet oder auch gefehlt haben. Als bezeugten Text sieht er Ἀβραὰμ δύο υἱοὺς ἔσχεν, ἕνα ἐκ τῆς παιδίσκης καὶ ἕνα ἐκ τῆς ἐλευθέρας. Schmid sieht nur den zweiten Teil von Vers 22 als bezeugt, BeDuhn setzt Vers 21 und den Anfang von Vers 22 in Klammern. Beide folgen Harnack im bezeugten Text. 2. Goldmann weist bei der Besprechung von Tertullians Aussagen zu Abraham darauf hin, dass diese Ausführungen zur Diskussion von *Gal 4,22-26 gemacht werden, nicht erst zum Römerbrief, auch wenn das Thema „Abraham“ im kanonischen Römerbrief wiederkehrt. 210 Hilgenfeld sieht die gesamte Pas‐ sage Gal 4,21-31 „im Ganzen und Großen bezeugt“. 211 3. (4,23) Ob die Auslassung von μέν in einigen Zeugen ein Versehen ist? Van Manen lässt es aus. 212 Doch das μέν … δέ verstärkt die Antithese und eine 148 Rekonstruktion <?page no="1027"?> 213 So auch ibid. 214 C.J. Classen, Philologische Bemerkungen zur Sprache des Apostels Paulus (1994/ 1995), 324. Zur gesamten Allegorie auf der kanonischen Ebene, die nicht im strikten Sinne eine solche sei, vgl. A. Davies, Allegorically speaking in Galatians 4: 21-5: 1 (2004). Minderung der Schärfe dieser Antithese entspricht der kanonischen Redaktion, wie sie sich dann hier etwa in P 46 findet. Die Lesart διὰ τῆς, die sich in einigen Zeugen findet, wird von Schmid aufgenommen, aus BeDuhn lässt sich nicht ersehen, welche er wählt. Die früheren Editoren folgen alle dem kanonischen Text wie oben. Zu bemerken ist die widersprüchliche Bezeugung von Tertullian und Epiphanius. Während Tertullian dem kanonischen Text gemäß bezeugt: qui vero ex libera per repro‐ missionem gibt Epiphanius in umgekehrter Reihenfolge: ὁ δὲ ἐκ τῆς ἐπαγγελίας, διὰ τῆς ἐλευθέρας, doch vom Zusammenhang her kann es sich lediglich um eine Verschreibung des Epiphanius handeln. 4. (4,24) Van Manen bietet den Vers wie oben 213 (lediglich die Reihenfolge am Ende ist geändert in εἰς δουλείαν γεννῶσα). Zahn und Harnack geben den Text wie oben wieder, mit einer Ausnahme: Tertullian schreibt haec sunt enim duo testamenta, sive duae ostensiones. Darum schreibt Harnack ἐπιδείξεις (ἐνδείξεις), doch Schmid bleibt zu Recht bei διαθῆκαι, setzt aber in Klammern hinzu (Randglosse: ἀπο-/ ἐπι-/ ἐνδείξεις), ihm schließt sich BeDuhn an. Doch liegt näher, dass Tertullian das verschieden zu interpretierende testamenta wegen der Deutung seines Gegners auf die beiden verschiedenen Testamente, das Neue und das Alte, eine alternative Deutung vorschlagen wollte, nämlich weder Testament im Sinne der schriftlichen Sammlung noch im Sinne von Erbschaftswillenserklärung, sondern allegorisch verstanden als Zeugnis. 5. Nach Classen ist ἀλληγορέω ein terminus technicus der hellenistischen Zeit, der das „früher übliche ὑπόνοια im Sinne von ’eigentliche Bedeutung, tie‐ ferer Sinn’“ ersetzt, „was die Vertrautheit … mit der rhetorischen Terminologie“ dieser Zeit „belegt“. 214 6. (4, 25 ↑*Laod 1,21) Hilgenfeld bietet als „ungefähr(en)“ Text: μία δὲ (nämlich διαθήκη) ὑπὲρ πᾶσαν ἀρχὴν καὶ ἐξουσίαν καὶ δύναμιν καὶ κυριότητα καὶ πᾶν ὄνομα ὀνομαζόμενον οὐ μόνον ἐν τῷ αἰῶνι τούτῳ, ἀλλὰ καὶ ἐν τῷ μέλλοντι γεννῶσα, ἥτις ἐστὶν μήτηρ ἡμῶν. Van Manen schließt sich ihm weitgehend an und schreibt: μία δὲ ὑπὲρ πᾶσαν δυναστείαν (δύναμιν, κυριότητα καὶ πᾶν ὄνομα ὀνομαζόμενον οὐ μόνον ἐν τῷ αἰῶνι τούτῳ, ἀλλὰ καὶ ἐν τῷ μέλλοντι) γεννῶσα, ἥτις ἐστὶν μήτηρ ἡμῶν. Harnack bietet den Text wie oben, so auch Zahn mit den Ausnahmen, dass er anstelle von ἄλλη schreibt: μία (ἄλλη, ἑτέρα) und γεννῶσα auslässt. Schmid folgt Zahn, indem er μία schreibt und γεννῶσα auslässt. 215 BeDuhn scheint das 1 (Gal) 149 <?page no="1028"?> 215 So auch, jedoch mit γεννῶσα, H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 73. 216 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 76*. Harnacks Urteil klingt nach unserer heutigen Kenntnis zu apodiktisch. *Ev 17,18 ist etwa von der kanonischen Redaktion nach Lk 4,27 verpflanzt worden, wie Klinghardt z. St. zeigt. Innerhalb eines Briefes verschob die kanonische Redaktion *1Kor 14,21b-c zunächst ans Ende von Kapitel 14, wo sie in den Bilinguen steht, und ordnete sie dann als Verse 1Kor 14,34-35 ein, wo sie in den übrigen Textzeugen zu stehen kamen. 217 E.S. Lodovici, Sull’ interpretazione di alcuni testi della Lettera ai Galati in Marcione e in Tertulliano (1972), 391-399. γεννῶσα an den Anfang des Verses zu setzen, ansonsten folgt er dem Text oben. In Eph 1,21 liest man: ὑπεράνω πάσης ἀρχῆς καὶ ἐξουσίας καὶ δυνάμεως καὶ κυριότητος καὶ παντὸς ὀνόματος ὀνομαζομένου οὐ μόνον ἐν τῷ αἰῶνι τούτῳ ἀλλὰ καὶ ἐν τῷ μέλλοντι. Aus der Perspektive Harnacks, der *Paulus als Kürzung des kanonischen Textes ansieht, folgt sein Urteil zu diesem Vers: „Eine solche Neugestaltung des Textes mit Verpflanzung einer Stelle aus einem Brief in den anderen (Ephes. I, 21) hat sich sonst M.[arkion] niemals erlaubt; daher man den Verdacht nicht loswerden kann, daß der … nach Tert. gegebene Text doch nicht dem M. zuzuweisen ist. Man hat die Worte ‚in quam repromisimus sanctam ecclesiam‘ streichen wollen; aber sie sind durch ‚in synagogam Iudaeorum‘ geschützt; streicht man, so muß man den ganzen Text M. absprechen, vermag aber keine Rechenschaft zu geben, wie er bei Tert. entstanden ist“. 216 Letztlich also bleibt Harnack bei der Meinung, dass der Text mit dem Umsetzen des Verses auf Markion zurückgeht. Aufgrund dieses angeblich singulären Umgangs mit dem Vers aus einem anderen Brief optiert auch Lodovici für den kanonischen Text. 217 Nimmt man hingegen die der vorliegenden Studie zugrundeliegende Perspektive der Priorität der *10-Briefe-Sammlung an, dann stellt sich die Situation anders dar. Aufgrund der Lexik (ὀνομάζω) kann *Gal 4,25 nicht der ursprüngliche Ort des Verses gewesen sein. Er muss aus der Vorlage, km Laod, von der vorkanonischen Redaktion nach *Gal hineingenommen worden sein, womit das Testament der Kirche, „unsere Mutter“ (Vers 4,26), über jegliche Weltzeit in die Transzendenz versetzt wird, der das andere Testament vom Berg Sinai, der Synagoge der Juden (Vers 4,24), antithetisch gegenübersteht. Die kanonische Redaktion scheint dann den Vers im Epheserbrief belassen bzw. ihn an diese Stelle zurückgenommen zu haben. An seine Stelle setzte die kanonische Redaktion in Gal 4,25 die heilsgeschichtliche Abfolge der beiden Bundesschlüsse vom Berg Sinai und dem jetzigen Jerusalem einerseits und dem „Jerusalem oben“ andererseits, wobei die 150 Rekonstruktion <?page no="1029"?> 218 S.C. Carlson, For Sinai Is a Mountain in Arabia: A note on the Text of Galatians 4,25 (2014). 219 Ephraem, In Epistolas D. Pauli nunc primum ex armenio in latinum sermonem a patribus Mekitharistis translati (1893), 135. 220 J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 251-252; U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 126-129. Beziehung des jetzigen Jerusalems zum obigen Jerusalem wie der Sklavendienst zum „freien“ Dienst bestimmt wird. Interessanterweise nimmt zumindest für Gal 4,25a auch Carlson an, der Versteil sei eine Marginalglosse, die erst später in den Text Aufnahme gefunden habe. 218 Eine Vorstufe, Variante oder vielleicht auch Weiterentwicklung zu dem kanonischen Text mag sein, was Ephräm berichtet: Hae vero fuerunt symbola duorum testamentorum. Una populi Judaeorum, secundum legem in servitude generans ad similitudinem ejusdem Agar. Agar enim ipsa est mons Sina in Arabia; est autem illa similitudo hujus Jerusalem, quia in subjection est, et una cum filiis suis servit Romanis. Superior autem Jerusalem libera est, sicut Sara; et eminet supra omnes potestates ac principatus. Ipsa est mater nostra, Ecclesia sancta, quam confessi sumus. Neque nos sumus hujus inventores, Isaias enim praeveniens discit de haec: Latare sterilis quae non pariebas: quia multi fuerint filii Ecclesiae sterilis quam filii populi virum habentis. 219 Schmid hält die Ephrämversion im Vergleich zur kanonischen Version für die ältere, Lieu gibt zu bedenken, dass Ephräms Ar‐ beitsweise keinen sicheren Aufschluss auf eine ihm zugrundeliegende Textform gibt, außerdem verweist sie auf eine auffällige Parallele bei Justin, Dial. 134,3, und überhaupt würde die Beschreibung der Kirche als Mutter gut in die zweite Hälfte des zweiten Jahrhunderts passen (Euseb. Caes., Hist. eccl. V 1,45). 220 Ephräm scheint an dieser Stelle eine Zwischenversion anzuführen, die eine hybride Form zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Bearbeitung darstellt, denn er kennt noch die Präsenz von ὑπεράνω πάσης ἀρχῆς-… καὶ δυνάμεως-… εἰς ἣν ἐπηγγειλάμεθα ἁγίαν ἐκκλησίαν, ἥτις ἐστὶν μήτηρ ἡμῶν an dieser Stelle hier im Unterschied zur kanonischen Fassung. Für die Bearbeitungsrichtung dieser Stelle legt sich nahe: km Laod > *Gal > km Gal (Ephrämzeugnis) > Gal/ Eph, denn welcher Redaktor hätte eine solche Hierarchie der beiden Bundesschlüsse, wie sie in Gal 4,24-26 vorliegt, gekippt und zu einer Antithese umgebaut? Der umkehrende Umbau entspricht präzise der Charakterisierung, wie sie Markion nach Tertullians Bericht den Plagiatoren seiner Sammlung vorgeworfen hat. 1 (Gal) 151 <?page no="1030"?> 221 Vgl. M. Meiser, Galater (2007), 15. 222 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 73. 223 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 76*. 224 M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion (2017), 230. 7. (4,26) Zu Hilgenfeld und van Manen vgl. zum voranstehenden Vers. Zahn notiert als Text: ἥτις ἐστὶν μήτηρ ἡμῶν, γεννῶσα εἰς ἣν ἐπηγγειλάμεθα ἁγίαν ἐκκλησίαν. Harnack gibt den obigen Text, fügt jedoch hinzu, dass gegebenen‐ falls auch ἀνεπηγγειλάμεθα zu lesen sei. Schmidt schließt an τῷ μέλλοντι an: γεννῶσα εἰς τὴν ἁγίαν ἐκκλησίαν, ἥν συνομολογοῦμεν, ἥτις ἐστὶν μήτηρ ἡμῶν. BeDuhn folgt Zahn und Harnack. Melito, De Pascha 45 entwickelt hieraus die heilsgeschichtliche „Ablösung Israels durch die Kirche“. 221 8. Betreffs des Fehlens bzw. der Präsenz von πάντων, so wird man dem Zeugnis Tertullians gemäß mit dem Fehlen desselben in der vorkanonischen Version rechnen, so ja auch vermerkt durch NA 28 . Dann aber wird man πάντων (gg. NA 28 ) jedoch sinnvollerweise der kanonischen Ebene zuschreiben, es sei denn, man müsse einen frühen Fehler oder eine weitere Redaktion annehmen. Allerdings stimmt das πάντων auch inhaltlich zur kanonischen Redaktion, so dass keine weitere Komplexität nötig ist. 9. (4,27-28) Diese Verse sind unbezeugt. Hilgenfeld, van Manen, Zahn und Harnack nehmen an, dass die Verse 27-30 in *Gal gefehlt haben, 222 Harnack schreibt deutlich: „… sind unbezeugt und müssen gefehlt haben“. 223 Schmid und BeDuhn nehmen diese Verse als unbezeugt, letzterer als nicht vorhanden. M. Klinghardt hingegen rechnet mit ihrer Anwesenheit (wie überhaupt mit der gesamten Passage *Gal 4,21-31). 224 Er verweist mit Recht auf den Bezug, der durch den Begriff der ἐπαγγελία die Verse *Gal 4,23. 26 verbindet. Gegenüber Klinghardt gilt jedoch die Einschränkung, dass die Verse Gal 4,29-30 vermutlich auf die kanonische Redaktion zurückgehen, denn mit dem νῦν greift dieser Vers den in *Gal nicht vorhandenen Vers Gal 4,25 auf, der bereits auf das Verhältnis zwischen dem jetzigen Jerusalem und dem obigen Jerusalem eingegangen war. Was dort als Hierarchie zwischen Sklaven und Freien geschildert wird, wird hier als Situation des nach dem Fleisch geborenen Verfolgers und dem Geist gezeugten Verfolgten vorgeführt. Mit der Schrift wird diese Schilderung geschärft, wonach der Sohn der Sklavin zugunsten des Sohnes der Freien vom Erbe ausgeschlossen ist. Da der nachfolgende Vers 29 wiederum der kanonischen Ebene zugehört, wundert es nicht, dass auf dieses Erbe nicht mehr eingegangen wird, sondern in Vers 28 direkt der Schluss aus den Versen 152 Rekonstruktion <?page no="1031"?> *Gal 4,21-26 gezogen wird. Bereits zuvor wurde dargelegt, dass das Thema des „Erben“ zur kanonischen Redaktion gehört. Hingegen führt der Text von *Gal aus, dass die Unbeschnittenen gemäß der Verheißung (ἐπαγγελία), und nicht aufgrund von Beschneidung dem Fleisch nach (κατὰ σάρκα) gezeugt wurden. Überhaupt gilt, dass die Unfruchtbare „nie gebiert“. 10. (4,29-30) Auch die Verse 29-30 sind unbezeugt, und Hilgenfeld, van Manen, Zahn und Harnack nehmen an, dass auch diese Verse gefehlt haben, Schmid und BeDuhn sehen sie schlicht als unbezeugt. 11. (4,31) Van Manen und Zahn nehmen den kanonischen Text an, Harnack ebenfalls, erwägt allerdings auch die Präsenz von ἄρα. Schmid folgt ebenfalls dem kanonischen Text, dem auch BeDuhn zu folgen scheint. Der für das klassische Griechisch ungewöhnliche Anfang eines Satzes mit ἄρα - worauf schon Harnack verwiesen hat - spricht für eine Fortführung von *Gal 4,21-26, aus der in *Gal 4,31 die Schlussfolgerung (ἄρα) gezogen wird. Dies wird durch die sprachliche Parallele in *Ev 11,47 gestützt, wo ebenfalls nach einer direkten Anrede wie hier in *Gal 4,21, eine Schlussfolgerung im Folgesatz mit ἄρα eingeführt wird. Dass die kanonische Redaktion διό verwendet, verwundert nicht wegen der Beliebtheit dieser Konjunktion auf dieser Ebene. D. (4,21) Die Verbform λέγετε steht 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination λέγετέ μοι steht nur hier im NT. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ νόμος, das 204 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonische Fassung reichlich bezeugt für *Ev und *Paulus. ♦ οἱ ὑπὸ νόμον folgt dem zuvor vorkanonisch bezeugten τοὺς ὑπὸ νόμον in *Gal 4,5. ♦ Die Kombination bestimmter Artikel + eine Präposition im Akkusativ + ein Nomen im Akkusativ + ein Partizip kommt 5 Mal im Neuen Testament vor, nur für die kanonische Ebene bezeugt (Lk 8,4; Gal 4,21. 29; Eph 4,24; Apk 18,17). ♦ Die Kombination bestimmter Artikel + Präposition + Nomen + Partizip findet sich 29 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 7,32, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 21,23; 2 Mal Joh; 5 Mal Apg; Röm 14,20; 1Kor 9,24; 10,25; 2Kor 5,12; Gal 4,21. 29; Eph 4,24; Phil 3,6; 1Thess 5,3; 1Tim 2,2; Hebr 2,2; 12,25; 2Petr 2,18; 2 Mal Apk). ♦ ἀναγινώσκω ist ein Terminus der kanonischen Ebene, auch wenn er ein Mal in *Ev belegt ist. Zur Rekonstruktion: Auch wenn dieser Vers nicht bezeugt ist, spricht die Lexik nicht gegen seine Präsenz in der vorkanonischen Version, auch wenn die angezeigte Kombination nur kanonisch steht. Der Verweis οἱ ὑπὸ νόμον dient als unmittelbarer Anschluss an die vorkanonische Diskussion, die vorweg eingeleitet wurde. Auch die narrative Logik stützt die vorkanonische Präsenz 1 (Gal) 153 <?page no="1032"?> des Verses, denn sie fordert einen gewissen Übergang vom letztbezeugten vorkanonischen Vers *Gal 4,10 und dem nächstbezeugten *Gal 4,22. Vers 21 dürfte vermutlich vermutlich nicht ohne leicht kanonisch redaktionelle Revision im vorkanonischen Text gestanden sein. (4,22) γέγραπται ist eine der Weisen, in der auch in der vorkanonischen Fassung auf die Schrift verwiesen wird (*1Kor 10,7; 14,21), in der kanonischen Fassung kann auch von ἡ γραφή die Rede sein. Gleichwohl findet sich das einfache γέγραπται auch häufig auf der kanonischen Ebene (1Kor 9,9; 10,7; 14,21. 45). ♦ γέγραπται γὰρ (ὅτι) begegnet vorkanonisch in *1Kor 1,19; 3,19, auch auf der kanonischen Ebene (Gal 3,10. 13; 1Kor 1,19; 3,19; Röm 12,19; 14,11). ♦ Die Formulierung καθὼς γέγραπται, die 25 Mal im NT steht, davon 10 Mal als Verseröffnung, ist nur in *1Kor 1,31 mit vorangestelltem ἵνα vorkanonisch bezeugt, vgl. dort. ♦ Ἀβραάμ, das 75 / 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,22; *Röm 4,2. ♦ δύο steht 147 Mal im NT, vorkanonisch gleich wieder bezeugt für *Gal 4,24, zu finden auch in *Ev und *1Kor 6,16; *Laod 2,15; 5,31. ♦ παιδίσκη steht 14 / 13 Mal im NT, vorkanonisch erneut bezeugt für *Gal 4,23. 31. ♦ ἐλεύθερος, das 24 / 23 Mal im NT steht, ist auch vorkanonisch bezeugt, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion ist. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, wie schon von den älteren Editoren gesehen. Zusätzlich stützt die Lexik, dass durchaus auch die Einleitung des Verses vorkanonisch gestanden haben kann. (4,23) Zu παιδίσκη, das 14 / 13 Mal im NT steht, und ἐλεύθερος, das 24 / 23 Mal im NT steht, vgl. zum voranstehenden Vers 22. ♦ κατὰ σάρκα findet sich als Ausdruck vorkanonisch weiter bezeugt für *Röm 8,4. 5, häufig auch auf der kanonischen Ebene (Röm 1,3; 4,1; 8,4. 5 [hier spricht Tert., Adv. Marc. V 14,4 von nos esse in carni, also vielleicht ἐν σαρκί]. 12. 13; 1Kor 1,26; 10,18; 2Kor 1,17; 2 x 5,16; 10,2. 3; 11,18; Gal 4,29; Kol 3,22). ♦ Zu σάρξ vgl. zuvor zu den Versen 13. 14 und danach zu Vers 29. ♦ γεννάω, das 98 / 97 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23. 24; *1Kor 4,15, vgl. weiter die Verse 24. 29. ♦ ἐπαγγελία, das 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *2Kor 1,20; *Laod 1,13; 2,12. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt der Bezeugung Tertullians und des Epipha‐ nius. Das bei Epiphanius unbezeugte κατὰ σάρκα, welches wohl dem carnaliter bei Tertullian entspricht und auch vorkanonisch bezeugt ist, wird darum wohl doch im vorkanonischen Text gestanden sein, auch wenn dieses κατὰ σάρκα eine beliebte kanonische Formulierung ist. (4,24) ὅστις, das 165 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. ♦ ἀλληγορέω ist Hapax legomenon im NT. ♦ δύο, das 147 / 132 Mal im NT steht, ist auch vorkanonisch belegt, vgl. zuvor zu Vers 22. ♦ 154 Rekonstruktion <?page no="1033"?> διαθήκη, das 33 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *2Kor 3,3; *Laod 2,12. ♦ ὄρος steht 68 / 63 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,24. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vergleichsweise selten gebraucht auf der vorkanonischen Ebene, *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ Σινᾶ steht 4 Mal im NT, weiters nur noch auf der kanonischen Ebene (Apg 7,30. 38; Gal 4,24. 25). ♦ συναγωγή steht 62 / 56 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 4,34. ♦ Ἰουδαῖος, das 250 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *1Kor 9,20; 15,20; *Röm 1,16; 2,29; *1Thess 2,14. ♦ δουλεία steht 5 Mal im NT und findet sich nochmals vorkanonisch bezeugt in *Gal 5,1. ♦ Zu γεννάω vgl. zuvor zu Vers 23 und danach Vers 29. ♦ Ἁγάρ steht 2 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Gal 4,24. 25). Zur Rekonstruktion: Mit den früheren Editoren wird der obenstehende Text aufgrund des Zeugnisses vor allem Tertullians geboten, wie in Nr. 4 zuvor begründet. Auffallend ist, wie die hier bezeugte Lexik weiters vorkanonisch bezeugt ist mit Ausnahme von ἀλληγορέω, das allerdings Hapax legomenon ist und möglicherweise auch zum Urgestein der vorkanonischen Ebene gehört. Dem lexikalischen Befund steht gegenüber, dass das nicht mehr bezeugte Ἁγάρ, auch nur kanonisch belegt ist. (4,25 ↑*Laod 1,21) Zu den aus *Laod 1,21 genommenen Versen: ὑπεράνω steht 3 Mal im NT, die anderen beiden Male auf der kanonischen Ebene (Eph 1,21; 4,10; Hebr 9,5). ♦ ἀρχή, das sich 67 / 55 Mal im NT findet, ist vorkanonisch für *Paulus bezeugt. ♦ δύναμις, das sich 128 / 119 Mal im NT findet, ist weiters vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,18. ♦ ἐξουσία, das 112 / 102 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,8; *Kol 1,16. ♦ Auffallend ist, dass der nur im kanonischen Vers Eph 1,21 stehende Terminus κυριότης, der 4 Mal im NT steht, nur auf der kanonischen Ebene zu finden ist und von Tertullian nicht bezeugt ist. ♦ ὀνομάζω steht 11 / 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt nur für hier *Gal 4,25 (= Eph 1,21). ♦ Die Kombination οὐ μόνον steht 27 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung, im Vers vorkanonisch bezeugt nur für diese Stelle hier; vgl. zu Röm 9,24. ♦ αἰώνιος, das sich 77 / 71 Mal im NT findet, ist auch vorkanonisch gut bezeugt. ♦ μέλλω, das 129 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Paulus. Zum parallelen kanonischen Vers: Die Kombination τὸ δέ (Nom.) steht 31 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mt 14,24; Lk 1,80; 2,40, in Versen, die in *Ev fehlen; 8,14. 15), vorkanonisch bezeugt nur innerhalb eines Verses: *Ev 11,39; *2Kor 3,6; *Röm 8,10; *Kol 2,17. ♦ Ἀραβία findet sich noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT, ebenfalls auf kanonischer Ebene in Gal 1,17. ♦ συστοιχέω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Kombination bestimmter Artikel + Präposition + Nomen + Partizip findet sich 29 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen 1 (Gal) 155 <?page no="1034"?> Ebene (2 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 7,32, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 21,23; 2 Mal Joh; 5 Mal Apg; Röm 14,20; 1Kor 9,24; 10,25; 2Kor 5,12; Gal 4,21. 29; Eph 4,24; Phil 3,6; 1Thess 5,3; 1Tim 2,2; Hebr 2,2; 12,25; 2Petr 2,18; 2 Mal Apk). ♦ Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ findet sich 49 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 19,47, wiederum in einem Vers, der in *Ev fehlt; 14 Mal in Apg; Röm 1,15; 8,12. 28; 9,5. 11; 11,21. 24; 16,5, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,19; 2Kor 7,11; 10,7; 11,28; Gal 4,29; Eph 1,15; 4,24; 5,33; 5,6. 21; Phil 1,12; Kol 3,22; 4,7. 15; 1Tim 6,3; Tit 1,1. 9; Phlm 1,2; Hebr 11,7; Jak 3,9; 1Petr 1,3). ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ Ἱεροσόλυμα steht 231 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,20; *Gal 2,1. ♦ αὐτῆς steht 151 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene belegt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das durch die Lexik in beiderlei Weise gestützt wird. Das in dem versetzten Vers nicht bezeugte κυριότης ist auch vorkanonisch nicht belegt. Der parallele kanonische Vers mit völlig anderem Inhalt weist mehrere Begriffe auf, die nur kanonisch belegt sind (Ἀραβία; αὐτῆς). Demnach dürfte der kanonische Vers von der vorkanonischen Version abwesend gewesen sein. (4,26) Für den unbezeugten Versteil: Die Kombination von ἡ δέ steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Gal 4,26; 1Kor 7,34; 8,1; 14,22; 15,56; 2Kor 4,12; 2Kor 7,10; 10,10; Röm 5,4 2x. 5; 10,6. 17; 11,7; 13,12; Eph 5,33). ♦ ἄνω steht 10 / 9 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene ( Joh 2,7; 8,23; 11,41; Apg 2,19; Gal 4,26; Phil 3,14; Kol 3,1. 2; Hebr 12,15; Apk 5,3). ♦ Zu Ἱεροσόλυμα vgl. zum voranstehenden kanonischen Vers 25. ♦ ἐλεύθερος, das 24 / 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion ist. Für den bezeugten Versteil: ἀπαγγέλλω, das 52 / 45 Mal im NT belegt ist, ist nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ Zu ὅστις vgl. zuvor zu Vers 24. ♦ Zu ἅγιος vgl. das, was zur Vorliebe für diesen Begriff in der kanonischen Fassung weiter oben gesagt wurde. ♦ ἐκκλησία steht 120 / 114 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,19; *Laod 3,10; 5,23. 29. 32; *Kol 1,24. ♦ μήτηρ, das 91 / 83 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,26; *Laod 5,31; 6,2. ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Röm 12,18; *Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17, vgl. zuvor zu Vers 1. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, wie es bereits von Harnack interpretiert worden ist. Der Text wird durch die Lexik gestützt. Während dieser Text vorkanonisch bezeugt ist, findet sich im kanonischen Text bereits die Eröffnung (ἡ δὲ) nur kanonisch bezeugt. Auch das darauf‐ folgende ἄνω ist nur kanonisch belegt. Kanonischer und vorkanonischer 156 Rekonstruktion <?page no="1035"?> 225 M. Meiser, Galater (2007), 14. Vers dürfen sich dementsprechend erheblich unterschieden haben, wie oben angegeben. (4,27) γέγραπται γάρ, vgl. hierzu weiter oben zu Vers 4,22. ♦ Auffallend ist bereits εὐφραίνω. Das Verb steht 16 Mal im NT, in Lk 15,23. 24. 29. 32, vier Mal in einer Passage, die von *Ev abwesend ist, in *Ev 16,19 ist der Begriff nur durch Adamantius bezeugt. Wenn er hier in Gal 4,27 als Zitat aus Jes 54,1 LXX begegnet, wird er der kanonischen Ebene zugehören (außer den genannten Stellen noch in Apg 2,26; 7,41; Röm 15,10; 2Kor 2,2; Apk 11,10; 12,12; 18,20), der Vers wird auch zitiert in 2Klem 2,1. 225 ♦ Die Zugehörigkeit zur kanonischen Ebene wird erhärtet durch weitere Begriffe: στεῖρα steht 5 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene zu finden. ♦ τίκτω steht 19 / 18 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ ῥήγνυμι steht 8 / 7 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ βοάω steht 16 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt in *Ev 18,7. 38. ♦ ὠδίνω, das 5 / 3 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene (Mt 24,8; Mk 13,8; Gal 4,19. 27; Apk 12,2). ♦ τέκνον, das 103 / 99 Mal im NT steht, ist auch vorkanonisch gut bezeugt, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion. ♦ πολλά steht 64 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 12,12. 14. ♦ ἐρῆμος steht 53 / 48 Mal im NT, im Sinn von „Wüste“ oder „wüstenartig“ begegnet der Begriff *Ev und *1Kor 10,5, nicht aber wie hier im Sinn von „beraubt“. Das Verb ἐρημόω steht 10 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der Vers ist nicht nur unbezeugt, eine Reihe von Begriffen sind ausschließlich bezeugt für die kanonische Ebene (εὐφραίνω; στεῖρα; ῥήγνυμι; ὠδίνω; ἐρῆμος im Sinn von „beraubt“). Der Vers war von der vor‐ kanonischen Version abwesend. (4,28) Die Kombination ὑμεῖς δέ steht 37 Mal im NT, davon 18 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mt 15,5; 23,8; Mk 7,11; 13,23; Lk 22,26. 28; Apg 3,14; Röm 8,9; 1Kor 3,23; 12,27; Gal 4,28; Eph 4,20; 1Thess 5,4; 2Thess 3,13; Jak 2,6; 1Petr 2,9; Jud 1,17. 20; im Vers: 3 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 9,20, nur bezeugt durch Adamantius; 11,48; 19,46, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 24,49, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 4 Mal Joh; 3 Mal Apg; 1Kor 4,10; 2Kor 13,9), d. h. er findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ὑμεῖς δέ, ἀδελφοί steht 3 Mal im NT, jeweils als Verseröffnung auf der kanonischen Ebene (Gal 4,28; 1Thess 5,4; 2Thess 3,13). ♦ Ἰσαάκ steht 25 / 20 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀνήρ steht 227 / 216 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 7,10. 11; 11,3. 7. 8; *Laod 5,22. 23. ♦ Die Verbform ἐσμέν, die 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; *Laod 2,10, vgl. weiter Vers 31. Zur Variante und Verbform ἐστε vgl. zuvor zu Vers 6. 1 (Gal) 157 <?page no="1036"?> Zur Abwesenheit: Dieser kurze Vers ist wiederum unbezeugt. Und doch be‐ gegnen Elemente, die ausschließlich auf der vorkanonischen Ebene belegt sind (ὑμεῖς δέ; ὑμεῖς δέ, ἀδελφοί; Ἰσαάκ). Der Vers ist folglich ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (4,29) Die Kombination ἀλλ’ ὥσπερ steht noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, auch als Verseröffnung auf der kanonischen Ebene in 2Kor 8,7. ♦ ὥσπερ steht 43 / 36 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,22; *Röm 5,21. ♦ Zu τότε vgl. zuvor zu Vers 8. ♦ Die Differenzierung κατὰ σάρκα - κατὰ πνεῦμα gibt einen Hinweis, denn sie verweist auf die kanonische Ebene in Röm 8,4-5. ♦ Zu σάρξ vgl. zuvor zu den Versen 13. 14. 23. ♦ Die Kombination bestimmter Artikel + Präposition + Nomen + Partizip findet sich 29 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 7,32, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 21,23; 2 Mal Joh; 5 Mal Apg; Röm 14,20; 1Kor 9,24; 10,25; 2Kor 5,12; Gal 4,21. 29; Eph 4,24; Phil 3,6; 1Thess 5,3; 1Tim 2,2; Hebr 2,2; 12,25; 2Petr 2,18; 2 Mal Apk). ♦ Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ findet sich 49 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 19,47, wiederum in einem Vers, der in *Ev fehlt; 14 Mal in Apg; Röm 1,15; 8,12. 28; 9,5. 11; 11,21. 24; 16,5, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,19; 2Kor 7,11; 10,7; 11,28; Gal 4,29; Eph 1,15; 4,24; 5,33; 5,6. 21; Phil 1,12; Kol 3,22; 4,7. 15; 1Tim 6,3; Tit 1,1. 9; Phlm 1,2; Hebr 11,7; Jak 3,9; 1Petr 1,3). ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ Zu γεννάω vgl. zuvor zu den Versen 23. 24. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen (ἀλλ’ ὥσπερ; Differenzie‐ rung κατὰ σάρκα - κατὰ πνεῦμα, die auf Röm 8,4-5 verweist. Die Kombination bestimmter Artikel + Präposition + Nomen + Partizip; Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ). Der Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (4,30) Die Wendung ἀλλὰ τί λέγει steht 3 Mal im NT, jeweils als Verseröffnung auf der kanonischen Ebene (Röm 10,8; 11,4; Gal 4,30). ♦ γραφή, das 54 / 51 Mal im NT steht, begegnet vielfach in der Doppeltradition Mt und Mk (Mt 21,42 / / Mk 12,10; Mt 22,29 / / Mk 12,24; Mt 26,54. 56 / / Mk 14,49; Mk 15,28; vgl. Lk 22,37), ein Mal auch an einer vergleichbaren Stelle ohne γραφή und beeinflusst von *Ev in die Formulierung gebracht τοῦτο τὸ γεγραμμένον in Lk 22,37. Dann begegnet ἡ γραφή wieder auf der redaktionellen Ebene in Lk 4,21; 24,27. 45, jedoch nie in *Ev. Es ist auch gut belegt für Joh (2,22; 5,39; 7,38. 42; 10,35; 13,18; 17,12; 19,24. 28. 36. 37; 20,9); Apg 1,16; 8,32. 35; 17,2. 11; 18,24 und in den Paulinen und weiteren Briefen, erneut nur bezeugt für die kanonische Ebene Röm 1,2; 4,3; 9,17; 10,11; 11,2; 15,4; 16,26; 1Kor 15,3; Gal 3,8. 22; 158 Rekonstruktion <?page no="1037"?> 1Tim 5,18; 2 Tim 3,16; Jak 2,8. 23; 1Petr 2,6; 3,16; 2Joh 1,5. ♦ ἐκβάλλω steht 88 / 81 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,40; 11,19. ♦ αὐτῆς, obwohl es 151 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene belegt, vgl. zuvor zu Vers 25. ♦ παιδίσκη, das 14 / 13 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,21. 31. ♦ ἐλεύθερος, das 24 / 23 Mal im NT steht, ist auch vorkanonisch bezeugt, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion ist. Zur Abwesenheit: Wie der voranstehende unbezeugte Vers, bietet die Lexik auch hier eine Stütze für die Abwesenheit des Verses von der vorkanonischen Version, betrachtet man sich die ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugten Elemente: ἀλλὰ τί λέγει; γραφή und αὐτῆς. (4,31) Vorkanonisch findet sich ἄρα, das 52 / 49 Mal im NT steht, weiter bezeugt für *Ev 11,20; *1Kor 15,14. ♦ Die Variante ἄρα οὖν steht 12 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung (Röm 5,18; 7,3; 8,12; 9,16. 18; 14,12. 19; Gal 6,10; Eph 2,19; 1Thess 5,6; 2Thess 2,15), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Konjunktion διό steht 56 / 53 Mal im NT, davon 42 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mt 27,8; Lk 7,7; Apg 10,29; 15,19; 27,25. 34; Röm 1,24; 2,1; 4,22; 13,5; 15,7. 22, in Versen, die in *Röm fehlen; 1Kor 12,3; 14,13; 2Kor 1,20; 2,8; 4,16; 5,9; 6,17; 12,10; Gal 4,31; Eph 2,11; 3,13; 4,8. 25; Phil 2,9; 1Thess 3,1; 5,11; Phlm 1,8; 7 Mal Hebr; Jak 1,21; 1Petr 1,13; 3 Mal 2Petr; im Vers: Lk 1,35, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 4 Mal Apg; 2Kor 1,20; 4,13; 12,7; Eph 5,14; Hebr 3,10; Jak 4,6), vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *2Kor 4,16; im Vers für *2Kor 1,20; 4,13; *Laod 5,14. ♦ Zur Verbform ἐσμέν vgl. zuvor Vers 23. Zur Rekonstruktion: Die Eröffnung wurde bereits zuvor in Nr. 11 diskutiert. Auch die Lexik stützt die Bezeugung des Verses durch Tertullian, dem der Text folgt, wie ihn bis auf die Eröffnung auch alle früheren Editoren angenommen haben. Kapitel 5 5,1 [2] 3 [4-5] 6 [7-8] 9-10 [11-13]: Freiheit oder Knechtschaft Die vorkanonischen Verse aus dieser Passage sind gut bezeugt, jedoch, wie die Rekonstruktion zeigt, systematisch von der kanonischen Redaktion teilweise alternierend durch Zusatzverse inhaltlich verändert und erheblich emphatisiert und auf die jüdische Schrift bezogen worden. 1 (Gal) 159 <?page no="1038"?> 5,1 ᾗ ἐλευθερίᾳ Χριστὸς ἡμᾶς ἠλευθέρωσεν· μὴ ζυγῷ δουλείας τῷ νόμῳ ἐνέχεσθε. 5,1 τῇ ἐλευθερίᾳ ἡμᾶς Χριστὸς ἠλευθέρωσεν· στήκετε οὖν καὶ μὴ πάλιν ζυγῷ δουλείας ἐνέχεσθε. - 2 Ἴδε ἐγὼ Παῦλος λέγω ὑμῖν ὅτι ἐὰν περιτέμνησθε Χριστὸς ὑμᾶς οὐδὲν ὠφελήσει. 3 μαρτύρομαι δὲ ὅτι ἄνθρωπος περιτετμημένος ὀφειλέτης ἐστὶν ὅλον τὸν νόμον ποιῆσαι. 3 μαρτύρομαι δὲ πάλιν παντὶ ἀνθρώπῳ περιτεμνομένῳ ὅτι ὀφειλέτης ἐστὶν ὅλον τὸν νόμον πληρῶσαι. - 4 κατηργήθητε ἀπὸ Χριστοῦ οἵτινες ἐν νόμῳ δικαιοῦσθε, τῆς χάριτος ἐξεπέσατε. 5 ἡμεῖς γὰρ πνεύματι ἐκ πίστεως ἐλπίδα δικαιοσύνης ἀπεκδεχόμεθα. 6 ἐν Χριστῷ οὔτε περιτομή τι ἰσχύει οὔτε ἀκροβυστία, ἀλλὰ πίστις δι’ ἀγάπης πληρουμένη. 6 ἐν γὰρ Χριστῷ Ἰησοῦ οὔτε περιτομή τι ἰσχύει οὔτε ἀκροβυστία, ἀλλὰ πίστις δι’ ἀγάπης ἐνεργουμένη. - 7 Ἐτρέχετε καλῶς· τίς ὑμᾶς ἐνέκοψεν [τῇ] ἀληθείᾳ μὴ πείθεσθαι; 8 ἡ πεισμονὴ οὐκ ἐκ τοῦ καλοῦντος ὑμᾶς. 9 μικρὰ ζύμη ὅλον τὸ φύραμα δολοῖ. 9 μικρὰ ζύμη ὅλον τὸ φύραμα ζυμοῖ. 10 ὁ δὲ ταράσσων ὑμᾶς βαστάσει τὸ κρίμα. 10 ἐγὼ πέποιθα εἰς ὑμᾶς ἐν κυρίῳ ὅτι οὐδὲν ἄλλο φρονήσετε· ὁ δὲ ταράσσων ὑμᾶς βαστάσει τὸ κρίμα, ὅστις ἐὰν ᾖ. - 11 ἐγὼ δέ, ἀδελφοί, εἰ περιτομὴν ἔτι κηρύσσω, τί ἔτι διώκομαι; ἄρα κατήργηται τὸ σκάνδαλον τοῦ σταυροῦ. 12 ὄφελον καὶ ἀποκόψονται οἱ ἀναστατοῦντες ὑμᾶς. 13 Ὑμεῖς γὰρ ἐπ’ ἐλευθερίᾳ ἐκλήθητε, ἀδελφοί· μόνον μὴ τὴν ἐλευθερίαν εἰς ἀφορμὴν τῇ σαρκί, ἀλλὰ διὰ τῆς ἀγάπης δουλεύετε ἀλλήλοις. A. *5,1: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4, 9: Qua libertate Christus nos manumisit … Et merito. Non decebat manumissos rursus iugo servitutis, id est legis, adstringi. Vgl. id., De Pud. 20,13: nondum enim caro a christo manumissa. Manumittere ist offenkundig nur durch Tertullian für die Übersetzung dieser Stelle überliefert. ♦ *5,3: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 3 (120. 156 H.): μαρτύρομαι δὲ πάλιν ὅτι ἄνθρωπος περιτετμημένος ὀφειλέτης ἐστὶν ὅλον τὸν νόμον πληρῶσαι. ♦ 5,4-5: Tert., Adv. Marc. V 4 11: Praeferre enim debebat aemulam eius quam expugnabat, si ab aemulo circumcisionis deo esset. ♦ *5,6: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4, 10: cur etiam praeputiationem negat quicquam valere in Christo, sicut et circumcisionem? 160 Rekonstruktion <?page no="1039"?> 226 Vgl. hierzu J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Be‐ förderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 67; F. Zimmer, Der Codex Augiensis (F Paul ), eine Abschrift des Boernerianus (G Paul ) (1887), 82. Und ibid. 11: Praeferre enim debebat aemulam eius quam expugnabat, si ab aemulo circumcisionis deo esset. Porro quia et circumcisio et praeputiatio uni deo deputabantur, ideo utraque in Christo vacabat propter fidei praelationem, illius fidei de qua erat scriptum: Et in nomine eius nationes credent, illius fidei quam dicendo per dilectionem perfici sic quoque creatoris ostendit. ♦ *5,9: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 4 (120. 157 H.): Ἀντὶ τοῦ μικρὰ ζύμη ὅλον τὸ φύραμα ζυμοῖ ἐποίησεν δολοῖ. Vgl. auch (Pseudo-? )Ephr., Erklärung des Evangeliums (27 Schäfers): „Und gleich ist er dem Sauerteige, weil Sauerteig anziehend und gefangennehmend ist, und dies[e] Eigenschaft besitzt er beständig“; vgl. auch 1Kor 5,6. ♦ *5,10: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,12: Qui autem turbat vos, iudicium feret; Adam., Dial. II 5 (im Mund des Adamantius): ὁ ταράσσων ὑμᾶς βαστάσει τὸ κρίμα (Rufin: Qui conturbat uos portabit iudicium, quicunque est ille), ibid. II 18: ὁ ταράσσων ἡμᾶς βαστάσει τὸ κρίμα ὅστις ἂν ᾖ (Rufin: Qui conturbat nos portabit iudicium, quicunque est ille). ♦ 5,11-13: Tert., Adv. Marc. V 4,12: Sed nec ille damnabit assertorem circumcisionis. Vgl. Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas (PL 26, 406A): Nunc a nobis contra haereticos proferatur, Marcionem videlicet, et Valentinum et omnes qui contra vetus latrant Testamentum, qua ratione illi qui Creatorem sanguinarium, severum bellatorem, et tantum judicem criminantur, hoc in Apostolo Dei boni valeant excusare; vgl. auch Tert., De pud. 1,13 (SC 394,148): optans etiam ut praeciderentur qui circumcisionem detinendam suadebant. B. (5,1) In den Handschriften gibt es Abweichungen vom Wortlaut des kano‐ nischen Textes, der wegen der Komplexität weiter unten in C. gegeben und diskutiert wird. ♦ (5,3) πάλιν om 06*, 010, 012, 1739, 1881, it, MVict, Ambst, Hier, Aug, Thdt. ♦ Vor ἀνθρώπῳ bezeugt Epiphanius παντί, was sich auch in der altlateinischen Tradition findet: omnem hominem 89, Hier, omni Pel. ♦ πληρῶσαι anstelle von ποιῆσαι ist bezeugt durch 1505, sy h und von NA 28 als markionitische Lesart verzeichnet. ♦ (5,6) γάρ om Tert, Thdt. ♦ Ἰησοῦ om 03, Clem Alex. ♦ μηδένι πείθεσθε add 010, 012, ar, b, vg s , Lcf, Pel. ♦ (5,7) Am Versende wird μηδένι πείθεσθε eingefügt von den Zeugen 010, 012, ar, b, vg s , Lcf, MVict, Pel ♦ (5,9) Anstelle von ζυμοῖ findet sich δολοῖ in 06*, lat, go, Bas, Const Ap, Lcf und wird von NA 28 als markionitische Lesart vermerkt. ♦ Auf φρονήσετε folgt in 010 ein Zusatz ἥν ἔχι ἡ ἀληθία ιου χυ, den die Handschrift aus einer Glosse aus 012 zu Gal 5,9 übernimmt. 226 ♦ (5,13) Nach τῇ σαρκί add 012 δότε. ♦ (5,11) ἔτι om 06*, 010, 012, a, b, vg s , Lcf, Pel. 1 (Gal) 161 <?page no="1040"?> 227 Vgl. zur Diskussion T. Baarda, Gal. 5,1a: ᾕ ἐλευθερίᾳ… Over de ‚Westerse Tekst‘ en de Tekst van Marcion (1992); U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 74; S.C. Carlson, The Text of Galatians and its History (2015), 199; B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019), 262. 228 Ich danke Holger Strutwolf für die Prüfung und Übermittlung von Lesarten zu dieser Stelle. C. 1. (5,1) Es stellt sich die Frage, welcher Textbestand der kanonischen Ebene und welcher der vorkanonischen zuzuordnen ist, da die Überlieferung komplex ist. 227 Zwei Beobachtungen gelten vorweg: 1. Eine vollständige Übereinstimmung mit Tertullian bietet keine Handschrift. 2. In P 46 fehlt dieser Vers. Die weitere Überlieferung gestaltet sich wie folgt: Tertullian: 228 τη ελευθερια η χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε 06 τη ελευθερια η χριστος ημας εξηγορασεν στηκετε 1505, sy hmg τη ελευθερια ουν η χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε 06 1 , 018, 020, M, τη ελευθερια η χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε ουν 104, 2464 τη ελευθερια ουν η χριστος υμας ηλευθερωσεν στηκετε 630 τη ελευθερια χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε ουν 01 2 , 04, 044, 81, 1241, 1739, 1881 τη ελευθερια ουν χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε ουν 04 2 τη ελευθερια ουν χριστος ημας ηλευθερωσεν στηκετε 614 τη ελευθερια χριστος ημας ηλευθερωσεν στητε ουν 015, 0278, 365, 1175 η ελευθερια ημας χριστος ηλευθερωσεν στηκετε ουν 010, 012, r, Ambst τη ελευθερια ημας χριστος ηλευθερωσεν στηκετε ουν 01*, 02, 03, 025, 33, sa (bo) τη ελευθερια ημας χριστος ηλευθερωσεν στηκετε 06* Keiner der Zeugen stimmt mit Tertullians Zeugnis genau überein, doch am nächsten kommt ihm die Version, die bezeugt ist durch 010, 012, r, Ambst. Es lässt sich leicht erklären, dass durch das spätere Hinzutreten des οὖν seine Stellung unsicher blieb, ebenso ein zweites ᾗ hinzutrat, das zwar grammatisch den Satz flüssiger macht, aber eher als Harmonisierung des Ausdrucks wirkt. Hieraus leitet sich aber auch ab, dass Tertullian uns womöglich nicht den vorkanonischen, sondern den kanonischen Text gibt, wie sich in seinem rursus zeigt. Mit diesem rursus wird eine kanonische Verknüpfung zur jüdischen Tradition hergestellt und die vorkanonisch vorhandene Antithese unterlaufen, 162 Rekonstruktion <?page no="1041"?> 229 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 79-80. 230 Ephraem, Commentarii in epistolas D. Pauli (1893), 136. 231 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 77*. in der darum πάλιν wohl gefehlt hatte, auch wenn es die früheren Editoren aus Tertullian übernommen haben. Die durch Tertullian nahegelegte Wortstellung von Χριστὸς ἡμᾶς ist auch handschriftlich belegt, und die umgekehrte Wortstellung könnte durchaus eine Harmonisierung darstellen. Der kanonische Text hat mit der Umstellung von χριστος und ημας den Akteur in der Betonung hervorgehoben. Hilgenfeld sieht die Lesart ᾗ ἐλευθερίᾳ Χριστὸς ἡμᾶς Χριστὸς ἠλευθέρωσε durch Tertullian bezeugt. 229 Van Manen gibt den kanonischen Text (ohne οὖν). Zahn stimmt mit dem oben gebotenen Vers 5,1a überein und übernimmt Vers 5,1b der kanonischen Fassung, Harnack schreibt wie oben (ohne τῷ νόμῳ), Schmid übernimmt den kanonischen Text mit Ausnahme von Χριστὸς ἡμᾶς, BeDuhn scheint Harnack zu folgen, setzt am Ende aber mit Blick auf Tertullian, Ephräm (neque iterum sub jugo servitutis legis intremus) und Kapitelangaben in griechischen Handschriften, die auf „das Gesetz“ zu sprechen kommen, noch den Hinweis auf das Gesetz hinzu, dem wir hier folgen. Allerdings ist zu bemerken, dass Ephräm an dieser Stelle gewiss den kanonischen Text vor sich hat, wie sein sich anschließendes Zitat aus Vers 2 erschließen lässt. 230 2. (5,2) Dieser Vers ist unbezeugt, auch wenn Hilgenfeld meint, Epiphanius nehme berücksichtige ihn in Scholion 3. Dies jedoch kann nur wegen der Ähnlichkeit dieses Verses mit dem folgenden Vers 3 behauptet werden und ist darum unsicher. Da allerdings das Scholion die unmittelbare Wiedergabe von Vers 3 darstellt, ist Hilgenfeld’s Vorschlag schwer nachzuvollziehen. Van Manen und Zahn nehmen den Vers für *Gal nach dem kanonischen Wortlaut in Anspruch. Harnack meint, er habe „schwerlich gefehlt“. 231 Schmid sieht ihn als unbezeugt, und BeDuhn lässt den Vers aus. Für die Entscheidung, ob dieser Vers vorhanden war oder eher nicht, sind wir also auf die Handschriften angewiesen, die Lexik und den narrativen Zusammenhang. Vers 3 eröffnet mit einem δὲ, was man zwar mit etwas Überlegung auch an Vers 2 anschließen könnte („wenn ihr euch beschneiden lasst, wird Christus euch nichts nützen, ich verweise aber darauf, dass der Mensch, der sich beschneiden lässt, verpflichtet ist, das ganze Gesetz zu halten), doch völlig sinnvoll scheint es schon der kanonischen Redaktion nicht erschienen zu sein, die darum nicht an Vers 2 anschließt, sondern ein πάλιν einfügt, um auf eine frühere Ausführung des Paulus, vermutlich Röm 1 (Gal) 163 <?page no="1042"?> 232 Ibid. 233 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 80-81. 2,25 („Denn die Beschneidung ist wohl nützlich, wenn du das Gesetz hältst; wenn du aber ein Übertreter des Gesetzes bist, ist deine Beschneidung zu Unbeschnittenheit geworden“) zu verweisen, ein Brief, der in der kanonischen Ausgabe ja die Sammlung eröffnete. Dieses πάλιν ist in einigen Zeugen nicht vorhanden, und wird auch im vorkanonischen Text gefehlt haben, weil auch Vers 2 fehlte. Dadurch schließt Vers 3 direkt an Vers 1 an mit der Aussage, man solle sich kein Joch der Knechtschaft durch das Gesetz auflegen lassen. Dann folgt der Hinweis, dass aber, wenn man die Beschneidung auf sich nimmt, man dann auch das ganze Gesetz akzeptieren müsse. Hieraus hat die kanonische Redaktion die Verschärfung eingebracht, dass mit der Beschneidung Christus nicht mehr von Nutzen sei. Überhaupt ist auffallend, dass das Thema des „Nutzens“ in der kanonischen Redaktion ein größeres Gewicht bekommt als in der vorkanonischen Fassung. 232 Zur Formulierung Ἴδε ἐγὼ Παῦλος λέγω ὑμῖν ὅτι vgl. auch die ähnliche, ebenfalls der kanonischen Redaktion angehörige von 2Kor 10,1 (Αὐτὸς δὲ ἐγὼ Παῦλος παρακαλῶ ὑμᾶς). 3. (5,3) Meyboom weist auf die von Epiphanius bezeugte Variante ὅτι ἄνθρωπος περιτετμημένος hin. Van Manen bietet den Text wie oben (jedoch mit πάλιν und anstelle von ποιῆσαι mit πληρῶσαι 233 ), Zahn folgt ihm (jedoch mit ποιῆσαι), Harnack ebenso, jedoch am Ende wie van Manen mit πληρῶσαι, so auch Schmid und BeDuhn. Nun lässt sich das πάλιν aus Paulus heraus gar nicht verstehen, weil er an keiner anderen Stelle gesagt hat, man müsse das ganze Gesetz erfüllen. Eine solches Zeugnis kann also lediglich auf der kanonischen Ebene sinnvoll sein, denn dieses πάλιν ist nicht einfach als Verstärkung des voranstehenden δέ aufzufassen, nachdem es als „zurück“ oder „wieder“ zuvor in 5,1 begegnete. Folglich scheint es auch gar nicht auf Paulus selbst hinzudeuten („Ich bezeuge Euch abermals“, Lutherbibel; „I testify again“, King James Bible), sondern das „abermals“ oder „erneut“ verweist es wohl auf eine andere Passage der kanonischen Sammlung, die nur im Jakobusbrief ( Jak 2,10) begegnet, wo es heißt: ὅστις γὰρ ὅλον τὸν νόμον τηρήσῃ. Auffallenderweise finden sich für τηρήσῃ eine Reihe von Varianten, die auffälligste für unseren Zusammenhang ist die in 02, 1448, 1611, sy h bezeugte: πληρωσει, die dann harmonisiert in 33 wiederbegegnet als πληρωσας τηρησει. Wie instabil τηρηση ist, zeigen die weiteren Varianten: τηρησει in 025, 5, 307, 442, 642, 1243, 2492, Byz, die durch ihre Endung an πληρωσει erinnert, ebenso das τελεσει, welches bezeugt ist in 044, 81, 436, 1735, 2344 vid , es folgen τηρη in 1175, τελεση in 1739 und das von NA 28 164 Rekonstruktion <?page no="1043"?> 234 C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. 235 Detering hält diesen Vorschlag für ansprechend, aber höchst unsicher, rechnet aber mit der Präsenz des Verses, H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians---Explanations (2003), 80-81. 236 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 77*. für den Text gewählte τηρηση, das relativ schmal bezeugt ist durch 01, 03, 04, 1852. Die kanonische Redaktion hatte mit πάλιν folglich einen Querbezug zum Jakobusbrief hergestellt und gerade in der Gesetzesfrage Paulus dem Jakobus zustimmen lassen. Auffallend ist ebenfalls, dass das πληρωσει gerade in sy h bezeugt ist, in welchem auch das von Epiphanius bezeugte πληρῶσαι noch zu finden ist. Sollte aber Epiphanius hier gar nicht, wie an manch anderen Stellen auch, aus Markions *Apostolos zitiert haben - oder aus einem an dieser Stelle ihm vorliegenden mit der kanonischen Version bereits kontaminierten Version von *Ap - dann muss an dieser Stelle möglicherweise nicht nur auf das πάλιν für den vorkanonischen Text verzichtet werden, sondern auch auf das πληρῶσαι und an dessen Stelle eventuell doch das weniger theologisch geladene ποιῆσαι gelesen werden, während umgekehrt für den kanonischen Text das πληρῶσαι anzunehmen ist. Von einer Erfüllung des Gesetzes wird vorkanonisch nämlich erst in *Gal 5,14 gesprochen, dort aber heißt es nicht, dass es Aufgabe des Menschen ist, das Gesetz zu erfüllen, sondern in Antithese hierzu: „das ganze Gesetz ist in Euch erfüllt“ und als Folge hieraus gilt das Liebesgebot, das das ganze Gesetz ausmacht: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! “ 4. (5,2-3) Weisse hatte bereits die Duplikation in diesen beiden Versen bemerkt: 2 Ἴδε ἐγὼ Παῦλος λέγω ὑμῖν ὅτι ἐὰν περιτέμνησθε Χριστὸς ὑμᾶς οὐδὲν ὠφελήσει. 3 μαρτύρομαι δὲ πάλιν παντὶ ἀνθρώπῳ περιτεμνομένῳ ὅτι ὀφειλέτης ἐστὶν ὅλον τὸν νόμον ποιῆσαι, und darin die Hand eines Interpolators entdeckt, allerdings schied er nicht Vers 2, sondern Vers 3 aus - wie die Bezeugung hier nahelegt, die falsche Wahl, wenn auch die Beobachtung sich als korrekt herausstellt. 234 5. (5,4-5) Diese beiden Verse sind nicht bezeugt. Van Manen gibt folgenden Wortlaut: 4 κατηργεῖτε τὸ σημεῖον τῆς δουλείας. οἵτινες ἐν νόμῳ δικαιοῦσθε, τῆς χάριτος ἐξεπέσατε. 5 ἡμεῖς γὰρ πνεύματι ἐκ πίστεως ἐλπίδα δικαιοσύνης ἀπεκδεχόμεθα. 235 Zahn rechnet mit ihrer Präsenz, und auch Harnack meint, dieser Passus sei „schwerlich getilgt“. 236 Schmid sieht sie als unbezeugt und BeDuhn führt sie nicht auf. Handschrift‐ liche Varianten sind keine verzeichnet. Und doch träfe die Kritik Tertullians ins Leere, wenn zumindest Vers 5 im vorkanonischen Text gestanden wäre, denn in 1 (Gal) 165 <?page no="1044"?> 237 H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 81-82. 238 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 77*. 239 Vgl. zu diesem Zusatz die Diskussion in L.J. North, ‚Thou shalt commit adultery‘ (Exod. 20: 14, AV 1631): A First Survey of Alteration Involving Negatives in the Transmission of the Greek New Testament and of Early Church Responses to it (2009). ihm wird im Rahmen dieser Diskussion der gesetzesgeforderten Beschneidung die Gerechtigkeit im Geist durch den Glauben entgegengesetzt, genau das, was Tertullian bei Markion vermisst, wenn er Adv. Marc. V 4 11: Praeferre enim debebat aemulam eius quam expugnabat, si ab aemulo circumcisionis deo esset. Eine solche Präferenz fehlt in Markions Text und sie wird auch nicht im nachfolgenden Vers 6 geliefert. Insgesamt greifen die Verse 4 und 5 das Thema nicht von Vers 3 auf, sondern den kanonisch-redaktionellen Gedanken von Vers 2 und führen diesen weiter, die Verse gehören folglich nach Tertullian und der argumentativen Konsistenz zur kanonischen Redaktion. 6. (5,6) Van Manen tilgt diesen Vers, was Detering inhaltlich für verständ‐ lich, aber nicht durch Zeugen gedeckt hält. 237 Zahn überlegt, ob anstelle von ἐνεργουμένη möglicherweise πληρουμένη zu lesen ist, was tatsächlich dem lateinischen perfici besser entspricht. P 46 hat ενεργουμενης. Harnack gibt den Vers wie oben, Schmid notiert ἐν (γὰρ) Χριστῷ (Ἰησοῦ) οὔτε περιτομή τι ἰσχύει οὔτε ἀκροβυστία, (ἀλλὰ) πίστις δι’ ἀγάπης ἐνεργουμένη, BeDuhn folgt Harnack. 7. Das in der kanonischen Version begegnende γάρ ist unbezeugt, es fehlt auch bei Thdt, und wird wohl auch erst durch die kanonische Redaktion als Anschluss an den dort voranstehenden Vers hinzugekommen sein, während das vorangestellte ἐν Χριστῷ gerade einen Gegensatz im vorkanonischen Text markiert. 8. (5,7-8) Diese beiden Verse sind unbezeugt, doch van Manen und Zahn rechnen mit ihrer Präsenz. Van Manen gibt die Verse in der kanonischen Form, am Ende allerdings anstelle von ὑμᾶς: καὶ οὐκ ἐξ ἡμῶν. Vorsichtiger ist Harnack, der allerdings von den Versen 7-26 meint, dass „vielleicht nichts getilgt war“. 238 Schmid notiert die fehlende Bezeugung, ebenso BeDuhn. Der Zusatz μηδένι πείθεσθε in einigen einschlägigen Zeugen 239 deutet darauf hin, dass die beiden Verse der kanonischen Fassung angehören, denn er unter‐ bricht als Einwurf die Argumentationslinie und bewegt sich auch stilistisch auf der Ebene der kanonischen Redaktion. Während die vorkanonische Fassung mit den Versen 1, 3, 6 diskursiv ist, fügt die kanonische Redaktion jeweils eine direkte Anrede der Hörenden und Lesenden ein: 2 Ἴδε ἐγὼ Παῦλος λέγω 166 Rekonstruktion <?page no="1045"?> 240 Vgl. H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 82-83. So auch H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 241 ζύνη bei Schmid ist eine Verschreibung für ζύμη. 242 J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 86. So urteilte bereits G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 114, 236. ὑμῖν ὅτι, 4 κατηργήθητε, 7 Ἐτρέχετε καλῶς: τίς ὑμᾶς ἐνέκοψεν [τῇ] ἀληθείᾳ μὴ πείθεσθαι. Wie wir an weiteren Stellen sehen werden und worauf in der Einleitung verwiesen wurde, ist diese direkte Anrede geradezu ein auffallendes Stilmerkmal der kanonischen Redaktion, die den Text verlebendigt und zu größerer Emphase führt. 9. (5,9) Hilgenfeld hält das δολοῖ anstelle von ζυμοῖ für eine grundlose Un‐ terschiebung durch Epiphanius. Van Manen, Meyboom und Detering hingegen halten sich an Epiphanius. 240 Schmid folgt dieser Lesart δολοῖ des Scholions, 241 ebenfalls BeDuhn. Die von Epiphanius gerügte Lesart δολοῖ findet sich auch in einigen handschriftlichen Zeugen. Sie wird auch von (Pseudo-? )Ephr. mit dem „gefangennehmend“ bestätigt. Wenn die redaktionelle Bearbeitungsrichtung δολοῖ > ζυμοῖ ist, ist diese Veränderung eine Harmonisierungstendenz mit dem parallelen, ebenfalls in derselben Weise veränderten Vers 1Kor 5,6. Clabeaux sieht in δολοῖ die ursprüngliche Lesart. 242 Δολοῖ passt in der Tat besser in die vorkanonische Fassung der Verse 1, 3, 6, während ζυμοῖ sich besser zu dem Ἐτρέχετε καλῶς fügt, obwohl hier grundsätzlich auch δολοῖ gepasst hätte, weil dieses Verb dann den zweiten Teil von Vers 7 und Vers 8 aufgegriffen hätte. Der Vers hat eine wörtliche Parallele in 1Kor 5,6. 10. (5,10) Auffallend ist die verschiedene Bezeugung des Objekts, „euch“ oder „uns“ im Adamantiusdialog. Das „euch“ stimmt mit Tertullian überein, doch zeigt Rufin, dass ihm im zweiten Fall gewiss das „uns“ im griechischen Text vorgelegen war. Hilgenfeld und van Manen optieren für den kanonischen Text des Verses auf‐ grund des Adamantiuszeugnisses. Zahn und Harnack folgen dem kanonischen Text, auch Schmid und BeDuhn schließen sich an, aber lassen ὅστις ἐὰν ᾖ aus. Die Verallgemeinerung der Aussage ist gewissermaßen eine Verschärfung, entspricht folglich dem festgestellten Emphatisieren des Textes durch die kanonische Redaktion und wird wohl vorkanonisch gefehlt haben. Zahns Argument, dieser Schluss „begünstige die Deutung auf Petrus“, die man bei Hieronymus liest, und habe darum nicht gefehlt, widerspricht m. E. 1 (Gal) 167 <?page no="1046"?> 243 pace T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 503. 244 H. Schlier, Der Brief an die Galater (1951), 172. dem Inhalt dieses Schlusses. 243 Auch wenn der zweite Teil des Verses demnach gut belegt ist, fehlt vom ersten Teil jede Spur. Erneut fällt auf, dass es gerade dieser Teil ist, der wiederum mit einer direkten, emphatisch das „Ich“ in den Vordergrund stellenden Anrede beginnt: ἐγὼ πέποιθα εἰς ὑμᾶς ἐν κυρίῳ ὅτι. Dieses kontrastierende Stilmerkmal entspricht den Versen der kanonischen Redaktion 2, 4 und 7, wird also der kanonischen Redaktion zugehören. 11. (5,11-13) Diese drei Verse sind unbezeugt, auch wenn man den von den bisherigen Editoren nicht berücksichtigten Hinweis in Tert., Adv. Marc. V 4,12 als Hinweis auf Gal 5,11 lesen könnte. Doch da sich Tertullian gerade in der Gegenargumentation gegen Markion befindet, scheint er vielmehr auf die kanonische Fassung zu schielen. Van Manen gibt die Verse nach der kanonischen Version. Zahn jedenfalls nimmt die Verse als unbezeugt in Anspruch für den markionitischen Text, wobei er für die Verse 11 und 13 mit Abweichungen rechnet. Harnack sieht nur Vers 12 bezeugt mit Verweis auf Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas (PL 26, 403C). Schmid nimmt die drei Verse allesamt als unbezeugt, so auch BeDuhn. Nun ist der von Harnack gegebene Hinweis auf Hieronymus sehr vage. Hingegen fällt die dritte Selbsteinführung auf, hier ἐγὼ δέ, ἀδελφοί. Das ἐγὼ δέ findet sich auffallenderweise, wie unten in D. gezeigt, in keinem der vorkanonischen sieben Paulusbriefe, sondern einzig in dem Pseudo-Paulinum *Laod (5,31). Die ἀδελφοί Anrede in den Versen Gal 5,11. 13, die wie bereits das „Ich“ in den Versen 2 und 10 und überhaupt die unmittelbare Anrede der Hörenden oder Lesenden als Merkmal der kanonischen Redaktion sich auszeichnete, verweist auch diese Verse auf die kanonische Ebene. Inhaltlich ist die Passage bereits den Kommentatoren aufgefallen. Der Ge‐ dankengang der Passage ist „nicht sicher zu fassen“, da er „etwas gegen die bisherigen [Überlegungen] abgesetzt ist“, dafür aber „eine gewisse Eindringlich‐ keit“ verrate. 244 Auffallend ist, dass in einigen einschlägigen Handschriften in Vers 11 ἔτι fehlt, wodurch von Paulus gesagt wird, er verkünde grundsätzlich die Beschneidung. Doch bezieht sich Vers 11 auf die Verse 3 und 6, wo zumindest hypothetisch damit gerechnet wird, dass sich Mitglieder noch beschneiden lassen, und auch der Unbeschnittenheit kein eigenes oder besonderes Gewicht zuerteilt wird. Damit aber antwortet Vers 11 auf die vorkanonische Vorlage und, ohne deren Text zu entfernen, radikalisiert er, dass die Beschneidung nicht mehr zu befürworten sei, ja, dass eine Forderung der Beschneidung geradezu eine Beseitigung des Skandalons des Kreuzes wäre. Schlier sieht 168 Rekonstruktion <?page no="1047"?> 245 Ibid. 173. 246 Vgl. *Gal 5,10b 247 Vgl. bereits E. Barnikol, Die vorchristliche und frühchristliche Zeit des Paulus. Nach seinen geschichtlichen und geographischen Selbstzeugnissen im Galaterbrief (1929), 18-24. richtig, dass in der kanonischen Version sich „Περιτομή und σταύρος … als einander ausschließende Mittel und Zeichen des Heiles entgegen“ stehen. 245 Wenn nicht mehr von οἱ ταράσσοντες, 246 die Rede ist, sondern Gal 5,12 von οἱ ἀναστατοῦντες, dann liegt hier der Sprachgebrauch vor, der sich ausschließlich wieder in der Apostelgeschichte findet, Apg 17,6; 21,38. Auch ἀποκόπτειν im selben Satz zuvor findet sich nur in der kanonischen Ausgabe. Ein weiteres Argument, dass die vorliegenden drei Verse der kanonischen Redaktion zuzuordnen sind, besteht in der narrativen Schlüssigkeit, mit welcher der nachfolgende, für *Gal bezeugte Vers 14 auf Vers *Gal 3,10 folgt. Gleichwohl gilt die Stelle als eine Kernstelle für die Rekonstruktion der Biographie des kanonischen Paulus. 247 D. (5,1) ἐλευθερία steht 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4; 5,1. ♦ ἐλευθερόω findet sich 15 / 7 Mal im NT, weiters nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Das hier unbezeugte στήκω findet sich 12 / 10 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene belegt. ♦ πάλιν, das 159 / 141 Mal im NT steht, etwa Lk 6,42, wo im parallelen Vers in *Ev der Begriff fehlt, findet sich mit Ausnahme von *1Kor 3,20 (in der Kombination καὶ πάλιν als Hinweis auf ein weiteres Schriftzitat) alleinstehend nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ζυγόν steht 6 Mal im NT, weiters lediglich auf der kanonischen Ebene. ♦ δουλεία, das 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt. ♦ ἐνέχω steht 3 Mal im NT, weiters lediglich auf der kanonischen Ebene bezeugt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt weithin dem Zeugnis Tertullians, wobei auch die Handschriftenvarianten berücksichtigt wurden, die in Nr.-1 diskutiert werden. Aufgenommen wurde auch der Hinweis auf das Gesetz, wie eben‐ falls in Nr. 1 begründet. Auffallend ist, dass der unbezeugte Begriff στήκω ausschließlich bezeugt ist für die kanonische Version, er wird folglich von der vorkanonischen Version gefehlt haben, ebenso das auf ihn folgende πάλιν. (5,2) Παῦλος, der 174 / 158 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für diese Stelle hier, *Gal 1,1 und noch für *1Kor 1,1; 3,22; *2Kor 1,1; *Röm; *1Thess 1,1; *2Thess 1,1; *Laod 1,1; *Kol 1,1. ♦ Die Verbform λέγω, die 214 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,51; *Laod 5,32, vgl. weiter Vers 16. ♦ περιτέμνω, das 20 / 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt 1 (Gal) 169 <?page no="1048"?> für *Gal 2,3; 5,3; 6,13. ♦ Wie zuvor in Kapitel vier, steht auch in diesem Kapitel οὐδέν (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 90 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. weiter unten zu Vers 10. ♦ ὠφελέω, das 17 / 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,25. Zur Abwesenheit: Nachdem der Vers unbezeugt ist, spricht die Lexik etwa des eher unscheinbaren Begriffes οὐδέν, aber auch die Semantik der emphatischen und auktorialen Selbstvorstellung des Paulus für die Abwesenheit des Verses von der vorkanonischen Fassung; es sind Charakteristika der kanonischen Redaktion. (5,3) μαρτύρομαι steht 14 / 5 Mal im NT, und ist weiters nur mehr auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ παντί steht 59 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,16; 10,4; *Kol 1,16. ♦ Die Kombination πᾶς + ἄνθρωπος steht 23 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2 Mal Joh; Apg 22,15; Röm 5,12. 18; 12,17. 18; 1Kor 7,7; 15,19; 2Kor 3,2; Gal 5,3; Phil 4,5; Kol 1,28; 1Thess 2,15; 1Tim 2,1. 4; 4,10; Tit 2,11; 3,2; Jak 1,19). ♦ Zu περιτέμνω vgl. zum voranstehenden Vers 2. ♦ ὀφειλέτης, das 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt nur für diese Stelle, *Gal 5,3. ♦ ὅλος steht 123 / 110 Mal im NT, spärlich vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,27; *Gal 5,3. 9. ♦ πληρόω, das 91 / 87 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,14; *Röm 8,4 und 13,8. Zur Rekonstruktion: Wie oben in Nr. 3 diskutiert, wird der Text in leichter Abwandlung von der Bezeugung durch Epiphanius geboten unter Berücksich‐ tigung der Lexik. (5,4) καταργέω, das 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15 und vielleicht *2Kor 3,11. 13. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vergleichsweise selten gebraucht auf der vorkanonischen Ebene in *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ ὅστις, das 165 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. ♦ δικαιόω, das 59 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. ♦ χάρις, das 171 / 156 Mal im NT steht, ist vorkanonisch gut bezeugt und doch ein Begriff großer Beliebtheit auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐκπίπτω, das 13 / 10 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: In diesem unbezeugten Vers sind zwar fast alle Begriffe vor‐ kanonisch bezeugt, doch es gibt Termini, die mit Vorliebe auf der kanonischen Ebene benutzt werden (ἀπό; χάρις) und einen ausschließlich dort zu findenden (ἐκπίπτω), was gerade bei der kürze des Verses auffällt. Der Vers ist folglich nicht nur unbezeugt, sondern wird auch abwesend von der vorkanonischen Version sein. 170 Rekonstruktion <?page no="1049"?> 248 Vgl. J. Schröter, Sammlungen der Paulusbriefe und die Entstehung des neutestamentli‐ chen Kanons (2018). (5,5) Die Kombination ἡμεῖς γάρ begegnet weiter nur auf der kanonischen Ebene (Gal 5,5; 2Kor 6,16). ♦ ἐλπίς steht 58 / 53 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,12; *Laod 2,12; *Kol 1,5. ♦ Auffallend ist die Beliebtheit für δικαιοσύνη etwa in Lk 1,75, Röm 4,3.6.11.13, in Versen, die vorkanonisch fehlen, dagegen in den Ausführungen in Röm 4,2, die der Gerechtigkeit keinen „Ruhm vor Gott“ zuschreibt. δικαιοσύνη, das 97 / 92 Mal im NT steht, ist folglich ein bedeutender Begriff der kanonischen Redaktion, wenn er auch vorkanonisch in *Paulus bezeugt, allerdings problematisiert wird. ♦ ἀπεκδέχομαι, das 8 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 3,20, ansonsten auf der kanonischen Ebene stehend. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers steht bereits die Eröffnung nur auf der kanonischen Ebene. Dann findet sich die spezifische Semantik von δικαιοσύνη nur auf dieser Ebene. Hieraus lässt sich ableiten, dass der Vers vermutlich nicht nur vorkanonisch unbezeugt, sondern auch auf dieser Ebene abwesend ist. (5,6) περιτομή, das 38 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,9; 5,6; *Röm 2,25. 29; *Laod 2,11. ♦ ἰσχύω steht 32 / 28 Mal im NT, vorkanonisch nur für diese Stelle hier, *Gal 5,6, bezeugt. ♦ οὔτε, das 106 / 87 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,6. ♦ ἀκροβυστία findet sich 22 / 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,25. 27; *Laod 2,11. 248 ♦ ἀγάπη steht 133 / 116 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,42, der einzigen Stelle in diesem Evangelium und ebenfalls mit der parallelen Stelle in Lk als der einzigen dort; vorkanonische ebenfalls bezeugt für *Gal 5,6; *1Kor 13,1; *2Thess 2,10; *Laod 5,28; *Phil 1,16. ♦ πληρόω, das 91 / 87 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,3. 14; *Röm 8,4 und 13,8. Zur Rekonstruktion: Wie in Nr. 5 dargelegt, folgt die Rekonstruktion Tertullians Zeugnis und stimmt mit derjenigen Harnacks überein, zumal die von Tertullian nicht bezeugten Versteile auch anderweitig in der Handschriftentradition un‐ bezeugt sind. (5,7) τρέχω, das 20 Mal im NT steht, ist ein Mal vorkanonisch bezeugt für *Paulus. ♦ καλῶς, das 38 / 37 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἐγκόπτω steht 5 Mal im NT, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (Apg 24,4; Röm 15,22; Gal 5,7; 1Thess 2,18; 1Petr 3,7). ♦ πείθω, das 59 / 52 Mal im NT steht, ist ein Mal vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. 1 (Gal) 171 <?page no="1050"?> Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers fällt der nur kanonisch bezeugte Terminus ἐγκόπτω auf, auch der eher beliebte Begriff πείθω und das weiter nicht bei *Paulus bezeugte καλῶς. Nimmt man die direkte Ansprache hinzu, die, wie in Nr. 7 dargelegt, nur in den unbezeugten Versen dieser Passage begegnet und ein Merkmal der kanonischen Redaktion darstellt, wird man auch diesen Vers dieser Redaktion zuschreiben, d. h. der Vers dürfte vorkanonisch abwesend sein. (5,8) πεισμονή ist Hapax legomenon im NT. ♦ καλέω, das 173 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion. ♦ Die Kombination ἐκ τοῦ καλοῦντος begegnet 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 9,12. Man bemerke aber auch die Nähe zu *Gal 1,6 (ἀπὸ τοῦ καλέσαντος ὑμᾶς). ♦ Die kürzere Wendung τοῦ καλοῦντος ὑμᾶς steht 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in 1Thess 2,12. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers finden sich Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐκ τοῦ καλοῦντος; τοῦ καλοῦντος ὑμᾶς). Die Lexik spricht eher für eine Abwesenheit von der vorkanonischen Version. (5,9) μικρός, das 46 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 17,2; *Gal 5,9. ♦ ζύμη steht 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,9; *1Kor 5,7. ♦ Zu ὅλος vgl. zuvor zu Vers 3. ♦ φύραμα, das 5 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *1Kor 5,7. ♦ δολόω begegnet 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt nur für die Stelle hier. ♦ Die Variante ζυμόω steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 13,33; Lk 13,21; 1Kor 5,6; Gal 4,9). Zur Rekonstruktion: Der Text folgt der Bezeugung durch Epiphanius, die näher in Nr.-8 begründet wird. (5,10) Zu dem unbezeugten Teil des Verses: Die Wendung ἐν κυρίῳ steht 48 Mal im NT, wohl ausschließlich auf der kanonischen Ebene und nur im kanonischen Paulus (Röm 14,14; 16,2. 8. 11. 12. 13. 22; 1Kor 1,31; 4,17; 7,22. 39; 9,1. 2; 11,11; 15,18; 16,19; 2Kor 2,12; 10,17; Gal 5,10; Eph 2,21; 4,1. 17; 5,8; 6,1. 10. 21; Phil 1,14; 2,19. 24. 29; 3,1; 4,1. 2. 4. 10; Kol 3,18. 20; 4,7. 17; 1Thess 3,8; 4,1; 5,12; 2Thess 3,4. 12; Phlm 1,16. 20; Apk 14,13). Wichtig ist *1Kor 1,31, wo anstelle von ἐν κυρίῳ die Wendung ἐν θεῷ steht. Hieraus legt sich für *1Kor 7,39 ebenfalls θεῷ nahe, was auch der Kontext zu diesem Vers zeigt (auf der kanonischen Ebene greift 1Kor 7,40 „Gott“ auf), folglich wird das in der Tertullianedition zu findende „domino“ im Kommentar zu *1Kor 7,39 eine Verlesung für die Abkürzung für „deo“ gewesen sein). ♦ οὐδέν (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das schon zuvor auf der kanonischen Ebene in Vers 2 als ausschließlich kanonische Sprache begegnete (wie auch zwei Mal in Kapitel 4). ♦ ἄλλος, das 172 / 155 Mal im NT steht, 172 Rekonstruktion <?page no="1051"?> ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ φρονέω, das sich 34 / 26 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,16. Zu dem bezeugten Versteil: ταράσσω, das 18 Mal im NT steht, ist auch sonst vorkanonisch bezeugt. ♦ βαστάζω steht 27 Mal im NT, vorkanonisch wieder bezeugt für *Ev 11,27; *Gal 6,2. 17. ♦ κρίμα steht 28 Mal im NT, vorkanonisch nochmals bezeugt für *1Kor 11,29. ♦ ἄν, das 205 / 167 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8. ♦ Zu ὅστις vgl. zuvor zu Vers 4 und danach zu Vers 19. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, wie in Nr. 9 näher begründet. Es fällt darüber hinaus auf, dass im unbezeugten ersten Halbvers auch ein Terminus begegnet (οὐδέν), der ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt ist, während für den bezeugten Teilvers die Begriffe auch andern‐ orts vorkanonisch bezeugt sind. Nimmt man die Argumente aus Nr. 9 hinzu, lässt sich gewiss urteilen, dass der erste Halbvers von Tertullian nicht übergangen worden ist, sondern auch von der vorkanonischen Version abwesend war. (5,11) ἐγὼ δέ begegnet als Kombination nur ein Mal vorkanonisch als Ausdruck einer herausragenden Gegenposition (*Laod 5,31), sonst nur auf der kanonischen Ebene (Gal 5,11; 1Kor 7,28; 9,15; 15,10; 2Kor 12,15; Röm 7,9. 10. 14; Eph 5,31). ♦ Die Kombination δὲ ἀδελφοί steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 6,3; Röm 15,14, in einem Vers, der in *Paulus fehlt; 1Kor 4,6; 14,6; Gal 4,28; 5,11; 1Thess 2,17; 5,4; 2Thess 3,3; Jak 5,12). ♦ περιτομή, das 38 / 36 Mal im NT steht, ist auch vorkanonisch bezeugt für *Paulus (*Gal 2,9; 5,6; *Röm 2,25. 29; *Laod 2,11). ♦ ἔτι, das 96 / 93 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,15; *Röm 5,6. ♦ κηρύσσω, das 63 / 61 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,2 und *1Kor 1,23; 15,11; *2Kor 4,5. ♦ Die Wendung τί ἔτι steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; 2 Mal Mk, Lk 22,71; Röm 3,7; Gal 5,11; Hebr 11,32). ♦ διώκω, das 47 / 45 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,12; *Gal 6,12. ♦ ἄρα, das 52 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,20; *1Kor 15,14. ♦ καταργέω, das 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15 und vielleicht *2Kor 3,11. 13. ♦ σκάνδαλος steht 16 / 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,23. ♦ σταυρός, das 31 / 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,18; *Laod 2,16; Phil 2,8; *Kol 1,20. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers zeigt einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (δὲ ἀδελφοί; τί ἔτι). Er wird ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (5,12) ὄφελον steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. Allerdings ist das Verb ὀφείλω, das sich 42 Mal im NT findet, auch vorkanonisch für *Ev und *Paulus 1 (Gal) 173 <?page no="1052"?> bezeugt. ♦ ἀποκόπτω steht 7 / 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 9,43. 45; Joh 18,10. 26; Apg 27,32; Gal 5,12). ♦ ἀναστατέω ist Hapax legomenon im NT, das verwandte ἀναστατόω steht noch zwei weitere Male, jeweils auf kanonischer Ebene (Apg 17,6; 21,38). Zur Abwesenheit: Der wiederum vorkanonisch unbezeugte Vers weist noch deutlicher als im Vers zuvor eine Lexik mit Elementen auf, die ausschließlich für die kanonische Ebene belegt ist (ὄφελον; ἀποκόπτω; ἀναστατέω). Auch dieser Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (5,13) Die Kombination ὑμεῖς γάρ steht 4 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Gal 5,13; 1Thess 2,14. 20; im Vers: Mt 23,13), jeweils auf der kanoni‐ schen Ebene. ♦ ἐλευθερία, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt in *Gal 2,4; 5,1. ♦ καλέω, das 173 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Form ἐκλήθητε steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 1,9; Gal 5,13; Eph 4,1. 4; Kol 3,15; 1Petr 2,21; 3,9). ♦ μόνον, das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,10; *1Kor 7,39. ♦ ἀφορμή, das 7 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4, vgl. weiter zu den Versen 16. 17. 19. 24. ♦ ἀγάπη, das 133 / 116 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,42, der einzigen Stelle in diesem Evangelium und ebenfalls mit der parallelen Stelle in Lk als der einzigen dort; vorkanonisch bezeugt ist der Begriff für *Gal 5,6; *1Kor 13,1, *2Thess 2,10; *Laod 5,28; *Phil 1,16. ♦ Die Wendung διὰ τῆς ἀγάπης steht 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, Röm 15,30, in einem Vers, der in *Röm gefehlt hat. ♦ δουλεύω, das 26 / 25 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,13; *Gal 4,8. ♦ ἀλλήλων, das 107 / 100 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,2; *Röm 12,10. ♦ Die Form ἀλλήλοις, die 11 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 9,50; Joh 13,35; Apg 19,38; Röm 1,12; 15,5, in einem Vers, der in *Röm fehlt; Gal 5,13. 26; Eph 5,21; Jak 5,16; 1Petr 5,5; Apk 11,10). Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers sind einige Begriffe zu verzeichnen, die kanonisch beliebt (καλέω; ἀγάπη; ἀλλήλων) sind, dann auch Elemente, die ausschließlich für die kanonische Ebene belegt sind (ἐκλήθητε; ὑμεῖς γάρ; ἀφορμή; διὰ τῆς ἀγάπης; ἀλλήλοις). Auch mit Blick auf die in Nr. 8 vorgetragenen Argumente wird der Vers auf die kanonische Redaktion zurückgehen und hat in der vorkanonischen Version gefehlt. 174 Rekonstruktion <?page no="1053"?> 5,14 [15-18] 19-21 [22-23] 24 [25-26]: Das vom Geist geleitete Leben Wie bereits beim voranstehenden Abschnitt sind die vorkanonischen Verse gut bezeugt, jedoch erheblich durch Zuschaltung von Versen von der kanonischen Redaktion vor allem emphatisch und auch inhaltlich neu ausgerichtet worden. 14 ὁ γὰρ πᾶς νόμος ὑμῖν πεπλήρωται· ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν. 14 ὁ γὰρ πᾶς νόμος ἐν ἑνὶ λόγῳ πληροῦται, ἐν τῷ Ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν. - 15 εἰ δὲ ἀλλήλους δάκνετε καὶ κατεσθίετε, βλέπετε μὴ ὑπ’ ἀλλήλων ἀναλωθῆτε. - 16 Λέγω δέ, πνεύματι περιπατεῖτε καὶ ἐπιθυμίαν σαρκὸς οὐ μὴ τελέσητε. 17 ἡ γὰρ σὰρξ ἐπιθυμεῖ κατὰ τοῦ πνεύματος, τὸ δὲ πνεῦμα κατὰ τῆς σαρκός· ταῦτα γὰρ ἀλλήλοις ἀντίκειται, ἵνα μὴ ἃ ἐὰν θέλητε ταῦτα ποιῆτε. 18 εἰ δὲ πνεύματι ἄγεσθε, οὐκ ἐστὲ ὑπὸ νόμον. 19 φανερὰ δέ ἐστι τὰ ἔργα τῆς σαρκός, ἅτινά ἐστι μοιχεία, ἀκαθαρσία, ἀσέλγεια, 19 φανερὰ δέ ἐστιν τὰ ἔργα τῆς σαρκός, ἅτινά ἐστιν πορνεία, ἀκαθαρσία, ἀσέλγεια, 20 εἰδωλολατρεῖαι, φαρμακεῖαι, ἔχθραι, ἔρεις, ζῆλοι, θυμοί, ἐριθεῖαι, διχοστασίαι, αἱρέσεις, 20 εἰδωλολατρία, φαρμακεία, ἔχθραι, ἔρις, ζῆλος, θυμοί, ἐριθείαι, διχοστασίαι, αἱρέσεις, 21 φθόνοι, μέθαι, κῶμοι, καθὼς προεῖπον, ὅτι οἱ τὰ τοιαῦτα πράσσοντες βασιλείαν θεοῦ οὐ κληρονομήσουσιν. 21 φθόνοι, μέθαι, κῶμοι, καὶ τὰ ὅμοια τούτοις, ἃ προλέγω ὑμῖν καθὼς καὶ προεῖπον ὅτι οἱ τὰ τοιαῦτα πράσσοντες βασιλείαν θεοῦ οὐ κληρονομήσουσιν. - 22 Ὁ δὲ καρπὸς τοῦ πνεύματός ἐστιν ἀγάπη, χαρά, εἰρήνη, μακροθυμία, χρηστότης, ἀγαθωσύνη, πίστις, 23 πραΰτης, ἐγκράτεια· κατὰ τῶν τοιούτων οὐκ ἔστιν νόμος. 24 οἱ δὲ τοῦ Χριστοῦ τὴν σάρκα ἐσταύρωσαν σὺν τοῖς παθήμασι καὶ ταῖς ἐπιθυμίαις. 24 οἱ δὲ τοῦ Χριστοῦ Ἰησοῦ τὴν σάρκα ἐσταύρωσαν σὺν τοῖς παθήμασιν καὶ ταῖς ἐπιθυμίαις. - 25 εἰ ζῶμεν πνεύματι, πνεύματι καὶ στοιχῶμεν. 26 μὴ γινώμεθα κενόδοξοι, ἀλλήλους προκαλούμενοι, ἀλλήλοις φθονοῦντες. A. *5,14: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,12: Tota enim, inquit, lex in vobis adimpleta est: Diliges proximum tuum tanquam te. Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 5: ὁ γὰρ πᾶς 1 (Gal) 175 <?page no="1054"?> 249 H.A.G. Houghton, C.M. Kreinecker, R.F. MacLachlan and C.J. Smith, The Principal Pauline Epistles. A Collation of Old Latin Witnesses (2019), 428. νόμος ὑμῖν πεπλήρωται, ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν. Vgl. Lev 19,18 LXX: -… ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν; *Ev 10,27: Ἀγαπήσεις κύριον τὸν θεόν σου ἐξ ὅλης τῆς καρδίας σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ ψυχῇ σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ ἰσχύϊ σου; Lk 10,27: ὁ δὲ ἀποκριθεὶς εἶπεν, Ἀγαπήσεις κύριον τὸν θεόν σου ἐξ ὅλης [τῆς] καρδίας σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ ψυχῇ σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ ἰσχύϊ σου καὶ ἐν ὅλῃ τῇ διανοίᾳ σου, καὶ τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν. Vgl. *Röm 13,9: τὸ γὰρ οὐ φονεύσεις, οὐ μοιχεύσεις, οὐ κλέψεις, οὐ ψευδομαρτυρήσεις ἀνακεφαλαιοῦται, ἐν τῷ Ἀγαπήσεις τὸν πλησίον ὡς σεαυτόν. ♦ *5,19-21: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 6 (120. 157 H.): φανερὰ δέ ἐστι τὰ ἔργα τῆς σαρκός, ἅτινά ἐστι πορνεία ἀκαθαρσία ἀσέλγεια εἰδωλολατρεῖαι (εἰδωλολατρεία, 120,18) φαρμακεῖαι (φαρμακεία 120,18) ἔχθραι ἔρεις ζῆλοι θυμοὶ ἐριθεῖαι διχοστασίαι αἱρέσεις φθόνοι (φόνοι 120,19) μέθαι κῶμοι (+ ἃ προλέγω ὑμῖν 120,19-20) καθὼς καὶ προεῖπον, ὅτι οἱ τὰ τοιαῦτα πράσσοντες βασιλείαν θεοῦ οὐ κληρονομήσουσιν. Vgl. Tert., Adv. Marc. V 10,11: Hoc enim dico, fratres, quia caro et sanguis regnum dei non possidebunt, opera scilicet carnis et sanguinis, quibus et ad Galatas scribens abstulit dei regnum. ♦ *5,24: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 7 (121. 158 H.): οἱ δὲ τοῦ Χριστοῦ τὴν σάρκα ἐσταύρωσαν σὺν τοῖς παθήμασι καὶ ταῖς ἐπιθυμίαις. B. (5,14) Anstelle von ὑμῖν (ἐν ὑμῖν wird in NA 28 als markionitische Lesart verbucht), findet sich ὑμῖν ἐν ἑνὶ λόγῳ in den Zeugen 06*, 010, 012, ar, b, d, g, go, MVict, Ambst, Aug, Pel, Cass und in der altlateinischen Tradition in 61, 75, 76, 89, 135. ♦ πληροῦται findet sich in 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 0122, 630, 1505, 1881, 2464, M, latt. ♦ (5,19) Anstelle von πορνεία findet sich μοιχεία in 01 2 , 06, (010, 012, b, Ir lat , Cyp μοιχεῖαι), 018, 020, 044, 0122, 104, 630, 1505, 1739 mg (0278, 365) M, (b), sy h , Ir lat , Cyp, Ambst. ♦ Der Plural ἔρεις steht neben Tert auch 04, 06 1 , 010, 012, 018, 020, 025, 044, 0122, 0278, 81, 104, 365, 1175, 1241, 2464, M, latt, sy h , co, Ir lat , Cl, von NA 28 als markionitische Lesart vermerkt. Zu weiteren Pluralbezeugungen dieser Begriffe vgl. die altlateinische Tradition. 249 ♦ Der Plural ζῆλοι steht neben Tert auch 01, 04, 06 1 , (010, 012), 018, 020, 044, 0122, 0278, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 2464, M, lat, sy h , co, Ir lat , Cl, Cyp, von NA 28 als markionitische Lesart vermerkt. ♦ (5,21) Auch wenn statt φθόνοι das ähnliche φόνοι gut bezeugt ist, nicht nur ein Mal bei Epiphanius (1 weiteres Mal1 weiteres Mal schreibt auch er φθόνοι), sondern auch in 02, 04, 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 0122, 0278, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy h , bo, (Cyp), wird man hier nicht folgen, sondern einen frühen Lesefehler annehmen, da der Begriff inhaltlich aus der Reihung fallen würde, so wird in NA 28 φθόνοι richtig als markionitische Lesart vermerkt. ♦ Das nach 176 Rekonstruktion <?page no="1055"?> 250 Auch J. Heilmann, „Kanonischer Text und historischer Paulus“ (2024), 880-881 tritt für das ἐν ὑμῖν ein. 251 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 83-85. 252 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 130-131. 253 J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 269. 254 Vgl. C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. καθώς stehende καί findet sich nicht in der altlateinischen Tradition: 51, 54, 58, 77, 88, 135, doch es steht in 01 2 , 02, 04, 06, 044, M, g, t, vg mss , sy p , bo, Ir lat , Cl, Thdt, Ambst. ♦ (5,23) Nach ἐγκράτεια add ἁγνεῖα in 06*, 010, 012, it, vgcl, Irlat, Cyp, Ambst. ♦ (5,24) Ἰησοῦ om P 46 , 06, 010, 012, 018, 020, 0122 *.2 , 81, 104 c , 365, 630, 1505, 2464, M, latt, sy, Epiph, Ambst, und in der altlateinischen Tradition: 61, 75, 76, 89, Hier. C. 1. (5,14) Hilgenfeld sieht lediglich statt ἐν ἑνί ein ὑμῖν oder ἐν ὑμῖν und ansonsten den Scholiontext bezeugt. 250 Van Manen bietet den Text wie oben. 251 Schmid meint, das ἐν ὑμῖν gehe auf einen alten Fehler zurück. 252 Lieu hält das Argument für überzeugend. 253 Die Grundlage hierfür aber ist die Annahme Schmids, dass der kanonische Text älter als der vorkanonische ist. Alle anderen Editoren bieten den Text wie oben, auch mit der von Tertullian und Epiphanius gebotenen perfektischen Form πεπλήρωται, die auch von NA 28 als die markio‐ nitische notiert wird. Allerdings findet sich die präsentische Form in 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 0122, 630, 1505, 1881, 2464, M, latt, so dass man ins Wanken gerät, welche Lesart vorzuziehen ist. Dass mit dem Gesetz hier, gestützt durch das Liebesgebot, jedoch nicht Levitikus im Blick ist, sondern die Thora Christi, wird sich gleich aus *Gal 6,2 ergeben. Tertullian hält dennoch in seiner Argumentation gegen Markion fest, dass er an dieser Stelle der jüdischen Thora zustimme, vgl. Tert. Adv. Marc. V 4,13. 2. Die Nähe zwischen diesem Vers und Röm 13,10 (ἡ ἀγάπη τῷ πλησίον κακὸν οὐκ ἐργάζεται: πλήρωμα οὖν νόμου ἡ ἀγάπη) ist bereits Weisse ins Auge gestochen. Er nahm an, dass Röm 13,9 eine Übernahme aus Gal 5,14 darstellte, 254 doch scheint hier nur eine gedankliche Nähe zwischen beiden vorkanonischen Versen zu bestehen. 3. Der Singular λόγος steht nicht häufig auf der vorkanonischen Ebene, während er auf der kanonischen beherrschend ist. Statt des nur von Epiphanius 1 (Gal) 177 <?page no="1056"?> bezeugten ἐν ὑμῖν, das NA 28 als markionitische Lesart verbucht, findet sich auffallenderweise ὑμῖν ἐν ἑνὶ λόγῳ, eine Kombination des vorkanonischen und des kanonischen Texts, in einigen einschlägigen Zeugen. Dies ist ein wichtiger Beleg dafür, dass wir mit diesen Textzeugen tatsächlich solche besitzen, in denen ein Übergang oder eine Kontamination beider Redaktionsstufen greifbar ist. 4. (5,15) Dieser Vers ist unbezeugt. Van Manen bietet ihn nach dem kanoni‐ schen Text. Zahn rechnet mit seiner Abwesenheit, Harnack meint, dass der Vers vorhanden sein könnte. Schmid und BeDuhn notieren ihn als unbezeugt. Mit dem zweifachen „einander“ (ἀλλήλους, ἀλλήλων) und auch mit seiner drastischen Rede greift dieser Vers weniger den vorangegangenen Vers 14, son‐ dern vielmehr Vers 13 (διὰ τῆς ἀγάπης δουλεύετε ἀλλήλοις) der kanonischen Redaktion auf. Der Vers gehört demnach auf dieselbe Stufe und wird nicht im vorkanonischen Text vorhanden gewesen sein. Dies mag die Einschätzung Klinghardts, was Lk 20,47 / / *Ev 20,47 - eine unbezeugte Stelle - betrifft (οἳ κατεσθίουσιν τὰς οἰκίας τῶν χηρῶν), überden‐ kenswert erscheinen lassen. Es scheint wahrscheinlicher, dass Lk hier doch eher auf Mk als auf *Ev zurückgegriffen hat, zumal Klinghardt, dem ausdrücklichen Hinweis auf Auslassung von Epiph., Pan. 42, schol. 42 folgend Lk 15,11-32 als abwesend sieht, darin vor allem den drastischen Vers Lk 15,30 (ὅτε δὲ ὁ υἱός σου οὗτος ὁ καταφαγών σου τὸν βίον μετὰ πορνῶν ἦλθεν). Das „Verschlingen“ (κατεσθίεν, κατέσθειν, καταφαγεῖν) gehört zur Sprache der kanonischen Re‐ daktion. 5. (5,16-18) Diese Verse sind unbezeugt. Van Manen gibt sie nach der kano‐ nischen Verison (in Vers 17 lässt er das ἅ aus). Zahn reklamiert sie, wenn auch mögliche Änderungen annehmend, für den vorkanonischen Text. Harnacks Meinung, der sich ihm anschließt, wurde bereits vermerkt. Schmid notiert diese Verse als unbezeugt, so auch BeDuhn, doch dieser nimmt sie in Klammern in den Text auf. Die adversative Eröffnung (Λέγω δέ) kann sich jedoch nur auf den voranste‐ henden kanonischen Vers beziehen. Für die kanonische Redaktionsstufe spricht auch, dass diese Eröffnung zusammen mit dem sich unmittelbar anschließenden πνεύματι περιπατεῖτε wiederum die sich nur in der kanonischen Fassung findenden Verse 2 (λέγω ὑμῖν ὅτι) und 4 (ἡμεῖς γὰρ πνεύματι) aufgreift. Die direkte Ansprache wie der Verweis auf den Geist gehört hier zur kanonischen Redaktionsstufe, folglich wird sich auch Vers 16 auf dieser bewegen. Dies wird mit dem zentralen Gedanken in diesem Satz, dem πνεύματι περιπατεῖτε, gestützt. Denn das „περιπατεῖν in der allgemeinen Bedeutung, die den ‚Wandel‘ 178 Rekonstruktion <?page no="1057"?> 255 H. Schlier, Der Brief an die Galater (1951), 179. 256 Ibid. 180 257 Vgl. hierzu M. Meiser, Galater (2007), 15. 258 So J.D.G. Dunn, The Epistle to the Galatians (1993), 301-302. eines Menschen, d. h. den Vollzug seines Lebens, beschreibt, ist ein im NT fast ganz auf Paulus und Johannes beschränktes Wort“. 255 6. (5,16) Ein besonderes Phänomen stellt das für Paulus gut bezeugte περιπατέω dar, das vorkanonisch nur für *Laod bezeugt ist. Dieser Begriff, der in beiden Redaktionen begegnet, wenn auch häufiger in der kanonischen (*Laod/ Eph 2,2; Eph 4,1.17; *Laod/ Eph 5,2; Eph 5,8), deutet auf die Zwischenstel‐ lung dieses *Deuteropaulinum zwischen vorkanonischer und kanonischer Lexik hin. 7. Da der Geistbezug erst auf der kanonischen Ebene eingeführt wurde, scheinen auch die beiden nächsten Verse, die dieses Thema entfalten, auf derselben Stufe zu stehen. Diese Einordnung legt auch die Ausführung zur σάρξ nahe, womit an dieser Stelle „dieses konkrete, fleischliche Dasein des Menschen, in dem er und nach Maßgabe dessen er und als welches er exis‐ tiert“, denn „von dieser σάρξ ist in unserem Zusammenhang eigentümlich distanziert und objektiv als von einer personhaften Macht die Rede. Sie hat ihr Begehren, mit dem sie uns zum τελεῖν provoziert, um unser θέλειν zu hindern“. 256 Schlier verweist ibid. auf die ähnlichen Gedanken in Röm 8,3. 6-8; 9,8, die nicht für den vorkanonischen Text bezeugt sind. Sie laufen auf das ταῦτα γὰρ ἀλλήλοις ἀντίκειται hinaus, womit aus der kanonischen Redaktion das Stichwort ἀλλήλοις aufgegriffen wird, das zuvor bereits diskutiert wurde. Aufgegriffen wird diese Vorstellung in Diogn 6,5. 257 Wenn nun die Verse 15-18 auf die kanonische Redaktion zurückgehen, dann konfrontiert erst die kanonische Redaktion die nachfolgende Liste der Übel mit einem Leben „unter dem Gesetz“, ein Kontrast, der als „lächerlich“ in jüdischen Ohren bezeichnet wurde. 258 8. (5,19) Van Manen, Zahn und Harnack geben den kanonischen Text. Die Lesart μοιχεία ist entgegen der Bezeugung durch Epiphanius zu bevorzugen, denn sie findet sich auch in einschlägigen Zeugen. Die kanonische Lesart πορνεία verschiebt die Aussage ins Allgemeine, während μοιχεία im Rahmen des Innerfamiliären bleibt, das zunächst auch in den weiteren singulären Termini angesprochen ist. Außerdem stellt auf der kanonischen Ebene πορνεία eine Beziehung zum Dekret des sogenannten Apostelkonzils nach Apg 15,29 her. 9. (5,20) Zu den Pluralformen vgl. unten zur Lexik. Van Manen, Harnack und BeDuhn folgen den kanonischen Singularformen εἰδωλολατρία, φαρμακεία, 1 (Gal) 179 <?page no="1058"?> 259 Detering meint, die Frage, ob Singular oder Plural, ließe sich nicht entscheiden, H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 85. 260 So auch Detering, ibid. 85-86. schreiben danach aber Pluralformen. 259 Zahn folgt dem kanonischen Text. Schmid gibt den Text wie oben (wenn auch kursiv gesetzt, also mit Unsicherheit behaftet). 10. (5,21) Meyboom weist auf die Auslassung von καὶ τὰ ὅμοια τούτοις ἃ προλέγω ὑμῖν hin. Das in den Handschriften bezeugte καὶ wird nicht im vorka‐ nonischen Text gestanden sein, da es eine Harmonisierung zu der nur kanonisch bezeugten Wendung καὶ τὰ ὅμοια τούτοις, ἃ προλέγω ὑμῖν verstanden werden kann. Dieses καὶ fehlt in der altlateinischen Tradition. Van Manen folgt Meyboom und ansonsten dem kanonischen Text. Zahn bietet den kanonischen Text, mit er einen Ausnahme, dass er καὶ τὰ ὅμοια τούτοις auslässt und καθὼς καὶ προεῖπον schreibt. Harnack folgt ebenfalls dem kanonischen Text mit Ausnahme des καθὼς καὶ προεῖπον. Hilgenfeld und Schmid hingegen übernehmen die pluralen Formen wie oben aus Epiphanius. Hilgenfeld folgt überhaupt dem Text des Scholions, Schmid ansonsten dem kanonischen Text, schreibt allerdings (καὶ τὰ ὅμοια τούτοις,) ἃ προλέγω ὑμῖν. BeDuhn übernimmt den kanonischen Text. Der Rückbezug προεῖπον geht auf *1Kor 15,50: „Denn dies sage ich, Brüder und Schwestern, dass Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht erben werden; das Verwesliche erbt nicht das Unverwesliche“ (Τοῦτο γάρ φημι, ἀδελφοί, ὅτι σὰρξ καὶ αἷμα βασιλείαν θεοῦ οὐ κληρονομήσουσιν, οὐδὲ ἡ φθορὰ τὴν ἀφθαρσίαν κληρονομεῖ). Dieser innerhalb der *10-Briefe-Sammlung in die falsche Rich‐ tung gehende Rückbezug hat, wie in der Einleitung gezeigt, weitreichende Konsequenzen, weil er voraussetzt, dass der *10-Briefe-Sammlung eine Vorlage zugrunde liegt, in der *Gal nach *1Kor steht. 11. (5,22-23) Diese Verse sind unbezeugt, auch wenn van Manen, Zahn und Harnack sie vorkanonisch präsent ansehen. Schmid nimmt sie als unbezeugt, BeDuhn allerdings führt den Text in Klammern an. Sowohl der Hinweis auf den Geist von Vers 22 wie der auf das Gesetz von Vers 23 greift Vers 18 der kanonischen Redaktion auf und führt diesen weiter, weshalb auch diese unbezeugten Verse zur selben Redaktionsstufe gehören werden. Vor allem aber fügt sich der adversativ angeschlossene, für die vorkanonische Redaktion bezeugte Vers 24 nicht zu Vers 23, sondern zu Vers 21, was den redaktionellen Charakter der Verse 22-23 unterstreicht. 12. (5,24) Meyboom weist auf die Auslassung von Ἰησοῦ hin. 260 Van Manen und Zahn geben den Vers in der obigen Form, so auch Harnack, Schmid und BeDuhn. Auffallenderweise greift der Vers ausschließlich auf den Vers 180 Rekonstruktion <?page no="1059"?> 21 zurück, was die Einschätzung stützt, dass die Verse 22-23 der kanonischen Redaktion zugehören. Auch in der Gegenargumentation des Epiphanius wird nicht auf diese kanonischen Verse abgehoben. 13. (5,25-26) Wieder kommt die Rede auf den Geist (πνεύματι) und auf die Gegenseitigkeit (ἀλλήλους … ἀλλήλοις), und schon sind die beiden Verse wieder unbezeugt, sie werden folglich der kanonischen Redaktion zugehören, auch wenn sie von van Manen nach dem kanonischen Text gegeben werden. Zahn sieht sie präsent ohne Gewissheit des Textbestandes und Harnack nimmt sie für den vorkanonischen Text in Anspruch. Schmid hält sie für unbezeugt. BeDuhn äußert sich nicht zu ihnen. D. (5,14) νόμος steht 204 / 195 Mal im NT, vorkanonisch reichlich bezeugt für *Ev und *Paulus. ♦ λόγος steht insgesamt 349 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,21 (τοὺς λόγους); 11,28 (τὸν λόγον τοῦ θεοῦ); 16,17 (τῶν λόγων); 21,33 (οἱ … λόγοι τοῦ κυρίου); *Gal 6,6 (ἐν λόγῳ); *1Kor 14,19 (πέντε λόγους); 15,54 (ὁ λόγος ὁ γεγραμμένος); *Laod 1,13 (τὸν λόγον τῆς ἀληθείας, τὸ εὐαγγέλιον); *Kol 1,5 (ἐν τῷ λόγῳ τῆς ἀληθείας τοῦ εὐαγγελίου); *Phil 1,14 (τὸν λόγον λαλεῖν) - begegnet also als streng theologischer Terminus nur *Ev 11,28. ♦ πληρόω steht 91 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,3. 14; *Röm 8,4 und 13,8. Gleichwohl ist es ein Verb, das auf der kanonischen Ebene sehr beliebt ist. ♦ ἀγαπάω, das 157 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,14; *Röm 13,8. 9. ♦ πλήσιος steht 17 Mal im NT, vorkanonisch wieder bezeugt im selben Zitat von Lev 19,18 in *Röm 12,9 und nochmals in *Laod 4,25. ♦ σεαυτοῦ steht 44 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,14; *Gal 5,14; *Röm 13,9. ♦ σου (Gen. Neut. / Mask. Sg. von σύ / σός), das 361 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,14; *1Kor 15,55; *Röm 2,25. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt den beiden Zeugen Tertullian und Epipha‐ nius, wobei das von Epiphanius gegebene ὑμῖν durchaus mit einem in von Tertullian wiedergegeben werden kann. Die Varianten in den Handschriften scheinen folglich eine Kontamination zwischen dem vorkanonischen und dem kanonisch redaktionellen Text darzustellen. Die Lexik spricht für die Variante ὑμῖν, aus der sich dann kanonisch ἐν ὑμῖν bzw. ὑμῖν ἐν ἑνὶ λόγῳ entwickelt hatte. (5,15) Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ ἀλλήλων steht 107 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,2; *Röm 12,10, ist allerdings ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion. ♦ δάκνω ist Hapax legomenon im NT. ♦ κατεσθίω steht 15 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im 1 (Gal) 181 <?page no="1060"?> 261 A. Bowden, Desire in Paul’s Undisputed Epistles. Semantic Observations on the Use of epithymeō, ho epithymētēs, and epithymía in Roman Imperial Texts (2020), 465. 262 Vgl. hierzu J.L. Martyn, Galatians. A new Translation with Introduction and Commen‐ tary (1998), 493. NT findet, findet sich vorkanonisch in *Ev und *2Kor 4,18. ♦ ἀναλίσκω steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 9,54; Gal 5,15; 2Thess 2,8). Zur Abwesenheit: Die Kombination von ausschließlich (Verseröffnung εἰ δέ; κατεσθίω; ἀναλίσκω) bzw. bevorzugt (ἀλλήλων; βλέπω) auf der kanonischen Ebene zu findenden Termini stützt den Schluss, dass der nichtbezeugte Vers auf der vorkanonischen Ebene abwesend war. (5,16) Zur Verbform λέγω vgl. zuvor zu Vers 2. ♦ Die Kombination λέγω δέ steht 17 Mal im NT, davon 14 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,4. 8, kanonisch für 7 Mal Mt; Lk 9,27; 12,4. 8; 1Kor 1,12; 7,8; Gal 4,1; 5,16; im Vers: Lk7,9 (wo δέ fehlt); 12,27; 13,35 (ein Vers, der in *Ev fehlt). ♦ περιπατέω, das 104 / 95 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,2; 5,2. ♦ ἐπιθυμία, das 40 / 38 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Thess 4,5, *Laod 2,3; *Phil 1,23. ♦ Zu σάρξ vgl. zuvor zu Vers 13 und danach zu den Versen 17. 19. 24. Zur Abwesenheit: Wie in Nr. 4-5 dargelegt, steht dieser Vers auf der kanonischen Redaktionsstufe. Er wird wohl in der vorkanonischen Version gefehlt haben. (5,17) Zu σάρξ vgl. zuvor zu den Versen 13. 16 und danach zu den Versen 19. 24. ♦ ἐπιθυμέω steht 16 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,6. ♦ Auf die ungewöhnliche, sonst bislang unbekannte Kombination von ἐπιθυμέω + κατά wurde bereits früher hingewiesen. 261 ♦ Im Zitat von Gal 4,17 in PolPhil 5,3 wird die Formulierung verändert: πᾶσα ἐπιθυμία κατὰ τοῦ πνεύματος στρατεύεται. 262 ♦ Die Kombination τὸ δέ (Nom.) steht 31 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt im Vers: *Ev 11,39; *2Kor 3,6; *Röm 8,10; *Kol 2,17, vgl. zu Gal 4,25. ♦ ταῦτα, das 242 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,18; *1Kor 9,8; 10,11; *Phil 3,7. ♦ ἀντίκειμαι steht 9 / 8 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἄν, das 205 / 167 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8. Zur Abwesenheit: In diesem unbezeugten Vers fällt ἀντίκειμαι als ausschließlich kanonisch bezeugter Terminus auf. Nimmt man die Überlegungen von Nr. 4 hinzu, wird man den Vers der kanonischen Redaktion zuschreiben und ihn in der vorkanonischen Version als abwesend ansehen. (5,18) Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, etwa Lk 12,28; 13,9, in Versen, die in *Ev fehlen; dann in Lk 5,37; 6,4; 10,6; 11,18 (hier steht 182 Rekonstruktion <?page no="1061"?> auf der vorkanonischen Ebene nur εἰ, pace Klinghardt); 14,32, in Versen, die für *Ev unbezeugt sind, 50 Mal im kanonischen Paulus, jedoch weder in *Ev noch in *Paulus, also ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36). ♦ ἄγω, das 92 / 67 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19. Zur Abwesenheit: Wie bereits die Eröffnungskombination εἰ δέ anzeigt, dann auch mit der Begründung von Nr. 4, ist der Vers der kanonischen Redaktion zuzuordnen und in der vorkanonischen Version abwesend. (5,19) φανερός steht 22 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,17, *Gal 5,19; *Röm 2,28. ♦ Zu ὅστις vgl. zuvor zu den Versen 4 und 10. ♦ ἔργον, das 187 / 169 Mal im NT steht, ist vornehmlich ein Begriff der kanonischen Ebene, gleichwohl in der Wendung vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,16; 5,19, und zwar in negativer Deutung wie hier. ♦ Zu σάρξ vgl. zuvor zu den Versen 13. 16. 17 und danach Vers 24. ♦ μοιχεία steht 7 / 3 Mal im NT, ansonsten jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Das alternative πορνεία steht 27 / 25 Mal im NT und ist mehrfach bei *Paulus bezeugt. ♦ ἀκαθαρσία steht 11 / 10 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ ἀσέλγεια steht 10 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius, unter Berück‐ sichtigung der Beobachtung von C.5. (5,20) εἰδωλολατρία steht 4 Mal im NT, sonst nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ φαρμακεία steht 3 Mal im NT, ansonsten auf der kanonischen Ebene. ♦ ἔχθρα steht 9 / 6 Mal im NT, etwa Lk 1,71. 74; 23,12, in Versen oder Versteilen, die in *Ev fehlen, jedoch wiederbezeugt in *Laod 2,15. 16. ♦ ἔρις steht 15 / 9 Mal im NT, sonst noch vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,15. ♦ ζῆλος steht 22 / 16 Mal im NT, vorkanonisch nur hier. ♦ θυμός findet sich 19 / 18 Mal im NT, ansonsten jedoch nurmehr auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐριθεία steht 10 / 7 Mal im NT, davon nochmals auf vorkanonischer Ebene in *Phil 1,17. ♦ διχοστασία steht 3 Mal im NT, an den beiden anderen Stellen auf der kanonischen Ebene (Röm 16,17; 1Kor 3,3; Gal 5,20). ♦ αἵρεσις steht 9 Mal im NT, vorkanonisch wieder bezeugt für *1Kor 11,19, ansonsten auf der kanonischen Ebene. ♦ τοιοῦτος steht 62 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,16 (? Adamantiuszeugnis); *Gal 5,21; *1Kor 15,48. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt vor allem dem Zeugnis des Epiphanius, wobei bereits innerhalb seines Zeugnisses eine Kontamination mit dem kano‐ nischen Text sichtbar wird, indem bei der Doppelbezeugung zunächst die Singularformen gewählt werden, während an der späteren Bezeugung Plural‐ formen stehen. Da solche auch in weiteren Zeugen stehen, scheinen wohl 1 (Gal) 183 <?page no="1062"?> 263 Zu dieser Liste von Übeln, vgl. P.S. Zaas, Catalogues and Context: 1 Corinthians 5 and 6 (1988); P.S. Zaas, „As I teach everywhere, in every church“. A Study of the Communication of morals in Paul (1982). diese vorkanonisch im Text gestanden zu sein. Wie sehr die Laster aus dem Katalog gerade auf kanonischer Ebene gewirkt haben, lässt sich hier aus den mitangegebenen Stellen ersehen. 263 (5,21) φθόνος, das 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21 und *Phil 1,15. ♦ Die Variante φόνος, die sich 10 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,19. 25. ♦ μέθη steht 3 Mal im NT, noch ein Mal auf der vorkanonischen Ebene (*Ev 21,34), 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen (Röm 13,13). ♦ κῶμος begegnet 3 Mal im NT, die beiden anderen Male auf der kanonischen Ebene (Röm 13,13; 1Petr 4,3). ♦ Das nur für die kanonische Fassung bezeugte ὅμοιος steht 47 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ προλέγω, das 18 / 15 Mal im NT steht, ist auch vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21, vielleicht auch für *2Kor 13,2. ♦ βασιλεία steht 169 / 162 Mal im NT, vorkanonisch etwa hier bezeugt, dann auch in *Ev 21,31. ♦ κληρονομέω, das 26 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *1Kor 15,50. Zur Rekonstruktion: Wieder folgt die Rekonstruktion dem Zeugnis des Epipha‐ nius. Gestützt wird durch die Handschriften zumindest, dass das καί von καὶ τὰ ὅμοια τούτοις vorkanonisch nicht stand, doch dann ist auch wahrscheinlich, dass auch das nachfolgende τὰ ὅμοια τούτοις vorkanonisch noch nicht stand. Dies wird durch die Lexik gestützt, da aus diesem Stück ὅμοιος vorkanonisch nicht bezeugt ist, ein weiteres Zeugnis für die gegenseitige Stütze von fehlender Bezeugung bzw. Bezeugung und Lexik. (5,22) καρπός, das 71 / 66 Mal im NT steht, ist möglicherweise auch vorkanonisch bezeugt, jedoch deutlich ein Begriff der kanonischen Redaktion, der in *Paulus nicht bezeugt ist. ♦ Auch wenn die Formulierung καρπὸς τοῦ πνεύματος nicht weiter belegt ist, finden sich doch in der kanonischen Redaktion eine Reihe ähnlicher Formulierungen, die in der vorkanonischen Redaktion nicht begegnen: Röm 6,22 (ἔχετε τὸν καρπὸν ὑμῶν εἰς ἁγιασμόν); Eph 5,9 (ὁ γὰρ καρπὸς τοῦ φωτὸς ἐν πάσῃ ἀγαθωσύνῃ καὶ δικαιοσύνῃ καὶ ἀληθείᾳ); Phil 1,11 (καρπὸν δικαιοσύνης); Jak 3,18 (καρπὸς δὲ δικαιοσύνης ἐν εἰρήνῃ); Hebr 12,11 (καρπὸν εἰρηνικὸν … ἀποδίδωσιν δικαιοσύνης). ♦ ἀγάπη, das 133 / 116 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,42, der einzigen Stelle in diesem Evangelium und ebenfalls mit der parallelen Stelle in Lk als der einzigen dort; ansonsten vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,6; *1Kor 13,1, *2Thess 2,10; *Laod 5,28; *Phil 1,16. ♦ χαρά ist ein Begriff, der 62 / 59 Mal im NT begegnet, jedoch ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt ist. ♦ εἰρήνη, 184 Rekonstruktion <?page no="1063"?> das sich 98 / 92 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,3; *Röm 5,1; *Laod 2,14. 15. 17; 6,15. ♦ μακροθυμία, das 14 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ χρηστότης steht 11 / 10 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene belegt (Röm 2,4; 3,12; 11,22; 2Kor 6,6; Eph 2,7; Kol 3,12; Tit 3,4). ♦ ἀγαθωσύνη steht 4 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene belegt (Röm 15,14; 2Thess 1,11; Gal 5,22; Eph 5,9). Zur Abwesenheit: In diesem unbezeugten Vers häufen sich die ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugten Begriffe (καρπός? ; χαρά; χρηστότης; ἀγαθωσύνη). Nimmt man die Argumente von Nr. 9, so stützt die Lexik die Abwesenheit des Verses von der vorkanonischen Version. (5,23) πραΰτης (und πραϋς) steht 22 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Redaktion bezeugt. ♦ ἐγκράτεια steht 4 Mal im NT und ist nur für die kanonische Redaktion belegt. Auch das Verb ἐγκρατεύομαι, das 2 Mal im NT steht, ist nur kanonisch belegt. ♦ Das in einigen Zeugen nach ἐγκράτεια belegte ἁγνεῖα findet sich nur 1Tim 4,12; 5,2. ♦ Zu τοιοῦτος vgl. zuvor zu Vers 21. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers fallen die ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugten Termini auf (πραΰτης; ἐγκράτεια; ἁγνεῖα). Die lexikalischen Beobachtungen stützen folglich die fehlende Bezeugung und sprechen erneut für deren gegenseitige Korrelation. Der Vers dürfte also nicht nur unbezeugt, sondern vorkanonisch auch abwesend gewesen sein. (5,24) Zu σάρξ vgl. zuvor zu den Versen 13. 16. 17. 19. ♦ σταυρόω, das 62 / 46 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,24; 6,14; *1Kor 2,8; *Laod 2,16; *Kol 1,20; *Phil 2,8. ♦ σύν, das 136 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,14; *Gal 2,3; 5,24; *Thess 4,17; *Kol 2,13; 3,3. 4; *Phil 1,23. ♦ πάθημα, das 16 Mal im NT zu finden ist, ist vorkanonisch nur bezeugt für die vorliegende Stelle. ♦ ἐπιθυμία steht 40 / 38 Mal im NT, vorkanonisch wiederum bezeugt für *Ev 22,15 und *1Thess 4,5, *Laod 2,3; *Phil 1,23. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius. Lexikalisch fällt gerade im Unterschied zu den zwei vorausgegangenen Versen auf, dass drei der vier untersuchten Termini nicht nur an der vorliegenden Stelle, sondern auch anderwärts vorkanonisch gut bezeugt sind und kein Begriff ausschließlich kanonisch zu finden ist. Erneut finden wir also eine Übereinstimmung zwischen Bezeugung und Lexik. (5,25) ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht,ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. ♦ στοιχέω steht 5 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt. 1 (Gal) 185 <?page no="1064"?> Zur Abwesenheit: Trotz der Kürze dieses unbezeugten Verses stützt nicht nur der Inhalt, wie in Nr. 11 dargelegt, sondern, wie hier ersichtlich, auch die Lexik die Abwesenheit des Verses von der vorkanonischen Version, denn mit στοιχέω begegnet ein ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugter Begriff. (5,26) κενόδοξος ist Hapax legomenon im NT. Das verwandte Nomen κενοδοξία ist ebenfalls Hapax legomenon und findet sich auf der kanonischen Ebene in Phil 2,3. ♦ ἀλλήλων, das 107 / 100 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,2; *Röm 12,10. ♦ Die Form ἀλλήλοις steht 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor Vers 13. ♦ προκαλέω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Das Verb φθονέω ist ebenfalls Hapax legomenon im NT. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers wurde bereits inhaltlich in Nr. 11 für dessen Fehlen auf der vorkanonischen Ebene plädiert, gestützt wird dies nicht direkt durch die Lexik, da gleich drei Begriffe Hapax legomena sind, doch nimmt man dazu, dass auch verwandte Begriffe eines der Hapax legomena (κενόδοξος - κενοδοξία) ebenfalls nur auf der kanonischen Ebene stehen, dürfte auch dieser Vers dieser Ebene zuzuordnen sein. Der Vers dürfte damit auf der vorkanonischen Ebene gefehlt haben. Kapitel 6 6,[1] 2 [3-5] 6-10 [11] 12-14 [15-16] 17 [18]: Einer trage des anderen Last Das letzte Kapitel des *Galaterbriefs ist gut bezeugt, auch wenn die kanonische Redaktion mehrere Verse eingeschoben und andere Verse erweitert und leicht bearbeitet hat. - 6,1 Ἀδελφοί, ἐὰν καὶ προλημφθῇ ἄνθρωπος ἔν τινι παραπτώματι, ὑμεῖς οἱ πνευματικοὶ καταρτίζετε τὸν τοιοῦτον ἐν πνεύματι πραΰτητος, σκοπῶν σεαυτόν, μὴ καὶ σὺ πειρασθῇς. 6,2 Ἀλλήλων τὰ βάρη βαστάζετε, καὶ οὕτως ἀναπληρώσετε τὸν νόμον τοῦ Χριστοῦ. 2 Ἀλλήλων τὰ βάρη βαστάζετε, καὶ οὕτως ἀναπληρώσετε τὸν νόμον τοῦ Χριστοῦ. - 3 εἰ γὰρ δοκεῖ τις εἶναί τι μηδὲν ὤν, φρεναπατᾷ ἑαυτόν· 4 τὸ δὲ ἔργον ἑαυτοῦ δοκιμαζέτω ἕκαστος, καὶ τότε εἰς ἑαυτὸν μόνον τὸ καύχημα ἕξει καὶ οὐκ εἰς τὸν ἕτερον· 5 ἕκαστος γὰρ τὸ ἴδιον φορτίον βαστάσει. 186 Rekonstruktion <?page no="1065"?> 6 Κοινωνείτω δὲ ὁ κατηχούμενος ἐν λόγῳ τῷ κατηχοῦντι ἐν πᾶσιν ἀγαθοῖς. 6 Κοινωνείτω δὲ ὁ κατηχούμενος τὸν λόγον τῷ κατηχοῦντι ἐν πᾶσιν ἀγαθοῖς. 7 Πλανᾶσθε, θεὸς οὐ μυκτηρίζεται· ἃ γὰρ ἐὰν σπείρῃ ἄνθρωπος, ταῦτα καὶ θερίσει· 7 Μὴ πλανᾶσθε, θεὸς οὐ μυκτηρίζεται· ὃ γὰρ ἐὰν σπείρῃ ἄνθρωπος, τοῦτο καὶ θερίσει· 8 ὅτι ὁ σπείρων εἰς τὴν φθορὰν ἑαυτοῦ ἐκ τῆς φθορᾶς θερίσει φθοράν, ὁ δὲ σπείρων εἰς τὴν ζωὴν ἐκ τῆς ζωῆς θερίσει ζωήν. 8 ὅτι ὁ σπείρων εἰς τὴν σάρκα ἑαυτοῦ ἐκ τῆς σαρκὸς θερίσει φθοράν, ὁ δὲ σπείρων εἰς τὸ πνεῦμα ἐκ τοῦ πνεύματος θερίσει ζωὴν αἰώνιον. 9 τὸ δὲ καλὸν ποιοῦντες μὴ ἐκκακῶμεν, καιρῷ δὲ ἰδίῳ θερίσομεν. 9 τὸ δὲ καλὸν ποιοῦντες μὴ ἐγκακῶμεν, καιρῷ γὰρ ἰδίῳ θερίσομεν μὴ ἐκλυόμενοι. 10 ἄρα ὡς καιρὸν ἔχομεν, ἐργαζώμεθα τὸ ἀγαθόν. 10 ἄρα οὖν ὡς καιρὸν ἔχωμεν, ἐργαζώμεθα τὸ ἀγαθὸν πρὸς πάντας, μάλιστα δὲ πρὸς τοὺς οἰκείους τῆς πίστεως. - 11 Ἴδετε πηλίκοις ὑμῖν γράμμασιν ἔγραψα τῇ ἐμῇ χειρί. 12 ὅσοι θέλουσιν εὐπροσωπῆσαι ἐν σαρκί, οὗτοι ἀναγκάζουσιν ὑμᾶς περιτέμνεσθαι, μόνον ἵνα τῷ σταυρῷ τοῦ Χριστοῦ μὴ διώκονται· 12 ὅσοι θέλουσιν εὐπροσωπῆσαι ἐν σαρκί, οὗτοι ἀναγκάζουσιν ὑμᾶς περιτέμνεσθαι, μόνον ἵνα τῷ σταυρῷ τοῦ Χριστοῦ μὴ διώκωνται· 13 οὐδὲ γὰρ οἱ περιτεμνόμενοι αὐτοὶ νόμον φυλάσσουσιν, ἀλλὰ θέλουσιν ὑμᾶς περιτέμνεσθαι, ἵνα ἐν τῇ ὑμετέρᾳ σαρκὶ καυχήσωνται. 13 οὐδὲ γὰρ οἱ περιτεμνόμενοι αὐτοὶ νόμον φυλάσσουσιν, ἀλλὰ θέλουσιν ὑμᾶς περιτέμνεσθαι ἵνα ἐν τῇ ὑμετέρᾳ σαρκὶ καυχήσωνται. 14 ἐμοὶ κόσμος ἐσταύρωται κἀγὼ κόσμῳ. 14 ἐμοὶ δὲ μὴ γένοιτο καυχᾶσθαι εἰ μὴ ἐν τῷ σταυρῷ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, δι’ οὗ ἐμοὶ κόσμος ἐσταύρωται κἀγὼ κόσμῳ. - 15 οὔτε γὰρ περιτομή τί ἐστιν οὔτε ἀκροβυστία, ἀλλὰ καινὴ κτίσις. - 16 καὶ ὅσοι τῷ κανόνι τούτῳ στοιχήσουσιν, εἰρήνη ἐπ’ αὐτοὺς καὶ ἔλεος, καὶ ἐπὶ τὸν Ἰσραὴλ τοῦ θεοῦ. 17 ἐγὼ γὰρ τὰ στίγματα τοῦ Χριστοῦ ἐν τῷ σώματί μου βαστάζω. - 17 Τοῦ λοιποῦ κόπους μοι μηδεὶς παρεχέτω, ἐγὼ γὰρ τὰ στίγματα τοῦ Ἰησοῦ ἐν τῷ σώματί μου βαστάζω. 18 Ἡ χάρις τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ μετὰ τοῦ πνεύματος ὑμῶν, ἀδελφοί· ἀμήν. A. *6,2: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,13: Atque adeo cum dicit, Onera vestra invicem sustinete et sic adimplebitis legem Christi, si hoc non potest fieri nisi 1 (Gal) 187 <?page no="1066"?> 264 Und als markionitische Lesart vermerkt durch H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Text‐ geschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. quis diligat proximum sibi tanquam se, apparet, Diliges proximum tibi tanquam te, per quod auditur, Invicem onera vestra portate, Christi esse legem, quae sit creatoris, atque ita Christum creatoris esse, dum Christi est lex creatoris. ♦ *6,6: Vgl. Hieron., Commentaria in Epistolam ad Galatas (PL 26, 429B): Marcion hunc locum ita interpretatus est, ut putaret fideles et catechumenos simul orare debere et magistrum communicare in oratione discipulis, illo vel maxime elatus, quod sequetur: In omnibus bonis. ♦ *6,7: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,14: Erratis, deus non deridetur (deridetur R Kroymann Harnack; irridetur M). Atquin derideri potest deus Marcionis, qui nec irasci novit nec ulcisci. Quod enim severit homo, hoc et metet. Adam., Dial. II 5 (im Mund des Adamantius): ἃ γὰρ ἂν σπείρῃ ἄνθρωπος, ταῦτα καὶ θερίσει (Rufin: quodcunque seminaverit homo, hoc et metet). ἃ … ταῦτα findet sich auch P 46 , 06, 012, lat, Spec. ♦ *6,8: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,14: Porro si retributionem praedicat, ab eodem erit et corruptionis messis et vitae. ♦ *6,9: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,14: Bonum autem facientes non fatigemur. ♦ *6,10: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,14: et dum habemus tempus, operemur bonum. ♦ *6,12: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,15: Persecutores vocat Christi. ♦ *6,13: Epiph., Pan. 42, sch. 8 (121. 159 H.): οὐδὲ γὰρ οἱ περιτεμνόμενοι αὐτοὶ νόμον φυλάσσουσιν. ♦ *6,14: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,15: Sed et mihi, famulo creatoris, mundus crucifixus est, non tamen deus mundi, et ego mundo, non tamen deo mundi. ♦ 6,16: Vgl. Tert., Adv. Marc. IV 5,1: Videamus quod lac a Paulo Corinthii hauserint, ad quam regulam Galatae sint recorrecti. ♦ *6,17: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 4,15: Persecutores vocat Christi. Cum vero adicit stigmata Christi in corpore suo gestare se. Adam., Dial. V 22: τῶν δ’ἄλλων εἰκῆ κόπους μοι μηδεὶς παρεχέσθω. ἐγὼ γὰρ τὰ στίγματα τοῦ Ἰησοῦ ἐν τῷ σώματί μου βαστάζω (Rufin: De caetero nemo mihi molestus sit. Ego enim stigmata domini nostri Iesu Christi in copore meo porto). B. (6,2) Anstelle der zu Tertullian passenden präsentischen Form ἀναπληρώσετε findet sich die Aoristform ἀναπληρώσατε in 01, 02, 04, 06, 044, 0122, M, Cl. ♦ (6,7) Anstelle von ὅ … τοῦτο liest man das lateinische Äquivalent von ἅ … ταῦτα in P 46 , 06, 012, lat, Spec und weiteren lateinischen Zeugen. 264 ♦ (6,9) ἐκκακῶμεν ist belegt in 04, 06 2 , 018, 020, 024, 044, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739 s , 1881, 2464, M, Cl pt , hingegen steht ἐκκακήσωμεν in 010, 012, während P 99 ἐκλύθωμεν bietet, der kanonische Text findet sich in 01, 02, 03, 06*, 33, 81, 326, co, Cl pt . ♦ (6,10) Auch wenn NA 28 ἔχoμεν bietet, würde man eigentlich eher ἔχωμεν erwarten nach der Bezeugung dieser Form in 01, 03*, 6, 33, 104, 326, 188 Rekonstruktion <?page no="1067"?> 265 Weitere altlateinische Varianten in H.A.G. Houghton, C.M. Kreinecker, R.F. MacLachlan and C.J. Smith, The Principal Pauline Epistles. A Collation of Old Latin Witnesses (2019), 436. 614, während ἔχομεν bezeugt ist durch P 46 , 02, 032, 04, 06, 010, 012, 018, 019, 025, 044, 81, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739 s , 1881, 2464, M, Cl. ♦ ἐργαζόμεθα bieten 02, 03 2 , 020, 025, 6, 104, 1175, 1881. ἐργασώμεθα steht in P 46 , 018, 1505, 2464. Die vorkanonische und kanonische Fassung stimmen überein, weil die Handschriftenvarianten vermutlich auf Verschreibungen zurückgehen. ♦ (6,12) Nach τοῦ Χριστοῦ fügen die Zeugen P 46 , 03, 1175 ein ἰησοῦ, während die folgenden Zeugen diesen Zusatz nicht bieten: 01, 02, 04, 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1739, 2464, M, latt, sy. ♦ μή om 1837. ♦ διώκονται steht in P 46 , 01, 04, 010, 012, 018, 020, 025, 0278, 6, 81, 104, 326, 629, 1175, 1241, 1505, 2464 pm, während διώκωνται geboten wird von 01, 03, 06, 044, 33, 365, 614, 630, 1739 pm. ♦ (6,13) Anstelle von περιτεμνόμενοι findet sich περιτετμήμενοι bei den Zeugen P 46 , 03, 020, 044, 6, 365, 614, 630, 1175 pm b, d, r, sa? , bo, Ambst, während die gewählte Form steht in 01, 02, 04, 06, (010, 012), 018, 020, 025, 0278, 33, 81, 104, 1241, 1505, 1739, 2464 pm, ar, f, vg, sy, sa? ♦ καυχήσωνται ist bezeugt in 010 und vielen kanonischen Zeugen, während 06, 012*, 025, 47 *vid , 114, 115 und andere καυχήσονται bieten. ♦ (6,15) ἐν γὰρ Χριστῷ Ἰησοῦ wird als Verseröffnung geboten in 01, 02, 04, 06, 010, 012, 018, 020, 025, 0278, 81, 104, 365, 630, 1241, (1739 c ), 1881, 2464, M, lat, sy h **, sa mss , bo, während sie fehlt in P 46 , 03, 044, 33, 1175, 1505, 1739*, r, (sy p ), sa mss , Ambst, GrNy, Chr. ♦ τι ἰσχύει steht in: 012, 062, 018, 020, 025, 044, 104, 365, 630, 1505, 1881, M, lat, syh, τί ἐστιν zu finden ist in: P 46 , 01*, 02, 03, 04, 06*, 010, 012, 0278, 6, 33, 81, 1175, 1241, 1739, 2464, sy p.hmg , co, Ambst. ♦ (6,16) Die präsentische Form στοιχοῦσιν ist belegt durch 01, 04*, 06, 010, 012, 1739, 1881, it, Ambst, hingegen lesen das Futur στοιχήσουσιν 01, 03, 04 2 , 018, 020, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 2464, M, und P 46 liest στοιχήσωσιν. ♦ (6,17) Die Form Χριστοῦ ist bezeugt durch 024, 044, 81, 365, 1175, 2464, bo, daneben ist noch überliefert κυρίου Ἰησοῦ in 04 3 , 06 2 , 018, 020, 104, 630, 1505, 1881, M, vg c1 , sy (p) , in der altlateinischen Tradition in 58, 88, Ambst, Hier, κυρίου μου χριστοῦ 1739, schließlich auch noch κυρίου ἡμῶν (- 01, 06 1 ); ’Ιησοῦ Χριστοῦ in 01, 06 *.1 , 010, 012, it (sa mss ), MVict, Hier, Ambst, Aug, Pel, während allein ἰησου zu lesen ist in P 46 , 02, 03, 04*, 33, 629, 1241, f, t, vg st , sa ms . 265 C. 1. (6,1) Der Vers ist unbezeugt, auch wenn van Manen ihn nach der kanoni‐ schen Version gibt und Zahn mit der Präsenz des Verses ohne Textsicherheit 1 (Gal) 189 <?page no="1068"?> 266 Vgl. M. Meiser, Galater (2007), 15. 267 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 443. 268 Detering meint, die Frage ob ἐν πᾶσιν ἀγαθοῖς präsent oder abwesend war, ließe sich nicht entscheiden, H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - -Explanations (2003), 86. 269 H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 270 H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 86-87. rechnet. Harnack äußert sich nicht zu dem Vers. Schmid und BeDuhn nehmen ihn als unbezeugt. Der Vers greift wie die vorgenannten Verse der kanonischen Redaktion zentrale Termini derselben auf, Geist, Sanftmut (ἐν πνεύματι πραΰτητος), vgl. die Verse 22-23. Er wird folglich dieser Redaktionsstufe zugehören. Dies wird durch das Zeugnis Tertullians gestützt, der nach dem Zitat des nachfolgenden Verses die direkte Verbindung zu dem vorkanonischen Vers *Gal 5,14 herstellt. 2. (6,2) Hilgenfeld sieht diesen Vers durch Tertullian berührt. Van Manen gibt ihn wie oben. Zahn wählt jedoch die kanonische Form des Verses, so auch Harnack, wobei er noch erwägt, ob nicht τὰ βάρη ἀλλήλων zu schreiben ist. Schmid und BeDuhn nehmen ebenfalls die kanonische Form an. Man bemerke den Rückgriff auf diesen Vers in Diogn 10,6. 266 3. (6,3-5) Diese drei Verse sind nach allen Editoren unbezeugt, auch wenn van Manen, Zahn und Harnack mit deren Präsenz rechnen, während Schmid und BeDuhn die Verse schlicht als unbezeugt betrachten. Van Manen gibt sie nach der kanonischen Version (in Vers 4 unter Auslassung von ἕκαστος). 4. (6,6) Hilgenfeld führt an: „Hieronymus erwähnt zum Ueberfluß noch Marcions Deutung von V. 6 auf die ungeschmälerte Theilnahme der Katechu‐ menen an den geistigen Gütern des Gottesdienstes“. 267 Alle anderen Editoren übernehmen den kanonischen Text, van Manen allerdings ohne ἐν πᾶσιν ἀγαθοῖς. 268 Dennoch scheint das τὸν λόγον nicht völlig gesichert (Hier.: in oratione, ἐν λόγῳ? ). 5. (6,7) Hilgenfeld sieht eine Anspielung auf diesen Vers durch Tertullian und Adamantius. Zahn bietet den obigen Text, allerdings mit ὅ … τοῦτο, so auch Schmid und BeDuhn, während Harnack ihn mit ἅ … ταῦτα liest. Diese Variante entspricht auch vielen lateinischen Zeugen, die als markionitische Lesart durch von Soden vermerkt wird. 269 Das am Anfang gegenüber dem kanonischen Text fehlende μή wird von NA 28 als markionitische Lesart angegeben, auch van Manen, Zahn, Harnack, Schmid und BeDuhn lassen es aus, Detering ist unentschieden. 270 190 Rekonstruktion <?page no="1069"?> 271 So P. Hartog, Orthodoxy and heresy in early Christian contexts: reconsidering the Bauer thesis (2015), 43; K. Berding, Polycarp and Paul. An analysis of their literary & theological relationship in light of Polycarp’s use of biblical & extra-biblical literature (2002), 73. 272 M.W. Holmes, Polycarp’s letter to the Philippians and the writings that later formed the New Testament (2007), 208-209. 273 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 87-89. 6. μυκτηρίζω ist Hapax legomenon, begegnet dann bei Polycarp von Smyrna (PolPhil 5,1), öfter gesehen als eine literarische Abhängigkeit des Polycarp von Gal 6,7. 271 Hingegen ist Holmes der Meinung, beide Autoren hätten sich eines „bekannten Spruches“ („a familiar saying“) bedient. 272 7. (6,8) Van Manen und Zahn optieren für den kanonischen Text, auch wenn Harnack hier nur zum Teil erhaltene Stücke sieht, Schmid spricht lediglich von einer Anspielung, und BeDuhn bietet die anklingenden Stücke und den Rest nach dem kanonischen Text in Klammern. Nach allem, was wir bisher gesehen haben, spricht die Tatsache, dass die Erwähnung des Geistes nicht bezeugt ist, dafür, dass Anspielungen auf ihn vorkanonisch gefehlt haben. Tertullian hätte sich kaum einen Terminus wie „Geist“ entgehen lassen. Der Vers muss also vorsichtiger als früher rekonstruiert werden. 8. (6,9) Hilgenfeld sieht eine Anspielung auf diesen Vers durch Tertullian. Van Manen gibt für die beiden Verse folgenden Text wie τὸ δὲ καλὸν ποιοῦντες μὴ ἐγκακῶμεν, καὶ ὡς καιρὸν ἔχωμεν, ἐργαζώμεθα τὸ ἀγαθὸν, καιρῷ δὲ ἰδίῳ θερίσομεν. 273 Zahn optiert für den kanonischen Text, Harnack wie oben, jedoch mit ἐνκακῶμεν, Schmid mit ἐγκακῶμεν. ἐκκακῶμεν passt besser zu Tertullians fatigemur und ist belegt in einer Reihe von Zeugen. BeDuhn setzt die Übersetzung für μὴ ἐκλυόμενοι in Klammern in den Text. Dieser nicht bezeugte Teil entspricht jedoch der kanonischen Sprache, wie er in Mt 15,32 / / Mk 8,3; Hebr 12,3. 5 begegnet, jedoch nicht der der vorkanonischen Redaktion. 9. (6,10) Hilgenfeld sieht eine Anspielung auf diesen Vers durch Tertullian. Van Manen gibt den Text wie oben, jedoch anstelle von ἄρα schreibt er καὶ. Zahn optiert für den kanonischen Text, Harnack zitiert wie oben, allerdings ohne das ἄρα οὖν, wobei in et dum Tertullians wohl doch ἄρα angedeutet ist. Schmid gibt den Text wie Harnack wieder, deutet aber mit drei Punkten am Anfang und Ende an, dass noch mit mehr Text zu rechnen ist. BeDuhn gibt eine Übersetzung von ἄρα οὖν in Klammern, ansonsten wie oben. Das πρὸς πάντας am Ende kann gestanden sein, ist aber unbezeugt und vielleicht erst durch das nachfolgende, unbezeugte μάλιστα δὲ πρὸς τοὺς οἰκείους τῆς πίστεως gefordert 1 (Gal) 191 <?page no="1070"?> 274 H. Schlier, Der Brief an die Galater (1951), 205-206; F. Mußner, Der Galaterbrief. Auslegung (1974), 409. 275 Zu „Plausibilisierungs- und Authentifizierungsstrategien etwa in Form von Echtheits‐ beglaubigungen“ durch Editoren und Publizisten, vgl. M. Janßen, „Risse und Fenster in der Fassade? “ Zur Problematik innertextlicher Zeitanspielungen als Indizien für die Datierung anonymer und pseudepigraphischer Fiktionen (2021), 40. Vgl. hierzu die Einleitung, Band I, § 7 b.8.b. gewesen. Ob dieser gesamte Teil ursprünglich im vorkanonischen Text stand, ist strittig, und, betrachtet man die Lexik, eher unwahrscheinlich. 10. (6,11) Dieser persönliche Einwurf, der die Argumentation unterbricht, wird aus der Perspektive des authentischen Gal als Beginn des Postskripts gewertet. 274 Er erinnert an Gal 5,2 (Ἴδε ἐγὼ Παῦλος λέγω ὑμῖν), der nur für die kanonische Redaktionsebene bezeugt ist, und scheint auch an dieser Stelle hier den Eindruck der Authentifizierung erwecken zu wollen. Was kann mehr als dieses Zeugnis des eigenhändigen Schreibens beeindrucken? 275 Van Manen gibt den Vers nach der kanonischen Version, Zahn und Harnack sehen in vorkanonisch präsent ohne Sicherheit des Wortlauts. Schmid hält ihn für unbezeugt und BeDuhn für abwesend. 11. (6,12) Hilgenfeld sieht eine Anspielung auf diesen Vers durch Tertullian. Van Manen bietet den Text wie oben, jedoch ohne μόνον ἵνα τῷ σταυρῷ τοῦ Χριστοῦ μὴ διώκωνται. Zahn nimmt an, dass der Vers vorhanden war, ohne Textsicherheit, Harnack äußert sich nicht hierzu. Schmid sieht ihn als unbezeugt, aber BeDuhn verweist als erster auf die hier aufgeführt Tertullianstelle. Einen weiteren Zeugen nennt BeDuhn, die griechische Handschrift 1837, die ohne die Verneinung lese: „only so that the stake of Christos might be persecuted“, die er für die ursprüngliche hält. Doch scheint mir diese Bezeugung zu schwach für ein solches Urteil zu sein. Man vgl. auch zur Verfolgung von Christen *1Thess 2,14-15. 12. (6,13) Dass Epiphanius diesen Text zitiert, der mit dem kanonischen Vers 13a übereinstimmt, kann nach seiner Argumentation nur bedeuten, dass der zweite Teil des Verses nicht im Text präsent war, denn er geht nicht auf den weiteren Versteil ein, sondern betont, dass, solange das Gesetz beachtet wurde, die Beschneidung zugelassen war, allerdings mit dem Kommen Christi die Beschneidung nicht mehr notwendig sei, doch denen, die sie noch besitzen, gelte sie nicht als Gesetzesbefolgung. Folglich, betont Epiphanius, seien das Gesetz und die Beschneidung gut, habe man doch durch beide Christus kennengelernt, der allerdings das vollkommenere Gesetz und die vollkommenere Beschneidung gebracht habe. Dass der zweite Versteil zur kanonischen Redaktion gehört, 192 Rekonstruktion <?page no="1071"?> 276 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 89. 277 Vgl. E.S. Lodovici, Sull’ interpretazione di alcuni testi della Lettera ai Galati in Marcione e in Tertulliano (1972), 399-401. 278 So auch H. Detering, The Original Version of the Epistle to the Galatians - Explanations (2003), 89-91. legt auch das „Rühmen“ nahe, das das καύχημα von Gal 6,4 der kanonischen Redaktion aufgreift. Hilgenfeld sieht, dass Epiphanius mit diesem Scholion auf Vers 13 eingeht. Van Manen gibt den Text wie oben 276 (ohne ἐν). Zahn rechnet in irgendeiner Form auch mit dem zweiten Versteil, Harnack sieht nur den ersten Teil bezeugt, so auch Schmid und BeDuhn, auch wenn BeDuhn mit drei Auslassungszeichen weiteren Text andeutet. 13. (6,14) Hilgenfeld sieht eine Anspielung auf diesen Vers durch Tertullian. Van Manen gibt den Text nach der kanonischen Version. Zahn nimmt auch den ersten, unbezeugten Teil von Vers 14 als in einer unbestimmbaren Textform an, während er den zweiten Teil wie im kanonischen Text bezeugt sieht. Harnack gibt den Text wie oben, so auch Schmid und BeDuhn, wobei beide mit Auslassungspunkten am Anfang noch Text vermuten. Das im ersten Textteil begegnende „Rühmen“ greift erneut Inhalt der kano‐ nischen Redaktion auf, wird folglich auch dieser Ebene zugehören; der Hinweis auf das Thema des Kreuzes, der auf Vers 12 geht, lässt nicht erkennen, ob er den vorkanonischen oder kanonischen Gedanken fortführt. Lodovici schlägt vor, aus der Argumentation Tertullians heraus anstelle von κἀγὼ κόσμῳ zu schreiben κἀγὼ θεῷ κόσμῳ. 277 Doch spricht die Formulierung Tertullians, in welcher er nur das ego mundo zusammenfügt und die Rede von dem deus oder deo mundi als eigene Interpretation davon absetzt, eher für die von allen bisherigen Editoren gewählte Rekonstruktion. 14. (6,15) Auch wenn der Vers unbezeugt ist, sieht ihn Zahn in irgendeiner Form vorhanden. Van Manen tilgt ihn. 278 Harnack äußert sich nicht zu ihm, Schmid sieht ihn als unbezeugt, auch BeDuhn gibt keinen Hinweis zu dem Vers. Offenkundig rekurriert der Vers auf Gal 5,6 und führt den Gedanken, dass „weder die Beschneidung noch die Unbeschnittenheit etwas“ bedeuten, fort und leitet damit zu den Endversen des Briefes über. Wie die in einigen Handschrif‐ tenzeugen bezeugte Eröffnung ἐν γὰρ Χριστῷ Ἰησοῦ belegt, hat diese Redaktion den Bezug zu Gal 5,6, nicht aber zur vorkanonischen Version, hergestellt. Auch die Variante τι ἰσχύει stellt diesen Bezug zu Gal 5,6 heraus, der in einigen Handschriftenzeugen zu finden ist. 1 (Gal) 193 <?page no="1072"?> 279 Detering hält diese Alternative für unentscheidbar, ibid. 91-92 280 Zur Prägung kirchlicher Formelsprache, vgl. M. Meiser, Galater (2007), 14. 15. (6,16) Van Manen tilgt den Vers, Zahn sieht den Vers in einer unbestimm‐ baren Form anwesend, Harnack sieht ihn unbezeugt, so auch Schmid, doch BeDuhn verweist auf die Tertullianstelle aus dem Kommentar des *Ev, der sich auf den vorliegenden Vers in seinem ersten Teil bezieht. Da Tertullian an dieser Stelle zunächst die Verbindung zu 1Kor 3,2 und dann zu Gal 6,16 herstellt, doch 1Kor 3,2 nur kanonisch steht, kann auch Gal 6,16 nicht als Beleg für die vorkanonische Version genommen werden. 16. (6,17) Hilgenfeld sieht eine Anspielung auf diesen Vers durch Tertullian. Van Manen gibt den Text nach der kanonischen Version (schreibt jedoch Χριστοῦ anstelle von Ἰησοῦ 279 ). Zahn liest den kanonischen Text, allerdings mit Ἰησοῦ. Harnack bietet denselben Text. Schmid sieht jedoch korrekterweise nur ἐγὼ γὰρ τὰ στίγματα τοῦ Χριστοῦ ἐν τῷ σώματί μου βαστάζω bezeugt, deutet aber mit drei Auslassungspunkten am Anfang noch Textbestand an; ihm folgt BeDuhn. Wenn nur dieser Teil vorkanonisch stand, dann findet sich der Bezug zum Geist und die direkte Ansprache, wie sie sich im unbezeugten Teil finden, noch seltener bei *Paulus, d. h. die kanonische Diktion wird noch deutlicher gegenüber der vorkanonischen. 17. (6,18) Hilgenfeld, Harnack, Schmid und BeDuhn nehmen diesen Vers als unbezeugt, Zahn darüber hinaus auch als abwesend. Van Manen bietet ihn nach dem kanonischen Text. Mit dem Geistbezug und der direkten Adressatenansprache trägt der Vers Merkmale der kanonischen Redaktion. 280 Die Redaktion wirkt wie eine Har‐ monisierung des prägnanten, auf deutliche Absetzung orientierten Schlusses von *Gal, mit dem *Paulus fast verächtlich klingt oder zumindest die Gegner beiseiteschiebt und auf das eigene Leiden und das Christi hinweist. D. (6,1) προλαμβάνω steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ παράπτωμα, das 23 / 20 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt nicht in *Ev, jedoch in *Röm 5,20 und *Laod 2,1. ♦ τινι (Dat. Fem. / Mask. / Neut. Sg.) steht 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,1. ♦ πνευματικός, das 28 / 26 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,3. 4; 12,1; 14,1; 15,46; *Röm 7,14; *Laod 6,12. ♦ καταρτίζω, das 15 / 13 Mal im NT steht, ist ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ τοιοῦτος, das 62 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,21; *1Kor 15,48. ♦ πραΰτης, das 22 Mal im NT steht, ist ausschließlich 194 Rekonstruktion <?page no="1073"?> für die kanonische Ebene belegt. ♦ σκοπέω steht nur 7 / 6 Mal im NT, ausschließlich bezeugt für die kanonische Ebene (Lk 11,35; Röm 16,17; Gal 6,1; Phil 2,4; 3,17; 2Kor 4,18). ♦ σεαυτοῦ, das 44 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,14; *Gal 5,14; *Röm 13,9. ♦ πειράζω, das sich 42 / 38 Mal im NT findet, ist ausschließlich für die kanonische Fassung bezeugt. Zur Abwesenheit: Zuvor wurde bereits in Nr. 1 zu diesem unbezeugten Vers inhaltlich die Verknüpfung mit der kanonischen Redaktion und dem Inhalt auf dieser Ebene zum voranstehenden Kapitel hergestellt. Der Vergleich der Lexeme stützt mit der Reihe von ausschließlich kanonisch bezeugten Termini (προλαμβάνω; καταρτίζω; πραΰτης; σκοπέω; πειράζω) diese Zuordnung. Folg‐ lich dürfte der Vers zur kanonischen Redaktion gehören und in der vorkanoni‐ schen Version gefehlt haben. (6,2) ἀλλήλων, das 107 / 100 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,2; *Röm 12,10. ♦ βάρος, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur für diese Stelle hier bezeugt. ♦ βαστάζω, das 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,27; *Gal 5,10; 6,2. 17. ♦ ἀναπληρόω, das 7 / 6 Mal im NT belegt ist, ist vorkanonisch für die vorliegende Stelle bezeugt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das sich mit dem in NA 28 gegebenen kanonischen Text deckt. (6,3) Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröffnung, als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. ♦ δοκέω steht 100 / 63 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9. ♦ Das Nomen δόξα steht 178 / 166 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,7. 8; 15,41. 43; *2Kor 3,7. 18; 4,6; *2Thess 1,9; *Laod 1,12. 17; *Phil 3,21. ♦ Die Formulierung εἰ γὰρ δοκεῖ τις (oder Abwandlungen derselben wie εἴ τις δοκεῖ) findet sich nur auf der kanonischen Ebene (1Kor 3,18; 8,2; 14,37; 2Kor 11,9; Phil 3,4; Jak 1,26). Die Liste und der Vergleich zeigen eindrucksvoll, dass der Terminus in der vorkanonischen Fassung einen viel geringeren Stellenwert hat als in der kanonischen. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ Die Verbform ὤν, die 48 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,6; *Gal 2,3. ♦ φρεναπατάω ist Hapax legomenon im NT. Auch das verwandte φρεναπάτης, das in Tit 1,10 als Hapax legomenon im NT steht, findet sich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Wie bereits die Einleitungsformel dieses unbezeugten Verses unterstreicht (εἰ γὰρ δοκεῖ τις), die ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden ist, wurde der Vers von der kanonischen Redaktion formuliert und war in der vorkanonischen Version abwesend. 1 (Gal) 195 <?page no="1074"?> (6,4) ἔργον, das 187 / 169 Mal im NT steht, ist vornehmlich ein Begriff der kanonischen Ebene, auch wenn er vorkanonisch bezeugt ist für *Gal 2,16; 5,19, jedoch in negativer Deutung, nicht neutral oder positiv gemeint wie hier. ♦ δοκιμάζω, das 25 / 22 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,56; *1Kor 3,13. ♦ ἕκαστος steht 87 / 82 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 4,5; 7,7; 15,38; *2Kor 5,10; *Laod 4,25. ♦ τότε, das 164 / 160 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,54. ♦ μόνον, das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,10; *1Kor 7,39. ♦ καύχημα, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15. ♦ ἔξειμι im Sinne von „Herausgehen“ steht 10 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Das formgleiche ἕξις, das 11 / 1 Mal im NT steht, ist ein Mal vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,22. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers fällt die Semantik auf. Während die Lexik vorkanonisch bezeugt ist, ist die Semantik verschieden (ἔργον; ἔξειμι). Auch dieser Vers dürfte demnach auf die kanonische Redaktion zurückgehen und im vorkanonischen Text gefehlt haben. (6,5) ἕκαστος steht 87 / 82 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 4,5; 7,7; 15,38; *2Kor 5,10; *Laod 4,25. ♦ ἴδιος findet sich 123 / 114 Mal im NT, etwa Lk 2,3; 10,34, in Versen, die in *Ev fehlen, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,41; *Gal 6,9; *1Kor 7,7; *1Thess 2,15. ♦ Die Kombination ἕκαστος γὰρ τὸ ἴδιον steht nur noch ein Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (1Kor 11,21). ♦ φορτίον steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,46. ♦ βαστάζω, das 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,27; *Gal 5,10; 6,2. 17. Zur Abwesenheit: Dieser weitere, unbezeugte Vers besitzt vorkanonische Lexik, weist jedoch auch die Kombination ἕκαστος γὰρ τὸ ἴδιον auf, die sich nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene findet. Auch er dürfte demnach nicht nur unbezeugt, sondern auf der vorkanonischen Ebene auch abwesend gewesen sein. (6,6) κοινωνέω steht 15 / 8 Mal im NT, weiters jedoch nur auf der kanonischen Ebene. ♦ κατηχέω, das 8 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,6; *1Kor 14,19. ♦ πᾶσιν, das 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6. ♦ ἀγαθός, das 109 / 102 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,6. 10; *2Kor 5,10; *Röm 7,12; 12,9. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Hieronymus. Im Unter‐ schied zu den früheren Editoren wird hier, Hieronymus folgend, ἐν λόγῳ anstelle der kanonischen Formulierung τὸν λόγον gesetzt, jedoch als unsichere Lesart notiert. Bei der Lexik fällt auf, dass zwei der drei untersuchten, hier bezeugten 196 Rekonstruktion <?page no="1075"?> Begriffe auch an anderen Stellen vorkanonisch bezeugt sind, womit eine gewisse Übereinstimmung zwischen Bezeugung und Lexik gegeben ist. (6,7) πλανάω, das 42 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch für die Stelle hier bezeugt und kann vielleicht auch in *Ev 21,8 gestanden sein, ist dort aber unbezeugt. ♦ μυκτηρίζω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Kombination ὃ γάρ steht 4 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 6,10; 7,15; im Vers: Röm 8,24; Gal 6,7), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ σπείρω, das 58 / 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,8; *1Kor 15,42. 44. ♦ τοῦτο, das 313 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,50. 53; *2Thess 2,11; *Laod 5,32. ♦ θερίζω steht 22 / 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,7. 9. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, allerdings mit der Änderung von ὃ γάρ … τοῦτο zu ἃ γάρ … ταῦτα gemäß der lateinischen Tradition, wie schon Harnack vorschlug und wie es der Lexik entspricht. (6,8) Zu σπείρω, das 58 / 52 Mal im NT steht, vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ φθορά, das 9 Mal im NT steht, ist für die Stelle hier, *Gal 6,8 und nochmals *1Kor 15,50 vorkanonisch bezeugt. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4, vgl. weiter die Verse 12. 13. ♦ Zu θερίζω, das 22 / 21 Mal im NT steht, vgl. ebenfalls zum voranstehenden Vers. ♦ ζωή, das 142 / 135 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,22; *2Kor 4,10; 5,4; *Röm 5,21; 8,10. Zur Rekonstruktion: Wie in Nr. 7 diskutiert, gibt Tertullian nur einige Hinweise auf den Text, die vor allem das Geistthema vermissen lassen, weshalb der Text ohne dieses Thema rekonstruiert wird; außerdem werden die nicht bezeugten weiteren Teile wegen der unsicheren Vorgabe nur im Normaldruck gegeben, gleichwohl ist mit der Präsenz von Teilen des Verses in der vorkanonischen Version und mit einer kanonischen Überarbeitung desselben zu rechnen. (6,9) καλός, das 109 / 101 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,9. ♦ ἐγκακέω, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,16; *Gal 6,9. ♦ καιρός, das 90 / 86 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,42. 56, *Gal 4,10; 6,9. 10; *1Kor 7,29; *Röm 5,6. ♦ ἴδιος, das 123 / 114 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,41; *Gal 6,9; *1Kor 7,7; *1Thess 2,15. ♦ Zu θερίζω, das 22 / 21 Mal im NT steht, vgl. zu Vers 7. ♦ ἐκλύω steht 5 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt in Mt 15,32; Mk 8,3; Gal 6,9; Heb 12,3. 5. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians für den bezeugten Teil unter Berücksichtigung der Überlegungen in Nr. 8. Aus Gründen der 1 (Gal) 197 <?page no="1076"?> argumentativen Logik und lexikalisch vorkanonisch bezeugt, wird auch der Anfang des nicht mehr bezeugten Teils hinzugenommen. Lediglich der Schluss des unbezeugten Teils ist ausgelassen, nachdem ἐκλύω ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt und auch im kanonischen Paulus nur weiter in Hebr belegt ist. (6,10) ἄρα, das 52 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,20; *1Kor 15,14. ♦ Zur nur kanonisch stehenden Variante ἄρα οὖν, vgl. zu Vers 4,31. ♦ καιρός, das 90 / 86 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,42. 56, *Gal 4,10; 6,9. 10; *1Kor 7,29; *Röm 5,6. ♦ ἐργάζομαι, das 51 / 41 Mal im NT steht, ist nur hier und ggfls. noch einmal *Ev 13,14 vorkanonisch bezeugt, jedoch ein beliebter kanonische Begriff ist. ♦ ἀγαθός, das 109 / 102 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,6. 10; *2Kor 5,10; *Röm 7,12; 12,9. ♦ μάλιστα steht 12 Mal im NT, immer nur auf der kanonischen Ebene (Apg 20,38; 25,26; 26,3; Gal 6,10; Phil 4,22; 1Tim 4,10; 5,8. 17; 2Tim 4,13; Tit 1,10; Phlm 1,16; 2Petr 2,10). ♦ πάντας steht 90 Mal im NT, vorkanonisch lediglich bezeugt für *Ev 13,28; *2Kor 5,10; *Laod 3,9. ♦ οἰκεῖος steht nur 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt allein für *Laod 2,19, ansonsten für die kanonische Ebene (Gal 6,10; Eph 2,19; 1Tim 5,8). Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, der nicht mehr bezeugte Teil dürfte, wie in Nr. 9 ausgeführt, auf die kanonische Redaktion zurückgehen, was durch die Lexik gestützt wird, die einen ausschließlich für die kanonische Ebene belegten Begriff (μάλιστα) und einen weiteren aufführt, der vorkanonisch nur im *Deuteropaulinum *Laod steht (οἰκεῖος). (6,11) πηλίκος steht 2 Mal im NT, beide Male auf der kanonischen Ebene (Gal 6,11; Hebr 7,4). ♦ γράμμα, das 17 / 14 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,27. 29 und stand vielleicht auch *Ev 16,6. 7 und vielleicht auch 23,38. ♦ γράφω, das 213 / 191 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,19. 31; 3,19; 9,10; 10,7. 11; 14,21; 15,54, vielleicht sogar auch in einer sehr ähnlichen Formulierung (*1Kor 4,14: ὑμᾶς ταῦτα γράφω). ♦ ἐμός steht 389 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,3; 6,14; *Laod 3,8; *Phil 3,9, insgesamt also ist der Begriff vorkanonisch eher rar. ♦ χείρ, das 158 / 178 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Formulierung ἔγραψα τῇ ἐμῇ χειρί steht noch ein Mal, Phlm 1,19, wieder auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers fällt gleich der erste Begriff (πηλίκος) auf, der ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt ist. Ebenso die Schlussformulierung ἔγραψα τῇ ἐμῇ χειρί, die nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene steht, folglich wird der Vers auf die kanonische Redaktion zurückzuführen sein und im vorkanonischen Text gefehlt haben. 198 Rekonstruktion <?page no="1077"?> (6,12) ὅσος, das 121 / 110 im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,22; *Gal 3,10; *2Kor 1,20; *Röm 2,12. ♦ εὐπροσωπέω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Zu σάρξ vgl. zuvor zu Vers 8 und danach zu Vers 13. ♦ οὗτοι, das 77 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἀναγκάζω, das 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,3. ♦ περιτέμνω, das 20 / 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch mehrmals für *Gal bezeugt (*Gal 2,3; 5,3; 6,13). ♦ μόνον, das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,10; *1Kor 7,39, also deutlich ein beliebter Terminus der kanonischen Ebene. ♦ σταυρός, das 31 / 27 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,18; *Laod 2,16; Phil 2,8; *Kol 1,20. ♦ διώκω, das 47 / 45 im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,12; *Gal 6,12. Zur Rekonstruktion: Bei diesem Vers ist nur der letzte Teil durch Tertullian bezeugt, während der erste Teil argumentativ sinnvoll ist, auch wenn dieser Text, wie οὗτοι bezeugt, sehr wahrscheinlich kanonisch überarbeitet worden ist. (6,13) Zum bezeugten Versteil: οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ Die Kombination οὐδὲ γάρ steht 9 Mal im NT, davon 6 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *Ev 20,36; *Gal 6,13, vgl. zu Gal 1,12. ♦ περιτέμνω, das 20 / 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch mehrmals in *Gal bezeugt ist (*Gal 2,3; 5,3; 6,13). ♦ αὐτοί (Nom. Mask. Pl.), das 87 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; 6,13. ♦ φυλάσσω, das 35 / 31 Mal im NT steht, ist vorkanonisch für *Ev und *Paulus bezeugt, auch wenn es vornehmlich ein Begriff der kanonischen Redaktion ist. Zum nicht mehr bezeugten Versteil: ὑμέτερος steht 11 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. Auch dieses Wort stützt die emphatische Anrede der kanonischen Redaktion. ♦ Zu σάρξ vgl. zuvor zu Vers 8. 12. ♦ καυχάομαι, das 39 / 37 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich in der Briefliteratur, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29. 31; 3,21. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Auch narrativ ist der nicht mehr bezeugte Versteil passend und vielleicht wegen seiner impliziten Kritik von Tertullian übergangen worden. (6,14) Im unbezeugten Versteil: Die Kombination ἐμοὶ δέ begegnet nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene 1Kor 4,3, und zwar auch als Verseröffnung. ♦ Zu καυχάομαι vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ Die Kombination εἰ μή steht 86 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,21; 8,21; 10,22; 17,18; *Röm 7,7. ♦ σταυρός, das 31 / 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,18; *Laod 2,16; Phil 2,8; *Kol 1,20. 1 (Gal) 199 <?page no="1078"?> Zum bezeugten Versteil: σταυρόω, das 62 / 46 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,24; 6,14; *1Kor 2,8; *Laod 2,16; *Kol 1,20; *Phil 2,8. Zur Rekonstruktion: Im unbezeugten Teil fällt gleich die Eröffnung auf, die nur noch ein Mal kanonisch steht, dann begegnen weitere, beliebte Termini der kanonischen Ebene; folglich wird man diesen Teil der kanonischen Redaktion zuordnen und nur mit dem bezeugten Teil für die vorkanonische Version rechnen. (6,15) Die Kombination οὔτε γάρ steht 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT, ebenfalls als Verseröffnung, auf der kanonischen Ebene in 1Thess 2,5. ♦ περιτέμνω, das 20 / 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch mehrmals in *Gal bezeugt (*Gal 2,3; 5,3; 6,13). Das verwandte περιτομή, das 38 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Paulus (*Gal 2,9; 5,6; *Röm 2,25. 29; *Laod 2,11). ♦ ἰσχύω, das 32 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,6. ♦ ἀκροβυστία, das 22 / 20 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,25. 27; *Laod 2,11. ♦ καινός, das 47 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,38; *2Kor 5,17. ♦ κτίσις steht 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,17. Zur Abwesenheit: Der Vers ist vorkanonisch unbezeugt, und die Rückbezüge zum kanonischen Vers Gal 5,6 begründen, wie in Nr. 14 dargelegt, seine vorka‐ nonische Abwesenheit; gestützt wird dies lexikalisch durch die nur kanonisch belegte Verseröffnung οὔτε γάρ. (6,16) Zu ὅσος vgl. zuvor zu Vers 10. ♦ κανών steht 5 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt (2Kor 10,13. 15. 16; Gal 6,16; Phil 3,16). ♦ τούτῳ (Dat. Mask. / Neut. Sg.) steht 88 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ στοιχέω, das 5 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ εἰρήνη, das sich 98 / 92 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,3; *Röm 5,1; *Laod 2,14. 15. 17; 6,15. ♦ αὐτούς (Akk. Mask. Pl.), das 340 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Thess 2,10. ♦ ἔλεος steht 35 / 27 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Ἰσραήλ findet sich 74 / 68 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 3,7. 13; *Röm 10,1; *Laod 2,12. Zur Abwesenheit: Nachdem in Nr. 15 dargelegt wurde, dass das von BeDuhn herangezogene Zeugnis Tertullians nicht den vorkanonischen, sondern den kanonischen Vers Gal 6,16 im Auge hat, ist der Vers unbezeugt. Nimmt man die Lexik hinzu mit den ausschließlich kanonisch bezeugten Begriffen (κανών; στοιχέω; ἔλεος) und erkennt, dass *Gal 6,17 narrativ und argumentativ unmit‐ telbar an *Gal 6,14 anschließt, wird man zu dem Schluss kommen, dass der Vers 16 vorkanonisch gefehlt hat. 200 Rekonstruktion <?page no="1079"?> (6,17) Zum unbezeugten Versteil: λοιπός, das sich 60 / 55 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 2,17; *Laod 2,3. ♦ κόπος steht 21 / 18 Mal im NT, jedoch nur auf der kanonischen Ebene. ♦ μηδείς steht 93 ( 89 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 12,17. ♦ παρέχω steht 17 / 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zum bezeugten Versteil: στίγμα ist Hapax legomenon im NT. ♦ σῶμα, das 150 / 142 Mal im NT steht, ist vorkanonisch ein zentraler Begriff für *Ev und *Paulus ist. ♦ βαστάζω, das 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,27; *Gal 5,10; 6,2. 17. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians und schließt nahtlos an den letztbezeugten Vers *Gal 6,14 an. Dass der Eingangsteil des Verses nicht nur unbezeugt ist, sondern auch gefehlt hat, wird neben dieser narrativen Be‐ obachtung auch durch die Lexik gestützt, bei der gleich zwei Begriffe begegnen, die nur kanonisch belegt sind (κόπος; παρέχω). Hingegen sind die im bezeugten Teil stehenden Begriffe auch weiter vorkanonisch bezeugt. (6,18) χάρις, das 171 / 156 Mal im NT steht, ist vorkanonisch gut bezeugt und doch ein Begriff großer Beliebtheit auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀμήν, das 175 / 130 Mal im NT belegt ist, ist vorkanonisch nur substantivisch bezeugt für *2Kor 1,20. ♦ Die Formel χάρις τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ μετά oder μεθ’ steht wieder auf der kanonischen Ebene in Röm 16,20; 1Thess 5,28; 2Thess 3,18; vgl. auch 1Tim 1,14. ♦ Die Wendung μετὰ τοῦ πνεύματος ὑμῶν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Gal 6,18; Phil 4,23; Phlm 1,25). Zur Abwesenheit: Wie bereits in Nr. 17 dargelegt, gibt es innere Gründe für die Abwesenheit des Verses, die von der Lexik gestützt wird, welche Elemente aufweist, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἀμήν; χάρις τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ μετά; μετὰ τοῦ πνεύματος ὑμῶν). 1 (Gal) 201 <?page no="1080"?> 1 Edition: M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), 118. 2 (1Kor) Titulus und Vorwort 1 Πρὸς Κορινθίους α΄ - Corinthi sunt Achaici. et hi similiter ab apostolo audierunt verbum veri‐ tatis et subversi multifarie a falsis apostolis, quidam a philosophiae ver‐ bosa eloquentia, alii a secta legis Iudaicae inducti sunt. hos revocat apostolus ad veram et evangelicam sa‐ pientiam scribens eis ab Epheso. - A. *Titel: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5, praef.: De epistula ad Corinthios prima; vgl. Epiph., Pan. 42 (105 H.): δευτέρα δὲ πρὸς Κορινθίους; ibid. (159 H.): Ἀπὸ τῆς πρὸς Κορινθίους ἐπιστολῆς· αὕτη γὰρ παρ’ αὐτοῖς δευτέρα καὶ παρ’ ἡμῖν; vgl. auch den markionitischen Prolog in der kritischen Edition. 1 B. Die Varianten sind in der kritischen Edition vermerkt. C. Zahn und Harnack geben den obigen Titel ohne Quellenverweis. Titulus und Adressaten gehen hervor aus den Zeugnissen, die unter A. aufgeführt sind. Bemerkenswert ist die Stellung des prima bei Tertullian. Bei der Einführung zum Zweiten Korintherbrief spricht er von der epistula secunda. Dass er hier zunächst nur von der epistula spricht, deckt sich mit dem Sprachgebrauch des Epiphanius, der den Ersten Korintherbrief nicht zählt, sondern erst beim Zweiten Korintherbrief diesen als „Zweiten“ bezeichnet. Kapitel 1 1,1-3: Anschrift und Gruß Dieser Passus ist gut bezeugt, wurde jedoch von der kanonischen Redaktion erweitert, so dass im Unterschied zur vorkanonischen Version, die *Paulus allein verantwortet, in der kanonischen Version ihm ein Bruder Sosthenes als Mitabsender an die Seite gegeben wurde. <?page no="1081"?> 2 Für einen historischen Überblick dieser Teilungshypothesen, vgl. den Überblick in T. Zečević, The Integrity of the First Letter to the Corinthians (2021). Zu diesen müsste man weitere hinzufügen, vgl. etwa T. Whittaker, The Origins of Christianity with an Outline of Van Manen’s Analysis of the Pauline Literature (1904), 165-171. 1,1 Παῦλος ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ 1,1 Παῦλος κλητὸς ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ διὰ θελήματος θεοῦ, καὶ Σωσθένης ὁ ἀδελφός, 2 Κορίνθῳ· - 2 τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ, ἡγιασμένοις ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, κλητοῖς ἁγίοις, σὺν πᾶσιν τοῖς ἐπικαλουμένοις τὸ ὄνομα τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ ἐν παντὶ τόπῳ, αὐτῶν καὶ ἡμῶν· 3 χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ. 3 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. A. *1,1-2: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5, praef. 1: De epistula ad Corinthios prima. [1]-Praestructio superioris epistulae ita duxit, ut de titulo eius non retractaverim, certus et alibi retractari eum posse, communem scilicet et eundem in epistulis omnibus; Adam., Dial. II 12 (im Mund des Markioniten): αὐτὸς ὑπὲρ αὑτοῦ γράφει λέγων· Παῦλος, ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ (Rufin: Ipse de se scripsit dicens: Paulus apostolus Iesu Christi). ♦ *1,3: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,1-2: 1 … Praestructio superioris epistulae ita duxit, ut de titulo eius non retractaverim, certus et alibi retractari eum posse, communem scilicet et eundem in epistulis omnibus. Quod non utique salutem praescribit eis quibus scribit, sed gratiam et pacem, non dico … Haec cum a deo patre nostro et domino Iesu annuntians communibus nominibus utatur, competentibus nostro quoque sacramento, non puto dispici posse quis deus pater et dominus Iesus praedicetur, nisi ex accedentibus cui magis competant. B. (1,1) κλητός om P 61vid , 02, 06, 81, Cyr. ♦ Ἰησοῦ Χριστοῦ lautet die Reihenfolge in Adam., Dial. II 13 und in den Zeugen 01, 02, 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1506, 1739, 1881, 2464, M, b, vg st , sy, co, arm, aeth, Ambst, Pel, Cyr, Thdt, und in der altlateinischen Tradition: 89 während sich Χριστοῦ Ἰησοῦ in den folgenden Zeugen findet: P 46 , 03, 06, 010, 012, 33, it, vg cl , Ambst. C. 1. Zum Brief: Verschiedene Teilungshypothesen wurden für diesen Brief vorgeschlagen. 2 H.-J. Klauck meint: „Entgegen der anfangs gehegten Erwartung, die auf den Nachweis der literarkritischen Einheitlichkeit ausging, hat mich die Arbeit am Text zu der Ansicht geführt, daß der erste Korintherbrief ein 2 (1Kor) 203 <?page no="1082"?> 3 H.-J. Klauck, 1. Korintherbrief (1984), 241. 4 G. Sellin, Der Streit um die Auferstehung der Toten. Eine religionsgeschichtliche und exegetische Untersuchung von 1 Korinther 15 (1986), 49. 5 U. Schnelle, 1 Kor 6: 14 - Eine nachpaulinische Glosse (1983); H. Merklein, Die Einheit‐ lichkeit des ersten Korintherbriefes (1984). 6 G. Sellin, Der Streit um die Auferstehung der Toten. Eine religionsgeschichtliche und exegetische Untersuchung von 1 Korinther 15 (1986), 53. zusammengesetztes Gebilde ist“. 3 Eine besondere Rolle spielt diesbezüglich die Bemerkung in 1Kor 5,9 („Ich habe euch in meinem Brief geschrieben, dass ihr nichts mit Unzüchtigen zu schaffen haben sollt“). Wie zu sehen sein wird, steht dieser Vers auf der kanonischen Ebene. G. Sellin sieht eine „merkwürdige Tatsache“: „Paulus [beschäftigt] sich aus‐ führlich mit der Tatsache…, daß die Korinther die Rede von einer Auferstehung Toter kategorisch ablehnen“, Paulus aber in 1Kor 6,14 „etwas als Begründung anführen (kann), was doch - wie er [Paulus, MV] laut 1 Kor 15 wissen müßte - von seinen Gesprächspartnern nicht akzeptiert wird? “ Sellin meint: „Die Antwort kann nur lauten: 1 Kor 6,14 und Kap.-15 können nicht im selben Brief gestanden haben. 6,14 gehört in den 5,9 erwähnten ‚Vorbrief ‘, Kap. 15 in den späteren ’Themen-’ oder ‚Antwortbrief ‘“. 4 Allerdings behauptet U. Schnelle, 1Kor 6,14 sei eine nachpaulinische Glosse. Andere treten für die Einheitlichkeit des Briefes ein. 5 Dennoch hält Sellin an einer Teilung des Briefes fest, und zwar sieht er gleich drei Briefe, die im ersten Korintherbrief miteinander verbunden wurden: Ein Brief A: 11,2-34; 5,1-8; 6,12-20; 9,24-10,22; 6,1-11. Ein Brief B: 5,9-13; 7,1-9,23; 10,23-11,1; 12,1-14,331.37-40; 15. Ein Brief C: 1,1-4,21. 6 Diese Briefteilungshypothese (wie solche zu weiteren Briefen und verschie‐ dene Interpolationsvorschläge) sind von Bedeutung, weil sie nicht selten den Sensus von Brüchen innerhalb des Textes vermitteln. Geht man von der Priorität der *10-Briefe-Sammlung aus, stellt sich heraus, dass wir es nicht mit verschie‐ denen Briefen zu tun haben, die zu einem Brief zusammengebracht wurden, sondern öfter mit noch erkennbaren Bruchstellen zwischen der vorkanonischen Vorlage und den kanonischen Bearbeitungen. Nimmt man etwa die Bruchstelle zwischen Brief C (4,21) und Brief A (5,1), erkennt man, dass 4,16-21 einen kanonischen Passus bietet, während in 5,1 wieder die vorkanonische Vorlage einsetzt. Ebenso, wenn Brief B mit 5,9-13 angesetzt wird, finden wir, dass bis 5,8 die gerade erwähnte vorkanonische Vorlage Text bietet, die von der kanonischen Redaktion in 5,9-13 mit neuem Text ergänzt wird. 204 Rekonstruktion <?page no="1083"?> 7 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 443. 8 Vgl. E.R. Richards, The secretary in the letters of Paul (1991), 47. 9 H. Lietzmann, An die Korinther I, II (1949), 4. 10 Vgl. etwa Calvin, First Epistle of Paul to the Corinthians (1960), 17. 11 J. Weiss, Der erste Korintherbrief (1910), 2. 12 J. Murphy-O’Connor, Co-Authorship in the Corinthian Correspondence (1993). 13 Vgl. hierzu die Einleitung, I, S. 568-572. 14 H. Lietzmann, An die Korinther I, II (1949), 5. 2. (1,1) Bezüglich dieses Briefes und seiner vorkanonischen Rekonstruktion ist Hilgenfeld optimistisch: „Auch auf diesen Brief geht Tertullian V, 5-10 noch ziemlich ausführlich ein, so daß sich mit Hinzuziehung der anderen Quellen der Textbestand noch ziemlich ermitteln lässt.“ 7 Zahn sieht die beiden ersten Verse der kanonischen Form nach bezeugt, Harnack hingegen als unbezeugt, so auch Schmid. BeDuhn verweist auf das Zeugnis des Adamantius, das zwar auch Harnack für den Wortlaut Ἰησοῦ Χριστοῦ notiert, jedoch sieht er nicht für den Rest des Textes für bezeugt. 3. Sosthenes wird von Tertullian nicht erwähnt. Man hat darauf hingewiesen, wie selten in der Antike solche Mitabsender sind. 8 Die Hinzufügung von Sosthenes dient zur Verschränkung des Briefes mit der Apostelgeschichte und dem dort für Korinth erwähnten Synagogenvorsteher gleichen Namens (Apg 18,17), auch wenn Lietzmann diese Verbindung eine solche der „Phantasie“ nennt. 9 Nicht erst in der Reformation wurden solche historische Linien ge‐ zogen. 10 Bereits Klemens von Alexandrien, wie Euseb. Caes., Hist. eccl. I 12,1 bezeugt, hat Sosthenes wie Barnabas unter die 70 Jünger Jesu gezählt und damit Paulusschüler ganz nahe an die Gründergestalt herangeführt. Nach Apg 18,17 wurde Sosthenes von οἱ Ἰουδαῖοι vor dem Richterstuhl geschlagen. Das legt nahe, dass er wie der andere Synagogenvorsteher Krispus sich auf die Seite des Paulus gestellt und „zum Glauben gekommen war“ (Apg 18,8). Bereits Weiß betont, dass Paulus im Brief „ganz überwiegend in der 1. pers. sing. redet“. 11 Ausnahmen sind nur die Passagen 1Kor 1,18-31 und 2,6-16, was auf Ko-autorschaft und Mitsenderschaft hinweisen könnte. 12 Mitautorschaften finden sich nur in der kanonischen Redaktion, etwa 2Kor 1,1; Phil 1,1; Kol 1,1; 1Thess 1,1; 2Thess 1,1; Phlm 1. Die Inkongruenz zwischen Mitautorschaften und der Rede in der ersten Person Singular verweist auf eine weitere Inkonsistenz auf der kanonischen 13 4. (1,2) In der vorkanonischen Fassung wird als Adressatin nur „Korinth“ genannt, während τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ und das verschieden eingeordnete ἡγιασμένοις ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ Zusatz der kanonischen Redaktion ist. Bereits Lietzmann verweist darauf, dass ἡγιασμένοι Christen „nur außerhalb der Plsbriefe“ bezeichne (Hebr 10,10; Apg 20,32; 26,18; Joh 17,19; Jud 1). 14 Zuntz 2 (1Kor) 205 <?page no="1084"?> 15 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 92. 16 C.K. Barrett, A commentary on the first Epistle to the Corinthians (1971), 32. 17 Tert., Adv. Marc. V 5,1: communem scilicet et eundem in epistulis omnibus. 18 J. Weiss, Der erste Korintherbrief (1910), 1. 19 H. Lietzmann, An die Korinther I, II (1949), 4. 20 Vgl. hierzu A.C. Thiselton, The First Epistle to the Corinthians (2000), 62-64. 21 Pace H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 23. 22 J. Weiss, Der erste Korintherbrief (1910), 2-4; G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 91-92. meint denn auch, dieser Begriff sei kein paulinischer und schließt daraus, dass dieser Passus nicht ursprünglich sei. 15 Bei Paulus begegnet die Bezeichnung nur auf der Ebene der kanonischen Redaktion, 1Kor 6,11; 7,14; Röm 15,16. Es wurde sogar schon vorgeschlagen, dieser gesamte Passus sei eine spätere Interpolation. 16 Für das Fehlen zumindest des ἡγιασμένοις ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ im vorkanonischen Text spricht auch, dass die Wiederkehr von ἡγιάσθητε, mit der Taufe begründet, in 1Kor 6,11 erwähnt wird, jedoch für *1Kor unbezeugt ist, und die Eröffnung nicht verbreitet und spezifisch gewesen sein kann, wenn Tertullian 17 von der gemeinsamen und selben Eröffnung in allen Briefen des *Paulus spricht, was, wenn man sich die weiteren Brieferöffnungen des *Paulus betrachtet, auch korrekt zu sein scheint. 5. κλητός, das in einigen Zeugen fehlt, hält Weiss nicht für ursprünglich. 18 Hingegen meint Lietzmann, das Fehlen in den Zeugen, die diesen Begriff nicht bieten, sei als Vereinfachung bzw. Angleichung an 2Kor 1,1 zu sehen. 19 Der Ausdruck stellt einen Bezug zur jüdischen Prophetie her ( Jer 1,5) und weist voraus auf Vers 2, bei dem in der kanonischen Version von den Gerufenen gesprochen wird. 20 6. Die Festlegung der vorkanonischen Reihenfolge von Namen und Christus‐ bezeichnung (Ἰησοῦ Χριστοῦ) im ersten Vers ist nicht leicht zu entscheiden. Beide Anordnungen sind durch Zeugen belegt, die immer wieder den vorkano‐ nischen Text bezeugen. In Anlehnung an das eindeutig bezeugte Ἰησοῦ Χριστοῦ in *Gal 1,1 und Tertullians Hinweis auf die Ähnlichkeit der Brieferöffnungen des *Paulus, wird diese Reihenfolge auch hier gewählt. Betrachtet man sich allerdings andere Schriften, etwa die 7-Briefe-Sammlung des Ignatius, wird man schnell erkennen, dass beide Anordnungen zu finden sind, hier lässt sich also keine eindeutige Anordnung finden. 21 1Kor 1,2 wurde bereits verschiedentlich als Interpolation in 1Kor betrachtet. 22 7. (1,3) Tertullian sagt also ausdrücklich, dass er die Eröffnung des voranste‐ henden Briefes (an die Galater) übergangen hat und wegen der seiner Meinung nach Eintönigkeit der Eröffnungen des *Paulus auch nicht sonderlich auf sie 206 Rekonstruktion <?page no="1085"?> 23 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 233. achte, er verwende eben auch in Bezug auf Gott nur allgemeine Bezeichnungen. Bezeugt ist demnach Vers 3. Hilgenfeld sieht den kanonischen Textbestand „unverändert“ beibehalten. Zahn nimmt *1Kor 1,1-3 wie im kanonischen Text, Harnack meint, dass nur χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ bezeugt sei. Schmid gibt χάρις (ὑμῖν) καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ (Χριστοῦ), BeDuhn schreibt: „1Paul, [called to be] an emissary of Jesus Christos [through God’s will . . . 2to the assembly of God that is in Corinth—] 3May you have favor and peace from God our Father and Master Jesus.-…“. 23 D. (1,1) Παῦλος, der 174 / 158 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für diese Stelle hier, *Gal 1,1 und noch für *1Kor 1,1; 3,22; *2Kor 1,1; *Röm; *1Thess 1,1; *2Thess 1,1; *Laod 1,1; *Kol 1,1. ♦ καλέω, das 173 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἀπόστολος, das 83 / 80 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt. ♦ θέλημα steht 65 / 62 Mal im NT, auch wenn es in *Ev nicht zu finden ist (bemerkenswert etwa 12,47, wo Klinghardt den Begriff gegen seinen Kommentar allerdings fälschlicherweise in den Text genommen hat), ist der Begriff doch in *1Thess 4,3 und *Laod 1,9 vorkanonisch belegt. ♦ Der Genitiv θελήματος steht 14 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 1,13; Röm 15,32, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 1,1; 7,37; 2Kor 1,1; 8,5; Eph 1,1. 5. 9. 11; Kol 1,1. 9; 2Tim 1,1). ♦ Σωσθένης findet sich nur hier und noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Apg 18,17. Zur Rekonstruktion: Die Rekonstruktion folgt Tertullians Angaben und dem Zeugnis des Adamantius (im Mund des Markioniten), auch wenn unsicher ist, ob διὰ θελήματος θεοῦ Teil des vorkanonischen Verses war. Die Mitautorschaft des Sosthenes geht, wie oben in Nr. 1 dargelegt, auf die kanonische Redaktion zurück. (1,2) ἐκκλησία, das 120 / 114 Mal im NT steht, ist auffallenderweise weder in *Ev noch in Lk, jedoch vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,19 (hier allerdings verstanden als „Versammlung“; *Laod 3,10; 5,23. 29. 32; *Kol 1,24. ♦ Die Verbform οὔσῃ steht 4 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene, weiters in Apg 24,24; 1Kor 1,2; 2Kor 1,1. ♦ Außerdem findet sich die Kombination ἡ ἐκκλησία + τοῦ θεοῦ sonst nirgends für *Paulus bezeugt, hingegen begegnet man ihr gleich 9 Mal auf der kanonischen Ebene bei Paulus (1Kor 1,2; 10,32: τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ; 11,16: αἱ ἐκκλησίαι τοῦ θεοῦ. 22: τῆς ἐκκλησίας τοῦ θεοῦ; 15,9: τὴν ἐκκλησίαν τοῦ θεοῦ; 2Kor 1,1: τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ 2 (1Kor) 207 <?page no="1086"?> 24 Ich danke Mark Bilby für beide Hinweise (Email vom 17.5.23). 25 J. Schröter, Sammlungen der Paulusbriefe und die Entstehung des neutestamentlichen Kanons (2018), 808. οὔσῃ ἐν; Gal 1,13: τὴν ἐκκλησίαν τοῦ θεοῦ; 2Thess 1,4: ταῖς ἐκκλησίαις τοῦ θεοῦ) und noch ein Mal in Apg 20,28: τὴν ἐκκλησίαν τοῦ θεοῦ. ♦ Auch die Dativkonstruktion mit τῇ οὔσῃ ist bemerkenswert. Sie begegnet zwar ein Mal in *Röm 7,23 (τῆς ἁμαρτίας τῷ ὄντι), doch die näheren Parallelen finden sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, wo wir sie wiederholt bei Paulus, gerade in den Brieferöffnungen lesen, Röm 1,7: πᾶσιν τοῖς οὖσιν ἐν Ῥώμῃ; 12,3: τῆς δοθείσης μοι παντὶ τῷ ὄντι ἐν ὑμῖν; 1Kor 1,2: τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ; 2Kor 1,1: τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ; Eph 1,1: τοῖς ἁγίοις τοῖς οὖσιν [ἐν Ἐφέσῳ]; Phil 1,1: τοῖς οὖσιν ἐν Φιλίπποις, und wiederum in Apg 20,34: τοῖς οὖσιν μετ’ ἐμοῦ 24 ♦ Κόρινθος steht 6 Mal im NT, wohl auch präsent in *2Kor 1,1, ansonsten auf der kanonischen Ebene (Apg 18,1; 19,1; 1Kor 1,2; 2Kor 1,1. 23; 2Tim 4,20). ♦ ἁγιάζω, das 30 / 28 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination σὺν πᾶσιν, auf die mich ebenfalls Bilby aufmerksam gemacht hat, ist für *Paulus unbezeugt, auch nicht für *Ev, doch sie findet sich auf der kanonischen Ebene 3 Mal bei Paulus (1Kor 1,2; Eph 3,18; 4,31), und 3 Mal gerade in Lk 24,21; Apg 16,32; 20,36 und evoziert eine gewisse Verbindlichkeit. ♦ Die Kombination ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ begegnet 47 Mal im Neuen Testament, ausschließlich im kanonischen Paulus, vgl. zu 1Kor 1,4. ♦ Zu καλέω, das 173 / 148 Mal im NT steht vgl. zu Vers 1. ♦ σύν, das 136 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,14; *Gal 2,3; 5,24; *Thess 4,17; *Kol 2,13; 3,3. 4; *Phil 1,23. ♦ πᾶσιν, das 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6. ♦ ἐπικαλέω, das sich 35 / 30 Mal im NT findet, steht nur auf der kanonischen Ebene, insbesondere in der Apostelgeschichte. ♦ Die Nähe von σὺν πᾶσιν τοῖς ἐπικαλουμένοις τὸ ὄνομα zu Apg 25 ♦ ὄνομα, das 248 / 231 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 2,24, und auf den Herrn bezogen (τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ) ist es ein Begriff der kanonischen Redaktion. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten παντί, das 59 Mal im NT steht vgl. weiter unten zu Vers 5 auf derselben kanonischen Ebene; näheres zu Gal 5,3. ♦ τόπος, das 100 / 94 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination ἐν παντί τόπῳ steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 1,2; 2Kor 2,14; 1Thess 1,8; 1Tim 2,8). ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15. Zur Rekonstruktion: Tertullians Angabe communem scilicet et eundem in epis‐ tulis omnibus spricht eher für eine kürzere als für eine ausführlichere Eröffnung. Dies wird gestützt, wenn man die Eröffnungen der übrigen Briefe vergleicht. Da 208 Rekonstruktion <?page no="1087"?> das institutionelle Verständnis von „Kirche“ kanonischer Semantik entspricht, wird diese Bezeichnung vorkanonisch gefehlt haben. (1,3) χάρις, das 171 / 156 Mal im NT steht, ist vorkanonisch gut bezeugt, erfreut sich jedoch großer Beliebtheit auf der kanonischen Ebene. ♦ εἰρήνη, das sich 98 / 92 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,3; *Röm 5,1; *Laod 2,14. 15. 17; 6,15. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vergleichsweise selten gebraucht auf der vorkanonischen Ebene in *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ πατήρ im Singular steht 297 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,3; 5,1; *Laod 1,17; 2,18; 4,6; 5,31; 6,2. Dass der Vaterbegriff nicht nur zufällig im kanonischen Text in solchen Versen oder Versteilen steht, die im vorkanonischen Text fehlen, und dass die kanonische Redaktion tatsächlich diesen Begriff, gerade auch theologisch, sehr viel häufiger verwendet, kann man an der erstaunlichen Häufigkeit ablesen, in der dieser Begriff in *Laod steht, ein Brief, der, wie die Einleitung zeigt, deutlich kanonische Lexik aufweist. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt den Angaben Tertullians, wie sie auch Harnack in Anspruch genommen hat. 1,[4-9]: [Dank an Gott] Die hier aufgeführte Passage ist unbezeugt und stellt eine Hinzufügung durch die kanonische Redaktion dar. - 4 Εὐχαριστῶ τῷ θεῷ μου πάντοτε περὶ ὑμῶν ἐπὶ τῇ χάριτι τοῦ θεοῦ τῇ δοθείσῃ ὑμῖν ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, 5 ὅτι ἐν παντὶ ἐπλουτίσθητε ἐν αὐτῷ, ἐν παντὶ λόγῳ καὶ πάσῃ γνώσει, 6 καθὼς τὸ μαρτύριον τοῦ θεοῦ ἐβεβαιώθη ἐν ὑμῖν, 7 ὥστε ὑμᾶς μὴ ὑστερεῖσθαι ἐν μηδενὶ χαρίσματι, ἀπεκδεχομένους τὴν ἀποκάλυψιν τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ· 8 ὃς καὶ βεβαιώσει ὑμᾶς ἕως τέλους ἀνεγκλήτους ἐν τῇ ἡμέρᾳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ. 9 πιστὸς ὁ θεὸς δι’ οὗ ἐκλήθητε εἰς κοινωνίαν τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν. 2 (1Kor) 209 <?page no="1088"?> 26 Vgl. mit weiterführender Lit. A.C. Thiselton, The First Epistle to the Corinthians (2000), 85-87. 27 Zu dieser Formel vgl. T. Morgan, Being ‚in Christ‘ in the Letters of Paul (2020), 248. A. Die Passage ist vorkanonisch unbezeugt. B. (1,6) θεου lesen 03*, 010, 012, 81, 1175 al, sa ms . Hingegen lesen Χριστοῦ P 46 , 01, 02, 03 2 , 04, 06, 044, M, lat, sy, co, Ambst. Die erste Lesart stimmt zu 1Kor 2,1, jedoch eine ebenfalls nicht bezeugte Stelle für *1Kor. C. (1,4-9) Die ganze Passage gilt allen Editoren als unbezeugt. Wie die aufge‐ führten lexikalischen und stilistischen Belege zeigen, gehört der Abschnitt 1Kor 1,4-9 mit großer Wahrscheinlichkeit der kanonischen Redaktionsebene an und hat in *1Kor gefehlt. In der Vergangenheit hat man auf die Kombination von griechischen Briefformeln des Dankes und jüdischem Inhalt hingewiesen. 26 D. (1,4) εὐχαριστέω, das 43 / 38 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt - jedoch nicht im eucharistischen Zusammenhang - für *Ev 10,21, ansonsten auf der kanonischen Ebene stehend. ♦ Die Wendung εὐχαριστῶ τῷ θεῷ μου steht 4 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 1Kor 1,4; Phil 1,3; Phlm 1,4; im Vers: Röm 1,8), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πάντοτε, das sich 42 / 41 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination περὶ ὑμῶν steht 17 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 15,7; Mk 7,6; Joh 8,26; 16,26; Röm 15,14, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 1,4. 11; Phil 1,27; 2,19. 20; Kol 1,3; 1Thess 3,9; 2Thess 1,3. 11; Hebr 6,9; 1Petr 5,7), vgl. weiter Vers 11. ♦ Die Form χάριτι steht 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,52, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 3 Mal Apg; Röm 3,24; 5,15; 11,6; 1Kor 1,4; 10,30; 15,10; 2Kor 1,12; 8,7. 19; Gal 1,6; Eph 2,5. 8; Kol 3,16; 4,6; 2Thess 2,16; 2Tim 2,1; Tit 3,7; Hebr 2,9; 13,9; 2Petr 3,18). ♦ Die Kombination ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ begegnet 47 Mal im Neuen Testament, ausschließlich im kanonischen Paulus und ein Mal in 1Petr 5,10. Sie ist eine Weiterbildung der Wendung ἐν Χριστῷ, die vorkanonisch bezeugt ist für *Gal 2,4; *2Kor 2,17; 3,14; 5,17; *1Thess 4,15; *Laod 2,10. 13; *Phil 1,13 und insgesamt 76 Mal im Neuen Testament steht, nur im vorkanonischen und kanonischen Paulus und 3 Mal in 1Petr. Doch im Unterschied zur vorkanonischen Verwendung von ἐν Χριστῷ, die, wie man aus T. Morgan ablesen kann, immer „encheiristisch“ (also im Sinne von „aufgehoben in der Hand Christi“) gebraucht wird, begegnet sie auf der kanonischen Ebene oft floskelhaft, etwa in Dankformulierungen, oder instrumental wie hier. 27 210 Rekonstruktion <?page no="1089"?> Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (die nicht kanoni‐ sche Semantik von εὐχαριστέω; πάντοτε; περὶ ὑμῶν; χάριτι; ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ). Er ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,5) Die Kombination ὅτι ἐν steht 35 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 8,2. ♦ πλουτίζω, das 3 Mal im NT steht, ist weiter nur kanonisch bezeugt in 2Kor 6,10 und 9,11. ♦ Die Formulierung ἐν παντί (Mask.) steht 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 21,36; Apg 1,21; 1Kor 1,2. 5; 2Kor 2,14; Eph 6,18; Kol 1,6; 1Thess 1,8; 2Thess 3,16; 1Tim 2,8; 1Petr 2,18). ♦ πάσῃ (Dat. Fem. Sg.) steht 44 Mal im NT, vorkanonisch nur bezeugt für das *Deuteropaulinum *2Thess 2,9. ♦ γνῶσις, das 34 / 29 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,8; *Phil 3,8. ♦ ἐν παντὶ λόγῳ καὶ πάσῃ γνώσει erinnert an eine weitere kanonische Stelle, 2Thess 2,17: ἐν παντὶ ἔργῳ καὶ λόγῳ ἀγαθῷ. Zur Abwesenheit: In diesem vorkanonisch unbezeugten Vers begegnen einige Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ὅτι ἐν; πλουτίζω; ἐν παντί; ἐν παντὶ λόγῳ καὶ πάσῃ γνώσει). Der Vers ist das Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,6) μαρτύριον steht 36 / 19 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,14; 9,5; 21,13. ♦ βεβαιόω, das 10 / 8 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. Zur Abwesenheit: Der kurze, vorkanonisch unbezeugte Vers weist zwei Ele‐ mente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (βεβαιόω; ἐν ὑμῖν). Der Vers ist wohl ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,7) ὑστερέω, das 19 / 16 Mal im NT steht, ist ein Verb, das nur auf der kanonischen Ebene belegt ist, in Lk 15,14; 22,35, zwei Passagen, die ausdrücklich für *Ev als fehlend bezeugt sind. ♦ χάρισμα, das 18 / 17 Mal im NT steht, ist ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion, ist aber auch vorkanonisch bezeugt in *1Kor 7,7; 12,9. ♦ ἀπεκδέχομαι steht 8 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Phil 3,20. ♦ ἀποκάλυψις, das 22 / 18 Mal im NT steht, ist auch vorkanonisch bezeugt. Zur Abwesenheit: Auch für diesen Vers ist gleich der erste Kernbegriff nur kanonisch bezeugt, dann folgt ein auf dieser Ebene beliebter Begriff. Zusammen mit der fehlenden Bezeugung spricht dies für die vorkanonische Abwesenheit des Verses. 2 (1Kor) 211 <?page no="1090"?> (1,8) βεβαίωσις steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 1,8; Phil 1,7; Hebr 6,16). Auch βεβαιόω ist nur in der kanonischen Redaktion belegt. ♦ τέλος findet sich 43 / 40 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,11; *Röm 10,4. ♦ Die Wendung ἕως τέλους steht noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in 2Kor 1,13. ♦ ἀνέγκλητος, das 5 Mal im NT steht, begegnet im NT nur auf der kanonischen Ebene, vor allem in den Pastoralbriefen, 1Tim 3,10; Tit 1,6. 7 und in Kol 1,22. Zur Abwesenheit: Wie bei den voranstehenden Versen sprechen die fehlende Bezeugung und die Lexik (βεβαίωσις; ἕως τέλους; ἀνέγκλητος) dafür, dass der Vers vorkanonisch gefehlt hat. (1,9) πιστός steht 69 / 67 Mal im NT, vorkanonisch nur negativ bezeugt für *Ev 16,11. 12, als positive (und negative) Charakterisierung steht es nur auf der kanonischen Ebene, insbesondere in der Apg und den Pseudopaulinen. ♦ καλέω, das 173 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Form ἐκλήθητε steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 5,13. ♦ κοινωνία begegnet zwar ein Mal im Wort über das Blut Christi, doch im Sinne von Gemeinschaft ist es ein Begriff der kanonischen Redaktion. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem Vers stützen Lexik und Semantik die fehlende Bezeugung des Verses und verweisen auch ihn auf die kanonische Ebene. 1,[10-17]: [Mahnung zur Einheit] Auch dieser Abschnitt ist eine Ergänzung durchdie kanonische Redaktion, wie vor allem Lexik und Semantik die unbezeugte Passage ausweisen. - 10 Παρακαλῶ δὲ ὑμᾶς, ἀδελφοί, διὰ τοῦ ὀνόματος τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ἵνα τὸ αὐτὸ λέγητε πάντες, καὶ μὴ ᾖ ἐν ὑμῖν σχίσματα, ἦτε δὲ κατηρτισμένοι ἐν τῷ αὐτῷ νοῒ καὶ ἐν τῇ αὐτῇ γνώμῃ. 11 ἐδηλώθη γάρ μοι περὶ ὑμῶν, ἀδελφοί μου, ὑπὸ τῶν Χλόης ὅτι ἔριδες ἐν ὑμῖν εἰσιν. 12 λέγω δὲ τοῦτο, ὅτι ἕκαστος ὑμῶν λέγει, Ἐγὼ μέν εἰμι Παύλου, Ἐγὼ δὲ Ἀπολλῶ, Ἐγὼ δὲ Κηφᾶ, Ἐγὼ δὲ Χριστοῦ. 13 μεμέρισται ὁ Χριστός; μὴ Παῦλος ἐσταυρώθη ὑπὲρ ὑμῶν, ἢ εἰς τὸ ὄνομα Παύλου ἐβαπτίσθητε; 14 εὐχαριστῶ [τῷ θεῷ] ὅτι οὐδένα ὑμῶν ἐβάπτισα εἰ μὴ Κρίσπον καὶ Γάϊον, 15 ἵνα μή τις εἴπῃ ὅτι εἰς τὸ ἐμὸν ὄνομα 212 Rekonstruktion <?page no="1091"?> 28 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), *80. ἐβαπτίσθητε. 16 ἐβάπτισα δὲ καὶ τὸν Στεφανᾶ οἶκον· λοιπὸν οὐκ οἶδα εἴ τινα ἄλλον ἐβάπτισα. 17 οὐ γὰρ ἀπέστειλέν με Χριστὸς βαπτίζειν ἀλλὰ εὐαγγελίζεσθαι, οὐκ ἐν σοφίᾳ λόγου, ἵνα μὴ κενωθῇ ὁ σταυρὸς τοῦ Χριστοῦ. A. Die Bezeugung der Passage 1,10-17 ist nicht gesichert und in der Forschung diskutiert (siehe unten unter C.). Adam., Dial. I 8 (im Mund des Adamantius): Ἄκουε οὖν, εἰ βούλει, τοῦ διενηνοχότος Παύλου προστάσσοντος· ἤκουσταί μοι, φησίν, ὑπὸ τῶν Χλόης ὅτι ἔριδες εἰσιν ἐν ὑμῖν· ὃς μὲν γὰρ ὑμῶν λέγει, ἐγὼ μέν εἰμι Παύλου, ἐγὼ δὲ Ἀπολλῶ, ἐγὼ δὲ Κηφᾶ. μεμέρισται ὁ Χριστός; μὴ Παῦλος ἐσταυρώθη ὑπὲρ ὑμῶν, ἢ εἰς τὸ ὄνομα Παύλου ἐβαπτίσθητε (Rufin: Audi ergo, si tibi uidetur, quid Paulus, qui Marcione praestantior est, praecepit. Perlatum est enim mihi, inquit, de uobis ab his qui sunt Chloes quia contentiones sunt in uobis, et alius dicit: Ego sum Pauli, alius: Ego Apollo, alius: Ego Cephae. Diuisus est Christus? ) B. Keine nennenswerten Varianten. C. 1. (1,10-17) Für diesen Abschnitt stellt sich die Frage, ob er bezeugt ist oder nicht. Schon Hilgenfeld rätselte: „Nicht so ausgemacht ist die unveränderte Bei‐ behaltung von V. 11-13“. Nach Zahn war die Passage in einer unbestimmbaren Weise vorhanden, Harnack verweist wie Hilgenfeld auf die angeführte Passage aus Adam., Dial. I 8, da Adamantius hier 1Kor 1,11-13 zitiert. Allerdings fügt Harnack hinzu, weil die Verse in den Mund des Markiongegners Adamantius gelegt sind: „sicher dürfen sie nicht für M.[arkion] in Anspruch genommen werden“. Doch Harnack fügt einen weiteren Zeugen an, da Ephräm, der Syrer, gegen Markion mit Berufung auf dieselben Galaterverse argumentiere (Opp. syr. II p. 493). Gleichwohl, meint Harnack, biete auch dieses Zeugnis „keine Sicherheit“ für eine Präsenz im Paulustext Markions. 28 Dennoch setzt er diese Verse als bezeugt in seinen Text. Schmid und BeDuhn folgen ihm hierbei jedoch nicht, sehen aber Andeutungen für die Präsenz von Vers 17, wohl durch Tertullians Rede von crucem Christi, was BeDuhn jedoch, wie schon Harnack auch, auf Vers 18 bezieht bzw. beide Verse zusammenzieht. Dass selbst noch in der Narration des Dialogs Adamantius die Einschränkung εἰ βούλει (tibi uidetur) macht, unterstreicht, dass er nicht aus dem Text seines 2 (1Kor) 213 <?page no="1092"?> 29 Vgl. zu *Gal 1,18. 30 PG 14,1289C. Vgl. kritisch hierzu J.S. Kloppenborg, Gaius the Roman Guest (2017). Man vgl. hingegen die Bezeichnung von Gaius als ὁ ξένος durch ὁ ξενοδόχος von Chrysostomus in seinem Römerbriefkommentar (PG 60,677B) und den Einfluss, den sie auf die Rezeption hatte (hierzu ebenso Kloppenborg, 539-540). 31 Ibid. 545. Gegners, sondern aus dem eigenen zitiert. Dies wird gestützt durch den Namen Κηφᾶς, der wie oben, gezeigt, 29 zur kanonischen Redaktion gehört. 2. (1,14) Mit dem historisierenden Hinweis auf Κρίσπος wird nach dem einleitenden Σωσθένης ein weiterer Anker gesetzt, um diesen Brief mit Ko‐ rinth in der Apostelgeschichte zu verbinden (Apg 18,8), in der kurz nach dem bekehrten Synagogenvorsteher Krispus der andere Synagogenvorsteher Sosthenes genannt wird (Apg 18,17). Auch Gaius, der nach 1Kor 1,14 von Paulus getauft wurde, ist Korinther. Er findet sich wieder in Röm 16,23. Dann wird den Lesenden ein Christ aus Mazedonien als Reisegefährte des Paulus in Apg 19,29 begegnen, der zwar unterschieden zu sein scheint von dem ersten Gaius, aber narrativ mit ihm verknüpft ist, da er das Schicksal der Verfolgung mit Sosthenes teilt. Dann findet sich noch ein Gaius als Bekehrter aus Derbe in Lykaonien, ebenfalls Reisebegleiter des Paulus (Apg 20,4) und schließlich noch ein Gaius, wenn auch aus Ephesus, der nach 3Joh 1 der Adressat dieses Briefes ist. Wir befinden uns demnach in einem Gewebe von Gaius genannten Personen, das Lesende dazu führt, sie trotz unterschiedlichen Personenprofilen miteinander in Verbindung zu bringen. Ein früher Zeuge für solche verwebende Lektüre ist Origenes, wie man seinem von Rufin übersetzten Kommentar zum Römerbrief 10.41 entnehmen kann. 30 Kloppenborg führt eine lange Liste von Forschern an, die sich bis in neueste Zeit Origenes angeschlossen haben. Andere Identifizierungen wurden ebenfalls vorgeschlagen, etwa des Gaius von Röm 16,23 mit dem Titius Iustus von Apg 18,7 (Edgar J. Goodspeed). Kloppenborg verweist ebenfalls darauf, dass Gaius ein Vorname ist, „damit die am wenigsten bestimmte Weise“ geboten werde, „sich auf jemanden zu beziehen, der einen lateinischen Namen trug“. 31 D. (1,10): παρακαλέω steht 115 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,25; *2Kor 12,7. ♦ ὄνομα, das 248 / 231 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 2,24, auf den Herrn bezogen (τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ) ist es jedoch ein Begriff der kanonischen Redaktion. ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch lediglich bezeugt für *2Kor 3,14; 4,13. ♦ Die Verbform λέγητε steht nur hier im NT. ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch 214 Rekonstruktion <?page no="1093"?> bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ σχίσμα steht 9 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene (Mt 9,16; Mk 2,21; Joh 7,43; 9,16; 10,19; 1Kor 1,10; 11,18; 12,25). ♦ Die Verbform ἦτε steht 19 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 5,7; *Laod 2,12. ♦ καταρτίζω, das 15 / 13 Mal im NT steht, ist ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt. Dieselbe Form des Perf. Part. Passiv steht hier wie Lk 6,40. ♦ αὐτῇ (Dat. Fem. Sg.) steht 101 Mal im NT, vorkanonisch lediglich bezeugt für *Ev 11,29; 12,12, nicht aber für *Paulus. ♦ γνώμη steht 12 Mal im NT, immer nur für die kanonische Ebene bezeugt (Apg 20,3; 1Kor 1,10; 7,25. 40; 2Kor 8,10; Phlm 1,14; Apk 17,13. 17). Zur Abwesenheit: Dieser wohl unbezeugte Vers weist lexikalisch einige aus‐ schließlich kanonisch belegte Lexeme (σχίσμα; καταρτίζω; γνώμη; Wendung ἐν ὑμῖν) und semantische (ὄνομα auf den Herrn bezogen) Besonderheiten auf, die ihn der kanonischen Redaktion zuordnen. Er wird im vorkanonischen Text gefehlt haben. (1,11) δηλόω steht 7 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (1Kor 1,11; 3,13; Kol 1,8; Hebr 9,8; 12,27; 1Petr 1,11. 14). ♦ Die Kombination περὶ ὑμῶν steht 17 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 1,4. ♦ Die direkte Anrede ἀδελφοί hat sich bereits im Galaterbrief als typisches, wenn auch nicht ausschließliches Merkmal der kanonischen Redaktion herausgestellt. ♦ Die Wendung ἀδελφοί μου steht 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 7,4; 15,14, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 1,11; 11,33; 14,39; 15,58; Phil 3,1; 4,1; 11 Mal in Jak). ♦ περί, das 354 / 333 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,27; 17,2; *1Kor 8,1; 12,1 - sie war folglich keine beliebte Konjunktion der vorkanonischen Ebene, wie auch die vielen Verse belegen, in denen die kanonische Redaktion diese Konjunktion besitzt, die aber in der vorkanonischen Ebene nicht vorhanden sind. ♦ Χλόη ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἔρις, das 15 / 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,20; *Phil 1,15. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Ele‐ menten auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (δηλόω; περὶ ὑμῶν; ἀδελφοί μου; ἐν ὑμῖν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,12) Verbform λέγω, die 214 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,51; *Laod 5,32. ♦ Allerdings begegnet die Kombination λέγω δέ nur auf der kanonischen Ebene (Gal 4,1; 5,16; 1Kor 1,12; 7,8). ♦ τοῦτο, das 313 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,50. 53; *2Thess 2,11; *Laod 5,32. ♦ 2 (1Kor) 215 <?page no="1094"?> 32 J. Schröter, Sammlungen der Paulusbriefe und die Entstehung des neutestamentlichen Kanons (2018), 808. Hingegen steht die Kombination δὲ τοῦτο nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene in Röm 2,3. ♦ ἕκαστος findet sich 87 / 82 Mal im NT und ist auch vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 7,7; *1Thess 4,4. ♦ Die Kombination ὅτι ἕκαστος steht hingegen nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene (1Kor 1,12; Eph 6,8). ♦ Die Verbform εἰμί steht 130 Mal im NT, nur ein Mal vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,8. ♦ Παῦλος, der 174 / 158 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für diese Stelle hier und *Gal 1,1; *1Kor 1,1; 3,22; *2Kor 1,1; *Röm; *1Thess 1,1; *2Thess 1,1; *Laod 1,1; *Kol 1,1. ♦ Die Kombination Ἐγὼ μέν εἰμι Παύλου begegnet wörtlich wieder auf der kanonischen Ebene in 1Kor 3,4. ♦ Die verkürzte Kombination Ἐγὼ μέν findet sich drei weitere Male, ebenfalls immer auf der kanonischen Ebene (1Kor 1,12; 3,4; 5,3; 1Thess 2,18: ἐγὼ μὲν Παῦλος). ♦ Die nachfolgende Kombination Ἐγὼ δέ findet sich 1Kor 1,12 (3 Mal), 7,28; 9,15 (wo an dieser Stelle nur Ἐγὼ im vorkanonischen Text steht); 1Kor 15,10; 2Kor 1,23. ♦ Ἀπολλῶς steht 17 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehend (Apg 18,24; 19,1; 1Kor 1,12; 3,4. 5. 6. 22; 4,6; 16,12; Tit 3,13). Zur Abwesenheit: Bei diesem ebenfalls wohl unbezeugten Vers sprechen gerade die nur auf der kanonischen Ebene begegnenden Kombinationen von Termini dafür, dass wir es mit einem Vers der kanonischen Redaktion zu tun haben, der vorkanonisch gefehlt hat. (1,13) Auf die Nähe von εἰς τὸ ὄνομα Παύλου ἐβαπτίσθητε zu Apg 8,16; 19,5 und Röm 6,3, alles Zeugnisse der kanonischen Ebene, wurde bereits verwiesen. 32 ♦ μερίζω, das 16 / 14 Mal im NT im Sinne von „zuteilen“ steht, begegnet ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu Παῦλος vgl. den Vers zuvor 12. ♦ σταυρόω, das 62 / 46 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt ist für *Ev und *Gal 5,24; 6,14; *1Kor 2,8; *Laod 2,16; *Kol 1,20; *Phil 2,8. ♦ Die Kombination ὑπὲρ ὑμῶν steht 23 Mal im NT, in Lk 22,19. 20, in zwei Versen, die in *Ev fehlen, dann in Lk 9,50, in einem für *Ev unbezeugten Vers, und weiters nurmehr im kanonischen Paulus und in 1Petr 2,21, ist also rein kanonisch belegt. ♦ Die Kombination ἢ εἰς begegnet bei Paulus nur 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene: 1Kor 14,36, und ebenfalls auf dieser gleich zwei Mal in Mk 6,56. ♦ Zu ὄνομα vgl. weiter oben zu Vers 10. ♦ βαπτίζω, das 90 / 77 Mal im NT steht, gehört jedoch im Sinn von „Taufen“ ausschließlich zur kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Für diesen wohl unbezeugten Vers häufen sich wieder die ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugten Kombinationen. Auch die 216 Rekonstruktion <?page no="1095"?> spezifische Semantik von βαπτίζω spricht dafür, dass wir es mit einem genuin kanonischen Vers zu tun haben, der auf der vorkanonischen Ebene gefehlt hat. (1,14) εὐχαριστέω, das 43 / 38 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt - jedoch nicht im eucharistischen Zusammenhang - für *Ev 10,21. ♦ οὐδένα (Akk. Mask. Sg.) steht 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 17,8; Mk 5,37; 7,24; 9,8; Lk 8,51; Joh 5,22; 8,15; 18,9. 31; Apg 5,23; 9,8; 1Kor 1,14; 2Kor 5,16; 7,2; Phil 2,20; Jak 1,13). ♦ Zu βαπτίζω vgl. zum Vers zuvor. ♦ Κρίσπος steht nur zwei Mal im NT, beide Male auf der kanonischen Ebene (Apg 18,8; 1Kor 1,14). ♦ Γάϊος steht 5 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene (Apg 19,29; 20,4; Röm 16,23; 1Kor 1,14; 3Joh 1,1). Zur Abwesenheit: Neben der fehlenden Bezeugung des Verses, sprechen all die aufgeführten ausschließlich kanonischen Termini für die Kreation dieses Verses durch die kanonische Redaktion und die Abwesenheit von der vorkanonischen Ebene. (1,15) Die Kombination ἵνα μή τις steht 3 Mal im NT, nur hier als Verseröffnung (1Kor 1,15; Eph 2,9; Apk 13,17), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination μή τις steht 20 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 16,11. ♦ εἴπῃ in dieser Aoristform steht 21 Mal im NT, ist jedoch ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Der Ausdruck τὸ ἐμόν steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 18,20; 25,27; Joh 5,30; 6,38; 1Kor 1,15; 16,18). ♦ Zu βαπτίζω vgl. zu Vers 13. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist etliche Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἵνα μή τις; μή τις; εἴπῃ; τὸ ἐμόν; Semantik von βαπτίζω). Erneut stützt die Lexik das Urteil, dass der Vers unbezeugt ist und vorkanonisch gefehlt hat (1,16) Die Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene ♦ οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8. ♦ Die Kombination οὐκ οἶδα begegnet bei Paulus nur noch drei weitere Male, und zwar 2Kor 12,2. 3 auf der kanonischen Ebene, ist allerdings vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25 und steht an zwei weiteren, für *Ev unbezeugten Stellen. ♦ ἄλλος, das 172 / 155 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ Zu βαπτίζω vgl. zu Vers 13. ♦ Στεφανᾶς findet sich 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 1,16; 16,15. 17). ♦ οἶκος steht 123 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ λοιπός, das sich 60 / 55 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt in *Paulus. ♦ τινα (Nom. / Akk. Neut. Pl. oder Akk. Fem. / Mask. Sg.) steht 46 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene. 2 (1Kor) 217 <?page no="1096"?> Zur Abwesenheit: Auch bei diesem Vers, der wohl unbezeugt ist, spricht die Lexik mit ausschließlich (δὲ καί; βαπτίζω; Στεφανᾶς; τινα) bzw. bei Paulus ausschließlich kanonisch bezeugten (οὐκ οἶδα) Begriffen oder deren Kombina‐ tion bzw. Begriffsformen dafür, dass der Vers auf die kanonische Redaktion zurückgeht und vorkanonisch gefehlt hat. (1,17) ἀποστέλλω steht 142 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. Der Begriff ist auf der kanonischen Ebene deutlich ausgiebiger benutzt als auf der vorkanonischen, wo er nur wenige Male Verwendung findet, zwei Mal zur Charakterisierung der Sendung der Apostel, was wohl Anlass dafür bot, dass zur Stütze der apostolischen Autorität der Apostel und derjenigen, die als ihre Nachfolger angesehen wurden, auch das Verb mehrfach genutzt wurde. Es ist darum auch nicht verwunderlich, dass auch das Nomen ἀποστολή, das 4 Mal im NT steht, nur auf der kanonischen Ebene zu finden ist. ♦ Zu βαπτίζω vgl. zu Vers 13. ♦ εὐαγγελίζομαι, das 58 / 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,6; *Gal 1,9. 16; *1Kor 15,1; *Laod 2,17. ♦ Die Form εὐαγγελίζεσθαι steht noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene in Röm 15,20, einem Vers, der in *Röm fehlt. ♦ σοφία, das 56 / 51 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev wie *Paulus. ♦ Hingegen steht die Kombination ἐν σοφίᾳ im NT nur noch drei weitere Male, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 2,5; 2Kor 1,12; Kol 4,5). ♦ κενόω steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15; *Phil 2,7. ♦ σταυρός, das 31 / 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,18; *Laod 2,16; Phil 2,8; *Kol 1,20. Zur Abwesenheit: Auch wenn die früheren Editoren gerade bezüglich der Bezeugung dieses Verses unterschiedlicher Meinung waren, spricht doch die Lexik und die Semantik für das Fehlen des Verses in der vorkanonischen Version. Besonders auffällig ist die Verwendung von βαπτίζω, aber auch die Form εὐαγγελίζεσθαι und die Kombination ἐν σοφίᾳ. 1,18-23 24 25: Das Kreuz Christi, Kraft und Weisheit Gottes Die folgende Passage ist gut bezeugt und scheint nur geringfügig durch die kanonische Redaktion überarbeitet worden zu sein. 18 Ὁ σταυρὸς τοῦ Χριστοῦ τοῖς μὲν ἀπολλυμένοις μωρία ἐστίν, τοῖς δὲ σῳζομένοις δύναμις καὶ σοφία θεοῦ ἐστιν. 18 Ὁ λόγος γὰρ ὁ τοῦ σταυροῦ τοῖς μὲν ἀπολλυμένοις μωρία ἐστίν, τοῖς δὲ σῳζομένοις ἡμῖν δύναμις θεοῦ ἐστιν. 19 γέγραπται γάρ, Ἀπολῶ τὴν σοφίαν τῶν σοφῶν, καὶ τὴν σύνεσιν τῶν συνετῶν ἀθετήσω. 19 γέγραπται γάρ, Ἀπολῶ τὴν σοφίαν τῶν σοφῶν, καὶ τὴν σύνεσιν τῶν συνετῶν ἀθετήσω. 218 Rekonstruktion <?page no="1097"?> 20 οὐχὶ ἐμώρανεν ὁ θεὸς τὴν σοφίαν τοῦ κόσμου τούτου; 20 ποῦ σοφός; ποῦ γραμματεύς; ποῦ συζητητὴς τοῦ αἰῶνος τούτου; οὐχὶ ἐμώρανεν ὁ θεὸς τὴν σοφίαν τοῦ κόσμου; 21 ἐπειδὴ ἐν τῇ σοφίᾳ τοῦ θεοῦ οὐκ ἔγνω ὁ κόσμος διὰ τῆς σοφίας τὸν κύριον, εὐδόκησεν ὁ θεὸς διὰ τῆς μωρίας τοῦ κηρύγματος σῶσαι τοὺς πιστεύοντας. 21 ἐπειδὴ γὰρ ἐν τῇ σοφίᾳ τοῦ θεοῦ οὐκ ἔγνω ὁ κόσμος διὰ τῆς σοφίας τὸν θεόν, εὐδόκησεν ὁ θεὸς διὰ τῆς μωρίας τοῦ κηρύγματος σῶσαι τοὺς πιστεύοντας. 22 ἐπειδὴ Ἰουδαῖοι σημεῖα αἰτοῦσιν καὶ Ἕλληνες σοφίαν ζητοῦσιν, 22 ἐπειδὴ καὶ Ἰουδαῖοι σημεῖα αἰτοῦσιν καὶ Ἕλληνες σοφίαν ζητοῦσιν, 23 κηρύσσει σταυρόν, Ἰουδαίοις σκάνδαλον Ἕλλησι μωρίαν, 23 ἡμεῖς δὲ κηρύσσομεν Χριστὸν ἐσταυρωμένον, Ἰουδαίοις μὲν σκάνδαλον ἔθνεσιν δὲ μωρίαν, 24 αὐτοῖς δὲ Ἰουδαίοις καὶ Ἕλλησιν, Χριστὸς θεοῦ δύναμις καὶ θεοῦ σοφία, 24 αὐτοῖς δὲ τοῖς κλητοῖς, Ἰουδαίοις τε καὶ Ἕλλησιν, Χριστὸν θεοῦ δύναμιν καὶ θεοῦ σοφίαν· 25 ὅτι τὸ μωρὸν τοῦ θεοῦ σοφώτερον τῶν ἀνθρώπων ἐστίν, καὶ τὸ ἀσθενὲς τοῦ θεοῦ ἰσχυρότερον τῶν ἀνθρώπων. 25 ὅτι τὸ μωρὸν τοῦ θεοῦ σοφώτερον τῶν ἀνθρώπων ἐστίν, καὶ τὸ ἀσθενὲς τοῦ θεοῦ ἰσχυρότερον τῶν ἀνθρώπων. A. *1,18: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,5: Ait crucem Christi stultitiam esse perituris, virtutem autem et sapientiam dei salutem consecuturis. Ibid. V 5,6: Sed et cur apud dominum optimum et profusae misericordiae alii salutem referunt, credentes crucem virtutem et sapientiam dei esse, alii perditionem. ♦ *1,19: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,5: Scriptum est enim, Perdam sapientiam sapientium et prudentiam prudentium irritam faciam. Si haec creatoris sunt, et quae ad causam crucis pertinent stultitiae deputat, ergo ct crux et per crucem Christus ad creatorem pertinebit, a quo praedicatum est quod ad crucem pertinet. Ibid. 5, 6: alii salutem referunt, credentes crucem virtutem et sapientiam dei esse, alii perditionem, quibus Christi crux stultitia reputatur. Vgl. auch ibid. 6,1: eius scilicet qui sapientiam sapientium abstulerit et prudentiam prudentium irritam fecerit. Epiph., Pan. 42, sch. 9 (121. 159 H.): γέγραπται γάρ, ἀπολῶ τὴν σοφίαν τῶν σοφῶν καὶ τὴν σύνεσιν τῶν συνετῶν ἀθετήσω. Vgl. Jes 29,14 LXX: διὰ τοῦτο ἰδοὺ ἐγὼ προσθήσω τοῦ μεταθεῖναι τὸν λαὸν τοῦτον καὶ μεταθήσω αὐτοὺς καὶ ἀπολῶ τὴν σοφίαν τῶν σοφῶν καὶ τὴν σύνεσιν τῶν συνετῶν κρύψω. ♦ *1,20: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,7: Nonne infatuavit deus sapientiam mundi? Vgl. auch ibid. 5,8: deum … qui … infatuauerit sapientiam mundi; 6,1: qui infatuaverit sapientiam mundi; id., De Idol. 97: ubi sapiens, ubi litterator, ubi conquisitor huius aeui? nonne infatuauit deus sapientiam huius saeculi? ♦ Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,7: Quoniam in dei sapientia non intellexit mundus per sapientiam dominum, boni duxit deus 2 (1Kor) 219 <?page no="1098"?> 33 Vgl. H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029; G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 98-99. 34 Vgl. A.C. Thiselton, The First Epistle to the Corinthians (2000), 154. per stultitiam praedicationis salvos facere credentes. Vgl. auch ibid. 6,1: stulta eligens eius et disponens in salutem. Vgl. auch ibid. II 2. ♦ *1,22: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,7: Quoniam Iudaei signa desiderant, qui iam de deo certi esse debuerant, et Graeci sapientiam quaerunt, qui suam scilicet, non dei, sapientiam sistunt. ♦ *1,23: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,7: … salvos faciendo credentes quosque in stultam crucis praedicationem. Ibid. 9: scandalum Iudaeis praedicat Christum. ♦ *1,24: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,9: Petra autem fuit Christus: etiam Marcion servat. Adam., Dial. IV 15 (im Mund des Markioniten): Ἐγὼ δύναμιν θεοῦ λέγω ζωογονεῖν τὸν ἄνθρωπον. ΑΔ. (im Mund des Adamantius): ἄκουε τοῦ Ἀποστόλου λέγοντος: Χριστὸς θεοῦ δύναμις καὶ θεοῦ σοφία (Rufin: Mar. d.: Ego uirtutum die dico plasmare homines. Ad. d.: Audi ergo Paulum dicentem: Christus die virtus et die sapientia). ♦ *1,25: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,9: Quid est autem stultum dei sapientius hominibus, nisi crux et mors Christi? Quid infirmum dei fortius homine, nisi nativitas et caro dei? B. (1,18) μέν fehlt in den Zeugen P 46 , b, d*, r. ♦ ἠμῖν om 010, 012, 6, it, d, f, g, Ptol Ir , Cyp, Hil, Ambst. ♦ (1,19) Anstelle von συνετῶν bietet 012 ἀσυνετῶν. ♦ (1,20) post κόσμου add τούτου P 11 , 01 2 , 04 3 , 06 1 , 010, 012, 020, 044, 104, 365, 1241, 1505, 1739 c , 1881, M, sy, sa ms , bo pt , Cl pt , Epiph pt . ♦ (1,21) γάρ om 012. ♦ (1,22) Post ἐπειδή om καί P 46 , 010, 012, 323, f, g, vg mss , sy p , Tert, Cyp, Hil, Ambst, Pel und die altlateinische Tradition in 54, 61, 75, 76, 77, 78, 88 c , 89. 33 ♦ (1,23) Anstelle von ἔθνεσιν δέ liest man Ἕλλησι in 04 3 , 06 2 , 365, 630, 1505, 1739, 1881, M, Cl. ♦ (1,24) τοῖς κλητοῖς om 88*, Pel. C. 1. (1,18) Der Vers ist nicht voll bezeugt. Das Zeugnis Tertullians in Adv. Marc. V 5,6 zeigt, dass das consecuturis keine Verderbung oder Verlesung (σοζομένοις) ist, sondern Tertullian referiert. Allerdings fehlt bei Tertullian das in der kanonischen Version nachfolgende ἡμῖν. Hilgenfeld verweist auf die Präsenz des Verses und die Texterweiterung δύναμις καὶ σοφία θεοῦ. Schmid zeigt an, dass er den kanonischen Text gegeben sieht, BeDuhn hat den obigen Text als Grundlage. Auffällig ist, dass der inhaltliche Teil dieses *Paulusbriefs mit einer Antithese beginnt, und zwar derjenigen zwischen menschlicher Abwesenheit von Klugheit und göttlicher Macht und Weisheit, worauf bereits früher hingewiesen wurde. 34 220 Rekonstruktion <?page no="1099"?> 35 Vgl. hierzu H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreich‐ baren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 36 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 137. 37 Vgl. hierzu ibid. 229 38 Vgl. B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019), 232. 2. Die Formulierung ὁσταυρὸς τοῦ Χριστοῦ wählt Harnack in Berücksichti‐ gung von Tertullian, aber auch, weil die kanonische Redaktion einen Übergang hat schaffen müssen von dem vorher Ausgeführten und diesem neuen Einsatz. Sie hatte diese Formulierung bereits ins Ende des von ihr geschaffenen Verses 17 hineingenommen (ἵνα μὴ κενωθῇ ὁ σταυρὸς τοῦ Χριστοῦ). Weil Zahn noch einen nicht näher bestimmbaren Text der Verse 4-17 angenommen hatte, behält er auch das γάρ bei, ansonsten aber bietet er den Text wie oben. 3. Die kanonische Redaktion bezieht τοῖς δὲ σῳζομένοις auf die rhetorische Gemeinschaft von Paulus und den Lesenden und fügt hier darum ein ἡμῖν ein, doch dieses fehlt in einschlägigen Zeugen. 35 Zuntz gibt eine Reihe von Gründen, warum er das Fehlen für ursprünglich hält. 36 4. (1,19) Nicht erst Tertullians Kommentar zu dieser Stelle macht deutlich, dass das Schriftzitat angeführt wurde, um die Antithese zu schärfen und zu unterstreichen, dass dem prophetischen Spruch der Schrift folgend der Gott dieser Schrift die Weisheit der zu Rettenden verwirft, die jüdische Schrift und mit ihr die Prophetie und der hinter ihr stehende jüdische Gott folglich zur Torheit verleitet, wie in den nächsten Versen weiter ausgeführt wird. Zahn geht davon aus, dass der Vers in irgendeiner Weise vorhanden war, als bezeugt sieht er aber nur γέγραπται γάρ. Hilgenfeld nimmt den obigen Text an, Harnack, Schmid und BeDuhn bieten ihn ebenfalls. 5. καὶ σοφία ist zu ergänzen aufgrund von Tertullian. 37 6. (1,20) Bezeugt ist nur der zweite Teil des Verses 20 in Adv. Marc., es ist also nicht präzise, wenn Haupt zwar korrekt schreibt, Tertullian biete „no variants of this biblical reference“, aber verschweigt, dass er für Markion eben nur diesen Teil des Verses bezeugt. 38 Hilgenfeld rechnet mit dem kanonischen Text. Den ersten Teil sieht schon Zahn nicht nur unbezeugt, sondern auch fehlend. Ihm folgt Harnack. Schmid hält auch nur den zweiten Teil für bezeugt, deutet aber mit Auslassungspunkten an, dass er zuvor noch Text vermutet, ihm folgt BeDuhn. Gegenüber den früheren Editoren wird auch das τούτου aufgenommen aufgrund der einschlägigen Zeugen. Mit diesem Begriff wird nochmals der Unterschied zwischen, dem, was „der Gott“ tut, nämlich die Weisheit dieses 2 (1Kor) 221 <?page no="1100"?> 39 Tert., Adv. Marc. V 5,6: … creatoris est aliquam et populi et humani generis offensam detrimento sapientiae atque prudentiae multasse. 40 So Tert., Adv. Marc. V 5,7. Vgl. zu diesem und dem voranstehenden Vers auch E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 104-105. Kosmos zu tadeln, und dem Handeln des Gottes der Schrift: er beseitigt das Kreuz zur Torheit und die darin liegende Weisheit und Macht. 7. Nun scheint jedoch, wie Zahn und Harnack schon sahen, tatsächlich der erste Versteil gefehlt zu haben. Darauf deutet auch die Emphase der Fragen von 1,20a hin, die bereits als Merkmal der kanonischen Redaktion herausgestellt wurde. Außerdem führt die Deutung, die in diesem Teil gegeben wird, von derjenigen weg, die Tertullian gibt und gegen welche dieser Teil gerichtet ist. Nach Tertullian nämlich verdeutlicht der Text, dass mit dem zuvor zitierten Schriftwort gesagt werden soll, dass der „Schöpfer durch die Zerstörung der Weisheit und Klugheit die Übertretung des Geschlechts der Menschen und des Volkes bestraft habe“. 39 Damit wurden die Verse 1,18-19 als Antithese zwischen dem Kreuz Christi, das zur Rettung führt, allerdings von den Verlorengehenden als Torheit betrachtet wurde, und dem Schöpfergott, der die Kraft und Weisheit dieser Geretteten zunichte macht, verschoben und gegen (jüdische) Schriftgelehrte und pagane Weise gerichtet („Schriftgelehrte“ und „Weise-… dieser Weltzeit“), so Vers 1,20a. 8. (1,21) Für dominum, das in den Tertullianhandschriften MR bezeugt ist, bietet der ältere Herausgeber Pamelius deum, dem auch von Soden des Kontextes wegen zustimmt. Das γάρ des kanonischen Textes fehlt in einer einschlägigen Handschrift und wird auch nach dem Zeugnis Tertullians vorkanonisch gefehlt haben. Hilgenfeld rechnet mit dem kanonischen Text. Zahn und Harnack bieten den Text wie oben, während Schmid und BeDuhn statt κύριον das kanonische θεόν lesen. Das wird auch durch die Detailargumentation Tertullians gestützt, so dass MR das Richtige bieten und deum zu lesen ist. Denn Tertullian führt aus, dass Markion unter „Welt“ hier den „Herrn der Welt“ meinte, d. h. Markion zufolge habe dieser Herr der Welt in seiner Weisheit Gott nicht gekannt, weshalb der von diesem unerkannte Gott sich entschlossen hatte, alle in die törichte Predigt vom Kreuz Glaubenden zu retten. 40 9. (1,22) Hilgenfeld rechnet mit dem kanonischen Text. Zahn, Harnack, Schmid und BeDuhn bieten alle den obigen Text. 10. (1,23) Leider sind nur Fragmentstücke dieses Verses gegeben, doch bezieht Tertullian das Predigen auf den Apostel, nicht auf „uns“. 222 Rekonstruktion <?page no="1101"?> 41 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 81*. Anstelle von ἔθνεσιν lesen einige Zeugen Ελλησι, doch scheint das nicht nur eine Verschreibung gewesen sein. Hilgenfeld rechnet mit dem kanonischen Text. Zahn liest den Vers in der kanonischen Fassung, Harnack sieht als Stücke bezeugt: κηρύσσομεν Χριστόν, σταυρός, μωρία, σκάνδαλον Ἰουδαίοις. Schmid schreibt: (ἡμεῖς δὲ) κηρύσσομεν Χριστὸν (ἐσταυρωμένον), Ἰουδαίοις (μὲν) σκάνδαλον-…; BeDuhn folgt Schmid, fügt aber am Ende in Klammern die Übersetzung ein für ἔθνεσιν δὲ μωρίαν. 11. (1,24) Dieser Vers ist nur schwach bezeugt. Hilgenfeld rechnet mit dem kanonischen Text. Nach Zahn fehlt der Vers, für Harnack ist er unbezeugt, doch er meint: „Wohl nur irrtümlich klammert Zahn v. 24 als von M. gestrichen ein; er ist zwar unbezeugt, kann aber als Ergänzung zu v. 23 nicht gefehlt haben“. 41 Ebenso urteilen Schmid und BeDuhn. Außerdem beachte man die in P 46 und Cl bezeugte nominative Form des dann elliptischen Ausdrucks Χριστὸς θεοῦ δύναμις καὶ θεοῦ σοφία, die sich mit Bezeugung des Verses in Adamantius deckt (wenn auch hier nur im Mund des Adamantius). Doch Kraft und Weisheit könnte Tertullian als „Fels“ zusammengefasst haben im Hinblick auf *1Kor 10,4. 12. (1,25) Zahn sieht die kanonische Form vorliegen, Harnack, Schmid und BeDuhn bieten den obigen Text. D. (1,18) Zu σταυρός vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ ἀπόλλυμι, das 107 / 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 19; *Röm 2,12. ♦ μωρία steht 5 Mal im NT, gleich wieder vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,21; 3,19. ♦ Die Kombination τοῖς δέ steht 8 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 2,8; 1Kor 7,10. 12; 2Thess 3,12; Apk 21,8; im Vers: Lk 8,10; 1Kor 1,18; Tit 1,15), vorkanonisch bezeugt im Vers hier. ♦ σῴζω, das 112 / 107 Mal im NT belegt ist, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 21; 5,5; *2Thess 2,10. ♦ δύναμις, das sich 128 / 119 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt. ♦ σοφία steht 56 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,15; *1Kor 1,20. 21. 22; 2,6. 7; 3,19; 12,8; *Röm 11,33; *Laod 1,17; 3,10. Zur Rekonstruktion: Zu der Bezeugung durch Tertullian und den bereits in C. vorgetragenen Beobachtungen stützt auch die Lexik die Präsenz des Textes im vorkanonischen Text. 2 (1Kor) 223 <?page no="1102"?> (1,19) Zu γέγραπται vgl. zuvor zu *Gal 4,22. ♦ Zu ἀπόλλυμι, das 107 / 91 Mal im NT steht vgl. zum voranstehenden Vers 18. ♦ Zu σοφία, das 56 / 51 Mal im NT steht vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ σοφός, das 24 / 20 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,21; *1Kor 3,18. 19. ♦ σύνεσις steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt nur hier. ♦ συνετός steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt hier, *1Kor 1,19 und in ganz ähnlicher Wendung auch in *Ev 10,21 (ὅτι ἀπέκρυψας ταῦτα ἀπὸ σοφῶν καὶ συνετῶν) (/ / Lk 10,21; Mt 11,25). ♦ ἀθετέω, das 17 / 16 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für die Stelle hier und *Ev 10,16. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt wörtlich dem Zeugnis des Epiphanius. Nachdrücklich zeigt der Sprachvergleich in diesem Vers die Übereinstimmung zwischen Bezeugung und Lexik und auch die Nähe der Lexik von *Ev und *Paulus. Der Vers wird folglich wie gegeben in der vorkanonischen Fassung gestanden sein. (1,20) Zum unbezeugten Versteil: ποῦ, das 51 / 48 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,55. ♦ Die Wiederholung von ποῦ im selben Vers begegnet vorkanonisch (*1Kor 15,55) und auf der kanonischen Ebene, 1Kor 12,17; 15,55. ♦ Zu σοφός, das 24 / 20 Mal im NT steht vgl. zum voranstehenden Vers 19. ♦ γραμματεύς steht 75 / 64 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,22; 20,41. ♦ συζητητής ist Hapax legomenon im NT. Das verwandte συζήτησις steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 15,7; 28,29). Auch das verwandte Verb συζητέω, das 10 Mal im NT steht, begegnet nicht in *Ev 24,15 (in *Ev 22,23 ist gerade dieser Vers nicht bezeugt und, auch wenn er von Klinghardt aufgenommen wurde, stellt sich die Frage nach dem Wortlaut, da weder Mk 14,19 noch Mt 26,22 συζητεῖν bieten), es fehlt auch sonst in *Paulus, ist also auch nur kanonisch belegt. ♦ τούτου steht 69 Mal im NT, gut vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,34; *1Kor 2,6. 8; 3,19; *2Kor 4,4; *Röm 7,24; *Laod 2,2; 6,12. Zum bezeugten Versteil: οὐχί, das 62 / 53 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,20. ♦ μωραίνω steht nur 4 Mal im NT, sonst nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Zu σοφία vgl. zuvor zu den Versen 18 und 19, dann zu den Versen 21. 22. 24. 30. ♦ κόσμος, das 196 / 186 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,29; *Gal 4,3; 6,14; *1Kor 1,20. 21. 27; 3,19. 22; 4,9; 6,14; *Laod 2,2. 12; *Kol 1,6; 2,8. ♦ Zu τούτου vgl. zuvor in diesem Vers. Zur Rekonstruktion: Wegen der guten Bezeugung, gestützt durch die Lexik (im unbezeugten Teil fällt die nur kanonisch bezeugte Begriffsgruppe zu συζητητής auf), wird man den Text, wie von den früheren Editoren auch, wie oben gegeben vorkanonisch annehmen. 224 Rekonstruktion <?page no="1103"?> (1,21) ἐπειδή steht 11 / 10 Mal im NT, vorkanonisch nicht nur für diesen Vers, *1Kor 1,21, sondern gleich für den nächsten wieder bezeugt, auch *1Kor 15,21. ♦ Zu σοφία vgl. zuvor zu den Versen 18, 19, 21, danach zu 24. 30. ♦ εὐδοκέω steht 22 / 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,15; *1Kor 1,21; 10,5; *2Kor 5,8; *2Thess 2,12; *Kol 1,19. ♦ μωρία steht nur 5 Mal im NT, dennoch vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,21; 3,19. ♦ κήρυγμα steht 10 / 9 Mal im NT, vorkanonisch nur hier bezeugt. ♦ σῴζω steht 112 / 107 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,50; 8,48; 9,24; 17,19; 18,42; 19,10; *1Kor 1,18. 21; 5,5; *2Thess 2,10. ♦ πιστεύω, das 265 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21 (τοὺς πιστεύοντας); 15,11; *Röm 1,16 (τῷ πιστεύοντι); 10,4 (τῷ πιστεύοντι); *2Thess 2,12 (οἱ μὴ πιστεύσαντες); *Laod 1,13 (πιστεύσαντες). Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, für Abweichungen vom kanonischen Text wurden in C. die Begründungen gegeben. Lexikalisch ist auffallend, dass für alle Begriffe bis auf κήρυγμα, das nur hier bezeugt ist, jeweils weitere vorkanonische Bezeugungen vorliegen, selbst wenn ein Begriff wie μωρία überhaupt nur 5 Mal im NT begegnet. (1,22) ἐπειδή, steht 11 / 10 Mal im NT, vgl. zum voranstehenden Vers 21. ♦ Ἰουδαῖος, das 250 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *1Kor 9,20; 15,20; *Röm 1,16; 2,29; *1Thess 2,14. ♦ σημεῖον steht 86 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *2Thess 2,9. ♦ αἰτέω steht 78 / 70 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev. ♦ Ἕλλην, das 29 / 25 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Paulus. ♦ Zu σοφία vgl. zuvor zu den Versen 18. 19. 20. 21. 22 und danach 30. ♦ ζητέω, das 130 / 117 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *Röm 10,3. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt Tertullian und den früheren Editoren. Auch dieser Vers ist ein Beispiel für die Übereinstimmung zwischen Bezeugung und Lexik. (1,23) κηρύσσω, das 63 / 61 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,2 und *1Kor 1,23; 15,11; *2Kor 4,5. ♦ σταυρός, das 31 / 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,18; *Laod 2,16; Phil 2,8; *Kol 1,20. ♦ Zu Ἰουδαῖος vgl. den voranstehenden Vers. ♦ σκάνδαλος, das 16 / 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt nur für diese Stelle hier. ♦ Zu Ἕλλην vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ Die Variante ἔθνος steht 175 / 162 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,30; 21,10. 25; 23,2; 24,50; *Gal 1,16; 2,9; *1Thess 4,5; *Laod 2,11. ♦ μωρία, das 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20. 21; 3,19. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt Tertullian, auch wenn der letzte Teil nicht bezeugt ist. Hier wird dem Prinzip der größten Entfernung zum kanonischen 2 (1Kor) 225 <?page no="1104"?> Text gefolgt, zumal auch Ἕλλην vorkanonisch (wie kanonisch) der seltenere Begriff ist, also die Möglichkeit, dass ein Schreiber oder eine spätere Redaktion ihn durch ἔθνος ersetzt hat, groß ist. (1,24) αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.), das 543 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; *2Thess 2,11. ♦ καλέω, das 173 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Zu Ἰουδαῖος und Ἕλλην vgl. zu den voranstehenden beiden Versen 22 und 23. ♦ δύναμις, das sich 128 / 119 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt. ♦ σοφία, das 56 / 51 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,15; *1Kor 1,20. 21. 22; 2,6. 7; 3,19; 12,8; *Röm 11,33; *Laod 1,17; 3,10. Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Vers nur schwach bezeugt ist, sprechen sowohl die Beobachtungen in C. wie die Lexik für die Präsenz des Verses im vorkanonischen Text im gegebenen Zuschnitt. (1,25) μωρός steht 14 / 12 Mal im NT, gleich wieder vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,27; 3,18. ♦ σοφός, das 24 / 20 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,21; *1Kor 1,25; 3,18. 19). ♦ Der Komparativ σοφώτερος ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἀσθενής steht 35 / 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt nicht nur an dieser Stelle hier, *1Kor 1,25, sondern auch gleich wieder in *1Kor 1,27, und bereits zuvor in *Gal 4,9 und wieder *Röm 5,6. ♦ Die Steigerungsform ἰσχυρότερος begegnet 7 Mal im NT, vorkanonisch nicht nur hier, *1Kor 1,25, sondern auch *Ev 11,22 bezeugt. Zur Rekonstruktion: Auf der Basis des Zeugnisses Tertullians und den älteren Editoren folgend wird der obige Text gegeben. Auch bei diesem Vers fällt die Übereinstimmung zwischen Bezeugung und vorkanonischer Lexik auf. 1,[26] 27-29 [30] 31: Wer sich rühme, rühme sich des Herrn In dieser Passage sind vier Verse seht gut bezeugt, während zwei Verse unbe‐ zeugt sind und aufgrund ihrer Lexik auch Zusätze der kanonischen Redaktion sein dürften. - 26 Βλέπετε γὰρ τὴν κλῆσιν ὑμῶν, ἀδελφοί, ὅτι οὐ πολλοὶ σοφοὶ κατὰ σάρκα, οὐ πολλοὶ δυνατοί, οὐ πολλοὶ εὐγενεῖς· 27 ἀλλὰ τὰ μωρὰ τοῦ κόσμου ἐξελέξατο ὁ θεός, ἵνα καταισχύνῃ τὰ σοφά, καὶ τὰ ἀσθενῆ τοῦ κόσμου ἐξελέξατο ὁ θεός, ἵνα καταισχύνῃ τὰ ἰσχυρά, 27 ἀλλὰ τὰ μωρὰ τοῦ κόσμου ἐξελέξατο ὁ θεὸς ἵνα καταισχύνῃ τοὺς σοφούς, καὶ τὰ ἀσθενῆ τοῦ κόσμου ἐξελέξατο ὁ θεὸς ἵνα καταισχύνῃ τὰ ἰσχυρά, 226 Rekonstruktion <?page no="1105"?> 28 καὶ τὰ ἀγενῆ καὶ τὰ ἐλάχιστα καὶ τὰ ἐξουθενημένα ἐξελέξατο ὁ θεός, τὰ μὴ ὄντα, ἵνα τὰ ὄντα καταργήσῃ, 28 καὶ τὰ ἀγενῆ τοῦ κόσμου καὶ τὰ ἐξουθενημένα ἐξελέξατο ὁ θεός, τὰ μὴ ὄντα, ἵνα τὰ ὄντα καταργήσῃ, 29 ὅπως μὴ καυχήσηται πᾶσα σάρξ, - 29 ὅπως μὴ καυχήσηται πᾶσα σὰρξ ἐνώπιον τοῦ θεοῦ. - 30 ἐξ αὐτοῦ δὲ ὑμεῖς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, ὃς ἐγενήθη σοφία ἡμῖν ἀπὸ θεοῦ, δικαιοσύνη τε καὶ ἁγιασμὸς καὶ ἀπολύτρωσις, 31 ἵνα καθὼς γέγραπται, Ὁ καυχώμενος ἐν θεῷ καυχάσθω. 31 ἵνα καθὼς γέγραπται, Ὁ καυχώμενος ἐν κυρίῳ καυχάσθω. A. *1,27-28: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,9: nec iam stulta mundi elegit deus ut confundat sapientia (sapientia R 3 Kroymann Harnack von Soden; sapientiam MR 1 ), nec infirma mundi elegit deus ut confundat fortia, nec inhonesta et minima et contemptibilia, quae non sunt, id est quae non vere sunt, ut confundat quae sunt, id est quae vere sunt. Nihil enim a deo dispositum est vere modicum et ignobile et contemptibile, sed quod ab homine. Apud creatorem autem etiam vetera stultitiae et infirmitati et inhonestati et pusillitati et contemptui deputari possunt. … stulta enim mundi elegit deus, ut confundat sapientia (sapientia R 3 Kroymann Harnack von Soden; sapientiam MR 1 ). Vgl. auch ibid. 6,1: stulta eligens eius et disponens in salutem. Hanc dicit sapientiam in occulto fuisse quac fuerit in stultis et in pusillis et inhonestis, quae latuerit etiam sub figuris, allegoriis et aenigmatibus, revelanda postmodum in Christo. Ders., De Carne 4: Sed circumspice, Marcion, si tamen non delesti: Stulta mundi elegit deus, ut confundat sapientia. ♦ *1,29. 31: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,10: ne glorietur omnis caro, ut, quemadmodum scriptum est, Qui gloriatur, in domino (deo MR) glorietur. Epiph., Pan. 42, sch. 10 (121. 159 H.): ἵνα (καὶ τοῦ: 159 VM, corr. H.) καθὼς γέγραπται, Ὁ καυχώμενος ἐν κυρίῳ καυχάσθω. Adam., Dial. I 22 (im Mund des Adamantius): ὅπως μὴ καυχήσηται πᾶσα σὰρξ ἐνώπιον αὐτοῦ. ἐξ αὐτοῦ δὲ ὑμεῖς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, ὃς ἐγενήθη σοφία ἡμῖν ἀπὸ θεοῦ, δικαιοσύνη τε καὶ ἁγιασμὸς καὶ ἀπολύτρωσις, ἵνα καθὼς γέγραπται, Ὁ καυχώμενος ἐν κυρίῳ καυχάσθω (Rufin: Ut non glorietur omnis caro coram ipso. Ex ipso enim uos estis in Christo Iesu, qui factus est nobis sapientia a deo et iustitia et sanctificatio et redemptio, ut, sicut scriptum est, qui gloriatur in domino glorietur). Vgl. Jer 9,23 LXX: ἀλλ᾽ ἢ ἐν τούτῳ καυχάσθω ὁ καυχώμενος, συνίειν καὶ γινώσκειν ὅτι ἐγώ εἰμι κύριος ποιῶν ἔλεος καὶ κρίμα καὶ δικαιοσύνην ἐπὶ τῆς γῆς, ὅτι ἐν τούτοις τὸ θέλημά μου, λέγει κύριος. B. (1,28) Ante καί add τὰ μὴ ὄντα 01 2 , 03, 04 3 , 06 1 , 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1881, 2464, M, f, r, vg, sy, Or pt , om P 46 , 01*, 02, 04*, 06*, 010, 012, 2 (1Kor) 227 <?page no="1106"?> 42 E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 107. Sie verweist auf U. Fröhlich, Vetus Latina. Die Reste der altlateinischen Bibel. 22/ 1-3. Epistula ad Corinthios I (1995), 178-179. 33, 1175, 1506, 1739, b, Or pt , Ambst. ♦ (1,29) Die Lesart αὐτοῦ anstelle von τοῦ θεοῦ begegnet in (01 2a ), 04*, 044, 629, f, vg, sy, Ambst, und in der altlateinischen Tradition: 77, 78. C. 1. (1,26) Dieser Vers ist unbezeugt. Hilgenfeld erwähnt ihn zwar nicht eigens, sieht aber wohl auch diesen Vers der kanonischen Form nach vorkanonisch präsent. Zahn sieht ihn in irgendeiner Form präsent, Harnack, Schmid und BeDuhn halten ihn schlicht für unbezeugt, auch wenn BeDuhn eine Übersetzung desselben in Klammern in seine Rekonstruktion setzt. 2. Es fällt gleich zu Beginn des Verses die sonst nur kanonisch bezeugte emphatische Anrede βλέπετε auf, die für die Zugehörigkeit des Verses zur kanonischen Redaktion spricht und einem ihrer Stilmerkmale entspricht. Die κλῆσις ὑμῶν greift 1Kor 1,2. 24 auf, Verse, die ebenfalls zur kanonischen Redaktionsebene gehören, ebenso greift das ἀδελφοί die Verse 1Kor 1,10-11 auf, die auch auf dieser Redaktionsstufe stehen. 3. (1,27-28) Hilgenfeld erwähnt Vers 27 zwar nicht eigens, sieht ihn aber wohl als präsent an. In Vers 28 sieht er als „abweichenden Text“ den wie oben. Zahn ändert τοὺς σοφούς in τὰ σοφά, nicht nur Tertullian entsprechend, sondern auch, weil hier von Abstrakta die Rede ist, was gemäß 1Kor 1,20. 26 in der kanonischen Redaktion auf Personen umgeschrieben wurde. Harnack folgt Zahn mit dieser Korrektur und bietet den obigen Text. Schmid akzeptiert Zahns Korrektur nicht, bietet aber ansonsten den obigen Text. BeDuhn folgt Zahn und Harnack und bietet folglich den obigen Text. Die Hinzufügung eines καί vor τὰ μὴ ὄντα, belegt in einigen Zeugen, geht entweder auf einen frühen Kopistenfehler oder auf die kanonische Redaktion zurück und verändert den Sinn der Stelle. Das Niedrige, Letzte und Verachtete ist das, was keine Existenz hat und was darum erwählt wird, um das, was ist oder zu sein scheint, zunichte zu machen, während dem Fehler oder der Redaktion nach das Nichtseiende nachträglich in die Liste derer eingereiht wird, die von Gott erwählt wurden. Auch wenn nicht genau angegeben wird, worauf sich Becker bezieht, so sieht sie doch in diesem Vers eine von Tertullian bestätigte markionitische Variante gegenüber dem kanonischen Text. 42 4. (1,29) Von Soden plädierte gegen die von Kroymann und Harnack für Tertullian gewählte Variante deo, die die Tertullianzeugen MR bezeugen, wäh‐ 228 Rekonstruktion <?page no="1107"?> 43 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 81*. rend die Zeugen FN und der ältere Herausgeber Pamelius domino bieten. Harnack optiert dann angesichts der weiteren Bezeugung bei Epiphanius für den markionitischen Text domino. 5. Tertullian bezeugt nicht das ἐνώπιον τοῦ θεοῦ, welches argumentativ nicht nötig ist. Aus dem Blick der Lexik hätte es vorkanonisch stehen können, da es jedoch wie eine Duplikation zu dem nachfolgenden ἐν κυρίῳ wirkt, wird dieser Zusatz wohl auf die kanonische Redaktion zurückgehen. 6. Wohl aufgrund des Zeugnisses im Mund des Adamantius rechnet Zahn mit der Anwesenheit von Vers 30, Harnack ist hier skeptischer: „Es ist nicht gewiß, daß die Worte aus M.s Bibel stammen“. 43 Folglich nimmt er diesen Vers auch nicht in den Text auf, auch Schmid sieht den Vers als unbezeugt, doch BeDuhn stellt ihn zum Text hinzu. 7. Tertullians direkter Übergang von Vers 29 zu Vers 31 spricht allerdings gegen die Präsenz von Vers 30, zumal die beiden Verse 29 und 31 ohne diesen Zwischenvers unmittelbar grammatikalisch und inhaltlich aneinander anschließen. Bedenkt man, dass Tertullian etwa in seinem Kommentar zum Römerbrief ausführlich auf die dort verhandelte Gerechtigkeit eingeht, wäre es erstaunlich, wenn er hier diese Erwähnung stillschweigend übergangen hätte. Auffällig ist auch der Wechsel von der komplett diskursiv gehaltenen Ausführung in *1Kor 1, der in 1Kor 1 ein häufiger Wechsel zwischen Diskurs und Anrede steht, wenn etwa in den Versen 1Kor 1,3. 4. 6. 7. 8. 10. 11. 12. 13. 14. 23. 26. 30 die Zuhörer adressiert werden, manchmal unter Einbezug des Paulus oder Verweis auf ihn: 1Kor 1,2. 3. 4. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 23. 30, direkte Emphasen, die im vorkanonischen Text hier fehlen. 8. Hilgenfeld, Zahn, Schmid und BeDuhn rechnen mit dem kanonischen Wortlaut, Harnack setzt hinter ἐν κυρίῳ in Klammern ἐν θεῷ. Wie richtig er damit liegt, zeigen nicht nur die beiden Handschriften MR bei Tertullian, die eine gewichtige Abweichung nicht nur gegenüber dem kanonischen Text darstellen, sondern auch gegenüber der alttestamentlichen Vorlage. Dazu kommt, wie ein Durchblick aller Belege zu „Herr“ (κύριος) herausstellt, dass diese Bezeichnung vorkanonisch ausschließlich Christus zukommt. Das gut bezeugte καθὼς γέγραπται ist hier auch inhaltlich passend, denn es greift das γέγραπται γάρ aus 1Kor 1,19 auf, womit der Abschnitt eine Struktur erhält, indem das Kreuz Christi als Kraft und Weisheit erwiesen wird und jegliches Rühmen nicht dem menschlichen Fleisch, sondern dem Herrn gilt, der die Umkehrung der Vorstellung vorgenommen hat. Beide Male wird dies 2 (1Kor) 229 <?page no="1108"?> aus den Propheten der jüdischen Schrift begründet. Zwar hatte Markion der jüdischen Prophetie kein Vorauswissen bezüglich des Christus zugeschrieben, doch sprechen die Verweise hier auf die jüdischen Schriftbeweise dafür, dass a) Markion offenkundig traditionelles Material vorlag, das er aus Treue zu diesen Vorlagen übernommen hat, und b) nicht grundsätzlich ablehnend zur jüdischen Prophetie und zur jüdischen Schrift stand, ja diese sogar auf den transzendenten Gott der Christen hin auslegen konnte, wie das ebenfalls für *Gal 3,13 und 4,22 zu bemerken war. D. (1,26) βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im NT findet, ist schmal bezeugt für die vorkano‐ nische Ebene in *Ev und *2Kor 4,18. ♦ Man bemerke insbesondere die Imperativform βλέπετε, die 24 Mal im NT steht, davon 12 Mal als Verseröffnung (1Kor 1,26; 8,9; 10,18; Eph 5,15; Phil 3,2; Kol 2,8), vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *Ev 8,18. ♦ κλῆσις begegnet 11 Mal im NT, vorkanonisch nur bezeugt in *Laod 1,18. ♦ κατὰ σάρκα findet sich als Ausdruck vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23 und *Röm 8,4. 5, auch wenn es häufig auf der kanonischen Ebene begegnet, vgl. zu *Gal 4,23. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4, vgl. weiter zu Vers 29. ♦ δυνατός, das 115 / 32 Mal im NT steht, ist überhaupt nur auf der kanonischen Ebene bezeugt. Das verwandte Verb δυνατέω, das 8 / 3 Mal im NT steht, ist ebenfalls ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ εὐγενής steht 2 Mal im NT, ebenfalls nur auf der kanonischen Ebene in Lk 19,12. Zur Abwesenheit: Im Kontrast zu den voranstehend bezeugten Versen, deren Lexik fast vollständig vorkanonisch weiters bezeugt ist, begegnen in diesem unbezeugten Vers eine Reihe von Termini, die vornehmlich (βλέπω; κλῆσις, auffallenderweise vorkanonisch nur bezeugt für das *Deuteropaulinum *Laod) oder ausschließlich (δυνατός; εὐγενής) auf der kanonischen Ebene begegnen. Der Vers stellt demnach ein schönes Beispiel für die Übereinstimmung zwischen fehlender Bezeugung und kanonischer Lexik dar, er wird darum nicht nur unbezeugt, sondern auch von der vorkanonischen Fassung abwesend gewesen sein. (1,27) μωρός, das 14 / 12 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,25. 27; 3,18, vgl. zu Vers 25. Vgl. auch die Ausführungen zu τὰ μωρὰ τοῦ κόσμου in 1Kor 4,10. ♦ ἐκλέγω steht 25 / 22 Mal im NT, ist vorkanonisch wieder bezeugt für *Ev 6,13 und auch in *1Kor 1,28. ♦ ἀσθενής, das 35 / 26 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,9, *1Kor 1,25. 27; *Röm 5,6. ♦ καταισχύνω, das 14 / 13 Mal im NT steht, 230 Rekonstruktion <?page no="1109"?> ist vorkanonisch ebenfalls bezeugt für *Ev 13,17. ♦ ἰσχυρός steht 27 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt auch für *Ev 11,21. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians unter Berücksich‐ tigung der Beobachtungen von C. Bemerkenswert ist auch in diesem Vers, dass die Lexeme auch anderwärts vorkanonisch bezeugt sind. (1,28) ἀγενής ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἐξουθενέω, das 11 Mal im NT steht, ist zwei Mal für *Paulus bezeugt. ♦ Die Verbform ὄντα steht 17 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ καταργέω, das 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15 und vielleicht *2Kor 3,11. 13. Zur Rekonstruktion: Auch dieser Vers folgt Tertullians Zeugnis und auch wenn ὄντα nur für diese Stelle vorkanonisch belegt ist, fällt doch die vorkanonische Bezeugung der weiteren Lexeme auf. (1,29) ὅπως, das 58 / 53 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 1,4. ♦ καυχάομαι, das 39 / 37 Mal im NT steht, und zwar ausschließlich in der Briefliteratur, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29. 31; 3,21. ♦ Zu σάρξ vgl. zuvor zu Vers 26. ♦ πᾶσα(ι) (Nom. / Vok. Fem. Sg. / Pl.), das 60 Mal im NT steht, ist vorkanonisch einzig bezeugt für die Stelle hier, *1Kor 1,29. ♦ ἐνώπιον, das 100 / 94 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination ἐνώπιον τοῦ θεοῦ steht 25 Mal im NT, etwa in Lk 1,19; 12,6, in Versen, die in *Ev fehlen, in Lk scheint Tertullian eine andere Formulierung gelesen zu haben (Tert.: Quod elatum est apud homines perosum est deo; die kanonische Formulierung: τὸ ἐν ἀνθρώποις ὑψηλὸν βδέλυγμα ἐνώπιον τοῦ θεοῦ), d. h. sie steht überhaupt nur auf der kanonischen Ebene, beim kanonischen Paulus in Röm 14,22; 2Kor 4,2; 7,12; Gal 1,20. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Wie präzise die Bezeugung bzw. fehlende Bezeugung Tertullians ist, erweist das nur kanonisch präsente ἐνώπιον τοῦ θεοῦ, das unbezeugt ist und vorkanonisch gefehlt hat. (1,30) Die Kombination αὐτοῦ δέ begegnet nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene in Apg 25,25. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorka‐ nonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19. ♦ Die Kombination ὑμεῖς ἐστε steht 10 Mal im NT, in Lk gerade wieder im selben Vers, der zu 1,29 zuvor herangezogen wurde, hier im unbezeugten Teil auf der kanonischen Ebene und auch nur im kanonischen Paulus (1Kor 9,1. 2; 2Kor 3,2), außerdem kanonisch in Mt 5,13. 14; 10,20; Apg 3,24; 22,3, entspricht folglich kanonischem Sprachgebrauch. ♦ ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ wurde bereits als rein kanonische Formulierung zu Vers 1Kor 1,4 herausgestellt. ♦ Zu σοφία vgl. zuvor zu den Versen 18. 19. 20. 21. 22. 24. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vergleichsweise selten 2 (1Kor) 231 <?page no="1110"?> gebraucht auf der vorkanonischen Ebene in *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ Die Kombination τε καί steht 51 Mal im NT, im kanonischen Paulus (Röm 1,12. 14. 27; 3,9; 10,12; 1Kor 1,24. 30; 2Kor 12,12), dann 26 Mal in Apg, 10 Mal in Hebr, in Mt 22,10; Jak 3,7 und Apk 19,18, stellt folglich ein typisches Sprachmerkmal der kanonischen Redaktion dar. ♦ δικαιοσύνη, das 97 / 92 Mal im NT steht, ist ein bedeutender Begriff der kanonischen Redaktion, wenn er auch vorkanonisch in *Paulus bezeugt ist. ♦ ἁγιασμός steht 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt in *1Thess 4,3. 7. ♦ ἀπολύτρωσις steht 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,28. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem Vers entspricht der fehlenden Bezeugung eindrücklich der lexikalische Befund, der eine ganze Reihe von ausschließlich kanonischem Sprachgebrauch entsprechenden Elementen (αὐτοῦ δέ; ὑμεῖς ἐστε; ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ; τε καί) aufweist und diesen Vers der kanonischen Redaktion zuweist. Er hat im vorkanonischen Text gefehlt. (1,31) Die Formulierung καθὼς γέγραπται ist nur an der vorliegenden Stelle vorka‐ nonisch bezeugt, ansonsten findet man sie auf der kanonischen Ebene (Röm 1,17; 2,24; 3,4. 10; 4,17; 8,36; 9,13. 33; 10,15; 11,8. 26; 15,3. 9. 21; 1Kor 2,9; 2Kor 8,15; 9,9). Doch nachdem sowohl Tertullian wie Epiphanius diesen Passus bezeugen, muss man vorkanonisch mit ihm rechnen. ♦ Zu καυχάομαι, das 39 / 37 Mal im NT steht vgl. zuvor zu Vers 29. ♦ Die Wendung ἐν κυρίῳ steht 48 Mal im NT, wohl ausschließlich auf der kanonischen Ebene und nur im kanonischen Paulus, vgl. zu Gal 5,10. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians und Epiphanius, wie ihn auch die früheren Editoren gesehen haben. Zu bemerken ist, dass auch die Lexik die Tertullian folgende Variante ἐν θεῷ stützt. Kapitel 2 2,1 [2-3] 4 [5] 6-8 [9-15] 16: Die Weisheit Gottes und der Verstand des Herrn waren verborgen Anfang und Ende des Kapitels sowie der zentrale mittlere Teil sind gut bezeugt, doch wie die unbezeugten Verse zeigen, wurde das Kapitel erheblich durch die kanonische Redaktion bearbeitet und erweitert. Dabei wurde das Kapitel mit persönlicher Emphase ausgestattet und insbesondere das Thema der ver‐ borgenen Weisheit Gottes, die den Machthabern dieser Zeit verborgen blieb, überarbeitet. Denn im vorkanonischen Text, gerade im Anschluss an die beiden Schriftzitate aus den jüdischen Propheten, bezieht sich der Ausdruck „Macht‐ haber dieser Zeit“ auf alle Weisheitskundigen, also auch auf die Propheten 232 Rekonstruktion <?page no="1111"?> und die von deren Weisheit Zehrenden, die vorkanonisch zu Menschen mit Vollmacht in diesem Äon gerechnet werden. Wären sie nicht in Unkenntnis der göttlichen Weisheit und des Verstands des Herrn gewesen, hätten diese Diesseitsmenschen den Herrn nicht gekreuzigt. Doch wird, wiederum aus der jüdischen Schrift genommen, sowohl eine gewisse Entschuldigung wie auch ein Beleg für die Argumentation für die Verborgenheit der Pläne Gottes durch die rhetorische Frage am Ende gestellt: „Denn wer begreift den Verstand des Herrn und wer kann ihn belehren? “ 2,1 καταγγέλλων τὸ μυστήριον τοῦ θεοῦ - 2,1 Κἀγὼ ἐλθὼν πρὸς ὑμᾶς, ἀδελφοί, ἦλθον οὐ καθ’ ὑπεροχὴν λόγου ἢ σοφίας καταγγέλλων ὑμῖν τὸ μυστήριον τοῦ θεοῦ. - 2 οὐ γὰρ ἔκρινά τι εἰδέναι ἐν ὑμῖν εἰ μὴ Ἰησοῦν Χριστὸν καὶ τοῦτον ἐσταυρωμένον. 3 κἀγὼ ἐν ἀσθενείᾳ καὶ ἐν φόβῳ καὶ ἐν τρόμῳ πολλῷ ἐγενόμην πρὸς ὑμᾶς, 4 οὐκ ἐν πειθοῖς σοφίας, 4 καὶ ὁ λόγος μου καὶ τὸ κήρυγμά μου οὐκ ἐν πειθοῖς σοφίας λόγοις ἀλλ’ ἐν ἀποδείξει πνεύματος καὶ δυνάμεως, - 5 ἵνα ἡ πίστις ὑμῶν μὴ ᾖ ἐν σοφίᾳ ἀνθρώπων ἀλλ’ ἐν δυνάμει θεοῦ. 6 σοφίαν λαλοῦμεν ἐν τοῖς τελείοις τῶν ἀρχόντων τοῦ αἰῶνος τούτου τῶν καταργουμένων. 6 Σοφίαν δὲ λαλοῦμεν ἐν τοῖς τελείοις, σοφίαν δὲ οὐ τοῦ αἰῶνος τούτου οὐδὲ τῶν ἀρχόντων τοῦ αἰῶνος τούτου τῶν καταργουμένων· 7 ἀλλὰ λαλοῦμεν θεοῦ σοφίαν ἐν μυστηρίῳ, τὴν ἀποκεκρυμμένην, ἣν προώρισεν ὁ θεὸς πρὸ τῶν αἰώνων εἰς δόξαν ἡμῶν, 7 ἀλλὰ λαλοῦμεν θεοῦ σοφίαν ἐν μυστηρίῳ, τὴν ἀποκεκρυμμένην, ἣν προώρισεν ὁ θεὸς πρὸ τῶν αἰώνων εἰς δόξαν ἡμῶν, 8 ἣν οὐδεὶς τῶν ἀρχόντων τοῦ αἰῶνος τούτου ἔγνωκεν· εἰ γὰρ ἔγνωσαν, οὐκ ἂν τὸν κύριον τῆς δόξης ἐσταύρωσαν. 8 ἣν οὐδεὶς τῶν ἀρχόντων τοῦ αἰῶνος τούτου ἔγνωκεν, εἰ γὰρ ἔγνωσαν, οὐκ ἂν τὸν κύριον τῆς δόξης ἐσταύρωσαν. - 9 ἀλλὰ καθὼς γέγραπται, Ἃ ὀφθαλμὸς οὐκ εἶδεν καὶ οὖς οὐκ ἤκουσεν καὶ ἐπὶ καρδίαν ἀνθρώπου οὐκ ἀνέβη, ἃ ἡτοίμασεν ὁ θεὸς τοῖς ἀγαπῶσιν αὐτόν. 10 ἡμῖν δὲ ἀπεκάλυψεν ὁ θεὸς διὰ τοῦ πνεύματος· τὸ γὰρ πνεῦμα πάντα ἐραυνᾷ, καὶ τὰ βάθη τοῦ θεοῦ. 11 τίς γὰρ οἶδεν ἀνθρώπων τὰ τοῦ ἀνθρώπου εἰ μὴ τὸ πνεῦμα τοῦ ἀνθρώπου τὸ ἐν αὐτῷ; οὕτως καὶ τὰ τοῦ θεοῦ οὐδεὶς ἔγνωκεν εἰ μὴ τὸ 2 (1Kor) 233 <?page no="1112"?> πνεῦμα τοῦ θεοῦ. 12 ἡμεῖς δὲ οὐ τὸ πνεῦμα τοῦ κόσμου ἐλάβομεν ἀλλὰ τὸ πνεῦμα τὸ ἐκ τοῦ θεοῦ, ἵνα εἰδῶμεν τὰ ὑπὸ τοῦ θεοῦ χαρισθέντα ἡμῖν· 13 ἃ καὶ λαλοῦμεν οὐκ ἐν διδακτοῖς ἀνθρωπίνης σοφίας λόγοις ἀλλ’ ἐν διδακτοῖς πνεύματος, πνευματικοῖς πνευματικὰ συγκρίνοντες. 14 ψυχικὸς δὲ ἄνθρωπος οὐ δέχεται τὰ τοῦ πνεύματος τοῦ θεοῦ, μωρία γὰρ αὐτῷ ἐστιν, καὶ οὐ δύναται γνῶναι, ὅτι πνευματικῶς ἀνακρίνεται· 15 ὁ δὲ πνευματικὸς ἀνακρίνει [τὰ] πάντα, αὐτὸς δὲ ὑπ’ οὐδενὸς ἀνακρίνεται. 16 τίς γὰρ ἔγνω νοῦν κυρίου, καὶ τίς αὐτοῦ σύμβουλος ἐγένετο; 16 τίς γὰρ ἔγνω νοῦν κυρίου, ὃς συμβιβάσει αὐτόν; ἡμεῖς δὲ νοῦν Χριστοῦ ἔχομεν. A. *2,1. 4: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 6,2: Creator autem tam ipse notus quam et sacramenta eius, palam scilicet decurrentia apud Israel, sed de significantiis obumbrata, in quibus sapientia dei delitescebat, inter perfectos narranda suo in tempore, proposita vero in proposito dei ante saecula. ♦ *2,6: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 6,1: dei sapientiam loquatur inter perfectos. Ibid. 6,2: Creator autem tam ipse notus quam et sacramenta eius, palam scilicet decurrentia apud Israel, sed de significantiis obumbrata, in quibus sapientia dei delitescebat, inter perfectos narranda suo in tempore, proposita vero in proposito dei ante saecula. Epiph., Pan. 42, sch. 11 (121. 160 H.): τῶν ἀρχόντων τοῦ αἰῶνος τούτου τῶν καταργουμένων. ♦ *2,7: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 6,1: Hanc dicit sapientiam in occulto fuisse quae fuerit in stultis et in pusillis et inhonestis, quae latuerit etiam sub figuris, allegoriis et aenigmatibus … Ibid. 6,2: Nam ut absconderit aliquid is deus qui nihil egit omnino in quod aliquid abscondisse existimaretur, satis incredibile. Ipse si esset, latere non posset, nedum aliqua eius sacramenta. Creator autem tam ipse notus quam et sacramenta eius, palam scilicet decurrentia apud Israel, sed de significantiis obumbrata, in quibus sapientia dei delitescebat, inter perfectos narranda suo in tempore, proposita vero in proposito dei ante saecula. Ibid, 6,5: Sed quia subicit de gloria nostra. Ibid. 6,9: Sed vis adhuc gloriam nostram dei tui esse et apud eum in occulto fuisse. ♦ *2,8: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 6,5: Sed quia subicit de gloria nostra, quod eam nemo ex principibus huius aevi scierit, ceterum si scissent nunquam dominum gloriae crucifixissent, argumentatur haereticus quod principes huius aevi dominum, alterius scilicet dei Christum, cruci confixerint, ut et hoc in ipsum recidat creatorem. Vgl. auch ibid. 6,6: Porro cui supra ostendimus quibus modis gloria nostra a creatore sit deputanda, praeiudicatum esse debebit eam quae in occulto fuerit apud creatorem merito ignotam etiam ab omnibus virtutibus et 234 Rekonstruktion <?page no="1113"?> 44 Wie sehr in der Forschung umstritten ist, ob hier auf diese Jesajastellen angespielt wird oder auf eine andere, unbekannte Stelle, vgl. mit Quellen und älterer Literatur C. Clivaz and S. Schulthess, On the Source and Rewriting of 1 Corinthians 2.9 in Christian, Jewish and Islamic Traditions (1 Clem 34.8; GosJud 47.10-13; a ḥadīth qudsī) (2015); J. Verheyden, Origen and the Origin of 1 Cor 2,9 (1996). 45 Die Angabe bei Semler, 012 habe μυστηριον, ist inkorrekt (zumindest nach der Ausgabe von 1909), J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beför‐ derung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 67. 46 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 91. potestatibus creatoris, quia nec famulis liceat consilia nosse dominorum. Vgl. Ps 23,10 LXX: τίς ἐστιν οὗτος ὁ βασιλεὺς τῆς δόξης κύριος τῶν δυνάμεων αὐτός ἐστιν ὁ βασιλεὺς τῆς δόξης. ♦ 2,9-15: Vgl. Jes 52,15 LXX: οὕτως θαυμάσονται ἔθνη πολλὰ ἐπ᾽ αὐτῷ, καὶ συνέξουσιν βασιλεῖς τὸ στόμα αὐτῶν· ὅτι οἷς οὐκ ἀνηγγέλη περὶ αὐτοῦ, ὄψονται, καὶ οἳ οὐκ ἀκηκόασιν, συνήσουσιν; Jes 64,3 LXX: ἀπὸ τοῦ αἰῶνος οὐκ ἠκούσαμεν οὐδὲ οἱ ὀφθαλμοὶ ἡμῶν εἶδον θεὸν πλὴν σοῦ καὶ τὰ ἔργα σου, ἃ ποιήσεις τοῖς ὑπομένουσιν ἔλεον; Jes 65,16 LXX: οὐκ ἀναβήσεται αὐτῶν ἐπὶ τὴν καρδίαν und Jes Sir 1,10 LXX: ἐχορήγησεν αὐτὴν τοῖς ἀγαπῶσιν αὐτόν. 44 ♦ *2,16: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,9: Et quare adhuc eodem et deus instrumento et apostolus nititur? Quid illi cum sententiis prophetarum ubique? Quis enim cognovit sensum domini, et quis illi consiliarius fuit? Esaias est. Quid illi etiam cum exemplis dei nostri? Vgl. Jes 40,13 LXX: τίς ἔγνω νοῦν κυρίου, καὶ τίς αὐτοῦ σύμβουλος ἐγένετο, ὃς συμβιβᾷ αὐτόν; B. (2,1) Anstelle von μυστήριον findet sich die Variante μαρτύριον in 01 2 , 03, 06, 010, 012, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1506, 1739, 1881, 2464, M, b, vg, sy h , sa. Diesen Zeugen gegenüber steht μυστήριον in P 46vid , 01*, 02, 04*, ar, r, sz p , bo, Hipp, BasA, Ambst und in der altlateinischen Tradition: 61, 64; es fehlt in Cass. 45 g bietet testimonium. ♦ (2,4) πειθοῖς ἀνθρωπίνης σοφίας λόγοις findet sich in 01 2 , 02, 04, 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 2464, M, vg c1 , sy h , Did, die Zeugen 1, 42, 440 (mit Umstellung 2495) lesen hingegen πειθοῖ ἀνθρωπίνης σοφίας, der Zeuge 131 hat: πειθοῖς ἀνθρωπίνης σοφίας καὶ λόγοις, die Zeugen P 46 , 010, 012 lesen: πειθοῖς σοφίας, und die Zeugen 01*, 03, 06, 33, 1175, 1506, 1739, 1881, vg st , (sy p ): πειθοῖς σοφίας λόγοις. Schon Zuntz hat πειθοῖς σοφίας der kanonischen Form als die ältere Lesart vorgezogen. 46 ♦ (2,8) Anstelle von ἔγνωκεν wäre grundsätzlich mit P 46 auch an den Aorist ἔγνω zu denken, doch spricht Tertullian eher für die Perfektform. ♦ Post δόξης P 46 add αὐτῶν. ♦ (2,16) ὃς συμβιβᾷ αὐτόν om P 46 , 01, 02, 03 u.a. 2 (1Kor) 235 <?page no="1114"?> 47 Vgl. C.J. Classen, Philologische Bemerkungen zur Sprache des Apostels Paulus (1994/ 1995), 325-236. 48 M. Widmann, 1 Kor 2 6-16: Ein Einspruch gegen Paulus (1979); W.O. Walker, 1 Corinthians 2.6-16: A Non-Pauline Interpolation? (1992); W.O. Walker, Interpolations in the Pauline letters (2001), 127-146. Eine lange Liste von Forschungsbeiträgen zu diesem C. 1. (2,1-5) Die Verse 1Kor 2,1-5 gelten bei den früheren Editoren als unbezeugt. Tatsächlich aber deutet Tertullian an, dass er an dieser Stelle einige Textstücke gelesen hat, wenn sich auch der Text nicht mehr mit letzter Sicherheit wie‐ derherstellen lässt. Dem angeführten Zeugnis nach las Tertullian zumindest einige Begriffe, καταγγέλλων klingt an (narranda), dann τὸ μυστήριον τοῦ θεοῦ (proposito dei) aus Vers 2,1 und σοφία (sapientia) aus Vers 2,4. Weitere Hinweise geben uns die Varianten in den Handschriften für die Verse 1 und 4. In Vers 1 wurde das wohl später als gnostisch misszudeutende τὸ μυστήριον τοῦ θεοῦ ersetzt durch τὸ μαρτύριον τοῦ θεοῦ. In Vers 4 lesen die Zeugen verschiedene Varianten. Aus all diesen Zeugen scheint die älteste Bezeugung, die auch durch die einschlägigen Zeugen 010, 012 gestützt wird, dem vorkanonischen Text zuzuordnen zu sein. Zahn rechnet mit der Präsenz der Verse 1-5, ohne den Wortlaut bestimmen zu können. Harnack sieht sie als unbezeugt, ohne sich über sie näher auszulassen, so auch Schmid und BeDuhn. Die unmittelbare Ansprache setzt den Trend der kanonischen Redaktion des ersten Kapitels mit ihrer persönlichen Emphase fort, insbesondere mit ἀδελφοί, welches die kanonischen Verse 1Kor 1,10-11. 26 aufgreift. Daraus folgt, dass es eine vorausliegende vorkanonische Vorlage für diesen Passus gegeben hat, die aber von der kanonischen Redaktion gründlich überarbeitet wurde. 2. (2,4) Der Ausdruck ἐν πειθοῖς σοφίας (vielleicht πειθώ darin als Sub‐ stantiv? ) bildet nach Classen einen rhetorischen Ausdruck, der auf der kano‐ nischen Ebene mit ἀπόδειξις, einem Hapax legomenon im NT, als terminus technicus verwendet wird. 47 3. (2,6) Hilgenfeld sieht den Text wie oben bezeugt. Zahn meint jedoch, Vers 6 sei in der kanonischen Form bezeugt. Harnack differenziert und sieht lediglich Σοφίαν λαλοῦμεν ἐν τοῖς τελείοις, τῶν ἀρχόντων τοῦ αἰῶνος τούτου τῶν καταργουμένων bezeugt. Schmid fügt in Klammern noch δὲ ein, ebenso in Klammern σοφίαν δὲ οὐ τοῦ αἰῶνος τούτου οὐδέ und deutet mit Auslassungs‐ zeichen weiteren Text am Ende von Vers 6a und zu Beginn von Vers 6b an. BeDuhn folgt Harnack und dem obigen Text. 4. 1Kor 2,6-16 wurde wiederholt als Interpolation angesehen, 48 was von Murphy-O’Connor als möglich, aber wenig wahrscheinlich betrachtet wird. 49 236 Rekonstruktion <?page no="1115"?> Abschnitt liefert J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 25-26. 49 J. Murphy-O’Connor, Interpolations in 1 Corinthians (1986), 81-84. 50 E.E. Ellis, Traditions in 1 Corinthians (1986), 490. 51 Vgl. mit älterer, weiterführender Literatur M.D. Litwa, The Evil Creator. Origins of an Early Christian Idea (2021), 6. 52 Vgl. M.D. Goulder, Luke. A New Paradigm (1989), 482. 53 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 505. Die Diskussion erscheint unter der Priorität der *10-Briefe-Sammlung anders. Als besonderes Merkmal wird von den Vertretern der Interpolationstheorie die Verwendung der 1. Pers. Pl. in dieser Passage gesehen - doch, wie zu erkennen ist, findet sich die 1. Pers. Sg. zuvor lediglich auf der kanonischen Redaktions‐ stufe. Auch mit Blick auf die Lexik stellen die Kommentatoren Besonderheiten fest, so dass etwa Ellis schließt: „Ιn Abwägung ist 1Kor 2,6-16 möglicherweise ein vorgeformtes Stück, das Paulus genutzt und dem gegenwärtigen Kontext eingepasst hat“. 50 Geht man jedoch von der Priorität der *10-Briefe-Sammlung aus, ist das, was die bisherige Diskussion als typisch paulinisch herausstellt, die Summe der Merkmale der kanonischen Redaktion, von denen das Frühere - eigentlich vorkanonisch Paulinische - als älteres Gut an dieser Stelle z.T. aus‐ geschieden wird. Doch soll weiter unten eine detailliertere Zusammenfassung zu dieser Passage der Verse 6-16 erfolgen. Vorab ist schon zu bemerken, dass die Aussagen hier mit denen in *1Kor 10,20 zusammengehen, in denen die Mächte der Jetztzeit dämonisiert werden. 51 5. (2,7) Hilgenfeld und Zahn sehen den Vers nach der kanonischen Form präsent, Harnack, Schmid und BeDuhn geben den obigen Text. Goulder hat auf die mögliche Beziehung dieses Verses zu Lk 10,21 (was auch für die vorkanonische Version *Ev 10,21 zutrifft) hingewiesen. 52 6. (2,8) Alle Editoren bieten den obigen Text. 7. (2,9-15) Die Verse 9-15 sind unbezeugt, auch wenn Hilgenfeld darauf verweist, Tert., Adv. Marc. II 2 habe sich auf die Verse 12 und 14 bezogen. Auch Zahn nimmt die Verse für den vorkanonischen Text in Anspruch, auch wenn er „nur Anspielungen ohne Andeutung von Varianten“ sieht. 53 Für Harnack sind die Verse schlicht unbezeugt, so auch für Schmid und BeDuhn. Sie scheinen aber nicht nur unbezeugt zu sein, sondern es sprechen einige Hinweise dafür, dass die Passage erst durch die kanonische Redaktion geschaffen wurde. Zunächst fällt auf, dass die Passage mit einem Mischzitat aus Jes 52,15 LXX; 64,3 LXX; 65,16 LXX und Jes Sir 1,10 LXX beginnt. Das Zitat aus Jes 65,16 erscheint nochmals in der Stephanusrede der Apostelgeschichte, Apg 2 (1Kor) 237 <?page no="1116"?> 54 H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul II. La première épître aux Corinthiens, traduction nouvelle avec introduction et notes (1926), 22. 55 Für weiterführende Literatur, vgl. J.R. Strawbridge, The Pauline Effect. The Use of the Pauline Epistles by Early Christian Writers (2015), 26. 7,23 (ἀνέβη ἐπὶ τὴν καρδίαν αὐτοῦ), und Jes Sir klingt in dem für Röm 8,28 vorkanonisch unbezeugten kanonischen Vers (οἴδαμεν δὲ ὅτι τοῖς ἀγαπῶσιν τὸν θεὸν πάντα συνεργεῖ εἰς ἀγαθόν) an, was Hinweise sind für deren Nutzung durch die kanonische Redaktion. Doch auch, was folgt, stützt diese Beobachtung der Abwesenheit von der vorkanonischen Version, denn in dem unbezeugten Vers Röm 8,27 begegnet: ὁ δὲ ἐραυνῶν τὰς καρδίας οἶδεν τί τὸ φρόνημα τοῦ πνεύματος, ὅτι κατὰ θεὸν ἐντυγχάνει ὑπὲρ ἁγίων, wobei im ersten Teil der forschende Geist und im zweiten die Gotteserkenntnis in invertierter Ordnung an 1Kor 2,10 erinnert, ἡμῖν δὲ ἀπεκάλυψεν ὁ θεὸς διὰ τοῦ πνεύματος: τὸ γὰρ πνεῦμα πάντα ἐραυνᾷ. Zu dem nur auf der kanonischen Redaktionsstufe begegnenden ἐραυνάω vgl. zur Lexik weiter unten in D. Die Nähe zu der Römerpassage wird auch durch τὰ βάθη unterstrichen, ein im NT seltenes Wort, das wieder in Röm 8,39 zu finden ist, es steht auch noch in dem vorkanonisch unbezeugten Vers Röm 11,33. Auffallend ist auch die Pneumatologie, die sich bereits als Merkmal der kanonischen Redaktion erwiesen hatte. Gewissermaßen einen kleinen Kommentar liefert diese Passage zu den Versen 1Kor 2,4-5, die, wenn überhaupt, dann nur in Stücken vorkanonisch vorhanden waren. Vers 13 (λαλοῦμεν οὐκ ἐν διδακτοῖς ἀνθρωπίνης σοφίας λόγοις) greift dann wörtlich Vers 4 auf (τὸ κήρυγμά μου οὐκ ἐν πειθοῖς σοφίας λόγοις … 6 λαλοῦμεν), was wohl auch in Vers 4 die verschiedenen Varianten miterklärt. 8. Die Passage 1Kor 2,10-15 wurde schon in der Vergangenheit vom Kontext unterschieden, allerdings von Delafosse als markionitisch betrachtet, 54 während sie sich vielmehr als typisch kanonische Ergänzung erweist. 9. (2,9) Dieser Vers wird öfters von frühchristlichen Autoren isoliert zitiert und wird in der Forschung insbesondere mit Blick auf eine mögliche Interpola‐ tion diskutiert, ohne überzeugende Sicherung der Quelle. 55 10. (2,16) Zahn nimmt den Vers nach der kanonischen Version an. Harnack gibt den obigen Text, wobei er für den letzten Teil auch an den kanonischen Wortlaut als Möglichkeit denkt. Schmid bietet den kanonischen Text, wobei Auslassungszeichen am Ende an zusätzlichen Text denken lassen, während BeDuhn Harnack folgt und den ersten und zweiten Psalmteil übersetzt. Tatsächlich nämlich lassen viele Zeugen diesen zweiten Psalmteil aus, doch Harnack und BeDuhn sehen korrekt, dass Tertullians Übersetzung vielmehr den dritten Psalmteil weglässt und den zweiten gibt. Hier gilt, dass der entfernteste Zeuge dem vorkanonischen Text wohl am nächsten kommt. Auch *Röm 11,34 238 Rekonstruktion <?page no="1117"?> 56 Pace Klinghardt, z.St. zitiert das Schriftzitat in derselben Weise wie *1Kor 2,16. Gegenüber dieser übereinstimmenden Zitierweise der Schrift erweist sich die kanonische Redak‐ tion in diesem Fall als inkonsistent. Auffallend ist wiederum, dass der letzte Teil von Vers 16, der von „uns“ und Christus spricht, unbezeugt ist und συμβιβάζω nur auf der kanonischen Ebene begegnet, was dafür spricht, dass hier eine kanonische Erweiterung des Verses vorliegt. D. (2,1) Die Wendung ἐλθὼν πρὸς ὑμᾶς begegnet nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene, Röm 15,32. ♦ Die Form ἦλθον steht 50 Mal im NT, in Lk 24,1 hatte Tertullian wohl ein anderes Verb, vielleicht auch das Kompositverb gelesen (convenerunt), allerdings ist die 1. P. Sg. bezeugt für *Ev 12,49, die einzige vorkanonische Bezeugung, im kanonischen Paulus begegnet sie 7 Mal. 56 ♦ ὑπεροχή begegnet sonst im NT nur noch 1Tim 2,2. ♦ Zu σοφία, das sowohl für *Ev wie *Paulus bezeugt ist vgl. die nachfolgenden Verse 4. 5. 6. 7. 13. ♦ καταγγέλλω, das 19 / 18 Mal im NT steht und auch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion ist, insbesondere der Apostelgeschichte (Apg 3,24; 4,2; 13,5. 38; 15,36; 16,17. 21; 17,3. 13. 23; 26,23; Röm 1,8; 1Kor 2,1; 9,14; 11,26; Kol 1,28; Phil 1,16. 17. 18), ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,17. 18. ♦ Die Variante μυστήριον steht 30 / 28 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,7; *Laod 1,9; 3,9; 5,32; 6,19. ♦ Die Variante μαρτύριον steht 36 / 19 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,14; 9,5; 21,13. Zur Rekonstruktion: Wie in C. herausgearbeitet, scheinen nur die wenigen Bruchstücke auf die vorkanonische Version zurückzugehen, die von der kano‐ nischen Redaktion erweitert worden ist. Für die kanonische Überarbeitung des Verses sprechen auch die verschiedenen, sonst nur kanonisch zu findenden Kombinationen bzw. Formulierungen (ἐλθὼν πρὸς ὑμᾶς; ὑπεροχή). (2,2) κρίνω, das 125 / 115 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,3; 11,31; *Röm 2,12; *2Thess 2,12; *Kol 2,16. ♦ οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8, vgl. weiter die Verse 11. 12. ♦ Allerdings findet sich die Kombination von οἶδα + ἐν nur 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 11,2; 1Kor 2,2; 1Thess 2,2). ♦ Die Suche nach εἰ μή + irgendein Nomen ist vorkanonisch unbezeugt für *Paulus, vgl. hierzu Gal 1,19. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ τοῦτον steht 63 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination von καί und alle Maskulin- oder Neutrumformen von οὗτος ergibt 49 Belege im NT, die jedoch ausschließlich auf 2 (1Kor) 239 <?page no="1118"?> 57 So schon richtig gesehen von A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 231*. kanonischer Ebene stehen. ♦ σταυρόω, das 62 / 46 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,24; 6,14; *1Kor 2,8; *Laod 2,16; *Kol 1,20; *Phil 2,8. ♦ Ἰησοῦν Χριστὸν καὶ τοῦτον ἐσταυρωμένον greift erkennbar auf den kanonischen Vers 1Kor 1,23 Χριστὸν ἐσταυρωμένον zurück. Zur Abwesenheit: Hierfür spricht, dass der Vers nicht bezeugt ist, aber auch die verschiedenen Wendungen, die nur auf der kanonischen Ebene belegt sind (οἶδα + ἐν; καί + οὗτος; ἐν ὑμῖν). Der Vers wird folglich ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und in der vorkanonischen Version gefehlt haben. (2,3) ἀσθένεια, das 27 / 24 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt. ♦ Es fällt die Formulierung ἐν φόβῳ καὶ ἐν τρόμῳ auf, die ebenfalls nur für die kanonische Redaktionsebene bezeugt ist und gleich zwei Mal im NT wiederkehrt in 2Kor 7,15 (ὡς μετὰ φόβου καὶ τρόμου) und Phil 2,12 (μετὰ φόβου καὶ τρόμου), vgl. ähnlich auch Eph 6,5. ♦ τρόμος, das 5 Mal im NT begegnet, findet sich immer nur auf der kanonischen Ebene, ohne φόβος stehend nur Mk 16,8. ♦ Überhaupt steht φόβος 61 / 47 Mal im NT, ist jedoch nicht ein Mal für die vorkanonische Ebene bezeugt. In *Ev, in 21,26 ist es nicht von Tertullian bezeugt, pace Klinghardt z.St. 57 ♦ πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.) steht 121 Mal im NT, vorkanonisch belegt für *Ev 12,48; 21,27. Zur Abwesenheit: Auch hier sprechen die fehlende Bezeugung und Lexik gegen die Präsenz des Verses in der vorkanonischen Version und für ein Produkt der kanonischen Redaktion. (2,4) κήρυγμα, das 10 / 9 Mal im NT steht, ist ein Mal in *1Kor 1,21 vorkanonisch bezeugt. ♦ πειθός steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 19,8; 28,23; 1Kor 2,4). ♦ ἀπόδειξις ist Hapax legomenon im NT. Auch das Verb ἀποδείκνυμι, das nur 4 Mal im NT steht und zwar in 2Thess 2,4, wo Tertullian einen anderen Begriff (se iactaturus = ἑαυτὸν ἐπαγγελλόμενον? ) liest, der durch die kanonische Redaktion geändert wurde in ἀποδεικνύντα ἑαυτόν, ist folglich ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. Zur Rekonstruktion: Dieser Vers ist wiederum unbezeugt, auch wenn σοφίας bei Tertullian erscheint und möglicherweise ein Bezug zu diesem Vers vorliegt. Nachdem πειθός unbezeugt ist und auch nur kanonisch begegnet, mag hier eine kanonische Überarbeitung vorliegen, was bei der starken Überformung der Verse 1-5 nachvollziehbar ist. 240 Rekonstruktion <?page no="1119"?> (2,5) Die Formulierung ἡ πίστις ὑμῶν begegnet 7 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene (Lk 8,25; Röm 1,8; 1Kor 2,5. 17; 1Thess 1,8; 2Thess 1,3), und zwar jeweils in den Eröffnungspassagen der Briefe. ♦ Die Kombination μὴ ᾖ ἐν begegnete bereits auf der kanonischen Ebene in 1Kor 1,10 ♦ Die Kombination ἐν σοφίᾳ steht 4 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene (1Kor 1,17; 2,5; 2Kor 1,12; Kol 4,5). ♦ Die Kombination ἀλλ’ ἐν begegnet 29 Mal im NT, davon 22 Mal im kanonischen Paulus, doch ebenfalls ausschließlich auf der kanonischen Ebene, in Lk 8,27 ist sie für *Ev unbezeugt, in *2Kor 3,3 ist nur ἐν bezeugt, in *1Thess 4,7 scheint Tertullian eine andere Wendung gelesen zu haben (Tert.: <sanctitas> est turpitudini quoque et immunditiae contraria). ♦ Die erweiterte Kombination ἀλλ’ ἐν δυνάμει steht wörtlich nochmals kanonisch in 1Kor 4,20. ♦ Die Wendung πρὸς ὑμᾶς steht 71 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. weiter unten zu 2Kor 3,1. Zur Abwesenheit: Zur fehlenden Bezeugung des Verses kommt der ausgespro‐ chen kanonische lexikalische Befund, der eine Reihe von Elementen aufweist, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἡ πίστις ὑμῶν; μὴ ᾖ ἐν; ἐν σοφίᾳ; ἀλλ’ ἐν δυνάμει; πρὸς ὑμᾶς), so dass der Vers mit Sicherheit zur kanonischen Redaktion gehört und im vorkanonischen Text gefehlt hat. (2,6) λαλέω steht 321 / 296 Mal im NT, so dass man der Meinung sein könnte, bei einem solch reichlich vorkommenden Wort dürfte keine Auffälligkeit bei der Verwendung feststellbar sein, doch das Gegenteil ist der Fall. Der Begriff steht etwa Lk 1,19. 20. 22. 45. 55. 64. 70; 2,15. 17. 18. 20. 33. 38. 50; 24,44, allesamt an Stellen, die in *Ev fehlen, dann in Lk 11,37, wo im parallelen Vers in *Ev eine andere Formulierung zu finden ist, dann Lk 24,36, wo anstelle von λαλουντων im parallelen Vers in *Ev λεγοντων zu lesen ist, dann in 2Kor 4,13, in einer Passage, die für *2Kor als abwesend bezeugt ist, dann in Röm 15,28 in einem Vers, der für *Röm als abwesend bezeugt ist; er ist vorkanonisch nur bezeugt für *Ev 24,6. 25; *1Kor 2,6. 7; 14,21; *Laod 4,25. Der Vergleich des Gebrauchs von λαλέω zeigt einen deutlichen Unterschied. Während die kanonische Redaktion geradezu eine Vorliebe hat für lange Reihungen von Versen, in denen der Begriff wieder und wieder begegnet, ist er für die vorkanonische Version extrem spärlich bezeugt und konkurriert vor allem an mehreren Stellen mit alternativen Begriffen oder Formulierungen. Auch an der vorliegenden Stelle könnte durch Tertullians Zeugnis eher mit einem anderen Begriff zu rechnen sein. ♦ τέλειος, das sich 18 / 19 Mal im NT findet, ist vorkanonisch nur an dieser Stelle bezeugt. ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ ἄρχων steht 39 / 37 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,15; *1Kor 2,6 und gleich wieder zwei Verse weiter in *1Kor 2,8; *Laod 2,2. ♦ αἰών, das 146 / 122 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,6. 7. 8; 10,11; *2Kor 4,4; *Laod 2,2; 3,9. ♦ τούτου, das 69 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,6. 2 (1Kor) 241 <?page no="1120"?> 8; 3,19; *2Kor 4,4; *Röm 7,24; *Laod 2,2; 6,12. ♦ καταργέω, das 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15 und vielleicht für *2Kor 3,11. 13. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt im ersten Teil Tertullian, im zweiten Epiphanius, wie ihn bereits Harnack hergestellt hatte. Lexikalisch ist auffallend, dass bis auf τέλειος alle weiteren Begriffe auch weiters vorkanonisch bezeugt sind. (2,7) ἀλλά steht 734 / 638 Mal im NT, eher sparsam zu finden auf der vorkanonischen Ebene in *Ev 5,31; *Gal 1,1. 8; 2,3; 4,23. 31; 6,13; 7,7; 8,6; 10,5. 20; 12,24; 14,19; *2Kor 3,6. 14; 4,5; 5,4; *Röm 2,13; 7,7; 10,2; 12,16; *2Thess 2,12; *Laod 2,12; 5,29; 6,4; *Phil 2,7; 3,9. ♦ Zu λαλέω vgl. zum voranstehenden Vers 6. ♦ σοφία ist sowohl für *Ev wie *Paulus vorkanonisch bezeugt, vgl. die nachfolgenden Verse 4. 5. 6. 7. 13. ♦ μυστήριον, das 30 / 28 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt in *1Kor 2,1. 7; *Laod 1,9; 3,9; 5,32; 6,19. ♦ ἀποκρύπτω steht 6 / 4 Mal im NT und ist vorkanonisch nochmals bezeugt in *Ev 10,21; *Laod 3,9. ♦ προορίζω steht 6 Mal im NT, möglicherweise stand an dieser Stelle hier ein anderer Terminus (Tert.: delitescebat). ♦ πρό, das 49 / 47 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,7 (πρὸ τῶν αἰώνων); *Kol 1,17 (πρὸ πάντων). ♦ αἰών, das 146 / 122 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,6. 7. 8; 10,11; *2Kor 4,4; *Laod 2,2; 3,9. ♦ δόξα, das 178 / 166 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,7. 8; 15,41. 43; *2Kor 3,7. 18; 4,6; *2Thess 1,9; *Laod 1,12. 17; *Phil 3,21. Zur Rekonstruktion: Die Rekonstruktion folgt den nicht für alle Termini si‐ cheren Hinweisen Tertullians, auch lexikalisch sind gerade die nicht eindeutig bezeugten Begriffe vorkanonisch nicht weiter belegt, was darauf hindeutet, dass der Vers an diesen Stellen kanonisch überarbeitet vorliegt. (2,8) οὐδείς (Nom. Mask. Sg.), das 96 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8; 9,15; *Laod 5,29. ♦ Zu ἄρχων, αἰών und τούτου vgl. zum Vers 2,6. ♦ γιγνώσκω, das 256 / 222 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21; 2,8. 16; 3,20; 8,3; *Röm 7,7; 11,34. ♦ Zu δόξα vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ ἄν, das 205 / 167 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und den Vers hier. ♦ σταυρόω, das 62 / 46 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,24; 6,14; *1Kor 2,8; *Laod 2,16; *Kol 1,20; *Phil 2,8. Zur Rekonstruktion: Aufgrund des eindeutigen Zeugnisses Tertullians und der Übereinstimmung der früheren Editoren, bedarf es keiner besonderen Begründung für die Textherstellung. (2,9) ἀλλά steht 734 / 638 Mal im NT, eher sparsam zu finden auf der vorkanonischen Ebene in *Ev 5,31; *Gal 1,1. 8; 2,3; 4,23. 31; 6,13; 7,7; 8,6; 10,5. 20; 12,24; 14,19; *2Kor 242 Rekonstruktion <?page no="1121"?> 3,6. 14; 4,5; 5,4; *Röm 2,13; 7,7; 10,2; 12,16; *2Thess 2,12; *Laod 2,12; 5,29; 6,4; *Phil 2,7; 3,9. ♦ Die Kombination ἀλλὰ καθώς begegnet nur 6 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 15,21, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 2,9; 1Thess 2,4; im Vers: Joh 8,28; Röm 15,3, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Thess 2,13), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Formulierung καθὼς γέγραπται, die 25 Mal im NT steht, davon 10 Mal als Verseröffnung, ist nur in *1Kor 1,31 mit vorangestelltem ἵνα vorkanonisch bezeugt, vgl. dort. ♦ ὀφθαλμός, das 109 / 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und und *1Kor 15,52. ♦ Die Kombination οὐκ εἶδεν findet sich allerdings lediglich 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 8,39; 13,37; 1Kor 2,9). ♦ οὖς steht 38 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἀκούω steht 466 / 430 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 1,13; *Kol 1,5. ♦ Die Kombination καὶ ἐπί begegnet 27 Mal im NT, etwa Lk 10,35 in einem Vers, der in *Ev fehlt, zuvor in Lk 10,19, wo gerade dieser Teilvers vorkanonisch unbezeugt ist, dann in Lk 23,28, wo das ἐπί unbezeugt ist, dann nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal bei Paulus (Gal 6,16) in einem unbezeugten und wohl abwesenden Vers, dann u. a. 4 Mal in Apg und 13 Mal in Apk. ♦ καρδία, das 173 / 157 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 14,25; *2Kor 3,15; 4,6; *Röm 2,15. ♦ ἀναβαίνω, das 89 / 82 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,1 und *Laod 4,10. ♦ ἑτοιμάζω steht 44 / 40 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,20; 22,7; 24,1. ♦ Die Wendung τοῖς ἀγαπῶσιν begegnet 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 2,9; Röm 8,28; Jak 1,12; 2,5). ♦ αὐτόν, das 841 Mal im Neuen Testament steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 2,16; 15,25l *2Thess 2,4; *Laod 1,20; *Kol 1,20, vgl. weiter Vers 16. Zur Abwesenheit: Dieser nach allen Editoren unbezeugte Vers beginnt bereits mit einer Eröffnungsformel lexikalisch, die nur auf der kanonischen Ebene zu finden ist (ἀλλὰ καθώς). Auch wenn alle benutzten einzelnen Termini vorkanonisch bezeugt sind, sind es doch eine Reihe von Kombinationen nicht. Der Vers dürfte folglich nicht nur unbezeugt, sondern vorkanonisch auch gefehlt haben. (2,10) ἀποκαλύπτω steht 33 / 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,17. 18; *2Thess 1,7, 2,3. ♦ διὰ τοῦ πνεύματος begegnet 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,8, kanonisch stehend in Apg 11,28; 21,4; 1Kor 2,10; 12,8; Eph 3,16. ♦ ἐρευνάω steht 6 Mal im NT, ist jedoch ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ βάθος steht 10 / 8 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 11,33, doch der neutrale Plural ist Hapax legomenon. Zur Abwesenheit: Der unbezeugte Vers bietet nur einen deutlichen lexikalischen Hinweis für das vorkanonische Fehlen des Verses (ἐρευνάω). Man wird ihn 2 (1Kor) 243 <?page no="1122"?> dennoch wegen seiner narrativen Einbindung in die Passage und aufgrund der in C. angestellten inhaltlichen Beobachtungen ebenfalls als fehlend betrachten. (2,11) Die Eröffnung τίς γὰρ οἶδεν ist Hapax legomenon im NT, während auf vorkanonischer Ebene an zwei Stellen *1Kor 2,16; Röm 11,34 τίς γὰρ ἔγνω zu lesen ist (so auch in den parallelen kanonischen Stellen). ♦ Zu οἶδα vgl. zuvor zu Vers 2 und nachfolgend Vers 12. ♦ Der Ausdruck εἰ μή + ein spezifisches Nomen ist unbezeugt für *Paulus, steht jedoch 3 Mal in Paulus (1Kor 1,14; 2,2; Gal 1,19) und überhaupt 6 Mal im kanonischen Neuen Testament. Erweitert man die Suche nach εἰ μή + irgendein Nomen, gibt es immer noch keinen Eintrag für *Paulus, jedoch 5 für Paulus (Röm 9,29; 11,15; 1Kor 1,14; 2,2; Gal 1,19) und überhaupt 11 für das kanonische NT. ♦ Zu οὐδείς (Nom. Mask. Sg.) vgl. zuvor zu Vers 8. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers fallen lexikalische Spezi‐ fika auf, die den Vers auf die kanonische Redaktionsebene verweisen, er wird im vorkanonischen Text gefehlt haben. (2,12) Die Eröffnung ἡμεῖς δὲ οὐ begegnet 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 2,12; 2Kor 10,13; Hebr 10,39). ♦ λαμβάνω, das 292 / 260 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt in *Ev und *Gal 3,14; *1Kor 3,14; *Röm 7,11; *Phil 2,7. ♦ Die Kombination τὸ πνεῦμα τό begegnet 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 3,29; Lk 3,22; Apg 5,3; 10,47; 15,8; 1Kor 2,12; Eph 4,30). ♦ Zu οἶδα vgl. zuvor zu den Versen 2. 11. ♦ χαρίζω bzw. χαρίζομαι, das 24 / 23 Mal im NT steht, etwa Lk 7,21. 42. 43, immer in Versen, die in *Ev fehlen, und ist nur vorkanonisch bezeugt für *Kol 2,13. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers begegnen spezifische lexikalische Kombination, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden sind, auch er wird vorkanonisch gefehlt haben. (2,13) λαλέω, das 321 / 296 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,6. 