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Die Prosa-Edda auf Papier

Neuschreiben und Rezeption in illuminierten Handschriften der Frühen Neuzeit

1013
2025
978-3-3811-3092-4
978-3-3811-3091-7
A. Francke Verlag 
Friederike Richter
10.24053/9783381130924

In diesem Band stehen Prozesse des Neuschreibens und der Rezeption der Prosa-Edda im 17. und 18. Jahrhundert in Island im Zentrum. Dafür werden erstmals vier besonders herausragende isländische Papierhandschriften umfassend analysiert. Die Schwerpunkte der Untersuchung gehen über den Wortlaut der Prosa-Edda hinaus und schließen markante Merkmale der Handschriften - Prologe, Illuminationen, Titelseiten und Schriftbild - mit ein. Dabei wird deutlich, dass Neuschreiben und Rezeption ineinandergreifen: Genauso wie in den mittelalterlichen Handschriften wird die Prosa-Edda in jeder frühneuzeitlichen Abschrift für das jeweilige Zielpublikum verändert und neu angepasst. Die Studie weist nach, dass die Handschriften keineswegs nur von Gebildeten, sondern in allen sozialen Schichten gelesen wurden. Gleichzeitig wird die Prosa-Edda in diesen Handschriften medial unter anderem in Rückgriff auf Traditionen des Buchdrucks als "Snorra-Edda" inszeniert und als isländisches Literaturerbe in Zusammenhang mit den Bestrebungen nach nationaler Unabhängigkeit gestellt. So wurde sie bereits damals in den isländischen Literaturkanon integriert, wo sie sich bis heute befindet.

Schweizerische Akademie der9783381130924/9783381130924.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-381-13091-7 In diesem Band stehen Prozesse des Neuschreibens und der Rezeption der Prosa-Edda im 17. und 18. Jahrhundert in Island im Zentrum. Dafür werden erstmals vier besonders herausragende isländische Papierhandschriften umfassend analysiert. Die Schwerpunkte der Untersuchung gehen über den Wortlaut der Prosa-Edda hinaus und schließen markante Merkmale der Handschriften - Prologe, Illuminationen, Titelseiten und Schriftbild - mit ein. Dabei wird deutlich, dass Neuschreiben und Rezeption ineinandergreifen: Genauso wie in den mittelalterlichen Handschriften wird die Prosa-Edda in jeder frühneuzeitlichen Abschrift für das jeweilige Zielpublikum verändert und neu angepasst. Die Studie weist nach, dass die Handschriften keineswegs nur von Gebildeten, sondern in allen sozialen Schichten gelesen wurden. Gleichzeitig wird die Prosa-Edda in diesen Handschriften medial unter anderem in Rückgriffauf Traditionen des Buchdrucks als „Snorra-Edda“ inszeniert und als isländisches Literaturerbe in Zusammenhang mit den Bestrebungen nach nationaler Unabhängigkeit gestellt. So wurde sie bereits damals in den isländischen Literaturkanon integriert, wo sie sich bis heute befindet. Friederike Richter hat an der Universität Zürich promoviert und forscht am Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin. Friederike Richter Die Prosa-Edda auf Papier 74 Die Prosa-Edda auf Papier Neuschreiben und Rezeption in illuminierten Handschriften der Frühen Neuzeit Friederike Richter <?page no="1"?> Die Prosa-Edda auf Papier <?page no="2"?> Beiträge zur Nordischen Philologie Herausgegeben von der Schweizerischen Gesellschaft für Skandinavische Studien Redaktion: Jürg Glauser (Basel/ Zürich), Klaus Müller-Wille (Zürich), Anna Katharina Richter (Zürich), Lena Rohrbach (Basel/ Zürich), Lukas Rösli (Berlin) Ausführliche Angaben zu den Mitgliedern der Redaktion sowie zu deren Aufgaben und Funktionen und zur Manuskriptbegutachtung finden sich auf der Homepage der Schweizerischen Gesellschaft für Skandinavische Studien (http: / / www.sagw.ch/ sgss). Band 74 · 2025 <?page no="3"?> Friederike Richter Die Prosa-Edda auf Papier Neuschreiben und Rezeption in illuminierten Handschriften der Frühen Neuzeit <?page no="4"?> Umschlagabbildung: Titelseitenabbildung: Illumination von Bragi in AM 738 4to (f. 41r). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. Dr. Friederike Richter Humboldt-Universität zu Berlin Sprach- und literaturwissenschaftliche Fakultät Nordeuropa-Institut Unter den Linden 6 10099 Berlin https: / / orcid.org/ 0009-0007-8270-6267 Gedruckt mit Unterstützung der Schweizerischen Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften. DOI: https: / / www.doi.org/ 10.24053/ 9783381130924 © 2025 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 1661-2086 ISBN 978-3-381-13091-7 (Print) ISBN 978-3-381-13092-4 (ePDF) ISBN 978-3-381-13093-1 (ePub) <?page no="5"?> Danksagung Die vorliegende Studie ist eine leicht überarbeitete und gekürzte Fassung meiner Dissertation. An dieser Stelle möchte ich mich sehr herzlich bei meiner Doktormutter Lena Rohrbach (Universität Zürich, davor Humboldt-Universität zu Berlin) für die exzellente Betreuung bedanken. Sie hat mich bereits während meines Studiums gefördert, meiner Arbeit immer Vertrauen entgegengebracht, mich in allen Projektphasen zuverlässig unterstützt und war immer ansprechbar. Ihr stets konstruktives Feedback hat mich angespornt in die Tiefe zu gehen, scheinbar gesicherte Erkenntnisse zu hinterfragen und hie und da einen Schritt weiter zu denken. Mein herzlicher Dank gilt ebenso meiner Co-Doktormutter Margrét Eggertsdóttir (Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Reykjavík) für ihre jahrelange Unterstützung, die ich ebenfalls bereits während meines Studiums im Rahmen der Summer School in Scandinavian Manuscript Studies erfahren habe. Sie hat meinen Blick darauf gelenkt, welche Perlen es in Papierhandschriften zu entdecken gibt. Ich bin zutiefst dankbar, dass sie ihre Expertise mit mir bereitwillig geteilt hat sowie für ihren motivierenden Zuspruch im entscheidenden Moment. Klaus Müller- Wille danke ich für die freundliche Übernahme des Beisitzes während meiner mündlichen Prüfung. Allen dreien danke ich sehr herzlich für ihre großzügige Bereitschaft, diese umfangreiche Arbeit in Rekordzeit bis zum Prüfungstermin zu lesen. Das Projekt ist im Laufe der Jahre an verschiedenen Orten und Institutionen gewachsen und weiterentwickelt worden: Das Konzept habe ich im Sommersemester 2014 während eines Stipendiums am SFB 948 „ Helden - Heroisierung - Heroismen “ an der Albert- Ludwigs-Universität in Freiburg ausgearbeitet - für die freundliche Aufnahme und Unterstützung danke ich Ralf von den Hoff, Birgit Studt und Ulrike Zimmermann. Joachim Grage danke ich sehr herzlich für die kollegiale Gastfreundschaft, den Arbeitsplatz und die Lehraufträge von 2013 - 2014 am Skandinavischen Seminar in Freiburg. Danach folgte ein dreijähriger Gastaufenthalt an Den Arnamagnæanske Samling (Nordisk Forskningsinstitut/ Københavns Universitet) mit zeitgleicher Promotion an der Humboldt-Universität zu Berlin. Ich danke den Kopenhagener Kolleg: innen aufs herzlichste für meine Aufnahme, den fachlichen Austausch und die täglichen gemeinsamen Mittags- und Teepausen. Mein besonderer Dank gilt dabei Anne Mette Hansen und Ragnheiður Mósesdóttir für ihre herzliche Unterstützung, die mir die besten Arbeitsbedingungen und Zugang zu allen Materialien zu ermöglicht haben. Mein Dank gilt auch den Kolleg: innen vom Ordbog over det norrøne prosasprog sowie der Afdeling for Navneforskning für die temporären Arbeitsplätze und den freundlichen Austausch. Michael Lerche Nielsen hat mich mit großer Freundlichkeit und Interesse in das Ph. d.-Seminar aufgenommen - herzlichen Dank dafür! Ich denke gerne an diese Zeit zurück, an den gemeinsamen Workflow in der Promovierendenschreibgruppe am NFI und an die Gemeinschaft unter uns Promovierenden und PostDocs, die für einige Jahre sowohl fachlich als auch menschlich mein Zuhause war: Tak, danke & thank you: Katarzyna A. Kapitan, N. K ı v ı c ı m Yavuz, Lars-Jacob Harding Kællerød, Martin Sejer Danielsen, Philip Lavender, Sabine Heidi Walther, Seán Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 <?page no="6"?> D. Vrieland und Sheryl MacDonald Werronen - und Beeke Stegmann, auch für den intensiven fachlichen Austausch. Der nachfolgende Stellenantritt als wissenschaftliche: r Mitarbeiter: in am Nordeuropa- Institut an der Humboldt-Universität zu Berlin hat den Abschluss der Dissertation ermöglicht. Ich bin sehr dankbar für das ehemalige Studien- und jetztiges Arbeitsumfeld, in dem Kollegialität und der Mut zum Hinterfragen und Verlassen der Komfortzone täglich gepflegt werden. Ich wurde sehr warm willkommen geheißen und ich danke meinen Berliner Kolleg: innen aufs Herzlichste. Ein besonderer Dank gilt allen meinen Kolleg: innen an den genannten Institutionen für die informellen Gespräche zwischen Tür und Angel bzw. beim Kopenhagener fredagsøl oder der Berliner fika, die für Erheiterung und Motivation sorgten und auch neue Ideen anregten. Die Promotion habe ich an der Universität Zürich abgeschlossen, wo ich die Arbeit im Sommer 2022 eingereicht und erfolgreich verteidigt habe. An dieser Universität hatte ich bereites im frühen Stadium des Projekts Interesse und fachliche Unterstützung erfahren - sowohl von Jürg Glauser als auch von Lukas Rösli, der mich später auch in Berlin in den Jahren der Fertigstellung sehr unterstützt hat. Das Projekt wurde von verschiedenen weiteren Institutionen großzügig finanziell unterstützt: An dieser Stelle möchte ich mich sehr für das Elsa-Neumann-Stipendium des Landes Berlin, die Reiseförderungen durch das (ehemalige) Schleiermacher-Promotionsprogramm der Humboldt-Universität zu Berlin und die Sachkostenforderung der Stiftung Oskar Bandle der Universität Zürich bedanken. Ich habe mehrere Forschungsaufenthalte an den Handschriftensammlungen in Reykjavík und Kopenhagen verbracht. Den dortigen Mitarbeiter: innen danke ich sehr herzlich für ihre ausgesprochen freundliche und unkomplizierte Hilfe: Bragi Þorgrímur Ólafsson, Halldóra Kristinsdóttir und Rannver H. Hannesson an der Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn in Reykjavík; Anders Toftgaard und der ehemaligen Konservatorin Nina Dahlstrøm an Det Kongelige Bibliotek in Kopenhagen; Haukur Þórgeirsson, Gísli Sigurðsson, Guðvarður Már Gunnlaugsson, Vasar ė Rastonis und der ehemaligen Konservatorin Signe Hjerrild Smedemark an der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum in Reykjavík. Sie standen mir mit ihrem Fachwissen und bei der Untersuchung der Handschriften zur Seite, haben beim Sichtbarmachen der Wasserzeichen Hilfestellung geleistet, Digitalisierungen veranlasst, die betreffenden Handschriften für meine Forschung aus Ausstellungen in den Lesesaal gebracht und waren stets ansprechbar. Nur durch ihre Unterstützung war es möglich, die Handschriften in dieser Tiefe und Breite zu erforschen. Für die weitere Forschung am heimischen Schreibtisch war die Verfügbarkeit von Digitalisaten von zentraler Bedeutung. Mein besonderer Dank gilt den Fotograf: innen der Handschriftensammlungen - u. a. Helgi Braga, Jóhanna Ólafsdóttir und Suzanne Reitz - sowie den zahlreichen Institutionen und Personen, die mit Digitalisaten zum Gelingen dieses Buches beigetragen haben: Alciato at Glasgow an der University of Glasgow, Bayerische Staatsbibliothek (München), Den Arnamagnæanske Samling (Kopenhagen), Det Kongelige Bibliotek (Kopenhagen), Jósep H. Jósepsson, Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn (Reykjavík), Projekt Runeberg, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum (Reykjavík), Universitätsbibliothek J. C. Senckenberg (Frankfurt am Main) und Uppsala Universitetsbibliotek. Vielen Dank auch für die Erlaubnis, meine eigenen Bilder aus den Lesesälen für dieses Buch verwenden zu dürfen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6 Danksagung <?page no="7"?> Den Herausgeber: innen der Beiträge zur Nordischen Philologie danke ich sehr herzlich für die Aufnahme in die Reihe. Mein besonderer Dank gilt Anna Katharina Richter für ihre sorgfältige Durchsicht und Hilfestellung sowie Tillmann Bub für die verlagsseitige Betreuung. Ein weiterer Dank gilt den beiden anonymen Gutachter: innen, deren frischer Blick hilfreiche Hinweise für die Umsetzung der Dissertation als Buch gegeben hat. An dieser Stelle möchte ich der Schweizerischen Gesellschaft für Skandinavische Studien meinen größten Dank aussprechen, die dieses Buch als Jahresgabe ausgewählt und die Drucklegung äußerst großzügig finanziert hat. Zahlreiche Gespräche mit verschiedenen Personen haben die Arbeit an diesem Buch sehr bereichert: Mein besonderer Dank gilt an dieser Stelle Henrike Manuwald für ihr meiner Arbeit entgegengebrachte Interesse. Mit gemeinsamen fachlichen Diskussionen und ihrem scharfsinnigen Feedback, u. a. zum Textbegriff, hat sie die Arbeit über eine weite Strecke eng begleitet. Weiterhin danke ich für den fachlichen Austausch: Gerður Steinþórsdóttir, Katelin Marit Parsons und Patricia Ann Baer. Herzlichen Dank auch an Ragnheiður Maren Hafstað und Tabea Schindler für die Unterstützung vor Ort in Zürich. Ein ganz besonderer Dank geht an Ana Belén Piñera Álvarez für Austausch und kluge Gedanken (nicht nur) auf fachlicher Ebene. Philipp Bailleu und Sven Kraus danke ich herzlich für die Zusammenarbeit und den Austausch - auch über den Promotionsprozess hinaus - im Berliner Büro, auf Konferenzen und auf Reisen im Bordbistro. Für Korrekturen der Prüfungsfassung danke ich herzlich: Andrea Rau, Anna Henker, Daniel Ebner, Daniel Zimmermann, Dörte Linke, Hannah Kauther, Johannes Freund, Karen Gräfe, Katrin Scheerer, Niklas Hartmann, Ruth Scherer, Sandra Steinitz und Tomas Milosch. Für Feedback zu meinen Übersetzungen der lateinischen Passagen danke ich Sabine Heidi Walther und Simon Rebohm, für Feedback zu meinen Übersetzungen der isländischen Passagen Laufey Guðnadóttir und für Korrekturen des englischen Abstracts Justina Bartoli. Alle verbleibenden Fehler sind alleinig meine Verantwortung. Sixt Wetzler danke ich für Nachhilfe in Waffenkunde und Lotte Gilbert Jespersen für ihr Haus auf Samsø während einer Schreibklausur bei klirrenden Winterstürmen. Last but not least: Größten Dank an Caroline Arndt, Robert Hänsch und Luka für die immer offene Tür, die langjährige Freundschaft und mit Selbstverständlichkeit praktizierte chosen family. Die Arbeit an diesem Buch hat viel Spaß gemacht, es gab viel zu entdecken und zu lernen. Nun gebe ich das Buch aus meinen in Eure und Ihre Hände und wünsche viel Vergnügen beim Lesen. Berlin, Juli 2025 Friederike Richter Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 Danksagung 7 <?page no="9"?> Inhalt Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1.1 Fragestellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 1.2 Auswahl der Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 1.3 Aufbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 1.4 Hinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 2 Methodologische Überlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 2.1 Textbegriff und Neuschreiben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 2.2 Rezeption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 3 Kontext der Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 3.1 Kulturhistorische Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 3.1.1 Bildung und Buchkultur in Island . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 3.1.2 Antiquarianismus und Gelehrsamkeit in der Frühen Neuzeit . . . . . 40 3.2 Die Prosa-Edda durch die Jahrhunderte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 3.2.1 Mittelalterliche Fassungen und Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 3.2.2 Frühneuzeitliche Fassungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 4 Handschriftenportraits . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 4.1.1 Herstellung und Nutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 4.1.1.1 Hände und Datierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 4.1.1.2 Provenienz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 4.1.1.3 Weiterer Verbleib und Restaurierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77 4.1.2 Materielle Struktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 4.1.2.1 Lagen und Wasserzeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 4.1.2.2 Kodikologische Einheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 4.1.3 Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 4.2 NKS 1867 4to . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 4.2.1 Herstellung und Nutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 4.2.1.1 Hände und Datierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 4.2.1.2 Provenienz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 4.2.1.3 Weiterer Verbleib und Restaurierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 4.2.2 Materielle Struktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 4.2.2.1 Lagen und Wasserzeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 4.2.2.2 Kodikologische Einheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 4.2.3 Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 <?page no="10"?> 4.3 ÍB 299 4to . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 4.3.1 Herstellung und Nutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 4.3.1.1 Hände und Datierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 4.3.1.2 Provenienz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 4.3.1.3 Weiterer Verbleib und Restaurierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 4.3.2 Materielle Struktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 4.3.2.1 Lagen und Wasserzeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125 4.3.2.2 Kodikologische Einheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126 4.3.3 Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 4.4 SÁM 66 (Melsteðs-Edda) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 4.4.1 Herstellung und Nutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 4.4.1.1 Hände und Datierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 4.4.1.2 Provenienz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134 4.4.1.3 Weiterer Verbleib und Restaurierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 4.4.2 Materielle Struktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 4.4.2.1 Lagen und Wasserzeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 4.4.2.2 Kodikologische Einheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 4.4.3 Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 5 Neuschreiben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 5.1 Prologe und Rahmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152 5.1.1 Der Prologus der Prosa-Edda . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 5.1.2 Umverteilter Prolog in AM 738 4to . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 5.1.2.1 Die illuminierten Lagen mit den Prosa-Edda-Auszügen . . . . . . . 158 5.1.2.2 Prologus-Interpolationen im Annar Partur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161 5.1.3 Erweiterter Prolog in den drei jüngeren Handschriften . . . . . . . . . . . 164 5.1.3.1 Titelblatt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 5.1.3.2 Bildseiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 5.1.3.3 Vorworte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167 5.1.3.4 Prologus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176 5.1.3.5 Diverses ‚ zum Auffüllen ‘ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178 5.1.4 Gesamtkompilation und Rahmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 5.1.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 5.2 Titelseiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 5.2.1 Gedruckte Titelseiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 5.2.2 Die Titelseiten in den vier Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192 5.2.2.1 AM 738 4to . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 5.2.2.2 Die drei jüngeren Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196 5.2.3 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205 5.3.1 Buch- und Seitengestaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 5.3.1.1 Lesen in Gebrauchseinheiten und flache Hierarchien in AM 738 4to . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 5.3.1.2 Radiales Lesen und hierarchische Gliederung in den drei jüngeren Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 10 Inhalt <?page no="11"?> 5.3.2 Vielschriftigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219 5.3.2.1 Die drei Hauptschriftarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 5.3.2.2 Verwendung und Funktionalisierung in der Prosa-Edda . . . . . . 227 5.3.3 Runen- und Geheimschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229 5.3.3.1 Norwegisches Runengedicht und Binderunen in AM 738 4to . . . 231 5.3.3.2 Gelehrte Diskurse zur Runenschrift in den drei jüngeren Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232 5.3.3.3 Neuschreiben der Prosa-Edda mit Runen in den drei jüngeren Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 5.3.4 Historisierende Orthografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 5.3.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 5.4 Illuminationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 5.4.1 Mögliche Vorlagen und deren Fehlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 5.4.2 Distribution . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264 5.4.2.1 AM 738 4to . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265 5.4.2.2 Die drei jüngeren Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 5.4.3 Gestaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273 5.4.3.1 Motive und Einzeldarstellungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274 5.4.3.2 Bildnarrative . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 5.4.3.3 Innen- und Außenräume . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285 5.4.3.4 Anthropomorphe Figuren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290 5.4.4 Beischriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302 5.4.4.1 AM 738 4to . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303 5.4.4.2 Die drei jüngeren Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307 5.4.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 5.5 Fallstudien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310 5.5.1 Hárs lygi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310 5.5.1.1 Vom Pergament über Drucke zu den drei jüngeren Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311 5.5.1.2 Vier Bildseiten in zwei unterschiedlichen Fassungen . . . . . . . . 320 5.5.1.3 Verwebungen von visuellem und verbalem Text . . . . . . . . . . . . 325 5.5.2 Interpretatio Romana . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 5.5.2.1 Interpretatio Romana und die Prosa-Edda . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 5.5.2.2 Visuelle Formen der Interpretatio Romana . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332 5.5.3 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339 5.6 Neuschreiben: Zwischenresümee . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339 6 Rezeption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342 6.1.1 Konzepte der Gedächtnisforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343 6.1.1.1 Kulturelles und kommunikatives Gedächtnis . . . . . . . . . . . . . . . . . 343 6.1.1.2 Kanon und Archiv . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345 6.1.1.3 Kanonisierungsprozesse in vormoderner Handschriftenkultur 347 6.1.2 Schichten und Lücken des kulturellen Gedächtnisses . . . . . . . . . . . . . . 349 6.1.2.1 Geschichtete Gedächtnisformen seit dem Mittelalter . . . . . . . . . . 350 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 Inhalt 11 <?page no="12"?> 6.1.2.2 Vergessen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352 6.1.2.3 Kürzungen, Verschiebungen und Kompensation der Vielstimmigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 355 6.1.2.4 Kreatives Füllen von Leerstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 6.1.3 Einverleibung als ‚ Snorra-Edda ‘ in den Kanon . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360 6.1.3.1 Der Name Edda . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361 6.1.3.2 Die Edda als bók . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 362 6.1.3.3 Die ‚ Snorra-Edda ‘ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 366 6.1.4 Kanonisierung vs. Individualisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 6.1.4.1 AM 738 4to . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 374 6.1.4.2 Die drei jüngeren Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 376 6.1.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 378 6.2 Historisierung der Prosa-Edda . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381 6.2.1 Zeitalterkonzepte und die klassische Mythologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383 6.2.1.1 Auf Irrwegen: Die heidnische Vorzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 385 6.2.1.2 Vorchristliche Religionspraxis in AM 738 4to . . . . . . . . . . . . . . . . 386 6.2.1.3 Weit verbreitete Idolatrie in den drei jüngeren Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387 6.2.2 Zwei verschiedene isländische Goldene Zeitalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . 390 6.2.2.1 Heroisches Kriegerideal und Skaldik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 390 6.2.2.2 Gelehrsamkeit und Buchschriftlichkeit in den drei jüngeren Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 394 6.2.2.3 Antike oder Mittelalter? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 396 6.2.3 Das gegenwärtige ‚ dunkle ‘ Zeitalter und ein Lichtblick . . . . . . . . . . . 397 6.2.3.1 Brüche: Wann endete die Vergangenheit, wann begann die Gegenwart? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397 6.2.3.2 Kultureller Niedergang in der Gegenwart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 400 6.2.4 ‚ Renaissance ‘ der Prosa-Edda für die Zukunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403 6.2.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407 7 Schlussbetrachtung und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409 Abstract & Keywords . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414 Handschriftenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 424 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 426 Appendix . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 453 Register Textteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 588 Sach- und Werkregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 588 Namen- und Ortsregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 594 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 12 Inhalt <?page no="13"?> 1 Einleitung Die Anzahl der Papierhandschriften der Prosa-Edda, die im 17. - 19. Jh. in Island geschrieben und gelesen wurde, ist bemerkenswert groß. Dennoch haben sie in der Forschung bisher nur vereinzelt Beachtung gefunden. 1 Der Grund dafür war, dass sich vor allem zwei Perspektiven etabliert haben, die die frühneuzeitlichen Handschriften weitgehend unberührt ließen: Eine, die sich für die mittelalterlichen Fassungen der Prosa-Edda (und zuweilen in besonderem Maße für Snorri Sturluson) interessierte, und eine andere, die die spätere humanistisch-literarische und populärkulturelle Rezeption der Prosa-Edda vor allem außerhalb Islands in den Blick nahm. In diese Lücke tritt nun die vorliegende Studie, indem sie Neuschreiben und Rezeption in vier isländischen Prosa-Edda-Handschriften der Frühen Neuzeit analysiert. Dabei wird sowohl bisher kaum erforschtes Material präsentiert als auch ein neuer Untersuchungsansatz entwickelt. Dieser ermöglicht es, im Folgenden mit einem medial erweiterten Textbegriff zu operieren und so u. a. die Illuminationen zentral in die Analyse einzubeziehen. Damit folgt die vorliegende Studie dem aktuellen Trend, den Blick nicht nur auf Pergamenthandschriften zu richten, sondern sich auch für die späteren Papierhandschriften zu öffnen - und zwar nicht nur dann, wenn Pergamenthandschriften fehlen, sondern vorrangig aus Interesse an diesen Handschriften und ihrem nachmittelalterlichen Herstellungskontext. Diese Perspektive wurde zunächst durch die Prämissen der Material Philology angestoßen, ist aber vor allem durch die vereinfachte Zugänglichkeit der Handschriften in Form von digitalen Repositorien (wie handrit.is) und der Weitergabe von methodologischem Wissen im Rahmen der Summer School in Scandinavian Manuscript Studies weitgehend möglich geworden. Die frühneuzeitlichen Prosa-Edda-Handschriften verdienen aus mehreren Gründen Aufmerksamkeit, nicht nur weil sie ein besonderes Phänomen der europäischen Kultur dieser Zeit darstellen. Ohne sie wären mehrere Jahrhunderte des Lesens, Rezipierens und Neuschreibens aus dem Narrativ der Prosa-Edda ausgeblendet. Die Handschriften sind so vielfältig wie die Anzahl ihrer Exemplare, eine jede unterschiedlich kompiliert und ausgeführt, in Auftrag gegeben, gelesen und weitergegeben. Weiterhin verbinden sie erstmals verbale Darstellungen eddischer Mythologie mit umfangreichen, illustrierenden bildlichen Darstellungen. Die frühneuzeitliche Rezeption hat außerdem nachhaltig beeinflusst, was heute vielfach als gültig erscheint, so wurde z. B. das Konzept der ‚ Snorra-Edda ‘ in dieser Zeit verstetigt. Zugleich unterscheiden sich die frühneuzeitlichen Fassungen grundlegend von den mittelalterlichen. Die Handschriften sind bereits von der humanistischen Rezeption - wie gedruckten Editionen und antiquarischen Abhandlungen dieser Zeit - abhängig und rezipieren gelehrte Diskurse, die u. a. in Schweden und Dänemark geführt wurden. Darüber hinaus eignen sich die Handschriften alle auf ihre Weise die Prosa-Edda an und schreiben diese den Bedürfnissen der Auftraggeber: innen 1 U. a. Baer (2013), Faulkes (1977c, 1979c) sowie die Beiträge in Sverrir Tómasson (1996b). Die spärliche Forschungssituation beschrieb Clunies Ross (2019: 365 - 366). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 <?page no="14"?> entsprechend neu. Somit lassen sich die zwei Phänomene Neuschreiben und Rezeption der Prosa-Edda in diesen Handschriften nicht voneinander trennen: Sie sind beides zugleich. 2 1.1 Fragestellung Die Grundprämisse dieser Studie ist, dass die Handschriften als Artefakte sowohl des fortwährenden Neuschreibens der Prosa-Edda als auch der Mittelalter-Rezeption der Frühen Neuzeit gelesen werden können. An die Handschriften lässt sich deshalb eine Vielzahl von Fragen richten: Wer hat die Handschriften für wen angefertigt? Welche Abschnitte umfasst die Prosa-Edda? Was wurde jeweils in den Handschriften warum angepasst? Diese Fragen werden zunächst in den kodikologischen Betrachtungen für jede Handschrift einzeln beantwortet, bevor in den beiden Analysestufen zum Neuschreiben und zur Rezeption alle vier Handschriften gemeinsam betrachtet werden. Handschriftlich überlieferte Literatur ist immer wieder überarbeitet worden, was nachfolgend als ‚ Neuschreiben ‘ bezeichnet wird. 3 Es handelt sich dabei um einen kontinuierlichen Prozess der Anpassung und Aktualisierung an das Zielpublikum, die Zeit sowie den anvisierten Verwendungszweck. Dabei wird immer wieder eine ‚ andere ‘ Prosa- Edda (und nicht nur ein korrigierter Text) hervorgebracht. Neuschreiben umfasst u. a. die Arbeit am verbalen Text mit den „ Basisoperationen Hinzufügen, Weglassen, Ersetzen, Umstellen “ (Kammer 2014: 42). Doch die ausgewählten Handschriften sind in mehrfacher Hinsicht komplexe Artefakte und zeigen auf, dass die Neuschreibeprozesse weitaus mehr umfassten: Diese betreffen den vermehrten Einsatz paratextueller Elemente wie zusätzliche Vorworte und Illuminationen, aber auch die häufig in der Forschung vernachlässigten visuellen Merkmale wie den Einsatz von Seitengestaltung und Schriftarten. Es ist deshalb nicht ausreichend, nur den Wortlaut der Prosa-Edda zu betrachten, sondern vielmehr notwendig, die Komplexität der Handschriften methodologisch zu honorieren. Für diese Studie wurde ein erweitertes Textkonzept entwickelt, das all diese Merkmale einschließt. Es unterscheidet zwischen visuellem, verbalem und materiellem Text und ermöglicht so, deren Verstärkungen, Kontinuitäten und Brüche zu betrachten. Dabei verschwimmen häufig die Grenzen zwischen ‚ innen ‘ und ‚ außen ‘ , zwischen Text und Paratext. Aus diesem Grund - und weil die Lesenden sie in ihrer Lektüre zusammen wahrgenommen haben - werden sie in dieser Studie ebenfalls gemeinsam betrachtet. So können gerade diejenigen Aspekte analysiert werden, die nicht nur in ihrer jeweiligen, individuellen Ausformung eine Besonderheit darstellen, sondern auch die frühneuzeitliche (Meta-)Perspektive auf die Prosa-Edda zu ergründen vermögen. Weiterhin wird aus den Papierhandschriften deutlich, dass die Prosa-Edda im 17. und 18. Jh. nicht mehr als zeitgenössische Literatur aufgefasst, sondern dem zeitgenössischen Publikum als Literatur der Vergangenheit präsentiert wurde. In diesem Zusammenhang stellen sich folgende Fragen: Inwieweit können Handschriften als Artefakte der Prosa- Edda-Rezeption verstanden werden? In welchem übergeordneten Kontext wird die Prosa- Edda verortet? Welchen Platz wird der Prosa-Edda im kulturellen Gedächtnis zugewiesen? 2 Vgl. den Beitrag von Sverrir Tómasson (1996c), der im Titel seines Beitrages fragt: „ Nýsköpun eða endurtekning? “ 3 Der Begriff des Neuschreibens knüpft an McKenzie (1999) sowie Glauser (2013) an. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 14 1 Einleitung <?page no="15"?> Wie wird die Prosa-Edda in der isländischen Kulturgeschichte verortet und für die Gegenwart funktionalisiert? Eine wichtige Rolle spielten dabei der gelehrte Diskurs und die damit verbundenen antiquarischen Aktivitäten rund um die altnordische Literatur. Dazu gehören erste Druckausgaben und gelehrte Abhandlungen, auf denen die untersuchten Handschriften aufbauen konnten. Für die Analyse der Rezeption wurden zwei Schwerpunkte gewählt: Erstens, die Rolle, die der Prosa-Edda im kulturellen Gedächtnis zugeschrieben wurde und in Kanonisierungsprozessen sichtbar wird. Zweitens, wie die Prosa-Edda zur Repräsentantin eines Goldenen Zeitalters Islands erhoben wird, an das in der Zukunft kulturell - und auch politisch - wieder angeknüpft werden sollte. Das wird darin deutlich, wie die Handschriften die Prosa-Edda in ein historisches Narrativ einschreiben: Es unterteilt die Vergangenheit in verschiedene Epochen und konstruiert eine - wenn auch nicht so bezeichnete - mittelalterliche Epoche vorbildlicher Literaturproduktion, in der die skaldische Dichtung bzw. die Prosa-Edda verortet wird. Dieser Gedanke schließt an humanistisch-antiquarische Vorstellungen an und funktionalisiert diese für den isländischen Kontext. Die in dieser zweiten Stufe analysierten Aspekte hallen vielfach bis heute nach, so wird die Prosa-Edda bis heute als eines der zentralen Werke der mittelalterlichen Literatur Islands und Snorri Sturluson als eine der zentralen Gestalten der hochmittelalterlichen Geschichte und Kultur Islands angesehen. 1.2 Auswahl der Handschriften Für diese Studie wurden die vier populärsten illuminierten Prosa-Edda-Handschriften der Frühen Neuzeit ausgewählt. Sie übertreffen in ihrer medialen und inhaltlichen Komplexität alle anderen hergestellten Prosa-Edda-Handschriften bei weitem - auch die mittelalterlichen. Es handelt sich dabei um die ältesten in Island hergestellten Handschriften, die folgende grundlegende Gemeinsamkeiten in Bezug auf Kompilation und Illumination teilen. Die Auswahlkriterien werden nun genauer beschrieben: Die Handschriften umfassen komplexe Kompilationen, die neben der Prosa-Edda noch Edda-Lieder und anderes enthalten. Wenn auch weitere Inhalte - wie Edda-Lieder, Grammatische Traktate oder Genealogien - bereits in die mittelalterlichen Handschriften eingingen, wird deren Umfang von den vier ausgewählten Handschriften deutlich überstiegen. Dabei stehen die einzelnen Inhalte in unterschiedlichem Verhältnis zueinander und zur Prosa-Edda. So geben antiquarisch-gelehrte Abhandlungen Aufschluss darüber, in welchem übergeordneten Kontext die Prosa-Edda gedacht und gelesen wurde. Andere Inhalte geben Einblick in die weiteren Interessen des jeweiligen Zielpublikums und somit den angedachten Lesezweck. Es handelt sich um die ältesten Handschriften, die mit zahlreichen ganzseitigen illustrierenden Illuminationen zur Prosa-Edda ausgestattet wurden. Sie sind somit die ältesten Artefakte, welche die literarischen Narrative mit umfassenden visuellen Darstellungen der eddischen Gött: innen verbinden. 4 Einige nehmen mittelalterliche und antiquarische Motive auf und ermöglichen in ihren Veränderungen den zeitgenössischen 4 Die mittelalterliche Prosa-Edda-Handschrift Codex Upsaliensis (DG 11 4to) enthält Illuminationen, die allerdings nicht als Darstellungen der eddischen Mythologie gelten. Dazu gehört ein Motiv, das das Rahmennarrativ der Gylfaginning der Prosa-Edda illustriert (Kap. 5.5.1). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 1.2 Auswahl der Handschriften 15 <?page no="16"?> Blick auf die eddischen Figuren und Mythennarrative zusätzlich greifbar zu machen. Die enthaltenen Illuminationen werden zwar immer wieder gedruckt und gezeigt, doch deren systematische Erforschung zeigte sich bisher nicht ausreichend. 5 Die Handschriften sind innerhalb von 85 Jahren erstellt worden, die älteste um 1680 und die drei jüngeren in den 1760er Jahren. Sie ermöglichen tiefe Einblicke in die Neuschreibe- und Rezeptionsprozesse dieser Zeit, die sich nachfolgend als Umbruchphase herausstellt. Weiterhin sind die Handschriften in Island - und damit einem ähnlichen räumlichen und kulturellen Kontext - entstanden. Das heißt im Umkehrschluss, dass solche, die zeitgleich als gelehrte Abschriften z. B. in Kopenhagen entstanden, genauso aus dieser Studie ausgeklammert wurden wie spätere aus dem 19. Jh. Der Grund liegt in der Machbarkeit dieser qualitativ aufgestellten Studie begründet. Weiterhin ist davon auszugehen, dass gelehrte und jüngere Abschriften unter anderen Prämissen entstanden als die hier untersuchten. Die vier ausgewählten Handschriften werden nun kurz vorgestellt (Tab. 1). 6 AM 738 4to (Langa Edda) um 1680 mehrere Hände Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Reykjavík (Island) NKS 1867 4to 1760 Ólafur Brynjólfsson (Schrift) Jakob Sigurðsson (Illumination und Schrift) Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen (Dänemark) ÍB 299 4to 1764 Jakob Sigurðsson Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Reykjavík (Island) SÁM 66 (Melsteðs-Edda) 1765 ‒ 1766 Jakob Sigurðsson Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Reykjavík (Island) Tab. 1: Übersicht über die vier untersuchten Handschriften. AM 738 4to (Langa Edda) ist die älteste der vier Handschriften, sie wurde um 1680 von mehreren Händen geschrieben und zirkulierte danach nur ca. 20 Jahre. Sie wurde in dieser Zeit vermutlich ungebunden in Faszikeln genutzt. Sie enthält eine einzigartige Kompilation der Prosa-Edda, die vor allem den Annar Partur umfasst. Aus diesem wurden einige Kapitel mit Illuminationen gepaart vorgezogen, und an anderer Stelle Abschnitte 5 Die Ausnahme bilden die Untersuchungen von Baer (2009, 2013), die einen Teil der Illuminationen untersuchte. 6 Die Tabelle zeigt den Farbton, der im weiteren Verlauf zur besseren Übersichtlichkeit der jeweiligen Handschrift zugeordnet wird (z. B. in Tabellen): AM 738 4to (blauviolett), NKS 1867 4to (rostrot), ÍB 299 4to (dunkelbraun) und SÁM 66 (blassgrün). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 16 1 Einleitung <?page no="17"?> des Prologus in den Annar Partur eingefügt. Dieses Phänomen wird im weiteren Verlauf als ‚ umverteilter Prolog ‘ bezeichnet. Die anderen Inhalte der Handschrift umfassen v. a. eddische und skaldische Dichtung. Die Handschrift hat ein auffälliges hochrechteckiges Format, daher wird sie oft als Langa Edda bezeichnet. Sie unterscheidet sich trotz der weiter oben genannten Gemeinsamkeiten grundlegend in ihrem Zugang zur Prosa-Edda von den drei anderen untersuchten Handschriften und ermöglichst so einen umfangreicheren Einblick in das vielfältige Spektrum der frühneuzeitlichen Neuschreibe- und Rezeptionsprozesse. Dabei wird deutlich, dass die Prosa-Edda trotz anlaufender Kanonisierungsprozesse und einer ersten Druckausgabe als Handschrift weiterhin in sehr unterschiedlicher Form wertgeschätzt wurde. Die drei anderen Handschriften werden in dieser Studie als die ‚ drei jüngeren Handschriften ‘ bezeichnet. Sie wurden in den 1760er Jahren von Jakob Sigurðsson in den Ostfjorden geschrieben und illuminiert, wobei eine von ihnen - NKS 1867 4to - anteilig von Ólafur Brynjólfsson erstellt wurde. Sie teilen viele Gemeinsamkeiten in Kompilation, Grundkonzept und Ausführung, lassen aber dennoch Unterschiede erkennen, die sich - gerade aufgrund der gemeinsamen Hand - mit unterschiedlichen Zielgruppen in Verbindung bringen lassen. Eines der signifikantesten Merkmale der drei Handschriften betrifft die Zusammenstellung zahlreicher einleitender Inhalte zur Prosa-Edda, die im weiteren Verlauf als ‚ erweiterter Prolog ‘ bezeichnet werden. In diesen gehen auch die (meisten) Bildseiten ein, die Illustrationen zu den Dæmisögur der Prosa-Edda (NKS 1867 4to; SÁM 66) sowie Illustrationen von antiquarischen Artefakten (NKS 1867 4to; ÍB 299 4to) umfassen. NKS 1867 4to ist die älteste der drei Handschriften und wurde 1760 zunächst von Ólafur Brynjólfsson begonnen und anschließend von Jakob Sigurðsson beendet. Auch diese Handschrift zirkulierte nur wenige Jahre - ein mit Jakob befreundeter Pfarrer schenkte die Handschrift seinem Sohn, einem Buchdrucker, der sie bald in Kopenhagen an P. F. Suhm verkaufte. Diese Handschrift enthält die meisten gelehrten Abhandlungen zu altnordischer Literatur und Runenschrift. ÍB 299 4to (1764) ist die konziseste der drei jüngeren Handschriften, sie enthält nur wenige Edda-Lieder und gelehrte Abhandlungen, aber keine weiteren Themen darüber hinaus. Diese Handschrift war lange in Privatbesitz, jedoch ist nur ihr letzter Besitzer, Sigmundur Matthíasson Long, namentlich bekannt. Sigmundur war ein mittelloser, aber belesener Mann ohne Schulbildung, der in der zweiten Hälfte des 19. Jh. einen Buchhandel in Ostisland betrieb. SÁM 66 (Melsteðs-Edda, 1765 ‒ 1766) ist thematisch am vielfältigsten aufgestellt: Sie enthält die Prosa-Edda, Edda-Lieder und nur eine gelehrte Abhandlung, aber darüber hinaus ein kommentiertes Kalendarium und eine Einführung in Arithmetik. Die inhaltliche Kompilation, ihre insgesamt zugängliche Aufmachung und ihre Provenienz lassen darauf schließen, dass sie als Lehrbuch für den heimischen Schulunterricht ausgelegt war. Die Handschrift ging durch zahlreiche Hände verschiedener Familien in Ostisland und emigrierte schließlich Ende des 19. Jh. mit einer Familie nach Kanada. Sie war bis zum Jahr 2000 im Besitz dieser Familie mit dem Namen Melsted (daher die Bezeichnung Melsteðs- Edda). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 1.2 Auswahl der Handschriften 17 <?page no="18"?> 1.3 Aufbau In diese Studie führen drei Kapitel ein: Direkt im Anschluss an diese Einleitung folgen methodologische Überlegungen, die den für diese Studie entwickelten erweiterten Textbegriff vorstellen. Das anschließende Kapitel legt den zum Verständnis notwendigen Kontext der untersuchten Handschriften dar: Darin werden sowohl die relevanten Akteure und soziokulturellen Phänomene des 17. und 18. Jh. in Island und Skandinavien eingeführt als auch wichtige Stationen der Überlieferung der Prosa-Edda vorgestellt. Danach folgt die separate Beschreibung der vier Handschriften inkl. der an ihrer Herstellung beteiligten Hände sowie Provenienz. Ebenfalls finden sich hier die kodikologischen Analysen und ein Überblick über die jeweiligen Inhalte, die durch detaillierte Übersichten im Appendix ergänzt werden. Im Anschluss erfolgt die Analyse der Fragestellung entsprechend in zwei Stufen: In der ersten Stufe werden die unterschiedlichen Neuschreibe-Strategien der Prosa-Edda analysiert. Hierbei wird das offene Textkonzept fruchtbar gemacht, d. h. im Vordergrund der Analyse stehen primär jene Veränderungen, in denen sich die verschiedenen Textformen überlagern, aneinander reiben oder Brüche aufzeigen. Es geht hierbei weniger um Varianten auf Wortebene der (üblichen Abschnitte der) Prosa-Edda, sondern um eine Analyse in Verlängerung der Material Philology, die sich der Prosa-Edda auf der Ebene des Kodex nähert und eine Argumentationsgrundlage für die zweite Stufe liefert. Die ausgewählten Phänomene sind: Prologe und Rahmung, Titelseiten, Schriftbild und Illuminationen. Dazu gehören zwei Fallstudien, die zwar in Illuminationen der Handschriften ihren Ausgang finden, aber über diese deutlich hinauszeigen: Es betrifft zum einen die Bildseiten zum Motiv Hárs lygi sowie verschiedene Formen einer Interpretatio Romana. Auch zu diesem Abschnitt gibt es zusätzliche Materialien im Appendix, u. a. Transkriptionen und Übersetzung der Bildbeischriften sowie Transkriptionen der Prologe. In der zweiten Stufe wird analysiert, welche Phänomene der Rezeption der Prosa-Edda in diesen Handschriften erkennbar sind. Dazu wurden zwei Perspektiven ausgewählt: Zunächst wird das Verhältnis von der Prosa-Edda und dem kulturellen Gedächtnis diskutiert. Damit wird an die Arbeit von Aleida Assmann (2008a) angeknüpft, die die Dynamiken zwischen Kanon und Archiv als zwei Formen des kulturellen Gedächtnisses herausgearbeitet hat. Es folgt eine Diskussion vom augenscheinlichen Widerspruch der Kanonisierung der Prosa-Edda als abstraktes Werk sowie ihrer gleichzeitigen veränderlichen (Text-)Fassungen in den Handschriften. Anschließend werden die von den Handschriften konstruierten Zeitepochen aufgezeigt und wie darin die Prosa-Edda verortet und welche Funktion ihr für die zeitgenössische Gegenwart zugeordnet wird. Dabei wird deutlich, dass die Handschriften die Prosa-Edda bereits als Artefakt einer längst vergangenen, vorbildhaften Vorzeit (eines Goldenen Zeitalters) präsentieren, die sich sowohl von einer vorchristlichen Epoche als auch von der zeitgenössischen Gegenwart, für die ein kultureller Verfall postuliert wird, deutlich abgrenzt. Die Studie schließt mit einer Schlussbetrachtung und einem Ausblick ab. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 18 1 Einleitung <?page no="19"?> 1.4 Hinweise Nachfolgend werden die Entscheidungen zur Verwendung von Begriffen und Namen sowie zur Transkription dargelegt. Die Eddas Die Handschriften verwenden selbst den Titel Edda für die Prosa-Edda, den sie allerdings ebenfalls für die Sammlung eddischer Götter- und Heldenlieder verwenden. Da Abschnitte beider Eddas in allen vier Handschriften enthalten sind, ist es nötig, diese voneinander abzugrenzen. Sie werden im Folgenden als Prosa-Edda sowie Edda-Lieder bezeichnet. Dabei soll eingeräumt werden, dass der Titel Prosa-Edda Ungenauigkeiten mit sich bringt, weil diese nicht in reiner Prosaform vorliegt, sondern auch Dichtung und Wortlisten enthält. Der Grund für diese Entscheidung war vor allem ein pragmatischer, damit die vorliegende Studie über den Titel Prosa-Edda an andere Forschungsbeiträge mit ähnlichen Grundprämissen anschließen kann. 7 Es erschien sinnvoll, den durchaus häufiger in der Forschung verwendeten Titel ‚ Snorra-Edda ‘ zu umgehen: 8 So wird im Kapitel zum kulturellen Gedächtnis das Verhältnis von Snorri Sturluson und der Prosa-Edda thematisiert und soll nicht durch einen Titel vorweggegriffen werden (s. u., Kap. 6.1.2.3). Weiterhin ist eine mögliche Autorschaft bzw. Kompilationsarbeit Snorris für den Großteil der vorliegenden Analyse unerheblich, da die Neuschreibeprozesse des 17. und 18. Jh. im Vordergrund stehen. Ein solcher Titel würde eine der Pointen der Studie - die Vielzahl der in die Rezeptions- und Neuschreibeprozesse involvierten Personen und ihre Perspektiven ‒ untergraben. Weiterhin werden im Folgenden die Werkteile der Prosa-Edda nur dann mit den Namen Gylfaginning, Skáldskaparmál und Háttatal bezeichnet, wenn es um die mittelalterlichen Fassungen geht. Die frühneuzeitlichen Fassungen weichen so deutlich von diesen ab, dass diese mit ihren frühneuzeitlichen Überschriften bezeichnet werden: Dæmisögur (mythografische Narrative in Prosaform) und Annar Partur (alphabetische Listen über poetologische Umschreibungen - Heiti und Kenningar, z. T. unter Zitation skaldischer Beispielstrophen). Der sogenannte Prologus kommt in den mittelalterlichen und den frühneuzeitlichen Handschriften ‒ wenn auch in unterschiedlichen Fassungen - mit gleichem Grundkonzept vor und wird nachfolgend durchgängig so bezeichnet. Weiterhin wird der Begriff ‚ Edda-Lieder ‘ für die eddische Götter- und Heldendichtung verwendet. Der Begriff wird nicht als Eigenname kursiviert, weil die jeweilige Auswahl der Edda-Lieder unterschiedlich ist, sondern als Gattungsbezeichnung für einzelne Lieder eingesetzt. Die Edda-Lieder werden in den Inhaltsverzeichnissen mit ihren geläufigen Namen (zusammen mit den teilweise abweichenden Titeln in den Handschriften) gelistet. Im weiteren Verlauf werden diese der einfacheren Zuordenbarkeit halber - und weil die Edda-Lieder selbst nicht zentrales Thema der vorliegenden Studie sind - mit den in der Forschung üblichen Titeln bezeichnet. Die Angaben von Titeln und Strophen sind der Referenzedition von Neckel/ Kuhn (1983) entnommen. 7 Dazu zählen u. a. die Beiträge von Glauser (2009, 2013), Rösli (2013, 2015), Schneeberger (2020) und Wellendorf (2013, 2018). 8 Vgl. die Gedanken Röslis (2013: 55) zu der Produktivität der zuweilen üblichen „ Verfasserfixiertheit “ , die sich oftmals mehr für Snorri als für die Prosa-Edda interessiert. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 1.4 Hinweise 19 <?page no="20"?> Schreibweisen von Namen und Personenbezeichnungen Den üblichen Konventionen der skandinavistischen Mediävistik folgend werden Isländer: innen nach Vornamen gelistet und bei Wiederholung mit ihrem Vornamen referiert. Das gilt sowohl für vormoderne Personen als auch Verfasser: innen aktueller Forschungsbeiträge. Im Literaturverzeichnis sind diese Namen nach dem isländischen Alphabet einsortiert, d. h. Namen mit anlautendem Þ/ þ und Ö/ ö folgen nach den Einträgen mit Z/ z. Die Namen eddischer Figuren und Konzepte werden in den Handschriften sehr unterschiedlich geschrieben. Um zu verdeutlichen, dass die Diskurse zur Prosa-Edda darin eine Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Literatur darstellen, werden die Eigennamen in ihren üblichen altnordischen Schreibweisen verwendet (Þórr, Óðinn, Valh ǫ ll etc.), selbst wenn es etablierte deutsche Fassungen dieser Namen gibt. Diese Schreibweise soll nahelegen, dass hier auf ein abstraktes Konzept verwiesen wird, dass bewusst in einer Vorzeit situiert wird. Um das Spektrum von Geschlechtsidentitäten offenzuhalten, wird eine geschlechtsneutrale bzw. inklusive Form z. B. mit Genderdoppelpunkt gewählt, auch wenn dies aus heutiger Sicht in Bezug auf historische Personen ungewohnt erscheinen mag. Es besteht zwar die Gefahr, dass diese Sprachformen möglicherweise eine Gesellschaft suggerieren, in der z. B. alle Personen unabhängig von ihrer Geschlechtsidentität gleichen Zugang zur Bildung hatten (was in Bezug auf formalisierte Bildung nicht korrekt ist). 9 Dennoch sollen diese inklusiven Formen markieren, dass über die Identitäten oft keine sichere Aussage getroffen werden kann und die traditionelle Verwendung der maskulinen Form den Beitrag von Personen anderer Geschlechtsidentitäten von vornherein unsichtbar macht. Im Zusammenhang mit den hier analysierten Handschriften wird z. B. deutlich, dass (weibliche) Akteurinnen (z. B. als Besitzerinnen) eine Rolle spielten. Übersetzungen und Transkriptionen Alle Übersetzungen und Transkriptionen sind von mir vorgenommen worden, sofern nicht anders vermerkt. Viele der in dieser Studie zitierten Inhalte (u. a. die zusätzlichen Vorworte im erweiterten Prolog) sind in allen drei jüngeren Handschriften enthalten und unterscheiden sich im Wortlaut nur wenig voneinander. Als Grundlage für die Transkription wurde NKS 1867 4to als zweckmäßig ausgewählt, weil sie die älteste dieser drei Handschriften ist, aber auch weil sie die meisten der transkribierten Inhalte umfasst. Weiterhin werden relevante Varianten aus den anderen Handschriften als Fußnoten in die Transkriptionen hinzugefügt und in der Studie diskutiert. Die Transkriptionen sind (sofern nicht anders angegeben) nach diplomatischen Prinzipien erstellt worden, d. h. sie folgen der Orthografie der Handschriften. An dieser Stelle sind einige Entscheidungen die Transkriptionen betreffend aufgelistet: • Abkürzungen werden aufgelöst und durch Kursivdruck markiert. Eindeutige Suspensionen - wie „ D. s. “ für „ D(æmi)s(aga) “ - werden gelassen und nur, wenn relevant aufgelöst und durch runde Klammern markiert. Bei dem Auflösen der Abkürzungen wurde sich an der üblichen Schreibweise der Handschrift orientiert und deshalb z. B. Flexionsendungen oft als 〈 e 〉 oder 〈 er 〉 wiedergegeben. 9 Um das zu markieren, wird punktuell bewusst die maskuline Form verwendet. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 20 1 Einleitung <?page no="21"?> • Die unterschiedlichen Buchstabenformen wurden in die gängigen lateinischen Formen übertragen und vereinheitlicht. • Die Transkriptionen orientieren sich an der (soweit unterscheidbar) Groß- und Kleinschreibung der Handschriften. Das korrekte Identifizieren von Groß- und Kleinschreibung gestaltet sich zuweilen als schwierig, da einige Grafeme zu dieser Zeit oft nicht eindeutig eingesetzt wurden, das betrifft z. B. die Unterscheidung von 〈 s 〉 und 〈 S 〉 (vgl. Einar G. Pétursson 1998b: 407 - 408). 10 Zusätzlich erschwert oft der Einsatz von großen Minuskeln und kleinen Majuskeln die Zuordnung. • Diakritika werden entsprechend ihrer phonetischen Unterscheidungen zu Akut und Diärese (Umlautpunkte) vereinheitlicht. Diese stehen unabhängig von ihrer konkreten Ausformung (Punkte, Striche, Richtung des Akzents) für einbzw. zweiteilige Formen. Vor allem wurde die Diärese in frühneuzeitlicher Konvention dort verwendet, wo in normalisierten und modernen Texten heute ein Akut steht, aber ein Akut für den U-Umlaut, der heute durch o caudata bzw. Umlautpunkte markiert wird. Zuweilen nehmen die Diakritika andere Formen (Haken, Cedille etc.) an, sie wurden vereinheitlicht. Das Ogonek (caudata) in 〈ǫ〉 und 〈ę〉 wird in der Form beibehalten. • Folgende Vokalligaturen wurden beibehalten: 〈 æ 〉 , 〈œ〉 , 〈〉 , 〈ꜷ〉 . Die beiden Formen 〈 ij 〉 und 〈 ÿ 〉 sind oft nur schwer zu unterscheiden und werden alle zu 〈 ij 〉 vereinheitlicht. Ligaturen von Konsonanten wie 〈〉 werden mit Ausnahme von 〈 ß 〉 aufgelöst. • Zeilenumbrüche: Die Zeilen von längeren Transkriptionen sind im Appendix durchnummeriert. • Interpunktionen werden wie in den Handschriften gesetzt, jedoch als Kommata und Punkte vereinheitlicht, selbst wenn diese teilweise abweichende Formen haben (z. B. Tilden am Absatzende, virgula suspensiva etc.). • Transliterationen aus Runen- und Geheimschriften werden mit Fettdruck markiert. • Weiterhin markieren folgende Zeichen eine abweichende Position zur Zeile: ⸍…⸌ Wort steht am Rand, ⸌…⸍ Wort steht über der Linie. Typografische Darstellungen von Blattrelationen Folgende Angaben werden genutzt, um bestimmte Aspekte der materiellen Zusammensetzung der Handschrift darzustellen: • f. 41r/ v verweist auf die Vorder- und Rückseite eines Blattes. • f. 41~44 kennzeichnet ein (heute) zusammenhängendes Doppelblatt. 10 Hier wäre genauso gut eine Schreibweise denkbar gewesen, die nur Satzanfänge und Eigennamen großschreibt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 1.4 Hinweise 21 <?page no="22"?> 2 Methodologische Überlegungen In diesem Abschnitt werden die theoretischen und methodologischen Überlegungen dargelegt, die dieser Studie zugrunde liegen. Seine Gliederung nimmt die zweistufige Struktur der Fragestellung auf: Zuerst wird dargelegt, wie die Neuschreibeprozesse untersucht werden. Dafür wird ein erweitertes Textkonzept ausgearbeitet, welches die Untersuchung des Zusammenwirkens von verbalem, visuellem und materiellem Text ermöglicht und auf diese Weise eine dichotomische Betrachtung von Bild und Text umgeht. Im Anschluss wird auf die Rezeptionsprozesse und das damit zusammenhängende Wechselverhältnis von Text und Kontext eingegangen. Hierbei wird deutlich, wie eng beide ineinandergreifen und kaum voneinander zu lösen sind: Neuschreibe- und Rezeptionsprozesse finden gleichzeitig statt und überlagern sich in mehreren Schichten. Der Grund dafür ist, dass Texte innerhalb eines Kontextes entstehen und dabei gleichzeitig neue Kontexte konstituieren. Damit ist die vorliegende Studie von den Prämissen der Material Philology und Sociology of the Book sowie der Visual Culture Studies geprägt. Zum Abschluss wird zusammengefasst, wie diese methodologischen Überlegungen konkret umgesetzt werden. 2.1 Textbegriff und Neuschreiben Der nachfolgenden Analyse des Neuschreibens der Prosa-Edda liegt ein erweiterter Textbegriff zugrunde, der nicht nur den verbalen Text, sondern auch weitere Ebenen ‒ visuelle und materielle - einschließt. Damit knüpft diese Studie an Grundprämissen der Material Philology 1 an, die Handschriften nicht alleinig als Hülle für ein verbal vorliegendes literarisches Werk ansieht, sondern zusätzlich deren materiell-medialen Eigenschaften Sinngehalt zuschreibt und implizit den Textbegriff auf diese Eigenschaften ausdehnt (Nichols 1990: 9, 1997: 14). Konkret bedeutete dies die Verschränkung des verbalen Textes mit dem von Nichols (1990) als manuscript matrix bezeichneten Geflecht, das hauptsächlich visuelle Merkmale umfasst, sowie deren Verhältnis zum soziokulturellen Kontext: What is „ new “ in the philology common to all the contributions may be found in their insistence that the language of texts be studied not simply as discursive phenomena but in the interaction of text language with the manuscript matrix and of both language and manuscript with the social context and networks they inscribe. (Nichols 1990: 9) Deskriptive Beschreibungen der materiell-medialen Eigenschaften von Handschriften sind in Editionen zwar teilweise vorgenommen worden, doch sind diese selten in die 1 Zunächst wurde diese von Nichols (1990: 1) noch mit einem Augenzwinkern als The New Philology im gleichnamigen Themenheft der Zeitschrift Speculum bezeichnet. Die Material Philology konnte sich bereits auf Vorarbeiten von Zumthor (1994 [1972]) sowie von Cerquiglini (1999 [1989]) berufen. Hansen (2012: 9) hatte später vorgeschlagen, die Handschriften durch die Bezeichnung Artefactual Philology anstelle von Material Philology noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 <?page no="23"?> anschließenden Analysen miteingeflossen (Rockenberger/ Röcken 2014: 25 - 26). Erklärtes Ziel der Material Philology ist jedoch, diese Eigenschaften selbst als Erkenntnisinteresse aufzugreifen. Dabei werden die Handschriften als historische Zeugnisse der jeweiligen Entstehungszeit angesehen. Nichols (1997: 14) räumt ein, dass bei solchen Untersuchungen der verbale Text der literarischen Werke in den Hintergrund tritt und unter Umständen sogar bedeutungslos wird. 2 Shillingsburg (1991, 1997) unterteilt die Eigenschaften von Texten in einen verbalen und physisch manifestierten Text: Hierbei ist der linguistic text ausschließlich immateriell durch eine feste Wortfolge sowie Satzzeichen gekennzeichnet. Jede Veränderung der Wortfolge, wie sie z. B. in Handschriften vorkommt, generiert demzufolge einen anderen linguistic text. Ein und derselbe linguistic text kann unterschiedlich manifestiert vorliegen (z. B. Druck und Tonaufnahme). Das document bezeichnet den physisch-materiellen Träger des linguistic text ‒ das Konzept entspricht größtenteils dem hier verwendeten visuellen Text. Zusammen ergeben linguistic text und document den physisch manifestierten material text: „ The union of linguistic text and document: a sign sequence held in a medium of display. The material text has ‚ meanings ‘ additional to, and perhaps complementary to, the linguistic text. “ (Shillingsburg 1997: 101, Hervorhebungen von Shillingsburg). Nur über den material text könne der linguistic text rezipiert werden, weshalb dieser die Rezeption maßgeblich präge. Zu den Eigenschaften von document und damit dem material text zählen z. B. Papierqualität, Schriftbild, Bindung sowie Gewicht. Der material text umfasst somit weitere Eigenschaften, die visuell oder/ und haptisch-taktil wahrnehmbar sind. Diese Eigenschaften stehen jedoch nie für sich, sondern sind als Träger vom eingeschlossenen linguistic text mit diesem untrennbar in der Handschrift verbunden. Der material text vermag Aufschluss über die Provenienz und den Herstellungskontext der Handschrift geben - wie Zeitpunkt, soziale Parameter und wirtschaftliche Bedingungen (Shillingsburg 1991: 52 - 56, 1997: 71 - 73). 3 Rockenberger/ Röcken (2014) und Rockenberger (2016) verwenden in Anlehnung an Shillingsburg den Begriff material text. Dabei bemängelten Rockenberger/ Röcken (2014: 28) Shillingsburgs Annahme, dass 2 Diese Abwertung der Vorrangstellung des verbalen Textes wirkte - ebenso wie die ursprüngliche Wahl der programmatischen Bezeichnung The New Philology - provozierend auf die damit als ‚ alt ‘ degradierte Philologie, die den traditionellen Prämissen der genealogischen Methode folgt. Eine Übersicht über die Entstehung der genealogischen (stemmatischen) Methode findet sich bei Timpanaro (1971 [1963]). Diese häufig mit dem Philologen Karl Lachmann assoziierte Methode (deshalb häufig als Lachmann ‘ sche Methode bezeichnet) entstand im 19. Jh. und gründet auf der Konzeption mittelalterlicher Literatur als Autortexte. Dabei sollte durch editorische Arbeit ein ‚ Archetyp ‘ durch Emendation anhand der verbalen Texte der ‚ Überlieferungszeugen ‘ erstellt werden (Shillingsburg 1991: 53). Von diesem Archetyp nahm man an, dass er an ein ‚ Autorenoriginal ‘ so weit wie möglich heranreichte. Die Textvarianten in den Handschriften wurden auf ‚ Schreibfehler ‘ zurückgeführt von denen man den verbalen Text ‚ befreien ‘ wollte (Haugen 2007: 110). Diese Methode setzt in ihrer Grundprämisse eine möglichst lineare Überlieferung sowie die Existenz genau eines Originals voraus und war teilweise von den Vorstellungen einer Nationalliteratur geleitet (Nichols 1990: 1). 3 Shillingsburg bezieht sich damit auf McGann (1991). Ein medial offener Textbegriff, der über den Wortlaut von Büchern bzw. Handschriften hinausgeht oder von diesem abgegrenzt wird und materiell-mediale Eigenschaften umfasst, ist immer wieder - wenn auch im Detail unterschiedlich - formuliert worden: text (McKenzie 1981: 89, 1999: 13), manuscript matrix (Nichols 1990: 9, 1997: 14,19), bibliographical code (McGann 1991: 56 - 57), body (Gumbert 2004b: 506) und ‚ entgrenzter Text ‘ (U. Fix 2009: 108). Vgl. weiterhin Gumbrecht/ Pfeiffer (1988) zum Einfluss der Materialität auf die Kommunikation. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2.1 Textbegriff und Neuschreiben 23 <?page no="24"?> die Materialität alleine nichts ‚ bedeute ‘ , d. h. nur in Verschränkung mit dem linguistic text semantisiert sei. Ihre überarbeitete Definition vom material text lautet folgendermaßen Als ‚ material text ‘ bezeichnen wir ein semiotisch komplexes multimodales Artefakt, das neben einem schriftlich fixierten verbalsprachlichen Zeichensystem weitere (non- und paraverbale) materiell-mediale Objekteigenschaften aufweist, wobei diese ursächlich auf das Handeln eines oder mehrerer Produktionsinstanzen des Literatursystems (nicht notwendigerweise des Autors des verbalen Textes) zurückzuführen sind. (Rockenberger/ Röcken 2014: 28 - 29). In der vorliegenden Studie wird daran angeschlossen und der Textbegriff um eine materiell-mediale Dimension geöffnet, um die Neuschreibeprozesse in ihrer komplexen Mehrdimensionalität zu erfassen. 4 Die Philologien fassen traditionell den verbalen Text eines literarischen Werkes als Inbegriff von ‚ Text ‘ auf. Dies nährt sich aus ihrem Selbstverständnis als ‚ Textwissenschaft ‘ (im Sinne von ‚ Wissenschaft der schriftlichen Texte ‘ ), die in Abgrenzung zu anderen Disziplinen, wie z. B. der Kunstgeschichte, die Deutungshoheit über ‚ Texte ‘ für sich beansprucht. 5 Wie Scherner (1996) in seiner Geschichte europäischer Konzeptionen von Text darlegt, hatte sich der Textbegriff jedoch seit der Antike vielfach gewandelt und umfasst keineswegs immer nur den Wortlaut: 6 So habe sich beispielsweise das Konzept textus in der liturgischen Tradition ausschließlich auf die Materialität liturgischer Handschriften bezogen (Scherner 1996: 119 - 120). Mit der programmatischen Erweiterung des Textbegriffes im 20. Jh. seien weitere unterschiedliche Perspektiven einbezogen worden, z. B. das Verhältnis von Textsinn und Textgestalt sowie Bild und Text, aber auch Prozesse wie Textproduktion und -rezeption als Elemente gesellschaftlicher Kommunikation (Scherner 1996: 134, 140, 142). Auch aus der Perspektive der Kunstgeschichte wurde die traditionelle Einteilung der Zuständigkeiten in ‚ visuelle ‘ sowie ‚ verbale ‘ Disziplinen durch die Visual Culture Studies in Frage gestellt. 7 Ihr Interesse liegt nicht primär auf Kunstwerken, sondern auf verschiedenen visuell wahrnehmbaren Phänomenen und Medien sowie auf dem Sehen selbst. Die Grundprämisse ist, dass das Visuelle immer kulturell konstruiert ist (Mitchell 2008d: 238). Dazu gehört eine Auslotung des Verhältnisses von Bild und Text, z. B. das Phänomen der verbalen Bildlichkeit in Ekphrasis oder Metapher. 8 4 Vgl. Nichols (1997: 14) zum „ multi-dimensional space “ von Handschriften. 5 Vgl. Sahle (2013: 12) zur Abgrenzung der Textbegriffe von Literaturwissenschaft und Linguistik. 6 In diesem Beitrag zeigt Scherner (1996), dass die verschiedenen Textbegriffe - Text, textus, logos, oratio, sermo, Rede - terminologische Varianten für sich überschneidende Konzepte sind. In diesen seien materiell-mediale Aspekte, zumeist Mündlichkeit und Schriftlichkeit, mitgedacht und unterschieden worden. 7 Vgl. die Einführungen von Mitchell (2008a, 2008d: 238) und den Überblick bei Stiegler (2014). Vgl. Benthien/ Weingart (2014) und Frank (2009) zur Verschränkung von Literaturwissenschaft und Visual Culture Studies. Mitchell (2008d: 246 - 247) schlug für das Curriculum von einem gleichnamigen Studienfach folgende Themen vor: Geschichte der visuellen Medien, Zensur, Ikonoklasmus, Ideologien und Nationen, Macht sowie Fragestellungen aus den Gender Studies und Postcolonial Studies. Vgl. Stiegler (2014: 160 - 163) zum historischen und sozio-kulturellen Impetus der Visual Culture Studies als kritische Wissenschaft. 8 Vgl. u. a. Berndt (2014), Frank (2009: 371 - 374), Mitchell (1984: 513) und Wandhoff (2014). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 24 2 Methodologische Überlegungen <?page no="25"?> Visueller Text Verbaler Text Materieller Text Verbaler Text Verbaler Text Visueller Text Visueller Text Materieller Text Materieller Text Abb. 1: Textmodell mit den Überschneidungen des verbalen, visuellen und materiellen Textes. Grafik: Friederike Richter. Das Textmodell (Abb. 1) stellt die verschiedenen Perspektiven auf die Handschriften dar, die in dieser Studie eingenommen werden sollen. Es umfasst drei Textformen: verbaler, visueller und materieller Text. 9 Diese lassen sich wie drei Lichtkegel vorstellen, die auf die Handschriften gerichtet werden: Dort, wo sie zusammengebracht werden, wird es besonders hell. Vor allem im Zusammenwirken und den erkennbaren Interferenzen und Brüchen lassen sich interessante Entdeckungen machen. Darin wird deutlich, was Isländer: innen im 17. und 18. Jh. an der Prosa-Edda interessierte, welche Kanonisierungsprozesse stattfanden, dass zwischen Mythologie und ihrer literarischen Darstellung unterschieden wurde und welche Bedeutung der Prosa-Edda für das kulturelle Gedächtnis Islands zugeschrieben wurde. Bisher wurden altnordische Handschriften zumeist aus philologischer und in letzter Zeit vermehrt auch aus kunsthistorischer Perspektive betrachtet. 10 Weiterhin wurde - mal mehr oder weniger explizit - der Textbegriff in Untersuchungen altnordischer Handschriften erweitert, indem z. B. vom Codex Upsaliensis die Illuminationen, Beischriften, Rubriken und Diagramme mit in die Analyse der Prosa- Edda-Fassung eingingen. So kommt Rösli (2019: 410) zum Schluss, dass in dieser Handschrift die Illumination des Bischofs den Textraum erweitere (DG 11 4to, f. 1v). Nachfolgend werden die drei Textformen des Textmodells definiert. Die Perspektive des ‚ verbalen Textes ‘ entspricht der, die zumeist im literaturwissenschaftlichen Sinne als ‚ Text ‘ bezeichnet wird: dem Wortlaut, der durch die Schrift in der Handschrift materialisiert wird. 11 In der vorliegenden Studie werden grundsätzlich alle 9 Vgl. die auf einem Textrad zusammengeführten Textbegriffe von Sahle (2013: 9 - 47), die ebenfalls unterschiedliche Perspektiven darstellen: Text S (sprachlicher Ausdruck), Text D (Dokument, Medialität und Materialität), Text I (Idee, Intention, Inhalt). Die drei Formen Text W (Werk), Text F (Fassung) und Text Z (Zeichen) sind als Mischformen der ersten drei angeordnet. 10 Zu nennen wären hier v. a. die Arbeiten von Drechsler (2016a, 2016b, 2017, 2021), Guðbjörg Kristjánsdóttir (1997, 2013) und Liepe (2009, 2012). 11 Die in dieser Studie verwendete Konzeption vom ‚ verbalen Text ‘ weicht von dem von Shillingsburg (1991, 1997) definierten linguistic text ab, welcher - von gedruckten Büchern ausgehend - von Unveränderlichkeit geprägt sei und weniger übergreifend abstrakt-medial gedacht ist. Vgl. auch die Nutzung verschiedener Textbegriffe von Nichols (1990), u. a. text language und verbal text, sowie die Definitionen von McGann (1991: 13, 52, 56 - 61, 66 - 67, 77 - 78) zu den linguistic codes. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2.1 Textbegriff und Neuschreiben 25 <?page no="26"?> geschriebenen Wörter als verbaler Text analysiert, unabhängig von ihrem Status, Zeitpunkt des Schreibens oder ihrer Platzierung im Artefakt. So können sie innerhalb der Dæmisögur, als Bildbeischrift, auf Titelseiten, in Vorworten, auf Einbänden, als spätere Ergänzungen, Inhaltsübersichten oder in Seitentiteln stehen. Die Perspektive des ‚ visuellen Textes ‘ analysiert alle visuell wahrnehmbaren Eigenschaften der Handschriften. Im Fall von illuminierten Handschriften fällt diese Dimension besonders deutlich ins Auge, generell sind aber alle, auch nicht-illuminierte Handschriften auf visuelle Wahrnehmung angelegt. 12 Einem verbalen Text in Schriftform wohnt immer eine visuelle Dimension inne. 13 Deshalb werden über die Illuminationen hinaus weiterhin Seitengestaltung, Schriftarten, (historisierende) Orthografie, Abstände und Leerräume 14 , Einband u. ä. in die Analyse eingeschlossen. Weil visuelle Merkmale in diesen Handschriften auf bemerkenswerte Weise ausdifferenziert wurden, wird dem visuellen Text nachfolgend besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Mit dieser Entscheidung wird zugleich auf das große Potential aufgezeigt, das die Analyse dieser Textform für die weitere Forschung bietet. 15 Die Perspektive des ‚ materiellen Textes ‘ betrachtet Eigenschaften, die zwar oft visuell wahrnehmbar sind, aber dennoch einer vorrangig materiellen Ebene zuzuordnen sind, z. B. Blattformat, Buchdicke, Nutzungsspuren, Reparaturen, Einband, Tinte oder Farbe (vgl. Kwakkel 2015: 60). Diese ermöglichen einen Einblick u. a. in die anvisierte Nutzung des physischen Artefakts bzw. seiner Einheiten, den Status als Buch, materiell-ökonomische Gegebenheiten sowie eine diachronische Perspektive auf die Biografie des Buchs, z. B. in Bezug auf Neubindungen, spätere Hinzufügungen und Ausbesserungen. Weder Schrift und Illumination, noch verbaler und visueller Text stehen somit in einem dichotomischen Verhältnis zueinander und sollten deshalb nicht als solches analysiert 12 Beim Vorlesen müssen sie ebenfalls von der lesenden Person zunächst visuell erfasst werden. Im Fall von mittelalterlichen Handschriften wird angenommen, dass diese durch lautes Subvokalisieren beim privaten Lesen gleichzeitig auditiv wahrgenommen wurden. Vgl. die viel zitierte Darstellung von Richard de Fournival, nach welcher Auge und Ohr beim Lesen die zwei Tore zum Gedächtnis seien (Ott 2007). 13 Da Schrift immer im Seitenraum angeordnet werden muss, verfügt sie mit der Seitengestaltung über einen visuellen Text. Mitchell (2008b: 153) hat Schrift als die „ untrennbare Vernähung des Visuellen und des Verbalen “ bezeichnet. 14 Leerräume können nicht nur gliedern, Scheibhände können so auch angeben, wo möglicherweise Textportionen in der Vorlage fehlen oder wo sie selbst solche auslassen, z. B. in einer Handschrift der Svarfd œ la saga (Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, AM 426 fol.). 