7; 14,21; *Laod 4,25. ♦ διδακτός steht 2 Mal im NT, beide Male auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀνθρώπινος steht 8 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene. ♦ πνευματικός, das 28 / 26 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,3. 4; 12,1; 14,1; 15,46; *Röm 7,14; *Laod 6,12. ♦ συγκρίνω, das 2 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene, hier und in 2Kor 10,12. Zur Abwesenheit: Noch deutlicher als zuvor sind es hier gleich drei Lexeme (διδακτός; ἀνθρώπινος; συγκρίνω), die in diesem vorkanonisch unbezeugten Vers ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind, auch er wird folglich in der vorkanonischen Version gefehlt haben. 244 Rekonstruktion <?page no="1123"?> (2,14) Ein scheinbar unauffälliges Verb ist ἀνακρίνω, das 16 Mal im NT steht, doch dies begegnet weiterhin nur auf der kanonischen Ebene (Lk 23,14; Apg 4,9; 12,19; 17,11; 24,8; 28,18; 1Kor 2,14. 15; 4,3. 4; 9,3; 10,25. 27; 14,24), vgl. auch das verwandte Nomen ἀνάκρισις, das nur ein Mal kanonisch steht Apg 25,26. ♦ ψυχικός, das 7 / 6 Mal im NT steht, ist jedoch nur noch für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ δέχομαι, das 62 / 56 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Thess 2,10. ♦ μωρία, das 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20. 21; 3,19. ♦ δύναμαι, das 233 / 210 Mal im NT steht, ist vorkanonisch lediglich bezeugt für *Ev. ♦ πνευματικῶς steht nur an dieser Stelle und noch ein Mal auf der kanonischen Ebene in Apk 11,8. Zur Abwesenheit: Wie zuvor zu dem unbezeugten Vers 13, so finden sich auch hier gleich mehrere Begriffe, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehen (ἀνακρίνω; ψυχικός; πνευματικῶς). Auch dieser Vers wird vorkanonisch gefehlt haben. (2,15) Gleich wieder begegnet das ausschließlich kanonisch bezeugte ἀνακρίνω. ♦ αὐτός (Nom. Mask. Sg.) steht 153 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 2,14; *Kol 1,17. ♦ οὐδενός (Gen. Mask. / Neut. Sg.) steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 22,16; Mk 12,14; Lk 8,43; Apg 20,24. 33; 27,34; 1Kor 2,15; 2Kor 11,9; Hebr 6,13; Apk 3,17). Zur Abwesenheit: Auch dieser unbezeugte Vers weist ausschließlich kanonisch bezeugte Lexeme auf (ἀνακρίνω; οὐδενός), wird folglich vorkanonisch gefehlt haben. Nimmt man die gesamte Passage der Verse 9-15 fällt auf, wie konsistent ein jeder von ihnen immer wieder ausschließlich kanonische Lexeme aufweist. Sowohl Inhalt wie Lexik verweisen die Passage demnach auf die Ebene der kanonischen Redaktion. (2,16) Zum bezeugten Versteil: γιγνώσκω, das 256 / 222 Mal im NT steht, ist vorkano‐ nisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21; 2,8. 16; 3,20; 8,3; *Röm 7,7; 11,34. ♦ νοῦς ist ein Begriff, der 25 / 24 Mal im NT steht und zwei Mal vorkanonisch für *Paulus bezeugt ist (*Röm 11,34 in gleicher Formulierung wie hier, *1Kor 2,16). Der nicht bezeugte Versteil: συμβιβάζω steht 8 / 7 Mal im NT, ist jedoch nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ Zu dem nicht mehr bezeugten αὐτόν vgl. zuvor zu Vers 9. Der wieder bezeugte Versteil: σύμβουλος steht 1 Mal im NT, nicht an dieser Stelle, sondern Röm 11,34, doch findet sich der Begriff 1 weiteres Mal1 weiteres Mal vorkanonisch an dieser Römerstelle. Zur Rekonstruktion: Bei diesem vorkanonisch bezeugten Vers stützt die Lexik sowohl die Bezeugung wie die fehlende Bezeugung des offenkundig 2 (1Kor) 245 <?page no="1124"?> 58 Vgl. J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 274. vorkanonisch nicht vorhandenen Psalmverses. Umgekehrt ist dies ein schönes Beispiel für die Verlässlichkeit des lexikalischen Vergleiches. Kapitel 3 3,[1-4]: [Die Unmündigkeit der Gemeinde] Die Eröffnungspassage dieses Kapitels ist unbezeugt und hat wohl auch in der vorkanonischen Version gefehlt. Sie dient der Reduktion der Petruskritik und der Kritik an weiteren sich als Autoritäten Betrachtenden, die im vorkanoni‐ schen Text dieses Kapitels (*3,10-23) formuliert wird. - 3,1 Κἀγώ, ἀδελφοί, οὐκ ἠδυνήθην λαλῆσαι ὑμῖν ὡς πνευματικοῖς ἀλλ’ ὡς σαρκίνοις, ὡς νηπίοις ἐν Χριστῷ. 2 γάλα ὑμᾶς ἐπότισα, οὐ βρῶμα, οὔπω γὰρ ἐδύνασθε. ἀλλ’ οὐδὲ ἔτι νῦν δύνασθε, 3 ἔτι γὰρ σαρκικοί ἐστε. ὅπου γὰρ ἐν ὑμῖν ζῆλος καὶ ἔρις, οὐχὶ σαρκικοί ἐστε καὶ κατὰ ἄνθρωπον περιπατεῖτε; 4 ὅταν γὰρ λέγῃ τις, Ἐγὼ μέν εἰμι Παύλου, ἕτερος δέ, Ἐγὼ Ἀπολλῶ, οὐκ ἄνθρωποί ἐστε; A. Die Verse 3,1-4 sind vorkanonisch unbezeugt. B. (3,4) οὔχι ἄνθρωποί findet sich in 06, 010, 012, 629 pc, während die folgenden Zeugen ουχι σαρκικοι lesen: 01 2 , 044, M, sy. Die kanonische Form bieten P 46 , 01*, 02, 03, 04, 048, 33, 81, 1175, 1506, 1739, 1881 pc. C. 1. Die Verse 1Kor 3,1-4 sind unbezeugt, auch wenn Hilgenfeld für Vers 2 auf Tert., Adv. Marc. IV 5 verweist. Zahn reklamiert diese Verse in irgendeiner Form für Markion und Harnack gibt vorsichtig an, in Adam., Dial. I 9 und V 22 seien Belegstellen für die Verse 2-4 zu sehen, doch BeDuhn notiert zu Recht, dass diese Stellen bei Adam., Dial. V 22 in den Textteil fallen, bevor er aus *Paulus zitiert (später in V 22 sagt Adamantius ausdrücklich, dass er wieder zum „Apostolos“, dem Paulustext der Markioniten, zurückkehrt, so 222,10-13; 223,12-14), und so muss auch I 9 bewertet werden, zumal vorweg der Markionit ausdrücklich die Paulussammlung des Gesprächspartners zurückgewiesen hat (10,19: Τῷ σῷ φάλσῳ οὐ πιστεύω ἀποστολικῷ, 11,23 Rufin: Tuo falso codici non credo). 58 246 Rekonstruktion <?page no="1125"?> 59 H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul II. La première épître aux Corinthiens, traduction nouvelle avec introduction et notes (1926), 22. 2. Der Vers 3,1 nimmt zunächst mit Κἀγώ, ἀδελφοί, οὐκ ἠδυνήθην λαλῆσαι ὑμῖν deutlich die Eröffnung von 1Kor 2,1 auf (Κἀγὼ ἐλθὼν πρὸς ὑμᾶς, ἀδελφοί, ἦλθον) und reiht sich damit in die kanonischen Verse 1Kor 1,10-11. 26; 2,1 ein. Mit der Gegenüberstellung des Pneumatischen gegen das Fleischliche und das Unmündige (ὡς πνευματικοῖς ἀλλ’ ὡς σαρκίνοις, ὡς νηπίοις) nimmt der Text Bezug auf die kanonischen Verse 1Kor 2,13-15. Die weiteren Ausführungen inklusive Vers 3 werden dieser Stufe angehören, und die Passage schließlich nicht im vorkanonischen Text vorgelegen sein. Es hätte auch erstaunt, wenn Tertullian diese Stelle übergangen hätte, in der Paulus seine Autorität gegenüber anderen in Korinth verehrten Größen wie Apollos behauptet, nachdem Tertul‐ lian die Selbstautorisierung des Paulus bereits zum *Galaterbrief kritisiert hatte. Schmid und BeDuhn sehen die Verse 1-9 als unbezeugt, nehmen jedoch das letzte Glied von Vers 9 auf, Schmid nur οἰκοδομή, BeDuhn [θεοῦ] οἰκοδομή [ἐστε]. 3. (3,1. 3) Die Passage 1Kor 3,1. 3 wurde von Delafosse als markionitisch angesehen. 59 D. (3,1) κἀγώ steht 93 / 84 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ δύναμαι, das 233 / 210 Mal im NT steht, etwa Lk 1,20. 22; 3,8; 8,19, in Versen, die in *Ev fehlen, vorkanonisch lediglich bezeugt für *Ev, vgl. auch weiter Verse 2 und 11. ♦ λαλέω, das 321 / 296 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur bezeugt für *Ev und *1Kor 2,6. 7; 14,21; *Laod 4,25. ♦ πνευματικός begegnet immerhin 28 / 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,3. 4; 12,1; 14,1; 15,46; *Röm 7,14; *Laod 6,12. ♦ Die Kombination ἀλλ’ ὡς steht 17 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene, nicht in Lk jedoch u. a. in Paulus. ♦ σαρκικός steht 11 / 7 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (Röm 7,14; 15,27; 1Kor 3,1. 3. 4; 9,11; 2Kor 1,12; 10,4; Hebr 7,16; 1Petr 2,11), vgl. auch die Verse 3 und 4. ♦ νήπιος, das 18 / 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,21; *Gal 4,3. Zur Abwesenheit: Zwar finden sich in diesem unbezeugten Vers einige vor‐ kanonisch bezeugte Begriffe, jedoch begegnen auch ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente (κἀγώ; σαρκικός; ἀλλ’ ὡς). Der Vers wird demnach nicht nur unbezeugt sein, sondern auch vorkanonisch gefehlt haben. (3,2) γάλα steht 5 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ποτίζω, das 15 Mal im NT steht, ist ein Mal für *Ev vorkanonisch bezeugt. ♦ βρῶμα steht 18 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,13; *1Kor 10,3. ♦ οὔπω steht 2 (1Kor) 247 <?page no="1126"?> 29 / 26 Mal im NT, etwa Lk 23,53 in einem Versteil, der in *Ev fehlt, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene, bei Paulus in 1Kor 3,2; 8,2; Hebr 2,8; 12,4. ♦ Die Kombination οὔπω γάρ begegnet 4 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene ( Joh 3,24; 7,39; 20,17; 1Kor 3,2). ♦ Die Kombination ἀλλ’ οὐδέ findet sich 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,2, ansonsten kanonisch stehend in Lk 23,15; Apg 19,2; 1Kor 3,2; 4,3; Gal 2,3. ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ Die Variante οὔτε steht 106 / 87 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,6. ♦ ἔτι, das 96 / 93 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,15; *Röm 5,6. ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. Zur Abwesenheit: Der unbezeugte Vers weist zwar einige vorkanonisch be‐ zeugte Begriffe auf, es fallen jedoch wiederum ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugte Begriffe bzw. Wendungen auf (γάλα; ὅπου; οὔπω γάρ). Der Vers wird folglich in der vorkanonischen Version gefehlt haben. (3,3) Zu ἔτι vgl. den Vers zuvor. ♦ ἔτι γάρ steht 4 Mal im NT, jeweils als Verseröffnung und immer auf der kanonischen Ebene (Röm 5,6; 1Kor 3,3; Hebr 7,10; 10,37). ♦ σαρκικός steht 11 / 7 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19, vgl. weiter die Verse 4. 8. 9. 16 17. Wegen der Häufigkeit der Verbform in diesem Kapitel sei nur an dieser Stelle auf sie verwiesen. ♦ ὅπου steht 84 Mal im NT, vorkanonisch nur bezeugt für *Ev 9,57. ♦ Die Kombination ὅπου γάρ jedoch steht nur 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 6,21; Lk 12,34; 1Kor 3,3; Hebr 9,16; Jak 3,16). ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ ζῆλος, das 22 / 16 Mal im NT steht, ist ein Mal auch vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,20. ♦ ἔρις, das 15 / 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,20; *Phil 1,15. ♦ οὐχί, das 62 / 53 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,30 (? Adamantiuszeugnis); *1Kor 1,20. ♦ περιπατέω, das 104 / 95 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,2; 5,2. Zur Abwesenheit: Auch in diesem unbezeugten Vers fallen die ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugten Begriffe bzw. Wendungen auf (ἔτι γάρ; σαρκικός; ὅπου γάρ; ἐν ὑμῖν). Der Vers dürfte demnach in der vorkanonischen Version gefehlt haben und auch auf die kanonische Redaktion zurückgehen. (3,4) Die Kombination ὅταν γάρ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 12,25; Röm 2,14; 1Kor 3,4; 2Kor 12,10; 1Tim 5,11). ♦ Die Verbform λέγῃ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 2,5; 1Kor 3,4; Jak 2,14). ♦ Die Verbform εἰμί, die 130 Mal im NT steht, ist nur ein Mal vorkanonisch bezeugt für 248 Rekonstruktion <?page no="1127"?> *Ev 21,8. ♦ Παῦλος, der 174 / 158 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für diese Stelle hier, *Gal 1,1 und noch für *1Kor 1,1; 3,22; *2Kor 1,1; *Röm; *1Thess 1,1; *2Thess 1,1; *Laod 1,1; *Kol 1,1, vgl. und weiter unten Vers 22. ♦ Ἀπολλῶς, der 17 / 10 Mal im NT zu finden ist, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Dieser Vers, der wiederum unbezeugt ist, wird aufgrund der ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugten Kombination (ὅταν γάρ), Wortformen (λέγῃ) und Namensnennung (Ἀπολλῶς) auf der vorkanonischen Ebene gefehlt haben und Produkt der kanonischen Redaktion gewesen sein. 3,[5-9]: [Paulus, der Gründer, und Apollos, sein Nachfolger] Wie die Passage zuvor ist auch diese Passage hier für die vorkanonische Version unbezeugt und wird nach Ausweis der Lexik auch in dieser gefehlt haben. Sie geht auf die kanonische Redaktion zurück und ergänzt die voranstehenden Verse 1-4, um die im vorkanonischen Text nachfolgende Kritik an den durch die ka‐ nonische Redaktion beförderten Autoritäten, vor allem Petrus, zu entschärfen. - 5 τί οὖν ἐστιν Ἀπολλῶς; τί δέ ἐστιν Παῦλος; διάκονοι δι’ ὧν ἐπιστεύσατε, καὶ ἑκάστῳ ὡς ὁ κύριος ἔδωκεν. 6 ἐγὼ ἐφύτευσα, Ἀπολλῶς ἐπότισεν, ἀλλὰ ὁ θεὸς ηὔξανεν· 7 ὥστε οὔτε ὁ φυτεύων ἐστίν τι οὔτε ὁ ποτίζων, ἀλλ’ ὁ αὐξάνων θεός. 8 ὁ φυτεύων δὲ καὶ ὁ ποτίζων ἕν εἰσιν, ἕκαστος δὲ τὸν ἴδιον μισθὸν λήμψεται κατὰ τὸν ἴδιον κόπον. 9 θεοῦ γάρ ἐσμεν συνεργοί· θεοῦ γεώργιον, θεοῦ οἰκοδομή ἐστε. A. Diese Verse sind vorkanonisch unbezeugt. B. (3,5) Das zweimalige τίς findet sich in P 46 , 01 2 , 04, 06, 010, 012, 044, M, sy. ♦ Die Reihenfolge von Παῦλος und Ἀπολλῶς ist verschieden bezeugt. Die Nachstellung des Ἀπολλῶς begegnet schwächer bezeugt in 06 1 , 044, M, sy, während die andere Reihenfolge bezeugt ist durch P 46 , 01, 02, 03, 04, 06*, 010, 012, 025, 048 vid , 33, 81, 629, 630, 1175, 1506, 1739 pc, latt, co. ♦ Statt διάκονοι ist ἄλλη bezeugt durch 06 2 , 044, M, sy, während sich das kanonische διάκονοι in folgenden Zeugen findet: 01, 02, 03, 04, 06*, 010, 012, 6, 33, 630, 1175, 1506, 1739 pc, latt sa ms , bo. 2 (1Kor) 249 <?page no="1128"?> 60 Vgl. E. Preuschen, Eine altkirchliche antimarcionitische Schrift unter dem Namen Ephräms (1911), 257-260. C. 1. (3,5-9) Harnacks Behauptung bezüglich Vers 6, „der armenisch erhaltene antimarcionitische Syrer“ zitiere „diesen Vers als in M.s Apostolos stehend“, ist nicht beweiskräftig, weil dieser Antimarkionit zwar noch keine Pastoralbriefe kennt, jedoch auch aus dem Hebräerbrief zitiert. 60 So wenig seine Evangelien‐ grundlage *Ev oder auch nur Tatians Evangelium ist, so wenig wird seine Paulussammlung Markions „Apostolos“ sein. Gleichwohl lässt sich aus der fehlenden Bezeugung nicht leicht die gesamte Passage als nichtvorhanden belegen. Während der Anfang mit den Versen 1-3 der kanonischen Redaktion zuzuweisen ist, müssten die Verse 4-9 im vorkanonischen Text vorhanden gewesen sein, wenn man für *1Kor 3,22 dem Zeugnis Tertullians vertraut und den durch Adamantius für diese Stelle nicht bezeugten Apollos dort im Text sieht. Da er in *1Kor 3,22 dann ganz unvermittelt genannt würde, müsste er an dieser Stelle eingeführt worden sein. Nun ist zwar gerade Adamantius in Passagen, die nicht dem Markioniten zugeschrieben werden, kein guter Gewährsmann, doch in diesem Fall ist es wohl, wie bereits Zahn gesehen hat, unwahrscheinlich, dass der Name bei einer zweimaligen Nennung des Verses durch Adamantius zwei Mal zufällig dort ausgefallen wäre. Folglich besteht keine Notwendigkeit der Präsenz der Verse 4-9 in der vorkanonischen Fassung. Man ist folglich auf die Lexik verwiesen. 2. (3,8) Dass man seines Lohnes wert ist, begegnet auch *Ev 10,7. Der Gedanke begegnet weiter unten in *1Kor 9,[17]-18. Bezüglich des κόπος vergleiche man Gal 6,17, wohingegen in der vorkanoni‐ schen Fassung das κόπους μοι μηδεὶς παρεχέσθω unbezeugt ist, der Begriff also auf die kanonische Ebene hinweist. 3. Zur θεοῦ οἰκοδομή vergleiche man *2Kor 5,1. D. (3,5) Die Kombination τί οὖν ἐστιν steht 5 Mal im NT, davon 4 Mal als Verseröffnung wie hier (Verseröffnung: Apg 21,22; 1Kor 3,5; 14,15. 26; im Vers: Lk 20,17), jeweils auf der kanonischen Ebene, in Lk 20,17 in einem Vers, der in *Ev fehlt. ♦ Zu Ἀπολλῶς als ausschließlich kanonisch bezeugtem Namen, vgl. zuvor Vers 3,4. ♦ διάκονος, das 36 / 29 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ὧν, das Personalpronomen, steht 78 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; *2Thess 2,10. ♦ πιστεύω steht 265 / 243 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21 (τοὺς πιστεύοντας); 15,11; *Röm 1,16 (τῷ πιστεύοντι); 10,4 (τῷ 250 Rekonstruktion <?page no="1129"?> πιστεύοντι); *2Thess 2,12 (οἱ μὴ πιστεύσαντες); *Laod 1,13 (πιστεύσαντες). Auffallend ist die - bis auf eine Stelle - Benutzung des Partizips in *Paulus, und die Häufung der Nutzung des Verbs auf der kanonischen Ebene, insbesondere in Joh und Apg. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers weist gleich zu Anfang eine Kom‐ bination auf (τί οὖν ἐστιν), die ausschließlich kanonisch weiter bezeugt ist, es folgen zwei Termini, die ebenfalls nur kanonisch bezeugt sind (Ἀπολλῶς; διάκονος), so dass der Vers der kanonischen Ebene zuzuweisen ist, er wird vorkanonisch gefehlt haben. (3,6) φυτεύω steht 14 / 11 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Zu Ἀπολλῶς als ausschließlich kanonisch bezeugtem Namen, vgl. zuvor Vers 3,4. ♦ ποτίζω, das 15 Mal im NT steht, ist ein Mal für *Ev vorkanonisch bezeugt. ♦ Die Kombination ἀλλὰ ὁ θεός steht 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für 1Kor 12,24. ♦ Das Verb αὐξάνω steht 27 / 23 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, die Verbform ηὔξανεν begegnet dabei 6 Mal, an zwei Stellen in Lk (Lk 1,80; 2,40), die in *Ev fehlen, und 3 Mal in der Apostelgeschichte (Apg 6,7; 12,24; 19,20), was für die zweite kanonische Redaktion spricht. Zur Abwesenheit: Selbst bei diesem kurzen, unbezeugten Vers fallen wiederum die ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugten Termini und Formen auf (φυτεύω; Ἀπολλῶς; αὐξάνω; ηὔξανεν). Der Vers wird folglich auf der vorkano‐ nischen Ebene gefehlt haben und auf die kanonische Redaktion zurückgehen. (3,7) Zu οὔτε vgl. zuvor zu Vers 2. ♦ Zu φυτεύω und αὐξάνω als ausschließlich kanonisch bezeugten Verben vgl. zum voranstehenden Vers 6 und dem nachfolgenden Vers 8. Zur Abwesenheit: Aufgrund der lexikalischen Nähe dieses unbezeugten Verses zum voranstehenden und nachfolgenden wird auch dieser Vers vorkanonisch gefehlt haben und auf die kanonische Redaktion zurückgehen. (3,8) Zu φυτεύω vgl. zu den voranstehenden Versen 6 und 7. ♦ Die Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene, etwa Lk 5,10; 21,16; 24,37 in drei für *Ev unbezeugten Versen oder Versteilen, dann Lk 15,28. 32 in zwei in *Ev fehlenden Versen; dann in Paulus in 1Kor 1,6; 3,8; 4,7; 7,3. 4. 11 (besonders auffällig, weil der Vers vorkanonisch bezeugt ist, jedoch gerade diese Wendung nicht). 28; 39 (in manchen Handschriften); 14,15 (2 Mal); 15,15; 2Kor 4,3; 5,8. 11; 6,1; 8,11; 11,6; Röm 2,10; 8,26; Eph 5,3. 11. ♦ ποτίζω, das 15 Mal im NT steht, ist ein Mal für *Ev vorkanonisch bezeugt. ♦ Die Form ὁ ποτίζων steht nur noch ein Mal im nächsten Vers 3,9. ♦ Die Kombination ἕκαστος δέ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 3,8. 10; 15,23; Jak 1,14). ♦ ἴδιος, das 123 / 114 Mal im 2 (1Kor) 251 <?page no="1130"?> NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,41; *Gal 6,9; *1Kor 7,7; *1Thess 2,15. ♦ μισθός, das 30 / 29 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,7 und *1Kor 3,14. ♦ Die Kombination μισθὸν λήμψεται nimmt vorweg, was weiter unten in 3,14 formuliert wird, dort auf der vorkanonischen Ebene. ♦ Die Kombination κατὰ τόν steht 24 Mal im NT, etwa Lk 2,22. 39; 10,32, jeweils in Versen, die in *Ev fehlen, und ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *Laod 2,2 (2 Mal), im kanonischen Paulus in Röm 7,22; 9,9; 1Kor 3,8; 2Kor 10,15; Eph 2,2; Hebr 7,5; 8,5. ♦ κόπος steht 21 / 18 Mal im NT, jedoch nur auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers weist wieder eine Reihe von aus‐ schließlich kanonisch belegten Begriffen (φυτεύω; κόπος) und Kombinationen (δὲ καί; ἕκαστος δέ) auf. Er wird folglich in der vorkanonischen Version gefehlt haben und der kanonischen Redaktion zuzuschreiben sein. (3,9) Die Kombination θεοῦ γάρ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 13,4; 1Kor 3,9; 2Kor 1,19). ♦ Die Verbform ἐσμέν, die 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; *Laod 2,10. ♦ Die Kombination γάρ ἐσμεν steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 16,28; 1Kor 3,9; 2Kor 2,17; Eph 2,10; Phil 3,3; Hebr 4,2). ♦ συνεργός, das sich 14 / 13 Mal im NT findet, steht immer nur auf der kanonischen Ebene. Das verwandte Verb συνεργέω, das 11 / 5 Mal im NT steht, ist ebenfalls ausnahmslos für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ γεώργιον ist Hapax legomenon im NT. Das verwandte Verb γεωργέω steht 12 / 1 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Auch γεωργός, das 19 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ οἰκοδομή steht 22 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt nur für *Laod 2,21. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers fallen die Begriffe (συνεργός; die Familie γεώργιον-γεωργέω-γεωργός) und Kombinationen (θεοῦ γάρ; γάρ ἐσμεν; ) auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt sind. Außerdem dokumentiert der Vers die Nähe von *Laod zur kanonischen Lexik. Der Vers dürfte folglich in der vorkanonischen Version gefehlt haben und ein Produkt der kanonischen Redaktion sein. Der lexikalische Vergleich stützt die Wahrscheinlichkeit, dass die Verse 5-9 für den vorkanonischen Text nicht nur unbezeugt sind, sondern darin auch gefehlt haben. 3,10-14 [15] 16-22 [23]: Paulus, der Gründer - ob es Nachfolger gibt, etwa Petrus, erweisen deren Werke Die vorliegende Passage ist durchgehend gut bezeugt, auch wenn sie von der kanonischen Redaktion überarbeitet wurde. Sie stellt die kritische Position des 252 Rekonstruktion <?page no="1131"?> Paulus gegenüber den sich selbst als Nachfolger erhebenden Personen wie Petrus dar, deren Werke jedoch im Feuer geprüft und ggf. verbrannt werden, weil die sich als Weise Gebenden sich „in ihrer eigenen List“ fangen. Um diese Kritik zu mindern, hat die kanonische Redaktion dieser Passage die beiden auf dieser Ebene voranstehenden Stücke (3,14 und 3,5-9) vorgeschaltet. Ob das Bild vom Verbranntwerden auf den ersten oder zweiten jüdischen Krieg anspielt? 10 ὡς σοφὸς ἀρχιτέκτων θεμέλιον τέθεικα, 10 Κατὰ τὴν χάριν τοῦ θεοῦ τὴν δοθεῖσάν μοι ὡς σοφὸς ἀρχιτέκτων θεμέλιον ἔθηκα, ἄλλος δὲ ἐποικοδομεῖ. ἕκαστος δὲ βλεπέτω πῶς ἐποικοδομεῖ· 11 ὅς ἐστιν Χριστός. 11 θεμέλιον γὰρ ἄλλον οὐδεὶς δύναται θεῖναι παρὰ τὸν κείμενον, ὅς ἐστιν Ἰησοῦς Χριστός. 12 τίς ἐποικοδομεῖ ἐπὶ τὸν θεμέλιον τούτον λίθους τιμίους, ξύλα; 12 εἰ δέ τις ἐποικοδομεῖ ἐπὶ τὸν θεμέλιον χρυσόν, ἄργυρον, λίθους τιμίους, ξύλα, χόρτον, καλάμην, 13 ὁ ποιήσας τοῦτο τὸ ἔργον φανερὸς γενήται· πυρὶ ἀποκαλύπτεται, καὶ τὸ ἔργον ὁποῖόν ἐστιν τὸ πῦρ δοκιμάσει. 13 ἑκάστου τὸ ἔργον φανερὸν γενήσεται, ἡ γὰρ ἡμέρα δηλώσει· ὅτι ἐν πυρὶ ἀποκαλύπτεται, καὶ ἑκάστου τὸ ἔργον ὁποῖόν ἐστιν τὸ πῦρ αὐτὸ δοκιμάσει. 14 εἴ τινος τὸ ἔργον μενεῖ ὃ ἐποικοδόμησεν, μισθὸν λήμψεται· 14 εἴ τινος τὸ ἔργον μενεῖ ὃ ἐποικοδόμησεν, μισθὸν λήμψεται· - 15 εἴ τινος τὸ ἔργον κατακαήσεται, ζημιωθήσεται, αὐτὸς δὲ σωθήσεται, οὕτως δὲ ὡς διὰ πυρός. 16 οὐκ οἴδατε ὅτι ναὸς θεοῦ ἐστε καὶ τὸ πνεῦμα τοῦ θεοῦ ὑμῖν ἐνοικεῖ; 16 οὐκ οἴδατε ὅτι ναὸς θεοῦ ἐστε καὶ τὸ πνεῦμα τοῦ θεοῦ οἰκεῖ ἐν ὑμῖν; 17 εἴ τις τὸν ναὸν τοῦ θεοῦ φθείρει, φθείρει αὐτόν. 17 εἴ τις τὸν ναὸν τοῦ θεοῦ φθείρει, φθερεῖ τοῦτον ὁ θεός· ὁ γὰρ ναὸς τοῦ θεοῦ ἅγιός ἐστιν, οἵτινές ἐστε ὑμεῖς. 18 μωροὶ γίνεσθε, ἵνα γένησθε σοφοί. 18 Μηδεὶς ἑαυτὸν ἐξαπατάτω· εἴ τις δοκεῖ σοφὸς εἶναι ἐν ὑμῖν ἐν τῷ αἰῶνι τούτῳ, μωρὸς γενέσθω, ἵνα γένηται σοφός. 19 ἡ γὰρ σοφία τοῦ κόσμου τούτου μωρία παρὰ θεῷ ἐστιν· γέγραπται γάρ, Ὁ δρασσόμενος τοὺς σοφοὺς ἐν τῇ πανουργίᾳ αὐτῶν· 19 ἡ γὰρ σοφία τοῦ κόσμου τούτου μωρία παρὰ τῷ θεῷ ἐστιν· γέγραπται γάρ, Ὁ δρασσόμενος τοὺς σοφοὺς ἐν τῇ πανουργίᾳ αὐτῶν· 20 καὶ πάλιν, Κύριος γινώσκει τοὺς διαλογισμοὺς τῶν ἀνθρώπων, ὅτι εἰσὶν μάταιοι. 20 καὶ πάλιν, Κύριος γινώσκει τοὺς διαλογισμοὺς τῶν σοφῶν ὅτι εἰσὶν μάταιοι. 2 (1Kor) 253 <?page no="1132"?> 21 ὥστε μηδεὶς καυχάσθω ἐν ἀνθρώπῳ· πάντα γὰρ ὑμῶν ἐστιν, 21 ὥστε μηδεὶς καυχάσθω ἐν ἀνθρώποις· πάντα γὰρ ὑμῶν ἐστιν, 22 εἴτε Παῦλος εἴτε Κηφᾶς εἴτε κόσμος εἴτε ζωὴ εἴτε θάνατος εἴτε ἐνεστῶτα εἴτε μέλλοντα, πάντα ὑμῶν. 22 εἴτε Παῦλος εἴτε Ἀπολλῶς εἴτε Κηφᾶς εἴτε κόσμος εἴτε ζωὴ εἴτε θάνατος εἴτε ἐνεστῶτα εἴτε μέλλοντα, πάντα ὑμῶν, - 23 ὑμεῖς δὲ Χριστοῦ, Χριστὸς δὲ θεοῦ. A. *3,10: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,10: Nam quod architectum se prudentem affirmat. ♦ *3,11: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 6,10: Et numquid ipse tunc Paulus destinabatur, de Iudaea, id est de Iudaismo, auferri habens in aedificationem Chris‐ tianismi, positurus unicum fundamentum, quod est Christus? ♦ *3,12-13: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 6,10: Nisi si structorem se terreni operis deus profitebatur, ut non de Christo suo significaret qui futurus esset fundamentum credentium in eum; super quod prout quisque superstruxerit, dignam scilicet vel indignam doctrinam si opus eius per ignem probabitur, si merces illi per ignem rependetur, creatoris est: quia per ignem iudicatur vestra superaedificatio, utique sui fundamenti, id est sui Christi. ♦ *3,14: Tert., Adv. Marc. V 6,10: … si opus eius per ignem probabitur, si merces illi per ignem rependetur, creatoris est: quia per ignem iudicatur vestra superaedificatio, utique sui fundamenti, id est sui Christi. ♦ *3,16: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 6,11: Nescitis quod templum dei sitis, et in vobis inhabitet spiritus dei? ♦ *3,17: Vgl. Tert. Adv. Marc. V 6,12: Quodsi templum dei quis vitiaverit, vitiabitur, utique a deo templi. ♦ *3,18: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 6,12: Stulti estote, ut sitis sapientes. ♦ *3,19-20: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 6,12: Sapientia enim huius mundi stultitia est penes deum. Penes quem deum? Si nihil nobis et ad hunc sensum pristina praeiudicaverunt, bene quod et hic adstruit: Scriptum est enim, Deprehendens sapientes in nequitia illorum; et rursus, Dominus scit cogitationes sapientium, quod sint supervacuae. Epiph., Pan. 42, sch. 12 (121. 161 H.): γέγραπται γάρ, ὁ δρασσόμενος τοὺς σοφοὺς ἐν τῇ πανουργίᾳ αὐτῶν: καὶ πάλιν, κύριος γινώσκει τοὺς διαλογισμοὺς τῶν ἀνθρώπων ὅτι εἰσὶ μάταιοι. Vgl. Ijob 5,12: διαλλάσσοντα βουλὰς πανούργων; Ps 93,11: κύριος γινώσκει τοὺς διαλογισμοὺς τῶν ἀνθρώπων ὅτι εἰσὶν μάταιοι. ♦ *3,21-22: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 6,13: Ergo, inquit, nemo glorietur in homine. Und an späterer Stelle ibid. 7,9: Omnia vestra sunt, sive Paulus, sive Apollo, sive Cephas, sive mundus, sive vita, sive mors, sive praesentia, sive futura. ♦ 3,21-23: Vgl. Adam., Dial. II 19 (im Mund des Adamantius): ὥστε, φησί, μηδεὶς καυχάσθω ἐν ἀνθρώποις: πάντα γὰρ ὑμῶν ἐστιν, εἴτε Παῦλος εἴτε Κηφᾶς εἴτε κόσμος εἴτε ζωὴ εἴτε θάνατος εἴτε ἐνεστῶτα εἴτε μέλλοντα, πάντα ὑμῶν, ὑμεῖς δὲ Χριστοῦ, Χριστὸς δὲ θεοῦ … (im Mund des Eutropius): καὶ ὁ Χριστὸς καὶ Παῦλος καὶ Κηφᾶς καὶ ἡ ζωὴ κατὰ σὲ 254 Rekonstruktion <?page no="1133"?> 61 Schon Zuntz hielt dies für die ursprünglichere Lesart, G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 100. 62 Vgl. Ibid. 132. 63 Ibid. 111-112. 64 Ibid. 112. 65 Ibid. 165. 66 Ibid. 239. τοῦ πονηροῦ ἔσονται· φανερῶς γὰρ εἰς δισσέβειαν ἡ φιλονεικία ἄγει (Rufin: Omnia uestra sunt, siue Paulus, siue Cephas, siue hic mundus, siue uita, siue mors, siue praesentia, siue futura; das zweite Zitat fehlt bei Rufin). B. (3,10) Post χάριν add τοῦ θεοῦ P 46 , 81, 1505, b, f, vg mss , Cl, Ambst, Pel, und in der altlateinischen Tradition: 51, 58, 78, 89. ♦ τέθεικα bieten 01 2 , 04 3 , 06, 044, M, Cl; εθηκα ist belegt durch P 46 , 01*, 02, 03, 04*, 0289 vid , 33, 1175, 1739, l 249, Did. ♦ Post ἄλλος om δέ P 46 , 06, Orig lat , Pel, Sed, Hier, 1827, bo a , Chrys. 61 ♦ (3,11) Ἰησοῦς om 04*, Tert, Pel. ♦ (3,12) Post θεμέλιον add τούτον 01 2 , 04 3 , 06, 020, 025, 044, 33, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1506, 1739, 1881, 2464, l 249, M, lat sy sa mss , bo, Epiph, Pel, om τούτον P 46 , 01*, 02, 03, 04*, 0289, 81, vg mss , sa mss , bo mss . ♦ Die Form χρυσὸν καὶ ἄργυρον findet sich in den Zeugen P 46 , 03, (sy p ), χρυσίον καὶ ἀργυρίον in 03, 0289 vid , (sy p ), Cl. Dagegen χρυσίον ἀργυρίον in 01, 04 vid , 630, 1175, 1506, 1739, l 249, und χρυσὸν ἄργυρον in 01, 06, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 1241, 1505, 1881, 2464, M, latt, co. ♦ (3,13) ὁ ποιήσας τοῦτο τὸ ἔργον φανερὸς γενήται findet sich in den Zeugen 06*, a, b, Ambst. ♦ Post πῦρ om αὐτό P 46 , 01, 06, 010, 012, M, Clem (? ), Orig, Chrys, Cyr, Thdt., add 02, 03, 04, 25, 33, 69, 181, 1836, 1898, 915, 917, 326, 436, 441, 256, 1349, 2127, Orig, Eus, Thdt, Bas. 62 ♦ (3,16) ἐν ὑμῖν οἰκεῖ in 03, 025, 0289, 33, 630, 1175, 1739; οἰκεῖ ἐν ὑμῖν in P 46 , 01, 02, 04, 06, 010, 012, 020, 044, 81, 104, 365, 1241, 1505, 1506, 1881, 2464, l 249, M, latt, Ir lat , Ambst, Epiph. ♦ (3,17) Anstelle von φθερεῖ bieten ein zweites φθείρει die Zeugen 06, 010, 012, 020, 025, 0289, 6, 33, 81, 614, 1175, 1241, 2464, l 249, vg mss , Ir, wohingegen φθερεῖ geboten wird von P 46 , 01, 02, 03, 04, 044, 104, 365, 630, 1505, 1506, 1739, 1881, M, lat, co. Zuntz sieht das doppelte φθείρει als Verderbnis. 63 ♦ Statt τοῦτον findet sich αὐτόν in 01, 06, 010, 012, sy p.hmg , Pel. Zuntz hält diese Lesart für eine Verderbnis. 64 ♦ (3,18) Post ἐξαπατάτω add κενοῖς λόγοις in 06 und in der altlateinischen Tradition: 75, 76. Zuntz hält die Worte für eine eingedrungene Glosse. 65 ♦ (3,20) Anstelle von σοφῶν ist ἀνθρώπων bezeugt in 33, 630, 1506, ar, vg mss , bo mss , Epiph pt . NA 28 notiert dies als die markionitische Lesart. Zuntz hält dies für eine falsche Lesart Markions. 66 ♦ (3,21) Anstelle von 2 (1Kor) 255 <?page no="1134"?> 67 Vgl. H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 68 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 445. ἀνθρώποις steht ἀνθρώπῳ in 012, Tert, Ambr, Aug und in der altlateinischen Tradition weiter in 61, 77, 78, 89. 67 C. 1. (3,10) Hilgenfeld erwähnt, dass Tertullian „erst auf V. 10 bis 14“ übergeht, „woran er V. 16-21 anschliesst“. 68 Zahn geht davon aus, dass die Verse 3,10-16 nach der kanonischen Fassung vorlagen. Harnack gibt für Vers 10 ὡς σοφὸς ἀρχιτέκτων θεμέλιον ἔθηκα als Text. Schmid führt nur auf σοφὸς ἀρχιτέκτων, deutet allerdings mit Auslassungszeichen davor und danach weiteren Text an, BeDuhn übersetzt ὡς σοφὸς ἀρχιτέκτων θεμέλιον ἔθηκα. 2. Die Variante des fehlenden τοῦ θεοῦ deutet daraufhin, dass auch die Verseröffnung präsent war, außerdem passt das in einigen Zeugen belegte τέθεικα mehr zu der Zeitstufe, in der Tertullian berichtet (affirmat). Nachdem das ἐποικοδομεῖ im folgenden vorkanonischen Text weitergeführt wird, scheint auch der Rest des Verses noch präsent gewesen zu sein. 3. Nimmt man nur den bezeugten Text von Vers 10, erkennt man, dass die kanonische Redaktion der deutlichen Aussage des *Paulus, dass er der weise Baumeister ist, der den Grundstein Christus legt, wie Vers 11 dann ergänzt, dadurch entschärft wird, dass gleich auf die Weiterbauenden verwiesen wird. Diese wurden zuvor von *Paulus zwar eingeführt, jedoch zugleich kritisiert. Die kanonische Redaktion hat hiergegen bereits die Eingangspassage 3,1-9 formuliert, bei der die Nachfolge des Paulus eingeführt wurde, deren Narrativ hier mit der Ergänzung fortgesetzt wird. All diese Zusätze erweisen sich folglich als eine zusammengehörige Argumentation, die kanonischer Art ist. 4. (3,11) Zahn sieht den Text in der kanonischen Form vorhanden. Harnack führt an: θεμέλιον γὰρ ἄλλον οὐδεὶς … ὅς ἐστιν Χριστός, BeDuhn übersetzt lediglich ὅς ἐστιν Χριστός. Schmid gibt als Text: θεμέλιον (γὰρ ἄλλον οὐδεὶς δύναται θεῖναι παρὰ τὸν κείμενον) ὅς ἐστιν Χριστός. BeDuhn hat gewiss richtig gesehen, was die Bezeugung betrifft, und dieser bezeugte Text erfordert nicht, wie der sonst so zurückhaltende Schmid wohl annimmt, einer narrativen Ergänzung. θεμέλιον ist zwar, wie Zahn, Harnack und Schmid richtig gesehen haben, durch Tertullian bezeugt (aedificationem-… fundamentum), doch gerade wegen des dabeistehenden Hinweises auf den Bau, bezieht sich dieses Zeugnis eher auf Vers 12, nicht auf Vers 11, während das positurus auf τέθεικα verweist. Damit ergibt allein der bezeugte Text der Verse 256 Rekonstruktion <?page no="1135"?> 69 M.D. Goulder, Luke. A New Paradigm (1989), 563. 10 und 11, wie wir im Verbund mit Vers 12 sehen werden, einen schlüssigen Text. 5. (3,12-13) Zahn nimmt die Präsenz des Textes in der kanonischen Form an. Harnack sieht nur „Anspielungen“ durch Tertullian. Schmid sieht als gegeben: (εἰ δέ) τὶς (sic) ἐποικοδομεῖ ἐπὶ τὸν θεμέλιον … ἑκάστου (? ) τὸ ἔργον-… ἐν πυρὶ-… δοκιμάσει. BeDuhn übersetzt: εἰ τις ἐποικοδομεῖ ἐπὶ τὸν θεμέλιον … ἑκάστου τὸ ἔργον φανερὸν γενήσεται,-… ἐν πυρὶ [ἀποκαλύπτεται]. Dass jedoch die Wendung χρυσόν, ἄργυρον, λίθους τιμίους, ξύλα, χόρτον, καλάμην nicht gefehlt zu haben scheint, deutet sich in Tertullians dignam scilicet vel indignam an. 6. (3,13) Das nachfolgende ἡ γὰρ ἡμέρα δηλώσει ist unbezeugt und wäre von Tertullian wohl kaum übergangen worden. 7. Auf die enge Verbindung zwischen *Ev 12,56 und *1Kor 3,13, selbstver‐ ständlich nur mit Blick auf die kanonische Ebene, hat bereits Goulder hinge‐ wiesen. 69 8. (3,14) Zahn rechnet mit dem kanonischen Text, Harnack sieht keine Bezeugung, Schmid sieht μισθὸν λήμψεται bezeugt, BeDuhn übersetzt: [καὶ-… εἴ-… μενεῖ] (ὃ ἐποικοδόμησεν) μισθὸν λήμψεται. Tertullian gibt zwar nur Stücke des Verses, diese sind jedoch zu erkennen, auch wenn die Satzstruktur, die ihm vorgelegen war, nicht mit Sicherheit herzustellen ist. 9. (3,15) Zahn nimmt eine unbestimmbare Form dieses Verses an, Harnack äußert sich nicht zu ihm, Schmid gibt … διὰ πυρός und BeDuhn folgt Schmid, setzt jedoch den Rest des Verses in Klammern. Nun bezeugt Tertullian jedoch nur Vers 14, denn, wo er von per ignem spricht, geht es zunächst um merces … rependetur, was in Vers 14 μισθὸν λήμψεται entspricht, dann aber folgt per ignem iudicatur, womit er zurück auf Vers 13 geht, weil dies τὸ ἔργον … τὸ πῦρ αὐτὸ δοκιμάσει entspricht. Demzufolge wird das in Vers 15 kanonisch stehende διὰ πυρός gar nicht aufgegriffen, zumal es auch keine Anspielung bei Tertullian zum Niederbrennen, Verlust und zur Rettung gibt. Der Fehler unterlief allein, weil bei Tertullian die Formulierung per ignem an διὰ πυρός hat denken lassen, nicht zu Unrecht, jedoch nicht Vers 15, sondern Vers 13 inhaltlich wiedergegeben wird. Vers 15 ist folglich, wie Zahn und Harnack erkannt hatten, durch Tertullian nicht bezeugt. Auch narrativ schließt Vers 16 unmittelbar an Vers 14 an. Mehr noch, Tertullian hätte sich einen Vers 15 wohl kaum entgehen lassen. 2 (1Kor) 257 <?page no="1136"?> 70 H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul II. La première épître aux Corinthiens, traduction nouvelle avec introduction et notes (1926), 24. 10. αὐτὸς δὲ σωθήσεται, οὕτως δὲ ὡς weist Couchoud der katholischen Redaktion zu. 70 11. (3,16) Zahn sieht hier den kanonischen Text präsent. Harnack rekonstru‐ iert, basierend auf Tertullian: οὐκ οἴδατε ὅτι ναὸς θεοῦ ἐστε καὶ ἐν ὑμῖν οἰκεῖ τὸ πνεῦμα τοῦ θεοῦ. Ihm folgt Schmid. BeDuhn übersetzt den kanonischen Text. Zwar legt Tertullian die Harnack-Schmid Fassung nahe, doch wissen wir, dass die Wortstellung von Tertullian nicht immer der griechischen entspricht. Die oben in B. aufgeführten Zeugen legen eher die obige Lösung nahe, die Tertullian zum Vorziehen des ὑμῖν veranlasst haben kann. Darüber hinaus scheint Tertullian nicht das verbum simplex οἰκέω gelesen zu haben, sondern das sonst mehrfach kanonisch stehende ἐνοικέω (inhabitet), auch wenn es hierfür sonst keine Variante in den Handschriften gibt. Wie wir an *Gal 5,14 ablesen können, weil wir dort die Doppelbezeugung Tertullian/ Epiphanius besitzen, gibt Tertullian den Dativ ὑμῖν mit in vobis wieder: Epiph., Pan. 42, sch, 5: ὁ γὰρ πᾶς νόμος ὑμῖν πεπλήρωται, ἀγαπήσεις τὸν πλησίον σου ὡς σεαυτόν. Tert., Adv. Marc. V 4,12: Tota enim, inquit, lex in vobis adimpleta est: Diliges proximum tuum tanquam te. Es ist eine der typischen Gewohnheiten der kanonischen Redaktion, diesen Dativ in ein ἐν ὑμῖν zu ändern, wie die Lexik erweist. 12. (3,17) Zahn rechnet mit dem kanonischen Text für den bezeugten Teil (außer φθερεῖ, φθαρήσεται). Den zweiten Teil des Verses sieht er präsent, auch wenn der Wortlaut nicht bestimmbar ist. Harnack stimmt, was den ersten Teil betrifft, mit Zahn überein, sieht aber den zweiten Teil nicht präsent. Schmid nimmt als Text an εἴ τις τὸν ναὸν τοῦ θεοῦ φθείρει, (φθερεῖ) τοῦτον ὁ θεός; Beduhn folgt Zahn. Die Urteile der früheren Editoren verwundern, denn Tertullians utique a deo templi ist, wie das utique verdeutlicht, Tertullians Interpretation. Ihm lag als Subjekt für das zweite φθείρει gerade nicht ὁ θεός oder ein Instrumentalis desselben vor, sondern auch er las, dass der Tempelzerstörer, wie in Vers 12 verdeutlicht, durch das Feuer geprüft wird. Wer also mit Holz baut und damit die Grundlage für die Zerstörung von Gottes Tempel legt, den zerstört das Feuer. Damit wird auch Tertullians Schluss erklärlich - denn wer auf Material baut, also auf den Leib, und wer kein geistlicher Tempel Gottes ist, der wird sich nicht wundern müssen, wenn ihn Feuer zerstören wird. Hieraus leitet Tertullian 258 Rekonstruktion <?page no="1137"?> 71 Vgl. zur Duplikationstendenz die Einleitung, I, S. 563-568. ab, dass Markion nicht nur das Materielle, sondern auch den Schöpfer des Materiellen zum eigentlichen Verantwortlichen des Feuerbrandes macht. Das vitiabitur ist folglich Teil der kanonischen Redaktion, die Gott als Vollstrecker versteht. 13. (3,18) Bezeugt ist nur der zweite Teil des Verses, und zwar im Plural, weshalb Zahn vorschlägt: μωροὶ γίνεσθε, ἵνα γένησθε σοφοί, wobei er durch die Auslassungszeichen andeutet, dass er auch Text davor annimmt. Harnack zeigt den Beleg an, nimmt aber für den „Grundtext“ den Singular an, rechnet also wohl auch mit dem Plural hier. Schmid rechnet mit dem kanonischen Text des Bezeugten. BeDuhn stellt in Klammern εἴ τις δοκεῖ σοφὸς εἶναι ἐν ὑμῖν ἐν τῷ αἰῶνι τούτῳ und übersetzt den Rest des Verses nach dem kanonischen Text. Keiner hat demnach den Anfang des Verses aufgenommen, doch für diesen könnte die Erweiterung in 06 sprechen. Hingegen scheint der Mittelteil schon wegen des Plurals (ἐν ὑμῖν) eher als Glosse der kanonischen Redaktion. Wie schon öfter, könnte sie auch an dieser Stelle eine gewisse redundante Doppelung hinzugefügt haben, wenn sie auf diesen Äon verweist, der dann gleich im nächsten Vers mit „diesem Kosmos“ wieder anklingt. 71 Durch den Singular und die Anrede im unbezeugten Teil wird die Aussage auf die Leser- oder Hörerschaft hingeordnet und aus einer allgemeinen Überlegung ein auf die Gemeinde hingerichteter Appell an die Einzelnen. 14. (3,19-20) Alle früheren Editoren nehmen den kanonischen Text an mit Ausnahme des widersprüchlich bezeugten ἀνθρώπων/ σοφῶν in Vers 20. Das Zeugnis Tertullians und das des Epiphanius unterscheiden sich hier näm‐ lich. ἀνθρώπων wird geboten von Epiphanius, während Tertullian sapientium schreibt. ἀνθρώπων stammt aus der LXX und ist auch belegt durch einige Zeugen. Hilgenfeld verweist auf Epiphanius, Zahn optiert für den kanonischen Text, Harnack nimmt Tertullian gemäß eine Wortumstellung vor ἐστιν παρὰ τῷ θεῷ, die jedoch keine Spur in den Handschriften hinterlassen hat und nicht zwingend ist. Ansonsten nimmt er den obigen Text, setzt jedoch noch in Klammern hinter ἀνθρώπων die Alternative (σοφῶν? ). Umgekehrt nimmt Schmid das σοφῶν in den Text, fügt aber hinzu: (vel ἀνθρώπων! ). BeDuhn übersetzt σοφῶν. Nach dem Prinzip der Bezeugung in den Handschriften und der größten Entfernung vom kanonischen Text ist hier ἀνθρώπων gewählt. 2 (1Kor) 259 <?page no="1138"?> 72 H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul II. La première épître aux Corinthiens, traduction nouvelle avec introduction et notes (1926), 23. 15. (3,21-23) Hilgenfeld verweist auf Adamantius, hält aber die Auslassung von εἴτε Ἀπολλῶς für eine „Zufälligkeit“. Zahn gibt den Text in der kanonischen Form, vermerkt aber die Auslassung von εἴτε Ἀπολλῶς. Dem widerspricht Harnack, der den Ausfall auf das Exemplar des Adamantius zurückführt, was grundsätzlich möglich ist, und folgt Tertullian. Gleichwohl überzeugt eher die Auslassung von Apollos. Denn ansonsten würde man ja annehmen müssen, dass der Name sowohl in Adamantius’ kano‐ nischen wie auch markionitischen Apostolos ausgefallen war, was hier letztlich zur selben Entscheidung führt, dass der Name eben nicht im markionitischen Apostolos stand. Auch wenn sonst der Dialog mit Vorsicht zu gebrauchen ist, insbesondere, was nicht dem Markioniten in den Mund gelegt ist, scheint man ihm an dieser Stelle folgen zu sollen. Harnack weist auch auf den Singular ἐν ἀνθρώπῳ hin. Schmid gibt den Text wie oben, jedoch mit εἴτε Ἀπολλῶς. Die Auslassungszeichen nach Vers 22 deuten an, dass Schmid noch mit weiterem Text rechnet. BeDuhn übersetzt den Plural ἐν ἀνθρώποις, auch εἴτε Ἀπολλῶς und übersetzt auch Vers 23. Auffallend ist die Anführung von Κηφᾶς, da diese Schreibweise anstelle von Petrus als Merkmal der kanonischen Redaktion zu finden ist. Hier ist jedoch Κηφᾶς gut bezeugt ohne Abweichungen in den Handschriften, und es kann sein, dass aufgrund der Kritik („Daher soll sich niemand eines Menschen rühmen“) hier nicht Petrus, sondern Κηφᾶς Verwendung fand. 16. (3,23) Dieser Vers 23, der bei Tertullian nicht bezeugt ist, jedoch im Dialog des Adamantius, könnte zu *1Kor gehört haben, denn er scheint auf *1Kor 3,11 aufzubauen und wirkt wie ein Schluss des Arguments. Allerdings sieht Delafosse nur die Nähe der Gedanken von *1Kor 3,21-22 zu Markion. 72 D. (3,10) Zum bezeugten Versteil: Die Wendung Κατὰ τὴν χάριν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 12,6; 1Kor 3,10; 2Thess 1,12). ♦ Die Wendung τὴν δοθεῖσάν μοι steht 4 Mal im NT (Röm 15,15, in einem Vers, der in *Paulus fehlt: διὰ τὴν χάριν τὴν δοθεῖσάν μοι ὑπὸ τοῦ θεοῦ; 1Kor 3,10; Gal 2,9: τὴν χάριν τὴν δοθεῖσάν μοι; Kol 1,25: κατὰ τὴν οἰκονομίαν τοῦ θεοῦ τὴν δοθεῖσάν μοι). Überhaupt steht die Kombination τὴν χάριν τὴν δοθεῖσαν + Dativ nur im kanonischen Paulus, vgl. zu Gal 2,9. ♦ σοφός steht 24 / 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,21; *1Kor 1,25; 3,18. 19. ♦ ἀρχιτέκτων ist Hapax legomenon im NT. ♦ θεμέλιος steht 16 / 15 Mal im NT, ist aber gleich wieder kanonisch bezeugt für die nächsten beiden Verse, auch für 260 Rekonstruktion <?page no="1139"?> *Laod 2,20. ♦ τίθημι steht 110 / 100 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,10. 11; 12,18. 28; 15,25. Zum unbezeugten Versteil: ἄλλος steht 172 / 155 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ ἐποικοδομέω steht 9 / 7 Mal im NT, vorkanonisch gleich weiter unten in Vers 12 bezeugt, auch noch ein Mal in *Laod 2,20. ♦ Die Kombination ἕκαστος δέ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 3,8. ♦ βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im NT findet, ist schmal bezeugt für die vorkanonische Ebene in *Ev und *2Kor 4,18. ♦ πῶς steht 109 / 103 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,35. Zur Rekonstruktion: Der bezeugte Teil scheint den Vers vorkanonisch eröffnet zu haben, wie gerade die Lexik bezeugt, die die unbezeugte kanonische Eröff‐ nung als ausschließlich kanonische Sprache bestätigt. Da der bezeugte Teil von Vers 11 argumentativ unmittelbar an Vers 10 anschließt und das ἕκαστος δέ aufgrund der vorkanonisch nicht belegten Sprache einen Hinweis darauf gibt, dass der unbezeugte Teil kanonische Ergänzung ist, wird man diesen in der vorkanonischen Fassung als fehlend ansehen. (3,11) Zu θεμέλιος vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ Die Kombinationen γὰρ ἄλλον und ἄλλον οὐδείς sind Hapax legomena im NT. ♦ ἄλλος, das 172 / 155 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ Das kanonisch beliebte οὐδείς (Nom. Mask. Sg.), das 96 Mal im NT steht, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8; 9,15; *Laod 5,29. ♦ Die Kombination οὐδεὶς δύναται hingegen begegnet 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 6,24; Joh 6,44. 65; 9,4; 10,29; 1Kor 3,11; 12,3; Apk 3,8). ♦ κεῖμαι steht 30 / 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ παρά, das 217 / 194 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8. 12; *1Kor 3,19; *Röm 2,13; 12,16; *2Thess 1,6, vgl. weiter unten zu Vers 19. Zur Rekonstruktion: Wie in C. näher erläutert, scheint nur der bezeugte Versteil zur vorkanonischen Fassung zu gehören. Dies bestätigt die Lexik, da die Kombination οὐδεὶς δύναται und das Verb κεῖμαι ausschließlich kanonisch bezeugt sind. Es legt sich darum nahe, dass die Ergänzungen auf die kanonische Redaktion zurückgehen und im vorkanonischen Text gefehlt haben. (3,12) Das unbezeugte εἰ δέ τις steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 8,9; 1Kor 3,12; 7,36; 8,3; 11,16; 14,38; 2Kor 2,5; 2Thess 3,14; 1Tim 3,5; 5,8; Jak 1,5). ♦ Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ ἐποικοδομέω steht 9 / 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt in *Laod 2,20. ♦ τοῦτον, das 63 Mal im NT steht, ist 2 (1Kor) 261 <?page no="1140"?> vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ χρυσός steht 12 / 10 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἄργυρος steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ λίθος steht 70 / 59 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ τίμιος steht 11 Mal im NT, vielleicht präsent in *Ev 7,2. ♦ ξύλον, das 20 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,13. ♦ χόρτος steht 17 / 15 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ καλάμη ist Hapax legomenon im NT. Zur Rekonstruktion: Die Rekonstruktion folgt dem Zeugnis Tertullians, auch wenn manche Begriffe von ihm nur umschrieben werden. Die Kontrastbezeich‐ nungen Gold und Silber im Gegensatz zu Heu und Stroh scheinen, wie die fehlende Bezeugung und Lexik nahelegen, eine Emphatisierung durch die kanonische Redaktion zu sein. (3,13) ἕκαστος steht 87 / 82 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 4,5; 7,7; *2Kor 5,10; *1Thess 4,4; *Laod 4,25. ♦ Die Form ἑκάστου steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 17,27; 21,26; 1Kor 3,13; 2Thess 1,3; 1Petr 1,17). ♦ φανερός, das 22 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,17; *Gal 5,19; *Röm 2,28. ♦ φανερὸν γενήσεται begegnet wörtlich wieder für *Ev bezeugt in *Ev 8,17. ♦ δηλόω steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ὅτι ἐν steht 35 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 8,2. ♦ Die Wendung ἐν πυρί steht 6 Mal im NT (1Kor 3,13; 2Thess 1,8; 4 Mal Apk), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀποκαλύπτω steht 33 / 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,17. 18; *2Thess 1,7, 2,3. ♦ ὁποῖος, das sich 5 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch lediglich bezeugt für *2Kor 3,14; 4,13. ♦ δοκιμάζω, das 25 / 22 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 12,56. Zur Rekonstruktion: Die Rekonstruktion folgt dem Zeugnis Tertullians, auch wenn dieser teilweise nur Begriffe andeutet und für andere Umschreibungen bietet. Folglich ist die Lexik zu berücksichtigen, derzufolge das unbezeugte ἡ γὰρ ἡμέρα δηλώσει auf die kanonische Redaktion zurückzugehen scheint, auch das zweimalige ἑκάστου, das der emphatischen Verstärkung dient. (3,14) τινος (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Sg.) steht 24 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination εἴ τινος steht nur 3 Mal im NT, wieder bezeugt für *Ev 19,8, wie hier als Satzeröffnung. ♦ μένω steht 131 / 118 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,28 und *1Kor 7,11. ♦ ἐποικοδομέω steht 9 / 7 Mal im NT, vorkano‐ nisch bezeugt für *1Kor 3,12; *Laod 2,20. ♦ μισθός, das 30 / 29 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,7 und *1Kor 3,14. ♦ Die hier vorkanonisch bezeugte 262 Rekonstruktion <?page no="1141"?> Kombination μισθὸν λήμψεται wurde bereits weiter oben in 1Kor 3,8 kanonisch vorweggenommen. Sie begegnet auch sonst noch öfter auf der kanonischen Ebene, erstaunlicherweise nicht in Lk, sondern in Mt 10,41; 19,29; Joh 16,14; Jak 1,7. 12. Zur Rekonstruktion: Die Eröffnung, die sich nicht wörtlich bei Tertullian findet, scheint dennoch vorkanonisch zu stehen, was ihre Seltenheit erläutern würde. Da auch in diesem Vers Tertullian nur einzelne Begriffe bietet, bleibt die Textgestalt mit Unsicherheit belastet, wird jedoch durch die Lexik, die weithin sonst vorkanonisch bezeugte Termini aufweist, gestützt. (3,15) Zu τινος (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Sg.) vgl. zuvor zu Vers 14. ♦ κατακαίω steht 13 / 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ζημιόω steht 7 / 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ αὐτός (Nom. Mask. Sg.), das 153 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 2,14; *Kol 1,17. ♦ Die Kombination αὐτὸς δέ steht 22 Mal im NT, etwa Lk 5,16; 18,39, in Versen, die in *Ev fehlen, ist jedoch vorkanonisch bezeugt in *Ev 20,44, bei Paulus steht sie nur auf der kanonischen Ebene (1Kor 2,15; 3,15; 2Kor 10,1; 1Thess 3,11; 5,23; 2Thess 2,16; 3,16). ♦ σῴζω ist 112 / 107 Mal im NT belegt und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 21; 5,5; *2Thess 2,10. ♦ Die Form σωθήσεται steht jedoch 13 Mal im NT, immer nur auf der kanonischen Ebene (Mt 10,22; 24,13; Mk 13,13; 16,16; Lk 8,50; Joh 10,9; 11,12; Apg 2,21; Röm 9,27; 10,13; 11,26; 1Kor 3,15; 1Tim 2,15). ♦ Die Kombination οὕτως δέ steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 10,43; Röm 15,20, in einem Vers, der in *Paulus fehlt; 1Kor 3,15; 8,12). ♦ Die Kombination δὲ ὡς steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 11,29; 1Kor 3,15; 2Kor 13,7; Hebr 3,6; 1Petr 4,16; 2Petr 2,12). ♦ Die Kombination διὰ πυρός begegnet nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in 1Petr 1,7. Zur Abwesenheit: Wie in C. näher begründet, ist der Vers unbezeugt. Dass er auch vorkanonisch gefehlt hat, wird durch die Lexik deutlich gestützt. Es gibt mehrere ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehende Termini (κατακαίω; ζημιόω), eine Verbform (σωθήσεται) und Kombinationen (οὕτως δέ; δὲ ὡς; διὰ πυρός). Der Vers wird folglich in der vorkanonischen Version gefehlt haben und auf die kanonische Redaktion zurückgehen. (3,16) οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8. ♦ ναός steht 49 / 45 Mal im NT und ist vorkanonisch wieder bezeugt in *2Thess 2,4. ♦ Die auf der kanonischen Ebene stehende Wendung ἐν ὑμῖν findet sich 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ οἰκέω steht 39 / 9 Mal im NT und ist ausschließlich kanonisch bezeugt. ♦ Die sich durch Tertullian hier nahelegende Variante ἐνοικέω steht weiters 5 Mal nur auf der kanonischen Ebene. 2 (1Kor) 263 <?page no="1142"?> Zur Rekonstruktion: Wie in C. ausgeführt ist der Vers weithin unstrittig bis auf die Stellung der letzten drei Wörter und der Frage, ob wir es beim letzten Verb mit einem verbum simplex oder compositum zu tun haben. Was die Frage der Stellung betrifft, folgt der Text der handschriftlichen Variante in den Zeugen und, was die letzte Frage betrifft, folgt er Tertullian mit dem verbum compositum. (3,17) Zum bezeugten Versteil: Die Eröffnung εἴ τις findet sich 40 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt (mit leichter Abwandlung: εἴ τινός τι) in *Ev 19,8. ♦ ναός, das 49 / 45 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bei *Paulus bezeugt, vgl. zuvor zu Vers 16. ♦ Zum vorkanonisch weiter bezeugten ναός vgl. den voranstehenden Vers 3,16. ♦ φθείρω, das 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur hier bezeugt. ♦ Zu τοῦτον vgl. zuvor zu Vers 12. Zum nicht mehr bezeugten Versteil: ἅγιος steht 257 / 233 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 7,12; *Laod 1,13. 18; 2,19. Zur Bezeichnung von Menschen steht der Begriff jedoch vorwiegend auf der kanonischen Ebene, vorkanonisch lediglich bezeugt für *Ev und *Laod 1,19. ♦ ὅστις, das 165 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt Tertullian, der unbezeugte Teil, der das ἅγιος (wie auch den Tempel) auf die Angeredeten bezieht, wird vermutlich auf die kanonische Redaktion zurückgehen und im vorkanonischen Text gefehlt haben. (3,18) Zum unbezeugten Versteil: μηδείς als Satzeröffnung steht 5 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene (1Kor 3,18; 10,24; Eph 5,6; Kol 2,18; Jak 1,13). ♦ ἐξαπατάω steht 7 / 6 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Formulierung εἴ τις δοκεῖ findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 3,18; 8,2; 14,37; Gal 6,3; Jak 1,26). ♦ Der Infinitiv εἶναι steht 125 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ ἐν τῷ αἰῶνι τούτῳ steht 2 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,25. Zum bezeugten Versteil: μωρός, das 14 / 12 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt *1Kor 1,25. 27; 3,18. ♦ Die Kombination ἵνα γένησθε ist nur hier vorkanonisch bezeugt und steht 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, Phil 2,15. ♦ Die Kombination ἵνα γένηται begegnet 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 10,25; 23,26; Lk 4,3, ein Vers, der in *Ev fehlt; Röm 7,13; 15,16, ein Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 3,18; Kol 1,18). ♦ σοφός steht 24 / 20 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 1,25; 3,19 und *Ev 10,21. Zur Rekonstruktion: Der unbezeugte Versteil weist ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehende Termini (μηδείς; ἐξαπατάω) und Formulierungen 264 Rekonstruktion <?page no="1143"?> (εἴ τις δοκεῖ) auf, die diesen Teil auf die kanonische Ebene verweist, er wird folglich vorkanonisch gefehlt haben, während der vorkanonisch bezeugte Teil auch weiter vorkanonisch bezeugte Termini bzw. eine Kombination bietet, die Hapax legomenon ist. Die Lexik spricht auch für die von Tertullian gebotene Lesart γένησθε. (3,19-20) σοφία ist sowohl für *Ev wie *Paulus bezeugt. ♦ τούτου, das 69 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,34; *1Kor 2,6. 8; 3,19; *2Kor 4,4; *Röm 7,24; *Laod 2,2; 6,12. ♦ μωρία, das nur 5 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,21. ♦ Zu παρά vgl. weiter oben zu Vers 11. ♦ Die Kombination παρὰ θεῷ steht 6 Mal im NT (Mk 10,27; Lk 2,52; Röm 2,13; 1Kor 7,24; 2Thess 1,6; 1Petr 2,20), vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,27; *Röm 2,13. ♦ Die alternative Kombination παρὰ τῷ θεῷ steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 10,27; Lk 1,30; 18,27; Röm 2,11. 13; 9,14; 1Kor 3,19; Gal 3,11; Jak 1,27). ♦ δράσσομαι ist Hapax legomenon im NT. ♦ πανουργία, das nur 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur für diese Stelle hier bezeugt. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt, wie bei den früheren Editoren, dem Zeugnis Tertullians, allerdings wird aufgrund des Vergleichs der Lexik das τῷ gestrichen, weil die Formulierung mit diesem Artikel lediglich kanonisch bezeugt ist, während die Wendung ohne den Artikel vorkanonisch in *Ev und *Paulus bezeugt ist, in *Ev hat die kanonische Redaktion jedoch, genau wie hier, den bestimmten Artikel hinzugefügt. (3,20) πάλιν, das 159 / 141 Mal im NT steht, etwa Lk 6,42, wo im parallelen Vers in *Ev der Begriff fehlt, findet sich mit Ausnahme von *1Kor 3,20 (in der Kombination καὶ πάλιν als Hinweis auf ein weiteres Schriftzitat) alleinstehend nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Auch die Kombination καὶ πάλιν, die 27 Mal im NT steht, davon 15 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mt 26,72; 5 Mal Mk; Lk 13,20; 2 Mal Joh; Röm 15,10. 11. 12, in drei Versen, die in *Röm fehlen; 1Kor 3,20; Hebr 2,13; Jak 5,18; im Vers: 5 Mal Joh; Apg 27,28; 1Kor 5,7; 2Kor 1,16; Gal 1,17; Hebr 1,5; 10,30), findet sich ansonsten nur auf der kanonischen Ebene. An dieser einen Stelle, an der sowohl Tertullian wie Epiphanius den Begriff bezeugen, kann er natürlich vorkanonisch gestanden sein, geht vielleicht aber auch zurück auf die Zitiergewohnheit, zwei Schriftzitate anzuführen. ♦ διαλογισμός steht 14 Mal im NT und ist nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ μάταιος steht 6 Mal im NT steht und ist ebenfalls vorkanonisch nur hier bezeugt. Das verwandte ματαιόω steht nur 4 Mal im NT und ist ansonsten nur kanonisch bezeugt (Apg 14,15; Röm 1,21; 1Kor 3,20; Tit 3,9). 2 (1Kor) 265 <?page no="1144"?> Zur Rekonstruktion: Die Verse folgen dem Zeugnis Tertullians und dem des Epiphanius mit Ausnahme von deren Bezeugung der Formulierung καὶ πάλιν in Vers 20, wie zuvor in D. begründet, und der Wahl des widersprüchlich bezeugten ἀνθρώπων, wie in C. verdeutlicht. (3,21) Die Kombination ὥστε μηδείς ist Hapax legomenon im NT. ♦ καυχάομαι steht 39 / 37 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29. 31; 3,21. ♦ Die Kombination ἐν ἀνθρώποις steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 1,25; 2,14; 16,15 - hier bietet Tertullian Quod elatum est apud homines perosum est deo, was Klinghardt für eine Bezeugung hält von ὅτι τὸ ἐν ἀνθρώποις ὑψηλὸν βδέλυγμα ἐνώπιον τοῦ θεοῦ, doch das apud steht nicht vor Gott, sondern vor den Menschen, man müsste folglich eher ὅτι τὸ ἐνώπιον τῶν ἀνθρώπων ὑψηλὸν βδέλυγμα τοῦ θεοῦ rekonstruieren; Apg 4,12; 1Kor 3,12). ♦ Die Kombination ἐν ἀνθρώπῳ ist hingegen Hapax legomenon im NT. ♦ Die Kombination πάντα γάρ steht nur 2 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt, das andere Mal in Mk 10,27. ♦ Die Kombination πάντα γὰρ ὑμῶν ist Hapax legomenon im NT. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, wird aber auch durch die Lexik gestützt durch Termini, die vorkanonisch weiter bezeugt sind oder sich als Hapax legomena erweisen. Dadurch wird auch der Singular ἐν ἀνθρώπῳ, den Tertullian und einige Zeugen aufführen, bestätigt. (3,22) εἴτε steht 67 / 65 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 8,5; *2Kor 5,10; *Phil 1,18. ♦ Eine Wiederholung von εἴτε im selben Vers (wenn auch nur 1 weiteres Mal1 weiteres Mal), begegnet vorkanonisch an diesen drei aufgeführten Stellen; vielleicht auch *1Kor 14,7; *2Kor 1,6 (und hat mit einer zweifachen Wieder‐ holung vielleicht gestanden in *1Kor 10,31; 13,7). ♦ Παῦλος, der 174 / 158 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,1; *1Kor 1,1; 3,22; *2Kor 1,1; *Röm; *1Thess 1,1; *2Thess 1,1; *Laod 1,1; *Kol 1,1. ♦ Ἀπολλῶς ist 17 / 10 Mal im NT zu finden, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ θάνατος steht 124 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ Die Form ἐνεστῶτα steht 2 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt, das andere Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 8,38. ♦ Auffallenderweise begegnet auch die Form μέλλοντα nur 2 Mal im NT, ebenfalls nur hier vorkanonisch bezeugt und wiederum an derselben Stelle Röm 8,38, was neben weiteren sprachlichen Parallelen darauf hinweist, dass wir es bei Röm 8,38 um eine Duplikation der vorliegenden vorkanonischen Stelle zu tun haben. Zur Rekonstruktion: Wiederum folgt der Text dem Zeugnis Tertullians, mit Ausnahme der Auslassung des Apollos, die, wie in C. erläutert dem Zeugnis des Adamantius geschuldet ist. 266 Rekonstruktion <?page no="1145"?> 73 Vgl. Ibid. 19-21. (3,23) Die Kombination ὑμεῖς δέ steht 37 Mal im NT, davon 18 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 4,28. ♦ Die Kombination Χριστὸς δέ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 3,23; Hebr 3,6; 9,11). Zur Abwesenheit: Obwohl dieser Vers nur sechs Wörter umfasst, fallen zwei Kombinationen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene nachweisbar sind (ὑμεῖς δέ; Χριστὸς δέ), der Vers wird folglich zur kanonischen Redaktion gehören und im vorkanonischen Text gefehlt haben. Kapitel 4 4,[1-4]: [Das Urteil über Paulus] Diese Passage ist unbezeugt und stellt eine typische kanonisch redaktionell inszenierte Selbstreflexion des Paulus dar. - 4,1 Οὕτως ἡμᾶς λογιζέσθω ἄνθρωπος ὡς ὑπηρέτας Χριστοῦ καὶ οἰκονόμους μυστηρίων θεοῦ. 2 ὧδε λοιπὸν ζητεῖται ἐν τοῖς οἰκονόμοις ἵνα πιστός τις εὑρεθῇ. 3 ἐμοὶ δὲ εἰς ἐλάχιστόν ἐστιν ἵνα ὑφ’ ὑμῶν ἀνακριθῶ ἢ ὑπὸ ἀνθρωπίνης ἡμέρας· ἀλλ’ οὐδὲ ἐμαυτὸν ἀνακρίνω· 4 οὐδὲν γὰρ ἐμαυτῷ σύνοιδα, ἀλλ’ οὐκ ἐν τούτῳ δεδικαίωμαι, ὁ δὲ ἀνακρίνων με κύριός ἐστιν. A. Die Verse sind vorkanonisch unbezeugt. B. Keine nennenswerten Varianten. C. (4,1-4) Die fehlende Bezeugung dieser Verse wie auch ihr inhaltlicher Bruch mit den vorangegangenen und den nachfolgend bezeugten Versen lässt sie als Produkt der kanonischen Redaktion erscheinen. Allerdings wurde der Passus gerade deshalb, weil sich Paulus in ihm selbst verteidigt, an Markion als Autor verwiesen. 73 In Vers 5 ist davon nicht mehr die Rede, sondern es geht um das Lob, das jeder „von Gott erhalten“ soll. 2 (1Kor) 267 <?page no="1146"?> D. (4,1) Οὕτως ἡμᾶς ist als Kombination Hapax legomenon im NT. ♦ Obwohl der unscheinbare Begriff λογίζομαι in der kanonischen Ausgabe 43 / 41 Mal vorkommt, davon allein im Römerbrief 18 Belegstellen, auch eine im Galaterbrief und 8 Mal im Zweiten Korintherbrief, findet er sich ausschließlich auf der kanonischen Redak‐ tionsebene, vgl. 1Kor 13,5. ♦ Der etwas speziellere Begriff ὑπηρέτης, der 23 / 20 Mal im NT steht, ist ebenfalls nur für die kanonische Redaktion belegt. In den paulinischen Briefen begegnet nur die vorliegende Stelle. ♦ Das verwandte Verb ὑπηρετέω, das 3 Mal im NT steht, ist nur für die Apg belegt, 13,36; 20,34; 24,23. ♦ οἰκόνομος, das 10 Mal im NT steht, begegnet überhaupt nur auf der kanonischen Ebene. ♦ μυστήριον steht 30 / 28 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,1. 7; *Laod 1,9; 3,9; 5,32. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers weist gleich drei ausschließlich ka‐ nonisch belegte Termini (λογίζομαι; ὑπηρέτης; οἰκόνομος) auf, er wird folglich der redaktionischen Ebene zuzurechnen sein und in der vorkanonischen Version gefehlt haben. (4,2) ὧδε steht 71 / 61 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 17,21, ist jedoch ein ausgesprochen beliebter Begriff der kanonischen Redaktion. ♦ ζητέω, das 130 / 117 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *Röm 10,3. ♦ οἰκόνομος ist, wie zuvor zu Vers 1 bemerkt, ein ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu findender Begriff. Das verwandte οἰκονομέω steht 3 Mal im NT, ebenfalls nur auf der kanonischen Ebene (Lk 16,2; 1Kor 4,2; 1Petr 4,10). ♦ πιστός steht 69 / 67 Mal im NT, vorkanonisch nur negativ bezeugt für *Ev 16,11. 12, als positive (und negative) Charakterisierung steht es nur auf der kanonischen Ebene, insbesondere in der Apg und den Pseudopaulinen. ♦ εὑρίσκω steht 198 / 176 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Phil 2,7. ♦ Die Form εὑρεθῇ begegnet allerdings nur 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,2; 1Petr 1,7; Apk 18,21. 22). Zur Abwesenheit: Bei diesem Vers wird die fehlende Bezeugung durch die Lexik (οἰκόνομος; εὑρεθῇ) und die Semantik (πιστός) bestätigt. Der Vers wird also von der kanonischen Redaktion formuliert worden sein und war in der vorkanonischen Version abwesend. (4,3) Die Kombination ἐμοὶ δέ begegnet nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene Gal 6,14, und zwar auch als Verseröffnung. ♦ ἐλάχιστος steht 13 / 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ Die Form ἐμαυτόν steht 18 Mal im NT, etwa Lk 7,7, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 2,18. ♦ ἀνακρίνω, das in den Versen 3-4 gleich dreimal 268 Rekonstruktion <?page no="1147"?> begegnet, ist nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ ἀνθρώπινος steht 8 / 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐμοὶ δέ; ἐλάχιστος; ἐμαυτόν; ἀνακρίνω; ἀνθρώπινος). Eindrücklich stützt die Lexik in diesem Vers die Zugehörigkeit des Verses zur kanonischen Ebene, er hat vorkanonisch gefehlt. (4,4) οὐδέν (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 8,4. ♦ Die Kombination οὐδὲν γάρ, die 4 Mal im NT steht, findet sich allerdings ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,4; 2Kor 12,11; 1Tim 6,7; Hebr 7,19). ♦ Auch die Kombination γὰρ ἐμαυτῷ, die 2 Mal im NT steht, ist nur kanonisch bezeugt (1Kor 4,4; 2Kor 2,1). ♦ σύνοιδα, das 4 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene (Apg 5,2; 1Kor 4,4; 2Kor 10,18). ♦ τούτῳ (Dat. Mask. / Neut. Sg.), das 88 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev, nicht aber für *Paulus. ♦ Die Kombination ἀλλ’ οὐκ ἐν τούτῳ ist Hapax legomenon. ♦ δικαιόω steht 59 / 39 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. ♦ Zu ἀνακρίνω als kanonischem Begriff vgl. zum voranstehenden Vers 4,3. ♦ Die Kombination κύριός ἐστιν, die 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt in *Ev 6,5, ansonsten nur kanonisch belegt (Mk 2,28; Lk 6,5; Joh 21,7. 12; 1Kor 4,4; Eph 6,9). Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers ist die Anzahl der ausschließlich kanonisch bezeugten Begriffe (σύνοιδα; ἀνακρίνω) und Kom‐ binationen (οὐδὲν γάρ; γὰρ ἐμαυτῷ) auffällig. Der Vers wird folglich zur kanonischen Redaktion gehören und war vorkanonisch abwesend. 4,5 [6-8] 9 [10-13]: Der Herr wird Licht in das Verborgene bringen Nachdem die kanonische Redaktion die voranstehende, auf der kanonischen Ebene sich findende Passage eingefügt hat, zerriss sie den Zusammenhang zwischen den vorkanonischen Versen des Kapitels 3 und dem hier zuerst bezeugten Vers 5. Subjekt dieses Verses ist der Herr bzw. Gott aus den Versen 3,19-20, und der Vers 5 führt auch die dortige Diskussion fort, wonach der Herr mit Blick auf diejenigen, die auf dem Fundament des *Paulus weiterbauen, an ihren Werken ergründen wird. Nachdem sich die hölzernen Werke nach *1Kor 3,17 selbst dem Feuer hingeben und durch es vernichtet werden, doch Paulus, Kephas und alles den Adressaten gehört, wird der Herr „Licht in das Verborgene des Dunkels“ bringen, „die Absichten der Herzen aufdecken“ und „jeder“ wird „sein Lob von Gott erhalten“. Es geht also immer noch um die Differenz zwischen *Paulus und Petrus, d. h. aber auch darum, dass der *Erste Korintherbrief, 2 (1Kor) 269 <?page no="1148"?> der in der vorkanonischen Sammlung auf den *Galaterbrief folgt, redaktionell von demjenigen, der diese Sammlung angelegt hat, an den *Galaterbrief ange‐ schlossen wurde, so dass er die dort behandelte Auseinandersetzung zwischen *Paulus und Petrus hier fortsetzt. Im kanonischen Ersten Korintherbrief ist dieser Zusammenhang mit der Auseinandersetzung zwischen Paulus und Petrus durch die Umstellung von Galaterbrief und Römerbrief nicht mehr gegeben, und der Erste Korintherbrief erhielt eine andere Ausrichtung. Er entwickelt eine fiktive innergemeindliche Auseinandersetzung, die nun nicht mehr nur Paulus und Petrus betrifft, sondern Apollos als weitere Persönlichkeit einbringt. Aus einer Auseinandersetzung um die Autorität des *Paulus mit Blick auf Petrus und Jakobus wurde eine innerge‐ meindliche Spannung, welcher der verschiedenen Autoritäten man zu folgen habe und wie ein einvernehmliches Gemeindeleben angesichts verschiedener Nachfolger des Paulus möglich ist. Was in 1Kor 4,1-4 wie eine Selbstverteidigung des Paulus klingt, ist eine nicht allzu versteckte kanonische Kritik an ihm, wenn es heißt, dass man „von Verwaltern … verlangt …, sich als treu (zu) erweisen“, und dieser Paulus offen zugesteht, dass seine Adressaten „oder ein menschliches Gericht“ über ihn „urteilt“ und sogar anspricht, dass er sich „zwar keiner Schuld bewusst“ ist, dann aber eingesteht: „Doch bin ich dadurch noch nicht gerecht gesprochen; der Herr ist es, der über mich urteilt“. Wenn anschließend im unbezeugten Teil von 1Kor 4,5 hinzugesetzt wird: „Richtet also nicht vor der Zeit, bis der Herr kommt“, so wirft diese Passage ebenfalls einen gewissen Schatten auf die Person des Paulus. Dass die Passage wenig geschickt an dieser Stelle eingefügt wurde, zeigt der abrupte Übergang, wonach Vers 5 im vorkanonisch bezeugten Teil von einem „Lob“ für alle spricht, was nicht zu den voranstehenden auf Paulus gemünzten Versen passt, sondern die Gedanken aus dem voranstehenden Kapitel und dessen bezeugten Versen aufgreift. Um den eigenen Erzählfaden weiterzuführen, überarbeitet die kanonische Redaktion auch die nachfolgenden wenigen Verse der vorkanonischen Version von Kapitel 4, indem sogleich nach dem bezeugten Vers 5 wieder auf Apollos Bezug genommen wird und ausdrücklich und emphatisch die Adressaten ange‐ sprochen werden (4,6-8). Nur der teilweise bezeugte Vers 4,9 bringt dann wieder die Petrus-Paulus-Diskussion zum Vorschein, die die kanonische Redaktion jedoch im Folgenden wieder auf Paulus hin biographisiert. So lesen sich auch die unbezeugten und abwesenden Verse 11-13, die Paulus erneut in ein gewisses Zwielicht setzen - er ist geschlagen und heimatlos, müht sich zwar, doch wird er beschimpft und verfolgt, geschmäht und „bis heute“ als „Abschaum von allen“ 270 Rekonstruktion <?page no="1149"?> betrachtet - nicht gerade eine Visitenkarte für den vermeintlichen Autor dieser Briefe der kanonischen Sammlung. 5καὶ φωτίσει τὰ κρυπτὰ τοῦ σκότους καὶ φανερώσει τὰς βουλὰς τῶν καρδιῶν· καὶ τότε ὁ ἔπαινος γενήσεται ἑκάστῳ ἀπὸ τοῦ θεοῦ. 5 ὥστε μὴ πρὸ καιροῦ τι κρίνετε, ἕως ἂν ἔλθῃ ὁ κύριος, ὃς καὶ φωτίσει τὰ κρυπτὰ τοῦ σκότους καὶ φανερώσει τὰς βουλὰς τῶν καρδιῶν· καὶ τότε ὁ ἔπαινος γενήσεται ἑκάστῳ ἀπὸ τοῦ θεοῦ. - 6 Ταῦτα δέ, ἀδελφοί, μετεσχημάτισα εἰς ἐμαυτὸν καὶ Ἀπολλῶν δι’ ὑμᾶς, ἵνα ἐν ἡμῖν μάθητε τὸ Μὴ ὑπὲρ ἃ γέγραπται, ἵνα μὴ εἷς ὑπὲρ τοῦ ἑνὸς φυσιοῦσθε κατὰ τοῦ ἑτέρου. 7 τίς γάρ σε διακρίνει; τί δὲ ἔχεις ὃ οὐκ ἔλαβες; εἰ δὲ καὶ ἔλαβες, τί καυχᾶσαι ὡς μὴ λαβών; 8 ἤδη κεκορεσμένοι ἐστέ· ἤδη ἐπλουτήσατε· χωρὶς ἡμῶν ἐβασιλεύσατε· καὶ ὄφελόν γε ἐβασιλεύσατε, ἵνα καὶ ἡμεῖς ὑμῖν συμβασιλεύσωμεν. 9 ὁ θεὸς ἡμᾶς τοὺς ἀποστόλους ἐσχάτους ἀπέδειξεν ὡς ἐπιθανατίους, ὅτι θέατρον ἐγενήθημεν τῷ κόσμῳ καὶ ἀγγέλοις καὶ ἀνθρώποις. 9 δοκῶ γάρ, ὅτι θεὸς ἡμᾶς τοὺς ἀποστόλους ἐσχάτους ἀπέδειξεν ὡς ἐπιθανατίους, ὅτι θέατρον ἐγενήθημεν τῷ κόσμῳ καὶ ἀγγέλοις καὶ ἀνθρώποις. - 10 ἡμεῖς μωροὶ διὰ Χριστόν, ὑμεῖς δὲ φρόνιμοι ἐν Χριστῷ· ἡμεῖς ἀσθενεῖς, ὑμεῖς δὲ ἰσχυροί· ὑμεῖς ἔνδοξοι, ἡμεῖς δὲ ἄτιμοι. - 11 ἄχρι τῆς ἄρτι ὥρας καὶ πεινῶμεν καὶ διψῶμεν καὶ γυμνιτεύομεν καὶ κολαφιζόμεθα καὶ ἀστατοῦμεν 12 καὶ κοπιῶμεν ἐργαζόμενοι ταῖς ἰδίαις χερσίν· λοιδορούμενοι εὐλογοῦμεν, διωκόμενοι ἀνεχόμεθα, 13 δυσφημούμενοι παρακαλοῦμεν· ὡς περικαθάρματα τοῦ κόσμου ἐγενήθημεν, πάντων περίψημα, ἕως ἄρτι. A. *4,5: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,1: Et occulta tenebrarum ipse illuminabit, utique per Christum, qui Christum illuminationem repromisit, se quoque lucernam pronuntiavit, scrutantem corda et renes. Ab illo erit et laus unicuique a quo et contrarium laudis, ut a iudice. ♦ *4,9: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,1: Spectaculum facti sumus mundo, dum angelis qui mundo ministrant, et hominibus quibus ministrant. ♦ 4,11: Jes 49,10 LXX: οὐ πεινάσουσιν οὐδὲ διψήσουσιν. B. (4,5) ὅς om 06*, 010, 012. ♦ (4,6) Post γέγραπται add φρονεῖν 01 2 , 04 vid , 06 2 , 020, 024, 0285 vid , 33, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1506, 2464, M, vg ms , sy, om P 46 , 2 (1Kor) 271 <?page no="1150"?> 74 Vgl. G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 130. 75 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 445. 76 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 506. 01*, 02, 03, 06*, 010, 012, 044, 0289 vid , 81, 1175, 1739, 1881, lat, co. ♦ (4,9) ὅτι lesen 01 2 , 06 1 , 020, 044, 104, 365, 1241, 1505, 2464, M, vg cl , sy (gg. NA 28 ). Damit wird die Hervorhebung der vorkanonischen Fassung, dass es „der Gott“ ist, der den Erweis bringt, durch die kanonische Redaktion zu mildern gesucht, während die vorkanonische Fassung ὁ liest mit den Zeugen P 46 , 01*, 02, 03, 04, 06*, 010, 012, 025, 0289, 6, 33, 81, 630, 1175, 1506, 1739,1881, l 249, l 846, lat, Tert, Cl, Or, Ambst. ♦ (4,10) Anstelle von Χριστῷ steht κυριῷ in P 11 . ♦ (4,13) Die Variante βλασφημούμενοι findet sich in 03, 06, 010, 012, latt, M, Orig, Chrys, Thdt, während die kanonische Variante δυσφημούμενοι zu finden ist in P 46 , 01*, 02, 04, 025, 33, 181, 1836, 1898, 917, 1834, Clem, Orig, Eus, Cyr, Johannes Damascenus. 74 C. 1. (4,5) Hilgenfeld notiert: „4.5 ist die erste Stelle, auf welche Tertullian c. 7 wieder Rücksicht nimmt. Von hier geht er zu V. 9 fort, endlich zu V. 18“. 75 Der Hinweis auf V. 18 muss ein Versehen sein, weil das von Hilgenfeld angeführte ἐν γὰρ Χριστῷ Ἰησοῦ διὰ τοῦ εὐαγγελίου ἐγὼ ὑμᾶς ἐγέννησα in Vers 15 steht. Harnack und Schmid sehen folgenden Text belegt: καὶ τὰ κρυπτὰ τοῦ σκότους φωτίσει-… ὁ ἔπαινος γενήσεται ἑκάστῳ ἀπὸ τοῦ θεοῦ. BeDuhn nimmt in Klammern auch die unbezeugten Teile des Verses in seine Übersetzung auf, auch wenn der Anschluss von 1Kor 4,5 (ὥστε μὴ πρὸ καιροῦ τι κρίνετε, ἕως ἂν ἔλθῃ ὁ κύριος, ὅς) ohne die kanonischen Verse 1-4 nicht recht passt. Das ὥστε μὴ πρὸ καιροῦ τι κρίνετε greift vielmehr Vers 4b auf, wird also ebenfalls zur kanonischen Redaktion gehören, während das ἀπὸ τοῦ θεοῦ am Ende von Vers 5 unmittelbar den Gedanken von 3,19-20 fortsetzt. Auch der Teil καὶ φανερώσει τὰς βουλὰς τῶν καρδιῶν klingt in Tertullian mit an (scrutantem corda), was die früheren Editoren übersehen haben, wird also im vorkanonischen Text gestanden sein. 2. Das schlichte καὶ findet sich in einigen Zeugen, wodurch in der vorkano‐ nischen Redaktion das Subjekt von φωτίσει „nicht Christus, sondern Gott“, 76 oder präziser, der Herr ist. 3. (4,6-8) Diese Verse sind unbezeugt. Zahn rechnet in irgendeiner Form mit ihnen, Harnack sieht sie schlicht als unbezeugt, so auch Schmid, wobei 272 Rekonstruktion <?page no="1151"?> 77 Vgl. zu ihr J. Strugnell, A Plea for Conjectural Emendation in the New Testament, with A Coda on 1 Cor 4.6 (1974), 555-558. 78 C.J. Classen, Philologische Bemerkungen zur Sprache des Apostels Paulus (1994/ 1995), 326-327. 79 H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul II. La première épître aux Corinthiens, traduction nouvelle avec introduction et notes (1926), 14-16. Couchoud denkt, dass der Fälscher die Angaben von 1Kor 1,10-16 fortgesponnen hätte; damit wäre diese Passage hier wie dort der Ebene der kanonischen Redaktion zuzuordnen. dieser durch Auslassungszeichen und einem (ὅτι) auf einen voranstehenden übergeordneten Satz hinweist. BeDuhn nimmt, ähnlich wie Schmid ebenfalls durch Auslassungszeichen am Anfang von Vers 9 markiert, unbezeugten Text an. Völlig gefehlt können die Verse jedoch nicht haben, da Vers 9b bezeugt ist und in ihm ein Plural („wir“) belegt ist, was nicht nur irgendeine Form des Verses 9a sinnvoll macht, sondern auch ein Hinweis darauf sein könnte, dass Teile der Verse 6-8 in der vorkanonischen Version standen. Hierauf verweist vielleicht auch der offenkundig nachträgliche und verdorbene Einschub der schon seit langem als schwierige Stelle angesehene Text τὸ Μὴ ὑπὲρ ἃ γέγραπται. 77 4. (4,6) Der Begriff μετασχηματίζω ist in diesem Vers in der besonderen rheto‐ rischen Bedeutung verwendet, mit der er „offenbar die Form seiner Darstellung charakterisiert. … Vergegenwärtigt man sich die in den rhetorischen Handbü‐ chern geläufige Bedeutung von μετασχηματίζειν und μετασχηματισμός, ‚die Form einer Rede umgestalten‘, und zwar entweder die einzelnen Wörter, indem man deren Buchstabenfolge, Geschlecht, Numerus oder Kasus verändert, oder ein einzelnes Wort durch ein anderes oder mehrere ersetzt, oder eine längere Formulierung (durch einen Zusatz) oder gar einen ganzen Satz, indem man dessen Teile umstellt oder anstelle einer Person eine andere anredet, dann … zeigt sich“ der Autor „nicht nur mit der Terminologie der Rhetorik vertraut; allein mit ihrer Hilfe kann man überhaupt erst zu einem angemessenen Ver‐ ständnis seiner Formulierung kommen“. 78 5. Da der im NT seltene Begriff μετασχηματίζω gleich an allen weiteren Stellen im NT für die vorkanonische Fassung belegt ist, könnte der Vers der vorkanonischen Ebene zugehören, auch wegen der Aufnahme von *1Kor 3,21 durch καυχᾶσαι. Dagegen spricht die direkte Anrede zu Beginn von Vers 6 (ἀδελφοί) und die Rückkehr des nur auf der kanonischen Ebene begegnende Apollos, der zuvor in 3,4-6. 21 begegnet ist. 6. Paul Louis Couchoud (Delafosse) hat den Ausdruck Ταῦτα δέ μετεσχημάτισα, gestützt auf inhaltliche Beobachtungen, für das Produkt eines Fälschers gehalten. 79 2 (1Kor) 273 <?page no="1152"?> 7. (4,9) Zahn sieht den oben fettgedruckten und unterstrichenen Text als bezeugt an, er meint aber auch, dass eine unbestimmte Form von Vers 9a vorhanden war. Harnack beschränkt sich auf den oben fettgedruckten und unterstrichenen Text. Schmid nimmt in Klammern noch das voranstehende ὅτι hinzu, BeDuhn hingegen stellt vorweg nach Auslassungspunkten in Klammern ἀποστόλους und lässt Auslassungspunkte folgen. Dass auch der unbezeugte erste Teil des Verses Teil der vorkanonischen Fassung war, wird durch den Rückgriff (τοὺς ἀποστόλους ἐσχάτους ἀπέδειξεν) auf *1Kor 1,28 (καὶ τὰ ἀγενῆ καὶ τὰ ἐλάχιστα καὶ τὰ ἐξουθενημένα ἐξελέξατο ὁ θεός) gestützt, wobei jedoch das eröffnende emphatische δοκῶ γάρ noch Einfügung der kanonischen Redaktion sein kann, da auch das δοκῶ δὲ κἀγώ in 1Kor 7,40 für *1Kor 7 nicht bezeugt ist. 8. Ob ἐπιθανάτιος in der vorkanonischen Fassung stand und Tertullian die Selbststilisierung des Paulus als Apostel und Fastmärtyrer übergeht? Dies würde zumindest zu seiner Pauluskritik passen. 9. (4,10) Dieser Vers ist unbezeugt. Zahn nimmt seine Präsenz in der vorka‐ nonischen Fassung an, ohne den Wortlaut bestimmen zu können. Harnack, Schmid und BeDuhn sehen ihn als unbezeugt. Der nächste bezeugte Vers 15 setzt aber einen Gedankengang voraus, der zu diesem Vers zurückführt. μωροί greift das frühere Thema des *Ersten Korintherbriefes auf, wohl aber erst auf der kanonischen Ebene: Das Kreuz Christi ist eine μωρία (*1Kor 1,18), „der“ Gott rettet alle, die glauben, durch die Torheit der Verkündigung (ὁ θεὸς διὰ τῆς μωρίας τοῦ κηρύγματος σῶσαι τοὺς πιστεύοντας) (*1Kor 1,21), „für Juden“ ist das Kreuz „ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit“ (Ἰουδαίοις μὲν σκάνδαλον ἔθνεσιν δὲ μωρίαν, *1Kor 1,23). „Das Törichte an Gott“ ist „weiser als die Menschen“ (τὸ μωρὸν τοῦ θεοῦ σοφώτερον τῶν ἀνθρώπων, *1Kor 1,25), „das Törichte der Welt hat Gott erwählt“ (τὰ μωρὰ τοῦ κόσμου ἐξελέξατο ὁ θεός, *1Kor 1,27), „werdet töricht, um weise zu werden“ (μωροὶ γίνεσθε, ἵνα γένησθε σοφοί, *1Kor 3,18), während „die Weisheit dieser Welt … Torheit vor Gott“ ist (ἡ γὰρ σοφία τοῦ κόσμου τούτου μωρία παρὰ τῷ θεῷ ἐστιν, *1Kor 3,19). Immer ist hier („der“) Gott das Subjekt, dass dies διὰ Χριστόν oder ἐν Χριστῷ geschieht, klingt nie an, allenfalls, dass ὑμεῖς δὲ Χριστοῦ, Χριστὸς δὲ θεοῦ ist. Auch die kontrastive Gegenüberstellung von „wir“ und „ihr“ war schon als Merkmal der kanonischen Redaktion aufgefallen. Durch den Vers werden Torheit, Schwäche und Verachtung auf Paulus hin gelesen, während Klugheit, Stärke und Ansehen den Adressaten zugewiesen werden, auch wenn diese vor Gott nichts gelten. Ähnlich wie im Vorspann 1Kor 4,1-4 schwingt auch in diesem Vers eine gewisse negative Selbstqualifizierung des Paulus mit. 274 Rekonstruktion <?page no="1153"?> 10. (4,11-13) Auch diese Verse sind unbezeugt. Ob sie abwesend waren, hängt u. a. mit dem Verhältnis zu den verwandten Stellen 2Kor 6,1-10 und Phil 4,12 zusammen, von denen die erste zu einem kleinen Teil vorkanonisch bezeugt ist. Hinzu kommt ein Blick in die Varianten und Lexik dieser Verse. Hilgenfeld sieht sie schlicht als unbezeugt, ebenso Zahn, auch wenn er mit deren nicht näher bestimmbaren Präsenz rechnet. Harnack, Schmid und BeDuhn sehen sie ebenfalls als unbezeugt. 11. (4,11) πεινᾶν erinnert an die zweite Aussage der Feldpredigt *Ev 6,21 (μακάριοι οἱ πεινῶντες), auch wenn das Hungern in *Ev ansonsten keine Rolle spielt, während es in der kanonischen Rezension eine wichtige Stelle einnimmt. In Apg 10,10 wird vor der Offenbarung des Petrus gesagt, dass er gehungert habe. In Lk 6,3 wird Jesu Hinweis auf das Hungern des David angeführt, was in *Ev gefehlt zu haben scheint. Und in Mt 25,35 verweist Jesus darauf, er habe gehungert und man habe ihm zu essen gegeben (vgl. Mt 25,37. 42. 44). In der kanonischen Version von Röm 12,20 wird dazu aufgefordert, man solle seinen hungernden Feind speisen. Und in Apk 7,16 wird der diesen Gedanken zugrundeliegende Jesajavers zitiert: οὐ πεινάσουσιν ἔτι οὐδὲ διψήσουσιν. 12. (4,12) Der Hinweis auf die eigenen Hände erinnert an dieselbe Betonung auf der kanonischen Ebene von 1Kor 16,21; Gal 6,11; Kol 4,18; 2Thess 3,17; Phlm 19. 13. (4,13) Sollte dieser Vers vorkanonisch präsent gewesen sein, scheint die Lesart βλασφημούμενοι, die in einschlägigen Zeugen anstelle von δυσφημούμενοι steht, eher dem vorkanonischen Text zuzugehören, während die zweite möglicherweise in Anlehnung an die Stelle aus dem Zweiten Korin‐ therbrief harmonisiert wurde. D. (4,5) Zum unbezeugten Versteil: Die Kombination ὥστε μή steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,7. ♦ πρό, das 49 / 47 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,27 (πρὸ προσώπου σου); 11,38 (πρὸ τοῦ ἀρίστου); 21,12 (πρὸ δὲ τούτων); 22,15 (πρὸ τοῦ με παθεῖν); *1Kor 2,7 (πρὸ τῶν αἰώνων); *Kol 1,17 (πρὸ πάντων). ♦ καιρός steht 90 / 86 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,10; 6,9. 10; *1Kor 7,29; *Röm 5,6. ♦ Die Kombination πρὸ καιροῦ steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene (8,29). ♦ ἄν, das 205 / 167 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8. ♦ κρίνω steht 125 / 115 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,3; 11,31; *Röm 2,12; *2Thess 2,12; *Kol 2,16. ♦ Die Kombination ἕως ἄν steht 20 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (10 Mal in Mt, 3 Mal in Mk, 3 Mal in Lk, Apg 2,35; 1Kor 4,5; Hebr 1,3). ♦ Die Form ἔλθῃ, die 32 Mal im NT steht, etwa Lk 1,43 und 9,26, in Versen, die in 2 (1Kor) 275 <?page no="1154"?> *Ev fehlen, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (4 Mal für Mt, 2 Mal für Mk, 6 Mal für Lk, 7 Mal für Joh; Röm 3,8; 1Kor 4,5; 11,26; 13,10; 16,10. 11. 12; Gal 3,19; Kol 5,10; 2Thess 1,10; Apk 17,10). Zum bezeugten Versteil: φωτίζω steht 12 / 11 Mal im NT und ist wiederum vorkano‐ nisch bezeugt für *Laod 1,18; 3,9. ♦ κρυπτός steht 22 / 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 4,5; *Röm 2,16. 29. ♦ σκότος steht 31 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,44; *1Kor 4,5; *2Kor 4,6; *Laod 5,11; 6,12. ♦ φανέρωσις, das 3 Mal im NT steht, ist nur kanonisch bezeugt. ♦ φανερόω, das 54 / 49 Mal im NT steht, ist gut für die vorkanonische Fassung belegt (*2Kor 2,14; 3,3; 4,10. 11; 5,10; *Röm 3,21; *Kol 3,4). ♦ βουλή, das sich 14 / 12 Mal im NT findet, ist nur auf der kanonischen Ebene anzutreffen. Selbst das eher gebräuchliche Verb βούλομαι ist für die vorkanonische Fassung nicht bezeugt. Es kann also sein, dass dieser Versteil zwar in *1Kor stand, jedoch von der kanonischen Redaktion bearbeitet wurde. ♦ τότε, das 164 / 160 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,54. ♦ ἔπαινος steht 11 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 4,5; *Laod 1,12. ♦ ἕκαστος steht 87 / 82 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,13; 4,5; 7,7; *2Kor 5,10; *1Thess 4,4; *Laod 4,25, auch wenn die Form ἑκάστῳ, die 18 Mal im NT steht, nur hier vorkanonisch bezeugt ist. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vergleichsweise selten gebraucht auf der vorkanonischen Ebene (*Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9). Zur Rekonstruktion: Was den unbezeugten ersten Teil des Verses betrifft, sind die Kombinationen (πρὸ καιροῦ; ἕως ἄν) und die Form ἔλθῃ auffallend. Dieser Teil wird wohl im vorkanonischen Text gefehlt haben. Hingegen sticht dann ins Auge, dass mit Beginn der Bezeugung sogleich weiters vorkanonisch bezeugte Begriffe beginnen und erst die nicht mehr bezeugten Begriffe φανερώσει und βουλάς nur kanonisch bezeugt sind - an deren Stelle können andere Begriffe gestanden sein, die durch die kanonische Redaktion ersetzt worden sind. Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. (4,6) ταῦτα, das 242 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,18; *1Kor 9,8; 10,11; *Phil 3,7, vgl. weiter unten Vers 14. ♦ Die Kombination Ταῦτα δέ steht 10 Mal im NT, etwa Lk 11,42 in einem Versteil, der in *Ev fehlt, in Paulus steht sie nur an vorliegender Stelle, jedoch ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (Mt 1,20; 23,23; Lk 9,34; 11,42; 24,36; Joh 7,9; 16,4; 18,22; Apg 26,24; 1Kor 4,6). ♦ μετασχηματίζω, das 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 11,13. 14, hier sogar beide Male mit εἰς (ein drittes Mal begegnet der Begriff in dem nicht mehr bezeugten Vers 2Kor 11,15); *Phil 3,21. ♦ Die Form ἐμαυτόν steht 18 Mal im NT, etwa Lk 7,7, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, jeweils auf der kanonischen 276 Rekonstruktion <?page no="1155"?> Ebene, vgl. zu Gal 2,18. ♦ Ἀπολλῶς ist 17 / 10 Mal im NT zu finden, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μανθάνω, das 143 / 25 Mal im NT zu finden ist, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,10; *1Kor 15,35. ♦ Die Kombination ὑπὲρ ἃ steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (Phlm 1,21). ♦ Die Kombination γέγραπται ἵνα steht ebenfalls nur 2 Mal im NT, das weitere Mal ebenfalls auf der kanonischen Ebene ( Joh 20,31). ♦ φρονέω, das sich 34 / 26 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,16. ♦ Die Kombination εἷς ὑπέρ steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (2Kor 5,14), auch wenn der Vers dort vorkanonisch vielleicht gestanden war. ♦ φυσιόω, das 7 Mal im NT steht, ist allerdings nur kanonisch belegt (1Kor 4,6. 18. 19; 5,2; 8,1; 13,4; Kol 2,18). ♦ Die Kombination κατὰ τοῦ steht 21 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (7 Mal in Mt, 2 Mal in Mk, Lk 8,33; Joh 18,29; 5 Mal in Apg; Röm 11,2; 1Kor 4,6; 15,15; Hebr 6,16). Zur Abwesenheit: In diesem unbezeugten Vers finden sich eine Reihe von Kombinationen, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Ταῦτα δέ; ἐμαυτόν; ὑπὲρ ἅ; γέγραπται ἵνα; εἷς ὑπέρ; κατὰ τοῦ), dann die nur kanonisch bezeugten Termini Ἀπολλῶς; φυσιόω. Der Vers wird folglich von der kanonischen Redaktion formuliert worden sein und in der vorkanonischen Version gefehlt haben. (4,7) σέ (Akk. Mask. / Vok. Sg. von σύ / σός) steht 185 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ διακρίνω, das 21 / 19 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, insbesondere in der Apostelgeschichte (Apg 10,20; 11,2. 12; 15,9; Röm 4,20; 14,23; 1Kor 6,5; 11,29. 31; 14,29; Jak 1,6; 2,4; Jud 1,9. 22). ♦ Die Kombination ὡς μή steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,7. 18; 7,29. 30. 31; 2Kor 10,14). ♦ λαμβάνω, das 292 / 260 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: In diesem unbezeugten Vers begegnen Termini (διακρίνω; λαμβάνω) und Kombinationen (δὲ καί; ὡς μή), die ausschließlich kanonisch belegt sind. Demnach dürfte der Vers ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und im vorkanonischen Text gefehlt haben. (4,8) Die Reihung von ἤδη begegnet im NT nur noch in Apg. 27,9 im Zusammenhang mit einer Ermahnung des Paulus, und überhaupt steht ἤδη 68 / 61 Mal im NT und ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ κορέννυμι begegnet nur noch ein Mal in Apg 27,38. ♦ πλουτέω, das 18 / 12 Mal im NT zu finden ist und begegnet auch sonst bezeugt nur für die kanonische Ebene. ♦ Ein menschliches Herrschen, βασιλεύω, das 21 Mal im NT steht, kennt nur die kanonische Redaktion. ♦ Auch das Substantiv eines 2 (1Kor) 277 <?page no="1156"?> Menschen als König oder Kaiser (βασιλεύς), das 128 / 115 Mal im NT steht, findet sich nur in kritischer Ablehnung vorkanonisch in *Ev, während es reichlich auf der kanonischen Redaktionsebene steht. ♦ Das Nomen βασιλεία, das 169 / 162 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,21; *1Kor 15,50. ♦ συμβασιλεύω steht nur hier und noch ein Mal in 2Tim 2,12, also beide Male auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Die Lexik in diesem Vers unterstreicht deutlich die fehlende Bezeugung und verweist den Vers auf die kanonische Ebene. Er hat im vorka‐ nonischen Text gefehlt. (4,9) Zum nicht bezeugten Versteil: δοκέω, das 100 / 63 Mal im NT steht, ist vorkano‐ nisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9. ♦ Die Form δοκῶ steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,9; 7,40; 2Kor 12,10). ♦ ἔσχατος steht 60 / 52 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,59; *1Kor 15,45. ♦ ἀποδείκνυμι steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt in *2Thess 2,4, ansonsten für die kanonische Ebene belegt (Apg 2,22; 25,7; 1Kor 4,9; 2Thess 2,4). ♦ ἐπιθανάτιος ist Hapax legomenon im NT. Zum bezeugten Versteil: θέατρον steht 3 Mal im NT, vorkanonisch nur hier bezeugt. ♦ Die Form ἐγενήθημεν steht 7 Mal im NT (Röm 9,29; 1Kor 4,9. 13; 1Thess 1,5; 2,5. 7. 10), vorkanonisch nur hier bezeugt. ♦ Die Form τῷ κόσμῳ ist 28 Mal im NT belegt, vorkanonisch weiter bezeugt für *Laod 2,12; *Kol 1,5. ♦ ἄγγελος, der 186 / 176 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 4,9; 6,3; 11,10; *2Kor 11,14; 12,7; *2Thess 1,7; *Kol 2,18. Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Anfang des Verses nicht bezeugt ist, spricht sowohl der narrative Zusammenhang wie auch die Lexik dafür, dass bis auf die Eröffnung auch dieser erste Teilvers vorkanonisch vorhanden war. Ansonsten folgt der Text dem Zeugnis Tertullians. (4,10) μωρός, das 14 / 12 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,25. 27; 3,18. ♦ Die zwei Mal stehende Kombination ὑμεῖς δέ begegnet 37 Mal im NT und findet sich nur auf der kanonischen Ebene, vgl. hierzu zuvor zu 1Kor 3,23. ♦ φρόνιμος, ein Begriff, der 15 / 14 Mal im NT steht, ist ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ ἀσθενής, das 35 / 26 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,9, *1Kor 1,25. 27; *Röm 5,6, ein Zeichen dafür, dass die kanonische Redaktion hier auf die Stelle *1Kor 1,25 zurückgriff. ♦ ἰσχυρός, das 27 / 29 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,21; *1Kor 1,27. Auch dieser Begriff verweist zurück auf denselben Zusammenhang, hier *1Kor 1,27. ♦ ἔνδοξος steht 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἀτιμόω steht 2 Mal im NT, auch das andere Mal auf der kanonischen Ebene (Mk 12,4). 278 Rekonstruktion <?page no="1157"?> Zur Abwesenheit: Zur fehlenden Bezeugung des Verses kommen lexikalische Auffälligkeiten, es begegnen Termini (φρόνιμος; ἀτιμόω) und die Kombination (ὑμεῖς δέ), die ausschließlich vorkanonisch bezeugt sind. Nimmt man noch die Beobachtungen in C. hinzu, wird der Vers der kanonischen Redaktion zuzuschreiben sein, und er wird im vorkanonischen Text gefehlt haben. (4,11) ἄχρι, das 55 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,25; *2Kor 3,14. ♦ Die Kombination ἄχρι τῆς steht 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt in *2Kor 3,14, kanonisch stehend in Apg 2,29; 26,22; 1Kor 4,11; Gal 4,2. ♦ ἄρτι, das 40 / 36 Mal im NT steht, ist ein Begriff der kanonischen Redaktion ist. ♦ ὥρα steht 116 / 196 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,5. ♦ Die Form ὥρας begegnet 20 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (5 Mal in Mt; 4 Mal in Mk; Lk 22,59; 23,44; 2 Mal in Joh; 2 Mal in Apg; 1Kor 4,11; 1Thess 2,17; Apk 3,10). ♦ πεινάω steht 24 / 23 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,21. 25. ♦ διψάω steht 18 / 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ γυμνιτεύω/ γυμνητεύω ist im NT ein Hapax legomenon. ♦ κολαφίζω, steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 12,7. ♦ ἀστατέω ist Hapax legmonenon im NT. Zur Abwesenheit: In diesem unbezeugten Vers häufen sich die Hapax legomena, es begegnen auch Begriffe (ἄρτι; διψάω) und eine Form (ὥρας), die der ka‐ nonischen Redaktion angehören. Der Vers wird folglich auf die kanonische Redaktion zurückgehen und im vorkanonischen Text gefehlt haben. (4,12) κοπιάω, das 26 / 23 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ ἐργάζομαι, das 51 / 41 Mal im NT steht, begegnet zwar auf der vorkanonischen Ebene (vielleicht *Ev 13,14; dann *Gal 6,10), ist jedoch ein zentraler Begriff der kanonischen Fassung. ♦ Die Form ἐργαζόμενοι findet sich 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 7,23; 1Kor 4,12; 9,13; 1Thess 2,9; 2Thess 3,8. 12). ♦ ἴδιος steht 123 / 114 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,41; *Gal 6,9; *1Kor 7,7; *1Thess 2,15. ♦ Der Ausdruck ταῖς ἰδίαις χερσίν begegnet noch 2 weitere Male im NT, immer auf der kanonischen Ebene (Eph 4,28; 1Thess 4,11). ♦ λοιδορέω, das 4 Mal im NT steht, findet sich nur noch Joh 9,28; Apg 23,4 und 1Petr 2,23, gehört also zum Sprachschatz der kanonischen Ebene. ♦ ἀνέχω, das 17 / 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,41. ♦ εὐλογέω, das 45 / 42 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,16 und *Röm 12,14, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion darstellt. ♦ διώκω steht 47 / 45 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,12; *Gal 6,12. ♦ Die Form διωκόμενοι steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in 2Kor 4,9, könnte aber dort vorkanonisch gestanden sein. ♦ ἀνέχω steht 17 / 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,41. 2 (1Kor) 279 <?page no="1158"?> Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers begegnen Termini (κοπιάω; λοιδορέω), ein Ausdruck (ταῖς ἰδίαις χερσίν) und eine Form (ἐργαζόμενοι), die ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehen. Der Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und im vorkanonischen Text gefehlt haben. (4,13) βλασφημέω steht 37 / 34 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,24. ♦ δυσφημέω ist Hapax legomenon im NT. ♦ παρακαλέω steht 115 / 109 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,25; *2Kor 12,7. ♦ Die Form παρακαλοῦμεν steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,13; 2Kor 6,1; 1Thess 4,1. 10; 5,14; 2Thess 3,12). ♦ περικάθαρμα ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Form ἐγενήθημεν steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 4,9. ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur ein Mal für einen Brief bezeugt, den die Forschung Paulus zuschreibt (*Röm 12,18), dann auffallenderweise gleich drei Mal in *Deuteropaulinen (*Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17). ♦ περίψημα ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Kombination ἕως ἄρτι findet sich 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 11,12; Joh 2,10; 5,17; 16,24; 1Kor 4,13; 8,7; 15,6; 1Joh 2,9). Zur Abwesenheit: Zur fehlenden Bezeugung dieses Verses kommt die Form παρακαλοῦμεν und die Kombination ἕως ἄρτι, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt sind, wodurch der Vers wohl zur kanonischen Redaktion gehört und in der vorkanonischen Version gefehlt hat. 4,14-15 [16-21]: Gruss an diejenigen, die von Paulus stammen Diese Passage beginnt mit zwei rudimentären Versen, die vorkanonisch noch zu den vorangegangenen Überlegungen gehört haben, doch durch die Wei‐ terungen der kanonischen Redaktion in die biographisierten Überlegungen hineingenommen wurden. Daran schließen sich die kanonischen Gedanken an, in denen die „In-Christus“-Terminologie zur Selbstautorisierung des Paulus herangezogen wird. 14 ὑμῖν ταῦτα γράφω, ὡς τέκνα μου ἀγαπητά· 14 Οὐκ ἐντρέπων ὑμᾶς γράφω ταῦτα, ἀλλ’ ὡς τέκνα μου ἀγαπητὰ νουθετῶν· 15 - ἐν εὐαγγελίῳ ὑμᾶς ἐγέννησα. 15 ἐὰν γὰρ μυρίους παιδαγωγοὺς ἔχητε ἐν Χριστῷ, ἀλλ’ οὐ πολλοὺς πατέρας, ἐν γὰρ Χριστῷ Ἰησοῦ διὰ τοῦ εὐαγγελίου ἐγὼ ὑμᾶς ἐγέννησα. - 16 παρακαλῶ οὖν ὑμᾶς, μιμηταί μου γίνεσθε. 17 διὰ τοῦτο ἔπεμψα ὑμῖν Τιμόθεον, ὅς ἐστίν μου τέκνον ἀγαπητὸν 280 Rekonstruktion <?page no="1159"?> καὶ πιστὸν ἐν κυρίῳ, ὃς ὑμᾶς ἀναμνήσει τὰς ὁδούς μου τὰς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, καθὼς πανταχοῦ ἐν πάσῃ ἐκκλησίᾳ διδάσκω. 18 ὡς μὴ ἐρχομένου δέ μου πρὸς ὑμᾶς ἐφυσιώθησάν τινες· 19 ἐλεύσομαι δὲ ταχέως πρὸς ὑμᾶς, ἐὰν ὁ κύριος θελήσῃ, καὶ γνώσομαι οὐ τὸν λόγον τῶν πεφυσιωμένων ἀλλὰ τὴν δύναμιν, 20 οὐ γὰρ ἐν λόγῳ ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ ἀλλ’ ἐν δυνάμει. 21 τί θέλετε; ἐν ῥάβδῳ ἔλθω πρὸς ὑμᾶς, ἢ ἐν ἀγάπῃ πνεύματί τε πραΰτητος; A. *4,14: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,2: Verebatur nimirum tantae constantiae vir, ne dicam spiritus sanctus, praesertim ad filios scribens … ♦ *4,15: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,2: Verebatur nimirum tantae constantiae vir, ne dicam spiritus sanctus, praesertim ad filios scribens, quos in evangelio generaverat, libere deum mundi nominare, adversus quem nisi exserte non posset videri praedicare. B. (4,14) Anstelle von νουθετῇ in P 46 * steht νουθετῶ in P 46c , 03, 06, 010, 012, 025, 044, 81, 1241, 1505, 1506, 1881, 2464, l 846, M, latt, νουθετῶν in P 11vid , 01, 02, 04, 025, 6, 33, 104, 365, 630, 945, 1175, 1739, l 249. ♦ (4,15) 03, 1506 und Cl pt om Ἰησοῦ. C. 1. (4,14) Auch wenn nur ein kleiner Auszug aus Vers 14 bezeugt ist, den keiner der bisherigen Editoren bemerkt hatte, bietet dieser doch einen wichtigen Hinweis für die Rekonstruktion. 2. (4,15) Hilgenfeld meint, Tertullian lese anstelle von ἐν γὰρ Χριστῷ Ἰησοῦ διὰ τοῦ εὐαγγελίου ἐγὼ ὑμᾶς ἐγέννησα ein ἐν γὰρ τῷ εὐαγγελίῳ κτλ. Diesen Vorschlag nimmt Zahn auf und sieht ἐν γὰρ τῷ εὐαγγελίῳ ἐγὼ ὑμᾶς ἐγέννησα bezeugt. Harnack rekonstruiert: ἐν εὐαγγελίῳ ἐγὼ ὑμᾶς ἐγέννησα, Schmid formuliert διὰ τοῦ εὐαγγελίου ἐγὼ ὑμᾶς ἐγέννησα, was BeDuhns Übersetzung zugrunde liegt. Da der kanonische Text das ἐν bietet, und in einigen Zeugen Ἰησοῦ fehlt, scheint Harnack hier richtig zu liegen mit seiner Rekonstruktion. Der Vers 15a ist nicht nur unbezeugt, sondern greift das Thema aus der kanonischen Version Gal 3,24-25 auf, gehört also wie diese Passage zur selben kanonischen Ebene. 3. (4,16-21) Diese Verse sind unbezeugt, auch wenn Zahn mit ihrer Anwe‐ senheit rechnet, ohne den Wortlaut näher bestimmen zu können. Harnack, Schmid und BeDuhn sehen sie als unbezeugt, auch wenn BeDuhn aufgrund des markionitischen Prologs mit der Erwähnung des Timotheus in Vers 17 rechnet. Allerdings bemerkt er, dass bereits Harnack das „per Timotheum“ als 2 (1Kor) 281 <?page no="1160"?> 80 Vgl. A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 128*. 81 N.A. Dahl, The Origin of the Earliest Prologues to the Pauline Letters (1978), 259. 82 Vgl. hierzu J.P. Mathur and M. Vinzent, Pre-canonical Paul. His Views Towards Sexual Immorality (2018). 83 Vgl. auch die Ausführungen zur Duplikation in der Einleitung, I, S. 563-568. 84 Auf diese Verbindung hat hingewiesen G.A. van den Bergh van Eysinga, Radical Views about the New Testament (1912), 71-72. 85 J. Weiss, Der erste Korintherbrief (1910), xli. späteren Zusatz gesehen hat, was gut begründet ist, da die verschiedenen Handschriftenzeugen mit unterschiedlichen Versionen und Weiterungen an dieser Stelle aufwarten und auch in weiteren Prologen solche Erweiterungen wie „per Timotheum“ in verschiedenen Handschriften vorgenommen werden. 80 Hinzu kommt das Schwanken in den Handschriften zwischen dem Singular ab apostolo und dem Plural ab apostolis. Unter Annahme des Plurals erwägt Dahl den nichtmarkionitischen Charakter der Evangelienprologe, weil Paulus da‐ durch keine Alleinstellung besäße. 81 Doch ist handschriftlich auch der Singular zwei Mal in alten Zeugen belegt, so dass Dahls Grundlage nicht zwingend ist, ja es viel wahrscheinlicher ist, dass der Plural eine Harmonisierung im Rahmen der kanonischen Rezension darstellt, die Sosthenes als Mitautor dem Paulus zur Seite gestellt hat und Timotheus in 1Kor 4,17 als Bote einführte. Letzteres geschah vermutlich, um die nachfolgende Kritik an Unmoral, insbesondere an Homosexualität, in 1Kor 6,9-10 mit der parallelen Stelle in 1Tim 1,9-10 zu verbinden. 82 Dass über Timotheus gesagt wird ὅς ἐστίν μου τέκνον ἀγαπητὸν καὶ πιστὸν ἐν κυρίῳ, ὃς ὑμᾶς ἀναμνήσει τὰς ὁδούς μου τὰς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ, καθὼς πανταχοῦ ἐν πάσῃ ἐκκλησίᾳ διδάσκω greift *1Kor 4,14 auf, führt das dort Gesagte weiter und spitzt es auf Timotheus zu, so dass Timotheus eine Vorstellung, Einführung und Beglaubigung durch Paulus erfährt, womit die Pastoralbriefe ihre Bestätigung erfahren. Timotheus - und mit ihm die Pastoralbriefe - sind eben „geliebt“ und auch „glaubwürdig“. Der Einführung des Timotheus scheinen auch die Verse 18-19 zu dienen, wobei das zweimalige φυσιοῦν auffällt, ein Begriff der kanonischen Redaktion und dessen Duplikation ein weiteres kanonisches Zeichen darstellt. 83 Die gesamte Passage atmet eher die Sprache der kanonischen Rezension, beginnend mit der emphatischen Anrede παρακαλῶ οὖν ὑμᾶς wie danach mit dem Ausdruck μιμηταί μου γίνεσθε. Gerade diese Wendung korrespondiert mit einem anderen kanonischen Vers, Gal 4,12 (Γίνεσθε ὡς ἐγώ, ὅτι κἀγὼ ὡς ὑμεῖς, ἀδελφοί, δέομαι ὑμῶν), ein Zeichen für die briefübergreifende kanonische Kohärenz. 84 4. (4,17) Schon früher wurde der Vers 1Kor 4,17 als Interpolation angesehen. 85 282 Rekonstruktion <?page no="1161"?> 86 L.L. Welborn, The Corinthian Correspondance (2013), 213. 87 R.W. Funk, The Apostolic Parousia: Form and Significanced (1967). 88 H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul II. La première épître aux Corinthiens, traduction nouvelle avec introduction et notes (1926), 25. 5. Diesen Überlegungen und den unten aufgeführten Bemerkungen zur Lexik und Semantik zufolge wurden die Verse 16-21 erst durch die kanonische Redaktion zum vorkanonischen Text hinzugefügt. Überhaupt wurde bereits früher die Sonderstellung der Passage bemerkt, wonach 1Kor 4,14-21 als Träger aller formaler Eigentümlichkeiten eines Briefschlusses paulinischer Briefe emp‐ funden wurde. 86 Aus der Perspektive der Priorität der *10-Briefe-Sammlung wird man urteilen, dass der „Briefschlusscharakter“ eine unbeabsichtigte Folge der kanonischen Erweiterung ist, die den vorkanonischen Zusammenhang zwischen *1Kor 4,14-15 und 5,1 unterbrechen wollte. Verglichen hat man diese Stelle mit 1Thess 2,17-3,13, die als „apostolische Parusie“ bezeichnet wurde. 87 Für fiktiv hält Couchoud (Delafosse) die Einfüh‐ rung und die Mission des Timotheus, zum einen wisse Paulus nach 1Kor 16,10 noch gar nicht, ob Timotheus nach Korinth komme, er selbst wolle ja den Winter dort verbringen (1Kor 16,6-7), und brauche darum keinen Überbringer seiner Botschaft. 88 D. (4,14) Zu dem teilweise bezeugten Versteil: ἐντρέπω, das 9 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt, wobei das verwandte Substantiv ἐντροπή vorkanonisch für *1Kor 15,34 bezeugt ist. ♦ γράφω steht 213 / 191 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev; *1Kor 1,19. 31; 3,19; 4,14; 9,10; 10,7. 11; 14,21; 15,54. ♦ Die Kombinationen ὑμᾶς γράφω und γράφω ταῦτα sind Hapax legomena im NT. ♦ Zu ταῦτα vgl. zuvor zu Vers 6. ♦ Die Kombination ἀλλ’ ὡς steht 17 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal in Mt; Joh 7,10; Röm 9,32; 1Kor 3,1; 4,14; 2Kor 2,17; 7,14; 11,17; Gal 3,16; 4,14; Eph 5,15. 24; 6,6; 1Petr 2,16; 1Joh 2,27). ♦ τέκνον steht 103 / 99 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev; *Gal 4,31; *1Kor 4,14; *Laod 2,3; 6,1. Zu dem nicht mehr bezeugten Versteil: ἀγαπητός steht 64 / 61 Mal im NT, vorkano‐ nisch bezeugt für *Ev; *1Kor 1,28. ♦ νουθετέω steht 9 / 8 Mal im NT, immer nur für die kanonische Ebene belegt (Apg 20,31; Röm 15,14; 1Kor 4,14; 1Thess 5,12. 14; 2Thess 3,15; Kol 1,28; 3,16). Zur Rekonstruktion: Während die Verseröffnung unbezeugt ist und auch lexi‐ kalisch auf die kanonische Ebene weist, bietet die Bezeugung von „Schreiben“ und „Kinder“, die auch lexikalisch für die vorkanonische Ebene weiter bezeugt 2 (1Kor) 283 <?page no="1162"?> 89 Vgl. S.-247, 280, 284, 710, 714, 722; I, S.-563, 640, 678. ist, genügend Fundament, diesen Passus für die vorkanonische Version voraus‐ zusetzen. Auch das vorkanonisch bezeugte ἀγαπητά wird noch gestanden sein. Hingegen scheint das νουθετῶν auf derselben kanonischen Ebene zu stehen wie die Verseröffnung. (4,15) Zum unbezeugten Versteil: Die unscheinbare Kombination ἐὰν γάρ steht 10 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 2 Mal Mt; 1Kor 4,15; 8,10; 9,16; 14,14; 2Kor 12,6; Jak 2,2; im Vers: 2 Mal Joh), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μυρίος, das 3 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,19 (wie hier im Plural). ♦ παιδαγωγός, das 3 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ἔχητε ἐν steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 13,35; 16,33; 20,31; 1Kor 4,15). ♦ Die Formel ἐν Χριστῷ wird vorkanonisch nur „encheiristisch“ gebraucht, während ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ nur kanonisch steht (vgl. zuvor zu 1Kor 1,4), wobei an dieser Stelle eine instrumentale Verwendung der Selbstautorisierung des Paulus vorliegt, ein semantisches Merkmal der kanonischen Redaktion. 89 ♦ πατέρες, das im Plural 20 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,23. 26; 11,47; *1Kor 10,1; *Laod 6,4. Zum bezeugten Versteil: Der Dativ εὐαγγελίῳ steht 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Thess 1,8. ♦ Die Wendung διὰ τοῦ εὐαγγελίου steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,15; Eph 3,6; 2Thess 2,14; 2Tim 1,10). ♦ Die emphatische Kombination ἐγὼ ὑμᾶς findet sich nur noch ein Mal im NT ( Joh 6,70). ♦ γεννάω, das 98 / 97 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23. 24; *1Kor 4,15. ♦ Die Form ἐγέννησα steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in Phlm 1,10 (eine Stelle, die zwar unbezeugt ist, jedoch vermutlich vorkanonisch vorhanden war, vgl. zur Stelle). Zur Rekonstruktion: Auch für diesen Vers, der in seinem ersten Teil unbezeugt ist, hilft der Vergleich von Lexik und Semantik. Wie die ausschließlich kanonisch bezeugten Kombinationen (ἐὰν γάρ; ἔχητε ἐν; ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ), der Terminus παιδαγωγός und die Semantik (ἐν Χριστῷ) für den unbezeugten Teil stützen, wird dieser in der vorkanonischen Version gefehlt haben, während der bezeugte Teil, wie in Tertullian gibt, vorkanonisch präsent war. (4,16) παρακαλέω, das 115 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,25; *2Kor 12,7. ♦ Die Wendung παρακαλῶ οὖν ὑμᾶς steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 12,1; 1Kor 4,16; Eph 4,1), auch Varianten derselben stehen nur auf der kanonischen Ebene (1Kor 1,10; 16,15; 2Kor 2,8; 10,1; Eph 4,1; Röm 12,1; 1Thess 2,12; 3,2; 4,1. 10; 2Thess 3,12; Phlm 9-10; 1Tim 2,1; Hebr 13,19. 22; Jud 3). ♦ μιμητής steht 7 / 6 Mal im NT, ausschließlich für die 284 Rekonstruktion <?page no="1163"?> kanonische Ebene bezeugt (1Kor 4,16; 11,1; Eph 5,1; 1Thess 1,6; 2,14; Hebr 6,12; 1Petr 3,13). ♦ Auch das zugehörige Verb μιμέομαι, das 11 / 4 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,16; 11,1; Eph 5,1; 1Thess 1,6; 2,14; 2Thess 3,7. 9; Hebr 6,12; 13,7; 1Petr 3,13; 3Joh 1,11). ♦ Der Imperativ γίνεσθε steht 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbindung μιμηταί μου γίνεσθε kehrt wörtlich wieder auf der kanonischen Ebene in 1Kor 11,1 und erinnert an Phil 3,17: Συμμιμηταί μου γίνεσθε; Gal 4,12: Γίνεσθε ὡς ἐγώ. Außerdem vergleiche man Eph 5,1 mit der Passage hier: Γίνεσθε οὖν μιμηταὶ τοῦ θεοῦ ὡς τέκνα ἀγαπητὰ. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte kurze Vers eröffnet mit einer nur auf der kanonischen Ebene belegten Formulierung (παρακαλῶ οὖν ὑμᾶς), weist die ausschließlich auf dieser Ebene stehenden Termini μιμητής und γίνεσθε auf und schließt mit einer Kombination, die nur kanonisch zu finden ist: μιμηταί μου γίνεσθε. Der Vers ist erkennbar ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat im vorkanonischen Text gefehlt. (4,17) διὰ τοῦτο steht 64 Mal im NT, davon 38 Mal als Verseröffnung und zwar in Mt (7 x); Mk (1 x); Lk 11,49; Joh (6 x); Apg (1 x); Röm 1,26; 4,16; 5,12; 13,6; 1Kor 4,17; 11,10. 30; 2Kor 4,1; 7,13; 13,10; Eph 1,15; 5,17; 6,13; Kol 1,9; 1Thess 3,5. 7; 2Tim 2,10; Hebr 2,1; 3Joh (1 x); Apk (3 x), während es vorkanonisch nur im Vers für *2Thess 2,11 bezeugt ist. ♦ τοῦτο allein, das 313 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,50. 53; *2Thess 2,11; *Laod 5,32. ♦ πέμπω findet sich 86 / 79 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 8,3, aber erkennbar ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion. ♦ Τιμόθεος, der 25 / 24 Mal im NT erwähnt wird, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ἐστίν μου steht 4 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene (Mt 10,37. 38; Lk 10,29, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 1Kor 4,17). ♦ πιστός steht 69 / 67 Mal im NT, vorkanonisch nur negativ bezeugt für *Ev 16,11. 12, als positive (und negative) Charakterisierung steht es nur auf der kanonischen Ebene, insbesondere in der Apg und den Pseudopaulinen. ♦ Die Wendung ἐν κυρίῳ steht 48 Mal im NT, wohl ausschließlich auf der kanonischen Ebene und nur im kanonischen Paulus, vgl. zu Gal 5,10. ♦ ἀνάμνησις steht 5 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (Lk 22,19; 1Kor 4,17; 11,24. 25; Hebr 10,3). ♦ ἀναμιμνήσκω findet sich ebenfalls lediglich auf dieser Ebene in Mk 11,21; 14,72; 2Kor 7,15; 2Tim 1,6; Hebr 10,32. ♦ ὁδός steht 107 / 101 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 11,33. ♦ Der Ausdruck τὰς ὁδούς μου begegnet nur 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in Hebr 3,10. ♦ ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ wurde bereits zum voranstehenden Vers 1,4 als kanonischer Ausdruck vermerkt. ♦ πανταχοῦ steht 8 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ πάσῃ (Dat. Fem. Sg.), das 44 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für das *Deuteropaulinum *2Thess 2 (1Kor) 285 <?page no="1164"?> 2,9. ♦ διδάσκω, das 102 / 97 Mal im NT steht, ist vorkanonisch gut bezeugt, aber ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers fällt die Nähe zum *Deutero‐ paulinum *2Thess auf, insbesondere zur Stelle *2Thess 2,9-11. Es begegnen ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugte Begriffe (Τιμόθεος; ἐν κυρίῳ; ἀνάμνησις; πανταχοῦ), Kombinationen (ἐστίν μου; τὰς ὁδούς μου; ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ), die kanonisch-semantische Bedeutung von πιστός und weitere, ka‐ nonisch beliebte Begriffe, d. h. man wird diesen Vers mit Gewissheit der kanonischen Redaktion zuschreiben dürfen, und er wird vorkanonisch gefehlt haben. (4,18) Die Kombination ὡς μή steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,7. 18; 7,29. 30. 31; 2Kor 10,14). ♦ ἔρχομαι steht 709 / 636 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,4; *1Kor 15,35. ♦ Die Form ἐρχομένου begegnet nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in Apg 5,15. ♦ Die Kombination μου πρός begegnet 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 26,12; Mk 9,17; Lk 1,43, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Apg 8,24; Röm 10,21; 15,30; 1Kor 4,18: μου πρὸς ὑμᾶς; 2Kor 12,21: μου πρὸς ὑμᾶς; Eph 3,14). ♦ φυσιόω, das 7 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ τινες (Nom. Fem. / Mask. Pl.), das 79 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 10,7; *Phil 1,15. Zur Abwesenheit: In diesem unbezeugten Vers fallen wieder ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugte Kombinationen (ὡς μή; μου πρὸς bzw. μου πρὸς ὑμᾶς), die Form ἐρχομένου und der Terminus φυσιόω auf. Der Vers wird folglich von der kanonischen Redaktion geschaffen sein und in der vorkanonischen Version gefehlt haben. (4,19) Zu ἔρχομαι vgl. zum voranstehenden Vers 4,18. ♦ Die Form ἐλεύσομαι steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 9,9; 15,29, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 4,19; 16,05; 2Kor 12,1; Phil 2,24). ♦ ταχέως, das 10 / 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 14,21 und *Gal 1,6. ♦ Das verwandte ταχύς, das 32 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur in der hier vorliegenden Form ταχέως bezeugt für *Ev 14,21. *Gal 1,6. ♦ Der Ausdruck ἐὰν ὁ κύριος θελήσῃ begegnet wörtlich wieder in Jak 4,15 und erinnert an Apg 18,21 (τοῦ θεοῦ θέλοντος). ♦ Die Form γνώσομαι steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, in Lk 1,18, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Apg 24,22; 1Kor 4,19 und in manchen Zeugen in 1Kor 13,12. ♦ Zu φυσιόω als ausschließlich kanonischer Begriff vgl. zum voranstehenden Vers 4,19. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers finden sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnende Formen (ἐλεύσομαι; γνώσομαι), die 286 Rekonstruktion <?page no="1165"?> Wendung ἐὰν ὁ κύριος θελήσῃ und der Begriff φυσιόω, auch dieser Vers wird demnach von der kanonischen Redaktion formuliert sein und vorkanonisch gefehlt haben. (4,20) Die Kombination οὐ γάρ steht 80 Mal im NT, davon 46 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,34; und als Verseröffnung: *2Kor 4,5; *Röm 1,16; 2,13. ♦ Die Kombination ἐν λόγῳ steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 22,15; 1Kor 4,20; 2Kor 6,7; Kol 3,17; 1Thess 1,5; 2,5: οὔτε γάρ ποτε ἐν λόγῳ; 4,15; 1Tim 4,12; 5,17; Jak 3,2). ♦ Die Wendung ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ begegnet 21 Mal im NT, bei Paulus nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene, Röm 14,17: οὐ γάρ ἐστιν ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,24 (? ); 10,11; 11,20; 16,16; 17,20. 21; 21,31, wenn sie auch in *Ev 13,19. 29; 19,11; 22,16 fehlt. ♦ Die Kombination ἀλλ’ ἐν begegnet 29 Mal im NT, davon 22 Mal im kanonischen Paulus, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, wie zu 1Kor 2,5 gezeigt, dort steht auch wörtlich die erweiterte Kombination ἀλλ’ ἐν δυνάμει. Zur Abwesenheit: Eindrücklich zeigt die Lexik bei diesem unbezeugten Vers seine Zugehörigkeit zur kanonischen Redaktion und erweist, dass er in der vorkanonischen Version gefehlt hat. (4,21) Die Kombination τί θέλετε steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 20,32; 26,15; Mk 10,36; 1Kor 4,21). ♦ Der Ausdruck ἐν ῥάβδῳ steht ebenfalls 4 Mal im NT, wieder ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,21; Apk 2,27; 12,05; 19,15). ♦ Die Kombination ἔλθω πρὸς ὑμᾶς begegnet noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (1Kor 14,6). ♦ Die Kombination ἢ ἐν begegnet 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, wobei von besonderem Interesse die verschiedene Bezeugung für das *Deuteropaulinum *Kol 2,16 ist, vgl. zu diesem Vers dort. ♦ πραΰτης, das 22 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene belegt. Zur Abwesenheit: Ähnlich wie bei dem voranstehenden Vers entspricht die Lexik der fehlenden Bezeugung des Verses und verdeutlicht, dass er zur kano‐ nischen Redaktion gehört und in der vorkanonischen Version gefehlt hat. Kapitel 5 5,1-3 [4] 5 [6] 7-8 [9-10] 11 [12-13]: Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid! In diesem Kapitel, das in der vorkanonischen Version auf die Antithese zwischen alt und neu zentriert ist, verändert die kanonische Redaktion den Schwerpunkt. Aus dem anfänglichen etwas vagen Beispiel aus dem heidnischen Umfeld und 2 (1Kor) 287 <?page no="1166"?> dem Hinweis auf die offenkundige Praxis, dass man mit der Frau des Vaters kohabitieren konnte, gestaltet die kanonische Redaktion die Einleitung zu einer ausführlichen Digression zur Blutschande, der Aufgabe der Gemeinde, für Reinheit und Heiligkeit zu sorgen, was im nachfolgenden Kapitel zu der kanonischen Frage führt: „9 … Wisst ihr nicht, dass Ungerechte Gottes Reich nicht erben werden? Irrt euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzenverehrer noch Ehebrecher noch Lustmolche noch Homosexuelle 10 noch Diebe noch Habgierige, keine Trinksüchtige, keine Lästerer, keine Räuber werden das Reich Gottes erben.“ (1Kor 6,9-10) 5,1 Ὅλως ἐν τοῖς ἔθνεσιν ὀνομάζεται, ὥστε γυναῖκά τοῦ πατρὸς ἔχειν· 5,1 Ὅλως ἀκούεται ἐν ὑμῖν πορνεία, καὶ τοιαύτη πορνεία ἥτις οὐδὲ ἐν τοῖς ἔθνεσιν, ὥστε γυναῖκά τινα τοῦ πατρὸς ἔχειν. 2 καὶ ἐξαρθῇ ἐκ μέσου αὐτῶν ὁ τὸ ἔργον τοῦτο ποιήσας. 2 καὶ ὑμεῖς πεφυσιωμένοι ἐστέ, καὶ οὐχὶ μᾶλλον ἐπενθήσατε, ἵνα ἀρθῇ ἐκ μέσου ὑμῶν ὁ τὸ ἔργον τοῦτο πράξας; 3 Κέκρικα 3 ἐγὼ μὲν γάρ, ἀπὼν τῷ σώματι παρὼν δὲ τῷ πνεύματι, ἤδη κέκρικα ὡς παρὼν τὸν οὕτως τοῦτο κατεργασάμενον 4 ἐν τῷ ὀνόματι τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ, συναχθέντων ὑμῶν καὶ τοῦ ἐμοῦ πνεύματος σὺν τῇ δυνάμει τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ, 5 παραδοῦναι τὸν τοιοῦτον τῷ Σατανᾷ εἰς ὄλεθρον τῆς σαρκός, ἵνα τὸ πνεῦμα σωθῇ ἐν τῇ ἡμέρᾳ τοῦ κυρίου. 5 παραδοῦναι τὸν τοιοῦτον τῷ Σατανᾷ εἰς ὄλεθρον τῆς σαρκός, ἵνα τὸ πνεῦμα σωθῇ ἐν τῇ ἡμέρᾳ τοῦ κυρίου Ἰησοῦ. - 6 Οὐ καλὸν τὸ καύχημα ὑμῶν. οὐκ οἴδατε ὅτι μικρὰ ζύμη ὅλον τὸ φύραμα ζυμοῖ; 7 ἐκκαθάρατε τὴν παλαιὰν ζύμην, ἵνα ἦτε νέον φύραμα, καθώς ἐστε ἄζυμοι. καὶ γὰρ τὸ πάσχα ἡμῶν ἐτύθη Χριστός, 7 ἐκκαθάρατε οὖν τὴν παλαιὰν ζύμην, ἵνα ἦτε νέον φύραμα, καθώς ἐστε ἄζυμοι. καὶ γὰρ τὸ πάσχα ἡμῶν ὑπὲρ ἡμῶν ἐτύθη Χριστός· 8 ὥστε ἑορτάζωμεν μὴ ἐν ζύμῃ παλαιᾷ, μηδὲ ἐν πορνείας, ἀλλ’ ἐν ἀζύμοις εἰλικρινείας καὶ ἀληθείας 8 ὥστε ἑορτάζωμεν, μὴ ἐν ζύμῃ παλαιᾷ μηδὲ ἐν ζύμῃ κακίας καὶ πονηρίας, ἀλλ’ ἐν ἀζύμοις εἰλικρινείας καὶ ἀληθείας. - 9 Ἔγραψα ὑμῖν ἐν τῇ ἐπιστολῇ μὴ συναναμίγνυσθαι πόρνοις, - 10 οὐ πάντως τοῖς πόρνοις τοῦ κόσμου τούτου ἢ τοῖς πλεονέκταις καὶ ἅρπαξιν ἢ εἰδωλολάτραις, ἐπεὶ ὠφείλετε ἄρα ἐκ τοῦ κόσμου ἐξελθεῖν. 288 Rekonstruktion <?page no="1167"?> 90 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 166. 11 συνεσθίειν. 11 νῦν δὲ ἔγραψα ὑμῖν μὴ συναναμίγνυσθαι ἐάν τις ἀδελφὸς ὀνομαζόμενος ᾖ πόρνος ἢ πλεονέκτης ἢ εἰδωλολάτρης ἢ λοίδορος ἢ μέθυσος ἢ ἅρπαξ, τῷ τοιούτῳ μηδὲ συνεσθίειν. - 12 τί γάρ μοι τοὺς ἔξω κρίνειν; οὐχὶ τοὺς ἔσω ὑμεῖς κρίνετε; 13 τοὺς δὲ ἔξω ὁ θεὸς κρινεῖ. ἐξάρατε τὸν πονηρὸν ἐξ ὑμῶν αὐτῶν. A. *5,1: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,2: Non defendo secundum legem creatoris displicuisse illum qui mulierem patris sui habuit. Communis et publicae religionis secutus sit disciplinam. ♦ *5,2-3: Tert., Adv. Marc. V 7,2: auferri iubens malum de medio. ♦ *5,5: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,2: Sed cum eum damnat dedendum satanae, damnatoris dei praeco est. Viderit et quomodo dixerit. In interitum carnis ut spiritus salvus sit in die domini, dum et de carnis interitu et de salute spiritus iudicarit, et auferri iubens malum de medio creatoris frequentissimam sententiam commemoraverit. Vgl. Adam., Dial. II 8 (im Mund des Markioniten): παρέδωκα τὸν τοιοῦτον εἰς ὄλεθρον τῆς σαρκός, ἵνα τὸ πνεῦμα σωθῇ (Rufin: Tradidi eiusmodi hominem satanae in interitum carnis, ut spiritus saluus fiat). Ibid. II 21 (im Mund des Adamantius): παρέδωκα τὸν τοιοῦτον τῷ σατανᾷ εἰς ὄλεθρον (Rufin: Tradidi eiusmodi hominem satanae in interitum). Vgl. *Gal 5,9. ♦ *5,7: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,3: Expurgate vetus fermentum, ut sitis nova conspersio, sicut estis azymi. Ergo azymi figurae erant nostrae apud creatorem. Sic et pascha nostrum immolatus est Christus. Epiph., Pan. 42, sch. 13 (121. 161 H.): καὶ γὰρ τὸ πάσχα ἡμῶν ἐτύθη Χριστός. Adam., Dial. II 18 (im Mund des Adamantius): πάσχα ἡμῶν ἐτύθη Χριστός (Rufin: Etenim pascha nostrum immolatus est, Christus). Vgl. auch Ex 8,25 LXX (… τὸν λαὸν θῦσαι κυρίῳ). ♦ *5,8-11: Die Verse 8-11 sind nur in Auszügen belegt, vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,4: Avertens autem nos a fornicatione manifestat carnis resurrectionem. Corpus, inquit, non fornicationi sed domino, et dominus corpori, ut templum deo et deus templo. Vgl. ibid. IV 9,3: communicationem prohibebat hominis delictis commaculati, cum qualibus et apostolus cibum quoque vetat sumere; participari enim stigmata delictorum, quasi ex contagione, si qui se cum peccatore miscuerit. B. (5,1) Post ἔθνεσιν add ὀνομάζεται vg pauc , Cass, M, syr, Bas, Chrys, Thdt. Zuntz hält dies für eine eingedrungene Glosse. 90 ♦ (5,2) anstelle von ἀρθῇ liest man 2 (1Kor) 289 <?page no="1168"?> 91 Vgl. Ibid. 130-131. 92 Inkorrekterweise vermerkt Zuntz die Bezeugung umgekehrt, ibid. 133. ἐξαρθῇ in 020, 044, 1241, 1505, M, Tert, Did. ♦ Anstelle von πράξας liest man ποιήσας in P 46.68 , 03, 06, 010, 012, 020, 025, 044, 365, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, M, Orig, während πράξας zu lesen ist in P 11vid 01, 02, 04, 33, 81, 104, 326, 1175, 2464, Epiph, Bas, Did. 91 ♦ Das schlichte κυρίου begegnet in P 46 , 03, 630, 1739, Tert., Epiph. Ἰησοῦ ist bezeugt durch P 61vid , 01, 020, 44, 81, 1175, 1505, 2464, M, vg st , Ἰησοῦ Χριστοῦ haben 06, b, Ambst; ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ haben 02, 010, 012, 025, 33, 104, 365, 1241, 1881, ar, vg cl , sy p-h **, co, Lcf. ♦ Anstelle von ζυμοῖ steht in 06* δολοῖ (corrumpit Ir lat ). ♦ (5,6) Anstelle von ζυμοῖ schreibt 06* δολοῖ. ♦ (5,7) Post ἐκκαθάρατε add οὖν P 11vid , 01 2 , 04, 020, 025, 044, 048, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, M, ar, vg mss , sy h , Pel, und die altlateinische Tradition in 61, 262. 92 ♦ Gegen NA 28 ist das ὑπὲρ ἡμῶν nach 01 2 , 04 3 , 020, 025, 044, 104, 365, 630, 1175 c , 1241, 1505, 1881, 2464, M, sy, sa, bo ms in den Text aufzunehmen, während das Fehlen für die vorkanonische Fassung bezeugt wird durch P 11vid.46vid , 01*, 02, 03, 04*, 06, 010, 012, 33, 81, 1175*, 1739, latt bo, Cl, Or, Epiph. ♦ (5,8) Anstelle von πονηρίας lesen 010, 012 πορνείας. C. 1. (5,1-4) Die Rekonstruktion der ersten Verse von Kapitel 5 stellen eine besondere Herausforderung dar. Zum einen sind sich die bisherigen Editoren uneins, was insbesondere mit der unterschiedlichen Bewertung des Adamanti‐ uszeugnisses für die Verse 3-4 zusammenhängt, zum anderen wurden nicht alle Hinweise Tertullians bisher aufgenommen. Drittens scheint es, dass aus diesen Zeugnissen sich eine etwas andere Konstruktion des Textes nahelegt. 2. (5,1) Hilgenfeld sieht diesen Vers durch Tertullian berührt. Zahn und Harnack nehmen den kanonischen Text von Vers 1 an. Schmid rekonstruiert (τὴν) γυναῖκά (τινα) τοῦ πατρὸς ἔχειν. BeDuhn übersetzt diesen Text und nimmt in Klammern eine Eröffnung hinzu (… ἀκούεται ἐν ὑμῖν-…, ὥστε). Damit sieht BeDuhn richtig, denn der bezeugte Teil des Verses bedarf nicht nur einer Einleitung, sie wird auch durch Tertullian umschrieben: Communis (entspricht Ὅλως) et publicae religionis (entspricht mit disciplinam dem ἐν τοῖς ἔθνεσιν) secutus sit disciplinam. Nimmt man mit einigen Zeugen das ὀνομάζεται in den Text hinein, bietet sich eine etwas andere Konstruktion des Textes an. Diese Rekonstruktion wird ge‐ stützt durch den zweiten Satz Tertullians (Communis …), der erstaunlicherweise von keinem der Editoren bislang berücksichtigt wurde. Doch bezeugt er, wie ge‐ rade ausgeführt, Teile des griechischen Textes. Dann ist es aber wahrscheinlich, dass erst die kanonische Redaktion die allgemeine Aussage (ὅλως), die ja auch 290 Rekonstruktion <?page no="1169"?> 93 A. Bowden, Desire in Paul’s Undisputed Epistles. Semantic Observations on the Use of epithymeō, ho epithymētēs, and epithymía in Roman Imperial Texts (2020), 418. Tertullian erst noch mit dem Gesetz des Schöpfers zusammenbringen muss (non defendo secundum legem creatoris-…), auf die Zuhörer hin ausrichtete (ἀκούεται ἐν ὑμῖν) und sie auch noch auf die Unzucht hin las (πορνεία, καὶ τοιαύτη πορνεία ἥτις …), während die vorkanonische Version den näheren Umstand bzw. Inhalt nicht ausführt, sondern man lediglich an der Aufforderung in Vers 2 auf die Unmoralität des Verhältnisses schließen kann und muss. Folglich wird die kanonische Redaktion den ersten Vers überarbeitet zu haben. Auffällig ist nämlich das zweimalige πορνεία. Bereits zu *Gal 5,19 war bemerkt worden, dass, anders als in der kanonischen Fassung, dieser Begriff dort nicht begegnet. Damit aber stellt erst die kanonische Redaktion gleich zu Beginn dieses Abschnittes möglicherweise den Bezug zum Reskript des sogenannten Apostelkonzils von Apg 15,20 her, auf das etwa Bowden verweist. 93 3. (5,2-3) Diese Verse sind nach allen Editoren unbezeugt, außer für Hilgen‐ feld, der ihn von Tertullian „berührt“ sieht. Zahn allerdings rechnet mit ihm in irgendeiner Weise, und BeDuhn nimmt ihn in seine Übersetzung in Klammern auf … ἀρθῇ ἐκ μέσου ὑμῶν ὁ τὸ ἔργον τοῦτο πράξας, ohne hierfür eine Begründung oder einen Beleg zu geben. Mit dieser Aufnahme liegt er richtig, da Tertullian tatsächlich diesen Passus gelesen hat (auferri iubens malum de medio), und mit dem iubens nimmt er auch das in Vers 3 stehende κέκρικα auf. 4. (5,3-4) Diese sind bei Tertullian bis auf κέκρικα (iubens) unbezeugt. Hilgen‐ feld sieht die Verse 3-5 von Adamantius „urkundlich aus dem marcionitischen Texte angeführt“. Schmid zeigt sie als solche an, obwohl schon Zahn, Harnack wie dann auch BeDuhn Adam., Dial. II 5 als Zeugnis für sie in Anspruch nehmen. Bei Adamantius wird in Dial. II 5 tatsächlich zuvor beim Zitat von *Röm 2,16 ausdrücklich auf das „Apostolikum“ verwiesen (ἔχω τὸ ἀποστολικόν σου καὶ ἀναγινώσκω λέγοντος …), dann aber wird die hier zur Diskussion stehende Passage erneut mit einer Einleitung von ihm versehen, die nun eine Reihe von Zeugnissen anführt, die jedoch, wie spätestens die nachfolgenden Stellen aus Mt 7,2 und Mt 10,33. 34 zeigen, aus der „Schrift“ des Adamantius und nicht mehr aus Markions *NT genommen sind. Das bedeutet aber, dass Adamantius’ neue Einleitung (ἄκουε τοῦ αὐτοῦ ἀποστόλου λέγοντος) nicht mehr Markions ἀποστολικόν anführt, sondern Adamantius’ Paulus. Adamantius ist folglich kein Zeuge für die Anwesenheit der Passage. 5. (5,5) Hilgenfeld sieht diesen Vers durch Tertullian „berührt“. Zahn meint, der Vers sei in der kanonischen Form vorhanden gewesen, allerdings ohne 2 (1Kor) 291 <?page no="1170"?> 94 H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul II. La première épître aux Corinthiens, traduction nouvelle avec introduction et notes (1926), 27. 95 Bereits als spätere Angleichung gesehen von C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. 96 H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul II. La première épître aux Corinthiens, traduction nouvelle avec introduction et notes (1926), 27. 36. Ἰησοῦ. Harnack führt den obigen Text an, Schmid folgt ihm, passt den Text jedoch stärker an Tertullian an, indem er anstelle von τὸν τοιοῦτον einfach αὐτόν setzt. BeDuhn übersetzt den obigen Text mit Ausnahme des τῷ Σατανᾷ, das er aufgrund der Auslassung in Adam., Dial. II 8 (präsent allerdings in ibid. II 21) weglässt. Auch Couchoud (Delafosse) hält die Übergabe an Satan für eine katholische Redaktion. 94 6. (5,6) Dieser Vers ist unbezeugt, auch wenn Zahn den Vers in irgendeiner Form präsent sieht. Harnack, Schmid und BeDuhn zeigen ihn einfach als unbezeugt an. Für die Abwesenheit zumindest des ersten Teils spricht das Thema des καύχημα, das an die Verse der kanonischen Redaktion Gal 6,4. 13 erinnert. Entscheidend ist, dass der Vers im zweiten Teil bis auf ζυμοῖ anstelle von δολοῖ wörtlich übereinstimmt mit *Gal 5,9: μικρὰ ζύμη ὅλον τὸ φύραμα δολοῖ. Sowohl die Variante in 06* wie die wörtliche Übereinstimmung zeigt, 95 dass bereits früh in der Textüberlieferung eine Harmonisierung zwischen 1Kor und Gal stattgefunden hat, die vermutlich auf eine der beiden kanonischen Redaktionen zurückgeht. Dazu passt, dass die kanonische Redaktion als ein typisches Merkmal Duplikationen aufweist. Der Vers ist narrativ und argumen‐ tativ entbehrlich und mag lediglich dazu dienen, dem Leser der kanonischen Form des Ersten Korintherbriefs die Genuinität dieses Briefes zu verdeutlichen, der wenig später dasselbe wieder im Galaterbrief lesen wird. 7. (5,7) Hilgenfeld sieht diesen Vers durch Tertullian „berührt“, und er sei auch weder Adamantius noch Epiphanius entgangen. Zahn sieht den kanonischen Text als gegeben, Harnack, Schmid und BeDuhn folgen ihm darin, wobei BeDuhn am Ende noch mit Auslassungszeichen fehlenden Text andeutet. Cou‐ choud (Delafosse) hält Verse 7-8a für markionitisch. 96 8. (5,8-11) Hilgenfeld sieht hier nur Vers 9 durch Tertullian „berührt“, aller‐ dings scheint er „früher (IV,9) „berücksichtigt“ zu sein. Zahn sieht diese Verse als unbezeugt, wenn auch in irgendeiner Form präsent. Harnack, Schmid und BeDuhn vermerken sie als unbezeugt, wobei Harnack scharfsinnig beobachtet, dass Tert., Adv. Marc. IV 9,3 das μὴ συνεσθίειν voraussetzt. BeDuhn deutet mit Auslassungszeichen an, dass er unbezeugten, aber nicht näher bestimmbaren Text vermutet. 292 Rekonstruktion <?page no="1171"?> 97 Ibid. 32-33. 98 Vgl. I.J. Elmer, The Pauline Letters as Community Documents (2015), 37. 99 H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul II. La première épître aux Corinthiens, traduction nouvelle avec introduction et notes (1926), 28-33. Tertullian bezeugt jedoch mit avertens autem nos a fornicatione, dass er ἑορτάζωμεν, μὴ ἐν πορνείας … συνεσθίειν oder Vergleichbares gelesen hat. Er hätte wohl kaum das κακία übergangen, das zur kanonischen Redaktionsstufe gehört. Zu dieser Redaktion gehört auch die Veränderung von πορνείας zu πονηρίας, um Oberbegriffe einzuführen, die dann mit dem Nachfolgenden diese zu spezifizieren und das Geschehen zu detaillieren versuchen: … τοῖς πόρνοις τοῦ κόσμου τούτου ἢ τοῖς πλεονέκταις καὶ ἅρπαξιν ἢ εἰδωλολάτραις … τις ἀδελφὸς ὀνομαζόμενος ᾖ πόρνος ἢ πλεονέκτης ἢ εἰδωλολάτρης ἢ λοίδορος ἢ μέθυσος ἢ ἅρπαξ, τῷ τοιούτῳ μηδὲ συνεσθίειν. Zu dieser Reihe und der Parallele vgl. auf derselben kanonischen Redaktionsstufe Gal 6,10-11. Erneut würde es erstaunen, wenn der Moralist Tertullian diese reiche Palette stillschweigend übergangen hätte, wäre sie ihm im vorkanonischen Text vorgelegen. Couchoud (Delafosse) hält die Passage 1Kor 5,9-13 für ein späteres redaktio‐ nelles Element aus dem zweiten Jahrhundert, wobei sich der Hinweis auf den früheren Brief von Vers 9 auf 1Kor 5,1-7 beziehe. 97 9. (5,9) Der Hinweis darauf, dass Paulus schon über das Thema geschrieben habe, wurde bisweilen als Zeuge für einen vorangegangenen, aber verlorenen Brief an die Korinther gewertet. 98 10. (5,12-13) Diese Verse sind erneut unbezeugt, wie auch Schmid notiert. Zahn, Harnack und ihnen folgend BeDuhn verweisen für Vers 13 (ἐξάρατε τὸν πονηρὸν ἐξ ὑμῶν αὐτῶν) auf Tert., Adv. Marc. V 7,2 (auferri iubens malum de medio), doch zeigt die Platzierung bei Tertullian, dass dies der falsche Direktbezug ist. Tertullians Grundlage ist vielmehr, wie oben angegeben *1Kor 5,2. Tertullians auferri … steht nämlich in unmittelbarem Zusammenhang mit cum eum damnat dedendum satanae, dem Bezug zu *1Kor 5,5, und wird gefolgt von expurgate vetus fermentum, dem Bezug zu *1Kor 5,7. Daraus ergibt sich, dass 1Kor 5,13 vielmehr einer für die kanonische Redaktion schon zuvor festgestellten Tendenz der Duplikation folgt, d. h. der Vers wiederholt und variiert die Aussage von *1Kor 5,2. Auch die Kontrastierung von „ich“ und „Ihr“ wurde bereits als Merkmal der kanonischen Redaktion bemerkt. 11. Couchoud (Delafosse) hält 1Kor 5,9-13 für ein Stück aus dem zweiten Jahrhundert. 99 2 (1Kor) 293 <?page no="1172"?> D. (5,1) Das einen Neueinsatz markierende ὅλως findet sich als relativ seltener Begriff im NT, es steht nur 4 Mal im NT, ist jedoch bald später für *1Kor 15,29 vorkanonisch bezeugt; der Begriff begegnet überhaupt nur noch in 1Kor 6,7 und Mt 5,34. ♦ ἀκούω steht 466 / 430 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 1,13; *Kol 1,5. ♦ Die Form ἀκούεται ist Hapax legomenon im NT. ♦ πορνεία steht 27 / 25 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,13. 18; *Thess 4,3. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ τοιοῦτος, das 62 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,16 (? ); *Gal 5,21; *1Kor 15,48, vgl. weiter die Verse 5. 11. ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ Allerdings ist die Kombination von οὐδὲ ἐν nur noch ein Mal im NT zu lesen, und zwar auf der kanonischen Ebene in Lk 7,9. ♦ ὀνομάζω steht 11 / 10 Mal im NT, etwa in Lk 6,13. 14, wo an dessen Stellen jedoch das Kompositverb ἐπονομάζω zu finden ist, vorkanonisch ist das Verb allerdings bezeugt für *Gal 4,25 = Eph 1,21. ♦ ὅστις, das 165 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. ♦ γυνή, das 246 / 215 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,1; 7,2 (? ). 10; 11,5. 10; 14,34; *Laod 5,22. 23. 28. ♦ Das hier nicht bezeugte τινα (Nom. / Akk. Neut. Pl. oder Akk. Fem. / Mask. Sg.), das 46 Mal im NT steht, findet sich immer auf der kanonischen Ebene. ♦ πατήρ im Singular, der 297 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,3; 5,1; *Laod 1,17; 2,18; 4,6; 5,31; 6,2. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt der Bezeugung Tertullians, wobei der Anfang aus seinem Bericht erschlossen ist. Wie in C. begründet, scheint das Zwischenstück im ersten Halbvers gefehlt zu haben. Der Vers war jedoch gewiss vorkanonisch verhanden, wohl in der vorgeschlagenen Form. (5,2) Die Kombination καὶ ὑμεῖς steht 64 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Lk 12,36; 1Kor 5,2; 1Thess 1,6; 1Joh 2,20, jeweils auf der kanonischen Ebene), vorkanonisch im Vers bezeugt für *Ev 20,21; *1Thess 2,14; *Laod 1,13. ♦ φυσιόω, das 7 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19, vgl. weiter Vers 7. ♦ οὐχί, das 62 / 53 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,30 (? ); *1Kor 1,20. ♦ Die Kombination οὐχὶ μᾶλλον hingegen steht nur 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 5,2; 6,7; 2Kor 3,8). ♦ πενθέω steht 11 / 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,25. ♦ ἐξαίρω steht nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene (1Kor 5,13). ♦ Die alternative Lesart αἴρω steht 106 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev, allerdings nicht für *Paulus. ♦ μέσος steht 67 / 58 Mal im NT, und ist vorkanonisch ein Mal bezeugt für *Ev 4,30, nicht aber für *Paulus. ♦ 294 Rekonstruktion <?page no="1173"?> Die Kombination ἐκ μέσου findet sich 6 Mal im NT, nur an dieser Stelle vorkanonisch bezeugt, anonsten kanonisch stehend (Mt 13,49; Apg 17,33; 23,10; 1Kor 5,2; 2Kor 6,17; 2Thess 2,7). ♦ τοῦτο, das 313 Mal im NT steht und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,50. 53; *2Thess 2,11; *Laod 5,32. ♦ Die Wendung ὁ τὸ ἔργον τοῦτο steht nur hier im NT. Zur Rekonstruktion: Wie in C. begründet, ist der Vers teilweise von Tertullian bezeugt, wohingegen der erste Teil des Verses bis auf καί unbezeugt ist. Dass der unbezeugte Teil vorkanonisch gefehlt hat, legt sich aufgrund der Lexik nahe (Verseröffnung καὶ ὑμεῖς). Gleich das erste Verb φυσιόω ist ausschließlich kanonisch bezeugt, die Kombination οὐχὶ μᾶλλον ebenso. (5,3) Die Kombination ἐγὼ μέν steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 3,11; Lk 3,16, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Apg 26,9; 1Kor 1,12; 3,4; 5,3; 1Thess 2,18). ♦ ἄπειμι, das 8 / 7 Mal im NT steht und vielleicht in *2Kor 13,10 stand, ist jedoch nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ πάρειμι, das 25 / 24 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt für *2Kor 13,10; *Kol 1,6. ♦ ἤδη, das 68 / 61 Mal im NT steht, ist nur auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ κρίνω steht 125 / 115 Mal im NT, vorkanonisch für *Ev und *Paulus bezeugt, vgl. zuvor 4,5. ♦ Die Form κέκρικα begegnet nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in Tit 3,12. ♦ Zu τοῦτο vgl. den Vers 2. ♦ κατεργάζομαι, das 25 / 22 Mal im NT steht, begegnet nur auf der kanonischen Ebene (Röm 1,27; 2,9; 4,15; 7,8. 13. 15. 17. 20; 15,18; 1Kor 5,3; 2Kor 4,17; 5,5; 7,10. 11; 9,11; 12,12; Eph 6,13; Phil 2,12; Jak 1,3. 20; 1Petr 4,3). Zur Rekonstruktion: Angedeutet ist lediglich das Verb κέκρικα, das auch weiters vorkanonisch bezeugt ist. Für den unbezeugten Teil des Verses lassen sich die ausschließlich kanonisch belegte Formulierung ἐγὼ μέν, die Termini (ἄπειμι; ἤδη; κατεργάζομαι) aufführen. Diese Teile des Verses dürften folglich auf die kanonische Redaktion zurückzuführen sein und im vorkanonischen Text gefehlt haben. (5,4) ἐν τῷ ὀνόματι τοῦ κυρίου ist eine ausschließlich kanonisch redaktionelle Formulierung (Apg 9,28; 1Kor 5,4; 6,11; Jak 5,14) und scheint auf die zweite kanonische Redaktion zurückzugehen. ♦ συνάγω steht 66 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, allerdings in keinem paulinischen oder katholischen Brief außer der Stelle hier vorhanden. ♦ σύν, das 136 / 128 Mal im NT steht, etwa Lk 2,5. 13; 8,1. 38; 9,32; 24,10. 21. 24. 33. 44, in Versen oder Versteilen, die in *Ev fehlen, jedoch vorkanonisch bezeugt ist für *Ev 22,14; *Gal 2,3; 5,24; *Thess 4,17; *Kol 2,13; 3,3. 4; *Phil 1,23. ♦ Die Wendung τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ steht 42 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 1,3 (vielleicht auch *Laod 1,17). 2 (1Kor) 295 <?page no="1174"?> Zur Abwesenheit: Wie bereits die Anfangsformulierung anzeigt, ist dieser unbezeugte Vers ein Produkt der kanonischen Redaktion. Gestützt wird dies durch das ausschließlich kanonisch stehende συνάγω. Auffallend ist auch die eine vorkanonische Bezeugung der Schlussformel dieses Verses gegenüber der refrainartigen Wiederkehr derselben auf der kanonischen Ebene. Der Vers wird folglich auf der vorkanonischen Ebene gefehlt haben. (5,5) παραδίδωμι, das 134 / 119 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,5, wohl auch in *Gal 2,20, wenn hierfür auch unbezeugt. ♦ Zu τοιοῦτος vgl. zuvor zu Vers 1 und danach Vers 11. ♦ Die Kombination τὸν τοιοῦτον steht 5 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ Σατανᾶς steht 72 / 36 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 11,14; 12,7. ♦ ὄλεθρος findet sich 4 Mal im NT, vorkanonisch auffallenderweise bezeugt nicht nur hier für *1Kor 5,5, sondern auch wieder für *2Thess 1,9. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4. ♦ σῴζω ist 112 / 107 Mal im NT belegt und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 21; 5,5; *2Thess 2,10. ♦ Die Form σωθῇ steht 3 Mal im NT, weiters nur auf der kanonischen Ebene (Mk 5,23; Joh 3,17; 1Kor 5,5). ♦ Die Schlussformel ἐν τῇ ἡμέρᾳ τοῦ κυρίου Ἰησοῦ begegnet 3 Mal im NT, weiters nur auf der kanonischen Ebene (1Kor 1,8; 5,5; 2Kor 1,14). Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, und aufgrund des lexikalischen Befundes (auch unter Einschluss von Satan). Letzterer mag in einer Rezension des markionitischen *Apostolos ausgefallen sein, Tertullian hat ihn aber noch gelesen. (5,6) καλός steht 198 / 101 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,9. ♦ καύχημα, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15. ♦ Die Kombination καύχημα ὑμῶν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 5,6; 2Kor 1,14; Phil 1,26). ♦ οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8. ♦ Die Kombination οὐκ οἴδατε steht 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,16; 6,15 (wohl auch *1Kor 6,3 stehend). ♦ μικρὰ ζύμη steht 2 Mal im NT, wieder bezeugt für *Gal 5,9. ♦ ὅλος, das 123 / 110 Mal im NT steht, ist spärlich vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,27; *Gal 5,3. 9. ♦ Der ganze Passus μικρὰ ζύμη ὅλον τὸ φύραμα δολοῖ steht identisch in *Gal 5,9. ♦ ζυμόω, das 4 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers weist die Kombination καύχημα ὑμῶν auf, die ausschließlich kanonisch steht, entscheidend aber ist, dass der zweite Teil eine identische Wiederholung dessen darstellt, was vorkanonisch in *Gal 5,9 296 Rekonstruktion <?page no="1175"?> zu finden ist, also eine kanonische Duplikation darstellt. Der Vers wird demnach im vorkanonischen Text gefehlt haben. (5,7) ἐκκαθαίρω steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, dort auf der kanonischen Ebene in 2Tim 2,21. ♦ παλαιός steht 20 / 19 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,36. 37. ♦ ζύμη steht 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,9; *1Kor 5,7. ♦ Die Verbform ἦτε steht 19 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 5,7; *Laod 2,12. ♦ νέος steht 15 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt in *Ev und *Kol 3,10. ♦ Zur Verbform ἐστε vgl. zuvor zu Vers 2. ♦ Die Kombination καθώς ἐστε ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἄζυμος steht 2 Mal im NT, beide Male vorkanonisch bezeugt, hier in diesem und im nächsten Vers. ♦ Die Kombination καὶ γὰρ τό steht nur 3 Mal im NT, in Lk 22,37, in einem Vers, der in *Ev fehlt, dann in 1Kor 12,14, wobei sie auch an dieser Stelle vorkanonisch zu stehen scheint. ♦ πάσχα steht 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und und die Stelle hier. ♦ θύω steht 16 / 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für die Stelle hier und *1Kor 10,20. ♦ Die Form ἐτύθη ist Hapax legomenon im NT. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt sowohl Tertullian wie für den zweiten Teil auch dem des Epiphanius, soweit er mit Tertullian übereinstimmt. (5,8) ἑορτάζω ist im NT Hapax legomenon. ♦ Die Kombination μὴ ἐν steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,5. ♦ παλαιός ist vorkanonisch bezeugt, vgl. zuvor zu Vers 7. ♦ ζύμῃ παλαιᾷ greift τὴν παλαιὰν ζύμην aus dem voranstehenden Vers 5,7 auf. ♦ μηδέ steht 63 / 56 Mal im NT, davon 9 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mt 23,10; Röm 6,13; 1Kor 10,7. 8. 9. 10; Eph 4,27; 1Tim 1,4; 1Petr 5,3; im Vers: 7 Mal Mt; 6 Mal Mk; Lk 3,14, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 12,22; 14,12; 16,26; 17,23; 2 Mal Joh; 2 Mal Apg; Röm 9,11; 14,21; 1Kor 5,8. 11; 2Kor 4,2; Eph 5,3; Phil 2,3; Kol 2,21; 2Thess 2,2; 3,10; 1Tim 5,22; 6,17; 2Tim 1,8; Hebr 12,5; 1Petr 3,14; 5,2; 1Joh 2,15; 3,18), vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,7. 9 (beide Verseröffnungen); *Röm 14,21 (im Vers); *Kol 2,21 (im Vers). ♦ Die Kombination μηδὲ ἐν steht 2 Mal im NT, das andere Mal, vorkanonisch bezeugt in *Röm 14,21. ♦ πορνεία steht 27 / 25 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,13. 18; *Thess 4,3. ♦ Zur nur kanonisch bezeugten Kombination ἀλλ’ ἐν vgl. zuvor zu 4,20. ♦ ἄζυμος steht nur 2 Mal im NT, schon im voranstehenden Vers 4,7 für die vorkanonische Ebene bezeugt. ♦ εἰλικρίνεια ist selten und nur noch in 2Kor 1,12 und 2,17 zu finden, also nur auf der kanonischen Ebene bezeugt. Zur Rekonstruktion: Dieser nur in Teilen vorkanonisch bezeugte Vers ist nur in der kanonischen Überarbeitung rekonstruierbar. Für die kanonische Überarbeitung sprechen die nur kanonisch bezeugte Kombination ἀλλ’ ἐν und der, allerdings seltene, Begriff εἰλικρίνεια. 2 (1Kor) 297 <?page no="1176"?> (5,9) Ἔγραψα steht 20 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ἔγραψα ὑμῖν steht 11 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (hier, 1Kor 5,9; 1Joh 2,14) nur auf der kanonischen Ebene, Röm 15,15, in einem Vers, der in *Röm gefehlt hat, 1Kor 5,9. 11; 2Kor 2,4; 7,12; 1Joh 2,14. 21. 26; 5,13. ♦ ἐπιστολή steht 25 / 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Ausdruck ἐν τῇ ἐπιστολῇ begegnet noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene in 2Kor 7,8. ♦ συναναμείγνυμι steht 4 Mal im NT, jeweils nur für die kanonische Ebene belegt (1Kor 5,9. 11-; 2Thess 3,14). Zur Abwesenheit: Eindrücklich stützt die Lexik die fehlende Bezeugung dieses Verses. Der Vers geht auf die kanonische Redaktion zurück und hat in der vorkanonischen Version gefehlt. (5,10) πάντως steht 9 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (Lk 4,23; Apg 18,21; 21,22; 28,4; Röm 3,9; 1Kor 5,10; 9,10. 22; 16,12). ♦ τούτου, das 69 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,34; *1Kor 2,6. 8; 3,19; *2Kor 4,4; *Röm 7,24; *Laod 2,2; 6,12. ♦ Die Kombination τοῦ κόσμου τούτου steht 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,19; *Laod 2,1. ♦ πλεονέκτης steht 5 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (1Kor 5,10. 11 ; 6,10 ; Eph 5,5). ♦ ἅρπαξ steht 6 Mal, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 7,15; Lk 18,11; 1Kor 5,10. 11; 6,10). ♦ εἰδωλολάτρης steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,7. ♦ ἐπεί, das 29 / 26 Mal im NT steht, findet sich überhaupt nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐξέρχομαι steht 258 / 218 Mal im NT und ist vorkanonisch für *Ev bezeugt. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers weist eine Reihe ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnende Formen und Termini auf (πάντως; πλεονέκτης; ἅρπαξ; ἐπεί), d. h. der Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (5,11) νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ Die Kombination νῦν δέ steht 25 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Zu ἔγραψα ὑμῖν als kanonische Formulierung vgl. zum voranstehenden Vers 5,10. ♦ Zu συναναμείγνυμι als kanonischer Begriff vgl. den Vers 5,9. ♦ Die Kombination ἐάν τις steht 33 Mal im NT, etwa Lk 16,31, in einem Vers, der in *Ev fehlt (und überhaupt in *Ev nur bezeugt durch Adamantius) und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbform ᾖ steht 43 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πόρνος steht 12 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πλεονέκτης steht 5 / 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ εἰδωλολάτρης steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,7. ♦ λοίδορος steht nur hier und nochmals ein Kapitel weiter in 1Kor 6,10, beide Male auf der kanonischen Ebene. 298 Rekonstruktion <?page no="1177"?> ♦ μέθυσος steht nur hier und noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene im selben Brief im nächsten Kapitel (1Kor 6,10). ♦ Zu ἅρπαξ als kanonischem Begriff vgl. zuvor zu Vers 5,10. ♦ Zu τοιοῦτος vgl. zuvor zu den Versen 1. 5. ♦ Die Kombination τῷ τοιούτῳ steht nur noch ein Mal, auch auf der kanonischen Ebene in 2Kor 2,6. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten μηδέ vgl. zuvor zu Vers 8. ♦ συνεσθίω steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Auch dieser unbezeugte Vers ist voller Termini (συναναμείγνυμι; πόρνος; πλεονέκτης; λοίδορος; μέθυσος; ἅρπαξ; συνεσθίω), Kombinationen (ἔγραψα ὑμῖν; ἐάν τις; τῷ τοιούτῳ) und einer Verbform (ᾖ), die ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt sind, er geht folglich auf die kanonische Redaktion zurück und hat im vorkanonischen Text gefehlt. (5,12) Die Kombination τί γάρ findet sich 7 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mt 9,5; Röm 3,3; 1Kor 5,12; 2Kor 12,13; Phil 1,18, in einem vorkano‐ nisch bezeugten Vers, wo gerade diese Kombination unbezeugt ist; im Vers: Mt 23,19), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἔξω, das sich in Vers 12 und Vers 13 findet, steht 69 / 63 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 4,16. ♦ Die Kombination τοὺς ἔξω steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ κρίνω als positiver Ausdruck gehört zur kanonischen Ebene vgl. zu 5,3. ♦ ἔσω steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,16. ♦ Die Kombination τοὺς ἔσω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten οὐχί vgl. zuvor zu Vers 2. Zur Abwesenheit: Der unbezeugte Vers weist ausschließlich auf der kanoni‐ schen Ebene stehende Kombinationen auf (τί γάρ; τοὺς ἔξω) und besitzt die kanonische Semantik für κρίνω. Der Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (5,13) Zu τοὺς ἔξω als ausschließlich kanonisch bezeugte Kombination vgl. zum Vers zuvor, 5,12. ♦ κρίνω als positiver Ausdruck gehört zur kanonischen Ebene, vgl. zu 5,3. ♦ ἐξαίρω steht nur 2 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für 5,2. ♦ Zu πονηρός, einem kanonisch beliebten, wenn auch vorkanonisch bezeugten Begriff, vgl. zuvor zu 1,4. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15. ♦ Die Kombination ἐξ ὑμῶν αὐτῶν steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT, Apg 20,30. Zur Abwesenheit: Auch in diesem unbezeugten Vers fallen die ausschließlich kanonisch bezeugten Kombinationen (τοὺς ἔξω; ἐξ ὑμῶν αὐτῶν) auf. Auch er wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. 2 (1Kor) 299 <?page no="1178"?> Kapitel 6 6,[1-2] 3 [4-11]: Wer soll richten? Für diesen Abschnitt ist nur ein Stück aus Vers 3 bezeugt, mehr scheint vorkanonisch auch nicht vorhanden gewesen zu sein. Hier hat die kanonische Redaktion aufgrund des Stichworts „urteilen“ in Vers 3 eine große Digression geschaffen, die Aktualthemen zu behandeln scheint, und damit den bezeugten Teil von Vers 3 von der auf dieser Ebene voranstehenden Diskussion in Kapitel 5 getrennt, zu der er gehört. - 1 Τολμᾷ τις ὑμῶν πρᾶγμα ἔχων πρὸς τὸν ἕτερον κρίνεσθαι ἐπὶ τῶν ἀδίκων, καὶ οὐχὶ ἐπὶ τῶν ἁγίων; 2 ἢ οὐκ οἴδατε ὅτι οἱ ἅγιοι τὸν κόσμον κρινοῦσιν; καὶ εἰ ἐν ὑμῖν κρίνεται ὁ κόσμος, ἀνάξιοί ἐστε κριτηρίων ἐλαχίστων; 3 οὐκ οἴδατε ὅτι ἀγγέλους κρινοῦμεν; - 3 οὐκ οἴδατε ὅτι ἀγγέλους κρινοῦμεν, μήτι γε βιωτικά; - 4 βιωτικὰ μὲν οὖν κριτήρια ἐὰν ἔχητε, τοὺς ἐξουθενημένους ἐν τῇ ἐκκλησίᾳ τούτους καθίζετε; 5 πρὸς ἐντροπὴν ὑμῖν λέγω. οὕτως οὐκ ἔνι ἐν ὑμῖν οὐδεὶς σοφὸς ὃς δυνήσεται διακρῖναι ἀνὰ μέσον τοῦ ἀδελφοῦ αὐτοῦ; 6 ἀλλὰ ἀδελφὸς μετὰ ἀδελφοῦ κρίνεται, καὶ τοῦτο ἐπὶ ἀπίστων; 7 ἤδη μὲν οὖν ὅλως ἥττημα ὑμῖν ἐστιν ὅτι κρίματα ἔχετε μεθ’ ἑαυτῶν· διὰ τί οὐχὶ μᾶλλον ἀδικεῖσθε; διὰ τί οὐχὶ μᾶλλον ἀποστερεῖσθε; 8 ἀλλὰ ὑμεῖς ἀδικεῖτε καὶ ἀποστερεῖτε, καὶ τοῦτο ἀδελφούς. 9 ἢ οὐκ οἴδατε ὅτι ἄδικοι θεοῦ βασιλείαν οὐ κληρονομήσουσιν; μὴ πλανᾶσθε· οὔτε πόρνοι οὔτε εἰδωλολάτραι οὔτε μοιχοὶ οὔτε μαλακοὶ οὔτε ἀρσενοκοῖται10 οὔτε κλέπται οὔτε πλεονέκται, οὐ μέθυσοι, οὐ λοίδοροι, οὐχ ἅρπαγες βασιλείαν θεοῦ κληρονομήσουσιν. 11 καὶ ταῦτά τινες ἦτε· ἀλλὰ ἀπελούσασθε, ἀλλὰ ἡγιάσθητε, ἀλλὰ ἐδικαιώθητε ἐν τῷ ὀνόματι τοῦ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ ἐν τῷ πνεύματι τοῦ θεοῦ ἡμῶν. A. *6,3: Vgl. Tert., Adv. Marc. II 9: Cum vero ad angelum provocatur, fortiorem defendam necesse est dominum universitatis, cui iam angeli administrant, qui etiam angelos iudicaturus est, si in dei lege constiterit, quod in primordio noluit. 300 Rekonstruktion <?page no="1179"?> 100 Vgl. hierzu J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 276. 101 Ibid. 102 L.L. Welborn, The Corinthian Correspondance (2013), 212. B. (6,5) Anstelle von ἔνι steht ἔστιν in P 11 , 06, 010, 012, 6, 104, 365, 630, 1739, 1881. ♦ Anstelle von οὐδεὶς σοφὸς steht οὐδὲ εἷς σοφός steht in 010, 012, 025, 1739; σοφὸς οὐδὲ εἷς in den Zeugen 6 1 , 020, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 2464, M; allein σοφος bieten die Zeugen P 11vid , 6*, 6, 1881, während sich σοφὸς οὐδείς findet in 1505; οὐδεὶς σοφός, das von NA 28 übernommen wurde, findet sich in den Zeugen P 46 , 01, 03, 04, 044, 33. ♦ (6,6) Anstelle von τοῦτο, das sich findet in den Zeugen P 46 , 01, 02, 03, 04, 06, 025, 044, 048, 33, 81, 104, 1175, 1739, 1881, 2464, latt, Cl, steht in den Zeugen 020, 365, 1241, 1505, M, sy h ; in 630 findet sich die weitere Variante τοτε. C. 1. (6,1-12) Diese Verse sind bis auf den kleinen Vers 3 unbezeugt, allerdings sieht Hilgenfeld Vers 2 in Tert., Adv. Marc. II 9 „berücksichtigt“. Zahn, Schmid und BeDuhn nehmen diesen und auch Vers 3 als unbezeugt. Harnack meint jedoch, dass Tert., Adv. Marc. II 9 den Text aus Vers 3 (οὐκ οἴδατε ὅτι ἀγγέλους κρινοῦμεν) voraussetzt. Man kann sich natürlich die Frage stellen, ob Tertullian hier seinen eigenen Paulustext oder den Markions im Blick hat. 100 Ähnlich kritisch sieht BeDuhn die angebliche Bezeugung von V. 11 durch Adam., Dial. V 22. Darüber hinaus ist jedoch fraglich, ob die fehlende Bezeugung hier wiederum Abwesenheit bedeutet. Zunächst fällt auf, dass die Handschrift 02 die Verse 3-6 und die Zeugen 010, 012 die Verse 7-14 und der Zeuge 2344 die Verse 9-10 auslassen. Hinzu kommt, dass mit dem wieder bezeugten Teil aus Vers 13 der inhaltlich unmit‐ telbare Anschluss an die zuletzt bezeugten Verse 5,8. 11 gegeben ist. Demnach klingen die Verse 1Kor 6,1-12 wie ein Anschluss an die Verse 1Kor 5,12-13 der kanonischen Redaktion, die sie weiterentwickeln und wie eine thematische Digression wirken. Auf diese Intrusion in eine „sonst konsistente Diskussion“ verweist auch BeDuhn. 101 Überhaupt wurde der Übergang in 1Kor 6,12 als „abrupt“ bezeichnet, wegen seiner Verschiedenheit „in Ton und Inhalt“ zu 1Kor 5,1-6,11, so dass daraus geschlossen wurde, die Passage 1Kor 6,12-20 gehöre ursprünglich nicht hierher, sondern habe zwischen 1Kor 10,22-23 gestanden (man vgl. die Parallelen zwischen 1Kor 6,12.18 und 10,23). 102 Wie wir gleich sehen werden, scheint Vers 3 den Grund für den Einschub von 1Kor 6,1-11 geboten zu haben. Dass dieser Vers in der vorkanonischen Version vorhanden 2 (1Kor) 301 <?page no="1180"?> war, legt nämlich nicht nur die von Harnack bemerkte Bezeugung Tertullians für Teile von Vers 3 nahe, sondern auch der Vergleich der Lexeme. Mit dem kurzen, thematischen Hinweis zum rechten Richten unterstreicht *Paulus seine Berechtigung in dieser Sache, die er, wie in *1Kor 5,1 andeutet, für eine das allgemeine Leben betreffende zu halten scheint. Ein Verweis aus der Gemeinschaft dient jedoch lediglich dazu, dass der Geist des Verstoßenen „am Tag des Herrn gerettet wird“ (*1Kor 5,3). Diese Hochachtung drückt sich auch in *1Kor 6,3 aus, wonach ein solches Richten eines „über Engel“ gleichgesetzt wird. Auf der kanonischen Ebene führt dieser Hinweis zu einem Exkurs, der den eigentlichen Gedankengang, wie BeDuhn richtig sieht, unterbricht. Diese Überlegungen werden durch den lexikalischen Vergleich gestützt. 2. (6,1) Bemerkenswert ist der kanonisch-redaktionelle Rückverweis in 1Thess 4,6, der offenkundig auf die vorliegende Stelle von 1Kor 6,1 verweist, so auch korrekt vermerkt in NA 28 . 3. (6,9) Dieser Vers greift auf *Gal 5,21 zurück und entwickelt diesen weiter. Das gegenüber dem kanonischen Text fehlende γάρ zeigt an, dass zuvor nicht mit μὴ πλανηθῆτε zu rechnen ist. Das Zitat Tertullians beginnt folgerichtig erst mit dem danach stehenden πολλοί. In der kanonischen Fassung begegnet der Ausdruck weiter in Mt 18,12 und Joh 7,47. 4. Die folgende Kombination ist eine Wiederholung aus 1Kor 5,10: τοῖς πόρνοις τοῦ κόσμου τούτου ἢ τοῖς πλεονέκταις καὶ ἅρπαξιν ἢ εἰδωλολάτραις. Diesen Übeltätern wurden dort andere hinzugefügt (λοίδορος ἢ μέθυσος ἢ ἅρπαξ) und weitere in 1Kor 5,11: ᾖ πόρνος ἢ πλεονέκτης ἢ εἰδωλολάτρης ἢ λοίδορος ἢ μέθυσος ἢ ἅρπαξ, die zum Teil auch hier anklingen, wenn in 1Kor 6,10 aufgelistet werden: οὔτε κλέπται οὔτε πλεονέκται, οὐ μέθυσοι, οὐ λοίδοροι, οὐχ ἅρπαγες. Beide Vergleichsstellen bewegen sich auf derselben, von Tertullian unbezeugten kanonischen Redaktionsstufe. Es ist kaum vorstellbar, dass der Moralist Tertullian die Verse 9-11 stillschweigend übergangen hätte, wären sie ihm vorkanonisch vorgelegen. An der nächsten Stelle, wo ein paralleler Gedanke geäußert wird, *1Kor 15,50 zitiert Tertullian die Stelle in Adv. Marc. V 7,10 und verweist sogar noch auf Aussagen des Paulus im *Galaterbrief (5,21): Hoc enim dico, fratres, quia caro et sanguis regnum dei non possidebunt, opera scilicet carnis et sanguinis, quibus et ad Galatas scribens abstulit dei regnum, solitus et alias substantiam pro operibus substantiae ponere, ut cum dicit eos qui in carne sunt deo placere non posse. 302 Rekonstruktion <?page no="1181"?> 103 M. Klinghardt, The Oldest Gospel and the Formation of the Canonical Gospels (2021), 1040. D. (6,1) τολμάω, das 17 / 16 Mal im NT steht, ist ein Begriff, der wiederholt für die kanonische Ebene bezeugt ist (Mt 22,46 / / Mk 12,34 / / Lk 20,40, vgl. Joh 21,12), ob er jedoch auch in *Ev 20,40 stand, ist ungeklärt, vgl. auch Mk 15,43; Apg 5,13; 7,32; Röm 5,6; 15,18; 2Kor 10,2. 12; 11,21. Die einzige Belegstelle für die vorkanonische Fassung ist *Phil 1,14. ♦ πρᾶγμα, das 11 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Redaktionsstufe bezeugt. Auch das verwandte πραγματεία findet sich nur auf der kanonischen Ebene, 2Tim 2,4. Dies macht skeptisch, ob das unbezeugte πραγματεύομαι, das sich in Lk 19,13 findet, auch in dem erheblich redaktionell überarbeiteten Gleichnis vom anvertrauten Geld in *Ev stand, zumal es gerade für diesen Begriff variierende Lesarten gibt, die bei Klinghardt nicht vermerkt sind. 103 ♦ Der Ausdruck τὸν ἕτερον steht 6 Mal im NT, in Lk 16,13 ist er nicht vorkanonisch bezeugt und findet sich überhaupt nur für die kanonische Ebene bezeugt, in dem bezeugten Vers *Röm 13,8 steht an seiner Stelle vorkanonisch τὸν πλησίον. ♦ κρίνω als positiver Ausdruck gehört zur kanonischen Ebene, vgl. zu 5,3. ♦ Die Form κρίνεσθαι steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 25,10. 20; Röm 3,4; 1Kor 6,1; Jak 2,12). ♦ ἄδικος steht 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,11, ansonsten auf der kanonischen Ebene stehend (Mt 5,45; Lk 16,10. 11; 18,11; Apg 24,15; Röm 3,5; 1Kor 6,1. 9; Hebr 6,10; 1Petr 3,18; 2Petr 2,9). Das Wort begegnet folglich in beiden Fassungen und wird sowohl für Heiden wie für Sünder verwendet, so etwa für beide Gruppen im selben Kapitel hier 1Kor 6,1 (Heiden). 9 (Sünder). Das verwandte Verb ἀδικέω, das sich 32 / 28 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ οὐχί, das 62 / 53 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20. ♦ Die Kombination καὶ οὐχὶ steht 4 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt ( Joh 14,22; 1Kor 5,2; 6,1; Gal 2,14). ♦ Die Selbstbezeichnung ἅγιοι findet sich erstaunlicherweise in der vorkanonischen Fassung ausschließlich in *Laod, während sie immer wiederkehrt in der kanonischen Fassung und gerade aus den Brieferöffnungen bekannt ist, Röm 1,7; 1Kor 1,2; 2Kor 1,1; Eph 1,1; Phil 1,1; Kol 1,2. ♦ ἅγιος, das 257 / 233 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 7,12; *Laod 1,13. 18; 2,19. Zur Abwesenheit: In diesem unbezeugten Vers finden sich ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugte Termini (πρᾶγμα; ἀδικέω), der Ausdruck τὸν ἕτερον und die Kombination καὶ οὐχὶ, der Vers wird folglich zur kanonischen Redaktion gehört und im vorkanonischen Text gefehlt haben. 2 (1Kor) 303 <?page no="1182"?> 104 M.D. Goulder, Luke. A New Paradigm (1989), 717. (6,2) Die Kombination ἢ οὐκ begegnet 13 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 9,21; 1Kor 6,2. 9. 16. 19; im Vers: Mt 22,17; Mk 12,14; Lk 14,3; 20,22; Röm 11,2; 2Kor 13,5), und ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8, vgl. weiter die Verse 3. 9. 15. 16. 19. ♦ Die Form οἱ ἅγιοι steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 6,2; 2Kor 13,12; Phil 4,22; Apk 18,20). ♦ κόσμος, das 196 / 186 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,29; *Gal 4,3; 6,14; *1Kor 1,20. 21. 27; 3,19. 22; 4,9; 6,14; *Laod 2,2. 12; *Kol 1,6; 2,8. ♦ Die Form τὸν κόσμον steht 45 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 16,26; 3 Mal Mk; Lk 9,25; 19 Mal Joh; Apg 17,24; Röm 3,6; 5,12; 1Kor 6,2; 7,31; 1Tim 1,15; 6,7; Hebr 10,5; 11,7; 5 Mal 1Joh; 2Joh 1,7). ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ κρίνω als positiver Ausdruck gehört zur kanonischen Ebene, vgl. zu 5,3. ♦ καὶ εἰ ἐν steht nur noch 2 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,12. ♦ ἀνάξιος ist Hapax legomenon im NT. ♦ Das verwandte ἀναξίως steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19, vgl. weiter Vers 19. ♦ κριτήριον, das 3 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (1Kor 6,2. 4; Jak 2,6). ♦ ἐλάχιστος steht 13 / 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers stehen eine Reihe von ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugten Elementen (οἱ ἅγιοι; die kanonische Semantik von κρίνω, die Kombination ἢ οὐκ; ἐν ὑμῖν und die Form τὸν κόσμον; κριτήριον; ἐλάχιστος). Der Vers wird folglich zur kanonischen Ebene gehören und auf der vorkanonischen gefehlt haben. (6,3) Die Kombination οὐκ οἴδατε steht 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,16; 6,15. 16. ♦ ἄγγελος, der 186 / 176 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 4,9; 6,3; 11,10; *2Kor 11,14; 12,7; *2Thess 1,7; *Kol 2,18. ♦ μήτι findet sich 20 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 7,16; 12,23; 26,22. 25; Mk 4,21; 14,19; Lk 6,39; 9,13; Joh 4,29; 7,31; 8,22; 18,35; Apg 10,47; 1Kor 6,3; 7,5; 2Kor 1,17; 12,18; 13,5; Jak 3,11). ♦ Der auffallende Begriff βιωτικός begegnet nicht nur an der vorliegenden Stelle der Verse 3-4 gleich zwei Mal, sondern findet sich noch ein einziges weiteres Mal, und zwar auf der vorkanonischen Ebene in *Ev 21,34 (kanonisch in den parallelen Stellen). Auf diese Verbindung hat schon Goulder hingewiesen. 104 304 Rekonstruktion <?page no="1183"?> 105 Klinghardt hat bezüglich des Verbs ἀναλαμβάνω, das nur kanonisch belegt ist und in den kanonischen Evangelien lediglich im sekundären Markusschluss (Mk 16,19), reichlich in der Apg (Apg 1,2. 11. 22; 7,43; 10,16; 20,13. 14; 23,31), dann in Eph 6,13. 16 und in den Pastoralbriefen (1Tim 3,16; 2Tim 4,11) begegnet, darauf geschlossen, dass wir es mit einem „Vorzugswort der lk Redaktion“ zu tun haben, der „Sprache der kanonischen Redaktion“, M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 783. Vgl. ebd. auch seine Bemerkungen zu πορεύεσθαι. Zur Rekonstruktion: Nachdem im bezeugten Teil die Begriffe vorkanonisch bezeugt sind, fällt desto stärker auf, dass im unbezeugten kurzen Teil die beiden Begriffe βιωτικός und μήτι nur kanonisch stehen. Wir stellen folglich erneut eine Übereinstimmung zwischen Bezeugung und vorkanonisch anderweitigen Vorhandenseins von Begriffen und der fehlenden Bezeugung bzw. Vorhanden‐ seins von Begriffen fest. (6,4) Zum ausschließlich kanonisch belegten βιωτικός vgl. zum voranstehenden Vers 6,3. ♦ Die Kombination μὲν οὖν steht 39 Mal im NT, etwa Lk 3,18 in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene zu finden ist, etwa auch im sekundären Markusschluss Mk 16,19, dann in Joh 19,24; 20,30; 27 Mal in Apg; Röm 11,13; 1Kor 6,4. 7; 9,25; Phil 2,23; Hebr 7,11; 8,4; 9,1. 105 ♦ Zu κριτήριον als ausschließlich kanonisch belegtem Begriff vgl. zum voranstehenden Vers 6,2. ♦ Die Kombination ἐὰν ἔχητε steht 3 Mal im NT, ausschließlich kanonisch bezeugt (Mt 17,20; 21,21; 1Kor 6,4). ♦ ἐξουθενέω steht 11 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,14; *1Thess 5,20. ♦ Der Ausdruck ἐν τῇ ἐκκλησίᾳ steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,28; *2Thess 1,1. ♦ τούτους (Akk. Mask. Pl.) steht 26 Mal im NT und ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ καθίζω steht 52 / 46 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,7; *2Thess 2,4; *Laod 1,20. Zur Abwesenheit: Der Vers ist unbezeugt. Obwohl im zweiten Versteil Termini und auch eine Wendung vorkanonisch bezeugt sind, begegnet sowohl im ersten wie im zweiten ausschließlich kanonische Terminologie (βιωτικός; μὲν οὖν; ἐὰν ἔχητε; τούτους). Der Vers wird demnach von der kanonischen Redaktion formuliert worden sein und in der vorkanonischen Version gefehlt haben. (6,5) ἐντροπή steht 2 Mal im NT, auch das andere Mal auf der kanonischen Ebene (1Kor 15,34). ♦ Das gilt für die gesamte Formulierung πρὸς ἐντροπὴν ὑμῖν λέγω, die wörtlich 1Kor 15,34 wiederkehrt. ♦ Verbform λέγω, die 214 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,51; *Laod 5,32. ♦ Die Kombination οὕτως οὐκ steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 18,14; 26,40; Apg 8,32; 1Kor 6,5). ♦ ἔνι, das 6 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen 2 (1Kor) 305 <?page no="1184"?> Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ Die Variante, das kanonisch beliebte οὐδείς (Nom. Mask. Sg.), das 96 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8; 9,15; *Laod 5,29. ♦ σοφός steht 24 / 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,21; *1Kor 1,25; 3,18. 19. ♦ δύναμαι, das 233 / 210 Mal im NT steht, ist vorkanonisch lediglich bezeugt für *Ev. ♦ διακρίνω steht 21 / 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀδελφός steht 367 / 343 Mal im NT und ist ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion, vgl. zu Gal 1,2. ♦ Die Kombination τοῦ ἀδελφοῦ αὐτοῦ steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 14,3; 6,17; Lk 3,1. 19, in zwei Versen, die in *Ev fehlen; 1Kor 6,5; 1Joh 3,12). Zur Abwesenheit: Auch für diesen unbezeugten Vers gilt, dass die Anzahl an ausschließlich kanonische Terminologie (ἐντροπή; πρὸς ἐντροπὴν ὑμῖν λέγω; οὕτως οὐκ; ἔνι; ἐν ὑμῖν; διακρίνω; τοῦ ἀδελφοῦ αὐτοῦ) für dessen Zugehörigkeit zur kanonischen Redaktion und für das Fehlen auf der vorkanonischen Ebene spricht. (6,6) Zu ἀδελφός als beliebtem Begriff der kanonischen Redaktion vgl. zum voranste‐ henden Vers und Gal 1,2. ♦ κρίνω als positiver Ausdruck gehört zur kanonischen Ebene, vgl. zu 5,3. ♦ τοῦτο, das 313 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,50. 53; *2Thess 2,11; *Laod 5,32, vgl. Vers 8. ♦ Die Kombination καὶ τοῦτο steht 22 Mal im NT, davon 9 Mal als Verseröffnung (als Verseröffnung: Lk 5,6; 24,40, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Joh 11,28; 20,20. 22; Röm 13,11; Phil 1,9. 25; Hebr 6,3; im Vers: Lk 2,12; 13,9; 20,12, jeweils in Versen von Lk, die in *Ev fehlen; dann Lk 4,6; 5,6; 2 Mal in Joh; Apg 7,60; 1Kor 6,6. 8; 7,37; Eph 2,8; Phil 1,28; 1Joh 4,3; 3Joh 1,5), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu der Variante ταῦτα, das 242 Mal im NT steht und vorkanonisch bezeugt ist für *Ev und *Gal 2,18; *1Kor 9,8; 10,11; *Phil 3,7, vgl. weiter unten zu den Versen 11 und 13. ♦ Die Kombination καὶ ταῦτα steht 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, nämlich Lk 13,17 in einem Vers, der in *Ev fehlt, darüber hinaus 6 Mal in Joh; 4 Mal in Apg; 1Kor 6,13; Hebr 11,12, 1Joh 1,4. ♦ ἄπιστος, das 23 Mal im NT steht, findet sich auf beiden Ebenen, vorkanonische bezeugt für *Ev 12,46; *2Kor 4,4. Zur Abwesenheit: Der kurze, unbezeugte Vers weist die ausschließlich kano‐ nisch bezeugte Wendung καὶ τοῦτο oder καὶ ταῦτα auf, außerdem kanonisch beliebte Terminologie. Auch wenn wegen der Kürze hier weniger sicheres Terrain gegeben ist, wird auch dieser Vers, schon wegen seiner narrativen Einbindung in den kanonischen Kontext zu dieser Ebene gehört und in der vorkanonischen Version gefehlt haben. 306 Rekonstruktion <?page no="1185"?> (6,7) ἤδη, das 68 / 61 Mal im NT steht, ist überhaupt nur ein kanonisch belegter Begriff ist. ♦ Zu dem auch ein Mal vorkanonisch bezeugten ὅλως vgl. zu 5,1. ♦ ἥττημα steht nur hier und noch ein Mal in Röm 11,12 ebenfalls auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ὑμῖν ἐστιν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 11,41; Joh 12,35; 1Kor 6,7; 14,25). ♦ κρίμα steht 28 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,10; *1Kor 11,29. ♦ Die Kombination ἔχετε μεθ’ ἑαυτῶν steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebeen (Mt 26,11; Mk 14,7; Joh 12,8; 1Kor 6,7). ♦ Zu dem zwei Mal begegnenden, auch ein Mal vorkanonisch bezeugten οὐχί vgl. zuvor zu Vers 1. ♦ Die Formulierung διὰ τί οὐχί bzw. διὰ τί οὐχὶ μᾶλλον ist nur für diesen Vers bezeugt. ♦ ἀδικέω steht 32 / 28 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀποστερέω steht 5 Mal im NT und ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. Zur Abwesenheit: Dieser Vers bietet eine Fülle von ausschließlich kanonisch bezeugte Terminologie (ἤδη; ἥττημα; ὑμῖν ἐστιν; ἔχετε μεθ’ ἑαυτῶν; διὰ τί οὐχί; ἀδικέω; ἀποστερέω), das diesen auf die kanonische Ebene verweist, er war in der vorkanonischen Version abwesend. (6,8) Die Kombination ἀλλὰ ὑμεῖς steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT, auch auf der kanonischen Ebene ( Joh 10,26). ♦ Zu ἀδικέω und ἀποστερέω als ausschließlich kanonische Verben vgl. zum voranstehenden Vers 6,7. ♦ Zu καὶ τοῦτο als nur kanonisch bezeugte Kombination vgl. ebenfalls Vers 6,7. Zur Abwesenheit: Dieser Vers teilt die Lexik mit dem voranstehenden, wird also wie dieser der kanonischen Redaktion zugehören und vorkanonisch gefehlt haben. (6,9) Die Formulierung ἢ οὐκ οἴδατε steht 5 Mal im NT, nur in Paulus, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 11,2; 1Kor 6,2. 9. 16. 19). ♦ ἄδικος steht 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,1. ♦ Die Formulierung βασιλείαν θεοῦ οὐ κληρονομήσουσιν ist eine Dublette zur vorkanonischen Formulierung von *Gal 5,21. ♦ μὴ πλανᾶσθε ist ein Ausdruck der kanonischen Redaktion. Sie steht 4 Mal im NT, drei Mal als Verseröffnung (1Kor 6,9, hier nicht als Verseröffnung; 1Kor 15,33; Gal 6,7; Jak 1,16). Den Unterschied zeigt *Gal 6,7, wo es πλανᾶσθε heißt, während die kanonische Redaktion in Gal 6,7 dies zu μὴ πλανᾶσθε ändert. Die einzige Stelle, an der μὴ πλανηθῆτε begegnet (Lk 21,8), ist für *Ev nicht bezeugt, und der Ausdruck scheint auch in *Ev gefehlt zu haben. ♦ πλάνη, das 13 / 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch ein Mal bezeugt für *2Thess 2,11. ♦ οὔτε, das 106 / 87 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,6. ♦ πόρνος, das 12 / 10 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Fassung bezeugt (davon zu unterscheiden ist πόρνη), wie bereits zu 1Kor 5,9. 11 zu sehen war. ♦ εἰδωλολάτρης steht 7 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,7. ♦ μοιχός steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene 2 (1Kor) 307 <?page no="1186"?> 106 Vgl. Klinghardt zur Stelle und M. Vinzent, Methodological Assumptions in the Reconst‐ ruction of Marcion’s Gospel (Mcn). The Example of the Lord’s Prayer (2018), 208. (Lk 18,11; 1Kor 6,9; Hebr 13,4; Jak 4,4). ♦ μαλακός steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 11,8; Lk 7,25; 1Kor 6,9). ♦ ἀρσενοκοίτης steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (1Tim 1,10). Zur Abwesenheit: Erneut begegnen auch in diesem unbezeugten Vers eine Reihe von ausschließlich kanonisch bezeugter Terminologie (ἢ οὐκ οἴδατε; μὴ πλανᾶσθε; πόρνος; μοιχός; μαλακός; ἀρσενοκοίτης). Der Vers stammt von der kanonischen Redaktion und hat im vorkanonischen Text gefehlt. (6,10) οὔτε, vgl. zuvor zu Vers 9. ♦ κλέπτης steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,39. ♦ πλεονέκτης, das 5 Mal im NT steht, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ μέθυσος und λοίδορος stehen nur hier und im Kapitel zuvor ebenfalls auf der kanonischen Ebene in 1Kor 5,11. ♦ ἅρπαξ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 5,10. ♦ οὐχ steht 105 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Phil 1,17; 2,6. ♦ Zur Formulierung βασιλείαν θεοῦ κληρονομήσουσιν vgl. zum voranstehenden Vers 6,9. Zur Abwesenheit: Wiederum häuft sich ausschließlich kanonisch belegte Ter‐ minologie in diesem unbezeugten Vers (πλεονέκτης; μέθυσος; λοίδορος). Er ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und fehlte vorkanonisch. Dies wird gestützt von den Überlegungen in C. (6,11) Zu καὶ ταῦτα als kanonische Formulierung vgl. weiter oben zu Vers 8 und weiter unten zu Vers 13. ♦ ἀπολούω begegnet nur noch in Apg 22,16 wieder. ♦ τινες (Nom. Fem. / Mask. Pl.), das 79 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 10,7; *Phil 1,15. ♦ Die Verbform ἦτε, die 19 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 5,7; *Laod 2,12. ♦ ἁγιάζω steht 30 Mal im NT, etwa in der Vaterunserbitte bei Lk 11,2 - dem einzigen lukanischen Beleg für diesen Begriff -, doch diese Bitte fehlt in der Version des Vaterunsers in *Ev. 106 Der Begriff ἁγιάζω ist überhaupt nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἐν τῷ ὀνόματι τοῦ κυρίου wurde bereits als typische Wendung der zweiten kanonischen Redaktion herausgehoben (vgl. zu 1Kor 5,4). Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers begegnet ausschließlich kanonisch belegte Terminologie (καὶ ταῦτα; ἀπολούω; ἁγιάζω; ἐν τῷ ὀνόματι τοῦ κυρίου). Er wird wieder ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. 308 Rekonstruktion <?page no="1187"?> 6,[12] 13-16 [17] 18-20: Meidet die Unzucht Die vorkanonische Diskussion zur Unzucht ist gut bezeugt, wurde jedoch von der kanonischen Redaktion deutlich erweitert, um diesen Passus an die kanonischen Ausführungen von Kapitel 5 anzuknüpfen. - 12 Πάντα μοι ἔξεστιν, ἀλλ’ οὐ πάντα συμφέρει. πάντα μοι ἔξεστιν, ἀλλ’ οὐκ ἐγὼ ἐξουσιασθήσομαι ὑπό τινος. 13 -τὸ σῶμα οὐ τῇ πορνείᾳ ἀλλὰ τῷ κυρίῳ, καὶ ὁ κύριος τῷ σώματι, ὡς ὁ ναὸς τῷ θεῷ καὶ ὁ θεὸς τῷ ναῷ, 13 τὰ βρώματα τῇ κοιλίᾳ, καὶ ἡ κοιλία τοῖς βρώμασιν· ὁ δὲ θεὸς καὶ ταύτην καὶ ταῦτα καταργήσει. τὸ δὲ σῶμα οὐ τῇ πορνείᾳ ἀλλὰ τῷ κυρίῳ, καὶ ὁ κύριος τῷ σώματι· - 14 ὃς τὸν κύριον ἤγειρεν καὶ ἡμᾶς ἐξήγειρεν. 14 ὁ δὲ θεὸς καὶ τὸν κύριον ἤγειρεν καὶ ἡμᾶς ἐξεγερεῖ διὰ τῆς δυνάμεως αὐτοῦ. 15 οὐκ οἴδατε ὅτι τὰ σώματα ὑμῶν μέλη Χριστοῦ ἐστιν; ἄρας οὖν τὰ μέλη τοῦ Χριστοῦ ποιήσω πόρνης μέλη; μὴ γένοιτο. 15 οὐκ οἴδατε ὅτι τὰ σώματα ὑμῶν μέλη Χριστοῦ ἐστιν; ἄρας οὖν τὰ μέλη τοῦ Χριστοῦ ποιήσω πόρνης μέλη; μὴ γένοιτο. 16 οὐκ οἴδατε ὅτι ὁ κολλώμενος τῇ πόρνῃ ἓν σῶμά ἐστιν. Ἔσονται γάρ, φησίν, οἱ δύο εἰς σάρκα μίαν. 16 ἢ οὐκ οἴδατε ὅτι ὁ κολλώμενος τῇ πόρνῃ ἓν σῶμά ἐστιν; Ἔσονται γάρ, φησίν, οἱ δύο εἰς σάρκα μίαν. - 17 ὁ δὲ κολλώμενος τῷ κυρίῳ ἓν πνεῦμά ἐστιν. 18 φεύγετε τὴν πορνείαν. - 18 φεύγετε τὴν πορνείαν· πᾶν ἁμάρτημα ὃ ἐὰν ποιήσῃ ἄνθρωπος ἐκτὸς τοῦ σώματός ἐστιν, ὁ δὲ πορνεύων εἰς τὸ ἴδιον σῶμα ἁμαρτάνει. 19 οὐκ οἴδατε ὅτι τὰ σώματα ὑμῶν -οὐκ εἰσιν ἑαυτῶν; 19 ἢ οὐκ οἴδατε ὅτι τὸ σῶμα ὑμῶν ναὸς τοῦ ἐν ὑμῖν ἁγίου πνεύματός ἐστιν, οὗ ἔχετε ἀπὸ θεοῦ, καὶ οὐκ ἐστὲ ἑαυτῶν; 20 ἠγοράσθητε γὰρ τιμῆς· δοξάσατε τὸν θεὸν ἐν τῷ θνητῷ σώματι. 20 ἠγοράσθητε γὰρ τιμῆς· δοξάσατε δὴ τὸν θεὸν ἐν τῷ σώματι ὑμῶν ἅτινα ἐστιν τοῦ θεοῦ. A. *6,13-14: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,4: Avertens autem nos a fornicatione manifestat carnis resurrectionem. Corpus, inquit, non fornicationi sed domino, et dominus corpori, ut templum deo et deus templo. Templum ergo deo peribit, et deus templo? Atquin vides, Qui dominum suscitavit, et nos suscitabit; in corpore quoque 2 (1Kor) 309 <?page no="1188"?> 107 Vgl. G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 126. suscitabit, quia corpus domino, et dominus corpori. ♦ *6,15-16: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,4: Et bene quod aggerat, Nescitis corpora vestra membra esse Christi? Quid dicet haereticus? Ibid. IV 34,5: Scilicet nec tuum apostolum sinere coniungi prostitutae membra Christi. Epiph., Pan. 42, sch. 14 (121. 161 H.): οὐκ οἴδατε ὅτι ὁ κολλώμενος τῇ πόρνῃ ἓν σῶμά ἐστιν; Ἔσονται γάρ, φησίν (φησίν om 121 VM, corr. H.), οἱ δύο εἰς σάρκα μίαν. Adam., Dial. V 22-23 (im Mund des Adamantius): οὐκ οἴδατε ὅτι τὰ σώματα ὑμῶν μέλη Χριστοῦ ἐστιν; ἄρας οὖν τὰ μέλη τοῦ Χριστοῦ ποιήσω πόρνης μέλη; μὴ γένοιτο. … οὐκ οἴδατε γάρ, φησί, ὅτι ὁ κολλώμενος τῇ πόρνῃ ἓν σῶμά ἐστιν; Ἔσονται γάρ, φησίν, οἱ δύο εἰς σάρκα μίαν (Rufin: Nescitis quia corpora uestra membra Christi sunt? Tollens ergo membra Christi, faciam membra meretricis? Absit! … Aut nescitis quia qui se iungit meretrici unum corpus est? Erunt enim, inquit, ambo in carne una). Vgl. Gen 2,24 LXX: ἕνεκεν τούτου καταλείψει ἄνθρωπος τὸν πατέρα αὐτοῦ καὶ τὴν μητέρα αὐτοῦ καὶ προσκολληθήσεται πρὸς τὴν γυναῖκα αὐτοῦ, καὶ ἔσονται οἱ δύο εἰς σάρκα μίαν. ♦ *6,18: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,4-5: Avertens autem nos a fornicatione-… Membra Christi non resurgent, quae nostra iam non sunt? … Ergo et Christus habuit quo nos redimeret, et si aliquo magno redemit haec corpora, in quae eadem committenda fornicatio non erit, ut in membra iam Christi non nostra, utique sibi salva praestabit quae magno comparavit. ♦ *6,20: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,5: Ergo et Christus habuit quo nos redimeret, et si aliquo magno redemit haec corpora, in quae eadem committenda fornicatio non erit, ut in membra iam Christi non nostra, utique sibi salva praestabit quae magno comparavit. Iam nunc quomodo honorabimus, quomodo tollemus deum in corpore perituro? Eznik, De Deo 127 (PO 28, 664-665) berichtet: „Jesus sandte Paulus zu predigen, daß wir um den Preis erkauft seien, und jeder, welcher glaubt an Jesus, wurde verkauft von dem Gerechten, dem Guten“. B. (6,14) Die Zeitform ἐξήγειρεν findet sich bezeugt durch P 46c2 , 03, 6, 1739, it, vg mss , Ir latv.l. , Or 1739mg ; ἐξεγείρει steht hingegen in P 11.46 *, 01, 06*, 025, 1241, während ἐξεγερεῖ zu finden ist in P 46c1 , 01, 04, 06 2 , 020, 025, 044, 33, 104, 365, 630, 1175, 1505, 1881, 2464, M, vg, sy h , co, Ir lat , Tert, Meth, Ambst. ♦ (6,15) ante οὐκ ist ἤ bezeugt durch 010, 012, ar, Meth. ♦ ante οὐκ findet sich bei Adam γάρ, jedoch ἤ in den Zeugen 01, 02, 03, 04, 010, 012, 025, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464 pm, lat sy p , Cl, Cyp, Lcf, Meth: , om P 46 , 06, 018, 020, 044, 6 pm, r, sy h , Spec, Pel, und in der altlateinischen Tradition: 64. 107 ♦ (6,19) τὰ σώματα steht in 02 c , 020, 044, 33, 81, 104, 365, 1175, 1505, 1881, 2464, pm, sy h , bo, Meth, Ambst, hingegen findet sich τὸ σῶμα in P 46 , 01*, 03, 04, 06, 010, 012, 018, 025, 310 Rekonstruktion <?page no="1189"?> 108 Vgl. Ibid. 169, 190, 238. 109 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 506. 630, 1241, 1739 pm b, r, sy p , sa bo mss . ♦ (6,20) Anstelle von δή bezeugen Chrys, latt ἄρα γε, oder auch zu lesen als ἄρατε, 108 om 01*, 2495, d, Ir lat . ♦ Post σώματι add 04 3 , 06 2 , 018, 020, 025, 044, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1739 mg , 1881, 2464, M, vg ms , sy: καὶ ἐν τῷ πνεύματι ὑμῶν ἅτινά ἐστιν τοῦ θεοῦ, om P 46 , 01, 02, 03, 04*, 06*, 010, 012, 33, 81, 1175, 1739 txt , lat, co, Ir lat , Meth. C. 1. (6,12) Die emphatische Aussage des Paulus in der Eröffnung von Vers 12 bezieht sich auf die vorangegangene Liste der Untugenden und die nachfolgende Speisethematik. Letztere findet sich allerdings hier auf der vorkanonischen Ebene nicht, wie noch zu sehen sein wird. 2. Die Verse 13-14 bieten kein Verb, doch ein solches fehlt auch auf der kanonischen Ebene - BeDuhn fügt in seiner Übersetzung zwei Mal in Klammern das Verb „ist“ ein. 3. (6,13-14) Für Tertullians Passus „Qui dominum suscitavit, et nos suscitabit; in corpore quoque suscitabit“ gibt es etliche textkritische Probleme. Der Apparat von Kroymann lautet wie folgt: „quem MR, qui Pam; deus scripsi: dominus MR, dominum Pam suscitauit, et nos suscitabit; in uulgo; intellege: (eum) quem deus suscitauit et (qui) nos suscitabit [scil. Christus], (eum) in corpore quoque susctiauit; suscitauit M, sucitabit R uulgo“. Kroymann konstruiert: quem deus suscitauit et nos sucitabit, in corpore quoque suscitauit. Von Soden schlägt vor gegen MR (quem dominus suscitavit et nos sucitabit), das „unhaltbar“ sei, „entweder“ mit Kroymann quem deus sucitavit etc. zu lesen „oder mit Harnack in qui dominum suscitavit etc.“ zu ändern. Da das Letztere die „schwerere Korrektur“ sei, plädiert von Soden für die Version von Kroymann. Nun ist jedoch unklar, warum die Harnacksche Änderung des quem in qui die größere sein soll, zumal dominum sowohl durch MR wie Pamelius gestützt wird. Man wird also hier eher Harnack folgen. 4. Hilgenfeld verweist darauf, dass Tertullian auf die Verse 13-15. 20 eingeht. Zahn sieht Vers 13a in irgendeiner Form vorhanden, die Verse 13b und 14 wie im kanonischen Text. Was die Nennung des Tempels betrifft, notiert Zahn: „Es fragt sich, ob letzteres von Mrc. selbst aus v. 19 vorweggenommen, oder von Tr. hier zugesetzt ist“. 109 Harnack hingegen sieht als Text bezeugt: σῶμα οὐ τῇ πορνείᾳ ἀλλὰ τῷ κυρίῳ, καὶ ὁ κύριος τῷ σώματι, ὡς ὁ ναὸς τῷ θεῷ καὶ ὁ θεὸς τῷ ναῷ. 14 … ὃς τὸν 2 (1Kor) 311 <?page no="1190"?> 110 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 85*. 111 Vgl. J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 276. 112 W. Kramer, Christos, Kyrios, Gottessohn. Untersuchungen zu Gebrauch und Bedeutung der christologischen Bezeichnungen bei Paulus und den vorpaulinischen Gemeinden (1963), 20; K. Wengst, Christologische Formeln und Lieder des Urchristentums (1973), 29; U. Schnelle, 1 Kor 6: 14---Eine nachpaulinische Glosse (1983), 217. 113 So U. Schnelle, 1 Kor 6: 14---Eine nachpaulinische Glosse (1983), 219. κύριον ἤγειρε, καὶ ὑμᾶς (wohl eine Verschreibung Harnacks für ἡμᾶς) ἐξεγερεῖ. Und er setzt kommentierend in der Fußnote hinzu: „Der Zusatz ut templum etc. muß hier gestanden haben, da ihn Tert. als Text kommentiert“. 110 Schmid bietet: τὸ (δὲ) σῶμα οὐ τῇ πορνείᾳ, ἀλλὰ τῷ κυρίῳ, καὶ ὁ κύριος τῷ σώματι· 14 (ὁ δὲ θεὸς καὶ) τὸν κύριον ἤγειρεν καὶ ἡμᾶς ἐξεγερεῖ-… BeDuhn übersetzt wie Harnack und verweist noch auf Tertullians Zitierge‐ wohnheit von 1Kor 6,13 ohne den Tempelzusatz, so Tert., De pud. XVI 6. 111 Vers 13a, der unbezeugt ist, knüpft an die voranstehenden Überlegungen der Verse 9-11 der kanonischen Rezension an und leitet über zur Speisenthematik, auch wenn diese gar nicht fortgeführt wird. Hingegen führt die vorkanonische Version die Diskussion von Kapitel 5 fort, das Verstoßen des mit der Frau seines Vaters lebenden Mannes. Dieses Thema wurde mit der Antithese vom „alten Sauerteig“ und dem „ungesäuerten Brot“ erläutert und wird auch im Folgenden weiter diskutiert. 5. (6,14) Auf die Formelhaftigkeit von Vers 14a verwies bereits Kramer. 112 Der Vers steht in enger Beziehung zu den Ausführungen in *1Kor 15,12-14. Nicht nachvollziehbar ist, dass nach Schnelle Vers 6,14 einen „Gegensatz zu den eschatologischen Aussagen des Apostels in 1 Kor 15: 51f.“ darstellen soll und warum aus dem „Entsprechungsverhältnis zwischen dem Schicksal des Kyrios und dem der Gläubigen … zwingend voraus[gesetzt]“ sei, „daß die Gläubigen vor ihrer Auferweckung sterben und begraben werden“ und aufgrund des Personalpronomen „wir“ Paulus sich „miteinschließt“, also „mit seinem Tod vor der Parusie des Herrn“ zu rechnen wäre. Dies, so Schnelle, widerspreche 1 Kor 15: 51f., wo Paulus sich bei der Parusie noch am Leben sieht. 113 Von den Umständen - Tod oder Leben - bei der künftigen Auferstehung ist in der vorliegenden Passage nicht die Rede, folglich gibt es auch den vermuteten Gegensatz nicht oder zumindest nicht in dieser Schärfe. Was Schnelles Beitrag allerdings verdeutlicht, ist die Tatsache, dass der vorkanonische *Paulus an dieser Stelle von der kanonischen Sichtweise her betrachtet als ein möglicher Fremdkörper im kanonischen Paulustext gelesen wird. Nach dieser von der traditionellen Position abweichenden Deutung wird damit nur die redaktionelle Bearbeitung verdeutlicht. 312 Rekonstruktion <?page no="1191"?> 6. (6,15-16) Zahn sieht diese Verse in der kanonischen Form präsent. Harnack bietet den Text wie oben. Schmid führt an: οὐκ οἴδατε ὅτι τὰ σώματα ὑμῶν μέλη Χριστοῦ (ἐστιν); 16 οὐκ οἴδατε ὅτι ὁ κολλώμενος τῇ πόρνῃ ἓν σῶμά ἐστιν; Ἔσονται γάρ, φησίν, οἱ δύο εἰς σάρκα μίαν. Beduhn übersetzt wie oben, jedoch anstelle von ἤ nimmt er γάρ. Nun liegt aber eine unterschiedliche, wenn auch teilweise komplementäre Bezeugung durch Tertullian und Epiphanius vor. Tertullian zitiert sicher nicht das Ἔσονται γάρ, φησίν, οἱ δύο εἰς σάρκα μίαν, welches aus der Genesisstelle am Ende gezogen ist, während er den zweiten Teil des Verses 15 mit dem Anfang des Verses 16 zu verschmelzen scheint. Der zweite Halbvers hätte Tertullians kritische Wiedergabe von Markions Paulustext gewiss unterstrichen, das heißt, dass dieser Halbvers möglicherweise nicht im vorkanonischen Text gestanden war. Das Zitat aus Genesis ist implizit eine Kritik an dieser Quelle, weil - gut markionitisch - hier das Verlassen von Vater und Mutter und die Vereinigung mit der eigenen Frau mit einer Vereinigung mit einer Prostituierten gleichge‐ setzt wird. Um eine solche Lektüre abzuwehren, hat die kanonische Redaktion schließlich den zusätzlichen Vers 17 angefügt. 7. (6,17) Dieser Vers ist unbezeugt. Zahn nimmt seine Präsenz an, ohne den Wortlaut bieten zu können. Harnack, Schmid und BeDuhn nehmen ihn als unbezeugt. Dass der Vers der kanonischen Redaktion zu verdanken ist, deutet die Parallele in 1Kor 12,13 an (πάντες ἓν πνεῦμα ἐποτίσθημεν), die ebenfalls nicht für den vorkanonischen Text bezeugt ist. 8. (6,18) Hilgenfeld stellt heraus, dass Adamantius die Verse 15 und 16 „gegen die Marcioniten geltend“ macht. Zahn nimmt wiederum die Präsenz der Verse an, ohne den Wortlaut bestimmen zu können, Harnack und Schmid sehen die Verse als unbezeugt, doch BeDuhn verweist zu Recht auf das Zeugnis Tertullians und fügt die bezeugten Teile der Verse 18-19 (φεύγετε τὴν πορνείαν … οὐκ ἐστὲ ἑαυτῶν) in seine Übersetzung ein und deutet mit Auslassungszeichen davor, dazwischen und danach an, dass mit fehlendem, aber nicht bestimmbarem Text zu rechnen ist. 9. (6,19) Was die Variante τὰ σώματα betrifft, die eine Reihe von Zeugen bietet und die durch Tertullian bestätigt wird (haec corpora), wird wohl der Plural in der vorkanonischen Fassung gestanden sein. Da Tertullian kein Wort über den Heiligen Geist oder den Tempel an dieser Stelle verlauten lässt, scheint er lediglich den obigen Text gelesen zu haben. 10. (6,20) Zahn nimmt den Anfang des Verses in der kanonischen Version, schlägt dann aber vor: δοξάσατε, ἄρατε τὸν θεὸν ἐν τῷ σώματι ὑμῶν. 2 (1Kor) 313 <?page no="1192"?> 114 H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul II. La première épître aux Corinthiens, traduction nouvelle avec introduction et notes (1926), 33. Harnack liest ἠγοράσθητε γὰρ τιμῆς· δοξάσατε, ἄραγε τὸν θεὸν ἐν τῷ (θνητῷ) σώματι ὑμῶν. Schmid gibt den Vers mit δοξάσατε καὶ ἄρατε ἐν τῷ σώματι (ὑμῶν), BeDuhn übersetzt wie Schmid. Doch hat Harnack bereits richtig gesehen; denn schon wegen des unverbun‐ denen tollemus ohne et (καί) ist vielmehr das auch in 1611 und bei Methodius bezeugte ἄρα γε zu lesen, das die Konklusion des Arguments anzeigt. Der Zeuge 1505 *vid (vg) hat ἄρα τε, während beide Wörtchen fehlen in 01*, 2495, d, Ir lat . Man bemerke auch die Nähe dieses Verses zu dem nur kanonisch stehenden Vers 1Kor 7,23: τιμῆς ἠγοράσθητε: μὴ γίνεσθε δοῦλοι ἀνθρώπων. Harnack fragt wohl auch zu Recht, ob Tertullian θνητῷ gelesen hat oder hier nicht vielmehr Röm 6,12 (ἐν τῷ θνητῷ ὑμῶν σώματι) von ihm mitgelesen wurde. Wie die Variante der kanonischen Redaktion anzeigt, scheint durchaus das θνητῷ im vorkanonischen Text gestanden zu sein, das dann aus derselben anti‐ markionitischen Kritik heraus, die sich in Tertullians Kommentar niederschlug, durch die kanonische Redaktion vermieden und an dessen Stelle die deutlich antimarkionitische Weiterung gesetzt wurde. Zu fragen ist auch, ob ὑμῶν im vorkanonischen Text gefehlt hat. Gegen die Präsenz spricht jedoch, dass Tertullian das Personalpronomen nicht erwähnt, obwohl es ihm gut in seine Argumentation gepasst hätte. Dazu kommt, wie die Lexik zu diesem Pronomen zeigt, dass es zwar vorkanonisch gut belegt ist, jedoch an vielen Stellen zur Verstärkung der Emphase und der Materialität des Erlösten von der kanonischen Redaktion in den vorkanonischen Text eingefügt wird. An dieser Stelle könnte dies in Anlehnung an *Röm 8,11 (τὰ θνητὰ σώματα ὑμῶν) erfolgt sein. Das Pronomen wird also tatsächlich vorkanonisch an dieser Stelle gefehlt haben. Couchoud (Delafosse) hält 1Kor 5,9-6,20 für markionitisch. 114 Dass gerade der Heilige Geist zur kanonischen Redaktion gehört, wird durch die Variante deutlich, die die Zeugen am Ende vom nachfolgenden Vers 20 als folgenden Zusatz bieten: καὶ ἐν τῷ πνεύματι ὑμῶν ἅτινά ἐστιν τοῦ θεοῦ, die jedoch interessanterweise nicht in den Haupttext von NA 28 aufgenommen wurde. D. (6,12) Die Kombination Πάντα μοι steht noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,22. ♦ ἔξεστι, das 32 Mal im NT steht, ist vorkanonisch 314 Rekonstruktion <?page no="1193"?> bezeugt für *Ev 6,9. ♦ συμφέρω, das 19 / 15 Mal im NT steht, lässt sich nur für die kanonische Ebene nachweisen. ♦ Die Kombination οὐκ ἐγώ steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 14,29; Joh 6,70; 18,26; Röm 16,4, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 6,12; 7,10; 15,10; 2Kor 11,29; 2Joh 1,1). ♦ ἐξουσιάζω steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 22,25; 1Kor 6,12; 7,4). ♦ τινος (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Sg.), das 24 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers ist, wie in C. dargelegt, aufgrund der narrativen Zusammenhänge Teil der kanonischen Ebene. Der auf die Verseröff‐ nung folgende Teil bietet ausschließlich kanonische Terminologie (συμφέρω; οὐκ ἐγώ; ἐξουσιάζω). Er wird vorkanonisch gefehlt haben. (6,13) Zum unbezeugten Versteil: βρῶμα steht 18 / 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,3. ♦ κοιλία steht 24 / 22 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,27. ♦ Die Kombination καὶ ταύτην steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu καὶ ταῦτα als Ausdruck der kanonischen Redaktion vgl. zuvor zu den Versen 8 und 11. ♦ καταργέω steht 27 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15. Zum bezeugten Versteil: Die Kombination τὸ δέ (Nom.) steht 31 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt im Vers: *Ev 11,39; *2Kor 3,6; *Röm 8,10; *Kol 2,17, vgl. zu Gal 4,25. ♦ σῶμα steht 150 / 142 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,17; *1Kor 6,13. 15. 16. 20; 11,24. 27. 29; 12,12. 24; 15,35. 37. 38. 40; *2Kor 4,10; 5,6. 8. 10; *Röm 7,4; 8,10. 11; *1Thess 5,23; *Kol 1,24; 2,17; *Phil 3,21. ♦ πορνεία, das 27 / 25 Mal im NT steht, ist mehrfach bei *Paulus bezeugt. ♦ Der Ausdruck ἀλλὰ τῷ κυρίῳ ist Hapax legomenon. ♦ ναός steht 49 / 45 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,17; 6,13; *2Thess 2,4. Zur Rekonstruktion: Im unbezeugten Textbestand finden sich zwar Termini, die auch vorkanonisch bezeugt sind, allerdings fallen auch die beiden kanonischen Ausdrücke καὶ ταύτην und καὶ ταῦτα ins Auge. Da der Vers auch narrativ an die kanonischen Verse, die voranstehen, anschließt, scheint er im ersten Teil auf die kanonische Redaktion zurückzugehen, die vorkanonisch gefehlt hat, so dass der Vers erst mit dem bezeugten, thematischen Teil zum Leib vorkanonisch beginnt. (6,14) ἐξεγείρω ist nur hier vorkanonisch bezeugt, 1 weiteres Mal1 weiteres Mal steht es auf der kanonischen Ebene in Röm 9,17. ♦ διὰ τῆς δυνάμεως αὐτοῦ erinnert an die kanonische Stelle 2Kor 13,4 (σὺν αὐτῷ ἐκ δυνάμεως θεοῦ), auch wenn δυνάμεως αὐτοῦ in *2Thess 1,7 vorkanonisch bezeugt ist. 2 (1Kor) 315 <?page no="1194"?> Zur Rekonstruktion: Wie in C. erläutert, wird nur der von Tertullian bezeugte Teil in der vorkanonischen Version gestanden sein, auch wenn die Lexik wegen der Kürze des Verses wenig Gewicht besitzt. (6,15) Zu οὐκ οἴδατε als wiederholt vorkanonisch bei *Paulus bezeugter Kombination vgl. zuvor zu 6,3. ♦ σῶμα, das 150 / 142 Mal im NT steht und bereits vorkanonisch ein zentraler Begriff für *Ev und *Paulus ist. ♦ μέλος steht 42 / 34 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,15; 9,9; 12,12. 14; *Röm 7,23. ♦ ἀρά steht 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für diese Stelle hier. ♦ πόρνη steht 12 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt hier und gleich wieder im nächsten Vers. ♦ Der Ausdruck μὴ γένοιτο steht 15 Mal im NT, etwa Lk 20,16 in einem Vers, der in *Ev fehlt, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,7. Zur Rekonstruktion: Die Rekonstruktion folgt der Bezeugung Tertullians, zumal auch die Lexik mit Ausnahme von ἄρας auch sonst vorkanonisch bezeugt ist. (6,16) Zu οὐκ οἴδατε vgl. zum Vers zuvor und 6,3. ♦ κολλάω steht 12 Mal im NT, nochmals vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,9. ♦ Zu πόρνη vgl. zum voranstehenden Vers 15. ♦ Zu σῶμα vgl. den Vers zuvor. ♦ Die Verbform ἔσονται steht 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt nur für *Laod 5,31. ♦ Das widersprüchlich bezeugte φημί steht 73 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; 10,19; 15,50; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4. ♦ Der Ausdruck οἱ δύο steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 5,31. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius, auch wenn Tertullian den zweiten Halbvers nicht bezeugt. Doch für dessen Präsenz spricht auch die Lexik, die die Termini auch weiters vorkanonisch bezeugt. Möglicher‐ weise hatte Tertullian die Kritik an dieser Genesisstelle verstanden, die aus einem Eheverhältnis ein solches zu einer Prostituierte machte. (6,17) Über Vers 16 hinaus: Die Wendung ἓν πνεῦμα steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 6,17; 12,13; Eph 4,4). Zur Abwesenheit: Hierfür sprechen die fehlende Bezeugung und die in C. genannte kanonische Parallele zu 1Kor 12,13, ebenfalls der Ausdruck ἓν πνεῦμα. (6,18) Zum bezeugten Versteil: φεύγω steht 33 / 29 Mal im NT, vorkanonisch nur hier bezeugt. ♦ πορνεία, das 27 / 25 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,13; *1Thess 4,3. Zum unbezeugten Versteil: πᾶν (Nom. / Akk. / Vok. Neut. Sg.) steht 73 Mal im NT, vorkanonisch nur im Zitat von Dtn 19,15 in *Röm 3,19 und *Kol 1,19. ♦ ἁμάρτημα steht 5 / 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ὃ ἐὰν steht 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (3 Mal in Mt; 3 Mal 316 Rekonstruktion <?page no="1195"?> im Mk; Joh 15,7; 1Kor 6,18; Kol 3,23; 1Joh 3,22; 5,15; 3Joh 1,5). ♦ Die Verbform ποιήσῃ steht 9 Mal im NT, etwa Lk 13,9 in einem Vers, der in *Ev fehlt; dann Lk 18,7, wo sie nicht bezeugt ist, außerdem 2 Mal in Mt; Mk 3,5; 1Kor 6,18; Eph 6,8; Apk 12,15; 13,15, also ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐκτὸς τοῦ σώματός steht noch ein Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene in 2Kor 12,2. ♦ ἴδιος steht 123 / 114 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,41; *Gal 6,9; *1Kor 7,7; *1Thess 2,15. ♦ ἐκτός, das sich 9 / 8 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πορνεύω, das 8 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Aufgrund der Bezeugung durch Tertullian, ist die Eröff‐ nung für diesen Vers vorkanonisch anzunehmen. Der unbezeugte Teil des Verses wird vorkanonisch gefehlt zu haben, wie die überwiegend kanonisch belegte Lexik erweist (ἁμάρτημα; ὃ ἐὰν; ποιήσῃ; ἐκτὸς τοῦ σώματός; πορνεύω). (6,19) ἢ οὐκ οἴδατε ist, wie zuvor zu 6,9 gezeigt, die kanonisch bezeugte Form, während οὐκ οἴδατε vorkanonisch bezeugt ist, wie zu 6,3 gezeigt. ♦ ναός steht 49 / 45 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,17; 6,13; *2Thess 2,4. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vergleichsweise selten gebraucht auf der vorkanonischen Ebene (*Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9). ♦ Die Kombination ἀπὸ θεοῦ steht 22 Mal im NT, ist jedoch nur ein Mal vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,3. ♦ Zur vorkanonisch bezeugten Verbform ἐστε vgl. zuvor zu Vers 2. Zur Rekonstruktion: Auch hier folgt der Text den Andeutungen Tertullians und beachtet die Lexik, dann auch, dass Tertullian wohl kaum die Erwähnung des Heiligen Geistes übergangen hätte. Die Formulierung ἀπὸ θεοῦ ist zwar in der Eröffnung von *1Kor genannt, doch verglichen mit der Beliebtheit dieser Formel auf der kanonischen Ebene spricht die Verwendung hier eher dafür, dass wir diesen Teil der kanonischen Redaktion zuzuordnen haben, auch wenn man hier auch anders entscheiden könnte. (6,20) ἀγοράζω steht 37 / 30 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 6,20. ♦ τιμή, das 44 / 41 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,20; *1Thess 4,4, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion darstellt. ♦ Die Form ἠγοράσθητε steht nur 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT, auf der kanonischen Ebene in 1Kor 7,23. ♦ δοξάζω steht 68 / 61 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ Die Variante ἄρα γε steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 7,20; 17,26; Apg 17,27). ♦ θνητός steht 6 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 15,53. 54; *2Kor 5,4; *Röm 8,11. ♦ σῶμα, das 150 / 142 Mal im NT steht, ist 2 (1Kor) 317 <?page no="1196"?> bereits vorkanonisch ein zentraler Begriff für *Ev und *Paulus, vgl. zuvor zu Vers 6,15. ♦ ὅστις, das 165 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt der Bezeugung durch Tertullian. Mit Aus‐ nahme von δοξάζω sind die weiteren Termini auch anderwärts vorkanonisch bezeugt. Kapitel 7 7,1-2 [3-6] 7: Keiner soll eine Frau haben Während die vorkanonische Fassung die Diskussion der Kapitel 5 und 6 mit dem asketischen Hinweis darauf abschließt, dass keiner „eine eigene Frau haben“ soll, führt die kanonische Redaktion eine weitere Digression durch, indem sie die vorkanonische asketische Position aufgibt und stattdessen behauptet, „wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben und jede soll ihren Mann haben“, sich dann aber zu innerehelichen Pflichten und zur Sexualität detailliert äußert. 7,1 Περὶ τῶν γάμων, καλὸν ἀνθρώπῳ γυναικὸς μὴ ἅπτεσθαι - 7,1 Περὶ δὲ ὧν ἐγράψατε μοι, καλὸν ἀνθρώπῳ γυναικὸς μὴ ἅπτεσθαι· 2 διὰ τὴν πορνείαν· ἕκαστος τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα μὴ ἐχέτω. 2 διὰ δὲ τὰς πορνείας ἕκαστος τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα ἐχέτω, καὶ ἑκάστη τὸν ἴδιον ἄνδρα ἐχέτω. - 3 τῇ γυναικὶ ὁ ἀνὴρ τὴν ὀφειλὴν ἀποδιδότω, ὁμοίως δὲ καὶ ἡ γυνὴ τῷ ἀνδρί. 4 ἡ γυνὴ τοῦ ἰδίου σώματος οὐκ ἐξουσιάζει ἀλλὰ ὁ ἀνήρ· ὁμοίως δὲ καὶ ὁ ἀνὴρ τοῦ ἰδίου σώματος οὐκ ἐξουσιάζει ἀλλὰ ἡ γυνή. 5 μὴ ἀποστερεῖτε ἀλλήλους, εἰ μήτι ἂν ἐκ συμφώνου πρὸς καιρὸν ἵνα σχολάσητε τῇ προσευχῇ καὶ πάλιν ἐπὶ τὸ αὐτὸ ἦτε, ἵνα μὴ πειράζῃ ὑμᾶς ὁ Σατανᾶς διὰ τὴν ἀκρασίαν ὑμῶν. 6 τοῦτο δὲ λέγω κατὰ συγγνώμην, οὐ κατ’ ἐπιταγήν. 7 θέλω γὰρ ἀνθρώπους εἶναι ὡς καὶ ἐμαυτόν· ἀλλὰ ἕκαστος ἴδιον ἔχει χάρισμα, ὅς μὲν οὕτως, ὅς δὲ οὕτως. 7 θέλω δὲ πάντας ἀνθρώπους εἶναι ὡς καὶ ἐμαυτόν· ἀλλὰ ἕκαστος ἴδιον ἔχει χάρισμα ἐκ θεοῦ, ὁ μὲν οὕτως, ὁ δὲ οὕτως. A. *7,1-2: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,6: Sequitur de nuptiis congredi, quas Marcion constantior apostolo prohibet. Vgl. auch das nachfolgende Zitat aus Origenes. 318 Rekonstruktion <?page no="1197"?> ♦ *7,7: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,6: Etenim apostolus, etsi bonum continentiae praefert, tamen coniugium et contrahi permittit et usui esse, et magis retineri quam disiungi suadet. Vgl. Origenes, Katene zum Ersten Korintherbrief: θέλω δὲ πάντας ἀνθρώπους εἶναι ὡς καὶ ἐμαυτόν: ἀλλ’ ἕκαστος ἴδιον ἔχει χάρισμα ἐκ θεοῦ, ὁ μὲν οὕτως, ὁ δὲ οὕτως. Πνέει χαρίσματος ὁ γάμος, ὅτε τὰ μέτρα τηρεῖται τοῦ ἐκ συμφωνίας· καὶ ἀληθῶς ἐστὶν εἰπεῖν ἐπὶ τινῶν· ὅτι τούτῳ ὁ γάμος χάρισμά ἐστιν· ὅτε οὐκ ἀκαταστασία, ὅτε πᾶσα εἰρήνη, πᾶσα συμφωνία· εἰπεῖν μέντοι γε ὅτι χάρισμα ἐκ Θεοῦ ἐστιν ὁ γάμος πιστοῦ πρὸς ἐθνικὸν καὶ ἐθνικοῦ πρὸς πιστόν, τοῦτο οὐκ ἂν εἴποιμι· οὐ γὰρ δύναται τὸ χάρισμα τοῦ Θεοῦ φθάναι ἐπὶ τοῖς ἐθνικοῖς· ἐὰν πιστεύσῃ, ἐὰν σωθῇ, τότε ἀρχὴν λήψεται τοῦ χαρίσματος. Χρῶνται δὲ τῷ ῥητῷ τούτῳ καὶ οἱ ἀπὸ Μαρκίωνος. καὶ ἀναισθήτως κωλύουσιν τὸν γάμον· λέγοντες, τὴν ἁγνείαν πρόσταγμα εἶναι τοῦ ἄλλου Θεοῦ, ὃν ἂν ἔπλασαν παρὰ τὸν δημιουργόν. πλὴν ἐκ τοῦ ῥητοῦ ἐστιν αὐτοὺς συμβιβάσαι, ὅτι κακῶς κωλύουσι τὸν γάμον, κακῶς καὶ διαιροῦσι τὴν θεότητα. εἰ γὰρ χάρισμά ἐστι τὸ μὲν οὕτως, τὸ δὲ οὕτως χάρισμά ἐστι καὶ ὁ γάμος. εἰ χάρισμα καὶ ὁ γάμος· κακῶς κωλύεται τὸ χάρισμα ὁ γάμος (125,4-20 Cramer V). B. (7,1) Die personalisierte Form mit μοι ist typisch für die kanonische Redaktion und sollte mit den nachfolgenden Zeugen auch in den kanonischen Text aufgenommen werden: 01, 06, 010, 012, 044, M, a, b, vg cl , sy co, om P 46 , 01, 03, 04, 33, 81, 1739, 1881, 2464, pc r, vg st . ♦ (7,2) Anstelle von τὰς πορνείας findet sich τὴν πορνείαν in 010, 012, latt, sy. ♦ καὶ ἑκάστη τὸν ἴδιον ἄνδρα ἐχέτω om 010, 012, f, g, Tert und weitere Zeugen. ♦ (7,3) anstelle von ὀφειλὴν bieten M, sy: ὀφειλομένην εὔνοιαν ♦ (7,5) Post σχολάσητε τῇ add 01 2 , 018, 020, 365, 1241, 1505, M, sy: νηστεία καὶ τῇ, während om NA 28 und P 11vid.46 , 01*, 02, 03, 04, 06, 010, 012, 025, 044, 6, 33, 81, 104, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, latt, co, Cl, Epiph. ♦ ἦτε findet sich in folgenden Zeugen: P 11vid , 01, 02, 03, 04, 06, 010, 012, 33, 81, 365, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, b, r, Or; an dessen Stelle findet sich συνέρχησθε in den Zeugen 018, 020, 044, 104, 1241, 1505, M, lat, sy h , Ambst, und συνερχεσθε in P 46 , 025, 614. ♦ (7,7) δέ wird geboten von P 46 , 01*, 02, 04, 06*, 010, 012, 33, 81, 326, 629, 2464, it, vg st , Cyp, Ambst; hingegen findet sich γάρ in den Zeugen 01 2 , 03, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, M, vg cl , sy. ♦ Die zwei Mal begegnende Form ὅς wird bezeugt in P 46 , 012, 018, 020, 044, 104, 365, 1175, 1241, 1505, M, während sich ο findet in 01*, 01, 02, 03, 04, 06, 010, 012, 025, 6, 33, 81, 630, 1739, 1881, 2464, Cl. C. 1. (7,1-2) Tertullians Einleitung (Sequitur de nuptiis congredi) setzt eine vorkanonische Eröffnung voraus (Περὶ τῶν γάμων, vgl. *Ev 12,36). 2 (1Kor) 319 <?page no="1198"?> 115 Vgl. W. Schrage, Ethische Tendenzen in der Textüberlieferung des Neuen Testaments (1986), 387; J.J. Kloha, The Ethics of Sexuality and Textual Alterations in the Pauline Epistles (2008), 104. 116 Vgl. Clem. Alex., Stromata III 12, 81, 3. Vgl. hierzu, jedoch ohne Bezug zu Markion, J.J. Kloha, The Ethics of Sexuality and Textual Alterations in the Pauline Epistles (2008), 102-103. 117 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 446. Der Passus καὶ ἑκάστη τὸν ἴδιον ἄνδρα ἐχέτω ist nicht nur bei Tertullian unerwähnt, er fehlt auch in einschlägigen Zeugen und wird darum wohl vorkanonisch gefehlt haben. Schrage sieht dies als eine antifeministische Aus‐ lassung, während Kloha sie hingegen für ein Homoioteleuton erklärt. Beide jedoch gehen von der älteren Prämisse aus, dass es sich um eine nachträgliche Änderung handelt, nicht um den Ausgangstext, wie in dieser Rekonstruktion vorgeschlagen. 115 Gemäß Klemens von Alexandrien hatte Tatian noch einen Paulustext gelesen, in welchem „sexuelle Vereinigung das Verderbnis sexueller Handlungen entfes‐ selt“, wogegen Klemens mit Bezug zum kanonischen Text von 1Kor 7,3-5 Tatian entgegenhält, Paulus habe diese Position gemildert. 116 Das bedeutet, dass die vorkanonische Version dem Tatian in dieser Fassung noch vorgelegen war. Nach Hilgenfeld geht Tertullian „auf V. 1. 2. 9. 11. 29 (vgl. auch Lib. I, 29. V,8). 39 ein“. 117 Zahn sieht die Verse in der kanonischen Form präsent. Harnack sieht die Verse 1-2 nur andeutungsweise bezeugt, so auch Schmid. BeDuhn übersetzt καλὸν ἀνθρώπῳ γυναικὸς μὴ ἅπτεσθαι, deutet aber mit Auslassungszeichen davor an, dass er einen Text voraussetzt, auch wenn dessen Wortlaut nicht bestimmbar ist. Aus der hier gewählten Perspektive der Priorität des vorkanonischen Textes wird jedoch, wie bereits zuvor bei *1Kor 6,16, deutlich, dass die kanonische Redaktion bewusst die Argumentation von der voranstehenden Diskussion der Prostitution durch Περὶ δὲ ὧν ἐγράψατε abgesetzt hat. Damit wird eine Zäsur zwischen Prostitution und Heirat gesetzt, deren Einheit in der vorkanonischen Fassung durch das Zitat von Gen 2,24 gerade hergestellt worden war. In der vorkanonischen Fassung geht es folglich um die Vorstellung, dass die Berührung mit einer jeglichen Frau, auch innerhalb der Ehe, das Eingehen eines Prostituiertenverhältnisses bedeutet. 2. (7,2) Das nicht-verneinte ἐχέτω der kanonischen Version kann aufgrund des Kommentars von Tertullian nicht korrekt sein und steht ja auch in Spannung zum voranstehenden Vers, dass es „gut für den Mann“ ist, „eine Frau nicht zu berühren“, was, nach Tertullian, vorkanonisch ausdrücklich von der Ehe gesagt wurde. Die kanonische Redaktion reduziert in der Tat das Rigorose der 320 Rekonstruktion <?page no="1199"?> vorkanonischen Fassung, indem sie einerseits den Hinweis auf die Ehe streicht und das komplementäre Element καὶ ἑκάστη τὸν ἴδιον ἄνδρα ἐχέτω hinzusetzt, das in einschlägigen Zeugen fehlt, jedoch nicht, wie in NA 27 angedeutet, auf Homoioteleuton zurückzuführen ist (so nicht mehr notiert in NA 28 ), sondern eine Folge der kanonisch-ethischen Korrektur darstellt. Diese ist wiederum nicht konsequent vorgenommen, was sich im zwiespältigen διὰ δὲ τὴν πορνείαν zeigt, das die Übersetzungen dann glättend übersetzen müssen mit „wegen der Gefahr der Unzucht“ oder „um Unzucht zu vermeiden“, wobei die wörtliche Übersetzung ist: „wegen der Unzucht“, was natürlich keinen spannungsfreien Sinn ergibt, wenn man die vermutlich ursprüngliche, bei Tertullian noch vorausgesetzte Negation beiseite lässt. 3. (7,3-6) Diese Verse sind unbezeugt, auch wenn Zahn sie in der kanonischen Form präsent sieht, Harnack zumindest eine Anspielung auf Vers 3 annimmt und BeDuhn angibt, die Verse 3-5 seien zwar unbezeugt, jedoch Tertullians Aussage continentiae praefert, tamen coniugium … permittit auf die Verse 6-7a bezieht. In seiner Übersetzung bietet er in Klammern alle Verse 3-6 bis auf den Passus ἵνα μὴ πειράζῃ ὑμᾶς ὁ Σατανᾶς διὰ τὴν ἀκρασίαν ὑμῶν. Schmid sieht jedoch zu Recht keinen Hinweis in Tertullian auf die Verse 3-6, sondern führt, wie zu Vers 7 zu sehen ist, Origenes heran. 4. (7,7) Schmid meint, Origenes, Katene z. St. (125,14-19 Cramer V) bezeuge aus Vers 7 den zweiten Versteil: ἀλλὰ ἕκαστος ἴδιον ἔχει χάρισμα ἐκ θεοῦ, ὁ μὲν οὕτως, ὁ δὲ οὕτως. Auch Zahn, Harnack und BeDuhn rechnen mit diesem Vers 7, jedoch mit dem gesamten Vers in der kanonischen Form. Gewiss spielt auch Tertullian an der zitierten Stelle aus Adv. Marc. V 7,6 auf diesen Vers an, auffallenderweise jedoch auf den ersten Teil des Verses, wenn er Paulus interpretiert, dass dieser zwar die Kontinenz bevorzuge („Ich will nämlich, dass die Menschen so wie ich sind“). Dass er dann anführt, der Apostel erlaube allerdings auch die eheliche Verbindung und den Gebrauch derselben und er eher die Aufrechterhaltung als die Trennung derselben empfehle, bezieht sich dies bereits auf die Verse 10-11, d. h. Tertullian gibt uns keine Auskunft und Bezeugung für den zweiten Teil des Verses 7, doch auch der Wortlaut des ersten Teils ist unsicher, insbesondere, wenn man die Lexik betrachtet, die für eine kanonisch redaktionelle Überarbeitung spricht. 5. Die Auslegung des Origenes zu dieser Stelle kommt derjenigen Tertullians zwar nahe, bietet jedoch einen Einblick in die rigorose Interpretation der Markioniten zu dieser Stelle. Origenes erwähnt nämlich, dass die Markioniten diesen Vers nutzen, um mit ihm sinnloserweise die Ehe zu verbieten und das Enthaltsamkeitsgebot auf den „anderen Gott“ zu beziehen, d. h. dass die Ehe auf den Demiurgen zurückgehe. Origenes hält diese Interpretation 2 (1Kor) 321 <?page no="1200"?> 118 Vgl. zu dieser intentionellen Änderung W. Schrage, Ethische Tendenzen in der Textü‐ berlieferung des Neuen Testaments (1986), 385; J.J. Kloha, The Ethics of Sexuality and Textual Alterations in the Pauline Epistles (2008), 103. selbstverständlich für schädlich, insbesondere, nachdem er zuvor seine langen Ausführungen vorgebracht hatte, in denen er - über den paulinischen Text hinaus - aus der Erwähnung von „Charisma“ abgeleitet hatte, dass die Ehe nach Paulus ein Charisma darstelle. Nun will er „aus dem Vers“ seine Gegner dazu zwingen, zuzugestehen, dass sie fälschlicherweise die Ehe verbieten und die Gottheit zerreißen. Er begründet seine Meinung mit dem Hinweis auf den letzten Versteil, den er nun aber leicht verändert wiedergibt: Wenn „das Sosein, aber auch das Anderssein“ jeweils ein Charisma sei, dann sei auch die Ehe ein Charisma und die Markioniten würden die Ehe üblerweise verbieten. Demnach hatte Markion bzw. die Markioniten diese Verse nicht so verstanden, wie Tertullian glauben machen will, als hätten sie die Ehe zugestanden. Doch diese Stelle kann auch den Gegnern des Origenes nicht dazu gedient haben, die Ehe auf den Demiurgen zurückzuführen, sie wären denn Origenes gegenüber ins apologetische Messer gelaufen. Der zweite Teil des Verses bezieht sich vielmehr nicht, wie Origenes ihn auslegt, auf die Gleichsetzung von Charisma und Ehe, sondern leitet die beiden Lebensweisen ein, die in den nachfolgenden Versen angesprochen werden: Die der Unverheirateten und Witwen, die unverheiratet bleiben sollen wie *Paulus (Vers 8); und dann die der Verheirateten, zu denen es heißt: „10. Die Frau soll sich vom Mann nicht trennen 11. - wenn sie sich aber trennt, so bleibe sie unverheiratet oder versöhne sich wieder mit dem Mann - und der Mann darf die Frau nicht verstoßen.“ Wenn Tertullian dann im weiteren Verlauf der Diskussion hinzusetzt (Adv. Marc. V 7,6), dass „Markion die Gläubigen von jeglichem Intimverkehr fernhält (was seine Katechumenen betrifft, ist dies nämlich erst noch zu sehen), indem er eine Scheidung vor der Ehe verlangt“ (Marcion totum concubitum auferens fidelibus (viderint enim catechumeni eius), repudium ante nuptias iubens), so scheint er diese Verse so gelesen zu haben, dass zwar eine eheliche Gemeinschaft zugestanden wurde, jedoch nur eine solche der Enthaltsamkeit. 6. Der Unterschied der Varianten δέ und γάρ in der Verseröffnung unter‐ streicht, dass auf der vorkanonischen Ebene der Vers davor (7,2) mit einer Negation endete, während er auf der kanonischen Ebene positiv schloss. 118 D. (7,1) περί, das 354 / 333 Mal im NT steht, ist vorkanonisch lediglich bezeugt für *Ev und *1Kor 8,1; 12,1, war folglich keine beliebte Konjunktion der vorkanonischen Ebene, wie auch die vielen Verse belegen, in denen die kanonische Redaktion diese 322 Rekonstruktion <?page no="1201"?> 119 Vgl. hierzu J.J. Kloha, The Ethics of Sexuality and Textual Alterations in the Pauline Epistles (2008), 99. Konjunktion besitzt, die aber in der vorkanonischen Ebene nicht vorhanden sind, vgl. weiters Verse 25. 37. ♦ Die Kombination περὶ δέ steht 14 Mal im NT, immer als Verseröffnung und ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 22,31; 24,36; Mk 12,26; 13,32; Joh 16,11; Apg 21,25; 1Kor 7,1. 25; 8,1; 12,1; 16,1. 12; 1Thess 4,9; 5,1). ♦ γάμος steht 16 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 12,36. ♦ Das Personalpronomen ὧν, das 78 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; *2Thess 2,10. ♦ Das vorangestellte καλόν ist für die vorkanonische Fassung bezeugt für *Ev 9,33; *Röm 14,21. ♦ Die Kombination καλὸν ἀνθρώπῳ begegnet noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, 1Kor 7,26. ♦ ἅπτω steht 46 / 39 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Kol 2,21. ♦ γυνή, das 246 / 215 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,1; 7,2 (? ). 10; 11,5. 10; 14,34; *Laod 5,22. 23. 28, vgl. weiter die Verse 2. 3. 4. 10. 11. 12. 13. 14. 16. 27. 29. 33. 34. 39. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt der Bezeugung durch Tertullian und berück‐ sichtigt auch die Lexik, wie in C. näher erläutert. (7,2) Die Kombination ἕκαστος τὴν ἑαυτοῦ γυναῖκα begegnet noch ein Mal in Eph 5,33 auf der kanonischen Ebene, sowohl hier wie dort auf der kanonischen Ebene bejaht und nicht, wie in der vorkanonischen Version verneint (μὴ ἐχέτω). ♦ ἴδιος, das 123 / 114 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,41; *Gal 6,9; *1Kor 7,7; *1Thess 2,15. ♦ ἀνήρ, das 227 / 216 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 7,10. 11; 11,3. 7. 8; *Laod 5,22. 23. Zur Rekonstruktion: Wie in C. näher erläutert, muss Tertullians Zeugnis zufolge mit einer Verneinung des Verbes gerechnet werden, außerdem scheint der von Tertullian unbezeugte zweite Teil des Verses, der auch in einschlägigen Zeugen fehlt, vorkanonisch nicht vorhanden gewesen zu sein. (7,3) Die Form τῇ γυναικί steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 19,5; 26,10; Apg 5,1; 1Kor 7,3. 14. 33; Apk 12,14. 16. 17). ♦ Zu ἀνήρ vgl. zu Vers 2. ♦ ὀφειλή steht 3 Mal im NT, jeweils für die kanonische Ebene bezeugt (Mt 18,32; Röm 13,7; 1Kor 7,3). ♦ ὀφείλημα steht 2 Mal im NT steht, beide Male auf der kanonischen Ebene (Mt 6,12; Röm 4,4). ♦ Auch die Variante εὔνοια steht 2 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 7,3; Eph 6,7). 119 ♦ ἀποδίδωμι steht 56 / 48 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 12,17. ♦ ὁμοίως steht 33 / 30 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene. 2 (1Kor) 323 <?page no="1202"?> 120 Vgl. hierzu ibid. 100-101. Zur Abwesenheit: Die Lexik mit der vorkanonischen Terminologie (τῇ γυναικὶ; ὀφειλή; ὀφείλημα; εὔνοια; ὁμοίως; δὲ καὶ) unterstreicht eindrücklich das Fehlen dieses unbezeugten Verses in der vorkanonischen Version. (7,4) Zu ἴδιος vgl. zuvor zu Vers 2. ♦ Die Kombination τοῦ ἰδίου steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 20,28; 1Kor 7,4. 37; Hebr 9,12; 13,12). ♦ Zu ἀνήρ vgl. zu Vers 2. ♦ Zu ὁμοίως als ausschließlich kanonischem Terminusvgl. zum Vers 7,3. ♦ Ebenfalls zu δὲ καὶ als ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehende Kombination, vgl. zum Vers zuvor. ♦ ἐξουσιάζω steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Außerdem steht es dort und hier in Vers 5 zusammen mit ἀποστερέω, das 5 Mal im NT steht, nur für die kanonische Ebene bezeugt (Mk 10,19; 1Kor 6,7. 8; 7,5; 1Tim 6,5; Jak 5,4). Zur Abwesenheit: Auch hier spricht die Lexik (τοῦ ἰδίου; ὁμοίως; δὲ καί; ἐξουσιάζω; ἀποστερέω) für eine Zuordnung dieser Passage zur kanonischen Ebene, der Vers wird im vorkanonischen Text gefehlt haben. (7,5) Zu ἀποστερέω als ausschließlich kanonischem Verb vgl. zum Vers zuvor 7,4. ♦ μήτι steht 20 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Auffallend ist, dass beide Begriffe auch auf der kanonischen Ebene in 1Kor 6,3-7 eng zusammen‐ stehen. ♦ ἄν steht 205 / 167 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8. ♦ Der Ausdruck ἐκ συμφώνου ist Hapax legomenon im NT. συμφωνέω steht 10 / 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,36. ♦ σχολάζω begegnet nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in Mt 12,44. ♦ Die Variante νηστεία, die 8 / 6 Mal im NT steht, ist überhaupt nur kanonisch bezeugt für Mt 17,21, Mk 9,29; Lk 2,37, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Apg 14,23; 27,9; 1Kor 7,5; 2Kor 6,5; 11,27. ♦ προσευχή steht 42 / 37 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,12. Das verwandte Verb προσεύχομαι steht 104 / 86 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 14,13. 15. ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.) steht 100 Mal im NT und ist vorkanonisch lediglich bezeugt für *2Kor 3,14; 4,13. ♦ Der Ausdruck ἐπὶ τὸ αὐτό steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 22,34; Lk 17,35; Apg 1,15; 2,1. 44. 47; 4,26; 1Kor 7,5; 11,20; 14,23). ♦ Die Verbform ἦτε steht 19 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 5,7; *Laod 2,12. ♦ Die Variante συνέρχομαι steht 34 / 30 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene. 120 ♦ πειράζω steht 42 / 38 Mal im NT, ausschließlich bezeugt für die kanonische Ebene, obwohl der Begriff äußerst beliebt in der kanonischen Fassung ist (Mt, Mk, Joh, Apg, Hebr, Jak, Apk) und auch in 1Kor 10,9; 2Kor 13,5; Gal 6,1; 1Thess 3,5 eingetragen wurde. ♦ Σατάν steht 72 / 36 Mal im NT und ist vorkanonisch gut bezeugt für *Ev und *Paulus. ♦ ἀκράτεια ist sonst nur noch in Mt 23,25 belegt. 324 Rekonstruktion <?page no="1203"?> Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers fällt die Häufigkeit von ausschließlich vorkanonisch bezeugter Terminologie auf (ἀποστερέω; μήτι; σχολάζω; νηστεία; συνέρχομαι; ἐπὶ τὸ αὐτό; πειράζω; ἀκράτεια). Der Vers gehört zur kanonischen Redaktion und wird vorkanonisch gefehlt haben. (7,6) τοῦτο steht 313 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,50. 53; *2Thess 2,11; *Laod 5,32, vgl. auch Verse 26. 29. 35. 37. ♦ Die Kombination τοῦτο δέ steht 32 Mal im NT, 28 Mal als Verseröffnung, immer auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 9,6. ♦ Die Verbform λέγω steht 214 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,51; *Laod 5,32, vgl. weiter die Verse 8. 12. 35. ♦ συγγνώμη ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἐπιταγή steht 8 / 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, auffallenderweise in Röm 16,26, einem Vers, der in *Röm fehlt. ♦ Das Gegensatzpaar ἐπιταγή und γνώμη begegnet gleich wieder in 1Kor 7,25 auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Aufgrund der ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnenden Terminologie (τοῦτο δὲ; ἐπιταγή; Gegensatzpaar ἐπιταγή und γνώμη) wird man diesen kurzen Vers ebenfalls der kanonischen Redaktion zuzuweisen haben, er wird im vorkanonischen Text gefehlt haben. Demnach war der gesamte Passus 7,3-6 in der vorkanonischen Fassung abwesend. (7,7) Alle Formen der ersten Person von θέλω + δέ sind für *Paulus unbezeugt, finden sich aber gleich 9 Mal im kanonischen Paulus und überhaupt 10 Mal im NT. ♦ πάντας, das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch lediglich bezeugt für *Ev 13,28; *2Kor 5,10; *Laod 3,9. ♦ Die Kombination πᾶς + ἄνθρωπος steht 23 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 5,3. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6, vgl. weiter die Verse 25. 26. 32. ♦ Die Kombination εἶναι ὡς ist unbezeugt für *Paulus, findet sich jedoch 3 Mal im kanonischen Paulus (1Kor 7,7; 1Thess 2,7; Tit 1,7), ansonsten nicht weiter auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination von ὡς + καί ist vorkanonisch lediglich bezeugt für *Laod 2,3; 5,23, begegnet jedoch 5 Mal im kanonischen Paulus (Röm 9,25; 1Kor 7,7; Eph 2,3; 5,23; 2Tim 3,9) und überhaupt 18 Mal auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐμαυτοῦ in den verschiedenen Kasus ist unbezeugt für *Paulus, steht jedoch 14 Mal im kanonischen Paulus (Röm 11,4; 1Kor 4,3. 4. 6; 7,7; 9,19; 10,33; 2Kor 2,1; 11,7. 9; 12,5; Gal 2,18; Phil 3,13; Phlm 1,13) und überhaupt 37 Mal auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form ἐμαυτόν steht 18 Mal im NT, etwa Lk 7,7, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 2,18. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ἕκαστος vgl. zuvor zu 4,5. ♦ Zu ἴδιος vgl. zuvor zu Vers 2. ♦ χάρισμα, das 18 / 17 Mal im NT steht, ist ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion, aber auch 2 (1Kor) 325 <?page no="1204"?> vorkanonisch bezeugt in *1Kor 7,7; 12,9. ♦ Die Kombinationen ὁ μὲν οὕτως und ὁ δὲ οὕτως sind Hapax legomena. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians für die erste Vershälfte, dem des Origenes für die zweite. Der Überblick über die Lexeme deutet daraufhin, dass der nicht dem Wortlaut nach bezeugte Eingangsteil von Vers 7 durch die kanonische Redaktion bearbeitet worden ist, vermutlich, um ihn besser an das Zusatzstück der kanonischen Redaktion 1Kor 7,3-6 anzupassen. 7, [8-9] 10-11 [12-16]: Unverheiratete und Verheiratete In der vorkanonischen Version findet sich die kurze Fortsetzung der gerade erwähnten zwei Lebensweisen, für die die Menschen ein Charisma besitzen, zum einen zum Unverheiratetsein, zum anderen zum Vereiratetsein. Hierzu werden kurze Erläuterungen gegeben. Die kanonische Redaktion hat daraus jedoch eine längere Digression geschaffen. - 8 Λέγω δὲ τοῖς ἀγάμοις καὶ ταῖς χήραις, καλὸν αὐτοῖς ἐὰν μείνωσιν ὡς κἀγώ· - 9 εἰ δὲ οὐκ ἐγκρατεύονται γαμησάτωσαν, κρεῖττον γάρ ἐστιν γαμῆσαι ἢ πυροῦσθαι. 10 τοῖς γεγαμηκόσιν παραγγέλλω, οὐκ ἐγὼ ἀλλὰ ὁ Χριστός, γυναῖκα ἀπὸ ἀνδρὸς μὴ χωρίζεσθαι, 10 τοῖς δὲ γεγαμηκόσιν παραγγέλλω, οὐκ ἐγὼ ἀλλὰ ὁ κύριος, γυναῖκα ἀπὸ ἀνδρὸς μὴ χωρισθῆναι 11 ἐὰν χωρισθῇ, μενέτω ἄγαμος ἢ τῷ ἀνδρὶ καταλλαγήτω, 11 ἐὰν δὲ καὶ χωρισθῇ, μενέτω ἄγαμος ἢ τῷ ἀνδρὶ καταλλαγήτω καὶ ἄνδρα γυναῖκα μὴ ἀφιέναι. - 12 Τοῖς δὲ λοιποῖς λέγω ἐγώ, οὐχ ὁ κύριος· εἴ τις ἀδελφὸς γυναῖκα ἔχει ἄπιστον, καὶ αὕτη συνευδοκεῖ οἰκεῖν μετ’ αὐτοῦ, μὴ ἀφιέτω αὐτήν· 13 καὶ γυνὴ εἴ τις ἔχει ἄνδρα ἄπιστον, καὶ οὗτος συνευδοκεῖ οἰκεῖν μετ’ αὐτῆς, μὴ ἀφιέτω τὸν ἄνδρα. 14 ἡγίασται γὰρ ὁ ἀνὴρ ὁ ἄπιστος ἐν τῇ γυναικί, καὶ ἡγίασται ἡ γυνὴ ἡ ἄπιστος ἐν τῷ ἀδελφῷ· ἐπεὶ ἄρα τὰ τέκνα ὑμῶν ἀκάθαρτά ἐστιν, νῦν δὲ ἅγιά ἐστιν. 15 εἰ δὲ ὁ ἄπιστος χωρίζεται, χωριζέσθω· οὐ δεδούλωται ὁ ἀδελφὸς ἢ ἡ ἀδελφὴ ἐν τοῖς τοιούτοις· ἐν δὲ εἰρήνῃ κέκληκεν ὑμᾶς ὁ θεός. 16 τί γὰρ οἶδας, γύναι, εἰ τὸν ἄνδρα σώσεις; ἢ τί οἶδας, ἄνερ, εἰ τὴν γυναῖκα σώσεις; 326 Rekonstruktion <?page no="1205"?> A. 7,8: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,6: Marcion totum concubitum auferens fidelibus (viderint enim catechumeni eius), repudium ante nuptias iubens. ♦ *7,10-11: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,6: Etenim apostolus, etsi bonum continentiae praefert, tamen coniugium et contrahi permittit et usui esse, et magis retineri quam disiungi suadet. Ibid. V 7,7: Atquin et Christus cum praecipit mulierem a viro non discedere, aut si discesserit manere innuptam aut reconciliari viro, et repudium permisit, quod non in totum prohibuit, et matrimonium confirmavit, quod primo vetuit disiungi, et si forte disiunctum voluit reformari. Sed et continentiae quas ait causas? B. (7,10) Der mediopassive präsentische Infinitiv χωρίζεσθαι wird bezeugt in 02, 06, 010, 012, 1505, 1881, während P 46 χωριζέσθω bietet, und den passivischen Aorist χωρισθῆναι bieten 01, 03, 04, 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1739, 2464, M, Cl, Epiph. ♦ (7,13) ἥτις findet sich in den Zeugen 02, 03, 06 2 , 018, 020, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1739, 1881, M, sy h , bo, während die von NA 28 gewählte Form εἴ τις steht in P 46 , 01, 06*, 010, 012, 035, 1505, latt, sa. C. 1. (7,8) Zahn sieht den Vers nach der kanonischen Form bezeugt. Harnack, Schmid und BeDuhn sehen ihn jedoch als unbezeugt, letzterer aber bietet eine Übersetzung in Klammern. 2. (7,9) Mit Ausnahme von Hilgenfeld und Zahn nehmen alle Editoren die fehlende Bezeugung dieses Verses an. 3. (7,10-11) Zahn und Harnack sehen zwar nur Hinweise für die Verse 10-11, rechnen aber mit dem kanonischen Text. Schmid sieht bezeugt: … γυναῖκα ἀπὸ ἀνδρὸς μὴ χωρισθῆναι, ἐὰν (δὲ καὶ) χωρισθῇ, μενέτω ἄγαμος ἢ τῷ ἀνδρὶ καταλλαγήτω-… Warum Schmid vor ἐὰν drei Auslassungszeichen setzt, erschließt sich nicht, da der von ihm gegebene Text von Vers 11 unmittelbar an den von Vers 10 anschließt. Tertullian bietet den Hinweis darauf, dass *Paulus ein Wort Christi zitiert, d. h. auch der Anfang von Vers 10 ist zum Teil bezeugt mit Χριστός anstelle von κύριος. κύριος scheint demnach die kanonische Änderung darzustellen. BeDuhn gibt die Übersetzung der Verse 10-11 mit κύριος. Dass dieser Versteil vorhanden war, legt nicht nur der narrative Zusammenhang als Fortführung der Reihe Unverheiratete - Witwen - Verheiratete nahe, sondern wird auch durch die Lexik gestützt. Man vgl. auch die sich auf dieselbe Thematik und nach der kanonischen Redaktion auf ein Wort des Herrn zu beziehenden Ausführungen in *1Thess 4,15 und der parallelen kanonischen Stelle. 4. (7,12-16) Diese Verse sind nach allen Zeugen und Editoren unbezeugt. Schon der Anfang ist problematisch, denn er eröffnet mit τοῖς δὲ λοιποῖς 2 (1Kor) 327 <?page no="1206"?> λέγω ἐγώ, wobei man sich fragt, wer mit diesen „übrigen“ denn gemeint sein könnte, hatte doch *Paulus die Unverheirateten, die Witwen und die Verheirateten bereits behandelt. Wer sollte also noch übrigbleiben? Die Verse 12-28 führen folgende andere Gruppen ein, von denen nur die erste Gruppe sich mit dem Thema Verheiratetsein überhaupt im weiteren Sinn berührt: Das Zusammenleben mit einer bzw. mit einem „Ungläubigen“ (Verse 12-16). In den darauf folgenden Versen kommt der Text auf das Weiterleben in der Weise, wie jemand „berufen wurde“, zu sprechen, womit die inkonsistente Digression noch deutlicher wird. Mit ἄπιστος in Vers 12 greifen die Verse 12-16 auf den Vers der kanonischen Redaktion 1Kor 6,6 zurück (vielleicht auch auf die möglicherweise vorhandene vorkanonische Vorlage) und verweisen voraus auf die Verse 1Kor 14,22-24, die von der kanonischen Redaktion überarbeitet wurden. Das Thema der Ungläubigen begegnet sicher in der vorkanonischen Fassung erst in *2Kor 4,4, ist aber auch *Ev 12,46 belegt. 5. (7,15) Das zwei Mal begegnende χωρίζω greift auf den Gedanken der Verse 11-12 zurück. D. (7,8) Zur Verbform λέγω vgl. zuvor zu Vers 6 und weiter die Verse 12. 35. ♦ Allerdings begegnet die Kombination λέγω δέ nur auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1,12. ♦ ἄγαμος, das 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch gleich in *1Kor 7,11 bezeugt. ♦ χήρα steht 28 / 27 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ καλός steht 109 / 101 und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 6,9. ♦ αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.) steht 543 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; *2Thess 2,11. ♦ μένω steht 131 / 118 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,28; *1Kor 7,11. Zur Abwesenheit: Der Vers ist unbezeugt und gehört, wie bereits die Verser‐ öffnung anzeigt, wohl zur kanonischen Ebene, auch wenn weitere Termini vorkanonisch bezeugt sind. (7,9) Die Kombination εἰ δέ οὐκ steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in Jak 2,11. ♦ Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ ἐγκρατεύομαι steht 2 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ γαμέω steht 36 / 28 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ κρείσσων steht 23 / 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 7,9. 38; 11,17; 12,31; Phil 1,23; Hebr 1,4; 6,9; 7,7. 19. 22; 8,6; 9,23; 11,16. 34. 35. 40; 12,24; 1Petr 3,17; 2Petr 2,21). ♦ πυρόω, das 9 / 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur bezeugt für *Laod 6,15. 328 Rekonstruktion <?page no="1207"?> Zur Abwesenheit: Der unbezeugte Vers dürfte nach Ausweis der ausschließlich kanonisch stehenden Terminologie (εἰ δὲ οὐκ; ἐγκρατεύομαι; κρείσσων) in der vorkanonischen Version nicht vorhanden gewesen sein und stellt vielmehr eine Konzession der kanonischen Redaktion dar. Wieder fällt auf, dass kanonische Terminologie in *Laod zu finden ist. (7,10) Die Kombination τοῖς δέ steht 8 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt im Vers für *1Kor 1,18, vgl. zu 1Kor 1,18. ♦ γαμέω, das 36 / 28 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev, vgl. zuvor zu Vers 9. Auch das verwandte Nomen γάμος, das 16 Mal im NT zu finden ist, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,36. ♦ παραγγέλλω, das 33 / 32 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 3,11; *2Thess 3,10. ♦ Die Kombination οὐκ ἐγὼ ἀλλά ist Hapax legomenon im NT, auch wenn οὐκ ἐγώ, das 9 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnet (Mk 14,29; 2 Mal Joh; Röm 16,4, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 5,12; 7,10; 15,10; 2Kor 11,29; 2Joh 1,1). ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vergleichsweise selten gebraucht auf der vorkanonischen Ebene in *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ χωρίζω, das 13 Mal im NT steht, ist gleich wiederum vorkanonisch bezeugt für Vers 11. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians und wird auch durch die vorkanonische Lexik bestätigt. Die Kombination οὐκ ἐγώ deutet daraufhin, dass der Vers leicht von der kanonischen Redaktion überarbeitet zu sein scheint. (7,11) Die Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Hier und im Vers zuvor begegnet ἀνήρ, vgl. zu Vers 2. ♦ Erneut findet sich auch χωρίζω, das zuvor in Vers 10 vorkanonisch bezeugt ist. ♦ ἄγαμος, das 5 Mal im NT steht, ist nur für diese Stelle vorkanonisch bezeugt. ♦ Auch καταλλάσσω, das 6 Mal im NT steht, ist nur für diese Stelle vorkanonisch bezeugt. ♦ ἀφίημι, das 162 / 146 im NT steht, ist reichlich vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Verneinung μὴ ἀφιέναι findet sich jedoch nur noch ein Mal in Mt 23,23. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, wobei auffällt, dass gerade die kleine, unbezeugte Kombination δὲ καί auch nur kanonisch bezeugt ist - was wiederum die Verlässlichkeit des lexikalischen Befundes stützt. Da der letzte Teil von Vers 11 unbezeugt ist und die nur ausschließlich kanonisch stehende verneinte Form μὴ ἀφιέναι begegnet, wird man diesen Halbvers der kanonischen Redaktion zuschreiben; er wird vermutlich vorkanonisch gefehlt haben. 2 (1Kor) 329 <?page no="1208"?> (7,12) Die Kombination τοῖς δέ steht 8 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt im Vers für *1Kor 1,18, vgl. zu 1Kor 1,18. ♦ Zur Verbform λέγω vgl. zuvor die Verse 6. 8 und weiter 35. ♦ Die Kombination τοῖς δέ λοιποῖς begegnet noch einmal, unbezeugt für die vorkanonische Ebene in Lk 8,10. ♦ Die Kombination λέγω ἐγώ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 13,18; 1Kor 7,12; Phil 4,11). ♦ οὐχ, das 105 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 10,3; *Phil 1,17; 2,6, folglich erstaunlich selten gegenüber der Präsenz auf kanonischer Ebene, vgl. auch weiter unten die Verse 28. 35. 36. ♦ Die Kombination οὐχ ὁ κύριος ist Hapax legomenon. ♦ Die Kombination εἴ τις (maskuline Form) steht 40 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,9; *1Kor 3,17; *2Kor 5,17. ♦ ἄπιστος steht 23 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,46; *2Kor 4,4. ♦ Die Kombination καὶ αὕτη steht 10 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Joh 1,19; Röm 11,27; 4 Mal 1Joh; 2Joh 1,6; im Vers: 1Kor 7,12; 1Joh 5,4), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ συνευδοκέω, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,48. ♦ οἰκέω steht 39 / 9 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ αὐτῆς, das 151 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt, vgl. weiter Vers 39. ♦ αὐτήν, das 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,24; *2Kor 3,18; *Laod 5,29. Zur Abwesenheit: Auch wenn einige der Termini aus der vorkanonischen, voranstehenden Diskussion hier wieder begegnen, sind doch gerade diejenigen Termini und Kombinationen auffällig, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Τοῖς δὲ λοιποῖς; λέγω ἐγώ; οἰκέω; αὐτῆς). Der Vers gehört zur kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (7,13) ὅστις, das 165 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. ♦ Jedoch die Kombination εἴ τις (fem.), steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 13,9; 1Kor 7,13; Phil 2,1; 4,8; 1Tim 5,16). ♦ ἀνήρ, das 227 / 216 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 7,10. 11; 11,3. 7. 8; *Laod 5,22. 23, vgl. zu Versen 2. 3. 4. 14. 16. 34. 39. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ἄπιστος vgl. den voranstehenden Vers 7,12. ♦ οὗτος steht 192 Mal im NT, vorkanonisch nur bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination καὶ οὗτος steht 5 Mal im NT (6 Mal in Lk, alle für *Ev unbezeugt, 1 Mal Joh, und 1Kor 7,13). ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten συνευδοκέω vgl. den voranstehenden Ves 7,12. ♦ Vgl. auch zum selben Vers das ausschließlich kanonisch belegte οἰκέω. ♦ μετ’ αὐτῆς steht 8 Mal im NT, etwa Lk 1,58, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (Mt 21,2; Lk 1,58; Joh 4,27; 11,31; 1Kor 7,13; Apk 2,22; 18,3. 9). ♦ ἀφίημι steht 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers stechen die vielen aus‐ schließlich kanonisch belegte Terminologie ins Auge (εἴ τις, weibliche Form; 330 Rekonstruktion <?page no="1209"?> καὶ οὗτος; οἰκέω; μετ’ αὐτῆς; ἀφίημι). Der Vers wird folglich auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (7,14) Zu dem ausschließlich bezeugten ἁγιάζω, das 30 / 28 Mal im NT steht vgl. zuvor zu 6,11. ♦ ἐπεί steht 29 / 26 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἄρα steht 52 / 49 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,20; *Gal 4,31; *1Kor 15,14. ♦ τὰ τέκνα steht 10 Mal im NT, mit Ausnahme von *Laod 6,1. 4 nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀκάθαρτος, das 33 / 32 Mal im NT steht, ist ein bemerkenswerter Termius, der ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt ist, vor allem für die Apostelgeschichte (Apg 10,28; vgl. auch Apg 10,14; 11,8; auch 2Kor 6,17 und Apk 18,2); eine Verbindung zu sexueller Unmoral findet sich in Eph 5,5 und Apk 17,4. ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ Die Kombination νῦν δέ steht 25 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers fallen die ausschließlich kanonisch stehenden Elemente auf (ἁγιάζω; ἐπεί; ἀκάθαρτος). Von Bedeutung ist, dass erneut ein sonst nur kanonisch bezeugter Ausdruck (τὰ τέκνα) sich wiederum in *Laod findet, sogar zwei Mal in diesem Fall, was die Nähe dieses *Deuteropaulinums in der vorkanonischen Form zur kanonischen Sprache an‐ zeigt. Der Vers ist Produkt der kanonischen Redaktion und fehlt vorkanonisch. (7,15) Die Kombination εἰ δέ ὁ steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, Mt 5,29. ♦ Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ χωρίζω steht 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 7,10. 11. ♦ δουλόω, das 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,3. ♦ Die Form δεδούλωται steht jedoch nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, 2Petr 2,19. ♦ Die Kombination von ὁ ἀδελφός und ἡ ἀδελφή scheint eine Formulierung der kanonischen Redaktion zu sein. Sie begegnet noch Mt 12,50; 19,29; Mk 3,35; 10,29. 30; Jak 2,15 und Lk 14,26. ♦ τοιοῦτος, das 62 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *1Kor 15,48, vgl. weiter Vers 28. ♦ Die Form εἰρήνῃ steht 8 Mal im NT, etwa Lk 2,29 in einem Vers, der in *Ev fehlt, dann Lk 11,21 für *Ev unbezeugt; Apg 16,36; 1Kor 7,15; 16,11; Jak 2,16; 3,18; 2Petr 3,14, also ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ὑμᾶς ὁ θεός begegnet noch 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 7,15; 2Thess 2,13; Hebr 9,20). Zur Abwesenheit: Auch in diesem unbezeugten Vers stehen eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elementen (εἰ δὲ ὁ; ὁ 2 (1Kor) 331 <?page no="1210"?> ἀδελφός und ἡ ἀδελφή; εἰρήνῃ; ὑμᾶς ὁ θεός). Auch dieser Vers ist demnach Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Damit erweist sich die gesamte Passage der Verse 7,12-16 als Produkt der kanonischen Redaktion, das vorkanonisch abwesend war. 7,[17-24]: [Lebensstand und Berufung] Die gesamte Passage ist unbezeugt und nach Ausweis der Lexik vorkanonisch auch nicht vorhanden. Sie setzt die Digression zu den ethischen Themen bezüglich Lebensstand und Berufung der kanonischen Ebene fort. - 17 Εἰ μὴ ἑκάστῳ ὡς ἐμέρισεν ὁ κύριος, ἕκαστον ὡς κέκληκεν ὁ θεός, οὕτως περιπατείτω· καὶ οὕτως ἐν ταῖς ἐκκλησίαις πάσαις διατάσσομαι. 18 περιτετμημένος τις ἐκλήθη; μὴ ἐπισπάσθω. ἐν ἀκροβυστίᾳ κέκληταί τις; μὴ περιτεμνέσθω. 19 ἡ περιτομὴ οὐδέν ἐστιν, καὶ ἡ ἀκροβυστία οὐδέν ἐστιν, ἀλλὰ τήρησις ἐντολῶν θεοῦ. 20 ἕκαστος ἐν τῇ κλήσει ἧ ἐκλήθη ἐν ταύτῃ μενέτω. 21 δοῦλος ἐκλήθης; μή σοι μελέτω· ἀλλ’ εἰ καὶ δύνασαι ἐλεύθερος γενέσθαι, μᾶλλον χρῆσαι. 22 ὁ γὰρ ἐν κυρίῳ κληθεὶς δοῦλος ἀπελεύθερος κυρίου ἐστίν· ὁμοίως ὁ ἐλεύθερος κληθεὶς δοῦλός ἐστιν Χριστοῦ. 23 τιμῆς ἠγοράσθητε· μὴ γίνεσθε δοῦλοι ἀνθρώπων. 24 ἕκαστος ἐν ᾧ ἐκλήθη, ἀδελφοί, ἐν τούτῳ μενέτω παρὰ θεῷ. A. Die Verse sind vorkanonisch unbezeugt. B. Keine nennenswerten Varianten. C. 1. (7,17-24) Hier folgen die kanonischen Ausführungen über das Weiterleben in der Weise, wie jemand „berufen wurde“, wobei es zunächst um die Frage der Beschneidung geht (Verse 18-19). Dass es tatsächlich Versuche gab, die Be‐ schneidung, wenn nicht rückgängig zu machen, so wenigstens zu verbergen zu suchen, indem das Präputium künstlich durch Verlängerung der verbliebenen Haut imitiert wurde, zeigen 1Makk 1,15 und Jos., Ant. XII 5,1. Vgl. auch die rabbinische Auslegung zu ךשמ bzw. םיכושמ. Verständlich ist auch, wenn von einem Unbeschnittenen nicht die Beschneidung gefordert wird. Das Thema des Weiterlebens in dem Stand, in welchem man berufen wurde, wird auch auf den sozialen Stand von Sklave und Freien ausgeweitet (Verse 20-24). 332 Rekonstruktion <?page no="1211"?> 2. (7,23) Man bemerke die Nähe dieses nur kanonisch stehenden Verses zu dem vorkanonisch zu findenden Vers 6,20: ἠγοράσθητε γὰρ τιμῆς: δοξάσατε τὸν θεὸν ἐν τῷ θνητῷ σώματι. D. (7,17) μερίζω, das 16 / 14 Mal im NT im Sinne von „zuteilen“ begegnet, steht in diesem Sinn nur in der kanonischen Fassung, Mt 12,25. 26; Mk 3,24. 25. 26; 6,41; Röm 12,3; 1Kor 1,13; 7,17. 34; 2Kor 10,13; Hebr 7,2, während es etwa „teilen“ in *Ev 12,13 (so auch Lk 12,13) bedeutet. ♦ περιπατέω im Sinn von „ein Leben führen“ wurde bereits anlässlich Gal 5,16 als ein typischer Begriff der kanonischen Redaktion der Paulusbriefe erkannt. ♦ διατάσσω, das 18 / 16 Mal im NT steht, begegnet überhaupt nur auf der kanonischen Ebene Mt 11,1; Lk 3,13; 17,9. 10; Apg 7,44; 18,2; 20,13; 23,31; 24,23; 1Kor 9,14; 11,34; 16,1; Gal 3,15. 19; Tit 1,5. ♦ πάσαις (Dat. Fem. Pl.) steht 7 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (Lk 1,6. 75; 24,27, in drei Versen, die alle in *Ev fehlen; 1Kor 7,17; 14,33; Jak 1,8; 2Petr 3,16). ♦ Hieraus stellt sich die Frage, ob das für *Ev unbezeugte διέταξεν von Lk 8,55 tatsächlich in *Ev stand und ob τὰ διαταχθέντα von Lk 17,9 nicht ebenfalls ὅσα λέγω oder τὰ λεγόμενα gelautet hat, so wie *Ev 17,10 ὅσα λέγω anstelle von Lk 17,10 τὰ διαταχθέντα schreibt. Zur Abwesenheit: In diesem unbezeugten Vers ist es nicht nur die Lexik, sondern auch die Semantik, die für die Zugehörigkeit dieses Verses zur kanonischen Redaktion und dessen vorkanonisches Fehlen spricht. (7,18) περιτέμνω steht 20 / 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,3; 5,3; 6,13. ♦ Die Form ἐκλήθη steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 27,8; Lk 2,21, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Joh 2,2; Apg 1,23; 1Kor 7,18. 20. 24; 2Kor 7,7; Jak 2,23). ♦ Das ἐπισπάομαι ist ein neutestamentliches Hapax legomenon. ♦ ἀκροβυστία steht 22 / 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,25. 27; *Laod 2,11. ♦ Die Form ἐν ἀκροβυστίᾳ findet sich 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 4,10 - hier 2 Mal. 12; 1Kor 7,18). ♦ Die Form κέκληταί steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 15,17; 1Kor 7,18; Apk 19,13). ♦ Zu περιτέμνω, vgl. zu Beginn dieses Verses. Zur Abwesenheit: Der unbezeugte Vers weist einige ausschließlich vorkano‐ nisch belegte Formen auf (ἐκλήθη; ἐν ἀκροβυστίᾳ; κέκληταί), die den Vers der kanonischen Redaktion zuordnen. Er wird demnach vorkanonisch gefehlt haben. (7,19) περιτομή steht 38 / 36 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,9; 5,6; *Röm 2,25. 29; *Laod 2,11. ♦ οὐδέν (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,2; 23,9; *1Kor 8,4. ♦ Die Kombination οὐδέν ἐστιν 2 (1Kor) 333 <?page no="1212"?> steht 8 Mal im NT, ist jedoch ausschließlich für die kanonische Ebene belegt (Mt 23,16. 18; Mk 7,15; Joh 8,54; Apg 21,24; 25,11; 1Kor 7,19), d. h. sie steht weder in Lk noch an einer anderen Stelle in Paulus, hier in diesem Vers jedoch gleich zwei Mal. ♦ τήρησις steht 5 Mal im NT und ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt ( Joh 14,23; Apg 4,3; 5,18; 1Kor 7,19; Jak 2,10). ♦ ἐντολή steht 76 / 67 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,20; *Röm 7,11. 12; *Laod 2,15. Zur Abwesenheit: In dem unbezeugten Vers begegnen wiederum ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugte Elemente (οὐδέν ἐστιν; τήρησις). Auch er wird zur kanonischen Redaktion gehören und vorkanonisch gefehlt haben. (7,20) Die Kombination ἕκαστος ἐν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ κλῆσις, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur für *Laod 1,18 bezeugt. ♦ Zur ausschließlich kanonisch belegten Form ἐκλήθη vgl. zuvor zu Vers 18. ♦ Die Kombination ἐν ταύτῃ steht 6 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene belegt (Mt 26,34; Apg 16,12; 1Kor 7,20; 2Kor 8,7; 11,17; Hebr 11,2). ♦ μένω steht 131 / 118 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,28; *1Kor 7,11. ♦ Die Form μενέτω steht 5 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 7,11. 20. 24; Hebr 13,1; 1Joh 2,24). Zur Abwesenheit: Auch in diesem unbezeugten Vers fallen die häufigen Kom‐ binationen und Formen auf, die ausschließlich kanonisch belegt sind (ἕκαστος ἐν; ἐκλήθη; ἐν ταύτῃ; μενέτω). Erneut findet sich ein Begriff (κλῆσις), der sonst nur kanonisch belegt ist, nur bezeugt für *Laod, was wieder die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Lexik anzeigt. Außerdem fällt die Duplikation dieses Verses mit dem ebenfalls kanonisch stehenden Vers 7,24 auf. Der Vers wird demnach auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (7,21) Die Form ἐκλήθης steht nur 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in 1Tim 6,12. ♦ σοι (Dat. Mask. Sg. / oder Nom. / Vok. Mask. Pl. von σύ / σός), das 212 Mal im NT steht, ist - wenn auch auffallend selten - vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 5,14. ♦ μελετάω steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 13,11; Apg 4,25; 1Kor 7,21; 1Tim 4,15). Die Form kann auch von μέλω abgeleitet werden. μέλω steht 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,9. ♦ Die Kombination ἀλλ’ εἰ steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,16, die Erweiterung ἀλλ’ εἰ καί steht 4 Mal im NT, ebenfalls vorkanonisch bezeugt in *2Kor 4,16. ♦ δύναμαι, das 233 / 210 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Form δύνασαι findet sich 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 5,36; 8,2; Mk 1,40; 9,22. 23; Lk 5,12; 6,42; 16,2; Joh 13,36; 1Kor 7,21; Apk 2,2). ♦ ἐλεύθερος steht 24 / 23 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,22. 23. ♦ μᾶλλον steht 85 / 81 Mal im NT, 334 Rekonstruktion <?page no="1213"?> vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,13; *2Kor 3,8. 11; 5,8. ♦ χράω, das 12 / 11 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers begegnen eine Reihe von ausschließlich kanonisch belegten Elementen (ἐκλήθης; μελετάω; δύνασαι). Damit wird auch dieser Vers zur kanonischen Redaktion gehören und vorkano‐ nisch gefehlt haben. (7,22) Die Kombination ὁ γὰρ ἐν begegnet nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 14,18. ♦ Die Wendung ἐν κυρίῳ steht 48 Mal im NT, wohl ausschließlich auf der kanonischen Ebene und nur im kanonischen Paulus, vgl. zu Gal 5,10. ♦ κληθείς steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im selben Vers und dann auf der kanonischen Ebene in Ag 4,36. ♦ ἀπελεύθερος ist Hapax legomenon im NT. ♦ κυρίου ἐστίν steht noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT, auf kanonischer Ebene in 1Kor 14,37. ♦ Zu ὁμοίως als ausschließlich kanonischem Terminus vgl. zum Vers 7,3. ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten ἐλεύθερος vgl. zum voranstehenden Vers 7,21. ♦ Die Kombination δοῦλός ἐστιν begegnet noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Joh 8,34. Zur Abwesenheit: Wiederum begegnen in diesem vorkanonisch unbezeugten Vers ausschließlich kanonisch belegte Elemente (ὁ γὰρ ἐν; ἐν κυρίῳ; κληθεὶς; κυρίου ἐστίν; ὁμοίως; δοῦλός ἐστιν). Auch dieser Vers wird demnach ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (7,23) τιμή, das 44 / 41 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,20; *1Thess 4,4, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion. ♦ Die Form ἠγοράσθητε steht nur 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,20. ♦ μὴ γίνεσθε steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,16. ♦ Der Plural δοῦλοι, der 22 Mal im NT steht, etwa Lk 17,10, in einem Vers, der in *Ev fehlt, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,37. Zur Abwesenheit: Hier spricht die Lexik nicht für das vorkanonische Fehlen dieses unbezeugten Verses, sondern würde eher dessen Präsenz stützen. Doch gegen eine solche Präsenz steht die große Nähe des Verses zum vorkanonisch bezeugten Vers 1Kor 6,20. Er liest sich wie eine Duplikation, ein Merkmal der kanonischen, nicht aber der vorkanonischen Ebene. Narrativ bezieht sich der Vers zudem auf den unmittelbaren kanonischen Kontext und würde eine Unterbrechung darstellen der beiden unmittelbar aneinander anschließenden bezeugten Verse 7,11. 28. Aus diesen beiden Gründen wird man den Vers trotz der Lexik, die mit der vorkanonischen Ebene übereinstimmt, der kanonischen Redaktion zuschreiben. 2 (1Kor) 335 <?page no="1214"?> (7,24) Nachdem gerade von Duplikation die Rede war, hier ein weiteres Beispiel, denn der vorliegende Vers stellt eine solche zu Vers 7,20 dar. ♦ Die Kombination ἕκαστος ἐν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ κλῆσις, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur für *Laod 1,18 bezeugt. ♦ Zur ausschließlich kanonisch belegten Form ἐκλήθη vgl. zuvor zu den Versen 18 und 20. ♦ τούτῳ (Dat. Mask. / Neut. Sg.), das 88 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,5 (? ); 19,9. ♦ Die Form μενέτω steht 5 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Vers 7,20. ♦ παρά, das 217 / 194 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8. 12; *1Kor 3,19; *Röm 2,13; 12,16; *2Thess 1,6. Zur Abwesenheit: Wie bei dem parallelen kanonischen Vers 7,20 gelten auch hier die Lexik und die Duplikation als Stützen für das vorkanonische Fehlen dieses vorkanonisch unbezeugten Verses. 7,[25-28] 29 [30-38] 39 [40]: Die Zeit ist kurz Die kanonische Redaktion fügt zu den wenigen vorkanonischen Ausführungen über die Ehe (bzw. die Ehelosigkeit und die Enthaltsamkeit in der Ehe) weitere digressive Gedanken zu weiteren Personengruppen hinzu; dadurch wird der asketische Fokus gemmildert, zugleich aber die vorkanonische Argumentation völlig auseinandergerissen. - 25 Περὶ δὲ τῶν παρθένων ἐπιταγὴν κυρίου οὐκ ἔχω, γνώμην δὲ δίδωμι ὡς ἠλεημένος ὑπὸ κυρίου πιστὸς εἶναι. 26 Νομίζω οὖν τοῦτο καλὸν ὑπάρχειν διὰ τὴν ἐνεστῶσαν ἀνάγκην, ὅτι καλὸν ἀνθρώπῳ τὸ οὕτως εἶναι. 27 δέδεσαι γυναικί; μὴ ζήτει λύσιν· λέλυσαι ἀπὸ γυναικός; μὴ ζήτει γυναῖκα. 28 ἐὰν δὲ καὶ γαμήσῃς, οὐχ ἥμαρτες· καὶ ἐὰν γήμῃ ἡ παρθένος, οὐχ ἥμαρτεν. θλῖψιν δὲ τῇ σαρκὶ ἕξουσιν οἱ τοιοῦτοι, ἐγὼ δὲ ὑμῶν φείδομαι. 29 ὅτι ὁ καιρὸς συνεσταλμένος ἐστίν, 29 τοῦτο δέ φημι, ἀδελφοί, ὁ καιρὸς συνεσταλμένος ἐστίν· τὸ λοιπὸν ἵνα καὶ οἱ ἔχοντες γυναῖκας ὡς μὴ ἔχοντες ὦσιν, - 30 καὶ οἱ κλαίοντες ὡς μὴ κλαίοντες, καὶ οἱ χαίροντες ὡς μὴ χαίροντες, καὶ οἱ ἀγοράζοντες ὡς μὴ κατέχοντες, - 31 καὶ οἱ χρώμενοι τὸν κόσμον ὡς μὴ καταχρώμενοι· παράγει γὰρ τὸ σχῆμα τοῦ κόσμου τούτου. 336 Rekonstruktion <?page no="1215"?> 121 Vgl. H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. Zuntz hält dies für eine falsche Lesart Markions, G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 238. 32 θέλω δὲ ὑμᾶς ἀμερίμνους εἶναι. ὁ ἄγαμος μεριμνᾷ τὰ τοῦ κυρίου, πῶς ἀρέσῃ τῷ κυρίῳ· 33 ὁ δὲ γαμήσας μεριμνᾷ τὰ τοῦ κόσμου, πῶς ἀρέσῃ τῇ γυναικί, 34 καὶ μεμέρισται. καὶ ἡ γυνὴ ἡ ἄγαμος καὶ ἡ παρθένος μεριμνᾷ τὰ τοῦ κυρίου, ἵνα ᾖ ἁγία καὶ τῷ σώματι καὶ τῷ πνεύματι· ἡ δὲ γαμήσασα μεριμνᾷ τὰ τοῦ κόσμου, πῶς ἀρέσῃ τῷ ἀνδρί. 35 τοῦτο δὲ πρὸς τὸ ὑμῶν αὐτῶν σύμφορον λέγω, οὐχ ἵνα βρόχον ὑμῖν ἐπιβάλω, ἀλλὰ πρὸς τὸ εὔσχημον καὶ εὐπάρεδρον τῷ κυρίῳ ἀπερισπάστως. 36 Εἰ δέ τις ἀσχημονεῖν ἐπὶ τὴν παρθένον αὐτοῦ νομίζει ἐὰν ᾖ ὑπέρακμος, καὶ οὕτως ὀφείλει γίνεσθαι, ὃ θέλει ποιείτω· οὐχ ἁμαρτάνει· γαμείτωσαν. 37 ὃς δὲ ἕστηκεν ἐν τῇ καρδίᾳ αὐτοῦ ἑδραῖος, μὴ ἔχων ἀνάγκην, ἐξουσίαν δὲ ἔχει περὶ τοῦ ἰδίου θελήματος, καὶ τοῦτο κέκρικεν ἐν τῇ ἰδίᾳ καρδίᾳ, τηρεῖν τὴν ἑαυτοῦ παρθένον, καλῶς ποιήσει. 38 ὥστε καὶ ὁ γαμίζων τὴν ἑαυτοῦ παρθένον καλῶς ποιεῖ, καὶ ὁ μὴ γαμίζων κρεῖσσον ποιήσει. 39 καὶ γαμηθῆναι μόνον ἐν θεῷ. 39 Γυνὴ δέδεται ἐφ’ ὅσον χρόνον ζῇ ὁ ἀνὴρ αὐτῆς· ἐὰν δὲ κοιμηθῇ ὁ ἀνήρ, ἐλευθέρα ἐστὶν ᾧ θέλει γαμηθῆναι, μόνον ἐν κυρίῳ. - 40 μακαριωτέρα δέ ἐστιν ἐὰν οὕτως μείνῃ, κατὰ τὴν ἐμὴν γνώμην, δοκῶ δὲ κἀγὼ πνεῦμα θεοῦ ἔχειν. A. *7,29: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,8: Quia tempus in collecto est. Ibid. V 8,7: Quia tempus iam in collecto est, apparet et de temporum ultimorum praedicatione hanc gratiam spiritus ad Christum praedicatoris pertinere. Ibid. I 29,4: is dicet, Superest ut et qui uxores habent sic sint quasi non habeant. ♦ *7,39: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,8: praescribens tantum in domino esse nubendum, ne qui fidelis ethnicum matrimonium contrahat. B. (7,29) ὅτι zu Beginn des vorkanonischen Verses, dem das tertulliansche quia entspricht, findet sich in 06, 010, 012, 044, 104, it, sy, bo. 121 ♦ ante λοιπόν om τό 2 (1Kor) 337 <?page no="1216"?> 122 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 166. in P 15 , 06*, 010, 012, Did. ♦ (7,31) Post κόσμον add τοῦτον in 06*, 010, 012, 33, 81, 1739*, sa; τῷ κόσμῳ τούτῳ heißt es in 01 2 , 06 1 , 018, 020, 025, 044, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739 c , 1881, 2464, M, sy h , Eus, während sich der von NA 28 gewählte Text findet in P 15.46 , 01*, 01, 02, bo. ♦ (7,38) Die Form ἐκγαμίζων wird bezeugt von 018, 020, 025, 044, 104, 1241, 2464, M, während γαμίζων geboten wird von P 15vid.46 , 01, 02, 03, 06, 33, 81, 365, 1175, 1505, 1739, 1881, Cl. Was das in der kanonischen Fassung nachfolgende τὴν ἑαυτοῦ παρθένον betrifft, gibt es Varianten, die darauf hindeuten, dass dies ein späterer Zusatz darstellt, vgl. die Abwesenheit dieses Zusatzes in 018, 020, 044, 1241, 1505, 2464 c , M, την παρτθενον (ε)αυτου bieten P 46 , 03, 06, 629, Cl, der kanonische Text findet sich in P 15vid , 01, 02, 025, 33, 81, 104, 365, 1175, 1739, 1881, 2464*, sy p.h** . ♦ Anstelle von ποιεῖ bieten P 15.46 , 03, 6, 1739, 1881 das futurische ποιήσει. ♦ Die Form ἐκγαμίζων bezeugt 012, 018, 020, 025, 044, 104, 365, 1241, 1505, 2464, M, während wieder γαμίζων geboten wird von P 15vid.46 , 01*, 02, 03, 06, 010, 012, 0278, 33, 81, 630, 1175, 1739, 1881, Cl. ♦ (7,39) nach ἐὰν δέ wird νόμῳ geboten von 01 2 , 06 1 , 010, 012, 020, 025, 044, 104, 365, 630, 1505, 2464, M, ar, vg cl , sy, Epiph, Ambst, Pel, und die altlateinische Tradition in 51, 53, 58, 61, 77, 78, 88, 251, γαμω durch 018, bo, viro suo Hier, den Begriff lassen aus P 15vid.46 , 01*, 02, 03, 06*, 0278, 6, 33, 81, 1175, 1241, 1739, 1881, lat, sa mss , Tert, Cl, Or, Cyp. Zuntz hält den Begriff für eine eingedrungene Glosse. 122 ♦ Post ἐὰν δέ add καί in 06 2 , 010, 012, 020, 044, 614, 629, 1241, 1505 pm, sy h . ♦ Anstelle von κοιμηθῇ wird ἀποθανῇ geboten von 01, 0278, sy hmg , Cl, Epiph. C. 1. (7,25-28) Auch diese Verse sind nach allen Zeugen und Editoren unbezeugt. Erst mit Vers 29, der neu mit τοῦτο δέ φημι einsetzt, bezeugt Tertullian wieder einen vorkanonischen Vers. Wenn in Vers 25 die Jungfrauen angesprochen werden, so hätte man eigent‐ lich erwartet, dass diese bereits unter den zuvor „Unverheirateten“ (Vers 8) miterfasst worden wären (nicht zu Unrecht gibt die Einheitsübersetzung περὶ δὲ τῶν παρθένων auch wieder mit „über die Unverheirateten“ und lässt in der Übersetzung δὲ aus). Überhaupt besteht hier die Spannung zwischen diesem Vers und der Aussage, Paulus habe keine Anordnung des Herrn erhalten, mit der Aussage von Vers 8, wonach von Christus selbst gesagt sei, die Unverheirateten sollten unverheiratet bleiben, also auf ein Wort des Herrn hin wie Paulus leben. Schließlich kommen die Verse 27-28 auf das ebenfalls behandelte Thema der Scheidung und Heirat zurück, was im Anschluss an Vers 25 erneut anklingt, 338 Rekonstruktion <?page no="1217"?> 123 H. Delafosse, Les écrits de Saint Paul II. La première épître aux Corinthiens, traduction nouvelle avec introduction et notes (1926), 40-51. Die Verse 36-38 seien eine antimon‐ tanistische Stellungnahme, so ibid. 50. als ob es keine Herrenanweisung hierfür gegeben habe. Damit aber verwässern diese Verse, was zuvor gerade mit Hinweis auf die Anweisung durch Christus selbst in den Versen 10-11 vorgestellt wurde. Die Passage klingt also wie eine kanonische Redaktion der zuvor bezeugten Verse *1Kor 7,10-11. Couchoud (Delafosse) allerdings hält noch Vers 28 (wie auch Verse 1b, 7-9 10 und 28b-30, 39) wegen seiner nichtkasuistischen Art für paulinisch, während der Rest eine spätere Ergänzung darstelle. 123 2. (7,29) Zahn sieht von diesem Vers wörtlich ὅτι ὁ καιρὸς συνεσταλμένος ἐστίν bezeugt, nimmt aber, durch Auslassungszeichen vorne und hinten ver‐ merkt, auch den Rest der kanonischen Fassung als präsent an. Auch Harnack meint, der von Zahn gegebene Teil sei bezeugt, ihnen folgen Schmid und BeDuhn, wobei Letzterer in Klammern noch die Übersetzung von τοῦτο δέ φημι, ἀδελφοί am Anfang und λοιπὸν ἵνα καὶ οἱ ἔχοντες γυναῖκας ὡς μὴ ἔχοντες ὦσιν am Ende folgen lässt. Auch wenn der Anfang und das Ende des Verses nicht bezeugt sind, gilt es zu prüfen, ob diese Teile eher vorhanden oder nicht vorhanden waren. Das in der kanonischen Fassung nicht stehende ὅτι könnte auf den unbezeugten Vordersatz verweisen, schließt jedoch vielmehr direkt an den zuletzt bezeugten Vers 1Kor 10,7 an. Es wurde wohl durch die kanonische Fassung mit τοῦτο δέ φημι, ἀδελφοί ersetzt. Die zweite Hälfte des Verses passt tatsächlich gut als Anschluss an den Gedanken aus demselben Vers 1Kor 10,7. Unklar ist, ob Tertullians Zeugnis aus Buch I auf den vorkanonischen Text rekurriert, weil sich das Zitat innerhalb einer apologetischen Argumentation findet. 3. Der Begriff λοιπόν im Sinn von ceterum begegnete bereits auf der kanoni‐ schen Ebene in 1Kor 1,16 und ähnlich (de cetero) in Gal 6,17, dort besonders auffällig, weil τῶν δ’ἄλλων εἰκῆ κόπους μοι μηδεὶς παρεχέσθω der vorkanoni‐ schen Fassung durch die kanonische Redaktion geändert wurde zu Τοῦ λοιποῦ κόπους μοι μηδεὶς παρεχέτω. 4. (7,30) Dieser Vers ist nicht bezeugt, auch wenn Zahn ihn in irgendeiner Form vorkanonisch anwesend sieht. Harnack, Schmid und BeDuhn sehen ihn schlicht als unbezeugt. Der Vers hat eine Nähe zu *Ev / Lk 6,21, Lk 6,23 und Röm 14,15, wobei die letzten beiden Verse vorkanonisch unbezeugt sind. 5. (7,31) Auch dieser Vers ist unbezeugt, wobei die Urteile der früheren Editoren sich mit dem zu dem voranstehenden Vers decken. Auch inhaltlich gehört Vers 31 in die redaktionelle Argumentation. O’Neill schlug vor, 1Kor 7,29-31 als Interpolation anzusehen. 124 2 (1Kor) 339 <?page no="1218"?> 124 J.C. O’Neill, Glosses and Interpolations in the Letters of St. Paul (1982), 381-383. 125 Vgl. mit älterer Literatur M.D. Goulder, Luke. A New Paradigm (1989), 495. 6. (7,32-38) Diese Verse sind nicht bezeugt. Zahn rechnet in irgendeiner Weise mit ihrer Präsenz. Harnack und Schmid sehen sie schlicht als unbezeugt, BeDuhn ebenfalls, doch nimmt er in Klammern den Vers 38 als präsent und deutet durch Auslassungszeichen an, dass er davor von einem Textausfall ausgeht. 7. (7,35) Goulder hat auf die enge Beziehung zwischen unserem Vers, Lk 10,40, und Apg hingewiesen. 125 8. (7,38-39) Nach Zahn war Vers 38 in irgendeiner Form vorhanden, Vers 39 führt er nicht auf. Nach Harnack hingegen ist lediglich das Stück μόνον ἐν κυρίῳ aus Vers 39 bezeugt, nach Schmid sogar γαμηθῆναι, μόνον ἐν κυρίῳ, BeDuhn nimmt auch, wohl wegen des narrativen Zusammenhangs, den unbezeugten Vers 38 in Klammern hinzu, wobei er das κρεῖσσον bezeugt setzt - jedoch ohne Nachweis. 9. Der unbezeugte Anfang von Vers 39 weist eine deutliche Nähe zu den kano‐ nischen Versen Röm 7,1-3 auf. Überhaupt scheint der Vers von der kanonischen Redaktion erheblich überformt worden zu sein. Allein das in einigen einschlä‐ gigen Zeugen erhaltene und von der Redaktion ebenfalls getilgte καί scheint neben den bezeugten Elementen ursprünglich zu sein, weil es die Verknüpfung mit den bezeugten Versteilen 10-11. 29 von Kapitel herstellt. Das nubendum Tertullians erläutert auch, wie in Vers 39 das γαμέω auf vorkanonischer Ebene verstanden wurde, nicht als „ehelichen“, sondern als „in der wiederversöhnten Ehe zu leben“ - eben nur verschleiert und in Gott, also asketisch, woraufhin das ganze Kapitel hinzielte. Gerade diese rein asketische Ehe wurde von der kanonischen Redaktion unterlaufen und in einer umfänglichen Umarbeitung konterkariert. Einzig die Vorliebe für das Unverheiratetsein blieb stehen, was auch in dem unbezeugten Vers 40 abschließend herausgestellt wird. Auch wenn ἐν κυρίῳ (in domino) durch Tertullian bezeugt scheint, ohne an‐ gegebene Textvarianten, mahnt doch die Variante in *1Kor 1,31, wo anstelle von ἐν κυρίῳ ein ἐν θεῷ in Tertullians Zeugen M und R steht, dass möglicherweise auch an dieser Stelle die Abkürzung anders aufgelöst werden muss. Das ist aus drei weiteren Gründen wahrscheinlich: Erstens, die antike und mittelalterliche Abkürzung „do“ (mit Überstrich) kann sowohl als domino wie deo aufgelöst werden; zweitens, das ἐν κυρίῳ steht 48 Mal im NT, und zwar an allen Stellen ausschließlich im kanonischen Paulus; drittens, zu *1Kor 1,31 ist auch *Laod 6,1 bemerkenswert, weil dort in einschlägigen Zeugen das ἐν κυρίῳ fehlt - wir 340 Rekonstruktion <?page no="1219"?> begegnen demselben Phänomen, dass die kanonische Redaktion das „im Herrn“ hinzusetzt. 10. (7,40) Dieser Vers ist unbezeugt. Zahn lässt ihn beiseite, so auch Harnack, Schmid und BeDuhn. D. (7,25) Zu περί vgl. zuvor zu Vers 1 und danach zu Vers 37. ♦ Die Kombination περὶ δέ steht 14 Mal im NT, immer als Verseröffnung und ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. hierzu 7,1. ♦ παρθένος steht 17 / 15 Mal im NT (vgl. auch weiter unten zu den Versen 28. 34. 36. 37. 38), vorkanonisch bezeugt für *2Kor 11,2. ♦ ἐπιταγή steht 8 / 7 Mal im NT, ausschließlich bezeugt für die kanonische Ebene. ♦ Die Kombination οὐκ ἔχω steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 11,6; 12,17; Joh 4,7; 5,7; 8,49; Apg 25,26; 1Kor 7,25; 12,21; 3Joh 1,4). ♦ γνώμη steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form δίδωμι steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 4,6; 19,8; Joh 10,28; 13,34; 14,27; Apg 3,6; 1Kor 7,25; 2Kor 8,10). ♦ ἐλεέω steht 33 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,38. ♦ Die Kombination ὑπὸ κυρίου steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; 1Kor 7,25; 2Thess 2,13). ♦ πιστός steht 69 / 67 Mal im NT, vorkanonisch nur negativ bezeugt für *Ev 16,11. 12, als positive (und negative) Charakterisierung steht es nur auf der kanonischen Ebene, insbesondere in der Apg und den Pseudopaulinen. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers sprechen Lexik (Περὶ δέ; ἐπιταγή; οὐκ ἔχω; γνώμη; δίδωμι: ὑπὸ κυρίου) und Semantik (πιστός) für die Zugehörigkeit zur kanonischen Ebene und für ein Fehlen auf der vorkanoni‐ schen. (7,26) νομίζω steht 18 / 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten τοῦτο vgl. zuvor Vers 6 und danach Verse 29. 35. 