15 Das Erkenntnisinteresse der Editionsphilologie umfasste (gerade in der skandinavistischen Mediävistik) lange Zeit primär den verbalen Text. Doch wurden Aspekte des visuellen Textes oft implizit mitgedacht: So berücksichtigen Faksimiles und, teilweise, diplomatische Editionen Aspekte wie Zeilen- und Seitenumbrüche und die verwendeten Grafeme. Das Interesse der Paläografie an der Entwicklung und Formen der Schrift betrifft damit ebenso visuelle Merkmale. Weiterhin können elektronische Editionen durch mehrere Ebenen der Textdarstellungen (ähnlich denen der traditionellen Editionsarten) unterschiedliche Merkmale des visuellen Textes berücksichtigen. Die aktuellen Richtlinien des Netzwerkes Medieval Nordic Text Archive (Menota) haben die detaillierte Erfassung von Initialen und anderen Illuminationen aufgenommen (Richter/ Stegmann 2019). Zu beachten ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass die Reproduktion von Merkmalen des visuellen Textes nicht zwangsläufig bedeutet, dass diese in Analysen Niederschlag fanden oder zum Erkenntnisinteresse erhoben wurden. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 26 2 Methodologische Überlegungen <?page no="27"?> werden (vgl. U. Fix 2009: 120). 16 Die vorliegende Studie fokussiert deshalb das Zusammenwirken aller drei Textformen: ihre ‚ Vernähung ‘ . 17 Weil die verbalen und visuellen Eigenschaften der Handschriften besonders reich ausgestaltet wurden, wird ihnen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die unterschiedlichen Formen der Vernähung können Verstärkungen, Widersprüche, Ergänzungen oder Bewertungen bergen, sie können Lücken schließen und aufzeigen. So wird schnell deutlich, dass die visuellen und materiellen Eigenschaften nicht notwendigerweise neutral oder dienend gegenüber dem Wortlaut eingesetzt wurden. Sie können den Wortlaut strukturieren, aber auch in Frage stellen, akzentuieren, widersprechen, untermauern, untergraben, ihn mit einer anderen Zeit oder Kultur konnotieren - oder gar ohne ihn auskommen (vgl. Nichols 1990: 7, Rockenberger/ Röcken 2014: 29). Einen besonderen Modus der Vernähung beschreiben Heslop/ Glauser (2018) als ‚ Interferenzen ‘ : Frequenzverstärkungen, die dadurch entstehen, dass mehrere Eigenschaften der Handschriften (z. B. aufeinander bezugnehmende verbale Darstellungen oder das Zusammenwirken von visuellen und verbalen Eigenschaften) miteinander schwingen und auf diese Weise bestimmte Diskurse besonders deutlich und ‚ geräuschvoll ‘ hervortreten lassen: Medial aspects of the interference between two or more elements are encapsulated in an expression from acoustics, that of the ‚ noise ‘ produced by their contact. This metaphor expresses the way that phenomena do not seamlessly succeed one another but rather, due to their overlapping, mutually interfere. This noise should not, however, be reduced to the exclusively negative aspect of a disturbance, but rather is a fruitful model for medial multi-dimensionality. (Heslop/ Glauser 2018: 42 - 43) In der vorliegenden Studie lässt die Analyse der Vernähung somit beispielsweise Brüche (die z. B. Vorbehalte markieren), Bewertungen (z. B. in pejorativen Darstellungen eddischer Figuren in den Illuminationen) oder Verstärkungen (z. B. in der mehrfachen Bezugnahme auf Snorri Sturluson) erkennen. Weitere Vernähungen ergeben sich darüber hinaus aus den Gemeinsamen und Unterschieden zwischen den vier Handschriften. Diese verdeutlichen, dass - trotz beginnender Kanonisierung - nicht alles zu einem hegemonischen Diskurs verdichtet wurde, sondern stellenweise inkohärent und widersprüchlich erscheint. Auf verbaler Ebene stehen somit weniger Details der frühneuzeitlichen Fassungen des Wortlauts der Prosa-Edda im Rampenlicht, 18 sondern vor allem solche, welche die übergeordnete Textstruktur betreffen und somit das große Bild formen. Dies schließt auch 16 Hierbei geht es also um weitaus mehr als um eine Auseinandersetzung mit einem oftmals als ‚ Bild und Text ‘ , ‚ Bild-Text-Beziehungen ‘ oder ‚ Bild/ Text ‘ gefassten Phänomen. Benthien/ Weingart (2014: 10) bezeichnen „ die Text-Bild-Dichotomie als eine bloß operative Unterscheidung “ . Mitchell (2008b: 152) zufolge gebe es keine ‚ reinen ‘ Medien (nur Text oder Bild), sondern alle seien mixed media. 17 Der Begriff geht auf Mitchells Gebrauch des Begriffes ‚ Vernähung ‘ (engl. suture) zurück, mit der er sich wiederum auf die psychoanalytische Filmtheorie bezieht. Mitchell benennt damit das Zusammenwirken von Text und Bild, z. B. in Comics. Es geht ihm hierbei wie im Aufsatztitel angedeutet „ über den Vergleich hinaus “ (Mitchell 2008b). Als Beispiel nennt er Bücher, deren Illuminationen nicht illustrativ angelegt sind, d. h. in denen ein Bezug auf inhaltlicher Ebene nicht gegeben ist. In diesen würden Schrift und Bild zusammenwirken und die Spannung, die zum Zusammenführen im Kopf der Lesenden führt, bezeichnet er als ‚ Vernähung ‘ (Mitchell 2008b: 148). 18 Für die eingehende Analyse frühneuzeitlicher Textfassungen der Prosa-Edda muss an dieser Stelle an die umfangreiche Arbeit von Faulkes (1977c, 1979c) verwiesen werden. Vgl. weiterhin der Beitrag von Haukur Þorgeirsson/ Teresa Dröfn Njarðvík (2017). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2.1 Textbegriff und Neuschreiben 27 <?page no="28"?> paratextuelle Elemente ein. Diese sind nicht nur Austragungsort der Neuschreibens, sondern bieten zugleich eine aufschlussreiche Metaperspektive auf die Prosa-Edda, die vor allem in Bezug auf die anschließende Diskussion der Rezeptionsprozesse relevant ist. Das Konzept der ‚ Paratexte ‘ geht auf Genette (2014 [1987]) zurück. Er beschreibt damit jene funktionalen Merkmale eines Buchs, die im deutschen Untertitel als „ Beiwerk des Buchs “ bezeichnet werden. Nach Genette (2014 [1987]: 10 - 11, 388) liegen die Paratexte wie eine ‚ Schwelle ‘ 19 zwischen Autor und Lesenden. Sie seien vornehmlich verbal (und manchmal nonverbal) angelegt und machten aus einem Text erst ein Buch. 20 Diese würden die Rezeption maßgeblich und beeinflussen seien dabei abhängig vom kulturhistorischen Kontext. Genette geht vor allem von gedruckten, modernen Büchern aus, weshalb er die Paratexte oft im Sinne der Autor: innen bzw. sogar teilweise von ihnen selbst initiiert imaginiert. Genettes Überlegungen beruhen damit auf der Logik eines modernen Buchmarktes, in dem stabile literarische Autorenwerke von Verlagen herausgegeben, in Buchläden verkauft und von Medien rezensiert werden. Diese weichen somit von den Strukturen vormoderner Textüberlieferung und der Arbeitsteilung in der Handschriftenproduktion ab, deren Akteur: innen auch in der Frühen Neuzeit weiterhin handgemachte, individuell zugeschnittene, einzigartige Bücher hervorbrachten und dabei auf eine komplexe Textüberlieferung aufbauten. Genette geht deshalb davon aus, dass (mittelalterliche) Handschriften nur begrenzt über Paratexte verfügten 21 - doch in den hier analysierten frühneuzeitlichen Handschriften finden sich zahlreiche von Genette als Paratexte aufgefasste Elemente. Dazu gehören z. B. Titelseiten, die erst unter dem Einfluss des Buchdrucks entstanden und somit in mittelalterlichen Handschriften noch nicht vorliegen konnten. Auch erweist sich Genettes hierarchische Einteilung in ‚ Text ‘ (in diesem Fall: Wortlaut der Prosa-Edda) und ‚ Paratext ‘ (alle anderen Elemente) nicht immer als fruchtbringend, weil in den Handschriften oftmals die Grenze zwischen beiden verschwimmt. Es sind jedoch genau diese Grauzonen, die interessant sind und Fragen aufwerfen: Wo beginnen und enden Neuschreiben und Rezeption? Was gehört zur Prosa-Edda? Dies betrifft zum Beispiel das Verlagern von Textfragmenten beider Eddas in die Bildbeischriften oder das Einweben von Prologus-Abschnitten in den Annar Partur - beides Phänomene, die in AM 738 4to vorkommen. Manchmal wird erst beim zweiten Blick deutlich, ob etwas paratextuell eingesetzt ist oder nicht: Wenn etwa eine Liste zunächst als Inhaltsübersicht über die vorhergehenden Edda-Lieder erscheint, sich aber bald - weil sie 19 Der französische Originaltitel lautet entsprechend Seuils ( ‚ Schwellen ‘ ). 20 Genette konzentriert sich - entgegen seiner Definition - in den weiteren Ausführungen vor allem auf verbale Phänomene und führt z. B. zu Illuminationen seine Betrachtungen nicht weiter aus (vgl. Genette 2014 [1987]: 14, 387). 21 Diese Annahme beruht auf Genettes Auswahl der in seine Konzeption eingeschlossenen Paratexte: Diese hätten einen funktionalen Charakter, der die Autorintentionen vermitteln solle. Der Autortext selbst sei unveränderlich und werde nur durch die flexiblen Paratexte angepasst (Genette 2014 [1987]: 388 - 389). Genette unterteilt die Paratexte in ‚ Peritexte ‘ und ‚ Epitexte ‘ , die sich darin unterscheiden, ob sie materiell mit dem Buch verbunden sind (Peritexte, z. B. Titelseiten) oder nicht (Epitexte, z. B. Werbeanzeigen). Epitexte können darüber hinaus auch eine mündliche Form haben, wie z. B. Buchempfehlungen. Epitexte werden in der Analyse ebenfalls berücksichtigt. Dies betrifft z. B. die von Árni Magnússon angelegten Notizzettel mit Angaben zur Provenienz der Handschriften. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob diese nicht inzwischen zu Peritexten geworden sind, da sie später in die Handschriften eingebunden wurden. Vgl. auch die Studie von Stegmann (2018) zu Árnis Notizzetteln. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 28 2 Methodologische Überlegungen <?page no="29"?> weitaus mehr Edda-Lieder als in der Handschrift vorhanden auflistet - als allgemeiner Überblick über die eddische Dichtung - und somit als eigener Inhalt - entpuppt (AM 738 4to, f. 79r). Einige der nachfolgend analysierten Elemente lassen sich mit dem Begriff des Paratextes nur schwer greifen. Diese betreffen u. a. die visuellen Eigenschaften von Schrift (wie den bewussten Einsatz unterschiedlicher Schriftarten) oder die komplexen Illuminationen, die den Betrachtenden mehr als eine ‚ Schwelle ‘ zur Prosa-Edda bieten. Andere entziehen sich ihrer augenscheinlichen paratextuellen Funktion, indem z. B. die Querverweise auf die Dæmisögur in den Bildbeischriften der drei jüngeren Handschriften aufgrund einer abweichenden Kapitelnummerierung ins Leere führen. Sie unterstützen somit nicht ohne weiteres das Lesen der Prosa-Edda, sondern verursachen Störungen. Die Bedeutung solcher und anderer Merkmale der Handschriften wird somit nicht (nur) in Abhängigkeit zum Text generiert. All diese Elemente formen ein mehrschichtiges und verschränktes System, dass nicht nur die Prosa-Edda rahmt und erschließt, sondern auch diese durchdringt, sich an ihr reibt und über sie hinaus zeigt. Das bei Genette implizite hierarchische Abhängigkeitsverhältnis von Text und Paratext erweist sich somit eher als hinderlich. Ein typisches Phänomen frühneuzeitlicher Paratexte ist ihre komplexe Anschichtung, die den Text zu überwuchern scheint - wie der Sammelband mit dem treffenden Titel Die Pluralisierung des Paratextes in der Frühen Neuzeit (von Ammon/ Vögel 2008b) herausarbeitet. Diese Pluralisierung zeigt sich auch in den hier vorliegenden Handschriften: Ein Beispiel ist der erweiterte Prolog in den drei jüngeren Handschriften, der so umfangreich und vielschichtig gestaltet ist, dass sein Bezug zur Prosa-Edda stellenweise vor allem durch die Platzierung innerhalb der Handschrift hergestellt wird. Trotz der geäußerten Einwände gegen Genettes Konzeption werden in der vorliegenden Studie zahlreiche paratextuelle Elemente der Handschriften analysiert. Die erwähnte Anzahl und die auftretenden Unschärfen in ihrer Abgrenzung erscheinen dabei als wichtige Merkmale des Neuschreibens, die in der Analyse entsprechend diskutiert werden. Neuschreiben Die vorliegende Studie geht mit dem Konzept des ‚ Neuschreibens ‘ über eine bloße Anerkennung der sonst oft als mouvance genannten Veränderungen hinaus: 22 Die Veränderungsprozesse werden in ihrer beschriebenen medialen Vielschichtigkeit zum zentralen Untersuchungsgegenstand. Diese werden unter dem Aspekt der ‚ Zeittiefe ‘ 23 untersucht, die gleich mehrere zeitliche Dimensionen betrifft: von den mittelalterlichen bis zur jüngsten untersuchten Handschrift, die vier Handschriften im Vergleich zueinander sowie die Veränderungen der einzelnen Kodizes über die Zeit ihrer Nutzung hinweg. Diese Perspektive schließt somit an eine weitere Forderung der Material Philology an, die Vielfalt der Handschriften nicht als Hindernis zu scheuen und durch Auswahl zu reduzieren, 22 Die Studie schließt an verschiedene Vorarbeiten an, die die Veränderlichkeit von Texten beschrieben (z. B. Cerquiglini 1999 [1989], Lefevere 1987, McKenzie 1999: 55, Nichols 1990 und Sabel/ Bucher 2001). Dazu zählen auch Konzepte vom ‚ offenen Text ‘ (Kühnel 1976: 314 - 316) sowie vom ‚ unfesten Text ‘ (Bumke 1996: 125). In der skandinavistischen Mediävistik hat Poole (1993: 104 - 105) am Beispiel des Skaldengedichtes H ǫ fuðlausn bereits früh aufgezeigt, dass das Konzept des ‚ offenen Textes ‘ ebenso für die Skaldik gilt. 23 Vgl. zum Konzept der ‚ Zeittiefe ‘ Tristram (1994) sowie Heslop/ Glauser (2018: 36). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2.1 Textbegriff und Neuschreiben 29 <?page no="30"?> sondern wertzuschätzen. Es wurden damit auch diejenigen Handschriften als wertvoll angesehen, die sonst z. B. aufgrund ihres jüngeren Alters bisher nicht von der Forschung in Betracht gezogen waren. Nichols (1997: 14) wies plakativ darauf hin, dass die Mediävistik sich den „ thousands of codices lying in libraries waiting to be studied “ zuwenden sollte. Diese Öffnung des Korpus ermöglichte die Zuwendung zu den Neuschreibeprozessen, welche die Handschriften geformt hatten. In der Praxis ist dies im besonderen Maße für die isländische Handschriftenproduktion interessant, weil diese vergleichsweise lange über das Mittelalter hinaus bis zu Beginn des 20. Jh. praktiziert wurde und somit eine besonders lange zeitliche Dimension umfasst. 24 Für isländische Handschriften haben Heslop/ Glauser das Phänomen des fortwährenden Neuschreibens unter dem programmatischen Titel „ RE: writing “ folgendermaßen definiert: „ With the phrase ‚ RE: writing ‘ [ … ] we refer to the constantly renewed, creative and medially fertile work on old forms that is a constitutive feature of mediaeval Icelandic literary history. “ (Heslop/ Glauser 2018: 44). Damit schließen sie sowohl kleinere Veränderungen als auch grundlegende Überarbeitungen älterer Werke mit ein, wodurch die beiden Prozesse des Neuschreibens und der Rezeption ineinanderfließen würden (Heslop/ Glauser 2018: 37). Ausgangspunkt der anschließenden Analyse ist, dass das Neuschrieben nicht alle Textformen gleichermaßen betrifft oder kongruent zueinander verläuft. Ganz im Gegenteil, gerade aus der Spannung der Abweichungen lassen sich besonders aufschlussreiche Erkenntnisse herausarbeiten. 25 24 Vgl. Driscoll (2012, 2013) zu einem der letzten isländischen Schreiber „ Magnús Jónsson í Tjaldanesi und das Ende der Handschriftenkultur in Island “ . In der skandinavistischen Mediävistik hat es in diesem Zuge in den letzten Jahren eine vermehrte Zuwendung zur nachmittelalterlichen Handschriftenproduktion, die oft auch materielle und mediale Aspekte der Handschriftenproduktion umfasste. Einige dieser sind: Arthur (2015), Baier u. a. (2014), Davíð Ólafsson (2023), Glauser (2013), Halldóra Kristinsdóttir u. a. (2023), Hufnagel (2012, 2016, 2017, 2021, 2024), Kapitan (2024), Kapitan u. a. (2019), Lavender (2014), Love (2013), Margrét Eggertsdóttir (2013, 2015, 2017c), Margrét Eggertsdóttir/ Driscoll (2017), McDonald Werronen (2016, 2020) und Rösli (2017, 2021a, 2021b). 25 Dass nicht nur der verbale Text, sondern auch Illuminationen auf ihre mouvance hin analysiert werden könnten, hat Wenzel (1997) mit seiner These zur ‚ Beweglichkeit der Bilder ‘ aufgezeigt. Er beobachtete bei relativ stabil überlieferten verbalen Texten (d. h. mit einem geringeren Grad an Varianz im Wortlaut, er wählte Thomasins von Zerclaere Der Welsche Gast) eine Unfestigkeit in den Illuminationen. Diese variierten unabhängig vom verbalen Text und waren somit nicht der Schrift untergeordnet, sondern ihr gleichrangig anzusehen. Verschiedene Illuminationsprogramme konnten so verbalen Texte grundverschieden repräsentieren. Diese These habe ich in meiner Magisterarbeit (Richter 2013) anhand der Analyse zweier illuminierter Handschriften der Jónsbók bestätigen können, denn auch für diese Rechtshandschriften galt die relative Stabilität des verbalen Textes. Der visuelle Text war in beiden Handschriften sehr unterschiedlich angelegt, dies betraf u. a. die Distribution der Illuminationen sowie die Wahl der Motive. Diese Merkmale ließen Rückschlüsse darauf zu, welche Haltung die jeweiligen Auftraggebenden und Herstellenden zur Jónsbók und zu den zeitgenössischen historischen Ereignissen der Reformation hatten. Eine der Handschriften, AM 345 fol. (Reykjabók), inszenierte durch Struktur und sorgfältige Anlage die Jónsbók als autoritatives Königsrecht mit deutlich post-reformatorischen Merkmalen (vgl. Richter 2019). Die andere Handschrift, AM 147 4to (Heynesbók), ist weitaus weniger repräsentativ oder geplant angelegt. Sie stellt Autorität des Rechtstextes und übergeordnet Autorität als Kategorie in ihrer gesamten Anlage latent in Frage. In ihr gibt es zahlreiche Hinweise im visuellen Text, dass die Herstellenden oder Auftraggebenden gegenüber den Ereignissen der Reformation und der damit verbundenen Machtvergrößerung der dänischen Krone eine kritische Haltung einnahmen. Beide Handschriften befinden sich in Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 30 2 Methodologische Überlegungen <?page no="31"?> Beispiel für das Zusammenwirken der Textformen: Kodikologische Einheiten Ein zentrales Beispiel für Kontinuitäten und Brüche in den drei Textformen dienen hier die kodikologischen Einheiten, deren Konzept und die Vorgehensweise bei ihrer Bestimmung nachfolgend kurz erläutert werden. Kodikologische Einheiten bezeichnen abgrenzbare Abschnitte der Handschriften, die separat hergestellt, hinzugefügt, entnommen oder umgestellt worden sein können. Sie können somit Auskunft über Konzeption, Herstellung und spätere Veränderungen der Handschriften geben. Dazwischen liegen Brüche, die immer mehrere Textformen betreffen müssen. Die Analyse der kodikologischen Einheiten kann aufzeigen, ob die Handschrift in einem einzigen geplanten Arbeitsgang hergestellt wurde oder ob sie später verändert wurde. Sie lassen darauf rückschließen, ob die Handschrift kontinuierlich gewachsen ist oder ob separat hergestellte Einheiten erst später zusammengefügt wurden. Dahinter verbirgt sich auch die Frage, wann aus beschriebenen Blättern ein ‚ Buch ‘ wird: Waren Einbände vor allem aus pragmatischen Gesichtspunkten erstellte Behältnisse, die das Benutzen handgeschriebener Inhalte erleichterten? Oder steckte hinter der jeweiligen Kompilation ein in sich abgestimmtes Programm? Wie hat sich womöglich die Kompilation der Handschriften im Laufe der Jahrhunderte verändert, inklusive Beschädigungen, Verlusten und Reparaturen? Das Konzept der ‚ kodikologischen Einheit ‘ folgt hier in weiten Teilen Gumbert (2004a, 2010) und bindet Überlegungen zu ‚ Produktionseinheiten ‘ , ‚ Modulen ‘ und ‚ Gebrauchseinheiten ‘ ein. Diese Konzepte stehen einander nahe, setzen aber unterschiedliche Akzente in diachroner Perspektive auf Herstellung und Nutzung materiell sowie inhaltlich abgegrenzter Einheiten. 26 Gumbert nennt als zentrales Merkmal, dass kodikologische Einheiten inhaltlich wie materiell zum Zeitpunkt der Beschreibung eigenständige Einheiten bilden müssen. Einzelne kodikologische Einheiten können aus ‚ Blöcken ‘ zusammengesetzt sein, deren Inhalte in sich abgegrenzt, aber doch miteinander verbunden sind (in dieser Studie z. B. Dæmisögur und Annar Partur). Im Vordergrund der Analyse der kodikologischen Einheiten steht die Eigenlogik der Handschriften mit dem Ziel der leichten Erfassbarkeit ihrer materiellen und inhaltlichen Strukturen. Die Bestimmung beginnt mit der Identifikation der ‚ Zäsuren ‘ zwischen den kodikologischen Einheiten. Folgende zwei Merkmale gelten als Minimalanforderung für eine Zäsur und müssen immer zusammentreffen: Das sind zwei unterschiedliche Inhalte beim Zusammentreffen von zwei Lagen (bzw. zwei Blättern bei später zusammengefügten 26 In dieser Studie werden ebenso die Begriffe ‚ Gebrauchseinheit ‘ bzw. ‚ Produktionseinheit ‘ verwendet, wenn relevant ist, dass deren Entstehung der Herstellung oder dem Gebrauch zuzuordnen ist. Als ‚ Produktionseinheiten ‘ wurden von Kwakkel (2002: 13 - 14) diejenigen materiellen Einheiten bezeichnet, die zu unterschiedlichen Zeiten und/ oder von unterschiedlichen Händen separat hergestellt und später zusammengebunden wurden. Eine Sonderform ist die ‚ erweiterte Produktionseinheit ‘ , bei der am Ende zu einem späteren Zeitpunkt etwas auf hinzugefügten Blättern bzw. Lagen ergänzt wurde (das physische Wachstum ist hierbei ein zwingendes Kriterium). Das Konzept ‚ Modul ‘ hat Rudy (2016: 28, 40, 49, 323) geprägt, sie bezog sich damit primär auf die spätmittelalterliche modulare Herstellungsweise von Handschriften, die die Schreibarbeit in den Skriptorien als Serienproduktion organisierte. Bei Modulen handelt es sich ebenfalls um separate Produktionseinheiten, deren Inhalte auf der ersten Rectoseite einer neuen Lage beginnen. Die etwaig entstandenen Inhaltslücken am Modulende wurden mit ‚ Lagenfüllern ‘ (kurzen Texten) geschlossen. ‚ Gebrauchseinheiten ‘ bezeichnen diejenigen materiellen Einheiten, die separat benutzt wurden, dies können Faszikel sein (die manchmal erst später zu einer Handschrift zusammengebunden wurden) oder komplette Handschriften (Kwakkel 2002: 14 - 15). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2.1 Textbegriff und Neuschreiben 31 <?page no="32"?> Lagen bzw. Bifolia). Die weiteren Merkmale von Zäsuren sind optional und aus ihnen lassen sich weiterhin Rückschlüsse auf Herstellung und Nutzung ziehen: 27 unterschiedliche Wasserzeichen/ Papierqualitäten, Tinten, Verschmutzungs-/ Beschädigungsgrade, Hände, Seitengestaltung 28 , aber auch ein medialer Wechsel (z. B. von Prosatext/ Bildseiten/ Verzeichnissen) oder eine Kustodenlücke 29 . Einige Phänomene treten nur am Ende einer kodikologischen Einheit auf: zentrierter Schrifteinzug (in Form eines Dreiecks), Schlussformel ( „ FINIS “ , „ TELOS “ etc.) und Schlussvignette. Nur zu Beginn einer kodikologischen Einheit befinden sich Titelseiten oder (spätere) Angaben der Handschriftensignatur. 30 Andere Merkmale können sowohl am Ende als auch zu Beginn einer kodikologischen Einheit auftreten: Handangabe, Kolophon, Inhaltsverzeichnis, Register, (starke) Beschädigungen und Verschmutzungen, modifizierte Lage (z. B. angeheftetes Einzelblatt), vergrößerte bzw. gestauchte Schrift, Leerraum, Lagenfüller 31 oder ein defekter Inhalt (verbaler Text). Dies betrifft auch das Ende bzw. der Neubeginn von Zählungen (Lagen, Paginierung, Foliierung), Kustoden oder Kopfzeilen (alle auch nachträglich möglich). Zusammenfassend handelt es sich bei Zäsuren um Diskontinuitäten, die oftmals alle Textformen (verbal, visuell, materiell) betreffen können und mindestens zwei (eine davon materiell) betreffen müssen. Zur Verdeutlichung der Aussagekraft der Bestimmung der kodikologischen Einheiten folgt hier ein Beispiel (Abb. 2). Es handelt sich um die Zäsur in AM 748 4to zwischen der kodikologischen Einheit L.2 (die v. a. den Großteil der Edda-Lieder enthält, f. 79v) und der kodikologischen Einheit F (die mit dem Sólarljóð beginnt, f. 80r). 32 Die Merkmale dieser Zäsur sind ‒ neben der nötigen Grenze zwischen zwei Inhalten und Lagen ‒ vielfältig (vgl. App. 1.3): L.2 schließt mit Angabe zur Hand und einem Verzeichnis über die mittelalterlichen Edda-Lieder (bereits f. 79r) ab. Nach ausschließlich Quaternionen wurde ans Ende dieser kodikologischen Einheit eine Unio-Lage gesetzt, um die verbleibende geringe Textmenge aufzunehmen. Deutlich sichtbar sind auf der Abbildung die starken Beschädigungen und Verschmutzungen an der Zäsur, die u. a. zum Beschnitt der Kanten des letzten Blattes geführt haben. Die Beschädigungen sind vermutlich durch die Nutzung der 27 Vgl. die Listen mit den Bestimmungskriterien von Zäsuren von Arvidsson (2017: 17 - 20) und Kwakkel (2002: 13 - 14). 28 Hierzu zählt vor allem ein unterschiedliches Grundlayout (abweichende Größe des Schriftspiegels, Zeilenanzahl oder Gestaltung von Kopfzeilen o. ä.). 29 Diese ist dann vorhanden, wenn auf den Blättern davor bzw. danach für gewöhnlich Kustoden verwendet wurden, um die Reihenfolge der entsprechenden Blätter und Lagen zu sichern. Eine Lücke in der Kustode kann darauf hinweisen, dass hier eine Zäsur vorliegt, die produktionsseitig bedingt ist (vgl. Kwakkel 2002: 13). 30 In manchen Handschriften befindet sich die Signatur mehrfach auf den Beginn von Zäsuren ingetragen. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Handschrift zum Zeitpunkt ungebunden vorlag. 31 Bei ‚ Lagenfüllern ‘ handelt es sich um kurze Inhalte, die typischerweise auf einen längeren Inhalt folgen und entweder von der Haupthand - oder später - auf den verbleibenden Platz eines Blattes oder Seite geschrieben wurden. Dabei spielte der Wunsch eine Rolle, Leerraum zu vermeiden (horror vacui). Auf diese Weise wurde auf visueller Ebene versucht den Übergang zwischen zwei kodikologischen Einheiten zu glätten (Rudy 2016: 29, 59). Vgl. Gumbert (2004a: 30), der den Begriff guest text verwendet. 32 Hinweis zur Benennung der kodikologischen Einheiten in dieser Studie: Der Buchstabe P bezeichnet die kodikologischen Einheiten der Prosa-Edda, der Buchstabe L die der Edda-Lieder. Die Buchstaben für alle anderen Inhalte werden fortlaufend (bei A beginnend) vergeben. Eine Ziffer hinter dem Buchstaben nummeriert etwaige Blöcke derselben kodikologischen Einheit. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 32 2 Methodologische Überlegungen <?page no="33"?> Blätter in Form von ungebundenen Faszikeln entstanden. Die Haupthände, Tintenfarbe und Seitengestaltung der beiden kodikologischen Einheiten weichen voneinander ab: Die kodikologische Einheit L.2 ist von der Edda-Lieder-Hand (2) geschrieben worden, wobei die Haupthand (3) später einen Lagenfüllertext (Norwegisches Runengedicht) auf die ursprünglich leere Rückseite (f. 79v) geschrieben hat. Dieselbe Hand hat ebenfalls die nachfolgende kodikologische Einheit F geschrieben. Diese Zäsur umfasst folglich Merkmale, die darauf schließen lassen, dass hier Produktions- und Gebrauchseinheiten zusammentreffen. Nach Gumberts (2004a: 26 - 27) Definition, funktionieren kodikologische Einheiten so separat, dass sie beliebig hinzugefügt, entfernt oder neu angeordnet werden können, ohne, dass dies als störend empfunden werden würde. Daraus ergibt sich in Bezug auf die untersuchten Handschriften folgende Frage: Was ist, wenn eine später hinzugefügte Inhaltsübersicht Inhalt und Reihenfolge der kodikologischen Einheiten festlegt? Die Reihenfolge der kodikologische Einheiten kann dann nicht mehr unbemerkt verändert werden. Gleichwohl können hier unterschiedliche Produktions- und Gebrauchseinheiten nachträglich miteinander verbunden worden sein, was ebenfalls einen interessanten Befund darstellt. Eine andere Frage, die sich gerade im Zusammenhang mit komplexen Kompilationen wie den beiden Eddas stellt: Wann ist ein Inhalt abgeschlossen, und wann beginnt ein neuer? Weiterhin können spätere Veränderungen Spuren verwischen: So sind im Verlauf der Analyse Beispiele gefunden worden, in denen Lagen nachträglich zusammengesetzt oder zwei Einzelblätter zu einem Bifolium zusammengeklebt wurden. Das Ziel der Bestimmung der kodikologischen Einheiten der Handschriften ist, die Kompilationen der Prosa-Edda und der Gesamthandschriften analysieren zu können und dabei den verschiedenen Phasen von Herstellung und Nutzung Rechnung zu tragen. Dabei konnte nicht immer ein vollständiges Bild von den (ursprünglichen) Produktions- und späteren Gebrauchseinheiten erarbeitet werden. Da manchmal unklar bleibt, wann nachträgliche Veränderungen und Kombinationen entstanden sind, wurden zunächst so viele Abb. 2: Zäsur zwischen den kodikologischen Einheiten L.2 (f. 79v) und F (f. 80r) in AM 748 4to, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum. Foto: Friederike Richter. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2.1 Textbegriff und Neuschreiben 33 <?page no="34"?> kodikologische Einheiten und Blöcke wie möglich verzeichnet. Deshalb erscheint die analysierte Struktur womöglich stellenweise feinteiliger als die tatsächlichen Produktions- oder Gebrauchseinheiten. 33 Doch deren Analyse ermöglicht einmalige Einblicke in das Neuschreiben der Prosa-Edda, indem z. B. geklärt wird, welche Texte zusammen konzipiert, hergestellt oder gelesen wurden. Bei den bestimmten kodikologische Einheiten handelt es sich somit um die Analyse der heutigen verbalen, visuellen und materiellen Brüche in den Handschriften, die eine diachrone Untersuchung der Herstellungs- und Nutzungsgeschichte der Handschriften ermöglichen. 2.2 Rezeption Die zweite Fragestellung dieser Studie geht dem Verhältnis von Text und Kontext auf die Spur und interessiert sich für die Diskurse in den Handschriften, die über die Prosa-Edda hinaus reichen und sie gleichzeitig darin verorten. Der Begriff ‚ Rezeption ‘ bezeichnet Phänomene, die kulturelle Hervorberingungen von einer medialen Form in eine andere transferieren oder aufnehmen und/ oder diese kulturellen Hervorbringungen einer als alteritär aufgefassten Kultur bzw. Zeitepoche entspringen und ihnen in dieser neuen Form erneut Bedeutung zugeschrieben wird. Dass dies bereits für die mittelalterlichen Fassungen der Prosa-Edda gilt, die die Vergangenheit nicht einfach nur ‚ konservieren ‘ , sondern sich damit produktiv auseinandersetzen, indem sie diese erst erschaffen haben, haben Glauser u. a. (2019b) aufgezeigt: Linguistic media such as the Eddas, skaldic poetry or the sagas, in fact, appear to echo preliterate, oral and vocal phenomena long after the scripting of the societies which produced them. This suggests that during the medieval period, the conceptions, pictures, impressions and even the desires people had concerning the proceeding period - which, after all, were part of dynamic processes of cultural appropriation - did not statically and unreflectively preserve and transmit older models. Instead, we observe creative negotiations with older forms, which in turn engendered new forms and could become memories of times past, important cornerstones of the present, because they ostensibly established, legitimised and stabilised the status quo, but also because they provided alternative (or counter) narratives to how this status quo developed. (Glauser u. a. 2019b: 13) Der Prosa-Edda wurde immer wieder neu Bedeutung zugeschrieben, so dass die vier frühneuzeitlichen Handschriften von mehreren Schichten Rezeption durchdrungen sind, die sich nicht voneinander lösen lassen. Diese sind im jahrhundertelangen Wechselverhältnis von Textproduktion und -rezeption immer wieder überlagert, entfernt und miteinander verklebt worden. So wurden Vorstellungen sowohl von der Prosa-Edda sowie der isländischen Vergangenheit kontinuierlich weiterformuliert, die so Eingang in die jeweils nachfolgenden Handschriften erhielten. Diese Prozesse lassen sich wie ein ständiges Durchfiltrieren und Anreichern beschreiben, wovon manche der in den vier Handschriften sichtbaren Vorstellungen bis heute nachhallen. Die Erforschung der Rezeption beider Eddas hat eine lange Tradition, aber selten wurde das Phänomen auf methodologisch-theoretischer Ebene reflektiert oder in seiner kom- 33 Das gilt v. a. für AM 738 4to. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 34 2 Methodologische Überlegungen <?page no="35"?> plexen Zeittiefe angesprochen. Im Zentrum der Untersuchungen stand oftmals, wie die rezipierenden Formen (Bücher, Kunstwerke, Filme usw.) die mittelalterliche Literatur für ihre zeitgenössische Gegenwart funktionalisierten. Die Handschriften unterscheiden sich durch eine Anschichtung der Perspektiven: So wird zwischen einer vorchristlichen Religionspraxis einerseits und der Prosa-Edda als hochmittelalterlichem, literarischem Werk andererseits unterschieden. Dabei werden Vorstellungen von Brüchen (zur vorchristlichen Religion) und Kontinuitäten (der isländischen literarischen Kultur) konstruiert, die es ermöglichen, die Prosa-Edda als literarischen Text für das isländische Publikum mit neuer Bedeutung aufzuladen und nationalistischen Diskursen zuzuführen. Hierbei zeigt sich, wie sehr die Handschriftenproduktion von ihrem jeweiligen zeitlichen Kontext abhängig ist und zugleich selbst zu neuen Diskursen beiträgt. Die Untrennbarkeit von Text und Kontext hat Spiegel (1990) bereits im zuvor erwähnten Speculum-Sonderheft „ The New Philology “ ausführlich diskutiert. Sie verknüpft darin New Historicism und Cultural History und entwickelt diese weiter. Ihre Prämisse ist, dass Geschichte nur durch die Interpretation von Texten existiert und geschrieben wird (Spiegel 1990: 85). Deshalb könnten Texte nicht als Reflektion eines soziohistorischen Kontextes gelten; im Gegenteil, Geschichte werde durch die Texte artikuliert, die ausschließlich in Sprache konstruiert existiere (Spiegel 1990: 61, 70). Eine Unterscheidung zwischen Text und Kontext sei jedoch trotzdem notwendig, um deren Verhältnis beschreiben zu können: All texts occupy determinate social spaces, both as products of the social world of authors and as textual agents at work in that world, with which they entertain often complex and contestatory relations. In that sense, texts both mirror and generate social realities, are constituted by and constitute the social and discursive formations which they may sustain, resist, contest, or seek to transform, depending on the case at hand. (Spiegel 1990: 77) Auch die Sociology of the Book und der New Historicism setzen an diesem Wechselverhältnis zwischen Textproduktion und Kontext an. Die Sociology of the Book hilft die Dynamiken von Buchproduktion zu verstehen und ihre Abhängigkeit vom soziohistorischen Kontext. Der New Historicism ergänzt die Konzeption um die Frage, wie Geschichte in Texten verhandelt wird. Die Sociology of the Book wurde vor allem von McKenzie (1999) und McGann (1991) geprägt. Sie zielt zwar vornehmlich auf die Analyse von gedruckten Büchern ab, lässt sich aber auf Handschriften übertragen. 34 Ihre Grundprämisse ist, dass Bücher als soziale Produkte zu verstehen sind. 35 McKenzie hat auf die Bedeutung der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Beweggründe bei der Textproduktion aufmerksam gemacht, diese Faktoren sollten bei der Analyse unbedingt beachtet werden (McKenzie 1999: 13). Vergleichbar mit Cerquiglinis (1999 [1989]) Leitsatz, Varianz als das Merkmal mittelalterlicher Literatur aufzufassen, hat McGann ganz ähnliche Bedingungen für die Textproduktion mit Blick auf gedruckte Bücher formuliert: „ Variation, in other words, is the invariant rule of the textual condition. “ (McGann 1991: 185). Dabei sei die Grundbedingung für Textproduktion, dass Texte Relevanz besitzen müssten, um überhaupt produziert, verbreitet 34 Die Sociology of the Book ist eng mit der History of the Book verwandt (vgl. Finkelstein/ McCleery 2002). Ein Überblick zur History of the Book findet sich bei Darnton (2002 [1982]). 35 Vgl. Darnton 2002 [1982] und McKenzie (1999: 62). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2.2 Rezeption 35 <?page no="36"?> und gelesen zu werden. Dafür würden die Texte stetig aktualisiert werden, damit sie nicht verschwinden. Diese Aktualisierungsprozesse entsprechen also dem zuvor erwähnten Neuschreiben. Sie seien folglich von den soziokulturellen Bedingungen sowie vom wechselhaften Buchmarkt abhängig (McGann 1991: 12). Es käme aber vor, dass Bücher Träger von Ideologien werden, die erst durch die Beachtung von den materiell-medialen Eigenschaften erkannt werden könnten (vgl. McGann 1991: 85). An diesem Punkt verbindet sich die Sociology of the Book mit dem New Historicism, auch wenn beide Ansätze auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen mögen. Der New Historicism thematisiert ebenfalls das Verhältnis von Textproduktion und Kontext, sein Erkenntnisinteresse liegt allerdings auf der Verhandlung zeitgenössischer Diskurse in Texten. Dabei geht es gerade nicht um ein ‚ Widerspiegeln ‘ des historischen Kontextes, sondern darum, „ wie zeitgenössische Diskurse in literarische Texte eingehen, sich dort kreuzen und auf welche Weise sie diese Texte wieder verlassen “ (Würth [Gropper] 1999: 193). 36 Dieser Ansatz verdeutlicht, wie eng Texte und Kontexte miteinander in Abhängigkeit von Zeit verschränkt sind: Texte werden selbst zum Kontext. Die Beweggründe der Vergangenheitskonstruktionen läge somit nicht in der dargestellten Zeit, sondern wäre in der Entstehungszeit der Textproduktion zu suchen. 37 Die Neuschreibeprozesse sorgten dafür, dass die Texte immer wieder als aktuell und relevant präsentiert werden (Würth [Gropper] 1999: 204). Aus dieser Perspektive sind - ganz im Sinne der Material Philology - Handschriften jeden Alters untersuchenswert. An diese Ideen anknüpfend, wird die frühneuzeitliche Rezeption der Prosa-Edda in Kap. 6 schichtweise aufgedeckt. Dies erfolgt in zwei Schritten: Zuerst wird analysiert, wie die Bedeutung der Prosa-Edda für das kulturelle Gedächtnis Islands in den Handschriften verhandelt wird. Diese Untersuchungen greifen Theorien von Aleida und Jan Assmann auf, v. a. die Definition von Kanon und Archiv von Aleida Assmann (2008a). 38 Im zweiten Schritt wird das historisierende Narrativ zur Prosa-Edda, das die Handschriften an verschiedenen Stellen durchdringt, herausgearbeitet. Dabei wird deutlich, wie die Handschriften mehrere Epochen einer Vergangenheit konstruieren, denen jeweils die Prosa- Edda auf unterschiedlichen Ebenen zugeordnet wird. Die Prosa-Edda wird somit in den Handschriften nicht als historisches Dokument einer abstrakten Vorzeit, sondern als Literatur eines vergangenen Goldenen Zeitalters gehuldigt, die als vorbildlich für die Zukunft Islands präsentiert wird. Trotz dieser übergeordneten Perspektive auf Island in der Frühen Neuzeit, stellt die vorliegende Untersuchung eine Fallstudie von vier Einzelhandschriften dar, die von mehreren Akteur: innen - u. a. den Schreibhänden und Auftraggeber: innen - geprägt wurden. Deshalb wird die Polyphonie, die nicht nur zwischen, aber auch innerhalb der einzelnen Handschriften erklingt, nachfolgend berücksichtigt, um die Verdichtung der Beobachtungen auf ein harmonisches Narrativ zu vermeiden. 36 Vgl. Glauser/ Heitmann (1999) und Greenblatt (1990). 37 Vgl. den von Meulengracht Sørensen (1993) zu den Isländersagas initiierten Diskurs, vgl. Würth [Gropper] (1999: 200 - 204). 38 Glauser u. a. (2019b: 20) haben das produktive Potential von Memory Studies und Material Philology betont. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 36 2 Methodologische Überlegungen <?page no="37"?> 3 Kontext der Handschriften 3.1 Kulturhistorische Einführung Die vier in dieser Studie analysierten Handschriften wurden in den Jahren um 1680 (AM 738 4to) bzw. 1760 - 1766 (NKS 1867 4to; ÍB 299 4to; SÁM 66) in Island geschrieben. Nachfolgend sollen die kultur- und soziohistorischen Kontexte vorgestellt werden, die diese Handschriften hervorbrachten: Dazu zählen die Bildung und Buchkultur in Island sowie der Humanismus, der diese Zeit maßgeblich prägte und sich in den Handschriften u. a. in Form antiquarisch-gelehrter Abhandlungen zeigt. 1 Island war seit 1262/ 1264 mit dem Gamli sáttmáli zunächst der norwegischen und seit 1380 der dänisch(-norwegischen) Krone unterstellt. Die Auslöser für das Ende des sog. Þjóðveldið 2 waren erhebliche innere Konflikte und bürgerkriegsähnliche Zustände. Snorri Sturluson spielte dabei aus isländischer Perspektive eine durchaus ambivalente Rolle. Später konnte die dänische Krone im Zuge der Reformation „ von oben “ (Vilborg Auður Ísleifsdóttir-Bickel 1996) ihren Einfluss zu Kosten der isländischen Kirche deutlich vergrößern. Die Macht des Königs konsolidierte sich ebenfalls mit der Zeit. So errichtete König Christian IV. im Jahr 1602 ein Handelsmonopol, das ausgewählte dänische Kaufleute bevorteilte und alle anderen ausschloss. Dies hatte zur Folge, dass eine Abhängigkeit und Unselbstständigkeit der isländischen Bevölkerung festgezurrt wurde und sich deren Einkunftsmöglichkeiten im Wesentlichen auf die Landwirtschaft und etwas Fischerei beschränkten. Als König Frederik III. 1662 veranlasste, dass Island der Erbmonarchie und dem Absolutismus Gefolgschaft schwören musste, verlor die Bevölkerung zwar formell weitere Rechte, im Alltag waren die Folgen jedoch nicht allzu gravierend. Die Souveränität erlangte Island schließlich 1918 und die volle Unabhängigkeit mit der Gründung der Republik Island im Jahr 1944. 3.1.1 Bildung und Buchkultur in Island Die isländische Bevölkerung setzte sich zum größten Teil aus einer in der Landwirtschaft tätigen sozialen Schicht und deren Bediensteten zusammen. Das Land gehörte zumeist einer kleinen einflussreichen Elite (ca. 5 % der Bevölkerung), aus der oftmals die Beamten stammten. Grundsätzlich waren Aufwie Abstiege nicht ausgeschlossen (Margrét Eggertsdóttir 2006: 196). Insgesamt war der materielle Lebensstandard für die meisten Menschen in Island jedoch schlecht, was zusätzlich durch Naturkatastrophen und Epidemien befeuert wurde. Es gab keine größeren Ortschaften auf der Insel, die Siedlungsstruktur war dezentral und bestand hauptsächlich aus verstreuten Höfen, die Subsistenz- 1 Vgl. die Überblicksdarstellungen zu dieser Zeit von Margrét Eggertsdóttir (2006) und Lassen (2018). 2 Der nicht unproblematische Begriff vom sog. Þjóðveldið ( ‚ die Volksmacht ‘ ) wird in dieser Studie verwendet, um auf den darin eingeschriebenen Mythos zu verweisen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 <?page no="38"?> wirtschaft betrieben und nicht mit Straßen verbunden waren. Diese Höfe bildeten mit der dort ansässigen Großfamilie, ihren Angestellten und teilweise auch Ziehkindern die zentrale wirtschaftliche und soziale Einheit. Gleichzeitig waren eine hohe Mobilität und damit verbundenes Umherziehen zwischen den Höfen durchaus üblich. Dem etablierten Narrativ der harschen Lebensbedingungen wird oftmals das rege literarische Leben entgegengesetzt, wie es Sigurður Gylfi Magnússon (2010) in dem durchaus polemischen Titel „ Wasteland with Words “ zugespitzt ausdrückt. Dabei sollten jedoch das literarische Aktivitätsniveau und die Lebensbedingungen nicht als Widerspruch missverstanden werden. 3 Die dezentrale, schriftliche Literaturproduktion erreicht in den Beschreibungen dieser Zeit nahezu mythologischen Status, wenn von „ endless copies made by ordinary Icelandic peasants on impoverished Icelandic farms “ (Sigurður Gylfi Magnússon 2010: 148) gesprochen wird. Mit dieser Praxis wurde die volkssprachliche Buchproduktion bis Anfang des 20. Jh. fortgeführt und überdauerte so die Reformation und die Einführung des Buchdrucks. Gleichzeitig war die Handschriftenproduktion von den jeweiligen Bedürfnissen und soziokulturellen Verhältnissen geprägt, so dass Texte nie einfach wortgetreu reproduziert wurden, sondern Prozessen des Neuschreibens unterlagen: So verweisen Auswahl, kleinere und größere Änderungen, hinzugefügte Illuminationen oder die anderen in den Handschriften erhaltenen Inhalte auf die Zielgruppe, kulturelle und gesellschaftliche Themen der Zeit und deren Rezeption. Die Bücher wurden auch deshalb weiterhin von Hand abgeschrieben, weil der Buchdruck den Bedarf an volkssprachiger Literatur nicht decken konnte. Dafür gab es mehrere Gründe: Der letzte katholische Bischof Jón Arason hatte zwar Mitte des 16. Jh. eine Buchdruckpresse mitgebracht, die fortan die einzige des Landes war und am Bischofssitz in Hólar (und zwischendurch kurzzeitig in Skálholt) betrieben wurde. Dementsprechend war diese v. a. mit der Vervielfältigung geistlicher Literatur (Kleiner Katechismus, Predigten, Kirchenlieder, Psalmen usw.) ausgelastet. Unterhaltungsliteratur spielte keine Rolle und mittelalterliche Literatur bildete nur eine Ausnahme. 4 Zudem waren gedruckte Bücher für viele unerschwinglich 5 und es fehlte die Infrastruktur für ihren Verkauf. Handschriften boten hingegen mehrere Vorteile: Die Zensur konnte umgangen und Unterhaltungsliteratur beliebig vervielfältigt werden. Außerdem konnte jede Handschrift den Wünschen des Auftrags entsprechend angepasst werden, wodurch ein maßgeschneidertes Unikat entstand. Die Druckpresse war bereits in die Jahre gekommen, als schließlich 1773 eine zweite in Hrappsey installiert wurde. 3 So argumentieren Sigurður Gylfi Magnússon (2010: 126, 173) und Sigurður Gylfi Magnússon/ Davíð Ólafsson (2002: 181, 193), dass die Literatur angesichts der täglichen Anstrengungen als gedanklicher Zufluchtsort diente und Kindern somit als emotionale Stütze dienen konnte. Vgl. auch die ausführliche Darstellung zu den Lebensbedingungen dieser Zeit von Hastrup (1990). Axel Kristinsson (2018) widerspricht in seinem Buch dem Narrativ des titelgebenden Niedergangs (Hnignun, hvaða hnignun? ), da dieser vor allem ein von politischen Implikationen getriebener Mythos sei. 4 Vgl. Gottskálk Jensson (2021) über die um 1690 in Skálholt gedruckten Ausgaben altnordischer Literatur sowie Margrét Eggertsdóttir (2017c) zum Verhältnis von Buchdruck und Handschriftenkultur in der Frühen Neuzeit in Island. 5 Hufnagel (2017: 183) erwähnt, dass sich Bücher angesichts der Notlagen Mitte des 18. Jh. nur schwer verkauften. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 38 3 Kontext der Handschriften <?page no="39"?> Die Nachfrage nach Büchern hing sicherlich auch mit der zunehmenden Alphabetisierung zusammen. 6 Während anfangs mindestens eine Person auf dem Hof Lesen können sollte, wurde im Jahr 1746 festgelegt, dass dies alle Kinder bis zur Konfirmation können sollten. Somit kann bereits Ende des 18. Jh. von einer weitgehenden schichtenübergreifenden Verbreitung der Lesekenntnisse ausgegangen werden. 7 Der Grund für diese Festlegung war, dass alle Luthers Katechismus (Kverið) lernen sollten, da dieser die von der Kirche gewünschten moralischen Werte vermittelte. Die erste isländische Volksschule wurde im Jahr 1745 eröffnet, aber schon 1760 wieder geschlossen. Die meisten Kinder wurden zu Hause unterrichtet, und ihre Fortschritte durch Besuche des lokalen Pfarrers überprüft. Einige wohlhabende Eltern engagierten zudem Privatlehrer, die oftmals Pfarrer waren. Die Besuche waren bei den Kindern (und Eltern) gefürchtet, die Fortschritte wurden von den Pfarrern minutiös schriftlich festgehalten und nach Inhalten detailliert aufgeschlüsselt. Als Unterrichtsmaterial wurden neben gedruckten Büchern vor allem auch Handschriften verwendet. Diese spielten laut Davíð Ólafsson (2013: 42) auch eine Rolle in der Vermittlung von Alltagswissen sowie nicht-autoritativen Wissen. Gleichzeitig war das Lesenlernen anhand von Handschriften durchaus anspruchsvoll, der Grund waren die unterschiedlichen Schreibhände und verwendeten Schriftarten, das jeweilige Alter der Handschrift und die variierende Orthographie (vgl. Davíð Ólafsson 2013: 44). Manchmal wurden auch Schreiben und Arithmetik gelehrt; Schreibkenntnisse wurden jedoch erst 1880 obligatorisch. Es gab zudem zwei Lateinschulen, jeweils an den Bischofssitzen in Skálholt und Hólar, die jedoch nur von wenigen, meist besser gestellten Jungen besucht wurden. Die nächste Universität befand sich in Kopenhagen und ein Studium dort war nach Abschluss der Lateinschule vor allem für diejenigen üblich, die das Pfarramt anstrebten. Hausunterricht und Schreibtätigkeiten - u. a. die Handschriftenproduktion - fanden vermutlich oft im Zusammenhang mit der sog. kvöldvaka statt, die erstmals von Eggert Ólafsson und Bjarni Pálsson in ihrem 1772 erschienenen Reisebericht Reise igiennem Island beschrieben wurde. 8 Zu dieser ‚ Abendwache ‘ wurde an den Winterabenden die (oftmals einzige) Lampe des Hauses in der baðstofa, dem zentralen Schlaf- und Wohnraum, angezündet. Darum versammelte sich die Hausgemeinschaft und erledigte dabei u. a. Wollarbeiten wie Spinnen, Weben und Stricken. Dazu las jemand - zumeist ein Junge oder Gast - aus Büchern vor, es wurden Rímur rezitiert und schließlich der Abend mit einer Hausandacht beendet. Die Bücher waren teilweise geliehen, bei den vorgelesenen Geschichten handelte es sich oftmals um Sagas und andere alte Literatur. Das Lesen wurde immer wieder durch Kommentare und Zwischenrufe sowie Fragen an die Kinder unterbrochen. Die Kvöldvaka ermöglichte somit auch denjenigen Personen Zugang zu Literatur, die selbst (noch) nicht lesen konnten (vgl. Driscoll 1997: 38 - 46). In diesem Milieu wurde die Literatur nicht nur von einer kleinen kulturellen Elite geprägt, sondern zu einem beträchtlichen Teil auch von Laien. Diejenigen, die Tagebücher 6 Die Ausführungen zum Haus- und Schulunterricht bauen auf folgende Darstellungen auf: Davíð Ólafsson (2013: 41 - 45), Loftur Guttormsson/ Hjalti Hugason (2000: 154 - 158, 331 - 334), Margrét Eggertsdóttir (2017b) und Sigurður Gylfi Magnússon/ Davíð Ólafsson (2002: 181 - 185). 7 Davíð Ólafsson (2013: 42), Gunnar Karlsson (1995: 75), Hastrup (1992: 113), Sigurður Gylfi Magnússon (2010: 166) und Sigurður Líndal (2011: 233). 8 Das zweibändige Buch erschien unter ihren danisierten Namen Eggert Olafsen/ Bjarne Povelsen (1772). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3.1 Kulturhistorische Einführung 39 <?page no="40"?> schrieben oder Bücher kopierten, haben Sigurður Gylfi Magnússon/ Davíð Ólafsson (2002) als „‚ barefoot historians ‘“ ( ‚ Barfußhistoriker ‘ ) bezeichnet, die mit ihrer dezentralen Handschriftenproduktion eine Art „‚ people ’ s press ‘“ ( ‚ Volksdruckerei ‘ ) betrieben hätten. Dabei haben diese nicht hauptberuflich geschrieben, sondern dies typischerweise zusätzlich zu den landwirtschaftlichen Arbeiten am Hof ausgeführt. Sie sollen sich untereinander mit dem Austausch von Büchern und Gedanken unterstützt (vgl. Sigurður Gylfi Magnússon 2010: 166 - 173, Springborg 1977): 9 Although the diarists and others were, without exception, working people, taking an active part in the daily routine of their family farms, every spare moment of their lives seems to have gone into intellectual activity - reading, writing, calculating [ … ]. These lay scholars were very often keen collectors of books and manuscripts, possessing or handling far more than one would ever expect of poor rural farmers and labourers. They took time off work if necessary to write up material they had not seen before [ … ]. (Sigurður Gylfi Magnússon 2010: 169) Die Stellung dieser Personen hätte „‚ literary institutions ‘“ entsprochen (vgl. Sigurður Gylfi Magnússon/ Davíð Ólafsson 2002: 97): To anyone who acquaints themselves with the collection of personal manuscripts in the National Library of Iceland it rapidly becomes obvious that many of the authors can be viewed as ‚ literary institutions ‘ in their own right, on an equal footing to the publishers and printing houses, schools and writers of the ‚ official ‘ literary world. When we speak of a ‚ literary institution ‘ , what we mean is any individual group or formal institution that influences, in one way or another, the ways in which literature is produced, consumed, regarded or discussed by other members of society [ … ]. In nineteenth-century Iceland, it seems, many of these roles were also filled by lay scholars, dedicated amateurs who took it on themselves to cater for the needs and guide the tastes of other people from the same background as themselves. (Sigurður Gylfi Magnússon 2010: 169) Die ‚ Barfußhistoriker ‘ waren also nicht nur Kopisten von Handschriften, sondern haben auch auf inhaltlicher Ebene Beiträge geleistet. Sie waren somit wichtige Akteure der literarischen Kultur. 3.1.2 Antiquarianismus und Gelehrsamkeit in der Frühen Neuzeit Die kulturellen und gelehrten Aktivitäten im Zeitraum zwischen der Reformation (Mitte 16. Jh.) und Aufklärung (ab ca. 1770) waren in Skandinavien und Island vom Humanismus geprägt. Die dazugehörige Strömung wird oft als ‚ Antiquarianismus ‘ bezeichnet, im Folgenden werden so die gelehrten Aktivitäten in Dänemark und Schweden bezeichnet. Der Begriff ‚ Gelehrsamkeit ‘ bezieht sich dagegen auf die isländische Ausprägung - das sog. Lærdómsöld - und somit auf Aktivitäten in Island. Diese Unterscheidung soll helfen, die verschiedenen Perspektiven auf die Vorzeit und das Interesse an den ‚ Artefakten ‘ ‒ wie die Prosa-Edda ‒ zu beschreiben und die jeweiligen Funktionalsierungen und Vereinnahmungen für politische Zwecke besser zu unterscheiden. Dennoch handelte es sich hierbei nicht um getrennte Welten, ganz im Gegenteil: Die Aktivitäten überschnitten sich 9 Sigurður Gylfi Magnússon/ Davíð Ólafsson (2002) und Sigurður Gylfi Magnússon (2010) beziehen sich in ihren Studien zwar vor allem auf das 19. Jh., aber es wird nachfolgend deutlich, dass sich diese Phänomene bereits im Zusammenhang mit den hier analysierten Handschriften finden, zumal zwei der vier Handschriften noch im 19. Jh. auf isländischen Höfen zirkulierten. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 40 3 Kontext der Handschriften <?page no="41"?> und bedingten einander. Sie waren davon geprägt, dass verschiedene Akteure zusammenarbeiteten, vor allem isländischen Gelehrten kam eine zentrale Rolle in Skandinavien zu. Viele von ihnen studierten in Kopenhagen, sie begegneten sich, pflegten Korrespondenz und arbeiteten einander zu. Die Personen, Publikationen und Aktivitäten von Antiquarianismus und Gelehrsamkeit sind so zahlreich wie vielfältig. Nachfolgend seien diejenigen kurz vorgestellt, die in Bezug auf die analysierten Handschriften relevant sind. 10 Als erster ist Arngrímur lærði Jónsson (1568 ‒ 1648) zu nennen, er verfasste mehrere Schriften als Reaktion auf die im Ausland kursierenden negativen Beschreibungen von Island. Arngrímur hatte in Kopenhagen studiert, wurde jung Rektor der Lateinschule in Hólar und besaß ein Schreiben vom dänischen König, dass die Bevölkerung aufforderte ihm Handschriften zu leihen. Als seine bahnbrechende Publikation, die erstmals große Aufmerksamkeit auf die in isländischen Handschriften überlieferte Literatur des Mittelalters zog, wird sein Buch Crymogæa angesehen, das im Jahr 1609 in Hamburg gedruckt wurde. 11 Es war auf Latein verfasst und richtete sich vor allem an ein Publikum außerhalb, zog aber auch in Island großes Interesse auf sich. Das lag sicherlich an dem guten Licht, in dem er die isländische Vergangenheit als ein Goldenes Zeitalter scheinen ließ (Agnes S. Arnórsdóttir 2006: 284). In Crymogæa vertrat Arngrímur u. a. auf Grundlage der Prosa- Edda die Theorie, dass die Æsir bei ihrer Wanderung nach Norden ihre Sprache nach Skandinavien mitgebracht hätten, die mit den Sprachen der dort ansässigen Riesen vermischt worden sei. In diesem Zusammenhang präsentierte er eine gesamtnordische Runenschriftreihe, und behauptete, Isländisch würde unverändert dieser alten gesamtnordischen Sprache entsprechen, während die anderen skandinavischen Sprachen bereits verfielen. Die Runenschrift sei äquivalent zu den Schriften anderer zentraler Sprachen wie des Griechischen oder Hebräischen anzusehen (Malm 2018: 197). Er weckte damit u. a. bei Ole Worm und Stephan Stephanius das Interesse für die Beschäftigung mit isländischen Texten, mit Worm pflegte er fortan Briefkontakt. Arngrímur beschäftigte sich auch mit der isländischen Geschichte, dabei bemühte er das erwähnte Narrativ, dass das glorifizierte ‚ Goldene Zeitalter ‘ - das er historisch im sog. Þjóðveldið verortete - inzwischen verloren und von der Zeit der Fremdherrschaft und des Niedergangs abgelöst worden sei (Margrét Eggertsdóttir 2006: 190). Im Ausland wurde dadurch das Interesse für die isländischen Handschriften geweckt, in denen die Quellen zur ältesten Geschichte des Nordens vermutet wurden. Was folgte, war ein euphorischer Kulturbetrieb in Island, Dänemark und Schweden, der in der mittelalterlichen Literatur die Grundlage für das jeweils eigene kulturelle Gedächtnis bzw. Bestätigung des hohen Alters der königlichen Herrschaft sah. Diese Aktivitäten betrafen u. a. das Beschaffen, Abschreiben, Edieren und Kommentieren mittelalterlicher Handschriften und Literatur sowie das Verfassen zahlreicher weiterer antiquarisch-gelehrter Abhandlungen zum Thema. Auf die Prosa-Edda bezogen nahm Arngrímur ebenfalls eine entscheidende Rolle ein: Er verhalf ihr zum weitläufigen Durchbruch, indem er Magnús Ólafsson mit der Umarbeitung beauftragte und ihm dazu die Prosa-Edda-Handschrift, die heute als Codex Wormianus (AM 242 fol.) bekannt ist, lieh (s. unten). Arngrímur schickte 10 Dieses Kapitel baut auf den sehr informativen überblicksartigen Beiträgen von Lassen (2018) und Margrét Eggertsdóttir (2006) auf, vgl. auch Gylfi Gunnlaugsson (2021). 11 Arngrímur hatte die Arbeit einige Jahre vorher begonnen, das Manuskript war bereits 1602 fertig gewesen (Jakob Benediktsson 1991: 96 - 97). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3.1 Kulturhistorische Einführung 41 <?page no="42"?> diese Handschrift im Jahr 1628 an Ole Worm, der zuvor schon den Codex Trajectinus (MS 1374) von Jón Arason erhalten hatte. 12 Ole Worm (1588 - 1654) war Medizinprofessor und einer der wichtigsten dänischen Akteure, der als Reichsarchivar für seine Runenforschung Bekanntheit erlangte und bei dem verschiedene Isländer studierten, u. a. Jón Arason und der spätere Bischof Brynjólfur Sveinsson (Springborg 1977: 72; s. u., Kap. 5.3.3). Antiquarianismus in Dänemark und Schweden Arngrímur lærði Jónssons Crymogæa wurde in Dänemark und Schweden interessiert aufgenommen bzw. vor allem in den beiden kulturellen Zentren, den Universitätsstädten Kopenhagen und Uppsala. Dänemark und Schweden führten im 17. und 18. Jh. wiederholt Krieg gegeneinander und standen sich auch auf kultureller Ebene als Rivalen gegenüber, z. B. wenn es um die Beschaffung von Handschriften aus Island ging. Ihr Ziel war die Demonstration der Überlegenheit des eigenen Königreiches und das Legitimieren der eigenen Machtansprüche. Dazu wurden Historiker und Antiquare in königlichen Dienst gestellt und mit der Dokumentation und Erforschung von Antiquitäten im Königreich beauftragt. So sollte belegt werden, dass die königlichen Genealogien so viele Generationen wie möglich zurückreichten. Der Prologus der Prosa-Edda löste deshalb Interesse aus, da dieser erzählt, wie Óðinn aus Troja kommend seine Söhne u. a. in Dänemark, Schweden und Norwegen als Könige einsetzte. Im Gegensatz zu anderen Monumenten des Altertums, wie z. B. Runensteinen, waren die isländischen Handschriften bisher nicht in Dänemark und Schweden verfügbar. So wurde viel Aufwand betrieben, diese nach Kopenhagen oder Uppsala zu schaffen und dann mit Hilfe isländischer Gelehrter zu erschließen und übersetzen. Es wurde nach einem einzigartigen Altertum des jeweiligen Königreiches gesucht, dass der klassischen Antike ebenbürtig sein sollte. Man hoffte, hiermit die eigene Vorgeschichte zu vervollständigen und erhellen zu können. Diese Vereinnahmung der mittelalterlichen Literatur Islands war aus dänischer Sicht legitim, weil Island Teil des Königreiches war und die Handschriften somit „ Icelandic sources of Danish history “ (Lassen 2018: 220) darstellten. So wurden Handschriften zuweilen auch gewaltsam erworben, Schweden kaperte 1658 im Krieg ein dänisches Handelsschiff, auf dem sich u. a. ein Isländer befand, der eine Tasche mit Handschriften mit sich führte. Mit Hilfe dieses Isländers, Jón Rúgmann, und dessen Handschriften fertigte Olof Verelius die erste Edition und Übersetzung isländischer Sagas, der Gautreks saga und Hrólfs saga Gautrekssonar, an (publiziert im Jahr 1664 unter seinem latinisierten Namen Olaus Verelius). Es handelt sich hierbei um zwei Vorzeitsagas über Helden aus einer sagenhaften Vorzeit ‚ Schwedens ‘ . Aus diesem Buch finden sich Inhalte in zwei der jüngeren hier untersuchten Handschriften: Eine Zusammenfassung des begleitenden Kommentars sowie die Bildtafel, die die Illustration zum Rahmennarrativ der Gylfaginning aus dem Codex Upsaliensis (Hárs lygi, DG 11 4to, f. 26v) zeigt. Eine Reproduktion dieser war ebenfalls in der Edition enthalten, doch kam sie nicht direkt, sondern über den Umweg einer weiteren gedruckten Zwischenstufe in die Handschriften (Bartholin 1690). 12 Vgl. die Arbeiten von Middel (2016), Gottskálk Jensson (2008) und Jakob Benediktsson (1991) zur Bedeutung von Arngrímur lærði Jónsson. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 42 3 Kontext der Handschriften <?page no="43"?> Viele Handschriften wurden jedoch friedlicher nach Schweden gebracht, so kaufte z. B. Magnus de la Gardie den Nachlass des Dänen Stephen Hansen Stephanius (1599 ‒ 1650) und schenkte ihn später der Universitätsbibliothek Uppsala (1669). Darunter befand sich die erwähnte als Codex Upsaliensis (DG 11 4to) bekannte Handschrift der Prosa-Edda. 13 Das Edieren und Drucken dieser Literatur wirkte sich auch auf die Handschriftenkultur in Island aus, indem gedruckte Bücher z. B. wieder handschriftlich abgeschrieben wurden. Die größte systematische Sammlung isländischer Handschriften wurde von Árni Magnússon 14 (1663 - 1730) angelegt, der viele Handschriften im Zuge seiner Arbeit am isländischen Zensus aus Island mitbrachte. Er stiftete diese - nach herben Verlusten im großen Brand von Kopenhagen 1728 - nach seinem Tod der Universität Kopenhagen. Erst nach der Gründung der Republik Islands 1944 führten die politischen Debatten über die Rechtmäßigkeit des Besitzes und des kulturellen Eigentums dazu, dass ein beträchtlicher Teil von den im damaligen Den Arnamagnæanske Institut sowie in Det Kongelige Bibliotek befindlichen Handschriften ab 1971 von Kopenhagen nach Reykjavík zurückgeführt wurden, dazu zählt auch eine der hier untersuchten Handschriften aus Árnis Sammlung, AM 738 4to. Lærdómsöld: Humanismus in Island Gebildete isländische Gelehrte arbeiteten jedoch nicht nur dänischen und schwedischen Gelehrten zu, sondern waren selbst als kulturelle Elite in Island aktiv, was zur Bezeichnung Lærdómsöld führte. Manche der Akteure waren zwar für das Studium eine Zeit lang in Kopenhagen, kehrten aber später zurück. Andere hatten nicht einmal einen formellen Schulbesuch hinter sich gebracht. Die zentralen Figuren wirkten vor allem in und um die beiden Bischofssitze in Skálholt und Hólar, die lange als kulturelle Zentren galten und an denen sich u. a. Sammlungen von Büchern und Handschriften befanden. In Hólar war eine dieser Personen Bischof Þorlákur Skúlason (1597 ‒ 1656), doch als die zentralste Figur dieser Zeit muss sein Kollege in Skálholt, Bischof Brynjólfur Sveinsson (1605 ‒ 1675), bezeichnet werden. 15 Er besuchte die Lateinschule in Skálholt, studierte in Kopenhagen u. a. bei Ole Worm und Thomas Bartholin d. Ä. mit einem Schwerpunkt in Griechisch, Hebräisch und Philosophie und fiel spätestens dort den Humanismus anheim. Er wurde später Konrektor der Kathedralschule in Roskilde und - entgegen seiner Pläne - 1638 zum Bischof von Skálholt gewählt. Brynjólfur unterrichtete fortan an der dortigen Lateinschule und betrieb umfangreiche literarische Aktivitäten: Er stand in Kontakt mit Gelehrten in Dänemark (u. a. Stephan Stephanius) und trug zahllose Bücher und Handschriften zusammen. Er hatte große Pläne, Editionen aus Handschriften herzustellen. Doch nachdem sich Bischof Þorlákur offensichtlich gegen Brynjólfs Ambitionen stellte, Editionen in Hólar zu drucken, setzte er auf seine Kopenhagener Kontakte (Gunnar Harðarson 1991: 13 Ausführliche Ausführungen zu den schwedischen Interessen am Sammeln der Handschriften finden sich bei Jucknies (2002). 14 Árni Magnússon hatte zuvor als Assistent von Thomas Bartholin d. J. (1659 - 1690) gearbeitet. Aus dessen Abhandlung Antiqvitatum Danicarum (Bartholin 1690) dienten mehrere Bildtafeln als Vorlagen für Illuminationen in zwei der untersuchten Handschriften. Für Árni handelte es sich hierbei um eine Gebrauchssammlung, u. a. mit dem Ziel Editionen zu erstellen, weshalb er die Handschriften teilweise grundlegend umstrukturierte, wie Stegmann (2016) überzeugend dargelegt hat. 15 Die Studie von Gunnar Harðarson (1991) ist Grundlage dieser Ausführungen zu Brynjólfs umfangreichen humanistisch-gelehrten Aktivitäten. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3.1 Kulturhistorische Einführung 43 <?page no="44"?> 141). Für die Ausarbeitung der (letztlich oft nicht gedruckten) Editionen beauftragte er andere gelehrte Personen und stellte ihnen dafür Handschriften zur Verfügung, die sie abschrieben und kommentierten. 16 Er trug außerdem eine bemerkenswerte Sammlung einiger der heute bedeutendsten Handschriften zusammen, darunter waren neben der Flateyjarbók (GKS 1005 fol.) auch zwei der heute bekannten mittelalterlichen Prosa-Edda- Haupthandschriften, der Codex Upsaliensis (DG 11 4to) und Codex Regius (GKS 2367 4to), sowie die Haupthandschrift der eddischen Dichtung, ebenfalls Codex Regius (GKS 2365 4to). Die erwähnten Handschriften der GKS-Signatur schickte er zwischen 1656 ‒ 1662 zusammen mit weiteren bedeutenden Handschriften als Schenkung an die Bibliothek von König Frederik III., von dem er mit der Einsammlung von Antiquitäten qua Dekret betraut war (Lassen 2018: 221 - 222, Springborg 1977: 67 - 70, 86). Einer der Personen, die im Auftrag Brynjólfs arbeiteten, war ein ebenfalls bedeutender isländischer Gelehrter der Frühen Neuzeit: Jón lærði Guðmundsson (1574 ‒ 1658). Er hatte keinen Schulbesuch absolviert, aber sich autodidaktisch großes Wissen angeeignet und zahlreiche antiquarische und naturkundliche Abhandlungen verfasst. 17 Die beiden Arbeiten Samantektir um skilning á Eddu (Kommentar zur Prosa-Edda) sowie Að fornu í þeirri gömlu norrænu kölluðust rúnir bæði ristingar og skrifelsi (Kommentar zur Brynhildarljóð der V ǫ lsunga saga) erstellte er wahrscheinlich 1641 im Auftrag von Bischof Brynjólfur. Der letztgenannte Kommentar findet sich in zwei der hier untersuchten Handschriften, die wiederum als Textgrundlage für die Edition von Einar G. Pétursson (1998a) dienten. Jón kopierte in Kopenhagen weiterhin den Codex Upsaliensis (heute Oxford, Bodleian Library, Marshall 114). Auch Björn Jónsson á Skarðsá (1574 ‒ 1655) erledigte für Bischof Brynjólfur Auftragsarbeiten. Er hatte ebenfalls keine formelle Schulbildung genossen und war - wie viele - Bauer, hielt jedoch als lögréttumaður einen gehobenen gesellschaftlichen Status inne. Er schrieb unter anderen einige gelehrte Kommentare wie die Útlegging yfir V ǫ luspá (über Prosa-Edda und V ǫ luspá, 1644 oder 1646) und Samtak um rúnir ( ‚ Zusammenfassung über Runen ‘ 1642), die sich auch in mehreren der hier untersuchten Handschriften finden. Ein weiterer isländischer Gelehrte, dessen Arbeit im nachfolgenden Zusammenhang erwähnenswert ist, ist Guðmundur Andrésson (1615 ‒ 1654), er verfasste einen V ǫ luspá- Kommentar, in dem er behauptete, dass die V ǫ luspá ursprünglich in Runen geschrieben gewesen sei. Dieser Kommentar wurde mit seiner Edition der V ǫ luspá wie auch der Hávamál im Jahr 1665 von Peder Hansen Resen in Kopenhagen herausgebracht. Er ist auch Autor des isländisch-lateinischen Wörterbuchs Lexicon Islandicum, das 1683 ebenfalls von Resen in Kopenhagen gedruckt wurde. Dichtung in Island Die gelehrten Aktivitäten hatten direkten Einfluss auf die in Island verfasste Dichtung. So führte das humanistische Interesse an der eigenen Geschichte und Kultur dazu, dass sich auch Dichtung mit Island beschäftigt wurde, ein Phänomen, das Margrét Eggertsdóttir (2002) unter der Bezeichnung „ topographisch-historische Dichtung “ untersucht hat. Dazu gehörten nicht selten satirisch-polemische Gedichte, die die zeitgenössischen Zustände 16 Springborg (1977: 87) beschreibt die Isländer, mit denen Brynjólfur zusammenarbeitete, ebenfalls als einer isländischen Oberschicht zugehörig: Sie haben Latein beherrscht, manche hatten studiert und andere stammten aus Pfarrersfamilien. 17 Vgl. Viðar Hreinsson (2018) zu Jóns naturkundlichem Œ uvre. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 44 3 Kontext der Handschriften <?page no="45"?> Islands kritisierten und nostalgisch in der Vergangenheit schwelgten. Ein solches Beispiel ist das später im Zusammenhang mit der Prosa-Edda diskutierte Aldarháttur, das Hallgrímur Pétursson 1663 schrieb und das in einer der Handschriften (AM 738 4to) vorhanden ist. Darin schlägt sich seine gelehrte Arbeit an skaldischer Dichtung auch formal in der Verwendung umfangreicher Kenningar nieder. Die eddische Dichtung wurde ebenfalls weitergepflegt und so entstanden die beiden eddischen Lieder Hrafnagaldur Óðins und Gunnarsslagur (1745 von Gunnar Pálsson) erst aus antiquarischer Perspektive als „ learned attempts to revitalize eddic poetics “ (Lassen 2018: 240). Diese finden sie sich teilweise in den hier untersuchten Handschriften Seite an Seite mit der übrigen eddischen Dichtung. 18 Der Hauptgrund, der das große isländische Interesse an der Prosa-Edda in der Frühen Neuzeit erklärt, war v. a. das Interesse an den Kenningar, die beim Dichten, v. a. der Rímur, umfangreich eingesetzt wurden: Dabei wurden skaldische Kenningar entweder unverändert übernommen, bestehende neu zusammengesetzt oder völlig neu nach dem alten Vorbild gebildet. 19 Rímur sind epische Dichtungen, die auch vor allem zu Unterhaltungszwecken in einem Sprechgesang rezitiert wurden und oftmals ältere Prosa-Werke in Versform transformierten, dazu gehörten Sagas, Mythennarrative aus den Eddas oder gänzlich neue Stoffe. Dabei wurden Kenningar dem Zeitgeschmack entsprechend verwendet. Sie waren auch ein äußerst beliebtes Stilmittel der barocken Dichtung und wurden - außer in Psalmen - in allen Gattungen eingesetzt. Relevante Stationen und Phänomene der Überlieferung und des Neuschreibens der Prosa-Edda werden nun im Anschluss dargestellt. 3.2 Die Prosa-Edda durch die Jahrhunderte Wenn heute auf die Prosa-Edda verwiesen wird, dann wird diese unausgesprochen vor allem im mittelalterlichen Kontext verortet - dabei ist mit Abstand die größte Anzahl Handschriften in der nachmittelalterlichen Zeit auf Papier geschrieben und in dieser Form gelesen worden. Unter den zuvor beschriebenen Bedingungen hat sich die Kulturtechnik der handschriftlichen Buchproduktion bewahrt, so dass mitsamt der damit einhergehenden Neuschreibeprozesse die mittelalterliche Literatur bis zu Beginn des 20. Jh. weitergetragen wurde. So blühte die Prosa-Edda regelrecht neu auf: Als Teil dieser Blüte sind die vier Handschriften dieser Studie anzusehen, die auf den Schultern jahrhundertelanger Neuschreibeprozesse und der antiquarischen Rezeption stehen. In diesem Kapitel werden wichtige Stationen der Überlieferung und des damit verbundenen Neuschreibens überblicksartig vorgestellt. Anschließend wird in die zwei wichtigsten frühneuzeitlichen Umarbeitungen der Prosa-Edda eingeführt, damit die späteren Analysen auf diese Bezug nehmen können. Dabei wird deutlich: Wenn heute ‒ oftmals von einer abstrakten Werkvorstellung ausgehend ‒ vereinheitlichend von ‚ der ‘ Prosa-Edda (oder ‚ Snorra-Edda ‘ ) gesprochen wird, dann verkürzt diese Referenzgröße die Vielfalt, die sich bereits im Mittelalter sowie in späteren Papierhandschriften findet. 18 Vgl. Lassen (2018: 234 - 239) zu diesen beiden Liedern. 19 Die Beschäftigung mit den Kenningar für die frühneuzeitliche Dichtung hat (Margrét Eggertsdóttir 1996, 2021) mehrfach untersucht. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3.2 Die Prosa-Edda durch die Jahrhunderte 45 <?page no="46"?> 3.2.1 Mittelalterliche Fassungen und Handschriften Die Vielfalt der mittelalterlichen Prosa-Edda-Handschriften betrifft Merkmale des verbalen und visuellen Textes. Wenn auch sich die Einteilung der Prosa-Edda in vier Werkteile - Prologus, Gylfaginning, Skáldskaparmál und Háttatal - etabliert hat, sind diese nicht alle vollständig, nicht immer nahtlos aneinanderschließend und in unterschiedlichem Umfang in den vier sog. Haupthandschriften enthalten. Weiterhin gibt es einen Zweig der Überlieferung, der nur die Skáldskaparmál umfasst (s. weiter unten). Der Inhalt der vier erwähnten Werkteile ist dieser: 1. Der Prologus beginnt mit der christlichen Schöpfung und führt über Noah nach Troja, von wo aus Óðinn mit seinem Gefolge nach Norden auswandert. Er bringt seine Sprache in den Norden und setzt seine Söhne in div. Ländern als Könige ein (u. a. Dänemark, Schweden und Norwegen). Weil er Gutes bringt, erscheint er den Menschen Göttern ähnlicher als Menschen. Die nachfolgenden Mythennarrative werden so in die christliche Schöpfung eingebettet und die Æsir nicht als Gött: innen, sondern euhemerisiert als Fürsten dargestellt. 2. Die Gylfaginning ist eine Sammlung von Narrativen eddischer Mythen. In ihr werden die zentralen Figuren, Orte usw. zunächst vorgestellt, worauf dann die zugehörigen Narrative folgen (u. a. von Balldrs Tod und den Ragnar ǫ k). Die Narrative werden zusätzlich mit Strophen eddischer Dichtung (v. a. aus V ǫ luspá und Grímnismál) angereichert und von einem Rahmennarrativ eingefasst. Nach diesem unterbreiten die drei Asenkönige Hárr, Jafnhárr und Þriði dem schwedischen König Gylfi die Erzählungen, der in Gestalt eines alten Mannes, der sich Gangleri nennt, auftritt. Er stellt den drei Asenkönigen solange Fragen, bis diese plötzlich am Ende mitsamt der hohen Halle, in der sie aufeinandertreffen, verschwinden. 3. In den Skáldskaparmál wird das System der poetischen Umschreibungen (Kenningar und Heiti), welcher zentraler Bestandteil der altnordischen Dichtung sind, ausführlich erörtert. Um deren Anwendung zu demonstrieren, werden zahlreiche Strophen skaldischer Dichtung angeführt, viele dieser Strophen sind nicht anderweitig überliefert. Je nach Aufteilung in den Handschriften besteht der erste Teil der Skáldskaparmál aus weiteren Mythennarrativen, die Bragi Ægir beim Festgelage erzählt (manchmal deshalb als Bragar œ ðr bezeichnet). Diese Kapitel werden zuweilen vom nachfolgenden Abschnitt zu den Kenningar und Heiti abgetrennt und direkt an die vorherige Gylfaginning angeschlossen. Dazu gehört auch der sog. Epilog, der sich an das Zielpublikum der jungen Dichter richtet und warnt, dass die Geschichten unwahr seien und Christen nicht an die heidnischen Götter glauben sollten. 20 Er weist darüber hinaus auf den Wert des Buchs für das Erlernen und Verstehen der Dichtkunst hin. 4. Háttatal ist eine kommentierte Demonstration der Versmaße in Form eines Preisgedichtes auf den norwegischen König Hákon sowie Jarl Skúli. Dieser Abschnitt fehlt in den frühneuzeitlichen Fassungen. 20 Für die mittelalterlichen Handschriften kam Guðrún Nordal (2001: 68) nach Analyse von Kompilation und Seitengestaltung zum Schluss, dass diese als Nachschlagewerke oder Schulbücher gedient haben können. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 46 3 Kontext der Handschriften <?page no="47"?> Diese Werkteile sind in unterschiedlichen Fassungen zusammen mit weiteren Inhalten in den vier Haupthandschriften enthalten: 21 • Codex Regius der Prosa-Edda (Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, GKS 2367 4to), datiert auf 1300 ‒ 1350. Kompilation: Prologus (Anfang defekt), Gylfaginning, Skáldskaparmál (mit Bragar œ ðr und Epilog), Háttatal, Jómsvíkinga drápa und Málsháttakvæði. Die Handschrift wurde als Leithandschrift kanonisiert. Provenienz: Bischof Brynjólfur Sveinsson kaufte 1640 die Handschrift und schenkte sie 1662 dem dänischen König Frederik III. Im Zuge der Rückführungen kam die Handschrift im Jahr 1985 wieder zurück nach Island. 22 • Codex Upsaliensis (Uppsala, Universitetsbibliotek, DG 11 4to), datiert auf 1300 ‒ 1325. Kompilation: Prologus, Gylfaginning, Skáldskaparmál (Teil I, Bragar œ ðr mit Epilog, Kenningar und Heiti), Skáldatal, Ættartala Sturlunga, L ǫ gs ǫ gumannatal, Skáldskaparmál (Teil II), Zweites Grammatische Traktat (Háttalykillinn), Háttatal. Diese Handschrift enthält mehrere Illuminationen (u. a. von Hárs lygi) sowie Diagramme. Die Textfassung der Prosa-Edda ist deutlich kürzer als in den anderen Handschriften. Provenienz: Die Handschrift war im Besitz von Bischof Brynjólfur Sveinsson, der sie 1639 Stephan Stephanius schenkte. Nach dessen Tod wurde sie an Magnus Gabriel De la Gardie verkauft, der sie 1669 der Universitätsbibliothek in Uppsala schenkte. Die mögliche Rolle dieser Handschrift als Lehrbuch hat Heimir Pálsson (2012a: xciii - xciv, cxviii) in seiner Edition mehrfach angesprochen, dafür sprächen u. a. verschiedene paratextuelle Merkmale wie die Überschriften, die einen schnellen Überblick geben, sowie die Markierungen der Strophen am Rand mit „ v “ . Möglicherweise sei diese Kompilation vom Lehrer selbst hergestellt worden. • Codex Wormianus (Kopenhagen, Den Arnamagnæanske Samling, AM 242 fol.), datiert auf 1340 - 1370 (evtl. im Kloster von Þingeyrar) sowie spätere Ergänzungen, u. a. von Sveinn Jónsson. Kompilation: Prologus, Gylfaginning, Skáldskaparmál (Teil I, mit Bragar œ ðr und Epilog), Grammatische Traktate (I - IV, mit Prolog), Skáldskaparmál (Teil II, Kenningar und Heiti, fehlende Blätter), Háttatal (Anfang und Ende defekt), Rígsþula, sog. Orms-Eddu-Brot (bzw. Ókennd heiti). Diese Handschrift enthält die ausführlichste Fassung der Prosa-Edda, die in Bezug auf den Prologus oftmals als ‚ Interpolationen ‘ bezeichnet wurden. Provenienz: Verschiedene Vorbesitzer, danach Arngrímur lærði Jónsson, der diese Handschrift zunächst 1609 Magnús Ólafsson lieh, der sie als Grundlage für seine Umarbeitungen der Prosa-Edda nutzte (s. unten). Später, 1628, schickte Arngrímur die Handschrift zu Ole Worm nach Kopenhagen. Von dessen Enkel Christen Worm kam die Handschrift 1706 zu Árni Magnússon und ist seitdem Teil der Sammlung. 21 Vom Prologus fehlt in zwei der Handschriften der Anfang. Vgl. die Übersichten zu den Handschriften von Finnur Jónsson (1931b: III - XVII), Guðrún Nordal (2001: 44 - 72), Sverrir Tómasson (1996c: 6 - 9) sowie unter Einbezug der Gliederung und materiellen Aspekte Rösli (2015: 46 - 57). 22 Sverrir Tómasson (1996c: 9) hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Provenienz der Handschriften vor allem im Süden und Westen Islands liegt, keine kam aus den Ostfjorden. Dieses Bild ändert sich deutlich in Bezug auf die in dieser Studie untersuchten Handschriften. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3.2 Die Prosa-Edda durch die Jahrhunderte 47 <?page no="48"?> • Codex Trajectinus (Utrecht, Universiteitsbibliotheek, MS 1374), datiert auf um 1595, geschrieben von Páll Jónsson aus Þernuvík (Vestfirðir). Kompilation: Brief von Bjarni Jónsson an seinen Bruder Páll (1595), Prologus (Anfang der Vorlage war defekt), Gylfaginning, Skáldskaparmál, Háttatal, Grottas ǫ ngr. Die Handschrift wird für gewöhnlich als Kopie einer älteren Fassung angesehen und ist dem Codex Regius am nächsten. Provenienz: Von Jón Arason, Pfarrer im Vatnsfjörður und Vater von Magnús Jónsson í Vigur, kam die Handschrift zu Ole Worm, der sie offensichtlich 1635 an einen Dr. Elichmann gab. Im Jahr 1643 erfolgte eine Schenkung von Chr. Ravius „ Berlinas “ an die Stadt Utrecht. Darüber hinaus gibt es diese drei Handschriften, die eine (kürzere) Fassung der Skáldskaparmál sowie andere Inhalte umfassen: • AM 748 I 4to (heute in zwei Teile aufgeteilt: Kopenhagen, Den Arnamagnæanske Samling, AM 748 I a 4to; Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, AM 748 I b 4to), datiert auf 1300 ‒ 1325. Kompilation von Teil a: Hárbarðsljóð, Balldrs draumar, Skírnismál, Vafþrúðnismál, Grímnismál, Hymiskviða, V ǫ lundarkviða. Teil b: Drittes Grammatisches Traktat, Skáldskaparmál, Íslendingadrápa. Provenienz: Árni Magnússon erhielt die Handschrift von sr. Halldór Torfason aus Bær (in Flói), zuvor war sie wahrscheinlich im Besitz von Bischof Brynjólfur Sveinsson in Skálholt. • AM 748 II 4to (Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum), datiert auf 1390 ‒ 1410. Kompilation: Skáldskaparmál (Auszüge), Ættart ǫ lur. Provenienz: s. AM 748 I 4to, mit dieser war Teil II spätestens im 17. Jh. zusammengebunden. • AM 757 a 4to (Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum), datiert auf 1390 ‒ 1410. Kompilation: Skáldskaparmál und Dichtung (Heilags anda vísur, Leiðarvísan, Líknarbraut, Harmsól, Maríudrápa, Gyðingsvísur). Provenienz: Árni Magnússon bekam die Handschrift von Ásgrímur Magnússon aus Höfði. Die Prosa-Edda liegt also bereits im Mittelalter in verschiedenen Gesamtkompilationen mit sehr unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen vor. Dieses Bild wird also stark geglättet, wenn in Editionen die vier Werkteile aus ihrem Überlieferungskontext herausgelöst, auf eine einheitliche Fassung reduziert und als Repräsentation der Prosa-Edda gelesen werden. Beim Betrachten der visuellen Strukturierung wird bestätigt, dass die individuelle Unterteilung der Prosa-Edda in den Handschriften variiert. So zeigen die Initialen und Rubriken, dass in keiner der Handschriften die Unterteilung so eindeutig vorgenommen wird, wie es die übliche Einteilung der vier Werkteile suggeriert. Um die verschiedenen Schwerpunkte der einzelnen Handschriften zu verdeutlichen, fasst Clunies Ross den Charakter einer jeden der drei mittelalterlichen Haupthandschriften folgendermaßen zusammen: Regius stresses the mythological dimensions of the work, and is probably more concerned than the other manuscripts to emphasize the compatibility of the mythology presented by Snorri with Christian belief. Wormianus, which includes the four grammatical treatises, is heavily interested in the rhetorical aspects of Norse poetic diction, while Upsaliensis focusses on Snorri himself as a figure of authority, both in person and as an authority on poetry. (Clunies Ross 2000: 128) Die handschriftliche Überlieferung belegt also bereits im Mittelalter die Versatilität der Kompilation und das Potential des steten Neuschreibens. Diese Vielfalt führt Glauser Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 48 3 Kontext der Handschriften <?page no="49"?> (2013: 119) zu folgender, sehr treffenden Konklusion: „ Dies heißt aber auch, dass man nur sehr bedingt von der ‚ Edda ‘ als einem einheitlichen Werk sprechen kann. “ 23 Heimir Pálsson (2012a: lxxv) bezeichnet die individuellen Merkmale im Codex Upsaliensis als „ work in progress “ . Diese Unfestigkeit setzt sich in den Papierhandschriften fort. Obwohl diese teilweise auf die gedruckte Erstausgabe zurückgehen, hatte selbst diese nur begrenzt fixierendes Potential. Dies betrifft ganz besonders die Skáldskaparmál: The manuscript tradition of this work, in particular in the section labelled Skáldskaparmál, shows that it did not achieve a stable form in the Middle Ages, but was repeatedly revised, reordered, and reshaped. This variance has continued in the post medieval period as well. The prose Edda can thus be characterized as an unstable or fluid work. (Wellendorf 2013: 149) Ein Grund für die dennoch verbreitete Auffassung darüber, welche Werkteile die Prosa- Edda umfasst und dass diese stabil seien, liegt sicherlich auch in der immer wieder zitierten Eingangsrubrik des Codex Upsaliensis (Abb. 3). Abb. 3: Eingangsrubrik, Codex Upsaliensis, DG 11 4to (f. 2r, Detail). Foto: Uppsala Universitetsbibliotek. Alle Fotos dieser Handschrift sind mit freundlicher Genehmigung der Uppsala Universitetsbibliotek u. a. (2014 - ) dem Digitalisat auf ALVIN entnommen, <urn: nbn: se: alvin: portal: record-54179, 24.10.2024>. Die Fotos der stark nachgedunkelten Handschrift wurden für den Druck leicht aufgehellt. Der Inhalt der Rubrik lautet folgendermaßen: Bók þessi heitir Edda. Hana hefir saman setta Snorri Sturluson eptir þeim hætti sem hér er skipat. Er fyrst frá ásum ok Ymi, þar næst skáldskapar mál og heiti margra hluta. Síðast Háttatal er Snorri hefir ort um Hákon konung ok Skúla hertuga. 24 (Eingangsrubrik, DG 11 4to, f. 2r; Heimir Pálsson 2012b: 6) Hier wird die inhaltliche Struktur beschrieben und mit Snorri Sturluson in Verbindung gebracht. Bei Edda handelt es sich um einen poetischen Namen, dessen genaue Bedeutung bis heute nicht geklärt ist und auch in den frühneuzeitlichen Handschriften wiederholt Anlass zur Spekulation gibt. Die Bezeichnung als Buch ist sicherlich vor allem als Verweis auf die mediale Form - die Schriftform - zu verstehen. Der Grund ist, dass 23 Vgl. die vielen Arbeiten, die sich mit der Individualität der Kompilation einzelner oder mehrerer Prosa- Edda-Handschriften beschäftigt haben, u. a.: Glauser (2013), Krömmelbein (1992), Guðrún Nordal (2001), Rösli (2015), Schneeberger (2020) und Wellendorf (2013, 2018). 24 ‚ Dieses Buch heißt Edda. Es hat Snorri Sturluson auf die Weise zusammengestellt wie hier bestimmt ist. Zuerst [handelt es] von den Asen und Ymir, dann als nächstes von der Sprache der Dichtkunst (skáldskapar mál) und den Bezeichnungen (heiti) vieler Dinge. Zuletzt das Háttatal, das Snorri über König Hákon und Herzog Skúli verfasst hat. ‘ Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3.2 Die Prosa-Edda durch die Jahrhunderte 49 <?page no="50"?> nicht alle aus heutiger Perspektive distinkt wahrzunehmenden Inhalte der Handschrift gelistet werden. Somit scheint sich bók nicht auf eine materielle, abgeschlossene Einheit zu beziehen. 25 Danach folgt eine knappe Inhaltsangabe über die Kompilation: Skáldskaparmál und Háttatal werden hier mit ihrer heute verwendeten Bezeichnung angeführt, etwas zweideutiger erscheint jedoch zunächst die Formulierung „ frá ásum ok Ymi “ ( ‚ von den Asen und Ymir ‘ ): Diese verweist auf die entsprechenden Narrative, die in der kanonischen Vierteilung üblicherweise als Prologus, Gylfaginning und die ersten narrativen Kapitel der Skáldskaparmál (Bragar œ ðr) unterschieden werden. Nicht explizit von dieser Rubrik adressiert werden die enthaltenen Listen (Skáldatal, Ættartala Sturlunga, L ǫ gs ǫ gumannatal) sowie das Zweite Grammatische Traktat (zwischen Skáldskaparmál und Háttatal). So wird zwischen dieser Rubrik mit kanonisierendem Potential eine Diskrepanz zu den tatsächlich nachfolgenden Inhalten aufgebaut. Eine der sicherlich folgenreichsten Angaben der Rubrik ist, dass diese die älteste Zuschreibung der (Prosa-)Edda an Snorri Sturluson (1179 - 1241) darstellt. 26 Die Verbwahl differenziert explizit aus, welchen Beitrag Snorri genau geleistet haben soll: die erwähnten Abschnitte ( „ frá ásum ok Ymi “ und „ skáldskapar mál “ ) habe er ‚ zusammengestellt ‘ ( „ hefir saman setta “ ), aber das Háttatal ‚ gedichtet ‘ ( „ hefir ort “ ). Müller (2020: 127 - 141) hat die Semantik von setja saman in der altnordischen Literatur analysiert und kam zum Schluss, dass dieses Verb verschiedene Arbeitsschritte in der Textproduktion und damit solche sowohl eines Autors als auch eines Kompilators fasst: Das Konzept von setja saman beschränkt sich nicht nur auf das Zusammenfügen schon bestehender Textteile, d. h. die Kompilation, sondern beinhaltet auch eine sprachliche Bearbeitung. [ … ] Von einem Kompilator wurde keine wortgetreue Wiedergabe des Quellentextes erwartet, genauso wenig von einem Autor ein originelles Werk. (Müller 2020: 140 - 141) Da in der Rubrik unterschiedliche Verben verwendet wurden, sind unterschiedliche Beiträge für Háttatal und die übrigen Werkteile anzunehmen, zumal im Zusammenhang mit setja saman auf die erwähnte Gesamtstruktur verwiesen wird. 27 Die Textarbeit an Gylfaginning und Skáldskaparmál als Zusammentragen wird aus der umfangreichen Zitation eddischer und skaldischer Dichtung deutlich, aber dennoch bleibt das genaue Ausmaß der Kompilation in dieser Zuschreibung vage. Festzuhalten bleibt somit zunächst, dass um 1300 in dieser Handschrift Snorri mit der Prosa-Edda assoziiert wurde, der Vergleich der mittelalterlichen Kompilationen und Textfassungen jedoch insgesamt ein sehr heterogenes Bild ergibt. Die genaue Rolle von Snorri Sturluson bleibt im Zusammenhang mit der Prosa-Edda dennoch ein kontroverses Thema und wird seitdem kritisch 25 Ähnlich ist Glauser (2009: 165) der Ansicht, dass hier auf den „ Objektstatus des Werkes “ verwiesen wird, und dabei gleichzeitig zwischen diesem materiellem Buch (mit den Worten „ bók þessi “ ) sowie dem abstrakten Werk (mittels der Inhaltsangabe) unterschieden wird. Müller (2020: 43, 140) zufolge kann bók auch metonymisch für ‚ Text ‘ oder ‚ Stoff ‘ stehen und könnte sich demzufolge auf den Inhalt des Kodexes beziehen. Auf jeden Fall bezeichnet das Wort also einen schriftlich gedachten Text. 26 In mittelalterlichen isländischen Handschriften findet sich selten eine solche Zuschreibung als „ auktoriale Instanz “ (Rohrbach 2023: 307). Weiterhin ist im Fragment AM 748 I b 4to (f. 14v) eine nur schwer lesbare Rubrik, die erwähnen soll, dass Snorri die Kompilation der Skáldskaparmál veranlasst habe (Jón Sigurðsson 1852a: 428). 27 Vgl. zu den Verben Glauser (2009: 166) und Rösli (2019: 411 - 412). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 50 3 Kontext der Handschriften <?page no="51"?> diskutiert. 28 Eine ähnliche Funktion wie diese Eingangsrubrik übernahmen später die Titelseiten in den Papierhandschriften. 3.2.2 Frühneuzeitliche Fassungen Diese zwei frühneuzeitlichen Bearbeitungen der Prosa-Edda haben zahlreiche Papierhandschriften nach sich gezogen: die umfangreichen Umarbeitungen von Magnús Ólafsson zur sog. Edda Magnúsar Ólafssonar (auch Laufás-Edda genannt, 1609) sowie, darauf aufbauend, die erste gedruckte Edition Edda Islandorum (Resen 1665a). Beide wurden bereits vor einiger Zeit von Faulkes (1977c, 1979c) herausgegeben, haben aber seitdem nur wenig Forschung generieren können. 29 Eine Ausnahme bildet der ausführliche, von Sverrir Tómasson (1996b) herausgegebene Sammelband zum Nachleben der Eddas in der Frühen Neuzeit. Die Edda Magnúsar Ólafssonar genoss große Popularität und war für mehrere Jahrhunderte die meist gelesene und prägende Fassung der Prosa-Edda, auch außerhalb Islands (Gylfi Gunnlaugsson 2021: 26). Sie wurde erst im Laufe des 19. Jh. durch die vermehrte Zuwendung zu den mittelalterlichen Fassungen nach und nach von diesen (bzw. deren Editionen) abgelöst: It was in this form that Snorri ’ s Edda was received by the wider scholarly world in the seventeenth century and for quite some time afterwards, not in the form of any of the medieval manuscripts. In fact, the first edition of Snorri ’ s text to follow the manuscript that is now considered the best, R (Codex Regius of Snorri ’ s Edda, GKS 2367 4to), was that of Rasmus Rask in 1818. (Clunies Ross 2019: 365) Im Nachfolgenden werden beide Fassungen und ihre wichtigsten Merkmale vorgestellt. Edda Magnúsar Ólafssonar (1609) Arngrímur lærði Jónsson beauftragte seinen ehemaligen Schüler Magnús Ólafsson (1573 ‒ 1636), Pfarrer in Laufás (Eyjafjörður), mit der Erstellung einer Neubearbeitung der Prosa-Edda. Er schloss diese 1609 ab, also im gleichen Jahr, in dem Arngrímur sein Buch Crymogæa publizieren konnte. 30 Arngrímur lieh Magnús zu diesem Zweck den Codex Wormianus, außerdem hatte er noch mindestens eine weitere Papierhandschrift zur Verfügung (Faulkes 1979a: 156, 171). Ziel war eine für das zeitgenössische Publikum 28 Zurückhaltend bezüglich Snorris Beitrag äußerte sich bereits Jón Ólafsson úr Grunnavík in seinem Apparatus ad Historiam literariam Islandicam (1738 - 1758) und verweist auf spätere, umfassende Weiterbearbeitungen (Jón Ólafsson úr Grunnavík 2018: 31, vgl. dazu Rohrbach 2023: 306 - 308). Kritische Stimmen wurden in letzter Zeit u. a. von Glauser (2013: 119) und Rösli (2015: 55) geäußert. Weiterhin sollte beim Bewerten der Verlässlichkeit der Eingangsrubrik bedacht werden, dass der gesamte Codex Upsaliensis offensichtlich die Absicht verfolgte, der Sturlungen-Familie im Allgemeinen und Snorri im Besonderen zu huldigen und womöglich von einer Person aus deren Kreis in Auftrag gegeben wurde (vgl. Krömmelbein 1992). 29 Die von Haukur Þorgeirsson/ Teresa Dröfn Njarðvík (2017) verfasste Studie über frühneuzeitliche Pergamenthandschriften der Eddas hat eine weitere Fassung, die des Codex Sparfvenfeldianus, in den Blick genommen, die u. a. auf Grundlage des Codex Regius erstellt wurde (Stockholm, Kungliga Biblioteket, Holm. Perg. 4to 3). 30 Eine sehr ausführliche Darstellung der Geschichte, Handschriften und Textfassungen sowie eine Edition der Edda Magnúsar Ólafssonar hat Faulkes publiziert. Auf seiner Studie basieren die Ausführungen in diesem Abschnitt (Faulkes 1979a, Magnús Ólafsson í Laufási 1979, vgl. Sverrir Tómasson 1996a: 69 - 73). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3.2 Die Prosa-Edda durch die Jahrhunderte 51 <?page no="52"?> übersichtlichere Kompilation in Form eines enzyklopädischen Handbuchs zu erstellen, das beim Dichten behilflich sein sollte und zum Nachschlagen verwendet werden könnte (Clunies Ross 2019: 365, Faulkes 1979a: 26, Lassen 2018: 224 - 225). Aufgrund der Vorlage, welche die längste Textfassung enthält, sind z. B. im Prologus die zusätzlichen ( „ interpolierten “ ) Stellen enthalten. Magnús hat seine Textfassung grundlegend re-arrangiert und in großen Teilen gestrafft hat. 31 Faulkes (1979c) unterteilt die Handschriften von Magnús ‘ Edda in zwei unterschiedliche Fassungen (X und Y), die dieser beide angefertigt haben soll. 32 Magnús ‘ Umarbeitungen waren pragmatisch orientiert: Er trennte die narrativen Teile systematisch von den Kenningar und Heiti ab und kürzte den Text grundlegend durch Streichungen und Zusammenfassungen, aber an anderer Stelle ergänzte er auch Inhalte (v. a. im Annar Partur). 33 In dieser klaren Struktur traten anstelle von Gylfaginning und Skáldskaparmál nun die Dæmisögur ( ‚ Fabeln ‘ ) - die die Mythennarrative inkl. Bragar œ ðr enthielten - und der Annar Partur ( ‚ Zweiter Teil ‘ ) - ein nach Bedeutung alphabetisch sortiertes Verzeichnis von Kenningar und Heiti. 34 Durch dieses Neuarrangement wurde sehr viel klarer, was wo zu finden war. Dazu trugen zusätzlich paratextuelle Elemente wie entsprechende Überschriften und die visuelle Darstellung bei: Diese machte sich Leerräume zu Nutze, so dass die längeren Prosa-Passagen und die kürzeren Einheiten der Kenningar sich deutlich voneinander absetzten. Zusätzlich verbesserte die alphabetische Darstellung in Spalten die Übersichtlichkeit längerer Kenningarlisten. Im Annar Partur sind im Vergleich zum Codex Wormianus zahlreiche Ergänzungen (Kenningar und Heiti) enthalten, die womöglich Magnús selbst vorgenommen hat. Die Dichtung allerdings - sowohl die eddische in den Dæmisögur als auch die skaldische im Annar Partur ‒ hat er nur teilweise übernommen. Die Y2-Fassung in AM 743 4to umfasst nur 129 Strophen skaldischer Dichtung im Annar Partur (vgl. Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 328 - 402) im Vergleich zu 277 Str. in den Skáldskaparmál des Codex Wormianus (vgl. Clunies Ross u. a. 1997 - ). 35 Diese Zahl reduziert sich in den hier untersuchten Handschriften noch einmal deutlich auf 117 Zitationen in AM 738 4to und nur eine einzige Zitation in den drei jüngeren. 36 Die poetischen Inhalte der Prosa-Edda wichen mit der Zeit zugunsten einer gestrafften Struktur. 31 Vgl. die ausführliche Beschreibung der Umarbeitungen von Faulkes (1979a: 156 - 180). 32 Der Prologus ist nur in der Y-Fassung enthalten, von der X-Fassung gibt es einen nicht mehr vollständigen Autografen von Magnús (Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, AM 758 4to). Die Y-Fassung stellt bei weitem die Hauptanzahl der Handschriften. 33 Wie beschrieben fand sich diese Auftrennung bereits in den zwei mittelalterlichen Handschriften Codex Upsaliensis und Codex Wormianus. 34 Um zwischen diesen grundlegend unterschiedlichen Kompilationen besser unterscheiden zu können, werden sich nachfolgend Gylfaginning und Skáldskaparmál auf die mittelalterlichen Fassungen und Dæmisögur und Annar Partur auf die frühneuzeitlichen Fassungen beziehen. 35 Die Anzahl der Strophen wurden mit Hilfe des Verzeichnisses vom Skaldic poetry of the Middle Ages erfasst, vgl. für AM 743 4to <https: / / skaldic.org/ m.php? p=ms&i=340, 26.07.2024> und für AM 242 4to <https: / / skaldic.org/ m.php? p=ms&i=136, 26.07.2024>. 36 Die Zahl bezieht sich auf die Textportionen, die von der Haupthand (3) auf den Textseiten im Annar Partur (AM 738 4to, f. 98r - 126r) geschrieben wurden. Später hat die Ergänzungshand (5) noch 8 weitere Zitationen auf diesen Seiten (sowie eine im Zusammenhang mit den vorgezogenen Abschnitten, AM 738 4to, f. 38r) hinzugefügt. Vgl. die Diskussion von Heslop (2022: 125) zur Anzahl der Zitation von Skaldik in den Skáldskaparmál im Codex Upsaliensis sowie den A- und B-Fragmenten, die dort ebenfalls geringer als im Codex Wormianus ausfällt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 52 3 Kontext der Handschriften <?page no="53"?> Weiterhin hat Magnús einen anderen, im Vergleich zu den mittelalterlichen Fassungen durchaus gravierenden Eingriff vorgenommen: Das namensgebende, die Gylfaginning einfassende Rahmennarrativ, in dem König Gylfi in Gestalt des alten Mannes Gangleri vor die drei Asenkönige Hárr, Jafnhárr und Þriði tritt, hat Magnús ebenfalls deutlich gekürzt: 37 Vom Dialog blieb nur die Ankunft Gangleris in Ásgarðr und der Gesprächsbeginn in Dæmisaga (Ds.) II sowie das plötzliche Verschwinden der Asenkönige am Ende in Ds. XLIX als eine Art narrative Klammer übrig. 38 Die Dæmisögur dazwischen erscheinen als bloße Mythennarrative ohne die wiederkehrenden Hinweise auf das Gespräch in Form von Gangleris Fragen und die Metakommunikation miteinander. Es fehlen die wiederkehrenden Inquit-Formeln wie sie in den mittelalterlichen Fassungen markant waren. Ähnliches gilt für den Abschnitt Bragar œ ðr, in dem nur zu Beginn (Ds. L) kurz die Gesprächssituation, in der Ægir nach Ásgarðr kommt und dort von Bragi die nachfolgenden Narrative hört, dargestellt wird. Auch hier fehlt der Dialog, die Situation wird nicht wieder aufgegriffen. Fast die gesamten Dæmisögur über treten die Erzählinstanzen somit in den Hintergrund. Die Dæmisögur sind nun nach inhaltlichen Gesichtspunkten gegliedert und erscheinen über die Nummerierung in einer festgeschriebenen und verbindlichen Größe und Reihenfolge. Am Ende der Dæmisögur fügt Magnús einen neuen Epilog hinzu, der darauf hinweist, dass die vorhergehenden Erzählungen von den Æsir erlogen sind, aber dennoch wertgeschätzt werden sollten, da sich aus ihnen die Kenningar der skaldischen Dichtung erschließen lassen. Auch der Annar Partur büßte durch die Streichungen einen Teil seiner Bedeutung als Archiv für Skaldik ein; eine Tendenz, die sich in den jüngeren Handschriften deutlich zuspitzt. Dafür erleichterte die übersichtliche alphabetische Struktur das Nachschlagen von poetischen Umschreibungen bestimmter Begriffe beim Dichten. Faulkes beschreibt diesen pragmatisch geprägten Zugang von Magnús folgendermaßen: „ Moreover his treatment of the text shows that he had little feeling for Snorri ’ s Edda as a work of art. “ (Faulkes 1979a: 25). Das Háttatal hat Magnus nicht übernommen, es fehlt somit in den davon abhängigen Fassungen. Es ließe sich spekulieren, warum Magnús das Háttatal nicht in seine Bearbeitung einschloss. Sowohl Inhalt als auch Form könnten der Grund gewesen sein: So war womöglich die Demonstration der zahlreichen skaldischen Versmaße für die Zielgruppe, die Rímur dichten wollte, nicht vordergründig relevant. Auf inhaltlicher Ebene könnte womöglich ein Preisgedicht auf den norwegischen König Hákon sowie Jarl Skúli in einer antiquarischen Auseinandersetzung mit der eigenen kulturellen Identität irritiert haben, zumal dies die Aufmerksamkeit auf Snorris ambivalente politische Rolle gelenkt hätte. Bis heute ist dieser Abschnitt derjenige, der in der Forschung am wenigsten Interesse findet. 37 Magnús verschob den Gegenstand der Frage in die Überschriften. Dies beschreibt auch Resen im Vorwort sowie nach Ds. II (in der Fußnote) als gezielte Entscheidung zugunsten einer besseren Übersichtlichkeit. So ließe sich in der Überschrift bereits der Inhalt der Dæmisaga erkennen, weshalb sich leichter das entsprechende Kapitel finden ließe, das die Herkunft der entsprechenden Kenning erklären könne (Resen 1665a: f. D2r, k1v). 38 Wenn die Asenkönige in Ds. XLIX erneut erscheinen, dann tun sie das nur, um sofort zu verschwinden. Es gibt jedoch eine Ausnahme: In der Y-Fassung - und damit in den hier untersuchten drei jüngeren Handschriften - schließt die Ds. XV mit „ ad H  r hugde. “ (NKS 1867 4to, f. 123r18), möglicherweise handelt es sich hierbei um einen Lapsus. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3.2 Die Prosa-Edda durch die Jahrhunderte 53 <?page no="54"?> Magnús ‘ Arbeit hatte zur Folge, dass die Prosa-Edda in der Frühen Neuzeit an großer Popularität gewann, vor allem über die erste gedruckte Ausgabe - die wiederum weitere Abhandlungen und Handschriften nach sich zog. Magnús stellte dem Prologus noch ein weiteres, kurzes Vorwort voran (das im weiteren Verlauf als Vorwort IV bezeichnet wird), das den Titel „ Hvad Edda Sie “ trägt und ähnlich der Rubrik vom Codex Upsaliensis die Werkteile benennt. Snorri erwähnt er in der isländischen Fassung an dieser Stelle jedoch nicht (in seiner lateinischen Übersetzung jedoch schon). Die Handschriften der Edda Magnúsar Ólafssonar verbreiteten sich schnell und - dank Arngrímur lærði Jónssons Crymogæa - war das Interesse auch außerhalb Islands groß. Zusammen mit Magnús ‘ lateinischer Übersetzung prägten sie in der Frühen Neuzeit das Bild der Prosa-Edda und somit der antiquarischen Forschung. Faulkes beschreibt ihre weitreichende Bedeutung so: It was thus in this form that the Edda first became generally known to foreign students of northern antiquities [ … ], and it inevitably coloured their ideas of Old Scandinavian literature to a considerable extent. In particular, Magnús ’ s Latin version, besides giving boost to the study of Norse mythology and heroic Legend outside Iceland, [ … ] stimulated speculation about and interest in the soon (c. 1643) to be rediscovered Poetic Edda. (Faulkes 1979a: 32) Edda Islandorum (1665) Über fünfzig Jahre später hat Peder Hansen Resen (1625 - 1688) die von Magnús Ólafsson umgearbeitete Prosa-Edda für die erste, in Kopenhagen herausgegebene Druckausgabe mit dem Titel Edda Islandorum verwendet. 39 Resen war Professor für Ethik und Rechtswissenschaften an der Universität in Kopenhagen und mit einer Vielzahl historiografischer Projekte beschäftigt. Er besaß eine große Buchsammlung und war kurz zuvor, 1664, zum Bürgermeister von Kopenhagen ernannt worden. Dass die Wahl auf Magnús ‘ Bearbeitung der Prosa-Edda und keine mittelalterliche Handschrift fiel, habe laut Lassen (2018: 225) daran gelegen, dass Resen diese für die bessere Textfassung hielt. Resen erstellte die Ausgabe nur in kleinen Teilen selbst, er verließ sich maßgeblich auf eine von Stephan Stephanius spätestens ab 1642 zusammengestellte Kompilation auf Isländisch, Lateinisch und Dänisch. Stephanius war dänischer Gelehrter, sein Vater war Professor an der Universität in Kopenhagen, er selbst ging u. a. in Sorø auf die Schule, studierte in Kopenhagen mit einem Schwerpunkt auf Philosophie, Altertumsforschung und lateinischer Philologie. Er reiste ins europäische Ausland und wurde 1630 Professor in Sorø. Er wurde königlich dänischer Historiograf und eines seiner Lebenswerke wurde eine Ausgabe von Saxo Grammaticus ‘ Gesta Danorum. Er stand über altnordische Themen in engem Briefwechsel mit Worm und isländischen Gelehrten wie Arngrímur lærði Jónsson und Bischof Brynjólfur Sveinsson, durch den er 1639 in den Besitz des Codex Upsaliensis kam. Altnordisch konnte er selbst nur unzureichend, weshalb er mit der Handschrift offensichtlich nicht viel anfangen konnte. Für seine dreisprachige Kompilation hatte Stephanius folgende zwei Handschriften zur Verfügung: Erstens, eine Handschrift, die dem ehemaligen Bischof von Seeland Hans Poulsen Resen (dem Großvater von Peder Hansen Resen) gehört hatte und die eine - vor allem im Annar Partur - bearbeitete Fassung von Magnús Ólafssons Y-Fassung enthielt. Diese Handschrift umfasste auch eine dem isländischen Text sehr nahe, aber unvoll- 39 Eine ausführliche Darstellung der Genese und Textfassung der Edda Islandorum sowie ein Faksimile hat Faulkes (1977a) publiziert, die nachfolgenden Ausführungen fassen sein Vorwort zusammen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 54 3 Kontext der Handschriften <?page no="55"?> ständige dänische Übersetzung, die womöglich Þorlákur Skúlason für den königlichen dänischen Kanzler Christian Friis angefertigt hatte, bevor er 1627 Bischof von Hólar wurde. Die dänische Übersetzung umfasste die Ds. I - XLIX und im Annar Partur die Abschnitte von A bis H. Diese übernahm Stephanius relativ unverändert, steuerte aber dann offensichtlich die fehlenden Stücke der dänischen Übersetzung selbst bei. Dabei brauchte er womöglich Hilfe von seinen isländischen Studierenden, denn hier wird der Einfluss der vorliegenden lateinischen Übersetzung sowie weitere Fehler sichtbar. Zweitens hatte Stephanius eine lateinische Übersetzung von Magnús Ólafsson zur Verfügung, die dieser 1628 - 1629 im Auftrag des erwähnten Bischofs Þorlákur Skúlason erstellt hatte, in dieser fehlten jedoch die Ds. LXVIII ‒ LXXVIII. Diese drei Sprachfassungen führte Stephanius zusammen, bemühte sich aber nicht darum, alle Diskrepanzen zu glätten. So unterscheiden sie sich in der Zitation eddischer und skaldischer Strophen (hiervon finden sich im Annar Partur auf Dänisch und Lateinisch jeweils nur eine) sowie in Anzahl und Anordnung der Kenningar und Heiti im Annar Partur. Diese Unterschiede hat Resen größtenteils übernommen, die fehlenden lateinischen Übersetzungen von Ds. LXVIII ‒ LXXVIII kamen womöglich von Thormodus Torfæus. Torfæus (auch: Þormóður Torfason, 1636 ‒ 1719) war ein isländischer Historiker, er hatte an der Universität in Kopenhagen studiert. Er war seit 1660 als Interpres Regius tätig, und übersetzte und sammelte isländische Handschriften für den König und brachte in diesem Zusammenhang 1662 die beiden als Codex Regius bezeichneten Handschriften der Lieder- Edda bzw. Prosa-Edda (GKS 2365 4to; GKS 2367 4to) nach Kopenhagen mit, woraufhin diese in die dortige königliche Bibliothek kamen. 40 Resen fügte der lateinischen Sprachfassung im Druck ausführliche Fußnoten bei, die er evtl. mit Hilfe von Torfæus erstellte. Diese betreffen Varianten im Prologus sowie in den Ds. I ‒ LXVII und basierten auf einer von Stefán Ólafsson übersetzten Fassung des Codex Wormianus (markiert „ Ste. “ / „ Step. “ / „ Stephan. “ ). Diese hatte Stefán 1645 ‒ 1646 unter Zuhilfenahme der lateinischen Übersetzung von Magnús Ólafsson angefertigt, sie umfassten aber noch nicht die später ergänzten Papierblätter des Codex Wormianus. In den Fußnoten der lateinischen Fassung sind einige Inhalte - wie eddische Strophen oder das Rahmennarrativ ‒ erhalten, die Magnús Ólafsson zuvor gekürzt hatte. In den Fußnoten verweist Resen auf zwei weitere Handschriften mit lateinischen Übersetzungen von Magnús Ólafsson ( „ C. W. “ im Besitz Worms und „ C. R. “ in der königlichen Bibliothek). Beide Handschriften sind jedoch heute verloren und trotz der Namensgleichheit nicht mit den bekannte Handschriften Codex Wormianus und Codex Regius zu verwechseln. Der editorische Eigenbeitrag Resens in der Edda Islandorum ist folglich begrenzt gewesen, so dass das von Thomas Bartholin d. Ä. geschriebene glorifizierende Gedicht „ Edda hviled under benke “ (f. n3r - n4r) Resens inhaltlichen Beitrag zur Ausgabe sicherlich überbewertet. Dennoch lässt sich der Einfluss und die Reichweite, die die Prosa-Edda in Form der Edda Islandorum erlangte, nicht verkennen. Außerdem umfasste die Ausgabe eine ausführliche lateinische Einleitung von Resen. Er brachte zeitgleich seine Editionen der V ǫ luspá (Resen 1665c) und Hávamál (Resen 1665b) heraus, die ebenfalls lateinische Übersetzungen enthielten. Diese wurden oft mit der Edda Islandorum zusammengebunden, so dass Faulkes (1977a: 9) davon spricht, dass sie zwar „ technically three distinct 40 Beide befinden sich heute in der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum in Reykjavík. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3.2 Die Prosa-Edda durch die Jahrhunderte 55 <?page no="56"?> publications “ gewesen seien, aber „ in effect parts of the same book “ . Als Argument gibt er an, dass die ausführliche lateinische Einleitung auch den beiden Edda-Liedern galt. In späteren isländischen Abschriften der Edda Islandorum, wurde jedoch für gewöhnlich nur die einzige für das Zielpublikum relevante, isländische Textfassung ohne Fußnoten aufgenommen. Die Druckausgabe wurde somit erneut überarbeitet, umgestellt, ergänzt und gekürzt. Die Vielzahl der erhaltenen frühneuzeitlichen Abschriften zeugt von einer immensen Popularität und dem Wunsch, eine ‚ eigene ‘ Prosa-Edda besitzen zu wollen. Die Edda Islandorum hat somit vor allem als ein zusätzlicher Multiplikator gedient, hat Handschriften aber nicht ablösen konnte. Letztlich zirkulierten Prosa-Edda-Handschriften aus Papier, die sich auf Magnús ‘ Umarbeitungen zurückführen lassen, in großer Anzahl; über einhundert mit einer signifikanten Textmenge sowie weitere mit Einzelabschnitten (Faulkes 1979a: 26) sind bekannt. 41 Faulkes listet 29 Handschriften, die vor allem auf die gedruckte Edda Islandorum zurückgehen, darüber hinaus macht sich ihr Einfluss auch in vielen anderen Handschriften - wie der hier untersuchten AM 738 4to - bemerkbar (Faulkes 1979a: 127 - 140, 463). Handschriften ermöglichten mit jedem Exemplar an der Prosa-Edda weiterzuschreiben (zum Beispiel beim Ergänzen von Kenningar), was so zu einer weit verbreiteten Beteiligung am Neuschreiben der Prosa-Edda führte. Die Druckausgabe eignete Resen König Frederik III. zu, in dessen Besitz diese somit symbolisch übergeben wurde, kurz nachdem dieser bereits sowohl den Codex Regius der Lieder-Edda als auch der Prosa-Edda physisch erhalten hatte. Die Edda Islandorum vermochte die Prosa-Edda auch außerhalb Islands sichtbar zu machen. Vor allem die lateinische Übersetzung ermöglichte vielen antiquarischen Gelehrten erst den Zugang. In der nachfolgenden Zeit wurden zahlreiche Bücher publiziert, die die Inhalte der Prosa- Edda - vor allem der Dæmisögur verwendeten. Am bekanntesten - und mit Abstand am einflussreichsten - waren sicherlich die div. Auflagen und Übersetzungen von Mallets (1755, 1765, 1770, 1779) Introduction à l'Histoire de Dannemarc. Weiterhin umfasste De yfverborna Atlingars, eller, Sviogötars ok Nordmänners, Edda von Göransson (1746) eine Ausgabe und lateinische Übersetzung, die auf dem Codex Upsaliensis beruhte. In dieser führte Göransson nicht nur die Prosa-Edda der schwedischen antiquarischen Interessen zu, sondern behauptete auch, diese sei in Runen geschrieben gewesen (Lassen 2018: 225 - 226). 41 Margrét Eggertsdóttir (2021: 105) zählt insgesamt über 150 frühneuzeitliche Prosa-Edda-Handschriften, wobei sie davon die „ Mehrheit “ auf Magnús ‘ Fassung zurückgehend beschreibt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 56 3 Kontext der Handschriften <?page no="57"?> 4 Handschriftenportraits Bevor die vier Handschriften in den Abschnitten zu Neuschreiben und Rezeption vergleichend miteinander analysiert werden, folgt zunächst die kodikologische Beschreibung und Analyse der einzelnen Handschriften. Das Ziel ist, jeweils die Herstellung, Provenienz sowie inhaltlichen und materiellen Strukturen der Handschriften systematisch zu erschließen und so die Grundlagen für die späteren Analysen zu liefern. Folgende Merkmale wurden dafür ausgewählt: 1. Herstellung und Nutzung (Hände und Datierung, Provenienz, weiterer Verbleib und Restaurierung). Das Ziel ist die soziale Kontextualisierung in Bezug darauf, welche Personen diese Handschriften für wen hergestellt haben, wer sie gelesen und verändert hat. Die Ergebnisse spielen u. a. im Kapitel zur Rezeption eine Rolle. 2. Materielle Struktur (Umfang und Paginierungen, Größe und Format, Lagenstruktur, Wasserzeichen, kodikologische Einheiten). Das Ziel ist in diesem Zusammenhang, mehr über die Produktionsprozesse und späteren Veränderungen zu erfahren. Dafür werden u. a. die kodikologischen Einheiten erfasst - diese können Aussagen darüber geben, welche Texte zusammengehörig gedacht wurden, also was z. B. zur Rahmung oder dem erweiterten Prolog der Prosa-Edda gezählt werden kann. Auch liefert die materielle Struktur Hinweise, ob später etwas herausgenommen oder umgestellt wurde. Weiterhin lassen sich so die unterschiedlichen Produktionsweisen bestimmen, z. B. kontinuierliche Ergänzungen für den Eigengebrauch oder eine als Einheit konzipierte Auftragsarbeit. 3. Inhalt (Prosa-Edda, eddische Dichtung, weitere Inhalte). Das Ziel ist den Gesamtinhalt der Handschriften zu erfassen und einzuordnen. Dabei werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede über die Prosa-Edda hinaus deutlich. Weiterhin werden hier Inhalte vorgestellt, die für die weitere Analyse Relevanz haben und oft nicht oder nur wenig bekannt sind - wie z. B. frühneuzeitliche Abhandlungen. Ergänzt werden diese Analysen durch den Appendix, er umfasst ausführliche Inhaltsverzeichnisse, Übersichten über die materielle Struktur der Handschriften, Transkriptionen und Übersetzungen der Bildbeischriften sowie Transkriptionen der Prologe. 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) Die Papierhandschrift AM 738 4to ist von mehreren Händen um 1680 geschrieben und illuminiert worden und befindet sich heute in der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum in Reykjavík. Sie ist damit die älteste der hier untersuchten Handschriften und fällt wegen ihres außergewöhnlichen hochrechteckigen Formates wortwörtlich aus dem Rahmen - diese Eigenschaft brachte ihr den Spitznamen Langa Edda bzw. Edda oblonga(ta) ein. Die Handschrift enthält eine Kompilation der Prosa-Edda, die hauptsächlich den Annar Partur umfasst; aus diesem wurden einige Listen (v. a. mit den poetischen Um- Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 <?page no="58"?> schreibungen der Gött: innen) vorgezogen und mit einzigartigen Illuminationen gepaart. Es handelt sich bei dieser Handschrift um eines der ersten Artefakte, in dem umfangreiche bildliche Darstellungen zur eddischen Mythologie mit der textlichen Überlieferung zusammengestellt wurden. Weiterhin wurden Prologus-Auszüge in den hinteren Teil des Annar Partur eingefügt. Beide Phänomene werden nachfolgend zusammen als ‚ umverteilter Prolog ‘ bezeichnet. Die meisten Edda-Lieder stehen in einer separaten kodikologischen Einheit zwischen diesen beiden Blöcken der Prosa-Edda. Darüber hinaus enthält die Handschrift weitere Wortlisten, skaldische Gedichte und Lausavísur sowie zeitgenössische Dichtung (u. a. von Hallgrímur Pétursson). Bei AM 738 4to handelt es sich um eine gewachsene Struktur, die erst im Zuge der Herstellung Form annahm und einige Jahre lang aktualisiert und ergänzt wurde. Die Handschrift war nur kurz im Umlauf und fiel schon bald - nach nur ca. 20 Jahren - in die Hände von Árni Magnússon. 4.1.1 Herstellung und Nutzung Die Chronologie der Herstellung, Veränderungen und Provenienz von AM 738 4to lässt sich folgendermaßen auflisten (Tab. 2). Phase Datierung Aktivität betrifft kod. Einheiten I Herstellung der Handschrift in mehreren Arbeitsschritten von bis zu drei verschiedenen Personen: 1 1680 Die Illuminationshand (1) schreibt und illuminiert: • Titelseite (mit Datierung, f. 34r), • Illuminationen und Bildüberschriften. Sie lässt Platz für die Kapitel der Haupthand. P.2 - 3 Die Edda-Lieder-Hand (2) schreibt: • Edda-Lieder (f. 46r - 79r), • einige längere Bildbeischriften. L.1 - 2 P.3 Die Haupthand (3) schreibt: • Prosa-Edda (Annar Partur, Prologus-Interpolationen), • viele Bildbeischriften sowie die vorgezogenen Annar-Partur-Kapitel und weitere Listen auf die Textseiten zwischen den Bildseiten, • Fragen zur Prosa-Edda und Dichtung, • Lagenfüller auf zuvor von der Edda-Lieder-Hand beschriftete Lagen (f. 53v, 79v), • (fast) alle weiteren Inhalte, u. a. (skaldische) Dichtung und Listen. Parallel: Nutzung der Handschrift in ungebundenen Gebrauchseinheiten. P.4 P.2 - 3 P.1 L.1 - 2 A - K 1 Die Arbeitsschritte zur Erstellung dieser Handschrift werden nachfolgend als unterschiedliche Hände bezeichnet, es muss sich hierbei aber nicht immer um verschiedene Personen handeln. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 58 4 Handschriftenportraits <?page no="59"?> Phase Datierung Aktivität betrifft kod. Einheiten II Die Lagenfüllerhand (4) legt zwei ursprünglich von der Haupthand geschriebene separate Lagen zur heutigen Lage iv (f. 13 - 33) ineinander und verbindet diese mit einem kurzen Lagenfüller (f. 29v - 30v). Die Handschrift muss währenddessen ungebunden gewesen sein. D - E III Die Ergänzungshand (5) fügt weitere Inhalte (interlinear oder am Rand) hinzu: • div. Ergänzungen im Annar Partur (weitere Kenningar und Heiti, Strophen, Zusammenfassungen, Kommentare), teilw. aus der Edda Islandorum, • weitere Bildbeischriften und Illuminationen von H œ nir und das entsprechende Annar Partur- Kapitel, • Kopie eines Blattes im Annar Partur inkl. Ergänzungen (f. 104 ist eine Abschrift von f. 103), • Korrekturen und Ergänzungen zu Hallgrímur Péturssons Samstæður, • Zusammenfassung Gríms saga loðinkinna, • weitere Ergänzungen. Die Handschrift ist zu diesem Zeitpunkt bereits beschädigt und muss beim Einfügen der Blattkopie ungebunden sein. Einige Blätter werden in diesem Zusammenhang mit aufgeklebten Papierstreifen repariert. P.2 - 4 P.2 P.4 B C G zeitgleich zu Phasen I ‒ III Handschrift ist im Besitz von: • Sigurður Gíslason auf Bær in Miðdalir (Dalir/ Westisland) (1655 - 1688) • Ingibjörg Jónsdóttir auf Bær in Hrútafjörður (Nordwestisland) (1643 - 1710) • Magnús Jónsson aus Leirá (1679 - 1702) IV spätestens 1702 Árni Magnússons erhält die Handschrift von Magnús Jónsson aus Leirá und bringt sie nach Kopenhagen. Er fügt drei Notizzettel u. a. mit Informationen zur Provenienz hinzu. V zw. 1848 - 1879 Jón Sigurðsson geht die ungebundene Handschrift durch und rekonstruiert eine von ihm angenommene ursprüngliche Reihenfolge der Blätter. Er vermerkt in diesem Zusammenhang die Anzahl der vermuteten verlorenen Blätter und foliiert die Handschrift. VI 12.11.[18]88 (Neu-)bindung der Handschrift. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 59 <?page no="60"?> Phase Datierung Aktivität betrifft kod. Einheiten VII 1964 Konservierung in Vorbereitung der Rückgabe nach Island. Birgitte Dall befestigt lose Blätter (vgl. loses Blatt mit Dokumentation in der Handschrift). Fotografieren der Handschrift im Einband von 1888. VIII 1971 (oder danach) Neubindung in einen Einband mit Patentfalzen. IX 30.09.1991 Rückgabe nach Island, Ankunft in der Stofnun Árna Magnússonar á Íslandi (Reykjavík). X 2015 Digitalisierung der Handschrift für handrit.is. XI 2020 Neue Digitalisierung der Handschrift für das Depositum Handritahirslan der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum. Tab. 2: Chronologie der materiellen Geschichte und Provenienz von AM 738 4to. Die Handschrift ist um 1680 von max. fünf Personen geschrieben und illuminiert worden, die sie fortwährend ergänzten, neu arrangierten und reparierten. 2 Diese Aktivitäten sowie die Nutzung betrafen somit einen kurzen Zeitraum von nur etwa 20 Jahren. 4.1.1.1 Hände und Datierung Die Datierung der Handschrift lässt sich aufgrund eines Eintrags auf der Titelseite der Prosa-Edda auf um 1680 festlegen (f. 34r). Aufgrund der Struktur der Kompilation sowie der Beteiligung mehrerer Hände ist es jedoch wahrscheinlich, dass die Arbeit einige Jahre danach noch fortgesetzt wurde und möglicherweise bereits einige Jahre zuvor begonnen wurde. 3 Im Folgenden bezeichnet der Begriff ‚ Hand ‘ voneinander unterscheidbare Arbeitsphasen der Inhaltserstellung und Überarbeitung, die nun erstmalig aufgeschlüsselt worden sind. 4 Es waren diesen Phasen entsprechend vermutlich vier bis fünf unterschiedliche Personen beteiligt. Die Abgrenzung der Hände basiert u. a. auf paläografischen Argumenten (verwendete Schriftarten, Ausformung der einzelnen Grafeme, Schriftneigung), eine erkennbare inhaltliche Arbeitsteilung sowie materielle Aspekte und Seitengestaltung (Platzierung der Inhalte in Bezug auf die kodikologischen Einheiten und Blattseite, Tintenfarben und Federstrichbreiten). Da sich keine der Hände mit Sicherheit namentlich identifizieren lässt, werden sie nachfolgend jeweils nach ihrem Hauptbeitrag 2 Vgl. zu dieser Handschrift die Katalogeinträge von Kålund (Kommissionen for det Arnamagnæanske Legat 1889: 167 - 170) und auf handrit.is, <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ AM04-0738, 17.04.2022> sowie die Beiträge von Margrét Eggertsdóttir (2014a, 2015). Die Anzahl der Hände und Details ihrer materiellen Historie sind Ergebnis der vorliegenden Studie. 3 Bugge (1867a: LII) geht davon aus, dass die Handschrift zum Großteil vor 1680 geschrieben worden ist. Die nachfolgend dargelegte Reihenfolge der Hände spricht jedoch eher für den Zeitraum ab 1680 und einige Jahre danach. Auch Jón Helgason (1958: 76) vermutete, dass nicht alle Abschnitte zeitgleich hergestellt wurden. 4 Margrét Eggertsdóttir (2013: 44, 46, 2014a: 121 - 126) geht von einer Arbeitsteilung zwischen Illumination und Schrift - und damit mindestens zwei Händen - aus. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 60 4 Handschriftenportraits <?page no="61"?> zur Handschrift benannt; die Ziffer gibt zur weiteren Orientierung die Reihenfolge der Arbeitsschritte an. AM 738 4to lässt sich als eine teilweise gemeinsam geplante sowie nach und nach gewachsene Struktur beschreiben: Die ersten drei Hände (Illuminationshand, Lieder-Edda-Hand, Haupthand) haben alle Lagen der Handschrift - vermutlich teilw. in Absprache und zeitlich nah zueinander - erstellt. Es ist durchaus möglich, dass die Illuminationshand identisch mit einer der beiden Schreibhände - vor allem aus inhaltlichkompositorischen Gründen mit der Haupthand (3) - ist. Erst später haben die zwei weiteren Hände (Lagenfüllerhand, Ergänzungshand) Inhalte auf den bereits bestehenden Blättern ergänzt und Umstrukturierungen bzw. Reparaturen vorgenommen. Eine weitere Hand hat eine Strophe und einen Besitzvermerk eingetragen. Árni Magnússon und Jón Sigurðsson haben in Kopenhagen weitere Bemerkungen hinzugefügt. 5 An einigen Stellen finden sich Bleistiftmarkierungen in Form von Kreuzen sowie Unterstreichungen von Leser: innen. Bevor nachfolgend die fünf in die Herstellung und Umarbeitungen involvierten Hände einzeln vorgestellt werden, folgen zunächst zwei Beispiele, aus denen die Argumente für die Reihenfolge der Arbeitsschritte ersichtlich werden. Auf dieser Doppelseite (f. 40v - 41r, Abb. 4) hat die Illuminationshand (1) auf der Rectoseite die Illuminationen von Bragi und Loki sowie die sie identifizierenden Bildüberschriften erstellt. Die Haupthand (3) hat synoptisch dazu die beiden Annar-Partur- Listen mit den Kenningar und Heiti für Bragi und Loki auf die Versoseite geschrieben sowie direkt um die Zeichnung von Loki vier Bildbeischriften angeordnet. Die Platzierung der Beischriften ist Argument dafür, dass die Schrift erst nach den Zeichnungen hinzugefügt wurde und nicht andersherum. Die enge inhaltliche Abstimmung von Schrift und Bild könnte nahelegen, dass es sich bei beiden Händen um die gleiche Person handeln könnte. Die Ergänzungshand (5) hat später auf beiden Seiten mehrere Inhalte hinzugefügt: Sie hat in der Liste mit den Kenningar zu Loki weitere Varianten aus der Edda Islandorum interlinear ergänzt. Außerdem hat sie zusätzliche Beischriften sowie zwei kleinere Zeichnungen (eine Schlange und einen Vierbeiner) auf Lokis Jacke platziert. Sie hat weiterhin eine kleinere kolorierte Illumination von H œ nir mitsamt einer Liste mit zugehörigen Kenningar auf f. 40v hinzugefügt. Auf der Rectoseite befindet sich die spätere Foliierung „ 41 “ von Jón Sigurðsson in der unteren rechten Ecke. Unklar ist, welche Hand die sog. Bogennummer 6 „ 23 “ in der oberen linken Ecke der Versoseite vermerkte. Die Reihenfolge der ersten drei Hände lässt sich auf der nebenstehenden Bildseite erkennen (f. 43v, Abb. 5): Zuerst hat die Illuminationshand (1) die Zeichnung von Fenrir und die identifizierende Bildüberschrift am oberen Rand erstellt. Danach hat die Edda- Lieder-Hand (2) die meisten Bildbeischriften eng um Fenrir platziert, die entsprechend der Ausrichtung des Motives oftmals vertikal verlaufen (d. h. um 90 Grad nach rechts gedreht). Im nächsten Schritt hat die Haupthand (3) eine längere Beischrift oben zwischen den bestehenden Beischriften und Fenris Kopf eingefügt. Weil dort jedoch bereits die vertikalen Beischriften der Edda-Lieder-Hand standen, wurden die Zeilen rechts blockartig eingezogen und linksseitig entlang des fließenden Geifers ausgerichtet. Ein weiteres 5 Árni Magnússon fügte zwei Zettel zur Provenienz der Handschrift sowie einen Schaltzettel (zw. f. 91 und 92) mit Ergänzungen zu einem Verzeichnis über ältere Ausdrücke ( „ Nockrar ïslendskar glösur “ ) hinzu. Einige ergänzende Kommentare am Rand stammen auch von ihm. 6 Jón Sigurðsson bezeichnet die Zahl als Bogennummer (f. 1v). Ob sie tatsächlich diese Funktion hatte, ist aber fraglich (s. unten). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 61 <?page no="62"?> Abb. 4: Verschiedene Hände, AM 738 4to (f. 40v - 41r, die Doppelseite ist digital montiert). Fotos: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Alle nicht eigenen Fotos dieser Handschrift sind mit freundlicher Genehmigung der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum dem Digitalisat auf handrit.is entnommen: <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ AM04-0738, 24.10.2024>. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 62 4 Handschriftenportraits <?page no="63"?> deutliches Argument für die Reihenfolge findet sich in der Tatsache, dass die Haupthand (3) sog. Lagenfüller am Ende zweier bereits von der Edda-Lieder-Hand (2) beschriebenen Lagen hinzufügte (f. 53v, 79v). Zur Zuordnung der drei ersten Hände zu zwei oder drei Personen folgen weiter unten Überlegungen. Aufgrund der materiellen Gemeinsamkeiten ist jedoch davon auszugehen, dass diese drei Hände am selben Ort arbeiteten. Alle Blätter, unabhängig von welcher der drei Hände diese begonnen wurden, haben dasselbe auffällige Blattformat. Auch die Verteilung der Wasserzeichen verweist auf gemeinsame materielle Ressourcen und entsprechende Absprachen. Im Folgenden werden nun die in Hände unterteilten einzelnen Arbeitsschritte detailliert vorgestellt. Illuminationshand (1) Von der Illuminationshand stammen (fast) alle Illuminationen 7 und zugehörigen deskriptiven Bildüberschriften sowie die Titelseite. Diese Hand findet sich nur auf zwei Lagen der Prosa-Edda, die diese begonnen haben muss. So schrieb hauptsächlich in einer Variante der Kanzleihybrida mit Frakturformen (Kanzleifraktur), die ausschließlich für Bildüberschriften und Titelseitenbeschriftung eingesetzt wurde und viele Schmuckformen wie Schlaufen und verlängerte Ober- und Unterlängen aufweist. Sie hat den Charakter einer Auszeichnungsschrift, die sich deshalb nur schwer mit der für den Fließtext eingesetzten Kanzleischrift der anderen Hände vergleichen lässt. Die Farbe der Tinte variiert zwischen braun und schwarz. Einige charakteristische Grafeme sind: Das 〈 a 〉 ist zweistöckig mit einem leicht gebrochenen Bogen, das 〈 s 〉 hat eine Schlaufe am unteren Bogen und das lange 〈ſ〉 eine gerade Unterlänge und schließt mit einem kurzen waagerechten Querstrich auf Abb. 5: Bildseite von Fenrir mit verschiedenen Beischriften, AM 738 4to (f. 43v). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. 7 Nur die Illumination von H œ nir (f. 40v) ist von der Ergänzungshand (5) hinzugefügt worden. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 63 <?page no="64"?> Mittelhöhe ab. Das 〈 r 〉 wird in mehreren Allografen realisiert, eine Form ist ein zförmiges 〈ꝛ〉 (r rotunda) mit einem schräg angesetzten oberen Querstrich, von dem ein kleiner Zacken (ähnlich einer Serife) weggeht. In den Bildüberschriften verwendet die Hand oft eine charakteristische 〈 ur 〉 -Ligatur. Die Titelseitenbeschriftung von dieser Hand lässt sich auf der Abbildung (f. 34r, Abb. 6) betrachten, nur die vorletzte Zeile steht in einer Kurrentschrift. Sie ist auf das Jahr „ 1680 “ datiert. 8 Die Binderune vor der Jahresangabe wurde bereits als ‚ d(omini) nos(tri) Cr(isti) ‘ entziffert (Margrét Eggertsdóttir 2013: 44, 2014a: 121 - 122). Auch der ornamentale, bordürenartige Rahmen der Titelseite wurde von der Illuminationshand gezeichnet; dies ergibt sich aus dem Bildvergleich mit ähnlichen Motiven (Gesichter, Blattformen) der nachfolgenden Illuminationen. Vermutlich hat diese Hand die Illuminationen ebenfalls koloriert. Es ist möglich, dass die Person, die die Zeichnungen ausführte, identisch mit einer der Schrifthände ist: aufgrund der engen Abstimmung des synoptischen Arrangements von Illuminationen und Abschnitten aus dem Annar Partur der Prosa-Edda am ehesten mit der Haupthand (3). Möglich ist auch, dass es sich aufgrund der direkten Reihenfolge von Illuminationshand (1) und Edda-Lieder-Hand (2) um dieselbe Person handelt. Für die weitere Analyse ist vor allem bedeutend, dass die Arbeit der Illuminationshand als erste Phase zu erkennen ist. Die Motivwahl und die synoptische Anlage der Seiten mit Platz für die Schrift müssen mit der Haupthand (3) zumindest abgesprochen gewesen sein. Leider lässt sich die konkrete Identität der Illuminationshand nur aufgrund von Indizien eingrenzen. So finden sich auf dem unteren Abb. 6: Illuminationshand (1), Titelseite, AM 738 4to (f. 34r). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. 8 Darüber hinaus befinden sich auf dem unteren Rand zwei weitere Hände: die Signatur „ 738 “ ist erst später in der Sammlung hinzugefügt worden. Darunter befindet sich eine Bemerkung Jón Sigurðssons, dass dies nicht der Anfang des Buchs gewesen sein könne, er hat diese Seite auch foliiert. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 64 4 Handschriftenportraits <?page no="65"?> Streifen des ornamentalen Rahmens der Titelseite (f. 34r) die zwei Buchstaben „ SG “ , die, den Grafemen nach, ebenfalls von dieser Hand geschrieben sind. Hierbei könnte es sich um die Initialen der Hand - oder der auftraggebenden Person - handeln: Margrét Eggertsdóttir (2013: 44) hat vorgeschlagen, dass diese auf den Vorbesitzer der Handschrift, Sigurður Gíslason (1655 - 1688) aus Bær in Miðdalir (Dalir, Westisland), verweisen könnten. Die Illuminationen könnten somit evtl. von Sigurður selbst oder - wahrscheinlicher - in dessen Auftrag angefertigt worden sein. Er scheint vor allem für die eng auf die Illuminationen abgestimmte Arbeit von Haupthand (3) ein plausibler Kandidat, wie weiter unten diskutiert wird. Um die Identität der Illuminationshand jedoch weiter auf Grundlage von Bildvergleichen abzustecken bzw. auszuschließen, werden nun weitere Personen vorgestellt, die entweder bereits von anderen vorgeschlagen wurden bzw. als Ergebnis dieser Studie neu eingebracht werden. Hierbei soll jedoch darauf hingewiesen werden, dass es nur wenige vergleichbare Handschriftenilluminationen aus der Zeit gibt und sich andere Bildwerke aufgrund ihrer technikbedingten abweichenden Ästhetik (z. B. Ölgemälde) nicht ideal für einen Identifikation eignen. Die Qualität der Illuminationen in AM 738 4to spricht durchaus für Talent und Kreativität, aber sicherlich keine künstlerische Ausbildung an einer Kunstakademie. Abb. 7: Sr. Jón Guðmundsson í Stærra-Árskógi (1681): Sr. Bjarni Hallsson, Þjóðminjasafn Íslands, Þjms. 4884, Wasserfarben auf Papier, 41 x 30 cm. Foto: aus Þóra Kristjánsdóttir (2005: 73). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 65 <?page no="66"?> Auf Grundlage von Bildvergleichen erscheinen vor allem zwei Personen - beide mit dem Namen Jón Guðmundsson ‒ interessant. Die Zeichenarbeiten beider weisen einige deutliche stilistische Parallelen auf. Doch weil jeweils nur ein bzw. zwei ihrer Bilder erhalten ist, ist die Aussagekraft der Vergleiche nur begrenzt. Am vielversprechendsten erscheint sr. Jón Guðmundsson í Stærra-Árskógi im Eyjaförður (um 1635 ‒ 1696). Er war Pfarrer, Arzt und künstlerisch begabt: Er zeichnete, malte und trat als Schreiber und Dichter in Erscheinung. 9 Er ging bis 1663 auf die Lateinschule in Hólar und war zunächst Hilfspfarrer und ab 1674 Pfarrer in Stærri-Árskógur im Eyjafjörður. Die meisten seiner Handschriften fielen kurz vor seinem Tod einem Brand zum Opfer, aber erhalten ist u. a. das nebenstehende Portrait von sr. Bjarni Hallsson, Pfarrer in Grund im Eyjafjörður (Abb. 7). 10 Es ist auf 1681 und damit nur ein Jahr später als AM 738 4to datiert und in derselben Technik entstanden. Es zeigt motivisch, stilistisch und materiell auffällige Gemeinsamkeiten: Das Motiv zeigt einen Mann mit üppigem blondem Bart, einem länglichen Schnauzbart, Haarknoten auf Ohrenhöhe und sehr zierlichen Händen. Er sitzt an einem Schreibtisch, auf dem ein aufgeschlagenes Buch liegt und daneben stehen Tintenfass und Feder. Das Bild hat große kompositorische Ähnlichkeiten mit der Illumination von Bragi (AM 738 4to, f. 41r; s. o., Abb. 4). Manche Details des Gesichts - die großen wellenförmigen Stirnfalten und die Nasenform erinnern u. a. an Loki (ebenfalls f. 41r). 11 Gleichwohl ist zu bemerken, dass die gerahmte Zeichnung deutlich detaillierter ist, was sicherlich mit dem größeren Format zusammenhängt. Das aufgeschlagene Buch ist hier ebenfalls beschriftet, auf der Rectoseite in Hebräisch. Am unteren Blattrand steht eine Strophe, die Jón auf Bjarni gedichtet hat (Þóra Kristjánsdóttir 2005: 72). Weiterhin ist die ihn umgebene Ranke aus Elementen zusammengesetzt, die sich auch in AM 738 4to finden: Die kreuzförmige Blume rechts ähnelt der auf der Titelseite (f. 34r) und die schuppenförmig angeordneten Lanzettblätter ähneln denen von Yggdrasill (f. 44r). Weiterhin entsprechen die Farbtöne denen, die in AM 738 4to zur Kolorierung verwendet wurden: Ockergelb, ein blaustichiges Dunkelgrün, Rotbraun sowie Schwarzbraun. Jón lässt sich zwar sonst nicht unmittelbar mit der Provenienz der Handschrift in Verbindung bringen, doch er verfügte als ehemaliger Schüler und Pfarrer sicherlich über gute Kontakte. Aufgrund der stilistischen Ähnlichkeiten zu den Illuminationen in AM 738 4to lässt sich für sr. Jón Guðmundsson í Stærra-Árskógi am überzeugendsten argumentieren. Als zweiter Vorschlag sei sein Namensvetter sr. Jón Guðmundsson á Felli í Sléttuhlíð im Skagafjörður (1631 ‒ 1702) erwähnt. 12 Dieser hat 1694 eine Leichenpredigt für Hólmfríður Sigurðardóttir verfasst und in der Handschrift findet sich eine Zeichnung, in der die dargestellten Engel Ähnlichkeiten zu den Gött: innen aufweisen, v. a. die 9 Die Ausführungen zu Jón Guðmundsson í Stærra-Árskógi basieren auf Þóra Kristjánsdóttir (2005: 72 - 73), sie erwähnt eine von Jón erstellte Handschrift über die Hebammenschule mit sechzehn Illuminationen. Vgl. zu Jóns Leben auch Páll Eggert Ólason (1950: 130). 10 Eine bewahrte Handschrift, Reykjavík, Landsbókasafn, ÍB 354 8vo, ist im Jahr 1689 von sr. Jón Guðmundsson í Stærra-Árskógi geschrieben worden. Sie enthält die Zeichnung einer Uhr, die mit rotbrauner Farbe koloriert ist. Die Handschrift hat ein ähnliches, hochrechteckiges Format, allerdings kleiner. Diese Handschrift konnte leider erst kurz vor Fertigstellung dieser Studie konsultiert werden, wobei der Schriftvergleich mit AM 738 4to keinen Treffer zu ergeben scheint. 11 Der Kopf ist auf das Blatt aufgeklebt worden (Þóra Kristjánsdóttir 2005: 72). 12 Vgl. Páll Eggert Ólason (1950: 129) zu sr. Jón Guðmundsson á Felli. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 66 4 Handschriftenportraits <?page no="67"?> markanten Haarknoten auf den Ohren und die mit roten Kreisformen kolorierten Wangen (Reykjavík, Landsbókasafn, Lbs 1528 8vo, f. 36r, s. u., Abb. 99, vgl. Titelseite auf f. 34r). 13 Abb. 8: Detail auf der Islandkarte Islandia, Kopenhagen, Det Kongelige Bibliotek, NKS 1088b fol., Hand: Þórður Þorláksson (1668). Foto: Friederike Richter, mit freundlicher Genehmigung von Det Kongelige Bibliotek wiedergegeben. Die beiden nachfolgend diskutierten Personen wurden anderweitig vorgeschlagen. Sie wirkten am Bischofssitz von Skálholt, zu dem die Handschrift über die spätere Provenienz eine Verbindung zu haben scheint, der später noch nachgegangen wird. Margrét Eggertsdóttir (2013: 46, 2014a: 124) hatte überlegt, ob sich eine Verbindung der Handschrift zum Bischof von Skálholt, Þórður Þorláksson (1637 - 1697), herstellen ließe. 14 Er bekleidete dieses Amt von 1674 - 1697 und war künstlerisch tätig. Er hat u. a. Karten gezeichnet und Epitaphe gemalt. Die Personen auf seinen Darstellungen tragen zeitgenössische Bekleidung und haben eine konkave Silhouette mit einem großen Körper und kleinem Kopf und statische Haltung. Es erscheint aber eher unwahrscheinlich, dass es sich auch in AM 738 4to um seine Hand handelt: Sein Stil zeigt sich sonst weitaus geübter, fein ausdifferenziert 13 Sr. Jón Guðmundsson á Felli werden sonst zwei Epitaphe in Öl-auf-Pergament-Technik zugeschrieben, eins für die erwähnte Hólmfríður Sigurðardóttir sowie eins für den Pfarrer in Laufás, sr. Þorsteinn Geirsson, und seine Frau Helga Jónsdóttir, der Tochter von Hólmfríður (Páll Eggert Ólason 1950: 129, vgl. Þóra Kristjánsdóttir 2005: 70 - 71). 14 Die Ausführungen zu Þórður Þorláksson basieren auf Þóra Kristjánsdóttir (2005: 74 - 77), dort finden sich auch Abbildungen seiner Bildwerke. Vgl. auch Páll Eggert Ólason (1952: 122 - 123). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 67 <?page no="68"?> und mit sanften Schattierungen, wie bereits auf der Karte Islandia (NKS 1088b fol., Abb. 8) aus dem Jahr 1668 ersichtlich. Eine weitere Person, die hier kurz diskutiert werden soll, ist Hjalti Þorsteinsson í Vatnsfirði (1665 - 1754). 15 Er ging 1680 zunächst auf die Lateinschule in Hólar und schloss sie später 1686 in Skálholt ab. Er stand in den Diensten des erwähnten Bischofs Þórður Þorláksson, bildete sich bei ihm in Bildkunst fort und dekorierte zwischen 1687 - 1688 die Wände der Kirche in Skálholt mit Malerei. Er hielt sich von 1688 - 1690 in Kopenhagen auf, wo er sich für Theologie immatrikulierte und Kurse in Musik, bildender Kunst und Bildhauerei belegte. Danach kam er wieder nach Skálholt und wurde 1692 Pfarrer in Vatnsfjörður und später Probst in der Region. Von Hjalti ist eine beeindruckende Anzahl verschiedenster Bildwerke erhalten. Er soll schon früh vielseitig begabt gewesen sein, hat später Gemälde und farbig gefasste Schnitzkunst (vor allem als Kirchenausstattung) angefertigt, darunter mehrteilige Altarbilder, aufwändig gestaltete Kanzeln und Skulpturen von u. a. Christus sowie Maria mit dem Kinde. Die genaue Kenntnis von Körperproportionen in diesen späteren Darstellungen zeugt von seiner künstlerischen Ausbildung. Dieses Wissen lässt sich jedoch in AM 738 4to (noch) nicht finden. Falls die Illuminationen der Handschrift seinem Œ uvre zuzurechnen sind, datieren diese noch in seine Schulzeit in Hólar und damit vor seiner Zeit in Kopenhagen. Eine Identifikation von Hjalti als mögliche Illuminationshand wäre interessant: Ihm wurden von Loth (1967: 94 - 95) weitere, spätere Illuminationen in Handschriften zugeschrieben: Dies betrifft die Darstellungen der Sagafiguren Egill Skalla-Grímsson, Grettir Ásmundarson (s. u., Abb. 80), Guðmundr inn ríki und Njáll sowie von König Haraldr inn hárfagri (Reykjavík, Landsbókasafn Íslands - Haskólabókasafn, Lbs 1040 fol., f. 2r, Abb. 9). 16 Diese teilen mit AM 738 4to einige grundlegende stilistische Ähnlichkeiten Abb. 9: Haraldr inn hárfagri, Lbs 1040 fol. (f. 2r), Hand: evtl. Hjalti Þorsteinsson (1699). Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. Das Foto ist mit freundlicher Genehmigung der Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn dem Digitalisat auf handrit.is entnommen: < https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ Lbs02-1040, 24.10.2024>. 15 Die Ausführungen zu Hjalti Þorsteinsson basieren auf Þóra Kristjánsdóttir (2005: 90 - 105), dort finden sich auch Abbildungen seiner Bildwerke, vgl. Páll Eggert Ólason (1949: 363 - 364). 16 Die ersten drei genannten Illuminationen finden sich in Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, AM 426 fol. (f. 2v, 79v, 143v; 1670 - 1682) sowie die von Njáll in Reykjavík, Landsbókasafn, Lbs 3505 4to (beiliegendes Blatt f. 1r; 1698). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 68 4 Handschriftenportraits <?page no="69"?> wie statisch stehende Figuren mit großen, ovalen Körpern mit kleinen Köpfen und detaillierten Modedetails wie Knopfleisten. Diese Zeichnungen sind jedoch technisch komplexer, sowohl in dem zeichnerischen Detailgrad als auch in Bezug auf die Schattierungen der Kolorierung. Die einfachere Technik in AM 738 4to könnte zwar durch die Datierung auf Hjaltis Jugend vor der Ausbildung erklärt werden, erscheint aber letztlich dennoch insgesamt weniger überzeugend als die ersten beiden Vorschläge. Edda-Lieder-Hand (2) Die zweite Hand hat hauptsächlich die Edda-Lieder in den zugehörigen kodikologischen Einheiten (L.1 - 2, f. 46 - 79) 17 geschrieben sowie einige, z. T. längere Bildbeischriften zu drei der Illuminationen in P.3 hinzugefügt (auf f. 42v, 43v, 44v). Diese Hand schrieb in einer Kanzleihybrida mit wässrig-brauner Tinte. Der Duktus der Linien erscheint ungleichmäßig (nahezu zittrig), aber Schriftgröße sowie Zeilenhöhe und -abstand sind sehr regelmäßig. Die für die Edda-Lieder verwendete Orthografie ist auffällig historisierend (s. u., Kap.5.3.4). Auch hier findet sich (wenngleich seltener) ein Allograf von 〈ꝛ〉 (r rotunda), das aus geraden Strichen zusammengesetzt ist und einem heutigen z ähnelt (vgl. Abb. 10: „ eru “ , f. 79r6). Das 〈 þ 〉 , 〈 k 〉 hat eine nach rechts gebogene bzw. geschlaufte Oberlänge und das 〈 s 〉 hat ähnlich wie bei der Illuminationshand (1) manchmal eine kleine Schlaufe am unteren Bogen. Das lange 〈ſ〉 erstreckt sich sowohl in Oberals auch Unterlänge, die Oberlänge beugt sich im Bogen über den Folgebuchstaben. Typisch ist eine Majuskelform für 〈 S 〉 , die die Form einer 8 hat. Auf der abgebildeten Seite befindet sich das Verzeichnis über die Edda-Lieder, 18 darun- Abb. 10: Edda-Lieder-Hand (2), AM 738 4to (f. 79r). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. 17 Mit Ausnahme der mit von Hand 3 versehenen Lagenfüller (f. 53v, 79v). 18 Jón Sigurðsson hat die Blätter in der unteren rechten Ecke foliiert - die Nummer ist hier wegen der Randbeschädigung in der Blattmitte positioniert. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 69 <?page no="70"?> ter ist rechts eine manicula mit Schreibfeder und links davon „ m(anu) p(ro)p (ria) “ ( ‚ mit eigener Hand ‘ ) vermerkt. Daneben steht eine Monogrammligatur, bei der das 8-förmige „ S “ gut zu erkennen ist. Der zweite, durch einen schrägen Strich mit einer kleinen Schlaufe eingeschriebene Buchstabe könnte vielleicht ein „ þ “ , „ g “ oder „ ø “ sein. Hier wäre somit u. U. ebenfalls eine Zuordnung zum Besitzer Sigurður Gíslason möglich und könnten ein Argument für die gleiche Person hinter Hand 1 und 2 sein. Haupthand (3) Die Hand, die als nächstes arbeitete, hat den Großteil der Schreibarbeit beigetragen und alle weiteren Textseiten angelegt. Die Inhalte umfassen Prosa-Edda, Skaldik, weitere Dichtung und Verzeichnisse. Der Strich dieser Hand ist kurz, breit und mit Nachdruck ausgeführt. Die Tintenfarbe changiert zwischen verschiedenen Brauntönen bis schwarzbraun. Die Größe der Schrift bzw. die Zeilenanzahl pro Seite sowie das Schriftbild variieren stark. Dies legt nahe, dass die Schreibarbeit nicht in einem Zug, sondern schrittweise (textweise) vorgenommen wurde, so dass vor allem das Zusammentragen der Inhalte, aber weniger ein einheitliches, gleichmäßiges Äußeres von Belang war. Diese Hand hat zwei Schriftarten für unterschiedliche Textarten eingesetzt: Eine Kurrentschrift älteren Typs (árfljótaskrift) für Prosa sowie eine gut leserliche Kanzleihybrida für Dichtung und Verzeichnisse. Ein Beispiel dafür findet sich in der Abbildung (f. 53v, Abb. 11): Der obere Abschnitt, Um Gandreið (Z. 2 - 32), wurde in Kurrentschrift geschrieben, die Strophe des darunter stehenden Háttatal (Z. 33 - 40) in Kanzleihybrida. Typische Merkmale der Haupthand sind, dass die Ausrichtung der Abb. 11: Haupthand (3), AM 738 4to (f. 53v). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 70 4 Handschriftenportraits <?page no="71"?> Schrift (der Winkel den die Schäfte zur Grundlinie bilden, z. B. von 〈 l 〉 und 〈 þ 〉 ) leicht nach links geneigt ist. Beide Schriften zeigen ein Allograf von 〈ꝛ〉 (r rotunda) in Form einer kleinen 2, also mit einem oberen Bogen. In der Kanzleihybrida dominiert der breite, senkrechte und leicht nach links geneigte Strich, das 〈 s 〉 erscheint mit betonter Mittelachse auseinandergezogener, das 〈 t 〉 hat einen deutlichen Querbalken und das 〈 l 〉 besteht aus einem senkrechten Strich mit einer kleinen Serife unten. Das einstöckige 〈 a 〉 hat einen runden Bogen (ähnlich eines c) mit einem schräg geneigten Abstrich. Das 〈 d 〉 ist rund und aufrecht und ähnelt einer spiegelverkehrten 6. Zwischen den Minim- Bögen wie bei 〈 u 〉 oder 〈 n 〉 liegt oftmals ein kleiner Zwischenraum. Zuweilen sind Zwischenräume innerhalb eines Wortes gelassen, so dass diese wie Wortzwischenräume wirken. Die Kurrentschrift verwendet eine Tironische Note in Form von zwei übereinandergeschriebenen z. Das 〈 s 〉 ist gestreckter als bei den beiden vorherigen Händen und das 〈ſ〉 hat sowohl Oberals auch Unterlänge und eine Verdickung auf halber Höhe. Das 〈 d 〉 ist sehr geschwungen und hat fast die Form einer 8. Klein- und Großbuchstaben sind in dieser Hand in beiden Schriften oftmals nicht zu unterscheiden. Diese Hand hat außerdem einzelne kurze Inhalte in Geheimschrift geschrieben (z. B. f. 1r und 29r). Zur Identifizierung der Haupthand gibt es einige Indizien, denen nun nachgegangen wird. Diese Hand hat selbst umfassende Kompilationsarbeit geleistet: Dies betrifft sowohl die Prosa-Edda, aber auch die Zusammenstellung skaldischer Dichtung und weiterer Inhalte. Weiterhin schrieb sie ein paar (kürzere) Abschnitte auf Latein (f. 22r und 29r), so dass sowohl von einer entsprechenden Sprachkenntnis als auch großem Interesse an Dichtung und Sprache ausgegangen werden muss (vgl. Margrét Eggertsdóttir 2014a: 126). Die Kompilation verbindet ein übergeordnetes, inhaltliches Konzept eines Handbuchs zur mittelalterlichen isländischen Dichtung. Ihre Struktur lässt darauf schließen, dass nicht alle Inhalte von Beginn an feststanden, sondern dass diese aus mehreren Vorlagen zusammengetragen werden mussten und die Schreibarbeit demzufolge nach und nach erfolgte. 19 Es ist somit naheliegend, dass diese Schreibarbeit für den Eigengebrauch erfolgte und die Haupthand somit wahrscheinlich von Vorbesitzer und Dichter Sigurður Gíslason stammt, dessen Initialen auch auf der Titelseite erscheinen. Von Sigurður sind leider keine (weiteren) Handschriften erhalten, mit denen die Schrift abgeglichen werden könnte. 