37. ♦ καλός steht 109 / 101 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,9. ♦ ὑπάρχω steht 66 / 60 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 11,7; *Phil 2,6. ♦ Die Form ὑπάρχειν steht 6 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 19,36; 28,18; 1Kor 7,26; 11,18; 12,22; 2Petr 3,11). ♦ ἐνίστημι steht 9 / 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22. ♦ ἀνάγκη steht 19 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination καλὸν ἀνθρώπῳ begegnet noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, 1Kor 7,1, vorkanonisch nicht bezeugt, aber vielleicht dort präsent. Zur Abwesenheit: Der unbezeugte Vers weist eine Reihe von ausschließlich vorkanonischen Elementen auf (νομίζω; ὑπάρχειν; ἀνάγκη; καλὸν ἀνθρώπῳ). 2 (1Kor) 341 <?page no="1220"?> Man wird ihn folglich der kanonischen Redaktion zuordnen, und er wird vorkanonisch gefehlt haben. (7,27) δέω steht 112 / 43 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,25. 53; *2Kor 5,10. ♦ Die Form γυναικί steht 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 19,5; 26,10; Joh 4,42; Apg 5,1; 24,24; 1Kor 7,3. 14. 27. 33; 11,6; 14,35; 1Tim2,12; Apk 12,14. 16. 17). ♦ ζητέω steht 130 / 117 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *Röm 10,3. ♦ Die Verneinung μὴ ζητέω findet sich 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 12,29; Röm 10,20; 1Kor 7,27; 19,33). ♦ λύσις ist Hapax legomenon im NT. ♦ λύω steht 48 / 42 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,15 und *Laod 2,14. ♦ Die Form λέλυσαι steht 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, auch auf der kanonischen Ebene in Lk 13,12. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vergleichsweise selten gebraucht auf der vorkanonischen Ebene, *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers weist einige ausschließlich vorkano‐ nisch bezeugte Elemente auf (γυναικί; μὴ ζητέω; λέλυσαι). Er wird folglich ebenfalls zur kanonischen Redaktion gehören und vorkanonisch gefehlt haben. (7,28) Die Kombination ἐὰν δὲ καί (zuvor wurde bereits zu 7,11 δὲ καί als kanonisch bemerkt) steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 18,17; Lk 14,34; 1Kor 7,11. 28; 2Tim 2,5). ♦ γαμέω, das 36 / 28 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἁμαρτάνω steht 47 / 43 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev; *Röm 2,12; *Laod 4,26. ♦ Die Verneinung οὐχ ἁμαρτάνω steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination καὶ ἐάν steht 30 Mal im NT, etwa Lk 19,31 in einem Vers, der in *Ev fehlt, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; *Gal 1,8. ♦ Die Form γήμῃ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 5,32; 19,9; Mk 10,11. 12; 1Kor 7,28). ♦ Zu παρθένος vgl. zuvor zu Vers 24 und danach zu den Versen 34. 36. 37. 38. ♦ θλῖψις steht 60 / 45 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,12, *2Thess 1,6; *Kol 1,24. ♦ Die Form ἕξουσιν steht nur noch ein Mal, ebenfalls vorkanonisch im sekundären Markusschluss Mk 16,18. ♦ Für das vorkanonisch bezeugte τοιοῦτος vgl. zuvor zu Vers 15. ♦ φείδομαι steht 10 Mal im NT steht und ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. Zur Abwesenheit: Auch dieser unbezeugte Vers weist einige ausschließlich kanonisch belegte Elemente auf (ἐὰν δὲ καί; οὐχ ἁμαρτάνω; γήμῃ; ἕξουσιν; φείδομαι). Darum wird auch dieser Vers der kanonischen Redaktion zuzuordnen sein und vorkanonisch gefehlt haben. (7,29) Die Kombination τοῦτο δέ φημι steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, in 1Kor 15,50. ♦ Die Kombination τοῦτο δέ steht 32 Mal 342 Rekonstruktion <?page no="1221"?> im NT, 28 Mal als Verseröffnung, immer auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 9,6. ♦ φημί, das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,19; 15,50. ♦ καιρός steht 90 / 86 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,10; 6,9. 10; *1Kor 7,29; *Röm 5,6. ♦ συστέλλω steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, dort auf der kanonischen Ebene (Apg 5,6). ♦ λοιπός steht 60 / 55 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 2,17; *Laod 2,3.♦ ἵνα καί steht 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,19; *2Kor 4,10. ♦ Die Kombination ὡς μή steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,7. 18; 7,29. 30. 31; 2Kor 10,14). ♦ Die Kombination μὴ ἔχοντες steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,14; *Laod 2,12. ♦ Die Form ὦσιν steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Der zweite, unbezeugte Teil weist zwei Elemente auf (ὡς μή; ὦσιν), die ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt sind, so dass dieser Teil wohl auf die kanonische Redaktion zurückgeht und im vorkanonischen Text gefehlt hat. (7,30) κλαίω, das 44 / 40 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev (u. a. 6,21: κλαίοντες). ♦ χαίρω, das 76 / 74 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,8; *1Kor 7,30; *Röm 12,12. ♦ Die Form χαίροντες steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,12. ♦ ἀγοράζω, das 37 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 6,20. ♦ Die Kombination ὡς μή steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,7. 18; 7,29. 30. 31; 2Kor 10,14). ♦ κατέχω, das 19 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,18. ♦ Die Form κατέχοντες steht nur noch ein Mal, auf der kanonischen Ebene (2Kor 6,10). Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers weist eine erstaunliche Anzahl vorkanonisch bezeugter Termini auf, möglicherweise aufgrund der Nähe zu *Ev 6,21, allerdings begegnen auch Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ὡς μή; κατέχοντες). Da der Vers aber grammatikalisch und narrativ unmittelbar an den voranstehenden kanonischen Vers anschließt, wird auch er auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch nicht vorhanden gewesen sein. (7,31) χράω, das 12 / 11 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15. ♦ Die Kombination ὡς μή steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,7. 18; 7,29. 30. 31; 2Kor 10,14). ♦ Die Form τὸν κόσμον steht 45 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 6,2. ♦ καταχράομαι steht nur noch ein Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (1Kor 9,18). ♦ παράγω steht 11 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 9,9. 27; 20,30; Mk 1,16; 2,14; 15,21; Joh 8,59; 9,1; 1Kor 7,31; 1Joh 2,8. 17). ♦ σχῆμα, das nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT steht, ist für die vorkanonische Ebene bezeugt (*Phil 2,8). 2 (1Kor) 343 <?page no="1222"?> ♦ τούτου, das 69 Mal im NT steht, ist gut vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,34; *1Kor 2,6. 8; 3,19; *2Kor 4,4; *Röm 7,24; *Laod 2,2; 6,12. ♦ Die Variante τούτῳ, die 88 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,25. Zur Abwesenheit: In diesem unbezeugten Vers begegnen erneut einige aus‐ schließlich für die kanonische Ebene belegte Elemente (ὡς μή; καταχράομαι; παράγω). Auch dieser Vers geht auf die kanonische Redaktion zurück und hat vorkanonisch gefehlt. (7,32) Die Kombination θέλω δὲ ὑμᾶς steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 1,13; 16,19, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 7,32; 10,20; 11,3). ♦ ἀμέριμνος ist nur an dieser Stelle und in Mt 28,14 bezeugt. ♦ ἄγαμος, das 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch zuvor in *1Kor 7,11 bezeugt. ♦ μεριμνάω, das 24 / 19 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,22. ♦ Der Ausdruck τὰ τοῦ κυρίου steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene in 1Kor 7,34. ♦ πῶς, das 109 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,35, vgl. auch zu den Versen 33. 34. ♦ ἀρέσκω steht 21 / 17 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Auch dieser unbezeugte Vers weist Elemente auf, die aus‐ schließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (θέλω δὲ ὑμᾶς; ἀμέριμνος; τὰ τοῦ κυρίου; ἀρέσκω). Er gehört zur kanonischen Ebene und hat vorkanonisch gefehlt. (7,33) Der gerade im Vers zuvor als ausschließlich kanonisch notierte Begriff ἀρέσκω kehrt hier wieder. ♦ Zu ἄγαμος vgl. zuvor zu Vers 32. ♦ Ebenfalls zu μεριμνάω. ♦ Zur Form γυναικί als ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu findende Form, vgl. zuvor zu 7,21. Zur Abwesenheit: Eng mit dem voranstehenden kanonischen Vers verbunden weist auch dieser unbezeugte Vers ausschließlich kanonische Elemente auf (ἀρέσκω; γυναικί). Er gehört wie dieser zur kanonischen Ebene und hat vorka‐ nonisch gefehlt. (7,34) μερίζω, das 16 / 14 Mal im NT im Sinne von „zuteilen“ begegnet, ist in diesem Sinn ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ Zu παρθένος vgl. zuvor zu den Versen 24. 25 und danach zu den Versen 36. 37. 38. ♦ Der Begriff ἅγιος zur Kennzeichnung von Menschen begegnet fast nur in der kanonischen Fassung, Mk 6,20; Lk 2,23; Eph 1,4; 5,27; Kol 1,22; 1Petr 1,15; 2,5; 3,5; Apk 20,6; 22,11, allerdings auch ein Mal vorkanonisch in *Laod 1,18. ♦ Zu dem kanonischen τὰ τοῦ κόσμου vgl. zuvor zu Vers 7,32. ♦ Erneut begegnet das kanonische ἀρέσκω. 344 Rekonstruktion <?page no="1223"?> Zur Abwesenheit: Wie im Vers zuvor, gibt es auch bei diesem Vers eine enge inhaltliche und lexikalische Gemeinsamkeit mit dem Kontext. Es begegnen ausschließlich kanonische Elemente der Lexik (τὰ τοῦ κόσμου; ἀρέσκω) wie auch der Semantik (μερίζω). Dass es wieder *Laod ist, der die kanonische Lexik teilt, sei kurz bemerkt. (7,35) Zu τοῦτο vgl. zuvor zu Versen 6. 26. 29 und danach zu Vers 27. ♦ Zur ausschließlich kanonischen Kombination τοῦτο δέ vgl. weiter oben zu 2Kor 9,6. ♦ Die Kombination τὸ ὑμῶν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 7,35; 16,18; 2Kor 8,14; Phil 2,30). ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15. ♦ σύμφορον begegnet nur hier und wieder an der nicht für die vorkanonische Fassung bezeugten Stelle 1Kor 10,33. ♦ Zur Verbform λέγω vgl. zuvor die Verse 6. 8. 12. ♦ Die Kombination οὐχ ἵνα steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 4,21; Joh 6,38; 1Kor 7,35; 2Kor 2,4; 13,7; Jak 5,12). ♦ βρόχος ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἐπιβάλλω steht 19 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ εὐσχήμων steht 5 Mal im NT, nur in der kanonischen Fassung belegt, man vgl. auch die verwandten εὐσχημόνως, das 3 Mal im NT steht, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 13,13; 1Kor 14,40; 1Thess 4,12), εὐσχημοσύνη, das Hapax legomenon im NT ist (1Kor 12,23), ἀσχημονέω, das 2 Mal im NT steht, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 7,36; 13,5) und ἀσχημοσύνη, das 2 Mal im NT begegnet, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 1,27; Apk 16,15). ♦ εὐπάρεδρον und ἀπερισπάστως sind wieder Hapax legomena im NT, wobei das verwandte περισπάω noch Lk 10,40 begegnet, jedoch dem Wortlaut nach nicht für *Ev bezeugt ist. ♦ Für εὐπάρεδρον gibt es die Variante εὐπρόσεδρον, die jedoch ebenfalls Hapax legomenon im NT ist. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers weist wieder eine Reihe von Ele‐ menten auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (τοῦτο δέ; τὸ ὑμῶν; σύμφορον; οὐχ ἵνα; ἐπιβάλλω; εὐσχήμων). Auch dieser Vers ist Produkt der kanonischen Redaktion und fehlt im vorkanonischen Text. (7,36) εἰ δέ τις steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 3,12. ♦ Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ ἀσχημονέω steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (1Kor 13,5). ♦ Zu παρθένος vgl. zuvor zu den Versen 24. 25. 35 und danach zu den Versen 37. 38. ♦ Hier begegnet das augenscheinlich unauffällige νομίζω. Es stellt sich als typisches Verb der kanonischen Redaktion heraus, denn es steht 18 / 15 Mal im NT, etwa Lk 2,44; 3,23, in Versen, die in *Ev fehlen, begegnet ansonsten nicht weiter in Lk oder *Ev und an keiner sonstigen Stelle in den Paulusbriefen (außer 1Tim) und findet sich lediglich 2 (1Kor) 345 <?page no="1224"?> 126 So G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 97. auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form ᾖ steht 42 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ὑπέρακμος is Hapax legomenon. ♦ ὀφείλω steht 42 / 35 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev *1Kor 11,7. 10. ♦ Die Form ποιείτω steht noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Lk 3,11, in einem Vers, der in *Ev fehlt. ♦ Die Verneinung οὐχ ἁμαρτάνω wurde schon zu 7,28 als ausschließlich kanonische Wendung notiert. Zur Abwesenheit: Wiederum begegnen in diesem unbezeugten Vers eine Fülle von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente (εἰ δέ τις; ἀσχημονέω; νομίζω; ᾖ; ποιείτω; οὐχ ἁμαρτάνω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (7,37) ὃς δέ steht 21 Mal im NT, in Lk 8,18 (pace Klinghardt, nicht bezeugt für *Ev, Tert. schreibt qui non, nicht wie von Klinghardt zur Stelle angegeben qui autem); 9,24 steht stattdessen καὶ ὅς; Lk 17,33 steht es nur in den Zeugen P 75 , 01, 03, 019, 044, (579), 892, bo mss , nicht in *Ev; kanonisch weiter 9 Mal in Mt; 3 Mal in Mk; Röm 14,5; 1Kor 7,37; 11,21; 1Joh 2,5; 3,17. ♦ ἵστημι, das 191 / 154 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 13,1; *Röm 10,3; *Laod 6,11. ♦ Die Form ἕστηκεν steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 1,26; 8,44; 1Kor 7,37; 2Tim 2,19; Hebr 10,11; Jak 5,9; Apk 12,4). ♦ Der Ausdruck ἐν τῇ καρδίᾳ steht 19 Mal im NT, etwa Lk 2,19. 51, in Versen, die in *Ev fehlen, in 24,38, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, in Lk 12,45, wo der Ausdruck unbezeugt für *Ev ist, d. h. ausschließlich auf der kanonischen Ebene, kanonisch darüber hinaus 4 Mal in Mt; Mk 11,23; Apg 5,4; Röm 10,6. 8. 9; 1Kor 7,37; 2Kor 8,16; Phil 1,7; Jak 3,14; Apk 18,7. ♦ ἑδραῖος steht nur noch auf der kanonischen Ebene in 1Kor 15,58; Kol 1,23, was allerdings dazu geführt hat, diesen Begriff für paulinisch zu halten. 126 ♦ Der Ausdruck μὴ ἔχων steht 7 Mal im NT, in Lk 22,36, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 3 Mal in Mt; 1Kor 7,37; Phil 3,9; 1Joh 5,12, d. h. ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀνάγκη steht 19 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐξουσία steht 112 / 102 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,25; *1Kor 11,10; *2Kor 13,10; *Laod 2,2; 3,10; 6,12. ♦ Der Ausdruck ἐξουσίαν + ἔχω findet sich 4 Mal im NT, Lk 19,17, wo gerade dieses Element im Text von *Ev fehlt, d. h. ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 7,29; 8,9; Mk 1,22; Lk 19,17). ♦ Die Kombination τοῦ ἰδίου steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 7,4. ♦ θέλημα steht 65 / 62 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,3; *Laod 1,9. ♦ Der Genitiv θελήματος steht 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 1,13; Röm 15,32, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 1,1; 7,37; 2Kor 1,1; 8,5; Eph 1,1. 5. 9. 11; Kol 1,1. 346 Rekonstruktion <?page no="1225"?> 9; 2Tim 1,1). ♦ Zu τοῦτο vgl. zuvor zu den Versen 6. 26. 29. 35. ♦ Zu καὶ τοῦτο als nur kanonisch bezeugter Kombination vgl. ebenfalls Vers 6,7. ♦ Die Form κέκρικεν ist Hapax legomenon im NT. ♦ Zu ἐν τῇ … καρδίᾳ vgl. im selben Vers zuvor. ♦ τηρέω, ein Begriff, der 81 mal im NT begegnet (vor allem in den johanneischen Schriften und Apg), jedoch nicht ein Mal in *Ev oder Lk, und der in den paulinischen Briefen nur ein einziges Mal für die kanonische Version bezeugt ist (1Thess 5,23), während es 34 Mal im johanneischen Schrifttum, 10 Mal in der Apg und überhaupt auf der kanonischen Ebene zu finden ist. ♦ παρθένος, vgl. zuvor zu den Versen 24. 25. 34. 36 und danach zu dem Vers 38. ♦ Der Ausdruck τὴν ἑαυτοῦ παρθένον steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene im nächsten Vers 7,38. ♦ καλῶς, das 38 / 37 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination καλῶς + ποιέω steht 10 Mal im NT, Lk 6,27, wo der Teil καλῶς ποιεῖτε τοῖς μισοῦσιν ὑμᾶς in *Ev fehlt, d. h. ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 12,12; Lk 6,27; Apg 10,33; 1Kor 7,37. 38; Phil 4,14; Jak 2,8. 19; 2Petr 1,19; 3Joh 1,6). Zur Abwesenheit: Dieser längere, unbezeugte Vers bietet eine Fülle von Ele‐ menten, die ausschließlich für die kanonische Ebene belegt sind (ὃς δὲ; ἕστηκεν; ἐν τῇ καρδίᾳ; ἑδραῖος; μὴ ἔχων; ἀνάγκη; ἐξουσίαν + ἔχω; τοῦ ἰδίου; θελήματος; καὶ τοῦτο; τηρέω; τὴν ἑαυτοῦ παρθένον; καλῶς + ποιέω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und fehlt im vorkanonischen Text. (7,38) Die hier unbezeugte Konjunktion ὥστε steht 86 / 83 Mal im NT, davon 37 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,21 (Verseröffnung); *2Kor 3,7 (im Vers); *Röm 7,12; *2Thess 2,4 (im Vers). ♦ Die Kombination ὥστε καί ist Hapax legomenon im NT. ♦ γαμίζω steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,35. ♦ ἐκγαμίζω steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,35. ♦ Zu παρθένος vgl. zuvor zu den Versen 24. 15. 34. 36. 37. ♦ τὴν ἑαυτοῦ παρθένον steht nur 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, im Vers zuvor 7,37 auf der kanonischen Ebene. ♦ καλῶς + ποιέω wurde im Vers zuvor als ausschließlich kanonisch notiert. ♦ Die Kombination καὶ ὁ μὴ steht 6 Mal im NT, in Lk 22,36, in einem Vers, der in *Ev fehlt, zuvor in 11,23, wo der Vers unbezeugt ist für *Ev; auch sonst nur kanonisch bezeugt (Mt 12,30; Röm 14,6; 1Kor 7,38; 1Joh 3,10). ♦ κρείσσων, das 23 / 17 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließ‐ lich auf der kanonischen Ebene belegt sind (τὴν ἑαυτοῦ παρθένον; καλῶς + ποιέω; καὶ ὁ μὴ; κρείσσων). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und fehlt im vorkanonischen Text. (7,39) Zum unbezeugten Versteil: Die Form δέδεται steht nur 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 7,2; 1Kor 7,39; 2Tim 2,9). ♦ Die Kombination δέδεται 2 (1Kor) 347 <?page no="1226"?> νόμῳ begegnet nur noch auf der kanonischen Ebene in Röm 7,2, wodurch sich die Variante erklären könnte. ♦ χρόνος, das 61 / 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,4. ♦ Die Kombination ἐφ’ ὅσον χρόνον steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 7,1; 1Kor 7,39; Gal 4,1). ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. ♦ Zu αὐτῆς vgl. zuvor zu Vers 13. ♦ Die Form ζῇ steht 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 16,11 im sekundären Markusschluss; Joh 4,50. 51. 53; Röm 6,10; 7,1; 14,7; 1Kor 7,39; 2Kor 13,4; Gal 2,20; Hebr 7,8; 9,17). ♦ Die Kombination ἐὰν δέ steht 34 Mal im NT, Lk 22,68, in einem Vers, der in *Ev fehlt, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für Röm 2,25. ♦ Die Kombination ἐὰν δὲ καί (zuvor wurde bereits zu 7,11 δὲ καὶ als kanonisch bemerkt) steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ κοιμάομαι steht 20 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Variante ἀποθνήσκω steht 119 / 111 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,36 und *1Kor 15,3. 22; *Röm 5,6. ♦ ἐλεύθερος, das 24 / 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,22. 23, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion ist, vgl. 7,21. ♦ Die Kombination ἐλευθέρα ἐστίν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 7,3; 1Kor 7,39; Gal 4,26). ♦ Die Form θέλει steht 19 Mal im NT, Lk 5,39; 13,31, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt nur kanonisch belegt (Mt 16,24; 27,43; Mk 8,34; 9,35; Lk 5,39; 9,23; 13,31; Joh 3,8; 5,21; Apg 2,12; 17,20; Röm 9,18; 1Kor 7,36. 39; 2Thess 3,10; 1Tim 2,4; Apk 2,21; 11,5). ♦ Die Wendung ἐν κυρίῳ steht 48 Mal im NT, wohl ausschließlich auf der kanonischen Ebene und nur im kanonischen Paulus, vgl. zu Gal 5,10. Zum bezeugten Versteil: μόνον, das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur bezeugt für *Gal 2,10; *1Kor 7,39, also deutlich ein beliebter Terminus der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians (beachte die Emendation! ) unter Berücksichtigung der Lexik. (7,40) Die Steigerung μακαριωτέρα ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Kombination δέ ἐστιν steht 15 Mal im NT, Lk 15,42, wo gerade diese Formulierung fehlt; 9,9 und 16,17 ist sie nicht für *Ev bezeugt; dennoch ist sie zuvor in 7,19 vorkanonisch bezeugt. ♦ Die Form μείνῃ steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ γνώμη steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form δοκῶ steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 4,9. ♦ Die Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (μείνῃ; γνώμη; δοκῶ; δὲ καὶ). Er ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 348 Rekonstruktion <?page no="1227"?> Kapitel 8 8,[1-3] 4-6 [7-12] 13: Über das Götzen Geopferte Das vorliegende Kapitel ist in den Kernversen und am Ende vorkanonisch bezeugt, wurde jedoch durch die kanonische Redaktion am Anfang und in der Mitte stark erweitert. - 8,1 Περὶ δὲ τῶν εἰδωλοθύτων, οἴδαμεν ὅτι πάντες γνῶσιν ἔχομεν. ἡ γνῶσις φυσιοῖ, ἡ δὲ ἀγάπη οἰκοδομεῖ. 2 εἴ τις δοκεῖ ἐγνωκέναι τι, οὔπω ἔγνω καθὼς δεῖ γνῶναι· 3 εἰ δέ τις ἀγαπᾷ τὸν θεόν, οὗτος ἔγνωσται ὑπ’ αὐτοῦ. 4 Περὶ οὖν τῶν εἰδωλοθύτων οἴδαμεν ὅτι οὐδὲν εἴδωλον ἐστιν - 4 Περὶ τῆς βρώσεως οὖν τῶν εἰδωλοθύτων οἴδαμεν ὅτι οὐδὲν εἴδωλον ἐν κόσμῳ, καὶ ὅτι οὐδεὶς θεὸς ἕτερος εἰ μὴ εἷς. 5 καὶ γάρ, εἴπερ εἰσὶν οἱ λεγόμενοι θεοί, εἴτε ἐν οὐρανῷ εἴτε ἐπὶ γῆς, 5 καὶ γὰρ εἴπερ εἰσὶν λεγόμενοι θεοὶ εἴτε ἐν οὐρανῷ εἴτε ἐπὶ γῆς, ὥσπερ εἰσὶν θεοὶ πολλοὶ καὶ κύριοι πολλοί, 6 ἡμῖν εἷς θεὸς ὁ πατήρ, ἐξ οὗ τὰ πάντα ἡμῖν. 6 ἀλλ’ ἡμῖν εἷς θεὸς ὁ πατήρ, ἐξ οὗ τὰ πάντα καὶ ἡμεῖς εἰς αὐτόν, καὶ εἷς κύριος Ἰησοῦς Χριστός, δι’ οὗ τὰ πάντα καὶ ἡμεῖς δι’ αὐτοῦ. - 7 Ἀλλ’ οὐκ ἐν πᾶσιν ἡ γνῶσις· τινὲς δὲ τῇ συνηθείᾳ ἕως ἄρτι τοῦ εἰδώλου ὡς εἰδωλόθυτον ἐσθίουσιν, καὶ ἡ συνείδησις αὐτῶν ἀσθενὴς οὖσα μολύνεται. 8 βρῶμα δὲ ἡμᾶς οὐ παραστήσει τῷ θεῷ· οὔτε ἐὰν μὴ φάγωμεν ὑστερούμεθα, οὔτε ἐὰν φάγωμεν περισσεύομεν. 9 βλέπετε δὲ μή πως ἡ ἐξουσία ὑμῶν αὕτη πρόσκομμα γένηται τοῖς ἀσθενέσιν. 10 ἐὰν γάρ τις ἴδῃ σὲ τὸν ἔχοντα γνῶσιν ἐν εἰδωλείῳ κατακείμενον, οὐχὶ ἡ συνείδησις αὐτοῦ ἀσθενοῦς ὄντος οἰκοδομηθήσεται εἰς τὸ τὰ εἰδωλόθυτα ἐσθίειν; 11 ἀπόλλυται γὰρ ὁ ἀσθενῶν ἐν τῇ σῇ γνώσει, ὁ ἀδελφὸς δι’ ὃν Χριστὸς ἀπέθανεν. 12 οὕτως δὲ ἁμαρτάνοντες εἰς τοὺς ἀδελφοὺς καὶ τύπτοντες αὐτῶν τὴν συνείδησιν ἀσθενοῦσαν εἰς Χριστὸν ἁμαρτάνετε. 13 εἰ βρῶμα σκανδαλίζει τὸν ἀδελφόν, οὐ μὴ φάγω κρέα εἰς τὸν αἰῶνα, ἵνα μὴ τὸν ἀδελφόν σκανδαλίσω. 13 διόπερ εἰ βρῶμα σκανδαλίζει τὸν ἀδελφόν μου, οὐ μὴ φάγω κρέα εἰς τὸν αἰῶνα, ἵνα μὴ τὸν ἀδελφόν μου σκανδαλίσω. 2 (1Kor) 349 <?page no="1228"?> 127 Ibid. 91. 128 So bereits A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monogra‐ phie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 86*. A. 8,1-3: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,9: De idolis enim coepit de idolothytis disputaturus. ♦ *8,4-6: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7 9-10: Sed, et si sunt qui dicuntur dei, sive in caelis sive in terris, apparet quomodo dixerit; non quasi vere sint, sed quia sint qui dicantur, quando non sint. De idolis enim coepit de idolothytis disputaturus: Scimus quod idolum nihil sit. Creatorem autem et Marcion deum non negat; ergo non potest videri apostolus creatorem quoque inter eos posuisse qui dei dicantur et tamen non sint, quando, et si fuissent, nobis tamen unus esset deus pater. Ex quo omnia nobis, nisi cuius omnia? … Ab eo igitur inter omnia et Christus. ♦ *8,13: Vgl. Eznik, De Deo 408: „Sie sagen, daß der Apostel sagt: Es ist besser, kein Fleisch zu essen und keinen Wein zu trinken (Röm 14,21) oder irgendetwas, wodurch mein Bruder geärgert würde (1Kor 8,13). Und wiederum: Ich werde niemals Fleisch essen, wodurch mein Bruder geärgert würde (1Kor 8,13)“. B. (8,1) Post ἡ add δέ in P 46 , ar, vg mss (sy p ). ♦ (8,2) Post εἴ add δέ in 06, 010, 012, 018, 020, 365, 1241, M, vg cl , sy p.h**, Ambst, so auch die altlateinische Tradition 77; om P 46 , 01, 02, 03, 025, 044, 0278, 33, 81, 104, 630, 1175, 1505, 1739, 1881, 2464, vg st , Cl, Or, Cyp. ♦ τις om Tert, Hil, Orig lat , Ambst mss , P 46 . 127 ♦ τι om P 46 und Ambst. ♦ οὔπω bieten P 46 , 01, 02, 03, 025, 0278, 33, 81, 104, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, Cl, Or; οὐδέπω ist zu lesen in 06*, 010, 012, 044; οὐδέπω οὐδέν ist zu lesen in 06 1 , 018, 020, 365, 1241, 1505, M und sy. ♦ (8,3) τὸν θεόν om P 46 und Cl. ♦ ὑπ’ αὐτοῦ om P 46 , 01*, 33, Cl. ♦ (8,4) Post εἴδωλον add ἐστιν Iren. (Adv. haer. III 6,5) und Ambst. 128 ♦ Das in 01 2 , 018, 020, 104, 365, 1241, 1505, M, lat, sy, bezeugte ἕτερος gehört in den kanonischen Text, weil es wie bei Tertullian noch das Antwortgeschehen auf Markion verdeutlicht. Der Begriff fehlt in P 46 , 01*, 02, 03, 06, 010, 012, 025, 044, 0278, 6, 33, 81, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, latt, co, Ir lat . ♦ (8,6) ἀλλ’ om die altlateinische Tradition in 89. ♦ Post δι’ αὐτοῦ add καὶ ἐν πνεῦμα ἅγιον, ἐν ᾧ τὰ πάντα (+ καὶ ἡμεῖς ἐν αὐτῷ 630) in 630, 1881. ♦ (8,7) συνηθείᾳ steht in den Zeugen 01*, 02, 03, 025, 044, 33, 81, 630, 1739, 1881, vg mss , sy hmg , co, während die alternative Lesart συνειδήσει zu finden ist in 01 2 , 06, 010, 012, 020, 104, 365, 1175, 1241, 1505, 2464, M, lat, sy, Ambst. ♦ (8,8) Anstelle von ἡμᾶς findet sich ὑμᾶς in den Zeugen 01*, 044, 33, 365, 1241, 1881*. ♦ Anstelle von παραστήσει, das zu finden ist in P 46 , 01*, 02, 03, 6, 33, 81, 365, 1175, 1241, 1739, co, Cl, Or pt ; findet sich παρίστησιν in den Zeugen 01 2 , 06, 020, 025, 044, 104, 630, 1505, 1881, 2464, M, latt, Or pt ; συνίστησιν schreiben 010, 012. ♦ Die Sequenz οὔτε ἐὰν μὴ φάγωμεν ὑστερούμεθα, οὔτε ἐὰν φάγωμεν περισσεύομεν bieten die einschlägigen Zeugen 06, 010, 012, 020, 025, 044, 104, 350 Rekonstruktion <?page no="1229"?> 129 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 507. 130 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 86*. 365, 1175, 1241, 1505, 2464, M, ar, b, sy, Cl, Or pt οὔτε γὰρ [γάρ < Tert, Cl, Or] ἐὰν φάγωμεν περισσεύομεν οὔτε ἐὰν μὴ φάγωμεν ὑστερούμεθα, während 02* οὔτε ἐὰν μὴ φάγωμεν περισσεύομεν, οὔτε ἐὰν φάγωμεν ὑστερούμεθα hat. ♦ (8,10) σέ om P 46 , 03, 010, 012 latt. ♦ (8,11) Hier bieten die Zeugen 06 2 , 010, 012, 020, 1241, 1505, 2464 c , M, vg (sa), Ir lat , Ambst anstelle von ἀπόλλυται γάρ das futurische καὶ ἀπολεῖται. ♦ (8,12) ἀσθενοῦσαν om P 46 , Cl. ♦ (8,13) μου 1 om 06, 010, 012, ar, Cyp, Ambst, Pel, und in der altlateinischen Tradition: 75*, 77, 78. ♦ μου 2 om 06*, 010, 012, ar, b, Cl, Ambst ed , Pel und in der altlateinischen Tradition: 75, 76, 77, 78, 89. C. 1. (8,1-3) Zahn meint, dass nach der zitierten Angabe Tertullians die Verse 1-3 „wohl gänzlich“ gefehlt hätten. 129 Harnack korrigiert ihn jedoch, indem er darauf hinweist, dass Vers 1 „berührt“ ist. 130 So sieht es auch Schmid, während BeDuhn das Zitat lediglich als Anspielung auf Vers 4 liest und die Verse 1-3 für unbezeugt hält. BeDuhn ist nicht zu widersprechen, weil Tertullian in der Tat in beiden Versen von idolothytis spricht. Tertullians Hinweis mit enim bezieht sich allerdings eher auf Vers 4 (οὖν) und nicht auf Vers 1 (δέ). Wir werden sehen müssen, ob die Präferenz für Vers 4 sich auch in der Lexik niederschlägt. 2. (8,2) Die Hinzufügung von τὸν θεόν und ὑπ’ αὐτοῦ bewirkt eine Sinnän‐ derung. Ohne diese spricht Vers 1 von einer grundsätzlichen Erkenntnis, wobei zunächst allen eine solche Erkenntnis zugestanden wird, doch eingeschränkt wird (siehe das δἐὲ), dass Erkenntnis aufbläht, während Liebe aufbaut. Verse 2 und 3 legen folglich dar, dass nur diejenige Erkenntnis eine rechte ist, die eine liebende ist. Von einer Ausrichtung auf Gott ist zunächst notwendigerweise nicht die Rede. Diese erfolgt erst durch die Hinzufügungen wohl in antipaganer Absicht, die Götzenopferfleischdebatte zu schärfen, wobei nach dieser Lesart die Aussage gewissermaßen ins Gegenteil verkehrt wird, indem das Medium ἔγνωσται nun als Passiv zu lesen ist. Während die Passage ohne diese Hinzu‐ fügungen zu einer Zurückhaltung im Urteil plädiert, formuliert die korrigierte Version eine Abgrenzung zwischen Gläubigen, die wissen, und Ungläubigen, die zu wissen scheinen - die Unstimmigkeit dieser Position bildet dann aber das nicht mehr relevante Lieben, das auf Gott umgelenkt wird. Die Annahme Bowdens, dass in Kapitel 8 eine Bezugnahme auf das sogenannte Apostelkonzil 2 (1Kor) 351 <?page no="1230"?> 131 Vgl. A. Bowden, Desire in Paul’s Undisputed Epistles. Semantic Observations on the Use of epithymeō, ho epithymētēs, and epithymía in Roman Imperial Texts (2020), 418. nach Apg 15,29 vorliegt, wird sich folglich allenfalls auf die Fassung mit den kanonischen Erweiterungen beziehen können. 131 3. (8,4-6) Zahn sieht diese Verse in der kanonischen Form präsent. Harnack ist zurückhaltender und sieht lediglich folgenden Bestand bezeugt: οἴδαμεν ὅτι εἴδωλον οὐδὲν ἐστιν. 5 καὶ γὰρ εἴπερ εἰσὶν (οἱ) λεγόμενοι θεοὶ εἴτε ἐν οὐρανοῖς εἴτε ἐπὶ γῆς, 6 ἀλλ’ ἡμῖν εἷς θεὸς ὁ πατήρ, ἐξ οὗ τὰ πάντα. Nach Schmid ist bezeugt: 4 … οἴδαμεν ὅτι οὐδὲν εἴδωλον … 5 καὶ γὰρ εἴπερ εἰσιν λεγόμενοι θεοὶ εἴτε ἐν οὐρανῷ εἴτε ἐπὶ (τῆς) γῆς … 6 ἀλλ’ ἡμῖν εἷς θεὸς ὁ πατήρ, ἐξ οὗ τὰ πάντα. BeDuhn sieht auch die Eröffnung präsent (Περὶ τῆς βρώσεως οὖν τῶν εἰδωλοθύτων), schließt sich aber ansonsten dem Textbestand Harnacks an und verweist zu Recht darauf, dass Tertullian wohl tatsächlich den Plural οὐρανοῖς gelesen haben muss, weil er da, wo er dieselbe Stelle an anderer Stelle anführt, den kanonischen Text mit dem Singular wiedergibt (Adv. Marc. III 15,2). Wenn Vers 1 auf kanonischer Ebene stand, dann stellt er zu Vers 4 (Περὶ τῆς βρώσεως οὖν τῶν εἰδωλοθύτων) eine typisch kanonische Duplikation dar, auch wenn dort das „Essen“ nicht erwähnt wird. Auch scheinen ἐν κόσμῳ, καὶ ὅτι οὐδεὶς θεὸς εἰ μὴ εἷς wie anschließend auch ὥσπερ εἰσὶν θεοὶ πολλοὶ καὶ κύριοι πολλοί Ergänzungen der kanonischen Redaktion zu sein (vgl. auch weiter unten zur Lexik). Sie stellen wie Tertullian sicher, dass das „Idol“ nicht mit dem Schöpfer gleichgesetzt wird, sondern sich auf die paganen Idole bezieht, denen der eine Gott gegenübergestellt wird. Tertullian verdeutlicht, dass Markion in den Idolen und insbesondere in dem Idol, das nichts ist, sehr wohl den Schöpfer verstanden hat, was Tertullian mit dem Hinweis darauf zu bestreiten versucht, dass er auf die Qualifizierung Gottes als „einzigen“ und als „Vater, aus dem alles ist“, verweist. Jedoch wird die Satzkonstruktion von *1Kor 8,4-6 anders gebildet, angezeigt durch das in P 46 , 03, 33, b, sa, Ir lat fehlende ἀλλ’. Dieses ἀλλ’ ist nur sinnvoll, wenn der voranstehende, unbezeugte und vermutlich kanonische Textteil stand. Das regierende οἴδαμεν bezieht sich elliptisch auf beide nachgeordnete Sätze, ὅτι οὐδὲν εἴδωλον, καὶ γάρ-… ἡμῖν εἷς θεὸς ὁ πατήρ-… Man bemerke, dass das καὶ ἡμεῖς εἰς αὐτόν nicht mehr bezeugt ist, sondern an dessen Stelle nur das nobis steht, das zum voranstehenden Element bei Tertullian gehört (Ex quo omnia nobis), weshalb die Rekonstruktion dieses Passus lautet: ἐξ οὗ τὰ πάντα ἡμῖν. 352 Rekonstruktion <?page no="1231"?> In der Tat zeigt sich, dass die Formulierung εἰς αὐτόν, wie im lexikalischen Vergleich gezeigt, eine ausschließlich kanonische ist (Eph 1,5: διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ εἰς αὐτόν; *Laod 1,5 unbezeugt) und sich ein Mal sicher (Kol 1,20: τὰ πάντα εἰς αὐτόν; *Kol 1,20: τὰ πάντα εἰς ἑαυτόν) für diese bezeugt findet. Was die Weiterführung καὶ εἷς κύριος Ἰησοῦς Χριστός, δι’ οὗ τὰ πάντα καὶ ἡμεῖς δι’ αὐτοῦ betrifft, so scheint sie eine christologische Erweiterung der kanonischen Redaktion darzustellen. 4. (8,7-12) Diese Verse sind unbezeugt. Zahn rechnet zwar in irgendeiner Form mit ihnen, doch Harnack, Schmid und BeDuhn sehen sie als unbezeugt, wobei BeDuhn allerdings in Klammern den Anfang von Vers 7 Ἀλλ’ οὐκ ἐν πᾶσιν ἡ γνῶσις übersetzt und mit Auslassungszeichen andeutet, dass er mit weiterem Text rechnet. Doch stellt sich die Frage, ob die fehlende Bezeugung hier Nichtvorhanden‐ sein bedeutet. Vers 7 greift Vers 1 auf, wonach alle Erkenntnis besitzen, wobei bereits in den Versen 2-3 die Erkenntnis qualifiziert wurde. Hier nun wird weiter eingeschränkt, dass diese als Liebe qualifizierte Erkenntnis nicht in allen ist, wobei das Stichwort „Götzenopferfleisch“ aus dem Titel erstmals aufgegriffen wird. Es würde sich also nahelegen, dass diese Passage auch in der vorkanoni‐ schen Version vorhanden war, auch wenn der narrative Zusammenhang mit dem bezeugten Vers 13 der vorkanonischen Fassung den gesamten Passus nicht zwingend erforderlich macht. 5. (8,7) Die Lesart συνειδησει zwingt zu einem anderen Bezug des τοῦ εἰδώλου. Allerdings ist auch der Bezug von τοῦ εἰδώλου auf συνηθείᾳ schwierig. Elliptisch ist der Satz allzumal, da das direkte Objekt zu „essen“ fehlt. 6. (8,8) Die Variante ὑμᾶς anstelle von ἡμᾶς beruht wohl darauf, dass die kanonische Redaktion Paulus nicht einschließen wollte in das Götzenopferf‐ leischessen, das durch ἡμᾶς impliziert sein kann. Auffallend ist die Variante συνίστησιν bzw. παριστησιν in den Zeugen 01 2 , 06 (010, 012: συν-), 044, 104, 630, 1505, 1881, 2464, M, latt, Or pt . 7. Was die Wortumstellung betrifft, findet sich die kanonische Sequenz οὔτε ἐὰν μὴ φάγωμεν ὑστερούμεθα, οὔτε ἐὰν φάγωμεν περισσεύομεν in auch vorkanonisch sonst einschlägigen Zeugen. Auch wenn die andere Wortstellung οὔτε ἐὰν μὴ φάγωμεν περισσεύομεν, οὔτε ἐὰν φάγωμεν ὑστερούμεθα sich nur in einem Zeugen findet, ist sie sinnvoller. Der Gedankengang ist ja, dass, wer sich des Götzenopferfleisches enthält, der Meinung sein könnte, er sei denen überlegen, die noch Götzenopferfleisch essen, und ihm wird gesagt - nein, Erkenntnis aus Liebe lehrt, auch wer dies nicht isst, wird dadurch nicht besser, wer es isst, wird dadurch nicht schlechter, weil Speisen überhaupt nicht über Nähe oder Ferne zu Gott entscheiden. 2 (1Kor) 353 <?page no="1232"?> 132 R. Steck, Der Galaterbrief nach seiner Echtheit untersucht nebst kritischen Bemer‐ kungen zu den paulinischen Hauptbriefen (1888), 157. 133 L.L. Welborn, The Corinthian Correspondance (2013), 213. 134 So ibid. Vgl. hierzu mehr weiter unten. 8. (8,9. 11) Man beachte die Nähe zwischen diesen beiden kanonischen Versen und den wieder kanonischen Versen Röm 14,13. 15 (13 Μηκέτι οὖν ἀλλήλους κρίνωμεν: ἀλλὰ τοῦτο κρίνατε μᾶλλον, τὸ μὴ τιθέναι πρόσκομμα τῷ ἀδελφῷ ἢ σκάνδαλον. 15 εἰ γὰρ διὰ βρῶμα ὁ ἀδελφός σου λυπεῖται, οὐκέτι κατὰ ἀγάπην περιπατεῖς. μὴ τῷ βρώματί σου ἐκεῖνον ἀπόλλυε ὑπὲρ οὗ Χριστὸς ἀπέθανεν), auf die Steck aufmerksam gemacht hat. 132 Die Korrespondenz zeigt die briefüber‐ greifende Korrespondenz, die die kanonische Redaktion herzustellen versucht. 9. (8,10) Mit der Wiederholung des für die kanonische Ebene notierten Begriffes συνείδησις, der das Thema von Vers 7 wieder aufgreift, scheint auch dieser Vers derselben kanonischen Ebene wie Vers 7 anzugehören. 10. (8,12) Das in zwei Zeugen ausgelassene ἀσθενοῦσαν klingt wie eine antipagane Schärfung des Verses. Der für die kanonische Ebene markierte Begriff συνείδησις zeigt, dass dieser Vers den Gedanken der kanonischen Verse 10 und 7 fortführt, darum wird wohl auch dieser Vers der kanonischen Ebene zugehören. 11. (8,13) Eznik sieht in diesen beiden Versen die Begründung der Markioniten für ihren Vegetarismus. Nach Zahn war 1Kor 8,13 in irgendeiner Form vor‐ handen, Harnack sieht den folgenden Wortlaut bezeugt: οὐ μὴ φάγω κρέα εἰς τὸν αἰῶνα, ἵνα μὴ τὸν ἀδελφόν μου σκανδαλίσω (ᾧ ὁ ἀδελφός μου σκανδαλισθῇ? ). Schmid sieht den Vers als unbezeugt, BeDuhn gibt den ersten unbezeugten Teil des Verses wegen des narrativen Zusammenhangs in Klammern, des Weiteren folgt er Harnack. Es wurde eine Diskrepanz festgestellt zwischen 1Kor 8,1-13 und 10,1-22. Beide Male geht es um Essen, das Idolen geopfert wurde. In der zweiten Passage gibt Paulus strikte Anweisungen, die auf Trennung gegenüber den Dämonen hinauslaufen, während er in Kapitel 8 erstaunlich freizügig ist. 133 Das hat zu der Überlegung geführt, ob nicht 10,1-22 zusammen mit 6,12-20 zu dem Schreiben gehört, das in 5,9-10 angedeutet wird. 134 D. (8,1) περί, das 354 / 333 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 8,1; 12,1, vgl. auch Vers 4. ♦ Die Kombination περὶ δέ steht 14 Mal im NT, immer als Verseröffnung und ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. hierzu 7,1. ♦ οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8, vgl. weiter Vers 4. ♦ Die Form οἴδαμεν 354 Rekonstruktion <?page no="1233"?> steht 43 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 8,4; *Röm 2,2. ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3. ♦ γνῶσις steht 34 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,8. ♦ Die Form ἡ γνῶσις steht nur noch ein Mal kanonisch in 1Kor 8,7. ♦ φυσιόω, das 7 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Kombination von ἡ δέ steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 4,26. ♦ οἰκοδομέω, das 47 / 40 Mal im NT steht, ist vorkanonisch belegt für *Ev 11,47 und *Gal 2,18, zu vergleichen ist auch *1Kor 3, 12 (ἐποικοδομέω, das 9 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt in *1Kor 3,12; *Laod 2,20; vgl. auch ἀνοικοδομέω, das 2 Mal im NT steht, ein Mal vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,18). Zur Abwesenheit: Bei diesem nicht sicher bezeugten Vers sind die ausschließlich kanonisch belegten Elemente wichtige Hinweise, die den Vers eher der kanoni‐ schen Redaktion zuordnen lassen (Περὶ δέ; ἡ γνῶσις; φυσιόω; ἡ δὲ). Der Vers wird wohl in der vorkanonischen Version gefehlt haben. (8,2) Die Formulierung εἴ τις δοκεῖ findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 3,18. ♦ Die Form ἐγνωκέναι steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in 2Petr 2,21. ♦ οὐδέπω steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ Die Alternative οὔπω steht 29 / 26 Mal im NT, ebenfalls ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Das in der Variante οὔπω οὐδέν mitstehende οὐδέν (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 8,4. ♦ Die Form ἔγνω steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,21; 2,16; *Röm 11,34. ♦ καθώς steht 186 / 182 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,21; *1Kor 1,31; 10,6; 14,34; 15,49; *Laod 5,29; *Kol 1,6. ♦ Die Form γνῶναι steht 14 Mal im NT, ausschließlich bezeugt für die kanonische Ebene (Mt 13,11; Mk 7,24; Lk 4,16; 8,10; 24,16; 9 Mal in Apg; 1Kor 2,14; 8,2; Eph 3,19; Phil 3,10; 1Thess 3,5; Jak 2,20). Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers weist eine ganze Reihe von aus‐ schließlich kanonisch belegten Elementen auf (εἴ τις δοκεῖ; ἐγνωκέναι; οὐδέπω/ οὔπω/ οὔπω οὐδέν; γνῶναι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat im vorkanonischen Text gefehlt. (8,3) εἰ δέ τις steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 3,12. ♦ Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ ἀγαπάω steht 157 / 143 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,14; *Röm 13,8. 9. ♦ Die Form ἀγαπᾷ steht 9 Mal im NT, Lk 7,47, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für *Laod 5,28. ♦ οὗτος steht 192 Mal im NT, ist vorkanonisch nur bezeugt für *Ev. 2 (1Kor) 355 <?page no="1234"?> Zur Abwesenheit: Bei diesem kurzen, unbezeugten Vers fällt als ausschließlich kanonisch belegtes Element nur die Eröffnung auf (εἰ δέ τις). Dieses und die narrative Einbindung in die voranstehenden beiden Verse auf der kanonischen Ebene sprechen dafür, dass auch dieser Vers der kanonischen Ebene zugehört und vorkanonisch gefehlt hat. Wiederum fällt *Laod auf, welcher der kanoni‐ schen Lexik nahesteht. (8,4) Zu dem vorkanonisch bezeugten περί vgl. zuvor zu Vers 1. ♦ βρῶσις steht 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 2,16. ♦ οὐδέν (Nom. / Akk. Neut. Sg.) begegnet bereits auf kanonischer Ebene zuvor in Vers 2, vgl. zur Stelle. ♦ εἰδωλόθυτος steht 11 / 9 Mal im NT, weiter vorkanonisch bezeugt in *1Kor 10,19. ♦ Zu den vorkanonisch bezeugten οἶδα und οἴδαμεν vgl. zuvor zu Vers 1. ♦ Das bezeugte ὅτι οὐδέν steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Röm 14,14. ♦ εἴδωλον steht 13 / 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt erneut in *1Kor 10,19. Zum nicht mehr bezeugten Versteil: Die Wendung ἐν κόσμῳ steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 5,13; 1Kor 8,4; 14,10; Phil 2,15; Kol 2,20; 1Tim 3,16). ♦ Die Kombination καὶ ὅτι steht 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, Lk 4,11, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 7,16, wo das ὅτι nach καί unbezeugt ist; Mk 3,22; 6 Mal in Joh; 5 Mal in Apg; 1Kor 8,5; 15,4. 5; 1Thess 3,6; 2Tim 3,15; 1Joh 2,21; Apk 2,2. ♦ Das kanonisch beliebte οὐδείς (Nom. Mask. Sg.), das 96 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8; 9,15; *Laod 5,29. ♦ Die Wendung εἰ μὴ εἷς steht 4 Mal im NT, Mk 2,7; 10,18; Lk 18,19, wo sie sich nicht in *Ev findet; 1Kor 8,4, d.-h. sie steht ausschließlich kanonisch belegt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians; das τῆς βρώσεως ist an dieser Stelle nicht bezeugt, auch wenn der Begriff vorkanonisch bezeugt ist, doch das Thema des Essens wird erst später eingeführt, der Begriff mag also an dieser Stelle vielleicht gefehlt haben. Nach εἴδωλον wird man mit Irenäus und dem Ambrosiaster das ἐστιν aufnehmen. Während der bezeugte Teil bis auf ὅτι οὐδέν weitere vorkanonisch bezeugte Elemente aufweist, ist es im unbezeugten Teil anders, hier fallen eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehen (ἐν κόσμῳ; καὶ ὅτι; εἰ μὴ εἷς). Dieser Teil wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (8,5) Die Kombination καὶ γάρ steht 39 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 5,7; *2Kor 5,4. ♦ Die Kombination καὶ γὰρ εἴπερ ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Verbform λεγόμενοι steht 2 Mal im NT, wieder vorkanonisch bezeugt in *Laod 2,11, auf der kanonischen Ebene stehend in 1Kor 8,5; Eph 2,11. ♦ Die Kombination εἴτε ἐν steht in drei Versen im NT (1Kor 8,5; 2Kor 12,2. 3), nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ οὐρανός, das 300 Mal im NT steht, ist vorkanonisch gut bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 8,5; 15,47; 5,1. 2; 12,2; *Röm 1,18; *2Thess 1,7; *Laod 1,10; *Kol 1,5; *Phil 356 Rekonstruktion <?page no="1235"?> 3,20. ♦ Die Form ἐν οὐρανῷ steht 12 Mal im NT, Lk 11,2, in einem Vers, der in *Ev fehlt, 19,38, wo der Vers nicht für *Ev bezeugt ist, nur an dieser Stelle vorkanonisch bezeugt. ♦ γῆ steht 268 / 250 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 8,5; 15,47; *Laod 1,10. ♦ Die Formulierung ἐπὶ γῆς steht 6 Mal im NT (Mt 6,10; Lk 2,14, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 1Kor 8,5; Eph 3,15; Hebr 8,4; 12,25), nur hier vorkanonisch bezeugt. Zum nicht mehr bezeugten Versteil: ὥσπερ, das 43 / 36 Mal im NT steht, ist vorkano‐ nisch bezeugt für *1Kor 15,22; *Röm 5,21. ♦ Die Kombination εἰσὶν θεοί steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in Apg 19,26. ♦ Die Kombination πολλοὶ καί steht 8 Mal im NT, Lk 14,25, wo das πολλοί in *Ev fehlt; 3 Mal in Mt; 3 Mal in Mk, also ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form κύριοι steht 5 Mal im NT, Lk 19,33, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Apg 16,19; 1Kor 8,5; Eph 6,9 Kol 4,1, also ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt wieder Tertullian. Neben einigen, auch anderwärtig vorkanonisch bezeugten Elementen, finden sich auch solche, die nur hier vorkanonisch bezeugt sind. Im unbezeugten Teil steht eine Reihe solcher nur kanonisch belegter Elemente, was nahelegt, dass der von Tertullian nicht mehr bezeugte Textteil vorkanonisch gefehlt hat. (8,6) Die Wendung ἀλλ’ ἡμῖν ist Hapax legomenon im NT. ♦ εἷς θεός begegnet nochmals vorkanonisch in *Laod 4,6. ♦ αὐτόν, das 841 Mal im Neuen Testament steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 2,16; 15,25l *2Thess 2,4; *Laod 1,20; *Kol 1,20. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, berücksichtigt aber auch die Überlegungen aus C. (8,7) Die Kombination Ἀλλ’ οὐκ steht 34 Mal im NT, ausschließlich auf der kanoni‐ schen Ebene (4 Mal in Mk; Lk 21,9; 3 Mal in Joh; Apg 7,48; Röm 4,2; 5,15; 10,2. 16; 1Kor 4,4; 6,12; 8,7; 9,12; 10,5. 23; 15,46; 2Kor 4,8. 9; 11,6; 2Tim 1,12; 3,9; Hebr 3,6; 4,2; 1Joh 2,19; 3Joh 1,13). ♦ πᾶσιν, das 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6. ♦ Die Form ἐν πᾶσιν steht 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,6; *Laod 4,6. ♦ Die Form ἡ γνῶσις steht nur noch ein Mal kanonisch in 1Kor 8,1. ♦ τινες (Nom. Fem. / Mask. Pl.), das 79 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 10,7; *Phil 1,15. ♦ Die Kombination τινὲς δέ steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 27,47; Lk 6,2; 11,15; 3 Mal Joh; 2 Mal Apg; 1Kor 8,7; 15,6; Phil 1,15). ♦ συνήθεια ist überhaupt ein im NT seltener Begriff, er begegnet nur noch Joh 18,39 und 1Kor 11,16, Stellen, die nicht für die vorkanonische Fassung bezeugt sind. ♦ Die Variante συνείδησις steht 32 / 30 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐσθίω, das 196 / 158 2 (1Kor) 357 <?page no="1236"?> Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Paulus. ♦ Die Form ἐσθίουσιν steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (5 Mal Mk; Lk 5,33; 1Kor 8,7; 9,13). ♦ Wieder begegnet der ausschließlich kanonisch belegte Begriff συνείδησις. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15, vgl. weiter Vers 12. ♦ ἀσθενής, das 35 / 26 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,9, *1Kor 1,25. 27; *Röm 5,6. ♦ Die Verbform οὖσα, die 6 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 5,25; Lk 8,43; Joh 8,9; Apg 5,17; 9,39; 1Kor 8,7). ♦ μολύνω, das 3 Mal im NT steht, ist nur auf der kanonischen Ebene zu finden in 1Kor 8,7; Apk 3,4; 14,4 ♦ Das Nomen μολυσμός ist Hapax legomenon im NT (2Kor 7,1). Zur Abwesenheit: Der unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehen (Ἀλλ’ οὐκ; ἡ γνῶσις; τινὲς δὲ; συνήθεια; συνείδησις; ἐσθίουσιν; οὖσα; μολύνω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und fehlt auf der vorkanonischen Ebene. (8,8) βρῶμα, das 18 / 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,13 (? ); *1Kor 10,3. ♦ παρίστημι steht 42 / 41 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 11,2, kanonisch steht das Verb insbesondere in der Apostelgeschichte (Apg 1,3. 10; 4,10. 26; 9,39. 41; 23,2. 4. 24. 33; 24,13; 27,23. 24). ♦ ὑστερέω, das 19 / 16 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ περισσεύω steht 42 / 39 im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, auch wenn ὑπερπερισσεύειν in *Röm 5,20 (vgl. auch 5,15) zu finden ist. ♦ οὔτε steht 106 / 87 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,6. ♦ πρόσκομμα steht 6 Mal im NT, immer nur für die kanonische Ebene bezeugt (1Kor 8,9; Röm 9,32. 33; 14,13; 1Petr 2,8). Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers finden sich ausschließlich kanonisch belegte Termini (ὑστερέω; περισσεύω; πρόσκομμα). Der Vers wird wohl auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (8,9) βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 4,18. Man bemerke insbesondere diese formelhafte Satzeröffnung, die auf der kanonischen Ebene zu finden ist in 1Kor 1,26; 8,9; 10,18; Eph 5,15; Phil 3,2; Kol 2,8. ♦ Die Kombination βλέπετε δέ steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in Mk 13,9. ♦ Entsprechend begegnet auch die Kombination μή πως, die 11 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 11,21; 1Kor 8,9; 9,27; 2Kor 2,7; 9,4; 11,3; 12,20; Gal 2,2; 4,11; 1Thess 3,5). ♦ ἐξουσία steht 112 / 102 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,25; *1Kor 11,10; *2Kor 13,10; *Laod 2,2; 3,10; 6,12. ♦ αὕτη, das 77 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ πρόσκομμα, das 6 Mal im NT begegnet, ist weiters nur für die kanonische Ebene bezeugt (Röm 9,32-33; 14,13. 358 Rekonstruktion <?page no="1237"?> 20; 1Petr 2,8). ♦ ἀσθενής steht 35 / 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,9; *1Kor 1,25. 27; *Röm 5,6. ♦ ἀσθενέω, das 47 / 33 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,6. ♦ Vgl. auch ἀσθενής, das 35 / 26 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,9, *1Kor 1,25. 27; *Röm 5,6. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers bestätigt die Reihe von ausschließlich kanonisch belegten Elementen (βλέπετε δὲ; πως; μή πως; πρόσκομμα), dass der Vers ein Produkt der kanonischen Redaktion ist und vorkanonisch gefehlt hat. (8,10) Die Kombination ἐὰν γάρ steht 10 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 4,15. ♦ σέ (Akk. / Vok. Mask. Sg. von σύ / σός), das 185 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ κατακείω steht 12 Mal im NT und ist ausschließlich kanonisch belegt in Mk 1,30; 2,4. 15; 14,3; Lk 5,25. 29; 7,37; Joh 5,3. 6; Apg 9,33; 28,8; 1Kor 8,10. ♦ οὐχί, das 62 / 53 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20. ♦ Zu συνείδησις als ausschließlich kanonischem Ausdruck vgl. zuvor 8,7. ♦ Zu ἀσθενής vgl. zu den Versen 7. 11. 12. ♦ Die Verbform ὄντος steht 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,20. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers teilt die kanonisch notierten Merk‐ male mit früheren Versen dieser Passage und weist ausschließlich kanonische Elemente auf (ἐὰν γὰρ κατακείω; συνείδησις). Der Vers ist folglich Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Auffallend ist, dass, was die Verbform ὄντος betrifft, *Laod wieder die Lexik der kanonischen Ebene teilt. (8,11) ἀπόλλυμι, das 107 / 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 19; *Röm 2,12. ♦ Die Form ἀπόλλυται steht nur noch Mk 2,22. ♦ Zu ἀσθενέω und ἀσθενής vgl. zuvor zu Vers 9. ♦ Die Form ὁ ἀσθενῶν steht nur noch Joh 5,7. ♦ ἀποθνήσκω, das 119 / 111 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,36 und *1Kor 15,3. 22; *Röm 5,6. ♦ σῇ (Dat. Fem. Sg. von σύ / σός) steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 5,4; 24,4; 1Kor 8,11; 14,16). ♦ Die Kombination ἐν τῇ σῇ steht nur noch Apg 5,4. ♦ γνῶσις steht 34 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,8. ♦ Die Kombination δι’ ὃν steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 8,11; Phil 3,8; Hebr 2,10). ♦ Die Form ἀπέθανεν steht 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,3; *Röm 5,6. Zur Abwesenheit: Der unbezeugte Vers weist ebenfalls eine Reihe von aus‐ schließlich kanonisch belegten Elementen auf (ἀπόλλυται; ὁ ἀσθενῶν; σῇ; ἐν τῇ σῇ; δι’ ὃν). Er wird ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und in der vorkanonischen Version gefehlt haben. 2 (1Kor) 359 <?page no="1238"?> (8,12) Die Kombination οὕτως δέ steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanoni‐ schen Ebene, vgl. zuvor zu 3,15. ♦ ἁμαρτάνω steht 47 / 43 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 17,3. 4; *Röm 2,12; *Laod 4,26. ♦ Die Wendung εἰς τοὺς ἀδελφούς steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 21,23; 1Kor 8,12; 3Joh 1,5). ♦ τύπτω steht 15 / 13 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,64, und steht ansonsten auf der kanonischen Ebene. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), vgl. zuvor zu Vers 7. ♦ συνείδησις wurde bereits zuvor als kanonischer Begriff notiert, vgl. zuvor 8,7. 10. ♦ Die Wendung εἰς Χριστόν steht 12 Mal im NT, mit Ausnahme von *Laod 5,32 immer auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Wie bei den voranstehenden unbezeugten Versen, zeichnet sich auch dieser durch ausschließlich kanonisch belegte Elemente aus (οὕτως δέ; εἰς τοὺς ἀδελφοὺς; συνείδησις). Auch dieser Vers wird darum Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. Ebenfalls fällt wieder auf, dass *Laod die Lexik der kanonischen Ebene teilt. (8,13) Zum unbezeugten Versteil: διόπερ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanoni‐ schen Ebene (1Kor 8,13; 10,14; 14,13). ♦ βρῶμα, das 18 / 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,13 (? ); *1Kor 10,3. ♦ σκανδαλίζω steht 30 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 8,13. ♦ Der Ausdruck τὸν ἀδελφόν steht 37 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene belegt. Zum bezeugten Versteil: ἐσθίω steht 196 / 158 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 14,2; *1Kor 10,3. 7; *2Thess 3,10. ♦ Die Form φάγω steht 5 Mal im NT, Lk 22,16, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Lk 17,8; 22,11, wo der Begriff nicht für *Ev bezeugt ist; Mk 14,14. ♦ κρέας steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT, im gleichen Zusammenhang des von Eznik bezeugten Themas in *Röm 14,21 und ist damit ein ausgeprägt vorkanonischer Begriff. ♦ Die Wendung εἰς τὸν αἰῶνα steht 28 Mal im NT (Mt 21,19; Mk 3,29; 11,14; Lk 1,55; 11 Mal Joh; 1Kor 8,13; 2Kor 9,9; 4 Mal Hebr; 1Petr 1,25; 1Joh 2,17; 2Joh 1,2), vorkanonisch nur hier bezeugt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis von Eznik, wobei auch der voranstehende konditionale Nebensatz durchaus in der vorkanonischen Version gestanden haben kann, auch wenn dieser Teil unbezeugt ist. Wie der Ausdruck τὸν ἀδελφόν andeutet, wird die unbezeugte Verseinleitung möglicherweise kanonisch überarbeitet vorliegen. 360 Rekonstruktion <?page no="1239"?> Kapitel 9 9,[1-6] 7-10 [11-13] 14-15 16 [17] 18 [19] 20 [21] 22 [23-27]: Die Rettung aller Das vorliegende Kapitel führt erstmals näher zur Person des *Paulus hin. Es ist in zentralen Passagen gut bezeugt, wurde jedoch durch die kanonische Redaktion in der Eröffnung, im mittleren Teil und insbesondere zum Ende hin deutlich erweitert. Das vorkanonische Hauptthema ist die Unabhängigkeit des *Paulus und seine Selbstverortung unter Juden und allgemeiner unter solchen, die unter dem Gesetz stehen, um alle zu retten. Das Thema seiner Stellung zur jüdischen Tradition wird im darauffolgenden Kapitel fortgeführt. - 1 Οὐκ εἰμὶ ἐλεύθερος; οὐκ εἰμὶ ἀπόστολος; οὐχὶ Ἰησοῦν τὸν κύριον ἡμῶν ἑόρακα; οὐ τὸ ἔργον μου ὑμεῖς ἐστε ἐν κυρίῳ; 2 εἰ ἄλλοις οὐκ εἰμὶ ἀπόστολος, ἀλλά γε ὑμῖν εἰμι· ἡ γὰρ σφραγίς μου τῆς ἀποστολῆς ὑμεῖς ἐστε ἐν κυρίῳ. 3 Ἡ ἐμὴ ἀπολογία τοῖς ἐμὲ ἀνακρίνουσίν ἐστιν αὕτη. 4 μὴ οὐκ ἔχομεν ἐξουσίαν φαγεῖν καὶ πεῖν; 5 μὴ οὐκ ἔχομεν ἐξουσίαν ἀδελφὴν γυναῖκα περιάγειν, ὡς καὶ οἱ λοιποὶ ἀπόστολοι καὶ οἱ ἀδελφοὶ τοῦ κυρίου καὶ Κηφᾶς; 6 ἢ μόνος ἐγὼ καὶ Βαρναβᾶς οὐκ ἔχομεν ἐξουσίαν μὴ ἐργάζεσθαι; 7 τίς στρατεύεται, τίς φυτεύει ἀμπελῶνα καὶ ἐκ τοῦ καρποῦ αὐτοῦ οὐκ ἐσθίει; τίς ποιμαίνει ποίμνην καὶ ἐκ τοῦ γάλακτος οὐκ πίνει; 7 τίς στρατεύεται ἰδίοις ὀψωνίοις ποτέ; τίς φυτεύει ἀμπελῶνα καὶ τὸν καρπὸν αὐτοῦ οὐκ ἐσθίει; ἢ τίς ποιμαίνει ποίμνην καὶ ἐκ τοῦ γάλακτος τῆς ποίμνης οὐκ ἐσθίει; 8 Μὴ κατὰ ἄνθρωπον λέγω, ἢ εἰ καὶ ὁ νόμος Μωϋσέως ταῦτα λέγει; 8 Μὴ κατὰ ἄνθρωπον ταῦτα λαλῶ, ἢ καὶ ὁ νόμος ταῦτα οὐ λέγει; 9 γέγραπται γάρ· Οὐ κημώσεις βοῦν ἀλοῶντα. μὴ τῶν βοῶν μέλει τῷ θεῷ; 9 ἐν γὰρ τῷ Μωϋσέως νόμῳ γέγραπται, Οὐ φιμώσεις βοῦν ἀλοῶντα. μὴ τῶν βοῶν μέλει τῷ θεῷ; 10 δι’ ἡμᾶς γὰρ ἐγράφη. 10 ἢ δι’ ἡμᾶς πάντως λέγει; δι’ ἡμᾶς γὰρ ἐγράφη, ὅτι ὀφείλει ἐπ’ ἐλπίδι ὁ ἀροτριῶν ἀροτριᾶν, καὶ ὁ ἀλοῶν ἐπ’ ἐλπίδι τοῦ μετέχειν. 11 εἰ ἡμεῖς ὑμῖν τὰ πνευματικὰ ἐσπείραμεν, μέγα εἰ ἡμεῖς ὑμῶν τὰ σαρκικὰ θερίσομεν; 12 εἰ ἄλλοι τῆς ὑμῶν ἐξουσίας μετέχουσιν, οὐ μᾶλλον ἡμεῖς; Ἀλλ’ οὐκ ἐχρησάμεθα τῇ ἐξουσίᾳ ταύτῃ, ἀλλὰ πάντα στέγομεν ἵνα μή τινα ἐγκοπὴν δῶμεν τῷ εὐαγγελίῳ τοῦ Χριστοῦ. 13 οὐκ οἴδατε ὅτι οἱ τὰ ἱερὰ 2 (1Kor) 361 <?page no="1240"?> ἐργαζόμενοι [τὰ] ἐκ τοῦ ἱεροῦ ἐσθίουσιν, οἱ τῷ θυσιαστηρίῳ παρεδρεύοντες τῷ θυσιαστηρίῳ συμμερίζονται; 14 οὕτως καὶ ὁ κύριος διέταξεν τοῖς τὸ εὐαγγέλιον καταγγέλλουσιν ἐκ τοῦ εὐαγγελίου ζῆν. 14 οὕτως καὶ ὁ κύριος διέταξεν τοῖς τὸ εὐαγγέλιον καταγγέλλουσιν ἐκ τοῦ εὐαγγελίου ζῆν. 15 ἐγὼ οὐ κέχρημαι οὐδενὶ τούτων. -τὸ καύχημά μου οὐδεὶς κενώσει. 15 ἐγὼ δὲ οὐ κέχρημαι οὐδενὶ τούτων. οὐκ ἔγραψα δὲ ταῦτα ἵνα οὕτως γένηται ἐν ἐμοί, καλὸν γάρ μοι μᾶλλον ἀποθανεῖν ἤ τὸ καύχημά μου οὐδεὶς κενώσει. 16 ἐὰν εὐαγγελίζωμαι, οὐκ ἔστιν μοι χάρις· οὐαί γάρ μοι ἐὰν μὴ εὐαγγελίσωμαι. 16 ἐὰν γὰρ εὐαγγελίζωμαι, οὐκ ἔστιν μοι καύχημα· ἀνάγκη γάρ μοι ἐπίκειται· οὐαὶ γάρ μοί ἐστιν ἐὰν μὴ εὐαγγελίσωμαι. - 17 εἰ γὰρ ἑκὼν τοῦτο πράσσω, μισθὸν ἔχω· εἰ δὲ ἄκων, οἰκονομίαν πεπίστευμαι. 18 τίς οὖν ἔσταί μοι ὁ μισθός; ἵνα εὐαγγελιζόμενος ἀδάπανον θήσω τὸ εὐαγγέλιον τοῦ Χριστοῦ, πρὸς τὸ μὴ καταχρήσασθαι τῇ ἐξουσίᾳ μου. 18 τίς οὖν μού ἐστιν ὁ μισθός; ἵνα εὐαγγελιζόμενος ἀδάπανον θήσω τὸ εὐαγγέλιον, εἰς τὸ μὴ καταχρήσασθαι τῇ ἐξουσίᾳ μου ἐν τῷ εὐαγγελίῳ. - 19 Ἐλεύθερος γὰρ ὢν ἐκ πάντων πᾶσιν ἐμαυτὸν ἐδούλωσα, ἵνα τοὺς πλείονας κερδήσω· 20 Ἐγενόμην τοῖς Ἰουδαίοις ὡς Ἰουδαῖος, ἵνα Ἰουδαίους κερδήσω· τοῖς ὑπὸ νόμον ὡς ὑπὸ νόμον, ἵνα τοὺς ὑπὸ νόμον κερδήσω· 20 καὶ ἐγενόμην τοῖς Ἰουδαίοις ὡς Ἰουδαῖος, ἵνα Ἰουδαίους κερδήσω· τοῖς ὑπὸ νόμον ὡς ὑπὸ νόμον, μὴ ὢν αὐτὸς ὑπὸ νόμον, ἵνα τοὺς ὑπὸ νόμον κερδήσω· - 21 τοῖς ἀνόμοις ὡς ἄνομος, μὴ ὢν ἄνομος θεοῦ ἀλλ’ ἔννομος Χριστοῦ, ἵνα κερδάνω τοὺς ἀνόμους· 22 ἐγενόμην τοῖς πᾶσιν γέγονα πάντα, ἵνα πάντας σώσω. 22 ἐγενόμην τοῖς ἀσθενέσιν ἀσθενής, ἵνα τοὺς ἀσθενεῖς κερδήσω· τοῖς πᾶσιν γέγονα πάντα, ἵνα πάντως τινὰς σώσω. - 23 πάντα δὲ ποιῶ διὰ τὸ εὐαγγέλιον, ἵνα συγκοινωνὸς αὐτοῦ γένωμαι. 24 Οὐκ οἴδατε ὅτι οἱ ἐν σταδίῳ τρέχοντες πάντες μὲν τρέχουσιν, εἷς δὲ λαμβάνει τὸ βραβεῖον; οὕτως τρέχετε ἵνα καταλάβητε. 25 πᾶς δὲ ὁ ἀγωνιζόμενος πάντα ἐγκρατεύεται, ἐκεῖνοι μὲν οὖν ἵνα φθαρτὸν στέφανον λάβωσιν, ἡμεῖς δὲ ἄφθαρτον. 26 ἐγὼ τοίνυν οὕτως τρέχω ὡς οὐκ ἀδήλως, οὕτως πυκτεύω ὡς οὐκ ἀέρα δέρων· 27 ἀλλὰ ὑπωπιάζω μου τὸ σῶμα καὶ δουλαγωγῶ, μή πως ἄλλοις κηρύξας αὐτὸς ἀδόκιμος γένωμαι. 362 Rekonstruktion <?page no="1241"?> A. *9,7: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,10: Ex labore suo unumquemque docens vivere oportere satis exempla praemiserat militum pastorum rusticorum; vgl. auch Adam., Dial. I 22 (im Mund des Adamantius): τίς ποιμαίνει ποίμνην καὶ ἐκ τοῦ γάλακτος οὐκ ἐσθίει (Rufin: Quis pascit gregem et ex lacte eius non manducet? ). ♦ *9,8-9a: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,10-11: sed divina illi auctoritas deerat. Legem igitur opponit creatoris ingratis, quam destruebat; sui enim dei nullam talem habebat. … [11] Ergo et legem allegoricam secundum nos probavit, et de evangelio viventibus patrocinantem … Sed noluit uti legis potestate, quia maluit gratis laborare. Hoc ad gloriam suam retulit, quam negavit quemquam evacuaturum, non ad legis destructionem qua alium probavit usurum. Ibid. III 5,4: cum etiam haereticorum apostolus ipsam legem indulgentem bubus terentibus os liberum, non de bubus sed de nobis interpretetur. Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 15 (121. 162 H.): Hier muss nach Handschriften unterschieden werden: VM bieten in der ersten Anführung (121 H.): Μετηλλαγμένος· ἀντὶ γὰρ τοῦ καὶ ὁ νόμος ταῦτα οὐ λέγει φησὶν ἐκεῖνος εἰ καὶ ὁ νόμος Μωϋσέως ταῦτα οὐ (οὐ om M) λέγει; in der zweiten Anführung heißt es (162 H.) in VM: Μετηλλαγμένως· ἀντὶ γὰρ τοῦ ἐν τῷ νόμῳ λέγει ἐν τῷ Μωϋσέως νόμῳ. λέγει δὲ πρὸ τούτου· εἰ καὶ ὁ νόμος ταῦτα οὐ λέγει. Vgl. auch ibid. sch. 15 und elench. 15. Weiter sind zu vergleichen für den Vers 9,8b: Die Form ἢ καὶ ὁ νόμος ταῦτα οὐ λέγει bieten P 46 , 01, 02, 03, 04, 06; dann findet sich ἢ καὶ ὁ νόμος ταῦτα λέγει in 044; ἢ εἰ καὶ ὁ νόμος ταῦτα οὐ λέγει in 010, 012; εἰ καὶ ὁ νόμος ταῦτα οὐ λέγει in 1875; ἢ οὐχὶ καὶ ὁ νόμος ταῦτα λέγει in M. Für den Vers 9,9a ist zu vergleichen: ἐν γὰρ τῷ Μωϋσέως νόμῳ γέγραπται findet sich in 01, 02, 03, 04, 06 c , 044, M; γέγραπται γάρ in 06*, 010, 012. D.h., an der zweiten Stelle bestätigen die Handschriften die Lesart εἰ der ersten Stelle, wenn es auch scheint, dass der Name Mose dort doch dem Vers 9 zugeordnet wird; aber Zahn hatte schon gesehen, dass dies auf die Verwirrung des Epiphanius zurückgeht, da der kanonische Text „Mose“ ja in Vers 9 hat, die Lesart in 010 und 012, η ει και scheint kontaminiert zu sein. Adam. stützt den katholischen Text, Rufins lateinische Übersetzung (an et lec haec dicit) ist ein Hybrid. Vgl. auch Adam., Dial. I 22 (im Mund des Adamantius): Μὴ κατ’ ἄνθρωπον ταῦτα λαλῶ, ἢ οὐχὶ καὶ ὁ νόμος ταῦτα λέγει (Rufin: Numquid secundum hominem dico, an et lex haec dicit). Vgl. Dtn 25,4 LXX: Οὐ φιμώσεις βοῦν ἀλοῶντα. ♦ *9,9b-10: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,10-11: Ex labore suo unumquemque docens vivere oportere satis exempla praemiserat militum pastorum rusticorum; sed divina illi auctoritas deerat. Legem igitur opponit creatoris ingratis, quam destruebat; sui enim dei nullam talem habebat. Bovi, inquit, terenti os non obligabis, et adicit, Numquid de bubus pertinet ad dominum? etiam de bubus propter homines benignum? Propter nos enim scriptum est, inquit. [11] Ergo et legem allegoricam secundum nos probavit, et de evangelio viventibus patrocinantem … Sed noluit uti legis potestate, 2 (1Kor) 363 <?page no="1242"?> 135 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 165. 136 Ibid. 104-105. quia maluit gratis laborare. Hoc ad gloriam suam retulit, quam negavit quemquam evacuaturum, non ad legis destructionem qua alium probavit usurum. Ibid. III 5,4: cum etiam haereticorum apostolus ipsam legem indulgentem bubus terentibus os liberum, non de bubus sed de nobis interpretetur. Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 16 (122. 163 H.): μὴ τῶν βοῶν μέλει τῷ θεῷ. Ibid. elench. 15: μὴ τῶν βοῶν μέλει τῷ θεῷ; ἢ πάντως δι’ ἡμᾶς εἴρηκεν. Vgl. auch Adam., Dial. I 22 (im Mund des Adamantius): μὴ τῶν βοῶν μέλει τῷ θεῷ; ἢ δι’ ἡμᾶς πάντως λέγει; δι’ ἡμᾶς γὰρ ἐγράφη, ὅτι ὀφείλει ἐπ’ ἐλπίδι ὁ ἀροτριῶν ἀροτριᾶν (Rufin: Numquid de bubus cura est deo? An propter nos utique dixit? Propter nos enim scriptum est quia debet qui arat sub spe arare). Vgl. Dtn 25,4 LXX: Οὐ φιμώσεις βοῦν ἀλοῶντα. ♦ *9,14: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,11: de evangelio viventibus patrocinantem, ac propter hoc non alterius esse evangelizatores quam cuius lex quae prospexit illis. Vgl. Adam., Dial. I 6 (im Mund des Adamantius), nur durch Rufin gegeben: Et iterum dicit apostolus: Ita et Dominus disposuit his qui euangelium annuntiant, ut de evangelio vivant. ♦ *9,15: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,11: Sed noluit uti legis potestate, quia maluit gratis laborare. Hoc ad gloriam suam retulit, quam negavit quemquam evacuaturum, non ad legis destructionem qua alium probavit usurum. ♦ *9,18: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,1: quia maluit gratis laborare. ♦ *9,20. 22: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 3,5 auf die Verse 20 und 22 zu sprechen kommt: quae in Actis edicuntur, adeo vera, ut apostolo consonent profitenti factum se Iudaeis Iudaeum ut Iudaeos lucrifaceret, et sub lege agentem propter eos qui sub lege agerent, sic et propter superinductos illos, et omnibus novissime omnia factum ut omnes lucraretur. B. (9,1) Die Wortstellung οὐκ εἰμὶ ἀπόστολος οὐκ εἰμὶ ἐλεύθερος in 06, 010, 012, 018, 020, 044, 81, 1241, 1505, 2464, M, ar, b, sy h , Ambst, Pel. ♦ (9,7) Die Variante ἐκ τοῦ καρποῦ ist bezeugt durch P 46 , 01 2 , 04 3 ,06 1 , 018, 020, 044, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1881, 2464, M, it, vg cl , sy (p) , bo, Ambst, während die kanonische Fassung zu finden ist in 01*, 02, 03, 04*, 06*, 010, 012, 025, 0222, 33, 1175, 1739, vg st , sa, Pel. ♦ Das καὶ πίνει steht in den Zeugen 06, 010, 012. Zuntz hält die Worte für eine eingedrungene Glosse. 135 ♦ ἤ fehlt in 03, 04 2 , 06, 010, 012, 044, 81, 104, 630, 1175, 1505, 1739, 2464, latt, sy h , sa, während es steht in P 46 , 01, 02, 04*, 018, 020, 025, 33, 365, 1241, 1881, M, sy p , bo. Nach Zuntz ist die stilistisch bessere Variante diejenige ohne ἢ, doch kann er sich nicht entscheiden, welche die ältere ist. 136 ♦ Post γάλακτος om τῆς ποίμνης in P 46 und bei Adam, 010 hat αὐτῆς. ♦ (9,8) Anstelle von λέγω, die Lesart in P 46 , f, lesen 06, 010, 012, lat ταῦτα λέγω, was möglicherweise bereits eine Kontamination 364 Rekonstruktion <?page no="1243"?> 137 Ibid. 138, 168. 138 Ibid. 105. 139 Vgl. Ibid. 110-111. der ursprünglichen Lesart mit der kanonischen Variante ταῦτα λαλῶ darstellt, vgl. zur Lexik weiter unten. ♦ Zu weiteren Varianten vgl. in A. wegen der Komplexität. ♦ (9,9) Die Lesart γέγραπται γάρ ist bezeugt durch 06*, 010, 012, Orig, in der altlateinischen Tradition: 75, 76, 77, 78, Hil, Pel; während P 46 , b, Ambst ἐν γὰρ τῷ νόμῳ γέγραπται lesen, die Weiterung hält Zuntz für eine eingedrungene Glosse. 137 ♦ Die Lesart κημώσεις findet sich 03*, 06*, 010, 012, 1739, Chrys, Thdt, Cyrils Glossar, während wegen der Handschriften wohl (gg. NA 28 ) φιμώσεις für die kanonische Fassung angenommen werden muss, bezeugt in P 46 , 01, 02, 03 2 , 04, 06 1 , 018, 020, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M, Or, Epiph, LXX. Wegen der LXX-Nähe rechnet Zuntz mit der obigen Lesart als der ursprünglichen. 138 ♦ Anstelle von τῷ θεῷ liest Tertullian ad dominum, doch hierfür gibt es keine weiteren Zeugen. ♦ Anstelle von δι’ ἡμᾶς liest Pel uos. ♦ (9,10) τῆς ἐλπίδος αὐτοῦ μετέχειν ist gewiss die lectio difficilior, belegt in 06*, 010, 012, ar, b, sy hmg , während eine einfachere Form (τῆς ἐλπίδος αὐτοῦ μετέχειν ἐπ’ ἐλπίδι) zu finden ist in 01 2 , 06* .1 , 018, 020, 044, (104), 2646, vg, sy, Or, Eus. ♦ (9,13) παρεδρεύοντες steht in P 46 , 01*, 02, 03, 04, 06, 010, 012, 025, 33, 81, 630, 1175, 1505, 1739, 1881, 2464, Or, Eus. Stattdessen steht προσεδρεύοντες in 012, 018, 020, 044, 104, 365, M. ♦ (9,15) Vgl. die Varianten οὐθεὶς μὴ καινώσει 02, οὐδεὶς μὴ κενώση 1175, τὶς κενώσει 010, 012, ἵνα τὶς κενώσει (vel κενώση) 01 2 , 04, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 2464, M, lat, sy h , während die Zeugen für den kanonischen Text sind: P 46 , 01*, 03, 06* .c , 33, 1739, 1881, b, Tert, Ambst, Pel. ♦ (9,16) Hier bieten 03, 04, 06, 010, 012, vg, Ambst, Pel, Orig lat , Aug, Hier, 177, Chrys εὐαγγελίσωμαι gegen εὐαγγελίζωμαι in P 46 , cett, Chrys, Ambst, Pel, und die altlateinische Tradition 75, 77. ♦ Anstelle von καύχημα bieten 01*, 06*, 010, 012 und die altlateinische Tradition 75, 76, 77, 78, Ambst. ♦ (9,18) Anstelle von μού ἐστιν, das zu finden ist in 03, 04, 06, 010, 012, 945, lat, bieten die einschlägigen Zeugen 06, 010, 012 ἔσταί μοι; die Zeugen P 46 , 01 2 , 020, 025, 044, 104, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, M, (sy h ) bieten μοι εστιν. ♦ Post εὐαγγέλιον add τοῦ Χριστοῦ 06 1 , 010, 012, 014, 020, 025, 104, 1241, 1505, M, sy und die altlateinische Tradition 58, 77, 78. ♦ (9,19) Post ἵνα add καί in P 46 , 03, 06*, 1739, 33, 69, 30, 1912, sa, bo cj , vg pler , Ambst, Pel; om in 010, 012, cett, Tert, Cypr, vg CFH , Hier, Aug. 139 ♦ (9,23) Die Variante τοῦτο (anstelle von πάντα) steht in den Zeugen 018, 020, 044, 1241, 1505, M, sy, während das von NA 28 übernommene παντα zu finden ist in P 46 , 01, 02, 03, 04, 06, 010, 012, 025, 6, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, latt. 2 (1Kor) 365 <?page no="1244"?> 140 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 159. C. 1. (9,1-6) Diese Verse sind nach allen bisherigen Editoren unbezeugt, lediglich Hilgenfeld sieht bereits Vers 6 durch Tertullian „berührt“ und BeDuhn deutet mit Auslassungszeichen vor Vers 7 an, dass er mit einem voranstehenden Text rechnet. BeDuhn scheint m. E. richtig zu sehen, einen Textbestand vor den bezeugten Versen 7-9 anzunehmen, doch fragt sich, welcher Bestand hier in Frage kommt. Auch wenn Tertullian Vers 1 bewusst übergangen haben könnte, weil er die Apostelautorität des Paulus herausstellt (wenn der Vers sie auch zugleich in Frage stellt), scheint er den Vers doch nicht im Auge zu haben, denn wenn er von der Behauptung des Paulus, Apostel zu sein, spricht, hat er immer nur *Gal 1,1 im Blick. So schreibt Tert., Adv. Marc. V 1,1: is mihi affirmatur apostolus quem in albo apostolorum apud evangelium non deprehendo. Und ibid. 1,3: Ipse se, inquit, apostolum est professus. Und ibid. 1,4: Si est qui se Christum mentiatur, quanto magis qui se apostolum praedicet Christi? Ibid. 1,6-7: Tu ergo negas apostolum Paulum? Non blasphemo quem tueor. Nego, ut te probare compellam. [7] Nego, ut meum esse convincam. 2. (9,7) Hilgenfeld meint, Tertullian „berühre“ den Vers. Zahn sieht einige Teile des Verses 7 bezeugt. Harnack verweist detailliert auf Adamantius. Schmid nennt Tertullians Angaben eine „referierende Zusammenfassung“. BeDuhn ver‐ weist darauf, dass Tertullian die Reihenfolge ändert, zwar auch mit „Soldaten“ beginnt, doch dann die Hirten und erst an dritter Stelle die Bauern erwähnt. Nachdem wir aber keine Spur dieser geänderten Reihenfolge in den Überlie‐ ferungsträgern besitzen, kann Tertullian eine eigene Umstellung vorgenommen haben, vielleicht aber auch die Reihenfolge seiner Vorlage spiegeln. 3. (9,8-9a) Hilgenfeld meint, Tertullian „berühre“ den Vers. Meyboom verweist auf das Zeugnis des Epiphanius für die Textvariante. Zahn sieht einige Teile des Verses 8 bezeugt. Harnack verweist wieder auf Adamantius. Schmid sieht nur ἢ καὶ ὁ νόμος ταῦτα οὐ λέγει bezeugt, und BeDuhn meint irrtümlicherweise, Schmid plädiere für den Text, der von den Handschriften V und M (gegen Holls Korrektur) geboten wird (εἰ καί anstelle von ἢ καί) und den auch BeDuhn für den richtigen hält. Schmid bietet allerdings nicht den Text von V und M, sondern den Text Holls. Zahn hatte bereits auf die handschriftlichen Differenzen hingewiesen, die dann Schmid nochmals detailliert bietet. 140 Sein Urteil, das mit 06*, 010, 012 übereinstimmt, wird zwar von Schmid als „pure Konjektur - eine notwendige 366 Rekonstruktion <?page no="1245"?> 141 Ibid. allerdings“ beschrieben, weil „ein zweimaliges Μωϋσέως, sowohl in V. 8b als auch 9a … recht unwahrscheinlich sein (dürfte)“. Diese Lesart hält er dann auch für die ältere, nimmt allerdings an - basierend auf seiner Theorie, dass Markion einen älteren Text redigiert habe - dass „die Einfügung des Μωϋσέως in V. 8 durch Marcion … dann als (leicht abgewandelte) Angleichung der Vorlage an den Hauptstrom der Überlieferung zu verstehen (wäre)“. 141 Da, wie in der Einleitung, Band I, gezeigt, gerade diese Handschriftenfamilie der Bilinguen 06, 010, 012 öfter näher als andere Handschriftenzeugen an den Text der *10-Briefe-Sammlung herankommt, scheint diese von Zahn bevorzugte und von Schmid für die ältere Lesart gehaltene Version auch für den vorka‐ nonischen Text anzunehmen zu sein. Der Bezug auf Mose allerdings scheint aufgrund des ausdrücklichen Zeugnisses in Vers 8 sinnvoll zu sein, auch wenn dies in keinem der handschriftlichen Zeugen zu finden ist - diese, inklusive 06, 010, 012, geben diesbezüglich die kanonische Tradition wieder -, wobei 06, 010, 012 mit ihrem Text von Vers 9a allerdings nahelegen, dass ursprünglich in Vers 8b der Hinweis auf Mose stand, auch wenn sie ihn nicht bieten. Nun hat Schmid noch auf eine zweite Möglichkeit hingewiesen: Ausgehend von der Bezeugung des Epiphanius an der späteren Stelle (Μετηλλαγμένως· ἀντὶ γὰρ τοῦ ἐν τῷ νόμῳ λέγει ἐν τῷ Μωϋσέως νόμῳ. λέγει δὲ πρὸ τούτου· εἰ καὶ ὁ νόμος ταῦτα οὐ λέγει) könne man auch 06, 010, 012 folgen, indem man den Hinweis auf Mose nicht für Vers 8b reklamiert. Da er in 06, 010, 012 überhaupt fehlt, wird erst Epiphanius - der allerdings von einer späteren Korrektur Markions ausgeht - diesen Mosebezug eingetragen haben. Folgte man dieser Version, die Schmid schließlich präferiert, aber die Priorität der *10-Briefe-Sammlung voraussetzen, dann müsste man erklären, wieso die kanonische Redaktion, die sich in 06, 010, 012 spiegelt, den Mosename getilgt hätte. Man landet folglich bei einem ähnlich gearteten Konundrum wie im ersten Fall, und es fragt sich, warum entweder in Vers 8b oder in Vers 9a die sich in 06, 010, 012 abbildende Redaktion, der ein Text mit einem klaren Mosebezug nach Epiphanius (gleich in welchem der beiden Verse) vorgelegen war, diesen von einem Mosebezug bereinigt hat. Die Lösung wird lauten, dass die in der *10-Briefe-Sammlung mit dem Namen Mose zugespitzte Antithese zumindest durch Tilgung des Mosebezuges gemindert werden sollte. Welchem der beiden Plätze, die Epiphanius offeriert, man folgt, bleibt offen. Die Rekonstruktion kann diesen Mosebezug entweder in Vers 8b oder in Vers 9a setzen. Nachdem allerdings in der Parallele (*)1Kor 14,21 ἐν νόμῳ γέγραπται ohne eingeschobenes 2 (1Kor) 367 <?page no="1246"?> 142 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 446. 143 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 87*. τῷ Μωϋσέως steht, wird man doch für die erste Möglichkeit optieren, wonach der Mosebezug in Vers 8b vorkanonisch stand. 4. (9,9b-10) Hilgenfeld meint, Tertullian „berühre“ den Vers und habe „die Beweisführung aus dem A.T. (5 Mos. 25,4)“ hervorgehoben. 142 Zahn sieht durch die „freie Anspielung“ die Verse 9 und 10 bezeugt, doch fragt er kritisch, ob Vers 10 verkürzt vorhanden war. Harnack verweist detailliert auf Adamantius. Schmid sieht ἐν (γὰρ) τῷ Μωϋσέως νόμῳ (γέγραπται) … Οὐ κημώσεις βοῦν ἀλοῶντα. μὴ τῶν βοῶν μέλει τῷ θεῷ-… δι’ ἡμᾶς γὰρ ἐγράφη-… bezeugt. BeDuhns Übersetzung liegt zugrunde: ἐν γὰρ τῷ Μωϋσέως νόμῳ γέγραπται, Οὐ κημώσεις/ φιμώσεις βοῦν ἀλοῶντα. μὴ τῶν βοῶν μέλει τῷ θεῷ; ἢ δι’ ἡμᾶς πάντως λέγει; δι’ ἡμᾶς γὰρ ἐγράφη, ὅτι ὀφείλει ἐπ’ ἐλπίδι [ὁ ἀροτριῶν ἀροτριᾶν, καὶ ὁ ἀλοῶν ἐπ’ ἐλπίδι τοῦ μετέχειν-…]. Im Schriftzitat Dtn 25,4 bietet die überwiegende Zahl der Textzeugen κημωσεις, doch P 46 , 01, 02, 03 C2 haben φιμωσεις, wobei dies durch die LXX beeinflusst zu sein scheint. 5. (9,11-13) Diese Verse sind unbezeugt, auch wenn sie Zahn in irgendeiner Weise als vorhanden ansieht. Harnack, Schmid und BeDuhn vermerken sie schlicht als unbezeugt. Wiederum stellt sich die Frage nach ihrem Vorhanden‐ sein oder Nichtvorhandensein. 6. (9,14) Hilgenfeld meint, Tertullian „berühre“ den Vers. Zahn sieht Vers 14 präsent, ohne seinen Wortlaut bestimmen zu können, Harnack sieht ἐκ τοῦ εὐαγγελίου ζῆν bezeugt, Schmid sieht den Vers als unbezeugt, BeDuhn verweist wie Harnack auch noch auf die lateinische Übersetzung von Adam., Dial. I 6 des Rufin. Wie der Vergleich mit Tertullian belegt, ist jedoch nicht nur der letzte Teil des Verses zitiert, sondern in den evangelizatores ist das Äquivalent gegeben zu τοῖς τὸ εὐαγγέλιον καταγγέλλουσιν. 7. (9,15) Hilgenfeld meint, Tertullian „berühre“ den Vers. Nach Zahn ist der Text in kanonischer Form bezeugt. Harnack gibt als bezeugt ἐγὼ … ἐχρησάμην … τὸ καύχημά μου οὐδεὶς κενώσει oder meint, der „überlieferte Text“ sei anzu‐ nehmen. 143 Schmid meint, bei Tertullian liege eine „Anspielung“ auf diesen Vers vor, insbesondere auf den letzten Teil des Verses, und BeDuhn weist ausdrücklich darauf hin, dass auch der Anfang anklingt: sed noluit uti legis potestate. 368 Rekonstruktion <?page no="1247"?> 144 Seine Email vom 28.5.23. 145 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 112. 146 Vgl. die Einleitung, I, S.-555-563. Mark Bilby, dem ich für die Unterstützung bei der Suche nach Kombinations‐ ergebnissen danke, 144 gibt als weitere Begründungen für die Übereinstimmung zwischen der fehlenden Bezeugung und dem Nichtvorhandensein des mittleren Teils dieses Verses, dass die kanonisch-redaktionelle Ergänzung der kanoni‐ schen Tendenz entspricht, Paulus zu historisieren, der Art, Briefe als Zusam‐ menstellungen zu reflektieren und hierfür eine historische Abfolge plausibel zu machen. Man beachte auch, dass der bezeugte Text einen argumentativen Fluss ohne die kanonische Ergänzung aufweist. Der Passus wird folglich aufgrund der Lexik und des narrativen Zusammenhangs zur kanonischen Redaktion gehören. 8. (9,16-17) Diese Verse sind nicht bezeugt, doch Zahn nimmt ihre Präsenz in unbestimmbarer Form an. Harnack, Schmid und BeDuhn stimmen überein, dass die Verse unbezeugt sind. Waren sie auch abwesend? Hierfür spricht zunächst die Duplikation, mit der Vers 16 das nochmals behauptet, was bereits auf der kanonischen Ebene in Vers 12 gesagt wurde. Setzt man aber voraus, dass Vers 12 zur kanonischen Ebene gehört, kann dieser Vers 12 die Duplikation eines vorkanonisch vorhandenen Verses 16 sein, zumal der Gedanke unmittelbar an Vers 15 anschließt und ihn leicht weiterführt. Ausschlaggebend für die Entscheidung wird folglich wieder der Vergleich der Lexik sein. 9. (9,16) Die Variante χάρις, die in einigen einschlägigen Zeugen steht, passt nicht nur inhaltlich besser, typisch für die kanonische Form ist auch die Duplikation des καύχημα. Zuntz meint, dass die kanonische Lesart einen „sehr persönlichen Eindruck“ vermittelt, 145 was einem Charakteristikum der kanonischen Redaktion entspricht, den Briefen einen emphatisch-persönlichen und historisierenden Ausdruck zu verleihen. 146 10. (9,18) Zahn nimmt den Vers in einer unbestimmbaren Form an, Harnack und Schmid sehen ihn als unbezeugt, BeDuhn aber verweist auf das angegebene Tertullianzitat und sieht darin einen Anklang an Vers 18. 11. (9,19) Der Vers ist unbezeugt, wobei Hilgenfeld auf die frühere Verwen‐ dung in Tert., Adv. Marc. IV 3; V 3 hinweist und die Verse 19 und 20 verknüpft. Bei Tertullian aber ist das Zitat eingebaut in seine antimarkionitische Argumen‐ tation, verbunden mit einem Bezug zur Apostelgeschichte, weshalb BeDuhn das Zeugnis für beide Verse zu Recht verwirft. Das Zeugnis von Tert., Adv. Marc. V 3,5 lautet: Necessario igitur cessit ad tempus, et sic ei ratio constat Timotheum circumcidendi et rasos introducendi in templum, quae in Actis edicuntur, adeo vera, 2 (1Kor) 369 <?page no="1248"?> ut apostolo consonent profitenti factum se Iudaeis Iudaeum ut Iudaeos lucrifaceret, et sub lege agentem propter eos qui sub lege agerent, sic et propter superinductos illos, et omnibus novissime omnia factum ut omnes lucraretur. Nach Zahn sei der Vers jedoch in einer unbestimmbaren Form vorhanden. Harnack und Schmid nehmen ihn als unbezeugt. 12. (9,20-27) Diese Verse sind nach allen Editoren, außer Hilgenfeld, der Vers 20 präsent sieht (vgl. zu Vers 19), unbezeugt, wenn auch Zahn mit ihrer Anwesenheit in irgendeiner Form rechnet. Allerdings gesteht etwa BeDuhn ein, dass Tert., Adv. Marc. V 3,5 auf die Verse 20 und 22 zu sprechen kommt. Die früheren Editoren, die diesen Passus nicht als Bezeugung gewichteten, verwiesen darauf, dass der Passus nicht unmittelbar bei der Kommentierung der Stelle angeführt wird und zweitens in Zusammenhang mit einer Argumentation Tertullians steht, die er aus der Apostelgeschichte gezogen hat. Gleichwohl ist auffällig, dass Tertullian an dieser Stelle zwar sein Hauptargument aus Apg entwickelt, dieses aber erst dadurch gestützt sieht (adeo vera), dass diese Dinge „mit dem Apostel übereinstimmen“. Diese Verifikation hat mehr Gewicht, wenn das nachfolgende Zitat aus *Paulus genommen wäre und nicht aus Tertullians Paulus. Hinzu kommt, dass der Inhalt der Verse für den moralorientierten Ter‐ tullian nicht leicht zu verdauen ist, wird doch davon gesprochen, dass *Paulus allen alles wird, damit er alle rettet. Dieser im letzten Satz ausgedrückte Uni‐ versalismus der Rettung, der mit Markions Antithesen korrespondiert, jedoch durch die kanonische Redaktion relativiert wird, spricht für die vorkanonische Präsenz. Es verwundert folglich nicht, dass Tertullian an späterer Stelle, bei der Diskussion dieses Kapitels nicht mehr auf diese Verse hier zu sprechen kommt. Auch wenn zugegebenermaßen eine gewisse Unsicherheit bestehen bleibt, scheint m. E. genügend Grund gegeben zu sein, das Zitierte für *Paulus zu reklamieren. P 46 lässt aus καὶ ἐγενόμην τοῖς Ἰουδαίοις ὡς Ἰουδαῖος, ἵνα Ἰουδαίους κερδήσω. Für die spätere Redaktion sprechen auch die zahlreichen Textvarianten in diesem Abschnitt, zusätzlich gestützt wird die Zuordnung zumindest der Verse 20. 22 zur kanonischen Redaktion durch die Lexik. 13. (9,26-27) Auch diese Verse sind nach allen früheren Editoren schlichtweg unbezeugt. Keiner bietet sie in seiner Rekonstruktion. D. (9,1) Die Verbform εἰμί, die 130 Mal im NT steht, ist nur ein Mal vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,8, vgl. weiter Vers 2. ♦ Die Kombination οὐκ εἰμί steht 28 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐλεύθερος, das 24 / 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,22. 23, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion ist, vgl. 7,21. ♦ οὐχί, das 62 / 53 Mal im NT steht, ist 370 Rekonstruktion <?page no="1249"?> vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20. ♦ Die Kombination Ἰησοῦν τὸν κύριον ist unbezeugt für *Paulus, begegnet aber 3 Mal bei Paulus (Röm 4,24; 1Kor 9,1; Kol 2,6), während Ἰησοῦς + artikelloses κύριος vorkanonisch in *2Kor 4,5 steht. ♦ Die Umkehrung κύριος + Ἰησοῦς steht vorkanonisch in *1Kor 1,3, und scheint überhaupt 12 Mal in *Paulus gestanden zu haben, wenn auch unbezeugt (*Gal 1,3; *2Kor 1,2; *Röm 1,7; *1Thess 1,1; *2Thess 1,1; *Phil 1,3; Phlm 1,5. 25). Ich danke Mark Bilby für diese Kombinationshinweise in seiner Email vom 27.5.23. ♦ Die Wendung Ἰησοῦν τὸν κύριον ἡμῶν steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Röm 4,24. ♦ Die Form ἑόρακα steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Ein Schlüsselbegriff ist τὸ ἔργον (μου), der der kanonischen Ebene zugehört. Nur in der Wendung τὸ ἔργον νόμου begegnet er *Gal 2,16, jedoch in negativer Wendung, in *Gal 3,10 heißt es ὅσοι γὰρ ὑπὸ νόμον ὑπὸ κατάραν εἰσίν, während die kanonische Redaktion formuliert ὅσοι γὰρ ἐξ ἔργων νόμου εἰσὶν ὑπὸ κατάραν εἰσίν. Der Terminus begegnet 187 mal im NT, erstaunlicherweise ist er jedoch nur ein einziges Mal in *Ev als positiver Begriff verwendet, und das an einer nicht ganz textsicheren Stelle! Die einzigen beiden Stellen, in der der Begriff überhaupt begegnet, sind *Ev 11,48 (ἄρα μάρτυρές ἐστε καὶ συνευδοκεῖτε τοῖς ἔργοις τῶν πατέρων ὑμῶν) und 24,19 (δυνατὸς ἐν ἔργῳ καὶ λόγῳ). Nur die erste Stelle ist durch das Zeugnis Tertullians (factis als mögliches Äquivalent) gesichert, während die zweite Stelle nicht bezeugt ist und Lk 24,10 Varianten aufweist (λογω και εργω 01, εργω και εν λογω 02), was auf eine nachträgliche Einfügung von ἔργῳ καί hinweisen könnte. Der Begriff begegnet in seiner Ambivalenz in *1Kor 3,13-14, als negative Handlung in *1Kor 5,2, als „Werke des Fleisches“ in *Gal 5,19 und als „böse Taten“ in *Kol 1,21. Er spielt jedoch gerade in den Passagen von Paulus eine große Rolle, die für *Paulus unbezeugt oder in ihm abwesend sind. Und an diesen wie überhaupt an vielen weiteren Stellen im NT wird der Begriff zwar auf *Paulus aufbauend kritisch betrachtet, jedoch auch positiv verwendet (z. B. Joh 8,41 „die Werke des Vaters“; 9,3 „die Werke des Vaters“; Röm 14,20 „die Werke Gottes“; 1Kor 15,58 „in den Werken des Herrn“; Phil 1,6 „das gute Werk in euch“; 2,30 „das Werk Christi“; 1Thess 1,3 „das Werk des Glaubens“; 5,13 „wegen ihrer Werke“; 1Tim 3,1 „eine hohe Aufgabe“ usw.). ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19, vgl. weiter Vers 2. ♦ Die Wendung ἐν κυρίῳ steht 48 Mal im NT, wohl ausschließlich auf der kanonischen Ebene und nur im kanonischen Paulus, vgl. zu Gal 5,10. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Οὐκ εἰμὶ; Ἰησοῦν τὸν κύριον; ἑόρακα; τὸ ἔργον; ἐν κυρίῳ). Der Vers ist Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 2 (1Kor) 371 <?page no="1250"?> (9,2) ἄλλος, das 172 / 155 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ Zur Verbform εἰμί vgl. zuvor zu Vers 1. ♦ Zu dem nur kanonisch begegnenden οὐκ εἰμί vgl. ebenfalls zu Vers 1. ♦ die Kombination ἀλλά γε steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, Lk 24,21, unbezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination ὑμῖν εἰμι steht noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Kol 2,5. ♦ σφραγίς steht 17 / 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀποστολή steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zur Verbform ἐστε vgl. zuvor zu Vers 1. ♦ Die Kombination ὑμεῖς ἐστε steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor 1,30. ♦ Die Wendung ἐν κυρίῳ steht 48 Mal im NT, wohl ausschließlich auf der kanonischen Ebene und nur im kanonischen Paulus, vgl. zu Gal 5,10. Zur Abwesenheit: In dem unbezeugten Vers begegnen eine Reihe von Ele‐ menten, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (οὐκ εἰμὶί; ἀλλά γε; ὑμῖν εἰμι; σφραγίς; ἀποστολή; ὑμεῖς ἐστε; ἐν κυρίῳ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (9,3) Die Kombination ἡ ἐμή steht 11 Mal im NT, 7 Mal Joh; 1Kor 9,3; 2Kor 2,3, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀπολογία, das 9 / 8 Mal im NT steht, begegnet nur auf der kanonischen Ebene, Apg 22,1; 2Kor 7,11; Phil 1,7. 16; 2Tim 4,16; 1Petr 3,15. ♦ Auch das eher unscheinbare Verb ἀνακρίνω, das 16 Mal im NT, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ αὕτη, das 77 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nicht für *Paulus bezeugt, sondern lediglich für *Ev. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers weist trotz seiner Kürze eine Reihe ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegter Elemente auf (ἡ ἐμή; ἀπολογία; ἀνακρίνω). Er ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (9,4) Die Kombination μὴ οὐκ ἔχομεν steht nur hier und im nächsten Vers. ♦ Die Kombination οὐκ ἔχομεν ἐξουσίαν steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 9,4. 5. 6; 2Thess 3,9). ♦ ἐσθίω steht 196 / 158 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 14,2; *1Kor 10,3. 7; *2Thess 3,10. ♦ Der Infinitiv φαγεῖν steht 34 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,15; *1Kor 10,7; *Röm 14,2. 21. ♦ Die Kombination von „essen“ und „trinken“ ist sowohl für die vorkanonische wie die kanonische Fassung belegt (*Ev 13,26; *1Kor 10,7; Lk 12,19), inspiriert von Ex 32,6 LXX (καὶ ἐκάθισεν ὁ λαὸς φαγεῖν καὶ πιεῖν καὶ ἀνέστησαν παίζειν), ein Vers, der dann auch *1Kor 10,7 angeführt wird. ♦ πίνω, das sich 114 / 73 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,4. 7; Röm 14,21. ♦ Der Infinitiv πεῖν steht 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,7. 372 Rekonstruktion <?page no="1251"?> Zur Abwesenheit: Der kurze Vers ist vorkanonisch unbezeugt. Er weist eine Wendung auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt ist (οὐκ ἔχομεν ἐξουσίαν). Da die übrige Lexik sich vornehmlich aus Ex 32,6 speist, wird der Vers auf die kanonische Ebene zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. Tertullian hätte sich einen solchen Schriftbezug wohl kaum entgehen lassen. (9,5) γυνή, das 246 / 215 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,1; 7,2 (? ). 10; 11,5. 10; 14,34; *Laod 5,22. 23. 28. ♦ περιάγω, das 6 Mal im NT steht, ist nur auf der kanonischen Ebene zu finden, Mt 4,23; 9,35; 23,15; Mk 6,6; Apg 13,11; 1Kor 9,5. ♦ οἱ λοιποί steht 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, es sei denn es stand in *2Kor 2,17. ♦ οἱ ἀδελφοί im Sinne der „Brüder des Herrn“ findet sich vorkanonisch in *Ev 18,20. 21. ♦ Κηφᾶς ist eine kanonisch beliebte Bezeichnung des Petrus, vgl. Gal 1,18. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers sprechen die beiden ausschließ‐ lich für die kanonische Ebene belegten Elemente gegen dessen vorkanonische Präsenz (περιάγω; οἱ λοιποί). Er wird wohl auf der vorkanonischen Ebene gefehlt haben, zumal auch das Thema der Mitführung einer Frau als Apostel eher die Diskussion auf der kanonischen Ebene des voranstehenden Kapitels weiterführt und vorkanonisch eine Digression darstellen würde. (9,6) Βαρναβᾶς, der 31 / 28 Mal im NT steht, begegnet nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐργάζομαι, das 51 / 44 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,10; *2Kor 11,13, stellt aber ein zentraler Terminus der kanonischen Ebene dar. ♦ Die Verneinung von ἐργάζομαι begegnet nur noch auf kanonischer Ebene, Röm 4,5. Zur Abwesenheit: Wie der voranstehende Vers mit der Frage des Mitführens von Frauen eine kanonische Digression darstellt, so auch die Erweiterung hier mit der Einführung des nur kanonisch bekannten Barnabas. Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und vorkanonisch abwesend. (9,7) στρατεύω steht 7 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für diese Stelle hier *1Kor 9,7. ♦ ἴδιος, das 123 / 114 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,41; *Gal 6,9; *1Kor 7,7; *1Thess 2,15. ♦ ποτέ steht 31 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,41; *Laod 2,11. 13; *Kol 1,21. ♦ φυτεύω, das 14 / 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für die vorliegende Stelle. ♦ ἀμπελών findet sich 23 Mal im NT, etwa an allen Stellen in Lk (Lk 13,6; 20,9. 10. 13. 15. 16), die sich in Versen finden, die in *Ev fehlen, wie der Begriff überhaupt nur auf der kanonischen Ebene zu finden ist (Mt 20,1. 2. 4. 7. 8; 21,28. 33. 39. 40. 41; Mk 12,1. 2. 8. 9; Lk 13,6; 20,9. 10. 13. 15. 16; 1Kor 9,7). ♦ ποιμαίνω steht 12 / 11 Mal im NT, vorkanonisch nur an dieser Stelle bezeugt. 2 (1Kor) 373 <?page no="1252"?> 147 So M. Klinghardt, The Oldest Gospel and the Formation of the Canonical Gospels (2021), 1224. 148 ibid. 1228. 149 Vgl. G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 97. Zur Rekonstruktion: Auch wenn dieser Vers durch Tertullian bezeugt ist, scheint er, wie die Lexik erweist, von der kanonischen Redaktion überarbeitet worden zu sein, weshalb der Wortlaut auch von dem Tertullians abweicht. Die ursprüngliche Form lässt sich nicht aus Adamantius gewinnen, wie dies von Harnack versucht wurde. Da Tertullian ersichtlich referiert, verbietet es sich auch, eine Retroübersetzung ins Griechische vorzunehmen, da in einschlägigen Zeugen καὶ πίνει erhalten ist, findet sich ein Hinweis darauf, dass womöglich vorkanonisch zunächst von οὐκ ἐσθίει die Rede war, im zweiten Fall οὐκ πίνει zu lesen war. Kanonisch wurde daraus ἐσθίει καὶ πίνει im ersten Fall, wie die einschlägigen Zeugen angeben, indem sie den Text mit 1Kor 11,29 harmonisierten. (9,8) Der Ausdruck κατὰ ἄνθρωπον steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,1 (3,15). ♦ λαλῶ findet sich überwiegend für die kanonische Fassung bezeugt, in *Ev ebenfalls (*Ev 24,25: vielleicht auch 24,32; jedoch fehlt Lk 24,44), doch an einer Stelle, wo die kanonische Fassung den Begriff hat, liest *Ev anders: *Ev 11,37. Hier findet man ἐδεήθη δὲ αὐτοῦ τις Φαρισαῖοις, ἵνα ἀριστήση μετ’ αὐτοῦ· εἰσελθὼν δὲ ἀνέπεσεν, während die kanonische Fassung folgende Version bietet: Ἐν δὲ τῷ λαλῆσαι ἐρωτᾷ αὐτὸν Φαρισαῖος ὅπως ἀριστήσῃ παρ’ αὐτῷ: εἰσελθὼν δὲ ἀνέπεσεν. Unklar ist *Ev 24,6, wo Tertullians quae locutus sit dem ὅσα ἐλάλησεν gegenüber steht. 147 Allerdings führt Klinghardt die Stelle nach dem kanonischen Wortlaut an (ὡς ἐλάλησεν). 148 Ignoriert ist dabei, dass Tertullian hier einen Konjunktiv bietet, möglicherweise also eine andere Verbform gelesen hat. Überhaupt ist es durchaus möglich, dass auch an manch anderen Stellen, an denen der Wortlaut für *Ev nicht bezeugt ist (5,4; 8,49; 9,11; 22,47) eine andere als die kanonische Formulierung zu lesen war. Bereits Zuntz hat darauf hingewiesen, dass das λέγω das etwas Bestimmtere Sprechen bedeutet, während λαλῶ eher eine irgendwie geartete Äußerung meint, auch wenn sich diese Differenz im späteren Griechisch verliert. Doch zitiert er den Sarkasmus von Eupolis: λαλεῖν ἄριστος, ἀδυνατώτατος λέγειν (Eup. 95), was als Spruch gerne auch mit Verweis auf den Schöpfer zitiert wurde, vgl. Plut., Alc. 13,3; Gell., Noct. Att. 85. 149 ♦ Die Wendung εἰ καί steht 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für diese Stelle, weiter für *2Kor 4,16. ♦ Die Variante ἢ καί steht 10 Mal im NT, Lk 12,41, in einem Vers, wo gerade diese Wendung vorkanonisch fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,12. ♦ Μωϋσῆς steht 78 / 80 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 374 Rekonstruktion <?page no="1253"?> 3,7. 13. ♦ ταῦτα, das 242 Mal im NT steht, etwa Lk 1,19. 20. 65; 2,19. 51; 4,28; 11,42; 13,2. 17; 15,26; 24,10, in Versen oder Versteilen, die in *Ev fehlen, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,18; *1Kor 9,8; 10,11; *Phil 3,7, vgl. weiter unten zu Vers 15. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius unter Berück‐ sichtigung der Ausführungen Tertullians (und Adamantius). Die Lexik stützt die Präsenz dieses Verses, nachdem Termini und Wendungen auch weiter vorkanonisch bezeugt sind. (9,9) Die Kombination γέγραπται γάρ steht 13 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 1,19; 3,19, vgl. zu 4,22. ♦ Zu Μωϋσῆς vgl. zum voranstehenden Vers 9,8. ♦ Die Variante κημόω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Variante φιμόω steht 8 / 7 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ βοῦς steht 11 / 8 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 14,19. ♦ ἀλοάω steht 3 Mal im NT, vorkanonisch nur für diese Stelle bezeugt, kanonisch findet sich das Verb 1Kor 9,9 10; 1Tim 5,18. ♦ μέλω steht 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für die Stelle hier. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt den Zeugnissen Tertullians und Epiphanius. Auch wenn die Einleitung γέγραπται γάρ nicht bezeugt ist, könnte sie doch im vorkanonischen Text gestanden sein, zumal sie auch an anderen Stellen vorkanonisch bezeugt ist. (9,10) Zum anfänglichen, z.T. unbezeugten und z.T. bezeugten Versteil: Sowohl δι’ ἡμᾶς πάντως wie δι’ ἡμᾶς γάρ stehen nur ein Mal im NT. ♦ Die Form ἐγράφη steht 6 Mal im NT (Röm 4,23; 15,4, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 9,10; 10,11; Gal 3,1), vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 9,10. ♦ πάντως steht 9 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt, vgl. weiter unten zu Vers 22. Zum unbezeugten Versteil: ὀφελεῖν ist zwar ein Terminus, der in der kanonischen Redaktion beliebt ist, doch fehlt er nicht völlig in der vorkanonischen Fassung (bezeugt für *1Kor 11,7. 10). Der Teil von Lk 17,10, in dem der Begriff begegnet, hat zwar in *Ev gefehlt, doch sollte die für *Ev unbezeugte Stelle 17,7-10 der vorkanonischen Fassung zugehört haben, dann auch der zweite Teil des obigen Verses, denn hier findet sich nicht nur das ansonsten im NT nicht mehr bezeugte ἀροτριάω, das 2 Mal im NT steht, und zwar jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 17,7; 1Kor 9,10). ἄροτρον ist Hapax legomenon im NT. Das Nomen begegnet, auch wenn nicht sicher bezeugt, in *Ev 9,62. Man muss also entweder diese Passagen für *Ev und *1Kor annehmen, oder an beiden Stellen tilgen, ein weiterer Hinweis darauf, wie eng die Lexik von *Ev und *Paulus zusammenstimmen. ♦ ἀλοάω findet sich nurmehr in 1Tim 5,18. Das verwandte ἀλόη steht nur hier und noch ein Mal auf kanonischer Ebene in Joh 19,39. ♦ βοῶν findet sich als Form nicht nur hier, sondern vorkanonisch auch in mk Lk 14,19. ♦ μετέχω, das 9 / 8 Mal im NT steht, ist außerhalb von 1Kor (1Kor 9,10. 12; 10,17. 21. 30) nur noch 2 (1Kor) 375 <?page no="1254"?> in Hebr 2,14; 5,13; 7,13 belegt und ist, wie die weiteren Stellen in 1Kor zeigen, zur kanonischen Ebene gehörig. Zur Rekonstruktion: Die Zeugen geben nur das erste kurze Stück dieses Verses, Tertullian die knappe Version, die hier gewählt wurde. Der unbezeugte Teil des Verses weist eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente (ἀροτριάω; ἀλοάω; μετέχω). Der unbezeugte Teil wird demnach kanonisch-redaktionelle Ergänzung sein und vorkanonisch gefehlt haben. (9,11) Die Eröffnung εἰ ἡμεῖς steht nur noch ein Mal im selben Vers und dann in Apg 4,9. ♦ πνευματικός, das 28 / 26 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 7,14; *Laod 6,12. ♦ Die Form τὰ πνευματικά steht 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 6,12. ♦ σπείρω steht 58 / 52 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,8; *1Kor 15,42. 44. ♦ μέγας, das 209 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 5,32. ♦ σαρκικός wie das verwandte σαρκινός begegnet nur auf der kanonischen Ebene (Röm 7,14; 15,27; 1Kor 3,1. 3; 2Kor 1,12; 3,3; 10,4; Hebr 7,16; 1Petr 2,11). ♦ θερίζω, das 22 / 21 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,7. 9. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers finden sich zwei Elemente, die ausschließlich vorkanonisch belegt sind (εἰ ἡμεῖς; σαρκικός). Er wird wohl ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (9,12) ἄλλος, das 172 / 155 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,29; 9,8. 19; *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ Die Form ἄλλοι steht 27 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,8. ♦ ἐξουσία steht 112 / 102 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,25; *1Kor 11,10; *2Kor 13,10; *Laod 2,2; 3,10; 6,12. ♦ Die Verbindung von ἐξουσία mit (μετ)έχω ist eine kanonische, vgl. zuvor 9,4. ♦ μετέχω, das 9 / 8 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ἀλλ’ οὐκ steht 34 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 8,7. ♦ χράω, das 12 / 11 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15. ♦ Die Wendung τῇ ἐξουσίᾳ steht 4 Mal im NT (Lk 20,20; Röm 13,2; 1Kor 9,12. 18), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ στέγω steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 13,7; 1Thess 3,1. 5). ♦ Das Nomen στέγη steht 3 Mal im NT, ebenfalls auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐγκοπή ist Hapax legomenon im NT. ♦ τινα (Nom. / Akk. Neut. oder Akk. Fem. / Mask. Sg.), das 46 Mal im NT steht, ist immer auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ δίδωμι ist zwar für *Ev bezeugt (z. B. *Ev 11,13), doch begegnet er ansonsten im Praxapostolos und Paulus (Apg 3,6; 20,35; Jak 1,5; 2,16; Röm 15,5; 1Kor 3,5; 2Kor 8,5; Gal 1,4; Eph 3,16; 2Thess 3,9; 1Tim 2,6; 2Tim 1,18; Tit 2,14). 376 Rekonstruktion <?page no="1255"?> Zur Abwesenheit: In diesem vorkanonisch unbezeugten Vers häufen sich die Elemente, die ausschließlich für die kanonische Ebene belegt sind (die Verbin‐ dung von ἐξουσία mit (μετ)έχω; μετέχω; Ἀλλ’ οὐκ; τῇ ἐξουσίᾳ; στέγω; τινα). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat im vorkanonischen Text gefehlt. (9,13) οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8, vgl. weiter Vers 24. ♦ Die Kombination οὐκ οἴδατε ist eine wiederholt vorkanonisch bei *Paulus bezeugte Wendung, vgl. zuvor zu 6,3. ♦ ἱερόν steht 79 / 71 Mal im NT, vorkanonisch lediglich bezeugt für *Ev 21,37. ♦ ἐργάζομαι steht 51 / 41 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 6,10; *2Kor 11,13. ♦ Die Wendung ἐκ τοῦ ἱεροῦ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 13,1; Joh 2,15; 8,59). ♦ ἐσθίω steht 196 / 158 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 14,2; *1Kor 10,3. 7; *2Thess 3,10. ♦ Die Form ἐσθίουσιν steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 8,7. ♦ θυσιαστήριον steht 23 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Variante παρεδρεύω ist Hapax legomenon im NT. ♦ So ist es auch die Variante προσεδρεύοντες. ♦ Auch συμμερίζω ist Hapax legomenon. Zur Abwesenheit: Auch in diesem vorkanonisch unbezeugten Vers finden sich Elemente, die ausschließlich für die kanonische Ebene belegt sind (ἐκ τοῦ ἱεροῦ; ἐσθίουσιν; θυσιαστήριον). Auch dieser Vers dürfte auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (9,14) Die Kombination οὕτως καί steht 47 Mal im NT, 13 Mal wie hier als Verseröff‐ nung, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,31 (Verseröffnung); *1Kor 15,22. 42; *Röm 5,21. ♦ διατάσσω, das 18 / 16 Mal im NT steht, findet sich lediglich auf der kanonischen Ebene. ♦ εὐαγγέλιον steht 79 / 76 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,6; 2,2. 14; *1Kor 4,15; 9,14; 15,1; *Röm 1,16; 2,16; *Laod 1,13; 6,15; *Kol 1,5; *2Thess 1,8. ♦ καταγγέλλω steht 19 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,17. 18. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. Zur Rekonstruktion: Der Text basiert auf dem Zeugnis Tertullians, auch wenn dieser teilweise nur Andeutungen bietet. In der Lexik findet sich teilweise eine Stütze, doch muss mit Rücksicht auf διατάσσω mit einer kanonischen Überformung gerechnet werden. (9,15) Zum bezeugten Anfangsteil: Die Kombination ἐγὼ δὲ οὐ steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 5,34; 8,50; 1Kor 9,15). ♦ Die kürzere Form ἐγὼ οὐ findet sich 10 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt (7 Mal Joh; 1Kor 7,12; 2Kor 12,13. 16). ♦ χράω, das 12 / 11 Mal im NT steht, findet sich nur hier 2 (1Kor) 377 <?page no="1256"?> vorkanonisch bezeugt. ♦ οὐδενί steht 9 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ τούτων steht 72 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 9,15. Zum nicht bezeugten Mittelteil: Die Wendung οὐκ ἔγραψα findet sich nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in 1Joh 2,21. ♦ Wenn man die Suche erweitert zu οὐ + 1. Pers. Sg. Ind. von γράφω findet sich weiterhin kein Eintrag für *Paulus, immer noch nur der eine für Paulus hier und die beiden aus 1Joh. ♦ Selbst eine Suche nach der Kombination von οὐ + jegliche Form von γράφω bringt keinen Eintrag für *Paulus, allerdings 2 für Paulus (Röm 4,23; 1Kor 9,15) und überhaupt 6 für das kanonische Neue Testament. ♦ ἔγραψα in dieser Form ist unbezeugt für *Paulus, findet sich jedoch 12 Mal bei Paulus (Röm 15,15, in dem als abwesend von *Paulus bezeugten Kapitel; 1Kor 5,9. 11; 9,15; 2Kor 2,3 .4. 9; 7,12; Gal 6,11; Eph 3,3; Phlm 1,19. 21) und überhaupt 20 Mal im kanonischen Neuen Testament, ist folglich ein Charakteristikum für die kanonische Redaktion. ♦ Eine Suche nach irgendeiner Form vom 1. P. Sg. Ind. von γράφω ergibt eine Bezeugung für *Paulus (*1Kor 4,14) und könnte auch, wenn auch unbezeugt, in *2Kor 13,10 gestanden sein und findet sich 18 Mal bei Paulus und überhaupt 38 Mal im kanonischen Neuen Testament. ♦ Die Kombination eines Verbes im 1. Pers. Sg. Ind. Aor. Akt. + δέ ist unbezeugt für *Paulus, steht jedoch 4 Mal in Paulus (1Kor 1,16; 9,15; 2Kor 9,3; Gal 2,2) und noch 3 weitere Mal im kanonischen Neuen Testament. ♦ Zu ταῦτα vgl. zuvor zu Vers 8. ♦ δέ + dem. Pron. Akk. Neut. Pl. ist unbezeugt für *Paulus, findet sich jedoch 2 Mal bei Paulus im selben 1Kor (1Kor 9,15; 12,11) und überhaupt 12 Mal im kanonischen Neuen Testament. ♦ Bei Erweiterung der Suche nach δέ + dem. Pron. οὗτος gibt es weiterhin keinen Eintrag für *Paulus, jedoch 6 für Paulus (Röm 2,3; 1Kor 1,12; 9,15; 12,11; 13,11; Kol 3,14) und überhaupt 30 für das kanonische Neue Testament. ♦ ἵνα + οὕτω ist unbezeugt für *Paulus und steht auch im ganzen kanonischen Neuen Testament nur hier. ♦ Auch οὕτω + γένηται ist selten, unbezeugt für *Paulus und nur an dieser Stelle im kanonischen Neuen Testament. Weitet man die Suche nach der Kombination von οὕτω + Konj. von γίνομαι aus, ergibt sich noch kein anderes Ergebnis. ♦ Die Form γένηται steht 43 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 3,19. ♦ Die Kombination ἐν ἐμοί, die 41 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Wendung καλὸν γάρ findet sich nur noch ein Mal in Hebr 13,9. ♦ Selbst wenn man nach allen Kasus von καλός + γάρ sucht, ergibt sich kein anderes Ergebnis. ♦ γάρ μοι ist unbezeugt für *Paulus, steht jedoch 8 Mal in Paulus (Röm 12,19; 1Kor 1,11; 5,12; 9,15. 16; 16,9; 2Tim 4,11) und noch 2 weitere Mal im kanonischen Neuen Testament. ♦ μᾶλλον + ein Verb im Inf. Aor. Akt ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,8, steht 2 Mal in Paulus (hier und 2Kor 5,8) und sonst nicht mehr im kanonischen Neuen Testament. ♦ Weitet man die Suche nach μᾶλλον + ein Verb im Infinitiv aus, bleibt es bei der vorkanonischen Bezeugung für *2Kor 5,8 und 3 Einträgen für Paulus (hier und 2Kor 5,8, 7,7) und einen weiteren 378 Rekonstruktion <?page no="1257"?> Eintrag für Apg 20,35. ♦ Der Infinitiv ἀποθανεῖν steht 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zum bezeugten Schlussteil: καύχημα, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur an dieser Stelle bezeugt. ♦ Das kanonisch beliebte οὐδείς (Nom. Mask. Sg.), das 96 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8; 9,15; *Laod 5,29. ♦ κενόω, das 4 Mal im NT steht, ist nicht nur hier vorkanonisch bezeugt, sondern 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in *Phil 2,7. Zur Rekonstruktion: Der Vers mit seinen bezeugten Teilen und der unbezeugten Mitte ist ein schönes Beispiel für die Verlässlichkeit des lexikalischen Verglei‐ ches. Auch wenn es im bezeugten Teil einige nur hier vorkanonisch bezeugten Elemente gibt, ist doch erstaunlich wie deutlich sich der unbezeugte Teil von den bezeugten Teilen im lexikalischen Befund abhebt. (9,16) Die Kombination ἐὰν γάρ steht 10 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 4,15. ♦ εὐαγγελίζομαι steht 58 / 54 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,6; *Gal 1,9. 16; *1Kor 15,1; *Laod 2,17. ♦ Der Ausdruck οὐκ ἔστιν μοι steht nur hier. ♦ ἔστιν μοι steht 3 Mal im NT, weiter in Apg 9,15; 18,19. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten καύχημα vgl. zum voranstehenden Vers 9,15. ♦ Die Variante χάρις steht 171 / 156 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; *1Kor 15,57; *Röm 5,21; *Laod 3,8. ♦ ἀνάγκη ist unbezeugt für *Paulus, findet sich jedoch 9 Mal in Paulus (Röm 13,5; 1Kor 7,26. 37; 9,16; 2Kor 6,4; 9,7; 12,10; 1Thess 3,7; Phlm 1,14) und überhaupt 17 Mal im kanonischen Neuen Testament. ♦ ἐπικεῖσθαι, das 7 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt (Lk 5,1; 23,23; Joh 11,38; 21,9; Apg 27,20; 1Kor 9,16; Hebr 9,10). ♦ οὐαί steht 49 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,24. 25. 26; 11,42. 43. 46. 47; 17,1; 22,22, ansonsten auf der kanonischen Ebene stehend in Mt 11,21; 18,7; 23,13. 14. 15. 16. 23. 25. 27. 29; 24,19; 26,24; Mk 13,17; 14,21; Lk 6,24. 25. 26; 10,13; 11,42. 43. 44. 46. 47. 52; 17,1; 21,23; 22,22; 1Kor 9,16; Jud 1,11; Apk 8,13; 9,12; 11,14; 12,12; 18,10. 16. 19. Der Befund zeigt, dass οὐαί bei Paulus nur an dieser Stelle möglicherweise aus dem vorkanonischen in den kanonischen Text übernommen wurde, da er kaum typisch für die kanonische Redaktion von Paulus ist. ♦ Eigentümlich ist auch die Konstruktion οὐαί + γάρ, die überhaupt nur an dieser Stelle im Neuen Testament begegnet und erneut auf eine vorkanonische Präsenz derselben hindeutet. ♦ Die Wendung ἐστιν ἐάν ist unbezeugt für *Paulus, findet sich jedoch noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in Paulus (1Kor 7,40), jedoch nicht häufiger im kanonischen Neuen Testament. ♦ ἐὰν μή findet sich 2 Mal bezeugt in *Paulus (*Gal 2,16; *1Kor 15,36) und, wenn auch unbezeugt, vielleicht noch 3 Mal darin (*1Kor 8,8; 14,6. 9); die Kombination findet sich hingegen 10 Mal in Paulus (Röm 10,15; 11,23; 2Thess 2,3; 2Tim 2,5) und überhaupt 44 Mal im kanonischen Neuen Testament. 2 (1Kor) 379 <?page no="1258"?> Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Vers unbezeugt ist, passt er narrativ in die Argumentation, die zumindest inhaltlich zum angedeuteten Vers 18 hinführt. Unter Berücksichtigung von Inhalt und Lexik wird die vorliegende Rekonstruktion vorgeschlagen. (9,17) Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröff‐ nung (Verseröffnung: Joh 5,46; Röm 4,2. 14; 5,10. 17; 6,5; 8,13; 11,15. 21. 24; 14,15; 1Kor 9,17; 11,6; 2Kor 2,2; 3,9. 11; 8,12; Gal 2,18; 3,18; 6,3; Kol 2,5; 1Thess 4,14; Hebr 2,2; 4,8; 8,7; 9,13; 2Petr 2,4. 20; im Vers: Röm 5,15; 15,27, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 2,8; Gal 2,21; 3,21; 2Tim 2,11; Hebr 12,25; 1Joh 2,19), und als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8. ♦ ἑκών steht nur hier und noch ein Mal auf kanonischer Ebene in Röm 8,20. ♦ τοῦτο, das 313 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,50. 53; *2Thess 2,11; *Laod 5,32, vgl. weiter unten zu Vers 23. ♦ πράσσω, das 43 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt in *Gal 5,21; *2Kor 5,10 und *Röm 2,25. ♦ μισθός steht 30 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,7; *1Kor 3,14. ♦ Die Formulierung μισθὸν ἔχω steht nur hier. ♦ ἄκων ist Hapax legomenon. ♦ οἰκονομία ist wieder ein im NT seltener Begriff, der 9 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt nur für *Laod 1,10; 3,9 (bezeugt ist lediglich das verwandte οἰκονόμος *Ev 16,1; vielleicht auch vorhanden in 12,42), ansonsten auf der kanonischen Ebene stehend (Lk 16,2. 3. 4; 1Kor 9,17; Eph 1,10; 3,2. 9; Kol 1,25; 1Tim 1,4). ♦ πιστεύω, das 265 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21 (τοὺς πιστεύοντας); 15,11; *Röm 1,16 (τῷ πιστεύοντι); 10,4 (τῷ πιστεύοντι); *2Thess 2,12 (οἱ μὴ πιστεύσαντες); *Laod 1,13 (πιστεύσαντες). Zur Abwesenheit: Sowohl die kanonische Verseröffnung wie das 2 Mal stehende ἑκών sind Elemente, die nur auf der kanonischen Ebene begegnen, der Vers wird folglich auf die kanonische Ebene zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (9,18) Die Eröffnung τίς οὖν steht nur hier im NT. ♦ τίθημι, das 110 / 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,10. 11; 12,18. 28; 15,25. ♦ Auch die Formulierung ἔσταί μοι steht nur hier. ♦ Die Variante μού ἐστιν steht 12 Mal im NT, Mt 3,11; 12,30; Lk 11,23; 5 Mal Joh; Apg 2,25; Röm 1,9; 1Kor 9,18; 11,24, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die weitere Variante μοί ἐστιν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 9,38; Joh 14,10; Röm 9,2; 1Kor 9,16 - die Vorlage, wodurch wohl diese Form in die Hss für die Stelle hier gewandert ist -; 2Kor 9,1). ♦ μισθός steht 30 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,7 und *1Kor 3,14, vgl. zum voranstehenden Vers 9,17. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten εὐαγγελίζομαι vgl. zuvor 9,16. ♦ ἀδάπανος ist im NT Hapax legomenon. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten εὐαγγέλιον vgl. zuvor 9,14. ♦ Die Wendung εἰς τὸ μή steht 7 380 Rekonstruktion <?page no="1259"?> Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, allerdings an Stellen, an denen vorkanonisch in *1Kor 10,6 und *2Kor 4,4 πρὸς τὸ μή bezeugt ist. ♦ καταχράομαι steht nur hier und zuvor in 1Kor 7,31, einem Vers, der wie hier eventuell vorkanonisch vorhanden war. ♦ Zu dem kanonischen τῇ ἐξουσίᾳ vgl. zuvor zu Vers 12. ♦ Die Wendung ἐξουσίᾳ μου steht nur hier. ♦ Die Wendung ἐν τῷ εὐαγγελίῳ steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 1,15; Röm 1,9; 1Kor 9,18; 2Kor 8,18; 10,14; Phil 4,3; 1Thess 3,2). Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Vers nur schwach durch Tertullian an‐ gedeutet ist, spricht doch auch die Lexik mit ihren weiter vorkanonischen Begriffen und Wendungen dafür, dass der Vers vorkanonisch stand. Unter Berücksichtung der Handschriftenvarianten und Lexik wird der Text gegenüber der kanonischen Version leicht geändert und ἔσταί μοι; τοῦ Χριστοῦ; πρὸς τὸ μή geschrieben und das ausschließlich kanonisch belegte ἔσταί μοι gestrichen. Aufgrund des nur kanonisch verwendeten τῇ ἐξουσίᾳ wird wohl der letzte Versteil vorkanonisch gefehlt haben. (9,19) ἐλεύθερος, das 24 / 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,22. 23, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion, vgl. 7,21. ♦ Die Kombination Ἐλεύθερος γάρ steht nur hier im NT. ♦ Die Verbform ὤν, die 48 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,6; *Gal 2,3, vgl. weiter die Verse 20. 21. ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur ein Mal für einen Brief bezeugt, den die Forschung Paulus zuschreibt (*Röm 12,18), dann auffallenderweise gleich drei Mal in *Deuteropaulinen (*Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17). ♦ Die Kombination ἐκ πάντων steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, in Apg 19,34. ♦ πᾶσιν, das 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6, vgl. auch weiter unten Vers 22. ♦ δουλόω steht 51 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,37; *Gal 4,3, doch bezeichnet Paulus weder seine Tätigkeit als Sklaverei, noch bezeichnet er sich selbst jemals als Sklaven. ♦ Die Form ἐμαυτόν steht 18 Mal im NT, etwa Lk 7,7, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 2,18. ♦ πλείων steht 66 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,5. ♦ Die Form τοὺς πλείονας steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 9,19; 2Kor 9,2; Phil 1,14). ♦ κερδαίνω steht 20 / 17 Mal im NT und ist gleich im nächsten Vers 9,20 vorkanonisch bezeugt. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers weist einige Merkmale auf, die ausschließlich auf kanonischer Ebene bezeugt sind (ἐκ πάντων; Semantik von δουλόω; ἐμαυτόν; τοὺς πλείονας). Der Vers geht auf die kanonische Redaktion zurück und hat vorkanonisch gefehlt. 2 (1Kor) 381 <?page no="1260"?> (9,20) Die Kombination καὶ ἐγενόμην begegnet noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal in Apk 1,19. ♦ Die Form ἐγενόμην, die 14 Mal im NT steht, findet sich gleich weiter in Vers 22 wieder vorkanonisch bezeugt, evtl. auch Lk 12,51 (Klinghardt schreibt hier παρεγενόμην). ♦ Ἰουδαῖος, das 250 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *1Kor 9,20; 15,20; *Röm 1,16; 2,29; *1Thess 2,14. ♦ Zu κερδαίνω, das vorkanonisch hier bezeugt ist, vgl. zum voranstehenden Vers 9,15. ♦ Zur vorkanonisch bezeugten Verbform ὤν vgl. zuvor zu Vers 19 und weiter Vers 21. ♦ Die Verneinung μὴ ὤν steht nur 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 12,30; Lk 11,23; 1Kor 9,20. 21), wobei auffällt, dass gerade an dieser Stelle hier der Teil unbezeugt ist, in welchem die Verneinung steht, und dann wieder im nächsten, unbezeugten Vers. ♦ αὐτός (Nom. Mask. Sg.), das 153 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 2,14; *Kol 1,17, vgl. weiter Vers 27. Zur Rekonstruktion: Bis auf den Mittelteil im Vers, der unbezeugt ist und der auch die Logik des Verses unterbricht, bietet Tertullian den Vers. Ihm folgt die Rekonstruktion. (9,21) ἄνομος steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehend, hingegen findet sich das Adverb ἀνόμως für die vorkanonische Fassung bezeugt (*Röm 2,12). ♦ Zur vorkanonisch bezeugten Verbform ὤν vgl. zuvor zu den Versen 19. 20. ♦ Die Verneinung μὴ ὤν wird hier wiederholt und ist wieder unbezeugt. ♦ ἔννομος ist nur hier und in Apg 19,39 auf der kanonischen Ebene belegt. Zur Abwesenheit: Die fehlende Bezeugung des Verses, dann die Tatsache, dass zwei Kernbegriffe (ἄνομος; ἔννομος) ausschließlich kanonisch belegt sind und die Verneinung μὴ ὤν nur kanonisch belegt ist und im voranstehenden Vers bereits im nichtbezeugten Teil steht, spricht dafür, dass wir es mit diesem Vers hier wie mit der unbezeugten Erweiterung von Vers 20 mit einem Produkt der kanonischen Redaktion zu tun haben und diese Textteile vorkanonisch gefehlt haben. (9,22) Zur hier vorkanonisch bezeugten Form ἐγενόμην, die schon zuvor in Vers 20 begegnet ist, vgl. ebd. ♦ ἀσθενέω, das 47 / 33 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,6. Auch ἀσθενής, das 35 / 26 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,9, *1Kor 1,25. 27; *Röm 5,6. ♦ Zu κερδαίνω, das vorkanonisch hier bezeugt ist, vgl. zu den voranstehenden Versen 9,15. 19. 20. ♦ πᾶσιν, das 91 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,22 28; *Laod 4,6, vgl. zuvor zu Vers 19. ♦ σῴζω steht 112 / 107 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 21; 5,5; 9,22; *2Thess 2,10. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Zwar würde die Lexik auch dafür sprechen, den unbezeugten Teil des Verses mit in die 382 Rekonstruktion <?page no="1261"?> Rekonstruktion aufzunehmen, doch scheint der Einschub, wie bereits der in Vers 20 und dann die Hinzufügung von Vers 21, die Schärfe der Aussage zu mildern, dass *Paulus hier als Jude für die Rettung der Juden, für die unter dem Gesetz (und hier sind wohl Juden und Heiden eingeschlossen, womit *1Kor 1,21-22 aufgegriffen wird) wie für die unter dem Gesetz Befindlichen, d. h. allen Alles geworden ist, um alle zu retten. (9,23) Die Kombination πάντα δέ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanoni‐ schen Ebene. ♦ Die Form ποιῶ steht 22 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,8. ♦ Der Ausdruck διὰ τὸ εὐαγγέλιον steht nur hier. ♦ Zu τοῦτο vgl. zuvor zu Vers 17. ♦ συγκοινωνός steht 4 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene (Röm 11,17; 1Kor 9,23; Phil 1,7; Apk 1,9). Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten, kurzen Vers finden sich Ele‐ mente, die ausschließlich für die kanonische Ebene belegt sind (πάντα δέ; συγκοινωνός). Er wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorka‐ nonisch gefehlt haben. (9,24) Zu οἶδα vgl. zuvor zu Vers 13. ♦ οὐκ οἴδατε ist vorkanonisch bezeugt, wie zu 6,3 gezeigt. ♦ Die Kombination bestimmter Artikel + Präposition + Nomen + Partizip findet sich 29 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 7,32, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 21,23; 2 Mal Joh; 5 Mal Apg; Röm 14,20; 1Kor 9,24; 10,25; 2Kor 5,12; Gal 4,21. 29; Eph 4,24; Phil 3,6; 1Thess 5,3; 1Tim 2,2; Hebr 2,2; 12,25; 2Petr 2,18; 2 Mal Apk). ♦ στάδιον steht 8 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ τρέχω steht 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,2. ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3. ♦ τὸ βραβεῖον ist sonst nur in Phil 3,14 für die kanonische Ebene bezeugt, das Verb βραβεύειν ist Hapax legomenon im NT und nur für Kol 3,15, ebenfalls auf der kanonischen Ebene, bezeugt. ♦ καταλαμβάνω steht 20 / 15 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene nachweisbar. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers findet sich eine Reihe von ausschließlich kanonisch belegten Elementen (Die Kombination Artikel + Präposition + Nomen + Partizip; στάδιον; τὸ βραβεῖον; καταλαμβάνω). Der Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (9,25) Die Kombination πᾶς δέ steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Röm 3,4. ♦ ἀγωνίζομαι steht 8 Mal im NT, ist jedoch nur für die kanonische Ebene belegt, vor allem in den Deutero- und Pseudopaulinen: Joh 18,36; Kol 1,29; 4,12; 1Tim 4,10; 6,12; 2Tim 4,7. Im selben Vers ist auch ἐγκρατεύεσθαι 2 (1Kor) 383 <?page no="1262"?> wichtig, da die einzige sonstige Bezeugung im NT in 1Kor 7,9 auf der kanonischen Ebene gegeben ist. Dies gilt auch, wenn man das zugehörige Nomen ἐγκράτεια dazu nimmt, welches in Apg 24,25, Gal 5,23 und 2Petr 1,6, ausschließlich also auf der kanonischen Ebene begegnet. ♦ ἐκεῖνος, das 265 Mal im NT steht, ist vorkanonisch selten bezeugt für *Ev und *1Kor 10,11; *Laod 2,12, und auch bei Paulus immer wieder in solchen Passagen stehend, die in *Paulus fehlen. ♦ φθαρτός steht 6 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,53. ♦ ἄφθαρτος, das 8 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,52. ♦ Allerdings ist στέφανος, das 25 / 18 Mal im NT steht, wiederum nur für die kanonische Ebene belegt, und auch das Verb στεφανόω, das 5 Mal im NT steht, findet sich nur auf dieser Ebene, und zwar in Pseudopaulinen 2Tim 2,5; Hebr 2,7. 9 und Apg 22,20; Apk 9,7. Zur Abwesenheit: Auch dieser unbezeugte Vers weist Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (πᾶς δὲ; ἀγωνίζομαι; ἐγκρατεύεσθαι; στέφανος). Der Vers wird auf die kanonische Redaktion zurück‐ gehen und vorkanonisch gefehlt haben. (9,26) Die Kombination ἐγὼ τοίνυν steht nur hier im NT. ♦ τοίνυν steht nur 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene in 1Kor 9,26; Hebr 13,13; Jak 2,24. ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten τρέχω, das 20 Mal im NT steht, vgl. zuvor zu Vers 24. ♦ ἀδήλως ist im NT Hapax legomenon, doch das verwandte Nomen ἀδηλότης begegnet sonst nur 1Tim 6,17 und das verwandte Adjektiv ἄδηλος steht in Lk 11,44, einem Vers, der für *Ev wohl in Anspruch genommen werden kann, auch wenn dessen Wortlaut nicht bezeugt ist und der Begriff in 1Kor 14,8 auf der kanonischen Ebene steht. ♦ πυκτεύω ist Hapax legomenon. ♦ ἀήρ, das 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,17; *Laod 2,2. ♦ δέρω, das 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,47. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers weist nur ein Element auf, das aus‐ schließlich kanonisch belegt ist (τοίνυν), allerdings verweist die Wortfamilien des Hapax legomenon ἀδήλως auf die kanonische Ebene. Gleichwohl ist die Lexik hier nicht von großem Gewicht. Der Vers könnte ihr zufolge vorkanonisch präsent gewesen sein. Nimmt man die emphatische Selbsteinführung des Paulus (ἐγὼ τοίνυν οὕτως) wird man den Vers jedoch ebenfalls eher der kanonischen Redaktion zuweisen. (9,27) ἄλλος, das 172 / 155 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ ὑπωπιάζω steht noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (Lk 18,5). ♦ δουλαγωγέω ist Hapax legomenon im NT. ♦ πως, das 15 Mal im NT steht, ist ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ κηρύσσειν ist gut für die vorkanonische Version bezeugt 384 Rekonstruktion <?page no="1263"?> (z. B. *Ev 9,2; *1Kor 1,23; *Gal 2,2). ♦ Zu αὐτός (Nom. Mask. Sg.) vgl. zuvor zu Vers 20. ♦ ἀδόκιμος, das 8 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene belegt (Röm 1,28; 2Kor 13,5. 7; 2Tim 3,8; Tit 1,16; Hebr 6,8). Zur Abwesenheit: Deutlicher als im unbezeugten Vers zuvor begegnet in diesem ebenfalls unbezeugten Vers ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Lexik (ὑπωπιάζω; πως; ἀδόκιμος). Der Vers wird folglich zur kanonischen Redaktion gehören und vorkanonisch gefehlt haben. Insgesamt stechen bei diesem Passus solche Belege hervor, die zu den Schriften gehören, die erst durch die zweite kanonische Redaktion der Samm‐ lung zugewachsen sind. Kapitel 10 10,1 [2] 3-7 [8] 9 [10] 11: Die Warnung der Schrift vor Götzendienst Diese Passage ist recht gut bezeugt, weil sie eine ausdrückliche Lektüre der jüdischen Schrift dokumentiert. Die kanonische Redaktion hat den Text nur an einigen Stellen überarbeitet und leicht erweitert. 10,1 Οὐ θέλω γὰρ ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, ὅτι οἱ πατέρες ἡμῶν ὑπὸ τὴν νεφέλην ἦσαν καὶ πάντες διὰ τῆς θαλάσσης διῆλθον, 10,1 Οὐ θέλω γὰρ ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, ὅτι οἱ πατέρες ἡμῶν πάντες ὑπὸ τὴν νεφέλην ἦσαν καὶ πάντες διὰ τῆς θαλάσσης διῆλθον, - 2 καὶ πάντες εἰς τὸν Μωϋσῆν ἐβαπτίσθησαν ἐν τῇ νεφέλῃ καὶ ἐν τῇ θαλάσσῃ, 3 καὶ πάντες τὸ πνευματικὸν βρῶμα ἔφαγον, 3 καὶ πάντες τὸ αὐτὸ πνευματικὸν βρῶμα ἔφαγον, 4 καὶ πάντες τὸ πνευματικὸν ἔπιον πόμα· ἔπιον γὰρ ἐκ πνευματικῆς ἀκολουθούσης πέτρας· ἡ δὲ πέτρα ἦν ὁ Χριστός. 4 καὶ πάντες τὸ αὐτὸ πνευματικὸν ἔπιον πόμα· ἔπινον γὰρ ἐκ πνευματικῆς ἀκολουθούσης πέτρας· ἡ πέτρα δὲ ἦν ὁ Χριστός. 5 ἀλλ’ οὐκ ἐν τοῖς πλείοσιν αὐτῶν εὐδόκησεν ἐν τῇ ἐρήμῳ. 5 ἀλλ’ οὐκ ἐν τοῖς πλείοσιν αὐτῶν εὐδόκησεν ὁ θεός, κατεστρώθησαν γὰρ ἐν τῇ ἐρήμῳ. 6 ταῦτα δὲ τύποι ἡμῶν ἐγενήθησαν, πρὸς τὸ μὴ εἶναι ἡμᾶς ἐπιθυμητὰς κακῶν, καθὼς καὶ ἐκεῖνοι ἐπεθύμησαν. 6 ταῦτα δὲ τύποι ἡμῶν ἐγενήθησαν, εἰς τὸ μὴ εἶναι ἡμᾶς ἐπιθυμητὰς κακῶν, καθὼς κἀκεῖνοι ἐπεθύμησαν. 7 μηδὲ εἰδωλολάτραι γίνεσθε, καθώς τινες αὐτῶν· ὥς γέγραπται, Ἐκάθισεν 7 μηδὲ εἰδωλολάτραι γίνεσθε, καθώς τινες αὐτῶν· ὥσπερ γέγραπται, Ἐκάθισεν 2 (1Kor) 385 <?page no="1264"?> ὁ λαὸς φαγεῖν καὶ πεῖν, καὶ ἀνέστησαν παίζειν. ὁ λαὸς φαγεῖν καὶ πεῖν, καὶ ἀνέστησαν παίζειν. - 8 μηδὲ πορνεύωμεν, καθώς τινες αὐτῶν ἐπόρνευσαν, καὶ ἔπεσαν μιᾷ ἡμέρᾳ εἴκοσι τρεῖς χιλιάδες. 9 μηδὲ ἐκπειράζωμεν τὸν Χριστόν, - 9 μηδὲ ἐκπειράζωμεν τὸν κύριον, καθώς τινες αὐτῶν ἐπείρασαν, καὶ ὑπὸ τῶν ὄφεων ἀπώλλυντο. - 10 μηδὲ γογγύζετε, καθάπερ τινὲς αὐτῶν ἐγόγγυσαν, καὶ ἀπώλοντο ὑπὸ τοῦ ὀλοθρευτοῦ. 11 ταῦτα δὲ καθῶς συνέβαινεν ἐκείνοις, ἐγράφη δὲ πρὸς νουθεσίαν ἡμῶν, εἰς οὓς τὰ τέλη τῶν αἰώνων κατήντησεν. 11 πάντα δὲ ταῦτα τυπικῶς συνέβαινον ἐκείνοις, ἐγράφη δὲ πρὸς νουθεσίαν ἡμῶν, εἰς οὓς τὰ τέλη τῶν αἰώνων κατήντηκεν. A. *10,1: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 17 (122. 163-164 H.): Οὐ θέλω γὰρ ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, ὅτι οἱ πατέρες ἡμῶν [ἡμῶν 122 VM, H.; ὑμῶν 163 VM, ἡμῶν Holl] ὑπὸ τὴν νεφέλην ἦσαν καὶ πάντες διὰ τῆς θαλάσσης διῆλθον. Adam., Dial. II 18 (im Mund des Adamantius): ὅτι οἱ πατέρες ἡμῶν πάντες ὑπὸ τὴν νεφέλην ἦσαν καὶ πάντες διὰ τῆς θαλάσσης διῆλθον (Rufin: Patres nostri omnes sub nube fuerunt, et omnes mare transierung). Vgl. Ex 13,21-22 LXX: 21 ὁ δὲ θεὸς ἡγεῖτο αὐτῶν, ἡμέρας μὲν ἐν στύλῳ νεφέλης δεῖξαι αὐτοῖς τὴν ὁδόν, τὴν δὲ νύκτα ἐν στύλῳ πυρός· 22 ὁ δὲ θεὸς ἡγεῖτο αὐτῶν, ἡμέρας μὲν ἐν στύλῳ νεφέλης δεῖξαι αὐτοῖς τὴν ὁδόν, τὴν δὲ νύκτα ἐν στύλῳ πυρός· οὐκ ἐξέλιπεν ὁ στῦλος τῆς νεφέλης ἡμέρας καὶ ὁ στῦλος τοῦ πυρὸς νυκτὸς ἐναντίον παντὸς τοῦ λαοῦ. Ex 14,22 LXX: καὶ εἰσῆλθον οἱ υἱοὶ Ισραηλ εἰς μέσον τῆς θαλάσσης κατὰ τὸ ξηρόν, καὶ τὸ ὕδωρ αὐτοῖς τεῖχος ἐκ δεξιῶν καὶ τεῖχος ἐξ εὐωνύμων· ♦ 10,2: Vgl. Adam., Dial. II 18 (im Mund des Adamantius): καὶ πάντες εἰς τὸν Μωϋσῆν ἐβαπτίσθησαν ἐν τῇ νεφέλῃ καὶ ἐν τῇ θαλάσσῃ (Rufin: et omnes in Moysi baptizati sunt in nube et in mari). ♦ *10,3-4: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,9: Ecce posui in Sion lapidem offensionis et petram scandali. Petra autem fuit Christus: etiam Marcion servat; ibid. V 7,12: Ecce enim et in petram offendit caecus Marcion de qua bibebant in solitudine patres nostri. Si enim petra illa Christus fuit, utique creatoris, cuius et populus, cui rei figuram extranei sacramenti interpretatur? Epiph., Pan. 42, sch. 17 (122. 163-164 H.): καὶ πάντες τὸ αὐτὸ πνευματικὸν ἔφαγον βρῶμα, καὶ πάντες τὸ αὐτὸ πνευματικὸν ἔπιον πόμα [καὶ πάντες … πόμα om 122 VM, rest. H.]: ἔπινον γὰρ ἐκ πνευματικῆς ἀκολουθούσης πέτρας: ἡ δὲ πέτρα ἦν ὁ Χριστός; Adam., Dial. II 18 (im Mund des Adamantius): καὶ πάντες τὸ αὐτὸ βρῶμα πνευματικὸν ἔφαγον, καὶ πάντες τὸ αὐτὸ πόμα 386 Rekonstruktion <?page no="1265"?> πνευματικὸν ἔπιον: ἔπινον γὰρ ἐκ πνευματικῆς ἀκολουθούσης πέτρας: ἡ δὲ πέτρα ἦν ὁ Χριστός (Rufin: et omnes eandem escam spiritalem manducauerunt, et omnes eundem potum spiritalem biberunt, bibebant enim de spiritali sequenti petra, petra autem erat Christus? ); (Pseudo-? )Ephr., Erklärung des Evangeliums (9 Schäfers): „Und weil der Name ‚Grundstein‘ nicht fern von ihm ist, sagt der Apostel selbst über den geistigen Felsen, der den Söhnen Israels Trank spendete: ‚Aber jener Fels ist Christus selbst‘.“ Vgl. Ex 16,4 LXX: εἶπεν δὲ κύριος πρὸς Μωυσῆν Ἰδοὺ ἐγὼ ὕω ὑμῖν ἄρτους ἐκ τοῦ οὐρανοῦ, καὶ ἐξελεύσεται ὁ λαὸς καὶ συλλέξουσιν τὸ τῆς ἡμέρας εἰς ἡμέραν, ὅπως πειράσω αὐτοὺς εἰ πορεύσονται τῷ νόμῳ μου ἢ οὔ; Ex 17,6 LXX: ὅδε ἐγὼ ἕστηκα πρὸ τοῦ σὲ ἐκεῖ ἐπὶ τῆς πέτρας ἐν Χωρηβ· καὶ πατάξεις τὴν πέτραν, καὶ ἐξελεύσεται ἐξ αὐτῆς ὕδωρ, καὶ πίεται ὁ λαός μου. ἐποίησεν δὲ Μωυσῆς οὕτως ἐναντίον τῶν υἱῶν Ισραηλ. ♦ *10,5: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,12: ecce autem et in petram offendit caecus Marcion, de qua bibebant in solitudine patres nostri, si enim petra illa Christus fuit; Epiph., Pan. 42, sch. 17 (122. 163-164 H.): ἀλλ’ οὐκ ἐν τοῖς πλείοσιν αὐτῶν εὐδόκησεν; Num 11,4 LXX: Καὶ ὁ ἐπίμικτος ὁ ἐν αὐτοῖς ἐπεθύμησαν ἐπιθυμίαν, καὶ καθίσαντες ἔκλαιον καὶ οἱ υἱοὶ Ισραηλ καὶ εἶπαν Τίς ἡμᾶς ψωμιεῖ κρέα. ♦ *10,6: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,12: An ut hoc ipsum doceret figurata fuisse vetera in Christum ex illis recensendum? Nam et reliquum exitum populi decursurus praemittit, Haec autem exempla nobis sunt facta; Epiph., Pan. 42, sch. 17 (122 H.): ταῦτα δὲ τύποι ἡμῶν ἐγενήθησαν, πρὸς τὸ μὴ εἶναι ἡμᾶς ἐπιθυμητὰς κακῶν, καθὼς κἀκεῖνοι ἐπεθύμησαν; (163-164 H.): ταῦτα δὲ τύποι ἡμῶν ἐγενήθησαν, πρὸς τὸ μὴ εἶναι ἡμᾶς ἐπιθυμητὰς κακῶν, καθὼς καὶ ἐκεῖνοι ἐπεθύμησαν. ♦ *10,7: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 17 (122. 163-164 H.): 7 μηδὲ εἰδωλολάτραι γίνεσθε, καθώς τινες αὐτῶν: ὡς [καθὼς 164 VM, H.] γέγραπται, Ἐκάθισεν ὁ λαὸς φαγεῖν καὶ πιεῖν, καὶ ἀνέστησαν παίζειν. Vgl. Ex 32,6 LXX: ἐκάθισεν ὁ λαὸς φαγεῖν καὶ πιεῖν καὶ ἀνέστησαν παίζειν. ♦ *10,9. 11: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 17,13-14: [13] … De illo me terret sibi a quo fidem meam transfert. Meliorem me illi adversarius faciet? Iam si deliquero eadem quae et populus, eademne passurus sum, an non? Atquin si non eadem, vane mihi timenda proponit quae non sum passurus. Passurus autem a quo ero? Si a creatore, qualia infligere ipsius est? et quale erit ut peccatorem aemuli sui puniat magis quam e contrario foveat deus zelotes? Si ab illo deo, atquin punire non novit. Ita tota ista propositio apostoli nulla ratione consistit, si non ad disciplinam creatoris est. [14] Denique et in clausula praefationi respondet. Haec autem quemadmodum evenerunt illis, scripta sunt ad nos commonendos, in quos fines aevorum decucurrerunt; Epiph., Pan. 42, sch. 17 (122. 163-164 H.): μηδὲ ἐκπειράζωμεν τὸν Χριστόν, ἕως ὅπου [ὅπου aus ἕως ὅπου Vc, ὅπου M] λέγει ταῦτα δὲ τυπικῶς συνέβαινεν ἐκείνοις, ἐγράφη δὲ [ἐκείνοις, ἐγράφη δέ, 2 (1Kor) 387 <?page no="1266"?> 150 Vgl. hierzu U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 162-163. Schmid zeigt, dass die kanonische Textform diejenige ist, die für die *10-Briefe-Sammlung anzunehmen ist und dass „Epiphanius selbst oder einer seiner Hilfskräfte eine ihm eigentümliche Text‐ form“ eingebracht und bei der zweiten Anführung „noch einmal verändert (verkürzt)“ hat. om 122, rest H.] 150 ἡμῖν, καὶ τὰ ἑξῆς-… ἐγράφη δὲ ἡμῖν εἰς νουθεσίαν. Num 21,6 LXX: καὶ ἀπέστειλεν κύριος εἰς τὸν λαὸν τοὺς ὄφεις τοὺς θανατοῦντας, καὶ ἔδακνον τὸν λαόν, καὶ ἀπέθανεν λαὸς πολὺς τῶν υἱῶν Ισραηλ. Vgl. auch Adam., Dial. II 18 (im Mund des Adamantius): Πρωτότυπον ὁμολογεῖ ὁ ἀπόστολος τὸν νόμον τοῦ εὐαγγελίου. λέγων· ταῦτα μὲν τύπος συνέβαινεν ἐκείνοις, ἐγράφη δὲ πρὸς νουθεσίαν ἡμῶν. MK. Οὐχ οὕτως γέγραπται, [οὐ] λέγει γάρ· ταυτ’ ἀτύπως συνέβαινεν ἐκείνοις, ἐγράφη δὲ πρὸς νουθεσίαν ἡμῶν (Rufin: Ad. d.: Sed et typum dicit apostolus esse, id est figuram uel formam, legem eorum quae in euangeliis habentur, dicents: Haec autem omnia in typo contingebant illis, scripta autem sunt propter nos. Marc. d.: Non est sic scriptum in codice nostro, sed ita dicit: Haec sine typo contingebant illis, scripta sunt autem ad commonitionem nostram). Vgl. auch Orig., Hom. VII 1 in Num.: Sicut Apostolus dicit: haec omnia in figura contigerunt illis, scripta sunt autem propter commonitionem nostram … Videamus ergo, quis est, qui derogat Moysi, quis de eo male loquitur. Non solum Iudaeus, sed et haeretici, qui non recipiunt legem et prophetas, etiam ipsi detrahunt de Moyse. Denique solent ei etiam crimen impingere dicentes quia homicida fuit Moyses, interfecit enim Aegyptium, et alia multa vel in ipsum vel in prophetas blasphemo ore concinnant. Vgl. Num 21,4-6 LXX: 4 Καὶ ἀπάραντες ἐξ Ωρ τοῦ ὄρους ὁδὸν ἐπὶ θάλασσαν ἐρυθρὰν περιεκύκλωσαν γῆν Εδωμ· καὶ ὠλιγοψύχησεν ὁ λαὸς ἐν τῇ ὁδῷ. 5 καὶ κατελάλει ὁ λαὸς πρὸς τὸν θεὸν καὶ κατὰ Μωυσῆ λέγοντες ῞Ινα τί ἐξήγαγες ἡμᾶς ἐξ Αἰγύπτου ἀποκτεῖναι ἡμᾶς ἐν τῇ ἐρήμῳ; ὅτι οὐκ ἔστιν ἄρτος οὐδὲ ὕδωρ, ἡ δὲ ψυχὴ ἡμῶν προσώχθισεν ἐν τῷ ἄρτῳ τῷ διακένῳ. 6 καὶ ἀπέστειλεν κύριος εἰς τὸν λαὸν τοὺς ὄφεις τοὺς θανατοῦντας, καὶ ἔδακνον τὸν λαόν, καὶ ἀπέθανεν λαὸς πολὺς τῶν υἱῶν Ισραηλ. Num 14,2 LXX: καὶ διεγόγγυζον ἐπὶ Μωυσῆν καὶ Ααρων πάντες οἱ υἱοὶ Ισραηλ, καὶ εἶπαν πρὸς αὐτοὺς πᾶσα ἡ συναγωγή ῎Οφελον ἀπεθάνομεν ἐν γῇ Αἰγύπτῳ, ἢ ἐν τῇ ἐρήμῳ ταύτῃ εἰ ἀπεθάνομεν; 16,11 LXX: οὕτως σὺ καὶ πᾶσα ἡ συναγωγή σου ἡ συνηθροισμένη πρὸς τὸν θεόν· καὶ Ααρων τίς ἐστιν ὅτι διαγογγύζετε κατ᾽ αὐτοῦ. ♦ *10,10b: Vgl. Joh 6, 31-33. 48-51: 31 οἱ πατέρες ἡμῶν τὸ μάννα ἔφαγον ἐν τῇ ἐρήμῳ, καθώς ἐστιν γεγραμμένον, Ἄρτον ἐκ τοῦ οὐρανοῦ ἔδωκεν αὐτοῖς φαγεῖν. 32 εἶπεν οὖν αὐτοῖς ὁ Ἰησοῦς, Ἀμὴν ἀμὴν λέγω ὑμῖν, οὐ Μωϋσῆς δέδωκεν ὑμῖν τὸν ἄρτον ἐκ τοῦ οὐρανοῦ, ἀλλ’ ὁ πατήρ μου δίδωσιν ὑμῖν τὸν ἄρτον ἐκ τοῦ οὐρανοῦ τὸν ἀληθινόν· 33 ὁ γὰρ ἄρτος τοῦ θεοῦ ἐστιν ὁ 388 Rekonstruktion <?page no="1267"?> 151 Vgl. G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 112. 152 Vgl. H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 153 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 126, 232, 237; J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 90-91. καταβαίνων ἐκ τοῦ οὐρανοῦ καὶ ζωὴν διδοὺς τῷ κόσμῳ. … 48 ἐγώ εἰμι ὁ ἄρτος τῆς ζωῆς. 49 οἱ πατέρες ὑμῶν ἔφαγον ἐν τῇ ἐρήμῳ τὸ μάννα καὶ ἀπέθανον· 50 οὗτός ἐστιν ὁ ἄρτος ὁ ἐκ τοῦ οὐρανοῦ καταβαίνων ἵνα τις ἐξ αὐτοῦ φάγῃ καὶ μὴ ἀποθάνῃ. 51 ἐγώ εἰμι ὁ ἄρτος ὁ ζῶν ὁ ἐκ τοῦ οὐρανοῦ καταβάς· ἐάν τις φάγῃ ἐκ τούτου τοῦ ἄρτου ζήσει εἰς τὸν αἰῶνα· καὶ ὁ ἄρτος δὲ ὃν ἐγὼ δώσω ἡ σάρξ μού ἐστιν ὑπὲρ τῆς τοῦ κόσμου ζωῆς. B. (10,2) Anstelle von Μωϋσῆν ἐβαπτίσθησαν finden sich μωυσέα ἐβαπτίζοντο in P 46* , μωυσέα ἐβαπτίσαντο in P 46c , μωσὴν ἐβαπτίσθησαν in 01, 02, μωυσὴν ἐβαπτίσαντο in 03, 018, 020, 025, 1175, 1241, 1739, 1881, M, Or. 151 ♦ (10,3) Anstelle von τὸ αὐτὸ πνευματικὸν βρῶμα ἔφαγον heißt es τὸ πνευματικὸν βρῶμα ἔφαγον in P 46 ; πνευματικὸν βρῶμα ἔφαγον in 01*, τὸ αὐτὸ βρῶμα πνευματικὸν ἔφαγον in 01 c2 ; τὸ πνευματικὸν ἔφαγον βρῶμα in 02. ♦ (10,4) αὐτό om P 46 , 02. ♦ Anstelle von ἔπινον liest P 46 ἔπιον. ♦ πέτρα δέ in dieser Reihenfolge auch 01, 03, 06* .2 , 010, 012, 629, 1739, die umgekehrte Reihenfolge in P 46 , 01, 04, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M. ♦ (10,5) ὁ θεός om Epiphanius, so auch 257, 1610, Cl, Ir lat . ♦ (10,8) Post ἔπεσαν add ἐν in 01 2 , 02, 04, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, vg ms , Ir lat , om in P 46 , 01*, 03, 06*, 010, 012, lat Ambst. ♦ (10,9) Χριστόν steht in den Zeugen P 46 , 06, 010, 012, 018, 020, 044, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, M, latt, sy, sa, bo, co, Ir lat , Or 1739mg , und in der altlateinischen Tradition, etwa 75, 76, 89; κύριον hingegen in 01, 03, 04, 025, 33, 104, 326, 365, 1175, 2464, sy hmg , θεόν 152 Meyboom, Zuntz und Clabeaux halten Χριστον 153 ♦ Die Form ἐξεπείρασαν ist belegt durch P 46 , 01, 04, 06*, 010, 012, 025, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, Or 17739mg , während die kanonische Form belegt ist durch die Zeugen 01, 02, 06 2 , 018, 020, 044, 1241, 1505, M. Wie NA 28 hier die kanonische Form bietet, gibt es keine Konsistenz in der Auswahlentscheidung von NA 28 . Wäre man wie beim vorausliegenden Fall für die älteste Variante gegangen, hätte man die Variante ἐξεπείρασαν wählen müssen. ♦ Die Aoristzeitform ἀπώλοντο findet sich bezeugt in 04, 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 33, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, (1881), 2464, M, während das Imperfekt auf der kanonischen Ebene zu finden ist in den Zeugen (P 46 ), 01, 02, 03, 81, Or 1739mg . Auch hier gilt die zuvor gemachte Bemerkung zu 2 (1Kor) 389 <?page no="1268"?> 154 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 166. 155 Vgl. zur Duplikationstendenz die Einleitung, I, S.-563-568. 156 L. Cope, First Corinthians 8-10: Continuity or Contradiction? (1990); W.O. Walker, Interpolations in the Pauline letters (2001), 232-236. NA 28 . ♦ (10,10) Die erste Person Plural γογγύζωμεν ist bezeugt durch 01, 06, 010, 012, 33, bo und die altlateinische Tradition: 75, 76 bieten murmuremur, 77 bietet hingegen murmurauerunt; die zweite Person Plural hingegen durch 02, 03, 04, 018, 020, 025, 044, 81, 104, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, sa, Ir lat . ♦ Anstelle von καθάπερ wird die Variante καθώς geboten in 02, 04, 06, 010, 012, 044, 6, 33, 81, 104, 630, 1175, 1505, 1739, 1881, 2464, καθὼς καί steht in 018, 020, 1241, M, die kanonische Form findet sich in P 46 , 01, 03, 025. ♦ (10,11) πάντα om 02, 03, 33, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, sa, Spec; add in 01, 06, 010, 012, 81, bo? , Ir arm.lat pt ; ταῦτα δὲ πάντα steht in 04, 018, 020, 025, 044, 104, 365, 1241, 1505, M, lat sy bo? Die Version ohne πάντα hält Zuntz für die 154 ♦ τῶποι (τυπικως 02, 044) συνέβαινον schreiben 02, 06, 010, 012, 020, 044, 365, 1241, M, sy h , Ir arm ; τυπικῶς συνέβαινεν (ἔβαινεν P 46 ) heißt es in P 46vid , 01, 03, 04, 020, 025, 33, 81, 104, 630, 1175, 1505, 1739, 1881, 2464, latt, sy hmg , Ir lat , Or, Epiph. ♦ Anstelle von κατήντηκεν findet sich die Aoristform κατήντησεν sich in 02. C. 1. (10,1) Epiphanius gibt in diesem Scholion nicht nur Vers 1, sondern in einem Zusammenhang auch die Verse 3-5a, 6-11. Vgl. auch Tert., Adv. Marc. III 5. Alle Editoren sehen den ersten Vers bezeugt, Zahn und Harnack sehen ihn in der kanonischen Form vorhanden, obwohl Epiphanius zwei Mal bei der Anführung dieses Scholions das erste πάντες nicht bietet. Schmid klammert folglich dieses πάντες ein. BeDuhn ist deutlicher und lässt den Begriff in seiner Übersetzung aus. In der Tat scheint die Wiederholung des πάντες auf das Konto der für Duplikationen bereits bekannten kanonischen Redaktion zu gehen. 155 Wieder ist auffallend, dass es für diese vorkanonische bezeugte Passage Stimmen gibt, die 1Kor 10,1-22, als ganzes als Interpolation betrachten. 156 2. (10,2) Was die Bezeugung dieses Verses betrifft, schwanken die Editoren. Denn Epiphanius hat diesen Vers an beiden Stellen, an denen er das Scholion anführt, übergangen, und in seinem Elenchus hierzu auf das „Missverständnis“ (φρενοβαβλεῖα) Markions hingewiesen, wonach Markion behaupte, „Christus sei den Geschehen des Gesetzes fremd“ (ἀλλότριον φάσκειν τὸν Χριστὸν τῶν ἐν νόμῳ γενομένων). Damit macht Epiphanius deutlich, dass Markion Vers 2 über‐ gangen hat, in welchem auf das Taufgeschehen durch Mose eingegangen wird. 390 Rekonstruktion <?page no="1269"?> 157 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 508. 158 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 112. 159 J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 89-90. Adamantius nutzt in seiner antimarkionitischen Argumentation gerade diesen Vers, um ihn wie Epiphanius gegen Markion anzuführen, Paulus habe ja von Mose und dem Gesetz gesprochen und damit Christus dem Gesetz zugeordnet. Zahn deutet den Befund jedoch anders. Er verweist auf Adamantius und meint, Epiphanius habe diesen Vers vielleicht „nur der Kürze wegen ausgelassen“. 157 Warum aber zitiert Epiphanius dann vollständig die Verse 1, 3-5a? Auch Harnack verlässt sich auf Adamantius und gibt den Vers in der kanonischen Form. Zuntz sieht den Vers ebenfalls für Markion bezeugt. 158 Schmid weicht hiervon zu Recht ab und gibt den Vers als unbezeugt, doch BeDuhn kehrt zurück zu Harnack. Auffallend sind die Varianten für μωυσην εβαπτισθησαν. Clabeaux hält εβαπτισθησαν für ursprünglich. 159 Tertullian setzt mit seiner Bezugnahme in Adv. Marc. V 7,12 erst mit Vers 3 an. Vers 2 bietet außerdem eine für die kanonische Ebene typische Duplikation (Vers 1: ὑπὸ τὴν νεφέλην ἦσαν καὶ πάντες διὰ τῆς θαλάσσης διῆλθον, Vers 2: ἐν τῇ νεφέλῃ καὶ ἐν τῇ θαλάσσῃ). 3. (10,3-4) Hilgenfeld sieht die Verse als präsent. Zahn sieht die Verse 3 und 4 als bezeugt an und ändert mit Epiphanius die Wortstellung zu ἔφαγον βρῶμα, Harnack ebenfalls, doch er folgt mit der Wortstellung βρῶμα πνευματικὸν ἔφαγον und πόμα πνευματικὸν ἔπιον weder Epiphanius noch dem kanonischen Text, übernimmt aber von Epiphanius und Adamantius die Stellung des δὲ. Schmid folgt Epiphanius, so auch BeDuhn. Für Vers 3 bietet Epiphanius eine größere Auslassung bei seiner ersten Anführung des Textes (καὶ πάντες … πόμα om 122 VM), doch Schmid hat zu Recht darauf hingewiesen, dass die Widerlegung später zeigt, dass der Passus vorausgesetzt wird. Dass der Passus jedoch in der ersten Liste fehlt, dann aber in der zweiten vorhanden ist und auch noch in der Gegenargumentation eine Rolle spielt, kann meines Erachtens am leichtesten erklärt werden, wenn man es als Parablepsis eines Schreibers erläutert, der vorausliegende Text folglich sowohl in der ersten wie der zweiten Liste diesen Passus geboten hatte. Aus der übereinstimmenden Auslassung jedoch von Vers 2 wird man wohl wie Schmid urteilen, dass die zweite Anführung mit Vers 3 wohl der *10-Briefe-Sammlung entspricht (ein Druckfehler bei Schmid - er schreibt hier „(Parablepsis) V. 2“ führt die Leserschaft zunächst zur Verwirrung, doch aus seiner Argumentation 2 (1Kor) 391 <?page no="1270"?> 160 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 232. 161 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 103. mit Verweis auf die zweite Anführung wird deutlich, dass er V. 3 gemeint haben muss. Nun finden sich Variationen für das kanonische τὸ αὐτὸ πνευματικὸν βρῶμα ἔφαγον. Nach dem Prinzip, dass die vom kanonischen Text am weitesten entfernte Lesart die für die vorkanonische Version am wahrscheinlichsten ist, wird hier dem ältesten Zeugen P 46 , trotz der direkten Bezeugung durch Epiphanius gefolgt. Auch in Vers 4 fehlt in P 46 und 02 das αὐτό, weshalb es auch hier weggelassen wird. P 46 ist nochmals wichtig für die Aoristlesart ἔπιον anstelle des Imperfekts ἔπινον. Zu beachten ist auch die Wortumstellung zu ἡ δὲ πέτρα in Epiphanius, das auch in einer großen Anzahl von handschriftlichen Zeugen steht. 4. (10,5) Zahn sieht Teile von Vers 5 bezeugt, Harnack gibt als bezeugt nur, was Epiphanius anführt. Schmid verweist aber auf Tertullian und sieht darum ἀλλ’ οὐκ ἐν τοῖς πλείοσιν αὐτῶν εὐδόκησεν (ὁ θεός, κατεστρώθησαν γὰρ) ἐν τῇ ἐρήμῳ bezeugt. Die Auslassung von ὁ θεός durch Epiphanius spiegelt sich auch in einigen handschriftlichen Zeugen und Vätern. Dadurch wird Christus zum Subjekt von εὐδόκησεν, was Zuntz für die ursprüngliche Lesart hält. 160 Ihm schließt sich BeDuhn an und gibt darum den ersten Teil des Verses und aus dem zweiten Teil nur eine Übersetzung für ἐν τῇ ἐρήμῳ, deutet aber mit Auslassungszeichen an, dass er mehr Text vermutet. 5. (10,6) Hilgenfeld, Meyboom und Zahn sehen den Vers anwesend im Wortlaut, den Epiphanius gibt, Harnack ebenfalls, schreibt jedoch anstelle von καὶ ἐκεῖνοι/ κἀκεῖνοι nur ἐκεῖνοι. Schmid gibt als bezeugt das Epiphaniuszitat mit κἀκεῖνοι. BeDuhn schließt sich ihm an. Zu bedenken ist die unterschiedliche Form des ἡμῶν-nobis nach Hilgenfeld, BeDuhn und Schmid. 161 6. (10,7) Hilgenfeld und Zahn sehen den Vers wie von Epiphanius gegeben bezeugt, so auch Harnack, Schmid und BeDuhn. 7. (10,8) Dieser Vers ist nach allen Editoren unbezeugt, auch wenn Zahn den Vers in irgendeiner Form anwesend sieht, das deutet auch Harnack mit Auslas‐ sungszeichen an. BeDuhn schließt die Übersetzung des Verses in Klammern in seinen Text ein. Es stellt sich die Frage, ob die fehlende Bezeugung in diesem Fall An- oder Abwesenheit bedeutet. Auch hier müssen wir wieder auf den lexigraphischen Vergleich rekurrieren. 8. (10,9. 11) Der letzte Teil des Epiphaniuszitats stammt aus Epiphanius’ Wi‐ derlegung, dem zum Scholion zugehörigen Elenchus, und man meint zunächst, 392 Rekonstruktion <?page no="1271"?> 162 L. Cope, First Corinthians 8-10: Continuity or Contradiction? (1990). als zitiere Epiphanius hier nicht aus Markions *Paulussammlung, sondern aus dem „ganzen“ Paulus, also der kanonischen Version, was den Eindruck erweckt, der Vers habe wie im Scholion mit ἡμῖν geendet. Vergleicht man Tertul‐ lian, könnte Epiphanius hier auch lediglich apologetisch zuspitzend formuliert haben. Andererseits schließt der von Epiphanius zitierte Text mit dem Verweis συνέβαινεν ἐκείνοις gut an, der ohne Vers 10 sich dann auf das Ende von Vers 7 bezieht. Hilgenfeld sieht die Verse 9 und 11 durch Epiphanius und lediglich Vers 11 durch Adamantius und Tertullian bezeugt, und er schreibt die tertulliansche Variante καθῶς „der Flüchtigkeit Tertullians“ zu. Meyboom sieht anstelle von τύποι das τυπικῶς stehen und anstelle von ἡμῶν ein ἡμῖν. Zahn sieht die Verse bezeugt bis auf Vers 11, den er wiedergibt als ταῦτα δὲ καθὼς συνέβαινεν ἐκείνοις, ἐγράφη δὲ πρὸς νουθεσίαν ἡμῶν. Harnack berücksichtigt jedoch Adamantius und notiert folglich für Vers 11: ταῦτ’ ἀτύπως (καθώς) συνέβαινεν ἐκείνοις, ἐγράφη δὲ πρὸς νουθεσίαν ἡμῶν, εἰς οὓς τὰ τέλη τῶν αἰώνων κατήντησεν. Schmid gibt ταῦτα δὲ τυπικῶς συνέβαινεν ἐκείνοις, ἐγράφη δὲ πρὸς νουθεσίαν ἡμῶν, εἰς οὓς τὰ τέλη τῶν αἰώνων κατήντηκεν. BeDuhn übersetzt die Verse 9-10 nach dem kanonischen Text, den Vers 11 nach Schmid. Die Passage 1Kor 10,1-22 wurde als Interpolation angesehen von Colpe. 162 Nun scheinen aber Tertullian und der markionitische Dialogpartner den‐ selben Text vor sich zu haben. Tertullian weiß nichts von typologischer Inter‐ pretation, der Markionit Markus bestreitet, dass der Text, wie von Adamantius zitiert, hier von Typoi oder typologischer Deutung spricht, folglich scheint Zahn noch mehr als Harnack bei seiner Rekonstruktion richtig zu liegen. 9. (10,9) Wie Epiphanius verdeutlicht, habe Markion an die Stelle von κύριον den Namen Χριστόν gesetzt, dem entspricht dann auch, dass wir beide Formen in den Zeugen finden. Dieser Fall ist ein gutes Beispiel für die Zuordnung von Zeugen zu einer der beiden Fassungen. Wie bereits oft festgestellt, stehen P 46 und vor allem 06, 010, 012, 018, 020, 044 und einige der nachfolgenden Zeugen, dann auch M, sy, co als typische Tradenten der Fassung, die Epiphanius mit der Markions identifiziert. Umgekehrt dürfte darum κύριον mit den Zeugen die kanonische Fassung repräsentieren. Da NA 28 nun gerade die markionitische Lesart in den Text genommen hat, zeigt sich, dass in dieser Edition nicht der Versuch unternommen wird, die kanonische Redaktionsstufe wiederzugeben. Man wird also oben in den Text der kanonischen Ebene κύριον zu setzen haben. 2 (1Kor) 393 <?page no="1272"?> D. (10,1) Die Eröffnung Οὐ θέλω steht 11 Mal im NT, ist jedoch nur hier vorkanonisch bezeugt (kanonische Präsenz: Mt 15,32; 21,29; Röm 1,13; 7,16. 19. 20; 1Kor 10,1. 20; 12,1; 16,7; 3Joh 1,13). ♦ ἀγνοέω steht 23 / 22 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 12,1. ♦ πατέρες, das im Plural 20 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,23. 26; 11,47; *1Kor 10,1; *Laod 6,4. ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3, vgl. weiter zu den Versen 2. 3. 4. 17. ♦ νεφέλη steht 27 / 25 Mal im NT und ist weiter vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Thess 4,17. ♦ Zur Verbform ἦσαν, die 96 Mal im NT steht und weiter vorkanonisch bezeugt ist für *Ev 4,27; 24,13. ♦ Die Kombination καὶ πάντες steht 23 Mal im NT, Lk 4,22, in einem Vers, der in *Ev fehlt, πάντες, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,1.3. 4, vgl. zuvor zu den Versen 2. 3. 4 und 17. ♦ θάλασσα steht 99 / 91 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev. ♦ διέρχομαι steht 46 / 43 Mal im NT, vorkanonisch weiter evtl. bezeugt für *Ev 9,6 (Adamantiuszeugnis). Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius. Es ist bemer‐ kenswert und stützt die lexikalischen Beobachtungen, dass bis auf die Eröffnung Οὐ θέλω das etwas unsichere Adamantiuszeugnis für διέρχομαι alle Begriffe auch weiter vorkanonisch bezeugt sind. (10,2) Zu πάντες vgl. zuvor zu Vers 1 und weiters zu den Versen 3. 4. 17. ♦ Μωϋσῆς, der 79 / 80 Mal im NT steht und vorkanonisch bezeugt ist für *Ev und *2Kor 3,7. 13. ♦ βαπτίζω steht 90 / 77 Mal im NT, sehr häufig im Sinn „von Taufen“, das in diesem Sinn jedoch nicht auf der vorkanonischen Ebene begegnet, wo das Verb lediglich im Sinne von Reinigen (vor dem Essen) in *Ev 11,38 zu finden ist. ♦ Zu νεφέλη und θάλασσα vgl. zum voranstehenden Veres 10,1. Zur Abwesenheit: Zur fehlenden Bezeugung und dem Kommentar des Epipha‐ nius kommt die Semantik des Begriffs βαπτίζω, der diesen Vers der kanonischen Redaktion zuordnet. Er hat vorkanonisch gefehlt. (10,3) Die Kombination καὶ πάντες steht 23 Mal im NT, Lk 4,22, in einem Vers, der in *Ev fehlt, πάντες, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,1.3. 4, vgl. zuvor zu den Versen 1. 2 und weiters zu den Versen 4 und 17. ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch lediglich bezeugt für *2Kor 3,14; 4,13, vgl. weiter Vers 4. ♦ πνευματικός steht 28 / 26 Mal im NT, vorkanonische bezeugt für *1Kor 10,3. 4; 12,1; 14,1; 15,46; *Röm 7,14; *Laod 6,12. ♦ βρῶμα, das 18 / 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,13 (? ); *1Kor 10,3. ♦ Die Form ἔφαγον steht 11 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt (3 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 9,17; 4 Mal Joh; 1Kor 10,3). 394 Rekonstruktion <?page no="1273"?> Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius unter Berück‐ sichtigung der Handschriftenvarianten, wie in C. dargelegt. (10,4) Wieder steht die Eröffnungsformel καὶ πάντες vorkanonisch bezeugt wie im voranstehenden Vers, vgl. dort. ♦ Auch das πνευματικός stand bereits in diesem Vers. ♦ αὐτό (Nom. / Akk. neut. Sg), vgl. zuvor zu Vers 3. ♦ πίνω findet sich 114 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,4. 7; Röm 14,21. ♦ Die Form ἔπιον steht nur noch ein Mal Mk 14,23. ♦ πόμα steht 2 Mal im NT, das andere Mal auf der kanonischen Ebene (Hebr 9,10). ♦ Die Form ἔπινον steht noch zwei Mal im NT, Lk 17,27. 28. ♦ Die Form ἀκολουθέω steht 104 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev. ♦ πέτρα steht 17 / 15 Mal im NT, vorkanonisch hier bezeugt für *1Kor 10. ♦ Die Kombination von Definitivartikel + δέ + Nomen begegnet 7 Mal im vorkanonischen Paulus *1Kor 10,4; 14,22; *2Kor 3; 6; 12,9; *Röm 8,6; 8,10; *Kol 2,17. ♦ Die Verbform ἦν, die 301 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,4; *Phil 3,7. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius unter Berück‐ sichtigung der Handschriftenvarianten und dem Zeugnis Tertullians. (10,5) Die Kombination ἀλλ’ οὐκ steht 34 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung, weiter vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *1Kor 10,5; im Vers für *Röm 4,2; 10,2. ♦ πλείων, das 66 Mal im NT steht, ist hier vorkanonisch bezeugt. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15, vgl. weiter die Verse 7. 8. 9. 10. ♦ εὐδοκέω steht 22 / 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,15; *1Kor 1,21; 10,5; *2Kor 5,8; *2Thess 2,12; *Kol 1,19. ♦ καταστρώννυμι ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἐρῆμος steht 53 / 48 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und die Stelle hier. Zur Rekonstruktion: Hier ergänzen sich die beiden Zeugen Epiphanius und Tertullian. Der Text wird von der Lexik gestützt. (10,6) ταῦτα, das 242 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,18; *1Kor 9,8; 10,11; *Phil 3,7, vgl. weiter unten zu Vers 11. ♦ Die Eröffnungsformel ταῦτα δέ steht 3 Mal im NT, vorkanonisch wieder bezeugt für 1Kor 10,11, dann kanonisch noch zu finden neben den Parallelstellen in Joh 20,31. ♦ τύπος steht 17 / 15 Mal im NT, ansonsten jedoch auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form ἐγενήθησαν steht 6 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ Die Formel πρὸς τὸ μή steht 3 Mal im NT und ist weiter vorkanonisch bezeugt in *2Kor 4,4; vgl. zu 9,18. ♦ Der Infinitiv εἶναι steht 125 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ Die Variante κἀκεῖνος steht 23 Mal im NT, überhaupt nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Hingegen die von Epiphanius gelesene Variante ἐκεῖνος, die 265 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,6. 11; *Laod 2,12. 2 (1Kor) 395 <?page no="1274"?> ♦ ἐπιθυμητής ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἐπιθυμέω steht 16 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,6. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt Epiphanius unter Berücksichtigung Tertul‐ lians. (10,7) μηδέ steht 63 / 56 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,7. 9; *Kol 2,21. ♦ εἰδωλολάτρης steht 7 Mal im NT und ist vorkanonisch nur hier bezeugt ist. ♦ Die Form γίνεσθε steht 24 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,18. ♦ τινες (Nom. Fem. / Mask. Pl.) steht 79 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 10,7; *Phil 1,15, vgl. weiter die Verse 8. 9. 10. ♦ Die Variante auf kanonischer Ebene ὥσπερ steht 43 / 36 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,22; *Röm 5,21. ♦ λαός steht 151 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,7; 14,21. ♦ Zu πίνω vgl. zuvor zu Vers 4 und nachfolgend die Verse 21 und 31, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,4. 7; Röm 14,21. ♦ ἀνίστημι steht 131 / 108 Mal im NT, etwa Lk 1,39; 2,34; 4,16. 38. 39; 11,32; 15,18. 20; 18,33; 24,12. 46, in Versen, die in *Ev fehlen, in Lk 9,22 steht nach dem Zeugnis des Epiphanius in *Ev ἐγερθῆναι, was wohl korrekt ist (pace Klinghardt, der hier ἀνασθῆναι wählt) (vermutlich ist auch in 24,7 nicht ἀναστῆναι zu wählen, sondern ἐγερθῆναι, auch wenn wir hier keine Varianten in den Textzeugen haben). Doch schon Klinghardt hatte zur Stelle überlegt, ob ἀνασθῆναι nicht vielleicht auf die kanonische Redaktion zurückzuführen sei. Und, wie wir hier sehen, ist der Befund tatsächlich einheitlicher, als von Klinghardt vermutet. Auffallenderweise ist der Terminus vorkanonisch bezeugt als Substantiv (*Ev 20,27. 33. 35. 36) und als Verb lediglich im nichttheologischen Sinn für das Aufstehen (etwa vom Stuhl) eines Menschen, *Ev 10,25; die vorkanonischen Ausnahme sind *1Kor 15,25; *1Thess 4,16 und *Laod 5,14, wo das Verb im Sinne des „Aufstehens von den Toten“ benutzt wird, wobei das Verb überhaupt selten bei (*)Paulus zu finden ist, während es immer wieder auf der kanonischen Ebene begegnet, insbesondere in der Apostelgeschichte. ♦ παίζω ist Hapax legomenon im NT. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius bis auf ἔστε das anstelle des von ihm angeführten γίνεσθε gesetzt wird. (10,8) Zu dem vorkanonisch bezeugten μηδέ vgl. zuvor zu Vers 7. ♦ Während πορνεία für beide Versionen gut belegt ist, wurde bereits oben festgestellt, dass das Verb πορνεύω der kanonischen Redaktionsstufe zugehört, vgl. 6,18. ♦ Ebenfalls ein Begriff der kanonischen Redaktion ist πίπτω, das 112 / 90 Mal im NT bezeugt ist, vorkanonisch von Klinghardt nur 2 Mal durch das unsichere Zeugnis des Adamantius für *Ev 10,18; 16,21 in Anspruch genommen, vgl. weiter Vers 12. ♦ Zu τινες (Nom. Fem. / Mask. Pl.) vgl. zuvor zu Vers 7 und danach Verse 9. 10. ♦ Die Kombination 396 Rekonstruktion <?page no="1275"?> καθώς τινες steht 3 Mal im NT, nur hier in den Versen 1Kor 10,7. 8. 9, im ersten vorkanonisch bezeugt, d. h. es ist eine vorkanonische Formulierung, die sich sonst kaum durchgesetzt hat. ♦ χιλιάς steht 25 / 23 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeug. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers weist ausschließlich auf der kanoni‐ schen Ebene belegte Lexik auf (πορνεύω; πίπτω; χιλιάς). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat im vorkanonischen Text gefehlt. (10,9) Zum bezeugten Versteil: Zum vorkanonisch bezeugten μηδέ vgl. zuvor zu Vers 7. ♦ Das verbum simplex πειράζω, das sich 42 / 38 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Das Kompositverb ἐκπειράζω, das 4 Mal im NT steht, ist hier vorkanonisch bezeugt und findet sich vorkanonisch wieder bezeugt in *Ev 10,25. Zum nicht mehr bezeugten Versteil: ἐξπειράω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Das verbum simplex πειράω steht 12 / 1 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 5,9; 9,26; 24,6; 26,21; 1Kor 10,9 (hier steht im Parallelvers in *1Kor 10,9 das verbum compositum ἐξπειράω); 1Thess 3,5; Hebr 3,9; 4,15; 11,29. 36; Apk 2,2; 3,10). ♦ Zu τινες (Nom. Fem. / Mask. Pl.) vgl. zuvor die Verse 7. 8 und danach Vers 10. ♦ Die Kombination καθώς τινες steht 3 Mal im NT, nur hier in den Versen 1Kor 10,7. 8. 9, im ersten vorkanonisch bezeugt, vgl. zu 10,7. ♦ ὄφις, das 18 / 14 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἀπόλλυμι steht 107 / 91 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 19; *Röm 2,12. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius. Der nicht mehr bezeugte Versteil weist eine Lexik auf, die mit dem verbum simplex πειράω eher auf die kanonische Ebene hinweist. (10,10) Zu dem vorkanonisch bezeugten μηδέ vgl. zuvor zu Vers 7. ♦ γογγύζω steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu τινες (Nom. Fem. / Mask. Pl.) vgl. zuvor zu den Versen 7. 8. 9. ♦ Zu ἀπόλλυμι vgl. im Vers 10,9 zuvor. ♦ ὀλοθρευτής ist Hapax legomenon im NT. Zur Abwesenheit: Der unbezeugte Vers spricht mit γογγύζω für eine Abfassung durch die kanonische Redaktion. Wie bereits die kanonische Ergänzung zum voranstehenden Vers, dient dieser Vers dazu, Ex 32,6 auf Christus hin zu lesen. Er hat vorkanonisch gefehlt. (10,11) Zu ταῦτα vgl. zuvor zu Vers 6. ♦ Die Kombination ταῦτα δέ war schon zu Vers 10,6 vorkanonisch notiert. ♦ Das unbezeugte τυπικῶς ist Hapax legomenon im NT. ♦ συμβαίνω steht 9 / 8 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ ἐκεῖνος steht 265 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,11; *Laod 2,12. 2 (1Kor) 397 <?page no="1276"?> ♦ Die Form ἐγράφη steht 6 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 9,10. ♦ νουθεσία steht 3 Mal im NT, wiederum vorkanonisch bezeugt in *Laod 6,4. ♦ Das Personalpronomen οὕς (Akk. Mask. Pl.) steht 52 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,27 und die Stelle hier. ♦ καταντάω steht 15 / 13 Mal im NT, vorkanonisch nur bezeugt für diese Stelle hier. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt Epiphanius und Tertullian, wie in C. dargelegt. 10,[12-13] 14 [15-18] 19-20 [21-24] 25 [26-27] 28 [29-30] 31 [32-33]: Meidet das Götzenopfer In dieser Passage wird das Thema des Götzendienstes und vor allem das Essen von Götzendienstopfergaben fortgesetzt, was auch die voranstehenden Kapitel aufgreift und weiterführt. Auf kanonischer Ebene wird aus einer nüchternen Betrachtung eine Ge‐ meindeermahnung und erbauende Predigt mit Verweis auf das Gewissen des Einzelnen. Beim Thema Essen und Trinken kommt der kanonische Paulus auch auf Christi Blut und Leib zu sprechen, was eigentümlicherweise mit dem vorkanonischen Thema des Götzendienstopfers verschränkt wird. Durch‐ gehend personalisiert auch hier der kanonische Paulus die Ausführung und stellt sich und seine Person in den Vordergrund, was gleich zum Ende von diesem und gleich zu Beginn des nächsten Kapitels überaus deutlich wird (1Kor 11,1: „Nehmt Euch mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme! “). Es wird erkennbar, wie sehr die kanonische Redaktion die nachfolgenden Verse ausgeweitet und in neue Kontexte eingepasst hat. - 12 ὥστε ὁ δοκῶν ἑστάναι βλεπέτω μὴ πέσῃ. 13 πειρασμὸς ὑμᾶς οὐκ εἴληφεν εἰ μὴ ἀνθρώπινος· πιστὸς δὲ ὁ θεός, ὃς οὐκ ἐάσει ὑμᾶς πειρασθῆναι ὑπὲρ ὃ δύνασθε, ἀλλὰ ποιήσει σὺν τῷ πειρασμῷ καὶ τὴν ἔκβασιν τοῦ δύνασθαι ὑπενεγκεῖν. 14 Διόπερ, φεύγετε ἀπὸ τῆς εἰδωλολατρίας. 14 Διόπερ, ἀγαπητοί μου, φεύγετε ἀπὸ τῆς εἰδωλολατρίας. - 15 ὡς φρονίμοις λέγω· κρίνατε ὑμεῖς ὅ φημι. 16 τὸ ποτήριον τῆς εὐλογίας ὃ εὐλογοῦμεν, οὐχὶ κοινωνία ἐστὶν τοῦ αἵματος τοῦ Χριστοῦ; τὸν ἄρτον ὃν κλῶμεν, οὐχὶ κοινωνία τοῦ σώματος τοῦ Χριστοῦ ἐστιν; 17 ὅτι εἷς ἄρτος, ἓν σῶμα οἱ πολλοί ἐσμεν, οἱ γὰρ πάντες ἐκ τοῦ ἑνὸς 398 Rekonstruktion <?page no="1277"?> ἄρτου μετέχομεν. 18 βλέπετε τὸν Ἰσραὴλ κατὰ σάρκα· οὐχ οἱ ἐσθίοντες τὰς θυσίας κοινωνοὶ τοῦ θυσιαστηρίου εἰσίν; 19 τί οὖν φημι; ὅτι ἱερόθυτόν ἐστιν τί ἢ εἰδωλότυτον ἐστιν τί; 19 τί οὖν φημι; ὅτι εἰδωλόθυτόν τί ἐστιν; ἢ ὅτι εἴδωλόν τί ἐστιν; 20 ἀλλ’ ὅτι ἃ θύουσιν, δαιμονίοις καὶ οὐ θεῷ. 20 ἀλλ’ ὅτι ἃ θύουσιν τὰ ἔθνη, δαιμονίοις καὶ οὐ θεῷ, οὐ θέλω δὲ ὑμᾶς κοινωνοὺς τῶν δαιμονίων γίνεσθαι. - 21 οὐ δύνασθε ποτήριον κυρίου πίνειν καὶ ποτήριον δαιμονίων· οὐ δύνασθε τραπέζης κυρίου μετέχειν καὶ τραπέζης δαιμονίων. 22 ἢ παραζηλοῦμεν τὸν κύριον; μὴ ἰσχυρότεροι αὐτοῦ ἐσμεν; 23 Πάντα ἔξεστιν, ἀλλ’ οὐ πάντα συμφέρει. πάντα ἔξεστιν, ἀλλ’ οὐ πάντα οἰκοδομεῖ. 24 μηδεὶς τὸ ἑαυτοῦ ζητείτω ἀλλὰ τὸ τοῦ ἑτέρου. 25 Πᾶν τὸ πωλούμενον ἐσθίετε. - 25 Πᾶν τὸ ἐν μακέλλῳ πωλούμενον ἐσθίετε μηδὲν ἀνακρίνοντες διὰ τὴν συνείδησιν, - 26 τοῦ κυρίου γὰρ ἡ γῆ καὶ τὸ πλήρωμα αὐτῆς. 27 εἴ τις καλεῖ ὑμᾶς τῶν ἀπίστων καὶ θέλετε πορεύεσθαι, πᾶν τὸ παρατιθέμενον ὑμῖν ἐσθίετε μηδὲν ἀνακρίνοντες διὰ τὴν συνείδησιν. 28 ἐὰν δέ τις ὑμῖν εἴπῃ· Τοῦτο εἰδωλόθυτόν ἐστιν, μὴ ἐσθίετε. - 28 ἐὰν δέ τις ὑμῖν εἴπῃ, Τοῦτο ἱερόθυτόν ἐστιν, μὴ ἐσθίετε δι’ ἐκεῖνον τὸν μηνύσαντα καὶ τὴν συνείδησιν - 29 συνείδησιν δὲ λέγω οὐχὶ τὴν ἑαυτοῦ ἀλλὰ τὴν τοῦ ἑτέρου. ἱνατί γὰρ ἡ ἐλευθερία μου κρίνεται ὑπὸ ἄλλης συνειδήσεως; 30 εἰ ἐγὼ χάριτι μετέχω, τί βλασφημοῦμαι ὑπὲρ οὗ ἐγὼ εὐχαριστῶ; 31 εἴτε ἐσθίετε εἴτε πίνετε εἴτε τι ποιεῖτε, πάντα εἰς δόξαν θεοῦ. 31 εἴτε οὖν ἐσθίετε εἴτε πίνετε εἴτε τι ποιεῖτε, πάντα εἰς δόξαν θεοῦ ποιεῖτε. - 32 ἀπρόσκοποι καὶ Ἰουδαίοις γίνεσθε καὶ Ελλησιν καὶ τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ, 33 καθὼς κἀγὼ πάντα πᾶσιν ἀρέσκω, μὴ ζητῶν τὸ ἐμαυτοῦ σύμφορον ἀλλὰ τὸ τῶν πολλῶν, ἵνα σωθῶσιν. A. *10,19-20: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 18 (122. 165): 19 τί οὖν φημι; ὅτι ἱερόθυτόν τί ἐστιν ἢ εἰδωλότυτον τί ἐστιν; ἀλλ’ ὅτι ἃ θύουσι, δαιμονίοις καὶ οὐ θεῷ. 2 (1Kor) 399 <?page no="1278"?> 163 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 229. 164 Ibid. 102, 168, 237; J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 91-92. προσέθετο δὲ ὁ Μαρκίων τὸ ἱερόθυτον [προσέθετο … ἱερόθυτον om 122 VM, rest H.]. Vgl. Ps 95,5 LXX: ὅτι πάντες οἱ θεοὶ τῶν ἐθνῶν δαιμόνια, ὁ δὲ κύριος τοὺς οὐρανοὺς ἐποίησεν. ♦ 10,26: Vgl. Ps 23,1 LXX: τοῦ κυρίου ἡ γῆ καὶ τὸ πλήρωμα αὐτῆς ἡ οἰκουμένη καὶ πάντες οἱ κατοικοῦντες ἐν αὐτῇ. ♦ *10,28. 31: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 7,14: Magnum argumentum dei alterius permissio omnium obsoniorum adversus legem. Quasi non et ipsi confiteamur legis onera dimissa, sed ab eo qui imposuit, qui novationem repromisit. Ita et cibos qui abstulit, reddidit quod et a primordio praestitit. B. (10,18) Anstelle von οὐχ, das zu finden ist in den Zeugen 01*, 02, 04, 06*, 010, 012, 33, 630, 1241, 1739, 2464, als Lesart gewählt von NA 28 , steht die Variante οὐχί in P 46 , 01 2 , 06 1 , 018, 020, 025, 044, 81, 104, 365, 1175, 1505, 1881, M. ♦ (10,19) Dass anstelle von εἰδωλόθυτον vorkanonisch ἱερόθυτον zu lesen ist, stützt die altlateinische Tradition, die in 75, 76, Ambst ed simulacro bietet, während man in 89 idolo findet, in 51, 58, Ambst var steht idolis, in Ambst ad fehlt der Begriff. Im Gegensatz zu Harnack hält Zuntz dies nicht für eine tendenziöse Zufügung, sondern für eine eingedrungene Marginalglosse. 163 ♦ Anstelle der Reihenfolge τί ἐστιν liest man ἐστιν τί in 06*, 010, 012, latt. ♦ Dass anstelle von εἴδωλον vorkanonisch εἰδωλότυτον zu lesen ist, stützt die altlateinische Tradition, wenn man in 77 liest: idolum uel idolothytum, während Ambst ed simulacrum hat. ♦ Anstelle von τί ἐστιν findet sich die umgekehrte Anordnung ἐστιν τί in 06, 010, 012, latt. ♦ ἢ ὅτι εἴδωλόν τί ἐστιν om P 46 , 01*, 02, 04*, 6, 945, 1881, vg ms . ♦ (10,20) Die Variante θύουσιν (θύει K 1881, M) τὰ ἔθνη ist bezeugt durch P 46vid , 01, 02, 04, 018, (020), 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, co; nur ύουσιν bieten die wenigen Zeugen 03, 06, 010, 012, Ambst, Spec. Dennoch wählt NA 28 die letzte Form. Hingegen nehmen Zuntz und Clabeaux wiederum die hier für die vorkanonische Version bezeugte Textform als die ursprüngliche an. 164 ♦ Für καὶ οὐ θεῷ finden sich Varianten: θύουσιν (θύει 018, 020, 1881, M) καὶ οὐ θεῷ P 46vid 06, 010, 012 018, 020, 104, 1505, 1881, M, lat, sy; dann καὶ οὐ θεῷ θύουσιν in 01, 02, 03, 04, 025, 044, 33, 81, 365, 630, 1175, 1241, 1739, 2464. Nach καὶ οὐ θεῷ heißt es in der altlateinischen Tradition zusätzlich, abweichend vom kanonischen Text, non potestis calicem domini bibere et calicem daemoniorum in 51, 54, 58, 61, 76, 77, 78, 87. ♦ (10,27) Post ἀπίστων add εἰς δεῖπνον in 06*, 010, 012, it vg mss sa, Ambst, Pel und in der altlateinischen Tradition in 51, 54, 58, 61, 75, 76, 77, 78, 89. Zuntz hält die zusätzlichen Worte 400 Rekonstruktion <?page no="1279"?> 165 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 166. 166 Vgl. Ibid. 135. 167 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 280. für eine eingedrungene Glosse. 165 ♦ (10,28-29) Die beiden Verse 27-28 fehlen in den Textzeugen 323, 618, 1242 und 1738. Allerdings fügen die Textzeugen 015 c , 018, 020, 044, 104, 1505, M, sy h (p. vs 31 04 3 ) hinzu: τοῦ γὰρ κυρίου ἡ γῆ καὶ τὸ πλήρωμα αὐτῆς, die von NA 28 gewählte Auslassung dieses Passus entspricht den Zeugen 01, 02, 03, 04*, 06, 010, 012, 015*, 025, 33, 81, 365, 630, 1175, 1241, 1739, 1881, 2464, latt, sy p , co. ♦ (10,28) Post ἱερόθυτο add εἰς δεῖπνον in 04, 06, 010, 012, vg, M, bo, ar, Chrys; om in P 46 , 01, 02, 03, 15, 6, 1175, pesch, sa, Julian, Cyr. 166 ♦ (10,31) ποιεῖτε 2 om P 46 , 010, 012, Spec. C. 1. (12-15) Nach allen Editoren sind diese Verse unbezeugt, auch wenn Zahn sie in einer unbestimmbaren Form vorhanden sieht. Gleichwohl übersetzt BeDuhn in Klammern gesetzt die Verse 14-15 und zeigt mit Auslassungszeichen an, dass er davor noch mit Text rechnet. Der Vergleich der Lexeme muss weiterhelfen. 2. (10,16-18) Was die Bezeugung von Vers 16 betrifft, gehen die Meinungen der Editoren etwas auseinander, während alle die Verse 17-18 für unbezeugt halten, auch wenn sie inhaltlich zusammengehören. Für Vers 16 denken Harnack und BeDuhn an Adam., Dial. I 20, wo im Mund des Adamantius in einer längeren Widerlegung auch zitiert wird: τὸ δὲ ποτήριον τῆς εὐλογίας, τὸν τε ἄρτον ὃν κλῶμεν ἥνικα ἂν λέγῃ τοῦ αἵματος καὶ τοῦ σώματος τοῦ κυρίου εἶναι κοινωνίαν-… (Rufin: -… in qua sacramenta confecit Christus et signacula corporis sui sanguinisque designat); Harnack verteidigt gegen Zahn die Verwendung von Adamantius, doch Schmid gibt den Vers als unbezeugt und BeDuhn gesteht ein, dass „es nicht sicher ist, dass Adamantius aus dem markionitischen Apostolikon in diesem Abschnitt“ zitiert. 167 Dennoch gibt er eine Übersetzung in seiner Rekonstruktion für den Text des Adamantius und deutet mit Auslassungszei‐ chen danach an, dass er mit weiterem Text rechnet. Gerade auch aufgrund des Gedankens, dass die drei Verse inhaltlich zusammengehören, sie eine Digression zur vorkanonischen Argumentation darstellen und, wie die Lexik weiter stützen wird, zur Sprache der kanonischen Redaktion gehören, werden diese Verse in der vorkanonischen Fassung gefehlt haben. 3. (10,19-20) Meyboom zeigt die Variante ἱερόθυτον an und sieht Vers 19 wie oben. Zahn und Harnack sehen die Verse wie oben gegeben bezeugt, Schmid setzt am Ende in Klammern noch ein (θύουσιν? ) hinzu, und BeDuhn übersetzt nach Epiphanius, fügt dann aber in Klammern auch noch die Übersetzung 2 (1Kor) 401 <?page no="1280"?> 168 Vgl. M.D. Litwa, The Evil Creator. Origins of an Early Christian Idea (2021), 6. des Restes des kanonischen Textes von Vers 20 an. Zur Dämonisierung des Pantheons. 168 4. (10,20) Vergleicht man die hier vorgeschlagene Version der kanonischen Ebene mit der vorkanonischen, erkennt man, dass die kanonische Ebene im Duktus der Verse 16-18 die Differenz zwischen den Kultspeisen von Christen und Israeliten einerseits und dem Götzendienst der Heiden andererseits her‐ ausstellt. Die vorkanonische Version hingegen übt eine herbe Kritik an der Kultpraxis des Volkes Israel, das in der eigenen Schrift als Murrende bezeichnet wird und dem Verderben angesagt wurde. Es verwundert folglich nicht, dass bei einer solch massiven Kritik an Israel die kanonische Version den Text überarbeitet hat, und zwar mit Blick auf Gemeinschaft und Eucharistie in Anlehnung an Apg 2,42 (ἦσαν δὲ προσκαρτεροῦντες τῇ διδαχῇ τῶν ἀποστόλων καὶ τῇ κοινωνίᾳ, τῇ κλάσει τοῦ ἄρτου καὶ ταῖς προσευχαῖς), Lev 7,6. 15 LXX (πᾶς ἄρσην ἐκ τῶν ἱερέων ἔδεται αὐτά, ἐν τόπῳ ἁγίῳ ἔδονται αὐτά· ἅγια ἁγίων ἐστίν; καὶ τὰ κρέα θυσίας αἰνέσεως σωτηρίου αὐτῷ ἔσται καὶ ἐν ᾗ ἡμέρᾳ δωρεῖται, βρωθήσεται· οὐ καταλείψουσιν ἀπ᾽ αὐτοῦ εἰς τὸ πρωί) und im Hinblick auf 1Kor 11,23-26 (23 Ἐγὼ γὰρ παρέλαβον ἀπὸ τοῦ κυρίου, ὃ καὶ παρέδωκα ὑμῖν, ὅτι ὁ κύριος Ἰησοῦς ἐν τῇ νυκτὶ ἧ παρεδίδετο ἔλαβεν ἄρτον 24 καὶ εὐχαριστήσας ἔκλασεν καὶ εἶπεν, Τοῦτό μού ἐστιν τὸ σῶμα τὸ ὑπὲρ ὑμῶν: τοῦτο ποιεῖτε εἰς τὴν ἐμὴν ἀνάμνησιν. 25 ὡσαύτως καὶ τὸ ποτήριον μετὰ τὸ δειπνῆσαι, λέγων, Τοῦτο τὸ ποτήριον ἡ καινὴ διαθήκη ἐστὶν ἐν τῷ ἐμῷ αἵματι: τοῦτο ποιεῖτε, ὁσάκις ἐὰν πίνητε, εἰς τὴν ἐμὴν ἀνάμνησιν. 26 ὁσάκις γὰρ ἐὰν ἐσθίητε τὸν ἄρτον τοῦτον καὶ τὸ ποτήριον πίνητε, τὸν θάνατον τοῦ κυρίου καταγγέλλετε, ἄχρις οὗ ἔλθῃ) und 1Kor 12,27 (Ὑμεῖς δέ ἐστε σῶμα Χριστοῦ καὶ μέλη ἐκ μέρους). Außerdem hat die kanonische Fassung das Opfern in Vers 20 nicht mehr auf Israel bezogen, sondern mit dem Einschub von τὰ ἔθνη den Text und damit die Kritik auf die Heiden bezogen. Auch wenn der Begriff vorkanonisch bezeugt ist, wird er hier auf die kanonische Redaktion zurückzuführen sein. 5. (10,21-24) Die Verse 21-24 sind nach allen Editoren unbezeugt. Sind sie auch abwesend von der vorkanonischen Fassung? Zur Lösung der Frage ist die Lexik weiter unten (s.-u., D.) zu befragen. 6. (10,25-33) Hilgenfeld verweist auf die Bezeugung der Verse 25-26. Zahn sieht ebenfalls die Verse 25-26 nach der kanonischen Fassung bezeugt, die Verse 27-33 als unbezeugt, aber in irgendeiner Form vorhanden. Harnack sieht lediglich eine Anspielung auf Vers 25, weist aber darauf hin, dass Eznik von Kolb auch die Verse 25 und 27 anführt, doch dass man „keine Gewähr“ dafür 402 Rekonstruktion <?page no="1281"?> 169 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 88*. habe, dass „sie aus M.s Bibl. stammen“. 169 Schmid sieht alle Verse als unbezeugt. BeDuhn sieht den ersten Teil von Vers 25 bezeugt und übersetzt in Klammern auch den zweiten Teil, wobei er mit angefügten Auslassungszeichen annimmt, dass noch weiterer Text des Kapitels vorhanden war. Diese Zuversicht kann aber auch leicht aus der englischen Tendenzübersetzung herrühren, wenn der Herausgeber und Übersetzer Evans von Tertullians Adversus Marcionem das permissio omnium obsoniorum adversus legem mit „permission to use meats contrary to the law“ überträgt. Denn das dem Griechischen ὀψώνιον entliehene obsonium meint zunächst einmal alles, was mit Brot gegessen werden kann wie Saucen, Fisch, Fleisch und Früchte. Von hier zurückzuschließen auf μάκελλον, den (Fleisch-)markt, ist möglich, wenn auch gewagt. Da μάκελλον im NT Hapax legomenon ist, kann es aber durchaus vorkanonisch gestanden sein. Dagegen spricht, dass sich Tertullian vermutlich einen solchen Hinweis kaum hätte entgehen lassen, um gegen Markions asketischen Vegetarismus zu polemisieren und ihm Inkonsequenz vorzuhalten. Soviel ist klar, dass Tertullian eine Diskus‐ sion zur Frage von Nahrungsmittel gelesen hat. Doch auf welchen Text bezieht er sich, und was vom kanonischen Text geht auf die kanonische Redaktion zurück? 7. (10,25) Es lässt sich schwer vorstellen, dass sich Tertullian das Zitat aus Ps 23,1 LXX (Τοῦ κυρίου ἡ γῆ καὶ τὸ πλήρωμα αὐτῆς) hätte entgehen lassen, mit dem er Markion hätte widersprechen können. Vermutlich wird deshalb der zweite Teil von Vers 25 und Vers 26 vorkanonisch gefehlt haben. D. (10,12) δοκέω, das 100 / 63 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9. ♦ ἵστημι, das 191 / 154 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 13,1; *Röm 10,3; *Laod 6,11. ♦ Die Form ἑστάναι steht 3 Mal im NT, Lk 13,25, wo ausgerechnet dieser Versteil in *Ev fehlt, dann noch Apg 12,14 und an der Stelle hier. ♦ βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 4,18, vgl. weiter Vers 18. ♦ Die Form βλεπέτω steht nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, ebenfalls auf kanonischer Ebene in 1Kor 3,10. ♦ πίπτω steht 112 / 90 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers fallen zentrale Formen und der Begriff πίπτω auf, die ausschließlich kanonisch belegt sind. Der Vers wird folglich zur kanonischen Redaktion gehören und vorkanonisch gefehlt haben. 2 (1Kor) 403 <?page no="1282"?> (10,13) λαμβάνω klingt so gewöhnlich, dass man bei dem 292/ 260-fachen Auftreten im NT nichts Auffälliges erwarten würde. Und doch zeigt ein Vergleich, dass dieser Begriff bei Mt und Joh extrem beliebt ist, dagegen bei Mk und Lk eher selten erscheint, und bei Lk lediglich auf der kanonischen Ebene bezeugt ist. Und so ist der Befund auch in den Paulusbriefen, das Verb ist ausschließlich für die kanonische Ebene belegt. ♦ ἀνθρώπινος steht 8 / 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πιστός, bezogen auf Gott oder Christus, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene, 1Kor 1,9; 2Kor 1,18; 1Thess 5,24; 2Thess 3,3; 2Tim 2,13; Hebr 2,17; 3,2; 10,23; 1Petr 4,19; 1Joh 1,9; Apk 1,5; 3,14; 19,11. ♦ Die Kombination πιστὸς δέ steht 3 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 2Kor 1,18; 2Thess 3,3; im Vers 1Kor 10,13), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Ein weiterer Begriff der kanonischen Redaktion ist ἐάω, der 14 Mal im NT steht, etwa in Lk 4,41 zu finden ist, wobei gerade der entsprechende letzte Passus dieses Verses für *Ev nicht mehr bezeugt ist, und in Lk 4,34; 22,51 steht, in Versen, die in *Ev gefehlt haben. In den paulinischen Briefen steht der Begriff nur an der vorliegenden Stelle, hingegen begegnet er gehäuft in Apg und überhaupt auf der kanonischen Ebene in Mk 1,24; 24,43; Lk 4,34. 41; 22,51; Apg 5,38; 14,16; 16,7; 19,30; 23,32; 27,32. 40; 28,4; 1Kor 10,13. ♦ πειράζω als ausschließlich kanonischer Begriff, vgl. zuvor zu Vers 10,9. ♦ ἔκβασις begegnet nur noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT, in Hebr 13,7, und das zugehörige Verb begegnet überhaupt nur in Hebr 11,15. ♦ ὑποφέρω begegnet nur mehr in 1Tim 3,11 und 1Petr 2,19 ist nur auf kanonischer Ebene zu finden. ♦ δύναμαι, das 233 / 210 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. Zur Abwesenheit: Der unbezeugte Vers weist vielfältige, ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente auf (λαμβάνω; ἀνθρώπινος; πιστός, bezogen auf Gott oder Christus; πιστὸς δέ; ἐάω; ἔκβασις; ὑποφέρω). Lexik und Semantik stützen in diesem Fall die Zuschreibung an die kanonische Redaktion. Der Vers hat vorkanonisch gefehlt. (10,14) διόπερ, das 2 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀγαπητοί steht 27 Mal im NT, davon 9 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 1Petr 2,11; 4,12; 1Joh 2,7; 3,2. 21; 4,1. 7. 11; Jud 1,3 im Vers: Röm 12,19; 1Kor 10,14; 15,58; 2Kor 7,1; 12,19; Phil 2,12; 4,1; Hebr 6,9; Jak 1,16. 19; 2Petr 3,1. 8. 14. 17; Jud 1,17. 20), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ φεύγω steht 33 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,18. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ εἰδωλολατρία steht 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,20. Zur Rekonstruktion: Auch wenn die Eröffnung διόπερ zweifelhaft sein mag, so scheint doch unter Absehung des kanonischen ἀγαπητοί μου der Aufruf 404 Rekonstruktion <?page no="1283"?> vorkanonisch gestanden zu sein. Der Vers passt gut zum Einstieg in das nachfolgende Thema. (10,15) φρόνιμος, das 15 / 14 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt, auffallend ist besonders Lk 16,8, ein Vers, der in *Ev gefehlt zu haben scheint. ♦ Die Verbform λέγω steht 214 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,51; *Laod 5,32, vgl. weiter Vers 29. ♦ κρίνω steht 125 / 115 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,3; 11,31; *Röm 2,12; *2Thess 2,12; *Kol 2,16. ♦ Die Aufforderung κρίνατε steht 5 Mal im NT ( Joh 18,31; Apg 4,19; Röm 14,13; 1Kor 10,15; 11,13), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ὑμεῖς ὅ findet sich nur noch 1Joh 2,24. ♦ φημί steht 73 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,19; 15,50. Zur Abwesenheit: Dieser kurze, unbezeugte Vers scheint aufgrund der Lexik zur kanonischen Ebene zu gehören und wird im vorkanonischen Text gefehlt haben. (10,16) ποτήριον steht 35 / 31 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,39; *1Kor 11,23. ♦ εὐλογία steht 16 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,14. εὐλογέω steht 45 / 42 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,16; *Röm 12,14, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion darstellt. ♦ οὐχί steht 62 / 53 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20. ♦ κοινωνία steht 21 / 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ αἷμα steht 102 / 97 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,43. 44, *Laod 2,13. ♦ ἄρτος steht 107 / 97 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 11,28. ♦ κλάω steht 15 / 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Ausdruck τοῦ σώματος τοῦ Χριστοῦ steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 7,4; 1Kor 10,16; Eph 4,12; vgl. Kol 2,17). Zur Abwesenheit: Auch wenn einige der Begriffe dieses unbezeugten Verses vorkanonisch stehen, fallen doch gerade zentrale Begriffe auf, die nur kanonisch belegt sind (κοινωνία; κλάω) und die Wendung τοῦ σώματος τοῦ Χριστοῦ. Der Vers scheint kanonisch verfasst oder zumindest erheblich redigiert zu sein und vorkanonisch zumindest in dieser Form gefehlt zu haben. (10,17) Die Kombination ὅτι εἷς steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 26,21; Mk 8,28; 12,32; 14,18; Joh 13,21; 1Kor 10,17; 2Kor 5,14; Jak 2,19). ♦ Zu ἄρτος als vorkanonisch bezeugtem Begriff vgl. zum voranstehenden Vers 10,16. ♦ Die Kombination ἓν σῶμα steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 12,5; 1Kor 6,16; 10,17; Eph 4,4). ♦ Der Ausdruck οἱ πολλοί steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 5,15. 19; 12,5; 1Kor 10,17; 2Kor 2,17). ♦ Man vgl. auch die auf der kanonischen Ebene stehende Formulierung Röm 12,5: οὕτως 2 (1Kor) 405 <?page no="1284"?> οἱ πολλοὶ ἓν σῶμά ἐσμεν ἐν Χριστῷ. ♦ Die Verbform ἐσμέν steht 54 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; *Laod 2,10, vgl. weiter Vers 22. ♦ Zu πάντες vgl. zuvor zu den Versen 1. 2. 3. 4. ♦ μετέχω steht 9 / 8 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers ist die Nähe der Lexik zur kanonischen Ebene noch deutlicher mit Elementen, die ausschließlich auf dieser Ebene belegt sind (ὅτι εἷς; ἓν σῶμα; οἱ πολλοί; μετέχω). Der Vers ist folglich ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat im vorkanonischen Text gefehlt. (10,18) βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im NT findet, schmal bezeugt für die vorkano‐ nische Ebene in *Ev und *2Kor 4,18. ♦ Man bemerke insbesondere die Imperativform βλέπετε, die 24 Mal im NT steht, davon 12 Mal als Verseröffnung (1Kor 1,26; 8,9; 10,18; Eph 5,15; Phil 3,2; Kol 2,8), vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *Ev 8,18. ♦ κλῆσις begegnet 11 Mal im NT, vorkanonisch nur bezeugt in *Laod 1,18. ♦ Ἰσραήλ, das sich 74 / 68 Mal im NT findet, ist auch vorkanonisch gut belegt. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4. ♦ Der Ausdruck κατὰ σάρκα steht 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23; *Röm 8,4. 5. ♦ οὐχ steht 105 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,40; 24,3; *Röm 10,3; *Phil 1,17; 2,6. ♦ Die Variante οὐχί steht 62 / 53 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20. ♦ ἐσθίω steht 196 / 158 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 14,2; *1Kor 10,3. 7; *2Thess 3,10. ♦ θυσία steht 30 / 28 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 5,2. ♦ κοινωνός steht 12 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ θυσιαστήριον steht 23 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 9,13. Zur Abwesenheit: Auch dieser unbezeugte Vers weist ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente auf (κοινωνός; θυσιαστήριον). Der Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (10,19) Die Eröffnung (im Akkusativ) τί οὖν steht 23 Mal im NT, davon 12 Mal als Verseröffnung wie hier, dann im Vers in Lk 3,10; 20,15. 17, in Versen, die in *Ev fehlen, jedoch vorkanonisch wieder bezeugt für *Röm 7,7 vgl. Röm 3,9. ♦ φημί steht 73 Mal im NT und ist vorkanonisch wieder bezeugt für *1Kor 15,50. ♦ ἱερόθυτος steht 1 weiteres Mal1 weiteres Mal im NT, vorkanonisch wieder bezeugt für *1Kor 10,28, d. h. es steht zwei Mal vorkanonisch und ist darum ein Urgestein vorkanonischer Lexik. ♦ εἰδωλόθυτος steht 11 / 9 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 8,4. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius unter Berück‐ sichtigung der Handschriftenvarianten. 406 Rekonstruktion <?page no="1285"?> (10,20) Zum bezeugten Versteil: Die Eröffnung ἀλλ’ ὅτι steht 9 Mal im NT, vorkano‐ nisch nur hier bezeugt. ♦ θύω steht 16 / 14 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 5,7. ♦ Die Form ἃ θύουσιν steht nur hier. ♦ Die Variante τὰ ἔθνη steht 23 Mal im NT, Lk 24,47, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,30; *Gal 2,9; *1Thess 4,5; *Laod 2,11. ♦ δαιμόνιον steht 67 / 63 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev. Zum unbezeugten Versteil: Die Wendung οὐ θέλω δέ steht noch 1 weiteres Mal1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene Röm 1,13. ♦ κοινωνός steht 12 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Der Text richtet sich wiederum nach Epiphanius, doch unter Beachtung der Bemerkung in C. Auch die Lexik stützt, dass der zweite, unbezeugte Versteil vorkanonisch gefehlt hat. (10,21) δύναμαι, das 233 / 210 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Verbindung οὐ δύνασθε steht 16 Mal im NT, Lk 16,13, wo sie aufgrund des Adamantiuszeugnis von Klinghardt in den Text genommen wurde, doch sie scheint eine ausschließlich kanonische Formulierung zu sein, die außer an dieser Stelle in Paulus nicht mehr begegnet (Mt 6,24; 16,3; 8 Mal Joh; Apg 15,1; 27,31; 1Kor 10,21; Jak 4,2). ♦ Die letzte Erwähnung von ποτήριον war in Vers 16 auf der kanonischen Ebene, auch wenn der Begriff auf der vorkanonischen Ebene begegnet (*Ev 11,39). ♦ Zum vorkanonisch bezeugten πίνω vgl. zuvor die Verse 4 und 7 und nachfolgend Vers 31. ♦ Zu ποτήριον vgl. zuvor zu Vers 16, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,39; *1Kor 11,23. ♦ τραπέζα κυρίου ist in 1Kor nur an dieser Stelle erwähnt und erinnert an Lk 22,30 (τῆς τραπέζης μου), ein Vers, der in *Ev gestanden haben kann, jedoch nicht hierfür bezeugt ist; allerdings steht τράπεζα 15 Mal im NT, etwa in Lk 16,21, wo es für den möglichen Parallelvers in *Ev 16,21 nur das Adamantiuszeugnis gibt, der Begriff also womöglich gefehlt haben kann, d. h. er ist nur für die kanonische Ebene bezeugt (Mt 15,27; 21,12; Mk 7,28; 11,15; Lk 16,21; 19,23; 22,21. 30; Joh 2,15; Apg 6,2; 16,34; Röm 11,9; 1Kor 10,21; Hebr 9,2). ♦ μετέχω steht 9 / 8 Mal im NT steht und ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt, vgl. zuvor Vers 17. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers finden sich zwar einige vorka‐ nonisch bezeugten Begriffe, aber auch Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (οὐ δύνασθε; τράπεζα; μετέχω). Der Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (10,22) παραζηλόω steht 4 Mal im NT und findet sich in 1Kor nur hier, sonst findet es sich nur noch in Röm 10,19; 11,11. 14 auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Steigerungsform ἰσχυρότερος begegnet auch auf der vorkanonischen Ebene (*Ev 2 (1Kor) 407 <?page no="1286"?> 11,22; *1Kor 1,25). ♦ Zur vorkanonisch bezeugten Verbform ἐσμέν vgl. zuvor zu Vers 17. Zur Abwesenheit: Auch wenn dies ein nur kurzer, unbezeugter Vers ist, steht doch das zentrale Verb παραζηλόω ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Da der Vers narrativ in den kanonischen Kontext eingebunden ist, wird auch er zu dieser Ebene gehören und vorkanonisch gefehlt haben. (10,23) Die Eröffnungsformulierung begegnet bereits in 1Kor 6,12 auf der kanonischen Ebene: Πάντα μοι ἔξεστιν, ἀλλ’ οὐ πάντα συμφέρει. ♦ ἔξεστι, das 32 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,9. ♦ συμφέρω, das 19 / 15 Mal im NT steht, ist nur auf der kanonischen Ebene nachweisbar. ♦ ζητέω ist hingegen gut für die vorkanonische Version bezeugt (*Ev 12,31; *1Kor 1,22). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist Elemente auf wie die ausschließlich vorkanonisch bezeugte und auf die kanonische Ebene verweisende Eröffnung, auch das kanonische Verb συμφέρω. Der Vers wird ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (10,24) Die Formulierung τὸ ἑαυτοῦ steht nur 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,4. ♦ ζητέω steht 130 / 117 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *Röm 10,3. ♦ Die Form ζητείτω steht nur hier. ♦ Die Wendung ἀλλὰ τό steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Ausdruck τοῦ ἑτέρου steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, wobei er auffallenderweise gerade wieder in demselben Vers Lk 16,13 steht (die einzige Stelle in Lk! ), der zuvor zum Vers 10,21 mit Blick auf οὐ δύνασθε bereits ins Auge stach. Zur Abwesenheit: Auch wenn es sich um einen kurzen, vorkanonisch unbe‐ zeugten Vers handelt, weist er doch Merkmale auf, die ihn der kanonischen Redaktion zuordnen, insbesondere zeigt sich die Nähe zu Lk 16,13, einem Vers der sich bereits verschiedentlich als kanonisches Produkt erwiesen hat. Auch der vorliegende Vers dürfte demnach Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (10,25) πᾶν (Nom. / Akk. / Vok. Neut. Sg.) steht 73 Mal im NT und ist vorkanonisch belegt im Zitat von Dtn 19,15 LXX, in *Röm 3,19 und in *Kol 1,19. ♦ Die Formulierung πᾶν τὸ steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,19. ♦ μάκελλον ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Kombination bestimmter Artikel + Präposition + Nomen + Partizip findet sich 29 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 7,32, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 21,23; 2 Mal Joh; 5 Mal Apg; Röm 14,20; 1Kor 9,24; 10,25; 2Kor 5,12; Gal 4,21. 29; Eph 4,24; Phil 3,6; 1Thess 5,3; 1Tim 2,2; Hebr 2,2; 12,25; 2Petr 2,18; 2 Mal Apk). ♦ Das Verb ἀνακρίνειν ist 408 Rekonstruktion <?page no="1287"?> bereits wiederholt in 1Kor begegnet (2,14. 15; 4,3. 4; 9,3) und wird nochmals in 14,24 zu finden sein, doch steht es wie κρίνειν immer auf der kanonischen Ebene. ♦ πωλέω steht 25 / 22 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,22. ♦ ἐσθίω steht 196 / 158 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 14,2; *1Kor 10,3. 7; *2Thess 3,10. ♦ Die Form ἐσθίετε steht 4 Mal im NT, Lk 10,8 und nur in diesem Zusammenhang hier 1Kor 10,25. 27. 28. ♦ Die Form μηδέν steht 31 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Phil 2,3; 4,6; Apk 2,10; im Vers: 3 Mal Mk; Lk 3,13, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 4,35; 6,35; 9,3; 9 Mal Apg; Röm 13,8; 1Kor 10,25. 27; 2Kor 6,10; 11,5; 13,7; 2Thess 3,11; 1Tim 5,21; 6,4; Tit 2,8; Jak 1,6; 3Joh 1,7), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀνακρίνω steht 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ συνείδησις ist ein ausschließlich kanonischer Ausdruck, vgl. zuvor 8,7. Zur Rekonstruktion: Aufgrund des Zeugnisses muss mit dem Vorhandensein eines Verses oder Versteils gerechnet werden, der sich auf Essen bezogen hat. Unter Berücksichtigung der Diskussion in C. und auch der Lexik, die eine Reihe von ausschließlich kanonisch belegten Elementen aufweist (Die Kombination bestimmter Artikel + Präposition + Nomen + Partizip; ἀνακρίνω; συνείδησις), wird man mit dem obigen Textteil vorkanonisch rechnen dürfen, der Rest wird vorkanonisch gefehlt haben. (10,26) γῆ steht 268 / 250 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 8,5; 15,47; *Laod 1,10. ♦ πλήρωμα steht 18 / 17 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,4, Röm 13,10; *Laod 1,10; *Kol 1,19. ♦ αὐτῆς steht 151 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt, vgl. weiter Vers 28. Zur Abwesenheit: Trotz der Kürze dieses vorkanonisch unbezeugten Verses fallen zwei Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (πλήρωμα; αὐτῆς). Der Vers wird folglich wohl ein Produkt der kanoni‐ schen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (10,27) καλέω steht 173 / 148 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἄπιστος ist für die vorkanonische Version bezeugt (*Ev 12,46; *2Kor 4,4), vgl. den voranstehenden Vers 7,12. ♦ Die Form θέλετε ist unbezeugt für *Paulus, findet sich jedoch 1 Kor 4,21; 10,27; 2 Kor 12,20; Gal 4,9 und steht 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πορεύω steht 146 / 154 Mal im NT, vorkanonisch lediglich schwach bezeugt für *Ev, jedoch nie für *Paulus. ♦ δεῖπνον, das unbezeugt ist für *Paulus, jedoch 16 Mal im NT steht, auch bezeugt für die vorkanonische Fassung (*Ev 14,12. 16. 17. 24; vielleicht auch 20,46), steht jedoch nicht im Zusammenhang mit dem Herrenmahl, anders als auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu πᾶν (Nom. / Akk. / Vok. Neut. Sg.) vgl. zuvor zu Vers 25. ♦ παρατίθημι steht 24 / 19 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,48. ♦ Die hier vorliegende Partizipform von παρατίθημι ist unbezeugt für 2 (1Kor) 409 <?page no="1288"?> *Paulus, auch nicht weiter für den kanonischen Paulus, steht jedoch in Lk 10,8 und Apg 17,3. ♦ ἐσθίετε stand gerade zuvor in Vers 25. ♦ ἀνακρίνω steht 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form μηδέν steht 31 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 10,25. ♦ συνείδησις ist ein ausschließlich kanonischer Ausdruck, vgl. zuvor 8,7. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Termini auf, die vorkanonisch für *Ev bezeugt sind, jedoch auch ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugte Elemente (θέλετε; ἀνακρίνω; μηδέν; συνείδησις) und eine kanonische Semantik (δεῖπνον). Der Vers wird darum zur kanonischen Ebene gehören und vorkanonisch gefehlt haben. (10,28) Die Eröffnung ἐὰν δέ τις steht nur hier und in Joh 11,10. ♦ εἴπῃ, das in dieser Aoristform 21 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ τοῦτο, das 313 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,50. 53; *2Thess 2,11; *Laod 5,32. Der Vers führt den von Epiphanius als von Markion ausdrücklich dem Text hinzugesetzten Begriff ἱερόθυτος an, der Hapax legomenon im NT ist, jedoch zwei Mal vorkanonisch steht, vgl. zu Vers 10,19. ♦ μηνύω steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐκεῖνος steht 265 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,11; *Laod 2,12. Vgl. zu dem in manchen Zeugen vorhandenen Schlusspassus dieses Verses: αὐτῆς steht 151 Mal im NT und ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. Zur Rekonstruktion: Tertullian deutet auf die Präsenz des εἰδωλόθυτον hin, die seltene Verseröffnung kann durchaus vorkanonisch gestanden sein, auch das zuvor bereits angeführte ἐσθίετε, doch bereits die Verbform εἴπῃ deutet darauf hin, dass der Vers kanonisch überarbeitet wurde, er wurde, wie die Lexik zeigt (μηνύω; αὐτῆς), gewiss kanonisch erweitert. (10,29) Zu συνείδησις als ausschließlich kanonischem Ausdruck vgl. zuvor 8,7. ♦ Zur Verbform λέγω vgl. zuvor zu Vers 15. ♦ οὐχί steht 62 / 53 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20. ♦ ἄλλος steht 172 / 155 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ Der Ausdruck τοῦ ἑτέρου steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἱνατί steht 6 Mal im NT, Lk 13,7, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und begegnet nur auf der kanonischen Ebene (Mt 9,4; 27,46; Lk 13,7; Apg 4,25; 7,26; 1Kor 10,29). ♦ ἐλευθερία steht 11 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4; 5,1. ♦ κρίνω steht 125 / 115 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,3; 11,31; *Röm 2,12; *2Thess 2,12; *Kol 2,16. ♦ Die Form κρίνεται steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. 410 Rekonstruktion <?page no="1289"?> Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von aus‐ schließlich auf der kanonischen Ebene bezeugte Elemente auf (2 Mal συνείδησις; τοῦ ἑτέρου; ἱνατί; κρίνεται). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (10,30) Die Eröffnung εἰ ἐγώ steht noch 1 weiteres Mal in Mt 12,27. ♦ Die Form χάριτι steht 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 1,4. ♦ μετέχω steht 9 / 8 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ βλασφημέω steht 37 / 34 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,24. ♦ Der Ausdruck ὑπὲρ οὗ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 14,15; 1Kor 10,30; Eph 6,20). ♦ εὐχαριστέω stehet 43 / 38 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,21. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers deuten die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente (εἰ ἐγώ; χάριτι; μετέχω; ὑπὲρ οὗ) auf eine kanonisch-redaktionelle Herkunft. Er hat vorkano‐ nisch gefehlt. (10,31) Die Eröffnung εἴτε οὖν steht nur noch ein Mal, in 1Kor 15,11, einem Vers, der vorkanonisch bezeugt ist, wenn auch nicht dieser Eröffnungsteil. ♦ Zur Kombination von „essen“ und „trinken“, die sowohl für die vorkanonische wie die kanonische Fassung bezeugt ist, vgl. zuvor zu Vers 9,4. ♦ ποιέω steht 640 / 568 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; 5,13; 6,9; 15,29; *Röm 2,14; *Laod 2,14. 15. ♦ Die Form ποιεῖτε steht 18 Mal im NT, Lk 22,19, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,31. 46. ♦ Der Ausdruck εἰς δόξαν steht 8 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,7; *2Kor 3,18. Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Vers vorkanonisch unbezeugt ist, spricht die Lexik wie auch der narrative Zusammenhang für die vorkanonische Präsenz dieses Verses. (10,32) ἀπρόσκοπος, das 3 Mal im NT steht, findet sich jedoch nur noch auf der kanonischen Ebene, in der mit den Versen 32-33 verwandten Stelle Apg 24,16 und in Phil 1,10. ♦ Ἰουδαίοις steht 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,23; 9,20. ♦ Die Verbindung mit γίνομαι erinnert an *1Kor 9,20. ♦ Die Form Ἕλλησιν steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 19,17; 20,21; Röm 1,14; 1Kor 1,24; 10,32). ♦ Die Form τῇ ἐκκλησίᾳ steht 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,28; *2Thess 1,1. ♦ Die Weiterung steht nur noch 1Kor 1,1; 2Kor 1,1, überhaupt ist diese Weiterung ein kanonisches Merkmal, vgl. zu 1,2. Zur Abwesenheit: Bei diese vorkanonisch unbezeugten Vers sprechen die aus‐ schließlich für die kanonische Ebene belegten Elemente (ἀπρόσκοπος; Ελλησιν; 2 (1Kor) 411 <?page no="1290"?> τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ) ebenfalls für ein Produkt der kanonischen Redaktion und ein Fehlen auf der vorkanonischen Ebene. (10,33) Die Eröffnung καθὼς κἀγώ steht noch 1 weiteres Mal in 1Kor 11,1. ♦ πᾶσιν steht 91 Mal im NT, und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6. ♦ Die Kombination πάντα πᾶσιν steht nur hier. ♦ ἀρέσκω steht 21 / 17 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ζητέω steht 130 / 117 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *Röm 10,3. ♦ Die Verneinung μὴ ζητέω findet sich 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 7,27. ♦ Zu σύμφορον als für die vorkanonische Fassung nicht bezeugtem Terminus vgl. zu Vers 7,35. Zur Abwesenheit: Auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen (καθὼς κἀγώ; ἀρέσκω; μὴ ζητέω; σύμφορον) und wird auf die kanonische Redaktion zurück‐ gehen. Er hat vorkanonisch gefehlt. Kapitel 11 11,[1-2] 3 4 5 [6] 7-10 11-12 [13-16]: Über Nichtverhüllung und Verhüllung des Hauptes Die Grundgedanken der folgenden Passage sind vorkanonisch gut bezeugt, auch wenn einige der unbezeugten Verse dennoch vorkanonisch angenommen werden können. Hierauf deuten der inhaltliche Zusammenhang und auch die benutzte Lexik. - 11,1 μιμηταί μου γίνεσθε, καθὼς κἀγὼ Χριστοῦ. 2 Ἐπαινῶ δὲ ὑμᾶς ὅτι πάντα μου μέμνησθε καὶ καθὼς παρέδωκα ὑμῖν τὰς παραδόσεις κατέχετε. 11,3 ἀνδρὸς ἡ κεφαλὴ ὁ Χριστός ἐστιν. 3 θέλω δὲ ὑμᾶς εἰδέναι ὅτι παντὸς ἀνδρὸς ἡ κεφαλὴ ὁ Χριστός ἐστιν, κεφαλὴ δὲ γυναικὸς ὁ ἀνήρ, κεφαλὴ δὲ τοῦ Χριστοῦ ὁ θεός. 4 πᾶς ἀνὴρ προσευχόμενος ἢ προφητεύων κατὰ κεφαλῆς ἔχων καταισχύνει τὴν κεφαλὴν αὐτοῦ· 4 πᾶς ἀνὴρ προσευχόμενος ἢ προφητεύων κατὰ κεφαλῆς ἔχων καταισχύνει τὴν κεφαλὴν αὐτοῦ· 5 πᾶσα δὲ γυνὴ προσευχομένη ἢ προφητεύουσα ἀκατακαλύπτῳ τῇ κεφαλῇ καταισχύνει τὴν κεφαλὴν ἑαυτῆς. 5 πᾶσα δὲ γυνὴ προσευχομένη ἢ προφητεύουσα ἀκατακαλύπτῳ τῇ κεφαλῇ καταισχύνει τὴν κεφαλὴν αὐτῆς· ἓν γάρ ἐστιν καὶ τὸ αὐτὸ τῇ ἐξυρημένῃ. 412 Rekonstruktion <?page no="1291"?> 6 εἰ γὰρ οὐ κατακαλύπτεται γυνή, καὶ κειράσθω· εἰ δὲ αἰσχρὸν γυναικὶ τὸ κείρασθαι ἢ ξυρᾶσθαι, κατακαλυπτέσθω. 7 ἀνὴρ γὰρ οὐκ ὀφείλει κατακαλύπτεσθαι τὴν κεφαλήν, εἰκὼν θεοῦ ὑπάρχων. 7 ἀνὴρ μὲν γὰρ οὐκ ὀφείλει κατακαλύπτεσθαι τὴν κεφαλήν, εἰκὼν καὶ δόξα θεοῦ ὑπάρχων· ἡ γυνὴ δὲ δόξα ἀνδρός ἐστιν. - 8 οὐ γάρ ἐστιν ἀνὴρ ἐκ γυναικός, ἀλλὰ γυνὴ ἐξ ἀνδρός· - 9 καὶ γὰρ οὐκ ἐκτίσθη ἀνὴρ διὰ τὴν γυναῖκα, ἀλλὰ γυνὴ διὰ τὸν ἄνδρα. 10 ὀφείλει ἡ γυνὴ ἐξουσίαν ἔχειν ἐπὶ τῆς κεφαλῆς διὰ τοὺς ἀγγέλους. 10 διὰ τοῦτο ὀφείλει ἡ γυνὴ ἐξουσίαν ἔχειν ἐπὶ τῆς κεφαλῆς διὰ τοὺς ἀγγέλους. 11 πλὴν οὔτε γυνὴ χωρὶς ἀνδρός, οὔτε ἀνὴρ χωρὶς γυναικὸς ἐν κυρίῳ· 11 πλὴν οὔτε γυνὴ χωρὶς ἀνδρὸς οὔτε ἀνὴρ χωρὶς γυναικὸς ἐν κυρίῳ· 12 ὥσπερ ἡ γυνὴ ἐκ τοῦ ἀνδρός, οὕτως καὶ ὁ ἀνὴρ διὰ τῆς γυναικός. 12 ὥσπερ γὰρ ἡ γυνὴ ἐκ τοῦ ἀνδρός, οὕτως καὶ ὁ ἀνὴρ διὰ τῆς γυναικός· τὰ δὲ πάντα ἐκ τοῦ θεοῦ. - 13 ἐν ὑμῖν αὐτοῖς κρίνατε· πρέπον ἐστὶν γυναῖκα ἀκατακάλυπτον τῷ θεῷ προσεύχεσθαι; 14 οὐδὲ ἡ φύσις αὐτὴ διδάσκει ὑμᾶς ὅτι ἀνὴρ μὲν ἐὰν κομᾷ ἀτιμία αὐτῷ ἐστιν, 15 γυνὴ δὲ ἐὰν κομᾷ δόξα αὐτῇ ἐστιν; ὅτι ἡ κόμη ἀντὶ περιβολαίου δέδοται αὐτῇ. 16 Εἰ δέ τις δοκεῖ φιλόνεικος εἶναι, ἡμεῖς τοιαύτην συνήθειαν οὐκ ἔχομεν, οὐδὲ αἱ ἐκκλησίαι τοῦ θεοῦ. A. *11,3: Vgl. Tert., Adv. Marc V 8,1: Caput viri Christus est. ♦ *11,5: Vgl. Tert., Adv. Marc V 8,11: ceterum prophetandi ius et illas habere iam ostendit, cum mulieri etiam prophetanti velamen imponit. ♦ *11,7: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,1: Vir enim non debet caput velare, cum sit dei imago. ♦ *11,10: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,2: Sed et quare mulier potestatem super caput habere debebit? Si quia ex viro et propter virum facta est, secundum institutionem creatoris, sic quoque eius disciplinam apostolus curavit de cuius institutione causas disciplinae interpretatur. Adicit etiam, Propter angelos. Quos? id est cuius? Si creatoris apostatas, merito, ut illa facies quae eos scandalizavit notam. quandam referat de habitu humilitatis et obscuratione decoris: si vero propter angelos dei alterius, quid veretur, si ne ipsi Marcionitae feminas appetunt? 2 (1Kor) 413 <?page no="1292"?> 170 Vgl. hierzu G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 127, 168. 171 W.O. Walker, First Corinthians 11.2-16 and Paul’s Views regarding Women (1975); L. Cope, 1 Cor 11.2-16: One Step Further (1978); G.W. Trompf, On Attitudes toward Women in Paul and Paulinist Literature: 1 Corinthians 11.3-16 and Its Context (1980); W.O. Walker, The Vocabulary of 1 Corinthians 11.3-16: Pauline or Non-Pauline? (1989); W.O. Walker, Interpolations in the Pauline letters (2001), 91-126. B. (11,5) Anstelle von αὐτῆς steht ἑαυτῆς in P 46vid , 03, 06 1 , 6, 629, 945 pm, Or und in der altlateinischen Tradition in 89. ♦ (11,9) Anstelle von ἄνδρα ἄνθρωπον findet sich in P 46 , was Tertullian durchaus wie ἄνδρα mit virum übersetzt haben kann. ♦ (11,10) Anstelle von ἐξουσίαν findet sich die Variante κάλυμμα in vg mss , bo pt , Ptol Ir . ♦ (11,14) Ein ἤ am Anfang bieten 06 1 , 018, 020, 104, 365, 1505, M, sy hmg , sa. ♦ (11,15) Das einfache δέδοται bieten die Zeugen P 46 , 06, 010, 012, 018, 020, 044, M, b, Ambst; αὐτὴ δέδοται findet sich in 04, 016, 025, 104, 630, 1175, 12,41, 1505, 1739, 1881, ar, f, vg, sy h ; die kanonische Version steht in 01, 02, 03, 33, 81, 365, 2464, g, sy p . 170 C. 1. (11,1-2) Diese Verse sind nach allen Editoren unbezeugt, auch wenn Zahn sie unbestimmbar im Wortlaut als vorhanden sieht. Dass die Verse tatsächlich abwesend von der vorkanonischen Fassung waren, wird durch die Lexik gestützt. καθὼς κἀγώ etwa greift gerade den letzten, kanonischen Vers des voranstehenden Kapitels auf und setzt die personalisierte Rede des kanonischen Paulus fort. 2. (11,3) Hilgenfeld findet diesen Vers durch Tertullian bezeugt. Zahn sieht den Vers der kanonischen Form nach vorhanden. Nach Harnack ist nur das Folgende bezeugt: ἀνδρὸς ἡ κεφαλὴ ὁ Χριστός ἐστιν. Schmid folgt Harnack, setzt jedoch vor und nach dem Bezeugten Auslassungszeichen, rechnet also mit weiterem Text und klammert den Artikel vor Christus mit Fragezeichen ein. BeDuhn geht weiter und gibt den bezeugten Text in Übersetzung, setzt aber die Übersetzung des verbleibenden kanonischen Textes davor und danach in Klammern hinzu. Dass über das Bezeugte hinaus der kanonische Überschuss gefehlt hat, legt sich aus dem nahe, was weiter unten zu Vers 5 ausgeführt wird. 3. 1Kor 11,3-16 wird als Interpolation betrachtet von mehreren früheren Forschern. 171 4. (11,4-5) Vers 4 ist nach allen Editoren mit Ausnahme von Hilgenfeld, der ihn bei Tertullian besprochen findet, unbezeugt, doch nach Zahn in unbestimmbarer Fassung vorhanden. Betreffs Vers 5 nimmt Zahn die kanonische Form des Verses an. Harnack sieht Vers 5 bezeugt mit dem Wortlaut γυνὴ προφητεύουσα … οὐκ ἀκατακαλύπτῳ 414 Rekonstruktion <?page no="1293"?> κεφαλῇ. Schmid führt den Vers als unbezeugt auf, aber BeDuhn schließt sich Harnack an und ergänzt seine Übersetzung in Klammern mit dem kanonischen Text des Verses. 5. Die Variante αὐτῆς im kanonischen Text von Vers 5 anstelle des vorka‐ nonischen ἑαυτῆς spricht dafür, dass auf kanonischer Ebene in Vers 3 der zusätzliche Text in der zweiten Hälfte auf die kanonische Fassung zurückgeht. Das Pronomen im kanonischen Text von Vers 5 bezieht sich folglich auf den Mann, der in Vers 3 als Haupt der Frau bezeichnet wurde, während in der vorkanonischen Fassung von einer Beschämung des eigenen Kopfes gesprochen wird. Nur hierzu passt der letzte Teil von Vers 5, der sich auf den Kopf der Frau bezieht und sie mit einer Geschorenen gleichsetzt. Die kanonische Fassung stellt damit eine hierarchische Verbindung her, wonach der Mann, der sein Haupt verhüllt, dieses und damit sein Haupt Christus beschämen würde, so würde die Frau, die ihr Haupt nicht bedeckt, mit diesem auch ihr Haupt, den Mann, und über ihn dessen Haupt, Christus beschämen. 6. Aufgrund der adversativen Eröffnung des bezeugten Verses 5, der Vers 4 voraussetzt, und des lexikalischen Vergleichs scheint auch Vers 4 auf der vorkanonischen Ebene vorhanden gewesen zu sein. 7. (11,6) Dieser Vers ist nach allen Editoren unbezeugt, auch wenn Zahn mit dem Vers in unbestimmbaren Wortlaut rechnet. 8. Die Entscheidung, was das Ende von Vers 5 und den Vers 6 betrifft, lässt sich nicht sicher entscheiden. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder sind der unbezeugte Teil von Vers 5 und der unbezeugte Vers 6 vorkanonisch präsent, oder diese fehlen, da sie so eng miteinander zusammenhängen, dass sie nicht gesondert betrachtet werden können. Damit wird allerdings auch die Entscheidung für ihre Abwesenheit vorbereitet, denn, wie die Lexik sowohl des zweiten Teils von Vers 5 wie auch die von Vers 6 aufzeigt, begegnen wir einigen nur kanonisch belegten Begriffen. 9. (11,7) Meyboom liest hier anstelle von κατακαλύπτεσθαι ein κομᾶν und sieht die Reihenfolge von εἰκὼν und δόξα umgekehrt. Zahn sieht den Vers in seiner kanonischen Gestalt vorhanden. Nach Harnack ist der kanonische Text des ersten Teils des Verses bezeugt, nicht aber ἡ γυνὴ δὲ δόξα ἀνδρός ἐστιν. Schmid schließt sich Harnack an, klammert jedoch μέν und καὶ δόξα ein. Mit Auslassungszeichen am Ende deutet er an, dass er mit der Möglichkeit weiteren Textes des unbezeugten Teils des Verses rechnet, auch wenn diese Auslassungszeichen „keine Lücken des marcionitischen Textes, sondern Lücken in den Quellen“ anzeigen und er hinzufügt: „Was der marcionitische Text an 2 (1Kor) 415 <?page no="1294"?> 172 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), I/ 313. 173 H. Förster, The „Power on the Head“ of a Woman. A New Appraisal of 1 Corinthians 11: 10 and its Variants (2019). 174 L.T. Stuckenbruck, 1. Korinther 11,10. Ein Erklärungsversuch (2015). diesen Stellen liest, muß offenbleiben“. 172 BeDuhn rechnet nicht nur mit dem bezeugten Text, sondern fügt in Klammern auch eine Übersetzung für den letzten Passus des Verses an. Allerdings stimmt die doppelte fehlende Bezeugung, zunächst des μέν und καὶ δόξα und anschließend des ἡ γυνὴ δὲ δόξα ἀνδρός ἐστιν, grammatikalisch und inhaltlich zusammen. Dem μέν entspricht das δέ, wodurch wie in Vers 3 die patriarchale Hierarchisierung in den Vers eingetragen wird. Tertullian hätte sich diese Unterordnung wohl kaum entgehen lassen, und die grammatikalische Entsprechung unterstreicht, dass wir es nicht einfach mit einer zufälligen Kürzung Tertullians zu tun haben, der Text wird folglich zur kanonischen Redaktion wie in Vers 3 gehört haben. 10. (11,8-10) Hilgenfeld findet die Verse 8 und 10 bei Tertullian bezeugt. Zahn meint, die drei Verse lägen in kanonischer Form vor. Harnack sieht nur den folgenden Text bezeugt: γυνὴ ἐξ ἀνδρός, γυνὴ διὰ τὸν ἄνδρα. ὀφείλει ἡ γυνὴ ἐξουσίαν ἔχειν ἐπὶ τῆς κεφαλῆς διὰ τοὺς ἀγγέλους. Schmid sieht nur Anspielungen, was die Verse 8-9 betrifft, ohne deren Text zu benennen, jedoch fügt er den bezeugten Vers 10 an als (διὰ τοῦτο) ὀφείλει ἡ γυνὴ ἐξουσίαν ἔχειν ἐπὶ τῆς κεφαλῆς διὰ τοὺς ἀγγέλους. BeDuhn folgt Harnack, nimmt aber in seine Übersetzung noch den kanonischen Text des Anfangs von Vers 8 hinzu. Vers 10 wurde jüngst von H. Förster untersucht. 173 Als Interpolation wurde dieser Vers bereits verschiedentlich angesehen. 174 Betrachtet man sich die Ar‐ gumentation Tertullians, wird deutlich, dass er nur Vers 10 bezeugt. Er beginnt mit diesem Vers, schiebt dann aber einen Konditionalsatz ein (si quia ex viro et propter virum facta est, secundum institutionem creatoris …), der schon wegen des Hinweises auf Genesis zu seiner Gegenargumentation gehört. Insofern hat Schmid richtig gesehen, wenn er nur Vers 10 als bezeugt annimmt. Warum hätte sich Tertullian diese Argumentation für die Unterordnung der Frau entgehen lassen? Er hätte Markion und seiner Aufwertung der Frau eine Inkonsistenz vorhalten können. 11. (11,11-16) Alle Editoren sehen die Verse 11-16 als unbezeugt. Zahn sieht die Verse jedoch in irgendeiner unbestimmten Form präsent. 12. (11,11) Inhaltlich steht dieser Vers in Spannung mit dem kanonischen Vers 3, denn dort hat der Mann ja eine unmittelbare Beziehung zu Christus, der auch unabhängig von der Frau das Haupt des Mannes ist und nur vermittelt durch 416 Rekonstruktion <?page no="1295"?> 175 M.D. Goulder, Luke. A New Paradigm (1989), 203. Auch Lk 1,2, die in *Ev fehlt, verweist folglich auf die kanonische Ebene. den Mann und dessen Hauptsein mit der Frau verbunden ist. Hier hingegen wird herausgestellt, dass weder die Frau ohne den Mann, noch der Mann ohne die Frau im Herrn sein können. Der Vers wird also sowohl sprachlich wie inhaltlich zur vorkanonischen Ebene gehört haben und vielleicht wegen dieser Gleichstellung von Tertullian und den anderen Zeugen übergangen worden sein. 13. (11,12) Dieser Vers schließt in der Argumentation gleich an den voran‐ stehenden an. Auch er steht in Spannung zu dem hierarchischen Modell der kanonischen Redaktion der Verse zuvor. Denn während dort die Frau als aus dem Mann stammend vorgestellt wird und sogar die Frau mit Blick auf den Mann hin definiert wird, wird hier zwar das erste wiederholt, jedoch auch vom Mann formuliert, dass dieser aufgrund bzw. durch die Frau existiert. Wiederum wird eine gegenseitige Abhängigkeit vorgestellt, der die kanonische Redaktion das patriarchalisch-hierarchische Modell vorangestellt hat. Auch dieser Vers wird folglich zur vorkanonischen Version gehören, vermutlich bis auf den letzten Passus τὰ δὲ πάντα ἐκ τοῦ θεοῦ, da derselbe Passus nochmals nur auf der kanonischen Ebene in 2Kor 5,18 zu finden ist, wie überhaupt der Ausdruck ἐκ τοῦ θεοῦ nur auf dieser Ebene sich findet. D. (11,1) μιμητής steht 7 / 6 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt, man vgl. auch das verwandte μιμέομαι, das 11 / 4 Mal im NT steht, ausschließlich für die kanonische Ebene belegt. ♦ Die Verbindung μιμηταί μου γίνεσθε kehrt wörtlich wieder auf der kanonischen Ebene in 1Kor 4,16, vgl. auch dort zu diesem Ausdruck. ♦ Zu καθὼς κἀγώ vgl. 1Kor 10,33. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers zeichnet sich durch kanonisch notierte Lexik aus (μιμηταί μου γίνεσθε; καθὼς κἀγώ). Er ist Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,2) ἐπαινέω steht 7 / 6 Mal im NT, nur ein einziges Mal in Lk (16,8) und hier in einem Vers, der in *Ev fehlt, sonst findet es sich nur noch bezeugt für Paulus auf der kanonischen Ebene (Lk 16,8; Röm 15,11; 1Kor 11,2. 17. 22). ♦ μιμνήσκω steht 27 / 23 Mal im NT und findet sich überhaupt nur auf der kanonischen Ebene. ♦ παραδίδωμι steht 134 / 119 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,5. Goulder verweist auf die Parallelität zwischen καθὼς παρέδωκα ὑμῖν und Lk 1,2 (καθὼς παρέδοσαν ἡμῖν). 175 ♦ παράδοσις steht 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt 2 (1Kor) 417 <?page no="1296"?> für *Kol 2,8. ♦ κατέχω steht 19 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 4,42 und *Röm 1,18. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist ausschließlich für die kanonische Ebene belegte Elemente auf (ἐπαινέω; μιμνήσκω). Der Vers wird also auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. Bemerkenswert ist die einzige vorkanonische Bezeugung von dem für diesen Zusammenhang wichtigen Begriff παράδοσις in *Kol, was die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Lexik unterstreicht. (11,3) Zum nicht bezeugten Versanfang: Die Kombination θέλω δὲ ὑμᾶς steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu Vers 7,32. ♦ οἶδα steht 339 / 318 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8. ♦ Die Form εἰδέναι steht 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,4 und wohl auch *Laod 1,18. ♦ παντός (Gen. Mask. Sg.) steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zum bezeugten Mittelteil: ♦ ἀνήρ steht 227 / 216 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 7,10. 11; 11,3. 7. 8; *Laod 5,22. 23, vgl. zu den Versen 4. 7. 8. 9. 12. 14. ♦ κεφαλή steht 79 / 74 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,27; *1Kor 11,3. 7. 10; *Laod 5,23; *Kol 2,19. ♦ Die Formulierung ὁ Χριστός ἐστιν begegnet nochmals in Kol 3,1. Zum nicht mehr bezeugten Schlussteil: γυνή steht 246 / 215 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,1; 7,2 (? ). 10; 11,5. 10; 14,34; *Laod 5,22. 23. 28, vgl. weiter die Verse 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 15. 16. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Auch dieser Vers ist ein gutes Beispiel für die Übereinstimmung zwischen Lexik und Textbezeugung. Der unbezeugte Anfangsteil verweist auf die kanonische Lexik, während der Mittelteil mit Ausnahme des nur 1 weiteres Mal bezeugten ὁ Χριστός ἐστιν an anderen Stellen vorkanonisch bezeugte Lexik aufweist. Der Schlussteil besteht aus Lexik, die zu allgemein und nicht zuzuordnen ist. (11,4) προσεύχομαι steht 104 / 86 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 14,13. 15, vgl. weiter unten Verse 5 und 13. ♦ προφητεύω steht 35 / 28 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,64; *1Kor 11,5; 14,1. 24. ♦ καταισχύνω steht 14 / 13 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,17; *1Kor 1,27. Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Vers unbezeugt ist, spricht zunächst der narrative Zusammenhang für seine vorkanonische Präsenz. Diese wird gestützt von der Lexik. 418 Rekonstruktion <?page no="1297"?> (11,5) πᾶσα(ι) (Nom. / Vok. Fem. Sg. / Pl.) steht 60 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten προσεύχομαι, vgl. den voran‐ stehenden Vers 4 und danach Vers 13. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten προφητεύω vgl. im Vers zuvor. ♦ ἀκατακάλυπτος steht nur 2 Mal im NT, wenig später in 1Kor 11,13 auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten κεφαλή vgl. zu 11,3. ♦ καταισχύνω steht 14 / 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,17 und *1Kor 1,27. ♦ αὐτῆς, das 151 Mal im NT steht, findet sich überhaupt nur für die kanonische Ebene bezeugt ist. ♦ Der Ausdruck ἓν γάρ ἐστιν steht nur hier. ♦ Auch καὶ τὸ αὐτό findet sich nur hier. ♦ ξυρέω ist außerhalb dieses und des nächsten Verses nur noch Apg 21,24 belegt. ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,14; 4,13, vgl. weiter Vers 20. Zur Rekonstruktion: Der Text nimmt die Hinweise von Tertullians Zeugnis auf und berücksichtigt die Handschriftenvariante. Auch wenn keine textliche Sicherheit zu den unbezeugten Teilen zu gewinnen ist, könnte die seltene Lexik darauf hindeuten, dass der Versteil vorkanonisch stand. Dem widerspricht jedoch der Befund des eng mit diesem Teil zusammenhängenden Vers 6. (11,6) Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröff‐ nung, als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. ♦ κατακαλύπτω ist ausschließlich für die beiden Verse 1Kor 11,6-7 belegt, im nächsten Vers vorkanonisch bezeugt. ♦ κείρω begegnet außerhalb des vorliegenden Verses nur noch in der Apos‐ telgeschichte (8,32; 18,18). ♦ Auch αἰσχρός, das 4 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (1Kor 11,6; 14,35; Eph 5,12; Tit 1,11). ♦ Die Form γυναικί steht 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ξυρέω wurde gerade zum voranstehenden Satz betrachtet. Zur Abwesenheit: Betrachtet man die Lexik dieses unbezeugten Versteils, häufen sich die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elemente (Verseröffnung εἰ γάρ; κείρω; αἰσχρός; γυναικί; ξυρέω). Der Vers wird folglich wie der zweite Versteil von Vers 5 auf die kanonische Ebene zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (11,7) Sowohl ἀνὴρ μὲν γάρ wie ἀνὴρ γάρ stehen als Kombination nur hier. ♦ ὀφείλω findet sich 42 / 35 Mal im NT, vorkanonisch nicht nur hier bezeugt, sondern gleich nochmals in Vers 10, auch *Ev 11,4; 16,5. 7. ♦ Zu κατακαλύπτω vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten κεφαλή, vgl. zu 11,3. ♦ εἰκών steht 34 / 23 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,24; *1Kor 11,7; *2Kor 3,18; 4,4; *Kol 1,15. ♦ Die Kombinationen εἰκὼν καὶ δόξα und δόξα θεοῦ stehen nur hier. ♦ Auch von einer δόξα ἀνδρός ist nur hier die Rede. 2 (1Kor) 419 <?page no="1298"?> Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das auch durch die Lexik gestützt wird. Der unbezeugte Teil kann, wenn man sich die Lexik betrachtet, vorkanonisch gestanden sein, allein aus den in C. vorgetragenen Gründen scheint er jedoch vorkanonisch gefehlt zu haben. (11,8) Die Kombination οὐ γάρ ἐστιν steht 12 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröff‐ nung, als Verseröffnung vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,33; vgl. zu Röm 2,11. Zur Abwesenheit: Der unbezeugte Vers ist, wie Schmid richtig erkannt hat, für den vorkanonischen Text nicht gesichert. Da er lexikalisch keine Besonder‐ heiten aufweist, lässt sich aus diesem Befund nichts gewinnen. Da der Vers 8, wie in der Forschung gesehen wurde, eine Spannung, wenn nicht einen Widerspruch zu dem nachfolgenden Vers 12 darstellt, wird vermutlich dieser Vers 8 auf die kanonische Redaktion zurückgehen. (11,9) Die Eröffnung καὶ γὰρ οὐκ begegnet nur noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in 2Kor 3,10. ♦ κτίζω steht 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt nur in *Laod 2,10. 15; 2,9. ♦ Die Form ἐκτίσθη steht 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene, in Kol 1,16. ♦ Die Verbindung von κτίζω + διά findet sich nur in Apk 4,11, ansonsten steht das Verb meistens mit εἰς oder ἐν im NT. Zur Abwesenheit: Aufgrund der fehlenden Bezeugung und des lexikalischen Befundes, auch unter Berücksichtigung der Argumentation von C. wird man diesen Vers der kanonischen Redaktion zuschreiben. Er wird vorkanonisch gefehlt haben. (11,10) διὰ τοῦτο steht 59 Mal im NT und ist vorkanonisch nur in dem Deuteropau‐ linum *2Thess 2,11 bezeugt, vgl. zu Vers 30. ♦ τοῦτο steht 313 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,50. 53; *2Thess 2,11; *Laod 5,32, vgl. weiter unten die Verse 17. 24. 25. 26. 30. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ὀφείλω, vgl. zuvor 11,7. ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten ἐξουσία, vgl. zuvor 9,18. ♦ ἄγγελος steht 186 / 176 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 4,9; 6,3; 11,10; *2Kor 11,14; 12,7; *2Thess 1,7; *Kol 2,18. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Zwar könnte die unbezeugte Eröffnung gestanden sein, weil wir einen vorkanonischen Beleg besitzen, doch es ist eher wahrscheinlich, dass *2Thess hier wieder den kanonischen Sprachgebrauch spiegelt. (11,11) Gleich die erste Konjunktion πλήν fällt als erstaunlich gut bezeugte für *Ev auf (6,24; 11,11. 41; 12,31; 17,1; 22,21; 23,28), und von den 32 Mal, an denen sie im NT begegnet, steht sie 15 Mal in Lk (zu den Belegen von *Ev noch 13,31; 19,27), ansonsten nur 5 Mal in Mt, 1 Mal in Mk, 1 Mal in Joh, 4 Mal in Apg, während sie auch in *Phil 420 Rekonstruktion <?page no="1299"?> 1,18 zu finden ist, und ansonsten nur mehr in Eph 5,33; Phil 3,16; 4,14 und Apk 2,25 steht. ♦ οὔτε steht 106 / 87 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,6. ♦ Die Kombination πλὴν οὔτε steht nur hier im NT. ♦ χωρίς steht 43 / 41 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,12. ♦ Die Wendung ἐν κυρίῳ steht 48 Mal im NT, wohl ausschließlich auf der kanonischen Ebene und nur im kanonischen Paulus, vgl. zu Gal 5,10. Zur Rekonstruktion: Der Vers ist zwar unbezeugt, aber wie in C. dargelegt und wie die Lexik stützt, scheint er vorkanonisch vorhanden gewesen zu sein. (11,12) ὥσπερ, das 43 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,22; *Röm 5,21. ♦ Die Satzeröffnung ὥσπερ γάρ, die 13 Mal im NT zu finden ist, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ τὰ δὲ πάντα ἐκ τοῦ θεοῦ steht wörtlich nochmals auf der kanonischen Ebene in 2Kor 5,18, wie überhaupt der Ausdruck ἐκ τοῦ θεοῦ nur auf dieser Ebene sich findet (1Kor 2,12; 2Kor 3,5; 5,18; Röm 1,29). Zur Rekonstruktion: Wie in C. dargelegt und durch die Lexik hier gestützt wird, scheint dieser vorkanonisch unbezeugte Vers bereits vorkanonisch vorhanden gewesen zu sein. (11,13) Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.), das 543 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; *2Thess 2,11. ♦ κρίνω als positiver Ausdruck gehört, wie oben bereits beobachtet, zur kanonischen Ebene, vgl. zu 6,6. ♦ Die Aufforderung κρίνατε steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Ebenfalls findet sich πρέπω, das 8 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten προσεύχομαι vgl. zuvor zu den Versen 4 und 5. Zur Abwesenheit: Im Unterschied zu den voranstehenden zwei Versen, weist dieser vorkanonisch unbezeugte Vers einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐν ὑμῖν; κρίνω positiv gewertet; κρίνατε; πρέπω). Er ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,14) οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ φύσις steht 16 Mal im NT und ist erstaunlicherweise auf die Briefe begrenzt, für die vorkanonische Fassung bezeugt für *Gal 4,8; *Röm 2,14; *Laod 2,3. ♦ αὐτή (Nom. Fem. Sg.) steht 11 Mal im NT und findet sich überhaupt nur auf der kanonischen Ebene. ♦ φύσις steht 16 / 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,8; *Röm 2,14; *Laod 2,3. ♦ Die Kombination ἡ φύσις αὐτή steht nur hier. ♦ διδάσκω steht 102 Mal im NT und ist für die vorkanonische Ebene bezeugt (*Ev und *Gal 1,12; 2 (1Kor) 421 <?page no="1300"?> *Röm 2,21? ). ♦ Die Kombination διδάσκει ὑμᾶς begegnet nochmals in 1Joh 2,27. ♦ Die Kombination μὲν ἐάν steht nur hier. ♦ κομάω steht 20 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀτιμία steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ἀτιμία erinnert an ἄτιμοι von 1Kor 4,10 (was im ἄτιμος von Mt 13,57 und Mk 6,4 wieder auf der kanonischen Ebene begegnet, auch in der Steigerung 1Kor 12,23). Ebenfalls ausschließlich auf dieser Ebene findet sich das Verb ἀτιμάζειν und das Verb ἀτιμόω. Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers mehren sich die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elemente (διδάσκει ὑμᾶς; κομάω; ἀτιμία). Der Vers wird ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (11,15) Die Wendung δὲ ἐάν steht 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,16. ♦ κομάω als ausschließlich kanonisch belegtes Verb wurde im voranstehenden Vers notiert. ♦ δόξα, das 178 / 166 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,7. 8; 15,41. 43; *2Kor 3,7. 18; 4,6; *2Thess 1,9; *Laod 1,12. 17; *Phil 3,21. ♦ αὐτῇ (Dat. Fem. Sg.) steht das 101 Mal im NT, vorkanonisch lediglich bezeugt für *Ev. ♦ κόμη ist Hapax legomenon. ♦ περιβόλαιον findet sich nur noch ein Mal in Hebr 1,12. ♦ Die Form δέδοται steht 7 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene belegt (Mt 13,11; 19,11; Mk 4,11; Lk 4,6, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,10). Zur Abwesenheit: Auch bei diesem unbezeugten Vers spricht die Lexik mit den ausschließlich kanonisch belegten Elementen (κομάω; περιβόλαιον) eher für die Zugehörigkeit zur kanonischen Ebene, so dass der Vers vorkanonisch gefehlt haben dürfte. (11,16) Die Eröffnung εἰ δέ τις steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 3,12. ♦ Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ δοκέω steht 100 / 63 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9. ♦ φιλόνικος ist Hapax legomenon im NT, das Nomen hierzu φιλονεικία findet sich ebenfalls nur ein Mal im NT, in Lk 22,24, einem Vers, der für die vorkanonische Fassung nicht dem Wortlaut nach bezeugt ist. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6, vgl. weiter Vers 19. ♦ τοιοῦτος steht 62 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *1Kor 15,48. Die Form τοιαύτην steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ συνήθεια wurde bereits für die kanonische Fassung notiert. ♦ Zu οὐδέ vgl. zuvor zu Vers 14. ♦ Die Wendung αἱ ἐκκλησίαι steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 16,4. 16, in Versen, die in *Röm fehlen; 1Kor 11,16; 16,19; Apk 2,23). 422 Rekonstruktion <?page no="1301"?> Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist wieder Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (εἰ δέ τις; τοιαύτην; συνήθεια; αἱ ἐκκλησίαι). Auch er ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 11,[18] 19 [20-22] 23-25 [26-27] 28 29 [30-34]: Über Parteiungen und Bewährung Die in diesem Abschnitt behandelten zwei Themen von Parteiungen und Bewährung, schließen an das der Differenzierung zwischen Mann und Frau, die voransteht, an. Auch hier geht es um Unterscheidungen, aber noch mehr um den Aufruf dazu, selbstkritisch darüber zu reflektieren und sich zu prüfen, um solche Differenzen als Bewährung für sich zu begreifen. Die kanonische Redaktion hat zum Teil erheblich nicht nur in den beste‐ henden vorkanonischen Text eingegriffen, sondern auch die inhaltliche Aus‐ richtung verändert. Zum einen wurde der Text wiederum stark auf Paulus hin personalisiert, der bereits vorkanonisch vorhandene patriarchale, die Frau hierarchisch herabsetzende Ansatz wurde deutlich verschärft. Im zweiten Teil wurde das Thema der Differenzierung gemeindeorientiert verdeutlicht und ausgeweitet und auf die rituelle Mahlgemeinschaft der Gemeinde hin zugespitzt. - 17 Τοῦτο δὲ παραγγέλλων οὐκ ἐπαινῶ ὅτι οὐκ εἰς τὸ κρεῖσσον ἀλλὰ εἰς τὸ ἧσσον συνέρχεσθε. 18 πρῶτον μὲν γὰρ συνερχομένων ὑμῶν ἐν ἐκκλησίᾳ ἀκούω σχίσματα ἐν ὑμῖν ὑπάρχειν, καὶ μέρος τι πιστεύω. 19 δεῖ γὰρ αἱρέσεις εἶναι, ἵνα οἱ δόκιμοι φανεροὶ γένωνται. 19 δεῖ γὰρ καὶ αἱρέσεις ἐν ὑμῖν εἶναι, ἵνα καὶ οἱ δόκιμοι φανεροὶ γένωνται ἐν ὑμῖν. - 20 Συνερχομένων οὖν ὑμῶν ἐπὶ τὸ αὐτὸ οὐκ ἔστιν κυριακὸν δεῖπνον φαγεῖν, 21 ἕκαστος γὰρ τὸ ἴδιον δεῖπνον προλαμβάνει ἐν τῷ φαγεῖν, καὶ ὃς μὲν πεινᾷ, ὃς δὲ μεθύει. 22 μὴ γὰρ οἰκίας οὐκ ἔχετε εἰς τὸ ἐσθίειν καὶ πίνειν; ἢ τῆς ἐκκλησίας τοῦ θεοῦ καταφρονεῖτε, καὶ καταισχύνετε τοὺς μὴ ἔχοντας; τί εἴπω ὑμῖν; ἐπαινέσω ὑμᾶς; ἐν τούτῳ οὐκ ἐπαινῶ. 23 Ἐγὼ γὰρ ἔλαβον ἀπὸ θεοῦ ὅτι ὁ κύριος Ἰησοῦς ἐν τῇ νυκτὶ ἧ παρεδίδετο δεξάμενος ποτήριον εὐχαριστήσας λέγων· Λάβετε τοῦτο καὶ διαμερίσατε 23 Ἐγὼ γὰρ παρέλαβον ἀπὸ τοῦ κυρίου, ὃ καὶ παρέδωκα ὑμῖν, ὅτι ὁ κύριος Ἰησοῦς ἐν τῇ νυκτὶ ἧ παρεδίδετο ἔλαβεν ἄρτον 24 καὶ εὐχαριστήσας ἔκλασεν καὶ εἶπεν, 2 (1Kor) 423 <?page no="1302"?> εἰς ἑαυτούς· 24 καὶ λαβὼν τὸν ἄρτον εὐχαριστήσας ἔδωκεν τοῖς μαθηταῖς αὐτοῦ 25 λέγων, Τοῦτό ἐστιν τὸ σῶμά μου. - Τοῦτό μού ἐστιν τὸ σῶμα τὸ ὑπὲρ ὑμῶν· τοῦτο ποιεῖτε εἰς τὴν ἐμὴν ἀνάμνησιν. 25 ὡσαύτως καὶ τὸ ποτήριον μετὰ τὸ δειπνῆσαι, λέγων, Τοῦτο τὸ ποτήριον ἡ καινὴ διαθήκη ἐστὶν ἐν τῷ ἐμῷ αἵματι· τοῦτο ποιεῖτε, ὁσάκις ἐὰν πίνητε, εἰς τὴν ἐμὴν ἀνάμνησιν. - 26 ὁσάκις γὰρ ἐὰν ἐσθίητε τὸν ἄρτον τοῦτον καὶ τὸ ποτήριον πίνητε, τὸν θάνατον τοῦ κυρίου καταγγέλλετε, ἄχρις οὗ ἔλθῃ. 27 Ὥστε ὃς ἂν ἐσθίῃ τὸν ἄρτον ἢ πίνῃ τὸ ποτήριον τοῦ κυρίου ἀναξίως, ἔνοχος ἔσται τοῦ σώματος καὶ τοῦ αἵματος τοῦ κυρίου. 28 δοκιμαζέτω δὲ ἄνθρωπος ἑαυτόν, καὶ οὕτως ἐκ τοῦ ἄρτου ἐσθιέτω· καὶ ἐκ τοῦ ποτηρίου πινέτω 28 δοκιμαζέτω δὲ ἄνθρωπος ἑαυτόν, καὶ οὕτως ἐκ τοῦ ἄρτου ἐσθιέτω καὶ ἐκ τοῦ ποτηρίου πινέτω· 29 κρίμα ἑαυτῷ. 29 ὁ γὰρ ἐσθίων καὶ πίνων κρίμα ἑαυτῷ ἐσθίει καὶ πίνει μὴ διακρίνων τὸ σῶμα τοῦ κυρίου. - 30 διὰ τοῦτο ἐν ὑμῖν πολλοὶ ἀσθενεῖς καὶ ἄρρωστοι καὶ κοιμῶνται ἱκανοί. 31 εἰ γὰρ ἑαυτοὺς διεκρίνομεν, οὐκ ἂν ἐκρινόμεθα· 32 κρινόμενοι δὲ ὑπὸ τοῦ κυρίου παιδευόμεθα, ἵνα μὴ σὺν τῷ κόσμῳ κατακριθῶμεν. 33 ὥστε, ἀδελφοί μου, συνερχόμενοι εἰς τὸ φαγεῖν ἀλλήλους ἐκδέχεσθε. 34 εἴ τις πεινᾷ, ἐν οἴκῳ ἐσθιέτω, ἵνα μὴ εἰς κρίμα συνέρχησθε. Τὰ δὲ λοιπὰ ὡς ἂν ἔλθω διατάξομαι. A. *11,19: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,3: Saepe iam ostendimus haereses apud apostolum inter mala ut malum poni, et eos probabiles intellegendos qui haereses ut malum fugiant. ♦ *11,23-24: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,3: Proinde panis et calicis sacramento iam in evangelio probavimus corporis et sanguinis dominici veritatem adversus phantasma Marcionis; Tert. Adv. Marc. IV 40,3: Professus itaque se concupiscentia concupisse edere pascha ut suum (indignum enim ut quid alienum concupisceret deus), acceptum panem et distributum discipulis corpus suum illum fecit, Hoc est corpus meum dicendo, id est figura corporis mei. Vgl. *Ev 22,14-18 (siehe weiter unten in C.). ♦ *11,28-29: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,3: Sed et omnem iudicii mentionem creatori competere, ut deo iudici, toto paene opere tractatum est. 424 Rekonstruktion <?page no="1303"?> 176 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 141. 177 Ibid. 167. B. (11,19) Post δεῖ om γάρ in CypTes, Spec var . ♦ Post αἱρέσεις om ἐν ὑμῖν 1 in 06*, 010, 012, lat, Or lat , Cyp, Aug, Ambst, Pel und in der altlateinischen Tradition in 61, 76, 77, CypTes. Zuntz hält ἐν ὑμῖν für ursprünglich. 176 ♦ Post ἵνα om καί in 01, 02, 04, 06 1 , 010, 012, 018, 020, 025, 044, 81, 104, 365, 1241, 1505, 2464, M, b, vg mss , sy, bo, Or, CypTes ed , Ambst ad , Spec var und in der altlateinischen Tradition in 51, 77, 78, 88, 89; add in P 46 , 03, 06*, 33, 630, 1175, 1739, 1881, vg, sa bo mss . ♦ ἐν ὑμῖν 2 om in P 46 , 04, 2464, während man in der altlateinischen Tradition in nobis liest CypTes var ; in uos in CypTes var und inter uos in 75, 76, 89, Ambst heißt. ♦ (11,23) Anstelle von ἀπὸ θεοῦ in 010, 012, 365? (+ του), d* liest man in den meisten Zeugen ἀπὸ τοῦ κυρίου, doch findet sich in 06, lat, Ambst: παρὰ κυρίου. ♦ Ante ἄρτον add τόν in 06*, 010, 012. ♦ (11,24) Die Wortstellung ἐστιν μου findet sich in P 46 . ♦ (11,27) Post ἄρτον fügen eine Reihe von Zeugen in Parallele zu dem voranstehenden Vers ein τοῦτον ein, 016 vid , 018, 020, 025, 81, 104, 365, 630, 1241, 1739 mg , 1881, M, ar vg cl , bo, Ambst, om in P 46 , 01, 02, 03, 04, 06, 010, 012, 044, 33, 1175, 1505, 1739 txt , 2464, lat, sy h , sa, Cl. ♦ Post πίνων add αναξίως in 012, 033, 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 81, (104), 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, 2646, M, latt, sy; om in P 46 , 01*, 02, 03, 04*, 6, 33, 1739, co. Zuntz hält dies für eine eingedrungene Glosse. 177 ♦ Die Hinzufügung von τοῦ κυρίου findet sich in den Zeugen 01 2 , 04 3 , 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881 c , 2464, M, it, vg cl , sy, Ambst, Pel var , Spec var (+ Christi), ebenso in der altlateinischen Tradition in 51, 54, 58, 61, 75, 76, 77, 78, 88, 89, 262, om in P 46 , 01*, 02, 03, 04*, 6, 33, 1739, 1881*, vg st , co, Pel. ♦ (11,31) Die Variante εἰ γάρ findet sich in 01 2 , 04, 018, 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M, sy; während sich δέ findet in P 46 , 01*, 02, 03, 06, 010, 012, 33, 1739, Cl (so auch NA 28 ). ♦ (11,32) τοῦ om P 46 , 02, 06, 010, 012, 018, 025, 044, 81, 365, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M; add 01, 03, 04, 33, 104, 1175. C. 1. (11,17-18) Zahn, Harnack und Schmid sehen die Verse 17-18 als unbezeugt. Zahn sieht die Verse jedoch in irgendeiner unbestimmten Form präsent, jedoch Hilgenfeld meint, Tertullian bezeuge Vers 18, und BeDuhn rechnet möglicher‐ weise mit der Präsenz der Verse 17-18, um einen narrativen Kontext für den bezeugten Vers 19 zu besitzen. Doch ist es eher denkbar, dass Vers 19 die Einleitung für das Nachfolgende darstellt. 2. Aufgefallen ist bereits die unterschiedliche Situationsbeschreibung in 1Kor 11,17-22, die sich von der in 1,10-12 unterscheidet, vorausgesetzt, man geht 2 (1Kor) 425 <?page no="1304"?> 178 L.L. Welborn, The Corinthian Correspondance (2013), 212-123. 179 Vgl. die Einleitung, I, S.-568-572. 180 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 509. 181 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 89*. davon aus, dass es sich um dasselbe Phänomen handelt. Es wird argumentiert, dass nach der vorliegenden Stelle Paulus erst von Spaltungen gehört und diese Information zum Teil geglaubt hat (1Kor 11,18), während Paulus nach der früheren Stelle sich sehr gut über die Spaltungen informiert zeigt. 178 Wie man auch immer diese Kritik bewerten möchte, die mögliche Spannung mag auf eine, wie auch sonst bereits festgestellt, nicht immer konsistente kanonische Redaktion zurückzuführen sein. 179 3. (11,19) Hilgenfeld findet diesen Vers bei Tertullian bezeugt. Zahn sieht ihn wie die weiteren Verse bis 34 ebenfalls bezeugt, wenn auch „im einzelnen ungewiß“. 180 Harnack sieht in Tertullian eine Anspielung auf αἱρέσεις … δόκιμοι. Auch Schmid sieht Anspielungen auf diesen Vers, gibt jedoch keinen präzisen Text an, und BeDuhn folgt Harnack, gibt jedoch in Klammern den fehlenden kanonischen Text in Übersetzung, dem er noch aus Vers 18 die Übersetzung von ἀκούω σχίσματα ἐν ὑμῖν ὑπάρχειν hinzusetzt. 4. Das in einigen Zeugen fehlende γάρ scheint eine kanonisch-redaktionelle Auslassung darzustellen. 5. (11,20-22) Die Bezeugung für diese Verse wird unterschiedlich gedeutet, wobei eine gewisse Unsicherheit von allen Editoren zugestanden wird. Für Zahn gilt, was zum voranstehenden Vers gesagt wurde, Harnack sieht die Verse präsent aufgrund der Anspielung bei Tertullian „auf das Abendmahl als Leib und Blut Christi“. 181 Schmid sieht nur eine Anspielung auf Vers 23, dem sich BeDuhn anschließt, auch wenn er in seiner Übersetzung in Klammern die Verse 20 und 21 ganz nach dem kanonischen Text übersetzt, und für Vers 22 seiner Übersetzung der folgende Text zugrundeliegt: … τῆς ἐκκλησίας τοῦ θεοῦ καταφρονεῖτε, καὶ καταισχύνετε τοὺς μὴ ἔχοντας …; ἐν τούτῳ οὐκ ἐπαινῶ, mit den Auslassungszeichen deutet er allerdings an, dass er mit weiterem, nicht mehr bestimmbarem Text rechnet. Tatsächlich bezieht sich Tertullians Bezeugung, wie Schmid richtig sieht, erst auf Vers 23. Erneut muss also die Lexik die Entscheidung stützen, auf welcher Ebene die Verse anzusiedeln sind. 6. (11,23-24) Zahn sieht auch diese Verse präsent, auch wenn der Wortlaut ungewiss sei. Harnack erkennt die Anspielung in Tertullian „auf das Abendmahl als Leib und Blut Christi“. Ihm schließt sich Schmid an, und BeDuhn verweist korrekt darauf, dass Tertullian sogar noch darauf hindeute, dass er über den 426 Rekonstruktion <?page no="1305"?> 182 Dies bemerkte auch J. Heilmann, „Kanonischer Text und historischer Paulus“ (2024), 881-882. Text hinweggehen kann, da er sich zu ihm bereits bei der Behandlung des Markionvangeliums geäußert habe. In seiner Übersetzung legt BeDuhn den kanonischen Text zugrunde, klammert aber fast alles ein bis auf die Begriffe ὁ κύριος und ἄρτον. Der einzige Hinweis auf diese Stelle stammt von Tertullian. Folglich muss eine Rekonstruktion bei seiner Bemerkung ansetzen, dass er diese Stelle hier als präsent voraussetzt und meint, er müsse sie nicht nochmals kommentieren, weil er sie bereits behandelt habe. Wäre die Textgestalt der Vorlage wesentlich verschieden gewesen, wäre Tertullian an dieser Stelle wohl auch auf den neuen Text eingegangen. Das ist jedoch nicht der Fall. Allerdings stellt sich zunächst die Frage der Einleitung. Die Bezugnahme auf Becher und Brot (und, wie Tertullian zunächst nahelegt, in umgekehrter Reihenfolge) ist in ein Argument eingebunden: „19 Es muss Parteiungen geben, damit die Bewährten offenkundig werden … 28 Ein Mensch soll sich selbst prüfen und dann soll er aus dem Kelch trinken und von dem Brot essen 29 als Urteil über sich.“ Wegen dieses rahmenden Arguments kann der Text dazwischen nicht allzu ausführlich gewesen sein, um das Argument nicht zu zerstören. Es wird darum weder die unbezeugte narrative Einleitung von 1Kor 11,23 gestanden sein, noch diejenige, die man in *Ev 22,14-18 liest: 14 Καὶ ὅτε ἐγένετο ἡ ὥρα, ἀνέπεσεν καὶ οἱ (δώδεκα) ἀπόστολοι σὺν αὐτῷ. 15 καὶ εἶπεν πρὸς αὐτούς, Ἐπιθυμίᾳ ἐπεθύμησα τὸ πάσχα ϕαγεῖν μεθ’ ὑμῶν πρὸ τοῦ με παθεῖν· 17 καὶ δεξάμενος ποτήριον εὐχαριστήσας εἶπεν, Λάβετε τοῦτο καὶ διαμερίσατε εἰς ἑαυτούς· 18 λέγω γὰρ ὑμῖν ὅτι οὐ μὴ πίω ἀπὸ τοῦ νῦν ἀπὸ τοῦ γενήματος τῆς ἀμπέλου ἕως οὗ ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ ἔλθῃ. Gleichwohl bedürfen die Verse einer Einleitung. Einen wichtigen Aufschluss gibt die Variante, die in Vers 23 begegnet, wo es in den einschlägigen Handschriftenzeugen ἀπὸ θεοῦ anstelle von ἀπὸ τοῦ κυρίου heißt. 182 Außerdem erinnert die Wendung παρέλαβον … ὃ καὶ παρέδωκα ὑμῖν an den kanonischen Wortlaut von 1Kor 15,3: Παρέδωκα γὰρ ὑμῖν ἐν πρώτοις, ὃ καὶ παρέλαβον. Nachdem dieser Versteil vorkanonisch gefehlt hat, wird auch hier das unbezeugte ὃ καὶ παρέδωκα ὑμῖν vorkanonisch nicht gestanden sein. Die nächste Frage ist die der Reihenfolge von Brot und Becher. Tertullian legt, wie angedeutet, die Reihenfolge des kanonischen Paulus nahe (panis et calicis sacramento). Da er jedoch nicht auf den vorkanonischen Text eingeht, kann er durchaus die Reihenfolge des kanonischen Evangeliums wiedergeben. Aufgrund des Tertullianverweises auf seinen *Ev-Kommentar, ist es sinnvoll, 2 (1Kor) 427 <?page no="1306"?> die Passage so nah als möglich *Ev 22,17-19 folgen zu lassen. Doch steht einer reinen Übernahme manche Besonderheit entgegen. Klinghardt rekonstruiert die Eucharistiepassage wie folgt: 22,14 Καὶ ὅτε ἐγένετο ἡ ὥρα, ἀνέπεσεν καὶ οἱ (δώδεκα) ἀπόστολοι σὺν αὐτῷ. 15 καὶ εἶπεν πρὸς αὐτούς, Ἐπιθυμίᾳ ἐπεθύμησα τὸ πάσχα ϕαγεῖν μεθ’ ὑμῶν πρὸ τοῦ με παθεῖν· 17 καὶ δεξάμενος ποτήριον εὐχαριστήσας εἶπεν, Λάβετε τοῦτο καὶ διαμερίσατε εἰς ἑαυτούς· 18 λέγω γὰρ ὑμῖν ὅτι οὐ μὴ πίω ἀπὸ τοῦ νῦν ἀπὸ τοῦ γενήματος τῆς ἀμπέλου ἕως οὗ ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ ἔλθῃ. 19 καὶ λαβὼν ἄρτον εὐχαριστήσας ἔδωκεν τοῖς μαθηταῖς αὐτοῦ λέγων, Τοῦτό ἐστιν τὸ σῶμά μου. Wie das bereits Ausgeführte, das durch die Lexik in C. gestützt wird, erläutert, ist mit der obigen leicht geänderten Eröffnung zu rechnen. Der Passus mit Kelch und Brot schließt vorkanonisch an die Aussage an, dass Parteiungen existierten, weil „die Bewährten“ gerade beim gemeinsamen Mahl sich offen‐ baren werden, wie Jesus angesichts seines Verrates sich beim Kelch und Brot offenbarte. So soll sich prüfen, wer den Kelch trinkt und von dem Brot isst. Wegen der argumentativen Einbindung wird - wie auch im kanonischen 1Kor - der Bezug zu Kelch und Brot ohne den ausführlichen narrativen Rahmen anzunehmen sein, der in *Ev 22,14-17a und in *Ev 22,21ff. gegeben ist. Da die Verse *Ev 22,17b-18 jedoch nicht vorkanonisch bezeugt sind, lässt sich über deren Vorhandensein und sprachliche Gestalt nichts Sicheres aussagen, außer, dass wohl auch im vorkanonischen *1Kor, wie von Klinghardt aus der weiteren Überlieferungsgeschichte richtig geschlossen, zunächst mit dem Kelch und dann erst mit dem Brot zu rechnen ist. Da εἶπεν nur kanonisch steht, wird man die Form λέγων bevorzugen. In Vers 25 wird vor ἄρτον der Artikel gestanden sein, wie er in den einschlägigen Handschriften bezeugt ist. 7. (11,26-28) Nach Zahn, Harnack und Schmid spiele Tertullian auf die Verse 26-28 an. Im Gegensatz dazu jedoch hält BeDuhn fest, dass diese Verse nicht direkt bezeugt sind, folglich gibt er für sie auch keine Übersetzung, auch nicht in Klammern, sondern fügt lediglich drei Auslassungspunkte an, die auf möglichen Text hindeuten. Doch auch hier hilft wiederum die Lexik. 8. (11,29) Nach allen Editoren ist der Vers aufgrund des Stichworts „Gericht“ bezeugt, auch wenn nur BeDuhn außer diesem Begriff auch in seine Übersetzung noch den kanonischen Text davor und danach aus diesem Vers in Klammern mitführt. Allerdings begegnet am Ende διακρίνω, was bereits zuvor kanonischer Sprache zugehörig erkannt wurde, vgl. die Ausführungen zu *1Kor 6,5. Es legt sich also nahe, dass der Vers hier kanonisch überformt vorliegt. 9. Zuntz hat Recht, wenn er das in einigen (auch einschlägigen) Zeugen vorhandene ἀναξίως für eine eingedrungene Glosse hält. Sie stammt aus dem 428 Rekonstruktion <?page no="1307"?> kanonischen Kontext der Verse zuvor, insbesondere aus Vers 27, doch verkehrt Zuntz die Interpretation des κρίμα und gibt ihm den Sinn, den Tertullian nutzt für seine Argumentation gegen Markion. Tertullian hält Markion vor, auch sein *Paulus spreche von einem Gericht. Diesen Sinn erhält der Text allerdings erst auf der kanonischen Ebene. Auf der vorkanonischen hingegen setzt der Vers das seit Vers 19 eingeführte Thema der Differenzierung fort, die zum Vorschein der Bewährten führe. Für diese Bewährung wird als Beispiel auf die Worte Jesu verwiesen, der sich ebenfalls einer solchen Prüfung und Bewährung unterziehen musste, als er ausgeliefert wurde und gar von Leib und Blut, also von seinem bevorstehenden Tod sprach. Folglich soll sich auch jeder, der sich selbst dem Martyrium übergeben will, zuvor prüfen, weil das Martyrium eine Entscheidung ist. Erneut wird erkennbar, dass die kanonische Redaktion diese für Markion und seine Nachfolger bekannte Martyriumsbereitschaft in eine völlig andere Richtung wendet. 10. (11,29) Nach Zahn, Harnack und Schmid gehört dieser Vers zu denen, auf die Tertullian anspielt, doch BeDuhn meint zu Recht, dass dieser Vers unbezeugt ist. 11. (11,30) Hilgenfeld hält diesen Vers für unbezeugt, Zahn hingegen sieht ihn als bezeugt, auch wenn er den Wortlaut nicht bestimmen kann. Harnack und Schmid folgen ihm. BeDuhn sieht den Text als unbezeugt und gibt keine Übersetzung desselben. 12. (11,31-32) Wiederum nehmen alle Editoren an, dass Tertullian auf diese beiden Verse angespielt hat (für Hilgenfeld gilt dies nur für Vers 32). Hilgenfeld ist m. E. zuzustimmen, denn Tertullian spricht von omnem iudicii mentionem, er muss also mehrfach von Gericht und Richten gelesen haben, auch wenn sich der Wortlaut nicht mehr sichern lässt. 13. (11,33-34) Während Zahn und Harnack die Verse 33 und 34 von Tertullian angedeutet finden, Schmid zumindest den Vers 33, notiert BeDuhn zu Recht, dass diese Verse unbezeugt sind. Dass sie auch in der vorkanonischen Fassung gefehlt haben, deutet die direkte Anrede in Verbindung mit συνέρχομαι an. Gestützt wird diese Beobachtung durch die weitere Lexik. D. (11,17) Zur ausschließlich kanonischen Kombination τοῦτο δέ vgl. weiter oben zu 2Kor 9,6. ♦ παραγγέλλω steht 33 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 3,11; *2Thess 3,10. ♦ ἐπαινέω steht 7 / 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Steigerungsform κρείσσων oder κρείττων, die 23 im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ἀλλὰ εἰς steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 7,19; Joh 12,44; 1Kor 11,17; 1Thess 2 (1Kor) 429 <?page no="1308"?> 5,9; Hebr 9,24). ♦ Das Diminutiv ἥσσων steht nur noch 2Kor 12,15. ♦ συνέρχομαι, das 34 / 30 Mal im NT steht, findet sich immer nur auf der kanonischen Ebene, vgl. weiter zu den Versen 18. 20. 33. 34. Zur Abwesenheit: Deutlicher als im Vers zuvor weist dieser vorkanonisch unbezeugte Vers hier eine Lexik mit Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (τοῦτο δέ; ἐπαινέω; κρείσσων; ἀλλὰ εἰς; ἥσσων; συνέρχομαι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat im vorkanonischen Text gefehlt. (11,18) πρώτον / πρῶτος steht 70 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,46; *1Thess 4,16; *2Thess 2,3. ♦ Die Kombination πρῶτον μέν steht 5 Mal im NT (Verseröffnung: Röm 1,8; 1Kor 11,18; im Vers: Röm 3,2; Hebr 7,2; Jak 3,17), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum ausschließlich kanonisch stehenden συνέρχομαι vgl. zuvor zu Vers 17 und weiter 20. 33. 34. ♦ σχίσμα, das 9 / 8 Mal im NT steht, ist nur auf der kanonischen Ebene zu finden. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ ὑπάρχω steht 66 / 60 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 11,7; *Phil 2,6. ♦ μέρος steht 45 Mal im NT steht, vorkanonische bezeugt für *Ev und *Kol 2,16. ♦ πιστεύω steht 265 / 243 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21 (τοὺς πιστεύοντας); 15,11; *Röm 1,16 (τῷ πιστεύοντι); 10,4 (τῷ πιστεύοντι); *2Thess 2,12 (οἱ μὴ πιστεύσαντες); *Laod 1,13 (πιστεύσαντες). Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (πρῶτον μέν; συνέρχομαι; σχίσμα; ἐν ὑμῖν). Der Vers dürfte auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (11,19) Die Eröffnungsformulierung δεῖ γὰρ ist belegt, wenn auch nicht bezeugt, in *Ev 21,9, findet sich bezeugt aber in *1Kor 15,25. 53. ♦ Die Kombination γὰρ καί steht 7 Mal im NT (Apg 17,28; Röm 13,6; 1Kor 11,19; 2Kor 2,9; 10,14; Kol 2,5; 1Petr 4,6), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die hier unbezeugte Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ Zum Infinitiv εἶναι vgl. zuvor zu Vers 16. ♦ δόκιμος findet sich 7 Mal im NT und hat wohl auch in *2Kor 10,18 gestanden (allerdings nur Adamantiuszeugnis). ♦ φανερός, das 22 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,17; *Gal 5,19; *Röm 2,28. Das verwandte φανερόω steht 54 / 49 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 2,14; 3,3; 4,10. 11; 5,10; *Röm 3,21; *Kol 3,4. Zur Rekonstruktion: Leider sind nur zwei Begriffe dieses Verses durch Tertullian bezeugt. Nachdem die weiteren Begriffe vorkanonisch bezeugt sind, können sie für den Text angenommen werden, auch wenn die Unsicherheit über den 430 Rekonstruktion <?page no="1309"?> Wortlaut des Verses besteht. Allerdings hilft der lexikalische Vergleich. Da die Verseröffnung δεῖ γάρ weiter vorkanonisch bezeugt ist, dürfte dies die zu wählende Form sein. Dafür spricht auch, dass die Kombination γὰρ καί nur kanonisch zu finden ist. (11,20) συνέρχομαι ist ein kanonischer Begriff, vgl. dazu zuvor die Verse 17. 18 und nachfolgend 33. 34. ♦ Zu αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.) vgl. zuvor zu Vers 5. ♦ Die Kombination οὖν ὑμῶν steht noch 1 weiteres Mal im NT, ebenfalls auf der kanonischen Ebene in Röm 14,16. ♦ Der Ausdruck ἐπὶ τὸ αὐτό steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor 7,5. ♦ κυριακός begegnet nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene, Apk 1,10. ♦ δεῖπνον, das 16 Mal im NT steht, findet sich zwar bezeugt für die vorkanonische Fassung (*Ev 14,12. 16. 17. 24; vielleicht auch 20,46), jedoch nicht im Zusammenhang mit dem letzten Mahl oder dem Herrenmahl, anders als auf der kanonischen Ebene ( Joh 13,2; 21,20; vgl. auch das Mahl für den Herrn bei Maria, Martha und Lazarus, Joh 12,2; Apk 19,9. 17). Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers begegnen aus‐ schließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente (συνέρχομαι; οὖν ὑμῶν; ἐπὶ τὸ αὐτό; κυριακός) und kanonische Semantik (δεῖπνον). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,21) Zum vorkanonisch bezeugten ἕκαστος vgl. zuvor zu 4,5. ♦ ἴδιος, das 123 / 114 Mal im NT steht, etwa Lk 2,3; 10,34, in Versen, die in *Ev fehlen, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,41; *Gal 6,9; *1Kor 7,7; *1Thess 2,15 ♦ Die Kombination ἕκαστος γὰρ τὸ ἴδιον allerdings steht nur noch ein Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (Gal 6,5). ♦ πεινάω, das 24 / 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,21. 25, vgl. weiters Vers 34 auf derselben kanonischen Ebene. ♦ μεθύω steht 5 Mal im NT und ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (Mt 24,49; Apg 2,15; 1Kor 11,21; 1Thess 5,7; Apk 17,6). Zur Abwesenheit: Auch bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers spricht die Lexik mit den nur kanonisch belegten Elementen (ἕκαστος γὰρ τὸ ἴδιον; μεθύω) dafür, dass er ein Produkt der kannonischen Redaktion ist und vorkanonisch gefehlt hat. (11,22) μὴ γάρ steht 4 Mal im NT, 3 Mal als Satzeröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 7,41; und als Satzeröffnung: 1Kor 11,22; Jak 1,7; 1Petr 4,15). ♦ οἰκία, das 104 / 94 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,5. ♦ Der Ausdruck οὐκ ἔχετε steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 6,1; 16,18; Mk 8,17; Joh 5,38. 42; 6,53; 1Kor 11,22; Jak 4,2). ♦ ἐσθίω steht 196 / 158 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 14,2; *1Kor 10,3. 7; *2Thess 3,10. ♦ πίνω, das sich 114 / 73 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,4. 7; 2 (1Kor) 431 <?page no="1310"?> Röm 14,21, vgl. weiter die Verse 1Kor 11,25-29. ♦ Zum Ausdruck ἐσθίειν καὶ πίνειν vgl. Lk 12,45 (unbezeugt für *Ev): ἐσθίειν τε καὶ πίνειν. ♦ Der Ausdruck ἐκκλησία τοῦ θεοῦ steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. Gal 1,13. ♦ καταφρονέω begegnet 10 / 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ τούτῳ (Dat. Mask. / Neut. Sg.), das 88 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 19,9. ♦ Die Aoristform εἴπω steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐπαινέω, das 7 / 6 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, verweist zurück auf Vers 17 der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (μὴ γάρ; οὐκ ἔχετε; ἐσθίειν καὶ πίνειν; ἐκκλησία τοῦ θεοῦ; καταφρονέω; εἴπω; ἐπαινέω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorka‐ nonisch gefehlt. (11,23) Die Kombination ἐγὼ γάρ steht 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,17. ♦ παραλαμβάνω steht zwar 54 / 50 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vergleichsweise selten gebraucht auf der vorkanonischen Ebene, Ev*und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ Der Ausdruck ἀπὸ τοῦ κυρίου steht nur noch 1 weiteres Mal, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,6. ♦ Auffallend ist auch, dass παραδίδωμι zwar 134 Mal im NT begegnet, doch im Sinne der Weitergabe von Tradition sonst nur auf der kanonischen Ebene bezeugt ist (z. B. 1Kor 11,2; 15,3; Röm 6,17; 2Petr 2,21; Jud 3; Mk 7,13; Lk 1,2; Apg 6,14; 16,4). παραδίδωμι ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,5, wohl auch in *Gal 2,20, wenn hierfür auch unbezeugt. ♦ Die Form παρέδωκα steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ὁ κύριος steht 108 Mal im NT, Lk 10,1; 24,34, wo der Begriff in *Ev fehlt, 16,8; 19,32. 34; 20,13. 15, in Versen, die in *Ev fehlen, vorkanonisch bezeugt (jedoch nicht für „den Herrn“) in *Ev 12,46; zu ὁ κύριος als auktoriale Erzählerstimme, was Klinghardt bereits als Merkmal der kanonischen Redaktion erkannt hat, vgl. die Einleitung, Band I. ♦ Der Ausdruck ὁ κύριος Ἰησοῦς steht noch 1 weiteres Mal (zumindest in einigen Handschriften) auf der kanonischen Ebene in 2Thess 2,8. ♦ νύξ steht 71 / 61 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Der Ausdruck ἐν τῇ νυκτί steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 26,31; Joh 11,10; 1Kor 11,23). ♦ Die Form ἔλαβεν steht 31 Mal im NT, Lk 1,24; 5,26; 20,31, in Versen, die in *Ev fehlen, 2 weitere Male in Lk, wo der Begriff für *Ev unbezeugt ist, und überhaupt ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (6 Mal Mt; 4 Mal Mk; 6 Mal Joh; 3 Mal Apg; Röm 4,11; 9,30; 1Kor 11,23; Hebr 2,2; 11,11; 1Petr 4,10; Apk 5,8). Zum vorkanonischen Stück aus *Ev 22,17-19a: Die Verseröffnung steht nur hier und in *Ev 22,17 / / Lk 22,17. ♦ δέχομαι steht 62 / 56 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für 432 Rekonstruktion <?page no="1311"?> *Ev 9,11; 10,10; *2Thess 2,10. ♦ δεξάμενος steht 6 Mal im NT, vorkanonisch wohl in *Ev 9,11, nicht bezeugt, ansonsten in Apg (2 Mal), Phil 4,18; Hebr 11,17 auf der kanonischen Ebene. ♦ ποτήριον steht 35 7 31 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 11,39. ♦ εὐχαριστέω steht 43 / 38 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,21. ♦ διαμερίζω steht 12 / 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,18; 12,53. ♦ εἰς ἑαυτούς steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 7,30; 22,17; 1Petr 4,8. 10). ♦ Die Wendung λέγω γὰρ ὑμῖν steht 10 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt aks Verseröffnung für *Ev 10,24; auf der kanonischen Ebene 2 Mal als Verseröffnung in Mt; Lk 14,24 (unbezeugt, aber vielleicht vorkanonisch vorhanden); 22,16 (in einem Vers, der in *Ev fehlt). 18; 22,37 (in einem Vers, der in *Ev fehlt); 2 Mal im Vers in Mt; Lk 3,8. ♦ πίνω steht 114 / 73 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,4. 7; *Röm 14,21. ♦ Die Wendung ἀπὸ τοῦ νῦν steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,69; auf der kanonischen Ebene in Lk 1,48 (in einem Vers, der in *Ev fehlt); 22,18. 69; Joh 8,11; 2Kor 5,16. ♦ ἄμπελος steht 9 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Ausdruck ἕως οὗ steht 17 Mal im NT, 6 Mal in Mt; Lk 13,21; 15,8; 22,18; 24,49 (in einem Vers, der in *Ev fehlt); Joh 13,38; 5 Mal in Apg; 2Petr 1,19. ♦ Die Wendung ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ steht 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,9. 11; 11,20; 16,16; 17,21. 22; 21,31, ist folglich eine vorkanonisch sehr beliebte Wendung, kanonisch steht sie noch 2 Mal in Mt; 3 Mal in Mk; Lk 6,20; 13,18; 17,20; 18,16; 19,11; 22,18; Röm 14,17; 1Kor 4,20; Apk 12,10. ♦ Die Form ἔλθῃ, die 32 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. Zur Rekonstruktion: Das Zeugnis folgt dem Hinweis Tertullians, der einige der Begriffe bezeugt, vor allem für die Stelle in *Ev. Wie die ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugten Elemente nahelegen (εἰς ἑαυτούς; ἄμπελος; ἕως οὗ; ἔλθῃ), die sich vor allem im letzten Teil des Verses vermehren, scheint der Vers kanonisch überarbeitet worden zu sein. Da der letzte Halbvers jedoch mit der vorkanonisch beliebten Wendung λέγω γὰρ ὑμῖν eröffnet und gegen Ende jedoch die vorkanonisch beliebte Wendung ἡ βασιλεία τοῦ θεοῦ aufweist, liegen Stützen vor, die diesen Vers, wenn auch kanonisch überformt, vorkanonisch vorhanden scheinen lassen. (11,24) εὐχαριστέω steht 43 / 38 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,21. ♦ κλάω steht 15 / 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination μού ἐστιν steht 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Ausdruck τὸ ὑπὲρ ὑμῶν steht 4 Mal im NT, Lk 22,19. 20, in 2 Versen, die in *Ev fehlen, also ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung τὸ ὑπέρ steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 22,19. 20, in Versen, die in *Ev fehlen; 1Kor 11,24; 2Kor 9,3; Phil 1,29). ♦ εἰς τὴν ἐμὴν ἀνάμνησιν steht wieder in Lk 22,19, wo dieser Ausdruck in *Ev fehlt. (11,25) Die Satzeröffnung ὡσαύτως καί steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene und nur noch wiederholt in 1Tim 2,9; 5,25. ♦ δειπνέω steht 11 / 4 2 (1Kor) 433 <?page no="1312"?> 183 Die zweite Option ist ein Vorschlag von M. Klinghardt bei der Durchsicht des Typo‐ skripts, dem ich mich gerne anschließe. Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἡ καινὴ διαθήκη, die 2 Mal im NT zu finden ist, steht wieder in Lk 22,20, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,3. ♦ Der Ausdruck ἐν τῷ ἐμῷ begegnet nur 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Röm 3,7. Vers 23 in der vorkanonischen Fassung: Die Form λαβών steht 55 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,19. ♦ ποτήριον, das 35 / 31 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,39; *1Kor 11,23, vgl. die Verse 25. 26. 27. 28. Vers 25 in der vorkanonischen Fassung: εὐλογέω steht 45 / 42 im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,16; *Röm 12,14. ♦ ἔδωκεν τοῖς μαθηταῖς λέγων, Τοῦτο ἐστὶν ist übernommen aus *Ev 22,19. Zur Rekonstruktion: Wie in C. erläutert, verweist Tertullian auf seine frühere Behandlung, scheint also in etwa denselben vorkanonischen Text auch hier vor sich zu haben. Der kanonische Text auf der kanonischen Ebene weicht hiervon deutlich ab, doch bereits die Lexik stützt, dass nicht dieser kanonische Text im vorkanonischen Brief stand, sondern viel eher der in *Ev vorhandene. Erkennbar hat die kanonische Redaktion die vorliegende vorkanonische Passage durch den lukanischen Bericht überformt oder beide Korrekturen wurden parallel vorgenommen. Ganz offensichtlich hat sich die kanonische Redaktion nicht im Geringsten an den abweichenden Formulierungen in Mt/ Mk gestoßen, sondern alles für gut kompatibel oder gar identisch gehalten. 183 Was die vorliegende Rekonstruktion des vorkanonischen Textes betrifft, so ist sie die eher wahr‐ scheinliche, aber sie ist im Wortlaut nicht gesichert. (11,26) Die den Vers eröffnende Konjunktion ὁσάκις steht nur 3 Mal im NT, in Vers 26 greift sie dasselbe Wort des voranstehenden Verses der kanonischen Redaktion auf und begegnet außerhalb wiederum nur noch ein Mal auf derselben Ebene der kanonischen Redaktion, Apk 11,6. ♦ τοῦτον, das 63 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination τοῦτον καὶ begegnet 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 2,19; Apg 6,14; 28,26; 1Kor 11,26). ♦ Zu ποτήριον vgl. zuvor die Verse 23 und 25 und nachfolgend die Verse 27. 28. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ καταγγέλλω, das 19 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,17. 18. ♦ ἄχρι, das 55 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,25; *2Kor 3,14. ♦ Die Kombination ἄχρις οὗ steht 8 Mal im NT, Lk 21,24, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, und damit ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 21,24; Apg 7,18; Röm 11,25; 1Kor 11,26; 15,25; Gal 3,19; Hebr 3,13; Apk 2,25). 434 Rekonstruktion <?page no="1313"?> Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente auf (die den Vers eröffnende Konjunktion ὁσάκις; τοῦτον καὶ; ἄχρις οὗ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat auf der vorkanonischen Ebene gefehlt. (11,27) Die Satzeröffnung Ὥστε ὅς steht nur hier. ♦ Die Kombination ὃς ἄν steht 25 Mal im NT, in Lk 9,48, wo der Versteil in *Ev fehlt, vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,18; 12,8; 16,18 (kanonisch: 8 Mal Mt; 8 Mal Mk; Lk 8,18; 9,48; 12,8; 18,17; Apg 2,21; Röm 10,13; 1Kor 11,27). ♦ Zu τοῦτον vgl. zuvor zu Vers 26. ♦ Zu ποτήριον vgl. zuvor zu den Versen 23. 25. 26 und danach Vers 28. ♦ Hier steht das zentrale Wort ἀναξίως, das nach Ausweis von Zeugen auch für Vers 26 anzunehmen wäre (gg. NA 28 ), und nur noch in 1Kor 11,29 zu finden ist. Das Adjektiv ἀνάξιος, auf das in diesen Versen Bezug genommen wird, war zuvor in 1Kor 6,2 als Hapax legomenon begegnet, steht dort aber auf der kanonischen Ebene. ♦ Weiteres verrät der Begriff ἔνοχος, der 10 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbform ἔσται steht 116 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers finden sich eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente (ἀναξίως; ἔνοχος). Der Vers wird wohl ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (11,28) δοκιμάζω steht 25 / 22 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,56; *1Kor 3,13. ♦ Die Form δοκιμαζέτω steht nur hier und 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene Gal 6,4. ♦ Der Ausdruck ἄνθρωπος ἑαυτόν steht nur hier. ♦ Die Kombination καὶ οὕτως steht 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,2; *1Kor 15,11. ♦ Der Ausdruck ἐκ τοῦ ἄρτου steht nur hier. ♦ Die Form ἐσθιέτω steht 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Thess 3,10. ♦ Zu ποτήριον vgl. zuvor zu den Versen 23. 25. 26. 27. ♦ Der Ausdruck ἐκ τοῦ ποτηρίου steht nur hier. ♦ Die Form πινέτω steht nur noch 1 weiteres Mal in Joh 7,37. Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Vers unbezeugt ist, spricht doch die Lexik für eine mögliche vorkanonische Präsenz des Verses. Er passt auch narrativ zwischen die Verse 23-25 und den angedeuteten nächsten Vers 29. (11,29) Der Ausdruck ὁ γὰρ ἐσθίων steht nur hier. ♦ Die Kombination ἐσθίων καὶ πίνων steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 11,19; Lk 7,34, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 1Kor 11,29). ♦ Die Kombination ἑαυτῷ ἐσθίει steht nur hier. ♦ διακρίνω steht 21 / 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Nachdem Tertullian das aus diesem Vers stammende κρίμα bezeugt, stellt sich die Frage nach dem übrigen Textbestand. Auszuscheiden 2 (1Kor) 435 <?page no="1314"?> ist der Nebensatz, bei dem das zentrale Verb διακρίνω ansonsten nur auf der kanonischen Ebene belegt ist. Das 2 Mal auf der kanonischen Ebene stehende ἐσθίων καὶ πίνων wird man deshalb wohl ebenfalls ausscheiden. Die zweifache Rede vom Essen und Trinken in ein und demselben Vers, zudem noch im Vers zuvor vom Essen und Trinken die Rede war, passt in die Doppelungstendenz der kanonischen Redaktion. Es scheint also tatsächlich von diesem Vers nicht viel mehr vorhanden gewesen zu sein als κρίμα, oder vielleicht κρίμα ἑαυτῷ. (11,30) διὰ τοῦτο, das 59 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur in dem *Deuteropaulinum *2Thess 2,11 bezeugt, vgl. zuvor zu Vers 10. ♦ Zu τοῦτο vgl. zuvor zu den Versen 10. 17. 24. 25. 26. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ ἀσθενής, das 35 / 26 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,9, *1Kor 1,25. 27; *Röm 5,6. ἀσθενέω, das 47 / 33 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,6. ♦ ἄρρωστος, das 5 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene (Mt 14,14; Mk 6,5. 13; 16,18). ♦ κοιμάω, das 20 / 18 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἱκανός steht 45 / 39 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Auch das verwandte Verb ἱκανόω, das 18 / 2 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers fallen wieder die Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐν ὑμῖν; ἄρρωστος; κοιμάω; ἱκανός). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Auch bei diesem Vers fällt auf, dass das *Deuteropaulinum *2Thess in der Lexik der kanonischen Ebene nahesteht. (11,31) Die Verseröffnung εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene; die Kombination selbst ist hingegen vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8. ♦ Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ διακρίνω steht 21 / 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ κρίνω als positiver Ausdruck (hier in der verneinten negativen Form) gehört, wie oben bereits beobachtet zur kanonischen Ebene, vgl. zu 6,6. Zur Abwesenheit: Auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers wird trotz seiner Kürze ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben, worauf die Verseröffnung und die beiden zentralen Verben hindeuten. (11,32) κρίνω wurde gerade bereits erwähnt, auch wenn der Begriff hier deutlich negativ konnotiert ist, also damit vorkanonisch bezeugt ist für *Ev 6,37; 12,57; *1Kor 5,3; 11,32; *Röm 2,12; *2Thess 2,12; *Kol 2,16. ♦ παιδεύειν steht 13 Mal im NT, nur bezeugt für die kanonische Ebene (Lk 23,16. 22; 1Kor 11,32; 2Kor 6,9; Apg 7,22; 22,3; 436 Rekonstruktion <?page no="1315"?> Hebr 12,6. 7. 10; 1Tim 1,20; 2Tim 2,25; Tit 2,12; Apk 3,19). ♦ σύν, das 136 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,14; *Gal 2,3; 5,24; *Thess 4,17; *Kol 2,13; 3,3. 4; *Phil 1,23. ♦ Die Form τῷ κόσμῳ steht 28 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 4,9; *Laod 2,12; *Kol 1,6. ♦ κατακρίνω steht 20 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,58. Zur Abwesenheit: Scheidet man die vorkanonisch nicht weiter bezeugten Begriffe aus, bleibt, wenn man den narrativen Zusammenhang mitbetrachtet, nur das Verdikt, dass dieser Vers vorkanonisch gefehlt hat. (11,33) Die Wendung ἀδελφοί μου steht 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,11. ♦ συνέρχομαι ist ein kanonischer Begriff, vgl. zuvor die Verse 17. 18 und nachfolgend 34. ♦ Die Wendung εἰς τὸ φαγεῖν steht nur hier. ♦ ἀλλήλων steht 107 / 100 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,2; *Röm 12,10. ♦ Die Form ἀλλήλους steht 67 Mal im NT, Lk 20,14, in einem Vers, der in *Ev fehlt, vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,10. ♦ ἐκδέχομαι steht 7 / 6 Mal im NT und ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt ( Joh 5,3; 1Kor 16,11; Hebr 10,13; 11,10; Apg 17,16; Jak 5,7). Zur Abwesenheit: Auch in diesem vorkanonisch nicht bezeugten Vers finden sich zwei wichtige, ausschließlich kanonisch belegte Elemente (ἀδελφοί μου; συνέρχομαι; ἐκδέχομαι). Der Vers geht auf die kanonische Redaktion zurück und hat vorkanonisch gefehlt. (11,34) Die Kombination εἴ τις (mask.) steht 40 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,9; *1Kor 3,17; *2Kor 5,17. ♦ πεινάω, das 24 / 23 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,21. 25, vgl. weiter oben Vers 21 auf derselben kanonischen Ebene. ♦ Die Angabe ἐν οἴκῳ steht 5 Mal im NT, Lk 1,69, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (Mk 2,1; Lk 1,69, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 1Kor 11,34; 13,35; 1Tim 3,5). ♦ Zu συνέρχομαι vgl. zuvor die Verse 17. 18. 33. ♦ τὰ λοιπά steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 4,19; 1Kor 11,34; Apk 3,2). ♦ Die Kombination ὡς ἄν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, ein Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 15,24, in einem Vers, der in *Röm fehlt; im Vers: 1Kor 11,34; 12,2; 2Kor 10,9; Phil 2,23). ♦ Die Form ἔλθω steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ διατάσσω, das 18 / 16 Mal im NT zu finden ist, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene, auch wenn das Verb zwei Mal in Lk 17,9. 10 steht, in Versen, die für *Ev anzunehmen sind, wie auch in *1Kor 9,14, was möglicherweise redaktionelle Bearbeitung ist (vgl. Mt 11,1; Lk 3,13; 8,55 - eine unmittelbare Parallele zur vorliegenden Stelle -; Apg 7,44; 18,2; 20,13; 23,31; 24,23; Röm 13,2; 1Kor 7,17; 16,1; Gal 3,9; Tit 1,5). 2 (1Kor) 437 <?page no="1316"?> Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers häufen sich die Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐν οἴκῳ; συνέρχομαι; Τὰ λοιπὰ; ὡς ἄν; ἔλθω; διατάσσω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Kapitel 12 12,1 2 [3] 4 [5-7] 8-10 [11]: Der eine Geist und die vielen Gaben Diese Passage ist erneut in ihrem vorkanonischen Kern gut bezeugt. Auf kanonischer Ebene wurde der Text insbesondere durch Hervorhebung des Geistes erweitert, wobei die Auseinandersetzungen und Streitigkeiten innerhalb der Gemeinde sich auf dieser Ebene deutlicher spiegeln. 12,1 Περὶ τῶν πνευματικῶν, ἀδελφοί, οὐ θέλω ὑμᾶς ἀγνοεῖν. 12,1 Περὶ δὲ τῶν πνευματικῶν, ἀδελφοί, οὐ θέλω ὑμᾶς ἀγνοεῖν. 2 Οἴδατε ὅτι - 2 Οἴδατε ὅτι ὅτε ἔθνη ἦτε πρὸς τὰ εἴδωλα τὰ ἄφωνα ὡς ἂν ἤγεσθε ἀπαγόμενοι. 3 διὸ γνωρίζω ὑμῖν ὅτι οὐδεὶς ἐν πνεύματι θεοῦ λαλῶν λέγει, Ἀνάθεμα Ἰησοῦς, καὶ οὐδεὶς δύναται εἰπεῖν, Κύριος Ἰησοῦς, εἰ μὴ ἐν πνεύματι ἁγίῳ. 4 διαιρέσεις χαρισμάτων εἰσίν. 4 Διαιρέσεις δὲ χαρισμάτων εἰσίν, τὸ δὲ αὐτὸ πνεῦμα· - 5 καὶ διαιρέσεις διακονιῶν εἰσιν, καὶ ὁ αὐτὸς κύριος· 6 καὶ διαιρέσεις ἐνεργημάτων εἰσίν, ὁ δὲ αὐτὸς θεός, ὁ ἐνεργῶν τὰ πάντα ἐν πᾶσιν. 7 ἑκάστῳ δὲ δίδοται ἡ φανέρωσις τοῦ πνεύματος πρὸς τὸ συμφέρον. 8 ᾧ διὰ τοῦ πνεύματος δίδοται λόγος σοφίας, ἄλλῳ λόγος γνώσεως κατὰ τὸ αὐτὸ πνεῦμα, 8 ᾧ μὲν γὰρ διὰ τοῦ πνεύματος δίδοται λόγος σοφίας, ἄλλῳ δὲ λόγος γνώσεως κατὰ τὸ αὐτὸ πνεῦμα, 9 ἑτέρῳ πίστις ἐν τῷ αὐτῷ πνεύματι, ἄλλῳ χάρισμα ἰαμάτων, 9 ἑτέρῳ πίστις ἐν τῷ αὐτῷ πνεύματι, ἄλλῳ δὲ χαρίσματα ἰαμάτων ἐν τῷ ἑνὶ πνεύματι, 10 ἄλλῳ δυνάμεων, ἄλλῳ προφητεία, ἄλλῳ διάκρισις πνευμάτων, ἑτέρῳ γένη γλωσσῶν, ἄλλῳ ἑρμηνεία γλωσσῶν· 10 ἄλλῳ δὲ ἐνεργήματα δυνάμεων, ἄλλῳ δὲ προφητεία, ἄλλῳ δὲ διακρίσεις πνευμάτων, ἑτέρῳ δὲ γένη γλωσσῶν, ἄλλῳ δὲ ἑρμηνεία γλωσσῶν· - 11 πάντα δὲ ταῦτα ἐνεργεῖ τὸ ἓν καὶ τὸ αὐτὸ πνεῦμα, διαιροῦν ἰδίᾳ ἑκάστῳ καθὼς βούλεται. 438 Rekonstruktion <?page no="1317"?> 184 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 106. 185 Ibid. 186 Für weitere Varianten vgl. H.A.G. Houghton, C.M. Kreinecker, R.F. MacLachlan and C.J. Smith, The Principal Pauline Epistles. A Collation of Old Latin Witnesses (2019), 257. Als markionitische Lesart ist der Singular vermerkt durch H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 187 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 106. 188 Ibid. 189 Ibid. 190 Ibid. A. *12,1: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,4: Nunc de spiritalibus dico. ♦ *12,4: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,5: Accipe nunc quomodo et a Christo in caelum recepto charismata obventura pronuntiarit … dedit data filiis hominum, id est donativa quae charismata dicimus. ♦ *12,8-10: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,8; Alii, inquit, datur per spiritum sermo sapientiae: statim et Esaias spiritum sapientiae posuit. Alii sermo scientiae: hic erit sermo intellegentiae et consilii. Alii fides in eodem spiritu: hic erit spiritus religionis et timoris dei. Alii donum curationum, alii virtutum: hic erit valentiae spiritus. Alii prophetia, alii distinctio spirituum, alii genera linguarum, alii interpretatio linguarum: hic erit agnitionis spiritus. B. (12,2) Anstelle von ἄφωνα steht 010, 012, ar, b, Ambst, Pel die Variante ἄμορφα. ♦ (12,9) Post ἑτέρῳ om δέ in 01*, 03, 1739, Tert, Clem, Or, Eus, Pel. Dieser Text wird von Zuntz als der ursprüngliche gesehen. 184 Post ἄλλῳ om δέ in 0201, 1022, Eus, Pel. Auch dies wird von Zuntz wieder als die ursprüngliche Lesart gesehen. 185 ♦ Der Singular ist von Tertullian bezeugt, er steht auch in der altlateinischen Tradition in 58, Ambst ad , Spm var . 186 ♦ (12,10) Post ἄλλῳ 1 om δέ in sa ms , Tert, Pel. Auch diese Auslassung wird als ursprünglich von Zuntz gesehen. 187 ♦ Anstelle des Begriffes ἐνεργήματα schreiben die Zeugen 06, 010, 012, b ἐνέργεια δυνάμεως, P 46 ἐ νεργέματα δυνάμεως, während die kanonische Form sich findet in 01, 02, 03, 04, 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy h , Cl. ♦ Post ἄλλῳ 2 om δέ in Clem, Eus, Bas, 0201, sa, Pel. Auch diese Auslassung wird als ursprünglich von Zuntz gesehen. 188 ♦ Post ἄλλῳ 3 om δέ in 0201, sa, Pel. Auch diese Auslassung wird als ursprünglich von Zuntz gesehen. 189 ♦ Post ἑτέρῳ om δέ in 025, 0201, 319, 1926, sa, Clem, Pel. Auch diese Auslassung wird als ursprünglich von Zuntz gesehen. 190 ♦ Post ἄλλῳ 3 om δέ in 6, Pel. Auch diese Auslassung wird als ursprünglich von Zuntz gesehen. 191 ♦ διάκρισις steht in 01, 04, 06*, 010, 012, 025, 0201, 33, 1175, latt, sy p , 2 (1Kor) 439 <?page no="1318"?> 191 Ibid. sa, Cl, während sich der Plural findet in P 46 , 01, 02, 06 2 , 018, 020, 044, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, sy h , bo. ♦ Für ἑρμηνεία bieten die Zeugen 02, 06* διερμενεία. Doch begegnet ἑρμηνεία vorkanonisch bezeugt wieder in *1Kor 14,26, an beiden Stellen bietet Tertullian interpretatio. Das in der kanonischen Version nachfolgende δέ ist von Tertullian nicht bezeugt, in der altlateinischen Tradition wird es nur geboten von 77. C. 1. (12,1) Hilgenfeld sieht den Vers von Tertullian „erörtert“. Zahn sieht Vers 1 nach der kanonischen Form vorhanden. Harnack sieht lediglich die oben gewählte Textform bezeugt. Ihm schließen sich Schmid und BeDuhn an, letzterer deutet mit Auslassungszeichen davor und danach an, dass er noch mit weiterem Text rechnet. Man vgl. die unbezeugte Eröffnung von 1Kor 8,1 (Περὶ δὲ τῶν εἰδωλοθύτων, οἴδαμεν ὅτι). Diese Formulierung deutet darauf hin, dass in Vers 1 allein das Περὶ δὲ τῶν πνευματικῶν gestanden hat, gefolgt von Οἴδατε ὅτι in Vers 2, auch wenn dieser Vers nicht mehr bezeugt ist. Andererseits lesen wir *1Kor 10,1: Οὐ θέλω γὰρ ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, was dafürspricht, dass diese *paulinische Wendung nur der Kürzung Tertullians zum Opfer gefallen ist. Ein Redakteur, der *Paulus hier nur hätte kopieren wollen, hätte womöglich den Wortlaut beibehalten. In den Handschriften gibt es jedoch bislang keine Varianten. Dennoch scheint dieser Teil auch zur vorkanonischen Version zu gehören. 2. (12,2-7) Nach allen Editoren sind diese Verse unbezeugt. Waren sie auch abwesend? Die Eröffnung von *1Kor 8,1 legte nahe, dass gegebenenfalls auch der Anfang von Vers 2 vorhanden war. Das würde auch narrativ gut an den wieder bezeugten Vers 8 anschließen, zu dem Tertullian unmittelbar übergeht. Denn wäre der Rest des Verses 2 und mit ihm die Verse 3-7 für die vorkanonische Fas‐ sung anzunehmen, hätte sich Tertullian die Kritik des *Paulus an den stummen Götzen und deren Anziehungskraft entgehen lassen, was wenig wahrscheinlich ist. 3. (12,4) Bislang wurde von allen Editoren übersehen, dass Tertullian in seinen längeren Ausführungen in Adv. Marc. V 8,4-7 tatsächlich auch eine Anspielung auf Vers 4 bietet, wie wir in dem gegebenen Zitat aus Adv. Marc. V 8,5 lesen. 4. (12,8-10) Hilgenfeld meint, die Verse 8 und 10 seien von Tertullian „erörtert“. Zahn sieht die Verse nach der kanonischen Fassung bezeugt bis auf den Singular χαρίσμα ἰαμάτων. Harnack gibt aufgrund von Tertullian den folgenden Textbestand: 8 ᾧ … δίδοται διὰ τοῦ πνεύματος λόγος σοφίας, ἄλλῳ λόγος γνώσεως … 9 ἑτέρῳ 440 Rekonstruktion <?page no="1319"?> 192 Vgl. zu diesem Vers E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 107. 193 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 88. πίστις ἐν τῷ αὐτῷ πνεύματι, ἄλλῳ χαρίσμα ἰαμάτων, 10 ἄλλῳ δυνάμεων, ἄλλῳ προφητεία, ἄλλῳ διακρίσεις πνευμάτων, ἑτέρῳ γένη γλωσσῶν, ἄλλῳ ἑρμηνεία γλωσσῶν. Schmid schlägt folgenden Textbestand, leicht anders vor: 8 ᾧ (μὲν γὰρ) διὰ τοῦ πνεύματος δίδοται λόγος σοφίας, ἄλλῳ (δὲ? ) λόγος γνώσεως, … 9 ἑτέρῳ (δὲ? ) πίστις ἐν τῷ αὐτῷ πνεύματι, ἄλλῳ (δὲ? ) χαρίσματα ἰαμάτων …, 10 ἄλλῳ (δὲ) ἐνεργήματα δυνάμεων, ἄλλῳ (δὲ) προφητεία, ἄλλῳ (δὲ) διακρίσεις πνευμάτων, ἑτέρῳ (δὲ) γένη γλωσσῶν, ἄλλῳ (δὲ) ἑρμηνεία γλωσσῶν. BeDuhn schließt sich Harnack an. Auffallend sind die Auslassungen. Vers 9 wurde besonders betrachtet von Becker. 192 Im Unterschied zu den früheren Editoren scheint jedoch auch das κατὰ τὸ αὐτὸ πνεῦμα in Tertullians in eodem spiritu mit angedeutet zu sein, zumal es eine so seltene Formulierung innerhalb des NT ist, die nur noch 1 weiteres Mal, und zwar vorkanonisch bezeugt, zu finden ist in *2Kor 4,13 und der kanonischen Parallele hierzu. 5. Die Erwähnung des Geistes und der ἐνεργήματα hätte sich der den phry‐ gischen Prophetinnen zugeneigte Tertullian wohl kaum entgehen lassen. Die Existenz des schlichten δυνάμεων, das Tertullian mit virtutum überträgt, mag der Grund für die Textvarianten zu ενεργεια/ ενεργηματα sein. Zuntz hält den Singular nicht für die ursprüngliche Lesart. 193 Vielleicht ist überhaupt der Begriff erst eine Harmonisierung mit Eph 3,17 (κατὰ τὴν ἐνέργειαν τῆς δυνάμεως). Der Singular διάκρισις in Vers 10 legt sich nicht nur durch Tertullians distinctio nahe, er ist auch belegt in einschlägigen Zeugen. 6. Ob die Gliederungspartikel μὲν γάρ … δέ … δέ … im vorkanonischen Text gefehlt haben, ist zunächst unklar. Nachdem aber zumindest das δέ öfter in unseren einschlägigen Zeugen fehlt, scheinen diese Tertullian in seiner Vorlage auch nicht begegnet zu sein. 7. (12,11) Nach Zahn, Harnack und Schmid ist dieser Vers unbezeugt. BeDuhn liest in Tert., Adv. Marc. V 8,9: corporis nostri per multa et diversa membra unitatem charismatum variorum compagini adaequavit ein Hinweis auf Vers 11 und gibt dessen Übersetzung in Klammern, doch scheint lediglich der Begriff τὸ ἓν in unitas anzuklingen, allerdings scheint dieser Text besser zu dem nachfolgenden Vers 12 zu stimmen (τὸ σῶμα ἕν ἐστιν καὶ μέλη πολλὰ ἔχει). Es scheint hier vielmehr wieder eine typisch kanonische Duplikation vorzuliegen, indem das Ende von Vers 4 der kanonischen Ebene wieder aufgenommen wird. 2 (1Kor) 441 <?page no="1320"?> D. (12,1) περί, das 354 / 333 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,27; 17,2; *1Kor 8,1; 12,1. ♦ πνευματικός steht 28 / 26 Mal im NT, vorkanonische bezeugt für *1Kor 10,3. 4; 12,1; 14,1; 15,46; *Röm 7,14; *Laod 6,12. ♦ Zu ἀδελφοί, οὐ θέλω ὑμᾶς ἀγνοεῖν vgl. *1Kor 10,1: Οὐ θέλω γὰρ ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί. Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Vers nur angedeutet ist, scheint er doch aufgrund der Lexik wie oben vorkanonisch gestanden zu sein. (12,2) οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8. ♦ Die Kombination οἴδατε ὅτι steht 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,16; 6,15. 16 ♦ ὅτε, das 112 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,3. 4. ♦ Die Verbform ἦτε, die 19 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 5,7; *Laod 2,12. ♦ εἴδωλον steht 13 / 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,19. ♦ ἄφωνος, das 4 Mal im NT steht, ist nur auf der kanonischen Ebene bezeugt (Apg 8,32; 1Kor 12,2; 14,10; 2Petr 2,16), allerdings gibt es in einschlägigen Zeugen auch die Variante ἄμορφα, was Hapax legomenon wäre. ♦ Die Kombination ὡς ἄν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor 11,34. ♦ ἄγω, das 92 / 67 Mal im NT steht, ist ein beliebtes Verb der kanonischen Ebene, allerdings spärlich auch für die vorkanonische Fassung bezeugt, etwa *Ev 23,1. ♦ ἄν, das 205 / 167 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25; *1Kor 2,8. ♦ ἀπάγω, das 18 Mal im NT steht, ist für die vorkanonische Fassung bezeugt (*Ev 13,15; 22,66). Zur Rekonstruktion: Wie zu Vers 1 ausgeführt und in C. begründet, scheint die Eröffnung von Vers 2 vorkanonisch präsent zu sein. Der weitere Text weist zwei ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente auf (ἄφωνος; ὡς ἄν). Narrativ kommt hinzu, dass dieser Versteil zu dem nächsten Vers 3 gehört, mit dem zusammen eine inhaltliche anitpagane Digression in den Text kommt, die nicht bezeugt, Tertullian aber argumentativ geholfen hätte. Dieser Versteil wird folglich auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (12,3) διό steht 53 Mal im NT, davon 42 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *2Kor 4,16; im Vers für *2Kor 1,20; 4,13; *Laod 5,14, vgl. zu Gal 4,31. ♦ γνωρίζω, das 29 / 25 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,1; *Laod 3,10; 6,19. ♦ Das kanonisch beliebte οὐδείς (Nom. Mask. Sg.), das 96 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8; 9,15; *Laod 5,29. ♦ Die Kombination ὅτι οὐδείς steht 9 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 20,7; Lk 1,61, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 5,36; 14,24; 18,29; Joh 6,65; 1Kor 8,4; 12,3; Apk 5,4). ♦ ἐν πνεύματι θεοῦ begegnet nur noch 1 weiteres Mal in Mt 12,28. ♦ Ἀνάθεμα 442 Rekonstruktion <?page no="1321"?> ist nur noch ein Mal für die kanonische Ebene belegt (Lk 21,5, auch wenn der Vers vielleicht in *Ev vorhanden war, liegt er nur in kanonischer Überarbeitung vor). ♦ δύναμαι, das 233 / 210 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,40; 16,13. ♦ Die Kombination οὐδεὶς δύναται hingegen begegnet 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor 3,11. ♦ εἰπεῖν steht 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,12. Zur Abwesenheit: Wie bereits zum unbezeugten Teil des voranstehenden Verses 2 angemerkt, führt dieser Vers die inhaltliche Digression auf kanonischer Ebene fort. Die Zugehörigkeit zu dieser Ebene wird durch die Lexik gestützt (ὅτι οὐδείς; ἐν πνεύματι θεοῦ; Ἀνάθεμα; οὐδεὶς δύναται). Der Vers ist das Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (12,4) διαίρεσις findet sich im NT nur in den Versen 1Kor 12,4-6. Das dazugehörige Verb διαιρέω steht nur auf der kanonischen Ebene (Lk 15,12; 1Kor 12,11). ♦ χάρισμα, das 18 / 17 Mal im NT steht, ist ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion, allerdings auch für die vorkanonische Fassung bezeugt in *1Kor 7,7; 12,9. ♦ Die Kombination τὸ δέ (Nom.) steht 31 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt nur im Vers: *Ev 11,39; *2Kor 3,6; *Röm 8,10; *Kol 2,17, vgl. zu Gal 4,25. ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,14; 4,13, vgl. weiter die Verse 8. 11. 25. ♦ τὸ δὲ αὐτό steht 1 weiteres Mal im NT, Phil 2,18. ♦ πνεῦμα steht 340 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,14; 4,6; *1Kor 3,16; 5,5; 12,9; 15,45; *2Kor 3,6; 4,13; *Röm 8,4. 10; *1Thess 5,19. 23; *Laod 1,17. Zur Rekonstruktion: Dem Hinweis Tertullians zufolge scheint er vorkanonisch diesen Vers gelesen zu haben; dies wird durch die Lexik gestützt, die Termini aufweist, die vorkanonisch weiter bezeugt sind bzw. eine Wendung, die nur hier allein steht. Das hier unbezeugte Geistthema scheint aufgrund der Lexik im vorkanonischen Text nicht gestanden zu sein und eine Ergänzung der kanonischen Redaktion zu bilden. (12,5) διακονία steht 35 / 34 Mal im NT, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ αὐτός (Nom. Mask. Sg.), das 153 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 2,14; *Kol 1,17. Zur Abwesenheit: Der zentrale Begriff in diesem vorkanonisch unbezeugten Vers (διακονία) steht nur auf der kanonischen Ebene, der Vers wird folglich ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. Es fällt auf, dass αὐτός (Nom. Mask. Sg.) nur in den beiden *Deuteropaulinen *Laod und *Kol bezeugt ist, was erneut die Nähe dieser beiden *Deuteropaulinen zur kanonischen Lexik verdeutlicht. 2 (1Kor) 443 <?page no="1322"?> (12,6) ἐνέργημα steht nur hier und 1Kor 12,10 auf der kanonischen Ebene. Das verwandte Verb ἐνεργέω findet sich hingegen 22 / 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 1,20. Das wiederum verwandte ἐνεργής, das 7 / 3 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu αὐτός (Nom. Mask. Sg.) vgl. zum voranstehenden Vers 12,5. ♦ πᾶσιν, das 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6. ♦ Die Formulierung τὰ πάντα ἐν πᾶσιν begegnet wieder in 1Kor 15,28; Eph 1,23; vgl. auch Kol 3,11: [τὰ] πάντα καὶ ἐν πᾶσιν, jeweils auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der eng mit dem voranstehenden Vers verbundene, vorka‐ nonisch unbezeugte Text zeichnet sich durch ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehende Elemente aus (ἐνέργημα; τὰ πάντα ἐν πᾶσιν). Auch dieser Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. In ihm stechen zwei Begriffe hervor, die wiederum vorkanonisch nur im *Deuteropaulinum *Laod bezeugt sind (das verwandte Verb ἐνεργέω; αὐτός), αὐτός dann eben auch in *Kol bezeugt, was die Nähe der beiden *Deuteropau‐ linen zur kanonischen Nähe unterstreicht. (12,7) Die Form ἑκάστῳ steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 4,5. ♦ Die Form δίδοται steht 10 Mal im NT, gleich im nächsten Vers vorkanonisch bezeugt. ♦ Das Nomen φανέρωσις, das 3 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 4,5. Das verwandte Verb φανερόω, das 54 / 49 Mal im NT steht, ist für die vorkanonische Fassung belegt in *2Kor 2,14; 3,3; 4,10. 11; 5,10; *Röm 3,21; *Kol 3,4. ♦ συμφέρω steht 19 / 15 Mal im NT und begegnet weder in *Ev noch in der vorkanonischen Fassung, sondern stand bereits zwei Mal in 1Kor auf der kanonischen Ebene (6,12; 10,23), und auf dieser Ebene steht der Begriff auch sonst im NT. τὸ συμφέρον begegnet noch 1 weiteres Mal in Hebr 12,10. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist zwei ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente auf (φανέρωσις; συμφέρω bzw. auch τὸ συμφέρον). Er wird ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und auf der vorkanonischen Ebene gefehlt haben. (12,8) Die Kombination ᾧ διά steht nur hier. ♦ Zur Form δίδοται vgl. zum voranste‐ henden Vers 12,7. ♦ Der Ausdruck λόγος σοφίας steht nur hier. ♦ σοφία steht 56 / 51 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,17. 19. 20. 21. 22; 2,6. 7; 3,19; 12,8; *Röm 11,33. ♦ ἄλλος, das 172 / 155 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,29; 9,8. 19; *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ Die Form ἄλλῳ, die 27 Mal im NT steht, ist gleich in den nächsten beiden Versen wieder vorkanonisch bezeugt. ♦ Der Ausdruck λόγος γνώσεως steht nur hier. 444 Rekonstruktion <?page no="1323"?> Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Dieses wird von der Lexik gestützt, weil die Termini oder die Formen entweder anderwärts vorkanonisch bezeugt sind oder Kombinationen und Ausdrücke singulär hier bezeugt sind. (12,9) Zu ἄλλος vgl. zu den Versen 8 und 10. ♦ Der Ausdruck ἐν τῷ αὐτῷ πνεύματι steht nur hier. ♦ χάρισμα steht 18 / 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 7,7; 12,9. ♦ ἴαμα steht 3 Mal im NT, die beiden anderen Male im selben Brief, auf kanonischer Ebene (1Kor 12,9. 28. 30). Zur Rekonstruktion: Wieder folgt der Text dem Zeugnis Tertullians. Auch hier stützt die Lexik die vorkanonische Präsenz, etwa auch, wenn der seltene Begriff ἴαμα nur weiter kanonisch im selben Kontext begegnet. (12,10) Zu ἄλλος vgl. zuvor zu den Versen 8. 9. ♦ ἐνέργημα steht nur 2 Mal im NT, beide Male auf der kanonischen Ebene (1Kor 12,6. 10). ♦ δύναμις steht 128 / 119 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18; 12,10; 15,43; *2Kor 4,7; 12,9; *Röm 1,16; *2Thess 1,7; 2,9. ♦ προφητεία steht 21 / 19 Mal im NT, wiederum vorkanonisch bezeugt für *1Thess 5,20. ♦ διάκρισις steht nur 3 Mal im NT, die anderen beiden Male auf der kanonischen Ebene (Röm 14,1; Hebr 5,14). ♦ πνεύματα (Pl.) steht 34 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt nur für diese Stelle. ♦ γένος steht 22 / 21 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Phil 3,5. ♦ ἑρμηνεία steht hier und noch ein Mal vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,26. ♦ γλῶσσα, das 54 / 50 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 14,2. Zur Rekonstruktion: Wiederum folgt der Text dem Zeugnis Tertullians. Erneut stützt die Lexik die Zugehörigkeit zur vorkanonischen Ebene. Nur der seltene Begriff διάκρισις und der Plural πνεύματα sind nicht weiter vorkanonisch bezeugt. (12,11) Die Kombination πάντα δέ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanoni‐ schen Ebene, vgl. zuvor 9,23. ♦ ταῦτα, das 242 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,18; *1Kor 9,8; 10,11; *Phil 3,7. ♦ ἐνεργέω steht 22 / 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 1,20; 2,2. ἐνεργής, das 7 / 3 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ τὸ ἕν steht nur noch 1 weiteres Mal in Apg 23,6. ♦ τὸ αὐτό (adj. neut.) steht nur noch 2 weitere Male, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 13,8; *2Kor 3,14. ♦ διαιρέω steht nur 2 Mal im NT, Lk 15,12, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und hier. ♦ ἴδιος, das 123 / 114 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,41; *Gal 6,9; *1Kor 7,7; *1Thess 2,15. ♦ Die Form ἑκάστῳ steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 4,5. ♦ βούλομαι steht 41 / 37 Mal im NT, überhaupt nur auf der kanonischen Ebene. 2 (1Kor) 445 <?page no="1324"?> Zur Abwesenheit: Auch wenn einige vorkanonisch bezeugte Elemente in diesem vorkanonisch unbezeugten Vers stehen, begegnen doch auch ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente (πάντα δέ; τὸ ἕν; διαιρέω; βούλομαι). Der Vers dürfte folglich auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorka‐ nonisch gefehlt haben. Wiederum fällt auf, dass ἐνεργέω begegnet, ein Terminus, der vorkanonisch nur durch *Laod bezeugt ist (gleich 2 Mal), was erneut die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Lexik unterstreicht. 12,12 [13] 14 [15-17] 18 19-20 [21-23] 24 [25-26] 27 28 29 [30] 31: Der Leib ist einer Diese Passage ist in ihrer vorkanonischen Argumentation gut bezeugt. Die Aussage lautet, dass der Leib einer ist und von Gott aus vielen Gliedern zusammengefügt wurde, so dass in ihm verschiedene Glieder unterschiedliche Aufgaben gemäß der Charismen wahrnehmen. Die kanonische Redaktion hat auch aus diesem reflexiven Stück eine parä‐ netische Passage gemacht, die erneut, gerade auch mit Blick auf Taufe - wie zuvor bereits in diesem Brief - eine stärker ritualisierte Situation einer in Auseinandersetzungen und Hierarchisierungen befindlichen Gemeinde spiegelt und die Adressaten des Textes exhortativ anspricht. 12 Καθώς γὰρ τὸ σῶμα ἕν ἐστιν καὶ μέλη πολλὰ ἔχει, πάντα τὰ μέλη τοῦ σώματος τοῦ ἑνὸς πολλὰ ὄντα ἕν ἐστιν σῶμα, οὕτως καὶ ὁ Χριστός· 12 Καθάπερ γὰρ τὸ σῶμα ἕν ἐστιν καὶ μέλη πολλὰ ἔχει, πάντα δὲ τὰ μέλη τοῦ σώματος πολλὰ ὄντα ἕν ἐστιν σῶμα, οὕτως καὶ ὁ Χριστός· - 13 καὶ γὰρ ἐν ἑνὶ πνεύματι ἡμεῖς πάντες εἰς ἓν σῶμα ἐβαπτίσθημεν, εἴτε Ἰουδαῖοι εἴτε Ελληνες, εἴτε δοῦλοι εἴτε ἐλεύθεροι, καὶ πάντες ἓν πνεῦμα ἐποτίσθημεν. 14 καὶ γὰρ τὸ σῶμα οὐκ ἔστιν ἓν μέλος ἀλλὰ πολλά. 14 καὶ γὰρ τὸ σῶμα οὐκ ἔστιν ἓν μέλος ἀλλὰ πολλά. - 15 ἐὰν εἴπῃ ὁ πούς, Οτι οὐκ εἰμὶ χείρ, οὐκ εἰμὶ ἐκ τοῦ σώματος, οὐ παρὰ τοῦτο οὐκ ἔστιν ἐκ τοῦ σώματος· 16 καὶ ἐὰν εἴπῃ τὸ οὖς, Οτι οὐκ εἰμὶ ὀφθαλμός, οὐκ εἰμὶ ἐκ τοῦ σώματος, οὐ παρὰ τοῦτο οὐκ ἔστιν ἐκ τοῦ σώματος· 17 εἰ ὅλον τὸ σῶμα ὀφθαλμός, ποῦ ἡ ἀκοή; εἰ ὅλον ἀκοή, ποῦ ἡ ὄσφρησις; 18 νυνὶ δὲ ὁ θεὸς ἔθετο τὰ μέλη ἐν τῷ σώματι καθὼς ἠθέλησεν. 18 νυνὶ δὲ ὁ θεὸς ἔθετο τὰ μέλη, ἓν ἕκαστον αὐτῶν, ἐν τῷ σώματι καθὼς ἠθέλησεν. 19 εἰ ἦν τὰ πάντα ἓν μέλος, ποῦ τὸ σῶμα; 19 εἰ δὲ ἦν τὰ πάντα ἓν μέλος, ποῦ τὸ σῶμα; 446 Rekonstruktion <?page no="1325"?> 20 νῦν δὲ πολλὰ μὲν μέλη, ἓν δὲ σῶμα. 20 νῦν δὲ πολλὰ μὲν μέλη, ἓν δὲ σῶμα. - 21 οὐ δύναται δὲ ὁ ὀφθαλμὸς εἰπεῖν τῇ χειρί, Χρείαν σου οὐκ ἔχω, ἢ πάλιν ἡ κεφαλὴ τοῖς ποσίν, Χρείαν ὑμῶν οὐκ ἔχω· 22 ἀλλὰ πολλῷ μᾶλλον τὰ δοκοῦντα μέλη τοῦ σώματος ἀσθενέστερα ὑπάρχειν ἀναγκαῖά ἐστιν, 23 καὶ ἃ δοκοῦμεν ἀτιμότερα εἶναι τοῦ σώματος, τούτοις τιμὴν περισσοτέραν περιτίθεμεν, καὶ τὰ ἀσχήμονα ἡμῶν εὐσχημοσύνην περισσοτέραν ἔχει, 24 ἀλλὰ ὁ θεὸς συνεκέρασεν τὸ σῶμα. 24 τὰ δὲ εὐσχήμονα ἡμῶν οὐ χρείαν ἔχει. ἀλλὰ ὁ θεὸς συνεκέρασεν τὸ σῶμα, τῷ ὑστερουμένῳ περισσοτέραν δοὺς τιμήν, - 25 ἵνα μὴ ᾖ σχίσμα ἐν τῷ σώματι, ἀλλὰ τὸ αὐτὸ ὑπὲρ ἀλλήλων μεριμνῶσιν τὰ μέλη. 26 καὶ εἴτε πάσχει ἓν μέλος, συμπάσχει πάντα τὰ μέλη· εἴτε δοξάζεται ἓν μέλος, συγχαίρει πάντα τὰ μέλη. 27 Ὑμεῖς ἐστε σῶμα Χριστοῦ καὶ μέλη ἐκ μέρους. 27 Ὑμεῖς δέ ἐστε σῶμα Χριστοῦ καὶ μέλη ἐκ μέρους. 28 ὁ κύριος ἔθετο ἐν τῇ ἐκκλησίᾳ καὶ ἀποστόλους καὶ προφήτας. 28 καὶ οὓς μὲν ἔθετο ὁ θεὸς ἐν τῇ ἐκκλησίᾳ πρῶτον ἀποστόλους, δεύτερον προφήτας, τρίτον διδασκάλους, ἔπειτα δυνάμεις, ἔπειτα χαρίσματα ἰαμάτων, ἀντιλήμψεις, κυβερνήσεις, γένη γλωσσῶν. 29 μὴ πάντες ἀπόστολοι; μὴ πάντες προφῆται; 29 μὴ πάντες ἀπόστολοι; μὴ πάντες προφῆται; μὴ πάντες διδάσκαλοι; μὴ πάντες δυνάμεις; - 30 μὴ πάντες χαρίσματα ἔχουσιν ἰαμάτων; μὴ πάντες γλώσσαις λαλοῦσιν; μὴ πάντες διερμηνεύουσιν; 31 Πρὸς τὰ χαρίσματα τὰ μείζονα καθ’ ὑπερβολὴν ὁδὸν ὑμῖν δείκνυμι· 31 ζηλοῦτε δὲ τὰ χαρίσματα τὰ μείζονα. Καὶ ἔτι καθ’ ὑπερβολὴν ὁδὸν ὑμῖν δείκνυμι. A. *12,12. 14: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,9: Possum dicere, ipsum quod corporis nostri per multa et diversa membra unitatem charismatum variorum compagini adaequavit, eundem et corporis humani et spiritus sancti dominum ostendit, qui merita charismatum noluerit esse in corpore spiritus quae nec in corpore humano collocavit, qui de dilectione quoque omnibus charismatibus praeponenda apostolum instruxerit principali praecepto, quod probavit et Christus. ♦ *12,18: Vgl. Tert., Adv. Marc V 8,9 belegt: qui merita charismatum noluerit esse in corpore 2 (1Kor) 447 <?page no="1326"?> 194 Vgl. Ibid. 128. 195 Es ist nicht klar, wie BeDuhn behaupten kann, dass diese Variante „in den meisten Zeugen für den katholischen Text zu finden“ sei, J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 282. 196 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 135. spiritus quae nec in corpore humano collocavit. ♦ *12,24: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 20 (122. 168 H.): ἀλλὰ ὁ θεὸς συνεκέρασεν τὸ σῶμα; Adam., Dial. II 19 (im Mund des Adamantius): ὁ θεός, φησί, συνεκέρασε τὸ σῶμα, τῷ ὑστεροῦντι περισσοτέραν δοὺς τιμήν (Rufin: Deus autem temperauit corpus, cui deerat, ampliorem tribuendo honorem). ♦ *12,28: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 17,16: Abstulit haereticus, Et prophetarum, oblitus dominum posuisse in ecclesia, sicut apostolos, ita et prophetas. ♦ *12,31: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,9-10: de dilectione quoque omnibus charismatibus praeponenda apostolum instruxerit principali praecepto, quod probavit et Christus, [10] Diliges dominum de totis praecordiis et totis viribus et tota anima tua et proximum tuum tanquam te ipsum. Et si quod in lege scriptum esset commemorat, in aliis linguis et in aliis labiis locuturum creatorem, cum hac commemoratione charisma linguarum confirmat, nec hic potest videri alienum charisma creatoris praedicatione confirmasse. B. (12,12) Post σώματος add τοῦ ἑνός in 01 2 , 06, 018, 044, 630, M, b, sa ms , Ambst; om in P 46vid , 01*, 02, 03, 04, 010, 012, 020, 025, 33 vid , 81, 104, 365, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, lat, sy, sa mss , bo. ♦ (12,24) Die Variante ὑστεροῦντι steht in P 46 , 06, 010, 012, M, Orig, Chrys, Thdt; während ὑστερουμένῳ zu finden ist in 01, 02, 03, 04, 33, 1739, Mel. 194 ♦ (12,28) κύριος anstelle von θεός findet sich im Zeugnis Tertullians. 195 ♦ (12,31) Anstelle von μείζονα findet sich κρείττονα oder κρείσσονα in den Zeugen 06, 010, 012, 018, 020, 044, 1505, 2464, M, it, vg cl , bo mss , Or, Ambst, Pel, Spec, während μείζονα bezeugt wird durch P 46 , 01, 02, 03, 04, 6, 33, 81, 104, 326, 365, 630, 1175, 1241, 1739, 1881, l 846, vg st , co, Eus. Zuntz macht darauf aufmerksam, dass sich die Form κρείττονα oder κρείσσονα sonst nicht weiter bei Paulus oder in den Evangelien findet. 196 C. 1. (12,12) Alle Editoren sehen Anspielungen Tertullians auf Vers 12. Außer der eröffnenden Konjunktion, die BeDuhn in Klammern stellt, gibt er die Übersetzung des kanonischen Texts. Anstelle von καθάπερ, das immer auf der kanonischen Ebene, steht, wird auf der vorkanonischen Ebene vielleicht καθώς gestanden sein. Ein vergleichbares Beispiel ist 1Kor 10,10, wo die vorkanonische Fassung stattdessen ebenfalls wohl καθώς hat. In *1Thess 4,5 haben Schmid (mit Fragezeichen) und BeDuhn richtig 448 Rekonstruktion <?page no="1327"?> 197 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 449. erkannt, dass Tertullian nicht καθάπερ sondern vermutlich einfach καὶ gelesen hatte, auch wenn sich diese Lesart nicht in den direkten neutestamentlichen Zeugen niedergeschlagen hat. In seiner Wiedergabe klammert BeDuhn den letzten Teil οὕτως καὶ ὁ Χριστός ein. 2. (12,13) Zahn scheint den Vers in der kanonischen Form anzunehmen. Harnack nimmt ihn lediglich unter die Verse 12 ff auf, für die er Anspielungen bei Tertullian sieht. Schmid und BeDuhn sehen den Vers als unbezeugt. War er auch abwesend? Die Zusammenstellung von Ἰουδαῖοι, Ἕλληνες, δοῦλοι, ἐλεύθεροι ist eine Kombination von 1Kor 1,22-24 („22 Da sowohl die Juden Zeichen fordern wie auch die Griechen Weisheit suchen, 23 verkünden wir hingegen Christus als Gekreuzigten, für Juden ein Ärgernis, für Heiden aber eine Torheit, 24 für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit“), 1Kor 10,32 („Gebt weder Juden noch Griechen, noch der Kirche Gottes Anlass zu einem Vorwurf! “) und 1Kor 7,21-22 („21 Wurdest du als Sklave berufen, kümmere Dich das nicht; doch wenn du frei zu werden vermagst, besser mach Gebrauch davon! 22 Denn wer im Herrn als Sklave berufen wurde, ist Freigelassener des Herrn. Ebenso ist einer, der als Freier berufen wurde, Sklave Christi“), wobei gerade die Zusammenstellung Sklave - Freier auf die kanonische Ebene verweist. 3. (12,14) Sollte es sich hier nicht um eine kanonische Duplikation handeln, kann der Vers sehr wohl in der vorkanonischen Fassung gestanden sein, doch lässt sich Tertullians Anspielung auf diesen Vers nicht von derjenigen auf Vers 12 unterscheiden. BeDuhn rechnet mit diesem Vers und deutet mit Auslassungszeichen danach an, dass er mit weiterem Text rechnet. 4. (12,15-24a) Diese Verse sind nach allen Editoren nicht oder nicht direkt bezeugt, auch wenn BeDuhn wegen des narrativen Zusammenhangs mit der Präsenz der Verse 22-24a rechnet. Allerdings scheint mir Vers 18 durch Tert., Adv. Marc V 8,9 belegt zu sein. Hilgenfeld ist der Meinung, die Aussage Tertullians beziehe sich auf die Verse 21-22, doch darin wird nur expliziert, was zuvor und danach ausgeführt wird. Vergleichen wir darüber hinaus die Lexik, um zu erhellen, ob fie fehlende Bezeugung auch Abwesenheit bedeutet. 5. (12,24) Die Frage ist, ob Adam., Dial. II 19 als Zeuge herangezogen werden kann. Hilgenfeld bejaht sie und sieht Epiphanius und Adamantius „den Dualismus und Doketismus der Marcioniten in Erinnerung“ rufen. 197 Zahn stützt sich auf Adamantius, auch Harnack, doch Schmid lässt ihn beiseite, 2 (1Kor) 449 <?page no="1328"?> 198 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 282. und BeDuhn notiert, dass „Adamantius hier vielleicht nicht das Apostolikon benutze“. 198 Zahn sieht den kanonischen Text vorhanden mit der Abweichung von τῷ ὑστεροῦντι. Harnack sieht als Text bezeugt: ἀλλὰ ὁ θεὸς συνεκέρασεν τὸ σῶμα, τῷ ὑστερουμένῳ περισσοτέραν δοὺς τιμήν. Schmid gibt lediglich ἀλλὰ ὁ θεὸς συνεκέρασεν τὸ σῶμα. BeDuhns Übersetzung und Kommentar lässt nicht erkennen, welche Variante er für die ursprüngliche hält, übersetzt jedoch den gesamten Vers. Entscheidend ist hier wieder die Lexik. Inhaltlich bietet die vorkanonische Version die Fortführung der Thematik der Einheit des Leibes, nachdem im ersten Teil von Kapitel 12 (nach den Parteiungen von Kapitel 11) Unterschiedlichkeit der Geistesgaben herausgestellt wurde. Der Leib ist trotz aller Unterschiede (auch der zwischen Mann und Frau von Kapitel 11) nur ein einziger, und zwar so, dass er von Gott zusammengefügt wurde. Erst die kanonische Redaktion erweitert den Text, indem Überlegungen zur Hierarchisierung, der Bedeutung auch der Benachteiligten, der schwächer Scheinenden und doch Unentbehrlichen hinzugefügt werden, damit, wie es dann in den Versen 25-27 heißen wird, kein Zwiespalt entstehe. Auf der kano‐ nischen Ebene spiegelt sich eine deutlich weiterentwickelte Gemeindestruktur verglichen mit dem, was vorkanonisch zu finden ist. 6. (12,25-27) Nach Zahn ist der Wortlaut dieser Verse nicht näher bestimmbar, auch wenn er mit ihrer Präsenz rechnet. Harnack, Schmid und BeDuhn sehen sie als unbezeugt. Waren sie auch nicht vorhanden? 7. (12,28) Zahn hat dieses Tertullianzitat nicht notiert, doch Harnack verweist darauf und sieht ἔθετο ὁ κύριος ἐν ἐκκλησίᾳ … ἀποστόλους … προφήτας bezeugt. Schmid überzeugte dies nicht, doch BeDuhn schließt sich Harnack an. Sicher ist dieses Zeugnis Tertullians nicht, wie bereits Harnack notiert hat, doch spricht gerade, worauf ebenfalls Harnack hingewiesen hat, die Textvari‐ ante dafür, dass Tertullian hier doch auf die vorkanonische Fassung verwiesen hat, um Markion mit Markions *Paulus zu widerlegen. 8. (12,29-30) Nach allen Editoren sind die Verse 29-30 unbezeugt, auch wenn Zahn mit deren Präsenz in unbestimmbarem Wortlaut rechnet. Varianten liegen nicht vor, doch wie sieht der Vergleich der Lexeme aus? 9. (12,31) Zahn sieht Vers 31 in der kanonischen Form präsent. Harnack ist skeptischer und erkennt lediglich eine „Anspielung“ auf Vers 31 in Verbund mit Kapitel 13, wobei er als Text gibt χαρίσματα … καθ’ ὑπερβολὴν ἀγάπη. Auch Schmid liest in Tertullian lediglich ein „zusammenfassendes Referat“ der Verse 12,31 und 13,1ff. Ihnen schließt sich BeDuhn an, wenn er meint, dass Tertullian die Verse 12,31-13,2 zusammenfassen. Als Text übersetzt er: 12,31 [… Καὶ ἔτι] 450 Rekonstruktion <?page no="1329"?> 199 E.L. Titus, Did Paul Write I Corinthians 13? (1959); W.O. Walker, Is First Corinthians 13 a Non-Pauline Interpolation? (1998). καθ’ ὑπερβολὴν ὁδὸν [ὑμῖν δείκνυμι. 13,1 Ἐὰν ταῖς γλώσσαις τῶν ἀνθρώπων λαλῶ καὶ τῶν ἀγγέλων], ἀγάπην [δὲ μὴ ἔχω, γέγονα χαλκὸς ἠχῶν ἢ κύμβαλον ἀλαλάζον. 2 καὶ ἐὰν ἔχω προφητείαν καὶ εἰδῶ τὰ μυστήρια πάντα καὶ πᾶσαν τὴν γνῶσιν, καὶ ἐὰν ἔχω πᾶσαν τὴν πίστιν ὥστε ὄρη μεθιστάναι, ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω, οὐθέν εἰμι-…]. Nun klingt in Tertullian jedoch nicht nur ἀγάπη an, sondern auch χαρίσματα (charismatibus), τὰ μείζονα … καθ’ ὑπερβολὴν (omnibus … praeponenda), δείκνυμι (instruxerat). Für Vers 31 ist ζηλόω als markionitische Lesart in *Gal 5,20 vermerkt, kann also auch hier im vorkanonischen Text gestanden sein. 1Kor 12,31b-14,1a wurde in der Vergangenheit auch als Interpolation be‐ trachtet. 199 D. (12,12) Καθώς γάρ steht nur hier vorkanonisch. ♦ καθάπερ steht 14 / 13 Mal im NT, davon 4 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 4,6; 12,4; 1Kor 12,12; 1Thess 2,11; im Vers: 1Kor 10,10; 2Kor 3,13. 18; 8,11; 1Thess 3,6. 12; 4,4; Hebr 4,2), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination καθάπερ γάρ steht 1 weiteres Mal, ebenfalls als Verseröffnung und ebenfalls auf der kanonischen Ebene, Röm 12,4. ♦ σῶμα steht 150 / 142 Mal im NT und ist bereits vorkanonisch ein zentraler Begriff für *Ev und *Paulus. ♦ Der Ausdruck ἕν ἐστιν steht nur, und gleich 2 Mal, in diesem Vers. ♦ μέλος steht 42 / 34 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,15; 9,9; 12,12. 14; *Röm 7,23. ♦ Die Kombination von πᾶς (in allen Kasus) + δέ ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,51; *Röm 14,23 und rekonstruiert für *1Kor 11,5. ♦ πολλά, das 64 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 12,12. 14, vgl. weiter unten die Verse 14 und 20. ♦ Zur Verbform ὄντα, die 17 Mal im NT steht und vorkanonisch bezeugt ist für *1Kor 1,28. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, auch wenn er nicht alle Teile des Verses bezeugt. Die Lexik stützt die vorkanonische Präsenz des Verses. (12,13) Die Verseröffnung καὶ γὰρ ἐν begegnet 1 weiteres Mal in 2Kor 5,2 auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν ἑνὶ πνεύματι findet sich 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 12,13; Eph 2,18; Phil 1,27). ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3, vgl. weiter unten die Verse 29 und 30. ♦ βαπτίζω, das 90 / 77 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch lediglich im Sinne von „Reinigen“ 2 (1Kor) 451 <?page no="1330"?> (vor dem Essen) in *Ev 11,38, während hier im Vers eine Taufsemantik vorliegt. ♦ Die Wendung ἓν πνεῦμα steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 6,17. ♦ ποτίζω begegnet 15 Mal im NT und ist auch für die vorkanonische Fassung bezeugt (*Ev 13,15). ♦ Vgl. zum gesamten Vers die ebenfalls auf der kanonischen Ebene stehenden Verse Gal 3,27-28: 27 ὅσοι γὰρ εἰς Χριστὸν ἐβαπτίσθητε, Χριστὸν ἐνεδύσασθε· 28 οὐκ ἔνι Ἰουδαῖος οὐδὲ Ελλην, οὐκ ἔνι δοῦλος οὐδὲ ἐλεύθερος, οὐκ ἔνι ἄρσεν καὶ θῆλυ· πάντες γὰρ ὑμεῖς εἷς ἐστε ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ und Kol 3,11: ὅπου οὐκ ἔνι Ἕλλην καὶ Ἰουδαῖος, περιτομὴ καὶ ἀκροβυστία, βάρβαρος, Σκύθης, δοῦλος, ἐλεύθερος, ἀλλὰ τὰ πάντα καὶ ἐν πᾶσιν Χριστός. Zur Abwesenheit: Auch wenn einige Termini in diesem vorkanonisch unbe‐ zeugten Vers vorkanonisch bezeugt sind, finden sich Elemente, die ausschließ‐ lich auf der kanonischen Ebene belegt sind (καὶ γὰρ ἐν; ἐν ἑνὶ πνεύματι; die Semantik des Begriffs βαπτίζω, die Zusammenstellung Sklave - Freier, die auf dieser Ebene in 1Kor 7 zu finden ist). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (12,14) Die Wendung καὶ γὰρ τό steht 3 Mal im NT, Lk 22,37, in einem Vers, der in *Ev fehlt, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 5,7. ♦ Die Wendung οὐκ ἔστιν ἕν steht nur hier. ♦ μέλος steht 42 Mal im NT, vorkanonisch nicht nur hier in *1Kor 12,14, sondern auch in *1Kor 6,15; 9,9; 12,12; *Röm 7,23. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten πολλά vgl. zuvor zu Vers 12 und weiter unten zu Vers 20. ♦ Die Wendung ἀλλὰ πολλά steht nur hier. Zur Rekonstruktion: Da die Bezeugung bei diesem Vers umstritten ist, ist die Frage der Lexik von größerer Bedeutung. Diese spricht deutlich für die vorka‐ nonische Präsenz aufgrund der vorkanonischen Bezeugung von Wendungen und Termini und deren singuläre Verwendungen in diesem Vers. (12,15) εἴπῃ steht in dieser Aoristform 21 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Satzeröffnung ἐὰν εἴπῃ steht 3 Mal im NT, folglich ebenfalls auf der kanonischen Ebene (Mk 7,11; 1Kor 12,15. 15). ♦ πούς steht 97 / 93 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,25; *Laod 1,22. ♦ Die Verbform εἰμί steht 130 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,8, vgl. weiter Vers 16. ♦ Die Wendung ὅτι οὐκ εἰμί steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 18,11; Joh 3,28; 1Kor 12,15. 16). Es ist auffallend, dass sie auch in der Sieben-Briefe Sammlung des Ignatius begegnet (IgnSm 3). ♦ χείρ steht 158 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev, wobei auffällt, dass χείρ für *Paulus nicht bezeugt ist. ♦ Die Kombination τοῦτο οὐκ steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 14,20; 2 Mal Joh; Apg 5,4; Röm 11,7; 1Kor 12,15. 16). ♦ Die Wendung ἐκ τοῦ σώματος, die in diesem Vers 2 Mal und im nächsten Vers wieder 2 Mal steht, begegnet 6 Mal im NT, vorkanonisch 452 Rekonstruktion <?page no="1331"?> bezeugt für *2Kor 5,8; *Röm 7,24. ♦ παρά steht 217 / 194 Mal im NT vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8. 12; *1Kor 3,19; *Röm 2,13; 12,16; *2Thess 1,6. Zur Abwesenheit: Auch wenn einige der Termini und Wendungen vorkanonisch bezeugt sind, begegnen in diesem unbezeugten Vers Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (εἴπῃ; ἐὰν εἴπῃ; Οτι οὐκ εἰμί; τοῦτο οὐκ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (12,16) Wegen der Ähnlichkeit und z.T. Parallelität dieses Verses zum voranstehenden vgl. zur parallelen Lexik dort. οὖς steht 38 / 37 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt in *Ev. ♦ ὀφθαλμός findet sich 109 / 100 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,52. Zur Abwesenheit: Hier gelten dieselben Beobachtungen wie zum Vers zuvor. (12,17) ὅλος, das 123 / 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,27; *Gal 5,3. 9. ♦ Die Wendung εἰ ὅλον steht nur 2 Mal hier in diesem Vers. ♦ ποῦ, das 51 / 48 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,55, vgl. weiter Vers 19. ♦ ἀκοή steht 24 Mal im NT und ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ὄσφρησις ist Hapax legomenon im NT. Zur Abwesenheit: Dieser unbezeugte Vers steht in engem Verhältnis zu den beiden voranstehenden, auf der kanonischen Ebene sich befindenden. Zudem fällt das nur kanonisch belegte ἀκοή auf, d. h. der Vers wird ebenfalls ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (12,18) Die Satzeröffnung νυνὶ δέ steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,13. ♦ τίθημι steht 110 / 100 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,10. 11; 12,18. 28; 15,25. ♦ Die Form ἔθετο steht 16 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,28. ♦ Die Wendung ἓν ἕκαστον steht nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene in Apg 21,19. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.) steht 502 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15. ♦ Die Wendung καθὼς ἠθέλησεν steht nur 2 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für die andere Stelle *1Kor 15,38. Zur Rekonstruktion: Nachdem der Befund für die Bezeugung bzw. die fehlende Bezeugung nicht entscheidbar ist, besitzt die Lexik ein desto größeres Gewicht und kann in diesem Fall auch den Ausschlag geben. Mit Ausnahme des ein‐ geschobenen Passus ἓν ἕκαστον αὐτῶν, der auf die kanonische Redaktion zurückzugehen scheint, sind alle anderen Versteile anderweits vorkanonisch bezeugt. Auch narrativ passt der Vers so in den Kontext. Die Bezeugung Tertullians wird sich folglich auf diesen Vers bezogen haben. 2 (1Kor) 453 <?page no="1332"?> (12,19) Die auf der kanonischen Ebene stehende Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ Die Verbform ἦν, die 301 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,4; *Phil 3,7. ♦ Die Eingangsformulierung εἰ δὲ ἦν steht nur hier. ♦ τὰ πάντα steht 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 8,6; *Laod 1,10; 3,9; *Kol 1,20. ♦ Zu ποῦ vgl. zuvor zu Vers 17. Zur Rekonstruktion: Bei diesem kurzen, vorkanonisch unbezeugten Vers ist die Entscheidung schwer. Allerdings spricht die Lexik für die vorkanonische Präsenz, unter Absehung der Einleitungsformel. (12,20) νῦν steht 157 / 148 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ Zu πολλά vgl. zuvor zu den Versen 12 und 14. ♦ νῦν δὲ steht 25 Mal im NT, Lk 19,42, in einem Vers, der in *Ev fehlt, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,25; 22,69. ♦ πολλὰ μέν steht nur hier. Zur Rekonstruktion: Auch für diesen vorkanonisch unbezeugten Vers gilt, wie zum voranstehenden, dass die Lexik die vorkanonische Präsenz stützt, auch narrativ passt er gut in den vorkanonischen Kontext. (12,21) δύναμαι steht 233 / 210 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Satzeröffnung οὐ δύναται steht 27 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (4 Mal Mt; 6 Mal Mk; Lk 14,26. 27. 33; 8 Mal Joh; 1Kor 12,21; 15,50; 2Tim 2,13; 1Joh 3,9; 4,20). ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten εἰπεῖν vgl. zuvor zu Vers 3. ♦ Die Form τῇ χειρί steht 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 3,12; Lk 3,17, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Joh 3,35; Apg 12,17; 13,16; 21,40; 1Kor 12,21; 5 Mal in Apk). ♦ χρεία steht 53 / 49 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,31. ♦ σου (Gen. Mask. / Neut. Sg. von σύ / σός) steht 361 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,14; *1Kor 15,55; *Röm 2,25. ♦ Die Negation οὐκ ἔχω steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor 7,25. ♦ κεφαλή steht 79 / 75 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,27; *1Kor 11,3. 7. 10; *Laod 5,23; *Kol 2,19. ♦ Zu πούς vgl. zuvor zu Vers 15. Zur Abwesenheit: Im Unterschied zu den beiden voranstehenden unbezeugten Versen, weist dieser vorkanonisch unbezeugte Vers eine Lexik auf, die aus‐ schließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente aufweist (Satzeröff‐ nung οὐ δύναται; τῇ χειρί; οὐκ ἔχω). Inhaltlich setzt der Vers die kanonische Argumentation der voranstehenden Verse 15-17 fort. Dieser Vers ist folglich ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 454 Rekonstruktion <?page no="1333"?> (12,22) Die Formulierung πολλῷ μᾶλλον steht 10 Mal im NT, Lk 18,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt, d. h. ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.) steht 121 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἀσθενέστερος begegnet nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene 1Petr 3,7. ♦ Vgl. auch ἀσθενής, das 35 / 26 Mal im NT steht und vorkanonisch bezeugt ist für *Gal 4,9; *1Kor 1,25. 27; *Röm 5,6. ♦ δοκέω steht 100 / 63 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9. ♦ ἀναγκαῖος steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers häufen sich die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elemente (πολλῷ μᾶλλον; ἀσθενέστερος; ἀναγκαῖος). Der Vers ist das Produkt der kanonischen Redaktion und fehlte in der vorkanonischen Version. (12,23) Auch wenn sich ἀτιμία in *1Kor 15,43 findet, begegnet doch ἄτιμος, das 4 Mal im NT steht, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ τιμή, das 44 / 41 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,20; *1Thess 4,4, vgl. weiter Vers 24. ♦ περισσότερον / περισσότερος, das 13 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,26. Die Grundform περισσός, die 6 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 5,37. 47; Mk 6,51; Joh 10,10; Röm 3,1; 2Kor 9,1). ♦ περιτίθημι, steht 9 Mal im NT und findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 21,33; 27,28; Mk 12,1; 15,17. 36; 27,48; Joh 19,29; 1Kor 12,23). ♦ ἀσχήμων ist Hapax legomenon, die verwandten Begriffe ἀσχημονέω und ἀσχημοσύνη stehen ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ εὐσχημοσύνη ist ebenfalls Hapax legomenon, aber auch hier stehen die verwandten Begriff εὐσχημόνως und εὐσχήμων ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Ele‐ mente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἄτιμος; περιτίθημι), daneben auch solche Hapax legomena, deren Wortfamilien lediglich auf der kanonischen Ebene stehen (ἀσχήμων; εὐσχημοσύνη). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (12,24) Zum unbezeugten Versteil: Wie gerade zum voranstehenden Vers 23 vermerkt, steht εὐσχήμων und verwandte Begriffe ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung οὐ χρείαν ἔχει begegnet nur 1 weiteres Mal in Apk 21,23. Die Wendung οὐ χρείαν + ἔχω begegnet in Lk 15,7, in einem Vers, der in *Ev fehlt, ist aber vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,31. 2 (1Kor) 455 <?page no="1334"?> Zum bezeugten Versteil: Die Wendung ἀλλὰ ὁ θεὸς steht 3 Mal im NT (1Kor 3,6; 12,24; Phil 2,27), nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ συγκεράννυμι steht nur hier und auf der kanonischen Ebene in Hebr 4,2. Zum nicht mehr bezeugten Teil: ὑστερέω steht 19 / 16 Mal im NT und ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ περισσός steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 12,23. ♦ Die Form δούς steht 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (3 Mal Mt, Mk 13,34; Lk 4,20; 20,2; 3 Mal Apg; Röm 4,20; 1Kor 12,24; 2Kor 1,22; 5,5; 2Thess 2,16; 1Tim 2,6). ♦ τιμή steht 44 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,20; *1Thess 4,4. Zur Rekonstruktion: Dieser Vers demonstriert, wie bedeutsam die Bezeugung als erstes Kriterium der Rekonstruktion darstellt, denn sowohl die Wendung wie der Terminus sind nur an dieser Stelle vorkanonisch bezeugt. Gleichwohl ist auffallend, dass es sich zugleich um im NT selten vorkommende Elemente handelt. Wenn etwa im nicht mehr bezeugten Teil der Terminus ὑστερέω 19 / 16 Mal und περισσός 6 Mal im NT belegt sind und dennoch nur kanonisch stehen, hat dies größeres Gewicht, wenn man es zusammen mit der fehlenden Bezeugung nimmt. Im Zusammenblick mit den sonstigen Beobachtungen ist es darum wahrscheinlich, dass tatsächlich nur der bezeugte Teil vorkanonisch gestanden war. (12,25) Die Form ᾖ steht 42 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ σχίσμα, das 9 / 8 Mal im NT steht, begegnet ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Das Pronomen τὸ αὐτό steht 21 Mal im NT, Lk 6,33, in einem Vers, der in *Ev fehlt, in Lk 17,33 ist es vorkanonisch unbezeugt, d. h. es findet sich überhaupt nur auf der kanonischen Ebene. ♦ μεριμνάω steht 24 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,22. ♦ συμπάσχειν findet sich nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 8,17. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnetn (ᾖ; σχίσμα; Pronomen τὸ αὐτό; συμπάσχειν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat im vorkanonischen Text gefehlt. (12,26) πάσχω, das 44 / 42 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ δοξάζω steht 68 / 61 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,20. ♦ συμπάσχω steht nur hier und nochmals, wiederum auf der kanonischen Ebene, in Röm 8,17. ♦ συγχαίρω steht 7 Mal im NT, in Lk 1,58; 15,6. 9, in drei Versen, die alle in *Ev fehlen, und ist überhaupt nur auf der kanonischen Ebene zu finden (Lk 1,58; 15,6. 9; 1Kor 12,26; 13,6; Phil 2,17. 18). 456 Rekonstruktion <?page no="1335"?> Zur Abwesenheit: In diesem vorkanonisch unbezeugten Vers begegnen Ele‐ mente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (συμπάσχω; συγχαίρω). Er scheint zur kanonischen Redaktion zu gehören und wird vorka‐ nonisch gefehlt haben. (12,27) Die Verseröffnung Ὑμεῖς δέ ἐστε begegnet auf kanonischer Ebene wieder in Lk 22,28, während in diesem allerdings unbezeugten Vers die mögliche vorkanonische Version καὶ ὑμεῖς ηὐξήθητε lautet (so Klinghardt z. St.). ♦ Die Kombination καὶ ὑμεῖς steht 64 Mal im NT, davon 8 Mal als kanonische Verseröffnung, vorkanonisch im Vers bezeugt für *Ev 20,21; *Röm 7,4; *1Thess 2,14; *Laod 1,13; vgl. zu 1Kor 5,2. ♦ σῶμα Χριστοῦ steht nur hier. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19. ♦ Die Kombination ἐκ μέρους steht 5 Mal im NT, jedoch lediglich noch im Kontext von 1Kor 13,9. 10. 12, kanonisch belegt. Zur Rekonstruktion: Zwar ist dieser Vers unbezeugt, allerdings ist auffallend, dass die Elemente singulär im NT stehen und in Verbindung zur Rekonstruktion von *1Kor 13,9-12 zu sehen sind. Die Lexik spricht hier nicht gegen die vorkanonische Präsenz des Verses, die leichte adversative Erweiterung des Anfangs ist den in der kanonischen Version voranstehenden Versen geschuldet, die dann auch die Parallele in Lk erklärt. (12,28) Das Personalpronomen οὕς Akk. Mask. Pl., das 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,27; *1Kor 10,11. ♦ τίθημι, das 110 / 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,10. 11; 12,18. 28; 15,25. ♦ Zur vorkanonisch bezeugten Form ἔθετο vgl. zuvor zu Vers 12,18. ♦ πρώτον / πρῶτος, das 70 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,46; *1Thess 4,16; *2Thess 2,3. ♦ δεύτερος steht 50 / 43 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,47. ♦ προφήτης steht 157 / 144 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 12,28; 14,32; *1Thess 2,15. ♦ τρίτος steht 62 / 56 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,4 (Schmid weist diesen Text als unsichere Lesart aus); *2Kor 12,2. ♦ διδάσκαλος findet sich 60 / 59 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,40; 18,18; 20,39. ♦ δύναμις, das sich 128 / 119 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt. ♦ ἔπειτα, das 17 / 16 Mal im NT steht, davon 8 Mal als Verseröffnung, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 1,18. ♦ ἴαμα, das 3 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,9. ♦ ἀντιλαμβάνω steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ κυβέρνησις ist Hapax legomenon im NT. ♦ γένος, das 22 / 21 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,10; *Phil 3,5. ♦ γλῶσσα, das 54 / 50 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,10; 14,2. 2 (1Kor) 457 <?page no="1336"?> Zur Rekonstruktion: Erneut ist die weitreichende Übereinstimmung zwischen Bezeugung bzw. fehlender Bezeugung und Lexik auffallend. Beim bezeugten Text finden sich anderweitig vorkanonische Bezeugungen der Termini und Wendungen. Was den unbezeugten Textteil betrifft, können allenfalls noch die ersten beiden Termini der Aufzählung (διδασκάλους; δυνάμεις) gestanden sein, denn mit dem für eine Hinzufügung bereits verräterischen ἔπειτα wird ein Begriff verwendet, der nurmehr kanonisch belegt ist, so auch ἀντιλήμψεις. Falls diese Rekonstruktion korrekt ist, würde sich auch erklären, dass möglicher‐ weise auch der dieselben Begriffe aufführende nächste Vers 29 vorkanonisch gestanden hat, auch wenn er unbezeugt ist. (12,29) Zur Lexik vgl. zum voranstehenden Vers. Zur Rekonstruktion: vgl. die Bemerkung zum voranstehenden Vers. Trotz der Lexik, die für die mögliche vorkanonische Präsenz dieses Verses spricht, weist die rhetorische Form der rhetorischen Fragen, die zuvor nur auf der kanonischen Ebene begegnen, auf diese Ebene hin. Sollte der Vers vorkanonisch gestanden sein, wird man wohl eher anstelle dieser rhetorischen Fragen mit verkürzten Aussagen rechnen müssen. (12,30) ἴαμα, das 3 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,9, vgl. zuvor Vers 28. ♦ γλῶσσα steht 54 / 50 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,10; 14,2. ♦ γλῶσσα + λαλέω steht 4 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene (Mk 16,17, im sekundären Markusschluss; 1Kor 12,30; 14,6. 18). ♦ διερμηνεύω, das 8 / 6 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (Lk 24,27; Apg 9,36; 1Kor 14,5. 13. 27). Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers spricht die Lexik für die Zuordnung zur kanonischen Ebene aufgrund der ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elemente (γλῶσσα + λαλέω; διερμηνεύω). Der Vers wird vorkanonisch gefehlt haben. (12,31) ζηλόω steht 20 / 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ζηλοῦτε δέ steht nur noch 1 weiteres Mal, 1Kor 14,1, auch auf der kanonischen Ebene. ♦ ἔτι, das 96 / 93 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,15; *Röm 5,6. ♦ μείζονα steht weiter nur noch in Joh (1,50; 5,20; 14,12). ♦ Die Variante κρείσσων oder κρείττων, die 23 im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ὁδός, das 107 / 101 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 11,33. Zur Rekonstruktion: Wie die Variante bereits ausweist, scheint dieser vorkano‐ nisch bezeugte Vers von der kanonischen Redaktion überarbeitet worden zu 458 Rekonstruktion <?page no="1337"?> sein. Aus einer Reflexion wurde der Text in die exhortative Predigtstruktur eingepasst, die bereits zuvor auf der kanonischen Ebene festgestellt wurde. Die Rekonstruktion weist folglich eine leicht veränderte grammatische Struktur auf, die jedoch i.W. den durch Tertullian gegebenen Wortbestand wiedergibt. Kapitel 13 13,1 2-4 [5] 6-7 [8-12] 13: Das Größte ist die Liebe Da dieses Kapitel nur mit einem Hinweis durch Tertullian als präsent bezeugt ist, stellt sich die Frage nach dem möglichen Wortlaut. Hier helfen Handschrif‐ tenvarianten, Lexik und Semantik etwas weiter, auch wenn die Rekonstruktion mit Unsicherheiten belastet ist. Es wird jedoch deutlich, dass das Grundgerüst dieser Ausführungen zur Liebe bereits vorkanonisch vorhanden war, das an etlichen Stellen von der kanonischen Redaktion erweitert wurde. 13,1 Ἐὰν ταῖς γλώσσαις τῶν ἀνθρώπων λαλῶ καὶ τῶν ἀγγέλων, ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω, γέγονα χαλκὸς ἠχῶν ἢ κύμβαλον ἀλαλάζον. 13,1 Ἐὰν ταῖς γλώσσαις τῶν ἀνθρώπων λαλῶ καὶ τῶν ἀγγέλων, ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω, γέγονα χαλκὸς ἠχῶν ἢ κύμβαλον ἀλαλάζον. 2 καὶ ἐὰν ἔχω προφητείαν, καὶ εἰδῶ τὰ μυστήρια πάντα καὶ πᾶσαν τὴν γνῶσιν, 2 καὶ ἐὰν ἔχω προφητείαν καὶ εἰδῶ τὰ μυστήρια πάντα καὶ πᾶσαν τὴν γνῶσιν, καὶ ἐὰν ἔχω πᾶσαν τὴν πίστιν ὥστε ὄρη μεθιστάνειν, ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω, οὐθέν εἰμι. 3 καὶ ἐὰν παραδῶ τὸ σῶμά μου ἵνα καυθήσομαι, ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω, οὐδὲν ὠφελοῦμαι. 3 κἂν ψωμίσω πάντα τὰ ὑπάρχοντά μου, καὶ ἐὰν παραδῶ τὸ σῶμά μου ἵνα καυχήσωμαι, ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω, οὐδὲν ὠφελοῦμαι. 4 Ἡ ἀγάπη χρηστεύεται, οὐ ζηλοῖ, οὐ περπερεύεται, 4 Ἡ ἀγάπη μακροθυμεῖ, χρηστεύεται ἡ ἀγάπη, οὐ ζηλοῖ, ἡ ἀγάπη οὐ περπερεύεται, οὐ φυσιοῦται, - 5 οὐκ ἀσχημονεῖ, οὐ ζητεῖ τὰ ἑαυτῆς, οὐ παροξύνεται, οὐ λογίζεται τὸ κακόν, 6 οὐ χαίρει ἐπὶ τῇ ἀδικίᾳ, 6 οὐ χαίρει ἐπὶ τῇ ἀδικίᾳ, συγχαίρει δὲ τῇ ἀληθείᾳ· 7 πάντα πιστεύει, πάντα ἐλπίζει, πάντα ὑπομένει. 7 πάντα στέγει, πάντα πιστεύει, πάντα ἐλπίζει, πάντα ὑπομένει. - 8 Ἡ ἀγάπη οὐδέποτε πίπτει. εἴτε δὲ προφητεῖαι, καταργηθήσονται· εἴτε γλῶσσαι, παύσονται· εἴτε γνῶσις, καταργηθήσεται. 2 (1Kor) 459 <?page no="1338"?> 9 ἐκ μέρους γὰρ γινώσκομεν καὶ ἐκ μέρους προφητεύομεν· - 10 ὅταν δὲ ἔλθῃ τὸ τέλειον, τὸ ἐκ μέρους καταργηθήσεται. 11 ὅτε ἤμην νήπιος, ἐλάλουν ὡς νήπιος, ἐφρόνουν ὡς νήπιος, ἐλογιζόμην ὡς νήπιος· ὅτε γέγονα ἀνήρ, κατήργηκα τὰ τοῦ νηπίου. - 12 βλέπομεν γὰρ ἄρτι δι’ ἐσόπτρου ἐν αἰνίγματι, τότε δὲ πρόσωπον πρὸς πρόσωπον· ἄρτι γινώσκω ἐκ μέρους, τότε δὲ ἐπιγνώσομαι καθὼς καὶ ἐπεγνώσθην. 13 νυνὶ δὲ μένει τὰ τρία ταῦτα πίστις, ἐλπίς, ἀγάπη· μείζων δὲ τούτων ἡ ἀγάπη. 13 νυνὶ δὲ μένει πίστις, ἐλπίς, ἀγάπη, τὰ τρία ταῦτα· μείζων δὲ τούτων ἡ ἀγάπη. A. *13,1-13: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,9-10: de dilectione quoque omnibus cha‐ rismatibus praeponenda apostolum instruxerit principali praecepto, quod probavit et Christus, [10] Diliges dominum de totis praecordiis et totis viribus et tota anima tua et proximum tuum tanquam te ipsum. Et si quod in lege scriptum esset commemorat, in aliis linguis et in aliis labiis locuturum creatorem, cum hac commemoratione charisma linguarum confirmat, nec hic potest videri alienum charisma creatoris praedicatione confirmasse. *13,13: Vgl. (Pseudo-? )Ephr., Er‐ klärung des Evangeliums (30 Schäfers): „Denn auch jene Liebe, die der Apostel mehr als alles schätzt, vermögen wir, wenn wir glauben, durch unseren Glauben zu erlangen.“ B. (13,2) μεθιστάναι begegnet in den Zeugen P 46 , 01 1 , 03, 06, 010, 012, 048, 33, 81, 104, 326, 1175, 1241, 1739, Cl, während sich μεθιστάνειν in den Zeugen findet 02, 04, 018, 020, 044, 365, 630, 1505, 1881, 2464, M. ♦ (13,3) Die Variante καυθήσομαι findet sich in den Zeugen 04, 06, 010, 012, 020, 6, 81, 104, 630, 945, 1175, 1881*, latt, sy hmg , Tert, Ambst, Hier mss ; das verwandte, jedoch weniger scharfe καυθήσωμαι bieten 018, 044, 365, 1241, 1739 c , 1881 c , 2464, M. Immer noch eine Reflektion dieser Formulierung bietet das καυθῇ von 1505, sy h , während καυχήσωμαι geboten wird von P 46 , 01, 02, 03, 048, 33, 1739*, co, Hier mss . ♦ (13,4) Post χρηστεύεται add ἡ ἀγάπη in (P 46 ) 01, 02, 03, 06, 010, 012, 018, 020, 044, 048, 0243, 81, 365, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, M, sy. Das scheint aber das Result der kanonischen Duplikationstendenz zu sein; om in 03, 33, 104, 629, 1175, 2464, lat, sa bo ms , Cl, Ambst. ♦ Post ζηλοῖ add ἡ ἀγάπη in (P 46 ) 01, 02, 03, 06, 010, 012, 018, 020, 044, 048, 0243, 81, 365, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, M, sy; om 03, 33, 104, 629, 1175, 2464, lat, sa bo ms , Cl, Ambst. ♦ Anstelle von ἀσχημονεῖ bieten P 46 (1241) εὐσχημονεῖ. ♦ (13,8) Die Variante ἐκπίπτει, gewiss die lectio difficilior, bieten die 460 Rekonstruktion <?page no="1339"?> 200 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 509. Zeugen 01 2 , 04 3 , 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1175, 1505, 1881, 2646, M, lat, Cl pt , sie entspricht auch dem altlateinischen excidit bzw. excidet oder excedit, das erste bezeugt in 88 c , Spec var , das zweite in 51, 75, 76, 78, 89, Pel var , CypTe var , Spec ed , das dritte in 61, 88*, 88 alt , Amst var , Pel var , während πίπτει geboten wird von P 46 , 01*, 02, 03, 04*, 048, 0243, 33, 1241, 1739, (g), Cl pt und in der altlateinischen Tradition in Spm var : cadet, Ambst ad , cadit, weiter ist bezeugt decidit in Spec var , und excidit uel cadit in 77. ♦ Anstelle von καταργηθήσεται findet sich καταργηθήσονται in den Zeugen 02, 06 1 , 010, 012, 365, (01, 33), ar, vg ms , sa ms , bo ms , der Plural ist auch bezeugt in der altlateinischen Tradition 61, 77, Pel var , Ambst var . ♦ (13,10) Die τότε Variante findet sich in den Zeugen 06 1 , 018, 020, 630, 1505, 2464, M, sy, Or pt , während sich τό findet in P 46 , 01, 02, 03, 06*, 010, 012, 025, 044, 0243, 6, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241, 1739, 1881, latt, co, Ir lat , Or pt . ♦ (13,11) Das δέ findet sich in den Zeugen 01 2 , 06 2 , 010, 012, 018, 020, 016, 044, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M, b, vg cl , sy, Tert, Cl, Meth, und in der altlateinischen Tradition in 51, 54, 58, 77, 78, 88, 89, während es fehlt in 01*, 02, 03, 06*, 048, 0243, 6, 1739, ar, vg st , Ambst, Pel. ♦ (13,12) Das ὡς nach ἄρτι findet sich in den Zeugen 06, 0243, 81, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, sy p.h** , Cl pt , während 33 δι εσοπτρου ως hat, schließlich findet sich auch noch die Variante δι εσοπτρου και in 020, (44), ar, (Ir lat ), Or. ♦ Anstelle von πίστις, ἐλπίς, ἀγάπη, τὰ τρία ταῦτα findet sich folgende Wortstellung, τὰ τρία ταῦτα πίστις, ἐλπίς, ἀγάπη, in P 46 , (sy p ), Cl, Or. C. 1. (13,1-13) Alle Editoren sind sich darüber einig, dass für das 13. Kapitel außer dem kurzen Hinweis darauf, dass das höchste Gebot das der Liebe ist, „weiter nichts“ bezeugt ist und jede Kenntnis zu diesem Kapitel „im einzelnen ungewiß“ sei, wie Zahn sich ausdrückt. 200 Gleichwohl bietet BeDuhn eine Übersetzung, der folgender Text zugrunde liegt: 1 [Ἐὰν ταῖς γλώσσαις τῶν ἀνθρώπων λαλῶ καὶ τῶν ἀγγέλων,] ἀγάπην [δὲ μὴ ἔχω, γέγονα χαλκὸς ἠχῶν ἢ κύμβαλον ἀλαλάζον. 2 καὶ ἐὰν ἔχω προφητείαν καὶ εἰδῶ τὰ μυστήρια πάντα καὶ πᾶσαν τὴν γνῶσιν, καὶ ἐὰν ἔχω πᾶσαν τὴν πίστιν ὥστε ὄρη μεθιστάναι, ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω, οὐθέν εἰμι … 8 εἴτε δὲ προφητεῖαι, καταργηθήσονται: εἴτε γλῶσσαι, παύσονται: εἴτε γνῶσις, καταργηθήσεται … 13 … μένει πίστις, ἐλπίς, ἀγάπη,] μείζων δὲ τούτων ἡ ἀγάπη. Seine Begründung lautet, dass Tertullians Zeugnis „vielleicht die Verse 8 und ebenfalls 13 einschließt“; er gibt dann allerdings gleich zu bedenken, dass „die Möglichkeit bestehen bleibt, dass das eigentliche Gedicht der Liebe der Verse 4-7 gefehlt habe“. 201 In der Tat wurde ja die Heraushebung der Liebe 2 (1Kor) 461 <?page no="1340"?> 201 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 283. bereits mit 12,31 vorbereitet und scheint direkt das Ende (ἡ ἀγάπη) von 13,13 anzuschließen. Eine, wenn auch unsichere Bezeugung findet sich in (Pseudo-? )Ephr., Erklä‐ rung des Evangeliums, nachdem Verse in dieser Schrift zu finden sind, die aus der *10-Briefe-Sammlung stammen können, ja bei *Gal 5,9 sogar wahrscheinlich ist, dass er dieser Sammlung entnommen ist. Die Rede von den ταῖς γλώσσαις τῶν ἀνθρώπων, auf die dann Tertullian ebenfalls anzuspielen scheint, kann auf Vers 1 hinweisen, entspricht wegen der Abgrenzung (aliis linguis) jedoch eher dem Text, der in 14,2 folgt (ὁ γὰρ λαλῶν γλώσσῃ οὐκ ἀνθρώποις λαλεῖ ἀλλὰ θεῷ), wie schon Harnack gesehen hat, was von BeDuhn jedoch als „unzureichend“ zurückgewiesen wurde. BeDuhn nimmt stattdessen die Verse 13,8 und 14,13 als Bezüge (13,8: Ἡ ἀγάπη οὐδέποτε πίπτει. εἴτε δὲ προφητεῖαι, καταργηθήσονται: εἴτε γλῶσσαι, παύσονται: εἴτε γνῶσις, καταργηθήσεται; 14,13: διὸ ὁ λαλῶν γλώσσῃ προσευχέσθω ἵνα διερμηνεύῃ), doch hier fehlt sowohl diese Abgrenzung wie auch der Gottesbezug, der in Tertullians Argument vorausgesetzt ist. ἄγγελοι waren zuvor bereits *1Kor 4,9 begegnet, und von einem Engel ist auch *Ev 7,27 die Rede. Geht das Liebeslied, oder wesentliche Teile desselben, auf die kanonische Redaktion zurück und wurde es von dieser hier eingefügt? Auch hier kann nur der Vergleich der Lexeme bei der Entscheidung helfen. 2. (13,2) Die auf der kanonischen Ebene zu findende (gg. NA 28 ) nicht kausale präsentische Form μεθιστάνειν ist, wenn keine Verschreibung, dann eine Ver‐ flachung des Arguments. 3. (13,11) Die Weglassung von δέ nach ὅτε geht vielleicht auf eine theologi‐ sche Harmonisierung zurück, die in die Biographie des Paulus keine solche Entwicklung eintragen wollte. D. (13,1) γλῶσσα, das 54 / 50 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,10; 14,2. ♦ Der Ausdruck γλώσσαις τῶν ἀνθρώπων steht nur hier. ♦ ἄγγελος, der 186 / 176 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 4,9; 6,3; 11,10; *2Kor 11,14; 12,7; *2Thess 1,7; *Kol 2,18. ♦ Der Ausdruck μὴ ἔχω steht nur in diesem Zusammenhang, 13,1. 2. 3. ♦ χαλκός, das 5 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene (Mt 10,9; Mk 6,8; 12,41; 1Kor 13,1; Apk 18,12). ♦ Das im NT sehr seltene ἠχέω steht jedoch nur noch 1 weiteres Mal und zwar auch auf der vorkanonischen Ebene, *Ev 21,25. ♦ κύμβαλον ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἀλαλάζω steht nur hier und noch 1 weiteres Mal Mk 5,38. 462 Rekonstruktion <?page no="1341"?> Zur Rekonstruktion: Tertullian verrät, dass es in diesem Kapitel um die Liebe geht, die gleich im ersten Vers begegnet. Es liegt zweifelsohne eine sehr spezielle Lexik in diesem Text vor. Desto erstaunlicher ist es, dass mit Ausnahme von χαλκός und ἀλαλάζω, die beide seltene Begriffe im NT sind, alle anderen Termini, z.T. ebenfalls ein selten erim NT, weiter vorkanonisch bezeugt sind bzw. das Hapax legomenon κύμβαλον begegnet. Betrachtet man sich die Semantik, lässt sich feststellen, dass χαλκός hier als Musikinstrument begegnet, während es kanonisch im Sinne von Bronze(münze) steht (Mt 10,9; Mk 6,8; 12,41; Apk 18,12). Hieraus lässt sich schließen, dass der Vers, auch wenn er schlecht bezeugt ist, vermutlich vorkanonisch vorhanden war. (13,2) Die Verseröffnung καὶ ἐὰν ἔχω, die im selben Vers wiederholt wird und nur mit dem καὶ ἐὰν ἔχω mit dem μὴ ἔχω im Vers zuvor und wieder in Vers 4 korrespondiert, kehrt sonst im NT nicht wieder. ♦ προφητεία steht 21 / 19 Mal im NT und ist vorkanonisch bei *Paulus bezeugt. ♦ οἶδα steht 339 / 318 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8. ♦ μυστήριον steht 30 / 28 Mal im NT und ist bereits *1Kor 2,1 begegnet. ♦ πᾶσαν steht 53 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung πάντα καὶ πᾶσαν steht nur hier. ♦ γνῶσις, das 34 / 29 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,8 und *Phil 3,8. ♦ πίστις steht 257 / 243 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16. 20; 3,11. 26; 5,6; *1Kor 12,9; *2Kor 4,13; *Röm 1,17; 5,1; *Laod 4,5. Auffallenderweise ist der Begriff im selben Zusammenhang, *1Kor 12,9, bezeugt. ♦ ὄρος, das 68 / 63 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,24. ♦ μεθίστημι steht 5 Mal im NT, immer nur auf der kanonischen Ebene (Lk 16,4; Apg 13,22; 19,26; 1Kor 13,2; Kol 1,13). ♦ οὐθέν steht 7 Mal im NT, überhaupt nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbform εἰμί, die 130 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,8. Zur Rekonstruktion: Für diesen Vers gibt es keinen Zeugnisanhalt bei Tertullian. Aufgrund der Lexik mit μεθίστημι und οὐθέν fallen zwei Termini auf, die ausschließlich kanonisch belegt sind. Nun stehen beide nicht sehr häufig im NT, aber es muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass der Passus καὶ ἐὰν ἔχω πᾶσαν τὴν πίστιν ὥστε ὄρη μεθιστάναι, ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω, οὐθέν εἰμι eine kanonische Hinzufügung darstellt, das würde auch die schlichte Duplikation des Anfangs im selben Satz und diejenige des ἀγάπην δὲ μὴ ἔχω erklären. (13,3) Die Kontraktion κἄν steht 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ψωμίζω steht nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene Röm 12,20. ♦ ὑπάρχω, das 66 / 60 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Phil 2,6. ♦ παραδίδωμι wird auf der vorkanonischen Ebene häufig gebraucht in *Ev und dann in *1Kor 5,5. ♦ καυχάομαι steht 39 / 37 Mal im NT, ausschließlich 2 (1Kor) 463 <?page no="1342"?> in der Briefliteratur. Für die vorkanonische Ebene ist der Begriff bezeugt für *1Kor 1,29. 31; 3,21. Eher für die vorkanonische Fassung ist jedoch die Variante καυχήσομαι anzunehmen. ♦ Das Verb καίω steht 17 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,35. ♦ οὐδέν (Nom. / Akk. Neut. Sg.) das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 8,4. ♦ ὠφελέω steht 17 / 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,25. Zur Rekonstruktion: Auch bei diesem Vers fallen die vorkanonisch nicht be‐ zeugten Elemente auf. Mit κἂν ψωμίσω stehen gleich zwei nebeneinander, vermutlich wird deshalb κἂν ψωμίσω πάντα τὰ ὑπάρχοντά μου ebenfalls eine kanonische Weiterung darstellen. Der Rest dürfte vorkanonisch gestanden sein. (13,4) μακροθυμέω steht 11 / 10 Mal im NT und findet sich nur auf der kanonischen Ebene. Das Nomen μακροθυμία, das 14 Mal im NT steht, findet sich ebenfalls ausschließlich auf der kanonischen Ebene, ebenso das Adverb μακροθύμως (Apg 26,3). ♦ χρηστεύομαι ist Hapax legomenon im NT. ♦ ζηλόω wurde als markionitische Lesart in *Gal 5,20 notiert. ♦ περπερεύομαι ist Hapax legomenon im NT und fehlt auch in LXX. ♦ φυσιόω, das 7 Mal im NT steht, jedoch nur für die kanonische Ebene bezeugt ist. Zur Rekonstruktion: Wenn wir nach demselben Prinzip auch hier vorgehen, dann könnten die Begriffe μακροθυμεῖ und οὐ φυσιοῦται auf die kanonische Redaktion zurückgehen. (13,5) ἀσχημονέω steht nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene in 1Kor 7,36, ebenso das Adjektiv ἀσχήμων in 1Kor 12,23 und auch das Nomen ἀσχημοσύνη in Röm 1,27; Apk 16,15. Dasselbe gilt für die Variante εὐσχημονεῖ. ♦ ζητέω, das 130 / 117 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *Röm 10,3. ♦ παροξύνω ist weiter nur ein Mal auf der kanonischen Ebene nachweisbar (Apg 17,16). ♦ Einen wichtigen Hinweis liefert das unscheinbare Verb λογίζομαι, das im NT 43 / 41 Mal steht, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden ist, man betrachte sich etwa nur das in der vorkanonischen Ebene fehlende Kapitel Röm 4 (Röm 4,3. 4. 5. 6. 8. 9. 10. 11. 22. 23. 24). ♦ κακός steht 54 / 50 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,6 und *Röm 12,17. Zur Abwesenheit: Dieser Vers scheint aufgrund der Lexik, vorkanonisch gefehlt zu haben. (13,6) χαίρω, das 76 / 74 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,8; *1Kor 7,30; *Röm 12,12. ♦ ἀδικία, obwohl es lediglich 27 / 25 Mal im NT steht, ist vorkanonisch belegt für *Ev 16,9; *Röm 1,18 und *2Thess 2,12. ♦ Zu συγχαίρω als Begriff der kanonischen Ebene vgl. zuvor zu 12,26. 464 Rekonstruktion <?page no="1343"?> Zur Rekonstruktion: Aufgrund der Lexik stand vielleicht lediglich der Anfang dieses Verses im vorkanonischen Text. (13,7) στέγω, das 4 Mal im NT steht, ist nur auf der kanonischen Ebene belegt (1Kor 9,12; 13,7; 1Thess 3,1. 5). ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten πιστεύω vgl. zuvor zu Vers 11,18. ♦ ἐλπίζω, das 32 / 31 Mal im NT steht ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; 24,21. ♦ ὑπομένω findet sich der umgekehrte Befund, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,12. ♦ Vgl. auch das Nomen ὑπομονή, das 33 / 32 Mal im NT steht, für die vorkanonische Ebene jedoch nur ein Mal bezeugt ist in *Ev 21,19. Zur Rekonstruktion: Hier fällt nur die Eröffnung als nicht vorkanonisch bezeugt auf. Dieser erste Teil könnte eine kanonische Erweiterung sein. (13,8) Einen wichtigen Hinweis bietet die Konjunktion οὐδέποτε die im NT immerhin 18 / 16 Mal begegnet, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene, die eine Stelle, in der sie in Lk (15,29) steht, findet sie sich in einer für *Ev von Epiphanius für Markions Evangelium als fehlend angezeigten Perikope. ♦ πίπτω, das 112 / 90 Mal im NT bezeugt ist, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Derselbe eindeutige Befund gilt auch für die bezeugte Variante ἐκπίπτω, sie steht 13 Mal und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ προφητεία, das 21 / 19 Mal im NT steht, ist vorkanonisch für *Paulus bezeugt. ♦ καταργέω steht 27 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15 und vielleicht *2Kor 3,11. 13. ♦ Zu γλῶσσα vgl. zuvor zu Vers 1. ♦ παύω begegnet 15 Mal im NT, jedoch ausschließlich bezeugt für die kanonische Ebene. Zur Abwesenheit: Aufgrund der Lexik mit Elementen, die auf die kanonische Redaktion zurückgehen (Duplikation, οὐδέποτε; πίπτω oder ἐκπίπτω) wird dieser Vers vorkanonisch gefehlt haben. (13,9) Die Kombination ἐκ μἐρους steht 5 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene. ♦ γιγνώσκω ist mit 256 Einträgen im NT einer der beliebten Begriffe, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21; 2,8. 16; 3,20; 8,3; *Röm 7,7; 11,34. ♦ προφητεύω, das 35 / 28 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,64; *1Kor 11,5; 14,1. 24. Zur Abwesenheit: Auch hier spricht die Lexik eher für das vorkanonische Fehlen dieses Verses. (13,10) Die Eröffnung ὅταν δέ steht 21 Mal im NT (17 Mal als Verseröffnung), vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,54; *Kol 3,4. ♦ Die Form ἔλθῃ, die 32 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt ♦ τέλειος findet sich 18 / 19 Mal im NT, davon ein Mal auf der vorkanonischen Ebene *1Kor 2,6. ♦ τότε, 2 (1Kor) 465 <?page no="1344"?> das 164 / 160 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,54, vgl. weiter Vers 12. Zur Abwesenheit: Die ausschließlich kanonisch belegte Form ἔλθῃ und die erneute Wiederholung von ἐκ μέρους καταργηθήσεται macht skeptisch, was die Präsenz dieses Verses im vorkanonischen Text betrifft. (13,11) ὅτε, das 112 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,3. 4. ♦ ἤμην, das 16 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Das 18 / 15 Mal im NT stehende νήπιος findet sich für die vorkanonische Ebene bezeugt in *Ev 10,21; *Gal 4,3. ♦ φρονέω findet sich 34 / 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,16. ♦ Zu λογίζομαι, das ausschließlich kanonisch steht, vgl. weiter oben zu Vers 5. ♦ καταργέω steht 27 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15 Zur Abwesenheit: Aufgrund der Lexik (ἤμην; λογίζομαι), der Duplikation (ὅτε) und des Wechsels von der ersten Person Plural zur ersten Person Singular wird der Vers im vorkanonischen Text gefehlt haben. (13,12) βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev *2Kor 4,18. ♦ ἄρτι, das 40 / 36 Mal im NT steht, ist ein Begriff der kanonischen Redaktion. ♦ ἔσοπτρον steht nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene, vgl. Jak 1,23. ♦ αἴνιγμα ist Hapax legomenon. ♦ Zu τότε vgl. zuvor zu Vers 10. ♦ πρόσωπον, das sich 84 / 76 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,27; 12,56; *Gal 2,11; *2Kor 3,18; 4,6; *2Thess 1,9. ♦ ἐπιγιγνώσκω steht 64 / 44 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 10,2. ♦ Die Kombination καθὼς καί steht 28 Mal im NT, Lk 24,24, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,1; *1Kor 14,21b [= 1Kor 14,34]; *1Thess 2,14; *Laod 5,25. 29; *Kol 1,6. Zur Abwesenheit: Auch dieser Vers fällt wieder durch Lexik (ἄρτι) und Dupli‐ kation (ἐκ μέρους) auf. Auch er wird vorkanonisch gefehlt haben. (13,13) νυνί steht 24 / 20 Mal im NT, und zwar nur Apg und in Briefliteratur, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 3,21 und *Laod 2,13. ♦ μένω ist ein sehr beliebter Begriff im NT mit 131 / 118 Belegen, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,28; *1Kor 7,11. ♦ ταῦτα steht 242 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,18; *1Kor 9,8; 10,11; *Phil 3,7. ♦ τούτων, das 72 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 9,15. Zur Rekonstruktion: Der Vers scheint in dieser Fassung aufgrund der Lexik und dem Hinweis des (Pseudo-? )Ephräm vorkanonisch gestanden zu sein. 466 Rekonstruktion <?page no="1345"?> Kapitel 14 14,1-2 3-4 [5] 6-7 [8] 9 [10-14] 15 [16] 17 [18] 19: Statt Zungenrede Prophetie Diese Passage ist durch Tertullian weithin nur durch Kernworte angedeutet, doch hilft gerade hier die Lexik weiter. Ähnlich wie beim Philemonbrief, für den es keine Bezeugung gibt, bietet doch der lexikalische Vergleich ein Mittel, um vorkanonischen Textbestand wahrscheinlich zu machen, selbst wenn man im Einzelnen bei Formulierungen keine Gewissheit erreichen kann. Da der Text zunächst ohne Rücksicht auf den Inhalt, sondern allein aufgrund von Bezeugung und Lexik rekonstruiert wurde, ist es umso erstaunlicher, welche Konsistenz der so rekonstruierte Text inhaltlich ergibt. In dem rekonstruierten Passus, der in seiner Argumentation im nachste‐ henden Passus weitergeführt wird, geht es dem vorkanonischen *Paulus um eine klare Ablehnung der Zungenrede, der er zunächst die Prophetie gegenüberstellt, die er zusammenstellt mit Offenbarung, Erkenntnis und Lehre. Zungenrede hält er stattdessen für leblosen, undifferenzierten Schall, unverständliche und unschöne Worte und ein Reden in den Wind. Stattdessen soll man im Geist beten, im Geist Psalmen singen, was ein gutes Danken ist, während die Zungenrede nicht aufbauend wirke. Deshalb heißt es am Ende dieses Abschnitts, dass *Paulus lieber nur fünf Worte „durch das Gesetz“ sagen will, „um auch andere zu unter‐ weisen, als zehntausend Worte in Zungen zu stammeln.“ Der vorkanonische Text hat folglich eine klare Antithese. Die kanonische Redaktion löst diese Antithese auf, zum einen, indem sie Paulus selbst zum Zungenredner macht, zum anderen, indem sie die Antithese scheinbar aufnimmt, zunächst ein Hierarchieverhältnis von Prophetie und der niedriger stehenden Zungenrede herstellt, um dann allerdings Zungenrede und Prophetie auf eine Ebene zu stellen. Damit ihr dies gelingt, hat sie den vorkanonischen Text gründlich umgestaltet und erweitert. 14,1 Διώκετε τὴν ἀγάπην, ζηλοῦτε δὲ τὰ πνευματικά, μᾶλλον δὲ ἵνα προφητεύητε. 14,1 Διώκετε τὴν ἀγάπην, ζηλοῦτε δὲ τὰ πνευματικά, μᾶλλον δὲ ἵνα προφητεύητε. 2 ὁ γὰρ λαλῶν γλώσσῃ οὐκ ἀνθρώποις λαλεῖ ἀλλὰ τῷ θεῷ, οὐδεὶς γὰρ ἀκούει, πνεύμα δὲ λαλεῖ μυστήρια· 2 ὁ γὰρ λαλῶν γλώσσῃ οὐκ ἀνθρώποις λαλεῖ ἀλλὰ θεῷ, οὐδεὶς γὰρ ἀκούει, πνεύματι δὲ λαλεῖ μυστήρια· 3 ὁ δὲ προφητεύων ἀνθρώποις λαλεῖ οἰκοδομὴν καὶ παράκλησιν καὶ παραμυθίαν. 3 ὁ δὲ προφητεύων ἀνθρώποις λαλεῖ οἰκοδομὴν καὶ παράκλησιν καὶ παραμυθίαν. 2 (1Kor) 467 <?page no="1346"?> 4 ὁ λαλῶν γλώσσῃ ἑαυτὸν οἰκοδομεῖ· ὁ δὲ προφητεύων ἐκκλησίαν θεοῦ οἰκοδομεῖ. 4 ὁ λαλῶν γλώσσῃ ἑαυτὸν οἰκοδομεῖ· ὁ δὲ προφητεύων ἐκκλησίαν οἰκοδομεῖ. - 5 θέλω δὲ πάντας ὑμᾶς λαλεῖν γλώσσαις, μᾶλλον δὲ ἵνα προφητεύητε· μείζων δὲ ὁ προφητεύων ἢ ὁ λαλῶν γλώσσαις, ἐκτὸς εἰ μὴ διερμηνεύῃ, ἵνα ἡ ἐκκλησία οἰκοδομὴν λάβῃ. 6Ἐὰν μὴ ὑμῖν λαλήσω ἐν ἀποκαλύψει ἐν προφητείᾳ ἢ διδαχῇ, 7 τὰ ἄψυχα φωνὴν διδόντα, ἐὰν διαστολὴν τοῖς φθόγγοις μὴ δῷ, 6 Νῦν δέ, ἀδελφοί, ἐὰν ἔλθω πρὸς ὑμᾶς γλώσσαις λαλῶν, τί ὑμᾶς ὠφελήσω, ἐὰν μὴ ὑμῖν λαλήσω ἢ ἐν ἀποκαλύψει ἢ ἐν γνώσει ἢ ἐν προφητείᾳ ἢ ἐν διδαχῇ; --7 πῶς γνωσθήσεται; 7 ὅμως τὰ ἄψυχα φωνὴν διδόντα, εἴτε αὐλὸς εἴτε κιθάρα, ἐὰν διαστολὴν τοῖς φθόγγοις μὴ δῷ, πῶς γνωσθήσεται τὸ αὐλούμενον ἢ τὸ κιθαριζόμενον; 8 καὶ γὰρ ἐὰν ἄδηλον σάλπιγξ φωνὴν δῷ, τίς παρασκευάσεται εἰς πόλεμον; 9 οὕτως καὶ ὑμεῖς διὰ τῆς γλώσσης ἐὰν μὴ εὔσημον λόγον δῶτε, πῶς γνωσθήσεται τὸ λαλούμενον; ἔσεσθε γὰρ εἰς ἀέρα λαλοῦντες. 9 οὕτως καὶ ὑμεῖς διὰ τῆς γλώσσης ἐὰν μὴ εὔσημον λόγον δῶτε, πῶς γνωσθήσεται τὸ λαλούμενον; ἔσεσθε γὰρ εἰς ἀέρα λαλοῦντες. - 10 τοσαῦτα εἰ τύχοι γένη φωνῶν εἰσιν ἐν κόσμῳ, καὶ οὐδὲν ἄφωνον· 11 ἐὰν οὖν μὴ εἰδῶ τὴν δύναμιν τῆς φωνῆς, ἔσομαι τῷ λαλοῦντι βάρβαρος καὶ ὁ λαλῶν ἐν ἐμοὶ βάρβαρος. 12 οὕτως καὶ ὑμεῖς, ἐπεὶ ζηλωταί ἐστε πνευμάτων, πρὸς τὴν οἰκοδομὴν τῆς ἐκκλησίας ζητεῖτε ἵνα περισσεύητε. 13 διὸ ὁ λαλῶν γλώσσῃ προσευχέσθω ἵνα διερμηνεύῃ. 14 ἐὰν [γὰρ] προσεύχωμαι γλώσσῃ, τὸ πνεῦμά μου προσεύχεται, ὁ δὲ νοῦς μου ἄκαρπός ἐστιν. 15 προσεύξωμαι τῷ πνεύματι· ψαλῶ τῷ πνεύματι. 15 τί οὖν ἐστιν; προσεύξομαι τῷ πνεύματι, προσεύξομαι δὲ καὶ τῷ νοΐ· ψαλῶ τῷ πνεύματι, ψαλῶ δὲ καὶ τῷ νοΐ. - 16 ἐπεὶ ἐὰν εὐλογῇς [ἐν] πνεύματι, ὁ ἀναπληρῶν τὸν τόπον τοῦ ἰδιώτου πῶς ἐρεῖ τὸ Ἀμήν ἐπὶ τῇ σῇ εὐχαριστίᾳ, ἐπειδὴ τί λέγεις οὐκ οἶδεν; 17 σὺ μὲν γὰρ καλῶς εὐχαριστεῖς, ἀλλ’ ὁ ἕτερος οὐκ οἰκοδομεῖται. 17 σὺ μὲν γὰρ καλῶς εὐχαριστεῖς, ἀλλ’ ὁ ἕτερος οὐκ οἰκοδομεῖται. - 18 εὐχαριστῶ τῷ θεῷ, πάντων ὑμῶν μᾶλλον γλώσσαις λαλῶ· 468 Rekonstruktion <?page no="1347"?> 19 ἀλλὰ ἐν ἐκκλησίᾳ θέλω πέντε λόγους διὰ τὸν νόμον λαλῆσαι ἵνα καὶ ἄλλους κατηχήσω, ἢ μυρίους λόγους ἐν γλώσσῃ. 19 ἀλλὰ ἐν ἐκκλησίᾳ θέλω πέντε λόγους τῷ νοΐ μου λαλῆσαι, ἵνα καὶ ἄλλους κατηχήσω, ἢ μυρίους λόγους ἐν γλώσσῃ. A. *14,1-2. 6-7. 9. 15: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,4: Nunc de spiritalibus dico. Ibid. V 15,5: Et si exhibuit quod putat, sciat nos quodcunque illud ad formam spiritalis et propheticae gratiae atque virtutis provocaturos, ut et futura praenuntiet et occulta cordis revelet et sacramenta edisserat. Ibid. V 8,12: Exhibeat itaque Marcion dei sui dona, aliquos prophetas, qui tamen non de humano sensu sed de dei spiritu sint locuti, qui et futura praenuntiarint et cordis occulta traduxerint; edat aliquem psalmum, aliquam visionem, aliquam orationem, duntaxat spiritalem, in ecstasi, id est amentia, si qua linguae interpretatio accessit. ♦ *14,19: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 21 (122. 168): Πεπλανημένως ὁ Μαρκίων μετὰ τὸ ἀλλὰ ἐν ἐκκλησίᾳ θέλω πέντε λόγους τῷ νοΐ μου λαλῆσαι, ἵνα καὶ ἄλλους κατηχήσω, ἢ μυρίους λόγους ἐν γλώσσῃ, ἑτέρως δὲ διὰ τὸν νόμον. B. (14,2) Die Hinzufügung des Artikels τῷ vor θεῷ begegnet in den Zeugen 01 2 , 02, 06 2 , 018, 020, 044, 0243, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M, während der Artikel fehlt in P 46 , 01*, 03, 06*, 010, 012, 025, 6, 630, 1739. ♦ Anstelle von πνεύματι steht der Nominativ πνεύμα in den Zeugen 010, 012, b, vg mss , er findet sich auch in der altlateinischen Tradition: 51, 54, 75, 76, 77, 89, Ambst a , Pel var . ♦ (14,4) Post ἐκκλησίαν add θεοῦ in 010, 012, b, vg mss und in der altlateinischen Tradition in 51, 58, 77. ♦ (14,5) Die Variante ᾖ ὁ διερμηνεύει steht in den Zeugen 010, 012; hingegen findet sich διερμηνεύει in 020, (044), 81, 104, 630, 1175, 1241, 2464, M, dann τις διερμηνεθεῖ in 1505, 1881, dann τις διερμηνεύη 0243, 1739, dann διερμηνεθῶν in 06* und die kanonische Form in P 46 , 01, 02, 03, 06 2 , 018, 025, 048, 0289 vid , 33, 365, 629, lat. ♦ (14,6) Post ἤ 4 add ἐν in 01 2 , 02, 03, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 048, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241, 1505, 2464, M, lat, Cl, Ambst; om in P 46 , 01*, 06*, 010, 012, 0243, 630, 1739, 1881, vg mss , Pel. ♦ (14,8) Die Wortstellung φωνὴν σάλπιγξ ist bezeugt durch 03, 06, 010, 012, 018, 020, 044, 365, 1175, M, latt, während die umgekehrte Wortstellung sich findet in P 46 , 01, 02, 25, 048, 0243, 0289, 33, 81, 104, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464. ♦ (14,10) Post οὐδέν add αὐτῶν in 01 2 , 06 2 , 018, 020, 044, 104, 630, 1505, M, ar, g, vg mss , sy, auch in der altlateinischen Tradition in 51, 54, 58, 61, 76, 78, 88, 89, Ambst, Pel var ; om in P 46 , 01*, 02, 03, 06*, 010, 012, 025, 048 vid , 0243, 0289, 6, 33, 81, 365, 1175, 1241, 1739, 1881, 2464, b, vg, co, Cl, Ambst. ♦ (14,11) Post λαλῶν add ἐν in 01, 02, 03, 018, 025, 044, 0289, 104, 365, 630, 2464, M; om in P 46 , 06, 010, 012, 0243, 6, 81, 945, 1175, 1739, 1881, latt, co, Cl. ♦ (14,13) Anstelle von διό in den Zeugen P 46 , 01*, 02, 03, 06 s , 010, 012, 025, 048, 0243, 0289, 33, 81, 630, 1241, 2 (1Kor) 469 <?page no="1348"?> 202 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 107. 1739, 1881, 2464, findet man διόπερ in den Zeugen 01 2 , 018, 020, 044, 104, 365, 1175, 1505, M. ♦ (14,14) Post ἐάν add γάρ in 01, 06 s , 018, 020, 025, 044, 048, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 2464, M, lat, sy bo; om in P 46 , 03, 010, 012, 0243, 1739, 1881, b, sa, Ambst. Zuntz hält das Fehlen für die ältere Version. 202 ♦ (14,15) Die konjunktivische Form προσεύξωμαι 1 ist bezeugt durch 01, 02, 06 s , 010, 012, 025, 33, 1241, 2464, während προσεύξομαι bezeugt wird durch 03, 018, 020, 044, 0243, 81, 104, 365, 630, 1175, 1505, 1739, 1881, M, latt, Or. ♦ Die konjunktivische Form προσεύξωμαι 2 ist bezeugt durch 02, 06 s , 010, 012, 025, 33, 2464, während προσεύξομαι 2 bezeugt wird durch 01, 03, 018, 020, 044, 0243, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, M, latt, Or. ♦ (14,16) Die Aoristzeitform εὐλογήσῃς findet sich bezeugt in P 46 , 010, 012, 018, 020, 044, 048, 630, 1505, M, während das Präsenz εὐλογῇς bezeugt wird durch 01, 02, 03, 06 s , 025, 0243, 6, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241, 1739, 1881, 2464. ♦ Das auf der kanonischen Ebene nachfolgende ἐν om in P 46 , 01*, 01, 010, 012, 0243, 33, 629, 1241, 1881, anstelle dessen steht ein τω in den Zeugen 018, 020, 044, 104, 630, 1505, 1739, 2464, M; add ἐν in 01 2 , 03, 06 s , 025, 81, 365, 1175. ♦ (14,18) Post θεῷ add ὅτι in 010, 012, lat, Pel, stattdessen steht ein μου in den Zeugen 018, 020, 326, 614, 629, 945, (vg cl ), sa. ♦ Post μᾶλλον add ὐπέρ in P 46 . ♦ (14,19) Anstatt des von Epiphanius bezeugten διὰ τὸν νόμον steht τῷ νοΐ μου in 01, 02, 03, 06, 012, 025; ἐν τῷ νόμῳ schreibt Paulinus von Nola (Epist. 23,36 Migne 61,280). C. 1. Tertullian scheint in Adv. Marc. V 8,10 unmittelbar von seinem Hinweis auf Kapitel 13 zu *1Kor 14,19 überzugehen. Hilgenfeld meint, es sei wenig in diesem Kapitel bezeugt, allenfalls die Verse 2. 14. 21. 25 und 34. Zahn rechnet zwar mit den Versen 1-18, jedoch in unbestimmbarer Form. Harnack und Schmid sehen sie als unbezeugt. BeDuhn sieht in Tert., Adv. Marc. V 8,12 jedoch eine Anspielung auf Vers 14. Hilgenfeld verweist mit Blick auf Tert., Adv. Marc. V 15,5 auf Vers 2. Im zweiten Tertullianzitat ist vom Gebet in Zungen und im Geist die Rede, hierfür sind die nähere Parallele tatsächlich die Verse 1-2, wo wir wie bei Tertullian unmittelbar den Zusammenhang von Gottes Gaben und Propheten, die nicht aus menschlichem Verstehen, sondern aus Gottes Geist reden, finden. Überhaupt lässt ein sorgfältiger Vergleich dieser Stelle bei Tertullian mit den Versen weiteres Wortmaterial erkennen, auf das angespielt wird und welches im Text fettgedruckt angezeigt wird. 470 Rekonstruktion <?page no="1349"?> 2. (14,1) τὰ πνευματικά führt zurück zu 12,1 (Tert., Adv. Marc. V 8,4: Nunc de spiritalibus dico), das προφητεύητε klingt an in Tert., Adv. Marc. V 15,5: ad formam spiritalis et propheticae gratiae und in ibid. V 8,12: aliquos prophetas. 3. (14,2) λαλῶν γλώσσῃ οὐκ ἀνθρώποις λαλεῖ ἀλλὰ θεῷ (non de humano sensu sed de dei spiritu sint locuti). Die gegebenen Verse sind offenkundig durch die kanonische Redaktion nicht nur erweitert, sondern auch stark überarbeitet worden, wobei πνεύματι in dei spiritu sint und λαλεῖ μυστήρια in occulta traduxerint anklingt, letzteres kann auch weiter unten auf Vers 25 anspielen. 4. (14,5) Die grammatikalisch nicht ganz einfache Konstruktion des Satzes hat den Kopisten und Redakteuren manches Kopfzerbrechen bereitet, wie die Varianten zeigen. Wie die Lexik unten zeigt, wird dieser Vers vorkanonisch gefehlt haben. Inhaltlich verwässert er die zuvor vorkanonisch vorgetragene Kritik an der Zungenrede, indem sie in diesem Vers sogar befürwortet wird („ich wünschte aber, ihr alle würdet in Zungen reden“), auch wenn sie der Prophetie hierarchisch nachgeordnet wird. Doch auch diese Nachordnung wird noch relativiert, indem die Zungenrede dessen, der diese vorträgt und der Gemeinde zum Aufbau übersetzt, sogar mit der Prophetie auf eine Ebene gestellt wird - eine eklatante Abweichung von der vorkanonischen Vorgabe. Diese gegen den vorkanonischen Sinn gehende Aufwertung der Zungenrede wird durch den nachfolgenden Vers noch weiter kanonisch gestützt. 5. (14,6) In Fortsetzung des gerade zu Vers 5 ausgeführten, wird der kanoni‐ sche Paulus nun selbst zu jemandem, der in Zungen zur Gemeinde spricht. Ohne diesen Einschub gehört der verbleibende Teil des Verses zur grammatischen Struktur des nachfolgenden Verses 7. In diesem verbleibenden Teil sind zwei Begriffe durch Tertullian bezeugt, der Versteil wird also vorkanonisch gestanden sein, das wird auch durch die Lexik, wie unten gezeigt, gestützt. 6. (14,7) Wie die Lexik zeigt, weist auch dieser Vers kanonische Elemente auf. Sobald diese ausgeschieden sind, schließt der Vers an Vers 6 an. Die Frage nach der Erkenntnis bezieht sich dann nicht, wie auf der kanonischen Ebene, auf die Instrumente allein, sondern auch auf das Reden mit Bezug auf Offenbarung, Erkenntnis, Prophetie und Lehre, d. h. vorkanonisch ist dies die Weiterführung der Kritik und Ablehnung der Zungenrede. Diese Ablehnung wurde verdeckt durch die kanonischen Zusätze. 7. (14,8) In diesem von der kanonischen Redaktion hinzugefügten Vers werden die kanonisch genannten Musikinstrumente von Vers 7 (Flöte; Harfe) erweitert durch die Trompete. Erkennbar geht es um die weitere argumentative Logik, dass Zungenrede erlaubt sei, so lange sie klar vorgebracht wird. 8. (14,9) Dieser vorkanonische Vers hingegen trägt wieder die vorkanonische Kritik an der Zungenrede vor: Zungenrede ist eine Rede in den Wind, denn sie 2 (1Kor) 471 <?page no="1350"?> 203 Ibid. 104. 204 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 509-510. bringt kein verständliches Wort vor und niemand kann das Gesagte verstehen. Dass die kanonische Redaktion hier wieder eine Inkonsistenz stehen ließ, erkennt man am Duktus, denn das in der Übersetzung (Einheitsübersetzung) eingefügte „aber“ („aber kein verständliches Wort hervorbringt“) ist auf der kanonischen Ebene notwendig, hierfür fehlt aber ein griechisches Äquivalent. 9. (14,10) Die Hinzufügung von αὐτῶν hinter οὐδὲν ist die lectio difficilior, wäre aber auch die sinnvollere Lesart. 10. (14,11) Das ἐν ist gewiss auf der kanonischen Ebene unnötig eingedrungen, es fehlt in einschlägigen Zeugen. Allerdings hatte sich Zuntz gegen die Tilgung des ἐν ausgesprochen. 203 11. (14,19) Das Zeugnis des Epiphanius, das an erster Stelle ὁ Μαρκίων aus‐ lässt, hat in der Forschung schon manches Rätselraten erzeugt. Meyboom notiert die Variante. Karl Holl rekonstruiert den Text: Πεπλανημένως ὁ Μαρκίων <μετὰ τὸ> ἀλλὰ ἐν ἐκκλησίᾳ θέλω πέντε λόγους τῷ νοΐ μου λαλῆσαι, ἵνα καὶ ἄλλους κατηχήσω, ἢ μυρίους λόγους ἐν γλώσσῃ, προσέθετο διὰ τὸν νόμον. Zahn kommentiert: „Diese unklare Angabe wird durch die übrigens auch recht ungenaue Bemerkung“ in Epiphanius’ Elenchus „doch deutlicher“, wenn es dort heißt: σὺ δὲ προσέθηκας, ὦ Μαρκίων, τό δία τὸν νόμον, ὡς τοῦ ἀποστόλου λέγοντος θέλω πέντε λόγους ἐν ἐκκλησίᾳ <λαλῆσαι> διὰ τὸν νόμον. Mrc. hatte statt δια του νοος μου“ (018, 020 etc.) „den Schreibfehler δια του νομου vorgefunden, dessen Unabhängigkeit von Mrc. und hohes Alter dadurch verbürgt ist, daß die von Ambrosiaster benutzte lat. Übersetzung ihn voraussetzt (… per legem), ähnlich dem aus τῳ νοϊ μου“ (01, 02, 03, 06, 012, 025) „entstandenen Fehler εν τῳ νομῳ, welchen Paulinus von Nola (Epist. 23,36 Migne 61 col. 280) voraussetzt. Durch die 5 Worte ließ man sich an den Pentateuch erinnern cf. Hieron. epist. 53,8. Welchen Sinn aber Mrc. durch die leise Änderung des sinnlosen und für ihn unerträglichen του νομου in τον νομον herausbringen wollte, wage ich nicht zu sagen“. 204 Im Unterschied zu Zahn hält Harnack die Variante nicht für „eine tendenziöse Korrektur, sondern ein uralter (sic! ) Fehler, den Paulin v. Nola und Ambrosiaster ähnlich bezeugen … In der Bibel der Marcioniten, die Epiph. las, war der Zusatz in den Text neben τῷ νοΐ gekommen oder umgekehrt. Was sie sich dabei gedacht haben, ist dunkel: διὰ τὸν νόμον kann doch nicht heißen: ‚um das Gesetz zu bekämpfen‘. Wahrscheinlich ist διὰ c. Acc. hier = διὰ c. Genet., wie so oft in der 472 Rekonstruktion <?page no="1351"?> 205 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 90*. 206 Epiphanius, The Panarion Book I (Sects 1-46) (2009), 325. späteren Zeit“. 205 Außerdem hält er Holls Konjektur προσέθετο für ἑτέρως δέ für korrekt. Schmid gibt als markionitischen Text: ἀλλὰ ἐν ἐκκλησίᾳ θέλω πέντε λόγους διὰ τὸν νόμον λαλῆσαι und gibt den Epiphaniustext ohne die Hollsche Kon‐ jektur wieder. BeDuhn übersetzt Holl mit der Konjektur und verweist auf die englische Übersetzung von Epiphanius’ Text durch Frank Williams, der ihn wie folgt gibt: „Ich will auf der Basis des Gesetzes (nicht mehr als) fünf Worte in der Kirche aufgrund des Gesetzes sprechen“ („I wish to speak [no more than] five words in church on the Law’s account“). 206 Auch BeDuhn hält die Variante für eine ältere Verderbnis durch eine Kom‐ bination zweier existenter Varianten. Bei seiner Übersetzung schließt er sich inhaltlich Williams an und nimmt den Rest des Verses in Klammern hinzu mit angehängten Auslassungszeichen. Ein Stück der Konfusion geht auf den Herausgeber von Epiphanius, K. Holl, zurück. Denn wenn man den Handschriften folgt und ἑτέρως δέ liest, versteht man, auch im Licht des Kommentars von Epiphanius, dass dieser nicht sagen wollte, Markion habe hier einen zusätzlichen Text zu dem vorhandenen τῷ νοΐ μου gelesen, sondern hierfür einen „anderen aber“, nämlich διὰ τὸν νόμον, was ebenfalls aus dem nicht emendierten Text des Kommentars hervorgeht, wo es heißt: ὡς τοῦ ἀποστόλου λέγοντος θέλω πέντε λόγους ἐν ἐκκλησίᾳ διὰ τὸν νόμον. D. (14,1) διώκω, das 47 / 45 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,12; *Gal 6,12. ♦ Die Form διώκετε steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 14,1; 1Thess 5,15; Hebr 12,14). ♦ ζηλοῦτε δέ steht nur noch 1 weiteres Mal, zuvor 12,31 auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form τὰ πνευματικά steht 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 6,12. ♦ Die Wendung μᾶλλον δέ steht 5 Mal im NT, ausschließlich kanonisch bezeugt, vgl. weiter unten zu Vers 5. ♦ προφητεύω, das 35 / 28 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,64; *1Kor 11,5; 14,1. 24, vgl. weiter die Verse 3. 4. 5. 24. 31. 39. Zur Rekonstruktion: Auch wenn wir dem Zeugnis Tertullians entnehmen können, dass der Vers in irgendeiner Weise vorhanden war und es hier um die Geistesgaben geht, lässt sich leider der Wortlaut dieses Verses nicht sichern. Die 2 (1Kor) 473 <?page no="1352"?> Lexik, die Elemente aufweist, welche ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Διώκετε; ζηλοῦτε δέ; μᾶλλον δέ), spricht dafür, dass uns dieser Vers lediglich in einer stark von der kanonischen Redaktion überarbeiten Form vorliegt. (14,2) Die Form λαλῶν steht 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für hier. ♦ γλῶσσα, das 54 / 50 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,10; 14,2. ♦ Die Form λαλεῖ steht 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Das kanonisch beliebte οὐδείς (Nom. Mask. Sg.), das 96 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8; 9,15; *Laod 5,29. ♦ Die Kombination οὐδεὶς γάρ steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 9,39; Joh 3,2; 7,4; Röm 14,7; 1Kor 14,2; Eph 5,29). Zur Rekonstruktion: Selbst bei diesem Vers, der mit einigen Begriffen durch Ter‐ tullian bezeugt ist, besteht die Unsicherheit im Detail, weil, wie die Lexik zeigt (λαλεῖ; οὐδεὶς γάρ), Elemente vorliegen, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind und darauf hinweisen, dass der Vers kanonisch erheblich überformt wurde. (14,3) Zu dem nur kanonisch belegten λαλεῖ vgl. zum voranstehenden Vers 14,2. ♦ οἰκοδομή steht 22 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,21. ♦ παράκλησις steht 30 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,24. ♦ παραμυθία ist Hapax legomenon im NT, das Verb ist nurmehr auf der kanonischen Ebene zu finden ( Joh 11,19. 31; 1Thess 2,11; 5,14). Zur Rekonstruktion: Bei diesem unbezeugten Vers findet sich das nur kanonisch belegte λαλεῖ, es muss also zumindest mit einer kanonischen Überformung gerechnet werden, wenn auch die weiteren Begriffe vorkanonisch bezeugt sind, doch auch hier ist keine Sicherheit gegeben, weil die Bezeugung des οἰκοδομή durch *Laod durchaus auch auf die Nähe zur kanonischen Ebene verweisen könnte. (14,4) ὁ λαλῶν γλώσσῃ ist zuvor in Vers 2 vorkanonisch bezeugt. ♦ οἰκοδομέω steht 47 / 40 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,47; *Gal 2,18. ♦ Die Wendung ἐκκλησία θεοῦ ist Hapax legomenon im NT. Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Vers vorkanonisch nicht bezeugt ist, spricht die Lexik mit den beiden vorkanonischen Bezeugungen und der singulären Ver‐ wendung des ungewöhnlichen ἐκκλησία θεοῦ für die vorkanonische Präsenz, auch wenn die Duplikation des οἰκοδομεῖ für eine mögliche kanonisch-redak‐ tionelle Überarbeitung spricht. 474 Rekonstruktion <?page no="1353"?> (14,5) Die Eröffnung θέλω δέ steht 8 Mal im NT (5 Mal ergänzt durch ὑμᾶς), ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 20,14; Röm 1,13; 16,19, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 7,7. 32; 10,20; 11,3; 14,5). ♦ πάντας, das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch lediglich bezeugt für *Ev 13,28; *2Kor 5,10; *Laod 3,9. ♦ Die Kombination πάντας ὑμᾶς steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 14,5; 2Kor 2,3. 5; Phil 1,7. 8; 2,26). ♦ Die Wendung μᾶλλον δέ ist nur 5 Mal im NT und immer bei Paulus zu finden, jedoch nur kanonisch bezeugt, vgl. zuvor zu Vers 1. ♦ ἐκτός, das sich 9 / 8 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination εἰ μή steht 86 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 7,7, ist folglich ein beliebter Ausdruck auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐκτὸς εἰ oder ἐκτὸς εἰ μή steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 14,5; 15,2; 1Tim 5,19). ♦ Die Kombination εἰ μή + irgendein finites Verb steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 5,13; 24,22; Mk 13,20; Joh 9,33; 15,22; 18,30; 19,11; Apg 26,32; 1Kor 14,5). ♦ διερμηνεύω, das 8 / 6 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form λάβῃ steht 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (4 Mal Mk; Lk 18,30; 20,28; 2 Mal Joh; 1Kor 14,5; 1Thess 5,4; Jak 5,7; Apk 3,11). Zur Abwesenheit: Im Unterschied zu den voranstehenden Versen, finden sich in diesem vorkanonisch unbezeugten Vers vorwiegend Elemente, die ausschließ‐ lich auf der kanonischen Ebene belegt sind (θέλω δέ; πάντας ὑμᾶς; μᾶλλον δέ; ἐκτός; ἐκτὸς εἰ oder ἐκτὸς εἰ μή; εἰ μή + finites Verb; διερμηνεύω; λάβῃ), dazu kommt, dass eine wörtliche Anrede in der 1. Pers. Sg. den Vers eröffnet, ein Merkmal der kanonischen Redaktion. Der Vers ist folglich ein Produkt dieser Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (14,6) νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ Die Kombination νῦν δέ steht 25 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination ἔλθω πρὸς ὑμᾶς begegnet noch 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,21). ♦ ὠφελέω, das 17 / 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,25. ♦ Die Kombination ἐὰν μή steht 44 Mal im NT, Lk 13,3. 5, in Versen, die in *Ev fehlen, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,16; *1Kor 15,36. ♦ Die Form λαλήσω steht nur hier und Joh 12,49. ♦ Die Kombination ἢ ἐν begegnet 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, wobei von besonderem Interesse die verschiedene Bezeugung für das Deuteropaulinum *Kol 2,16 ist, vgl. zu diesem Vers dort. Weiter fällt auf, dass die Wendung in eben demselben Vers 1Kor 4,21 folgt, der gerade schon zu ἔλθω πρὸς ὑμᾶς angeführt wurde. ♦ Die Form ἀποκαλύψει (aliquam visionem) steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für den Vers hier und 2Thess 1,7. ♦ Die Form γνώσει steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ διδαχή (aliquam orationem), das 33 / 30 Mal im NT steht, 2 (1Kor) 475 <?page no="1354"?> ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 4,32. ♦ προφητεία, das 21 / 19 Mal Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,10; *1Thess 5,20. Zur Rekonstruktion: Nach der Eröffnung, die vorkanonisch bezeugt ist, folgt offenkundig ein kanonisch-redaktioneller Einschub, der nur kanonisch belegt ist und vorkanonisch wohl gefehlt hat. Ebenso dürfte dies wohl gelten für die ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu findenden und wiederholten ἤ, auch wenn wir hierfür keine Handschriftenvarianten besitzen. Insgesamt hat die kanonische Redaktion mit ihrem Einschub dem Vers eine andere grammatikalische Struktur gegeben, weil der verbleibende Text jetzt auf den Vers 7 verweist. Aus der Liste der Dinge, in denen Paulus spricht ist γνώσει auszuschließen, da es unbezeugt und nur kanonisch weiter belegt ist. (14,7) ὅμως steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 12,42; 1Kor 14,7; Gal 3,15). ♦ ἄψυχος ist Hapax legomenon im NT. ♦ αὐλός ist Hapax legomenon im NT. ♦ κιθάρα steht nur auf der kanonischen Ebene (Apk 5,8; 14,2; 15,2). ♦ διαστολή, das nur 3 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 3,22. ♦ φθόγγος, das nur noch ein Mal begegnet, steht dort auf der kanonischen Ebene (Röm 10,18). ♦ αὐλέω, das 6 Mal im NT steht, begegnet nur noch auf der kanonischen Ebene (Mt 11,17; 14,66; 26,69; Lk 7,32; 1Kor 14,7). ♦ κιθαρίζω steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Apk 14,2. ♦ πῶς, das 109 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,35, vgl. zu Vers 9 und 16. ♦ Die Form γνωσθήσεται steht 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,2. Zur Rekonstruktion: Auch wenn einige Begriffe in diesem Vers durch Tertullian bezeugt sind, fallen doch erneut ausschließlich kanonisch belegte Begriffe auf. Auch dieser Vers wurde folglich durch die kanonische Redaktion bearbeitet. Schließt man diese möglicherweise kanonischen Elemente aus, ist der Vers auch der rechte Anschluss an den verbliebenen Teilvers 6. (14,8) Die Eröffnung καὶ γὰρ ἐάν steht nur noch 1 weiteres Mal im NT, Lk 6,33, in einem Vers, der in *Ev fehlt. ♦ ἄδηλος findet sich nur noch ein Mal in Lk 11,44. ♦ σάλπιγξ ist nur noch für die kanonische Ebene bezeugt (Mt 24,31; 1Kor 15,52; 1Thess 4,16; Hebr 12,19; Apk 1,10; 4,1; 8,2. 6. 13; 9,14). ♦ παρασκευάζω, das 4 Mal im NT steht, ist ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt (Apg 10,10; 1Kor 14,8; 2Kor 9,2. 3). ♦ Auch das Nomen παρασκευή, das 7 / 6 Mal im NT begegnet, steht nur auf der kanonischen Ebene (Mt 27,62; Mk 15,42; Lk 23,54; Joh 19,14. 31). ♦ πόλεμος, das 20 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,9 und *Laod 6,16 (nicht in der parallelen Stelle in Eph). Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers fallen wiederum, bereits in der Eröffnung, Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen 476 Rekonstruktion <?page no="1355"?> Ebene belegt sind (καὶ γὰρ ἐάν; σάλπιγξ; παρασκευάζω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (14,9) Die Verseröffnung οὕτως καὶ ὑμεῖς steht 12 Mal im NT, 8 Mal davon als Verseröffnung, vorkanonisch als solche bezeugt in *Ev 21,31. ♦ Die Kombination καὶ ὑμεῖς steht 64 Mal im NT, davon 8 Mal als kanonische Verseröffnung, vorkanonisch nicht als Verseröffnung, aber innerhalb des Verses bezeugt für *Ev 20,21; *Röm 7,4; *1Thess 2,14; *Laod 1,13; vgl. zu 1Kor 5,2. ♦ Der Ausdruck διὰ τῆς γλώσσης steht nur hier. ♦ Zur vorkanonisch bezeugten Kombination ἐὰν μή, die 44 Mal im NT steht, Lk 13,3. 5, in Versen, die in *Ev fehlen, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,16; *1Kor 15,36. ♦ εὔσημος ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Form δῶτε steht nur hier bejaht, verneint zwei Mal auf der kanonischen Ebene (Mt 7,6; Jak 2,16). ♦ Die bereits in Vers 9 begegnende Form γνωσθήσεται steht 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,2. ♦ τὸ λαλούμενον steht nur hier. ♦ Die Verbform ἔσεσθε steht 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,22. 35. ♦ ἀήρ, das 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,17 (wie hier εἰς ἀέρα) und *Laod 2,2, vgl. zuvor zu Vers 7 und später Vers 16. ♦ Die Form λαλοῦντες steht 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 5,19. Zur Rekonstruktion: Im Unterschied zu dem voranstehenden vorkanonisch unbezeugten Vers, weist dieser teilweise bezeugte Vers alle Elemente der Lexik auf, die auch anderwärts vorkanonisch bezeugt sind oder singulär stehen. Der Vers wird folglich in der vorliegenden Form in der vorkanonischen Version gestanden sein. (14,10) τοσοῦτος, das 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,9. ♦ τυγχάνω begegnet 13 Mal im NT und steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 10,30; 20,35; Apg 19,11; 24,2; 26,22; 27,3; 28,2; 1Kor 14,10; 15,37; 16,6; 2Tim 2,10; Hebr 8,6; 11,35). ♦ γένος, das 22 / 21 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,10; *Phil 3,5. ♦ Die Wendung ἐν κόσμῳ steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 8,4. ♦ οὐδέν (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,2; 23,9; *1Kor 8,4. ♦ ἄφωνος, das 4 Mal im NT steht, ist nur auf der kanonischen Ebene bezeugt. Zur Abwesenheit: In diesem vorkanonisch unbezeugten Vers begegnen gleich einige Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (τυγχάνω; ἐν κόσμῳ; ἄφωνος). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (14,11) Die Verseröffnung ἐὰν οὖν steht 10 Mal im NT, 8 Mal als Verseröffnung, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; 2 (1Kor) 477 <?page no="1356"?> *2Thess 1,8, vgl. weiter Vers 16. ♦ Die Form εἰδῶ steht nur noch 1 weiteres Mal, auch auf der kanonischen Ebene (1Kor 14,11). ♦ Die Verbform ἔσομαι steht 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene in Mt 17,17; Mk 9,19; Lk 9,41; Joh 8,55; 1Kor 14,11; 2Kor 6,16. 18; 12,6; Hebr 1,5; 2,13; 8,10. 12; Apk 21,7. ♦ βάρβαρος, das 6 Mal im NT steht, begegnet nur noch auf der kanonischen Ebene (Apg 28,2. 4; Röm 1,14; Kol 3,11). Zur Abwesenheit: Wie beim voranstehenden und mit diesem inhaltlich verbun‐ denen, jedoch vorkanonisch nicht bezeugten Vers finden sich von der Verser‐ öffnung angefangen einige Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐὰν οὖν; εἰδῶ; ἔσομαι; βάρβαρος). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (14,12) Zur vorkanonisch bezeugten Verseröffnung οὕτως καὶ ὑμεῖς vgl. zuvor zu Vers 9. ♦ ἐπεί steht 29 / 26 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination καὶ ὑμεῖς steht 64 Mal im NT, davon 8 Mal als kanonische Verseröffnung, vorkanonisch im Vers bezeugt für *Ev 20,21; *Röm 7,4; *1Thess 2,14; *Laod 1,13; vgl. zu 1Kor 5,2. ♦ ζηλωτής steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19. ♦ πνεύματα (Pl.), das 34 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,10, vgl. weiter unten Vers 32. ♦ ζητέω, das 130 / 117 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *Röm 10,3. ♦ οἰκοδομή steht 22 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt nur für *Laod 2,21. ♦ Obwohl das Verb περισσεύω 42 / 39 Mal im NT begegnet, steht es ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Die Eröffnung ist, wie zuvor zu Vers 9 gezeigt, vorkanonisch zwar belegt, doch scheint sie die kanonische Redaktion aus Vers 9 aufgegriffen zu haben, zumal sie auch Material aus Vers 4 hier wieder verwendet. Nach dieser Eröffnung aber finden sich Elemente, die ausschließlich auf kanonischer Ebene belegt sind (ἐπεί; ζηλωτής; περισσεύω), d. h. dass der Vers wohl doch ein Produkt der kanonischen Redaktion ist und vorkanonisch gefehlt hat. (14,13) διόπερ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Das ὁ λαλῶν γλώσσῃ ist schon in Vers 2 vorkanonisch bezeugt. ♦ προσεύχομαι, das 104 / 86 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 14,13. 15. ♦ διερμηνεύω, das 8 / 6 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte, kurze Vers weist zwei Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (διόπερ; διερμηνεύω), er wird darum wohl ebenfalls auf die kanonische Ebene zurück‐ gehen, zumal die anderen Elemente aus dem unmittelbaren Kontext stammen. 478 Rekonstruktion <?page no="1357"?> (14,14) Die Kombination ἐὰν γάρ steht 10 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 4,15. ♦ Zu προσεύχομαι vgl. sowohl den voranstehenden wie den nachfolgenden Vers. ♦ Die Wendung τὸ πνεῦμά μου steht nur noch 1 weiteres Mal, Lk 1,47, in einem Vers, der in *Ev fehlt. ♦ νοῦς + μου steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 7,23; 1Kor 14,14. 19), wobei auffällt, dass bei beiden vorkanonisch bezeugten Versen *Röm 7,23 und *1Kor 14,19 im Unterschied zur kanonischen Ebene νοῦς jeweils ohne μου steht. ♦ ἄκαρπος, das 7 Mal im NT steht, begegnet nur auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers sind ebenfalls die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnenden Elemente aufschluss‐ reich (ἐὰν γάρ; τὸ πνεῦμά μου; νοῦς + μου; ἄκαρπος). Der Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (14,15) Die Kombination τί οὖν ἐστιν steht 5 Mal im NT, davon 4 Mal als Verseröffnung wie hier, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 3,5. ♦ Zu προσεύχομαι vgl. die beiden voranstehenden Verse 13 und 14. ♦ Die Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 7,40. ♦ ψάλλω steht 5 Mal im NT, hier vorkanonisch bezeugt. Zur Rekonstruktion: Nachdem Tertullian das spirituelle Gebet und die Psalmen erwähnt (aliquem psalmum-… aliquam orationem, duntaxat spiritalem), werden diese Teile vorkanonisch gestanden sein. Allerdings begegnen ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente (τί οὖν ἐστιν; δὲ καί), die anzeigen, dass der Text kanonisch-redaktionell überformt worden ist. Nimmt man diese Teile aus dem Text, bleibt der vermutlich vorkanonisch gestandene Vers. Die Duplikation des προσεύξωμαι wie die kanonische Kombination δὲ καί mit dem von Tertullian unbezeugten τῷ νοΐ stellt dann eine Hinzufügung der kanonischen Redaktion dar, ebenfalls die weitere Duplikation des ψαλῶ, die wiederum mit der kanonischen Kombination δὲ καί und dem unbezeugten τῷ νοΐ angeschlossen wurde. (14,16) ἐπεί steht 29 / 26 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ εὐλογέω steht 45 / 42 im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,16; *Röm 12,14. ♦ ἀναπληρόω steht 7 / 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,2. ♦ τόπος, das 100 / 94 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἰδιώτης, das 5 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt (Apg 4,13; 1Kor 14,23. 24; 2Kor 11,6). ♦ Zu πῶς vgl. zuvor zu den Versen 7. 9. ♦ Die Verbform ἐρεῖ steht 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25; *1Kor 15,35. ♦ ἀμήν steht 175 / 130 Mal im NT und ist vorkanonisch nur substantivisch bezeugt für *2Kor 1,20. ♦ σῇ (Dat. Fem. Sg. von σύ / σός), das 4 Mal im NT steht, steht jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ 2 (1Kor) 479 <?page no="1358"?> εὐχαριστία, das 15 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt (Apg 24,3; 1Kor 14,16; 2Kor 4,15; 9,11. 12; 1Thess 3,9; Eph 5,4; Kol 2,7; 4,2; Phil 4,6; 1Tim 2,1; 4,3. 4; Apk 4,9; 7,12). ♦ Die Variante εὐλογία steht 16 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,14. ♦ ἐπειδή, das 11 / 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,21. 22; 15,21. ♦ Die Verbform λέγεις steht 25 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Zu οἶδα vgl. zuvor zu Vers 11. ♦ Die Form οὐκ οἶδεν steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Auch wenn bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers einige Elemente begegnen, die vorkanonisch bereits bezeugt sind, fällt doch die Anzahl ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegter Elemente auf, angefangen von der Verseröffnung hin zu zentralen Begriffen, die für den Vers sinntragend sind (ἐπεί; ἰδιώτης; εὐχαριστία - hier böte εὐλογία die vorkanonisch nähere Variante; οὐκ οἶδεν). Auch dieser Vers wird damit wohl auf die kanonische Redaktion zurückzuführen sein und vorkanonisch gefehlt haben. (14,17) Die Kombination σὺ μέν steht nur hier. ♦ μὲν γάρ steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,25. ♦ καλῶς steht 38 / 37 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ εὐχαριστέω, das 43 / 38 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,21. ♦ ἀλλ’ ὁ steht 25 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23 (als Verseröffnung); *2Kor 4,16 (im Vers). ♦ οἰκοδομέω steht 47 / 40 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,47; *Gal 2,18. Zur Rekonstruktion: Auch wenn dieser Vers vorkanonisch unbezeugt ist, finden sich doch alle Elemente vorkanonisch bezeugt, d. h. der Vers kann möglicher‐ weise im vorkanonischen Text gestanden sein. Er schließt auch inhaltlich gut an den letzten teilbezeugten Vers 15 und die voranstehende Kritik der Zungenrede an. (14,18) Zum vorkanonisch bezeugten εὐχαριστέω vgl. zum voranstehenden Vers ♦ Der Ausdruck εὐχαριστῶ τῷ θεῷ steht 6 Mal im NT, davon wie hier 5 Mal als Versanfang, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,18; *Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17, vgl. weiter unten Vers 24. ♦ Die Kombination πάντων ὑμῶν steht 18 Mal im NT ( Joh 13,18; Apg 3,16; Röm 1,8; 15,33, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 14,18; 16,24; 2Kor 2,3; 7,13. 15; 13,13; Phil 1,4. 7; 1Thess 1,2; 2Thess 1,3; 3,16. 18; Tit 3,15; Hebr 13,25), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μᾶλλον steht 85 / 81 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,13; *2Kor 3,8. 11; 5,8. ♦ Zum λαλῶν γλώσσῃ vgl. zuvor die Verse 2 (vorkanonisch bezeugt γλώσσῃ λαλῶν); 4 (unbezeugt λαλῶν γλώσσῃ). Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers sind wesentliche Teile ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt (εὐχαριστῶ τῷ θεῷ; 480 Rekonstruktion <?page no="1359"?> πάντων ὑμῶν). Er wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorka‐ nonisch gefehlt haben. (14,19) Die Form θέλω steht 35 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,13; *1Kor 7,7; 10,1. ♦ πέντε steht 41 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt nur für die vorliegende Stelle. ♦ Die Kombination ἵνα καί steht 28 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *2Kor 4,10. ♦ ἄλλος, das 172 / 155 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ κατηχέω, das 8 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,6; *1Kor 14,19. ♦ μυρίος, das 3 Mal im NT steht, findet sich nur hier bezeugt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius unter Berück‐ sichtigung der Beobachtungen weiter oben in C. 14,[20] 21 21b-c 22 [23] 24-25 [26-29] 30-31 32-33 [34-40]: Keine Zungenrede, aber die Predigt von Frauen Die vorkanonische Passage setzt die Entwicklung der Antithese Zungenrede - Prophetie fort und stärkt sie, indem sie diese zur Antithese Gesetz - friedens‐ stiftende Prophetie auch von Frauen weiterschreibt. Die kanonische Redaktion hingegen verfolgt weiterhin die Bemühung, diese Antithese aufzulösen und die (durch einen Übersetzer vermittelte) Zungenrede aufrechtzuerhalten. Um sowohl die Antithese zu beseitigen wie die mit ihr verbundene Kritik am Gesetz und der Betonung des Rechts der Frau auf prophe‐ tische Rede, schneidet sie zwei Verse aus und setzt sie an eine andere Stelle (in den Handschriften des kanonischen Textes kommen zwei verschiedene Stellen vor, die jedoch einen ähnlichen Kontext bieten), in welcher gerade das Gegenteil vom ursprünglichen Sinn hervortritt, nämlich ein gesetzesgestütztes Argument für die Zungenrede und gegen das Sprechen der Frau in der Gemeinde. - 20 Ἀδελφοί, μὴ παιδία γίνεσθε ταῖς φρεσίν, ἀλλὰ τῇ κακίᾳ νηπιάζετε, ταῖς δὲ φρεσὶν τέλειοι γίνεσθε. 21 ἐν τῷ νόμῳ γέγραπται ὅτι Ἐν ἑτερογλώσσοις καὶ ἐν χείλεσιν ἑτέροις λαλήσω τὸν λαὸν τούτον. 21 ἐν τῷ νόμῳ γέγραπται ὅτι Ἐν ἑτερογλώσσοις καὶ ἐν χείλεσιν ἑτέρων λαλήσω τῷ λαῷ τούτῳ, καὶ οὐδ’ οὕτως εἰσακούσονταί μου, λέγει κύριος. 21b-c↑34 αἱ γυναῖκες ἐν ἐκκλησίᾳ σιγάτωσαν, οὐ γὰρ ἐπιτρέπεται αὐταῖς λαλεῖν· ἀλλὰ ὑποτάσσεσθαι, καθὼς καὶ ὁ νόμος λέγει, 35 εἰ μὴ μαθεῖν θέλουσιν. ↑ - 2 (1Kor) 481 <?page no="1360"?> 22 ὥστε αἱ γλῶσσαι εἰς σημεῖόν εἰσιν οὐ τοῖς πιστεύουσιν ἀλλὰ τοῖς ἀπίστοις, ἡ δὲ προφητεία οὐ τοῖς ἀπίστοις ἀλλὰ τοῖς πιστεύουσιν. 22 ὥστε αἱ γλῶσσαι εἰς σημεῖόν εἰσιν οὐ τοῖς πιστεύουσιν ἀλλὰ τοῖς ἀπίστοις, ἡ δὲ προφητεία οὐ τοῖς ἀπίστοις ἀλλὰ τοῖς πιστεύουσιν. - 23 Ἐὰν οὖν συνέλθῃ ἡ ἐκκλησία ὅλη ἐπὶ τὸ αὐτὸ καὶ πάντες λαλῶσιν γλώσσαις, εἰσέλθωσιν δὲ ἰδιῶται ἢ ἄπιστοι, οὐκ ἐροῦσιν ὅτι μαίνεσθε; 24 ἐὰν δὲ πάντες προφητεύωσιν, εἰσέλθῃ δέ τις ἄπιστος, - 24 ἐὰν δὲ πάντες προφητεύωσιν, εἰσέλθῃ δέ τις ἄπιστος ἢ ἰδιώτης, ἐλέγχεται ὑπὸ πάντων, ἀνακρίνεται ὑπὸ πάντων, 25 καὶ οὕτως τὰ κρυπτὰ τῆς καρδίας αὐτοῦ φανερὰ γίνεται. 25 τὰ κρυπτὰ τῆς καρδίας αὐτοῦ φανερὰ γίνεται, καὶ οὕτως πεσὼν ἐπὶ πρόσωπον προσκυνήσει τῷ θεῷ, ἀπαγγέλλων ὅτι Ὄντως ὁ θεὸς ἐν ὑμῖν ἐστιν. - 26 Τί οὖν ἐστιν, ἀδελφοί; ὅταν συνέρχησθε, ἕκαστος ψαλμὸν ἔχει, διδαχὴν ἔχει, ἀποκάλυψιν ἔχει, γλῶσσαν ἔχει, ἑρμηνείαν ἔχει· πάντα πρὸς οἰκοδομὴν γινέσθω. 27 εἴτε γλώσσῃ τις λαλεῖ, κατὰ δύο ἢ τὸ πλεῖστον τρεῖς, καὶ ἀνὰ μέρος, καὶ εἷς διερμηνευέτω· 28 ἐὰν δὲ μὴ ᾖ διερμηνευτής, σιγάτω ἐν ἐκκλησίᾳ, ἑαυτῷ δὲ λαλείτω καὶ τῷ θεῷ. 29 προφῆται δὲ δύο ἢ τρεῖς λαλείτωσαν, καὶ οἱ ἄλλοι διακρινέτωσαν· 30 ἐὰν δὲ ἄλλῳ ἀποκαλυφθῇ καθημένῳ, ὁ πρῶτος σιγάτω. 30 ἐὰν δὲ ἄλλῳ ἀποκαλυφθῇ καθημένῳ, ὁ πρῶτος σιγάτω. 31 δύνασθε γὰρ καθ’ ἕνα πάντες προφητεύειν, ἵνα πάντες μανθάνωσιν καὶ πάντες παρακαλῶνται, 31 δύνασθε γὰρ καθ’ ἕνα πάντες προφητεύειν, ἵνα πάντες μανθάνωσιν καὶ πάντες παρακαλῶνται, 32 καὶ πνεύμα προφητῶν προφήταις ὑποτάσσεται· 32 καὶ πνεύματα προφητῶν προφήταις ὑποτάσσεται· 33 οὐ γάρ ἐστιν ἀκαταστασίας ἀλλὰ εἰρήνης. 33 οὐ γάρ ἐστιν ἀκαταστασίας ὁ θεὸς ἀλλὰ εἰρήνης. - Ὡς ἐν πάσαις ταῖς ἐκκλησίαις τῶν ἁγίων, ↓34 αἱ γυναῖκες ἐν ταῖς ἐκκλησίαις σιγάτωσαν, οὐ γὰρ ἐπιτρέπεται αὐταῖς λαλεῖν· ἀλλὰ ὑποτασσέσθωσαν, καθὼς καὶ ὁ νόμος λέγει. ↓ 35 εἰ δέ τι μαθεῖν θέλουσιν, ἐν οἴκῳ τοὺς ἰδίους ἄνδρας ἐπερωτάτωσαν, αἰσχρὸν γάρ ἐστιν γυναικὶ λαλεῖν ἐν ἐκκλησίᾳ. 36 ἢ ἀφ’ ὑμῶν ὁ λόγος τοῦ θεοῦ ἐξῆλθεν, ἢ εἰς ὑμᾶς μόνους κατήντησεν; 37 Εἴ τις δοκεῖ προφήτης εἶναι ἢ πνευματικός, 482 Rekonstruktion <?page no="1361"?> ἐπιγινωσκέτω ἃ γράφω ὑμῖν ὅτι κυρίου ἐστὶν ἐντολή· 38 εἰ δέ τις ἀγνοεῖ, ἀγνοεῖται. 39 ὥστε, ἀδελφοί [μου], ζηλοῦτε τὸ προφητεύειν, καὶ τὸ λαλεῖν μὴ κωλύετε γλώσσαις· 40 πάντα δὲ εὐσχημόνως καὶ κατὰ τάξιν γινέσθω. A. 14,20: Vgl. (Pseudo-? )Ephr., Erklärung des Evangeliums (12 Schäfers): „Und es bezeugts mir der Apostel in seinem Ausspruche: ’Nicht seid Kinder in eurem Verstande, sondern vom Bösen weg werdet Kinder, denn in eurem Verstande sollt ihr vollendet sein’“. ♦ *14,21: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,10: Et si quod in lege scriptum esset commemorat, in aliis linguis et in aliis labiis locuturum creatorem, cum hac commemoratione charisma linguarum confirmat, nec hic potest videri alienum charisma creatoris praedicatione confirmasse; Epiph., Pan. 42, sch. 22 (122. 170): 21 ἐν τῷ νόμῳ γέγραπται ὅτι Ἐν ἑτερογλώσσοις καὶ ἐν χείλεσιν ἑτέροις λαλήσω τῷ λαῷ τούτῳ πρὸς τὸν λαὸν τοῦτον; Jes 28,11-12 LXX: 11 διὰ φαυλισμὸν χειλέων διὰ γλώσσης ἑτέρας, ὅτι λαλήσουσιν τῷ λαῷ τούτῳ 12 λέγοντες αὐτῷ Τοῦτο τὸ ἀνάπαυμα τῷ πεινῶντι καὶ τοῦτο τὸ σύντριμμα, καὶ οὐκ ἠθέλησαν ἀκούειν. ♦ *14,21b-c = 14,34-35: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,11: Aeque praescribens silentium mulieribus in ecclesia, ne quid discendi duntaxat gratia loquantur (ceterum prophetandi ius et illas habere iam ostendit, cum mulieri etiam prophetanti velamen imponit), ex lege accipit subiciendae feminae auctori‐ tatem, quam, ut semel dixerim, nosse non debuit nisi in destructionem; Epiph., Pan. 42, sch./ elench. 23 (123. 170-171): αἱ γυναῖκες ἐν ἐκκλησίᾳ (ἐκκλησίᾳ] ταῖς ἐκκλησίαις VM 123) σιγάτωσαν, οὐ γὰρ ἐπιτέτραπται (ἐπιτρέπεται) αὐταῖς λαλεῖν, ἀλλ’ ὑποτασσέσθωσαν, καθὼς καὶ ὁ νόμος λέγει; Adam., Dial. II 18 (im Mund des Adamantius, nachdem er zuvor erklärt hat, dass er aus dem „Apostolos“ des Markion zitieren und ihn mit dem überführen will, was er stehen gelassen habe; Rufin übersetzt: den Kodex des Apostels): λέγει δὲ οὕτως ὁ ἀπόστολος· αἱ γυναῖκες ἐν ἐκκλησίᾳ σιγάτωσαν, οὐ γὰρ ἐπιτέτραπται αὐταῖς λαλεῖν, ἀλλ’ ὑποτάσσεσθαι, καθὼς καὶ ὁ νόμος λέγει (Rufin: Itaque dicit apostolus: Mulieres in ecclesia taceant. Non enim permittitur eis loqui sed subditas esse, sicut et lex dicit). Vgl. Gen 3,16 LXX: καὶ τῇ γυναικὶ εἶπεν πληθύνων πληθυνῶ τὰς λύπας σου καὶ τὸν στεναγμόν σου ἐν λύπαις τέξῃ τέκνα καὶ πρὸς τὸν ἄνδρα σου ἡ ἀποστροφή σου καὶ αὐτός σου κυριεύσει. ♦ *14,22: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,12, der mit der Gegenüberstellung von Juden und dem eigenen Volk auch einen Hinweis auf die Ungläubigen und Gläubigen dieser Verse lesen will: Sed ut iam a spiritalibus recedamus, res ipsae probare debebunt quis nostrum temere deo suo vindicet, et an nostrae parti possit opponi, haec et si creator repromisit in suum Christum nondum revelatum, ut Iudaeis 2 (1Kor) 483 <?page no="1362"?> 207 Vgl. H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. Zuntz hält dies für eine falsche Lesart Markions, G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 238. 208 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 90*; G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 231. 236. tantum destinatum, suas habitura in suo tempore in suo Christo et in suo populo operationes. ♦ *14,24-25: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,12: prophetas, qui tamen non de humano sensu sed de dei spiritu sint locuti, qui et futura praenuntiarint et cordis occulta traduxerint. ♦ 14,26: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 8,12: edat aliquem psalmum, aliquam visionem, aliquam orationem, duntaxat spiritalem, in ecstasi, id est amentia, si qua linguae interpretatio accessit. ♦ *14,32-33: Vgl. Tert., Adv. Marc. IV 4,5: et si prophetes Marcion, et spiritus prophetarum prophetis erunt subditi, non enim eversionis sunt, sed pacis. B. (14,21) Anstelle von ἑτέρων legt sich die Form ἑτέροις nahe durch die Angabe Tertullians (aliis labiis), außerdem wird sie bezeugt in P 46 , 06 s , 010, 012, 018, 020, 025, 365, 630, 1175, 1505, 1881, M, lat, sy (p) , bo, co, von NA 28 als markionitische Lesart vermerkt, während sich die kanonische Form findet in 01, 02, 03, 044, 0201, 0243, 6, 33, 81, 104, 326, 1241, 1739, 2464. 207 ♦ (14,21b = 14,34) Post γυναῖκες add ὑμῶν in 06, 010, 012, 018, 020, 630, 1505, M, ar, b, sy, Cyp, Ambst; om P 123 , 01, 02, 03, 044, 0243, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241, 1739, 1881, 2464, lat, co, es ist ebenfalls nicht bezeugt für Markions Text. Auf das Fehlen verweist Meyboom. ♦ (14,25) Zu Beginn des Verses liest man καὶ οὕτως in 06 2 , 018, 020, 044, 630, 1505, 1881, M, sy (p) ; om in P 46 , 01, 02, 03, 06*, 010, 012, 048, 0201, 6, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241, 1739, 2464, latt, co. Das vorkanonisch stehende καὶ οὕτως wurde kanonisch an spätere Stelle verschoben, als die Versergänzung vorgenommen wurde. ♦ Anstelle von καρδίας bietet P 46 die Variante διανοίας. ♦ (14,28) Anstelle von διερμηνευτής steht die Variante ὁ ἑρμηνευτής in den Zeugen 03, 06*, 010, 012, (ὁ 365). ♦ (14,32) Anstelle des Plurals steht die Variante πνεύμα in P 123 , 06, 010, 012, 044*, 1241, ar, b, vg mss , sy p , Ambst und in der altlateinischen Tradition in 61. ♦ Post ἀκαταστασίας add θεός in P 46 , 010, 012, die kanonische Version hat ὁ θεός, während Ambst wie Tertullian zeigen, dass ὁ θεός nicht vorhanden war. Harnack und Zuntz sind der Meinung, dass dies die ursprüngliche Form des Verses darstellt. 208 Ὡς ἐν πάσαις ταῖς ἐκκλησίαις τῶν ἁγίων wird von Harnack (mit vielen anderen) als Ende von diesem Vers gelesen, während etwa Lietzmann dagegen hält. 209 NA 28 diesen Passus als Beginn des nächsten Verses sehen: „Wie in allen Kirchen der Heiligen sollen die Frauen 484 Rekonstruktion <?page no="1363"?> 209 H. Lietzmann, An die Korinther I, II (1949), 74-75. So auch A. Lindemann, Der Erste Korintherbrief (2000), 315. 210 A. Harnack, Über I. Kor. 14,32ff. und Röm 16,25ff. nach der ältesten Überlieferung und der Marcionitischen Bibel (1931), 180. in den Kirchen schweigen“, was einen „gewaltige[n], in der Religionsgeschichte Epoche machende[n]“ Satz schafft. 210 Ambst: non est enim dissensionis auctor sed pacis, sicut in omnibus ecclesiis sanctorum doceo. Der Hinzufügung von doceo entspricht auch den Zeugen 012 Chrys, die hier διδάσκω schreiben. C. 1. (14,20) Nach allen Editoren ist dieser Vers unbezeugt, auch wenn Zahn mit seiner Präsenz in unbestimmbarer Form rechnet. Dass (Pseudo-? )Ephr. ausdrücklich auf das „ihm“ gegebene Zeugnis des Apostels verweist, bietet einen Hinweis darauf, dass er hier nicht aus der *10-Briefe-Sammlung zitiert, sondern aus der kanonischen Paulusbriefsammlung. 2. (14,21) Meyboom, Zahn und Harnack sehen den Vers in der von Epiphanius gegebenen Form präsent. Schmid führt an: ἐν τῷ νόμῳ γέγραπται (ὅτι) ἐν ἑτερογλώσσαις καὶ ἐν χείλεσιν ἑτέροις λαλήσω … BeDuhn legt seiner Überset‐ zung den Epiphaniustext zugrunde, ergänzt den Vers aber mit dem kanonischen Text in Klammern. Aufgrund der übereinstimmenden Abgrenzung des von den Zeugen Gegebenen, der Argumentation Tertullians, der diese Prophetie als eine positive Bestätigung anführt (confirmasse), und der Terminologie des εἰσακούω scheint dieser Teil zur kanonischen Ergänzung zu gehören. 3. (14,21b-c = 14,34-35) Alle Editoren rechnen mit der Präsenz dieser Verse. Meyboom verweist auf das Fehlen des in manchen Zeugen bezeugten υμων, und auf den Infinitiv ὑποτάσσεσθαι. Zahn nimmt die kanonische Fassung der Verse 34-35 an, jedoch mit dem Singular ἐν ἐκκλησίᾳ in Vers 34, Harnack mit der Form von Vers 34, die Adamantius gibt, wobei er in Tertullian auch ein Zitat von μαθεῖν θέλουσιν aus Vers 35 sieht, auch wenn er sich außer Stande sieht, diesen Vers wiederherzustellen. Schmid bietet nur den kanonischen Text von Vers 34 und sieht Vers 35 als unbezeugt: αἱ γυναῖκες ἐν (ταῖς ἐκκλησίαις) σιγάτωσαν, οὐ γὰρ ἐπιτέτραπται αὐταῖς λαλεῖν, ἀλλ’ ὑποτασσέσθωσαν, καθὼς καὶ ὁ νόμος λέγει, und BeDuhn legt seiner Übersetzung den Epiphaniustext von Vers 34 zugrunde und die Eröffnung von Vers 35 εἰ δέ τι μαθεῖν θέλουσιν mit Auslassungszeichen am Ende. Die Rekonstruktion ist hier mit mehreren Schwierigkeiten behaftet, erstens der Einordnung der Verse, zweitens dem Zuschnitt und Wortlaut vor allem von Vers 35, drittens dem aus Beidem folgenden Inhalt, der die Kommentare der Häresiologen zu berücksichtigen hat. 2 (1Kor) 485 <?page no="1364"?> 211 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 284. Was das zweite Thema betrifft, rechnet schon Harnack mit einer „Textände‐ rung“ in Vers 35 mit Blick auf das Referat Tertullians. Während Tertullian offenkundig einen Text gelesen hat, demzufolge es Frauen in der Versammlung auch dem Gesetz zufolge geboten ist, zu schweigen, sieht er dieses Gebot mit einer Einschränkung versehen, das BeDuhn wie folgt liest: „Frauen sollen nicht sprechen, um etwas zu lernen, doch können sie sprechen in der Ausübung der Charismata“ („women are not to speak to learn something, though they can speak in service of the spiritual gifts“). 211 Dem widerspricht aber Tertullians Referat: ne quid discendi-…, was nicht anders gedeutet werden kann, dass Ter‐ tullian anstelle der adversativen Konjunktion εἰ δέ τι, die BeDuhns Übersetzung voraussetzt, offenkundig ein εἰ μή („es sei denn“, ne quid) gelesen hatte. Das heißt, das Verbot des Sprechens ist noch einschränkender: Frauen haben in der Versammlung zu schweigen und allenfalls dann zu reden, wenn sie etwas lernen wollen. Lehren ist ihnen folglich nach dem Gesetz nicht erlaubt. Tertullian sieht natürlich die Spannung, weshalb er in seinem Kommentar ausdrücklich darauf hinweist, dass an früherer Stelle den Frauen durchaus das prophetische Reden zugestanden wurde. Was die Eröffnung von Vers 34 betrifft, geht diese auf die kanonische Redaktion zurück, wie der Begriff ἅγιοι zeigt. Er dient bereits der Vorbereitung auf die kanonische Erweiterung des Verses 35. Gleichermaßen ist der letzte, nicht mehr bezeugte Teil von Vers 35 Ergänzung der kanonischen Redaktion wie die Lexik weiter unten stützt. Kommen wir zur ersten der drei Schwierigkeiten und damit auch zur dritten, der Deutung dieser beiden Verse: Alle drei Häresiologen nutzen dieses Zitat, um darzulegen, dass Markion in seinem „Apostolos“ sich ausdrücklich und positiv auf das (jüdische) Gesetz stütze, so zumindest erscheint es durch den zitierten Ausschnitt; doch hat BeDuhn zu Recht darauf hingewiesen, dass die Stellung der Verse 34-35 unklar ist. In seiner Übersetzung bietet er sie zwar am Ende von Kapitel 14 unmittelbar vor Kapitel 15, doch in seinem Kommentar weist er darauf hin, dass Tertullian die Diskussion dieser beiden Verse im Anschluss an das Referat zu Vers 14,21 bietet und vor seinen Ausführungen zu 14,24ff. Nach Epiphanius können die Verse zwischen 14,21 und 15,1 gestanden sein. Dass die Stellung dieser beiden Verse instabil ist, zeigen auch die älteren Zeugen. Nach 06, 010, 012, ar, b, vg ms , Ambst finden sich diese beiden Verse nach Vers 14,40, also unmittelbar am Ende dieses Kapitels, wo sie BeDuhn bietet. 486 Rekonstruktion <?page no="1365"?> 212 P.B. Payne, Vaticanus Distigme-obelos Symbols Marking Added Text, Including 1 Corinthians 14.34-5 (2017), 615-616. 622. 213 R.G. Fellows, Are There Distigme-Obelos Symbols in Vaticanus? (2019); J. Krans, Paragraphos, Not Obelos, in Codex Vaticanus (2019). 214 P.B. Payne, Critique of Vaticanus Distigme-Obelos Denials (2021). Es ist auch beobachtet worden, dass in 03 die Verse 34-35 am Rand dieses Codex (Vaticanus) durch ein „distigme-obelos“ markiert sind, womit der Schreiber dieses Kodex (oder vielmehr derjenige der älteren Vorlage) anzeigt, dass er die Verse für eine „Transposition innerhalb einer Passage“ bzw. „mehrere Worte umfassende Hinzufügungen“ hielt, in diesem Fall jedoch, da die „distigme mit einem charakteristischen Strich“ versehen ist, eher als eine Hinzufügung wohl aus einer Marginalglosse „als eine Transposition“ betrachtete. 212 Inzwi‐ schen wurden zwei Versuche unternommen, diese Distigme-obelos Marker in 03 zu bestreiten. 213 In einer vornehmen und detaillierten Kritik weist Payne beide Versuche zurück und detailliert noch seine eigene, wohl begründete Gegenar‐ gumentation. Hierzu gibt Payne auch eine Liste seiner früheren Arbeiten zu diesem Thema, mit dem er sich bereits „über 25 Jahre“ beschäftigt hat (ibid.) und verteidigt seine Position. 214 Gehen wir vom ältesten Zeugen für die vorkanonische Version, Tertullian, aus, so scheint es zwei Versuche gegeben zu haben, diese beiden Verse von der ursprünglichen Stelle nach Vers 21 abzulösen und sie ein Mal nach Vers 33 zu setzen, wo vorausgehend gesagt wird, dass Gott „nicht ein Gott der Unordnung, sondern ein Gott des Friedens ist“. Ein anderer Versuch war es, die Verse nach Vers 40 einzureihen, in welchem es heißt, dass „alles in Anstand und Ordnung geschehen“ soll. In der Einordnung der Verse nach Vers 21 besitzen die Verse jedoch einen ganz anderen Kontext und erhalten auch eine ganz andere Ausrichtung als an den beiden genannten Stellen nach Vers 33 oder Vers 40. Der andere Kontext nach Vers 21 und die damit verbundene andere Interpretation ist gerade diejenige, gegen die alle drei Häresiologen Stellung beziehen. Denn ihnen zufolge sollen die beiden infrage stehenden Verse 34-35 nach Markion das Gesetz diskreditieren oder zerstören. Doch wieso meinen die Häresiologen, dass Markion mit diesen beiden Versen und ihrer Platzierung nach Vers 21 das Gesetz beschädigen würde? Hatten sie nicht zugleich behauptet, Markion würde sich positiv dieses Gesetzes bedienen? Dass beides keinen Widerspruch darstellt, wird man erkennen, wenn man die Verse nicht, wie die spätere kanonische Redaktion nach Vers 33 oder Vers 40 einordnet, an denen diese Verse das Gesetz zur Begründung für das Schweigen der Frau heranziehen, und damit gesetzeskonform, aber nicht gesetzeszerstörend wirken. 2 (1Kor) 487 <?page no="1366"?> Eine Lektüre der beiden infrage stehenden Verse nach Vers 21 gibt hierzu die Erklärung. Im ersten Teil von Kapitel 14 hat *Paulus die Antithese zwischen Zungenrede und Prophetie dargelegt und während er die Zungenrede für eine irrationale und nicht gemeindeaufbauende Rede hielt, lobte er die Prophetie, die, wie in Kapitel 11 dargelegt, auch von Frauen in der Gemeinde geübt wurde. In Vers 19 formulierte *Paulus, er wolle lieber „fünf Worte durch das Gesetz“ reden als „zehntausend Worte in Zungen stammeln“. Das klingt bereits danach, dass ihm beides keine genehmen Weisen sind, weder das Gesetz noch die Zungenrede, auch wenn er in der Gemeinde fünf Worte aus dem Gesetz für weniger übel hält als ein endloses Gestammel. Doch als erstes Zitat aus dem Gesetz bringt *Paulus ausgerechnet eine Selbstzuschreibung des jüdischen Gottes, in welchem er von sich behauptet, er rede „in anderen Sprachen und in anderen Lippen“ zum Volk, d. h. in unverständlichen Worten, die man nach den voranstehenden Ausführungen mit der Zungenrede gleichsetzen muss. Das aber heißt: Die wenigen Worte des Gesetzes stützen die Zungenrede, die *Paulus ausdrücklich ablehnt, es ist also tatsächlich nicht besser als die Zungenrede selbst. Auch das zweite Zitat aus dem Gesetz erweist, dass das Gesetz nicht besser als die Zungenrede ist. Es verbietet den Frauen, in der Versammlung zu lehren, und damit auch prophetisch zu reden. Stattdessen erlaubt es ihnen lediglich, zu hören, sich unterzuordnen und bestenfalls zu fragen, wenn sie etwas lernen wollen. Das Gesetz ist demnach aus zweierlei Gründen nach *Paulus keine Grundlage. Der Gesetzgeber selbst stammelt in fremden Sprachen und verbietet darüber hinaus die Prophetie der Frauen - während *Paulus gerade entgegen der Zungenrede für die Prophetie, und zuvor für die Prophetie der Frau eingetreten war, und auch hier mit dem Gegenbeispiel des Gesetzes auf beidem besteht. Es wird ersichtlich, warum die Häresiologen diese Position für eine Gesetzeszerstö‐ rung hielten, und warum die kanonische Redaktion diese Antithese aufzulösen versuchte. Dies gelang ihr, indem sie die Verse nicht einfach tilgte, sondern sie offenkundig aus dieser Stelle herauslöste und sie in einen neuen Kontext stellte (nicht anders, wie die Replatzierung der Vers *Gal 4,25, welcher nach Eph 1,21 verpflanzt und durch einen neu geschaffenen Vers ersetzt wurde). Die Stelle, auf die *Paulus anspielt, ist Gen 3,16 LXX (καὶ τῇ γυναικὶ εἶπεν Πληθύνων πληθυνῶ τὰς λύπας σου καὶ τὸν στεναγμόν σου, ἐν λύπαις τέξῃ τέκνα· καὶ πρὸς τὸν ἄνδρα σου ἡ ἀποστροφή σου, καὶ αὐτός σου κυριεύσει), zu der auch Jes 28,11-12 LXX mitzulesen ist (11 διὰ φαυλισμὸν χειλέων διὰ γλώσσης ἑτέρας, ὅτι λαλήσουσιν τῷ λαῷ τούτῳ 12 λέγοντες αὐτῷ Τοῦτο τὸ ἀνάπαυμα τῷ πεινῶντι καὶ τοῦτο τὸ σύντριμμα, καὶ οὐκ ἠθέλησαν ἀκούειν). 488 Rekonstruktion <?page no="1367"?> Wenn es dann, wie wir sehen werden, in den nächsten drei vorkanonischen Versen heißt, dass Zungenreden „nicht für die Glaubenden“ sind, „sondern für die Ungläubigen“, wohingegen prophetische Reden „ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Glaubenden“ sind, führt *Paulus die zuvor in Kapitel 14 dargelegte Antithese zwischen Zungenrede und Prophetie weiter. Diese Verse unterstreichen die massive Kritik am Gesetz, das vom Gesetzgeber sagt, er rede in anderen Sprachen und in anderen Lippen, und er verbiete Frauen das (prophetische) Reden. Zungenrede wird hier gar als ein Zeichen für Ungläubige bezeichnet, während die prophetische Rede (auch von Frauen) als das Mittel für die Ansprache von Gläubigen gilt. Diese Interpretation erklärt zum einen die heftige Reaktion aller drei Häre‐ siologen, die den Spieß umdrehen und mit ihrer geschickten Argumentation Markion in Selbstwidersprüche verwickeln wollen, indem sie darlegen, er habe sich positiv auf das Gesetz berufen und, was das Reden von Frauen betrifft, sich gegen seine frühere Aussage gekehrt. Den Boden für die Gegenargumentation der Häresiologen lieferte die kano‐ nische Redaktion, die diese Verse an den beiden verschiedenen Stellen später eingeordnet hatte und sie in diesem neuen Kontext zu einer Speerspitze gegen das Reden von Frauen in der Kirche gemacht hatten, ganz im Sinne dessen, was in den kanonischen Paulusbriefen, Eph 5,22-24; Kol 3,18; 1Tim 2,11-12, Tit 2,5 und 1Petr 3,1.5; 4,17 zu lesen ist, jedoch in Spannung zu dem, was man bei Paulus zuvor findet (1Kor 11,5; 14,5. 24 [3x.] 26. 31, wo überall davon die Rede ist, dass „alle“ in der Versammlung sprechen). Folgt man der vorliegenden Erläuterung, ist auch diese Spannung beseitigt, die schon Tertullian wahrgenommen hatte zwischen dem angeblichen Redeverbot der Frauen in der Versammlung und der Erwähnung des *Paulus, dass die Frauen in der Versammlung prophezeien (*1Kor 11,5; 14,5. 24. 26). Sollte die Erklärung der Einfügung der Verse 34-35 als Marginale richtig sein, muss man sich die Textgeschichte so vorstellen, dass die kanonische Redaktion die Verse zunächst aus ihrem Zusammenhang nach 14,21 herausgeschnitten hatte und sie als Marginale an späterer Stelle an den Rand vom Ende des Kapitels nach Vers 40 notierte. Von dort wurde sie - unter Kenntnis ihres Marginalcha‐ rakters - von verschiedenen Schreibern an den beiden unterschiedlichen Stellen eingefügt, in der vermutlich älteren Vorlage (den Bilinguen nach zu urteilen) nach Vers 40 und zur Verdeutlichung später als Verse 34-35. Es ist also inkorrekt - gegen die frühe Bezeugung der beiden Verse - diese als nichtpaulinische, spätere Interpolation anzusehen, wie dies häufig getan wurde. Payne spricht von „mindestens 62 textkritischen Studien“, die für die Interpolationsthese argumen‐ 2 (1Kor) 489 <?page no="1368"?> 215 P.B. Payne, Man and woman, one in Christ an exegetical and theological study of Paul’s Letters (2009), 226-267. Vgl. P.B. Payne, Critique of Vaticanus Distigme-Obelos Denials (2021). 216 J.A. Fitzmyer, First Corinthians. A new translation with introduction and commentary (2008), 530. So urteilt auch K. Haines-Eitzen, The gendered palimpsest. Women, writing, and representation in early Christianity (2012), 62. Man vgl. etwa von G. Fitzer, „Das Weib schweige in der Gemeinde“ über den unpaulinischen Charakter der mulier-taceat-Verse in 1. Korinther 14 (1963); J. Murphy-O’Connor, Interpolations in 1 Corinthians (1986), 90-92; G.D. Fee, The First Epistle to the Corinthians (1987), 699-708. Eine Gegenposition bezieht Philip J. Abbott, der zu zeigen versucht, dass der Kontext von 1Kor 14,34-35 misinterpretiert wurde und es eigentlich darum ging, einen geregelten Gottesdienst zu halten, es sich also nicht um eine Interpolation handele, vgl. P.J. Abbott, Bringing Order to 1 Corinthians 14: 34-35 (2015). tieren, von denen er 55 selbst untersucht habe. 215 Mit Verweis auf 20 Forschende meint Fitzmyer sogar, dass „heute die Mehrheit der Kommentatoren“ diese beiden Verse für eine „spätere Hinzufügung“ halten. 216 Sie begegnen jedoch schon in der *10-Briefe-Sammlung, hatten jedoch aufgrund ihrer Stellung einen dem heutigen Verständnis konträren Sinn. 4. (14,22) Auch wenn Zahn die Verse 22 und 23 vorhanden sieht, ohne den Wortlaut bestimmen zu können, sind Harnack, Schmid und BeDuhn der Meinung, dass diese Verse nicht bezeugt sind. Wie der oben herangezogene Kommentar Tertullians jedoch zeigt, muss er die Gegenüberstellung „Ungläu‐ bige“ und „Gläubige“, wie sie in Vers 22 vorliegt, gelesen haben (quis nostrum temere deo suo vindicet, et an nostrae parti possit opponi). 5. (14,24-25) Zahn sieht den Vers als unbezeugt, aber in irgendeiner Form vorhanden. Als Anspielung auf Vers 25 (τὰ κρυπτὰ τῆς καρδίας αὐτοῦ φανερὰ γίνεται) wird dieses Zitat aus Tertullian gelesen von Harnack. Schmid sieht τὰ κρυπτὰ τῆς καρδίας … anklingen. BeDuhn verweist darauf, dass an dieser Stelle nicht nur von den verborgenen Dingen des Herzens, sondern auch von den Propheten die Rede ist, folglich Anspielungen auf Vers 24 wie Vers 25 vorliegen. Das nur kanonisch bezeugte, und vermutlich im vorkanonischen Text feh‐ lende ἰδιώτης greift diesen Terminus aus dem kanonischen Vers 23 auf und stellt den inneren Zusammenhang zwischen diesen beiden Versen her. 6. (14,26) Die Passage aus Tertullian wurde bereits weiter oben zu den Versen 14,6-9 herangezogen, die auch auf den vorliegenden Vers Bezug nehmen könnte. Hilgenfeld nimmt an, dass Tertullians „Anforderungen an Marcion“ Vers 26 voraussetze. Zahn sieht den Vers nach der kanonischen Fassung bezeugt, Harnack meint mit Blick auf diese Tertullianstelle zumindest Anspielungen auf diesen Vers wahrnehmen zu können. Schmid betrachtet den Vers als unbezeugt, und BeDuhn sieht wie Harnack einzelne Elemente bezeugt, wobei hier wie Vers 14,14 auch vom Gebet gesprochen wird, die Lehre sei allerdings übergangen. 490 Rekonstruktion <?page no="1369"?> 217 A. Harnack, Über I. Kor. 14,32ff. und Röm 16,25ff. nach der ältesten Überlieferung und der Marcionitischen Bibel (1931), 182. 218 Vgl. hierzu mit älterer Literatur B. Warren, A Text-Critical Approach to Punctuation in the New Testament: 1 Corinthians 14: 33 (2019), 421-422. Schon in der Eröffnung Τί οὖν ἐστιν wird unmittelbar auf 14,15 Bezug genommen, allerdings auf die kanonische Fassung dieses Verses. Damit nimmt dieser Vers bereits mit der Eröffnung Rekurs auf den ersten Teil von Kapitel 14, um erneut die Zungenrede gegen alles Gesagte weiter als gemeindefähig zu behaupten. Mit dem Gedanken, dass die Zungenrede, solange sie übersetzt wird, zum Aufbau der Gemeinde dient, greift der Vers die kanonische Argumentation des kanonischen Verses 14,5 auf. 7. (14,27-31) Die Verse 27-31 sind nach allen Editoren unbezeugt. Haben die Zeugen sie wegen der konkreten Anweisungen, die Paulus gibt, lediglich übergangen? 8. (14,28) Die Variante ὁ ἑρμηνευτής, die in einigen Zeugen steht, setzt den Bezug zu Vers 26 voraus. 9. (14,30-31) Die Lexik spricht weithin dafür, dass diese beiden Verse vorka‐ nonisch präsent waren, auch wenn sie unbezeugt sind. Inhaltlich setzen sie die Diskussion des prophetischen Redens fort. Es wird mehrfach von „allen“ gesprochen, was, gerade nachdem zuvor Diskutierten, hier sicher auch Frauen einschließt. 10. (14,32-33) Nach Zahn, Schmid und BeDuhn sind diese beiden Verse unbezeugt, Harnack aber verweist auf Tert., Adv. Marc. IV 4,5. Allerdings hatte Harnack auch andernorts gemeint, der markionitische Text habe gelautet: „Die Geister der Propheten sind den Propheten unterwürfig; denn sie sind nicht aufsässige, sondern friedfertige Geister, wie in allen Kirchen der Heiligen.“ 217 Woher er die Bezeugung für „wie … Heiligen“ hergenommen hat, wird nicht angegeben. Und auch wenn nicht gewiss ist, dass Tertullian hier aus *Paulus zitiert, so sprechen doch die beiden durch Tertullian bezeugten Varianten, die sich ebenfalls in einschlägigen Zeugen finden, für die Präsenz der beiden Verse in der vorkanonischen Fassung. Von Soden urteilt hier eher abschlägig. Ein Hinweis für den vorliegenden Zuschnitt findet sich jedoch in dem Zeugen 1735, welcher nach 33a einen deutlichen Einschnitt macht mit einem kleineren nach Vers 33. Ähnlich emphatisch ist der Bruch in der Mitte auch in 76, 425, 1247, und einen Schnitt zeigen auch die Zeugen 33, 1874, 945, 1244, 1, 3, 927, 404 an. 218 Jedoch wurde daraus auch der Schluss gezogen, der Vers 33ab habe kodikologisch betrachtet zusammengehört. 219 Nimmt man aber wie Warren den Gebrauch von ὡς bei Paulus hinzu - er zieht die durch Tertullian angedeutete 2 (1Kor) 491 <?page no="1370"?> 219 A. Lavrinoviča, 1 Cor 14.34-5 without ‚in All the Churches of the Saints‘: External Evidence (2017), 375-383. 220 M.D. Goulder, Luke. A New Paradigm (1989), 482. Möglichkeit des Satzendes nach pacis nicht heran -, dann spricht dieser für die Zusammengehörigkeit. Diese scheint m. E. erst durch die kanonische Redaktion hergestellt worden zu sein. Auf die Parallele zu Lk 10,17-20 wurde in der Forschung bereits hinge‐ wiesen. 220 Sie gilt aber auch für diese Verse in der vorkanonischen Version. 11. (14,36) Nach allen Editoren sind die Verse 36-40 unbezeugt, auch wenn Zahn mit der Präsenz dieser Verse in unbestimmbarer Form rechnet. Waren sie auch abwesend von der vorkanonischen Fassung? D. (14,20) παίδιον steht 55 / 52 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,7. ♦ φρήν steht in diesem Vers gleich zwei Mal, ist sonst jedoch nicht im NT zu finden. ♦ κακία, das 11 Mal im NT zu finden ist, steht nur auf der kanonischen Ebene (Mt 6,34; Apg 8,22; Röm 1,29; 1Kor 5,8; 14,20; Eph 4,31; Tit 3,3; 1Petr 2,1. 16; Jak 1,21). ♦ νηπιάζω ist Hapax legomenon im NT und begegnet auch nicht in der LXX. ♦ τέλειος findet sich 18 / 19 Mal in NT, davon ein Mal auf der vorkanonischen Ebene *1Kor 2,6. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers führt zwar nur einen Begriff auf, der ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt ist (κακία), aber er greift auf das Thema zurück, das die kanonische Redaktion im vorherigen Kapitel (1Kor 13,11) entwickelt hatte. Wie dieser Vers wird auch der vorliegende ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und in der vorkanonischen Version gefehlt haben. (14,21) Der Ausdruck ἐν τῷ νόμῳ steht 13 Mal im NT, Lk 2,24; 10,25; 24,44, in Versen, die in *Ev fehlen, ist jedoch vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 6,27; *Röm 2,20; 7,23. ♦ ἑτερόγλωσσος ist Hapax legomenon im NT. ♦ χεῖλος steht 8 / 7 Mal im NT, nur hier vorkanonisch belegt. ♦ λαός, das 151 / 142 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *1Kor 10,7. ♦ τούτῳ (Dat. Mask. / Neut. Sg.), das 88 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 19,9. Für den unbezeugten Versteil: ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ Die Kombination ουδ’ οὕτως steht noch 1 weiteres Mal in Mk 14,59. ♦ εἰσακούω steht 5 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ Die Wendung λέγει κύριος steht 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 7,49; 15,17; Röm 12,19; 14,11; 1Kor 14,21; 2Kor 6,17. 18; Hebr 8,8. 9. 10; 10,16; Apk 1,8). 492 Rekonstruktion <?page no="1371"?> Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius unter Berück‐ sichtigung von Tertullian. Nachdem beide nur den ersten Teil des Verses bezeugen, ist auffallend, dass auch die Lexik nur diesen Verszuschnitt stützt. Nachdem im längeren ersten Teil nur χεῖλος nicht weiter vorkanonisch bezeugt ist, begegnen im unbezeugten kürzeren Teil gleich mehrere Elemente, die ausschließlich für die kanonische Ebene belegt sind (οὐδ’ οὕτως; εἰσακούω; λέγει κύριος). Diese Beobachtung stützt, dass der zweite Teil Produkt der kanonischen Redaktion ist und vorkanonisch gefehlt hat. Es zeigt sich, dass die Lexik ein wichtiges Kriterium für die Textrekonstruktion darstellt. (14,21b = 14,34) γυνή, das 246 / 215 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *1Kor 5,1; 7,10; 11,5. 10; *Laod 5,22. 23. 28. ♦ Der Ausdruck ἐν ἐκκλησίᾳ steht nur hier, während auf der kanonischen Ebene an dieser Stelle ἐν ταῖς ἐκκλησίαις steht, das 4 Mal im NT belegt ist (1Kor 7,17; 14,34; 2Kor 8,1; 2Thess 1,4). ♦ σιγάω steht 12 / 10 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ οὐ γάρ steht 80 Mal im NT, Lk 23,34, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch weiter bezeugt für *2Kor 4,5; *Röm 1,16. ♦ αὐταῖς (Dat. Fem. Pl.) steht 20 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 8,3. ♦ ὑποτάσσω steht 46 / 38 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Röm 10,3; *Laod 1,22; 5,21. ♦ Die Kombination καθὼς καί steht 28 Mal im NT, Lk 24,24, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 11,1; *1Thess 2,14; *Laod 5,25. 29; *Kol 1,6. ♦ Die Wendung ὁ νόμος λέγει steht noch 1 weiteres Mal im NT, ebenfalls vorkanonisch bezeugt für *Röm 3,19. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius, ergänzt am Ende durch das Tertullians. Der Vers ist ein Vorzeigebeispiel für die Überein‐ stimmung von Bezeugung und Lexik. Bis in Details hinein sind Termini und Wendungen anderwärts vorkanonisch bezeugt und begegnen kanonisch oft auch nur an den Parallelstellen. Der Vers wird, wie hier gegeben, vorkanonisch gestanden sein. (14,21c = 14,35, unter Berücksichtigung dieses weiter unten in der kanonischen Version stehenden Verses) Die Kombination εἰ δέ τι steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 19,39; 1Kor 14,35; Phlm 1,18). Hingegen ist das durch Tertullian sich nahelegende εἰ μή vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 7,7, während etwa εἰ μή + irgendein finites Verb 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, steht. ♦ μανθάνω steht 143 / 25 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 3,10. Für den nicht mehr bezeugten Versteil: Die Angabe ἐν οἴκῳ steht 5 Mal im NT, Lk 1,69, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (Mk 2,1; Lk 1,69, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 1Kor 11,34; 13,35; 1Tim 3,5). ♦ ἴδιος, das 123 / 114 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,41; *Gal 6,9; *1Kor 7,7; 2 (1Kor) 493 <?page no="1372"?> *1Thess 2,15. ♦ ἐπερωτάω steht 72 / 56 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. Allerdings steht der Begriff sehr viel häufiger auf der kanonischen Ebene, und es gibt nur zwei Bezeugungen für Paulus, wieder auf der kanonischen Ebene (Röm 10,20; 1Kor 14,35). ♦ αἰσχρός steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, auch die verwandten Begriffe sind nur kanonisch belegt (αἰσχρότης; αἰσχρολογία; αἰσχροκερδῶς; αἰσχροκερδής). Zur Rekonstruktion: Auch dieser Vers ist ein Vorzeigebeispiel für die Überein‐ stimmung von Bezeugung bzw. fehlender Bezeugung und Lexik. Der Vers wird, wie oben rekonstruiert, vorkanonisch gestanden sein. (14,22) Die hier unbezeugte Konjunktion ὥστε steht 86 / 83 Mal im NT, davon 37 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,21 (Verseröffnung); *2Kor 3,7 (im Vers); *Röm 7,12; *2Thess 2,4 (im Vers). ♦ σημεῖον, das 68 & 77 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt in *Ev und *1Kor 1,22; *2Thess 2,9. ♦ πιστεύω, das 265 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21 (τοὺς πιστεύοντας); 15,11; *Röm 1,16 (τῷ πιστεύοντι); 10,4 (τῷ πιστεύοντι); *2Thess 2,12 (οἱ μὴ πιστεύσαντες); *Laod 1,13 (πιστεύσαντες). ♦ ἄπιστος, das 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,46; *2Kor 4,4. ♦ Die Kombination von ἡ δέ steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 4,26. ♦ προφητεία (in diesem und dem nächsten Vers 24), das 21 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,10; *1Thess 5,20. ♦ εἰσέρχομαι steht 220 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. Zur Rekonstruktion: Auch wenn dieser Vers durch Tertullian bestenfalls ange‐ deutet ist, bietet die Lexik doch eine gewisse Bestätigung der Präsenz dieses Textes, nachdem bis auf eine Kombination alle Elemente vorkanonisch bezeugt sind. Die Kombination ἡ δέ deutet jedoch darauf hin, dass der Vers möglicher‐ weise kanonisch überarbeitet wurde. (14,23) Die Verseröffnung ἐὰν οὖν steht 10 Mal im NT, 8 Mal als Verseröffnung, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ συνέρχομαι steht 34 / 30 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ὅλος, das 123 / 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,27; *Gal 5,3. 9. ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,14; 4,13. ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3, vgl. nachfolgend in Vers 24 und Vers 31. ♦ ἰδιώτης, das 5 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Verbform ἐροῦσιν steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 7,22; Lk 17,21. 23; 23,29; 1Kor 14,23). ♦ μαίνομαι, das 5 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene ( Joh 10,20; Apg 12,15; 26,24. 25; 1Kor 14,23). 494 Rekonstruktion <?page no="1373"?> Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐὰν οὖν; συνέρχομαι; ἰδιώτης; ἐροῦσιν; μαίνομαι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (14,24) Die Kombination ἐὰν δέ steht 34 Mal im NT, Lk 22,68, in einem Vers, der in *Ev fehlt, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für Röm 2,25. ♦ πάντες, vgl. zuvor zu Vers 23 und danach zu Vers 31. ♦ εἰσέρχομαι steht 220 / 194 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἄπιστος, das 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,46; *2Kor 4,4. Zum nicht mehr bezeugten Versteil: Zu ἰδιώτης als kanonischem Begriff vgl. zuvor die Verse 16 und 23. ♦ ἐλέγχω, obwohl 20 / 17 Mal im NT belegt, findet sich ausschließlich für die kanonische Ebene. ♦ Zu πάντων vgl. zuvor zu Vers 18. ♦ Das 16 Mal im NT begegnende ἀνακρίνω findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 23,14; Apg 4,9; 12,19; 17,11; 24,8; 28,18; 1Kor 2,14. 15; 4,3. 4; 9,3; 10,25. 27). Zur Rekonstruktion: Der Text berücksichtigt die von Tertullian angedeuteten und bezeugten Versteile. Der zweite Versteil weist Elemente auf (ἐλέγχω; ἀνακρίνω), die ausschließlich kanonich belegt sind, und wird vorkanonisch gefehlt haben. (14,25) Zu dem bezeugten Versteil: Die Kombination καὶ οὕτως steht 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,2; *1Kor 15,11. ♦ κρυπτός steht 22 / 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 4,5; *Röm 2,16. 29. ♦ φανερός, das 22 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,17; *Gal 5,19; *Röm 2,28. Zu dem nicht mehr bezeugten Versteil: πίπτω, das 112 / 90 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πρόσωπον, das sich 84 / 76 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,11; *2Kor 3,18; 4,6; *2Thess 1,9. ♦ προσκυνέω, das 67 / 60 Mal im NT belegt ist, ist ausschließlich bezeugt für die kanonische Ebene. ♦ ἀπαγγέλλω, das 52 / 45 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,26 ♦ ὄντως, das 14 Mal im NT steht, ist ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. Zur Rekonstruktion: Wie die Lexik beeindruckend bestätigt, stand nur der durch Tertullian bezeugte Teil des Verses vorkanonisch, im nicht mehr bezeugten Teil häufen sich die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elemente (πίπτω; προσκυνέω; ὄντως; ἐν ὑμῖν). Dieser Teil wird Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (14,26) Die Kombination τί οὖν ἐστιν steht 5 Mal im NT, davon 4 Mal als Verseröffnung wie hier, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 3,5. ♦ συνέρχομαι, das 2 (1Kor) 495 <?page no="1374"?> 34 / 30 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu den vorkanonisch bezeugten Begriffen διδαχή, ἀποκάλυψις, γλῶσσα vgl. die Verse 14,1. 6. 15. ♦ ψαλμός ist dort bereits durch das Verb angeklungen, aber vorkanonisch nur bezeugt in *Laod 5,19. ♦ ἑρμηνεία, das 2 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,10. ♦ Die Form γινέσθω steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene; vgl. zu 14,26. Zur Abwesenheit: Wie die ausschließlich kanonischen Elemente dieses Verses (τί οὖν ἐστιν; συνέρχομαι; γινέσθω) bestätigen, ist der Vers nicht nur unbezeugt, weil sich Tertullians Bemerkungen auf den ersten Teil des Kapiptels beziehen, sondern er hat vorkanonisch gefehlt. Vers 26 bietet insofern eine kanonisch re‐ daktionelle Duplikation. Der Vers geht auf die kanonische Redaktion zurück und hat vorkanonisch gefehlt. Dass das Nomen ψαλμός nur in *Laod vorkanonisch bezeugt ist, zeigt erneut die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Lexik. (14,27) Der Ausdruck κατὰ δύο steht nur hier. ♦ Der Superlativ πλεῖστος ist bei ( * ) Paulus sonst nicht mehr belegt und kommt ansonsten nur noch auf der kanonischen Ebene vor (Mt 11,20; 21,8; Mk 4,1). ♦ Die Präposition ἀνά steht 19 / 13 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ μέρος, das 45 / 42 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,46; 24,42; *Kol 2,16. ♦ διερμηνεύω, das 8 / 6 Mal im NT steht, begegnet ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Trotz der Kürze dieses vorkanonisch unbezeugten Verses, ist die Anzahl der ausschließlich kanonisch belegten Elemente bemerkenswert (πλεῖστος; ἀνά; διερμηνεύω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redak‐ tion und hat vorkanonisch gefehlt. (14,28) Die Verseröffnung ἐὰν δὲ μή steht 4 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 6,15; 10,13; 18,16; 1Kor 14,28). ♦ Die Form ᾖ steht 42 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ διερμηνευτής ist Hapax legomenon im NT. ♦ σιγάω, das 12 / 10 Mal im NT steht, ist für die vorkanonische Ebene bezeugt in *1Kor 14,34. ♦ Die Form σιγάτω wird gleich nochmals auf der kanonischen Ebene in Vers 30 stehen. ♦ ἐν ἐκκλησίᾳ steht 4 Mal im NT, nur in 1Kor, vorkanonisch zuvor in *1Kor 14,19. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist wiederum einige ausschließlich kanonisch bezeugte Elemente auf (Verseröffnung ἐὰν δὲ μή; ᾖ), auch er wird wohl auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. 496 Rekonstruktion <?page no="1375"?> (14,29) προφήτης, das 157 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 12,28; 14,32; *1Thess 2,15, vgl. weiter zu den Versen 32. 37. ♦ δύο ἢ τρεῖς steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene Mt 18,20. ♦ ἄλλος, das 172 / 155 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ οἱ ἄλλοι steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Joh 20,25. ♦ διακρίνειν wurde bereits zuvor als der kanonischen Sprache zugehörig erkannt, vgl. die Ausführungen zu 1Kor 6,5. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers spricht die Lexik mit ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu findenden Elemente (δύο ἢ τρεῖς; οἱ ἄλλοι; διακρίνειν) für dessen Zugehörigkeit zur kanonischen Ebene und der Abwesenheit von der vorkanonischen. (14,30) Die Kombination ἐὰν δέ steht 34 Mal im NT, Lk 22,68, in einem Vers, der in *Ev fehlt, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für Röm 2,25. ♦ Zu ἄλλος vgl. zu Vers 29. ♦ Die Form ἄλλῳ steht 27 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,8. 10. ♦ ἀποκαλύπτω steht 33 / 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,17. 18; *2Thess 1,7, 2,3. ♦ κάθημαι steht 97 / 91 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ πρῶτος (ohne πρώτον) steht 90 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,45. 47. Zur Rekonstruktion: Bei diesem kurzen, vorkanonisch unbezeugten Vers sind alle Komponenten vorkanonisch bezeugt, er scheint vorkanonisch gestanden zu sein, zumal er auch eine gute inhaltliche Überleitung von Vers 25 zu den Versen 31-32 darstellt. (14,31) δύναμαι, das 233 / 210 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination δύνασθε γάρ steht nur hier. ♦ Die Kombination γάρ + κατά steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 8,5. ♦ Die Kombination καθ’ ἕνα steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene Eph 5,33. ♦ Zu πάντες vgl. zuvor zu den Versen 23 und 24. ♦ προφητεύω steht 35 / 28 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,64; *1Kor 11,5; 14,1. 24. ♦ ἵνα πάντες steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 1,7; 5,23; 17,21; 1Kor 14,31). ♦ Das Verb μανθάνω steht 143 / 25 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,10; *1Kor 14,35. ♦ παρακαλέω, das 115 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,25; *2Kor 12,7. Zur Rekonstruktion: Auch wenn dieser Vers vorkanonisch unbezeugt ist und auch zwei Elemente begegnen, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (καθ’ ἕνα, ἵνα πάντες), sprechen doch die vielen anderen Elemente, auch Kombinationen eher dafür, dass der Vers vorkanonisch stand, wenn er auch vielleicht etwas kanonisch bearbeitet wurde. Auch inhaltlich fügt er sich gut zwischen die Verse 30 und 32 ein. 2 (1Kor) 497 <?page no="1376"?> 221 Vgl. auch E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 107. (14,32) Zu πνεύματα (Pl.) vgl. zuvor zu Vers 12. ♦ Zu προφήτης vgl. zuvor zu Vers 28 und danach Vers 37. ♦ ὑποτάσσω, das 46 / 38 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,20; *1Kor 14,32; *Röm 10,3: *Laod 1,22; 5,21. (14,33) Die Kombination οὐ γάρ ἐστιν steht 12 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröff‐ nung, als Verseröffnung vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,33; vgl. zu Röm 2,11. ♦ ἀκαταστασία steht 5 Mal im NT, ansonsten auf der kanonischen Ebene stehend. ♦ ἀλλὰ εἰρήνης steht nur hier. ♦ Ὡς ἐν πάσαις ταῖς ἐκκλησίαις τῶν ἁγίων steht nur hier. ♦ Die Selbstbezeichnung ἅγιοι findet sich erstaunlicherweise in der vorkanonischen Fassung ausschließlich in *Laod, während sie immer wiederkehrt in der kanonischen Fassung und gerade aus den Brieferöffnungen bekannt ist, Röm 1,7; 1Kor 1,2; 2Kor 1,1; Eph 1,1; Phil 1,1; Kol 1,2. Zur Rekonstruktion der beiden Verse: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, der auch nicht den bisweilen als Auftakt von Vers 34 gesehenen letzten Teil von Vers 33 bezeugt. Dieser Teil scheint, wie die Selbstbezeichnung ἅγιοι erweist, auf die kanonische Redaktion zurückzugehen. Die Nähe von *Laod zu dieser wird erneut deutlich. (14,34-35) Vgl. zu Lexik und Rekonstruktion weiter oben zu *1Kor 14,21b-c. 221 (14,36) Die Formel ἢ ἀφ’ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ Die Formel ὁ λόγος τοῦ θεοῦ steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 8,11; Joh 10,35; Apg 6,7; 17,13; Röm 9,6; 1Kor 14,36; 2Tim 2,9; Tit 2,5; Hebr 4,12; 1Joh 2,14; Apk 19,13). ♦ Die eher floskelhafte Formel ἐξῆλθεν steht 67 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Und überhaupt ist ἐξέρχομαι, das 258 / 218 Mal im NT steht, nur bezeugt für *Ev, nie für *Paulus. ♦ καταντάω, das 15 / 13 Mal im NT steht, ist hingegen für die vorkanonische Fassung ein Mal bezeugt (*1Kor 10,11), auch wenn der Begriff sonst nur auf der kanonischen Ebene begegnet, insbesondere in der Apostelgeschichte (Apg 16,1; 18,19. 24; 20,15; 21,7; 25,13; 26,7; 27,12; 28,13; Eph 4,13; Phil 3,11). Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich für die kanonische Ebene belegt sind (ἢ ἀφ’; ὁ λόγος τοῦ θεοῦ; ἐξῆλθεν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und fehlt vorkanonisch. 498 Rekonstruktion <?page no="1377"?> (14,37) Die Formulierung εἴ τις δοκεῖ findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 3,18. ♦ Zu προφήτης vgl. zuvor zu den Versen 28. 32. ♦ Zum Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht und vorkanonisch bezeugt ist für *Ev und *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ πνευματικός steht 28 / 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,3. 4; 12,1; 14,1; 15,46; *Röm 7,14; *Laod 6,12. ♦ ἐπιγινώσκω steht 64 / 44 Mal im NT und ist auch für die vorkanonische Fassung bezeugt (*Ev und *Röm 10,2). ♦ γράφω ist 213 / 191 Mal im NT belegt, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,19. 31; 3,19; 9,10; 10,7. 11; 14,21; 15,54. ♦ Die Formel ἃ γράφω ὑμῖν kehrt ähnlich wieder in Gal 1,20 auf der kanonischen Ebene als ἃ δὲ γράφω ὑμῖν, während es auf der vorkanonischen Ebene *1Kor 4,14 heißt: ὑμᾶς ταῦτα γράφω. ♦ κυρίου ἐστίν steht noch 1 weiteres Mal im NT, auf kanonischer Ebene in 1Kor 7,22. ♦ ἐντολή, das 76 / 67 Mal im NT steht, ist vorkanonisch belegt (*Ev 18,20; *Röm 7,11. 12; *Laod 2,15). In der Tat geht der Rückverweis wohl auf *1Kor 7,10 (vgl. auch *1Kor 3,18). Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist zwar eine Reihe von vorkanonisch bezeugten Elementen auf, weshalb man von einer vorkano‐ nischen Vorlage ausgehen könnte, aber in der gegebenen Form besitzt er eine Reihe von Elementen, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen (εἴ τις δοκεῖ; ἃ γράφω ὑμῖν; κυρίου ἐστίν). Der Vers geht auf die kanonische Redaktion zurück, vielleicht unter Verwendung von vorkanonischem Material. In der hier vorliegenden Form fehlt er im vorkanonischen Text. (14,38) Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ Wie im voranstehenden Vers findet sich die Formulierung εἴ τις δοκεῖ ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 3,18. ♦ ἀγνοέω steht 23 / 22 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,1; 12,1. Zur Abwesenheit: Auch wenn dieser vorkanonisch unbezeugte Vers wegen seiner Kürze schwer einzuschätzen ist, spricht doch die ausschließlich vorka‐ nonisch belegte Verseröffnung für ein Produkt der kanonischen Redaktion und ein Fehlen im vorkanonischen Text. (14,39) Die hier unbezeugte Konjunktion ὥστε steht 86 / 83 Mal im NT, davon 37 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,21 (Verseröffnung); *2Kor 3,7 (im Vers); *Röm 7,12; *2Thess 2,4 (im Vers). ♦ ζηλόω steht 20 / 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ κωλύω, das 27 / 23 Mal im NT steht, ist ein auffälliger Begriff, denn er wird von der kanonischen Redaktion an verschiedenen Stellen in die vorkanonische Fassung eingetragen, in der er gefehlt hatte, deutlich etwa Lk 6,29, oder in Lk 23,2 (in lat. Zeugen übersetzt mit prohibere oder vetare), wo in *Ev καταλύοντα stand. So dürfte es auch in Lk 9,49 eingetragen worden sein (mit 2 (1Kor) 499 <?page no="1378"?> 222 So die Meinung von J. Weiss, Der erste Korintherbrief (1910), 353. denselben lateinischen Äquivalenten). Folglich wird man auch in *Ev 11,52 für das von Tertullian bezeugte (neque alios) admittebant, kaum ἐκωλύσατε, annehmen, pace Klinghardt, z.St. Harnack hatte hier schon richtig gesehen und diesen Teil des Verses als unbezeugt notiert. Das heißt, dass dieses Verb ausschließlich auf der kanonischen Ebene steht. Zur Abwesenheit: Auch dieser kurze, vorkanonisch unbezeugte Vers weist verschiedene Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ζηλόω; κωλύω). Auch er wird ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (14,40) Die Verseröffnung πάντα δέ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, davon 1 weiteres Mal als Verseröffnung in Mt 24,8. ♦ εὐσχήμων, das 3 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene (Röm 13,13; 1Thess 4,12), so auch das zugehörige Adjektiv. ♦ τάξις, das 10 / 9 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt (Lk 1,8; 1Kor 14,40; Kol 2,5; Hebr 5,6. 10; 6,20; 7,11. 17. 21). Zur Abwesenheit: Auch dieser letzte Vers des Kapitels, der vorkanonisch unbezeugt ist, weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt sind (Verseröffnung πάντα δέ; εὐσχήμων; τάξις). Auch hier haben wir es folglich mit einem Produkt der kanonischen Redaktion zu tun, und der Vers hat vorkanonisch gefehlt. Kapitel 15 15,1 [2] 3-4 [5-10] 11-12 [13] 14 [15-20] 21-22 [23] 24 25 26 [27] 28: Über die Auferstehung der Toten? Diese Passage zu dem neuen Thema der Auferstehung der Toten ist vorkano‐ nisch durchgehend gut bezeugt und das Argument nachverfolgbar. Die kanonische Redaktion hat hier die einzelnen argumentativen Schritte leicht umgestellt, durch Weiterungen bearbeitet und auf Paulus hin personali‐ siert. Es fällt ist insbesondere die kanonische Digression (Verse 5-10) auf, 222 die das Apostelsein des Paulus anlässlich der Auferstehung Christi thematisiert und, auch wenn sie Paulus in die Auferstehungszeugen mit aufnimmt, diesen doch eindeutig Kephas, den Zwölfen und allen übrigen Aposteln als der letzte Zeuge nachordnet. Paulus selbst gesteht, dass er der „Letzte der Apostel“ ist, eine gegenüber der vorkanonischen Selbstpositionierung des Paulus in 500 Rekonstruktion <?page no="1379"?> *Gal 1,1 geradezu kontrastierende Stelle. Dann folgt eine zweite kanonische Digression (Verse 15-20), die sich mit der Ablehnung der Auferstehung der Toten auseinandersetzt. 15,1 Περὶ ἀναστάσεως νεκρῶν· Γνωρίζω δὲ ὑμῖν, ἀδελφοί, τὸ εὐαγγέλιον ὃ εὐηγγελισάμην ὑμῖν, 15,1 Γνωρίζω δὲ ὑμῖν, ἀδελφοί, τὸ εὐαγγέλιον ὃ εὐηγγελισάμην ὑμῖν, ὃ καὶ παρελάβετε, ἐν ᾧ καὶ ἑστήκατε, - 2 δι’ οὗ καὶ σῴζεσθε, τίνι λόγῳ εὐηγγελισάμην ὑμῖν εἰ κατέχετε, ἐκτὸς εἰ μὴ εἰκῇ ἐπιστεύσατε. 3 ὅτι Χριστὸς ἀπέθανεν, 3 παρέδωκα γὰρ ὑμῖν ἐν πρώτοις, ὃ καὶ παρέλαβον, ὅτι Χριστὸς ἀπέθανεν ὑπὲρ τῶν ἁμαρτιῶν ἡμῶν κατὰ τὰς γραφάς, 4 καὶ ἐτάφη καὶ ἐγήγερται μετὰ τρεῖς ἡμέρας, 4 καὶ ὅτι ἐτάφη, καὶ ὅτι ἐγήγερται τῇ ἡμέρᾳ τῇ τρίτῃ κατὰ τὰς γραφάς, - 5 καὶ ὅτι ὤφθη Κηφᾷ, εἶτα τοῖς δώδεκα· 6 ἔπειτα ὤφθη ἐπάνω πεντακοσίοις ἀδελφοῖς ἐφάπαξ, ἐξ ὧν οἱ πλείονες μένουσιν ἕως ἄρτι, τινὲς δὲ ἐκοιμήθησαν· 7 ἔπειτα ὤφθη Ἰακώβῳ, εἶτα τοῖς ἀποστόλοις πᾶσιν· 8 ἔσχατον δὲ πάντων ὡσπερεὶ τῷ ἐκτρώματι ὤφθη κἀμοί. 9 Ἐγὼ γάρ εἰμι ὁ ἐλάχιστος τῶν ἀποστόλων, ὃς οὐκ εἰμὶ ἱκανὸς καλεῖσθαι ἀπόστολος, διότι ἐδίωξα τὴν ἐκκλησίαν τοῦ θεοῦ· 10 χάριτι δὲ θεοῦ εἰμι ὅ εἰμι, καὶ ἡ χάρις αὐτοῦ ἡ εἰς ἐμὲ οὐ κενὴ ἐγενήθη, ἀλλὰ περισσότερον αὐτῶν πάντων ἐκοπίασα, οὐκ ἐγὼ δὲ ἀλλὰ ἡ χάρις τοῦ θεοῦ ἡ σὺν ἐμοί. 11 οὕτως κηρύσσομεν καὶ οὕτως ἐπιστεύσατε. 11 εἴτε οὖν ἐγὼ εἴτε ἐκεῖνοι, οὕτως κηρύσσομεν καὶ οὕτως ἐπιστεύσατε. 12 πῶς λέγουσιν ὑμῖν τινες ὅτι ἀνάστασις νεκρῶν οὐκ ἔστιν; 12 Εἰ δὲ Χριστὸς κηρύσσεται ὅτι ἐκ νεκρῶν ἐγήγερται, πῶς λέγουσιν ἐν ὑμῖν τινες ὅτι ἀνάστασις νεκρῶν οὐκ ἔστιν; - 13 εἰ δὲ ἀνάστασις νεκρῶν οὐκ ἔστιν, οὐδὲ Χριστὸς ἐγήγερται· 14 εἰ Χριστὸς οὐκ ἐγήγερται, μάταιον ἄρα καὶ τὸ κήρυγμα ἡμῶν. 14 εἰ δὲ Χριστὸς οὐκ ἐγήγερται, κενὸν ἄρα καὶ τὸ κήρυγμα ἡμῶν, κενὴ καὶ ἡ πίστις ὑμῶν, - 15 εὑρισκόμεθα δὲ καὶ ψευδομάρτυρες τοῦ θεοῦ, ὅτι ἐμαρτυρήσαμεν κατὰ τοῦ θεοῦ ὅτι ἤγειρεν τὸν Χριστόν, ὃν οὐκ ἤγειρεν εἴπερ ἄρα νεκροὶ οὐκ ἐγείρονται. 2 (1Kor) 501 <?page no="1380"?> 16 εἰ γὰρ νεκροὶ οὐκ ἐγείρονται, οὐδὲ Χριστὸς ἐγήγερται· 17 εἰ δὲ Χριστὸς οὐκ ἐγήγερται, ματαία ἡ πίστις ὑμῶν, ἔτι ἐστὲ ἐν ταῖς ἁμαρτίαις ὑμῶν. 18 ἄρα καὶ οἱ κοιμηθέντες ἐν Χριστῷ ἀπώλοντο 19 εἰ ἐν τῇ ζωῇ ταύτῃ ἐν Χριστῷ ἠλπικότες ἐσμὲν μόνον, ἐλεεινότεροι πάντων ἀνθρώπων ἐσμέν. 20 Νυνὶ δὲ Χριστὸς ἐγήγερται ἐκ νεκρῶν, ἀπαρχὴ τῶν κεκοιμημένων. 21 ἐπειδὴ δι’ ἀνθρώπου θάνατος, καὶ δι’ ἀνθρώπου ἀνάστασις νεκρῶν· 21 ἐπειδὴ γὰρ δι’ ἀνθρώπου θάνατος, καὶ δι’ ἀνθρώπου ἀνάστασις νεκρῶν· 22 ὥσπερ ἐν τῷ Ἀδὰμ ἀποθνῄσκουσιν, οὕτως καὶ ἐν τῷ Χριστῷ πάντες ζῳοποιηθήσονται. 22 ὥσπερ γὰρ ἐν τῷ Ἀδὰμ πάντες ἀποθνῄσκουσιν, οὕτως καὶ ἐν τῷ Χριστῷ πάντες ζῳοποιηθήσονται. - 23 ἕκαστος δὲ ἐν τῷ ἰδίῳ τάγματι· ἀπαρχὴ Χριστός, ἔπειτα οἱ τοῦ Χριστοῦ ἐν τῇ παρουσίᾳ αὐτοῦ· 24 ὅταν παραδιδῷ τὴν βασιλείαν τῷ θεῷ, ὅταν καταργήσῃ ἀρχὴν καὶ ἐξουσίαν καὶ δύναμιν. 24 εἶτα τὸ τέλος, ὅταν παραδιδῷ τὴν βασιλείαν τῷ θεῷ καὶ πατρί, ὅταν καταργήσῃ πᾶσαν ἀρχὴν καὶ πᾶσαν ἐξουσίαν καὶ δύναμιν. 25 δεῖ γὰρ αὐτὸν βασιλεύειν ἄχρι οὗ θῇ τοὺς ἐχθροὺς αὐτοῦ ὑπὸ τοὺς πόδας αὐτοῦ. 25 δεῖ γὰρ αὐτὸν βασιλεύειν ἄχρι οὗ θῇ πάντας τοὺς ἐχθροὺς ὑπὸ τοὺς πόδας αὐτοῦ. 26 ἔσχατος ἐχθρὸς καταργεῖται ὁ θάνατος· 26 ἔσχατος ἐχθρὸς καταργεῖται ὁ θάνατος· - 27 πάντα γὰρ ὑπέταξεν ὑπὸ τοὺς πόδας αὐτοῦ. ὅταν δὲ εἴπῃ ὅτι πάντα ὑποτέτακται, δῆλον ὅτι ἐκτὸς τοῦ ὑποτάξαντος αὐτῷ τὰ πάντα. 28 τότε αὐτὸς ὁ υἱὸς ὑποταγήσεται, ἵνα ᾖ ὁ θεὸς τὰ πάντα ἐν πᾶσιν. 28 ὅταν δὲ ὑποταγῇ αὐτῷ τὰ πάντα, τότε καὶ αὐτὸς ὁ υἱὸς ὑποταγήσεται τῷ ὑποτάξαντι αὐτῷ τὰ πάντα, ἵνα ᾖ ὁ θεὸς τὰ πάντα ἐν πᾶσιν. A. *15,1: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch./ elench. 24 (123. 171-172): Περὶ ἀναστάσεως νεκρῶν· γνωρίζω δὲ ὑμῖν, ἀδελφοί, τὸ εὐαγγέλιον, ὃ εὐηγγελισάμην ὑμῖν; Adam., Dial. V 6 (im Mund des Adamantius): γνωρίζω γὰρ ὑμῖν τὸ εὐαγγέλιον ὃ εὐηγγελισάμην ὑμῖν, ὃ καὶ παρελάβετε, ἐν ᾧ καὶ ἑστήκατε (Rufin: Notum autem uobis facio, fratres, euangelium. Quod euangelium? Quod euangelizaui uobis, quod et susceptistis, in quo et statis). ♦ *15,3: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch./ elench. 24 (123. 171-172): ὅτι Χριστὸς ἀπέθανεν (allerdings ist die Reihenfolge, in der 502 Rekonstruktion <?page no="1381"?> Epiphanius die Auszüge aus Kapitel 15 gibt, folgende: Vers 1, 14 oder 17, 11, 3-4); Adam., Dial. V 6 (im Mund des Adamantius): δι’ οὗ καὶ σῴζεσθε, τίνι λόγῳ εὐηγγελισάμην ὑμῖν εἰ κατέχετε, ἐκτὸς εἰ μὴ εἰκῇ ἐπιστεύσατε. 3 παρέδωκα γὰρ ὑμῖν ἐν πρώτοις, ὅτι Χριστὸς ἀπέθανεν ὑπὲρ τῶν ἁμαρτιῶν ἡμῶν (Rufin: per quod et salui efficiemini, qua ratione euangelizaui uobis si retinetis, nisi forte sine sausa credidistis. Tradidi enim uobis in primis quia Christus mortuus est pro peccatis nostris secundum scripturas). ♦ *15,4: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch./ elench. 24 (123. 171): καὶ ἐτάφη καὶ ἐγήγερται τῇ τρίτῃ ἡμέρᾳ; im Elenchus gibt er den Vers: καὶ ὅτι τῇ τρίτῃ ἡμέρᾳ ἐγήγερται κατὰ τὰς γραφάς); Adam., Dial. V 6 (im Mund des Adamantius): καὶ ὅτι ἐτάφη, καὶ ὅτι ἐγήγερται τῇ τρίτῃ ἡμέρᾳ (Rufin: et quia sepultus est et quia resurrexit tertia die). Kurz darauf wird dieser Text ibid. wiederholt, jedoch in folgender Form καὶ ἐτάφη καὶ τῇ τρίτῃ ἡμέρᾳ ἐγήγερται (Rufin: et sepultus et die tertia resurrexit). ♦ *15,11: Vgl. Tert., Adv. Marc. IV 4,5: Sive ego, inquit Paulus, sive illi, sic praedicamus; Epiph., Pan. 42, sch./ elench. 24 (123. 171-172): οὕτως κηρύσσομεν καὶ οὕτως ἐπιστεύσατε. ♦ *15,12: Vgl. Tert., Adv. Marc V 9,2: Mortuorum resurrectionem quomodo quidam tunc negarint prius dispiciendum est. ♦ *15,14: Epiph., Pan. 42, sch./ elench. 24 (123. 171-172): εἰ Χριστὸς οὐκ ἐγήγερται, μάταιον καὶ τὰ ἑξῆς. Adam., Dial. V 6 (im Mund des Adamantius): εἰ δὲ Χριστὸς οὐκ ἐγήγερται ἐκ νεκρῶν, φησί, κενὸν καὶ τὸ κήρυγμα, κενὴ καὶ ἡ πίστις ἡμῶν (Rufin: Si autem Christus non resurrexit a mortuis, inanis est praedicatio nostra, et uacua est fides uestra). ♦ 15,20: Vgl. Adam., Dial. V 6 (im Mund des Adamantius): ἀπαρχὴ τῶν κεκοιμημένων (Rufin: Primogenitus ex mortuis). ♦ *15,21-22: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 9,3: Nam et ipsum quod mortuorum resurrectio dicitur, exigit defendi proprietates vocabulorum. Ita vocabulum mortuum non est nisi quod amisit animam, de cuius facultate vivebat. Corpus est quod amittit animam et amittendo fit mortuum; ita mortui vocabulum corpori competit. Porro si resurrectio mortui est, mortuum autem non aliud est quam corpus, corporis erit resurrectio. Ibid. V 9,5: Quia per hominem mors, et per hominem resurrectio. Hic mihi et Christi corpus ostenditur in nomine hominis, qui constat ex corpore, ut saepe iam docuimus. Quodsi sic in Christo vivificamur omnes sicut mortificamur in Adam, quando in Adam corpore mortificemur, sic necesse est in Christo corpore vivificemur. Ceterum similitudo non constat si non in eadem substantia mortificationis in Adam, vivificatio concurrat in Christo. Sed interposuit adhuc aliquid de Christo, et propter praesentem disceptationem non omittendum. Vgl. auch Adam., Dial. V 6 (im Mund des Adamantius): ἐπειδὴ γὰρ δι’ ἀνθρώπου θάνατος, καὶ δι’ ἀνθρώπου ἀνάστασις νεκρῶν. ὥσπερ γὰρ ἐν τῷ Ἀδὰμ πάντες ἀποθνῄσκουσιν, οὕτω καὶ ἐν τῷ Χριστῷ πάντες ζῳοποιηθήσονται (Rufin: quia per hominem mors et per hominem resurrectio mortuorum. Sicut enim per Adam omnes moriuntur, ita et in Christo omnes uiuificabuntur). ♦ *15,25: Vgl. Tert. 2 (1Kor) 503 <?page no="1382"?> 223 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 90. 224 Vgl. Ibid. 226. 225 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 92*. 226 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 238. 227 Vgl. H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. Zuntz hält dies für eine falsche Lesart Markions, G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 238. Adv. Marc. IV 9,6: Cum dicit, Oportet enim regnare eum, donec ponat inimicos eius sub pedes eius. iam quidem et ex hoc ultorem deum edicit, atque exinde ipsum qui hoc Christo repromiserit: Sede ad dexteram meam donec ponam inimicos tuos scabellum pedum tuorum: virgam virtutis tuae emittet dominus ex Sion, et dominabitur in medio inimicorum tuorum tecum. Ibid. V 9,13: … ut confirmaverim et regni gloriam et inimicorum subiectionem. ♦ 15,27: Vgl. Ps 8,7b LXX: πάντα ὑπέταξας ὑποκάτω τῶν ποδῶν αὐτοῦ. ♦ *15,28: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 9,8: Sed nec, Generavi te, edixisset deus, nisi filio vero. Ibid. V 9,12: Benedictus dominus deus Israelis, qui facit mirabilia solus: Et benedicentur in illo universae gentes. In Salomone nulla natio benedicitur, in Christo vero omnis … benedictum nomen gloriae eius, et replebitur universa terra gloria eius. Ibid. V 9,13: subiecti utique pedibus ipsius-…. B. (15,2) Anstelle von εἰ κατέχετε findet man ὀφείλετε κατέχειν nach den Zeugen 06* .c , 010, 012, ar, b, t, vg ms , Ambst, ὀφείλετε im Indikativ, so dass der Ausdruck kein Imperativ darstellt. Zuntz (wie vor ihm Bentley und Klostermann) hält diese Variante für die ursprüngliche Lesart. 223 ♦ ὃ καὶ παρέλαβον … κατὰ τὰς γραφάς om Iren lat , Ambr, Abst, Hil, Vigil. 224 ♦ (15,14) Das in der kanonischen Form fehlende καί steht in den Zeugen 01*, 02, 06, 010, 012, 018, 025, 33, 81, 326, 1241, Epiph, om in P 46 , 01 2 , 03, 020, 044, 0243, 104, 365, 630, 1175, 1505, 1739, 1881, 2464, M, ar, b, d, sy, Ir lat , Ambst. ♦ (15,24) Anstelle von παραδιδῷ in P 46 , 01, 02, 06, 044, 0243, 0270, 1505, 1739, (03, 010, 012) findet sich die Variante παραδῷ in den Zeugen 018, 020, 025, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1881, 2464, M, latt. ♦ πᾶσαν und καὶ δύναμιν fehlen in Gregor Nyss, Did, worauf bereits Harnack hingewiesen hatte. 225 ♦ (15,25) Post ἄχρι οὗ add ἄν in 01 c2 . ♦ om πάντας in 010, 012, 044, Tert, Hil, Or lat . Das Fehlen hält Zuntz für eine falsche Lesart Markions. 226 ♦ Post ἐχθρούς add αὐτοῦ, so Tert, aber auch in den einschlägigen Zeugen 02, 010, 012, 33, 104, 629, f, g, r, vg mss , ar, sa, bo, go, sy p , Or, Eus, Did, Cyr, und in der altlateinischen Tradition liest man suos in 61, 64, 78 und eius in 77, und wird von NA 28 als markionitische Lesart bei Tert und Epiph gegeben. 227 ♦ (15,28) Post 504 Rekonstruktion <?page no="1383"?> 228 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 284. τότε add καί in 01, 02, 06 2 , 018, 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 2464, M, ar, f, r, vg cl , sy h , bo, Ambst ed , Pel ab und in der altlateinischen Tradition in 61, 64, 78; om 03, 06*, 010, 012, 0243, 33, 1175, 1739, b, vg st , sy p , sa bo ms , Ir lat . ♦ Post θεός add τά in 01, 06 1 , 010, 012, 018, 020, 025, 044, 075, 104, 365, 630, 1175, 1505, 1881, 2464, M; om 02, 03, 06*, 0243, 6, 33, 81, 1241, 1739. C. 1. (15,1) Hilgenfeld und Zahn sehen den bezeugten ersten Teil des Verses anwesend (ohne die Überschrift, die sich in Epiphanius findet), er rechnet auch mit dem zweiten Teil, ohne allerdings den Wortlaut zu geben. Harnack, der sich nicht nur auf Epiphanius stützt, sondern auch auf Adamantius, gibt den gesamten Vers: γνωρίζω δὲ ὑμῖν, ἀδελφοί, τὸ εὐαγγέλιον, ὃ εὐηγγελισάμην ὑμῖν, ὃ καὶ παρελάβετε, ἐν ᾧ καὶ ἑστήκατε. Schmid und BeDuhn beschränken sich für den bezeugten Text auf das Epiphaniuszitat (wieder ohne Überschrift). Hier kann wiederum nur der Vergleich der Lexeme weiterhelfen. M.E. ist jedoch auch mit der von Epiphanius bezeugten Überschrift zu rechnen. Denn sie entspricht der Überschrift in den früheren Kapiteln dieses Briefes (Περὶ τῶν γάμων, Kap. 7; Περὶ οὖν τῶν εἰδωλοθύτων, Kap. 8; Περὶ τῶν πνευματικῶν, Kap. 12), mit denen große Themenabschnitte eingeführt wurden. 2. (15,2-3) Hilgenfeld meint, die Verse 2-3 klängen in Epiphanius’ Refutatio an. Zahn sieht Vers 2 als unbezeugt, aber in irgendeiner Form vorhanden, Vers 3 sieht er in der kanonischen Form vorhanden. Harnack folgt dem Zeugnis des Adamantius. Schmid und BeDuhn sehen Vers 2 als unbezeugt und aus Vers 3 lediglich als bezeugt, was Epiphanius gibt: ὅτι Χριστὸς ἀπέθανεν. Nun konnten wir bereits in Vers 1 dem Zeugnis des Adamantius aufgrund der Lexik nicht folgen, und BeDuhn weist ausdrücklich darauf hin, „dass es keinen guten Grund für die Annahme gäbe, dass in diesem Stück des Werks Markions Text von Adamantius benutzt wurde“. 228 Doch worauf deutet der Vergleich der Lexeme hin? In seinem Elenchus gibt Epiphanius gar den ganzen Vers, auch mit κατὰ τὰς γραφάς. Auch hier stellt sich die Frage, ob der von Epiphanius und Adamantius gegebene Text zur vorkanonischen Fassung gehörte oder nicht. 3. (15,3) Auffallenderweise lässt dann Adamantius das ὃ καὶ παρέλαβον und κατὰ τὰς γραφάς aus, das sich auch von der Lexik her der kanonischen Ebene zuordnet. In Rufins lateinischer Übersetzung wird zwar das zweite Element übersetzt, doch das erste fehlt. NA 28 gibt keine Varianten. Allerdings hat schon Harnack darauf hingewiesen, dass ὃ καὶ παρέλαβον auch bei den Autoren Irenäus, Tertullian, Hilarius, Ambrosius, Ambrosiaster und anderen fehle. 229 Ihm stimmte Blackman zu. 230 Eine Liste von Vätern und altlateinischen 2 (1Kor) 505 <?page no="1384"?> 229 Vgl. A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 91*. 230 E.C. Blackman, Marcion and his influence (1948), 44. 168. 231 J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 111. 119-120. 232 Vgl. J.N. Birdsall, Review of Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul (1990), 633. 233 J.-Heilmann, „Kanonischer Text und historischer Paulus“ (2024), 881. 234 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 510. Zeugen werden von Clabeaux zum Zeugnis dafür angeführt, dass Markions Paulustext diese Worte nicht enthielt. 231 Diese Einschätzung der Zeugen wurde in manchen Punkten korrigiert von Birdsall. 232 BeDuhn verweist aber außer auf Adamantius auch auf Eusebius von Cäsarea, bei dem diese Worte fehlen. Wenn er jedoch schließt, dass diese Väterzeugnisse keine Bestätigung bieten für das Fehlen der Worte in Markions Text, gibt der Vergleich der Lexeme doch zusätzliches Gewicht dafür, dass auch der unbezeugte Teil von Vers 3 vorkanonisch gefehlt hat. J. Heilmann hebt hervor: „Hier ist bei der Edition der 14-Briefesammlung also nicht nur der Hinweis auf die Sündenvergebung und die Schrift hinzugekommen, sondern auch der gesamte Satz »denn ich überlieferte euch als erstes, was ich auch übernahm«. Durch die Ergänzung dieses Satzes wird Paulus in eine Traditionslinie mit den Jerusalemer Aposteln gestellt. Er wird näher an sie herangerückt - eine Tendenz, die sich auch in der Apostelgeschichte findet (vgl. Act 9,26-31; 11,29 f.; 12,25; 15; 21,17-22,26).“ 233 4. (15,4) Zahn sieht den Vers in der kanonischen Form präsent, fragt aber, ob er „abgekürzt“ sei. 234 Harnack folgt Adamantius und bietet als bezeugten Text: καὶ ὅτι ἐτάφη καὶ ὅτι ἐγήγερται τῇ τρίτῃ ἡμέρᾳ; Schmid notiert als Text καὶ (ὅτι) ἐτάφη καὶ (ὅτι) ἐγήγερται τῇ τρίτῃ ἡμέρᾳ …, und BeDuhn folgt in seiner Übersetzung diesem Vorschlag von Schmid. Dass Schmid τῇ τρίτῃ ἡμέρᾳ kursiv setzt und damit eine Unsicherheit bezüglich dieses Versteils andeutet, ist berechtigt. Denn, wie zuvor in A. gezeigt, besitzen wir als Bezeugung für den Vers zunächst nicht das Zeugnis Tertullians. Epiphanius erweist sich, wie in der Einleitung dargelegt, öfter als Zeuge, der vom kanonischen Text beeinflusst ist. An vorliegender Stelle und für den entsprechenden Passus bietet er verschiedene Versionen. Diese sind, wie seine Argumentation im Scholion ausdrücklich sagt, aus dem kanonischen Text genährt (ἐγὼ δὲ κατὰ τὰς γραφὰς ἀσφαλίζομαι ὑμᾶς, womit Markion und die seinen gemeint ist, die nämlich nicht den Schriften gemäß, sondern aus sich heraus, ἀφ’ ἑαυτῶν, hier gelehrt hätten). Das aber bedeutet, dass wir Epiphanius wohl als Zeugen dafür nehmen können, dass im vorkanonischen Text von der 506 Rekonstruktion <?page no="1385"?> 235 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 750. 236 Ibid. 750-751. Auferweckung in diesem Vers gesprochen wurde, der Wortlaut, den Epiphanius an beiden Stellen variiert gibt, sich jedoch aus dem kanonischen Text nährt. Dieser Umstand lässt die Frage offen, ob überhaupt eine Terminierung der Auferstehung vorkanonische gegeben wurde. Für die Rekonstruktion hilft uns die Lexik in C. wie die Beobachtung zu *Ev, wonach die Formulierung τῇ τρίτῃ ἡμέρᾳ der kanonischen Redaktion entspricht. Statt ihrer bieten einschlägige handschriftlichen Zeugen (und auch Epiphanius) für *Ev 9,22 μετὰ τρεῖς ἡμέρας. Wir dürfen darum auch an der vorliegenden Stelle mit dieser Formulierung rechnen, wenn es eine Zeitangabe hier gab. Die Bedeutung der verschiedenen Angabe, sei es „nach drei Tagen“ wie im vorkanonischen Text (übernommen auch in Mk 8,31) und der sonstigen kanonischen Gepflogenheit, „am dritten Tag“, hat M. Klinghardt erhellt: „Die Formulierung μ ε τ ὰ τρεῖς ἡμέρας aus *Ev-Mk passt nicht zu der jeweils narrativ entfalteten Chronologie von Grablegung und Auffindung des leeren Grabes am Ostermorgen: Sowohl für *Ev als auch für Mk ist klar, dass Jesus am Freitagabend begraben wurde (Mk 15,42f; *23,[54]56) und die Frauen das Grab bereits am Morgen des folgenden Sonntags leer fanden (Mk 16,1f; *24,1). Die hier vorausgesetzte Zeitspanne ist mit ‚nach drei Tagen‘ nicht angemessen beschrieben: Auch bei einer inklusiven Tageszählung kommt man bestenfalls auf ‚nach zwei Tagen‘.“ 235 Klinghardt verweist sodann auf die „Inkongruenz zwischen der besprochenen und der erzählten Zeit“ oder die zwischen „Passionschronologie“ und „Auferstehungsweissagung“, wie sie in *Ev (und Mk) vorliegt. Im Hintergrund, wie er aufzeigt, liegt das „aus der Danieltradition stammende“ apokalyptische Wochenschema, wonach Gottes letzter Prophet „vom Widersacher überwunden und getötet“, aber nach der halben Woche (3 ½) Tage „wieder auferweckt“ wird. Darum finden sich in verschiedenen Quellen (Commodian, Victorinus u. a.) der Hinweis auf vier Tage oder „nach drei Tagen“. Die Rede vom „dritten Tag“ weicht von dieser Vorlage ab, harmonisiert ingegen „die tatsächlich erzählte Ereignisfolge“ mit der Zeitangabe. 236 Die Beobachtungen decken sich mit der Feststellung, dass *Paulus an dieser Stelle übereinstimmend mit *Ev bewusst an die Danielweissagung kritisch anknüpft. Denn der gerettetete Prophet ist wie in der Danieltradition derjenige, der „Festzeiten und Gesetz“ ändert, „aber im Gegenteil zu Daniel nicht 2 (1Kor) 507 <?page no="1386"?> 237 M. Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (2022), 197. 238 Vgl. v.-a. Tert., Adv. Marc. V 1. kommt, um zu vernichten, nicht um Könige zu stürzen, und vor allem nicht, um Gericht zu halten“. 237 Nun bestätigt aber auch diese Bezeugung die Beobachtungen zum voranste‐ henden Vers, auch was die Übereinstimmung von Bezeugung und Lexik betrifft. Es lässt sich jedoch fragen, ob nicht das auch in Adamantius bezeugte zweima‐ lige Fehlen von ὅτι auf die kanonisch redaktionelle Tendenz der Duplikation zurückgeht. 5. (15,5-10) Nach allen Editoren sind diese Verse unbezeugt, auch wenn Zahn mit ihrer Präsenz in unbestimmbarer Form rechnet und Harnack auf 1Kor 1,28 hinweist und meint, der Begriff ἐλάχιστος dort sei aus Vers 9 hier entnommen worden, weshalb er folglich mit diesem Vers rechnet. Auch hier können nur Varianten und der Vergleich der Lexeme weitere Einsicht geben. Wie man dieser Übersicht nämlich entnehmen kann, hat diese Passage in der vorkanonischen Fassung gefehlt und geht insgesamt auf die kanonische Redaktion zurück. Es wäre auch ganz erstaunlich, wenn die Passage, die solche Autorität dem Petrus und dem Jakobus als Auferstehungszeugen zumisst und zugleich Paulus als „letzten der Apostel“ bezeichnet, dem Tertullian entgangen wäre, der daraus reiches Material gegen Markions Geringschätzung gegenüber diesen Aposteln hätte ziehen und damit der Überordnung des Paulus gegenüber den Aposteln durch Markion hätte widersprechen können. Vielmehr liest sich die Passage geradezu als Parallelargumentation zu derjenigen, die sich bei Tertullian diesbezüglich findet. 238 6. (15,5) Nachdem οἱ δώδεκα nur auf der kanonischen Ebene steht und im gesamten paulinischen Korpus sich die Zahl 12 nur an der vorliegenden Stelle findet, zeigt sich, dass wir es bei diesem Vers mit einer kanonischen Ergänzung zu tun haben, die die Stellung des Petrus als Erstzeugen untermauert. 7. (15,11) Hilgenfeld verweist darauf, dass Tertullian bereits in den Büchern I-III verschiedentlich auf diesen Vers wie auch auf die Verse 3. 4. 11. 13-14. 51-54 eingegangen sei. Zahn scheint nur die Epiphaniusbezeugung zu akzeptieren, weil er zwar mit Vers 11a rechnet, aber in unbestimmtem Wortlaut, während er Vers 11b im kanonischen Zuschnitt sieht. Harnack hingegen verweist auch auf das Tertullianreferat, doch als bezeugten Text nimmt auch er nur das von Epiphanius Gebotene. Dieser Wahl schließen sich Schmidt und BeDuhn an. Damit treffen die Editoren wohl das Richtige, weil Vers 11a narrativ die als der kanonischen Ebene zugeordneten Verse 5-10 voraussetzt und die Brücke zu ihnen bzw. einen Neueinsatz nach deren Digression darstellt. Letzteres legt sich 508 Rekonstruktion <?page no="1387"?> nahe, weil der Vers nach Epiphanius dem Vers 3 voransteht. Was den bezeugten Teil betrifft, stimmt hierzu auch der lexikographische Vergleich. Von Soden ist der Meinung, der Vers sei durch Epiphanius gar als abwesend bezeugt, doch steht die Gewohnheit, mit der Epiphanius nur Verse in den Scholien anführt, die er als präsent glaubt, gegen von Sodens Interpretation der Elenchuspassage. 8. (15,12) Hilgenfeld meint, Tertullian steige erst mit diesem Vers in seiner Kommentierung ein, auch wenn er in früheren Büchern (vgl. zum voranste‐ henden Vers) bereits auf voranstehende Verse eingegangen sei. Zahn sieht den Text bezeugt in der kanonischen Form, Harnack erkennt in Tertullian lediglich eine Anspielung auf folgenden Text: πῶς λέγουσιν τινες ὅτι ἀνάστασις νεκρῶν οὐκ ἔστιν. Schmid sieht ihn nur als Paraphrase, so dass er keinen Wortlaut vorschlägt, doch BeDuhn legt seiner Übersetzung folgenden Text zugrunde: [πῶς-…] λέγουσιν ἐν ὑμῖν τινες ὅτι ἀνάστασις [τῶν] νεκρῶν οὐκ ἔστιν. Grundsätzlich sind diese Überlegungen wohl korrekt, die Vers 12a in der vorkanonischen Version nicht für präsent halten, wie man auch aus der Argu‐ mentation des Epiphanius in seinem Elenchus zum Scholion 24 ersehen kann, der eben nicht mit Vers 12a, sondern mit den diese Gedanken aufgreifenden Versen 13-14 kontert. Dies wäre nicht notwendig gewesen, hätte er auf Vers 12a zurückgreifen können. 9. (15,13-14) Hier ist bereits die Bezeugung unter den Editoren umstritten. Zahn nimmt diese Bezeugung nicht für die Verse 13-14, die er zwar präsent sieht, aber im Wortlaut unbestimmt, sondern für Vers 17, so auch Harnack. Allerdings ergänzt Harnack Vers 14 aus Adam., Dial. V 6. Meyboom nimmt das Zeugnis des Epiphanius für Vers 14 und verweist auf die Variante μάταιον. Schmid ist unentschlossen und gibt als möglichen Bezug die Verse 14 und 17, BeDuhn zieht Epiphanius zurate und optiert als Bezug für Vers 14, da er in dem Neutrum μάταιον einen Bezug zu τὸ κήρυγμα sieht, auch wenn er zugibt, dass das μάταιον vom Begriff her eher zu ματαία aus Vers 17 stimmen würde. Er ergänzt sodann aus dem Elenchus den Vers 13. Allerdings übersieht dies, dass Epipha‐ nius ausdrücklich die Version des Markion der eigenen Gegenargumentation entgegensetzt und sich brüstet, κατὰ τὰς γραφάς zitieren zu können und zu wollen. Diese Zitate lassen sich folglich nicht zur Rekonstruktion heranziehen, vielmehr gibt die zunächst kurios wirkende Umstellung der zitierten Verse den Hinweis für die Rekonstruktion. Epiphanius hat das Scholion 24 eröffnet mit dem Zitat aus 1Kor 15,1 (Γνωρίζω δὲ ὑμῖν, ἀδελφοί, τὸ εὐαγγέλιον ὃ εὐηγγελισάμην ὑμῖν), dem lässt er das umstrit‐ tene Zitat (εἰ Χριστὸς οὐκ ἐγήγερται, μάταιον καὶ τὰ ἑξῆς) nachfolgen, welches gefolgt wird von Vers 11 (οὕτως κηρύσσομεν καὶ οὕτως ἐπιστεύσατε). Dass 2 (1Kor) 509 <?page no="1388"?> 239 Vgl. hierzu M.D. Goulder, Luke. A New Paradigm (1989), 482. *Paulus mit Vers 11 eine Antwort geben will, die dem καὶ τὰ ἑξῆς entspricht, ist aber nur sinnvoll als Ergänzung zu Vers 14 (κενὸν ἄρα καὶ τὸ κήρυγμα ἡμῶν, κενὴ καὶ ἡ πίστις ὑμῶν), nicht zu Vers 17 (ματαία ἡ πίστις ὑμῶν, ἔτι ἐστὲ ἐν ταῖς ἁμαρτίαις ὑμῶν). BeDuhn sieht also wohl richtig, dass eine Anspielung auf Vers 14 und kaum auf Vers 17 vorliegt, auch wenn man die Hinzunahme von Vers 13, wie BeDuhn aus dem Elenchus vorschlägt, nicht übernehmen wird. Das eingangs von Vers 14 in der kanonischen Version stehende δέ, das bei Epiphanius fehlt, setzt Vers 13 voraus, wird also auch wie dieser Vers zu der kanonischen Ebene gehören. 10. (15,15-20) Alle Editoren nehmen an, dass die Verse 15-19 unbezeugt sind, wobei Hilgenfeld die Verse 17-18 bei Epiphanius anklingen hört, BeDuhn vielleicht an Verse 18-20 als Implikate von καὶ τὰ ἑξῆς des Epiphanius denkt, vgl. zum voranstehenden Vers die Lexik. Die Ausnahme stellt für Zahn, Harnack und Schmid, der zwischen Versen 14 und 17 als Referenz schwankt, nur Vers 17 dar, vgl. hierzu aber die Ausführungen in C. 9. Die Passage liest sich auch wie eine Vertiefung und z.T. Duplikation dessen, was bereits ausgeführt wurde, letzteres ein Merkmal der kanonischen Redak‐ tion. Bezüglich Vers 20 gehen die Meinungen der Editoren auseinander. Zahn sieht den Vers unbezeugt, aber irgendwie präsent, Harnack verweist auf Adam., Dial. V 6. Schmid lässt dieses Zeugnis nicht gelten, und BeDuhn ist skeptisch, da der Vers „nicht direkt bezeugt“ sei, erinnert aber, wie bemerkt, an Epiphanius’ καὶ τὰ ἑξῆς, doch in seiner Übersetzung ignoriert er den Vers. Der lexikalische Überblick unten zeigt, dass all diese Verse aufgrund ihrer Lexik, der Duplikation der Inhalte und dem narrativen Zusammenhang der kanonischen Redaktion zugehören. Dazu passt, dass Tert., Adv. Marc. V 9,2 in der Diskussion genau an diesem Punkt weiter ausholt, wenn er schreibt: ceterum corpora aut ignibus statim aut feris aut etiam diligentissime condita temporibus tamen aboleri manifestum est. Si ergo carnis resurrectionem negantes apostolus retundit, utique adversus illos tuetur quod illi negabant, carnis scilicet resurrectionem. Tertullian muss einen Widerspruch des *Paulus gegen die Leugnung der Auferstehung der Toten gelesen haben, wie dieser ihn in Vers 14 formuliert hatte. Die Passage gibt also keinen weiteren Aufschluss zu den Versen 15-20. 11. (15,21-28) Die Passage der Verse 21-28 erinnert an *Ev 10,17-20. 239 12. (15,21-22) Dieser Text wird von keinem der Editoren herangezogen, doch folgt er unmittelbar auf die Diskussion, die sich wohl auf Vers 14 bezogen hat und bietet den Ausdruck (quod dicitur; vocabulum) mortuorum resurrectio, den 510 Rekonstruktion <?page no="1389"?> Harnack etwa bei Tertullian vermisste. Dieser Ausdruck steht dann aber in dem von Tertullian bezeugten Vers 21, den dadurch alle Editoren als präsent sehen. Dieser Vers wird von dem Nachfolgevers 22, der ebenfalls von allen Editoren als präsent betrachtet wird, weitergeführt. Als Bezeugung verweisen die Editoren erst auf die spätere Stelle Tert., Adv. Marc. V 9,5. Doch auch die Diskussion in ibid. V 9,4 ist von Relevanz, zeigt sie doch, wie linguistisch Tertullian hier mit dem „re-“ (Griechisch ἀνα-) argumentiert: Sic et resurrectionis vocabulum non aliam rem vindicat quam quae cecidit. Surgere enim potest dici et quod omnino non cecidit, quod semper retro iacuit. Resurgere autem non est nisi eius quod cecidit; iterum enim surgendo, quia cecidit, resurgere dicitur. RE enim syllaba iterationi semper adhibetur. Nach einem Verweis auf das Gesetz führt Tertullian dann in V 9,5 aus: Quia per hominem mors, et per hominem resurrectio. Hic mihi et Christi corpus ostenditur in nomine hominis, qui constat ex corpore, ut saepe iam docuimus. Quodsi sic in Christo vivificamur omnes sicut mortificamur in Adam, quando in Adam corpore mortificemur, sic necesse est in Christo corpore vivificemur. Ceterum similitudo non constat si non in eadem substantia mortificationis in Adam, vivificatio concurrat in Christo. Sed interposuit adhuc aliquid de Christo, et propter praesentem disceptationem non omittendum. Vgl. auch Adam., Dial. V 6 (im Mund des Adamantius): ἐπειδὴ γὰρ δι’ ἀνθρώπου θάνατος, καὶ δι’ ἀνθρώπου ἀνάστασις νεκρῶν. ὥσπερ γὰρ ἐν τῷ Ἀδὰμ πάντες ἀποθνῄσκουσιν, οὕτω καὶ ἐν τῷ Χριστῷ πάντες ζῳοποιηθήσονται (Rufin: quia per hominem mors et per hominem resurrectio mortuorum. Sicut enim per Adam omnes moriuntur, ita et in Christo omnes uiuificabuntur). Hilgenfeld führt lediglich an, dass Tertullian die Verse 21 und 22 berücksich‐ tige, gibt aber nicht die präzise Stelle an, auf die er sich bezieht. Harnack verweist darauf, dass das mortuorum nicht mehr wiederholt wird. Zahn sieht die Verse 21-22 in der kanonischen Form präsent, Harnack meint hingegen, unter Berück‐ sichtigung von Tertullian und Rufins Übersetzung des Adamantiusdialogs sei folgender Text bezeugt: ἐπειδὴ γὰρ δι’ ἀνθρώπου θάνατος, καὶ δι’ ἀνθρώπου ἀνάστασις νεκρῶν: ὥσπερ γὰρ διὰ τοῦ Ἀδὰμ πάντες ἀποθνῄσκουσιν, οὕτω καὶ ἐν τῷ Χριστῷ πάντες ζῳοποιηθήσονται. Schmid liest stärker an den kanonischen Text angelehnt, aber auch stärker Tertullian berücksichtigend: ἐπειδὴ (γὰρ) δι’ ἀνθρώπου (ὁ) θάνατος, καὶ δι’ ἀνθρώπου ἀνάστασις (νεκρῶν): ὥσπερ (γὰρ) ἐν τῷ Ἀδὰμ (πάντες) ἀποθνῄσκουσιν, οὕτως (καὶ) ἐν τῷ Χριστῷ πάντες ζῳοποιηθήσονται. Ihm schließt sich BeDuhn mit seiner Übersetzung an, wobei er in Vers 22 weder πάντες noch καὶ in Klammern setzt. Wie bereits öfters bemerkt, werden gerade für die vorkanonische Fassung bezeugte Verse oder Passagen wie diese beiden hier von der Forschung als 2 (1Kor) 511 <?page no="1390"?> 240 So wird 1Kor 15,21-22 als Interpolation angesehen von J.C. O’Neill, Glosses and Interpolations in the Letters of St. Paul (1982), 384-385. 241 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 286. 242 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 92*. 243 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), 801; M. Klinghardt, The Oldest Gospel and the Formation of the Canonical Gospels (2021), 888. spätere Interpolationen betrachtet. Darin spiegelt sich das Gespür für die inhaltliche oder auch lexikalische Differenz, wenn sich auch hier herausstellt, dass es sich wohl nicht um Interpolationen handelt, sondern vielmehr um den vorkanonischen Text, der vom kanonischen Kontext absticht. 240 13. (15,23-24) Was die Bezeugung dieser beiden Verse anbetrifft, gehen die Meinungen der Editoren auseinander. Zahn sieht sie als nicht bezeugt, aber in irgendeiner Form präsent. Harnack verweist auf Adam., Dial. V 6, wo an das oben zu den Versen 21-22 Zitierte unmittelbar an ζῳοποιηθήσονται angeschlossen wird: ἀπαρχὴ Χριστός (Rufin: et initium Christus), etwas später in ibid. V 7 gefolgt von: ἀπαρχὴ Χριστός, ἔπειτα οἱ τοῦ Χριστοῦ (Rufin: Initium Christus, deinde hi qui sunt Christi). Schmid lehnt Adamantius als Zeugen ab, so auch BeDuhn, der Harnacks Evidenz als „unzureichend“ zurückweist. 241 14. (15,25) Hilgenfeld notiert, dass Tertullian Vers 25 bezeuge. Zahn nimmt die kanonische Form des Verses an, fragt lediglich, ob aufgrund von Tertullian das πάντας gefehlt habe. Harnack denkt an zwei mögliche Versionen: δεῖ γὰρ αὐτὸν βασιλεύειν ἄχρι οὗ θῇ τοὺς ἐχθροὺς ὑπὸ τοὺς πόδας αὐτοῦ oder δεῖ γὰρ αὐτὸν βασιλεύειν ἄχρι οὗ πάντες οἱ ἐχθροὶ αὐτοῦ ὑπὸ τοὺς πόδας αὐτοῦ θῶνται. Letztere leitet er aus Eznik von Kolb ab: „Ferner das andere Wort des Apostels, welches richtig gesprochen ist, untergraben sie: Wenn er alle Herrschaften und Mächte zerstört haben wird, muß er herrschen, bis daß alle seine Feinde unter seine Füße gestellt sind“. Er hält diese Variante möglicherweise für „die ursprüngliche Marcionitische Lesart“, gegründet auf den Gedanken, „Jesus keine kriegerische Handlungen beizulegen“ und darum „zum Subjekt von v. 24 den Weltschöpfer gemacht“ zu haben, „während in v. 25 Jesus Subjekt ist“. 242 Außerdem sieht er eine „frappierende“ Übereinstimmung mit einer Wortveränderung in Lk 12,46. Zu letzterer aber schreibt Klinghardt, dass diese Überlegungen „nicht nachvoll‐ ziehbar“ seien und „sich das vermeintliche Wissen über Marcions theologische Interessen verselbständigt“ habe. 243 Dennoch gilt Harnacks Beobachtung, dass das Subjekt in dem verbleibenden Satz von Vers 24 nicht Gott sein kann, folglich muss der Weltschöpfer Subjekt des Satzes sein, der die Mächte bekämpft 512 Rekonstruktion <?page no="1391"?> und schließlich seine Herrschaft Gott übergibt, d. h. dass dieser Weltschöpfer herrscht, bis er dem wahren Gott seine Feinde unter die Füße gelegt hat. Schmid gibt als bezeugten Text: δεῖ γὰρ αὐτὸν βασιλεύειν ἄχρι(ς) οὗ θῇ (πάντας) τοὺς ἐχθροὺς ὑπὸ τοὺς πόδας αὐτοῦ. BeDuhn schließt sich Schmid an und lässt das πάντας beiseite. 15. (15,26-28) Nach allen Editoren sind die Verse 26-28 unbezeugt, auch wenn Zahn irgendwie mit deren Präsenz rechnet und BeDuhn Vers 26 übersetzt, den Text aber in Klammern setzt. Waren die Verse abwesend? 16. (15,28) Ein wichtiger Hinweis wurde bislang übersehen. Tertullian gibt in Adv. Marc. V 10,1 selbst zu, dass er zuvor eine Digression gemacht hat, indem er die Benutzung der Schrift verteidigt, die ihm von den „Juden“ versagt werde (Adv. Marc. V 9,7: Sed necesse est ad meam sententiam pertinere defendam eas scripturas quas et Iudaei nobis avocare conantur). Doch geht er dabei nicht nur auf solche Texte ein, die seines Erachtens stützen, dass die von ihm vorgebrachten Parallelen zum Gedanken der Unterwerfung der Feinde unter die Füße auch auf Christus hin geschrieben wurden, sondern er fährt fort mit Stellen, die auch die Zeugung und Geburt Christi als des „wahren Sohnes“ betreffen, Adv. Marc. V 9,8: Sed nec, Generavi te, edixisset deus, nisi filio vero. Dieser Gedanke hat nun aber nichts mehr mit den Aussagen zu Christus aus den vorausgegangenen Versen zu tun, sondern kann vielmehr inspiriert sein von Vers 28, wo ausdrücklich von αὐτὸς ὁ υἱός die Rede ist und dessen Verhältnis zu Gott. Dass wir hier nicht übersensibel sind für Tertullians Anspielungen, zeigt auch der nächste Gedanke in der Digression, Adv. Marc. V 9,12, in welchem Tertullian auf „alle Nationen“ zu sprechen kommt, das sich nicht auf Salomo beziehen kann, sondern sich auf Christus richtet, weil in ihm vero omnis gesegnet sei. Auch in der Abfolge zeigt sich, dass Tertullian hier das Ende von Vers 28 im Auge hat (τὰ πάντα ἐν πᾶσιν) und, wie er gleich danach (Adv. Marc. V 9,13) zeigt (subiecti utique pedibus ipsius), auch auf das Unterwerfen in diesem Vers anspielt. Die weitere Anspielung im selben Abschnitt (ut confirmaverim et regni gloriam et inimicorum subiectionem) geht nicht auf Vers 27, sondern Vers 25, weil nur dort von der Unterwerfung „der Feinde“ die Rede ist. Der narrative Zusammenhang spricht zunächst eher gegen eine Präsenz der Verse 27-28 im vorkanonischen Text, und sie erscheinen als Digression. Denn der wieder bezeugte Vers 29 nimmt unmittelbar Bezug auf die Leugnung der Auferstehung der Toten, hat also keinen Bezug zum „Sohn“, zum „letzten Feind“, zur „Unterwerfung“ usw., sondern knüpft an *1Kor 15,12 an und führt die Anfrage dieser Kritiker in *1Kor 15,35 weiter. Allerdings erklärt sich die Digression Tertullians vielleicht auch gerade durch die Digression des *Paulus, und, wie gezeigt, spricht die dreifache Bezugnahme und Anspielung auf Vers 2 (1Kor) 513 <?page no="1392"?> 28 („der Sohn“, „alles“, „Unterwerfung“) dafür, dass er durch Vers 28 zu seinen Ausführungen angeregt wurde. Vers 28 wird ihm darum vorgelegen sein. Dieser Vers rundet auch narrativ die voranstehenden Vers 25-26 ab, ein Thema, worauf Tertullian am Ende selbst noch anspielt. D. (15,1) Die unbezeugte Verseröffnung γνωρίζω + δέ ὑμῖν δὲ ὑμῖν, ἀδελφοί findet sich noch 1 weiteres Mal, ebenfalls auf kanonischer Ebene, 2Kor 8,1. ♦ ἀνάστασις steht 44 / 42 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *1Kor 15,12. 21. 42 ♦ Die Formel γνωρίζω δὲ ὑμῖν bzw. Γνωρίζω δέ steht nur hier. ♦ εὐαγγέλιον steht 79 / 76 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,6; 2,2. 14; *1Kor 4,15; 9,14; 15,1; *Röm 1,16; 2,16; *Laod 1,13; 6,15; *Kol 1,5; *2Thess 1,8. ♦ εὐαγγελίζομαι steht 58 / 54 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,9. 16; *1Kor 15,1; *Laod 2,17. Zum nicht mehr bezeugten Versteil: παραλαμβάνω steht 54 / 50 Mal im NT, aus‐ schließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ὃ καί, das 11 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 11,30; 26,10; 1Kor 11,23; 15,1. 3; Gal 2,10; Kol 1,29; 4,3; 2Thess 1,11; 2,14; 1Petr 2,8) und ist ein typisch kanonischer Anschluss, mit dem Hinzufügungen zum vorkanonischen Text angebunden werden (Anschluss an die vorkanonische Version: Gal 2,10; 1Kor 15,1. 3). ♦ ἵστημι, das 191 / 154 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 13,1; *Röm 10,3; *Laod 6,11. ♦ ἐν ᾧ καί steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, 1Petr 3,19. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius, auch dieser Vers ist ein Vorzeigebeispiel für die Übereinstimmung von Bezeugung bzw. fehlender Bezeugung und Lexik. Während der bezeugte Teil Lexik aufweist, die weiter vorkanonisch bezeugt ist, weist der unbezeugte Teil verschiedene Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (παραλαμβάνω; ὃ καί). Der unbezeugte Teil ist folglich ein Produkt der ka‐ nonischen Redaktion und hat im vorkanonischen Text gefehlt. (15,2) δι’ οὗ καί steht nur hier. ♦ σῴζω ist 112 / 107 Mal im NT belegt, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 21; 5,5; *2Thess 2,10. ♦ τίνι (Dat. Fem. / Mask. / Neut. Sg.) steht 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,19. ♦ τίνι λόγῳ steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, Apg 10,29. ♦ ὀφείλω steht 42 / 35 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 11,7. 10. ♦ κατέχω steht 19 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 4,42 und *Röm 1,18. ♦ ἐκτός, das sich 9 / 8 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ εἰκῇ, das 7 / 6 Mal im NT steht, begegnet nur auf der kanonischen Ebene (Mt 5,22; Röm 13,4; 1Kor 15,2; Gal 3,4; 4,11; Kol 2,18). ♦ πιστεύω, das 265 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt 514 Rekonstruktion <?page no="1393"?> 244 M. Klinghardt, The Oldest Gospel and the Formation of the Canonical Gospels (2021), 1275; A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 240*; M. Vinzent, Der Schluß des Lukasevangeliums bei Markion (2002), 84. für *Ev und *1Kor 1,21; 15,11; *Röm 1,16; 10,4; *2Thess 2,12; *Laod 1,13, vgl. auch Vers 11. Zur Abwesenheit: Auch wenn der Vers vorkanonisch nicht bezeugt ist, könnte der erste Teil des Verses der Lexik nach vorkanonisch vorhanden gewesen sein. Narrativ zwingend ist er nicht und, da sich der unbezeugte erste Teil von Vers 3 als kanonisch-redaktionell herausstellt, wird auch Vers 2 vorkanonisch gefehlt haben, denn nur so schließt sich der bezeugte Versteil 3 grammatisch an Vers 1 an. Vers 2 geht also auf die kanonische Redaktion zurück, was mit zwei ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Termini gestützt wird (ἐκτός; εἰκῇ). (15,3) παραδίδωμι steht 134 / 119 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,5, findet sich jedoch im Sinne von Traditionsweitergabe nur auf der kanoni‐ schen Ebene. ♦ πρῶτος (ohne πρώτον), das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,45. 47, vgl. weiter unten die Verse 45. 47. ♦ παραλαμβάνω wurde bereits zum voranstehenden Vers als ausschließlich für die kanonische Ebene vermerkt, obwohl das Verb 54 Mal im NT begegnet. ♦ Die Formulierung ἐν πρώτοις ist nur hier belegt. ♦ ἀποθνήσκω, das 119 / 111 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur selten bezeugt, nämlich für *Ev 20,36; *1Kor 15,3. 22; *Röm 5,6. ♦ ὑπὲρ τῶν ἁμαρτιῶν steht bereits in Gal 1,3 mit demselben Wortlaut auf der kanonischen Ebene. Dem entspricht, dass auch die kanonische Redaktion in Lk 24,50 ein ἄφεσιν ἁμαρτιῶν εἰς eingeschoben hat, was Klinghardt herausgehoben und womit Harnack und auch meine eigene frühere Position zu Recht korrigiert hat. 244 ♦ ἡ γραφή als Begriff der kanonischen Redaktion, vgl zu Gal. 4,30. Zur Rekonstruktion: Bei diesem Vers, in welchem nur der letzte Teil vorkano‐ nisch bezeugt ist, fällt wiederum eine Übereinstimmung zwischen Lexik und Bezeugung bzw. fehlender Bezeugung auf. Zwar hätte auch der erste Teil (παρέδωκα γὰρ ὑμῖν ἐν πρώτοις) vielleicht vorkanonisch stehen können, doch er bietet eine gewisse Duplikation des Inhalts von Vers 1 und unterbricht den Anschluss von Vers 3 an Vers 1. (15,4) Die Kombination καὶ ὅτι steht 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 8,4. ♦ θάπτω begegnet nur 11 Mal im NT, ist aber vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 9,60. ♦ ἐγείρω, das 169 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 15,4. 14. 17. 29. 35. 44; *Röm 8,11; *Laod 1,20; 5,14. ♦ τρίτος, 2 (1Kor) 515 <?page no="1394"?> das 62 / 56 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *2Kor 12,2. ♦ Die Wendung τῇ ἡμέρᾳ τῇ τρίτῃ steht 3 Mal im NT (Lk 18,33, in einem Vers, der in *Ev fehlt: τῇ ἡμέρᾳ τῇ τρίτῃ ἀναστήσεται; Joh 2,1; 1Kor 15,4), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die von Epiphanius gegebene Variante τῇ τρίτῃ ἡμέρᾳ steht 7 Mal im NT (3 Mal Mt; Lk 9,22, wo im Parallelvers in *Ev μετὰ τρεῖς ἡμέρας steht; Lk 24,7. 46; Apg 10,40), ebenfalls auf der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Auch bei diesem Vers stimmen Bezeugung bzw. fehlender Bezeugung und Lexik überein. Der Versbeginn wurde offenkundig durch die kanonische Redaktion überarbeitet, das unbezeugte κατὰ τὰς γραφάς ist eben‐ falls kanonisch-redaktionelle Ergänzung. Zu bemerken ist die sich aus der Bemerkung des Epiphanius, wonach der den kanonischen Text zitiert, aber einen anders lautenden vorkanonischen Text voraussetzt, und die von ihm und einschlägigen Zeugen bezeugte abweichende Lesart für *Ev 9,22 (μετὰ τρεῖς ἡμέρας), die folglich auch für den vorliegenden Vers anzunehmen ist. (15,5) Die Kombination καὶ ὅτι steht 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 8,4. ♦ Obwohl das Verb ὁράω 754 / 449 Mal im NT belegt ist, ist doch die Aoristform ὤφθη von besonderem Interesse, denn sie begegnet immerhin 18 Mal im NT, auch in Lk 1,11; 22,43; 24,34, steht jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu Κηφᾶς als der kanonisch beliebten Bezeichnung des Petrus vgl. Gal 1,18. ♦ Die Bezeichnung οἱ δώδεκα, die 86 Mal im NT begegnet, steht nur auf der kanonischen Ebene, besonders bezeichnend sind Lk 8,1; 9,1, 18,31; 22,3 wegen der Abweichungen zu *Ev an diesen Stellen. Zur Abwesenheit: Dieser kurze, vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen (καὶ ὅτι; ὤφθη; οἱ δώδεκα). Da die kanonische Form ὤφθη gleich viermal in unserem Kapitel 15 begegnet (1Kor 15,5. 6. 7. 8), ansonsten nur noch ein Mal im paulinischen Briefkorpus steht (1Tim 3,16) und ansonsten noch Mt 17,3; Mk 9,4; Apg 7,2. 26. 30; 13,31; 16,9; Apk 11,19; 12,1. 3, spricht schon dieser Befund dafür, dass dieser und die folgenden Verse zur kanonischen Ebene gehören und vorkanonisch gefehlt haben. (15,6) Die Kombination τὸ δέ (Nom.) steht 31 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröff‐ nung, vorkanonisch bezeugt im Vers: *Ev 11,39; *2Kor 3,6; *Röm 8,10; *Kol 2,17, vgl. zu Gal 4,25. ♦ ἔπειτα, das 17 / 16 Mal im NT steht, davon 8 Mal als Verseröffnung, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 1,18. ♦ Auch hier steht wieder das ὤφθη der kanonischen Redaktion. ♦ πεντακόσια ist nicht minder interessant, denn es steht im NT nur noch ein Mal, in Lk 7,41, ausgerechnet an einer Stelle (Lk 7,41-43), die Klinghardt mit guten Gründen (inhaltliche Spannung zu den 516 Rekonstruktion <?page no="1395"?> 245 Vgl. M. Klinghardt, The Oldest Gospel and the Formation of the Canonical Gospels (2021), 654. 659-661. nachfolgenden Versen, fehlende Bezeugung im Unterschied zu diesen nachfolgenden Versen usw.) aus *Ev ausgeschieden hat. 245 ♦ ἐπάνω steht 22 / 19 Mal im NT, vorka‐ nonisch bezeugt für *Ev 10,19. ♦ ἐφάπαξ steht 5 Mal, nur auf der kanonischen Ebene (Röm 6,10; 1Kor 15,6; Hebr 7,27; 9,12; 10,10). ♦ Das Personalpronomen ὧν, das 78 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; *2Thess 2,10. ♦ Der Komparativ πλείων ist ebenfalls auffallend, weil er ausgerechnet in Lk an derselben Stelle gleich zwei Mal begegnet, die wir anlässlich dieses Verses hier schon betrachtet haben: Lk 7,42. 43. Dann findet er sich wieder zwei Mal in Lk 11,31. 32, auch hier an einer Stelle, von der dieses Mal Epiphanius berichtet, dass diese Stelle in *Ev nicht zu finden ist. In *Ev 12,23 ist das Wort nicht bezeugt (pace Klinghardt z.St.). πλείων, das 66 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,5. ♦ μένω ist ein sehr beliebter Begriff im NT mit 131 Belegen, vorkanonisch ist er selten bezeugt, steht aber *Ev 11,28; *1Kor 7,11. ♦ ἄρτι ist bereits mehrfach aufgefallen und, obwohl der Begriff 40 / 36 Mal im NT begegnet, steht er ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ τινες (Nom. Fem. / Mask. Pl.), das 79 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 10,7; *Phil 1,15, vgl. weiter die Verse 12. 34. ♦ κοιμάω, das 20 / 18 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. Zur Abwesenheit: Wie bereits zu Vers 5 notiert, stützt auch bei diesem vor‐ kanonisch unbezeugten Vers die Lexik dessen Fehlen in der vorkanonischen Version. Eine ganze Reihe von Elementen begegnet, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung τὸ δέ; ἔπειτα; ὤφθη; πεντακόσια; ἐφάπαξ; ἄρτι; κοιμάω). (15,7) ἔπειτα, das 17 / 16 Mal im NT steht, davon 8 Mal als Verseröffnung, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 1,18. ♦ Auch steht wieder ὤφθη der kanonischen Redaktion. ♦ Ἰάκωβος, das sich 51 / 42 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,9. ♦ Die Form τοῖς ἀποστόλοις steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (3 Mal Apg; Röm 16,7; 1Kor 15,7). ♦ πᾶσιν, das 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6, vgl. weiter unten Vers 28. Zur Abwesenheit: Man vergleiche den Kommentar zum voranstehenden Vers und bemerke die ausschließlich kanonisch belegten Elemente (ἔπειτα; ὤφθη; τοῖς ἀποστόλοις). (15,8) ἔσχατος steht 60 / 52 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,59; *1Kor 15,45. ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur ein Mal für einen Brief 2 (1Kor) 517 <?page no="1396"?> 246 So ibid. 1177. bezeugt, den die Forschung Paulus zuschreibt (*Röm 12,18), dann auffallenderweise gleich drei Mal in *Deuteropaulinen (*Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17), vgl. weiter unten zu den Versen 10 und 19. ♦ ὡσπερεί ist Hapax legomenon im NT. ♦ Wieder steht ὤφθη der kanonischen Redaktion. ♦ Auch ἔκτρωμα ist Hapax legomenon im NT. ♦ κἀμοί steht nur noch auf der kanonischen Ebene (Lk 1,3; Joh 17,6; Apg 8,19; 10,28). Zur Abwesenheit: Auch hier gilt, was zu den voranstehenden Versen vermerkt wurde, die ausschließlich kanonischen Elemente sind ὤφθη; κἀμοί. (15,9) Die Formel ἐγὼ γάρ εἰμι begegnet noch 1 weiteres Mal im NT, Lk 1,18, in einem Vers, der in *Ev fehlt. ♦ Die kürzere Kombination ἐγὼ γάρ steht 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,17, doch als Verseröffnung findet sie sich 6 Mal, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 21,15; Apg 9,16; 1Kor 11,23; 15,9; Gal 2,19; 2Tim 4,6). ♦ Verbform εἰμί, die 130 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,8, vgl. weiter Vers 10. ♦ ἐλάχιστος findet sich bereits *1Kor 1,28, doch, wenn Harnack meinte, der Begriff sei von Vers 9 in das frühere Kapitel gekommen, kann die Bezugnahme auch umgekehrt sein, und der Begriff könnte ebenso gut von dort hier eingetragen worden sein. ♦ Die Kombination ὃς οὐκ steht 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 14,33; 21,6; 2 Mal Apg; 1Kor 10,13; 15,9; Gal 3,10; Hebr 7,16. 27; 1Joh 4,6). ♦ ἱκανός, das 45 / 39 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. Deshalb hat bereits Klinghardt den Begriff als typisches Merkmal der kanonischen Redaktion bezeichnet. 246 ♦ διότι, das 26 / 23 Mal im NT steht, ist auch vorkanonisch bezeugt (*Ev 21,28). ♦ διώκω steht 47 / 45 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,12; *Gal 6,12. ♦ Der Ausdruck ἐκκλησία τοῦ θεοῦ steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. Gal 1,13. Zur Abwesenheit: Auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elemente auf (ἐγὼ γάρ εἰμι; davon ἐγὼ γάρ als Verseröffnung; ὃς οὐκ; ἱκανός; ἐκκλησία τοῦ θεοῦ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (15,10) Die Form χάριτι steht 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 1,4. ♦ Zur Verbform εἰμί vgl. zuvor zu Vers 9. ♦ κενός, das 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,2; *Kol 2,8. ♦ Die alternative Lesart πτωχός, die 38 / 34 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,9. ♦ Die Kombination οὐ κενή + γίγνομαι steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in 1Thess 2,1. ♦ περισσότερον / περισσότερος, das 13 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,26. ♦ Die Grundform περισσός, die 6 Mal im NT 518 Rekonstruktion <?page no="1397"?> steht, findet sich ausschließlich für die kanonischen Ebene bezeugt. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15, vgl. weiter Vers 29. ♦ Zu πάντων vgl. zuvor zu Vers 8 und weiter unten zu Vers 19. ♦ Zu κοπιάω, das 26 / 23 Mal im NT steht, bemerke man die Textdifferenz zwischen *Ev 12,27, wo der Begriff nicht begegnet und Lk 12,27, wo er zu finden ist. Überhaupt steht der Begriff nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination οὐκ ἐγώ steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 7,10. ♦ σύν, das 136 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,14; *Gal 2,3; 5,24; *Thess 4,17; *Kol 2,13; 3,3. 4; *Phil 1,23. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers fallen wiederum Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (χάριτι; οὐ κενή + γίγνομαι; κοπιάω; οὐκ ἐγώ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (15,11) Zum nicht bezeugten Versteil: Die Eröffnung εἴτε οὖν steht nur noch ein Mal, in 1Kor 10,31, ebenfalls auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Plural ἐκεῖνοι steht 16 Mal im NT, in Lk 12,38, wo der Begriff fehlt, und in Lk 13,4, in einem Vers, der als ganzer in *Ev fehlt, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,6. Zum bezeugten Versteil: οὕτως steht 221 / 208 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,2; *1Kor 7,7; 15,11. 22. 42; *Röm 5,21. ♦ κηρύσσω, das 63 / 61 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,2 und *1Kor 1,23; 15,11; *2Kor 4,5. ♦ Zu πιστεύω vgl. zuvor zu Vers 2. Zur Rekonstruktion: Die vorkanonisch unbezeugte Verseröffnung weist auf die kanonische Ebene hin, allerdings wird der zweite Versteil von Epiphanius bezeugt und ist von Tertullian gestützt, dieser Teil wird demnach vorkanonisch gestanden sein. (15,12) Zum unbezeugten Versanfang: Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ Εἰ δὲ Χριστός steht 4 Mal im NT, immer als Versanfang und ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 8,10; 1Kor 15,12. 14. 17. ♦ κηρύσσω, das 63 / 61 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,2 und *1Kor 1,23; 15,11; *2Kor 4,5. Zum bezeugten Versteil: πῶς, das 109 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,35, vgl. weiter unten Vers 35. ♦ Die Verbform λέγουσιν steht 63 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 17,21. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ τινες (Nom. Fem. / Mask. Pl.), vgl. zuvor zu Vers 6 und weiter Vers 34. ♦ ἀνάστασις steht 44 / 42 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,12. 21. 42. ♦ νεκρός, 2 (1Kor) 519 <?page no="1398"?> das 138 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch reichlich bezeugt für *Ev und *Paulus. ♦ Die Wendung ἐκ νεκρῶν steht 44 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,31; 20,35; *Röm 7,4; 8,11; *Laod 1,20, vgl. zu Gal 1,1. Zur Rekonstruktion: Wie in C. näher dargelegt und durch die Lexik gestützt, wird der unbezeugte Versanfang auf die kanonische Redaktion zurückgehen, der Rest des Verses wird so oder ähnlich im vorkanonischen Text gestanden sein. (15,13) Die Verseröffnung dupliziert hier die kanonische des voranstehenden Verses auf derselben Ebene. ♦ Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 5,18. ♦ Zu ἀνάστασις vgl. zuvor Vers 12 und weiter die Verse 21. 42. ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. Zur Abwesenheit: Auch wenn bei diesem Vers lexikalisch nicht viel zu erheben ist, verraten doch die Duplikationen (Verseröffnung; ἀνάστασις νεκρῶν οὐκ ἔστιν), dass es sich um ein Produkt der kanonischen Redaktion handelt. Der vorkanonisch unbezeugte Vers wird folglich vorkanonisch gefehlt haben. (15,14) Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ μάταιος, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 3,20. ♦ Die Variante κενός, die 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,2; *Kol 2,8. ♦ ἄρα καί steht nur noch zwei weitere Male im NT (Apg 11,18; 1Kor 15,18), an der zweiten Stelle wird es wohl auch vorkanonisch gestanden sein. ♦ κήρυγμα steht 10 / 9 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 1,21. ♦ Die Formulierung ἡ πίστις ὑμῶν begegnet 7 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2,5. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius, das gestützt wird von der Lexik. Da es bei Epiphanius am Ende μάταιον καὶ τὰ ἑξῆς heißt, muss er mehr gelesen haben, was er nicht mehr zitiert. Lexikalisch legt sich nahe, dass nur das oben vorkanonisch gestanden war. (15,15) εὑρίσκω steht 198 / 176 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Phil 2,7. ♦ Die Verseröffnung εὑρισκόμεθα δέ steht als solche 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 13,46; Lk 24,2, wo Klinghardt an deren Stelle ἐλθοῦσαι δὲ εὗρον schreibt; Joh 12,14; Apg 9,33; 17,6, wo μή vorangesetzt ist; 1Kor 15,15). ♦ Die Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ψευδομάρτυς findet sich insgesamt 3 Mal im NT und begegnet 520 Rekonstruktion <?page no="1399"?> sonst nur auf der kanonischen Ebene (Mt 26,60. 61). ♦ μαρτυρέω, das 90 / 76 Mal im NT steht, ist vorkanonisch ein Mal bezeugt (*Röm 10,2). ♦ Das Nomen μαρτυρία, das sich 39 / 37 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 13,1. ♦ μάρτυς, das 39 / 35 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 13,1. ♦ κατὰ τοῦ θεοῦ steht 1 weiteres Mal, Mt 26,63. ♦ εἴπερ steht 7 / 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 8,5. ♦ ἄρα steht 52 / 49 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,20; *Gal 4,31; *1Kor 15,14. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers befinden sich gerade in dem Teil, der nicht vorkanonisches Wortmaterial aus der voranstehenden Diskussion wiederholt, Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen (εὑρισκόμεθα δέ; δὲ καί; ψευδομάρτυς; κατὰ τοῦ θεοῦ). Der Vers wird folglich auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (15,16) Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröffnung, als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. ♦ Eine wortnahe Duplikation von Vers 14a. Siehe dort zu den Le‐ xemen. Duplikation wurde bereits oft als Merkmal der kanonischen Redaktion vermerkt. Zur Abwesenheit: Wegen des Charakters einer Duplikation wird dieser vorkanonisch unbezeugte Vers wohl auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (15,17) Wie der Vers zuvor ist auch dieser eine wortnahe Duplikation von Vers 14b. ♦ Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ ἔτι, das 96 / 93 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,15; *Röm 5,6. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19. Zur Abwesenheit: Vgl. die Diskussion in C. 10 und wegen der Duplikation gilt wie zum voranstehenden Vers, dass auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers auf die kanonische Redaktion zurückgehen dürfte und vorkanonisch gefehlt hat. (15,18) ἄρα steht 52 / 49 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,20; *Gal 4,31; *1Kor 15,14. ♦ Auch die Kombination ἄρα καί wurde gerade vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,14. ♦ κοιμάω, das 20 / 18 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Wendung ἐν Χριστῷ begegnet nicht in *Ev, ist allerdings „encheiristisch“ vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4; *2Kor 2,17; 3,14; 5,17; *1Thess 4,15; *Laod 2,10. 13; *Phil 1,13, vgl. zur encheiristischen Semantik den Kommentar zu 1Kor 2 (1Kor) 521 <?page no="1400"?> 247 Vgl. S.-210. 1,4. 247 ♦ ἀπόλλυμι, das 107 / 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 19; *Röm 2,12. Zur Abwesenheit: Hier könnte man schwanken, weil nur ein Terminus (κοιμάω) nicht vorkanonisch bezeugt ist. Auch narrativ könnte er in den Kontext passen, wenn er auch nicht notwendig für die Argumentation ist. Da der Vers jedoch eingebunden ist in einen Kontext von Versen, die sich als kanonisch herausge‐ stellt haben, wird wohl auch dieser Vers zur kanonischen Produktion gehört und vorkanonisch gefehlt haben. (15,19) Die Kombination εἰ ἐν steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,12. ♦ ζωή begegnet 142 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,22; *2Kor 4,10; 5,4; *Röm 5,21; 8,10. ♦ Die Kombination ζωή + ταῦτα steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐν Χριστῷ vgl. die Bemerkung zum voranstehenden Vers 18. ♦ ἐλπίζω, das 32 / 31 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch in *Ev 6,34; 24,21. ♦ Die Verbform ἐσμέν, die 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; *Laod 2,10. ♦ μόνον, das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,10; *1Kor 7,39. ♦ ἐλεεινός steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene (Apk 3,17). ♦ ἐλεεινότερος ist Hapax legomenon im NT. ♦ Zu πάντων vgl. zuvor zu den Versen 8 und 10, ebenfalls auf der kanonischen Ebene stehend. ♦ Die Kombination πᾶς + ἄνθρωπος steht 23 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 5,3. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ζωή + ταῦτα; ἐλεεινός; πάντων; πᾶς + ἄνθρωπος). Auch dieser Vers wird ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (15,20) Die Satzeröffnung νυνὶ δέ steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,13. ♦ Die Wendung ἐκ νεκρῶν steht 44 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,31; 20,35; *Röm 7,4; 8,11; *Laod 1,20, vgl. zu Gal 1,1. ♦ ἀπαρχή begegnet 9 Mal im NT und ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ κοιμάω, das 20 / 18 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. Zur Abwesenheit: In diesem vorkanonisch unbezeugten Vers stehen zwei zentrale Begriffe, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἀπαρχή; κοιμάω). Auch dieser Vers wird auf die kanonische Redaktion zurück‐ gehen und vorkanonisch gefehlt haben. 522 Rekonstruktion <?page no="1401"?> (15,21) ἐπειδή, das 11 / 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,21. 22, *1Kor 15,21. ♦ Die Kombination ἐπειδὴ γάρ steht hier wie in 1Kor 1,21 jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ Der Ausdruck δι’ ἀνθρώπου, der in diesem Vers gleich 2 Mal steht - es gibt also auch gelegentlich Duplikationen auf der vorkanonischen Ebene -, findet sich überhaupt nur an dieser Stelle und noch 1 weiteres Mal, vorkanonisch wiederum bezeugt für *Gal 1,1; der Begriff gehört damit zum Urgestein der vorkanonischen Lexik. ♦ Zu ἀνάστασις vgl. zuvor die Verse 12. 13 und weiter Vers 42. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das durch die Lexik gestützt wird, wir rühren mit δι’ ἀνθρώπου gar an typisch vorkanonische Ausdrucksweise. Der Vers wird, wie gegeben, vorkanonisch gestanden sein. (15,22) ὥσπερ, das 43 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,22; *Röm 5,21. ♦ Die auf der kanonischen Ebene stehende Satzeröffnung ὥσπερ γάρ, die 13 Mal im NT zu finden ist, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene (4 Mal Mt; Lk 17,24; 2 Mal Joh; Röm 5,19; 6,19; 11,30; 1Kor 11,12; 15,22; Jak 2,26), mit einer Ausnahme, Röm 6,19, immer als Satzeröffnung. ♦ Ἀδάμ, der 9 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch nur an dieser Stelle hier bezeugt. ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3. ♦ ἀποθνήσκω, das 119 / 111 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,36 und *1Kor 15,3. 22; *Röm 5,6. ♦ Die Wendung ἐν τῷ Χριστῷ steht 6 Mal im NT (1Kor 15,22; 2Kor 2,14; Eph 1,10. 12. 20; 3,11), vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 15,22; *Laod 1,12. 20. ♦ ζωοποιέω steht 12 / 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,45; *2Kor 3,6; *Röm 8,11. Zur Rekonstruktion: Auch bei diesem Vers folgt der Text dem Zeugnis Tertul‐ lians, das von der Lexik gestützt wird. (15,23) ἕκαστος findet sich 87 / 82 Mal im NT und ist auch vorkanonisch bezeugt für *Ev 4,40; *1Kor 7,7; *1Thess 4,4. ♦ Die Kombination ἕκαστος δέ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 3,8. ♦ ἴδιος, das 123 / 114 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,41; *Gal 6,9; *1Kor 7,7; *1Thess 2,15. ♦ τάγμα ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἀπαρχή, das 9 Mal im NT steht, wurde bereits im voranstehenden Vers 22 als Begriff der kanonische Ebene benannt. ♦ ἔπειτα, das 17 / 16 Mal im NT steht, davon 8 Mal als Verseröffnung, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 1,18. ♦ παρουσία steht 24 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,15; 5,23. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist mehrere Ele‐ mente auf, die ausschließlich für die kanonische Ebene belegt sind (ἕκαστος 2 (1Kor) 523 <?page no="1402"?> δέ; ἀπαρχή; ἔπειτα). Er ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (15,24) εἶτα steht 16 / 15 Mal im NT und ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ τέλος findet sich 43 / 40 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,11; *Röm 10,4. ♦ ὅταν steht 128 / 123 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,54; *Kol 3,4. ♦ παραδίδωμι, das 134 / 119 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,5. ♦ Von βασιλεία (τοῦ) θεοῦ ist vorkanonisch die Rede in *Ev 10,11; *Gal 5,21; *1Kor 15,50, jedoch extrem verhalten, während die Wendung auf der kanonischen Ebene, wie die Einleitung zeigt, ein zentrales Thema darstellt, gerade auch in Verbindung mit der Zerstörung von anderen Herrschaften und Mächten. ♦ Die Wendung τῷ θεῷ καὶ πατρί steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Eph 5,20. ♦ καταργέω, das 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15 und vielleicht *2Kor 3,11. 13. ♦ πᾶσαν, das 53 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. weiter unten zu Vers 30. ♦ ἀρχή findet sich 67 / 55 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,25 = *Laod 1,21; *Laod 3,10. ♦ ἐξουσία steht 112 / 102 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,8; *Kol 1,16. ♦ δύναμις findet sich 128 / 119 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18; 12,10; 15,43; *2Kor 4,7; 12,9; *Röm 1,16; *2Thess 1,7; 2,9. Zur Rekonstruktion: Der Anfang des Verses deutet darauf hin, dass dieser vorkanonisch unbezeugte Vers ein Produkt der kanonischen Redaktion ist. Es begegnen nämlich Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (εἶτα; πᾶσαν; τῷ θεῷ καὶ πατρί). Da der nachfolgend bezeugte Vers 25 den Inhalt von Vers 24 durch die Erläuterung des Herrschens teilweise voraussetzt, muss dieser jedoch in irgendeiner Form vorkanonisch gestanden sein, offenkundig jedoch redaktionell bearbeitet. Da der nur kanonisch belegte Anfang den Anschluss an den voranstehenden kanonischen Vers 23 bildet, wird dieser vorkanonisch gefehlt haben. Ebenso wohl die maximalisierenden beiden πᾶσαν. Von der Formel τῷ θεῷ καὶ πατρί wird in Vers 28 nur „Gott“ aufgegriffen, vielleicht hat also auch nur τῷ θεῷ ursprünglich gestanden. Harnack scheint damit wohl richtig zu sehen, dass Subjekt in diesem Vers nicht Gott sein kann, sondern der Weltenschöpfer. (15,25) Die Verseröffnung δεῖ γάρ steht 6 Mal im NT (davon 4 Mal als Verseröffnung: 1Kor 11,19; 15,25. 53; Tit 1,7; zusätzlich in Mt 24,6; Lk 21,9), vorkanonisch wieder bezeugt für *1Kor 15,53. ♦ αὐτόν, das 841 Mal im Neuen Testament steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 2,16; 15,25l *2Thess 2,4; *Laod 1,20; *Kol 1,20. ♦ βασιλεύω steht 21 Mal im NT und ist auch vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,21. ♦ ἄχρι, das 55 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,25; *2Kor 3,14. ♦ ἄν steht 205 / 167 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25 524 Rekonstruktion <?page no="1403"?> und *1Kor 2,8. ♦ τίθημι, das 110 / 100 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,10. 11; 12,18. 28; 15,25. ♦ Das vorkanonisch fehlende πάντας, das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch lediglich bezeugt für *Ev 13,28; *2Kor 5,10; *Laod 3,9. ♦ Das Verb und Adjektiv ἐχθρός steht 39 / 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,27; *Gal 5,20; *Laod 2,16 und *Kol 1,21. ♦ Zu πούς, das 97 / 93 Mal im NT steht, vgl. weiter Vers 27. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das auch durch die Lexik gestützt wird. (15,26) ἔσχατος, das 60 / 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,59; *1Kor 4,9; 15,45. ♦ ἐχθρός steht 39 / 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,27; *Gal 5,20; *Laod 2,16; *Kol 1,21. ♦ καταργέω, das 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15 und vielleicht *2Kor 3,11. 13. ♦ θάνατος steht 124 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 15,21. Diese Bezeugungen sind an dieser Stelle jedoch nicht verwunderlich, weil der Vers hier die Verse 21-25 aufgreift und weiterführt. Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Vers vorkanonisch nicht bezeugt ist, spricht doch die Lexik für seine vorkanonische Präsenz. Auch narrativ schließt der Vers gut an den letzten bezeugten Vers 25 gut an. (15,27) πάντα γάρ, auch als Verseröffnung, begegnet nur noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Mt 6,32. ♦ ὑποτάσσω steht 46 / 38 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,20; *1Kor 14,32; *Röm 10,3: *Laod 1,22; 5,21. ♦ Zu πούς vgl. zuvor zu Vers 25. ♦ εἴπῃ, das in dieser Aoristform 21 Mal im NT steht, begegnet jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ δῆλος, das 5 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐκτός, das sich 9 / 8 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung πάντα γάρ; εἴπῃ; δῆλος; ἐκτός). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (15,28) Die Eröffnung ὅταν δέ steht 21 Mal im NT (17 Mal als Verseröffnung), vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,54; *Kol 3,4. ♦ ὑποταγή, das 5 / 4 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,5. ♦ τὰ πάντα steht 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 8,6; *Laod 1,10; 3,9; *Kol 1,20. ♦ τότε, das 164 / 160 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,54, vgl. weiter Vers 54. ♦ αὐτός (Nom. Mask. Sg.), das 153 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 2,14; *Kol 1,17. ♦ Die Wendung αὐτὸς ὁ υἱός steht nur hier. ♦ ὑποτάσσω steht 46 / 38 Mal 2 (1Kor) 525 <?page no="1404"?> im NT, und ist vorkanonisch bezeugt, vgl. zum voranstehenden Vers 27. ♦ πᾶσιν, das 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6. ♦ Die Wendung τὰ πάντα ἐν πᾶσιν steht nochmals in Eph 1,23. Zur Rekonstruktion: Im Unterschied zu dem nichtbezeugten voranstehenden Vers, bietet der teilweise bezeugte Vers hier eine Lexik, die anderwärts vorka‐ nonisch bezeugt ist. Der Vers wird, wie gegeben, vorkanonisch gestanden sein. 15,29 [30-34] 35-55 [56] 57 [58]: Verschlungen ist der Tod vom Sieg Die vorliegende vorkanonische Passage ist durchgehend gut bezeugt und wurde von der kanonischen Redaktion nur durch eine größere Digression erweitert. Sie führt wiederum Paulus personalisierend Paulus ein, kommt auf Ephesus zu sprechen und ermahnt die Zuhörer emphatisch nicht zu sündigen, ein Thema, das auf der kanonischen Ebene nochmals in Vers 56 aufgegriffen wird. Der Personalisierung entspricht auch der kanonische Schluss in Vers 58. 29 τί ποιήσουσιν οἱ βαπτιζόμενοι ὑπὲρ τῶν νεκρῶν; εἰ ὅλως νεκροὶ οὐκ ἐγείρονται, τί καὶ βαπτίζονται ὑπὲρ τῶν νεκρῶν; 29 Ἐπεὶ τί ποιήσουσιν οἱ βαπτιζόμενοι ὑπὲρ τῶν νεκρῶν; εἰ ὅλως νεκροὶ οὐκ ἐγείρονται, τί καὶ βαπτίζονται ὑπὲρ αὐτῶν; - 30 τί καὶ ἡμεῖς κινδυνεύομεν πᾶσαν ὥραν; 31 καθ’ ἡμέραν ἀποθνῄσκω, νὴ τὴν ὑμετέραν καύχησιν, ἀδελφοί, ἣν ἔχω ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν. 32 εἰ κατὰ ἄνθρωπον ἐθηριομάχησα ἐν Ἐφέσῳ, τί μοι τὸ ὄφελος; εἰ νεκροὶ οὐκ ἐγείρονται, Φάγωμεν καὶ πίωμεν, αὔριον γὰρ ἀποθνῄσκομεν. 33 μὴ πλανᾶσθε· Φθείρουσιν ἤθη χρηστὰ ὁμιλίαι κακαί. 34 ἐκνήψατε δικαίως καὶ μὴ ἁμαρτάνετε, ἀγνωσίαν γὰρ θεοῦ τινες ἔχουσιν· πρὸς ἐντροπὴν ὑμῖν λαλῶ. 35 Ἀλλ’ ἐρεῖ τις, Πῶς ἐγείρονται οἱ νεκροί; ποίῳ δὲ σώματι ἔρχονται; 35 Ἀλλ’ ἐρεῖ τις, Πῶς ἐγείρονται οἱ νεκροί; ποίῳ δὲ σώματι ἔρχονται; 36 Ἄϕρων, σὺ ὃ σπείρεις οὐ ζῳοποιεῖται ἐὰν μὴ πρῶτον ἀποθάνῃ· 36 ἄφρων, σὺ ὃ σπείρεις οὐ ζῳοποιεῖται ἐὰν μὴ ἀποθάνῃ· 37 καὶ ὃ σπείρεις, οὐ τὸ σῶμα τὸ γεννησόμενον σπείρεις ἀλλὰ γυμνὸν κόκκον σίτου ἤ τινος τῶν λοιπῶν· 37 καὶ ὃ σπείρεις, οὐ τὸ σῶμα τὸ γενησόμενον σπείρεις ἀλλὰ γυμνὸν κόκκον εἰ τύχοι σίτου ἤ τινος τῶν λοιπῶν· 38 ὁ θεὸς δίδωσιν αὐτῷ σῶμα καθὼς ἠθέλησεν, καὶ ἑκάστῳ τῶν σπερμάτων ἴδιον σῶμα. 38 ὁ δὲ θεὸς δίδωσιν αὐτῷ σῶμα καθὼς ἠθέλησεν, καὶ ἑκάστῳ τῶν σπερμάτων ἴδιον σῶμα. 526 Rekonstruktion <?page no="1405"?> 39 οὐ πᾶσα σὰρξ ἡ αὐτὴ σάρξ, ἄλλη μὲν σὰρξ ἀνθρώπου, ἄλλη δὲ σὰρξ κτηνῶν, ἄλλη δὲ σὰρξ πτηνῶν, ἄλλη δὲ ἰχθύων. 39 οὐ πᾶσα σὰρξ ἡ αὐτὴ σάρξ, ἀλλὰ ἄλλη μὲν ἀνθρώπων, ἄλλη δὲ σὰρξ κτηνῶν, ἄλλη δὲ σὰρξ πτηνῶν, ἄλλη δὲ ἰχθύων. 40 καὶ σώματα ἐπουράνια, καὶ σώματα ἐπίγεια· ἀλλὰ ἑτέρα μὲν ἡ τῶν ἐπουρανίων δόξα, ἑτέρα δὲ ἡ τῶν ἐπιγείων. 40 καὶ σώματα ἐπουράνια, καὶ σώματα ἐπίγεια· ἀλλὰ ἑτέρα μὲν ἡ τῶν ἐπουρανίων δόξα, ἑτέρα δὲ ἡ τῶν ἐπιγείων. 41 ἄλλη δόξα ἡλίου, καὶ ἄλλη δόξα σελήνης, καὶ ἄλλη δόξα ἀστέρων. 41 ἄλλη δόξα ἡλίου, καὶ ἄλλη δόξα σελήνης, καὶ ἄλλη δόξα ἀστέρων· ἀστὴρ γὰρ ἀστέρος διαφέρει ἐν δόξῃ. 42 Οὕτω καὶ ἡ ἀνάστασις τῶν νεκρῶν. σπείρεται ἐν φθορᾷ, ἐγείρεται ἐν ἀφθαρσίᾳ· 42 Οὕτως καὶ ἡ ἀνάστασις τῶν νεκρῶν. σπείρεται ἐν φθορᾷ, ἐγείρεται ἐν ἀφθαρσίᾳ· 43 σπείρεται ἐν ἀτιμίᾳ, ἐγείρεται ἐν δόξῃ· σπείρεται ἐν ἀσθενείᾳ, ἐγείρεται ἐν δυνάμει· 43 σπείρεται ἐν ἀτιμίᾳ, ἐγείρεται ἐν δόξῃ· σπείρεται ἐν ἀσθενείᾳ, ἐγείρεται ἐν δυνάμει· 44 σπείρεται σῶμα ψυχικόν, ἐγείρεται σῶμα πνευματικόν. 44 σπείρεται σῶμα ψυχικόν, ἐγείρεται σῶμα πνευματικόν. εἰ ἔστιν σῶμα ψυχικόν, ἔστιν καὶ πνευματικόν. 45 οὕτως καὶ γέγραπται· Ἐγένετο ὁ πρῶτος ἄνθρωπος Ἀδὰμ εἰς ψυχὴν ζῶσαν· ὁ ἔσχατος κύριος εἰς πνεῦμα ζῳοποιοῦν. 45 οὕτως καὶ γέγραπται, Ἐγένετο ὁ πρῶτος ἄνθρωπος Ἀδὰμ εἰς ψυχὴν ζῶσαν· ὁ ἔσχατος Ἀδὰμ εἰς πνεῦμα ζῳοποιοῦν. 46 ἀλλ’ οὐ πρῶτον τὸ πνευματικὸν. 46 ἀλλ’ οὐ πρῶτον τὸ πνευματικὸν ἀλλὰ τὸ ψυχικόν, ἔπειτα τὸ πνευματικόν. 47 ὁ πρῶτος ἄνθρωπος ἐκ γῆς χοϊκός, ὁ δεύτερος ὁ κύριος ἐξ οὐρανοῦ ὁ οὐράνιος. 47 ὁ πρῶτος ἄνθρωπος ἐκ γῆς χοϊκός, ὁ δεύτερος ἄνθρωπος ἐξ οὐρανοῦ. 48 οἷος ὁ χοϊκός, τοιοῦτοι καὶ οἱ χοϊκοί, καὶ οἷος ὁ ἐπουράνιος, τοιοῦτοι καὶ οἱ ἐπουράνιοι· 48 οἷος ὁ χοϊκός, τοιοῦτοι καὶ οἱ χοϊκοί, καὶ οἷος ὁ ἐπουράνιος, τοιοῦτοι καὶ οἱ ἐπουράνιοι· 49 καὶ καθὼς ἐφορέσαμεν τὴν εἰκόνα τοῦ χοϊκοῦ, φορέσωμεν καὶ τὴν εἰκόνα τοῦ ἐπουρανίου. 49 καὶ καθὼς ἐφορέσαμεν τὴν εἰκόνα τοῦ χοϊκοῦ, φορέσομεν καὶ τὴν εἰκόνα τοῦ ἐπουρανίου. 50 Τοῦτο γάρ φημι, ἀδελφοί, ὅτι σὰρξ καὶ αἷμα βασιλείαν θεοῦ οὐ κληρονομήσουσιν, οὐδὲ ἡ φθορὰ τὴν ἀφθαρσίαν κληρονομεῖ. 50 Τοῦτο δέ φημι, ἀδελφοί, ὅτι σὰρξ καὶ αἷμα βασιλείαν θεοῦ κληρονομῆσαι οὐ δύναται, οὐδὲ ἡ φθορὰ τὴν ἀφθαρσίαν κληρονομεῖ. 51 ἰδοὺ μυστήριον ὑμῖν λέγω· πάντες μὲν ἀναστησόμεθα, οὐ πάντες δὲ ἀλλαγησόμεθα, 51 ἰδοὺ μυστήριον ὑμῖν λέγω· πάντες οὐ κοιμηθησόμεθα, πάντες δὲ ἀλλαγησόμεθα, 2 (1Kor) 527 <?page no="1406"?> 52 οἱ νεκροὶ ἀναστήσονται ἄφθαρτοι, καὶ ἡμεῖς ἀλλαγησόμεθα ἐν ἀτόμῳ, ἐν ῥοπῇ ὀφθαλμοῦ. 53 δεῖ γὰρ τὸ φθαρτὸν τοῦτο ἐνδύσασθαι ἀφθαρσίαν καὶ τὸ θνητὸν τοῦτο ἐνδύσασθαι ἀθανασίαν. 52 ἐν ἀτόμῳ, ἐν ῥιπῇ ὀφθαλμοῦ, ἐν τῇ ἐσχάτῃ σάλπιγγι· σαλπίσει γάρ, καὶ οἱ νεκροὶ ἐγερθήσονται ἄφθαρτοι, καὶ ἡμεῖς ἀλλαγησόμεθα. 53 δεῖ γὰρ τὸ φθαρτὸν τοῦτο ἐνδύσασθαι ἀφθαρσίαν καὶ τὸ θνητὸν τοῦτο ἐνδύσασθαι ἀθανασίαν. 54 ὅταν δὲ τὸ θνητὸν τοῦτο ἐνδύσηται ἀθανασίαν, τότε γενήσεται ὁ λόγος ὁ γεγραμμένος, Κατεπόθη ὁ θάνατος εἰς νῖκος. 55 ποῦ σου, θάνατε, τὸ νῖκος; ποῦ σου, θάνατε, τὸ κέντρον; 54 ὅταν δὲ τὸ φθαρτὸν τοῦτο ἐνδύσηται ἀφθαρσίαν καὶ τὸ θνητὸν τοῦτο ἐνδύσηται ἀθανασίαν, τότε γενήσεται ὁ λόγος ὁ γεγραμμένος, Κατεπόθη ὁ θάνατος εἰς νῖκος. 55 ποῦ σου, θάνατε, τὸ νῖκος; ποῦ σου, θάνατε, τὸ κέντρον; - 56 τὸ δὲ κέντρον τοῦ θανάτου ἡ ἁμαρτία, ἡ δὲ δύναμις τῆς ἁμαρτίας ὁ νόμος· 57 τῷ θεῷ χάρις τῷ διδόντι ἡμῖν τὸ νῖκος. 57 τῷ δὲ θεῷ χάρις τῷ διδόντι ἡμῖν τὸ νῖκος διὰ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ. - 58 Ὥστε, ἀδελφοί μου ἀγαπητοί, ἑδραῖοι γίνεσθε, ἀμετακίνητοι, περισσεύοντες ἐν τῷ ἔργῳ τοῦ κυρίου πάντοτε, εἰδότες ὅτι ὁ κόπος ὑμῶν οὐκ ἔστιν κενὸς ἐν κυρίῳ. A. *15,29: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 10,1: Quid, ait, facient qui pro mortuis baptizantur, si mortui non resurgunt? Viderit institutio ista. Kalendae, si forte, Februariae respondebunt illi, pro mortuis petere. Noli ergo apostolum novum statim auctorem aut confirmatorem eius denotare; Adam., Dial. V 23 (im Mund des Adamantius): τί ποιήσουσιν οἱ βαπτιζόμενοι ὑπὲρ τῶν νεκρῶν; εἰ ὅλως νεκροὶ οὐκ ἐγείρονται, τί καὶ βαπτίζονται ὑπὲρ αὐτῶν (Rufin: Quid facient, inquit, hi qui baptizantur pro mortuis, si omnino mortui non resurgunt? ); Eznik, De Deo 427, 432: „Wenn die Toten nicht auferstehen, was sollen diejenigen tun, welche anstatt der Toten getauft worden sind“. ♦ 15,30-34: Vgl. Adam., Dial. V 23 (im Mund des Adamantius): τί καὶ ἡμεῖς κινδυνεύομεν πᾶσαν ὥραν, καθ’ ἡμέραν ἀποθνῄσκοντες, νὴ τὴν ὑμετέραν καύχησιν, ἀδελφοί, ἣν ἔχω ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν. εἰ κατ’ ἄνθρωπον ἐθηριομάχησα ἐν Ἐφέσῳ, τί μοι τὸ ὄφελος; εἰ νεκροὶ οὐκ ἐγείρονται, φάγωμεν καὶ πίωμεν, αὔριον γὰρ ἀποθνῄσκομεν. μὴ πλανᾶσθε: φθείρουσιν ἤθη χρηστὰ ὁμιλίαι κακαί. ἐκνήψατε δικαίως καὶ μὴ ἁμαρτάνετε, ἀγνωσίαν γὰρ θεοῦ τινες ἔχουσιν: πρὸς ἐντροπὴν ὑμῖν λαλῶ (Rufin: ut quid et nos periclitamur omni hora? Quotidie morior propter uestram gloriam, fratres, quam habeo in Christo Iesu, domino nostro. Si secundum hominem ad bestias pugnaui Efesi, quod mihi prodest, si mortui non resurgunt? Manducemus et bibamus, cras enim moriemur. Nolite errare. Corrumpunt mores 528 Rekonstruktion <?page no="1407"?> bonos colloquia mala. Expergiscimini iusti, et nolite peccare! Ignorantiam enim dei quidam habent. Ad confusionem uobis loquor). ♦ 15,32: Vgl. Jes 22,13 LXX: Φάγωμεν καὶ πίωμεν, αὔριον γὰρ ἀποθνῄσκομεν. ♦ *15,35-36: Vgl. Tert. Adv. Marc. V 10,2-3: 2 Sed dicent quidam, Quomodo mortui resurgent? quo autem corpore venient? 3 … Quomodo resurgent mortui? quo autem corpore venient? ; Adam., Dial. V 23 (im Mund des Adamantius): Ἀλλ’ ἐρεῖ τις, πῶς ἐγείρονται οἱ νεκροί; ποίῳ δὲ σώματι ἔρχονται; ἄφρον, σὺ ὃ σπείρεις οὐ ζῳοποιεῖται ἐὰν μὴ πρῶτον ἀποθάνῃ (Rufin: Sed dicit aliquis: Quomodo resurgent mortui? Quo autem corpore uenient? Insipiens! Tu quod seminas, non uiuificatur, nisi prius moriatur); und etwas später im Mund des Eutropius: ὃ σπείρεις οὐ ζῳοποιεῖται ἐὰν μὴ πρῶτον ἀποθάνῃ. Vgl. auch, worauf Hilgenfeld hinweist, Iren., Adv. Haer. V 7,1: Etenim tu, ait, quod seminas non vivificatur, nisi prius mariatur. ♦ *15,37-41: Vgl. Tert. Adv. Marc. V 10,4: Denique si proponit exempla grani tritici, vel alicuius eiusmodi, quibus det corpus deus prout volet, si unicuique seminum proprium ait esse corpus, ut aliam quidem carnem hominum, aliam vero pecudum et volucrum, et corpora caelestia atque terrena, et aliam gloriam solis, et lunae aliam, et stellarum aliam, nonne carnalem et corporalem portendit resurrectionem, quam per carnalia et corporalia exempla commendat? nonne etiam ab eo deo eam spondet a quo sunt et exempla? ; für Vers 41b, der hier nicht erwähnt ist, vgl. Adv. Marc. V 20,7: Ideo et stella a stella differt in gloria, wobei unklar ist, ob Tertullian aus der vorkanonischen Vorlage zitiert. Vgl. auch Adam., Dial. V 23 (im Mund des Adamantius): καὶ ὃ σπείρεις οὐ τὸ σῶμα τὸ γενησόμενον σπείρεις, ἀλλὰ γυμνὸν κόκκον εἰ τύχοι σίτου ἤ τινος τῶν λοιπῶν: ὁ δὲ θεὸς δίδωσιν αὐτῷ σῶμα καθὼς ἠθέλεσεν, ἑκαστῶν δὲ τῶν σπερμάτων τὸ ἴδιον σῶμα ἀπολαμβάνει. οὐ πᾶσα σὰρξ ἡ αὐτὴ σάρξ, ἄλλη μὲν σὰρξ ἀνθρώπου, ἄλλη δὲ σὰρξ κτηνῶν, ἑτέρα δὲ ἰχθύων. καὶ σώματα ἐπουράνια καὶ σώματα ἐπίγεια: ἀλλ’ ἑτέρα μὲν ἡ τῶν ἐπουρανίων δόξα, ἑτέρα δὲ ἡ τῶν ἐπιγείων. ἄλλη δόξα ἡλίου, καὶ ἄλλη δόξα σελήνης, ἄλλη δόξα ἀστέρων: ἀστὴρ γὰρ ἀστέρος διαφέρει ἐν δόξῃ (Rufin: Et quod seminas, non corpus quod futurum est seminas, sed nudum granum, ut puta tritici aut alicuius caeterorum. Deus autem dat illi corpus, prout uult; et unicuique semini proprium corpus. Non omnis caro eadem caro, sed alia quidem hominum, alia caro uolucrum, alia uero piscium. Et corpora coelestia et corpora terrestria; sed alia quidem coelestium gloria, alia autem terrestrium. Alia gloria solis, et alia gloria lunae, et alia gloria stellarum. Stella enim a stella differt in gloria); und wenig später aus dem Mund des Markioniten, Dial. V 24: οὐ τοῦτο τὸ σῶμα λέγει ἀνίστασθαι, ἀλλ’ ἕτερον ἀπὸ τοῦ λέγειν· ὁ δὲ θεὸς δίδωσιν αὐτῷ σῶμα καθὼς ἠθέλησεν (Rufin: His quae legisti non hoc corpus dicitur resurgere, sed aliud pro hoc, es eo quod dicit: Deus autem dat illi corpus, prout uult); und dann wieder im Mund des Adamantius: ἑκάστῳ δὲ τῶν σπερμάτων τὸ ἴδιον 2 (1Kor) 529 <?page no="1408"?> σῶμα δίδωσιν (Rufin: Et unicuique seminum proprium corpus); und schließlich aus dem Mund des Markioniten: οὐ τὸ σῶμα τὸ γενησόμενον σῶμα σπείρεις ἀλλὰ γυμνὸν κόκκον σίτου (Rufin: Non corpus quod futurum est seminatur, sed nudum granum frumenti). ♦ *15,42-44: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 10,4-6: Sic et resurrectio, inquit. [5] Quomodo? Sicut et granum, corpus seritur corpus resurgit. Seminationem denique vocavit dissolutionem corporis in terram, quia seritur in corruptela, in honestatem, in virtutem. Cuius ille ordo in dissolutione, eius et hic in resurrectione corporis, scilicet sicut et granum. Ceterum si auferas corpus resurrectioni quod dedisti dissolutioni, ubi consistet diversitas exitus? Proinde et si seritur animale, resurgit spiritale, etsi habet aliquod proprium corpus anima vel spiritus, ut possit videri corpus animale animam significare et corpus spiritale spiritum, non ideo animam dicit in resurrectione spiritum futuram, sed corpus, quod cum anima nascendo et per animam vivendo animale dici capit, futurum spiritale dum per spiritum surgit in aeternitatem. [6] Denique si non anima, sed caro seminatur in corruptela, dum dissolvitur in terram, iam non anima erit corpus animale, sed caro quae fuit corpus animale, siquidem de animali efficitur spiritale, sicut et infra dicit, Non primum quod spiritale. Ad hoc enim et de ipso Christo praestruit; vgl. Adam., Dial. V 23 (im Mund des Adamantius): Οὕτω καὶ ἡ ἀνάστασις τῶν νεκρῶν (fehlt in Rufin). ♦ *15,45: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 10,7-8: Factus primus homo Adam in animam vivam, novissimus Adam in spiritum vivificantem; licet stultissimus haereticus noluerit ita esse, dominum enim posuit novissimum pro novissimo Adam, veritus scilicet ne, si et dominum novissimum haberet Adam, et eiusdem Christum defenderemus in Adam novissimo cuius et primum. [8] Sed falsum relucet. Cur enim primus Adam, nisi quia et novissimus Adam? Vgl. Adam., Dial. II 19 (im Mund des Markioniten): Ἐγένετο ὁ πρῶτος ἄνθρωπος Ἀδὰμ εἰς ψυχὴν ζῶσαν. ὁ ἔσχατος κύριος, εἰς πνεῦμα ζῳοποιοῦν (Rufin: Factus est primus homo, Adam, in animam uiuentem, nouissimus autem, dominus, in spiritum uiuificantem). Vgl. Gen 2,7 LXX: καὶ ἔπλασεν ὁ θεὸς τὸν ἄνθρωπον χοῦν ἀπὸ τῆς γῆς καὶ ἐνεφύσησεν εἰς τὸ πρόσωπον αὐτοῦ πνοὴν ζωῆς, καὶ ἐγένετο ὁ ἄνθρωπος εἰς ψυχὴν ζῶσαν. ♦ *15,46: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 10,6: sicut et infra dicit, Non primum quod spiritale. ♦ *15,47: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 10,9: Primus, inquit, homo de humo terrenus, secundus dominus de caelo; ibid. V 10,10: Non enim poterat hominibus terrenis non homines caelestes opposuisse. id., De Carne Christi 8,5: Primus homo de terrae limo, secundus homo de caelo; id, De Res. 49,2: primus, inquit, homo de terra, choicus, id est limacius, id est Adam, secundus homo de caelo, id est sermo dei, id est Christus; ibid. 53,15: et rursus primus homo de terra et secundus de caelo; quia etsi de caelo secundum spiritum, sed homo secundum carnem; vgl. Adam., Dial. II 19 (im Mund des Markioniten): ὁ πρῶτος ἄνθρωπος ἐκ γῆς χοϊκός, ὁ δεύτερος κύριος ἐξ οὐρανοῦ 530 Rekonstruktion <?page no="1409"?> (Rufin: primus homo de terra terrenus, secundus, dominus, de coelo). Dann kurz darauf wiederholt im Mund des Adamantius: ὁ πρῶτος ἐκ γῆς χοϊκός ἄνθρωπος, Ἀδαμ, καὶ ὁ δεύτερος ἐξ οὐρανοῦ, κύριος (Rufin: Primus homo de terra, Adam, secundus de coelo, dominus). Und bald darauf durch Eutropius: ὁ ἀπόστολος ἔφη· ὁ δεύτερος ἐξ οὐρανοῦ καθ’ ὑμᾶς κύριος (Rufin: Apostolus dixit: Secundus de coelo, dominus). Und wiederum durch Adamantius: ἐνήλλαξαν τό· ὁ δεύτερος ἄνθρωπος καὶ ἐποίησαν· ὁ δεύτερος, κύριος (Rufin: Ubi dicit: secundus homo, isti fecerunt: secundus dominus). Und bald darauf: τὸ γάρ ἐγένετο ὁ πρῶτος καὶ ὁ δεύτερος (Rufin: factus est primus et secundus). Auffallend sind hier nicht nur die Übereinstimmungen der Zeugen, sondern zu bemerken ist auch die Differenz zwischen Tertullians Zitiergewohnheit und seinem Zitat des Markiontexts. ♦ *15,48: Tert., Adv. Marc. V 10,10: Cum enim dicit apostolus, Qualis qui de terra, homo scilicet, tales et terreni, homines utique, ergo et qualis qui de caelo homo, tales et qui de caelo homines. ♦ *15,49: Tert., Adv. Marc. V 10,10-11: Sicut portavimus, inquit, imaginem terreni, portemus et imaginem caelestis, non ad substantiam ullam referens resurrectionis, sed ad praesentis temporis disciplinam. [11] Portemus enim, inquit, non portabimus, praeceptive, non promissive. ♦ *15,50: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 10,11: Hoc enim dico, fratres, quia caro et sanguis regnum dei non possidebunt; ibid. V 10,15: et ideo recte apostolus: caro et sanguis regnum dei non consequentur; ibid. V 14,4: caro et sanguis regnum dei consequi non possunt (non consequentur, v.l.); ibid. V 11,6: Si etiam iubet ut mundemus nos ab inquinamento carnis et sanguinis, non substantiam …[lacuna] capere regnum dei; Tert., De Res. 49,9 wird der Vers so wiedergegeben: hoc enim dico, … quod caro et sanguis regnum dei hereditati possidere non possunt; Adam., Dial. V 22 (im Mund des Markioniten): σὰρξ καὶ αἷμα βασιλείαν θεοῦ κληρονομῆσαι οὐ δύνανται, οὔτε ἡ φθορὰ τὴν ἀφθαρσίαν (Rufin: caro et sanguis regnum dei non possidebunt, neque corruptio incorruptionem); Dial. V 26 (zwei Mal im Mund sowohl des Markioniten, wiederholt von Adamantius, nur erhalten in Rufin): Quia caro et sanguis regnum dei non possidebunt, man bemerke die Differenz zwischen Rufins Übersetzung und dem griechischen Text in Adamantius, der offenkundig bereits kanonische Überarbeitungsspuren zeigt; vgl. Eznik von Kolb, De Deo 420, 424: „Die Markioniten sagen: Der Apostel hat gesagt: Der Leib und das Blut erben nicht das Reich Gottes und die Verweslichkeit nicht die Unverweslichkeit“. Man vgl. auch Hegemonius, Acta Arch. 45 (66,11-12 Beeson): possidere non posse. Vgl. auch die Ausführungen zum Rückbezug auf die Stelle hier in *Gal 5,21. ♦ *15,51: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 10, 3: Quomodo resurgent mortui? Ibid. V 10,14: Resurgent enim mortui incorrupti, illi scilicet qui fuerant corrupti dilapsis corporibus in interitum. Et nos mutabimur; ibid. V 12,2: Hic enim expressit quod in prima epistula strinxit: Et mortui resurgent incorrupti, qui iam 2 (1Kor) 531 <?page no="1410"?> 248 P. Brandhuber, Die sekundären Lesarten bei 1 Kor 15,51. Ihre Verbreitung und Entste‐ hung (1937), 307-313. obierunt, et nos mutabimur, qui in carne fuerimus deprehensi a deo; Adam., Dial. V 23 (im Mund des Adamantius): ἰδοὺ μυστήριον ὑμῖν λέγω: πάντες μὲν οὐ κοιμηθησόμεθα, πάντες δὲ ἀλλαγησόμεθα (Rufin: Ecce mysterium uobis dico. Omnes quidem resurgemus, non omnes autem immutabimur); man bemerke den Unterschied zwischen dem griechischen und dem lateinischen Text aufgrund der Verneinung im lateinischen, die Bakhuyzen ablehnt. 248 Adam., Dial. V 26 (nur Rufin) (im Mund des Markioniten): Ecce mysterium uobis dico. Omnes quidem surgemus, non omnes autem immutabimur. ♦ *15,52-53: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 10,14: Resurgent enim mortui incorrupti, illi scilicet qui fuerant corrupti dilapsis corporibus in interitum. Et nos mutabimur, in atomo, in oculi momentaneo motu; ibid. V 12,2-3: Et mortui resurgent incorrupti, qui iam obierunt, et nos mutabimur, qui in carne fuerimus deprehensi a deo. Et illi enim resurgent incorrupti, recepto scilicet corpore, et quidem integro, ut ex hoc sint incorrupti; et hi propter temporis ultimum iam momentum et propter merita vexationum antichristi compendium mortis, sed mutati, consequentur superinduti magis quod de caelo est quam exuti corpus. [3] Ita si hi super corpus induent caeleste illud, utique et mortui recipient corpus, super quod et ipsi induant incorruptelam de caelo; quia et de illis ait: Necesse est corruptivum istud induere incorruptelam et mortale istud immortalitatem; Epiph., Pan. 42, elench. 