19 Dafür sprechen einige visuelle, materielle und verbale Argumente: Die unterschiedlichen Schriftgrößen und Seitengestaltung, mehrfach Leerraum am Ende von Seiten bzw. Lagen (manchmal später mit kurzen Inhalten gefüllt), die unregelmäßige Lagenstruktur und die Tatsache, dass es sich um viele kurze Inhalte handelt. Abb. 12: Haupthand (3), AM 738 4to (f. 22r, Detail). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Abb. 13: Haupthand (3), AM 738 4to (f. 135r, Detail). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 71 <?page no="72"?> Gegen die These, dass die Haupthand von Sigurður geschrieben ist, könnten zunächst die beiden Angaben sprechen, die unter Umständen die Initialen der Hand enthalten könnten und deshalb an dieser Stelle der Vollständigkeit halber kurz erwähnt werden sollen. Auf f. 22r (Abb. 12) findet sich die Angabe „ AS “ direkt nach einem Zeichen, das die Form einer „ 4 “ hat, auf deren Schaft ein „ S “ geschrieben wurde. 20 Diese ließen sich u. U. als Hinweis auf den Namen lesen. Zum anderen auf f. 135r (Abb. 13): Die Buchstaben „ GSS “ stehen heute fast am Ende der Handschrift und ähneln somit ebenfalls einer Angabe der Schreibhand. Es scheint jedoch wahrscheinlicher, dass sich diese auf Gísli Súrsson oder die Gísla saga Súrssonar verweisen, da an dieser Stelle eine Sammlung verschiedener Lausavísur aus dieser Saga endet. 21 Abschließend sei gesagt, dass die Struktur der Handschrift mit der daraus abgeleiteten These, dass die Haupthand zum Eigengebrauch schrieb und somit von Sigurður Gíslason kam, als wahrscheinlicher zu bewerten ist. Lagenfüller-Hand (4) Die vierte Hand findet sich nur auf zwei Seiten (f. 29v - 30r, Abb. 14). Dazu hat sie zwei von der Haupthand (3) beschriebene Lagen zur heutigen Lage iv (f. 13 - 33) ineinanderlegt. Dadurch lagen zwei ursprünglich leere Seiten nacheinander und boten genügend Platz für die Ættartala von Haukr Erlendsson. Die Lagenfüller-Hand schrieb in einer Kanzleihybrida, verwendete schwarzbraune Tinte und hat als einzige die Haar- und Schattenstriche der Feder deutlich kontrastierend eingesetzt. Der Duktus ist bewegt-beschwingt. Typisch sind die runden Formen, so schreibt auch diese Hand die Form der Majuskel für 〈 S 〉 ähnlich einer 〈 8 〉 . Dafür ist der Kleinbuchstabe 〈 s 〉 im Gegensatz zu den bisherigen mit einer Schlaufe am oberen Bogen 20 Die „ 4S “ -Form findet sich in etwas abweichender Form in einem Medaillon in der Zeichnung von Jón Guðmundsson í Stærra-Árskógi (s. oben) und in AM 738 4to noch an anderer Stelle (f. 30v1). Dieses Zeichen war verbreitet und geht womöglich ursprünglich auf Darstellungen eines Merkurstabes zurück (vgl. Lindberg 1998: A176). 21 Kålund zweifelt ebenfalls, dass es sich hierbei um die Initialen der Hand handeln könnte (Kommissionen for det Arnamagnæanske Legat 1889: 170). Abb. 14: Lagenfüller-Hand (4), AM 738 4to (f. 29v). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 72 4 Handschriftenportraits <?page no="73"?> versehen und hat einen markanten breiten Querstrich, der den Buchstaben in der Waagerechten betont. Das 〈 þ 〉 und 〈 l 〉 (und manchmal das 〈 t 〉 ) setzen an der Oberlänge mit einer kleinen Schlaufe nach links an. Das 〈 r 〉 hat zwei mit Abstand gesetzte Schäfte: der erste davon ist gebrochen, so dass die Gesamtform an ein enges 〈 w 〉 erinnert. Zu dieser Hand lassen sich leider keine weiteren Anhaltspunkte zur Identifikation finden. Es scheint so, als hätte die Hand die Handschrift selbst genutzt und den Wunsch gehabt, diesen Inhalt hinzuzufügen, der sich thematisch gut zur Prosa-Edda und formal zu den vielen Verzeichnissen der Handschrift fügt. Aufgrund der nur wenigen Vorbesitzer: innen der Handschrift ist unklar, um welche der Personen es sich hier handeln könnte. Es, wäre denkbar, dass eine andere Person um diese Ergänzung gebeten wurde, die Zugang zur Textvorlage hatte. Ergänzungshand (5) Besonders charakteristisch ist das Schriftbild der fünften Hand und ihr geschwungenes Schriftbild erscheint sehr routiniert. Sie hat zahlreiche Inhalte auf die zuvor vor allem von der Haupthand (3) beschrifteten Blätter hinzugefügt. Die Ergänzungen sind oft interlinear oder am Rand platziert, zuweilen aus Platzgründen vertikal oder auch diagonal ausgerichtet. Bei den zusätzlichen Varianten der Kenningar und Heiti im Annar Partur der Prosa-Edda hat sie oft darauf hingewiesen, dass diese der Edda Islandorum entnommen sind ( „ addit Impressa “ ). Weitere Ergänzungen müssen aus anderen frühneuzeitlichen Prosa-Edda-Handschriften stammen, da sich diese nicht in der Druckausgabe finden. Längere Hinzufügungen wurden am Rand untergebracht und in der entsprechenden Textstelle durch kleine Symbole - sog. Signes-de-renvoi - verankert Abb. 15: Ergänzungshand (5), AM 738 4to (f. 104v). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 73 <?page no="74"?> (vgl. f. 104v, Abb. 15). Dieses Fußnoten-ähnliche System ermöglichte eine korrekte Zuordnung der Varianten und ihrer Platzierung innerhalb der Listen. In einem Fall fielen die Ergänzungen derart umfangreich aus, dass das Blatt unübersichtlich wurde (f. 103) und die Ergänzungshand das Blatt (mitsamt den Ergänzungen) noch einmal abgeschrieben hat (f. 104); beide Blätter sind heute hintereinander geheftet. Über die Prosa-Edda hinaus, hat diese Hand z. T. umfangreiche Ergänzungen auf den jeweiligen Blatträndern anderer Inhalte hinzugefügt (in den kodikologischen Einheiten B, C, G), wofür ebenfalls weitere Handschriften vorgelegen haben müssen, sie hat hier also umfangreiche, ergänzende kompilatorische Arbeit geleistet. Dazu gehören Korrekturen und Ergänzungen zu Hallgrímur Péturssons Samstæður (f. 5v - 6v), eine Zusammenfassung der Gríms saga loðinkinna (f. 7r/ v) und die Hinzufügung von Haustl ǫ ng als Lagenfüller (f. 97v). Diese sind ein weiteres Beispiel dafür, dass die Inhalte der Handschrift nach und nach wuchsen. Die Hand hat darüber hinaus die Handschrift visuell ausgeschmückt und repariert. An der Darstellung von H œ nir (f. 40v) lässt sich sehen, dass die Hand zeichnerisch talentiert war: Die kleine Illumination ist aus wenigen, gezielten Strichen aufgebaut. 22 Die dort verwendeten Farben (deckendes Altrosa mit Glimmer, wässriges Hellblau und ebensolches Hellrot) finden sich an weiteren Stellen nachträglich aufgetragen (z. B. im Ornament, f. 5r). Dieselbe rosa Glimmerfarbe findet sich auf zwei eingeklebten Reparaturstreifen (f. 129r und 130r), auf welche die Ergänzungshand die darunterliegenden, überdeckten Textzeilen kopiert hat (f. 131r und 132r). 23 Als diese Hand arbeitete, muss die Handschrift somit bereits reparaturbedürftig, 24 aber auch ungebunden gewesen sein. Das hinzugefügte Blatt f. 104 zeigt dagegen nur wenige Gebrauchsspuren. Die Hand schrieb in einer markanten, geschwungenen Kanzleihybrida sowie Kurrentschrift - dabei sind die Grenzen zwischen beiden oftmals fließend. Die verwendete Feder ist sehr fein und die Tinte dunkelbraun bis schwarz. Typisch sind die nach links über mehrere Buchstaben zurückgreifenden Bögen der Unterlänge von 〈 g 〉 und der Oberlänge von 〈 d 〉 . Das Gleiche gilt für den Abstrich vom zweiten, kürzeren Schaft von 〈 h 〉 . Das 〈 s 〉 hat unterschiedliche Allografe, u. a. eins mit schrägem Anstrich und dem unteren Bogen (ähnlich eines modernen deutschen Schreibschrift-s, ohne den oberen Bogen). Auch in dieser Schrift sind die Oberlängen von 〈ſ〉 , 〈 t 〉 , 〈 l 〉 mit einer Schlaufe, allerdings nach rechts, versehen, das 〈 r 〉 hat die Form eines schmalen v und das 〈 a 〉 ist einstöckig mit senkrechtem Abstrich, der an einer schlanken o-Form ansetzt. Diese Hand markiert das 〈 u 〉 häufig mit einem Schnörkel in Form eines Fragezeichens. Die verwendeten lateinischen Abkürzungen, die Verweissysteme und Inhalte lassen auf ein entsprechendes Bildungsniveau einer gelehrten Person von um 1700 schließen. 25 Dies wird weiterhin durch das inhaltliche Anspruchsniveau bestätigt, das den Annar Partur der Prosa-Edda behutsam ergänzte. Sie verfolgte das Interesse, die Handschrift um mehr 22 Die Hand hat weiterhin, wie bereits zuvor beschrieben, zwei kleine Tierfiguren auf den Mantel von Loki hinzugefügt (f. 41r). 23 Zusätzlich sind rosa Striche auf zwei Seiten (f. 1r, 3r) eingezeichnet. 24 Einige der heute wieder entfernten Reparaturstreifen liegen der Handschrift bei; es handelt sich um Verstärkungsstreifen mit Nahtlöchern, die zur Falzverstärkung um den Umbug der Lage herum gelegt waren oder einzelne Blätter zu Doppelblättern zusammenzufügen. 25 Vgl. den Hinweis auf den Bildungsgrad und die nötigen Lateinkenntnissen von Margrét Eggertsdóttir (2014a: 126). Sie unterscheidet in Bezug auf die Schreibarbeit jedoch nicht zwischen Haupthand (3) und Ergänzungshand (5). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 74 4 Handschriftenportraits <?page no="75"?> Varianten aus der gedruckten Edition anzureichern, entfernte aber keine. Des Weiteren hat diese Hand noch andere Inhalte der Handschrift ergänzt, so dass sich vermuten lässt, dass diese Überarbeitungen dem Eigenbedarf dienen sollten. Auch wenn sich die Hand trotz des prägnanten Schriftbildes und umfangreicher Schrift-Recherchen nicht sicher identifizieren ließ, lässt sich vermuten, dass es sich hierbei um die Hand des letzten und einzigen formal gebildeten Vorbesitzers, Magnús Jónsson aus Leirá, handelt. 26 Magnús kam 1699 nach Skálholt - und obwohl nicht bekannt ist, wann er Árni Magnússon die Handschrift genau übergab, so spricht manches dafür, dass dies nicht davor geschah. Margrét Eggertsdóttir (2014a: 120 - 123, 126, 2015: 44 - 45) hat mehrfach die These geäußert, dass die Genese der Handschrift im engeren Zusammenhang mit Skálholt stehen könnte. 27 Als Gründe führt sie einen Kommentar von Hallgrímur Pétursson zu den skaldischen Strophen der Ólafs saga Tryggvasonar hin mesta an (f. 92v ‒ 95v). Diesen Kommentar habe Hallgrímur im Auftrag von Bischof Brynjólfur Sveinsson auf Grundlage der damals in Skálholt befindlichen Flateyjarbók (GKS 1005 fol.) erstellt. Der Kommentar sei zunächst nicht weit verbreitet gewesen, das Autograf habe sich außerdem zu diesem Zeitpunkt in Skálholt befunden (heute London, British Library, Add 11.193). 28 Da der erwähnte Kommentar von der Ergänzungshand auf den Rändern der zuvor von der Haupthand (3) geschriebenen Strophen hinzugefügt wurde, lässt sich dies als Indiz für diese Schreibarbeit durch Magnús während seiner Zeit in Skálholt anführen. 4.1.1.2 Provenienz Die Handschrift zirkulierte nicht lange, bevor sie in die Hände von Árni Magnússon kam. Er hat auf seinen beiliegenden Notizzetteln vermerkt, von wem er die Handschrift erhalten hat: Als direkten Vorbesitzer nennt er Magnús Jónsson aus Leirá, der diese Handschrift von Ingibjörg aus Bær in Hrútafjörður (Nordwestisland) erhalten haben soll. Außerdem gibt Árni als weiteren Vorbesitzer Sigurður Gíslason aus Bær an. 29 Diese Personen werden nun chronologisch vorgestellt. 26 Weiterhin schienen zwei Schreiber von Árni Magnússon auf den ersten Blick zunächst interessant, kamen jedoch bei genauerer Betrachtung nicht in Betracht. Ich bin Giovanni Verri an dieser Stelle für eine Einschätzung in Bezug auf Ásgeir Jónsson (1655/ 1659 - 1707) dankbar (Kommunikation per E-Mail vom 15.12.2018). Auch das Schriftbild von Jón Ólafsson úr Grunnavík (1705 - 1779) weist Ähnlichkeiten auf; so verwendete er ähnliche Symbole zum Verankern von auf Rändern aufgetragenem Text, aber er ließ sich ebenfalls nicht als Ergänzungshand bestätigen. Die grundsätzlichen Ähnlichkeiten dieser Hände ließen sich aber als Argument für ein ähnliches Bildungsmillieu deuten. 27 Auch Guðrún Ingólfsdóttir (2016: 190) hält die Herstellung der Handschrift in Skálholt für denkbar. 28 Margrét nennt noch als weiteres Argument, dass ein weiterer Kommentar, den Bischof Brynjólfur beauftragt hatte, Samtak um Rúnir von Björn á Skarðsá, ebenfalls in Auszügen in dieser Handschrift vorläge und sicherlich in Skálholt zur Verfügung stand. Dieser wurde jedoch von der Haupthand geschrieben und erscheint auch in zwei der hier untersuchten jüngeren Handschriften - und war zumindest spätestens dann auch außerhalb Skálholts zugänglich (NKS 1867 4to; ÍB 299 4to). 29 Darin heißt es: „ þetta er komid fra Ingibi ỏ rgu, i Bæi ii Hrutafirdi, til M. J. S. ⸌ Magnuss Ions sonar fra Leyrä. ⸍ fra honum til mïn. “ (AM-Zettel, f. 1r; ‚ Dies kam von Ingibjörg aus Bær in Hrútafjörður zu Magnús Jónsson aus Leirá, und von ihm zu mir. ‘ ) und „ þetta hefur ätt Sigurdur Gislason i Bæ. “ (AM- Zettel, f. 2r; ‚ Dies hat Sigurður Gíslason aus Bær gehört. ‘ ). Die Zettel sind heute an den Anfang der Handschrift gebunden. Zu der Identifikation dieser Personen vgl. Jón Helgason (1958: 76), Kommissionen for det Arnamagnæanske Legat (1889: 170) und Margrét Eggertsdóttir (2013: 44, 2014a: 114,122 - 123). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 75 <?page no="76"?> Sigurður dalaskáld Gíslason (1655 - 1688) aus Bær in Miðdalir in Dalir/ Westisland soll ein kluger Dichter ohne formale Schulbildung gewesen sein. 30 Für seine Arbeit als Dichter könnte diese reichhaltige Zusammenstellung älterer Dichtung sowie dem Annar Partur (zum Nachschlagen von Kenningar für die eigene Dichtung) sicher von Interesse gewesen sein. Sigurður soll sich darüber hinaus für Magie interessiert haben, wie im Særingarljóð ersichtlich sei (Margrét Eggertsdóttir 2014a: 122). Bereits oben wurde dafür argumentiert, dass Sigurður als Haupthand (3) plausibel erscheint, wofür sowohl die Initialen „ S “ und „ G “ auf der Titelseite (f. 34r) sowie der Herstellungsprozess, der offensichtlich nach und nach für den Eigengebrauch erfolgte, sprechen. Bei der nächsten Besitzerin handelt es sich um Sigurðs Halbschwester Ingibjörg Jónsdóttir (1643 - 1710), Hofvorstand (húsfreyja) auf Bær im Hrútafjörður (Margrét Eggertsdóttir 2014a: 123). 31 In der Handschrift befindet sich ein späterer Besitzvermerk: „ Hafdu Gud I Huggiu Lur hialpar muntu Ej sakna sofdu I fridj, Sigur Dür Bokinn Er mijn Fimtu dagur “ 32 (AM 738 4to, f. 127v29 ‒ 32). Es erscheint sehr plausibel, dass Ingibjörg diesen nachdenklichen Vers ihrem jüngeren, früh durch Ertrinken verstorbenen Halbbruder Sigurður gewidmet hat und vielleicht durch die Handschrift selbst zu dichten angeregt wurde. Bereits wenige Jahre später muss Magnús Jónsson aus Leirá (1679 - 1702) die Handschrift erhalten bzw. gekauft haben. 33 Magnús war gebildet, er war der Sohn vom Bischof von Hólar, Jón Vigfússon (1643 - 1690), wo er auch die Lateinschule absolviert hat. Magnús war 1698 kurzzeitig an der Universität in Kopenhagen eingeschrieben, kehrte aber bereits ein Jahr später als Lehrer an die Lateinschule in Skálholt zurück, wo er im Winter Rektor wurde. Wie bereits geäußert, könnte es sich bei der Ergänzungshand (5) um Magnús ‘ Arbeit handeln, die sich wegen des erwähnten Kommentars von Hallgrímur Pétursson, der zunächst nur in Skálholt vorgelegen haben soll, plausibel in diese Zeit datieren ließe; ganz sicher ist dies jedoch nicht. 34 Ein Interesse für Dichtung hatte Magnús sicher auch, er soll dichterisches Talent besessen haben. Árni muss die Handschrift nur kurz später, spätestens vor Magnús ’ Tod im Jahr 1702, erhalten haben. 30 Die Informationen zu Sigurður Gíslason basieren auf Margrét Eggertsdóttir (2013: 44, 2014a: 122, 2015: 44) und Páll Eggert Ólason (1951: 219). 31 Ingibjörg hatte Zugang zu Büchern und besaß selbst mehrere Handschriften (Guðrún Ingólfsdóttir 2016: 185, 189 - 190). Die Eltern von Sigurður (und somit vermutlich auch Ingibjörg) sollen, Páll Vídalín zufolge, besser als einfache Leute gestellt gewesen sein (Margrét Eggertsdóttir 2014a: 122). Die Person, die im Eintrag von handrit.is als Ingibjörg Jónsdóttir verzeichnet ist, hat nicht nur abweichende Lebensdaten (1615 - 1703), sondern verorten diese nach Bær, Strandasýsla, Nordisland (Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is, <https: / / handrit.is/ is/ biography/ view/ IngJon001, 14.12.2021>). 32 ‚ Hab Gott in Gedanken, ein Schläfchen hilft, wirst Du nicht fehlen, schlafe in Frieden, Sigurður. Das Buch gehört mir. Donnerstag ‘ . Vgl. zu dieser Strophe Margrét Eggertsdóttir (2014a: 123). 33 Die Informationen zu Magnús Jónsson basieren auf Margrét Eggertsdóttir (2014a: 123) und Páll Eggert Ólason (1950: 435). 34 Es ist ebenfalls möglich, dass Magnús die Handschrift bereits vorher Árni gab, so hat Árni im Jahr 1698 bereits AM 232 fol. von Magnús erhalten als dieser sich in Kopenhagen aufhielt (vgl. Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is, <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ en/ AM02-0232, 18.04.2022>). In diesem Fall wäre AM 738 4to u. U. nie in Skálholt gewesen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 76 4 Handschriftenportraits <?page no="77"?> 4.1.1.3 Weiterer Verbleib und Restaurierung Nachdem Árni Magnússon die Handschrift an sich genommen hatte, verblieb sie fast 300 Jahre in Kopenhagen. In dieser Zeit wurde AM 738 4to mehrfach als Vorlage für gelehrte Abschriften verwendet, so u. a. von M. Magnussen in der zweiten Hälfte des 18. Jh. für Abschriften von Edda-Liedern. 35 Während der Zeit in Kopenhagen hat nicht nur Árni einige Kommentare und Notizzettel der Handschrift beigefügt. Die umfangreichsten Veränderungen hat sicherlich Jón Sigurðsson vorgenommen: Er brachte in den Jahren zwischen 1848 und 1897 die Blätter der damals ungebundenen Handschrift in die seiner Meinung nach korrekte Reihenfolge, foliierte diese und vermerkte auf ihnen, wo seiner Meinung wie viele Blätter fehlten. 36 Als Grundlage dienten ihm Angaben, die er als Nummerierung der Papierbögen verstand, die sich oben links auf gewöhnlich jeder vierten Versoseite finden. Bei Abweichungen ging er davon aus, dass Blätter fehlten. 37 Aus Jóns Anmerkungen geht hervor, dass er von einer ursprünglichen Struktur ausging, die einen Wechsel von fehlenden und vorhandenen Blätter ergibt: 51 fehlende Blätter, f. 1 - 6, 1 fehlendes Blatt, f. 7 - 53, 4 fehlende Blätter, f. 54 - 128, evt. fehlen 2 Blätter, f. 129, evt. fehlt 1 Blatt, f. 130 - 135. Daraus ergibt sich nach Jón Sigurðssons Dafürhalten ein Verlust von ca. 56 - 59 Blättern; das entspricht etwa 30 %, der Handschrift. Der Umfang des Verlustes erscheint grundsätzlich plausibel, doch muss an dieser Stelle eingewendet werden, dass aus heutiger Sicht das System der ‚ Bogennummerierungen ‘ nicht gänzlich nachvollziehbar ist. Es passt nicht zu einer tatsächlichen Papierbogenstruktur, indem immer ein Bogen durchgeschnitten und auf die Hälfte gefaltet ineinandergelegt wird. Vielmehr ähneln diese einer konsekutiven Nummerierung, die alle vier Seiten aufgetragen wurde. 38 35 Es handelt sich hierbei um Kopenhagen, Det Kongelige Bibliotek, NKS 1128 fol. (V ǫ luspá und Hávamál); NKS 1700 4to (Haukr Erlendsson: Ættartala, skaldische Dichtung); NKS 1872 4to (Edda- Lieder); NKS 1876 4to (für Björn á Skarðsá: Samtak um Rúnir) und NKS 1892 4to (skaldische Dichtung) (Kommissionen for det Arnamagnæanske Legat 1900: 116, 205 - 206, 254 - 255, 260). 36 Im Folgenden die Transkriptionen und Übersetzungen der Kommentare von Jón Sigurðsson: „ Vantar 12 ¾ örk framan við Á 4 ⸌ ða ⸍ hverju blaði í vinstri hönd er arkatalan þarmeð eru tölur 1 - 11 og XII til LIX, sem sýna kafla bókarinnar. Þaraf má sjá hina réttu upphaflegu röð. “ ( ‚ Es fehlen am Anfang 12 ¾ Papierbögen. Auf dem vierten jeden Blattes sind links die Papierbogennummern. Darauf sind die Zahlen 1 - 11 und XII bis LIX die, die die Buchkapitel zeigen. Daraus kann die richtige ursprüngliche Reihenfolge abgelesen werden. ‘ , f. 1v). „ vantar blað í 15. órk. er mun vera fyllt upp “ ( ‚ Es fehlt ein Blatt im 15. Papierbogen. Das scheint ersetzt worden zu sein. ‘ , f. 6v). „ Hér vantar hálfa 27 ⸌ du ⸍ og hálfa 28 ⸌ du ⸍ örk. “ ( ‚ Hier fehlt die Hälfte vom 27. und die Hälfte vom 28. Bogen. ‘ , f. 53v). „ NB þessu blaði er inn skotið, og aukið við því sem þar á er ritað, því það er reyndar skrifað upp eptir blaðinu á undan. “ ( ‚ NB. Dieses Blatt ist eingefügt und führt das weiter, was darauf geschrieben steht, nachdem es faktisch vom vorherigen Blatt abgeschrieben wurde. ‘ , f. 104r). „ NB. þessu blaði er inn skotið, og vantar ekkert í. “ ( ‚ NB. Dieses Blatt ist ergänzt worden, und braucht nicht rein. ‘ , f. 110r). „ vantar 2 blóð? “ ( ‚ Fehlen 2 Blätter? ‘ , f. 128v). „ vantar 1 blað? “ ( ‚ Es fehlt 1 Blatt? ‘ , f. 129v). Vgl. auch die Transkriptionen von Jóns Kommentar auf der Titelseite (Kap. 5.2.2.1). 37 Neben der Bogennummerierung diente Jón eine fortlaufende Inhaltsnummerierung als Grundlage. Allerdings sind einige Inhalte nicht nummeriert (es fehlen 1 - 2 und 7). Außerdem fällt auf, dass die ersten Nummern in arabischen und die folgenden mit römischen Zahlen angegeben sind. Es ist unklar, wann diese Nummerierung hinzugefügt wurde. Interessanterweise ist auf f. 7r der Auszug aus Gríms saga loðinkinna mit der Ziffer „ 8 “ markiert worden, obwohl ganz offensichtlich - der Bogennummerierung und dem defekten Textbeginn nach zu urteilen - ein Blatt fehlt. Der Textbeginn ist am äußeren und unteren Rand von f. 7r/ v ergänzt worden und verläuft über die Textnummerierung. 38 Die Bogennummerierungen lauten: 13 (f. 1v), 14 (f. 1v), 15 (f. 8v), 16 (f. 12v), 17 (f. 16v), 18 (f. 20v), 19 (f. 24v), 20 (f. 28v), 21 (f. 32v), 22 (f. 36v), 23 (f. 40v), 24 (f. 44v), 25 (f. 47v), 26 (f. 51v), 28 (f. 55v), 29 (f. 59v), 30 (f. 63v), 31 (f. 67v), 32 (f. 71v), 33 (f. 75v), 35 (f. 83v), 36 (f. 87v), 37 (f. 91v), 38 (f. 95v), 39 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 77 <?page no="78"?> Abb. 16: Zusammenfügung am Blattfalz, AM 738 4to (f. 1r, mit Durchlichteinheit aufgenommen und gegen den Uhrzeigersinn gedreht), Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum. Foto: Friederike Richter. Den womöglich ersten Einband bekam die Handschrift erst im Zusammenhang mit der Katalogisierung von Kristian Kålund, der die Einbindung zahlreicher Handschriften durch Otto Ehlert an der Universitätsbibliothek in Kopenhagen veranlasste. Dadurch wurde Umfang und Reihenfolge der ehemals fluiden Inhalte fixiert. Der dafür typische, mit schwarz-grünem Marmorpapier bezogene Halbleinenband lässt sich auf den Schwarz- Weiß-Fotos der arnamagnäanischen Sammlungen erkennen, ist aber nicht mehr erhalten. 39 Es wird dort auch deutlich, dass die Bindung der Handschrift sehr eng gewesen sein muss. Die Fotos wurden vor der Restaurierung, die im August 1964 von Birgitte Dall in Vorbereitung der Rückgabe nach Island durchgeführt wurden, angefertigt. Die vorgenommenen Maßnahmen sind auf einem heute der Handschrift beiliegenden, datierten Notizzettel vermerkt worden: Dabei wurden zahlreiche beschädigte Blätter ausgebessert und lose Blätter befestigt, zahlreiche Bifolia sind am Falz ausgebessert und zusammengesetzt worden. Die Papierstreifen, die davor als Falzverstärkung dienten, liegen der Handschrift heute separat bei. Dabei sind auch Bifolia in der Falzmitte zusammengesetzt worden, die den Wasserzeichen nach ursprünglich nicht zusammenhängend gewesen sein können; möglicherweise wurden hier bereits frühere Klebkanten repariert. 40 Am Beispiel des heutigen Bifoliums f. 1~2 werden die nicht kongruenten Kettlinien 41 sowie jeweils halbe Wasserzeichen mit einer Durchlichteinheit (fiber optic light sheet) sichtbar (Abb. 16): f. 1 zeigt das Motiv Narr 1 (hier der Hinterkopf und die 4 mit drei Kreisen zu sehen) und f. 2 zeigt Buchstaben, die die Gegenmarke von dem Motiv Narr 2 bilden. Die modernen Reparaturen erstrecken sich bei genauer Betrachtung über den gesamten Blattfalz (heller (f. 99v), 40 (f. 103v), 41 (f. 108v), 42 (f. 113v), 43 (f. 117v), 44 (f. 121v), 45 (f. 125v) und 49 (f. 130v). Die Bogennummerierung ist von einer anderen Hand als der Haupthand geschrieben worden, der genaue Zeitpunkt ist unklar, kann aber nicht auf einen ungefalteten, physischen Papierbogen bezogen sein. Beispielsweise ist ein Doppelblatt (f. 15~32 auf f. 32v) als Bogen 21 angegeben, das folgende Doppelblatt (f. 16~31 auf f. 16v) jedoch als Bogen 17. 39 Ich bin Beeke Stegmann für diesen Hinweis zum Dank verpflichtet. Weitere Informationen zu den erwähnten Einbänden sind von Springborg (2014: 265 - 267, 2018 [1995]: 46 - 48). 40 Zahlreiche Doppelblätter sind wegen der sich nicht ergänzenden Wasserzeichen nachweislich nachträglich zusammengesetzt worden (f. 1~2, 78~79, 85~98, 101~102, 103~111, 130~133, 131~132, weitere eventuell: f. 42~45, 105~108). 41 Dabei handelt es sich um die hellen senkrechten Linien mit ca. 2 - 3 cm Abstand. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 78 4 Handschriftenportraits <?page no="79"?> Bereich an der unteren Kante). 42 Die oft die äußeren Doppelblätter einer Lage betreffenden Beschädigungen sprechen für eine starke Beanspruchung des Materials, z. B. weil sie ungebunden als Faszikel verwendet worden waren. 43 In diesem Zusammenhang wurde die Handschrift neu eingebunden und die Lagen auf Patentfalze genäht. Es handelt sich um einen Halbband aus mittelbraunem Leder, die Buchdeckel sind mit einem in Wischtechnik olivgrün-marmorierten Papier bezogen. Der Datumseintrag vom ehemaligen Spiegelblatt - 12.11.[18]88 - wurde ausgeschnitten und in den aktuellen Einband geklebt. Auf dem Buchrücken wurden zwei Etiketten aufgeklebt, die die Signatur und die laufende Nr. 1853 angeben. Die Aufbewahrungsschachtel ist innen mit dem gleichen Papier bezogen, außen wurde dunkelbrauner Leinen sowie am Rücken dunkelbraunes Leder angebracht, auf den ebenfalls die Signatur und laufende Nummer geprägt wurden. Eine Vielzahl an Flecken und Verschmutzungen findet sich vor allem am Buchschnitt und an den Außenrändern der Blätter. Diese haben oft die Form von Fingerabdrücken und befinden sich sowohl an den Blattecken und auf halber Höhe der Blätter - sie kommen sicherlich vom Halten oder Blättern. Die Flecken sind besonders im Bereich der Illuminationen zahlreich und bezeugen das häufige Betrachten dieser Seiten. Bei einigen Lagen sind die äußeren Blätter durch Verschmutzung dunkler, es handelt sich um einen ganzseitigen, gräulichen Schmutzfilm, der ebenfalls für eine zeitweilige Nutzung der ungebundenen Inhalte in Form von Gebrauchseinheiten spricht. 44 Zuweilen sind auch Seiten, die innerhalb von Lagen liegen, von einem solchen Schmutzfilm überzogen - möglicherweise haben diese längere Zeit aufgeschlagen gelegen. Das Maß der Blätter weicht heute lagenweise voneinander ab: Die Lagen werden unterschiedlich stark beschädigt gewesen sein und bei der Restaurierung je nach Bedarf lagenweise beschnitten. AM 738 4to wurde am 30.09.1991 aus Kopenhagen in die Stofnun Árna Magnússonar á Íslandi nach Reykjavík gesendet. Durch das Abkommen, das nach der Gründung der Republik Island die Rückgabe eines Teils der Handschriften regelte, ist diese Handschrift durch die Auswahl somit offiziell als Teil des für Island bedeutsamen kulturellen Gedächtnisses anerkannt. Im Jahr 2015 wurde die Handschrift für handrit.is digitalisiert 42 Die Verschmutzungen in der Falzmitte stammen von einem älteren Leimauftrag, möglicherweise von einem aufgeklebten Papierstreifen zum Verbinden beider Blätter oder einer alten Verleimung des Buchrückens. 43 Auf dem Zettel steht: „ Restaureret august 1964 (blade efterset og repareret, ark fastsat i deres knækfals: ark nr. 13, 34 og 42.) “ ( ‚ Restauriert August 1964, Blätter überprüft und repariert, Bögen im Falzbruch fixiert: Bögen Nr. 13, 34, 42 ‘ ). Ein weiterer Zettel vom 14.06.1991 enthält die gleichen Informationen und wurde vermutlich im Zusammenhang mit der Rückgabe 1991 geschrieben. Eine andere Notiz vermerkt die damals losen Blätter, bei denen es sich ausschließlich um heutige Einzelblätter, Unio- Lagen oder die äußeren Doppelblätter einer Lage handelt (f. 1~2, 13, 46~53, 78~79, 84, 85~98, 101~102, 103~111, 109, 120~127, 130~133 und 131~132). Weiterhin konnten bei der Untersuchung mit einer Durchlichteinheit weitere Reparaturen von Doppelblättern am Falzbruch ausfindig gemacht werden, diese sind mit bloßem Auge kaum sichtbar (f. 7~12, 34~41, 42~45, 70~77, 134~135), diese betreffen das äußere Bifolium einer Lage. Weiterhin war zuvor zuweilen auch das nächstäußere Doppelblatt einer Lage stark beschädigt, aber oft noch an einer Stelle zusammenhängend (f. 3~6, 8~11, 14~33, 62~69, 86~97, 104~110, 112~119 und 128~129). Die losen Blätter sind in der tabellarischen Übersicht zur Lagenstruktur und Wasserzeichen vermerkt (App. 11.1.2). 44 Es handelt sich hierbei um die äußeren Blätter der folgenden Lagen: i (f. 1r), iii (f. 7r~13v), iv (f. 14r~33v), v (f. 34r~41v), vi (f. 42r~45v), vii (f. 46r~53v), viii (f. 54r~61v), ix (f. 62r~69v), x (f. 70r~77v), xi (f. 78r~79v), xii (f. 80r), xvi (f. 111v), xvii (f. 112r~119v) und xviii (f. 120r~127v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 79 <?page no="80"?> und Frühjahr 2020 wurde noch ein weiteres Digitalisat mit einem Voice-over-Kommentar von Margrét Eggertsdóttir auf der Plattform Handritahirslan veröffentlicht. 45 4.1.2 Materielle Struktur Der Spitzname der Handschrift - Langa Edda bzw. Edda oblonga(ta) ‒ verweist auf eines der charakteristischen Merkmale dieser Handschrift: Sie hat ein auffällig schmales, hochrechteckiges Format (Tab. 3). 46 Der Buchblock hat die Maße von 32,6 x 10,6 cm, das Seitenverhältnis beträgt somit 3,1: 1. Die Bögen wurden wie beim Quartformat üblich einmal halbiert und im Anschluss jedoch nicht quer, sondern längs gefaltet. Das resultierende Format war somit eine bewusste, wenn auch für literarische Texte eher ungewöhnliche Wahl; 47 es findet sich sonst v. a. in Verwaltungsschriften (z. B. Zensus, Rechnungsbücher). Die Schriftgröße und draus resultierende Zeilenanzahl variiert die Handschrift hindurch stark, auf den Seiten der Prosa-Edda beträgt die Zeilenanzahl 32 ‒ 45. 48 Höhe Breite Dicke Aufbewahrungsschachtel 35,4 cm 15,2 cm 5,5 cm Außenmaß mit Einband 33,3 cm 13,4 cm 2 - 4,3 cm Buchblock 32,6 cm 10,6 cm 1,4 - 3,4 cm Einzelseiten (16,6) 29,7 - 32,6 cm (7,9) 9,3 - 10,6 cm - Schriftspiegel 25,4 ‒ 28,3 cm 5,8 ‒ 7,5 cm ‒ Tab. 3: Maße von AM 738 4to. Für die Gründe hinter der Formatwahl lassen sich mehrere Vermutungen anstellen. So könnte diese dem Wunsch nach einem besonders augenfälligen, extravaganten Buch entsprechen, was sich in den Illuminationen fortsetzt. Das Argument von Margrét 45 Die Digitalisate finden sich hier: Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is, <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ AM04-0738, 18.04.2022> und Stofnun Árna Magnússonar á Íslandi (2020 - ): Handritahirslan, <https: / / www.arnastofnun.org/ am04-0738.html, 22.10.2024>. 46 Die Handschrift wurde bereits im Verzeichnis über die Handschriften der Sammlung von Jón Ólafsson úr Grunnavík unter der Nr. 738 „ Edda in folio oblongo. “ verzeichnet (Kopenhagen, Den Arnamagnæanske Samling, AM 384 fol., f. 26v). Die Rückenhöhe entspricht eigentlich einem Folioformat - bei einer Einordnung im Regal entsprechend der Höhe wäre diese Kategorisierung zweckgemäß. Die heutige Klassifizierung als Quartformat bezieht sich jedoch auf die Teilung des Papierbogens. Wenn man die Papierbögen quer gefaltet hätte, hätten die Blätter ein Format von 21,2 cm x 16,3 cm gehabt - ein durchaus übliches Quartformat. 47 Einige weitere zeitgenössische Handschriften mit literarischem Inhalt mit ähnlichem, aber nicht ganz so schmalem Format sind: Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, AM 743 4to (Prosa-Edda 1623 - 1670, Ketill Jörundsson, 20,5 cm x 7,5 ‒ 7,9 cm); Reykjavík, Landsbókasafn, ÍB 52 fol. (Sagas, u. a. Þiðreks saga und Grettis saga, 1675 - 1725, unbekannte Hand, 36,8 cm x 13,8 cm) und JS 166 fol. (Trójamanna saga, 1679, Þórður Jónsson, 27,2 cm x 9,0 cm). 48 Auf den Seiten mit den vorgezogenen Abschnitten aus dem Annar Partur ist viel Platz gelassen und die Zeilenzahl dementsprechend geringer. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 80 4 Handschriftenportraits <?page no="81"?> Eggertsdóttir (2013: 44, 2014a: 113) ist überzeugend, dass das Format im engen Verhältnis zur hauptsächlich enthaltenen Textgattungen - der Dichtung - stünde. Dieser Bezug zwischen Inhalt und Form wirkt jedoch vor allem auf medialer Ebene, da die kürzeren Textzeilen der Dichtung bis auf zwei Ausnahmen nicht entsprechend versweise umgebrochen sind. 49 Die mediale Ebene betrifft auch die Illuminationen, die größtenteils mehrere stehende anthropomorphe Figuren übereinander umfassen: Das schmale Format passt gut zu menschlichen Proportionen und zeigt, dass die Illuminationen für diese Handschrift entworfen wurden. Weniger ist dieses Format jedoch für narrative Bildmotive geeignet, bei denen mindestens zwei Figuren nebeneinander zu erwarten wären und somit ein breiteres Blattformat sinnvoll wäre. Die anderen seitenfüllenden Motive (Valh ǫ ll, Midgardschlange, Yggdrasill und der um 90° gedrehte Fenrir) erscheinen in ihrer länglichen Grundform ebenfalls direkt für das Seitenformat entworfen. Interessant ist diesbezüglich die Illumination von Bragi, der in ein Buch schreibend dargestellt ist, welches ein ähnliches Blattformat hat und so auf die Handschrift selbst verweist (f. 41r). AM 738 4to lässt sich heute wegen des durch die Patentfalze im Buchrücken liegenden Gewichtschwerpunktes etwas unhandlich halten, dafür aber sehr gut blättern. Die Seiten sind schmal und steif und können nur mit Gewichtschnüren aufgeschlagen gehalten werden. Die steife Struktur des Papiers wird durch die formatbedingte unübliche Laufrichtung des Papiers begünstigt, in der die Papierfasern horizontal ausgerichtet sind. Allerdings eignet sich das schmale Format gut, um bei Schreibarbeiten neben ein anderes Buch gelegt zu werden. Die kurzen Zeilen erleichtern weiterhin die Lesbarkeit, da das Auge die Zeile schnell erfassen kann. Es lässt sich an dieser Stelle noch darüber nachdenken, warum die Inhalte initial vermutlich in einzelnen Gebrauchseinheiten genutzt wurden. Dies kann mit dem offensichtlich fortlaufenden Abschreibprozess zusammenhängen. Kwakkel (2015: 71 - 72) weist auf ein interessantes Phänomen hin: Er bezeichnet ein solches hochrechteckiges Buchformat als holster book, bei dem die Verwendung bei der Herstellung vorausgeplant worden sei: Demnach würden das Buch bzw. einzelne Gebrauchseinheiten stehend in der Hand gehalten und vorgelesen werden. Solche holster books hätten oftmals ein Seitenverhältnis von 3: 1 gehabt, weil dieses Format es ermöglicht, das Buch mit einer Hand zu halten (dabei ruht der Buchrücken in der Handfläche), ohne dass es mit der anderen Hand aufgehalten werden müsse; gleichzeitig könne mit der freien Hand gestikuliert werden. In Bezug auf die Langa Edda ließe sich solch eine Verwendung zumindest für einige Abschnitte vorstellen, die durch Blattformat, die materielle Struktur in Faszikeln und die z. T. große Schrift antizipiert worden sein könnten. Dafür sprechen auch die Fingerspuren auf der Mitte der äußeren Ränder. Einzuwenden ist an dieser Stelle jedoch, dass einige Inhalte, v. a. die illuminierten Seiten sowie die Textseiten vom Annar Partur, weniger zum Vorlesen geeignet sind und sich somit die Gründe für die Formatwahl nicht endgültig klären lassen. 49 Tatsächlich sind nur die Gedichte des zeitgenössischen Dichters Hallgrímur Pétursson (1614 - 1674), Aldarháttur und Samstæður (f. 3r6v), versweise untereinandergeschrieben. Die Seiten für Samstæður sind in zwei Spalten und in Kästchen unterteilt, so dass jede Strophe in einem eigenen Kästchen steht. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 81 <?page no="82"?> 4.1.2.1 Lagen und Wasserzeichen Die Handschrift besteht heute aus 21 Lagen mit insgesamt 135 Blättern. Eine detaillierte Übersicht über die Lagen- und Wasserzeichenverteilung findet sich im Appendix (App. 1.2). 50 Mit der Chroust ‘ schen Lagenformel ergibt sich folgendes Bild: 51 [2+]I 2 + II 6 + III 12 + (X+ 1) 33 + IV 41 + II 45 + 4.IV 77 + I 79 + II 83 + (VII+ 1[+ 1]) 98 + 2.I 102 + (V-1) 111 + 2.IV 127 + I 129 + II 133 + I 135 Der Umfang der Lagen ist sehr unregelmäßig und zeugt von der subsequenten Herstellungsweise, aber auch späteren Verlusten und Umstrukturierungen. Es gibt zahlreiche, insgesamt zehn Lagen, die außerordentlich dünn sind und nur aus einem oder zwei Doppelblättern bestehen (i, ii, vii, xii, xiii, xv, xix, xx, xxi). Es ist durchaus möglich, dass diese bereits so produziert wurden (sie enthalten oftmals entsprechend kurze Inhalte). Möglicherweise sind sie aber in Folge von Beschädigungen entstanden, so wie einige Doppelblätter und Lagen erst später zusammengefügt wurden. Weiterhin fallen zwei besonders umfangreiche Lagen auf: Lage iv (21 Blätter) und Lage xiii (15 Blätter) - beide entstanden jeweils durch das Ineinanderlegen zweier Lagen. 52 Auffällig regelmäßig sind hingegen die Lagen vii - xi, die die eddischen Götterlieder umfassen. Sie bestehen aus regelmäßigen Quaternionen sowie einer ergänzenden Unio-Lage. Hier ist ein Zusammenhang zwischen Form, Inhalt und Produktionsumständen offensichtlich: Es handelt sich um den einzigen Abschnitt der Handschrift, der von der Lieder-Edda-Hand (2) angelegt wurde. Die Lagenstruktur für die Prosa-Edda gestaltet sich folgendermaßen: Die Illuminationen verteilen sich auf die zwei Lagen v - vi, es handelt sich hierbei um einen Quaternio und einen Binio. Der Beginn vom Annar Partur ist von Unregelmäßigkeiten geprägt. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Dæmisögur womöglich einmal direkt davor enthalten waren, aber verloren gegangen sind: Das erste Blatt vom Annar Partur (f. 98) bildet die Hälfte eines nachträglich zusammengefügten Bifoliums (f. 85~98), das nun Bestandteil der vorhergehenden Lage (xiii) ist, obwohl Verschmutzungen und weitere Merkmale hier eine deutliche Zäsur erkennen lassen (vgl. App. 1.3). Danach folgen zwei Unio-Lagen sowie eine Quinio-Lage mit entferntem Einzelblatt und später ergänztem Bifolium. Bei den meisten der in diesen Anfangslagen enthaltenen Doppelblättern handelt es sich ebenfalls um nachträglich zusammengefügte Bifolia. Erst die zwei Quaternio- 50 Studien zur Verwendung und Herstellung von Papier für isländische Handschriften finden sich in Hufnagel u. a. (2023). 51 Zur Beschreibung der Lagen wurde die Lagenformel nach Chroust verwendet, mit Hilfe derer Zäsuren zwischen den kodikologischen Einheiten besonders augenfällig sind (vgl. Bischoff 1992: 10 - 11). Die inzwischen in die Handschrift eingebundenen Notizzettel von Árni Magnússon sind in dieser Erhebung nicht mitgezählt, sondern als Schaltzettel mit kursiven arabischen Zahlen dargestellt. Zwei dieser Zettel befinden sich an den Anfang von Lage i geheftet, der andere ist in die Mitte der Lage xiii geheftet worden. 52 Die heutige Lage iv besteht aus einem Quarternio mit vorgeheftetem Einzelblatt (f. 13 - 17/ 30 - 33), in das ein Sexternio (f. 18 - 29) eingelegt wurde (Schema: \\\\+\\\\\\/ / / / / / +/ / / / ). Die heutige Lage xiii besteht aus einem Ternio mit vorgeheftetem Einzelblatt, in das ein Quarternio sowie ein Schaltzettel von Árni Magnússon (mit Ergänzungen) in die Lagenmitte (f. 80 - 87/ 96 - 98) eingelegt wurden (Schema: \\\+\\\\[+ 1]/ / / / +/ / / ). Neben Text- und Blattgrenzen sprechen deutliche weitere Eigenschaften einer Zäsur für diese jeweils später vorgenommenen Verbindungen, u. a. unterschiedliche Verschmutzungen und Layout, Wasserzeichenwechsel, Leerräume und der Lagenfüller durch die spätere Hand (vgl. App. 1.2). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 82 4 Handschriftenportraits <?page no="83"?> Lagen zum Abschluss (xvii - xviii, f. 112 - 127) sind regelmäßig. Weiterhin ist das Blatt mit den Fragen zu den Dæmisögur (f. 1) heute Bestandteil einer Unio-Lage aus einem nachträglich zusammengefügten Bifolium und ging somit vorher sicher in eine andere Lagenstruktur ein. Die Handschrift wurde auf Papier unterschiedlicher Provenienz geschrieben. Aufgrund des Quartformates befinden sich die Wasserzeichen in AM 738 4to im Falzbruch des gefalteten Blattes, entweder aufrecht oder um 180° gedreht. Es lassen sich folgende Wasserzeichen feststellen: • Narr (1) - ohne Gegenmarke 53 • Narr (2) - Buchstaben 54 • Amsterdamer Wappen FHB - ohne Gegenmarke 55 • Kleiner Wappenschild ‒ ohne Gegenmarke 56 • Posthorn ‒ ohne Gegenmarke 57 Da fast alle Wasserzeichen keine Gegenmarke haben, konnte oft nur jedes zweite Bifolium sicher bestimmt werden (App. 1.2). Es ließe sich überlegen, ob die unterschiedlichen Wasserzeichen auf unterschiedliche Papierbestände schließen lassen, die im Zusammenhang mit dem beschriebenen Arbeitsprozess stehen, bei dem mehrere Hände über einige Zeit involviert waren. Es lässt sich zumindest festhalten, dass die einzelnen kodikologischen Einheiten - mit Ausnahme von P.4 - aus dem gleichen Papier hergestellt sind. Da P.4 den Annar Partur umfasst, ist jedoch davon auszugehen, dass dieser in einem Durchgang geschrieben wurde. Weiterhin ist das Vermischen von Papieren unterschiedlicher Provenienz durchaus üblich, wie auch bei den anderen drei Handschriften sichtbar, wenngleich die Anzahl der Wasserzeichen dort im Vergleich zum Umfang geringer ausfällt. Weiterhin lässt sich in AM 738 4to kein Zusammenhang zwischen den Händen und den jeweiligen Wasserzeichen herstellen. Vielmehr zeugen die Struktur und die zusammengesetzten Bifolia, dass diese Handschrift in kleineren materiellen Einheiten hergestellt, genutzt und umgestellt wurde. 53 Kopfbild eines Narren mit fünf Schellen an der Kappe und sieben am Kragen. Darunter eine 4-Form mit drei Kreisen. Viele Papiermühlen in Südwestfrankreich nutzten dieses Motiv ca. 1660 - 1670. Es ließ sich jedoch keine sicher zuordnen (vgl. Lindberg 1998: Nr. 403, 415, 428). 54 Kopfbild eines Narren mit zwei Schellen an der Kappe und dazwischen einen Hahnenkamm, am Hinterkopf eine Narrenkette mit vierpassförmigem Abschluss, am Kragen fünf Schellen. Unterhalb eine 4, die nach hinten in einem Kreuz endet und deren Enden mit kleinen Kugeln besetzt sind. Unter der 4 drei Kreise. Gegenmarke: umrandetes Buchstabenfeld mit unklarer Anzahl an Zeichen, nur die beiden äußeren befinden sich außerhalb des Falzbruches und sind sichtbar: „ M[ … ] ᛭“ oder „ W[ … ] ᛭“ . Diese Form des Narren war üblich in Papiermühlen in Nordwestfrankreich, ca. 1660 - 1680 (vgl. Lindberg 1998: u. a. Nr. 411, 451). 55 Bekrönter Wappenschild von Amsterdam mit drei Andreaskreuzen und zwei Löwen als Schildhalter. Das Beizeichen „ FHB “ verläuft vertikal zum Wappen am äußeren Rand desselben. Provenienz: evtl. Papiermühle in Westfrankreich, Region Angoumois, 1680 (Lindberg 1998, Nr. 54). 56 Wappenschild in doppelkonturiger, geschwungener Form mit zwei schräg verlaufenden Bändern. Provenienz: evtl. Papiermühle in Deutschland, 1682 (Lindberg 1998, Nr. 193). 57 Dieses Wasserzeichen ist aufgrund der Platzierung und der kleinen Größe schlecht zu erkennen. Das Horn ist einfach gebogen, die ovale Öffnung des Schallbechers ist sichtbar. Um das Horn herum liegt evtl. ein breites Band. Am Horn ist ebenso ein dünnes Band befestigt, das oberhalb in einer kleinen Schlaufe liegt. Unklare Provenienz (vgl. Lindberg 1998, Nr. 500). Diese Blätter sind deutlich rauer als die anderen, teilweise fein gerippten Papiere zuvor. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 83 <?page no="84"?> 4.1.2.2 Kodikologische Einheiten kod. Einheit Lagen Folia Kommentar Hände (ident.) Inhalt P.1 Prosa- Edda i f. 1 f. 1~2 nachträglich zusammengesetzt Haupthand (3) Dichtung Prosa-Edda: • Fragen zur den Dæmisögur A i (Fort.) f. 2 f. 1~2 nachträglich zusammengesetzt Haupthand (3) Skaldische Dichtung B ii f. 3 - 6 Haupthand (3), Ergänzungshand (5) Dichtung von Hallgrímur Pétursson C iii f. 7 - 12 Haupthand (3), Ergänzungshand (5) Skaldische Dichtung D iv f. 13 58 - 17 und f. 30 - 33 kod. Einheit E wurde später in D eingelegt Haupthand (3), Lagenfüller- Hand (4) Skaldische Dichtung Verzeichnis über ältere Ausdrücke (II) Edda-Lieder (Auszüge) E iv (Forts.) f. 18 - 29 Haupthand (3), Lagenfüller- Hand (4) Björn á Skarðsá: Samtak um rúnir (Auszug) Loptr ríki Guttormsson: Háttalykill (Auszug) Haukr Erlendsson: Ættartala Skaldische Dichtung P.2 Prosa- Edda v - vi f. 34 - 41 Illuminationshand (1), Haupthand (3), Ergänzungshand (5) Prosa-Edda: • Titelseite • Auszüge aus dem Annar Partur • Illuminationen P.3 Prosa- Edda vi f. 42 - 45 Illuminationshand (1), Edda- Lieder-Hand (2), Haupthand (3), Ergänzungshand (5) Prosa-Edda: • Auszüge aus dem Annar Partur • Illuminationen • weitere Verzeichnisse 58 Aufgrund der Lagenstruktur und Verschmutzungen (f. 13v - 14r) ist davon auszugehen, dass f. 13 ursprünglich einmal das letzte Blatt einer vorhergehenden Lage war und erst später an diese Lage befestigt wurde. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 84 4 Handschriftenportraits <?page no="85"?> kod. Einheit Lagen Folia Kommentar Hände (ident.) Inhalt L.1 Edda- Lieder vii f. 46 - 53 Edda-Lieder- Hand (2), Haupthand (3) Edda-Lieder: • V ǫ luspá • Hávamál Lagenfüller: Um gandreið, Prosa-Edda (Háttatal Str. 1) L.2 Edda- Lieder viii-xi f. 54 - 79 Edda-Lieder- Hand (2), Haupthand (3) Edda-Lieder: • Götterlieder • Verzeichnis über Edda- Lieder Norwegisches Runengedicht (O. Worm) F xii - xiii f. 80 - 87 und f. 96 - 97 kod. Einheit G wurde später in F eingelegt Haupthand (3) Eddische Dichtung (u. a. Sólarljóð), teilw. mit Kommentar Skaldische Dichtung G xiii (Forts.) f. 88 - 95 Haupthand (3), Ergänzungshand (5) Skaldische Dichtung Verzeichnis über ältere Ausdrücke (II) P.4 Prosa- Edda xiii (Forts.) - xviii f. 98 - 127 Haupthand (3), Ergänzungshand (5) Prosa-Edda • Annar Partur mit Prologus- Interpolationen) Verzeichnisse H xix f. 128 f. 128~129 nachträglich zusammengesetzt Haupthand (3) Skaldische Dichtung Gramm. Traktate (Auszüge) Dichtung I xix (Forts.) f. 129 Haupthand (3) Dichtung J xx f. 130 - 132 Haupthand (3) Skaldische Dichtung K xx (Forts.) - xxi f. 133 - 135 Haupthand (3) Skaldische Dichtung Tab. 4: Übersicht über die Kompilation der Handschrift AM 738 4to nach ihren kodikologischen Einheiten. Vgl. die Übersichten im Appendix (App. 1.1). Schlüssel: P - Prosa-Edda, L - Edda-Lieder, A - K - Skaldik/ Dichtung. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 85 <?page no="86"?> Aus der Lagenstruktur, der Kompilation sowie weiteren materiellen Eigenschaften ergeben sich die oben dargestellten kodikologischen Einheiten (Tab. 4). Die jeweiligen Argumente für die Zäsuren sind im Appendix zusammengestellt (App. 1.3). Die Handschrift lässt sich in zwölf kodikologische Einheiten unterteilen, von denen viele nur eine Lage umfassen. Die der Prosa-Edda (P) und Edda-Lieder (L) bestehen außerdem aus jeweils mehreren Blöcken. Ob es sich bei den kodikologischen Einheiten, die vor allem skaldische Dichtung u. ä. enthalten (A ‒ K), jeweils um eigene Produktionseinheiten handelt, ist nicht sicher. Ursprünglich zusammenhängende Produktionseinheiten könnten später womöglich in kleinere Gebrauchseinheiten unterteilt oder durch Beschädigungen in kleinere Einheiten zerfallen sein. Darüber hinaus verlaufen - aufgrund späterer Reparaturen - manche Zäsuren innerhalb heutiger Lagen. 59 Die Analyse löst hier teilweise spätere Umstrukturierungen und Rekonstruktionsbemühungen auf, z. B. wenn Gebrauchspuren darauf hinweisen, dass diese Zusammenfügungen erst nach längerer Zeit der Nutzung geschahen. Das Ziel ist gewesen, die Struktur der Produktions- und Gebrauchseinheiten soweit wie möglich aufzuschlüsseln, um zu verdeutlichen, wie zergliedert diese Handschrift hergestellt und genutzt wurde. Die Handschrift umfasst sog. polygenetische kodikologische Einheiten, die zunächst hauptsächlich von einer Person (entweder der Haupthand oder der Lieder-Edda-Hand) angelegt wurden und später von anderen erweitert wurden (vgl. Gumbert 2010: 4). Die vier Blöcke der Prosa-Edda verteilen sich (heute) über die Handschrift. Diese lassen sich dennoch als Blöcke einer kodikologischen Einheit erkennen. Sie wurden hauptsächlich von der Haupthand (3) geschrieben und umfassen mehrere intertextuelle Querverweise: Gleich zu Anfang sind in P.1 (f. 1), das nur aus einem Einzelblatt besteht, die Fragen zu den Dæmisögur notiert (f. 1v). 60 Die beiden Blöcke P.2 (f. 34 - 41) und P.3 (42 - 45) umfassen den umverteilten Prolog 61 und damit u. a. die Titelseite, die Illuminationen zur Mythologie sowie die extrahierten Annar-Partur-Kapitel. Der Rest vom Annar Partur (mit zwei Prologus-Interpolationen) befindet sich etwas weiter hinten in der Handschrift in Block P.4 (f. 98 - 127) und verweist auf die illuminierten Abschnitte zuvor. Die vier Blöcke der Prosa-Edda sind inhaltlich - durch das Aufteilen vom Annar Partur und über die 59 In der Bestimmung der einzelnen kodikologischen Einheiten wurde die Entscheidung getroffen, eindeutig nachträgliche Zusammenfügungen immer dann aufzulösen, wenn sich Zäsuren aufgrund weiterer Merkmale erkennen lassen. Ziel war, ein besseres Bild der materiellen und inhaltlichen Struktur der Handschrift zu gewinnen. Die vielen dünnen Lagen und nachträglich zusammengefügten Bifolia und Lagen zeugen von späteren Veränderungen, aber potentiell gibt es einen weiteren Zusammenhang zwischen kurzen Texten und einer kleinteiligen materiellen Produktionsstruktur: Rudy (2016: 32 - 33) hat Fälle beobachtet, in denen kürzere Inhalte - wie kurze Gebete und Illuminationen - als Einzelblätter hergestellt wurden und erst später zu Bifolia zusammengeklebt wurden. Die Bogennummerierungen von AM 738 4to wurden außer Acht gelassen, da diese offensichtlich erst später hinzugefügt wurden und nichts Allgemeingültiges über die Einheitlichkeit der Herstellungsvorgänge und -intentionen aussagen müssen. 60 Das Blatt ist erst zu einem späteren Zeitpunkt mit einem weiteren zu einer Unio-Lage zusammengefügt worden (Lage i, f. 1~2). Auf der Rectoseite (f. 1r) befinden sich Lausavísur von Oddur Þórðarsonar sowie Ein lítil vísa (in Geheimschrift). Sie wurden womöglich zu einem späteren Zeitpunkt auf das Blatt eingetragen. 61 Vgl. Kap. 5.1.2 zum Konzept des umverteilten Prologs. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 86 4 Handschriftenportraits <?page no="87"?> Schreibhände ‒ eng miteinander verzahnt. Es ist weiterhin durchaus möglich, dass die Handschrift einen weiteren Block mit den Dæmisögur enthielt, der aber heute verloren ist. Die beiden Blöcke der kodikologischen Einheit mit den eddischen Götterliedern, L.1 (f. 46 - 53) und L.2 (f. 54 - 79), folgen direkt aufeinander. Auf die beiden vormalig leeren letzten Seiten (f. 53v sowie f. 79v) hat die Haupthand (3) weitere Inhalte in Form von Lagenfüllern eingetragen ‒ und dadurch die Abfolge der Edda-Lieder unterbrochen. Die gleichmäßige Lagenstruktur und die Tatsache, dass diese die einzigen sind, die hauptsächlich von der Edda-Lieder-Hand (2) geschrieben wurden, deuten darauf hin, dass beide Blöcke zwei aus einem Kontext stammende Produktionseinheiten darstellen. Sie schließen mit dem Verzeichnis über die Edda-Lieder am Ende (f. 79r) ab. Aufgrund der Nutzungsspuren, die sich nicht in der innenliegenden, aber den außenliegenden Zäsuren finden, lässt sich argumentieren, dass diese zusammen eine Gebrauchseinheit gebildet haben. Die Kongruenz von Produktions- und Gebrauchseinheit der kodikologischen Einheit L war der Grund, die anderen Edda-Lieder (und Kommentare) von Haupthand (3), die sich über die Handschrift verstreut finden, nicht als Blöcke von L, sondern als eigene kodikologische Einheiten aufzufassen; deshalb wurde z. B. das Sólarljóð zur kodikologischen Einheit F gezählt, auch wenn es direkt auf L.2 folgt. Die elf kodikologischen Einheiten, 62 die Skaldik, weitere Dichtung sowie div. Verzeichnisse umfassen, verteilen sich heute in drei Gruppen über die Handschrift: die erste (A ‒ E, f. 2 - 29), die zweite (F - G, f. 80 - 97) und die dritte (H - K, f. 128 - 135). Diese sind alle von der Haupthand geschrieben worden. Darüber hinaus haben die Lagenfüller-Hand (4) und Ergänzungshand (5) später noch weitere Inhalte auf die Blätter beigetragen. 63 Viele dieser kodikologischen Einheiten umfassen nur einzelne Blätter oder dünne Lagen, begünstigt durch die Kürze der einzelnen Inhalte. Sie tragen viele Gebrauchspuren und Beschädigungen und einzelne wurden teilweise von der Ergänzungshand mit Papierstreifen repariert. Eine Besonderheit ist weiterhin, dass zweimal zwei Lagen ineinandergelegt wurden. Dabei wurden die ungewöhnlich umfangreichen Lagen iv (D/ E) und xiii (F/ G) zusammengesetzt. Es muss sich hierbei einerseits um zwei getrennte Produktionseinheiten handeln, die den Nutzungsspuren nach zu urteilen, getrennten Gebrauchseinheiten entsprachen. 62 Diese kodikologischen Einheiten, die nicht der Prosa-Edda oder den Edda-Liedern zufallen, wurden aufgrund der flachen Hierarchien und der Tatsache, dass sich diese unbemerkt entnehmen, umstellen oder weitere einfügen ließen, nicht als Blöcke angesehen, auch wenn ein übergeordneter inhaltlicher Zusammenhang erkennbar ist. 63 Nur in einem Fall hat die Ergänzungshand (5) durch die Kopie eines Blattes ein weiteres hinzugefügt (f. 104). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 87 <?page no="88"?> 4.1.3 Inhalt f. Inhalt Hand f. 1r Dichtung: Oddur Þórðarsonar: Tvær visur - „ Ein lítil vísa “ (in Geheimschrift) 3 f. 1v Prosa-Edda: Liste mit Fragen zu den Dæmisögur 3 f. 2r - 16r Dichtung: Hafursgrið - Hallgrímur Pétursson: Aldarháttur und Samstæður - skaldische Dichtung aus Gríms saga loðinkinna, Ǫ rvar-Odds saga (u. a. Ǫ rvar-Odds ævidrápa), Egils saga Skallagrímssonar (u. a. Sonatorrek), Ragnars saga loðbrókar (Krákumál) 3 5 f. 16r - 22r Eddische Dichtung und Kommentar: Sigrdrífumál - Guðrúnarkviða I - Björn á Skarðsá: Samtak um rúnir (1642, Auszug) Redensarten (Lat.-Isl.) 3 f. 22v - 29r Dichtung: Loptr ríki Guttormsson: Háttalykill - skaldische Dichtung aus Víglundar saga - Dichtung (in Geheimschrift) Zitat aus Terenz: Hecyra 3 f. 29v - 30r Haukr Erlendsson: Ættartala 4 f. 30v - 32r Dichtung: Særingaljóð (Beschwörungverse) - skaldische Dichtung aus Njáls saga (u. a. Darraðarljóð) 3 f. 32v - 33v Verzeichnis: Ältere Ausdrücke I (Fäein fornmæle) 3 f. 34r - 45v Prosa-Edda: Titelseite - Illuminationen - vorgezogene Kapitel aus dem Annar Partur (u. a. zu den Gött: innen) - Verzeichnis über Namen der klassischen Mythologie -- Liste über Personennamen aus der Sturlunga saga - Grímnismál (Auszug in Beischrift) 1 3 5 f. 46r - 79r Edda-Lieder: V ǫ luspá - Hávamal - Vafþrúðnismál - Grímnismál - Skírnismál - Hárbarðsljóð - Hymiskviða - Lokasenna - Þrymskviða - Balldrs draumar - Alvíssmál - Grottas ǫ ngr - Grógaldur - Fj ǫ lsvinnsmál - Hyndluljóð - Verzeichnis über Edda-Lieder Über Hexenritte und Óðinn, Háttatal Str. 1 2 3 5? f. 79v - 86v Dichtung: Norwegisches Runengedicht - Sólarljóð - skaldische Dichtung aus Hervarar saga ok Heiðreks (u. a. Heiðreks gátur) 3 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 88 4 Handschriftenportraits <?page no="89"?> f. Inhalt Hand f. 86v - 87v Edda-Lieder: Reginsmál (mit Kommentar) 3 f. 88r - 89r skaldische Dichtung: aus Hallfreðar saga vandræðaskálds (mit Kommentar), Kristni saga (mit Kommentar) 3 f. 89r - 92r Verzeichnis: Ältere Ausdrücke II (Nockrar islenskar glösur) 3 5 f. 92v - 97v skaldische Dichtung: aus Óláfs saga Tryggvasonar en mesta (mit Kommentar), Sturlunga saga (mit Kommentar), Víga-Glúms saga - Haustl ǫ ng (Auszug) 3 5 f. 98r - 126r Prosa-Edda: Annar Partur mit Prologus-Interpolationen 3 5 f. 126v - 127v Verzeichnisse: Wale - Fische - Seehundarten - Fische - Drei Gründe Feuer zu machen Vísa 3 (evtl.) Ingibjörg Jónsdóttir f. 128r - 135v (skaldische) Dichtung: Vogelrätsel - Viertes Grammatisches Traktat (Auszug mit Kommentar) - Illugi Brynd œ laskáld: Gedicht über König Haraldr harðráði (Auszug) - Drittes Grammatisches Traktat (Auszug mit Kommentar) - Ljúflingsvísur (Wiegenlied) - aus Grettis saga Ásmundarsonar (u. a. Hallmundarflokkr), Bandamanna saga, Hervarar Saga ok Heiðreks (Heiðreks gátur mit Antwort), Gísla saga Súrssonar, Bárðar saga Snæfellsáss (mit Prosa-Auszug) 3 5 Tab. 5: Kurzüberblick über die Inhalte von AM 738 4to. Aus den hier angeführten Sagas sind v. a. skaldische Strophen enthalten. AM 738 4to umfasst eine bemerkenswert hohe Zahl Einzelinhalte (Tab. 5); eine ausführliche Auflistung findet sich im Appendix (App. 1.1.1). Der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf eddischer und skaldischer Dichtung sowie zugehörigen Sachtexten und Listen wie dem Annar Partur der Prosa-Edda. Inhalte in Prosaform liegen nur wenige vor, vor allem in Kommentaren und Inhaltszusammenfassungen. Es lassen sich folgende Hauptkategorien herausarbeiten: 64 • Prosa-Edda: Annar Partur mit Prologus-Interpolationen, einzelne sehr kurze Fragmente aus den Dæmisögur in den illuminierten Lagen, Háttatal (Str. 1). • Eddische Dichtung (teilw. mit gelehrtem Kommentar): Götterlieder, weiterhin Auszüge aus einzelnen heroischen Liedern (teilw. mit Kommentar) sowie Sólarljóð. • Skaldische Dichtung: Skaldengedichte und Lausavísur aus einer Vielzahl von Sagas. • Dichtung: jüngere Dichtung, u. a. von Hallgrímur Pétursson. 64 Vgl. die ausführliche Diskussion der Kompilation von Margrét Eggertsdóttir (2014a). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 89 <?page no="90"?> • Verzeichnisse und weitere Sachtexte: Namenslisten, Genealogien, Verzeichnisse über ältere Ausdrücke u. ä. Insgesamt sind viele Inhalte genrebedingt sehr kurz - nur die eddischen Götterlieder und der Annar Partur bilden größere Einheiten. Als übergeordnete, bündelnde Strukturen finden sich zwei Inhaltsübersichten über die Edda-Lieder 65 sowie eine gemeinsame Titelseite für beide Eddas (f. 34r). Prosa-Edda Von der Prosa-Edda ist in AM 738 4to vor allem der Annar Partur in einer besonderen Kompilation enthalten. 66 Sein markantestes Merkmal ist, dass einige zentrale Kapitel - vor allem die mit den Kenningar und Heiti zu den Gött: innen ‒ vorgezogen und mit Illuminationen gepaart wurden. Diese Abschnitte befinden sich direkt hinter der Titelseite, die beide Eddas erwähnt, und bilden den Hauptteil des umverteilten Prologs, der noch mit weiteren Bildmotiven, Listen und Annar-Partur-Kapiteln angereichert ist (u. a. einem Verzeichnis über Namen der klassischen Mythologie, f. 34r - 45v). 67 Auf diese Weise sind die extrahierten Kapitel zwar als den Eddas zugehörig ersichtlich, aber aus dem als Annar Partur bezeichneten Verband herausgelöst worden. Manche der Kenningar und Heiti sind noch weiter aus den herausgelösten Kapiteln in die Beischriften der jeweils gegenüberliegenden Illuminationen verschoben worden. Weiterhin werden in den Kapiteln und Beischriften einzelne kurze Versatzstücke aus den Dæmisögur zitiert. 65 Diese beziehen sich auf die Edda-Lieder der kodikologischen Einheit L (f. 46r - 79r): Eine Inhaltsübersicht befindet sich auf den Rand der ersten Seite der V ǫ luspá (f. 46r) geschrieben, sie wurde von späterer Hand (evtl. Hand 5), hinzugefügt. Die zweite Liste wurde von der Edda-Lieder-Hand zum Abschluss der Edda-Lieder geschrieben (f. 79r). Diese listet noch weitere Edda-Lieder auf, die nicht enthaltenen sind und von den enthaltenen mit einer waagerechten Linie abgetrennt sind. Diese Liste erfüllt somit sowohl die Funktion einer Inhaltsübersicht als auch einer allgemeinen Liste von Edda- Liedern. Haukur Þorgeirsson/ Teresa Dröfn Njarðvík (2017: 161) zufolge, spiegelt diese Liste die Kompilation einer nicht erhaltenen Abschrift des Codex Regius der Lieder-Edda wider, von der u. a. AM 738 4to (und NKS 1867 4to) abstammen, ein Zwischenglied von AM 738 4to hätte diese jedoch bereits ausgelassen. 66 Vgl. zur Fassung der Prosa-Edda in AM 738 4to Faulkes (1979a: 122 - 123). Faulkes umfangreiche Untersuchungen haben ergeben, dass die Textfassung von AM 738 4to der Handschrift Stockholm, Nordiska Museet, 64.934 sehr ähnlich ist. Letztere wurde um 1700/ Anf. 18. Jhs. geschrieben und enthält zusätzlich zum Annar Partur auch die Dæmisögur. Darüber hinaus teilen sie weitere Gemeinsamkeiten: eine Liste mit Namen aus der klassischen Mythologie, einen interpolierten Prologus-Auszug, die Einleitung zum Annar Partur, die gleichen zusätzlichen Kapitel sowie die gleiche besondere Kapitelreihenfolge (Faulkes 1979a: 120 - 122, vgl. Margrét Eggertsdóttir 2014a: 119). Die beiden Handschriften bilden mit Reykjavík, Landsbókasafn, Lbs 215 4to (18. Jh.) eine Gruppe ähnlicher Fassungen. 67 Es handelt sich hierbei um die Kapitel mit den poetischen Umschreibungen zu Óðinn, Þórr, Nj ǫ rðr, Balldr, Heimdallr, Freyr, Freyja, H ǫ ðr, Týr, Víðarr, Váli, Ullr, Bragi, H œ nir (später ergänzt) und Loki. Die skaldischen Beispielstrophen mit den Umschreibungen zu Óðinn befinden sich jedoch weiterhin im Annar Partur (f. 101v), hier nach den Prologus-Interpolationen, die den Auszug aus Troja und Óðins Genealogie thematisieren (dazwischen ist außerdem ein Auszug des Kapitels mit den Umschreibungen zu Männern eingefügt). Weiterhin erscheint hier ein Kapitel zu Forseti, dass keine Parallele in den Ausgaben der Edda von Magnús Ólafsson hat. Die weiteren vorgezogenen Kapitel sind: „ Dverga kienijngar “ , „ sverdskiennijngar “ , „ ä sverdi heiter oddurinn “ und „ sär mä kïenna so “ (f. 45r/ v). Die zugehörigen Beispielstrophen sind wieder in der üblichen Reihenfolge weiter hinten im Annar Partur dargestellt (f. 123r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 90 4 Handschriftenportraits <?page no="91"?> Der Hauptteil des Annar Partur erscheint weiter hinten (f. 98r - 126r), der erst an dieser Stelle als „ Annar Partur Eddu “ ( ‚ Zweiter Teil der Edda ‘ , AM 738 4to, f. 98r) angekündigt wird. Er enthält zwei Prologus-Interpolationen, die zusammen mit den vorgezogenen und illuminierten Abschnitten ausführlich im Kapitel zu den Prologen analysiert werden (s. u., Kap. 5.1.2). Weiterhin sind die skaldischen Strophen, die Magnús Ólafsson noch beibehalten hatte, reduziert. Darüber hinaus sind noch weitere Kapitel vom Annar Partur neu angeordnet worden und haben so die strenge alphabetische Ordnung aufgebrochen. Weiterhin sind einige zusätzliche Kapitel enthalten. 68 Aus dem Háttatal findet sich an anderer Stelle nur die erste Strophe zitiert. An der entsprechenden Stelle wird jedoch die Zugehörigkeit zur Prosa-Edda nicht kenntlich gemacht, stattdessen wird sie wie andere skaldische Strophen mit einer Inquitformel markiert: „ Snorre Sturla son kvad so “ (AM 738 4to, f. 53v, ‚ Snorri Sturluson sprach so ‘ ). Eine Besonderheit ist die Liste mit zwölf durchnummerierten Fragen, hauptsächlich zu Inhalten der Dæmisögur (f. 1v). Diese fragt jedoch kaum zentrale Narrative, sondern eher nebensächliche Details ab und ist deshalb recht anspruchsvoll (Margrét Eggertsdóttir 2014a: 116, 2015: 45). 69 Es gibt weitere Indizien, die dafür sprechen, dass zu einem früheren Zeitpunkt ein kompletter Abschnitt mit den Dæmisögur vorhanden gewesen sein könnte - oder zumindest geplant war. Dafür spricht die Erwähnung auf der Titelseite, dass die Edda „ Dæmesagna “ (AM 738 4to, f. 34r) enthalte und auch die Einleitung des Annar Partur weist auf diese hin, die als zuvor im Buch befindlich beschrieben werden. 70 Aus materieller Sicht könnte die unregelmäßige Lagenstruktur zu Beginn des Annar Partur ein Indiz dafür sein, dass Blätter verloren gegangen sind. Dies könnte durch die längere ungebundene Nutzung begünstigt worden sein. 71 Edda-Lieder Die Edda-Lieder in AM 738 4to verteilen sich über mehrere kodikologische Einheiten, wobei die meisten in der von der Edda-Lieder-Hand (2) geschriebenen kodikologischen 68 Neu angeordnet sind ein Ausschnitt aus dem Kapitel über Männer „ Nü koma kiennijningar enn framar “ sowie die Auflistungen der poetischen Umschreibungen der Kapitel „ Skips kiennijngar “ , „ Siöar kennijngar “ , „ sæ mä og kalla “ , „ þetta eru heiti ä sæ. “ und „ fiørdur heiter “ (f. 101r, 102r - 103v). Diese erscheinen nun bereits nach den Prologus-Auszügen, die nach den ersten Kapiteln des Annar Partur interpoliert wurden (f. 101r, 102r - 103v). Die Beispielverse sind in der üblichen Reihenfolge weiter hinten im Annar Partur dargestellt ( „ siöar kiennyngar eru hier in þessumm vijsumm “ , f. 122v, und „ skips kiennyngar i vysumm “ , f. 123v). Es fällt auf, dass viele der vorgezogenen Kapitel mit dem gleichen Anlaut beginnen und demzufolge im Annar Partur nahe beieinanderstehen ( „ sverdskiennyngar i vijsumm “ und „ Sära kïennijngar “ auf f. 123r/ v). Die erwähnten zusätzlichen Kapitel sind „ Forseti nefnist “ (f. 40r), „ övini mä kalla so “ (f. 116v), „ þiöfur heiter “ und „ þijfi heiter “ (f. 126r), vgl. Faulkes (1979a: 123). 69 Einige dieser Fragen können mit Hilfe verschiedener Edda-Lieder (hauptsächlich Vafþrúðnismál und V ǫ luspá, ferner auch Grímnismál und Hávamal) beantwortet werden, eine der Fragen nimmt auf das in die Hávamál interpolierte „ Vmm Gandreijd “ Bezug. 70 „ i fijr greindumm dæmi søgumm “ ( ‚ in den zuvor erzählten Dæmisögur ‘ , AM 738 4to, f. 98r10 - 11). Gleichermaßen verlaufen spätere Querverweise heute ins Leere wie „ so sem seiger i dæmisøgum firri “ ( ‚ so wie in den Dæmisögur zuvor erzählt wird ‘ , AM 738 4to, f. 109v17) oder „ i dæmisogumm mä þad lesast “ ( ‚ das kann in den Dæmisögur gelesen werden ‘ , AM 738 4to, f. 116v31 - 32). 71 Vgl. die erwähnten Notizen von Jón Sigurðsson zu den von ihm vermuteten Verlusten, wenngleich er deren Position aufgrund der diskutierten ‚ Bogennummerierung ‘ hauptsächlich am Handschriftenbeginn verortete. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 91 <?page no="92"?> Einheit L (f. 46r - 79r) stehen. Hier sind die Götterlieder des Codex Regius der Lieder-Edda enthalten, die mit den für frühneuzeitliche Papierhandschriften typischen (d. h. vom Codex Regius abweichenden) Namen betitelt werden. Weiterhin finden sich hier einige der Edda- Lieder außerhalb des Codex Regius (Balldrs draumar, Grottas ǫ ngr, Hyndluljóð, Grógaldr, Fj ǫ lsvinnsmál). 72 Die Entscheidung, hier keine Heldenlieder aufzunehmen, 73 wurde scheinbar bewusst getroffen, da am Übergang zwischen den Alvíssmál und Gróttas ǫ ngr - wo eigentlich die Heldenlieder folgen könnten - die Notiz steht „ Hier er margt undann fellt “ ( ‚ hier zuvor ist viel ausgelassen ‘ , AM 738 4to, f. 72v3; vgl. Haukur Þorgeirsson/ Teresa Dröfn Njarðvík 2017: 161 - 162). Die manchmal als Svipdagsmál zusammengefassten Edda- Lieder Grógaldr und Fj ǫ lsvinnsmál sind erst in frühneuzeitlichen Papierhandschriften des 17. Jh. überliefert, so dass diese Fassung von AM 738 4to von Bugge in seiner Edition verwendet wurde. 74 Das letzte Lied dieser Einheit, Hyndluljóð, schließt mit dem Vermerk „ FINIS “ ab (AM 738 4to, f. 79r5), was die Vorstellung einer abgeschlossenen Kompilation impliziert, die noch durch die Übersicht über die Edda-Lieder auf derselben Seite verstärkt wird. Die Edda-Lieder-Hand hat außerdem an anderer Stelle eine umfangreiche Beischrift zur Illumination von Valh ǫ ll hinzugefügt, in der drei Strophen aus den Grímnismál (Str. 23, 25 ‒ 26), allerdings aus einer anderen Vorlage, zitiert werden (f. 42v). Darüber hinaus hat die Haupthand (3) in den anderen kodikologischen Einheiten, die vor allem skaldische Dichtung enthalten, einige der Heldenlieder eingefügt: So befinden sich in der kodikologischen Einheit D Ausschnitte aus Sigrdrífumál und Guðrúnarkviða I (f. 16r - 17v). Die Schlussstrophen der Sigrdrífumál sind ebenfalls ausschließlich in frühneuzeitlichen Papierhandschriften enthalten, weshalb Bugge und Jón Helgason AM 738 4to für ihre Edition verwendeten. 75 Das ebenfalls jüngere und von der Haupthand geschriebene Sólarljóð (f. 80r ‒ 83v) folgt, wie beschrieben, der kodikologischen Einheit mit den Edda-Liedern von Hand 2. Trotz der materiellen Abtrennung bringt die Überschrift es jedoch mit der auf der Titelseite erwähnten Autorschaft Sæmunds in Verbindung: „ Hier skrifast sölar liöd sem sagt er sæmundur prestur frödi haffi kvedid þä hann lä ändadur ä børunumm “ ( ‚ hier steht das Sólarljóð geschrieben, von dem es heißt, Priester Sæmundr fróði habe es gedichtet als er tot (sterbend) auf der Bahre lag ‘ , AM 738 4to, f. 80r1 ‒ 6). Diese Fassung hat Bugge ebenfalls als eine der ältesten in seine Edition des Sólarljóð aufgenommen (Bugge 1867b: 357 - 370). Die drei jüngeren in dieser Studie untersuchten Handschriften nehmen ebenfalls jüngere Edda-Lieder wie das Sólarljóð auf und zeigen damit, dass die Hierarchie zwischen den Edda-Liedern des Codex Regius und den jüngeren Papierhandschriften erst später geschaffen wurde. Lassen zufolge seien im 17. und 18. Jh. Sólarljóð, Balldrs draumar usw. in Kompilationen aufgenommen worden, weil nicht das Alter das ausschlaggebende Kriterium darstellte, sondern der Anspruch auf Vollständigkeit abzielte: „ a good collection should include all known poems in eddic metres, whether or not they had been preserved in the Codex Regius. “ (Lassen 2018: 233). 72 Die Reihenfolge der Edda-Lieder entspricht damit der ca. zeitgleichen Handschrift Kopenhagen, Den Arnamagnæanske Samling, Rask 21 a (Haukur Þorgeirsson/ Teresa Dröfn Njarðvík 2017: 159). 73 Beim Hyndluljóð handelt es sich nicht im engeren Sinne um ein Heldenlied, sondern um Wissensdichtung, die mythologische und heroische Themen zum Inhalt hat. 74 Bugge (1867b: 338 - 351), vgl. Bugge (1867a: L - LII, LIX, LXII). Bugge (1867a: L - LII) weist in diesem Zusammenhang auf die großen Ähnlichkeiten von AM 738 4to und Stockholm, Kungliga bibliotek, Holm. Papp. fol. 64 hin, die 1680 von Jón Eggertson geschrieben wurde. 75 Bugge (1867b: 233 - 236), vgl. Jón Helgason (1952: 70 - 91) und Margrét Eggertsdóttir (2014a: 121). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 92 4 Handschriftenportraits <?page no="93"?> Gelehrte Inhalte Die zwei Kommentare zur eddischen Dichtung bringen zusätzlich einige Strophen des jeweiligen Liedes in die Handschrift ein. Alle nachfolgend vorgestellten Inhalte sind, sofern nicht anders vermerkt, von der Haupthand (3) geschrieben worden. Dazu gehören ein kommentierter Auszug der Reginsmál (f. 86v - 87v) sowie weiter vorne der Auszug aus Samtak um rúnir von Björn á Skarðsá (1642, Kap. 7 - 10), der das Brynhildarljóð der V ǫ lsunga saga kommentiert (f. 18r - 22r) und sich in ganzer Länge ebenfalls in NKS 1867 4to (f. 76r - 88r) und ÍB 299 4to (f. 44v - 55r) findet. Bei einem weiteren handelt es sich womöglich um den von Hallgrímur Pétursson im Auftrag für Bischof Brynjólfur Sveinsson verfassten Kommentar zu den skaldischen Strophen der Ólafs saga Tryggvasonar hin mesta der Flateyjarbók (GKS 1005 fol.). Dieser befasst sich vor allem mit den Kenningar und ist neben die jeweiligen Strophen von der Ergänzungs-Hand (5) auf den Rand geschrieben worden. 76 Weiterhin enthält die Handschrift eine ergänzte Fassung des Norwegischen Runengedichts, dass auf Ole Worms (1636) Runer seu Danica Literatura Antiqvissima zurückgeht (s. u., Kap. 5.3.3). Die Lagenfüller-Hand (4) hat außerdem eine ausführliche Genealogie aus der Hauksbók eingefügt (Haukr Erlendsson: Ættartala, f. 29v - 30r), diese aber nicht weiter identifiziert und nur als „ Nockud Lytil ættar tala “ überschrieben. Darin wird die übliche Genealogie von Adam über Saturn, Priamos und Óðinn hergeleitet und in verschiedene Zweige bis Haraldr hárfagri bzw. bis Haukr weitergeführt. 77 Weitere Listen in AM 738 4to betreffen die Verzeichnisse alter Begriffe (f. 32v - 33v, 89r - 92r) sowie zur Naturkunde (Wale, Fische, Seehunden, f. 126r - 127v). Skaldische und andere Dichtung Die Haupthand (3) hat einen bemerkenswerten Umfang Dichtung inkl. Einzelstrophen beigetragen, vor allem solche, die in Sagas überliefert sind. Die Strophen waren zum größten Teil nicht in den mittelalterlichen Fassungen der Prosa-Edda (Skáldskaparmál) enthalten (wurden also nicht direkt aus dieser verschoben). Sie erscheinen hier zumeist ohne weiteren Prosa-Kontext, werden aber in den Überschriften oftmals den Prosa- Werken zugeordnet. Es scheint, als hätte die Haupthand nicht auf eine entsprechend aufbereitete Sammlung zurückgreifen können, sondern diese tatsächlich selbst zusammengetragen: Indizien hierfür sind die kleinteilige materielle Struktur und die sehr unregelmäßige Seitengestaltung usw., die den Eindruck eines sukzessiven Zusammenstellens vermitteln. Nur vereinzelt sind Zusammenfassungen oder Einleitungen, die den Prosa-Kontext der entsprechenden Strophen vermitteln, beigefügt. Über die Handschrift sind neben zahlreichen Lausavísur einige der bekannteren eddischen Lieder verteilt: u. a. Ǫ rvar-Odds ævidrápa (aus der Ǫ rvar-Odds saga, f. 9r - 12v), Sonatorrek (aus der Egils saga Skallagrímssonar, f. 13r - 14r), Krákumál (aus der Ragnars saga loðbrókar, f. 14v - 16r), Darraðarljóð (aus der Njáls saga, f. 31v - 32r), Heiðreks gátur (aus der Hervarar saga ok Heiðreks, f. 83v - 86v, 132v) und Hallmundarflokkr (aus der Grettis saga Ásmundarsonar, f. 130r - 132r). Darunter befinden sich einige Lieder, die wegen ihrer mythologischen und 76 Die Hand vermerkt selbst, dass der Kommentar Hallgrímur Pétursson zugeschrieben wurde (AM 738 4to, f. 95v, vgl. f. 114r). Vgl. dazu den Beitrag von Margrét Eggertsdóttir (1994: 557 - 563). 77 Die Ættartala ist in einer Papierabschrift der Hauksbók erhalten, Kopenhagen, Den Arnamagnæanske Samling, AM 281 4to (f. 103r - 104r; vgl. Finnur Jónsson/ Eiríkur Jónsson 1892 - 1896: 504 - 506). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 93 <?page no="94"?> heroischen Bezüge und eddischen Metren zuweilen als ‚ Eddica minora ‘ bezeichnet werden. 78 In diesem Zusammenhang ist erwähnenswert, dass beispielsweise das Sonatorrek in den Pergamenthandschriften der Egils saga Skalla-Grímssonar nie ganz enthalten ist, sondern höchstens die erste Strophe angeführt wird. Darüber hinaus stehen zwei der Strophen in den vier Haupthandschriften der Prosa-Edda in den Skáldskaparmál (Str. 23 - 24). Die AM 738 4to ist somit eine der ältesten, in der das Lied vollständig erscheint, allerdings losgelöst von der Saga - und die Textfassung sei „ eilítið afbakaður “ ( ‚ ein wenig entstellt ‘ , Margrét Eggertsdóttir 2014a: 116). 79 Darüber hinaus hat die Haupthand noch mehr Dichtung zusammengetragen; dazu gehört ein Auszug aus Loftr ríki Guttormssons Háttalykill (f. 22v - 27r). Loftr demonstriert in jeder Strophe ein anderes Versmaß, es zeigt Einfluss von und strukturelle Ähnlichkeiten zum Háttatal. Inhaltlich ist es ein Liebesgedicht und steht somit in Verbindung zu den anderen, zeitgenössischen Gedichten mit eher weltlichen Themen der Handschrift: Gleich zu Beginn stehen Liebesstrophen von Oddur Þórðarson (f. 1r, vgl. Margrét Eggertsdóttir 2014a: 115 - 116) und weiter hinten findet sich das Wiegenlied Ljúflingsvísur (f. 129r/ v, vgl. Margrét Eggertsdóttir 2014a: 117 - 118). Das Særingaljóð spannt mit seinen exorzistischen Beschwörungsformeln das Themenspektrum noch weiter auf (f. 30v - 31r). Weiterhin finden sich in der Handschrift Zitationen von Einzelstrophen aus dem Dritten und Vierten Grammatischen Traktat (f. 128r/ v). Als weitere zeitgenössische Dichtung finden sich von Hallgrímur Pétursson Aldarháttur und Samstæður in der eigenen kodikologischen Einheit B. Im ersten blickt Hallgrímur nostalgisch in die Vergangenheit und beklagt die Zustände der Gegenwart, wenn auch alles eine polemische Note hat. Hallgrímur hat es wahrscheinlich 1663 unter dem Eindruck der Auseinandersetzung mit der skaldischen Dichtung in der Óláfs saga Tryggvasonar hin mesta geschrieben und deshalb ebenfalls zahlreiche Kenningar angewendet (f. 3r - 5r, Margrét Eggertsdóttir 2013: 46 - 48, 2014a: 120, s. u., Kap. 6.2). 80 Danach folgt Samstæður, das in seiner syntaktisch simplen Form mit strengem Endreim formal einen ganz anderen Ton anschlägt. Inhaltlich umfasst es eine Aufzählung verschiedenster Phänomene vor allem aus dem zeitgenössischen Alltagsleben, die häufig von gesellschaftlichen Moralvorstellungen genährt sind. Die teilweise beliebig erscheinende Zusammenstellung hat 78 Eine kritische Diskussion des Konzepts ‚ Eddica minora ‘ und der damit verbundenen Hierarchisierung bietet Clunies Ross (2013). 79 In diesem Zusammenhang ist interessant, dass das Sonatorrek das erste Mal in der Egils saga Skalla- Grímssonar in Reykjavík, Stofnun Árna Magnússon í íslenskum fræðum, AM 462 4to (1620 - 1670) erhalten ist. Diese Handschrift wurde somit ein wenig zuvor in derselben Region wie AM 738 4to von sr. Ketill Jörundsson (1603 - 1670, Hvammur, Dalasýsla) geschrieben. Ketill schrieb ebenfalls die erwähnte Prosa-Edda-Handschrift AM 743 4to. Auf dieser basiert die Edition der Y2-Fassung der Magnús Ólafsson í Laufási (1979) und sie hat wie AM 738 4to ebenfalls ein hochrechteckiges Format. Die geographischen, zeitlichen und inhaltlichen Überschneidungen legen einen persönlichen oder schriftlichen Austausch von Sigurður und Ketill nahe. Ketill war überdies der Großvater von Árni Magnússon. 80 Margrét Eggertsdóttir (2000: 26, 30-32) ordnet die Fassung in AM 738 4to einer Gruppe C zu, die alle von Gruppen A und B abweichenden Fassungen zusammenfasst. Weiterhin bemerkt sie die einzigartige Strophenanordnung, bei der die achte Strophe zwischen Strophen zehn und elf nach hinten verschoben ist, sowie die vielen offenkundigen Fehler im Text, die sie auf eine womöglich am Zeilenanfang unleserliche oder defekte Vorlage zurückführt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 94 4 Handschriftenportraits <?page no="95"?> dabei nahezu absurden, aber sehr unterhaltsamen Charakter. Punktuell lassen sich inhaltliche Parallelen zu Aldarháttur aufzeigen: So bezieht sich Hallgrímur mehrfach mit dem Wort þjóð auf das isländische Volk und beklagt (v. a. in Str. 28, f. 6ra41 ‒ 48) ebenso den Niedergang der Dinge. Die in dem Gedicht aufgezählten Phänomene werden zu Zeilenbeginn als unstabil, herb, schön, unsicher usw. bezeichnet, was durch Randkommentare zusätzlich hervorgehoben wird. 81 Dieses Gedicht wurde zunächst von Haupthand (3) geschrieben, aber um zahlreiche Strophen von Hand (5) (und evtl. einer weiteren Hand) ergänzt und durch Neunummerierung umgestellt (f. 5v - 6v). Zusammenfassende Gedanken zur Nutzung der Handschrift Wie aus den vorhergehenden Betrachtungen deutlich wurde, ist die Handschrift sowohl in ihrer materiellen als auch in ihrer inhaltlichen Struktur komplex zusammengesetzt. Sie wurde eine Zeit lang ungebundenen in Gebrauchseinheiten unterteilt genutzt und womöglich sind einige Abschnitte (evtl. die Dæmisögur) verloren gegangen. Gleichzeitig wird durch das außergewöhnliche Format und die Tatsache, dass mehrere Hände in verschiedenen kodikologischen Einheiten auftreten, deutlich, dass die Inhalte aus einem gemeinsamen Herstellungs- und Nutzungskontext kommen. Sie wurden als Kompendium nacheinander zusammengetragen, aus dem einzelne Gebrauchseinheiten entnommen, überarbeitet und wieder zurückgelegt werden konnten. Inhaltlich liegt der Schwerpunkt auf eddischer und skaldischer Dichtung sowie solchen Inhalten, die jene auf einer Metaebene erschließen bzw. Dichten ermöglichen. Margrét Eggertsdóttir (2013: 44) hat AM 738 4to deshalb als „ a kind of illustrated reference manual for poets “ beschrieben. Dies lässt an Handschriften ähnlicher Kompilation denken, z. B. AM 748 4to, die im 17. Jh. vermutlich Bischof Brynjólfur Sveinsson gehört hat. 82 Anhand von Kompilation und Seitengestaltung hat Guðrún Nordal (2001: 57 - 72, 235) herausgearbeitet, wie jene eine gezielt neugeschriebene Kompilation der Skáldskaparmál als poetologisches Handbuch fasse. 83 Dabei hätten die eddischen Götterlieder die gleiche inhaltliche Funktion wie anderswo die Gylfaginning inne und eine Einführung in die mythologischen Narrative gegeben (vgl. Malm 2007: 138 - 142). Auch wenn die konkrete Kompilation in AM 738 4to etwas anders ist als die mittelalterlichen Prosa-Edda-Haupthandschriften ‒ u. a. weil hier die skaldische Dichtung und Beispiele für Versmaße ausgelagert erscheinen - so lassen sich Parallelen beobachten und AM 738 4to hat ganz sicher eine ähnliche Verwendung gefunden. Angesichts der Beteiligung mehrerer Schreibhände und der wenigen Personen, die sich als Provenienz für die ca. 20 Jahre der Nutzung nachweisen lassen, lässt sich zusammenfassen, dass die Handschrift vornehmlich von Personen geschrieben und überarbeitet wurde, dies sie selbst nutzen. Als Haupthand wurde schon weiter oben der erste bekannte Besitzer, Sigurður Gíslason, vermutet, der als Dichter sicherlich ein Interesse an genau solch einem Buch gehabt haben könnte und möglicherweise nach und nach die entsprechenden Inhalte zusammengesammelt hat. Dass die Handschrift tatsächlich zum Dichten 81 Zum Beispiel „ þeszer hluter eru hætter “ ( ‚ diese Dinge sind vorüber ‘ , AM 738 4to, f. 5v). 82 Sie umfasst u. a. eddische Götterlieder, Skáldskaparmál, Drittes Grammatisches Traktat, Þulur und Litla Skálda (Kenningarlisten). 83 Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass sich die ausführliche Beischrift von Fenrir in AM 738 4to (f. 43v) ebenso in AM 748 I b 4to (f. 15v) findet und ähnlich wie die Darstellung in der Gylfaginning lautet. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.1 AM 738 4to (Langa Edda) 95 <?page no="96"?> anregte, lässt sich in der kleinen Strophe im Zusammenhang mit dem Besitzvermerk sehen, den vermutlich Ingibjörg Jónsdóttir in Gedenken an Sigurður schrieb. Weiterhin ist AM 738 4to wahrscheinlich von Magnús Jónsson in Skálholt überarbeitet worden. Ob er sie bei seiner Lehrtätigkeit an der dortigen Lateinschule einsetzte, erscheint zwar zunächst als reizvoller Gedanke, der durchaus durch materielle (Format) und verbale Eigenschaften (Fragen zu den Dæmisögur) gestützt scheint. Doch beides war schon vorhanden bevor Magnús die Handschrift bekam, er selbst hat keine weiteren Änderungen durchgeführt, die eine Verwendung im Unterricht begünstigt hätten. Weiterhin setzt dieses Gedankenspiel voraus, dass die vornehmlich volkssprachlichen Inhalte der Handschrift auch auf inhaltlicher Ebene für den Unterricht relevant gewesen seien - an einer religiösen Lateinschule ist dies vermutlich kaum wahrscheinlich. 4.2 NKS 1867 4to Die Handschrift NKS 1867 4to wurde um 1760 von Ólafur Brynjólfsson in Ostisland begonnen und wenig später von Jakob Sigurðsson (inkl. der Illuminationen) fertig gestellt, heute befindet sie sich in Det Kongelige Bibliotek in Kopenhagen. Sie ist damit die älteste der drei jüngeren Handschriften, die zwei anderen sind wenige Jahre später gänzlich von Jakob hergestellt worden. Alle drei Handschriften sind ähnlich aufgebaut: Sie beginnen mit einer Auswahl an Edda-Liedern und positionieren danach, ungefähr in der Handschriftenmitte, die Prosa-Edda. Deren Fassung lässt sich auf die Edda Islandorum zurückführen und schließt die Abschnitte Prologus, Dæmisögur und Annar Partur ein. Als besonderes Ausstattungsmerkmal enthalten alle drei Handschriften einen im weiteren Verlauf eingehend analysierten erweiterten Prolog zur Prosa-Edda mit Bildseiten, von denen NKS 1867 4to die meisten enthält. Alle drei Handschriften enthalten unterschiedliche weitere Inhalte, wobei in dieser Handschrift die Anzahl antiquarisch-gelehrter Inhalte, die sich mit der mittelalterlichen isländischen Literatur und der Runenschrift auseinandersetzen, besonders hoch ist. Dieses umfangreiche Interesse für die alte Literatur und Schreibkultur spiegelt sich auch materiell im historisierenden Einband und der Anwendung von Geheim- und Runenschriften (z. B. in Bildbeischriften) wider. Die Handschrift war nicht lange im Umlauf, bevor sie spätestens 1790 in Kopenhagen an P. F. Suhm verkauft wurde und befindet sich seitdem in Kopenhagen. 4.2.1 Herstellung und Nutzung Die Chronologie der Herstellung, Veränderungen und Provenienz von NKS 1867 4to lässt sich folgendermaßen darstellen (Tab. 6). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 96 4 Handschriftenportraits <?page no="97"?> Phase Datierung Aktivität I 18.3.1760 1760 Ólafur Brynjólfsson: • schreibt (fast alle) Edda-Lieder, • beginnt Prosa-Edda (Teil des erweiterten Prologs inkl. Prologus, Dæmisögur, Appendix edur Finale Eddu), • schreibt die meisten frühneuzeitlichen Abhandlungen (Ausnahmen s. unten) und beginnt Runólfur Jónssons Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa (in isländischer Übersetzung), • schreibt das Isländische Runengedicht (jüngere Fassung, Fassung 1). II Jakob Sigurðsson: • fügt Gunnarsslagur hinzu, • beendet Prosa-Edda (Illuminationen, Vorwort III, Annar Partur), • beendet Runólfur Jónssons Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa (in isländischer Übersetzung), • fügt div. kürzere Inhalte hinzu: - Lagenfüller (u. a. im erweiterten Prolog), - Isländisches Runengedicht (jüngere Fassung, Fassung 2, sowie die ältere Fassung), - Runen- und Geheimschriftreihen, - Ættartala Óðins, - Bragarhætter, Loptr ríki Guttormsson: Háttalykill, Nockur Fornyrde, • erstellt div. Inhaltsübersichten (Gesamthandschrift, Edda-Lieder, Dæmisögur). III Sr. Guðmundur Eiríksson schenkt die Handschrift seinem Sohn Eiríkur d. Ä. Hoff und schreibt zu diesem Anlass ein Widmungsgedicht in die Handschrift. Heutige Bindung wird angebracht. IV spätestens 1790 Eiríkur d. Ä. Hoff bringt die Handschrift nach Kopenhagen und verkauft sie an P. F. Suhm (= Suhms sml. 1506 4to). V 1798 Aufnahme von Suhms Sammlung in die königliche Bibliothek. Die Handschrift erhält die Signatur NKS 1867 4to. VI 1999 Digitalisierung für das digitale Handschriftenrepositorium e-manuskripter von Det Kongelige Bibliotek. VII 2017 - 2024 Die Handschrift wird in Det Kongelige Bibliotek im Montana-Saal als Teil der Schatzkammer-Ausstellung präsentiert, zunächst unter dem Titel „ Abramovi ć Method for Treasures “ (31.6.2017 - 31.10.2020) und in „ Skatte “ (21.5.2021 - 15.11.2024). VIII 2024 - 2025 Exponat in der Handschriftenausstellung im Haus Edda der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum. Tab. 6: Chronologie der materiellen Geschichte und Provenienz von NKS 1867 4to. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.2 NKS 1867 4to 97 <?page no="98"?> 4.2.1.1 Hände und Datierung Abb. 17: Doppelseite aus Runólfur Jónssons Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa (in isländischer Übersetzung). Der Handwechsel befindet sich auf f. 180v27 zwischen „ so sem C þeirra latinsku. “ (Ólafur Brynjólfsson) und „ Medal annars “ (Jakob Sigurðsson), NKS 1867 4to (f. 180v - 181r). Foto: Friederike Richter, alle eigenen Bilder dieser Handschrift sind mit freundlicher Genehmigung von Det Kongelige Bibliotek wiedergegeben. Die Schreibarbeit an NKS 1867 4to ist zunächst von sr. Ólafur Brynjólfsson begonnen und im Anschluss durch seinen Ziehbruder Jakob Sigurðsson übernommen und beendet worden. Zusätzlich könnte dem eine Phase der gemeinsamen Zusammenarbeit vorausgegangen sein. 84 Jakob erstellte die zahlreichen Bildseiten, deren Motive sich in den beiden anderen hier untersuchten Handschriften, ÍB 299 4to und SÁM 66, wiederfinden. Der genaue Umfang, mit dem Jakob Sigurðsson an dieser Handschrift beteiligt war, ist bisher noch nicht bekannt gewesen, da - wenn überhaupt - ausschließlich die Illuminationen mit ihm in Verbindung gebracht wurden. 85 Ein Grund dafür ist sicherlich, dass Ólafs Name 84 Vgl. zu dieser Handschrift den Katalogeintrag von Kålund (Kommissionen for det Arnamagnæanske Legat 1900: 251 - 253), außerdem ist die Handschrift und v. a. ihre Illuminationen ausführlich von Baer (2013: 194 - 253) besprochen worden. 85 Baer (2013: 204 - 207, 213 - 215) diskutiert die Zuordnung der Hände ebenfalls: Sie kommt zu dem Schluss, dass Ólafur Brynjólfsson für die Schreibarbeit und Jakob Sigurðsson für die Illuminationen von NKS 1867 4to verantwortlich seien. Kålund verzeichnet ebenfalls nur Ólafur als Schreiber, erwähnt aber Jakobs Signatur sowie das weiter unten erwähnte Widmungsgedicht von „ G. E. S. “ (Kommissionen for det Arnamagnæanske Legat 1900: 251, 253). Zuvor war außerdem ein Zeitungsartikel erschienen (o.Verf. 1964), in dem die Illuminationen großformatig abgedruckt und Ólafur zugordnet wurden (vgl. auch Jón Helgason 1958: 114). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 98 4 Handschriftenportraits <?page no="99"?> sehr prägnant auf der ersten Titelseite platziert ist, während Jakob seinen Namen weniger auffällig auf einer der Bildseiten vermerkt hat. Eine eingehende paläografische Betrachtung in Zuge dieser Studie hat Aufschluss über die genaue Aufteilung der Schreibarbeit geben können: Die Ergebnisse belegen, dass Jakob ebenfalls umfangreich am Schreibprozess beteiligt war. Diese Zuordnung fiel aufgrund der Vergleichshandschriften leicht und war nur für wenige Elemente in vom Fließtext abweichenden Schriftarten (Runenreihen, Titelseiten mit Auszeichnungsschrift) aufwändiger. Beide Schreiber geben selbst mehrfach Auskunft über ihren Namen und/ oder den Zeitpunkt und Ort des Schreibens: • Ólafur Brynjólfsson, 1760, Kirkjubær, Ostfjorde (Titelseite Edda-Lieder, f. 2r) 86 • Ólafur Brynjólfsson beendete die Edda-Lieder am 18.3.1760 (Kolophon nach den Edda-Liedern, f. 60v) 87 • ohne Namensangabe, 1760, Kirkjubær, Ostfjorde (Titelseite Prosa-Edda, f. 100r) 88 • Jakob Sigurðsson (Beischrift zur Bildseite Hárs lygi, Fassung 1, f. 111v) 89 Der genaue Modus der Zusammenarbeit von Ólafur und Jakob lässt sich zwar nicht mit Sicherheit bestimmen, doch aus den nachfolgend diskutierten Beobachtungen lassen sich Rückschlüsse ziehen. Es scheint sich vermutlich nicht um eine in diesem Ausmaß geplant angelegte Kollaboration beider zu handeln, in der die Aufgaben vorab aufgeteilt wurden. Vielmehr hat Ólafur zunächst mit der Schreibarbeit begonnen, die dann jedoch von Jakob Sigurðsson übernommen wurde, der die Handschrift schließlich fertiggestellt hat. Dies wird besonders deutlich an den Stellen, in denen Jakob die von Ólafur begonnenen Inhalte ergänzt hat: So beendete er Runólfur Jónssons Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa (in isländischer Übersetzung, der Handwechsel befindet sich auf f. 180v27, Abb. 17) oder füllte leere Seiten einer Lage auf, was er sogar explizit vermerkt (f. 108v). 90 Bei anderen Inhalten, die durch Jakob ergänzt wurden, könnte es sich prinzipiell auch um eine vorher abgesprochene Arbeitsteilung handeln, weil diese sich oft einzelne Blöcke der kodikologischen Einheiten ausbilden: So hat Jakob von der Prosa- Edda den Annar Partur geschrieben und auch die Illuminationen auf separaten Lagen erstellt. Den übrigen von Ólafur geschriebenen Edda-Liedern hat Jakob Gunnarsslagur vorangestellt. Am Ende hat Jakob die Arbeit alleine abgeschlossen, da er alle drei 86 „ Enn nü at nijo uppskrifoþ. ANNO 1760. Af: Sr. Olafe Brijniülfs Sijne Ad kyrkiubaj i Austfiördum “ . ( ‚ Und nun aufs Neue geschrieben, Anno 1760, von sr. Ólafur Brynjólfsson auf Kirkjubær in den Ostfjorden. ‘ , NKS 1867 4to, f. 2r9 - 13). 87 „ Her endast Edda S ę mundar ens froþa Sigfussonar skrifut Anno 1760. og endud 18. Marty af Olafe Brynjulfs Syne. “ ( ‚ Hier endet die Edda von Sæmundr in fróði Sigfússon, geschrieben Anno 1760 und beendet am 18. März von Ólafur Brynjólfsson. ‘ , NKS 1867 4to, f. 60v19 - 21). 88 „ Enn Skrifud ad Kijrkiurbaj i Austfiördumm ANNO 1760. “ ( ‚ Und geschrieben auf Kirkjubær in den Ostfjorden Anno 1760. ‘ , NKS 1867 4to, f. 100r10 - 11). 89 „ J(akob) Sigurds son med eiginn h[endi] “ ( ‚ Jakob Sigurðsson mit eigener Hand. ‘ , NKS 1867 4to, f. 111v3). 90 Es sei an dieser Stelle auf die Beobachtung hingewiesen, dass vermutlich Ólafur das Gedicht „ Þetta letur þienar sijst “ von Sr. Jón Guðmundsson nach Jakobs Ergänzungen auf dem Blatt (f. 109v) eingefügt hat. Dies muss der These, dass Jakob (weitestgehend) die Fertigstellung und Abschlussplanung übernahm, nicht widersprechen, da beide am gleichen Ort an der Handschrift arbeiteten und Ólafur diese Zeilen auch während Jakobs Arbeitphase hat hinzufügen können. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.2 NKS 1867 4to 99 <?page no="100"?> Inhaltsübersichten und wahrscheinlich auch die Titelseiten erstellt hat. 91 Ein weiteres Argument ist außerdem, dass beide unterschiedliche Tinte verwendeten, denn nur die von Ólafur verwendete Eisengallustinte hat durch chemische Prozesse einen bräunlichen Schatten im Schriftspiegel hinterlassen. 92 Wann genau Jakob die Handschrift vervollständigte, ist unklar, es ist aber aufgrund der Wiederholung der Jahreszahlen auf den Titelseiten mit hoher Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass dies ebenfalls im Laufe des Jahres 1760 oder sehr bald danach geschah. Zusammenfassend ist die Handschrift also aus verschiedenen Produktionseinheiten zusammengesetzt, wobei Jakob manchmal die von Ólafur erweiterte. Nachfolgend werden beide Schreibhände kurz vorgestellt, da deren Milieu und Bildungshintergrund relevant für die Verortung der hier analysierten jüngeren Handschriften ist. Weiterhin findet sich in der Handschrift ein Widmungsgedicht (f. 1v), das sr. Guðmundur Eiríksson für seinem Sohn Eiríkur d. Ä. Hoff verfasst hat. Später hat jemand mit Bleistift Eintragungen hinzugefügt und u. a. die Strophen vom Háttalykill von Loptr ríki Guttormsson renummeriert. Sr. Ólafur Brynjólfsson Abb. 18: In Kirkjubær (rot markiert, gelegen in Hróarstunga in den Ostfjorden) kreuzten sich die Wege von sr. Ólafur Brynjólfsson und Jakob Sigurðsson. Jakob zog mehrfach um, seine weiteren Wohnorte sind blau markiert. Diese sind (v. o. n. u.): Skeggjastaðir (letzter Wohnort mit seinen Eltern) sowie verschiedene Wohnorte im Vopnafjörður: Breiðumýri in Selárdalur, Ytra-Núpur, Fell, Norður- Skálanes. Am südlichsten liegt Jórvík, dies war Jakobs erster Wohnort nach der Eheschließung mit Ingveldur. Karte: Jón Eiríksson/ Schøning (1772): Nyt Carte over Island. Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn (2012 - ): Íslandskort, Markierungen: Friederike Richter. Die Karte wurde mit freundlicher Genehmigung der Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn wiedergegeben: <https: / / islandskort.is/ is/ map/ show/ 572, 27.12.2021>. 91 Die Angabe von Ólafs Namen auf der Titelseite der Edda-Lieder kann durchaus von Jakob erfolgt sein. Die Indizien sind vor allem Ähnlichkeiten in der Schrift (obwohl durch den Einsatz von Auszeichnungsschrift schwer zu bestimmen) und die Tatsache, dass Jakob nicht nur das Talent für eine entsprechende visuelle Gestaltung hatte, sondern solche regelmäßig praktizierte - die Ähnlichkeiten zu den Titelseiten der beiden anderen Handschriften, v. a. SÁM 66 sind unverkennbar. 92 Dies spricht für eine unterschiedliche Rezeptur der verwendeten Tinte. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 100 4 Handschriftenportraits <?page no="101"?> Sr. Ólafur Brynjólfsson (1713 - 22.9.1765) wuchs in einer seit mehreren Generationen auf Kirkjubær ansässigen Pfarrersfamilie auf. Der Hof mit Kirche liegt in den Ostfjorden (Hróarstunga, Norður-Múlasýsla, Abb. 18), dorthin kam später ebenfalls Jakob Sigurðsson, Ólafs (angeheirateter) fünfzehn Jahre jüngerer Cousin, als Pflegekind. 93 Ólafur hatte zuvor die Lateinschule in Skálholt als stúdent abgeschlossen (1731 ‒ 1733). Ólafur übernahm nach dem Tod des Vaters im Jahr 1737 Kirkjubær und war dort bis zu seinem Lebensende Pfarrer. In Kirkjubær begann Ólafur 1760 mit der Arbeit an dieser Handschrift, damals war er 47 Jahre alt. Páll Eggert Ólason (1951: 33) attestiert ihm ein Interesse für Geschichte sowie dichterische Begabung. 94 Benedikt Gíslason (2010 [1967]: 75) hebt Ólafs Talent in Kalligrafie und Malerei hervor ‒ wobei letzteres vermutlich auf der Falschzuschreibung der Illuminationen in NKS 1867 4to an Ólafur basiert. Ólafur heiratete 1740 die Pfarrerstochter Ragnheiður Þorgrímsdóttir (um 1710 ‒ 1785) und hatte mit ihr sechs Kinder, u. a. eine Tochter, ebenfalls mit dem Namen Ragnheiður. Ólafs (männliche) Vorfahren hatten als Pfarrer eine ähnliche Bildung erfahren: Sein Vater war sr. Brynjólfur Halldórsson (1676 - 22.8.1737), Sohn von sr. Halldór Eiríksson und Þorbjörg Hallgrímsdóttir, ebenfalls einer Pfarrerstochter. 95 Brynjólfur hatte 1697 die Lateinschule in Skálholt abgeschlossen und verbrachte zunächst einige Zeit auf Hlíðarendi bei der Witwe des Bischofs, Guðríður Gísladóttir, bevor er 1704 nach Kirkjubær berufen und schließlich 1733 zum Propst in Múlasýsla ernannt wurde. Er scheint ein komplexer Charakter gewesen zu sein: er soll sich nur wenig für die Tätigkeiten am Hof interessiert haben und bei seinem Tod hoch verschuldet gewesen sein. Brynjólfur wirkte außerdem als Dichter, seine Rímur beruhen u. a. auf Sagas. 96 Sein Interesse für die altnordische Literatur scheint auf Kirkjubær nach seinem Tod weitergepflegt worden zu sein, wie NKS 1867 4to zeigt. Brynjólfs erste Frau und Ólafs Mutter war Ragnheiður Ólafsdóttir (verst. 1731), deren Vater Ólafur Ásmundsson (1651 ‒ 1709) nach dem Theologie-Studium in Kopenhagen ebenfalls als Pfarrer in Kirkjubær amtiert hatte. Brynjólfur und Ragnheiður hatten fünf weitere gemeinsame Kinder, von denen zwei Söhne später ebenfalls Pfarrer wurden (Páll Eggert Ólason 1951: 29 - 30). Brynjólfur ging später eine zweite Ehe mit der Pfarrerstochter und Pfarrerswitwe Sigríður Ketilsdóttir (um 1682 - 1780) ein; sie war die Tante von Jakob Sigurðsson. Jakob Sigurðsson Jakob Sigurðssons (1727 - 1779) Vorfahren gehörten ebenfalls zu einer wohlhabenden Pfarrdynastie und damit einer gebildeten isländischen Oberschicht. Unter ihnen traten einzelne als sýslumenn und weitere als Dichter in Erscheinung. Jakobs Vater war sr. Sigurður Ketilsson (1689 - 1730/ 1731) 97 und dessen Schwester war die zuvor erwähnte 93 Die nachfolgenden Ausführungen zu Ólafur Brynjólfsson beruhen auf Páll Eggert Ólason (1951: 33), Benedikt Gíslason (2010 [1967]) und o.Verf. (1964). 94 Dichtung von Ólafur Brynjólfsson findet sich u. a. in Reykjavík, Landsbókasafn, ÍB 105 4to (f. 151r/ v) sowie eine fragmentarische Strophe in JS 325 8vo (f. 292r). 95 Die Informationen zu sr. Brynjólfur Halldórsson und seinen Familienverhältnissen stammen von Páll Eggert Ólason (1948: 277 - 278) und o.Verf. (1964). 96 Er verfasste noch andere Dichtung, zahllose Handschriften mit seinen Werken sind hier verzeichnet: Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is, <https: / / handrit.is/ is/ biography/ view/ Bry- Hal001, 27.12.2021>. 97 Zu Sigurður Ketilsson vgl. Páll Eggert Ólason (1951: 244) und Benedikt Gíslason (2010 [1967]: 74). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.2 NKS 1867 4to 101 <?page no="102"?> Stiefmutter von Ólafur, Sigríður; der Vater von beiden war Ketill Eiríksson, Pfarrer in Svalbarð (Þistilfjörður, Nordisland). Sigurður hatte die Lateinschule in Hólar besucht, und eine Zeitlang auf Hlíðarendi gearbeitet (für sýslumaður Brynjólfur Thorlaciuss). Sigurður soll auf Isländisch und Latein dichterisch begabt gewesen sein und war ab 1729 Pfarrer auf Skeggjastaðir, Langanesströnd, Norður-Múlasýsla. Jakobs Mutter Ingibjörg war die Tochter des Pfarrers Jakob Bjarnarson á Kálfafellsstað. Trotz dieser privilegierten Startvoraussetzungen sah sich Jakob mit Ereignissen konfrontiert, die seinen Lebensweg anders lenkten. 98 So starb sein Vater Sigurður bereits 1730, als Jakob erst drei Jahre alt war, und es scheint, als sei Ingibjörg ebenfalls kurz danach verstorben. Ihre drei Söhne wurden danach in Pflegefamilien gegeben: Jakob kam zu seiner zuvor erwähnten Tante Sigríður Ketilsdóttir und wuchs somit im Pfarrhaushalt auf Kirkjubær auf. Dort hat Ólafur nach dem Tod seines Vaters Brynjólfur nicht nur die Pfarrei, sondern offensichtlich auch die Rolle des Pflegevaters des inzwischen zehnjährigen Jakobs übernommen. Da fast alle männlichen Vorfahren Jakobs Pfarrer gewesen waren und damit einen gewissen Umfang an Schulbildung erhalten hatten - v. a. auf einer der zwei Lateinschulen des Landes (Skálholt bzw. Hólar), scheint dieser Lebensweg für Jakob zunächst ebenfalls vorgezeichnet gewesen zu sein (Baer 2013: 246). Doch es kam für Jakob anders, es ist denkbar, dass die notwendigen finanziellen Mittel fehlten. Es ist naheliegend, dass Ólafur Jakob zuhause unterrichtet hat (vgl. Baer 2013: 203, 246, Benedikt Gíslason 2010 [1967]: 75). 99 Weiterhin werden am Pfarrhof sicherlich einige Bücher vorhanden gewesen sein, so dass Kirkjubær sicherlich ein Ort des Lesens und Schreibens war. Jakob heiratete 1749 Ingveldur Sigurðardóttir und beide verdingten sich als Pachtbauern mit Landwirtschaft in den Ostfjorden, die ersten Jahre (bis 1756) in Jórvík im Breiðdalur. Es scheint, als wären ihre Lebensumstände von finanziellen Sorgen geprägt gewesen: Die Landwirtschaft kann zunächst kaum einträglich gewesen sein, weil die Region für lange Zeit (1742 - 1757) durch eine entbehrungsreiche Periode von Missernten ging. In Jórvík wurde nur eines ihrer sieben Kinder geboren, das das Erwachsenenalter erreichte. 100 Jakobs Alltag scheint somit dem der landwirtschaftlich tätigen Bevölkerung als dem eines privilegierten Pfarrerssohns entsprochen zu haben (Benedikt Gíslason 2010 [1967]: 73). Benedikt beschreibt die heikle finanzielle Situation, in der sich Jakob und seiner Familie befunden hat: Jakobs Leben sei „ fábrotinn “ ( ‚ bescheiden ‘ ) gewesen und „ þau hafi verið sárfátæk “ ( ‚ sie [ Jakobs Familie] sind verarmt gewesen ‘ , Benedikt Gíslason 2010 [1967]: 79). Offensichtlich verbesserte sich ihre Situation etwas, als sie schließlich 1759 nordwärts zogen und sich im Vopnafjörður-Gebiet ansiedelten. 101 Der Anreiz für den Umzug scheint 98 Diese beiden Seiten von Jakobs Leben beschreibt Benedikt Gíslason (2010 [1967]) ausführlich, auf seinen Darstellungen beruht dieses Kapitel (Baer 2013: 200 - 204, vgl. auch Gísli Sigurðsson 2017: 217 und Páll Eggert Ólason 1950: 12). 99 Benedikt Gíslason (2010 [1967]: 76) vermutet weiterhin, dass Jakob zu Lernzwecken evtl. zu Sigurður Sveinsson nach Eydalir gefahren sein könnte. 100 Dies war Steinunn (geb. 1754). Alle sechs weiteren Geschwister folgten erst danach: Ingiríður (geb. 1759), Ingibjörg (geb. 1760), Guðlaug (geb. 1767) und als jüngste Margrét (geb. 1768). Weiterhin zählt Benedikt Gíslason (2010 [1967]: 77, 79) zwei Kinder, Runólfur und Guðrún, ohne Angabe des Geburtsjahrs auf, außerdem gab es wahrscheinlich noch weitere Kinder, die das Erwachsenenalter nicht erreichten. 101 Derartige Mobilität war zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 102 4 Handschriftenportraits <?page no="103"?> gewesen zu sein, dass dort ab 1758 die von den Missernten betroffenen Bauern vom sýslumaður der Region unterstützt wurden (Benedikt Gíslason 2010 [1967]: 77). Ein weiterer Grund war laut Benedikt, dass Jakob dort näher bei seinem Großcousin und Freund sr. Guðmundur Eiríksson lebte, der seinem Sohn auch NKS 1867 4to schenkte. In der Zeit im Vopnafjörður wurden die weiteren sechs Kinder von Jakob und Ingveldur geboren und ein Großteil der (datierten und erhaltenen) Handschriftenproduktion Jakobs scheint in diese Zeit zu fallen. In den zwanzig Jahren im Vopnafjörður zogen sie zwischen verschiedenen kleineren Höfen umher: 1759 kamen sie nach Fell und 1760 nach Norður- Skálanes, wo sie einige Jahre blieben. In dieser Zeit arbeitete Jakob an den drei hier untersuchten Handschriften. Um das Jahr 1773 zogen sie dann weiter nach Ytra-Núpur und als letzte Station nach Breiðumýri in Selárdalur, wo Jakob 1779 starb. Benedikt Gíslason (2010 [1967]: 73) vermutet, dass es womöglich Guðmundur Eiríksson war, der die folgende Strophe anlässlich Jakobs Tod dichtete, in der er die zuvor beschriebenen Facetten von Jakobs Leben zusammenfasst: „ Nú er Jakob fallinn frá / frí við raunir harðar. / Skrifari og skáld var sá, / skemmtun Vopnafjarðar. “ 102 In dieser Strophe wird - neben der Erwähnung persönlicher Rückschläge - Jakobs Talent als Dichter und Schreiber gewürdigt. Obwohl die finanziellen Möglichkeiten begrenzt waren, spielten Jakob immaterielle Privilegien in Form von kulturellem und sozialem Kapital in die Hände (vgl. Baer 2013: 246). Diese hatte er zum einen in Form von Bildung erhalten, die über das übliche Lesenlernen der isländischen Sprache deutlich hinausging: Wie die nachfolgende Analyse zeigt, hat Jakob sehr kunstvoll in verschiedenen Schriftarten schreiben gelernt, offensichtlich etwas Latein beherrscht, gedichtet 103 und er vermochte komplexe Zeichnungen und Bücher mit zugehörigen paratextuellen Elementen anzufertigen. Er hat die Inhalte seiner Texte und die zugehörigen Diskurse gekannt, verstanden und zusammenfügt. Über sein Aufwachsen auf Kirkjubær hatte er Zugang zu Büchern sowie Kontakte zu Pfarrern der Region und einer regional agierenden Oberschicht erhalten. Beides bildete sicherlich einen wichtigen Rahmen für seine Handschriftenproduktion. Daraus hat Jakob - offensichtlich vor allem in den späten Wintermonaten, wenn die landwirtschaftliche Arbeit reduziert war - einen Nebenerwerb geschaffen: Es ist eine ganze Anzahl Handschriften von Jakob zu unterschiedlichsten Themen erhalten, einige davon sind visuell ähnlich kunstvoll wie die drei hier untersuchten gestaltet. 104 102 ‚ Nun ist Jakob von uns gegangen, / [ist] frei vom herben Kummer. / Schreiber und Dichter war dieser, / die Unterhaltung Vopnafjörðurs. ‘ Vgl. Gísli Sigurðsson (2017: 220) zu dieser Strophe. 103 In den hier untersuchten Handschriften ist Jakobs Dichtung als Bildbeischrift enthalten, ansonsten findet sich seine Dichtung in einigen späteren Handschriften als Autograph: Kopenhagen, Den Arnamagnæanske Samling: Acc. 50 (Njáls saga mit einem Gedicht über Njáll, verf. von Jakob Sigurðsson, 1770 in Norður-Skálanes, Vopnafjörður) und Kopenhagen, Det Kongelige Bibliotek: NKS 1704 4to (eine Illumination mit gedichteter Beischrift sowie das erste Blatt der Hrólfs saga Gautrekssonar, Kap. 5.4.1). Einzelne Strophen sind in weiteren von ihm geschriebenen Handschriften enthalten, u. a. London, British Library, Add. 11.173 (s. unten) und auch diese Handschriften verzeichnen Dichtung von Jakob: Reykjavík, Landsbókasafn: JS 265 4to; JS 83 8vo; JS 117 8vo; JS 234 8vo; JS 472 8vo; Lbs 163 8vo und Lbs 4463 8vo. Zu Jakobs dichterischem Œ uvre vgl. Stefán Einarsson (1964: 96 - 98). 104 Jakob Sigurðssons Hand ist über die drei untersuchten Handschriften (NKS 1867 4to; ÍB 299 4to und SÁM 66) hinaus noch in folgenden Handschriften zu finden: London, British Library: Add. 4874 (Sagas, 1773); Add. 11.108 (Sagas); Add. 11.157 (Sagas, 1. ‒ 19. Mai 1761 auf Sauðanes); Add. 11.158 (u. a. Sagas, 27. - 29. März 1764 sowie 2. April 1774); Add. 11.162 (Sagas, 17. Dezember 1759 - 15. Januar 1760 sowie Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.2 NKS 1867 4to 103 <?page no="104"?> Jakob scheint später noch im engen Kontakt mit seiner Pflegefamilie und vor allem Ólafur Brynjólfsson gestanden zu haben (Baer 2013: 202). So hat er auf dem Weg nach Vopnafjörður in Kirkjubær Halt eingelegt, bei dem er 1759 zwei seiner Handschriften geschrieben hat (ÍB 506 4to; Lbs 781 4to). Außerdem hat er später die Arbeit an NKS 1867 4to, die Ólafur 1760 in Kirkjubær begonnen hatte, weitergeführt und entweder von einem Besuch dort mitgenommen oder vor Ort ausgeführt. Ferner ist es denkbar, dass Jakob zumindest zu Ólafs Lebzeiten (d. h. bis 1765), die in Kirkjubær vorhandenen Bücher als Vorlagen nutzen konnte. Baer (2013: 203) beschreibt die Position, die Ólafur und Jakob in der Region einnahmen als „ part of an ongoing informal group of scholars and lay scribes that functioned as a semi-institution which disseminated book culture “ . In der Tat scheint Jakob in seiner produktivsten Zeit als Schreiber, für seine Schreibarbeit seine Kontakte genutzt zu haben und gereist zu sein: Als er in Norður-Skálanes wohnte, verzeichnete er 1760 in Add. 11.162 (und damit im gleichen Schreibjahr wie NKS 1867 4to) Hof in Vopnafjörður als Schreibort. Der Pfarrer dort war kurz zuvor Jakobs Freund Guðmundur Eiríksson gewesen, dessen Schwiegersohn, Skafti Árnason, inzwischen die Nachfolge angetreten hatte. 105 Guðmundur blieb in unmittelbarer Nähe wohnen und womöglich hat Jakob ihm bei diesem Besuch NKS 1867 4to mitgebracht. Ein Jahr später, 1761, reiste Jakob für die Schreibarbeiten von Add. 11.157 nach Sauðanes. Dies war der Pfarrhof auf Langanes am Þistilfjörður, auf dem Jakobs Vater aufgewachsen war und wohin Jakob Kontakte pflegte. Es ist denkbar, dass Jakob auch für andere Schreibaufträge reiste, möglicherweise um vor Ort die Ressourcen - also Kontakte und Schreibvorlagen - zu nutzen. Ein weiteres Beispiel für Jakobs Netzwerk schlägt Benedikt Gíslason (2010 [1967]: 75 - 76) vor: Er geht davon aus, dass Jakob das illuminierte Gesangsbuch SÁM 3 für Ólafur Brynjólfsson bzw. dessen Tochter Ragnheiður herstellte. Dies spricht ebenfalls für eine Fortführung der engen Beziehungen beider, denn Jakob wohnte zum Zeitpunkt der Herstellung (1755 - 1756) bereits in Jórvík. Jakobs Handschriftenproduktion war enorm. Bei der Schreibarbeit der hier untersuchten Handschriften befand er sich in seinem vierten Lebensjahrzehnt und wohnte in Norður-Skálanes im Vopnafjörður. Die Handschriften werden angesichts der vielen 10. März - 20. November 1760 in Hof in Vopnafjörður); Add. 11.163 (Sagas, April 1774); Add. 11.169 (Prosa-Edda, November 1771 - 1772 auf Norður-Skálanes) und Add. 11.173 (V ǫ luspá, Björn á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá, Ættartala Oðins). Kopenhagen, Den Arnamagnæanske Samling: Acc. 50 (Njáls saga, 1770 in Norður-Skálanes, vgl. Springborg 2018 [2002]). Kopenhagen, Det Kongelige Bibliothek: NKS 1704 4to (Sagas mit Illumination) und NKS 1772 b 4to (Saga, 1775). Reykjavík: Landsbókasafn: ÍB 144 4to (Sagas, Oktober ‒ November 1771 auf Norður-Skálanes); ÍB 506 4to (u. a. Biskupsannálar Jóns Egilssonar, Bischofsverzeichnis für Skálholt, Genealogien usw., um 1759 in Kirkjubær); Lbs 781 4to (u. a. illum. Handarlínulist, 1759 in Kirkjubær, vgl. Örn Hrafnkelsson 2004b); ÍB 185 8vo (Sagas, um 1770); JS 234 8vo (Dichtung); JS 402 8vo (u. a. illum. Handarlínulist, 1756); Lbs. 1185 8vo (Kvæði) und Lbs 2156 8vo (geistliche kvæði, Hnefilsdalsbók, um 1770). Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum: NKS 1885 b 4to (Braga saga); NKS 1899 b 4to (kvæði, beendet am 12.12.1762 [1760? ]) und SÁM 3 (illum. Sálmabók, Jorvík in Breiðdalur 1755 - 1756). Vgl. die Verzeichnisse der Handschriften von Örn Hrafnkelsson (2004a: 13) sowie Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is, <https: / / handrit.is/ is/ biography/ view/ JakSig001, 27.12.2021>. 105 Skafti Árnason (September 1720 [1722] - 3.3.1782) war in Sauðanes geboren und aufgewachsen und mit Guðmunds Tochter Guðrún verheiratet. Skafti ging auf die Lateinschule von Hólar, studierte sehr kurz in Kopenhagen und war zunächst Hilfspfarrer bei seinem Vater, bevor er schließlich 1757 Hof bis zu seinem Lebensende übernahm (Páll Eggert Ólason 1951: 284 - 285). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 104 4 Handschriftenportraits <?page no="105"?> Kinder sowie bestehender Mittellosigkeit sicherlich willkommene Einkünfte gebracht haben. Sie zeigen weiterhin Jakobs Passion und schöngeistiges Talent in der Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von Themen. Sein Vermögen, zu einem Thema eine Vielzahl an Material zusammenzutragen und entsprechend - verbal und visuell höchst ansprechend - umzusetzen, belegt seine Auseinandersetzung mit den Themen deutlich über das Maß des bloßen ‚ Kopierens ‘ hinaus: So setzten die Illuminationen und die teilweise gedichteten Beischriften ein entsprechendes Textverständnis sowie Vorstellungsvermögen und Fantasie voraus. Sein Schreibtalent brachte Jakob den Beinamen (sögu)skrifari ein, der an mehreren Stellen angeführt wird (Benedikt Gíslason 2010 [1967], Páll Eggert Ólason 1927: 228). Die wahrscheinlich blumigste Beschreibung findet jedoch Benedikt Gíslason (2010 [1967]: 78), indem er Jakob als „ pennavíkingur “ ( ‚ Schreibfederwikinger ‘ ) bezeichnet. 4.2.1.2 Provenienz Auch diese Handschrift hat sich nur kurz in Privatbesitz befunden und ist durch wenige Hände gegangen. Die Geschichte ihrer Provenienz erzählt die Handschrift in einer Widmung gleich zu Beginn selbst: „ Son minn Eirekur Elldre þier. / Eddur nu B  dar gief [ … ] “ (NKS 1867 4to, f. 1v1 - 2, ‚ Meinem Sohn, Eiríkur d. Ä., dir / [ich] beide Eddas nun gebe ‘ ). Unterzeichnet ist diese mit „ G. E. S. “ , den Initialen des bereits erwähnten Freundes von Jakob, sr. Guðmundur Eiríksson (1708 - 20.7.1781). Guðmundur hatte die Lateinschule in Skálholt besucht und wurde 1739 Pfarrer im Vopnafjörður auf Hof. Nachdem er die Kirche 1757 seinem Schwiegersohn überlassen hatte, weilte er einige Jahre auf einem kleinen Bauernhof ganz in der Nähe. 106 Während dieser Zeit hielt sich Jakob mehrfach auf Hof für Schreibarbeiten auf und in diesem Zusammenhang könnte er ihm NKS 1867 4to angeboten oder geschenkt haben. Ähnlich wie Jakob trat auch Guðmundur als Dichter in Erscheinung. 107 Er schenkte seinem Sohn Eiríkur d. Ä. die Handschrift, wie er in dem zitierten Widmungsgedicht beschreibt. Eiríkur d. Ä. Hoff (1738 - 1790) hatte sich in Kopenhagen zum Buchdrucker ausbilden lassen und war wieder zurück nach Island gekommen, um in den Druckereien in Hólar und Hrappsey zu arbeiten. Er scheint verschiedentlich in Schwierigkeiten geraten zu sein, u. a. aufgrund von Alkoholkonsum, so musste er wegen „ drykkjuraus “ ( ‚ betrunkenes Gerede ‘ , Páll Eggert Ólason 1949: 140) Hólar verlassen. Er kehrte schließlich nach Kopenhagen zurück, wo er starb. Jón Helgason (1958: 114) suggeriert in seiner Darstellung Eiríkur als „ óreglumaður “ ( ‚ Trinker ‘ ) und dass damit einhergehende Geldsorgen ihn dort zum Verkauf der Handschrift bewegt haben könnten. 4.2.1.3 Weiterer Verbleib und Restaurierung Der Käufer der Handschrift war der dänische Historiker Peter Frederik Suhm (1728 - 1798). Er publizierte historische Abhandlungen mit antiquarischem Anspruch, u. a. Om Odin og den hedniske Gudelære og Gudstjeneste udi Norden ( ‚ Über Óðinn und die heidnische 106 Später wurde er 1767 ganz in die Nähe Pfarrer in Refstaður, kam aber schließlich 1775 bis zu seinem Tod wieder nach Hof zurück. Die Informationen zur Guðmundur Eiríksson und seinem Sohn Eiríkur basieren auf Páll Eggert Ólason (1949: 140) und Benedikt Gíslason (2010 [1967]: 77). 107 Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is <https: / / handrit.is/ is/ biography/ view/ GudEir001, 14.4.2022> listet neun Handschriften mit Inhalten von Guðmundur Eiríksson. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.2 NKS 1867 4to 105 <?page no="106"?> Götterlehre und den Gottesdienst im Norden ‘ 1772) und gab mehrere isländische Sagas heraus. Suhm widmete sich Zeit seines Lebens dem Aufbau seiner enormen Privatbibliothek mit 100.000 Bänden und machte diese für ein Publikum von außen zugänglich. Das war zum damaligen Zeitpunkt höchst ungewöhnlich und galt für andere Sammlungen - wie die königliche Bibliothek - noch nicht. Ob diese Handschrift dadurch von weiteren Personen gelesen wurde, lässt sich nicht mehr klären. Unter der Signatur Suhm 1506 4to wurde die Handschrift nach Suhms Tod an die königliche Bibliothek übertragen und erhielt dann eine Signatur der Ny kongelig Samling: NKS 1 Abb. 19: Pergamenteinband, Metallschließen und dunkelblauer Buchschnitt, NKS 1867 4to, Det Kongelige Bibliotek. Fotos: Friederike Richter. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 106 4 Handschriftenportraits <?page no="107"?> Der Bewahrungszustand der Handschrift ist sehr gut, es ist die einzige der untersuchten Handschriften, die vermutlich im Originaleinband vorliegt (Abb. 19). 108 Es handelt sich dabei um hölzerne Buchdeckel mit abgeflachten Kanten, die mit dunkelbraunem Pergament bezogen sind. Stellen, die Flexibilität erfordern, sind aus Leder. Am Rücken zeichnen sich drei wulstige Bünde ab. Sie konnte mit zwei Kupferschließen verschlossen werden, wobei inzwischen eine der Ösen abgebrochen ist und der Aufbewahrungsschatulle separat beiliegt. 109 Das Pergament ist etwas abgegriffen und kaum sichtbar am Rand mit Linien im Blinddruck verziert, das genähte Kapitelband fehlt. Auffällig ist der Buchschnitt, der dunkelblau gefärbt wurde. Dieser hebt sich vom historisierenden Äußeren der Handschrift ab, das handwerklich sehr solide, aber doch nicht zeitgemäß erscheint. Es ist denkbar, dass der historisierende Einband den antiquarischen Inhalt ankündigen sollte. Die Handschrift öffnet leicht bei der Bildlage, dies liegt nicht nur an ihrer ungefähr mittigen Position, sondern auch daran, dass dies sicherlich der Abschnitt der Handschrift war, der häufiger aufgeschlagen wurde. Diese Lage erscheint als einzige etwas gelöster und ist (vermutlich nachträglich) mit einem zusätzlichen Stützfaden geheftet worden. Der stabile Einband hat die Handschrift gut beschützen können, es sind Gebrauchsspuren in Form von leichter Verschmutzung und losem Staub in der Handschrift zu erkennen, aber insgesamt wurde sie deutlich seltener aufgeschlagen als die anderen drei untersuchten Handschriften. Die Seiten haben teilweise einen getönten Satzspiegel, immer dort, wo die Eisengallustinte von Ólafur durchgeschlagen ist. Dieses Phänomen lässt sich auch für die dunkelbraune Farbe in Jakobs Illuminationen beobachten, die ebenfalls oft auf der Blattrückseite durchschlägt. In Det Kongelige Bibliotek wird die Handschrift heute mit besonderer Wertschätzung bedacht, sie gehörte zu den wenigen, bereits früh digitalisierten 110 und so frei zugänglichen Handschriften der Sammlung und wird seit 2017 im Montana-Saal der Bibliothek in der Schatzkammer-Ausstellung ausgestellt. Zunächst war sie dort in der Ausstellung „ Abramovi ć Method for Treasures “ (31.6. 2017 - 31.10.2020) zu sehen und befand sich für einige Zeit am gleichen Ort in der (semipermanenten) Ausstellung „ Skatte “ (21.5.2021 - 15.11.2024). Die Bildseiten haben sicherlich die Digitalisierung und Ausstellung veranlasst, da diese geöffnet ausgestellt und im Digitalisat durch einen eigenen Reiter direkt anwählbar sind. Die Handschrift reiste kürzlich das erste Mal zurück nach Island, wo sie ab November 2024 für ein halbes Jahr in der Handschriftenausstellung der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum im Wechsel mit den anderen beiden jüngeren Handschriften - ÍB 299 4to und SÁM 66 - im Haus Edda in Reykjavík ausgestellt wird. 4.2.2 Materielle Struktur Diese Handschrift ist hat ein typisches Quartformat, wobei die Papierbögen zunächst halbiert und dann an der längeren Seite zusammengefaltet wurden. Die Wasserzeichen 108 Es gibt weitere Heftlöcher in den Lagen, es könnte sich dabei um eine temporäre Heftung gehandelt haben, bevor die Handschrift zum Buchbinder kam. Theoretisch ist ein älterer Einband möglich, wenn auch hinsichtlich des Umfangs der sonstigen Gebrauchspuren unwahrscheinlich. 109 Der Haken der defekten Schnalle ist mit Messing restauriert worden. 110 Das Digitalisat von 1999 lässt sich auf der Seite von Det Kongelige Bibliotek betrachten: <https: / / permalink.kb.dk/ permalink/ 2006/ manus/ 738/ dan/ , 10.10.2024>. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.2 NKS 1867 4to 107 <?page no="108"?> befinden sich deshalb jeweils im Falz des Doppelblatts. Die Einzelblätter der Handschrift messen 19,2 - 19,5 x 15,8 cm, die Handschrift ist somit dank des festen Einbands stabil und handlich (Tab. 7). Die durchschnittliche Zeilenanzahl ist hier von allen vier untersuchten Handschriften am regelmäßigsten und umfasst im Bereich der Prosa-Edda auf Seiten ohne Überschriften (sowohl in den von Ólafur Brynjólfsson geschriebenen Dæmisögur als auch dem von Jakob Sigurðsson geschriebenem Annar Partur) 31 - 33 Zeilen. Dadurch, dass die Handschrift so gut erhalten ist und sie nicht mehrfach umgebunden und beschnitten wurde, sind v. a. unten und außen noch großzügige Blattränder erhalten. So lässt sich erkennen, dass vor dem Schreiben die äußeren Ränder zur Markierung des Schriftspiegels sanft geknickt wurden. Höhe Breite Dicke Außenmaß mit Einband, Schließe geschlossen 21,0 cm 17,0 cm 4,5 cm Buchblock 19,2 - 19,5 cm 15,8 - 16,2 cm 3,5 cm Einzelblätter 19,2 - 19,5 cm 15,8 cm ‒ Tab. 7: Maße von NKS 1867 4to. Die Seitengestaltung wirkt insgesamt etwas schlichter als in den anderen beiden jüngeren Handschriften, was vor allem daran liegt, dass Seitentitel nur von Ólafur auf den Seiten der Edda-Lieder (f. 6r ‒ 60v) eingesetzt wurden. Kustoden verwendete Ólafur fast durchgängig auf Verso- und Rectoseiten, 111 Jakob jedoch für gewöhnlich nur auf den Versoseiten. Es finden sich in der Handschrift mehrere Zählungen, davon sind einige Paginierungen von den Schreibhänden: Ólafur hat die Inhalte des ersten großen Abschnitts, dieser umfasst die Edda-Lieder (ab V ǫ luspá, f. 6r) und die nachfolgenden gelehrten Abhandlungen (bis f. 91v), durchpaginiert, pag. 1 - 172. 112 Ólafur hat erneut mit pag. 1 beginnend die Blätter der Prosa-Edda paginiert, diese Zählung beginnt auf der Titelseite (pag. 1/ f. 100r), lässt das von Jakob erstellte illuminierte Bifolium (f. 109r - 110v) aus und reicht bis an das Ende der Dæmisögur (pag. 92/ f. 147v). Den Annar Partur hat Jakob nicht paginiert, das von Jakob nachgetragene Vorwort III ist jedoch mit von der Paginierung eingeschlossen (f. 112r/ v). Hier wirkt es, als hätte Ólafur das Blatt absichtlich freigelassen. Weiterhin findet sich eine Paginierung auf den von Jakob geschriebenen Seiten des Isländischen Runengedichtes (jüngere Fassung, Fassung 2). Diese ist besonders interessant, denn dem Gedicht fehlt die Überschrift und die Paginierung erstreckt sich nur über wenigen Seiten (f. 185r ‒ 187r) und umfasst pag. 147 - 151. Es scheint, als seien diese Blätter womöglich ursprünglich für eine andere Handschrift hergestellt und dann hier eingefügt worden. Eine spätere Hand hat eine Foliierung mit Bleistift (zunächst oben, dann unten rechts) auf den Rectoseiten eingetragen und eine weitere Hand die nach den Dæmisögur abge- 111 Nur im von Ólafur geschriebenen lateinischen Kommentar von Árni Böðvarsson Notæ yfer Rymur fehlen Kustoden (f. 229r ‒ 239r). 112 Die Paginierung setzt nach dem von Jakob eingefügten Lagenfüller fort (f. 91r/ v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 108 4 Handschriftenportraits <?page no="109"?> brochene Paginierung mit einem violetten Farbstift ebenfalls auf den Rectoseiten bis an das Ende der Handschrift ergänzt. 4.2.2.1 Lagen und Wasserzeichen Die Handschrift besteht heute aus 32 Lagen mit insgesamt 247 Blättern, 113 eine detaillierte Übersicht über die Lagen- und Wasserzeichenverteilung findet sich im Anhang (App. 2.2). Mit der Chroust ‘ schen Lagenformel ergibt sich folgendes Bild: [1+II] 5 + VI 15 + 5.IV 55 + III 61 + IV 69 + III 75 + 3.IV 99 + V 109 + I 111 + 2.V 131 + 3.IV 155 + [V+ 1] 166 + IV 174 + III 180 + [II+ 3] 187 + 3.IV 211 + V 220 + IV 228 + III 234 + [II+ 1] 239 + IV 247 Die Lagenstruktur dieser Handschrift spiegelt die kodikologischen Einheiten, die sich aus Produktionseinheiten und inhaltlicher Struktur ergeben, wider: Regelmäßige Quaternio- oder Quinio-Lagen wurden bei den literarischen Werken eingesetzt, die sich über mehrere Lagen erstrecken oder als zusammengehörig aufgefasst wurden (wie bei den Edda- Liedern). Die davon abweichenden Lagen, die entweder dünner sind oder angeheftete Einzelblätter umfassen, befinden sich entweder an den Rändern längerer kodikologischer Einheiten oder sie stehen im Zusammenhang mit kürzeren Inhalten. Die Lagenstruktur lässt keine Unterschiede in der Arbeitsweise von Ólafur Brynjólfsson und Jakob Sigurðsson erkennen. Die Kompilation der Prosa-Edda umfasst einen umfangreichen erweiterten Prolog, in dem sich die von Jakob Sigurðsson erstellten Bildseiten auf eigenen Lagen befinden: die Bildlage mit den Illustrationen zu den Dæmisögur (Lage xiii, f. 92 - 99, Quaternio) und das Bifolium mit den antiquarischen Motiven aus Thomas Bartholins d. J. (1690) Antiqvitatum Danicarum (Lage xv, f. 110 - 111, Unio). 114 Am Ende des Annar Partur steht ebenfalls eine modifizierte Quinio-Lage xxi (f. 156 - 166), die Jakob Sigurðsson um ein angeheftetes Einzelblatt (f. 166) erweiterte, um die letzten Kapitel darin aufzunehmen. Die Lagenstruktur lässt ebenfalls den nacheinander folgenden Herstellungsprozess der Handschrift durch zwei Personen erkennen: Ein interessanter Fall ist Lage xxiv (f. 181 - 187), es handelt sich um eine Binio-Lage (f. 181 - 184) mit drei nachfolgend angehefteten Einzelblättern (f. 185 - 187). Diese umfasst das Ende der isländischen Übersetzung von Runólfur Jónssons Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstruta (geschrieben von Ólafur Brynjólfsson), das oben auf f. 183r endet, der Rest, immerhin fast vier Seiten, ist leer. Die drei angehefteten Einzelblätter wurden von Jakob Sigurðsson beschrieben und enthalten zuerst das Isländische Runengedicht (jüngere Fassung, Fassung 2) mit der erwähnten fehlenden Überschrift und eklektischen Paginierung (f. 185r - 187r, pag. 147 ‒ 151). Direkt im Anschluss folgt das Inhaltsverzeichnis über die Dæmisögur, die Seiten sind jedoch nicht mehr paginiert und dessen Ende erstreckt sich bis in die nächste Lage. Diese Lage ist also nachträglich zusammengesetzt, besteht aus drei Produktionsphasen und muss in der beschriebenen Reihenfolge hergestellt worden sein. Möglicherweise waren die Blätter mit dem defekten Beginn zunächst für eine andere 113 Diese Blattzählung schließt die letzten 3 Blätter ein, die leer sind, aber zur letzten Lage gehörten. Das letzte Blatt (f. 247) ist als Spiegelblatt in den Einband geklebt. 114 Die Bildlage mit den Illuminationen zu den Dæmisögur findet sich in SÁM 66 (Lage x, f. 73 - 80). Das illuminierte Bifolium findet sich in ÍB 299 4to (f. 59 - 60). Für die bessere Lesbarkeit wird im Folgenden ein Kurztitel verwendet, Bartholins Titel lautet in Gänze: Thomæ Bartholini Thomæ Filii Antiqvitatum Danicarum de causis contemptæ a Danis adhuc gentilibus mortis libri tres. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.2 NKS 1867 4to 109 <?page no="110"?> Handschrift abgeschrieben worden. Die Arbeitsreihenfolge wird auch in der ersten Lage i (f. 1 - 5) sichtbar, die Jakob später den von Ólafur geschriebenen Edda-Liedern voranstellte: Die Binio-Lage (f. 2 - 5) enthält die Titelseite und eine Inhaltsübersicht über die nachfolgenden Edda-Lieder sowie Gunnarsslagur. Davor hat Jakob weiterhin ein Einzelblatt geheftet, dass eine Inhaltsübersicht über die gesamte Handschrift enthält und womöglich erst als letzter Schritt hinzugefügt wurde, nachdem die Gesamtkompilation feststand. Auf der Rückseite dieser Inhaltsübersicht befindet sich das Widmungsgedicht. Die Wasserzeichen der Handschrift zeigen, dass Papiere unterschiedlicher Provenienz gemischt wurden. Die Wasserzeichen wechseln innerhalb der Produktionseinheiten nicht, Ausnahmen sind nur die, die Jakob durch weitere Blätter erweitert hat. Die beiden ersten Wasserzeichen kommen am häufigsten vor: • Pro Patria - JHONIG & ZOON 115 • Amsterdamer Wappen - ISR B 116 • Weiteres Wasserzeichen, das nicht deutlich zu erkennen ist. 117 Das Papier ist deutlich rauer und fester als die anderen und findet sich nur in zwei Lagen (xxx - xxxi, f. 229 - 239). Das dritte Wasserzeichen betrifft nur den von Ólafur Brynjólfsson geschriebenen Kommentar von Árni Böðvarssons Notæ yfer Rymur, der darüber hinaus auch wegen der lateinischen Sprache und mit seiner Seitengestaltung vom Rest abweicht: Die Ränder sind deutlich schmaler als im Rest der Handschrift, die Schrift und Zeilenabstände größer und die Zeilenanzahl pro Seite geringer (24 - 27). All diese Indizien legen nahe, dass es sich hier um eine separate Produktionseinheit handelt, die erst nach dem Schreiben dieser Handschrift zugeordnet wurde. 4.2.2.2 Kodikologische Einheiten kod. Einheit Lagen Fol. (Pag.) Kolophon/ Datierung Hände Inhalt A i f. 1 JS Guðmundur Eiríksson (Lagenfüller) Inhaltsverzeichnis (Handschrift) Widmungsgedicht (Lagenfüller) 115 Menschliche Figur und Löwe mit Falchion und Pfeilen im Palisadenzaun mit „ Pro-Patria “ -Schriftzug, vermutlich holländischer Herkunft. Der Name J. Honig findet sich auf Papieren unterschiedlicher Provenienz und auch in ÍB 299 4to. Das Portal Wasserzeichen online verzeichnet ein ähnliches Wasserzeichen und datiert es auf 1758. Es könnte sich hierbei um die von 1737 ‒ 1789 betriebene Papiermühle von Jan Honig, in Zaandijk nordwestlich von Amsterdam handeln (vgl. Churchill 1935: 15). 116 Bekrönter Wappenschild von Amsterdam mit drei Andreaskreuzen und zwei Löwen als Schildhalter und als Gegenmarke die Buchstaben „ ISR B “ . 117 Zu erahnen ist ein schräger Strich und als Gegenmarke Schrift, evtl. die Initialen „ MT “ . Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 110 4 Handschriftenportraits <?page no="111"?> kod. Einheit Lagen Fol. (Pag.) Kolophon/ Datierung Hände Inhalt L.1 Edda- Lieder i (Fort.) f. 2 - 5 Ólafur Brynjólfsson, 1760, Kirkjubær (Ostfjorde) (f. 2r) JS Edda-Lieder: • Titelseite • Inhaltsverzeichnis • Gunnarsslagur L.2 Edda- Lieder ii - x f. 6 - 75 (pag. 1 - 140) Ólafur Brynjólfsson, 18. März 1760 (f. 60v) ÓB Edda-Lieder: • Edda-Lieder Frühneuzeitliche Abhandlung: • Björn á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá B xi - xii f. 76 - 91 (pag. 141 - 172) 118 ÓB JS (Lagenfüller) Frühneuzeitliche Abhandlungen: • Björn á Skarðsá: Samtak um rúnir (1642) • Jón lærði Guðmundsson: Að fornu í þeirri gömlu norrænu kölluðust rúnir bæði ristingar og skrifelsi (Kommentar zum Brynhildarljóð der Völsunga saga) Runen- und Geheimschriftreihen P.1 Prosa- Edda xiii f. 92 - 99 JS Prosa-Edda: • Bildlage mit Illustrationen zu den Dæmisögur P.2 Prosa- Edda xiv f. 100 - 109 (pag. 1 - 20) 1760, Kirkjubær (Ostfjorde) (f. 100r) ÓB JS (Titelseite, Lagenfüller) Prosa-Edda: • Titelseite • erweiterter Prolog (inkl. Th. Bartholin d. Ä.: „ Edda hviled under Benke “ , Vorworte I - II, Runen- und Geheimschriftreihen, sr. Jón Guðmundsson: „ Þetta letur þienar sijst “ ) P.3 Prosa- Edda xv f. 110 - 111 Jakob Sigurðsson (f. 111v) JS Prosa-Edda: • Illuminiertes Bifolium mit antiquarischen Motiven 118 Die letzte Paginierung ist hier vermutlich von Jakob Sigurðsson nachgetragen worden (pag. 172/ f. 91v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.2 NKS 1867 4to 111 <?page no="112"?> kod. Einheit Lagen Fol. (Pag.) Kolophon/ Datierung Hände Inhalt P.4 Prosa- Edda xvi - xix f. 112 - 147 (pag. 21 - 92) ÓB JS (Lagenfüller) Prosa-Edda: • erweiterter Prolog (Vorworte III - IV, Prologus) • Dæmisögur P.5 Prosa- Edda xx - xxi f. 148 - 166 JS Prosa-Edda: • Annar Partur P.6 Prosa- Edda xxii - xxiv f. 167 - 184 ÓB JS 119 Prosa-Edda: • Appendix edur Finale Eddu Antiquarisch-gelehrte Inhalte/ Dichtung: • Runólfur Jónsson: Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa (Kopenhagen 1651), in isländischer Übersetzung • Runen- und Geheimschriftreihen • Isländisches Runengedicht (jüngere Fassung, Fassung 1) P.7 Prosa- Edda xxiv (Fort.) - xxvi f. 185 - 203 (pag. 147 - 151 auf f. 185r - 187r.) JS Prosa-Edda: • Inhaltsverzeichnis über die Dæmisögur Antiquarisch-gelehrte Inhalte/ Dichtung: • Isländisches Runengedicht (jüngere Fassung, Fassung 2) • Isländisches Runengedicht (ältere Fassung) • Bragarhætter • Háttalykil Lopts ríka • Nockur Fornyrde • Ættartala Óðins C xxvii f. 204 - 211 ÓB Antiquarisch-gelehrte Inhalte: • Olav Verelius: Extractum (Kommentar zur Hrólfs saga Gautrekssonar) 119 Es gibt einen Handwechsel innerhalb von Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstruta (f. 180v27). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 112 4 Handschriftenportraits <?page no="113"?> kod. Einheit Lagen Fol. (Pag.) Kolophon/ Datierung Hände Inhalt D xxviii f. 212 - 220 ÓB Antiquarisch-gelehrte Inhalte/ Dichtung: • Af gamla fornyrða vísur • Kommentar zur Vafþrúðnismál • „ Um Uppruna nøckra Latinskra maalshaatta ” E xxix f. 221 - 228 ÓB Antiquarisch-gelehrte Inhalte: • Bergbúa þáttr mit kommentierter Hallmundarkviða F xxx - xxxi f. 229 - 239 ÓB Antiquarisch-gelehrte Inhalte: • Árni Böðvarsson: Notæ yfir Rímur G xxxii f. 240 - 244 ÓB Sonstiges: • Nockrar Reglur (div. Anleitungen) Tab. 8: Übersicht über die Kompilation der Handschrift NKS 1867 4to nach ihren kod. Einheiten. Vgl. die Übersichten zu den kodikologischen Einheiten und das ausführliche Inhaltsverzeichnis (im Appendix, App. 1.2.1). Schlüssel: P - Prosa-Edda, L - Edda-Lieder, A - G: Andere Inhalte. Die Handschrift erscheint durch ihren Einband sehr einheitlich, doch täuscht dies über die innenliegende materielle Struktur hinweg: Die Handschrift lässt sich in neun kodikologische Einheiten unterteilen, davon gliedern sich die der Lieder-Edda in zwei und die der Prosa-Edda in sieben Blöcke (Tab. 8). Verglichen mit den anderen zwei jüngeren Handschriften hat NKS 1867 4to eine kleinteiligere Struktur, was sicherlich vor allem im Zusammenhang mit der Herstellung durch zwei Hände steht. Aus der Übersicht wird deutlich, dass Jakob manche der von Ólafur begonnenen kodikologischen Einheiten bzw. Blöcke erweitert hat, u. a. durch Lagenfüller, das Vorheften von Einzelblättern oder das Beenden von Texten (B, P.2, P.4, P.6). Viele grundlegende Komponenten der Handschrift hat Ólafur Brynjólfsson angelegt, aber erst am Ende hat Jakob die Gesamtkompilation der Handschrift in einer Inhaltsübersicht (A) fixiert; es ist die einzige der hier analysierten Handschriften, die eine solche umfasst. Alle anderen kodikologischen Einheiten (B - G) mit weiteren kurzen Inhalten sind von Ólafur Brynjólfsson hergestellt worden, 120 einige umfassen nur einzelne Lagen. Die kodikologische Einheit der Prosa-Edda besteht in NKS 1867 4to aus sieben Blöcken, die jeweils eigene Produktionseinheiten darstellen. Die jeweilig verantwortliche Haupthand alterniert zwischen Ólafur Brynjólfsson und Jakob Sigurðsson (P.1 - 7). Hierbei 120 In einem Fall hat Jakob Sigurðsson einen Lagenfüller hinzugefügt (f. 91, kod. Einheit B). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.2 NKS 1867 4to 113 <?page no="114"?> verteilt sich nicht nur der erweiterte Prolog in mehrere Blöcke (P.1 ‒ 4), auch Dæmisögur (P.4) und Annar Partur (P.5) formen je einen eigenen Block. Die beiden letzten Blöcke (P.6 - 7) sind der Prosa-Edda zuzuzählen, weil sie Inhalte enthalten (Appendix edur Finale Eddu und Inhaltsübersicht über die Dæmisögur), die in Abhängigkeit zur vorangehenden Prosa-Edda stehen. Ólafur Brynjólfsson erstellte für die Prosa-Edda vorrangig Inhalte in Prosaform: Vorworte (I, II, IV), Prologus und Dæmisögur (P.2, P.4), nur im Appendix edur Finale Eddu (P.6) fügte er noch Dichtung hinzu. Jakob Sigurðsson hingegen hat vor allem Inhalte in anderen Formen beigetragen: zwei illuminierten Blöcke (P.1 und P.3), Runen- und Geheimschriftreihen als Lagenfüller (in P.2), den in Listenform vorliegenden Annar Partur (P.5) und die Inhaltsübersicht über die Kapitel der Dæmisögur (P.7). Als einzigen Prosatext ergänzte Jakob das Vorwort III auf dem ersten, ursprünglich freigelassenen Blatt des Abschnittes in dem von Ólafur geschriebenen Block P.4 (f. 112r/ v). 121 4.2.3 Inhalt f. Inhalt Hand f. 1r Inhaltsverzeichnis Gesamthandschrift JS f. 1v Widmungsgedicht GES f. 2r - 60v Edda-Lieder Titelseite - Inhaltsverzeichnis Edda-Lieder - Gunnarsslagur - V ǫ luspá - Hávamál - Vafþrúðnismál - Grímnismál - Skírnismál - Hárbarðsljóð - Hymiskviða - Lokasenna - Þrymskviða - Balldrs draumar - Alvíssmál - V ǫ lundarkviða - Grógaldur - Fj ǫ lsvinnsmál - Gróttas ǫ ngr - Hyndluljóð - Sólarljóð - Helgakviða Hundingsbana I - Helgakviða Hj ǫ rvarðssonar - Helgakviða Hundingsbana II - Frá dauða Sinfi ǫ tla - Grípisspá - Reginsmál - Fáfnismál - Sigrdrífumál - Guðrúnarkviða I - Guðrúnar lok ÓB + JS f. 60v - 75v Björn á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá ÓB f. 76r - 88r Björn á Skarðsá: Samtak um rúnir (1642) ÓB f. 88v - 90v Jón lærði Guðmundsson: Að fornu í þeirri gömlu norrænu kölluðust rúnir bæði ristingar og skrifelsi (Kommentar zum Brynhildarljóð der V ǫ lsunga saga) ÓB f. 91r - 91v Runen-/ Schriftreihen JS f. 92r - 166v Prosa-Edda Bildlage mit 16 Illuminationen zur Prosa-Edda - Titelseite - Thomas Bartholin d. Ä.: „ Edda hviled under benke “ (1665) - Vorwort I - Vorwort II - Runenreihen (nach Alphabet) - sr. Jón Guðmundsson: „ Þetta letur þienar sijst “ - Bifolium mit 4 Illuminationen von Altertümern - Vorwort III - Vorwort IV - Prologus - Dæmisögur - Annar Partur ÓB + JS f. 167r - 169v Isländisches Runengedicht (jüngere Fassung, Fassung 1): Málrunir, þeirra myndir, nöfn og kenningar eftir stafrofi ÓB f. 169v - 170r Runenreihen: Schlüsselrunen ÓB 121 Ólafur hatte das erste Blatt freigelassen, danach schrieb er (ab f. 113r) Magnús Ólafssons Hvad Edda Sie (Vorwort IV), Prologus und Dæmisögur. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 114 4 Handschriftenportraits <?page no="115"?> f. Inhalt Hand f. 170v Geheimschriften ÓB f. 170v - 171r Prosa-Edda Appendix edur Finale Eddu ÓB f. 171v - 183r Runólfur Jónsson: Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa (Kopenhagen 1651), in isländischer Übersetzung ÓB + JS f. 185r - 187r Isländisches Runengedicht (jüngere Fassung, Fassung 2): Málrunir, þeirra myndir, nöfn og kenningar eftir stafrofi (Überschrift fehlt) JS f. 187r - 189r Prosa-Edda Inhaltsverzeichnis über die Dæmisögur der Prosa-Edda JS f. 189v - 193v Bragarhætter JS f. 193v - 200v Loptr ríki Guttormsson: Háttalykill JS f. 200v - 202r Nockur Fornyrde JS f. 202r - 203r Isländisches Runengedicht (ältere Fassung, nach Jón Ólafssons úr Grunnavík: Runologia: Þrydelur, Islandica et Latina lingva constriptæ, Klapprunarum ordo) JS f. 203r/ v Ættartala Óðins JS f. 204r - 211v Olof Verelius: Extractum (Uppsala 1664, Kommentar zur Hrólfs saga Gautrekssonar) ÓB f. 212r/ v Afgamla fornyrða vísur ÓB f. 213r - 219v Vafþrúðnismál (mit Kommentar) ÓB f. 220r/ v Um Uppruna nøckra Latinskra maalshaatta ÓB f. 221r - 228v Bergbúa þáttr mit kommentierter Hallmundarkviða ÓB f. 229r - 239r Árni Böðvarsson: Notæ yfer Rymur ÓB f. 240r - 244v Nockrar Reglur ÓB Tab. 9: Übersicht über die Inhalte von NKS 1867 4to, die der Prosa-Edda zugehörigen Inhalte sind farbig hinterlegt. Vgl. das ausführliche Inhaltsverzeichnis im Anhang (App. 2.1.1). Die Handschrift NKS 1867 4to umfasst von allen drei jüngeren Handschriften die größte Anzahl von Inhalten, die zusammen mit beiden Eddas und frühneuzeitlichen Abhandlungen einen Schwerpunkt auf Dichtung und Schrift der Vergangenheit aus einer antiquarischen Perspektive legen (Tab. 9). 122 Sie ist durch drei unterschiedliche Inhaltsübersichten erschlossen, die einen Überblick über die Gesamthandschrift 123 (f. 1r), die enthaltenen Edda-Lieder (f. 3r/ v) sowie die Dæmisögur der Prosa-Edda geben (f. 187r - 189r). 124 Zusätzlich betonen die beiden Titelseiten den Beginn der Edda-Lieder 122 Vgl. die Auflistung der Inhalte im Katalog von Kålund (Kommissionen for det Arnamagnæanske Legat 1900: 251 - 253). 123 Im Inhaltsverzeichnis der Gesamthandschrift (f. 1r) sind die Edda-Lieder und die Werkteile der Prosa- Edda nur übergeordnet erwähnt, so dass die beiden anderen Inhaltsverzeichnisse mit ihrer jeweiligen Feingliederung sinnvolle Ergänzungen darstellen. 124 Diese Inhaltsübersicht erscheint wie in ÍB 299 4to erst weiter hinten, inmitten div. anderer Inhalte. Obwohl Ólafur die Dæmisögur und Jakob die zugehörige Inhaltsübersicht schrieb, kann diese Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.2 NKS 1867 4to 115 <?page no="116"?> (f. 2r) und Prosa-Edda (f. 100r). Für die Prosa-Edda sind in der Inhaltsübersicht über die Gesamthandschrift folgende drei Abschnitte separat aufgelistet: „ IV. Fijgürur uppa Snorra Eddu. V. Dæme Saugur Snorra Eddu. VI. Kiennijngar Snorra Eddu. “ (NKS 1867 4to, f. 1r6 - 8, ‚ IV. Abbildungen (Figuren) aus der Snorra Edda, V. Dæmisögur der Snorra Edda, VI. Kenningar der Snorra Edda ‘ ), weiterhin findet sich hier die Inhaltsübersicht über die Dæmisögur als „ XI. Registur Snorra Eddu “ (NKS 1867 4to, f. 1r17, ‚ XI. Register der Snorra Edda ‘ ). Darin werden sowohl Dæmisögur, Annar Partur und auch die Bildlage mit den Illustrationen zu den Dæmisögur explizit unterschieden. Das übrige Material des erweiterten Prologs, das zwischen Bildseiten und den Dæmisögur steht und auch den Prologus umfasst, findet hier jedoch keine separate Erwähnung. Die Prosa-Edda erscheint in dieser (und den anderen beiden jüngeren Handschriften) in einer auf die Edda Islandorum zurückgehenden Fassung, die jedoch deutlich weiterbearbeitet wurde und wie üblich nur die isländische Sprachfassung umfasst. 125 Dazu gehören: • Thomas Bartholins d. Ä. Widmungsgedicht „ Edda hviled under benke “ 126 (f. 100v). Dies hatte er anlässlich der Druckausgabe verfasst und stilisiert darin Peder Hansen Resen zu der Person, der eine Wiederauferstehung der Prosa-Edda zu verdanken sei (s. u., Kap. 6). • Magnús Ólafssons Vorwort Hvad Edda Sie (Vorwort IV), in dem er einen kurzen Überblick über die Prosa-Edda gibt (f. 113r). • Prologus (f. 113r - 117v). • Dæmisögur (f. 117v - 147v): Hier fehlen jedoch Ds. LXIX - LXXII. Es scheint eine bewusste Entscheidung gewesen zu sein, denn Ólafur hat die Nummerierung der Dæmisögur nicht angepasst und damit die Lücke indirekt sowie durch einen lateinischen Verweis auf die Edda-Lieder an dieser Stelle sichtbar gemacht. 127 Hier sind (noch) weniger eddische Strophen zitiert als in der Edda Islandorum. Auf den Blatträndern sind - im Sinne der Interpretatio Romana - die Namen von ähnlichen Figuren aus der klassischen Mythologie angegeben. Weiterhin ist die Zitation der Platzierung dennoch verwundern (die Dæmisögur enden auf f. 147v und deren Inhaltsverzeichnis beginnt erst auf f. 187r). 125 Vgl. die Angaben zur Textfassung der Prosa-Edda in NKS 1867 4to und ÍB 299 4to bei Faulkes (1979a: 138 - 140), er bemerkt darin die Ähnlichkeit zur Textfassung einer weiteren Handschrift (London, British Library, Add 11.169). Dies überrascht nicht, weil diese ebenfalls von Jakob Sigurðsson (1771 - 1772) geschrieben wurde. Faulkes kannte SÁM 66 zwar schon, hatte sie aber nicht genauer untersuchen können (ebd., 463). Vgl. zur Textfassung beider Eddas in NKS 1867 4to Haukur Þorgeirsson/ Teresa Dröfn Njarðvík (2017: 160 - 162). 126 Die Benennung bezieht sich auf die erste Zeile, die deshalb in Anführungsstrichen geschrieben wird, das Gedicht hat keinen Titel. 127 „ Reliqva Fere ut in Edda Sæmundi usq(ve) ad Seqventia. “ ( ‚ Das Übrige fast wie in der Edda Sæmunds bis hin zur Reihenfolge. ‘ , NKS 1867 4to, f. 145v2 - 3). Dieser Verweis findet sich ebenfalls in ÍB 299 4to, nicht aber in SÁM 66 (vgl. Faulkes 1979a: 140). Die Dæmisögur über die Æsir enden damit, wie Loki in Begleitung von Óðinn und H œ nir einen Otter (Hreiðmars Sohn Ótr) mit einem Stein tötet. Die anschließend ausgelassenen Dæmisögur beinhalten die Erzählungen um die sog. Otterbuße, die die Narrative um die Æsir mit denen um Sigurðr verbindet. Deren Überschriften lauten in der Edda Islandorum: „ LXIX. Dæmes. Fr  Hreidmare og Æsunumm. “ , „ LXX. Dæmes. Fr  Loka og Audvara [sic! ] Duerge. “ , „ LXXI. Dæmesaga. Fr  Hreidmare og theim Fedgum Brædrum. “ sowie „ LXXII. Dæmesaga. Fr  Reigenn og Sigurde Foffners Bana. “ (Resen 1665a: f. Z4r - Aa2r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 116 4 Handschriftenportraits <?page no="117"?> Str. 52 der V ǫ luspá in Ds. IV als einzige zusätzlich in lateinischer Übersetzung wiedergegeben (f. 118v). 128 • Annar Partur (f. 148r - 166v). Dieser ist im Vergleich zur Edda Islandorum umgestellt und um einige weitere Abschnitte 129 und zahlreiche Kenningar und Heiti ergänzt worden. Allerdings findet sich nur noch eine skaldische Strophe im Abschnitt „ Kilfu Heite “ (f. 157v ‒ 158r). Alle Kapitel (auch die zu den Æsir) sind alphabetisch angeordnet. Faulkes (1979a: 139 - 140) zufolge handelt es sich hierbei um Überarbeitungen des 18. Jh., die Anzahl der Ergänzungen sei jedoch geringer als in ÍB 299 4to und Add. 11.169. Da NKS 1867 4to die älteste handschriftliche Fassung Jakobs darstellt, erscheint es durchaus plausibel, dass er selbst für diese Überarbeitungen zuständig war. Dies würde Jakob eine noch tieferreichende inhaltliche Verantwortung als die Kompilation der Gesamthandschriften, Schreibarbeit und Illumination übertragen. Weiterhin sind in den drei jüngeren Handschriften zahlreiche weitere Inhalte zusammengetragen und vor die Prosa-Edda eingefügt worden; diese werden nachfolgend als ‚ erweiterter Prolog ‘ bezeichnet und im Kapitel über die Prologe gesondert analysiert (s. u., Kap. 5.1). Außerdem findet sich in der Handschrift ein Appendix edur Finale Eddu (f. 170v - 171r) mit einigen Strophen. Diese tragen die Überschriften „ Christs Vijsur “ , „ Himens Vysur “ und „ Soolar Wysur “ und es folgt ein kurzer Abschluss, der diese Strophen der Ethica Odini (lat. Titel der Hávamál) und ‚ Snorra Edda ‘ zuschreibt. Die Anzahl der eddischen Lieder, die in dieser (und SÁM 66) enthalten sind, ist mit 29 sehr hoch - es scheint, als seien alle verfügbaren Edda-Lieder zusammengetragen worden. Die ersten dreizehn Edda-Lieder entsprechen in ihrer Reihenfolge denen in AM 738 4to (f. 46r ‒ 72v) bzw. den ersten vierzehn der darin enthaltenen Liste (AM 738 4to, f. 79r). 130 Dazu zählen auch solche jenseits des Codex Regius (GKS 2365 4to), die teilweise deutlich jünger sind: Balldrs draumar, Grógaldur, Fj ǫ lsvinnsmál, Gróttas ǫ ngr, Hyndluljóð, Sólarljóð sowie - von Jakob nachträglich ergänzt - Gunnarsslagur. Alle sind in der Inhaltsübersicht über die eddische Dichtung aufgelistet (f. 3r/ v) 131 und dort wie auf der Titelseite als Lieder der Sæmundr zugeordneten Edda angekündigt. Es scheint, als seien in den drei jüngeren Handschriften alle als gleichwertig aufgefasst worden. Die sog. Götterlieder des Codex Regius sind vollständig, von den sog. Heldenliedern jedoch nicht alle vorhanden und die einzelnen Lieder tragen die in den Papierhandschriften üblichen Titel. Auch diese Handschrift hat Sophus Bugge für seine Editionen der Edda-Lieder verwendet. 132 128 Ein naheliegender Grund, warum die Übersetzung gerade für diese Strophe enthalten ist, ist nicht ersichtlich. 129 Es handelt sich u. a. um folgende Abschnitte (vgl. Faulkes 1979a: 140): „ Landa og Rijkia Nofn og heite “ (f. 158r - 158), „ Pl  gu=Heijte “ (f. 160v - 161r), „ PRESTES HEITE “ (f. 161r), „ PRÜDE Heijter ” (f. 161r), „ REFS Heite “ (f. 162r), „ Yfermanna Heite “ (f. 166r), „ Þioofur Heijter “ (f. 166r) und „ Þrælar Heijta “ (f. 166r/ v). 130 Haukur Þorgeirsson/ Teresa Dröfn Njarðvík (2017: 161 - 162) haben diese Gemeinsamkeit damit in Verbindung gebracht, dass diese Anordnung auf den Codex Regius der Lieder-Edda zurückgeht, von denen beide Handschriften abstammen. 131 Dieses Verzeichnis enthält außerdem für jeden Eintrag zusätzlich die Seitenzahl verzeichnet, ein Phänomen, dass sonst mit dem Buchdruck assoziiert wird und in Handschriften dieser Zeit eher selten zu finden ist. 132 Dies betrifft Fjölsvinsmál in Bugge (1867c), vgl. Bugge (1867a: LXI). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.2 NKS 1867 4to 117 <?page no="118"?