24: δεῖ γὰρ τὸ θνητὸν τοῦτο ἐνδύσασθαι ἀθανασίαν καὶ ἀφθαρσίαν, ἀλλὰ τὸ θνητὸν καὶ φθαρτὸν ἐνδύσασθαι ἀθανασίαν καὶ ἀφθαρσίαν. Adam., Dial. V 23 (im Mund des Adamantius): ἐν ἀτόμῳ, ἐν ῥιπῇ ὀφθαλμοῦ, ἐν τῇ ἐσχάτῃ σάλπιγγι: σαλπίσει γάρ, καὶ οἱ νεκροὶ ἐγερθήσονται ἄφθαρτοι, καὶ ἡμεῖς ἀλλαγησόμεθα. δεῖ γὰρ τὸ φθαρτὸν τοῦτο ἐνδύσασθαι ἀφθαρσίαν καὶ τὸ θνητὸν τοῦτο ἐνδύσασθαι ἀθανασίαν (Rufin; In momento, in ictuoculi, in nouissima uba. Canit enim tuba, et mortui resurgent incorrupti, et nos immutabimur. Necesse est enim corruptibile hoc induere incorruptelam, et mortale hoc induere immortalitatem); Adamd., Dial. V 24: δεῖ δὲ τὸ θνητὸν τοῦτο ἐνδύσασθαι ἀθανασίαν καὶ τὸ φθαρτὸν τοῦτο ἐνδύσασθαι ἀθανασίαν (Rufin: Necesse est, corruptibile hoc induere incorruptionem et mortale hoc induere immortalitatem). ♦ *15,54-55: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 12,3: Ita si hi super corpus induent caeleste illud, utique et mortui recipient corpus, super quod et ipsi induant incorruptelam de caelo; quia et de illis ait: Necesse est corruptivum istud induere incorruptelam et mortale istud immortalitatem; ibid. V 10,16: Si autem tunc fiet verbum quod scriptum est apud creatorem, Ubi est, mors, victoria tua vel contentio tua? (victoria vel contentio tua, v.l., victoria ubi contentio tua, v.l.) Ubi est, mors, aculeus tuus? Vgl. De Res. 47,13: ubi est, mors, aculeus tuus? ubi est, mors, contentio 532 Rekonstruktion <?page no="1411"?> 249 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 129, 168. 250 H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. tua? ; ibid. 51,6: devorata est mors, dicens, in contentionem. ubi est, mors, aculeus tuus? ubi est, mors, contentio (potentia, v.l.) tua? ; ibid. 54,5: mors … devorata est in contentionem. ubi est, mors, aculeus tuus? ubi est, mors, contentio tua? ; Epiph., Pan. 42, sch. 24: τότε γενήσεται ὁ λόγος ὁ γεγραμμένος, κατεπόθη ὁ θάνατος εἰς νῖκος; Adam., Dial. II 18 (im Mund des Adamantius): τότε γενήσεται ὁ λόγος ὁ γεγραμμένος, κατεπόθη ὁ θάνατος εἰς νῖκος. ποῦ σου, θάνατε, τὸ νῖκος (Rufin: Tunc fiet sermo qui scriptus est: Absorpta est mors in uictoria); Dial. V 27: ὅταν δὲ καταποθῇ τὸ θνητὸν ὑπὸ τῆς ἀθανασίας (Rufin: cum autem absorptum fuerit mortale hoc a vita); (Pseudo-? )Ephr., Erklärung des Evangeliums (28 Schäfers): „Und so ist das Wort, das der Apostel gesagt hat: ‚Verschlungen worden ist der Tod‘, spricht er, ‚vom Leben‘“. Vgl. Jes 25,8 LXX: κατέπιεν ὁ θάνατος ἰσχύσας; Hos. 13,14 LXX: ποῦ ἡ δίκη σου, θάνατε; ποῦ τὸ κέντρον σου, ᾅδη. ♦ *15,57: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 10,16: Nec alii deo gratias dicit quod nobis victoriam utique de morte referre praestiterit, quam illi a quo verbum insultatorium de morte et triumphatorium accepit. Vgl. auch ibid. V 12. B. (15,29) Ἐπεί ante τί om P 46 , Tert., Adam., Eznik. ♦ Auch wenn Tertullian ὅλως nicht bietet und auch Eznik es nicht hat, wird es doch von Adamantius geboten, und es gibt bisweilen keine Handschriftenvarianten. ♦ Anstelle von αὐτῶν, bezeugt durch P 46 , 01, 02, 03, 06*, 010, 012, 018, 025, 044, 075, 0243, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, latt, sy h , co, Or, Epiph, findet sich των νεκρων in 06 2 , 020, M, sy p , bo ms . ♦ (15,31) Wie bei Adamantius fehlt ἀδελφοί in P 46 , 06, 010, 012, 020, 044, 075, 0243, 630, 1505, 1739, 1881, M, b, Ambst, Pel. 249 ♦ Anstelle von Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν schreibt Adamantius κυρίῳ, so auch 06*, b, Ambst, Pel. ♦ (15,34) Anstelle von λαλῶ, das sich in P 46 , 01, 03, 06, 025, 044, 0243, 33, 81, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 2464, lat., steht λέγω in 02, 010, 012, 018, 020, 075, 104, 1881, M, ar. ♦ (15,36) Post ἐὰν μή add Adamantius πρῶτον, so auch in den lateinischen Zeugen Ambst adr , CypTes var , dies ist als markionitische Lesart vermerkt bei v. Soden. 250 ♦ (15,37) Anstelle von γενησόμενον wird γεννησόμενον gelesen von den Zeugen: P 46 , 010, 012, vgl. auch das altlateinische nascetur in 76, 76, 77 oder nasciturum est in 78 gl , futurum nascetur in 89, nascitur in Spm ed . ♦ (15,45) ἄνθρωπος fehlt in den Zeugen 03, 018, 326, 365, Ir lat . ♦ κύριος oder Ἀδάμ fehlt in P 46 , das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die redaktionelle Korrektur zunächst darin bestand, den Text physisch 2 (1Kor) 533 <?page no="1412"?> 251 B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019), 253-254. 252 So vorgeschlagen von U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 109. 253 Vgl. H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. Zuntz hält das γὰρ jedoch für eine falsche Lesart Markions, G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 238. so korrigiert zu haben, dass das Wort κύριος der Vorlage getilgt und das Wort Ἀδάμ dafür nur in die Marginale geschrieben wurde und P 46 an dieser Stelle die Marginale nicht mitkopiert hat. Die Möglichkeit der marginalen Korrektur war bereits bei den Versen 1Kor 14,34-35 begegnet. Adam in ist auch in der altlateinischen Tradition in 54* ausgelassen. ♦ (15,47) ὁ κύριος (ἐξ οὐρανοῦ) ist die Lesart von 630, von NA 28 als die markionitische angezeigt, während ἄνθρωπος ὁ κύριος zu lesen ist in 01 2 , 02, 06, 018, 020, 025, 044, 075, 81, 104, 365, 1241, 1505, 1739 mg , 1881, 2464, M, sy, hingegen bietet P 46 ἄνθρωπος πνευματικός; in der altlateinischen Tradition lässt Pel var das homo aus. Es erstaunt, dass Haupt nicht die Breite der Bezeugungen hier angibt, zumal er hier die Nähe der Bilinguen zur kanonischen Tradition und die Differenz zu Markions Wiedergabe durch Tertullian hätte vorführen können. 251 Die Lesart ανθρωπος ο κυριος scheint eine Kontamination von der Vorlage ὁ κύριος und der kanonischen Korrektur ἄνθρωπος zu sein, die wie P 46 in Vers 45 noch ein Stück der Genese des kanonischen Textes anzeigt. Die kanonische Lesart ἄνθρωπος steht in 01*, 03, 04, 06*, 010, 012, 0243, 6, 33, 1175, 1739*, latt, bo. ♦ Anstelle von ἐξ οὐρανοῦ liest man ὁ οὐράνιος in 010, 012, latt. ♦ (15,49) Die von Tertullian gegenüber Markion diskutierte Verbform φορέσωμεν ist die am häufigsten in den Handschriften anzutreffende, sie steht in P 46 (+ δη), 01, 02, 04, 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 075, 0243, 33, 81, 104, 365, 945 txt , 1175, 1241, 1505, 1739, 2464, M, latt, bo, Ir lat , Cl, Or, CypTes var , während φορέσομεν nur zu finden ist in 03, 016, 6, 630, 945 v.l. , 1881, sa. Die Häufigkeit resultiert eventuell daraus, dass man, anders als Harnack, Tertullians Kommentar, der mit seinen Ausführungen in De Res. 49,6-8 übereinstimmt, „nicht polemisch“, „gegen eine marcionitische Lesart (Futur)“ gerichtet sah, sondern als „zustimmende Aufnahme einer marcionitischen Lesart“. 252 ♦ (15,50) Post Τοῦτο liest man γάρ nicht nur in Tertullian, sondern auch in 06, 010, 012, Ir lat , Ambst, und in der altlateinischen Tradition in 75, 76, 77, 89, und wird von NA 28 als die markionitische Lesart angegeben. 253 ♦ Anstelle von κληρονομῆσαι οὐ δύναται, was man in 02, 04, 06, 018, 020, 025, 044, 075, 0243, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy p , Ir gr.lat pt , Cl pt liest, steht οὐ κληρονομήσουσιν nach Tertullian und weiter bezeugt in 534 Rekonstruktion <?page no="1413"?> 254 Vgl. H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. In der kanonisch redigierten Version ist eine deutliche Abschwächung dieser definitiven futurischen Aussage zu erkennen. Dennoch hält Zuntz die oben für den vorkanonischen Text gegebene Variante für eine falsche Lesart Markions, G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 238. 255 Vgl. G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 37-39, 104. 256 H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 257 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 449. Zur Taufe für Verstorbene, vgl. mit älterer Literatur N.H. Taylor, Baptism for the Dead (1 COR 15: 29)? (2002). 010, 012, f, g, ar, vg ms , bo, Ir lat.pt , Ophites Ir.lat , Or, Chrys, Ambst, Pel var , und in der altlateinischen Tradition in 61, 78, und wird von NA 28 als die markionitische Lesart angegeben. 254 ♦ (15,52) Die Variante ῥοπῇ findet sich in P 46 , 06*, 010, 012, 0243, 6, 1739, Did, GregNyss, während die Variante ῥιπῇ steht in 01, 02, 03, 04, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M, Or. Auch wenn Zuntz versucht, gegen die Lesart ῥοπή zu argumentieren, bietet er doch Parallelen, insbesondere mit Hinweis auf ‚Aristeas‘, wonach diese Lesart durchaus eine sinnvolle ist. 255 ♦ Die Variante ἀναστήσονται lässt sich zwar nicht aus Tertullian erheben, doch sie begegnet in einer Reihe lateinischer Zeugen, Or, Chrys, Cyr und weiteren, als markionitische Lesart vermerkt bei von Soden. 256 ♦ (15,54) τὸ φθαρτὸν τοῦτο ἐνδύσηται ἀφθαρσίαν καί om in P 46 , 01*, 04*, 088, 0121, 0243, 1175, 1739* lat sa ms , bo, Ir lat , Ambst; eine Wortumstellung τὸ θνητὸν τοῦτο ἐνδύσηται ἀθανασίαν καὶ τὸ φθαρτὸν τοῦτο ἐνδύσηται ἀφθαρσίαν findet sich in 02, 326, sa ms . Der kanonische Text steht in 01 2 , 03, 04 2vid , 06, 018, 020, 025, 044, 075, 81, 104, 614 c , 629 c , 630, 1241, 1505, 1739 c (και 1739 mg ), 1881, 2464 (τὴν ἀθανασίαν 01, 02, 088, τὴν ἀφθαρσίαν 33), M, vg mss , sy. ♦ (15,55) Anstelle der Reihenfolge ποῦ σου, θάνατε, τὸ νῖκος; ποῦ σου, θάνατε, τὸ κέντρον liest man ποῦ σου, θάνατε, τὸ κέντρον νῖκος in den Zeugen 06, 010, 012, Ir lat pt , Tert, Cyp, Eus pt , Ambst, hingegen steht κέντρον ποῦ σου ᾅδη τὸ νῖκος in 01 2 , 02 c , 018, 020, 025, 044, 075, 104, 365, 630, 1505, 1881, M, sy (p) , während νῖκος που σου ᾅδη τὸ κέντρον zu lesen ist in 0121, 0243, 33, 81, 326, 1175, 1739 c , 2464, und der obige kanonische Text steht in P 46 , 01*, 03, 04, 088, 1739*, lat, co, Ir lat pt , Eus pt . C. 1. (15,29) Hilgenfeld nennt den Vers eine „merkwürdige[] Stelle … über die Taufen für Verstorbene“ und meint, dass „die marcionitische Sitte ein sicheres Zeugniß für die unveränderte Beibehaltung des Verses“ sei. 257 Zahn verweist 2 (1Kor) 535 <?page no="1414"?> 258 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 510. 259 D. Jeong, Pauline Baptism among the Mysteries. Ritual Messages and the Promise of Initiation (2023). 260 Vgl. aber J.J. Clabeaux, A Lost Edition of the Letters of Paul. A Reassessment of the Text of the Pauline Corpus attested by Marcion (1989), 170; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 286. 261 D.R. MacDonald, A Conjectural Emendation of 1 Cor 15.31-32: Or the Case of the Misplaced Lion Fight (1980). bereits darauf, dass nach Adamantius aus Markions „Apostolos“ „vorgelesen“ wird. 258 Er rechnet für diesen Vers mit dem kanonischen Text. Harnack sieht folgenden Text bezeugt: τί ποιήσουσιν οἱ βαπτιζόμενοι ὑπὲρ τῶν νεκρῶν; εἰ (ὅλως? ) νεκροὶ οὐκ ἐγείρονται, τί καὶ βαπτίζονται ὑπὲρ αὐτῶν. Schmid, der das Zeugnis des Adamantius zurückweist, findet folglich ledig‐ lich bezeugt: (Ἐπεὶ) τί ποιήσουσιν οἱ βαπτιζόμενοι ὑπὲρ τῶν νεκρῶν; εἰ (ὅλως) νεκροὶ οὐκ ἐγείρονται. BeDuhn bietet die Übersetzung von Ἐπεί in Klammern, ansonsten folgt er dem Text wie oben. Folgt man der vorkanonischen Semantik von βαπτίζω, die nicht mit „Taufe“, sondern mit „Reinigen“ verbunden ist, erkennt man, dass der Vers seine Fremd‐ heit verliert und nicht eine sonst in der Antike unbekannte Taufe für Tote bedeutet (die begegnet etwa bei Mormonen), sondern mit der Verbindung von Reinigung und Grabstättenbesuch zu tun hat. 259 Gewiss haben Clabeaux und BeDuhn Recht, dass ein Wort wie Ἐπεί am Anfang eines Satzes schnell ausgelassen werden kann, doch fällt hier das Zeugnis des P 46 ins Gewicht, der die Konjunktion nicht enthält. 260 2. (15,30-34) Zahn sieht die Verse der kanonischen Form nach präsent. Harnack nimmt den Text bezeugt wie oben. Schmid, der das Zeugnis des Adamantius ablehnt, sieht die Verse als unbezeugt. BeDuhn folgt dem Text wie oben. Wie die Lexik bestätigt, sind diese Verse jedoch vorkanonisch abwesend. Sie setzen, wie gerade Vers 30 verdeutlicht, das kanonisch-semantische Verständnis von βαπτίζω voraus, nicht das der vorkanonischen Version - was in eine Zeit‐ situation spricht, in welcher eine solche Taufe Todesgefahr heraufbeschwört, d.-h. dieser Vers spricht eher in eine Zeit des späten zweiten Jahrhunderts. 3. (15,31c) Dieser Versteil wird als Interpolation angesehen von McDonald. 261 4. (15,35-36) Zahn und Harnack sehen die Verse in der Form präsent, wie sie Adamantius bietet. Schmid, der das Zeugnis des Adamantius beiseitelässt, bietet als bezeugten Text, sich an Tertullian ausrichtend: Ἀλλὰ ἐροῦσι τινες, πῶς ἐγείρονται οἱ νεκροί; ποίῳ δὲ σώματι ἔρχονται. BeDuhn legt seiner Übersetzung Adamantius zugrunde. 536 Rekonstruktion <?page no="1415"?> 5. (15,37-41) Zahn sieht die Verse 37-41 in der kanonischen Form präsent. Harnack folgt Adamantius, bietet aber für Vers 38: ὁ δὲ θεὸς δίδωσιν αὐτῷ σῶμα (spätere Markionitische Korrektur πνεῦμα für σῶμα) καθὼς ἠθέλησεν, ἑκάστον δὲ τῶν σπερμάτων τὸ ἴδιον σῶμα ἀπολαμβάνει, wohl weil Rufins Übersetzung den kanonischen Text reflektiert. Was jedoch die Auslassung von ἄλλη δὲ σὰρξ πτηνῶν, ἄλλη in Vers 39 betrifft, die Rufin ebenfalls nicht spiegelt, weil er alia caro uolucrum hat, übernimmt Harnack jedoch nicht. In Vers 41 lässt er καὶ vor ἄλλη δόξα ἀστέρων wie Adamantius aus, obwohl auch hier Rufin ein et bietet und auch Tertullian es liest. Schmid sieht für diese Verse nur eine „zusammenfassende Anspielung“, ohne dass er den Wortlaut wiedergibt. BeDuhn notiert die Abweichungen des Adamantius, in Vers 38 übersetzt er καὶ ἑκάστον δὲ τῶν σπερμάτων τὸ ἴδιον σῶμα ἀπολαμβάνει, eine Kombination zwischen Adamantius, Harnack und der kanonischen Version. Auch in Vers 39 kombiniert er, wenn er übersetzt: ἄλλη μὲν σὰρξ ἀνθρώπων. Richtigerweise nimmt er den Passus ἄλλη δὲ σὰρξ πτηνῶν in den Text. 6. (15,42-44) Hilgenfeld verweist auf das Zeugnis von Epiph., Pan. 11 zu Vers 42 und auf Tertullian zu den Versen 42-44. Zahn sieht die Verse 42-44 in der kanonischen Form präsent. Harnack gibt den Text wie folgt wieder: Οὕτω καὶ ἡ ἀνάστασις (τῶν νεκρῶν). σπείρεται ἐν φθορᾷ, ἐγείρεται ἐν ἀφθαρσίᾳ: 43 σπείρεται ἐν ἀτιμίᾳ, ἐγείρεται ἐν δόξῃ: σπείρεται ἐν ἀσθενείᾳ, ἐγείρεται ἐν δυνάμει: 44 σπείρεται (σῶμα? ) ψυχικόν, ἐγείρεται (σῶμα? ) πνευματικόν. Schmid schreibt: Οὕτως καὶ ἡ ἀνάστασις (τῶν νεκρῶν). σπείρεται ἐν φθορᾷ … 43 … ἐν δόξῃ … ἐν δυνάμει: 44 σπείρεται (σῶμα) ψυχικόν, ἐγείρεται (σῶμα) πνευματικόν. BeDuhn übersetzt den Text wie oben und setzt am Ende Auslassungszeichen. Die Infragestellung der Präsenz von τῶν νεκρῶν lässt sich weder bestreiten noch beweisen. Da es bereits seit Vers 29 um die Toten geht, kann der Ausdruck durchaus gestanden sein. Ähnlich ist auch die Infragestellung der Verwendung von σῶμα nicht überzeugend, auch wenn Tertullian corpus beide Male auslässt. Doch etwas später bei der Argumentation ist corpus animale und corpus spiri‐ tale wieder vorhanden, Adamantius bietet es zwei Mal und der Begriff wird ausdrücklich von dem Markioniten im Dialog aufgegriffen und mit Blick auf diese Stelle hier differenziert und als pneumatischer Leib begriffen. Andererseits ist der nicht mehr bezeugte Teil (εἰ ἔστιν σῶμα ψυχικόν, ἔστιν καὶ πνευματικόν), den Harnack aus seiner Rekonstruktion auslässt, zu bedenken. Er geht vielleicht auf die kanonische Redaktion zurück, weil er in inhaltlicher Spannung zu den voranstehenden Ausführungen steht, die gerade auf die Differenz abheben, die 2 (1Kor) 537 <?page no="1416"?> 262 M. Widmann, 1 Kor 2 6-16: Ein Einspruch gegen Paulus (1979), 47-48. 263 Vgl. zu diesem Vers E.-M. Becker, Marcion und die Korintherbriefe nach Tertullian, Adversus Marcionem V (2002), 102. 264 Vgl. zu diesem Vers auch ibid. 102-103. zwischen den Dingen bestehen, die gesät und damit sterben müssen, bevor sie in anderer Gestalt wieder aufstehen. Gerade dieser letzte Teil von Vers 44 (bis Vers 48) wird als Interpolation angesehen von Widmann. 262 7. (15,45) Hilgenfeld verweist auf Tertullians Kritik an der Textverfälschung des stultissimus haereticus. Zahn notiert als Text: [οὕτως καὶ γέγραπται? ], Ἐγένετο ὁ πρῶτος ἄνθρωπος Ἀδὰμ εἰς ψυχὴν ζῶσαν, ὁ ἔσχατος κύριος εἰς πνεῦμα ζῳοποιοῦν. Harnack ist etwas radikaler und lässt das von Zahn am Anfang Eingeklam‐ merte beiseite, ansonsten folgt er ihm aber. Schmid beginnt mit Auslassungs‐ zeichen für das von Zahn Eingeklammerte und setzt noch den Artikel ὁ vor κύριος in Klammern. In seiner Übersetzung setzt BeDuhn wie Zahn den Anfang in Klammern, ansonsten folgt er Schmid. 263 8. (15,46) Zahn sieht den Vers in der kanonischen Form präsent, Harnack führt als bezeugten Text lediglich den oben fettgedruckten an, so auch Schmid, er fügt jedoch noch in Klammern das ἀλλ’ hinzu. BeDuhn übersetzt ohne das ἀλλ’ und gibt den unbezeugten weiteren Teil des Verses in Klammern. 9. (15,47) Zahn folgt den Zeugen und sieht anstelle des im kanonischen Text an zweiter Stelle stehenden ἄνθρωπος das bei Tertullian, Adamantius und Rufin bezeugte κύριος stehen, ansonsten den kanonischen Text. Harnack und Schmid folgen ihm hierin, wobei Schmid wieder vor κύριος den Artikel ὁ in Klammern hinzusetzt. BeDuhn verweist darauf, dass die Argumentation Tertullians, an ἄνθρωπος gegenüber κύριος festzuhalten, bei Adamantius wiederholt wird, wobei der Schiedsrichter Eutropius nur den markionitischen Wortlaut wiederhole, diesen aber ausdrücklich als καθ’ ὑμᾶς bezeichne - auffallenderweise eine Bemerkung, die Rufin nicht übersetzt, die möglicherweise also auch eine spätere redaktio‐ nelle Ergänzung darstellt. BeDuhns Übersetzung folgt daher dem obigen Text mit Ausnahme des ὁ οὐράνιος. 264 Der in einschlägigen Zeugen enthaltene Ausdruck ὁ οὐράνιος ist argumen‐ tativ die Voraussetzung für den nächsten Vers, fiel aber offensichtlich einer theologischen Korrektur in der kanonischen Redaktion zum Opfer. Die in den Handschriften zu findende Lesart wird gestützt durch Tert., Adv. Marc. V 10,10. 10. (15,48) Hilgenfeld, Zahn, Harnack, Schmid und BeDuhn sehen alle den kanonischen Text präsent. 265 538 Rekonstruktion <?page no="1417"?> 265 Das anstelle von ἐπουράνιος gegebene ἐπουράνοις bei Schmid ist ein Druckfehler, wie man am Singularartikel erkennen kann. 266 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 103. 11. (15,49) Zahn sieht wiederum den kanonischen Text bezeugt. Hilgenfeld und Harnack sind derselben Meinung, verweisen aber auf die von Tertullian hervorgehobene futurisch-konjunktivische Verbform (portemus = φορέσωμεν), außerdem stellt Harnack das anfängliche, nicht bezeugte καὶ in Klammern. Ihm folgt Schmid, während BeDuhn dem kanonischen Text folgt bis auf die kritisierte Verbform. 12. (15,50) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Zahn sieht den Vers als ganzen präsent, wählt aber die beiden von Tertullian vorauszusetzenden Lesarten (γάρ, κληρονομήσουσιν). Zahn und Harnack sehen den Text wie oben präsent, Schmid, der das Zeugnis des Eznik nicht akzeptiert, beschränkt sich auf den von Tertullian bezeugten Text und no‐ tiert, dass die Stellen bei Tertullian „zeigen, daß der marcionitische Text mit großer Wahrscheinlichkeit die Lesart von F [= 010] G [= 012] lat, οὐ κληρονομήσουσιν, geboten hat, während Tertullian selbst klar die Mehrheits‐ textlesart (mit A [= 02] D [= 06] Ir) bevorzugt“. 266 BeDuhn klammert in seiner Übersetzung das Äquivalent für γάρ ein, gibt aber ansonsten den obigen Text wieder. Für die Eröffnung, bei der bereits Zahn γάρ anstelle von δέ annimmt, könnte man natürlich auch argumentieren, dass Tertullian, der in De Res. 49,9 den kanonischen Vers ebenfalls wiedergibt mit: hoc enim dico, das δέ φημι so umschrieben hat. 13. (15,51) Hilgenfeld sieht durch Adamantius die Verse 51-53 in diesem Wortlaut bezeugt. Zahn sieht den Vers in der kanonischen Form präsent, Harnack ist der Meinung, Tertullian spiele nicht auf Vers 51 an, obwohl er die obigen Tertullianreferenzen anführt. Als Text sieht er bezeugt: ἰδοὺ μυστήριον ὑμῖν λέγω· πάντες μὲν οὐ ἀναστησόμεθα, οὐ πάντες δὲ ἀλλαγησόμεθα. Schmid sieht den Vers als unbezeugt. BeDuhn setzt sich ausführlich mit dem Vers auseinander, indem er zeigt, der Text sei in vier Varianten bezeugt, wobei er die Zeugnisse Tertullians unberücksichtigt lässt. Tatsächlich finden sich nach unseren Zeugnissen fol‐ gende, zahlreichere Varianten, was eine crux für die Rekonstruktion sowohl des vorkanonischen wie des kanonischen Textes darstellt: 2 (1Kor) 539 <?page no="1418"?> 267 Für die ich Holger Strutwolf ganz herzlich Danke! 15,51a ἰδοὺ μυστήριον ὑμῖν λέγω: - οἱ πάντες μέν 02 πάντες P 46 03 04* 06* 0243* 1739 b πάντες μέν 01 042 062 010 012 018 020 025 044 075 0243 c 33 81 104 365 630 1175 1241 1505 1881 2464 Byz lat sy h ; Ambst - - 15,51b - κοιμηθησόμεθα οἱ πάντες δέ 02* κοιμηθησόμεθα οὐ πάντες δέ 01 04 0243* 33 1241 1739; Hier mss οὖν κοιμηθησόμεθα οὐ πάντες δέ 010 012 οὐ κοιμηθησόμεθα οὐ πάντες δέ P 46 02 c ἀναστήσομεθα οὐ πάντες δέ 06* lat; Tert, Ambst, Spec οὐ κοιμηθησόμεθα πάντες δέ 03 06 2 018 020 025 044 075 0243 c 81 104 365 630 1175 1505 1881 2464; Byz, sy, co, Hier mss Wie man der Tabelle entnehmen kann, 267 scheint der dem Tertullian vorgelegene vorkanonische Text gelautet zu haben: ἰδοὺ μυστήριον ὑμῖν λέγω: πάντες μὲν ἀναστήσομεθα, οὐ πάντες δὲ ἀλλαγησόμεθα, der Wortlaut, den Harnack in seine Rekonstruktion richtigerweise aufgenommen hat. Offenkundig hat hier die kanonische Redaktion mit der Veränderung von ἀναστήσομεθα nach κοιμηθησόμεθα eine erste Änderung vorgenommen. Mit der Einfügung eines ersten οὐ erfolgte eine Historisierung des Textes, so als würde Paulus damit rechnen, dass die Auferstehung bald eintreten werde. Mehr noch, die Aussage und der Sinn des Geheimnisses wurden durch die kanonische Redaktion auf den Kopf gestellt. Dieses οὐ fehlt außerhalb der lateinischen Tradition in 06*, was jedoch darauf hindeutet, dass es nicht nur einen frühen Fehler in der lateinischen Tradition darstellt. Auffallend ist auch, dass Rufins Übersetzung mit der Bezeugung bei Tertullian übereinstimmt und in 06* lediglich das μέν fehlt. Man wird also wie Harnack hier rekonstruieren dürfen, während BeDuhn 540 Rekonstruktion <?page no="1419"?> 268 Vgl. auch die Ausführungen in U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 98-100. 269 Vgl. zur Duplikation die Einleitung, Band I. 270 G. Zuntz, The Text of the Epistles. A Disquisition upon the Corpus Paulinum (1953), 230. übersetzt: ἰδοὺ μυστήριον ὑμῖν λέγω: πάντες μὲν οὐ κοιμηθησόμεθα, οὐ πάντες δὲ ἀλλαγησόμεθα. 14. (15,52-53) Zahn sieht den kanonischen Text der Verse bezeugt, doch die Bezeugungen, was die Anordnung der Verse betrifft, differiert zwischen Tertul‐ lian und Epiphanius. Harnack bemerkt, dass Tertullian Vers 52b vor 52a setzt, sieht aber den kanonischen Text bezeugt. Dann begegnet eine Umstellung auch in Epiphanius, der 53b vor 53a setzt (gegen seine eigene Zitationsgewohnheit, worauf BeDuhn verweist). Auch Adamantius spiegelt diese Inversion. Schmid sieht als bezeugt: ἐν ἀτόμῳ, ἐν ῥιπῇ ὀφθαλμοῦ … οἱ νεκροὶ ἐγερθήσονται ἄφθαρτοι, καὶ ἡμεῖς ἀλλαγησόμεθα. BeDuhn schließt sich Harnack an. Nun kann Tertullians momentaneo motu sowohl ῥιπῇ wie ῥοπῇ bezeichnen, doch wegen der einschlägigen Bezeugung wird wohl letztere Variante im vorkanonischen Text gestanden sein. 15. (15,54) Hilgenfeld verweist für diese Verse auf Epiphanius, Tertullian und Adamantius. Zahn sieht den kanonischen Text präsent. Harnack gibt als Text: ὅταν δὲ τὸ θνητὸν τοῦτο ἐνδύσηται ἀθανασίαν, τότε γενήσεται ὁ λόγος ὁ γεγραμμένος, κατεπόθη ὁ θάνατος εἰς νῖκος. ποῦ σου, θάνατε, τὸ νῖκος; ποῦ σου, θάνατε, τὸ κέντρον. Schmid gibt ὅταν δὲ (…? ) τὸ θνητὸν τοῦτο ἐνδύσηται ἀθανασίαν, τότε γενήσεται ὁ λόγος ὁ γεγραμμένος, κατεπόθη ὁ θάνατος εἰς νῖκος. ποῦ σου, θάνατε, τὸ νῖκος; ποῦ σου, θάνατε, τὸ κέντρον. 268 BeDuhn legt seiner Übersetzung den kanonischen Text zugrunde. Der unbezeugte Teil τὸ φθαρτὸν τοῦτο ἐνδύσηται ἀφθαρσίαν καί ist mögli‐ cherweise eine Duplikation der kanonischen Redaktion. 269 Dies wird unterstri‐ chen durch die Varianten in den Handschriften. Das Fehlen des Passus τὸ φθαρτὸν τοῦτο ἐνδύσηται ἀφθαρσίαν καὶ τό hält Zuntz für einen Ausfall in Markions Vorlage aufgrund von Homoioteleuton. 270 16. (15,56) Vers 56 ist nach allen Editoren unbezeugt. Zahn rechnet dennoch in irgendeiner Form mit seiner Präsenz und auch BeDuhn nimmt den Vers, wenn auch in Klammern, in seine Übersetzung auf, auch wenn er dies mit dem mark‐ ionitischen Charakter inhaltlich erklärt, was er sonst aus methodologischen Gründen ablehnt. Die Lexik spricht nur mit einem Element (ἡ δέ) gegen die Präsenz des Verses im vorkanonischen Text, doch dies kann auch Zeichen einer kanonischen Überarbeitung sein. Entscheidender ist die Frage: Hätte sich Tertullian einen 2 (1Kor) 541 <?page no="1420"?> 271 F.W. Horn, 1 Korinther 15,56---ein exegetischer Stachel (1991). 272 Vgl. T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 585. solchen Satz, den BeDuhn für markionitisch empfindet, zu kommentieren entgehen lassen? 1Kor 15,56 wird als Interpolation angesehen von Horn. 271 17. (15,57) Zahn sieht den Vers nach seiner kanonischen Form präsent. Harnack sieht nur eine „Anspielung“ auf den Text τῷ θεῷ χάρις τῷ διδόντι ἡμῖν τὸ νῖκος. In diesem Zuschnitt sieht auch Schmid den Vers bezeugt. BeDuhn nimmt auch noch das δέ hinzu, beschränkt sich aber in seiner Übersetzung auch auf den bezeugten Teil. Dass die unbezeugte Schlussformel vorkanonisch gefehlt hat, wird gestützt von Tertullians Kommentar, der den nicht bezeugten Teil des Verses geradezu ausschließt, weil der Dank ja ausdrücklich nur dem Gott gilt, von dem das Wort empfangen wurde und der durch die Propheten das Wort (also auch Christus) gesprochen hat (nec alii-… quam illi a quo verbum accepit). 18. (15,58) Dieser Vers ist nach allen Editoren unbezeugt, auch wenn Zahn mit seiner Präsenz in irgendeiner Form rechnet und Harnack ἑδραῖοι γίνεσθε in seine Rekonstruktion nimmt mit Blick auf den pseudepigraphen Laodizener‐ brief, Vers 14 (estote firmi). Hinzuzunehmen wäre auch gleich dessen Eröffnung, Vers 3 (permanentes estis). 272 Weder Schmid noch BeDuhn nehmen den Vers in ihre Rekonstruktion. D. (15,29) Das für diesen Vers unbezeugte ἐπεί steht 26 Mal im NT, davon 8 Mal als Ver‐ seröffnung, und begegnet überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (Verseröffnung: 1Kor 14,16; 15,29; 2Kor 11,18; 13,3; Hebr 2,14; 4,6; 9,26; 10,2; im Vers: 3 Mal Mt; Mk 15,42; Lk 1,34, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 2 Mal Joh; Röm 3,6; 11,6. 22; 1Kor 5,10; 7,14; 14,12; 5 Mal Hebr). ♦ Die Verseröffnung ἐπεὶ τί steht nur hier. ♦ βαπτίζω steht 90 / 77 Mal im NT, sehr häufig im Sinne von Taufen, doch auf der vorkanonischen Ebene begegnet das Verb lediglich im Sinne von Reinigen (vor dem Essen) in *Ev 11,38, folglich wird es auch an dieser Stelle nicht um eine „Taufe für die Toten“, sondern um eine „Reinigung für die Toten“ gehen, vgl. hierzu die Einleitung, Bd I. Auch βαπτισμός, was 5 / 4 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. βάπτισμα, das 22 / 19 Mal im NT steht, begegnet in *Ev 20,4 lediglich als Taufe des Johannes vorkanonisch. Wenn man in *Laod 4,5 ἓν βάπτισμα liest, stellt sich die Frage, was damit gemeint ist. Erneut zeigt sich die Nähe von *Laod zur kanonischen Ebene, vgl. die Einleitung, Band I. ♦ νεκρός, das 138 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,12. 29. 35. 52; *Röm 8,10. 11; *1Thess 4,16; *Laod 1,20; 542 Rekonstruktion <?page no="1421"?> 2,1; 5,14. ♦ ἐγείρω, das 169 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 15,4. 14. 17. 29. 35. 44; *Röm 8,11; *Laod 1,20; 5,14. ♦ Zu αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.) vgl. zuvor zu Vers 10. ♦ Die kanonische Variante ὑπὲρ αὐτῶν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 17,19; Röm 10,1; 1Kor 15,29; 2Kor 5,15). Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians und wird gestützt durch die Lexik. Man beachte auch die unterschiedliche Semantik, bei der βαπτίζω hier nicht im kanonischen Sinn als „Taufe“ misszuverstehen ist, sondern im Sinn der römischen Praxis der Reinigung wegen der Toten im Monat der Kalenden, worauf uns Tertullian verweist. Auch das Ende des Verses ist bemerkenswert, weil die sich aus Tertullian nahelegende Wendung ὑπὲρ τῶν νεκρῶν im gesamten NT nur in diesem Vers vorkommt (vorkanonisch gleich zwei Mal), ist der auf der kanonischen Ebene belegte Ausdruck ὑπὲρ αὐτῶν weiter nur auf der kanonischen Ebene belegt. (15,30) Die Verseröffnung τί καί ist zunächst eine Duplikation der im Vers 29 zuvor kanonisch stehenden Kombination, 1 weiteres Mal steht sie auf der kanonischen Ebene im Satz in Mt 15,3. ♦ κινδυνεύω steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ πᾶσαν, das 53 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ὥρα steht 116 / 106 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,44; *Gal 2,5. Zur Abwesenheit: Dieser kurze, vorkanonisch unbezeugte Vers weist Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene anzutreffen sind (κινδυνεύω; πᾶσαν). Er ist Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (15,31) ἡμέρα ist mit 414 / 389 Belegen ein häufiger Begriff des NTs, vorkanonisch steht er etwa *Ev und *Gal 4,10; 5,5; *2Kor 4,16. ♦ Die Wendung καθ’ ἡμέραν steht 17 Mal im NT, Lk 9,23; 16,19, in Versteilen oder Versen, die in *Ev fehlen, Lk 16,20 besteht nur das Adamantiuszeugnis, d. h. der Ausdruck steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀποθνήσκω steht 119 / 111 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,36; *1Kor 15,3. 22; *Röm 5,6. ♦ νή ist Hapax legomenon im NT. ♦ ὑμέτερος, das 11 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ καύχησις begegnet 13 / 11 Mal im NT, ausschließlich bezeugt für die kanonische Ebene. Das verwandte καύχημα, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15. ♦ Der Ausdruck ἣν ἔχω steht nur noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, 2Kor 2,4. ♦ Die Wendung ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν steht 3 Mal im NT (immer als Versschluss), ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 6,23; 8,39; 1Kor 15,31). ♦ Die kürzere Kombination ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ begegnet 47 Mal im Neuen Testament, ausschließlich im kanonischen Paulus, vgl. zu 1Kor 1,4. 2 (1Kor) 543 <?page no="1422"?> 273 A. Lindemann, Der Erste Korintherbrief (2000), 353. Dort eine Reihe von Sentenzen anderer Autoren mit ähnlichen Inhalten und Formulierungen. Vgl. auch M.B. Cover, The Divine Comedy at Corinth: Paul, Menander and the Rhetoric of Resurrection (2018). Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers bietet eine Fülle von Elementen, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (καθ’ ἡμέραν; ὑμέτερος; καύχησις; ἣν ἔχω; ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (15,32) Die Wendung εἰ κατά steht nur noch 1 weiteres Mal im NT, Hebr 7,15. ♦ θηριομαχέω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Ἔφεσος steht 17 / 16 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Wendung τί μοι steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 5,7; Lk 8,28; Joh 2,4; 1Kor 15,32). ♦ ὄφελος steht nur noch zwei Mal, auf der kanonischen Ebene ( Jak 2,14. 16). ♦ πίνω, das sich 114 / 73 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,4. 7; Röm 14,21. ♦ αὔριον, das 16 / 14 Mal im NT zu finden ist, steht nur auf der kanonischen Ebene, und das obwohl - oder vielleicht gerade deshalb, weil - dieser Begriff Teil des anklingenden Verses Jes 22,13 LXX ist. Zur Abwesenheit: In diesem vorkanonisch unbezeugten Vers finden sich einige Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (εἰ κατά; Ἔφεσος; τί μοι; ὄφελος; αὔριον). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (15,33) An dieser Stelle muss man berücksichtigen, dass es sich um eine Anspielung vielleicht auf „die sonst unbekannte Komödie ‚Thais‘ des Menander“ handelt, wobei „das Wort … auch dem Tragiker Euripides … zugeschrieben (wird), von dem Menander stark beeinflußt war“. 273 Dennoch soll die Lexik verglichen werden: πλανάω steht 42 / 39 Mal im NT, vorka‐ nonisch bezeugt für *Gal 6,7. ♦ μὴ πλανᾶσθε ist ein Ausdruck der kanonischen Redaktion. Er steht 4 Mal im NT, drei Mal als Verseröffnung (1Kor 6,9, hier nicht als Verseröffnung; 1Kor 15,33; Gal 6,7; Jak 1,16), vgl. mehr zu 6,9. ♦ φθείρω steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,17. ♦ ἦθος gibt es nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene (Apg 26,3). ♦ χρηστός steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt in *Ev 6,35. ♦ ὁμιλία ist Hapax legomenon im NT. ♦ κακός, das 54 / 50 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,6; *Röm 12,17. Zur Abwesenheit: Dieser kurze vorkanonisch unbezeugte Vers weist Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (μὴ πλανᾶσθε; ἦθος). Er wird ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. 544 Rekonstruktion <?page no="1423"?> (15,34) ἐκνήφω ist Hapax legomenon im NT. ♦ δικαίως steht nur 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 23,41; 1Thess 2,10; Tit 2,12; 1Petr 2,23). ♦ ἁμαρτάνω steht 47 / 43 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 17,3. 4; *Röm 2,12; *Laod 4,26. ♦ ἀγνωσία steht nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene in 1Petr 2,15. ♦ Zu τινες (Nom. Fem. / Mask. Pl.) vgl. zuvor zu den Versen 6. 12. ♦ ἐντροπή steht nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene in 1Kor 6,5. ♦ Die Verbform λέγω, die 214 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,51; *Laod 5,32, vgl. weiter Vers 51. Zur Abwesenheit: Auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἀγνωσία; ἐντροπή). Der Vers wird ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (15,35) Ἀλλ’ ἐρεῖ τις steht 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, Jak 2,18. ♦ Die Verbform ἐρεῖ, die 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25; *1Kor 15,35. ♦ Zu πῶς vgl. zuvor zu Vers 12. ♦ νεκρός, das 138 / 128 Mal im NT steht, ist reichlich bezeugt für *Ev und *Paulus. ♦ σῶμα, das 150 / 142 Mal im NT steht, ist vorkanonisch ein zentraler Begriff für *Ev und *Paulus. ♦ ποῖος steht 63 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; 12,39; 20,8; *1Kor 15,35; *Laod 2,15. (15,36) ἀφρός, das 7 / 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt in *Ev 12,20. ♦ σπείρω begegnet 58 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *Gal 6,8; *1Kor 15,42. 44. ♦ ζωοποιέω, das 12 / 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 15,45; *2Kor 3,6; *Röm 8,11. ♦ πρῶτον begegnet 70 Mal im NT und ist auch vorkanonisch weiter bezeugt, etwa *1Kor 15,46. Zur Rekonstruktion: Der Text beider Verse folgt dem Zeugnis Tertullians, das durch die Lexik weithin gestützt wird. (15,37) σπείρω, das 58 / 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,8; *1Kor 15,42. 44. ♦ γεννάω, das 98 / 97 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23. 24; *1Kor 4,15. ♦ γυμνός steht 16 / 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,3. ♦ κόκκος begegnet 8 / 7 Mal im NT, ist aber auch vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,19 und könnte vielleicht auch 17,6 gestanden sein. ♦ τυγχάνω, das 13 / 12 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ σῖτος findet sich 15 Mal im NT, vorkanonisch nur hier bezeugt. ♦ τινος (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Sg.), das 24 Mal im NT steht, etwa Lk 22,35, in einem Vers, der in *Ev fehlt, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,16. 20; 19,8. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das weithin durch die Lexik gestützt wird. Es scheint nur das unbezeugte und, folglich auch nur kanonisch belegte εἰ τύχοι vorkanonisch gefehlt zu haben. 2 (1Kor) 545 <?page no="1424"?> (15,38) Die Kombination ὁ δὲ θεός steht 16 Mal im NT, davon 13 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Lk 18,7; 2 Mal Apg; Röm 15,5. 13. 33; 16,20, in vier Versen, die allesamt in *Röm fehlen; 1Kor 6,14; 15,38; Eph 2,4; Phil 4,19; Hebr 13,20; 1Petr 5,10; im Vers: Lk 16,15; 1Kor 6,13; Gal 3,20), vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,15 (im Vers). ♦ Die Wendung καθὼς ἠθέλησεν steht nur 2 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für die andere Stelle *1Kor 12,18. ♦ σπέρμα, das 45 / 43 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,38. ♦ ἴδιος, das 123 / 114 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,41; *Gal 6,9; *1Kor 7,7; *1Thess 2,15. ♦ σῶμα, das 150 / 142 Mal im NT steht, ist vorkanonisch ein zentraler Begriff für *Ev und *Paulus. ♦ ἀπολαμβάνω steht 14 / 10 Mal im NT, der ausschließlich vorkanonisch steht und nur von Adamantius hier geboten wird. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt wiederum dem Zeugnis Tertullians, das eindrucksvoll von der Lexik gestützt wird. (15,39) Zu dem unbezeugten πᾶσα(ι) (Nom. / Vok. Fem. Sg. / Pl.), das 60 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29 (und zwar mit derselben Formulierung: πᾶσα σάρξ). ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4, vgl. weiter Vers 50. ♦ αὐτή (Nom. Fem. Sg.), das 11 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἄλλος, das 172 / 155 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,29; 9,8. 19; *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ κτῆνος steht nur 4 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ πτηνός ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἰχθῦς steht 23 / 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt wieder dem Zeugnis Tertullians, wobei die Lexik weithin diesen Text bestätigt. Vorkanonisch nicht weiter bezeugt sind lediglich das hier unbezeugte αὐτή und das bezeugte κτῆνος. Der Vers dürfte dennoch weithin, wie gegeben, vorkanonisch vorhanden gewesen sein. (15,40) Zu σῶμα vgl. zum voranstehenden Vers 39. ♦ ἐπουράνιος ist 20 / 19 Mal belegt im NT, vorkanonisch nicht nur hier in *1Kor 15,40, sondern gleich wieder in *1Kor 15,48 und dann in *Laod 3,10; 6,12 bezeugt. ♦ ἐπίγειος findet sich 7 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *2Kor 5,1. ♦ Die Form ἑτέρα steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 17,35; Joh 19,37; Röm 8,39; 13,9; 1Kor 15,40). Zur Rekonstruktion: Der Text folgt weiter dem Zeugnis Tertullians, das wie‐ derum von der Lexik gestützt wird. Der unbezeugte Teil scheint eine Ergänzung der kanonischen Redaktion zu sein, worauf das zweimalige ἑτέρα hinweist. 546 Rekonstruktion <?page no="1425"?> (15,41) Für den bezeugten Versteil: Zu ἄλλος vgl. zuvor zu Vers 39. ♦ δόξα, das 178 / 166 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,7. 8; 15,41. 43; *2Kor 3,7. 18; 4,6; *2Thess 1,9; *Laod 1,12. 17; *Phil 3,21. ♦ ἥλιος steht 36 / 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,41; *Laod 4,26. ♦ σελήνη findet sich 9 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 24,25. ♦ ἀστήρ steht 24 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 21,25 und zwar finden sich die drei Begriffe dort in derselben Reihenfolge wie hier (… ἐν ἡλιῳ καὶ σελήνῃ καὶ ἄστροις). Für den nicht mehr bezeugten Versteil: διαφέρω steht 13 Mal im NT, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Ausdruck ἐν δόξῃ steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,31; *1Kor 15,43; *2Kor 3,7. 11; *Kol 3,4. Zur Rekonstruktion: Was den bezeugten Teil betrifft, folgt der Text dem Zeugnis Tertullians, das wiederum durch die Lexik gestützt wird. Im unbezeugten Schluss fällt auf, dass das regierende Verb ausschließlich kanonisch belegt ist, dieser Teil wird folglich auf die kanonische Redaktion zurückgehen, auch wenn der Ausdruck ἐν δόξῃ gut vorkanonisch bezeugt ist. (15,42) Die Kombination οὕτως καί steht 47 Mal im NT, 13 Mal wie hier als Verseröff‐ nung, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,31 (Verseröffnung); *1Kor 15,22. 42; *Röm 5,21. ♦ Zu ἀνάστασις vgl. zuvor die Verse 12. 13. 21. ♦ σπείρω, das 58 / 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,8; *1Kor 15,42. 44. ♦ φθορά steht 9 Mal im NT, doch begegnet der Begriff in ganz ähnlichem Zusammenhang auf der vorkanonischen Ebene in *Gal 6,8: ὁ σπείρων εἰς τὴν φθορὰν ἑαυτοῦ ἐκ τῆς φθορᾶς θερίσει φθοράν, ὁ δὲ σπείρων εἰς τὴν ζωὴν ἐκ τῆς ζωῆς θερίσει ζωήν und wieder in *1Kor 15,50. ♦ ἐγείρω, das 169 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 15,4. 14. 17. 29. 35. 44; *Röm 8,11; *Laod 1,20; 5,14. ♦ ἀφθαρσία findet sich 8 / 7 Mal im NT, auf der vorkanonischen Ebene gleich zwei Mal weiter bezeugt für *1Kor 15,50. 53. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das durch die Lexik eindrücklich gestützt wird. (15,43) Zum vorkanonisch bezeugten σπείρω vgl. den voranstehenden Vers 42. ♦ ἀτιμία findet sich 7 Mal im NT, der Begriff kann evtl. vorkanonisch in *1Kor 11,14 gestanden sein, ist aber hierfür nicht bezeugt. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ἐγείρω vgl. den voranstehenden Vers 42. ♦ Der Ausdruck ἐν δόξῃ steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,31; *1Kor 15,43; *2Kor 3,7. 11; *Kol 3,4. ♦ ἀσθένεια findet sich 27 / 24 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,9. 10 und stand eventuell, wenn auch unbezeugt in *Ev 8,2. ♦ δύναμις, das sich 128 / 119 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18; 12,10; 15,43; *2Kor 4,7; 12,9; *Röm 1,16; *2Thess 1,7; 2,9. ♦ Die Formulierung ἐν δυνάμει, die 13 Mal im NT steht, 2 (1Kor) 547 <?page no="1426"?> davon ein Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 15,19, in einem Vers, der in *Röm fehlt; im Vers: Mk 9,1; Röm 1,4; 15,13, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 2,5; 4,20; 15,43; 2Kor 6,7; Kol 1,29; 1Thess 1,5; 2Thess 1,11; 1Petr 1,5), ist vorkanonisch weiter bezeugt für *2Thess 2,9. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt wieder dem Zeugnis Tertullians und wird weithin durch die Lexik gestützt. (15,44) Zum vorkanonisch bezeugten σπείρω vgl. zuvor Vers 42. ♦ ψυχικός steht 7 / 6 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ πνευματικός begegnet 28 / 26 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 10,3. 4; 12,1; 14,1; 15,46; *Röm 7,14; *Laod 6,12. Zur Rekonstruktion: Wie in C. dargelegt, folgt der Text dem Zeugnis Tertullians. Der unbezeugte letzte Teil des Verses geht wohl auf die kanonische Redaktion zurück. (15,45) Die Kombination οὕτως καί steht 47 Mal im NT, 13 Mal wie hier als Verseröff‐ nung, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,31 (Verseröffnung); *1Kor 15,22. 42; *Röm 5,21. ♦ γέγραπται ist eine der typischen Weisen (*1Kor 9,9 kann auch ein Mal γέγραφεν stehen), in der in der vorkanonischen Fassung auf die Schrift verwiesen wird - öfter im Unterschied zur kanonischen Fassung, wo im Gegensatz zu dieser gerne von ἡ γραφή die Rede ist -, man vgl. etwa *Gal 4,22. 27; *1Kor 1,19. 31; 3,19; 10,7; 14,21. ♦ πρῶτος findet sich 169 Mal im NT, für die vorkanonische Ebene bezeugt ist der Begriff für *Ev 6,42, *1Kor 15,36. ♦ ἄνθρωπος, das 588 / 551 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,16; 6,7; *1Kor 1,25; 3,21; 4,9; 15,21. 45. 47; *2Kor 4,16; 12,2. 4; *Röm 1,18; 2,16; *2Thess 2,3; *Laod 2,15; 5,31; *Kol 2,8. 22; *Phil 2,7. ♦ Ἀδάμ begegnet 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,22. ♦ ψυχή steht 118 / 103 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,45; *1Thess 5,23. ♦ ζάω ist mit 171 / 140 Belegen ebenfalls ein beliebter Begriff im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. ♦ ἔσχατος, das 60 / 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,59; *1Kor 4,9; 15,45. ♦ ζωοποιέω steht 12 / 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,21. 45; *2Kor 3,6; *Röm 8,11. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Der unbezeugte Anfang entspricht der vorkanonischen Verseröffnung und wird wohl vorkano‐ nisch gestanden sein. Die Lexik stützt das Zeugnis Tertullians. (15,46) πρώτον / πρῶτος, das 70 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,61; 11,37; 12,31; *1Kor 15,46; *1Thess 4,16; *2Thess 2,3. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten πνευματικός vgl. zuvor zu 15,44. ♦ ἔπειτα, das 17 / 16 Mal im NT steht, 548 Rekonstruktion <?page no="1427"?> davon 8 Mal als Verseröffnung, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 1,18. Zur Rekonstruktion: Erneut stützt die Lexik die Bezeugung bzw. fehlender Bezeugung. Durch das ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte ἔπειτα wird angezeigt, dass der nichtbezeugte zweite Teil vorkanonisch tatsächlich nicht stand, er wird eine kanonische Ergänzung sein. (15,47) Zu dem vorkanonisch bezeugten πρῶτος (ohne πρώτον) vgl. zuvor zu den Versen 3. 45. ♦ χοϊκός steht hier und noch zwei weitere Male vorkanonisch bezeugt in den folgenden beiden Versen 48 und 49. ♦ δεύτερος, das 50 / 43 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,47. ♦ οὐρανός, das 300 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 8,5; 15,47; 5,1. 2; 12,2; *Röm 1,18; *2Thess 1,7; *Laod 1,10; *Kol 1,5; *Phil 3,20. ♦ οὐράνιος steht 9 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, näher erläutert in C. für die Abweichung am Ende des Verses. (15,48) οἷος steht 15 Mal im NT, vorkanonisch nur hier bezeugt. ♦ χοϊκός ist ein vorkanonisch bezeugter Begriff, vgl. den Vers zuvor und danach. ♦ τοιοῦτος, das 62 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *1Kor 15,48. ♦ ἐπουράνιος, das 20 / 19 Mal im NT steht und vorkanonisch nicht nur hier in *1Kor 15,48, sondern schon zuvor in *1Kor 15,40 und wieder in *Laod 3,10; 6,12 bezeugt ist. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians und wird von der Lexik gestützt. (15,49) Die Verseröffnung καὶ καθώς steht als Kombination 12 Mal im NT, davon 6 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch als Verseröffnung bezeugt für *Ev 6,31. ♦ φορέω steht 7 / 6 Mal im NT, nur an dieser Stelle vorkanonisch bezeugt. ♦ εἰκών steht 34 / 23 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,24; *1Kor 11,7; *2Kor 3,18; 4,4; *Kol 1,15. ♦ χοϊκός, ist bereits zwei Mal in den Versen 47. 48 vorkanonisch bezeugt, vgl. dort. ♦ ἐπουράνιος steht 20 / 19 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,40. 48; *Laod 3,10; 6,12. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das bis auf den Begriff φορέω lexikalisch gestützt wird. (15,50) Die Kombination τοῦτο δέ φημι steht nur noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, in 1Kor 7,29. ♦ Die Kombination τοῦτο δέ steht 32 Mal im NT, 28 Mal als Verseröffnung, immer auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 9,6. ♦ Die Kombination τοῦτο γὰρ φημι steht nur hier. ♦ φημί, das 73 Mal im NT steht, ist 2 (1Kor) 549 <?page no="1428"?> vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,19; 15,50. ♦ σάρξ steht 154 / 147 Mal im NT. Es ist, wie schon die Häufigkeit zeigt, ein wichtiger Begriff für die kanonische Redaktion (wie später dann auch für Tertullian), doch der Begriff begegnet nicht in *Ev, wohingegen er ein einziges Mal in Lk 24,39 im Zusammenhang der Auferstehung Jesu steht, während er in *Paulus wiederholt steht, wo dem Fleisch das Himmelreich Gottes abgesprochen wird, unsere Stelle hier und *Röm 8,4. 5, in der Kritik am „ein Fleisch werden“ von ὁ κολλώμενος τῇ πόρνῃ in *1Kor 6,16 und der Aussage *Gal 5,24, dass „Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt“ sind. Hierzu passt etwa auch die Lesart von *Laod 5,28-29. 31, wie zur Stelle zu sehen ist, ebenso *Röm 2,28. σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4. ♦ αἷμα findet sich 102 / 97 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,43. 44, *Laod 2,13 (man bemerke die Differenz zwischen diesem Brief und den sog. authentischen Briefen des *Paulus), doch der Begriff spielt, gerade im Abendmahlszusammenhang, in der kanonischen Redaktion eine viel größere Rolle. ♦ βασιλεία (τοῦ) θεοῦ ist vorkanonisch die Rede in *Ev 10,11; *Gal 5,21. ♦ κληρονομέω steht 26 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *1Kor 15,50. ♦ Besonders auffällig ist δύναμαι, das 233 / 210 Mal im NT steht, vorkanonisch lediglich bezeugt für *Ev 9,40; 16,13. 26 (? Adamantiuszeugnis), und an vorliegender Stelle. ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, kanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten φθορά, das 9 Mal im NT steht, vgl. zuvor zu 15,42. ♦ Zum ebenfalls vorkanonisch bezeugten ἀφθαρσία, das 8 / 7 Mal im NT steht, vgl. zum selben Vers 15,42. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians und wird eindrück‐ lich von der Lexik gestützt. (15,51) ἰδού steht 200 Mal im NT, ein Ausdruck, der insbesondere auf der kanonischen Ebene zu finden ist, aber auch vorkanonisch bezeugt ist, *Ev 17,21; 23,50; *2Kor 5,17. ♦ μυστήριον, das 30 / 28 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,1. 7; *Laod 1,9; 3,9; 5,32; 6,19. ♦ Zur Verbform λέγω vgl. zuvor Vers 34. ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22; *2Thess 2,12; *Laod 2,3. ♦ Die Variante κοιμάω, die 20 / 18 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Variante hierzu ἀνίστημι ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,8; *Laod 5,14. ♦ ἀλλάσσω steht 6 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für den nächsten Vers, *1Kor 15,52. Zur Rekonstruktion: Der Text geht zurück auf das Zeugnis Tertullians und wird bis in die Variante hinein von der Lexik gestützt. 550 Rekonstruktion <?page no="1429"?> (15,52) νεκρός, das 138 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Paulus, vgl. zuvor 15,35. ♦ Zu ἀνίστημι, das 131 / 108 Mal im Neuen Testament steht und vornehmlich „Aufstehen von den Toten“ im vorkanonischen Text meint, vgl. zuvor zu 10,7. ♦ ἄφθαρτος, das 8 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt nur hier. ♦ ἀλλάσσω, das 6 Mal im NT steht, ist ebenfalls nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ ἄτομος ist Hapax legomenon im NT. ♦ ῥιπῇ wie ῥοπῇ sind Hapax legomena im NT. Letzteres passt besser in den eschatologischen Zusammenhang. Doch das kanonisch verwendete ῥιπῇ wird wieder auf kanonischer Ebene aufgegriffen mit dem verwandten Verb ῥιπίζω das als Hapax legomenon im NT in Jak 1,6 begegnet. ♦ ὀφθαλμός, das 109 / 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und hier. ♦ ἔσχατος, das 60 / 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,59; *1Kor 4,9; 15,45. ♦ σάλπιγξ steht 12 / 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ σαλπίζω steht 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt Tertullian, wobei in der Lexik einige Hapax legomena auffallen, auch zwei Begriffe, die nur hier vorkanonisch bezeugt sind (ἄφθαρτος; ἀλλάσσω). Dass dann im unbezeugten Text zwei weitere Termini nur kanonisch belegt sind (σάλπιγξ; σαλπίζω), spricht dennoch dafür, dass dieser letzte Teil auf die kanonische Redaktion zurückgeht, deren Vorliebe für Instrumente bereits zuvor aufgefallen ist (1Kor 14,7). (15,53) Die Verseröffnung δεῖ γάρ steht 6 Mal im NT (davon 4 Mal als Verseröffnung: 1Kor 11,19; 15,25. 53; Tit 1,7; zusätzlich in Mt 24,6; Lk 21,9), vorkanonisch wieder bezeugt für *1Kor 15,25. ♦ φθαρτός steht 6 Mal im NT, vorkanonisch nur hier bezeugt. ♦ ἐνδύω begegnet 30 / 27 Mal im NT, vorkanonisch gleich für den nächsten Vers *1Kor 15,54 wie auch *Ev 12,22 bezeugt. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ἀφθαρσία, das 8 / 7 Mal im NT steht, vgl. zuvor zu Vers 15,42. ♦ θνητός steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,20; 15,53. 54; *2Kor 5,4; *Röm 8,11. ♦ ἀθανασία steht 3 Mal im NT, davon 2 Mal vorkanonisch bezeugt, für die vorliegende Stelle und den nachfolgenden Vers. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt weiter dem Zeugnis Tertullians und Epipha‐ nius, wie in C. diskutiert. Die Lexik stützt deren Zeugnis. (15,54) Die Eröffnung ὅταν δέ steht 21 Mal im NT (17 Mal als Verseröffnung), vorkanonisch weiter bezeugt für *Kol 3,4. ♦ ἐνδύω begegnet 30 / 27 Mal im NT, vorkanonisch im Vers zuvor, *1Kor 15,53 wie auch *Ev 12,22 bezeugt. ♦ Zu ἀθανασία, das 3 Mal im NT steht, davon 2 Mal vorkanonisch bezeugt, vgl. den voranstehenden Vers. ♦ Zu τότε vgl. zuvor zu Vers 28. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ Die Form γεγραμμένος ist nur hier vorkanonisch bezeugt, sie steht noch 2 (1Kor) 551 <?page no="1430"?> zwei weitere Male in Joh 15,25; Apk 20,15. ♦ καταπίνω steht 8 / 7 Mal im NT, weiter vorkanonisch bezeugt für *1Kor 5,4. ♦ νῖκος steht 14 / 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt an drei dieser Stellen, *1Kor 15,54. 55. 57. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians und des Epiphanius, das weithin von der Lexik gestützt wird. Lediglich die Form γεγραμμένος ist nicht weiter vorkanonisch bezeugt. Wie die vielen handschriftlichen Varianten für den ausgelassenen Teil veranschaulichen, ist hier entweder früh ein Text ausgefallen, oder, was wahrscheinlicher ist, er wurde als typische Duplikation erst von der kanonischen Redaktion eingefügt. (15,55) σου (Gen. Mask. / Neut. Sg. von σύ / σός), das 361 Mal im NT steht, ist vorka‐ nonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,14; *1Kor 15,55; *Röm 2,25. ♦ Die Kombination ποῦ σου steht nur hier, gleich 2 Mal in diesem Vers. ♦ νῖκος begegnet 14 / 4 Mal im NT, bereits im Vers zuvor und nochmals bald danach in Vers 57 vorkanonisch bezeugt. ♦ κέντρον steht wieder im nächsten Vers, wenn auch dort nicht vorkanonisch bezeugt. ♦ Die Variante Ἅιδης, die sich bei Adamantius und vielen Handschriften findet, steht 14 Mal im NT, etwa Lk 16,22, wo im Parallelvers in *Ev nur Adamantius für den Begriff zeugt, ist also ausschließlich kanonisch bezeugt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians und Epiphanius, auch hier stützt die Lexik weithin deren Zeugnis. Nur κέντρον ist nicht andern‐ orts vorkanonisch weiter bezeugt. (15,56) κέντρον wurde gerade im Vers zuvor vorkanonisch bezeugt. ♦ ἁμαρτία steht 184 / 173 Mal im NT, und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 5,21; 7,7. 11; 8,3. 10; 14,23; *2Thess 2,3. ♦ νόμος, das 204 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; 3,10-11; 4,5; 5,3. 14; 6,2. 13; *1Kor 9,8; 14,21. 34; *Röm 2,12. 13. 14. 20. 25; 3,21; 5,20; 7,4. 7. 12. 14. 23; 8,4; 10,4; 13,8; *Laod 2,15. ♦ Die Kombination von ἡ δέ steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 4,26. Zur Abwesenheit: Bei diesem unbezeugten Vers begegnet zwar nur ein Element (ἡ δέ), das nur auf der kanonischen Ebene belegt ist, doch fällt die Duplikation des κέντρον auf, außerdem greift der Vers die Rede von der Sünde aus 15,17. 34 auf, welche beide Male nur auf der kanonischen Ebene steht. Der Vers führt demnach einen kanonischen Seitengedanken weiter und wird wohl vorkano‐ nisch gefehlt haben. (15,57) Zum vorkanonisch bezeugten νῖκος vgl. zuvor zu Vers 55. ♦ Die Kombination τῷ δέ θεῷ χάρις begegnet 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in 2Kor 2,14. ♦ Die verkürzte Form τῷ θεῷ χάρις steht nur hier. 552 Rekonstruktion <?page no="1431"?> Zu dem nicht mehr bezeugten Versteil: Die Formel διὰ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 5,1. 11; 15,30, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 15,57; 1Thess 5,9)d. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das von der Lexik gestützt wird. Der unbezeugte Teil wird Ergänzung der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (15,58) Die Verseröffnung Ὥστε, ἀδελφοί μου findet sich 5 Mal im NT (1 weiteres Mal in Phil 4,1 auch mit dem sich anschließenden ἀγαπητοί), immer auf der kanonischen Ebene (Röm 7,4; 1Kor 11,33; 14,39; 15,58; Phil 4,1). ♦ Die kürzere Wendung ἀδελφοί μου steht 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,11. ♦ ἀγαπητοί allein steht 27 Mal im NT, davon 9 Mal als Verseröffnung, auch ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 10,14 ♦ ἑδραῖος, das 4 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich für die kanonische Ebene belegt. ♦ ἀμετακίνητος ist Hapax legomenon. ♦ Obwohl das Verb περισσεύω 42 / 39 Mal im NT begegnet, findet es sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἔργον, das 187 / 169 Mal im NT steht, ist vorkanonisch belegt für *Ev 11,48; *Gal 2,16; 3,10; 5,19; *1Kor 3,13. 14; 5,2, 5,19; *Kol 1,21. ♦ πάντοτε findet sich 42 / 41 Mal im NT, ausnahmslos auf der kanonischen Ebene, obwohl der Begriff gerade im paulinischen Werk reichlich belegt ist. ♦ κόπος steht 21 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8. ♦ Die Wendung εἰδότες ὅτι steht 15 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 6,9; 2Kor 4,14; Eph 6,8; Kol 3,24; 1Petr 1,18; im Vers: Lk 8,53; Joh 21,12; Röm 5,3; 1Kor 15,58; 2Kor 1,7; 5,6; Eph 6,9; Phil 1,16; Kol 4,1; Jak 3,1), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ κενός steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,2; *Kol 2,8. ♦ Die Wendung ἐν κυρίῳ steht 48 Mal im NT, wohl ausschließlich auf der kanonischen Ebene und nur im kanonischen Paulus, vgl. zu Gal 5,10. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist mehrere Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Ὥστε, ἀδελφοί μου; ἑδραῖος; περισσεύω; πάντοτε; εἰδότες ὅτι; κόπος; ἐν κυρίῳ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. [Kapitel 16] [16],[1-24]: [Die Geldsammlung und Grüße] Die folgende Passage ist vorkanonisch unbezeugt und geht der Sprache nach zu urteilen auf die kanonische Redaktion zurück. 2 (1Kor) 553 <?page no="1432"?> 1 Περὶ δὲ τῆς λογείας τῆς εἰς τοὺς ἁγίους, ὥσπερ διέταξα ταῖς ἐκκλησίαις τῆς Γαλατίας, οὕτως καὶ ὑμεῖς ποιήσατε. 2 κατὰ μίαν σαββάτου ἕκαστος ὑμῶν παρ’ ἑαυτῷ τιθέτω θησαυρίζων ὅ τι ἐὰν εὐοδῶται, ἵνα μὴ ὅταν ἔλθω τότε λογεῖαι γίνωνται. 3 ὅταν δὲ παραγένωμαι, οὓς ἐὰν δοκιμάσητε, δι’ ἐπιστολῶν τούτους πέμψω ἀπενεγκεῖν τὴν χάριν ὑμῶν εἰς Ἰερουσαλήμ· 4 ἐὰν δὲ ἄξιον ᾖ τοῦ κἀμὲ πορεύεσθαι, σὺν ἐμοὶ πορεύσονται. 5 Ἐλεύσομαι δὲ πρὸς ὑμᾶς ὅταν Μακεδονίαν διέλθω, Μακεδονίαν γὰρ διέρχομαι· 6 πρὸς ὑμᾶς δὲ τυχὸν παραμενῶ ἢ καὶ παραχειμάσω, ἵνα ὑμεῖς με προπέμψητε οὗ ἐὰν πορεύωμαι. 7 οὐ θέλω γὰρ ὑμᾶς ἄρτι ἐν παρόδῳ ἰδεῖν, ἐλπίζω γὰρ χρόνον τινὰ ἐπιμεῖναι πρὸς ὑμᾶς, ἐὰν ὁ κύριος ἐπιτρέψῃ. 8 ἐπιμενῶ δὲ ἐν Ἐφέσῳ ἕως τῆς πεντηκοστῆς· 9 θύρα γάρ μοι ἀνέῳγεν μεγάλη καὶ ἐνεργής, καὶ ἀντικείμενοι πολλοί. 10 Ἐὰν δὲ ἔλθῃ Τιμόθεος, βλέπετε ἵνα ἀφόβως γένηται πρὸς ὑμᾶς, τὸ γὰρ ἔργον κυρίου ἐργάζεται ὡς κἀγώ· 11 μή τις οὖν αὐτὸν ἐξουθενήσῃ. προπέμψατε δὲ αὐτὸν ἐν εἰρήνῃ, ἵνα ἔλθῃ πρός με, ἐκδέχομαι γὰρ αὐτὸν μετὰ τῶν ἀδελφῶν. 12 Περὶ δὲ Ἀπολλῶ τοῦ ἀδελφοῦ, πολλὰ παρεκάλεσα αὐτὸν ἵνα ἔλθῃ πρὸς ὑμᾶς μετὰ τῶν ἀδελφῶν· καὶ πάντως οὐκ ἦν θέλημα ἵνα νῦν ἔλθῃ, ἐλεύσεται δὲ ὅταν εὐκαιρήσῃ. 13 Γρηγορεῖτε, στήκετε ἐν τῇ πίστει, ἀνδρίζεσθε, κραταιοῦσθε· 14 πάντα ὑμῶν ἐν ἀγάπῃ γινέσθω. 15 Παρακαλῶ δὲ ὑμᾶς, ἀδελφοί· οἴδατε τὴν οἰκίαν Στεφανᾶ, ὅτι ἐστὶν ἀπαρχὴ τῆς Ἀχαΐας καὶ εἰς διακονίαν τοῖς ἁγίοις ἔταξαν ἑαυτούς· 16 ἵνα καὶ ὑμεῖς ὑποτάσσησθε τοῖς τοιούτοις καὶ παντὶ τῷ συνεργοῦντι καὶ κοπιῶντι. 17 χαίρω δὲ ἐπὶ τῇ παρουσίᾳ Στεφανᾶ καὶ Φορτουνάτου καὶ Ἀχαϊκοῦ, ὅτι τὸ ὑμέτερον ὑστέρημα οὗτοι ἀνεπλήρωσαν, 18 ἀνέπαυσαν γὰρ τὸ ἐμὸν πνεῦμα καὶ τὸ ὑμῶν. ἐπιγινώσκετε οὖν τοὺς τοιούτους. 19 Ἀσπάζονται ὑμᾶς αἱ ἐκκλησίαι τῆς Ἀσίας. ἀσπάζεται ὑμᾶς ἐν κυρίῳ πολλὰ Ἀκύλας καὶ Πρίσκα σὺν τῇ κατ’ οἶκον αὐτῶν ἐκκλησίᾳ. 20 ἀσπάζονται ὑμᾶς οἱ ἀδελφοὶ πάντες. Ἀσπάσασθε ἀλλήλους ἐν φιλήματι ἁγίῳ. 21 Ὁ ἀσπασμὸς τῇ ἐμῇ χειρὶ Παύλου. 22 εἴ τις οὐ φιλεῖ τὸν κύριον, ἤτω ἀνάθεμα. Μαρανα θα. 23 ἡ χάρις τοῦ κυρίου Ἰησοῦ μεθ’ ὑμῶν. 24 ἡ ἀγάπη μου μετὰ πάντων ὑμῶν ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ. 554 Rekonstruktion <?page no="1433"?> 274 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 451. 275 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 289. A. Die Verse sind vorkanonisch unbezeugt. B. Keine nennenswerten Varianten. C. (16,1-24) Das gesamte Kapitel 16 ist nach allen Editoren unbezeugt, auch wenn Zahn die Präsenz in irgendeiner Weise annimmt. Hilgenfeld urteilt: „Ueber Kap. 16. schweigen alle Quellen gänzlich; aber es lässt sich auch gar kein Grund absehen, weshalb sie hier etwas gegen Marcion hätten geltend machen sollen. Für den Zweck der Polemik ist dieser Brief überhaupt so ausgebeutet, daß auch von Dem, worüber die Zeugnisse fehlen, nichts Wesentliches gefehlt haben kann“. 274 BeDuhn rechnet wegen des markionitischen Prologs und der Nennung von Galatien (16,1) und Ephesus (16,8) zumindest mit diesen beiden Versen. Er verweist wie Hilgenfeld darauf, dass die Zeugen Tertullian, Epiphanius und Adamantius dieses Kapitel schlicht deshalb übergangen haben könnten, weil „nichts in diesem Kapitel irgendeinen Dienst für die Argumentation“ geliefert hätte, 275 Wir sind also wiederum auf die Lexik verwiesen. D. (16,1) Die Kombination περὶ δέ steht 14 Mal im NT, immer als Verseröffnung und ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 7,1. ♦ Der Begriff λογεία begegnet 8 / 2 Mal im NT und gehört ausschließlich der kanonisch-redaktionellen Ebene zu, wie überhaupt das Thema der Kollekte nur auf dieser Ebene angesprochen und z.T. ausführlich behandelt wird, vgl. die Einleitung, Band I. ♦ ὥσπερ, das 43 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,22; *Röm 5,21. ♦ διατάσσω, das 18 / 16 Mal im NT steht, ist jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ Γαλάται, das 4 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,2. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Περὶ δέ; λογεία; διατάσσω. (16,2) κατὰ μίαν steht nur hier. ♦ Σάββατον steht 73 / 68 Mal im NT, in den von der modernen Forschung dem Paulus zugeschriebenen Briefen ist dies jedoch die einzige Stelle, vorkanonisch jedoch bezeugt für *Ev und *Kol 2,16. ♦ παρά, das 217 / 194 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8. 12; *1Kor 3,19; *Röm 2,13; 12,16; *2Thess 1,6. ♦ τίθημι, das 110 / 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,10. 11; 12,18. 28; 15,25. ♦ θησαυρίζω steht 8 Mal im NT, nur ein Mal 2 (1Kor) 555 <?page no="1434"?> in Lk 12,21 genau in dem Vers dieser Perikope, der in *Ev gefehlt hat, ist also nur auf der kanonischen Ebene zu finden. ♦ ὅστις, das 165 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. ♦ ἄν, das 205 / 167 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,8. ♦ Die Kombination ὅ τι ἐάν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 6,23; 1Kor 16,2; Kol 3,17). ♦ εὐοδόω steht 4 Mal im NT und findet sich nur auf der kanonischen Ebene (Röm 1,10; 3Joh 1,2). ♦ τότε, das 164 / 160 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,54. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: θησαυρίζω; ὅ τι ἐάν; εὐοδόω. (16,3) Die Eröffnung ὅταν δέ steht 21 Mal im NT (17 Mal als Verseröffnung), vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,54; *Kol 3,4. ♦ Das Personalpronomen οὕς (Akk. Mask. Pl.), das 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,27; *1Kor 10,11. ♦ παραγίγνομαι steht 42 / 37 Mal im NT, doch begegnet der Begriff an keiner Stelle in der paulinischen Literatur, ist hingegen ein beliebter Begriff der Apostelgeschichte (Apg 5,21. 22. 25; 9,26. 39; 10,32. 33; 11,23; 13,14; 14,17. 27; 15,4; 17,10; 18,27; 20,18; 21,18; 23,16; 23,35; 24,24; 25,7; 28,21) und steht nur auf der kanonischen Redaktionsstufe. Die Zugehörigkeit zur kanonischen Ebene ist besonders eindrücklich zu sehen in Lk 8,19; 22,52, zwei Stellen, die in *Ev fehlen, in *Ev 11,6 steht an dessen Stelle der Begriff πάρεστιν; und in *Ev 12,51 wird das Zeugnis Tertullians Putatis venisse me pacem mittere in terram (Tert., Adv. Marc. IV 29,13) wohl, wie Harnack richtig vorschlägt, einen Text wie δοκεῖτε ὅτι ἦλθον εἰρήνην βαλεῖν ἐπὶ τὴν γῆν voraussetzen, während das δοκεῖτε ὅτι εἰρήνην παρεγενόμην βαλεῖν ἐπὶ τὴν γῆν auf die kanonische Redaktion zurückzuführen ist. ♦ δοκιμάζω steht 25 / 22 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,56; *1Kor 3,13. ♦ τούτους (Akk. Mask. Pl.), das 26 Mal im NT steht, findet sich nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἐπιστολή steht 25 / 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀποφέρω steht 6 Mal im NT, überhaupt nur auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ Ἱεροσόλυμα, das 231 / 62 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,20; *Gal 2,1. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: παραγίγνομαι; τούτους; ἐπιστολή; ἀποφέρω. (16,4) Die Kombination ἐὰν δέ steht 34 Mal im NT, Lk 22,68, in einem Vers, der in *Ev fehlt, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für Röm 2,25. ♦ ἄξιον steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 23,15; 1Kor 16,4; 2Thess 1,3; Apk 5,12). ♦ Die Form ᾖ steht 42 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ σύν, das 136 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,14; *Gal 2,3; 5,24; *Thess 4,17; 556 Rekonstruktion <?page no="1435"?> *Kol 2,13; 3,3. 4; *Phil 1,23, vgl. weiter unten Vers 19. ♦ πορεύω, das 146 / 154 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev, vgl. weiter Vers 6. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἄξιον; ᾖ. (16,5) Die Form ἐλεύσομαι steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 4,19. ♦ Μακεδονία, das 22 Mal im NT erwähnt wird, ist nur kanonisch belegt. ♦ διέρχομαι steht 46 / 53 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,1. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐλεύσομαι; Μακεδονία. (16,6) τυγχάνω, das 13 / 12 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kano‐ nischen Ebene. ♦ παραμένω steht 4 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene. ♦ παραχειμάζω steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. Das zugehörige Nomen παραχειμασία, das Hapax legomenon im NT ist, findet sich auf dieser Ebene (Apg 27,12). ♦ προπέμπω, das sich 9 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. weiter unten Vers 11. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten πορεύω vgl. zuvor zu Veres 4. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: τυγχάνω; παραμένω; παραχειμάζω; προπέμπω. (16,7) Die Wendung οὐ θέλω γάρ steht 1 weiteres Mal, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,1. ♦ ἄρτι ist bereits mehrfach aufgefallen und, obwohl es 40 / 36 Mal im NT begegnet, steht es ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πάροδος ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἐλπίζω steht 32 / 31 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination ἐλπίζω γάρ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 15,24; 1Kor 16,7; Phlm 1,22). ♦ τινα (Nom. / Akk. Neut. oder Akk. Fem. / Mask. Sg.), das 46 Mal im NT steht, ist immer auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ χρόνος, das 61 / 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,4. ♦ Die Kombination χρόνον τινά steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, Apg 18,23. ♦ ἐπιμένω steht 20 / 17 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐπιτρέπω steht 28 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,61. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἄρτι; ἐλπίζω γάρ; τινα; χρόνον τινά; ἐπιμένω. (16,8) Zum kanonischen ἐπιμένω vgl. den voranstehenden Vers 16,7. ♦ Ἔφεσος, das 17 / 16 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ πεντηκοστή steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. 2 (1Kor) 557 <?page no="1436"?> Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐπιμένω; Ἔφεσος; πεντηκοστή. (16,9) θύρα steht 40 / 39 Mal im NT, wohl ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀνοίγνυμι steht 102 / 77 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,9; *Laod 6,19. ♦ μέγας, das 209 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 5,32. ♦ ἐνεργής, das 7 / 3 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀντίκειμαι steht 9 / 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: θύρα (? ); ἐνεργής; ἀντίκειμαι. (16,10) Die Form ἔλθῃ, die 32 Mal im NT steht, etwa Lk 1,43 und 9,26, in Versen, die in *Ev fehlen, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt, vgl. zuvor zu 4,5. ♦ Τιμόθεος, der 25 / 24 Mal im NT erwähnt wird, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 4,18. ♦ ἄφοβος steht 4 Mal im NT, nur kanonisch bezeugt. ♦ ἐργάζομαι steht 51 / 41 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 6,10; *2Kor 11,13. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἔλθῃ; Τιμόθεος; ἄφοβος. (16,11) Die Kombination μή τις steht 20 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (als Verseröffnung: Joh 7,48; 1Kor 16,11; 2Thess 2,3; im Vers: Mt 24,4; Mk 13,5; 4 Mal Joh; Apg 8,31; 27,42; 1Kor 1,15; 2Kor 8,20; 11,16; 12,6; Eph 2,9; Kol 2,8; 1Thess 5,15; Hebr 12,15; Apk 13,17), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ αὐτόν, das 841 Mal im Neuen Testament steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 2,16; 15,25l *2Thess 2,4; *Laod 1,20; *Kol 1,20, vgl. weiter Vers 12. ♦ ἐξουθενέω, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,14; *1Thess 5,20. ♦ Zum kanonischen προπέμπω vgl. zuvor zu Vers 6. ♦ Die Wendung ἐν εἰρήνῃ steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zur kanonischen Form ἔλθῃ vgl. den voranstehenden Vers 16,10. ♦ ἐκδέχομαι steht 7 / 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Ausdruck μετὰ τῶν ἀδελφῶν steht nur hier und im nächsten Vers 12. ♦ Die Wendung τῶν ἀδελφῶν steht 17 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 25,40; 8 Mal Apg; Röm 9,3; 1Kor 16,11. 12; Phil 1,14; 1Joh 3,16; 3 Mal Apk). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: μή τις; προπέμπω; ἔλθῃ; ἐκδέχομαι; μετὰ τῶν ἀδελφῶν; τῶν ἀδελφῶν. (16,12) Die Kombination περὶ δέ steht 14 Mal im NT, immer als Verseröffnung und ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu Vers 7,1. ♦ Ἀπολλῶς steht 558 Rekonstruktion <?page no="1437"?> 17 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten παρακαλέω vgl. Vers 14,31. ♦ Zu αὐτόν vgl. zuvor zu Vers 11. ♦ Zur kanonischen Form ἔλθῃ vgl. zuvor Vers 16,10. ♦ Die Verbform ἦν, die 301 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt in *Ev und *1Kor 10,4; *Phil 3,7. ♦ θέλημα steht 65 / 62 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,3; *Laod 1,9. ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ εὐκαιρέω steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 6,21. 31; Apg 17,21; 1Kor 16,12). Auch das verwandte Nomen εὐκαιρία findet sich nur auf der kanonischen Ebene (Mt 26,16; Lk 22,6), so auch das Adjektiv εὔκαιρος (Mk 6,21; Hebr 4,16) und das Adverb εὐκαίρως (Mk 14,11; 2Tim 4,2). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Περὶ δέ; Ἀπολλῶς; ἔλθῃ; εὐκαιρέω. (16,13) γρηγορέω steht 23 / 22 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ στήκω steht 12 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀνδρίζω ist Hapax legomenon im NT. ♦ κραταιόω steht 4 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene (Lk 1,80; 2,40, in Versen, die in *Ev fehlen; 1Kor 16,13; Eph 3,16). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: γρηγορέω; στήκω; κραταιόω. (16,14) Die Wendung πάντα ὑμῶν begegnet 1 weiteres Mal, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22. ♦ Die Wendung ἐν ἀγάπῃ steht 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,21; 16,14; 2Kor 6,6; Eph 1,4; 3,17; 4,2. 15. 16; 5,2; Kol 2,2; 1Thess 5,13; 1Tim 4,12; Jud 1,21). ♦ Die Form γινέσθω steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene; vgl. zu 14,26. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐν ἀγάπῃ; γινέσθω. (16,15) Die Verseröffnung παρακαλῶ δὲ ὑμᾶς ἀδελφοί steht 5 Mal im NT, ausschließ‐ lich auf der kanonischen Ebene (Röm 15,30; 16,17, in zwei Versen, die in *Röm fehlen; 1Kor 1,10; 16,15; Hebr 13,22). ♦ οἰκία, das 104 / 94 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,5. ♦ Στεφανᾶς, was 3 Mal im NT steht, findet sich immer auf der kanonischen Ebene, vgl. weiter Vers 17. ♦ ἀπαρχή begegnet 9 Mal im NT und ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Ἀχαία steht 12 / 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 1,1. ♦ διακονία steht 35 / 34 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ παντί, das 59 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,48; 19,26; *Röm 1,16; 10,4; *Kol 1,16. ♦ τάσσω steht 10 / 8 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene belegt, insbesondere für die Apostelgeschichte (Mt 28,16; Lk 1,8; 7,8; Apg 13,48; 15,2; 18,2; 22,10; 28,23; Röm 13,1; 1Kor 16,15). 2 (1Kor) 559 <?page no="1438"?> Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Παρακαλῶ δὲ ὑμᾶς ἀδελφοί; Στεφανᾶς; ἀπαρχή; διακονία; τάσσω. (16,16) Die Kombination ἵνα καί ὑμεῖς steht 5 Mal im NT, davon 1 Mal als Verseröff‐ nung hier, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 13,34; 19,35; 1Kor 16,16; Kol 4,16; 1Joh 1,3). ♦ Die Kombination καὶ ὑμεῖς steht 64 Mal im NT, davon 8 Mal als kanonische Verseröffnung, vorkanonisch im Vers bezeugt für *Ev 20,21; *Röm 7,4; *1Thess 2,14; *Laod 1,13; vgl. zu 1Kor 5,2. ♦ τοιοῦτος, das 62 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *1Kor 15,48, vgl. weiter Vers 18. ♦ συνεργέω, das 11 / 5 Mal im NT steht, ist ausnahmslos für die kanonische Ebene bezeugt ist. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἵνα καὶ ὑμεῖς; συνεργέω. (16,17) Die Form χαίρω steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 11,15; Röm 16,19, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,17; 2Kor 7,9. 16; Phil 1,18; 2,17; Kol 1,24). ♦ Zu Στεφανᾶς vgl. zuvor Vers 15. ♦ Φορτουνᾶτος ist Hapax legmonon im NT. ♦ Ἀχαιικός ist Hapax legomenon im NT. ♦ οὗτοι, das 77 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ὑμέτερος, das 11 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἀναπληρόω steht 7 / 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,2. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: χαίρω; Στεφανᾶς; οὗτοι; ὑμέτερος. (16,18) ἀναπαύω steht 15 / 12 Mal im NT, nur bezeugt ist für die kanonische Ebene. ♦ Der Ausdruck τὸ ἐμόν steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu Vers 1,15. ♦ Zu τοιοῦτος vgl. zuvor zu Vers 16. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀναπαύω; τὸ ἐμόν. (16,19) ἀσπάζομαι steht 65 / 59 Mal im NT, vorkanonisch nur negativ bezeugt (*Ev 10,4), im Sinne, wie hier, folglich kanonische Semantik. ♦ Die Wendung αἱ ἐκκλησίαι steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 11,16. ♦ Zu πολλά vgl. zuvor zu Vers 12. ♦ Die Wendung ἐν κυρίῳ steht 48 Mal im NT, wohl ausschließlich auf der kanonischen Ebene und nur im kanonischen Paulus, vgl. zu Gal 5,10. ♦ Ἀκύλας steht 7 / 6 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene (Apg 18,2. 18. 26; Röm 16,3; 1Kor 16,19; 2Tim 4,19). ♦ Πρίσκα steht 3 Mal im NT, auch die anderen beiden Male auf der kanonischen Ebene (Röm 16,3; 1Kor 16,19; 2Tim 4,19). ♦ Zu σύν vgl. zuvor zu Vers 4. ♦ Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ findet sich 49 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 19,47, wiederum in einem Vers, der in *Ev fehlt; 14 560 Rekonstruktion <?page no="1439"?> Mal in Apg; Röm 1,15; 8,12. 28; 9,5. 11; 11,21. 24; 16,5, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,19; 2Kor 7,11; 10,7; 11,28; Gal 4,29; Eph 1,15; 4,24; 5,33; 5,6. 21; Phil 1,12; Kol 3,22; 4,7. 15; 1Tim 6,3; Tit 1,1. 9; Phlm 1,2; Hebr 11,7; Jak 3,9; 1Petr 1,3). ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Semantik von ἀσπάζομαι; αἱ ἐκκλησίαι; ἐν κυρίῳ; Ἀκύλας; Πρίσκα. Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ. (16,20) Zur kanonischen Semantik hier von ἀσπάζομαι vgl. zum voranstehenden Vers 16,19. ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3. ♦ Der Ausdruck ἐν φιλήματι ἁγίῳ steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 16,16, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,20; 1Thess 5,26; 1Petr 5,14). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Semantik von ἀσπάζομαι; ἐν φιλήματι ἁγίῳ. (16,21) ἀσπασμός steht 11 / 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,43. ♦ Der Ausdruck τῇ ἐμῇ χειρί steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 16,21; Gal 6,11; Kol 4,18; 2Thess 3,17; Phlm 1,19). ♦ Παῦλος, der 174 / 158 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt *Gal 1,1; *1Kor 1,1; 3,22; *2Kor 1,1; *Röm; *1Thess 1,1; *2Thess 1,1; *Laod 1,1; *Kol 1,1. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Semantik von ἀσπάζομαι; τῇ ἐμῇ χειρί. (16,22) Die Kombination εἴ τις οὐ steht 3 Mal im NT, ein Mal als Verseröffnung hier, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 16,22; 2Thess 3,10; Apk 20,15). ♦ φιλέω steht 25 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Verbform ἤτω steht nur hier und wieder auf der kanonischen Ebene in Jak 5,12. ♦ μαρὰν ἀθά ist Hapax legomenon im NT. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἴ τις οὐ; φιλέω; ἤτω. (16,23) Die Wendung ἡ χάρις τοῦ κυρίου Ἰησοῦ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 16,23; 2Kor 13,13; Phil 4,23; Phlm 1,25; Apk 22,21). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Wendung ist: ἡ χάρις τοῦ κυρίου Ἰησοῦ. 2 (1Kor) 561 <?page no="1440"?> (16,24) πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur ein Mal für einen Brief bezeugt, den die Forschung Paulus zuschreibt (*Röm 12,18), dann auffallenderweise gleich drei Mal in *Deuteropaulinen (*Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17). ♦ Der Ausdruck μετὰ πάντων ὑμῶν steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 15,33, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,24; 2Kor 13,13; 2Thess 3,16. 18; Tit 3,15; Hebr 13,25). ♦ Die Kombination ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ begegnet 47 Mal im Neuen Testament, ausschließlich im kanonischen Paulus, vgl. zu 1Kor 1,4. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: μετὰ πάντων ὑμῶν; ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ. Wie zu jedem einzelnen Vers gezeigt, begegnen in allen Elemente oder Wen‐ dungen, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind. Das gesamte Kapitel spiegelt folglich kanonische Lexik, auch Semantik, ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und wird vorkanonisch gefehlt haben. 562 Rekonstruktion <?page no="1441"?> 1 Edition: M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), 119. 2 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 453. 3 (2Kor) Titulus und Vorwort 1 Πρὸς Κορινθίους β΄ - Post actam paenitentiam consolato‐ rias scribit eis a Troade et conlaudans eos hortatur ad meliora. - A. *Titel: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11, praef.: De epistula secunda ad Corinthios; vgl. Epiph., Pan. 42 (105 H.): Τρίτη πρὸς Κορινθίους δευτέρα; ibid. (173 H.): Τῆς πρὸς Κορινθίους β· αὕτη δὲ τρίτη κεῖται παρὰ τῷ Μαρκίωνι μετηλλαγμένως δὲ διὰ τὸ πρώτην παρ’ αὐτῷ τετάχθαι τὴν πρὸς Γαλάτας; vgl. auch den antimarkionitischen Prolog. B. Die Varianten sind in der kritischen Edition vermerkt. 1 C. Zahn und Harnack geben den obigen Titel ohne Quellenverweis. Titulus und Adressaten gehen jedoch hervor aus den unter A. aufgeführten Zeugnissen. Insgesamt urteilt Hilgenfeld zum Zweiten Korintherbrief: „Auch der zweite Korintherbrief bietet gar keinen Grund für die Annahme weiterer, von den Gegnern übergangener Textlücken dar. Nur lässt es sich bei dem Gewicht, welches Dieselben bei dem ersten Korinthierbrief und auch hier (wie man aus Epiphanius sehen kann) auf beibehaltene alttestamentliche Schriftcitate zu legen pflegen, wohl vermuthen, daß in dem so wenig berührten Abschnitt C. VI-IX wenigstens die ausdrücklichen Schriftcitate VI,2. 16. 17. 18. VIII,15. IX,9 ganz unterdrückt, oder doch wie IV,13 durch Auslassung der Citationsformel um ihre Beweiskraft gebracht waren. Sonst würde man sich solche Anerkennungen des alttestamentlichen Gottes in dem marcionitischen Texte wohl nicht haben entgehen lassen“. 2 Der Zweite Korintherbrief ist von besonderem Interesse, weil thematische Spannungen und Digressionen schon wiederholt Anlass gegeben haben, diesen Brief in verschiedene Briefe aufzuteilen und ihn so als kleine Briefsammlung zu betrachten. Blanton etwa votierte noch jüngst für die Aufteilung dieses Briefes in fünf Briefe (Brief 1: 1,1-2,13; 7,5-16; 13,11-13; Brief 2: 2,14-6,13; Brief 3: 8,1-24; Brief 4: 9,1-15; Brief 5: 10,1-13,10; außerdem rechnet er noch <?page no="1442"?> 3 T.R. Blanton IV, Paul’s Covenantal Theology in 2 Corinthians 2.14-7.4 (2012), 61. 4 M.E. Thrall, A critical and exegetical commentary on the second epistle to the Corin‐ thians. Volume I: Introduction and Commentary on II Corinthians I-VII (1994), 1-49; R. Bieringer, Teilungshypothesen zum 2. Korintherbrief. Ein Forschungsüberblick (1994); H.D. Betz, 2. Korinther 8 und 9. Ein Kommentar zu zwei Verwaltungsbriefen des Apostels Paulus (1993), 3-36; P.B. Duff, The Corinthian Correspondence (2022). 5 B. Nongbri, 2 Corinthians and possible material evidence for composite letters in antiquity (2015). mit einem Brieffragment: 6,14-7,1). 3 Zu den verschiedenen Teilungstheorien vergleiche einige Überblicke. 4 Nongbri hat durch historische Vergleiche gezeigt, dass Teilungstheorien nicht ohne Parallelfälle sind, auch wenn die Zeugnisse nicht reichhaltig und teilweise aus späterer Zeit stammen. 5 Kapitel 1 1,1 2 3 [4-5] 6 [7] 8 [9-11]: Gruß und Trost Diese Grußpassage ist nur schwach bezeugt, auch wenn das Bezeugte und die Lexik dafürsprechen, dass einige Verse derselben vorkanonisch gestanden waren. Wie auch öfter sonst hat die kanonische Redaktion diese Verse persona‐ lisiert und ergänzt. 1,1 Παῦλος ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ τῇ ἐκκλησίᾳ τῇ ἐν Κορίνθῳ, τῇ Ἀχαΐᾳ· 1,1 Παῦλος ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ διὰ θελήματος θεοῦ, καὶ Τιμόθεος ὁ ἀδελφός, τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ, σὺν τοῖς ἁγίοις πᾶσιν τοῖς οὖσιν ἐν ὅλῃ τῇ Ἀχαΐᾳ· 2 χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ. 2 χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. 3 Εὐλογητὸς ὁ θεὸς τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὁ πατὴρ τῶν οἰκτιρμῶν, 3 Εὐλογητὸς ὁ θεὸς καὶ πατὴρ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὁ πατὴρ τῶν οἰκτιρμῶν καὶ θεὸς πάσης παρακλήσεως, - 4 ὁ παρακαλῶν ἡμᾶς ἐπὶ πάσῃ τῇ θλίψει ἡμῶν, εἰς τὸ δύνασθαι ἡμᾶς παρακαλεῖν τοὺς ἐν πάσῃ θλίψει διὰ τῆς παρακλήσεως ἧς παρακαλούμεθα αὐτοὶ ὑπὸ τοῦ θεοῦ· 5 ὅτι καθὼς περισσεύει τὰ παθήματα τοῦ Χριστοῦ εἰς ἡμᾶς, οὕτως διὰ τοῦ Χριστοῦ περισσεύει καὶ ἡ παράκλησις ἡμῶν. 6 εἴτε δὲ θλιβόμεθα, ὑπὲρ τῆς ὑμῶν παρακλήσεως καὶ σωτηρίας· 6 εἴτε δὲ θλιβόμεθα, ὑπὲρ τῆς ὑμῶν παρακλήσεως καὶ σωτηρίας· 564 Rekonstruktion <?page no="1443"?> εἴτε παρακαλούμεθα, ὑπὲρ τῆς ὑμῶν παρακλήσεως τῆς ἐνεργουμένης ἐν ὑπομονῇ τῶν αὐτῶν παθημάτων ὧν καὶ ἡμεῖς πάσχομεν. εἴτε παρακαλούμεθα, ὑπὲρ τῆς ὑμῶν παρακλήσεως τῆς ἐνεργουμένης ἐν ὑπομονῇ τῶν αὐτῶν παθημάτων ὧν καὶ ἡμεῖς πάσχομεν. - 7 καὶ ἡ ἐλπὶς ἡμῶν βεβαία ὑπὲρ ὑμῶν, εἰδότες ὅτι ὡς κοινωνοί ἐστε τῶν παθημάτων, οὕτως καὶ τῆς παρακλήσεως. 8 Οὐ γὰρ θέλομεν ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, ὑπὲρ τῆς θλίψεως ἡμῶν τῆς γενομένης ἐν τῇ Ἀσίᾳ, ὅτι καθ’ ὑπερβολὴν ὑπὲρ δύναμιν ἐβαρήθημεν, ὥστε ἐξαπορηθῆναι ἡμᾶς καὶ τοῦ ζῆν· 8 Οὐ γὰρ θέλομεν ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, ὑπὲρ τῆς θλίψεως ἡμῶν τῆς γενομένης ἐν τῇ Ἀσίᾳ, ὅτι καθ’ ὑπερβολὴν ὑπὲρ δύναμιν ἐβαρήθημεν, ὥστε ἐξαπορηθῆναι ἡμᾶς καὶ τοῦ ζῆν· - 9 ἀλλὰ αὐτοὶ ἐν ἑαυτοῖς τὸ ἀπόκριμα τοῦ θανάτου ἐσχήκαμεν, ἵνα μὴ πεποιθότες ὦμεν ἐφ’ ἑαυτοῖς ἀλλ’ ἐπὶ τῷ θεῷ τῷ ἐγείροντι τοὺς νεκρούς· 10 ὃς ἐκ τηλικούτου θανάτου ἐρρύσατο ἡμᾶς καὶ ῥύσεται, εἰς ὃν ἠλπίκαμεν [ὅτι] καὶ ἔτι ῥύσεται, 11 συνυπουργούντων καὶ ὑμῶν ὑπὲρ ἡμῶν τῇ δεήσει, ἵνα ἐκ πολλῶν προσώπων τὸ εἰς ἡμᾶς χάρισμα διὰ πολλῶν εὐχαριστηθῇ ὑπὲρ ἡμῶν. A. *1,1: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,1: Praestructio superioris epistulae ita duxit, ut de titulo eius non retractaverim, certus et alibi retractari eum posse, communem scilicet et eundem in epistulis omnibus. Adam., Dial. II 13, wo der Markionit darauf hinweist, dass Paulus von sich selbst schreibt: Παῦλος ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ (Rufin: Paulus apostolus Iesu Christi). ♦ *1,3: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11,1: benedictus tamen deus domini nostri Iesu Christi non alius quam creator intellegetur qui et universa benedixit, habes Genesim; et ab universis benedicitur, habes Danielem. Proinde si pater potest dici sterilis deus, nullius magis nomine quam creatoris; misericordiarum tamen pater idem erit qui misericors et miserator et misericordiae plurimus est dictus. B. (1,1) Ἰησοῦ Χριστοῦ ist die Reihenfolge in Adam., Dial. II 13 und in *1Kor 1,1, sie findet sich auch in der altlateinischen Tradition in Ambst ad , Pel var (V,G) . C. 1. (1,1) Zahn und Harnack sind der Meinung, dass die beiden ersten Verse unbezeugt sind, Zahn rechnet aber mit ihrer Präsenz, jedoch in unbestimmbarer Form. BeDuhn ist noch etwas ausführlicher aufgrund des Hinweises auf Tert., Adv. Marc. V 5,1-2 und basierend auf Adam., Dial. II 13, so dass er seiner Übersetzung zugrunde legt: Παῦλος ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ [… τῇ ἐκκλησίᾳ 3 (2Kor) 565 <?page no="1444"?> 6 „It is not clear …, in what form Marcion received the materials that we have as 2 Corinthians“ (eigene Übers.), J.W. Marshall, Misunderstanding the New Paul: Marcion and the Sonderzeit Paul (2012), 22. τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ …] χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς καὶ κυρίου Ἰησοῦ. Marshall ist zurückhaltend gegenüber dem, was die Zeugen zu Markions Text des Zweiten Korintherbriefs bieten, wenn er meint, „es sei nicht klar, … in welcher Form Markion das Material empfing, das wir als Zweiten Korintherbrief besitzen“. 6 2. (1,2) Wie zu *1Kor 1,1-3 angemerkt, hatte Tertullian auf den Gleichlaut der paulinischen Briefe hingewiesen und dies als Grund dafür genommen, dass er außer beim Ersten Korintherbrief diese Vorworte sonst übergeht. Deshalb ist es gerechtfertigt, auch für die Einleitung hier i.W. den Wortlaut in Parallele zum Ersten Korintherbrief zu rekonstruieren, zumal dies ohne Emendationen möglich ist. Allerdings gilt wie dort auch das gleiche Caveat und darum die Exklusion des διὰ θελήματος θεοῦ. Hätte Tertullian von einer Ko-autorschaft des Timotheus gelesen, hätte er diese für seine Argumentation sicher genutzt. Der Hinweis auf τῇ Ἀχαΐᾳ resultiert aus den Angaben des markionitischen Prologs zum Ersten Korintherbrief. 3. (1,3) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Zahn sieht diesen Vers dem kanonischen Text entsprechend bezeugt, allerdings ohne das καὶ πατήρ. Harnack greift diese Beobachtung auf und gibt als be‐ zeugten Text: Εὐλογητὸς ὁ θεὸς τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ … πατὴρ τῶν οἰκτιρμῶν. Schmid sieht diesen Vers als unbezeugt, doch BeDuhn legt seiner Übersetzung folgenden Text zugrunde: Εὐλογητὸς ὁ θεὸς [καὶ πατὴρ] τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὁ πατὴρ τῶν οἰκτιρμῶν. 4. (1,4-8) Nach Ausweis aller Editoren sind die Verse 4-8 unbezeugt. Wir sind folglich auf den narrativen Zusammenhang und den lexikalischen Vergleich verwiesen. 5. (1,9-11) Nach Ausweis aller Editoren sind auch die Verse 9-11 unbezeugt. Wieder sind wir auf den narrativen Zusammenhang und den lexikalischen Vergleich verwiesen. D. (1,1) Παῦλος, der 174 / 158 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,1; *1Kor 1,1; 3,22; *2Kor 1,1; *Röm; *1Thess 1,1; *2Thess 1,1; *Laod 1,1; *Kol 1,1. ♦ Die Wendung Παῦλος ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ steht 6 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,1, vermutlich aber auch stehend in *2Kor 1,1; *Röm 1,1; *1Thess; *2Thess; *Laod; *Kol; *Phil, vgl. zu 1Kor 1,1. ♦ θέλημα steht 65 / 62 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,3; *Laod 1,9. ♦ Der Genitiv 566 Rekonstruktion <?page no="1445"?> 7 Vgl. zu diesem Lexem H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateini‐ schen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 120. θελήματος steht 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 1,13; Röm 15,32, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 1,1; 7,37; 2Kor 1,1; 8,5; Eph 1,1. 5. 9. 11; Kol 1,1. 9; 2Tim 1,1). ♦ Τιμόθεος, der 25 / 24 Mal im NT erwähnt wird, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die gesamte Wendung Παῦλος ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ διὰ θελήματος θεοῦ καὶ Τιμόθεος ὁ ἀδελφός findet sich identisch in Kol 1,1. ♦ Die Verbform οὔσῃ, die 4 Mal im NT steht, findet sich überhaupt nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Zur Dativkonstruktion mit τῇ οὔσῃ vgl. zu 1Kor 1,2. ♦ σύν, das 136 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,14; *Gal 2,3; 5,24; *Thess 4,17; *Kol 2,13; 3,3. 4; *Phil 1,23, vgl. weiter unten Vers 21. ♦ πᾶσιν, das 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6. ♦ Die Verbform οὖσιν, die 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,8. ♦ ὅλος, das 123 / 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,27; *Gal 5,3. 9. ♦ Ἀχαία, das 12 / 10 Mal im NT steht, ein Mal im lateinischen Prolog zum ersten Korintherbrief. Zur Rekonstruktion: In diesem teilweise vorkanonisch bezeugten Vers scheinen der Lexik nach keine weiteren vorkanonischen Elemente gestanden zu sein. Das entspricht auch dem Zeugnis von Tertullian, dem zufolge die vorkanonischen Brieferöffnungen kurz und gleichförmig waren. (1,2) Zu den Lexemen vgl. zu der Eröffnung von *1Kor. Zur Rekonstruktion: Gemäß den Beobachtungen unter C. und in Rücksicht auf die Lexik wird die obige Rekonstruktion geboten. (1,3) εὐλογητός steht 8 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ Das nicht bezeugte πατήρ, der im Singular 297 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,3; 5,1; *Laod 1,17; 2,18; 4,6; 5,31; 6,2. ♦ Die Formel τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ steht 34 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 1,3; *1Thess 5,23; *Laod 1,17. ♦ Die erweiterte Kombination ὁ θεὸς τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ steht noch 1 weiteres Mal, Eph 1,17, wohl auch vorkanonisch dort gestanden in *Laod 1,17. ♦ οἰκτιρμός steht 7 / 5 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 6,36. 7 Zu dem nicht mehr bezeugten Versteil: πάσης (Gen. Fem. Sg.) steht 41 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ παράκλησις steht 30 / 29 im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,24. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, wobei das πάσης im nicht mehr bezeugten Versteil andeutet, dass dieser Teil wohl auch nicht mehr vorkanonisch gestanden war. 3 (2Kor) 567 <?page no="1446"?> (1,4) παρακαλέω, das 115 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,25; *2Kor 12,7. ♦ Die Kombination ἐπὶ πάσῃ steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 1,4; 7,4; Phil 1,3; 1Thess 3,7. 9). ♦ θλῖψις begegnet 60 / 45 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,12, *Kol 1,24. ♦ δύναμαι, das 233 / 210 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ τὸ δύνασθαι steht nur noch 1 weiteres Mal in Eph 6,11, wo an dessen Stelle eine andere Wendung vorkanonisch in diesem Vers steht. ♦ παρακαλέω steht 115 / 109 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,25; *2Kor 12,7. ♦ παράκλησις steht 30 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,24. ♦ αὐτοί (Nom. Mask. Pl.), das 87 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; 6,13, vgl. weiter Vers 9. ♦ Die Wendung ὑπὸ τοῦ θεοῦ steht 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: In diesem vorkanonisch unbezeugten Vers finden sich meh‐ rere Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt sind (ἐπὶ πάσῃ; τὸ δύνασθαι; ὑπὸ τοῦ θεοῦ). Der Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (1,5) Die Kombination ὅτι καθώς steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 1,5; 10,7; 1Joh 4,17). ♦ Obwohl das Verb περισσεύω 42 / 39 Mal im NT begegnet, ist es nicht ein einziges Mal für die vorkanonische Stufe bezeugt. ♦ πάθημα begegnet 16 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,24. ♦ Die Wendung εἰς ἡμᾶς steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 3,4; Röm 5,8; 8,18; 2Kor 1,5. 11; Eph 1,8. 19; Hebr 2,3). ♦ Die Wendung διὰ τοῦ Χριστοῦ steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, 2Kor 3,4. ♦ παράκλησις ist vorkanonisch bezeugt in *Ev 6,24. ♦ Die Kombination παράκλησις ἡμῶν steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, 1Thess 2,3, vgl. auch im nächsten Vers τῆς ὑμῶν παρακλήσεως. Zur Abwesenheit: Deutlicher als im vorausstehenden Vers, finden sich in diesem vorkanonisch unbezeugten Vers eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegter Elemente (ὅτι καθώς; 2 Mal περισσεύω; εἰς ἡμᾶς; διὰ τοῦ Χριστοῦ; παράκλησις ἡμῶν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,6) Die Wendung εἴτε δέ steht noch 1 weiteres Mal, vorkanonisch nicht bezeugt, könnte aber vorkanonisch gestanden sein, 1Kor 13,8. ♦ θλίβω findet sich 22 / 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,8; *Röm 12,12; *2Thess 1,6. 7. ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten παρακαλέω vgl. zuvor zu Vers 1,4. ♦ Zu τῆς ὑμῶν παρακλήσεως vgl. im Vers zuvor die Wendung παράκλησις ἡμῶν. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15. ♦ σωτηρία, das 50 / 46 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,16. ♦ ἐνεργέω, das 22 / 21 Mal im NT steht, 568 Rekonstruktion <?page no="1447"?> vorkanonisch bezeugt für *Laod 1,20; 2,2 - auffallend ist etwa *Gal 5,6, wo anstelle dieses Wortes eine Variante zu finden ist. ♦ ὑπομονή steht 33 / 32 Mal im NT, für die vorkanonische Ebene ist der Begriff bezeugt in *Ev 21,19. ♦ Das Personalpronomen ὧν, das 78 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; *2Thess 2,10. ♦ πάσχω, das 44 / 42 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. Zur Rekonstruktion: Auch dieser Vers ist vorkanonisch unbezeugt, doch er entwickelt zusammen mit Vers 4 die kanonisch bezeugte Charakterisierung „Vater, des Erbarmens“. Die durchgehend vorkanonische Lexik jedenfalls stützt die Annahme, dass wir es hier mit einem vorkanonisch stehenden Vers zu tun haben, der auch narrativ an die Verse 3 und 4 anschließt. (1,7) ἐλπίς findet sich 58 / 53 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,12; *Laod 2,12; *Kol 1,5. ♦ βέβαιος steht 9 / 8 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene bezeugt (Röm 4,16; 2Kor 1,21; Hebr 2,2; 3,6. 14; 6,19; 9,17; 2Petr 1,10). ♦ Der Ausdruck τὸ ὑπὲρ ὑμῶν steht 4 Mal im NT, Lk 22,19. 20, in 2 Versen, die in *Ev fehlen, also ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form εἰδότες steht 26 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Wendung εἰδότες ὅτι steht 15 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 15,58. ♦ κοινωνός steht 12 / 10 Mal im NT, wiederum nur auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers bietet eine Reihe von ausschließlich für die kanonische Ebene belegte Elemente (βέβαιος; τὸ ὑπὲρ ὑμῶν; εἰδότες; κοινωνός). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,8) Ἀσία steht 20 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ Vgl. die parallele Formulierung in *1Kor 10,1: Οὐ θέλω γὰρ ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί und die, wenn auch nicht bezeugte Formulierung in *1Kor 12,1: ἀδελφοί, οὐ θέλω ὑμᾶς ἀγνοεῖν. ♦ ὑπερβολή, das nur 8 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,7, mit der Formel καθ’ ὑπερβολήν gar in *1Kor 12,31. ♦ βαρέω findet sich 10 / 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,34; *2Kor 5,4. ♦ ἐξαπορέω steht 2 Mal im NT, jeweils nur kanonisch belegt. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. Zur Rekonstruktion: Auch dieser Vers ist vorkanonisch unbezeugt. Die Schwie‐ rigkeit stellt sich, dass offenkundig vorkanonische Wendungen und Termini vorliegen, dann aber einige ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente begegnen. Da es eine kanonische Tendenz ist, den Text zu histori‐ sieren, könnte die sonst nur auf der kanonischen Ebene begegnende geographi‐ 3 (2Kor) 569 <?page no="1448"?> sche Angabe ἐν τῇ Ἀσίᾳ auf diese Redaktion zurückgehen, doch erklärt diese Konkretisierung den nachfolgenden Satz. Und da ἐξαπορέω so selten steht, könnte der Terminus auch hier gestanden sein. Trotz dieser Bedenken könnte der Vers in der vorkanonischen Sammlung gestanden sein, zumal er narrativ den Gedanken vom „Vater des Erbarmens“ erläutert. (1,9) Zu αὐτοί (Nom. Mask. Pl.) vgl. zuvor zu Vers 4. ♦ Die Wendung ἀλλὰ αὐτοὶ ἐν ἑαυτοῖς steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, im selben Brief weiter unten 10,12. ♦ ἀπόκριμα ist Hapax legomenon. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ Die Form ἐσχήκαμεν steht noch 1 weiteres Mal auf kanonischer Ebene, Röm 5,2, könnte aber auch vorkanonisch dort gestanden sein. ♦ πείθω steht 59 / 52 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. ♦ Die Form πεποιθότες steht noch 1 weiteres Mal, in einem Vers, der vorkanonisch bezeugt ist, auch wenn diese Form dort nicht bezeugt ist. ♦ Die Form ὦμεν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐφ’ ἑαυτοῖς steht 1 weiteres Mal, Lk 18,9, auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐπὶ τῷ θεῷ steht noch 1 weiteres Mal, Lk 1,47, in einem Vers, der in *Ev fehlt. ♦ ἐγείρω steht 169 / 144 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 15,4. 14. 17. 29. 35. 44; *Röm 8,11; *Laod 1,20; 5,14. ♦ Die Form ἐγείροντι steht nur hier. Zur Abwesenheit: Auch dieser Vers ist vorkanonisch unbezeugt, doch findet sich eine Reihe von Elementen, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἀλλὰ αὐτοὶ ἐν ἑαυτοῖς; ἐσχήκαμεν; πεποιθότες; ὦμεν; ἐφ’ ἑαυτοῖς; ἐπὶ τῷ θεῷ). Narrativ lässt sich eine gewisse Spannung zum Voranstehenden feststellen, hat der Briefschreiber doch zuvor bereits von sich gesprochen, während Vers 9 damit einsetzt („Aber was uns betrifft“), als hätten diese Ausführungen zuvor ihn nicht mitgemeint. Überhaupt wirken diese Verse wie eine Dramatisierung des zuvor Behandelten und entsprechen damit einem Charakteristikum der kanonischen Redaktion. Der Vers wird demnach ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (1,10) τηλικουτοσί findet sich nur 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 1,10; Hebr 2,3; Jak 3,4; Apk 16,18). ♦ Zu θάνατος vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ ῥύομαι, das 22 / 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,43 (Tert. schreibt jedoch: sanguine fluitabat); *Röm 7,24. ♦ Die Kombination εἰς ὅν steht 12 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 12,18; 4 Mal Joh; 2 Mal Apg; Röm 6,17; 10,14; 2Kor 1,10; 1Petr 1,8; 2Petr 1,17). ♦ ἐλπίζω, das 32 / 31 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch in *Ev 6,34; 24,21 findet. ♦ ἔτι, das 96 / 93 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,36; 24,6. 41; *Gal 3,15; *Röm 5,6. 570 Rekonstruktion <?page no="1449"?> Zur Abwesenheit: Wie der vorangegangene Vers, scheint auch dieser vorkano‐ nisch unbezeugte Vers auf die kanonische Redaktion zurückzugehen. Es finden sich Elemente, die nur auf der kanonischen Ebene belegt sind (τηλικουτοσί; εἰς ὅν), und der Vers setzt die dramatisierte Digression fort. Er hat vorkanonisch gefehlt. (1,11) συνυπουργέω ist Hapax legomenon im NT. ♦ δέησις steht 19 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,33; *Laod 6,18. ♦ Die Wendung ὑπὲρ ἡμῶν steht 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,13. ♦ Die Wendung εἰς ἡμᾶς steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu Vers 1,5. ♦ χάρισμα steht 18 / 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 7,7; 12,9. ♦ διὰ πολλῶν steht noch 1 weiteres Mal, 2Tim 2,2. ♦ εὐχαριστέω steht 43 / 38 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,21. Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers fallen zwei Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (εἰς ἡμᾶς; διὰ πολλῶν). Allerdings ist auch mitzubedenken, dass εὐχαριστέω weiters bei *Paulus unbezeugt ist, während es im kanonischen Paulus reichlich steht. Auch dieser Vers wird folglich eher der kanonischen Redaktion zuzurechnen sein und vorkanonisch gefehlt haben. 1,[12-19] 20 [21-24]: Gott ist das Ja zu allem Der folgende Abschnitt ist weithin unbezeugt und vorkanonisch abwesend und stellt eine kanonische Digression statt, die an den vorangegangenen kanonischen Grußteil anschließt. Hingegen findet sich vorkanonisch lediglich ein Vers, der an die voran anzunehmenden Verse 6 und 8 anknüpft. - 12 Ἡ γὰρ καύχησις ἡμῶν αὕτη ἐστίν, τὸ μαρτύριον τῆς συνειδήσεως ἡμῶν, ὅτι ἐν ἁπλότητι καὶ εἰλικρινείᾳ τοῦ θεοῦ, [καὶ] οὐκ ἐν σοφίᾳ σαρκικῇ ἀλλ’ ἐν χάριτι θεοῦ, ἀνεστράφημεν ἐν τῷ κόσμῳ, περισσοτέρως δὲ πρὸς ὑμᾶς. 13 οὐ γὰρ ἄλλα γράφομεν ὑμῖν ἀλλ’ ἢ ἃ ἀναγινώσκετε ἢ καὶ ἐπιγινώσκετε, ἐλπίζω δὲ ὅτι ἕως τέλους ἐπιγνώσεσθε, 14 καθὼς καὶ ἐπέγνωτε ἡμᾶς ἀπὸ μέρους, ὅτι καύχημα ὑμῶν ἐσμεν καθάπερ καὶ ὑμεῖς ἡμῶν ἐν τῇ ἡμέρᾳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ. 15 Καὶ ταύτῃ τῇ πεποιθήσει ἐβουλόμην πρότερον πρὸς ὑμᾶς ἐλθεῖν, ἵνα δευτέραν χάριν σχῆτε, 16 καὶ δι’ ὑμῶν διελθεῖν εἰς Μακεδονίαν, καὶ πάλιν ἀπὸ 3 (2Kor) 571 <?page no="1450"?> 8 ἁπλότητι gilt für als ältere Lesart nach G.D. Kilpatrick, Western Text and Original Text in the Epistles (1944), 62. Μακεδονίας ἐλθεῖν πρὸς ὑμᾶς καὶ ὑφ’ ὑμῶν προπεμφθῆναι εἰς τὴν Ἰουδαίαν. 17 τοῦτο οὖν βουλόμενος μήτι ἄρα τῇ ἐλαφρίᾳ ἐχρησάμην; ἢ ἃ βουλεύομαι κατὰ σάρκα βουλεύομαι, ἵνα ᾖ παρ’ ἐμοὶ τὸ Ναὶ ναὶ καὶ τὸ Οὒ οὔ; 18 πιστὸς δὲ ὁ θεὸς ὅτι ὁ λόγος ἡμῶν ὁ πρὸς ὑμᾶς οὐκ ἔστιν Ναὶ καὶ Οὔ. 19 ὁ τοῦ θεοῦ γὰρ υἱὸς Ἰησοῦς Χριστὸς ὁ ἐν ὑμῖν δι’ ἡμῶν κηρυχθείς, δι’ ἐμοῦ καὶ Σιλουανοῦ καὶ Τιμοθέου, οὐκ ἐγένετο Ναὶ καὶ Οὔ, ἀλλὰ Ναὶ ἐν αὐτῷ γέγονεν. 20 πᾶσαι γὰρ αἱ ἐπαγγελίαι θεοῦ, ἐν αὐτῷ τὸ Ναί· διὸ καὶ δι’ αὐτοῦ τὸ Ἀμὴν τῷ θεῷ πρὸς δόξαν δι’ ἡμῶν. 20 ὅσαι γὰρ ἐπαγγελίαι θεοῦ, ἐν αὐτῷ τὸ Ναί· διὸ καὶ δι’ αὐτοῦ τὸ Ἀμὴν τῷ θεῷ πρὸς δόξαν δι’ ἡμῶν. - 21 ὁ δὲ βεβαιῶν ἡμᾶς σὺν ὑμῖν εἰς Χριστὸν καὶ χρίσας ἡμᾶς θεός, 22 ὁ καὶ σφραγισάμενος ἡμᾶς καὶ δοὺς τὸν ἀρραβῶνα τοῦ πνεύματος ἐν ταῖς καρδίαις ἡμῶν. 23 Ἐγὼ δὲ μάρτυρα τὸν θεὸν ἐπικαλοῦμαι ἐπὶ τὴν ἐμὴν ψυχήν, ὅτι φειδόμενος ὑμῶν οὐκέτι ἦλθον εἰς Κόρινθον. - 24 οὐχ ὅτι κυριεύομεν ὑμῶν τῆς πίστεως, ἀλλὰ συνεργοί ἐσμεν τῆς χαρᾶς ὑμῶν, τῇ γὰρ πίστει ἑστήκατε. A. *1,20: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 25 (123, 173: hier πᾶσαι γὰρ αἱ): ὅσαι γὰρ ἐπαγγελίαι θεοῦ, ἐν αὐτῷ τὸ Ναί: διὸ καὶ δι’ αὐτοῦ τὸ Ἀμὴν τῷ θεῷ; Adam., Dial. II 18 (im Mund des Adamantius): ὅσαι γὰρ ἐπαγγελίαι θεοῦ, ἐν αὐτῷ τὸ Ναί. B. (1,12) Anstelle von ἁπλότητι, das zu finden ist in 01 2 , 06, 010, 012, 020, 104, 1241, 1505, M, Lat, sy, lesen ἁγιότητι P 46 , 01*, 02, 03, 04, 018, 025, 044, 0121, 0243, 33, 81, 365, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, r, co, Clem, Or, Did. 8 ♦ (1,18) Das in der kanonischen Fassung nachstehende ὁ fehlt in den Zeugen P 46 und 06* und scheint erst eine Folge der kanonischen Ergänzung der voranstehenden Verse zu sein. ♦ Die Reihenfolge Ἰησοῦς Χριστός findet sich in den Zeugen P 46 , 01 2 , 03, 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 0243, 81, 104, 365, 630, 1175, 1505, 1739, 1881, M, latt, sy, während die Reihenfolge Χριστὸς Ἰησοῦς zu finden ist in 01*, 02, 04, 0223, 2464, Ἰησοῦς allein steht in 33. ♦ (1,20) διὸ καὶ δι’ αὐτοῦ ist bezeugt 572 Rekonstruktion <?page no="1451"?> durch Epiphanius und steht in 01, 02, 03, 04, 010, 012, 025, 044, (δι’ 0223), 0243, 33, 81, 104, 365, 1175, 1739, 2464, lat, (sy p ), co. καὶ δι’ αὐτοῦ ist bezeugt in P 46 , 06*, b; auch bezeugt ist καὶ ἐν αὐτῷ in 06 1 , 018, 020, 1241, 1505, M, sy h , Ambst; 1881 stellt mit διὸ καὶ ἐν αὐτῷ eine Hybridform dar; 630 bietet eine weitere Hybridform: ἐν αὐτῷ τὸ ἀμὴν διὸ καὶ δι’ αὐτοῦ. ♦ (1,23) Anstelle von οὐκέτι steht οὐκ in 010, 012, 1175, 1505, 1881, it, sy p , Ambst. C. 1. (1,12-14) Nach Ausweis aller Editoren sind auch diese Verse unbezeugt. Wir sind folglich wieder auf den narrativen Zusammenhang und den lexikalischen Vergleich verwiesen. 2. (1,15-19) Nach Ausweis aller Editoren sind auch die Verse 15-19 unbezeugt. Wir sind folglich auf die Varianten, den narrativen Zusammenhang und den lexikalischen Vergleich verwiesen. Wenn Tertullian die Erwähnung des Silvanus und Timotheus hier gelesen hätte, wäre es erstaunlich, wenn er dies für seine Argumentation nicht aufge‐ griffen hätte. Auch diese Verse 15-19 werden folglich zur kanonischen Redaktion gehören und in der vorkanonischen Fassung gefehlt haben, was durch den lexikalischen Vergleich deutlich gestützt wird. Wohl um des argumentativen Übergangs willen für die Einbindung von dem bezeugten Vers 20 hat BeDuhn gegen die fehlende Bezeugung den Vers 18 und Teile des Verses 19 in Klammern in seine Übersetzung aufgenommen, der als Textbestand zugrunde gelegt wurde: 18 πιστὸς δὲ ὁ θεὸς ὅτι ὁ λόγος ἡμῶν ὁ πρὸς ὑμᾶς οὐκ ἔστιν Ναὶ καὶ Οὔ. 19 ὁ τοῦ θεοῦ γὰρ υἱὸς Ἰησοῦς Χριστὸς ὁ ἐν ὑμῖν δι’ ἡμῶν κηρυχθείς … οὐκ ἐγένετο Ναὶ καὶ Οὔ. Doch besteht die Möglichkeit, dass die kanonische Redaktion vorhandenen vorkanonischen Text überarbeitet oder ersetzt hat. Jedenfalls lässt sich aufgrund der Lexik kein vorkanonischer Text für diese Passage erschließen. Dies braucht es wohl auch gar nicht, denn Vers 20 greift den in Vers 3 ausgedrückten Lobpreis Gottes auf, und zwar ausdrücklich mit dem betonten Ja, weil es ein Preis des erbarmenden Vaters ist, der über alle Not, die in den möglicherweise vorhandenen Versen 4. 6. 8 geschildert wird, zu dem steht, was er verheißt. 3. (1,20) Meyboom optiert wohl korrekterweise für die zweite Bezeugung von Epiphanius, die ja auch am weitesten von der kanonischen Fassung entfernt ist, während Harnack und Schmid als bezeugten Text die erste Anführung des Epiphanius annehmen. Die zweite Anführung hält Schmid für eine „Nachläs‐ 3 (2Kor) 573 <?page no="1452"?> 9 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 167. 10 2Kor 13,2 lautet: προείρηκα καὶ προλέγω ὡς παρὼν τὸ δεύτερον καὶ ἀπὼν νῦν τοῖς προημαρτηκόσιν καὶ τοῖς λοιποῖς πᾶσιν, ὅτι ἐὰν ἔλθω εἰς τὸ πάλιν οὐ φείσομαι, vgl. hierzu und zu weiteren Parallelen J.H. Kennedy, Are There Two Epistles in 2 Corinthians (1897), 234. sigkeit“. 9 Diesen Text legt BeDuhn auch seiner Übersetzung zugrunde. Der Vers nimmt offenkundig die erschlossenen, unbezeugten Verse 1,6. 8 auf. 4. (1,21-24) Die Verse 21-24 sind nach allen Editoren unbezeugt. Zahn allerdings rechnet mit den Versen in einer nicht näher bestimmbaren Form. Wir sind folglich wieder auf Varianten, Narration und Lexik angewiesen. Vgl. die Ähnlichkeit von Vers 23 zu 2Kor 13,2, auf die Kennedy verwies. 10 D. (1,12) καύχησις steht 13 / 11 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,30. ♦ αὕτη, das 77 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination von καύχησις und αὕτη findet sich nur auf der kanonischen Ebene, in 2Kor 11,10. ♦ Trotz 32 / 30 Belegen im NT ist συνείδησις ein Begriff der kanonischen Redaktion. ♦ Die Kombination ὅτι ἐν steht 35 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 8,2. ♦ ἁπλότης ist 9 / 8 Mal im NT belegt, nur auf der kanonischen Ebene zu finden (Röm 12,8; 2Kor 1,12; 8,2; 9,11. 13; 11,3; Eph 6,5; Kol 3,22). ♦ εἰλικρίνεια steht 3 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ σοφία steht 56 / 61 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,15; *1Kor 1,17. 19. 20. 21. 22; 2,6. 7; 3,19; 12,8; *Röm 11,33. ♦ σαρκικός steht 11 / 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ σαρκινός steht 4 Mal im NT, ebenfalls nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form χάριτι steht 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 1,4. ♦ ἀναστρέφω steht 11 / 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,3. ♦ περισσοτέρως, das 15 Mal im NT steht, vorwiegend in paulinischen Briefen, ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. ♦ περισσός, das 6 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonischen Ebene bezeugt. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist mehrere Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (συνείδησις; ὅτι ἐν; ἁπλότης; εἰλικρίνεια; σαρκικός; χάριτι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,13) Die Wendung οὐ γὰρ ἄλλα steht nur hier. ♦ ἄλλος, das 172 / 155 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ γράφω steht 213 / 191 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev; *1Kor 4,14. ♦ Die Form 574 Rekonstruktion <?page no="1453"?> γράφομεν begegnet 1 weiteres Mal, 1Joh 1,4. ♦ ἀναγινώσκω findet sich 36 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,3. ♦ Die Wendung ἕως τέλους steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in 1Kor 1,8. ♦ ἐπιγινώσκω steht 64 / 44 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,31. ♦ ἐλπίζω steht 32 / 31 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination ἐλπίζω δέ steht 5 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 13,6. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers finden sich Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (γράφομεν; ἕως τέλους; ἐλπίζω δέ). Narrativ gehört er zu den voranstehenden Versen und dem nachfolgenden Vers. Er geht auf die kanonische Redaktion zurück und hat vorkanonisch gefehlt. (1,14) Die Kombination καθὼς καί steht 28 Mal im NT, Lk 24,24, in einem Vers, der in *Ev fehlt, ist jedoch vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 11,1; *1Thess 2,14; *Laod 5,25. 29; *Kol 1,6. ♦ ἐπιγινώσκω steht 64 / 44 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,31. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vergleichsweise selten gebraucht auf der vorkanonischen Ebene, bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ μέρος, das 45 / 42 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Kol 2,16. ♦ Die Kombination ἀπὸ μέρους steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 11,25; 15,15. 24, in zwei Versen, die in *Röm fehlen; 2Kor 1,14; 2,5). ♦ καύχημα, das 11 Mal im NT, steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15. ♦ Die Kombination καύχημα ὑμῶν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 5,6; 2Kor 1,14; Phil 1,26). ♦ Die Verbform ἐσμέν, die 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; *Laod 2,10, vgl. weiter Vers 24. ♦ καθάπερ steht 14 / 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 12,12. ♦ Die erweiterte Kombination καθάπερ καί steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 4,6; 2Kor 1,14; 1Thess 3,6. 12; 4,5; Hebr 4,2). ♦ Die Kombination καὶ ὑμεῖς steht 64 Mal im NT, davon 8 Mal als kanonische Verseröffnung, vorkanonisch im Vers bezeugt für *Ev 20,21; *Röm 7,4; *1Thess 2,14; *Laod 1,13; vgl. zu 1Kor 5,2. ♦ ἡμέρα, das 414 / 389 Mal im NT steht, ist vorkanonisch belegt für *Ev und *Gal 4,10; 5,5; *2Kor 4,16. ♦ Die Formulierung ἐν τῇ ἡμέρᾳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ begegnet nur auf der kanonischen Ebene, 1Kor 1,8, ähnlich 2Thess 2,2 (ἡ ἡμέρα τοῦ κυρίου), man vgl. aber *1Kor 5,5 (ἐν τῇ ἡμέρᾳ τοῦ κυρίου Ἰησοῦ; 1Kor 5,5: ἐν τῇ ἡμέρᾳ τοῦ κυρίου Ἰησοῦ). Zur Abwesenheit: Auch in diesem vorkanonisch unbezeugten Vers stehen eine Reihe von Elementen, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἀπὸ μέρους; καύχημα ὑμῶν; καθάπερ; ἐν τῇ ἡμέρᾳ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ). Der Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. 3 (2Kor) 575 <?page no="1454"?> (1,15) Die Wendung καὶ ταύτῃ steht nur hier. ♦ πεποίθησις begegnet 6 Mal im NT, jedoch nur auf der kanonischen Ebene (2Kor 1,15; 3,4; 8,22; 10,2; Eph 3,12; Phil 3,4). ♦ βούλομαι steht 41 / 37 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πρότερος steht 13 / 11 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Vgl. die Kombination ἔλθω πρὸς ὑμᾶς, die nur kanonisch steht, vgl. zu 14,6. ♦ δεύτερος, das 50 / 43 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,47. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente auf (πεποίθησις; βούλομαι; πρότερος; ἔλθω πρὸς ὑμᾶς). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,16) Die Kombination δι’ ὑμῶν steht 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene in Röm 15,28, einem Vers, der in *Röm fehlt. ♦ διέρχομαι steht 46 / 43 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,1, häufig steht der Begriff in der Apg (Apg 8,4. 40; 9,32. 38; 10,38; 11,19. 22; 12,10; 13,6. 14; 14,24; 15,3. 41; 16,6; 17,23; 18,23. 27; 19,1. 21; 20,2. 25). ♦ Zu ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, vgl. zuvor zu Vers 14. ♦ Μακεδονία, das 22 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. Das verwandte Μακεδών, das 6 / 5 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 16,9; 19,29; 27,2; 2Kor 9,2. 4), man bemerke aber den Hinweis auf die Makedonier im lateinischen Vorwort für *1Kor. ♦ Vgl. wie im voranstehenden Vers die Kombination ἔλθω πρὸς ὑμᾶς, die nur kanonisch steht, vgl. zu 14,6. ♦ προπέμπω findet sich 9 Mal im NT, wiederum ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 15,3; 20,38; 21,5; Röm 15,24; 1Kor 16,6. 11; 2Kor 1,16; Tit 3,13; 3Joh 1,6). ♦ Ἰουδαία, das 47 / 44 Mal im NT steht, findet sich ebenfalls nur auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: In diesem vorkanonisch unbezeugten Vers, findet sich fast alle Elemente ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt (δι’ ὑμῶν; Μακεδονία; προπέμπω; ἔλθω πρὸς ὑμᾶς; Ἰουδαία). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,17) Die Verseröffnung τοῦτο οὖν findet sich 5 Mal als solche im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 5,18 mit vorangestelltem διά; Apg 21,23; Röm 15,28, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 2Kor 1,17; Eph 4,17). ♦ βούλομαι steht 41 / 37 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μήτι, das sich 20 Mal im NT findet, steht jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐλαφρία steht noch ein Mal auf der kanonischen Ebene in 2Kor 4,17. Das verwandte ἐλαφρός findet sich zusätzlich noch auf der kanonischen Ebene in Mt 11,30. ♦ βουλεύω steht 7 / 6 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene (Lk 14,31; Joh 11,53; 12,10; Apg 5,33; 15,37; 27,39; 2Kor 1,17). ♦ Der Ausdruck κατὰ σάρκα steht 20 Mal im NT, vorkanonisch 576 Rekonstruktion <?page no="1455"?> bezeugt für *Gal 4,23; *Röm 8,4. 5. ♦ Die Form ᾖ steht 42 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ παρά, das 217 / 194 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8. 12; *1Kor 3,19; *Röm 2,13; 12,16; *2Thess 1,6. ♦ Die Formulierung τὸ Ναὶ ναὶ καὶ τὸ Οὒ οὔ findet sich fast gleich zwei weitere Male auf der kanonischen Ebene (Mt 5,37: ναὶ ναί, οὒ οὔ; und identisch mit hier in Jak 5,12: τὸ Ναὶ ναὶ καὶ τὸ Οὒ οὔ). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich kanonisch belegt sind (τοῦτο οὖν; βούλομαι; μήτι; ἐλαφρία; βουλεύω; ᾖ; τὸ Ναὶ ναὶ καὶ τὸ Οὒ οὔ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,18) πιστός steht 69 / 67 Mal im NT, vorkanonisch nur negativ bezeugt für *Ev 16,11. 12, als positive (und negative) Charakterisierung steht es nur auf der kanonischen Ebene, insbesondere in der Apg und den Pseudopaulinen. ♦ Die Kombination πιστὸς δέ steht 3 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 10,13. ♦ Zu ναί vgl. zuvor zu Vers 17 und danach zu den Versen 19 und 20. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist trotz der Kürze Elemente auf, die ausschließlich kanonisch belegt sind (die kanonische Semantik von πιστός, die Verseröffnung πιστὸς δέ und die gerade auf der kanonischen Ebene begegnete Gegenüberstellung von Ναὶ καὶ Οὔ). Auch dieser Vers wird folglich zur kanonischen Ebene gehören und vorkanonisch gefehlt haben, inhaltlich scheinen sich die beiden Verse von dem bezeugten, vorkanonischen Vers 20 inspiriert zu sein. (1,19) Die Kombination θεοῦ γάρ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 3,9. ♦ Die Wendung ὁ ἐν ὑμῖν steht noch 1 weiteres Mal, 1Joh 4,4. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,12. ♦ κηρύσσω steht 63 / 61 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,2; *1Kor 1,23; 15,11; *2Kor 4,5. ♦ Die Wendung δι’ ἐμοῦ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 10,9; 14,6; Röm 15,18, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 2Kor 1,19; 2Tim 4,17). ♦ Σιλουανός findet sich 4 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene (2Kor 1,19; 1Thess 1,1; 2Thess 1,1; 1Petr 5,12). ♦ Τιμόθεος steht 25 / 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu ναί vgl. zuvor zu den Versen 17 und 18 und danach zu Vers 20. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch nicht bezeugte Vers weist eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente auf (θεοῦ γάρ; ὁ ἐν ὑμῖν; δι’ ἐμοῦ; Σιλουανός; Τιμόθεος). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 3 (2Kor) 577 <?page no="1456"?> (1,20) Die Eröffnung πᾶσαι γάρ steht nur hier. ♦ Auch die Variante ὅσαι γάρ steht nur hier. ♦ ὅσος, das 121 / 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,22; *Gal 3,10; *2Kor 1,20; *Röm 2,12. ♦ ἐπαγγελία steht 52 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 4,23; *Laod 1,13; 2,12. ♦ Zu ναί vgl. zuvor zu Vers 17. ♦ Die Wendung διὸ καὶ δι’ steht nur hier. ♦ τὸ Ἀμήν steht nur hier. ♦ πρὸς δόξαν steht nur hier. Zur Rekonstruktion: Wie in C. dargelegt, folgen wir einem der beiden Zeugnisse des Epiphanius. Das Zeugnis wird von der Lexik gestützt. Sie erweist, dass Elemente oft singulär stehen und auf der kanonischen Ebene nur in der direkten Parallelstelle übernommen werden. (1,21) βεβαιόω steht 10 / 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu σύν vgl. zuvor zu Vers 1. ♦ Die Kombination σὺν ὑμῖν steht 4 Mal im NT, Lk 24,44, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 2Kor 1,21; 4,14; Kol 2,5, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung εἰς Χριστόν steht 12 Mal im NT, mit Ausnahme von *Laod 5,32 immer auf der kanonischen Ebene. ♦ Auch χρίω, das 5 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, am deutlichsten in Lk 4,18 innerhalb einer Passage, die in *Ev fehlt, dann noch Apg 4,27; 10,38; Hebr 1,9. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige aus‐ schließlich kanonisch belegte Elemente auf (βεβαιόω; σὺν ὑμῖν; χρίω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Auffallend ist erneut die Nähe von *Laod zur kanonischen Lexik (εἰς Χριστόν). (1,22) σφραγίζω findet sich 18 / 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 1,13. ♦ Die Form δούς steht 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 12,24. ♦ Die Kombination καὶ δούς steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 26,26; Mk 13,35; 2Kor 1,22; 2Thess 2,16). ♦ ἀρραβών findet sich nur 3 Mal im NT, auffälligerweise in dem vorkanonisch nicht bezeugten *Laod 1,14, also in engem Zusammenhang zu σφραγίζω, und dann noch ein Mal vorkanonisch bezeugt in *2Kor 5,5. ♦ Die Wendung ἐν ταῖς καρδίαις ἡμῶν steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,6. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch nicht bezeugte Vers weist zwar am Ende eine Wendung auf, die vorkanonisch in *2Kor bezeugt ist, doch die auffällige Form δούς begegnet nur auf der kanonischen Ebene und die beiden weiteren vorkanonischen Zeugnisse stammen aus *Laod und sprechen eher für die kano‐ nische Nähe dieses *Deuteropaulinums. Der Vers wird darum wohl vermutlich im vorkanonischen Text gefehlt haben. 578 Rekonstruktion <?page no="1457"?> (1,23) μάρτυς steht 39 / 35 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 13,1. ♦ ἐπικαλέω findet sich 35 / 30 Mal im NT, ausschließlich belegt für die kanonische Ebene, insbesondere die Apostelgeschichte (Apg 1,23; 2,21; 4,36; 7,59; 9,14. 21; 10,5. 18. 32; 11,3; 12,12. 25; 15,17. 22; 22,16; 25,11. 12. 21. 25; 26,32; 28,19). Auffallend ist, wie oft die beiden Begriffe μάρτυς und ἐπικαλέω auf der kanonischen Ebene der zweiten kanonischen Redaktion eng beieinander stehen: Apg 1,22-23; 2,21.32; 7,58-59; 10,32. 39. 41; 22,15-16; 2Tim 2,2. 22; Hebr 10,28; 11,16, 12,1. ♦ ψυχή, das 118 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,45; *1Thess 5,23. ♦ φείδομαι steht 10 Mal im NT und ist ausschließlich bezeugt für die kanonische Ebene. ♦ Das kleine Wörtchen οὐκέτι ist bemerkenswert. Es steht 51 Mal im NT, ausschließlich kanonisch bezeugt. Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers, begegnen einige Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐπικαλέω; φείδομαι; οὐκέτι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,24) οὐχ, das 105 Mal im NT steht, findet sich erstaunlich selten vorkanonisch gemessen an der Präsenz auf kanonischer Ebene steht. ♦ Die Kombination οὐχ ὅτι steht 12 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (als Verseröffnung: Joh 6,46; 2Kor 1,24; 3,5; Phil 3,12; 4,11. 17; 2Thess 3,9; ansonsten: Joh 6,26; 7,22; 12,6; 2Kor 7,9; 1Joh 4,10). ♦ κυριεύω steht 7 Mal im NT und ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ συνεργός findet sich 14 / 13 Mal im NT, und auch dieser Begriff begegnet nur auf der kanonischen Ebene. Das verwandte Verb συνεργέω, das 11 / 5 Mal im NT steht, ist ausnahmslos für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Zur Verbform ἐσμέν vgl. zuvor zu Vers 14. ♦ χαρά, das 62 / 59 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ ἵστημι, das 191 / 154 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 13,1; *Röm 10,3; *Laod 6,11. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente auf (οὐχ ὅτι; κυριεύω; συνεργός; χαρά). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und fehlt vorkanonisch. Kapitel 2 2,[1-13: ] [Mahnungen] Die nachfolgende Passage ist unbezeugt und nach Ausweis der Lexik hat sie vorkanonisch gefehlt. 3 (2Kor) 579 <?page no="1458"?> 11 T.R. Blanton IV, Paul’s Covenantal Theology in 2 Corinthians 2.14-7.4 (2012), 61. 2,1 ἔκρινα γὰρ ἐμαυτῷ τοῦτο, τὸ μὴ πάλιν ἐν λύπῃ πρὸς ὑμᾶς ἐλθεῖν· 2 εἰ γὰρ ἐγὼ λυπῶ ὑμᾶς, καὶ τίς ὁ εὐφραίνων με εἰ μὴ ὁ λυπούμενος ἐξ ἐμοῦ; 3 καὶ ἔγραψα τοῦτο αὐτὸ ἵνα μὴ ἐλθὼν λύπην σχῶ ἀφ’ ὧν ἔδει με χαίρειν, πεποιθὼς ἐπὶ πάντας ὑμᾶς ὅτι ἡ ἐμὴ χαρὰ πάντων ὑμῶν ἐστιν. 4 ἐκ γὰρ πολλῆς θλίψεως καὶ συνοχῆς καρδίας ἔγραψα ὑμῖν διὰ πολλῶν δακρύων, οὐχ ἵνα λυπηθῆτε ἀλλὰ τὴν ἀγάπην ἵνα γνῶτε ἣν ἔχω περισσοτέρως εἰς ὑμᾶς. 5 Εἰ δέ τις λελύπηκεν, οὐκ ἐμὲ λελύπηκεν, ἀλλὰ ἀπὸ μέρους, ἵνα μὴ ἐπιβαρῶ, πάντας ὑμᾶς. 6 ἱκανὸν τῷ τοιούτῳ ἡ ἐπιτιμία αὕτη ἡ ὑπὸ τῶν πλειόνων, 7 ὥστε τοὐναντίον μᾶλλον ὑμᾶς χαρίσασθαι καὶ παρακαλέσαι, μή πως τῇ περισσοτέρᾳ λύπῃ καταποθῇ ὁ τοιοῦτος. 8 διὸ παρακαλῶ ὑμᾶς κυρῶσαι εἰς αὐτὸν ἀγάπην· 9 εἰς τοῦτο γὰρ καὶ ἔγραψα ἵνα γνῶ τὴν δοκιμὴν ὑμῶν, εἰ εἰς πάντα ὑπήκοοί ἐστε. 10 ᾧ δέ τι χαρίζεσθε, κἀγώ· καὶ γὰρ ἐγὼ ὃ κεχάρισμαι, εἴ τι κεχάρισμαι, δι’ ὑμᾶς ἐν προσώπῳ Χριστοῦ, 11 ἵνα μὴ πλεονεκτηθῶμεν ὑπὸ τοῦ Σατανᾶ, οὐ γὰρ αὐτοῦ τὰ νοήματα ἀγνοοῦμεν. 12 Ἐλθὼν δὲ εἰς τὴν Τρῳάδα εἰς τὸ εὐαγγέλιον τοῦ Χριστοῦ, καὶ θύρας μοι ἀνεῳγμένης ἐν κυρίῳ, 13 οὐκ ἔσχηκα ἄνεσιν τῷ πνεύματί μου τῷ μὴ εὑρεῖν με Τίτον τὸν ἀδελφόν μου, ἀλλὰ ἀποταξάμενος αὐτοῖς ἐξῆλθον εἰς Μακεδονίαν. A. Die Verse dieser Passage sind vorkanonisch unbezeugt. B. Keine nennenswerten Varianten. C. (2,1-13) Die Verse 2Kor 2,1-13 sind nach allen Editoren unbezeugt, auch wenn Zahn mit ihrer Präsenz in unbestimmbarer Form rechnet. Nachdem BeDuhn betont, dass diese Passage den Häresiologen nichts Kritikwertes bot, müssen Varianten, narrativer Zusammenhang und Lexik befragt werden, ob die Passage nur unbezeugt ist oder ob sie auch abwesend vom vorkanonischen Text war. Nach Blanton und anderen endet in 2Kor 2,13 ein erster Teil des ersten Briefes innerhalb der Sammlung von Briefen im Zweiten Korintherbrief. 11 Der Hinweis 580 Rekonstruktion <?page no="1459"?> 12 Vgl. I.J. Elmer, The Pauline Letters as Community Documents (2015), 37. Eine Identifi‐ zierung dieses Briefes mit dem Abschnitt 2Kor 10-13 findet sich bei A. Hausrath, Der Vier-Capitel-Brief des Paulus an die Korinther (1870). Vgl. auch die Rückbezüge in 2Kor 10-13 zu 2Kor 1,1-2,13; 7,5-16, die herausgestellt werden von J.H. Kennedy, The second and third epistles of St. Paul to the Corinthians with some proofs of their independence and mutual relation (1900); J.H. Kennedy, The Problem of Second Corinthians (1903). 13 M. Klinghardt, The Oldest Gospel and the Formation of the Canonical Gospels (2021), 1145-1146. in 2Kor 2,4 auf das, was Paulus unter Tränen geschrieben hat, wurde auf einen verlorenen Brief hin gelesen oder auf ein Stück, das in 2Kor integriert wurde. 12 D. (2,1) Gleich das erste Verb κρίνω gehört als positiver Ausdruck zur kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 6,6. ♦ Die Wendung ἔκρινα γάρ steht nur hier. ♦ πάλιν, das 159 / 141 Mal im NT steht, etwa Lk 6,42, wo im parallelen Vers in *Ev der Begriff fehlt, findet sich mit Ausnahme von *1Kor 3,20 (in der Kombination καὶ πάλιν als Hinweis auf ein weiteres Schriftzitat) alleinstehend nur auf der kanonischen Ebene. ♦ λύπη steht 17 / 16 Mal im NT und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene, das eine Mal, dass der Begriff in Lk 22,45 begegnet, steht er in einer Passage, die textkritisch seit langem als Problem gesehen wurde, vgl. mit weiterführender Literatur Klinghardt. 13 ♦ Der Ausdruck πρὸς ὑμᾶς ἐλθεῖν begegnete bereits 2Kor 1,15 auf der kanonischen Ebene, vgl. auch zu diesem Vers. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem Kapitel, das bis auf Vers 17 unbezeugt ist, wird es eine zusammenfassende Beobachtung am Ende geben, weil in jedem der Verse eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente zu finden sind. (2,2) Die Eröffnung εἰ γὰρ ἐγώ steht nur hier. ♦ Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröffnung, als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. ♦ Öfter als das gerade besprochene Nomen begegnet das dazugehörige Verb λυπέω im NT, insgesamt 30 / 26 Mal. Doch trotz der größeren Häufigkeit findet sich auch das Verb ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ εὐφραίνω, das 16 / 14 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐξ ἐμοῦ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 15,5; Mk 7,11; 2Kor 2,2; 12,6). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἰ γάρ; λυπέω; εὐφραίνω; ἐξ ἐμοῦ. 3 (2Kor) 581 <?page no="1460"?> (2,3) Die Eröffnung καὶ ἔγραψα steht nur hier. ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,14; 4,13. ♦ Zu dem vorkanonisch unbezeugten λύπη vgl. zuvor Vers 2,1. ♦ Die Form σχῶ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 19,16; Apg 25,26; Röm 1,13; 2Kor 2,3; Phil 2,27), am auffallendsten ist die Nähe dieser Stelle ἵνα μὴ ἐλθὼν λύπην σχῶ zu Phil 2,27: ἵνα μὴ λύπην ἐπὶ λύπην σχῶ. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ Das Personalpronomen ὧν, das 78 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; *2Thess 2,10. ♦ χαίρω, das 76 / 74 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,8; *1Kor 7,30; *Röm 12,12. ♦ Das reflexive με χαίρω steht noch 1 weiteres Mal, Joh 14,28 ♦ πείθω, das 59 / 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. ♦ Die Form πεποιθώς steht 5 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene (Verseröffnung: Phil 1,6; Phlm 1,21; im Vers: 2Kor 2,3; Phil 1,25; Hebr 2,13). ♦ πάντας, das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,28; *2Kor 5,10; *Laod 3,9. ♦ Die Kombination πάντας ὑμᾶς steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 14,5. ♦ Der Ausdruck ἐπὶ πάντας steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (3 Mal Lk; 5 Mal Apg). ♦ Die Kombination ἡ ἐμή steht 11 Mal im NT, 7 Mal Joh; 1Kor 9,3; 2Kor 2,3, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur ein Mal für einen Brief bezeugt, den die Forschung Paulus zuschreibt (*Röm 12,18), dann auffallenderweise gleich drei Mal in Deuteropaulinen (*Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: λύπη; σχῶ; με χαίρω; πεποιθώς; πάντας ὑμᾶς; ἡ ἐμή. (2,4) πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.) steht 121 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ θλῖψις, das 60 / 45 Mal im NT steht, ist auch vorkanonisch bezeugt für *Paulus, nicht für *Ev. ♦ συνοχή steht nur noch 1 weiteres Mal im NT und zwar vorkanonisch in *Ev 21,25. ♦ δακρύω it Hapax legomenon im NT, auf der kanonischen Ebene. δάκρυον steht 12 / 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ οὐχ, das 105 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 10,3; *Phil 1,17; 2,6. ♦ Die Wendung ἵνα γνῶτε steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2 Mal Joh; 2Kor 2,4; Eph 6,22; Kol 4,8). ♦ περισσοτέρως, das 15 Mal im NT steht, vorwiegend in paulinischen Briefen, und vorkanonisch bezeugt ist für *Phil 1,14. ♦ περισσός, das 6 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich für die kanonischen Ebene bezeugt. ♦ εἰς ὑμᾶς steht 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,6, vgl. 1Thess 4,8. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: δακρύω; ἵνα γνῶτε; περισσός. 582 Rekonstruktion <?page no="1461"?> (2,5) Die Eröffnung εἰ δέ τις steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 1Kor 3,12. ♦ Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ Zu dem vorkanonisch unbezeugten λύπη vgl. zuvor Vers 2,1. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, vgl. zu Vers 3. ♦ μέρος, das 45 / 42 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,46; 24,42; *Kol 2,16. ♦ Die Kombination ἀπὸ μέρους steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 2Kor 1,14. ♦ ἐπιβαρέω steht nur 3 Mal im NT, auch die beiden anderen Male auf der kanonischen Ebene (1Thess 2,9; 2Thess 3,8). ♦ Die Kombination πάντας ὑμᾶς steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 14,5. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἰ δέ τις; εἰ δέ; λύπη; ἀπὸ μέρους ἐπιβαρέω; πάντας ὑμᾶς. (2,6) ἱκανός, das 45 / 39 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanoni‐ schen Ebene. ♦ τοιοῦτος, das 62 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *1Kor 15,48, vgl. weiter Vers 7. ♦ ἐπιτιμία ist Hapax legomenon im NT. Man vergleiche auch das verwandte Verb ἐπιτιμάω, das 34 / 29 Mal im NT steht und vorkanonisch bezeugt ist für *Ev. ♦ αὕτη, das 77 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ πλείων, das 66 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,5. ♦ Die Pluralform τῶν πλειόνων begegnet nochmals, ebenfalls auf der kanonischen Ebene in 2Kor 4,15. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἱκανός; τῶν πλειόνων. (2,7) Die Kombination ὥστε τοὐναντίον steht nur hier. ♦ Die Wendung μᾶλλον ὑμᾶς steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 6,30; Lk 12,28, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 2Kor 2,7). ♦ χαρίζω steht 24 / 23 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 2,13, erneut ein Hinweis auf die Nähe dieses *Deuteropaulinums in der Lexik zur kanonischen Ebene. ♦ παρακαλέω steht 115 / 109 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,25; *2Kor 12,7. ♦ Die Kombination μή πως, die 11 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor 1Kor 8,9. ♦ πως, das 15 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ καταπίνω steht 8 Mal im NT, vorkanonisch in *1Kor 15,54 und *2Kor 5,4. ♦ Zu τοιοῦτος vgl. zuvor zu Vers 6. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: μᾶλλον ὑμᾶς; μή πως; πως. (2,8) Zum vorkanonisch bezeugten παρακαλέω vgl. zum voranstehenden Vers 2,8. ♦ κυρόω begegnet im NT nur noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene in Gal 3,15. ♦ 3 (2Kor) 583 <?page no="1462"?> αὐτόν, das 841 Mal im Neuen Testament steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 2,16; 15,25l *2Thess 2,4; *Laod 1,20; *Kol 1,20. ♦ Die Kombination εἰς αὐτόν steht 37 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 8,6. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: κυρόω; Kombination εἰς αὐτόν. (2,9) Die Kombination εἰς τοῦτο γάρ steht 7 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 1,38; Apg 26,16; und dann immer als Verseröffnung in Röm 14,9; 2Kor 2,9; 1Tim 4,10; 1Petr 2,21; 4,6). ♦ δοκιμή steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 5,4; 2Kor 8,2; 9,13; 13,3; Phil 2,22). ♦ ὑπήκοος begegnet nur 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Phil 2,8, dort aber nicht auf Menschen, sondern auf Christus bezogen. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἰς τοῦτο γάρ; δοκιμή; Semantik von ὑπήκοος. (2,10) Der Ausdruck ᾧ δέ steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 25,15; Lk 7,47, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 2Kor 2,10). ♦ χαρίζω bzw. χαρίζομαι, das 24 / 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Kol 2,13. ♦ Der Ausdruck ἐν προσώπῳ Χριστοῦ steht 3 Mal im NT, nur in 2Kor, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,6. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegtes Element ist: ᾧ δέ. (2,11) πλεονεκτέω findet sich 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Σατανᾶς, der 72 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 11,14; 12,7; *2Thess 2,9. ♦ νόημα steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,14; 4,4. ♦ ἀγνοέω, das sich 23 / 22 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,1; 12,1. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegtes Element ist: πλεονεκτέω. (2,12) Die Form ἐλθών, die 50 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene; vgl. 2Kor 12,20. ♦ Τρῳάς findet sich 6 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene (Apg 16,8. 11; 20,5. 6; 2Kor 2,12; 2Tim 4,13). ♦ θύρα steht 40 / 39 Mal im NT, ausnahmslos auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀνοίγνυμι steht 102 / 77 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,9; *Laod 6,19. ♦ Die Wendung ἐν κυρίῳ steht 48 Mal im NT, wohl ausschließlich auf der kanonischen Ebene und nur im kanonischen Paulus, vgl. zu Gal 5,10. 584 Rekonstruktion <?page no="1463"?> Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐλθών; Τρῳάς; θύρα. (2,13) ἄνεσις begegnet 5 Mal im NT (Apg 24,23; 2Kor 2,13; 7,5; 8,13; 2Thess 1,7), vorkanonisch bezeugt für *2Thess 1,7. ♦ Die Wendung τῷ πνεύματί μου steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, in Röm 1,9. ♦ εὑρίσκω, das 198 / 176 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Phil 2,7. ♦ Der Infinitiv εὑρεῖν steht 5 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene (Mt 18,13; Apg 7,46; 19.1; 2Tim 1,18). ♦ Τίτος wird 13 Mal im NT erwähnt, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,3. ♦ ἀποτάσσω steht 7 / 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,61. ♦ αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.), das 543 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; *2Thess 2,11. ♦ ἐξέρχομαι, das 258 / 218 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Form ἐξῆλθον steht 9 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 12,44; Mk 1,38; Lk 11,24; 4 Mal Joh; 2Kor 2,13: ἐξῆλθον εἰς Μακεδονίαν; Phil 4,15: ἐξῆλθον ἀπὸ Μακεδονίας). ♦ Μακεδονία, das 22 Mal im NT erwähnt wird, ist nur kanonisch belegt. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: τῷ πνεύματί μου; εὑρεῖν; ἐξῆλθον; Μακεδονία. Zur Abwesenheit: Diese komplett unbezeugte Passage weist in jedem Vers verschiedene Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind. Insbesondere in den Versen 1-7 hält sich der nur kanonisch belegte Gedanken von λύπη und λυπέω durch. Die Passage ist ein Produkt der kanoni‐ schen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 2,[14] 15-16 17: Die Kritik des Paulus In diesem Abschnitt ist durch Didymus Vers 17 bezeugt, der jedoch eine narra‐ tive Überleitung zu den zuletzt vorkanonisch stehenden Versen 1,20. 22 braucht. Will man nicht annehmen, die kanonische Redaktion habe einen uns nicht mehr verfügbaren größeren Abschnitt getilgt und durch einen eigenen Text in 2,1-16 ersetzt, ist die hier vorgeschlagene Rekonstruktion aufgrund der Lexik zu präferieren. Sie beschränkt sich mit der Übernahme von zwei Teilversen 15 und 16, die die narrative Brücke zu den voranstehenden vorkanonischen Versen bilden. Allein aus Vers 17 ergibt sich der für die kirchliche Tradition, wie Didymus schildert, anstößige Charakter des vorkanonischen Texts, denn er bezieht sich zurück auf den *Galater- und auf den *Ersten Korintherbrief mit dem Hinweis darauf, dass „die übrigen“, in denen Didymus wohl nicht zu Unrecht die übrigen Apostel gelesen hatte, im Unterschied zu *Paulus einen Messias lehren, der „aus Gott“, also dem jüdischen Demiurgen, stammt. Das beduetet 3 (2Kor) 585 <?page no="1464"?> aber, dass sie „gegen den Gott“, d. h. den höchsten und transzendenten Gott des wahren Christus, einem jüdischen Gott anhängen. Es verwundert folglich nicht, dass die kanonische Redaktion zur Abwehr einer solchen Lesart den vorkanoni‐ schen Text gründlich umgearbeitet hat. Ihm wurde zunächst die personalisierte kanonische Fortschreibung aus Kapitel 1 in Kapitel 2 vorangesetzt und eine Selbstbestätigung der neuen kanonischen Version hinzugefügt („Wir verkünden es aufrichtig“). Wie diese Botschaft von dem Gott aussieht, wird im folgenden Kapitel 3 von *Paulus näher dargelegt. - 14 Τῷ δὲ θεῷ χάρις τῷ πάντοτε θριαμβεύοντι ἡμᾶς ἐν τῷ Χριστῷ καὶ τὴν ὀσμὴν τῆς γνώσεως αὐτοῦ φανεροῦντι δι’ ἡμῶν ἐν παντὶ τόπῳ· 2,15 ἐν τοῖς σῳζομένοις καὶ ἐν τοῖς ἀπολλυμένοις, - 15 ὅτι Χριστοῦ εὐωδία ἐσμὲν τῷ θεῷ ἐν τοῖς σῳζομένοις καὶ ἐν τοῖς ἀπολλυμένοις, 16 οἷς μὲν ἐκ θανάτου εἰς θάνατον, οἷς δὲ ἐκ ζωῆς εἰς ζωήν. - 16 οἷς μὲν ὀσμὴ ἐκ θανάτου εἰς θάνατον, οἷς δὲ ὀσμὴ ἐκ ζωῆς εἰς ζωήν. καὶ πρὸς ταῦτα τίς ἱκανός; 17 οὐκ ἐσμὲν ὡς οἱ λοιποὶ καπηλεύοντες τὸν λόγον τοῦ θεοῦ ὡς ἐκ θεοῦ ἐν Χριστῷ διδάσκοντες κατέναντι τοῦ θεοῦ. 17 οὐ γάρ ἐσμεν ὡς οἱ πολλοὶ καπηλεύοντες τὸν λόγον τοῦ θεοῦ, ἀλλ’ ὡς ἐξ εἰλικρινείας, ἀλλ’ ὡς ἐκ θεοῦ κατένωπιον θεοῦ ἐν Χριστῷ λαλοῦμεν. A. *2,15-17: Adam., Dial. II 20 (im Mund des Adamantius): Τῷ δὲ θεῷ, φησί, χάρις τῷ πάντοτε θριαμβεύοντι ἡμᾶς ἐν τῷ Χριστῷ καὶ τὴν ὀσμὴν τῆς γνώσεως αὐτοῦ φανεροῦντι δι’ ἡμῶν ἐν παντὶ τόπῳ: ὅτι Χριστοῦ εὐωδία ἐσμὲν ἐν τοῖς σῳζομένοις καὶ ἐν τοῖς ἀπολλυμένοις, τοῖς μὲν ὀσμὴ ἐκ θανάτου εἰς θάνατον, τοῖς δὲ ὀσμὴ ἐκ ζωῆς εἰς ζωήν (Rufin: Deo autem gratias qui semper triumphat nos in Christo, et odorem scientiae suae manifestat per nos in omni loco, quia Christi bonus odor sumus in his qui salui fiunt et in his qui pereunt, aliis quidem odor de morte in mortem, aliis autem odor uitae ad uitam). Vgl. Didymus (Mai, Novae Patrum IV 2, 122): οὐ προσεκτέον τοῖς ἀπὸ τῶν ἑτεροδόξων λέγουσιν, ὅτι οἱ ἀπόστολοι ἐν Χριστῷ διδάσκοντες κατέναντι τοῦ θεοῦ τοῦ ἑτέρου παρὰ τὸν πατέρα τοῦ σωτῆρος, τουτέστιν ἐνάντια αὐτῷ, φθέγγονται. B. (2,17) Die Lesart οἱ λοιποί steht in P 46 , 06, 010, 012, 020, 6, 326, 614 s , 630, 945, 1505, sy; die Variante οἱ πολλοί findet sich in 01, 02, 03, 04, 018, 025, 044, 0243, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241, 1739, 1881, 2464, M, lat, co, Ir, Ambst, Did. ♦ κατέναντι τοῦ steht in 025, 365, κατέναντι allein findet sich in den Zeugen P 46 , 01*, 02, 03, 04, 0243, 33, 81, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, während sich das 586 Rekonstruktion <?page no="1465"?> kanonische, die Schärfe mildernde, κατένωπιον τοῦ in den Zeugen findet: 01 2 , 06 1 , 010, 012, 018, 020, 044, 104, 1241, M, das einfache κατένωπιον 06*, 1505. Auch wenn man, den Handschriften folgend, die Varianten eher umgekehrt hätte, lässt doch der Kommentar des Didymus keinen Zweifel daran, dass an dieser Stelle die gewohnte Zuordnung nicht zutrifft, wobei zu beachten ist, dass die schärfste Form, die Didymus bezeugt, sich nur in zwei Zeugen erhalten hat, 025 und 365, die durchaus öfters für die vorkanonische Fassung zeugen. Die verschiedenen Varianten bezeugen aber, dass sich die Tradition mit diesem Text nicht leichtgetan hat. C. (2,14-17) Hilgenfeld nimmt aufgrund von Adamantius an, die Verse 14-16 seien „unversehrt“ präsent gewesen. Zahn verweist bereits auf die Zeugen Ada‐ mantius und Didymus, sieht die Verse als präsent an, wobei er die Unterschiede zwischen dem kanonischen Text und Adamantius vermerkt und auch einige Handschriftenzeugen angibt, die Lesarten teilen. Harnack folgt Zahn und gibt als Text für seine Rekonstruktion: Τῷ δὲ θεῷ χάρις, τῷ πάντοτε θριαμβεύοντι ἡμᾶς ἐν τῷ Χριστῷ καὶ τὴν ὀσμὴν τῆς γνώσεως αὐτοῦ φανεροῦντι δι’ ἡμῶν ἐν παντὶ τόπῳ, ὅτι Χριστοῦ εὐωδία ἐσμὲν ἐν τοῖς σῳζομένοις καὶ ἐν τοῖς ἀπολλυμένοις, τοῖς μὲν ὀσμὴ ἐκ θανάτου εἰς θάνατον, τοῖς δὲ ὀσμὴ ἐκ ζωῆς εἰς ζωήν. 17 (οὐ γάρ ἐσμεν) ὡς οἱ λοιποὶ (καπηλεύοντες τὸν λόγον τοῦ θεοῦ) … ὡς ἐκ θεοῦ κατέναντι θεοῦ ἐν Χριστῷ λαλοῦμεν. Schmid weicht von beiden Vorgängern radikal ab und sieht die Verse als unbezeugt. Doch BeDuhn verweist erneut auf die beiden Zeugen Adamantius für die Verse 14-16b und auf Didymus (Mai, Novae Patrum IV 2, 122) für Vers 17. Aufgrund dieser Zeugnisse legt BeDuhn seiner Übersetzung den folgenden Text zugrunde: 14 Τῷ θεῷ χάρις τῷ πάντοτε θριαμβεύοντι ἡμᾶς ἐν τῷ Χριστῷ καὶ τὴν ὀσμὴν τῆς γνώσεως αὐτοῦ φανεροῦντι δι’ ἡμῶν ἐν παντὶ τόπῳ: 15 ὅτι Χριστοῦ εὐωδία ἐσμὲν ἐν τοῖς σῳζομένοις καὶ ἐν τοῖς ἀπολλυμένοις, 16 τοῖς μὲν ὀσμὴ ἐκ θανάτου εἰς θάνατον, τοῖς δὲ ὀσμὴ ἐκ ζωῆς εἰς ζωήν. 17 οὐ [γάρ ἐσμεν] ὡς οἱ λοιποὶ [καπηλεύοντες τὸν λόγον τοῦ θεοῦ, … ἀλλ’] ὡς ἐκ θεοῦ κατέναντι θεοῦ ἐν Χριστῷ λαλοῦμεν. Nun gab es bereits wiederholt Anlass, dem Zeugnis des Adamantius grund‐ sätzlich zu misstrauen, insbesondere, wenn Worte in den Mund des Adamantius selbst gelegt sind. Doch selbst wenn sie in diesem Dialog aus dem Mund eines Markioniten kommen, scheinen Zitate bisweilen kanonisch überformt zu sein, auch wenn der Dialog wiederholt für Markion sonst bezeugte Varianten aufweist, öfter in Zitaten, die einem Markioniten denn Adamantius oder dem schiedsrichtenden Euthropius zugeschrieben sind. Ist im vorliegenden Fall der 3 (2Kor) 587 <?page no="1466"?> 14 (Eigene Übers.) L.L. Welborn, The Corinthian Correspondance (2013), 230. Ähnlich J. Weiss, Das Urchristentum (1917). „The seams in 2: 13/ 14 and 7: 4/ 5 are the best example in the entire New Testament of one large fragment secondarily inserted into another text“, so D. Georgi, The Opponents of Paul in Second Corinthians 335. Zeugniswert höher, weil Adamantius angibt, er zitiere aus der markionitischen Briefsammlung? Wie die Lexik ausweist, scheinen jedoch die Verse 14-16 bis auf ein kleines Stück am Ende von Vers 15 auf die kanonische Redaktion zurückzugehen. Auch wenn es spekulativ ist, könnte die kanonische Redaktion hier auf einem vorkanonischen Bestand die Überformung und Erweiterung vorgenommen haben. Jedenfalls bedarf es keiner weiteren narrativen Brücke, um die letzten vorkanonischen Verse 1,20 22 mit dem nächstbezeugten Vers 2,17 zu verbinden. In der bestehenden Interpretation des kanonischen Zweiten Korintherbriefs wird die vorliegende Passage und mit ihr der ganze Passus 2Kor 2,14-7,4 als Einschub gesehen, der „den Bericht der Suche des Paulus nach Titus von 2,12-13, der scheinbar ungebrochen in 7,5-6 weitergeführt wird, unterbricht“. 14 Nach der vorliegenden Rekonstruktion, bei der die Verse 2Kor 2,1-16 als Teil der kanonischen Redaktion angesehen werden, erübrigt sich diese Sichtweise, der vermeintliche Bruch ist behoben und entstand vielmehr erst durch die Einfügung des Titusberichts auf der Ebene der kanonischen Redaktion. D. (2,14) Die Verseröffnung τῷ δὲ θεῷ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, 2 Mal mit nachfolgendem χάρις (1Kor 15,57; 2Kor 2,14; ohne χάρις in Phil 4,20), wobei besonders auffällig die Stelle 1Kor 15,57 ist, weil dort die Formel ohne δέ steht, das nur durch den von der kanonischen Redaktion eingeschobenen Vers 1Kor 15,56 notwendig wurde. Daraus folgt, dass die Formel eine genuine Kreation der kanonischen Redaktion darstellt. ♦ πάντοτε steht 42 / 41 Mal im NT, darunter 7 Mal als Verseröffnung (2 Mal Mt; Röm 1,10; 2Kor 4,10; Phil 1,4; 1Thess 5,16; 2Tim 3,7), ausschließlich jedoch auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,10. ♦ θριαμβεύω ist nur noch 1 weiteres Mal belegt, für die kanonische Ebene (Kol 2,15). ♦ Die Wendung ἐν τῷ Χριστῷ steht 6 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 15,22; *Laod 1,12. 20; vgl. zu 1Kor 15,22. ♦ ὀσμή steht 6 Mal im NT, und zwar nur auf der kanonischen Ebene, es sei denn *Laod 5,2 hätte diesen Terminus enthalten ( Joh 12,3; Eph 5,2; Phil 4,18). ♦ γνῶσις, das 34 / 29 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,8; *Phil 3,8, vgl. weiter oben zu Vers 2. ♦ φανερόω, das 54 / 49 Mal im NT steht, ist für die vorkanonische Fassung belegt für *2Kor 2,14; 3,3; 4,10. 11; 5,10; *Röm 3,21; *Kol 3,4. ♦ παντί, das 59 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,16; 10,4; *Kol 1,16. ♦ τόπος, das 100 / 94 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt 588 Rekonstruktion <?page no="1467"?> für *Ev. ♦ Die Kombination ἐν παντί τόπῳ steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 1,2; 2Kor 2,14; 1Thess 1,8; 1Tim 2,8). Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung τῷ δὲ θεῷ; πάντοτε; θριαμβεύω; ὀσμή; ἐν παντὶ τόπῳ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (2,15) ὅτι Χριστοῦ steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Mk 9,41. ♦ εὐωδία steht nur 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, es sei denn *Laod 5,2 hätte diesen Terminus enthalten. ♦ Die Verbform ἐσμέν, die 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; *Laod 2,10, vgl. weiter Vers 17. ♦ σῴζω, das 112 / 107 Mal im NT belegt ist, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 21; 5,5; *2Thess 2,10. ♦ In derselben Form σῳζομένοις findet sich der Begriff in *1Kor 1,18. ♦ σῴζω, das 112 / 107 Mal im NT belegt ist, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 21; 5,5; *2Thess 2,10. ♦ ἀπόλλυμι steht 107 / 91 im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 19; *Röm 2,12. ♦ Die Form ἀπολλυμένοις steht 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,18 (und zwar unbezeugt, aber möglicherweise auch *2Kor 4,3; *2Thess 2,10). Zur Rekonstruktion: Zwar ist der vorliegende Vers ebenfalls vorkanonisch un‐ bezeugt, gleichwohl bedarf der narrative Zusammenhang, wie BeDuhn richtig erkannt hat, eines Übergangs hin zu dem bezeugten Vers 17. Der Anfang des vorliegenden Verses weist kanonische Lexik auf, jedoch fällt auf, dass bis in die Wortformen hinein das Ende des Verses markante vorkanonische Lexik besitzt. (2,16) Die Wendung οἷς μέν steht nur hier. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ Die Wendung ἐκ θανάτου steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 2,16; Hebr 5,7; Jak 5,20). ♦ Die Wendung εἰς θάνατον findet sich 8 Mal im NT, vorkanonisch möglicherweise bezeugt für *2Kor 4,11. ♦ Die Wendung εἰς ζωήν steht 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,21. ♦ ταῦτα, das 242 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,18; *1Kor 9,8; 10,11; *Phil 3,7. ♦ Die Wendung πρὸς ταῦτα steht 3 Mal im NT (Lk 14,6; Röm 8,31; 2Kor 2,16), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἱκανός, das 45 / 39 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Auch bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers fällt auf, dass anfangs der thematische Anschluss mit οἷς μὲν ὀσμή das nur für die kanonische Ebene belegte Thema des Geruches einführt, dann aber griffige Formulierungen folgen, die vorkanonisch bezeugt sind, so dass es sich auch hier spekulativ nahelegt, dass mit Ausnahme der Einführung der Rest des 3 (2Kor) 589 <?page no="1468"?> 15 Vgl. S.-210. Verses vorkanonische Terminologie bietet. Wobei die Schlussfrage erneut auf die kanonische Redaktion zurückzuführen ist. (2,17) Zur Verbform ἐσμέν vgl. zuvor zu Vers 15. ♦ Die Kombination γάρ ἐσμεν steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ♦ καπηλεύω ist Hapax legomenon im NT. ♦ εἰλικρίνεια findet sich 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ἀλλ’ ὡς steht 17 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 4,14. ♦ οἱ λοιποί steht 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, es sei denn es stand in *2Kor 2,17. ♦ Auch die Variante οἱ πολλοί, die 5 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 5,15. 19; 12,5; 1Kor 10,17; 2Kor 2,17). ♦ Das von Didymus gegebene οἱ ἀπόστολοι steht 11 Mal im NT, ebenfalls ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 6,30; Lk 9,10; 17,5; 22,14; 6 Mal Apg; Apk 18,20). ♦ κατέναντι steht nur 8 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ Die Variante hierzu, κατενώπιον, findet sich 5 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene (2Kor 12,19; Eph 1,4; Kol 1,22; Jud 1,24). ♦ Die Wendung ἐν Χριστῷ begegnet nicht in *Ev, ist allerdings encheiristisch vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4; *2Kor 2,17; 3,14; 5,17; *1Thess 4,15; *Laod 2,10. 13; *Phil 1,13, vgl. zur encheiristischen Semantik zuvor zu 1Kor 1,4. Im vorliegenden Fall ist von Interesse, dass aufgrund der encheiristischen Semantik die Gegner an diesem hohen Anspruch gemessen und kritisiert werden. 15 ♦ διδάσκω steht 102 / 97 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,12. Zur Rekonstruktion: Unter Berücksichtigung der Handschriftenvariante und der Lexik wird der Text nach Didymus gegeben. Kapitel 3 3,[1] 2 3 [4-5] 6-7 [8-10] 11 [12] 13-16 [17] 18: Die neue Thora des Lebens Der vorliegende Passus ist vorkanonisch gut bezeugt. Sie ist, wie schon Hilgen‐ feld gesehen hatte, eine Kernstelle, denn sie entwickelt die Antithese zwischen dem Neuen Testament und dem Alten Testament, zwischen dem neuen, leben‐ digen, in der Herrlichkeit bleibenden Testament Christi, das in die Herzen mit dem Geist geschrieben ist, und das in Steintafeln, in fleischliche Herzen gemeißelte Alte Testament des Mose, dessen Herrlichkeit vergänglich war. Die Entfernung der Hülle ist nicht mit dem Kommen Christi bereits gegeben, sondern wird in Aussicht gestellt, wenn er zu „dem“ Gott zurückkehrt. Die kanonische Redaktion übernimmt weitgehend den vorkanonischen Text, bricht der Antithese jedoch die Spitze, indem sie „Neues Testament“ mit „Brief “ 590 Rekonstruktion <?page no="1469"?> und „Dienst“ ersetzt, eine Digression zum „Dienst“ hinzufügt, wiederum den Text auf Paulus hin personalisiert und die Schärfe der Differenz zwischen der Botschaft des Mose und derjenigen Christi mindert. - 3,1 Ἀρχόμεθα πάλιν ἑαυτοὺς συνιστάνειν; ἢ μὴ χρῄζομεν ὥς τινες συστατικῶν ἐπιστολῶν πρὸς ὑμᾶς ἢ ἐξ ὑμῶν; 3,2 ἡ διαθήκη τῆς ζωῆς ἐστε, ἐγγεγραμμένη ἐν ταῖς καρδίαις ἡμῶν, γινωσκομένη καὶ ἀναγινωσκομένη ὑπὸ ἀνθρώπων· 2 ἡ ἐπιστολὴ ἡμῶν ὑμεῖς ἐστε, ἐγγεγραμμένη ἐν ταῖς καρδίαις ἡμῶν, γινωσκομένη καὶ ἀναγινωσκομένη ὑπὸ πάντων ἀνθρώπων· 3 φανερούμενοι ὅτι ἐστὲ ἡ καινὴ διαθήκη Χριστοῦ, καὶ ἐγγεγραμμένη οὐ μέλανι ἀλλὰ πνεύματι ζῶντος, οὐκ ἐν πλαξὶν λιθίναις ἀλλὰ πλαξὶν καρδίας σαρκίναις 3 φανερούμενοι ὅτι ἐστὲ ἐπιστολὴ Χριστοῦ διακονηθεῖσα ὑφ’ ἡμῶν, ἐγγεγραμμένη οὐ μέλανι ἀλλὰ πνεύματι θεοῦ ζῶντος, οὐκ ἐν πλαξὶν λιθίναις ἀλλ’ ἐν πλαξὶν καρδίαις σαρκίναις. - 4 Πεποίθησιν δὲ τοιαύτην ἔχομεν διὰ τοῦ Χριστοῦ πρὸς τὸν θεόν. 5 οὐχ ὅτι ἀφ’ ἑαυτῶν ἱκανοί ἐσμεν λογίσασθαί τι ὡς ἐξ ἑαυτῶν, ἀλλ’ ἡ ἱκανότης ἡμῶν ἐκ τοῦ θεοῦ, 6 καινὴ διαθήκη, οὐ γράμματος ἀλλὰ πνεύματος· τὸ γὰρ γράμμα ἀποκτέννει, τὸ δὲ πνεῦμα ζῳοποιεῖ. 6 ὃς καὶ ἱκάνωσεν ἡμᾶς διακόνους καινῆς διαθήκης, οὐ γράμματος ἀλλὰ πνεύματος· τὸ γὰρ γράμμα ἀποκτέννει, τὸ δὲ πνεῦμα ζῳοποιεῖ. 7 Εἰ ἡ διαθήκη τοῦ θανάτου ἐν γράμματι ἐντετυπωμένη λίθοις ἐγενήθη ἐν δόξῃ, ὥστε μὴ δύνασθαι ἀτενίσαι τοὺς υἱοὺς Ἰσραὴλ εἰς τὸ πρόσωπον Μωϋσέως διὰ τὴν δόξαν τοῦ προσώπου αὐτοῦ τὴν καταργουμένην, 7 Εἰ δὲ ἡ διακονία τοῦ θανάτου ἐν γράμμασιν ἐντετυπωμένη ἐν λίθοις ἐγενήθη ἐν δόξῃ, ὥστε μὴ δύνασθαι ἀτενίσαι τοὺς υἱοὺς Ἰσραὴλ εἰς τὸ πρόσωπον Μωϋσέως διὰ τὴν δόξαν τοῦ προσώπου αὐτοῦ τὴν καταργουμένην, - 8 πῶς οὐχὶ μᾶλλον ἡ διακονία τοῦ πνεύματος ἔσται ἐν δόξῃ; 9 εἰ γὰρ τῇ διακονίᾳ τῆς κατακρίσεως δόξα, πολλῷ μᾶλλον περισσεύει ἡ διακονία τῆς δικαιοσύνης δόξῃ. 10 καὶ γὰρ οὐ δεδόξασται τὸ δεδοξασμένον ἐν τούτῳ τῷ μέρει εἵνεκεν τῆς ὑπερβαλλούσης δόξης· 11 πολὺ μᾶλλον τὸ μένον ἐν δόξῃ καὶ μὴ καταργούμενον. 11 εἰ γὰρ τὸ καταργούμενον διὰ δόξης, πολλῷ μᾶλλον τὸ μένον ἐν δόξῃ. - 12 Ἔχοντες οὖν τοιαύτην ἐλπίδα πολλῇ παρρησίᾳ χρώμεθα, 3 (2Kor) 591 <?page no="1470"?> 13 καὶ οὐ Μωϋσῆς. ἐτίθει κάλυμμα ἐπὶ τὸ πρόσωπον ἑαυτοῦ, πρὸς τὸ μὴ ἀτενίσαι τοὺς υἱοὺς Ἰσραὴλ εἰς τὸ τέλος τοῦ καταργουμένου. 13 καὶ οὐ καθάπερ Μωϋσῆς ἐτίθει κάλυμμα ἐπὶ τὸ πρόσωπον αὐτοῦ, πρὸς τὸ μὴ ἀτενίσαι τοὺς υἱοὺς Ἰσραὴλ εἰς τὸ τέλος τοῦ καταργουμένου. 14 ἀλλ’ ἐπωρώθη τὰ νοήματα τοῦ κόσμου. ἄχρι τῆς σήμερον ἡμέρας τὸ αὐτὸ κάλυμμα ἐπὶ τῇ ἀναγνώσει τῆς παλαιᾶς διαθήκης μένει μὴ ἀνακαλυπτόμενον, ἐν Χριστῷ καταργεῖται· 14 ἀλλὰ ἐπωρώθη τὰ νοήματα αὐτῶν. ἄχρι γὰρ τῆς σήμερον ἡμέρας τὸ αὐτὸ κάλυμμα ἐπὶ τῇ ἀναγνώσει τῆς παλαιᾶς διαθήκης μένει μὴ ἀνακαλυπτόμενον, ὅτι ἐν Χριστῷ καταργεῖται· 15 ἀλλ’ ἕως σήμερον ἡνίκα ἂν ἀναγινώσκηται Μωϋσῆς κάλυμμα ἐπὶ τὴν καρδίαν αὐτῶν κεῖται· 15 ἀλλ’ ἕως σήμερον ἡνίκα ἂν ἀναγινώσκηται Μωϋσῆς κάλυμμα ἐπὶ τὴν καρδίαν αὐτῶν κεῖται· 16 ἡνίκα δὲ ἐὰν ἐπιστρέψῃ πρὸς τὸν θεόν, περιαιρεῖται τὸ κάλυμμα. 16 ἡνίκα δὲ ἐὰν ἐπιστρέψῃ πρὸς κύριον, περιαιρεῖται τὸ κάλυμμα. - 17 ὁ δὲ κύριος τὸ πνεῦμά ἐστιν· οὗ δὲ τὸ πνεῦμα κυρίου, ἐκεῖ ἐλευθερία. 18 ἡμεῖς ἤδη ἀνακεκαλυμμένῳ προσώπῳ τὸν Χριστὸν κατοπτριζόμενοι τὴν αὐτὴν εἰκόνα μεταμορφούμεθα ἀπὸ δόξης εἰς δόξαν, καθώσπερ ἀπὸ κυρίου πνευμάτων. 18 ἡμεῖς δὲ πάντες ἀνακεκαλυμμένῳ προσώπῳ τὴν δόξαν κυρίου κατοπτριζόμενοι τὴν αὐτὴν εἰκόνα μεταμορφούμεθα ἀπὸ δόξης εἰς δόξαν, καθάπερ ἀπὸ κυρίου πνεύματος. A. *3,3: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11,4: Sic et testamentum novum non alterius erit quam qui illud repromisit; etsi non littera, at eius spiritus; hoc erit novitas. Denique qui litteram tabulis lapideis inciderat, idem et de spiritu edixerat, Ef‐ fundam de meo spiritu in omnem carnem; vgl. Adam., Dial. V 27 (im Mund des Adamantius): φανερώτερον ὅτι ἐστὲ ἐπιστολὴ Χριστοῦ διακονηθεῖσα ὑφ’ ἡμῶν, ἐγγεγραμμένη οὐ μέλανι ἀλλ’ ἐν πνεύματι θεοῦ ζῶντος, οὐκ ἐν πλαξὶ λιθίναις ἀλλ’ ἐν πλαξὶ καρδίαις σαρκίναις (Rufin: Certum est autem quia estis epistola Christi ministrata a nobis et scripta non atramento, sed spiritu dei uiui, non in tabulis lapideis, sed in tabulis cordis carnalibus). Zu πλαξὶν καρδίας σαρκίναις vgl. Ez 36,26 LXX: καὶ δώσω ὑμῖν καρδίαν καινὴν καὶ πνεῦμα καινὸν δώσω ἐν ὑμῖν καὶ ἀφελῶ τὴν καρδίαν τὴν λιθίνην ἐκ τῆς σαρκὸς ὑμῶν καὶ δώσω ὑμῖν καρδίαν σαρκίνην. Überhaupt zur Passage vgl. Jer 38,31-33 LXX: 31 ἰδοὺ ἡμέραι ἔρχονται φησὶν κύριος καὶ διαθήσομαι τῷ οἴκῳ Ισραηλ καὶ τῷ οἴκῳ Ιουδα διαθήκην καινήν. 32 οὐ κατὰ τὴν διαθήκην ἣν διεθέμην τοῖς πατράσιν αὐτῶν ἐν ἡμέρᾳ ἐπιλαβομένου μου τῆς χειρὸς αὐτῶν ἐξαγαγεῖν αὐτοὺς ἐκ γῆς Αἰγύπτου ὅτι αὐτοὶ οὐκ ἐνέμειναν ἐν τῇ διαθήκῃ μου καὶ ἐγὼ ἠμέλησα αὐτῶν φησὶν κύριος. 33 ὅτι αὕτη ἡ διαθήκη ἣν διαθήσομαι τῷ οἴκῳ Ισραηλ μετὰ τὰς ἡμέρας 592 Rekonstruktion <?page no="1471"?> ἐκείνας φησὶν κύριος διδοὺς δώσω νόμους μου εἰς τὴν διάνοιαν αὐτῶν καὶ ἐπὶ καρδίας αὐτῶν γράψω αὐτούς καὶ ἔσομαι αὐτοῖς εἰς θεόν καὶ αὐτοὶ ἔσονταί μοι εἰς λαόν. ♦ *3,6: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11,4: Sic et testamentum novum non alterius erit quam qui illud repromisit … Et si littera occidit, spiritus vero vivificat, eius utrumque est qui ait, Ego occidam et ego vivificabo, percutiam et sanabo. Olim duplicem vim creatoris vindicavimus, et iudicis et boni, littera occidentis per legem et spiritu vivificantis per evangelium. Non possunt duos deos facere quae, etsi diversa, apud unum recenseri praevenerunt; vgl. Hegemonius, Acta Arch. 45 (65,31-66,1 Beeson): In quo et idoneos nos fecit deus ministros non littera, sed spiritu. Littera enim occidit, spiritus autem vivificat. ♦ *3,7. 11: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11,5 (vv. 6-7. 10-11): Commemorat et de velamine Moysi, quo faciem tegebat incontemplabilem filiis Israel. Si ideo ut claritatem maiorem defenderet novi testamenti quod manet in gloria, quam veteris quod evacuari habebat, hoc et meae convenit fidei praeponenti evangelium legi, et vide ne magis meae. Illic enim erit superponi quid, ubi fuerit et illud cui superponitur; vgl. Adam., Dial. V 27 (v. 11): εἰ γὰρ τὸ καταργούμενον διὰ δόξης, πολὺ μᾶλλον τὸ μένον ἐν δόξῃ καὶ μὴ καταργούμενον; vgl. Hegemonius, Acta Arch. 45 (65,31-66,1 Beeson) (vv. 7-11): Quod si ministerium mortis in litteris formatum in lapidibus factum est in gloria, ita ut non possent intendere filii Istrahel in faciem Moysi propter gloriam vultus eius, quae destruitur, quomodo non magis ministerium spiritus erit in gloria? Si enim ministerium damnationis gloria est, multo magis abundabit ministerium iustitiae ad gloriam. Neque enim glorificatum est quod gloriosum factum est in hac parte, propter eam quae supereminet gloriam; si enim quod destruitur per gloriam, multo magis quod manet in gloria est. ♦ *3,13: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11,5 (vv. 6-7. 10-11): Commemorat et de velamine Moysi, quo faciem tegebat incontemplabilem filiis Israel. Si ideo ut claritatem maiorem defenderet novi testamenti quod manet in gloria, quam veteris quod evacuari habebat, hoc et meae convenit fidei praeponenti evangelium legi, et vide ne magis meae. Illic enim erit superponi quid, ubi fuerit et illud cui superponitur. ♦ *3,14: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11,5: Sed obtunsi sunt sensus mundi, non utique creatoris, sed populi qui in mundo est. De Israele enim dicit, Ad hodiernum usque velamen idipsum in corde eorum; ibid. V 11,7: Cum vero converterit ad deum, auferetur velamen, hoc Iudaeo proprie dicit apud quem et est velamen Moysi, qui cum transierit in fidem Christi, intellegit Moysen de Christo praedicasse; ibid. V 5,7: Sed prius de mundo disceptabo, quatenus subtilissimi haeretici hic vel maxime mundum per dominum mundi interpretantur, nos autem hominem qui sit in mundo intellegimus. ♦ *3,15: Vgl. Tertullian zum voranstehenden Vers (velamen idipsum in corde eorum) und Adv. Marc. V 1,5-6: [5] … Figuram ostendit fuisse velamen faciei in Moyse velaminis cordis in populo, quia nec nunc apud illos perspiciatur Moyses corde, 3 (2Kor) 593 <?page no="1472"?> 16 Vgl. zur Duplikation die Einleitung, I, S. 563-568. 17 „Wenig schön ist der Text der meisten Majuskeln ἐν πλαξὶν καρδίαις σαρκίναις, wobei κ. Σ. Als epexegetische Apposition zu πλ. Zu fassen ist. Verlockend ist die Lesart καρδίας, die Marcion F [10] K [18] Iren. Orig. und die meist. Übers. bieten“, H. Windisch, Der zweite Korintherbrief (1924), 106. sicut nec facie tunc. [6]-Quid est ergo adhuc velatum in Moyse quod pertineat ad Paulum, si Christus creatoris a Moyse praedicatus nondum venit? ♦ *3,16: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11,7: Denique quod sequitur, Cum vero converterit ad deum, auferetur velamen, hoc Iudaeo proprie dicit apud quem et est velamen Moysi, qui cum transierit in fidem Christi, intellegit Moysen de Christo praedicasse. ♦ *3,18: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11 8: Dicit ergo nos iam aperta facie, utique cordis, quod velatum est in Iudaeis, contemplantes Christum eadem imagine transfigurari a gloria, qua scilicet et Moyses transfigurabatur a gloria domini, in gloriam. Ita corporalem Moysi illuminationem de congressu domini et corporale velamen de infirmitate populi proponens, et spiritalem revelationem et spiritalem claritatem in Christo superducens, tanquam a domino, inquit, spirituum, totum ordinem Moysi figuram ignorati apud Iudaeos, agniti vero apud nos Christi fuisse testatur. B. (3,3) Das καί steht in den Zeugen P 46 , 03, 0243, 630, 1175, 1739, 1881, vg, und in der altlateinischen Tradition in 78, während 75, 76, 77, Pel b inscripta lesen, und 89, Ambst lesen scripta. ♦ Der Genitiv καρδίας anstelle des Dativ καρδίαις steht in Adamantius und in den Zeugen 010, 044, 629, 945, 1505, latt (sy p ), Ir lat , Eus; das Wort fehlt in 0243, 630, 1739. 16 ♦ (3,5) Anstelle von λογίσασθαι schreiben die Zeugen 04, 06, 010, 012, 629 λογίζεσθαι. ♦ P 46 om τι. ♦ Anstelle von ἑαυτῶν steht αὐτῶν in 03, 010, 012. ♦ (3,6) Während ἀποκτέννει in den Zeugen P 46c (ἀποκτείνει), 01, 03, 010, 012, 018, 025, 044, 0243, 6, 33, 104, 326, 614s, 945, 1739, co steht, findet sich das gewohntere ἀποκτενεῖ in den Zeugen P 46 *, 02, 03, 06, 020, 81, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464. ♦ (3,7) Der Singular γράμματι steht in den Zeugen 03, 06* .c , 010, 012, sy p . Auffallend ist in der altlateinischen Tradition die Kombination in litteris uel littera in 77, littera in Cass ed , litterae Cass var . ♦ Post ἐντετυπωμένη add ἐν in 01 2 , 6 1 , 018, 020, 044, 104, 365, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M, lat, Ambst, was der kanonischen Tendenz zur Duplikation entspricht (nicht in NA 28 ). 17 ♦ (3,9) Die Dativform τῇ διακονίᾳ steht in den Zeugen P 46 , 01, 02, 04, 06*, 010, 012, 044, 0243, 33, 104, 326, 630, 1175, 1739, (b), sy, sa, Ambst, Pel, NA 28 , während der Nominativ zu finden ist in den Zeugen 03, 06 1 , 018, 020, 025, 365, 629 c , 1241, 1881, M, ar, f, vg, bo, διακονία ohne Artikel steht in 81, 629*, 1505, 2464. ♦ Post δικαιοσύνης add ἐν in 01 2 , 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881c, 2464, M, latt, om in P 46 , 01*, 02, 03, 04, 0243, 33, 81, 326, 1739, 1881*. ♦ (3,13) Die Form ἑαυτοῦ bieten die Zeugen 594 Rekonstruktion <?page no="1473"?> 18 W.P. Stelzer, A New Reconstruction of the Text of 2 Corinthians in Pelagius’s Commen‐ tary on the Pauline Epistles (2018), 102. 19 Es erstaunt, dass diese Varianten für Pel nicht vermerkt sind in ibid. 20 J.H. Kennedy, The Problem of Second Corinthians (1903), 350-351; L.L. Welborn, The Corinthian Correspondance (2013), 232. Vgl. auch P. Schmiedel, Die Briefe an die Thessalonicher und an die Korinther (1891), 61; K. Lake, The earlier epistles of St. Paul their motive and origin (1914), 154; A. Plummer, A Critical and Exegetical Commentary on the Second Epistle of St Paul to the Corinthians (1915), xxxi-xxxiii. 01, 06, 018, 630, 1241, M, während die Mehrzahl die Alternative αὐτοῦ bietet: 02, 03, 04, 010, 012, 020, 025, 044, 0243, 33, 81, 326, 1739, 1881, 2464. ♦ Hier haben einige Zeugen anstelle von τέλος den Terminus πρόσωπον, so 02, b, f*, vg, (bo mss ). ♦ (3,14) Anstelle von αὐτῶν legt Tertullian die Variante τοῦ κόσμου nahe. ♦ (3,16) Anstelle von ἐάν findet sich ἄν in 01 c2 , 03. ♦ (3,17) Anstelle von κυρίου bietet allein 020 die Variante τὸ ἅγιον. ♦ ἐκεῖ findet sich in den Zeugen 01 2 , 06 1 , 010, 012, 018, 020, 025, 044, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1881, 2464, M, lat, sy h , sa, Epiph, während es fehlt in P 46 , 01*, 02, 03, 04, 06*, 0243, 6, 33, 81, 1175, 1739, r, sy p , bo und in der altlateinischen Tradition in 64, 61, Ambst var , Pel var . Man bemerke allerdings, dass in Pel zwar ein „ubi“ steht, jedoch in der Handschrift B Oxford, Balliol College 157 (15. Jh.) das in den anderen Hss. stehende „autem“ fehlt. 18 ♦ (3,18) πάντες om P 46 , vg ms , Ambst var , Spec ed . ♦ Anstelle von δέ schreibt Harnack richtig ἤδη, was nahe am Buchstabenbestand von δέ liegt, zugleich aber Tertullians ergo … iam berücksichtigt, eine Variante, die auch Pel var begegnet, und auch besser dem itaque entspricht, das sich findet in der altlateinischen Tradition in 61, Ambst, Pel b . 19 ♦ Nach Tertullian, und ihm folgend Harnack und BeDuhn, ist anstelle von τὴν δόξαν κυρίου wohl τὸν Χριστόν zu lesen. ♦ Anstelle von καθάπερ liest man in 03 καθώσπερ. C. 1. (3,1-2) Nach allen Editoren sind die beiden ersten Verse von Kapitel 3 unbezeugt. Ob sie auch vorkanonisch nicht vorhanden waren, kann nur durch die drei Kriterien Textvarianten, Lexik und narrativer Zusammenhang näher bestimmt werden. 2. (3,1) Vers 1 wird manchmal (ähnlich wie 5,12) als Rückverweis auf den älter gedachten Brieftext 2Kor 12,11 (mit Verweis auf πάλιν) betrachtet. 20 3. (3,2) Narrativ schließt *2Kor 3,3 an *2Kor 2,17 an, allerdings könnte auch Vers 2 noch gestanden sein. In *Vers 7, wie wir sehen werden, scheint die kanonische Redaktion den vorkanonisch stehenden Begriff mit einem typisch kanonischen Begriff, διακονία, ersetzt zu haben, so wie an dieser Stelle in Vers 2 der kanonische Begriff ἐπιστολή wohl wegen der Kontrastierung dieser beiden Verse denselben vorkanonischen Begriff ersetzt hatte. Dann aber passt am 3 (2Kor) 595 <?page no="1474"?> 21 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 451. ehesten der durch Tertullian für den im nächsten Vers anstelle des kanonischen ἐπιστολή stehenden Begriff (καινὴ) διαθήκη. Das heißt, in Vers 2 wird man „das Testament des Lebens“ (ἡ διαθήκη τῆς ζωῆς) und in Vers 7 „das Testament des Todes“ (ἡ διαθήκη τοῦ θανάτου) zu lesen haben, eine Antithese, die bereits durch *Vers 2,16 vorbereitet wurde. Diese Überlegungen bestätigen damit, dass der Terminus διακονία aus den Versen 7 und 8 auf der vorkanonischen Ebene im Folgetext überhaupt keine Rolle mehr spielt - sondern es geht tatsächlich um das jüdische Testament und um das Neue Testament, von διακονία ist nicht mehr die Rede. Da die weitere Lexik vorkanonisch ist, wird man diesen Vers mit dieser spekulativen Änderung in den vorkanonischen Text setzen dürfen, den dann Vers 3 aufnimmt. Da auch Vers 3 am Anfang unbezeugt ist, mag auch hier die kanonische Redaktion die Spezifizierung zu „Brief “ vorgenommen haben - man bemerke, wie dieselbe Redaktion auch in Vers 1 einen terminus technicus aus der Epistolographie einbrachte. 4. (3,3) Hilgenfeld sieht diesen Vers im Adamantiusdialog „genau an(geführt)“ und bei „Tertullian berücksichtigt …, eine Hauptstelle für die marcionitische Lostrennung des neuen Bundes von dem alten.“ 21 Zahn hingegen liest lediglich Anspielungen auf diesen Vers. Harnack gibt in seiner Rekonstruktion den kanonischen Text. Schmid ist wieder restriktiver und gibt als bezeugten Text: … ἐγγεγραμμένη … πνεύματι … ἐν πλαξὶν λιθίναις … σαρκίναις. BeDuhn übersetzt den kanonischen Text bis auf den Anfang (φανερούμενοι ὅτι), nachdem er die beiden voranstehenden Verse ausgelassen hat. Man könnte natürlich überlegen, ob Tertullian bei seinem Zeugnis nicht in die Reihe seiner Gegenzeugnisse aus der jüdischen Schrift auch aus seiner kanonischen Vorlage zitiert hat. Dagegen spricht allerdings die Art seiner Argumentation, bei der er sich „schließlich“ auf den Text dieses Verses beruft, ihn also zum Kronzeugen macht. Dieser aber kann kaum anders als aus seinem Gegner Markion geschöpft sein, dabei fällt auf, dass schon an dieser Stelle Tertullian vom testamentum novum spricht, was bisher nicht aufgefallen war, weil der Vers ausschließlich für die Bezeugung von Vers 6 herangezogen wurde. Dass dies dem Text m. E. nicht völlig gerecht wird, wird weiter unten zu Vers 6 dargelegt. 5. (3,4-5) Zahn nimmt an, dass die Verse 4-5 der kanonischen Fassung nach präsent waren, auch wenn Tertullian nicht auf sie anspielt. Harnack, Schmid und BeDuhn sehen sie als unbezeugt, auch wenn BeDuhn wegen des narrativen Zusammenhangs mit dem wieder bezeugten Vers 6 in Klammern auch den 596 Rekonstruktion <?page no="1475"?> 22 Vgl. D. Trobisch, On the Origin of Christian Scripture. The Evolution of the New Testament Canon in the Second Century (2023), 56. kanonischen Text der Verse 4-5 in seine Übersetzung nimmt. Wiederum sind wir zusätzlich auf Varianten und Lexik verwiesen. 6. (3,6) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für Vers 6. Zahn sieht den kanonischen Text bezeugt. Nach Harnack und Schmid ist bezeugt καινῆς διαθήκης … οὐ γράμματος ἀλλὰ πνεύματος: τὸ γὰρ γράμμα ἀποκτέννει, τὸ δὲ πνεῦμα ζῳοποιεῖ. BeDuhn nimmt den gesamten kanonischen Text als bezeugt. D. Trobisch hebt hervor, dass mit diesem Vers möglicherweise eine Verbindungslinie zum Titel der vorkanonischen Sammlung („Neues Testament“) vorliegt, 22 was Tertullian wohl auch so gelesen hat. Nun wurde das Tertullian‐ zitat bereits für Vers 3 herangezogen, korrekterweise, denn Tertullian merkt in diesem kurzen Referat an, dass sich das Neue Testament kein anderes sei als das verheißene - das aber spielt auf den Anfang von Vers 3 (φανερούμενοι), gerade nicht auf die Differenzierung, die dann sowohl in Vers 3 wie Vers 6 herausgehoben wird, und die Tertullian eher minimieren will. Er scheint also bereits in Vers 3 ein „Neues Testament“ gelesen zu haben. Wegen der Nähe beider Verse scheint er in seinem Kommentar auf beide Verse in einem Zug zu sprechen gekommen sein. 7. (3,7-11) Hilgenfeld stützt sich auf Adamantius für die Annahme der Präsenz dieses Verses nach der Lesart desselben. Zahn sieht aufgrund der „Anspie‐ lungen“ Tertullians den kanonischen Text der gesamten Passage bezeugt. Auch Harnack sieht Anspielungen auf die Passage, insbesondere auf die Verse 7 ff. und 11, gibt aber nur einen Text für Vers 11, indem er hier Adamantius folgt. Erst BeDuhn verweist auf das zusätzliche Zeugnis des Hegemonius, doch muss man hier vorsichtig sein, weil bereits das Hegemoniuszitat für den voranstehenden Vers 6 dafür zeugt, dass hier möglicherweise der kanonische Text zugrunde lag. Insgesamt bietet BeDuhn die Übersetzung des kanonischen Textes mit der Ergänzung in Vers 11 aus Adamantius, die auch in Tertullian anklingt (quod manet). 8. (3,12) Nach allen Editoren ist dieser Vers unbezeugt, auch wenn Zahn mit seiner Präsenz in kanonischer Form rechnet. Harnack und Schmid sehen ihn schlicht als unbezeugt und übergehen ihn, während BeDuhn wohl wegen der Narration die Übersetzung des Verses in Klammern gibt. Neben dem narrativen Zusammenhang sind wir wieder auf die Lexik verwiesen. Was die Argumentation betrifft, ist die kanonische Digression mit der Gegenüberstel‐ lung von paulinischem Freimut (παρρησία) und der Verhüllung des Mose zu beachten, welche die vorkanonische Antithese von Vergänglichkeit und 3 (2Kor) 597 <?page no="1476"?> 23 H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 125. Bleiben in der Herrlichkeit unterbricht. Einher geht damit inhaltlich, dass die drastische Vergänglichkeit des Mose, die dieser den Israeliten mit dem Schleier vorenthalten wollte, entschärft wird. Die kanonische Redaktion untergräbt damit das vorkanonische Vergänglichkeitsargument und verschiebt mit ihrem Verhüllungsvergleich zwischen dem Neuen Testament und der in Stein gemei‐ ßelten Schrift die Überlegungen auf die ethische Schiene zwischen Freimut der Verkündigung des Paulus und der Verschleierungstaktik des Mose. 9. (3,13) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Zahn sieht den kanonischen Text dieses Verses bezeugt, Harnack gibt den obigen Text ohne εἰς τὸ τέλος. Schmid sieht nur „Anspielungen“, ohne dass er eine Rekonstruktion zu geben wagt, während BeDuhn seiner Übersetzung den kanonischen Text zugrunde legt. 10. (3,14) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Zahn sieht den Vers bezeugt, jedoch mit einem abweichenden Text: ἀλλ’ ἐπωρώθη τὰ νοήματα τοῦ κόσμου … Harnack schließt sich diesem Vorschlag an und gibt als Text: ἀλλ’ ἐπωρώθη τὰ νοήματα τοῦ κόσμου (τοῦ αἰῶνος? ). ἄχρι γὰρ τῆς σήμερον ἡμέρας τὸ αὐτὸ κάλυμμα ἐπί … Schmid sieht bezeugt ἀλλὰ ἐπωρώθη τὰ νοήματα τοῦ κόσμου (αἰῶνος? ). ἄχρι (γὰρ) τῆς σήμερον (ἡμέρας) τὸ αὐτὸ κάλυμμα … BeDuhn schließt sich im ersten Teil Zahn an, und legt seiner Übersetzung ein eingeklammertes γάρ zugrunde, führt den Vers aber mit dem kanonischen Text in Klammern zu Ende. Anstelle von αὐτῶν legt Tertullian die Variante τοῦ κόσμου nahe, wie bereits Hilgenfeld und Zahn gesehen hatten, die von Harnack ebenfalls angedachte Variante lautet τοῦ αἰῶνος. Beides ist nicht durch Handschriftenvarianten bezeugt. Ein lexikalischer Vergleich zeigt, dass κόσμος für die vorkanonische Ebene in inhaltlicher Nähe etwa zu *Gal 6,14, *1Kor 1,21 und *Ev 12,29 steht. Die Alternative, Tertullians Zeugnis zu übersetzen, ist αἰών, das ebenfalls vorkanonisch bezeugt ist. Der Begriff begegnet vorkanonisch auch im Sinne von κόσμος, doch wenn man *Ev 18,18, *1Kor 2,7 und 10,13 hinzunimmt, erkennt man, dass die vorkanonische Ebene diesen Begriff weiter auffasst und nicht nur bezogen auf mundus liest. Darum scheint wohl eher der Begriff κόσμος dem tertullianschen mundus hier zugrunde zu liegen, wobei αἰών nicht auszu‐ schließen ist. Nach Zimmermann führt die Variante zu einem Textverständnis, das Tertullian kritisiert, wonach „die ‚Welt‘ mit dem Schöpfergott identifiziert“ wird. 23 598 Rekonstruktion <?page no="1477"?> 24 Vgl. zu diesem Thema M.D. Litwa, The Evil Creator. Origins of an Early Christian Idea (2021), 94-95. 25 Vgl. zu diesem Vers auch H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 119. 11. Die Kombination τῆς παλαιᾶς διαθήκης ist Hapax für das gesamte NT, worauf mich Mark Bilby in einer Email vom 14.05.2023 aufmerksam gemacht hat mit der Empfehlung, 2Kor 3,14 der kanonischen Redaktion zuzuschreiben. Als Begründung führte er den auffälligen Umstand an, dass hier von einem „Alten Testament“ gesprochen wird, doch hatte er mit den älteren Editoren nicht die Aufnahme von „Neues Testament“ in den Versen 3 und 6 gesehen. Aufgrund von Letzterem liest sich der zweite Teil von Vers 14 jedoch als Antithese zu diesen Versen, eine Antithese, die allerdings durch die kanonische Redaktion dadurch aufgelöst wurde, indem „Neues Testament“ einmal mit „Brief “, an der zweiten Stelle mit „Dienst“ ersetzt wurde. Vielleicht sind die Zeugen aus ähnlichem Grund über diesen Versteil hinweggegangen. 12. Als inhaltliche Parallele fällt auf der vorkanonischen Ebene *2Kor 4,4 auf mit dem Thema der Verblendung der Ungläubigen durch den Gott dieses Zeitalters, und das Thema wird auch auf der kanonischen Ebene fortgeführt, allerdings dem höchsten Gott selbst zugeschrieben (Röm 11,8: Ἔδωκεν αὐτοῖς ὁ θεὸς πνεῦμα κατανύξεως, ὀφθαλμοὺς τοῦ μὴ βλέπειν καὶ ὦτα τοῦ μὴ ἀκούειν). 24 13. (3,15) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Zahn sieht den kanonischen Text dieses Verses 15 bezeugt. Harnack gibt als bezeugten Text jedoch nur κάλυμμα ἐπὶ τὴν καρδίαν αὐτῶν κεῖται. Schmid ist noch sparsamer und gibt als bezeugten Text: … ἐπὶ τὴν καρδίαν αὐτῶν (κεῖται). BeDuhn legt seiner Übersetzung zwar den kanonischen Text des gesamten Verses zugrunde, klammert jedoch alles ein außer ἐπὶ τὴν καρδίαν αὐτῶν κεῖται. 14. (3,16) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Zahn sieht als bezeugten Text: ἡνίκα δὲ ἐὰν ἐπιστρέψῃ πρὸς τὸν θεόν, περιαιρεθήσεται τὸ κάλυμμα. Harnack schließt sich ihm an, verkürzt lediglich δ’ ἐάν und behält die kanonische Verbform περιαιρεῖται bei. Schmid gibt ἡνίκα δὲ ἐὰν ἐπιστρέψῃ πρὸς θεόν, περιαιρεῖται τὸ κάλυμμα, und BeDuhn folgt Schmid. 25 15. (3,17) Nach allen Editoren ist dieser Vers unbezeugt. Zahn sieht ihn zwar in einer unbestimmbaren Form präsent und BeDuhn nimmt ihn in seine Übersetzung in Klammern auf, Harnack und Schmid allerdings übergehen den Vers. 16. (3,18) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Beide, Hilgenfeld und Zahn, sehen den Vers der kanonischen Form nach präsent bis auf die Änderung am Ende zu κυρίου πνευμάτων. 3 (2Kor) 599 <?page no="1478"?> 26 C.J. Classen, Philologische Bemerkungen zur Sprache des Apostels Paulus (1994/ 1995), 322; C.J. Classen, St. Paul’s Epistles and Ancient Greek and Roman Rhetoric (1992), 344. Harnack liest ἡμεῖς ἤδη ἀνακεκαλυμμένῳ προσώπῳ τὸν Χριστὸν κατοπτριζόμενοι τὴν αὐτὴν εἰκόνα μεταμορφούμεθα ἀπὸ δόξης τοῦ κυρίου εἰς δόξαν, καθάπερ ἀπὸ κυρίου πνευμάτων. Schmid sieht hingegen nur bezeugt: (ἡμεῖς) ἀνακεκαλυμμένῳ προσώπῳ (τὴν δόξαν τοῦ κυρίου) κατοπτριζόμενοι τὴν αὐτὴν εἰκόνα μεταμορφούμεθα ἀπὸ δόξης εἰς δόξαν καθάπερ ἀπὸ κυρίου πνευμάτων. BeDuhn folgt weithin Tertullian und Harnack und legt seiner Übersetzung zu‐ grunde: (καὶ) ἡμεῖς ἀνακεκαλυμμένῳ προσώπῳ τὸν Χριστὸν κατοπτριζόμενοι τὴν αὐτὴν εἰκόνα μεταμορφούμεθα ἀπὸ δόξης τοῦ κυρίου εἰς δόξαν καθάπερ ἀπὸ κυρίου πνευμάτων. 17. Wenn Harnack und BeDuhn hier nach ἀπὸ δόξης ein τοῦ κυρίου einfügen, scheint mir das nicht gerechtfertigt, weil Tertullian nach a gloria einen Einschub macht (qua scilicet et Moyses transfigurabatur a gloria domini), d. h. offenkundig nur das schlichte a gloria gelesen hatte, das er der antimarkionitischen Argu‐ mentation wegen verdeutlichen wollte und darum das a gloria wiederholte und ihm domini hinzusetzte. Der Zusatz wäre nicht nötig gewesen, hätte im Text bereits a gloria domini gestanden. D. (3,1) ἄρχω begegnet 151 / 86 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,2. ♦ Die Form Ἀρχόμεθα steht nur hier. ♦ συνιστάνω steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, dabei erstaunlich häufig in 2Kor (2Kor 4,2; 5,12; 6,4; 10,12. 18). ♦ Die Kombination ἢ μή steht nur noch 1 weiteres Mal, Mk 12,14. ♦ χρῄζω findet sich 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,30. ♦ τινες (Nom. Fem. / Mask. Pl.), das 79 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 10,7; *Phil 1,15. ♦ Die Kombination ὥς τινες steht nur noch 1 weiteres Mal in 2Petr 3,9. ♦ συστατικός ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἐπιστολή steht 25 / 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zum nächsten Vers. ♦ Als Ausdruck συστατικῶν ἐπιστολῶν stellt es einen Terminus technicus „der griechischen Theorie der Epistolographie“ dar, der hier gebraucht wird. 26 ♦ Die unscheinbare Wendung πρὸς ὑμᾶς, die 71 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, sie steht 3 Mal in Lk: Lk 9,41; 24,44, in zwei Versen oder Versteilen, die in *Ev fehlen; Lk 16,26, in einem Vers, der nur von Adamantius bezeugt ist (4 Mal Mt; 2 Mal Mk, 3 Mal Joh; 5 Mal Apg; Röm 1,10. 13; 15,22. 23. 29. 32, in vier Versen, die in *Röm fehlen; 1Kor 2,1. 3; 4,18. 19. 21; 14,6; 16,5. 6. 7. 10. 12; 2Kor 1,12. 15. 16. 18; 2,1; 3,1; 6,11; 7,4. 12; 8,17; 11,9; 12,14. 17. 21; 13,01; Gal 2,5; 4,18. 20; Eph 6,22; Phil 1,26; 2,25; 600 Rekonstruktion <?page no="1479"?> Kol 4,8. 10; 1Thess 1,9; 2,1. 2. 18; 3,4. 11; 2Thess 2,5; 3,1. 10; Hebr 9,20; 2Joh 1,10. 12; Apk 12,12). ♦ Die Wendung ἐξ ὑμῶν steht 33 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,11. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (συνιστάνω; ἢ μή; ὥς τινες; ἐπιστολή; πρὸς ὑμᾶς). Der Vers ist das Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (3,2) ἐπιστολή begegnet 25 / 24 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 9,2; 22,5; 15,30; 23,25. 33; Röm 16,22; 1Kor 5,9; 16,3; 2Kor 3,1. 2; 7,8; 10,9. 10. 11; 1Thess 5,27; 2Thess 2,2. 15; 3,14. 17; Kol 4,16; 2Petr 3,1. 16). ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19, vgl. weiter Vers 3. ♦ ἀναγινώσκω, das 36 / 32 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,3. ♦ Die Wendung ἐν ταῖς καρδίαις ἡμῶν steht 5 Mal im NT (Röm 5,5; 2Kor 1,22; 3,2; 4,6; 7,3), vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,6. ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur ein Mal für einen Brief bezeugt, den die Forschung Paulus zuschreibt (*Röm 12,18), dann auffallenderweise gleich drei Mal in Deuteropaulinen (*Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17). ♦ Die Kombination πᾶς + ἄνθρωπος steht 23 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 5,3. Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Vers vorkanonisch nicht bezeugt ist, und auch gleich der erste Begriff nur auf der kanonischen Ebene belegt ist, spricht doch die weitere Lexik für die vorkanonische Präsenz des Verses. (3,3) φανερόω, das 54 / 49 Mal im NT steht, für die vorkanonische Fassung belegt ist in *2Kor 2,14; 3,3; 4,10. 11; 5,10; *Röm 3,21; *Kol 3,4. ♦ Die Kombination φανερούμενοι ὅτι steht nur hier. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19, vgl. zuvor zu Vers 2. ♦ Zu ἐπιστολή vgl. den voranstehenden Vers 3,2. ♦ Die Wendung ἡ καινὴ διαθήκη steht 2 Mal im NT (Lk 22,20; 1Kor 11,25), nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ διακονέω steht 50 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt in *Ev 8,3. ♦ die Wendung ὑφ’ ἡμῶν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐγγράφω steht 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt nur für hier. ♦ μέλας, das 8 / 6 Mal im NT steht, ist nur auf der kanonischen Ebene bezeugt (Mt 5,36; 2Kor 3,3; 2Joh 1,12; 3Joh 1,13; Apk 6,5. 12). ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. ♦ πλάξ begegnet nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene Hebr 9,4. ♦ λίθινος steht noch zwei weitere Male im NT, und zwar auf der kanonischen Ebene ( Joh 2,6; Apk 9,20). ♦ Zur nur kanonisch bezeugten Kombination ἀλλ’ ἐν vgl. zuvor zu 1Kor 4,20. ♦ σάρκινος findet sich insgesamt 4 Mal 3 (2Kor) 601 <?page no="1480"?> im NT, ebenfalls weiter nur für die kanonische Ebene bezeugt (Röm 7,14; 1Kor 3,1; 2Kor 3,3; Hebr 7,16). Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Wie in C. vorge‐ schlagen, wird auch Tertullians ausdrückliche Rede vom „Neuen Testament“ übernommen. Anstelle des kanonischen ἀλλ’ ἐν erscheint, wie kurz zuvor im selben Vers vorkanonisch ἀλλά mit Dativ ohne ἐν zu stehen. Bei diesen sehr speziellen Ausführungen ist die besondere Lexik zu bemerken, die öfter vorkanonisch nicht weiter bezeugt ist, allerdings auch kanonisch sich kaum sonst findet. Gleichwohl scheint das unbezeugte διακονηθεῖσα ὑφ’ ἡμῶν zu‐ nächst aufgrund des nur kanonisch belegten ὑφ’ ἡμῶν, dann aber auch, weil das διακονηθεῖσα den Erzählfaden des kanonischen Dienstthemas aufgreift, vorkanonisch gefehlt zu haben und eine Weiterung der kanonischen Redaktion zu sein. (3,4) πεποίθησις, das 6 Mal im NT steht, nur noch auf der kanonischen Ebene. ♦ πεποίθησιν δέ steht nur hier. ♦ Das verwandte πείθω steht 59 / 52 Mal im NT, vorka‐ nonisch bezeugt für *Phil 1,14. ♦ τοιοῦτος, das 62 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *1Kor 15,48, vgl. weiter Vers 12. ♦ Die Form τοιαύτην steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung διὰ τοῦ Χριστοῦ steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, 2Kor 1,5. ♦ Die Wendung πρὸς τὸν θεόν steht 20 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (3 Mal Joh; 3 Mal Apg; Röm 5,1; 10,1; 15,17. 30, in zwei Versen, die in *Röm fehlen; 2Kor 3,4; 13,7; Phil 4,6; 1Thess 1,8. 9; Hebr 2,17; 5,1; 1Joh 3,21; Apk 12,5; 13,6). Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (πεποίθησις; τοιαύτην; διὰ τοῦ Χριστοῦ; πρὸς τὸν θεόν). Der Vers ist das Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (3,5) οὐχ, das 105 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 10,3; *Phil 1,17; 2,6. ♦ Die Kombination οὐχ ὅτι steht 12 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung wie hier, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. hierzu 2Kor 1,24. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ ἱκανός, das 45 / 39 Mal im NT steht, ist ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden. ♦ Verbform ἐσμέν, die 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; *Laod 2,10. ♦ Das gleich nachfolgende Nomen ἱκανότης ist Hapax legomenon im NT, doch das verwandte Verb ἱκανόω, das 18 / 2 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. 602 Rekonstruktion <?page no="1481"?> Zur Abwesenheit: Auch bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers fallen die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elemente auf (Verseröffnung οὐχ ὅτι; ἱκανός; λογίζομαι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (3,6) Zum unbezeugten Versanfang: Die Kombination ὃς καί steht 12 Mal im NT, 3 Mal als Verseröffnung im NT (Apg 24,6; 1Kor 1,8; 2Kor 3,6), ausschließlich auf der kanonischen Ebene (über die Verseröffnungen hinaus in: Mt 27,57; Mk 3,19; 15,43; Lk 7,49; Joh 21,20; Röm 8,34; 1Thess 2,13; 5,24). ♦ ἱκανός, das 45 / 39 Mal im NT steht, ist ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ διάκονος steht 36 / 29 Mal im NT, ist jedoch ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. Zum bezeugten Versteil: καινός steht 47 / 42 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 5,38; *2Kor 5,17. ♦ διαθήκη findet sich 33 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 4,24, *Laod 2,12. ♦ Zur vorkanonisch bezeugten Kombination καινὴ διαθήκη vgl. zuvor zu Vers 3. ♦ γράμμα steht 17 / 14 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Röm 2,27. 29. ♦ ἀποκτείνω findet sich 87 / 74 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Thess 2,15; *Laod 2,16. ♦ Die Kombination τὸ δέ (Nom.) steht 31 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt im Vers: *Ev 11,39; *2Kor 3,6; *Röm 8,10; *Kol 2,17, vgl. zu Gal 4,25. ♦ ζωοποιέω, das 12 / 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 15,36. 45; *Röm 8,11. Zur Rekonstruktion: Beeindruckend zeigt sich die Übereinstimmung von feh‐ lender Bezeugungbzw. Bezeugung und Lexik. Während im unbezeugten Teil alle Termini und Elemente ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind, sind alle Elemente im vorkanonisch bezeugten Teil auch weiters vorkanonisch bezeugt. Das heißt, der unbezeugte Versanfang geht auf die kanonische Redak‐ tion zurück und hat vorkanonisch gefehlt. (3,7) Zum unbezeugten Versanfang: Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ διακονία, das 35 / 34 Mal im NT belegt ist, ist ausschließlich für die kanonische Ebene zu finden. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ Zu γράμμα als auch vorkanonisch bezeugtem Terminus vgl. zum voranstehenden Vers 3,6. ♦ ἐντυπόω ist Hapax legomenon im NT. ♦ λίθος, das 70 / 59 Mal im NT zu finden ist, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ δύναμαι, das 233 / 210 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἀτενίζω steht 15 / 14 Mal im NT, vielleicht weiter bezeugt in *2Kor 3,13, ansonsten ein Begriff der Apostelgeschichte (Apg 1,10; 3,4. 12; 6,15; 7,55; 10,4; 11,6; 13,9; 14,9; 23,1). ♦ καταργέω, das 27 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15 und vielleicht *2Kor 3,11. 13. 3 (2Kor) 603 <?page no="1482"?> 27 Klinghardt ist aufgefallen, dass die kanonische Redaktion οὐχί setzt, wenn etwa im vorkanonischen Text ein ὅτι-recitativum steht wie in *Ev 24,26a, M. Klinghardt, The Oldest Gospel and the Formation of the Canonical Gospels (2021), 1250. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, unter Berücksich‐ tigung dessen, was weiter oben in C. 3 beobachtet wurde. Hieraus erklärt sich auch die Emendation von διακονία zu διαθήκη. (3,8) πῶς, das 109 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt ist für *Ev und *1Kor 15,35. ♦ οὐχί, das 62 / 53 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20. 27 ♦ Die Kombination πῶς οὐχί steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Röm 8,32. ♦ μᾶλλον begegnet 85 Mal im NT, vorkanonisch gleich nochmals bezeugt in *2Kor 3,11; auch 5,8 und *Ev 11,13 in ähnlicher Wendung (πόσῳ μᾶλλον) wie hier, allerdings ähnlich wie beim Begriff zuvor ist er weitaus beliebter auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination οὐχὶ μᾶλλον hingegen steht nur 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ διακονία, das 35 / 34 Mal im NT belegt ist, ist ausschließlich für die kanonische Ebene zu finden. ♦ Die Verbform ἔσται, die 116 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Der Ausdruck ἐν δόξῃ steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,31; *1Kor 15,43; *2Kor 3,7. 11; *Kol 3,4. Zur Abwesenheit: Auch wenn nur zwei Elemente (οὐχὶ μᾶλλον; διακονία) hier ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind, ist er doch διακονία der zentrale Ausdruck dieses Verses, der den unbezeugten „Dienst“-Diskurs auf der kanonischen Ebene in diesem und dem nächsten Vers fortführt, auch wenn danach überhaupt nicht mehr vom Dienst die Rede ist. Vielmehr geht es, wie man den bezeugten Versen der vorkanonischen Version entnehmen kann, um das Verhältnis zur jüdischen Thora und zu Mose. Hier ist folglich der narrative Zusammenhang das entscheidende Kriterium, gestützt von der Lexik. (3,9) Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröffnung, als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. ♦ Zu dem ausschließlich kanonischen διακονία vgl. zu den beiden voranstehenden Versen. ♦ κατάκρισις steht nur noch ein Mal auf der kanonischen Ebene in 2Kor 7,3. ♦ περισσεύω, das 42 / 39 Mal im NT steht, ist ein Begriff der kanonischen Ebene. ♦ δικαιοσύνη steht 97 / 92 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,17; 3,21; 5,21; 8,10; 10,3. 4; *Phil 3,9. Zur Abwesenheit: Auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung εἰ γάρ; διακονία; περισσεύω), außerdem gehört er in den nar‐ rativen Zusammenhang des kanonischen „Dienst“-Diskurses, er ist ein Produkt 604 Rekonstruktion <?page no="1483"?> der kanonischen Redaktion und wird vorkanonisch gefehlt haben; vgl. zu diesem Vers auch weiter unten die Ausführungen zu 2Kor 11,15. (3,10) Die Verseröffnung καὶ γὰρ οὐκ begegnet nur noch 1 weiteres Mal, auf der ka‐ nonischen Ebene in 1Kor 11,9. ♦ δοξάζω, das 68 / 61 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt ist für *1Kor 6,20. ♦ τούτῳ (Dat. Mask. / Neut. Sg.), das 88 Mal im NT steht, etwa Lk 1,61; 4,3; 19,19, in Versen, die in *Ev fehlen, jedoch vorkanonisch bezeugt ist für *Ev. ♦ μέρος, das 45 / 42 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Kol 2,16. ♦ Die Kombination ἐν τούτῳ τῷ steht noch 1 weiteres Mal in 2Petr 1,13. ♦ ἕνεκα findet sich 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ὑπερβάλλω steht 6 Mal im NT, nur noch auf der kanonischen Ebene (2Kor 3,10; 9,14; Eph 1,19; 2,7; 3,19). Zur Abwesenheit: Auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung καὶ γὰρ οὐκ; ἐν τούτῳ τῷ; ὑπερβάλλω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (3,11) Zum unbezeugten Versteil: Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröffnung, als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten καταργέω vgl. weiter oben zu Vers 7. ♦ Die Kombination διὰ δόξης steht nur 1 weiteres Mal, auf kanonischer Ebene, 2Kor 6,8. ♦ Zu πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.) vgl. zuvor zu Vers 9 und nachfolgend zu Vers 12. ♦ μᾶλλον weiter oben zu Vers 8. Zum bezeugten Versteil: μένω steht 131 / 118 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,28; *1Kor 7,11. ♦ Der Ausdruck ἐν δόξῃ steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,31; *1Kor 15,43; *2Kor 3,7. 11; *Kol 3,4. ♦ Die Wendung καὶ μή steht 86 Mal im NT, weiter vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,14; *Laod 4,25; vgl. zu Röm 3,8. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt den Zeugnissen des Tertullian und des Hegemonius. Berücksichtigt man die fehlende Bezeugung und die Lexik des Versbeginnes, wird man das εἰ γὰρ τὸ καταργούμενον διὰ δόξης als kanonische Hinzufügung betrachten, die die diakonische Digression anschließen sollte. Ohne diese fügt sich der Text nahtlos an den zuvor bezeugten Vers. (3,12) Die Verseröffnung ἔχοντες οὖν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 3,12; Hebr 4,14; 10,19). ♦ Zu τοιοῦτος vgl. zuvor zu Vers 4. ♦ ἐλπίς, das sich 58 / 53 Mal im NT findet, auch vorkanonisch in *Röm 12,12; *Laod 2,12; *Kol 1,5. ♦ Die Form τοιαύτην steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 9,8; Apg 16,24; 1Kor 11,16; 2Kor 3,4. 12; Hebr 12,3). ♦ Zu πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.) vgl. zuvor zu den Versen 9 und 11. ♦ παρρησία steht 32 / 31 Mal im NT, jedoch mit Ausnahme von *Laod 6,19, ausschließlich auf der 3 (2Kor) 605 <?page no="1484"?> 28 Vgl. zu diesem Lexem H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateini‐ schen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 120. 29 Zu diesem Lexem vgl. Ibid. kanonischen Ebene. ♦ χράω, das 12 / 11 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15. ♦ Zur Abwesenheit: Wie die nur kanonisch belegte Verseröffnung andeutet, begegnen in diesem kurzen, vorkanonisch unbezeugten Vers zwei ausschließlich kanonische Elemente (ἔχοντες οὖν; τοιαύτην), d. h. der Vers geht auf die kanonische Redaktion zurück und hat vorkanonisch gefehlt. Dazu stimmt, was weiter oben in C. 8 an narrativer Argumentation beschrieben wurde. (3,13) Die Verseröffnung καὶ οὐ καθάπερ steht nur hier. ♦ καθάπερ steht 14 / 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 12,12. ♦ τίθημι, das 110 / 100 Mal im NT, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *1Kor 3,10. 11; 12,18. 28; 15,25. ♦ κάλυμμα findet sich 4 Mal im NT, nur in dieser Passage ( * ) 2Kor 3,13-16. 28 ♦ πρόσωπον, das sich 84 / 76 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für in *Ev und *Gal 2,11; *2Kor 3,18; 4,6; *2Thess 1,9. ♦ Die Formel πρὸς τὸ μή, die 3 Mal im NT steht, gehört zum Urgestein vorkanonischer Lexik, sie steht weiter vorkanonisch bezeugt in *1Kor 10,6 und *2Kor 4,4. ♦ ἀτενίζω steht 15 / 14 Mal im NT, möglicherweise nur hier vorkanonisch. ♦ τέλος, das 43 / 40 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für*1Kor 10,11; *Röm 10,4. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten καταργέω, das 27 Mal im NT steht, vgl. zuvor zu Vers 6,13. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Die Verseröffnung scheint aufgrund des sonst nur kanonisch bezeugten καθάπερ kanonisch über‐ arbeitet zu sein. Ansonsten stützt die Lexik mit den anderwärts vorkanonischen Bezeugungen der hier bezeugten Terminologie die Rekonstruktion, insbeson‐ dere die hier nicht im Wortlaut bezeugte Formulierung πρὸς τὸ μή. Ob das Verb ἀτενίζω vorkanonisch stand, ist unsicher, es könnte auch eine Überarbeitung durch die kanonische Redaktion darstellen. (3,14) Zum bezeugten Versteil: πωρόω steht 6 / 5 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. 29 ♦ νόημα, das 6 Mal im NT steht, vorkanonisch weiter bezeugt für *2Kor 4,4. ♦ ἄχρι, das 55 / 49 Mal im NT steht, vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 15,25. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch be‐ zeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15, vgl. weiter Vers 15. ♦ Die Kombination ἄχρι γάρ steht 3 Mal im NT, davon 1 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 5,13; im Vers: 2Kor 3,14; 10,14), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ σήμερον findet sich 45 / 41 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt in der Vaterunserbitte *Ev 11,3. ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 100 Mal im NT steht, vorkanonisch weiter 606 Rekonstruktion <?page no="1485"?> 30 Vgl. Ibid. 31 Vgl. S.-210. bezeugt für *2Kor 4,13. ♦ κάλυμμα, das nur 4 Mal im NT steht, nur in der vorliegenden Passage des Zweiten Korintherbriefs. 30 Zum nicht mehr bezeugten Versteil: ἀνάγνωσις steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 13,15; 2Kor 3,14; 1Tim 4,13), das Verb ἀναγινώσκω ist jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,3. ♦ παλαιός, das 20 / 19 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,36. 37. ♦ διαθήκη findet sich 33 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 4,24, *Laod 2,12, vgl. weiter oben zu Vers 6. ♦ Die Kombination von beiden Begriffen τῆς παλαιᾶς διαθήκης ist Hapax für das gesamte NT (Mark Bilby in einer Email vom 14.05.2023). ♦ ἀνακαλύπτω steht nur noch ein Mal, bezeugt für die vorkanonische Ebene in *2Kor 3,18. ♦ μένω steht 131 / 118 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,28; *1Kor 7,11, vgl. weiter oben zu Vers 7. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten καταργέω vgl. weiter oben zu Vers 7. ♦ Die Kombination ὅτι ἐν steht 35 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 8,2. ♦ Die Wendung ἐν Χριστῷ begegnet nicht in *Ev, ist allerdings encheiristisch vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4; *2Kor 2,17; 3,14; 5,17; *1Thess 4,15; *Laod 2,10. 13; *Phil 1,13, vgl. zur encheiristischen Semantik zuvor zu 1Kor 1,4. 31 Zur Rekonstruktion: Auch wenn durch Tertullian nur der erste Teil des Verses vorkanonisch bezeugt ist, so sprechen doch die Lexik und der narrative Zusam‐ menhang auch für die vorkanonische Präsenz des zweiten Teils dieses Verses, wenn auch mit der Modifikation des vermutlich fehlenden ὅτι aufgrund der Lexik. (3,15) Die Verseröffnung ἀλλ’ ἕως steht nur hier, doch steht die Kombination ἀλλ’ ἕως noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, Mt 18,22. ♦ ἄν, das 205 / 167 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25; *1Kor 2,8. ♦ σήμερον steht 45 / 41 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,3. ♦ Die Kombination ἕως σήμερον steht nur hier. ♦ ἡνίκα steht 2 Mal im NT, gleich im nächsten Vers vorkanonisch bezeugt. ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten ἀναγινώσκω vgl. zum voranstehenden Vers 3,14. ♦ Μωϋσῆς, der 79 / 80 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 3,7. 13. ♦ Zu dem ebenfalls vorkanonisch bezeugten κάλυμμα vgl. zuvor zu Vers 3,14. ♦ Die Wendung ἐπὶ τὴν καρδίαν ist nur hier vorkanonisch bezeugt und steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, Apg 7,23. ♦ Zu αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.) vgl. zuvor zu Vers 14. Zur Rekonstruktion: Auch wenn nur der zweite Teil des Verses durch Tertullian bezeugt ist, scheint aufgrund der vorkanonisch bezeugten Lexik auch der erste Teil des Verses vorkanonisch gestanden zu sein, zumal er auch narrativ in den Kontext passt. 3 (2Kor) 607 <?page no="1486"?> 32 Vgl. zu diesem Lexem H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateini‐ schen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 120. 33 Vgl. auch zu diesem Lemma ibid. (3,16) ἡνίκα steht nur an dieser Stelle und im Vers zuvor im NT, während es 110 Mal in der LXX zu finden ist. ♦ Die Variante ἄν steht 205 / 167 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25; *1Kor 2,8. ♦ ἐπιστρέφω, das 41 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 17,4; *Gal 4,9. ♦ περιαιρέω begegnet 5 / 4 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians und wird bis auf das nur hier bezeugte περιαιρέω gestützt. (3,17) Die Kombination ὁ δὲ κύριος steht 7 Mal im NT, davon 4 Mal als Verseröffnung (Apg 9,11; 2Kor 3,17; 2Thess 3,5; 2Tim 4,17; inmitten des Verses: Apg 2,47; 22,10; 26,15), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung οὗ δέ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene - etwa in Röm 5,20 ist es gerade dieses Element, welches in dem sonst vorkanonisch bezeugten Text unbezeugt ist (Röm 4,15; 5,20; 2Kor 3,17). ♦ ἐλευθερία, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4; 5,1. ♦ Die Variante ἐκεῖ steht 113 / 105 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ὁ δὲ κύριος; οὗ δέ). Der Vers wird wohl auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (3,18) Die Kombination ἡμεῖς ἤδη steht nur hier. ♦ Die Kombination ἡμεῖς δέ steht 20 Mal im NT, davon 13 Mal als Verseröffnung wie hier (Lk 24,21; Apg 6,4; 20,6. 13; 21,7; 1Kor 1,23; 2,12; 2Kor 3,18; 10,13; 1Thess 2,17; 5,8; 2Thess 2,13; Hebr 10,39; im Vers: Joh 9,28; Apg 23,15; 1Kor 2,16; 4,10; 9,25; 2Kor 13,7; 3Joh 1,12), jedoch vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *Ev 24,21. ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3. ♦ ἀνακαλύπτω begegnete bereits in *2Kor 3,14, wenn dort auch nicht bezeugt. 32 ♦ κατοπτρίζω ist Hapax legomenon im NT. ♦ αὐτήν, das 110 Mal im NT steht, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,24; *2Kor 3,18; *Laod 5,29. ♦ εἰκών, ein Begriff, der 34 / 23 Mal im NT steht und vorkanonisch bezeugt ist für *Ev 20,24; *1Kor 11,7; *2Kor 3,18; 4,4; *Kol 1,15. ♦ μεταμορφόω steht 5 / 4 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt (Mt 17,2; Mk 9,2; Röm 12,2; 2Kor 3,18). 33 ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ Der Plural πνευμάτων in dieser Form steht vorkanonisch in *1Kor 12,10. 608 Rekonstruktion <?page no="1487"?> Zur Rekonstruktion: Der Text folgt Tertullian und wird bis auf den wenig belegten Begriff μεταμορφόω von der Lexik gestützt. Kapitel 4 4,[1-3] 4-11 [12] 13a [13b-15] 16 17 18: Der Schatz im zerbrechlichen Gefäß In der vorliegenden Passage ist der vorkanonische Text gut bezeugt. Er führt das Argument vom Ende des voranstehenden Kapitels unmittelbar weiter, das von der kanonischen Redaktion allerdings unterbrochen wird, indem der kanonische Diskurs zum Thema „Dienst“ und die personalisierte Emphase des Paulus („So empfehlen wir uns vor dem Angesicht Gottes“) dazwischengeschoben wurde, auch wenn dann von diesem Dienst im Text, der dem vorkanonischen folgt, nicht mehr die Rede ist. Während der vorkanonische Text in der 1. Person Plural fort‐ fährt, kehrt nur der kanonische neue Einschub in den Versen 13b-15 zur ersten Person Singular des kanonischen Paulus zurück. Im anschließenden Text, der wieder der kanonischen Vorlage folgt, wird hingegen die 1. Person Plural wieder fortgeführt. Neben der Lexik zeigen diese Wechsel die Textinkonsistenzen, die auf die kanonischen Einschübe zurückgehen. - 4,1 Διὰ τοῦτο, ἔχοντες τὴν διακονίαν ταύτην, καθὼς ἠλεήθημεν, οὐκ ἐγκακοῦμεν, 2 ἀλλὰ ἀπειπάμεθα τὰ κρυπτὰ τῆς αἰσχύνης, μὴ περιπατοῦντες ἐν πανουργίᾳ μηδὲ δολοῦντες τὸν λόγον τοῦ θεοῦ, ἀλλὰ τῇ φανερώσει τῆς ἀληθείας συνιστάνοντες ἑαυτοὺς πρὸς πᾶσαν συνείδησιν ἀνθρώπων ἐνώπιον τοῦ θεοῦ. 3 εἰ δὲ καὶ ἔστιν κεκαλυμμένον τὸ εὐαγγέλιον ἡμῶν, ἐν τοῖς ἀπολλυμένοις ἐστὶν κεκαλυμμένον, 4,4 ἐν οἷς ὁ θεὸς τοῦ αἰῶνος τούτου ἐτύφλωσεν τὰ νοήματα τῶν ἀπίστων πρὸς τὸ μὴ διαυγάσαι τὸν φωτισμὸν τοῦ εὐαγγελίου τῆς δόξης τοῦ Χριστοῦ, ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ. 4 ἐν οἷς ὁ θεός τοῦ αἰῶνος τούτου ἐτύφλωσεν τὰ νοήματα τῶν ἀπίστων εἰς τὸ μὴ αὐγάσαι τὸν φωτισμὸν τοῦ εὐαγγελίου τῆς δόξης τοῦ Χριστοῦ, ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ. 5 οὐ γὰρ ἑαυτοὺς κηρύσσομεν ἀλλὰ Χριστὸν Ἰησοῦν κύριον, ἑαυτοὺς δὲ δούλους ὑμῶν διὰ Ἰησοῦ, 5 οὐ γὰρ ἑαυτοὺς κηρύσσομεν ἀλλὰ Ἰησοῦν Χριστὸν κύριον, ἑαυτοὺς δὲ δούλους ὑμῶν διὰ Ἰησοῦν. 6 ὅτι ὁ θεὸς ὁ εἰπών· Ἐκ σκότους φῶς λάμψαι, κατέλαμψεν ἐν ταῖς καρδίαις ἡμῶν πρὸς φωτισμὸν τῆς γνώσεως τῆς δόξης αὐτοῦ ἐν προσώπῳ Χριστοῦ. 6 ὅτι ὁ θεὸς ὁ εἰπών, Ἐκ σκότους φῶς λάμψει, ὃς ἔλαμψεν ἐν ταῖς καρδίαις ἡμῶν πρὸς φωτισμὸν τῆς γνώσεως τῆς δόξης τοῦ θεοῦ ἐν προσώπῳ [Ἰησοῦ] Χριστοῦ. 3 (2Kor) 609 <?page no="1488"?> 7 Ἔχομεν τὸν θησαυρὸν ἐν ὀστρακίνοις σκεύεσιν, ἵνα ἡ ὑπερβολὴ τοῦ θεοῦ καὶ οὐχ ἡμῶν· 7 Ἔχομεν δὲ τὸν θησαυρὸν τοῦτον ἐν ὀστρακίνοις σκεύεσιν, ἵνα ἡ ὑπερβολὴ τῆς δυνάμεως ᾖ τοῦ θεοῦ καὶ μὴ ἐξ ἡμῶν· 8 θλιβόμενοι ἀλλ’ οὐ στενοχωρούμενοι, ἀπορούμενοι ἀλλ’ οὐκ ἐξαπορούμενοι, 8 ἐν παντὶ θλιβόμενοι ἀλλ’ οὐ στενοχωρούμενοι, ἀπορούμενοι ἀλλ’ οὐκ ἐξαπορούμενοι, 9 διωκόμενοι ἀλλ’ οὐκ ἐγκαταλειπόμενοι, καταβαλλόμενοι ἀλλ’ οὐκ ἀπολλύμενοι, 9 διωκόμενοι ἀλλ’ οὐκ ἐγκαταλειπόμενοι, καταβαλλόμενοι ἀλλ’ οὐκ ἀπολλύμενοι, 10 τὴν νέκρωσιν τοῦ θεοῦ ἐν τῷ σώματι περιφέροντες, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Χριστοῦ ἐν τῷ σώματι ἡμῶν φανερωθῇ. 10 πάντοτε τὴν νέκρωσιν τοῦ Ἰησοῦ ἐν τῷ σώματι περιφέροντες, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Ἰησοῦ ἐν τῷ σώματι ἡμῶν φανερωθῇ. 11 εἰς θάνατον παραδιδόμεθα, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Χριστοῦ φανερωθῇ ἐν ἡμῶν σαρκί. 11 ἀεὶ γὰρ ἡμεῖς οἱ ζῶντες εἰς θάνατον παραδιδόμεθα διὰ Ἰησοῦν, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Ἰησοῦ φανερωθῇ ἐν τῇ θνητῇ σαρκὶ ἡμῶν. - 12 ὥστε ὁ θάνατος ἐν ἡμῖν ἐνεργεῖται, ἡ δὲ ζωὴ ἐν ὑμῖν. 13 ἔχοντες δὲ τὸ αὐτὸ πνεῦμα τῆς πίστεως καὶ ἡμεῖς πιστεύομεν, διὸ καὶ λαλοῦμεν, 13 ἔχοντες δὲ τὸ αὐτὸ πνεῦμα τῆς πίστεως, κατὰ τὸ γεγραμμένον, Ἐπίστευσα, διὸ ἐλάλησα, καὶ ἡμεῖς πιστεύομεν, διὸ καὶ λαλοῦμεν, - 14 εἰδότες ὅτι ὁ ἐγείρας τὸν κύριον Ἰησοῦν καὶ ἡμᾶς σὺν Ἰησοῦ ἐγερεῖ καὶ παραστήσει σὺν ὑμῖν. 15 τὰ γὰρ πάντα δι’ ὑμᾶς, ἵνα ἡ χάρις πλεονάσασα διὰ τῶν πλειόνων τὴν εὐχαριστίαν περισσεύσῃ εἰς τὴν δόξαν τοῦ θεοῦ. 16 Διὸ οὐκ ἐγκακοῦμεν, ἀλλ’ εἰ καὶ ὁ ἔξω ἡμῶν ἄνθρωπος διαφθείρεται, ἀλλ’ ὁ ἔσωθεν ἡμῶν ἀνακαινοῦται ἡμέρᾳ καὶ ἡμέρᾳ. 16 Διὸ οὐκ ἐγκακοῦμεν, ἀλλ’ εἰ καὶ ὁ ἔξω ἡμῶν ἄνθρωπος διαφθείρεται, ἀλλ’ ὁ ἔσω ἡμῶν ἀνακαινοῦται ἡμέρᾳ καὶ ἡμέρᾳ. 17 τὸ γὰρ παραυτίκα πρόσκαιρον καὶ ἐλαφρὸν τῆς θλίψεως ἡμῶν καθ’ ὑπερβολὴν εἰς ὑπερβολὴν αἰώνιον βάρος δόξης κατεργάζεται ἡμῖν, 17 τὸ γὰρ παραυτίκα ἐλαφρὸν τῆς θλίψεως ἡμῶν καθ’ ὑπερβολὴν εἰς ὑπερβολὴν αἰώνιον βάρος δόξης κατεργάζεται ἡμῖν, 18 μὴ σκοπούντων ἡμῶν τὰ βλεπόμενα ἀλλὰ τὰ μὴ βλεπόμενα· τὰ βλεπόμενα πρόσκαιρα, τὰ δὲ μὴ βλεπόμενα αἰώνια. 18 μὴ σκοπούντων ἡμῶν τὰ βλεπόμενα ἀλλὰ τὰ μὴ βλεπόμενα· τὰ γὰρ βλεπόμενα πρόσκαιρα, τὰ δὲ μὴ βλεπόμενα αἰώνια. 610 Rekonstruktion <?page no="1489"?> A. *4,4: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11,9-11: Scimus quosdam sensus ambiguitatem pati posse de sono pronuntiationis aut de modo distinctionis, cum duplicitas earum intercedit. Hanc Marcion captavit sic legendo: In quibus deus aevi huius, ut creatorem ostendens deum huius aevi alium suggerat deum alterius aevi. Nos contra sic distinguendum dicimus: In quibus deus, dehinc: aevi huius excaecavit mentes infidelium; In quibus, Iudaeis infidelibus, in quibus opertum est aliquibus evangelium adhuc sub velamine Moysi. Illis enim deus, labiis diligentibus eum, corde autem longe absistentibus ab eo minatus fuerat: Aure audietis et non audietis, oculis videbitis et non videbitis, et: Nisi credideritis nec intellegetis, et: Auferam sapientiam sapientium et prudentiam prudentium irritam faciam. [10] Haec autem non utique de evangelio dei ignoti abscondendo minabatur. Ita etsi huius aevi deus, sed infidelium huius aevi excaecat cor, quod Christum eius non ultro recognoverint de scripturis intellegendum. Et positum in ambiguitate distinctionis hactenus tractasse, ne adversario prodesset, contentus victoriae, nae ultro possum et in totum contentionem hanc praeterisse. [11] Simpliciori responso prae manu erit esse huius aevi dominum diabolum interpretari, qui dixerit, propheta referente, Ero similis altissimi, ponam in nubibus thronum meum; sicut et tota huius aevi superstitio illi mancipata est qui excaecet infidelium corda et inprimis apostatae Marcionis. Denique non vidit occurrentem sibi clausulam sensus: Quoniam deus, qui dixit ex tenebris lucem lucescere, reluxit in cordibus nostris ad illuminationem agnitionis suae in persona Christi. [12] Quis dixit, Fiat lux? Et de illuminatione mundi quis Christo ait, Posui te in lumen nationum, sedentium scilicet in tenebris et in umbra mortis? Cui respondet spiritus in psalmo ex providentia futuri: Significatum est, inquit, super nos lumen personae tuae, domine. Persona autem dei Christus dominus. Unde et apostolus supra, Qui est imago, inquit, dei; Adam., Dial. II 21 (im Mund des Markioniten): Φανερὰν φωνὴν τοῦ ἀποστόλου παρέχομαι, τὴν δεικνύουσαν ὅτι τοῦ κόσμου ἄλλος ἐστὶ θεός· οὕτω γὰρ λέγει· ἐν οἷς, φησίν, ὁ θεὸς τοῦ αἰῶνος τούτου ἐτύφλωσε τὰ νοήματα τῶν ἀπίστων πρὸς τὸ μὴ διαυγάσαι αὐτῶν τὸν φωτισμόν. ἴδε ὅτι πονηρὸν λέγει τὸν θεὸν τούτου τοῦ αἰῶνος, τὸν μὴ ποιοῦντα καταυγάσαι τὸν φωτισμόν (Rufin: Euidentissimam uocem Pauli apostoli proferam, per quam declaratur hic mundus alterius dei esse. Ita etenim dicit: In quibus, inquit, deus huius saeculi excaecauit mentes infidelium, ut non fulgeat illuminatio euangelii. Uides quomodo manifeste malum dicit deum huius mundi qui non faciat fulgere illuminationem euangelii). Vgl. auch Iren., Adv. Haer. III 7,1: Quod autem dicunt, aperte Paulum in secunda ad Corinthios dixisse: In quibus Deus saeculi hujus excaecavit mentes infidelium; et alterum quidem Deum esse saeculi hujus dicunt, alterum vero qui sit super omnem principatum, et initium, et potestatem: non sumus nos in causa, si hi qui quae super Deum sunt mysteria scire se dicunt, ne quidem legere Paulum scient. Si enim 3 (2Kor) 611 <?page no="1490"?> quis secundum Pauli consuetudinem, quemadmodum ex multis et alibi ostendimus hyperbatis eum utentem, sic legerit: in quibus Deus, deinde subdistinguens et modicum diastematis faciens, simul et in unum reliqua legerit, saeculi hujus excaecavit mentes infidelium, inveniet verum; ut sit quod dicitur, Deus excaecavit mentes infidelium hujus saeculi. Et hoc per subdistinctionem ostenditur. Non enim Deum hujus saeculi dicit Paulus, quasi super illum alterum aliquem sciens; sed Deum quidem Deum confessus est: infideles autem saeculi hujus dicit, quoniam venturum incorruptelae non haereditabunt saeculum. Quemadmodum autem Deus excaecavit mentes infidelium, ex ipso Paulo ostendemus, proficiente nobis sermone, ut non nunc in multum avocemus mentem nostram a proposito. ♦ *4,5-6: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 26 (123. 174 H.) (vv. 5-6a): οὐ γὰρ ἑαυτοὺς κηρύσσομεν ἀλλὰ Χριστὸν Ἰησοῦν κύριον, ἑαυτοὺς δὲ δούλους ὑμῶν διὰ Ἰησοῦ, ὅτι ὁ (ὁ om 175: VM) θεὸς ὁ εἰπών, Ἐκ σκότους φῶς λάμψει; vgl. Tert., Adv. Marc. V 11,11 (v. 6): Quoniam deus, qui dixit ex tenebris lucem lucescere, reluxit in cordibus nostris ad illuminationem agnitionis <gloriae> suae in persona Christi; vgl. Adam., Dial. II 19 (aus dem Mund des Adamantius) (v. 6): ὅτι ὁ θεὸς ὁ εἰπών, Ἐκ σκότους φῶς λάμψαι, ὃς ἔλαμψεν ἐν ταῖς καρδίαις ὑμῶν πρὸς φωτισμὸν τῆς γνώσεως τῆς δόξης αὐτοῦ ἐν προσώπῳ Χριστοῦ (Rufin: Deus, qui dixit de tenebris lucem fulgere, illuminauit in cordibus uestris lucem scientiae gloriae eius in persona Christi); vgl. Auch Gen 1,3-4 LXX: 3 καὶ εἶπεν ὁ θεός Γενηθήτω φῶς. καὶ ἐγένετο φῶς. 4 καὶ εἶδεν ὁ θεὸς τὸ φῶς ὅτι καλόν. καὶ διεχώρισεν ὁ θεὸς ἀνὰ μέσον τοῦ φωτὸς καὶ ἀνὰ μέσον τοῦ σκότους; Ijob 35,17: ὁ θεὸς ἔθετο ἔργα αὐτοῦ φῶς ποιήσας ἐκ σκότους. ♦ *4,7: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11,14: Quale est autem ut non eiusdem habeatur thesaurus in fictilibus vasis nostris cuius et vasa sunt? Nam si gloria dei est in fictilibus vasis tantum thesauri haberi, vasa autem fictilia creatoris sunt, ergo et gloria creatoris est, cuius vasa eminentiam virtutis dei sapiunt, et virtus ipsa; quia propterea in vasa fictilia commissa sunt, ut eminentia eius probaretur; vgl. id., De Res. 7,5: in testaceis-… uasculis; ibid. 44,2: habere nos thesaurum istum in testaceis uasis; vgl. Adam., Dial. V 27 (im Mund des Adamantius): Ἔχομεν οὖν τὸν θησαυρὸν τοῦτον ἐν ὀστρακίνοις σκεύεσιν, ἵνα ἡ ὑπερβολὴ ᾖ τῆς δυνάμεως τοῦ θεοῦ καὶ οὐχ ἡμῶν (Rufin: Habemus thesaurum istum in uasis fictilibus, <ut> magnitude uirtutis sit dei et non ex nobis). ♦ *4,8-10: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11,15: Ceterum iam non erit alterius dei gloria ideoque nec virtus, sed magis dedecus et infirmitas, cuius eminentiam fictilia et quidem aliena ceperunt. Quodsi haec sunt fictilia vasa, in quibus tanta nos pati dicit, in quibus etiam mortificationem circumferimus dei, satis ingratus deus et iniustus, si non et hanc substantiam resuscitaturus est, in qua pro fide eius tanta tolerantur, in qua et mors Christi circumfertur, in qua et eminentia virtutis consecratur. Sed enim proponit, Ut et vita Christi manifestetur in corpore nostro, scilicet sicut et mors eius 612 Rekonstruktion <?page no="1491"?> circumfertur in corpore. De qua ergo Christi vita dicit? qua nunc vivimus in illo? ♦ *4,11: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11,15-16: De qua ergo Christi vita dicit? qua nunc vivimus in illo? [16] Et quomodo in sequentibus non ad visibilia nec ad temporalia, sed ad invisibilia et ad aeterna, id est non ad praesentia, sed ad futura exhortatur? Quodsi de futura vita dicit Christi, in corpore eam dicens apparituram, manifeste carnis resurrectionem praedicavit, exteriorem quidem hominem nostrum corrumpi dicens, et non quasi aeterno interitu post mortem, verum laboribus et incommodis, de quibus praemisit adiciens, Et non deficiemus; Adam., Dial. V 27 (im Mund des Adamantius): ἡμεῖς γὰρ οἱ ζῶντες εἰς θάνατον παραδιδόμεθα, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Χριστοῦ φανερωθῇ ἐν τῇ θνητῇ ἡμῶν σαρκί. ♦ *4,13: Vgl. Epiph., Pan. 42, sch. 27 (123. 175 H.): ἔχοντες δὲ τὸ αὐτὸ πνεῦμα τῆς πίστεως καὶ ἡμεῖς πιστεύομεν, διό (διό om 123: VM, corr H.) καὶ λαλοῦμεν. ἐξέκοψεν δὲ τὸ κατὰ τὸ γεγραμμένον. Ps. 115,1 LXX: ᾿Επίστευσα, διὸ ἐλάλησα· ἐγὼ δὲ ἐταπεινώθην σφόδρα. ♦ *4,16: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11,16: Quodsi de futura vita dicit Christi, in corpore eam dicens apparituram, manifeste carnis resurrectionem praedicavit, exteriorem quidem hominem nostrum corrumpi dicens, et non quasi aeterno interitu post mortem, verum laboribus et incommodis, de quibus praemisit adiciens, Et non deficiemus. Nam et interiorem hominem nostrum renovari de die in diem dicens … ♦ *4,18: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 11,16: Et quomodo in sequentibus non ad visibilia nec ad temporalia, sed ad invisibilia et ad aeterna, id est non ad praesentia, sed ad futura exhortatur? B. (4,4) Anstelle von εἰς τὸ μή findet sich die Variante πρὸς τὸ μή in Adam., Dial. II 21. ♦ Diese Variante διαυγάσαι steht nicht nur in Adam., Dial. II 21, sondern findet sich auch in den Zeugen 02, 012, 33, 104, 326, 2464, sie klingt auch an in der altlateinischen Tradition in peruiderent in 61, Pel b , und in pervideant in Ambst. Hingegen findet sich καταυγάσαι in 04, 06, 016, 365, 1175, Epiph. Die Variante αὐγάσαι steht in P 46 , 01, 03, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 0243, 81, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, M, Eus. ♦ Post Ἰησοῦν add αὐτοῖς in 06 1 , 018, 020, 025, 044, 0209, 104, 365, 1241, 1505, 2464, M, vg cl , sy, Spec, om in P 46 , 01, 02, 03, 04, 06*, 010, 012, 0243, 33, 81, 326, 630, 1175, 1739, 1881, lat, Ir lat , Eus, Epiph. ♦ (4,5) Die Wortstellung von Χριστὸν Ἰησοῦν nach Epiphanius und den weiteren Zeugen 03, 012, 018 020, 044, 0186, 0209, 0243, 33, 104, 365, 630, 1175, 1241, 17390, 1881, M, ar, b, sy p , und in der altlateinischen Tradition in 61, 89, Ambst ed , Pel ab ; die Wortstellung Ἰησοῦν Χριστόν in P 46 , 01, 02, 04, 06, (010, 012), 025, 81, 326, 629, 1505, lat, sy h , Ambst var , Pel var , dann findet sich dominum iesum iesum in 77, iesum dominum in Pel var , christum iesum dominum nostrum in 51, 54, 58, 61, 88, 89, 271, Ambst, Pel ar , Spec var . ♦ Der Genitiv Ἰησοῦ steht in P 46 , 01*, 02 c , 04, 0243, 33, 1739, 1881, bo, co, lat, Epiph; die Form Ἰησοῦν findet sich in 02* vid , 02, 06, 010, 012, 016, 018, 020, 025, 044, 3 (2Kor) 613 <?page no="1492"?> 34 Vgl. H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I.-Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 35 Vgl. H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlie‐ ferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 119; H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 36 Vgl. H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlie‐ ferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 119; H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. 0209, 81, 104, 365, 1175, 1505, M, hingegen steht Χριστοῦ in 01 1 , 2464, t, vg ms , bo ms . Dann findet sich Ἰησοῦ Χριστοῦ in 0186 und Χριστόν in 326, 1241 und Ἰησοῦν Χριστόν in 629, 630, (ar), b, während in der altlateinischen Tradition der Genitiv nicht begegnet; viemehr steht christum in 51, 271, christum iesum in 61, iesum christum in 89, christum iesum in 61. 34 ♦ (4,6) λάμψαι (Aorist), 3. P. Sg. Opt. ist bezeugt durch Adamantius (im Mund des Markioniten), nicht 2. P. Imperativ. Tertullian ist nicht eindeutig, das Präsens ist durch Epiphanius gegeben und steht in P 46 , 01*, 02, 03, 06*, 0243, 6, 1739, Cl, Epiph, während der Aorist in den Zeugen zu finden ist in 01 2 , 04, 06 2 , 010, 012, 016, 018, 020, 025, 044, 0209, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, (2464), M, latt. Allerdings ist zu bedenken, dass der Optativ sonst sehr beliebt auf der kanonischen Ebene ist. ♦ Nach diesem Verb steht im kanonischen Text ein ὅς, welches fehlt in den Zeugen 06*, 010, 012, 81, d, f, g, r, it, vg mss , Tert., Aug, Ambst. 35 ♦ τῆς δόξης om in 33, vg ms . ♦ Das Pronomen αὐτοῦ steht in P 46 , 04*, 06*, 010, 012, b, d, g, r, Adam, Cyr, Pel var , und eius in der altlateinischen Tradition in 64, 76, 76, 77, 89, suae Ambst ed , es fehlt in 61, stattdessen steht τοῦ θεοῦ in 01, 02, 03, 04, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, t, vg, sy, co. 36 ♦ Χριστοῦ steht in 02, 03, 33, Tert, hingegen Χριστοῦ Ἰησοῦ in 06, 010, 012, 0243, 630, 1739*, 1881, lat, Ambst, und ἸησοῦΧριστοῦ in P 46 , 01, 04, 016, 018, 020, 025, 044, 0209, 81, 104, 265, 1175, 1241, 1505, 1739 c , 1881, lat, Ambst, Pel var und in der altlateinischen Tradition in 88, 271. ♦ (4,10) Anstelle von Ἰησοῦ legt sich die Variante θεοῦ nahe, wie Hilgenfeld und Harnack recht gesehen haben, aufgrund der Tertullianzeugen MR gegen Kroymann dei. Von Soden hatte eingewandt, dass dieses dei anstelle von domini „nach mortificationem kaum erträglich“ sei und mit Blick auf die mögliche Verschreibung der handschriftlichen Kürzel schlägt er mit Kroymann und dem früheren Herausgeber Pamelius die Lesart domini vor. Allerdings bieten die heute verfügbaren Handschriften für Tertullian 614 Rekonstruktion <?page no="1493"?> 37 H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I.-Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. lediglich dei. Die Zeugen 06, 010, 012 bieten hingegen Χριστοῦ, und so auch die altlateinische Tradition in 75, 76, 77, 78, 89, während domini iesu in Ambst r steht, domini nostri iesu christi in Spec ed , domini iesu christi in Spec var und der Begriff ausgelassen ist in Pel var . Von Soden hält die oben gewählte Form für die markionitische Lesart. 37 Auch wenn Pamelius und Kroymann gegen Hilgenfeld und Harnack recht haben könnten, nähren sich von Sodens Bedenken aus einem anachronistischen theologischen Verständnis, das den späteren Patripassianismus ins späte zweite und frühe dritte Jahrhundert einträgt, in einer Zeit, in der Tertullian in Adversus Praxean sich mit dieser Thematik überhaupt erst beschäftigen muss und keine Schwierigkeit hat, vom Mitleiden Gottes zu sprechen. ♦ Für τῷ σώματι findet sich τοῖς σώμασιν in den Zeugen 01, 0243, 326, 1739, 1881, r, t, vg, sy p , bo pt , Or. ♦ Anstelle von Ἰησοῦ 2 bietet Tertullian nur Christus, doch die Zeugen haben 06, 010, 012 Ἰησοῦ Χριστοῦ, womit sie offenkundig eine Kontamination zwischen vorkanonischer und kanonischer Ebene bieten, so auch die altlateinische Tradition in 75, 76, 77, 89, Pel b , Spm var , und christi iesu in 61, Spm ed . ♦ (4,13) Das Schriftzitat aus Ps 115,1 LXX (ἐπίστευσα, διὸ ἐλάλησα) fehlt auch in den Zeugen 618 und 1738. ♦ (4,16) Die Variante ἐκκακοῦμεν findet sich in den Zeugen 04, 06 2 , 018, 020, 025, 044, 0243, 33, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, M, während die Form ἐγκακοῦμεν in den Zeugen steht: P 46 , 01, 03, 06*, 010, 012, 6, 81, 326, 2464, co. ♦ ἔσωθεν ἡμῶν steht in den Zeugen 06 1 , 044, 1505, die Variante ἔσωθεν in den Zeugen 018, 020, 629, 1241, und ἔσω in 025, 323, 945. ♦ (4,17) Der Zusatz πρόσκαιρον καί findet sich in den Zeugen 06*, 010, 012, (latt, sy), Tert. C. 1. (4,1-3) Nach allen Editoren sind diese Verse unbezeugt, auch wenn Zahn mit deren Präsenz in irgendeiner Weise rechnet und BeDuhn die Übersetzung des kanonischen Textes von Vers 3 in Klammern wegen des narrativen Zusam‐ menhangs anführt. Nun stellt sich die Frage, ob die fehlende Bezeugung auch Nichtanwesenheit bedeutet, die wiederum nur durch die drei Kriterien von Lexik, Textvarianten und narrativem Zusammenhang näher beleuchtet werden kann. 2. (4,2) Der Ausdruck τὸν λόγον τοῦ θεοῦ wurde als Verweis auf 2Kor 12,16 gelesen, 38 ein Vers, der auf der kanonischen Ebene steht. 3 (2Kor) 615 <?page no="1494"?> 38 Soll ein Rückverweis sein zu 2Kor 12,16, so L.L. Welborn, The Corinthian Correspon‐ dance (2013), 232-233. 39 T. Zahn, Die Dialoge des „Adamantius“ mit den Gnostikern (1888), 231-234. 40 M.D. Litwa, The Evil Creator. Origins of an Early Christian Idea (2021), 92. 3. (4,4) Hilgenfeld verweist auf Tertullian und Adamantius als Zeugen für diesen Vers, der wieder „eine Hauptbeweisstelle Marcions“ darstelle. Zahn nimmt an, dass die kanonische Form des Verses präsent ist und vermutet in einer eigenen Studie Theophilus von Antiochien als vermutliche Quelle für unsere erwähnten Zeugen Irenäus, Adamantius und Tertullian zu diesem Vers. 39 Harnack, der Adamantius berücksichtigt, sieht jedoch bezeugt: ἐν οἷς ὁ θεὸς τοῦ αἰῶνος τούτου ἐτύφλωσεν τὰ νοήματα τῶν ἀπίστων πρὸς τὸ μὴ διαυγάσαι τὸν φωτισμόν-…, ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ. Schmid, der Adamantius nicht berücksichtigt, sieht noch weniger Text bezeugt: ἐν οἷς ὁ θεὸς τοῦ αἰῶνος τούτου ἐτύφλωσεν τὰ νοήματα τῶν ἀπίστων … ὅς ἐστιν εἰκὼν (τοῦ) θεοῦ. BeDuhn hingegen legt seiner Übersetzung folgenden Text zugrunde: ἐν οἷς ὁ θεὸς τοῦ αἰῶνος τούτου ἐτύφλωσεν τὰ νοήματα τῶν ἀπίστων πρὸς τὸ μὴ διαυγάσαι τὸν φωτισμὸν τοῦ εὐαγγελίου τῆς δόξης τοῦ Χριστοῦ, ὅς ἐστιν εἰκὼν τοῦ θεοῦ. Wie der Argumentation Tertullians zu entnehmen ist, kennt er die Deutung, die auch in Adamantius’ Dialog von dem Markioniten vorgetragen wird, wonach dem „Gott dieser Weltzeit“ (ὁ θεὸς τοῦ αἰῶνος τούτου) vorgeworfen wird, „das Denken der Ungläubigen verblendet“ zu haben, ein Vorwurf, der sich aus verschiedenen biblischen Stellen nähren konnte, wie D. Litwa aufzeigt (Ex 4,21; 7,3-4; 9,12. 35; 2Sam 17,14; 1Kge 22,20-24; Dtn 28,28; Jes 6,10-11; 29,10. 14). 40 Betrachtet man sich die Mühe, mit der Tertullian, wie vor ihm bereits Irenäus, versucht, mit einer anderen Interpunktion des paulinischen Texts der markioni‐ tischen Deutung zu widersprechen, erkennt man die Hilflosigkeit. Zwar gelingt es ihm, den Bezug von τοῦ αἰῶνος τούτου auf τὰ νοήματα τῶν ἀπίστων zu verschieben, doch damit hinkt das ἐν οἷς ὁ θεός, das sich grammatikalisch auf der kanonischen Ebene ἐν τοῖς ἀπολλυμένοις beziehen müsste (auf der kanonischen Ebene bezieht es sich auf die „Geister“ vom Ende von Kapitel 3), reichlich hinterher, wollte man es auf ἡμῶν beziehen. Allerdings folgt Hieronymus den Überlegungen Tertullians, der den „Gott dieser Weltzeit“ auf Satan zu beziehen versucht. Trotz Hieronymus begegnet dennoch die Vorstellung bei einer Reihe 616 Rekonstruktion <?page no="1495"?> 41 Etwa Kyrill von Jerusalem, Katechesen VI 28-29; Augustinus, Gegen Faustus XXI 2; Chrysost., Comm. zu 2Kor VIII 2 (PG 61,455). 42 Vgl. R.P. Martin, 2 Corinthians (2014), 222-223; M. A. Seifrid, The second letter to the Corinthians (2014), 196; F.J. Matera, II Corinthians: A Commentary (2003), 101-102; D.R. Brown, The God of This Age. Satan in the Churches and Letters of the Apostle Paul (2015), 130-151. Vermutlich baut die Vorstellung in Joh 8,44, wonach der Herrscher dieser Weltzeit der Vater des Teufels ist ( Joh 8,8) auf der kanonischen Verknüpfung mit dem Teufel auf, doch es zeigt noch die vorkanonische Vorstellung, dass damit der Gott gemeint ist, den die Juden als den ihren bezeichnen ( Joh 8,41), stellt also eine gewisse Fortentwicklung dieser vorkanonischen Vorstellung dar. Selbst wenn man annehmen wollte, dass mit Christi Ankunft die Macht dieses mächtigen Herrschers gebrochen sei, so reicht doch seine Verdunkelung bis in die Gegenwart der „neuen Schöpfung“ (*2Kor 5,17) hinein, wie Litwa im Unterschied zu Bilde herausgestellt hat, vgl. hierzu und zur gesamten Diskussion mit weiteren Quellen und Lit. M.D. Litwa, The Evil Creator. Origins of an Early Christian Idea (2021), 97; P. Bilde, 2 Cor. 4,4: The View of Satan and the Created World in Paul (1993). 43 Vgl. hierzu M.D. Litwa, The Evil Creator. Origins of an Early Christian Idea (2021), 93-95. von Vätern, die 2Kor 4,4 weiterhin auf den Schöpfer beziehen. 41 Eine ähnliche Deutung findet sich auch in modernen Kommentaren. 42 Ein Bezug der Diskussion besteht auch zu dem anderen vorkanonischen Vers *2Thess 2,11 (καὶ διὰ τοῦτο πέμπει αὐτοῖς ὁ θεὸς ἐνέργειαν πλάνης εἰς τὸ πιστεῦσαι αὐτοὺς τῷ ψεύδει). Und auffallend ist, dass ein ähnlicher Gedanke auch auf kanonischer Ebene, etwa in Röm 1,28 begegnet (παρέδωκεν αὐτοὺς ὁ θεὸς εἰς ἀδόκιμον νοῦν) und Joh 12,37-40 (37 Τοσαῦτα δὲ αὐτοῦ σημεῖα πεποιηκότος ἔμπροσθεν αὐτῶν οὐκ ἐπίστευον εἰς αὐτόν, 38 ἵνα ὁ λόγος Ἠσαΐου τοῦ προφήτου πληρωθῇ ὃν εἶπεν, Κύριε, τίς ἐπίστευσεν τῇ ἀκοῇ ἡμῶν; καὶ ὁ βραχίων κυρίου τίνι ἀπεκαλύφθη; 39 διὰ τοῦτο οὐκ ἠδύναντο πιστεύειν, ὅτι πάλιν εἶπεν Ἠσαΐας, 40 Τετύφλωκεν αὐτῶν τοὺς ὀφθαλμοὺς καὶ ἐπώρωσεν αὐτῶν τὴν καρδίαν, ἵνα μὴ ἴδωσιν τοῖς ὀφθαλμοῖς καὶ νοήσωσιν τῇ καρδίᾳ καὶ στραφῶσιν, καὶ ἰάσομαι αὐτούς). An der ersten Stelle wird das Verdrehen des Sinns Gott und an der zweiten Stelle das Blenden der Augen und das Verstocken des Herzens Jesus zugeschrieben. In beiden Fällen scheint es die kanonische Reaktion zu sein, die sich mit dem vorkanonischen Vorwurf gegenüber dem Schöpfergott auseinandersetzt, der seinem Volk in Jes 6,10 sagt: „Höret und verstehet’s nicht; sehet und merket’s nicht! “ und dem *Ev 8,8 entgegengesetzt hatte: „Wer Ohren hat, der höre“. Es gibt auch außerkanonische Zeugnisse, die die Vorstellung vortragen oder sich mit ihr auseinandersetzen, wonach Gott Ohren, Augen und Herzen unfähig gemacht hatte, ihn zu erkennen und aufzunehmen. 43 4. (4,5-6) Zahn sieht den kanonischen Text von Vers 5 präsent und in Vers 6 schreibt er λάμψαι, ἔλαμψεν ἐν ταῖς καρδίαις ἡμῶν (al. ὑμῶν) πρὸς φωτισμὸν 3 (2Kor) 617 <?page no="1496"?> 44 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 98*-99*. 45 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), I/ 329. τῆς γνώσεως αὐτοῦ (oder τῆς δόξης αὐτοῦ) ἐν προσώπῳ Χριστοῦ. Harnack gibt den Aorist, Adamantius folgend und auch der insgesamt in der Vergangenheit angesetzten Konstruktion Tertullians. Schmid gibt den Text wie oben, schreibt lediglich ἔλαμψεν und lässt τῆς γνώσεως aus. BeDuhn übersetzt den Text wie oben und verweist in der Anmerkung auf den Aorist. 5. (4,7) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Zahn sieht den Vers in seiner kanonischen Form präsent. Harnack folgt Adamantius. Schmid schreibt: (Ἔχομεν δὲ) τὸν θησαυρὸν (τοῦτον) ἐν ὀστρακίνοις σκεύεσιν, (ἵνα) ἡ ὑπερβολὴ τῆς δυνάμεως (ᾖ τοῦ θεοῦ) … BeDuhn legt seiner Übersetzung den Text oben zugrunde, klammert jedoch das Äquivalent zu τοῦτον ein. 6. (4,8-10) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diese Verse und stellt heraus, dass das mortificationem circumferimus dei in Vers 10 die Lesart τὴν νέκρωσιν τοῦ θεοῦ voraussetze. Zahn hält die Verse nach ihrer kanonischen Form für präsent. Harnack sieht in Tertullian „Anspielungen“, gibt aber lediglich als Textbestand für seine Rekonstruktion τὴν νέκρωσιν τοῦ θεοῦ περιφέροντες … ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Χριστοῦ φανερωθῇ ἐν τῷ σώματι ἡμῶν. 44 Schmid folgt ihm und spricht, was die Verse 8-9 betrifft, von einer „zusammen‐ fassende(n) Anspielung“. 45 Als bezeugten Textbestand gibt auch er nur solchen von Vers 10: (πάντοτε) τὴν νέκρωσιν τοῦ Χριστοῦ (ἐν τῷ σώματι) περιφέροντες, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Χριστοῦ ἐν τῷ σώματι ἡμῶν φανερωθῇ. BeDuhn übersetzt: 8 [ἐν παντὶ θλιβόμενοι … 9 διωκόμενοι …, καταβαλλόμενοι …], 10 πάντοτε τὴν νέκρωσιν τοῦ Χριστοῦ ἐν τῷ σώματι περιφέροντες, ἵνα καὶ ἡ ζωὴ τοῦ Χριστοῦ ἐν τῷ σώματι ἡμῶν φανερωθῇ. Vers 10 setzt allerdings inhaltlich nicht nur die von BeDuhn übernommenen Bedrängnisse voraus, sondern auch die mit ihnen verbundenen Äquivalentstücke, weil ja nur dieses Zusammenspiel den Erweis von Christi Leben im Körper verdeutlicht. Man wird also mit Zahn wohl mit dem kanonischen Text für die vorkanonische Fassung rechnen dürfen. Der Vergleich der Lexeme unter D. rät zur Vorsicht vor der Annahme, auch die Äquivalenzbegriffe hätten in der vorkanonischen Fassung gestanden. Andererseits sind diese Begriffe überhaupt recht selten im NT, was wieder dafürspricht, dass man sie durchaus auch für die vorkanonische Fassung veranschlagen könnte. Vermuten lässt sich, dass bereits die vorkanonische Fassung zumindest ein oder zwei dieser Gegenüberstellungen besaß, wobei in Tertullians Andeutungen der Bedrängnis pati, mortificationem, pro fide eius tanta tolerantur mit dem tanta doch wohl eher mehr als weniger solcher gemeint 618 Rekonstruktion <?page no="1497"?> 46 H.U. Meyboom, Marcion en de Marcionieten (1888), 171. sind. Gleichwohl ist nicht ausgeschlossen, dass hier die kanonische Redaktion erweitert und überarbeitet hat. 7. (4,11) Zahn, Harnack und BeDuhn sehen den Vers in der Version des Adamantius präsent. Schmid hält den Vers für unbezeugt. 8. (4,12) Dieser Vers ist nach allen Editoren unbezeugt. 9. (4,13) Hilgenfeld verweist auf Epiphanius als Zeugen und notiert die Text‐ abweichung mit der Auslassung von κατὰ τὸ γεγραμμένον, „wodurch dem Verse der Charakter eines alttestamentlichen Citats aus Ps. 116,10 [sic] genommen war“. Dem entspricht Meybooms Notiz, dass diese Auslassung deutlich eine „markionitische Tendenz“ anzeige. 46 Zahn sieht den Vers wie oben präsent, lässt jedoch das διό aus, Harnack, Schmid und Beduhn bieten den Vers wie oben. BeDuhn versucht die Auslassung durch einen Schreiberfehler (Homoearcton) zu erklären, der von κατά zu καί gesprungen sei, während Epiphanius ausdrücklich von einer bewussten Textänderung des Markion ausgeht. 10. (4,14-15) Nach allen Editoren sind diese beiden Verse unbezeugt, auch wenn Zahn mit ihnen in unbestimmbarer Gestalt rechnet. Sind sie auch abwe‐ send? Sieht man auf die Lexik, bestätigen sich weithin die fehlende Bezeugung und die Lexik. Auch die narrative Struktur spricht dafür, dass wir es mit einer kanonischen Erweiterung zu tun haben, da Vers 14 eine Digression zum Thema irdene Gefährdung und göttliche Herrlichkeit darstellt, das in den Versen zuvor und auch danach behandelt wird, während die Auferweckung nur ein Mal zuvor in diesem Brief auf der kanonischen Ebene in 2Kor 1,9 anklang. Narrativ würde Vers 15 besser in den vorkanonischen Kontext passen, doch hier spricht die Lexik noch deutlicher für die Zugehörigkeit zur kanonischen Ebene. Die Verse 14-15 werden darum wohl beide von der vorkanonischen Fassung abwesend gewesen sein. Gestützt wird dieses Urteil auch durch Tertullians Kommentar zur Stelle, der ausdrücklich die Frage aufwirft, was es denn bedeute, wenn Christus von dem künftigen Leben spreche und davon, dass dieses im Leib offenkundig werde. Dass er hier selbst den Schluss als manifeste bezeichnet, womit die Auferstehung des Leibes gemeint sei, verdeutlicht, dass in der markionitischen Paulusvorlage, die Tertullian kommentiert, dieses Thema selbst eben nicht angesprochen war. 11. (4,16) Zahn rechnet mit der Präsenz des Verses in kanonischer Form, Harnack sieht lediglich Anspielungen auf diesen Vers und sieht als Text bezeugt: καὶ οὐκ ἐγκακώσομεν … ὁ ἔξω ἡμῶν ἄνθρωπος διαφθείρεται … ὁ ἔσω [ἄνθρωπος] ἡμῶν ἀνακαινοῦται ἡμέρᾳ καὶ ἡμέρᾳ. Schmid gibt als bezeugten Text: … οὐκ ἐγκακώσομεν … ὁ ἔξω ἡμῶν ἄνθρωπος διαφθείρεται (ἀλλ’) ὁ ἔσω ἡμῶν ἀνακαινοῦται ἡμέρᾳ καὶ ἡμέρᾳ. 3 (2Kor) 619 <?page no="1498"?> BeDuhn legt seiner Übersetzung zugrunde: [Διὸ] οὐκ ἐγκακοῦμεν, [ἀλλ’ εἰ καὶ] ὁ ἔξω ἡμῶν ἄνθρωπος διαφθείρεται, ἀλλ’ ὁ ἔσω ἄνθρωπος ἡμῶν ἀνακαινοῦται ἡμέρᾳ καὶ ἡμέρᾳ. Das tertulliansche et non lässt mehr erwarten als nur οὐκ, weshalb auch das διό wohl vorhanden war, gerade wie das quidem wiederum Übersetzung des ἀλλ’ εἰ καί sein kann, vor allem mit der Weitführung durch nam et für ἀλλ’. 12. (4,17) Zahn sieht den vorliegenden Vers bezeugt und der kanonischen Form nach präsent in Markions Paulussammlung, während jedoch Harnack, Schmid und BeDuhn ihn für unbezeugt halten. 13. (4,18) Zahn sieht die kanonische Form dieses Verses präsent in Markions Paulus. Harnack sieht lediglich folgenden Textbestand bezeugt: … τὰ βλεπόμενα, τὰ μὴ βλεπόμενα, πρόσκαιρα, αἰώνια. Schmid sieht folgenden Bestand bezeugt: μή … τὰ βλεπόμενα … τὰ μὴ βλεπόμενα: τά … πρόσκαιρα, τά … αἰώνια. BeDuhn legt seiner Übersetzung den obigen Text zugrunde. D. (4,1) διὰ τοῦτο, das 64 Mal im NT steht, davon (ohne weitere vorangesetzte Worte) als Verseröffnung 37 Mal, Lk 11,49, in einem Vers, der in *Ev fehlt, d. h. alle 37 Verseröffnungen stehen auf der kanonischen Ebene. Die Kombination steht darüber hinaus noch in weiteren Versen, darunter vorkanonisch bezeugt für das Pseudo-Paulinum *2Thess 2,11. ♦ διακονία, ein Begriff, der 35 / 34 Mal im NT steht, ist ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ ταύτην, das 55 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,16. ♦ ἐλεέω steht 33 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,38. ♦ ἐγκακέω steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,16; *Gal 6,9. Zur Abwesenheit: Von der Verseröffnung erweist sich dieser vorkanonisch unbezeugte Vers, in welchem Elemente begegnen, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung διὰ τοῦτο; διακονία), als Produkt der kanonischen Redaktion. Er hat vorkanonisch gefehlt. (4,2) ἀπεῖπον ist Hapax legomenon im NT. ♦ κρυπτός steht 22 / 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 4,5; *Röm 2,16. 29. ♦ αἰσχύνη steht 6 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene belegt (Lk 14,9; Phil 3,19; Hebr 12,2; Jud 1,13; Apk 3,18). ♦ περιπατέω, das 104 / 95 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,2; 5,2. ♦ πανουργία steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,19. ♦ μηδέ, das 63 / 56 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,7. 9; *Kol 2,21. ♦ δολόω begegnet 4 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,9. ♦ φανερόω, das 54 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonische bezeugt für *2Kor 2,14; 3,3; 4,10. 11; 5,10; *Röm 3,21; *Kol 3,4, vgl. weiter die Verse 10. 11. ♦ συνίστημι, das 20 Mal im NT 620 Rekonstruktion <?page no="1499"?> zu finden ist, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πᾶσαν, das 53 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ συνείδησις, das 32 / 30 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Ausdruck ἐνώπιον τοῦ θεοῦ ist eine Wendung der kanonischen Redaktion. Zur Abwesenheit: Auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden sind (αἰσχύνη; συνίστημι; πᾶσαν; ἐνώπιον τοῦ θεοῦ). Der Vers ist folglich das Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Wenn περιπατέω nur in *Laod vorkanonisch bezeugt ist, zeigt dies die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Lexik auf. (4,3) Die Verseröffnung εἰ δὲ καί steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 11,18; 2Kor 4,3; 11,6; zusätzlich steht die Kombination noch ein Mal im Vers, auf der kanonischen Ebene, 1Kor 4,7). ♦ Die kürzere Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene ♦ καλύπτω findet sich 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,16. ♦ Die Wendung τὸ εὐαγγέλιον ἡμῶν steht noch 1 Mal, auf kanonischer Ebene 1Thess 1,5. ♦ ἀπόλλυμι, das 107 / 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 19; *Röm 2,12. Zur Abwesenheit: Auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers zeigt schon von der Eröffnung an seine Zugehörigkeit zur kanonischen Ebene, was gestützt wird durch die Wendung τὸ εὐαγγέλιον ἡμῶν. Auch argumentativ ist dieser Vers wie die beiden voranstehenden nicht nötig, denn das Vers 3 eröffnende ἐν οἷς bezieht sich auf die „Geister“ vom Ende vom voranstehenden Kapitel. (4,4) Die Verseröffnung ἐν οἷς steht 6 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Laod 2,3. ♦ Die Wendung ὁ θεός τοῦ αἰῶνος steht nur hier. ♦ τούτου, das 69 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,34; *1Kor 2,6. 8; 3,19; *2Kor 4,4; *Röm 7,24; *Laod 2,2; 6,12. ♦ τυφλόω steht 3 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ νόημα, das 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch wieder bezeugt für *2Kor 3,14. ♦ Die Variante πρὸς τὸ μή, die 3 Mal im NT steht, gehört zum Urgestein vorkanonischer Lexik, sie steht weiter vorkanonisch bezeugt in *1Kor 10,6 und *2Kor 3,13. ♦ Hingegen steht die Variante εἰς τὸ μή 7 Mal im NT, davon 1 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 2Thess 2,2; im Vers: Apg 7,19; 1Kor 9,18; 10,6; 2Kor 4,4; Hebr 11,3; 1Petr 3,7), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ διαυγάζω steht noch 1 weiteres Mal, auf kanonischer Ebene, in 2Petr 1,19. ♦ αὐγάζω ist Hapax legomenon im NT. ♦ φωτισμός steht nur hier und nochmals für die vorkanonische Ebene bezeugt in *2Kor 4,6. ♦ εἰκών, ein 3 (2Kor) 621 <?page no="1500"?> 47 Vgl. zu diesem Vers und seinen Lexemen H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 120. Begriff, der 34 / 23 Mal im NT steht und vorkanonisch bezeugt ist für *Ev 20,24; *1Kor 11,7; *2Kor 3,18; 4,4; *Kol 1,15. 47 Zur Rekonstruktion: Der Text richtet sich nach dem Zeugnis Tertullians unter Berücksichtigung des Adamantius und wird durch die Lexik bis auf den seltenen Begriff τυφλόω bestätigt. (4,5) Die Kombination οὐ γάρ steht 80 Mal im NT, davon 46 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,34; und als Verseröffnung weiter bezeugt für: *Röm 1,16; 2,13. ♦ κηρύσσω, das 63 / 61 Mal im NT begegnet, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 9,2 und *1Kor 1,23; 15,11. ♦ δοῦλος, das 128 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,37; *Gal 4,3. Zur Rekonstruktion: Der Text richtet sich zunächst nach dem Zeugnis des Epiphanius, ergänzt am Ende mit dem Tertullians. Die Lexik stützt diesen Text und erweist wieder einmal die Übereinstimmung zwischen Bezeugung und vorkanonischer Lexik. (4,6) Die Kombination ὅτι ὁ θεός, die 8 Mal im NT steht, findet sich nur hier als Verseröffnung, ansonsten steht sie in Versen, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehen. ♦ Die Aoristform εἰπών steht 35 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ σκότος, das sich 31 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,44; *1Kor 4,5; *2Kor 4,6; *Laod 5,11; 6,12. ♦ φῶς, das 75 / 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *2Kor 11,14. ♦ λάμπω begegnet 8 / 7 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ καταλάμπω ist Hapax legomenon. ♦ φωτισμός vgl. weiter oben zu Vers 4. ♦ γνῶσις, das 34 / 29 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 12,8; *Phil 3,8. ♦ δόξα, das 178 / 166 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,7. 8; 15,41. 43; *2Kor 3,7. 18; 4,6; *2Thess 1,9; *Laod 1,12. 17; *Phil 3,21. ♦ Das kanonisch stehende δόξα + τοῦ θεοῦ steht 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene und dort gleich wieder in 2Kor 4,15 (3 Mal Joh; Röm 3,23; 5,2; 15,7, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 2Kor 4,6. 15; 3 Mal Apk). ♦ πρόσωπον, das sich 84 / 76 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,11; *2Kor 3,18; 4,6; *2Thess 1,9. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Die Lexik zeigt eine Reihe von Termini und Wendungen, die in diesem Gebrauch nur an der vorstehenden Stelle und ihrer kanonischen Parallele zu finden sind, dann auch einige Elemente, die nur hier vorkanonisch bezeugt sind (εἰπών; λάμπω). 622 Rekonstruktion <?page no="1501"?> 48 Vgl. zu dem Ausdruck ἐν ὀστρακίνοις σκεύεσιν ibid. 121. (4,7) Die Verseröffnung ἔχομεν δέ steht nur hier. ♦ θησαυρός steht 18 / 17 Mal im NT, vorkanonisch auch in *Ev. ♦ τοῦτον, das 63 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ὀστράκινος steht nur noch 1 Mal in 2Tim 2,20. ♦ σκεῦος steht 25 / 23 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt in *1Thess 4,4. 48 ♦ ὑπερβολή steht 8 Mal im NT, weiter vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,13; *1Kor 12,31. ♦ δύναμις, das sich 128 / 119 Mal im NT findet, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18; 12,10; 15,43; *2Kor 4,7; 12,9; *Röm 1,16; *2Thess 1,7; 2,9. ♦ Auf der kanonischen Ebene steht die Wendung ἐξ ἡμῶν, die sich 9 Mal im NT findet, davon 1 Mal als Verseröffnung (als Verseröffnung: 1Joh 2,19; im Vers: Lk 24,22, wo diese Wendung in *Ev fehlt; Apg 15,24; 2Kor 4,7; 7,9; 8,7), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das bis auf ὀστράκινος weiters vorkanonisch bezeugt ist. (4,8) Die Kombination ἐν παντί (Neut.) steht 20 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 2Kor 4,8; 9,11; 1Thess 5,18; im Vers: Apg 10,35; 1Kor 1,5; 2Kor 6,4; 7,5. 11. 16; 8,7; 9,8; 11,6. 9; Eph 5,24; Phil 4,6. 12; Kol 1,10; 4,12; 2Thess 2,17; Hebr 13,21), ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ παντί, das 59 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,16; 10,4; *Kol 1,16. ♦ θλίβω, das sich 22 / 10 Mal im NT findet, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Röm 12,12; *2Thess 1,6. 7. ♦ στενοχωρέω steht nur noch in 2Kor 6,12 auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀπορέω steht 6 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ ἐξαπορέω steht nur noch 2Kor 1,8 und erinnert überhaupt an diesen Vers. Zur Rekonstruktion: Dieser nur in zwei Verben angedeutete Vers scheint, wie die Lexik erweist, kanonisch-redaktionell überarbeitet worden zu sein. Der genaue vorkanonische Wortlaut lässt sich nicht mehr herstellen, auch wenn der Vers auf vorkanonischer Grundlage ruht, wie die Anspielungen nahelegen. (4,9) διώκω, das 47 / 45 Mal im NT belegt ist und das sich auch vorkanonisch bezeugt findet. ♦ Die Form διωκόμενοι steht nur noch 1 weiteres Mal in 1Kor 4,12 auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐγκαταλείπω steht 12 / 10 Mal im NT, jedoch nur mehr kanonisch bezeugt. ♦ καταβάλλω steht nur noch 1 Mal in Hebr 6,1. ♦ ἀπόλλυμι, das 107 / 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 19; *Röm 2,12. Zur Rekonstruktion: Aufgrund der Anspielungen wird der Vers vorkanonisch gestanden sein, doch die Lexik weist darauf hin, dass er kanonisch überarbeitet zu sein scheint. 3 (2Kor) 623 <?page no="1502"?> 49 Vgl. zu diesem Lexem ibid. (4,10) πάντοτε steht 42 / 41 Mal im NT, darunter 7 Mal wie hier als Verseröffnung (2 Mal Mt; Röm 1,10; 2Kor 4,10; Phil 1,4; 1Thess 5,16; 2Tim 3,7), ausschließlich jedoch auf der kanonischen Ebene. ♦ νέκρωσις steht nur noch 1 Mal, Röm 4,19, auf der kanonischen Ebene. 49 ♦ σῶμα, das 150 / 142 Mal im NT steht, ist bereits vorkanonisch ein zentraler Begriff für *Ev und *Paulus ist. ♦ περιφέρω steht nur noch zwei Mal auf kanonischer Ebene (Mk 6,55; Eph 4,14). ♦ φανερόω, das 54 / 49 Mal im NT steht, ist für die vorkanonische Fassung weiter bezeugt für *2Kor 2,14; 3,3; 4,10. 11; 5,10; *Röm 3,21; *Kol 3,4. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, unter Auslassung des unbezeugten und, wen wundert es, auch nur auf der kanonischen Ebene bezeugten πάντοτε, das den emphatisierenden Charakter der kanonischen Redaktion unterstreicht. Die nicht weiter vorkanonisch bezeugten Begriffe stehen überhaupt selten, d.-h. die Lexik stützt bedingt die Bezeugung. (4,11) Die Verseröffnung ἀεὶ γάρ steht nur hier. ♦ ἀεί steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἡμεῖς οἱ ζῶντες steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 4,11; 1Thess 4,15. 17). ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ παραδίδωμι, das 134 / 119 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt ist für *Ev und *1Kor 5,5. ♦ φανερόω, vgl. zuvor zu den Versen 2 und 10. ♦ θνητός steht nur 6 Mal im NT, davon 5 Mal vorkanonisch bezeugt in *1Kor 6,20; 15,53. 54; 2Kor 5,4; *Röm 8,11. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt den Hinweisen Tertullians. Die Verseröff‐ nung, die mit dem nur kanonischen ἀεί beginnt, auch wenn das Thema der Ewigkeit bei Tertullian anklingt, aber möglicherweise in anderer sprachlicher Gestaltung umgesetzt war, ist Produkt der kanonischen Redaktion, wie auch die kanonische Formulierung ἡμεῖς οἱ ζῶντες verdeutlicht. (4,12) Die Kombination ὥστε ὁ steht 5 Mal, jeweils als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,12; *Röm 7,12, vgl. zu Gal 3,24. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten θάνατος, vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ Die Wendung ἐν ἡμῖν steht 26 Mal im NT, Lk 24,32, wo diese Wendung in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,16; *Röm 8,4. ♦ ἐνεργέω, das 22 / 21 Mal im NT steht, ist vorkanonisch zwei Mal bezeugt für *Laod 1,20; 2,2. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (4 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 10,13; 22,26; 8 Mal Joh; 4 Mal Apg; Röm 624 Rekonstruktion <?page no="1503"?> 1,12. 13; 8,9. 10. 11; 12,3; 1Kor 1,6. 10. 11; 2,2; 3,3. 16. 18; 5,1; 6,2. 5. 19; 11,13. 18. 19. 30; 14,25; 15,12; 2Kor 1,19; 4,12; 7,16; 8,7; 10,1. 15; 12,12; 13,3. 5; Gal 3,5; 4,19. 20; Eph 5,3; Phil 1,6; 2,5. 13; Kol 1,6. 27; 3,16; 1Thess 2,13; 5,12; 2Thess 1,4. 12; 3,7. 11; Jak 3,13; 4,1; 5,13. 14. 19; 1Petr 3,15; 4,12; 5,1. 2; 2Petr 2,1; 1Joh 2,8. 14. 24. 27; 4,4). In dieser Liste erstaunt, dass diese Wendung nie in einem der Pastoralbriefe und auch nicht im Hebräerbrief erscheint. Zur Abwesenheit: Den vorkanonisch unbezeugten Vers hätte man nach Ausweis der Verseröffnung und der weiteren Terminologie zunächst der vorkanonischen Version zuordnen können, doch die unverzichtbare und eigentlich den Höhe‐ punkt des Arguments bildende Wendung ἐν ὑμῖν ist so fest eine rein kanonische Formulierung, dass man auch diesen Vers dieser Ebene wird zuschreiben müssen. (4,13) Die Verseröffnung ἔχοντες δέ, die hier bezeugt ist, findet sich auf der kanoni‐ schen Ebene außer der Parallele hier noch zwei weitere Mal (Röm 12,6; 1Tim 6,8). ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 100 Mal im NT steht, vorkanonisch weiter bezeugt für *2Kor 3,14. ♦ Die Wendung τὸ αὐτὸ πνεῦμα steht noch 1 weiteres Mal 1Kor 12,8, allerdings nicht für die vorkanonische Ebene bezeugt, aufgrund des Befundes hier, dort aber vielleicht doch im Text zu vermuten. ♦ πιστεύω, das 265 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21 (τοὺς πιστεύοντας); 15,11; *Röm 1,16 (τῷ πιστεύοντι); 10,4 (τῷ πιστεύοντι); *2Thess 2,12 (οἱ μὴ πιστεύσαντες); *Laod 1,13 (πιστεύσαντες). Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius, der durch die Lexik gestützt wird. (4,14) εἰδότες begegnet als Form 23 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung (als Verseröffnung: Röm 6,9; 2Kor 4,14; 5,11; Gal 2,16; Eph 6,8; Kol 3,24; 1Thess 1,4; 1Petr 1,18; als Kombination im Vers: Mt 22,29; Mk 12,24; Lk 8,53; Joh 21,12; Röm 5,3; 13,11; 1Kor 15,58; 2Kor 1,7; 5,6; Gal 4,8; Eph 6,9; Phil 1,16; Kol 4,1; Jak 3,1; 1Petr 5,9), jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung εἰδότες ὅτι steht 15 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 15,58. ♦ ἐγείρω, das 169 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 15,4. 14. 17. 29. 35. 44; *Röm 8,11; *Laod 1,20; 5,14. ♦ Die Wendung τὸν κύριον Ἰησοῦν steht 6 Mal im NT (3 Mal Apg; Röm 13,14; 2Kor 4,14; Phlm 1,5), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ σύν, das 136 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,14; *Gal 2,3; 5,24; *Thess 4,17; *Kol 2,13; 3,3. 4; *Phil 1,23. ♦ Die Kombination ἡμᾶς σύν findet sich 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, 2Kor 1,21. ♦ παρίστημι, das 42 / 41 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3 (2Kor) 625 <?page no="1504"?> 50 Vgl. Ibid. 11,2. ♦ Die Kombination σὺν ὑμῖν steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor 1,21. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung εἰδότες; εἰδότες ὅτι; τὸν κύριον Ἰησοῦν; ἡμᾶς σύν; σὺν ὑμῖν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonische gefehlt. (4,15) Die Kombination τὰ γάρ findet sich 7 Mal im NT, davon 4 Mal als Verseröffnung (Als Verseröffnung: Röm 1,20; 6,23; 2Kor 4,15; 10,4; als Kombination im Vers: Joh 5,36; 2Kor 4,18; Apk 14,13), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ πάντα steht 135 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,21; 8,6; *3Kor 5,17; *2Thess 2,4; *Eph 1,10. 22; 3,9; *Kol 1,20. ♦ δι’ ὑμᾶς steht 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,24. ♦ Die Wendung ἵνα ἡ χάρις steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Röm 6,1. ♦ πλεονάζω steht 9 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,20. ♦ πλείων, das 66 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,5. ♦ εὐχαριστία, das 15 Mal im NT steht, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ περισσεύω, das 42 / 39 Mal im NT begegnet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung εἰς τὴν δόξαν steht 3 Mal im NT, Lk 24,26, in einem Versteil, der in *Ev fehlt; Röm 3,7; 2Kor 4,15, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ δόξα + τοῦ θεοῦ steht 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 2Kor 4,5. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Mehrzahl von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung τὰ γάρ; ἵνα ἡ χάρις; εὐχαριστία; περισσεύω; εἰς τὴν δόξαν; δόξα + τοῦ θεοῦ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (4,16) Die Kombination und Verseröffnung διὸ οὐκ steht nur noch 1 weiteres Mal, jedoch nicht als Verseröffnung, Hebr 11,16. ♦ ἐγκακέω, das 6 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,9. 50 ♦ ἔξω, das 69 / 63 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 4,16. ♦ Die Kombination ὁ ἔξω steht nur hier. ♦ Die Wendung ἡμῶν ἄνθρωπος steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Röm 6,6. ♦ διαφθείρω findet sich 8 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ ἔσωθεν steht 13 Mal im NT, vorkanonisch wieder bezeugt in *Ev 11,39. 40. ♦ Die Kombination ὁ ἔσω steht nur hier. ♦ ἀνακαινόω findet sich nur 3 Mal im NT, 1 weiteres Mal vorkanonisch bezeugt für *Kol 3,10. ♦ Die Wendung ἡμέρᾳ καὶ ἡμέρᾳ steht nur hier. 626 Rekonstruktion <?page no="1505"?> Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, gestützt durch die Lexik, die eine Reihe von singulären Wendungen und vorkanonisch anderwärts bezeugten Elementen aufweist, auch wenn diese so selten stehen wie ἐγκακέω und ἀνακαινόω. Zwei hier vorkanonisch bezeugte Elemente stehen, die weiters nur auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἡμῶν ἄνθρωπος; διαφθείρω), was durch die Bezeugung anzeigt, dass es sich hier um Übernahmen aus dem vorkanonischen Sprachschatz handelt. (4,17) Die Verseröffnung τὸ γὰρ παραυτίκα steht nur hier. ♦ παραυτίκα ist überra‐ schenderweise Hapax legomenon im NT. ♦ πρόσκαιρος steht 4 Mal im NT und ist gleich im nächsten Vers für die vorkanonische Ebene bezeugt. ♦ ἐλαφρός steht nur noch 1 Mal in Mt 11,30. ♦ θλῖψις, das 60 / 45 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,12, *2Thess 1,6; *Kol 1,24. ♦ ὑπερβολή steht 8 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,13; *1Kor 12,31; *2Kor 4,7. ♦ βάρος steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,2. ♦ κατεργάζομαι steht 25 / 22 Mal im NT, ausschließlich belegt für die kanonische Ebene. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Auch wenn der Vers vorkanonisch nicht bezeugt ist, spricht doch die Reihe vorkanonisch be‐ zeugter Elemente dafür, dass der Vers bereits vorkanonisch vorhanden war. Man beachte etwa die seltene stehenden Begriffe ὑπερβολή und βάρος. Gleichwohl ist gerade das Hauptverb κατεργάζομαι nicht weiter vorkanonisch bezeugt und gib damit einen Hinweis darauf, dass der Vers vielleicht kanonisch überarbeitet worden ist. Auch narrativ bietet dieser Vers die notwendige Erläuterung für die Schlussfolgerung, wonach „das Unsichtbare-… ewig“ ist. (4,18) Die Verseröffnung μὴ σκοπούντων steht nur hier. ♦ σκοπέω, das 7 / 6 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt ist. ♦ βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im NT findet, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev. ♦ Die Form τὰ βλεπόμενα begegnet nur noch 1 Mal in Hebr 11,3, der plurale Genitiv noch Hebr 11,1. 7. ♦ πρόσκαιρος ist nur hier vorkanonisch bezeugt, stand aber im Vers zuvor, der wohl ebenfalls vorkanonisch stand. ♦ αἰώνιος findet sich 77 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,18; *2Kor 5,1; *Röm 5,21; *2Thess 1,9. Zur Rekonstruktion: Der Text basiert auf der kanonischen Version, wobei Tertullians Zeugnis Elemente des Verses bietet, so dass davon ausgegangen werden muss, dass der Vers vorkanonisch stand. Die nicht bzw. weiter nicht vorkanonisch bezeugten Elemente weisen allerdings darauf hin, dass mit einer kanonischen Überarbeitung dieses Verses gerechnet werden muss. 3 (2Kor) 627 <?page no="1506"?> Kapitel 5 5,1-6 [7] 8 [9] 10 [11-16] 17 [18-21]: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden Dieses Kapitel ist vorkanonisch gut bezeugt, und die Argumentation auf dieser Ebene setzt diejenige von Kapitel 4 fort. Es geht weiterhin um die Zerbrech‐ lichkeit des Irdischen, vor allem des äußeren Menschen, seines Fleisches und Körpers, und die Dauerhaftigkeit des inneren Menschen. In diesem Kapitel wird der äußere Mensch mit einem abzubrechenden irdischen Haus verglichen, dem das nicht von Menschenhand, sondern von Gott errichtete ewige Haus im Himmel entgegengesetzt wird. Da diese Welt und der menschliche Leib die Existenz in der Fremde repräsentieren, geht es darum, auszuwandern, um beim Herrn daheim zu sein. Dieses Daheim ist „eine neue Schöpfung“. Die kanonische Redaktion reduziert erneut diese klare Antithese, indem sie den Weg als einen des Glaubens, nicht des Schauens stilisiert (5,7). Sie knüpft an den kanonischen Vers 4,2 an und lässt sich Paulus wieder empfehlen und rühmen (5,12). Zugleich kritisiert Paulus sich selbst (5,13). Der Ausdruck „nicht mehr im Fleisch“ wird nicht mehr auf die eschatologische neue Schöpfung bezogen, sondern auf die Auferweckung Christi (5,15-16) und auf die erfolgte Versöhnung durch Christus (5,19). „Neu“ wird folglich moralisch ausgelegt (5,20-21). 5,1 ἐὰν ἡ ἐπίγειος ἡμῶν οἰκία καταλυθῇ, οἰκοδομὴν ἐκ θεοῦ ἔχομεν οἰκίαν ἀχειροποίητον αἰώνιον ἐν τοῖς οὐρανοῖς. 5,1 Οἴδαμεν γὰρ ὅτι ἐὰν ἡ ἐπίγειος ἡμῶν οἰκία τοῦ σκήνους καταλυθῇ, οἰκοδομὴν ἐκ θεοῦ ἔχομεν οἰκίαν ἀχειροποίητον αἰώνιον ἐν τοῖς οὐρανοῖς. 2 καὶ γὰρ στενάζομεν, τὸ οἰκητήριον ἡμῶν τὸ ἐξ οὐρανοῦ ἐπενδύσασθαι ἐπιποθοῦντες, 2 καὶ γὰρ ἐν τούτῳ στενάζομεν, τὸ οἰκητήριον ἡμῶν τὸ ἐξ οὐρανοῦ ἐπενδύσασθαι ἐπιποθοῦντες, 3 εἴπερ καὶ ἐκδυσάμενοι οὐ γυμνοὶ εὑρεθησόμεθα. 3 εἴ γε καὶ ἐκδυσάμενοι οὐ γυμνοὶ εὑρεθησόμεθα. 4 καὶ γὰρ οἱ ὄντες ἐν τοῦτῳ τῷ σκήνει τοῦ σώματος στενάζομεν βαρούμενοι, ἐφ’ ᾧ οὐ θέλομεν ἐκδύσασθαι ἀλλ’ ἐπενδύσασθαι, ἵνα καταποθῇ τὸ θνητὸν τοῦτο ὑπὸ τῆς ζωῆς, 4 καὶ γὰρ οἱ ὄντες ἐν τῷ σκήνει στενάζομεν βαρούμενοι, ἐφ’ ᾧ οὐ θέλομεν ἐκδύσασθαι ἀλλ’ ἐπενδύσασθαι, ἵνα καταποθῇ τὸ θνητὸν ὑπὸ τῆς ζωῆς. 5 ὁ θεός, ὁ δοὺς ἡμῖν τὸν ἀρραβῶνα τοῦ πνεύματος, 5 ὁ δὲ κατεργασάμενος ἡμᾶς εἰς αὐτὸ τοῦτο θεός, ὁ δοὺς ἡμῖν τὸν ἀρραβῶνα τοῦ πνεύματος. 6 ἐνδημοῦντες ἐν τῷ σαρκὶ ἐκδημοῦμεν ἀπὸ τοῦ κυρίου, 6 Θαρροῦντες οὖν πάντοτε καὶ εἰδότες ὅτι ἐνδημοῦντες ἐν τῷ σώματι ἐκδημοῦμεν ἀπὸ τοῦ κυρίου, 628 Rekonstruktion <?page no="1507"?> 7 διὰ πίστεως γὰρ περιπατοῦμεν οὐ διὰ εἴδους 8 εὐδοκοῦμεν μᾶλλον ἐκδημῆσαι ἐκ τοῦ σώματος καὶ ἐνδημῆσαι πρὸς τὸν κύριον. 8 θαρροῦμεν δὲ καὶ εὐδοκοῦμεν μᾶλλον ἐκδημῆσαι ἐκ τοῦ σώματος καὶ ἐνδημῆσαι πρὸς τὸν κύριον. - 9 διὸ καὶ φιλοτιμούμεθα, εἴτε ἐνδημοῦντες εἴτε ἐκδημοῦντες, εὐάρεστοι αὐτῷ εἶναι. 10 τοὺς πάντας ἡμᾶς φανερωθῆναι δεῖ ἔμπροσθεν τοῦ βήματος τοῦ Χριστοῦ, ἵνα κομίσηται ἕκαστος ἃ διὰ τοῦ σώματος ἔπραξεν, εἴτε ἀγαθὸν εἴτε κακόν. 10 τοὺς γὰρ πάντας ἡμᾶς φανερωθῆναι δεῖ ἔμπροσθεν τοῦ βήματος τοῦ Χριστοῦ, ἵνα κομίσηται ἕκαστος τὰ διὰ τοῦ σώματος πρὸς ἃ ἔπραξεν, εἴτε ἀγαθὸν εἴτε φαῦλον. - 11 Εἰδότες οὖν τὸν φόβον τοῦ κυρίου ἀνθρώπους πείθομεν, θεῷ δὲ πεφανερώμεθα· ἐλπίζω δὲ καὶ ἐν ταῖς συνειδήσεσιν ὑμῶν πεφανερῶσθαι. 12 οὐ πάλιν ἑαυτοὺς συνιστάνομεν ὑμῖν, ἀλλὰ ἀφορμὴν διδόντες ὑμῖν καυχήματος ὑπὲρ ἡμῶν, ἵνα ἔχητε πρὸς τοὺς ἐν προσώπῳ καυχωμένους καὶ μὴ ἐν καρδίᾳ. 13 εἴτε γὰρ ἐξέστημεν, θεῷ· εἴτε σωφρονοῦμεν, ὑμῖν. 14 ἡ γὰρ ἀγάπη τοῦ Χριστοῦ συνέχει ἡμᾶς, κρίναντας τοῦτο, ὅτι εἷς ὑπὲρ πάντων ἀπέθανεν· ἄρα οἱ πάντες ἀπέθανον· 15 καὶ ὑπὲρ πάντων ἀπέθανεν ἵνα οἱ ζῶντες μηκέτι ἑαυτοῖς ζῶσιν ἀλλὰ τῷ ὑπὲρ αὐτῶν ἀποθανόντι καὶ ἐγερθέντι. 16 Ὥστε ἡμεῖς ἀπὸ τοῦ νῦν οὐδένα οἴδαμεν κατὰ σάρκα· εἰ καὶ ἐγνώκαμεν κατὰ σάρκα Χριστόν, ἀλλὰ νῦν οὐκέτι γινώσκομεν. 17 εἴ τις ἐν Χριστῷ καινὴ κτίσις· τὰ ἀρχαῖα παρῆλθεν, ἰδοὺ γέγονε καινὰ τὰ πάντα· 17 ὥστε εἴ τις ἐν Χριστῷ, καινὴ κτίσις· τὰ ἀρχαῖα παρῆλθεν, ἰδοὺ γέγονεν καινά· - 18 τὰ δὲ πάντα ἐκ τοῦ θεοῦ τοῦ καταλλάξαντος ἡμᾶς ἑαυτῷ διὰ Χριστοῦ καὶ δόντος ἡμῖν τὴν διακονίαν τῆς καταλλαγῆς, 19 ὡς ὅτι θεὸς ἦν ἐν Χριστῷ κόσμον καταλλάσσων ἑαυτῷ, μὴ λογιζόμενος αὐτοῖς τὰ παραπτώματα αὐτῶν, καὶ θέμενος ἐν ἡμῖν τὸν λόγον τῆς καταλλαγῆς. 20 ὑπὲρ Χριστοῦ οὖν πρεσβεύομεν ὡς τοῦ θεοῦ παρακαλοῦντος δι’ ἡμῶν· δεόμεθα ὑπὲρ Χριστοῦ, καταλλάγητε τῷ θεῷ. 21 τὸν μὴ γνόντα ἁμαρτίαν ὑπὲρ ἡμῶν ἁμαρτίαν ἐποίησεν, ἵνα ἡμεῖς γενώμεθα δικαιοσύνη θεοῦ ἐν αὐτῷ. 3 (2Kor) 629 <?page no="1508"?> A. *5,1: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 12,1: … (<loco> add Harnack; <ita et dissoluto tabernacula> Kroymann von Soden) Terreni domicilii nostri non sic ait habere nos domum aeternam, non manu factam, in caelo, quia quae manu facta sit creatoris intereat in totum dissoluta post mortem; vgl. hingegen Tert., De Res. 41,1: Scimus enim, inquit, quoniam etsi terrena domus nostri tabernaculi dissolvatur, habemus domum non manufactam aeternam in caelis: id est, pro hoc quod dissolvetur caro nostra per passiones, domicilium consecuturi sumus in caelis. ♦ *5,2-3: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 12,1: Haec enim ad mortis metum et ad ipsius dissolutionis contristationem consolandam retractans etiam per sequentia manifestius, cum subicit ingemere nos de isto tabernaculo corporis terreni, quod de caelo est superindui cupientes; siquidem et despoliati non inveniemur nudi, id est recipiemus quod despoliati sumus, id est corpus; vgl. hingegen Tert., De Res. 41,5: divisionem enim facit apostolus cum subicit, Nam et in hoc gemimus, domicilium nostrum quod de caelo est superinduere desiderantes, siquidem et exuti non nudi inveniemur: id est, ante volumus superinduere virtutem caelestem aeternitatis quam carne exuamur. ♦ *5,4: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 12,1-3: [1] … Et rursus: Etenim qui sumus in isto tabernaculo corporis, ingemimus quod gravemur, nolentes exui sed superindui. [2] … et hi propter temporis ultimum iam momentum et propter merita vexationum antichristi compendium mortis, sed mutati, conse‐ quentur superinduti magis quod de caelo est quam exuti corpus. [3] Ita si hi super corpus induent caeleste illud, utique et mortui recipient corpus, super quod et ipsi induant incorruptelam de caelo … dixit nolentes exui corpore sed superindui, id est nolentes mortem experiri sed vita praeveniri, uti devoretur mortale hoc a vita, dum eripitur morti per superindumentum demutationis; vgl. hingegen Tert., De Res. 42,2: Oportet etenim corruptivum istud induere incorruptelam et mortale istud induere immortalitatem, hoc erit illud domicilium de caelo quod gementes in hac carne superinduere desideramus, utique super carnem in qua deprehendemur, quia gravari nos ait qui simus in tabernaculo, quod nolimus exui sed potius superindui, uti devoretur mortale a vita, scilicet dum demutatur superinduendo quod est de caelis; ibid. 42,5: ut deuoretur [deuoraretur: T] mortale a uita; ibid. 42,9: postremo etsi tunc deuoratum inuenietur mortale in omnibus mortuis; ibid. 42,11: ergo cum a uita habeat deuorari quod mortale est, id exhiberi omnifariam necesse est, ut deuoretur, et deuorari, ut demutetur [et deuorari, ut demutetur; om T]; ibid. 54,1: uti deuoretur mortale a uita; ibid. 54,4; quomodo ergo [ergo: P M X; autem: T] capit? dum deuoratur a uita; Adam., Dial. V 27 (im Mund des Adamantius): ὅταν δὲ καταποθῇ τὸ θνητὸν ὑπὸ τῆς ἀθανασίας (Rufin: Cum autem absorptum fuerit mortale hoc a vita). ♦ *5,5: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 12,4: Ideo quia ostendit hoc melius esse, ne contristemur mortis si forte praeventu, et arrabonem nos spiritus dicit a deo habere, quasi pignoratos in eandem spem superindumenti. ♦ *5,6: Vgl. 630 Rekonstruktion <?page no="1509"?