> Fast alle anderen Inhalte dieser Handschrift nehmen auf die ein oder andere Weise antiquarisch-gelehrte Perspektiven auf die Literatur und Schrift der Vorzeit ein. Viele dieser Inhalte sind (wenn sie datiert sind) zwischen 1640 - 1670 geschrieben worden und manche basieren auf gedruckten Vorlagen. Sie sind also zum Zeitpunkt der Herstellung dieser Handschrift, genau wie die Edda Islandorum bereits um die 100 Jahre alt. Die folgenden haben vornehmlich literarische Themen: • Björn á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá (f. 60v - 75v) ist - anders als der Titel vermuten lässt - ein ausführlicher Kommentar und eine Paraphrase nicht nur von V ǫ luspá, sondern auch der Gylfaginning. Gleich der erste Satz beginnt mit der Zusammenführung beider, in dem Björn mitteilt, dass es in Island zwei Bücher mit dem Namen Edda gäbe. Diese Abhandlung findet sich auch in den beiden anderen jüngeren Handschriften (vgl. ÍB 299 4to, f. 34r ‒ 44v; SÁM 66, f. 218r ‒ 234r) und auf sie wird weiter unten genauer eingegangen (s. u., Kap. 6.2). • Björn á Skarðsá: Samtak um rúnir (1642) (f. 76r - 88r) beginnt zunächst mit dem Ursprung der Runen, die die Æsir mitgebracht hätten, enthält aber hauptsächlich einen Kommentar zum Brynhildarljóð der V ǫ lsunga saga. Diese Abhandlung findet sich ebenfalls in ÍB 299 4to (f. 44v - 55r) sowie in gekürzter Fassung in AM 738 4to (f. 18r - 22v) und wird später noch genauer thematisiert (s. u., Kap. 5.3.3). • Jón lærði Guðmundsson: Að fornu í þeirri gömlu norrænu kölluðust rúnir bæði ristingar og skrifelsi (f. 88v - 90v) ist ein Kommentar zum Brynhildarljóð der V ǫ lsunga saga. Dieser Kommentar findet sich auch in ÍB 299 4to (f. 55r - 57r). Einar G. Pétursson (1998a: 96 - 102) hat ihn auf Grundlage beider Handschriften ediert (vgl. auch Einar G. Pétursson 1998b: 402 - 440). • Bragarhætter (f. 189v - 193v) ist ein Verzeichnis über Versmaße mit Beispielen. • Loptr ríki Guttormssons Háttalykill (f. 193v - 200v) ist ein weiteres Verzeichnis über Versmaße mit Beispielen. Dieses findet sich ebenfalls in AM 738 4to (f. 22v ‒ 27r). • Olof Verelius: Extractum (f. 204r - 211v) ist der Kommentar aus Verelius ‘ Edition der Hrólfs saga Gautrekssonar, die 1664 in Uppsala gedruckt wurde. Dieser Kommentar ist auch in ÍB 299 4to (f. 128r ‒ 134r) enthalten. • Afgamla fornyrða vísur (f. 212r/ v) ist Dichtung, die „ skrifader eptir gómlum skrædum “ ( ‚ von alten Büchern abgeschrieben ‘ , NKS 1867 4to, f. 212r1) sei und somit aus antiquarischer Perspektive präsentiert wird. • Vafþrúðnismál (mit Kommentar) (f. 213r - 219v), dieser findet sich auch in ÍB 299 4to (f. 12r ‒ 18r). • Um Uppruna nøckra Latinskra maalshaatta (f. 220r/ v), Paraphrasen einiger klassischer Mythen (Kap. [7.] - 12: Ödipus und Sphinx, Argos, Proteus, Xerxes, Penelope, Dædalus). 133 • Bergbúa þáttr mit interpoliertem Strophenkommentar der Hallmundarkviða (f. 221r - 228v). • Árni Böðvarsson: Notæ yfer Rymur (f. 229r - 239r), lateinischsprachiges kommentierendes Verzeichnis über Kenningar und Heiti in div. Rímur. 133 Hierbei könnte es sich um eine Übersetzung von Peter Laurembergs Acerra philologica (div. Auflagen ab 1637) handeln. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 118 4 Handschriftenportraits <?page no="119"?> Auch wenn in manchen der genannten Inhalte angesprochen, handeln die folgenden Inhalte vordergründig von Runenschrift, sie werden in Kap. 5.3.3 weiter unten genauer thematisiert: • Runen- und Geheimschriftreihen (f. 91r - 91v, f. 167r - 169v - 170r). Solche finden sich ebenfalls in den beiden anderen Handschriften, die genaue Auswahl unterscheidet sich jedoch etwas (ÍB 299 4to, f. 62r/ v, 63v, 148v - 150r; SÁM 66, f. 162r ‒ 169v). • drei Fassungen des Isländischen Runengedichts: - jüngere Fassung: Málrunir, þeirra myndir, nöfn og kenningar eftir stafrofi in zwei unterschiedlichen Fassungen (f. 167r - 169v, 185r - 187r). Die erste Fassung des Runengedichtes ist auch in den beiden anderen Handschriften enthalten (ÍB 299 4to, f. 146v ‒ 148v; SÁM 66, f. 166r ‒ 169r). - ältere Fassung: Þrydelur, Islandica et Latina lingva constriptæ, Klapprunarum ordo (f. 202r - 203r) aus Jón Ólafsson úr Grunnavík: Runologia. • Runólfur Jónsson: Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa (Dissertation, Kopenhagen 1651) in isländischer Übersetzung (f. 171v - 183r). Diese Abhandlung ist ebenfalls in ÍB 299 4to (f. 135r ‒ 146v) enthalten. Weitere Inhalte mit antiquarisch-gelehrter Perspektive sind diese: • Nockur Fornyrde (f. 200v - 202r) ist eine kommentierte Liste mit alten Bezeichnungen, sie findet sich auch in ÍB 299 4to (f. 61r - 62). • Ættartala Óðins (f. 203r/ v) wird im Zusammenhang mit dem erweiterten Prolog noch genauer analysiert und findet sich ebenfalls in den beiden anderen jüngeren Handschriften (vgl. ÍB 299 4to, f. 63r/ v; SÁM 66, f. 234v ‒ 235r). Der einzige Inhalt, der thematisch von den erwähnten abweicht, steht ganz am Ende der Handschrift: Nockrar Reglur (f. 240r - 244v). Hierbei handelt es sich um allerlei praktische Anleitungen, die Themen sind u. a. Pergament- und Lederherstellung oder Buchschnittvergoldung. Baer (2013: 211) hat bemerkt, dass diese Inhalte „ slightly out of place “ erscheinen. Doch mit dem Wissen, dass Eiríkur Buchdrucker war, erscheint ein Großteil der dort versammelten Anleitungen, die teilweise im Zusammenhang mit der Buchbinderei stehen, durchaus nützlich. Diese Anleitungen könnten ein Indiz dafür sein, dass Guðmundur diese Handschrift gezielt für Eiríkur kaufte bzw. anfertigen ließ. Abschließend lässt sich sagen, dass die hier zusammengetragenen antiquarischen Inhalte in ihrer Anzahl und Vielschichtigkeit beachtlich sind. Es sind nicht nur zahlreiche Kommentare zur eddischen Dichtung, sondern auch Wortlisten und Verzeichnisse über Versmaße enthalten, die die Inhalte der Prosa-Edda noch deutlich verlängern bzw. das getilgte Háttatal sogar kompensieren. Die beiden Eddas bilden jedoch das Herzstück, auf die mit den akzentuierenden Titelseiten und Illuminationen die Aufmerksamkeit gelenkt wird, mit einer besonderen Betonung der Prosa-Edda. Die Anlage der Handschrift setzt voraus, dass das Zielpublikum Latein lesen könnte (und sich dafür interessierte), weshalb sich sie sich an eine Person mit entsprechender Bildung gewendet hat. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.2 NKS 1867 4to 119 <?page no="120"?> 4.3 ÍB 299 4to Die Handschrift ÍB 299 4to ist im Jahr 1764 von Jakob Sigurðsson geschrieben und illuminiert worden und befindet sich heute in Reykjavík in der Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn. Es handelt sich um die kompakteste aller vier Handschriften, das gilt für die Größe wie für den Inhalt: Sie enthält, neben der Prosa-Edda, nur eine kleine Auswahl eddischer Dichtung, sowie, einige gelehrte Abhandlungen. Die Gesamtkompilation war offensichtlich eine Auftragsarbeit, die eingangs geplant und in einem Zug umgesetzt, was sich an den kodikologischen Einheiten und paratextuellen Merkmalen gut erkennen lässt. In den Illuminationen ist die Strategie der Interpretatio Romana besonders auffällig und insgesamt wird in allen Inhalten der Handschrift eine antiquarische Perspektive deutlich. Die Handschrift weist deutliche Gebrauchsspuren auf, die von mehr als 120 Jahren reger Nutzung in Privatbesitz zeugen. 4.3.1 Herstellung und Nutzung Die Chronologie der Herstellung, Veränderungen und Provenienz von ÍB 299 4to lässt sich folgendermaßen auflisten (Tab. 10). Phase Datierung Aktivität I 1764 Jakob Sigurðsson schreibt und illuminiert die Handschrift. II Reger Gebrauch und verschiedene Veränderungen in unklarer Reihenfolge: • Ergänzungshand ersetzt f. 95 und fügt auf anderen Seiten Marginalkommentare hinzu, • Reparaturen der Blätter, • Neubindung (wegen der Reparaturen und Ergänzungen nötig) und teilw. starker Beschnitt der Ränder, • Verändern der Lagen-/ Blattstruktur, u. a. an einigen Bifolia zu Beginn der Handschrift, • Korrekturen/ Ergänzungen durch weitere Hände. III zw. 1884 - 1889 Der letzte private Besitzer Sigmundur Matthíasson Long verkauft die Handschrift als Teil seiner Buchsammlung an Hið íslenzka bókmenntafélag nach Kopenhagen. IV 1901 Die Handschriften von Hið íslenzka bókmenntafélag werden nach einem Beschluss von 1895 von der Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn gekauft und nach Reykjavík gebracht. V Div., z. T. konservierende Maßnahmen: • Hinzufügen einer violetten Paginierung (möglicherweise schon vor der Restaurierung), • Restaurierung der Handschrift mit Japanpapier, z. T. durch Überkleben stark beanspruchter Stellen, • Neubindung der Handschrift. VIII 2010 Digitalisierung der Handschrift für handrit.is. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 120 4 Handschriftenportraits <?page no="121"?> Phase Datierung Aktivität IX Restaurierung von f. 1 - 2 in Vorbereitung zur Ausstellung der Handschrift (Entfernen des dünnen Japanpapiers und Ergänzung der Fehlstellen mit dickerem Japanpapier) X 04/ 2015 - 04/ 2021 Handschrift in der temporären Ausstellung Sjónarhorn - Points of View in Safnahúsið, Reykjavík. 134 XI 2025 Exponat in der Handschriftenausstellung im Haus Edda der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum. Tab. 10: Chronologie der materiellen Geschichte und Provenienz von ÍB 299to. 4.3.1.1 Hände und Datierung Die Handschrift ist 1764 von Jakob Sigurðsson geschrieben und illuminiert worden, das Jahr der Herstellung ist auf der Titelseite zur eddischen Dichtung vermerkt: „ Skrifud. ANNO 1764. “ ( ‚ Geschrieben ANNO 1764 ‘ , ÍB 299 4to, f. 1r). Jakob hat entgegen seiner Gewohnheit weder seinen Namen noch Schreibort in der Handschrift angegeben, doch lässt sich seine Hand problemlos identifizieren. 135 Darüber hinaus finden sich darin noch ein paar spätere Ergänzungen durch weitere Hände, so u. a. interlineare und marginale Textkorrekturen in V ǫ luspá und Hávamál sowie die Angabe des Autors von Gunnarsslagur (f. 11v, in Latein) 136 sowie ein Blatt (f. 95r), das von einer anderen Hand später hinzugefügt wurde, um ein offensichtlich defektes Blatt in den Dæmisögur zu ersetzen. Interessant ist dabei, dass sich bemüht wurde neben dem verbalen Text auch die Seitengestaltung von Jakob zu übernehmen. Weiterhin wurde die Handschrift in diesem Zusammenhang sicherlich neu eingebunden, bevor sie dann in die Sammlung kam. 4.3.1.2 Provenienz Diese Handschrift war deutlich länger in Privatbesitz als die beiden bisher beschriebenen, ca. 120 Jahre, und ist sie (vermutlich vor allem) in den Ostfjorden zirkuliert. Für wen Jakob Sigurðsson die Handschrift zunächst herstellte, lässt sich heute nicht mehr sagen, da Besitzvermerke in der Handschrift fehlen. Die Spur verliert sich für die ersten gut 100 Jahre bis zu dem Zeitpunkt, als die Handschrift in die Hände von Sigmundur Matthíasson Long gelangte, dem letzten und einzigen namentlich bekannten privaten Vorbesitzer der Handschrift. Die Anmerkungen, Gebrauchspuren und Tatsache, dass ein defektes Blatt ersetzt wurde, lassen darauf schließen, dass die Handschrift in diesem langen Zeitraum rege verwendet wurde und es ein Interesse seitens der Besitzer: innen 134 Ich möchte an dieser Stelle Bragi Þórgrímur Ólafsson von der Handschriftenabteilung der Landsbókasfn Íslands meinen herzlichen Dank aussprechen, der mir sehr freundlich den Zugang zur Handschrift bei beiden Forschungsaufenthalten in Reykjavík (im November 2015 sowie Mai 2017) ermöglicht hat und die Handschrift für die jeweilige Dauer meiner Untersuchungen aus der Ausstellung entliehen hat. 135 Vgl. Páll Eggert Ólason (1927: 798) und Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ IB04-0299, 12.04.2022>. Ein Digitalisat der Handschrift lässt sich ebenfalls auf handrit.is online betrachten. 136 Weitere Notizen wie die Verweise auf die Dæmisögur in den Grímnismál sind jedoch von Jakob eingetragen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.3 ÍB 299 4to 121 <?page no="122"?> gab, Korrektheit der Inhalte und ihre Nutzbarkeit zu gewährleisten. Die Korrekturhand muss Zugang zu einer anderen Handschrift der V ǫ luspá und Hávamál gehabt haben, aus der die Korrekturen übernommen werden konnten. Die Geschlossenheit der Kompilation impliziert ein Auftragswerk und die antiquarische Perspektive, dass die Handschrift für eine Person bestimmt war, die Latein beherrschte und mit der Interpretatio Romana in den Illuminationen etwas anfangen konnte. Es könnte eine Person gewesen sein, die z. B. die Lateinschule besucht hatte und sich für isländische Dichtung und Geschichte interessiert hat. Der letzte private Besitzer der Handschrift war Sigmundur Matthíasson Long (7.9.1841 - 26.11.1924). 137 Dessen bewegtes Leben belegt, dass solche Prosa-Edda-Handschriften im 19. Jh. auch die ärmere Bevölkerung erreichten. Sigmundur wuchs zunächst bei seiner Mutter Jófríður Jónsdóttir auf, die wie sein Vater Matthías Richardsson Long als Tagelöhner von Hof zu Hof zog und in Armut lebte. Sigmundur hatte zwölf (Halb-) geschwister und verließ schon als Zehnjähriger seine Eltern und verdingte sich zunächst ebenfalls als umherziehender Laufbursche und Hütejunge. Er war klug und wissbegierig und eignete sich Lesen und Schreiben selbst an. Ab 1861 schrieb Sigmundur bis zu seinem Tod täglich Tagebuch und lässt sich deshalb sicherlich als ‚ Barfußhistoriker ‘ bezeichnen (s. o., Kap. 3.1.1). 138 Er war selbst als Schreiber aktiv und hat über die Jahre eine große Buchsammlung aufgebaut. In dem Zusammenhang hat er einen zunächst mobilen Buchhandel betrieben, für den er einen beträchtlichen Teil des Jahres zu Fuß in der Region unterwegs war. Ab 1873 wurde Sigmundur dann für einige Zeit in Seyðisfjörður sesshaft, wo er eine Gastwirtschaft und Buchhandel vor Ort betrieb. Dort genoss er gesellschaftliche Anerkennung und wurde für verschiedene Verwaltungsaufgaben im Bezirk ernannt, u. a. war er Vorsteher des Gemeinderats (1877 - 1880) und Bibliothekar der Lesegesellschaft. Doch ereilten Sigmundur in dieser Zeit mehrere Rückschläge, so dass er schließlich 1884 sein gesamtes Hab und Gut verpfänden musste. Davon war auch seine Buchsammlung betroffen, von der er einen Großteil verkaufte. So schickte er zwischen 1884 bis 1889 insgesamt 67 Handschriften - inkl. ÍB 299 4to - an den isländischen Literaturverband Hið íslenska bókmenntafélag nach Kopenhagen. Im Jahr 1889 lieh sich Sigmundur Geld für eine Überfahrt nach Nordamerika und wanderte nach Winnipeg (Manitoba, Kanada) aus, wo er ein bescheidenes Leben führte und sich u. a. mit Brennholz machen und Zeitungen austragen über Wasser hielt. Dort konnte er aber auch seinem Interesse an Theater und Literatur nachgehen; er schrieb und übersetzte ab und zu für die dort ansässigen skandinavischen Zeitungen. 139 Es lässt sich nicht genau sagen, ob Sigmundur die Handschrift ÍB 299 4to tatsächlich selbst gelesen hat oder vorrangig zum Verkauf erworben hatte. Dennoch zeigt diese Provenienz, dass diese Handschrift in die Hände eines zwar bibliophilen, aber über weite Strecken mittellosen Mannes gelangte. Sein Leben ist sicherlich ungewöhnlich, er hat sich 137 Die nachfolgenden Ausführungen zu Sigmundur Matthíasson Long fußen, wenn nicht anders angegeben, auf der ausführlichen Biografie von Gunnar Sveinsson (2001), vgl. Páll Eggert Ólason (1951: 204 - 205). 138 Diese sind unter der Signatur Reykjavík, Landsbókasafn, Lbs 2141 - 2142 8vo erhalten und bilden die Grundlage für Gunnar Sveinsson (2001). 139 Gunnar Sveinsson (2001: 56, 61 - 66) liefert ein detailliertes Verzeichnis über die literarischen Aktivitäten und Übersetzungen von Sigmundur. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 122 4 Handschriftenportraits <?page no="123"?> den Zugang zu Büchern selbst erarbeitet und allen existentiellen Widrigkeiten zum Trotz lange an seiner umfangreichen Buchsammlung festgehalten, die er zum Teil auch nach Kanada mitbrachte. Gleichzeitig ist dieser letzte private Besitzer auch ein Indikator dafür, dass das Interesse an solchen Handschriften nun alle Bevölkerungsschichten durchdrang und der Zugang nicht auf das vormals intendierte Zielpublikum einer gebildeten Oberschicht festgelegt war. 4.3.1.3 Weiterer Verbleib und Restaurierung Die Handschrift kam 1901 durch dem Verkauf der Handschriftensammlung von Hið íslenska bókmenntafélag an die Landsbókasafn schließlich wieder zurück nach Island und trägt seitdem die Signatur ÍB 299 4to, die auf diese Provenienz verweist. 140 Es ist nicht ganz klar, wann die verschiedenen konservierenden Maßnahmen an der Handschrift durchgeführt wurden. Rannver H. Hannesson, Konservator an der Landsbókasafn vermutet, dass die Handschrift vermutlich zwischen 1926 - 1973 von oder unter dem damaligen Buchbinder der Landsbókasafn, Guðjón Runólfsson, den jetzigen Einband erhielt. Dieser besteht aus einem Halbleineneinband aus Pappe, der mit schwarz-rot-braun-weißem Marmorpapier bezogen ist. In diesem Zusammenhang sind vermutlich die Reparaturen mit dünnem, transparentem Japanpapier (vermutlich vor 1950) erfolgt. 141 Das Japanpapier wurde zur Stabilisierung auf die eingerissenen und ausgefaserten Außenkanten der meisten Blätter geklebt. Das fragile Japanpapier steht oft einige Millimeter über und erschwert dadurch das Blättern an den äußeren Blattkanten. Die Größen der einzelnen Blätter weichen um einige Millimeter voneinander ab, gerade die letzten Blätter sind wahrscheinlich wegen vorheriger Beschädigungen etwas stärker beschnitten worden. Bereits davor ist die Handschrift einmal grundlegend repariert worden, dabei wurden viele Blätter und der Falz vieler Doppelseiten mit gelblichem Papier stabilisiert und lose Doppelseiten so (wieder) zusammengefügt. Diese waren offensichtlich an vielen Stellen lose, vor allem die äußeren Doppelblätter der Lagen - diese Beobachtung spricht dafür, dass die Handschrift eine Zeit lang entweder mit einem defekten Einband oder ganz ohne schützende Hülle gelesen wurde. Ein Blick auf die Wasserzeichen (vgl. App. 3.2) offenbart, dass - ähnlich wie in AM 738 4to - auch hier mehrfach Einzelblätter nachträglich zu Doppelblättern zusammengesetzt worden sind. Die Bildseiten waren zu einem früheren Zeitpunkt, vermutlich wegen Überstrapazierung, einmal lose. 142 Das Register über die Dæmisögur (ab f. 151v) ist unvollständig, hier fehlt heute vermutlich ein dem Quaternio 140 Vgl. Bragi Þorgrímur Ólafsson/ Jökull Sævarsson (2016: 9). Die Handschriften aus der Kopenhagener Sammlung von Hið íslenska bókmenntafélag erhielten Signaturen, die mit ÍB beginnen. Weiterhin hatte Sigmundur Matthíasson eine große Anzahl Handschriften mit nach Nordamerika genommen und diese - 130 an der Zahl - wurden schließlich nach seinem Tod 1925 an die Landsbókasafn gestiftet. Es befinden sich nun also insgesamt 197 Handschriften von Sigmundur in der Landsbókasafn, wovon Sigmundur 55 ganz (u. a. seine Tagebücher) und 8 teilweise geschrieben hat. Sigmundur hatte mit Lbs 2156 8vo mindestens eine weitere Handschrift von Jakob Sigurðsson in seiner Sammlung, die ähnlich wie SÁM 66 eine Zeit lang in Kanada war. Eine Übersicht über alle Handschriften aus Sigmunds Besitz in der Landsbókasafn hat Gunnar Sveinsson (2001: 59 - 61, vgl. 27) zusammengetragen. 141 Persönliche Kommunikation mit Halldóra Kristinsdóttir, Landsbókasafn, per E-Mail, 9. - 10.11.2015. Beide Maßnahmen sind vermutlich zusammen durchgeführt worden, für ein eher frühes Datum sprechen weiterhin die abgestoßenen Stellen am Einband. 142 Die nachträglich zusammengefügten Doppelblätter mit nicht-kohärenten Wasserzeichen sind im Appendix aufgeführt. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, dass weitere Doppelblätter nachträglich Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.3 ÍB 299 4to 123 <?page no="124"?> angefügtes Einzelblatt mit dem Verzeichnis der restlichen Dæmisögur. 143 Die Handschrift trägt deutliche Gebrauchsspuren in Form von Verschmutzungen und Beschädigungen, gerade im Bereich der Prosa-Edda sind viele Blätter fleckig. Das Papier ist sehr abgegriffen und dadurch weich und porös, es ist oftmals ca. 3 - 4 cm von der Buchmitte entfernt gebrochen, an der Stelle, wo es sich beim Aufschlagen biegt. Die Handschrift ist im Jahr 2010 für das Portal handrit.is fotografiert worden. 144 Seitdem ist das Japanpapier von f. 1 und 2 entfernt und mit festem Papier zur Stabilisierung der Außenkanten ersetzt worden. Dies geschah im Zusammenhang mit der Ausstellung Sjónarhorn - Points of View (April 2015 - April 2021) in Safnahúsið (ehem. Þjóðmenningarhúsið) in Reykjavík. 145 Die Ausstellung beschrieb sich als „ ferðalag um íslenskan myndheim “ ( ‚ Reise durch isländische Bildwelten ‘ ); und als Teil dieser isländischen Bildwelten wurde die aufgeschlagene Doppelseite mit der Illumination von der Kybele/ V ǫ lva und der Beginn der V ǫ luspá, also auch eine Schriftseite, gezeigt (f. 1v/ 2r). Die Handschrift wird 2025 im Wechsel mit den anderen beiden jüngeren Handschriften - NKS 1867 4to und SÁM 66 - in der Handschriftenausstellung der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum im Haus Edda in Reykjavík ausgestellt. 4.3.2 Materielle Struktur Das Buchformat entspricht dem einer typischen Papierhandschrift im Quartformat und ähnelt sehr den zwei anderen jüngeren Handschriften. Insgesamt handelt es sich um ein sehr handliches und gut zu benutzendes Buch mit einer durchschnittlichen Blattgröße von 18 - 19 x 14 - 15 cm (Tab. 11). Die genaue Größe einzelner Blätter weicht durch späteren Beschnitt etwas voneinander ab. Der Schriftspiegel ist etwas größer als bei den anderen zwei Handschriften und nutzt den Platz mit dichter gedrängter Schrift ökonomischer aus. Die übliche Anzahl der Zeilen im Bereich der Prosa-Edda schwankt etwas und beträgt 28 - 33 Zeilen (Dæmisögur) bzw. 30 - 35 Zeilen (Annar Partur). Höhe Breite Dicke Außenmaß mit Einband 21,0 cm 16,7 cm 3,2 ‒ 3,6 cm Buchblock 146 19,0 cm 15,0 cm 1,8 ‒ 2,9 cm Einzelblätter (16,9) 18,0 - 19,0 cm (12,8) 14,0 ‒ 15,0 cm - Schriftspiegel 16,2 ‒ 17,2 cm 12,2 ‒ 13,1 cm - Tab. 11: Maße von ÍB 299 4to. zusammengefügt wurden, dies aber aufgrund zufällig passender Wasserzeichen nicht auffällt. Die Falze der Blätter sind oft nur schwer zu untersuchen, weil die Bindung zum Teil eng und verklebt ist. 143 Das Register geht bis zur Ds. XXVIII. 144 Das Digitalisat der Handschrift lässt sich auf handrit.is online betrachten, Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ IB04-0299, 12.04.2022>. 145 Es handelte sich dabei um eine gemeinsame Ausstellung von Þjóðminjasafn Íslands, Listasafn Íslands, Náttúruminjasafn Íslands, Þjóðskjalasafn Íslands, Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn und Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum. 146 Ohne das teilweise einige Millimeter überstehende Japanpapier gemessen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 124 4 Handschriftenportraits <?page no="125"?> Die Reihenfolge der Blätter ist mehrfach markiert worden: In jüngerer Zeit wurden die Rectoseiten mit Bleischrift auf dem unteren Rand mittig foliiert. Weiterhin wurde bereits zu einem früheren Zeitpunkt, noch vor dem Aufkleben des Japanpapiers, eine Paginierung mit zunächst einem blauen, durchblutendenden Stift (bis f. 20) und danach mit einem violetten Farbstift auf die Rectoseiten aufgetragen. Die Zahl wurde oftmals auf eine freie Stelle mitten auf der Seite platziert, diese Paginierung ist jedoch fehlerhaft. 147 Jakob hat für gewöhnlich Reklamanten auf jeder Versoseite der Handschrift eingesetzt. Sie beginnen im erweiterten Prolog der Prosa-Edda, allerdings erst einige Bild- und Schriftseiten nach der Titelseite bei Vorwort I (f. 64). Die Paginierungen befinden sich oben außen und beginnen mit pag. 2 (f. 64v), manchmal sind sie abgefetzt bzw. durch Beschnitt weggefallen. Die Lagenzählung folgt dem üblichen Schema und besteht aus einem Buchstaben, der alle vier Blätter neu beginnt, sowie ab II einer römischen Ziffer (A, AII, AIII etc.). 148 Sie beginnen auf f. 64r und sind auf der Mitte des unteren Randes jeder Rectoseite platziert. Die Paginierung und Lagenzählung beziehen sich nur auf die Prosa-Edda und enden mit dem Annar Partur (f. 127v). 4.3.2.1 Lagen und Wasserzeichen Die Handschrift besteht heute aus 21 Lagen mit insgesamt 151 Blättern, eine detaillierte Übersicht über die Lagen- und Wasserzeichenverteilung findet sich im Anhang (App. 3.2). Mit der Chroust ‘ schen Lagenformel ergibt sich folgendes Bild: 149 III 6 + II 10 + 2.III 22 + IV 30 + III 36 + II 40 + [III+ 1] 46 + V 57 + [II+ 2] 63 + IV 71 + [III+ 2] 77 + IV 89 + [IV-1+ 1] 95 + 7.IV 151 Die letzten zwei Drittel der Handschrift wurden aus regelmäßigen Quaternio-Lagen gefertigt, dies umfasst alle Abschnitte ab dem erweiterten Prolog der Prosa-Edda in dem die Lagenzählung einsetzt (ab f. 64). 150 Die Lagen im ersten Drittel sind eher dünner und bestehen zumeist aus Binio- und Terniosowie einzelnen Quaternio-Lagen, manche davon mit zusätzlichen Einzelblättern. Diese unregelmäßigere Lagenverteilung betrifft die eddische Dichtung und den Beginn des erweiterten Prologs mit den kürzeren Inhalten, die nicht in Prosa angelegt sind (Titelseiten, Listen, Bildseiten). Die Analyse der Wasserzeichen ergab, dass gerade zu Anfang der Handschrift viele Doppelblätter nachträglich zusammengefügt worden sind. Dies lässt aufgrund der konsekutiven Inhalte (Edda-Lieder) vermuten, dass die Reihenfolge der Blätter zwar stimmt, aber deren Lagenstruktur zuvor anders ausgesehen haben könnte (allerdings lassen sich keine eindeutigen regelmäßigen Lagen rekonstruieren). Es ist zu überlegen, ob hier aufgrund der starken Beschädigung der Handschrift, nicht ehemalige Bifolia auseinandergefallen sind und später im Zuge der div. Restaurierungsmaßnahmen falsch zusammengesetzt wurden. Zwei Einzelblätter sind 147 Die Hand hat sich bei der Paginierung zwischen pag. 68 - 71 verzählt (pag. 69/ 70 werden übersprungen). Weiterhin wird die Zählung nach pag. 99/ 100 beendet und anschließend mit pag. 81 (f. 50r) beginnend neu fortgeführt. 148 Jakob zählt immer nur die ersten drei Blätter einer Lage, das vierte Blatt (theoretisch „ AIV “ etc.) bleibt unbeschriftet. Das eingeschobene Blatt (f. 95) trägt wie das Folgeblatt „ I “ als Lagenbezeichnung. 149 Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass es sich hierbei um die heutigen, teilw. später zusammengefügten Lagen handelt, in denen z. T. Bifolia später zusammengefügt wurden. 150 Die Ausnahme betrifft die Lage xii (f. 72 - 79), sie besteht aus einer Ternio-Lage mit einem nachträglich zusammengesetzten Bifolium in der Lagenmitte (f. 74~75) sowie aus zwei hintereinander gehefteten Einzelblättern und Lage xiv (f. 88 - 95), in der ein Blatt mit einer späteren Abschrift ersetzt wurde. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.3 ÍB 299 4to 125 <?page no="126"?> heute noch etwas loser in der Handschrift, diese sind außerdem etwas kleiner als die anderen Blätter (f. 61 - 62) und vor das letzte Blatt der Binio-Lage (bestehend aus f. 58~63, 59~60) geklebt. In dieser Handschrift wurde ebenfalls Papier unterschiedlicher Provenienz gemischt. Die Wasserzeichen befinden sich auf dem Falz des Doppelblattes und sind wegen der engen Bindung, porösen Papierqualität und engen Beschriftung zuweilen nur schlecht zu erkennen. Folgende Wasserzeichen treten auf: • Pro Patria ‒ JHONIG & ZOON 151 • DK Krone F5 ‒ ohne Gegenmarke 152 • Amsterdamer Wappen ‒ ID 153 Die Wasserzeichen sind für die meisten Lagen einheitlich, so dass zusammengeklebte Doppelblätter mit nicht passenden Wasserzeichen umso mehr auffallen. Es handelt sich hierbei teilweise um die gleichen Wasserzeichenmotive, die sich auch in den anderen zwei jüngeren Handschriften finden. Da diese durchaus verbreitet waren, würde nur eine sehr genaue Untersuchung Aufschluss darüber geben, ob es sich hierbei um dieselben Chargen und Papiermühlen handelte. Außerdem trägt das später ergänzte Blatt (f. 95) ein Wasserzeichen mit einer Krone in einem Kreis (auf der Außenkante befindlich). 4.3.2.2 Kodikologische Einheiten kod. Einheit Lagen Fol. (Pag.) Datierung Inhalt L Edda- Lieder i - ix f. 1 - 57 1764 (f. 1r) Edda-Lieder: • Titelseite • Illumination: Kybele/ V ǫ lva • Edda-Lieder Frühneuzeitliche Abhandlungen: • Björn á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá • Björn á Skarðsá: Samtak um rúnir (1642) • Jón lærði Guðmundsson: Að fornu í þeirri gömlu norrænu kölluðust rúnir bæði ristingar og skrifelsi 151 Menschliche Figur und Löwe mit Falchion und Pfeilen im Palisadenzaun mit „ Pro-Patria “ -Schriftzug, vermutlich holländischer Herkunft. Der Name J. Honig findet sich auf Papieren unterschiedlicher Provenienz. 152 Königskrone und Monogramm von König Frederik V. (Regierungszeit 1746 - 1766), entsprechend vermutlich dänischer Herkunft. 153 Bekrönter Wappenschild von Amsterdam mit drei Andreaskreuzen und zwei Löwen als Schildhalter und die Initialen „ ID “ . Dieses Wasserzeichen verweist laut handrit.is auf die dänische Papiermühle Strandmøllen, nördlich von Kopenhagen gelegen. Die Initialen stehen in dem Fall für Johan Drewsen d. J. (1715 - 1776) der zu dieser Zeit diese aufstrebende Papiermühle leitete und für die dänische Regierung arbeitete. Die Identifikation von handrit.is findet sich hier: Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ), <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ IB04-0299, 12.04.2022>, für weitere Informationen zur Papiermühle Strandmøllen vgl. Voorn (1955: 9 - 13). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 126 4 Handschriftenportraits <?page no="127"?> kod. Einheit Lagen Fol. (Pag.) Datierung Inhalt P.1 Prosa- Edda x 154 f. 58 Prosa-Edda, erweiterter Prolog; • Titelseite • Th. Bartholin d. Ä.: „ Edda hviled under Benke “ P.2 Prosa- Edda f. 59 - 60 Prosa-Edda, erweiterter Prolog (Forts.): • Bifolium mit antiquarischen Motiven (teilw. aus Th. Bartholin d. J.: Antiqvitatum Danicarum) P.3 Prosa- Edda f. 61 - 62 Prosa-Edda, erweiterter Prolog (Forts.): • Útlegging Fornyrda • Schriftreihen • Sr. Jón Guðmundsson: „ Þetta letur þienar sijst “ P.4 Prosa- Edda f. 63 Prosa-Edda, erweiterter Prolog (Forts.): • Ættartala Óðins • Schriftreihen P.5 Prosa- Edda xi - xviii f. 64 - 127 (pag. 2 - 128) Prosa-Edda, erweiterter Prolog (Forts.): • Vorworte I ‒ IV • Prologus Prosa-Edda: • Dæmisögur • Annar Partur P.6 Prosa- Edda xix - xxi f. 128 - 151 Frühneuzeitliche Abhandlungen u. ä.: • Olof Verelius: Extractum (Uppsala 1664, Kommentar zur Hrólfs saga Gautrekssonar) • isl. Übers. von Runólfur Jónsson: Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstruta (Kopenhagen 1651) • Isländisches Runengedicht (jüngere Fassung): Málrunir, þeirra myndir, nöfn og kenningar eftir stafrofi • Schriftreihen Illuminationen: • Runenstein von Tirsted (aus Th. Bartholin d. J.: Antiqvitatum Danicarum) Prosa-Edda (Appendix): • Appendix edur Finale Eddu • Inhaltsverzeichnis über Dæmisögur Tab. 12: Übersicht über die Kompilation der Handschrift ÍB 299 4to nach ihren kod. Einheiten, alle hergestellt durch Jakob Sigurðsson. Vgl. die Übersichten zu den Zäsuren zwischen den kodikologischen Einheiten im Appendix (App. 3.3). Schlüssel: P - Prosa-Edda, L - Edda-Lieder. Die Handschrift ÍB 299 4to besteht aus insgesamt zwei kodikologische Einheiten (Tab. 12): Die erste umfasst die Edda-Lieder und frühneuzeitlichen Abhandlungen, die zweite 154 Lage x ist nachträglich zusammengesetzt worden. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.3 ÍB 299 4to 127 <?page no="128"?> mehrere Blöcke der Prosa-Edda. Die Zäsuren sind im Appendix dokumentiert (App. 3.3). Die inhaltlich-materielle Zusammenstellung, wie sie in den kodikologischen Einheiten deutlich wird, belegt die Planung aus einer Hand. Alleinig der Beginn des erweiterten Prologs erscheint in einzelne Blöcke zerstückelt und eine mögliche spätere Umordnung somit denkbar (kodikologische Einheiten P.1 ‒ 4, Lage x, f. 58 ‒ 63), das liegt v. a. an den nachträglich zusammengefügten Lagen und Bifolia und der fehlenden initialen Paginierung. Der Vollständigkeit halber sind hier deshalb die potentiell möglichen Einzelblöcke angeführt, wenn auch die genaue Anordnung weniger ausschlaggebend ist. Es wäre möglich, dass der erweiterte Prolog grundsätzlich noch mehr Blätter umfasst haben könnte (aber nicht muss). Der letzte Block der kodikologischen Einheit der Prosa-Edda (P.6) umfasst zwar vor allem frühneuzeitliche gelehrte Abhandlungen, aber auch den Appendix edur Finale Eddu sowie das Inhaltsverzeichnis über die Dæmisögur und ist deshalb ebenfalls P zuzurechnen. 155 Es ließe sich weiterhin fragen, ob die erste kodikologische Einheit (L) überhaupt abzutrennen sei oder diese nicht als weiterer Block von P aufzufassen sei. 156 Der Grund ist, dass die zugehörige Titelseite bereits die nachfolgende Prosa-Edda ankündigt und somit die Edda-Lieder in deren Abhängigkeit stehen. Dies wird später ausführlicher im Zusammenhang mit der Analyse von Prologen und Rahmung diskutiert (s. u., Kap. 5.1). 4.3.3 Inhalt f. Inhalt f. 1r - 33v Edda-Lieder Titelseite - Bildseite: Kybele/ V ǫ lva - V ǫ luspá - Hávamál - Alvíssmál - Gunnarsslagur - Vafþrúðnismál (mit Kommentar) - Grimnísmál - Grottas ǫ ngr - Grípisspá - Reginsmál - Fáfnismál - Sigrdrífumál - Guðrúnarkviða I - Guðrúnar lok f. 34r - 44v Björn á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá f. 44v - 55r Björn á Skarðsá: Samtak um rúnir (1642) f. 55r - 57r Jón lærði Guðmundsson: Að fornu í þeirri gömlu norrænu kölluðust rúnir bæði ristingar og skrifelsi (Kommentar zum Brynhildarljóð der V ǫ lsunga saga) f. 58r - 127v Prosa-Edda Titelseite - Thomas Bartholin d. Ä.: „ Edda hviled under Benke “ - Bifolium mit 4 Bildseiten von antiquarischen Artefakten - Wortliste, Runen- und Schriftreihen ‒ sr. Jón Guðmundsson: „ Þetta letur þienar sijst “‒ Ættartala Óðins - Vorwort I - Vorwort II - Vorwort III - Vorwort IV ‒ Prologus ‒ Dæmisögur ‒ Annar Partur f. 128r - 134r Olof Verelius: Extractum (Uppsala 1664, Kommentar zur Hrólfs saga Gautrekssonar) 155 Dem fehlenden Fortsetzen der originalen Paginierung sowie dem Wechsel der Tintenfarbe (schwarzbraun zu braun) nach zu urteilen, ist diese kod. Einheit eine eigene neue Produktionseinheit. Diese Inhalte sind jedoch nicht separat beweglich, so dass die frühneuzeitlichen Abhandlungen innerhalb der Rahmung der Prosa-Edda platziert wurden, wie die materielle Struktur der Handschrift hier erkennen lässt. 156 Die Reihenfolge der Edda-Lieder ist auf der Titelseite vorgegeben. Die Formulierung auf der Titelseite macht explizit deutlich, dass von zwei unterschiedlichen Eddas ausgegangen wird und die Edda-Lieder explizit als ergänzende Lektüre zur Prosa-Edda angedacht waren. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 128 4 Handschriftenportraits <?page no="129"?> f. Inhalt f. 134v Bildseite: Runenstein von Tirsted f. 135r - 146v Runólfur Jónsson: Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa (Kopenhagen 1651), in isländischer Übersetzung f. 146v - 148v Isländisches Runengedicht (jüngere Fassung): Málrunir, þeirra myndir, nöfn og kenningar eftir stafrofi f. 148v - 150v Schriftreihen: Schlüsselrunen und Geheimschriften f. 150v - 151v Prosa-Edda (Forts.) Appendix edur Finale Eddu (Vísur) - Inhaltsverzeichnis über die Dæmisögur der Prosa-Edda Tab. 13: Übersicht über die Inhalte von ÍB 299 4to, die der Prosa-Edda zugehörigen Inhalte sind farbig hinterlegt. Vgl. das ausführliche Inhaltsverzeichnis im Anhang (App. 3.1.1). Die inhaltliche Gestaltung von ÍB 299 4to begrenzt sich auf die beiden Eddas und einige frühneuzeitliche gelehrte Abhandlungen (Tab. 13). Die eddische Dichtung erscheint hier in einer deutlich knapperen Auswahl als in den anderen Handschriften, sie enthält nur dreizehn Lieder. Diese umfassen sog. Götterlieder und Heldenlieder; ein naheliegender Grund für genau diese Auswahl ist jedoch nicht ersichtlich. In der Reihe der (mittelalterlichen) eddischen Dichtung ist hier ‒ im Gegensatz zu NKS 1867 4to ‒ ebenfalls das frühneuzeitliche Gunnarsslagur (f. 10v ‒ 11v) eingefügt worden. Was daraus deutlich wird, ist, dass die Kompilation der einzelnen Lieder in Anzahl und Reihenfolge flexibel gehandhabt wurde. Die Auswahl ist im Verzeichnis auf der Titelseite der Edda-Lieder (f. 1r) aufgelistet, was verdeutlicht, dass diese bewusst ausgewählt und angeordnet wurden. Diese Handschrift hat als einzige zwei Bildseiten, die nicht direkt der Prosa- Edda zugeordnet sind: Eine Bildseite der Kybele/ V ǫ lva (f. 1v) befindet sich bereits zu Beginn der V ǫ luspá zugeordnet. Weiterhin ist die Bildseite vom Runenstein von Tirsted (f. 134v), der in NKS 1867 4to im erweiterten Prolog der Prosa-Edda erscheint, nach weiter hinten zwischen die gelehrten Abhandlungen platziert. Die Prosa-Edda beginnt mit einer besonderen, illuminierten Titelseite, der wie in den die beiden anderen jüngeren Handschriften ein erweiterter Prolog folgt. In dem finden sich u. a. das Bifolium mit Illuminationen zu antiquarischen Artefakten (u. a. aus Bartholin 1690) und die frühneuzeitlichen Vorworten I ‒ IV. Weiterhin sind Prologus (f. 71r - 75r), Dæmisögur (f. 75r ‒ 105v) und Annar Partur (f. 106r ‒ 127v) enthalten. Ganz am Ende der Handschrift folgt nach dem Appendix edur Finale Eddu ein (heute defektes) Verzeichnis über die Dæmisögur (f. 150v ‒ 151v), beides findet sich auch in NKS 1867 4to. Die Fassung des verbalen Textes beruht auf einer überarbeiteten, d. h. gekürzten und (im Annar Partur) etwas umgestellten isländischen Fassung der Edda Islandorum. Die meisten zitierten Strophen sowie Ds. LXIX ‒ LXXII fehlen, die Nummerierung der Dæmisögur wurde jedoch im Gegensatz zu NKS 1867 4to entsprechend angepasst. Im Bereich vom Annar Partur wurden einige Abschnitte und einzelne Kenningar ergänzt (vgl. Faulkes 1979c: 139 - 140). Weiterhin sind, wie in NKS 1867 4to, neben einigen weiteren Schriftreihen (Runen- und Geheimschriften) mehrere antiquarisch-gelehrte Abhandlungen aus dem 17. Jh. enthalten, Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.3 ÍB 299 4to 129 <?page no="130"?> die schon weiter oben beschrieben wurden. Dazu gehören mehrere Kommentare zur altnordischen Literatur, v. a. (eddischer) Dichtung und Prosa-Edda: • Björn á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá (f. 34r - 44v), • Jón lærði Guðmundsson: Að fornu í þeirri gömlu norrænu kölluðust rúnir bæði ristingar og skrifelsi (Kommentar zum Brynhildarljóð der V ǫ lsunga saga, f. 55r ‒ 57r), • Olof Verelius: Extractum (Uppsala 1664, Kommentar zur Hrólfs saga Gautrekssonar, f. 128r ‒ 134r). Andere Abhandlungen thematisieren Runenschrift: • Runólfur Jónsson: Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa (Kopenhagen 1651, in isländischer Übersetzung, f. 135r ‒ 146v), 157 • Björn á Skarðsá: Samtak um rúnir (1642, f. 44v ‒ 55r). Auch Málrunir, þeirra myndir, nöfn og kenningar eftir stafrofi nimmt als Isländisches Runengedicht (jüngere Fassung, f. 146v ‒ 148v) eine gebundene Form an, hat aber als Merkgedicht durchaus eine antiquarische Perspektive. Es fällt auf, dass die Auswahl der Inhalte eine Kurzfassung von NKS 1867 4to darstellt, das wird sogar auf der Titelseite für die Prosa-Edda ersichtlich, deren Bildmedaillons wie Abbreviaturen der illuminierten Bildlage von NKS 1867 4to (und SÁM 66) wirken. 158 Es gibt nur ganz wenige Inhalte, die im Vergleich zu NKS 1867 4to zusätzlich enthalten sind: Dazu gehören die kurze Wortliste Ütlegging Nockurra Fornijrda til undervijsunar Epter Stafrofe (f. 61r ‒ 62r) im erweiterten Prolog der Prosa-Edda, die Auswahl einzelner Schriftreihen (die in allen drei jüngeren Handschriften alle etwas voneinander abweichen) sowie die zwei Bildseiten, die besonders deutlich die Interpretatio Romana einsetzen: Kybele/ V ǫ lva (f. 1v) und Mars/ Týr (f. 60r). Die Dæmisögur der Prosa-Edda enthalten ebenfalls die lateinischen Marginalien, die zu den Namen der eddischen Figuren die Namen aus der klassischen Mythologie ergänzen. Zusammenfassend lässt sich bemerken, dass das Hauptinteresse dieser Handschrift hauptsächlich an der Prosa-Edda lag, die mit weiteren verwandten literarischen Werken - wie Edda-Liedern und einigen frühneuzeitlichen Abhandlungen ergänzt wurde. ÍB 299 4to erscheint also im Vergleich zur NKS 1867 4to wie eine inhaltlich verdichtete und auf die antiquarisch-gelehrten Inhalte zugespitzte Handschrift, die aufgrund der materiellen geschlossenen Beschaffenheit sicherlich als Auftragswerk zu verstehen ist. Diese Person wird eine gewisse formale Bildung genossen haben. Erst später gelangte die Handschrift dann in die Hände eines Mannes, der in Bezug auf seine Herkunft und mühsam erarbeitete Bildung einen ganz anderen, deutlich weniger privilegierten Start in das Leben und Zeit seines Lebens große finanzielle Schwierigkeiten erlebte - und gleichzeitig Bücher sammelte und mit ihnen handelte. 157 Diese Abhandlung trägt (wie in NKS 1867 4to) keine Überschrift. Jakob schreibt sie am Ende (f. 146v) jedoch fälschlicherweise Jón lærði Guðmundson zu. Dieser Fall wurde von Einar G. Pétursson (1998b: 26 - 27) ausführlich diskutiert, er kommt zum Schluss, dass es sich hierbei um die isländische Übersetzung von der Dissertation von Runólfur Jónsson (1651) Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa handelt. 158 Vgl. Rösli (2017) zu dieser Titelseite. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 130 4 Handschriftenportraits <?page no="131"?> 4.4 SÁM 66 (Melsteðs-Edda) Die Handschrift SÁM 66 ist 1765 ‒ 1766 von Jakob Sigurðsson geschrieben und illuminiert worden und befindet sich heute in der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum in Reykjavík. Das Spektrum der Inhalte ist breit: Neben beiden Eddas (mit der Bildlage mit den Illustrationen zur Prosa-Edda) und Inhalten zur (Runen-)Schrift, sind weiterhin ein Kalendarium (mit einem Kommentar zu astronomischen und medizinischen Themen) sowie eine Einführung in Arithmetik enthalten. Von den gelehrten Abhandlungen indet sicht hier nur die Útlegging yfir V ǫ luspá von Björn á Skarðsá und sie zeigt insgesamt geringeres Interesse an antiquarischen Themen als die beiden anderen jüngeren Handschriften. Die Struktur der kodikologischen Einheiten lässt darauf schließen, dass Jakob diese Handschrift möglicherweise aus mehreren Produktionseinheiten zusammensetzte. Die Handschrift wurde zunächst rege auf verschiedenen Höfen Nordostislands gelesen, bevor sie Ende des 19. Jh. nach Kanada gebracht wurde, wo sie sich im Besitz der Familie Melsted befand, bevor sie in den 1980ern zunächst als Leihgabe und seit 2000 dauerhaft nach Island zurückkehrte und seitdem als Melsteðs-Edda bezeichnet wird. 4.4.1 Herstellung und Nutzung Die Chronologie der Herstellung, Veränderungen und Provenienz von SÁM 66 lässt sich folgendermaßen auflisten (Tab. 14). Phase Datierung Aktivität I Februar 1765 ‒ Januar 1766 Jakob Sigurðsson schreibt: • Prosa-Edda (1765), • Edda-Lieder (beendet am 27.02.1765 auf Norður-Skálanes), • Lijted Agrip Umm þær Fioorar Species I Reiknings Konstenne (Januar 1766). In dieser Zeit hat Jakob vermutlich auch die anderen Inhalte hergestellt, inkl. der Illuminationen. II Eine spätere Ergänzungshand fügt Notizen auf den Rändern (u. a. f. 2r) hinzu, vermutlich eine andere Hand kopiert das defekte Blatt f. 108 (Kopie heute: f. 107). III 1856 oder kurz danach Neubindung in dunkelbraunem Lederband und Reparaturen (Datierung laut Brieffragment in der Bindung). VI 1876 Elín Magnúsdóttir emigriert mit ihren Kindern nach Nordamerika und nimmt die Handschrift zunächst nach Gimli (Manitoba, Kanada) mit und zieht 1881 nach Garðar (North Dakota, USA) weiter. V 1910 Elíns Sohn Jóhannes Frímann Magnússon Melsted bringt die Handschrift nach Wynyard (Saskatchewan, Kanada). VI Anfang 1970er Aufbewahrung zunächst im Tresor der Royal Bank in Wynyard. Die Handschrift wird zu Haraldur Bessason, Professor für Isländisch an der Universität in Winnipeg (Manitoba, Kanada) gebracht. Fotografieren der Handschrift, die seit 1974 so der Forschung bekannt wurde. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.4 SÁM 66 (Melsteðs-Edda) 131 <?page no="132"?> Phase Datierung Aktivität VII 1980er Die Handschrift wird als Leihgabe von Leo und Kenneth Melsted (Sohn und Enkel von Jóhannes Frímann Magnússon Melsted) für Forschungszwecke nach Reykjavík in die heutige Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum ausgeliehen. VIII 1989 Neubindung und Reparaturen durch den Buchbinder Ragnar Gylfi Einarsson in Island. IX 13.02.2000 Die Familie von Örn Arnar, Generalkonsul von Island in Winnipeg, kauft die Handschrift von Kenneth Melsted, um sie der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum zu schenken. Die feierliche Übergabe erfolgt in der Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn. X 2012 Digitalisierung der Handschrift für handrit.is. XI 2020 Neue Digitalisierung der Handschrift für das Repositum Handritahirslan der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum. XII 2025 Exponat in der Handschriftenausstellung im Haus Edda der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum. Tab. 14: Chronologie der materiellen Geschichte und Provenienz von SÁM 66. 4.4.1.1 Hände und Datierung Die Handschrift ist ebenfalls vollständig von Jakob Sigurðsson geschrieben und illuminiert worden. Seine Arbeit spannte sich (mind.) über den Zeitraum Februar 1765 - Januar 1766 und sein Wohnort auf Norður-Skálanes in Vopnafjörður in den Ostfjorden diente ihm als Schreibstätte. 159 Er hat an mehreren Stellen der Handschrift Datierungen eingefügt: • 1765 (Titelseite der Edda-Lieder, f. 1r), 160 • Jakob Sigurðsson beendete die Edda-Lieder am 27. Februar 1765 auf Norður-Skálanes (Kolophon am Ende der Edda-Lieder, f. 72v). 161 159 Vgl. die Einträge von Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is, <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ SAM-0066/ 0#mode/ 2up, 14.04.2022>, vgl. Faulkes (1979c: 140, 463). Die Handschrift und v. a. ihre Illuminationen sind ausführlich von Baer (2013: 194 - 253) beschrieben worden. 160 „ Enn nü at nio Uppskrifoþ Aar epter Gudsburd. M. D.CCLXV. “ ( ‚ Und nun erneut aufgeschrieben im Jahr nach Gottes Geburt 1765. ‘ , f. 1r9-11). 161 Besonders bemerkenswert ist das ausführliche Kolophon, dass sowohl den Monat, den Ort als auch den Namen des Schreibers in Geheimschrift wiedergibt, aber auch einen Hinweis auf die verwendete Geheimschrift gibt. Die Entschlüsselungshilfe findet sich jedoch nur in den anderen beiden Handschriften (vgl. NKS 1867 4to, f. 170v; ÍB 299 4to, f. 150r). Die Transkription lautet: „ Sva Enþa ec Sæmumþar Eþþo Sïgfussonar Ens fröþa. þann XXVII: 3cdszxsl Anno MDCCLXV. A RhXIXMCRC Mlsbsx l YÞ2MX3: IRVK3 YEXÞNAY YKH. Nafn skrifarenns er Tekedür RammVillinge. “ (SÁM 66, f. 72v25 - 30). Translitteriert ergibt dies: „ Sva Enþa ec Sæmumþar Eþþo Sïgfussonar Ens fröþa. þann XXVII: februari Anno MDCCLXV. A skalanese nirdra i vopnaf: iacob sigurds son. Nafn skrifarenns er Tekedür RammVillinge. “ ( ‚ So beende ich die Sæmundar Edda Sigfússonar des Gelehrten am 27. Februar Anno 1765 auf Norður-Skálanes in Vopnafjörður, Jakob Sigurðsson. Der Name des Schreibers ist in Starkfalschschrift angegeben. ‘ ) Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 132 4 Handschriftenportraits <?page no="133"?> • 1765 (Titelseite der Prosa-Edda, f. 81r), 162 • Januar 1766 (Titelseite zu Lijted Agrip Umm þær Fioorar Species I Reiknings Konstenne, f. 212r). 163 Damit erstrecken sich die Datierungen über den Zeitraum von gut einem Jahr, die Monatsangaben nennen weiterhin Wintermonate, was Aufschluss auf Jakobs Arbeitsweise gibt: Er wird sicherlich im Sommer den landwirtschaftlichen Tätigkeiten nachgegangen sein und vor allem im Winter Schreibaufträge ausgeführt haben. Die Datierungen beziehen sich auf die unterschiedlichen kodikologischen Einheiten und weil die gegebenen Daten nicht direkt aneinander anschließen, ist vorstellbar, dass Jakob einen Teil der Handschrift für den Verkauf vorproduziert hatte und dann auf Wunsch die Einführung in Arithmetik (Lijted Agrip Umm þær Fioorar Species I Reiknings Konstenne, f. 211v - 217v) noch hinzufügte. Darüber hinaus finden sich in Form von Marginalkommentaren (f. 2r) und Besitzvermerken noch weitere, spätere Hände in der Handschrift. Die vertikal hinzugefügten Ergänzungen auf f. 2r, die Kommentare zur Kompilation der Edda-Lieder beinhalten, sind von Árni Jónsson eingetragen worden, wie der Vergleich mit dem Besitzvermerk ergab. 164 Weiterhin wurden von einer späteren Hand die Dæmisögur vom beschädigten Blatt f. 108 abgeschrieben und als heutiges f. 107 davor geheftet (und die Handschrift in diesem Zusammenhang neu eingebunden). In dieser Blattkopie wurde sich bemüht, die Seitengestaltung von Jakob zu übernehmen. Es könnte sich hierbei um die Hand von Magnús Guðmundsson handeln, der einen Besitzvermerk in die Handschrift eingetragen hat (f. 235v). Darüber hinaus finden sich hin und wieder Bleistiftmarkierungen in der Handschrift. 162 „ Enn nü ad Niju uppskrifud Anno Christj M.DCCLXV. “ ( ‚ Und nun erneut aufgeschrieben Anno Christi 1765. ‘ , SÁM 66, f. 81r10 ‒ 11). 163 „ Skrifad. Anno 1766: in Januarj. “ ( ‚ Geschrieben Anno 1766, im Januar ‘ , SÁM 66, f. 212r). 164 Der Name findet sich ebenfalls vertikal eingetragen auf dem heute aus der Handschrift entfernten Blatt, das separat mit dem alten Einband aufbewahrt wird. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.4 SÁM 66 (Melsteðs-Edda) 133 <?page no="134"?> 4.4.1.2 Provenienz Abb. 20: Lesevermerke, SÁM 66 (f. 235v). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Alle nicht eigenen Fotos dieser Handschrift sind mit freundlicher Genehmigung der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum dem Digitalisat auf handrit.is entnommen: <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ SAM-0066, 24.10.2024>. Abb. 21: Lesevermerke, SÁM 66, entferntes Vorsatzblatt (heute separat im Umschlag mit dem Einband aufbewahrt). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Baer (2013: 240) hatte die Vermutung geäußert, dass SÁM 66 für einen wohlhabenden Bauern hergestellt worden sein könnte. Wie die nachfolgende Darstellung zeigt, verzeichnet die Provenienz Mitglieder verschiedener Bauernfamilien in Nordostisland, deren Situiertheit vermutlich unterschiedlich zu bewerten ist. Es hat sich hierbei um Personen gehandelt, die keine formale Schulbildung genossen haben, aber zuhause lesen gelernt haben. Wie später noch ausführlich argumentiert wird, wurde diese Handschrift vermutlich (auch) als Lehrbuch für den Hausunterricht konzipiert. Die Handschrift ist die einzige der hier untersuchten, für die sich ein relativ genaues Bild der ca. 235 Jahre, in der sich die Handschrift in Privatbesitz befand, zeichnen lässt. Die nachfolgenden Darstellungen bauen zunächst auf der Identifikation von in Besitzvermerken verzeichneten Personen von Gísli Sigurðsson (2004, 2017) auf, doch fügt das Kapitel im Verlauf zahlreiche neue Erkenntnisse weiterer Recherchen hinzu. 165 Die Besitzvermerke finden sich mit einigen anderen mehr oder weniger leserlichen Notizen, Rechenaufgaben und Federproben an zwei Stellen: 165 Vgl. der umfangreiche Katalogeintrag auf Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is, <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ SAM-0066/ 0#mode/ 2up, 14.04.2022>. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 134 4 Handschriftenportraits <?page no="135"?> 1. Auf der letzten Seite (f. 235v, Abb. 20) von oben nach unten: „ Th[ … ] magnus “ 166 , „ Monsir. Gisli Gislason á Skördu[m] ä med. Riettu. Bókina Eddu “ , „ St. Petersen “ , „ magnus Gudmundssen “ , „ Magus “ (mit Bleistift). 2. Die größte Anzahl von Einträgen findet sich jedoch auf einem heute losen Blatt (Abb. 21), das vermutlich ehemals als Vorsatzblatt gedient hat und sich zusammen mit dem alten Einband in einem separaten Umschlag befindet. 167 Sie lauten von oben nach unten: „ Isaak “ , „ Finboge Sigursson ä böken “ , „ Sigurdur Sigurds son ä “ , „ Sigurdur “ , „ JS “ , „ GG “ , „ HGES “ , „ AEinarsson “ , „ A. Gysle “ , „ Gysle Gysle son “ , „ Magnus “ , „ Isaak “ , „ Isaak Thorsteins son “ , vertikal (nach links gedreht): „ Gysle Gyslason Skördum “ , „ Arni Jons son “ , und um 180 Grad gedreht „ Grímur “ , „ Oluf a þetta “ , auf der Rückseite „ Biarni “ . Auch wenn sich nicht alle eindeutig identifizieren lassen, belegen diese Vermerke, dass die Handschrift durch die Hände vieler Personen ging und diese ihre Spur darin hinterlassen haben. Womöglich trifft wegen der Vielzahl der Namen das Konzept ‚ Besitz ‘ -Vermerk nicht immer zu und ließe sich vermutlich eher als ‚ Lese ‘ -Vermerk verstehen; als solche werden sie im Folgenden bezeichnet. Gísli Sigurðsson (2017: 220 - 221) hat die Namen unter Verwendung des Zensus von 1835 folgenden Personen zuordnen können: 168 • Sigurður Sigurðsson: geb. 1771, Bauer auf Ytri-Hlíð, Vopnafjörður, Norður-Múlasýsla. • Finnbogi Sigurðsson: geb. 1766, Bauer 169 auf Flautafell, Þistilfjörður, Norður-Þingeyjarsýsla. Alternativ kommt für den Eintrag Finnbogi Sigurðsson (geb. ca. 1780) in Frage, der beim Zensus 1816 36 Jahre war, húsbóndi auf Heiði, Sauðanes, Þingeyjarsýsla. Er hatte einen Sohn namens Bjarni, der ebenfalls zu einem der Besitzvermerke passet. • Gísli Gíslason ( „ Skarða-Gísli “ ): 1797 ‒ 1859, Dichter, Buchbinder und Bauer auf Skörð, Þingeyjarsýsla, und später zeitweilig auf Auðnir im Laxárdalur, Suður-Þingeyjarsýsla. • Ísaak Þorsteinsson: geb. um 1776, Knecht von Gísli Gíslason auf Skörð, Þingeyjarsýsla. 166 Der restliche Vorname ist von „ Monsir “ verdeckt, der Name Magnús ist in Geheimschrift geschrieben (vgl. Það gamla Yraletur, SÁM 66, f. 164v). 167 Gísli Sigurðsson (2017: 221) fragt sich zu Recht, warum dieses Blatt beim Neueinbinden 1989 aussortiert wurde. Es ist zwar stark verschmutzt, eingerissen und zugekritzelt, stellt aber aus heutiger Sicht die zentrale Quelle für die Rekonstruktion der Provenienz der Handschrift dar. Wenn man bedenkt, dass im inneren des Einbandes der in Gold geprägte Name vom letzten privaten Besitzer, Ken Melsted, besonders leuchtend dasteht, könnte dies als bewusste Akzentverschiebung der Provenienz gelesen, werden. Das andere Blatt, das auf der Recto-Seite Inhalte der Handschrift enthält (f. 253), konnte nicht einfach nicht entfernt werden, weil sich auf der Rückseite Text befindet. 168 Dieser und alle anderen genannten Zensus sind auf dem Portal von Þjóðskjalasafn Íslands (2009 - ): http: / / www.manntal.is/ , <http: / / www.manntal.is/ , 28.12.2021> abrufbar. Vgl. die Angaben auf Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is, <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ SAM-0066/ 0#mode/ 2up, 14.04.2022>. 169 Dies stellt eine Korrektur von handrit.is dar, wonach Finnbogi (geb. 1766) skylduhjú ( ‚ Knecht/ Gesinde ‘ ) gewesen ist (vgl. den Zensus von 1835). Der Zensus von 1816 kennt jedoch einen 51-jährigen húsbondi aus Skálar (geb. ca. 1765) auf Flautafell, der in diesem Zusammenhang wahrscheinlicher zu sein scheint. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.4 SÁM 66 (Melsteðs-Edda) 135 <?page no="136"?> • Magnús Guðmundsson: geb. 1798, im Zensus 1845 - 1855 Bauer auf Sandur, Þingeyjarsýsla, und 1860 auf Björg, Suður-Þingeyjarsýsla. Auch wenn der genaue Weg, den die Handschrift genommen hat, sich nicht lückenlos rekonstruieren lässt, scheint es so, als sei die Handschrift ein paar Mal verkauft worden, aber dabei zunächst immer in Nordostisland geblieben. Auf dem Hof Skörð, Húsavíkursókn, Þingeyjarsýsla, ist SÁM 66 von weiteren Haushalts- und Familienmitgliedern rund um den ansässigen Bauern Gísli Gíslason gelesen worden. 170 Dies gilt für den Knecht Ísaak Þorsteinsson sowie zwei weitere Namen, bei denen es sich sehr wahrscheinlich um Gíslis Söhne mit seiner ersten Frau Guðrún Guðmundsdóttir handelt: Arngrímur ( „ A. Gysle “ ) 171 und Gísli (es gibt zwei Einträge mit dem Namen Gísli Gíslason in unterschiedlichen Händen). Da sich deren Vater Gísli zweimal explizit als Besitzer der Handschrift vermerkt, hatten die anderen die Handschrift vermutlich nur zum Lesen ausgeliehen. Auf dem Hof hat es eine gut bestückte Buchsammlung gegeben, Gísli besaß zum Zeitpunkt seines Todes 68 Bücher (Kristján Eldjárn 1983: 15, 51 - 52). 172 Für Gíslis Sohn Arngrímur (1829 ‒ 1887) schlägt Gísli Sigurðsson (2004: 183 - 184) den durchaus verlockenden Gedanken vor, dass es womöglich diese reich illuminierte Handschrift gewesen sein könnte, die in Arngríms Kindheit eine der ersten Begegnungen mit Bildwerken dargestellt habe. Gísli nimmt damit Bezug auf eine Erzählung, die Kristján Eldjárn (1983: 83) wiedergibt, laut derer Arngrímur einmal völlig versunken in ein Bilderbuch und seine ersten Bilder zeichnend den Gottesdienst verpasst haben soll. Arngrímur war sehr belesen, arbeitete ebenfalls als Buchbinder (er erwarb den Gesellenbrief 1853) und ist heute vor allem für seine zahlreichen feinsinnigen Portraits und Altarbilder bekannt, die ihm den Beinamen málari einbrachten. 173 Der einzige weibliche Name der Einträge lautet Ólöf. Für die Identifikation finden sich zwei plausible Möglichkeiten im Zensuseintrag von 1835 auf Skörð: Ólöf Illugadóttir, 35, geb. in Garður, Þingeyjarsýsla, verheiratet mit einem der anderen Bauern des Hofes, Hallgrímur Hallgrímsson. Ebenfalls möglich, aber unwahrscheinlicher, wäre ihre Tochter Ólöf Gabríelsdóttir, 13 (Gísli Sigurðsson 2017: 221). Da der Name Ólöf explizit als Besitzangabe ( „ Oluf a þetta “ ) angegeben wird (und nicht nur als Lesevermerk), könnte Ólöf Illugadóttir die Handschrift als Eigentümerin mit nach Skörð gebracht hat, bevor sie Gísli Gíslason geschenkt oder verkauft wurde und sich andere Hofmitglieder in ihr eintrugen. Die Handschrift wurde vermutlich 1856 (oder kurz danach) von Gísli Gíslason oder Arngrímur Gíslason etwas weiter südlich auf Auðnir neu eingebunden, und gelangte dann zur letzten Person, die ihren Namen im Buch vermerkte: Magnús Guðmundsson lebte 1955 im Alter von 57 Jahren als Bauer auf den Hof Sandur, Nessókn, Þingeyjarsýsla. Dort wohnte auch Magnús ‘ Mutter Guðleif Árnadóttir, sie war inzwischen 99 Jahre alt. Sie hatte einige Jahrzehnte zuvor, 1816, ebenfalls auf dem nahe gelegenen Hof Skörð gewohnt, wo 170 Vgl. die Verzeichnisse des Zensus für Skörð von 1816, 1835, 1840 und 1845 im Portal Þjóðskjalasafn Íslands (2009 - ): http: / / www.manntal.is/ , <http: / / www.manntal.is/ , 28.12.2021>. 171 Arngrímur Gíslason unterzeichnete seine Briefe und Bilder später häufig mit abgekürztem Vornamen als „ AGíslason “ (vgl. Kristján Eldjárn 1983). 172 Das Portal handrit.is verzeichnet eine weitere Handschrift aus seinem Besitz sowie sieben mit seiner Dichtung: Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is <https: / / handrit.is/ manuscript/ list/ people/ GisGis002, 28.12.2021>. 173 Zu Arngrímur málari Gíslason vgl. Páll Eggert Ólason (1948: 27) und Kristján Eldjárn (1983). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 136 4 Handschriftenportraits <?page no="137"?> auch der bereits erwähnte Gísli Gíslason damals schon wohnte, mit dem sie indirekt verwandt war. 174 Magnús wurde vermutlich erst nach dem Neueinbinden 1856 (oder kurz danach) Eigentümer der Handschrift und hat zu dem Zeitpunkt entweder noch auf Sandur oder bereits weiter südlich auf Björg, Þóroddstaðarsókn, Suður-Þingeyjarsýsla, gewohnt, wo er 1860 registriert wurde. Keiner dieser beiden Höfe liegt weit von Auðnir entfernt, wo Gísli Gíslason und sein Sohn Arngrímur inzwischen wohnten. Magnús gab die Handschrift schließlich an eines seiner acht Kinder, Elín (Sigríður), geb. ca. 1832, weiter. Möglich ist, dass er es ihr 1856 zur Geburt des ersten Kindes schenkte bzw. zu dem Anlass auch neu einbinden ließ. Mehrere von Elíns Lebensstationen hat der Zensus in den folgenden Jahrzehnten in Nordisland erfasst, aber wann genau sie die Handschrift erhielt, ist unklar: 175 Sie arbeitete im Jahr 1850 als 17-Jährige zusammen mit ihrer Schwester Agatha, 20, als Magd in der Nähe auf Laxamýri, Húsavíkursókn, Þingeyjarsýsla, beim Gemeindevorsteher (hreppstjóri) Jóhannes Kristjánsson. 176 Sie kehrte danach zunächst nach Sandur zurück, wo sie 1855 als Magd bei ihren Eltern registriert wurde. In dieser Zeit wird sie vermutlich ihre Ausbildung zur Hebamme absolviert haben (Jónas Thordarson 1985: 178), bevor sie 1860 mit ihrem Ehemann Magnús Grímsson, 32, Bauer, und zwei gemeinsamen Kindern Magnús Vilhjálmur, 4, und Jóhannes Frímann, 2, in der Nähe ihres Vaters auf dem kleinen Hof Gvöndarstaðir, Þóroddstaðarsókn, Þingeyjarsýsla, registriert wird. Dort wohnten außer ihnen noch eine verwitwete Frau mit ihren drei Kindern sowie zwei Angestellte. Elín wanderte schließlich 1876, fünf Jahre nach dem Tod ihres Mannes, nach Nordamerika aus. 177 Bis dahin war die Handschrift 110 Jahre lang von zahlreichen Personen auf verschiedenen Höfen Nordostislands gelesen und weitergereicht worden. Dabei hat sie sicher den großen Teil der Gebrauchsspuren angesammelt, die heute noch sichtbar sind. Die Umstände der Emigration und die sich wandelnde Bedeutung, die die Handschrift damit erlangte, werden nun nachfolgend dargestellt. 174 Zwischen Gísli und Magnús bestand - sicherlich nicht ungewöhnlich - entferntere Verwandtschaft: Magnús ist der Stief(halb - )Onkel von Gísli gewesen. Der Eintrag zu Skörð von 1816 listet Gísli Gíslason, 20, mit seiner Mutter Þóra Indriðadóttir, 60, und seinem Stiefvater Hallgrímur Guðmundsson, 37, húsbóndi, auf. Zum selben Zeitpunkt wohnten noch weitere Familienmitglieder von Hallgrímur auf dem Hof: Seine Stiefmutter (und Magnús ’ Mutter) Guðleif, 61, sowie seine Schwester (und Magnús ‘ Halbschwester) Elísabet Guðmundsdóttir, 42. Hallgrímur war somit der deutlich ältere Halbbruder väterlicherseits von Magnús und deren gemeinsamer Vater Guðmundur war der spätere Ehemann von Guðleif. Alle vier hier genannten Höfe - Skörð, Sandur, Auðnir und Björg - liegen direkt an oder etwas südlich der Skjálfandi-Bucht am Skjálfandafljót bzw. der parallelen Laxá. Zwei Höfe, Skörð und Sandur, liegen sehr nah beieinander, es ist also sehr wahrscheinlich, dass die hier genannten Personen sich sowohl wegen der Verwandtschaft als auch der Nachbarschaft kannten. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie die Bleistiftzeichnungen, die der Handschrift Reykjavík, Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Lbs 1413 4to lose beiliegen, und von denen manche Motive wie Abpausen aus SÁM 66 wirken, hergestellt wurden. Die Handschrift Lbs 1413 4to wurde 1839 evtl. von Halldór Jónsson aus Öxnafell (Saurbæjarhreppur, Eyjafjarðarsýsla) geschrieben. Wahrscheinlich scheint, dass diese über Umwege womöglich später ihren Weg in Lbs 1413 4to fanden. 175 In den Verzeichnissen des isländischen Zensus heißt sie „ Elín Magnúsdóttir “ . Im Vestur-Íslenzkar Æviskrár wird ihr Name als „ Elín Sigríður Magnúsdóttir “ angegeben (Jónas Thordarson 1985: 178, vgl. Gísli Sigurðsson 2017). 176 Die Schreibweise in diesem Eintrag ist „ Elinn Magnúsdóttir “ . 177 Jónas Thordarson (1985: 178 - 181) beschreibt die Familiengeschichte von Elín und ihrer Nachfahren in Nordamerika. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.4 SÁM 66 (Melsteðs-Edda) 137 <?page no="138"?> Emigration nach Kanada Abb. 22: Karte von New Iceland (heute: Manitoba), Kanada. Karte: aus Kristjanson (1965: 28). In den Jahren von 1873 ‒ 1914 emigrierte ein Fünftel der isländischen Bevölkerung nach Nordamerika. 178 Die Gesamtpopulation war zuvor stark angewachsenen und Notlagen wie der Vulkanausbruch der Askja im März 1875 verschärften die Situation: Es kam ein gewaltiger Ascheregen über Ostisland nieder, der Vieh verenden und Weiden veröden ließ. Elín wohnte inzwischen nordwestlich vom Vulkan auf Halldórsstaðir in Kinn und war vermutlich nicht direkt von der Asche betroffen, da diese in östliche Richtung bis nach 178 Die folgenden allgemeinen Ausführungen zu der großen Emigration nach Kanada basieren auf den ausführlichen Darstellungen von Kristjanson (1965: 29 - 131) und Neijmann (1997: 64 - 97, 2006: 609 - 613). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 138 4 Handschriftenportraits <?page no="139"?> Skandinavien und Kontinentaleuropa geblasen wurde. Ihre Abreise ein Jahr später liegt jedoch zeitlich innerhalb des damit verbundenen Höhepunkts der sog. Vesturfarar-Auswanderungsbewegung. Diese führte die meisten Isländer: innen nach Kanada, wo ab 1875 die Regierung isländische Agenten mit der Anwerbung von Siedler: innen beschäftigte. Den Neuankömmlingen wurde exklusiv Land in der Region „ New Iceland/ Nýja Ísland “ zur Verfügung gestellt, die am Südwestufer des Winnipeg-Sees liegt (Abb. 22). 179 Dort siedelten sich innerhalb weniger Jahre viele Isländer: innen an, was laut Neijmann (2006: 612 - 613) zu der besonderen Situation führte, dass die isländische Kultur, Sprache und Literatur in ungewöhnlich hohem Ausmaß weitergepflegt wurde. 180 Auch Elín begab sich zusammen mit ihren sechs, teilweise schon erwachsenen Kindern aus der ersten Ehe, ihrem späteren zweiten Ehemann Ólafur Jónasson aus Þingeyjarsýsla, dessen Tochter sowie einer gemeinsamen Tochter auf die Reise. 181 Sie kamen zunächst zusammen mit vielen anderen 182 ins abgelegene Gimli nach New Iceland, das erst ein Jahr zuvor von isländischen Siedler: innen aufgebaut worden war. Es wurde zwar gleich eine Schule für den Englischunterricht eingerichtet, doch das Lesen des Isländischen wurde weiterhin zuhause gelehrt (Kristjanson 1965: 65). Dies scheint bereits vor Abreise antizipiert worden zu sein, da üblicherweise nicht nur praktische Dinge wie Kleidung und Werkzeuge in die hölzernen Reisekisten gepackt wurden, sondern gerade auf Bücher besonderen Wert gelegt wurde. Im New Iceland Heritage Museum in Gimli wird auf einer Tafel der Generalgouverneur Lord Dufferin zitiert, der 1877 den Ort besuchte; ihm zufolge sollen selbst im ärmsten Haus 20 - 30 Bücher gestanden haben. 183 Die Kvöldvaka wurde auch in Nordamerika weitergepflegt (Neijmann 179 Wie sich schon bald herausstellte, war diese Landzuteilung nicht ganz legitim, da es sich um das Land der Saulteaux gehandelt hat, die den Siedler: innen zudem anfangs mit Nahrungsmitteln aushelfen mussten. Hunger spielte eine große Rolle, es fiel den auf die lokalen Bedingungen unvorbereiteten Siedler: innen aus Island offensichtlich zunächst schwer, sowohl landwirtschaftlich in der bewaldeten Gegend als auch ohne die nötigen Binnenseefischereikenntnisse Fuß zu fassen. Diese Umstände bewegten viele zum Wegzug, die Lebensbedingungen wurden weiterhin durch strenge Winter und Mangelernährung erschwert. Zusätzlich grassierte im Winter 1876 - 1877 (als Elín und die Handschrift bereits vor Ort waren) eine Pockenepidemie im Ort Gimli, die durch die beengten Wohnverhältnisse und unzureichende medizinische Versorgung befeuert wurde, viele Todesopfer forderte und die Bewohner: innen monatelang (228 Tage) aufgrund der Quarantänebestimmungen von der Außenwelt abschnitt (Kristjanson 1965: 35 - 52, 46 - 52, Neijmann 1997: 66 - 67, 2006: 612 - 613). Eine umfassende Studie zur Situation in New Iceland und den Erfahrungen der First Nations ist von Eyford (2016) erstellt worden. 180 Vgl. die Ausführungen von Gunnar Sveinsson (2001: 56) über Sigmundur Matthíasson Long, den Vorbesitzer von ÍB 299 4to, der ebenfalls seit 1889 nach Winnipeg ausgewandert war und sich problemlos ohne Englischkenntnisse innerhalb der isländisch-skandinavischen Community durchschlagen konnte. 181 Die ältesten beiden Söhne waren zum Zeitpunkt der Ausreise bereits erwachsen: Magnús Vilhjálmur war 20 und Jóhannes Frímann 17 oder 18 Jahre alt. Die nachfolgenden Darstellungen zur Emigration der Familie basieren auf Gísli Sigurðsson (2017), Jónas Thordarson (1985: 178 - 181), o.Verf. (2008) sowie einen mündlichen Bericht der Familie, den Doctor/ Josephson (2024) zusammengetragen haben. Weiterhin bot der Beruf der Hebamme Frauen eine der wenigen Möglichkeiten zum Lohnerwerb in Kanada (Sigríður Matthíasdóttir/ Þorgerður Einarsdóttir 2016: 14, 26). 182 Diese sog. „ Large Group “ bestand aus ca. 1200 Isländer: innen, die hauptsächlich in Gimli siedelten (Kristjanson 1965: 43). 183 Die Beschreibung der Ausstellung beruht auf der virtuellen Tour durch The New Iceland Heritage Museum (2017 - ), <https: / / nihm.ca/ contact-us/ virtual-tours/ , 04.01.2022>. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.4 SÁM 66 (Melsteðs-Edda) 139 <?page no="140"?> 1997: 66) und Lesen soll im entbehrungsreichen Winter 1875/ 1876 die zentrale Beschäftigung in Gimli gewesen sein: „ Many of the people devoted much time to reading during the long winter months; lacking most other things, the people had brought their cherished books with them. “ (Kristjanson 1965: 38) Es wundert also nicht, dass Elíns Familie diese Handschrift auf die beschwerliche Schiffsreise mitnahm. In Nordamerika konnte diese nun als Bindeglied zur Herkunftskultur- und sprache dienen. 184 Die Familie gab ihrem Hof den Namen Melstaður, der als Familienname angenommen wurde und auf die Nachfahren überging und unter dem heute die Handschrift - Melsteðs-Edda - bekannt ist (Gísli Sigurðsson 2004: 184, Jónas Thordarson 1985: 178). Einige Jahre später, 1881, zog die Familie - mit der Handschrift im Gepäck - weiter nach Garðar in North Dakota, USA, ebenfalls eine isländische Siedlung. Elíns Sohn Jóhannes Frímann, kehrte 1910 mit der Handschrift zurück nach Kanada und zog nach Wynyard in Saskatchewan (Jónas Thordarson 1985: 178). 185 Der Sohn von Jóhannes Frímann, Leo Melsted (geb. 1902 in Garðar, North Dakota, gest. 1992) war ein bibliophiler Bauer und war Leiter der lokalen Bibliothek (Jónas Thordarson 1985: 179 - 180). Er reichte die Handschrift weiter an seinen Sohn ‒ und Elíns Urenkel ‒ Gutsbauer Kenneth Melsted (1931 - 2008). Sowohl das Bewahren der Handschrift über mehrere Generationen in Nordamerika als auch die Aufbewahrung zuletzt im Tresor der Royal Bank in Wynyard zeigen, dass der Handschrift inzwischen als wertvolles Familienkleinod betrachtet wurde. Dies wundert nicht, so ist sie visuell sehr ansprechend und enthält mit beiden Eddas zwei der zentralsten Kompilationen mittelalterlicher isländischer Literatur (Gísli Sigurðsson 2004: 184). In den ca. 235 Jahren, in denen die Handschrift in Privatbesitz war, erreichte sie eine bemerkenswert große Leser: innenschaft. Der Kreis derjenigen, die der Handschrift etwas abgewinnen konnten, hat sich über diesen Zeitraum immer mehr ausgeweitet. Auch wenn sich nicht alle Namen der Besitzvermerke sicher zuordnen lassen, so ist doch die Vielzahl der Personen, die sich namentlich mit der Handschrift verbunden haben, auffällig. Dies drückt Begehrtheit und Wertschätzung der Handschrift aus. Die Melsteðs-Edda erreichte somit nicht nur die jeweiligen Besitzenden, auf die die Provenienznarrative oft verkürzt werden, sondern ganz offensichtlich einen viel größeren Personenkreis. Dieser wird sicherlich beim Vorlesen noch größer gewesen sein als es heute alleinig anhand der Einträge zu belegen ist. Das Publikum schloss nicht nur den (männlichen) Hofvorstand und seine Kinder ein; sondern auch den Knecht Ísaak Þórsteinsson. Weiterhin wechselte die Handschrift mehrfach den Besitz und war Eigentum von mindestens zwei Frauen (Ólöf und Elín). Die Tatsache, dass sich mehrere Bewohner desselben Hofes, Skörð, in ihr namentlich vermerkten, spricht weiterhin dafür, dass die Handschrift dort sehr geschätzt wurde. Die Federproben, die zum Teil ungelenk geschriebenen Namen und die spätere Reise nach Kanada legen nahe, dass Kinder mit ihr Lesen und offensichtlich teilweise Schreiben lernten. Geografisch betrachtet, wurde sie die ersten 110 Jahre in Nordostisland (Þingeyjarsýsla) und dort wohl v. a. auf dem erwähnten Hof Skörð und Umgebung gelesen, 184 Auch Sigmundur Matthías Long nahm eine große Zahl Bücher nach Kanada mit. Er versuchte später in Winnipeg einen Buchhandel zu betreiben, aber offensichtlich mit mäßigem Erfolg. Darüber hinaus wurde das Schreiben von Handschriften in Kanada umfangreich weiterbetrieben (vgl. Parsons 2019, 2023) und noch lange Zeit später Literatur auf Isländisch verfasst (vgl. Neijmann 2006). 185 Wynyard liegt in dem Gebiet Vatnabyggd Settlement, ist etwas jünger als Gimli und wurde bei der europäischen Besiedlung zunächst vor allem von Siedler: innen aus Island geprägt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 140 4 Handschriftenportraits <?page no="141"?> bevor sie dann für über 100 Jahre als eine der mitgebrachten Habseligkeiten einer ausgewanderten isländischen Familie nach Nordamerika gebracht wurde und somit fernab des ursprünglich intendierten Wirkungskreises in eine damals ebenfalls abgelegene Region kam. Dort verschob sich ihre Funktion von Lesebuch zunehmend zur Repräsentantin des isländischen Kulturerbes, die für mehrere Generationen Familiengeschichte und kulturelle Herkunft (zumindest symbolisch) einte und aufrechterhielt. 4.4.1.3 Weiterer Verbleib und Restaurierung Haraldur Bessason (1931 ‒ 2009), Professor und Leiter des Fachbereichs für Isländisch an der Universität Winnipeg, veranlasste schließlich, dass die Handschrift in den 1980ern für Forschungszwecke nach Reykjavík gebracht wurde, wo sie seitdem, zuerst noch als Leihgabe, aufbewahrt wird. Am 13.2.2000 wurde SÁM 66 bei einem Festakt in der Landsbókasafn offiziell in die Sammlung der damaligen Stofnun Árna Magnússonar á Íslandi aufgenommen und erhielt ihre Signatur. Elíns Enkel Leo und Urenkel Kenneth Melsted waren bei diesem Festakt anwesend, die Einverleibung der Handschrift wurde durch die Familie vom ebenfalls anwesenden Generalkonsul von Island in Winnipeg, Örn Arnar, finanziert (Gísli Sigurðsson 2017: 220). 186 Abb. 23: Der entfernte alte Bucheinband von ca. 1856, SÁM 66 (heute separat in einem Umschlag aufbewahrt), zu sehen sind der Buchrücken und die Vorderseite. Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. 186 Es ist in diesem Zusammenhang von einer „ substantial financial donation “ die Rede (Stofnun Árna Magnússonar á Íslandi 2000, Beitrag online unter <http: / / www.am.hi.is/ enska/ english.php? fl=10; via archive.org, Version vom 13.10.2004, 04.01.2022>). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.4 SÁM 66 (Melsteðs-Edda) 141 <?page no="142"?> Beim letzten Umbinden wurde der alte Bucheinband, in dem sich die Handschrift in Nordamerika befunden hat, sowie weiteres Material - u. a. das erwähnte Blatt mit den Besitzvermerken - entfernt. Diese befinden sich heute in einem separaten Umschlag. Der alte Einband ist aus dunkelbraunem Leder mit ocker-braun marmoriertem Vorsatzpapier. Auf dem Buchrücken sind goldene Ornamente und der Titel „ EDDA “ eingeprägt (Abb. 23). Auf der Vorderseite sind Beschädigungen und Rückstände einer weißlichen Paste, evtl. Leim, zu sehen; es ist möglich, dass hier einmal ein (weiteres) Titelblatt aufgeklebt gewesen sein könnte, das heute verloren ist. Der Buchrücken dieses alten Einbands ist mit 6,0 cm deutlich breiter als der aktuelle Band (4,5 cm). Es ist unklar, wie fest der Einband zum Zeitpunkt des Umbindens war, oder ob dies ein Indiz dafür sein könnte, dass die Handschrift zuvor mehr Blätter umfasste, die verloren gegangen sind. In diesem Einband war die Handschrift unverändert während ihrer Zeit in Kanada. Abb. 24: Aus der Handschrift entfernte Papierschnipsel, SÁM 66. Sie verzeichnen den Empfänger „ Hreppstjóri Sgr. Jón Jóakimsson á Þverá í Laxárdal “ (oben) und das Datum 17. Juli 1856 und die Signatur von Jón Sigurðsson (mitte). Der Streifen mit der Runenschrift (2. v. u.) muss lose in der Handschrift gelegen haben, er hat keine Nahtlöcher und das Papier ist mehr vergilbt. Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Die Datierung des entfernten Einbands lässt sich aus dem Makulaturpapier erschließen, das zuvor zur Falzverstärkung an die Lagen genäht war (Abb. 24). Dieses enthält u. a. eine von Jón Sigurðsson am 17. Juli 1856 in Kopenhagen signierte Rechnung für eine Sendung der Zeitschrift Ný Félagsrit an sr. Jón Jóakimsson, Bauer und hreppstjóri auf Þverá im Laxárdalur (Þverársókn). Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Einband in dieser Zeit vom Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 142 4 Handschriftenportraits <?page no="143"?> erwähnten Vorbesitzer und Buchbinder Gísli Gíslason oder dessen Sohn Arngrímur erstellt wurde, die von 1855 bis 1860 nur knapp 2 km südlich auf Auðnar im Laxárdalur (Þverársókn) wohnten. Dazu kommt, dass Arngrímur viele Bücher für den befreundeten Jón Jóakimsson gebunden haben soll (Kristján Eldjárn 1983: 19 - 20, 53), was die Herkunft der Makulatur erklären könnte. Die Handschrift wurde so sicher vor der Weitergabe bzw. dem Verkauf neu aufbereitet. 187 Abb. 25: Spiegelblatt im hinteren Buchdeckel mit „ KEN MELSTED “ und Ornament in Goldprägung, SÁM 66. Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Als sich die Handschrift als Leihgabe bereits in Reykjavík befand, wurde der alte Einband ersetzt. Die Arbeit erledigte der Buchbinder Ragnar Gylfi Einarsson (geb. 1947) in Reykjavík, dessen Initialen „ R. G. E. “ mit der Jahreszahl 1989 unauffällig in den unteren Lederrand dieses Buchdeckels geprägt sind (Abb. 25). 188 Die Handschrift ist heute in einem mittelbraunen Ledereinband mit dunkelbrauner Blindstempelornamentik und -linien am Rand gebunden, auf dem Buchrücken ist wieder der Name „ EDDA “ in Gold (hier auf dunklem Grund) geprägt worden, auf dem hinteren Buchdeckel (außen) die Jahreszahl 1765. Zusätzlich wurde eine mit sandfarbenem Marmorpapier bezogene Kartonschachtel für die Aufbewahrung angefertigt, auf deren ebenfalls mit hellbraunem Leder bezogenen Rücken der Name „ EDDA “ in Gold geprägt ist. Mit diesem Einband hat sich auch Ken [neth] Melsted in der Handschrift verewigt, sein Name steht in goldener Schrift auf dem Spiegelblatt des hinteren Buchdeckels. Die meisten Namen, die sich auf dem Vorsatzblatt 187 Grundsätzlich wäre auch dessen Sohn Arngrímur möglich, der ebenfalls zu dieser Zeit als Buchbinder arbeitete. 188 Die Initialen ließen sich anhand von Sigurþór Sigurðsson (2018: o. S.) Ragnar Gylfi Einarsson zuordnen, sein Name befindet sich auch auf dem Umschlag, in dem sich heute der alte Einband befindet; er war damals Buchbinder in der Landsbókasafn. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.4 SÁM 66 (Melsteðs-Edda) 143 <?page no="144"?> mit den Lesevermerken befunden hatten, wurden entgegen üblicher Verfahrensweisen in diesem Zusammenhang entfernt. 189 Beim Umbinden wurden die Lagen auf Patentfalze genäht und die meisten von sichtbaren Gebrauchspuren beschädigten Blätter mit dünnem Japanpapier verstärkt, vor allem an den Außenkanten, sowie am Falz. Diese Verstärkung ist vor allem in der Nähe des Falzes leicht steif und klebrig und macht sich durch Knackgeräusche beim Blättern bemerkbar. Insgesamt weisen die Blätter deutliche Gebrauchsspuren auf, so sind die äußeren Blätter der Lagen häufig besonders verschmutzt und am Falz repariert worden, so dass hier weitere Indizien vorhanden sind, dass die Handschrift eine Zeitlang ungebunden oder in einem defekten Einband vorlag, aus dem die Blätter herausrutschen konnten. 190 Im Besonderen weisen die Bildlage (f. 73 - 80) und die Titelseite der Prosa-Edda (f. 81) besonders starke Gebrauchsspuren in Form von inzwischen reparierten Beschädigungen auf. Diese waren so umfassend, dass sie darauf schließen lässt, dass diese Blätter zuvor herausgerissen waren. In Bezug auf die Bilder wäre denkbar, dass diese z. B. beim Vorlesen herumgereicht wurden. In der Handschrift sind Bleistiftunterstreichungen erhalten. Die Handschrift ist um 2014 für das Portal handrit.is digitalisiert worden, eine neue Digitalisierung erfolgte um 2020 für das Depositum Handritahirslan der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum. 191 Weiterhin befanden sich Bildtafeln mit einigen der Illuminationen in der Ausstellung Sjónarhorn - Points of View (April 2015 - April 2021) in Safnahúsið (ehem. Þjóðmenningarhúsið) in Reykjavík, in der auch ÍB 299 4to ausgestellt wurde. Außerdem sind großformatige Reproduktionen der Illuminationen in der Gastwirtschaft Fossgerði am Selá ausgestellt (Gísli Sigurðsson 2017: 219) - in dieser Form sind die Bilder somit zu ihrem Entstehungsort nach Vopnafjörður zurückgebracht worden. Die Handschrift wird weiterhin 2025 im Wechsel mit den anderen beiden jüngeren Handschriften - NKS 1867 4to und ÍB 299 4to - in der Handschriftenausstellung der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum im Haus Edda in Reykjavík ausgestellt. 4.4.2 Materielle Struktur Auch diese Handschrift entspricht dem einer typischen Papierhandschrift im Quartformat. Sie liegt gut in der Hand, die durchschnittliche Blattgröße beträgt 18,0 - 18,3 x 13,9 - 14,5 cm (Tab. 15). Die typische Zeilenanzahl im Bereich der Prosa-Edda ist geringer als in den anderen Handschriften, aber schwankt ebenfalls, sie beträgt 25 - 32 Zeilen (Dæmisögur) bzw. 26 - 30 Zeilen (Annar Partur). 189 Die heute visuell präsenten Namen erzählen eine verdichtete lineare Geschichte der Edda von Sæmundr fróði/ Snorri Sturluson - Jakob Sigurðsson - Ken Melsted. Das zweite Blatt mit Lesevermerken (f. 235) blieb der Handschrift erhalten, sicherlich vor allem, weil sich auf der Vorderseite noch Inhalt (Ende der Ættartala Óðins) befindet. Auf ihrer Rückseite stehen nur wenige Lesevermerke, darunter der von Magnús Guðmundsson, Ken Melsteds Ururgroßvater. 190 Die braunen Streifen nahe des Blattfalzes und außen auf den Bildseiten deuten auf unsachgemäße Konservierung hin: Es handelt sich hierbei vermutlich um Knochenleim, auf den Papierstreifen aufgeklebt waren. Ich danke der ehemaligen Konservatorin an der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Signe Hjerrild Smedemark, für diese Einschätzung. 191 Die Digitalisate finden sich hier: Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is, <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ SAM-0066, 23.10.2024> und Stofnun Árna Magnússonar á Íslandi (2020 - ): Handritahirslan, <https: / / www.arnastofnun.org/ sam-66.html, 23.10.2024>. Die Darstellung auf Handritahirslan zeigt den alten (abgenommenen) Einband von um 1856. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 144 4 Handschriftenportraits <?page no="145"?> Höhe Breite Dicke Aufbewahrungsschachtel 20,4 cm 18 cm 5,5 cm Maße alter Einband 18,9 cm 14,0 - 14,2 cm 6 cm Außenmaß mit Einband 19,2 cm 16,7 cm 4,2 - 4,5 cm Buchblock 18,3 cm 14,7 cm 3,0 - 3,4 cm Einzelblatt 18,0 - 18,3 cm 13,9 - 14,5 cm - Schriftspiegel 14,7 - 16,8 cm 11,0 - 13,0 cm - Tab. 15: Maße von SÁM 66. Jakob benutzte für die meisten Inhalte dieser Handschrift eine einheitliche Seitengestaltung. Auf den oberen Rändern eines jeden Blattes (außer auf den Bildseiten) geben paginierte Kopfzeilen den Titel des jeweiligen Inhalts an. Die Paginierungen lassen die Handschrift in mehrere Abschnitte unterteilen: • Jakob begann jeweils ein eigenes Set Paginierungen und Lagenzählungen für die beiden Eddas: für die Edda-Lieder (f. 3r - 72v) und für die Prosa-Edda ab Vorwort I (f. 82r - 161v). Dabei fällt auf, dass diese beiden Abschnitte mit 160 Seiten bzw. 158 Seiten (fast) gleich im Umfang waren. Die Lagenzählung ist teilweise fehlerhaft. 192 • Jakob begann die Paginierung auf den Seiten von Þórður Þorláksson: Calendarium Perpetuum neu und führte diese bis zu Lijted Agrip Umm þær Fioorar Species I Reiknings Konstenne weiter fort. Von dieser Paginierung sind Beschnitt bedingt nur noch Zahlenfragmente zu sehen (ab f. 170v - 217v). • Jakob paginierte den letzten Abschnitt der Handschrift neu, dieser fügt Björn á Skarðsá Útlegging yfir V ǫ luspá und die Ættartala Óðins zusammen (f. 218 - 235r) Weiterhin wurde vor nicht allzu langer Zeit jedes fünfte Blatt auf der Rectoseite mit Bleistift auf dem unteren Rand foliiert und so die Reihenfolge der Abschnitte festgehalten. Neueren Datums sind weiterhin eine Durchnummerierung der Bildseiten auf dem oberen Rand sowie eine weitere Foliierung mit Bleistift auf jeder Rectoseite (von f. 162 - 218). 4.4.2.1 Lagen und Wasserzeichen Die Handschrift besteht heute aus 30 Lagen mit insgesamt 235 Blättern, eine detaillierte Übersicht über die Lagen- und Wasserzeichenverteilung findet sich im Anhang (App. 4.2). Mit der Chroust ‘ schen Lagenformel ergibt sich folgendes Bild: 14.IV 104 + [IV+ 1] 113 + 15.IV 233 + I 235 Die Handschrift ist als einzige der hier untersuchten aus sehr regelmäßigen Quarternion- Lagen zusammengesetzt, es gibt hiervon nur zwei Ausnahmen: In Lage xv wurde später ein Blatt ergänzt (f. 107), das eine direkte Kopie vom nachfolgenden Blatt (f. 108) ist. Letzteres ist diagonal gerissen und sollte vermutlich ausgetauscht bzw. zumindest durch 192 Jakob hat die Lagenzählung offensichtlich von einer Vorlage übernommen, die keine Titelseite hatte: So beginnt er erst nach der Titelseite und Inhaltsübersicht bei der V ǫ luspá (f. 3r) mit A, so dass die Lagenzählungen immer über Lagengrenzen hinaus reichen. Diese Zählung setzt er fort und korrigiert sie erst in Lage v, so dass das erste Blatt in Lage vi (f. 41r) dann erstmals wie üblich mit dem neuen führenden Buchstaben (K) beginnt. Das gleiche gilt für die Prosa-Edda, hier beginnt Jakob ebenfalls erst ab dem zweiten Blatt (f. 82r) mit der Zählung, den Fehler hat er in Lage xiv (f. 105r) dann schließlich bemerkt und die Lagenzählung ab dann korrekt eingesetzt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.4 SÁM 66 (Melsteðs-Edda) 145 <?page no="146"?> Abschrift zunächst vorsorglich gesichert werden, die Kopie wurde von Magnús Guðmundsson geschrieben (s. oben). Die Lage xxx bildet den Abschluss der Handschrift und enthält auf der kleinstmöglichen Unio-Lage die letzte Seite von Björns á Skarðsá Útlegging yfir V ǫ luspá und die Ættartala Óðins. Nur an zwei Stellen sind Doppelblätter später zusammengefügt worden: das Doppelblatt mit der Titelseite der Prosa-Edda (f. 81~88) sowie die erwähnte Unio-Lage (f. 234~235). Die materielle Struktur spiegelt ein sehr regelmäßiges, großzügiges und geplantes Arbeiten wider, darin unterscheidet sich die Handschrift von den anderen hier analysierten. Jakob hat es vermocht, die meisten Inhalte dieser Handschrift genau im Rhythmus der Quaternio-Lagen anzulegen und dabei kaum Lagenfüller zu verwenden. Sogar für die in den anderen Handschriften teilweise als Lagenfüller eingesetzten Schriftreihen ist in SÁM 66 eine eigene Lage vorbehalten (f. 162r - 169v). Die Analyse der Wasserzeichen der Handschrift ergab, dass Jakob Papier dreier Provenienzen verwendete. Die Verteilung und gleichmäßige Ausrichtung der Wasserzeichen spricht für eine gewisse Vorausplanung da diese immer erst nach mehreren Lagen wechseln, und das dritte Wasserzeichen betrifft nur ein einziges Blatt: • Amsterdamer Wappen - P. DELMAS FIN PERIGORD 1742 193 • Pro Patria - kleine Krone GR 194 • DK Krone (F5) 195 Auf dem angestückten Blatt f. 235 ist kein Wasserzeichen zu erkennen. 4.4.2.2 Kodikologische Einheiten kod. Einheit Lagen Fol. (Pag.) Kolophon Inhalt L Edda- Lieder i - ix f. 1 - 72 (pag. 1 - 160) 196 1765 (f. 1r) Jakob Sigurðsson, 27. Februar 1765, Skálanes (Vopnafjörður) (f. 72v) Edda-Lieder (mit Titelseite und Register) P.1 Prosa- Edda x f. 73 - 80 Prosa-Edda, erweiterter Prolog: • Bildlage mit Illustrationen zu den Dæmisögur 193 Bekrönter Wappenschild mit drei Andreaskreuzen und zwei Löwen als Schildhalter. Périgord ist eine Landschaft im Südwesten Frankreichs und Delmas ist ein Nachname, es könnte sich also hierbei um Papier aus dieser Region von 1742 handeln. 194 Menschliche Figur und Löwe mit Falchion und Pfeilen im Palisadenzaun mit „ Pro-Patria “ -Schriftzug, die Gegenmarke hat eine kleine Krone und die Initialen GR. 195 Auf dem vorletzten Blatt (f. 234) ist die dänische Königskrone zu erkennen, die der in ÍB 299 4to ähnelt, und somit womöglich der Papiermühle in Strandmøllen von Johan Drewsen d. J. zuzuordnen ist. 196 Die Paginierung beginnt mit der V ǫ luspá (f. 3r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 146 4 Handschriftenportraits <?page no="147"?> kod. Einheit Lagen Fol. (Pag.) Kolophon Inhalt P.2 Prosa- Edda xi - xx f. 81 - 161 (pag. 1 - 158) 197 1765 (f. 81r) Prosa-Edda: • Titelseite • erweiterter Prolog • Dæmisögur • Annar Partur A xxi f. 162 - 169 Runen: • Runen- und Geheimschriftreihen • Isländisches Runengedicht B xxii - xxvii f. 170 - 217 (neue Paginierung, durch Beschnitt unleserlich) Januar 1766 (f. 212r) frühneuzeitliche Abhandlungen u. ä.: • Þórður Þorláksson: Calendarium Perpetuum • Pythagorastabelle zur Multiplikation • Lijted Agrip Umm þær Fioorar Species I Reiknings Konstenne C xxviii - xxx f. 218 - 235 (pag. 1 - 34) Frühneuzeitliche Abhandlung: • Björn á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá Verzeichnis: • Ættartala Óðins Tab. 16: Übersicht über die Kompilation der Handschrift SÁM 66 nach ihren kod. Einheiten. Vgl. die Übersichten zu den kodikologischen Einheiten und das ausführliche Inhaltsverzeichnis im Appendix (App. 11.4.1.1 und 11.4.3). Schlüssel: P - Prosa-Edda, L - Edda-Lieder, A - C: Andere Inhalte. Die Handschrift SÁM 66 besteht aus fünf kodikologischen Einheiten (Tab. 16), die Zäsuren sind im Appendix dokumentiert (App. 4.3). 198 Die erste kodikologische Einheit enthält die Edda-Lieder (L), die folgende die zwei Blöcke der Prosa-Edda (P.1 - 2) und die anderen drei 197 Die Paginierung beginnt mit dem Vorwort I (f. 82r), in der Paginierung sind einzelne Unregelmäßigkeiten vorhanden. 198 Vgl. die Einteilung der Handschrift (nach inhaltlichen, nicht materiellen Gesichtspunkten) in sieben Abschnitte im Eintrag auf handrit.is. Die Abschnitte entsprechen den hier vorgestellten kodikologischen Einheiten, nur dass B dort noch einmal unterteilt wird in Þórður Þorláksson: Calendarium Perpetuum mit Pythagorastabelle zur Multiplikation (f. 170 - 211) sowie Lijted Agrip Umm þær Fioorar Species I Reiknings Konstenne (f. 212 - 217). Die Pythagorastabelle befindet sich jedoch bereits auf die Rückseite des Kalendariums und führt somit in das arithmetische Thema ein, das auf der Folgelage mit Lijted Agrip Umm þær Fioorar Species I Reiknings Konstenne weitergeführt wird. Es ist durchaus möglich, dass es sich hierbei um eine erweiterte kodikologische Einheit handelt. Vgl. Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is, <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ SAM-0066/ 0#mode/ 2up, 14.04.2022>. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.4 SÁM 66 (Melsteðs-Edda) 147 <?page no="148"?> umfassen Verzeichnisse, den Kalendarium und andere frühneuzeitliche Abhandlungen (A - C). In dieser Handschrift entspricht diese klare Einteilung der übergeordneten inhaltlichen Struktur. Jakob hat die Gesamtkompilation vermutlich nicht von Anfang an in dieser Form geplant und produziert, aber womöglich die einzelnen kodikologischen Einheiten modular vorbereitet und dann nach Wunsch zusammengesetzt. Jakob konnte evtl. so auf im Jahr 1765 vorproduzierte Inhalte (die beiden Eddas) zurückgreifen und hat diese dann 1766 um B (und wahrscheinlich A und C) ergänzt. Eine weitere Möglichkeit könnte sein, dass die entsprechenden Vorlagen erst beschafft werden mussten und sich deshalb die Arbeit zog. Der vom Hauptteil der Prosa-Edda (P.2) abgetrennte Block P.1 umfasst die Bildlage, die wohl separat hergestellt und hinzugewählt werden konnte. Die kodikologischen Einheiten dieser Handschrift entsprechen somit sicherlich den Produktionseinheiten der Handschrift, die aber schon bald zu einer Gebrauchseinheit zusammengestellt wurden. 4.4.3 Inhalt f. Inhalt f. 1r Edda-Lieder Titelseite - Inhaltsübersicht über Edda-Lieder - V ǫ luspá - Hávamál - Vafþrúðnismál - Grímnismál - Skírnismál - Hárbarðsljóð - Hymiskviða - Lokasenna - Þrymskviða - Balldrs draumar - Alvíssmál - V ǫ lundarkviða - Grógaldr - Fj ǫ lsvinnsmál - Grottas ǫ ngr - Hyndluljóð - Sólarljóð - Helgakviða Hundingsbana I - Helgakviða Hj ǫ rvarðssonar - Helgakviða Hundingsbana II - Frá dauða Sinfi ǫ tla - Grípisspá - Reginsmál - Fáfnismál - Sigrdrífumál - Guðrúnarkviða I - Gunnarsslagur - Guðrúnar lok f. 73r - 161v Prosa-Edda Bildlage mit 16 Illustrationen zu den Dæmisögur - Titelseite - Vorwort I - Vorwort II - Vorwort III - Vorwort IV - Prologus - Dæmisögur - Annar Partur f. 162r - 169v Runen und Schrift Schriftreihen ‒ Runen- und Geheimschriftreihen ‒ Isländisches Runengedicht (jüngere Fassung): Málrunir, þeirra myndir, nöfn og kenningar eftir stafrofi f. 170r - 211r Þórður Þorláksson: Calendarium Perpetuum (mit ausführlichem Kommentar zu astronomischen und medizinischen Themen, gedr. 1692 in Skálholt) f. 211v - 217v Arithmetik Pythagorastabelle zur Multiplikation ‒ Edward Hatton: Lijted Agrip Umm þær Fioorar Species I Reiknings Konstenne (isl. Übersetzung von Halldór Brynjólfsson, gedr. 1746 in Hólar) f. 218r - 234r Björn á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá f. 234v - 235r 199 Ættartala Óðins Tab. 17: Übersicht über die Inhalte von SÁM 66, die der Prosa-Edda zugehörigen Inhalte sind farbig hinterlegt. 199 Die Rückseite (f. 235v) enthält die Lesevermerke. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 148 4 Handschriftenportraits <?page no="149"?> Die Handschrift SÁM beinhaltet von allen vier analysierten Handschriften die größte inhaltliche Breite: Diese schließt ein Interesse an Literatur und eine antiquarische Perspektive auf die Geschichte, aber auch Arithmetik sowie ein Kalendarium mit einem ausführlichen Kommentar zu astronomischen und medizinischen Themen ein (Tab. 17). Die Auswahl der eddischen Dichtung entspricht der in NKS 1867 4to, und ‒ bis auf eine Ausnahme ‒ gilt dies auch für die Reihenfolge. 200 Damit enthält diese Handschrift ebenfalls insgesamt 29 Edda-Lieder, inkl. jüngerer wie Sólarljóð (f. 45v ‒ 49r) und Gunnarsslagur (f. 71r - 72r). Die Reihenfolge der Edda-Lieder wird in einer Inhaltsübersicht (f. 2r/ v) angegeben. 201 Weiterhin ist bemerkenswert, dass die V ǫ luspá ohne eigene Überschrift beginnt (f. 3r), hier übernahm möglicherweise der (heute durch Beschnitt beschädigte) Seitentitel die Funktion. Auch die Prosa-Edda umfasst ähnlich wie die beiden anderen jüngeren Handschriften einen erweiterten Prolog, wobei dieser inhaltlich etwas schlanker ausfällt: Hier gehören die Vorworte I ‒ IV sowie die Bildlage mit den 16 Bildseiten mit Illustrationen der Dæmisögur (f. 73r ‒ 80v) dazu. Es folgen Prologus (f. 94 ‒ 100r), Dæmisögur (f. 100r ‒ 136v) und Annar Partur (f. 137r ‒ 161v). Hier fehlen wie in den beiden anderen Handschriften die Ds. LXIX ‒ LXXII, die Nummerierung wurde wie in ÍB 299 4to entsprechend angepasst. Im Gegensatz zu den beiden anderen Handschriften finden sich auf den Rändern der Dæmisögur keine Annotationen, die den eddischen Figuren Entsprechungen aus der klassischen Mythologie im Sinne einer Interpretatio Romana beifügen. Im Gegensatz zu den anderen beiden Handschriften fehlen der Appendix edur Finale Eddu zur Prosa-Edda und eine Inhaltsübersicht über die Dæmisögur. Direkt an die Prosa-Edda schließen die Ausführungen zum Thema Schrift an, die in SÁM 66 in einer eigenen Lage gebündelt sind (f. 162r ‒ 169v): Hier finden sich neben zahlreichen Runen- und Geheimschriftreihen klassische Schriften wie Griechisch und Hebräisch (f. 162r). Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass sich Zugang zu dieser Form von Wissen verschafft werden sollte. Hier findet sich außerdem das Isländische Runengedicht (Málrunir, þeirra myndir, nöfn og kenningar eftir stafrofi) in der erweiterten, jüngeren Fassung so wie in den beiden anderen jüngeren Handschriften (f. 166r - 169r). Insgesamt sind die Runen- und Geheimschriften außerhalb dieser Lage deutlich reduzierter als in den anderen beiden Handschriften, aber dennoch punktuell und zentral angewendet wurden: auf den Titelseiten der beiden Eddas, im Kolophon (f. 72) und als Beischrift auf Þórs Gürtel Megingjarðar (f. 77v, 79v). Nach der Übersicht über die Schrift folgt das Calendarium Perpetuum von Bischof Þórður Þorláksson (f. 170r ‒ 211). Dieser enthält ein tabellarisches, immerwährendes Kalendarium, das für jeden Monat eine Doppelseite mit Feier- und Gedenktagen, 202 Tageslänge sowie Sonnenaufgangs- und Sonnenuntergangszeiten vermerkt. Daran schließt sich 200 Gunnarsslagur ist in SÁM 66 (f. 71r ‒ 72r) als vorletztes Lied eingefügt worden, in NKS 1867 4to war es dagegen nachträglich von Jakob den anderen Edda-Liedern vorangestellt worden. 201 In dieser Inhaltsübersicht gibt es zwei Fehler in Bezug auf die Reihenfolge, die in der Nummerierung korrigiert wurden: Dies betrifft Hymiskviða und Hárbarðsljóð sowie Gunnarsslagur und Guðrúnar lók. Weiterhin hat eine spätere Hand (vermutlich Árni Jónsson) auf der Inhaltsübersicht festgehalten, dass diese drei Edda-Lieder „ fehlen “ würden: Forspjallsljóð/ Hrafnagaldur Óðins, Atlamál in gr œ nlenzku und Rígsþula. 202 Die Liste der dort erwähnten Namen ist äußerst vielseitig und umfasst neben biblischen Figuren wie den Aposteln, den Brand von Troja, zahlreiche Bischöfe (im In- und Ausland), Martin Luther, den Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.4 SÁM 66 (Melsteðs-Edda) 149 <?page no="150"?> ein ausführlicher Kommentar zu astronomischen und medizinischen Themen an. Auf der Titelseite vermerkt Jakob, dass es sich hierbei um eine Abschrift der 1692 in Skálholt gedruckten Ausgabe handelt. Er hat auch die in Holzschnitten ausgeführten Illustrationen des Kommentars sehr genau kopiert. Ein kurzer, verbaler intertextueller Verweis auf die Eddas findet sich in der Aufzählung der alten Wochentagsnamen (wie týsdagur und þórsdagur, f. 184), diese werden jedoch als alt und heidnisch abgetan und ihnen weiter keine große Aufmerksamkeit geschenkt. 203 Es wird erklärt, wie die Goldene Zahl und damit das Osterfest berechnet wird. Dazu kommen Anleitungen zur Berechnung des ersten Sommertages, des faradagur, des Winterbeginns etc. und anderer relevanter beweglicher Termine rund um das isländische Jahr. Es wird der Unterschied zwischen dem Julianischen und Gregorianischen Kalender erklärt. Darauf aufbauend folgt astronomisches Grundwissen, das durch den Mondzyklus mit der Berechnung des Osterfestes etc. in Verbindung steht: Es geht um Himmelsrichtungen, den Sonnenstand, die Planeten (hier ohne Interpretatio o. ä.), Tierkreise und Mondphasen. Im zugehörigen Appendix sind medizinische Ausführungen enthalten, u. a. wird die Stelle des Aderlasses in Abhängigkeit vom aktuellen Tierkreiszeichen beschrieben und visuell dargestellt. Ein weiteres Thema, das sich nur in dieser der vier Handschrift findet, betrifft Ausführungen zur Arithmetik: Dazu gehört die Pythagorastabelle, in der die Ergebnisse der Multiplikation bis 9 x 9 verzeichnet sind (f. 211v). Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich die Titelseite der Abhandlung Lijtið Agrip Umm þær Fioorar Species I Reiknings Konstenne ( ‚ Kurze Übersicht über die vier Arten der Rechenkunst ‘ ). Es handelt sich dabei um die isländische Übersetzung von Edward Hattons (1721) An Intire System of Arithmetic durch den Bischof von Hólar, Halldór Brynjólfsson (1692 ‒ 1752), die 1746 unter dem Titel Reiknings Konst Edur Arithmetica in Hólar gedruckt wurde. Jakob übernimmt weitestgehend die Titelseite mitsamt ihrer Gestaltung 204 und auf den Folgeseiten erscheinen die Beispielrechnungen und Tabellen entsprechend der Vorlage (Abb. 26). Die Titelseite kündigt an, dass es sich hierbei um eine Abhandlung handelt, die in Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division einführt und fügt dann folgenden Zusatz hinzu: „ Handa Bændum og Bórnumm ad komast fijrst i þá stófun, og til mikillrar Nijtsemdar ef ydka sig i þvi sama, sierdeilis i kaupumm og solum. I hvórIumm Additio og Subtractio helst brukast. “ (SÁM 66, f. 212r). 205 Hiermit werden Zielgruppe (Bauern und Kinder) und Lernziel markiert (v. a. Kenntnisse von Addition und Subtraktion für den Handel). Den Abschluss der Handschrift bildet Björns á Skarðsá Útlegging yfir V ǫ luspá (f. 218r ‒ 234r) sowie die Ættartala Óðins (f. 234v - 235r), die beide inhaltlich wieder an Papst, dänische Könige und sogar der Geburtstag von Ovid. Hier scheint vor allem das Prinzip gegolten zu haben, für jeden Tag des Jahres ein Ereignis anführen zu können. 203 Gísli Sigurðsson (2004: 183, 2017: 217) hat mehrfach die inhaltliche Nähe des Kalendariums zu den Eddas betont. Obwohl kosmologische Fragestellungen in den Eddas thematisiert werden, so wird doch deutlich, dass der Kalendarium mit seinem Ansatz eher dem (natur)wissenschaftlichen Wissensstand der Zeit entspricht und das Interesse des frühneuzeitlichen Publikums weniger an den Mythen der Eddas lag, sondern sie diese aus einem antiquarisch-literarischen Interesse lasen, wie weiter unten noch ausführlich dargestellt wird. 204 Bereits die gedruckte isländische Titelseite hat Grundzüge der Gestaltung der englischen Ausgabe übernommen. 205 ‚ Für Bauern und Kinder, um ihnen die Grundrechenarten zu vermitteln und als wichtige Hilfe, wenn sie diese anwenden. Besonders beim Kaufen und Verkaufen, wofür am ehesten Addition und Subtraktion gebraucht werden. ‘ Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 150 4 Handschriftenportraits <?page no="151"?> die Eddas am Anfang der Handschrift anknüpfen. Die Lagenstruktur und (ursprünglich) leere letzte Seite, sprechen dafür, dass dieser Abschnitt im Zuge der Fertigstellung der Handschrift hinzukam. Der Umfang an antiquarisch-gelehrten Inhalten ist in SÁM 66 am geringsten und ihr Zugang setzt weniger solches Wissen voraus, dafür fällt die thematische Breite auf. Weiterhin zeigen Details - z. B. die Tabelle zur griechischen sowie hebräischen Schrift oder das Ausbleiben der Interpretatio Romana auf den Rändern der Dæmisögur - , dass sich diese Handschrift an ein Zielpublikum ohne formale Schulbildung richtete. Dafür ist sie als Lehrbuch für den Hausunterricht der durchschnittlichen Bevölkerung gut geeignet, was die vielen Hände erklären könnte, durch die die Handschrift ging, da sie womöglich nach einigen Jahren weitergereicht werden konnte. Die Lesenden konnten so ihre Freude an alter Literatur und unterhaltsamen Geschichten pflegen, ggf. Kenningar für die Dichtung von Rímur nachschlagen und Wissen über viele andere grundlegende Themen erlangen. Dieses Publikum umfasste den Vermerken nach Personen von unterschiedlichem Status. Aus dieser Handschrift wird deutlich, dass diese Menschen der Wunsch nach Bildung vereinte, auch wenn ihnen der Zugang zur formalen Bildung nicht möglich war. Die Handschrift ließe sich als kleine einbändige Handbibliothek beschreiben. Die Tatsache, dass die Handschrift in Nordamerika noch zusätzlich neue Bedeutungsdimensionen erlangen würde, konnten Jakob Sigurðsson und die Auftraggeber: innen um 1765/ 1766 noch nicht absehen. Abb. 26: Pythagorastabelle und Titelseite von Lijtið Agrip Umm þær Fioorar Species I Reiknings Konstenne, SÁM 66 (f. 211v ‒ 212r, die Doppelseite ist digital montiert). Fotos: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4.4 SÁM 66 (Melsteðs-Edda) 151 <?page no="152"?> 5 Neuschreiben Das Ziel dieses Abschnitts ist, die Strategien des Neuschreibens der Prosa-Edda in den vier Handschriften zu analysieren. Die Analyse zeigt dabei umfassend auf, wie der Erstdruck der Prosa-Edda nur eine vermeintliche Fixierung mit sich führte: Sie verhalf der Prosa- Edda zwar zu Popularität, führte aber nicht dazu, dass sie fortan als ‚ fester ‘ Text angesehen wurde. In diesem Abschnitt liegt ein besonderer Schwerpunkt auf den Kontinuitäten und Brüchen, die sich in der gemeinsamen Analyse des verbalen, visuellen und materiellen Textes auftun. Diese lassen sich in vier besonders umfangreich und variationsreich gestalteten Merkmalen der Handschriften - Prologe/ Rahmung, Titelseiten, Schriftbild und Illuminationen - beobachten; diesen ist deshalb jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet. Sie ermöglichen Einblick in die individuellen Neuschreibeprozesse der Handschriften: So präsentieren Titelseiten und Rahmung die Prosa-Edda den zeitgenössischen Leser: innen und zeigen heute noch, aus welchem Interesse sie diese lasen. Die Schrift und Illuminationen wurden in direkter Auseinandersetzung mit dem verbalen Text gestaltet. Diese können die Prosa-Edda ansprechend gestalten und Konnotationen hinzufügen. Ein abschließendes fünftes Kapitel vertieft die Neuschreibestrategien mit zwei detaillierten Fallstudien, die ihren Ausgang in den Illuminationen von Hárs lygi nehmen bzw. verschiedene Beispiele von Interpretatio Romana diskutieren. Sie führen dabei die Analyse verschiedener Neuschreibemerkmale zusammen und eröffnen zusätzliche Perspektiven über Island hinaus. Sie demonstrieren auch, wie aufschlussreich die gemeinsame Betrachtung dieser bisher nicht systematisch berücksichtigten Phänomene der Handschriftenkultur ist. Dass die Prosa-Edda heute als mittelalterlicher Text gelesen wird, ist eine Weiterentwicklung der Kanonisierungsprozesse in den Papierhandschriften, die im Neuschreiben wurzeln; dies wird weiter unten im darauffolgenden Abschnitt zur Rezeption herausgearbeitet. 5.1 Prologe und Rahmung In den vier untersuchten Handschriften finden sich sowohl frühneuzeitliche Bearbeitungen des Prologus der Prosa-Edda als auch weitere, der Prosa-Edda vorangestellte Inhalte, die wichtige Austragungsorte der Neuschreibeprozesses sind. Dieses Kapitel hat zum Ziel, die neuen prologischen Formen und Inhalte sowie den Umgang mit dem Prologus zu analysieren. Um das erfolgte Neuschreiben besser herausarbeiten zu können, wird zunächst in die mittelalterlichen Fassungen des Prologus und seiner Funktionen eingeführt. Anschließend wird das Konzept ‚ Prolog ‘ medial und auf kompilatorischer Ebene geöffnet, um die nachfolgend vorgestellten Phänomene greifen zu können. In AM 738 4to zeigt sich eine Umverteilung, in der Prologus-Auszüge in den Annar Partur verschoben werden, während wiederum Auszüge aus dem Annar Partur vorgezogen und zusammen mit wenigen anderen Inhalten (u. a. den Bildseiten) an den Anfang gestellt wurden: Diese Phänomene sollen als ‚ umverteilter Prolog ‘ bezeichnet werden. Diese Umstrukturierun- Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 <?page no="153"?> gen lassen eine komplexe Kompilationsarbeit erkennen, die hauptsächlich den verbalen Text der Prosa-Edda betrifft, der in die Illuminationen eingeflochten wurde, die nur wenig anderes Material darüber hinaus aufnehmen. Die drei jüngeren Handschriften zeigen eine andere Strategie: Deren ‚ erweiterter Prolog ‘ umfasst eine additive Zusammenstellung zahlreicher Materialien über den Prologus hinaus, u. a. Illuminationen sowie mehrere frühneuzeitliche Vorworte, deren Metaebene bereits die Rezeptionsperspektive auf die Prosa-Edda erkennen lassen. 1 Abschließend wird das Konzept der Rahmung in Bezug auf die Handschriften diskutiert. Das Konzept nimmt die Gesamtkompilation in den Blick und ist der Grund, warum zuweilen noch weitere Inhalte der Handschriften in die Analyse des Neuschreibens eingehen, z. B. wenn diese direkt auf die Prosa-Edda Bezug nehmen oder anderweitig Resonanz mit ihr erzeugen. Zwei der Phänomene - den Titelseiten und Illuminationen ‒ sind im weiteren Verlauf ausführliche Kapitel gewidmet, so dass deren Analyse an dieser Stelle nur kurzgehalten wird. 5.1.1 Der Prologus der Prosa-Edda In den mittelalterlichen Haupthandschriften der Prosa-Edda steht vor der Gylfaginning ein Abschnitt, der für gewöhnlich als Prologus bezeichnet wird - wobei die Handschriften ihn so nicht benennen; es handelt sich hierbei um spätere Zuordnungen der Forschung. Dieser ist in der Fassung des Codex Regius am Anfang defekt, weshalb in den gängigen Editionen für gewöhnlich die ersten Absätze aus anderen Handschriften ergänzt werden (vgl. Faulkes 2005 [1982]: xxxi, Finnur Jónsson 1931b: xviii - xix). Der Prologus in der Fassung des Codex Upsaliensis fällt kürzer, in der des Codex Wormianus deutlich länger aus, drei der Abschnitte kommen nur dort vor. Auf letzteren gehen die Fassungen der hier untersuchten frühneuzeitlichen Handschriften (via die Edda Magnúsar Ólafssonar) zurück. Die Abtrennung von Prologus und Gylfaginning ist oftmals nicht deutlich: Im Codex Upsaliensis werden beide Werkteile in der erwähnten Eingangsrubrik verbal nicht voneinander unterschieden. Auch visuell ist der Beginn der Gylfaginning nur subtil markiert, so dass er nahezu fließend an den vorhergehenden Prologus anschließt und beide strukturell zusammengehörig in Erscheinung treten (vgl. Rösli 2015: 55 - 56, Wellendorf 2013: 145). 2 Dies hat Rösli schlüssig dahingehend interpretiert, dass der sogenannte Prologus als Beginn des verbalen Erzählens in Erscheinung tritt, der sogar noch davor, nämlich mit der Bildseite des Bischofs (f. 1v), ansetzt. Als viel einschneidender wird manchmal der als Zäsur bezeichnete Abschnitt mit Namenslisten und Illuminationen aufgefasst (Krömmelbein 1992: 120), der sich inhaltlich und visuell von den anderen Handschriften absetzt und einen Wechsel nach den vorangehenden Prosa-Abschnitten einleitet. Heimir Pálsson (2012a: lxxiv) teilt die Handschrift an dieser Stelle in zwei Hälften: Die erste bezeichnet er inklusive der Listen und Illuminationen als Liber primus und unterscheidet sie so vom nachfolgenden Liber secundus, der den größten Abschnitt der Skáldskparmál mit Kenningar und Heiti, Háttatal, Illumination sowie das davor 1 Beide Bezeichnungen - umverteilter und erweiterter Prolog - sind rein heuristische Kategorien dieser Arbeit, die die komplexen Phänomene nicht verkürzen sollen. 2 Die dreizeilige Initiale zu Beginn von Kap. 5 liegt noch innerhalb des Spektrums der einbis dreizeiligen Kapitelinitialen und markiert keinen neuen Abschnitt. Die Anfangsinitiale der Handschrift zu Beginn des Prologus (f. 2r) ist mit 4 Zeilen größer und reicher verziert. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 153 <?page no="154"?> befindliche Zweite Grammtischen Traktat umfasst. Das visuelle Kontinuum zwischen Prologus und Gylfaginning gilt ebenfalls für die beiden anderen mittelalterlichen Haupthandschriften: Der Codex Regius (GKS 2367 4to, f. 1v) gestaltet den Übergang zwischen Prologus und Gylfaginning zwar mit einer dreizeiligen Initiale, aber damit ebenfalls nicht aufwändiger als andere Kapitelanfänge und im Codex Trajectinus (MS 1374, f. 1v) ist keine Abgrenzung zwischen beiden Abschnitten zu verzeichnen. Die heute übliche Unterteilung wird nur vom visuellen Text des Codex Wormianus (AM 242 fol., f. 4v/ pag. 8) getragen, denn der Beginn der Gylfaginning wird darin durch eine größere, vierzeilige Initiale hervorgehoben. Der Prologus hat umfangreiche Debatten in der Forschung bewegt, u. a. wurde die Autorschaft kontrovers diskutiert, die Gelehrtheit (und damit implizit ‚ Snorris ‘ ) kleinteilig nachvollzogen und zentrale Inhalte wie der Euhemerismus und die Anknüpfung an den europäischen Kanon mittelalterlicher Narrative einer trojanischen Herkunft diskutiert. 3 Diese beschreiben wie Óðinn nach Norden zieht und in den besuchten Ländern seine Söhne als Könige von u. a. Dänemark, Schweden und Norwegen (nicht aber Island) einsetzt und so zum Stammvater mehrerer Königshäuser wird. Diese Erzählung wird in das christliche Schöpfungsnarrativ eingegliedert. Oft dient als Argument, dass sich auf diese Weise die Lektüre eddischer Mythen mit dem christlichen Glauben des Publikums habe vereinen lassen. Im Prologus klingt auch eine Interpretatio Romana durch verwobene Genealogien und das Gleichsetzen von klassisch- und nordisch-mythologischen Namen an. Die ungewöhnliche inhaltliche Konzeption des Prologus hat immer wieder Verwunderung und vor allem Zweifel an ‚ Snorris ‘ Autorschaft ausgelöst. So ist ein Argument, dass die genealogische Ansippung zu wenig Kenntnis des Troja-Mythos zeige und eine „ strange mixture of genuine tradition and fantasy or ignorance “ (Faulkes 1978/ 1979: 35) sei. Die Haltung, die der Prologus den Æsir gegenüber einnimmt, hat Faulkes (1985) dagegen als „ pagan sympathy “ und damit als wohlgesonnen gelesen. Die meisten Untersuchungen basieren vor allem auf den erwähnten zusammengesetzten Editionen des Prologus; also einer Fassung, die in keiner der mittelalterlichen Handschriften existiert. Der für die frühneuzeitlichen Handschriften relevanten Fassung des Codex Wormianus wurde erst von Wellendorf (2013, 2018: 100 - 108) detaillierte Aufmerksamkeit geschenkt. Er hat sehr überzeugend argumentiert, dass der Codex Wormianus eine ganz andere Perspektive auf die Æsir einnimmt als die drei anderen Handschriften. Die drei zusätzlichen Abschnitte würden thematisch eine regionale Variante desselben Phänomens beinhalten, die alle aus „ a nexus of conquests, migrations, and linguistic loss, and thereafter the topic of the rise of disbelief “ (Wellendorf 2018: 104) bestünden. Diese regionalen Varianten zentrieren einen Protagonisten, der sich ‒ anders als in den anderen Prologus-Fassungen ‒ jeweils als Gott verehren ließ (und den Menschen damit nicht nur als gottähnliche Wesen erschien): Saturn in Kreta, Zoroaster in Babylon und Óðinn (und Gefolge) im Norden. Im Codex Worminanus sei dadurch eine weitaus weniger wohlwollende Perspektive auf die eddischen Gött: innen zu verzeichnen: 3 Einige zentrale Beiträge zum Prologus waren: Beck (2004, 2007), Dronke/ Dronke (1977), Faulkes (1978/ 1979, 1979b, 1985), Gunnar Harðarson (2016), Klingenberg (1992 [1993]), Rösli (2013), Schneeberger (2020: 61 - 78), von See (1990, 1999), Strerath-Bolz (1991, 1998) und Wellendorf (2013, 2018). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 154 5 Neuschreiben <?page no="155"?> If the prologue to the Prose Edda in the standard version presents the rise of disbelief in the North with some sympathy and sees it as a consequence of the cultural benefactions brought about by benevolent culture heroes, the longer version of Prologus found in Codex Wormianus actively seeks to undermine this view. (Wellendorf 2018: 100) Wellendorf begründet diese Lesart folgendermaßen: When reading the long version of the prologue as a fully valid and coherent text in its own right, one finds that it deals with presumption, conquests, and arrogance, and that these factors cause the rise of idolatry and linguistic losses. Furthermore, the migration of the Asians and their settling in the North appears much less like a triumphal procession, as they are said to have been forced to flee by the Romans, who, under the leadership of Pompey, advance into their area. (Wellendorf 2018: 101) Diese drei zusätzlichen Abschnitte würden also die Gleichsetzungen der verschiedenen nichtchristlichen Mythologien verstärken. Diese ähnelten sich nicht nur in Bezug auf das jeweilige Pantheon, sondern auch in Bezug auf den nichtchristlichen Irrglauben eine Form der Interpretatio (Romana) darstellen (s. u., Kap. 5.5.2). Faulkes (1978/ 1979: 12 - 13) hatte diese zusätzlichen Abschnitte im Codex Worminanus dagegen ‒ offensichtlich die „ pagan sympathy “ schon vorausgreifend - eher positiv gelesen, weil sie den skandinavischen Königshäusern nicht nur eine Abstammung von Óðinn einbrachten, sondern diese auch zu den Göttern der klassischen Antike verlängerten. Magnús Ólafsson hatte diese längere Fassung des Codex Wormianus vorliegen, 4 als er die Prosa-Edda überarbeitete und so fanden diese zusätzlichen Abschnitte auch Eingang in die gedruckte Edda Islandorum. Prolog als Konzept Nachfolgend sollen die Funktion von Prologen und Vorworten kurz erörtert werden, denn interessanterweise scheint der Prologus üblichen Definitionen nicht unbedingt zu entsprechen. Anders sieht es aus mit den in den drei jüngeren Handschriften eingefügten zusätzlichen Vorworten. Um dies genauer abwägen zu können, sei an dieser Stelle Genettes (2014 [1987]: 157 - 280) Definition zu Vorworten kurz zusammengefasst. Ihm zufolge seien Vorworte „ alle Arten von auktorialen oder allographen Texten (seien sie einleitend oder ausleitend), die aus einem Diskurs bestehen, der anläßlich des nachgestellten oder vorangestellten Textes produzierte wurde. “ (Genette 2014 [1987]: 157). Aufgabe sei die Vorbereitung und Lenkung der Lektüre, indem z. B. Aufbau und Reihenfolge begründet würden. Die Hauptfunktion von auktorialen Vorworten liegt laut Genette darin, „ eine gute Lektüre des Textes zu gewährleisten “ sowie zu erläutern, „ warum und wie Sie dieses Buch lesen sollen “ (Genette 2014 [1987]: 191, Hervorhebungen von Genette). So könne das Werk und sein Aufbau erläutert oder der Titel kommentiert werden. Sogenannte allographe Vorworte hätten dagegen zum Ziel, für Autor: in oder Thema zu werben. Wie bereits zuvor erwähnt, sind Genettes Definitionen von Paratexten nicht auf der Logik vormoderner Handschriftenkultur modelliert, sondern beziehen sich vor allem auf moderne gedruckte Bücher, die Werke von Autor: innen enthalten. In Antike und Mittelalter seien Vorworte nämlich zunächst „ in Wirklichkeit Abschnitte des Textes “ (Genette 2014 [1987]: 165) gewesen und hätten sich erst mit dem Buchdruck vom nachfolgenden 4 Der Prologus wird jedoch nur von Handschriften der Y-Fassung umfasst (Faulkes 1979a: 54). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 155 <?page no="156"?> Werk gelöst und den Status eines separaten Metatextes eingenommen, der sich auf das nachfolgende Werk beziehe und über Werk, Titel, Thema oder Autor: in reflektiere. Grund sei, dass dieser erst im Buchdruck durch Merkmale des visuellen Textes - z.B Kursivdruck oder ein anderes Paginierungssystem - hätte abgegrenzt werden können. Genette formuliert dies so: Das Vorwort, das sich in den heute bekannten und zum Teil vorhin erwähnten Formen der Aufmachung vom Text abhebt, ist, wie alle Elemente des Paratextes, an die Existenz des Buches, das heißt des gedruckten Textes geknüpft. Die Ära der Handschriften zeichnet sich auch hier durch eine unschwer verständliche Sparsamkeit der Mittel aus. (Genette 2014 [1987]: 159) Auch hier zeigt sich, dass Genette wenig Bewusstsein für die Möglichkeiten und den Reichtum vormoderner Buch- und Handschriftenkultur hat - was aber auch daran liegt, dass er die Handschriftenkultur nur bis zum Ende des Mittelalters in seine Überlegungen einbezieht. Die Beobachtung, dass sich paratextuelle Elemente im Takt mit der visuellen Gestaltung zunehmend ausdifferenzierten, wurde im Sammelband Die Pluralisierung des Paratextes in der Frühen Neuzeit (von Ammon/ Vögel 2008a) ausführlich dargelegt. Die Herausgeber schreiben im Vorwort, dass die Pluralisierung eine mengenmäßige und quantitative Vervielfältigung umfasse (von Ammon/ Vögel 2008b: XIII). Deshalb ließe sich die Frühe Neuzeit als Blüte des Paratextes beschreiben: „ Aus diesem Grund kann die Frühe Neuzeit auch als die erste eigentliche Epoche des Paratextes und die Pluralisierung des Paratextes als eine markante Signatur dieser Epoche gelten. “ (von Ammon/ Vögel 2008b: XV). So legt die nachfolgende Analyse eine deutliche Pluralisierung der prologisch eingesetzten Inhalte nahe, vor allem im Vergleich zu den mittelalterlichen Handschriften. Dennoch sollte nicht vergessen werden, dass der Codex Upsaliensis mit der Bildseite des Bischofs und der erwähnten Eingangsrubrik (DG 11 4to, f. 1v - 2r) zwei weitere Elemente an den Anfang stellt, die Parallelen zu den hier untersuchten Papierhandschriften zeigen. Zu Vorworten in der altwestnordischen Literatur hat Sverrir Tómasson (1988) eine umfangreiche Arbeit vorgelegt, den Prologus der Prosa-Edda aber nicht ausführlich besprochen. Sverrir zufolge seien Vorworte durch Rezeption und Imitation der klassischen Rhetorik entstanden und fänden sich - mit Ausnahme der Íslendingas ǫ gur - auch in der mittelalterlichen isländischen Literatur. Er fasst Vorworte zwar (implizit) als Teil des jeweiligen Werkes auf, doch seien diese über Rubriken vom nachfolgenden Werk abgetrennt. Vorworte würden Werke oder Werkabschnitte einleiten, welche sie aus einer Metaperspektive betrachteten, indem sie Vorgehensweise und Thema der Werke erörterten. Dazu zähle auch die Darlegung der causa scribendi, d. h. des Grundes des Abfassens, die in der Bewahrung von Wissen oder einer erbaulichen Lektüre mit Vorbildwirkung liegen könne (Sverrir Tómasson 1988: 81). Weiterhin könnten die Quellen dargestellt (wobei mündliche Berichte weiser Männer schriftlichen Quellen vorgezogen würden) sowie der Werktitel begründet werden. In Bezug auf den Prologus der Prosa-Edda kommt er zum Schluss, dass dieser die Form eines „ prologus ante rem “ habe, und sich als das erste in das Werk einleitende Kapitel beschreiben ließe (Sverrir Tómasson 1988: 5). Insofern lässt sich die nachfolgende Metapher, mit der er das Verhältnis von Vorworten und Werk allgemein fasst, durchaus auf den Prologus übertragen: „ Formáli ritverks er sem anddyri húss; hann er inngangur að einhverju stærra sem bíður handa næsta dyra. “ ( ‚ Der Prolog eines literarischen Werkes ist wie die Eingangshalle eines Hauses; er ist Eingang zu etwas Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 156 5 Neuschreiben <?page no="157"?> Größerem, was hinter der nächsten Tür wartet. ‘ , Sverrir Tómasson 1988: 1) - das Vorwort ist somit als Eingangshalle zentraler Teil der Gesamtarchitektur. In Handschriften wird der Prologus erst in der Frühen Neuzeit als formáli ( ‚ Vorwort ‘ ) bezeichnet. An den etablierten Sprachgebrauch der Forschung anknüpfend, wird der Prologus auch in dieser Studie als solcher benannt, die Kursivierung kennzeichnet ihn als Titel eines der Werkteile (und steht nicht als Gattungsbezeichnung recte). Weiterhin wird das Konzept ‚ Prolog ‘ in den hier untersuchten Handschriften deutlich erweitert: So sind in den drei jüngeren Handschriften weitere Vorworte als formáli bezeichnet worden, die nachfolgend zur leichteren Abgrenzung als Vorworte I - IV bezeichnet werden (vgl. Faulkes 1979a: 31). Weiterhin wird in Bezug auf die vier analysierten Handschriften vom ‚ umverteilten Prolog ‘ (in AM 738 4to) und ‚ erweiterten Prolog ‘ (in den drei jüngeren Handschriften) gesprochen. Konkret handelt es sich beim ‚ umverteilten Prolog ‘ um die Inhalte, die nach der Titelseite stehen oder verbal dem Prologus entspringen. Als ‚ erweiterter Prolog ‘ werden alle Inhalte zwischen der Titelseite der Prosa-Edda und Beginn der Dæmisögur bezeichnet. 5 Diese Inhalte sind durch eine erstaunliche mediale Vielfalt geprägt und umfassen u. a. Listen, Bildseiten und Schriftreihen. Diese Prologe bilden im weiteren Verlauf die wichtigste Untersuchungsgrundlage und stellen in ihren jeweiligen Vertiefungen, Verschiebungen und Auffächerungen in Bezug auf die Prosa- Edda ganz besondere Neuschreibephänomene dar. Kompilation, Sammlung, Komposit Die beiden unterschiedlichen Prologformen verdeutlichen die grundlegend unterschiedlichen Strategien im Neuschreiben der Prosa-Edda: In AM 738 4to die der Neukompilation und in den drei jüngeren Handschriften die des Sammelns. Johansson (2018: 125 - 126) hat diese Arbeitsschritte folgendermaßen unterschieden: Er definiert die Kompilation als Prozess, bei dem aus verschiedenen Vorlagen eine Textfassung zusammengeführt und umgestellt wird und nachfolgend eine neue Fassung ( „ text-work “ ) repräsentiert, die wieder neu kopiert werden könne. Für AM 738 4to gilt, dass beim Umkompilieren vor allem mit den verbalen Inhalten der Prosa-Edda gearbeitet wurde und diese umgestellt, Inhalte weggelassen und gekürzt und an anderer Stelle aufgefüllt wurden. Dies wird im nachfolgend vorgestellten ‚ umverteilten Prolog ‘ als ausschlaggebende Strategie deutlich. Dagegen bezeichnet Johansson die Sammlung ( „ collection “ ) als das gezielte Zusammentragen mehrerer einzelner Inhalte, die hintereinandergeschrieben werden. In den drei jüngeren Handschriften ist genau dies zu beobachten: Das serielle Aneinanderreihen von zusätzlichen Materialien unterschiedlicher Provenienz im ‚ erweiterten Prolog ‘ macht hier die signifikante Strategie des Neuschreibens aus, mit der Struktur der verbalen Inhalte der Prosa-Edda selbst wurde in diesen dagegen weniger gearbeitet. 5.1.2 Umverteilter Prolog in AM 738 4to Im ‚ umverteilten Prolog ‘ von AM 738 4to verschwimmen die Grenzen zwischen Text und Paratext: Es wurden einige Kapitel aus dem Annar Partur extrahiert, mit Illuminationen 5 Die Ausnahme bilden die die Dæmisögur illustrierenden Bildlagen in NKS 1867 4to und SÁM 66, die vermutlich aus produktionspraktischen Gründen direkt vor der Titelseite angeordnet sind, sich aber visuell und verbal explizit auf die Dæmisögur beziehen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 157 <?page no="158"?> und Listen angereichert und paratextuell als Einleitung zwischen die Titelseite und Eddas geschoben (AM 738 4to, f. 34r - 45v). Darin lassen sich auch einige wenige, sehr kurze Versatzstücke aus den Dæmisögur finden. Darüber hinaus wurden Abschnitte des Prologus in den Annar Partur eingefügt (AM 738 4to, f. 99r13 - 40, 99v - 101r6). 6 Diese Verwebungen zeugen von aktiver Kompilationsarbeit mit dem verbalen Text der Prosa-Edda, der außerdem um weitere Inhalte und Illuminationen erweitert wurde. Beide Abschnitte sind durch verbale Hinweise aneinandergebunden, was verdeutlicht, wie bewusst sich die Haupthand (3) dieses Neuarrangements war. Sie hatte ein Verständnis für die Zugehörigkeit und Anordnung der entnommenen Abschnitte des Annar Partur und erachtete es relevant, diese Entscheidungen zu vermerken. Auf der ersten Seite steht nach einer Übersichtsliste über die Æsir: „ kiennijngar allra äsa eru fyrr skrefter adar i bokinni þar sem æser eru uppmindader “ ( ‚ die Kenningar aller Æsir stehen vorne im Buch geschrieben, dort wo die Æsir abgebildet sind ‘ , AM 738 4to, f. 98r32 - 34). Im Abschnitt über Freyja wird nach den ersten zwei Kenningar ebenfalls nach vorne verwiesen: „ og so framm epter sem firr er ritad “ ( ‚ und so weiter wie zuvor geschrieben steht ‘ , AM 738 4to, f. 98v). Die Tatsache, dass von Freyja zunächst noch die ersten zwei Kenningar angegeben werden, spricht dafür, dass dieses Arrangement nicht von einer Vorlage übernommen, sondern von Haupthand (3) für diese Handschrift erarbeitet wurde. Diese beiden zentralen Phänomene des umverteilten Prologs werden nun einzeln erörtert. 5.1.2.1 Die illuminierten Lagen mit den Prosa-Edda-Auszügen Als Einleitung zu den Eddas erscheinen zwei Lagen, in der sich alle Illuminationen der Handschrift befinden (AM 738 4to, f. 34 - 45, Abb. 27): Lage v umfasst die Titelseite sowie die Illuminationen von den Gött: innen (und Riesinnen) mit den synoptisch angeordneten Extrakten aus der Prosa-Edda. 7 Im Anschluss folgt Lage vi mit vier Illuminationen zu eddischen Orten und Monstern sowie weiteren Listen. Diese beiden Abschnitte haben insgesamt 24 Seiten, davon zwölf primäre Bildseiten und elf primäre Textseiten sowie eine Titelseite. Weil die Titelseite für beide Eddas gilt (für deren ausführliche Analyse vgl. unten Kap. 5.2.2.1), bedeutete dies, dass diese Einleitung mit den Illuminationen und extrahierten Prosa-Edda-Abschnitten ebenfalls für beide Eddas gelten muss. Die Illustrationen fungieren als visuelle Erweiterungen der poetischen Umschreibungen und sind teilweise mit komplexen Beischriften versehen. Interessant ist, dass auf diesen Seiten vier Hände sichtbar sind: Hand 1 hat die Illuminationen und Titelseite gestaltet, die Lieder- Edda-Hand (2) hat einige Beischriften in Lage vi geschrieben, 8 die Haupthand (3) hat die meiste Schrift (v. a. die vorgezogenen Kapitel und einen Großteil der Beischriften) beigesteuert und die Ergänzungshand (5) hat die Kapitel und Beischriften mit Varianten aufgefüllt und eine Illumination gezeichnet (H œ nir, f. 40v). Diese Abschnitte ziehen die Aufmerksamkeit auf die Eddas, führen zentrale Figuren und Themen ein, setzen Schwer- 6 Diese Einleitung mit den Illuminationen und Extrakten und der Annar Partur sind von einem größeren Abschnitt (f. 46 - 97) unterbrochen, der u. a. die eddische Dichtung umfasst, die ebenfalls auf der gemeinsamen Titelseite angekündigt wurde. 7 Die Höhe und Positionierung der Zeichnungen und Kapitel sind aufeinander abgestimmt. Die Kapitel richten sich nach den Illuminationen und sind ein Hinweis darauf, dass die Kapitel erst nach den Zeichnungen geschrieben wurden. 8 Es handelt sich um das Grímnismál-Zitat zu Valh ǫ ll (f. 42v) und die Dæmisögur-Zitationen bei Fenrir (f. 43v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 158 5 Neuschreiben <?page no="159"?> Abb. 27: Der erste Abschnitt vom umverteilten Prolog: Illuminationen, Prosa-Edda-Auszüge u. a., AM 738 4to (f. 34 - 45). Fotos: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir, Montage: Friederike Richter. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 159 <?page no="160"?> punkte und kontextualisieren mittels weiterer Inhalte. Sie enthalten doch keine echte Metaebene auf die Eddas (außer die Titelseitenbeschriftung), die in Inhalt und Form für Prologe typisch wäre. Die beiden Lagen werden nun einzeln vorgestellt. Die Lage v ist eine Quaternio-Lage (f. 34 - 41), in der auf die Titelseite (f. 34r) acht Bildseiten sowie sieben Schriftseiten folgen. Die Illuminationen stellen anthropomorphe Figuren aus der Prosa-Edda dar: Gött: innen und die zwei Riesinnen Gunnl ǫ ð und Þ ǫ kk, die als menschliche Figuren einer zeitgenössischen isländischen Oberklasse gezeigt werden (s. u., Kap. 5.4.3.4). Die Schriftseiten ordnen, soweit vorhanden, den entsprechenden Abschnitt aus dem Annar Partur der dargestellten Figur zu. Ein paar Abschnitte sind zusätzlich durch kurze Versatzstücke aus den Dæmisögur ergänzt worden. Faulkes (1979a: 122 - 123) schlägt vor, dass diese Arbeit evtl. vom Kompilator der Handschrift ausgeführt worden sei. Die Struktur der Händerverteilung lässt darauf schließen, dass es sich hierbei um die Haupthand (3) handelt, die diese Kompilationsarbeit vornahm. Später hat die Ergänzungshand (5) noch weitere Kenningar und Heiti v. a. aus der Edda Islandorum und eine Illumination von H œ nir mitsamt einer zugehörigen, kurzen Kenningarliste ergänzt (f. 40v). Die Zeichnung fügt sich thematisch wie stilistisch in die bestehende Illuminationsserie ein, bricht jedoch durch ihre Platzierung auf einer Schriftseite die ursprüngliche Trennung zwischen Schrift- und Illuminationsseiten auf. Die Auswahl der vorgezogenen Kapitel entspricht zum großen Teil den Anfangskapiteln vom Annar Partur der Edda Magnúsar Ólafssonar (Y-Fassung) bzw. der Edda Islandorum, in der diese Kapitel auch an den Beginn gestellt worden waren, wenn auch in anderer Reihenfolge. 9 Die Gestaltung dieser Lage ist über die synoptische Paarung von Illumination und Annar-Partur-Kapitel als aufgeschlagene Doppelseite angelegt. Zusätzlich ist die Auswahl der Dargestellten um Yngvi und die beiden Riesinnen Gunnl ǫ ð und Þ ǫ kk ergänzt worden, die in den Dæmisögur beschrieben werden. Die Illuminationshand (1) und Haupthand (3) müssen dementsprechend für die Gestaltung der Zeichnungen und Beischriften die Dæmisögur gekannt haben. Die zweite illuminierte Lage vi ist eine Binio-Lage (f. 42 - 45). Sie enthält vier Bildseiten mit gegenüberliegenden Illuminationen von Valh ǫ ll und Midgardschlange sowie Fenrir und Yggdrasill mit teilweise recht umfangreichen Beischriften (s. u., Kap. 5.4.4). Diese zitieren u. a. aus den Grímnismál (Valh ǫ ll) und Dæmisögur (Fenrir), und auch die Motivwahl deutet einen Bezug auf diese und nicht den Annar Partur hin, wo diese nur als Bestandteile von Kenningar ohne weitere Beschreibung eingehen. Die Zusammenstellung der Motive beinhaltet zwei weitere zentrale Konzepte der Mythologie: Monster (Midgardschlange, Fenrir) und mythische Orte (Valh ǫ ll, Yggdrasill). Die vier Schriftseiten dieser Lage enthalten unterschiedliche Listen: Zu diesen gehört ein Verzeichnis über Namen aus der klassischen Mythologie (f. 42r, Transkription im App. 5.2.1.1), in dem Namen (und Funktionen) der Gött: innen und anderer mythischer Wesen (Monster etc.) aufgezählt werden. 10 Verbale Verknüpfungen zu den eddischen Gött: innen entstehen dadurch, dass beispielsweise die Bezeichnung „ affmörz gidia “ ( ‚ Liebesgöttin ‘ ) sowohl auf dieser Liste bei 9 In der sehr ähnlichen, jüngeren Handschrift Stockholm, Nordiska Museet, 64.934 findet sich ebenfalls diese ungewöhnliche Reihenfolge zu Beginn des Annar Partur, erscheint dort aber ohne Illuminationen und ist Teil desselben (vgl. Faulkes 1979a: 121 - 123). 10 Vergleichbare Listen finden sich in 64.934 sowie in der ebenfalls jüngeren Handschrift Edinburgh, The Advocates Library, 21.6.7 (Faulkes 1979a: 121, 130 und Margrét Eggertsdóttir 2014a: 119). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 160 5 Neuschreiben <?page no="161"?> Venus steht als auch in der Beischrift zu Freyja (f. 37v). Weiterhin befindet sich hier eine Liste mit Personennamen aus der Sturlunga saga (f. 44v, Transkription im App. 5.2.1.2), die vielleicht zunächst an die Ættartala Sturlunga des Codex Upsaliensis denken lässt, aber doch stark von ihr abweicht, und sich vor allem für Beinamen zu interessieren scheint; Snorri Sturluson ist nicht verzeichnet. 11 Weiterhin stehen hier die Annar-Partur-Abschnitte „ Dverga kienijngar “ , „ sverdskiennijngar “ , „ ä sverdi heiter oddurinn “ sowie „ sär mä kïenna so “ (f. 45r/ v), die ebenfalls aus vorgezogen wurden, aber in keinem näheren Verhältnis zu den Illuminationen stehen. 12 Unabhängig davon, ob die Dæmisögur früher Teil der Handschrift waren, wird deutlich, dass diese Reihe nach den Vorstellungen der Hände umgesetzt wurde und dabei die Grenzen zwischen allen drei Werkteilen - nicht nur zwischen Prologus und Annar Partur, sondern auch zu den Dæmisögur - deutlich durchbrochen wurden. 5.1.2.2 Prologus-Interpolationen im Annar Partur Weiterhin sind in AM 738 4to zwei Prologus-Auszüge in den Annar Partur eingeschoben worden (vgl. Faulkes 1979a: 123), eine Transkription dieser beiden Abschnitte befinden sich im Appendix (App. 5.2.2). Bemerkenswert ist, dass sie als gleichberechtigte Kapitel in den Annar Partur integriert sind. Nur der zweite, längere Auszug hebt sich aufgrund der Prosaform inmitten der Listen und Strophen etwas ab. Die Genealogie im ersten Auszug ist teilweise als Liste angeordnet und entspricht somit der Seitengestaltung mancher Kenningarlisten im Annar Partur. Beide sind wie alle anderen Kapitel mit einer zentrierten Überschrift markiert (Abb. 28 - 29) und gliedern sich auf diese Weise nahtlos in den Annar Partur ein. Erst aus einer vergleichenden Perspektive ‒ aber nicht aus der Handschrift selbst ‒ wird ersichtlich, dass diese beiden Abschnitte aus dem Prologus stammen. Inhaltlich bieten sie Ausführungen zur Genealogie Óðins und die zweite Interpolation endet mit dem Verweis auf die nachfolgenden Generationen. Beide Auszüge sind im Anschluss an die Liste über die Söhne Óðins platziert, auf der Folgeseite stehen Beispielstrophen für Kenningar, die Óðinn umschreiben. Die Auswahl und Platzierung lässt sie also als gut integrierter, vertiefender Exkurs verstehen. Sie tragen diejenigen Narrative bei, deren thematische Kontextualisierung als so zentral angesehen wurde, so dass sie an dieser Stelle eingefügt wurden - auch wenn sie nicht direkt auf die Dichtung Bezug nehmen. Der erste Auszug „ Ætt ödinns frä Troiumönnum “ ( ‚ Óðins Abstammung von den Trojanern ‘ , AM 738 4to, f. 99r13 - 40, Abb. 28) stellt Óðins Stammbaum vor und leitet seine trojanische Herkunft von Priamos her. 13 Diese Darstellung ist dem - im Vergleich zu anderen Fassungen ‒ knapperen Wortlaut des Prologus des Codex Upsaliensis (DG 11 4to, f. 2v) am nächsten. 14 Sie beginnt mit König Menon und dessen Frau Trojana, der Tochter des trojanischen Königs Priamos, und führt über deren gemeinsamen Sohn Trór, „ er vier 11 Der hier verzeichnete Snorri trägt den Beinamen bláháttr. Damit steht die Liste im Gegensatz zur Ættartala Sturlunga, die zusammen mit den beiden anderen Listen Skáldatal und L ǫ gs ǫ gumannatal Krömmelbein (1992) die vordergründige Funktion hat, Snorri Sturluson und seine Familie herauszuheben und zu huldigen. 12 Lediglich die skaldischen Beispielstrophen zu Schwert und Wunde finden sich weiter hinten (f. 123r). 13 Incipit: „ Kongur hiet menon “ , Explicit: „ hanz son Voddinn er vit køllum ödinn “ . 14 Diese Episode findet sich an gleicher Stelle in der jüngeren Handschrift 64,934. Eine ähnliche, aber deutlich längere Fassung dieses Abschnitts findet sich in der Edda Islandorum (f. A4r), vgl. Codex Wormianus AM 242 fol. (f. 3v26 ‒ 4r10). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 161 <?page no="162"?> Abb. 28: Beginn des ersten Prologus-Auszuges im Annar Partur, AM 738 4to (f. 99r13). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Abb. 29: Beginn des zweiten Prologus-Auszuges im Annar Partur, AM 738 4to (f. 99v1). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 162 5 Neuschreiben <?page no="163"?> køllumm þör “ ( ‚ den wir Þórr nennen ‘ , AM 738 4to, f. 99r16 - 17) und seiner Frau Sybilla/ Sif, einer Seherin, über weitere Generationen schließlich zu Óðinn. Der zweite Auszug trägt die Überschrift „ Um säturnumm og hanns frammferdi “ ( ‚ Über Saturn und sein Verhalten ‘ , AM 738 4to, f. 99v - 101r, Beginn auf Abb. 29). Inhaltlich entspricht er einem Abschnitt aus dem Prologus der Edda Magnúsar Ólafssonar (Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 324/ 93 - 326/ 159), wie er auch in den drei jüngeren Handschriften auftritt (vgl. NKS 1867 4to, f. 115r6 - 116r22). Dieser hat inhaltliche Paralleln zum Vorwort II der drei jüngeren Handschriften. 15 Der Auszug geht auf eine Episode des Prologus des Codex Wormianus zurück, die Wellendorf (2013, 2018) als Argument für die negativere Sicht auf die eddischen Götter heranzieht. 16 Der Auszug berichtet von Saturn und Jupiter: Es werden ausführlich die Taten Saturns dargestellt, wie dieser auf Kreta als Gott verehrt wurde, danach durch Europa zog und den Namen Nj ǫ rðr annahm. Sein Sohn sei Jupiter und dessen Nachfahre Priamos, der höchste König von Troja. 17 Dieser zweite Abschnitt liefert also die Vorgeschichte zu König Priamos, mit dem der vorherige Auszug beginnt. 18 Der abschließende Satz ist ohne bekannte Vorlage und stellt einen genealogischen Bezug von Saturn und Óðinn her: „ So seiger ad ödinn äsa kongur hafi verid kominn af saturno og honum 22: frä hønumm eff riett er til rekid af fornumm frasøgumm. “ ( ‚ So sagt man, dass Óðinn, König der Æsir, von Saturn abstammt und von ihm 22 [Generationen], wenn das in den alten Erzählungen korrekt zurückverfolgt wurde. ‘ , AM 738 4to, f. 101r3 - 6; vgl. Faulkes 1979a: 326). Über Saturn und Jupiter ist diesen Abschnitt weiterhin mit dem Verzeichnis über die klassische Mythologie in den illuminierten Lagen verknüpft (f. 42r). In diesen Prologus-Auszügen werden die eddischen Gött: innen als Nachfahren trojanischer Könige sowie Saturns präsentiert, so dass der Euhemerismus der langen Fassung des Prologus erhalten, wenngleich in den Annar Partur verschoben wurde. Auf den ersten Blick wirkt es also zunächst so, als seien ein paar Kapitel vom Annar Partur mit solchen aus dem Prologus in Platzierung und Funktion getauscht worden, doch bei genauerer Betrachtung offenbart sich das Potential dieser Neuschreibestrategie: Sie räumt besonders wichtig erachteten Abschnitten der Kenningar und Heiti durch das Vorziehen und Kombinieren mit den Illuminationen einen deutlich exponierteren Platz für mehr Sichtbarkeit ein. Gleichzeitig bleiben die wichtigsten Kapitel des Prologus erhalten und werden flexibel als Hintergrundexkurse an der Stelle untergebracht, an der sie sich inhaltlich organisch einfügen lassen. 15 Dieser zweite Abschnitt über Saturn findet sich auch im Prologus von 64,934 (f. 2r30 - 3r24). 16 AM 242 fol. (f. 2v28 - 3v19); vgl. NKS 1867 4to (f. 115r6 - 116r22). 17 Saturn sei zum König von Kreta gemacht worden, weil er so begabt gewesen sei, weißsagen konnte und den Menschen Gold gebracht hat, die daraufhin im Überfluss lebten. Die Menschen hielten ihn deshalb zunächst für Gott, später nannte er sich dann selbst Gott. Er entführte eine Königstocher mit List, mit seiner Frau Juno bekam er drei Söhne, denen er jeweils ein Reich gab: Jupiter das Himmelsreich, Neptun das Meer und Pluto die Unterwelt und den Hund Serberos. Jupiter eroberte viele Königreiche und wurde für Þórr gehalten. Jupiter trachtete nach mehr Macht und kastrierte seinen Vater Saturn, woraus Venus entstand, die für die Liebesgöttin gehalten wurde. Saturn sei danach nun nach Italien geflohen, wo er sich unter dem Namen Nj ǫ rðr versteckt gehalten habe. Er hätte den Menschen dort Wein- und Ackerbau beigebracht, woraufhin er zum Häuptling gemacht worden sei. 18 In der Prologus-Fassung des Codex Wormianus und den auf diesen beruhenden frühneuzeitlichen Fassungen stehen diese Abschnitte chronologisch ‚ richtig ‘ (also in umgekehrter Reihenfolge) und fast direkt hintereinander. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 163 <?page no="164"?> 5.1.3 Erweiterter Prolog in den drei jüngeren Handschriften Abb. 30: Der erweiterte Prolog in NKS 1867 4to (f. 92r ‒ 117v). Fotos: Det Kongelige Bibliotek. Alle nicht eigenen Fotos dieser Handschrift sind mit freundlicher Genehmigung von Det Kongelige Bibliotek dem Digitalisat entnommen <https: / / permalink.kb.dk/ permalink/ 2006/ manus/ 738/ dan/ , 24.10.2024>. Montage: Friederike Richter Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 164 5 Neuschreiben <?page no="165"?> Das einleitende Material in den drei jüngeren Handschriften NKS 1867 4to (f. 92r - 117v, Abb. 30), ÍB 299 4to (f. 58r ‒ 75r) und SÁM 66 (f. 73r ‒ 100r) ist besonders bemerkenswert in Umfang und Vielfalt und wird hier deshalb als ‚ erweiterter Prolog ‘ bezeichnet. Es bezeichnet alles Material zwischen den Prosa-Edda-Titelseiten und Dæmisögur. Die Bildlagen befinden sich in NKS 1867 4to und SÁM 66 zwar vor den Titelseiten, gehören aber dennoch dazu, da die Motive und die Beischriften explizit auf die Dæmisögur Bezug nehmen und vermutlich nur aus buchbinderischen Gründen vor die Titelseite gestellt wurden. Im erweiterten Prolog treten die komplexen Neuschreibeprozesse der Prosa-Edda deutlich zu Tage. Ihre Analyse kann begreiflich machen, welches Interesse im 18. Jh. der Prosa-Edda galt und wie diese für die Konstruktion einer glorreichen isländischen Vorzeit funktionalisiert wurde. Der erweiterte Prolog ist durch außerordentliche Vielfalt auf mehreren Ebenen gekennzeichnet. Dies betrifft zum einen die mediale Ebene: Er umfasst u. a. Dichtung, Bildseiten mit Beischriften, Listen, Runen- und Geheimschriftreihen, gelehrte Vorworte und die frühneuzeitliche Fassung des Prologus. Die Elemente unterscheiden sich zum anderen dahingehend, auf welche Weise sie sich auf die Prosa-Edda beziehen: So reflektieren manche Inhalte die Prosa-Edda als Werk, andere erweitern das Narrativ des Prologus ausführlich um Darstellungen zur klassischen Mythologie, und wiederum andere Elemente erscheinen völlig losgelöst und lassen sich vor allem thematisch als antiquarische Rahmung begreifen. Dabei übersteigen diese vielfältigen Materialen bei Weitem die zuvor erwähnte Konzeption von Prologen, die sich vornehmlich in Prosa auf einer Metaebene auf das nachfolgende Werk bezieht. Alle drei Handschriften vereinen die gleichen zentralen Elemente, weichen aber in Bezug auf einige Inhalte voneinander ab (Tab. 18): Kategorie Inhalt NKS 1867 4to ÍB 299 4to SÁM 66 Titelblatt Titelseite zur Prosa-Edda f. 100r f. 58r f. 81r „ Edda hviled under benke “ (Th. Bartholin d. Ä.) f. 100v f. 58v - Bildseiten Bildlage mit 16 Illustrationen zu den Dæmisögur f. 92r - 99v - 19 f. 73r - 80v Bifolium mit 4 antiquarischen Motiven 20 f. 110r - 111v f. 59r - 60v - Vorworte Vorwort I: Formäle Til Eddu f. 101r/ v f. 64r - 64v7 f. 82r - 83r7 Vorwort II: Annar Formäle N ij giórdur f. 102r ‒ 108v12 f. 64v8 ‒ 69v f. 83r8 ‒ 92v Vorwort III: Formäle sr. Arngrijms Jonssonar ad Mel i Midfyrdi f. 112r/ v f. 70r/ v f. 93r - 94r Vorwort IV: Hvad Edda Sie (Magnús Ólafsson) f. 113r1 ‒ 16 f. 71r1 - 13 f. 94r1 - 15 19 Ausgewählte Einzelmotive aus den Bildlagen der anderen beiden Handschriften finden sich hier auf der Titelseite. 20 Die Motive und Beischriften unterscheiden sich im Detail. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 165 <?page no="166"?> Kategorie Inhalt NKS 1867 4to ÍB 299 4to SÁM 66 Prologus f. 113r17 ‒ 117v6 f. 71r14 ‒ 75r13 f. 94r16 ‒ 10- 0r4 Div. ‚ zum Auffüllen ‘ Listen 21 (v. a. Runen- und Geheimschrifttreihen und Ætttartala Óðins), sr. Jón Guðmundsson: „ Þetta letur þienar sijst “ f. 108v16 - 109v f. 61r - 63v ‒ 22 Anzahl der Bildseiten/ Gesamtumfang 20/ 52 Seiten 4/ 35 Seiten 16/ 55 Seiten 23 Tab. 18: Übersicht über die Inhalte des erweiterten Prologs in den drei jüngeren Handschriften. Der erweiterte Prolog nimmt viel Raum ein und umfasst zw. 35 - 55 Seiten, wobei er in SÁM 66 am längsten ist, was v. a. an der geringen Schreibdichte der - hier umfangreicher verwendeten - Kurrentschrift und der großzügigeren Seitengestaltung liegt. Zum Vergleich: Die Dæmisögur umfassen in NKS 1867 4to mit 61 Seiten nur etwas mehr als der erweiterte Prolog mit 52 Seiten. Dies zeugt von einem großen Bemühen um eine umfangreiche Einleitung und Kontextualisierung der Prosa-Edda. Es gibt einige Abweichungen in der Zusammenstellung, die Reihenfolge und Auswahl betreffen. So sind in NKS 1867 4to und ÍB 299 4to vermehrt antiquarische Inhalte zu verzeichnen: Dazu gehören das illuminierte Bifolium, die Runen- und Geheimschriftreihen und die Ættartala Óðins (letztere zwei befinden sich auch in SÁM 66, aber weiter hinten in der Handschrift). NKS 1867 4to scheint die ‚ Maximalausstattung ‘ zu umfassen. Die dort enthaltene Bildlage mit den Illuminationen zu den Dæmisögur gibt es zwar auch in SÁM 66, zeigt sich dort aber leichter zugänglich und mit weniger gelehrtem Anspruch. Es ist davon auszugehen, dass der erweiterte Prolog dem Prinzip unterlag, so viel Material zusammenzustellen, wie jeweils als relevant erachtet wurde und sich auf die Prosa-Edda beziehen ließ. Dies lässt sich vielleicht damit erklären, dass hier ein antiquarisches Vorgehen im Sinne einer Sammeltätigkeit demonstriert werden sollte, welches auf das Zusammentragen möglichst verschiedener Perspektiven und umfangreichen Materials abzielte. Weniger scheinen sie darauf ausgelegt, ein kohärentes Gesamtbild abliefern zu wollen. Aus der Analyse der Kompilation der drei jüngeren Handschriften wird ersichtlich, dass diese sich vor allem für die Prosa-Edda als Werk - und hier mit einem besonderen Fokus auf die unterhaltsamen Dæmisögur ‒ interessieren. Die in diesen Handschriften vorliegenden Zusammenstellungen werden Ólafur Brynjólfsson und Jakob Sigurðsson vermutlich in Rücksprache mit den Auftraggeber: innen ausgeführt haben. In NKS 1867 4to wurde der erweiterte Prolog von Ólafur Brynjólfsson begonnen und von Jakob Sigurðsson um u. a. die Bildseiten und Vorwort III ergänzt. 21 In ÍB 299 4to sind die meisten Listen enthalten, die Schriftreihen in NKS 1867 4to sind ähnlich. 22 In SÁM 66 finden sich sowohl die Runen- und Schriftreihen (f. 162r ‒ 169v) als auch die Ættartala Óðins (f. 234v ‒ 235r) an anderer Stelle, das Gedicht „ Þetta letur þienar sijst “ von sr. Jón Guðmundsson ist nicht vorhanden. 23 Davon ist eine die Leerseite auf der Rückseite des Titelblattes. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 166 5 Neuschreiben <?page no="167"?