> 51 Vgl. Ibid. 119. Tert., Adv. Marc. V 12,4: et abesse a domino, quamdiu in carne sumus, ac propterea debere boni ducere abesse potius a corpore et esse cum domino, ut et mortem libenter excipiamus; vgl. hingegen Tert., De Res. 43,1: Proinde cum dicit, Itaque confisi semper, et scientes quod cum immoramur in corpore peregrinamur a domino: per fidem enim ambulamus, non per speciem: manifestum est hoc quoque non pertinere ad offuscationem carnis quasi separantis nos a domino. ♦ *5,8: Vgl. Tert. Adv. Marc. V 11,4: et abesse a domino, quamdiu in carne sumus, ac propterea debere boni ducere abesse potius a corpore et esse cum domino. ♦ *5,10: Vgl. Tert., Adv. Marc V 11,4-5: [4] … Atque adeo omnes ait nos oportere manifestari ante tribunal Christi, ut recipiat unusquisque quae per corpus admisit sive bonum sive malum. [5] Et tribunal autem nominando et dispunctionem boni ac mali operis utriusque sententiae iudicem ostendit, et corporum omnium repraesentationem confirmavit; vgl. allerdings Tert., De Res. 43,6: omnes enim manifestari nos oportet pro tribunali Christi Iesu. Si omnes, et totos: si omnes, et interiores et exteriores, id est tam animas quam et corpora. Ut unusquisque, inquit, reportet quae per corpus secundum quae gessit, bonum sive malum. Adam., Dial. I 16 (aus dem Mund des Eutropius): ὅτι ἕκαστος παρὰ Χριστοῦ κομίζεται εἴτε ἀγαθὸν εἴτε κακόν (Rufin: quod a Christo unusquisque recepturus sit prout gessit, siue bona, siue mala). ♦ *5,17: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 12,6: Si qua ergo conditio nova in Christo, vetera transierunt, ecce nova facta sunt omnia; vgl. Adam., Dial. II 16 (im Mund des Markioniten): εἴ τις ἐν Χριστῷ, καινὴ κτίσις: τὰ ἀρχαῖα παρῆλθεν, ἰδοὺ γέγονε τὰ πάντα καινά (Rufin: Si qua in Christo, noua creatura; uetera transierung, ecce facta sunt omnia noua); Jes 43,19 LXX: ἰδοὺ ποιῶ καινὰ ἃ νῦν ἀνατελεῖ. B. (5,3) Anstelle von εἴ γε steht die Variante εἴπερ in den Zeugen P 46 , 03, 06, 010, 012, 33, 1175. ♦ Die Variante ἐκδυσάμενοι, die sich aus Tertullian (despoliati) nahelegt, worauf bereits Hilgenfeld verweist, findet sich in den Zeugen 06*, 010, 012, d, f, g, ar, fc, Tert, Spec, Ambst, Chrys; hingegen findet sich ἐνδυσάμενοι in den Zeugen P 46 , 01, 03, 04, 06 2 , 018, 020, 025, 044, 0243, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy, co. 51 ♦ (5,4) Post ἐν add τοῦτῳ nach Tertullian, diese Hinzufügung findet sich aber auch in weiteren Zeugen: 06, 010, 012, 81, (104), 1505, it, vg cl , sy, bo, go, Ambst, Spec und in der altlateinischen Tradition in 51, 89 hoc habitaculo, dann 58 tabernaculo isto, dann corpore isto 61, Pel b , dann hoc corpore 67, Ambst r , Pel a , habitaculo isto 75,76, dann habitaculo hoc 77, Spm, dann tabernaculo hoc 78, dann hoc tabernaculo isto 88*, dann hoc tabernaculo 88 c , Pel var , dann isto corpore Ambst ed , dann hoc sumus corpore Pel var . ♦ Der Zusatz τοῦ σώματος folgt Tertullian, er findet sich jedoch auch in einigen altlateinischen Zeugen, vgl. auch die voranstehenden Zeugen. 52 ♦ 3 (2Kor) 631 <?page no="1510"?> 52 Ibid.; J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 292. 53 Vgl. U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einord‐ nung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 101. 54 Vgl. H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überliefe‐ rung des zweiten Korintherbriefes (1960), 119. 55 H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Textgeschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. Die Variante βαρυνόμενοι steht in 06* .c , 010, 012, 1505, Ephr. 53 Doch scheint die Lesart βαρούμενοι die ursprünglichere zu sein aufgrund der Lexik von βαρέω, während βαρύνω Hapax legomenon wäre. ♦ Der Zusatz τοῦτο findet sich auch in 010, 012 und in der altlateinischen Tradition in 61, 77, 89, Ambst, Pel b , Sp m mortale hoc. 54 ♦ (5,6) Als Variante findet sich ἐπιδημοῦντες in den Zeugen 06*, 010, 012, vg, Ambr., jedoch ist ἐνδημοῦντες gleich wieder vorkanonisch bezeugt in Vers 8. ♦ Anstelle von ἐκδημοῦμεν findet sich die Variante ἀποδημοῦμεν in 06, 010, 012, Ambr. ♦ Anstelle von κυρίου bietet die altlateinische Tradition in 61, 75, 76, 77 a deo. ♦ (5,10) Anstelle von τὰ διά deutet Tertullian auf die Variante ἃ διά, die sich auch in den folgenden Zeugen findet: 06*, 010, 012, g, als markionitische Lesart vermerkt von v. Soden. 55 ♦ Anstelle von διά findet sich die Variante ἰδία in den Zeugen P 46.90 , 365, lat, Cyp. ♦ Das auf der kanonischen Ebene auf σώματος folgende πρός fehlt nicht nur in Adamantius, sondern auch in den Zeugen 06*, 010, 012. ♦ Die Variante κακόν steht in den Zeugen P 46 , 03, 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 104, 1175,1241, 1505, 2464, M, Athenagoras (im Plural), Cl, während die Variante φαῦλον zu finden ist in den Zeugen 01, 04, 048, 0243, 33, 81, 326, 365, 630, 1739, (1881). ♦ (5,14) Post ὅτι add εἰ in 01 2 , 04*, 048, 0243, 81, 104, 365, 629c, 630, 1175, 1739, l 249, pm, f, vg, sa, bo ms . ♦ (5,16) Die Wortstellung εἰ καί ist zu finden in den Zeugen P 46 , 01*, 03, 06*, 0225, 0243, 33, 326, 1739, 1881, l 249, Eus; καὶ εἰ liest man in 010, 012, hingegen steht εἰ δέ in 018 und εἰ δέ καί in 01 2 , 04 2 , 06 1 , 020, 025, 044, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 2464, M, sy h . ♦ (5,17) Anstelle von καινά legt sich die Variante καινὰ τὰ πάντα durch Tertullian nahe, die auch zu finden ist in 06 2 , 018, 020, 025, 044, 104, 326, 945, 2464 pm, sy h ; τὰ πάντα καινά steht in Adamantius und in den Zeugen 6, 33, 81, 365, 614, 630, 1241, 1505, 1881 pm, ar, b, vg cl , Ambst ed , Pel b und in der altlateinischen Tradition in 54, 58, 61, 89: omnia nova, während καινά steht in P 46 , 01, 03, 04, 06*, 010, 012, 048, 0243, 629, 1175, l 249, vg st , co, Cl. C. 1. (5,1) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Zahn sieht den Vers der kanonischen Gestalt nach präsent. Harnack gibt als bezeugten Text: ἐὰν ἡ ἐπίγειος ἡμῶν οἰκία καταλυθῇ - οἰκίαν αἰώνιον ἐν τῷ οὐρανῷ. 632 Rekonstruktion <?page no="1511"?> 56 Vgl. zu diesem Vers H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateini‐ schen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 122-123. 57 B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019), 256-257. Schmid hingegeben führt ihn an als: … ἡ ἐπίγειος ἡμῶν οἰκία … καταλυθῇ οἰκίαν ἀχειροποίητον αἰώνιον ἐν τοῖς οὐρανοῖς. BeDuhn folgt Schmid und setzt den Anfang in Klammern. Ob οἴδαμεν hier anzunehmen ist? Das nachfolgende Verb steht im Aor. Konj. (non sic ait habere = καταλυθῇ), braucht also ein regierendes Verb. 2. (5,2-3) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers und notiert die Variante ἐκδυσάμενοι. Zahn sieht den Vers in der kanonischen Form präsent. Harnack sieht als Text bezeugt: 2 στενάζομεν, τὸ οἰκητήριον τὸ ἐξ οὐρανοῦ ἐπενδύσασθαι ἐπιποθοῦντες, 3 εἴπερ καὶ ἐκδυσάμενοι οὐχ εὑρεθησόμεθα γυμνοὶ. Schmid gibt als bezeugten Text: 2 στενάζομεν … τὸ ἐξ οὐρανοῦ ἐπενδύσασθαι ἐπιποθοῦντες, 3 εἴπερ καὶ ἐκδυσάμενοι οὐ γυμνοὶ εὑρεθησόμεθα. BeDuhn legt seiner Übersetzung folgenden Text zugrunde: 2 [καὶ γὰρ] ἐν τούτῳ στενάζομεν τὸ οἰκητήριον τὸ ἐξ οὐρανοῦ ἐπενδύσασθαι ἐπιποθοῦντες, 3 εἴ γε καὶ ἐκδυσάμενοι οὐ γυμνοὶ εὑρεθησόμεθα. 3. (5,4) Hilgenfeld verweist auf Tertullian und für den Schluss des Verses auf Adamantius als Zeugen für diesen Vers. 56 Zahn sieht den kanonischen Text mit folgenden Änderungen bezeugt: ἐν τοῦτῳ τῷ σκήνει τοῦ σώματος βαρούμενοι, οὐ θέλομεν ἐκδύσασθαι … τὸ θνητὸν ὑπὸ τῆς ζωῆς. Harnack gibt als bezeugten Text: καὶ γὰρ οἱ ὄντες ἐν τοῦτῳ τῷ σκήνει τοῦ σώματος στενάζομεν βαρούμενοι, οὐ θέλοντες ἐκδύσασθαι ἀλλ’ ἐπενδύσασθαι, ἵνα καταποθῇ τὸ θνητὸν τοῦτο ὑπὸ τῆς ζωῆς. Schmid folgt Harnack, nimmt aber auch noch ἐφ’ ᾧ in den Text hinein. BeDuhn übersetzt Harnack, offenkundig ohne das für den vorkanonischen Text bezeugte τοῦτο. Erstaunlich ist, dass Haupt diese Variante aus Adv. Marc., die gerade die Übereinstimmung mit den beiden Bilinguen 010 und 012 zeigt, unberücksichtigt lässt. 57 4. (5,5) Dieser Satz ist in beiden Fassungen elliptisch. Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Zahn sieht den kanonischen Text dieses Verses präsent. Harnack sieht nur Anspielungen auf diesen Vers und gibt als bezeugten Text: θεός, (ὁ δοὺς) ἡμῖν τὸν ἀρραβῶνα τοῦ πνεύματος. Schmid setzt als Text: θεός, (ὁ καὶ δοὺς) ἡμῖν τὸν ἀρραβῶνα τοῦ πνεύματος. BeDuhn legt seiner Übersetzung den kanonischen Text zugrunde, klammert aber den unbezeugten Text ein. 3 (2Kor) 633 <?page no="1512"?> 58 Vgl. zu diesem Vers H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateini‐ schen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 123. 59 Vgl. zu diesem Vers ibid. 123-124. 60 Vgl. zu diesem Vers ibid. 124. 5. (5,6) Zahn nimmt den Vers in seiner kanonischen Form für Markions Paulus an. Harnack sieht nur eine Anspielung und nimmt als Textbestand bezeugt: ἐνδημοῦντες ἐν τῷ σώματι ἐκδημοῦμεν ἀπὸ τοῦ κυρίου. Schmid sieht auch nur eine Anspielung, ohne einen Text zu bieten. BeDuhn, der auf die Differenz der Versbezeugung bei Tertullian (Fleisch/ Leib) und dem Zitat in seinem Text De Res. hinweist, legt seiner Übersetzung den folgenden Text zugrunde, wobei er den ersten, unbezeugten Teil in Klammern setzt: [Θαρροῦντες οὖν πάντοτε καὶ εἰδότες ὅτι] ἐνδημοῦντες ἐν τῷ σαρκὶ ἐκδημοῦμεν ἀπὸ τοῦ κυρίου. 58 6. (5,7) Dieser Vers ist nach allen Editoren unbezeugt, auch wenn Zahn mit seiner Präsenz in einer unbestimmten Gestalt rechnet und BeDuhn ihn nach der kanonischen Fassung übersetzt und in Klammern gibt. 7. (5,8) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Zahn sieht den Vers in seiner kanonischen Form präsent. Harnack gibt als bezeugten Text: εὐδοκοῦμεν ἐκδημῆσαι ἐκ τοῦ σώματος καὶ ἐνδημῆσαι πρὸς τὸν κύριον. Schmid weicht hiervon leicht ab: εὐδοκοῦμεν μᾶλλον (ἐκδημῆσαι) ἐκ τοῦ σώματος καὶ (ἐνδημῆσαι) πρὸς (τὸν) κύριον. BeDuhn übersetzt den Text, wie oben gegeben. Denn auch hier spricht die Lexik (vgl. zu θαρσέω die Ausführungen zu Vers 6) dafür, dass der Versanfang durch die kanonische Redaktion überarbeitet wurde, um ihn an den eingescho‐ benen Vers 7 anzupassen. Möglicherweise haben die Verben nicht wie in der kanonischen Fassung, sondern wie in Vers 6 ἐπιδημοῦντες - ἀποδημοῦμεν gelautet, doch dies lässt sich aus der lateinischen Bezeugung heraus nicht entscheiden. Da es an dieser Stelle keine handschriftlichen Varianten gibt, ist die Annahme gerechtfertigt, dass die Verben so, wie oben angeführt, in der vorkanonischen Version standen. 59 8. (5,9) Nach allen Editoren ist dieser Vers unbezeugt, auch wenn Zahn mit seiner Präsenz in unbestimmbarer Form rechnet und BeDuhn auf der Grundlage des kanonischen Textes den Vers übersetzt und in Klammern in seine Rekonstruktion einfügt. 9. (5,10) 60 Hilgenfeld verweist auf Tertullian und für Vers 10 auf Adamantius als Zeugen für diesen Vers. Zahn sieht den Anfang des Verses nach der kanonischen Form bestätigt, im zweiten Teil rekonstruiert er: ἕκαστος ἃ διὰ τοῦ σώματος ἔπραξεν, εἴτε ἀγαθὸν εἴτε φαῦλον. Ihm schließt sich Harnack an, der lediglich den Genitivartikel vor σώματος streicht. Schmid gibt den obigen Text als Rekonstruktion mit eingeklammertem γάρ. BeDuhn legt seiner Übersetzung 634 Rekonstruktion <?page no="1513"?> 61 Vgl. B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019), 257-258. 62 Vgl. bereits H. Windisch, Der zweite Korintherbrief (1924), 184-189. 63 Ibid. 188. den obigen Text zugrunde, nur dass er anstelle von κακόν die Variante φαῦλον wählt. Haupt betrachtet lediglich die beiden Bezeugungen des Verses bei Tertullian, bedenkt aber nicht, ob die mit den Bilinguen übereinstimmende und von Tertullian für Markion bezeugte Lesart ein Spezifikum des markionitischen Textes sein könnte. 61 10. (5,11-13) Nach allen Editoren sind die Verse 11-13 unbezeugt, doch es fragt sich, ob sie auch vorkanonisch abwesend waren. 11. (5,14-16) Nach allen Editoren mit Ausnahme von Hilgenfeld, der Vers 14 in Tert., Adv. Marc. III 8 „berührt“ sieht (doch verwechselt er, dass an der dortigen Stelle nicht 2Kor 5,14, sondern 2Kor 6,14 angeführt wird), sind die Verse 14-16 unbezeugt. Zahn allerdings sieht sie in unbestimmbarer Form präsent in Markions Paulussammlung, und BeDuhn schließt deren Übersetzung in Klammern gesetzt in seine Rekonstruktion ein. Gehören sie ausschließlich zur kanonischen Ebene? Gerade die Verse 15-16 wurden bereits in der Vergangenheit diskutiert. Denn Vers 16 war inhaltlich aufgefallen, weil Paulus hiernach behauptet, er und die Korinther hätten früher Christus dem Fleisch nach gekannt. Zur Deutung des Textes wurde in der Forschung schon viel gerätselt. 62 Die Schwierigkeiten der Deutungsmöglichkeiten verringern sich, wenn man den Vers als redaktionellen Zusatz begreift, da dann, wie Windisch bereits ausführt, 63 die Hauptaussage lautete, dass eine „genauere Kenntnis“ des irdischen Jesus „kein Erfordernis für einen Ap.[ostel] war“ und „daß damit nicht gegen ihn [scil. Paulus] agiert werden durfte, daß P.[aulus] selbst die Aneignung und Mitteilung solcher Überlieferungen zwar nicht unterlassen, aber auch nicht als wesentliches Stück betrieben haben kann, daß ein Schüler des P., der ein Evangelium zu schreiben unternahm, dies nicht gerade als Schüler des P. getan haben und den Antrieb dazu nicht gut direkt von P. empfangen haben kann; er läßt weiter darauf schließen, daß der, der so schrieb, in diesem Punkte eine gewisse Schwäche seiner Position und Unterlegenheit fühlte, weil er sich eben nur cum grano salis unter die einrechnen konnte, die den Herrn noch κατὰ σάρκα gekannt haben, und jedenfalls mit reichlichen Kenntnissen in diesem Stück seinen Gemeinden nicht dienen konnte“. Windisch erkennt demnach, dass diese Angabe in Vers 16 gewissermaßen Paulus ein Stück autorisiert, andererseits doch auch deutlich den anderen Autoritäten, die durch die Evangelien und die Apostelgeschichte als Augenzeugen hervorgehoben werden, nachordnet. 3 (2Kor) 635 <?page no="1514"?> 64 Vgl. hierzu Zimmermann, der auf diesen Sinnunterschied hingewiesen hat, H. Zimmer‐ mann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 120. 124. 65 Vgl. Ibid. 122. 12. (5,17) Zahn sieht den Vers in obiger Gestalt präsent, Harnack hingegen folgt im Wortlaut Tertullian und sieht den Vers in folgender Bezeugung präsent: ὥστε εἴ τις καινὴ κτίσις ἐν Χριστῷ, τὰ ἀρχαῖα παρῆλθεν, ἰδοὺ καινά γέγονε τὰ πάντα. Schmid bleibt jedoch bei dem kanonischen Wortlaut, wenn er auch aus Tertullian mit Zahn und Harnack die Änderung am Ende übernimmt. BeDuhn verweist ausdrücklich auf Adamantius und dessen Übereinstimmung mit Tertullian an dieser Stelle (entgegen Tert., Adv. Marc. IV 1,6 und 11,9) und übersetzt den oben angegebenen Text, allerdings, ohne auf Tertullian und die lateinische Tradition Rücksicht zu nehmen: „if anyone is in Christos, (that one is) a new creation. The old things have passed away; take note! All things have become new“. Tertullian und mit ihm die altlateinische Tradition bezieht jedoch das τις auf καινὴ κτίσις, was nun allerdings bedeutet: „… so dass, wenn daher in Christus eine neue Schöpfung ist, das Alte vergangen ist, siehe, Neues ist geworden“. 64 13. (5,18-21) Die Schlussverse dieses Kapitels sind nach allen Editoren unbe‐ zeugt. Fehlten sie auch in der vorkanonischen Fassung? Wie die Lexik weiter unten in D. zeigen wird, lassen sich die Verse 18 und 19 deutlich der kanonischen Redaktion zuordnen, weniger deutlich ist dies für die beiden letzten Verse, doch auch für diesen Passus wird man berechtigterweise die vorkanonische Abwesenheit der Verse annehmen dürfen. Dieses Urteil wird dadurch gestärkt, dass, wie bereits BeDuhn herausstellt, man wohl mit Tertullians Referenz auf die Aussage in Vers 18 (τὰ δὲ πάντα ἐκ τοῦ θεοῦ) gerechnet hätte, hätte dieser Vers ihm vorgelegen. Den gleichen Gedanken hätte man auch für die δικαιοσύνη θεοῦ von Vers 21 in Anschlag bringen können. D. (5,1) Die Kombination οἴδαμεν γάρ steht 4 Mal im NT (Röm 7,14; 8,22; 2Kor 5,1; Hebr 10,30), immer als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8, vgl. weiter die Verse 6. 11. 16. ♦ Die Kombination ὅτι ἐάν steht 17 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; 3 Mal Mk; Lk 20,5; Joh 11,40; 2 Mal Apg; Röm 10,9; 2Kor 5,1; 13,2; Gal 5,2; 2Thess 2,3; 1Joh 3,2. 20; 5,14). ♦ ἐπίγειος, das sich 7 Mal im NT findet, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 15,40. 65 ♦ οἰκία steht 104 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,5. ♦ σκῆνος steht 6 Mal im NT und ist vorkanonisch gleich in *2Kor 636 Rekonstruktion <?page no="1515"?> 66 Vgl. Ibid. 5,4 bezeugt. ♦ καταλύω steht 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,18 (ἃ κατέλυσα ταῦτα ἀνοικοδομῶ). 66 ♦ οἰκοδομή steht 22 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,21. ♦ ἀχειροποίητος steht nur 3 Mal im NT, die beiden anderen Male auf der kanonischen Ebene belegt in Mk 14,58; Kol 2,11. ♦ Zu vergleichen ist auch χειροποίητος, das 6 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,11. ♦ αἰώνιος, das sich 77 / 71 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,18; *2Kor 5,1; *Röm 5,21; *2Thess 1,9. ♦ οὐρανός, das 300 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 8,5; 15,47; 5,1. 2; 12,2; *Röm 1,18; *2Thess 1,7; *Laod 1,10; *Kol 1,5; *Phil 3,20. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt den Hinweisen Tertullians. Der unbezeugte Anfang wird wohl ohne die kanonische Verseröffnung gestanden sein, auch wenn das οἴδαμεν γάρ vorkanonisch bezeugt ist. Doch dieser Ausdruck setzt einen ὅτι ἐάν Anschluss voraus, der jedoch häufig auf der kanonischen Ebene zu finden ist, jedoch nicht 1 Mal vorkanonisch. Bei der Lexik ist einzig das selten stehende ἀχειροποίητος nicht weiters vorkanonisch bezeugt, allerdings dessen positives Gegenstück χειροποίητος. Der Vers wird also wie oben gegeben im vorkanonischen Text gestanden sein. (5,2) Die unbezeugte Verseröffnung καὶ γὰρ ἐν begegnet 1 weiteres Mal in 1Kor 12,13 auf der kanonischen Ebene, allerdings ist die Kombination καὶ γὰρ vorkano‐ nisch bezeugt für *2Kor 5,4 (als Verseröffnung); *1Kor 5,7 (im Vers). ♦ τούτῳ (Dat. Mask. / Neut. Sg.), das 88 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 19,9. ♦ Die Kombination ἐν τούτῳ begegnet 28 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, davon 11 Mal als Verseröffnung, jedoch außer Apg 24,16 nur in johanneischer Literatur. ♦ στενάζω steht 6 Mal im NT und ist gleich in Vers 4 wieder vorkanonisch bezeugt. ♦ οἰκητήριον steht nur noch 1 weiteres Mal im NT, in Jud 1,6. ♦ Zu οὐρανός vgl. Vers 1 zuvor. ♦ ἐπενδύνω steht auch nur zwei Mal im NT, gleich wieder für die vorkanonische Ebene bezeugt in *2Kor 5,4. ♦ ἐπιποθέω steht 9 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. Zur Rekonstruktion: Die unbezeugte Verseröffnung ist vorkanonisch belegt, wird darum wohl im vorkanonischen Text gestanden haben, wenn auch das nachfolgende ebenfalls unbezeugte ἐν τούτῳ auf die kanonische Redaktion zurückgehen wird, ansonsten folgt der Text dem Zeugnis Tertullians, das auch lexikalisch gestützt wird. (5,3) εἴπερ steht 7 / 6 Mal im NT, könnte auch auf der vorkanonischen Ebene gestanden sein (*Röm 8,9; *2Thess 1,6), dies ist aber nicht gesichert. ♦ Die Variante εἴ γε steht 5 3 (2Kor) 637 <?page no="1516"?> 67 Ibid. 123. Mal im NT, davon 4 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2Kor 5,3; Eph 3,2; 4,21; Kol 1,23; im Vers: Gal 3,4). ♦ ἐκδύω findet sich 6 Mal im NT und ist auch gleich im nächsten Vers für die vorkanonische Ebene nochmals bezeugt. ♦ γυμνός steht 16 Mal im NT und ist nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ εὑρίσκω, das 198 / 176 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *Phil 2,7. Zur Rekonstruktion: Aus Tertullian lässt sich nicht sicher auf die Verseröffnung schließen, doch hat εἴπερ die größere Wahrscheinlichkeit aufgrund der Lexik. Ansonsten folgt der Vers dem Zeugnis Tertullians, das bei diesem kurzen Satz bis auf γυμνός auch weiter vorkanonisch gestützt wird. (5,4) Die Kombination καὶ γάρ steht 39 Mal im NT, davon 24 Mal als Verseröffnung, weiter vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,4 (als Verseröffnung); *1Kor 5,7 (im Vers). ♦ Die Verbform ὄντες steht 26 Mal im NT und ist vorkanonisch vielleicht bezeugt in *Ev 11,13 (Epiphanius bezeugt das Verb nicht, es ist lediglich bezeugt durch Adamantius, dem Klinghardt folgt, auch wenn er in *Ev 20,36 Tertullian folgt, wo M ὄντες bietet), dann auch hier, *2Kor 5,4. ♦ Zu σκῆνος, das 6 Mal im NT steht, vgl. zuvor zu Vers 1. ♦ Zu dem zuvor auch vorkanonisch bezeugten στενάζω, das nur 6 Mal im NT steht, vgl. zu Vers 2. ♦ βαρέω steht 10 / 6 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 21,34. ♦ Die Variante βαρύνω ist Hapax legomenon. ♦ Zu dem auch zuvor kanonisch bezeugten ἐκδύω vgl. zuvor zu Vers 3. ♦ καταπίνω, das 8 / 7 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,54. ♦ θνητός, das 6 Mal im NT steht, ist 5 Mal vorkanonisch bezeugt. Zur Rekonstruktion: Dieser etwas längere Text folgt dem Zeugnis Tertullians, dass weithin vorkanonisch weiter in der Lexik bestätigt wird. (5,5) Zu dem unbezeugten Anfang: Die Verseröffnung ὁ δὲ κατεργασάμενος steht nur hier. ♦ κατεργάζομαι, das 25 / 22 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,14; 4,13. ♦ Die Wendung εἰς αὐτό steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination αὐτὸ τοῦτο steht 8 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 2,10. Zum bezeugten Teil: Das nur angedeutete ὁ δούς steht 3 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene (Lk 20,2; 2Kor 5,5; 1Tim 2,6). ♦ Die Form δούς steht 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Vers 1Kor 12,24. ♦ ἀρραβών, das sich 3 Mal im NT findet, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *Laod 1,14. 67 Zur Rekonstruktion: Die unbezeugte Verseröffnung ist nur auf der kanonischen Ebene belegt, so auch das εἰς αὐτό, weshalb dieser Teil auf die kanonische 638 Rekonstruktion <?page no="1517"?> Redaktion zurückgehen und im vorkanonischen Text gefehlt haben wird. Im bezeugten Teil wird wohl kaum ὁ δούς gestanden sein, wie die weitere kano‐ nische Bezeugung unterstreicht, hier scheint die kanonische Redaktion eine Änderung vorgenommen zu haben. (5,6) Zum unbezeugten Versanfang: Die Verseröffnung θαρροῦντες οὖν steht nur hier. ♦ θαρσέω steht 6 Mal im NT, davon allein 4 Mal in 2Kor, jedoch nicht für die vorkanonische Fassung bezeugt (2Kor 5,8; 7,16; 10,1. 2; Hebr 13,6). ♦ πάντοτε, das sich 42 / 41 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐπιδημέω steht nur noch zwei Mal im NT, in Apg 2,10; 17,21. ♦ εἰδότες begegnet als Form 26 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung εἰδότες ὅτι steht 15 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 15,58. Zum bezeugten Versteil: Die Variante ἐνδημέω ist noch zwei Mal bezeugt, beide Male in 2Kor 5,8. 9, in *2Kor 5,8 für die vorkanonische Ebene. ♦ ἐκδημέω steht noch zwei Mal im NT, ausschließlich in 2Kor, in *2Kor 5,8 für die vorkanonische Ebene bezeugt. ♦ ἀποδημέω steht noch 6 Mal im NT, jedoch nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. Zur Rekonstruktion: Die Differenz zwischen dem unbezeugten Versanfang und dem bezeugten Versteil ist, was die Lexik betrifft, schlichtweg krass. Während aus dem Anfang nur Elemente begegnen, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind, sind die nachfolgenden Teile vorkanonisch weiter bezeugt. Wie oben gegeben, wird wohl nur der bezeugte Teil im vorkanonischen Text gestanden sein, der Anfang auf die kanonische Redaktion zurückgehen. (5,7) Die Wendung διὰ πίστεως steht 9 Mal im NT (Röm 3,22; 2Kor 5,7; Gal 2,16; Eph 2,8; Phil 3,9; 2Tim 3,15; Hebr 6,12; 11,33; 1Petr 1,5), nur hier als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,16; *Röm 3,22. ♦ περιπατέω, das 104 / 95 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,2; 5,2. ♦ εἶδος steht 5 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers ist eine Entschei‐ dung über Präsenz oder Nichtpräsenz aus der Lexik heraus schwierig, da wir nur den einen, wenn auch bedeutenden Begriff εἶδος als ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten lesen. Allerdings hilft an dieser Stelle die narrative Struktur, denn, wie die beiden weiteren Verse zeigen, wird das Thema des Unterwegseins nur auf der kanonischen Ebene fortgeführt, das heißt, wir haben es hier mit einem sekundären Thema zu tun, das der vorkanonischen Ebene an 3 (2Kor) 639 <?page no="1518"?> dieser Stelle fremd ist. Der Vers wird also auf die kanonische Ebene zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (5,8) Die Verseröffnung θαρροῦμεν δέ steht nur hier. ♦ Die Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene ♦ εὐδοκέω, das 22 / 21 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,15; *1Kor 1,21; 10,5; *2Kor 5,8; *2Thess 2,12; *Kol 1,19. ♦ μᾶλλον, das 85 Mal im NT begegnet, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,13; *2Kor 3,8. 11; 5,8. ♦ σῶμα, das 150 / 142 Mal im NT steht, ist bereits vorkanonisch ein zentraler Begriff für *Ev und *Paulus. Zur Rekonstruktion: Wie oben in C. 7 erwähnt, wird wohl der unbezeugte Versanfang vorkanonisch gefehlt haben. Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das durch die Lexik gestützt wird. (5,9) Die Kombination διὸ καί steht 11 Mal im NT, 7 Mal als Verseröffnung wie hier (Apg 10,29; Röm 4,22; 15,22, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 2Kor 5,9; Phil 2,9; Hebr 11,12; 13,12); als Verseröffnung begegnet die Kombination ausschließlich auf der kanonischen Ebene, als Kombination im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20; 4,13. ♦ φιλοτιμέομαι steht 3 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene (Röm 15,20; 2Kor 5,9; 1Thess 4,11). ♦ Zu ἐνδημέω als vermutlich kanonischem Terminus vgl. die Beobachtungen weiter oben zu Vers 6. ♦ ἐκδημέω steht gerade zuvor in Vers 8 als vorkanonisch bezeugt. ♦ εὐάρεστος steht 10 / 9 Mal im NT, ausschließlich auf kanonischer Ebene (Röm 12,1. 2; 14,18; 2Kor 5,9; Eph 5,10; Phil 4,18; Kol 3,20; Tit 2,9; Hebr 13,21). ♦ εὐαρεστέω findet sich 5 / 3 Mal im NT, ebenfalls nur auf der kanonischen Ebene (2Kor 5,9; Hebr 11,5. 6; 13,16). Auch das Adverb εὐαρέστως findet sich dort (Hebr 12,28). ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,33; und *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente auf (Verseröffnung διὸ καί; φιλοτιμέομαι; ἐνδημέω? ; εὐάρεστος), außerdem führt er, wie zu Vers 7 erwähnt, ein kanonisches Seitenthema fort, das vorkanonisch in diesem Kontext nicht begegnet. Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,10) Die Verseröffnung τοὺς γὰρ πάντας oder τοὺς πάντας steht nur hier. ♦ πάντας, das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,28; *2Kor 5,10; *Laod 3,9. ♦ φανερόω, das 54 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 2,14; 3,3; 4,10. 11; 5,10; *Röm 3,21; *Kol 3,4, vgl. weiter Vers 11. ♦ ἔμπροσθεν, das 52 / 48 Mal im NT steht, ist nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ βῆμα steht 12 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt hier und ebenfalls in *Röm 14,10. ♦ κομίζω steht 10 Mal im NT und ist nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ σῶμα, das 150 / 142 Mal im NT steht, ist 640 Rekonstruktion <?page no="1519"?> bereits vorkanonisch ein zentraler Begriff für *Ev und *Paulus. ♦ Die Variante κακός steht 54 / 50 Mal im NT, weiter vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,6; *Röm 12,17. ♦ Die kanonische Variante φαῦλος steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das bis auf ἔμπροσθεν und κομίζω lexikalisch durch weitere vorkanonische Bezeugungen gestützt wird. (5,11) Die Form εἰδότες begegnet 26 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung (als Verseröffnung: Röm 6,9; 2Kor 4,14; 5,11; Gal 2,16; Eph 6,8; Kol 3,24; 1Thess 1,4; 1Petr 1,18; im Vers: Mt 22,29; Mk 12,24; Lk 8,53; Joh 21,12; Röm 5,3; 13,11; 1Kor 15,58; 2Kor 1,7; 5,6; Gal 4,8; Eph 6,9; Phil 1,16; Kol 4,1; Jak 3,1; 1Petr 5,9), jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ φόβος, das 61 / 47 Mal im NT steht, ist jedoch nie für die vorkanonische Ebene bezeugt. ♦ πείθω, das 59 / 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. ♦ φανερόω, das 54 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 2,14; 3,3; 4,10. 11; 5,10; *Röm 3,21; *Kol 3,4. ♦ ἐλπίζω, das 32 / 31 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination ἐλπίζω δέ steht 5 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 13,6. ♦ Die Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene ♦ συνείδησις, das 32 / 30 Mal im NT belegt ist, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: In diesem vorkanonisch unbezeugten Vers beginnen die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elemente bereits mit der Ver‐ seröffnung, gefolgt von weiteren (εἰδότες; φόβος; ἐλπίζω δέ; δὲ καί; συνείδησις). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,12) Die Verseröffnung οὐ πάλιν steht nur hier. ♦ πάλιν, das 159 / 141 Mal im NT steht, etwa Lk 6,42, wo im parallelen Vers in *Ev der Begriff fehlt, findet sich mit Ausnahme von *1Kor 3,20 (in der Kombination καὶ πάλιν als Hinweis auf ein weiteres Schriftzitat) alleinstehend nur auf der kanonischen Ebene. ♦ συνίστημι, das 20 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἀφορμή steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,11. ♦ Die Form διδόντες steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ καύχημα, das nur 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15. ♦ Die Form ἔχητε steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ὑπὲρ ἡμῶν steht 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,13. ♦ Die Kombination bestimmter Artikel + Präposition + Nomen + Partizip findet sich 29 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 7,32, in einem Vers, der in *Ev 3 (2Kor) 641 <?page no="1520"?> fehlt; 8,4; 21,23; 2 Mal Joh; 5 Mal Apg; Röm 14,20; 1Kor 9,24; 10,25; 2Kor 5,12; Gal 4,21. 29; Eph 4,24; Phil 3,6; 1Thess 5,3; 1Tim 2,2; Hebr 2,2; 12,25; 2Petr 2,18; 2 Mal Apk). ♦ Die Wendung καὶ μή steht 86 Mal im NT, 17 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt im Vers für *2Kor 3,11; *Röm 12,14; *Laod 4,25; vgl. zu Röm 3,8. ♦ καρδία, das 173 / 157 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 4,5; 14,25; *2Kor 3,15; 4,6; *Röm 2,15. ♦ Die Form ἐν καρδίᾳ steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Lk 8,15. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die auch vorkanonisch bezeugt sind, daneben aber auch solche, die ausschließ‐ lich auf der kanonischen Ebene belegt sind (συνίστημι; διδόντες; ἔχητε; Die Kombination bestimmter Artikel + Präposition + Nomen + Partizip; ἐν καρδίᾳ). Narrativ gehört der Vers eng zum voranstehenden und nachfolgenden, er ist wie diese ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,13) εἴτε steht 67 / 65 Mal im NT, davon 10 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 12,7. 8; 1Kor 3,22; 10,31; 14,27; 15,11; 2Kor 1,6; 5,13; 8,23; 1Petr 2,14), vorkanonisch bezeugt für als Verseröffnung in *1Kor 3,22; darüber hinaus im Vers für *1Kor 8,5; *2Kor 5,10; *Phil 1,18. ♦ ἐξίστημι steht 13 / 17 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt und scheint geradezu ein typisches Verb der kanonischen Redaktion zu sein. ♦ σωφρονέω steht 6 Mal im NT, und auch dieses Verb ist nur für die kanonische Ebene belegt. Zur Abwesenheit: Der kurze, vorkanonisch unbezeugte Vers besitzt mit seinen zwei Verben zwei sonst ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente. Der narrativ eng mit den beiden voranstehenden Versen verbundene Vers ist ebenfalls ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,14) Die Wendung ἡ γάρ steht 24 Mal im NT, davon 15 Mal als Verseröffnung, als Verseröffnung vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,19. ♦ ἀγάπη, das 133 / 116 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,42; *Gal 5,6; *1Kor 13,1, *2Thess 2,10; *Laod 5,28; *Phil 1,16. ♦ συνέχω steht 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,63. ♦ κρίνω, das 125 / 115 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,3; 11,32; *Röm 2,12; *2Thess 2,12; *Kol 2,16. ♦ Die Wendung εἷς ὑπέρ steht nur noch 1 weiteres Mal, 1Kor 4,6 auf der kanonischen Ebene. ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,18; *Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17, vgl. zum nächsten Vers 15. ♦ Die Wendung ὑπὲρ πάντων steht 7 Mal, ausschließlich für die vorkanonische Ebene belegt. ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3. ♦ ἄρα, das 52 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,20; *Gal 4,31; *1Kor 642 Rekonstruktion <?page no="1521"?> 15,14. ♦ ἀποθνήσκω, das 119 / 111 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,36; *1Kor 15,3. 22; *Röm 5,6. ♦ Die Kombination οἱ πάντες steht 4 Mal im NT, nur hier als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 19,7; 2Kor 5,14; Eph 4,13; Phil 2,21). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (εἷς ὑπέρ, das wichtige soteriologische ὑπὲρ πάντων; οἱ πάντες). Zudem ist der Vers fest eingebunden in die nächsten beiden Verse, in denen das Sterben Christi weiter auf der kanonischen Ebene ausgeführt wird. In Vers 15 wird die nur kanonisch belegte Wendung ὑπὲρ πάντων gleich zu Beginn zum Ausgangspunkt genommen. Der Vers ist folglich wie Vers 15 ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,15) Die Verseröffnung καὶ ὑπὲρ πάντων steht nur hier. ♦ Zu πάντων vgl. zum voranstehenden Vers 14. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. ♦ Die Kombination ὑπὲρ πάντων steht 7 Mal im NT, jedoch, wie zum voranstehenden Vers gezeigt, ausschließlich auf kanonischer Ebene. ♦ μηκέτι findet sich 22 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15, vgl. weiter Vers 19. ♦ Die Wendung ὑπὲρ αὐτῶν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 17,19; Röm 10,1; 1Kor 15,29; 2Kor 5,15). ♦ ἐγείρω, das 169 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 15,4. 14. 17. 29. 35. 44; *Röm 8,11; *Laod 1,20; 5,14. Zur Abwesenheit: Wie bereits zum voranstehenden Vers kommentiert, eröffnet dieser vorkanonisch unbezeugte Vers mit einer nur auf der kanonischen Ebene belegten Wendung (ὑπὲρ πάντων), der weitere solche Elemente folgen (μηκέτι; ὑπὲρ αὐτῶν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,16) Die Verseröffnung ὥστε ἡμεῖς steht nur hier. ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ Die Wendung ἀπὸ τοῦ νῦν steht 5 Mal im NT (Lk 1,48; 22,18; 22,69; Joh 8,11; 2Kor 5,16), vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,69. ♦ οὐδένα (Akk. Mask. Sg.), das 16 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4. ♦ Die Wendung εἰ καί steht 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,8; *2Kor 4,16. ♦ Die Variante καὶ εἰ begegnet nur 1Petr 3,1. ♦ Die Variante εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, 3 (2Kor) 643 <?page no="1522"?> 68 Vgl. S.-210. gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 5,18. ♦ Die Kombination ἀλλὰ νῦν steht 3 Mal im NT, Lk 22,36, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 2Kor 5,16; Phil 2,12, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ οὐκέτι, das 51 / 47 Mal im NT steht, ist eine Konjunktion der kanonischen Redaktion. ♦ γιγνώσκω, das 256 / 222 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21; 2,8. 16; 3,20; 8,3; *Röm 7,7; 11,34. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist wiederum einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (οὐδένα; ἀλλὰ νῦν; οὐκέτι). Wie die beiden voranstehenden Verse, mit denen dieser Vers narrativ zusammenhängt, ist auch dieser ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,17) Die Verseröffnung ὥστε εἴ τις oder auch ὥστε εἴ steht nur hier. ♦ Die Kombination εἴ τις (mask.) steht 40 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 1,9; *1Kor 3,17. ♦ Die Wendung ἐν Χριστῷ begegnet nicht in *Ev, ist allerdings encheiristisch vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4; *2Kor 2,17; 3,14; 5,17; *1Thess 4,15; *Laod 2,10. 13; *Phil 1,13, vgl. zur encheiristischen Semantik zuvor zu 1Kor 1,4. 68 ♦ Die Wendung καινὴ κτίσις steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Gal 6,15. ♦ ἀρχαῖος steht 12 / 11 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 9,8. ♦ παρέρχομαι steht 36 / 30 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das durch die Lexik und die handschriftlichen Varianten gestützt wird, auch wenn καινὴ κτίσις weiters nicht vorkanonisch bezeugt ist, sondern 1 Mal auf der kanonischen Ebene begegnet. (5,18) Die Kombination τὰ δὲ πάντα steht 3 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (2Kor 5,18; Eph 5,13; innerhalb des Verses: 1Kor 11,12), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ καταλλάσσω steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 7,11. ♦ Das im selben Vers begegnende Nomen καταλλαγή, das 4 Mal im NT begegnet, steht nur auf der kanonischen Ebene (Röm 5,11; 11,15; 2Kor 5,18. 19). ♦ διακονία, das 35 / 34 Mal im NT belegt ist, ausschließlich für die kanonische Ebene. Zur Abwesenheit: Wie bereits die Verseröffnung andeutet, gehört dieser Vers zur kanonischen Ebene, gestützt durch weitere Elemente (καταλλάσσω; διακονία; καταλλαγή). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 644 Rekonstruktion <?page no="1523"?> (5,19) Die Verseröffnung ὡς ὅτι steht nur hier, im Vers begegnet es noch auf der kanonischen Ebene in 2Kor 11,21; 2Thess 2,2. ♦ Die Verbform ἦν, die 301 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,4; *1Kor 10,4; *Phil 3,7. ♦ Die Wendung θεὸς ἦν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 1,1; Apg 10,38; 2Kor 5,19). ♦ Zu καταλλάσσω und καταλλαγή vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. ♦ αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.), das 543 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; *2Thess 2,11. ♦ παράπτωμα steht 23 / 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,20 und *Laod 2,1. ♦ Zu αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.) vgl. zuvor zu Vers 15. ♦ τίθημι, das 110 / 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,10. 11; 12,18. 28; 15,25. ♦ Die Form θέμενος begegnet nur noch 1 Mal in 1Tim 1,12. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ὡς ὅτι; θεὸς ἦν; καταλλάσσω; καταλλαγή; λογίζομαι; θέμενος). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,20) Die Kombination ὑπὲρ Χριστοῦ steht 4 Mal im NT (2Kor 5,20; 12,10; Phil 1,29), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ πρεσβεύω steht nur noch 1 Mal, auf der kanonischen Ebene in Eph 6,20. ♦ παρακαλέω, das 115 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,25; *2Kor 12,7. ♦ δέω steht 112 / 43 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,25. 53; *2Kor 5,10. ♦ Zu dem kanonischen καταλλάσσω vgl. 5,18. Zur Abwesenheit: Auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist wiederum Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ὑπὲρ Χριστοῦ; πρεσβεύω; καταλλάσσω). Wie die voranstehenden Verse, mit denen dieser Vers narrativ verbunden ist, ist er ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,21) Die Verseröffnung τὸν μὴ γνόντα steht nur hier. ♦ ἁμαρτία, das 184 / 173 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,4; *Röm 5,21; 7,7. 11; 8,3. 10; 14,23; *2Thess 2,3. ♦ Die Wendung ὑπὲρ ἡμῶν steht 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,13. ♦ Die Wendung ἁμαρτίαν + ποιέω steht noch 1 weiteres Mal in 2Kor 11,7, kanonisch belegt. ♦ Die Wendung ἵνα ἡμεῖς steht 3 Mal im NT (2Kor 5,21; 13,7; Gal 2,9), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination δικαιοσύνη + θεοῦ steht 3 Mal im NT (Röm 3,21, in einem Vers, der für *Röm bezeugt ist, wo jedoch gerade dieser Teil unbezeugt ist; 2Kor 5,21; Jak 1,20), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ δικαιοσύνη, das 97 / 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,17; 3,21; 5,21; 8,10; 10,3. 4; *Phil 3,9. 3 (2Kor) 645 <?page no="1524"?> Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich kanonisch belegt sind (ἁμαρτίαν + ποιέω; ἵνα ἡμεῖς; δικαιοσύνη + θεοῦ). Im narrativen Verbund mit den voranstehenden unbe‐ zeugten Versen wird auch dieser Vers als Produkt der kanonischen Redaktion anzusehen sein und vorkanonisch gefehlt haben. [Kapitel 6] [6],[1-18]: [Ermahnungen und Selbstempfehlung] Dieses Kapitel ist unbezeugt und hat dem Vergleich der Lexik nach vorkanonisch gefehlt. Auf der kanonischen Ebene setzt es die Mahnpredigt des Paulus an die Gemeinde fort, auch die personalisierte Selbstempfehlung desselben (6,4-18). - 1 Συνεργοῦντες δὲ καὶ παρακαλοῦμεν μὴ εἰς κενὸν τὴν χάριν τοῦ θεοῦ δέξασθαι ὑμᾶς 2 λέγει γάρ, Καιρῷ δεκτῷ ἐπήκουσά σου καὶ ἐν ἡμέρᾳ σωτηρίας ἐβοήθησά σοι· ἰδοὺ νῦν καιρὸς εὐπρόσδεκτος, ἰδοὺ νῦν ἡμέρα σωτηρίας3 μηδεμίαν ἐν μηδενὶ διδόντες προσκοπήν, ἵνα μὴ μωμηθῇ ἡ διακονία, 4 ἀλλ’ ἐν παντὶ συνίσταντες ἑαυτοὺς ὡς θεοῦ διάκονοι, ἐν ὑπομονῇ πολλῇ, ἐν θλίψεσιν, ἐν ἀνάγκαις, ἐν στενοχωρίαις, 5 ἐν πληγαῖς, ἐν φυλακαῖς, ἐν ἀκαταστασίαις, ἐν κόποις, ἐν ἀγρυπνίαις, ἐν νηστείαις, 6 ἐν ἁγνότητι, ἐν γνώσει, ἐν μακροθυμίᾳ, ἐν χρηστότητι, ἐν πνεύματι ἁγίῳ, ἐν ἀγάπῃ ἀνυποκρίτῳ, 7 ἐν λόγῳ ἀληθείας, ἐν δυνάμει θεοῦ· διὰ τῶν ὅπλων τῆς δικαιοσύνης τῶν δεξιῶν καὶ ἀριστερῶν, 8 διὰ δόξης καὶ ἀτιμίας, διὰ δυσφημίας καὶ εὐφημίας· ὡς πλάνοι καὶ ἀληθεῖς, 9 ὡς ἀγνοούμενοι καὶ ἐπιγινωσκόμενοι, ὡς ἀποθνῄσκοντες καὶ ἰδοὺ ζῶμεν, ὡς παιδευόμενοι καὶ μὴ θανατούμενοι, 10 ὡς λυπούμενοι ἀεὶ δὲ χαίροντες, ὡς πτωχοὶ πολλοὺς δὲ πλουτίζοντες, ὡς μηδὲν ἔχοντες καὶ πάντα κατέχοντες. 11 Τὸ στόμα ἡμῶν ἀνέῳγεν πρὸς ὑμᾶς, Κορίνθιοι, ἡ καρδία ἡμῶν πεπλάτυνται· 12 οὐ στενοχωρεῖσθε ἐν ἡμῖν, στενοχωρεῖσθε δὲ ἐν τοῖς σπλάγχνοις ὑμῶν· 13 τὴν δὲ αὐτὴν ἀντιμισθίαν, ὡς τέκνοις λέγω, πλατύνθητε καὶ ὑμεῖς. 14 Μὴ γίνεσθε ἑτεροζυγοῦντες ἀπίστοις· τίς γὰρ μετοχὴ δικαιοσύνῃ καὶ ἀνομίᾳ; ἢ τίς κοινωνία φωτὶ πρὸς σκότος; 15 τίς δὲ συμφώνησις 646 Rekonstruktion <?page no="1525"?> 69 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 452. 70 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 100*. 71 Ibid. 102* 72 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 515. Χριστοῦ πρὸς Βελιάρ, ἢ τίς μερὶς πιστῷ μετὰ ἀπίστου; 16 τίς δὲ συγκατάθεσις ναῷ θεοῦ μετὰ εἰδώλων; ἡμεῖς γὰρ ναὸς θεοῦ ἐσμεν ζῶντος· καθὼς εἶπεν ὁ θεὸς ὅτι Ἐνοικήσω ἐν αὐτοῖς καὶ ἐμπεριπατήσω, καὶ ἔσομαι αὐτῶν θεός, καὶ αὐτοὶ ἔσονταί μου λαός. 17 διὸ ἐξέλθατε ἐκ μέσου αὐτῶν καὶ ἀφορίσθητε, λέγει κύριος, καὶ ἀκαθάρτου μὴ ἅπτεσθε· κἀγὼ εἰσδέξομαι ὑμᾶς, 18 καὶ ἔσομαι ὑμῖν εἰς πατέρα, καὶ ὑμεῖς ἔσεσθέ μοι εἰς υἱοὺς καὶ θυγατέρας, λέγει κύριος παντοκράτωρ. A. Das Kapitel ist vorkanonisch unbezeugt. B. (6,16) Die Fassung ἡμεῖς γὰρ ναὸς θεοῦ ἔσμεν findet sich in den Zeugen 03, 06*, 020, 025, 6, 33, 81, (104), 326, 365, 1175, 1881, 2464, co, Or, ihnen folgt NA 28 , hingegen bieten P 46 , 04, 06 2 , 010, 012, 018, 044, 630, 1241, 1505, M, lat, sy, Tert: ὑμεῖς γὰρ ναὸς θεοῦ ἔστε, dann bieten die Zeugen 01 2 , 0209: ὑμεῖς γὰρ ναὸς ἔστε (ἔστε ναὸς 0209) θεοῦ, und 01*, 0243, 1739, Cl: ἡμεῖς γὰρ ναοὶ θεοῦ ἔσμεν. C. 1. (6,1-18) Das gesamte Kapitel 6 gilt nach allen Editoren als unbezeugt. Hilgenfeld notiert: „Über C. VII-IX schweigen die Quellen ganz, nur mit Aus‐ nahme von VII,1, worauf Tertullian kurz anspielt“. 69 Harnack sieht allenfalls eine „ganz unsichere Anspielung“ auf 6,14 (οὐδεμία κοινωνία φωτὶ πρὸς σκότος) in Tert., Adv. Marc. III 8,3: Quomodo autem in semetipso veritatem spiritus fallacia carnis confundens, negatam ab apostolo lucis, id est veritatis, et fallaciae, id est tenebrarum, commisit communicationem? 70 Gleichwohl ist er der Meinung, dass „die großen Lücken, die Tert. in seiner kritischen Behandlung läßt, … nicht als Ausmerzungen M.s in Anspruch genommen werden“ dürfen, da „in diesem Brief … keine größere Auslassung bezeugt“ ist. 71 Harnacks Position ist seine Antwort auf die gegensätzliche von Zahn, der erklärt hatte: Tertullians unmittelbarer „Übergang von 7,1 zu 11,2 bedeutet mehr als ein bloßes Schweigen Tr.s über den großen Abschnitt 7,2-11,1. Man muß schließen, daß dieser gänzlich bei Mrc. fehlte“. 72 BeDuhn verweist auf Adam., Dial. II 20 (im Mund des 3 (2Kor) 647 <?page no="1526"?> 73 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 293. 74 T.R. Blanton IV, Paul’s Covenantal Theology in 2 Corinthians 2.14-7.4 (2012), 61. 75 W.K.M. Grossouw, Over de echtheid van 2 Cor 6,14-7,1 (1951); J.A. Fitzmyer, Qumrân and the Interpolated Paragraph in 2 Cor. 6,14-7,1 (1961); J. Gnilka, 2 Cor 6.14-7.1 in the Light of the Qumran Texts and the Testament of the Twelve Patriarchs (1968); H.D. Betz, 2 Cor 6: 14-7: 1: An Anti-Pauline Fragment? (1972); W.O. Walker, Interpolations in the Pauline letters (2001), 199-209; L.L. Welborn, The Corinthian Correspondance (2013), 231. Welborn (ibid.) vermerkt, dass diese Passage hapax legomena und eine Reihe von stilistischen Eigenheiten aufweise. Sie erinnere mehr an Qumranliteratur denn an Paulus. Adamantius): τίς κοινονία φωτὶ πρὸς σκότος (Rufin: Et quae esset societas lucis ad tenebras), wobei auch er kritisch anmerkt: „it is doubtful that it is taken from the Apostolikon“. 73 War das ganze Kapitel, das für die vorkanonische Version unbezeugt ist, auch abwesend? Bereits Harnack hatte zudem auf Adam., Dial. III 4 (im Mund des Bardesaniten) hingewiesen: οὐδεμία κοινωνία φωτὶ πρὸς σκότος, οὐδὲ Χριστῷ πρὸς Βελιάρ (Rufin: Nulla societas est luci ad tenebras, neque Christi ad Belial). Nach Blanton und anderen endet in 2Kor 6,13 ein erster Teil des zweiten Briefes, während 2Kor 6,14-7,1 ein Fragmentstück innerhalb der Sammlung von Briefen im Zweiten Korintherbrief umfasst. 74 2. 2Kor 6,14-7,1 wird in der Forschung von manchen als Interpolation angesehen. 75 D. (6,1) Die Verseröffnung συνεργοῦντες steht nur hier. ♦ συνεργέω steht 11 / 5 Mal im NT, ausnahmslos für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene ♦ παρακαλέω, das 115 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,25; *2Kor 12,7. ♦ die Kombination μὴ εἰς steht 11 Mal im NT, Lk 4,26; 12,21, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (Mt 15,24; Mk 6,8; Lk 4,26; 12,21; 18,5; Joh 7,35; Apg 27,17; Röm 14,1; 1Kor 11,34; 2Kor 6,1; 1Tim 3,7). ♦ κενός, das 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,2; *Kol 2,8. ♦ Die Wendung τὴν χάριν τοῦ θεοῦ steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ein zusammenfassender Kommentar zur Lexik wird am Ende des Kapitels unten gegeben. Während nach den einzelnen Versen nur kurz die ausschließlich auf der kanonischen Ebenen belegten Elemente angezeigt werden. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: συνεργέω; δὲ καί; μὴ εἰς; τὴν χάριν τοῦ θεοῦ. 648 Rekonstruktion <?page no="1527"?> (6,2) Die Kombination λέγει γάρ steht 5 Mal im NT, davon 4 Mal als Verseröffnung (Röm 9,17; 10,11; 2Kor 6,2; 1Tim 5,18; im Vers: Lk 5,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ δεκτός steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehend (Lk 4,19. 24; Apg 10,35; 2Kor 6,2; Phil 4,18). ♦ ἐπακούω ist Hapax legomenon im NT. ♦ βοηθέω steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ σου (Gen. Mask. / Neut. Sg. von σύ / σός), das 361 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,14; *1Kor 15,55; *Röm 2,25. ♦ Die Wendung ἰδοὺ νῦν steht nur hier. ♦ σωτηρία, das 50 / 46 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,16. ♦ εὐπρόσδεκτος, das 5 Mal im NT steht, begegnet nur auf der kanonischen Ebene (Röm 15,16. 31; 2Kor 6,2; 8,12; 1Petr 2,5). ♦ σοι (Dat. Sg. oder Nom. / Vok. Mask. Pl. von σύ / σός), das 212 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,22 und *Laod 5,14. ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung λέγει γάρ; δεκτός; βοηθέω; εὐπρόσδεκτος. (6,3) Die Verseröffnung μηδεμίαν, das 7 Mal im NT steht, begegnet nur auf der kanonischen Ebene (Apg 13,28; 25,17; 28,18; 1Tim 5,14; Hebr 10,2; 1Petr 3,6). ♦ Die Wendung ἐν μηδενί steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 6,3; 7,9; Phil 1,28; Jak 1,4). ♦ προσκοπή ist Hapax legomenon im NT. Das verwandte προσκόπτω, das sich 9 Mal im NT findet, ist nur kanonisch belegt. ♦ μωμάομαι steht 2 Mal im NT, auch das andere Mal in diesem Brief auf der kanonischen Ebene (2Kor 6,3; 8,20). ♦ διακονία steht 35 / 34 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung μηδεμίαν; ἐν μηδενί; μωμάομαι; διακονία. (6,4) Die Kombination ἀλλ’ ἐν παντί steht 5 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung, hier und in Apg 10,35 (im Vers: 2Kor 7,5; 11,6; Phil 4,6), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ παντί, das 59 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,48; 19,26; *Röm 1,16; 10,4; *Kol 1,16. ♦ συνίστημι („empfehlen“) steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ διάκονος steht 36 / 29 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen ebene. ♦ ὑπομονή steht 33 / 32 Mal im NT, vorka‐ nonisch bezeugt für *Ev 21,19. ♦ πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.), das 121 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ θλῖψις steht 60 / 45 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,12, *2Thess 1,6; *Kol 1,24. ♦ ἀνάγκη steht 19 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ στενοχωρία, das 5 Mal im NT steht, ist nur kanonisch belegt. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung ἀλλ’ ἐν παντί; συνίστημι; διάκονος; ἀνάγκη; στενοχωρία. 3 (2Kor) 649 <?page no="1528"?> (6,5) πληγή steht 24 / 22 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,48. ♦ φυλακεία steht 54 / 47 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἀκαταστασία, das 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,33. ♦ κόπος steht 21 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀγρυπνία steht 2 Mal im NT, und zwar beide Male hier in 2Kor auf der kanonischen Ebene (2Kor 6,5; 11,27). ♦ νηστεία, das 8 / 6 Mal im NT steht, findet sich nur kanonisch bezeugt. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: κόπος; ἀγρυπνία; νηστεία. (6,6) ἁγνότης steht 2 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ μακροθυμία steht 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ χρηστότης steht 11 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν πνεύματι ἁγίῳ steht 13 Mal im NT, Lk 3,16, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (Mt 3,11; Mk 1,8; Lk 3,16; Joh 1,33; Apg 11,16; Röm 9,1; 14,17; 15,16, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 1Kor 12,3; 2Kor 6,6; 1Thess 1,5; 1Petr 1,12; Jud 1,20). ♦ ἀνυπόκριτος steht 7 / 6 Mal im NT, ist jedoch ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (Röm 12,9; 2Kor 6,6; 1Tim 1,5; 2Tim 1,4; 1Petr 1,22; Jak 3,17). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἁγνότης; μακροθυμία; χρηστότης; ἐν πνεύματι ἁγίῳ; ἀνυπόκριτος. (6,7) Die Kombination ἐν λόγῳ steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 4,20. ♦ Die Wendung ἐν δυνάμει θεοῦ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 2,5; 2Kor 6,7; 1Petr 1,5). ♦ ὅπλον, das 6 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ δεξιός steht 56 / 54 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,69; *Laod 1,20. ♦ ἀριστερός steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf kanonischer Ebene (Mt 6,3; Mk 10,37; Lk 23,33; 2Kor 6,7). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐν λόγῳ; ἐν δυνάμει θεοῦ; ὅπλον; ἀριστερός. (6,8) Die Kombination διὰ δόξης steht nur 1 weiteres Mal, auf kanonischer Ebene, 2Kor 3,11. ♦ ἀτιμία findet sich nur 7 Mal im NT, der Begriff kann evtl. vorkanonisch in *1Kor 11,14 gestanden sein, ist aber hierfür nicht bezeugt. ♦ δυσφημία und εὐφημία sind Hapax legomena im NT. ♦ ἀλήθω steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 24,41; Lk 17,35; 2Kor 6,8). ♦ πλάνος steht 8 / 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀληθής steht 27 / 26 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: διὰ δόξης; ἀτιμία; ἀλήθω; πλάνος; ἀληθής. 650 Rekonstruktion <?page no="1529"?> (6,9) ἀγνοέω steht 23 / 22 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,1; 12,1. ♦ ἐπιγιγνώσκω steht 64 / 44 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 10,2. ♦ Die Form ἀποθνῄσκοντες steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 6,9; Hebr 7,8; Apk 14,13). ♦ Die Kombination καὶ ἰδού steht 74 Mal im NT (davon 38 Mal als Versanfang), Lk 1,20. 31. 36; 2,25; 7,37 (pace Klinghardt, jedoch bietet Epiphanius eine andere Wendung); 11,31. 32; 13,30; 24,13. 49, in Vers oder Versteilen, die in *Ev fehlen, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,30; 23,50 (beide Male als Versanfang); im Vers steht damit die Wendung ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. ♦ παιδεύω, das 13 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀποθνῄσκοντες; καὶ ἰδού im Vers; παιδεύω. (6,10) ἀεί, das 9 / 7 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ χαίρω, das 76 / 74 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,8; *1Kor 7,30; *Röm 12,12. ♦ πλουτίζω steht 3 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form μηδέν steht 31 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 10,25. ♦ Die Wendung καὶ πάντα steht 12 Mal im NT, Lk 15,31, in einem Vers, der in *Ev fehlt, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,29. ♦ κατέχω steht 19 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 4,42; *Röm 1,18. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀεί; πλουτίζω; μηδέν. (6,11) στόμα, das 80 / 78 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,15; *Röm 3,19; *Laod 6,19. ♦ ἀνοίγνυμι steht 102 / 77 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,9; *Laod 6,19. ♦ Die Form ἀνέῳγεν steht nur noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, 1Kor 16,9. ♦ Die unscheinbare Wendung πρὸς ὑμᾶς, die 71 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 3,1. ♦ Κορίνθιος steht 2 Mal im NT, beide Male auf der kanonischen Ebene (Apg 18,8; 2Kor 6,11). ♦ Die Wendung ἡ καρδία ἡμῶν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 24,32; 2Kor 6,11; 1Joh 3,21). ♦ πλατύνω steht 3 Mal im NT, noch 1 Mal in Vers 13, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 23,5; 2Kor 6,11. 13). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀνέῳγεν; πρὸς ὑμᾶς; Κορίνθιος; ἡ καρδία ἡμῶν; πλατύνω. (6,12) στενοχωρέω steht 2 / 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν ἡμῖν steht 26 Mal im NT, Lk 24,32, wo diese Wendung in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,16; *Röm 8,4. ♦ Die Wendung δὲ ἐν τοῖς steht noch 3 (2Kor) 651 <?page no="1530"?> 1 Mal, auf der kanonischen Ebene, Joh 5,2. ♦ σπλάγχνον steht 12 / 11 Mal im NT, etwa in Lk 1,78, der einzigen Stelle in einem kanonischen Evangelium, wo der Begriff zu finden ist, und zwar in einem Vers, der in *Ev fehlt, wie er überhaupt nur auf der kanonischen Ebene zu finden ist. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: στενοχωρέω; δὲ ἐν τοῖς; σπλάγχνον. (6,13) αὐτήν, das 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,24; *2Kor 3,18; *Laod 5,29. ♦ ἀντιμισθία steht nur noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 1,27. ♦ Zum kanonischen πλατύνω vgl. zuvor Vers 11 auf derselben kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination καὶ ὑμεῖς steht 64 Mal im NT, davon 8 Mal als kanonische Verseröffnung, vorkanonisch im Vers bezeugt für *Ev 20,21; *Röm 7,4; *1Thess 2,14; *Laod 1,13; vgl. zu 1Kor 5,2. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀντιμισθία; πλατύνω. (6,14) Die Wendung μὴ γίνεσθε steht nur hier als Verseröffnung, als Kombination findet sich es sich 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,16. ♦ ἑτεροζυγέω und μετοχή sind Hapax legomena im NT. ♦ ἄπιστος steht 23 Mal im NT, vorkanοnisch bezeugt für *Ev 12,46; *2Kor 4,4. ♦ ἀνομία steht 16 / 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ κοινωνία steht 21 / 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ φῶς, das 75 / 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,3 (? ); *2Kor 4,6; 11,14. ♦ σκότος, das sich 31 Mal im NT findet, vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,44; *1Kor 4,5; *2Kor 4,6; *Laod 5,11; 6. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀνομία; κοινωνία. (6,15) τίς δέ als Kombination und Verseröffnung steht nur hier und im nachfolgenden Vers 6,16. ♦ συμφώνησις und Βελιάρ sind Hapax legomena im NT. ♦ Die Kombination ἢ τίς steht 3 Mal im NT (Lk 15,8; 2Kor 6,14. 15). ♦ μερίς steht 5 Mal im NT, ausschließ‐ lich für die kanonische Ebene bezeugt (Lk 10,42; Apg 8,21; 16,12; 2Kor 6,15; Kol 1,12). ♦ Die Form πιστῷ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, auch semantisch findet sich πιστός, das 69 / 67 Mal im NT steht, vorkanonisch nur negativ bezeugt für *Ev 16,11. 12, d. h. als positive (und negative) Charakterisierung steht es nur auf der kanonischen Ebene, insbesondere in der Apg und den Pseudo-Paulinen. ♦ Zu ἄπιστος vgl. zuvor im Vers 6,14. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: τίς δέ; ἢ τίς; μερίς; πιστῷ. 652 Rekonstruktion <?page no="1531"?> (6,16) τίς δέ als Kombination und Verseröffnung steht nur hier und im voranstehenden Vers 6,15. ♦ συγκατάθεσις ist Hapax legomenon im NT. ♦ ναός, das 49 / 45 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bei bezeugt für *1Kor 3,17; 6,13; *2Thess 2,4. ♦ Die Verbform ἐσμέν, die 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; *Laod 2,10. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. ♦ εἶπεν, das in dieser Aoristform 611 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐνοικέω findet sich 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.), das 543 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; *2Thess 2,11. ♦ ἐμπεριπατέω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Verbform ἔσομαι, die 13 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene, vgl. weiter Vers 18. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15, vgl. weiter Vers 17. ♦ αὐτοί (Nom. Mask. Pl.), das 87 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; 6,13. ♦ Die Verbform ἔσονται, die 29 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 5,31. ♦ λαός steht 151 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,7; 14,21. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: τίς δέ; εἶπεν; ἐνοικέω; ἔσομαι. (6,17) διό steht 53 Mal im NT, davon 42 Mal als Verseröffnung, Lk 7,7 (als Verseröff‐ nung), in einem Versteil, der in *Ev fehlt; vorkanonisch nur bezeugt im Vers *2Kor 1,20; 4,13; *Laod 5,14. ♦ Die Wendung ἐκ μέσου steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 5,2. ♦ ἐξέρχομαι, das 258 / 218 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Form ἐξέλθατε steht nur noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Apk 18,4. ♦ Zu αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.) vgl. zuvor zu Vers 16. ♦ ἀφορίζω, das 11 / 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,15. ♦ Die Wendung λέγει κύριος steht 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 14,21. ♦ ἀκάθαρτος, das 33 / 32 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ εἰσδέχομαι ist Hapax legomenon. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung διό; ἐξέλθατε; λέγει κύριος. (6,18) Zur kanonischen Verbform ἔσομαι vgl. zuvor zu Vers 16. ♦ πατήρ im Singular, der 297 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9und *1Kor 1,3; 5,1; *Laod 1,17; 2,18; 4,6; 5,31; 6,2. ♦ Zur Verbform ἔσεσθε, die 12 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Zur kanonischen Wendung λέγει κύριος vgl. 3 (2Kor) 653 <?page no="1532"?> zum voranstehenden Vers und 1Kor 14,21. ♦ παντοκράτωρ steht 9 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf kanonischer Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἔσομαι; λέγει κύριος; παντοκράτωρ. Zur Abwesenheit: In diesem vorkanonisch nicht bezeugten Kapitel fallen in jedem der Verse mehrere ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente auf, auffallend ist auch die Häufung von Hapax legomena. Die Lexik stützt demnach die fehlende Bezeugung. Auch ist auf die Überlegung hinzuweisen, dass Tertullian sich wohl kaum hätte entgehen lassen, auf die in diesem Kapitel sich findenden Zitate aus der jüdischen Schrift ( Jes 49,8; Ez 37,27; Jes 52,11; Ez 20,34 und 2Sam 7,8. 14) hinzuweisen. Das Kapitel ist vollständig ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Kapitel 7 7,1 [2-16]: Aufruf zur Reinigung In diesem Kapitel ist nur der erste Vers bezeugt mit seinem Aufruf zur Selbst‐ reinigung, möglicherwiese der Ausgangspunkt für die kanonische Digression des voranstehenden Kapitels und die wiederum personalisierten Ausführungen über die eigene Schwäche des Paulus. 7,1 καθαρίσωμεν ἑαυτοὺς ἀπὸ μολυσμοῦ σαρκὸς καὶ ἅιματος, 7,1 ταύτας οὖν ἔχοντες τὰς ἐπαγγελίας, ἀγαπητοί, καθαρίσωμεν ἑαυτοὺς ἀπὸ παντὸς μολυσμοῦ σαρκὸς καὶ πνεύματος, ἐπιτελοῦντες ἁγιωσύνην ἐν φόβῳ θεοῦ. - 2 Χωρήσατε ἡμᾶς· οὐδένα ἠδικήσαμεν, οὐδένα ἐφθείραμεν, οὐδένα ἐπλεονεκτήσαμεν. 3 πρὸς κατάκρισιν οὐ λέγω, προείρηκα γὰρ ὅτι ἐν ταῖς καρδίαις ἡμῶν ἐστε εἰς τὸ συναποθανεῖν καὶ συζῆν. 4 πολλή μοι παρρησία πρὸς ὑμᾶς, πολλή μοι καύχησις ὑπὲρ ὑμῶν· πεπλήρωμαι τῇ παρακλήσει, ὑπερπερισσεύομαι τῇ χαρᾷ ἐπὶ πάσῃ τῇ θλίψει ἡμῶν. 5 Καὶ γὰρ ἐλθόντων ἡμῶν εἰς Μακεδονίαν οὐδεμίαν ἔσχηκεν ἄνεσιν ἡ σὰρξ ἡμῶν, ἀλλ’ ἐν παντὶ θλιβόμενοι ἔξωθεν μάχαι, ἔσωθεν φόβοι. 6 ἀλλ’ ὁ παρακαλῶν τοὺς ταπεινοὺς παρεκάλεσεν ἡμᾶς ὁ θεὸς ἐν τῇ παρουσίᾳ Τίτου· 7 οὐ μόνον δὲ ἐν τῇ παρουσίᾳ αὐτοῦ ἀλλὰ καὶ ἐν τῇ παρακλήσει ἧ παρεκλήθη ἐφ’ ὑμῖν, ἀναγγέλλων ἡμῖν τὴν ὑμῶν ἐπιπόθησιν, 654 Rekonstruktion <?page no="1533"?> τὸν ὑμῶν ὀδυρμόν, τὸν ὑμῶν ζῆλον ὑπὲρ ἐμοῦ, ὥστε με μᾶλλον χαρῆναι. 8 ὅτι εἰ καὶ ἐλύπησα ὑμᾶς ἐν τῇ ἐπιστολῇ, οὐ μεταμέλομαι· εἰ καὶ μετεμελόμην (βλέπω [γὰρ] ὅτι ἡ ἐπιστολὴ ἐκείνη εἰ καὶ πρὸς ὥραν ἐλύπησεν ὑμᾶς), 9 νῦν χαίρω, οὐχ ὅτι ἐλυπήθητε, ἀλλ’ ὅτι ἐλυπήθητε εἰς μετάνοιαν· ἐλυπήθητε γὰρ κατὰ θεόν, ἵνα ἐν μηδενὶ ζημιωθῆτε ἐξ ἡμῶν. 10 ἡ γὰρ κατὰ θεὸν λύπη μετάνοιαν εἰς σωτηρίαν ἀμεταμέλητον ἐργάζεται· ἡ δὲ τοῦ κόσμου λύπη θάνατον κατεργάζεται. 11 ἰδοὺ γὰρ αὐτὸ τοῦτο τὸ κατὰ θεὸν λυπηθῆναι πόσην κατειργάσατο ὑμῖν σπουδήν, ἀλλὰ ἀπολογίαν, ἀλλὰ ἀγανάκτησιν, ἀλλὰ φόβον, ἀλλὰ ἐπιπόθησιν, ἀλλὰ ζῆλον, ἀλλὰ ἐκδίκησιν· ἐν παντὶ συνεστήσατε ἑαυτοὺς ἁγνοὺς εἶναι τῷ πράγματι. 12 ἄρα εἰ καὶ ἔγραψα ὑμῖν, οὐχ ἕνεκεν τοῦ ἀδικήσαντος, οὐδὲ ἕνεκεν τοῦ ἀδικηθέντος, ἀλλ’ ἕνεκεν τοῦ φανερωθῆναι τὴν σπουδὴν ὑμῶν τὴν ὑπὲρ ἡμῶν πρὸς ὑμᾶς ἐνώπιον τοῦ θεοῦ. 13 διὰ τοῦτο παρακεκλήμεθα. Ἐπὶ δὲ τῇ παρακλήσει ἡμῶν περισσοτέρως μᾶλλον ἐχάρημεν ἐπὶ τῇ χαρᾷ Τίτου, ὅτι ἀναπέπαυται τὸ πνεῦμα αὐτοῦ ἀπὸ πάντων ὑμῶν· 14 ὅτι εἴ τι αὐτῷ ὑπὲρ ὑμῶν κεκαύχημαι οὐ κατῃσχύνθην, ἀλλ’ ὡς πάντα ἐν ἀληθείᾳ ἐλαλήσαμεν ὑμῖν, οὕτως καὶ ἡ καύχησις ἡμῶν ἡ ἐπὶ Τίτου ἀλήθεια ἐγενήθη. 15 καὶ τὰ σπλάγχνα αὐτοῦ περισσοτέρως εἰς ὑμᾶς ἐστιν ἀναμιμνῃσκομένου τὴν πάντων ὑμῶν ὑπακοήν, ὡς μετὰ φόβου καὶ τρόμου ἐδέξασθε αὐτόν. 16 χαίρω ὅτι ἐν παντὶ θαρρῶ ἐν ὑμῖν. A. *7,1: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 12,6: Si etiam iubet ut mundemus nos ab inquinamento carnis et sanguinis, non substantiam …[lacuna] capere regnum dei; vgl. hingegen id., De Pud. 15,8: Habentes igitur promissionem istam, dilecti, emundemus nos ab omni inquinamento carnis et spiritus perficientes castimoniam in Dei timore. B. (7,1) Anstelle von πνεύματος liest Tertullian wohl αἵματος, womit der Vers „als Mahnung zum geschlechtlich enthaltsamen Leben aufgefaßt“ wird, „was nach dem Referat Tertullians durch die Verbindung mit 11,2: virginem sanctam 3 (2Kor) 655 <?page no="1534"?> 76 H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 125. 77 Vgl. hierzu W. Löhr, Markion (2013), 563; U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 253. 78 T.R. Blanton IV, Paul’s Covenantal Theology in 2 Corinthians 2.14-7.4 (2012), 61. 79 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 293. 80 V.P. Furnish, II Corinthians (1985), 30-41. adsignare Christo noch unterstrichen zu werden scheint“. 76 ♦ Anstelle von ἐν φόβῳ liest P 46 ἐν ἀγάπῃ. 77 C. 1. (7,1) Hilgenfeld sieht in Tertullian eine Anspielung auf diesen Vers. Zahn nimmt am Anfang des Verses den kanonischen Wortlaut an, schreibt dann aber als bezeugten Text: καθαρίσωμεν ἑαυτοὺς ἀπὸ [παντὸς? ] μολυσμοῦ σαρκὸς καὶ ἅιματος, μὴ δυναμένων χωρῆσαι τὴν βασιλείαν τοῦ θεοῦ. Harnack meint hingegen, dass lediglich folgender Wortlaut bezeugt sei: καθαρίσωμεν ἑαυτοὺς ἀπὸ μολυσμοῦ σαρκὸς καὶ ἅιματος und verweist darauf, dass Tertullian unmittelbar 2Kor 11,2 anschließt. Schmid gibt als bezeugten Text: … καθαρίσωμεν (ἑαυτοὺς) ἀπὸ (παντὸς) μολυσμοῦ σαρκὸς καὶ ἅιματος-… BeDuhn verweist darauf, dass Tertullian im Anschluss mit 1Kor 15,50 fort‐ fährt (βασιλείαν θεοῦ οὐ κληρονομήσουσιν). Wie ist der nicht bezeugte Anfang und das nicht bezeugte Ende dieses Verses einzuschätzen? Nach Blanton und anderen endet in 2Kor 7,1 das Fragmentstück eines Briefes und beginnt der zweite und letzte Teil (2Kor 7,1-4) des zweiten Briefes innerhalb der Sammlung von Briefen im Zweiten Korintherbrief. 78 2. (7,2-16) Nach allen Editoren ist der gesamte Rest des Kapitels unbezeugt, nach Zahn ist der Text auch nicht vorhanden. Harnack und Schmid sehen ihn als unbezeugt. BeDuhn vermerkt, dass eine solche Lücke bei Tertullian festzustellen ist, sie reicht übrigens weiter, und zwar bis 11,1. Eine Lücke zwischen 7,2 und 7,10 begegnet in De Paen. 2,3; eine solche zwischen 7,2 und 10,2 bei De Res. 49,11. Diese Lücken lassen BeDuhn fragen, ob Markion und Tertullian gemeinsam einen Text bezeugen, in welchem ein größeres Stück gefehlt habe, verglichen mit dem uns bekannten kanonischen Text. 79 Die Forschung hatte Kapitel 8 und 9 für einen gesonderten Paulusbrief gehalten. 80 BeDuhn nennt auch ein gewichtiges Argument, warum die Kapitel in Tertullians Exemplar gefehlt hätten, denn sie hätten ihm reichlich antimarkionitische Argumente liefern können für die enge Bindung zwischen Paulus, der Jerusalemer Gemeinde und den Aposteln wie auch das Zitat, wonach Gott die Quelle der natürlichen Güter sei (2Kor 9,9-10). 656 Rekonstruktion <?page no="1535"?> 81 T.R. Blanton IV, Paul’s Covenantal Theology in 2 Corinthians 2.14-7.4 (2012), 61. 82 Vgl. zu diesem Lexem H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateini‐ schen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 124. Nach Blanton und anderen endet in 2Kor 7,4 der zweite und letzte Teil des zweiten Briefes und 2Kor 7,5-16 umfasse den zweiten Teil des ersten Briefes innerhalb der Sammlung von Briefen im Zweiten Korintherbrief. 81 D. (7,1) Zum unbezeugten Versanfang: ταύτας steht 9 Mal im NT, ausschließlich bezeugt für die kanonische Ebene. ♦ Die Form ἔχοντες steht 46 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,31; *Röm 2,14; *Laod 2,12. ♦ ἐπαγγελία, das 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 1,20; 4,13; *Laod 1,13; 2,12. ♦ ἔχω + τὰς ἐπαγγελίας steht 1 weiteres Mal in Hebr 7,6. ♦ ἀγαπητοί steht 27 Mal im NT, davon 9 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 10,14. Für den bezeugten Versteil: καθαρίζω steht 32 / 31 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev. Das verwandte Nomen καθαρισμός, das 8 / 7 Mal im NT steht, findet sich lediglich auf der kanonischen Ebene. ♦ Das verwandte Adjektiv καθαρός, das 30 / 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch 1 Mal bezeugt für *Ev 11,41. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ Das unbezeugte παντός (Gen. Mask. / Neut. Sg.), das 32 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μολυσμός ist Hapax legomenon im NT. 82 ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4, vgl. weiter Vers 5. Zum nicht mehr bezeugten Versteil: ἐπιτελέω, das 11 / 10 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἁγιωσύνη findet sich nur 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 1,4; 1Thess 3,13). ♦ φόβος, das 61 / 47 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Wie der lexikalische Vergleich erweist, legt sich für die unbezeugten Teile nahe, dass sie auf die kanonische Redaktion zurückgehen. Für den bezeugten Teil folgt der Text dem Zeugnis Tertullians, wobei das unbezeugte und nur kanonisch belegte, vermutlich eine kanonische Steigerung ausdrückende παντός ausgelassen wurde. (7,2) χωρέω steht 11 / 10 Mal im NT, weder in *Ev noch in Lk, sondern ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 15,17; 19,11. 12; Mk 2,2; Joh 2,6; 8,37; 21,25; 2Petr 3,9). ♦ οὐδένα (Akk. Mask. Sg.), das 16 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀδικέω, das sich 32 / 28 Mal im NT findet, steht ausschließlich 3 (2Kor) 657 <?page no="1536"?> auf der kanonischen Ebene. ♦ φθείρω, das 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,17, ansonsten auf der kanonischen Ebene stehend. ♦ πλεονεκτέω, das nur 5 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Auch für den Rest dieses Kapitels wird es eine zusammenfassende Bemerkung zur Lexik am Ende des Kapitels geben. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: χωρέω; οὐδένα; ἀδικέω; πλεονεκτέω. (7,3) κατάκρισις steht nur 2 Mal im NT, das andere Mal ebenfalls auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination οὐ λέγω steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 18,22; Joh 16,26; 2Kor 7,3). ♦ προλέγω steht 18 / 15 Mal im NT und ist auch vorkanonisch bezeugt *Gal 5,21, vielleicht auch *2Kor 13,2. ♦ Die Kombination γὰρ ὅτι steht 28 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (5 Mal Mt; 4 Mal Mk; Lk 4,10; 20,19; Apg 23,5; Röm 3,2; 7,14. 18; 8,18. 22. 38; 2Kor 5,1; 7,3. 8; Gal 3,10; 4,22; Phil 1,19; Phlm 1,22; Hebr 4 Mal). ♦ Die Kombination ὅτι ἐν steht 35 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 8,2. ♦ καρδία, das 173 / 157 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 4,5; 14,25; *2Kor 3,15; 4,6; *Röm 2,15. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19. ♦ συναποθνήσκω steht nur 3 Mal im NT, die beiden anderen Male ebenfalls auf der kanonischen Ebene (Mk 14,31; 2Tim 2,11). ♦ Auch συζῶ oder συζάω steht nicht oft, insgesamt nur 4 Mal und nur auf der kanonischen Ebene belegt, in 2Tim 2,11, dann auch in Röm 6,8. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: κατάκρισις; οὐ λέγω; γὰρ ὅτι; ὅτι ἐν; συναποθνήσκω; συζῶ. (7,4) πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.), das 121 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Verseröffnung πολλή μοι steht nur hier. ♦ παρρησία, das 32 / 31 Mal im NT steht, ist kanonisch bezeugt für *Laod 6,19. ♦ Die unscheinbare Wendung πρὸς ὑμᾶς, die 71 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 3,1. ♦ καύχησις steht 13 / 11 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,30. ♦ Die Kombination ὑπὲρ ὑμῶν steht 23 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,13. ♦ πληρόω, das 91 / 87 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,3. 14; *Röm 8,4 und 13,8. ♦ παράκλησις, das 30 / 29 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,24. ♦ ὑπερπερισσεύω steht nur 2 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,20. ♦ χαρά, das 62 / 59 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πάσῃ (Dat. Fem. Sg.), das 44 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Thess 2,9. ♦ θλῖψις, das 60 / 45 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für 658 Rekonstruktion <?page no="1537"?> *Röm 12,12, *2Thess 1,6; *Kol 1,24. ♦ Die Kombination θλίψει ἡμῶν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 1,4; 7,4; 1Thess 3,7). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: πρὸς ὑμᾶς; ὑπὲρ ὑμῶν; χαρά; θλίψει ἡμῶν. (7,5) Die Kombination καὶ γάρ steht 39 Mal im NT, davon 24 Mal als Verseröffnung, weiter vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,4 (als Verseröffnung); *1Kor 5,7 (im Vers). ♦ Μακεδονία steht 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ οὐδεμία(ν) steht 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἄνεσις steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Thess 1,7. ♦ Zu σάρξ vgl. zuvor zu Vers 1. ♦ Zu παντί, das 59 Mal im NT steht, vgl. weiter unten Verse 11 und 16. ♦ Die Kombination ἐν παντί (Neut.) steht 20 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt, vgl. zu 2Kor 9,11. ♦ Die Wendung ἐν παντὶ θλιβόμενοι steht noch 1 Mal 2Kor 4,8 (vielleicht hier auch vorkanonisch). ♦ ἔξωθεν steht 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,39. 40. ♦ μάχη steht 5 / 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἔσωθεν steht 13 / 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,39. 40; *2Kor 4,16. ♦ φόβος, das 61 / 47 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Μακεδονία; οὐδεμία(ν); ἐν παντὶ θλιβόμενοι; μάχη; φόβος. (7,6) ἀλλ’ ὁ steht 25 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23 (als Verseröffnung); *2Kor 4,16 (im Vers). ♦ παρακαλέω, das 115 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,25; *2Kor 12,7. ♦ Die Form ὁ παρακαλῶν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 12,8; 2Kor 1,4; 7,6). ♦ ταπεινός steht 11 / 8 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 12,16. ♦ Die Form παρεκάλεσεν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 8,31; 16,15; 2Kor 7,6). ♦ παρακαλέω + ἡμᾶς steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 1,4; 7,6; 8,6). ♦ Die Wendung ἐν τῇ παρουσίᾳ steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Thess 5,23. ♦ Τίτος, der 13 Mal im NT erwähnt wird, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,3. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὁ παρακαλῶν; παρεκάλεσεν; παρακαλέω + ἡμᾶς. (7,7) μόνον, das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,10; *1Kor 7,39. ♦ Die Kombination οὐ μόνον δέ steht 9 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Apg 19,27; Röm 5,3. 11; 8,23; 9,10; 2Kor 7,7; 8,19; im Vers: 1Tim 5,13; 2Tim 4,8), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum kanonisch bezeugten ἐν τῇ παρουσίᾳ vgl. zum voranstehenden Vers 7,6. ♦ Die erweiterte Form ἐν τῇ παρουσίᾳ 3 (2Kor) 659 <?page no="1538"?> αὐτοῦ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν τῇ παρακλήσει steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 9,31; 15,31; Röm 12,8; 2Kor 7,4. 13; 1Tim 4,13). ♦ Die Wendung ἐφ’ ὑμῖν steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 16,19, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 2Kor 7,7; 9,14; 1Thess 3,7). ♦ ἀναγγέλλω steht 20 / 14 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ ἐπιπόθησις steht 2 Mal im NT, auch das andere Mal auf der kanonischen Ebene (2Kor 7,7. 11). ♦ ὀδυρμός steht noch 1 weiteres Mal auf kanonischer Ebene (Mt 2,18). ♦ Die Kombination ὥστε με steht 1 weiteres Mal in Röm 15,19 auf der kanonischen Ebene. ♦ χαίρω, das 76 / 74 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,8; *1Kor 7,30; *Röm 12,12, vgl. weiter die Verse 9. 13. 16. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὐ μόνον δέ; ἐν τῇ παρουσίᾳ; ἐν τῇ παρακλήσει; ἐφ’ ὑμῖν; ἀναγγέλλω; ὀδυρμός; ὥστε με. (7,8) Die Kombination ὅτι εἰ steht 12 Mal im NT, davon 4 Mal als Verseröffnung (als Verseröffnung: Lk 23,31; 2Kor 7,8. 14; Jak 1,23; im Vers: Mt 3 Mal; Lk 10,13; 12,39; 19,42; Gal 4,15; 2Thess 3,10), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ λυπέω steht 30 / 26 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐπιστολή steht 25 / 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μεταμέλομαι steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im NT findet, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 4,18. ♦ Die Wendung εἰ καί steht 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,8; *2Kor 4,16. ♦ ἐκεῖνος, das 265 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,11; *Laod 2,12. ♦ πρὸς ὥραν steht 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,5. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὅτι εἰ; λυπέω; ἐπιστολή; μεταμέλομαι. (7,9) νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ Zum vorkanonischen χαίρω vgl. zuvor zu Vers 7 und weiter Verse 13. 16. ♦ Die Kombination und Verseröffnung νῦν χαίρω steht noch 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene, Kol 1,24. ♦ οὐχ, das 105 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 10,3; *Phil 1,17; 2,6, vgl. weiter unten Vers 12. ♦ Die Kombination οὐχ ὅτι steht 12 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 1,24. ♦ Zum kanonischen λυπέω vgl. den voranstehenden Vers 7,8. ♦ Die Wendung εἰς μετάνοιαν steht 6 Mal im NT, Lk 5,32, in einer Vershälfte, die in *Ev fehlt und die bereits Klinghardt als „eine typische Ergänzung der kanonischen Ausgabe“ gehalten hat (z.St.), ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden (Mt 3,11; Lk 5,32; Röm 2,4; 2Kor 7,9; Hebr 6,6; 2Petr 3,9). ♦ Die Wendung κατὰ θεόν steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen 660 Rekonstruktion <?page no="1539"?> Ebene (Röm 8,27; 2Kor 7,9. 10. 11; Eph 4,24; 1Petr, 4,6; 5,2). ♦ Die Wendung ἐν μηδενί steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor 6,3. ♦ ζημιόω steht 7 / 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐξ ἡμῶν steht 9 Mal im NT, davon 1 Mal als Verseröffnung (als Verseröffnung: 1Joh 2,19; im Vers: Lk 24,22, wo diese Wendung in *Ev fehlt; Apg 15,24; 2Kor 4,7; 7,9; 8,7), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: νῦν χαίρω; οὐχ ὅτι; λυπέω; εἰς μετάνοιαν; κατὰ θεόν; ἐν μηδενί; ζημιόω; ἐξ ἡμῶν. (7,10) Die Wendung ἡ γάρ steht 24 Mal im NT, davon 15 Mal als Verseröffnung, als Verseröffnung vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,19. ♦ Die Wendung κατὰ θεόν steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zum voranstehenden Vers 7,9. ♦ λύπη steht 17 / 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μετάνοια steht 24 / 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ σωτηρία, das 50 / 46 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,16. ♦ Die Wendung εἰς σωτηρίαν steht 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,16. ♦ ἀμεταμέλητος steht nur hier und nochmals auf der kanonischen Ebene in Röm 11,29. ♦ ἐργάζομαι steht 51 / 41 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 6,10; *2Kor 11,13. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ κατεργάζομαι steht 25 / 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: κατὰ θεόν; λύπη; μετάνοια; ἀμεταμέλητος; κατεργάζομαι. (7,11) ἰδοὺ γάρ steht 7 Mal im NT, als Verseröffnung nur hier und auf der kanonischen Ebene in Lk 1,44, in einem Vers, der in *Ev fehlt; im Vers in Lk 1,48; 2,10; 6,20, in drei Versen, die in *Ev fehlen, dann in Apg 9,11 und 2Kor 7,11, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 17,21. ♦ Die Wendung αὐτὸ τοῦτο steht nur hier. ♦ Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ findet sich 49 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 19,47, wiederum in einem Vers, der in *Ev fehlt; 14 Mal in Apg; Röm 1,15; 8,12. 28; 9,5. 11; 11,21. 24; 16,5, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,19; 2Kor 7,11; 10,7; 11,28; Gal 4,29; Eph 1,15; 4,24; 5,33; 5,6. 21; Phil 1,12; Kol 3,22; 4,7. 15; 1Tim 6,3; Tit 1,1. 9; Phlm 1,2; Hebr 11,7; Jak 3,9; 1Petr 1,3). ♦ Die Wendung κατὰ θεόν steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zum voranstehenden Vers 7,9. ♦ Zum kanonischen λυπέω vgl. den voranstehenden Vers 7,8. ♦ πόσος steht 27 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ κατεργάζομαι steht 25 / 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ σπουδή steht 12 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene anzutreffen. ♦ ἀπολογία steht 9 / 8 Mal im NT, ausschließlich auf 3 (2Kor) 661 <?page no="1540"?> der kanonischen Ebene. ♦ ἀγανάκτησις ist Hapax legomenon im NT. ♦ φόβος, das 61 / 47 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu dem kanonischen ἐπιπόθησις vgl. zuvor zu Vers 7,7. ♦ ζῆλος steht 22 / 16 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,20. ♦ ἐκδίκησις steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,7; Röm 12,19; *2Thess 1,8. ♦ Die Kombination ἐν παντί (Neut.) steht 20 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt, vgl. zu 2Kor 9,11. ♦ συνίστημι („stehen mit“) steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἁγνός steht 8 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 11,2. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,33 und *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ Die Wendung τῷ πράγματι steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, 1Thess 4,6. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung ἰδοὺ γάρ; Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ; κατὰ θεόν; λυπέω; πόσος; κατεργάζομαι; σπουδή; ἀπολογία; φόβος; ἐπιπόθησις; ἐν παντί; συνίστημι; τῷ πράγματι. (7,12) ἄρα steht 49 Mal im NT, davon 17 Mal als Verseröffnung (als Verseröffnung: Mt 7,20; Lk 11,48; Röm 5,18; 7,3; 8,12; 9,16. 18; 10,27; 14,12. 19; 1Kor 15,18; 2Kor 7,12; Gal 6,10; Eph 2,19; 1Thess 5,6; 2Thess 2,15; Hebr 4,9; im Vers: 6 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 1,66; 8,25; 11,20; 12,42; 22,23; 5 Mal Apg; Röm 7,21. 25; 8,1; 1Kor 5,10; 7,14; 15,14. 15; 2Kor 1,17; 5,14; Gal 2,21; 3,7. 29; 5,11; Hebr 12,8), vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,20; *Gal 4,31 (als Verseröffnung); 6,10; *1Kor 15,14 ♦ Die Wendung εἰ καί steht 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,8; *2Kor 4,16. ♦ Die Kombination ἔγραψα ὑμῖν steht 11 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (hier, 1Kor 5,9; 1Joh 2,14) nur auf der kanonischen Ebene, Röm 15,15, in einem Vers, der in *Röm gefehlt hat, 1Kor 5,9. 11; 2Kor 2,4; 7,12; 1Joh 2,14. 21. 26; 5,13, vgl. zuvor 1Kor 5,9. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten οὐχ vgl. zuvor zu Vers 9. ♦ ἕνεκα steht 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἀδικέω steht 32 / 28 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ φανερόω, das 54 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 2,14; 3,3; 4,10. 11; 5,10; *Röm 3,21; *Kol 3,4. ♦ σπουδή steht 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ὑπὲρ ἡμῶν steht 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,13. ♦ Die unscheinbare Wendung πρὸς ὑμᾶς, die 71 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 3,1. ♦ Die Kombination ἐνώπιον τοῦ θεοῦ steht 25 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 1,29. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἔγραψα ὑμῖν; ἀδικέω; σπουδή; πρὸς ὑμᾶς; ἐνώπιον τοῦ θεοῦ. 662 Rekonstruktion <?page no="1541"?> (7,13) διὰ τοῦτο, das 64 Mal im NT steht, davon 38 Mal als Verseröffnung, ist vorkanonisch bezeugt für *2Thess 2,11 (im Vers). ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten παρακαλέω vgl. zuvor zu Vers 7,6. ♦ Die Kombination ἐπὶ δέ steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Lk 5,5. ♦ παράκλησις steht 30 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,24. ♦ Die Form τῇ παρακλήσει steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Apg; Röm 12,8; 2Kor 7,4. 13; 1Tim 4,13). ♦ περισσοτέρως, das 15 Mal im NT steht, vorwiegend in paulinischen Briefen, und vorkanonisch bezeugt ist für *Phil 1,14, vgl. weiter zu Vers 15. ♦ μᾶλλον, das 85 Mal im NT begegnet, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,13; *2Kor 3,8. 11; 5,8. ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten χαίρω vgl. zuvor zu den Versen 7. 9 und weiter Vers 16. ♦ χαρά steht 62 / 59 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Τίτος begegnet 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,3. ♦ ἀναπαύω steht 15 / 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung τὸ πνεῦμα αὐτοῦ steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Apg 17,16. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,18; *Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17, vgl. weiter unten zu Vers 15. ♦ Die Wendung ἀπὸ πάντων steht 3 Mal im NT, Lk 7,35; 24,27, in zwei Versen, die in *Ev fehlen; 2Kor 7,13, also jeweils auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung διὰ τοῦτο; ἐπὶ δέ; τῇ παρακλήσει; χαρά; ἀναπαύω; τὸ πνεῦμα αὐτοῦ; ἀπὸ πάντων. (7,14) Die Kombination ὅτι εἴ steht 12 Mal im NT, davon 4 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Lk 23,31; 2Kor 7,8. 14; Jak 1,23; im Vers: 3 Mal Mt; Lk 10,13; 12,39; 19,42, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Gal 4,15; 2Thess 3,10), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination εἴ τι steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 18,28; Mk 9,22; 11,25; Apg 24,19; 2Kor 2,10; 7,14; Phil 3,15). ♦ Die Kombination ὑπὲρ ὑμῶν steht 23 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,13. ♦ καυχάομαι steht 39 / 37 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29. 31; 3,21. ♦ καταισχύνω steht 14 / 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,17; *1Kor 1,27. ♦ Die Kombination ἀλλ’ ὡς steht 17 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 4,14. ♦ die Wendung ἐν ἀληθείᾳ steht 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 6,14. ♦ Die Kombination οὕτως καί steht 47 Mal im NT, davon 18 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 3 Mal Mt; Mk 13,29; Lk 17,10; 21,31; Röm 6,11; 11,31; 1Kor 9,14; 14,9. 12; 15,42. 45; Gal 4,3; Hebr 5,5; 9,28; Jak 2,17; 3,5; im Vers: 2 Mal Mt; Mk 7,18; 2 Mal Joh; Röm 5,15. 18. 19. 21; 6,4; 1Kor 2,11; 11,12; 12,12; 15,22; 16,1; 2Kor 1,7; 7,14; 8,6. 11; 10,7; Gal 4,29; Eph 5,24; Kol 3,13; 1Thess 4,14; 2Tim 3 (2Kor) 663 <?page no="1542"?> 3,8; Hebr 4,4; 5,3; Jak 1,11; 2,26), vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,31 (Verseröffnung); *1Kor 15,22. 42; *Röm 5,21. ♦ καύχησις steht 13 / 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,31. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung ὅτι εἴ; εἴ τι; ὑπὲρ ὑμῶν; ἀλλ’ ὡς. Man bemerke die Nähe von *Laod zur kanonischen Lexik. (7,15) σπλάγχνον steht 12 / 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten περισσοτέρως vgl. zuvor zu Vers 13. ♦ εἰς ὑμᾶς steht 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,6, vgl. 1Thess 4,8. ♦ ἀναμιμνήσκω steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu πάντων vgl. zuvor zu Vers 13. ♦ ὑπακοή steht 16 / 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ φόβος, das 61 / 47 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ τρόμος, das 5 Mal im NT begegnet, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination beider Begriffe findet sich wiederholt auf dieser Ebene, 1Kor 2,3 (ἐν φόβῳ καὶ ἐν τρόμῳ) und Phil 2,12 (μετὰ φόβου καὶ τρόμου), vgl. ähnlich auch Eph 6,5. ♦ αὐτόν, das 841 Mal im Neuen Testament steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 2,16; 15,25l *2Thess 2,4; *Laod 1,20; *Kol 1,20. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: σπλάγχνον; ἀναμιμνήσκω; ὑπακοή; φόβος; τρόμος. Dass εἰς ὑμᾶς nur durch *Kol vorkano‐ nisch bezeugt ist, zeigt die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Sprache. (7,16) Zu χαίρω vgl. zuvor zu den Versen 7. 9. 13. ♦ Die Kombination ὅτι ἐν steht 35 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 8,2. ♦ θαρσέω steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: θαρσέω; ὅτι ἐν; ἐν ὑμῖν. Die Lexik aller Verse, die jeweils mehrere Elemente aufweisen - selbst in dem kurzen Schlussvers - und ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind, erweist, dass diese Verse nicht nur vorkanonisch unbezeugt, sondern ein Produkt der kanonischen Redaktion sind und vorkanonisch gefehlt haben. 664 Rekonstruktion <?page no="1543"?> [Kapitel 8] [8],[1-24]: [Die Spendenaktion und Titus] Dieses Kapitel ist vorkanonisch unbezeugt. Der kanonischen Redaktion dient es, das „Liebeswerk“ oder die Spendensammlung einzuführen und Titus als Ansprechpartner hierfür zu präsentieren. - 8,1 Γνωρίζομεν δὲ ὑμῖν, ἀδελφοί, τὴν χάριν τοῦ θεοῦ τὴν δεδομένην ἐν ταῖς ἐκκλησίαις τῆς Μακεδονίας, 2 ὅτι ἐν πολλῇ δοκιμῇ θλίψεως ἡ περισσεία τῆς χαρᾶς αὐτῶν καὶ ἡ κατὰ βάθους πτωχεία αὐτῶν ἐπερίσσευσεν εἰς τὸ πλοῦτος τῆς ἁπλότητος αὐτῶν· 3 ὅτι κατὰ δύναμιν, μαρτυρῶ, καὶ παρὰ δύναμιν, αὐθαίρετοι 4 μετὰ πολλῆς παρακλήσεως δεόμενοι ἡμῶν τὴν χάριν καὶ τὴν κοινωνίαν τῆς διακονίας τῆς εἰς τοὺς ἁγίους 5 καὶ οὐ καθὼς ἠλπίσαμεν ἀλλὰ ἑαυτοὺς ἔδωκαν πρῶτον τῷ κυρίῳ καὶ ἡμῖν διὰ θελήματος θεοῦ, 6 εἰς τὸ παρακαλέσαι ἡμᾶς Τίτον ἵνα καθὼς προενήρξατο οὕτως καὶ ἐπιτελέσῃ εἰς ὑμᾶς καὶ τὴν χάριν ταύτην. 7 ἀλλ’ ὥσπερ ἐν παντὶ περισσεύετε, πίστει καὶ λόγῳ καὶ γνώσει καὶ πάσῃ σπουδῇ καὶ τῇ ἐξ ἡμῶν ἐν ὑμῖν ἀγάπῃ, ἵνα καὶ ἐν ταύτῃ τῇ χάριτι περισσεύητε. 8 Οὐ κατ’ ἐπιταγὴν λέγω, ἀλλὰ διὰ τῆς ἑτέρων σπουδῆς καὶ τὸ τῆς ὑμετέρας ἀγάπης γνήσιον δοκιμάζων· 9 γινώσκετε γὰρ τὴν χάριν τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, ὅτι δι’ ὑμᾶς ἐπτώχευσεν πλούσιος ὤν, ἵνα ὑμεῖς τῇ ἐκείνου πτωχείᾳ πλουτήσητε. 10 καὶ γνώμην ἐν τούτῳ δίδωμι· τοῦτο γὰρ ὑμῖν συμφέρει, οἵτινες οὐ μόνον τὸ ποιῆσαι ἀλλὰ καὶ τὸ θέλειν προενήρξασθε ἀπὸ πέρυσι· 11 νυνὶ δὲ καὶ τὸ ποιῆσαι ἐπιτελέσατε, ὅπως καθάπερ ἡ προθυμία τοῦ θέλειν οὕτως καὶ τὸ ἐπιτελέσαι ἐκ τοῦ ἔχειν. 12 εἰ γὰρ ἡ προθυμία πρόκειται, καθὸ ἐὰν ἔχῃ εὐπρόσδεκτος, οὐ καθὸ οὐκ ἔχει. 13 οὐ γὰρ ἵνα ἄλλοις ἄνεσις, ὑμῖν θλῖψις· ἀλλ’ ἐξ ἰσότητος 14 ἐν τῷ νῦν καιρῷ τὸ ὑμῶν περίσσευμα εἰς τὸ ἐκείνων ὑστέρημα, ἵνα καὶ τὸ ἐκείνων περίσσευμα γένηται εἰς τὸ ὑμῶν ὑστέρημα, ὅπως γένηται ἰσότης· 15 καθὼς γέγραπται, Ὁ τὸ πολὺ οὐκ ἐπλεόνασεν, καὶ ὁ τὸ ὀλίγον οὐκ ἠλαττόνησεν. 16 Χάρις δὲ τῷ θεῷ τῷ δόντι τὴν αὐτὴν σπουδὴν ὑπὲρ 3 (2Kor) 665 <?page no="1544"?> 83 T.R. Blanton IV, Paul’s Covenantal Theology in 2 Corinthians 2.14-7.4 (2012), 61. ὑμῶν ἐν τῇ καρδίᾳ Τίτου, 17 ὅτι τὴν μὲν παράκλησιν ἐδέξατο, σπουδαιότερος δὲ ὑπάρχων αὐθαίρετος ἐξῆλθεν πρὸς ὑμᾶς. 18 συνεπέμψαμεν δὲ μετ’ αὐτοῦ τὸν ἀδελφὸν οὗ ὁ ἔπαινος ἐν τῷ εὐαγγελίῳ διὰ πασῶν τῶν ἐκκλησιῶν 19 οὐ μόνον δὲ ἀλλὰ καὶ χειροτονηθεὶς ὑπὸ τῶν ἐκκλησιῶν συνέκδημος ἡμῶν σὺν τῇ χάριτι ταύτῃ τῇ διακονουμένῃ ὑφ’ ἡμῶν πρὸς τὴν [αὐτοῦ] τοῦ κυρίου δόξαν καὶ προθυμίαν ἡμῶν 20 στελλόμενοι τοῦτο μή τις ἡμᾶς μωμήσηται ἐν τῇ ἁδρότητι ταύτῃ τῇ διακονουμένῃ ὑφ’ ἡμῶν· 21 προνοοῦμεν γὰρ καλὰ οὐ μόνον ἐνώπιον κυρίου ἀλλὰ καὶ ἐνώπιον ἀνθρώπων. 22 συνεπέμψαμεν δὲ αὐτοῖς τὸν ἀδελφὸν ἡμῶν ὃν ἐδοκιμάσαμεν ἐν πολλοῖς πολλάκις σπουδαῖον ὄντα, νυνὶ δὲ πολὺ σπουδαιότερον πεποιθήσει πολλῇ τῇ εἰς ὑμᾶς. 23 εἴτε ὑπὲρ Τίτου, κοινωνὸς ἐμὸς καὶ εἰς ὑμᾶς συνεργός· εἴτε ἀδελφοὶ ἡμῶν, ἀπόστολοι ἐκκλησιῶν, δόξα Χριστοῦ. 24 τὴν οὖν ἔνδειξιν τῆς ἀγάπης ὑμῶν καὶ ἡμῶν καυχήσεως ὑπὲρ ὑμῶν εἰς αὐτοὺς ἐνδεικνύμενοι εἰς πρόσωπον τῶν ἐκκλησιῶν. A. Das Kapitel ist vorkanonisch unbezeugt. B. (8,3) παρά bieten die Zeugen P 99 , 01, 03, 04, 06, 010, 012, 0243, 6, 33, 81, 1175, 1739, 1881, 2464, das von NA 28 übernommen wurde; an dessen Stelle liest man ὑπέρ in den Zeugen 018, 020, 025, 044, 104, 365, 630, 1241, 1505, M. C. (8,1-24) Dieses Kapitel ist nach allen Editoren unbezeugt und von der vorka‐ nonischen Ebene abwesend. Nach Blanton und anderen stellt 2Kor 8,1-24 ein eigenständiger, dritter Brief innerhalb der Sammlung von Briefen im Zweiten Korintherbrief dar. 83 D. (8,1) Die Verseröffnung γνωρίζω + δὲ ὑμῖν, ἀδελφοί findet sich noch 1 weiteres Mal auf kanonischer Ebene, 1Kor 15,1. ♦ Die Wendung τὴν χάριν τοῦ θεοῦ steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Ausdruck ἐν ταῖς ἐκκλησίαις 666 Rekonstruktion <?page no="1545"?> steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 14,21b = 14,34. ♦ Μακεδονία steht 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Auch zu diesem Kapitel wird erst am Ende eine kurze Gesamteinschätzung gegeben, während am Ende eines jeden Verses lediglich die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elemente aufgezählt werden. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: γνωρίζω + δὲ ὑμῖν, ἀδελφοί; τὴν χάριν τοῦ θεοῦ; ἐν ταῖς ἐκκλησίαις; Μακεδονία. (8,2) Die Kombination ὅτι ἐν steht 35 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 1Kor 1,5; 2Kor 8,2; Kol 1,16. 19; 2,9; im Vers: 2 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 2,49; 4,32. 36; 19,17; 23,40; 4 Mal Joh; Apg 4,10; 1Kor 3,13; 14,21; 2Kor 1,12; 3,14; 7,3. 16; Phil 1,20; 4,15; 1Tim 4,1; 2Tim 3,1; Hebr 11,18; 1Joh 2,5; 4,13; 3 Mal Apk), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.), das 121 Mal im NT steht, ist vorkanonisch belegt für *Ev 12,48; 21,27, vgl. weiter die Verse 4. 15. 22. ♦ δοκιμή, das 7 Mal im NT steht, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ θλῖψις steht 60 / 45 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,12, *2Thess 1,6; *Kol 1,24. ♦ περισσεία steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 5,17; 2Kor 10,15; Jak 1,21). ♦ χαρά steht 62 / 59 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15. ♦ βάθος, das 10 / 8 Mal im NT steht und vorkanonisch 1 Mal bezeugt ist für *Röm 11,33. ♦ πτωχεία steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 8,2. 9; Apk 2,9). ♦ περισσεύω steht 42 / 39 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πλοῦτος steht 31 / 22 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt wiederum für *Röm 11,33 und dann für *Laod 1,18. ♦ ἁπλότης steht 9 / 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Kombination ὅτι ἐν; δοκιμή; περισσεία; χαρά; πτωχεία; περισσεύω; ἁπλότης. (8,3) Die Wendung κατὰ δύναμιν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ μαρτυρέω steht 90 / 76 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form μαρτυρῶ steht 6 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene; vgl. zu Gal 4,15. ♦ παρά, das 217 / 194 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,37 und *Gal 1,8. 12; *1Kor 3,19; *Röm 2,13; 12,16; *2Thess 1,6. ♦ αὐθαίρετος findet sich 2 Mal im NT, gleich noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene weiter unten in Vers 17. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: κατὰ δύναμιν; μαρτυρῶ; αὐθαίρετος. 3 (2Kor) 667 <?page no="1546"?> (8,4) Zu πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.) vgl. zuvor den Vers 2 und nachfolgend die Verse 15 und 22. ♦ Die Wendung μετὰ πολλῆς steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Apg 25,23. ♦ παράκλησις steht 30 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,24. ♦ Die Form δεόμενοι steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 21,36; 2Kor 8,4; 1Thess 3,10). ♦ κοινωνία steht 21 / 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ διακονία steht 35 / 34 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung εἰς τοὺς ἁγίους steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 16,1; 2Kor 8,4; 9,1). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: μετὰ πολλῆς; δεόμενοι; κοινωνία; διακονία; εἰς τοὺς ἁγίους. (8,5) Die Kombination καὶ οὐ steht 205 Mal im NT, davon 32 Mal als Verseröffnung wie hier, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,46; *1Kor 10,20; *Kol 2,19 (als Verseröffnung). ♦ καθώς steht 186 / 182 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,21; *1Kor 1,31; 10,6; 14,34; 15,49; *Laod 5,29; *Kol 1,6. ♦ ἐλπίζω steht 32 / 31 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Form ἔδωκαν steht 17 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (5 Mal Mt, Mk 15,1; Lk 1,2, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 24,20. 42; Joh 18,35; Apg 1,26; 15,30; 2Kor 8,5; Gal 2,9; Eph 4,19; Apk 11,13; 20,13). ♦ πρώτον / πρῶτος, das 70 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,46; *1Thess 4,16; *2Thess 2,3. ♦ Die Wendung τῷ κυρίῳ steht 42 im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,13. ♦ Die Wendung διὰ θελήματος θεοῦ steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 15,32, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 1,1; 2Kor 1,1; 8,5; Eph 1,1; Kol 1,1; 2Tim 1,1). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἔδωκαν; διὰ θελήματος θεοῦ. (8,6) παρακαλέω steht 115 / 109 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,25; *2Kor 12,7. ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten Τίτος vgl. zuvor 7,13. ♦ Die Wendung ἵνα καθώς steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,31. ♦ προενάρχομαι steht nur noch 1 weiteres Mal in Vers 10 auf derselben kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination οὕτως καί steht 47 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,31 (Verseröffnung); *1Kor 15,22. 42; *Röm 5,21, vgl. zuvor 7,14. ♦ ἐπιτελέω steht 11 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ εἰς ὑμᾶς steht 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,6, vgl. 1Thess 4,8. ♦ ταύτην, das 55 Mal im NT, etwa Lk 13,6; 18,9; 20,9. 19; 24,21, in Versen oder Versteilen, die in *Ev fehlen, vorkanonisch nur bezeugt für *Ev 13,16. ♦ Die Wendung τὴν χάριν ταύτην steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Röm 5,2. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: προενάρχομαι; ἐπιτελέω; τὴν χάριν ταύτην. Dass εἰς ὑμᾶς nur durch *Kol 668 Rekonstruktion <?page no="1547"?> vorkanonisch bezeugt ist, zeigt die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kano‐ nischen Sprache. (8,7) Die Kombination ἀλλ’ ὥσπερ steht noch 1 weiteres Mal, ebenfalls als Verseröff‐ nung, Gal 4,29. ♦ Die Kombination ἐν παντί (Neut.) steht 20 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt, vgl. zu 2Kor 9,11. ♦ περισσεύω steht 42 / 39 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form πίστει steht 58 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (6 Mal Apg; Röm 3,28; 4,19. 20; 5,2; 11,20; 14,1; 1Kor 16,13; 2Kor 1,24; 8,7; 13,5; Gal 2,20; Phil 1,27; 3,9; Kol 1,23; 2,7; 2Thess 2,13; 1Tim 1,2. 4; 2,7. 15; 3.13; 4,12; 2Tim 1,13; Tit 1,13; 2,2; 3,15; Hebr 4,2 und 18 Mal als Verseröffnung in Hebr; Jak 1,6; 2,5; 1Petr 5,9; 2Petr 1,5; Jud 1,3. 20). ♦ Die Form λόγῳ steht 45 Mal im NT, 18 Mal als Verseröffnung in Hebr, vorkanonisch bezeugt im Vers für *Kol 1,5. ♦ Die Form γνώσει steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 1,5; 8,11; 14,6; 2Kor 6,6; 8,7; 11,6; 2Petr 1,6; 3,18). ♦ πάσῃ (Dat. Fem. Sg.), das 44 Mal im NT steht, etwa Lk 7,17, in einem Vers, der in *Ev fehlt, vorkanonisch nur bezeugt ist für *2Thess 2,9. ♦ σπουδή, das 12 Mal im NT steht, jedoch ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt ist. ♦ Die Wendung ἐξ ἡμῶν steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor 7,9. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form χάριτι steht 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 1,4. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀλλ’ ὥσπερ; περισσεύω; πίστει; γνώσει; σπουδή; ἐξ ἡμῶν; ἐν ὑμῖν; χάριτι. Wieder ist bemer‐ kenswert, dass ausgerechnet die beiden *Deuteropaulinen *Kol und *2Thess in ihrer Lexik der kanonischen Ebene nahestehen. (8,8) Die Kombination οὐ κατ’ steht 11 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung wie hier (2Kor 8,8; Hebr 8,9; im Vers: Röm 10,2; 1Kor 2,1; 7,6; 2Kor 10,3; 11,17; Kol 2,8; 2Tim 1,9; Hebr 7,11. 16), vorkanonisch bezeugt für *Röm 10,2 (im Vers). ♦ ἐπιταγή steht 8 / 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἀλλὰ διά steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,1. ♦ σπουδή, das 12 Mal im NT steht, jedoch ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt ist. ♦ ὑμέτερος, das 11 Mal im NT steht, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ γνήσιος steht 5 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene belegt (2Kor 8,8; Phil 4,3; 1Tim 1,2. 4). ♦ δοκιμάζω steht 25 / 22 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,56; *1Kor 3,13. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung οὐ κατ’; ἐπιταγή; σπουδή; γνήσιος. 3 (2Kor) 669 <?page no="1548"?> (8,9) γινώσκετε steht 24 Mal im NT, davon als Verseröffnung 3 Mal (Verseröffnung: 2Kor 8,9; Gal 3,7; Hebr 13,23; im Vers: 4 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 12,39; 21,30. 31), vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,11. ♦ Die Formel τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ steht 34 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 1,3; *1Thess 5,23; *Laod 1,17. ♦ πτωχεύω ist Hapax legomenon im NT. ♦ πλούσιος steht 30 / 28 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt - allerdings in negativer Bedeutung im Wehruf bzw. im Gleichnis - in *Ev 6,24; 12,16. ♦ Die Verbform ὤν, die 48 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,6; *Gal 2,3. ♦ Zum kanonischen πτωχεία vgl. zuvor zu Vers 2. ♦ πλουτέω steht 18 / 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung γινώσκετε; πτωχεία; πλουτέω. (8,10) γνώμη steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ τούτῳ (Dat. Mask. / Neut. Sg.), das 88 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 19,9. ♦ Die Kombination ἐν τούτῳ begegnet 28 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, davon 11 Mal als Verseröffnung, vgl. zuvor 5,2. ♦ τοῦτο γάρ steht 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,10. ♦ συμφέρω steht 19 / 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ὅστις, das 165 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. ♦ Die Form οἵτινες steht 60 Mal im NT (davon 15 Mal als Verseröffnung), Lk 1,20; 9,30; 15,7 in Versen oder Versteilen, die in *Ev fehlen, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4; *2Thess 1,9. ♦ μόνον, das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,10; *1Kor 7,39. ♦ Die Kombination οὐ μόνον steht 27 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung, im Vers vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,25; vgl. zu Röm 9,24. ♦ Der Ausdruck τὸ ποιῆσαι steht nur hier, im voranstehenden Vers 8,10 und Hebr 13,21, also jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Ausdruck τὸ θέλειν steht nur noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Phil 2,13. ♦ προενάρχομαι steht nur noch 1 weiteres Mal in Vers 6 auf derselben kanonischen Ebene. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ πέρυσι steht 2 Mal im NT, 1 weiteres Mal ebenso auf der kanonischen Ebene im selben Brief (2Kor 9,2). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: γνώμη; ἐν τούτῳ; συμφέρω; τὸ ποιῆσαι; τὸ θέλειν; προενάρχομαι; πέρυσι. (8,11) Die Satzeröffnung νυνὶ δέ steht 18 Mal im NT, davon 14 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 3,21; 6,22; 7,6. 17; 15,23. 25; 1Koer 12,18; 13,13; 15,20; 2Kor 8,11; Eph 2,13; Kol 1,22; 3,8; Hebr 8,6; im Vers: 2Kor 8,22; Phlm 1,9. 11; Hebr 9,26), vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,13. ♦ Die Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal 670 Rekonstruktion <?page no="1549"?> im NT, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum kanonischen τὸ ποιῆσαι vgl. zum voranstehenden Vers 8,10. ♦ Zum kanonischen ἐπιτελέω vgl. zuvor 8,6. ♦ ὅπως, das 58 / 53 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,4; *1Kor 1,29. ♦ καθάπερ steht 14 / 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 12,12. ♦ προθυμία steht 5 Mal im NT (man vgl. auch weiter unten die Verse 12. 19 und 2Kor 9,2, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 17,11; 2Kor 8,11. 12. 19; 2Kor 9,2). ♦ Der Infinitiv θέλειν steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 7,18; 2Kor 8,10. 11; Phil 2,13). ♦ Die Kombination οὕτως καί steht 47 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,31 (Verseröffnung); *1Kor 15,22. 42; *Röm 5,21, vgl. zuvor 7,14. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: δὲ καί; τὸ ποιῆσαι; ἐπιτελέω; καθάπερ; προθυμία; θέλειν. (8,12) Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröff‐ nung, als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. ♦ Zum kanonischen προθυμία vgl. zum voranstehenden Vers, und dem nachfolgenden Vers 19. ♦ πρόκειμαι steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 8,12; Hebr 6,18; 12,1. 2; Jud 1,7). ♦ καθό, das 3 Mal im NT steht, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ εὐπρόσδεκτος steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἰ γάρ; προθυμία; πρόκειμαι; καθό; εὐπρόσδεκτος. (8,13) Die Kombination οὐ γάρ steht 80 Mal im NT, davon 46 Mal als Verseröffnung, Lk 23,34, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,16; 2,13 (beide Male als Verseröffnung); *1Kor 21b-c↑34 im Vers. ♦ ἄνεσις steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Thess 1,7. ♦ θλῖψις steht 60 / 45 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,12, *2Thess 1,6; *Kol 1,24. ♦ Die Kombination ἀλλ’ ἐξ (ἐκ) steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἰσότης steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 8,13. 14; Kol 4,1). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀλλ’ ἐξ (ἐκ); ἰσότης. (8,14) Die Kombination ἐν τῷ νῦν steht 5 Mal im NT, nur hier als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 3,26; 11,5; 2Kor 8,13; 1Tim 6,17; Tit 2,12). Auffallenderweise ist diese Kombination in Röm und 2Kor immer mit καιρῷ zusammengebunden, während die Ergänzung in den Pastoralbriefen αἰῶνι lautet. ♦ Die Kombination τὸ ὑμῶν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ περίσσευμα steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,17. ♦ ἐκεῖνος, 3 (2Kor) 671 <?page no="1550"?> das 265 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,11; *Laod 2,12. ♦ Die Form ἐκείνων steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ὑστέρημα steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,24. ♦ Zu ὅπως vgl. zuvor zu Vers 11. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐν τῷ νῦν; τὸ ὑμῶν; ἐκείνων. (8,15) Die Formulierung καθὼς γέγραπται, die 25 Mal im NT steht, davon 10 Mal als Verseröffnung, ist nur in *1Kor 1,31 mit vorangestelltem ἵνα vorkanonisch bezeugt, vgl. dort. ♦ Die Kombination ὁ τό steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 25,24; 1Kor 5,2; 2Kor 8,15). ♦ Zu πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.) vgl. zuvor zu den Versen 2 und 4 und nachfolgend Vers 22. ♦ Der Ausdruck τὸ πολύ steht nur noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, 1Petr 1,3. ♦ πλεονάζω steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,20. ♦ ὀλίγος steht 46 / 41 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,48. ♦ Der Ausdruck τὸ ὀλίγον steht nur hier. ♦ ἐλαττονέω ist Hapax legomenon im NT. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Die Verser‐ öffnung καθὼς γέγραπται; ὁ τό; τὸ πολύ. (8,16) Die Kombination χάρις δέ steht 3 Mal im NT, immer als Verseröffnung und ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 6,17; 7,25; 2Kor 8,16). ♦ Die Kombination δὲ τῷ θεῷ steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 6,11. 17. 22; 7,25; 2Kor 8,6). ♦ αὐτήν, das 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,24; *2Kor 3,18; *Laod 5,29. ♦ σπουδή steht 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ὑπὲρ ὑμῶν steht 23 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,13. ♦ Der Ausdruck ἐν τῇ καρδίᾳ steht 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor 1Kor 7,37. ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten Τίτος vgl. zuvor 7,13. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Χάρις δέ; δὲ τῷ θεῷ; σπουδή; ὑπὲρ ὑμῶν; ἐν τῇ καρδίᾳ. (8,17) Die Kombination ὅτι τήν steht 6 Mal im NT, nur hier als Verseröffnung, immer aber auf der kanonischen Ebene ( Joh 5,42; 8,45; Apg 8,20; 2Kor 8,17; 1Tim 5,12; Apk 2,4). ♦ παράκλησις steht 30 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,24. ♦ Die Form ἐδέξατο steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,28, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,40; 10,38; 19,6; Apg 7,38; 2Kor 8,17). ♦ σπουδαῖος ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Form ὑπάρχων steht 15 Mal im NT (davon 1 Mal als Verseröffnung, Apg 7,55), Lk 23,50, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,48; *Gal 1,14; *1Kor 11,7; *Phil 2,6. ♦ αὐθαίρετος, steht 672 Rekonstruktion <?page no="1551"?> 2 Mal im NT, vgl. zuvor zu Vers 3. ♦ ἐξέρχομαι, das 258 / 218 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die unscheinbare Wendung πρὸς ὑμᾶς, die 71 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 3,1. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὅτι τήν; ἐδέξατο; αὐθαίρετος; πρὸς ὑμᾶς. (8,18) συμπέμπω steht hier und 1 weiteres Mal in Vers 22, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung μετ’ αὐτοῦ steht 45 Mal im NT, Lk 6,3, in einem Versteil, der in *Ev fehlt; 1,66; 10,37, in Versen, die in *Ev fehlen, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (10 Mal Mt; 11 Mal Mk; Lk noch 6,4; 7,36; 22,59; 7 Mal Joh; 2 Mal Apg; 1Kor 7,12; 2Kor 8,18; 1Joh 1,6; 6 Mal Apk). ♦ Der Ausdruck τὸν ἀδελφόν steht 37 Mal im NT, 12 Mal in Paulus, ausschließlich kanonisch belegt. ♦ ἔπαινος steht 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 4,5; *Laod 1,12. ♦ Die Wendung ἐν τῷ εὐαγγελίῳ steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor 1Kor 9,18. ♦ πασῶν steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 6,33; Lk 19,37; Apg 7,10; 2Kor 8,18; 11,28). ♦ Die Form τῶν ἐκκλησιῶν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2Kor 8,18. 19. 24; 11,28; 1Thess 2,14). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: συμπέμπω; μετ’ αὐτοῦ; τὸν ἀδελφόν; ἐν τῷ εὐαγγελίῳ; πασῶν; τῶν ἐκκλησιῶν. (8,19) Die Kombination οὐ μόνον δέ steht 9 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 7,7. ♦ Zum kanonischen προθυμία vgl. zuvor zu den Versen 11 und 12. ♦ χειροτονέω steht nur noch 1 Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene in Apg 14,23. ♦ Zum kanonischen Ausdruck τῶν ἐκκλησιῶν vgl. zum voranstehenden Vers 8,18. ♦ συνέκδημος steht nur noch 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (Apg 19,29). ♦ σύν, das 136 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,14; *Gal 2,3; 5,24; *Thess 4,17; *Kol 2,13; 3,3. 4; *Phil 1,23. ♦ Die Form τῇ χάριτι steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (3 Mal Apg; 1Kor 1,4; 2Kor 8,7. 19; Kol 3,16; 2Tim 2,1). ♦ Auch die kürzere Form χάριτι steht 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 1,4.♦ Die Form διακονουμένῃ steht nur hier und im nächsten Vers. ♦ Die Wendung ὑφ’ ἡμῶν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 3,3; 8,19. 20). ♦ προθυμία, siehe eingangs des Verses. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὐ μόνον δέ; προθυμία; χειροτονέω; συνέκδημος; (τῇ) χάριτι; διακονουμένῃ; ὑφ’ ἡμῶν. (8,20) στέλλω steht nur 2 Mal im NT, beide Male auf der kanonischen Ebene (2Kor 8,20; 2Thess 3,6). ♦ Die Wendung τοῦτο μή steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Eph 5,17. ♦ Die Kombination μή τις steht 20 Mal im NT, ausschließlich 3 (2Kor) 673 <?page no="1552"?> auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 16,11. ♦ μωμάομαι, das zuvor bereits auf der kanonischen Ebene im selben Brief steht (2Kor 6,3). ♦ ἁδροτής ist Hapax legomenon im NT. ♦ Zu διακονουμένῃ ὑφ’ ἡμῶν vgl. den voranstehenden Vers 8,19. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: στέλλω; τοῦτο μή; μή τις; μωμάομαι; διακονουμένῃ; ὑφ’ ἡμῶν. (8,21) προνοέω steht 4 / 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu μόνον vgl. weiter oben zu Vers 10. ♦ Die Kombination οὐ μόνον steht 27 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung, im Vers vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,25; vgl. zu Röm 9,24. ♦ Die Wendung ἐνώπιον κυρίου steht 3 Mal im NT, Lk 1,76, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 2Kor 8,21; Jak 4,10. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: προνοέω; ἐνώπιον κυρίου. (8,22) συμπέμπω steht 1 weiteres Mal im Vers 18 zuvor auf derselben kanonischen Ebene. ♦ Zum kanonischen τὸν ἀδελφόν vgl. zuvor Vers 8,18. ♦ δοκιμάζω steht 25 / 22 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,56; *1Kor 3,13. ♦ Die Wendung ἐν πολλοῖς steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, Apg 1,3. ♦ πολλάκις findet sich 19 Mal im NT und steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ σπουδαῖος ist Hapax legomenon im NT. ♦ Der Komparativ σπουδαιότερον steht 2 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 8,22; 2Tim 1,17). ♦ πεποίθησις, das 6 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ εἰς ὑμᾶς steht 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,6, vgl. 1Thess 4,8. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: συμπέμπω; τὸν ἀδελφόν; ἐν πολλοῖς; πολλάκις; σπουδαιότερον; πεποίθησις. Dass εἰς ὑμᾶς nur durch *Kol vorkanonisch bezeugt ist, zeigt die Nähe dieses *Deuteropauli‐ nums zur kanonischen Sprache. (8,23) Zur vorkanonisch bezeugten Verseröffnung εἴτε vgl. zuvor zu 5,13. ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten Τίτος vgl. zuvor 7,13. ♦ κοινωνός steht 12 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ εἰς ὑμᾶς steht 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,6, vgl. 1Thess 4,8. ♦ συνεργός, das sich 14 / 13 Mal im NT findet, immer nur auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: κοινωνός; συνεργός. Dass εἰς ὑμᾶς nur durch *Kol vorkanonisch bezeugt ist, zeigt die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Sprache. (8,24) ἔνδειξις steht 5 / 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ καύχησις steht 13 7 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,31. ♦ Die 674 Rekonstruktion <?page no="1553"?> Kombination ὑπὲρ ὑμῶν steht 23 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,13. ♦ αὐτούς (Akk. Mask. Pl.), das 340 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Thess 2,10. ♦ Die Wendung εἰς αὐτούς steht 6 Mal im NT, Lk 11,49, in einem Vers, der in *Ev fehlt, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 4,15; 5,12; Lk 11,49; Apg 22,30; 2Kor 8,24; 9,13). ♦ ἐνδείκνυμι, das 12 / 11 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Auch das zugehörige Nomen ἔνδειξις, das 5 / 4 Mal im NT steht, findet sich nur auf dieser Ebene. ♦ πρόσωπον steht 84 / 76 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,11; *2Kor 3,18; 4,6; *2Thess 1,9. ♦ Die Wendung εἰς πρόσωπον steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 22,16; Mk 12,14; 2Kor 8,24; 11,20). ♦ Zur kanonischen Wendung τῶν ἐκκλησιῶν vgl. 8,18. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἔνδειξις; ὑπὲρ ὑμῶν; εἰς αὐτούς; ἐνδείκνυμι; εἰς πρόσωπον; τῶν ἐκκλησιῶν. Wie die Liste zu jedem einzelnen Vers dieses Kapitels erweist, bieten alle Verse mehrere Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind. Das Kapitel ist insgesamt ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vor‐ kanonisch gefehlt. Zu bemerken ist die wiederholte Nähe der *Deuteropaulinen *Kol, *2Thess in diesem Kapitel zur kanonischen Lexik. [Kapitel 9] [9],[1-15]: [Aufruf zum großzügigen Spenden] Das Kapitel ist unbezeugt und war, wie die Lexik erweisen wird, auch vorkano‐ nisch nicht vorhanden. Die kanonische Redaktion setzt ihr bereits im Kapitel zuvor begonnene Spendenkampagne fort und erläutert sie den Adressaten. - 9,1 Περὶ μὲν γὰρ τῆς διακονίας τῆς εἰς τοὺς ἁγίους περισσόν μοί ἐστιν τὸ γράφειν ὑμῖν, 2 οἶδα γὰρ τὴν προθυμίαν ὑμῶν ἣν ὑπὲρ ὑμῶν καυχῶμαι Μακεδόσιν ὅτι Ἀχαΐα παρεσκεύασται ἀπὸ πέρυσι, καὶ τὸ ὑμῶν ζῆλος ἠρέθισεν τοὺς πλείονας. 3 ἔπεμψα δὲ τοὺς ἀδελφούς, ἵνα μὴ τὸ καύχημα ἡμῶν τὸ ὑπὲρ ὑμῶν κενωθῇ ἐν τῷ μέρει τούτῳ, ἵνα καθὼς ἔλεγον παρεσκευασμένοι ἦτε, 4 μή πως ἐὰν ἔλθωσιν σὺν ἐμοὶ Μακεδόνες καὶ εὕρωσιν ὑμᾶς ἀπαρασκευάστους καταισχυνθῶμεν ἡμεῖς, ἵνα μὴ λέγω ὑμεῖς, ἐν τῇ ὑποστάσει ταύτῃ. 5 ἀναγκαῖον οὖν ἡγησάμην παρακαλέσαι τοὺς ἀδελφοὺς ἵνα προέλθωσιν εἰς ὑμᾶς καὶ 3 (2Kor) 675 <?page no="1554"?> προκαταρτίσωσιν τὴν προεπηγγελμένην εὐλογίαν ὑμῶν, ταύτην ἑτοίμην εἶναι οὕτως ὡς εὐλογίαν καὶ μὴ ὡς πλεονεξίαν. 6 Τοῦτο δέ, ὁ σπείρων φειδομένως φειδομένως καὶ θερίσει, καὶ ὁ σπείρων ἐπ’ εὐλογίαις ἐπ’ εὐλογίαις καὶ θερίσει. 7 ἕκαστος καθὼς προῄρηται τῇ καρδίᾳ, μὴ ἐκ λύπης ἢ ἐξ ἀνάγκης, ἱλαρὸν γὰρ δότην ἀγαπᾷ ὁ θεός. 8 δυνατεῖ δὲ ὁ θεὸς πᾶσαν χάριν περισσεῦσαι εἰς ὑμᾶς, ἵνα ἐν παντὶ πάντοτε πᾶσαν αὐτάρκειαν ἔχοντες περισσεύητε εἰς πᾶν ἔργον ἀγαθόν, 9 καθὼς γέγραπται, Ἐσκόρπισεν, ἔδωκεν τοῖς πένησιν, ἡ δικαιοσύνη αὐτοῦ μένει εἰς τὸν αἰῶνα. 10 ὁ δὲ ἐπιχορηγῶν σπόρον τῷ σπείροντι καὶ ἄρτον εἰς βρῶσιν χορηγήσει καὶ πληθυνεῖ τὸν σπόρον ὑμῶν καὶ αὐξήσει τὰ γενήματα τῆς δικαιοσύνης ὑμῶν· 11 ἐν παντὶ πλουτιζόμενοι εἰς πᾶσαν ἁπλότητα, ἥτις κατεργάζεται δι’ ἡμῶν εὐχαριστίαν τῷ θεῷ 12 ὅτι ἡ διακονία τῆς λειτουργίας ταύτης οὐ μόνον ἐστὶν προσαναπληροῦσα τὰ ὑστερήματα τῶν ἁγίων, ἀλλὰ καὶ περισσεύουσα διὰ πολλῶν εὐχαριστιῶν τῷ θεῷ 13 διὰ τῆς δοκιμῆς τῆς διακονίας ταύτης δοξάζοντες τὸν θεὸν ἐπὶ τῇ ὑποταγῇ τῆς ὁμολογίας ὑμῶν εἰς τὸ εὐαγγέλιον τοῦ Χριστοῦ καὶ ἁπλότητι τῆς κοινωνίας εἰς αὐτοὺς καὶ εἰς πάντας, 14 καὶ αὐτῶν δεήσει ὑπὲρ ὑμῶν ἐπιποθούντων ὑμᾶς διὰ τὴν ὑπερβάλλουσαν χάριν τοῦ θεοῦ ἐφ’ ὑμῖν. 15 χάρις τῷ θεῷ ἐπὶ τῇ ἀνεκδιηγήτῳ αὐτοῦ δωρεᾷ. A. Das Kapitel ist vorkanonisch unbezeugt. B. (9,4) Anstelle von λέγω haben die Zeugen 01, 03, 04 2 , 020, 025, 044, 0209, 0243, 33, 81, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, f, vg, sy, sa mss , bo λέγωμεν, während λέγω geboten wird von den Zeugen P 46 , 04*, 06, 010, 012, 048, ar, ρ, vg mss , sa ms , Ambst. ♦ (9,10) Anstelle von σπόρον, das geboten wird von P 46 , 03, 06*, 010, 012, 1175, findet sich σπέρμα in den Zeugen 01, 04, 06 1 , 018, 020, 025, 044, 048, 0209, 0243, 33, 81, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M. C. 1. (9,1-15) Dieses Kapitel ist nach allen Editoren unbezeugt und von der vorkanonischen Ebene abwesend. Nach Blanton und anderen stellt 2Kor 9,1-15 676 Rekonstruktion <?page no="1555"?> 84 Ibid. 85 Vgl. H.D. Betz, 2. Korinther 8 und 9. Ein Kommentar zu zwei Verwaltungsbriefen des Apostels Paulus (1993). ein eigenständiger, vierter Brief innerhalb der Sammlung von Briefen im Zweiten Korintherbrief dar. 84 2. (9,1) Der Neueinsatz und die weiteren Ausführungen in diesem Kapitel, die klingen, als hätte Paulus zuvor noch nicht von der Kollekte in diesem Brief gesprochen, sind für manche ein Hinweis darauf, dass hier unterschiedliche Briefe zueinander gestellt wurden. 85 D. (9,1) περί, das 354 / 333 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 8,1; 12,1. ♦ Die Kombination περὶ μέν steht nur noch 1 weiteres Mal, Apg 28,22. ♦ διακονία steht 35 / 34 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung εἰς τοὺς ἁγίους steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (1Kor 16,1; 2Kor 8,4; 9,1). ♦ περισσός, das 6 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich für die kanonischen Ebene bezeugt. ♦ Die Wendung μοί ἐστιν steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung γράφειν ὑμῖν steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 9,1; Phil 3,1; 1Thess 4,9; Jud 1,3). Auch für dieses Kapitel wird es am Ende des lexikalischen Vergleichs eine kurze Zusammenfassung geben. Am Ende eines jeden Verses werden die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elemente kurz aufgezählt. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: περὶ μέν; διακονία; εἰς τοὺς ἁγίους; περισσός; μοί ἐστιν; γράφειν ὑμῖν. (9,2) οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8. ♦ Die Form οἶδα steht 56 Mal im NT, davon 14 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Joh 8,37; Röm 7,18; 14,14; 15,29, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 2Kor 9,2; 12,2; Phil 1,19; 4,12; 6 Mal Apk; im Vers: 5 Mal Mt; 3 Mal Mk; Lk 4,34; 13,25. 27; 22,57. 60; 12 Mal Joh; 5 Mal Apg; 1Kor 1,16; 2Kor 12,3; Phil 1,25; 2Tim 1,12; Apk 3,1), vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25; 18,20 (jeweils im Vers). ♦ Die Kombination οἶδα γάρ steht 5 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung wie hier (Verseröffnung: Röm 7,18; 2Kor 9,2; Phil 1,19; im Vers: Mt 28,5; 2Tim 1,12), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ὑπὲρ ὑμῶν steht 23 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,13. ♦ προθυμία, das 5 Mal im NT steht, findet sich immer auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ὑπὲρ ὑμῶν steht 23 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,13. ♦ καυχάομαι steht 39 / 37 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29. 31; 3,21. ♦ Μακεδών steht 6 / 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Ἀχαία, 3 (2Kor) 677 <?page no="1556"?> das 12 / 10 Mal im NT steht, findet sich 1 Mal im lateinischen Prolog zum ersten Korintherbrief. ♦ παρασκευάζω, das 4 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πέρυσι steht nur 1 weiteres Mal im NT, im Kapitel zuvor, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (2Kor 8,10). ♦ ζῆλος steht 22 / 16 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,20. ♦ ἐρεθίζω, das 2 Mal im NT steht, auch das andere mal auf der kanonischen Ebene bezeugt (2Kor 9,2; Kol 3,21). ♦ πλείων, das 66 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,5. ♦ Die Form τοὺς πλείονας steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 9,19. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröff‐ nung οἶδα; οἶδα γάρ; ὑπὲρ ὑμῶν; προθυμία; Μακεδών; παρασκευάζω; πέρυσι; ἐρεθίζω; τοὺς πλείονας. (9,3) Die Form ἔπεμψα steht 10 Mal im NT, nur hier als Verseröffnung, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form τοὺς ἀδελφούς steht 25 Mal im NT, Lk 22,32, in einem Vers, der in *Ev fehlt, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (3 Mal Mt; Lk 14,12. 26; 22,32; 2 Mal Joh; 8 Mal Apg; 1Kor 8,12; 2Kor 9,3. 5; 1Thess 4,10; Hebr 7,5; 1Joh 3,14; 3Joh 1,5. 10). ♦ καύχημα steht 13 / 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,31. ♦ Die Wendung τὸ ὑπέρ steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 11,24. ♦ Die Kombination ὑπὲρ ὑμῶν steht 23 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,13. ♦ κενόω steht 6 / 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15; *Phil 2,7. ♦ Der Ausdruck ἐν τῷ μέρει steht noch 1 weiteres Mal im NT, 2Kor 3,10 auf kanonischer Ebene. ♦ Die Verbform ἔλεγον steht 74 Mal im NT und findet sich überhaupt nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum kanonischen παρασκευάζω vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ Die Verbform ἦτε, die 19 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 5,7; *Laod 2,12. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἔπεμψα; τοὺς ἀδελφούς; τὸ ὑπέρ; ὑπὲρ ὑμῶν; ἐν τῷ μέρει; ἔλεγον; παρασκευάζω. (9,4) πως, das 15 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination μή πως, die 11 Mal im NT steht, nur hier als Verseröffnung, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form ἔλθωσιν steht 4 Mal im NT, Lk 16,28, nur von Adamantius bezeugt, Apg 3,20; 17,15; 2Kor 9,4, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination σὺν ἐμοί steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (3 Mal Apg; 1Kor 15,10; 16,4; 2Kor 9,4; Gal 1,2; 2,3; Phil 2,22; 4,21). ♦ Zum kanonischen Μακεδών vgl. zuvor zu Vers 2. ♦ Die Form εὕρωσιν steht 3 Mal im NT, Lk 9,12, in einem Versteil, der in *Ev fehlt; Lk 6,7; 2Kor 9,4, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀπαρασκεύαστος ist Hapax legomenon im NT. ♦ Zur Verbform λέγω vgl. zuvor Vers 34. ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 678 Rekonstruktion <?page no="1557"?> 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3. ♦ Die Verbform λέγωμεν ist im NT Hapax legomenon. ♦ ὑπόστασις, das sich 5 Mal im NT findet, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: μή πως; ἔλθωσιν; σὺν ἐμοί; Μακεδών; εὕρωσιν; ὑπόστασις. (9,5) ἀναγκαῖον steht 2 Mal im NT, ebenfalls als Verseröffnung auf der kanonischen Ebene in Phil 2,25. ♦ Die Form ἡγησάμην findet sich ebenfalls nur 2 Mal im NT, an eben denselben Stellen, auch in Phil 2,25. ♦ Die Form παρακαλέσαι steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 26,53; 2Kor 2,7; 8,6; 9,5; 1Thess 3,2). ♦ Zum kanonischen τοὺς ἀδελφούς vgl. 1Kor 8,12. ♦ προέρχομαι steht 9 Mal im NT und ist überhaupt nur bezeugt für die kanonische Ebene. ♦ προκαταρτίζω ist Hapax legomenon im NT (die mögliche Alternative προκαταγγέλλω findet sich noch zwei Mal in Apg 3,18; 7,52). ♦ προεπαγγέλλω steht nur noch 1 weiteres Mal auf kanonischer Ebene Röm 1,2. ♦ εὐλογία steht 16 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,14. ♦ ταύτην, das 55 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,16. ♦ ἑτοῖμος steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,40. ♦ Zum Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,33; *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ Die Kombination μὴ ὡς steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2Kor 9,5; Eph 5,15; Phil 2,12; 2Thess 3,15; Phlm 1,14; 1Petr 2,16). ♦ Die weitere Kombination καὶ μὴ ὡς steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 9,5; 2Thess 3,15; 1Petr 2,16). ♦ πλεονεξία steht 10 Mal im NT und ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀναγκαῖον; ἡγησάμην; παρακαλέσαι; τοὺς ἀδελφούς; προέρχομαι; προκαταγγέλλω; προεπαγγέλλω; μὴ ὡς; πλεονεξία. (9,6) Die Kombination τοῦτο δέ steht 32 Mal im NT, 28 Mal als Verseröffnung wie hier (Verseröffnung: Mt 1,22; 21,4; 25,56; Lk 12,39; Joh 5,54; 6,6. 39; 7,39; 8,6; 11,51; 12,33; 13,28; 21,19; Apg 10,16; 11,10; 16,18; 19,10. 17; 23,7; Röm 1,12; 1Kor 7,6. 29. 35; 11,17; 15,50; 2Kor 9,6; Gal 3,17; 2Tim 3,1; im Vers: Lk 23,46 (Versteil fehlt in *Ev); Hebr 10,33; 2Petr 1,5. 25), immer auf der kanonischen Ebene. ♦ σπείρω steht 58 / 52 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,8; *1Kor 15,42. 44. ♦ Die Form σπείρων steht 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,8. ♦ φειδομένως ist Hapax legomenon im NT. ♦ θερίζω steht 22 / 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,7. 9. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: τοῦτο δέ; die Duplikation φειδομένως φειδομένως, ἐπ’ εὐλογίαις. 3 (2Kor) 679 <?page no="1558"?> (9,7) Die Kombination und Verseröffnung ἕκαστος καθώς begegnet 1 weiteres Mal in 1Petr 4,10. ♦ προαιρέω und δότης sind Hapax legomena im NT. ♦ Die Wendung τῇ καρδίᾳ steht 30 Mal im NT, Lk 1,66; 2,19. 51, in Versen, die in *Ev fehlen, dann 24,25. 38, in Versen, wo gerade diese Wendung in *Ev fehlt, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (8 Mal im Mt, Mk 11,23; noch Lk 12,45; Joh 12,40; Apg 5,4; 28,27; Röm 9,2; 10,6. 8. 9; 1Kor 7,37; 2Kor 8,16; 9,7; Eph 5,19; Phil 1,7; Hebr 3,10; Jak 3,14; Apk 18,7). ♦ λύπη steht 17 / 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀνάγκη steht 19 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἱλαρός und δότης sind Hapax legomena im NT. ♦ Die Form ἀγαπᾷ steht 9 Mal im NT, Lk 7,47, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, vorkanonisch bezeugt für *Laod 5,28. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἕκαστος καθώς; τῇ καρδίᾳ; λύπη; ἀνάγκη. Auffallend ist wieder, dass *Laod der Lexik nach in der Nähe der kanonischen Redaktion steht. (9,8) δυνατέω, das 8 / 3 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanoni‐ schen Ebene. ♦ πᾶσαν, das 53 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. danach auch Vers 11. ♦ περισσεύω steht 42 / 39 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ἐν παντί (Neut.) steht 20 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt, vgl. zu 2Kor 9,11. ♦ πάντοτε, das sich 42 / 41 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ αὐτάρκεια steht 2 Mal im NT, beide Male auf der kanonischen Ebene (2Kor 9,8; 1Tim 6,6). ♦ Die Wendung εἰς πᾶν steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 9,8; Eph 3,19; Kol 2,2; 2Tim 2,21). ♦ Die Wendung ἔργον ἀγαθόν steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 9,8; Phil 1,6; 2Tim 2,21; 3,17; Tit 1,16; 3,1). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: δυνατέω; πᾶσαν; περισσεύω; ἐν παντί; πάντοτε; αὐτάρκεια; ἔργον ἀγαθόν. (9,9) Die Formulierung καθὼς γέγραπται, die 25 Mal im NT steht, davon 10 Mal als Verseröffnung, ist nur in *1Kor 1,31 mit vorangestelltem ἵνα vorkanonisch bezeugt, vgl. dort. ♦ σκορπίζω steht 6 / 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 12,30; Lk 11,23; Joh 10,12; 16,32; 2Kor 9,9). ♦ πένης ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Kombination μένει εἰς steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 835; 12,34; 2Kor 9,9; 1Petr 1,25; 1Joh 2,17). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung καθὼς γέγραπται; σκορπίζω; μένει εἰς. (9,10) χορηγέω steht noch 1 weiteres Mal im NT, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (2Kor 9,10; 1Petr 4,11). ♦ σπόρον steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene 680 Rekonstruktion <?page no="1559"?> (Mk 4,26. 27; Lk 8,5. 11; 2Kor 9,10). ♦ σπείρω steht 58 / 52 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,8; *1Kor 15,42. 44. ♦ ἄρτος steht 107 / 97 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 11,28. ♦ βρῶσις steht 12 / 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 2,16. ♦ πληθύνω steht 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ αὔξησις steht 3 Mal, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2Kor 9,10; Eph 4,16; Kol 2,19). Auch das zugehörige Verb αὐξάνω, das 27 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ γένημα steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 26,29; Mk 14,25; Lk 12,18; 22,18; 2Kor 9,10). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐν παντί; χορηγέω; σπόρον; πληθύνω; αὔξησις; γένημα. (9,11) Die Kombination ἐν παντί (Neut.) steht 20 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 2Kor 4,8; 9,11; 1Thess 5,18; im Vers: Apg 10,35; 1Kor 1,5; 2Kor 6,4; 7,5. 11. 16; 8,7; 9,8; 11,6. 9; Eph 5,24; Phil 4,6. 12; Kol 1,10; 4,12; 2Thess 2,17; Hebr 13,21), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu παντί vgl. zuvor zu Vers 8. ♦ πλουτίζω steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ πᾶσαν, das 53 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἁπλότης steht 9 / 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ὅστις, das 165 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. ♦ κατεργάζομαι steht 25/ 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ εὐχαριστία steht 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: πλουτίζω; ἁπλότης; κατεργάζομαι; εὐχαριστία. (9,12) διακονία steht 35 / 34 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ λειτουργία steht 6 Mal im NT, findet sich nur auf kanonischer Ebene (Lk 1,23; 2Kor 9,12; Phil 2,17. 30; Hebr 8,6; 9,21). ♦ ταύτης steht 36 Mal im NT, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Kombination οὐ μόνον steht 27 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung, im Vers vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,25; vgl. zu Röm 9,24. ♦ προσαναπληρόω steht 2 Mal im NT, das andere Mal auch auf der kanonischen Ebene in 2Kor 11,9. ♦ ὑστέρημα steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,24. ♦ περισσεύω steht 42 / 39 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum kanonischen εὐχαριστία vgl. zum voranstehenden Vers 9,11. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: διακονία; λειτουργία; ταύτης; προσαναπληρόω; περισσεύω; εὐχαριστία. Man bemerke erneut die Nähe von *Kol zur kanonischen Lexik. 3 (2Kor) 681 <?page no="1560"?> (9,13) δοκιμή, das 7 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ διακονία, das 35 / 34 Mal im NT belegt ist, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ταύτης steht wie im vorangegangenen Vers als Verstärkung des voranstehenden Nomens (beide Male Nomen, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt sind), wie wir sie nur auf der kanonischen Ebene finden, vgl. zum Vers zuvor. ♦ ὑποταγή, das 5 / 4 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,5. ♦ ὁμολογία steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 9,13; 1Tim 6,12. 13; Hebr 3,1; 4,14; 10,23). ♦ πάντας, das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,28; *2Kor 5,10; *Laod 3,9. ♦ Die Wendung τὸ εὐαγγέλιον τοῦ Χριστοῦ, die 4 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt, in *Gal 1,7 findet sich εὐαγγέλιον τοῦ Χριστοῦ und τὸ εὐαγγέλιον τοῦ Χριστοῦ könnte vielleicht auch in *1Kor 9,18 gestanden sein. ♦ ἁπλότης steht 9 / 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ κοινωνία steht 21 / 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: δοκιμή; διακονία; ταύτης; ὁμολογία; ἁπλότης; κοινωνία. (9,14) δέησις steht 19 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,33; *Laod 6,18. ♦ Die Kombination ὑπὲρ ὑμῶν steht 23 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,13. ♦ ἐπιποθέω steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,2. ♦ ὑπερβάλλω steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung χάριν τοῦ θεοῦ steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 3,10; 2Kor 6,1; 8,1; 9,14; Gal 2,21; Kol 1,6; 2Thess 1,12; 1Petr 5,12). ♦ Die Wendung ἐφ’ ὑμῖν steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor 7,7. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὑπὲρ ὑμῶν; ὑπερβάλλω; χάριν τοῦ θεοῦ; ἐφ’ ὑμῖν. (9,15) Die Wendung χάρις τῷ θεῷ steht nur hier, doch die verwandte χάριν τοῦ θεοῦ stand im Vers zuvor, ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ ἀνεκδιήγητος ist Hapax legomenon im NT. ♦ δωρεά steht 20 / 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: χάρις τῷ θεῷ; δωρεά. Auch bei diesem Kapitel weisen alle Verse eine solche Dichte an Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind, dass das Kapitel insgesamt ein Produkt der kanonischen Redaktion darstellt, das vorkanonisch gefehlt hat. 682 Rekonstruktion <?page no="1561"?> [Kapitel 10] [10],[1-18]: [Der mahnende, strafende, sich durch den Herrn empfehlende Paulus] Auch dieses Kapitel ist unbezeugt und, wie die Lexik erweisen wird, auch vorkanonisch nicht vorhanden. Erneut findet sich eine Selbstvorstellung des Paulus, die zwischen Selbstempfehlung und Selbsterniedrigung schwankt. - 10,1 Αὐτὸς δὲ ἐγὼ Παῦλος παρακαλῶ ὑμᾶς διὰ τῆς πραΰτητος καὶ ἐπιεικείας τοῦ Χριστοῦ, ὃς κατὰ πρόσωπον μὲν ταπεινὸς ἐν ὑμῖν, ἀπὼν δὲ θαρρῶ εἰς ὑμᾶς· 2 δέομαι δὲ τὸ μὴ παρὼν θαρρῆσαι τῇ πεποιθήσει ἧ λογίζομαι τολμῆσαι ἐπί τινας τοὺς λογιζομένους ἡμᾶς ὡς κατὰ σάρκα περιπατοῦντας. 3 ἐν σαρκὶ γὰρ περιπατοῦντες οὐ κατὰ σάρκα στρατευόμεθα 4 τὰ γὰρ ὅπλα τῆς στρατείας ἡμῶν οὐ σαρκικὰ ἀλλὰ δυνατὰ τῷ θεῷ πρὸς καθαίρεσιν ὀχυρωμάτων λογισμοὺς καθαιροῦντες 5 καὶ πᾶν ὕψωμα ἐπαιρόμενον κατὰ τῆς γνώσεως τοῦ θεοῦ, καὶ αἰχμαλωτίζοντες πᾶν νόημα εἰς τὴν ὑπακοὴν τοῦ Χριστοῦ, 6 καὶ ἐν ἑτοίμῳ ἔχοντες ἐκδικῆσαι πᾶσαν παρακοήν, ὅταν πληρωθῇ ὑμῶν ἡ ὑπακοή. 7 Τὰ κατὰ πρόσωπον βλέπετε. εἴ τις πέποιθεν ἑαυτῷ Χριστοῦ εἶναι, τοῦτο λογιζέσθω πάλιν ἐφ’ ἑαυτοῦ ὅτι καθὼς αὐτὸς Χριστοῦ οὕτως καὶ ἡμεῖς. 8 ἐάν τε γὰρ περισσότερόν τι καυχήσωμαι περὶ τῆς ἐξουσίας ἡμῶν, ἧς ἔδωκεν ὁ κύριος εἰς οἰκοδομὴν καὶ οὐκ εἰς καθαίρεσιν ὑμῶν, οὐκ αἰσχυνθήσομαι, 9 ἵνα μὴ δόξω ὡς ἂν ἐκφοβεῖν ὑμᾶς διὰ τῶν ἐπιστολῶν· 10 ὅτι, Αἱ ἐπιστολαὶ μέν, φησίν, βαρεῖαι καὶ ἰσχυραί, ἡ δὲ παρουσία τοῦ σώματος ἀσθενὴς καὶ ὁ λόγος ἐξουθενημένος. 11 τοῦτο λογιζέσθω ὁ τοιοῦτος, ὅτι οἷοί ἐσμεν τῷ λόγῳ δι’ ἐπιστολῶν ἀπόντες, τοιοῦτοι καὶ παρόντες τῷ ἔργῳ. 12 Οὐ γὰρ τολμῶμεν ἐγκρῖναι ἢ συγκρῖναι ἑαυτούς τισιν τῶν ἑαυτοὺς συνιστανόντων· ἀλλὰ αὐτοὶ ἐν ἑαυτοῖς ἑαυτοὺς μετροῦντες καὶ συγκρίνοντες ἑαυτοὺς ἑαυτοῖς οὐ συνιᾶσιν. 13 ἡμεῖς δὲ οὐκ εἰς τὰ ἄμετρα καυχησόμεθα, ἀλλὰ κατὰ τὸ μέτρον τοῦ κανόνος οὗ ἐμέρισεν ἡμῖν ὁ θεὸς μέτρου, ἐφικέσθαι ἄχρι καὶ ὑμῶν. 14 οὐ γὰρ ὡς μὴ ἐφικνούμενοι εἰς ὑμᾶς ὑπερεκτείνομεν ἑαυτούς, ἄχρι γὰρ καὶ ὑμῶν ἐφθάσαμεν 3 (2Kor) 683 <?page no="1562"?> 86 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 101*. 87 L.L. Welborn, The Corinthian Correspondance (2013), 230. 88 T.R. Blanton IV, Paul’s Covenantal Theology in 2 Corinthians 2.14-7.4 (2012), 61. ἐν τῷ εὐαγγελίῳ τοῦ Χριστοῦ· 15 οὐκ εἰς τὰ ἄμετρα καυχώμενοι ἐν ἀλλοτρίοις κόποις, ἐλπίδα δὲ ἔχοντες αὐξανομένης τῆς πίστεως ὑμῶν ἐν ὑμῖν μεγαλυνθῆναι κατὰ τὸν κανόνα ἡμῶν εἰς περισσείαν, 16 εἰς τὰ ὑπερέκεινα ὑμῶν εὐαγγελίσασθαι, οὐκ ἐν ἀλλοτρίῳ κανόνι εἰς τὰ ἕτοιμα καυχήσασθαι. 17 Ὁ δὲ καυχώμενος ἐν κυρίῳ καυχάσθω· 18 οὐ γὰρ ὁ ἑαυτὸν συνιστάνων, ἐκεῖνός ἐστιν δόκιμος, ἀλλὰ ὃν ὁ κύριος συνίστησιν. A. Das Kapitel ist vorkanonisch unbezeugt. B. (10,18) Die Reihenfolge δόκιμός ἐστιν findet sich in den Zeugen 01*, 06, d, r, vg. C. 1. (10,1-18) Nach Zahn, Schmid und BeDuhn ist auch dieses Kapitel unbe‐ zeugt. Allerdings verweisen Hilgenfeld und Harnack für 10,18 auf das Zeugnis des Adam., Dial. II 12 (im Mund des Adamantius): οὐχ ὁ ἑαυτὸν συνιστῶν ἐστι δόκιμος (Rufin: … ille probatus est). Auch wenn BeDuhn dieses Zeugnis zurückweist, verleiht dem Zeugnis die angezeigte Textvariante in 10,18 doch Gewicht. Außerdem führt Harnack aus, „daß im Texte Tert.s sich gerade hier eine Lücke findet …, von der wir nicht wissen, wie groß sie war; es kann ein ganzes Blatt ausgefallen sein“, hinzu komme, dass „die Streichung von 4 ganzen Kapiteln bei M.[arkion] nicht glaublich“ sei, „zumal in diesen Kapiteln vieles steht, was ihm besonders zusagen mußte“, Tertullian „die zweite größere Hälfte des II Kor. auch sonst sehr kurz behandelt“ habe, und Tertullian „eine Lücke von 73 Versen … sicher angemerkt“ hätte, außerdem verweise Ephräm im 36. Lied gegen die Ketzer, c. 7, „höchstwahrscheinlich“ auf 2Kor 8,9 (ἐπτώχευσε). 86 Weder Schmid noch BeDuhn ließen sich von diesen Überlegungen beeindrucken. 2. (10,1) Dieser Vers wird gegenüber 9,15 als eine solche Inhalts- und Tonän‐ derung gesehen, dass der Zusammenhang mit dem Kontext in Frage gestellt wird. 87 Nach Blanton und anderen beginnt in 2Kor 10 ein eigenständiger, fünfter Brief, der bis 2Kor 13,10 reicht innerhalb der Sammlung von Briefen im Zweiten Korintherbrief. 88 684 Rekonstruktion <?page no="1563"?> 89 L.L. Welborn, The Corinthian Correspondance (2013), 230. 3. (10,6) Der Vers wird als Widerspruch oder zumindest in Spannung gesehen zu 2Kor 7,15. 89 D. (10,1) Παῦλος, der 174 / 158 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für diese Stelle hier, *Gal 1,1 und noch für *1Kor 1,1; 3,22; *2Kor 1,1; *Röm; *1Thess 1,1; *2Thess 1,1; *Laod 1,1; *Kol 1,1. ♦ Zur Formel αὐτὸς δὲ ἐγὼ Παῦλος vgl. ἴδε ἐγὼ Παῦλος λέγω ὑμῖν ὅτι aus Gal 5,2. ♦ Die kürzere Wendung ἐγὼ Παῦλος steht 5 Mal im NT (2Kor 10,1; Gal 5,2; Eph 3,1; Kol 1,23; Phlm 1,19), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form παρακαλῶ steht 20 Mal im NT, davon 10 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 12,1; 15,30; 16,17, in zwei Versen, die in *Röm fehlen; 1Kor 1,10; 4,16; 16,15; Eph 4,1; 1Tim 2,1; Phlm 1,10; Hebr 13,22; im Vers: Apg 24,4; 27,34; 2Kor 2,8; 10,1; Phil 4,2; Phlm 1,9; Hebr 13,19; 1Petr 2,11; 5,1), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πραΰτης steht 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐπιείκεια steht nur noch 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (Apg 24,4). ♦ Die Wendung κατὰ πρόσωπον steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,11. ♦ ταπεινός steht 11 / 8 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 12,16. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἄπειμι steht 8 / 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ θαρσέω steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Auch für dieses Kapitel wird es am Ende des lexikalischen Vergleichs eine kurze Zusammenfassung geben. Am Ende eines jeden Verses werden die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente kurz aufgezählt. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐγὼ Παῦλος; παρακαλῶ; πραΰτης; ἐπιείκεια; ἐν ὑμῖν; ἄπειμι; θαρσέω. (10,2) Die Wendung δέομαι δέ steht noch 1 weiteres Mal in Apg 21,39. ♦ Die Form δέομαι steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 8,28; 9,38; Apg 8,34; 21,39; 26,3; 2Kor 10,2; Gal 4,12). ♦ Die Verneinung μή + πάρειμι steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, 2Petr 1,9. ♦ θαρσέω steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πεποίθησις, das 6 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. ♦ τολμάω steht 17 / 16 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. ♦ τινας (Akk. Fem. / Mask. Pl.), das 24 Mal im NT steht, findet sich jeweils nur auf der kanonischen Ebene. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 3 (2Kor) 685 <?page no="1564"?> 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4, vgl. weiter den nachfolgenden Vers 3. ♦ περιπατέω steht 104 / 95, vorkanonisch bezeugt für *Lad 2,2; 5,2. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: δέομαι; δέομαι δέ; μή + πάρειμι; θαρσέω; λογίζομαι; τινας. Wiederum ist die Nähe von *Laod zur kanonischen Lexik zu bemerken. (10,3) Zu σάρξ vgl. zum voranstehenden Vers 2. ♦ Die Wendung ἐν σαρκί steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 8,9; *Laod 2,11; *Phil 3,3. ♦ περιπατέω steht 104 / 95 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,2; 5,2. ♦ Die Form περιπατοῦντες steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 11,44; 24,17; 2Kor 4,2; 10,3; Hebr 13,9). ♦ στρατεύω, das 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,7. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegtes Element ist: περιπατοῦντες. (10,4) ὅπλον, das 6 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ στρατεία steht 2 Mal im NT, beide Male auf kanonischer Ebene (2Kor 10,4; 1Tim 1,18). ♦ σαρκικός steht 11 / 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ δυνατός steht 115 / 32 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ καθαίρεσις steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 10,4. 8; 13,10). Das verwandte Verb καθαιρέω, das 12 Mal im NT steht (und gleich am Ende des Verses hier begegnet), ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,53. ♦ ὀχύρωμα ist Hapax legomenon im NT. ♦ λογισμός steht nur noch 1 weiteres Mal im NT, und zwar auf kanonischer Ebene in Röm 2,15. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὅπλον; στρατεία; σαρκικός; δυνατός; καθαίρεσις; λογισμός. (10,5) Die Kombination καὶ πᾶν steht 9 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 2Kor 10,5; Kol 3,17; Apk 5,13; im Vers: Lk 11,42; Joh 15,2; Apg 22,30), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πᾶν (Nom. / Akk. / Vok. Neut. Sg.), das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch belegt im Zitat von Dtn 19,15, in *Röm 3,19 und in *Kol 1,19. ♦ ὕψωμα ist nur 2 Mal belegt im NT, das andere Mal steht es ebenfalls auf der kanonischen Ebene (Röm 8,39). ♦ ἐπαίρω, das 21 / 19 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ γνῶσις steht 34 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,8. ♦ αἰχμαλωτίζω, das 4 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ νόημα steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,14; 4,4. ♦ ὑπακοή steht 16 / 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: καὶ πᾶν; ὕψωμα; αἰχμαλωτίζω; ὑπακοή. 686 Rekonstruktion <?page no="1565"?> (10,6) ἑτοῖμος, das 18 / 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,40. ♦ ἐκδικέω steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,19. ♦ πᾶσαν, das 53 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ παρακοή steht 3 Mal im NT, jeweils auf kanonischer Ebene (Röm 5,19; 2Kor 10,6; Hebr 2,2). ♦ πληρόω steht 91 / 87 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,14; *Röm 8,4; 13,8. ♦ Die Form πληρωθῇ steht 20 Mal im NT, Lk 22,16, in einem Vers, der in *Ev fehlt, vorkanonisch bezeugt für *Röm 8,4. ♦ ὑπακοή steht 16 / 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: πᾶσαν; παρακοή; ὑπακοή. (10,7) Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ findet sich 49 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 19,47, wiederum in einem Vers, der in *Ev fehlt; 14 Mal in Apg; Röm 1,15; 8,12. 28; 9,5. 11; 11,21. 24; 16,5, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,19; 2Kor 7,11; 10,7; 11,28; Gal 4,29; Eph 1,15; 4,24; 5,33; 5,6. 21; Phil 1,12; Kol 3,22; 4,7. 15; 1Tim 6,3; Tit 1,1. 9; Phlm 1,2; Hebr 11,7; Jak 3,9; 1Petr 1,3). ♦ Die Wendung und Verseröffnung τὰ κατὰ πρόσωπον steht nur hier. ♦ Die Wendung κατὰ πρόσωπον steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,11. ♦ βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 4,18. ♦ πείθω steht 59 / 52 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. ♦ Die Form πέποιθεν steht nur 1 weiteres Mal, Mt 27,43. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,33 und *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. ♦ πάλιν, das 159 / 141 Mal im NT steht, etwa Lk 6,42, wo im parallelen Vers in *Ev der Begriff fehlt, findet sich mit Ausnahme von *1Kor 3,20 (in der Kombination καὶ πάλιν als Hinweis auf ein weiteres Schriftzitat) alleinstehend nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ὅτι καθώς steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 1,5. ♦ Zu αὐτός (Nom. Mask. Sg.) vgl. zuvor zu Vers 1. ♦ Die Wendung οὕτως καὶ ἡμεῖς steht 3 Mal im NT, an einer Stelle, Gal 4,3 auch als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 6,4; 2Kor 10,7; Gal 4,3). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Die Kombi‐ nation von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ; πέποιθεν; λογίζομαι; ὅτι καθώς; οὕτως καὶ ἡμεῖς. (10,8) Die Kombination und Verseröffnung ἐάν τε γάρ steht noch 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene, Röm 14,8. ♦ περισσότερον / περισσότερος, das 13 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,26. ♦ καυχάομαι steht 39 / 37 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29. 31; 3,21. ♦ Die Form καυχήσωμαι 3 (2Kor) 687 <?page no="1566"?> steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ περί, das 354 / 333 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 8,1; 12,1. ♦ οἰκοδομή steht 22 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,21. ♦ Die Wendung εἰς οἰκοδομήν steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung καὶ οὐκ εἰς καθαίρεσιν steht noch 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene, 2Kor 13,10. ♦ Auch die kürzere Wendung οὐκ εἰς, die 7 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ αἰσχύνω steht 7 / 5 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (Lk 16,3; 2Kor 10,8; Phil 1,20; 3,19; Jud 1,13; 1Petr 4,16; 1Joh 2,28). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐάν τε γάρ; καυχήσωμαι; εἰς οἰκοδομήν; καὶ οὐκ εἰς (καθαίρεσιν); οὐκ εἰς; αἰσχύνω. (10,9) Die Kombination ἵνα μή steht 87 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 1Kor 1,15; 12,25; 2Kor 10,9; Hebr 6,12; im Vers: 5 Mal Mt; 5 Mal Mk; Lk 8,12. 31; 9,45, wo der Versteil in *Ev fehlt; 16,28; 18,5; 22,32, in einem Vers, der in *Ev fehlt. 46; 12 Mal Joh; 2 Mal Apg; Röm 11,25; 15,20, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 1,17; 4,6; 7,5; 8,13; 9,12; 11,32. 34; 16,2; 2Kor 1,9; 2,3. 5; 6,3; 9,3. 4; 12,7; Gal 5,17; Eph 2,9; Phil 2,27; Kol 3,21; 1Thess 4,13; 1Tim 3,6. 7; 6,1; Tit 2,5; 3,14; Phlm 1,19; 6 Mal Hebr; 2 Mal Jak2 Petr 3,17; 1Joh 2,1; 2Joh 1,8; 8 Mal Apk), vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,37; *1Kor 8,13 (beide Male im Vers). ♦ δοκέω steht 100 / 63 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev; *Gal 2,9. ♦ Die Kombination ὡς ἄν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor 11,34. ♦ ἐκφοβέω steht nur noch 1 weiteres Mal, auch auf der kanonischen Ebene (Mk 9,6). Auch das verwandte ἔκφοβος, das 2 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene (Mk 9,6; Hebr 12,21). ♦ ἐπιστολή steht 25 / 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung ἵνα μή; ὡς ἄν; ἐκφοβέω; ἐπιστολή. (10,10) ἐπιστολή steht 25 / 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ φημί, das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,19; 15,50. ♦ Die Form φησίν steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,16. ♦ βαρύς steht 8 / 6 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt (Mt 13,15; 23,4; Apg 20,29; 25,7; 28,27; 2Kor 10,10; 1Thess 2,6; 1Joh 5,3). ♦ ἰσχυρός, das 27 / 29 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,21; *1Kor 1,27. ♦ παρουσία steht 24 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,15; 5,23. ♦ ἀσθενής, das 35 / 26 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,9, *1Kor 1,25. 27; *Röm 5,6. ♦ ἐξουθενέω, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,14; *1Thess 5,20. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐπιστολή; βαρύς. 688 Rekonstruktion <?page no="1567"?> (10,11) λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. ♦ τοιοῦτος, das 62 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *1Kor 15,48. ♦ Die Wendung ὁ τοιοῦτος steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form τῷ λόγῳ steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt nur in der Form ἐν τῷ λόγῳ in *Kol 1,5. ♦ οἷος, das 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,48. ♦ Die Verbform ἐσμέν, die 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; *Laod 2,10. ♦ Zum kanonischen ἐπιστολή, vgl. zum voranstehenden Vers 10,10. ♦ ἄπειμι steht 8 / 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πάρειμι steht 25 / 24 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 13,10; *Kol 1,6. ♦ Die Formulierung τῷ ἔργῳ steht noch 1 weiteres Mal im NT, auf kanonischer Ebene in 1Kor 15,58. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: λογίζομαι; ὁ τοιοῦτος; ἐπιστολή; ἄπειμι; τῷ ἔργῳ. (10,12) Die Kombination οὐ γάρ steht 80 Mal im NT, davon 46 Mal als Verseröffnung, Lk 23,34, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,16; 2,13 (beide Male als Verseröffnung); *1Kor 21b-c↑34 im Vers. ♦ τολμάω steht 17 / 16 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. ♦ ἐγκρίνω ist Hapax legomenon im NT. ♦ συγκρίνω steht 2 / 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ τισιν (Dat. Fem. / Mask. / Neut. Pl.) steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 10,12; 1Tim 1,3; 5,24; Hebr 10,25). ♦ συνίημι steht 31 Mal im NT und ist nur kanonisch belegt. ♦ αὐτοί (Nom. Mask. Pl.), das 87 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; 6,13. ♦ Die Wendung ἀλλὰ αὐτοί steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, im selben Brief weiter oben 1,9. ♦ μετρέω steht 13 / 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: συγκρίνω; τισιν; συνίημι; ἀλλὰ αὐτοί; μετρέω. (10,13) Die Kombination ἡμεῖς δέ steht 20 Mal im NT, davon 13 Mal als Verseröffnung wie hier, vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *Ev 24,21, vgl. 2Kor 3,18. ♦ Die Wendung οὐκ εἰς steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 11,17; 2Kor 10,8. 13. 15; 13,10; Gal 6,4; Phil 2,16). ♦ ἄμετρος steht nur hier und nochmals auf der kanonischen Ebene in 2Kor 10,15. ♦ Die Wendung ἀλλὰ κατὰ τό steht noch 1 weiteres Mal, Tit 3,5. ♦ μέτρον steht 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,38. Zu dem verwandten μετρέω vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ κανών steht 5 / 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μερίζω, das 16 / 14 Mal im NT im Sinne von zuteilen begegnet, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐφικνέομαι steht nur hier und nochmals im nächsten Vers, also beide Male auf der kanonischen Ebene. 3 (2Kor) 689 <?page no="1568"?> Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὐκ εἰς; ἄμετρος; ἀλλὰ κατὰ τό; μέτρον; μετρέω; κανών; ἐφικνέομαι. (10,14) Die Kombination οὐ γάρ steht 80 Mal im NT, davon 46 Mal als Verseröffnung, Lk 23,34, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,16; 2,13 (beide Male als Verseröffnung); *1Kor 21b-c↑34 im Vers. ♦ Die Kombination ὡς μή steht 8 Mal im NT, ausschließ‐ lich auf der kanonischen Ebene (1Kor 4,7. 18; 7,29. 30. 31; 2Kor 10,14). ♦ Zum kanonischen ἐφικνέομαι vgl. zum voranstehenden Vers 10,13. ♦ εἰς ὑμᾶς steht 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,6, vgl. 1Thess 4,8. ♦ ὑπερεκτείνω ist Hapax legomenon im NT. ♦ φθάνω steht 7 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Kombination ἄχρι γάρ steht 3 Mal im NT, davon 1 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 5,13; im Vers: 2Kor 3,14; 10,14), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν τῷ εὐαγγελίῳ τοῦ Χριστοῦ steht noch 1 weiteres Mal, 1Thess 3,2 auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὡς μή; ἐφικνέομαι; φθάνω; ἄχρι γάρ; ἐν τῷ εὐαγγελίῳ τοῦ Χριστοῦ. Dass εἰς ὑμᾶς nur durch *Kol vorkanonisch bezeugt ist, zeigt die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Sprache. (10,15) Die Wendung οὐκ εἰς steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 10,13. ♦ ἄμετρος steht nur hier und zwei Verse zuvor in Vers 13 auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form καυχώμενοι steht 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Phil 3,3. ♦ ἀλλότριος steht 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,11. ♦ κόπος steht 21 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐλπίς + ἔχω steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 24,15; Röm 15,4, in einem Vers, der in *Röm fehlt). ♦ αὐξάνω steht 27 / 23 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung τῆς πίστεως ὑμῶν steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 10,15; Phil 2,17; 1Thess 3,2. 10; 1Petr 1,9). ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μεγαλύνω steht 8 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ Zum kanonischen κανών vgl. zuvor 10,13. ♦ περισσεία steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὐκ εἰς; ἄμετρος; κόπος; ἐλπίς + ἔχω; αὐξάνω; ἐν ὑμῖν; μεγαλύνω; κανών; περισσεία. (10,16) ὑπερέκεινα ist Hapax legomenon im NT. ♦ εὐαγγελίζομαι steht 58 / 54 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,6; *Gal 1,9. 16; *1Kor 15,1; *Laod 2,17. ♦ Die Form ἀλλοτρίῳ steht noch 1 weiteres Mal, Joh 10,5. ♦ Zum kanonischen κανών vgl. zuvor 10,13. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ἑτοῖμος vgl. zu Vers 6. ♦ Die Form καυχήσασθαι steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, 2Kor 12,6. 690 Rekonstruktion <?page no="1569"?> 90 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien (2015), 867. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀλλοτρίῳ; κανών; καυχήσασθαι. (10,17) Dieser kleine Vers ist lediglich eine durch δέ erweiterte Wiederholung von (*) 1Kor 1,31: Ὁ καυχώμενος ἐν κυρίῳ καυχάσθω. ♦ Die Wendung ἐν κυρίῳ steht 48 Mal im NT, wohl ausschließlich auf der kanonischen Ebene und nur im kanonischen Paulus, vgl. zu Gal 5,10. (10,18) Zur vorkanonisch bezeugten Kombination οὐ γάρ vgl. zuvor zu 10,14. ♦ συνίστημι, das 20 Mal im NT steht, ist ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden. ♦ ἐκεῖνος, das 265 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,11; *Laod 2,12. ♦ Die Wendung ἐκεῖνός ἐστιν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ δόκιμος, das sich 7 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 11,19. ♦ Auktoriales ὁ κύριος hat schon Klinghardt als deutliches Merkmal der kanonischen Redaktion gesehen. 90 Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: συνίστημι; ἐκεῖνός ἐστιν; ὁ κύριος. Auch in diesem Kapitel zeichnen sich alle Verse durch eine Reihe von Elementen aus, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind. Das Kapitel ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Kapitel 11 11,[1] 2 [3-12] 13-14 [15]: Reinheit und Transparenz Δας Argument der Reinheit und Transparenz wird auf der vorkanonischen Ebene in den bezeugten Versen weitergeführt mit der die Kritik an den Pseu‐ daposteln, die sich für Apostel ausgeben - nicht anders als sich der Satan für einen Engel ausgibt. Die kanonische Redaktion verwässert diese Kritik mit viel Wortmaterial, das bereits zum Eingang dieses Kapitels auf Gen 3, die Schlange und Eva zurückgreift. Ihr Ziel ist es, die Kritik an den Pseudaposteln, die im Galaterbrief bereits vom vorkanonischen Paulus vorgetragen wurde, zu relativieren. Dies gelingt ihr wiederum, indem der kanonische Paulus sich zwar zu verteidigen scheint, aber in den Augen der Leserschaft sich tatsächlich in nicht geringer Weise wiederum kritisiert („Andere Gemeinden habe ich 3 (2Kor) 691 <?page no="1570"?> ausgeplündert und Geld von ihnen genommen … als ich zu Euch kam und in Schwierigkeiten geriet“). - 1 Ὄφελον ἀνείχεσθέ μου μικρόν τι ἀφροσύνης· ἀλλὰ καὶ ἀνέχεσθέ μου. 2 παρθένον ἁγνὴν παραστῆσαι τῷ Χριστῷ· 2 ζηλῶ γὰρ ὑμᾶς θεοῦ ζήλῳ, ἡρμοσάμην γὰρ ὑμᾶς ἑνὶ ἀνδρὶ παρθένον ἁγνὴν παραστῆσαι τῷ Χριστῷ· - 3 φοβοῦμαι δὲ μή πως, ὡς ὁ ὄφις ἐξηπάτησεν Εὕαν ἐν τῇ πανουργίᾳ αὐτοῦ, φθαρῇ τὰ νοήματα ὑμῶν ἀπὸ τῆς ἁπλότητος [καὶ τῆς ἁγνότητος] τῆς εἰς τὸν Χριστόν. 4 εἰ μὲν γὰρ ὁ ἐρχόμενος ἄλλον Ἰησοῦν κηρύσσει ὃν οὐκ ἐκηρύξαμεν, ἢ πνεῦμα ἕτερον λαμβάνετε ὃ οὐκ ἐλάβετε, ἢ εὐαγγέλιον ἕτερον ὃ οὐκ ἐδέξασθε, καλῶς ἀνέχεσθε. 5 λογίζομαι γὰρ μηδὲν ὑστερηκέναι τῶν ὑπερλίαν ἀποστόλων· 6 εἰ δὲ καὶ ἰδιώτης τῷ λόγῳ, ἀλλ’ οὐ τῇ γνώσει, ἀλλ’ ἐν παντὶ φανερώσαντες ἐν πᾶσιν εἰς ὑμᾶς. 7 Ἢ ἁμαρτίαν ἐποίησα ἐμαυτὸν ταπεινῶν ἵνα ὑμεῖς ὑψωθῆτε, ὅτι δωρεὰν τὸ τοῦ θεοῦ εὐαγγέλιον εὐηγγελισάμην ὑμῖν; 8 ἄλλας ἐκκλησίας ἐσύλησα λαβὼν ὀψώνιον πρὸς τὴν ὑμῶν διακονίαν, 9 καὶ παρὼν πρὸς ὑμᾶς καὶ ὑστερηθεὶς οὐ κατενάρκησα οὐθενός· τὸ γὰρ ὑστέρημά μου προσανεπλήρωσαν οἱ ἀδελφοὶ ἐλθόντες ἀπὸ Μακεδονίας· καὶ ἐν παντὶ ἀβαρῆ ἐμαυτὸν ὑμῖν ἐτήρησα καὶ τηρήσω. 10 ἔστιν ἀλήθεια Χριστοῦ ἐν ἐμοὶ ὅτι ἡ καύχησις αὕτη οὐ φραγήσεται εἰς ἐμὲ ἐν τοῖς κλίμασιν τῆς Ἀχαΐας. 11 διὰ τί; ὅτι οὐκ ἀγαπῶ ὑμᾶς; ὁ θεὸς οἶδεν. 12 Ὃ δὲ ποιῶ καὶ ποιήσω, ἵνα ἐκκόψω τὴν ἀφορμὴν τῶν θελόντων ἀφορμήν, ἵνα ἐν ᾧ καυχῶνται εὑρεθῶσιν καθὼς καὶ ἡμεῖς. 13 οἱ καὶ ψευδαπόστολοι ἐργάται δόλιοι, μετασχηματιζόμενοι εἰς ἀποστόλους. 13 οἱ γὰρ τοιοῦτοι ψευδαπόστολοι, ἐργάται δόλιοι, μετασχηματιζόμενοι εἰς ἀποστόλους Χριστοῦ. 14 αὐτὸς γὰρ ὁ Σατανᾶς μετασχηματίζεται εἰς ἄγγελον φωτός· 14 καὶ οὐ θαῦμα, αὐτὸς γὰρ ὁ Σατανᾶς μετασχηματίζεται εἰς ἄγγελον φωτός· - 15 οὐ μέγα οὖν εἰ καὶ οἱ διάκονοι αὐτοῦ μετασχηματίζονται ὡς διάκονοι δικαιοσύνης, ὧν τὸ τέλος ἔσται κατὰ τὰ ἔργα αὐτῶν. 692 Rekonstruktion <?page no="1571"?> 91 Vgl. NA 28 zur Stelle und G.D. Kilpatrick, Western Text and Original Text in the Epistles (1944), 62. 92 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 294. 93 Vgl. zur Lexik in diesem Vers H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateinischen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 124. A. *11,2: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 12,6: Si et virginem sanctam destinat ecclesiam adsignare Christo utique ut sponsam sponso. ♦ 11,3: Vgl. Gen 3,13 LXX: καὶ εἶπεν κύριος ὁ θεὸς τῇ γυναικί τί τοῦτο ἐποίησας καὶ εἶπεν ἡ γυνή ὁ ὄφις ἠπάτησέν με καὶ ἔφαγον. ♦ *11,13-14: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 12,6-7: [6] … Si et pseudapostolos dicit operarios dolosos transfiguratores sui per hypocrisin scilicet, conversationis non praedicationis adulteratae reos taxat. [7] … Si transfiguratur satanas in angelum lucis, non potest hoc dirigi in creatorem. Vgl. id., Praescr. 6,6: angelum seductionis, transfigurantem se in angelum lucis; id., De An. 57,8: ipse satanas transfiguretur in angelum lucis; id., De Res. 55,12: et ipse satanas, cum in angelum lucis transfiguratur. B. (11,3) καὶ τῆς ἁγνότητος gibt es eine Reihe von Varianten. 91 C. 1. (11,1) Nach allen Editoren ist dieser Vers unbezeugt. BeDuhn nimmt ihn auch nicht in Klammern in seine Rekonstruktion auf. Tertullians geht unmittelbar von Vers 7,1 zu Vers 11,2 über. BeDuhn sieht einen unmittelbaren inhaltlichen Zusammenhang zwischen 5,16-17, 7,1b und 11,2, nicht aber 11,1, auch wenn er kritisch fragt, ob dieser Vers nicht doch ein ausgewähltes Argument aus Markions Vorwort widerspiegele. 92 2. (11,2) Zahn sieht als bezeugten Text: … ἡρμοσάμην γὰρ ὑμᾶς-… παρθένον ἁγνήν … τῷ Χριστῷ. Harnack und Schmid geben als bezeugten Text: παρθένον ἁγνὴν παραστῆσαι τῷ Χριστῷ. Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers. BeDuhn gibt in Klammern den ersten Teil von Vers 2 und fügt dann die Übersetzung des bezeugten Teils nach der Rekonstruktion von Harnack und Schmid bei. Tertullian scheint auch den Gedanken der ehelichen Verbindung im Text gelesen zu haben (ut sponsam sponso), doch bezieht sich dies nicht auf das ἑνὶ ἀνδρί, und es bedarf auch nicht, wie von Zahn vorgeschlagen, der Grammatik und narrativen Struktur wegen des ἡρμοσάμην γὰρ ὑμᾶς, denn der bezeugte Versteil schließt unmittelbar an den letzten bezeugten Vers 7,1b an. 93 3. (11,3-12) Die Verse 3-12 sind nach allen Editoren unbezeugt. 4. (11,3) Mit BeDuhn kann man fragen, ob sich Tertullian diesen Bezug auf Gen. 3 hätte entgehen lassen, wenn er ihn in der Sammlung des Markion gelesen hätte. 3 (2Kor) 693 <?page no="1572"?> 94 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 294. 95 Zur Satanologie des ( * ) Paulus, vgl. E.H. Pagels, Satans Ursprung (1998); M. A. De la Torre and A. Hernández, The Quest for the Historical Satan (2011). 96 Vgl. B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019). 5. (11,13-14) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diese beiden Verse. Zahn sieht diese beiden Verse in der kanonischen Form präsent. Harnack und Schmid geben die oben fettgedruckt und unterstrichenen Teile als bezeugt. BeDuhn notiert ebenfalls beide Verse wie Zahn, fügt aber die Bemerkung hinzu, der narrative Zusammenhang erfordere, dass „einige Teile des unmittelbar vor‐ angehenden Textes vorhanden gewesen sein müssen, um diese Passage sinnvoll erscheinen zu lassen“. 94 BeDuhn sieht richtig, doch ist dieser Bezug nicht durch die unmittelbar voranstehenden Verse gegeben, sondern durch die Verse 4-5, in denen zunächst im Singular (Vers 4) und im Plural (Vers 5) von solchen gesprochen wird, die „einen anderen Jesus“ verkünden, so dass die Adressaten „einen anderen Geist“ empfangen, „oder ein anderes Evangelium“ annehmen. Sowohl in Vers 5 wie in Vers 13 findet sich dieser unvermittelte Übergang vom Singular zum Plural. Sollte, wie die Lexik zeigt, Vers 5 zur kanonischen Ebene gehören, wird dieser Übergang durch die kanonische Redaktion verursacht sein. BeDuhn sieht einen Bezug von Vers 13 zu Vers 4 und nimmt darum, in Klammern, auch die Übersetzung der Verse 2-4 in seine Rekonstruktion auf. 95 Was das Zeugnis Tertullians betrifft, fällt die Verwendung des Passivs (transfiguratur), während Tertullian etwa in De Praescr. 6,6 auch das Partizip (transfigurantem) verwenden kann. Auch Ambrosiaster verwendet das Passiv. Möglich ist, dass Ambrosiaster auf Tertullian zurückgegriffen hat. 96 6. (11,15) Dieser Vers ist nach allen Editoren unbezeugt. Gerade die Semantik von διάκονοι stützt die Zuweisung des Verses zur kanonischen Ebene. Denn der Begriff ist vorkanonisch unbelegt und wird auf der kanonischen Ebene sowohl positiv wie negativ gesehen, z. B. als Diener Gottes oder Diener Christi, dann aber auch als „Diener der Sünde“ (Gal 2,17), auch „Götzendiener“ (1Kor 5,10; 6,9; 10,7; Eph 5,5), auch „Diener des Buchstabens“ (2Kor 3,6) und nennt sogar Christus einen „Diener der Beschnittenen“ (Röm 15,8). Wenn in 2Kor 11,15 dann auch noch die Diener Satans sich als „Diener der Gerechtigkeit“ tarnen, wird die Drastik deutlich, die sich mit der Rede von dem „Dienst der Gerechtigkeit“ von 2Kor 3,9 und dem christlichen Dienst abhebt. Dass Tertullian die Kritik des Verses 14 auf die in *Gal geschilderte Auseinandersetzung des Paulus mit Petrus und Jakobus hin gelesen hat, macht seine Verteidigung der Apostel (conversa‐ tionis non praedicationis) deutlich, indem er diese Auseinandersetzung nicht auf Lehrunterschiede, sondern lediglich auf Verhaltensweisen zu reduzieren 694 Rekonstruktion <?page no="1573"?> versucht. Der Vers erklärt auch die daran anschließende Digression, in welcher sich der kanonische Paulus wie bereits zuvor durch Schwäche stark redet, doch damit auch seine Schwäche darlegt und zum Ende des Kapitels in eine Lobrede seiner selbst verfällt: „Wenn schon geprahlt sein muss, will ich mit meiner Schwachheit prahlen“ (11,30). D. (11,1) ὄφελον steht 4 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 2Kor 11,1; Gal 5,12; im Vers: 1Kor 4,8; Apk 3,15), immer auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀνέχω findet sich 17 Mal im NT, vorkanonisch in *Ev 9,41. ♦ μικρός steht 46 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 17,2; *Gal 5,9. ♦ ἀφροσύνη ist 4 Mal belegt im NT (Mk 7,22; 2Kor 11,1. 17. 21), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Auch wenn dies ein kurzer Vers ist, begegnen zwei Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind. Außerdem führt der Vers die persönliche Ansprache des Paulus von den voranstehenden Kapiteln auf der kanonischen Ebene weiter, der Vers gehört zu dieser Redaktionsstufe und hat vorkanonisch gefehlt. (11,2) Zum unbezeugten Versteil: Die Kombination und Verseröffnung ζηλῶ γάρ steht nur hier. ♦ ζηλόω steht 20 / 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἁρμόζω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Auch das verwandte ἁρμός, das Hapax legomenon im NT (Hebr 4,12). ♦ ἀνήρ, das 227 / 216 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,14. 30; 23,50; *1Kor 7,10. 11; 11,3. 7. 8; *Laod 5,22. 23. Zu dem bezeugten Versteil: παρθένος steht 17 / 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für diese Stelle. ♦ ἁγνός, das 8 Mal im NT steht, ist ebenfalls vorkanonisch nur für diese Stelle hier bezeugt. ♦ Auch παρίστημι, das 42 / 41 Mal im NT steht, ist nur hier vorkanonisch bezeugt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, wobei wir sehen, dass Teile des Verses nicht bezeugt sind. Was die unbezeugten Textteile betrifft, spricht sowohl die Lexik wie auch der kanonische narrative Zusammenhang dafür, dass der erste Halbvers vorkanonisch gefehlt hat. (11,3) Die Form φοβοῦμαι steht 4 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Als Verseröffnung: 2Kor 11,3; 12,20; Gal 4,11; im Vers: Lk 18,4), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ φοβέω steht 110 / 95 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,12. ♦ πως, das 15 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung δὲ μή πως steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in 1Kor 8,6. ♦ ὄφις steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἐξαπατάω, das 7 / 6 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen 3 (2Kor) 695 <?page no="1574"?> Ebene. ♦ Εὕα wird nur noch erwähnt in 1Tim 2,13. ♦ πανουργία, das nur 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,19. ♦ φθείρω, das 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,17. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ νόημα, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,14; 4,4. ♦ ἁπλότης, das 9 / 8 Mal im NT belegt ist, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ἁγνότης steht 2 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Ver‐ seröffnung φοβοῦμαι; πως; δὲ μή πως; ἐξαπατάω; Εὕα; ἁπλότης; ἁγνότης). Der Vers ist das Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,4) Die Kombination εἰ μέν steht 7 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Apg 19,38; 25,11; 2Kor 11,4; Hebr 7,11; 8,4; im Vers: Apg 18,14; Hebr 11,15), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Ausdruck ὁ ἐρχόμενος steht 17 Mal im NT, Lk 6,47; 13,35, in Versen, die in *Ev fehlen, dann 19,38, wo der Teilvers in *Ev fehlt, findet sich also ausschließlich auf der kanonischen Ebene (3 Mal in Mt; Mk 11,9; Lk 6,47; 7,19. 20; 13,35; 19,38; 3 Mal in Joh; 2Kor 11,4; Hebr 10,37; 3 Mal Apk). ♦ ἄλλος, das 172 / 155 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 12,8. 9. 10; 14,19. ♦ κηρύσσω, das 63 / 61 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,2 und *1Kor 1,23; 15,11; *2Kor 4,5. ♦ Die Form ἐκηρύξαμεν steht noch 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene, 1Thess 2,9. ♦ λαμβάνω steht 292 / 260 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,14; *1Kor 3,14; *Röm 7,11; *Phil 2,7. ♦ Die Form λαμβάνετε steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Joh; Apg 2,15; 2Kor 11,4; Jak 4,3). ♦ Die Form ἐλάβετε steht 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (3 Mal Mt; Mk 11,24; 3 Mal Apg; Röm 8,15; 1Kor 15,1; 2Kor 11,4; Gal 1,9; 3,2; Phil 4,9; Kol 2,6; 1Thess 4,1; 1Joh 2,27). ♦ δέχομαι steht 62 / 56 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Thess 2,10. ♦ Die Form ἐδέξασθε steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2Kor 7,15; 11,4; Gal 4,14; 1Thess 2,13; Hebr 10,34). ♦ ἀνέχω, das sich 17 / 15 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,41. ♦ Die Form ἀνέχεσθε steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von aus‐ schließlich für die kanonische Ebene belegte Elemente auf (εἰ μέν; ὁ ἐρχόμενος; ἐκηρύξαμεν; λαμβάνετε; ἐλάβετε; ἐδέξασθε; ἀνέχεσθε). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 696 Rekonstruktion <?page no="1575"?> (11,5) λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. ♦ Die Form μηδέν steht 31 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 10,25. ♦ ὑστερέω steht 19 / 16 Mal im NT und ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ὑπερλίαν steht nur noch 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene in 2Kor 12,11. Zur Abwesenheit: Der etwas kürzere Vers, der vorkanonisch unbezeugt ist, weist dennoch einige Elemente auf, die ausschließlich kanonisch belegt sind (λογίζομαι; μηδέν; ὑστερέω; ὑπερλίαν). Auch dieser Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,6) Die Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, und zwar ausschließlich auf der kanonischen Ebene ♦ ἰδιώτης, das 5 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Form τῷ λόγῳ steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt nur in der Form ἐν τῷ λόγῳ in *Kol 1,5. ♦ γνῶσις, das 34 / 29 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,8; *Phil 3,8. ♦ Die Form τῇ γνώσει steht nur noch 1 weiteres Mal, 2Petr 1,6. ♦ Die Kombination ἐν παντί (Neut.) steht 20 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt, vgl. zu 2Kor 9,11. ♦ φανερόω, das 54 / 49 Mal im NT steht und vorkanonisch bezeugt ist für *2Kor 2,14; 3,3; 4,10. 11; 5,10; *Röm 3,21; *Kol 3,4. ♦ πᾶσιν, das 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6. Zur Abwesenheit: Auch in diesem vorkanonisch unbezeugten Vers begegnen Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (δὲ καί; ἰδιώτης; τῷ λόγῳ ohne ἐν; τῇ γνώσει; ἐν παντί). Auch dieser Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,7) ἤ als Verseröffnung findet sich 31 Mal im NT (8 Mal Mt; Lk 11,12; 13,4, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 14,31; 15,8; 2 Mal Apg; Röm 2,4; 3,29; 6,3; 7,1; 9,21; 10,7; 11,35; 1Kor 6,2. 9. 16; 9,6. 10; 10,22; 14,36; 2Kor 11,7; Jak 4,5), vorkanonisch nur bedingt bezeugt für *Ev 11,12, da es sich hier nicht um eine Verseröffnung handelt, die einen Einschnitt macht, sondern lediglich um die weitere Reihung innerhalb einer Sequenz. ♦ ἁμαρτία, das 184 / 173 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,4; *Röm 5,21; 7,7. 11; 8,3. 10; 14,23; *2Thess 2,3. ♦ Die Form ἐποίησα steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (6 Mal Joh; Apg 26,10; 2Kor 11,7; 1Tim 1,13; Hebr 8,9). ♦ Die Form ἐμαυτόν steht 18 Mal im NT, etwa Lk 7,7, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 2,18. ♦ ταπεινόω steht 21 / 14 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 12,16. ♦ ὑψόω findet sich 25 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ δωρεά steht 20 / 11 Mal im NT, nur bezeugt für die kanonische Ebene. ♦ εὐαγγελίζομαι, das 58 / 54 Mal 3 (2Kor) 697 <?page no="1576"?> im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,6; *Gal 1,9. 16; *1Kor 15,1; *Laod 2,17. ♦ Die Form εὐηγγελισάμην steht 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,1. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen (ἤ als Verseröffnung; ἐποίησα; ἐμαυτόν; δωρεά). Auch dieser Vers ist ein Produkt der kanonischen Ebene sein und hat vorkanonisch gefehlt. (11,8) Zu ἄλλος vgl. zuvor zu Vers 4. ♦ συλάω ist Hapax legomenon im NT. ♦ ὀψώνιον steht nur 4 Mal im NT, nur belegt für die kanonische Ebene (Lk 3,14; Röm 6,23; 1Kor 9,7; 2Kor 11,8). ♦ διακονία, das 35 / 34 Mal im NT belegt ist, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Deser kürzere Vers, der vorkanonisch unbezeugt ist, weist dennoch zwei gewichtige Begriffe auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ὀψώνιον; διακονία). Auch dieser Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (11,9) Die Eröffnung καὶ παρών steht nur hier. ♦ πάρειμι findet sich 25 / 24 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 13,10; *Kol 1,6. ♦ ὑστερέω steht 19 / 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. weiter oben zu Vers 5. ♦ καταναρκάομαι steht 3 Mal im NT, ausschließlich in diesem Umfeld (s. auch 2Kor 12,13. 14), und ist für die vorkanonische Ebene unbezeugt. ♦ οὐθέν steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Variante οὐδενός (Gen. Mask. / Neut. Sg.), die 10 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Genitivform οὐθενός findet sich nur noch 1 weiteres Mal im NT, Lk 22,35, auffallenderweise in einem Vers, der in *Ev fehlt. ♦ ὑστέρημα findet sich 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,24. ♦ προσαναπληρόω steht nur 2 Mal im NT, auch das andere Mal auf der kanonischen Ebene zuvor in 2Kor 9,12. ♦ ἀπό steht 711 / 646 Mal im NT, vgl. zu Vers 3. ♦ Μακεδονία, das 22 Mal im NT erwähnt wird, ist nur kanonisch belegt. ♦ Zu παντί vgl. zuvor zu Vers 6. ♦ ἀβαρής ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Form ἐμαυτόν steht 18 Mal im NT, etwa Lk 7,7, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 2,18. ♦ τηρέω steht 81 Mal im NT, insbesondere der johanneischen Literatur, also nur auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Ele‐ menten auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ὑστερέω; καταναρκάομαι; οὐθέν; οὐδενός; οὐθενός; προσαναπληρόω; Μακεδονία; ἐμαυτόν; τηρέω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 698 Rekonstruktion <?page no="1577"?> (11,10) καύχησις, das 13 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,30. ♦ αὕτη, das 77 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination von καύχησις und αὕτη findet sich nur auf der kanonischen Ebene wieder in 2Kor 1,10. ♦ φράσσω steht 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 3,19. ♦ Die Wendung εἰς ἐμέ steht 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (3 Mal Mt, Mk 9,42; 10 Mal Joh; Apg 26,18; 1Kor 15,10; 2Kor 11,10; 12,6). ♦ κλίμα findet sich 3 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Ἀχαία begegnet 12 / 10 Mal im NT, 1 Mal im lateinischen Prolog zum ersten Korintherbrief. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Kombination von καύχησις und αὕτη; εἰς ἐμέ; κλίμα). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,11) Die Frage διὰ τί steht 26 Mal im NT, davon 5 Mal wie hier als Verseröffnung (Verseröffnung: Mt 15,2; Joh 8,43; 12,5; Röm 9,32; 2Kor 11,11; im Vers: 6 Mal Mt; 3 Mal Mk; Lk 5,30; 19,31, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 20,5; 24,38, wo der Teilvers in *Ev fehlt; 3 Mal Joh; Apg 5,3; 1Kor 6,7; Apk 17,7), vorkanonisch bezeugt im Vers *Ev 11,38; 20,5. ♦ Die Wendung ὁ θεὸς οἶδεν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 11,11; 12,2. 3). Zur Abwesenheit: Obwohl es sich bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers um einen sehr kurzen Text handelt, fallen die Elemente auf, die ausschließlich für die kanonische Ebene belegt sind (Verseröffnung διὰ τί; ὁ θεὸς οἶδεν). Auch dieser Vers wird folglich ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (11,12) Die Kombination ὃ δέ steht 6 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mk 13,37; 2Kor 11,12; im Vers: Apg 3,6; Röm 6,10; 9,21; Gal 2,20), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐκκόπτω steht 10 Mal im NT, davon 3 Mal in Lk 3,9; 13,7. 9, in Versen, die in *Ev nicht vorhanden sind und auch sonst nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀφορμή steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,11. ♦ Die Form τῶν θελόντων steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 12,38; Lk 20,48; 2Kor 11,12). ♦ Die Wendung ἵνα ἐν ᾧ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 11,12; 1Petr 2,12; 3,16). ♦ Die Form καυχῶνται steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in 2Kor 11,18. ♦ εὑρίσκω, das 198 / 176 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Phil 2,7. ♦ Die Kombination καθὼς καί steht 28 Mal im NT, Lk 24,24, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,1; *1Kor 14,21b [= 1Kor 14,34]; *1Thess 2,14; *Laod 5,25. 29; *Kol 1,6. 3 (2Kor) 699 <?page no="1578"?> 97 Vgl. zu diesem Vers H. Zimmermann, Untersuchungen zur Geschichte der altlateini‐ schen Überlieferung des zweiten Korintherbriefes (1960), 125. Zur Abwesenheit: Auch in diesem vorkanonisch unbezeugten Vers begegnen einige Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ὃ δέ; ἐκκόπτω; τῶν θελόντων; ἵνα ἐν ᾧ; καυχῶνται). Auch dieser Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,13) Die vorkanonisch unbezeugte, kanonische Verseröffnung οἱ γὰρ τοιοῦτοι begegnet 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 16,18, in einem Vers, der in *Röm fehlt. ♦ τοιοῦτος, das 62 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *1Kor 15,48. ♦ ψευδαπόστολος ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἐργάτης steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27. ♦ δόλιος ist wiederum Hapax legomenon. ♦ μετασχηματίζω steht 5 Mal im NT, vielleicht vorkanonisch in *1Kor 4,6, dann aber gleich wieder in *2Kor 11,14 und auch *Phil 3,21, wir haben es also mit einem für die vorkanonische Ebene charakteristischen Begriff zu tun. ♦ Die Form ἀποστόλους steht 15 Mal im NT, Lk 11,49, in einem Vers, der in *Ev fehlt, 24,10, wo der Teilvers in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 6.13; 10,1; 24,50; *1Kor 12,28. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, wie näher in C. begründet. (11,14) Zum nicht bezeugten Versanfang: Die Wendung καὶ οὐ θαῦμα steht nur hier. θαῦμα steht nur noch 1 Mal im NT, auf kanonischer Ebene in Apk 17,6. ♦ Die Wendung αὐτὸς γάρ steht 10 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mk 6,17; Lk 20,42; Joh 4,44; 16,27; Eph 2,14; im Vers: Mt 1,21; Joh 2,25; 6,6; 2Kor 11,14; Hebr 13,5), vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,14 (Verseröffnung). Zum bezeugten Versteil: Σατανᾶς, der 72 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *2Kor 12,7; *2Thess 2,9. ♦ αὐτός (Nom. Mask. Sg.), das 153 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 2,14; *Kol 1,17. ♦ Zu μετασχηματίζω vgl. den voranstehenden Vers, wo es weiter vorkanonisch bezeugt ist. ♦ ἄγγελος, der 186 / 176 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 4,9; 6,3; 11,10; *2Kor 12,7; *2Thess 1,7; *Kol 2,18. ♦ φῶς steht 75 / 73 Mal im NT, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,6. 97 Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das bis auf die unbezeugte und vorkanonisch nicht weiter belegte Verseröffnung durch die Lexik bestätigt wird. Dass in der Verseröffnung αὐτὸς γάρ stand, legt die Lexik und auch der grammatische Anschluss nahe. 700 Rekonstruktion <?page no="1579"?> (11,15) Die Verseröffnung οὐ μέγα steht nur hier. ♦ μέγας steht 209 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 5,32. ♦ Die neutrale Form μέγα steht 19 Mal, die etwa in Lk 13,19; 14,16 an zwei Stellen zu finden ist, an denen der Begriff in *Ev fehlt. In *Ev 16,26 steht sie lediglich bezeugt durch Adamantius und vorkanonisch einzig in *Laod 5,32. ♦ Die Wendung εἰ καί steht 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,8; *2Kor 4,16. ♦ διάκονος, das 36 / 29 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μετασχηματίζω steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 11,13. 14; *Phil 3,21. ♦ δικαιοσύνη, das 97 / 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,17; 3,21; 5,21; 8,10; 10,3. 4; *Phil 3,9. ♦ Das Personalpronomen ὧν, das 78 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; *2Thess 2,10. ♦ τέλος, das 43 / 40 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,11; *Röm 10,4. ♦ Die Wendung ὧν τὸ τέλος steht 1 weiteres Mal in Phil 3,19. ♦ ἔργον, ein Begriff, der 187 / 169 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,48; *Gal 2,16; 3,10; 5,19; *1Kor 3,13. 14; 5,2, 5,19; *Kol 1,21. ♦ Die Verbform ἔσται, die 116 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15. ♦ Die Wendung τὰ ἔργα αὐτῶν steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; 2Kor 11,15; 2 Mal Apk). Zur Abwesenheit: Der Vers ist vorkanonisch nicht bezeugt und weist einige Ele‐ mente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (διάκονοι; ὧν τὸ τέλος; τὰ ἔργα αὐτῶν). Er wird folglich auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. 11,[16-32]: [Prahlen mit Schwachheit] Die nachfolgende Passage ist vorkanonisch unbezeugt. Was sich wie ein bio‐ graphisiertes Selbstlob liest, bietet bei näherer Betrachtung erneut eine Mixtur zwischen Selbstkritik und Selbsterhebung. Von besonderer Bedeutung ist die Verknüpfung dieses Motives mit einer Kritik an den Hebräern und Israeliten und dem Verweis auf Abraham. Der kanonische Paulus berichtet, was er alles unter den Hebräern und Israeliten erleiden musste, Mühsalen, bei denen diese Übeltäter mit Naturbedrohungen parallelisiert werden. Erneut trägt die kanonische Redaktion so dick auf, dass sie Gott braucht, um diesen Text zu authentifizieren: „31 Der Gott und Vater des Herrn Jesus, der gepriesen sei in Ewigkeit, weiß, dass ich nicht lüge.“ 3 (2Kor) 701 <?page no="1580"?> 16 Πάλιν λέγω, μή τίς με δόξῃ ἄφρονα εἶναι· εἰ δὲ μή γε, κἂν ὡς ἄφρονα δέξασθέ με, ἵνα κἀγὼ μικρόν τι καυχήσωμαι. 17 ὃ λαλῶ οὐ κατὰ κύριον λαλῶ, ἀλλ’ ὡς ἐν ἀφροσύνῃ, ἐν ταύτῃ τῇ ὑποστάσει τῆς καυχήσεως. 18 ἐπεὶ πολλοὶ καυχῶνται κατὰ σάρκα, κἀγὼ καυχήσομαι. 19 ἡδέως γὰρ ἀνέχεσθε τῶν ἀφρόνων φρόνιμοι ὄντες· 20 ἀνέχεσθε γὰρ εἴ τις ὑμᾶς καταδουλοῖ, εἴ τις κατεσθίει, εἴ τις λαμβάνει, εἴ τις ἐπαίρεται, εἴ τις εἰς πρόσωπον ὑμᾶς δέρει. 21 κατὰ ἀτιμίαν λέγω, ὡς ὅτι ἡμεῖς ἠσθενήκαμεν· ἐν ᾧ δ’ ἄν τις τολμᾷ, ἐν ἀφροσύνῃ λέγω, τολμῶ κἀγώ. 22 Ἑβραῖοί εἰσιν; κἀγώ. Ἰσραηλῖταί εἰσιν; κἀγώ. σπέρμα Ἀβραάμ εἰσιν; κἀγώ. 23 διάκονοι Χριστοῦ εἰσιν; παραφρονῶν λαλῶ, ὑπὲρ ἐγώ· ἐν κόποις περισσοτέρως, ἐν φυλακαῖς περισσοτέρως, ἐν πληγαῖς ὑπερβαλλόντως, ἐν θανάτοις πολλάκις· 24 ὑπὸ Ἰουδαίων πεντάκις τεσσεράκοντα παρὰ μίαν ἔλαβον, 25 τρὶς ἐρραβδίσθην, ἅπαξ ἐλιθάσθην, τρὶς ἐναυάγησα, νυχθήμερον ἐν τῷ βυθῷ πεποίηκα· 26 ὁδοιπορίαις πολλάκις, κινδύνοις ποταμῶν, κινδύνοις λῃστῶν, κινδύνοις ἐκ γένους, κινδύνοις ἐξ ἐθνῶν, κινδύνοις ἐν πόλει, κινδύνοις ἐν ἐρημίᾳ, κινδύνοις ἐν θαλάσσῃ, κινδύνοις ἐν ψευδαδέλφοις, 27 κόπῳ καὶ μόχθῳ, ἐν ἀγρυπνίαις πολλάκις, ἐν λιμῷ καὶ δίψει, ἐν νηστείαις πολλάκις, ἐν ψύχει καὶ γυμνότητι· 28 χωρὶς τῶν παρεκτὸς ἡ ἐπίστασίς μοι ἡ καθ’ ἡμέραν, ἡ μέριμνα πασῶν τῶν ἐκκλησιῶν. 29 τίς ἀσθενεῖ, καὶ οὐκ ἀσθενῶ; τίς σκανδαλίζεται, καὶ οὐκ ἐγὼ πυροῦμαι; 30 Εἰ καυχᾶσθαι δεῖ, τὰ τῆς ἀσθενείας μου καυχήσομαι. 31 ὁ θεὸς καὶ πατὴρ τοῦ κυρίου Ἰησοῦ οἶδεν, ὁ ὢν εὐλογητὸς εἰς τοὺς αἰῶνας, ὅτι οὐ ψεύδομαι. 32 ἐν Δαμασκῷ ὁ ἐθνάρχης Ἁρέτα τοῦ βασιλέως ἐφρούρει τὴν πόλιν Δαμασκηνῶν πιάσαι με, 33 καὶ διὰ θυρίδος ἐν σαργάνῃ ἐχαλάσθην διὰ τοῦ τείχους καὶ ἐξέφυγον τὰς χεῖρας αὐτοῦ. A. Diese Verse sind vorkanonisch unbezeugt. B. (11,28) ἐπίστασις steht in den Zeugen P 46.99 , 01, 03, 06, 010, 012, 015*, 0243, 0278, 33, 81, 326, 1175, 1739, 1881; stattdessen findet sich ἐπισύστασις in den Zeugen 015 c , 016, 018, 020, 025, 044, 0121, 104, 365, 630, 1241, 1505, 2464, M. 702 Rekonstruktion <?page no="1581"?> 98 M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion (2018), 235. C. 1. (11,16-32) Diese Verse sind nach allen Editoren unbezeugt. 2. (11,22) M. Klinghardt rechnet mit diesem Vers für die vorkanonische Ebene. 98 3. (11,31) Die ähnliche Beteuerung, wie sie dieser Vers bietet, begegnet ebenfalls auf der kanonischen Ebene in Gal 1,20. D. (11,16) Bereits das eröffnende πάλιν - der Terminus steht 159 Mal im NT - verweist auf die kanonische Ebene. ♦ Die Kombination μή τις steht 20 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 16,11. ♦ Die Form δόξῃ steht noch 1 weiteres Mal, Joh 16,2. ♦ ἄφρων steht 13 Mal im NT, vorkanonisch mit der Form ἄφρον bezeugt für *Ev 12,20; *1Kor 15,36. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,33 und *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ Die Wendung εἰ δὲ μή γε steht 8 Mal im NT, Lk 13,9, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,36. ♦ Die Kontraktion κἄν, die 18 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form δέξασθε steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 11,16; Eph 6,17; Kol 4,10; Jak 1,21). ♦ Die Kombination ἵνα κἀγώ steht 1 weiteres Mal im NT, Phil 2,19. ♦ μικρός, das 46 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt, vgl. oben die Anmerkung zu Vers 1. ♦ Die Form καυχήσωμαι steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch nicht bezeugte Vers weist verschiedene Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (πάλιν; μή τις; δόξῃ; κἄν; δέξασθε; ἵνα κἀγώ; καυχήσωμαι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,17) Die Verseröffnung ὃ λαλῶ steht nur hier. ♦ Die Wendung κατὰ κύριον steht nur hier. ♦ Die Kombination ἀλλ’ ὡς steht 17 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 4,14. ♦ ἀφροσύνη steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ἐν ταύτῃ steht 6 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene belegt, vgl. 1Kor 7,20. ♦ ὑπόστασις findet sich 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ καύχησις steht 13 / 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,31. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἀλλ’ ὡς; ἀφροσύνη; ἐν ταύτῃ; ὑπόστασις). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 3 (2Kor) 703 <?page no="1582"?> (11,18) Das für diesen Vers unbezeugte ἐπεί steht 26 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung, und begegnet überhaupt nur auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 15,29. ♦ Die Form καυχῶνται steht noch 1 weiteres Mal, 2Kor 11,12. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4. ♦ Die Form καυχήσομαι steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene belegt. Zur Abwesenheit: Auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist trotz seiner Kürze Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐπεί; καυχῶνται; καυχήσομαι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,19) ἡδέως steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀνέχω, das sich 17 / 15 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt, vgl. Vers 1. ♦ Die Form ἀνέχεσθε steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ φρόνιμος, das 15 / 14 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,16. ♦ Die Verbform ὄντες, die 26 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,4. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte, eng mit den Vorgängerversen narrativ verbundene Vers weist weitere Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἡδέως; ἀνέχεσθε). Auch er wird ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (11,20) Zu dem kanonischen ἀνέχεσθε, vgl. den voranstehenden Vers 11,19. ♦ Die Kombination εἴ τις (Mask.) steht 40 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,9; *1Kor 3,17. ♦ καταδουλόω findet sich 2 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4. ♦ κατεσθίω, das 15 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ λαμβάνω, das 292 / 260 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt, vgl. weiter oben zu Vers 4. ♦ Die Form λαμβάνει steht 28 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐπαίρω steht 21 / 19 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Wendung εἰς πρόσωπον steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 22,16; Mk 12,14; 2Kor 8,24; 11,20). ♦ δέρω, das 17 / 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,47. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἀνέχεσθε; κατεσθίω; λαμβάνει; εἰς πρόσωπον). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,21) Die Wendung κατὰ ἀτιμίαν steht nur hier. ♦ ἀτιμία steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ὡς ὅτι steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 5,9; 11,21; 2Thess 2,2). ♦ ἀσθενέω, das 47 / 33 Mal im 704 Rekonstruktion <?page no="1583"?> NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,6. ♦ Die Wendung ἐν ᾧ δ’ steht noch 1 weiteres Mal, Joh 5,7. ♦ Der Ausdruck δ’ ἄν steht 23 Mal im NT, nur an dieser Stelle in Paulus, dann Lk 20,18, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,5. ♦ ἄν, das 205 / 167 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25 und *1Kor 2,8. ♦ Die Kombination ἄν τις steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 2,45; 4,35; 2Kor 11,21). ♦ τολμάω, das 17 / 16 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. ♦ ἀφροσύνη steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ κἀγώ steht 93 / 84 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἀτιμία; ὡς ὅτι; ἐν ᾧ δ’; ἄν τις; ἀφροσύνη; κἀγώ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Ebene und hat vorkanonisch gefehlt. (11,22) Ἑβραῖος steht 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Phil 3,5. ♦ Zum kanonischen κἀγώ vgl. zum voranstehenden Vers 11,21. ♦ Ἰσραηλίτης findet sich 9 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ σπέρμα, das 45 / 43 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,38. ♦ Ἀβραάμ, das 75 / 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,22; *Röm 4,2. ♦ Der Ausdruck σπέρμα Ἀβραάμ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Eben ( Joh 8,33. 37; Röm 9,7; 2Kor 11,22); τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα begegnet auf der kanonischen Ebene in Gal 3,29. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Ele‐ mente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (κἀγώ; Ἰσραηλίτης; τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,23) διάκονος, das 36 / 29 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ παραφρονέω ist Hapax legomenon im NT. Auch das zugehö‐ rige Nomen παραφρονία ist Hapax legomenon im NT und steht ebenfalls auf der kanonischen Ebene (2Petr 2,16). ♦ κόπος steht 21 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ περισσοτέρως, das 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. ♦ φυλακεία, das 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Form ἐν φυλακαῖς steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 26,10; 2Kor 6,5; 11,23). ♦ πληγή, das 24 / 22 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,48. ♦ Die Form ἐν πληγαῖς steht 1 weiteres Mal im NT, ebenfalls auf der kanonischen Ebene, 2Kor 6,5. ♦ ὑπερβαλλόντως ist Hapax legomenon im NT. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ πολλάκις steht 19 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. 3 (2Kor) 705 <?page no="1584"?> Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehende Elemente auf (διάκονος; παραφρονέω; κόπος; ἐν φυλακαῖς; ἐν πληγαῖς; πολλάκις). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,24) ὑπὸ Ἰουδαίων steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 26,2. 7; 2Kor 11,24). ♦ πεντάκις ist Hapax legomenon im NT. ♦ τεσσεράκοντα steht 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ παρά, das 217 / 194 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,37; *Gal 1,8. 12; *1Kor 3,19; *Röm 2,13; 12,16; *2Thess 1,6. ♦ Die Form ἔλαβον steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 10,18; Apg 20,24; 1Kor 11,23; 15,3; 2Kor 11,24; 12,16; Gal 1,12; Phil 3,12; Apk 10,10). Zur Abwesenheit: Trotz der relativen Kürze dieses vorkanonisch nicht be‐ zeugten Verses weist er Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ὑπὸ Ἰουδαίων; τεσσεράκοντα; ἔλαβον). Der Vers wird folglich ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (11,25) τρίς, das sich 13 / 12 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 13,1. ♦ ῥαβδίζω steht 2 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 16,22; 2Kor 11,25). ♦ ἅπαξ steht 15 / 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ λιθάζω steht 11 / 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ναυαγέω steht nur noch 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (1Tim 1,19). ♦ νυχθήμερος und βυθός sind Hapax legomena im NT. ♦ Die Form πεποίηκα steht noch 1 weiteres Mal, Joh 13,12. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ῥαβδίζω; ἅπαξ; λιθάζω; πεποίηκα). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,26) ὁδοιπορία steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene ( Joh 4,6). ♦ πολλάκις steht 19 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ κίνδυνος steht nur noch 1 weiteres Mal im NT, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (Röm 8,35). ♦ ποταμός steht 18 / 17 Mal im NT und findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ λῃστής steht 15 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ γένος, das 22 / 21 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,10 und *Phil 3,5. ♦ Auch die Form ἐκ γένους, die 4 Mal im NT steht ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 3,5. ♦ Die Wendung ἐξ ἐθνῶν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 15,14. 23; Röm 9,24; 2Kor 11,26; Gal 2,15). ♦ πόλις steht 174 / 164 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. Auch das verwandte πολίτης, das 706 Rekonstruktion <?page no="1585"?> 4 Mal im NT steht, ist Ausdruck für die größere Bedeutung von Stadt, die sich in der kanonischen Redaktion findet, denn der Begriff steht Lk 15,15; 19,14, beide Male in Versen, die in *Ev fehlen, und dann noch in Apg 21,39; Hebr 8,11. ♦ Die Wendung ἐν πόλει steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 2,11, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Apg 11,5; 2Kor 11,26). ♦ ἐρημία steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν θαλάσσῃ steht nur hier. ♦ ψευδάδελφος steht 2 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers bietet eine ganze Fülle an Elementen, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ὁδοιπορία; πολλάκις; κίνδυνος; ποταμός; λῃστής; ἐξ ἐθνῶν; ἐν πόλει; ἐρημία). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,27) κόπος steht 21 / 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μόχθος steht 3 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Man bemerke vor allem dieselbe Zusammenstellung von κόπος und μόχθος in 1Thess 2,9. ♦ ἀγρυπνία steht noch 1 weiteres Mal im NT, ebenfalls auf kanonischer Ebene, 2Kor 6,5. ♦ Zum kanonischen πολλάκις vgl. zum voranstehenden Vers 11,26. ♦ λιμός steht 13 / 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt an der eschatologischen Stelle in *Ev 21,11. ♦ Die Form ἐν λιμῷ steht noch 1 weiteres Mal im NT, Apk 6,8. ♦ δίψος steht 2 Mal im NT, auch das andere Mal auf der kanonischen Ebene (2Kor 11,27; Apk 22,17). ♦ νηστεία, das 8 / 6 Mal im NT steht, nur kanonisch bezeugt. ♦ ψῦχος steht 3 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene. ♦ γυμνότης steht nur 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Fülle von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegter Elemente auf (κόπος; μόχθος; Zusammenstellung von κόπος und μόχθος; ἀγρυπνία; πολλάκις; ἐν λιμῷ; δίψος; νηστεία; ψῦχος; γυμνότης). Der Vers ist ein Produkt der kanoni‐ schen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,28) χωρίς steht 40 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mk 4,34; 2Kor 11,28; Phlm 1,14; Hebr 7,7; 11,6; im Vers: 3 Mal Mt; Lk 6,49, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 2 Mal Joh; Röm 3,21. 28; 4,6; 7,8. 9; 10,14; 1Kor 4,8; 11,11; 2Kor 12,3; Eph 2,12; Phil 2,14; 1Tim 2,8; 5,21; 10 Mal Hebr; Jak 2,18. 20. 26), vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,12. ♦ παρεκτός steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐπίστασις steht nur noch 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (Apg 24,12, und zwar in den Zeugen P 74 , 01, 02, 03, 08, 044, 1739). ♦ Die Variante ἐπισύστασις findet sich ebenfalls nurmehr an derselben Stelle von Apg 24,12 (und zwar in den Zeugen 020, 323, 614, 945, 1241, 1505, M) auf der kanonischen Ebene, man bemerke die 3 (2Kor) 707 <?page no="1586"?> teilweise Übereinstimmung der Zeugen. ♦ Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ findet sich 49 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 19,47, wiederum in einem Vers, der in *Ev fehlt; 14 Mal in Apg; Röm 1,15; 8,12. 28; 9,5. 11; 11,21. 24; 16,5, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,19; 2Kor 7,11; 10,7; 11,28; Gal 4,29; Eph 1,15; 4,24; 5,33; 5,6. 21; Phil 1,12; Kol 3,22; 4,7. 15; 1Tim 6,3; Tit 1,1. 9; Phlm 1,2; Hebr 11,7; Jak 3,9; 1Petr 1,3). ♦ μέριμνα steht 8 / 6 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,34. ♦ πασῶν, das 7 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum kanonischen Ausdruck τῶν ἐκκλησιῶν vgl. zum voranstehenden Vers 8,18. Zur Abwesenheit: Wie bereits die voranstehenden Verse weist auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers eine Fülle von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (παρεκτός; ἐπίστασις/ ἐπισύστασις; Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ; πασῶν; τῶν ἐκκλησιῶν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Außerdem bemerke man die Nähe von *Laod zur kanonischen Lexik (χωρίς). (11,29) ἀσθενέω steht 47 / 33 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,6. ♦ σκανδαλίζω steht 30 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 8,13. ♦ Die Wendung καὶ οὐκ ἐγώ steht noch 1 weiteres Mal im NT, 2Joh 1,1. ♦ πυρόω steht 9 / 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 6,15. Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers findet sich nur die eine Formulierung (καὶ οὐκ ἐγώ), die nur auf der kanonischen Ebene weiter belegt ist. Allerdings ist der Vers so eng in den Kontext der kanonischen Verse eingebunden und besitzt keine Verbindung zu dem vorkanonischen Text, so dass wohl auch dieser Vers zur Komposition der kanonischen Redaktion gehört und vorkanonisch gefehlt haben wird. (11,30) Die Form καυχᾶσθαι steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung καυχᾶσθαι δεῖ wird gleich wieder auf der kanonischen Ebene in 2Kor 12,1 aufgenommen. ♦ Die Form τῆς ἀσθενείας steht nur noch 1 weiteres Mal Lk 13,12 auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form καυχήσομαι steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene belegt. Zur Abwesenheit: Trotz der Kürze dieses vorkanonisch unbezeugten Verses bietet er dennoch Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (καυχᾶσθαι; καυχᾶσθαι δεῖ; τῆς ἀσθενείας; καυχήσομαι). Der Vers ist Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 708 Rekonstruktion <?page no="1587"?> (11,31) Die Wendung ὁ θεὸς καὶ πατήρ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2Kor 1,3; 11,31; Eph 1,3; 1Thess 3,11; 1Petr 1,3). ♦ Der Ausdruck ὁ ὤν steht 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (6 Mal Joh; Röm 9,5; 2Kor 11,31; 5 Mal Apk). ♦ εὐλογητός steht 8 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 1,3. ♦ Die Wendung εὐλογητὸς εἰς τοὺς αἰῶνας steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 1,25; 9,5; 2Kor 11,31). ♦ Die verräterische Aussage οὐ ψεύδομαι steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Wie die vielsagende Behauptung οὐ ψεύδομαι in diesem vorkanonisch unbezeugten Vers bereits durchscheinen lässt, was durch die Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind, gestützt wird (ὁ θεὸς καὶ πατήρ; ὁ ὤν; εὐλογητὸς εἰς τοὺς αἰῶνας; οὐ ψεύδομαι), ist dieser Vers ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,32) Δαμασκός steht 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐθνάρχης und Ἁρέτας sind Hapax legomena im NT. ♦ φρουρέω, das 4 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Δαμασκηνός ist Hapax legomenon im NT. ♦ Zu πόλις vgl. zuvor zu Vers 26. ♦ πιάζω steht 12 Mal im NT, insbesondere in der johanneischen Literatur, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Auch dieser Vers, der vorkanonisch unbezeugt ist, weist Ele‐ mente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Δαμασκός; φρουρέω; πιάζω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (11,33) θυρίς steht noch 1 weiteres Mal, Apg 20,9. ♦ σαργάνη ist Hapax legomenon im NT. ♦ χαλάω steht 7 Mal, jeweils für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ τεῖχος steht 10 / 9 Mal im NT, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐκφεύγω steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung τὰς χεῖρας αὐτοῦ steht noch 1 weiteres Mal, Lk 24,50 auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Auch in diesem Schlussvers des Kapitels, der vorkanonisch unbezeugt ist, finden wir Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (θυρίς; χαλάω; τεῖχος; ἐκφεύγω; τὰς χεῖρας αὐτοῦ). Auch dieser Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Wie dieser Überblick zeigt, hat die gesamte Passage vorkanonisch gefehlt und geht auf die kanonische Redaktion zurück. 3 (2Kor) 709 <?page no="1588"?> Kapitel 12 12,[1] 2 [3] 4 [5-6] 7-9: Entrückung und Vollendung der Kraft in der Schwachheit In dieser Passage setzt sich der vorkanonische *Paulus von den Pseudaposteln ab, die im vorangegangenen Kapitel vorkanonisch erwähnt worden waren und von denen gesagt wurde, dass sie sich lediglich unehrlich als Apostel getarnt hätten. Während *Paulus auf die Schwäche des Leibes hingewiesen hatte (vor allem in den Kapiteln 4-5) und ausdrücklich davon sprach, dass er nicht sich selbst verkünde (4,5), unterstrich er doch zugleich, dass bereits jetzt die Verwandlung von Herrlichkeit zu Herrlichkeit stattfinde und der innere Mensch täglich erneuert werde, also eine neue Schöpfung erfolge, Altes vergeht und Neues werde. Damit dieses geschehen kann, ist Selbstbescheidung erforderlich, nicht aber Selbstüberhebung, wie sie die Lügenapostel verkörpern, die sich selbst als Apostel stilisieren. Die Autorität des *Paulus kommt aus der Offenbarung, gepaart von seiner Bindung an ein Fleisch, das ihm nicht erlaubt, sich selbst zu erheben. Aus diesem Ansatz webt die kanonische Redaktion einen Diskurs, der die hier anklingende Spannung zwischen Erniedrigung und Erhöhung, mit der eine Antithese zwischen der eigenen Autorität und der Selbstautorisierung der Pseudapostel geschaffen wurde, diese Antithese reduziert, wenn nicht sogar auflöst, indem die Spannung in die Person des Paulus selbst verlegt wird. Was Paulus gegenüber den Pseudapostel kritisierte wird nun zu einer Selbstkritik des Paulus umgearbeitet. - 12,1 Καυχᾶσθαι δεῖ· οὐ συμφέρον μέν, ἐλεύσομαι δὲ εἰς ὀπτασίας καὶ ἀποκαλύψεις κυρίου. 12,2 ὁ θεὸς οἶδεν ἄνθρωπον ἐν Χριστῷ ἁρπαγέντα ἕως τρίτου οὐρανοῦ - 2 οἶδα ἄνθρωπον ἐν Χριστῷ πρὸ ἐτῶν δεκατεσσάρων εἴτε ἐν σώματι οὐκ οἶδα, εἴτε ἐκτὸς τοῦ σώματος οὐκ οἶδα, ὁ θεὸς οἶδεν ἁρπαγέντα τὸν τοιοῦτον ἕως τρίτου οὐρανοῦ. - 3 καὶ οἶδα τὸν τοιοῦτον ἄνθρωπον εἴτε ἐν σώματι εἴτε χωρὶς τοῦ σώματος οὐκ οἶδα, ὁ θεὸς οἶδεν 4 εἰς τὸν παράδεισον καὶ ἤκουσεν ἄρρητα ῥήματα ἃ οὐκ ἐξὸν ἀνθρώπῳ λαλῆσαι 4 ὅτι ἡρπάγη εἰς τὸν παράδεισον καὶ ἤκουσεν ἄρρητα ῥήματα ἃ οὐκ ἐξὸν ἀνθρώπῳ λαλῆσαι. 710 Rekonstruktion <?page no="1589"?> 5 ὑπὲρ τοῦ τοιούτου καυχήσομαι, ὑπὲρ δὲ ἐμαυτοῦ οὐ καυχήσομαι εἰ μὴ ἐν ταῖς ἀσθενείαις. 6 ἐὰν γὰρ θελήσω καυχήσασθαι, οὐκ ἔσομαι ἄφρων, ἀλήθειαν γὰρ ἐρῶ· φείδομαι δέ, μή τις εἰς ἐμὲ λογίσηται ὑπὲρ ὃ βλέπει με ἢ ἀκούει [τι] ἐξ ἐμοῦ 7 καὶ τῇ ὑπερβολῇ τῶν ἀποκαλύψεων. διό, ἵνα μὴ ὑπεραίρωμαι, ἐδόθη μοι σκόλοψ τῇ σαρκί, ἄγγελος Σατανᾶ, ἵνα με κολαφίζῃ, ἵνα μὴ ὑπεραίρωμαι. 7 καὶ τῇ ὑπερβολῇ τῶν ἀποκαλύψεων. διό, ἵνα μὴ ὑπεραίρωμαι, ἐδόθη μοι σκόλοψ τῇ σαρκί, ἄγγελος Σατανᾶ, ἵνα με κολαφίζῃ, ἵνα μὴ ὑπεραίρωμαι. 8 ὑπὲρ τούτου τρὶς τὸν κύριον παρεκάλεσα ἵνα ἀποστῇ ἀπ’ ἐμοῦ· 8 ὑπὲρ τούτου τρὶς τὸν κύριον παρεκάλεσα ἵνα ἀποστῇ ἀπ’ ἐμοῦ· 9 ἡ δὲ δύναμις ἐν ἀσθενείᾳ τελεῖται. 9 καὶ εἴρηκέν μοι, Ἀρκεῖ σοι ἡ χάρις μου· ἡ γὰρ δύναμις ἐν ἀσθενείᾳ τελεῖται. ἥδιστα οὖν μᾶλλον καυχήσομαι ἐν ταῖς ἀσθενείαις μου, ἵνα ἐπισκηνώσῃ ἐπ’ ἐμὲ ἡ δύναμις τοῦ Χριστοῦ. A. *12,2. 4: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 12,8: De paradiso … Hic illud forte mirabor, si proprium potuit habere paradisum deus nullius terrenae dispositionis, nisi si etiam paradiso creatoris precario usus est, sicut et mundo. Et tamen hominem tollere ad caelum creatoris exemplum est in Helia; Eznik, De Deo 362, 379: „Aber Paulus, sagen sie, wurde in den dritten Himmel entrückt, und er hörte (diese) unaussprechlichen Worte (welche wir predigen). Aber siehe, Paulus sagt, was die Menschen nicht aussprechen dürfen“, „Er wurde ins Paradies entrückt“, „Und ich hörte unaussprechliche Worte, welche niemand aussprechen darf “. ♦ *12,7-9: Vgl. Tert., Adv. Marc V 12,8: Magis vero mirabor dominum optimum, percutiendi et saeviendi alienum, nec proprium saltem sed creatoris angelum satanae colaphizando apostolo suo applicuisse, et ter ab eo obsecratum non concessisse. Emendat igitur et deus Marcionis secundum creatorem elatos aemulantem, ut deponentem scilicet de solio dynastas. Aut numquid ipse est qui et in corpus Iob dedit satanae potestatem, ut virtus in infirmitate comprobaretur? B. (12,1) Post ἐλεύσομαι liest man δέ in P 46 , 01, 010, 012, 016, 025, 0243, 0278, 33, 81, 1175, 1739, 2464, lat, während γάρ geboten wird in 06, 018, 020, 044, 104, 365, 630, 1241, 1505, 1881, M, sy. C. 1. (12,1) Nach allen Editoren ist der erste Vers unbezeugt. 2. (12,2-4) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für Vers 4. Zahn sieht die Verse 2-4 nach der kanonischen Fassung präsent. Harnack sieht folgende 3 (2Kor) 711 <?page no="1590"?> 99 M. Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien Band 2: Rekonstruktion | Übersetzung | Varianten. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (2020), 1243. Textteile bezeugt: 2 παράδεισον … ἄνθρωπον ἁρπαγέντα ἕως τρίτου οὐρανοῦ. 3 καὶ ἤκουσεν ἄρρητα ῥήματα ἃ οὐκ ἐξὸν ἀνθρώπῳ λαλῆσαι. Schmid sieht ebenfalls Anspielungen auf den Vers 4, ohne dass er einen bestimmten Text gibt. BeDuhn übersetzt den folgenden Text 2 [οἶδα] ἄνθρωπον [… πρὸ ἐτῶν δεκατεσσάρων εἴτε ἐν σώματι οὐκ οἶδα, εἴτε ἐκτὸς τοῦ σώματος οὐκ οἶδα, ὁ θεὸς οἶδεν] ἁρπαγέντα τὸν τοιοῦτον ἕως τρίτου οὐρανοῦ. 3 [καὶ οἶδα τὸν τοιοῦτον ἄνθρωπον εἴτε ἐν σώματι εἴτε χωρὶς τοῦ σώματος οὐκ οἶδα, ὁ θεὸς οἶδεν 4 ὅτι ἡρπάγη] εἰς τὸν παράδεισον [καὶ] ἤκουσεν ἄρρητα ῥήματα [ἃ οὐκ ἐξὸν ἀνθρώπῳ λαλῆσαι]. Nachdem aus den Versen 2 und 4 jeweils Stücke bezeugt sind, stellt sich die Frage, ob auch der Rest und ob Vers 3 zur vorkanonischen Ebene gehört haben. 3. (12,4) Das Paradiesmotiv in diesem Vers ist von Bedeutung. Es findet sich nämlich auch auf kanonischer Ebene in Lk 23,43 und nach Epiphanius fehlt dieser Vers im Markionevangelium. Klinghardt gibt hierzu eine aufschlussreiche Erläuterung: „Das narrative Profil der Szene in *Ev zielte … lediglich auf die un‐ terschiedliche Haltung der beiden Übeltäter gegenüber Jesus: Der eine schmäht ihn (ἐβλασϕήμει αὐτόν), ohne dass der Inhalt dieser Blasphemie benannt würde, der andere zeigt die Erwartung, dass Jesus, seiner Kreuzigung zum Trotz, »in seine βασιλεία kommen« werde. Damit kontert er die Verspottung Jesu als βασιλεὺς τῶν Ἰουδαίων durch die Soldaten. Eine Reaktion Jesu auf dieses Bekenntnis hin ist nicht notwendig und war ursprünglich auch nicht im Text enthalten: Dass Jesus den »guten Schächer« für seinen Glauben durch die Verheißung belohnt, er werde »heute noch im Paradies« sein, ist erst von der lk Redaktion hinzugefügt worden.“ 99 Nun kann man natürlich weiterfragen, warum die kanonische Redaktion diese Erweiterung angebracht hat. Eine mögliche Erklärung ist möglicherweise, dass es ein Motiv der kanonischen Re‐ daktion darstellt. Demnach würde der exklusive Anspruch des vorkanonischen *Paulus auf das Eingehen in das Paradies (*2Kor 12,4) duch die Analogie des reuigen Schächers eingehegt. wonach ein Eintreten in das Paradies, wie an dieser Stelle hier in *2Kor 12,4 vermerkt ist, nicht Paulus von sich allein geltend machen kann, wie es hier in *2Kor 12,4 geschieht, ja der sich bekehrt habende Paulus gewissermaßen auf dieselbe Ebene des reuigen Schächers gestellt wird. Diese Reduktion der Autorität des Paulus entspricht der kanonischen Tendenz. 712 Rekonstruktion <?page no="1591"?> 100 Vgl. S.-210. 4. (12,5-6) Nach Zahn sind diese Verse der kanonischen Form nach präsent, während Harnack, Schmid und BeDuhn sie als unbezeugt betrachten. BeDuhn bietet jedoch eine Übersetzung derselben, die er in Klammern setzt. 5. (12,7-9) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für die Verse 7-9. Zahn sieht auch die Verse 7-9 nach der kanonischen Form präsent. Harnack ist zurückhaltender und gibt als bezeugten Textbestand lediglich: 7 … ἄγγελος Σατανᾶ, ἵνα με κολαφίζῃ … 8 … τρὶς τὸν κύριον παρεκάλεσα … 9-… δύναμις ἐν ἀσθενείᾳ τελεῖται. Schmid sieht nur Andeutungen, aus denen er keinen Text zu rekonstruieren wagt. BeDuhn übersetzt den folgenden Text: 7 [καὶ τῇ ὑπερβολῇ τῶν ἀποκαλύψεων. διό, ἵνα μὴ ὑπεραίρωμαι], ἐδόθη μοι [σκόλοψ τῇ σαρκί], ἄγγελος Σατανᾶ, ἵνα με κολαφίζῃ, [ἵνα μὴ ὑπεραίρωμαι. 8 ὑπὲρ τούτου] τρὶς τὸν κύριον παρεκάλεσα ἵνα ἀποστῇ ἀπ’ ἐμοῦ: 9 καὶ εἴρηκέν μοι, [Ἀρκεῖ σοι ἡ χάρις μου: ἡ γὰρ] δύναμις ἐν ἀσθενείᾳ τελεῖται. D. (12,1) καυχάομαι, das 39 / 37 Mal im NT steht, und zwar ausschließlich in der Briefliteratur, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29. 31; 3,21. ♦ Die Wendung καυχᾶσθαι δεῖ stand zuvor auf der kanonischen Ebene in 2Kor 11,30 ♦ Die Form ἐλεύσομαι steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 1Kor 4,19. ♦ συμφέρω, das 19 / 15 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ὀπτασία steht 4 Mal im NT und ist nur kanonisch bezeugt. ♦ ἀποκάλυψις, das 22 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,6; *2Thess 1,7. (12,2) οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8, vgl. weiter zu Vers 3. ♦ Die Form οἶδα steht 56 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 4,34; 13,25; 18,20; *1Kor 1,16. ♦ πρό, das 49 / 47 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,27 (πρὸ προσώπου σου); 11,38 (πρὸ τοῦ ἀρίστου); 21,12 (πρὸ δὲ τούτων); 22,15 (πρὸ τοῦ με παθεῖν); *1Kor 2,7 (πρὸ τῶν αἰώνων); *Kol 1,17 (πρὸ πάντων). ♦ ἔτος, das 53 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 3,1; *Gal 2,1. ♦ Die Wendung ἐν Χριστῷ begegnet nicht in *Ev, ist allerdings encheiristisch vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4; *2Kor 2,17; 3,14; 5,17; *1Thess 4,15; *Laod 2,10. 13; *Phil 1,13, vgl. zur encheiristischen Semantik zuvor zu 1Kor 1,4. 100 ♦ δεκατεσσάρων, das 3 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für Gal 2,1. ♦ εἴδω, das 339 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt, auch die Perfektform οἶδα findet sich in *Ev und in *Paulus bezeugt. ♦ ἐκτός findet sich 9 / 8 Mal im NT, in 1Kor 6,9 steht dieselbe Wendung nur 3 (2Kor) 713 <?page no="1592"?> für die kanonische Ebene bezeugt (ἐκτὸς τοῦ σώματoς) und das Wort ist überhaupt nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἁρπάζω steht 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,17. ♦ τοιοῦτος, das 62 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *1Kor 15,48, vgl. weiter Verse 3. 5. ♦ τρίτος, das 62 / 56 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,4 (Schmid weist diesen Text als unsichere Lesart aus); *2Kor 12,2, vgl. weiter Vers 14. ♦ οὐρανός, das 300 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 8,5; 15,47; 5,1. 2; 12,2; *Röm 1,18; *2Thess 1,7; *Laod 1,10; *Kol 1,5; *Phil 3,20. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians und Ezniks. Der narrativen Kohärenz wegen muss am Anfang das unbezeugte, aber vorkanonisch gut bezeugte οἶδα gestanden sein, dass auch ἐν Χριστῷ nicht erst von der kanoni‐ schen Redaktion hinzugefügt wurde, lässt sich aus der encheiristischen Semantik dieser Wendung ablesen (vgl. zu 1Kor 1,4). Während die Verse 2 und 4 diese ontologische Interpretation stützen, führt die wiederholte Selbstpropaganda, die die eingeschobenen Versteile von 2 und 3 auf der kanonischen Ebene hinzufügen zu einer semantischen Verschiebung zur Selbstautorisierung des Paulus. (12,3) Die Wendung καὶ οἶδα steht noch zwei weitere Male im NT, davon 1 Mal wie hier als Verseröffnung (Verseröffnung: Joh 12,50; im Vers: Joh 5,32). ♦ Zu οἶδα vgl. zuvor zu Vers 2. ♦ Zu τοιοῦτος vgl. zuvor zu Vers 2 und danach Vers 5. ♦ ἐν σώματι steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 12,2. 3; Hebr 13,3). ♦ χωρίς findet sich 43 / 41 Mal im NT, das einzige Mal, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,12. ♦ Die Wendung ὁ θεὸς οἶδεν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 11,11; 12,2. 3). Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist verschiedene Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen (Verser‐ öffnung καὶ οἶδα; ἐν σώματι; ὁ θεὸς οἶδεν). Der Vers ist ein Produkt der kano‐ nischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Zu bemerken ist wiederum die Nähe von *Laod zur kanonischen Lexik (χωρίς). (12,4) παράδεισος steht 3 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt (Lk 23,43; Apk 2,7). ♦ ἀκούω steht 466 / 430 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 1,13; *Kol 1,5. ♦ Die Form ἤκουσεν steht 17 Mal im NT, Lk 15,25, in einem Vers, der in *Ev fehlt, also ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἄρρητος ist Hapax legomenon. ♦ ῥῆμα steht 72 / 68 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 12,4; 13,1. ♦ Die Wendung ἃ οὐκ steht 3 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt (Apg 16,212; 25,7; 2Kor 12,4). ♦ ἔξειμι steht 10 / 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt nur hier. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt wiederum dem Zeugnis Tertullians und vor allem dem Ezniks. Die unbezeugte und auch nicht vorkanonisch weiter belegte 714 Rekonstruktion <?page no="1593"?> Form ἤκουσεν wird tentativ gegeben; sie mag vorkanonisch anders gelautet haben, weil die Passage, wie die Verse 2 und 3 zeigen, kanonisch überarbeitet wurde. (12,5) Die Form καυχήσομαι steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ Zu τοιοῦτος vgl. zuvor zu den Versen 2. 3. ♦ Die Wendung εἰ μὴ ἐν steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; 2 Mal Mk; 1Kor 12,3. 5; Gal 6,14). ♦ ἀσθένεια, das 27 / 24 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,9. 10. ♦ Die Form ταῖς ἀσθενείαις steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 12,5. 9; Hebr 4,15). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (καυχήσομαι; εἰ μὴ ἐν; ταῖς ἀσθενείαις). Der Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (12,6) Die Kombination ἐὰν γάρ steht 10 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 4,15. ♦ θέλω steht 228 / 209 Mal im NT und ist auch vorkanonisch bezeugt, etwa *Ev 5,13; *1Kor 7,7; 10,1. ♦ Die Verbform ἔσομαι, die 13 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu ἄφρων, das 13 Mal im NT steht und vorkanonisch mit der Form ἄφρον bezeugt ist, vgl. zuvor zu 11,16. ♦ ἀλήθεια, das 112 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,15; *Laod 1,13. ♦ Die Verbform ἐρῶ steht 8 Mal im NT und findet sich überhaupt nur auf der kanonischen Ebene. ♦ φείδομαι, das 10 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination μή τις steht 20 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 16,11. ♦ λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. ♦ βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 4,18. ♦ ἀκούω steht 466 / 430 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 1,13; *Kol 1,5. ♦ Die Wendung ἐξ ἐμοῦ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. 2,2. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung ἐὰν γάρ; ἔσομαι; ἐρῶ; φείδομαι; μή τις; λογίζομαι; ἐξ ἐμοῦ). Der Vers ist das Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (12,7) ὑπερβολή steht 8 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,13; *1Kor 12,31; *2Kor 4,7. ♦ ἀποκάλυψις, das 22 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,6; *2Thess 1,7. ♦ διό steht 53 Mal im NT, davon 42 Mal als Verseröffnung, Lk 7,7 (als Verseröffnung), in einem Versteil, der in *Ev fehlt; vorkanonisch nur bezeugt im Vers *2Kor 1,20; 4,13; *Laod 5,14. ♦ ὑπεραίρω steht nur 3 Mal im NT, die anderen beiden Male vorkanonisch ebenfalls bezeugt in *2Thess 2,4. ♦ Die Wendung ἐδόθη μοι 3 (2Kor) 715 <?page no="1594"?> steht noch zwei weitere Male, nur auf der kanonischen Ebene in Mt 28,18; Apk 11,1. ♦ σκόλοψ ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Wendung τῇ σαρκί steht 12 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Röm 7,5. 18; *Kol 1,24 (jeweils mit vorangesetztes ἐν). ♦ ἄγγελος, der 186 / 176 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 4,9; 6,3; 11,10; *2Kor 11,14; 12,7; *2Thess 1,7; *Kol 2,18. ♦ Σατανᾶς, der 72 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 11,14; 12,7. ♦ κολαφίζω, das 5 Mal im NT steht, ist nur hier vorkanonisch bezeugt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, auch wenn nur Teile des Verses durchklingen. Hier allerdings hilft die Lexik, so dass wohl der oben gegebene Wortlaut im vorkanonischen Text gestanden war. (12,8) Die Verseröffnung ὑπὲρ τούτου steht nur hier. ♦ τούτου, das 69 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,34; *1Kor 2,6. 8; 3,19; *2Kor 4,4; *Röm 7,24; *Laod 2,2; 6,12. ♦ τρίς findet sich 13 / 12 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *2Kor 13,1. ♦ Auf die besondere Bedeutung der Dreimaligkeit für *Ev verweist Klinghardt zu *Ev 22,34. 61. ♦ παρακαλέω, das 115 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 16,25. ♦ ἀφίστημι steht 15 Mal im NT, vielleicht vorkanonisch stehend in *Ev 13,27 (falls hier, wie Klinghardt zur Stelle vorschlägt, nicht ἀποχωρεῖτε stand); 24,51 (bezeugt durch 05). ♦ Die Kombination ἀπ’ ἐμοῦ steht 14 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 8,46; 13,27. Zur Rekonstruktion: Auch wenn die Verseröffnung nicht bezeugt ist, spricht die singuläre Präsenz dafür, dass sie vorkanonisch stand. Daran anschließend folgt der Text dem Zeugnis Tertullians, gestützt von einer Lexik, die weiter vorkanonisch bezeugt ist. (12,9) Die Form εἴρηκεν steht 10 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung καὶ εἴρηκέν μοι steht nur hier. ♦ ἀρκέω steht 9 / 8 Mal im NT und zwar ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἀσθένεια, das 27 / 24 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,9. 10. ♦ σοι (Dat. Sg. oder Nom. / Vok. Mask. Pl. von σύ / σός), das 212 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 5,14. ♦ τελέω steht 30 / 28 Mal im NT und findet sich sonst nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Steigerung ἥδιστα steht 2 Mal, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 12,9. 15). ♦ μάλα steht 85 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,13; *2Kor 3,8.10. ♦ Die Form καυχήσομαι steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ ἐπισκηνόω ist Hapax legomenon im NT. Zur Rekonstruktion: Wie die Lexik unterstreicht, hat der unbezeugte Beginn des Verses ebenso gefehlt wie das unbezeugte Ende. Auch narrativ entspricht sowohl dieser Anfang wie das Ende dem kanonischen Diskurs der paradoxen Selbsterhöhung durch -erniedrigung des kanonischen Paulus. 716 Rekonstruktion <?page no="1595"?> 12,[10-21]: [Selbstkritik des Paulus] Die vorliegende Passage ist vorkanonisch unbezeugt und stellt eine Fortsetzung der kanonischen Internalisierung der Selbstkritik dar, von der zuvor gerade die Rede war. - 10 διὸ εὐδοκῶ ἐν ἀσθενείαις, ἐν ὕβρεσιν, ἐν ἀνάγκαις, ἐν διωγμοῖς καὶ στενοχωρίαις, ὑπὲρ Χριστοῦ· ὅταν γὰρ ἀσθενῶ, τότε δυνατός εἰμι. 11 Γέγονα ἄφρων· ὑμεῖς με ἠναγκάσατε· ἐγὼ γὰρ ὤφειλον ὑφ’ ὑμῶν συνίστασθαι. οὐδὲν γὰρ ὑστέρησα τῶν ὑπερλίαν ἀποστόλων, εἰ καὶ οὐδέν εἰμι· 12 τὰ μὲν σημεῖα τοῦ ἀποστόλου κατειργάσθη ἐν ὑμῖν ἐν πάσῃ ὑπομονῇ, σημείοις τε καὶ τέρασιν καὶ δυνάμεσιν. 13 τί γάρ ἐστιν ὃ ἡσσώθητε ὑπὲρ τὰς λοιπὰς ἐκκλησίας, εἰ μὴ ὅτι αὐτὸς ἐγὼ οὐ κατενάρκησα ὑμῶν; χαρίσασθέ μοι τὴν ἀδικίαν ταύτην. 14 Ἰδοὺ τρίτον τοῦτο ἑτοίμως ἔχω ἐλθεῖν πρὸς ὑμᾶς, καὶ οὐ καταναρκήσω· οὐ γὰρ ζητῶ τὰ ὑμῶν ἀλλὰ ὑμᾶς, οὐ γὰρ ὀφείλει τὰ τέκνα τοῖς γονεῦσιν θησαυρίζειν, ἀλλὰ οἱ γονεῖς τοῖς τέκνοις. 15 ἐγὼ δὲ ἥδιστα δαπανήσω καὶ ἐκδαπανηθήσομαι ὑπὲρ τῶν ψυχῶν ὑμῶν. εἰ περισσοτέρως ὑμᾶς ἀγαπῶ[ν], ἧσσον ἀγαπῶμαι; 16 ἔστω δέ, ἐγὼ οὐ κατεβάρησα ὑμᾶς· ἀλλὰ ὑπάρχων πανοῦργος δόλῳ ὑμᾶς ἔλαβον. 17 μή τινα ὧν ἀπέσταλκα πρὸς ὑμᾶς, δι’ αὐτοῦ ἐπλεονέκτησα ὑμᾶς; 18 παρεκάλεσα Τίτον καὶ συναπέστειλα τὸν ἀδελφόν· μήτι ἐπλεονέκτησεν ὑμᾶς Τίτος; οὐ τῷ αὐτῷ πνεύματι περιεπατήσαμεν; οὐ τοῖς αὐτοῖς ἴχνεσιν; 19 Πάλαι δοκεῖτε ὅτι ὑμῖν ἀπολογούμεθα; κατέναντι θεοῦ ἐν Χριστῷ λαλοῦμεν· τὰ δὲ πάντα, ἀγαπητοί, ὑπὲρ τῆς ὑμῶν οἰκοδομῆς. 20 φοβοῦμαι γὰρ μή πως ἐλθὼν οὐχ οἵους θέλω εὕρω ὑμᾶς, κἀγὼ εὑρεθῶ ὑμῖν οἷον οὐ θέλετε, μή πως ἔρις, ζῆλος, θυμοί, ἐριθείαι, καταλαλιαί, ψιθυρισμοί, φυσιώσεις, ἀκαταστασίαι· 21 μὴ πάλιν ἐλθόντος μου ταπεινώσῃ με ὁ θεός μου πρὸς ὑμᾶς, καὶ πενθήσω πολλοὺς τῶν προημαρτηκότων καὶ μὴ μετανοησάντων ἐπὶ τῇ ἀκαθαρσίᾳ καὶ πορνείᾳ καὶ ἀσελγείᾳ ἧ ἔπραξαν. A. Die Passage ist vorkanonisch unbezeugt. 3 (2Kor) 717 <?page no="1596"?> 101 M.M. Mitchell, Paul’s Letters to Corinth: The Interpretive Intertwining of Literary and Historical Reconstruction (2005), 324-333. B. Keine nennenswerten Varianten. C. 1. (12,10-21) Nach allen Editoren sind diese Verse unbezeugt. Zahn rechnet allerdings mit ihrer Präsenz in unbestimmbarer Textgestalt. 2. Die Aufzählung in diesem Vers erinnert an die andere auf der kanonischen Ebene zuvor in 2Kor 6,4-7 (4 ἀλλ’ ἐν παντὶ συνίσταντες ἑαυτοὺς ὡς θεοῦ διάκονοι, ἐν ὑπομονῇ πολλῇ, ἐν θλίψεσιν, ἐν ἀνάγκαις, ἐν στενοχωρίαις, 5 ἐν πληγαῖς, ἐν φυλακαῖς, ἐν ἀκαταστασίαις, ἐν κόποις, ἐν ἀγρυπνίαις, ἐν νηστείαις, 6 ἐν ἁγνότητι, ἐν γνώσει, ἐν μακροθυμίᾳ, ἐν χρηστότητι, ἐν πνεύματι ἁγίῳ, ἐν ἀγάπῃ ἀνυποκρίτῳ, 7 ἐν λόγῳ ἀληθείας, ἐν δυνάμει θεοῦ). 3. (12,17) Dieser Vers soll sich auf 2Kor 8,6. 22 zurückbeziehen, wonach 2Kor 8 der älteste der korinthischen Briefe ist, die den Zweiten Korintherbrief ausmachen. 101 D. (12,10) εὐδοκέω steht 22 / 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,15; *1Kor 1,21; 10,5; *2Kor 5,8; *2Thess 2,12; *Kol 1,19. ♦ ἀσθενέω, das 47 / 33 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,6. ♦ ὕβρις ist nur noch zwei weitere Male auf der kanonischen Ebene bezeugt (Apg 27,10. 21). ♦ ἀνάγκη steht 19 / 18 Mal im NT, jedoch nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Form ἐν ἀνάγκαις steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene und in einer parallelen Stelle in 2Kor 6,4. ♦ διωγμός steht 10 Mal im NT, ist jedoch ausschließlich für die kanonische Ebene belegt. ♦ στενοχωρία, das 4 Mal im NT steht und ist immer nur kanonisch belegt ist. ♦ Die Kombination ὅταν γάρ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 3,4. ♦ Die Kombination ὑπὲρ Χριστοῦ steht 4 Mal im NT (2Kor 5,20; 12,10; Phil 1,29), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ τότε, das 164 / 160 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,54. ♦ δυνατός steht 115 / 32 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbform εἰμί, die 130 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,8. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers ist ein Vorzeigebeispiel für kanonische Lexik. Fast alle Elemente dieses Verses begegnen ausschließlich auf der kanonischen Ebene (ὕβρις; ἀνάγκη; ἐν ἀνάγκαις; διωγμός; στενοχωρία; ὅταν γάρ; ὑπὲρ Χριστοῦ; δυνατός). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 718 Rekonstruktion <?page no="1597"?> (12,11) Die Form γέγονα steht 5 Mal im NT (nur hier als Verseröffnung), vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,22. ♦ Zum vorkanonisch anklingenden ἄφρων, vgl. 2Kor 12,6. ♦ Die Kombination ὑμεῖς με steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ( Joh 15,16; 16,27; 1Kor 16,6; 2Kor 12,11). ♦ ἀναγκάζω, das 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,3. ♦ Die Kombination ἐγὼ γάρ steht 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,17. ♦ ὀφείλω, das sich 42 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 11,7. 10. ♦ Die Form ὤφειλον steht nur hier. ♦ Die Kombination ὑφ’ ὑμῶν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 4,11; Röm 15,24, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 4,3; 2Kor 1,16; 12,11). ♦ συνίστημι steht 10 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ Die Kombination οὐδὲν γάρ, die 4 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 4,4. ♦ ὑστερέω, das 19 / 16 Mal im NT steht, ist nur kanonisch belegt. ♦ ὑπερλίαν, das nur 2 Mal im NT steht, ist beide Male auf der kanonischen Ebene zu finden (vgl. auch den parallelen Ausdruck zu 2Kor 11,5: ὑστερηκέναι τῶν ὑπερλίαν ἀποστόλων). ♦ Die Kombination εἰ καί steht 15 Mal im NT, Lk 11,8, wo diese Kombination in *Ev fehlt, vorkanonisch belegt für *1Kor 9,8; *2Kor 4,16. ♦ Die Kombination οὐδέν εἰμι steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in 1Kor 13,2. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ὑμεῖς με; ὑφ’ ὑμῶν; συνίστημι; οὐδὲν γάρ; ὑστερέω; ὑπερλίαν; οὐδέν εἰμι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (12,12) σημεῖον, das 86 / 77 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *2Thess 2,9. ♦ κατεργάζομαι, das 25 / 22 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πάσῃ (Dat. Fem. Sg.), das 44 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Thess 2,9. ♦ ὑπομονή, das 33 / 32 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,19. ♦ τέρας steht 16 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Thess 2,9. Zur Abwesenheit: In diesem vorkanonisch unbezeugten Vers begegnen zwar nur zwei Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (κατεργάζομαι; ἐν ὑμῖν), doch fällt die Nähe zu dem vorkanonisch bezeugten Vers *2Thess 2,9 auf (οὗ ἐστιν ἡ παρουσία κατ’ ἐνέργειαν τοῦ Σατανᾶ ἐν πάσῃ δυνάμει καὶ σημείοις καὶ τέρασιν ψεύδους). Hinzu kommt die enge narrative Einbindung des Verses in den kanonischen Kontext. Es scheint folglich *2Thess 2,9 die vorkanonische Vorlage für den vorliegenden Vers gewesen zu sein, den dieselben kanonischen Redakteure, die den Brief vor der vorkanonischen Redaktion verfasst hatten, bei ihrer Bearbeitung von *2Kor aufgegriffen haben. 3 (2Kor) 719 <?page no="1598"?> (12,13) Die Kombination τί γάρ findet sich 7 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 5,12. ♦ Die erweiterte Kombination und Verseröffnung τί γάρ ἐστιν begegnet ebenfalls als Verseröffnung an einer weiteren Stelle auf der kanonischen Ebene, Mt 9,5. ♦ ἡσσάομαι steht 3 Mal im NT, auch die beiden anderen Male auf der kanonischen Ebene in 2Petr 2,19. 20. ♦ Die Kombination εἰ μή ὅτι begegnet 1 weiteres Mal in Eph 4,9. ♦ αὐτός (Nom. Mask. Sg.), das 153 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 2,14; *Kol 1,17. ♦ Die Kombination αὐτὸς ἐγώ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 7,25; 9,3; 15,14, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 2Kor 12,13). ♦ καταναρκάομαι, das 3 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden. ♦ χαρίζω bzw. χαρίζομαι, das 24 / 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Kol 2,13. ♦ ταύτην, das 55 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,16. Zur Abwesenheit: In diesem vorkanonisch unbezeugten Vers begegnen einige Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (τί γάρ ἐστιν; ἡσσάομαι; εἰ μὴ ὅτι; αὐτὸς ἐγώ; καταναρκάομαι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (12,14) ἰδού steht 200 Mal im NT, davon 22 Mal als Verseröffnung. Während das Lexem vorkanonisch bezeugt ist für *Ev 17,21; 23,50; *2Kor 5,17, steht es vorkanonisch nie als Verseröffnung. ♦ Zu τρίτος vgl. zuvor zu Vers 2. ♦ Die Form τρίτον steht 8 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 14,41; Joh 21,17; 2Kor 12,14; 13,1; 3 Mal Apk). ♦ ἑτοίμως steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἔχω + Verb findet sich 6 Mal im NT, Lk 12,50, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (Lk 12,50; Joh 4,32; 10,18; 19,10; 2Kor 12,14; Jak 2,18). ♦ Die unscheinbare Wendung πρὸς ὑμᾶς, die 71 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 3,1. ♦ Wieder steht καταναρκάομαι, das 3 Mal im NT steht, unbezeugt für die vorkanonische Ebene. ♦ ζητέω, das 130 / 117 Mal im NT steht und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *Röm 10,3. ♦ Die Form ζητῶ steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ γονεύς findet sich 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 6,1. ♦ θησαυρίζω, das 8 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung ἰδού; τρίτον; ἑτοίμως; ἔχω + Verb; πρὸς ὑμᾶς; καταναρκάομαι; ζητῶ; θησαυρίζω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Der Terminus γονεύς zeigt erneut die Nähe von *Laod zur kanonischen Lexik. 720 Rekonstruktion <?page no="1599"?> (12,15) Die Kombination ἐγὼ δέ steht 33 Mal im NT, davon 21 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 6 Mal Mt; Lk 22,32, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 4 Mal Joh; 3 Mal Apg; Röm 7,9. 10; 1Kor 9,15; 2Kor 1,23; 12,15; Gal 5,11; im Vers: Lk 15,17, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 22,27, in einem Vers, der eine andere Formulierung bietet; 2 Mal Joh; Apg 22,28; Röm 7,14; 1Kor 1,12; 7,28; 15,10; Eph 5,32), im Vers vorkanonisch bezeugt für *Laod 5,32. ♦ ἡδέως steht 3 / 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ δαπανάω steht 5 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐκδαπανάω ist Hapax legomenon im NT. ♦ ψυχή, das 118 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,45; *1Thess 5,23. ♦ Die Wendung ὑπὲρ τῶν ψυχῶν ὑμῶν steht noch 1 weiteres Mal in Hebr 13,17. ♦ περισσοτέρως, das 15 Mal im NT steht, vorwiegend in paulinischen Briefen, ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. ♦ περισσός, das 6 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich für die kanonischen Ebene bezeugt. ♦ ἥσσων steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in 1Kor 11,17. Zur Abwesenheit: Der kanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Ele‐ menten auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verser‐ öffnung ἐγὼ δέ; ἡδέως; δαπανάω; ὑπὲρ τῶν ψυχῶν ὑμῶν; ἥσσων). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (12,16) ἔστω, das 13 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,8. ♦ Die Kombination ἔστω δέ steht 4 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mt 5,37; 2Kor 12,16; im Vers: Jak 1,19; 5,12), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐγὼ οὐ steht 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15, vgl. zu diesem Vers *1Kor 9,15. ♦ καταβαρέω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Form ὑπάρχων steht 15 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,48; *Gal 1,14; *1Kor 11,7; *Phil 2,6; vgl. zu 2Kor 8,17. ♦ πάνουργος ist Hapax legomenon im NT. ♦ δόλος steht 11 Mal im NT, ausschließlich belegt für die kanonische Ebene. ♦ Die Form ἔλαβον steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 11,24. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἔστω δέ; δόλος; ἔλαβον). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkano‐ nisch gefehlt. (12,17) μή τινα steht als Kombination und Verseröffnung nur hier. ♦ τινα (Nom. / Akk. Neut. oder Akk. Fem. / Mask. Sg.), das 46 Mal im NT steht, findet sich immer auf der kanonischen Ebene. ♦ Das Personalpronomen ὧν, das 78 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; *2Thess 2,10. ♦ ἀποστέλλω steht 142 / 132 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Form ἀπέσταλκα steht 1 weiteres Mal in Apg 10,20. ♦ Die unscheinbare Wendung πρὸς ὑμᾶς, die 71 Mal im NT steht, findet 3 (2Kor) 721 <?page no="1600"?> sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 3,1. ♦ πλεονεκτέω, das nur 5 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἀπέσταλκα; πρὸς ὑμᾶς; πλεονεκτέω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (12,18) παρακαλέω, das 115 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,25; *2Kor 12,7. ♦ Die Form παρεκάλεσα steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 12,8. ♦ Τίτος, der 13 Mal im NT erwähnt wird, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,3. ♦ συναποστέλλω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Bezeichnung von Titus als Bruder begegnet an der weiteren Stelle 2Kor 2,13. ♦ μήτι, das sich 20 Mal im NT findet, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πλεονεκτέω, das nur 5 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ τῷ αὐτῷ πνεύματι findet sich als Wendung noch 1 weiteres Mal in *1Kor 12,9 und in der parallelen kanonischen Stelle. ♦ περιπατέω, das 104 / 95 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,2; 5,2. ♦ αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.), das 543 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; *2Thess 2,11. ♦ ἴχνος steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 4,12; 2Kor 12,18; 1Petr 2,21). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Bezeichnung von Titus als Bruder; μήτι; πλεονεκτέω; ἴχνος). Auch dieser Vers ist wohl ein Produkt der kanonischen Redaktion und wird vorkanonisch gefehlt haben. (12,19) πάλαι steht 7 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ δοκέω steht 100 / 63 Mal im NT. ♦ Die Form δοκεῖτε steht 10 Mal im NT, Lk 13,2. 4, in Versen, die in *Ev fehlen, d. h. sie findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ὅτι ὑμῖν steht 3 Mal im NT, davon 1 Mal als Verseröffnung (Phil 1,29), jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 13,11; 2Kor 12,19; Phil 1,29). ♦ ἀπολογέομαι steht 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,14. ♦ κατέναντι steht 8 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 2,17. ♦ Die Semantik von ἐν Χριστῷ ist kanonisch denotiert - es geht um die Selbstautorisierung des Paulus, nicht um den für die vorkanonische Ebene charakteristischen eincheiristischen Gebrauch. ♦ Die Kombination τὰ δὲ πάντα steht 3 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 5,18. ♦ ἀγαπητοί steht 27 Mal im NT, davon 9 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 10,14. ♦ ὑπὲρ τῆς ὑμῶν steht 3 Mal im NT, weiter auf der kanonischen Ebene in 2Kor 1,6. 722 Rekonstruktion <?page no="1601"?> Zur Abwesenheit: In diesem vorkanonisch unbezeugten Vers begegnen einige Elemente, die ausschließlich für die kanonische Ebene belegt sind (πάλαι; δοκεῖτε; ὅτι ὑμῖν; Semantik von ἐν Χριστῷ; τὰ δὲ πάντα; ἀγαπητοί; ὑπὲρ τῆς ὑμῶν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkano‐ nisch gefehlt. (12,20) Die Form φοβοῦμαι steht 4 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Als Verseröffnung: 2Kor 11,3; 12,20; Gal 4,11; im Vers: Lk 18,4), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ φοβέω, das 110 / 95 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,12. ♦ Die Kombination γὰρ μή steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 14,2; Joh 8,24; 16,7; 2Kor 12,20; Gal 4,30; 2Petr 1,9; 1Joh 4,20). ♦ πως, das 15 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Entsprechend begegnet auch die Kombination μή πως, die 11 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form ἐλθών steht 50 Mal im NT, Lk 10,32; 15, 6. 17, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt ausschließlich auf der kanonischen Ebene (14 Mal Mt; 7 Mal Mk; Lk 7,3; 8,51; 10,32; 12,37. 43; 14,9; 15,6. 17; 18,8; 19,23; 22,45; 7 Mal Joh; Apg 21,11; 22,13; Röm 15,32, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 2,1; 2Kor 2,3. 12; 12,20; Eph 2,17; Phil 1,27; 1Joh 5,6). ♦ οὐχ, das 105 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 10,3; *Phil 1,17; 2,6. ♦ οἷος, das 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,48. ♦ εὑρίσκω steht 198 / 176 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Phil 2,7. ♦ Die Form εὑρεθῶ steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Phil 3,9. ♦ ἔρις steht 15 / 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,20; *Phil 1,15. ♦ ζῆλος steht 22 / 16 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,20. ♦ θυμός steht 19 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt wieder für *Gal 5,20. ♦ ἐριθεία steht 10 / 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,20; *Phil 1,17. ♦ καταλαλία steht noch 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (1Petr 2,1). Auch das verwandte Verb καταλαλέω, das 3 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt ( Jak 4,11; 1Petr 2,12; 3,16). Das Adjektiv κατάλαλος, das 2 Mal im NT steht, befindet sich nur auf der kanonischen Ebene (Röm 1,30; Jak 4,11). ♦ ψιθυρισμός ist Hapax legomenon im NT. Auch das verwandte ψιθυριστής, das in Röm 1,29 steht, ist Hapax legomenon im NT, aber auch nur auf der kanonischen Ebene stehend. ♦ φυσίωσις ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἀκαταστασία, das 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,33. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen (Verseröffnung φοβοῦμαι; γὰρ μή; πως; μή πως; ἐλθών; εὑρεθῶ; καταλαλιά). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Man bemerke die Nähe zu *Gal 5,20. 3 (2Kor) 723 <?page no="1602"?> 102 Vgl. zu der bemerkten Spannung L.L. Welborn, The Corinthian Correspondance (2013), 230. (12,21) πάλιν, das 159 / 141 Mal im NT steht, etwa Lk 6,42, wo im parallelen Vers in *Ev der Begriff fehlt, findet sich mit Ausnahme von *1Kor 3,20 (in der Kombination καὶ πάλιν als Hinweis auf ein weiteres Schriftzitat) alleinstehend nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ταπείνωσις steht 7 / 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Phil 3,21. ♦ Die Wendung ὁ θεός μου steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 15,34; Joh 20,28; 2Kor 12,21). ♦ Die unscheinbare Wendung πρὸς ὑμᾶς, die 71 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 3,1. ♦ πενθέω, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,25. ♦ προαμαρτάνω steht 2 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ μετανοέω steht 36 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zum verwandten μετάνοια, das 24 / 22 Mal im NT steht, ist nur auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ ἀκαθαρσία steht 11 / 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,19. ♦ πορνεία steht 27 / 25 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,13. 18; *1Thess 4,3. ♦ ἀσέλγεια steht 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,19. ♦ πράσσω steht 43 / 39 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *2Kor 5,10; *Röm 2,25. Zur Abwesenheit: Auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich für die kanonische Ebene belegt sind (ὁ θεός μου; πρὸς ὑμᾶς; προαμαρτάνω; μετανοέω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Ebene und hat vorkanonisch gefehlt. Wie der voranstehende Vers an *Gal 5,20 erinnert, so erinnert dieser an *Gal 5,19. 21. Wie dieser lexikalische Überblick zeigt, atmet die gesamte Passage die Lexik der kanonischen Redaktion, es stimmen somit die fehlende Bezeugung und die Lexik überein. Auffallend ist auch die enge Berührung mit anderen Passagen der kanonischen Redaktion, die sich durch die Wiederholung von Verweisen auf dieselben Fußnoten ausdrückt. Außerdem scheint der Text von *Gal 5,19-21 abhängig zu sein. In der Vergangenheit hat man auf eine Spannung hingewiesen zwischen 2Kor 12,20-21 und 7,10-11, die jedoch beide zur kanonischen Redaktion gehören. 102 Kapitel 13 13,1-2 [3-7] 8 [9] 10 [11-13]: Schluss - die Aufforderung aus der Ferne Die zentrale vorkanonische Aussage ist gut belegt. Die kanonische Redaktion hat diese reichlich ausgeweitet. 724 Rekonstruktion <?page no="1603"?> 13,1 τριῶν μαρτύρων σταθήσεται πᾶν ῥῆμα. 13,1 Τρίτον τοῦτο ἔρχομαι πρὸς ὑμᾶς· ἐπὶ στόματος δύο μαρτύρων καὶ τριῶν σταθήσεται πᾶν ῥῆμα. 2 προείρηκα καὶ προλέγω -οὐ φείσομαι, 2 προείρηκα καὶ προλέγω ὡς παρὼν τὸ δεύτερον καὶ ἀπὼν νῦν τοῖς προημαρτηκόσιν καὶ τοῖς λοιποῖς πᾶσιν, ὅτι ἐὰν ἔλθω εἰς τὸ πάλιν οὐ φείσομαι, - 3 ἐπεὶ δοκιμὴν ζητεῖτε τοῦ ἐν ἐμοὶ λαλοῦντος Χριστοῦ· ὃς εἰς ὑμᾶς οὐκ ἀσθενεῖ ἀλλὰ δυνατεῖ ἐν ὑμῖν. 4 καὶ γὰρ ἐσταυρώθη ἐξ ἀσθενείας, ἀλλὰ ζῇ ἐκ δυνάμεως θεοῦ. καὶ γὰρ ἡμεῖς ἀσθενοῦμεν ἐν αὐτῷ, ἀλλὰ ζήσομεν σὺν αὐτῷ ἐκ δυνάμεως θεοῦ εἰς ὑμᾶς. 5 Ἑαυτοὺς πειράζετε εἰ ἐστὲ ἐν τῇ πίστει, ἑαυτοὺς δοκιμάζετε· ἢ οὐκ ἐπιγινώσκετε ἑαυτοὺς ὅτι Ἰησοῦς Χριστὸς ἐν ὑμῖν; εἰ μήτι ἀδόκιμοί ἐστε. 6 ἐλπίζω δὲ ὅτι γνώσεσθε ὅτι ἡμεῖς οὐκ ἐσμὲν ἀδόκιμοι. 7 εὐχόμεθα δὲ πρὸς τὸν θεὸν μὴ ποιῆσαι ὑμᾶς κακὸν μηδέν, οὐχ ἵνα ἡμεῖς δόκιμοι φανῶμεν, ἀλλ’ ἵνα ὑμεῖς τὸ καλὸν ποιῆτε, ἡμεῖς δὲ ὡς ἀδόκιμοι ὦμεν. 8 οὐ γὰρ δυνάμεθά τι κατὰ τῆς ἀληθείας, ἀλλὰ ὑπὲρ τῆς ἀληθείας. 8 οὐ γὰρ δυνάμεθά τι κατὰ τῆς ἀληθείας, ἀλλὰ ὑπὲρ τῆς ἀληθείας. - 9 χαίρομεν γὰρ ὅταν ἡμεῖς ἀσθενῶμεν, ὑμεῖς δὲ δυνατοὶ ἦτε· τοῦτο καὶ εὐχόμεθα, τὴν ὑμῶν κατάρτισιν. 10 ταῦτα ἀπὼν γράφω, ἵνα παρὼν μὴ ἀποτόμως χρήσωμαι κατὰ τὴν ἐξουσίαν ἣν ὁ κύριος ἔδωκέν μοι. 10 διὰ τοῦτο ταῦτα ἀπὼν γράφω, ἵνα παρὼν μὴ ἀποτόμως χρήσωμαι κατὰ τὴν ἐξουσίαν ἣν ὁ κύριος ἔδωκέν μοι, εἰς οἰκοδομὴν καὶ οὐκ εἰς καθαίρεσιν. - 11 Λοιπόν, ἀδελφοί, χαίρετε, καταρτίζεσθε, παρακαλεῖσθε, τὸ αὐτὸ φρονεῖτε, εἰρηνεύετε, καὶ ὁ θεὸς τῆς ἀγάπης καὶ εἰρήνης ἔσται μεθ’ ὑμῶν. 12 ἀσπάσασθε ἀλλήλους ἐν ἁγίῳ φιλήματι. ἀσπάζονται ὑμᾶς οἱ ἅγιοι πάντες. 13 Ἡ χάρις τοῦ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ καὶ ἡ ἀγάπη τοῦ θεοῦ καὶ ἡ κοινωνία τοῦ ἁγίου πνεύματος μετὰ πάντων ὑμῶν. A. *13,1: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 12,9: Quid et formam legis adhuc tenet Galatarum castigator, in tribus testibus praefiniens staturum omne verbum? Ibid. V 1,3: Ipse se, inquit, apostolum est professus, et quidem non ab hominibus nec per hominem, sed per Iesum Christum. Plane profiteri potest semetipsum quis, verum professio eius alterius auctoritate conficitur. Alius scribit, alius subscribit, alius 3 (2Kor) 725 <?page no="1604"?> obsignat, alius actis refert. Nemo sibi et professor et testis est. Vgl. Adam., Dial. II 18 (aus dem Mund des Adamantius): Τρίτον τοῦτο ἔρχομαι πρὸς ὑμᾶς. ἐπὶ στόματος δύο ἢ τριῶν μαρτύρων σταθήσεται πᾶν ῥῆμα. Zahn rekonstruiert: Τρίτον τοῦτο ἔρχομαι πρὸς ὑμᾶς. ἐπὶ στόματι (γὰρ? ) δύο ἢ (oder καὶ) τριῶν μαρτύρων σταθήσεται πᾶν ῥῆμα. Dtn 19,15 LXX: ἐπὶ στόματος δύο μαρτύρων καὶ ἐπὶ στόματος τριῶν μαρτύρων σταθήσεται πᾶν ῥῆμα. ♦ *13,2: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 12,9: Quid et non parsurum se peccatoribus comminatur, lenissimi dei praedicator? ♦ *13,10: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 12,9: Immo et ipsam durius agendi in praesentia potestatem a domino datam sibi affirmat. B. (13,1) Für ἔρχομαι liest man ἑτοίμως ἔχω ἐλθεῖν in den Zeugen 02, vg ms . ♦ (13,2) Post νῦν add γράφω in 06 2 , 018, 020, 025, 044, 104, 365, 1241, 1505, 2464, M, vg ms , sy, sa, (bo), Ambst, om in P 46 , 01, 02, 03, 06* .c , 010, 012, 016, 0243, 6, 33, 81, 630, 1175, 1739, 1881, lat. Das γράφω wird in Vers 10 wieder aufgenommen. C. 1. (13,1) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Harnack gibt als Wortlaut des Verses folgende Rekonstruktion: Τρίτον τοῦτο ἔρχομαι πρὸς ὑμᾶς: ἐπὶ στόματος δύο τριῶν μαρτύρων σταθήσεται πᾶν ῥῆμα. Schmid sieht nur Anspielungen, ohne eine Textrekonstruktion vorzuschlagen, BeDuhn folgt in seiner Übersetzung dem Text Harnacks. Die Frage stellt sich wieder, ob die unbezeugten Teile vorkanonisch präsent waren. Tertullian kommt angesichts seiner Gegenargumentation auf seine Ausfüh‐ rungen im Kommentar zum Galaterbrief. Dort hatte er nämlich diese Behaup‐ tung des *Paulus mit den zwei oder drei Zeugen zurückgewiesen, indem er ihm entgegenhielt, er, *Paulus, bezeuge sich lediglich selbst und erfülle damit nicht die Bedingung von drei Zeugen. Doch liest sich der vorkanonische Text nicht als Behauptung, es brauche drei Zeugen für die Beglaubigung einer Sache, sondern der Text bezieht sich unter Absehung des kanonischen Zusatzes zu Anfang von Vers 13,1 zurück auf die letztbezeugten Verse 12,8-9, wo davon die Rede war, dass *Paulus zwar dreimal den Herrn angefleht hatte, von ihm abzulassen, aber „die Kraft … in der Schwachheit vollendet“ werde; *Paulus wies also darauf hin, dass er dreimal von Gott geschlagen wurde, eben weil alles durch ein dreimaliges Zeugnis befestigt werde. Tertullian hatte folglich ein Statement aus dem vorkanonischen Text genommen und es mit Blick auf die kanonische Version hin gelesen. 2. (13,2) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Nach Zahn ist dieser Vers in seiner kanonischen Form präsent. Harnack hingegen sieht als Textbestand nur bezeugt: οὐ φείσομαι τοῖς ἡμαρτηκόσιν. Schmid sieht 726 Rekonstruktion <?page no="1605"?> 103 Mark Bilby hat stilistische und lexikographische Gründe hinzugefügt, die die obige Version stützen (Email vom 16.05.2023). 104 T.R. Blanton IV, Paul’s Covenantal Theology in 2 Corinthians 2.14-7.4 (2012), 61. 105 Ibid. erneut nur Andeutungen, ohne eine Textrekonstruktion zu geben, und BeDuhn legt seiner Übersetzung den Text Harnacks zugrunde. 103 3. Der Ausdruck τοῖς λοιποῖς πᾶσιν, zu dem in Phil 1,13 auch noch ἐν ὅλῳ hin‐ zugefügt wird, spiegelt die kanonisch redaktionelle Tendenz, die geographische Reichweite auszudehnen und eine überregionale Bewegung zu signalisieren. Paulus gerät so zu einer Konsolidierungsfigur, wie Bilby dies in seiner Email an mich treffend formulierte. 4. (13,3-9) Diese Verse sind nach Zahn, Schmid und BeDuhn unbezeugt. Harnack verweist für Vers 3 auf Adam., Dial. V 6 (aus dem Mund des Adaman‐ tius): ἢ δοκιμὴν ζητεῖτε τοῦ ἐν ἐμοὶ λαλοῦντος Χριστοῦ. Für Vers 4 verweist er auf Adam., Dial. V 12 (aus dem Mund des Adamantius): καὶ γὰρ εἰ καὶ ἐσταυρώθη ἐξ ἀσθενείας, ἀλλὰ ζῇ ἐκ δυνάμεως θεοῦ. Hieraus leitet Harnack ab, dass diese Textteile Bestand des markionitischen Paulus waren. 5. (13,10) Zahn sieht den Vers in der kanonischen Form präsent, Harnack sieht den oben fettgedruckt und unterstrichenen Textteil bezeugt, so auch Schmid, der das κατά einklammert. BeDuhn legt seiner Übersetzung den obigen Text zugrunde, wobei er die unbezeugten Teile in Klammern gibt und auch das μή einklammert. Nach Blanton und anderen endet in 2Kor 13,10 der eigenständige, fünfte Brief (2Kor 10,1-13,10) innerhalb der Sammlung von Briefen im Zweiten Korintherbrief. 104 6. (13,11-13) Die Verse 11-13 gelten nach allen Editoren als unbezeugt, Zahn rechnet allerdings mit ihrer Präsenz in unbestimmbarer Form. Wieder sind wir auf den lexikalischen Vergleich angewiesen. Nach Blanton und anderen endet in 2Kor 13,11-13 der dritte und letzte Teil des ersten Briefes innerhalb der Sammlung von Briefen im Zweiten Korintherbrief. 105 D. (13,1) Zum unbezeugten Versanfang: Die Form τρίτον steht 8 Mal im NT, nur hier als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form ἔρχομαι steht 20 Mal im NT, Lk 13,7, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (Lk 13,7; 19,13; 9 Mal Joh; 2Kor 13,1; 1Tim 4,13; 7 Mal Apk). ♦ στόμα steht 80 / 78 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,15; *Röm 3,19; *Laod 6,19. ♦ Die Form ἐπὶ στόματος steht noch 1 weiteres Mal in Mt 18,16. ♦ δύο steht 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. 3 (2Kor) 727 <?page no="1606"?> Zum bezeugten Versteil: μάρτυς, das 39 / 35 Mal im NT steht, ist nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ ἵστημι, das 191 / 154 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *2Kor 13,1; *2Kor 13,1; *Röm 10,3; *Laod 6,11. ♦ Die Form σταθήσεται steht 5 Mal im NT, vorkanonisch nur hier bezeugt. ♦ πᾶν (Nom. / Akk. / Vok. Neut. Sg.), das 73 Mal im NT steht, vorkanonisch belegt im Zitat von Dtn 19,15, in *Röm 3,19 und in *Kol 1,19. ♦ ῥῆμα, das 72 / 68 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 12,4; 13. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Der lexikalische Vergleich deutet darauf hin, dass der unbezeugte Versanfang auf die kanonische Redaktion zurückgeht und vermutlich lediglich der bezeugte Text im vorkano‐ nischen Text stand. (13,2) προλέγω steht 18 / 15 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21. ♦ ὡς + Partizip findet sich nicht bei *Paulus, die Kombination ist jedoch ein wiederholtes Phänomen bei Paulus (Röm 4,17; 15,15; 1Kor 5,3; 7,25; 2Kor 6,9. 10; 13,2; Kol 3,20) und steht insgesamt 23 Mal im kanonischen NT. ♦ πάρειμι steht 25 Mal im NT und findet sich kurz danach in *2Kor 13,10 vorkanonisch bezeugt. ♦ δεύτερος, das 50 / 43 Mal im NT steht und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,47. ♦ ἄπειμι steht 8 Mal im NT und dürfte auch an derselben Stelle *2Kor 13,10 gestanden sein. ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ προαμαρτάνω steht nur 2 Mal im NT, zuvor auf der kanonischen Ebene in 2Kor 12,21. Außerdem gibt es, worauf Bilby in seiner Email verweist, eine Verbindung zwischen 2Kor 12,21 und 2Kor 13,2, was für die kanonische redaktionelle Arbeit spricht. ♦ λοιπός findet sich 60 / 55 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 2,17; *Laod 2,3. ♦ πᾶσιν, das 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6. ♦ Die Wendung τοῖς λοιποῖς steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 16,13, im sekundären Markusschluss; Lk 24,9; 2Kor 13,2; Phil 1,13; Apk 2,24). ♦ Die Wendung τοῖς λοιποῖς πᾶσιν ist weder für *Paulus noch *Ev bezeugt, während er auf kanonischer Ebene in Phil 1,13 zu finden ist. ♦ εἰς τὸ πάλιν ist, worauf Bilby hinweist, ein höchst unübliches, aus der LXX gewonnenes Trigramm, das sich selbst im TLG vor dem 4. Jh. n. Chr. selten findet. ♦ φείδομαι, das 10 Mal im NT steht, ist nur auf der kanonischen Ebene belegt. Zur Rekonstruktion: Auf der Basis der Andeutungen bei Tertullian und unter Berücksichtigung der Lexik lässt sich der obenstehende Text vorkanonisch annehmen, der Rest dürfte auf die kanonische Redaktion zurückgehen. (13,3) ἐπεί steht 29 / 26 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Verseröffnung: 1Kor 14,16; 15,29; 11,18; 13,3; Hebr 2,14; 4,6; 9,26; 10,2; im Vers: 3 Mal Mt; Mk 15,42; Joh 13,29; 19,31; Röm 3,6; 11,6. 22; 1Kor 728 Rekonstruktion <?page no="1607"?> 5,10; 7,14; 14,12; Hebr 5,2. 11; 6,13; 9,17; 11,11). ♦ δοκιμή, das 7 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ζητέω, das 130 / 117 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,19; 20,19; *1Kor 1,22; *Röm 10,3. ♦ ἀσθενέω, das 47 / 33 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,6. ♦ Vgl. ἀσθενής, das 35 / 26 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,9, *1Kor 1,25. 27; *Röm 5,6. ♦ δυνατέω steht 8 / 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Besonders auffällig ist dabei der Befund in 1Kor 1,26, der einzige Vers, der unbezeugt ist für die vorkanonische Ebene in der Sequenz von 1Kor 1,18-27 und gerade in diesem Vers findet sich der Begriff, der auch sonst auf der kanonischen Ebene in der Apostelgeschichte, im Römerbrief und den beiden Korintherbriefen begegnet (Apg 25,5; Röm 14,4; 15,1; 1Kor 1,26; 2Kor 9,8; 13,9). ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Dieser kanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐπεί auch als Verser‐ öffnung; δοκιμή; δυνατέω; ἐν ὑμῖν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (13,4) Die Kombination καὶ γάρ steht 39 Mal im NT, davon 24 Mal als Verseröffnung, weiter vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,4 (als Verseröffnung); *1Kor 5,7 (im Vers). ♦ σταυρόω steht 62 / 46 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,33; 24,7; *Gal 5,24; 6,14; *1Kor 2,8; *Laod 2,16; *Kol 1,20; *Phil 2,8. ♦ Die Form ἐσταυρώθη steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Joh; Röm 6,6; 1Kor 1,13; 2Kor 13,4; Apk 11,8). ♦ ἀσθένεια, das 27 / 24 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,9. 10. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. ♦ Die Form ζῇ steht 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 7,39. ♦ γὰρ ἡμεῖς steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 4,20; 2Kor 4,11; 13,4). ♦ Die Wendung ἐν αὐτῷ (Mask.) steht 72 Mal im NT, Lk 13,1, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,8; *2Kor 1,20; *Röm 1,17; *Laod 2,16; 6,20. ♦ Die Form ζήσομεν steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 6,2. 8; 2Kor 13,4; 2Tim 2,11; Hebr 12,9; Jak 4,15). ♦ σύν, das 136 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,14; *Gal 2,3; 5,24; *Thess 4,17; *Kol 2,13; 3,3. 4; *Phil 1,23. ♦ εἰς ὑμᾶς steht 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,6, vgl. 1Thess 4,8. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist verschiedene Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐσταυρώθη; ζῇ; γὰρ ἡμεῖς; ζήσομεν). Der Vers wird wohl auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. Dass εἰς ὑμᾶς nur durch *Kol vorkanonisch bezeugt ist, zeigt die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Sprache. 3 (2Kor) 729 <?page no="1608"?> (13,5) πειράζω findet sich 42 / 38 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19. ♦ πίστις, das 257 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16. 20; 3,11. 26; 5,6; *1Kor 12,9; *2Kor 4,13; *Röm 1,17; 5,1; *Laod 4,5. ♦ Die Wendung ἐν τῇ πίστει steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ δοκιμάζω, das 25 / 22 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,56; *1Kor 3,13. ♦ μήτι, das sich 20 Mal im NT findet, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ἢ οὐκ begegnet 13 Mal im NT und ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt, vgl. 1Kor 6,2. ♦ ἐπιγιγνώσκω steht 64 / 44 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,16. 31; *Röm 10,2. ♦ Die Form ἐπιγινώσκετε steht 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene, 2Kor 1,13. ♦ Zum kanonischen ἐν ὑμῖν, vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ μήτι, das sich 20 Mal im NT findet, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀδόκιμος, das 8 Mal im NT steht und ist nur für die kanonische Ebene belegt. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist noch deutlicher als der Vers zuvor eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (πειράζω; ἐν τῇ πίστει; μήτι; ἢ οὐκ; ἐπιγινώσκετε; ἐν ὑμῖν; ἀδόκιμος). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (13,6) Die Kombination ἐλπίζω δέ steht 5 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 2Kor 13,6; Phil 2,19; 3Joh 1,14; im Vers: 2Kor 1,13; 5,11), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ γιγνώσκω, das 256 / 222 Mal im NT steht, ist vorkano‐ nisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21; 2,8. 16; 3,20; 8,3; *Röm 7,7; 11,34. ♦ Die Form γνώσεσθε steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 4,13; 34 Mal Joh; 2Cor 13,6). ♦ Die Verbform ἐσμέν, die 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; *Laod 2,10. ♦ Die Wendung οὐκ ἐσμέν steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31. ♦ Zum kanonischen ἀδόκιμος vgl. den voranstehenden Vers. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Kombination und Verseröffnung ἐλπίζω δέ; γνώσεσθε; ἀδόκιμος). Auch dieser Vers wird wohl auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (13,7) εὔχομαι steht 10 / 7 Mal im NT und ist ausschließlich für die kanonische Ebene belegt. ♦ Die Form εὐχόμεθα begegnet gleich wieder in 2Kor 13,9. ♦ Die Wendung πρὸς τὸν θεόν steht 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,1. ♦ Die Form ποιῆσαι steht 51 Mal im NT, Lk 11,42; 17,10, in Versen, die in *Ev fehlen, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,3. ♦ κακός, das 54 / 50 Mal im NT steht, 730 Rekonstruktion <?page no="1609"?> vorkanonisch bezeugt für *Paulus. ♦ Die Form μηδέν steht 31 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 10,25. ♦ οὐχ, das 105 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,40; 24,3; *Röm 10,3; *Phil 1,17; 2,6. ♦ Die Kombination οὐχ ἵνα steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 7,35. ♦ Die Kombination ἀλλ’ ἵνα steht 19 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Joh 14,31; 15,25; Apg 4,17; im Vers: 2 Mal Mk; 9 Mal Joh; 2Kor 13,7; Eph 5,27; 2Thess 3,9; 1Joh 2,19; Apk 9,5), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ δόκιμος, das sich 7 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt. ♦ ἀδόκιμος, das 8 Mal im NT steht, vgl. zu Vers 5. ♦ φαίνω steht 34 / 31 Mal im NT und ist ausschließlich für die kanonische Ebene belegt. ♦ Die Form φανῶμεν steht nur hier. ♦ καλός steht 109 / 101 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,9. ♦ Die Wendung τὸ καλόν steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 13,37; Röm 7,18. 21; 2Kor 13,7; 1Thess 5,21; Jak 2,7). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Ele‐ menten auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (εὔχομαι; die Verseröffnung εὐχόμεθα; μηδέν; οὐχ ἵνα; ἀδόκιμος; ἀλλ’ ἵνα; τὸ καλόν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (13,8) Die Kombination οὐ γάρ steht 80 Mal im NT, davon 46 Mal als Verseröffnung, Lk 23,34, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,16; 2,13 (beide Male als Verseröffnung); *1Kor 21b-c↑34 im Vers. ♦ δύναμαι, das 233 / 210 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Form δυνάμεθα steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 20,22; Mk 10,39; Joh 14,5; Apg 4,16. 20; 17,19; 2Kor 13,8; 1Thess 3,9; 1Tim 6,7). ♦ Die Kombination τι κατά steht 1 weiteres Mal, in Mt 5,23. ♦ Die Wendung κατὰ τῆς ἀληθείας steht 1 weiteres Mal, Jak 3,14. Zur Abwesenheit: Der kanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (δυνάμεθα; τι κατά; κατὰ τῆς ἀληθείας). Auch wenn die Verseröffnung kanonisch belegt ist, spricht doch das wichtige Verb mit der Verbform δυνάμεθα eher dafür, dass dieser Vers auf die kanonische Redaktion zurückgeht. Andererseits könnte der Vers die Begründung liefern für die Strenge, die in dem letztbezeugten Vers 2 und wieder in Vers 10 aufgegriffen wird. Weil auch die Formulierungen am Ende kaum weiter verwendet werden (Mt; Jak), wird man mit aller Vorsicht den Vers vorkanonisch setzen, auch wenn keine größere Gewissheit zu gewinnen ist. (13,9) χαίρω, das 76 / 74 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,8; *1Kor 7,30; *Röm 12,12, vgl. weiter Vers 11. ♦ Die Form χαίρομεν steht nur 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, 1Thess 3,9. ♦ ὅταν steht 128 / 123 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,54; *Kol 3,4. ♦ Die Kombination γὰρ ὅταν steht nur hier. 3 (2Kor) 731 <?page no="1610"?> ♦ Zu ἀσθενέω vgl. zuvor zu den Versen 3 und 4. ♦ Kombination ὑμεῖς δέ begegnet 37 Mal im NT und findet sich nur auf der kanonischen Ebene, vgl. hierzu zuvor zu 1Kor 3,24. ♦ Die Verbform ἦτε, die 19 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 5,7; *Laod 2,12. ♦ κατάρτισις steht nur hier und noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene in 1Petr 5,10. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (χαίρομεν; ὑμεῖς δέ; κατάρτισις). Der Vers wird wohl auf die kanonische Ebene zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. Überblickt man die Lexik der Verse dieser unbezeugten Passage, begegnen zwar immer wieder Begriffe, die auch vorkanonisch bezeugt sind, doch die Reihe solcher, die ausschließlich oder vorwiegend der kanonischen Redaktion zugehören, ist weitaus größer. Damit stimmen weithin die fehlende Bezeugung und die Lexik überein, die Verse dürften also mit Ausnahme von Vers 8 auf die kanonische Redaktion zurückzuführen sein. Dies gilt auch für die Verse 3 und 4, für die Harnack das Zeugnis des Adamantius benutzt hatte. Für eine Zuordnung der Passage zur kanonischen Redaktion spricht auch der narrative Zusammenhang, da der wieder bezeugte Vers 10, vielleicht gestützt durch Vers 8, an den zuletzt bezeugten Vers 2 anschließt. (13,10) Zum unbezeugten Versanfang: διὰ τοῦτο, das 64 Mal im NT steht, davon 38 Mal als Verseröffnung, ist vorkanonisch nicht als Verseröffnung, sondern lediglich im Vers bezeugt für *2Thess 2,11. ♦ ταῦτα, das 242 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,18; *1Kor 9,8; 10,11; *Phil 3,7. ♦ An das vielleicht vorkanonisch bezeugte ἄπειμι, das 8 / 7 Mal im NT steht, vgl. zuvor die Ausführungen zu Vers 2. ♦ γράφω steht 213 / 191 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,19. 31; 3,19; 9,10; 10,7. 11; 14,21; 15,54. Zum bezeugten Versteil: Zum vorkanonisch bezeugten πάρειμι, das sich 25 / 24 Mal im NT findet, vgl. ebenfalls Vers 2. ♦ ἀπότομος steht nur hier und noch 1 Mal auf kanonischer Ebene in Tit 1,13. ♦ χράω, das 12 / 11 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15. ♦ ἐξουσία, das 112 / 102 Mal im NT steht, ist vorkanonisch belegt. Zum nicht mehr bezeugten Versende: οἰκοδομή, das 22 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,21. ♦ καθαίρεσις steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene in 2Kor 10,4. 8. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Wegen des nar‐ rativen und grammatikalischen Zusammenhangs wird auch ein Teil des unbe‐ zeugten Anfangs dieses Verses vorkanonisch gestanden sein. Die Verseröffnung und das Ende des Verses scheinen auf die kanonische Redaktion zurückzugehen. 732 Rekonstruktion <?page no="1611"?> Im nichtbezeugten Versende zeigt das nur von *Laod vorkanonisch bezeugte οἰκοδομή wiederum die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Lexik auf. (13,11) λοιπός, das sich 60 / 55 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 2,17; *Laod 2,3, nicht allerdings mit der Form λοιπόν, die immerhin 14 Mal auf der kanonischen Ebene begegnet. ♦ Die Verseröffnung λοιπόν findet sich 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 13,11; 1Thess 4,1; 2Tim 4,8). ♦ Zu χαίρω vgl. zuvor zu Vers 9. ♦ Die Form χαίρετε findet sich 12 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mt 5,12; Phil 4,4; im Vers: Mt 28,9; Lk 10,20; 2Kor 13,11; Phil 2,18; 3,1; 1Thess 5,16; 1Petr 4,13), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ καταρτίζω steht 15 / 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ παρακαλέω, das 115 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,25; *2Kor 12,7. ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,14; 4,13. ♦ φρονέω, das sich 34 / 26 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,16. ♦ Die Aufforderung φρονεῖτε steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2Kor 13,11; Phil 2,5; Kol 3,2). ♦ εἰρηνεύω steht 4 Mal im NT, vorkanonisch in *Röm 12,18 in der Form εἰρηνεύοντες, während das Verb auf der kanonischen Ebene immer wie hier in derselben Form εἰρηνεύετε gebraucht wird (Mk 9,50; 2Kor 13,11; 1Thess 5,13). ♦ ἀγάπη, das 133 / 116 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,42; *Gal 5,6; *1Kor 13,1, *2Thess 2,10; *Laod 5,28; *Phil 1,16. ♦ Die Wendung ὁ θεὸς τῆς ἀγάπης steht nur hier. ♦ Auch die Kombination ἀγάπη καὶ εἰρήνη findet sich nur hier. ♦ Die Verbform ἔσται, die 116 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination μεθ’ ὑμῶν steht 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,15; 24,6. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung λοιπόν; χαίρετε; καταρτίζω; φρονεῖτε; εἰρηνεύετε). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (13,12) ἀσπάζομαι steht 65 / 59 Mal im NT, doch ist das Verb positiv allein auf der kanonischen Ebene gebraucht, das einzige Mal, dass das Verb vorkanonisch begegnet, findet es sich in der negativen Aussage, wonach die Apostel niemanden grüßen sollen, *Ev 10,4. ♦ Die Form ἀλλήλους steht 67 Mal im NT, Lk 20,14, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,10. ♦ φίλημα, das 7 Mal im NT steht, findet sich nur 1 Mal in *Ev 22,48 negativ (als Judaskuss). ♦ ἀσπάζομαι, das 65 / 59 Mal im NT steht, ist positiv gebraucht nur auf der kanonischen Ebene zu finden. ♦ Die Form οἱ ἅγιοι steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 6,2. 3 (2Kor) 733 <?page no="1612"?> Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist Elemente auf (die Semantik von ἀσπάζομαι; φίλημα; οἱ ἅγιοι), die nur auf der kanonischen Ebene begegnen. Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (13,13) Die Wendung Ἡ χάρις τοῦ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ steht 3 Mal im NT (2Kor 13,13; Phil 4,23; Phlm 1,25), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἡ ἀγάπη τοῦ θεοῦ steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 5,5; 2Kor 13,13; 4 Mal in 1Joh). ♦ κοινωνία, das 21 / 19 Mal im NT steht, findet sich im Sinne von Gemeinschaft ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Ausdruck μετὰ πάντων ὑμῶν steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 16,24. Zur Abwesenheit: Wie der Vergleich der Wendungen eindrücklich zeigt, ist dieser vorkanonisch unbezeugte Vers ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 734 Rekonstruktion <?page no="1613"?> Markus Vinzent Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung Mit Mark G. Bilby, Jack Bull, K. Lance Lotharp Unter Mitarbeit von Günter Röhser Teil III: Rekonstruktion - Übersetzung (Röm - Phlm) <?page no="1614"?> ISBN 978-3-381-14211-8 (Print) ISBN 978-3-381-14212-5 (ePDF) ISBN 978-3-381-1421 3 - 2 (ePub) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 97833811 42125 © 2025 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. 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(Röm) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Titulus und Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,1 [2-4] 5 [6] 7 [8-15]: Brieferöffnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,16-18: Das Evangelium - eine Kraft Gottes . . . . . . . . . . . . 1,[19-20] 21-22 [23-32]: Inkonsequente Erkenntnis Gottes . Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,[1] 2 [3-11] 12-14 [15] 16 [17-19] 20-21 [22-23] 24-25 [26] 27-29: Nicht das Gesetz hören, sondern es tun . . . . . . . . . . . Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,[1-18]: [Der Nutzen der Beschneidung] . . . . . . . . . . . . . . . 3,19-22: Damals war das Gesetzt, jetzt ist die Gerechtigkeit Gottes offenbart worden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,[23-31]: [Gott macht Beschnittene und Unbeschnitte gerecht] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [Kapitel 4] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [4],[1-25]: [Abraham und seine Nachkommen] . . . . . . . . . . Kapitel 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5,1 [2-5] 6 [7-9] 10: Frieden mit Gott nicht aus dem Gesetz 5,[11-19] 20-21: Die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zum Leben durch Jesus, den Christus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [Kapitel 6] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [6],[1-23]: [Sünde, Taufe, Tod und ewiges Leben] . . . . . . . . Kapitel 7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7,[1-3]: [Das Gesetz hat nur Geltung, solange jemand lebt] 7,4-5 6 7 [8-10] 11-14 [15-17] 18 19 [20-22] 23-24 [25]: Ist das Gesetz Sünde? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 8 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8,[1-2] 3-5 6-7 [8] 9-11: Der Leib ist tot, der Geist ist Leben 8,[12-22]: [Das Seufzen der Schöpfung] . . . . . . . . . . . . . . . . . 8,[23-39]: [Die Erstlingsgabe des Geistes] . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="1616"?> 167 167 176 184 184 189 195 199 199 205 207 210 214 219 219 223 231 233 233 237 241 244 244 259 259 270 278 280 280 288 290 291 5 294 294 [Kapitel 9] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [9],[1-18]: [Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht] [9],[19-33]: [Israel ging es um die Gerechtigkeit aus Werken] Kapitel 10 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10,1-4: Das Gebet für Israel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10,[5-13]: [Heilende Nähe Christi] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10,[14-21]: [Israel - ein ungehorsames Volk] . . . . . . . . . . . . Kapitel 11 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11,[1-10]: [Das nicht verstoßene Volk und der erwählte Rest] 11,[11-15]: [Israel und die Heidenchristen] . . . . . . . . . . . . . . 11,[16-24]: Die Erstlingsgabe vom Teig und der Ölbaum . . . 11,[25-32]: [Das Geheimnis der Errettung ganz Israels] . . . 11,33-35 [36]: O Tiefe des Reichtums und der Weisheit Gottes Kapitel 12 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12,[1-8]: Einleitende Ermahnungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12,9-10 [11] 12 [13] 14 [15] 16-19: Anweisungen . . . . . . . . . 12,[20-21]: [Weitere Anweisungen] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 13 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13,[1-7]: [Das Verhältnis zur staatlichen Gewalt] . . . . . . . . . 13,8-10: Die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes . . . . . . . . . 13,[11-14]: [Eschatologische Rahmung] . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 14 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14,1 2 3 [4-9] 10 [11-16] 17 [18-20] 21 [22] 23: Tue nichts, was einen Bruder oder eine Schwester verletzt . . . . . . . . . . [Kapitel 15] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [15],[1-13]: [Nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [15],[14-29]: [Selbstautorisierung des Paulus] . . . . . . . . . . . . [15],[30-33]: [Bitte um Gebet für Paulus] . . . . . . . . . . . . . . . . [Kapitel 16] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [16],[1-16]: [Empfehlung der Phöbe und Grüße] . . . . . . . . . [16],[17-20]: [Warnung vor Streit] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [16],[21-24]: [Weitere Grüße] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [16],[25-27]: [Doxologie] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (1Thess) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Titulus und Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="1617"?> 294 294 297 302 302 310 314 317 317 320 325 325 328 334 341 341 349 6 357 357 357 357 359 361 365 368 368 378 381 381 386 7 391 391 Kapitel 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,1: Anschrift und Gruß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,[2-10]: [Der vorbildliche Glaube der Gemeinde] . . . . . . . . Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,[1-13]: [Die Gründung der Gemeinde] . . . . . . . . . . . . . . . . 2,14-15: Leiden aufgrund der Mitbürger . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,[16-20]: [Satan hindert Paulus, die Gemeinde zu besuchen] Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,1 [2] 3-4: Die Bedrängnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,[5-13]: [Behaltet mich in guter Erinnerung] . . . . . . . . . . . . Kapitel 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4,[1-2]: [Weitere Ermahnungen] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4,3-5 [6] 7 [8-9] 10 [11-12]: Gottes Wille - Eure Heiligung . 4,[13-14] 15-17 [18]: Wir übrigen werden als erste auferstehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5,[1-18]: [Dringliche Ermahnungen] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5,19-20 21-22 23 [24-28]: Verachtet nicht prophetisches Reden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (2Thess) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Titulus und Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,1 2: Anschrift und Gruß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,[3-5]: [Lob der Thessalonicher] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,6-9: Vergeltung und ewiges Verderben für die Bedränger 1,[10-12]: [Paränetischer Schluss] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,1 [2] 3-4 [5-8] 9-12: Zur Ankunft des Herrn . . . . . . . . . . . . 2,[13-17]: [Standhaftigkeit und Tradition] . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,[1-9] 10: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen . . . 3,[11-18]: [Letzte Mahnungen und eigenhändiger Gruss] . . (Laod = Eph) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Titulus und Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="1618"?> 392 392 405 411 411 416 419 436 436 440 444 449 449 451 457 465 470 470 481 493 493 496 499 510 8 513 513 513 513 518 523 530 Kapitel 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,1 2-3 [4] 5-7 [8] 9-10 [11] 12-13: Anschrift, Gruß, Erhebung zur Sohnschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,[14-16] 17-20 [21] 22 [23]: Der Geist und der Reichtum des Erbes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,1-3: Wir waren tot und gefangen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,[4-9]: [Gott hat uns gerettet] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,10-21 [22]: Die Versöhnung der Fernen und Nahen . . . . . Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,[1-2] 3 [4-7]: Die Offenbarung des Paulus . . . . . . . . . . . . . 3,8-10: Die Weisheit Gottes bekannt machen . . . . . . . . . . . . 3,[11-21]: [Paulus beugt seine Knie] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4,[1-4]: [Paulus, der Gefangene im Herrn] . . . . . . . . . . . . . . . 4,5-6 [7] 8 [9] 10: Der eine Herr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4,[11-21] 22-24: Die Ämter und ein Leben nicht wie die Heiden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4,25-26 27 [28-32]: Legt die Lüge ab, zürnt nicht! . . . . . . . . . Kapitel 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5,[1] 2 [3-7] 8 [9-10] 11 [12-13] 14 [15] 16 [17] 18 -19 [20]: Habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis! . . . . . . 5,[21] 22-23 [24] 25 [26-27] 28-29 30 31-32 [33]: Das Verhältnis von Frau und Mann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6,1-2 [3] 4: Das Verhältnis von Kindern und Eltern . . . . . . . 6,[5-10]: [Über Sklaven] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6,11-12 [13] 14-16 [17] 18-20: Umgürtet eure Hüften mit Wahrheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6,[21-24]: [Persönlicher Schluss] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (Kol) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Titulus und Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,1-2 [3-4] 5-6: Anschrift, Gruß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,[7-14]: [Persönliche Worte an die Leserschaft] . . . . . . . . . 1,15 [16] 17 [18] 19-22: Das Wort Gottes . . . . . . . . . . . . . . . . 1,[23] 24 [25-29]: Die eigenen Bedrängnisse als Ergänzung derer Christi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="1619"?> 535 535 538 542 544 554 554 560 570 570 573 9 581 581 582 582 584 589 599 602 602 605 610 614 619 619 622 628 633 635 635 Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,[1-3]: [Persönliche Erklärung] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,4 [5-7] 8: Niemand werde getäuscht von Überredungskünsten der Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,[9-12]: [Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben und auferweckt] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,13 [14-15] 16-22 23: Die Wirklichkeit ist Christus . . . . . . . Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,[1-2] 3-4 [5-8] 9-10: Der neue Mensch . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,[11-25]: [Paränese an die Erwählten Gottes] . . . . . . . . . . . [Kapitel 4] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [4],[1-9]: [Ermahnungen] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [4],[10-18]: [Schlussgrüße] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (Phil) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Titulus und Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,1 2: Anschrift und Gruß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,[3-11]: [Dank an Gott] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,12-18 [19-22] 23: Auf jede Weise wird Christus verkündigt 1,[24-30]: [Lasst Euch nicht von den Gegnern einschüchtern] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,[1-5]: [Paränetische Ermahnungen] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,6-8 [9-11]: Christus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,[12-18]: [Paränetische Ermahnungen] . . . . . . . . . . . . . . . . . 2,[19-30]: [Die Gesandten des Paulus] . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,[1-2]: [Eröffnung] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,3 [4] 5 [6] 7-9: Die Beschnittenen sind diejenigen, die ihre Gerechtigkeit aus Gott besitzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,[10-19]: [Personalisierung und Moralisierung der Botschaft] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3,20-21: Die Verwandlung des Leibes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [Kapitel 4] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . [4],[1-9]: [Personen, Ermahnungen und Bitten] . . . . . . . . . . Inhalt 9 <?page no="1620"?> 640 645 10 648 648 648 652 663 [4],[10-20]: [Die Bedrängnis des Paulus] . . . . . . . . . . . . . . . . [4],[21-23]: [Grüße und Schluss] . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (Phlm) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Titulus und Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,1 [2] 3: Anschrift und Gruß . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1,[4-8] 9 10 11-13 [14] 15 [16-21] 22 [23-25]: Bitte für Onesimus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibliographie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Inhalt <?page no="1621"?> Rekonstruktion <?page no="1623"?> 1 Edition: M. Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (2014), 119. In Abweichung von meiner Edition, bei der ich der Lesart „a Corintho“ gefolgt war, würde ich nach der Argumentation von Goldmann jetzt die ebenfalls bezeugte Form „ab Athenis“ wählen, denn es ist tatsächlich kaum einsehbar, wie nach der Zirkulation des 16-Kapitel umfassenden Römerbriefs eine Veränderung von „a Corinthos“ zu „ab Athenis“ hätte erfolgen können, während die umgekehrte Bearbeitungstendenz leicht vorstellbar ist, nachdem der 16-Kapitel umfassende Römerbrief sich weithin durchgesetzt hatte, vgl. A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 157-159. 4 (Röm) Titulus und Vorwort 1 Πρὸς Ρωμαίους - Romani sunt in partibus Italiae. hi praeventi sunt a falsis apostolis et sub nomine domini nostri Iesu Christi in legem et prophetas erant inducti. hos revocat apostolus ad veram evan‐ gelicam fidem scribens eis ab Athenis. - A. *Titel: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13, praef.: De epistula ad Romanos; vgl. Epiph., Pan. 42 (105 H.): Τετάρτη πρὸς Ῥωμαίους; ibid. (118 H.): Τῆς πρὸς Ῥωμαίους, παρ’ αὐτῷ δ, ἐν δὲ τῷ ἀποστολικῷ α; ibid. (175 H.): Τῆς πρὸς Ῥωμαίους οὕτως γάρ ἐστι παρὰ τῷ Μαρκίωνι κειμένη, ἵνα μηδὲν ὀρθὸν παρ’ αὐτῷ εἴη; vgl. auch den markionitischen Prolog. B. Die Varianten sind in der kritischen Edition vermerkt. 1 C. Zahn und Harnack geben als Adressat und Titulus ohne Quellenverweis: Πρὸς Ρωμαίους. Kapitel 1 1,1 [2-4] 5 [6] 7 [8-15]: Brieferöffnung Die vorkanonische Brieferöffnung ist zwar nicht bezeugt, dürfte aber, wenn man Tertullians Angaben zum Ersten Korintherbrief folgt, auch hier nicht viel anders gelautet haben. Allerdings deutet die bekannte Handschriftenvariante in <?page no="1624"?> 2 Dennoch gilt die Frage, „wer die Adressatinnen und Adressaten des Römerbriefs waren und in welcher Situation sie sich befanden … seit Langem zu den Schlüsselfragen der Paulusexegese“, K. Schwarz, Der Römerbrief in der neueren Forschungsdiskussion. Tendenzen und offene Fragen (2024), 6. einschlägigen Zeugen daraufhin, dass im Text keine bestimmte lokale Adress‐ angabe stand, auch wenn sich diese aus dem Prolog erschließen lässt. 2 Die kanonische Redaktion, erweitert, wie bereits gewohnt, die Eröffnung, indem sie insbesondere auf die Davidslinie dem Fleisch nach für die Genealogie Christi verweist. Des Weiteren führt die kanonische Eröffnung gegen Ende eine Reihe Information zu Paulus an, mit der auf die solidarische Nähe zwischen ihm und seinen Adressaten hingewiesen wird. 1,1 Παῦλος, ἀπόστολος Ἰησοῦ Χριστοῦ 1,1 Παῦλος δοῦλος Χριστοῦ Ἰησοῦ, κλητὸς ἀπόστολος, ἀφωρισμένος εἰς εὐαγγέλιον θεοῦ, - 2 ὃ προεπηγγείλατο διὰ τῶν προφητῶν αὐτοῦ ἐν γραφαῖς ἁγίαις, 3 περὶ τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ τοῦ γενομένου ἐκ σπέρματος Δαυὶδ κατὰ σάρκα, 4 τοῦ ὁρισθέντος υἱοῦ θεοῦ ἐν δυνάμει κατὰ πνεῦμα ἁγιωσύνης ἐξ ἀναστάσεως νεκρῶν, Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν, 5ἐν τοῖς ἔθνεσιν, 5 δι’ οὗ ἐλάβομεν χάριν καὶ ἀποστολὴν εἰς ὑπακοὴν πίστεως ἐν πᾶσιν τοῖς ἔθνεσιν ὑπὲρ τοῦ ὀνόματος αὐτοῦ, - 6 ἐν οἷς ἐστε καὶ ὑμεῖς κλητοὶ Ἰησοῦ Χριστοῦ, 7 πᾶσιν ἐν-ἀγάπῃ θεοῦ, χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ. 7 πᾶσιν τοῖς οὖσιν ἐν Ῥώμῃ ἀγαπητοῖς θεοῦ, κλητοῖς ἁγίοις· χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ Χριστοῦ. - 8 Πρῶτον μὲν εὐχαριστῶ τῷ θεῷ μου διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ περὶ πάντων ὑμῶν, ὅτι ἡ πίστις ὑμῶν καταγγέλλεται ἐν ὅλῳ τῷ κόσμῳ. 9 μάρτυς γάρ μού ἐστιν ὁ θεός, ᾧ λατρεύω ἐν τῷ πνεύματί μου ἐν τῷ εὐαγγελίῳ τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ, ὡς ἀδιαλείπτως μνείαν ὑμῶν ποιοῦμαι 10 πάντοτε ἐπὶ τῶν προσευχῶν μου, δεόμενος εἴ πως ἤδη ποτὲ εὐοδωθήσομαι ἐν τῷ θελήματι τοῦ θεοῦ ἐλθεῖν πρὸς ὑμᾶς. 11 ἐπιποθῶ γὰρ ἰδεῖν ὑμᾶς, ἵνα τι μεταδῶ χάρισμα ὑμῖν πνευματικὸν εἰς τὸ στηριχθῆναι ὑμᾶς, 12 τοῦτο δέ 14 Rekonstruktion <?page no="1625"?> 3 Detering folgt dem kanonischen Text, vgl. H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 164. 4 Detering sieht die Verse 2-6 als fehlend an, vgl. Ibid. 19-25. 164 ἐστιν συμπαρακληθῆναι ἐν ὑμῖν διὰ τῆς ἐν ἀλλήλοις πίστεως ὑμῶν τε καὶ ἐμοῦ. 13 οὐ θέλω δὲ ὑμᾶς ἀγνοεῖν, ἀδελφοί, ὅτι πολλάκις προεθέμην ἐλθεῖν πρὸς ὑμᾶς, καὶ ἐκωλύθην ἄχρι τοῦ δεῦρο, ἵνα τινὰ καρπὸν σχῶ καὶ ἐν ὑμῖν καθὼς καὶ ἐν τοῖς λοιποῖς ἔθνεσιν. 14 Ελλησίν τε καὶ βαρβάροις, σοφοῖς τε καὶ ἀνοήτοις ὀφειλέτης εἰμί· 15 οὕτως τὸ κατ’ ἐμὲ πρόθυμον καὶ ὑμῖν τοῖς ἐν Ῥώμῃ εὐαγγελίσασθαι. A. *1,1: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5, praef. 1: De epistula ad Corinthios prima. [1]-Praestructio superioris epistulae ita duxit, ut de titulo eius non retractaverim, certus et alibi retractari eum posse, communem scilicet et eundem in epistulis omnibus. ♦ *1,7: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 5,1-2: [1] … Praestructio superioris epistulae ita duxit, ut de titulo eius non retractaverim, certus et alibi retractari eum posse, communem scilicet et eundem in epistulis omnibus. Quod non utique salutem praescribit eis quibus scribit, sed gratiam et pacem, non dico … Haec cum a deo patre nostro et domino Iesu annuntians communibus nominibus utatur, competentibus nostro quoque sacramento, non puto dispici posse quis deus pater et dominus Iesus praedicetur, nisi ex accedentibus cui magis competant. B. (1,7) Anstelle von Ῥώμῃ findet sich ἀγάπη θεοῦ in 06, 0139, Or 1739mg ; om 010, 012 (jeweils mit Lakune). ♦ κυρίου steht auch in Pel, während sich domino nostro findet in der altlateinischen Tradition (89), Ruf var , hingegen nach christo iesu stehend domino nostro in Ambst var . Was den Titel Ἰησοῦ Χριστοῦ betrifft, vgl. man die altlateinische Tradition, hier liest man iesu christo in 89, Ruf var , Pel. C. 1. (1,1) Der erste Vers ist nach allen Editoren unbezeugt, gleichwohl nimmt Zahn die Präsenz desselben an und auch BeDuhn führt ihn nach folgendem Textbestand in Klammern gesetzt an: [Παῦλος δοῦλος Χριστοῦ Ἰησοῦ, κλητὸς ἀπόστολος], wobei er den Brief nach dem Zeugen 012 direkt mit Vers 5a fortschreiten lässt. Hierfür spricht auch, dass diese Eröffnung eng dem lateinisch erhaltenen Prolog entspricht. 3 2. (1,2-4) Diese Verse gelten ebenfalls nach allen Editoren als unbezeugt, auch wenn Zahn wiederum ihre Präsenz in unbestimmbarer Form annimmt. 4 Harnack verwies bereits auf Origenes’ Johanneskommentar, 5 in welchem dieser 4 (Röm) 15 <?page no="1626"?> 5 Allerdings auf X 24, während sich die Stelle in X 6 findet. 6 ἐγὼ δ’οἶμαι καὶ τὸν Μαρκίωνα παρεκδεξάμενος ὑγιεῖς λόγους, ἀθετοῦντα αὐτοῦ τὴν ἐκ Μαρίας γένεσιν κατὰ τὴν θείαν αὐτοῦ φύσιν, ἀποφήνασθαι ὡς ἄρα οὐκ ἐγεννήθη ἐκ Μαρίας, καὶ διὰ τοῦτο τετολμηκέναι περιγράψαι τούτους τοὺς τόπους ἀπὸ τοῦ εὐαγγελίου (176,812 GCS). Vgl. A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 102*; U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 238. 7 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 294. 8 Wie gerade vorgeführt, ist dieses Urteil m. E. überzogen, auch wenn das Origeneszitat nicht sogleich belastbar ist. 9 J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 262; U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 238. berichte, dass bei der Diskussion der vorliegenden Verse des Römerbriefes, ins‐ besondere Röm 1,3, Markion „die Erwähnung Davids aus Röm. 1,3 gestrichen“ habe. 6 BeDuhn präzisiert, Origenes habe lediglich ausgeführt, „Markion habe die Geburtsgeschichte aus seinem Evangelientext ausgelassen, weil er ’die Geburt aus Maria verworfen habe, was seine göttliche Natur betreffe‘“. 7 Nun ist die Terminologie des Origenes recht eindeutig. Wenn er davon spricht, er sei der Meinung (οἶμαι), Markion habe richtige Worte falsch ver‐ standen und die Geburt aus Maria „ausgelassen“ bzw. „gestrichen“ (ἀθετοῦντα), so benutzt er hier einen Terminus der Textkritik, spricht also davon, was seiner Meinung nach eine Textelimination sei, wobei natürlich vorausgesetzt ist, dass Origenes wie Tertullian und vor ihnen Irenäus davon ausgegangen waren, Markion habe eine ältere - eben die von ihnen als korrekt und von uns als kanonisch bekannte - Version bearbeitet, gekürzt und verstümmelt. Dass Origenes vermutlich nicht nur Röm 1,3 im Blick hat, sondern sich das Fehlen auf die Verse 2-4 bezieht, legt auch das Schweigen Tertullians, was diese Verse betrifft, nahe. Hätte er nämlich in Markions *Paulus gelesen, Christus sei durch die „Propheten im Voraus verheißen“ worden „in heiligen Schriften“ und dass er „als Nachkomme Davids“ gekommen sei, wäre ihm dies Wasser auf die Mühlen seiner rhetorischen Tirade gegen Markion gewesen. Wenn Lieu darauf hinweist, dass Schmid gegen Harnack argumentiere, das Origeneszitat trage nichts aus für die Textkritik, 8 verschweigt sie allerdings, dass Schmid in seiner Rekonstruktion Röm 1,2-4 auch nicht für bezeugt hält. 9 Wichtig ist die Beobachtung, dass die kanonische Fassung des Präskripts mit 72 Wörtern „zweieinhalbmal so lang wie die zweitlängste [Selbstvorstellung des Paulus] (Gal 1,1-2a mit 26 Wörtern) und mehr als 14 mal so lang wie die kürzeste (1Thess 1,1 mit 5 Wörtern)“ ist und sich „mit der Beschreibung des paulinischen Auftrags in 15,15-21 recht weitgehend überschneidet … Auf diese Weise entsteht 16 Rekonstruktion <?page no="1627"?> 10 M. Wolter, Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8 (2014), 76-77. 11 Mit weiteren Argumenten und unter Berufung und Angabe von älterer Literatur W.C. van Manen, Die Unechtheit des Römerbriefes (1906), 32-39. eine Inklusion, die noch dadurch verstärkt wird, dass die Entsprechungen sich in den jeweils folgenden Abschnitten (1,8-17 / / 15,22-32) fortsetzen“. 10 Nachdem all diese Passagen (bis auf 1,16-17) nur für die kanonische Ebene bezeugt sind, bzw. Kap. 15-16 für die vorkanonische Version als abwesend bezeugt ist, wird man folglich die Aufblähung des Präskripts ebenfalls auf die kanonische Redaktion zurückführen, und die Inklusion als Versuch werten, die beiden letzten Kapitel des Römerbriefs als integrale Bestandteile den Lesenden zu suggerieren, was als Strategie bis heute offenkundig weithin funktioniert. Van Manen verweist darauf, dass die Verse Röm 1,2-6 „mehr als ein un‐ schuldiger Zwischensatz“ sind, wobei Vers 6 das vorwegnehme, „was er noch sagen muss, nämlich: wer die Leser des Briefes sind, an dessen Abfassung er sich macht“. Schon wegen der ungewöhnlichen Länge der Zwischensätze in einer Brieferöffnung denkt er „an Interpolation“ und kommt nach langen Ausführungen zum Schluss: „Wenn wir uns … versichert halten, dass die Adresse des Briefs ihre jetzige Form erhalten hat durch Erweiterung einer älteren und kürzeren, und dass V. 2-6 den Bearbeiter verrät, dann erhebt sich die Frage, ob das Übrige, V. 1 und 7, ganz unverändert übernommen sein wird“. 11 3. (1,5) Nach allen Editoren ist der Vers unbezeugt, doch BeDuhn verweist auf den Zeugen 012, der im Anschluss an Vers 1 unmittelbar Vers 5b anschließt. 4. (1,6) Der Vers ist nach allen Editoren unbezeugt, auch wenn Zahn mit seiner Präsenz in irgendeiner unbestimmbaren Form rechnet. 5. (1,7) Wiederum erfolgt hier der Verweis auf die Passage Tertullians, in welcher er auf die Eintönigkeit der Eröffnungen des Paulus in seinen Briefen abhebt. BeDuhn schreibt: „[to those who are in Rome]“. Allerdings ist von Gewicht, dass wiederum in einschlägigen Zeugen die Ortsangabe Rom fehlt und stattdessen ἐν ἀγάπη θεοῦ steht. Gewiss ist nicht sicher, dass die Ortsangabe hier gefehlt hat, jedoch spricht BeDuhn selbst gegen seine eigene Gegenargu‐ mentation, wonach Tertullian und Epiphanius diesen Brief als an die Römer gerichtet kennen, wenn er für den markionitischen Ursprung des lateinischen Prologs argumentiert, da dort ja die Adressaten genannt werden, auch wenn dies kein Hinweis auf die Ortsangabe hier bietet. Es kann also durchaus sein, dass die kanonische Redaktion in dem Vers hier die Ortsangabe Rom aus dem Titel eingefügt hat, ein Zusatz, der eben weder Origenes noch dem Zeugen 06 bekannt war, der aber auch in 010 und 012 mit einer Lakune als fehlend gekennzeichnet ist. Allerdings kann man auch umgekehrt argumentieren: „Die Streichung der Ortsangabe diente wahrscheinlich dem Zweck, dem Brief für liturgischen 4 (Röm) 17 <?page no="1628"?> 12 U. Wilckens, Der Brief an die Römer. Teilband 1. Röm 1 - 5 (1978), 68. Wilckens stützt sich auf H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 27. 13 J. Suggs, ‚The Word is near to you‘: Romans 10: 6-10 Within the Purpose of the Letter (1967). 14 Vgl. zu dieser komplexen Frage jetzt das Votum, wonach die Ortsangabe im ursprüng‐ lichen Text gefehlt habe, mit einer Reihe von überzeugenden Argumenten in A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 166-168. 15 W.C. van Manen, Die Unechtheit des Römerbriefes (1906), 32. 16 „Der Interpolator hat … die Bedeutung und Wichtigkeit des paulinischen Evange‐ liums … als … das in heiligen Schriften längst vorausverkündet(e)“ beschrieben, D. Völter, Die Komposition der Paulinischen Hauptbriefe. I. Der Römer- und Galaterbrief (1890), 30. 17 U. Wilckens, Der Brief an die Römer. Teilband 1. Röm 1---5 (1978), 90. Gebrauch ökumenischen Charakter zu geben“. 12 Auch auf Streichung hinzielend geht die Auffassung, wonach das Schreiben als Zirkularschreiben dienen sollte, ein Charakter, den es ursprünglich hatte und wozu es die Streichung wieder machte. 13 Beide Hypothesen sind aber wenig überzeugend, weil ihnen zufolge mit mehr Zeugen zu rechnen wäre, die das Fehlen dieser Adresse aufwiesen und nicht gerade die Bilinguen, die der vermutlichen Bilingue der vorkano‐ nischen Sammlung am nächsten stehen. Findet sich die Ortsangabe Rom in der vorkanonischen Version nicht, dann führte die kanonische Redaktion mit der Hinzufügung derselben zu einer Betonung Roms, die wegen der starken Verbreitung dieser redaktionellen Version sich in fast allen weiteren Zeugen findet, die Ausnahmen böten hier noch die Spur zur früheren Version. 14 Bereits van Manen hatte die Eröffnung für „nicht ursprünglich“ erklärt 15 und schon Völters sah lediglich den Anfang von Vers 1 (allerdings mit Einschluss von δοῦλος) Παῦλος δοῦλος Χριστοῦ Ἰησοῦ und Vers 7 für ursprünglich. 16 6. (1,8-15) Nach allen Editoren sind diese Verse unbezeugt, auch wenn Zahn wiederum mit deren Präsenz in nicht näher bestimmbarer Form rechnet. Überblickt man die lexikalischen Vergleiche von D. der unbezeugten Verse 8-15 ergibt sich eine weitreichende Übereinstimmung zwischen fehlender Bezeugung und Lexik, die Verse sind folglich der kanonischen Redaktion zuzuordnen und waren in der vorkanonischen Fassung abwesend. Überhaupt hat man schon kritisch zum Inhalt dieser Ausführungen zu Beginn des Briefes geurteilt, zum einen, weil der Text „die übliche Form des Proömiums“ über‐ schreitet, indem Paulus „eigentümlich“ seinen Besuch bei den römischen Christen ankündigt und anstelle seiner „höchst polemischen Ausführungen des Galaterbriefes in neu reflektierter Weise unpolemisch, jedoch mit durchge‐ hend antijüdischer Spitze wiederholt und ausführt“. 17 Andererseits hat man 18 Rekonstruktion <?page no="1629"?> 18 M. Wolter, Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8 (2014), 101. 19 Nach Lietzmann stellt dies eine „at.(alttestamentliche) Redeweise“ dar, mit Belegen H. Lietzmann, Einführung in die Textgeschichte der Paulusbriefe. An die Römer (1933), 25. auch auf den besonderen Stil dieses Abschnittes verwiesen. Nachdem (wie im vorkanonisch bezeugten Vers 16a) über zehn finite Verben in der 1. Pers. Sg. stehen und „bis einschließlich V. 15“ Paulus „durchweg in Beziehung zu den Adressaten“ spricht (Ausnahme V. 14), liegt hier „eine deutlich erkennbare Kohärenz“ vor, die diesen Teil von den V. 16b-17 unterscheidet. 18 D. (1,1) Παῦλος, der 174 / 158 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,1; *1Kor 1,1; 3,22; *2Kor 1,1; *Röm; *1Thess 1,1; *2Thess 1,1; *Laod 1,1; *Kol 1,1. ♦ Die Wendung Παῦλος ἀπόστολος Χριστοῦ Ἰησοῦ steht 6 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,1, vermutlich aber auch stehend in *2Kor 1,1; *Röm 1,1; *1Thess; *2Thess; *Laod; *Kol; *Phil, vgl. zu 1Kor 1,1. ♦ δοῦλος, das 128 Mal im NT steht, ist als Verhältnisbestimmung des Menschen zu Gott oder Christus ein kanonisch semantisch konnotiertes Lexem. ♦ Die Wendung δοῦλος Χριστοῦ Ἰησοῦ steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Kol 4,12. ♦ κλητός steht 12 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀφορίζω, das 11 / 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,15. 19 ♦ Die Wendung εὐαγγέλιον θεοῦ steht nur hier. Zur Rekonstruktion: Gemäß dem Kommentar Tertullians zum Ersten Korinther‐ brief darf man auch hier mit der einfachen Eröffnung wie dort rechnen, die von der kanonischen Redaktion erweitert und verändert wurde. (1,2) προεπαγγέλλω steht nur noch 1 weiteres Mal auf kanonischer Ebene 2Kor 9,5. ♦ προφήτης, das 157 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 12,28; 14,32; *1Thess 2,15. ♦ Die Wendung διὰ τῶν προφητῶν steht 3 Mal im NT, Mt 2,23; Lk 18,31, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Röm 1,2. ♦ γραφή steht 54 / 51 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers verweist mit seinen aus‐ schließlich kanonisch belegten Elementen (προεπαγγέλλω; διὰ τῶν προφητῶν; γραφή) auf dessen Entstehung durch die kanonische Redaktion, er hat vorka‐ nonisch gefehlt. (1,3) περί, das 354 / 333 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 8,1; 12,1, vgl. weiter Vers 8, auf derselben kanonischen Ebene stehend. ♦ Die Wendung περὶ τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ steht noch 2 weitere Male, 1Koh 5,9. 10. ♦ Der Ausdruck 4 (Röm) 19 <?page no="1630"?> 20 Vgl. U. Wilckens, Der Brief an die Römer. Teilband 1. Röm 1 - 5 (1978), 57; E. Peterson, Frühkirche, Judentum und Gnosis. Studien und Untersuchungen (1959), 346-354, 349-351. τοῦ γενομένου steht noch 1 weiteres Mal, Apg 1,16. ♦ σπέρμα steht 45 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,38. ♦ Die Wendung ἐκ σπέρματος steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 1,3; 11,1; 2Tim 2,8). ♦ Δαυίδ steht 63 / 59 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Der Ausdruck κατὰ σάρκα steht 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23; *Röm 8,4. 5. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (περὶ τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ; τοῦ γενομένου; ἐκ σπέρματος). Außerdem, wie in C. 2 dargelegt, wäre es schwer verständlich, wenn Tertullian sich diesen Vers nicht zunutze gemacht hätte. Der Vers geht folglich auf die kanonische Redaktion zurück und hat vorkanonisch gefehlt. (1,4) ὁρίζω steht 17 / 8 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene belegt. ♦ Die Kombination υἱὸς θεοῦ steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 1,1; 15,39; Lk 1,35; Joh 19,7; Röm 1,4). ♦ ἁγιωσύνη, steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Der kombinierte Ausdruck πνεῦμα ἁγιωσύνης ist Hapax legomenon im NT, er begegnet jedoch in jüdischer Literatur, TestL 18,11, und auf einem jüdischen Amulett. 20 ♦ ἀνάστασις, das 44 / 42 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev 14,14; 20,27. 33. 35. 36; *1Kor 15,12. 21. 42 ist. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ὁρίζω; υἱὸς θεοῦ; ἁγιωσύνη). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,5) ἀποστολή, das 4 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ὑπακοή steht 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πᾶσιν, das 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6, vgl. weiters Vers 7. Zur Rekonstruktion: Der Vers wird also bis auf das ἐν τοῖς ἔθνεσιν in der vorkanonischen Fassung gefehlt haben. (1,6) Die Kombination ἐν οἷς (Neut.) steht 12 Mal im NT, davon 4 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Lk 12,1; Apg 26,12; Röm 1,6; Kol 3,7; im Vers: Lk 1,78; Apg 11,14; Phil 4,11; 2Tim 3,14; Hebr 6,18; 13,9; 2Petr 2,12; Apk 19,20), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination καὶ ὑμεῖς steht 64 Mal im NT, davon 8 Mal als kanonische Verseröffnung, vorkanonisch im Vers bezeugt für *Ev 20,21; *Röm 7,4; 20 Rekonstruktion <?page no="1631"?> *1Thess 2,14; *Laod 1,13; vgl. zu 1Kor 5,2. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19. ♦ κλητός findet sich 12 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Dieser kurze, vorkanonisch unbezeugte Vers weist Elemente auf, die nur auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐν οἷς; κλητός) und greift mit κλητός das sinntragende Moment des Verses auf. Es ist derselbe Begriff aus Vers 1, der dort auf der kanonischen Ebene steht. Somit wird wohl auch dieser Vers hier auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. Dass nur *Laod ἐν οἷς vorkanonisch bezeugt, spricht wiederum für die Nähe dieses Briefes zur kanonischen Lexik. (1,7) πᾶσιν, das 91 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6, vgl. zuvor zu Vers 5. ♦ Die Verbform οὖσιν, die 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,8. ♦ Ausschließlich auf der kanonischen Ebene findet sich gerade in den Brieferöffnungen die Wendung τοῖς οὖσιν, Röm 1,7: πᾶσιν τοῖς οὖσιν ἐν Ῥώμῃ; 12,3: τῆς δοθείσης μοι παντὶ τῷ ὄντι ἐν ὑμῖν; 1Kor 1,2: τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ; 2Kor 1,1: τῇ ἐκκλησίᾳ τοῦ θεοῦ τῇ οὔσῃ ἐν Κορίνθῳ; Eph 1,1: τοῖς ἁγίοις τοῖς οὖσιν [ἐν Ἐφέσῳ]; Phil 1,1: τοῖς οὖσιν ἐν Φιλίπποις, und wiederum in Apg 20,34: τοῖς οὖσιν μετ’ ἐμοῦ. ♦ πατήρ im Singular, der 297 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,3; 5,1; *Laod 1,17; 2,18; 4,6; 5,31; 6,2. ♦ Ῥώμη steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Allerdings findet es sich im lateinischen Prolog. ♦ Der Ausdruck ἐν Ῥώμῃ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 1,7. 15; 2Tim 1,17). ♦ ἀγαπητός steht 64 / 61 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,13; *1Kor 1,28. ♦ Zu dem kanonischen κλητός vgl. zuvor zu 1,6. ♦ Die Wendung χάρις καὶ εἰρήνη ἀπὸ θεοῦ πατρὸς ἡμῶν καὶ κυρίου Ἰησοῦ ist bezeugt für *1Kor 1,3. Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Vers unbezeugt ist, spricht die alternative Lesart ἀγάπῃ θεοῦ und der Hinweis Tertullians auf die Gleichförmigkeit der Brieferöffnungen dafür, den obenstehenden Text vorkanonisch anzunehmen. Umgekehrt stützt die nur auf der kanonischen Ebene belegte alternative Lexik diesen Rekonstruktionsvorschlag. (1,8) πρώτον / πρῶτος, das 70 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,46; *1Thess 4,16; *2Thess 2,3, vgl. weiter unten Vers 16. ♦ Die Kombination πρῶτον μέν steht 5 Mal im NT (2 Mal als Verseröffnung), ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu den Stellen 1Kor 11,18. ♦ εὐχαριστέω, das 43 / 38 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt - jedoch nicht im eucharistischen Zusammenhang - für *Ev 10,21. ♦ Die Wendung εὐχαριστῶ τῷ θεῷ μου steht 4 Mal im NT, davon 3 4 (Röm) 21 <?page no="1632"?> Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,4. ♦ Die Kombination διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ steht 14 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 1,1; *Röm 5,21. ♦ Zu περί vgl. zuvor zu Vers 3. ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch belegt für *Röm 12,18; *Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17. ♦ Die Wendung περὶ πάντων ὑμῶν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 13,18; Röm 1,8; 1Thess 1,2). ♦ πίστις, das 257 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16. 20; 3,11. 26; 5,6; *1Kor 12,9; *2Kor 4,13; *Röm 1,17; 5,1; *Laod 4,5. ♦ Die Formulierung ἡ πίστις ὑμῶν begegnet 7 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 2,5. ♦ καταγγέλλω, das 19 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,17. 18. ♦ ὅλος, das 123 / 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,27; *Gal 5,3. 9. ♦ κόσμος steht 196 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,29; *Gal 4,3; 6,14; *1Kor 1,20. 21. 27; 3,19. 22; 4,9; 6,14; *Laod 2,2. 12; *Kol 1,6; 2,8. ♦ Der Ausdruck ἐν ὅλῳ τῷ κόσμῳ steht 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Mt 26,13. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elementen auf (πρῶτον μέν; vorliegende Semantik von εὐχαριστέω; εὐχαριστῶ τῷ θεῷ μου; περὶ πάντων ὑμῶν; ἡ πίστις ὑμῶν; ἐν ὅλῳ τῷ κόσμῳ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,9) μάρτυς, das 39 / 35 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 13,1. ♦ Die Wendung μάρτυς γάρ μού ἐστιν ὁ θεός kehrt ohne ἐστιν wieder auf der kanonischen Ebene in Phil 1,8. ♦ λατρεύω steht 23 / 21 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene belegt und ein typischer Begriff der kanonischen Redaktion, abzulesen etwa an der Präsenz des Begriffes spezifisch in den Teilen von Lk, die in *Ev fehlen (Mt 4,10; Lk 1,74; 2,37; 4,8. ♦ Die Wendung τῷ πνεύματί μου steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, 2Kor 2,13. ♦ Die Wendung ἐν τῷ εὐαγγελίῳ steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 9,18. ♦ ἀδιάλειπτος steht als Adverb noch weitere 3 Male im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene in 1Thess (1,2; 2,13; 5,17), das Adjektiv steht 2 Mal, ebenfalls nur auf der kanonischen Ebene (Röm 9,2; 2Tim 1,3). ♦ μνεία findet sich 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 1,9; Eph 1,16; 1Thess 1,2; 3,6; Phil 1,3; 2Tim 1,3; Phlm 1,4). Zur Abwesenheit: Auch dieser vorkanonische Vers weist eine Fülle von aus‐ schließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elementen auf (μάρτυς γάρ μού ἐστιν ὁ θεός; λατρεύω; τῷ πνεύματί μου; ἐν τῷ εὐαγγελίῳ; ἀδιάλειπτος; μνεία). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 22 Rekonstruktion <?page no="1633"?> (1,10) πάντοτε, das sich 42 / 41 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ προσεύχομαι steht 104 / 86 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 14,13. 15. ♦ Die Wendung ἐπὶ τῶν προσευχῶν μου steht 4 Mal im NT (Röm 1,10; Eph 1,16; 1Thess 1,2: hier mit ἡμῶν; Phlm 1,4), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ δέομαι steht 112 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,12; *1Kor 15,24. ♦ Die Form δεόμενος steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 10,2; 17,25; Röm 1,10). ♦ πως, das 15 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Folglich findet sich auch die Kombination εἴ πως, die 4 Mal im NT steht, davon 2 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Verseröffnung: Röm 11,14; Phil 3,11; im Vers: Apg 27,12; Röm 1,10). ♦ Die Kombination ἤδη ποτέ steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, Phil 4,10. ♦ εὐοδόω steht noch drei weitere Male, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (1Kor 16,2; 3Joh 1,2). ♦ θέλημα, das 65 / 62 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,3; *Laod 1,9. ♦ Die Form τῷ θελήματι steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Lk 23,25. ♦ Die unscheinbare Wendung πρὸς ὑμᾶς, die 71 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 3,1. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich kanonisch belegt sind (πάντοτε; ἐπὶ τῶν προσευχῶν μου; δεόμενος; εἴ πως; ἤδη ποτέ; εὐοδόω; τῷ θελήματι; πρὸς ὑμᾶς). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,11) ἐπιποθέω, das 9 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ὁράω + ὑμᾶς steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 16,22; Röm 1,11; Phil 1,27; Hebr 13,23). ♦ μεταδίδωμι, das 5 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ χάρισμα, das 18 / 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 7,7; 12,9. ♦ πνευματικός, das 28 / 26 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,3. 4; 12,1; 14,1; 15,46; *Röm 7,14; *Laod 6,12. ♦ στηρίζω findet sich 16 / 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐπιποθέω; ὁράω + ὑμᾶς; μεταδίδωμι; στηρίζω). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,12) Die Wendung τοῦτο δέ ἐστιν steht 3 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene (Verseröffnung: Joh 6,39; Röm 1,12; im Vers: 1Petr 1,25). ♦ συμπαρακαλέω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Kombination τοῦτο δέ steht 32 Mal im NT, 28 Mal als Verseröffnung, immer auf der kanonischen Ebene, 4 (Röm) 23 <?page no="1634"?> vgl. 2Kor 9,6. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν ἀλλήλοις steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 9,50; Joh 13,35; Röm 1,12; 15,5, in einem Vers, der in *Röm fehlt). ♦ Die Form ἀλλήλοις steht 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor Gal 5,13. ♦ Der Ausdruck πίστεως ὑμῶν steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 1,12; 2Kor 10,15; Phil 2,17; Kol 2,5; 1Thess 3,2. 10; 1Petr 1,9). ♦ Die Kombination τε καί steht 51 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,30. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (τοῦτο δέ ἐστιν; ἐν ὑμῖν; ἐν ἀλλήλοις; ἀλλήλοις; πίστεως ὑμῶν; τε καί). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,13) Die Wendung οὐ θέλω δέ steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, 1Kor 10,20. ♦ Die Kombination θέλω δὲ ὑμᾶς steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu Vers 7,32. ♦ ἀγνοέω, das sich 23 / 22 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,1; 12,1. ♦ πολλάκις, das sich 19 / 18 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ προτίθημι steht nur noch weitere 2 Mal, vorkanonisch bezeugt für *Laod 1,9. ♦ Die unscheinbare Wendung πρὸς ὑμᾶς, die 71 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 3,1. ♦ κωλύω, das 27 / 23 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἄχρι, das 55 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,25; *2Kor 3,14. ♦ δεῦρο steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ τινα (Nom. / Akk. Neut. oder Akk. Fem. / Mask. Sg.), das 46 Mal im NT steht, immer auf der kanonischen Ebene. ♦ καρπός steht 71 / 66 Mal im NT, vorkanonisch wohl in *Ev 6,43; 21,30. ♦ Die Form σχῶ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 2,3. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination καθὼς καί steht 28 Mal im NT, in Lk 24,24, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,1; *1Kor 14,21b [= 1Kor 14,34]; *1Thess 2,14; *Laod 5,25. 29; *Kol 1,6. ♦ λοιπός, das sich 60 / 55 Mal im NT findet, vorkanonisch bezeugt für *Paulus. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (οὐ θέλω δέ; θέλω δὲ ὑμᾶς; πολλάκις; πρὸς ὑμᾶς; κωλύω; δεῦρο; τινα; σχῶ; ἐν ὑμῖν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Darüber hinaus zeigt die Bezeugung von προτίθημι in *Laod die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Lexik. 24 Rekonstruktion <?page no="1635"?> (1,14) Ἕλλην steht 29 / 25 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,3; *1Kor 1,22. ♦ Die Kombination τε καί steht 51 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,30. ♦ βάρβαρος, das 6 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ σοφός, das 24 / 20 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,21; *1Kor 1,25; 3,18. 19. ♦ ἀνόητος findet sich 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25. ♦ ὀφειλέτης steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,3. ♦ Die Verbform εἰμί, die 130 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,8. Zur Abwesenheit: Der kurze, vorkanonisch unbezeugte Vers weist Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (2 Mal τε καί; βάρβαρος). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,15) τὸ κατά steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, 2Kor 7,11. ♦ Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ findet sich 49 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 19,47, wiederum in einem Vers, der in *Ev fehlt; 14 Mal in Apg; Röm 1,15; 8,12. 28; 9,5. 11; 11,21. 24; 16,5, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,19; 2Kor 7,11; 10,7; 11,28; Gal 4,29; Eph 1,15; 4,24; 5,33; 5,6. 21; Phil 1,12; Kol 3,22; 4,7. 15; 1Tim 6,3; Tit 1,1. 9; Phlm 1,2; Hebr 11,7; Jak 3,9; 1Petr 1,3). ♦ Die Wendung κατ’ ἐμέ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 1,15; Eph 6,21; Phil 1,12; Kol 4,7). ♦ πρόθυμος steht nur noch weitere 2 Male auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum kanonischen ἐν Ῥώμῃ vgl. zuvor zu Vers 7. ♦ εὐαγγελίζομαι, das 58 / 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt in *Ev 9,6; *Gal 1,9. 16; *1Kor 15,1; *Laod 2,17. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (τὸ κατά; Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ; κατ’ ἐμέ; πρόθυμος; ἐν Ῥώμῃ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorka‐ nonisch gefehlt. 1,16-18: Das Evangelium - eine Kraft Gottes Diese vorkanonische Kernpassage des Eröffnungskapitels ist gut bezeugt und nur wenig durch die kanonische Redaktion erweitert worden. Wie im Abschnitt zuvor, wird auch hier die Verbundenheit zur jüdischen Tradition durch den Hinweis auf Habakuk durch die kanonische Redaktion hergestellt. 16 Οὐ γὰρ ἐπαισχύνομαι τὸ εὐαγγέλιον, δύναμις γὰρ θεοῦ ἐστιν 16 Οὐ γὰρ ἐπαισχύνομαι τὸ εὐαγγέλιον, δύναμις γὰρ θεοῦ ἐστιν εἰς σωτηρίαν 4 (Röm) 25 <?page no="1636"?> 21 Vgl. A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 110-111; H.v.B. Soden, Die Schriften des Neuen Testaments in ihrer ältesten erreichbaren Textgestalt. Hergestellt auf Grund ihrer Text‐ geschichte. I. Teil: Untersuchungen, III. Abteilung: Die Textformen. B. Der Apostolos mit Apokalypse (1911), 2029. εἰς σωτηρίαν παντὶ τῷ πιστεύοντι, Ἰουδαίῳ καὶ Ἕλληνι· παντὶ τῷ πιστεύοντι, Ἰουδαίῳ τε πρῶτον καὶ Ἕλληνι· 17 δικαιοσύνη γὰρ θεοῦ ἐν αὐτῷ ἀποκαλύπτεται ἐκ πίστεως εἰς πίστιν. 17 δικαιοσύνη γὰρ θεοῦ ἐν αὐτῷ ἀποκαλύπτεται ἐκ πίστεως εἰς πίστιν, καθὼς γέγραπται, Ὁ δὲ δίκαιος ἐκ πίστεως ζήσεται. 18 Ἀποκαλύπτεται γὰρ ὀργὴ ἀπ’ οὐρανοῦ ἐπὶ ἀσέβειαν καὶ ἀδικίαν ἀνθρώπων τῶν τὴν ἀλήθειαν ἐν ἀδικίᾳ κατεχόντων, 18 Ἀποκαλύπτεται γὰρ ὀργὴ θεοῦ ἀπ’ οὐρανοῦ ἐπὶ πᾶσαν ἀσέβειαν καὶ ἀδικίαν ἀνθρώπων τῶν τὴν ἀλήθειαν ἐν ἀδικίᾳ κατεχόντων, A. *1,16-17: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13,2: Itaque et hic, cum dicit, Non enim me pudet evangelii, virtus enim dei est in salutem omni credenti, Iudaeo et Graeco, quia iustitia dei in eo revelatur ex fide in fidem, sine dubio et evangelium et salutem iusto deo deputat, non bono, ut ita dixerim secundum haeretici distinctionem, transferenti ex fide legis in fidem evangelii, suae utique legis et sui evangelii. Vgl. Hab 2,4 LXX: ὁ δὲ δίκαιος ἐκ πίστεώς μου ζήσεται. ♦ *1,18: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13, 2-3: [2] Quoniam et (et om Harnack) iram (dei add Kroymann; om Harnack von Soden) dicit revelari de caelo super impietatem et iniustitiam hominum qui veritatem (<in> add Kroymann Harnack; om von Soden) iniustitia detineant. [3]-Cuius dei ira? Utique creatoris. Ergo et veritas eius erit cuius et ira quae revelari habet in ultionem veritatis. B. (1,16) Post εὐαγγέλιον add τοῦ Χριστοῦ in 06 2 , 018, 020, 025, 044, 104, 630, 1175, 1241, 2464, M; om in P 46 , 01, 02, 03, 04, 06* .c , 012, 33, 81, 1505, 1506, 1739, 1881, lat, sy, co. ♦ εἰς σωτηρίαν om in 012. ♦ Post Ἰουδαίῳ pm τε πρῶτον in Tertullian; πρῶτον om in 03, 012, sa, Ephr, und in der altlateinischen Tradition in 77. 21 ♦ (1,18) θεοῦ om in 1908. C. 1. (1,16-17) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für diese beiden Verse im obigen Zuschnitt. Außerdem bemerkt er, dass das in der kanonischen Fassung stehende Zitat von 2Kor 4,13, eine „bequeme Waffe“ gegen Markion darstellt, will aber nur das καθὼς γέγραπται als fehlend sehen, nicht aber das Zitat selbst. Dieser Logik ist nur schwer zu folgen, stellt doch der Inhalt und nicht 26 Rekonstruktion <?page no="1637"?> 22 T.v. Zahn, Geschichte des Neutestamentlichen Kanons, Band 2: Urkunden und Belege zum ersten und dritten Band, zweite Hälfte (1892), 515. Detering streicht πρῶτον, vgl. H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 27-29. 23 So auch H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 165. 24 J.M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic: God and Scripture in the Second Century (2015), 253. 25 S. Finamore, The Gospel and the Wrath of God in Romans 1 (1998), 138-140. 26 Vgl. auch die Benutzung in Hebr 10,36-39; vgl. auch 1QpHab 8,1-3 27 U. Wilckens, Der Brief an die Römer. Teilband 1. Röm 1---5 (1978), 88. der Verweis die eigentliche Waffe dar. Nach Zahn ist der obige Text bezeugt; was jedoch das τε πρῶτον betrifft, schwankt seine Meinung: „Ἰουδαίῳ [τε πρῶτον oder doch πρῶτον] καὶ Ελληνι“. 22 Harnack gibt den obigen Text (ohne τε) als bezeugt 23 und verweist darauf, dass Tertullians direkter Anschluss von Vers 18a an den obigen Text ausschließe, dass der unbezeugte Vers 17b in seiner Vorlage stand. Schmid schließt sich Harnack an, rechnet aber mit der Möglichkeit, dass auch das τε noch im Text stand. BeDuhn folgt ebenso Harnack, meint aber, dass auch das Schriftwort folgte, wenn er in Klammern in seiner Übersetzung den Text voraussetzt: [καθὼς …]. Lieu hält es für weniger gesichert, dass Hab 2,4 auch hier zu stehen kam. 24 2. (1,17) Den eschatologischen Charakter des Verses hat Finamore herausge‐ stellt. 25 Der Schriftvers Hab 2,4 LXX wurde bereits *Gal 3,4 angeführt, allerdings als Hinweis darauf, dass der Gerechte aus einem Glauben leben wird, der dem Gesetz unterworfen ist, aus welchem uns Christus herausgekauft hatte. Dieser Deutung wird mit der Anführung des Verses auf der kanonischen Ebene geradezu widersprochen. 26 Während auf der vorkanonischen Ebene, konsistent mit *Gal 3,4, das Evangelium als die Offenbarung und Christus als der Offenbarer gesehen wird, der aus dem Glauben in den Glauben führt, ist es auf kanonischer Ebene jetzt das Gesetz (Gal 3,4) bzw. sind es die Propheten (Hab 2,4), in Kontinuität zu welchen Christus die Gerechtigkeit offenbart und in den Glauben führt. Wilckens hat folglich den antithetischen Charakter dieses und des nächsten Verses hervorgehoben und spricht von einer „grundsätzlichen Antithese gegenüber dem Offenbarungsanspruch der Tora! “ 27 3. (1,18) Von Soden zeigt, dass die Emendation in unnötig ist, da iniustitia als instrumenteller Ablativ gelesen werden kann. Hilgenfeld verweist auf das Zeugnis Tertullians für diesen Vers. Zahn sieht im Text nicht Ἀποκαλύπτεται ὀργὴ θεοῦ, sondern nur ὀργή bezeugt, ebenfalls sieht er das πᾶσαν unbezeugt. Harnack folgt ihm in beidem und verweist darauf, dass nach ὀργή das θεοῦ auch in der Minuskel 47 gefehlt habe (ob dies ein Irrtum Harnacks ist, da diese Nummer eine Evangelienminuskel bezeichnet), der Genitiv fehlt hingegen in der Minuskel 1908 aus dem 11. Jh. 28 Schmid klammert darum sowohl θεοῦ wie 4 (Röm) 27 <?page no="1638"?> 28 Vgl. M. Mayordomo, Argumentiert Paulus logisch? Eine Analyse vor dem Hintergrund antiker Logik. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament 188 (2019), 172. 29 S. Finamore, The Gospel and the Wrath of God in Romans 1 (1998). 30 H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 165. 31 Vgl. W.O. Walker, Interpolations in the Pauline letters (2001), 166-189. 32 Vgl. J. Schröter, Sammlungen der Paulusbriefe und die Entstehung des neutestamentli‐ chen Kanons (2018), 808. auch πᾶσαν wegen der fehlenden Bezeugung ein. BeDuhn verweist jedoch, was θεοῦ betrifft, darauf, dass Tertullian ja wenig später die Frage Cuius dei ira? stellt und leitet daraus ab, dass das θεοῦ darum im Text gestanden habe. Doch diese Frage Tertullians verrät m. E. gerade das Gegenteil. Erst das Fehlen hat die interpretierende Frage provoziert, der Begriff dürfte also tatsächlich nicht im Text gestanden sein. Zur exegetischen Frage des Zornes Gottes, allerdings ohne auf Tertullian oder Markion einzugehen, kommt Finamore zu sprechen. 29 Detering gibt den Text wie oben. 30 4. (1,18-2,29) Walker betrachtet Röm 1,18-2,29 als Interpolation. 31 D. (1,16) ἐπαισχύνομαι steht 11 Mal im NT, vorkanonisch in *Ev 9,26. ♦ εὐαγγέλιον, das 79 / 76 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,6; 2,2. 14; *1Kor 4,15; 9,14; 15,1; *Röm 1,16; 2,16; *Laod 1,13; 6,15; *Kol 1,5; *2Thess 1,8. ♦ Die Wendung δύναμις γὰρ θεοῦ steht nur hier. ♦ σωτηρία findet sich 50 Mal im NT, vorkanonisch in *Ev 19,9; 21,13; *Röm 1,16. ♦ Die Wendung εἰς σωτηρίαν steht 12 Mal im NT, nur hier vorkanonisch nach Tertullian bezeugt. ♦ παντί, das 59 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,48; 19,26; *Röm 1,16; 10,4; *Kol 1,16. ♦ πιστεύω, das 265 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21 (τοὺς πιστεύοντας); 15,11; *Röm 1,16 (τῷ πιστεύοντι); 10,4 (τῷ πιστεύοντι); *2Thess 2,12 (οἱ μὴ πιστεύσαντες); *Laod 1,13 (πιστεύσαντες). ♦ Ἰουδαῖος, das 250 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *1Kor 9,20; 15,20; *Röm 1,16; 2,29; *1Thess 2,14. ♦ Vgl. zur Wendung παντὶ τῷ πιστεύοντι die Parallele Apg 13,39. 32 ♦ Zu πρώτον / πρῶτος vgl. zuvor zu Vers 8. ♦ Die Wendung τε πρῶτον καί steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. weiter unten Röm 2,9. ♦ Ἕλληνι steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Röm 2,10. ♦ Ἕλλην, das 29 / 25 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,3; *1Kor 1,22, vgl. weiter oben zu Vers 14. Zur Rekonstruktion: Der Text, weithin gestützt von der Lexik, folgt dem Zeugnis Tertullians unter Auslassung des unbezeugten τε πρῶτον, das auch lexikalisch nur für die kanonische Ebene belegt ist. Unsicher ist das εἰς σωτηρίαν, das zwar 28 Rekonstruktion <?page no="1639"?> durch Tertullian bezeugt ist, jedoch in 012 fehlt und, da es weitere 11 Mal im NT nur auf der kanonischen Ebene steht, vielleicht auch im vorkanonischen Text gefehlt haben könnte. Da es jedoch nur in dem einen handschriftlichen Zeugen fehlt, wird es hier unter Anzeige der Unsicherheit im vorkanonischen Text geführt. (1,17) δικαιοσύνη, das 97 / 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,17; 3,21; 5,21; 8,10; 10,3. 4; *Phil 3,9. ♦ Die Wendung ἐν αὐτῷ (Neut.) steht 4 Mal im NT, weiter vorkanonisch bezeugt für *Laod 6,20. ♦ ἀποκαλύπτω steht 33 / 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,17. 18; *2Thess 1,7, 2,3. ♦ Die Form ἀποκαλύπτεται steht 4 Mal im NT (Lk 17,30; Röm 1,17. 18; 1Kor 3,13) und ist weiter vorkanonisch bezeugt im nachfolgenden Vers 18. ♦ Die Wendung ἐκ πίστεως steht 23 Mal im NT, weiter vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,11; *Röm 5,1; 14,23. ♦ Die Wendung εἰς πίστιν steht nur hier. ♦ Die Formulierung καθὼς γέγραπται, die 25 Mal im NT steht, davon 10 Mal als Verseröffnung, ist nur in *1Kor 1,31 mit vorangestelltem ἵνα vorkanonisch bezeugt, vgl. dort. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. Zur Rekonstruktion: Der Text, gestützt von der Lexik, folgt dem Zeugnis Tertullians. Wie der Vergleich der Lexeme zeigt, besteht eine Übereinstimmung zwischen Bezeugung und Lexik bzw. zwischen fehlender Bezeugung und Lexik. (1,18) ἀποκαλύπτω steht 33 / 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,17. 18; *2Thess 1,7, 2,3. ♦ Die Form ἀποκαλύπτεται steht 4 Mal im NT (Lk 17,30; Röm 1,17. 18; 1Kor 3,13) und ist weiter vorkanonisch bezeugt im voranstehenden Vers 17. ♦ ὀργή steht 37 / 36 Mal im NT und ist weiter vorkanonisch bezeugt in *Laod 2,3. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9). ♦ οὐρανός, das 300 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 8,5; 15,47; 5,1. 2; 12,2; *Röm 1,18; *2Thess 1,7; *Laod 1,10; *Kol 1,5; *Phil 3,20. ♦ Die Wendung ἀπ’ οὐρανοῦ steht 7 Mal im NT (Lk 17,29; 21,11; 22,43; Röm 1,18; 1Thess 4,16; 2Thess 1,7; 1Petr 1,12), in Lk 23,41, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 21,11; *2Thess 1,7. ♦ πᾶσαν, das 53 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀσέβεια findet sich nur 6 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ Die Wendung ἐπὶ (πᾶσαν) ἀσέβειαν steht nur hier. ♦ ἀδικία, das 27 / 25 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,9; *Röm 1,18; *2Thess 2,12. ♦ ἀλήθεια, das 112 / 109 Mal im NT steht, ist ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion, der dennoch zwei Mal vorkanonisch bezeugt ist. ♦ κατέχω, das 19 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 4,42. 4 (Röm) 29 <?page no="1640"?> Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis von Tertullian, gestützt von der Lexik, insbesondere fällt auf, dass das unbezeugte πᾶσαν auch sonst vorkanonisch nicht bezeugt ist, das heißt, wohl auf die kanonische Redaktion zurückgeht. 1,[19-20] 21-22 [23-32]: Inkonsequente Erkenntnis Gottes Auch wenn die nachfolgende Passage vorkanonisch unbezeugt ist, sprechen doch der narrative Zusammenhang und die Lexik dafür, dass einige Teile dieses Abschnittes vorkanonisch vorhanden waren, auch wenn sich der genaue Wort‐ laut nicht mehr mit Sicherheit herstellen lässt. Die kanonische Redaktion hat hier i.W. die Konkretisierung mit Blick auf die moralischen Laster vorgenommen und den Lasterkatalog selbst deutlich erweitert. - 19 διότι τὸ γνωστὸν τοῦ θεοῦ φανερόν ἐστιν ἐν αὐτοῖς· ὁ θεὸς γὰρ αὐτοῖς ἐφανέρωσεν. 20 τὰ γὰρ ἀόρατα αὐτοῦ ἀπὸ κτίσεως κόσμου τοῖς ποιήμασιν νοούμενα καθορᾶται, ἥ τε ἀΐδιος αὐτοῦ δύναμις καὶ θειότης, εἰς τὸ εἶναι αὐτοὺς ἀναπολογήτους· 21 διότι γνόντες τὸν θεὸν οὐχ ὡς θεὸν ἐδόξασαν ἢ ηὐχαρίστησαν, ἀλλ’ ἐματαιώθησαν ἐν τοῖς διαλογισμοῖς αὐτῶν καὶ ἐσκοτίσθη ἡ ἀσύνετος αὐτῶν καρδία. 21 διότι γνόντες τὸν θεὸν οὐχ ὡς θεὸν ἐδόξασαν ἢ ηὐχαρίστησαν, ἀλλ’ ἐματαιώθησαν ἐν τοῖς διαλογισμοῖς αὐτῶν καὶ ἐσκοτίσθη ἡ ἀσύνετος αὐτῶν καρδία. 22 φάσκοντες εἶναι σοφοὶ ἐμωράνθησαν. 22 φάσκοντες εἶναι σοφοὶ ἐμωράνθησαν, - 23 καὶ ἤλλαξαν τὴν δόξαν τοῦ ἀφθάρτου θεοῦ ἐν ὁμοιώματι εἰκόνος φθαρτοῦ ἀνθρώπου καὶ πετεινῶν καὶ τετραπόδων καὶ ἑρπετῶν. - 24 Διὸ παρέδωκεν αὐτοὺς ὁ θεὸς ἐν ταῖς ἐπιθυμίαις τῶν καρδιῶν αὐτῶν εἰς ἀκαθαρσίαν τοῦ ἀτιμάζεσθαι τὰ σώματα αὐτῶν ἐν αὐτοῖς, 25 οἵτινες μετήλλαξαν τὴν ἀλήθειαν τοῦ θεοῦ ἐν τῷ ψεύδει, καὶ ἐσεβάσθησαν καὶ ἐλάτρευσαν τῇ κτίσει παρὰ τὸν κτίσαντα, ὅς ἐστιν εὐλογητὸς εἰς τοὺς αἰῶνας· ἀμήν. 26 διὰ τοῦτο παρέδωκεν αὐτοὺς ὁ θεὸς εἰς πάθη ἀτιμίας· αἵ τε γὰρ θήλειαι αὐτῶν μετήλλαξαν τὴν φυσικὴν χρῆσιν εἰς τὴν παρὰ φύσιν, 27 ὁμοίως τε καὶ οἱ ἄρσενες ἀφέντες τὴν φυσικὴν χρῆσιν τῆς θηλείας ἐξεκαύθησαν ἐν τῇ ὀρέξει 30 Rekonstruktion <?page no="1641"?> 33 Detering tilgt die Verse 1,19-2,1, vgl. H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprüng‐ lichen Gestalt (2005), 32-40. 165-166. 34 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 453. αὐτῶν εἰς ἀλλήλους, ἄρσενες ἐν ἄρσεσιν τὴν ἀσχημοσύνην κατεργαζόμενοι καὶ τὴν ἀντιμισθίαν ἣν ἔδει τῆς πλάνης αὐτῶν ἐν ἑαυτοῖς ἀπολαμβάνοντες. 28 καὶ καθὼς οὐκ ἐδοκίμασαν τὸν θεὸν ἔχειν ἐν ἐπιγνώσει, παρέδωκεν αὐτοὺς ὁ θεὸς εἰς ἀδόκιμον νοῦν, ποιεῖν τὰ μὴ καθήκοντα, 29 πεπληρωμένους πάσῃ ἀδικίᾳ πονηρίᾳ πλεονεξίᾳ κακίᾳ, μεστοὺς φθόνου φόνου ἔριδος δόλου κακοηθείας, ψιθυριστάς, 30 καταλάλους, θεοστυγεῖς, ὑβριστάς, ὑπερηφάνους, ἀλαζόνας, ἐφευρετὰς κακῶν, γονεῦσιν ἀπειθεῖς, 31 ἀσυνέτους, ἀσυνθέτους, ἀστόργους, ἀνελεήμονας· 32 οἵτινες τὸ δικαίωμα τοῦ θεοῦ ἐπιγνόντες, ὅτι οἱ τὰ τοιαῦτα πράσσοντες ἄξιοι θανάτου εἰσίν, οὐ μόνον αὐτὰ ποιοῦσιν ἀλλὰ καὶ συνευδοκοῦσιν τοῖς πράσσουσιν. A. Die Verse sind vorkanonisch unbezeugt. B. (1,31) Post ἄστοργος add ἀσπόνδους in 01 2 , 04, 06 2 , 018, 020, 025, 044, (33), 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M, vg, sy. C. 1. (1,19-32) Alle Editoren stimmen überein, dass diese Verse unbezeugt sind. 33 Hilgenfeld notiert: „Beachtenswerth ist es, dass er [Tertullian] von hier aus sogleich zu II,2 überspringt, ohne aus dem Abschnitt I,19/ 31 irgend eine Waffe zu entnehmen. Dieser Umstand spricht für das Fehlen dieses Abschnitts, weil es kaum erklärlich ist, daß Tertullian sich die weitere Ausführung der göttlichen Strafgerechtigkeit in der vorchristlichen Geschichte der heidnischen Mensch‐ heit, die Anerkennung einer natürlichen Gotteserkenntnis des Menschen (V. 21. 31) u.s.w. gegen die gnostische Lehre von einem erst durch Christus geoffenbarten Gott sollte entgehen gelassen haben. Er geht ja überdieß mit dem Ausdruck ‚etiam adjiciens‘ zu C. II über, was ebenso, wie bei Gal. 3, 14 und 26, auf eine unmittelbare Verbindung hinweist“. 34 Zahn rechnet dennoch mit der Präsenz der Verse in unbestimmbarer Text‐ form. Harnack, der wiederum von der Position ausgeht, dass der Text des *Paulus von Markion redigiert und gekürzt wurde, ist der Meinung, was diese Verse betrifft, dass sie „sehr wahrscheinlich getilgt“ waren. 35 Schmid hält die Verse 4 (Röm) 31 <?page no="1642"?> 35 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 103*. 36 P.N. Harrison, Paulines and Pastorales (1964), 79-85; J. BeDuhn, The First New Testa‐ ment. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 296. 37 Orig., Comm. in Rom. 1,18 (PG 14,865C): Marcion ergo, et omnes qui de schola ejus velut serpentiium germina pullularunt, horum obsolutiones ne extremo quidem digito attingere audebunt: quippe qui propter hujuscemodi quaestiones Vetus Instrumentum, sicubi forte in eo tale aliquid legerant, abjecerunt. 38 So die Deutung bei BeDuhn, ibid. schlicht für unbezeugt. BeDuhn verweist darauf, dass Harrison die Verse 1,19-2,1 als Interpolation betrachtet und *Röm die ursprüngliche Fassung des Briefes bewahrt hat. 36 BeDuhn wendet allerdings ein, dass Tertullian in Adv. Marc. IV 25,10 rhetorisch ausführt, Markioniten und andere Häretiker behaupteten, die Heiden würden Gott von Natur aus erkennen (Atque ita Christus ignotum deum praedicavit. Hinc enim et alii haeretici fulciuntur, opponentes creatorem omnibus notum, et Israeli secundum familiaritatem et nationibus secundum naturam. Et quomodo ipse testatur nec Israeli cognitum se? ). Dieser Hinweis, der verbunden ist mit Tertullians Zitat von Jes 1,8, bietet jedoch kaum einen Anhalt dafür, dass ihm die hier diskutierten Verse aus Gal 1,19-2,1 in der vorkanonischen Fassung vorgelegen waren. Deutlicher ist die Diskussion bei Origenes. In seinem Kommentar zum Römerbrief führt er zunächst in I 18,2 den Vers Röm 1,24 an, um dann in I 18,3 zu erklären, dass „Markion und alle, die von seiner Schule wie eine Schlangenbrut herkommen, es nicht wagen, die Lösung dieser Dinge zu berühren, nicht einmal mit ihren Fingerspitzen, da sie das Alte Testament wegen solcher Themen verworfen hätten, wo immer sie auch solche Dinge darin gelesen hätten.“ 37 Demnach fragt Origenes nicht nur „rhetorisch, wie Markioniten mit Röm 1,24 umgegangen sind“, 38 sondern er sagt ausdrücklich, dass Markion diesen Vers gemieden hatte, er also nicht in seinem Paulustext stand. Diese Deutung wird gestützt von den Ausführungen des Origenes in seinem Werk De Oratione (XXIX 12-13, PG 11,537 B-D), in welchem er die Verse Röm 1,22-24 zitiert und dann ausführt, dass man sie denjenigen entgegenhalten und vorlesen soll, die den Schöpfergott von dem guten Gott trennen wollen. Ähnlich hält Origenes auch seinen kanonischen Text den Markioniten entgegen in De Princ. II 5. 2. (1,25) Van Manen ist die Duplikation zu Vers 23 aufgefallen: 23 καὶ ἤλλαξαν τὴν δόξαν τοῦ ἀφθάρτου θεοῦ ἐν ὁμοιώματι εἰκόνος φθαρτοῦ ἀνθρώπου καὶ πετεινῶν καὶ τετραπόδων καὶ ἑρπετῶν. 25 οἵτινες μετήλλαξαν τὴν ἀλήθειαν τοῦ θεοῦ ἐν τῷ ψεύδει, καὶ ἐσεβάσθησαν καὶ ἐλάτρευσαν τῇ κτίσει παρὰ τὸν κτίσαντα, ὅς ἐστιν εὐλογητὸς εἰς τοὺς αἰῶνας: ἀμήν. Er hält den zweiten 32 Rekonstruktion <?page no="1643"?> 39 W.C. van Manen, Die Unechtheit des Römerbriefes (1906), 48. 40 J.P. Mathur and M. Vinzent, Pre-canonical Paul. His Views Towards Sexual Immorality (2018); H. Debel, „Unnatural Intercourse“ in Rom 1,26-27 (2009). 41 W.C. van Manen, Die Unechtheit des Römerbriefes (1906), 48. 42 Vgl. C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. Zu alttestamentlichen Vorlagen vgl. W. Schmithals, Der Römerbrief. Ein Kommentar (1988), 81. 43 W.C. van Manen, Die Unechtheit des Römerbriefes (1906), 48-49. 44 J.A. Fitzmyer, Romans. A new translation with introductions and commentary (1993), 65. Vers, auch mit der „unangemessenen Weise“, den „Schöpfer“ zu preisen, für das Zeugnis einer späteren Hand. 39 3. (1,26-27) Diese Verse wurde bereits in der Forschung diskutiert, 40 und van Manen hielt Vers 26 „überdies“ für „eine matte Wiederholung von V. 24“. 41 4. (1,29-31) Diesen traditionellen Lasterkatalog sieht Weisse als Zeugnis einer späteren Hand 42 und van Manen meint: „So schreibt niemand, der sich frei bewegt, sondern nur jemand, der sich an übernommene Worte gebunden glaubt. V. 29-31 ist eine anderswoher entlehnte Liste, die ursprünglich nicht zu V. 28 gehörte, sondern durch unsern Redaktor daran angeknüpft wurde“. 43 5. (1,32) Als „sekundäre Glosse“ wird der Vers bezeichnet von Fitzmyer. 44 D. (1,19) διότι, das 26 / 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,28. ♦ γνωστός findet sich 17 / 15 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene belegt, insbesondere für die Apostelgeschichte. ♦ Die Form γνωστόν steht 10 Mal im NT, davon 4 Mal als Versanfang in der Apg, außerhalb unserer Stelle hier überhaupt nur in der Apg. ♦ φανερός, das 22 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,17; *Gal 5,19; *Röm 2,28. ♦ Die Form φανερόν steht 6 Mal im NT, vorkanonisch wohl bezeugt für *Ev 8,17. ♦ ἐν αὐτοῖς steht 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,17 (in Abänderung formuliert die kanonische Version μετ’ αὐτῶν); *Gal 3,12. ♦ Die Wendung ὁ θεὸς γάρ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 1,19; 14,3; Phil 2,13). ♦ φανερόω, das 54 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 2,14; 3,3; 4,10. 11; 5,10; *Röm 3,21; *Kol 3,4. ♦ αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.), das 543 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; *2Thess 2,11, vgl. weiter Vers 24. ♦ Die Form ἐφανέρωσεν steht 4 Mal im NT, ansonsten auf der kanonischen Ebene ( Joh 2,11; 21,1; Röm 1,19; Tit 1,3). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Wendungen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen (γνωστός/ γνωστόν; 4 (Röm) 33 <?page no="1644"?> 45 Die Formel εἰς τό + Infinitiv ist bereits Weisse aufgefallen und verdächtig gewesen, vgl. C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 15-16. ὁ θεὸς γάρ; ἐφανέρωσεν). Der Vers scheint auf die kanonische Redaktion zurückzugehen und vorkanonisch gefehlt zu haben. (1,20) ἀόρατος steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,15. ♦ Zu ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, vgl. zuvor zu Vers 7. ♦ κτίσις, das 20 / 19 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,17. ♦ νοέω steht 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ποίημα, das 2 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,10. ♦ καθοράω ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἀΐδιος steht nur noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene ( Jud 1,6). ♦ θειότης ist Hapax legomenon. ♦ Zum Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,33; *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6, vgl. weiter Vers 22. ♦ Die kürzere Wendung εἰς τὸ εἶναι steht 8 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 1,12. 45 ♦ αὐτούς (Akk. Mask. Pl.), das 340 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Thess 2,10, vgl. weiter die Verse 24. 26. 28. ♦ ἀναπολόγητος steht noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene (Röm 2,1). Zur Abwesenheit: Auch dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen (νοέω; ἀΐδιος; ἀναπολόγητος). Darüber hinaus begegnen zwei Elemente, die vorkanonisch nur für *Laod bezeugt sind (ποίημα; εἰς τὸ εἶναι) und auf die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Sprache hinweist. (1,21) Zu διότι vgl. Vers 19. ♦ γιγνώσκω, das 256 / 222 Mal im NT steht, ist vorka‐ nonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21; 2,8. 16; 3,20; 8,3; *Röm 7,7; 11,34. ♦ Die Form γνόντες steht 5 Mal im NT, unsicher vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,9 in ähnlicher Formulierung (γνόντες θεόν), ansonsten Mk 6,38; Lk 9,11; Gal 2,9; 4,9. ♦ Die Kombination γινώσκω + τὸν θεόν steht nur hier und drei weitere Mal im Ersten Johannesbrief (1Joh 4,6. 7. 8). ♦ οὐχ, das 105 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 10,3; *Phil 1,17; 2,6. ♦ Die Wendung (οὐχ) ὡς θεόν steht nur hier. ♦ δοξάζω steht 68 / 61 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,20. ♦ Die Form ἐδόξασαν steht 4 Mal im NT, nur kanonisch belegt (Mt 9,8; 15,31; Apg 11,18; Röm 1,21). ♦ εὐχαριστέω, das 43 / 38 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt - jedoch nicht im eucharistischen Zusammenhang - für *Ev 10,21. ♦ ματαιόω, das 4 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,20. ♦ διαλογισμός steht 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,20. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15, 34 Rekonstruktion <?page no="1645"?> vgl. weiter Verse 24. 26. 27. ♦ σκοτίζω steht 8 / 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,45. ♦ ἀσύνετος steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Auch dieser Vers ist vorkanonisch unbezeugt; doch wie bereits die Verseröffnung andeutet und die weitere Lexik (bis auf das seltene ἀσύνετος) zeigt, kann der Vers vorkanonisch gestanden sein. Das wird durch die narrative Einbindung in den argumentativen Kontext gestärkt. (1,22) φάσκω steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form φάσκοντες steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Apg 24,9. ♦ Zum Infinitiv εἶναι vgl. zuvor zu Vers 20. ♦ σοφός, das 24 / 20 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,21; *1Kor 3,18. 19. ♦ Die Wendung εἶναι σοφοί steht nur hier. ♦ μωραίνω, das 4 Mal im NT steht, ist vorkanonisch belegt für *1Kor 1,20. Zur Rekonstruktion: Auch bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers fällt auf, dass selbst ein so seltenes Verb wie μωραίνω vorkanonisch bezeugt ist, auch dieser Vers scheint darum und wegen des narrativen Zusammenhangs wohl bereits vorkanonisch gestanden zu sein. (1,23) ἀλλάσσω, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,52. ♦ ἄφθαρτος, das 8 Mal im NT steht, ist vorkanonische bezeugt für *1Kor 15,52. ♦ ὁμοίωμα, das nur 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 8,3; *Phil 2,7. ♦ φθαρτός, das 6 Mal im NT zu finden ist, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πετεινός steht 15 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ τετράπους findet sich nur noch zwei weitere Male auf der kanonischen Ebene (Apg 10,12; 11,6). ♦ ἑρπετόν, das nur 4 Mal im NT steht, findet sich wiederum nur auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Begriffe auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (φθαρτός; τετράπους; ἑρπετόν), dann fällt die Semantik von ὁμοίωμα auf, die der kanonischen entspricht. Der Vers wird demnach auf die kanonische Redaktion zurückgehen. (1,24) παραδίδωμι, das 134 / 119 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,5, vgl. weiter unten die Verse 26 und 28. ♦ Die Form παρέδωκεν steht 17 Mal im NT (3 Mal Mt, 2 Mal Mk; Lk 23,25; 2 Mal Joh; 2 Mal Apg; Röm 1,24. 26. 28; 8,23; Eph 5,2. 25; 2Petr 2,4), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐπιθυμία, das 40 / 38 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,15; *Gal 5,24; *1Thess 4,5. ♦ ἀκαθαρσία, das 11 / 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,19. ♦ ἀτιμάζω, das 7 Mal im NT steht, ist nur kanonisch belegt. ♦ Zu αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.) vgl. zuvor zu Vers 19. 4 (Röm) 35 <?page no="1646"?> Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (παρέδωκεν; ἀτιμάζω). Der Vers scheint eher ein Produkt der kanonischen Redaktion zu sein und vorkanonisch gefehlt zu haben. (1,25) ὅστις, das 165 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. ♦ Die Form οἵτινες steht 60 Mal im NT (davon 15 Mal als Verseröffnung), Lk 1,20; 9,30; 15,7 in Versen oder Versteilen, die in *Ev fehlen, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4; *2Thess 1,9. ♦ μεταλλάσσω steht nur noch 1 Mal im nächsten Vers. ♦ ψευδής steht 6 / 3 Mal im NT, möglicherweise in *2Thess 2,9 vorkanonisch bezeugt, während ψεῦδος 11 / 10 Mal im NT steht und vorkanonisch bezeugt ist für *2Thess 2,9 und *Laod 4,25. ♦ σεβάζομαι ist Hapax legomenon im NT. ♦ λατρεύω steht 23 / 21 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ κτίσις, das 20 / 19 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,17. ♦ παρά, das 217 / 194 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,37 und *Gal 1,8. 12; *1Kor 3,19; *Röm 2,13; 12,16; *2Thess 1,6. ♦ κτίζω findet sich 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,10. 15; 3,9. ♦ εὐλογητός, das 8 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 1,3. ♦ ἀμήν steht 175 / 130 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt nur als Substantiv τὸ Ἀμήν für *2Kor 1,20. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers be‐ gegnen Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen (μεταλλάσσω; λατρεύω; nicht substantivisches ἀμήν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,26) διὰ τοῦτο, das 59 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Thess 2,11. ♦ παραδίδωμι, das 134 / 119 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,5, vgl. zuvor Vers 24, weiter unten Vers 28. ♦ Die Form παρέδωκεν steht 17 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu Röm 1,24. ♦ πάθος steht nur 4 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene belegt. ♦ ἀτιμία, das sich nur 7 Mal im NT findet, hat vorkanonisch vielleicht in *1Kor 11,14 gestanden. ♦ Die Kombination τε γάρ steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 1,26; 7,7; 14,8; 2Kor 10,8; Hebr 2,11). ♦ θῆλυς, das nur 5 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene belegt, vgl. der nächste Vers. ♦ μεταλλάσσω steht nur noch 1 Mal im voranstehenden Vers. ♦ φυσικός steht nur 3 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene, 1 Mal im nächsten Vers und weiter in 2Petr 2,12. ♦ χρῆσις steht nur hier und im folgenden Vers. ♦ Zu παρά vgl. zuvor zu Vers 25. ♦ φύσις, das 16 / 14 Mal im NT steht, findet sich nur in der Briefliteratur und ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,8; *Röm 2,14; *Laod 2,3. ♦ Die Wendung παρὰ φύσιν steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, Röm 11,24. 36 Rekonstruktion <?page no="1647"?> Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist wiederum aus‐ schließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente auf (παρέδωκεν; πάθος; τε γάρ; θῆλυς; φυσικός; παρὰ φύσιν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (1,27) ὁμοίως steht 33 / 30 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination τε καί steht 51 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,30. ♦ ἄρσην steht 12 / 9 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene belegt. ♦ ἀφίημι steht 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum kanonischen φυσικός vgl. zum voranstehenden Vers 26. ♦ χρῆσις steht nur hier und im voranstehenden Vers. ♦ θῆλυς, das nur 5 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. den voranstehenden Vers. ♦ ἐκκαίω und ὄρεξις sind Hapax legomena im NT. ♦ ἀλλήλων, das 107 / 100 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,2; *Röm 12,10. ♦ ἀσχημοσύνη steht nur noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene (Apk 16,15). ♦ κατεργάζομαι steht 25 / 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀντιμισθία steht nur noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene (2Kor 6,13). ♦ πλάνη steht 13 / 10 Mal im NT, vorkanonisch 1 Mal bezeugt für *2Thess 2,11. ♦ ἀπολαμβάνω steht 14 / 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,38. Zur Abwesenheit: Wie im zweiten Teil des voranstehenden Verses, begegnen in diesem vorkanonisch unbezeugten Vers eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elementen (ὁμοίως; τε καί; ἄρσην; ἀφίημι; φυσικός; θῆλυς; ἀσχημοσύνη; κατεργάζομαι). Der Vers dürfte demnach auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (1,28) Die Verseröffnung καὶ καθώς steht als Kombination 12 Mal im NT, davon 6 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch als Verseröffnung bezeugt für *Ev 6,31. ♦ δοκιμάζω, das 25 / 22 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,56; *1Kor 3,13. ♦ ἐπίγνωσις steht 21 / 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 10,2. ♦ παραδίδωμι, das 134 / 119 Mal im NT steht, als Begriff auch der vorkanonischen Ebene, vgl. zuvor Verse 24, 26. ♦ Die Form παρέδωκεν steht 17 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu Röm 1,24. ♦ ἀδόκιμος, das 8 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ νοῦς, ein Begriff, der 25 / 24 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 11,34 und in gleicher Formulierung für *1Kor 2,16. ♦ Der Infinitiv ποιεῖν steht 25 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (4 Mal Mt; Mk 2,23; 10 Mal Joh; 6 Mal Apg; Röm 1,28; 7,21; Jak 4,17). ♦ καθήκω steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene (Apg 22,22). 4 (Röm) 37 <?page no="1648"?> Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (παρέδωκεν; ἀδόκιμος; ποιεῖν; καθήκω). (1,29) πληρόω, das 91 / 87 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,3. 14; *Röm 8,4 und 13,8. ♦ πάσῃ (Dat. Fem. Sg.), das 44 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Thess 2,9. ♦ ἀδικία, das 27 / 25 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,9; *Röm 1,18; *2Thess 2,12. ♦ πονηρία steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,39; *Laod 6,12. ♦ πλεονεξία, das 10 Mal im NT steht, ist ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ κακία, das 11 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μεστός steht 10 / 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ φθόνος steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21 und *Phil 1,15. ♦ φόνος findet sich 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,19. 25. ♦ ἔρις, das 15 / 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,20; *Phil 1,15. ♦ δόλος, das 11 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ κακοήθεια und ψιθυριστής sind Hapax legomena im NT. Zur Rekonstruktion: Auch dieser Vers weist Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehen (πλεονεξίας; κακία; μεστός; δόλος). Er wird ein Produkt der kanonischen Redaktion gewesen sein und vorkanonisch gefehlt habe. (1,30) κατάλαλος steht 2 Mal im NT, auch das andere Mal auf der kanonischen Ebene ( Jak 4,11), ebenso das verwandte Verb καταλαλέω, das 8 Mal im NT steht und so auch das Nomen καταλαλιά. ♦ θεοστυγής ist Hapax legomenon. ♦ ὑβριστής steht nur noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene (1Tim 1,13). ♦ ὑπερήφανος steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀλαζών steht nur noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene (2Tim 3,2). ♦ ἐφευρετής ist Hapax legomenon im NT. ♦ γονεύς, das sich 21 / 20 Mal im NT findet, ist 1 Mal vorkanonisch bezeugt für *Laod 6,1. ♦ ἀπειθής steht 7 / 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, auch das verwandte Nomen ἀπείθεια, das 8 / 7 Mal im NT steht, findet sich nur auf dieser Ebene, und das Verb ἀπειθέω, das sich 22 / 14 Mal im NT findet, steht etwa nur 1 Mal im Lukasevangelium, in Lk 1,17, in einem Vers, der in *Ev fehlt. Zur Abwesenheit: Im Unterschied zu den voranstehenden vorkanonisch un‐ bezeugten Versen, die u. a. vorkanonische Lexik aufwiesen, besticht dieser Vers mit kanonischer Lexik (κατάλαλος/ καταλαλέω/ καταλαλιά; ὑβριστής; ὑπερήφανος; ἀλαζών; ἀπειθής/ ἀπείθεια), er wird darum wohl gänzlich auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. Das in 38 Rekonstruktion <?page no="1649"?> *Laod vorkanonisch bezeugte γονεύς weist auf die Nähe des *Deuteropaulinums zur kanonischen Lexik hin. (1,31) ἀσύνετος, das 5 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. weiter oben zu Vers 21. ♦ ἀσύνθετος ist Hapax legomenon. ♦ ἄστοργος steht nur noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene (2Tim 3,3). ♦ ἀνελεήμων ist wiederum Hapax legomenon. ♦ Die Variante ἀσπόνδους ist nochmals auf kanonischer Ebene zu finden (2Tim 3,3). Zur Abwesenheit: Dieser kurze, vorkanonisch unbezeugte Vers weist wieder einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἀσύνετος; ἄστοργος; ἀσπόνδους). Der Vers wird auf die kanonische Redaktion zurückgehen und hat vorkanonisch gefehlt. (1,32) Zu ὅστις vgl. zuvor zu Vers 25. ♦ δικαίωμα steht 11 / 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 8,4. ♦ Die Form οἵτινες steht 60 Mal im NT (davon 15 Mal als Verseröffnung), in Lk 1,20; 9,30; 15,7 in Versen oder Versteilen, die in *Ev fehlen, vorkanonisch im Vers bezeugt für *Gal 2,4; *2Thess 1,9. ♦ δικαίωμα steht 11 / 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 8,4. ♦ ἐπιγιγνώσκω, das 64 / 44 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 10,2. ♦ τοιοῦτος, das 62 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *1Kor 15,48. ♦ πράσσω, das 43 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *2Kor 5,10 und *Röm 2,25. ♦ Die Kombination οἱ τὰ τοιαῦτα πράσσοντες findet sich wörtlich *Gal 5,21. ♦ Das ἄξιος im Sinne von würdig einer Strafe steht nur hier; ἄξιος steht 44 / 41 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,48. ♦ ἀξιόω steht 11 / 7 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ μόνον, das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,10; *1Kor 7,39. ♦ αὐτά (Nom. / Akk. Neut. Pl.), das 53 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12. ♦ συνευδοκέω steht 6 Mal im NT, ausschließlich bezeugt für die kanonische Ebene. Zur Abwesenheit: Bei diesem Vers ist die Entscheidung nicht leicht. Die Verser‐ öffnung weist in Richtung kanonische Redaktion, dann begegnen Termini, die auf die vorkanonische Ebene hinweisen (δικαίωμα; ἐπιγιγνώσκω; οἱ τὰ τοιαῦτα πράσσοντες; besondere Semantik von ἄξιος), doch zum Schluss begegnet wieder ein nur kanonisch belegter Terminus (συνευδοκέω). Da der Anschluss im nächsten Kapitel (2,2) den vorliegenden Vers nicht benötigt, wird man 4 (Röm) 39 <?page no="1650"?> 46 Vgl. zu dieser Parallele A.E. Barnett, Paul Becomes a Literary Influence (1941), 95. 47 Vgl. hierzu A. Taschl-Erber, Zwischen Römer- und Epheserbrief. Zur Kontextualisie‐ rung des Kolosserbriefs (2021), 156. ihn vorsichtshalber wegen der kanonischen Termini dieser Ebene zuweisen. Auffallend ist die Parallele in 1Klem 35,5-6. 46 Kapitel 2 2,[1] 2 [3-11] 12-14 [15] 16 [17-19] 20-21 [22-23] 24-25 [26] 27-29: Nicht das Gesetz hören, sondern es tun Die zentralen vorkanonischen Gedanken dieses Kapitels sind gut bezeugt. Es setzt die Argumentation des vorangegangenen Kapitels fort. Während zunächst weiterhin Nichtjuden im Blick sind, wobei ab Vers 20 mit denjenigen, die andere, aber nicht sich selbst lehren, Juden in den Blick kommen, womit ein Argument beginnt, das im nächsten Kapitel fortgesetzt wird. Sowohl zu Beginn wie mit den Versen 3-11 fügt die kanonische Redaktion eine die Adressaten direkt ansprechende homiletische Mahnung ein, die das Gericht vor Augen stellt. Eine ähnliche direkte Adressierung nimmt sie auch in Vers 17-19 an die Juden in den Text hinein. Bemerkenswert ist die vorkanonische Herausstellung der Unbeschnittenheit derer, die das Gesetz erfüllen, gegenüber denen, die zwar beschnitten sind, aber das Gesetz nicht erfüllen, und von diesen ins Unrecht gestellt werden (Verse 25. 27); sie wird von der kanonischen Redaktion fortgeführt, so dass in Vers 26 sogar die Unbeschnittenheit als „Beschnittenheit“ bezeichnet wird. Dem entspricht der kanonische Vers Kol 3,11, wo ebenfalls die Unterscheidung Beschneidung/ Unbeschnittensein aufgehoben wird. 47 - 2,1 Διὸ ἀναπολόγητος εἶ, ὦ ἄνθρωπε πᾶς ὁ κρίνων· ἐν ᾧ γὰρ κρίνεις τὸν ἕτερον, σεαυτὸν κατακρίνεις, τὰ γὰρ αὐτὰ πράσσεις ὁ κρίνων. 2,2 οἴδαμεν δὲ ὅτι τὸ κρίμα τοῦ θεοῦ ἐστιν κατὰ ἀλήθειαν ἐπὶ τοὺς τὰ τοιαῦτα πράσσοντας. 2 οἴδαμεν δὲ ὅτι τὸ κρίμα τοῦ θεοῦ ἐστιν κατὰ ἀλήθειαν ἐπὶ τοὺς τὰ τοιαῦτα πράσσοντας. - 3 λογίζῃ δὲ τοῦτο, ὦ ἄνθρωπε ὁ κρίνων τοὺς τὰ τοιαῦτα πράσσοντας καὶ ποιῶν αὐτά, ὅτι σὺ ἐκφεύξῃ τὸ κρίμα τοῦ θεοῦ; 4 ἢ τοῦ πλούτου τῆς χρηστότητος αὐτοῦ καὶ τῆς ἀνοχῆς καὶ τῆς μακροθυμίας καταφρονεῖς, ἀγνοῶν ὅτι τὸ χρηστὸν τοῦ θεοῦ εἰς μετάνοιάν 40 Rekonstruktion <?page no="1651"?> σε ἄγει; 5 κατὰ δὲ τὴν σκληρότητά σου καὶ ἀμετανόητον καρδίαν θησαυρίζεις σεαυτῷ ὀργὴν ἐν ἡμέρᾳ ὀργῆς καὶ ἀποκαλύψεως δικαιοκρισίας τοῦ θεοῦ, 6 ὃς ἀποδώσει ἑκάστῳ κατὰ τὰ ἔργα αὐτοῦ, 7 τοῖς μὲν καθ’ ὑπομονὴν ἔργου ἀγαθοῦ δόξαν καὶ τιμὴν καὶ ἀφθαρσίαν ζητοῦσιν, ζωὴν αἰώνιον· 8 τοῖς δὲ ἐξ ἐριθείας καὶ ἀπειθοῦσι τῇ ἀληθείᾳ πειθομένοις δὲ τῇ ἀδικίᾳ, ὀργὴ καὶ θυμός 9 θλῖψις καὶ στενοχωρία ἐπὶ πᾶσαν ψυχὴν ἀνθρώπου τοῦ κατεργαζομένου τὸ κακόν, Ἰουδαίου τε πρῶτον καὶ Ελληνος· 10 δόξα δὲ καὶ τιμὴ καὶ εἰρήνη παντὶ τῷ ἐργαζομένῳ τὸ ἀγαθόν, Ἰουδαίῳ τε πρῶτον καὶ Ἕλληνι· 11 οὐ γάρ ἐστιν προσωπολημψία παρὰ τῷ θεῷ. 12 ὅσοι ἀνόμως ἥμαρτον, ἀνόμως καὶ ἀπολοῦνται· καὶ ὅσοι ἐν νόμῳ ἥμαρτον, διὰ νόμου κριθήσονται· 12 ὅσοι γὰρ ἀνόμως ἥμαρτον, ἀνόμως καὶ ἀπολοῦνται· καὶ ὅσοι ἐν νόμῳ ἥμαρτον, διὰ νόμου κριθήσονται· 13 οὐ γὰρ οἱ ἀκροαταὶ νόμου δίκαιοι παρὰ θεῷ, ἀλλ’ οἱ ποιηταὶ νόμου δικαιωθήσονται. 13 οὐ γὰρ οἱ ἀκροαταὶ νόμου δίκαιοι παρὰ θεῷ, ἀλλ’ οἱ ποιηταὶ νόμου δικαιωθήσονται. 14 ὅταν οἱ μὴ νόμον ἔχοντες φύσει τὰ νόμου ποιῶσιν, οἱ τοιοῦτοι νόμον μὴ ἔχοντες ἑαυτοῖς εἰσιν νόμος· 14 ὅταν γὰρ ἔθνη τὰ μὴ νόμον ἔχοντα φύσει τὰ τοῦ νόμου ποιῶσιν, οὗτοι νόμον μὴ ἔχοντες ἑαυτοῖς εἰσιν νόμος· - 15 οἵτινες ἐνδείκνυνται τὸ ἔργον τοῦ νόμου γραπτὸν ἐν ταῖς καρδίαις αὐτῶν, συμμαρτυρούσης αὐτῶν τῆς συνειδήσεως καὶ μεταξὺ ἀλλήλων τῶν λογισμῶν κατηγορούντων ἢ καὶ ἀπολογουμένων, 16 ἐν ἡμέρᾳ ὅτε κρίνει ὁ θεὸς τὰ κρυπτὰ τῶν ἀνθρώπων κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου διὰ Χριστοῦ, 16 ἐν ἡμέρᾳ ὅτε κρίνει ὁ θεὸς τὰ κρυπτὰ τῶν ἀνθρώπων κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου διὰ Χριστοῦ Ἰησοῦ. - 17 Εἰ δὲ σὺ Ἰουδαῖος ἐπονομάζῃ καὶ ἐπαναπαύῃ νόμῳ καὶ καυχᾶσαι ἐν θεῷ 18 καὶ γινώσκεις τὸ θέλημα καὶ δοκιμάζεις τὰ διαφέροντα κατηχούμενος ἐκ τοῦ νόμου, 19 πέποιθάς τε σεαυτὸν ὁδηγὸν εἶναι τυφλῶν, φῶς τῶν ἐν σκότει, 20 ἔχοντα τὴν μόρφωσιν τῆς γνώσεως καὶ τῆς ἀληθείας ἐν τῷ νόμῳ. 20 παιδευτὴν ἀφρόνων, διδάσκαλον νηπίων, ἔχοντα τὴν μόρφωσιν τῆς γνώσεως καὶ τῆς ἀληθείας ἐν τῷ νόμῳ 4 (Röm) 41 <?page no="1652"?> 21 ὁ διδάσκων ἕτερον, σεαυτὸν οὐ διδάσκεις; ὁ κηρύσσων μὴ κλέπτειν, κλέπτεις; 21 ὁ οὖν διδάσκων ἕτερον σεαυτὸν οὐ διδάσκεις; ὁ κηρύσσων μὴ κλέπτειν κλέπτεις; - 22 ὁ λέγων μὴ μοιχεύειν μοιχεύεις; ὁ βδελυσσόμενος τὰ εἴδωλα ἱεροσυλεῖς; 23 ὃς ἐν νόμῳ καυχᾶσαι, διὰ τῆς παραβάσεως τοῦ νόμου τὸν θεὸν ἀτιμάζεις; 24 τὸ ὄνομα τοῦ θεοῦ δι’ ὑμᾶς βλασφημεῖται. 24 τὸ γὰρ ὄνομα τοῦ θεοῦ δι’ ὑμᾶς βλασφημεῖται ἐν τοῖς ἔθνεσιν, καθὼς γέγραπται. 25 περιτομὴ μὲν γὰρ ὠφελεῖ ἐὰν νόμον πράσσῃς· ἐὰν δὲ παραβάτης νόμου ᾖς, ἡ περιτομή σου ἀκροβυστία γέγονεν. 25 περιτομὴ μὲν γὰρ ὠφελεῖ ἐὰν νόμον πράσσῃς· ἐὰν δὲ παραβάτης νόμου ᾖς, ἡ περιτομή σου ἀκροβυστία γέγονεν. - 26 ἐὰν οὖν ἡ ἀκροβυστία τὰ δικαιώματα τοῦ νόμου φυλάσσῃ, οὐχ ἡ ἀκροβυστία αὐτοῦ εἰς περιτομὴν λογισθήσεται; 27 καὶ κρινεῖ ἡ ἐκ φύσεως ἀκροβυστία τὸν νόμον τελοῦσα σὲ τὸν διὰ γράμματος καὶ περιτομῆς παραβάτην νόμου. 27 καὶ κρινεῖ ἡ ἐκ φύσεως ἀκροβυστία τὸν νόμον τελοῦσα σὲ τὸν διὰ γράμματος καὶ περιτομῆς παραβάτην νόμου. 28 οὐ γὰρ ὁ ἐν τῷ φανερῷ Ἰουδαῖός ἐστιν, οὐδὲ ἡ ἐν τῷ φανερῷ ἐν σαρκὶ περιτομή· 28 οὐ γὰρ ὁ ἐν τῷ φανερῷ Ἰουδαῖός ἐστιν, οὐδὲ ἡ ἐν τῷ φανερῷ ἐν σαρκὶ περιτομή· 29 ἀλλ’ ὁ ἐν τῷ κρυπτῷ Ἰουδαῖος, καὶ περιτομὴ καρδίας ἐν πνεύματι οὐ γράμματι, οὗ ὁ ἔπαινος οὐκ ἐξ ἀνθρώπων. 29 ἀλλ’ ὁ ἐν τῷ κρυπτῷ Ἰουδαῖος, καὶ περιτομὴ καρδίας ἐν πνεύματι οὐ γράμματι, οὗ ὁ ἔπαινος οὐκ ἐξ ἀνθρώπων ἀλλ’ ἐκ τοῦ θεοῦ. A. *2,2: Vgl. Tert., [Adv. Marc. V 13,3: Ergo et veritas eius erit cuius et ira quae revelari habet in ultionem veritatis. Etiam adiciens, Scimus autem iudicium dei secundum veritatem esse, et iram ipsam probavit, ex qua venit iudicium pro veritate, et veritatem rursus eiusdem dei confirmavit cuius iram probavit probando iudicium. ♦ *2,12-13: Vgl. Epiph., Pan. 42, Sch. 28 (118 [ohne δίκαιοι παρὰ τῷ θεῷ, ἀλλ’ οἱ ποιηταὶ τοῦ νόμου]. 175 H.): ὅσοι ἀνόμως ἥμαρτον, ἀνόμως καὶ ἀπολοῦνται, καὶ ὅσοι ἐν νόμῳ ἥμαρτον, διὰ νόμου κριθήσονται. οὐ γὰρ οἱ ἀκροαταὶ τοῦ (τοῦ 175: om V, corr H.) νόμου δίκαιοι παρὰ τῷ θεῷ, ἀλλ’ οἱ ποιηταὶ τοῦ (τοῦ om 175: VM) νόμου δικαιωθήσονται. ♦ *2,14-16: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13,4-5: [4] … Si enim iudicabit deus occulta hominum, tam eorum qui in lege deliquerunt quam eorum qui sine lege, quia et hi legem ignorant et natura faciunt quae sunt legis, utique is deus iudicabit cuius sunt et lex et ipsa natura, quae legis est instar ignorantibus legem. Iudicabit autem quomodo? [5] 42 Rekonstruktion <?page no="1653"?> Secundum evangelium, inquit, per Christum. Ergo et evangelium et Christus illius sunt cuius et lex et natura, quae per evangelium et Christum vindicabuntur a deo illo iudicio dei quod et supra, secundum veritatem. Vgl. Orig., Comm. in Ioh. V 7: ἔτι προσθήσω εἰς τὴν τούτου ἀπόδειξιν ῥητὸν ἀποστολικὸν μὴ νενοημένον ὑπὸ τῶν Μαρκίωνος καὶ διὰ τοῦτο ἀθετούντων τὰ εὐαγγέλια· τῷ γὰρ τὸν ἀπόστολον λέγειν· Κατὰ τὸ εὐαγγέλιον μου ἐν Χριστῷ Ἰησου. Vgl. Adam., Dial. I 6 (im Mund des Markioniten): κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου (Rufin: secundum euangelium meum); Dial. II 5 (im Mund des Adamantius): κρίνει ὁ θεὸς τὰ κρυπτὰ τῶν ἀνθρώπων κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ (Rufin: Deus iudicabit occulta hominum secundum euangelium meum per Iesum Christum). ♦ *2,20: Vgl. Epiph., Pan. 42, Schol. 30 (118, 176 H.): ἔχοντα τὴν μόρφωσιν τῆς γνώσεως καὶ τῆς ἀληθείας ἐν τῷ νόμῳ. ♦ *2,21: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13,6: Et ideo vehitur in transgressores legis, docentes non furari et furantes. Vgl. ibid. II 28,2: Porro malum factum deputabitur neglegentia salutis humanae, non nisi per paenitentiam emendata apud deum vestrum. Mandavit fraudem deus noster, sed auri et argenti. Quanto autem homo pretiosior auro et argento, tanto fraudulentior deus vester, qui hominem domino et factori suo eripit. ♦ *2,24: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13,7: ut ingesserit propheticam increpationem: Propter vos nomen dei blasphematur. Vgl. Jes 52,5 LXX: τάδε λέγει κύριος. δι᾽ ὑμᾶς διὰ παντὸς τὸ ὄνομά μου βλασφημεῖται ἐν τοῖς ἔθνεσιν. ♦ *2,25: Epiph, Pan. 42, Sch. 29 (118, 176 H.): περιτομὴ μὲν γὰρ ὠφελεῖ ἐὰν νόμον πράσσῃς: ἐὰν δὲ παραβάτης νόμου ᾖς, ἡ περιτομή σου ἀκροβυστία γέγονεν; vgl. Adam., Dial. II 20 (im Mund des Adamantius): περιτομὴ μὲν γὰρ ὠφελεῖ ἐὰν νόμον πράσσῃς (Rufin: Circumcisio quidem prodest, si legem custodias); Orig., Comm. in Rom. II 13,27 (PG13 910A): Marcion sane cui per allegoriam nihil placet intelligi, quomodo exponat quod dicit apostolus circumcisionem prodesse, omnino non inveniet. ♦ *2,27-29: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 23,7: Praefert et circumcisionem cordis praeputiationi; apud deum legis est facta circumcisio cordis, non carnis, spiritu, non littera. Quodsi haec est circumcisio Hieremiae: Et circumcidemini praeputia cordis, sicut et Moyses: Circumcidemini duricordiam vestram, eius erit spiritus circumcidens cor cuius et littera metens carnem, eius et Iudaeus qui in occulto cuius et Iudaeus in aperto, quia nec Iudaeum nominare vellet apostolus non Iudaeorum dei servum; Hegemonius, Acta Arch. 45 (66,15-16 Beeson; zu Vers 28): non esse Iudaeum eum qui <in manifesto est neque quae> in manifesto in carne est circumcisio neque secundum litteram legem quicquam utilitatis retinere. B. (2,2) Anstelle von δέ wird γάρ gelesen von den Zeugen 01, 04, 044*, 33, Ambst var , vg und in der altlateinischen Tradition in 75, hingegen schreiben autem 61, 77, 86, 89, Ambst ed , Ruf, Pel, Sp m . ♦ (2,13) Post δικαιωθήσονται add παρὰ θεῷ in 012. ♦ (2,14) Anstelle von οὗτοι steht die Variante οἱ τοιούτοι in 012. Auch 4 (Röm) 43 <?page no="1654"?> 48 R. Bultmann, Glossen im Römerbrief (1947), 200. Der Aufsatz ist wieder gedruckt als R. Bultmann, Glossen im Römerbrief (1967). Gegen diese Position richten sich J.A. Fitzmyer, Romans. A new translation with introductions and commentary (1993), 298-299; O. Wischmeyer, Römer 2.1-24 als Teil der Gerichtsrede des Paulus gegen die Menschheit (2006), 364. 49 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 454. 50 Detering nimmt auch nur diesen Teil als anwesend, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 40-41. 166. 51 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 454. Detering tilgt die Verse 3-10, Vers 11 nimmt er nach dem kanonischen Text, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 41-44. 166-167. wenn diese Variante schwach bezeugt ist, ist sie doch aufgrund des Prinzips der größeren Entfernung vom kanonischen Text für den kanonischen anzunehmen. Diese Entscheidung wird gestützt durch den lexikographischen Vergleich. ♦ Anstelle von ἡμέρᾳ ὅτε schreibt 03 ᾗ ἡμέρᾳ und 02 schreibt ἡμέρᾳ ᾗ, den Text wie oben bieten 01, 06, 012, 018, 020, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy h , Spec. ♦ (2,17) Anstelle von εἰ δέ findet sich ἴδε in den Zeugen 06 2 , 020, 33, 365, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, sy h , während sich εἰ δέ findet in 01, 02, 03, 06*, 012, 018, 044, 81, 104, 630, 1506, latt, sy p , co, Cl. ♦ (2,25) Anstelle von πράσσῃς findet sich φυλάσσης in 06*, latt. ♦ (2,26) οὐχ wird geboten von den Zeugen 01, 03, 044, 945, 1506 und ist von NA 28 gewählt, hingegen bieten die Zeugen 06, 012, 018, 020, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M die Variante οὐχί. C. 1. (2,1) Nach allen Editoren ist Vers 1 unbezeugt. Zahn, Harnack und BeDuhn rechnen mit seiner Abwesenheit, nach Schmid ist er schlicht unbezeugt. Der Vers greift mit ἀναπολόγητος auf Vers Röm 1,20 zurück, und zwar auf den Teil, der für die kanonische Ebene vermutet wird. Röm 2,1 wird als Glosse bezeichnet von R. Bultmann. 48 2. (2,2) Hilgenfeld verweist auf das Zeugnis Tertullians für diesen Vers und notiert: „Und da nun Tertullian … sogleich zu V. 16 übergeht, so ist es von vorn herein zu vermuthen, daß auch zwischen V. 2 und V. 16 Etwas fehlte. Wie hätte Tertullian auch wohl die Einheit der Gerechtigkeit und der Güte Gottes, welche in V. 3-5 deutlich liegt, gegen Marcion unbeachtet gelassen? Gleichwohl muß wenigstens V. 11-15 vorhanden gewesen sein.“ 49 Zahn und Harnack sehen den oben fett gedruckten und unterstrichenen Versteil als bezeugt, 50 den Rest des Verses als abwesend. Schmid klammert noch den Artikel vor κρίμα ein. BeDuhn legt seiner Übersetzung denselben Text zugrunde. 3. (2,3-11) Nach allen Editoren sind die Verse 3-11 unbezeugt. Hilgenfeld rechnet damit, dass „wohl nur V. 4-10 gefehlt haben“. 51 Zahn rechnet dennoch in 44 Rekonstruktion <?page no="1655"?> 52 Pace J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 296-297. 53 W.C. van Manen, Die Unechtheit des Römerbriefes (1906), 49-52. 54 C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. 55 W. Schmithals, Der Römerbrief. Ein Kommentar (1988), 87. irgendeiner unbestimmbaren Form mit ihnen. Harnack vermerkt den folgenden Kommentar Tertullians, den dieser im Anschluss an seinen Kommentar zu Vers 2 anfügt, Tert., Adv. Marc. V 13,4: Quantas autem foveas in ista vel maxime epistula Marcion fecerit, auferendo quae voluit, de nostri instrumenti integritate parebit. Mihi sufficit, quae proinde eradenda non vidit, quasi neglegentias et caecitates eius accipere („Wieviele Gräben aber hat Markion insbesondere in diesem Brief geschaffen, indem er entfernte, was er wollte, was sich aus der Vollständigkeit unseres Werks ergibt. Mir genügt es, lediglich das aufzugreifen was wohl aus seiner Nachlässigkeit und Blindheit stehen blieb und was er nicht als gleichermaßen zu tilgen sah“). Harnack bezog diese Aussage auf die vorangegangene Auslassung, Schmid auf die vorliegenden Verse 3-11, BeDuhn stellt heraus, dass das Zitat sich sowohl auf die einen wie auf die anderen Verse beziehen könne und dass Tertullian nicht genau gesagt habe, worauf er seinen Kommentar bezogen haben möchte. Doch vielleicht ist dies gerade Tertullians Absicht, indem er im Anschluss an einen bezeugten Vers auf die erneute größere Auslassung hinweisen wollte. Dies jedenfalls scheint in dem quantas zu stecken, das sich eben weder ausschließ‐ lich auf das Vorangehende noch auf das Nachfolgende, sondern auf beides bezieht weswegen Tertullian dem „Werk“ (instrumentum) des Markion sein eigenes entgegenhält. Jedenfalls genügt es Tertullian, aus dem erstmals wieder bezeugten Vers 12 dasselbe Thema von Gott als dem Richter zu benennen und auf dieses hinzuweisen. Damit sagt er aber deutlich, dass die Verse 3-11 ihm nicht vorgelegen waren, er also an dieser Stelle nicht nur ein Thema übergehen wollte, das er vorher schon behandelt hatte. 52 Van Manen bietet eine kritische Lektüre, die den größten Teil dieser Passage als von einer späteren Hand kommend erklärt. 53 4. (2,9-11) Wiederum wird hier die Vorrangstellung der Juden notiert. Weisse sieht dies als ein traditionelles Stück, das eine spätere Hand verrät. 54 Schmithals denkt an eine mögliche synagogale Bußpredigt als Vorlage. 55 5. (2,12-13) Hilgenfeld verweist auf Epiphanius als Zeugen für diese beiden Verse und führt auch Tertullian an, weil dieser zu Vers 16 „ausdrücklich auf diejenigen qui in lege und sine lege sündigten“ von V. 12 zu sprechen komme und auf diejenigen hinweise, „die von Natur des Gesetzes Werke erfüllen“ (Vers 15). Zahn übernimmt diese Argumente, schreibt jedoch ἐννόμως ἥμαρτον, διὰ νόμου 4 (Röm) 45 <?page no="1656"?> 56 Detering folgt für Vers 12 dem kanonischen Text, Vers 13 tilgt er, Vers 16 nimmt er wie oben den fettgedruckten und unterstrichenen Teil, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 45-46. 167. 57 Detering nimmt den kanonischen Text für die Verse 14-15, ibid. 167. 58 Detering nimmt den kanonischen Text für diese Verse, ibid. 168. 59 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 454. κριθήσονται. Harnack folgt dem Wortlaut des Epiphanius, Schmid ebenfalls, allerdings klammert er die Artikel τοῦ, τῷ und τοῦ ein. BeDuhn legt seiner Übersetzung den Text des Epiphanius zugrunde. 56 6. (2,14-16) Wie oben bereits angeführt, verweist Hilgenfeld auf das Zeugnis Tertullians für ein Stück aus Vers 15; er schließt hieraus und aus den oben genannten Bezeugungen auf die Präsenz der Verse 11-16 im kanonischen Zuschnitt. 57 Vers 16 sieht er als „eine Hauptbeweisstelle der Marcioniten für die Einzigkeit des Evangeliums“. Nach Zahn ist der kanonische Text von Vers 14 bezeugt, allerdings sieht er zwei Mal τοῦ νόμου stehen. Vers 15 gilt ihm als unbezeugt und unbestimmbar, jedoch vorhanden. Vers 16 sieht er wiederum nach dem kanonischen Text stehen bis auf die Formulierung τὸ εὐαγγέλιόν μου (? ) διὰ [Ἰησοῦ? ] Χριστοῦ. Harnack nimmt eine Anspielung auf die Verse 14 und 16 an, wobei er folgenden Text bezeugt sieht: 14 τὰ μὴ νόμον ἔχοντα φύσει τὰ τοῦ νόμου ποιοῦσιν. 16 κρίνει ὁ θεὸς τὰ κρυπτὰ τῶν ἀνθρώπων κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου Χριστοῦ. Schmid sieht den oben angegebenen fettgedruckten und unterstrichenen Text der beiden Verse 14 und 16 bezeugt, wobei er das μου in Vers 16 einklammert. BeDuhn legt seiner Übersetzung folgenden Text zugrunde: 14 ὅταν [γὰρ ἔθνη] τὰ μὴ νόμον ἔχοντα φύσει τὰ τοῦ νόμου ποιῶσιν, [οὗτοι νόμον μὴ ἔχοντες ἑαυτοῖς εἰσιν νόμος: 15 οἵτινες ἐνδείκνυνται τὸ ἔργον τοῦ νόμου γραπτὸν ἐν ταῖς καρδίαις αὐτῶν, συμμαρτυρούσης αὐτῶν τῆς συνειδήσεως καὶ μεταξὺ ἀλλήλων τῶν λογισμῶν κατηγορούντων ἢ καὶ ἀπολογουμένων, 16 ἐν ἡμέρᾳ ὅτε] κρίνει ὁ θεὸς τὰ κρυπτὰ τῶν ἀνθρώπων κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ. 7. (2,17-19) Nach allen Editoren sind diese Verse unbezeugt. Zahn sieht sie jedoch in unbestimmbarer Textgestalt präsent. Harnack und Schmid machen keine Angaben. 58 BeDuhn nimmt jedoch die Übersetzung des folgenden Textes in Klammern in seine Rekonstruktion auf: [17 Εἰ δὲ σὺ Ἰουδαῖος ἐπονομάζῃ καὶ ἐπαναπαύῃ νόμῳ καὶ καυχᾶσαι ἐν θεῷ 18 καὶ γινώσκεις τὸ θέλημα … ἐκ τοῦ νόμου, 19 πέποιθάς τε σεαυτὸν ὁδηγὸν εἶναι τυφλῶν, φῶς τῶν ἐν σκότει]. 8. (2,20) Hilgenfeld sieht durch Epiphanius diesen Vers „verbürgt“. 59 Alle anderen Editoren sehen nur den oben fettgedruckten und unterstrichenen 46 Rekonstruktion <?page no="1657"?> 60 So auch H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 168. 61 So auch ibid. 62 M.D. Litwa, The Evil Creator. Origins of an Early Christian Idea (2021), 78. Textbestand bezeugt, 60 allerdings nimmt Zahn auch den unbezeugten Versteil in nicht mehr bestimmbarer Textform an. Harnack macht keine weiteren Aus‐ führungen, und auch Schmid beschränkt sich auf den bezeugten Textbestand. BeDuhn legt seiner Übersetzung jedoch auch den unbezeugten Anfang des kanonischen Textes in Klammern zugrunde. 9. (2,21) Hilgenfeld sieht Tertullian als Bürgen für diesen Vers. Zahn rechnet mit der Präsenz der kanonischen Form dieses Verses. 61 Harnack und Schmid sehen jedoch lediglich Anspielungen auf diesen Vers und nehmen als bezeugten Text an: ὁ κηρύσσων μὴ κλέπτειν κλέπτεις. BeDuhn verweist jedoch zu Recht darauf, dass Tertullian mit docentes eigentlich das ὁ διδάσκων aus dem ersten Versteil bezeuge, nicht aber das ὁ κηρύσσων aus dem zweiten Versteil. Möglich ist jedoch, dass Tertullian hier den Vers verkürzt wiedergegeben hat. 10. Litwa hat richtig erkannt, dass im Hintergrund die Frage steht, die in den Antithesen Markions angesprochen wurde, ob dem Schöpfergott eine böse Tat (malum factum) zuzuschreiben ist (mit Blick auf Ex 3,22; 11,2; 12,35f.), nämlich das Übertreten der eigenen Gebote, das Entwenden des ägyptischen Golds und Silbers und damit Diebstahls, wie es Tertullians Kommentar ausdrücklich anspricht. 62 Tertullian bestreitet denn auch gar nicht diese Taten Gottes, sondern gibt den Vorwurf lediglich zurück. Schon vor ihm hatten Philo, Vita Mosis 1,140-142, Josephus, Ant. 2,314, aber auch Jub 48,18; Weish 10,17 versucht, ähnliche Vorwürfe gegenüber Gott abzuwehren. 11. (2,22-23) Diese Verse sind nach Harnack, Schmid und BeDuhn unbezeugt, Zahn sieht die Verse jedoch nach dem kanonischen Wortlaut präsent. BeDuhn nimmt allerdings wegen des narrativen Zusammenhangs den folgenden kano‐ nischen Text aus Vers 23 in seine Rekonstruktion als Übersetzung in Klammern mit hinein: [ὃς ἐν νόμῳ καυχᾶσαι, διὰ τῆς παραβάσεως τοῦ νόμου τὸν θεὸν ἀτιμάζεις]. 12. (2,24-25) Hilgenfeld sieht Tertullian als Bürgen für Vers 24, Epiphanius und Adamantius für Vers 25. Zahn rechnet mit der Präsenz dieser beiden Verse nach der kanonischen Form. Harnack und Schmid sehen wiederum nur Anspielungen auf Vers 24, während sie für Vers 25 dem Wortlaut des Epiphanius folgen. BeDuhn sieht folgenden Text bezeugt, den er seiner Übersetzung zugrunde legt: 24-…] τὸ ὄνομα τοῦ θεοῦ δι’ ὑμᾶς βλασφημεῖται … 25 περιτομὴ μὲν γὰρ ὠφελεῖ 4 (Röm) 47 <?page no="1658"?> 63 Detering gibt den kanonischen Text für die beiden Verse ohne am Ende von Vers 24 καθὼς γέγραπται, vgl. H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 168. 64 So auch ibid. 65 So auch ibid. 52-54. 168. ἐὰν νόμον πράσσῃς: ἐὰν δὲ παραβάτης νόμου ᾖς, ἡ περιτομή σου ἀκροβυστία γέγονεν. 63 Der in Vers 24 unbezeugte kanonische Textanteil hebt - gegen die Kommen‐ tierung des Verses durch Tertullian - darauf ab, dass die Blasphemie durch die Adressaten unter Heiden erfolge, doch scheint die vorkanonische Fassung eher auf ein innerjüdisches Milieu hinzudeuten, was auch besser an Vers 22 anschließt. 13. (2,26) Während Zahn diesen Vers der kanonischen Form nach präsent sieht, 64 sind Harnack, Schmid und BeDuhn der Meinung, er sei unbezeugt. Bei BeDuhn fehlt er auch in seiner Rekonstruktion. 14. (2,27-29) Hilgenfeld sieht die Verse 28-29 bei Tertullian berücksichtigt. Zahn sieht die Verse 27-29 der kanonischen Fassung nach bezeugt. 65 Harnack ist zurückhaltender und gibt als bezeugten Text lediglich: 27 ἡ ἀκροβυστία … 28 ὁ ἐν τῷ φανερῷ Ἰουδαῖός-… 29 ὁ ἐν τῷ κρυπτῷ Ἰουδαῖος-… περιτομὴ καρδίας ἐν πνεύματι οὐ γράμματι. Schmid ist noch vorsichtiger und gibt überhaupt keinen gesicherten Textbestand. Hingegen beruht BeDuhns Übersetzung auf folgender Textgrundlage: 28 οὐ [γὰρ] ὁ ἐν τῷ φανερῷ Ἰουδαῖός ἐστιν, οὐδὲ ἡ ἐν τῷ φανερῷ ἐν σαρκὶ περιτομή: 29 ἀλλ’ ὁ ἐν τῷ κρυπτῷ Ἰουδαῖος, καὶ περιτομὴ καρδίας ἐν πνεύματι οὐ γράμματι. Gewiss kann Tertullians Erwähnung der Vorhaut (praeputio = ἡ ἀκροβυστία) auch auf Vers 25 bezogen werden, doch liegt Vers 27 aufgrund seines Kommen‐ tars näher. D. (2,1) διό steht 53 Mal im NT, davon 42 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *2Kor 4,16; im Vers für *2Kor 1,20; 4,13; *Laod 5,14, vgl. zu Gal 4,31. ♦ ἀναπολόγητος steht nur hier und zuvor in Röm 1,20. ♦ Die Verbform εἶ, die 89 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Der Ausdruck ὦ ἄνθρωπε steht 5 Mal im NT, 1 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 9,20; im Vers: Röm 2,1. 3; 1Tim 6,11; Jak 2,20), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Ausdruck ὁ κρίνων steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 2,1. 3; 14,4; Jak 4,12). ♦ Die Wendung ἐν ᾧ (Neut.) steht 28 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 14,21; *Laod 1,13. ♦ Die erweiterte Wendung ἐν ᾧ γάρ steht noch 2 weitere Mal, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 7,2; Hebr 2,18). ♦ Die Form κρίνεις steht 5 Mal im NT, 48 Rekonstruktion <?page no="1659"?> jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 2,1; 14,10; Jak 4,11; Apk 6,10). ♦ Der Ausdruck τὸν ἕτερον steht 6 Mal im NT, in Lk 16,13 ist er nicht vorkanonisch bezeugt und findet sich überhaupt nur für die kanonische Ebene bezeugt, in dem bezeugten Vers *Röm 13,8 steht an seiner Stelle vorkanonisch τὸν πλησίον. ♦ σεαυτοῦ, das 44 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,14; *Gal 5,14; *Röm 13,9, vgl. weiter die Verse 5. 19. 21. ♦ κατακρίνω steht 20 / 18 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination τὰ γάρ findet sich 7 Mal im NT, davon 4 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 4,15. ♦ Zu αὐτά (Nom. / Akk. Neut. Pl.), das 53 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12, vgl. weiter Vers 3. ♦ πράσσω, das 43 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *2Kor 5,10 und *Röm 2,25. ♦ Zu ὁ κρίνων vgl. zuvor im Vers. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἀναπολόγητος; ὦ ἄνθρωπε; ὁ κρίνων; ἐν ᾧ γάρ; κρίνεις; τὸν ἕτερον; κατακρίνω; τὰ γάρ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (2,2) οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8. ♦ Die Kombination οἴδαμεν δέ steht 5 Mal im NT, immer als Verseröffnung, vorkanonisch hier bezeugt und wohl auch *Röm 3,19 stehend, ansonsten auf der kanonischen Ebene zu finden in Röm 8,28; 1Tim 1,8; 1Joh 5,20. ♦ κρίμα, das 28 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 5,10; *1Kor 11,29. ♦ ἀλήθεια, das 112 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 2,14; *Laod 1,13; 6,14; *Phil 1,18; *Kol 1,5; *2Thess 2,10. 11. 12. ♦ Die Wendung κατὰ ἀλήθειαν steht nur hier. ♦ τοιοῦτος, das 62 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *1Kor 15,48. ♦ Die Kombination ἐπὶ τούς steht 31 Mal im NT, Lk 15,5 in einem Versteil, der in *Ev fehlt, ist aber vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,35; 10,1. ♦ Die Wendung τὰ τοιαῦτα steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21 (οἱ τὰ τοιαῦτα πράσσοντες). ♦ πράσσω, das 43 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *2Kor 5,10 und *Röm 2,25. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, doch spricht die Lexik dafür, dass auch der zweite, unbezeugte Teil des Verses ebenfalls vorkanonisch gestanden war. Auch narrativ fügt sich dieser Teil gut in den Kontext ein. (2,3) λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. ♦ Der Ausdruck ὦ ἄνθρωπε steht 5 Mal im NT, 1 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2,1. ♦ Der Ausdruck ὁ κρίνων steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu Vers 2,1. ♦ τοὺς τὰ τοιαῦτα 4 (Röm) 49 <?page no="1660"?> πράσσοντας greift die Wendung aus Vers 2,2 auf. ♦ ποῖος, das 63 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,35; *Laod 2,15. ♦ Zu αὐτά (Nom. / Akk. Neut. Pl.) vgl. zuvor zu Vers 1. ♦ ἐκφεύγω, das 8 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ τὸ κρίμα τοῦ θεοῦ greift ebenfalls eine Wendung aus dem voranstehenden Vers 2,2 auf. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist zum einen einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (λογίζομαι; ὦ ἄνθρωπε; ὁ κρίνων; ἐκφεύγω), zum anderen Duplikationen, die typisch für die kanonische Redaktion sind (τοὺς τὰ τοιαῦτα πράσσοντας; τὸ κρίμα τοῦ θεοῦ). Der Vers ist das Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (2,4) πλοῦτος steht 31 / 22 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 11,33; *Laod 1,18. ♦ χρηστότης, das 11 / 10 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀνοχή steht nur noch 1 Mal in Röm 3,26 auf kanonischer Ebene. ♦ μακροθυμία, das 14 Mal im NT steht, findet sich im selben Zusammenhang wie χρηστότης in Gal 5,22 und auch sonst nur auf der kanonischen Ebene. ♦ καταφρονέω, das 10 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀγνοέω, das sich 23 / 22 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,1; 12,1. ♦ χρηστός, das 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,35. ♦ μετάνοια steht 24 / 22 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ σέ (Akk. / Vok. Mask. Sg. von σύ / σός), das 185 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (χρηστότης; ἀνοχή; μακροθυμία; καταφρονέω; μετάνοια). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (2,5) Die Kombination κατὰ δέ steht 7 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mt 27,15; Mk 15,6; Apg 16,25; 17,2; Röm 2,5; im Vers: Mt 23,3; Röm 11,28), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ σκληρότης und ἀμετανόητος sind Hapax legomena im NT. ♦ σου (Gen. Mask. / Neut. Sg. von σύ / σός), das 361 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,14; *1Kor 15,55; *Röm 2,25, vgl. weiter Vers 25. ♦ θησαυρίζω, das 8 Mal im NT steht, ist nur auf der kanonischen Ebene zu finden. ♦ Zu σεαυτοῦ vgl. zuvor zu Vers 1 und danach zu den Versen 19 und 21. ♦ ὀργή, das 37 / 36 Mal im NT steht und ein beliebter Terminus der kanonischen Redaktion ist, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,18; *Laod 2,3. ♦ ἀποκάλυψις, das 22 / 18 Mal im NT steht und vorkanonisch bezeugt ist für *1Kor 14,6; *2Thess 1,7. ♦ Die alternative Lesart hierzu, ἀνταπόδοσις steht nur noch 1 Mal auf kanonischer Ebene Kol 3,24. ♦ δικαιοκρισία ist Hapax legomenon im NT. 50 Rekonstruktion <?page no="1661"?> Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (κατὰ δέ; θησαυρίζω; ἀνταπόδοσις). Auch dieser Vers ist wohl ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (2,6) ἀποδίδωμι, das 56 / 48 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt ist für *Ev und *Röm 12,17. ♦ Die Wendung ἀποδώσει ἑκάστῳ steht noch 1 weiteres Mal in Mt 16,27. ♦ Die Wendung κατὰ τὰ ἔργα steht 8 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 2,6; 2Kor 11,15; 2Tim 1,9; 4,14; Apk 2,23; 18,6; 20,12. 13). Zur Abwesenheit: Der kurze, vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Ele‐ mente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἀποδώσει ἑκάστῳ; κατὰ τὰ ἔργα). Auch dieser Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (2,7) Die Wendung τοῖς μέν steht noch 1 weiteres Mal, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,18. ♦ ὑπομονή, das 33 / 32 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,19. ♦ τιμή, das 44 / 41 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,20; *1Thess 4,4. ♦ Die Wendung δόξαν καὶ τιμήν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 2,7; 1Petr 1,7; Apk 4,9). ♦ Die Wendung δόξα καὶ τιμή in allen Kasus begegnet noch zwei weitere Male in Hebr 2,7. 9. ♦ ἀφθαρσία, das 8 / 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,50. 53. ♦ ζητέω, das 130 / 117 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *Röm 10,3. ♦ Die Wendung ζωὴν αἰώνιον steht 31 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,18. Zur Abwesenheit: Bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers ist die Entschei‐ dung schwierig. Lexikalisch fällt lediglich die Wendung δόξαν καὶ τιμήν als ausschließlich kanonische auf, die übrigen Termini und Wendungen sind vorka‐ nonisch anderwärts bezeugt. Allerdings stützt die narrative und argumentative Einbindung in den kanonischen Kontext das vorkanonische Fehlen dieses Verses. (2,8) Die Kombination τοῖς δέ steht 8 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 2,8; 1Kor 7,10. 12; 2Thess 3,12; Apk 21,8; im Vers: Lk 8,10; 1Kor 1,18; Tit 1,15), vorkanonisch bezeugt im Vers für *1Kor 1,18. ♦ ἐριθεία, das 10 / 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,20; *Phil 1,17. ♦ ἀπειθέω, das sich 22 / 14 Mal im NT findet, steht nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form τῇ ἀληθείᾳ steht 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Thess 2,12. ♦ πείθω steht 59 / 52 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. ♦ ἀδικία steht 27 / 25 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,9; *Röm 1,18; *2Thess 2,12. ♦ Die Form τῇ ἀδικίᾳ steht 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Thess 2,12. ♦ ὀργή steht 37 / 36 Mal 4 (Röm) 51 <?page no="1662"?> im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,18; *Laod 2,3. ♦ θυμός, das 19 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,20. Zur Abwesenheit: Auch bei diesem vorkanonisch unbezeugten Vers sprechen zunächst die vielen anderwärts vorkanonisch bezeugten Begriffe für dessen vorkanonische Präsenz. Allerdings fällt auf, dass die Wendung der Verseröff‐ nung τοῖς δέ nur innerhalb eines Verses vorkanonisch bezeugt ist, dass ἀπειθέω nur auf der kanonischen Ebene belegt ist, der Vers narrativ in die anderen kanonischen Verse eingebunden ist und τῇ ἀληθείᾳ sich nur in dem kanonnahen *2Thess vorkanonisch findet. Auch dieser Vers wird folglich eher der kanoni‐ schen Redaktion zuzuschreiben sein, als dass er bereits in der vorkanonischen Fassung stand. (2,9) θλῖψις, das 60 / 45 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,12, *2Thess 1,6; *Kol 1,24. ♦ στενοχωρία steht 5 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ πᾶσαν, das 53 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanoni‐ schen Ebene. ♦ ψυχή, das 118 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,45; *1Thess 5,23. ♦ κατεργάζομαι, das 25 / 22 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ κακός, das 54 / 50 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,6; *2Kor 5,10; *Röm 12,17. ♦ Ἰουδαῖος, das 250 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *Röm 1,16; *1Thess 2,14. ♦ πρώτον / πρῶτος, das 70 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,46; *1Thess 4,16; *2Thess 2,3, vgl. weiter Vers 10. ♦ Die Wendung τε πρῶτον καί steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 1,16; 2,9. 10). ♦ Ἕλλην, das 29 / 25 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Paulus, vgl. weiter oben zu Vers 14. Zur Abwesenheit: Deutlicher als der vorangehende Vers weist dieser vorkano‐ nisch unbezeugte Vers Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (στενοχωρία; πᾶσαν; κατεργάζομαι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (2,10) δόξα steht 178 / 166 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,7. 8; 15,41. 43; *2Kor 3,7. 18; 4,6; *2Thess 1,9; *Laod 1,12. 17; *Phil 3,21. ♦ Die Kombination δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ τιμή, das 44 / 41 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,20; *1Thess 4,4, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion. ♦ εἰρήνη steht 98 / 92 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,3; *Röm 5,1; *Laod 2,14. 15. 17; 6,15. ♦ παντί, das 59 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,16; 10,4; *Kol 1,16. ♦ ἐργάζομαι steht 51 / 41 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 6,10; *2Kor 11,13. ♦ Die Form ἐργαζομένῳ steht 3 Mal im NT, jeweils auf 52 Rekonstruktion <?page no="1663"?> der kanonischen Ebene (Röm 2,10; 4,4. 5). ♦ Der Ausdruck τὸ ἀγαθόν (Nom. / Akk.) steht 13 Mal im NT, nur belegt für die kanonische Ebene (Lk 6,45; Röm 2,10; 12,2; 13,3. 4; 14,16; 15,2; 16,19, hier in zwei Versen, die in *Röm fehlen; Gal 6,10; Eph 4,28; 1Thess 5,15; Phlm 1,4; 3Joh 1,11). ♦ Zu πρώτον / πρῶτος vgl. zuvor zu Vers 9. ♦ Zu dem kanonischen Ausdruck τε πρῶτον καί vgl. zum voranstehenden Vers 2,9. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (δὲ καί; ἐργαζομένῳ; τὸ ἀγαθόν; τε πρῶτον καί). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (2,11) Die Kombination οὐ γάρ ἐστιν steht 12 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröff‐ nung (Verseröffnung: Mk 4,22; Lk 6,43, wo das γάρ vorkanonisch fehlt; 8,17; Röm 2,11; 10,12; 14,17; 1Kor 11,8; 14,33), als Verseröffnung vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,33. ♦ προσωποληψία steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ παρά, das 217 / 194 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,37 und *Gal 1,8. 12; *1Kor 3,19; *Röm 2,13; 12,16; *2Thess 1,6. ♦ Die Kombination παρὰ τῷ θεῷ steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 3,19-20. Zur Abwesenheit: Auch wenn die Verseröffnung dieses kurzen, vorkanonisch unbezeugten Verses vorkanonisch bezeugt ist, finden sich doch die weiteren Elemente nur für die kanonische Ebene belegt (προσωποληψία; παρὰ τῷ θεῷ). Der Vers wird folglich ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. Der Vergleich der Lexeme stützt die Zuordnung dieser Passage zur kanoni‐ schen Redaktion. Zwar begegnen ab und zu Termini, die auch vorkanonisch be‐ zeugt sind, doch sind dies meistens häufige und dann auch auf der kanonischen Ebene beliebte Begriffe, doch in jedem Vers finden sich markante, ausschließlich für die kanonische Ebene belegte Begriffe oder Wendungen. (2,12) ὅσος, das 121 / 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 18,22; *Gal 3,10; *2Kor 1,20. ♦ Das Adverb ἀνόμως ist Hapax legomenon. ♦ ἁμαρτάνω, das 47 / 43 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 4,26. ♦ ἀπόλλυμι, das 107 / 91 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 19. ♦ κρίνω, das 125 / 115 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,3; 11,32; *2Thess 2,12; *Kol 2,16. ♦ Die Form κριθήσονται steht nur hier. (2,13) Die Kombination οὐ γάρ steht 80 Mal im NT, davon 46 Mal als Verseröffnung, Lk 23,34, vorkanonisch weiter bezeugt für *Röm 1,16 (als Verseröffnung); *1Kor 21b-c↑34 im Vers. ♦ ἀκροατής steht 5 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ δίκαιος, das 84 / 79 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,11; 4 (Röm) 53 <?page no="1664"?> *Röm 7,12; *2Thess 1,6. ♦ Zu παρά vgl. zuvor zu Vers 11 mit derselben Wendung. ♦ Die Kombination παρὰ θεῷ steht 6 Mal im NT (Mk 10,27; Lk 2,52; Röm 2,13; 1Kor 7,24; 2Thess 1,6; 1Petr 2,20), vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,27; *Röm 2,13. ♦ ποιητής steht 7 / 6 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ δικαιόω, das 59 / 39 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16. ♦ Die Form δικαιωθήσονται steht nur hier. Zur Rekonstruktion dieser beider Verse: Der Text folgt weithin dem Zeugnis des Epiphanius, allerdings scheinen die bereits von Schmid eingeklammerten Artikel τοῦ vor den beiden νόμου und τῷ vor θεῷ (wie im kanonischen Text) gefehlt zu haben. (2,14) Die Kombination ὅταν γάρ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanoni‐ schen Ebene, vgl. 1Kor 3,4. ♦ ὅταν allein begegnet 128 / 123 Mal im NT, davon 34 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch als Verseröffnung bezeugt für *1Kor 15,54; *Kol 3,4; im Vers vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἔθνος, das 175 / 162 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; *1Thess 4,5; *Laod 2,11. ♦ φύσις, das 16 / 14 Mal im NT steht, jedoch nur in der Briefliteratur, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,8; *Röm 2,14; *Laod 2,3, vgl. weiter Vers 27. ♦ οὗτοι, das 77 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Variante τοιοῦτοι steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,48. ♦ Die Formulierung μὴ ἔχοντες steht 5 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Laod 2,12. ♦ Die Wendung ἑαυτοῖς εἰσιν steht nur hier. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Die unbezeugte Er‐ öffnung scheint aufgrund der Lexik schlicht ὅταν gelautet zu haben. Ansonsten wird das Zeugnis Tertullians auch durch die Lexik gestützt. (2,15) ὅστις, das 165 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. ♦ Die Form οἵτινες steht 60 Mal im NT (davon 15 Mal als Verseröffnung), in Lk 1,20; 9,30; 15,7 in Versen oder Versteilen, die in *Ev fehlen, vorkanonisch im Vers bezeugt für *Gal 2,4; *2Thess 1,9. ♦ ἐνδείκνυμι, das 12 / 11 Mal im NT steht, ist ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ ἔργον ist ein Begriff, der 187 / 169 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,48; *Gal 2,16; 3,10; 5,19; *1Kor 3,13. 14; 5,2, 5,19; *Kol 1,21. ♦ γραπτός ist Hapax legomenon im NT. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15. ♦ συμμαρτυρέω steht 3 Mal im NT, die beiden anderen Male auch auf der kanonischen Ebene (Röm 8,16; 9,1). ♦ συνείδησις, das 32 / 30 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Redaktion bezeugt. ♦ μεταξύ steht 9 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀλλήλων, das 107 / 100 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,2; *Röm 12,10. 54 Rekonstruktion <?page no="1665"?> ♦ λογισμός ist ein Wort, das nur noch 1 weiteres Mal auf kanonischer Ebene steht. ♦ κατηγορέω steht 30 / 23 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,7; 23,2, nicht aber für *Paulus, sondern ist vielmehr ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion, vor allem der Apostelgeschichte. Zur Abwesenheit: Im Unterschied zum voranstehenden Vers ist dieser Vers hier vorkanonisch nicht bezeugt und weist dementsprechend eine Reihe aus‐ schließlich auf der kanonischen Ebene belegter Elemente auf (ἐνδείκνυμι; συμμαρτυρέω; συνείδησις; μεταξύ; λογισμός). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (2,16) Die Wendung ἐν ἡμέρᾳ steht 15 Mal im NT, nur hier als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,46. ♦ κρυπτός steht 22 / 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 4,5; *Röm 2,16. 29. ♦ ὅτε, das 112 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,3. 4. ♦ κρίνω steht 125 / 115 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,3; 11,32; *Röm 2,12; *2Thess 2,12; *Kol 2,16. ♦ Die Form κρίνει, die 9 Mal im NT steht (2 Mal Joh; Röm 2,16; 14,5; 1Kor 2,15; 4,7; Jak 4,11; Apk 19,11), ist nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ Die Wendung τὰ κρυπτά steht 3 Mal im NT, weiter vorkanonisch bezeugt für *1Kor 4,5; 14,24, stellt folglich ein Urgestein vorkanonischer Lexik dar. ♦ Der Ausdruck κατὰ τὸ εὐαγγέλιον steht 4 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt, und wieder aufgenommen auf der kanonischen Ebene im Parallelvers und in Röm 16,25, in einem Vers, der in *Röm fehlt, und in 1Tim 1,11; 2Tim 2,8. ♦ Die Wendung διὰ Χριστοῦ steht 2 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. Zur Rekonstruktion: Der Vers folgt dem Zeugnis Tertullians und, was das κατὰ τὸ εὐαγγέλιόν μου betrifft, dem übereinstimmenden Zeugnis des Origenes und Adamantius. Die Lexik bestätigt einige wichtige Begriffe wie τὰ κρυπτά, auch wenn einige der Elemente nur hier vorkanonisch bezeugt sind. Andererseits stützt die Lexik, dass auch die Verseröffnung vorkanonisch gestanden war. Dieser lexikalische Vergleich ist ein Beispiel für die Differenz zwischen wenigstens zum Teil bezeugten Versen und unbezeugten Versen. Während die Verse 14 und 16 sich lexikalisch hinreichend der vorkanonischen Ebene zuordnen lassen, ist Vers 15 deutlich von der kanonischen Sprache geprägt. (2,17) Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 65 Mal als Verseröffnung, gleich an welcher Stelle, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ Die Variante ἴδε steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 15,4; 4 Mal Joh; Röm 11,22). ♦ Ἰουδαῖος, das 250 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *1Kor 9,20; 15,20; *Röm 1,16; 2,29; *1Thess 2,14. ♦ Die Kombination σὺ Ἰουδαῖος steht 3 Mal 4 (Röm) 55 <?page no="1666"?> im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 4,9; Röm 2,17; Gal 2,14). ♦ ἐπονομάζω ist Hapax legomenon. ♦ ἐπαναπαύω steht 2 Mal im NT, das andere Mal in Lk 10,6, auf der kanonischen Ebene. ♦ καυχάομαι, das 39 / 37 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29. 31; 3,21. ♦ Die Wendung ἐν θεῷ steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 3,21; Röm 2,17; 1Thess 1,1; 2Thess 1,1; Jud 1,1). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (εἰ δέ oder ἴδε; σὺ Ἰουδαῖος; ἐπαναπαύω; ἐν θεῷ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (2,18) Die Form γινώσκεις steht 10 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 10,26, in einem Versteil, der in *Ev fehlt; 3 Mal Joh; 3 Mal Apg, Röm 2,18; 2Tim 1,18). ♦ θέλημα, das 65 / 62 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,3; *Laod 1,9. ♦ Die Wendung τὸ θέλημα steht 25 Mal im NT, Lk 11,2, in einem Vers, der in *Ev fehlt, vorkanonisch auch nicht bezeugt für *Ev 12,47 (pace Klinghardt z.St.), sondern ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden. ♦ δοκιμάζω, das 25 / 22 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,56; *1Kor 3,13. ♦ διαφέρω, das 13 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ κατηχέω, das 8 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,6; *1Kor 14,19. ♦ Die Form κατηχούμενος steht noch 1 weiteres Mal, vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,6. ♦ Die Wendung ἐκ τοῦ νόμου steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 12,34; Röm 2,18; 4,16; 10,5). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden sind (γινώσκεις; τὸ θέλημα; διαφέρω; ἐκ τοῦ νόμου). Der Vers wird folglich ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (2,19) Die Form πέποιθας steht nur hier. ♦ Zu σεαυτοῦ vgl. zuvor zu den Versen 1. 5 und danach Vers 21. ♦ ὁδηγός steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,33; *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ τυφλός findet sich 59 / 50 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,35. ♦ Die Form τυφλῶν steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 15,14; Joh 5,3; 10,21; Röm 2,19). ♦ φῶς, das 75 / 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,6; 11,14. ♦ σκότος, das sich 31 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,44; *1Kor 4,5; *2Kor 4,6; *Laod 5,11; 6,12. ♦ Die Wendung ἐν σκότει steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 4,16; Lk 1,29; Röm 2,19; 1Thess 5,4). Zur Abwesenheit: Auch wenn in diesem vorkanonisch unbezeugten Vers einige vorkanonisch belegte Elemente begegnen, finden sich doch auch ausschließlich 56 Rekonstruktion <?page no="1667"?> auf der kanonischen Ebene belegte (ὁδηγός; τυφλῶν; ἐν σκότει). Auch dieser Vers dürfte wohl auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (2,20) Zum unbezeugten Versanfang: παιδευτής steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Hebr 12,9. ♦ Die Form ἀφρόνων steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 2,20; 2Kor 11,19; 1Petr 2,15). ♦ διδάσκαλος, das sich 60 / 59 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ νήπιος steht 18 / 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,21; *Gal 4,3. ♦ Die Form νηπίων steht 1 weiteres Mal, Mt 21,16. Zum bezeugten Versteil: Die Form ἔχοντα steht 22 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 12,5; 24,39; *Röm 2,14. ♦ μόρφωσις steht nur noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene 2Tim 3,5. ♦ Die Wendung τῆς γνώσεως steht 8 Mal im NT, Lk 11,52, in einem Vers, der für *Ev bezeugt ist, wobei diese Wendung unbezeugt ist, aber vorkanonisch weiter bezeugt für *2Kor 4,6; *Phil 3,8, womit wir wieder ein Stück vorkanonisches Urgestein vor uns haben. ♦ Die Wendung τῆς ἀληθείας steht 25 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *2Thess 2,10; *Laod 1,13; *Kol 1,5. ♦ Der Ausdruck ἐν τῷ νόμῳ steht 13 Mal im NT, Lk 2,24; 10,25; 24,44, in Versen, die in *Ev fehlen, jedoch vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 6,27; *Röm 7,23. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius. Wie die Lexik nahelegt, geht der von Epiphanius unbezeugte erste Versteil auf die kanonische Redaktion zurück und hat im vorkanonischen Text gefehlt. Die Lexik stützt durch die weitere vorkanonische Bezeugung der Elemente mit Ausnahme von μόρφωσις das Zeugnis des Epiphanius. (2,21) Die Kombination ὁ οὖν steht 11 Mal im NT, davon 10 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ διδάσκω, das 102 / 97 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *Gal 1,12. ♦ Der Ausdruck ὁ διδάσκων steht nur hier, und zwar nur vorkanonisch. ♦ Zu σεαυτοῦ vgl. zuvor zu den Versen 1. 5. 19. ♦ Diese unbezeugte Gegenüberstellung ἕτερον, σεαυτόν begegnete auf kanonischer Ebene bereits zuvor in Vers 2,1. ♦ κηρύσσω, das 63 / 61 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,2 und *1Kor 1,23; 15,11; *2Kor 4,5. ♦ κλέπτω steht 13 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 18,20. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Wegen des narra‐ tiven Zusammenhangs und der Argumentation Tertullians wird wohl auch der nicht direkt bezeugte mittlere Teil vorkanonisch gestanden sein, der dann bereits in Vers 2,1 aufgegriffen wurde. (2,22) Die Verbform λέγων, die 194 Mal im NT steht, findet sich nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Der Ausdruck ὁ λέγων steht 7 Mal im NT, davon 5 Mal als 4 (Röm) 57 <?page no="1668"?> Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 2,22; 1Joh 2,4. 6. 9; 2Joh 1,11; im Vers: Mt 7,21; Joh 4,10), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μοιχεύω findet sich 20 / 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,18; 18,20 (man bemerke dieselbe Verserwähnung zum vorangegangenen Vers 21). ♦ βδελύσσω steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Apk 21,8. ♦ εἴδωλον, das 13 / 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,19. ♦ Die Form τὰ εἴδωλα steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 2,22; 1Kor 12,2; Apk 9,20). ♦ ἱεροσυλέω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Das zugehörige Adjektiv ἱερόσυλος findet sich 1 Mal auf kanonischer Ebene (Apg 19,37). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers eröffnet bereits mit einer nur kanonisch belegten Wendung und weist weitere Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene zu finden sind (βδελύσσω; τὰ εἴδωλα), er wird folglich auf die kanonische Redaktion zurückgehen und vorkanonisch gefehlt haben. (2,23) ἐν νόμῳ steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,12. ♦ καυχάομαι, das 39 / 37 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29. 31; 3,21. ♦ παράβασις, das 7 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀτιμάζω, das sich 7 Mal im NT findet, steht nur auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist zwar zu Beginn auch vorkanonisch bezeugte Elemente auf, doch gerade bei der Schlussfolgerung begegnen zwei ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Termini (παράβασις; ἀτιμάζω), darum wird wohl auch dieser Vers auf die kanonische Redaktion zurückzuführen sein und vorkanonisch gefehlt haben. (2,24) Die Kombination τὸ γάρ steht 12 Mal im NT, davon 6 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Lk 12,12; Röm 2,24; 8,6; 13,9; 2Kor 4,17; 2Thess 2,7; im Vers: Mt 1,20; Röm 6,21; 7,18; 1Kor 2,10; 2Kor 3,6; Apk 19,8), vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,12; *Röm 13,9. ♦ Die Wendung τὸ ὄνομα τοῦ θεοῦ steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene, 1Tim 6,1. ♦ βλασφημέω, das 37 / 34 Mal im NT steht, findet sich nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ ἔθνος, das 175 / 162 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; *1Thess 4,5; *Laod 2,11. ♦ Die Formulierung καθὼς γέγραπται, die 25 Mal im NT steht, davon 10 Mal als Verseröffnung, ist nur in *1Kor 1,31 mit vorangestelltem ἵνα vorkanonisch bezeugt, vgl. dort. Zur Rekonstruktion: Auch wenn die unbezeugten Teile dieses Verses aufgrund der Lexik durchaus gestanden haben könnten, spricht der narrative Zusammen‐ hang eher dafür, dass nur der bezeugte Teil vorkanonisch stand. 58 Rekonstruktion <?page no="1669"?> (2,25) περιτομή, das 38 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 2,9; 5,6; *Röm 2,29; *Laod 2,11. ♦ ὠφελέω, das 17 / 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur an dieser Stelle hier bezeugt. ♦ πράσσω, das 43 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 5,21; *2Kor 5,10. ♦ Die alternative Lesart φυλάσσω, die 35 / 31 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,21 (man bemerke den wiederholten Bezug auf diese Stelle) und *Gal 6,13. ♦ Die Kombination ἐὰν δέ steht 34 Mal im NT, Lk 22,68, in einem Vers, der in *Ev fehlt, ist jedoch hier vorkanonisch bezeugt. ♦ παραβάτης, das 5 Mal im NT steht, ist nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ Die Verbform ᾖς ist Hapax legomenon im NT. ♦ Zu σου (Gen. Mask. / Neut. Sg. von σύ / σός) vgl. zuvor zu Vers 5. ♦ ἀκροβυστία, das 22 / 20 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Röm 2,27; *Laod 2,11. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius, wobei einige Termini und Wendungen auftauchen, die nur hier vorkanonisch bezeugt sind (ὠφελέω; ἐὰν δέ; παραβάτης). (2,26) Die Verseröffnung ἐὰν οὖν steht 10 Mal im NT, 8 Mal als Verseröffnung, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀκροβυστία, das 22 / 20 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt, vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ δικαίωμα, das 11 / 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 8,4. ♦ φυλάσσω, das 35 / 31 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,21; *Gal 6,13, vgl. den voranstehenden Vers.♦ οὐχ, das 105 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 10,3; *Phil 1,17; 2,6. ♦ Die Variante οὐχί steht 62 / 53 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten περιτομή vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. Zur Abwesenheit: Auch wenn dieser vorkanonisch unbezeugte Vers einige Begriffe verwendet, die auch vorkanonisch bezeugt sind, zeigen doch die Verseröffnung und das Verb am Ende auf die kanonische Redaktion als Ursprung dieses Verses, der darum wohl vorkanonisch gefehlt hat. (2,27) κρίνω, das 125 / 115 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,37; 12,57; *1Kor 5,3; 11,32; *Röm 2,12; *2Thess 2,12; *Kol 2,16. ♦ Zu φύσις vgl. zuvor zu Vers 14. ♦ τελέω, das 30 / 28 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 12,9. ♦ Die Wendung ἐκ φύσεως steht nur hier. ♦ ἀκροβυστία, das 22 / 20 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt, vgl. zum voranstehenden Vers 2,25. ♦ τελέω steht 30 / 28 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 12,9. ♦ Zu σέ (Akk. / Vok. Mask. Sg. von σύ / σός) vgl. zuvor zu Vers 4. ♦ γράμμα, das 17 / 14 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,27. 29. ♦ περιτομή, das 38 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch 4 (Röm) 59 <?page no="1670"?> bezeugt für *Gal 2,9; 5,6; *Röm 2,25. 29; *Laod 2,11. ♦ παραβάτης, das 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Röm 2,25. Zur Rekonstruktion: Dieser nur von Tertullian angedeutete Vers erweist sich zudem aufgrund der verschiedenen vorkanonisch bezeugten Termini und Ele‐ mente als vorkanonischer Textbestand. (2,28) Die Kombination οὐ γάρ steht 80 Mal im NT, davon 46 Mal als Verseröffnung, Lk 23,34, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,16; 2,13 (beide Male als Verseröffnung); *1Kor 21b-c↑34 im Vers. ♦ φανερός, das 22 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 8,17; *Gal 5,19. ♦ Ἰουδαῖος, das 250 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *1Kor 9,20; 15,20; *Röm 1,16; 2,29; *1Thess 2,14. ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten περιτομή vgl. den Vers zuvor. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis von Tertullian und Hegemo‐ nius, doch die Lexik stützt nicht nur diesen bezeugten Teil, sondern auch den unbezeugten dieses Verses, der wohl, wie gegeben, im vorkanonischen Text gestanden war. (2,29) Die Wendung ἀλλ’ ὁ steht 25 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23 (als Verseröffnung); *2Kor 4,16 (im Vers). ♦ κρυπτός steht 22 / 17 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 8,17; 11,33; 12,2; *1Kor 4,5; *Röm 2,16. ♦ Zu Ἰουδαῖος vgl. zum Vers zuvor. ♦ Zum vorkanonisch weiter bezeugten περιτομή vgl. den voranstehenden Vers 25. ♦ καρδία, das 173 / 157 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *1Kor 4,5; 14,25; *2Kor 3,15; 4,6; *Röm 2,15. ♦ ἔπαινος, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 4,5; *Laod 1,12. ♦ Die Wendung ἐξ ἀνθρώπων steht 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,4. 6. ♦ Die Wendung ἀλλ’ ἐκ steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 1,13; 7,22; Röm 2,29; 9,12; 2Kor 8,13; 1Joh 2,16). Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians und Hegemonius’, doch, wie die Lexik erweist, wird zumindest mit dem ersten Stück auch des unbezeugten Endes und dem Beginn des Verses vorkanonisch zu rechnen sein. 60 Rekonstruktion <?page no="1671"?> Kapitel 3 3,[1-18]: [Der Nutzen der Beschneidung] Diese Passage ist unbezeugt und ist eine Digression der kanonischen Redaktion, die vorkanonisch gefehlt hat. Sie mündet in den Versen 10-18 in ein ausführli‐ ches Zitat von Ps 13 LXX. -- 3,1 Τί οὖν τὸ περισσὸν τοῦ Ἰουδαίου, ἢ τίς ἡ ὠφέλεια τῆς περιτομῆς; 2 πολὺ κατὰ πάντα τρόπον. πρῶτον μὲν [γὰρ] ὅτι ἐπιστεύθησαν τὰ λόγια τοῦ θεοῦ. 3 τί γὰρ εἰ ἠπίστησάν τινες; μὴ ἡ ἀπιστία αὐτῶν τὴν πίστιν τοῦ θεοῦ καταργήσει; 4 μὴ γένοιτο· γινέσθω δὲ ὁ θεὸς ἀληθής, πᾶς δὲ ἄνθρωπος ψεύστης, καθὼς γέγραπται, Οπως ἂν δικαιωθῇς ἐν τοῖς λόγοις σου καὶ νικήσεις ἐν τῷ κρίνεσθαί σε. 5 εἰ δὲ ἡ ἀδικία ἡμῶν θεοῦ δικαιοσύνην συνίστησιν, τί ἐροῦμεν; μὴ ἄδικος ὁ θεὸς ὁ ἐπιφέρων τὴν ὀργήν; κατὰ ἄνθρωπον λέγω. 6 μὴ γένοιτο· ἐπεὶ πῶς κρινεῖ ὁ θεὸς τὸν κόσμον; 7 εἰ δὲ ἡ ἀλήθεια τοῦ θεοῦ ἐν τῷ ἐμῷ ψεύσματι ἐπερίσσευσεν εἰς τὴν δόξαν αὐτοῦ, τί ἔτι κἀγὼ ὡς ἁμαρτωλὸς κρίνομαι; 8 καὶ μὴ καθὼς βλασφημούμεθα καὶ καθώς φασίν τινες ἡμᾶς λέγειν ὅτι Ποιήσωμεν τὰ κακὰ ἵνα ἔλθῃ τὰ ἀγαθά; ὧν τὸ κρίμα ἔνδικόν ἐστιν. - 9 Τί οὖν; προεχόμεθα; οὐ πάντως, προῃτιασάμεθα γὰρ Ἰουδαίους τε καὶ Ελληνας πάντας ὑφ’ ἁμαρτίαν εἶναι, 10 καθὼς γέγραπται ὅτι Οὐκ ἔστιν δίκαιος οὐδὲ εἷς, 11 οὐκ ἔστιν ὁ συνίων, οὐκ ἔστιν ὁ ἐκζητῶν τὸν θεόν. 12 πάντες ἐξέκλιναν, ἅμα ἠχρεώθησαν· οὐκ ἔστιν ὁ ποιῶν χρηστότητα, [οὐκ ἔστιν] ἕως ἑνός. 13 τάφος ἀνεῳγμένος ὁ λάρυγξ αὐτῶν, ταῖς γλώσσαις αὐτῶν ἐδολιοῦσαν, ἰὸς ἀσπίδων ὑπὸ τὰ χείλη αὐτῶν, 14 ὧν τὸ στόμα ἀρᾶς καὶ πικρίας γέμει· 15 ὀξεῖς οἱ πόδες αὐτῶν ἐκχέαι αἷμα, 16 σύντριμμα καὶ ταλαιπωρία ἐν ταῖς ὁδοῖς αὐτῶν, 17 καὶ ὁδὸν εἰρήνης οὐκ ἔγνωσαν. 18 οὐκ ἔστιν φόβος θεοῦ ἀπέναντι τῶν ὀφθαλμῶν αὐτῶν. A. Die Verse sind vorkanonisch unbezeugt. 3,10-13: Vgl. Ps 13,1-3 LXX: 1 Εἰς τὸ τέλος· ψαλμὸς τῷ Δαυιδ. Εἶπεν ἄφρων ἐν καρδίᾳ αὐτοῦ Οὐκ ἔστιν θεός· διέφθειραν καὶ ἐβδελύχθησαν ἐν ἐπιτηδεύμασιν, οὐκ ἔστιν ποιῶν χρηστότητα, 4 (Röm) 61 <?page no="1672"?> 66 Detering hält die Verse 3,1-18 für abwesend, vgl. Ibid. 54-60. 168-170. 67 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 455. 68 Ibid. οὐκ ἔστιν ἕως ἑνός. 2 κύριος ἐκ τοῦ οὐρανοῦ διέκυψεν ἐπὶ τοὺς υἱοὺς τῶν ἀνθρώπων τοῦ ἰδεῖν εἰ ἔστιν συνίων ἢ ἐκζητῶν τὸν θεόν. 3 πάντες ἐξέκλιναν, ἅμα ἠχρεώθησαν, οὐκ ἔστιν ποιῶν χρηστότητα, οὐκ ἔστιν ἕως ἑνός. τάφος ἀνεῳγμένος ὁ λάρυγξ αὐτῶν, ταῖς γλώσσαις αὐτῶν ἐδολιοῦσαν· ἰὸς ἀσπίδων ὑπὸ τὰ χείλη αὐτῶν, ὧν τὸ στόμα ἀρᾶς καὶ πικρίας γέμει· ὀξεῖς οἱ πόδες αὐτῶν ἐκχέαι αἷμα· σύντριμμα καὶ ταλαιπωρία ἐν ταῖς ὁδοῖς αὐτῶν, καὶ ὁδὸν εἰρήνης οὐκ ἔγνωσαν· οὐκ ἔστιν φόβος θεοῦ ἀπέναντι τῶν ὀφθαλμῶν αὐτῶν. B. Keine nennenswerten Varianten. C. 1. (3,1-8) Nach allen Editoren sind diese Verse unbezeugt, auch wenn Zahn sie in unbestimmbarer Textform vorhanden sieht. 66 Hilgenfeld hingegen hatte argumentiert: „Es lässt sich kaum begreifen, daß er [Tertullian], wenn Marcion’s Text hier unverstümmelt gewesen wäre, über alles Andre hinweggegangen sein sollte“, er argumentiert darum für die Abwesenheit dieser und der nach‐ folgenden Verse, bis inklusive Vers 8. 67 Überhaupt hält er diese Verse „wegen der den Juden anvertrauten Orakel und auch wegen der Erwartung eines Weltgerichts von Seite des höchsten Gottes“ für „so antimarcionitisch, daß sich die Uebergehung dieses Abschnitts bei den Gegnern ohne sein wirkliches Fehlen ebensowenig begreifen lässt, als es bei C. IV der Fall ist“. 68 Zur Stütze dafür, dass sie abwesend waren, verweist auch BeDuhn darauf, dass Tertullian und Epiphanius wohl Vers 2 in ihrer antimarkionitischen Polemik genutzt hätten, wäre diese Passage vorhanden gewesen, weswegen die Tatsache, dass sie mit keinem Wort darauf eingehen, dafürspreche, dass die Verse abwesend waren. Hinzuzufügen wäre, dass sich Tertullian kaum hätte entgehen lassen, dass Paulus in Röm 3,4 die Psalmen zitiert (Ps 115,2; 50,6 LXX). 2. (3,9-18) Auch diese Verse sind nach allen Editoren unbezeugt. Erneut meint Zahn, sie seien in unbestimmbarer Form vorhanden gewesen. Harnack nimmt für Vers 12 den pseudepigraphen Laodizenerbrief (Vers 5) in Anspruch, um aus Vers 12 die Wendung ποιῶν χρηστότητα bezeugt zu sehen. Schmid folgt dem nicht, sondern sieht den Text schlichtweg als unbezeugt, während BeDuhn wegen des narrativen Zusammenhanges mit den ihm zufolge bezeugten Vers 19 den Schluss zieht, dass man mit der Präsenz der Verse 9-18 zu rechnen habe. In seiner Rekonstruktion wagt er es allerdings nicht, diese Verse in den Text aufzunehmen. 62 Rekonstruktion <?page no="1673"?> 69 C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. 70 J.C. O’Neill, Glosses and Interpolations in the Letters of St. Paul (1982), 383-384. 71 W.C. van Manen, Die Unechtheit des Römerbriefes (1906), 54. Da es sich bei diesen Versen lediglich um ein Zitat von Ps 13 LXX handelt, lässt sich kaum vorstellen, Tertullian hätte sich eine solch dichte Bezugnahme auf die jüdische Schrift entgehen lassen, wenn sie ihm im markionitischen Text vorgelegen wäre. Dass die kanonische Redaktion hier ein ausführliches Schriftzitat verwendet, das zum nachfolgenden Text passt, besagt nicht, dass die Verse 19-22 die voranstehenden voraussetzen. Auch hier gilt das Urteil der früheren Editoren Harnack und Schmid und, wie seine Übersetzung ausweist, auch BeDuhn, dass die Verse in *Röm gefehlt haben. Weisse hält sie für das Produkt einer späteren Hand. 69 Gestützt wird diese Einschätzung durch die Lexik, die eine Reihe von ausschließlich kanonisch belegten Elementen und Hapax legomena aufweist. 3. (3,12-18). Diese Verse werden als Glosse betrachtet von O’Neill. 70 Van Manen sieht gar 3,10-18 als spätere Hinzufügung, vor allem im Kontrast zu den älteren Versen 19-20 (auch Vers 9 hält er für älter). 71 D. (3,1) Diese Wendung (nom.) τί οὖν steht 7 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Apg 21,22; Röm 3,1; 1Kor 3,5; 14,15; 14,26, im Vers: Lk 20,17; Joh 1,21), jeweils auf der kanonischen Ebene, wobei sie in Lk begegnet (Lk 20,17) in einem Vers, der in *Ev fehlt. ♦ Der anonyme Fragesteller begegnet auf der vorkanonischen Ebene im Römerbrief nur ein einziges Mal (*Röm 7,7: τί οὖν ἐροῦμεν), während er für die kanonische Version geradezu typisch ist: Röm 3,1. 3. 5. 7. 9. 31; 4,1; 6,1. 15; 7,7. 13; 9,14. 19. 30; 11,1. 7. 11. ♦ περισσός, das 6 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich für die kanonischen Ebene bezeugt. ♦ Ἰουδαῖος, das 250 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *1Kor 9,20; 15,20; *Röm 1,16; 2,29; *1Thess 2,14. ♦ ὠφέλεια steht nur noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene in Jud 1,16. ♦ Zum vorkanonisch weiter bezeugten περιτομή vgl. 2,25. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (τί οὖν; περισσός; ὠφέλεια). Der Vers ist das Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorka‐ nonisch gefehlt. (3,2) πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.) steht 121 Mal im NT und ist vorkanonisch belegt für *Ev. ♦ τρόπος begegnet 14 / 13 Mal im NT, das einzige Mal, dass der Terminus in Lk zu finden ist (Lk 13,34), steht er in einem Vers, der in *Ev fehlt. 4 (Röm) 63 <?page no="1674"?> Auch sonst begegnet er nur auf der kanonischen Ebene. ♦ πρώτον / πρῶτος, das 70 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,46; *1Thess 4,16; *2Thess 2,3. ♦ Die Kombination πρῶτον μέν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 11,18. ♦ πιστεύω, das 265 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21 (τοὺς πιστεύοντας); 15,11; *Röm 1,16 (τῷ πιστεύοντι); 10,4 (τῷ πιστεύοντι); *2Thess 2,12 (οἱ μὴ πιστεύσαντες); *Laod 1,13 (πιστεύσαντες), vgl. weiter unten Vers 22. ♦ λόγιον steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. Man vergleiche auch das verwandte λογεία, das 8 / 2 Mal im NT steht und ausschließlich zur kanonischen Ebene gehört. ♦ λογισμός, das 2 Mal im NT steht, findet sich beide Male auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (τρόπος; πρῶτον μέν; λόγιον). Der Vers ist das Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (3,3) Die Kombination τί γάρ steht 7 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 5,12. ♦ ἀπιστέω steht 20 / 8 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 4,4. ♦ Die Form ἠπίστησάν steht noch 1 weiteres Mal, Mk 16,11, im sekundären Markusschluss. ♦ ἀπιστία begegnet 12 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ τινες (Nom. Fem. / Mask. Pl.), das 79 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,7; *1Kor 10,7; *Phil 1,15, vgl. weiter Vers 8. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15, vgl. weiter die Verse 13. 15. 16. 18. ♦ Die Wendung πίστις τοῦ θεοῦ steht nur hier. ♦ καταργέω, das 27 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15 und vielleicht *2Kor 3,11. 13. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (τί γάρ; ἠπίστησάν; ἀπιστία). Der Vers ist das Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorka‐ nonisch gefehlt. (3,4) Die Wendung μὴ γένοιτο steht 15 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung wie hier (Verseröffnung: Röm 3,4. 6; 6,2; im Vers: Lk 20,16, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Röm 3,31; 6,15; 7,7. 13; 9,14; 11,1. 11; 1Kor 6,15; Gal 2,17; 3,21; 6,14), vorkanonisch bezeugt im Vers in *1Kor 6,15; *Röm 7,7. ♦ Die Form γινέσθω steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene; vgl. zu 1Kor 14,26. ♦ ἀληθής, das 27 / 26 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ὁ θεὸς ἀληθής steht noch 1 weiteres Mal in Joh 3,33. ♦ Das Gegenstück ψεύστης, das 10 Mal im NT zu finden ist, steht ebenfalls ausschließlich auf der kanonischen Ebene. 64 Rekonstruktion <?page no="1675"?> ♦ Die Formulierung καθὼς γέγραπται, die 25 Mal im NT steht, davon 10 Mal als Verseröffnung, ist nur in *1Kor 1,31 mit vorangestelltem ἵνα vorkanonisch bezeugt, vgl. dort. ♦ ὅπως, das 58 / 53 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,4; *1Kor 1,29. ♦ ἄν, das 205 / 167 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25 und *1Kor 2,8. ♦ δικαιόω steht 59 / 39 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,15; 18,14, *Gal 2,16; *Röm 2,13. ♦ Die Wendung ἐν τοῖς λόγοις steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in 1Thess 4,18. ♦ σου (Gen. Mask. / Neut. Sg. von σύ / σός), das 361 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,14; *1Kor 15,55; *Röm 2,25. ♦ νικάω steht 29 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form κρίνεσθαι steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 6,1. ♦ κρίνω als positiver Ausdruck gehört zur kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 5,3. ♦ σέ (Akk. / Vok. Mask. Sg. von σύ / σός), das 185 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung μὴ γένοιτο; γινέσθω; ἀληθής; ὁ θεὸς ἀληθής; ἐν τοῖς λόγοις; νικάω). Außerdem fällt die kanonische Semantik von κρίνω auf. Der Vers ist das Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (3,5) Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 64 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (mit Ausnahme der Wendung εἰ δὲ μή γε in *Ev 5,36), vgl. zu Gal 5,18. ♦ ἀδικία, das 27 / 25 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,9; *Röm 1,18; *2Thess 2,12. ♦ δικαιοσύνη, das 97 / 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,17; 3,21; 5,21; 8,10; 10,3. 4; *Phil 3,9. ♦ συνίστημι im Sinne von „stehen mit“ begegnet 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbform ἐροῦμεν steht 7 Mal im NT, ausschließlich in diesem Brief hier, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,7. ♦ ἄδικος steht 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,11. ♦ ἐπιφέρω steht 5 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ὀργή, das 37 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,18; *Laod 2,3. ♦ Der Ausdruck κατὰ ἄνθρωπον λέγω begegnet noch 1 weiteres Mal, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,15. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (εἰ δέ; συνίστημι; ἐπιφέρω). Obwohl der Vers einige vorkanonisch bezeugte Termini und Wen‐ dungen aufweist, wird er doch das Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben, insbesondere, wenn man die in C.1 vorgetragenen Argumente, was Tertullians Interesse betrifft, hinzunimmt. 4 (Röm) 65 <?page no="1676"?> (3,6) Der Ausdruck μὴ γένοιτο steht 15 Mal im NT, etwa Lk 20,16 in einem Vers, der in *Ev fehlt, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,7. ♦ ἐπεί steht 29 / 26 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πῶς, das 109 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,35. ♦ Die Wendung κρινεῖ ὁ θεός begegnet noch 1 weiteres Mal in Hebr 13,4. ♦ Die Form τὸν κόσμον steht 45 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 6,2. Zur Abwesenheit: Der kurze, vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Ele‐ mente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐπεί; κρινεῖ ὁ θεός; τὸν κόσμον). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (3,7) Zum kanonischen εἰ δέ vgl. zuvor zu Vers 3,5 und Gal 5,18. ♦ Der Ausdruck ἡ ἀλήθεια τοῦ θεοῦ steht nur hier. ♦ Der Ausdruck ἐν τῷ ἐμῷ begegnet nur 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, 1Kor 11,25. ♦ ψεῦσμα ist Hapax legomenon im NT. ♦ Obwohl das Verb περισσεύω 42 / 39 Mal im NT begegnet, ist es nicht ein einziges Mal für die vorkanonische Stufe bezeugt. ♦ Die Wendung εἰς τὴν δόξαν steht 3 Mal im NT, Lk 24,26 (ebenfalls mit nachstehendem αὐτοῦ), in einem Versteil, der in *Ev fehlt; Röm 3,7; 2Kor 4,15, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἔτι, das 96 / 93 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,15; *Röm 5,6. ♦ Die Kombination τί ἔτι steht 8 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 22,71; Röm 3,7; Gal 5,11; Hebr 11,32). ♦ ἁμαρτωλός, das 49 / 47 Mal im NT steht, ist ein auffälliger Begriff der kanonischen Redaktion, auch wenn er 1 Mal in *Ev auch vorkanonisch bezeugt ist. ♦ Die Form κρίνομαι steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 23,6; 24,21; Röm 3,7). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (εἰ δέ; ἐν τῷ ἐμῷ; περισσεύω; εἰς τὴν δόξαν; τί ἔτι; κρίνομαι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (3,8) Die Kombination καὶ μή steht 86 Mal im NT, davon 17 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 3 Mal Mt; Mk 2,4; Lk 2,45; 5,19; 6,37, nicht bezeugt für *Ev, pace Klinghardt z.St.; 6,49, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 24,23; Röm 3,8; 4,19; 12,2; im Vers: Lk 12,21; 18,16, in einem Vers bzw. Versteil, der in *Ev fehlt), vorkanonisch bezeugt im Vers für *Röm 12,14; *2Kor 3,11; *Laod 4,25. ♦ βλασφημέω, das 37 / 34 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ φημί, das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,19; 15,50. ♦ Zu τινες (Nom. Fem. / Mask. Pl.) vgl. zuvor zu Vers 3. ♦ Die Verbform λέγειν steht 41 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ κακός, das 54 / 50 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,6; *2Kor 5,10; *Röm 12,17. ♦ Das Personalpronomen ὧν, das 78 66 Rekonstruktion <?page no="1677"?> Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; *2Thess 2,10. ♦ κρίμα, das 28 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,10; *1Kor 11,29. ♦ ἔνδικος steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene (Hebr 2,2). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung καὶ μή; βλασφημέω; λέγειν; ἔνδικος). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Überblickt man den lexikalischen Vergleich zu den Versen 1-8, so begegnen zwar hier und da auch vorkanonisch bezeugte Termini, aber insgesamt über‐ wiegen die typischen Elemente der kanonischen Redaktion, die Verse dürften demnach vollständig auf die kanonische Redaktion zurückgehen und in *Röm gefehlt haben. (3,9) Diese Wendung (im Akkusativ) τί οὖν steht 23 Mal im NT, davon 12 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mk 12,9; Röm 4,9; 4,1; 6,1. 15; 7,7; 8,31; 9,14. 30; 11,7; 1Kor 10,19; Gal 3,19; im Vers: 3 Mal Mt; Mk 11,31; Lk 3,10; 20,15. 17, in Versen, die in *Ev fehlen; Joh 1,25; Apg 19,3; Röm 9,19), vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,19; *Röm 7,7 vgl. Röm 3,9. ♦ προέχω und προαιτιάομαι sind Hapax legomena im NT. ♦ πάντως, das 9 Mal im NT steht, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Form Ἰουδαίους steht 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,20. ♦ Die Kombination τε καί steht 51 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,30. ♦ Die Form Ἕλληνας steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 7,35; 3 Mal Apg; Röm 3,9). ♦ πάντας, das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,28; *2Kor 5,10; *Laod 3,9, vgl. weiter unten Vers 22. ♦ ἁμαρτία, das 184 / 173 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,4; *Röm 5,21; 7,7. 11; 8,3. 10; 14,23; *2Thess 2,3. ♦ Der Ausdruck ὑφ’ ἁμαρτίαν steht noch 1 weiteres Mal, auf kanonischer Ebene in Gal 3,22. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,33; *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6, vgl. weiter Vers 26. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (πάντως; τε καί; Ἕλληνας; ὑφ’ ἁμαρτίαν). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (3,10) Die Formulierung καθὼς γέγραπται, die 25 Mal im NT steht, davon 10 Mal als Verseröffnung, ist nur in *1Kor 1,31 mit vorangestelltem ἵνα vorkanonisch bezeugt, vgl. dort. ♦ Die erweiterte Kombination καθὼς γέγραπται ὅτι steht 3 Mal im NT, jeweils als Verseröffnung und immer auf der kanonischen Ebene (Röm 3,10; 4,17; 8,36). ♦ Die Wendung ὅτι οὐκ ἔστιν steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, 4 (Röm) 67 <?page no="1678"?> vgl. Gal 1,11. ♦ δίκαιος steht 84 / 79 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,11; *Röm 2,13; 7,12; *2Thess 1,6. ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ Die Kombination οὐδὲ εἷς steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, in Apg 4,32. Zur Abwesenheit wird wegen des Zusammenhangs mit den Versen, die Ps 13 LXX zitieren, ein summarisches Urteil am Ende von Vers 18 gegeben. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung καθὼς γέγραπται; ὅτι οὐκ ἔστιν; οὐδὲ εἷς. (3,11) Die Kombination οὐκ ἔστιν ὁ steht in dieser Form nur hier und im nächsten Vers 12. ♦ συνίημι, das 31 / 26 Mal im NT steht, ist nur kanonisch belegt. ♦ ὑφ’ ἁμαρτίαν ἐκζητέω steht 8 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Das verwandte Nomen ἐκζήτησις steht nur auf dieser Ebene in 1Tim 1,4. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὐκ ἔστιν ὁ; συνίημι; ὑφ’ ἁμαρτίαν ἐκζητέω. (3,12) πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3, vgl. weiters Vers 23. ♦ ἐκκλίνω steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἅμα steht 10 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἀχρειόω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Zu οὐκ ἔστιν ὁ vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ ποῖος, das 63 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,35; *Laod 2,15, vgl. weiter unten Vers 27. ♦ χρηστότης steht 11 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἕως steht 159 / 146 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,16; *2Kor 12,2. ♦ Die Wendung ἕως ἑνός steht nur hier. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐκκλίνω; ἅμα; οὐκ ἔστιν ὁ; χρηστότης. (3,13) τάφος steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀνοίγνυμι steht 102 / 77 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,9; *Laod 6,19. ♦ λάρυγξ ist Hapax legomenon im NT. ♦ δολιόω steht 2 Mal im NT, das andere Mal vorkanonisch bezeugt für *2Kor 11,13. ♦ ἰός ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἀσπίς ist Hapax legomenon im NT. ♦ χεῖλος steht 8 / 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,21. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente ist: τάφος, es fallen aber die verschiedenen Hapax legomena auf, die auf den Psalmtext zurückgehen. (3,14) Zum vorkanonisch bezeugten Personalpronomen ὧν vgl. zuvor zu Vers 8. ♦ στόμα, das 80 / 78 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,15; *Röm 3,19; *Laod 6,19, vgl. weiter Vers 19. ♦ αἴρω, das 106 / 107 Mal im NT steht, ist vorkanonisch 68 Rekonstruktion <?page no="1679"?> bezeugt für *Ev. ♦ πικρία steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ γέμω steht 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,39. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegtes Element dieses kurzen Verses ist: πικρία. (3,15) ὀξύς steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πούς, das 97 / 93 Mal Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,38. 44; 9,5; 24,39; *1Kor 15,25; *Laod 1,22. ♦ ἐκχέω steht 35 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὀξύς; ἐκχέω. (3,16) σύντριμμα ist Hapax legomenon im NT. ♦ ταλαιπωρία steht noch 1 weiteres Mal im NT, ebenfalls auf kanonischer Ebene ( Jak 5,1). ♦ Das verwandte Verb ταλαιπωρέω steht ebenfalls auf dieser Ebene ( Jak 4,9), wenn auch das Adjektiv ταλαίπωρος, das zwei Mal im NT steht, vorkanonisch für *Röm 7,24 bezeugt ist. ♦ ὁδός, das 107 / 101 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 11,33. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegtes Element ist: ταλαιπωρία. (3,17) Zu ὁδός vgl. zuvor zu Vers 16. ♦ εἰρήνη steht 98 / 92 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,3; *Röm 5,1; *Laod 2,14. 15. 17; 6,15. ♦ Die Kombination ὁδὸν εἰρήνης begegnet 1 weiteres Mal in Lk 1,79, in einem Vers, der in *Ev fehlt. ♦ Die Wendung οὐκ ἔγνωσαν steht 9 Mal im NT, in Lk 2,43, in einem Vers, der in *Ev fehlt, folglich ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mt 24,39; Lk 2,43; Joh 8,27 als Verseröffnung; 10,6; 12,16; 16,3; Röm 3,17; Hebr 3,10; Apk 2,24). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὁδὸν εἰρήνης; οὐκ ἔγνωσαν. (3,18) Die Kombination φόβος + θεοῦ steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in 2Kor 7,1. ♦ ἀπέναντι steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ὀφθαλμός steht 109 / 100 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,52. ♦ Die Verbindung ὀφθαλμός (Pl.) + αὐτῶν steht 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (3 Mal Mt; Lk 24,16; 3 Mal Apg; Röm 3,18; 11,10; Apk 7,17; 21,4). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: φόβος + θεοῦ; ὀφθαλμός (Pl.) + αὐτῶν. 4 (Röm) 69 <?page no="1680"?> 72 Detering nimmt den Vers nach dem kanonischen Text, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 170. 3,19-22: Damals war das Gesetzt, jetzt ist die Gerechtigkeit Gottes offenbart worden Die vorkanonischen Gedanken in diesem Abschnitt sind gut bezeugt, jedoch wiederum von der kanonischen Redaktion so erweitert worden, dass an die Stelle der vorkanonischen Antithese eine heilsgeschichtliche Entwicklung auf der kanonischen Ebene hervortritt. 3,19 Οἴδαμεν δὲ ὅτι ὅσα ὁ νόμος λέγει τοῖς ἐν τῷ νόμῳ λαλεῖ, ἵνα πᾶν στόμα φραγῇ καὶ ὑπόδικος γένηται πᾶς ὁ κόσμος· 19 Οἴδαμεν δὲ ὅτι ὅσα ὁ νόμος λέγει τοῖς ἐν τῷ νόμῳ λαλεῖ, ἵνα πᾶν στόμα φραγῇ καὶ ὑπόδικος γένηται πᾶς ὁ κόσμος τῷ θεῷ· 20 τότε νόμος, 20 διότι ἐξ ἔργων νόμου οὐ δικαιωθήσεται πᾶσα σὰρξ ἐνώπιον αὐτοῦ, διὰ γὰρ νόμου ἐπίγνωσις ἁμαρτίας. 21 νυνὶ δὲ χωρὶς νόμου δικαιοσύνη θεοῦ πεφανέρωται, 21 Νυνὶ δὲ χωρὶς νόμου δικαιοσύνη θεοῦ πεφανέρωται, μαρτυρουμένη ὑπὸ τοῦ νόμου καὶ τῶν προφητῶν, 22 διὰ πίστεως Χριστοῦ. Τίς ἐστιν διαστολή; 22 δικαιοσύνη δὲ θεοῦ διὰ πίστεως Ἰησοῦ Χριστοῦ, εἰς πάντας τοὺς πιστεύοντας· οὐ γάρ ἐστιν διαστολή· A. *3,19: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13,11: Propter hoc omnia concluserat lex creatoris sub delictum, et totum mundum deduxerat in reatum, et omne os obstruxerat, ne qui gloriaretur per illam, ut gratia servaretur in gloriam Christi, non creatoris, sed Marcionis? ♦ *3,20-22: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13,8: Tunc lex, nunc iustitia dei per fidem Christi. Quae est ista distinctio? Servivit deus tuus dispositioni creatoris, dans ei tempus et legi eius: an eius tunc cuius et nunc? Eius lex cuius et fides Christi; distinctio dispositionum est, non deorum. Vgl. Hegemonius, Acta Arch. 45 (66,18 Beeson): tantummodo agnitionem peccat per legem fieri. Vgl. Orig., Com. In Rom. III 6,9: per legem agnitio peccati. B. Keine nennenswerten Varianten. C. 1. (3,19) Nach Zahn und Schmid ist dieser Vers unbezeugt, auch wenn Zahn mit seiner nicht näher bestimmbaren Präsenz rechnet. 72 Doch Harnack sieht bereits Anspielungen und gibt als bezeugten Text πᾶν στόμα φραγῇ καὶ ὑπόδικος γένηται πᾶς ὁ κόσμος. BeDuhn verweist auf die hier zitierte 70 Rekonstruktion <?page no="1681"?> 73 Detering gibt Vers 20 nach dem kanonischen Text und von Vers 21 gibt er τότε νόμος, νυνὶ δικαιοσύνη θεοῦ διὰ πίστεως Χριστοῦ, ibid. Tertullianstelle, die die Elemente γένηται πᾶς ὁ κόσμος und πᾶν στόμα φραγῇ in dieser Reihenfolge anführt. BeDuhn gibt als rekonstruierten Text: [Οἴδαμεν δὲ ὅτι ὅσα ὁ νόμος λέγει τοῖς ἐν τῷ νόμῳ λαλεῖ], ἵνα πᾶν στόμα φραγῇ καὶ [ὑπόδικος] γένηται πᾶς ὁ κόσμος [τῷ θεῷ]. Der Vers schließt unmittelbar an *Röm 2,28-29 an, was die Vermutung stützt, dass die Verse Röm 3,1-18 eine Digression der kanonischen Redaktion darstellen. 2. (3,20-22) Zahn hält auch die Verse 20-21 für präsent, wenn auch in unbe‐ stimmbarer Textform, während er für Vers 22 eine Bezeugung des kanonischen Textes sieht. Harnack ist hier differenzierter, wenn er lediglich Anspielungen auf die Verse 20 (διὰ γὰρ νόμου ἐπίγνωσις ἁμαρτίας) und 21 sieht und dann einen unmittelbaren Übergang Tertullians in seinem Kommentar der Verse 20-21 zu *Röm 4,25 und 5,1 vermerkt. Außerdem hält er das Referat Tertullians mit tunc lex nicht nur für eine Zusammenfassung, sondern für eine direkte Wiedergabe des ihm vorliegenden Textes. Außerdem notiert er, dass das χωρὶς νόμου aus Vers 21 mit dem οὐκ ἐκ νόμου in 5,1 aufgegriffen wird. Schmid schließt sich Harnack teilweise an und vermerkt als Text, auf den Tertullian anspielt und den Schmid als mögliche Randglosse benennt: τότε νόμος, νυνὶ δικαιοσύνη θεοῦ διὰ πίστεως Χριστοῦ. Trotz seiner kritischen Einwände schließt sich BeDuhn bei seiner Rekon‐ struktion doch Harnack und Schmid an und legt seiner Übersetzung als Text zugrunde: 20 [διότι ἐξ ἔργων νόμου οὐ δικαιωθήσεται πᾶσα σὰρξ ἐνώπιον αὐτοῦ], διὰ νόμου ἐπίγνωσις ἁμαρτίας. 21 Νυνὶ [δέ] … δικαιοσύνη [θεοῦ πεφανέρωται … 22 …] διὰ πίστεως Χριστοῦ, [εἰς πάντας τοὺς πιστεύοντας]: οὐ γάρ ἐστιν διαστολή. Außerdem weist BeDuhn darauf hin, Origenes gebe nicht an, den Text bei den Markioniten gelesen zu haben. 73 Der von Schmid erschlossene Text scheint keine Randglosse darzustellen, sondern die von Tertullian gelesene Antithese wiederzugeben. Auch wenn, wie die Lexik unter D. zeigt, der kanonische Text auch vorkanonisch gestanden haben könnte, scheint die prägnantere Formulierung sich durch Tertullians Zeugnis näher zu legen. Es lässt sich nicht gut vorstellen, dass Tertullian hier den Text schärfer formuliert hat, als er ihm vorgelegen war. D. (3,19) οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8. ♦ Die Kombination οἴδαμεν 4 (Röm) 71 <?page no="1682"?> δέ steht 5 Mal im NT, immer als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,2, vgl. zu dieser Stelle. ♦ ὅσος, das 121 / 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,22; *Gal 3,10; *2Kor 1,20; *Röm 2,12. ♦ Die Wendung ὁ νόμος λέγει steht noch 1 weiteres Mal im NT, ebenfalls vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,21b-c↑34. ♦ Der Ausdruck ἐν τῷ νόμῳ steht 13 Mal im NT, Lk 2,24; 10,25; 24,44, in Versen, die in *Ev fehlen, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,27; *Röm 2,20; 7,23. ♦ πᾶν (Nom. / Akk. / Vok. Neut. Sg.), das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch belegt im Zitat von Dtn 19,15, in *Röm 3,19 und in *Kol 1,19. ♦ Zu στόμα vgl. zuvor zu Vers 14. ♦ φράσσω, das 3 Mal im NT steht, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ ὑπόδικος ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Wendungen πᾶς ὁ κόσμος und ὁ κόσμος τῷ θεῷ stehen nur hier. Zur Rekonstruktion: Der von Tertullian in Auszügen gebotene und angedeutete Vers lässt sich aufgrund der Lexik mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ergänzen und vorkanonisch herstellen. Die beiden unbezeugten Teile (οἴδαμεν δέ; ἐν τῷ νόμῳ) sind anderwärts vorkanonisch bezeugt, die Formulierung am Ende des Verses (πᾶς ὁ κόσμος τῷ θεῷ) steht nur hier, wir dürfen folglich davon ausgehen, dass der Vers, wie oben gegeben, vorkanonisch stand. (3,20) Für den nicht bezeugten Versteil: διότι, das 26 / 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,28. ♦ ἔργον, ein Begriff, der 187 / 169 Mal im NT steht, findet sich vornehmlich auf der kanonischen Ebene, ist aber vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,48; *Gal 2,16; 3,10; 5,19; *1Kor 3,13. 14; 5,2, 5,19; *Kol 1,21. ♦ δικαιόω, das 59 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. ♦ πᾶσα(ι) (Nom. / Vok. Fem. Sg. / Pl.), das 60 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29 (mit der Formulierung: πᾶσα σάρξ). ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4. ♦ ἐνώπιον steht 100 / 94 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἐπίγνωσις, das 21 / 20 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 10,2. ♦ ἁμαρτία, das 184 / 173 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,4; *Röm 5,21; 7,7. 11; 8,3. 10; 14,23; *2Thess 2,3. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt den Angaben Tertullians, auch wenn die Lexik dafürspricht, dass der kanonische Text vorkanonisch gestanden haben könnte. (3,21) Die Kombination νυνὶ δέ steht 18 Mal im NT, davon 14 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,13 (Verseröffnung), vgl. zu 2Kor 8,11. ♦ χωρίς steht 43 / 41 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,12. ♦ Die Wendung χωρὶς νόμου steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Röm 7,9. ♦ Die Wendung 72 Rekonstruktion <?page no="1683"?> δικαιοσύνη θεοῦ steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in 2Kor 5,21. ♦ φανερόω, das 54 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 2,14; 3,3; 4,10. 11; 5,10; *Röm 3,21; *Kol 3,4. ♦ μαρτυρέω, das 90 / 76 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 10,2. ♦ Die Wendung ὑπὸ τοῦ νόμου steht noch 1 weiteres Mal in Jak 2,9. ♦ προφήτης, das 157 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 12,28; 14,32; *1Thess 2,15. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt wieder dem Zeugnis Tertullians. Ob das unbezeugte δὲ χωρὶς νόμου stand, ist unsicher, der Satz wäre auch ohne diesen Passus verständlich. Der unbezeugte Schluss des Verses scheint auf die kanonische Redaktion zurückzugehen, wie das ὑπὸ τοῦ νόμου andeutet. (3,22) Die Wendung δικαιοσύνη δὲ θεοῦ greift das δικαιοσύνη θεοῦ von Vers 21 auf und wirkt wie eine kanonische Duplikation, die den Gedanken spezifiziert. ♦ Die Wendung διὰ πίστεως Ἰησοῦ Χριστοῦ steht 1 weiteres Mal in Gal 2,16, während dort die vorkanonisch bezeugte Wendung διὰ πίστεως lautet. ♦ Zu πάντας vgl. zuvor zu Vers 9. ♦ Die Wendung εἰς πάντας steht 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 3,22; 5,12. 18; 10,12; 16,19; 2Kor 9,13; Eph 1,15; Kol 1,4; 1Thess 3,12; 4,10; 5,15; Phlm 1,5; Jud 1,25). ♦ Zu πιστεύω vgl. zuvor Vers 2. ♦ διαστολή, das 3 Mal im NT begegnet, ist nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ Die Wendung οὐ γάρ ἐστιν διαστολή begegnet noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 10,12. Zur Rekonstruktion: Wiederum folgt der Text dem Zeugnis Tertullians. Wie der Ausdruck εἰς πάντας und die Wendung οὐ γάρ ἐστιν διαστολή stützen, scheinen die nichtbezeugten Versteile vorkanonisch gefehlt zu haben. 3,[23-31]: [Gott macht Beschnittene und Unbeschnitte gerecht] Diese für die vorkanonische Version unbezeugte und der Lexik zufolge auch fehlende Passage ist eine kanonische Erweiterung. Sie detailliert, wie sie sich das Verhältnis Gottes zu Beschnittenen und Unbeschnittenen vorstellt. - 23 πάντες γὰρ ἥμαρτον καὶ ὑστεροῦνται τῆς δόξης τοῦ θεοῦ, 24 δικαιούμενοι δωρεὰν τῇ αὐτοῦ χάριτι διὰ τῆς ἀπολυτρώσεως τῆς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ· 25 ὃν προέθετο ὁ θεὸς ἱλαστήριον διὰ [τῆς] πίστεως ἐν τῷ αὐτοῦ αἵματι εἰς ἔνδειξιν τῆς δικαιοσύνης αὐτοῦ διὰ τὴν πάρεσιν τῶν προγεγονότων ἁμαρτημάτων 26 ἐν τῇ ἀνοχῇ τοῦ θεοῦ, πρὸς τὴν ἔνδειξιν τῆς δικαιοσύνης αὐτοῦ ἐν τῷ νῦν καιρῷ, εἰς τὸ εἶναι αὐτὸν δίκαιον καὶ δικαιοῦντα 4 (Röm) 73 <?page no="1684"?> 74 Detering nimmt den kanonischen Text der Verse 22b-24, 27-28, die anderen Verse für abwesend, ibid. 75 M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion (2018), 249-250. 76 C.H. Talbert, A Non-Pauline Fragment at Romans 3: 24-26? (1966). τὸν ἐκ πίστεως Ἰησοῦ. 27 Ποῦ οὖν ἡ καύχησις; ἐξεκλείσθη. διὰ ποίου νόμου; τῶν ἔργων; οὐχί, ἀλλὰ διὰ νόμου πίστεως. 28 λογιζόμεθα γὰρ δικαιοῦσθαι πίστει ἄνθρωπον χωρὶς ἔργων νόμου. 29 ἢ Ἰουδαίων ὁ θεὸς μόνον; οὐχὶ καὶ ἐθνῶν; ναὶ καὶ ἐθνῶν, 30 εἴπερ εἷς ὁ θεός, ὃς δικαιώσει περιτομὴν ἐκ πίστεως καὶ ἀκροβυστίαν διὰ τῆς πίστεως. 31 νόμον οὖν καταργοῦμεν διὰ τῆς πίστεως; μὴ γένοιτο, ἀλλὰ νόμον ἱστάνομεν. A. Die Verse sind vorkanonisch unbezeugt. B. (3,30) Anstelle von εἴπερ findet sich die Variante ἐπείπερ in 01 2 , 06*, 010, 012, 020, 025, 044, 33, 104, 630, 1175, 1241, 1505, 1881, 2464, M, Ir lat . C. (3,23-31) Zahn nimmt an, dass die Verse 23-30 in unbestimmbarer Wortform präsent sind, während Vers 31 fehle. 74 Wie zu den Versen 20-21 zuvor vermerkt, rechnet Harnack mit einem unmittelbaren Übergang von Vers 21 zu *Röm 4,25 und 5,1. Schmid sieht alle Verse 3,22-4,25 als unbezeugt. BeDuhn notiert ebenfalls die fehlende Bezeugung der Verse 23-30, doch gibt er wegen des narrativen Zusammenhangs eine Übersetzung des folgenden Wortbestands in Klammern: [23 πάντες γὰρ ἥμαρτον καὶ ὑστεροῦνται τῆς δόξης τοῦ θεοῦ, 24 δικαιούμενοι δωρεὰν τῇ αὐτοῦ χάριτι διὰ τῆς ἀπολυτρώσεως τῆς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ: 27 Ποῦ οὖν ἡ καύχησις; ἐξεκλείσθη]. Matthias Klinghardt nimmt *Röm 3,25. 27-31 als präsent an. 75 Röm 3,24-26 wird als Interpolation gesehen von C.H. Talbert. 76 D. (3,23) Zu πάντες vgl. zuvor zu Vers 12. ♦ Die Kombination πάντες γάρ steht 14 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mt 11,13; Mk 6,50; 12,44; Lk 21,4; Röm 3,23; Gal 3,26; 1Thess 5,5), vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *Gal 3,26; im Vers steht es in Lk 20,38, in einem Vers, der in *Ev fehlt und weiter auf der kanonischen Ebene. ♦ ἁμαρτάνω, das 47 / 43 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 2,12; *Laod 4,26. ♦ ὑστερέω steht 19 / 16 Mal im NT, nur 74 Rekonstruktion <?page no="1685"?> 77 Dass dieser Begriff auf die Septuaginta verweist, zeigt T.J. Do, The LXX Background of ΙΛΑΣΤΗΡΙΟΝ in Rom 3,25 (2009). für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ δόξα + τοῦ θεοῦ steht 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,5. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὑστερέω; δόξα + τοῦ θεοῦ. (3,24) δικαιόω, das 59 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. ♦ δωρεάν steht 14 / 9 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form χάριτι steht 24 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,52, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 3 Mal Apg; Röm 3,24; 5,15; 11,6; 1Kor 1,4; 10,30; 15,10; 2Kor 1,12; 8,7. 19; Gal 1,6; Eph 2,5. 8; Kol 3,16; 4,6; 2Thess 2,16; 2Tim 2,1; Tit 3,7; Hebr 2,9; 13,9; 2Petr 3,18). ♦ ἀπολύτρωσις, das 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Kombination ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ begegnet 47 Mal im Neuen Testament, ausschließlich im kanonischen Paulus, vgl. zu 1Kor 1,4. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: χάριτι; ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ. (3,25) προτίθημι, das 3 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 1,9. ♦ ἱλαστήριος steht nur hier und nochmals auf der kanonischen Ebene (Hebr 9,5). 77 ♦ ἔνδειξις steht 5 / 4 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. Auch das zugehörige Verb ἐνδείκνυμι, das 12 / 11 Mal im NT steht, begegnet nur auf dieser Ebene. ♦ δικαιοσύνη, das 97 / 92 Mal im NT steht, ist ein bedeutender Begriff der kanonischen Redaktion, wenn er auch vorkanonisch bezeugt ist für *Röm 1,17; 3,21; 5,21; 8,10; 10,3. 4; *Phil 3,9. ♦ πάρεσις und προγίγνομαι sind Hapax legomena im NT. ♦ ἁμάρτημα, das 6 Mal im NT zu finden ist, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἱλαστήριος; ἔνδειξις; ἁμάρτημα. Auffallend ist, dass *Laod wieder ein Zeuge für das sonst nur kanonisch stehende προτίθημι ist, was wiederum die Nähe von *Laod zur kanonischen Lexik unterstreicht. (3,26) ἀνοχή, das nur noch 1 weiteres Mal im NT in Röm 3,25 steht, findet sich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu dem kanonischen Begriff ἔνδειξις vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ Die Kombination ἐν τῷ νῦν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 8,14. ♦ καιρός steht 90 / 86 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,10; 6,9. 10; *1Kor 7,29; *Röm 5,6. ♦ Die Wendung ἐν τῷ 4 (Röm) 75 <?page no="1686"?> 78 Die Formel εἰς τό + Infinitiv ist bereits Weisse aufgefallen und verdächtig gewesen, vgl. zuvor zu Röm 1,20, vgl. C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 15-16. νῦν καιρῷ steht 3 Mal im NT, je auf der kanonischen Ebene (Röm 3,26; 11,5; 2Kor 8,14). ♦ Zum Infinitiv εἶναι vgl. zuvor zu Vers 9. ♦ αὐτόν, das 841 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 2,16; 15,25l *2Thess 2,4; *Laod 1,20; *Kol 1,20. ♦ Die Wendung εἰς τὸ εἶναι αὐτόν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. 78 ♦ Die kürzere Wendung εἰς τὸ εἶναι steht 8 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 1,12. ♦ δίκαιος, das 84 / 79 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,11; *Röm 2,13; 7,12; *2Thess 1,6. ♦ Die Form δικαιοῦντα steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Röm 4,5. ♦ Die Formulierung ἐκ πίστεως Ἰησοῦ steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Gal 3,22. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀνοχή; ἔνδειξις; ἐν τῷ νῦν καιρῷ; εἰς τὸ εἶναι αὐτόν; δικαιοῦντα; ἐκ πίστεως Ἰησοῦ. Erneut sticht *Laod heraus als einziger Zeuge für eine sonst kanonische Lexik (εἰς τὸ εἶναι). (3,27) ποῦ, das 51 / 48 Mal im NT steht, davon 4 Mal als Verseröffnung (Röm 3,27; 1Kor 1,20; 15,55; Gal 4,15), ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,55. ♦ Die Erweiterung ποῦ οὖν steht noch 1 weiteres Mal als Verseröffnung auf der kanonischen Ebene in Gal 4,15. ♦ καύχησις, das 13 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,30. ♦ ἐκκλείω steht nur noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene in Gal 4,17. ♦ Zu ποῖος vgl. zuvor zu Vers 12. ♦ ἔργον, das 187 / 169 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,48; *Gal 2,16; 3,10; 5,19; *1Kor 3,13. 14; 5,2, 5,19; *Kol 1,21. ♦ οὐχί, das 62 / 53 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20. ♦ Die Wendung διὰ νόμου steht 7 Mal im NT (Röm 2,12; 3,27; 4,13; 7,7; Gal 2,19. 21; Jak 2,12), vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,12; 7,7. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ποῦ οὖν; ἐκκλείω. (3,28) λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. ♦ δικαιόω steht 59 / 39 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. ♦ χωρὶς ἔργων steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 3,28; 4,6; Jak 2,26). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: λογίζομαι; χωρὶς ἔργων. 76 Rekonstruktion <?page no="1687"?> (3,29) μόνον, das 73 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,10; *1Kor 7,39. ♦ Zu οὐχί vgl. zuvor zu Vers 27. ♦ οὐχὶ καί steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 5,46. 47; Röm 3,29; 8,32; 1Thess 2,19). ♦ ναί, das 37 / 33 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,21; *2Kor 1,20. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegtes Element dieses kurzen Verses ist: οὐχὶ καί. (3,30) εἴπερ, das 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,3 und stand auch vielleicht in *Röm 8,9; *2Thess 1,6. ♦ Die Variante ἐπείπερ ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Wendung εἷς ὁ θεός begegnet 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 2,7; 10,8; Lk 18,19; Röm 3,30). ♦ δικαιόω steht 59 / 39 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. ♦ Das Nomen δικαίωσις steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ περιτομή steht 38 / 36 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,9; 5,6; *Röm 2,25. 29; *Laod 2,11. ♦ Die Wendung ἐκ πίστεως steht 23 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,11; *Röm 1,17; 5,1; 14,23. ♦ ἀκροβυστία steht 22 / 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,25. 27; *Laod 2,11. ♦ Die Wendung διὰ τῆς πίστεως steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,14. Ein ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegtes Element ist: εἷς ὁ θεός. (3,31) καταργέω, das 27 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15 und vielleicht *2Kor 3,11. 13. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten διὰ τῆς πίστεως vgl. zum voranstehenden Vers 3,30. ♦ Der Ausdruck μὴ γένοιτο steht 15 Mal im NT, etwa Lk 20,16 in einem Vers, der in *Ev fehlt, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,7. ♦ ἵστημι, das 191 / 154 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *2Kor 13,1; *2Kor 13,1; *Röm 10,3; *Laod 6,11. Wie gerade dieser Vers belegt, führt der lexikalische Vergleich nicht für alle Verse zum gleichen Ergebnis. Allein aufgrund der Lexik könnte Vers 31 durchaus im vorkanonischen Text gestanden sein, doch sind die fehlende Bezeugung und der narrative Zusammenhang mitzuberücksichtigen. Zum einen ist der Vers eng in den Kontext der voranstehenden, durch fehlende Bezeugung und Lexik der kanonischen Redaktion zuzuweisenden Verse eingebunden, zum anderen antwortet er nicht auf die Frage, die der letztbezeugte vorkanonische Vers *Röm 3,22 aufgeworfen hatte und die dann im nächstangedeuteten Vers *Röm 4,2 aufgegriffen wird. Röm 3,31 wird daher der kanonischen Redaktion zuzuschreiben sein, genau wie (aufgrund fehlender Bezeugung und Lexik) die vorangehenden Verse 3,23-30. Diejenigen früheren Editoren haben folglich richtig gesehen, die in Tertullians Übergehen von dieser Passage mit ihrem Fehlen rechneten. 4 (Röm) 77 <?page no="1688"?> [Kapitel 4] [4],[1-25]: [Abraham und seine Nachkommen] Dieses Kapitel hat nach allem, was wir wissen, vorkanonisch gefehlt. Die kanonische Redaktion erläutert weiter, was sie als Frage zum Ende von Kapitel 3 aufgeworfen hat: Heben wir das Gesetz durch den Glauben auf ? Dort hatte sie schon geantwortet: Nein, wir bestätigen es. Zur Stütze dient Kapitel 4. Das Gesetz und damit die Schrift wird nicht verworfen, sondern sie dient dem Argument. Abraham kann gepriesen werden, wenn auch nicht vor Gott. Denn dass man ihn rühmt, bezieht sich nur auf das Fleisch, weshalb sich erklärt, dass es kein Ruhm vor Gott sein kann. Dann folgt in den Versen 4,3ff. eine Schriftdeutung, auf die in §12 der Einleitung näher eingegangen wird. - 4,1 Τί οὖν ἐροῦμεν εὑρηκέναι Ἀβραὰμ τὸν προπάτορα ἡμῶν κατὰ σάρκα; - 2 εἰ γὰρ Ἀβραὰμ ἐξ ἔργων ἐδικαιώθη, ἔχει καύχημα· ἀλλ’ οὐ πρὸς θεόν. - 3 τί γὰρ ἡ γραφὴ λέγει; Ἐπίστευσεν δὲ Ἀβραὰμ τῷ θεῷ, καὶ ἐλογίσθη αὐτῷ εἰς δικαιοσύνην. 4 τῷ δὲ ἐργαζομένῳ ὁ μισθὸς οὐ λογίζεται κατὰ χάριν ἀλλὰ κατὰ ὀφείλημα· 5 τῷ δὲ μὴ ἐργαζομένῳ, πιστεύοντι δὲ ἐπὶ τὸν δικαιοῦντα τὸν ἀσεβῆ, λογίζεται ἡ πίστις αὐτοῦ εἰς δικαιοσύνην, 6 καθάπερ καὶ Δαυὶδ λέγει τὸν μακαρισμὸν τοῦ ἀνθρώπου ᾧ ὁ θεὸς λογίζεται δικαιοσύνην χωρὶς ἔργων, 7 Μακάριοι ὧν ἀφέθησαν αἱ ἀνομίαι καὶ ὧν ἐπεκαλύφθησαν αἱ ἁμαρτίαι· 8 μακάριος ἀνὴρ οὗ οὐ μὴ λογίσηται κύριος ἁμαρτίαν. 9 ὁ μακαρισμὸς οὖν οὗτος ἐπὶ τὴν περιτομὴν ἢ καὶ ἐπὶ τὴν ἀκροβυστίαν; λέγομεν γάρ, Ἐλογίσθη τῷ Ἀβραὰμ ἡ πίστις εἰς δικαιοσύνην. 10 πῶς οὖν ἐλογίσθη; ἐν περιτομῇ ὄντι ἢ ἐν ἀκροβυστίᾳ; οὐκ ἐν περιτομῇ ἀλλ’ ἐν ἀκροβυστίᾳ· 11 καὶ σημεῖον ἔλαβεν περιτομῆς, σφραγῖδα τῆς δικαιοσύνης τῆς πίστεως τῆς ἐν τῇ ἀκροβυστίᾳ, εἰς τὸ εἶναι αὐτὸν πατέρα πάντων τῶν πιστευόντων δι’ ἀκροβυστίας, εἰς τὸ λογισθῆναι [καὶ] αὐτοῖς [τὴν] δικαιοσύνην, 12 καὶ πατέρα περιτομῆς τοῖς οὐκ ἐκ περιτομῆς μόνον ἀλλὰ καὶ τοῖς στοιχοῦσιν τοῖς ἴχνεσιν τῆς ἐν ἀκροβυστίᾳ πίστεως τοῦ πατρὸς ἡμῶν Ἀβραάμ. 78 Rekonstruktion <?page no="1689"?> 13 Οὐ γὰρ διὰ νόμου ἡ ἐπαγγελία τῷ Ἀβραὰμ ἢ τῷ σπέρματι αὐτοῦ, τὸ κληρονόμον αὐτὸν εἶναι κόσμου, ἀλλὰ διὰ δικαιοσύνης πίστεως· - 14 εἰ γὰρ οἱ ἐκ νόμου κληρονόμοι, κεκένωται ἡ πίστις καὶ κατήργηται ἡ ἐπαγγελία· 15 ὁ γὰρ νόμος ὀργὴν κατεργάζεται· οὗ δὲ οὐκ ἔστιν νόμος, οὐδὲ παράβασις. 16 διὰ τοῦτο ἐκ πίστεως, ἵνα κατὰ χάριν, εἰς τὸ εἶναι βεβαίαν τὴν ἐπαγγελίαν παντὶ τῷ σπέρματι, οὐ τῷ ἐκ τοῦ νόμου μόνον ἀλλὰ καὶ τῷ ἐκ πίστεως Ἀβραάμ (ὅς ἐστιν πατὴρ πάντων ἡμῶν, 17 καθὼς γέγραπται ὅτι Πατέρα πολλῶν ἐθνῶν τέθεικά σε) κατέναντι οὗ ἐπίστευσεν θεοῦ τοῦ ζῳοποιοῦντος τοὺς νεκροὺς καὶ καλοῦντος τὰ μὴ ὄντα ὡς ὄντα· 18 ὃς παρ’ ἐλπίδα ἐπ’ ἐλπίδι ἐπίστευσεν εἰς τὸ γενέσθαι αὐτὸν πατέρα πολλῶν ἐθνῶν κατὰ τὸ εἰρημένον, Οὕτως ἔσται τὸ σπέρμα σου· 19 καὶ μὴ ἀσθενήσας τῇ πίστει κατενόησεν τὸ ἑαυτοῦ σῶμα [ἤδη] νενεκρωμένον, ἑκατονταετής που ὑπάρχων, καὶ τὴν νέκρωσιν τῆς μήτρας Σάρρας, 20 εἰς δὲ τὴν ἐπαγγελίαν τοῦ θεοῦ οὐ διεκρίθη τῇ ἀπιστίᾳ ἀλλ’ ἐνεδυναμώθη τῇ πίστει, δοὺς δόξαν τῷ θεῷ 21 καὶ πληροφορηθεὶς ὅτι ὃ ἐπήγγελται δυνατός ἐστιν καὶ ποιῆσαι. 22 διὸ καὶ ἐλογίσθη αὐτῷ εἰς δικαιοσύνην. 23 Οὐκ ἐγράφη δὲ δι’ αὐτὸν μόνον ὅτι ἐλογίσθη αὐτῷ, 24 ἀλλὰ καὶ δι’ ἡμᾶς οἷς μέλλει λογίζεσθαι, τοῖς πιστεύουσιν ἐπὶ τὸν ἐγείραντα Ἰησοῦν τὸν κύριον ἡμῶν ἐκ νεκρῶν, 25 ὃς παρεδόθη διὰ τὰ παραπτώματα ἡμῶν καὶ ἠγέρθη διὰ τὴν δικαίωσιν ἡμῶν. A. 4,2: Vgl. Hegemonius, Acta Arch. 45 (66,17-18 Beeson): Abraham habet gloriam, sed non apud deum. Vgl. aber Tert., Adv. Marc. V 4,8: sed ut furibus solet aliquid excidere de praeda in indicium, ita credo et Marcionem novissimam Abrahae mentionem dereliquisse, nulla magis auferenda, etsi ex parte convertit. Vgl. auch die Capitula Amiatina, die als Sektionskennung Röm 3,27 und dann wieder Röm 5,1 aufführen. ♦ 4,3: Vgl. Gen 15,6 LXX: καὶ ἐπίστευσεν Αβραμ τῷ θεῷ, καὶ ἐλογίσθη αὐτῷ εἰς δικαιοσύνην. ♦ 4,7-8: Vgl. Ps 31,1-2 LXX: 1 Μακάριοι ὧν ἀφέθησαν αἱ ἀνομίαι καὶ ὧν ἐπεκαλύφθησαν αἱ ἁμαρτίαι. 2 μακάριος ἀνήρ, οὗ οὐ μὴ λογίσηται κύριος ἁμαρτίαν, οὐδὲ ἔστιν ἐν τῷ στόματι 4 (Röm) 79 <?page no="1690"?> 79 So auch Detering, der das gesamte Kapitel 4 für abwesend hält, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 60-71. 171-173. 80 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 94-105. 81 Ibid. 89-90. αὐτοῦ δόλος. ♦ 4,18: Vgl. Gen 15,5-6 LXX: 5 … καὶ εἶπεν Οὕτως ἔσται τὸ σπέρμα σου. 6 καὶ ἐπίστευσεν Αβραμ τῷ θεῷ, καὶ ἐλογίσθη αὐτῷ εἰς δικαιοσύνην. B. (4,1) Für den Passus εὑρηκέναι Ἀβραὰμ τὸν προπάτορα ἡμῶν, den NA 28 bietet und der sich in den Zeugen 01*, 02, 04*, 81. 365. 1506. Sa, bo? , Or lem findet, gibt es folgende Varianten: εὑρηκέναι ist ausgelassen in 03, 6, 1739; Ἀβραὰμ τὸν πατέρα ἡμῶν εὑρηκέναι bieten 018, 020, 025, 33, 104, 630, 1175, 1241, 1505. 1881, 2464, M; εὑρηκέναι Ἀβραὰμ τὸν πατέρα ἡμῶν bieten 01 1 , 04 3 , 06, 010, 012, 044, 629, 1739, latt. ♦ (4,22) Post διό om καί in 03, 06*, 010, 012, b, m, syp, co, add in 01, 04, 061, 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1506, 1739, 1881, 2464, M, lat, sy h . C. 1. (4,1-12) Die Verse 1-12 werden von allen Editoren als unbezeugt angesehen. Zahn sieht sie darüber hinaus auch als abwesend von dem Römerbrief in Markions Sammlung. 79 Man bedenke Tertullians Hinweis auf das Fehlen von Abraham bei Markion anlässlich *Gal 4,22: Tert., Adv. Marc. V 4,8. Vgl. zum unmittelbaren Übergang von Röm 3,27 zu Röm 5,1 die sog. Capitula Amiatina und Capitula Regalia, die jüngst eingehend von Goldmann besprochen und für die Frage nach Röm 4 herangezogen wurden. 80 Dabei deutet er die Kapitel‐ angabe (Capitula Amiatina: De iustificatione hominis per fidem sine operibus; Capitula Regalia: De iustificatione hominis per fidem) als Referenz auf Röm 3,28 („Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes“), doch dieser Vers ist von Tertullian nicht bezeugt. Die Referenz geht vielmehr auf *Röm 3,21-22 (*Röm 3,21-22: „unabhängig vom Gesetz die Gerechtigkeit Gottes… durch Glauben an Christus“), hier fehlt nur der Begriff „Mensch“, der jedoch in dem „wir“ von Vers *Röm 3,19 gefasst sein kann. Goldmann weist bei der Besprechung von Tertullians Aussagen zu Abraham darauf hin, dass diese Ausführungen bereits zur Diskussion von *Gal 4,22-26 gemacht werden, nicht hier zum Römerbrief. 81 Zudem unterstrichen die beiden Capitula, dass das Abrahamkapitel 4 des Rö‐ merbriefes in den zugrundeliegenden Handschriften, für die diese Kapitellisten ursprünglich hergestellt wurden, gänzlich nicht enthalten war, gestützt durch „die beiden Kapitelverzeichnisse als metatextuelle Belege einer Textfassung des Römerbriefes-… in dem das Abrahamkapitel vollständig fehlte.“ 82 80 Rekonstruktion <?page no="1691"?> 82 Ibid. 104. 83 Vgl. zu diesen Passagen B. Kowalski, Zur Funktion der Schriftzitate in Röm 9,19-29: Gottes Zorn und Erbarmen (2009), 713. 84 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 350*. Es sticht natürlich ins Auge, dass nicht nur die Abrahamstellen in *Paulus fehlen sollen, sondern überhaupt etwa in *Röm die drei „zentral(en)“ Abschnitte mit jüdischen Schriftzitaten und Beweisen, „Röm 4,1-25; 9,6-11,36; 15,1-12“ für *Röm als (weithin) abwesend bezeugt sind. 83 Wenn nun Tertullian und die Capitula *Röm 4 als abwesend erweisen, wie steht es mit dem Zeugnis des Hegemonius? Betrachtet man sich die Stelle bei Hegemonius und sieht, dass kurz zuvor Gal 2,18 nach dem kanonischen Text zitiert wird, wird er auch Röm 4,2 nach dieser Version angeführt haben, fällt folglich als vorkanonischer Zeuge für diesen Vers aus. 2. (4,1) Auch wenn, wie der lexikalische Vergleich weiter unten erweist, dies‐ bezüglich nichts gegen die vorkanonische Anwesenheit dieses Verses spricht, ist die Bezeichnung Abrahams als Vorvater dem Fleisch nach zu bedenken. Nachdem vorkanonisch in *Gal 4,21-26. 31 ausdrücklich von *Paulus bestritten wird, dass die Gläubigen nicht Kinder der Sklavin, sondern im Unterschied zu den Kindern des ersten Testaments Nachkommen der Freien sind und ausdrücklich darauf verwiesen wird, dass die Kinder der Sklavin „dem Fleisch nach“ gezeugt wurden, die Kinder des zweiten Testaments jedoch „aufgrund der Verheißung“ gezeugt wurden, lässt sich eine Vorvaterschaft Abrahams „dem Fleisch nach“ lediglich aus den Überlegungen auf der kanonischen Ebene ableiten, wie sie in den Versen Gal 4,27-30 angestellt werden. Denn dort wird der Gegensatz „dem Fleisch nach“ - „der Verheißung nach“ nur mehr allegorisch und nicht mehr literal verstanden. Denn Isaak wird als „der Verheißung nach“ Gezeugter eingeführt und als Bruder derjenigen bezeichnet, die Kinder des zweiten Bundes sind. Nur bei einer solchen Interpretation lässt sich auch Röm 4,1 formulieren. Dieser Vers gehört folglich zur kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 3. (4,2) BeDuhn verweist für diesen Vers auf das Zeugnis des Hegemonius, Acta Arch. 45. Harnack hatte jedoch bereits unter Kenntnis dieser Quelle geur‐ teilt, dass „bei M. dieser Vers wahrscheinlich nicht“ zu finden war. 84 Goldmann zitiert diese Meinung Harnacks, betont auch, dass diese Passage aus den Acta Archelai des Hegemonius aus dem 4. Jh., in welchen Markion nur zwei Mal erwähnt wird, in Wahrheit über Mani handele, woraus er - gegen BeDuhn - schließt, dass „grundsätzlich keinerlei stichhaltige Hinweise erkennbar sind, dass in der (fiktiven) Disputation mit Mani tatsächlich Zitate aus der Bibel 4 (Röm) 81 <?page no="1692"?> 85 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 92. Marcions verwendet wurden“. 85 Das scheint mir jedoch eine petitio principii zu sein, die weder widerlegt noch bewahrheitet werden kann. Denn, da wir erst den Bibeltext, den Markion bezeugt, aus den Quellen rekonstruieren müssen, für diese Stelle aber lediglich die Acta Archelai zeugen, lässt sich allenfalls deren Widerspruch zu Tertullians Aussage herausstellen, wonach Markion den Namen Abraham mit Ausnahme von *Gal 4,22 überall getilgt habe. Der lexikalische Befund, wie unten in D. gezeigt, stützt das Zeugnis des Hegemonius. Aufgrund dieser Basis könnte man folglich mit BeDuhn und gegen Tertullian (und Goldmann) den bezeugten Text in die Rekonstruktion hineinnehmen. Allerdings bedarf es immer auch eines Blickes auf das weitere Kriterium der narrativen Konsistenz. Und auch dieses spricht für die Präsenz von Vers 2. Auch wenn der nächstbezeugte und im Text auch vorhandene Vers *Röm 5,1 unmittelbar an *Röm 3,19-22 angeschlossen werden könnte, ein Zusammenhang, der auch bei Tertullian gegeben ist und auf den Harnack wiederum zur Stelle verwiesen hat, so fügt sich doch Vers 2 zu Abraham in die Argumentation ein. In den Versen 3,19-22 wird vom „Unterschied“ gesprochen zwischen einer Gerechtigkeit derer, „die unter dem Gesetz leben“ und derer, die „unabhängig vom Gesetz … durch Glauben an Christus“ „die Gerechtigkeit“ erkannt haben. Am Ende von Vers 3,22 wird die Frage „Was ist der Unterschied? “ gestellt, sie wird mit den Versen *Röm 4,2 und in *Röm 5,1 beantwortet. Abraham mag man zwar Ruhm zugestehen, doch dies ist kein Ruhm vor Gott (*Röm 4,2). „Gerecht gemacht“ wird man nur „aus dem Glauben Christi, nicht aus dem Gesetz“ (*Röm 5,1). Auch wenn der Vers nicht zwingend notwendig ist, da weder Gesetz noch Werke erwähnt werden, dient er doch der Verdeutlichung der Antithese. Letztlich erklärt sich erst aus dieser Erwähnung des Abraham als Teil der Antithese, warum die kanonische Redaktion einen langen Exkurs zu Abraham hinzufügt. Mit dem von Hegemonius in den Acta Archelai bezeugten Vers wird die narrative Konsistenz jedoch gestärkt. Wenn dem so ist, wäre zu erklären, warum Tertullian über den Vers hinweggegangen ist und bereits zur Galaterstelle auf diesen ganzen Zusammenhang zu sprechen kam und ausführte, Markion habe alle andere Erwähnungen Abrahams gestrichen. Mag sein, dass Tertullian dies auf die wiederholte Erwähnung des Abraham und damit auf das gesamte Kapitel 4 bezogen hat, den einen Vers hätte er dann übergangen. Vielleicht gibt es aber auch einen inhaltlichen Grund für Tertullian, bietet der Vers 4,2 doch eine massive Kritik des *Paulus an Abraham - er wird nicht nur in Gegensatz zu den an Christus Glaubenden gestellt, sondern Abraham wird als 82 Rekonstruktion <?page no="1693"?> 86 M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion (2018), 230. 87 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 298. 88 J.A. Fitzmyer, Romans. A new translation with introductions and commentary (1993), 65. 89 Ibid. jemand betrachtet, der den falschen Ruhm erstrebt hat, nämlich keinen solchen „vor Gott“. Eine solche Tertullian entgegenstehende Abrahamsvorstellung mag der Rhetor vielleicht absichtlich unterschlagen haben und grosso motto von Markions Tilgung des gesamten Kapitels gesprochen haben. Gewissheit werden wir hier nicht erlangen, doch aufgrund des äußeren Zeugnisses in den Capitula Amiatina und Capitula Regalia wird man letztlich doch von der Abwesenheit des Kapitels als Ganzes ausgehen können. 4. (4,3-12) Wie zu den Versen 1-2 vermerkt, nehmen alle Editoren diese Verse für unbezeugt an. Mit dieser Passage und dem Rest des Kapitels 4 reagiert die kanonische Redaktion auf die vorkanonisch in Vers 2 geäußerte Kritik an Abraham und bemüht sich, diese zu relativieren. 5. (4,9-12) Mit der ständigen Wiederholung des kanonischen λογίζομαι erweisen sich diese Verse als ebenfalls zur kanonischen Redaktion gehörend. 6. (4,13) Alle Editoren halten diesen Vers für unbezeugt, für Zahn hat er auch bei *Paulus gefehlt. In seine Rekonstruktion nimmt auch BeDuhn weder Vers 13 noch die anderen Verse 3-25 auf. Matthias Klinghardt rechnet damit, dass Röm 4,13 wie überhaupt das ganze Kapitel 4 in der vorkanonischen Fassung fehlt. 86 7. (4,14-25) Alle Editoren sehen die Verse 14-24 als unbezeugt an. Zahn rechnet auch mit ihrer Abwesenheit von *Röm. BeDuhn vermerkt zu Recht, dass zwar weder Tertullian noch Epiphanius von einer größeren Auslassung in Kapitel 4 sprechen, aber dass man „von ihnen erwarten würde, dass sie etwas aus dem gegen Markion sprechenden Inhalt zitieren würden“ (eigene Übers.). 87 8. (4,14) Dieser Vers wird als „sekundäre Glosse“ betrachtet durch J.A. Fitzmyer. 88 9. (4,17-19) Diese Verse werden als „sekundäre Glosse“ betrachtet durch J.A. Fitzymer. 89 10. (4,17) Das Zitat aus Gen 17,5 LXX wird weder von Tertullian noch von Epiphanius für den Römerbrief des Markion angezeigt. 11. (4,18) Erneut liegt ein Zitat aus Gen vor, hier Gen 15,5 LXX, das weder von Tertullian noch von Epiphanius für den Römerbrief Markions reklamiert wird. D. (4,1) Die Wendung τί οὖν ἐροῦμεν steht 6 Mal im NT, ausschließlich im Römerbrief und stets als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,7. ♦ εὑρίσκω, das 4 (Röm) 83 <?page no="1694"?> 90 Vgl. A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020). 198 / 176 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Phil 2,7. ♦ προπάτωρ ist Hapax legomenon im NT. ♦ πατήρ im Singular, der 297 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,3; 5,1; *Laod 1,17; 2,18; 4,6; 5,31; 6,2, vgl. auch weiters die Verse 11. 12. 16. 17. 18. ♦ Der Ausdruck κατὰ σάρκα steht 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23; *Röm 8,4. 5. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Lexik auf, derzufolge der Vers vorkanonisch gestanden haben könnte. Doch hier sind die inhaltlichen Überlegungen zu berücksichtigen, die in C. 2 angestellt werden und das vorkanonische Fehlen des Verses begründen. (4,2) Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröffnung, als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. ♦ Ἀβραάμ, der 75 / 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,22; *Röm 4,2. ♦ ἔργον, das 187 / 169 Mal im NT steht, ist in der Wendung τὸ ἔργον νόμου vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,16; 5,19, jedoch in negativer Deutung. Auch wenn hier τὸ ἔργον ohne Erweiterung von νόμου steht, so bezieht sich der Vers doch auf die kanonischen Verse Röm 3,21-22, einen Zusammenhang, der τὸ ἔργον auf νόμος bezieht. Die Differenz, die Goldmann etwa zwischen dem spezifischen Gebrauch von τὸ ἔργον νόμου gegenüber einer unbestimmten Verwendung von τὸ ἔργον sieht, folgt eigentlich erst in den Ausführungen von Röm 4,4-6. 90 ♦ δικαιόω, das 59 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. ♦ Die Form ἐδικαιώθη steht 6 Mal im NT, in Lk 7,35 in einem Vers, der in *Ev fehlt und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (Mt 11,19; Lk 7,35; Röm 4,2; 1Tim 3,16; Jak 2,21. 25). ♦ καύχημα, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15. ♦ Die Kombination ἀλλ’ οὐ steht 34 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *1Kor 10,5; im Vers für *Röm 10,2. ♦ Die Wendung πρὸς θεόν steht nur hier. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Ele‐ menten auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehen (Verseröffnung εἰ γάρ; Semantik von ἔργον; ἐδικαιώθη). (4,3) Die Kombination τί γάρ steht 7 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 5,12. ♦ ἡ γραφή ist ein Begriff der kanonischen Redaktion, vgl. zu Gal 4,30. ♦ πιστεύω, das 265 / 243 Mal im NT 84 Rekonstruktion <?page no="1695"?> steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,11; 20,5; 22,67; 24,25; *1Kor 1,21 (τοὺς πιστεύοντας); 15,11; *Röm 1,16 (τῷ πιστεύοντι); 10,4 (τῷ πιστεύοντι); *2Thess 2,12 (οἱ μὴ πιστεύσαντες); *Laod 1,13 (πιστεύσαντες), vgl. außerdem die Verse 5. 11. 17. 18. 24. ♦ Die Form Ἀβραὰμ ἐπίστευσεν steht 14 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (5 Mal Joh; 3 Mal Apg; Röm 4,3. 17. 18; 10,16; Gal 3,6: Ἀβραὰμ ἐπίστευσεν τῷ θεῷ εἰς δικαιοσύνην; Jak 2,23: Ἐπίστευσεν δὲ Ἀβραὰμ τῷ θεῷ). ♦ λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. ♦ Die Wendung εἰς δικαιοσύνην steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 10,4. ♦ Zum gesamten Vers vergleiche Jak 2,23: καὶ ἐπληρώθη ἡ γραφὴ ἡ λέγουσα, Ἐπίστευσεν δὲ Ἀβραὰμ τῷ θεῷ, καὶ ἐλογίσθη αὐτῷ εἰς δικαιοσύνην, καὶ φίλος θεοῦ ἐκλήθη. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers stellt i.W. ein Zitat von Gen 15,6 LXX dar. Die Verseröffnung weist bereits auf die kanonische Ebene hin, Tertullian hätte sich den Vers auch kaum entgehen lassen, zumal er auf die Abwesenheit der Erwähnungen Abrahams bei Markion bereits im Kommentar zum Galaterbrief hingewiesen hatte. Der Vers wird folglich vorkanonisch gefehlt haben. Für die nachfolgenden Verse werden lediglich die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elemente hervorgehoben und am Ende des Passus eine summarische Bewertung gegeben. (4,4) Die Kombination τῷ δέ steht 12 Mal im NT, davon 10 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 3,16. ♦ ἐργάζομαι, das 51 / 41 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 6,10; *2Kor 11,13. ♦ μισθός, das 30 / 29 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,7; *1Kor 3,14. ♦ Zum kanonischen λογίζομαι vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ Die Wendung κατὰ χάριν steht 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 4,16. ♦ ὀφείλημα steht nur noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene (Mt 6,12). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: τῷ δέ; λογίζομαι; κατὰ χάριν; ὀφείλημα. (4,5) Zur kanonischen Kombination τῷ δέ vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ἐργάζομαι vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ πιστεύοντι (Präs. Part. Akt. Dat. Mask. Sg.) steht 4 Mal im NT, Mk 9,23; Röm 1,16; 4,5; 10,4, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,16; 10,4. ♦ ἀσεβής steht 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,6. ♦ Zum kanonischen λογίζομαι vgl. zuvor Vers 4,3. ♦ Zu dem auch vorkanonisch bezeugten εἰς δικαιοσύνην vgl. zuvor zu Vers 1. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: τῷ δέ; λογίζομαι. 4 (Röm) 85 <?page no="1696"?> (4,6) καθάπερ steht 14 / 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 12,12. ♦ Δαυίδ steht 63 / 59 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ μακαρισμός, das 3 Mal im NT steht, ist nur kanonisch belegt. ♦ Zum kanonischen λογίζομαι vgl. zuvor Vers 4,3. ♦ Die Wendung χωρὶς ἔργων steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Röm 3,28. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: καθάπερ; μακαρισμός; λογίζομαι; χωρὶς ἔργων. (4,7) μακάριος steht 49 / 50 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Das Perso‐ nalpronomen ὧν, das 78 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; *2Thess 2,10. ♦ ἀφίημι steht 22 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀνομία, das 16 / 15 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐπικαλύπτω ist Hapax legomenon im NT. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀφίημι; ἀνομία. Zu bemerken ist, dass es sich i.W. um ein Zitat aus Ps 31,1 LXX handelt. Hätte Tertullian dieser Text vorgelegen, wäre er wohl darauf zu sprechen gekommen, dass hier die jüdische Schrift zitiert wird. (4,8) Zum vorkanonisch bezeugten μακάριος vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ ἀνήρ, das 227 / 216 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 7,10. 11; 11,3. 7. 8; *Laod 5,22. 23. ♦ Die Kombination οὗ οὐ steht 9 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 3,11; Mk 1,7; Lk 3,16, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 2 Mal Joh; Apg 13,25; Röm 4,8; 10,14; Apk 13,8). ♦ Zum kanonischen λογίζομαι vgl. zuvor Vers 4,3. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὗ οὐ; λογίζομαι. Zu bemerken ist, dass es sich i.W. um ein Zitat aus Ps 31,2 LXX handelt. Hätte Tertullian dieser Text vorgelegen, wäre er wohl darauf zu sprechen gekommen, dass hier die jüdische Schrift zitiert wird. (4,9) Zum kanonischen μακαρισμός vgl. zuvor zu Vers 4,6. ♦ Die Kombination οὖν οὗτος steht 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Joh 21,23. ♦ οὗτος steht 192 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Zu den vorkanonisch bezeugten περιτομή und ἀκροβυστία vgl. zuvor zu Vers 3,30. ♦ Die Verbform λέγομεν steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὖν οὗτος; λέγομεν. Hier wird nochmals aus Vers 4,3 das Zitat Gen 15,6 LXX angeführt. (4,10) πῶς, das 109 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,35. ♦ Die Kombination πῶς οὖν steht 7 Mal im NT, davon als Verseröffnung 3 Mal 86 Rekonstruktion <?page no="1697"?> 91 Die Formel εἰς τό + Infinitiv ist bereits Weisse aufgefallen und verdächtig gewesen, vgl. zuvor zu Röm 1,20, vgl. C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 15-16. (Verseröffnung: Mt 26,54; Röm 4,10; 10,14; im Vers: 2 Mal Mt; 2 Mal Joh), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum kanonischen λογίζομαι vgl. zuvor Vers 4,3. ♦ Zu den vorkanonisch bezeugten περιτομή und ἀκροβυστία vgl. zuvor zu Vers 3,30. ♦ Die Verbform ὄντι steht 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,23. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: πῶς οὖν; λογίζομαι. (4,11) σημεῖον, das 86 / 77 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *2Thess 2,9. ♦ Die Form ἔλαβεν steht 31 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt, vgl. zu 1Kor 11,23. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten περιτομή vgl. zuvor zu Vers 3,30. ♦ σφραγίς steht 17 / 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ δικαιοσύνη steht 97 / 92 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,17; 3,21; 5,21; 8,10; 10,3. 4; *Phil 3,9. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ἀκροβυστία vgl. zuvor zu Vers 3,30. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,33; *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6, vgl. weiter die Verse 13. 16. ♦ αὐτόν, das 841 Mal im Neuen Testament steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 2,16; 15,25; *2Thess 2,4; *Laod 1,20; *Kol 1,20, vgl. weiter die Verse 13. 18. 23. ♦ Die Wendung εἰς τὸ εἶναι αὐτόν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. 91 ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,18; *Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17, vgl. weiter unten Vers 16. ♦ Zum kanonischen λογίζομαι vgl. zuvor Vers 4,3. ♦ αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.), das 543 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; *2Thess 2,11. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἔλαβεν; σφραγίς; εἰς τὸ εἶναι αὐτόν. (4,12) Zum kanonisch bezeugten περιτομή vgl. zuvor zu Vers 3,30. ♦ Die Formulierung ἐκ περιτομῆς steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,12. ♦ μόνον, das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,10; *1Kor 7,39. ♦ Die Kombination ἀλλὰ καί steht 44 Mal im NT, davon 6 Mal als Verseröffnung wie hier (Verseröffnung: Lk 12,7, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 24,22; Joh 11,22; Röm 4,24; Gal 1,8; im Vers: Lk 16,21; 3 Mal Joh; 4 Mal Apg; Röm 1,32; 4,12. 16; 5,3. 11; 6,5; 8,23; 9,10. 24; 13,5; 16,4, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 2Kor 7,7; 8,10. 19. 21; 9,12; 11,1; Eph 1,21; Phil 1,18. 29; 2,4. 27; 1Thess 1,5; 2,8; 1Tim 5,13; 2Tim 2,20; 4,8; Hebr 12,26; 1Petr 2,18; 1Joh 2,2; 2Joh 1,1), jedoch vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,8 (Verseröffnung); 4,25 ↑*Laod 1,21 (im Vers). ♦ Die erweiterte Kombination μόνον ἀλλὰ καί steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Joh; Röm 4,12. 16; 1Thess 1,5; 1Joh 4 (Röm) 87 <?page no="1698"?> 2,2). ♦ στοιχέω steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἴχνος, das 3 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ἀκροβυστία vgl. zuvor zu Vers 3,30. ♦ Die Formulierung τοῦ πατρὸς ἡμῶν steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 11,10: David; Joh 4,12: Jakob; 8,53: Abraham; Apg 4,25: David; Röm 4,12: Abraham; 9,10: Isaak). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: μόνον ἀλλὰ καί; στοιχέω; ἴχνος; τοῦ πατρὸς ἡμῶν. Zur Abwesenheit: Die Lexik stützt die fehlende Bezeugung, und beides spricht dafür, dass die vorliegende Passage als Ganze auf die kanonische Redaktion zurückgeht und vorkanonisch gefehlt hat. (4,13) Die Kombination οὐ γάρ steht 80 Mal im NT, davon 46 Mal als Verseröffnung, Lk 23,34, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,16; 2,13 (beide Male als Verseröffnung); *1Kor 21b-c↑34 im Vers. ♦ Die Wendung διὰ νόμου steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,12; 7,7; vgl. zu Röm 3,27. ♦ ἐπαγγελία, das 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23; *2Kor 1,20; *Laod 1,13; 2,12. ♦ Der Ausdruck τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα steht auf der kanonischen Ebene in Röm 8,7; 2Kor 11,22 und Gal 3,29. ♦ σπέρμα, das 45 / 43 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,38, vgl. auch die weiteren Verse 16. 18. ♦ κληρόνομος, das 15 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum Infinitiv εἶναι vgl. zuvor zu Vers 11 und nachfolgend Vers 16. ♦ Die Wendung διὰ δικαιοσύνης begegnet noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 5,21. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist von der Verseröff‐ nung Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung οὐ γάρ; die Vorstellung des τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα; κληρόνομος; διὰ δικαιοσύνης). Der Vers ist das Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (4,14) Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröff‐ nung, als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. ♦ Es begegnet sogleich wieder der kanonische Begriff κληρόνομος (vgl. zum voranstehenden Vers). ♦ κενόω, das 6 / 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,15; *Phil 2,7. ♦ καταργέω, das 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15 und vielleicht *2Kor 3,11. 13. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ἐπαγγελία vgl. den voranstehenden Vers 4,13. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἰ γάρ; κληρόνομος. 88 Rekonstruktion <?page no="1699"?> 92 Die Formel εἰς τό + Infinitiv ist bereits Weisse aufgefallen und verdächtig gewesen, vgl. zuvor zu Röm 1,20, vgl. Ibid. (4,15) Die Kombination ὁ γάρ steht 37 Mal im NT, davon 21 Mal als Verseröffnung (4 Mal Mt; 2 Mal Joh; Röm 4,15; 6,7; 8,2; 14,18; 1Kor 7,22; 11,29; 14,2; Gal 2,8; 5,14; Eph 5,9; Kol 3,25; Hebr 4,10; Jak 2,11; 1Petr 3,10; Apk 17,17 im Vers: Mk 11,13; Lk 9,44. 48; Joh 5,13; 3 Mal Apg; Röm 10,12; 13,8; 1Kor 3,17; Jak 1,6. 13; 1Joh 4,20; 3 Mal Apk), vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *Gal 5,14; Röm 13,8; im Vers für *Ev 9,44; *Röm 13,8. ♦ ὀργή, das 37 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,18; *Laod 2,3. ♦ Die Wendung οὗ δέ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene - etwa in Röm 5,20 ist es gerade dieses Element, welches in dem sonst vorkanonisch bezeugten Text unbezeugt ist, vgl. zu 2Kor 3,17. ♦ Die Wendung οὐκ ἔστιν νόμος steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Gal 5,23. ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ παράβασις, das 7 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὗ δέ; οὐκ ἔστιν νόμος; παράβασις. (4,16) διὰ τοῦτο, das 59 Mal im NT steht, davon 38 Mal als Verseröffnung, ist vorkanonisch bezeugt nur im Vers für *2Thess 2,11. ♦ Die Wendung ἐκ πίστεως steht 23 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,11; *Röm 1,17; 5,1; 14,23. ♦ Die Wendung κατὰ χάριν steht 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 4,4. ♦ Zum Infinitiv εἶναι vgl. zuvor zu den Versen 11. 16. ♦ Zur Wendung εἰς τὸ εἶναι + Infinitiv vgl. zu Röm 1,20. 92 ♦ βέβαιος, das 9 / 8 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ἐπαγγελία vgl. den voranstehenden Vers 4,13. ♦ παντί, das 59 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,16; 10,4; *Kol 1,16. ♦ Zu σπέρμα vgl. zuvor zu Vers 13 und danach Vers 18. ♦ μόνον, das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,10; *1Kor 7,39. ♦ Die Wendung ἐκ τοῦ νόμου steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 2,18. ♦ Zu πάντων vgl. zuvor zu Vers 11. ♦ Die Wendung πατὴρ πάντων steht noch 1 weiteres Mal, vorkanonisch bezeugt für *Laod 4,6. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: διὰ τοῦτο als Verseröffnung; κατὰ χάριν; βέβαιος. Man bemerke das ausschließlich für *Laod vorkanonisch bezeugte πατὴρ πάντων, das auf die Nähe dieses *Deuter‐ paulinums zur kanonischen Lexik verweist. 4 (Röm) 89 <?page no="1700"?> 93 „Das auf die Zukunft sich richtende Element des Verheißungsglaubens παρ’ ἐλπίδα ἐπ’ ἐλπίδι (Rm 4,18) ist für Paulus ansonsten genauso wenig belegt wie das Verständnis des Glaubens als nicht zweifelndes Vertrauen (4,20). Beide Elemente begegnen dagegen in der Definition von Hebr 11,1: Glaube ist das feste Stehen zu dem Erhofften (ἐλπιζομένων ὑπόστασις) und der Beweis für die Dinge, die man nicht sieht (πραγμάτων ἔλεγχος οὐ βλεπομένων)“, M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion (2018), 251. (4,17) Die Kombination καθὼς γέγραπται ὅτι steht 3 Mal im NT, jeweils als Verser‐ öffnung und immer auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Röm 3,10. ♦ Die Wendung πολλῶν ἐθνῶν steht gleich 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene im nächsten Vers 4,18. ♦ τίθημι, das 110 / 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,10. 11; 12,18. 28; 15,25. ♦ Die Form τέθεικα steht 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Apg 13,47. ♦ σέ (Akk. / Vok. Mask. Sg. von σύ / σός), das 185 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ κατέναντι, das 8 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 2,17. ♦ ζωοποιέω, das 12 / 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,36. 45; *2Kor 3,6; *Röm 8,11. ♦ νεκρός steht 138 / 128 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,12. 29. 35. 52; *Röm 8,10. 11; *1Thess 4,16; *Laod 1,20; 2,1; 5,14. ♦ Die Verbform ὄντα, die 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: καθὼς γέγραπται ὅτι; πολλῶν ἐθνῶν; τέθεικα. (4,18) ὅς steht 217 Mal im NT, davon 58 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *Ev 9,24. 26; *Röm 14,2; *Phil 2,6. ♦ παρά, das 217 / 194 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,37; *Gal 1,8. 12; *1Kor 3,19; *Röm 2,13; 12,16; *2Thess 1,6. ♦ Die Wendung ἐπ’ ἐλπίδι steht 8 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2 Mal Apg; Röm 4,18; 5,2; 8,20; 1Kor 9,10; Tit 1,2). 93 ♦ Die Wendung εἰς τὸ γενέσθαι steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 7,4. ♦ Die Wendung πατέρα πολλῶν ἐθνῶν stand im Vers zuvor auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form εἰρημένον steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, in Lk 2,24, in einem Vers, der in *Ev fehlt, dann Apg 2,16; 13,40; Röm 4,18. ♦ Die Verbform ἔσται steht 116 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Zu σπέρμα vgl. zuvor zu den Versen 13. 16. ♦ σου (Gen. Mask. / Neut. Sg. von σύ / σός), das 361 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,14; *1Kor 15,55; *Röm 2,25. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐπ’ ἐλπίδι; εἰς τὸ γενέσθαι; πατέρα πολλῶν ἐθνῶν; εἰρημένον. Das Ende des Verses bietet ein Zitat von Gen 15,5 LXX. 90 Rekonstruktion <?page no="1701"?> (4,19) Die Kombination καὶ μή steht 86 Mal im NT, davon 17 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt im Vers für *Röm 12,14; *2Kor 3,11; *Laod 4,25, vgl. zu Vers 3,8. ♦ ἀσθενέω, das 47 / 33 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,6. ♦ κατανοέω steht 14 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ νεκρόω steht nur 3 Mal im NT, jeweils für die kanonische Ebene. ♦ ἑκατονταετής ist Hapax legomenon im NT. ♦ που steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 27,29; Röm 4,19; Hebr 2,6; 4,4). ♦ Die Form ὑπάρχων steht 15 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,48; *Gal 1,14; *1Kor 11,7; *Phil 2,6; vgl. zu 2Kor 8,17. ♦ νέκρωσις steht nur noch 1 weiteres Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,10. ♦ μήτρα steht noch 1 weiteres Mal in Lk 2,23, in einem Vers, der in *Ev fehlt. ♦ Σάρρα steht 4 Mal im NT, stets auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung καὶ μή; κατανοέω; που; μήτρα; Σάρρα. (4,20) εἰς δέ steht 1 weiteres Mal, ebenfalls als Verseröffnung und ebenfalls auf der kanonischen Ebene in Hebr 9,7. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ἐπαγγελία vgl. den vorausgegangenen Vers 4,13. ♦ διακρίνω steht 21 / 19 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἀπιστία steht 12 / 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐνδυναμόω steht 8 / 7 Mal im NT, ausschließlich bezeugt für die kanonische Ebene. ♦ Die Form δούς steht 16 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 12,24. ♦ δόξαν τῷ θεῷ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἰς δέ; διακρίνω; ἀπιστία; ἐνδυναμόω; δούς; δόξαν τῷ θεῷ. (4,21) πληροφορέω steht 6 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. Auch das verwandte Nomen πληροφορία, das 5 Mal im NT steht, begegnet nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐπαγγέλλω, das 15 Mal im NT zu finden ist, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ δυνατός steht 115 / 32 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form ποιῆσαι steht 51 Mal im NT, Lk 11,42; 17,10, in Versen, die in *Ev fehlen, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,3. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: πληροφορέω; ἐπαγγέλλω; δυνατός. (4,22) Die Kombination διὸ καί steht 11 Mal im NT, 7 Mal als Verseröffnung wie hier; als Verseröffnung begegnet die Kombination ausschließlich auf der kanonischen Ebene, als Kombination im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20; 4,13, vgl. zu 2Kor 5,9. ♦ Die Variante διό steht 53 Mal im NT, davon 42 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *2Kor 4,16; im Vers für *2Kor 1,20; 4,13; 4 (Röm) 91 <?page no="1702"?> *Laod 5,14, vgl. zu Gal 4,31. ♦ λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. ♦ Zu dem auch vorkanonisch bezeugten εἰς δικαιοσύνην vgl. zuvor zu Vers 1. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung διὸ καί; λογίζομαι. (4,23) Die Form ἐγράφη steht 6 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 9,10; 10,11. ♦ Die Wendung δι’ αὐτόν steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 27,19; Joh 7,43; 12,11; Röm 4,23). ♦ Zu μόνον vgl. weiter oben zu Vers 16. ♦ Die Kombination μόνον ὅτι begegnet 1 weiteres Mal in Joh 8,29. ♦ λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: δι’ αὐτόν; μόνον ὅτι; λογίζομαι. (4,24) Die Kombination ἀλλὰ καί steht 44 Mal im NT, davon 6 Mal als Verseröffnung wie hier, vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,8; 4,25 ↑*Laod 1,21 (im Vers). ♦ μέλλω steht 129 / 109 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,44; *1Kor 3,22; *Kol 2,17. ♦ λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. ♦ Die Kombination ἐπὶ τόν steht 51 Mal im NT, in Lk 15,20; 19,35, in Versen, die in *Ev fehlen; vorkanonisch bezeugt für *Ev 23,1; *1Kor 3,12. ♦ Die Form ἐγείραντα steht nur 1 weiteres Mal in 1Petr 1,21. ♦ Die Wendung Ἰησοῦν τὸν κύριον ἡμῶν steht nur noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in 1Kor 9,1. ♦ Die Wendung ἐκ νεκρῶν steht 44 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,31; 20,35; *Röm 7,4; 8,11; *Laod 1,20, vgl. zu Gal 1,1. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: λογίζομαι; ἐγείραντα; Ἰησοῦν τὸν κύριον ἡμῶν. (4,25) ὅς steht 217 Mal im NT, davon 58 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *Ev 9,24. 26; *Röm 14,2; *Phil 2,6. ♦ παραδίδωμι, das 134 / 119 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,5. ♦ παράπτωμα, das 23 / 20 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,20 und *Laod 2,1. ♦ ἐγείρω, das 169 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 15,4. 14. 17. 29. 35. 44; *Röm 8,11; *Laod 1,20; 5,14. ♦ Die Form ἠγέρθη steht 18 Mal im NT, in Lk 24,6, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (6 Mal Mt; 3 Mal Mk; Lk 7,16; 9,7; 24,6. 34; Joh 11,29; Apg 9,8; Röm 4,25; 6,4). ♦ δικαίωσις, das 3 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἠγέρθη; δικαίωσις. 92 Rekonstruktion <?page no="1703"?> Für diese insgesamt vorkanonisch unbezeugte Passage gilt, dass die Lexik für das Nichtvorhandensein der Verse im vorkanonischen Text spricht. Besonders auffallend ist das fast refrainartig wiederholte λογίζομαι, das nur kanonisch belegt ist. Hinzu kommen die Schriftzitate aus Genesis und dem Psalmbuch und die Abwesenheitsnotiz Tertullians zu Abraham. Bis auf Vers 2 dürfte demnach das Kapitel 4 im vorkanonischen Text gefehlt haben. Kapitel 5 5,1 [2-5] 6 [7-9] 10: Frieden mit Gott nicht aus dem Gesetz Die Grundgedanken des vorkanonischen Textes sind gut bezeugt. Sie wurden mit persönlichen Referenzen des kanonischen Paulus durch die kanonische Redaktion ergänzt. 5,1 Δικαιωθέντες ἐκ πίστεως Χριστοῦ, οὐκ ἐκ νόμου, εἰρήνην ἔχωμεν πρὸς τὸν θεόν, 5,1 Δικαιωθέντες οὖν ἐκ πίστεως εἰρήνην ἔχομεν πρὸς τὸν θεὸν διὰ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, - 2 δι’ οὗ καὶ τὴν προσαγωγὴν ἐσχήκαμεν τῇ πίστει εἰς τὴν χάριν ταύτην ἐν ἧ ἑστήκαμεν, καὶ καυχώμεθα ἐπ’ ἐλπίδι τῆς δόξης τοῦ θεοῦ. 3 οὐ μόνον δέ, ἀλλὰ καὶ καυχώμεθα ἐν ταῖς θλίψεσιν, εἰδότες ὅτι ἡ θλῖψις ὑπομονὴν κατεργάζεται, 4 ἡ δὲ ὑπομονὴ δοκιμήν, ἡ δὲ δοκιμὴ ἐλπίδα· 5 ἡ δὲ ἐλπὶς οὐ καταισχύνει, ὅτι ἡ ἀγάπη τοῦ θεοῦ ἐκκέχυται ἐν ταῖς καρδίαις ἡμῶν διὰ πνεύματος ἁγίου τοῦ δοθέντος ἡμῖν, 6 ἔτι γὰρ Χριστὸς ὄντων ἡμῶν ἀσθενῶν ἔτι κατὰ καιρὸν ὑπὲρ ἀσεβῶν ἀπέθανεν 6 ἔτι γὰρ Χριστὸς ὄντων ἡμῶν ἀσθενῶν ἔτι κατὰ καιρὸν ὑπὲρ ἀσεβῶν ἀπέθανεν. - 7 μόλις γὰρ ὑπὲρ δικαίου τις ἀποθανεῖται· ὑπὲρ γὰρ τοῦ ἀγαθοῦ τάχα τις καὶ τολμᾷ ἀποθανεῖν· 8 συνίστησιν δὲ τὴν ἑαυτοῦ ἀγάπην εἰς ἡμᾶς ὁ θεὸς ὅτι ἔτι ἁμαρτωλῶν ὄντων ἡμῶν Χριστὸς ὑπὲρ ἡμῶν ἀπέθανεν. 9 πολλῷ οὖν μᾶλλον δικαιωθέντες νῦν ἐν τῷ αἵματι αὐτοῦ σωθησόμεθα δι’ αὐτοῦ ἀπὸ τῆς ὀργῆς. 10 ἐχθροὶ ὄντες 10 εἰ γὰρ ἐχθροὶ ὄντες κατηλλάγημεν τῷ θεῷ διὰ τοῦ θανάτου τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ, πολλῷ μᾶλλον καταλλαγέντες σωθησόμεθα ἐν τῇ ζωῇ αὐτοῦ· 4 (Röm) 93 <?page no="1704"?> 94 So auch H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 71. 173. A. *5,1: Vgl. Tert., Adv. Marc V 13,9: Monet iustificatos ex fide Christi, non ex lege, pacem ad deum habere. ♦ *5,6: Vgl. Epiph., Pan. 42, Sch. 31 (118; 177 H.): ἔτι γὰρ Χριστὸς ὄντων ἡμῶν ἀσθενῶν ἔτι κατὰ καιρὸν ὑπὲρ ἀσεβῶν ἀπέθανεν. ♦ *5,10: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13,9: Cuius nusquam fuimus hostes. Vgl. Adam., Dial. V 12 (im Mund des Adamantius): 8 συνίστησι δὲ τὴν ἑαυτοῦ ἀγάπην ὁ θεὸς εἰς ἡμᾶς ὅτι ἁμαρτωλῶν ὄντων ἡμῶν Χριστὸς ὑπὲρ ἡμῶν ἀπέθανε· πολλῷ μᾶλλον δικαιωθέντες ἐν τῷ αἵματι αὐτοῦ σωθησόμεθα ἀπὸ τῆς ὀργῆς (Rufin: Commendat autem deus caritatem suam in nobis quia si, cum adhuc peccatores essemus, Christus pro nobis mortuus est, multo magis iustificati in sanguine eius salui erimus ab ira per ipsum). B. (5,1) Die Variante ἔχωμεν findet sich auch in den Zeugen 01*, 02, 03*, 04, 06, 018, 020, 33, 81, 630, 1175, 1739* pm, lat, bo, in der altlateinischen Tradition in 54, und sie wird von NA 28 auch als Markions Lesart angegeben, während ἔχομεν zu finden ist in den Zeugen 01 1 , 03 2 , 010, 012, 025, 044, 0220 vid , 104, 365, 1241, 1505, 1506, 1739c, 1881, 2464, l846 pm, vg mss , in der altlateinischen Tradition in 61. ♦ (5,2) Post ἐσχήκαμεν add τῇ πίστει in 01 *.c , 04, 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, lat, während ἐν τῇ πίστει zu finden ist in 01 1 , 02, vg mss , om in 03, 06, 010, 012, 0220, sa, Ambst. ♦ (5,6) εἰς τί γάρ steht in den einschlägigen Zeugen 06 1 , 010, 012, lat, Ir lat ; ἔτι γάρ findet sich bei Epiphanius, darüber hinaus jedoch auch in den Zeugen 01, 02, 04, 06 *.2 , 018, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1739, 1881, 2464, M, während εἰ γε zu lesen ist in den Zeugen 03, 945; stattdessen liest man εἰ γάρ γε in den Zeugen 1852, vg mss , und ἔτι δέ in 020. ♦ Post ἀσθενῶν om ἔτι in 06 1 , 018, 020, 025, 044, 33, 630, 1175, 1739, 1881, 2464, M. C. 1. (5,1) Hilgenfeld sieht diesen Vers durch Tertullian „berührt“ und vermerkt auch die Variante ἔχωμεν. Auch Zahn sieht den Vers in der kanonischen Form präsent mit Ausnahme von ἔχωμεν. 94 Harnack schlägt eine näher an Tertullians Referat liegende Rekonstruktion vor: Δικαιωθέντες οὖν ἐκ πίστεως Χριστοῦ, οὐκ ἐκ νόμου, εἰρήνην ἔχωμεν πρὸς τὸν θεόν. Schmid hingegen hält am kanonischen Text fest und sieht folgenden Text bezeugt: Δικαιωθέντες οὖν ἐκ πίστεως εἰρήνην ἔχομεν πρὸς τὸν θεόν. Unter Abwägung der Überlegungen von Schmid, entschließt sich BeDuhn zu Recht, dem Vorschlag Harnacks zu folgen. Da Fitzmyer *Röm 5,1 als „sekundäre Glosse“ betrachtet, begegnen wir erneut dem Phänomen, dass aus der traditionellen Betrachtung heraus die vor‐ 94 Rekonstruktion <?page no="1705"?> 95 Vgl. J.A. Fitzmyer, Romans. A new translation with introductions and commentary (1993), 65. 96 Detering nimmt sie dem kanonischen Text nach, so auch die Verse 6 und 7, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 173. 97 M. Wolter, Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8 (2014), 323. 98 Ibid. 325. kanonische Fassung öfter als Fremdkörper im kanonischen Paulustext gesehen wird oder, wie die apologetische Position des Irenäus und seiner Leserschaft meinen, als eine Verkürzung des kanonischen, ursprünglichen Paulustextes durch Markion. 95 2. (5,2-5) Diese Verse sind nach allen Editoren unbezeugt. Zahn nimmt allerdings, an, dass die Verse in nicht näher bestimmbarer Form vorhanden waren. 96 BeDuhn ist der Meinung, die Passage böte den Kritikern Markions keinen Anhalt, auf sie näher einzugehen, und er rechnet darum damit, dass sie wohl in Markions *Paulus vorhanden war. In seiner Rekonstruktion führt er allerdings lediglich die Übersetzung des kanonischen Textes vom Ende von Vers 1 und daran anschließend von Vers 2a in Klammern an: [διὰ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, 2 δι’ οὗ καὶ τὴν προσαγωγὴν ἐσχήκαμεν τῇ πίστει εἰς τὴν χάριν ταύτην ἐν ἧ ἑστήκαμεν]. Wir sind also wieder auf den lexikalischen Vergleich und den narrativen Zusammenhang angewiesen. BeDuhn hat aus dem narrativen Zusammenhang heraus argumentierend den ersten Teil von Vers 2 in seine Rekonstruktion hinzugenommen, doch ergibt der Befund der Lexeme, dass auch dieser Vers von der kanonischen Redaktion geschaffen wurde. Dies wird auch deutlich für die Verse 3-5, die inhaltlich mit Vers zwei zusammengehören und die Erläuterung von Vers 2 (δι’ οὗ) noch weiterführen (οὐ μόνον δέ, ἀλλὰ καί). 3. (5,2) Bezüglich der Überleitung im kanonischen Text οὐ μόνον δέ, ἀλλὰ καί stellt Wolter ihren elliptischen Charakter heraus, sie will „ergänzen und zuspitzen“. 97 Außerdem sieht er überhaupt „eine auffällige Nähe zwischen Röm 5,3-4 und Jak 1,2-4 sowie 1Petr 1,6-7“, was den kanonisch-redaktionellen Zusammenhang noch verstärkt. 98 4. (5,6) Alle Editoren rechnen mit der Anwesenheit dieses Verses gemäß dem Text des Epiphanius. Auch dieser vorkanonisch bezeugte Vers wird wiederum als nachpaulinische Interpolation betrachtet, und wir begegnen erneut dem Phänomen, dass die vorkanonische Fassung von der der kanonischen Redaktion geschieden wird, allerdings aufgrund der apologetischen Auffassung des höheren Alters der kanonischen Fassung, der gegenüber diejenige Markions eine Verkürzung 4 (Röm) 95 <?page no="1706"?> 99 L.E. Keck, The Post-Pauline Interpretation of Jesus’ Death in Rom 5,6-7 (1979). 100 Detering gibt als Text der Verse 8 und 9 wie folgt, Vers 10 nach dem kanonischen Text: 8 συνίστησιν δὲ τὴν ἑαυτοῦ ἀγάπην εἰς ἡμᾶς ὅτι ἔτι ἁμαρτωλῶν ὄντων ἡμῶν Χριστὸς ὑπὲρ ἡμῶν ἀπέθανε. 9 πολλῷ μᾶλλον δικαιωθέντες νῦν ἐν τῷ αἵματι αὐτοῦ σωθησόμεθα ἀπὸ τῆς ὀργῆς, vgl. H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 72. 173. 101 M. Wolter, Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8 (2014), 329. 102 Ibid. 330. 103 Ibid. 358. darstelle, führt dies bei L.E. Keck zur Schlussfolgerung, dass Röm 5,6 (und auch Röm 5,7) eine Interpolation darstelle. 99 5. (5,7-10) Diese Verse werden von Zahn als unbezeugt angenommen, auch wenn er mit der Präsenz dieser Verse in unbestimmter Textform rechnet. Nach Harnack sind lediglich die Verse 7. 10 unbezeugt, weil er mit Hinweis auf Adam., Dial. V 12 mit der Präsenz der Verse 8-9 nach dem Zeugnis des Adamantius rechnet. Schmid und BeDuhn sehen jedoch, wie Zahn, die gesamte Passage als unbezeugt. 100 BeDuhn wendet gegen Harnack ein, dass Adamantius sich hier nicht auf Markions *Paulustext stütze. Von Soden hat zu Recht auf den Passus bei Tert., Adv. Marc. V 13,9 aufmerksam gemacht. Dieser bezeugt zumindest ein Stück aus Vers 10. Wolter erkennt in Vers 7 einen „Einschub“ in den kanonischen Text. 101 Dieser soll das zuvor Gesagte „zuspitzen“. 102 Die aus Vers 10 entwickelte kanonische Weiterung dient dazu, die Schärfe des wieder bezeugten Verses 20 zu mildern. Wenn es dort heißt, „das Gesetz aber ist dazwischen hineingekommen, damit die Übertretung mächtiger werde“, so besagt der Text „von V. 13-14 her gelesen-…, dass das Gesetz zusätzlich zu Sünde und Tod in die Welt gekommen ist“. 103 D. (5,1) δικαιόω, das 59 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. ♦ Die Form δικαιωθέντες ist nur hier vorkanonisch bezeugt, findet sich jedoch noch weiter auf der kanonischen Ebene in Röm 5,9; Tit 3,7. ♦ Die Wendung ἐκ πίστεως steht 23 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 3,11; *Röm 1,17; 14,23. ♦ Die Wendung ἐκ πίστεως Χριστοῦ steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Gal 2,16. ♦ Die Formulierung ἐκ νόμου steht nur hier auf der vorkanonischen Ebene. ♦ εἰρήνη + ἔχω findet sich noch 1 weiteres Mal in Joh 16,33. ♦ Die Wendung πρὸς τὸν θεόν steht 20 Mal im NT, vorkanonisch nur hier bezeugt. ♦ Die nicht mehr bezeugte Formel διὰ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 15,57. 96 Rekonstruktion <?page no="1707"?> Zur Rekonstruktion: Auch wenn einige Elemente weiter nicht vorkanonisch bezeugt sind, scheint nach dem Zeugnis Tertullians der obige Text vorkanonisch gestanden zu sein, während die unbezeugte Formel am Ende des Verses auf die kanonische Redaktion zurückzugehen scheint. (5,2) Die Kombination δι’ οὗ steht 13 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung wie hier (Verseröffnung: Röm 1,5; 5,2; im Vers: 2 Mal Mt; Mk 14,21; Lk 17,1; 22,22; Röm 5,11; 1Kor 1,9; 8,6; Gal 6,14; Hebr 1,2; 2,10), vorkanonisch bezeugt in *Ev 22,22. ♦ προσαγωγή begegnet 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod. 2,18. ♦ Die Form ἐσχήκαμεν steht noch 1 weiteres Mal, auf kanonischer Ebene, 2Kor 1,9. ♦ ταύτην, das 55 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,16. ♦ Die Wendung τὴν χάριν ταύτην steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, 2Kor 8,6. ♦ ἵστημι, das 191 / 154 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *2Kor 13,1; *2Kor 13,1; *Röm 10,3; *Laod 6,11. ♦ Die Form ἑστήκαμεν steht nur hier. ♦ καυχάομαι, das 39 / 37 Mal im NT steht, auch in den Versen 29 und 31, ist sehr beliebt auf der kanonischen Ebene, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29. 31; 3,21. ♦ ἐλπίς findet sich 58 / 53 Mal im NT, auch vorkanonisch. ♦ Die Wendung ἐπ’ ἐλπίδι steht 8 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Röm 4,18. ♦ δόξα + τοῦ θεοῦ steht 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 4,5. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung δι’ οὗ; ἐσχήκαμεν; τὴν χάριν ταύτην; ἐπ’ ἐλπίδι; δόξα + τοῦ θεοῦ). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,3) Die Kombination οὐ μόνον δέ steht 9 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 7,7. ♦ Die Überleitung im kanonischen Text οὐ μόνον δέ, ἀλλὰ καί begegnet wieder in Röm 5,11; 8,23; 9,10; 2Kor 8,19 (vgl. auch 2Kor 7,7); 1Tim 5,13; 2Tim 4,8, und steht an allen Stellen ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form καυχώμεθα steht nur hier und im voranstehenden Vers 5,2. ♦ θλῖψις, das 60 / 45 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,12, *2Thess 1,6; *Kol 1,24. ♦ Die Wendung ἐν ταῖς θλίψεσιν steht 3 Mal im NT (Röm 5,3; Eph 3,13; 1Thess 3,3), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form εἰδότες begegnet 26 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 5,11. ♦ Die Wendung εἰδότες ὅτι steht 15 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 15,58. ♦ ὑπομονή, das 33 / 32 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,19. ♦ κατεργάζομαι, das 25 / 22 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene belegt. 4 (Röm) 97 <?page no="1708"?> Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (οὐ μόνον δέ; ἀλλὰ καί; καυχώμεθα; ἐν ταῖς θλίψεσιν; εἰδότες; εἰδότες ὅτι; κατεργάζομαι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,4) Zu dem vorkanonisch bezeugten ὑπομονή vgl. den voranstehenden Vers 5,3. ♦ δοκιμή, das 7 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der kurze, vorkanonisch unbezeugte Vers weist zwar nur einen Terminus auf, der ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt ist (δοκιμή), doch ist dies der Zentralbegriff, der gleich zweimal in diesem Vers steht. Der Vers wird folglich ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (5,5) καταισχύνω, das 14 / 13 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,17; *1Kor 1,27. ♦ ἀγάπη, das 133 / 116 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,42; *Gal 5,6; *1Kor 13,1, *2Thess 2,10; *Laod 5,28; *Phil 1,16. ♦ Die Wendung ἡ ἀγάπη τοῦ θεοῦ steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 5,5; 2Kor 13,13; 4 Mal in 1Joh). ♦ ἐκχέω, das 35 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν ταῖς καρδίαις ἡμῶν steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,6, vgl. zu 2Kor 3,2; die Verknüpfung mit dem Heiligen Geist verbindet diese Stelle hier jedoch mit der kanonischen 2Kor 1,22 (… καὶ δοὺς τὸν ἀρραβῶνα τοῦ πνεύματος ἐν ταῖς καρδίαις ἡμῶν). ♦ Die Wendung διὰ πνεύματος steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2 Mal Apg; Röm 5,5; 2Thess 2,2; 23Tim 1,14; Hebr 9,14). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἡ ἀγάπη τοῦ θεοῦ; ἐκχέω; ἐν ταῖς καρδίαις ἡμῶν, verbunden mit dem Heiligen Geist; διὰ πνεύματος). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,6) Zu ἔτι, das 96 / 93 Mal im NT steht, etwa Lk 1,15; 15,20; 18,22; 24,44, in Versen und Teilversen, die in *Ev fehlen, ist jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,36; 24,6. 41; *Gal 3,15; *Röm 5,6. ♦ Die Variante εἰς τί γάρ steht nur hier, gemäß den enschlägigen Handschriften, wohl vorkanonisch. ♦ Die Variante ἔτι γάρ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 3,3. ♦ Die Verbform ὄντων steht 6 Mal im NT, vorkanonisch nur hier bezeugt. ♦ ἀσθενής, das 35 / 26 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,9; *1Kor 1,25. 27. ♦ ἀσθενέω, das 47 / 33 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt nur für diese Stelle hier. ♦ καιρός, das 90 / 86 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *Gal 4,10; 6,9. 10; *1Kor 7,29. ♦ 98 Rekonstruktion <?page no="1709"?> Das verwandte ἀσεβής, das 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt nur für die Stelle hier belegt. Das verwandte ἀσεβέω steht 8 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ἀσέβεια, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,18. ♦ ἀποθνήσκω, das 119 / 111 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 20,36; *1Kor 15,3. 22. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt bis auf die Eröffnungsformel dem Zeugnis des Epiphanius. Es fällt auf, dass eine Reihe von Elementen nur hier im Vers vorkanonisch bezeugt sind (ὄντων; καιρός; ἀσεβής). (5,7) μόλις steht 7 / 6 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Apg 27,8; Röm 5,7; im Vers: 3 Mal Apg; 1Petr 4,18), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die alternative Lesart μόγις findet sich nur 1 Mal für die kanonische Ebene bezeugt in Lk 9,39. ♦ δίκαιος, das 84 / 79 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,11; *Röm 2,13; 7,12; *2Thess 1,6. ♦ ἀποθνήσκω, das 119 / 111 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,36; *1Kor 15,3. 22; *Röm 5,6. ♦ Die Wendung ὑπὲρ γάρ steht noch 1 weiteres Mal in 2Kor 1,7. ♦ ἀγαθός steht 109 / 102 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,6. 10; *2Kor 5,10; *Röm 7,12; 12,9. ♦ τάχα steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene (Phlm 1,15). ♦ τολμάω steht 17 / 16 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Phil 1,14. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (μόλις; ὑπὲρ γάρ; τάχα). Der Vers ist wohl ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,8) συνίστημι im Sinne von „stehen mit“, das 11 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀγάπη steht 133 / 116 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,42; *Gal 5,6; *1Kor 13,1, *2Thess 2,10; *Laod 5,28; *Phil 1,16. ♦ Die Wendung εἰς ἡμᾶς steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 1,5. ♦ Die Kombination ὅτι ἔτι steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 4,35; Röm 5,8; 2Thess 2,5). ♦ ἔτι, das 96 / 93 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,15. ♦ ἁμαρτωλός steht 49 / 47 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,37. ♦ Zur vorkanonisch bezeugten Verbform ὄντων vgl. zuvor zu Vers 6. ♦ Auch ὄντων ἡμῶν Χριστὸς ὑπέρ … ἀπέθανεν ist eine nur der Wortstellung nach verschiedene Übernahme aus dem vorkanonischen Vers 6. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist zwei Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Semantik von συνίστημι; εἰς ἡμᾶς; ὅτι ἔτι). Nicht nur diese Elemente weisen in Richtung kanonische Redaktion; vielmehr ist auch sondern der zweite Teil des Verses i.W. eine Übernahme aus dem vorkanonischen Vers 6, was zur Tendenz der 4 (Röm) 99 <?page no="1710"?> 104 Mit weiterer Literatur ibid. 334. Duplikation der kanonischen Redaktion passt. Aus diesen Argumenten lässt sich erschließen, dass der Vers wohl ein Produkt der kanonischen Redaktion ist und vorkanonisch gefehlt hat. (5,9) Der Ausdruck πολλῷ μᾶλλον begegnet 10 Mal im NT, nur auf der kanoni‐ schen Ebene. Die Argumentationsfigur findet auch „in der rabbinischen Literatur Verwendung-… und gilt als die erste der sieben Auslegungsregeln Rabbi Hillels“. 104 ♦ πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.) steht 121 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev, vgl. weiter auch die Verse 10. 15. 17. ♦ δικαιόω, das 59 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. ♦ Die Kombination νῦν ἐν steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 10,30; Joh 16,29; Röm 5,9; 1Joh 4,3). ♦ Die Wendung ἐν τῷ αἵματι steht 9 Mal im NT, in Lk 22,20 (ἐν τῷ αἵματι αὐτοῦ), in einem Vers, der in *Ev fehlt, weiters kanonisch in Mt 23,30; Röm 5,9; Eph 2,13; Hebr 10,19; 1Joh 5,6; 3 Mal in Apk, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,13 (ἐν τῷ αἵματι αὐτοῦ). ♦ σῴζω, das 112 / 107 Mal im NT belegt ist, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 21; 5,5; *2Thess 2,10. ♦ Die Form σωθησόμεθα begegnet gleich wieder im Vers Röm 5,10. ♦ ὀργή, das 37 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,18; *Laod 2,3. ♦ Die Wendung ἀπὸ τῆς ὀργῆς steht 1 weiteres Mal in Apk 6,16. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (πολλῷ μᾶλλον; νῦν ἐν; ἀπὸ τῆς ὀργῆς). Der Vers ist wohl ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,10) Die unbezeugte Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröffnung, als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. ♦ ἐχθρός, das 39 / 32 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,20; *Laod 2,16; *Kol 1,21. ♦ Die Verbform ὄντες, die 26 Mal im NT steht, ist vorkanonisch vielleicht bezeugt in *Ev 11,13, dann *2Kor 5,4; *Röm 8,5. ♦ καταλλάσσω, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 7,11. ♦ Die Kombination καταλλάσσω + τῷ θεῷ begegnet noch 1 weiteres Mal auf kanonischer Ebene in 2Kor 5,20. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. Dieser Begriff begegnet wieder in diesem Kapitel in den Versen 12. 14. 17. 21. ♦ Die Wendung διὰ τοῦ θανάτου steht 3 Mal im NT (Röm 5,10; Kol 1,22; Hebr 2,14), vorkanonisch bezeugt für *Kol 1,22. ♦ Die Wendung τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ steht 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 1,3. 9; 5,10; 8,29; 1Kor 1,9; Gal 4,6; 5 Mal in 1Joh). ♦ Zu πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.) 100 Rekonstruktion <?page no="1711"?> vgl. zuvor Vers 9 und nachfolgend die Verse 15 und 17. ♦ Zum kanonischen πολλῷ μᾶλλον vgl. den voranstehenden Vers 9. ♦ καταλλάσσω wurde bereits zuvor in diesem Vers aufgeführt. ♦ σωθησόμεθα steht im voranstehenden Veres 9. ♦ Die Wendung ἐν τῇ ζωῇ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 16,25; Röm 5,10; 1Kor 15,19). Zur Rekonstruktion: In diesem Vers ist lediglich ein kleines Stück bezeugt, und nach Ausweis der Lexik scheint der unbezeugte Teil Hinzufügung der kanonischen Redaktion gewesen zu sein, die vorkanonisch gefehlt hat. 5,[11-19] 20-21: Die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zum Leben durch Jesus, den Christus Die vorkanonische Antithese zwischen Gesetzt und Gnade wird in den Versen 20-21 deutlich und gut bezeugt vorgetragen. Voran stellt die kanonische Redak‐ tion eine längere Digression, um die Schärfe dieser Antithese durch theologische Überlegungen zu mindern. Diese Digression wird in dem vorkanonisch unbe‐ zeugten Kapitel 6 fortgesetzt. - 11 οὐ μόνον δέ, ἀλλὰ καὶ καυχώμενοι ἐν τῷ θεῷ διὰ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ, δι’ οὗ νῦν τὴν καταλλαγὴν ἐλάβομεν. 12 Διὰ τοῦτο ὥσπερ δι’ ἑνὸς ἀνθρώπου ἡ ἁμαρτία εἰς τὸν κόσμον εἰσῆλθεν καὶ διὰ τῆς ἁμαρτίας ὁ θάνατος, καὶ οὕτως εἰς πάντας ἀνθρώπους ὁ θάνατος διῆλθεν, ἐφ’ ᾧ πάντες ἥμαρτον 13 ἄχρι γὰρ νόμου ἁμαρτία ἦν ἐν κόσμῳ, ἁμαρτία δὲ οὐκ ἐλλογεῖται μὴ ὄντος νόμου· 14 ἀλλὰ ἐβασίλευσεν ὁ θάνατος ἀπὸ Ἀδὰμ μέχρι Μωϋσέως καὶ ἐπὶ τοὺς μὴ ἁμαρτήσαντας ἐπὶ τῷ ὁμοιώματι τῆς παραβάσεως Ἀδάμ, ὅς ἐστιν τύπος τοῦ μέλλοντος. 15 Ἀλλ’ οὐχ ὡς τὸ παράπτωμα, οὕτως καὶ τὸ χάρισμα· εἰ γὰρ τῷ τοῦ ἑνὸς παραπτώματι οἱ πολλοὶ ἀπέθανον, πολλῷ μᾶλλον ἡ χάρις τοῦ θεοῦ καὶ ἡ δωρεὰ ἐν χάριτι τῇ τοῦ ἑνὸς ἀνθρώπου Ἰησοῦ Χριστοῦ εἰς τοὺς πολλοὺς ἐπερίσσευσεν. 16 καὶ οὐχ ὡς δι’ ἑνὸς ἁμαρτήσαντος τὸ δώρημα· τὸ μὲν γὰρ κρίμα ἐξ ἑνὸς εἰς κατάκριμα, τὸ δὲ χάρισμα ἐκ πολλῶν παραπτωμάτων εἰς δικαίωμα. 17 εἰ γὰρ τῷ τοῦ ἑνὸς παραπτώματι ὁ θάνατος ἐβασίλευσεν διὰ τοῦ ἑνός, πολλῷ μᾶλλον οἱ τὴν περισσείαν τῆς χάριτος καὶ τῆς 4 (Röm) 101 <?page no="1712"?> 105 Detering nimmt Vers 11 nach dem kanonischen Text, rechnet aber mit der Abwesenheit der Verse 12-19, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 72-84. 173-174. δωρεᾶς τῆς δικαιοσύνης λαμβάνοντες ἐν ζωῇ βασιλεύσουσιν διὰ τοῦ ἑνὸς Ἰησοῦ Χριστοῦ. 18 Ἄρα οὖν ὡς δι’ ἑνὸς παραπτώματος εἰς πάντας ἀνθρώπους εἰς κατάκριμα, οὕτως καὶ δι’ ἑνὸς δικαιώματος εἰς πάντας ἀνθρώπους εἰς δικαίωσιν ζωῆς· 19 ὥσπερ γὰρ διὰ τῆς παρακοῆς τοῦ ἑνὸς ἀνθρώπου ἁμαρτωλοὶ κατεστάθησαν οἱ πολλοί, οὕτως καὶ διὰ τῆς ὑπακοῆς τοῦ ἑνὸς δίκαιοι κατασταθήσονται οἱ πολλοί. 20 νόμος δὲ παρεισῆλθεν ἵνα πλεονάσῃ τὸ παράπτωμα. ὑπερεπερίσσευσεν ἡ χάρις, 20 νόμος δὲ παρεισῆλθεν ἵνα πλεονάσῃ τὸ παράπτωμα· οὗ δὲ ἐπλεόνασεν ἡ ἁμαρτία, ὑπερεπερίσσευσεν ἡ χάρις, 21 ἵνα ὥσπερ ἐβασίλευσεν ἡ ἁμαρτία ἐν τῷ θανάτῳ, οὕτως καὶ ἡ χάρις βασιλεύσῃ ἐν δικαιοσύνῃ εἰς ζωὴν διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ. 21 ἵνα ὥσπερ ἐβασίλευσεν ἡ ἁμαρτία ἐν τῷ θανάτῳ, οὕτως καὶ ἡ χάρις βασιλεύσῃ διὰ δικαιοσύνης εἰς ζωὴν αἰώνιον διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν. A. Die Verse 11-19 sind unbezeugt. *5,20-21: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13,10: Lex autem, inquit, subintroivit, ut abundaret delictum. Quare? ut superabundaret, inquit, gratia. Cuius dei gratia, si non cuius et lex? Nisi si creator ideo legem intercalavit, ut negotium procuraret gratiae dei alterius et quidem aemuli, ne dixerim ignoti, ut, quemadmodum apud ipsum regnaverat peccatum in mortem, ita et gratia regnaret in iustitia in vitam per Iesum Christum, adversarium ipsius; Orig., Comm. in Rom. V 6,2 (PG 14,1032B): Si quidem, antequam lex per Mosen daretur, nemo peccasset, volentes accusare legem ex his apostoli verbis Marcion et caeteri haeretici occasionem capere viderentur tamquam haec fuerit causa datae legis, ut peccatum, quod ante legem non fuerat, abundaret. B. Keine nennenswerten Varianten. C. 1. (5,11-19) Diese Verse werden von Zahn als unbezeugt angenommen, auch wenn er mit der Präsenz dieser Verse in unbestimmter Textform rechnet. Nach Harnack sind lediglich die Verse 11-19 unbezeugt. Schmid und BeDuhn sehen jedoch, wie Zahn, die gesamte Passage als unbezeugt. 105 2. (5,12-19) Wenn wiederum Röm 5,12-19 (zusammen mit 20-21) als Interpo‐ lation gesehen wird, dann bestätigt sich die Beobachtung, dass die Forschung 102 Rekonstruktion <?page no="1713"?> 106 Als Interpolation wird Röm 5,12-21 gesehen von J.C. O’Neill, Glosses and Interpolations in the Letters of St. Paul (1982), 384-385. 107 C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 35. 108 J.A. Fitzmyer, Romans. A new translation with introductions and commentary (1993), 65. 109 Detering nimmt Vers 20 nach dem kanonischen Text, Vers 21 gibt er wie oben, schreibt jedoch εἰς τὸν θάνατον, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 84-86. 174-175. 110 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 299. bereits die Differenz zwischen den beiden Fassungen vorkanonischer und kanonischer Ebene wahrgenommen hat, allerdings aus der konventionell-apo‐ logetischen Sicht heraus die zeitliche Abfolge derselben invertiert hatte. 106 Als Interpolation wurden die Verse 5,13-14. 17 von Weisse betrachtet. 107 3. (5,17) Dieser Vers wird als „sekundäre Glosse“ bezeichnet von F.A. Fitz‐ myer. 108 4. (5,20-21) Hilgenfeld verweist auf Tertullian als Zeugen für beide Verse. 109 Zahn sieht den kanonischen Text bezeugt, notiert jedoch: 20 … ἵνα πλεονάσῃ τὸ παράπτωμα ἵνα ὑπερεπερίσσευσεν ἡ χάρις, 21 … ἡ ἁμαρτία εἰς θάνατον … βασιλεύσῃ ἐν δικαιοσύνῃ εἰς ζωὴν [αἰώνιον] διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ (τοῦ κυρίου ἡμῶν). Harnack gibt als bezeugten Text: 20 νόμος δὲ παρεισῆλθεν ἵνα πλεονάσῃ τὸ παράπτωμα … ὑπερεπερίσσευσεν ἡ χάρις, 21 ἵνα ὥσπερ ἐβασίλευσεν ἡ ἁμαρτία εἰς τὸν θάνατον, οὕτως καὶ ἡ χάρις βασιλεύσῃ ἐν δικαιοσύνῃ εἰς ζωὴν διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ. Schmid hält sich näher an den kanonischen Text: 20 νόμος δὲ παρεισῆλθεν ἵνα πλεονάσῃ τὸ παράπτωμα … ὑπερεπερίσσευσεν ἡ χάρις, 21 ἵνα ὥσπερ ἐβασίλευσεν ἡ ἁμαρτία ἐν τῷ θανάτῳ, οὕτως καὶ ἡ χάρις βασιλεύσῃ διὰ δικαιοσύνης εἰς ζωὴν (αἰώνιον) διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ. BeDuhn wiederholt Harnacks Überlegung, dass Tertullian die beiden Verse schlicht verbindet, indem er das οὗ δὲ ἐπλεόνασεν ἡ ἁμαρτία paraphrasierend übergeht und meint, Tertullian spiele im Anschluss daran auf Gal 3,22, *Röm 3,19 und vielleicht *Laod 2,9 an. 110 Allerdings scheint Tertullian hier nicht die vorkanonische Fassung, sondern die kanonische als Gegenzeugnis zum Anschlag zu bringen, weil Gal 3,22 nicht vorkanonisch bezeugt ist. Bezüglich der Präpositionen von Vers 21 schließt sich BeDuhn Zahn und Harnack an. D. (5,11) μόνον, das 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,10; *1Kor 7,39. ♦ Die Kombination οὐ μόνον δέ steht 9 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung, 4 (Röm) 103 <?page no="1714"?> ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 7,7. ♦ Die Überleitung im kanonischen Text οὐ μόνον δέ, ἀλλὰ καί begegnet auch in 2Kor 8,19 (vgl. auch 2Kor 7,7); Röm 5,3; 8,23; 9,10; 1Tim 5,13; 2Tim 4,8, und steht an allen Stellen ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Röm 5,3. ♦ καυχάομαι, das 39 / 37 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29. 31; 3,21. ♦ Die Wendung ἐν τῷ θεῷ steht 6 Mal im NT (Röm 5,11; Eph 3,9; Kol 3,3; 1Thess 2,2; 1Joh 4,15. 16), vorkanonisch bezeugt für *Kol 3,3. 4. ♦ Die Formel διὰ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 15,57. ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ καταλλαγή, das 4 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ λαμβάνω, das 292 / 260 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,14; *1Kor 3,14; *Röm 7,11; *Phil 2,7. ♦ Die Form ἐλάβομεν steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 16,7; Lk 5,5; Joh 1,16; Röm 1,5: δι’ οὗ ἐλάβομεν; 5,11; 1Kor 2,12; 2Joh 1,4). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Ele‐ menten auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (οὐ μόνον δέ, ἀλλὰ καί; διὰ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ; καταλλαγή; ἐλάβομεν). Der Vers ist wohl ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Zu bemerken ist auch, dass die Wendung ἐν τῷ θεῷ vorkanonisch nur in *Kol - gleich zwei Mal - bezeugt ist, was auf die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Lexik verweist. (5,12) διὰ τοῦτο, das 64 Mal im NT steht, davon 38 Mal als Verseröffnung, findet sich als Verseröffnung nur auf der kanonischen Ebene, im Vers vorkanonisch bezeugt für *2Thess 2,11. ♦ ὥσπερ, das 43 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,22; *Röm 5,21, vgl. weiter die Verse 19. 21. ♦ Die Wendung δι’ ἑνός steht 4 Mal im NT, nur in diesem Zusammenhang hier, auf der kanonischen Ebene (Röm 5,12. 16. 18). ♦ ἁμαρτία, das 184 / 173 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,4; *Röm 5,21; 7,7. 11; 8,3. 10; 14,23; *2Thess 2,3. ♦ Die Wendung εἰς τὸν κόσμον steht 22 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Mk 16,15, im sekundären Markusschluss; 13 Mal Joh; Röm 5,12; 1Tim 1,15; 6,7; Hebr 10,5; 1Joh 4,1. 9; 2Joh 1,7). ♦ εἰσέρχομαι steht 220 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ πάντας, das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,28; *2Kor 5,10; *Laod 3,9, vgl. weiter unten zu Vers 18. ♦ Die Wendung εἰς πάντας ἀνθρώπους steht 3 Mal im NT, ebenfalls nur in diesem Zusammenhang hier (Röm 5,12. 18). ♦ διέρχομαι, das 46 / 43 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,1. ♦ Die Form διῆλθεν steht nur noch 1 weiteres Mal, Apg 10,38. ♦ Die Wendung ἐφ’ ᾧ steht 4 Mal im NT (Röm 5,12; 2Kor 5,4; Phil 3,12; 4,10), vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,4. ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 104 Rekonstruktion <?page no="1715"?> 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3. ♦ ἁμαρτάνω, das 47 / 43 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 17,3. 4; *Röm 2,12; *Laod 4,26. ♦ Die Form ἥμαρτον steht 4 Mal im NT (Röm 2,12; 3,23; 5,12), vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,12. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung διὰ τοῦτο; δι’ ἑνός; εἰς τὸν κόσμον; εἰς πάντας ἀνθρώπους; διῆλθεν). Der Vers ist wohl ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,13) ἄχρι, das 55 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,25; *2Kor 3,14. ♦ Die Kombination ἄχρι γάρ steht 3 Mal im NT, davon 1 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 5,13; im Vers: 2Kor 3,14; 10,14), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung νόμου ἁμαρτία steht 1 weiteres Mal, Röm 7,8 auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbform ἦν, die 301 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,4; *1Kor 10,4; *Phil 3,7. ♦ Die Wendung ἐν κόσμῳ steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 8,4. ♦ ἐλλογέω steht 3 Mal im NT, immer nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Verbform ὄντος, die 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,20. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἄχρι γάρ; νόμου ἁμαρτία; ἐν κόσμῳ; ἐλλογέω). Der Vers ist wohl ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Zu bemerken ist auch, dass die Form ὄντος vorkanonisch nur in *Laod bezeugt ist, was auf die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Lexik verweist. (5,14) ἀλλὰ steht 638 Mal im NT, davon 119 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch 6 Mal bezeugt als Verseröffnung und 27 Mal insgesamt. ♦ βασιλεύω, das 21 Mal im NT steht, ist vorkannonisch bezeugt für *Röm 5,21. ♦ Zu ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, vgl. zuvor zu Vers 9. ♦ Ἀδάμ, der 9 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,22. ♦ Μωϋσῆς findet sich 79 / 80 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 3,7. 13. ♦ ἁμαρτάνω steht 47 / 43 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 2,12; *Laod 4,26. ♦ ὁμοίωμα, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 8,3; *Phil 2,7. ♦ Die Form τῷ ὁμοιώματι steht noch 1 weiteres Mal auf kanonischer Ebene in Röm 6,5. ♦ παράβασις, das 7 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich für die kanonische Ebene belegt. ♦ τύπος, das 17 / 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,6. ♦ μέλλω steht 129 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,44; *1Kor 3,22 und *Kol 2,17. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind 4 (Röm) 105 <?page no="1716"?> (τῷ ὁμοιώματι; παράβασις). Der Vers ist wohl ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,15) οὐχ, das 105 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 10,3; *Phil 1,17; 2,6. ♦ die Kombination ἀλλ’ οὐ steht 34 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung wie hier, vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *1Kor 10,5; im Vers für *Röm 10,2. ♦ Die Kombination ὡς τό steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; Joh 15,6; Röm 5,15; 1Joh 2,27; Apk 22,12). ♦ παράπτωμα steht 23 / 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,20; *Laod 2,1. ♦ Die Kombination οὕτως καὶ τό steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in 2Kor 8,11. ♦ χάρισμα steht 18 / 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 7,7; 12,9. ♦ Die Kombination εἰ γάρ steht 37 Mal im NT, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8; vgl. zu 2Kor 3,9. ♦ Die Wendung τῷ τοῦ ἑνὸς παραπτώματι steht gleich noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene in Vers 5,17. ♦ Die Form ἀπέθανον steht 10 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 8,23; Lk 20,31; 3 Mal Joh; Röm 5,15; 2Kor 5,14; Hebr 11,13. 37; Apk 8,11). ♦ Zu πολλῷ μᾶλλον als Ausdruck der kanonischen Redaktion vgl. weiter oben zu Vers 9. ♦ Zu πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.) vgl. zuvor zu den Versen 9 und 10 und nachfolgend Vers 17. ♦ δωρεά, das 20 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ὡς τό; οὕτως καὶ τό; τῷ τοῦ ἑνὸς παραπτώματι; ἀπέθανον; πολλῷ μᾶλλον; δωρεά). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,16) Zu οὐχ vgl. zum voranstehenden Vers 15. ♦ Die Kombination καὶ οὐχ ὡς steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 7,29; Mk 1,22; Röm 5,16). ♦ Die Wendung δι’ ἑνός steht 4 Mal im NT, nur in diesem Zusammenhang hier, auf der kanonischen Ebene (Röm 5,12. 16. 18). ♦ δώρημα steht nur noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene ( Jak 1,17). ♦ κρίμα, das 28 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,10; *1Kor 11,29. ♦ κατάκριμα steht nur 3 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene (Röm 5,16. 18; 8,1). ♦ Die Kombination τὸ δέ (Nom.) steht 31 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt im Vers: *Ev 11,39; *2Kor 3,6; *Röm 8,10; *Kol 2,17, vgl. zu Gal 4,25. ♦ δικαίωμα, das 11 / 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 8,4. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (καὶ οὐχ ὡς; δι’ ἑνός; δώρημα; κατάκριμα). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 106 Rekonstruktion <?page no="1717"?> (5,17) Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröff‐ nung, als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. ♦ Die Wendung τῷ τοῦ ἑνὸς παραπτώματι steht gleich zuvor noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene in Vers 5,15. ♦ Zu πολλῷ μᾶλλον als Ausdruck der kanonischen Redaktion vgl. wiederum weiter oben zu Vers 9. ♦ Zu πολύς, πολλή, πολύ (inkl. Nom. / Gen. / Dat. / Akk. Sg.) vgl. zuvor zu den Versen 9. 10. 15. ♦ περισσεία, das 4 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ λαμβάνω, das 292 / 260 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,14; *1Kor 3,14; *Röm 7,11; *Phil 2,7. ♦ Die Form λαμβάνοντες steht (mit Komponentia) 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 17,24; Joh 5,44; Röm 1,27; 5,17; Hebr 7,5; 12,28; 3Joh 1,7). Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung εἰ γάρ; τῷ τοῦ ἑνὸς παραπτώματι; πολλῷ μᾶλλον; περισσεία; λαμβάνοντες). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,18) Zu ἄρα, das 52 / 49 Mal im NT steht, vgl. zu *1Kor 15,14. ♦ Zu πάντας vgl. zuvor zu Vers 12. ♦ Die Kombination ἄρα οὖν steht 12 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, nur auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 3,41. ♦ Die Wendung οὕτως καὶ διά steht gleich weiter im nächsten Vers 5,19. ♦ Die Wendung δι’ ἑνός steht 4 Mal im NT, nur in diesem Zusammenhang hier, auf der kanonischen Ebene (Röm 5,12. 16. 18). ♦ Die Wendung εἰς πάντας ἀνθρώπους steht 3 Mal im NT, ebenfalls nur in diesem Zusammenhang hier (Röm 5,12. 18). ♦ κατάκριμα steht nur 3 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene, vgl. weiter oben zu Vers 16. ♦ δικαίωσις, das 3 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (οὕτως καὶ διά; δι’ ἑνός; εἰς πάντας ἀνθρώπους; κατάκριμα; δικαίωσις). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (5,19) Zu ὥσπερ vgl. zuvor zu Vers 12 und danach Vers 21. ♦ Die Kombination ὥσπερ γάρ, die 13 Mal im NT zu finden ist, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ παρακοή, das 3 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung τοῦ ἑνὸς ἀνθρώπου steht noch 1 weiteres Mal im selben Zusammenhang, Röm 5,15. ♦ ἁμαρτωλός steht 49 / 47 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 7,37. ♦ καθίστημι steht 17 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung οὕτως καὶ διά stand gerade zuvor in Vers 5,18. ♦ ὑπακοή steht 16 / 15 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. 4 (Röm) 107 <?page no="1718"?> Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ὥσπερ γάρ; παρακοή; τοῦ ἑνὸς ἀνθρώπου; καθίστημι; οὕτως καὶ διά; ὑπακοή). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Überblickt man den lexikalischen Vergleich, zeigt sich, dass zwar einige Termini auch vorkanonisch bezeugt sind, doch begegnet ein großer Anteil gerade auch kleinerer Begriffe und Wendungen, die kennzeichnend für die kanonische Redaktion sind. Auch hier stimmen demnach weithin die fehlende Bezeugung und die Lexik überein. Die gesamte Passage dürfte darum auf die kanonische Redaktion zurückgehen. (5,20) παρεισέρχομαι, das 2 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4; da das Wort nur in den Parallelversen auf der kanonischen Ebene steht, handelt es sich wieder um Urgestein der vorkanonischen Lexik. ♦ πλεονάζω, das 9 Mal im NT steht, ist nur an dieser Stelle vorkanonisch bezeugt. ♦ παράπτωμα, das 23 / 20 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,1. ♦ Die Wendung οὗ δέ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene - etwa hier in Röm 5,20 ist es gerade dieses Element, welches in dem sonst vorkanonisch bezeugten Text unbezeugt ist, vgl. zu 2Kor 3,17. ♦ ὑπερπερισσεύω steht nur noch 1 weiteres Mal im NT, und zwar auf kanonischer Ebene (2Kor 7,4). Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, gestützt durch das seltene, aber vorkanonisch bezeugte παρεισέρχομαι. Umgekehrt bestätigt die Lexik, dass das unbezeugte Zwischenstück οὗ δὲ ἐπλεόνασεν ἡ ἁμαρτία wohl vorkanonisch gefehlt hat. (5,21) Zu ὥσπερ vgl. zuvor die Verse 12. 19. ♦ Die Kombination ἵνα ὥσπερ steht nur noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Röm 6,4. ♦ βασιλεύω, das 21 Mal im NT steht, ist nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ Die Wendung ἐν τῷ θανάτῳ steht noch 1 weiteres Mal in 1Joh 3,14. ♦ Die Kombination οὕτως καί steht 47 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 21,31 (Verseröffnung); *1Kor 15,22. 42, vgl. zuvor 7,14. ♦ Die Wendung ἐν δικαιοσύνῃ steht 6 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt, kanonisch in Apg 17,31; Eph 4,24; 2Tim 3,16; Tit 3,5; 2Petr 1,1; Apk 19,11. ♦ Die Wendung διὰ δικαιοσύνης steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 4,13. ♦ Die Kombination διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ steht 14 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 1,1. ♦ Die erweiterte Formel διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν steht nur 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Röm 7,25. 108 Rekonstruktion <?page no="1719"?> Zur Rekonstruktion: Der Text folgt wieder dem Zeugnis Tertullians. Auch wenn einige Begriffe nur hier vorkanonisch bezeugt sind, fallen doch auch weiter vorkanonisch bezeugte Begriffe und Wendungen auf. [Kapitel 6] [6],[1-23]: [Sünde, Taufe, Tod und ewiges Leben] Dieses unbezeugte Kapitel führt die in Kapitel 5,7 begonnene kanonische Argu‐ mentation, was die Sünde betrifft, fort und hat im vorkanonischen Text gefehlt. - 6,1 Τί οὖν ἐροῦμεν; ἐπιμένωμεν τῇ ἁμαρτίᾳ, ἵνα ἡ χάρις πλεονάσῃ; 2 μὴ γένοιτο· οἵτινες ἀπεθάνομεν τῇ ἁμαρτίᾳ, πῶς ἔτι ζήσομεν ἐν αὐτῇ; - 3 ἢ ἀγνοεῖτε ὅτι ὅσοι ἐβαπτίσθημεν εἰς Χριστὸν Ἰησοῦν εἰς τὸν θάνατον αὐτοῦ ἐβαπτίσθημεν; 4 συνετάφημεν οὖν αὐτῷ διὰ τοῦ βαπτίσματος εἰς τὸν θάνατον, ἵνα ὥσπερ ἠγέρθη Χριστὸς ἐκ νεκρῶν διὰ τῆς δόξης τοῦ πατρός, οὕτως καὶ ἡμεῖς ἐν καινότητι ζωῆς περιπατήσωμεν. 5 εἰ γὰρ σύμφυτοι γεγόναμεν τῷ ὁμοιώματι τοῦ θανάτου αὐτοῦ, ἀλλὰ καὶ τῆς ἀναστάσεως ἐσόμεθα· 6 τοῦτο γινώσκοντες, ὅτι ὁ παλαιὸς ἡμῶν ἄνθρωπος συνεσταυρώθη, ἵνα καταργηθῇ τὸ σῶμα τῆς ἁμαρτίας, τοῦ μηκέτι δουλεύειν ἡμᾶς τῇ ἁμαρτίᾳ· 7 ὁ γὰρ ἀποθανὼν δεδικαίωται ἀπὸ τῆς ἁμαρτίας. 8 εἰ δὲ ἀπεθάνομεν σὺν Χριστῷ, πιστεύομεν ὅτι καὶ συζήσομεν αὐτῷ· 9 εἰδότες ὅτι Χριστὸς ἐγερθεὶς ἐκ νεκρῶν οὐκέτι ἀποθνῄσκει, θάνατος αὐτοῦ οὐκέτι κυριεύει. 10 ὃ γὰρ ἀπέθανεν, τῇ ἁμαρτίᾳ ἀπέθανεν ἐφάπαξ· ὃ δὲ ζῇ, ζῇ τῷ θεῷ. 11 οὕτως καὶ ὑμεῖς λογίζεσθε ἑαυτοὺς [εἶναι] νεκροὺς μὲν τῇ ἁμαρτίᾳ ζῶντας δὲ τῷ θεῷ ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ. 12 Μὴ οὖν βασιλευέτω ἡ ἁμαρτία ἐν τῷ θνητῷ ὑμῶν σώματι εἰς τὸ ὑπακούειν ταῖς ἐπιθυμίαις αὐτοῦ, 13 μηδὲ παριστάνετε τὰ μέλη ὑμῶν ὅπλα ἀδικίας τῇ ἁμαρτίᾳ, ἀλλὰ παραστήσατε ἑαυτοὺς τῷ θεῷ ὡσεὶ ἐκ νεκρῶν ζῶντας καὶ τὰ μέλη ὑμῶν ὅπλα δικαιοσύνης τῷ θεῷ· - 14 ἁμαρτία γὰρ ὑμῶν οὐ κυριεύσει, οὐ γάρ ἐστε ὑπὸ νόμον ἀλλὰ ὑπὸ χάριν. - 15 Τί οὖν; ἁμαρτήσωμεν ὅτι οὐκ ἐσμὲν ὑπὸ νόμον ἀλλὰ ὑπὸ χάριν; μὴ γένοιτο. 16 οὐκ 4 (Röm) 109 <?page no="1720"?> 111 Detering gibt das gesamte Kapitel nach dem kanonischen Text mit kleinen Varianten, vgl. H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 86-88. 175-176. οἴδατε ὅτι ᾧ παριστάνετε ἑαυτοὺς δούλους εἰς ὑπακοήν, δοῦλοί ἐστε ᾧ ὑπακούετε, ἤτοι ἁμαρτίας εἰς θάνατον ἢ ὑπακοῆς εἰς δικαιοσύνην; 17 χάρις δὲ τῷ θεῷ ὅτι ἦτε δοῦλοι τῆς ἁμαρτίας ὑπηκούσατε δὲ ἐκ καρδίας εἰς ὃν παρεδόθητε τύπον διδαχῆς, 18 ἐλευθερωθέντες δὲ ἀπὸ τῆς ἁμαρτίας ἐδουλώθητε τῇ δικαιοσύνῃ· - 19 ἀνθρώπινον λέγω διὰ τὴν ἀσθένειαν τῆς σαρκὸς ὑμῶν. ὥσπερ γὰρ παρεστήσατε τὰ μέλη ὑμῶν δοῦλα τῇ ἀκαθαρσίᾳ καὶ τῇ ἀνομίᾳ εἰς τὴν ἀνομίαν, οὕτως νῦν παραστήσατε τὰ μέλη ὑμῶν δοῦλα τῇ δικαιοσύνῃ εἰς ἁγιασμόν. - 20 ὅτε γὰρ δοῦλοι ἦτε τῆς ἁμαρτίας, ἐλεύθεροι ἦτε τῇ δικαιοσύνῃ. - 21 τίνα οὖν καρπὸν εἴχετε τότε ἐφ’ οἷς νῦν ἐπαισχύνεσθε; τὸ γὰρ τέλος ἐκείνων θάνατος. 22 νυνὶ δέ, ἐλευθερωθέντες ἀπὸ τῆς ἁμαρτίας δουλωθέντες δὲ τῷ θεῷ, ἔχετε τὸν καρπὸν ὑμῶν εἰς ἁγιασμόν, τὸ δὲ τέλος ζωὴν αἰώνιον. 23 τὰ γὰρ ὀψώνια τῆς ἁμαρτίας θάνατος, τὸ δὲ χάρισμα τοῦ θεοῦ ζωὴ αἰώνιος ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν. A. 6,13: Vgl. Adam., Dial. I 27 (im Mund des Adamantius, nur erhalten bei Rufin: Peccatum in nobis ultra iam non dominabitur). B. Keine nennenswerten Varianten. C. 1. (6,1-2) Nach Hilgenfeld, Zahn, Schmid und BeDuhn sind diese beiden Verse unbezeugt. 111 Harnack verweist jedoch auf das μὴ γένοιτο, auf das Tertullian in Adv. Marc. I 27,5 anspiele: Age itaque, qui deum non times quasi bonum, quid non in omnem libidinem ebullis, summum, quod sciam, fructum vitae omnibus qui deum non timent? Quid non frequentas tam sollemnes voluptates circi furentis et caveae saevientis et scenae lascivientis? Quid non et in persecutionibus statim oblata acerra animam negatione lucraris? Absit, inquis, absit. Ergo iam times delictum, et timendo probasti illum timeri qui prohibet delictum. Aliud est si eadem dei tui perversitate quem non times observas, qua et ille quod non vindicat prohibet. Allerdings ist die Anspielung mit dem gegebenen Zusammenhang 110 Rekonstruktion <?page no="1721"?> 112 M. Wolter, Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8 (2014), 364. keine solche, die spezifisch auf Röm 6,1-2 geht, im Gegenteil, mit den Beispielen kann etwa auch auf das vorkanonisch bezeugte μὴ γένοιτο von *1Kor 6,15 angespielt werden oder, wie BeDuhn meint, eventuell auf Röm 7,7. Jedenfalls ist dieser Hinweis nicht spezifisch genug, um hieraus die Präsenz der beiden sonst unbezeugten Verse abzuleiten. Wolter verweist darauf, dass mit Röm 6,1 „ein neuer thematischer Zusammenhang beginnt“. 112 Das ist jedoch nur bedingt korrekt, denn bereits die Formulierung von Vers 1 (ἐπιμένωμεν τῇ ἁμαρτίᾳ, ἵνα ἡ χάρις πλεονάσῃ) verweist auf diejenige der kanonischen Ebene von Vers 5,20 (ἐπλεόνασεν ἡ ἁμαρτία, ὑπερεπερίσσευσεν ἡ χάρις). 2. (6,3-13) Diese Verse werden von Zahn, Schmid und BeDuhn als unbezeugt angesehen, auch wenn Zahn mit ihrer Präsenz in unbestimmbarer Form rechnet. Hilgenfeld und Harnack jedoch verweisen auf Adam., Dial. III 7 und V 11-12, durch den Harnack die Verse 3,9-10 bezeugt sieht (für Vers 3 gibt er als bezeugten Text: ἢ ἀγνοεῖτε ὅτι ὅσοι ἐβαπτίσθημεν εἰς Χριστὸν, εἰς τὸν θάνατον αὐτοῦ ἐβαπτίσθητε; für die Verse 9 und 10: 9 ὁ δὲ Χριστὸς ἀναστὰς οὐκέτι ἀποθνῄσκει, θάνατος αὐτοῦ οὐκέτι κυριεύει. 10 ὃ γὰρ ἀπέθανεν, τῇ ἁμαρτίᾳ ἀπέθανεν ἐφάπαξ: ὃ δὲ ζῇ, ζῇ τῷ θεῷ). Doch wendet BeDuhn zu Recht ein, dass hier nicht erweisbar ist, dass Markions Paulustext zitiert wird. Außerdem führt Harnack für die Präsenz des Verses 4 an: Hieron., Contra Ioannem Hierosolymitam 36 (PL 23,388 C-D: Nuper de Marcionis quidam schola: Vae, inquit, ei qui in hac carne, et in his ossibus resurrexerit. Gaudens animus statim intulit: Consepulti enim sumus, et consurreximus cum Christo per baptismus), und für Vers 5 zitiert er den antimarkionitischen Syrer („Denn wenn wir Zusammengepflanzte für den Tod unseres Herrn geworden sind, so gleicherweise auch für seine Auferstehung“). Im ersten Fall sagt Hieronymus bereits selbst, dass er nicht aus Markions *Paulus zitiert, sondern sich in seiner antimarkionitischen Diskussion auf irgendeinen Markioniten beruft, der ihm angeblich dieses Zeugnis aus Röm geliefert habe. Und auch im zweiten Fall ist die Quelle im Zeugniswert für den vorkanonischen Text unsicher. Andererseits gibt BeDuhn zu bedenken, dass der Inhalt von Röm 6 den Kritikern Markion, Tertullian und Epiphanius keinen Anhalt geboten habe, auf diese Texte einzugehen, und doch hat er keinen Vers aus Röm 6,1-13 in seine Rekonstruktion aufgenommen. So bleibt erneut nur der Vergleich der Lexeme. Wie dieser weiter unten erweist, zeigen insbesondere die von Harnack aufgrund von Adamantius in seine Rekonstruktion aufgenommenen Verse deutlich die kanonische Handschrift. Der Vers, der sich am engsten an den vorkanonischen Text, insbesondere *Gal 5,24 anlehnt, ist Vers 12, doch beginnt dieser mit 4 (Röm) 111 <?page no="1722"?> 113 W.H. Hagen, Two Deutero-Pauline Glosses in Romans 6 (1981). 114 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 105*. 115 Adamantius, W.H.v.d. Sande Bakhuyzen and Adamantius, Der Dialog des Adamantius Peri tēs eis theon orthēs pisteōs (1901), 56-57. Vgl. auch Adamantius, R.A. Pretty and G.W. Trompf, Dialogue on the true faith in God = De recta in Deum fide (1997), 73. 116 R. Bultmann, Glossen im Römerbrief (1947), 202. Vgl. hierzu auch die Neupublikation R. Bultmann, Glossen im Römerbrief (1967). einer für die kanonische Version typischen Verseröffnung, wird also auch nur kanonisch gestanden sein. 3. (6,13) Dieser Vers gilt W.H. Hagen als deuterokanonische Glosse. 113 4. (6,14) Zahn und Schmid sehen diesen Vers als unbezeugt, auch wenn ihn Zahn für irgendwie präsent hält. Harnack verweist hingegen wiederum auf Adamantius, auch wenn er gesteht, dass diese wie die anderen Stellen „nicht si‐ cher marcionitisch“ ist. 114 Van der Sande Bakhuyzen war allerdings der Meinung, Rufin und nicht die griechischen Zeugen hätten hier den ursprünglichen Text des Dialogs bewahrt. 115 Adamantius weist zwei Abweichungen gegenüber dem kanonischen Text auf (nobis und ultra non), worauf bereits BeDuhn hingewiesen hat, weshalb er diesen Vers auch mit folgendem zugrundeliegenden Text in seine Rekonstruktion aufgenommen hat: ἁμαρτία γὰρ ἡμῶν οὐκέτι κυριεύσει, οὐ γάρ ἐστε ὑπὸ νόμον ἀλλὰ ὑπὸ χάριν. Diese Abweichungen haben sich jedoch nicht anderwärtig in der Handschriftentradition niedergeschlagen. Wieder sind wir auf den Vergleich der Lexik angewiesen. 5. (6,15-18) Diese Verse gelten allen Editoren als unbezeugt, auch wenn Zahn sie in irgendeiner Form als präsent annimmt. BeDuhn hat sie jedoch nicht in seine Rekonstruktion aufgenommen. 6. (6,17) Dieser Vers wird von R. Bultmann als Glosse gesehen. 116 7. (6,19) Der Vers ist nach Zahn und Schmid unbezeugt, auch wenn Zahn seine irgendwie geartete Präsenz annimmt. Harnack und BeDuhn verweisen auf Adam., Dial. III 7: ὥσπερ παρεστήσατε τὰ μέλη ὑμῶν δοῦλα τῇ ἀδικίᾳ καὶ τῇ ἀκαθαρσίᾳ εἰς ἀνομίαν, οὕτω παραστήσατε τὰ μέλη τῷ θεῷ δοῦλα τῇ δικαιοσύνῃ (Rufin: Sicut enim exhibuistis membra uestra seruire iniustitiae et immunditiae ad iniquitatem, ita nunc exhibete membra uestra Deo seruire in iustitia). Harnack sieht als bezeugten Text: ὥσπερ γὰρ παρεστήσατε τὰ μέλη ὑμῶν δουλεύειν τῇ ἀδικίᾳ καὶ τῇ ἀκαθαρσίᾳ εἰς ἀνομίαν, οὕτω νῦν παραστήσατε τὰ μέλη τῷ θεῷ δουλεύειν ἐν τῇ δικαιοσύνῃ. BeDuhn legt seiner Übersetzung den griechischen Text des Adamantius zugrunde. Doch, wie BeDuhn selbst angibt, ist er unsicher, dass Adamantius (im Mund des Adamantius) hier wirklich aus Markions *Paulus zitiert, denn 112 Rekonstruktion <?page no="1723"?> 117 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 299. 118 W.H. Hagen, Two Deutero-Pauline Glosses in Romans 6 (1981). 119 M. Wolter, Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8 (2014), 417. 120 W.C. van Manen, Die Unechtheit des Römerbriefes (1906), 63-67. im Dialog werde an dieser Stelle ein Bardesanit diskutiert, plötzlich von dem Markioniten Megethius unterbrochen, dem dann Adamantius mit diesem Zitat begegnet, vielleicht aus einer antimarkionitischen Quelle. 117 Wenn Röm 6,19 als deuterokanonische Glosse gesehen wird, begegnet uns erneut das Phänomen, dass die charakteristische Besonderheit der kanonischen Redaktion zwar erkannt wurde, jedoch eingebettet in den Rahmen der traditio‐ nellen Sicht von der späteren Datierung von Markions *Paulus. Als Interpolation wird Röm 6,19 betrachtet durch W.H. Hagen. 118 8. (6,20) Zahn und Schmid betrachten auch diesen Vers als unbezeugt, auch wenn Zahn ihn wiederum als irgendwie präsent annimmt. Harnack und BeDuhn verweisen jedoch auf Adam., Dial. I 27 (im Mund des Adamantius): ὅτε ἦτε δοῦλοι τῆς ἁμαρτίας, ἐλεύθεροι ἦτε τῇ δικαιοσύνῃ (Rufin: Cum autem essetis serui peccati, liberi eratis iustitiae). Harnack gibt als bezeugten Text: ὅτε δὲ ἦτε δοῦλοι τῆς ἁμαρτίας, ἐλεύθεροι ἦτε τῇ δικαιοσύνῃ. Obwohl BeDuhn aus‐ drücklich darauf verweist, dass man nicht sicher sein könne, dass Adamantius hier den *Paulus des Markion zitiert, fügt er doch in seine Rekonstruktion eine Übersetzung folgenden griechischen Textes ein: ὅτε [γὰρ] ἦτε δοῦλοι τῆς ἁμαρτίας, ἐλεύθεροι ἦτε τῇ δικαιοσύνῃ-… 9. (6,21-23) Diese Verse sind nach allen Editoren unbezeugt, auch wenn Zahn mit ihrer nicht näher bestimmbaren Präsenz rechnet. Wolter hat auf die Nähe zu Röm 7,5-6 hingewiesen. 119 Das deutet auf eine gewisse Duplikation hin, die typisch für die redaktionelle Arbeit ist. 10. (Kapitel 6) hält van Manen für weithin sekundär und Vers 5,20-21 (vielleicht nur 5,20) für die letzten älteren Verse. 120 D. (6,1) Die Verbform ἐροῦμεν, die 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,7, vgl. zu Röm 4,1. ♦ Die Wendung τί οὖν ἐροῦμεν steht 6 Mal im NT, ausschließlich im Römerbrief und stets als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,7. ♦ ἐπιμένω, das 20 / 17 Mal im NT steht, findet sich jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form τῇ ἁμαρτίᾳ steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 8,21; Röm 6,1. 2. 6. 10. 11. 13). ♦ πλεονάζω, das 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,20. 4 (Röm) 113 <?page no="1724"?> 121 Hierauf weist hin J. Schröter, Sammlungen der Paulusbriefe und die Entstehung des neutestamentlichen Kanons (2018), 808. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐπιμένω; τῇ ἁμαρτίᾳ. (6,2) Der Ausdruck μὴ γένοιτο steht 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,7. ♦ ὅστις, das 165 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. ♦ Die Form ἀπεθάνομεν steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 6,8. ♦ Zur kanonischen Form τῇ ἁμαρτίᾳ vgl. zum voranstehenden Vers 6,1. ♦ πῶς, das 109 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,35. ♦ ἔτι, das 96 / 93 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,15; *Röm 5,6. ♦ Die Form ζήσομεν steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 13,4. ♦ αὐτῇ (Dat. Fem. Sg.), das 101 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Wendung ἐν αὐτῇ steht 28 Mal im NT (3 Mal Mt; Mk 11,13; Lk 10,9; 13,6. 31; 20,19; 24,18; 4 Mal Apg; Röm 6,2; Kol 4,2; Jak 3,9; 2Petr 3,10; 2Joh 1,6; 8 Mal Apk), in Lk 13,6. 31, in Versen, die in *Ev fehlen; 20,19, in einem Teilvers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,12. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀπεθάνομεν; τῇ ἁμαρτίᾳ; ζήσομεν. (6,3) ἀγνοέω, das sich 23 / 22 Mal im NT findet, ist vorkanonisch belegt für *1Kor 10,1; 12,1. ♦ Die Kombination ἢ ἀγνοεῖτε steht 2 Mal im NT, beide Male als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 6,3; 7,1). ♦ ὅσος, das 121 / 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,22; *Gal 3,10; *2Kor 1,20; *Röm 2,12. ♦ βαπτίζω, das 90 / 77 Mal im NT steht, gehört im Sinn von „Taufen“ ausschließlich zur kanonischen Ebene. ♦ Die Form ἐβαπτίσθημεν steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in 1Kor 12,13. ♦ Die Wendung εἰς Χριστὸν Ἰησοῦν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Es gibt eine Nähe zu εἰς τὸ ὄνομα Παύλου ἐβαπτίσθητε zu Apg 8,16; 19,5 und 1Kor 1,35. 15, allesamt auf der kanonischen Ebene stehend. 121 ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. Dieser Begriff begegnet wieder im selben Kapitel in den Versen 4. 5. 9. 16. 21. 23. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἢ ἀγνοεῖτε; Semantik von βαπτίζω; ἐβαπτίσθημεν; εἰς Χριστὸν Ἰησοῦν. (6,4) συνθάπτω steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene (Kol 2,2). ♦ Die Kombination οὖν αὐτῷ steht 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene und außer dieser Stelle nur in Joh. ♦ βάπτισμα steht 22 / 19 Mal im NT, in Lk 114 Rekonstruktion <?page no="1725"?> 7,29; 12,50, in Versen, die in *Ev fehlen, vorkanonisch nur bezeugt für die Taufe des Johannes, *Ev 20,4; wofür das Wort vorkanonisch bezeugt in *Laod 4,5 steht, ist unklar. ♦ Die Wendung εἰς τὸν θάνατον steht nur noch 1 weiteres Mal, im voranstehenden Vers 6,3. ♦ ὥσπερ, das 43 / 36 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,22; *Röm 5,21, vgl. weiter Vers 19. ♦ Die Kombination ἵνα ὥσπερ steht nur noch 1 weiteres Mal, vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,21. ♦ Die Form ἠγέρθη steht 18 Mal im NT, in Lk 24,6, in einem Versteil, der in *Ev fehlt, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Röm 4,25. ♦ Die Wendung διὰ τῆς δόξης steht nur hier. ♦ πατήρ im Singular, der 297 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,3; 5,1; *Laod 1,17; 2,18; 4,6; 5,31; 6,2. ♦ Die Kombination οὕτως καί steht 47 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 21,31 (Verseröffnung); *1Kor 15,22. 42, vgl. zuvor 7,14. ♦ καινότης steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene. ♦ περιπατέω, das 104 / 95 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,2; 5,2. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: συνθάπτω; οὖν αὐτῷ; Semantik von βάπτισμα; εἰς τὸν θάνατον; ἠγέρθη; καινότης. Auffallend sind die vorkanonischen Bezeugungen durch *Laod (βάπτισμα; περιπατέω), die auf die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Lexik hinweisen. (6,5) Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröffnung, als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. ♦ σύμφυτος ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Form γεγόναμεν steht 1 weiteres Mal, Hebr 3,14. ♦ ὁμοίωμα, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 8,3; *Phil 2,7. ♦ ἀνάστασις, das 44 / 42 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,12. 21. 42. ♦ Die Verbform ἐσόμεθα steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung εἰ γάρ; γεγόναμεν; ἐσόμεθα. (6,6) γιγνώσκω, das 256 / 222 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21; 2,8. 16; 3,20; 8,3; *Röm 7,7; 11,34. ♦ Die Form γινώσκοντες steht 9 Mal im NT (inkl. Komposita), jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 26,5; Röm 6,6; Eph 3,4; 5,5; Hebr 10,34; Jak 1,3; 3 Mal 2 Petr). ♦ παλαιός, das 20 / 19 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,36. 37. ♦ ὁ παλαιός … ἄνθρωπος begegnet noch 1 Mal, vorkanonisch bezeugt für *Kol 3,9. ♦ συσταυρόομαι, das 6 Mal im NT steht, findet sich immer nur auf der kanonischen Ebene. ♦ καταργέω, das 27 Mal im NT steht, findet sich vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15 und vielleicht *2Kor 3,11. 13. ♦ μηκέτι, das sich 22 Mal im NT findet, findet sich nur für die kanonische 4 (Röm) 115 <?page no="1726"?> Ebene bezeugt. ♦ δουλεύω findet sich 26 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,13 und *Gal 4,8. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: γινώσκοντες; συσταυρόομαι; μηκέτι. (6,7) Die Kombination ὁ γάρ steht 37 Mal im NT, davon 21 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *Gal 5,14; im Vers für *Ev 9,44; *Röm 13,8, vgl. zu Röm 4,15. ♦ Die Form ἀποθανών steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 6,7; 8,34; Hebr 11,4). ♦ δικαιόω, das 59 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ Die Wendung ἀπὸ τῆς ἁμαρτίας steht 3 Mal im NT, ausschließlich in diesem Kapitel (Röm 6,7. 18. 22). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀποθανών; ἀπὸ τῆς ἁμαρτίας. (6,8) Zum kanonischen εἰ δέ vgl. zuvor zu Vers 3,5 und Gal 5,18. ♦ Die Form ἀπεθάνομεν steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 6,2. ♦ σύν, das 136 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,14; *Gal 2,3; 5,24; *Thess 4,17; *Kol 2,13; 3,3. 4; *Phil 1,23. ♦ Die Wendung σὺν Χριστῷ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 8,6; Phil 1,23; Kol 2,20). ♦ πιστεύω, das 265 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21 (τοὺς πιστεύοντας); 15,11; *Röm 1,16 (τῷ πιστεύοντι); 10,4 (τῷ πιστεύοντι); *2Thess 2,12 (οἱ μὴ πιστεύσαντες); *Laod 1,13 (πιστεύσαντες). ♦ Die Form πιστεύομεν steht 6 Mal im NT ( Joh 4,42; 16,30; Apg 15,11; Röm 6,8; 2Kor 4,13; 1Thess 4,4), vorkanonische bezeugt für *2Kor 4,13. ♦ συζῶ, das 4 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἰ δέ; ἀπεθάνομεν; σὺν Χριστῷ; συζῶ. (6,9) Die Form εἰδότες begegnet 26 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 5,11. ♦ Die Wendung εἰδότες ὅτι steht 15 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 15,58. ♦ Die Form ἐγερθείς steht 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (9 Mal Mt; Lk 11,8; Joh 21,14; Röm 6,9; 8,34). ♦ οὐκέτι steht 51 / 47 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form ἀποθνῄσκει steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 21,23; Röm 6,9; 14,7; 116 Rekonstruktion <?page no="1727"?> Hebr 10,28). ♦ κυριεύω, das 7 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἰδότες; εἰδότες ὅτι; ἐγερθείς; οὐκέτι; ἀποθνῄσκει; κυριεύω. (6,10) Die Kombination ὃ γάρ steht 4 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 6,7. ♦ Zur kanonischen Form τῇ ἁμαρτίᾳ vgl. zum voranstehenden Vers 6,1. ♦ ἐφάπαξ, das 5 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ζάω steht auch in den Versen 11 und 13, vgl. zu Vers 2. ♦ Die Form ζῇ steht 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 7,39. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὃ γάρ; τῇ ἁμαρτίᾳ; ἐφάπαξ; ζῇ. (6,11) Die Kombination οὕτως καί steht 47 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 21,31 (Verseröffnung); *1Kor 15,22. 42, vgl. zuvor 7,14. ♦ Die Kombination καὶ ὑμεῖς steht 64 Mal im NT, davon 8 Mal als kanonische Verseröffnung, vorkanonisch im Vers bezeugt für *Ev 20,21; *Röm 7,4; *1Thess 2,14; *Laod 1,13; vgl. zu 1Kor 5,2. ♦ λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 13,5. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,33; *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ Zur kanonischen Form τῇ ἁμαρτίᾳ vgl. zum voranstehenden Vers 6,1. ♦ Die Form ζῶντας steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 6,11. 13; 2Tim 4,1; 1Petr 4,5). ♦ Die Kombination ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ begegnet 47 Mal im Neuen Testament, ausschließlich im kanonischen Paulus, vgl. zu 1Kor 1,4. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: λογίζομαι; τῇ ἁμαρτίᾳ; ζῶντας; ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ. (6,12) Die Kombination μὴ οὖν steht 9 Mal im NT, jeweils als Verseröffnung (5 Mal Mt; Röm 6,12; Eph 5,7; Kol 2,16; 2Tim 1,8), vorkanonisch bezeugt für *Kol 2,16. ♦ βασιλεύω, das 21 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,21. ♦ θνητός, das 6 Mal im NT steht, ist 5 Mal vorkanonisch bezeugt. ♦ ὑπακούω steht 24 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,25; *2Thess 1,8; *Laod 6,1. ♦ ἐπιθυμία steht 40 / 38 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,15; *Gal 5,24; *1Thess 4,5. ♦ Die Form ταῖς ἐπιθυμίαις steht 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,24; *Laod 2,3. Kein ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegtes Element, man bemerke aber die Nähe zu *Gal 5,24 und die ausschließlich für *Kol bezeugte Kombination μὴ οὖν. 4 (Röm) 117 <?page no="1728"?> (6,13) μηδέ, das 63 / 56 Mal im NT steht, davon 9 Mal als Verseröffnung, ist vorkano‐ nisch bezeugt für *1Kor 10,7. 9 (beide Male als Verseröffnung); *Kol 2,21 (im Vers). ♦ παριστάνω steht nur noch zwei weitere Male auf der kanonischen Ebene (Röm 6,16. 19). ♦ παρίστημι, das 42 / 41 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 11,2, jedoch ein beliebter Begriff der kanonischen Redaktion, insbesondere in der Apostelgeschichte. ♦ ὡσεί steht 35 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ μέλος, das 42 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,15; 9,9; 12,12. 14; *Röm 7,23. ♦ Die Wendung τὰ μέλη ὑμῶν steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene im Zusammenhang hier (Röm 6,13. 19). ♦ ὅπλον steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀδικία steht 27 / 25 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,9; *Röm 1,18; *2Thess 2,12. ♦ Zur kanonischen Form τῇ ἁμαρτίᾳ vgl. zum voranstehenden Vers 6,1. ♦ ὡσεί steht 35 / 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Zur kanonischen Form ζῶντας vgl. zuvor zu Vers 6,11. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: παριστάνω; τὰ μέλη ὑμῶν; ὅπλον; τῇ ἁμαρτίᾳ; ζῶντας. (6,14) κυριεύω, das 7 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19, vgl. weiter Vers 16. ♦ Die Wendung οὐ γάρ ἐστε steht 1 weiteres Mal, Mk 13,11. ♦ Die Wendung ὑπὸ νόμον steht 11 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,10; 4,5; *1Kor 9,20. ♦ Die Wendung οὐ γάρ ἐστε ὑπὸ νόμον begegnet 1 weiteres Mal (ohne γάρ) in Gal 5,18. ♦ Die Wendung ἀλλὰ ὑπὸ χάριν steht nur noch 1 weiteres Mal im nächsten Vers, ebenfalls auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: κυριεύω; οὐ γάρ ἐστε; οὐ γάρ ἐστε ὑπὸ νόμον; ἀλλὰ ὑπὸ χάριν. (6,15) Die Wendung (im Akkusativ) τί οὖν steht 23 Mal im NT, davon 12 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mk 12,9; Röm 4,9; 4,1; 6,1. 15; 7,7; 8,31; 9,14. 30; 11,7; 1Kor 10,19; Gal 3,19; im Vers: 3 Mal Mt; Mk 11,31; Lk 3,10; 20,15. 17, in Versen, die in *Ev fehlen; Joh 1,25; Apg 19,3; Röm 9,19), vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,19 (Verseröffnung); *Röm 7,7 (Verseröffnung), vgl. Röm 3,9. ♦ ἁμαρτάνω steht 47 / 43 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 17,3. 4; *Röm 2,12; *Laod 4,26. ♦ Die Wendung οὐκ ἐσμὲν ὑπὸ νόμον greift die kanonische Wendung οὐ γάρ ἐστε ὑπὸ νόμον des voranstehenden Verses 6,14 auf. ♦ Die Verbform ἐσμέν, die 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; *Laod 2,10. ♦ Die Wendung ἀλλὰ ὑπὸ χάριν steht nur noch 1 weiteres Mal im voranstehenden Vers, ebenfalls auf der kanonischen Ebene. 118 Rekonstruktion <?page no="1729"?> Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὐκ ἐσμὲν ὑπὸ νόμον; ἀλλὰ ὑπὸ χάριν. (6,16) Die Kombination οὐκ οἴδατε ὅτι steht 12 Mal im NT, davon 6 Mal als Verseröff‐ nung (Verseröffnung: Röm 6,16; 1Kor 3,16; 6,3. 15; 9,13. 24), vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,16; 6,15 (Verseröffnung); *1Kor 6,16 (im Vers). ♦ παριστάνω steht nur hier und zwei weitere Male auf kanonischer Ebene, zuvor in Röm 6,13 und danach in Vers 19, greift also diesen kanonischen Vers auf. ♦ Die alternative Ableitung ist παρίστημι, vgl. hierzu Vers 6,13. ♦ δοῦλος, das 128 Mal im NT steht, jedoch als Selbstbezeichnung im Verhältnis zu Gott oder Christus auf der vorkanonischen Ebene fehlt. ♦ Zur Verbform ἐστε vgl. zuvor zu Vers 14. ♦ ὑπακοή, das 16 Mal im NT steht, ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ ἤτοι ist Hapax legomenon im NT. ♦ Zum auch vorkanonisch bezeugten Verb ὑπακούω vgl. weiter oben zu Vers 12, den dieser Vers hier ebenfalls aufgreift. ♦ Zu dem auch vorkanonisch bezeugten εἰς δικαιοσύνην vgl. zuvor zu Vers 4,1. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: παριστάνω; Semantik von δοῦλος; ὑπακοή. (6,17) Die Kombination χάρις δέ steht 3 Mal im NT, immer als Verseröffnung und ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 8,16. ♦ Verbform ἦτε, die 19 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 5,7; *Laod 2,12, vgl. weiter Vers 20. ♦ Zur kanonischen Semantik von δοῦλος vgl. zum voranstehenden Vers 6,16. ♦ ὑπακούω steht 24 / 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,25; *2Thess 1,8; *Laod 6,1. ♦ Die Kombination εἰς ὅν steht 12 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 1,10. ♦ παραδίδωμι, das 134 / 119 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,5, wohl auch in *Gal 2,20, wenn hierfür auch unbezeugt. ♦ τύπος, das 17 / 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,6. ♦ διδαχή steht 33 Mal im NT, vorkanonisch in *Ev 4,32 für Jesu Lehren, ansonsten ist es jedoch ein typischer Begriff der kanonischen Redaktion, der in *Paulus nicht begegnet. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: χάρις δέ; εἰς ὅν. (6,18) ἐλευθερόω steht 15 / 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,1. ♦ ἀπό steht 711 / 646 Mal im NT, vgl. zuvor zu Vers 7. ♦ Die Form ἐλευθερωθέντες steht noch 1 weiteres Mal in Röm 6,22 auf der kanonischen Ebene. ♦ δουλόω steht 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,3. ♦ Die Wendung ἀπὸ τῆς ἁμαρτίας steht 3 Mal im NT, ausschließlich in diesem Kapitel (Röm 6,7. 18. 22). ♦ Die Form τῇ δικαιοσύνῃ steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 10,3. 4 (Röm) 119 <?page no="1730"?> Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegtes Element ist: ἐλευθερωθέντες; Semantik von δουλόω. (6,19) ἀνθρώπινος, das 8 / 7 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀσθένεια, das 27 / 24 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,9. 10. ♦ Die Wendung τῆς σαρκὸς ὑμῶν steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Kol 2,13. ♦ Die Kombination ὥσπερ γάρ, die 13 Mal im NT zu finden ist, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung τὰ μέλη ὑμῶν steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene im Zusammenhang hier (Röm 6,13. 19). ♦ ἀκαθαρσία, das 11 / 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,19. ♦ ἀνομία, das 16 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ Die Wendung οὕτως νῦν steht nur hier. ♦ Zur kanonischen Semantik von δοῦλος vgl. zum voranstehenden Vers 6,16. ♦ Die Form τῇ δικαιοσύνῃ steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 10,3. ♦ ἁγιασμός, das 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,3. 7. ♦ Die Wendung εἰς ἁγιασμόν begegnet noch 1 weiteres Mal in Röm 6,22. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀνθρώπινος; τῆς σαρκὸς ὑμῶν; ὥσπερ γάρ; τὰ μέλη ὑμῶν; ἀνομία; Semantik von δοῦλος; εἰς ἁγιασμόν. (6,20) ὅτε, das 112 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,3. 4. ♦ Die Kombination ὅτε γάρ steht 2 Mal im NT, beide Male als Verseröffnung (Röm 6,20; 7,5), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ δοῦλος, das 128 Mal im NT steht, fehlt jedoch als Selbstbezeichnung im Verhältnis zu Gott oder Christus auf der vorkanonischen Ebene. ♦ Zur Verbform ἦτε vgl. zuvor zu Vers 17. ♦ ἐλεύθερος, das 24 / 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,22. 23. ♦ Die Form τῇ δικαιοσύνῃ steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 10,3. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὅτε γάρ; Semantik von δοῦλος. (6,21) τίνα (Nom. / Akk. Neut. Pl. oder Akk. Fem. / Mask. Sg.) steht 27 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ καρπός, das 71 / 66 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form εἴχετε steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 9,41; Röm 6,21; 1Joh 2,7). ♦ τότε, das 164 / 160 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,54. ♦ Zu νῦν vgl. zum voranstehenden Vers 6,19. ♦ ἐπαισχύνομαι, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,26. ♦ τέλος, das 43 / 40 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,11; *Röm 10,4. ♦ ἐκεῖνος, das 265 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,11; *Laod 2,12. 120 Rekonstruktion <?page no="1731"?> Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: καρπός; εἴχετε. (6,22) νυνί, das 24 Mal im NT steht, und zwar nur Apg und in Briefliteratur, ist vorkanonisch nur für *Röm 3,21 und *Laod 2,13 bezeugt. ♦ Die Kombination νυνὶ δέ steht 18 Mal im NT, davon 14 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,13 (Verseröffnung), vgl. zu 2Kor 8,11. ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten ἐλευθερόω vgl. zuvor zu Vers 6,18. ♦ Die Form ἐλευθερωθέντες steht noch 1 weiteres Mal in Röm 6,18 auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀπό steht 711 / 646 Mal im NT, vgl. zuvor zu Vers 7. ♦ Die Wendung ἀπὸ τῆς ἁμαρτίας steht 3 Mal im NT, ausschließlich in diesem Kapitel (Röm 6,7. 18. 22). ♦ Zur kanonischen Semantik von δοῦλος vgl. zuvor zu Vers 6,20. ♦ Zum kanonischen καρπός vgl. den Vers zuvor 6,21. ♦ Zum nur kanonisch stehenden εἰς ἁγιασμόν vgl. zuvor zu Vers 6,19. ♦ Die Form ζωὴν αἰώνιον steht 31 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,18. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐλευθερωθέντες; ἀπὸ τῆς ἁμαρτίας; Semantik von δοῦλος; καρπός; εἰς ἁγιασμόν. (6,23) ὀψώνιον, das 4 Mal im NT steht, ist nur belegt für die kanonische Ebene. ♦ Die Kombination τὸ δέ (Nom.) steht 31 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt im Vers: *Ev 11,39; *2Kor 3,6; *Röm 8,10; *Kol 2,17, vgl. zu Gal 4,25. ♦ Die Kombination ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ begegnet 47 Mal im Neuen Testament, ausschließlich im kanonischen Paulus, vgl. zu 1Kor 1,4. ♦ Die Wendung τῷ κυρίῳ ἡμῶν steht 6 Mal im NT, davon 4 Mal als Versschluss (Versschluss: Röm 6,23; 8,39; 1Kor 15,31; Eph 3,11; im Vers: Röm 16,18; 1Tim 1,12), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die weitere Wendung ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 15,31. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὀψώνιον; ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ; τῷ κυρίῳ ἡμῶν; ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν. Zwar begegnen in diesem Kapitel eine Reihe von Elementen, die nur hier vorkommen und darum einen Anteil der kanonischen Elemente bilden, dennoch bleiben reichlich weitere Elemente, die das Kapitel als Ganzes und die einzelnen Verse auf die kanonische Ebene verweisen. Das gesamte Kapitel geht folglich auf die kanonische Redaktion zurück und hat vorkanonisch gefehlt. 4 (Röm) 121 <?page no="1732"?> 122 Detering gibt die Verse nach dem kanonischen Text, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 176-177. 123 M. Wolter, Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8 (2014), 411-412. Kapitel 7 7,[1-3]: [Das Gesetz hat nur Geltung, solange jemand lebt] Das Kapitel beginnt mit einer kanonischen Digression, welche das Gesetzes‐ thema des auf der kanonischen Ebene eingeschobenen Kapitels 6 fortführt. Diese Eröffnung hat vorkanonisch gefehlt. - 7,1 Ἢ ἀγνοεῖτε, ἀδελφοί, γινώσκουσιν γὰρ νόμον λαλῶ, ὅτι ὁ νόμος κυριεύει τοῦ ἀνθρώπου ἐφ’ ὅσον χρόνον ζῇ; 2 ἡ γὰρ ὕπανδρος γυνὴ τῷ ζῶντι ἀνδρὶ δέδεται νόμῳ· ἐὰν δὲ ἀποθάνῃ ὁ ἀνήρ, κατήργηται ἀπὸ τοῦ νόμου τοῦ ἀνδρός. 3 ἄρα οὖν ζῶντος τοῦ ἀνδρὸς μοιχαλὶς χρηματίσει ἐὰν γένηται ἀνδρὶ ἑτέρῳ· ἐὰν δὲ ἀποθάνῃ ὁ ἀνήρ, ἐλευθέρα ἐστὶν ἀπὸ τοῦ νόμου, τοῦ μὴ εἶναι αὐτὴν μοιχαλίδα γενομένην ἀνδρὶ ἑτέρῳ. A. Die Verse sind vorkanonisch unbezeugt. B. Keine nennenswerten Varianten. C. (7,1-3) Diese Verse sind nach allen Editoren unbezeugt. 122 Zahn nimmt an, dass sie in irgendeiner Form präsent waren und auch BeDuhn rechnet mit dieser Möglichkeit. Er fügt aus Vers 1 die Übersetzung folgenden griechischen Textes in Klammern hinzu: [Ἢ ἀγνοεῖτε, ἀδελφοί, γινώσκουσιν γὰρ νόμον λαλῶ, ὅτι ὁ νόμος κυριεύει τοῦ ἀνθρώπου ἐφ’ ὅσον χρόνον ζῇ; ]. Wolter verweist darauf, es handele sich bei dieser Stelle „vermutlich“ um einen „Rückgriff auf 1Kor 7,39“, weil es umfangreiche Überschneidungen zwischen beiden Stellen gäbe, hier lediglich ergänzt durch den Bezug auf das Gesetz. 123 Aufgrund des lexikalischen Vergleichs weiter unten kann dieses Urteil Wolters präzisiert werden: Es handelt sich um eine Relation, wenn nicht teilweise Duplikation der Verse auf der kanonischen Ebene, wie das parallele, nur kanonisch bezeugte, ἐλευθέρα ἐστίν zeigt. Darüber hinaus fällt auf, dass die Passage in Vers 1 gleich auf das „Gesetz“ zu sprechen kommt, dessen Kenntnis bei den Adressaten ausdrücklich vorausgesetzt wird. Hierzu passt, dass dann in Vers 2 eine Formulierung ὕπανδρος γυνή begegnet, die im Gesetz zu finden ist (Num 5,19. 20, 29 LXX). 124 122 Rekonstruktion <?page no="1733"?> 124 Vgl. auch Spr 6,24. 29; Sir 9,9; 41,23; TestAbrB 12,2; TestRub 3,10; vgl. auch Theoph., Ad Autolyc. 3,13. Zu diesen und weiteren Stellen ibid. 413. 125 Vgl. zur Duplikation die Einleitung, I, S. 563-568. Der kanonische Charakter der Stelle wird auch durch die für diese Redaktion typische Duplikation untermauert. 125 D. (7,1) Die Kombination ἢ ἀγνοεῖτε steht 2 Mal im NT, beide Male als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 6,3; 7,1). ♦ γιγνώσκω, das 256 / 222 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21; 2,8. 16; 3,20; 8,3; *Röm 7,7; 11,34. ♦ κυριεύω, das 7 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ὅσος, das 121 / 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,22; *Gal 3,10; *2Kor 1,20; *Röm 2,12. ♦ χρόνος steht 61 / 54 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,4. ♦ Die Kombination ἐφ’ ὅσον χρόνον steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 7,39. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. Hier im Kapitel findet es sich auch in den Versen 2, 3 und 9. ♦ Die Form ζῇ steht 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. erneut zu 1Kor 7,39. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἢ ἀγνοεῖτε; κυριεύω; ἐφ’ ὅσον χρόνον; ζῇ. (7,2) ὕπανδρος ist Hapax legomenon im NT. ♦ γυνή, das 246 / 215 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,1; 7,2 (? ). 10; 11,5. 10; 14,34; *Laod 5,22. 23. 28. ♦ Die Form τῷ ζῶντι steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 7,2; 3 Mal Apk). ♦ ἀνήρ, das 227 / 216 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 7,10. 11; 11,3. 7. 8; *Laod 5,22. 23. ♦ Die Form δέδεται steht nur 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 7,2; 1Kor 7,39: δέδεται νόμῳ; 2Tim 2,9). ♦ Die Kombination ἐὰν δέ steht 34 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,25. ♦ Die Form ἀποθάνῃ steht 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,36. ♦ καταργέω steht 27 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15. ♦ Die Wendung ἀπὸ τοῦ νόμου steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 5,18; Röm 7,2. 3. 6; 8,2). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: τῷ ζῶντι; δέδεται νόμῳ; ἀπὸ τοῦ νόμου. (7,3) Die Kombination ἄρα οὖν steht 12 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, nur auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 3,41. ♦ Zu ἀνήρ vgl. zu Vers 2. ♦ Zu ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, vgl. zu Vers 2. ♦ μοιχαλίς steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ χρηματίζω findet sich 9 Mal im NT, 4 (Röm) 123 <?page no="1734"?> ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ἀποθάνῃ vgl. zum voranstehenden Vers 7,2. ♦ Die Kombination ἐλευθέρα ἐστίν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. erneut zu 1Kor 7,39. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,33; *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ αὐτήν, das 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,24; *2Kor 3,18; *Laod 5,29. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἄρα οὖν; μοιχαλίς; χρηματίζω; ἐλευθέρα ἐστνί. 7,4-5 6 7 [8-10] 11-14 [15-17] 18 19 [20-22] 23-24 [25]: Ist das Gesetz Sünde? Der vorkanonische Gedankengang in dieser Passage ist gut bezeugt und lässt sich dementsprechend nachvollziehen. Durch die Zugehörigkeit der Adres‐ sierten zu Christus und von den Toten Auferstandenen sind die Lesenden „tot für das Gesetz“, auch wenn gerade durch das Gesetz die Leidenschaften der Sünden im Leib wirken. Mit der Beseitigung des „Gesetzes des Todes“ eröffnet sich die neue Antithese zwischen der „neuen Wirklichkeit des Geistes“, die vom Dienst gegenüber „der alten Wirlkichkeit des Buchstabens“ löst. Daraus will *Paulus aber nicht schließen, dass das Gesetz selbst Sünde ist, es dient der Erkenntnis der Sünde, die sich des Gesetzes bedient, während das Gesetz selbst „heilig, gerecht und gut“ ist, allerdings lediglich in der Funktion, um die Sünde aufzudecken. Während das Gesetz selbst als „geistlich“ apostrophiert wird, eröffnet sich die weitere Antithese zwischen Geist und Fleisch, in welchem „nichts Gutes“ wohnt. Hieraus folgt die Frage: „Wer wird mich aus diesem dem Tod verfallenen Leib erretten? “ Die Antwort auf diese Frage wird im folgenden Kapitel 8 gegeben. Auf der kanonischen Ebene wird die Frage zunächst am konkreten Fall, wie lange eine Ehefrau durch das Gesetz an den Mann gebunden ist, eingeführt. Außerdem kommt das neue Thema des Begehrens in einer Digression (Verse 7b-10) hinein. Im letzten Teil der Ausführungen finden sich auf der kanonischen Ebene verschiedene Duplikationen, die eher verwirrend wirken, vor allem aber die Emphase unterstreichen sollen, mit der der kanonische Paulus predigt. 7,4 καὶ ὑμεῖς ἐθανατώθητε τῷ νόμῳ διὰ τοῦ σώματος τοῦ Χριστοῦ, εἰς τὸ γενέσθαι ὑμᾶς ἑτέρῳ, τῷ ἐκ νεκρῶν ἐγερθέντι. 4 ὥστε, ἀδελφοί μου, καὶ ὑμεῖς ἐθανατώθητε τῷ νόμῳ διὰ τοῦ σώματος τοῦ Χριστοῦ, εἰς τὸ γενέσθαι ὑμᾶς ἑτέρῳ, τῷ ἐκ νεκρῶν ἐγερθέντι, ἵνα καρποφορήσωμεν τῷ θεῷ. 5 ἐν τῇ σαρκί τὰ παθήματα τῶν ἁμαρτιῶν τὰ διὰ τοῦ νόμου ἐνηργεῖτο ἐν τοῖς μέλεσιν. 5 ὅτε γὰρ ἦμεν ἐν τῇ σαρκί, τὰ παθήματα τῶν ἁμαρτιῶν τὰ διὰ τοῦ 124 Rekonstruktion <?page no="1735"?> νόμου ἐνηργεῖτο ἐν τοῖς μέλεσιν ἡμῶν εἰς τὸ καρποφορῆσαι τῷ θανάτῳ· 6 νυνὶ δὲ καταργεῖται ὁ νόμος τοῦ θανάτου ἐν ᾧ κατειχόμεθα, ὥστε δουλεύειν ὑμᾶς ἐν καινότητι πνεύματος καὶ οὐ παλαιότητι γράμματος. 6 νυνὶ δὲ κατηργήθημεν ἀπὸ τοῦ νόμου, ἀποθανόντες ἐν ᾧ κατειχόμεθα, ὥστε δουλεύειν ἡμᾶς ἐν καινότητι πνεύματος καὶ οὐ παλαιότητι γράμματος. 7 Τί οὖν ἐροῦμεν; ὅτι ὁ νόμος ἁμαρτία; μὴ γένοιτο· ἀλλὰ τὴν ἁμαρτίαν οὐκ ἔγνων εἰ μὴ διὰ νόμου, 7 Τί οὖν ἐροῦμεν; ὁ νόμος ἁμαρτία; μὴ γένοιτο· ἀλλὰ τὴν ἁμαρτίαν οὐκ ἔγνων εἰ μὴ διὰ νόμου, τήν τε γὰρ ἐπιθυμίαν οὐκ ᾔδειν εἰ μὴ ὁ νόμος ἔλεγεν, Οὐκ ἐπιθυμήσεις. - 8 ἀφορμὴν δὲ λαβοῦσα ἡ ἁμαρτία διὰ τῆς ἐντολῆς κατειργάσατο ἐν ἐμοὶ πᾶσαν ἐπιθυμίαν· χωρὶς γὰρ νόμου ἁμαρτία νεκρά. 9 ἐγὼ δὲ ἔζων χωρὶς νόμου ποτέ· ἐλθούσης δὲ τῆς ἐντολῆς ἡ ἁμαρτία ἀνέζησεν, 10 ἐγὼ δὲ ἀπέθανον, καὶ εὑρέθη μοι ἡ ἐντολὴ ἡ εἰς ζωὴν αὕτη εἰς θάνατον· 11 ἡ ἁμαρτία ἀφορμὴν λαβοῦσα διὰ τῆς ἐντολῆς ἐξηπάτησεν, 11 ἡ γὰρ ἁμαρτία ἀφορμὴν λαβοῦσα διὰ τῆς ἐντολῆς ἐξηπάτησέν με καὶ δι’ αὐτῆς ἀπέκτεινεν. 12 ὥστε ὁ μὲν νόμος ἅγιος, καὶ ἡ ἐντολὴ ἁγία καὶ δικαία καὶ ἀγαθή. 12 ὥστε ὁ μὲν νόμος ἅγιος, καὶ ἡ ἐντολὴ ἁγία καὶ δικαία καὶ ἀγαθή. 13 ἵνα φανῇ ἁμαρτία, ἵνα γένηται καθ’ ὑπερβολὴν ἁμαρτωλὸς ἡ ἁμαρτία διὰ τῆς ἐντολῆς. 13 Τὸ οὖν ἀγαθὸν ἐμοὶ ἐγένετο θάνατος; μὴ γένοιτο· ἀλλὰ ἡ ἁμαρτία, ἵνα φανῇ ἁμαρτία, διὰ τοῦ ἀγαθοῦ μοι κατεργαζομένη θάνατον· ἵνα γένηται καθ’ ὑπερβολὴν ἁμαρτωλὸς ἡ ἁμαρτία διὰ τῆς ἐντολῆς. 14 ὁ νόμος πνευματικός ἐστιν. 14 οἴδαμεν γὰρ ὅτι ὁ νόμος πνευματικός ἐστιν· ἐγὼ δὲ σάρκινός εἰμι, πεπραμένος ὑπὸ τὴν ἁμαρτίαν. - 15 ὃ γὰρ κατεργάζομαι οὐ γινώσκω· οὐ γὰρ ὃ θέλω τοῦτο πράσσω, ἀλλ’ ὃ μισῶ τοῦτο ποιῶ. 16 εἰ δὲ ὃ οὐ θέλω τοῦτο ποιῶ, σύμφημι τῷ νόμῳ ὅτι καλός. 17 νυνὶ δὲ οὐκέτι ἐγὼ κατεργάζομαι αὐτὸ ἀλλὰ ἡ οἰκοῦσα ἐν ἐμοὶ ἁμαρτία. 18 οὐκ οἰκεῖ ἐν ἐμοί, τοῦτ’ ἔστιν ἐν τῇ σαρκί μου, ἀγαθόν· 18 οἶδα γὰρ ὅτι οὐκ οἰκεῖ ἐν ἐμοί, τοῦτ’ ἔστιν ἐν τῇ σαρκί μου, ἀγαθόν· τὸ γὰρ θέλειν παράκειταί μοι, τὸ δὲ κατεργάζεσθαι τὸ καλὸν οὔ: 19 οὐ γὰρ ὃ θέλω ποιῶ ἀγαθόν, ἀλλὰ ὃ οὐ θέλω κακὸν τοῦτο πράσσω. 19 οὐ γὰρ ὃ θέλω ποιῶ ἀγαθόν, ἀλλὰ ὃ οὐ θέλω κακὸν τοῦτο πράσσω. 20 εἰ δὲ ὃ οὐ θέλω ἐγὼ τοῦτο ποιῶ, οὐκέτι 4 (Röm) 125 <?page no="1736"?> 126 Zu den ungenannten Häretikern werden u. a. markionitische Christen gezählt, so M.D. Litwa, The Evil Creator. Origins of an Early Christian Idea (2021), 111. ἐγὼ κατεργάζομαι αὐτὸ ἀλλὰ ἡ οἰκοῦσα ἐν ἐμοὶ ἁμαρτία. 21 Εὑρίσκω ἄρα τὸν νόμον τῷ θέλοντι ἐμοὶ ποιεῖν τὸ καλὸν ὅτι ἐμοὶ τὸ κακὸν παράκειται· 22 συνήδομαι γὰρ τῷ νόμῳ τοῦ θεοῦ κατὰ τὸν ἔσω ἄνθρωπον, 23 ἕτερον νόμον ἐν τοῖς μέλεσίν μου ἀντιστρατευόμενον τῷ νόμῳ τοῦ νοός μου καὶ ἐν τῷ νόμῳ τῆς ἁμαρτίας τῷ ὄντι ἐν τοῖς μέλεσίν μου ἔστιν. 23 βλέπω δὲ ἕτερον νόμον ἐν τοῖς μέλεσίν μου ἀντιστρατευόμενον τῷ νόμῳ τοῦ νοός μου καὶ αἰχμαλωτίζοντά με ἐν τῷ νόμῳ τῆς ἁμαρτίας τῷ ὄντι ἐν τοῖς μέλεσίν μου. 24 ταλαίπωρος ἐγὼ ἄνθρωπος· τίς με ῥύσεται ἐκ τοῦ σώματος τοῦ θανάτου τούτου; 24 ταλαίπωρος ἐγὼ ἄνθρωπος· τίς με ῥύσεται ἐκ τοῦ σώματος τοῦ θανάτου τούτου; - 25 χάρις δὲ τῷ θεῷ διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν. ἄρα οὖν αὐτὸς ἐγὼ τῷ μὲν νοῒ δουλεύω νόμῳ θεοῦ, τῇ δὲ σαρκὶ νόμῳ ἁμαρτίας. A. *7,4-5: Vgl. Tert. Adv. Marc. V 13,12: Possum et hic de substantia Christi praestruere ex prospectu quaestionis subsecuturae. Mortuos enim nos inquit legi <per corpus Christi>. Ergo corpus Christi, et potest corpus contendi, non statim caro. Sed et quaecunque substantia sit, cum eius nominat corpus quem subicit ex mortuis resurrexisse, non potest aliud corpus intellegi quam carnis, in quam lex mortis est dicta; vgl. Adam., Dial. V 22 (im Mund des Adamantius): ὅτε γὰρ ἦτε ἐν σαρκί, τὰ παθήματα τῶν ἁμαρτιῶν, τὰ διὰ τῆς σαρκός, ἐνηργεῖτο ἐν ὑμῖν (Rufin: Cum enim essetis in carne uitia peccatorum quae per legem sunt operabantur in uobis). ♦ *7,7: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13,13: Ecce autem et testimonium perhibet legi, et causa delicti eam excusat. Quid ergo dicemus? quia lex peccatum? absit. Erubesce, Marcion. Absit. Abominatur apostolus criminationem legis. Sed ego delictum non scio nisi per legem; vgl. Adv. Marc. I 27,3. 5: Atque adeo prae se ferunt Marcionitae quod deum suum omnino non timeant. … Absit, inquis, absit. Ergo iam times delictum, et timendo probasti illum timeri qui prohibet delictum. Aliud est si eadem dei tui perversitate quem non times observas, qua et ille quod non vindicat prohibet; Clem. Alex., Strom. II 7,24,4: γὰρ αἱμάτων μετέχοντες θησαυρίζουσιν ἑαυτοῖς κακά· πῶς οὖν ἔτι οὐκ ἀγαθὸς ὁ νόμος πρός τινων αἱρέσεων λέγεται ἐπιβοωμένων τὸν ἀπόστολον λέγοντα διὰ γὰρ νόμου γνῶσις ἁμαρτίας; πρὸς οὕς φαμεν· ὁ νόμος οὐκ ἐποίησεν, ἀλλ’ ἔδειξεν τὴν ἁμαρτίαν; 126 Hegemonius, Acta Arch. 45 (66,18 Beeson): … tantummodo agnitionem peccati 126 Rekonstruktion <?page no="1737"?> per legem fieri. Vgl. Ex 20,7 LXX: οὐκ ἐπιθυμήσεις τὴν γυναῖκα τοῦ πλησίον σου. οὐκ ἐπιθυμήσεις τὴν οἰκίαν τοῦ πλησίον σου-… ♦ *7,11: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13,14: O summum ex hoc praeconium legis, per quam <non> licuit delictum latere! Non ergo lex seduxit, sed peccatum per praecepti occasionem. Quid deo imputas legis quod legi eius apostolus imputare non audet? Vgl. Gen 3,13: καὶ εἶπεν ἡ γυνή ῾Ο ὄφις ἠπάτησέν με … ♦ *7,12: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13,14-15: [14] … Atquin et accumulat: Lex sancta, et praeceptum eius iustum et bonum. [15] Si taliter veneratur legem creatoris, quomodo ipsum destruat nescio. Quis discernit duos deos, iustum alium, bonum alium, cum is utrumque debeat credi cuius praeceptum et bonum et iustum est? Epiph., Pan. 42, Sch. 32 (118; 177 H.): ὥστε ὁ μὲν νόμος ἅγιος, καὶ ἡ ἐντολὴ ἁγία καὶ δικαία καὶ ἀγαθή; Adam., Dial. II 20 (im Mund des Adamantius): ὥστε ὁ μὲν νόμος ἅγιος, καὶ ἡ ἐντολὴ ἁγία καὶ δικαία καὶ ἀγαθή (Rufin: Itaque lex quidem sancta, et mandatum sanctum et iustum et bonum). ♦ *7,13: Vgl. den bisher übersehenen Hinweis in Tert., Adv. Marc. V 13,14: per quam <non> licuit delictum latere! Adam., Dial. II 20 (im Mund des Adamantius): ἡ ἁμαρτία, ἵνα φανῇ ἁμαρτία, διὰ τοῦ ἀγαθοῦ μοι κατεργαζομένη θάνατον (Rufin: Ut peccatum appareat peccatum, per bonum mihi operatum est mortem). ♦ *7,14: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 13,15: Si autem et spiritalem confirmat legem, utique et propheticam, utique et figuratam. ♦ *7,18: Vgl. Clem. Alex., Strom. III 11,76: κἂν οἱ ἀντιτασσόμενοι τῶν ἑτεροδόξων προσαποτεινόμενον τὸν Παῦλον τῷ κτίστῃ εἰρηκέναι ὑπολάβωσι τὰ ἑξῆς οἶδα γὰρ ὅτι οὐκ οἰκεῖ ἐν ἐμοί, τοῦτέστιν ἐν τῇ σαρκί μου, ἀγαθόν. ♦ *7,23: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 14,1: Peccatum enim carni supra adscripsit, et illam fecit legem peccati habitantem in membris suis et adversantem legi sensus; vgl. Hegemonius, Acta Arch. 45 (66,19-20 Beeson): lex ipsa peccatum sit. ♦ *7,24: Adam., Dial. V 21 (im Mund des Markioniten): ταλαίπωρος ἐγὼ ἄνθρωπος: τίς με ῥύσεται ἐκ τοῦ σώματος τοῦ θανάτου τούτου (Rufin: Miser ego homo! quis me liberabit de corpore mortis huius? ). ♦ 7,25: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 14,1: Peccatum enim carni supra adscripsit. Zahn hat wohl diesen Hinweis bereits als Bezeugung des letzten Teils von Vers 25 betrachtet. Harnack verweist hingegen auf Adam., Dial. V 27 (im Mund des Adamantius): ἄρα γὰρ αὐτὸς ἐγὼ τῷ μὲν νοῒ δουλεύω νόμῳ τοῦ θεοῦ, τῇ δὲ σαρκὶ νόμῳ ἁμαρτίας (Rufin: Ego ipse mente quidem seruio legi dei, carne autem legi peccati). B. (7,4) Das ἡμᾶς ist wohl fehlerhaft ausgefallen in den Zeugen 03, 010, 012, 629, während in 1505 ὑμᾶς steht. ♦ (7,6) Anstelle von νόμου ἀποθανόντες steht τοῦ θανάτου in den Zeugen 06, 010, 012, it, vg cl , Or lat mss , Ambst. ♦ (7,18) Post τὸ καλὸν οὔ add οὐχ εὑρίσκω in 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 33, 104, 1175, 1241, 1505, 1506, 2464, M, latt, sy, Ir lat ; om in 01, 02, 03, 04, 6, 81, 1739, 1881, co, Meth, Did, NA 28 . 4 (Röm) 127 <?page no="1738"?> 127 Detering nimmt beide Verse nach dem kanonischen Text, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 177. 128 M. Wolter, Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8 (2014), 417. 129 So auch H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 177. C. 1. (7,4-5) Nach Hilgenfeld „berührt“ Tertullian Vers 4. Zahn hält den kanoni‐ schen Text von Vers 4 für bezeugt und rechnet auch mit der Präsenz von Vers 5, den er aber für unbezeugt hält. 127 Harnack hingegen hält folgenden Textbestand dieser beiden Verse für be‐ zeugt, wobei er auch das Zeugnis des Adamantius miteinbezieht: 4 ἐθανατώθητε τῷ νόμῳ διὰ τοῦ σώματος τοῦ Χριστοῦ … τῷ ἐκ νεκρῶν ἐγερθέντι. 5 ὅτε γὰρ ἦμεν ἐν τῇ σαρκί, τὰ παθήματα τῶν ἁμαρτιῶν τὰ διὰ τοῦ νόμου ἐνηργεῖτο ἐν ἡμῖν. Schmid rechnet lediglich mit folgendem bezeugten Textbestand: ἐθανατώθητε τῷ νόμῳ διὰ τοῦ σώματος τοῦ Χριστοῦ. BeDuhn verweist zu Recht darauf, dass das Adamantiuszeugnis nicht Mark‐ ions *Paulus wiedergibt, da die Passage vor derjenigen steht, in der der Dialog ausdrücklich auf den vorkanonischen Text wieder zurückkehrt, dass allerdings mit dem Passus quam carnis, in quam lex mortis est dicta zumindest Anspielungen auf Vers 5 vorliegen. Er basiert seine Übersetzung auf folgenden griechischen Text: 4 ὑμεῖς ἐθανατώθητε τῷ νόμῳ διὰ τοῦ σώματος τοῦ Χριστοῦ, [εἰς τὸ γενέσθαι ὑμᾶς ἑτέρῳ], τῷ ἐκ νεκρῶν ἐγερθέντι, [ἵνα καρποφορήσωμεν τῷ θεῷ. 5 ὅτε γὰρ ἦμεν ἐν] τῇ σαρκί, [τὰ παθήματα τῶν ἁμαρτιῶν τὰ διὰ τοῦ νόμου ἐνηργεῖτο ἐν τοῖς μέλεσιν ἡμῶν εἰς τὸ καρποφορῆσαι] τῷ θανάτῳ. Auf die Nähe zwischen den Versen 5-6 und Röm 6,20-22 hat Wolter auf‐ merksam gemacht. 128 Dies erweist die frühere Stelle als eine gewisse redaktio‐ nelle Duplikation. 2. (7,6) Dieser 6 gilt nach allen Editoren als unbezeugt, auch wenn Zahn mit einerPräsenz des Verses rechnet, deren Wortlaut unbestimmt bleibt. Auch BeDuhn schließt ihn in seine Rekonstruktion ein, indem er den kanonischen Text zugrundelegt, vermutlich aus inhaltlichen Gründen. 129 Nicht aus diesen, sondern eher aufgrund der Variante, die vom Gesetz als einem Gesetz des Todes spricht, was an „das Testament des Todes“ von *2Kor 3,7 erinnert, könnte der Vers vorkanonisch gestanden sein - eine Bezeichnung des Gesetzes, das dort wie hier von der kanonischen Redaktion in verschiedener Weise getilgt wurde. Problematisch ist auf der kanonischen Ebene der Wechsel von der Anrede der Adressaten zur 1. Pers. Pl. in Röm 7,6 (κατηργήθημεν) wie auch die Formulierung ἀπὸ τοῦ νόμου. Falls der Vers stand, wird man eher in Anlehnung an *1Kor 15,26 ein καταργεῖται ὁ νόμος in den Text aufnehmen. 128 Rekonstruktion <?page no="1739"?> 130 Vgl. J.A. Fitzmyer, Romans. A new translation with introductions and commentary (1993), 65. 131 Detering bietet den kanonischen Text, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprüng‐ lichen Gestalt (2005), 177. 132 J. Dochhorn, Neue Erkundungen zum Werden und Wesen der Theologie des Paulus. Ein Bericht aus eigener Forschung mit Fokus auf der Nomologie (2024). 133 So auch H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 177. J.A. Fitzmyer betrachtet diesen Vers als „sekundäre Glosse“, nimmt also einen Unterschied zwischen kanonischer und vorkanonischer Ebene wahr, auch wenn er die zeitliche Anordnung der Fassungen gemäß der traditionellen Sicht umgekehrt vornimmt. 130 3. (7,7) Nach Hilgenfeld „berührt“ Tertullian diesen Vers. Zahn sieht den folgenden Text bezeugt: Τί οὖν ἐροῦμεν; ὁ νόμος ἁμαρτία; μὴ γένοιτο: ἀλλ’ ἐγὼ τὴν ἁμαρτίαν οὐκ οἶδα (? ) εἰ μὴ διὰ νόμου. Den Rest von Vers 7 sieht er zwar als unbezeugt an, jedoch rechnet er mit dessen Präsenz in unbestimmbarer Form. Harnack rekonstruiert wie folgt: Τί οὖν ἐροῦμεν; ὅτι νόμος ἁμαρτία; μὴ γένοιτο: ἀλλ’ ἐγὼ τὴν ἁμαρτίαν οὐ γιγνώσκω εἰ μὴ διὰ νόμου. Schmid hält sich näher an den kanonischen Text, auch wenn er von Harnack die Angleichung an Tertullian durch die Einfügung von ὅτι übernimmt, jedoch noch den Artikel grammatikalisch korrekt hinzusetzt: Τί οὖν ἐροῦμεν; ὅτι ὁ νόμος ἁμαρτία; μὴ γένοιτο: ἀλλὰ τὴν ἁμαρτίαν οὐκ ἔγνων εἰ μὴ διὰ νόμου … Da Schmid jedoch anders als Zahn und Harnack das Partizip ἔγνων (Tertullian: ego … scio) nicht ändert und damit die Konstruktion Tertullians nicht übernimmt - die ja tatsächlich seiner rhetorischen Umgestaltung als direkte Ansprache an Markion geschuldet ist - müsste er auch mit dem Folgetext rechnen. BeDuhn schließt sich Harnacks Rekonstruktion an und lässt konsequenter‐ weise auch den Rest von Vers 7 beiseite. 131 Für diesen Vers und die gesamte Passage bis Vers 25 ist die Untersuchung von J. Dochhorn von Bedeutung, der nachweist, dass die kanonische Passage abhängig ist von der „Apokalypse des Mose“, insbesondere von Apoc Mos 15-30. Doch fast alle Verweise, die er anführt, insbesondere Röm 7,22 (dann auch Gal 3,4; 2Kor 2,13; 7,5; 10,4; Röm 2,1-11 [vorkanonisch nur Vers 2]; 3,23; 5,12; 6,12; 7,8. 16; 8,13; 16,20; Eph 5,26-27) fehlen in der vorkanonischen Version und finden sich lediglich auf der kanonischen Ebene. 132 Das bedeutet, die Vorstellung von einem zwanghaften „Sündigenmüssen“ ist kanonischer Eintrag in den vorkanonischen Text. 4. (7,8-11) Zahn sieht Vers 8 nach dem kanonischen Wortlaut bezeugt, 133 während er die Verse 9-11 für unbezeugt hält, jedoch in unbestimmbarer Form mit deren Präsenz rechnet. 4 (Röm) 129 <?page no="1740"?> 134 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 106*. 135 M. Wolter, Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8 (2014), 438. 136 So auch H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 177. Auch für die Verse 13-25 folgt er dem kanonischen Text. 137 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 107*. Harnack sieht in Tertullians Kommentar eine Anspielung auf Vers 8 „kombi‐ niert mit 11“. 134 Er gibt folgenden Text als bezeugt: 8 ἁμαρτία ἀφορμὴν λαβοῦσα διὰ τῆς ἐντολῆς ἐξηπάτησέν. Schmid sieht keinen Hinweis auf die Verse 8-10, sondern folgenden Text aus Vers 11 bezeugt: ἡ (γὰρ) ἁμαρτία ἀφορμὴν λαβοῦσα διὰ τῆς ἐντολῆς ἐξηπάτησεν. BeDuhn ist der Meinung, dass Tertullian gleichermaßen auf die fast iden‐ tischen Formulierungen aus den Versen 8 und 11 anspielen kann. Seiner Übersetzung legt er folgenden griechischen Text zugrunde: 8 ἁμαρτία ἀφορμὴν δὲ λαβοῦσα διὰ τῆς ἐντολῆς … 11 … ἐξηπάτησέν [με καὶ δι’ αὐτῆς ἀπέκτεινεν]. Das vorangestellte peccatum deutet jedoch darauf hin, dass, wie Schmid richtig gesehen hat, Tertullian nicht Vers 8 im Blick hat, sondern Vers 11; andererseits verweist das sed auf das δὲ von Vers 8. Was die sicher unbezeugten Verse 9-10 betrifft, fällt die Personalisierung des Inhalts auf mit der Aussage, dass Paulus selbst einmal ohne das Gesetz gelebt habe, eine offene Flanke, die Tertullian wohl kaum ausgelassen hätte, um Markion hiermit zu treffen, hätte er dies im Text gelesen. Der unten aufgeführte Vergleich der Lexeme für die drei Verse hilft, den näheren Zuschnitt des vermutlich vorkanonischen Textes zu bestimmen. Das δέ in Vers 8 wurde wohl wegen des Schriftzitats in den kanonischen Text eingeführt und passt trotz Tertullians Bericht nur zu dieser Ebene. Derselben Redaktion wird man auch die beiden nächsten Verse 9 und 10 zuordnen. Auffallend ist die Duplikation, vergleicht man die Teilübereinstimmung der Verse 8-10 und 11, auf die Wolter hinweist. 135 Vers 11 könnte eine Anspielung auf Gen 3,13 sein. 5. (7,12) Für Hilgenfeld berührte Tertullian diesen Vers, und Epiphanius halte sich an ihn. Nach Zahn ist der kanonische Text dieses Verses bezeugt. 136 Harnack ist der Meinung, Tertullian habe „die Abkürzungen von ἅγιος und αὐτός … wahrscheinlich verwechselt“. 137 Wahrscheinlicher ist wohl, dass Tertullian in seinen Kommentar seine Interpretation einfließen lässt, wonach Markion diesen Vers auf den transzendenten Gott, nicht auf den Schöpfergott bezogen hat. Harnack gibt in seiner Rekonstruktion den Text des Epiphanius. Ihm schließen sich Schmid und BeDuhn an. 130 Rekonstruktion <?page no="1741"?> 138 C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. 6. (7,13) Nach Hilgenfeld „berührt“ Tertullian diesen Vers. Zahn sieht den kanonischen Wortlaut des gesamten Verses bezeugt. Harnack gibt lediglich den durch Adamantius zitierten Text. Schmid sieht den Vers als unbezeugt, und BeDuhn gibt zu bedenken, dass das Zeugnis des Adamantius nicht sicher ist, nimmt den Vers aber dennoch in seine Rekonstruktion auf, wobei folgender griechischer Text seiner Übersetzung zugrunde liegt: [ἀλλὰ] ἡ ἁμαρτία, ἵνα φανῇ ἁμαρτία, διὰ τοῦ ἀγαθοῦ μοι κατεργαζομένη θάνατον-… 7. (7,14) Nach Hilgenfeld „berührt“ Tertullian diesen Vers. Zahn rechnet er‐ neut mit dem kanonischen Text des Verses. Harnack ist wieder zurückhaltender und sieht lediglich ὁ νόμος πνευματικός bezeugt. Schmid nimmt noch das ἐστιν als bezeugt hinzu. BeDuhn legt seiner Übersetzung folgenden Text zugrunde: [οἴδαμεν γὰρ ὅτι] ὁ νόμος πνευματικός ἐστιν: [ἐγὼ δὲ σάρκινός εἰμι-…]. 8. (7,15-17) Diese Verse sind nach dem Urteil aller Editoren unbezeugt. Zahn rechnet jedoch mit ihrer Präsenz in unbestimmbarer Form, doch BeDuhn nimmt sie nicht in seine Rekonstruktion auf. 9. (7,18. 21) Weisse ist die Duplikation aufgefallen zwischen diesen beiden Versen und hat sie darum einer späteren Hand zugeschrieben 138 - wie hier zu sehen ist, bezieht sich dies nur auf den unbezeugten Teil von Vers 18, stützt also, dass es sich um die kanonischen Ergänzungen handelt, die sich öfters durch Duplikationen auszeichnen: 18 … τὸ γὰρ θέλειν παράκειταί μοι, τὸ δὲ κατεργάζεσθαι τὸ καλὸν οὔ. 21 Εὑρίσκω ἄρα τὸν νόμον τῷ θέλοντι ἐμοὶ ποιεῖν τὸ καλὸν ὅτι ἐμοὶ τὸ κακὸν παράκειται. 10. (7,19-22) Diese Verse sind nach allen Editoren unbezeugt, gleichwohl rechnet Zahn mit ihrer nicht näher bestimmbaren Präsenz. 11. (7,23) Zahn sieht den kanonischen Text dieses Verses bezeugt. Harnack will hingegen nur eine „Anspielung“ Tertullians sehen und gibt als bezeugten Text: (ἕτερον) νόμον ἐν τοῖς μέλεσίν μου ἀντιστρατευόμενον τῷ νόμῳ τοῦ νοός μου. Schmid klammert auch das μου noch ein. BeDuhn legt seiner Übersetzung zugrunde: [βλέπω] ἕτερον νόμον ἐν τοῖς μέλεσίν μου ἀντιστρατευόμενον τῷ νόμῳ τοῦ νοός μου-… τῷ νόμῳ τῆς ἁμαρτίας τῷ ὄντι ἐν τοῖς μέλεσίν μου. 12. (7,24) Was die Bezeugung betrifft, gehen die Meinungen der Editoren auseinander. Zahn, Schmid und BeDuhn sehen den Vers als unbezeugt, doch Harnack verweist auf Adam., Dial. V 21 (im Mund des Markioniten). BeDuhn meint, diese Passage zitiere nicht Markions *Paulustext, doch ist auffallend, dass das Zitat im Mund des Markioniten und nicht des Adamantius begegnet und Adamantius vielmehr darauf reagiert. 4 (Röm) 131 <?page no="1742"?> 139 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 455. 140 R. Bultmann, Glossen im Römerbrief (1947), 198-199. Vgl. auch die Neupublikation in R. Bultmann, Glossen im Römerbrief (1967). 141 Mit Literatur und den Vertretern der verschiedenen Positionen M. Wolter, Der Brief an die Römer. Teilband 1: Röm 1-8 (2014), 463. Ausführlich argumentiert für den Charakter einer Glosse O. Hofius, Paulusstudien Band II (2019), 151-152. 13. (7,25) Hilgenfeld verweist auf Adamantius als Zeugen für diesen Vers und notiert: „Die Gegner haben hier [in diesem Kapitel] so sehr Alles, was eine Anerkennung des Gesetzes enthält, hervorgehoben, daß alles Uebrige gewiss vorhanden war“. 139 Harnack sieht diesen Textbestand durch Adamantius bezeugt. Schmid sieht den Vers als unbezeugt, und auch wenn BeDuhn zuvor gerade kritisch gegenüber Adamantius war, lässt er hier den Zeugniswert des Adamantius gelten. Röm 7,25b wird als Glosse betrachtet von R. Bultmann. 140 Wolter verweist darauf, dass Vers 25 „mit dem Ausruf χάρις (δὲ) τῷ θεῷ … nicht mehr das Ich, son‐ dern Paulus“ spreche und damit an Vers 7,6 anknüpfe, „zahlreiche Interpreten haben diese Inkohärenz dadurch zu heilen versucht, dass sie diesen Schlusssatz für eine nachpaulinische Glosse halten, die sekundär in den Text geraten sei“, andere stellen den Vers „zwischen V. 23 und V. 24“, während es „aber auch Kommentatoren (gibt), die beiden Konjekturen skeptisch gegenüberstehen“. 141 D. (7,4) Die hier unbezeugte Konjunktion ὥστε steht 86 / 83 Mal im NT, davon 37 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,21 (Verseröffnung); *2Kor 3,7 (im Vers); *Röm 7,12; *2Thess 2,4 (im Vers). ♦ Die Wendung ἀδελφοί μου steht 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,11. ♦ Die Kombination καὶ ὑμεῖς steht 64 Mal im NT, davon 8 Mal als kanonische Verseröffnung, vorkanonisch im Vers bezeugt für *Ev 20,21; *Röm 7,4; *1Thess 2,14; *Laod 1,13; vgl. zu 1Kor 5,2. ♦ θανατόω steht 11 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ Die Form τῷ νόμῳ steht 18 Mal im NT (2 Mal Mt; Lk 2,24, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 10,26, wo der Teilvers in *Ev fehlt; 24,44, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 5 Mal Joh; Röm 2,20; 3,19; 7,4. 16. 22. 23; 1Kor 14,21), vorkanonisch weiters bezeugt für *Ev 6,27; *1Kor 14,21; *Röm 2,20; 7,23. ♦ σῶμα, das 150 / 142 Mal im NT steht, ist bereits vorkanonisch ein zentraler Begriff für *Ev und *Paulus und bezeugt für *Ev und *Gal 6,17; *1Kor 6,13. 15. 16. 20; 11,24. 29; 12,12. 24; 15,35. 37. 38. 40; *2Kor 4,10; 5,8. 10; *Röm 7,4; 8,10. 11; *1Thess 5,23; *Kol 1,24; 2,17; *Phil 3,21. ♦ Die unbezeugte Wendung εἰς τὸ γενέσθαι steht noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 7,4. ♦ Zur Wendung εἰς τό + Infinitiv vgl. zu Röm 1,20. 142 ♦ ἐγείρω, das 169 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 15,4. 14. 17. 29. 35. 44; *Röm 8,11; 132 Rekonstruktion <?page no="1743"?> 142 Die Formel εἰς τό + Infinitiv ist bereits Weisse aufgefallen und verdächtig gewesen, vgl. zuvor zu Röm 1,20, vgl. C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 15-16. 143 Die Formel εἰς τό + Infinitiv ist bereits Weisse aufgefallen und verdächtig gewesen, vgl. zuvor zu Röm 1,20, vgl. Ibid. *Laod 1,20; 5,14. ♦ καρποφορέω steht 8 Mal im NT, ist jedoch nur für die kanonische Ebene bezeugt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Auffallenderweise sind gerade die unbezeugten Teile (εἰς τὸ γενέσθαι; καρποφορήσωμεν) nur kanonisch belegt, an Stelle des ersten könnte eine andere Formulierung vorka‐ nonisch gestanden sein, der ἵνα-Satz scheint schon wegen des Wechsels von der Ansprache zur 1. Pers. Plural vorkanonisch gefehlt zu haben. (7,5) Zum bezeugten Versteil: ὅτε, das 112 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,3. 4. ♦ Die Kombination ὅτε γάρ steht 2 Mal im NT, beide Male als Verseröffnung (Röm 6,20; 7,5), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbform ἦμεν, die 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,3. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4, vgl. weiter zu den Versen 18. 25. ♦ Die Wendung ἐν τῇ σαρκί steht 7 Mal im NT (Röm 7,5. 18; 8,3; Gal 4,14; Eph 2,14; Phil 1,24; Kol 1,24), vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,18; *Laod 2,14; *Kol 1,24. ♦ πάθημα, das 16 Mal im NT zu finden ist, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,24. ♦ ἐνεργέω, das 22 / 21 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 1,20; 2,2. ♦ Die Form τοῖς μέλεσιν begegnet 4 Mal im NT (Röm 7,5. 23; Jak 3,6; 4,1), vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,23. Zum nicht mehr bezeugten Versteil: Zur Wendung εἰς τό + Infinitiv vgl. zu Röm 1,20. 143 ♦ Zu καρποφορέω, das 8 Mal im NT zu finden ist, vgl. zum voranstehenden Vers 7,4. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. Zur Rekonstruktion: Für diesen Vers ist das Zeugnis Tertullians noch dürftiger, doch nimmt man die Lexik zu Hilfe, wird man den unbezeugten und nur kanonisch belegten Versanfang für eine kanonische Ergänzung halten, ebenso den Schlussteil des Verses (εἰς τὸ καρποφορῆσαι τῷ θανάτῳ). (7,6) Die Kombination νυνὶ δέ steht 18 Mal im NT, davon 14 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,13 (Verseröffnung), vgl. zu 2Kor 8,11. ♦ καταργέω, das 27 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,28; 2,6; *Laod 2,15. ♦ Die Wendung ἀπὸ τοῦ νόμου steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 5,18; Röm 7,2. 3. 6; 8,2). ♦ Die Formulierung νόμος + τοῦ θανάτου erinnert an *2Kor 4 (Röm) 133 <?page no="1744"?> 3,7: ἡ διαθήκη τοῦ θανάτου. ♦ δουλεύω, das 26 / 25 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,13; *Gal 4,8. ♦ καινότης steht 1 weiteres Mal in Röm 6,4 auf der kanonischen Ebene. ♦ παλαιότης ist Hapax legomenon im NT. ♦ γράμμα steht 17 / 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,6 (? ). 7 (? ); 23,38; *Röm 2,27. 29. Zur Rekonstruktion: Der hier vorgelegte Text ist hypothetisch - dass der vorkanonisch unbezeugte Vers vorkanonisch gestanden haben kann, macht sich an der auffallenden Textvariante τοῦ θανάτου in einschlägigen Handschriften fest. Da die kanonische Redaktion zuvor zur 1. Pers. Pl. gewechselt war (die 1. Pers. Pl. in Vers 7 ist hingegen nur der grammatikalischen Form nach eine solche), wird vermutlich auch in diesem Vers entweder eine Anrede oder die hier gewählte Formulierung gestanden sein. Da καινότης nur ein weiteres Mal an anderer Stelle im NT begegnet, allerdings auf der kanonischen Ebene, jedoch zu dem παιλαιότης ein Pendant erforderlich ist, ergibt sich der oben gegebene hypothetische Vorschlag - alternativ wird man den Vers als vorkanonisch fehlend einstufen können. (7,7) Zum bezeugten Versteil: Die Wendung τί οὖν ἐροῦμεν steht 6 Mal im NT, ausschließlich im Römerbrief, nur an dieser Stelle vorkanonisch bezeugt. ♦ Der Ausdruck μὴ γένοιτο steht 15 Mal im NT, vorkanonisch ebenfalls nur hier bezeugt. ♦ Die Form ἔγνων, die 6 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,46. ♦ Die Wendung εἰ μή steht 86 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev. ♦ Der Ausdruck διὰ νόμου, der 7 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,12. Zum unbezeugten Versteil: Die Kombination τε γάρ steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. Röm 1,26. ♦ ἐπιθυμία, das 40 / 38 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,15; *Gal 5,24; *1Thess 4,5. ♦ Die Form ᾔδειν steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (3 Mal Joh; Apg 23,5; Röm 7,7). ♦ ἐπιθυμέω steht 16 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,6. ♦ Die Verbform ἔλεγεν steht 74 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die aus der LXX genommene Form ἐπιθυμήσεις steht noch 1 weiteres Mal im NT, Röm 13,9 auf der kanonischen Ebene. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das gestützt wird durch Klemens von Alexandrien und Hegemonius. Im unbezeugten Teil häufen sich die Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (τε γάρ; ᾔδειν; ἔλεγεν; ἐπιθυμήσεις). Dieser Teil ist eine kanonische Ergänzung und hat vorkanonisch gefehlt. (7,8) ἀφορμή, das 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,11. ♦ κατεργάζομαι, das 25 / 22 Mal im NT steht, findet sich nur für die kanonische 134 Rekonstruktion <?page no="1745"?> Ebene belegt. ♦ Der Ausdruck διὰ τῆς ἐντολῆς steht 3 Mal im NT, nur in diesem Zusammenhang hier, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,11. ♦ Die Kombination ἐν ἐμοί, die 41 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ πᾶσαν, das 53 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐπιθυμία steht 40 / 38 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,15; *Gal 5,24; *1Thess 4,5. ♦ Die Kombination χωρὶς γάρ steht nur hier. ♦ νεκρός, das 138 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,12. 29. 35. 52; *Röm 8,10. 11; *1Thess 4,16; *Laod 1,20; 2,1; 5,14. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist zwei vorkanonische Elemente auf, sodann liest sich der Vers wie eine Duplikation des vorkanonisch bezeugten Verses 11, dennoch scheint Tertullians Zeugnis nicht auf diesen, son‐ dern auf Vers 11 zu gehen, weil doch auch Elemente begegnen, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (κατεργάζομαι; πᾶσαν). (7,9) Die Kombination ἐγὼ δέ steht 33 Mal im Neuen Testament, davon 21 Mal als Verseröffnung, nur im Vers vorkanonisch bezeugt für *Laod 5,32, vgl. zuvor zu 2Kor 12,15. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. ♦ Die Form ἔζων steht nur hier. ♦ Die Wendung χωρὶς νόμου steht noch 1 weiteres Mal, in Röm 3,21, dort vermutlich vorkanonisch, wenn auch nicht ausdrücklich bezeugt. ♦ ἀναζάω findet sich 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. Zur Abwesenheit: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist zwei Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Verseröffnung ἐγὼ δέ; ἀναζάω). Hinzu kommt die persönliche Wendung auf die Person des Paulus, die ein Charakteristikum der kanonischen Redaktion ist. Der Vers dürfte also ein Produkt dieser Redaktion sein und im vorkanonischen Text gefehlt haben. (7,10) Zur kanonischen Verseröffnung ἐγὼ δέ vgl. zum voranstehenden Vers 7,9. ♦ Die Form ἀπέθανον steht 10 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Röm 5,15. ♦ εὑρίσκω, das 198 / 176 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Phil 2,7. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ αὕτη, das 77 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Wendung εἰς θάνατον findet sich 8 Mal im NT, vorkanonisch möglicherweise bezeugt für *2Kor 4,11. Zur Abwesenheit: Die Duplikation der nur kanonisch belegten Verseröffnung spricht bereits für die Zugehörigkeit des Verses zur kanonischen Ebene, dies wird gestärkt durch die Form ἀπέθανον, auch wenn die weiteren Elemente 4 (Röm) 135 <?page no="1746"?> vorkanonisch bezeugt sind. Der Vers wird wohl im vorkanonischen Text gefehlt haben. (7,11) ἁμαρτία, das 184 / 173 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,4; *Röm 5,21; 7,7. 11; 8,3. 10; 14,23; *2Thess 2,3. ♦ ἀφορμή steht 7 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ Das nicht mehr bezeugte αὐτῆς, das 151 Mal im NT steht, findet sich nur für die kanonische Ebene. ♦ Die Form ἀπέκτεινεν steht noch 1 weiteres Mal im NT, in Lk 13,4, in einem Vers, der in *Ev fehlt. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians; wie die Lexik ausweist, scheint der zweite, unbezeugte Teil des Verses im vorkanonischen Text nicht gestanden zu sein. (7,12) Die Kombination ὥστε ὁ steht 5 Mal, jeweils als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,12; *Röm 7,12, vgl. zu Gal 3,24. ♦ νόμος, das 204 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch reichlich bezeugt für *Ev und *Paulus. ♦ ἅγιος, das 257 / 233 Mal im NT steht und ein beliebter Begriff der kanonischen Fassung ist, findet sich weiter vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 1,18. ♦ δίκαιος, das 84 / 79 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev und *Gal 3,11; *Röm 2,13; *2Thess 1,6. ♦ ἀγαθός, das 109 / 102 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,6. 10; *2Kor 5,10; *Röm 7,12; 12,9. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius, das von Ter‐ tullian wie auch der weiteren vorkanonischen Bezeugung der Lexeme gestützt wird. (7,13) Die Kombination und Verseröffnung τὸ οὖν steht nur hier. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ Der Ausdruck μὴ γένοιτο steht 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt zuvor zu *Röm 7,7. ♦ φαίνω, das 34 / 31 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich für die kanonische Ebene belegt. ♦ κατεργάζομαι, das 25 / 22 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene belegt. ♦ Die Kombination ἵνα γένηται begegnet 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; Lk 4,3, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Röm 7,13; 15,16, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 3,18; Kol 1,18). ♦ ὑπερβολή, das 8 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,13; *1Kor 12,31; *2Kor 4,7. ♦ ἁμαρτωλός, das 49 / 47 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ἐντολή, das 76 / 67 Mal im NT steht, ist vorkanonisch belegt für *Ev 18,20; *Röm 7,11. 12; *Laod 2,15. Zur Rekonstruktion: Die Präsenz des Verses ergibt sich aus dem bislang über‐ sehenen Zeugnis Tertullians, allerdings weisen die verschiedenen Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (φαίνω; κατεργάζομαι; 136 Rekonstruktion <?page no="1747"?> ἵνα γένηται) darauf hin, dass der Vers durch die kanonische Redaktion gründlich überarbeitet worden ist, was auch durch den Wechsel von der negativen Formulierung <non> licuit … latere hin zu der positiven Aussage φανῇ, die vorkanonisch nicht belegt ist, bestätigt wird. (7,14) Zu οἶδα vgl. zuvor zu Vers 7 und nachfolgend Vers 18. ♦ Die Kombination οἴδαμεν γάρ steht 4 Mal im NT, immer als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 5,1. ♦ πνευματικός, das 28 / 26 Mal im NT begegnet, ist vorkano‐ nisch weiter bezeugt für *1Kor 10,3. 4; 12,1; 14,1; 15,46; *Laod 6,12. ♦ Die Kombination ἐγὼ δέ steht 33 Mal im Neuen Testament, vorkanonisch bezeugt für *Laod 5,32. ♦ σάρκινος, das 4 Mal im NT steht, ist nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Verbform εἰμί, die 130 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,8. ♦ πιπράσκω steht 10 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Wendung ὑπὸ τὴν ἁμαρτίαν steht nur hier. Zur Rekonstruktion: Wie die Lexik erweist, scheint nur der von Tertullian bezeugte Textbestand vorkanonisch gestanden zu sein, während der Rest auf das Konto der kanonischen Redaktion zurückzuführen ist. Erneut zeigt sich die personalisierende Tendenz dieser Redaktion mit dem ἐγὼ δέ, die dann im nächsten Vers auf der kanonischen Ebene fortgesetzt wird. (7,15) Die Kombination ὃ γάρ steht 4 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 6,7. ♦ Wieder begegnet κατεργάζομαι, das 25 / 22 Mal im NT steht, jedoch nur für die kanonische Ebene belegt ist. ♦ Die Wendung οὐ γινώσκω steht noch 1 weiteres Mal, in Lk 1,34, in einem Vers, der in *Ev fehlt. ♦ Die Wendung οὐ γὰρ ὅ begegnet gleich wieder in Vers 19 und stellt, wie überhaupt das Nachfolgende in diesem Vers, eine gewisse Duplikation zu Vers 19 dar, vgl. weiter zu Vers 19. ♦ πράσσω, das 43 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,21; *2Kor 5,10 und *Röm 2,25. ♦ μισέω steht 42 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 5,29. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene begegnen (ὃ γάρ; κατεργάζομαι; οὐ γινώσκω). Außerdem wirkt der Vers wie eine Duplikation dessen, was in Vers 19 fast wörtlich gleich gesagt wird. Der vorliegende Vers dürfte folglich ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (7,16) Die Kombination εἰ δέ ὅ steht 3 Mal im NT, stets auf der kanonischen Ebene (Röm 7,16. 20; 8,25). ♦ Die Wendung οὐ θέλω τοῦτο ποιῶ ist eine Duplikation zu dem kanonischen Vers 15. ♦ σύμφημι ist Hapax legomenon im NT. ♦ καλός, das 109 / 101 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 6,9. 4 (Röm) 137 <?page no="1748"?> Zur Abwesenheit: Wie bereits die nur kanonisch belegte Verseröffnung an‐ deutet, handelt es sich bei diesem Vers um ein Produkt der kanonischen Redaktion, was sich auch durch die Duplikation von οὐ θέλω τοῦτο ποιῶ erweist. Der Vers wird vorkanonisch gefehlt haben. (7,17) Die Kombination νυνὶ δέ steht 18 Mal im NT, davon 14 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,13 (Verseröffnung), vgl. zu 2Kor 8,11. ♦ οὐκέτι, das 51 / 47 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu dem kanonischen κατεργάζομαι vgl. die beiden voranstehenden Verse. ♦ αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,14; 4,13, vgl. weiter Vers 20. ♦ οἰκέω, das 39 / 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,16. ♦ παράκειμαι steht nur hier und gleich nochmals in Vers 21 auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ἐν ἐμοί, die 41 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. Zur Abwesenheit: Der kanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (οὐκέτι; κατεργάζομαι; παράκειμαι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. Die vorkanonische Bezeugung der Verseröffnung in *Laod erweist erneut die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Lexik. (7,18) Zur unbezeugten Verseröffnung: Die Kombination οἶδα γάρ steht 5 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung wie hier, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 9,2. Zum bezeugten Versteil: Zum vorkanonisch bezeugten οἰκέω vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ τουτ’ ἔστιν steht 24 Mal im NT (2 Mal Mt; 3 Mal Mk; Lk 22,19; Joh 6,29; 3 Mal Apg; Röm 7,18; 9,8; 10,6. 7. 8; Phlm 1,12; 6 Mal Hebr; 1Petr 3,20; 1Joh 4,3), vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,19 (τοῦτό ἐστιν τὸ σῶμά μου). ♦ Zu σάρξ vgl. zuvor zu Vers 5 und danach zu Vers 25. ♦ Die Wendung ἐν τῇ σαρκί steht 7 Mal im NT (Röm 7,5. 18; 8,3; Gal 4,14; Eph 2,14; Phil 1,24; Kol 1,24), vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,18; *Laod 2,14; *Kol 1,24. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ἀγαθός vgl. zuvor zu Vers 7,12. Zum nicht mehr bezeugten Versteil: παράκειμαι steht 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Röm 7,21. ♦ Die Kombination τὸ δέ (Nom.) steht 31 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt im Vers: *Ev 11,39; *2Kor 3,6; *Röm 8,10; *Kol 2,17, vgl. zu Gal 4,25. ♦ Zu dem kanonischen κατεργάζομαι vgl. zu Vers 7,17. Zur Rekonstruktion: Dieser Vers ist ein schönes Beispiel, wie verlässlich die lexikalischen Beobachtungen sind und wie sehr Bezeugung bzw. fehlende Bezeugung und Lexik sich gegenseitig bestätigen. Der Vers wird in der von 138 Rekonstruktion <?page no="1749"?> Klemens von Alexandrien bezeugten Form vorkanonisch gestanden sein, der Rest ist kanonisch redaktionelle Ergänzung. (7,19) Die Kombination οὐ γάρ steht 80 Mal im NT, davon 46 Mal als Verseröffnung, Lk 23,34, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,16; 2,13 (beide Male als Verseröffnung); *1Kor 21b-c↑34 im Vers. ♦ Die weiteren Elemente sind, wie zu den Versen 15-16 zuvor gezeigt, vorkanonisch belegt. Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Vers vorkanonisch unbezeugt ist, spricht doch die Lexik für seine vorkanonische Präsenz, er passt auch in den narrativ-ar‐ gumentativen Kontext, da der bezeugte Vers 18 einer Begründung bedarf, oder diese zumindest nahelegt. Dass die Verse 15-16 diese vorkanonische Vorlage adaptieren und duplizieren, entspricht der kanonischen Tendenz. (7,20) Die Kombination εἰ δέ ὅ steht 3 Mal im NT, stets auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Röm 7,16. ♦ Die Wendung οὐ θέλω ἐγὼ τοῦτο ποιῶ greift erneut die Wendung aus Vers 19 auf. ♦ οὐκέτι, das 51 / 47 Mal im NT steht, begegnet nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Wieder begegnet das kanonische κατεργάζομαι, vgl. zu Vers 7,17. ♦ Zu αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.) vgl. zuvor zu Vers 17. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist eine Reihe von Elementen auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (εἰ δὲ ὅ; οὐκέτι; κατεργάζομαι), dazu noch die Duplikation der Formulierung aus Vers 19. Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (7,21) εὑρίσκω, das 198 / 176 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Phil 2,7. ♦ Die Form εὑρίσκω steht 6 Mal im NT, in Lk 13,7, in einem Vers, der in *Ev fehlt, dann Lk 23,4; 3 Mal Joh; Röm 7,21, also jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἄρα steht 52 / 49 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,20; *Gal 4,31; 6,10; *1Kor 15,14. ♦ Wiederum steht auch das kanonische παράκειμαι, vgl. Vers 7,18. Zur Abwesenheit: Der kurze vorkanonisch unbezeugte Vers, der erneut Wort‐ material aus Vers 19 aufgreift, weist Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (εὑρίσκω; παράκειμαι). Der Vers ist ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. (7,22) συνήδομαι ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Rede vom νόμος τοῦ θεοῦ steht noch 1 weiteres Mal in Röm 8,7 auf der kanonischen Ebene. ♦ ἔσω steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 4,16. ♦ Der ἔσω ἄνθρωπος begegnet 1 weiteres Mal in Eph 3,16 auf der kanonischen Ebene (τὸν ἔσω ἄνθρωπον). Zur Abwesenheit: Bei diesem kurzen vorkanonisch unbezeugten Vers begegnen wieder Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind 4 (Röm) 139 <?page no="1750"?> (νόμος τοῦ θεοῦ; ἔσω ἄνθρωπος), auch er wird ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (7,23) Zur unbezeugten Eröffnung: βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 4,18. ♦ Die Form βλέπω steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 8,24; 2 Mal Joh; Röm 7,23; 2Kor 7,8). ♦ Die Wendung βλέπω δέ steht nur hier. Zum bezeugten Versteil: Die Wendung ἐν τοῖς μέλεσιν steht 5 Mal im NT, voraus zuvor möglicherweise, wenn auch unbezeugt, in *Röm 7,5, weiter auf der kanonischen Ebene in Jak 3,6; 4,1. ♦ ἀντιστρατεύομαι ist Hapax legomenon ♦ Die Verbform ὄντι, die 4 Mal im NT steht, ist nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ αἰχμαλωτίζω steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 21,24; Röm 7,23; 2Kor 10,5; 2Tim 3,6). Zur Rekonstruktion: Unter Auslassung der nur kanonisch belegten Elemente (die Form βλέπω; αἰχμαλωτίζοντά με) folgt der Text dem Zeugnis Tertullians, auch wenn dessen Umstellung der zwei Partizipialsätze vielleicht auf sein Referat zurückgeht, die hier nicht übernommen wird. (7,24) ταλαίπωρος steht noch 1 weiteres Mal im NT, Apk 3,17. ♦ Die Wendung ἐγὼ ἄνθρωπος steht 5 Mal im NT, nur hier vorkanonisch bezeugt (Mt 8,9; Lk 7,8; 19,22; Apg 21,39; Röm 7,24). ♦ ῥύομαι steht 22 / 17 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 8,43. ♦ Die Wendung ἐκ τοῦ σώματος begegnet 6 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *2Kor 5,8. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ τούτου, das 69 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,34; *1Kor 2,6. 8; 3,19; *2Kor 4,4; *Röm 7,24; *Laod 2,2; 6,12. Zur Rekonstruktion: Auch wenn zwei Elemente begegnen, die weiters nicht vorkanonisch bezeugt sind und man dem Zeugnis des Adamantius kritischer noch als Tertullian und Epiphanius gegenüberstehen muss, scheint doch der vorliegende, von Adamantius bezeugte Vers vorkanonisch gestanden zu sein. Hierfür sprechen auch die weiteren vorkanonischen Bezeugungen von ῥύομαι und der Wendung ἐκ τοῦ σώματος. (7,25) Die Kombination χάρις δέ steht 3 Mal im NT, immer als Verseröffnung und ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 8,16. ♦ Die erweiterte Formel διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν steht nur 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Röm 5,21. ♦ Die Kombination ἄρα οὖν steht 12 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, nur auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 3,41. ♦ αὐτός (Nom. Mask. Sg.), das 153 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 2,14; *Kol 1,17. ♦ δουλεύω findet sich 26 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,13 und *Gal 4,8.♦ Zu σάρξ vgl. zu den Versen 5. 18. 140 Rekonstruktion <?page no="1751"?> Zur Abwesenheit: Dieser m. E. vorkanonisch unbezeugte Vers weist bereits mit der Verseröffnung auf die kanonische Ebene hin (χάρις δέ), hierfür bietet er auch weitere Elemente (διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ τοῦ κυρίου ἡμῶν). Auch wenn ἄρα οὖν hier im Vers steht, markiert es doch den Anfang einer Sinneinheit, ist also wie eine Verseröffnung zu werten. Der lexikalische Vergleich stützt demnach die fehlende Bezeugung und die Abwesenheit des Verses von der vorkanonischen Version. Kapitel 8 8,[1-2] 3-5 6-7 [8] 9-11: Der Leib ist tot, der Geist ist Leben Der vorkanonische Gedanke ist gut bezeugt. Anhand der Überlegung, dass Gott den Sohn in die Gestalt des sündigen Fleisches gesandt hat, damit er, der Christus aus den Toten lebendig machen wird, dies auch den toten Leibern zukommen lassen wird. Leben aber ist nicht im Fleisch oder Leib, sondern im Geist. Die kanonische Redaktion führt über diese Gedanken hinaus, indem eine pneumatologische Dimension hinzugefügt wird. Um die vorkanonische Anti‐ these Fleisch/ Leib - Geist zu mindern, wird vom Geist Gottes bzw. Geist Christi gesprochen, der in den Zuhörern wohnt bzw. einwohnt und damit dieses Lebendigmachen offenkundig nicht erst für künftig in Aussicht stellt, sondern bereits präsentisch annimmt. Diese Auffassung führt denn auch zu einer Abgrenzungsidentität: Wer im Fleisch ist, kann Gott nicht gefallen (Vers 8) und wer den Geist Christi nicht besitzt, gehört ihm nicht (Vers 9). - 8,1 Οὐδὲν ἄρα νῦν κατάκριμα τοῖς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ· 2 ὁ γὰρ νόμος τοῦ πνεύματος τῆς ζωῆς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ ἠλευθέρωσέν σε ἀπὸ τοῦ νόμου τῆς ἁμαρτίας καὶ τοῦ θανάτου. 8,3 ὁ θεὸς υἱὸν πέμψας ἐν ὁμοιώματι σαρκὸς ἁμαρτίας, 3 τὸ γὰρ ἀδύνατον τοῦ νόμου, ἐν ᾧ ἠσθένει διὰ τῆς σαρκός, ὁ θεὸς τὸν ἑαυτοῦ υἱὸν πέμψας ἐν ὁμοιώματι σαρκὸς ἁμαρτίας καὶ περὶ ἁμαρτίας κατέκρινεν τὴν ἁμαρτίαν ἐν τῇ σαρκί, 4 ἵνα τὸ δικαίωμα τοῦ νόμου πληρωθῇ ἐν ἡμῖν τοῖς μὴ κατὰ σάρκα περιπατοῦσιν ἀλλὰ κατὰ πνεῦμα. 4 ἵνα τὸ δικαίωμα τοῦ νόμου πληρωθῇ ἐν ἡμῖν τοῖς μὴ κατὰ σάρκα περιπατοῦσιν ἀλλὰ κατὰ πνεῦμα. 5 οἱ μὲν κατὰ σάρκα ὄντες τὰ τῆς σαρκὸς φρονοῦσιν, οἱ δὲ κατὰ πνεῦμα τὰ τοῦ πνεύματος. 5 οἱ γὰρ κατὰ σάρκα ὄντες τὰ τῆς σαρκὸς φρονοῦσιν, οἱ δὲ κατὰ πνεῦμα τὰ τοῦ πνεύματος. 4 (Röm) 141 <?page no="1752"?> 6 τὸ γὰρ φρόνημα τῆς σαρκὸς θάνατος, τὸ δὲ φρόνημα τοῦ πνεύματος ζωὴ καὶ εἰρήνη. 6 τὸ γὰρ φρόνημα τῆς σαρκὸς θάνατος, τὸ δὲ φρόνημα τοῦ πνεύματος ζωὴ καὶ εἰρήνη· 7 διότι τὸ φρόνημα τῆς σαρκὸς ἔχθρα εἰς θεόν, τῷ γὰρ νόμῳ τοῦ θεοῦ οὐχ ὑποτάσσεται, οὐδὲ γὰρ δύναται. 7 διότι τὸ φρόνημα τῆς σαρκὸς ἔχθρα εἰς θεόν, τῷ γὰρ νόμῳ τοῦ θεοῦ οὐχ ὑποτάσσεται, οὐδὲ γὰρ δύναται· - 8 οἱ δὲ ἐν σαρκὶ ὄντες θεῷ ἀρέσαι οὐ δύνανται. 9 ὑμεῖς οὐκ ἐστὲ ἐν σαρκὶ ἀλλὰ ἐν πνεύματι. 9 ὑμεῖς δὲ οὐκ ἐστὲ ἐν σαρκὶ ἀλλὰ ἐν πνεύματι, εἴπερ πνεῦμα θεοῦ οἰκεῖ ἐν ὑμῖν. εἰ δέ τις πνεῦμα Χριστοῦ οὐκ ἔχει, οὗτος οὐκ ἔστιν αὐτοῦ. 10 τὸ μὲν σῶμα ἐστιν νεκρὸν διὰ ἁμαρτίαν, τὸ δὲ πνεῦμα ζωὴ διὰ δικαιοσύνην. 10 εἰ δὲ Χριστὸς ἐν ὑμῖν, τὸ μὲν σῶμα νεκρὸν διὰ ἁμαρτίαν, τὸ δὲ πνεῦμα ζωὴ διὰ δικαιοσύνην. 11 ὁ ἐγείρας Χριστὸν ἐκ νεκρῶν ζῳοποιήσει καὶ τὰ θνητὰ σώματα ὑμῶν. 11 εἰ δὲ τὸ πνεῦμα τοῦ ἐγείραντος τὸν Ἰησοῦν ἐκ νεκρῶν οἰκεῖ ἐν ὑμῖν, ὁ ἐγείρας Χριστὸν ἐκ νεκρῶν ζῳοποιήσει καὶ τὰ θνητὰ σώματα ὑμῶν διὰ τοῦ ἐνοικοῦντος αὐτοῦ πνεύματος ἐν ὑμῖν. A. *8,3: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 14,1-2: Hunc si pater misit in similitudinem carnis peccati, non ideo phantasma dicetur caro quae in illo videbatur. Peccatum enim carni supra adscripsit, et illam fecit legem peccati habitantem in membris suis et adversantem legi sensus. Ob hoc igitur missum filium in similitudinem carnis peccati, ut peccati carnem simili substantia redimeret. [2] Non enim magnum, si spiritus dei carnem remediaret, sed si caro consimilis peccatrici, dum caro est, sed non peccati. Ita similitudo ad titulum peccati pertinebit, non ad substantiae mendacium. Nam nec addidisset Peccati, si substantiae similitudinem vellet intellegi, ut negaret veritatem; tantum enim Carnis posuisset, non et Peccati. Cum vero tunc sic struxit, Carnis peccati, et substantiam confirmavit, id est carnem, et similitudinem ad vitium substantiae retulit, id est ad peccatum. ♦ *8,4: Vgl. Epiph., Pan. 42, Sch. 33 (118; 177 H.): ἵνα τὸ δικαίωμα τοῦ νόμου πληρωθῇ ἐν ἡμῖν; vgl. Tert., Adv. Marc. V 14,3: Spiritus non diceretur carnis similitudo, quia nec caro similitudinem spiritus caperet; sed phantasma diceretur, si id quod non erat videbatur. Similitudo autem dicitur, cum est quod videtur. Est enim, dum alterius par est. Phantasma autem, qua hoc tantum est, non est similitudo; vgl. Adam., Dial. V 22 (im Mund des Adamantius): ἵνα τὸ δικαίωμα τοῦ νόμου πληρωθῇ ἐν ἡμῖν <τοῖς> μὴ κατὰ σάρκα περιπατοῦσιν ἀλλὰ κατὰ πνεῦμα (Rufin: Ut iustificatio legis impleatur in nobis, qui non secundum carnem ambulamus sed secundum 142 Rekonstruktion <?page no="1753"?> 144 Vgl. mit weiteren Lesarten H.A.G. Houghton, C.M. Kreinecker, R.F. MacLachlan and C.J. Smith, The Principal Pauline Epistles. A Collation of Old Latin Witnesses (2019), 94. Vgl. hierzu B.D. Haupt, Tertullian’s Text of the New Testament outside the Gospels. Diss. (2019), 228. Warum Haupt allerdings Schmids Überlegung ablehnt, wonach an dieser Stelle die Verschiedenheit der Zitiergewohnheit Tertullians darauf hinweist, dass Tertullian in Adv. Marc. den Text Markions zitiert, legt er nicht dar. Die oben gewählte Lesart kommt, wie auch NA 28 richtig gesehen hat, Tertullian am nächsten, auch wenn grundsätzlich die Lesart mit bestimmtem Artikel von ihm so übersetzt werden konnte. spiritum). ♦ *8,5-6: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 14,4: ut scilicet non simus in operibus carnis, ostendit hac ratione scripsisse, Caro et sanguis regnum dei consequi non possunt, non substantiam damnans sed opera eius; quae quia possunt non admitti a nobis in carne adhuc positis, non ad reatum substantiae sed ad conversationis pertinebunt. Vgl. Adam., Dial. V 22 (im Mund des Adamantius): οἱ γὰρ κατὰ σάρκα περιπατοῦντες τὰ τῆς σαρκὸς φρονοῦσιν, οἱ δὲ κατὰ πνεῦμα τὰ τοῦ πνεύματος. τὸ γὰρ φρόνημα τῆς σαρκὸς ἔχθρα εἰς θεόν. τὸ δὲ φρόνημα τοῦ πνεύματος ζωὴ καὶ εἰρήνη (Rufin: Qui enim secundum carnem ambulant quae carnis sunt sapiunt, qui uero secundum spiritum quae sunt spiritus. Prudentia enim carnis inimica est deo, prudentia uero spiritus vita et pax). ♦ *8,9: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 14,4: Et hic autem ipse edisserens quomodo nolit esse nos in carne, cum simus in carne. ♦ *8,10: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 14,4: Item si corpus quidem mortuum propter delictum, adeo non animae, sed corporis mors est; spiritus autem vita propter iustitiam cui mors obvenit propter delictum, id est corpori. ♦ *8,11: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 14,5: Nam subiungit: Qui suscitavit Christum a mortuis, vivificabit et mortalia corpora vestra. Vgl. Tert. De Res. 46,6: Si enim, inquit, spiritus eius, qui suscitauit Iesum, habitat in uobis, qui suscitauit Iesum [habitat - Iesum: om T] a mortuis [a mortuis: om C] suscitabit [suscitabit: M P X; suscitauit: T; uiuificabit: C] et mortalia corpora uestra propter inhabitantem spiritum eius in uobis; id., Adv. Prax. 28,13: qui suscitauit Christum suscitaturus est et mortalia corpora uestra. B. (8,10) ἐστιν legt sich nahe aufgrund von Tert. und wird auch geboten von 010, 012 lat, Ambst., Spec. ♦ (8,11) Χριστὸν ἐκ νεκρῶν bieten die Zeugen 03, 062, 010, 012, 1505, Ir lat , Aug var , Ruf ed , Pel b , Sp m , Spec, und die altlateinische Tradition in 77, 78, 86*, in NA 28 als Lesart für Markion notiert; τὸν Χριστὸν ἐκ νεκρῶν findet sich in den Zeugen 012, 018, 020, 025, 044, 33, 1175, 1241, 2464, M; ἐκ νεκρῶν Χριστὸν Ἰησοῦν in den Zeugen 01*, 02, 630, 1506, 1739, 1881; ἐκ νεκρῶν Ἰησοῦν Χριστὸν in den Zeugen 04, 81; Χριστὸν Ἰησοῦν ἐκ νεκρῶν in den Zeugen 06*, bo; Ἰησοῦν Χριστὸν (l 249) ἐκ νεκρῶν in den Zeugen 104, l 249, lat, sy p . ἐκ νεκρῶν fehlt in 424 c , 1319, 1573, 2147. 144 C. 4 (Röm) 143 <?page no="1754"?> 145 Detering nimmt die ersten 4 Verse von Kapitel 8 nach dem kanonischen Text, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 178-179. 146 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 456. 147 R. Bultmann, Glossen im Römerbrief (1947), 198-199. Vgl. auch die Neupublikation in R. Bultmann, Glossen im Römerbrief (1967). 1. (8,1-2) Zahn sieht die Verse 1 und 2 nach dem kanonischen Wortlaut bezeugt. 145 Wie bereits zu Röm 7,25b meint Harnack, auch diese beiden Verse seien durch Adam., Dial. V 27 bezeugt: Οὐδὲν ἄρα νῦν κατάκριμα τοῖς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ: ὁ γὰρ νόμος τοῦ πνεύματος τῆς ζωῆς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ ἠλευθέρωσέν ἡμᾶς ἀπὸ τοῦ νόμου τῆς ἁμαρτίας καὶ τοῦ θανάτου (Rufin: Nihil ergo nunc <damnationis est> his, qui sunt in Christo Iesu. Lex enim spiritus uitae in Christo Iesu liberauit nos a lege peccati et mortis). Schmid ist jedoch der Auffassung, die beiden Verse seien unbezeugt. BeDuhn folgt Harnack. Hilgenfeld betont, dass „V. 2 die Befreiung der ganzen Schöpfung von der Vergänglichkeit so deutlich mit der Herrlichkeit der Kinder Gottes verbunden [ist], daß dieser Vers eine starke Waffe gegen Marcions Grundlehre von der Verschiedenheit des christlichen Gottes und des Gottes der materiellen Welt darbot“. 146 Er rechnet folglich mit der Abwesenheit dieses Verses. 2. (8,1) Dieser Vers wird als Glosse betrachtet von R. Bultmann. 147 3. (8,2) Auch wenn der Vers der fehlenden Bezeugung und der Lexik ent‐ sprechend auf der kanonischen Ebene anzusiedeln ist, bestätigt der Vers mit der Formulierung ἀπὸ τοῦ νόμου τῆς ἁμαρτίας καὶ τοῦ θανάτου doch die Rekonstruktion von *Röm 7,6 (ὁ νόμος τοῦ θανάτου). Die Vorstellung, dass es sich um ein Gesetz des Todes (und der Sünde) handelt, hatte sich folglich auch in den kanonischen Text eingetragen. 4. (8,3) Hilgenfeld nimmt Tertullian als Zeugen für Vers 3. Zahn sieht den Vers nach dem kanonischen Wortlaut bezeugt. Harnack sieht nur eine Anspielung Tertullians und gibt als bezeugten Text: (τὸν ἑαυτοῦ υἱὸν) πέμψας ἐν ὁμοιώματι σαρκὸς ἁμαρτίας. Schmid weicht ein wenig von Harnack ab und gibt: (ὁ θεὸς τὸν ἑαυτοῦ) υἱὸν πέμψας ἐν ὁμοιώματι σαρκὸς ἁμαρτίας. BeDuhn vermerkt, dass Tertullian nicht Gott, sondern den Vater erwähnt, der den Sohn gesendet hat oder sendet, doch fragt er sich, ob Tertullian hier paraphrasiert. Man bemerke, dass Tertullian in seinem Kommentar dem Wortlaut des *Paulus widerspricht, der vom „Fleisch der Sünde“ redet, worum Tertullian natürlich weiß, weshalb er sein Argument der Substanz nachschiebt. Dass er 144 Rekonstruktion <?page no="1755"?> 148 W. Schmithals, Der Römerbrief. Ein Kommentar (1988), 267. Weniger deutlich ist D.J. Moo, The Epistle to the Romans (1996), 487-489. Zur Stelle ebenfalls Watson, der die Diskrepanz zwischen Markion und Tertullian als „zwei im Wettbewerb stehende exegetische Optionen“ bezeichnet, „ohne Ausschau auf eine klare Entscheidung“, F. Watson, Pauline Reception and the Problem of Docetism (2018), 65. Er verweist ebenfalls auf die Parallelstelle *Phil 2,7. 149 So auch (mit Ausnahme, dass er anstelle von ὄντες schreibt: περιπατοῦντες), der auch die Verse 6-11, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 179. dennoch dem *Paulustext nicht gerecht wird, zeigt etwa die Substanzinterpre‐ tation der Stelle bei W. Schmithals. 148 5. (8,4) Hilgenfeld führt Epiphanius als Zeugen für diesen Vers an. Zahn sieht den kanonischen Text des Verses bezeugt. Harnack stützt sich über Epiphanius hinaus auf Adamantius, auch wenn hier Adamantius selbst spricht. Schmid lässt wiederum nur das Zeugnis des Epiphanius gelten und bietet diesen Text, und auch BeDuhn optiert mit Schmid, weil er beobachtet, dass die Stelle noch nicht die Wendung des Dialogs hin zu Markions *Paulustext vollzogen habe. Keiner der bisherigen Editoren hat jedoch die Anspielung auf den Gegensatz von Fleisch und Geist in der hier gegebenen Tertullianstelle beachtet. 6. (8,5-6) Hilgenfeld sieht Vers 5 durch Tertullian bezeugt. Nach Zahn ist der kanonische Text des Verses bezeugt. 149 Harnack verweist erneut auf Adam., Dial. V 22, womit er die beiden Verse 5 und 6 bezeugt sieht. Trotz der Übereinstimmung von Rufin mit dem griechischen Text, übernimmt Harnack nicht die zweite Abweichung und schreibt anstelle von ἔχθρα εἰς θεόν: <θάνατος>, allerdings scheint auch das erste περιπατοῦντες nicht vertrauenswürdig zu sein, folgt es doch Tertullians Argument gegen die Substanzinterpretation der Stelle, erweist sich folglich als kanonische Glättung der Aussage. Schmid sieht in der angegebenen Tertullianstelle nur eine tertulliansche „Zusammenfassung“ der Verse 5-9. BeDuhn hält Schmid entgegen, dass Tertullian sich jedoch nur auf Vers 9 beziehe. Folglich lässt er die Verse 5-8 in seiner Rekonstruktion beiseite. Dem widerspricht allerdings, dass Tertullian nicht nur vom Sein im Fleisch spricht (simus), sondern davon, dass wir „in Werken des Fleisches“ sind, dem entspricht aber in der gesamten Passage lediglich Vers 5: οἱ γὰρ κατὰ σάρκα ὄντες τὰ τῆς σαρκός … Tertullian scheint demnach mehr als nur Vers 9 gelesen zu haben, was auch seine weitere Argumentation zeigt, durch die er bemüht ist, die Aussagen hier nichtsubstanziell zu lesen, um so die Radikalkritik am Fleisch zu entschärfen. Auch wenn damit Vers 5 notwendig ist, muss man sich die Frage 4 (Röm) 145 <?page no="1756"?> 150 F. Refoulé, Unité de l’Epître aux Romains et histoire du salut (1987). nach dem Wortlaut stellen, hierzu ist wiederum die Lexik weiter unten zu D. zu berücksichtigen. 7. (8,9) Hilgenfeld nimmt Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Zahn sieht auch diesen Vers dem kanonischen Text nach bezeugt. Harnack verweist wiederum auf Adam., Dial. V 22, eine Passage, die sich gerade für die Verse 4-6 zuvor als nur z.T. verlässlich erwiesen hatte. Hier heißt es unmittelbar im Anschluss an die Verse 4-6 für Vers 9: ὑμεῖς δὲ οὐκ ἐστὲ ἐν σαρκὶ ἀλλ’ ἐν πνεύματι … νῦν δὲ οὐκ ἐστὲ ἐν σαρκὶ ἀλλ’ ἐν πνεύματι (Rufin: Uos autem non estis in carne sed in spiritu). Harnack rekonstruiert: νῦν δὲ οὐκ ἐστὲ ἐν σαρκὶ ἀλλ’ ἐν πνεύματι. Schmid gibt keinen Text, weil er Tertullian nur als Anspielung sieht. BeDuhn legt seiner Rekonstruktion folgenden griechischen Text zugrunde: ὑμεῖς οὐκ ἐστὲ ἐν σαρκὶ [ἀλλ’ ἐν πνεύματι]. 8. (8,10) Hilgenfeld nimmt Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Zahn rechnet wieder mit dem kanonischen Text. Harnack, Schmid und BeDuhn sehen folgenden Text bezeugt: τὸ μὲν σῶμα νεκρὸν διὰ ἁμαρτίαν, τὸ δὲ πνεῦμα ζωὴ διὰ δικαιοσύνην. 9. (8,11) Hilgenfeld nimmt Tertullian als Zeugen für diesen Vers. Zahn rechnet mit dem kanonischen Text für diesen Vers, allerdings unter Weglassung von ἐκ νεκρῶν. Harnack sieht folgenden Text bezeugt: ὁ ἐγείρας Χριστὸν ἐκ νεκρῶν ζῳοποιήσει καὶ τὰ θνητὰ σώματα ὑμῶν. Schmid fügt noch den Artikel ein: ὁ ἐγείρας Χριστὸν ἐκ νεκρῶν ζῳοποιήσει καὶ τὰ θνητὰ σώματα ὑμῶν. BeDuhn legt seiner Übersetzung als griechischen Text zugrunde: … ὁ ἐγείρας Χριστὸν [Ἰησοῦν] ἐκ νεκρῶν ζῳοποιήσει καὶ τὰ θνητὰ σώματα ὑμῶν [διὰ τοῦ ἐνοικοῦντος αὐτοῦ πνεύματος ἐν ὑμῖν]. 10. (8,9-11) Diese Verse werden als Interpolation angesehen durch F. Re‐ foulé. 150 D. (8,1) οὐδέν (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 8,4. ♦ Die Form οὐδέν steht 22 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mk 7,15; Lk 12,2; Röm 8,1; im Vers: 4 Mal Mt; Lk 10,19; 23,15; Joh 8,54; 3 Mal Apg; Röm 14,14; 1Kor 7,19; 8,4; 13,2; 14,10; 2Kor 12,11; 1Tim 4,4; Tit 1,15), vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,2 (Verseröffnung), *1Kor 8,4 (im Vers). ♦ ἄρα, das 52 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,20; *Gal 4,31; 6,10; *1Kor 15,14. ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ κατάκριμα, das 3 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der 146 Rekonstruktion <?page no="1757"?> kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ begegnet 47 Mal im Neuen Testament, ausschließlich im kanonischen Paulus, vgl. zu 1Kor 1,4. Zur Abwesenheit: Der kurze, vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Ele‐ mente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (κατάκριμα; ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ). Der Vers wird ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (8,2) Die Wendung νόμος τοῦ πνεύματος steht nur hier. ♦ Das kanonische ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ begegnet gerade wieder, vgl. zum voranstehenden Vers 8,1. ♦ ἐλευθερόω steht 15 / 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,1. ♦ Die Form ἠλευθέρωσεν steht 1 weiteres Mal, vorkanonisch bezeugt für Gal 5,1. ♦ σέ (Akk. / Vok. Mask. Sg. von σύ / σός), das 185 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Wendung ἀπὸ τοῦ νόμου steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist einige Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene stehen (ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ; ἀπὸ τοῦ νόμου). Der Vers wird folglich ein Produkt der kanonischen Redaktion sein und wahrscheinlich vorkanonisch gefehlt haben. (8,3) Zum unbezeugten Versteil: ἀδύνατος steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν ᾧ (Mask.) steht 26 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *Laod 1,7. 13; 2,21. 22; 3,12; im Vers für *Röm 7,6. ♦ ἀσθενέω, das 47 / 33 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,6. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4, vgl. weiter zu den Versen 4. 5. 6. 7. 8. 9. 12. 13. ♦ Die Wendung διὰ τῆς σαρκός steht nur hier. Zum bezeugten Versteil: πέμπω, das 86 / 79 Mal im NT steht, wie auch die Form πέμψας, die 16 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt nur hier. ♦ ὁμοίωμα, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Phil 2,7 (ἐν ὁμοιώματι). ♦ Der Ausdruck σάρξ + ἁμαρτίας steht nur hier. Zum nicht mehr bezeugten Versteil: Der Ausdruck περὶ ἁμαρτίας steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (3 Mal Joh; Röm 8,3; 4 Mal Hebr). ♦ κατακρίνω, das 20 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,58. ♦ Die Wendung ἐν τῇ σαρκί steht 7 Mal im NT (Röm 7,5. 18; 8,3; Gal 4,14; Eph 2,14; Phil 1,24; Kol 1,24), vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,18; *Laod 2,14; *Kol 1,24. Zur Rekonstruktion: Wie die Lexik zeigt, wird wohl lediglich der bezeugte Teil des Verses vorkanonisch gestanden sein, während Anfang und Ende des Verses 4 (Röm) 147 <?page no="1758"?> der kanonischen Redaktion zuzuschreiben ist und vorkanonisch gefehlt haben wird. (8,4) Die Kombination ἵνα τό steht 6 Mal im NT, 3 Mal als Verseröffnung (Verseröff‐ nung: Röm 8,4; Phil 1,26; 1Petr 1,7; im Vers: 1Kor 1,10; 5,5; Phil 2,2), vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 5,5 (im Vers). ♦ δικαίωμα, das 11 Mal im NT steht, ist nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ πληρόω, das 91 / 87 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,3. 14; *Röm 13,8. ♦ Die Wendung ἐν ἡμῖν steht 26 Mal im NT, Lk 24,32, wo diese Wendung in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 7,16. ♦ περιπατέω, das 104 / 95 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 2,2; 5,2. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius und ergänzend dem Tertullians. Mit Ausnahme des Begriffes δικαίωμα, der nur hier vorkano‐ nisch bezeugt ist, finden sich die weiteren Elemente vorkanonisch bezeugt (ἵνα τό zwar nicht als Verseröffnung, jedoch im Vers). Der Vers wird vermutlich, wie gegeben, im vorkanonischen Text gestanden sein. (8,5) Die Kombination οἱ γάρ steht 13 Mal im NT, davon 9 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 2 Mal Mk 7,3; 12,23; Apg 13,27; Röm 8,5; 13,3; 16,18, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 2Kor 11,13; 1Thess 5,7; 1Tim 3,13; Hebr 11,4; im Vers: Mk 12,23; Lk 20,33; 1Kor 10,17), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ findet sich 49 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 19,47, wiederum in einem Vers, der in *Ev fehlt; 14 Mal in Apg; Röm 1,15; 8,12. 28; 9,5. 11; 11,21. 24; 16,5, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,19; 2Kor 7,11; 10,7; 11,28; Gal 4,29; Eph 1,15; 4,24; 5,33; 5,6. 21; Phil 1,12; Kol 3,22; 4,7. 15; 1Tim 6,3; Tit 1,1. 9; Phlm 1,2; Hebr 11,7; Jak 3,9; 1Petr 1,3). ♦ Die Verbform ὄντες, die 26 Mal im NT steht, ist vorkanonisch vielleicht bezeugt für *Ev 11,13, deutlich jedoch weiter bezeugt für *2Kor 5,4; *Laod 2,13. ♦ Der Ausdruck τὰ τῆς σαρκός steht nur hier. ♦ φρονέω, das sich 34 / 26 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,16. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das durch die Lexik gestützt wird. Da sowohl οἱ γάρ wie bestimmter Artikel + κατά im Akkusativ nur auf der kanonischen Ebene stehen, wird die mit dem zweiten Teil des Verses korrespondierende Eröffnung gewählt. (8,6) φρόνημα steht nur 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, allerdings nur in diesem Umfeld (Röm 8,6. 7. 27). ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ Die Wendung τῆς σαρκὸς θάνατος steht nur hier. ♦ Die Kombination τὸ δέ (Nom.) steht 31 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt im Vers: 148 Rekonstruktion <?page no="1759"?> *Ev 11,39; *2Kor 3,6; *Röm 8,10; *Kol 2,17, vgl. zu Gal 4,25. ♦ ζωή, das 142 / 135 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,22; *2Kor 4,10; 5,4; *Röm 5,21; 8,10. ♦ εἰρήνη, das sich 98 / 92 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,3; *Röm 5,1; *Laod 2,14. 15. 17; 6,15. ♦ Die Wendung ζωὴ καὶ εἰρήνη steht nur hier. Zur Rekonstruktion: Auch wenn der Vers vorkanonisch unbezeugt ist und der Begriff φρόνημα hier und an den beiden weiteren Stellen im engeren Umfeld unbezeugt ist - allerdings ist kurz zuvor das Verb erwähnt, welches vorkano‐ nisch bezeugt ist -, die weiteren Elemente jedoch vorkanonisch bezeugt sind bzw. hier singulär stehen, ist es möglich, dass der Vers vielleicht vorkanonisch gestanden war. Narrativ jedenfalls entwickelt er den vorkanonischen Gedanken der Verse 4 und 5 weiter. (8,7) διότι, das 26 / 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,28. ♦ Zu φρόνημα vgl. zuvor zu Vers 6 und weiter zu Vers 27. ♦ ἐχθρός, das 39 / 32 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,27; *Gal 5,20; *Laod 2,16; *Kol 1,21. ♦ Die Wendung εἰς θεόν steht 8 Mal im NT, in Lk 12,21, in einem Vers, der in *Ev fehlt und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene (Lk 12,21; Apg 20,21; Röm 8,7; Hebr 8,10; 3 Mal 1Petr). ♦ Die Form τῷ νόμῳ steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,27; *1Kor 14,21; *Röm 2,20; 7,23. ♦ οὐχ, das 105 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev *Röm 10,3; *Phil 1,17; 2,6; vgl. zu Röm 7,4. ♦ ὑποτάσσω, das 46 / 38 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,20; *1Kor 14,32; *Röm 10,3: *Laod 1,22; 5,21. ♦ οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ Die Kombination οὐδὲ γάρ steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,36; *Gal 6,13, und wird wohl auch in *Gal 1,12 gestanden sein. ♦ δύναμαι, das 233 / 210 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. Zur Rekonstruktion: Auch dieser Vers ist vorkanonisch unbezeugt, aber wenn man Vers 6 vorkanonisch annehmen will, wird man durch die Lexik und den narrativen Zusammenhang auch diesen Vers in die Rekonstruktion mit hineinnehmen müssen. (8,8) Zur vorkanonisch bezeugten Verbform ὄντες vgl. zuvor zu Vers 5. ♦ Die Wendung ἐν σαρκί steht 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 8,9; *Laod 2,11; *Phil 3,3. ♦ ἀρέσκω steht 21 / 17 Mal im NT, darunter häufig bei Paulus, findet sich aber lediglich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu δύναμαι vgl. zum voranstehenden Vers. Zur Rekonstruktion: Dieser vorkanonisch unbezeugte Vers weist zwar auch einen Terminus (ἀρέσκω) auf, der vorkanonisch nicht bezeugt ist, doch auch hier könnte der Vers wegen der weiteren Lexik und des narrativen Zusammenhanges gestanden sein, vielleicht von der kanonischen Redaktion überarbeitet. 4 (Röm) 149 <?page no="1760"?> (8,9) Zum bezeugten Versteil: Die Verbform ἐστε/ ἔστε, die 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,26; 4,6; *1Kor 3,16; 5,7; 10,7; *Röm 8,9; 12,16; *Laod 2,19. ♦ Zur vorkanonisch bezeugten Wendung ἐν σαρκί vgl. zum voranstehenden Vers 8,8. Zum nicht mehr bezeugten Versteil: εἴπερ, das 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,3 und stand auch vielleicht in *Röm 8,9; *2Thess 1,6. ♦ Die Wendung πνεῦμα θεοῦ steht nur hier. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ οἰκέω, das 39 / 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,16. ♦ Die Kombination εἰ δέ τις steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 1Kor 3,12. ♦ οὗτος steht 192 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,25; 9,35. Zur Rekonstruktion: Der bezeugte Teil folgt Tertullian, allerdings wird aufgrund der Elemente, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (ἐν ὑμῖν; εἰ δέ τις), der nachfolgende, nicht mehr bezeugte Teil eine Hinzufügung der kanonischen Redaktion sein und vorkanonisch gefehlt haben. (8,10) Zum unbezeugten Versanfang: Die Wendung Χριστὸς ἐν ὑμῖν begegnet 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, sie ähnelt auch der kanonischen Formulierung von Gal 2,20 (ἐν ὑμῖν ἐν ἐμοὶ Χριστός), Eph 3,17 (τὸν Χριστὸν διὰ τῆς πίστεως ἐν ταῖς καρδίαις ὑμῶν). ♦ σῶμα, das 150 / 142 Mal im NT steht, ist vorkanonisch ein zentraler Begriff für *Ev und *Paulus ist. ♦ νεκρός, das 138 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,12. 29. 35. 52; *Röm 8,10. 11; *1Thess 4,16; *Laod 1,20; 2,1; 5,14. ♦ Die Kombination τὸ δέ (Nom.) steht 31 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt im Vers: *Ev 11,39; *2Kor 3,6; *Röm 8,10; *Kol 2,17, vgl. zu Gal 4,25. ♦ ζωή, das 142 / 135 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,22; *2Kor 4,10; 5,4; *Röm 5,21; 8,10. ♦ δικαιοσύνη, das 97 / 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,17; 3,21; 5,21; 8,10; 10,3. 4; *Phil 3,9. Zur Rekonstruktion: Der unbezeugte Versanfang wird wegen der nur kanonisch belegten Wendung Χριστὸς ἐν ὑμῖν Ergänzung der kanonischen Redaktion sein, zumal auch der Vers ohne diesen gut an das Voranstehende anschließt. Der weitere Text folgt dem Zeugnis Tertullians, das durch die Lexik gestützt wird. (8,11) Zum unbezeugten Versanfang: Zum kanonischen εἰ δέ vgl. zuvor zu Vers 3,5 und Gal 5,18. ♦ Die Kombination εἰ δὲ τό steht 3 Mal im NT, jeweils als Verseröffnung und jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 8,11; 11,12; Phil 1,22). ♦ ἐγείρω, das 169 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 15,4. 14. 17. 29. 35. 44; *Röm 8,11; *Laod 1,20; 5,14. ♦ Der Ausdruck τοῦ ἐγείραντος steht 3 Mal im NT (Röm 8,11; Gal 1,1; Kol 2,12), vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,1. ♦ οἰκέω, das 39 / 9 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,16. ♦ Die Wendung οἰκεῖ ἐν 150 Rekonstruktion <?page no="1761"?> ὑμῖν steht 3 Mal im NT (Röm 8,9. 11; 1Kor 3,16), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν ὑμῖν steht 89 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Zum bezeugten Versteil: Zum vorkanonisch bezeugten νεκρός vgl. zum voranste‐ henden Vers. ♦ ζωοποιέω, das 12 / 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 15,36. 45; *2Kor 3,6. ♦ θνητός, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *1Kor 6,20; 15,53. 54; *2Kor 5,4. Zum nicht mehr bezeugten Versteil: ἐνοικέω, das sich 6 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Wieder steht das nur kanonisch belegte ἐν ὑμῖν. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Dass der kon‐ ditionale Anfangssatz des Verses vermutlich nicht nur unbezeugt, sondern auch gefehlt hat, legt sich durch die Wendung οἰκεῖ ἐν ὑμῖν nahe. Ebenfalls unterstreicht die Lexik, dass das nicht mehr bezeugte Endstück des Verses vorkanonisch gefehlt hat. Wir haben es bei diesem Vers mit einem schönen Beispiel zu tun, das die Validität des lexikalischen Vergleiches unterstreicht. 8,[12-22]: [Das Seufzen der Schöpfung] Die nachfolgende Passage ist unbezeugt und der Lexik nach zu urteilen fehlte sie auch vorkanonisch. In ihr bereitet die kanonische Redaktion das Thema der Erbschaft vor, das in den folgenden Kapiteln auf dieser Ebene weiterentwickelt wird. Zum Teil ist, was ausgeführt wird, auch eine Duplikation des auf der vorkanonischen und kanonischen Ebene zuvor Ausgeführten. - 12 Ἄ ἄρα οὖν, ἀδελφοί, ὀφειλέται ἐσμέν, οὐ τῇ σαρκὶ τοῦ κατὰ σάρκα ζῆν· 13 εἰ γὰρ κατὰ σάρκα ζῆτε μέλλετε ἀποθνῄσκειν, εἰ δὲ πνεύματι τὰς πράξεις τοῦ σώματος θανατοῦτε ζήσεσθε. 14 ὅσοι γὰρ πνεύματι θεοῦ ἄγονται, οὗτοι υἱοὶ θεοῦ εἰσιν. 15 οὐ γὰρ ἐλάβετε πνεῦμα δουλείας πάλιν εἰς φόβον, ἀλλὰ ἐλάβετε πνεῦμα υἱοθεσίας, ἐν ᾧ κράζομεν, Αββα ὁ πατήρ· - 16 αὐτὸ τὸ πνεῦμα συμμαρτυρεῖ τῷ πνεύματι ἡμῶν ὅτι ἐσμὲν τέκνα θεοῦ. 17 εἰ δὲ τέκνα, καὶ κληρονόμοι· κληρονόμοι μὲν θεοῦ, συγκληρονόμοι δὲ Χριστοῦ, εἴπερ συμπάσχομεν ἵνα καὶ συνδοξασθῶμεν. 18 Λογίζομαι γὰρ ὅτι οὐκ ἄξια τὰ παθήματα τοῦ νῦν καιροῦ πρὸς τὴν μέλλουσαν δόξαν ἀποκαλυφθῆναι εἰς ἡμᾶς. 4 (Röm) 151 <?page no="1762"?> 151 Detering nimmt jedoch diese wie auch die Verse 16-20 nach dem kanonischen Text, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 179-180. 152 F. Watson, Receptions of Paul in early Christianity. The person of Paul and his writings through the eyes of his early interpreters (2018), 62. 153 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 116-118. 154 Ibid. 118. 19 ἡ γὰρ ἀποκαραδοκία τῆς κτίσεως τὴν ἀποκάλυψιν τῶν υἱῶν τοῦ θεοῦ ἀπεκδέχεται· 20 τῇ γὰρ ματαιότητι ἡ κτίσις ὑπετάγη, οὐχ ἑκοῦσα ἀλλὰ διὰ τὸν ὑποτάξαντα, ἐφ’ ἑλπίδι 21 ὅτι καὶ αὐτὴ ἡ κτίσις ἐλευθερωθήσεται ἀπὸ τῆς δουλείας τῆς φθορᾶς εἰς τὴν ἐλευθερίαν τῆς δόξης τῶν τέκνων τοῦ θεοῦ. 22 οἴδαμεν γὰρ ὅτι πᾶσα ἡ κτίσις συστενάζει καὶ συνωδίνει ἄχρι τοῦ νῦν· A. Die Verse sind vorkanonisch unbezeugt. ♦ 8,19. 22: Vgl. Basilides, in Hippol., Ref. VII 25: καὶ ἡ κτίσις αὐτὴ συστενάζει καὶ συνωδίνει τὴν ἀποκάλυψιν τῶν υἱῶν τοῦ θεοῦ ἐκδεχομένη. B. Keine nennenswerten Varianten. C. 1. (12-15) Alle Editoren sehen diese Verse als unbezeugt. 151 Tatsächlich gibt Tert., Adv. Marc. V 14,6 bezüglich Röm 10,1-2 die folgende Bemerkung: Salio et hic amplissimum abruptum intercisae scripturae. Interessanterweise spricht Watson, ohne Angabe irgendeines Argumentes davon, wonach es „unplausibel sei, anzunehmen, dass Röm 8,12-10,2 eine nachpaulinische Interpolation sei“; aus dieser petitio principii leitet er ab, dass es sich folglich um eine „nachpauli‐ nische Auslassung“ handeln müsse, und wenn Markion eine solche Auslassung in den Römerbriefen vorgenommen habe, dann seien die Apologeten im Recht, wenn sie ihn auch als Verstümmler des Evangeliums bezeichneten. 152 Doch fragt sich zunächst, ob mit dieser Auslassung tatsächlich alle Verse von Röm 8,12-9,33 oder gar Röm 8,12-10,2 gemeint sind. Eine ausführliche Deutung dieses Problems gibt jetzt A. Goldmann. 153 Ihm zufolge sei damit nicht gemeint, Tertullian habe von der vollständigen Abwesenheit eines Abschnittes gesprochen, sondern deute „eher auf mehrere Textdifferenzen“ zwischen der vorkanonischen und kanonischen Version hin, 154 überblickt man aber den weiteren Verlauf seiner Untersuchung, fügt Goldmann keine Verse in seiner 152 Rekonstruktion <?page no="1763"?> 155 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), I/ 333. 156 C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. Rekonstruktion zu *Röm hinzu, die nicht ausdrücklich durch Tertullian bezeugt sind. Schmid merkt an: „Auslassung(en) zwischen Röm 8,12 und 10,1, aber unklar, welchen Umfangs“. 155 Zahn rechnet denn auch mit deren Präsenz in irgendeiner unbestimmbaren Form. BeDuhn verweist auf Adam., Dial. II 19 (im Mund des Markioniten): ἀλλ’ εἶπεν· εἰς υἱοθεσίαν ἐλήφθημεν (Rufin: Sed dixit quia in adoptione nos susciperet) und meint, dass nur Elemente dieses Zitates an anderen Stellen vorhanden seien, etwa in Gal 4,5 (τὴν υἱοθεσίαν ἀπολάβωμεν) und Eph 1,5 (προορίσας ἡμᾶς εἰς υἱοθεσίαν), daher diese Stelle die größte Nähe besäße und darum Adamantius den markionitischen Paulustext böte. Er legt folglich seiner Übersetzung der Verse 14-15 folgenden griechischen Text zugrunde: [14 ὅσοι γὰρ πνεύματι θεοῦ ἄγονται, οὗτοι υἱοὶ θεοῦ εἰσιν. 15 οὐ γὰρ ἐλάβομεν πνεῦμα δουλείας πάλιν εἰς φόβον, ἀλλὰ] ἐλάβομεν [πνεῦμα] υἱοθεσίας, [ἐν ᾧ κράζομεν, Αββα ὁ πατήρ]. Doch gilt zu bedenken, dass *Gal 4,5 nicht den kanonischen Text aufweist; denn folgt man Tertullians Zitat, dann findet sich, wie zu dieser Stelle rekon‐ struiert, exakt der Text des vorliegenden Adamantiuszitats, vgl. zur Stelle. Das heißt aber, dass Adamantius als Zeuge für die vorliegende Stelle ausfällt und der Text demnach unbezeugt ist. 2. Auf die fast wörtliche Parallele von ἐν ᾧ κράζομεν, Αββα ὁ πατήρ zu Gal 4,6 (vgl. *Gal 4,6: Ὅτι δέ ἐστε υἱοὶ τοῦ θεοῦ, ἐξαπέστειλεν τὸ πνεῦμα αὐτοῦ εἰς τὰς καρδίας ἡμῶν, κρᾶζον, Αββα ὁ πατήρ) hat Weisse aufmerksam gemacht, was ihn dazu veranlasste, die vorliegende Stelle als Entlehnung aus der Galaterstelle und damit als Interpolation anzusehen. 156 Sie ist ein weiterer Beleg für die Tendenz der kanonischen Redaktion, die Texte miteinander zu harmonisieren und dabei Duplikationen zu schaffen. 3. (8,16-18) Nach allen Editoren sind diese Verse unbezeugt, auch wenn sie nach Zahn in irgendeiner unbestimmbaren Form als präsent angesehen werden. Gleichwohl nimmt BeDuhn Vers 17 in seine Rekonstruktion auf und legt der Übersetzung folgenden Text zugrunde: [εἰ δὲ τέκνα, καὶ κληρονόμοι: κληρονόμοι μὲν θεοῦ, συγκληρονόμοι δὲ Χριστοῦ]. 4. (8,19-22) Diese Verse sind nach den Editoren Zahn, Harnack und Schmid unbezeugt. Während Hilgenfeld das ganze Kapitel als markionitisch präsent sieht, 157 räumt er ein, dass „nur über gänzliche oder theilweise Beibehaltung von 4 (Röm) 153 <?page no="1764"?> 157 Detering sieht lediglich Vers 21 als abwesend, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 95. 180. 158 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 455. 159 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 108*. 160 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 302; Origenes, T.P. Scheck, S.E. Hieronymus and Origenes, Homilies 1-14 on Ezekiel (2010), 37. V. 19-22 … man zweifelhaft sein“ kann. 158 Harnack meint sogar ausdrücklich, dass Markion sie „gestrichen“ habe. 159 Zur Begründung verweist er auf Orig., Hom. in Ez I 7,2 (PG 13,675A-B; 332 GCS 33): Nam exspectatio creaturae revelationem filiorum Dei exspectat. Et licet nolint ii qui Scripturas apostolicas interpolaverunt istiusmodi sermones inesse libris eorum quibus possit creator Christus approbari, exspectat tamen omnis creatura filios Dei, quando liberentur a delicto, quando auferantur de Zabuli manu, quando regenerentur a Christo. Be‐ Duhn führt die englische Übertragung dieser Stelle durch Th. Scheck an, der der Meinung ist, Origenes habe hier (im Gegensatz zu der Deutung Harnacks) nicht davon gesprochen, dass seine Gegner diese Stelle in ihren Büchern ausgelassen hätten, sondern lediglich, dass die Gegner die Identifizierung von Christus mit dem Schöpfer abgelehnt hätten, wobei sie mit diesem Vers widerlegt werden könnten, der Vers sei also geradezu für Markions *Paulus belegt. BeDuhn meint hierzu, „alles hänge von dem Bezug des ibi ab, ob man ‚in den apostolischen Schriften‘ oder in ‚ihren Büchern‘ lese“. 160 Nun findet sich zwar kein ibi im nur lateinisch erhaltenen Text, doch muss man die Interpretation Schecks, der BeDuhn folgt und darum Vers 19 bezeugt sieht, ernsthaft erwägen. Jedenfalls nimmt BeDuhn aus diesem Grund und wegen des narrativen Zusammenhangs den folgenden Text in seine Rekonstruktion, welcher als griechischer Text zugrunde liegt: 19 ἡ γὰρ ἀποκαραδοκία τῆς κτίσεως τὴν ἀποκάλυψιν τῶν υἱῶν τοῦ θεοῦ ἀπεκδέχεται: [20 τῇ γὰρ ματαιότητι ἡ κτίσις ὑπετάγη, οὐχ ἑκοῦσα ἀλλὰ διὰ τὸν ὑποτάξαντα, ἐφ’ ἑλπίδι 21 ὅτι καὶ αὐτὴ ἡ κτίσις ἐλευθερωθήσεται ἀπὸ τῆς δουλείας τῆς φθορᾶς εἰς τὴν ἐλευθερίαν τῆς δόξης τῶν τέκνων τοῦ θεοῦ. 22 οἴδαμεν γὰρ ὅτι πᾶσα ἡ κτίσις συστενάζει καὶ συνωδίνει ἄχρι τοῦ νῦν]. D. (8,12) ἄρα, das 52 / 49 Mal im NT steht, und dem vorkanonischen Charakter dieser Konjunktion. ♦ Die Kombination ἄρα οὖν steht 12 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, nur auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 3,41. ♦ ὀφείλω, das sich 42 / 35 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 11,7. 10. ♦ Die Form ὀφειλέται steht 3 Mal im NT, in Lk 13,4, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Röm 15,27, in einem Vers, der in *Röm fehlt, d. h. ausschließlich auf der kanonischen Ebene. 154 Rekonstruktion <?page no="1765"?> ♦ Die Verbform ἐσμέν, die 54 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; *Laod 2,10, vgl. weiter Vers 16. ♦ Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ findet sich 49 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 19,47, wiederum in einem Vers, der in *Ev fehlt; 14 Mal in Apg; Röm 1,15; 8,12. 28; 9,5. 11; 11,21. 24; 16,5, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,19; 2Kor 7,11; 10,7; 11,28; Gal 4,29; Eph 1,15; 4,24; 5,33; 5,6. 21; Phil 1,12; Kol 3,22; 4,7. 15; 1Tim 6,3; Tit 1,1. 9; Phlm 1,2; Hebr 11,7; Jak 3,9; 1Petr 1,3). ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. Das Verb steht auch im nachfolgenden Vers 13. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἄρα οὖν; ὀφειλέται; Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ. (8,13) Die Kombination εἰ γάρ findet sich 37 Mal im NT, davon 29 Mal als Verseröff‐ nung; als Verseröffnung findet sie sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, im Vers ist sie vorkanonisch bezeugt für *1Kor 2,8, vgl. zu 1Kor 9,17. ♦ μέλλω, das 129 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,44; *1Kor 3,22; *Kol 2,17. ♦ Die Form μέλλετε steht noch 1 weiteres Mal, Apg 5,35. ♦ ἀποθνήσκω, das 119 / 111 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt *Ev 20,36; *1Kor 15,3. 22; *Röm 5,6. ♦ Der Infinitiv ἀποθνῄσκειν steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (4 Mal Joh; Röm 8,13). ♦ Die Kombination εἰ δέ steht 90 Mal im NT, davon 64 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu Vers 3,5. ♦ πρᾶξις steht 6 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ θανατόω, das 11 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,4. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ζάω vgl. zum voranstehenden Vers 8,12. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἰ γάρ; μέλλετε; ἀποθνῄσκειν; εἰ δέ; πρᾶξις. (8,14) Die Kombination ὅσοι γάρ steht 5 Mal im NT, davon 4 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 2,12; 8,14; Gal 3,10. 27; im Vers: Apg 4,34), vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,10 (im Vers). ♦ ἄγω, das 92 / 67 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ οὗτοι, das 77 Mal im NT steht, findet sich nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Der Ausdruck υἱοὶ θεοῦ steht 4 Mal im NT (Mt 5,9; Röm 8,14; 9,26; Gal 3,26), wieder auf der kanonischen Ebene in Röm 9,26, zu vergleichen auf derselben Ebene ist 2Kor 6,18 (καὶ ἔσομαι ὑμῖν εἰς πατέρα, καὶ ὑμεῖς ἔσεσθέ μοι εἰς υἱοὺς καὶ θυγατέρας). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung ὅσοι γάρ; οὗτοι; υἱοὶ θεοῦ. 4 (Röm) 155 <?page no="1766"?> (8,15) Die Kombination οὐ γάρ steht 80 Mal im NT, davon 46 Mal als Verseröffnung, Lk 23,34, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,16; 2,13 (beide Male als Verseröffnung); *1Kor 21b-c↑34 im Vers. ♦ Die Form ἐλάβετε steht 18 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 11,4. ♦ δουλεία, das 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; 5,1. ♦ Die Wendung πνεῦμα δουλείας steht nur hier. ♦ φόβος, das 61 / 47 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ υἱοθεσία, das 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,5; *Laod 1,5. ♦ Die Wendung πνεῦμα υἱοθεσίας steht nur hier. ♦ κράζω steht 71 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,6, und zwar in einer Wendung, die der vorliegenden völlig parallel ist: Ὅτι δέ ἐστε υἱοὶ θεοῦ, ἐξαπέστειλεν τὸ πνεῦμα αὐτοῦ εἰς τὰς καρδίας ὑμῶν, κρᾶζον, Αββα ὁ πατήρ. ♦ Die Wendung Αββα ὁ πατήρ steht 3 Mal im NT (Mk 14,36; Röm 8,15; Gal 4,6), vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,6. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐλάβετε; φόβος. Für die vorkanonische Abwesenheit dieser vorkanonisch unbezeugten Passage sprechen die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elemente, be‐ sonders in Vers 14 das markante υἱοὶ θεοῦ, obwohl gerade Vers 15 in mancherlei Hinsicht an Gal 4 erinnert, allerdings an die kanonische Version dieses Kapitels, wie gerade das υἱοὶ θεοῦ anzeigt. (8,16) αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,14; 4,13, vgl. weiter Vers 26. ♦ συμμαρτυρέω, das 3 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zur Verbform ἐσμέν, vgl. zuvor zu Vers 12. ♦ τέκνον steht 103 / 99 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,31; *Laod 2,3; 6,1. ♦ Der Ausdruck τέκνα θεοῦ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 8,16; Phil 2,15; 1Joh 3,1. 2). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: συμμαρτυρέω; τέκνα θεοῦ. (8,17) Zum kanonischen εἰ δέ vgl. zuvor zu Vers 3,5 und Gal 5,18. ♦ τέκνον vom vorangehenden Vers wird gleich wieder aufgegriffen. ♦ κληρόνομος, das 15 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf kanonischer Ebene. ♦ συγκληρόνομος steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene bezeugt. ♦ εἴπερ, das 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,3 und stand auch vielleicht in *Röm 8,9; *2Thess 1,6. ♦ συμπάσχω, das 2 Mal im NT begegnet, steht beide Male auf der kanonischen Ebene. συνδοξάζω ist Hapax legomenon im NT. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἰ δέ; κληρόνομος; συγκληρόνομος; συμπάσχω. 156 Rekonstruktion <?page no="1767"?> (8,18) λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 13,5. ♦ Die Wendung γὰρ ὅτι οὐκ steht 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Röm 7,18. ♦ ἄξιος, das 44 / 41 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,48. ♦ πάθημα, das 16 Mal im NT zu finden ist, findet sich vorkanonisch in *Gal 5,24. ♦ Die Verbindung von νῦν + καιρός steht 5 Mal im NT (Röm 3,26; 8,18; 11,5; 2Kor 6,2; 8,14), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu dem vorkanonisch bezeugten μέλλω vgl. zuvor zu Vers 8,13. ♦ ἀποκαλύπτω steht 33 / 26 Mal im NT, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,17. 18; *2Thess 1,7, 2,3. ♦ Die Wendung εἰς ἡμᾶς steht 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 1,5. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: λογίζομαι; γὰρ ὅτι οὐκ; νῦν + καιρός; εἰς ἡμᾶς. Auch für diese vorkanonisch unbezeugte Passage bestätigt die Lexik die Abwe‐ senheit derselben von der vorkanonischen Version. (8,19) Die Wendung ἡ γάρ steht 24 Mal im NT, davon 15 Mal als Verseröffnung, als Verseröffnung vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,19. ♦ ἀποκαραδοκία steht nur 2 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene belegt (Röm 8,19, Phil 1,20). ♦ ἀποκάλυψις, das 22 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,6; *2Thess 1,7, jedoch ausschließlich für eine Offenbarung, die auf den Herrn bezogen ist. ♦ Wie zuvor in Vers 14 die υἱοὶ θεοῦ nur auf der kanonischen Ebene standen, findet sich der Plural ebenfalls nicht vorkanonisch mit Artikel υἱοὶ τοῦ θεοῦ, der Ausdruck steht nur hier. ♦ ἀπεκδέχομαι, das 8 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 3,20. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀποκαραδοκία; Semantik von ἀποκάλυψις; υἱοὶ τοῦ θεοῦ. (8,20) ματαιότης steht 3 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene belegt. ♦ ὑποτάσσω, das 46 / 38 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,20; *1Kor 14,32; *Röm 10,3: *Laod 1,22; 5,21. ♦ Zu οὐχ vgl. auf derselben kanonischen Ebene zuvor Vers 7. ♦ ἑκών steht nur hier und noch 1 Mal auf kanonischer Ebene in 1Kor 9,17. ♦ Auch ἑκούσιος steht nur noch 1 Mal auf der kanonischen Ebene in Phlm 1,14. ♦ Die Wendung ἐφ’ ἑλπίδι steht 8 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2 Mal Apg; Röm 4,18; 5,2; 8,20; 1Kor 9,10; Tit 1,2). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ματαιότης; ἑκών; ἐφ’ ἑλπίδι. (8,21) Die Kombination ὅτι καί steht 22 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 8,21; Phil 4,16; 1Petr 3,18; im Vers: Mt 8,27; Mk 9,13; Lk 4,43; 3 Mal Apg; Röm 6,8; 15,14, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 2Kor 1,10; Eph 4,9; Phil 2,24; 4 (Röm) 157 <?page no="1768"?> Kol 4,1; 2Tim 1,5; Phlm 1,19. 21; Hebr 11,19; 12,17; 1Petr 2,21; 1Joh 2,29), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ αὐτή (Nom. Fem. Sg.), das 11 Mal im NT steht, begegnet nur auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐλευθερόω steht 15 / 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 5,1. ♦ Zu ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, vgl. zu Vers 8,2. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten δουλεία vgl. zu Vers 8,15. ♦ φθορά steht 9 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 6,8; *1Kor 15,50. ♦ ἐλευθερία, das 11 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4; 5,1. ♦ Die Wendung εἰς τὴν ἐλευθερίαν steht nur hier. ♦ δόξα, das 178 / 166 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,7. 8; 15,41. 43; *2Kor 3,7. 18; 4,6; *2Thess 1,9; *Laod 1,12. 17; *Phil 3,21. ♦ Zu τέκνον vgl. weiter oben zu Vers 16. ♦ Der Plural τῶν τέκνων τοῦ θεοῦ steht nur hier, doch der Plural τέκνα θεοῦ steht, wie zu Vers 8,16 gezeigt, nur kanonisch. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὅτι καί; αὐτή; τῶν τέκνων τοῦ θεοῦ. (8,22) Die Kombination οἴδαμεν γάρ steht 4 Mal im NT, immer als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 5,1. ♦ πᾶσα(ι) (Nom. / Vok. Fem. Sg. / Pl.), das 60 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,29. ♦ συστενάζω und συνωδίνω sind Hapax legomena im NT. ♦ ὠδίνω, das 5 / 3 Mal im NT belegt ist, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἄχρι, das 55 / 49 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,25; *2Kor 3,14. ♦ Die Wendung ἄχρι τοῦ νῦν steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Phil 1,5. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Οἴδαμεν γάρ; ἄχρι τοῦ νῦν. Auch diese vorkanonisch unbezeugte Passage weist eine Lexik auf, die die Verse auf die kanonische Ebene verweisen. Die Lexik spricht dafür, dass Vers 19 zur kanonischen Ebene gehört, unbhängig davon, wie man die Origenesstelle interpretiert. Demnach ist der gesamte zwei Teil von Kapitel 8 mit den Versen 12-22 ein Produkt der kanonischen Redaktion und hat vorkanonisch gefehlt. 8,[23-39]: [Die Erstlingsgabe des Geistes] Diese vorkanonisch unbezeugte Passage entwickelt das kanonische pneumato‐ logische Thema weiter, das die kanonische Redaktion zum vorkanonischen Text des ersten Teils von Kapitel 8 hinzugefügt hat. - 23 οὐ μόνον δέ, ἀλλὰ καὶ αὐτοὶ τὴν ἀπαρχὴν τοῦ πνεύματος ἔχοντες ἡμεῖς καὶ αὐτοὶ ἐν ἑαυτοῖς στενάζομεν υἱοθεσίαν ἀπεκδεχόμενοι, 158 Rekonstruktion <?page no="1769"?> τὴν ἀπολύτρωσιν τοῦ σώματος ἡμῶν. 24 τῇ γὰρ ἐλπίδι ἐσώθημεν· ἐλπὶς δὲ βλεπομένη οὐκ ἔστιν ἐλπίς· ὃ γὰρ βλέπει τίς ἐλπίζει; 25 εἰ δὲ ὃ οὐ βλέπομεν ἐλπίζομεν, δι’ ὑπομονῆς ἀπεκδεχόμεθα. 26 Ὡσαύτως δὲ καὶ τὸ πνεῦμα συναντιλαμβάνεται τῇ ἀσθενείᾳ ἡμῶν· τὸ γὰρ τί προσευξώμεθα καθὸ δεῖ οὐκ οἴδαμεν, ἀλλὰ αὐτὸ τὸ πνεῦμα ὑπερεντυγχάνει στεναγμοῖς ἀλαλήτοις· 27 ὁ δὲ ἐραυνῶν τὰς καρδίας οἶδεν τί τὸ φρόνημα τοῦ πνεύματος, ὅτι κατὰ θεὸν ἐντυγχάνει ὑπὲρ ἁγίων. 28 οἴδαμεν δὲ ὅτι τοῖς ἀγαπῶσιν τὸν θεὸν πάντα συνεργεῖ εἰς ἀγαθόν, τοῖς κατὰ πρόθεσιν κλητοῖς οὖσιν. 29 ὅτι οὓς προέγνω, καὶ προώρισεν συμμόρφους τῆς εἰκόνος τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ, εἰς τὸ εἶναι αὐτὸν πρωτότοκον ἐν πολλοῖς ἀδελφοῖς· 30 οὓς δὲ προώρισεν, τούτους καὶ ἐκάλεσεν· καὶ οὓς ἐκάλεσεν, τούτους καὶ ἐδικαίωσεν· οὓς δὲ ἐδικαίωσεν, τούτους καὶ ἐδόξασεν. 31 Τί οὖν ἐροῦμεν πρὸς ταῦτα; εἰ ὁ θεὸς ὑπὲρ ἡμῶν, τίς καθ’ ἡμῶν; 32 ὅς γε τοῦ ἰδίου υἱοῦ οὐκ ἐφείσατο, ἀλλὰ ὑπὲρ ἡμῶν πάντων παρέδωκεν αὐτόν, πῶς οὐχὶ καὶ σὺν αὐτῷ τὰ πάντα ἡμῖν χαρίσεται; 33 τίς ἐγκαλέσει κατὰ ἐκλεκτῶν θεοῦ; θεὸς ὁ δικαιῶν· 34 τίς ὁ κατακρινῶν; Χριστὸς [Ἰησοῦς] ὁ ἀποθανών, μᾶλλον δὲ ἐγερθείς, ὃς καί ἐστιν ἐν δεξιᾷ τοῦ θεοῦ, ὃς καὶ ἐντυγχάνει ὑπὲρ ἡμῶν. 35 τίς ἡμᾶς χωρίσει ἀπὸ τῆς ἀγάπης τοῦ Χριστοῦ; θλῖψις ἢ στενοχωρία ἢ διωγμὸς ἢ λιμὸς ἢ γυμνότης ἢ κίνδυνος ἢ μάχαιρα; - 36 καθὼς γέγραπται ὅτι Ενεκεν σοῦ θανατούμεθα ὅλην τὴν ἡμέραν, ἐλογίσθημεν ὡς πρόβατα σφαγῆς. 37 ἀλλ’ ἐν τούτοις πᾶσιν ὑπερνικῶμεν διὰ τοῦ ἀγαπήσαντος ἡμᾶς. 38 πέπεισμαι γὰρ ὅτι οὔτε θάνατος οὔτε ζωὴ οὔτε ἄγγελοι οὔτε ἀρχαὶ οὔτε ἐνεστῶτα οὔτε μέλλοντα οὔτε δυνάμεις 39 οὔτε ὕψωμα οὔτε βάθος οὔτε τις κτίσις ἑτέρα δυνήσεται ἡμᾶς χωρίσαι ἀπὸ τῆς ἀγάπης τοῦ θεοῦ τῆς ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν. A. Die Verse sind vorkanonisch unbezeugt. ♦ 8,36: Vgl. Ps 43,23 LXX: ὅτι ἕνεκα σοῦ θανατούμεθα ὅλην τὴν ἡμέραν, ἐλογίσθημεν ὡς πρόβατα σφαγῆς. 4 (Röm) 159 <?page no="1770"?> 161 Als die ältere Lesart gehalten von G.D. Kilpatrick, Western Text and Original Text in the Epistles (1944), 62. 162 Auch Detering nimmt all diese Verse bis auf einen nach dem kanonischen Text, lediglich für Vers 36 gibt er folgenden Text: Ενεκά σοῦ θανατούμεθα ὅλην τὴν ἡμέραν, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 98. 181. 163 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 108*. 164 J. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon (2013), 302. 165 W. Carr, Angels and Principalities. The Background, Meaning, and Development of the Pauline phrase hai archai kai hai exousiai (1981). B. (8,24) Anstelle von ἐλπίζει steht ὑπομένει in 01*, 02, 1739 mg , sy p , co. 161 C. 1. (8,23-35) Nach allen Editoren außer Hilgenfeld sind die Verse 23-35 unbe‐ zeugt, wenn Zahn diese auch nicht näher bestimmbar präsent sieht. 162 Hilgenfeld nimmt Epiphanius als möglichen Zeugen für Vers 33, weil dieser sich in seiner Refutatio darauf stütze. Allerdings gibt er keine Stellenangabe, und im Text lässt sich dieses Argument nicht verifizieren. BeDuhn nimmt allerdings Vers 23 in seine Rekonstruktion auf und legt seiner Übersetzung folgenden griechischen Text zugrunde: [23 οὐ μόνον δέ, ἀλλὰ καὶ αὐτοὶ τὴν ἀπαρχὴν τοῦ πνεύματος ἔχοντες ἡμεῖς καὶ αὐτοὶ ἐν ἑαυτοῖς στενάζομεν υἱοθεσίαν ἀπεκδεχόμενοι]. 2. (8,27-28) Man beachte die Nähe dieser Verse mit dem ebenfalls der kano‐ nischen Ebene zuzurechnenden Passage in 1Kor 2,9-15. 3. (8,36-39) Diese Verse sind nach allen Editoren bis auf Hilgenfeld, der Vers 36 in Adamantius behandelt sieht (καθὼς γέγραπται), unbezeugt. Zwar nimmt Zahn an, dass die Verse in unbestimmbarer Form präsent waren, und Harnack verweist für Vers 36 ebenfalls auf Adam., Dial. I 21 (im Mund des Adamantius) (ὅθεν καὶ Παῦλος, τῇ αὐτῇ προφητικῇ φωνῇ χρησάμενος, ἔλεγεν· ἕνεκα σοῦ θανατούμεθα ὅλην τὴν ἡμέραν, Rufin: Sed et propheta dicit: Propter te morte afficimur tota die)llerdings meint bereits Harnack, dass „es … nicht sicher (ist), daß diese Worte aus M.s Bibel geschöpft sind“. 163 Auch BeDuhn verweist auf diese Adamantiusstelle und führt aus, dass, „wenn man das Zeugnis“ für Mark‐ ions Paulus „gelten lasse, man ‚die große Lücke‘ Tertullians stark eingrenzen könne“, 164 doch auch er macht von Adamantius für die Rekonstruktion hier keinen Gebrauch. In der Tat wäre es erstaunlich, hätte Tertullian das Psalmzitat in Vers 36 nicht vermerkt, hätte er es in seinem Text des Markion gelesen. 4. (8,38-39) Es fällt die Dämonisierung des Pantheons der Heiden auf, die eine kanonische Fortentwicklung von *1Kor 10,20 darstellt. 165 D. 160 Rekonstruktion <?page no="1771"?> (8,23) Die Kombination οὐ μόνον δέ steht 9 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 7,7. ♦ Die Überleitung im kanonischen Text οὐ μόνον δέ, ἀλλὰ καί begegnet auch in 2Kor 8,19 (vgl. auch 2Kor 7,7); Röm 5,3; 8,23; 9,10; 1Tim 5,13; 2Tim 4,8, und steht an allen Stellen ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Röm 5,3. ♦ Die Kombination καὶ αὐτοί steht 21 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 2,17. ♦ ἀπαρχή, das 9 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ αὐτοί (Nom. Mask. Pl.), das 87 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,9; 6,13. Die Wendung αὐτοὶ ἐν ἑαυτοῖς steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ στενάζω, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 5,2. 4. ♦ υἱοθεσία, das 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,5; *Laod 1,5. ♦ ἀποδέχομαι findet sich 8 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀπολύτρωσις, das 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὐ μόνον δέ, ἀλλὰ καί; καὶ αὐτοί; ἀπαρχή; αὐτοὶ ἐν ἑαυτοῖς; ἀποδέχομαι. (8,24) ἐλπίς, das sich 58 / 53 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,12; *Laod 2,12; *Kol 1,5. ♦ σῴζω, das 112 / 107 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,18. 21; 5,5; *2Thess 2,10. ♦ βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 4,18, vgl. weiter Vers 25. ♦ Die Kombination ὃ γάρ steht 4 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 6,7. ♦ Die Form ἐλπίζει steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 26,7; Röm 8,24; 1Kor 13,7). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὃ γάρ; ἐλπίζει. (8,25) Zum kanonischen εἰ δέ vgl. zuvor zu Vers 3,5 und Gal 5,18. ♦ Zu βλέπω vgl. zuvor zu Vers 24. ♦ Die Form βλέπομεν steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene ( Joh 9,41; Röm 8,25; 1Kor 13,12; Hebr 2,9; 3,19). ♦ ὑπομονή, das 33 / 32 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,19. ♦ Zum kanonischen ἀποδέχομαι vgl. zuvor oben zu Vers 19. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἰ δέ; βλέπομεν. (8,26) ὡσαύτως steht 20 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombi‐ nation δὲ καί begegnet 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene ♦ συναντιλαμβάνομαι ist nur noch 1 Mal bezeugt auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀσθένεια, das 27 / 24 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 12,9. 10. ♦ προσεύχομαι, das 104 / 86 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 14,13. 15. ♦ καθό steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ 4 (Röm) 161 <?page no="1772"?> Zum vorkanonisch bezeugten αὐτό (Nom. / Akk. Neut. Sg.) vgl. zuvor zu Vers 16. ♦ ὑπερεντυγχάνω is Hapax legomenon im NT. ♦ στεναγμός steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene (Apg 7,34). ♦ ἀλάλητος ist Hapax legomenon im NT. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὡσαύτως; δὲ καί; συναντιλαμβάνομαι; καθό; στεναγμός. (8,27) ἐρευνάω, das 6 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung οἶδεν τί steht 1 weiteres Mal in Joh 15,15. ♦ Zum kanonischen φρόνημα vgl. zuvor zu den Versen 6 und 7. ♦ Die Wendung κατὰ θεόν steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 7,9. ♦ ἐντυγχάνω findet sich 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἅγιος, das 257 / 233 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 7,12; *Laod 1,13. 18; 2,19. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐρευνάω; οἶδεν τί; φρόνημα; κατὰ θεόν; ἐντυγχάνω. (8,28) Die Kombination οἴδαμεν δέ steht 5 Mal im NT, immer als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Röm 2,2, vgl. zu dieser Stelle. ♦ Die Wendung τοῖς ἀγαπῶσιν begegnet 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 2,9. ♦ συνεργέω, das 11 / 5 Mal im NT steht, findet sich ausnahmslos auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ findet sich 49 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 19,47, wiederum in einem Vers, der in *Ev fehlt; 14 Mal in Apg; Röm 1,15; 8,12. 28; 9,5. 11; 11,21. 24; 16,5, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,19; 2Kor 7,11; 10,7; 11,28; Gal 4,29; Eph 1,15; 4,24; 5,33; 5,6. 21; Phil 1,12; Kol 3,22; 4,7. 15; 1Tim 6,3; Tit 1,1. 9; Phlm 1,2; Hebr 11,7; Jak 3,9; 1Petr 1,3). ♦ πρόθεσις steht 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung κατὰ πρόθεσιν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 8,28; Eph 1,11; 3,11). ♦ κλητός findet sich 12 / 10 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Verbform οὖσιν, die 10 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,8. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: τοῖς ἀγαπῶσιν; συνεργέω; Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ; πρόθεσις; κλητός. (8,29) Die Wendung ὅτι οὕς steht noch 1 weiteres Mal, Joh 18,9. ♦ Das Personalpro‐ nomen οὕς (Akk. Mask. Pl.), das 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,27; *1Kor 10,11. ♦ προγιγνώσκω steht 7 Mal im NT und ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ προορίζω, das 6 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ σύμμορφος steht nur noch 1 Mal, 162 Rekonstruktion <?page no="1773"?> 166 Die Formel εἰς τό + Infinitiv ist bereits Weisse aufgefallen und verdächtig gewesen, vgl. zuvor zu Röm 1,20, vgl. C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 15-16. vorkanonisch bezeugt (*Phil 3,21). ♦ εἰκών steht 34 / 23 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,24; *1Kor 11,7; *2Kor 3,18; 4,4; *Kol 1,15. ♦ Die Wendung τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ steht 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Röm 5,10. ♦ Die Wendung εἰς τὸ εἶναι αὐτόν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Zur Wendung εἰς τό + Infinitiv vgl. zu Röm 1,20. 166 ♦ πρωτότοκος steht 9 Mal im NT, ausschließlich belegt für die kanonische Ebene. ♦ ἀδελφός, ein Begriff, der 367 / 343 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,31; *1Kor 8,13; 10,1; 15,1; 15,50. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὅτι οὕς; προγιγνώσκω; προορίζω; τοῦ υἱοῦ αὐτοῦ; εἰς τὸ εἶναι αὐτόν; πρωτότοκος. (8,30) Die Kombination οὓς δέ steht 4 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 8,30; Jud 1,23; im Vers: Mk 12,5; Apg 27,44), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu dem Personalpronomen οὕς (Akk. Mask. Pl.) vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ προοράω steht 6 / 4 Mal im NT, jedoch ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vor allem in Apg (Apg 2,25. 31; 21,29; Röm 8,30; Gal 3,8). ♦ Auch die alternative Ableitung προορίζω steht, wie im voranstehenden Vers zu sehen, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ τούτους (Akk. Mask. Pl.), das 26 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ δικαιόω, das 59 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. ♦ δοξάζω, das 68 / 61 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,20. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὓς δέ; προοράω/ προορίζω; τούτους. (8,31) Die Wendung τί οὖν ἐροῦμεν steht 6 Mal im NT, ausschließlich im Römerbrief, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,7. ♦ ταῦτα, das 242 Mal im NT steht, ist vorkano‐ nisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,18; *1Kor 9,8; 10,11; *Phil 3,7. ♦ Die Wendung πρὸς ταῦτα steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 2,16. ♦ Die Wendung ὑπὲρ ἡμῶν steht 17 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 3,13. ♦ Die Wendung καθ’ ἡμῶν steht 3 Mal im NT (Mk 9,40; Röm 8,31; Kol 2,14), jeweils auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: πρὸς ταῦτα; καθ’ ἡμῶν. (8,32) ὅς steht 217 Mal im NT, davon 58 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung für *Ev 9,24. 26; *Röm 14,2; *Phil 2,6. ♦ Die Kombination ὅς γε steht 4 (Röm) 163 <?page no="1774"?> nur hier. ♦ ἴδιος, das 123 / 114 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,41; *Gal 6,9; *1Kor 7,7; *1Thess 2,15. ♦ φείδομαι, das 10 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten ὑπὲρ ἡμῶν vgl. zum voranstehenden Vers 8,31. ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,18); *Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17. ♦ παραδίδωμι, das 134 / 119 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 5,5. ♦ Zu αὐτόν vgl. zuvor zu Vers 29. ♦ Die Form παρέδωκεν steht 17 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu Röm 1,24. ♦ πῶς, das 109 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,35. ♦ οὐχί, das 62 / 53 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,20. ♦ Die Kombination πῶς οὐχί steht noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene, 2Kor 3,8. ♦ σύν, das 136 / 128 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,14; *Gal 2,3; 5,24; *Thess 4,17; *Kol 2,13; 3,3. 4; *Phil 1,23. ♦ χαρίζω bzw. χαρίζομαι, das 24 / 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Kol 2,13. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: φείδομαι; παρέδωκεν; πῶς οὐχί. (8,33) ἐγκαλέω steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐκλεκτός steht 24 / 22 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,7 in einem Kontext, der stark an den vorliegenden erinnert: ὁ δὲ θεὸς οὐ μὴ ποιήσῃ τὴν ἐκδίκησιν τῶν ἐκλεκτῶν αὐτοῦ. ♦ Die Wendung ἐκλεκτῶν θεοῦ steht 1 weiteres Mal, Tit 1,1. ♦ δικαιόω, das 59 / 39 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; *Röm 2,13. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐγκαλέω; ἐκλεκτῶν θεοῦ. (8,34) κατακρίνω, das 20 / 18 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,58. ♦ ἀποθνήσκω, das 119 / 111 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 20,36; *1Kor 15,3. 22; *Röm 5,6. ♦ Die Form ἀποθανών steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Röm 6,7. ♦ μᾶλλον δέ, eine Wendung, die 5 Mal im NT steht, immer bei Paulus, ist nur kanonisch bezeugt. ♦ ἐγείρω, das 169 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 15,4. 14. 17. 29. 35. 44; *Röm 8,11; *Laod 1,20; 5,14. ♦ ἐν δεξιᾷ τοῦ θεοῦ steht 4 Mal im NT (Röm 8,34; Kol 3,1; Hebr 10,12; 1Petr 3,22), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐντυγχάνω, das 5 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. weiter oben zu Vers 27. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀποθανών; μᾶλλον δέ; ἐν δεξιᾷ τοῦ θεοῦ; ἐντυγχάνω. 164 Rekonstruktion <?page no="1775"?> (8,35) χωρίζω, das 13 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 7,10. 11. ♦ Zu ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, vgl. zuvor zu Vers 2. ♦ ἀγάπη, das 133 / 116 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,42; *Gal 5,6; *1Kor 13,1, *2Thess 2,10; *Laod 5,28; *Phil 1,16. ♦ θλῖψις, das 60 / 45 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,42; *Gal 5,6; *1Kor 13,1, *2Thess 2,10; *Laod 5,28; *Phil 1,16. ♦ στενοχωρία, das 5 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. ♦ λιμός, das 13 Mal im NT steht, und zwar 1 Mal in eschatologischem Zusammenhang in *Ev, jedoch ansonsten nur auf der kanonischen Ebene. ♦ γυμνότης, das 3 Mal im NT steht, findet sich immer auf der kanonischen Ebene. ♦ κίνδυνος, das 2 Mal im NT steht, findet sich beide Male auf der kanonischen Ebene. ♦ μάχαιρα, ein Begriff, der 40 / 29 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: στενοχωρία; γυμνότης; κίνδυνος; μάχαιρα. Der lexikalische Vergleich stützt die fehlende Bezeugung dieser Passage, folglich dürften all diese Verse Produkte der kanonischen Redaktion sein und vorkano‐ nisch gefehlt haben. (8,36) Die Kombination καθὼς γέγραπται ὅτι steht 3 Mal im NT, jeweils als Verseröff‐ nung und immer auf der kanonischen Ebene (Röm 3,10; 4,17; 8,36). ♦ ἕνεκα steht 32 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ σου (Gen. Mask. / Neut. Sg. von σύ / σός), das 361 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,14; *1Kor 15,55; *Röm 2,25. ♦ ὅλος, das 123 / 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,27; *Gal 5,3. 9. ♦ λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. ♦ πρόβατον findet sich 43 / 39 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 15,6. ♦ σφαγή steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Apg 8,32; Röm 8,36; Jak 5,5). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: καθὼς γέγραπται ὅτι; λογίζομαι; σφαγή. (8,37) Die Wendung ἐν τούτοις steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ πᾶσιν, das 91 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,25; *Gal 6,6; *1Kor 15,28; *Laod 4,6. ♦ Die Wendung τοῦ ἀγαπήσαντος steht 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Gal 2,20. ♦ ὑπερνικάω ist Hapax legomenon im NT. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐν τούτοις; τοῦ ἀγαπήσαντος. (8,38) Die Form πέπεισμαι steht 5 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 8,38; 15,14, in einem Vers, der in *Röm fehlt; im Vers: Röm 14,14; 2Tim 1,5. 12), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination γὰρ ὅτι steht 4 (Röm) 165 <?page no="1776"?> 28 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 2Kor 7,3. ♦ οὔτε, das 106 / 87 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,6. ♦ θάνατος, das 124 / 120 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22; 4,11; 15,21. 54. 55; *Röm 5,21; *Kol 1,22; *Phil 2,8. ♦ ἄγγελος, der 186 / 176 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 4,9; 6,3; 11,10; *2Kor 11,14; 12,7; *2Thess 1,7; *Kol 2,18. ♦ ἀρχή, das sich 67 / 55 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,25 = *Laod 1,21; *Laod 3,10. ♦ ἐνίστημι, das 9 / 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 3,22. ♦ Auffallenderweise begegnet die Form μέλλοντα nur 2 Mal im NT, und wiederum an der hier bereits aufgeführten Stelle *1Kor 3,22, was neben weiteren sprachlichen Parallelen darauf hinweist, dass wir es bei Röm 8,38 mit einer Duplikation der vorkanonischen Stelle zu tun haben. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: πέπεισμαι; γὰρ ὅτι. (8,39) ὕψωμα steht 2 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ βάθος, das 10 / 8 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 11,33. ♦ Die Form ἑτέρα steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 15,40. ♦ δύναμαι, das 233 / 210 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten χωρίζω vgl. weiter oben die Anmerkung zu Vers 35. ♦ Zu ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, vgl. zuvor zu Vers 2. ♦ Die Kombination ἀγάπη + τοῦ θεοῦ steht 10 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,42. ♦ Die Wendung ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν steht 3 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 15,31. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὕψωμα; ἑτέρα; ἐν Χριστῷ Ἰησοῦ τῷ κυρίῳ ἡμῶν. Auch wenn gerade in den letzten beiden Versen eine Reihe von Termini verwendet werden, die vorkanonisch bezeugt sind, zeigt doch die Lexik in diesen wie in den vorangegangenen Versen, dass sie der kanonischen Redaktion zuzuordnen sind. Blickt man auf das gesamte Kapitel 8, insbesondere auf die unbezeugten und wohl auch abwesenden Teile 2 und 3 dieses Kapitels (Verse 12-39), wird man schließen müssen, dass die große Lücke, von der Tertullian spricht, tatsächlich diese beiden Teile des Kapitels betrifft. Sie waren also nicht von Tertullian und den anderen Zeugen übergangen worden, sondern bildeten eine kanonische Ergänzung dieses Briefkapitels. 166 Rekonstruktion <?page no="1777"?> 167 *Laod/ Eph 4,25: ἀποθέμενοι τὸ ψεῦδος λαλεῖτε ἀλήθειαν ἕκαστος πρὸς τὸν πλησίον’ (Eph: μετὰ τοῦ πλησίον αὐτοῦ). 168 Röm 9,5 wird als „sekundäre Glosse“ betrachtet von J.A. Fitzmyer, Romans. A new translation with introductions and commentary (1993), 65. [Kapitel 9] [9],[1-18]: [Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht] Diese vorkanonisch unbezeugte und der Lexik nach auch nicht vorhandene Pas‐ sage ist ein Produkt der kanonischen Redaktion, die, wie bereits die Eröffnung durchblicken lässt, sich der Fiktionalität dieses höchst persönlich fingierten Berichts auch bewusst ist und die sich des vollkommenen Vertrauens ihrer Leserschaft versichern will - darum die Eröffnung mit „der Wahrheit“, dazu noch „in Christus“ und der Beteuerung, dass der fiktive Paulus „nicht lügt“, ganz ähnlich wie der *Deuteropaulus in *Laod/ Eph 4,25 formuliert: „Legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, jeder gegenüber dem Nächsten“ 167 - für kritische Lesende vermutlich des Guten an beiden Stellen ein bisschen zu viel. - 9,1 Ἀλήθειαν λέγω ἐν Χριστῷ, οὐ ψεύδομαι, συμμαρτυρούσης μοι τῆς συνειδήσεώς μου ἐν πνεύματι ἁγίῳ, 2 ὅτι λύπη μοί ἐστιν μεγάλη καὶ ἀδιάλειπτος ὀδύνη τῇ καρδίᾳ μου. 3 ηὐχόμην γὰρ ἀνάθεμα εἶναι αὐτὸς ἐγὼ ἀπὸ τοῦ Χριστοῦ ὑπὲρ τῶν ἀδελφῶν μου τῶν συγγενῶν μου κατὰ σάρκα, - 4 οἵτινές εἰσιν Ἰσραηλῖται, ὧν ἡ υἱοθεσία καὶ ἡ δόξα καὶ αἱ διαθῆκαι καὶ ἡ νομοθεσία καὶ ἡ λατρεία καὶ αἱ ἐπαγγελίαι, 5 ὧν οἱ πατέρες, καὶ ἐξ ὧν ὁ Χριστὸς τὸ κατὰ σάρκα· ὁ ὢν ἐπὶ πάντων θεὸς εὐλογητὸς εἰς τοὺς αἰῶνας, ἀμήν. 168 6 Οὐχ οἷον δὲ ὅτι ἐκπέπτωκεν ὁ λόγος τοῦ θεοῦ. οὐ γὰρ πάντες οἱ ἐξ Ἰσραήλ, οὗτοι Ἰσραήλ· 7 οὐδ’ ὅτι εἰσὶν σπέρμα Ἀβραάμ, πάντες τέκνα, ἀλλ’, Ἐν Ἰσαὰκ κληθήσεταί σοι σπέρμα. 8 τουτ’ ἔστιν, οὐ τὰ τέκνα τῆς σαρκὸς ταῦτα τέκνα τοῦ θεοῦ, ἀλλὰ τὰ τέκνα τῆς ἐπαγγελίας λογίζεται εἰς σπέρμα· 9 ἐπαγγελίας γὰρ ὁ λόγος οὗτος, Κατὰ τὸν καιρὸν τοῦτον ἐλεύσομαι καὶ ἔσται τῇ Σάρρᾳ υἱός. 10 οὐ μόνον δέ, ἀλλὰ καὶ Ῥεβέκκα ἐξ ἑνὸς κοίτην ἔχουσα, Ἰσαὰκ τοῦ πατρὸς ἡμῶν· 11 μήπω γὰρ γεννηθέντων μηδὲ πραξάντων τι ἀγαθὸν ἢ φαῦλον, ἵνα ἡ κατ’ ἐκλογὴν πρόθεσις 4 (Röm) 167 <?page no="1778"?> 169 Detering sieht die Verse 1-29 dieses Kapitels als abwesend, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 181-183. 170 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 456. τοῦ θεοῦ μένῃ, 12 οὐκ ἐξ ἔργων ἀλλ’ ἐκ τοῦ καλοῦντος, ἐρρέθη αὐτῇ ὅτι Ὁ μείζων δουλεύσει τῷ ἐλάσσονι· 13 καθὼς γέγραπται, Τὸν Ἰακὼβ ἠγάπησα, τὸν δὲ Ἠσαῦ ἐμίσησα. 14 Τί οὖν ἐροῦμεν; μὴ ἀδικία παρὰ τῷ θεῷ; μὴ γένοιτο· 15 τῷ Μωϋσεῖ γὰρ λέγει, Ἐλεήσω ὃν ἂν ἐλεῶ, καὶ οἰκτιρήσω ὃν ἂν οἰκτίρω. 16 ἄρα οὖν οὐ τοῦ θέλοντος οὐδὲ τοῦ τρέχοντος, ἀλλὰ τοῦ ἐλεῶντος θεοῦ. 17 λέγει γὰρ ἡ γραφὴ τῷ Φαραὼ ὅτι Εἰς αὐτὸ τοῦτο ἐξήγειρά σε ὅπως ἐνδείξωμαι ἐν σοὶ τὴν δύναμίν μου, καὶ ὅπως διαγγελῇ τὸ ὄνομά μου ἐν πάσῃ τῇ γῇ. 18 ἄρα οὖν ὃν θέλει ἐλεεῖ, ὃν δὲ θέλει σκληρύνει. A. Die Verse sind vorkanonisch unbezeugt. Vgl. Tert., Adv. Marc. V 14,6: Salio et hic amplissimum abruptum intercisae scripturae, sed apprehendo testimonium perhibentem apostolum Israeli, quod zelum dei habeant, sui utique, non tamen per scientiam. ♦ 9,7: Vgl. Gen 21,12 LXX: εἶπεν δὲ ὁ θεὸς τῷ Αβρααμ … ἐν Ισαακ κληθήσεταί σοι σπέρμα; Hebr 11,18: ὅτι Ἐν Ἰσαὰκ κληθήσεταί σοι σπέρμα. ♦ 9,9: Vgl. Gen 18,10. 14 LXX: 10 εἶπεν δέ Ἐπαναστρέφων ἥξω πρὸς σὲ κατὰ τὸν καιρὸν τοῦτον εἰς ὥρας, καὶ ἕξει υἱὸν Σαρρα ἡ γυνή σου. 14 … μὴ ἀδυνατεῖ παρὰ τῷ θεῷ ῥῆμα; εἰς τὸν καιρὸν τοῦτον ἀναστρέψω πρὸς σὲ εἰς ὥρας, καὶ ἔσται τῇ Σαρρα υἱός. ♦ 9,12: Vgl. Gen 25,23 LXX: … ὁ μείζων δουλεύσει τῷ ἐλάσσονι. ♦ 9,13: Vgl. Mal 1,2-3 LXX: 2 … λέγει κύριος· καὶ ἠγάπησα τὸν Ιακωβ, 3 τὸν δὲ Ησαυ ἐμίσησα. ♦ 9,15: Vgl. Ex 33,19 LXX: … ἐλεήσω ὃν ἂν ἐλεῶ, καὶ οἰκτιρήσω ὃν ἂν οἰκτίρω. ♦ 9,17: Ex 9,16 LXX: καὶ ἕνεκεν τούτου διετηρήθης, ἵνα ἐνδείξωμαι ἐν σοὶ τὴν ἰσχύν μου, καὶ ὅπως διαγγελῇ τὸ ὄνομά μου ἐν πάσῃ τῇ γῇ. B. Keine nennenswerten Varianten. C. 1. (9,1-3) Alle Editoren sehen das gesamte Kapitel 9 für unbezeugt. 169 Hilgen‐ feld gesteht gleich zu: „C. IX-XI muß bei Marcion Vieles gefehlt haben … es ist daher begreiflich, dass wir für dieses Capitel [IX] auch nicht ein einziges Zeugnis haben, es kann nur V. 1-3 beibehalten sein. … Aber auch noch in C. X und XI müssen große Lücken gewesen sein“. 170 Keine Erklärung gibt er, wie er auf die Beibehaltung dieser ersten drei Verse von Kapitel 9 kommt. 168 Rekonstruktion <?page no="1779"?> 171 A.v. Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche (1924), 108*. 172 U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), I/ 333. 173 Vgl. zu amplissimum abruptum intercisae scripturae die philologischen Bemerkungen, die zur Übersetzung „ein gewaltiges Trümmerfeld aus zerstückelter (gefälschter) Schrift“ führt, so A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Per‐ spektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 116-118. Dennoch scheint mir das „amplissimus“ mit „gewaltig“ weniger geeignet übersetzt zu sein, als mit „sehr weit“ oder „sehr breit“. Dann aber legt sich für „abrumpere“ nahe, dieses mit „abgebrochen“ zu übersetzen, weshalb das Bild eines „sehr großen Bruches“ sich näher legt, als das eines „gewaltigen Trümmerfelds“. 174 E. Käsemann, Commentary on Romans (1980), 258. 175 Mit weiterer Literatur W.C. van Manen, Die Unechtheit des Römerbriefes (1906), 72. 176 E. Käsemann, An die Römer (1973), 241. Zahn sieht das Kapitel als fehlend an, Harnack ist etwas vorsichtiger und formuliert: „Große Lücke, sehr wahrscheinlich das ganze IX. Kapitel umfas‐ send“. 171 Nach Schmid gibt es „Auslassung(en) zwischen Röm 8,12 und 10,1, aber unklar, welchen Umfangs! “ 172 BeDuhn sieht hingegen die Verse 1-3 lediglich als unbezeugt, während er die Verse 9,4-10,1 für fehlend hält. Als Begründung für die Inklusion der Verse 1-3 in seine Rekonstruktion führt er Tert., Adv. Marc. V 14,6 an, 173 wobei Tertullians Hinweis auf „Israel“ in diesem Zusammenhang entweder Elemente aus Kapitel 9 voraussetze (und, wie BeDuhn richtig aufführt, wird Israel in 9,4. 6. 27 und 31 erwähnt), oder er beziehe sich auf 10,1 gemäß einigen Handschriftenzeugen, in denen es heißt: Ἀδελφοί, ἡ μὲν εὐδοκία τῆς ἐμῆς καρδίας καὶ ἡ δέησις πρὸς τὸν θεὸν ὑπὲρ τοῦ Ἰσραὴλ ἐστιν εἰς σωτηρίαν. BeDuhn folgt dann aber Käsemann, der darauf verwiesen hatte, dass sich zwischen 9,3 und 9,4 ein Bruch finde, da die Sorgen, die in den Versen 1-3 ausgedrückt werden, erst mit 10,1 wieder aufgegriffen würden. 174 BeDuhn argumentiert demnach mit dem narrativen Zusammenhang, denn gerade in den ersten drei Versen des 9. Kapitels findet sich der Hinweis auf Israel nicht. Die einfachere und mit den Zeugen übereinstimmende Lösung ist die von Harnack vorgeschlagene, wonach von Tertullian erst wieder das Kapitel 10 bezeugt ist und Kapitel 9 komplett gefehlt hat. Van Manen meint, „dass ein Zusammenhang“ mit dem Kontext der Kapitel 9-11 „tatsächlich nicht besteht und vielmehr gesucht wird als gegeben ist“. 175 In neuerer Zeit wiederholt dies Ernst Käsemann in eigenen Worten: „Von c. 16 abgsehen, ist kein Briefteil so in sich geschlossen und deshalb so leicht und, wie es scheint, so risikolos aus dem Ganzen zu lösen“ wie die Kapitel 9,1-11,36. 176 4 (Röm) 169 <?page no="1780"?> 177 Vgl. etwa schon T. Whittaker, The Origins of Christianity with an Outline of Van Manen’s Analysis of the Pauline Literature (1904), 113-114. 2. (9,1) Verräterisch für einen Redakteur, der eine bewusste Umformung einer Vorlage vornimmt, ist die emphatische Eröffnung: Ἀλήθειαν λέγω ἐν Χριστῷ, οὐ ψεύδομαι, συμμαρτυρούσης-… Die Semantik von ἐν Χριστῷ ist kanonisch denotiert - es geht um die Selbstautorisierung des Paulus, nicht um den für die vorkanonische Ebene charakteristischen „encheiristischen“ Gebrauch. 3. (9,4-18) Alle Editoren gehen davon aus, dass diese Verse unbezeugt sind. Schon Zahn hielt sie darüber hinaus auch für fehlend, während, wie zitiert, Harnack zurückhaltender formuliert. 4. Seit langem hat man erkannt, dass Kapitel 9 (bis Kapitel 11) ein eigenstän‐ diges Stück darstellt, das den Argumentationsfluss eher unterbricht. 177 D. (9,1) ἀλήθεια, das 112 / 109 Mal im NT steht, ist vorkanonische bezeugt für *Gal 2,14; *Laod 1,13; 6,14; *Phil 1,18; *Kol 1,5; *2Thess 2,10. 11. 12. ♦ ψεύδομαι, das 10 / 12 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Thess 2,11. ♦ συμμαρτυρέω steht 3 Mal im NT, immer auf der kanonischen Ebene. ♦ συνείδησις, das 32 / 30 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν πνεύματι ἁγίῳ steht 13 Mal im NT, Lk 3,16, in einem Vers, der in *Ev fehlt, und überhaupt nur auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 6,6. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Semantik von ἐν Χριστῷ; συμμαρτυρέω; συνείδησις; ἐν πνεύματι ἁγίῳ. (9,2) λύπη, das 17 / 16 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ μέγας steht 209 / 243 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 5,32. ♦ ἀδιάλειπτος, das 4 Mal im NT steht, findet sich ebenfalls ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ὀδύνη steht nur noch 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene (1Tim 6,10). ♦ Die Wendung τῇ καρδίᾳ steht 30 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 9,7. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: λύπη; ἀδιάλειπτος; ὀδύνη; τῇ καρδίᾳ. (9,3) εὔχομαι, das 10 / 7 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanoni‐ schen Ebene. ♦ ἀνάθεμα, das 7 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,9. ♦ Der Infinitiv εἶναι, der 125 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,33; *1Kor 10,6; *Laod 1,12; *Phil 1,23; 2,6. ♦ Die Kombination αὐτὸς ἐγώ steht 4 Mal im 170 Rekonstruktion <?page no="1781"?> NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 12,13. ♦ ἀπό, das 711 / 646 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1. 6; 4,24; *1Kor 1,3; 7,10; *2Kor 3,18; 7,1; 12,8; *Röm 1,18; *1Thess 4,3; *2Thess 1,7. 9; *Laod 3,9. ♦ Die Wendung ὑπὲρ τῶν ἀδελφῶν steht 1 weiteres Mal, 1Joh 3,16. ♦ Die Wendung τῶν ἀδελφῶν μου steht 1 weiteres Mal in Mt 25,40. ♦ συγγενής steht 13 Mal im NT, nur bezeugt für die kanonische Ebene. ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4, vgl. weiter zu den Versen 5. 8. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εὔχομαι; αὐτὸς ἐγώ; ὑπὲρ τῶν ἀδελφῶν; τῶν ἀδελφῶν μου; συγγενής. Der Vergleich der Lexik könnte kaum deutlicher sein. In jedem der drei Verse finden sich eine Reihe von ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegten Elemente. Die Verse sind Produkte der kanonischen Redaktion und haben im vorkanonischen Text gefehlt. (9,4) ὅστις, das 165 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. ♦ Die Kombination οἵτινές εἰσιν steht 2 Mal im NT (Röm 9,4; 16,7, in einem Vers, der in *Röm fehlt), nur hier als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Ἰσραηλίτης, das 9 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Das Personalpronomen ὧν, das 78 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,34; *2Thess 2,10. ♦ υἱοθεσία, das 5 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,5; *Laod 1,5. ♦ δόξα, das 178 / 166 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 2,7. 8; 15,41. 43; *2Kor 3,7. 18; 4,6; *2Thess 1,9; *Laod 1,12. 17; *Phil 3,21. ♦ διαθήκη, das 33 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *2Kor 3,3; *Laod 2,12. ♦ νομοθεσία ist Hapax legomenon im NT. ♦ λατρεία steht 5 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἐπαγγελία, das 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23; *2Kor 1,20; *Laod 1,13; 2,12. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οἵτινές εἰσιν; Ἰσραηλίτης; λατρεία. (9,5) Zu dem Personalpronomen ὧν vgl. zuvor zu Vers 4. ♦ πατέρες, das im Plural 20 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,23. 26; 11,47; *1Kor 10,1; *Laod 6,4. ♦ Die Wendung ἐξ ὧν steht 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in 1Kor 15,6. ♦ Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ findet sich 49 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 19,47, wiederum in einem Vers, der in *Ev fehlt; 14 Mal in Apg; Röm 1,15; 8,12. 28; 9,5. 11; 11,21. 24; 16,5, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,19; 2Kor 7,11; 10,7; 11,28; Gal 4,29; Eph 1,15; 4,24; 5,33; 5,6. 21; Phil 1,12; 4 (Röm) 171 <?page no="1782"?> Kol 3,22; 4,7. 15; 1Tim 6,3; Tit 1,1. 9; Phlm 1,2; Hebr 11,7; Jak 3,9; 1Petr 1,3). ♦ σάρξ, das 154 / 147 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,20; 4,23; 5,19. 24; *1Kor 1,29; 5,5; 6,16; *2Kor 7,1; *Röm 2,28; 7,18; 8,3. 4. 5; *Laod 2,3. 11. 14; 5,29. 31; *Phil 3,4, vgl. zuvor zu Vers 3 und weiter zu Vers 8. ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,18; *Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17. ♦ Der Ausdruck ὁ ὤν steht 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 11,31. ♦ ἐπὶ πάντων steht 1 weiteres Mal, vorkanonisch bezeugt in *Laod 4,6 (und Eph 4,6). ♦ εὐλογητός, das 8 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *2Kor 1,3. ♦ Die Wendung εὐλογητὸς εἰς τοὺς αἰῶνας steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 11,31. ♦ Die Wendung εἰς τοὺς αἰῶνας, ἀμήν steht 5 Mal im NT, davon 4 Mal in Röm, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 1,35; 9,5; 11,36; 16,27, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Petr 5,11). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐξ ὧν; Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ; ὁ ὤν; εὐλογητὸς εἰς τοὺς αἰῶνας; εἰς τοὺς αἰῶνας, ἀμήν. (9,6) οὐχ, das 105 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,40; 24,3; *Röm 10,3; *Phil 1,17; 2,6. ♦ οἷος, das 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,48. ♦ Die Formel ὁ λόγος τοῦ θεοῦ steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vg. Zu 1Kor 13,36. ♦ ἐκπίπτω, das 13 / 10 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3, vgl. weiters Vers 7. ♦ Ἰσραήλ steht 74 / 68 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 3,7. 13; *Röm 10,1; *Laod 2,12. ♦ οὗτοι, das 77 Mal im NT steht, findet sich nur auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὁ λόγος τοῦ θεοῦ; ἐκπίπτω; οὗτοι. (9,7) οὐδέ, das 161 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; 2,3. 5; 6,13. ♦ Der Ausdruck τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα steht weiter auf der kanonischen Ebene in 2Kor 11,22 und Gal 3,29. ♦ σπέρμα, das 45 / 43 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,38, vgl. weiter die Verse 8. 29. ♦ Ἀβραάμ, das 75 / 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,22; *Röm 4,2. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten πάντες vgl. zuvor zu Vers 6. ♦ τέκνον, das 103 / 99 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für. ♦ Ἰσαάκ steht 25 / 20 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form κληθήσεται steht 11 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (3 Mal in Mt; Mk 11,17; Lk 1,32. 35. 60; 2,23, alles Verse, die in *Ev fehlen; Röm 9,7; Hebr 11,18). ♦ σοι (Dat. Sg. oder Nom. / Vok. Mask. Pl. von σύ / σός), das 212 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 172 Rekonstruktion <?page no="1783"?> 18,22; *Laod 5,14, vgl. weiter Vers 17. ♦ Das ganze Zitat aus Gen 21,12 LXX steht 1 weiteres Mal in Hebr 11,18: ὅτι Ἐν Ἰσαὰκ κληθήσεταί σοι σπέρμα. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα; Ἰσαάκ; κληθήσεται. (9,8) τοῦτ’ ἔστιν steht 24 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 22,19 (Τοῦτό ἐστιν τὸ σῶμά μου), vgl. zu Röm 7,18. ♦ Zu σάρξ vgl. zuvor zu den Versen 3. 5. ♦ ταῦτα, das 242 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,18; *1Kor 9,8; 10,11; *Phil 3,7. ♦ Die Wendung τέκνα τοῦ θεοῦ steht 1 weiteres Mal in 1Joh 3,10. ♦ ἐπαγγελία steht 52 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23; *2Kor 1,20; *Laod 1,13; 2,12. ♦ λογίζομαι steht 43 / 41 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 13,5. ♦ Zu σπέρμα vgl. zuvor zu Vers 7 und danach Vers 29. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: τέκνα τοῦ θεοῦ; λογίζομαι. (9,9) Zum vorkanonisch bezeugten ἐπαγγελία vgl. zum voranstehenden Vers 9,8. ♦ οὗτος steht 192 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Wendung ὁ λόγος οὗτος steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 28,15; Lk 4,36; 7,17; Joh 6,60; 7,36; Röm 9,9). ♦ τοῦτον, das 63 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Wendung κατὰ τὸν καιρόν steht 1 weiteres Mal, in Apg 19,23. ♦ Die Form ἐλεύσομαι steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 1Kor 4,19. ♦ Die Verbform ἔσται, die 116 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Σάρρα steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὁ λόγος οὗτος; κατὰ τὸν καιρόν; ἐλεύσομαι; Σάρρα. (9,10) Die Verseröffnung im kanonischen Text οὐ μόνον δέ, ἀλλὰ καί begegnet auch in 2Kor 8,19 (vgl. auch 2Kor 7,7); Röm 5,3; 8,23; 9,10; 1Tim 5,13; 2Tim 4,8, und steht an allen Stellen ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Röm 5,3. ♦ Ῥεβέκκα ist Hapax legomenon im NT. ♦ κοίτη steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Ἰσαάκ steht 25 / 20 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Formulierung τοῦ πατρὸς ἡμῶν steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Röm 4,12. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὐ μόνον δέ, ἀλλὰ καί; Ῥεβέκκα; κοίτη; Ἰσαάκ; τοῦ πατρὸς ἡμῶν. (9,11) μήπω steht 1 weiteres Mal, im Vers, Hebr 9,8. ♦ γεννάω, das 98 / 97 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,23. 24; *1Kor 4,15. ♦ μηδέ, das 63 / 56 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,7. 9; *Kol 2,21. ♦ Die Form 4 (Röm) 173 <?page no="1784"?> πραξάντων steht 1 weiteres Mal, Apg 19,19. ♦ φαῦλος, das 6 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ findet sich 49 Mal im Neuen Testament, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Lk 2,39, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,4; 19,47, wiederum in einem Vers, der in *Ev fehlt; 14 Mal in Apg; Röm 1,15; 8,12. 28; 9,5. 11; 11,21. 24; 16,5, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 16,19; 2Kor 7,11; 10,7; 11,28; Gal 4,29; Eph 1,15; 4,24; 5,33; 5,6. 21; Phil 1,12; Kol 3,22; 4,7. 15; 1Tim 6,3; Tit 1,1. 9; Phlm 1,2; Hebr 11,7; Jak 3,9; 1Petr 1,3). ♦ Die Wendung κατ’ ἐκλογήν steht 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Röm 11,5. ♦ πρόθεσις steht 12 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form μένῃ steht 4 weitere Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: μήπω; πραξάντων; φαῦλος; Die Kombination von bestimmtem Artikel + κατά im Akkusativ; κατ’ ἐκλογήν; πρόθεσις; μένῃ. (9,12) Die Wendung οὐκ ἐξ ἔργων steht 6 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 9,12; Eph 2,9; Tit 3,5; im Vers: Gal 2,16; Jak 2,21. 25), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ἐκ τοῦ καλοῦντος begegnet 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Röm 9,12. ♦ Die Verbformen ἐρρέθη / ἐρρέθησαν, die 11 Mal im NT stehen, finden sich jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. weiter Vers 26. ♦ αὐτῇ (Dat. Fem. Sg.), das 101 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Der Ausdruck ὁ μείζων steht 3 Mal im NT (Mt 18,4; Lk 22,26; Röm 9,12), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ δουλεύω steht 26 / 25 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,13; *Gal 4,8. ♦ ἐλάσσων steht 4 Mal, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὐκ ἐξ ἔργων; ἐκ τοῦ καλοῦντος; ὁ μείζων; ἐλάσσων. (9,13) Die Formulierung καθὼς γέγραπται, die 25 Mal im NT steht, davon 10 Mal als Verseröffnung, ist nur in *1Kor 1,31 mit vorangestelltem ἵνα vorkanonisch bezeugt, vgl. dort. ♦ Ἰακώβ steht 31 / 27 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form ἠγάπησα steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (3 Mal Joh; Röm 9,13; Apk 3,9). ♦ Ἠσαῦ findet sich 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ μισέω steht 40 / 42 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,22; *Laod 5,29. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung καθὼς γέγραπται; Ἰακώβ; ἠγάπησα; Ἠσαῦ. 174 Rekonstruktion <?page no="1785"?> (9,14) Die Wendung τί οὖν ἐροῦμεν steht 6 Mal im NT, ausschließlich im Römerbrief, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,7. ♦ ἀδικία steht 27 / 25 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,9; *Röm 1,18; *2Thess 2,12. ♦ Die Kombination παρὰ τῷ θεῷ steht 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 3,19-20. ♦ Der Ausdruck μὴ γένοιτο steht 15 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt zuvor für *Röm 7,7. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegtes Element ist: παρὰ τῷ θεῷ. Man bemerke die Nähe zu *Röm 7,7. (9,15) Μωϋσῆς, der 79 / 80 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 3,7. 13. ♦ ἐλεάω steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination ὃν ἄν steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 26,48; Mk 14,44; Joh 1,33; Röm 9,15). ♦ οἰκτίρω ist Hapax legomenon im NT. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐλεάω; ὃν ἄν. (9,16) Die Kombination ἄρα οὖν steht 12 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, nur auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 3,41. ♦ Die Wendung τοῦ θέλοντος steht nur hier. ♦ Zu οὐδέ vgl. weiter oben zu Vers 7. ♦ τρέχω, das 20 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,2. ♦ Zu dem nur kanonisch belegten ἐλεάω vgl. zum voranstehenden Vers 9,15. ♦ Die alternative Herleitung ἐλεέω steht 33 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,38. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἄρα οὖν; ἐλεάω. (9,17) Die Wendung λέγει γὰρ ἡ γραφή steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 9,17; 10,11; 1Tim 5,18). ♦ Φαραώ steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ὅτι εἰς steht 6 Mal im NT (Apg 21,29; Röm 9,17; 1Kor 1,15; Phil 1,16; 1Thess 3,3; 1Petr 3,9), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung εἰς αὐτό steht 7 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 5,5. ♦ Die Wendung εἰς αὐτὸ τοῦτο steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (Röm 9,17; 13,6; 2Kor 5,5; Eph 6,22; Kol 4,8). ♦ Die Kombination αὐτὸ τοῦτο steht 8 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 2,10. ♦ ἐξεγείρω begegnet zwei Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,14. ♦ σέ (Akk. / Vok. Mask. Sg. von σύ / σός), das 185 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ ὅπως, das 58 / 53 Mal im NT steht, davon 12 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mt 5,45; 6,4. 18; 8,17; 13,35; 23,35; Lk 24,20; Apg 3,20; 15,17; 1Kor 1,29; 2Thess 1,12; Phlm 1,6; im Vers: 11 Mal Mt; Mk 3,6; Lk 2,35, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 7,3; 10,2; 11,37; 16,26. 28; Joh 11,57; 12 Mal Apg; Röm 3,4; 9,17; 2Kor 8,11. 14; Gal 1,4; Hebr 2,9; 9,15; Jak 5,16; 1Petr 2,9), ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 1,4 (im Vers); *1Kor 1,29 (Verseröffnung). ♦ Die Kombination σε ὅπως steht 1 weiteres Mal in 4 (Röm) 175 <?page no="1786"?> Apg 23,20. ♦ ἐνδείκνυμι steht 12 / 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν σοί steht 20 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 3,8. ♦ διαγγέλλω steht 3 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,60. ♦ Die Wendung τὸ ὄνομά μου steht 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; Mk 13,13; Lk 21,17; Joh 15,21; Apg 9,15; Röm 9,17; 4 Mal Apk). ♦ πάσῃ (Dat. Fem. Sg.), das 44 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Thess 2,9. ♦ Die Wendung τῇ γῇ steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (3 Mal Mt; Lk 12,51; Röm 9,17). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: λέγει γὰρ ἡ γραφή; Φαραώ; ὅτι εἰς; εἰς αὐτὸ τοῦτο; αὐτὸ τοῦτο; σε ὅπως; ἐνδείκνυμι; ἐν σοί; τὸ ὄνομά μου; τῇ γῇ. (9,18) Die Kombination ἄρα οὖν steht 12 Mal im NT, davon 11 Mal als Verseröffnung, nur auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 3,41. ♦ Die Form θέλει steht 19 Mal im NT, Lk 5,39; 13,31, in Versen, die in *Ev fehlen, und überhaupt nur kanonisch belegt, vgl. zu 1Kor 7,39. ♦ ἐλεέω steht 33 / 29 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 18,38. ♦ Die Wendung ὃν δέ steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; Lk 20,18; 23,33; Apg 13,37; Röm 9,18). ♦ σκληρύνω steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἄρα οὖν; θέλει; ὃν δέ; σκληρύνω. Aus dem lexikalischen Vergleich dieser Passage ergibt sich, dass die vorkano‐ nisch unbezeugten Verse allesamt auf die kanonische Redaktion zurückzuführen sind und vorkanonisch gefehlt haben. [9],[19-33]: [Israel ging es um die Gerechtigkeit aus Werken] Diese für die vorkanonische Version unbezeugte Passage führt die Diskussion des Verhältnisses der Adressaten zu Israel fort, indem rhetorische Fragen angeführt und in Auseinandersetzung mit der jüdischen Schrift beantwortet werden. - 19 Ἐρεῖς μοι οὖν, Τί οὖν ἔτι μέμφεται; τῷ γὰρ βουλήματι αὐτοῦ τίς ἀνθέστηκεν; 20 ὦ ἄνθρωπε, μενοῦνγε σὺ τίς εἶ ὁ ἀνταποκρινόμενος τῷ θεῷ; μὴ ἐρεῖ τὸ πλάσμα τῷ πλάσαντι, Τί με ἐποίησας οὕτως; 21 ἢ οὐκ ἔχει ἐξουσίαν ὁ κεραμεὺς τοῦ πηλοῦ ἐκ τοῦ αὐτοῦ φυράματος ποιῆσαι ὃ μὲν εἰς τιμὴν σκεῦος, ὃ δὲ 176 Rekonstruktion <?page no="1787"?> εἰς ἀτιμίαν; 22 εἰ δὲ θέλων ὁ θεὸς ἐνδείξασθαι τὴν ὀργὴν καὶ γνωρίσαι τὸ δυνατὸν αὐτοῦ ἤνεγκεν ἐν πολλῇ μακροθυμίᾳ σκεύη ὀργῆς κατηρτισμένα εἰς ἀπώλειαν, 23 καὶ ἵνα γνωρίσῃ τὸν πλοῦτον τῆς δόξης αὐτοῦ ἐπὶ σκεύη ἐλέους, ἃ προητοίμασεν εἰς δόξαν, 24 οὓς καὶ ἐκάλεσεν ἡμᾶς οὐ μόνον ἐξ Ἰουδαίων ἀλλὰ καὶ ἐξ ἐθνῶν; 25 ὡς καὶ ἐν τῷ Ὡσηὲ λέγει, Καλέσω τὸν οὐ λαόν μου λαόν μου καὶ τὴν οὐκ ἠγαπημένην ἠγαπημένην· 26 καὶ ἔσται ἐν τῷ τόπῳ οὗ ἐρρέθη αὐτοῖς, Οὐ λαός μου ὑμεῖς, ἐκεῖ κληθήσονται υἱοὶ θεοῦ ζῶντος. 27 Ἠσαΐας δὲ κράζει ὑπὲρ τοῦ Ἰσραήλ, Ἐὰν ᾖ ὁ ἀριθμὸς τῶν υἱῶν Ἰσραὴλ ὡς ἡ ἄμμος τῆς θαλάσσης, τὸ ὑπόλειμμα σωθήσεται· 28 λόγον γὰρ συντελῶν καὶ συντέμνων ποιήσει κύριος ἐπὶ τῆς γῆς. 29 καὶ καθὼς προείρηκεν Ἠσαΐας, Εἰ μὴ κύριος Σαβαὼθ ἐγκατέλιπεν ἡμῖν σπέρμα, ὡς Σόδομα ἂν ἐγενήθημεν καὶ ὡς Γόμορρα ἂν ὡμοιώθημεν. 30 Τί οὖν ἐροῦμεν; ὅτι ἔθνη τὰ μὴ διώκοντα δικαιοσύνην κατέλαβεν δικαιοσύνην, δικαιοσύνην δὲ τὴν ἐκ πίστεως· 31 Ἰσραὴλ δὲ διώκων νόμον δικαιοσύνης εἰς νόμον οὐκ ἔφθασεν. 32 διὰ τί; ὅτι οὐκ ἐκ πίστεως ἀλλ’ ὡς ἐξ ἔργων· προσέκοψαν τῷ λίθῳ τοῦ προσκόμματος, 33 καθὼς γέγραπται, Ἰδοὺ τίθημι ἐν Σιὼν λίθον προσκόμματος καὶ πέτραν σκανδάλου, καὶ ὁ πιστεύων ἐπ’ αὐτῷ οὐ καταισχυνθήσεται. A. Die Verse sind vorkanonisch unbezeugt. 9,20-21: Vgl. Jes 29,16 LXX: μὴ ἐρεῖ τὸ πλάσμα τῷ πλάσαντι Οὐ σύ με ἔπλασας; ἢ τὸ ποίημα τῷ ποιήσαντι Οὐ συνετῶς με ἐποίησας; ♦ 9,25: Vgl. Hos 2,25 LXX: … ἐλεήσω τὴν Οὐκ ἠλεημένην καὶ ἐρῶ τῷ Οὐ-λαῷ-μου Λαός μου εἶ σύ, καὶ αὐτὸς ἐρεῖ Κύριος ὁ θεός μου εἶ σύ. ♦ 9,26-28: Vgl. Hos 2,1 LXX: Καὶ ἦν ὁ ἀριθμὸς τῶν υἱῶν Ισραηλ ὡς ἡ ἄμμος τῆς θαλάσσης, ἣ οὐκ ἐκμετρηθήσεται οὐδὲ ἐξαριθμηθήσεται· καὶ ἔσται ἐν τῷ τόπῳ, οὗ ἐρρέθη αὐτοῖς Οὐ λαός μου ὑμεῖς, ἐκεῖ κληθήσονται υἱοὶ θεοῦ ζῶντος; Jes 10,22 LXX: καὶ ἐὰν γένηται ὁ λαὸς Ισραηλ ὡς ἡ ἄμμος τῆς θαλάσσης, τὸ κατάλειμμα αὐτῶν σωθήσεται· λόγον γὰρ συντελῶν καὶ συντέμνων ἐν δικαιοσύνῃ; Jes 28,22 LXX: … διότι συντετελεσμένα καὶ συντετμημένα πράγματα ἤκουσα παρὰ κυρίου σαβαωθ, ἃ ποιήσει ἐπὶ πᾶσαν τὴν γῆν. ♦ 9,29: Vgl. Jes 1,9 LXX: … εἰ μὴ κύριος σαβαωθ ἐγκατέλιπεν ἡμῖν σπέρμα, ὡς Σοδομα ἂν ἐγενήθημεν καὶ ὡς Γομορρα ἂν ὡμοιώθημεν. ♦ 9,33: 4 (Röm) 177 <?page no="1788"?> 178 Detering schließt sich dem an, sieht jedoch die Verse 30-32 nach dem kanonischen Text als präsent, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 183-184. 179 C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. Vgl. Jes 28,16 LXX: … λέγει κύριος ᾿Ιδοὺ ἐγὼ ἐμβαλῶ εἰς τὰ θεμέλια Σιων λίθον πολυτελῆ ἐκλεκτὸν ἀκρογωνιαῖον ἔντιμον εἰς τὰ θεμέλια αὐτῆς, καὶ ὁ πιστεύων ἐπ᾽ αὐτῷ οὐ μὴ καταισχυνθῇ. B. (9,27) Anstelle von ὑπόλειμμα, das bezeugt ist von 01*, 02, 03, 81, 1739 c , Eus, findet sich κατάλειμμα in den Zeugen P 46 , 011, 06, 010, 012, 018, 020, 025, 044, 33, 104, 365, 630, 1175, 1241, 1505, 1506, 1739*, 1881, 2464, M. ♦ (9,32) Anstelle von ἔργων, das bezeugt ist in 01*, 02, 03, 010, 012, 6, 629, 630, 1739, 1881, lat, co, steht ἔργων νόμου in 01 2 , 06, 018, 020, 025, 044, 33, 81, 104, 365, 1175, 1241, 1505, 1506, 2464, M, vg ms , sy. C. (9,19-33) Nach allen Editoren sind die vorliegenden Verse 19-33 unbezeugt. Zahn hielt sie darüber hinaus für abwesend von Markions Paulusbriefsamm‐ lung. 178 Harnack war wieder zurückhaltender Schmid ebenfalls. Vorsichtig formuliert auch BeDuhn. Es würde überraschen, wären Tertullian die vielen Zitate der Schriftstellen in dieser Passage entgangen oder hätte er sie mit Stillschweigen übergangen, wenn er sie im vorkanonischen Text gelesen hätte. Hieraus und aus dem lexikalischen Vergleich, der zahlreiche ausschließlich kanonisch bezeugte Elemente aufweist, lässt sich schließen, dass wohl diese Passage und das gesamte Kapitel 9 in der vorkanonischen Fassung gefehlt hat und auf die kanonische Redaktion zurückgeht. Auch Weisse hat solche Zitate als Charakteristika einer späteren Hand angesehen. 179 D. (9,19) Die Verbform ἐρεῖς steht 4 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (Verser‐ öffnung: Röm 9,19; 11,19; im Vers: Mt 7,4; Apg 23,5), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung (im Akkusativ) τί οὖν steht 23 Mal im NT, davon 12 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,19 (Verseröffnung); *Röm 7,7 (Verseröffnung), vgl. Röm 3,9; 6,15. ♦ ἔτι, das 96 / 93 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,15; *Röm 5,6. ♦ μέμφομαι steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ βούλημα steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene stehend. ♦ ἀνθίστημι steht 16 / 14 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 178 Rekonstruktion <?page no="1789"?> 21,15; *Gal 2,11. ♦ Die Form ἀνθέστηκεν steht 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Röm 13,2. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐρεῖς; τί οὖν im Vers; μέμφομαι; βούλημα; ἀνθέστηκεν. (9,20) Der Ausdruck ὦ ἄνθρωπε steht 5 Mal im NT, 1 Mal als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2,1. ♦ μενοῦνγε steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 9,20; 10,18; Phil 3,8). ♦ Die Kombination σὺ τίς εἶ steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (3 Mal Joh; Röm 9,20; 14,4). ♦ ἀνταποκρίνομαι steht nur noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in Lk 14,6. ♦ Die Verbform ἐρεῖ, die 17 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25; *1Kor 15,35. ♦ πλάσμα ist Hapax legomenon im NT. ♦ πλάσσω steht 2 Mal im NT, das andere Mal ebenfalls auf der kanonischen Ebene (1Tim 2,13). ♦ Die Kombination τί με steht 14 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 18,19; 3 Mal Joh; 5 Mal Apg; Röm 9,20). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὦ ἄνθρωπε; μενοῦνγε; σὺ τίς εἶ; ἀνταποκρίνομαι; πλάσσω; τί με. (9,21) Die Kombination ἢ οὐκ steht 13 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 6,2. ♦ Der Ausdruck ἐξουσίαν + ἔχω findet sich 4 Mal im NT, Lk 19,17, wo gerade dieses Element im Text von *Ev fehlt, d. h. ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 7,37. ♦ κεραμεύς steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ πηλός steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ τιμή, das 44 / 41 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 6,20; *1Thess 4,4. ♦ Der Ausdruck εἰς τιμήν steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 9,21; 2Tim 2,20. 21). ♦ σκεῦος, das 25 / 23 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Thess 4,4, vgl. die weiteren Verse 22. 23. ♦ Die Wendung εἰς ἀτιμίαν steht 1 weiteres Mal, 2Tim 2,20. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἢ οὐκ; ἐξουσίαν + ἔχω; κεραμεύς; πηλός; εἰς τιμήν; εἰς ἀτιμίαν. (9,22) Zum kanonischen εἰ δέ vgl. zuvor zu Vers 3,5 und Gal 5,18. ♦ ἐνδείκνυμι steht 12 / 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ὀργή steht 37 / 36 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,18; *Laod 2,3. ♦ γνωρίσαι steht 3 Mal im NT (Röm 9,22; Eph 6,19; Kol 1,27), vorkanonisch bezeugt für *Laod 6,19. ♦ δυνατός steht 115 / 32 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ φέρω steht 71 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐν πολλῇ steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 9,22; 2Kor 8,2; 1Thess 2,17). ♦ μακροθυμία steht 14 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ σκεύη ist 4 (Röm) 179 <?page no="1790"?> Hapax legomenon im NT. ♦ Zu σκεῦος vgl. zuvor Vers 21 und nachfolgend Vers 23. ♦ καταρτίζω steht 15 / 13 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀπώλεια steht 19 / 18 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Thess 2,3. ♦ Die Wendung εἰς ἀπώλειαν steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 8,20; Röm 9,22; Hebr 10,39; Apk 17,8. 11). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἰ δέ; ἐνδείκνυμι; γνωρίσαι; δυνατός; φέρω; ἐν πολλῇ; μακροθυμία; σκεύη; καταρτίζω; εἰς ἀπώλειαν. (9,23) Die Kombination καὶ ἵνα steht 7 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 9,23; 2Thess 3,2; Apk 13,17; im Vers: Mk 3,14; Joh 20,31; Apk 6,2. 4), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form γνωρίσῃ steht nur hier. ♦ πλοῦτος steht 31 / 22 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 11,33; *Laod 1,18. ♦ Die Kombination πλοῦτος + τῆς δόξης steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, besonders auffällig ist Eph 1,18, wo im bezeugten vorkanonischen Parallelvers nur πλοῦτος steht, jedoch nicht τῆς δόξης. ♦ Zum kanonischen σκεύη vgl. zu den voranstehenden Versen 21 und 22. ♦ ἔλεος, das 35 / 27 Mal im NT steht, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ προετοιμάζω steht nur noch 1 weiteres Mal in Eph 2,10 auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: καὶ ἵνα; πλοῦτος + τῆς δόξης; ἔλεος; προετοιμάζω. (9,24) Die Wendung οὓς καί steht 4 Mal im NT, nur hier als Verseröffnung, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 3,14; Lk 6,13; Röm 9,24; Hebr 6,7). ♦ Das Personalpro‐ nomen οὕς Akk. Mask. Pl., das 52 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,27; *1Kor 10,11. ♦ Die Form ἐκάλεσεν steht 13 Mal im NT (3 Mal Mt; Mk 1,20; Lk 14,16; Röm 8,30; 9,24; 2Kor 7,6; 1Thess 4,7; 2Thess 2,14), vorkanonisch bezeugt für *Ev 14,16. ♦ Die Kombination οὐ μόνον steht 27 Mal im NT, davon 7 Mal als Verseröffnung (immer οὐ μόνον δέ), vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,25 25 ↑*Laod 1,21. ♦ Ἰουδαῖος steht 250 / 195 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *1Kor 9,20; 15,20; *Röm 1,16; 2,29; *1Thess 2,14. ♦ Die Wendung ἐξ ἐθνῶν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 11,26. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὓς καί; ἐξ ἐθνῶν. (9,25) Die Kombination ὡς καί steht 18 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Apg 22,5; Röm 9,25; 2Petr 3,16; im Vers: 2 Mal Mt; 2 Mal Apg; 1Kor 7,7; Eph 2,3; 5,23; 2Tim 3,9; Hebr 3,2; 13,3; 1Petr 3,7; 2Petr 2,1; Apk 6,11; 18,6), vorkanonisch bezeugt für *Röm 11,33; *Laod 2,3; 5,23, jeweils im Vers. ♦ Ὡσηέ ist Hapax legomenon 180 Rekonstruktion <?page no="1791"?> im NT. ♦ λαός, das 151 / 142 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,7; 14,21, vgl. weiter Vers 26. ♦ Die Wendungn λαόν μου steht noch 1 weiteres Mal in Mt 2,6. ♦ Die Form ἠγαπημένην findet sich 1 weiteres Mal in Apk 20,9. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung ὡς καί; λαόν μου; ἠγαπημένην. (9,26) Die Verbform ἔσται ist vorkanonisch bezeugt, vgl. zuvor zu Vers 9. ♦ τόπος, das 100 / 94 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Wendung ἐν τῷ τόπῳ steht 6 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (4 Mal Joh; Apg 7,7; Röm 9,26). ♦ Zu den Verbformen ἐρρέθη / ἐρρέθησαν vgl. zuvor zu Vers 12. ♦ αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.), das 543 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; *2Thess 2,11. ♦ Zu λαός vgl. zum voranstehenden Vers 25. ♦ Die Wendung λαός μου steht 1 weiteres Mal in Apk 18,4. ♦ ἐκεῖ steht 113 / 105 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Form κληθήσονται steht 3 Mal im NT (Mt 5,4. 9; Röm 9,26), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Der Ausdruck υἱοὶ θεοῦ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Röm 8,14. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; *1Kor 9,14. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐν τῷ τόπῳ; ἐρρέθη; λαός μου; κληθήσονται; υἱοὶ θεοῦ. (9,27) Ἠσαΐας steht 24 / 22 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ κράζω steht 71 / 56 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,6. ♦ Ἰσραήλ steht 74 / 68 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 3,7. 13; *Röm 10,1; *Laod 2,12. ♦ Die Form τοῦ Ἰσραήλ steht 12 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; Lk 1,68; 2,25, in Versen, die in *Ev fehlen; 22,30; 3 Mal Joh; Apg 28,20; Röm 9,27; 11,2; Eph 2,12). ♦ Die Wendung ἐὰν ᾖ steht 3 Mal im NT (Apg 5,38; Röm 9,27; 1Kor 7,36), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀριθμός steht 21 / 18 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination υἱῶν Ἰσραήλ steht 8 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 27,9; Lk 1,16, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Röm 9,27; Hebr 11,22; 3 Mal Apk). ♦ ἄμμος steht 6 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ὑπόλειμμα und κατάλειμμα sind Hapax legomenon im NT. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Ἠσαΐας; τοῦ Ἰσραήλ; ἐὰν ᾖ; ἀριθμός; υἱῶν Ἰσραήλ; ἄμμος. (9,28) συντελέω steht 8 Mal im NT, nur auf kanonischer Ebene. ♦ συντέμνω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Form ποιήσει steht 18 Mal (2 Mal Mt; 2 Mal Mk; Lk 18,8; 20,15, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 2 Mal Joh; Apg 13,22; Röm 8,11; 9,28; 1Kor 7,37. 38; 10,13; 1Thess 5,24; Hebr 13,6; Apk 11,7), jeweils auf der kanonischen Ebene. 4 (Röm) 181 <?page no="1792"?> Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: συντελέω; ποιήσει. (9,29) Die Kombination καὶ καθώς steht 12 Mal im NT, davon 6 Mal als Verseröffnung wie hier, vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,31. ♦ Zum kanonischen Ἠσαΐας,vgl. zuvor zu Vers 9,27. ♦ Die Kombination εἰ μή steht 86 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Joh 9,33; 15,22; 1Kor 7,17; im Vers: 13 Mal Mt; 13 Mal Mk; Lk 4,26. 27, beide Male in Versen, die in *Ev fehlen; 5,21; 6,4; 8,51; 10,22; 11,29, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 17,18; 18,19; 12 Mal Joh; 2 Mal Apg; Röm 7,7; 9,29; 11,15; 13,1. 8; 14,14; 1Kor 1,14; 2,2. 11; 8,4; 10,13; 12,3; 14,5; 2Kor 2,2; 12,5. 13; Gal 1,7; 6,14; Eph 4,9; Phil 4,15; 1Tim 5,19; Hebr 3,18; 1Joh 2,22; 5,5; 6 Mal Apk), vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,21; 8,21; 10,22; 17,18; *Röm 7,7. ♦ Σαβαώθ steht 2 Mal im NT, auch das andere Mal auf kanonischer Ebene ( Jak 5,4). ♦ ἐγκαταλείπω steht 12 / 10 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Zu σπέρμα vgl. zuvor zu den Versen 7. 8. ♦ Σόδομα steht 10 / 9 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form ἐγενήθημεν steht 7 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 4,9. ♦ Γόμορρα steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἄν, das 205 / 167 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25; *1Kor 2,8. ♦ ὁμοιόω steht 17 / 15 Mal im NT, nur auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Ἠσαΐας; Σαβαώθ; ἐγκαταλείπω; Σόδομα; Γόμορρα; ὁμοιόω. (9,30) Die Wendung τί οὖν ἐροῦμεν steht 6 Mal im NT, ausschließlich im Römerbrief, vorkanonisch bezeugt für *Röm 7,7. ♦ (τὰ) ἔθνη steht 23 Mal im NT, Lk 24,47, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,30; *Gal 2,9; *1Thess 4,5; *Laod 2,11. ♦ διώκω steht 47 / 45 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,12; *Gal 6,12. ♦ δικαιοσύνη steht 97 / 92 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,17; 3,21; 5,21; 8,10; 10,3. 4; *Phil 3,9. ♦ καταλαμβάνω, das 20 / 15 Mal im NT, steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Wendung ἐκ πίστεως steht 23 Mal im NT, vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 3,11; *Röm 1,17; 14,23. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegtes Element ist: καταλαμβάνω. (9,31) Zum vorkanonisch bezeugten Ἰσραήλ vgl. zu Vers 9,27. ♦ Zum vorkanonisch bezeugten διώκω vgl. den voranstehenden Vers 9,30. ♦ Die Wendung εἰς νόμον steht noch 1 weiteres Mal in Jak 1,25. ♦ φθάνω, das 7 Mal im NT steht, begegnet nur auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἰς νόμον; φθάνω. 182 Rekonstruktion <?page no="1793"?> 180 Man bemerke die Variante ἐξ ἔργων νόμου, Goldmann weist darauf hin, dass der vorka‐ nonische Paulus immer von ἔργα νόμου spricht, nicht von Werken ohne die Ergänzung „Gesetz“, glaubt hier aber wegen der Variante, dass der Vers vorkanonisch vorhanden war, A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 144-145. (9,32) Die Kombination διὰ τί steht 26 Mal im NT, davon 5 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,38; 20,5 (beide Male im Vers), vgl. zu 2Kor 11,11. ♦ Die Kombination ἀλλ’ ὡς steht 17 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 4,14. ♦ Die Wendung ἐξ ἔργων steht 16 Mal im NT (Röm 3,20; 4,2; 9,12. 32; 11,6; Gal 2,16; 3,2. 5. 10; Eph 2,9; Tit 3,5; Jak 2,21. 24. 25), vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,16. 180 ♦ προσκόπτω findet sich 9 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ λίθος, das 70 / 59 Mal im NT zu finden ist, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Form τῷ λίθῳ steht 1 weiteres Mal, Lk 4,3. ♦ πρόσκομμα, das 6 Mal im NT begegnet, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung διὰ τί; ἀλλ’ ὡς; προσκόπτω; τῷ λίθῳ; πρόσκομμα. (9,33) Die Formulierung καθὼς γέγραπται, die 25 Mal im NT steht, davon 10 Mal als Verseröffnung, ist nur in *1Kor 1,31 mit vorangestelltem ἵνα vorkanonisch bezeugt, vgl. dort. ♦ τίθημι, das 110 / 100 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,10. 11; 12,18. 28; 15,25. ♦ Die Form τίθημι steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (3 Mal Joh; Röm 9,33; 1Petr 2,6). ♦ Σιών steht 7 Mal im NT, ausschließlich bezeugt für die kanonische Ebene. ♦ Zu λίθος vgl. zum voranstehenden Vers. ♦ Zum kanonischen πρόσκομμα vgl. den voranstehenden Vers 9,32. ♦ πέτρα, das 17 / 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,4. ♦ πέτρα + σκανδάλου steht 1 weiteres Mal, 1Petr 2,8. ♦ πιστεύω, das 265 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21 (τοὺς πιστεύοντας); 15,11; *Röm 1,16 (τῷ πιστεύοντι); 10,4 (τῷ πιστεύοντι); *2Thess 2,12 (οἱ μὴ πιστεύσαντες); *Laod 1,13 (πιστεύσαντες). ♦ Der Ausdruck ὁ πιστεύων steht 18 Mal im NT, davon 4 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 3 Mal Joh; 1Joh 5,10; im Vers: 8 Mal Joh; Apg 13,39; Röm 9,33; 10,11; 1Petr 2,6; 1Joh 5,1. 5), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ καταισχύνω steht 14 / 13 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,17; *1Kor 1,27. ♦ Der gesamte Ausdruck ὁ πιστεύων ἐπ’ αὐτῷ οὐ καταισχυνθήσεται steht als Duplikat auf der kanonischen Ebene erneut in Röm 10,11. ♦ Die Kombination ἐπ’ αὐτῷ steht 13 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mk 12,17; Lk 15,7; 23,38; Joh 12,16; Apg 8,2; Röm 9,33; 10,11; 15,12; 1Tim 1,16; Hebr 2,13; Jak 5,7; 1Petr 2,6; 1Joh 3,3). 4 (Röm) 183 <?page no="1794"?> Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung καθὼς γέγραπται; die Form τίθημι; Σιών; πρόσκομμα; πέτρα + σκανδάλου; ὁ πιστεύων; ὁ πιστεύων ἐπ’ αὐτῷ οὐ καταισχυνθήσεται. Kapitel 10 10,1-4: Das Gebet für Israel Wichtige Elemente des vorkanonischen Textes aus diesem Passus sind gut bezeugt. Der Passus ist nur leicht von der kanonischen Redaktion erweitert. 10,1 ἡ μὲν εὐδοκία τῆς ἐμῆς καρδίας καὶ ἡ δέησις πρὸς τὸν θεὸν ὑπὲρ τοῦ Ἰσραὴλ ἐστιν εἰς σωτηρίαν. 10,1 Ἀδελφοί, ἡ μὲν εὐδοκία τῆς ἐμῆς καρδίας καὶ ἡ δέησις πρὸς τὸν θεὸν ὑπὲρ αὐτῶν εἰς σωτηρίαν. 2 ζῆλον θεοῦ ἔχουσιν, ἀλλ’ οὐ κατ’ ἐπίγνωσιν· 2 μαρτυρῶ γὰρ αὐτοῖς ὅτι ζῆλον θεοῦ ἔχουσιν, ἀλλ’ οὐ κατ’ ἐπίγνωσιν· 3 θεὸν γὰρ ἀγνοοῦντες καὶ τὴν ἰδίαν δικαιοσύνην στῆσαι ζητοῦντες, οῦχ ὑπετάγησαν τῇ δικαιοσύνῃ τοῦ θεοῦ· 3 ἀγνοοῦντες γὰρ τὴν τοῦ θεοῦ δικαιοσύνην, καὶ τὴν ἰδίαν δικαιοσύνην ζητοῦντες στῆσαι, τῇ δικαιοσύνῃ τοῦ θεοῦ οὐχ ὑπετάγησαν· 4 τέλος γὰρ νόμου Χριστὸς εἰς δικαιοσύνην παντὶ τῷ πιστεύοντι. 4 τέλος γὰρ νόμου Χριστὸς εἰς δικαιοσύνην παντὶ τῷ πιστεύοντι. A. *10,1-2: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 14,6: Salio et hic amplissimum abruptum intercisae scripturae, sed apprehendo testimonium perhibentem apostolum Israeli, quod zelum dei habeant, sui utique, non tamen per scientiam; vgl. 2Kge 10,16 LXX: Δεῦρο μετ᾽ ἐμοῦ καὶ ἰδὲ ἐν τῷ ζηλῶσαί με τῷ κυρίῳ Σαβαωθ; Jes 1,3 LXX: Ισραηλ δέ με οὐκ ἔγνω, καὶ ὁ λαός με οὐ συνῆκεν. ♦ *10,3: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 14,6-9: [6] … Deum enim, inquit, ignorantes, et suam iustitiam sistere quaerentes, non subiecerunt se iustitiae dei; finis etenim legis Christus in iustitiam (iustitiam Pamelius Harnack von Soden; iustitia MR) omni credenti. [7] Hic erit argumentatio haeretici, quasi deum superiorem ignoravcrint Iudaei, qui adversus eum iustitiam suam, id est legis suae, constituerint, non recipientes Christum, finem legis. Cur ergo zelo eorum erga deum proprium testimonium perhibet, si non et inscitiam erga eundern deum eis exprobrat? quod zelo quidem dei agerentur, sed non per scientiam, ignorantes scilicet eum, dum dispositiones eius in Christo ignorant consummationem legi staturo, atque ita suam iustitiam tuentur adversus illum. [8] Atque adeo ipse creator et ignorantiam erga se eorum contestatur: Israel me non agnovit et populus me non intellexit; et quod iustitiam suam magis sisterent, docentes doctrinas praecepta hominum, nec non et congregati essent adversus 184 Rekonstruktion <?page no="1795"?> 181 Vgl. hierzu U. Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (2012), 140; A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 121. 182 Vgl. J.S. Semler, Vorbereitung zur theologischen Hermeneutik zu weiterer Beförderung des Fleisses angehender Gottesgelerten 3,2 = 4. Worin von dem griechischen Text und Handschriften der Briefe u.s.w. Beobachtungen vorkommen (1769), 60. 183 Detering nimmt Vers 1 als abwesend, Vers 2 nach dem kanonisch Text als präsent, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 184. dominum et adversus Christum ipsius, ex inscitia scilicet. Nihil igitur potest in alium deum exponi quod competit in creatorem, quia et alias immerito apostolus Iudaeos de ignorantia suggillasset erga deum ignotum. [9] Quid enim deliquerant, si iustitiam dei sui adversus eum sistebant quem ignorabant? Vgl. Clem. Alex., Quis div. sit salv. 11,3: ἀγνοοῦντες θεὸν καὶ δικαιοσύνην θεοῦ; Ambr., Comm. in Lc. 5,22: ignorantes enim deum suam iustitiam quaerentes statuere (CSEL 32,4, 188). ♦ *10,4: Vgl. die Tertullianstelle zuvor und Epiph., Pan. 42, Sch. (118; 178 H.): τέλος γὰρ νόμου Χριστὸς εἰς δικαιοσύνην παντὶ τῷ πιστεύοντι. B. (10,1) Anstelle von αὐτῶν εἰς σωτηρίαν, das zu finden ist in P 46 , 01*, 02, 03, 06, 010, 012, 6, 365, 1506, 1739, 1881, l249 m; Ambst, steht αὐτῶν ἐστιν in 012, 025, 044, 33, 1505, und τοῦ Ἰσραὴλ ἐστιν εἰς σωτηρίαν in 018, 020, 81, 104, 629, 630, 1175, 1241, 2464, M. ♦ (10,3) Zu der Form θεόν statt des kanonischen τὴν τοῦ θεοῦ δικαιοσύνην vgl. auch Clem. Alex., Quis div. sit salv. 11,3 (ἀγνοοῦντες θεὸν καὶ δικαιοσύνην θεοῦ); Ambr., Comm. in Lc. 5,22: ignorantes enim deum suam iustitiam quaerentes statuere (CSEL 32,4, 188). 181 ♦ Anstelle von τὴν ἰδίαν δικαιοσύνην, das zu finden ist in P 46 , 01, 010, 012, 018, 020, 044, 33, 104, 1175, 1241, 1505, 2464, l249, M, (b), d*, Ir lat , Tert, steht τὴν ἰδίαν in 02, 03, 06, 025, 81, 365, 629, 630, 1506, 1739, 1881, ar, vg, co, Clem Al. ♦ (10,4) Anstelle von Χριστός liest man in 06* θεός, hingegen findet man in der altlateinischen Tradition in 75 christus, wie auch von Tertullian und Epiphanius bezeugt, wohingegen der Begriff in Ambst var fehlt. 182 C. 1. (10,1-2) Hilgenfeld nimmt Tertullian als Zeugen dieser Verse. Nach Zahn ist Vers 1 zwar präsent, 183 lässt sich aber dem Wortlaut nach nicht mehr bestimmen, während er für Vers 2 den kanonischen Text annimmt. Harnack sieht folgendes Wortmaterial für die Verse 1-2 bezeugt: 1 Ἰσραήλ. 2 μαρτυρῶ αὐτοῖς ὅτι ζῆλον θεοῦ ἔχουσιν, ἀλλ’ οὐ κατ’ ἐπίγνωσιν, denn er hatte aufgrund der angegebenen Zeugen die Erwähnung von Ἰσραήλ gefunden, die Tertullian bezeugt. Diese Erwähnung von Israel nimmt Harnack nicht aus Versen des Kapitel 9, sondern aus 10,1. Die kanonische Redaktion hat wohl aufgrund 4 (Röm) 185 <?page no="1796"?> 184 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 124. 185 Vgl. hierzu kritisch gegenüber Schmid: ibid. 119-120. Detering bietet den Text und auch Vers 4 wie oben, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 184. 186 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 118-122. 187 Ibid. 121. Für ein nicht-intentionelles Verstehen der Variante, gedeutet als Haplogra‐ phie, vgl. R.J. Jewett, Romans. A Commentary (2007), 606. ihrer Einfügung von Kapitel 9 eine Textkorrektur vorgenommen, die sich in den Handschriften niederschlug, wie diese Redaktion überhaupt wegen der ursprünglichen Erwähnung Israels in Vers 10,1 und die Kritik an Israel und dem Gesetz in den anschließenden Versen 2-4 die Abschnitte 8,12-9,33 kreiert hatte. Schmid sieht Vers 1 nur angedeutet, während er für Vers 2 rekonstruiert: (μαρτυρῶ γὰρ αὐτοῖς) ὅτι ζῆλον θεοῦ ἔχουσιν, ἀλλ’ οὐ κατ’ ἐπίγνωσιν. BeDuhn lässt Vers 1 bei seiner Rekonstruktion aus und legt seiner Übersetzung von Vers 2 den folgenden griechischen Text zugrunde: μαρτυρῶ γὰρ Ισραηλ ὅτι ζῆλον θεοῦ ἔχουσιν, ἀλλ’ οὐ κατ’ ἐπίγνωσιν. Goldmann plädiert dafür, dass die Verse 1-4 vorkanonisch vorhanden waren. 184 2. (10,3) Hilgenfeld nimmt Tertullian als Zeugen dieses Verses. Zahn sieht den kanonischen Text präsent mit Ausnahme der Anfangsformulierung, die er wie folgt rekonstruiert: ἀγνοοῦντες γὰρ τὸν θεὸν καί-… Harnack hält sich noch näher an Tertullian und rekonstruiert den Vers: θεὸν γὰρ ἀγνοοῦντες καὶ τὴν ἰδίαν δικαιοσύνην στῆσαι ζητοῦντες, οῦχ ὑπετάγησαν τῇ δικαιοσύνῃ τοῦ θεοῦ. Schmid und BeDuhn übernehmen die Rekonstruktion von Harnack, auch wenn sich Schmid nicht völlig sicher ist und auch die kanonische Form des Anfangs von Vers 3 für möglich hält (τὴν τοῦ θεοῦ δικαιοσύνην statt des von Tertullian bezeugten θεόν). 185 Goldmann handelt ausführlich von diesem Vers und gibt einen Text für die *10-Briefe-Sammlung, der nicht völlig dem von Tertullian bezeugten, auch nicht dem von Clemens von Alexandrien gebotenen entspricht, sondern näher an den des Ambrosiaster herankommt (auch wenn er alle drei als Zeugen für diesen Text in Anspruch nimmt): ἀγνοοῦντες γὰρ τὸν θεὸν καὶ τὴν ἰδίαν δικαιοσύνην θεοῦ ζητοῦντες στῆσαι, τῇ δικαιοσύνῃ τοῦ θεοῦ οὐχ ὑπετάγησαν. 186 Richtig aber sieht Goldmann, dass die kanonische Variante in P 46 eine Zwischenstufe darstellt, die er als „Konflation“ zwischen der vorkanonischen und der vor‐ kanonischen Variante begreift. 187 Aus der vorkanonischen „schwerwiegend anmutende(n) Verfehlung der Juden, Gott nicht erkannt zu haben“, liest man auf kanonischer Ebene eine „klar abgeschwächte() Form. Nunmehr verkannten die Juden zwar die göttliche Gerechtigkeit, keinesfalls aber Gott selbst.“ 188 Wer 186 Rekonstruktion <?page no="1797"?> 188 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 122. wird für eine solche Position im frühen Christentum namhaft gemacht, muss man fragen, die die Gotteserkenntnis der Juden und derer, die wie sie an den jüdischen Schöpfergott glauben, bestreitet, es sei denn Markion von Sinope? P 46 ist in der Tat, wie auch die einschlägigen Handschriften, die die Inklusion des δικαιοσύνην bezeugen, ein markanter Zwischenschritt auf der Entwicklung von der Textgestalt der *10-Briefe-Sammlung hin zur 14-Briefe-Sammlung. Dieser Zwischenschritt stützt die oben in der Einleitung in § 5 b. 5 gemachten Beobachtungen, wonach gerade die Handschriften 010, 012 stärker noch als andere Textcharakteristiken mit der *10-Briefe-Sammlung teilen und dieser näher stehen als etwa P 46 oder andere Textzeugen. Wie der Vergleich zwischen der vorkanonischen und der kanonischen Fas‐ sung zeigt, setzt die kanonische Redaktion die Ausführungen aus Kapitel 9 fort, indem sie die Härte der Kritik an Israel mindert. Israel wird nicht mehr wie in der vorkanonischen Fassung vorgeworfen, sie hätten Gott nicht gekannt, obwohl sie, wie in Vers 1 zuvor zugestanden wurde, sie sich um ihn bemüht hätten, auch wenn sie ihn nicht erkannten, sondern lediglich, dass ihnen Gottes Gerechtigkeit unbekannt blieb. In der vorkanonischen Fassung lesen wir hingegen, dass ihnen Gott selbst unbekannt war und sie darum versuchten, ihre eigene Gerechtigkeit zu errichten, anstatt sich derjenigen Gottes zu unterwerfen. Das heißt, der vorkanonischen Fassung nach konnte Israel sich gar nicht der Gerechtigkeit Gottes hingeben, was sie diesbezüglich gewissermaßen wieder entschuldet, weil sie deren Subjekt nicht gekannt hatten. Die kanonische Redaktion mindert folglich die ontologische Aussage und verschiebt sie in die Observanz. Tertullian verweist ausdrücklich auf die andere Ausrichtung des markionitischen Textes, der nun seiner Meinung nach die Aussage Markions enthält, wonach die Juden nicht den höheren Gott kannten und sich darum ihre eigene Gerechtigkeit schufen, ihr eigenes Gesetz, in Antithese und Verwerfung Christi, der das Ende dieses Gesetzes darstelle. 3. (10,4) Aufgrund der Übereinstimmung der Bezeugung des kanonischen Wortlauts von Vers 4 durch Epiphanius und dem Zeugnis Tertullians sehen alle Editoren diesen Vers entsprechend präsent. D. (10,1) ἀδελφοί steht 106 Mal im NT, davon 8 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 10,1; 1Kor 14,20; Gal 3,15; 6,1; Phil 3,13; 1Thess 5,25; Jak 2,1; 5,19; im Vers: 16 Mal Apg; Röm 1,13; 7,1. 4; 8,12; 11,25; 12,1; 15,30, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 4 (Röm) 187 <?page no="1798"?> 16,17, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 1,10. 11. 26; 2,1; 3,1; 4,6; 7,24. 29; 10,1; 11,33; 12,1; 14,6. 26. 39; 15,1. 31. 50. 58; 16,15; 2Kor 1,8; 8,1; 13,11; Gal 1,11; 4,12. 28. 31; 5,11. 13; 6,18; Phil 1,12; 3,1. 174,1. 8; 1Thess 1,5; 2,1. 9. 14. 17; 3,7; 4,1. 10. 13; 5,1. 4. 12. 14; 2Thess 1,3; 2,13. 15; 3,1. 6. 13; Hebr 3,1. 12; 10,19; 13,22; 13 Mal Jak; 2Petr 1,10; 1Joh 3,13), vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,31; 1Kor 10,1; 15,1. 50 (jeweils im Vers). ♦ εὐδοκία steht 12 / 9 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Laod 1,9; *Phil 1,15. ♦ Der Ausdruck τῆς ἐμῆς καρδίας steht nur hier. ♦ Die Form καρδίας (Gen. Sg.) steht 32 Mal im NT (3 Mal Mt; 4 Mal Mk; Lk 1,51, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 6,45; 8,12; 9,47; 10,27; 3 Mal Apg; Röm 2,29; 6,17; 10,1; 1Kor 14,25; 2Kor 2,4; Eph 1,18; 4,18; 6,5; Kol 3,22; 1Tim 1,5; 2Tim 2,22; Hebr 4,121; 10,22; 1Petr 1,22; 3,4; 1Joh 3,20), vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,27; *1Kor 14,25; *2Kor 3,3; *Röm 2,29; *Laod 1,18. ♦ δέησις steht 19 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,33; *Laod 6,18. ♦ Die Wendung πρὸς τὸν θεόν steht 20 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 5,1. ♦ Die Wendung ὑπὲρ τοῦ Ἰσραήλ steht nur hier. ♦ Die kanonische Variante ὑπὲρ αὐτῶν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 15,29. ♦ Die Wendung εἰς σωτηρίαν steht 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,16. Zur Rekonstruktion: Auch wenn nur „Israel“ aus diesem Vers durch Tertullian bezeugt ist, spricht doch die Lexik des Verses mit Ausnahme der Verseröffnung ἀδελφοί, die sonst nur kanonisch zu finden ist, für die Anwesenheit des Verses im vorkanonischen Text. (10,2) μαρτυρέω steht 90 / 76 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form μαρτυρῶ steht 6 Mal im NT, davon 3 Mal als Verseröffnung, ausschließlich auf der kanonischen Ebene; vgl. zu Gal 4,15. ♦ αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.), das 543 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; *2Thess 2,11, vgl. weiter Vers 5. ♦ ζῆλος, das 22 / 16 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Gal 5,20. ♦ Die Kombination ζῆλος + θεοῦ steht nur hier. ♦ Die Form ἔχουσιν steht 36 Mal im NT, in Lk 15,7, einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,31; 14,14. ♦ ἐπίγνωσις, das 21 / 20 Mal im NT steht, ist vorkanonisch nur hier bezeugt. ♦ σωτηρία, das 50 / 46 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,16, vgl. weiter Vers 10. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians. Der unbezeugte Versanfang wird aufgrund der Lexik wohl im vorkanonischen Text gefehlt haben. (10,3) ἀγνοέω, das sich 23 / 22 Mal im NT findet, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,1; 12,1. ♦ Die Form ἀγνοοῦντες steht nur hier, vorkanonisch bezeugt, und 1 weiteres Mal, Apg 17,23. ♦ ἴδιος, das 123 / 114 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 6,41; *Gal 6,9; *1Kor 7,7; *1Thess 2,15. ♦ δικαιοσύνη, das 97 / 92 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,17; 3,21; 5,21; 8,10; 10,3. 4; *Phil 3,9. 188 Rekonstruktion <?page no="1799"?> ♦ Die Wendung ἰδίαν δικαιοσύνην steht nur hier. ♦ Die Wendung θεοῦ δικαιοσύνην steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 3,5; 10,3; Phil 3,9). ♦ ἵστημι steht 191 / 154 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *Röm 10,3; *Laod 6,11. ♦ Die Form στῆσαι steht 7 Mal im NT (Mk 3,26; Apg 8,38; Röm 10,3; 14,4; Eph 6,11. 13; Jud 1,24), nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ ζητέω, das 130 / 117 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *Röm 10,3. ♦ Die Form ζητοῦντες steht 13 Mal im NT (4 Mal Mt; 2 Mal Mk, Lk 2,45, in einem Vers, der in *Ev fehlt; Joh 6,24; 2 Mal Apg; Röm 10,3; Gal 2,17; 1Thess 2,6), nur hier vorkanonisch bezeugt. ♦ οὐχ, das 105 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 10,3; *Phil 1,17; 2,6. ♦ ὑποτάσσω, das 46 / 38 Mal im NT steht, ist vorkanonisch weiter bezeugt für *Ev 10,20; *1Kor 14,32; *Laod 1,22; 5,21. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis Tertullians unter Berücksichti‐ gung auch von Klemens von Alexandrien und Ambrosius. Die Lexik stützt diese Zeugnisse teilweise, da sich auch zwei Formen finden, die nur hier vorkanonisch bezeugt sind (στῆσαι; ζητοῦντες). (10,4) τέλος, das 43/ 40 Mal im NT steht, ist weiter vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,11. ♦ νόμος, das 204 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,16; 3,10-11; 4,5; 5,3. 14; 6,2. 13; *1Kor 9,8; 14,21. 34; *Röm 2,12. 13. 14. 20. 25; 3,21; 5,20; 7,4. 7. 12. 14. 23; 8,4; 10,4; 13,8; *Laod 2,15. ♦ Die Wendung εἰς δικαιοσύνην steht 9 Mal im NT, vorkanonisch nur für diese Stelle hier bezeugt. ♦ παντί, das 59 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Röm 1,16; 10,4; *Kol 1,16. ♦ πιστεύω, das 265 / 243 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,21 (τοὺς πιστεύοντας); 15,11; *Röm 1,16 (τῷ πιστεύοντι); 10,4 (τῷ πιστεύοντι); *2Thess 2,12 (οἱ μὴ πιστεύσαντες); *Laod 1,13 (πιστεύσαντες), vgl. die weiteren Verse 9. 10. 11. 14. 16. Zur Rekonstruktion: Der Text folgt dem Zeugnis des Epiphanius, der durch Tertullian und die Lexik gestützt wird. 10,[5-13]: [Heilende Nähe Christi] Von Mose, mit dem dieser kanonische Abschnitt beginnt, war zuvor im Gebet nicht die Rede. Dagegen nimmt die kanonische Redaktion den Gedanken auf, den sie zuvor in dem vorkanonisch fehlenden Kapitel 9 entwickelt hatte (Röm 9,15-33). - 5 Μωϋσῆς γὰρ γράφει τὴν δικαιοσύνην τὴν ἐκ τοῦ νόμου ὅτι ὁ ποιήσας αὐτὰ ἄνθρωπος ζήσεται ἐν αὐτοῖς. - 6 ἡ δὲ ἐκ πίστεως δικαιοσύνη οὕτως λέγει, Μὴ εἴπῃς ἐν τῇ καρδίᾳ σου, 4 (Röm) 189 <?page no="1800"?> 189 Vgl. Ibid. 132-145. Τίς ἀναβήσεται εἰς τὸν οὐρανόν; τοῦτ’ ἔστιν Χριστὸν καταγαγεῖν· 7 ἤ, Τίς καταβήσεται εἰς τὴν ἄβυσσον; τουτ’ ἔστιν Χριστὸν ἐκ νεκρῶν ἀναγαγεῖν. 8 ἀλλὰ τί λέγει; Ἐγγύς σου τὸ ῥῆμά ἐστιν, ἐν τῷ στόματί σου καὶ ἐν τῇ καρδίᾳ σου· τουτ’ ἔστιν τὸ ῥῆμα τῆς πίστεως ὃ κηρύσσομεν. 9 ὅτι ἐὰν ὁμολογήσῃς ἐν τῷ στόματί σου κύριον Ἰησοῦν, καὶ πιστεύσῃς ἐν τῇ καρδίᾳ σου ὅτι ὁ θεὸς αὐτὸν ἤγειρεν ἐκ νεκρῶν, σωθήσῃ· 10 καρδίᾳ γὰρ πιστεύεται εἰς δικαιοσύνην, στόματι δὲ ὁμολογεῖται εἰς σωτηρίαν. - 11 λέγει γὰρ ἡ γραφή, Πᾶς ὁ πιστεύων ἐπ’ αὐτῷ οὐ καταισχυνθήσεται. 12 οὐ γάρ ἐστιν διαστολὴ Ἰουδαίου τε καὶ Ελληνος, ὁ γὰρ αὐτὸς κύριος πάντων, πλουτῶν εἰς πάντας τοὺς ἐπικαλουμένους αὐτόν· 13 Πᾶς γὰρ ὃς ἂν ἐπικαλέσηται τὸ ὄνομα κυρίου σωθήσεται. A. Die Verse sind vorkanonisch unbezeugt. 10,5-13: Vgl. Tert., Adv. Marc. V 15,9: Atquin exclamat: O profundum divitiarum et sapientiae dei, et investigabiles viae eius! Unde illa eruptio? Ex recordatione scilicet scripturarum quas retro revolverat, ex contemplatione sacramentorum quae supra disseruerat in fidem Christi ex lege venientem. Haec si Marcion de industria erasit, quid apostolus eius exclamat, nullas intuens divitias dei, tam pauperis et egeni quam qui nihil condidit, nihil praedicavit, nihil denique habuit, ut qui in aliena descendit? Sed enim et opes et divitiae creatoris olim absconditae, nunc reseratae; vgl. Lev 18,5 LXX: ἃ ποιήσας ἄνθρωπος ζήσεται ἐν αὐτοῖς· ἐγὼ κύριος ὁ θεὸς ὑμῶν. Die Capitula Regalia bieten keinen Bezug zu Kapitel 10. 189 ♦ 10,10: Vgl. Dtn 30,12-14 LXX: 12 οὐκ ἐν τῷ οὐρανῷ ἄνω ἐστὶν λέγων Τίς ἀναβήσεται ἡμῖν εἰς τὸν οὐρανὸν καὶ λήμψεται αὐτὴν ἡμῖν; καὶ ἀκούσαντες αὐτὴν ποιήσομεν. 13 οὐδὲ πέραν τῆς θαλάσσης ἐστὶν λέγων Τίς διαπεράσει ἡμῖν εἰς τὸ πέραν τῆς θαλάσσης καὶ λήμψεται ἡμῖν αὐτήν; καὶ ἀκουστὴν ἡμῖν ποιήσει αὐτήν, καὶ ποιήσομεν. 14 ἔστιν σου ἐγγὺς τὸ ῥῆμα σφόδρα ἐν τῷ στόματί σου καὶ ἐν τῇ καρδίᾳ σου καὶ ἐν ταῖς χερσίν σου αὐτὸ ποιεῖν. ♦ 10,11: Vgl. Jes 28,16 LXX: διὰ τοῦτο οὕτως λέγει κύριος Ἰδοὺ ἐγὼ ἐμβαλῶ εἰς τὰ θεμέλια Σιων λίθον πολυτελῆ ἐκλεκτὸν ἀκρογωνιαῖον ἔντιμον εἰς τὰ θεμέλια αὐτῆς, καὶ ὁ πιστεύων ἐπ᾽ αὐτῷ οὐ μὴ καταισχυνθῇ. B. Keine wesentlichen Varianten. 190 Rekonstruktion <?page no="1801"?> 190 So schon, Hahn ausdrücklich zustimmend, H.U. Meyboom, Marcion en de Marcionieten (1888), 185-186. Gegenteiliger Meinung ist van Manen: „In keinem Fall dürfen wir aus dem Erguss Tertullians mit Hahn den Schluss ziehen, dass 10,5-11,32 bei Marcion nicht vorkam“, W.C. van Manen, Die Unechtheit des Römerbriefes (1906), 100; A. Hahn, Das Evangelium Marcions in seiner ursprünglichen Gestalt, nebst dem vollstän‐ digsten Beweise dargestellt, daß es nicht selbstständig, sondern ein verstümmeltes und verfälschtes Lukas-Evangelium war (1823), 61. Detering sieht die Verse 10,5-11,32 für abwesend, H. Detering, Der Römerbrief in seiner ursprünglichen Gestalt (2005), 184-188. C. 1. (10,5) Alle Editoren sind übereinstimmend der Meinung, dass dieser Vers unbezeugt ist. Zahn, Harnack und BeDuhn nehmen auch an, dieser Vers habe gefehlt, weil die oben angeführte Aussage Tertullians sich auf die gesamte Passage Röm 10,4-11,32 beziehe. 190 Tertullians Kritik an dem Vers 11,32 bezieht sich ausdrücklich darauf, Markion habe die Schriftzitate und Überlegungen diesbezüglich zuvor getilgt. Schmid gibt vorsichtigerweise zu bedenken, dass damit nicht zwingend ge‐ sagt sei, der gesamte Textbestand zwischen Röm 10,4-11,32 sei damit nicht vorhanden gewesen, wie dies von Zahn und Harnack angenommen wurde. Insbesondere verweist Schmid - entgegen seiner sonstigen Position, weitere Anspielungen auf markionitische Lehren in Zeugen außer Tertullian und Epi‐ phanius äußerst skeptisch zu betrachten - hier auf den Hinweis in Iren., Adv. Haer. I 27,3, wo von dem markionitischen Glauben an den Deszensus Christi in den Hades gesprochen wird, welcher nach Schmid die Verse Röm 10,6-10 voraussetze. Doch selbst Schmid hat hieraus nicht geschlossen, diese Verse in seine Rekonstruktion aufzunehmen, und BeDuhn spricht sich ausdrücklich gegen ihre Berücksichtigung für die Rekonstruktion aus. 2. (10,6-10) Unter den Editoren hatte nur Schmid die Frage aufgeworfen, ob diese Verse eventuell präsent gewesen seien, die anderen hielten sie für abwesend. Doch wie zuvor zu Vers 4 ausgeführt, hat selbst Schmid diese Verse nicht in seine Rekonstruktion aufgenommen. Es wäre auch erstaunlich, wenn Tertullian eine solch christliche Auslegung der Deuteronomiumverse nicht vermerkt hätte; stattdessen stellt er ausdrücklich die Abwesenheit von Schriftzitaten fest. Das Urteil der Editoren wird durch die Lexik gestützt. Die Verse gehen folglich auf die kanonische Redaktion zurück und zeichnen diese als bewusste christlich überformte Schriftreferenzierung aus, die im Weiteren noch fortgesetzt wird. 3. (10,9) Dieser Vers wird als „sekundäre Glosse“ betrachtet von J.A. Fitz‐ myer. 191 4 (Röm) 191 <?page no="1802"?> 191 J.A. Fitzmyer, Romans. A new translation with introductions and commentary (1993), 65. D. (10,5) Μωϋσῆς, der 79 / 80 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 3,7. 13. ♦ Die Kombination Μωϋσῆς γάρ steht 3 Mal im NT, jeweils als Verseröffnung und auf der kanonischen Ebene stehend (Mk 7,10; Apg 15,21; Röm 10,5). ♦ Die Wendung ἐκ τοῦ νόμου steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zuvor zu 2,18. ♦ Die Wendung ὁ ποιήσας steht 10 Mal im NT, in Lk 10,37, in einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,40; *Laod 2,14. ♦ αὐτά (Nom. / Akk. Neut. Pl.), das 53 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12. ♦ Zu αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.) vgl. zuvor zu Vers 2. ♦ ζάω, das 171 / 140 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 24,5; *Gal 2,20; 3,12; *1Kor 9,14. ♦ Die Wendung Ὁ ποιήσας αὐτὰ ζήσεται ἐν αὐτοῖς stammt aus Lev 18,5 und begegnet als Zitat auch (*) Gal 3,12. Zur Abwesenheit: Der vorkanonisch unbezeugte Vers weist zwei Elemente auf, die ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegt sind (Μωϋσῆς γάρ; ἐκ τοῦ νόμου), der zweite Teil des Verses besteht aus einem Zitat aus Lev 18,5, das auch vorkanonisch in *Gal 3,12 zitiert wird. Der kurze erste Teil des Verses wie auch das Duplikat des Schriftzitats wird folglich auf die kanonische Redaktion zurückzuführen sein und vorkanonisch gefehlt haben. (10,6) εἴπῃς steht in dieser Aoristform 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ σου (Gen. Mask. / Neut. Sg. von σύ / σός), das 361 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,14; *1Kor 15,55; *Röm 2,25, vgl. weiter die Verse 8. 9. ♦ Die Wendung ἐν τῇ καρδίᾳ σου steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Apg 5,4; Röm 10,6. 8. 9). ♦ ἀναβαίνω, das 89 / 82 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,1 und *Laod 4,10. ♦ οὐρανός, das 300 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,8; *1Kor 8,5; 15,47; 5,1. 2; 12,2; *Röm 1,18; *2Thess 1,7; *Laod 1,10; *Kol 1,5; *Phil 3,20. ♦ τουτ’ (Nom. / Akk. Neut. Sg.), das 17 Mal im NT steht, findet sich jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ κατάγω steht 12 Mal im NT und ist überhaupt nur für die kanonische Ebene bezeugt, insbesondere als Begriff der Apostelgeschichte. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἴπῃς; ἐν τῇ καρδίᾳ σου; τοῦτ’; κατάγω. (10,7) ἤ steht 384 / 343 Mal im NT, davon 31 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt als Verseröffnung: *Ev 11,12; im Vers: *Ev 6,9; 7,19; 11,11; 13,15; 14,12; 20,4; 16,17; 17,2; und *Gal 1,8; 2,2; *1Kor 7,11; *Kol 2,16, vgl. zu Gal 1,8. ♦ καταβαίνω steht 192 Rekonstruktion <?page no="1803"?> 91 / 82 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Form καταβήσεται steht 1 weiteres Mal, ebenfalls auf der kanonischen Ebene in 1Thess 4,16. ♦ ἄβυσσος findet sich 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,31, ansonsten steht der Begriff nur noch in der Apokalypse. ♦ Zu τουτ’ (Nom. / Akk. Neut. Sg.) vgl. zuvor zu Vers 6 und danach zu Vers 8. ♦ ἀνάγω steht 24 / 23 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt, insbesondere als Begriff der Apostelgeschichte. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: καταβήσεται; τοῦτ’; ἀνάγω. (10,8) Die Wendung ἀλλὰ τί λέγει steht 3 Mal im NT, jeweils als Verseröffnung auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 4,30. ♦ ἐγγύς steht 32 / 31 Mal im NT, vorkanonisch belegt für *Ev 21,31; *Laod 2,13. 17. ♦ Zu σου (Gen. Mask. / Neut. Sg. von σύ / σός) vgl. zuvor zu Vers 6 und danach Vers 9. ♦ Der Ausdruck τὸ ῥῆμα steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, in Lk 18,34, in einem Vers, der in *Ev fehlt, Röm 10,8; 1Petr 1,25. ♦ στόμα, das 80 / 78 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,15; *Röm 3,19; *Laod 6,19, vgl. weiter die Verse 9. 10. ♦ Die Wendung ἐν τῷ στόματί steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Röm 10,8. 9; 1Petr 2,22; 4 Mal Apk). ♦ Die kanonische Wendung ἐν τῇ καρδίᾳ σου, vgl. zuvor zu Vers 10,6. ♦ Zu τουτ’ (Nom. / Akk. Neut. Sg.) vgl. zu den voranstehenden Versen 7 und 8. ♦ ῥῆμα, das 72 / 68 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 12,4; 13,1, vgl. weiter die Verse 17. 18. ♦ Die Form κηρύσσομεν steht 4 Mal im NT (Röm 10,8; 1Kor 1,23; 15,11; 2Kor 4,5), vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,11; *2Kor 4,5. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀλλὰ τί λέγει; τὸ ῥῆμα; ἐν τῷ στόματί; ἐν τῇ καρδίᾳ σου. (10,9) Die Kombination ὅτι ἐάν steht 17 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Röm 10,9; 1Joh 3,20; im Vers: 2 Mal Mt; 3 Mal Mk; Lk 20,5; Joh 11,40; 2 Mal Apg; 2Kor 5,1; 13,2; Gal 5,2; 2Thess 2,3; 3 Mal 1Joh), ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ὁμολογέω steht 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,8. ♦ Zur kanonischen Wendung ἐν τῷ στόματί, vgl. der voranstehende Vers 10,8. ♦ Die Wendung κύριον Ἰησοῦν steht 8 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (3 Mal Apg; Röm 10,9; 13,14; 2Kor 4,14; Phil 3,20; Phlm 1,5). ♦ Zur kanonischen Wendung ἐν τῇ καρδίᾳ σου vgl. zuvor zu Vers 10,6. ♦ αὐτόν, das 841 Mal im Neuen Testament steht, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 1,1; *1Kor 2,16; 15,25l *2Thess 2,4; *Laod 1,20; *Kol 1,20, vgl. weiter Vers 12. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ὅτι ἐάν; ἐν τῷ στόματι; κύριον Ἰησοῦν; ἐν τῇ καρδίᾳ σου. 4 (Röm) 193 <?page no="1804"?> (10,10) Die Form καρδίᾳ steht 35 Mal im NT, davon nur hier als Verseröffnung und nur auf der kanonischen Ebene (8 Mal Mt; Mk 11,23; Lk 1,66; 2,19. 51, allesamt Verse, die in *Ev fehlen; 8,15; 12,45; 24,25. 38, wiederum in zwei Versen, die in *Ev fehlen; Joh 12,40; 2 Mal Apg; Röm 9,2; 10,6. 8. 9; 1Kor 7,37; 2Kor 5,12; 8,16; 9,7; Eph 5,19; Phil 1,7; 1Thess 2,17; Hebr 3,10; Jak 3,14; Apk 18,7). ♦ Die Wendung εἰς δικαιοσύνην steht 9 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 10,4. ♦ Zu στόμα vgl. zuvor zu den Versen 8. 9. ♦ ὁμολογέω steht 26 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 12,8. ♦ Zu σωτηρία vgl. zuvor Vers 1. ♦ Die Wendung εἰς σωτηρίαν steht 12 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Röm 1,16. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegtes Element ist: καρδίᾳ. (10,11) Die Wendung λέγει γὰρ ἡ γραφή steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanoni‐ schen Ebene, vgl. zu Röm 9,17. ♦ γραφή steht 54 / 51 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ Der gesamte Ausdruck ὁ πιστεύων ἐπ’ αὐτῷ οὐ καταισχυνθήσεται steht als Duplikat auf der kanonischen Ebene erneut in Röm 9,33. ♦ Die Kombination ἐπ’ αὐτῷ steht 13 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Röm 9,33. ♦ καταισχύνω, das 14 / 13 Mal im NT steht und vorkanonisch bezeugt ist für *Ev 13,17; *1Kor 1,27. ♦ Wie angegeben, stellt der Vers i.W. ein Zitat aus Jes 28,16 LXX dar. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: λέγει γὰρ ἡ γραφή; ὁ πιστεύων ἐπ’ αὐτῷ οὐ καταισχυνθήσεται; ἐπ’ αὐτῷ. (10,12) Die Kombination οὐ γάρ ἐστιν steht 12 Mal im NT, davon 8 Mal als Verser‐ öffnung, als Verseröffnung vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,33; vgl. zu Röm 2,11. ♦ διαστολή, das nur 3 Mal im NT begegnet, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 3,22. ♦ Die Wendung οὐ γάρ ἐστιν διαστολή begegnet noch 1 weiteres Mal auf der kanonischen Ebene in eben diesem Vers Röm 3,22. ♦ Ἰουδαῖος, das 250 / 195 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 4,24; *1Kor 9,20; 15,20; *Röm 1,16; 2,29; *1Thess 2,14. ♦ Die Kombination τε καί steht 51 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 1,30. ♦ Ἕλλην, das 29 / 25 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,3; *1Kor 1,22. ♦ αὐτός (Nom. Mask. Sg.), das 153 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Laod 2,14; *Kol 1,17. ♦ πάντων, das 132 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Röm 12,18; *Laod 3,8; 4,6; *Kol 1,17. ♦ πλουτέω, das 18 / 12 Mal im NT zu finden ist, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ πάντας, das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,28; *2Kor 5,10; *Laod 3,9. ♦ ἐπικαλέω, das 35 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt ist. ♦ Zu αὐτόν vgl. zuvor zu Vers 9. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὐ γάρ ἐστιν διαστολή; τε καί; πλουτέω; ἐπικαλέω. 194 Rekonstruktion <?page no="1805"?> (10,13) Die Kombination πᾶς γάρ steht 10 Mal im NT, davon 9 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mt 7,8; Mk 9,49; Lk 11,10; Joh 3,20; Röm 10,13; 4 Mal Hebr; im Vers: Mk 11,18), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ πῶς, das 109 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,35. ♦ ἄν, das 205 / 167 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 13,25; *1Kor 2,8. ♦ Lk 9,48, wo der Versteil in *Ev fehlt, vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,18; 12,8; 16,18, vgl. zu 1Kor 11,27. ♦ Zum kanonischen ἐπικαλέω vgl. zu Vers 12. ♦ Die Wendung ὄνομα κυρίου steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form σωθήσεται steht jedoch 13 Mal im NT, immer nur auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 3,15. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: πᾶς γάρ; ἐπικαλέω; ὄνομα κυρίου; σωθήσεται. Auch dieser lexikalische Vergleich der Verse 11-13 stützt die Abwesenheit dieser Verse von der vorkanonischen Fassung und deren Zugehörigkeit zur kanonischen Redaktionsstufe. 10,[14-21]: [Israel - ein ungehorsames Volk] Der nachfolgende Abschnitt ist unbezeugt und, der Lexik nach zu urteilen, auch von der vorkanonischen Version abwesend gewesen. - 14 Πῶς οὖν ἐπικαλέσωνται εἰς ὃν οὐκ ἐπίστευσαν; πῶς δὲ πιστεύσωσιν οὗ οὐκ ἤκουσαν; πῶς δὲ ἀκούσωσιν χωρὶς κηρύσσοντος; 15 πῶς δὲ κηρύξωσιν ἐὰν μὴ ἀποσταλῶσιν; καθὼς γέγραπται, Ὡς ὡραῖοι οἱ πόδες τῶν εὐαγγελιζομένων τὰ ἀγαθά. 16 Ἀλλ’ οὐ πάντες ὑπήκουσαν τῷ εὐαγγελίῳ· Ἠσαΐας γὰρ λέγει, Κύριε, τίς ἐπίστευσεν τῇ ἀκοῇ ἡμῶν; 17 ἄρα ἡ πίστις ἐξ ἀκοῆς, ἡ δὲ ἀκοὴ διὰ ῥήματος Χριστοῦ. 18 ἀλλὰ λέγω, μὴ οὐκ ἤκουσαν; μενοῦνγε, Εἰς πᾶσαν τὴν γῆν ἐξῆλθεν ὁ φθόγγος αὐτῶν, καὶ εἰς τὰ πέρατα τῆς οἰκουμένης τὰ ῥήματα αὐτῶν. 19 ἀλλὰ λέγω, μὴ Ἰσραὴλ οὐκ ἔγνω; πρῶτος Μωϋσῆς λέγει, Ἐγὼ παραζηλώσω ὑμᾶς ἐπ’ οὐκ ἔθνει, ἐπ’ ἔθνει ἀσυνέτῳ παροργιῶ ὑμᾶς. 20 Ἠσαΐας δὲ ἀποτολμᾷ καὶ λέγει, Εὑρέθην [ἐν] τοῖς ἐμὲ μὴ ζητοῦσιν, ἐμφανὴς ἐγενόμην τοῖς ἐμὲ μὴ ἐπερωτῶσιν. 21 πρὸς δὲ τὸν Ἰσραὴλ λέγει, Ολην τὴν ἡμέραν ἐξεπέτασα τὰς χεῖράς μου πρὸς λαὸν ἀπειθοῦντα καὶ ἀντιλέγοντα. 4 (Röm) 195 <?page no="1806"?> 192 R. Bultmann, Glossen im Römerbrief (1947), 199. Vgl. auch die Neupublikation R. Bultmann, Glossen im Römerbrief (1967). A. Die Verse sind vorkanonisch unbezeugt. 10,15: Vgl. Jes 52,7 LXX: ὡς ὥρα ἐπὶ τῶν ὀρέων, ὡς πόδες εὐαγγελιζομένου ἀκοὴν εἰρήνης, ὡς εὐαγγελιζόμενος ἀγαθά; Nah 2,1 LXX: Ἰδοὺ ἐπὶ τὰ ὄρη οἱ πόδες εὐαγγελιζομένου καὶ ἀπαγγέλλοντος εἰρήνην. ♦ 10,16: Vgl. Jes 53,1 LXX: κύριε, τίς ἐπίστευσεν τῇ ἀκοῇ ἡμῶν; vgl. Joh 12,38: ἵνα ὁ λόγος Ἠσαΐου τοῦ προφήτου πληρωθῇ ὃν εἶπεν, Κύριε, τίς ἐπίστευσεν τῇ ἀκοῇ ἡμῶν. ♦ 10,18: Ps 18,5 LXX: εἰς πᾶσαν τὴν γῆν ἐξῆλθεν ὁ φθόγγος αὐτῶν καὶ εἰς τὰ πέρατα τῆς οἰκουμένης τὰ ῥήματα αὐτῶν. ♦ 10,19: Dtn 32,24 LXX: αὐτοὶ παρεζήλωσάν με ἐπ᾽ οὐ θεῷ, παρώργισάν με ἐν τοῖς εἰδώλοις αὐτῶν· κἀγὼ παραζηλώσω αὐτοὺς ἐπ᾽ οὐκ ἔθνει, ἐπ᾽ ἔθνει ἀσυνέτῳ παροργιῶ αὐτούς. ♦ 10,20: Jes 65,1 LXX: Ἐμφανὴς ἐγενόμην τοῖς ἐμὲ μὴ ζητοῦσιν, εὑρέθην τοῖς ἐμὲ μὴ ἐπερωτῶσιν. ♦ 10,21: Jes 65,2 LXX: ἐξεπέτασα τὰς χεῖράς μου ὅλην τὴν ἡμέραν πρὸς λαὸν ἀπειθοῦντα καὶ ἀντιλέγοντα. B. Keine nennenswerten Varianten. C. 1. (10,14-21) Alle Editoren nehmen an, dass die Verse Röm 10,14-21 unbezeugt sind, Hilgenfeld, Zahn, Harnack und BeDuhn sind darüber hinaus der Meinung, sie seien auch nicht präsent gewesen wegen der Notiz Tertullians zu Vers *Röm 11,32, die weiter oben zu Vers 4 behandelt wurde. Nur Schmid meint, man könne die Lücke nicht präzise fassen. 2. (10,17) Dieser Vers wird von R. Bultmann als Glosse betrachtet. 192 D. (10,14) Die Kombination πῶς οὖν steht 7 Mal im NT, davon als Verseröffnung 3 Mal, vgl. zu Röm 4,10. ♦ Zum kanonischen ἐπικαλέω vgl. zu Vers 12. ♦ Die Kombination εἰς ὅν steht 12 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 1,10. ♦ Die Kombination πῶς δέ steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Form ἤκουσαν steht 19 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene (2 Mal Mt; Mk 11,18; Lk 1,58; 2,20, in Versen, die in *Ev fehlen; 10,24; 6 Mal Joh; 4 Mal Apg; Röm 10,14. 18; Apk 11,12). ♦ Die Form ἀκούσωσιν steht 8 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 13,15; 3 Mal Mk; Lk 8,13; Apg 28,27; Röm 10,14; 2Tim 4,17). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: πῶς οὖν; ἐπικαλέω; εἰς ὅν; πῶς δέ; ἤκουσαν; ἀκούσωσιν. (10,15) Zum kanonischen πῶς δέ vgl. zum voranstehenden Vers 10,14. ♦ κηρύσσω steht 63 / 61 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 9,2; *1Kor 1,23; 15,11; *2Kor 196 Rekonstruktion <?page no="1807"?> 4,5. ♦ ἀποστέλλω steht 142 / 132 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Formulierung καθὼς γέγραπται, die 25 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,31. ♦ ὡραῖος steht 5 / 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ πούς, das 97 / 93 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,25; *Laod 1,22. ♦ Der Ausdruck τὰ ἀγαθά steht 4 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Lk 12,18; 16,25; Joh 5,29; Röm 10,15). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: πῶς δέ; ὡραῖος; τὰ ἀγαθά. Außerdem bemerke man, dass das Schriftzitat bzw. die Schriftzitate den zweiten Teil des Verses ausmachen. (10,16) Die Kombination ἀλλ’ οὐκ steht 34 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. 1Kor 8,7. ♦ πάντες, das 172 Mal im NT steht, ist vorkanonisch jedoch bezeugt für *Ev 13,27; *Gal 3,26; *1Kor 10,3. 4; 15,22. 51; *2Thess 2,12; *Laod 2,3. ♦ ὑπακούω steht 24 / 21 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,25; *2Thess 1,8; *Laod 6,1. ♦ Die Wendung τῷ εὐαγγελίῳ steht 11 Mal im NT (Mk 1,15; Röm 1,9; 10,16; 1Kor 9,12. 18; 2Kor 8,18; 10,14; Phil 4,3; 1Thess 3,2; 2Thesss 1,8; 2Tim 1,8), vorkanonisch bezeugt in der nahe stehenden Passage in *2Thess 1,8 (τοῖς μὴ ὑπακούουσιν τῷ εὐαγγελίῳ). ♦ Zum kanonischen Ἠσαΐας vgl. zuvor zu Vers 9,27. ♦ Das Jesajazitat 53,1 steht 1 weiteres Mal in Joh 12,38. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀλλ’ οὐκ; Ἠσαΐας; das Jesajazitat 53,1. (10,17) ἄρα steht 52 / 49 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 11,20; *Gal 4,31; 6,10; *1Kor 15,14. ♦ ἀκοή, das 24 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt ist. ♦ Zu ῥῆμα vgl. zuvor den Vers 8 und danach Vers 18. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegtes Element ist: ἀκοή. (10,18) ἀλλὰ λέγω steht 3 Mal im NT (Mk 9,13; Röm 10,18. 19), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Die Kombination μὴ οὐκ steht 3 Mal im NT (Röm 10,18; 1Kor 9,4. 5), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ μενοῦν steht 6 Mal im NT, vorkanonische bezeugt für *Ev 11,28. ♦ πᾶσαν, das 53 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐξέρχομαι stejt 258 / 218 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ φθόγγος, das nur 2 Mal im NT steht, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 14,7. ♦ πέρας steht 4 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Zu αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.) vgl. zuvor zu Vers 1. ♦ οἰκουμένη steht 16 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt, insbesondere als Begriff der Apostelgeschichte. ♦ Zu ῥῆμα vgl. zuvor zu den Versen 8 und 17. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀλλὰ λέγω; μὴ οὐκ; πᾶσαν; πέρας; οἰκουμένη. 4 (Röm) 197 <?page no="1808"?> (10,19) Zum kanonischen ἀλλὰ λέγω vgl. zum voranstehenden Vers 18. ♦ Ἰσραήλ, das sich 74 / 68 Mal im NT findet, auch vorkanonisch gut belegt, jedoch ein wichtiger Begriff der kanonischen Redaktion ist. ♦ Die Kombination οὐκ ἔγνω steht 6 Mal im NT (2 Mal Joh; Röm 10,19; 1Kor 1,21; 2 Mal 1Joh), vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,21. ♦ πρῶτος (ohne πρώτον), das 90 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,45. 47. ♦ Μωϋσῆς, der 79 / 80 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 3,7. 13. ♦ παραζηλόω, das 4 Mal im NT steht, findet sich nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ ἀσύνετος, das 5 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ παροργίζω steht nur noch 1 weiteres Mal im NT, für die kanonische Ebene bezeugt in Eph 6,4. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀλλὰ λέγω; παραζηλόω; ἀσύνετος; παροργίζω. (10,20) Zum kanonischen Ἠσαΐας vgl. zuvor zu Vers 9,27. ♦ ἀποτολμάω ist Hapax legomenon im NT. ♦ ζητέω, das 130 / 117 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *Röm 10,3. ♦ εὑρίσκω steht 198 / 176 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Phil 2,7. ♦ Die Kombination τοῖς ἐμέ steht 3 Mal im NT (Röm 10,20; 1Kor 9,3), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐμφανής findet sich nur noch 1 weiteres Mal, auf der kanonischen Ebene in Apg 10,40. ♦ ἐπερωτάω steht 72 / 56 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Ἠσαΐας; ἐμφανής. (10,21) Die Kombination πρὸς δέ steht noch 1 weiteres Mal, ebenfalls als Verseröffnung und auf der kanonischen Ebene, Hebr 1,8. ♦ Ἰσραήλ steht 74 / 68 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 3,7. 13; *Röm 10,1; *Laod 2,12. ♦ ὅλος, das 123 / 110 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 10,27; *Gal 5,3. 9. ♦ ἐκπετάννυμι ist Hapax legomenon im NT. ♦ λαός, das 151 / 142 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,7; 14,21. ♦ ἀπειθέω, das sich 22 / 14 Mal im NT findet, steht ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἀντιλέγω steht 14 / 11 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: πρὸς δέ; ἀπειθέω; ἀντιλέγω. Der Vergleich der Lexeme in dieser Passage mit den ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugten Elementen bzw. solchen, die in der kanonischen Redaktion sehr beliebt sind, und die vielen jüdischen Schriftzitate, die Tertullian kaum übergangen hätte, stützen den Schluss, dass die gesamte vorliegende Passage auf die kanonische Redaktion zurückgeht und vorkanonisch gefehlt hat. 198 Rekonstruktion <?page no="1809"?> 193 Vgl. hierzu die Deutung in A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 125-130. Allerdings scheint mir seine Interpretation von „tanta“, der er „omnia“ entgegensetzt nicht überzeugend, da im zitierten Tertulliantext das „tanta“ dem „ista“ entgegensteht, d. h. die gegenüber einem etwaigen „omnia“ ausgesparten bzw. als vorhandenen Texte anzunehmenden, könnten schlicht die Worte der Doxologie *Röm 11,33-35 sein, die auf Jes 40,13-14 LXX zurückgehen, wie auch Goldmann notiert, ibid. 143 Kapitel 11 11,[1-10]: [Das nicht verstoßene Volk und der erwählte Rest] Diese Passage ist wie das gesamte Kapitel 11 bis auf drei Verse am Schluss (Verse 33-35) für die vorkanonische Version unbezeugt und wird, der Lexik zufolge, darin auch gefehlt haben. - 11,1 Λέγω οὖν, μὴ ἀπώσατο ὁ θεὸς τὸν λαὸν αὐτοῦ; μὴ γένοιτο· καὶ γὰρ ἐγὼ Ἰσραηλίτης εἰμί, ἐκ σπέρματος Ἀβραάμ, φυλῆς Βενιαμίν. 2 οὐκ ἀπώσατο ὁ θεὸς τὸν λαὸν αὐτοῦ ὃν προέγνω. ἢ οὐκ οἴδατε ἐν Ἠλίᾳ τί λέγει ἡ γραφή; ὡς ἐντυγχάνει τῷ θεῷ κατὰ τοῦ Ἰσραήλ, 3 Κύριε, τοὺς προφήτας σου ἀπέκτειναν, τὰ θυσιαστήριά σου κατέσκαψαν, κἀγὼ ὑπελείφθην μόνος, καὶ ζητοῦσιν τὴν ψυχήν μου. 4 ἀλλὰ τί λέγει αὐτῷ ὁ χρηματισμός; Κατέλιπον ἐμαυτῷ ἑπτακισχιλίους ἄνδρας, οἵτινες οὐκ ἔκαμψαν γόνυ τῇ Βάαλ. 5 οὕτως οὖν καὶ ἐν τῷ νῦν καιρῷ λεῖμμα κατ’ ἐκλογὴν χάριτος γέγονεν· 6 εἰ δὲ χάριτι, οὐκέτι ἐξ ἔργων, ἐπεὶ ἡ χάρις οὐκέτι γίνεται χάρις. 7 τί οὖν; ὃ ἐπιζητεῖ Ἰσραήλ, τοῦτο οὐκ ἐπέτυχεν, ἡ δὲ ἐκλογὴ ἐπέτυχεν· οἱ δὲ λοιποὶ ἐπωρώθησαν, 8 καθὼς γέγραπται, Ἔδωκεν αὐτοῖς ὁ θεὸς πνεῦμα κατανύξεως, ὀφθαλμοὺς τοῦ μὴ βλέπειν καὶ ὦτα τοῦ μὴ ἀκούειν, ἕως τῆς σήμερον ἡμέρας. 9 καὶ Δαυὶδ λέγει, Γενηθήτω ἡ τράπεζα αὐτῶν εἰς παγίδα καὶ εἰς θήραν καὶ εἰς σκάνδαλον καὶ εἰς ἀνταπόδομα αὐτοῖς, 10 σκοτισθήτωσαν οἱ ὀφθαλμοὶ αὐτῶν τοῦ μὴ βλέπειν, καὶ τὸν νῶτον αὐτῶν διὰ παντὸς σύγκαμψον. A. Die Verse sind vorkanonisch unbezeugt. Vgl. Tert., Adv. Marc. V 14,10: Qui tanta de scripturis ademisti, quid ista servasti, quasi non et haec creatoris? 193 ♦ 11,2: 1Sam 12,22 LXX: ὅτι οὐκ ἀπώσεται κύριος τὸν λαὸν αὐτοῦ διὰ τὸ ὄνομα 4 (Röm) 199 <?page no="1810"?> αὐτοῦ τὸ μέγα, ὅτι ἐπιεικέως κύριος προσελάβετο ὑμᾶς αὑτῷ εἰς λαόν; Ps 93,14 LXX: ὅτι οὐκ ἀπώσεται κύριος τὸν λαὸν αὐτοῦ καὶ τὴν κληρονομίαν αὐτοῦ οὐκ ἐγκαταλείψει. ♦ 11,3: 1Kge 19,10. 14 LXX: 10 καὶ εἶπεν Ηλιου Ζηλῶν ἐζήλωκα τῷ κυρίῳ παντοκράτορι, ὅτι ἐγκατέλιπόν σε οἱ υἱοὶ Ισραηλ· τὰ θυσιαστήριά σου κατέσκαψαν καὶ τοὺς προφήτας σου ἀπέκτειναν ἐν ῥομφαίᾳ, καὶ ὑπολέλειμμαι ἐγὼ μονώτατος, καὶ ζητοῦσι τὴν ψυχήν μου λαβεῖν αὐτήν. 14 καὶ εἶπεν Ηλιου Ζηλῶν ἐζήλωκα τῷ κυρίῳ παντοκράτορι, ὅτι ἐγκατέλιπον τὴν διαθήκην σου οἱ υἱοὶ Ισραηλ· τὰ θυσιαστήριά σου καθεῖλαν καὶ τοὺς προφήτας σου ἀπέκτειναν ἐν ῥομφαίᾳ, καὶ ὑπολέλειμμαι ἐγὼ μονώτατος, καὶ ζητοῦσι τὴν ψυχήν μου λαβεῖν αὐτήν. ♦ 11,4: 1Kge 19,18 LXX: καὶ καταλείψεις ἐν Ισραηλ ἑπτὰ χιλιάδας ἀνδρῶν, πάντα γόνατα, ἃ οὐκ ὤκλασαν γόνυ τῷ Βααλ, καὶ πᾶν στόμα, ὃ οὐ προσεκύνησεν αὐτῷ. ♦ 11,8: Vgl. Dtn 29,3 LXX: καὶ οὐκ ἔδωκεν κύριος ὁ θεὸς ὑμῖν καρδίαν εἰδέναι καὶ ὀφθαλμοὺς βλέπειν καὶ ὦτα ἀκούειν ἕως τῆς ἡμέρας ταύτης; Jes 29,10 LXX: ὅτι πεπότικεν ὑμᾶς κύριος πνεύματι κατανύξεως καὶ καμμύσει τοὺς ὀφθαλμοὺς αὐτῶν καὶ τῶν προφητῶν αὐτῶν καὶ τῶν ἀρχόντων αὐτῶν, οἱ ὁρῶντες τὰ κρυπτά; Jes 6,9-10 LXX: 9 καὶ εἶπεν Πορεύθητι καὶ εἰπὸν τῷ λαῷ τούτῳ Ἀκοῇ ἀκούσετε καὶ οὐ μὴ συνῆτε καὶ βλέποντες βλέψετε καὶ οὐ μὴ ἴδητε· 10 ἐπαχύνθη γὰρ ἡ καρδία τοῦ λαοῦ τούτου, καὶ τοῖς ὠσὶν αὐτῶν βαρέως ἤκουσαν καὶ τοὺς ὀφθαλμοὺς αὐτῶν ἐκάμμυσαν, μήποτε ἴδωσιν τοῖς ὀφθαλμοῖς καὶ τοῖς ὠσὶν ἀκούσωσιν καὶ τῇ καρδίᾳ συνῶσιν καὶ ἐπιστρέψωσιν καὶ ἰάσομαι αὐτούς. ♦ 11,9: Ps 68,23-24 LXX: 23 γενηθήτω ἡ τράπεζα αὐτῶν ἐνώπιον αὐτῶν εἰς παγίδα καὶ εἰς ἀνταπόδοσιν καὶ εἰς σκάνδαλον· 24 σκοτισθήτωσαν οἱ ὀφθαλμοὶ αὐτῶν τοῦ μὴ βλέπειν, καὶ τὸν νῶτον αὐτῶν διὰ παντὸς σύγκαμψον; Ps 34,8 LXX: ἐλθέτω αὐτοῖς παγίς, ἣν οὐ γινώσκουσιν, καὶ ἡ θήρα, ἣν ἔκρυψαν, συλλαβέτω αὐτούς, καὶ ἐν τῇ παγίδι πεσοῦνται ἐν αὐτῇ. B. (11,2) Am Ende des Verses add λέγων in 01*, 020, 104, 639, 1175, 1241, 2464, M, sy p , om in 01 2 , 02, 03, 04, 06, 010, 012, 025, 044, 6, 81, 365, 1505, 1506, 1739, 1881, latt, sy h , Eus. C. 1. (11,1-10) Was kurz zuvor zu der Einschätzung der Editoren zu den Versen Röm 10,11-21 gesagt wurde, trifft auch auf die vorliegenden Verse Röm 11,1-32 zu, d. h. auch wenn Schmid der Meinung ist, es sei „unklar, welchen Umfangs“ die Auslassung sei, von der Tertullian spricht, und Goldmann darauf verweist, Tertullian spreche von tanta de scripturis, nicht von omnia de scripturis, sind sich doch alle Editoren einig, dass es vor den Versen 11,33-35, auf die Tertullian 200 Rekonstruktion <?page no="1811"?> 194 Ibid. 126 195 A. Hilgenfeld, Das Apostolikon Marcion’s (1855), 456. 196 M. Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion (2018), 235. 197 A. Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspektiven aus dem paratextuellen Befund (2020), 145. 198 J.A. Fitzmyer, Romans. A new translation with introductions and commentary (1993), 65. 199 C. Weisse, Beiträge zur Kritik der Paulinischen Briefe an die Galater, Römer, Philipper und Kolosser (1867), 16. zu sprechen kommt, eine große Auslassung gegeben habe. 194 Hilgenfeld ist der Meinung, es sei „vergeblich … gegen eine große Textlücke, mindestens von X,11 an bis XI,32 anzukämpfen“. 195 2. (11,1) M. Klinghardt sieht diesen Vers möglicherweise als vorkanonisch anwesend. 196 3. (11,5-6) Nach A. Goldmann sind diese Verse vorkanonisch vorhanden, auch wenn hier ἔργα οhne νόμου steht, was eigentlich gegen den sonstigen vorkanonischen Gebrauch gehe. 197 4. (11,6) Dieser Vers wird als „sekundäre Glosse“ betrachtet von J.A. Fitz‐ myer. 198 5. (11,8-10) Diese Verse wurden als Interpolation betrachtet von P. Weisse. 199 D. (11,1) Die Kombination λέγω οὖν steht nur 1 weiteres Mal, ebenfalls als Verseröffnung und auf der kanonischen Ebene (Röm 11,1. 11). ♦ ἀπωθέω steht 6 Mal im NT und ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ λαός, das 151 / 142 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 10,7; 14,21, vgl. weiter Vers 2. ♦ Die Wendung καὶ γὰρ ἐγώ steht 4 Mal im NT, davon 2 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: Mt 8,9; Lk 7,8; im Vers: Röm 11,1; 2Kor 2,10), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ Ἰσραηλίτης, das sich 9 Mal im NT findet, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Verbform εἰμί, die 130 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,8, vgl. weiter Vers 13. ♦ Der Ausdruck ἐκ σπέρματος Ἀβραάμ steht nur hier, doch er erinnert an τοῦ Ἀβραὰμ σπέρμα, der weiter auf der kanonischen Ebene in steht 2Kor 11,22 und Gal 3,29. Ἀβραάμ, das 75 / 73 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 4,22; *Röm 4,2. ♦ σπέρμα, das 45 / 43 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 15,38. ♦ φυλή, das 32 / 31 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Phil 3,5 (hier in derselben Wendung wie an der vorliegenden Stelle: φυλῆς Βενιαμίν). ♦ Βενιαμ(ε)ίν steht 4 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Phil 3,5. 4 (Röm) 201 <?page no="1812"?> Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: λέγω οὖν; ἀπωθέω; καὶ γὰρ ἐγώ; Ἰσραηλίτης; ἐκ σπέρματος Ἀβραάμ. (11,2) Zum kanonischen ἀπωθέω vgl. zu Vers 1. ♦ λαός, vgl. ebenfalls Vers 1. ♦ προγιγνώσκω, das 7 / 5 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanoni‐ schen Ebene. ♦ οἶδα, das 339 / 318 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,16; 6,15. 16; 8,4; *Röm 2,2; 7,7; *1Thess 4,4; *2Thess 1,8. ♦ Ἠλίας findet sich 33 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev, bei Paulus jedoch nur an der vorliegenden Stelle auf kanonischer Ebene. ♦ ἡ γραφή als Begriff der kanonischen Redaktion, vgl. zu Gal. 4,30. ♦ ἐντυγχάνω, das sich 5 Mal im NT findet, ist ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Ἰσραήλ steht 74 / 68 Mal im NT und ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 3,7. 13; *Röm 10,1; *Laod 2,12. ♦ Die Verbform λέγων, die 194 Mal im NT steht, findet sich nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Wendung κατὰ τοῦ Ἰσραήλ steht nur hier. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀπωθέω; ἡ γραφή; ἐντυγχάνω; λέγων. (11,3) Die Form κύριε, die 119 Mal im NT steht, findet sich als Versanfang nur hier. ♦ προφήτης, das 157 / 144 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 12,28; 14,32; *1Thess 2,15. ♦ Die Form τοὺς προφήτας steht 11 Mal im NT, in Lk 13,34, einem Vers, der in *Ev fehlt, jedoch vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,30. 31; 23,2. ♦ σου (Gen. Mask. / Neut. Sg. von σύ / σός), das 361 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 5,14; *1Kor 15,55; *Röm 2,25, vgl. weiter Vers 21. ♦ ἀποκτείνω, das sich 87 / 74 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Thess 2,15; *Laod 2,16. ♦ θυσιαστήριον findet sich 23 Mal im NT und steht nur auf der kanonischen Ebene. ♦ κατασκάπτω steht nur noch 1 weiteres Mal im NT, auf kanonischer Ebene (Apg 15,16). ♦ ὑπολείπω ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Form μόνος steht 20 Mal im NT (2 Mal Mt; Mk 6,47; Lk 5,21; 9,36; 24,18; 5 Mal Joh; Röm 11,3; 16,4, in einem Vers, der in *Röm fehlt; 1Kor 9,6; 1Tim 6,15. 16; 2Tim 4,11; Hebr 9,7; 2Joh 1,1; Apk 15,4), vorkanonisch bezeugt für *Ev 5,21. ♦ ζητέω, das 130 / 117 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 1,22; *Röm 10,3. ♦ Die Form ζητοῦσιν steht 9 Mal im NT (Mt 6,32; 2 Mal Mk; Lk 12,30; Joh 7,25; Röm 11,3; 1Kor 1,22; Phil 2,21; Hebr 11,14, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,22. ♦ ψυχή, das 118 / 103 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 15,45; *1Thess 5,23. ♦ Die Wendung τὴν ψυχήν μου steht 5 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (3 Mal Joh; Apg 2,27; Röm 11,3). Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: θυσιαστήριον; κατασκάπτω; τὴν ψυχήν μου. 202 Rekonstruktion <?page no="1813"?> (11,4) Die Wendung ἀλλὰ τί λέγει steht 3 Mal im NT, jeweils als Verseröffnung auf der kanonischen Ebene, vgl. zu Gal 4,30. ♦ χρηματισμός ist Hapax legomenon im NT. ♦ καταλείπω findet sich 28 / 24 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Laod 5,31. ♦ ἑπτακισχίλιοι ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἀνήρ, das 227 / 216 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 7,10. 11; 11,3. 7. 8; *Laod 5,22. 23. ♦ ὅστις, das 165 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev 8,3; *Gal 2,4; 4,24. 26; 5,19; *2Thess 1,9; *Phil 3,7. ♦ Die Form οἵτινες steht 60 Mal im NT, davon 15 Mal als Verseröffnung (Verseröffnung: 5 Mal Apg; Röm 1,25. 32; 2,15; 9,4; 16,4; Eph 4,19; 2Thess 1,9; 2Tim 2,18; Hebr 8,5; Jak 4,14; im Vers: 5 Mal Mt; 4 Mal Mk; Lk 1,20, in einem Vers, der in *Ev fehlt; 8,15, wenn auch unbezeugt; 9,30, in einem Versteil, der in *Ev fehlt; 15,7, in einem Versteil, der in *Ev fehlt; 13 Mal Apg; Röm 6,2; 11,4; 16,7; 1Kor 3,17; 2Kor 8,10; Gal 2,4; 5,4; Kol 4,11; 2Tim 2,2; Tit 1,11; Hebr 13,7; 2Petr 2,1; 5 Mal Apk), vorkanonisch bezeugt für *Gal 2,4; *2Thess 1,9. ♦ κάμπτω steht 4 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ γόνυ steht 12 Mal im NT, vorkanonisch belegt für *Ev 22,41. ♦ Βάαλ ist Hapax legomenon im NT. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἀλλὰ τί λέγει; κάμπτω. Man bemerke die nur vorkanonische Bezeugung für *Laod von καταλείπω, was erneut auf die Nähe dieses *Deuteropaulinums zur kanonischen Lexik hindeutet. (11,5) Die Kombination οὕτως οὖν steht 3 Mal im NT, jeweils als Verseröffnung und jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 6,9; Lk 14,33; Röm 11,5). ♦ νῦν, das 157 / 148 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 2,20. ♦ λεῖμμα ist Hapax legomenon im NT. ♦ Die Kombination ἐν τῷ νῦν steht 5 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 2Kor 8,14. ♦ Die Wendung ἐν τῷ νῦν καιρῷ steht 3 Mal im NT, je auf der kanonischen Ebene, vgl. ebenfalls zu 2Kor 8,14. ♦ λεῖμμα ist Hapax legomenon im NT. ♦ ἐκλογή steht 7 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: οὕτως οὖν; ἐν τῷ νῦν καιρῷ; ἐν τῷ νῦν; ἐκλογή. (11,6) Zum kanonischen εἰ δέ vgl. zuvor zu Vers 3,5 und Gal 5,18. ♦ οὐκέτι steht 51 / 47 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ ἐπεί steht 29 / 26 Mal im NT, ausschließlich auf der kanonischen Ebene. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: εἰ δέ; οὐκέτι; ἐπεί. (11,7) Die Wendung (im Akkusativ) τί οὖν steht 23 Mal im NT, davon 12 Mal als Verseröffnung, vorkanonisch bezeugt für *1Kor 10,19 (Verseröffnung); *Röm 7,7 4 (Röm) 203 <?page no="1814"?> (Verseröffnung), vgl. Röm 3,9; 6,15. ♦ ἐπιζητέω steht 17 Mal im NT, nur für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Ἰσραήλ steht 74 / 68 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 3,7. 13; *Röm 10,1; *Laod 2,12. ♦ Die Kombination τοῦτο οὐκ steht 7 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene, vgl. zu 1Kor 12,15. ♦ ἐπιτυγχάνω findet sich 5 Mal im NT, ausschließlich für die kanonische Ebene bezeugt. ♦ Die Kombination οἱ δὲ λοιποί steht 3 Mal im NT, jeweils auf der kanonischen Ebene (Mt 22,6; 27,49; Röm 11,7). ♦ πωρόω, das 6 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,14. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: ἐπιζητέω; τοῦτο οὐκ; ἐπιτυγχάνω; οἱ δὲ λοιποί. (11,8) Die Formulierung καθὼς γέγραπται, die 25 Mal im NT steht, davon 10 Mal als Verseröffnung, ist nur in *1Kor 1,31 mit vorangestelltem ἵνα vorkanonisch bezeugt, vgl. dort. ♦ αὐτοῖς (Dat. Mask. / Neut. Pl.), das 543 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *Gal 3,12; *2Thess 2,11, vgl. weiter die Verse 9. 17. 27. ♦ κατάνυξις ist Hapax legomenon im NT. ♦ βλέπω, das sich 135 / 133 Mal im NT findet, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *2Kor 4,18, vgl. weiter Vers 10. ♦ Die Kombination und Form μὴ βλέπειν begegnet gleich wieder in Röm 11,10 auf kanonischer Ebene. ♦ ἕως steht 159 / 146 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 16,16; *2Kor 12,2. ♦ Die Wendung τῆς σήμερον ἡμέρας steht 3 Mal im NT (Mt 28,15; Röm 11,8; 2Kor 3,14), vorkanonisch bezeugt für *2Kor 3,14. Ausschließlich auf der kanonischen Ebene belegte Elemente sind: Verseröffnung καθὼς γέγραπται; μὴ βλέπειν. (11,9) Δαυίδ steht 63 / 59 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev. ♦ Die Wendung Δαυὶδ λέγει steht 4 Mal im NT (Mk 12,37; Lk 20,42; Röm 4,6; 11,9), jeweils auf der kanonischen Ebene. ♦ τράπεζα, das 15 Mal im NT steht, findet sich ausschließlich auf der kanonischen Ebene. ♦ αὐτῶν (Gen. Fem. / Mask. / Neut. Pl.), das 502 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *Ev und *1Kor 3,19; 10,5. 7; *2Kor 3,15, vgl. weiter die Verse 10. 11. 12. 14. 15. 27. ♦ παγίς steht 5 Mal im NT, vorkanonisch bezeugt für *Ev 21,35. ♦ θήρα ist Hapax legomenon im NT. ♦ σκάνδαλος, das 16 / 15 Mal im NT steht, ist vorkanonisch bezeugt für *1Kor 1,23. ♦ ἀνταπ