> 5.1.3.1 Titelblatt Alle drei Handschriften umfassen ein Titelblatt, auf dessen Vorderseite die Prosa-Edda als „ Bookinn Edda “ bezeichnet wird (NKS 1867 4to, f. 100r; ÍB 299 4to, f. 58r; SÁM 66, f. 81r). Alle drei Titelseiten sind aufwändig gestaltet, wobei besonders jene von ÍB 299 4to heraussticht, deren Bildmedaillons einzelne Motive aus den Bildlagen von NKS 1867 4to und SÁM 66 enthalten. Den Titelseiten ist in der vorliegenden Studie ein eigenes Kapitel gewidmet (s. u., Kap. 5.2). Auf der Rückseite des Titelblatts von NKS 1867 4to (f. 100v) und ÍB 299 4to (f. 58v) findet sich das von Thomas Bartholin d. Ä. verfasste Gedicht „ Edda hviled under benke “ ( ‚ [Die] Edda weilte unter der Bank ‘ ) aus der Edda Islandorum (f. n3r - n4r). In diesem wird P. H. Resen als derjenige zelebriert, durch den die Prosa-Edda in verbesserter Weise auferstanden sei. Dieses Gedicht hat einen sentimentalen Ton und beschreibt die Überlieferungsgeschichte der Prosa-Edda aus einer dänisch-appropriierenden Meta-Perspektive. Inhaltlich erwähnt es die gleichen Stationen wie die Titelseiten. Ein Teil des Gedichtes ist in Runen geschrieben sowie auf Dänisch bzw. Latein verfasst. 5.1.3.2 Bildseiten In den Handschriften finden sich zwei unterschiedliche Sets mit aufwändig gestalteten Bildseiten vorhanden. Die Bildlage mit den einzigartigen 16 Illustrationen zur Prosa-Edda befindet sich jeweils direkt vor der Titelseite (NKS 1867 4to, f. 92r - 99v; SÁM 66, f. 73r - 80v). Sie hebt zentrale Figuren und Mythennarrative der Prosa-Edda hervor, die Motive besitzen erklärende Beischriften und vermögen durch ihre ungewöhnliche Gestaltung Interesse zu wecken. Sie haben eine ähnliche, rezeptionslenkende Funktion wie - anachronistisch gesprochen - ein Filmtrailer, der vorab die wichtigsten Protagonist: innen und spannendsten Plot-Elemente ankündigt und zum Sehen des gesamten Filmes anregen soll. Ironischerweise sind jedoch in den Bildbeischriften die Querverweise auf die Dæmisögur falsch nummeriert worden und stören somit die Verweisfunktion. Das Bifolium mit 4 antiquarischen Bildseiten findet sich in NKS 1867 4to (f. 110r - 111v) und ÍB 299 4to (f. 59r - 60v). Bis auf die Mars/ Týr-Darstellung in ÍB 299 4to (f. 60r) handelt es sich um Motive aus Bartholins (1690) Antiqvitatum Danicarum; sogar die Bildbeischriften wurden teilweise übernommen. Der inhaltliche Bezug zur Prosa-Edda ist für jedes Motiv unterschiedlich und lässt sich für einige vermutlich eher auf übergeordneter, antiquarischer Ebene als Zusammenstellung von ‚ Antiquitäten ‘ - also Artefakten einer Vorzeit ‒ suchen. Für das Motiv Hárs lygi, das das Rahmennarrativ der Prosa-Edda illustriert und auf eine Illustration aus dem Codex Upsaliensis (DG 11 4to, f. 26v) zurückgeht, lässt sich der Bezug auf doppelter Ebene - Motiv und Überlieferungsgeschichte - zur Prosa-Edda herstellen. 24 Eine ausführliche Analyse dieser Bildseiten findet sich in einem eigenen Kapitel (s. u., Kap. 5.5.1). 5.1.3.3 Vorworte Den frühneuzeitlichen Fassungen der Prosa-Edda wurden mehrfach weitere Vorworte (formáli) beigefügt. Magnús Ólafsson machte im Zuge seiner Umarbeitungen den Beginn 24 Die Illumination zeigt den Dialog zwischen König Gylfi in Gestalt von Gangleri vor den drei Asenkönigen Hárr, Jafnhárr und Þriði und wird im weiteren Verlauf als Hárs lygi bezeichnet. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 167 <?page no="168"?> mit dem kurzen, einführenden Vorwort Hvad Edda Sie (Vorwort IV). Es wurde darauf in die Edda Islandorum (f. A1r) übernommen und dort direkt dem Prologus vorangestellt. An dieser Position befindet es sich auch in den drei jüngeren Handschriften, die davor noch drei weitere Vorworte stellen. Faulkes (1979a: 31) schlägt als Datierung für diese Vorworte (I ‒ III) das 17. Jh. vor, wobei nicht auszuschließen ist, dass diese möglicherweise auch erst im 18. Jh. verfasst worden sind. Sicherlich entstammen die vier Vorworte unterschiedlicher Provenienz und wurden erst nach und nach - spätestens erstmals in den drei jüngeren Handschriften - zusammengetragen. Drei der Vorworte nehmen explizit eine Meta-Perspektive auf die Prosa-Edda ein: So wird ihr Titel diskutiert (Vorwort I), ihre Lektüre gegen den kulturellen Verfall empfohlen (Vorwort III) und ihre Gliederung umrissen (Vorwort IV). Vorwort II paraphrasiert vor allem Narrative klassisch-römischer Mythen und knüpft damit an Namen (Saturn usw.) und Phänomene (Idolatrie) des Prologus an. Dabei werden auch explizite Bezüge zur Prosa-Edda und den dort erwähnten Figuren hergestellt. Mit den Vorworten werden verschiedene gelehrte Perspektiven mehrerer Akteure der Frühen Neuzeit zusammengebracht. Diese vier Vorworte werden nun genauer vorgestellt, die Transkriptionen finden sich im Anhang (App. 5.3.1). 25 Vorwort I: Formäle Til Eddu Das erste frühneuzeitliche Vorwort ist nur kurz und diskutiert den Namen Edda (NKS 1867 4to, f. 101r/ v; ÍB 299 4to, f. 64r - 64v7; SÁM 66, f. 82r - 83r7; Transkription im App. 5.3.1.3). Es trägt den schlichten Titel Formäle Til Eddu ( ‚ Vorwort zur Edda ‘ ), bzw. in SÁM 66 die Variante Fijrste Formäle Til Eddu ( ‚ Erstes Vorwort zur Edda ‘ ). Die Nummerierung in der Überschrift kündigt bereits an, dass noch weitere Vorworte folgen. Ihm wird kein Verfasser zugeordnet, nur in anderen Handschriften wird dies Guðmundur Andrésson zugeschrieben (Faulkes 1979a: 31). Das Vorwort stellt verschiedene Thesen vor, die den - für altnordische Literatur ungewöhnlichen - Titel Edda etymologisch zu klären suchen: Dieser könnte aus dem Hebräischen, Lateinischen oder Altnordischem (hier als „ Danskre Tungu “ bezeichnet, NKS 1867 4to, f. 101r19 - 20) abgeleitet worden sein. 26 Diese Überlegungen werden in einen größeren europäischen sprachgeschichtlichen Kontext eingebettet, wobei explizit Peder Hansen Resens Ansicht paraphrasiert wird, dass sich in Europa die vier Hauptsprachen (Griechisch, Latein, Venetisch, Flandrisch 27 ) nach und nach in weitere Sprachen verzweigt hätten. Die Wahrscheinlichkeit der Etymologie wird davon abhängig gemacht, inwieweit ‚ der Autor ‘ der Prosa-Edda dieser Sprachen mächtig gewesen sei. Dieser bleibt in diesem und allen anderen Vorworten namenlos, wird aber mit dem Begriff „ Authorinn “ ( ‚ der Autor ‘ , NKS 1867 4to f. 101v3) bezeichnet. Dies erscheint überraschend, da naheliegt, dass sich hier auf Snorri Sturluson bezogen wird, da die Zuschreibung an ihn in Handschriften mehrfach sichtbar gemacht wird. Erklä- 25 Der Lesbarkeit halber wird hier nur der Wortlaut der Vorworte aus der Transkription von NKS 1867 4to zitiert. Wenn relevant, werden jedoch Lesarten der beiden anderen Handschriften angegeben. 26 Diese sind: Hebräisch „ Edah “ bzw. isländisch „ Ed “ ( ‚ Eid ‘ , NKS 1867 4to, f. 101r7 - 8). Lateinisch „ Edo “ bzw. isländisch „ eg leide i Liös “ oder „ eg [ … ] læt utganga “ ( ‚ ich bringe ans Licht ‘ bzw. ‚ ich lasse (er) öffnen ‘ , NKS 1867 4to, f. 101r14 - 15). Für Altnordisch wird auf den weiblichen Vornamen Edda verwiesen, dessen Bedeutung ‚ Vorfahrin ‘ bzw. ‚ Urgroßmutter ‘ entspräche ( „ formödur “ und „ Längómmu “ , NKS 1867 4to, f. 101r27 - 28). 27 Gemeint ist hier wohl die germanische Sprachfamilie, als Beispiele werden Deutsch, Englisch, Dänisch, Altnordisch, Flämisch aufgezählt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 168 5 Neuschreiben <?page no="169"?> rungen hierfür ließen sich darin finden, dass die zentrale Nennung auf den Titelseiten bis zum hierhin ausstrahlte. Möglich ist womöglich auch, dass zwischen einem unbekannten Autor und Snorri als - wie es auf der Titelseite dargestellt ist - Kompilator unterschieden wurde. Vorwort II: Annar Formäle Nijgiórdur Das umfangreiche Annar Formäle Nijgiórdur ( ‚ Zweites neu erstelltes Vorwort ‘ , Vorwort II) umfasst umfangreiche Paraphrasen klassisch-römischer Mythennarrative sowie damit verbundene Abgötterei und Kultbildverehrung (NKS 1867 4to, f. f. 102r - 108r12; ÍB 299 4to, f. 64v8 - 69v; SÁM 66, f. 83r8 - 92v; Transkription im App. 5.3.1.4). 28 Es gibt einige Markierungen einer gelehrten Perspektive: Es wird auf verschiedene antike Autoren verwiesen und einige kurze Zitate sowie die beiden Zwischenüberschriften stehen unübersetzt auf Latein: „ Notatio de Venere “ ( ‚ Anmerkung über Venus ‘ ) und „ Notatio de Idolomania “ ( ‚ Anmerkung über die Kultbildverehrung ‘ ). Weiterhin sind die Namen der Gött: innen nach lateinischem Schema dekliniert, womit die antiken Narrative sowohl in die isländische Sprache und Kultur integriert werden. 29 Faulkes (1979a: 31) verzeichnet eine Zuschreibung des Vorworts an Guðmundur Andrésson. Wellendorf (2018: 113) hält eine solche Autorschaft für möglich, bemerkt jedoch, dass sich vieles von Guðmunds anderen Abhandlungen unterscheide, u. a. den Kommentaren zur V ǫ luspá und Hávamál, die von Resen herausgegeben wurden. In den drei untersuchten Handschriften findet sich keine solche Zuschreibung. Vorwort II nimmt einige Abschnitte und Narrative aus der längeren Fassung des Prologus des Codex Wormianus auf. In diesem sind sie - im Vergleich zu den anderen mittelalterlichen Fassungen - deutlich umfangreicher narrativiert. Es handelt sich dabei um die Abschnitte über u. a. Saturn und Jupiter, die Wellendorf (2013, 2018) als diejenigen identifiziert, die ein eher negatives Bild von Mythologie und vorchristlicher Religion vermitteln. Zwar ist der Wortlaut von Vorwort II und dem Prologus des Codex Wormianus stellenweise fast identisch, zum größeren sind die Darstellungen jedoch viel ausführlicher, weichen von diesem ab und fächern diesen auch Inhaltlich grundlegend auf. Dieses Vorwort bietet - als Pendent zur Edda - einen Überblick über zentrale Figuren und Narrative der klassischen Mythologie. Darin ist aufgrund der Fülle der klassischen Mythen übergeordnet eine Strategie der Interpretatio Romana zu verzeichnen, die die Vorgeschichte um Saturn der längeren Fassung des Prologus entschieden ausbaut und an die eddischen Mythennarrative anschließt. 30 Das Phänomen der Interpretatio wird hier 28 Vgl. zu diesem Vorwort Wellendorf (2018: 113 - 114). 29 Dadurch könnte dieses Vorwort evtl. vor allem für ein Publikum mit entsprechendem Vorwissen oder entsprechender Bildung verständlich war, da die flektierenden Namensformen der Gött: innen teilweise erheblich voneinander abweichen, z. B. bei Jupiter (D AT . und A BL . ‚ Jove ‘ und G EN . ‚ Jovis ‘ ) oder Venus (D AT . und A BL . ‚ Venere ‘ ) usw. Weiterhin ist auch möglich, dass dies darauf verweist, dass das Vorwort aus dem Lateinischen übersetzt wurde (wobei dann die Entscheidung, die Namensflexion beizubehalten, etwas sonderbar wirkt) bzw. solches suggeriert werden sollte. 30 Folgende Namen werden u. a. genannt: Saturn, Jupiter, Ceres, Diana/ Hecate, Juno, Minerva/ Pallas, Mars, Merkur, Maia, Ph œ bus/ Apollo, Vulcanus, Venus/ Aphrodite/ Freyja, Baccho, (Cupido), Grazien, Astaroth/ Astarethe/ Ástriður, Neptun, Pluto und Æolos/ Pan. Diese werden stellenweise mit eddischen Gottheiten im Sinne einer Interpretatio Norr œ na gleichgesetzt und mit den drei Zeitaltern (Saturn - Goldenes Zeitalter, Jupiter - Silbernes Zeitalter, Vulcanus - Eisernes Zeitalter) in Verbindung gebracht. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 169 <?page no="170"?> zusätzlich ausgeweitet, in dem die griechischen Entsprechungen der römischen Namen angegeben werden, wobei einige Figuren vermengt werden. Als weiterführende Stufe wird an einigen Stellen die eddische Mythologie an die klassische angeknüpft bzw. gleichgestellt: So sei Saturns neuer Name im Exil in Italien Nj ǫ rðr gewesen, Venus/ Aphrodite sei von den Æsir Freyja genannt worden und die Unterwelt Plutos Niflheim (z. B. NKS 1867 4to, f. 130v9). Ein erwähnter mythischer Ort, der sich auf die isländische Geografie bezieht, ist der Vulkan Hekla, der ebenfalls in der lateinischen Strophe des Gedichtes „ Edda hviled under benke “ (Thomas Bartholin d. Ä.) erwähnt wird. Im Vorwort II wird der sizilianische (und ebenso mythische) Vulkan Ätna für das isländische Publikum mit der heimischen Hekla in der Episode, in der Jupiter seine Eltern Saturn und Ops befreit, verglichen: og med reidar þrumum synum, steitte [ Júpiter] þá nidur under Ætna fiall, hvórt ad er eitt elldflugu fiall, so sem Hecla (þad mä skilia, hann skaut þä i hel, so þeir föru til Helv ij tis) hann frelste aptur forelldra s ij na. 31 (Annar Formäle Nijgiórdur, NKS 1867 4to, f. 103r30 - 103v3) In dieser Darstellung vermengen sich die Ebenen noch weiter, indem also kurz eine Interpretatio Norr œ na und Interpretatio Christiana anklingt: So werden die Jenseitsorte, die unter dem Ätna liegen, als Hel und christliche Hölle bezeichnet. Die Hekla war bereits im Mittelalter in christlich geprägter Vorstellung ein Ort für die Bestrafung der Verdammten. Dies wird auch auf der Islandkarte von Abraham Ortelius (1590) deutlich, auf der sich ein ähnlicher Vergleich von Hekla mit Ätna findet. Das Besondere im Vorwort II ist, wie ausführlich literarische Quellen benannt und zitiert werden: Dies geschieht manchmal nur implizit, aber häufig explizit. Die zitierten Texte bzw. Autoren sind: Genesis (NKS 1867 4to, f. 102r3, 107v3 - 4), mehrfach Ovid, 32 Cicero: De notatione Deorum (NKS 1867 4to, f. 106v30) und Virgil mit einem Zitat aus der Aeneis (NKS 1867 4to, f. 107r5). 33 Manchmal sind die Verweise allgemeiner und verweisen auf Dichter (NKS 1867 4to, f. 105r9; hier: isländisch „ skälld “ , ‚ Dichter ‘ ), heidnische Dichter (NKS 1867 4to, f. 106r23) oder nutzen das lateinische Wort „ Poetarner “ ( ‚ die Poeten ‘ , NKS 1867 4to, f. 104r19, 106v8), wobei ein Unterschied gemacht wird zwischen „ epter Poetanna og fornskäldanna dictum “ ( ‚ nach der Poeten und Gedichten alten Dichter ‘ , NKS 1867 4to, f. 106r2 - 3). Außerdem wird auf Werke verwiesen: „ óllum heidnum sagnabökum “ ( ‚ alle heidnischen Geschichtsbücher ‘ , NKS 1867 4to, f. 102v18) und an anderer Stelle wird deutlich, dass Dichtung auf Griechisch vorlag (NKS 1867 4to, f. 105v28 - 30, 106r8). Andere Quellen werden nicht genannt, werden aber indirekt eingeflossen sein, so z. B. Saxo Grammaticus ‘ Gesta Danorum oder Ynglinga saga, die ebenfalls von einem sagenhaften ersten dänischen König namens Dan berichten. Weitere Referenzen betreffen die Prosa- Edda (NKS 1867 4to, f. 107v12, 108r26) und Ole Worm (NKS 1867 4to, f 108r6). In dieser Ausführlichkeit, die Quellen offenzulegen, werden die Konventionen antiquarisch-ge- 31 ‚ Und mit seinem Zorngrollen, stieß er [Jupiter] dann hinunter unter den Berg Ätna, obwohl es ein Vulkan so wie Hekla ist (man muss verstehen, er stürzte dort nach Hel, so wie sie zur Hölle fuhren), er befreite anschließend seine Eltern ‘ . 32 Hier scheinen verschiedene Werke Ovids Eingang gefunden haben, im Zusammenhang mit dem Eisernen Zeitalter, wären die Metamorphosen naheliegend (NKS 1867 4to, f. 105v15), in Bezug auf Venus ist das Zitat Ovids der Ars amatoria (Vers 240) zuzuordnen (NKS 1867 4to, f. 107r4 - 5) sowie an anderer Stelle De natura deorum (NKS 1867 4to, f. 106v30). 33 Vgl. Tétrel (2010) zu altnordischen Rezeption der Aeneis. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 170 5 Neuschreiben <?page no="171"?> lehrten Schreibens bedient, und eine solche Perspektive entspricht der inhaltlichen Annährung an die Prosa-Edda in diesem Vorwort. Nachfolgend werden die Abschnitte ausführlich paraphrasiert, da dieses bisher kaum bekannt ist. Vor allem zwei Themen werden in dieser Studie später aufgegriffen: Das Konzept der Zeitalter (s. u., Kap. 6.2) sowie die Interpretatio Romana (s. u., Kap. 5.5.2). Der erste Abschnitt des Vorwortes wird - ähnlich wie im Prologus - mit dem christlichen Schöpfungsnarrativ von Adam, über Noah und die Dreiteilung der Welt in Afrika, Asien und Europa eingeleitet. Es folgt des Vorwortes die Beschreibung der antiken Weltzeitalter: Goldenes Zeitalter (assoziiert mit Saturn) - Silbernes Zeitalter (assoziiert mit Jupiter) - Eisernes Zeitalter (assoziiert mit Vulkan). Es folgt eine zum Prologus abweichende Variante zur euhemeristischen Herleitung der Æsir: Das Vorwort führt sowohl die dänischen Könige als auch der kretische König Saturn auf Noahs Sohn Jafet zurück, dessen Sohn Gomer nach Jütland gezogen sei. Es werden die ersten kimbrischen Häuptlinge aufgezählt, die u. a. Seeland und Dänemark etablierten. Der erste dänische König sei Dan Humlason im Jahr 1056 gewesen, nach welchem das Land benannt wurde. Von dort aus ging die Wanderung weiter „ h ij ngad i Nordustu Lónd “ ( ‚ hierher in die nördlichsten Länder ‘ , NKS 1867 4to, f. 102v7). Andere Nachfahren Jafets seien u. a. „ Asia menn “ ( ‚ Asiaten ‘ , NKS 1867 4to f. 102v9) gewesen; darüber hinaus wird auf einen anderen Sohn Jafets, Jawan, der König von Kreta, Saturn, zurückgeführt. Kurzum: Die alten dänischen Könige werden auf gleicher Ebene wie die klassischen Götter und Æsir angesiedelt. Die Geschichte der Æsir wird in diesem Vorwort nicht weiter ausgeführt und es wird mit „ Edda “ auf den Prologus verwiesen (NKS 1867 4to, f. 102v9 - 10). Danach wird der Mythos von König Saturn ausführlich dargestellt, der seine Söhne Jupiter, Neptun und Pluto zu den Königen von Erde, Meer und Unterwelt machte. Sich selbst habe Saturn als Gott des Himmelreiches verehren lassen. Danach wird von der Kastration Saturns durch Jupiter berichtet, aus dessen ins Meer geworfenen Hoden Jupiters Frau Venus entstanden sei, die später als Göttin verehrt wurde. Sie habe sich so verhalten, als sei sie eine Liebesgöttin gewesen. Daraufhin sei Saturn vor Jupiter nach Italien (dort herrschte König Janus) geflohen und unter dem Namen Nj ǫ rðr untergetaucht. Das Land, in dem er wohnte, sei später Latium genannt worden, weshalb die Sprache Latein heiße. Die Menschen dort hätten in Erdlöchern gehaust und keinen Ackerbau betrieben. Saturn/ Nj ǫ rðr habe den Menschen dort Acker- und Weinbau gelehrt. Es folgten reiche Ernten, die Vergrößerung des Reiches und der Bau von Städten. Es habe Frieden und Rechtmäßigkeit geherrscht, diese Epoche sei ‚ Goldenes Zeitalter ‘ genannt worden. Er sei für Gott gehalten worden und man habe erzählt, Schlangen zögen seinen beschlagenen Wagen, und der Planet Saturn sei nach ihm benannt. Dieser Saturn habe auf Griechisch Chronos geheißen und seine Kinder gefressen. Dann wird von Jupiter berichtet, der von Saturn die Königreiche Kreta und Griechenland übernahm. Er sei zauberkundig gewesen und seine Herrschaft als ‚ Silbernes Zeitalter ‘ bezeichnet worden. Dann wird berichtet, wie seine Ehefrau (und Schwester) Juno und deren Tochter Proserpina nach Sizilien reisten, wo sie den Ackerbau erfolgreich einführten. Daraufhin seien sie von den Menschen vergöttert worden, die ihnen opferten. Juno hätte den Namen Ceres erhalten und einen Wagen gehabt, der von Drachen gezogen wurde. Es folgte die Entführung Proserpinas durch ihren Onkel Pluto in die Unterwelt (hier als Niflheim bezeichnet), wo sie Granatäpfel gegen den Hunger gegessen habe. Die Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 171 <?page no="172"?> Seherin ( „ Vólvann “ , NKS 1867 4to, f. 104v17) Arethusa habe Juno vom Verbleiben ihrer Tochter erzählt. Pluto habe schließlich der Erbfolge wegen eingeräumt, dass Proserpina zur Hälfte auf die Erde zu Juno zurückkehren könne, aber zur anderen Hälfte bei ihm in der Unterwelt bleiben möge. Dann sei sie unter den zwei Namen Hekate und Diana von den Heiden verehrt und ihr geopfert worden. Jupiter sei wegen seiner Begabung und Zauberkraft für Gott gehalten worden. Sein Wagen sei von Adlern gezogen sowie ein Planet nach ihm benannt worden. Weiterhin sei Minerva bzw. Pallas (Athene), die für die Göttin der Künste gehalten worden sei, dadurch entstanden, dass Merkur Jupiters Kopf mit einer Axt gespalten hätte. Außerdem hätte Juno auf Hinweis der Göttin Flora deren Schwager Mars getroffen, der später als Kriegsgott verehrt wurde. Nach ihm sei der Planet Mars benannt worden und Wölfe zögen dessen Wagen. Weiterhin wird Jupiters Sohn Merkur erwähnt, der Flügel auf dem Kopf und an den Füßen gehabt habe, 34 und nach ihm sei ebenso ein Planet benannt worden. Es folgen noch weitere Jupiter-Söhne, das sind Ph œ bus bzw. Apollo und Vulcanus. Letzterer wird als hässlich beschrieben, er sei nach seiner Aussetzung als Kind auf Lemnos von Affen großgezogen worden. Er sei ein großer Schmied, habe Feuer, Esse (Feuerstelle zum Schmieden) und Ofen erfunden und habe die Blitze Jupiters, die Waffen des Mars sowie Schild und Rüstung Minervas geschmiedet. Die Herrschaft von Mars sei ‚ Eiserne Zeitalter ‘ genannt worden. In dieser Zeit hätten Totschläge, Schwierigkeiten sowie die Gier nach Reichtum zugenommen, wie es auch oft in der Edda der Fall sei. Es sei in Folge dessen dazu gekommen, dass diese sterblichen Männer für Abgötter gehalten und anstelle des vergessenen Gottes verehrt worden seien: Jupiter habe den Rang des Deus Optimus Maximus des Himmels und der Erde gehabt, Neptun sei Gott des Meeres, Pluto der Unterwelt (Niflheim), Æolos des Windes und Pan der Hirten gewesen. Dies sei die Grundlage des heidnischen Irrglaubens der gewesen. Denn die Æsir hätten in der Prosa-Edda den Griechen nachgeeifert und den Norden verzauberten. Dies stünde im dritten Vorwort, das vom Autor der Edda geschrieben sei (hier ist offensichtlich der Prologus gemeint). Bei dem nachfolgenden Abschnitt Notatio de Venere handelt es sich um weitere Ausführungen zur zuvor erwähnten Venus, die hier als „ Ästa-Gydiann “ ( ‚ Liebesgöttin ‘ , NKS 1867 4to, f. 106r2) bezeichnet wird. Zuerst wird die Etymologie ihres Namens in den verschiedenen Sprachen hergeleitet. Es wird erwähnt, dass sie auf Griechisch Aphrodite genannt werde und die Æsir diese Freyja genannt hätten. Für die Herleitung des lateinischen Namens Venus wird u. a. Cicero zitiert. Ihr griechischer Name wird von ihrer zuvor erwähnten Geburt hergeleitet und ins Isländische als „ Haf frodu D ij s “ ( ‚ Meeresschaumgöttin ‘ , NKS 1867 4to, f. 106r9) übertragen. Der isländische Name Freyja wird auf die Bedeutung ‚ Frau ‘ zurückgeführt. Ein Planet sei nach ihr benannt, der Morgenstern hieße Lucifer Phospheros und der Abendstern Hesperos. Laut Cicero habe Venus vier Merkmale: 1. Sie sei für die Tochter des Tages und der Luft gehalten worden und ihr sei ein Tempel auf dem Olymp errichtet worden, nahe des Weingotts Bacchus. Ihr Sohn sei Cupido und ihre Töchter die Grazien gewesen, die Liebesgöttinnen bzw. Göttinnen der Geliebten seien. 2. Venus sei aus Meerschaum und dem Samen Saturns 34 Vgl. die Darstellung von Heimdallr mit eben diesen Attributen in der Illumination der Bildlagen in NKS 1867 4to (f. 97r) und SÁM 66 (f. 80r). Mehr zur Strategie der Interpretatio Romana in Kap. 5.5.2.2. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 172 5 Neuschreiben <?page no="173"?> geschaffen worden. 3. Sie sei mit Vulkan verheiratet gewesen, habe ihn aber mit Mars betrogen. Als beide zusammen lagen, habe Vulkan zum Spott der Götter ein Netz über sie geworfen. Mit Anchises habe sie den Sohn Aeneas gehabt. 4. In Phönizien, Syrien und Sidon sei Venus sehr verehrt worden. In der kanaanäischen Sprache wäre sie Astaroth bzw. Astarte genannt und als Abgöttin verehrt worden. Der Name entspreche auf „ unserem Altnordisch “ Ástráðr bzw. Ástríðr und ließe sich daher erklären, dass die Kanaaniter nach Norden geflüchtet seien. Laut Cicero sei Astarte jedoch die Mutter der Venus. Den sechsten Tag der Woche würden ‚ wir ‘ nach Freyja Freitag nennen. Da Venus Lustgöttin sei, werden im Anschluss ein paar Sprichwörter zur Verbindung von Wein und Lust zitiert. Der letzte Abschnitt Notatio de Idolomania handelt von der Götzenverehrung und schließt dabei eddische Mythennarrative ein. Zuerst wird der Begriff der Idolomanie aus dem Griechischen auf Latein hergeleitet. Bei Götzenbildern handele es sich um Skulpturen aus Holz, Marmor bzw. Stein. Diese selbst seien von den Menschen nicht verehrt worden, sondern vielmehr das, was sie dargestellt hätten, da Gott ein geistiges Wesen sei. Die Götzenverehrung hätte ihren Beginn bei Ninos in Ninive genommen, der als erster ein Abbild von seinem Vater Belos habe anfertigen lassen. Die Namen der Götzen Bel und Baal (Freund und Freundschaft) seien bei den Æsir zu Balldr geworden. 35 Balldr sei der beste, schön und rein gewesen, ganz anders als H ǫ ðr, der ihn von Loki angestachelt getötet habe. Vor Lokis Ankunft habe Frieden geherrscht. Loki habe dann in der Gestalt der Riesin Þ ǫ kk verhindert, dass Balldr aus Hel befreit werden konnte. König Heiðrekr habe zwei Mörder aus Hel freigekauft. Laut Ole Worm, der sich auf Snorri Sturluson bezog, hätten Óðinn und die Æsir Skythien bewohnt, ein Land in der Größe Asiens, und dort die Stadt Ásgarðr nach dem Vorbild Trojas errichtet. Von dort aus seien sie nach Norden ausgewandert, hätten in Schweden Sigtuna erbaut und Schweden sei daraufhin nach Skythien benannt worden. Und als die Æsir für Götter gehalten wurden, hätten sie ihr Heimatland „ Gudheim og Himen “ ( ‚ Gottesheim und Himmel ‘ , NKS 1867 4to, f. 108r14) genannt. Dort im Himmel seien auch Þrúðvangr, Fensalir und Valaskjálf. Schweden hätten sie Mannaheim genannt, Troja das alte Ásgarðr und Ásgarðr Valh ǫ ll. Eine Nachbildung von Valh ǫ ll sei König Gylfi von Hárr vorgetäuscht worden, wie in der Edda beschrieben sei. Danach schwenkt das Vorwort wieder zurück zu Jupiter und seinem Sohn Dardanos, dessen Mutter Elektra, die Tochter des korinthischen Königs Atlas, gewesen sei, sowie zu dessen Bruder Iasion. Dardanos habe Dardania gebaut, die Hauptstadt von Kleinasien. Dardanos ‘ Sohn Erichtonios, der mit Landavia den Sohn Tros bzw. Trór bekam, und nachdem habe Troja seinen Namen bekommen (es handele sich hierbei um Dardania). Tros ‘ Sohn heiße Ilus und sei dritter König Trojas gewesen und so geht es weiter, es werden die jeweiligen Söhne aufgezählt: Der Sohn von Ilus sei Thras, dessen Sohn Trois, dessen Sohn Laomedon, der Herkules besiegte und tötete. Das Vorwort endet mit dessen Sohn Priamos, der Hauptkönig in Troja gewesen sei und von den Griechen besiegt wurde, woran das euhemeristische Narrativ des Prologus anschließt. 35 Zum Abschnitt über Balldr vgl. Wellendorf (2018: 114, 175). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 173 <?page no="174"?> Vorwort III: Formäle sr. Arngrijms Jons s(onar) ad Mel i Midfyrdi Die Überschrift von Vorwort III lautet in den Handschriften Formäle sr. Angrijms Jossonar ad Mel i Midfijrde ( ‚ Vorwort von sr. Arngrímur Jónsson zu Mel[staður] in Miðfjörður ‘ , NKS 1867 4to, f. 112r/ v; ÍB 299 4to, f. 70r/ v; SÁM 66, f. 93r - 94r; Transkription im App. 5.3.1.5). Es verklärt Literatur, Gelehrtheit und Lesekenntnis der isländischen Vorzeit und präsentiert die Prosa-Edda als von großem Wert für das zeitgenössische Publikum. 36 Dabei wird mehrfach eine gemeinsame Identität mit Formen des Possessivpronomens vor konstruiert, indem auf „ vorir forfedur “ ( ‚ unsere Vorfahren ‘ , NKS 1867 4to, f. 112r3) oder „ i Landi voru “ ( ‚ in unserem Land ‘ , NKS 1867 4to, f. 112r12 - 13) verwiesen wird. Es beschreibt die Gegenwart von einem kulturellen Niedergang geprägt, als Gründe werden u. a. angegeben, dass Gelehrtheit nicht mehr betrieben werde, aber für unwichtige Tätigkeiten Zeit verschwendet wäre. Weiterhin wird den Menschen fehlendes Wissen sowie fehlende Bücher zum Aufheben dieses Missstandes attestiert: „ enn þeir hafa eij þær bækur. sem þad lagfæri “ ( ‚ aber ihnen fehlen jene Bücher, die das verbesserten ‘ , NKS 1867 4to, f. 112r25 - 26). Dies umfasse auch, dass in Dichtung Kenningar und Heiti keine Anwendung mehr finden würden. Als Abhilfe aus diesem Dilemma wird das Lesen - und vor allem der Prosa-Edda - empfohlen (s. u., Kap. 6.2.5). Was dann folgt, will nicht so recht zum hier untersuchten Handschriftenkontext passen: Der: die Verfasser: in gibt an, die Prosa-Edda ins Lateinische für Schulkinder und Laien übertragen zu haben, damit diese in Kopenhagen gedruckt werde. Es wird anschließend auf die ersten beiden Vorworte (I - II) verwiesen. Am Ende werden einige eddische Namen der Dæmisögur mit christlichen (im Sinne der Interpretatio Christiana) gleichsetzt. 37 Die älteste Handschrift, die Vorwort III enthält, ist die hier untersuchte NKS 1867 4to (Páll Eggert Ólason 1926: 257). In ihr findet sich damit auch die älteste Zuschreibung der Autorschaft an Arngrímur lærði Jónsson, die Faulkes (1979a: 31) jedoch als falsch bewertet. 38 Wenn der Hinweis korrekt ist, dass diese Person auch die Prosa-Edda ins Lateinische übersetzt hat, kommen vor allem zwei Personen in Frage: Páll Eggert Ólason (1926: 259) schlägt Magnús Ólafsson vor, von dem nicht nur die überarbeitete (isländische) Prosa-Edda-Fassung, sondern auch die lateinische Übersetzung von Peder Hansen Resen für die Edda Islandorum verwendet wurde. Die Alternative wäre Stefán Ólafsson, der den Codex Wormianus für Ole Worm übersetzte und dessen Arbeiten von Resen für die Fußnoten der Druckausgabe verwendet wurde. Es ließe sich aufgrund der Lebensdaten bei all diesen Personen fragen, warum das Vorwort nicht bereits vor 1760 überliefert ist - oder ob es womöglich später verfasst wurde. Dies wäre auch deshalb denkbar, da es auf die 36 Vgl. zu diesem Vorwort bereits Páll Eggert Ólason (1926: 256 - 258), der einen Teil des Vorwortes aus NKS 1867 4to wiedergibt. 37 Diese umfasst u. a. Ymir/ Adam, Hvergelmir/ Hölle, Níðh ǫ ggr/ Teufel, Lichtalben/ Engel, Dunkelalben/ Teufeln, Gimli/ Himmelsreich und Hrímnir/ Abraham. Weiterhin sei Naglfar Abrahams Schoß (Paradies) als Schiff, Surtr der Schöpfer von Himmel und Erde, aber auch das Feuer der Apokalypse und die drei Jenseitsorte Niflheimr, Nástr ǫ nd und Niflhel würden dem Fegefeuer entsprechen (NKS 1867 4to, f. 112v10 - 23). 38 Als Grund gibt Faulkes an, dass Arngrímur bereits 1648 starb ‒ und damit 17 Jahre vor der ersten Druckausgabe und lange vor der Erstellung von NKS 1867 4to. Dies ist natürlich im Zusammenhang mit der Zeitdiskrepanz von ca. 100 Jahren zwischen der ersten Druckausgabe und den drei hier besprochenen jüngeren Handschriften kein Ausschlussgrund, zumal die anderen möglichen Verfasser ebenfalls bereits im 17. Jh. starben. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 174 5 Neuschreiben <?page no="175"?> Vorworte I und II verweist. Die entscheidendere Frage als die tatsächliche Autorschaft ist in diesem Zusammenhang ist jedoch, warum Arngrímur lærði Jónsson mit diesem Vorwort in Verbindung gebracht wird - in SÁM 66 sogar mit geradezu aufdringlicher Prominenz: Alleine auf der letzten Seite des Vorwortes wird diese Zuschreibung dreimal augenfällig platziert (Abb. 31). 39 Wie bereits einleitend beschrieben, spielten Arngríms Aktivitäten für die Popularität der Prosa-Edda in der Frühen Neuzeit in der Tat eine ausschlaggebende Rolle, da er Magnús Ólafsson mit der Arbeit an dessen Edda beauftragte. Außerdem war er der bekannteste isländische Gelehrte, der damals den Wert der mittelalterlichen Literatur außerhalb Islands bewarb. Er muss als größter Name gegolten haben, der ein solches Vorwort und damit zugleich die Lektüre Prosa-Edda autorisieren konnte. Offen bleibt jedoch, inwieweit dieses Vorwort überhaut der Denkweise Arngríms gleichen könnte. Arngrímur richtete sich in seinen Werken auf Latein vor allem an ein gelehrtes internationales Publikum, aber das Vorwort III richtet sich auf Isländisch 40 an die Abb. 31: Ende von Vorwort III, SÁM 66 (f. 94r). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. 39 In der Kopfzeile sowie als doppelter Schluss, die letzte Zeile wiederholt den Titel des Vorwortes und kommt nur in dieser der drei Handschriften vor: „ Ender  Form  la Síra Arngrijmms Jönsonar ad Mel i Midfijrdi Vestur. “ ( ‚ Ende des Vorwortes von sr. Arngrímur Jónsson auf Mel[staður] im westlichen Miðfjörður ‘ , SÁM 66, f. 94r20 - 21). Sie befindet sich jeweils einmal pro Seite zuvor, einmal Überschrift (f. 93r) bzw. in der Kopfzeile (f. 93v). 40 Weil das Lateinische vom Vorwort erwähnt wird, ist es ebenso möglich, dass es sich um eine isländische Übersetzung handelt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 175 <?page no="176"?> breitere Bevölkerung. Die Betonung von Arngríms Autorschaft verleiht dem Vorwort jedoch bedeutende Autorität, indem nahegelegt wird, dass dieser für Island bedeutendste frühneuzeitliche Gelehrte nicht nur die alte isländische Literatur und die ehemalige Gelehrtheit preist, sondern den vom kulturellen Niedergang betroffene zeitgenössische Lesenden die Prosa-Edda als eines der nützlichsten aller Bücher nahelegt: „ Enn þad seigi eg satt. ad af þv ij sem menn kalla f  fengilegt, er þessi Bök ein hin þarflegasta. “ ( ‚ Und das sage ich wahrlich, dass von all dem, was die Menschen bedeutungslos nennen, ist dieses Buch eines der nützlichsten ‘ , NKS 1867 4to, f. 112v5 - 6). Der in diesem Vorwort thematisierte kulturelle Verfall und die Überwindung desselben durch Beschäftigung mit mittelalterlicher Literatur wird später (s. u., Kap. 6.2.4 - 6.2.5) ausführlich diskutiert. Vorwort IV: Hvad Edda Sie (Magnús Ólafsson) Das kurze Vorwort IV von Magnús Ólafsson trägt die Überschrift Hvad Edda Sie ( ‚ Was die Edda sei ‘ , NKS 1867 4to, f. 113r1 ‒ 16; ÍB 299 4to, f. 71r1 - 13; SÁM 66, f. 94r1 - 15; Transkription im App. 5.3.1.6). Es wurde in der Edda Islandorum direkt vor dem Prologus als erste Abschnitt der Prosa-Edda abgedruckt und steht hier nicht im Zusammenhang mit Resens lateinischer Einleitung. Diese Präsentation von Vorwort IV in der Art der Einleitungsrubrik ähnlich des Codex Upsaliensis wurde somit sicher von der Vorlage in die drei Handschriften übernommen. Magnús Ólafsson umreißt die Prosa-Edda für die Lesenden: Sie enthalte alte Dichtung und Fabeln gelehrter Menschen und soll die ‚ norröne ‘ Dichtung dem allgemeinen Volk vermitteln. Magnús setzt sich ebenfalls mit der Etymologie des Namens Edda auseinander, die er auf das Lateinische zurückführt sieht. Im Anschluss gibt er einen knappen Überblick über den Inhalt und Gliederung der Prosa-Edda, die er in die zwei Abschnitte Dæmisögur und Kenningar unterteilt. 5.1.3.4 Prologus Die enthaltende Fassung des Prologus entspricht weitestgehend der der Edda Islandorum (NKS 1867 4to, f. 113r17 ‒ 117v6; ÍB 299 4to, f. 71r14 ‒ 75r13; SÁM 66, f. 94r16 ‒ 100r4; Transkription im App. 5.3.1.7). Diese geht auf Magnús Ólafssons leicht gekürzte Fassung des zuvor beschriebenen längeren Prologus im Codex Wormianus zurück, der sich durch die zusätzlichen Abschnitte auszeichnet, die laut Wellendorf (2013, 2018) eine insgesamt kritischere Position den Æsir und vorchristlicher Religion gegenüber erkennen lassen. Der Prologus zeichnet sich somit auch in den Handschriften durch die ausführliche Darstellungen Saturns aus, der sich später nach der Flucht vor Jupiter aus Kreta in Italien Nj ǫ rðr nennt. Eine Bearbeitung dieses Materials findet sich ebenfalls - wie bereits erwähnt - im Vorwort II sowie in den Prologus-Interpolationen des Annar Partur in AM 738 4to. Es verstärkt die bereits an anderer Stelle der Handschriften bemerkbare Interpretatio Romana durch die parallele Präsenz strukturell ähnlicher Narrative. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 176 5 Neuschreiben <?page no="177"?> Abb. 32: Vorwort IV und Beginn des Prologus in NKS 1867 4to (f. 113r). Foto: Friederike Richter. Abb. 33: Vorwort IV und Beginn des Prologus in ÍB 299 4to (f. 71r). Foto: Landsbókasafn Íslands - Hákólabókasafn, Helgi Braga. Alle Fotos dieser Handschrift sind mit freundlicher Genehmigung der Landsbókasafn Íslands - Hákólabókasafn dem Digitalisat auf handrit.is entnommen: <https: / / handrit. is/ manuscript/ view/ is/ IB04- 0299, 24.10.2024>. Abb. 34: Vorwort IV und Beginn des Prologus in SÁM 66 (f. 94v). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Die Handschriften rücken Vorwort IV und den Prologus eng zusammen, im Detail unterscheidet sich jedoch das Zusammenspiel zwischen Seitengestaltung und Formulierungen. Der Prologus trägt in keiner der Handschriften eine eigene Überschrift, so dass die für Vorwort IV (Hvad Edda Sie) auf den ersten Blick für beide Bestandteile zu gelten scheint. In ÍB 299 4to werden die beiden in der Kopfzeile als „ I. INNGÄNGURINN “ ( ‚ I. Die Einleitung ‘ , ÍB 299 4to, f. 71r, Abb. 33) zusammen benannt, sind aber klar voneinander abgetrennt - u. a. durch eine rote Trennlinie und die Verwendung unterschiedlicher Schriftarten (Kanzleischrift vs. Kurrentschrift). Die Gestaltung der Initialen hebt den Anfang von Vorwort IV hervor und markiert den Beginn des Prologus, allerdings in leicht abgestufter Hierarchie. 41 Dadurch wird in dieser Handschrift der Eindruck erweckt, dass das Vorwort IV dem Prologus gilt. In den beiden anderen Handschriften erscheinen beide Vorworte gleichrangig ohne weitere Abgrenzungselemente. In NKS 1867 4to werden sie mit „ I Capitule “ überschrieben und somit als erstes Kapitel der Prosa-Edda präsentiert - wenngleich keine weiteren ‚ Kapitel ‘ folgen, da die nachfolgenden Abschnitte als Dæmisaga bei I neu beginnend durchnummeriert werden. Etwas eigen ist die Gestaltung in SÁM 66, in der beide unter der Überschrift „ Formäle Authoris umm þad hvad Edda sie. “ ( ‚ Vorwort des Autors darüber, was die Edda sei ‘ , SÁM 66 f. 94v1 - 2, Abb. 34) zusammen- 41 Beide sind 2 Zeilen hoch, aber das „ E “ für Hvad Edda Sie ist etwas größer und aufwändiger verziert. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 177 <?page no="178"?> gefasst wurden und deren ersten zwei Wörter in den zugehörigen Kopfzeilen wiederholt werden. Hier wird nicht nur der Prologus, sondern auch Vorwort IV derselben Person zugeschrieben. Darüber hinaus fehlt hier der Satz, der in den anderen zwei Handschriften von Vorwort IV zum Prologus überleitet: „ Og Byriast med þeim Formäla, sem hier seiger “ ( ‚ und beginnt mit dem Vorwort, das hier steht ‘ , NKS 1867 4to, f. 113r16, Abb. 32). Die Aufteilung beider Vorworte ist in der Analyse des visuellen und verbalen Textes nicht stringent oder klar durchgeführt und scheint die Unsicherheit in Bezug auf die unterschiedlichen Ursprünge zu belegen. 5.1.3.5 Diverses ‚ zum Auffüllen ‘ Element NKS 1867 4to ÍB 299 4to Alphabetisches Verzeichnis alter Wörter: Ütlegging Nockurra Fornijrda til undervijsunar Epter Stafrofe ‒ f. 61r - 62r Runen- und Geheimschriftreihen (nach Typus) ‒ 42 f. 62r23 - 62v13, 63v4 - 23 Runenverzeichnis (nach Alphabet) f. 108v16 - 109v10 ‒ sr. Jón Guðmundsson „ Þetta letur þienar sijst “ f. 109v11 - 17 f. 62v14 - 19 Ættartala Óðins ‒ 43 f. 63r - 63v3 Tab. 19: Kürzere Inhalte im erweiterten Prolog in NKS 1867 4to und ÍB 299 4to. In ÍB 299 4to und NKS 1867 4to umfasst der erweiterte Prolog einige weitere kürzere Inhalte, die hier nachfolgend zusammengefasst werden sollen (Tab. 19). Es handelt sich dabei um Verzeichnisse über Runen- und Geheimschriften (NKS 1867 4to, f. 108v - 109v; ÍB 299 4to, f. 62r - 62v, 63v), die sich weiterhin noch anderenorts in den Handschriften finden. Sie sollen hier - so wurde es vermerkt - vor allem als ‚ Lückenfüller ‘ leerer Bereiche dienen, was angesichts der sehr kurzen, kleinteiligen Reihen für ÍB 299 4to durchaus plausibel klingt. 44 Dennoch erscheinen sie nicht ganz aus dem Kontext gerissen, da sie in mehrfacher Weise mit den anderen Inhalten des erweiterten Prologs (und beiden Eddas) verzahnt sind. So beinhalten beide Handschriften Runen in den Bildbeischriften und in 42 Diese findet sich in NKS 1867 4to (f. 91r/ v) an anderer Stelle. Weiterhin enthalten alle drei Handschriften außerhalb des erweiterten Prologs Runen- und Geheimschriftreihen. 43 Diese Genealogie findet sich ebenfalls in den beiden anderen Handschriften (NKS 1867 4to, f. 203r/ v; SÁM 66, f. 234v - 235r). 44 „ Soad Epter filgiandi Blad sie E ij Audt: Þ  Sietiast hier Nockrar RVNER, hvóriar allar eru af fornumm Legsteinum utlesnar. “ ( ‚ Damit das nachfolgende Blatt nicht leer sei: Da werden hier einige RUNEN platziert, welche alle von alten Grabsteinen abgelesen wurden ‘ , NKS 1867 4to, f. 108v16 - 18); „ So e ij sie Aud Epter f ij lgiandi Blads ij da. Setiast hier F  ein nordrheimzbüa Stafro<f>. “ ( ‚ Damit die nachfolgende Seite nicht leer sei, werden hier einige Alphabete der Einwohner der nördlichen Welt gesetzt. ‘ , ÍB 299 4to, f. 62r23 - 24); „ Til uppfyll ij ngar þessare Blads ij du Setiast Þessi Stafrof “ ( ‚ Zum Auffüllen dieser Seite werden diese Alphabete eingefügt ’ , ÍB 299 4to, f. 63v4 ‒ 5). Die Runen- und Geheimschriftreihen formen in SÁM 66 (f. 162r - 169v) eine eigene Lage. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 178 5 Neuschreiben <?page no="179"?> NKS 1867 4to (f. 110v) zeigt eine Bildseite den Runenstein von Tirsted. 45 Die Listen fügen sich auch medial in den additiven Sammelcharakter der Handschriften ein und verstärken damit die Themenvielfalt der Bücher als Handbücher über die Kultur der Vorzeit. Die Runenschriften in diesen Handschriften werden an anderer Stelle ausführlich betrachtet (s. u., Kap. 5.3.3). Abb. 35: Runenreihen in alphabetischer Anordnung und darunter „ Þetta letur þienar sijst “ von sr. Jón Guðmundsson, NKS 1867 4to (f. 109v). Foto: Friederike Richter. Im Zusammenhang mit diesen Listen wurde ein kurzes Gedicht mit dem Beginn „ Þetta letur þienar sijst “ platziert (NKS 1867 4to, f. 109v; ÍB 299 4to, f. 62v). Dieses wird einem sr. Jón Guðmundsson zugeschrieben; Þórgunnur Snædal (2006 - 2007: 41, 2011: 69) weist darauf hin, dass sich dieser jedoch nicht eindeutig identifizieren ließe. 46 Der Begriff Runen wird hierin zwar nicht erwähnt, doch nimmt das Demonstrativpronomen þetta zu Beginn auf die oberhalb platzierten Runenschriftreihen Bezug, so dass erst durch die Anordnung der Inhalt verständlich wird (Abb. 35): 47 45 In ÍB 299 4to findet sich diese Bildseite ebenfalls, allerdings weiter hinten in der Handschrift und nicht innerhalb des erweiterten Prologs (f. 134v). 46 ÍB 299 4to gibt den Namen an: „ Výsur Sr Jöns Gudm: Sonar “ (f. 62v). Jón lærði Guðmundsson ist hier als Identifikation auszuschließen, da er kein Pfarrer war und deshalb den Titel síra nicht trug. 47 Þórgunnur Snædal (2006 - 2007: 26) überlegt ebenfalls, ob die Strophen im Zusammenhang mit den vorhergehenden Schriftreihen stehen könnten. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 179 <?page no="180"?> Wysur Sr J: G: S: Þetta letur þienar s ij st, þegnumm witsku snaudumm Enn hinumm betur hier ä lytst, Hugs umm Setur 48 , þad er vyst/ / Elldre menn ä Ønars frü, ydkudu soddann fræde, Er ei kienna ytar nü, oss vill spenna gleimskann sü/ / 49 ( „ Þetta letur þienar sijst “ , NKS 1867 4to, f. 109v11 ‒ 17) Hier wird thematisiert, dass die Runenschrift in der Bevölkerung in Vergessenheit zu geraten drohe. Der Grund sei, dass die ‚ Ungebildeten ‘ kaum mehr etwas mit der Runenschrift anfangen könnten und die ‚ Gebildeteren ‘ ausschließlich an der lateinischen Schrift Interesse hegen würden. Die Strophe verortet die Runenschrift in der isländischen Vergangenheit und argumentiert so für die Relevanz der Runenverzeichnisse oberhalb für die Bewahrung des kulturellen Gedächtnisses. Auch anderenorts wird in den Handschriften die Runenschrift in der Vergangenheit verortet, hier vor allem bei den Æsir und (heidnischen) Vorfahren. Es ist weiterhin interessant, dass diese Strophe in SÁM 66, also der Handschrift, die sich offensichtlich an ein weniger gebildeteres Publikum richtete, nicht aufgenommen wurde. Diese enthält zwar viele Runenreihen, aber möglicherweise wurde die Formulierung „ þegnumm witsku snaudumm “ als abwertend empfunden. ÍB 299 4to enthält außerdem noch zwei weitere Listen, eine davon ist Ütlegging Nockurra Fornijrda til undervijsunar Epter Stafrofe betitelt (f. 61r - 62r), 50 die entsprechend eine kommentierte Liste alter Begriffe in alphabetischer Anordnung umfasst. Ættartala Óðins Die Ættartala Óðins ist ebenfalls in allen drei jüngeren Handschriften vorhanden, aber ein weiteres Beispiel dafür, dass manche Inhalte unterschiedlich angeordnet wurden. So ist die Ættartala Óðins nur in ÍB 299 4to innerhalb des erweiterten Prologs platziert, so dass nur hier sicher ist, dass sie im Kontext der Prosa-Edda verstanden werden soll. Der inhaltliche Bezug ist aufgrund der zentralen Rolle Óðins auch in den anderen beiden Handschriften deutlich und ein Grund, warum die Ættartala Óðins als Teil der Rahmung aufgefasst wird und in dieser Studie unabhängig von ihrer Platzierung in die Analyse eingeht. Die Ættartala Óðins konstruiert über 75 (bzw. in SÁM 66 über 76) Generationen eine lineare Ahnenreihe von Adam über Óðinn zu Jón Arason (ÍB 299 4to, f. 63r/ v; vgl. NKS 48 Þórgunnur Snædal (2006 - 2007: 26, 2011: 69) liest hier „ letrin “ (das ist inhaltlich nachvollziehbar, da es ‚ Schrift(art) ‘ bedeutet, doch steht in beiden Handschriften eindeutig ein 〈 S 〉 am Wortanfang, zumal das Wort letur bereits in der ersten Zeile steht. Das Wort seta bedeutet pars pro toto ‚ Zett ‘ (den letzten Buchstaben im Alphabet) für das (lateinische) Alphabet (vgl. Sigfús Blöndal u. a. 1920 - 1924: 687). 49 ‚ Verse von sr. J(ón) G(uðmundsson) Diese Schrift dient den an Weisheit armen Untertanen am wenigsten, / aber denjenigen, die hier mehr Lust haben, / sie denk[en] an Zetts [den Buchstaben 〈 z 〉 , d. Verf.], das ist gewiss. / Ältere Menschen übten auf ⸢ Ónars Frau ⸣ (Insel, d. h. Island; Ónar = Zwerg), solche Studien aus, / wenn die Menschen jetzt nicht begreifen, / wird uns das Vergessen ergreifen. ‘ Vgl. ÍB 299 4to (f. 62v) sowie die Edition von Þórgunnur Snædal (2006 - 2007: 26, 2011: 69). Meissner (1921: 87) listet unter der Bedeutung für ‚ Erde, Land ‘ in der Kategorie „ Mythologische Kenningar “ solche, die sich auf die Töchter von Ánarr bzw. Ónarr beziehen. 50 Etwas Ähnliches gibt es in AM 738 4to (f. 32v - 33v, 89r25 - 92r), doch handelt es sich dabei um unterschiedliche Listen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 180 5 Neuschreiben <?page no="181"?> 1867 4to, f. 203r/ v; SÁM 66, f. 234v - 235r). 51 Es ist bemerkenswert, dass darin nicht nur die Abstammung Óðins aufgelistet ist, sondern diese um zahlreiche nachfolgende Generationen verlängert wurde und so mit (aus unserer Perspektive) historisierten Isländer: innen abschließt. 52 Die tabellarisch in Spalten angelegte und durchnummerierte Genealogie beginnt bei Adam (Nr. 1) und entwirft eine lineare, kohärente Abstammungsreihe, bis diese den durch größere Schrift markierten, im mittleren Bereich platzierten Óðinn (Nr. 43) erreicht und schließlich bei Jón Arason (Nr. 75, SÁM 66: Nr. 76) endet, dem letzten katholischen Bischof Islands und Skalden. Die Reihung der Vorfahren Óðins führt u. a. über Noah (Nr. 10), Saturn (Nr. 17), Jupiter (Nr. 18) und den trojanischen König Priamos (Nr. 24) und entspricht den Darstellungen des frühneuzeitlichen Prologus. Die nachfolgenden Generationen überspringen die Söhne, die Óðinn laut Prologus in den skandinavischen Ländern als Herrscher einsetzte und führen direkt über die Völsungen mit u. a. Sigurðr Fáfnisbani (Nr. 48) zu einem der ersten isländischen Siedler H ǫ fða-Þórðr (Nr. 54). 53 Hier schwingt der Landnahme-Mythos mit, aber nur untergeordnet, wichtiger ist sicherlich, dass es sich hierbei um eine dezidiert isländisch-gelehrte Ahnenliste handelt. So wird der Ursprung bedeutender Isländer mit der bekannten biblisch-euhemeristischen Herleitung über Troja direkt aufgenommen und mit dem Personal der Landnámabók bzw. mythisch-legendarischer Darstellungen (der Fornaldarsögur bzw. Prosa-Edda) angereichert. Die Fornaldarsögur wurden damals als historisch Darstellungen der Vorgeschichte der Königreiche angesehen und waren der Grund, warum sich die skandinavischen Antiquare für die altnordische Literatur interessierten. Im Gegensatz zur zunächst vergleichbaren Ættartala Sturlunga des Codex Upsaliensis (DG 11, f. 25v; vgl. Heimir Pálsson 2012b: 118) ist Snorri Sturluson in diese Ahnenreihe nicht integriert. Die Reihe führt einige Jahrhunderte über die - laut Titelseite 1215 angesetzte - Kompilation der Prosa- Edda hinaus und schließt so einen viel größeren Zeitraum ein. Die lineare Erzählung der Ættartala Óðins bricht aber mit Jón Arason ab, dessen Hinrichtung den Abschluss der Reformation in Island markiert. Diese Konstruktion einer isländischen Vergangenheit, die hier an chronologischer Tiefe gewinnt und sowie der Abschluss einer Genealogie Óðins mit Jón Arason ist so bemerkenswert, dass sie später (s. u., Kap. 6.2.4.1) weiter diskutiert wird. Diese Chronologie - die an die christlich-euhemeristische Herleitung des Prologus anknüpft und Island nicht als Peripherie, sondern selbstverständlich an europäische Ursprungsnarrative angliedert - wies darauf hin, dass sich Isländer: innen ebenfalls auf eine Abstammung, die u. a. Óðinn, die trojanischen Könige, Saturn und sogar Adam einschließt, berufen könnten. 51 Nur in SÁM 66 findet sich zusätzlich „ Hrollaugur “ (Nr. 52). 52 In der altnordischen Literatur fließen Mythen und Geschichte zu einem Kontinuum zusammen, die Unterscheidung beider Konzepte ist modern (Clunies Ross 1998: 76 - 96 und Rösli 2021a: 178). So sollte in diesem Zusammenhang auch die von der Genealogie überspannte sog. Landnahme Islands als narrativ konstruierter Mythos verstanden werden. 53 Die genealogische Anbindung von H ǫ fða-Þórðr an Ragnarr lóðbrók findet sich auch in der Landnámabók (Jakob Benediktsson 1968: 239). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 181 <?page no="182"?> 5.1.4 Gesamtkompilation und Rahmung Abb. 36: Aufschlag mit Titelseite der Prosa-Edda, NKS 1867 4to (f. 99v - 100r). Foto: Friederike Richter. Heute liegt der Beginn der Prosa-Edda in allen vier 54 Handschriften im sich leicht öffnenden mittleren Bereich, womit sie (auch) im wörtlichen Sinne als der zentrale Inhalt präsentiert erscheint (Abb. 36). 55 Die anderen Inhalte, die davor und dahinter platziert wurden, eröffnen ebenfalls mit der Prosa-Edda einen Resonanzraum: So erweitern die enthaltene eddische und skaldische Dichtung den Umfang deutlich um Inhalte altnordischer Dichtung, die so den von Magnús Ólafsson (und später) ausgeführten Kürzungen der zitierten Strophen etwas entgegen setzen (und sogar übersteigen). Inhaltlich enthalten viele Edda-Lieder (ähnliche) Narrative und Figurenpersonal wie die Dæmisögur. In den drei jüngeren Handschriften finden sich gelehrte Abhandlungen, u. a. die Útlegging yfir V ǫ luspá von Björn á Skarðsá, die auf die Prosa-Edda Bezug nehmen. Diese Inhalte unterscheiden sich von den zuvor beschriebenen Prologen vor allem durch ihre Positionierung, aber auch andere der Prosa-Edda zugehören Inhalte (wie die Frageliste in AM 738 4to, die Appendizes und Inhaltsübersichten in den drei jüngeren Handschriften) wurden weiter vorne bzw. hinten platziert. Das Konzept der ‚ Rahmung ‘ ist Argument dafür, diese Inhalte in die weitere Analyse des Neuschreibens einzubeziehen, weshalb dieses an hier vorgestellt und diskutiert wird. Wolf (2008: 91) schlägt das funktionale Konzept ‚ Rahmung ‘ als Alternative zu Prologen vor. Dabei könnten alle Paratexte rahmen, nur gilt dies nicht umgekehrt: „ Das Konzept der Rahmung ist also weiter als das des Paratextes, vermag aber Paratexte zu integrieren “ (Wolf 2008: 93). In Bezug auf die altnordische Literatur und Handschriftenkultur wurde das Konzept bereits verschiedentlich benannt, vor allem als eine abstrakt-semiotische 54 Eine etwas unsichere Ausnahme bildet an dieser Stelle AM 738 4to, die offensichtlich erst von Jón Sigurðsson in die vorliegende Reihenfolge gebracht wurde. 55 Rudy (2016: 199 - 200) hat diese Beobachtungen bei Messbüchern gemacht, auch wenn deren Nutzung sich von den untersuchten Handschriften unterscheidet. Der Grund ist, dass die Mitte von Handschriften sich oftmals leichter aufhalten lässt und so die Entscheidung die zentralen Texte mittig zu platzieren beim Binden eine Rolle gespielt haben könnte. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 182 5 Neuschreiben <?page no="183"?> Kategorie, die den jeweils thematisierten Inhalt in einen weiteren Zusammenhang stellt. So gilt für die Prosa-Edda, dass der Dialog zwischen König Gylfi in Gestalt von Gangleri mit den drei Asenkönigen Hárr, Jafnhárr und Þriði als Rahmennarrativ der Mythen bezeichnet wird, und zusätzlich der Prologus, der die Gylfaginning in eine christliche Schöpfung einbettet, ebenfalls eine rahmende Funktion übernimmt (Glauser 2013: 115 - 116). Eine solches Rahmennarrativ wird von Wolf (2008: 91) als ‚ literarische Rahmung ‘ bezeichnet. Die Rahmung ist essentieller Bestandteil des mythografischen Erzählens der Prosa-Edda: „ Die vielfach gerahmten und gebrochenen Erzählungen über die alten Göttergeschichten inszenieren rhetorische und mediale Situationen und zeigen, wie aus solchen Illusionen Mythen entstehen. “ (Glauser 2009: 172). Schneeberger (2020: 54) begreift das Konzept der Rahmung als „ Aspekt literarischer Performativität “ , die u. a. „ performative Akte aktualisieren und in einen neuen Zusammenhang stellen “ könnten; hierbei sei es wichtig, die Rahmung nicht als ein Außen im Kontrast zu Innen zu betrachten, sondern als „ komplexe Schnittstelle zwischen Innen und Außen eines Textes “ . 56 Rahmungen sind handschriftenabhängig und umfassen nicht nur Elemente des verbalen Textes: Im Codex Upsaliensis würden zum Beispiel die Rubriken, Listen, Illuminationen und weitere Inhalte und Paratexte dazu zählen (Glauser 2009: 169, Schneeberger 2020: 54 - 55). Hier lasse sich laut Glauser (2013: 116) das „ die ganze Handschrift dominierende Prinzip dieser Rahmensetzung “ beobachten. Diese Verwendung wird auch von Rösli aufgegriffen, der darlegt, wie beispielsweise die Eingangsillumination des Bischofs in dieser Handschrift (DG 11 4to, f. 1v) einen „ verstärkt christlichen Verstehensrahmen “ (Rösli 2015: 46 - 58) aufspannt. Rösli kommt nach eigehender Analyse des Codex Upsaliensis zum Schluss: „ Der Text der Prosa-Edda ist in dieser Version in mehrfacher Hinsicht gerahmt. “ (Rösli 2015: 58). Wolf betont, dass die Rahmung nicht nur in materiell manifestierte Einheiten vorliegt, sondern auch eine zweite abstrakte Ebene umfassen kann in Form von „ Metakonzepte[n] gegenüber dem Gerahmten “ (Wolf 2008: 91). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich viele der analysierten Phänomene als Rahmung greifen ließen, was ebenfalls für die Prologformen in diesem Kapitel gilt. Im Folgenden werden weitere Inhalte vorgestellt, die deutlich in Resonanz mit der Prosa-Edda stehen und als Teil der Rahmung aufgefasst werden sollen und deshalb in die weitere Argumentation eingehen. In AM 738 4to steht ein Großteil der Inhalte zueinander in Resonanz, dazu gehört u. a. die umfangreiche Zusammenstellung skaldischer Dichtung, die mit den Listen über Kenningar und Heiti im Annar Partur direkt verbal verknüpft ist, so wie das erwähnte Gedicht Aldarháttur von Hallgrímur Pétursson. Sie gleicht in ihrer Konzeption somit denjenigen mittelalterlichen Handschriften, die zuweilen als „ Fragmente “ der Prosa-Edda bezeichnet werden, weil sie aus dieser nur die Skáldskaparmál (sowie andere Inhalte zur Sprache der Dichtung) enthalten (vgl. Guðrún Nordal 2001: 43). So ist die kodikologische Einheit L (f. 46r - 79r), die mit den Götterliedern den Hauptteil der eddischen Dichtung umfasst, aufschlussreich. Sie befindet sich (heute) zusammen mit weiteren Inhalten zwischen den beiden Blöcken der Prosa-Edda, also den oben beschriebenen illuminierten Abschnitten (f. 34 - 45) sowie dem Annar Partur (f. 98r - 126r). Diese eddische Dichtung wurde von Hand 2 geschrieben, es ist grundsätzlich nicht auszuschließen, dass die 56 Schneeberger (2020) bezieht sich in ihren Definitionen auf Herberichs/ Kiening (2008). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 183 <?page no="184"?> Haupthand (3) (die die letzte Seite f. 79v beschrieb) hier bewusst einschob (falls Jón Sigurðssons Anordnung stimmt). Dafür spräche die gemeinsame Titelseite. Wenn diese Anordnung tatsächlich bewusst geplant war, könnten die Götterlieder als eine Art Dæmisögur- ‚ Ersatz ‘ betrachtet werden, ähnlich wie es Guðrún Nordal (2001: 58) für AM 748 I 4to beschreibt. Dann würden die illuminierten Lagen ebenfalls als Einleitung für die eddische Dichtung gelten, nicht nur für den Annar Partur. Weiterhin befindet sich heute eine Liste mit Fragen zu Inhalten der Prosa-Edda (f. 1v) in AM 738 4to ganz vorne. Da es sich hierbei um ein rekonstruiertes Doppelblatt handelt, ist wahrscheinlich, dass dieses Blatt früher an anderer Stelle stand. Die Liste stellt Fragen zu Themen der Dæmisögur, wobei die entsprechenden Abschnitte heute nicht erhalten sind. Die Fragen zielen nicht auf mythologisches Grundlagenwissen ab - ähnlich wie Gangleri sie stellt - sondern interessieren sich vor allem für Namen von weniger zentralen Themen und erfordern dementsprechend gute Textkenntnis. Es ließe sich an dieser Stelle also überlegen, ob dies ein Hinweis darauf ist, dass die Dæmisögur zumindest angedacht gewesen sind. Weiterhin ist die Entscheidung in AM 738 4to interessant, in die Gesamtkompilation zeitgenössische Dichtung wie Aldarháttur von Hallgrímur Pétursson (f. 3r ‒ 5r) aufzunehmen. In funktioneller Hinsicht ist dieses z. B. dem Vorwort III in den drei jüngeren Handschriften ähnlich: Hier wird eine Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart hergestellt und vor allem aus der Perspektive der von einem kulturellen Verfall gezeichneten Gegenwart die Vergangenheit glorifiziert. Es wird verdeutlicht, welchem Wert die Beschäftigung mit der in der Handschrift enthaltenen Dichtung beigemessen wird. Es scheint in seiner Platzierung weit vorne in der Handschrift programmatisch den Ton anzugeben - wie es zu einem früheren Zeitpunkt oder bei einer Verwendung von ungebundenen Faszikeln aussah, bleibt jedoch unklar. Eddische Götterdichtung findet sich in allen vier Handschriften und sie enthalten alle die V ǫ luspá und Hávamál. In allen drei jüngeren Handschriften ist die eddische Dichtung mit einer eigenen Titelseite direkt an den Anfang der Handschrift platziert. Die Anzahl der enthaltenen eddischen Lieder schwankt jedoch, in ÍB 299 4to ist sie am geringsten. Hier ist besonders bemerkenswert, dass die Titelseite erklärt, wie diese Lektüre der Prosa-Edda vorangestellt werden (ÍB 299 4to, f. 1r1 - 5; s. u., Kap. 5.2.2.2). Es lässt sich aus heutiger Perspektive feststellen, dass in den drei jüngeren Handschriften die eddische Dichtung - ähnlich wie die skaldische Dichtung in AM 738 4to - in Anbetracht der Kürzungen der eddischen Zitationen in den Dæmisögur wie eine Auslagerung derselben wirken, wenngleich sicherlich davon auszugehen ist, dass diese nicht als solche angelegt war. Weiterhin befindet sich in NKS 1867 4to (f. 170v ‒ 171r) und ÍB 299 4to (f. 150v ‒ 151r) ein kurzes, emphatisches Ende zur Prosa-Edda, das als „ APPENDIX edur FINALE eddu “ (NKS 1867 4to, f. 170v18, ‚ Anhang oder Ende der Edda ‘ ) überschrieben ist. Dieser umfasst „ Christs Vijsur “ , „ Himens Vysur “ und „ Soolar Wysur “ sowie eine verbale Schlussformel, die teilweise in Runen- und Geheimschriften geschrieben ist. Die Schlussworte schließen an die Titelseiten an und erwähnen noch einmal, dass Snorri 1215 Rechtssprecher „ hier a Lande “ ( ‚ hier im Lande ‘ , NKS 1867 4to, f. 171r27) gewesen sei. Der Appendix steht nur in ÍB 299 4to am Ende der Handschrift, auf ihn folgt nur noch die (heute defekte) Inhaltsübersicht über die Dæmisögur (f. 151v). Die erwähnte Titel-Seite der Edda-Lieder in ÍB 299 4to und weitere Beobachtungen lassen somit überlegen, inwieweit die gesamte Handschrift als gerahmte Prosa-Edda verstanden werden sollte; die Rahmung würde dann das Konzept Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 184 5 Neuschreiben <?page no="185"?> eines erweiterten Prologs noch einmal deutlich ausweiten und sich bis zu den Buchdeckeln ausdehnen. Björn Jónsson á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá (1644/ 1646) Alle vier Handschriften, aber im Besonderen NKS 1867 4to und ÍB 299 4to, enthalten zahlreiche gelehrte frühneuzeitliche Abhandlungen, die sich mit altnordischer Literatur und Runen auseinandersetzen. 57 So ist in den drei jüngeren Handschriften sicherlich der Kommentar von Björn á Skarðsá (1644/ 1646) trotz des irreführenden Titels Útlegging yfir V ǫ luspá als einer der gelehrten Schlüsseltexte in Bezug auf die Prosa-Edda aufzufassen (NKS 1867 4to, f. 60v - 75v; ÍB 299 4to, f. 34r - 44v; SÁM 66, f. 218r - 234r; Transkriptionen von relevanten Auzügen finden sich im Anhang App. 5.3.2.5 - 6). 58 Dessen Hauptteil (Kap. 2 - 19) besteht vor allem aus einer Paraphrase zentraler Inhalte der Prosa-Edda (Prologus und Gylfaginning) sowie aus Zitationen und paraphrasierende Kommentare einzelner Strophen der V ǫ luspá, die durch Zitationen aus Vafþrúðnismál und Grímnismál ergänzt werden. Björn verweist darin auf weitere altnordische Texte wie die Trójumanna saga und auch Einfluss christlich-gelehrten Wissens wird deutlich. Die Kapitel thematisieren nur einige der Gött: innen und die mythologischen Narrative werden nur angerissen - so wird z. B. die Erzählung, wie Þórr die Midgardschlange angelt, in wenigen Zeilen zusammengefasst. Weitere Themen des Kommentars sind Idolatrie und das Prinzip der vier Weltzeitalter inkl. eines Goldenen Zeitalters (der Blüte Trojas). Dabei baut Björn das Prinzip der Interpretatio Romana und Interpretatio Christiana weiter aus; so setzt er u. a. die Midgardschlange J ǫ rmungandr mit Achilles gleich. Lassen (2018: 228) legt in diesem Zusammenhang dar, wie Björns Verschmelzungen zu einer (mehr oder weniger) kohärenten Einheit der Grundannahme folgen, die Narrative der eddischen Mythologie als Ausdruck ( „ representations “ ) biblischer und trojanischer Narrative aufzufassen. Björn erstellte mit dem Kommentar eine Art neugeschriebene und völlig neugerahmte Kurzfassung zentraler Inhalte der Prosa-Edda, die (an anderer Stelle) unbedingt wert wäre mit einer Edition und ausführlichen Analyse bedacht zu werden. Bemerkenswert ist dabei, dass ihm bei der Paraphrase der Prosa-Edda - die anders als der Titel vermuten lässt, einen 57 Dazu zählen: Árni Böðvarsson: Notæ yfer Rymur (NKS 1867 4to, f. 229r - 239r); Björn á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá (NKS 1867 4to, f. 60v - 75v; ÍB 299 4to, f. 34r - 44v; SÁM 66, f. 218r - 234r); Björn á Skarðsá: Samtak um rúnir (1642; AM 738 4to, f. 18r ‒ 22r; NKS 1867 4to, f. 76r - 88r; ÍB 299 4to, f. 44v - 55r); Runólfur Jónsson: Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa (Kopenhagen 1651, in isländischer Übersetzung; NKS 1867 4to, f. 171v - 183r; ÍB 299 4to, f. 135r - 146v); Jón lærði Guðmundsson: Að fornu í þeirri gömlu norrænu kölluðust rúnir bæði ristingar og skrifelsi (Kommentar zur Sigrdrífumál; NKS 1867 4to, f. 88v - 90v; ÍB 299 4to, f. 55r - 57r) und Olof Verelius: Extractum (Uppsala 1664, Kommentar zur Hrólfs saga Gautrekssonar; NKS 1867 4to, f. 204r - 211v; ÍB 299 4to, f. 128r - 134r). Weiterhin finden sich einige Edda- und Skaldik-Kommentare in den Handschriften, bei denen das Verhältnis zwischen zitierter Dichtung und Kommentar unterschiedlich ausfällt, u. a.: Auszug aus Reginsmál mit Kommentar (AM 738 4to, f. 86v ‒ 87v) und Vafþrúðnismál mit Kommentar (NKS 1867 4to, f. 213r - 219v). Dazu ließe sich sicherlich der Kommentar zur Skaldik aus der Óláfs saga Tryggvasonar en mesta von Hallgrímur Pétursson zählen (AM 738 4to, 92v ‒ 95v), der vor allem auf dem Rand und interlinear die verwendeten Kenningar erklärt. Weiterhin enthalten die Handschriften Wortlisten und an verschiedenen Stellen Verzeichnisse mit Runen- und Geheimschriften. 58 Dieser Kommentar wurde bisher nicht ediert und kaum erforscht. Er wurde bisher nur mehrfach erwähnt (vgl. Einar G. Pétursson 1998b: 172 - 173, 412, Faulkes 1979a und Lassen 2018: 228). Als Datierung wurde in Reykjavík, Landsbókasafn, Lbs 818 4to das Jahr 1644 verzeichnet, Einar G. Pétursson (1998b: 412) zufolge sei auch 1646 für die Abfassung möglich. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 185 <?page no="186"?> Großteil des Kommentars ausmacht - eine mittelalterliche Fassung der Gylfaginning vorgelegen haben muss. Es kann sich nicht um Magnús Ólafsson umgearbeitete isländische Fassung der Dæmisögur handeln. Über seinen Patron Bischof Brynjólfur Sveinsson könnte Björn vielleicht Zugang zu mittelalterlichen Handschriften (oder deren Abschriften) gehabt haben. Das Argument hierfür ist, dass die durch Magnús Ólafsson zum größten Teil entfernte Rahmenerzählung der Gylfaginning - der Dialog zwischen Gangleri (König Gylfi) und den drei Asenkönigen Hárr, Jafnhárr und Þriði - im Kommentar äußerst prominent ist. Ein Großteil der mythologischen Inhalte wird als ein mit Inquitformeln markiertes indirektes Zitat des Dialoges wiedergegeben. Das schließt auch die Ankunft von Gangleri bei den Asenkönigen und das plötzliche Verschwinden dieser mit ein (Kap. 4, 18). Es scheint, als wäre Björn in humanistisch-gelehrter Manier viel daran gelegen gewesen, in seiner Kompilation die Stimmen seiner Quellen transparent zu gestalten, so er ordnet z. B. die eddischen Strophen jeweils den Liedern zu. Wenn Björn die Gylfaginning paraphrasiert, wird also deutlich, dass nicht ‚ Snorri ‘ spricht, sondern er sich auf den Dialog zwischen den Asenkönigen und Gangleri bezieht. Dies liegt sicherlich daran, dass er Snorris Beitrag als Kompilator einordnet. Lassen (2018: 228) zufolge habe sich Björn die Asenkönige als historische Personen vorgestellt, denen die V ǫ luspá bekannt gewesen sei (Kap. 4). Wenn man die Positionierung dieses Kommentars in den drei jüngeren Handschriften betrachtet, fällt Folgendes auf: In NKS 1867 4to (f. 60v - 75v) und ÍB 299 4to (f. 34r - 44v) wurde dieser direkt im Anschluss an die eddische Dichtung und damit direkt vor die Prosa-Edda positioniert und bildet damit den Auftakt einer ganzen Reihe gelehrter frühneuzeitlicher Abhandlungen (es folgen u. a. Vorworte I - IV) und nimmt so eine Zwischenstellung zwischen beiden Eddas ein. In SÁM 66 (f. 218r - 234r) folgen beide Eddas direkt aufeinander, der Kommentar befindet sich deshalb im Block mit weiteren frühneuzeitlichen Abhandlungen weiter hinten. Er bildet zusammen mit der Ættartala Óðins die letzte kodikologische Einheit direkt nach der Einführung in Arithmetik (Lijted Agrip Umm þær fiörar Species I Reikningskonnstenne). Der mit 22 bis 33 Textseiten nicht ganz kurze Kommentar Björns wird wegen seiner rahmenden Funktion mehrfach in die Analyse zur Rezeption der Prosa-Edda in der frühen Neuzeit einfließen (s. u., Kap. 6). Dabei wird vor allem Kap. 1 von Bedeutung sein, da dieses auf einer Metaebene in beide Eddas einführt und einige interessante Überlegungen beinhaltet, die im weiteren Verlauf diskutiert werden. Epilog Einer der vielen Orte, an denen deutlich wird, dass sich in Bezug auf die Haltung zur Prosa-Edda seit dem Mittelalter Einiges verschoben hat, ist der frühneuzeitliche Epilog, der die Dæmisögur in den drei jüngeren Handschriften abschließt (NKS 1867 4to, f. 147v; ÍB 299 4to, f. 105r/ v; SÁM 66, f. 136r/ v; Transkription im App. 5.3.2.4). In den mittelalterlichen Fassungen gab es einen ähnlichen Epilog in den Brægaræður/ Skáldskaparmál, der die Lesenden deutlich vor dem Glauben an die heidnischen Götter warnt und zugleich auf die Notwendigkeit verweist, die Euhemerisierung des Prologus beim Lesen der Mythen mitzudenken: „ enn æigi ſ kulu kri ſ tner menn trua a heiðín guð. ok æigi a ſ annín ꝺ í þe ſſ a ſ agna annan veg enn sua ſ em her ꝼ ínnz i upp ha ꝼ í bokar “ ( ‚ aber sollen christliche Menschen nicht an die heidnischen Götter glauben und nicht an die Wahrheit dieser Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 186 5 Neuschreiben <?page no="187"?> Geschichten auf andere Weise als wie sie am Anfang des Buchs zu finden ist ‘ , AM 242 fol., pag. 44). 59 Dieser Passus ist von Magnús Ólafsson in seiner Umarbeitung gestrichen worden ‒ offensichtlich erschien er ihm überflüssig. Die Gründe werden zweierlei sein: Zum einen lag die Abkehr von den heidnischen Göttern inzwischen so lange zurück, zum anderen rückte die Prosa-Edda vor allem als Repräsentantin mittelalterlicher Literatur ins Interesse. Magnús fügte in seiner umgearbeiteten Fassung des Epilogs eine andere Formulierung ein, die sich direkt an die Lesenden wendet und ihnen nahegelegt, dennoch die Narrative der Prosa-Edda wertzuschätzen: „ þä skulu menn þö ecke so Ovyrda þessar frä sógur “ ( ‚ Die Menschen sollen dann diese Erzählungen doch nicht so geringschätzen ‘ , NKS 1867 4to, f. 147v24 - 25). Die Unterscheidung zwischen den erzählten Mythen und Mythografie als Textgattung existierte schon in den mittelalterlichen Fassungen; in den Papierhandschriften klingt immer wieder deutlich durch, dass das frühneuzeitliche Interesse vor allem auf der Mythografie und nicht den Mythen lag. 5.1.5 Zusammenfassung Der Prologus der Prosa-Edda ist einer der in der Forschung am kontroversesten diskutierten Abschnitte der Prosa-Edda. Er ist in unterschiedlichem Umfang in den vier hier untersuchten Handschriften enthalten und wurde durch weitere Materialien wie Bildseiten ergänzt. Um die damit in Verbindung stehenden Neuschreibeprozesse zu greifen, wurden in diesem Kapitel die Phänomene in den untersuchten Papierhandschriften als ‚ umverteilter Prolog ‘ (AM 738 4to) und ‚ erweiterter Prolog ‘ (NKS 1867 4to; ÍB 299 4to; SÁM 66) benannt und analysiert. Dabei stand in den drei jüngeren Handschriften das Prinzip des Sammelns und in AM 738 4to das der Umstrukturierung, also eine Aktive Arbeit am verbalen Text der Prosa-Edda im Vordergrund. Die heute fixierte Vorstellung der Werkteile zeigt sich in AM 738 4to fluide, sie durchdrangen einander und die Grenzen zwischen Paratext und Text verschwimmen. Es wurde gezeigt, dass der Prologus nicht in Gänze enthalten sein musste und Abschnitte der Prosa-Edda selbst prologisch eingesetzt werden konnten. In den drei jüngeren Handschriften zeigt sich der Wunsch, viele Materialien der Lektüre der Prosa-Edda als Leseeinstieg vorauszuschicken. Hier wurde umfangreiches Material zusammengetragen, u. a. vier frühneuzeitliche Vorworte, die im Gegensatz zum Prologus die Prosa-Edda als Werk reflektieren: Vorwort I erörtert die Bedeutung und Etymologie des Titels Edda. Vorwort II erweitert die Narrative um die klassische Mythologie, v. a. die Themen Abgötterei und Weltzeitalter spielen eine Rolle und werden auch auf die Prosa-Edda bezogen. Vorwort III argumentiert für den Vorteil der Lektüre der Prosa-Edda. Vorwort IV führt in die Prosa-Edda und deren Gliederung ein. Der erweiterte Prolog ordnet die Lektüre der Prosa-Edda ein und lenkt sie. Seine antiquarische Perspektive vergrößert den thematischen Rahmen u. a. um Runenschrift und klassische Mythologie. Der erweiterte Prolog lässt somit sowohl in quantitativer als auch qualitativer Hinsicht die für die frühe Neuzeit so typische „ Pluralisierung der Paratexte “ (von Ammon/ Vögel 2008a) belegen. Diese erscheint hier sowohl als Vielstimmigkeit, die durch die verschiedenen Inhalte erklingt, aber auch in unterschiedlichen medialen Formen: Neben den Vorworten und Bildseiten umfassen diese u. a. Dichtung, Runen- und Geheimschrif- 59 Ed. Johansson (2016); vgl. DG 11 4to (f. 20v); GKS 2367 4to (f. 20r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.1 Prologe und Rahmung 187 <?page no="188"?> treihen und mit der Ættartala Óðins eine genealogische Liste von Adam bis Jón Arason. Der Bezug zur Prosa-Edda erschließt sich zuweilen nicht auf den ersten Blick, sondern lässt sich manchmal als übergeordnetes, antiquarisches Interesse an Literatur und Sprache der Vorzeit erklären. Die Hierarchie zwischen Paratext und Text bleibt in den drei jüngeren Handschriften sichtbar. Abschließend wurde noch das Phänomen der Rahmung aufgegriffen. In dem Zusammenhang wurde thematisiert, wie die weiteren Inhalte der Handschriften zusätzliche Diskurse in Bezug auf die Prosa-Edda eröffnen, mit der sie in Resonanz stehen und somit auch als Beiträge zu Neuschreiben und Rezeption aufzufassen sind. 5.2 Titelseiten Der Beginn der Prosa-Edda ist in allen vier Handschriften mit einer Titelseite markiert. 60 Dabei handelt es sich um gestaltete Seiten, die neben dem Titel noch weitere Informationen beinhalten können, nicht aber den verbalen Text des Werkes selbst (Smith 2000: 15). 61 Sie sind damit zentraler Austragungsort der Kanonisierung von Werktiteln und etwaiiger Autor: innen. Sie heben sich in ihrer Gestaltung von den anderen Textseiten ab, indem sie einen kürzeren verbalen Text enthalten, der dafür durch Auszeichnungsschrift und Schriftgröße visuell hervorgehoben ist. 62 Titelseiten kamen erst in Folge der Serienfertigung des Buchdrucks zum Einsatz (Smith 2000: 15 - 22). In isländischen Handschriften nahm ihre Verwendung vom 16. bis zum 17. Jh. mit der Zeit zu und betraf zunächst vorrangig Sachliteratur (Hufnagel 2024: 49). In der Frühen Neuzeit waren sie damit das augenfälligste Beispiel für die gegenseitigen Verkreuzungen von Buchdruck und isländischer Handschriftenkultur. Auf manchen gedruckten Titelseiten frühneuzeitlicher Textausgaben wurde auf die Verwendung mittelalterlicher Handschriften hingewiesen. In Folge des Buchdrucks wurden Titelseiten für Handschriften entworfen; wie die hier untersuchten Beispiele zeigen, verweisen davon einige auf gedruckte Ausgaben. Erst vor kurzem wurde begonnen, Titelseiten isländischer Handschriften eingehender zu erforschen, was als Folge der Material Philology anszusehen ist, die eine verstärkte Zuwendung zu frühneuzeitlichen Handschriften sowie ein gesteigertes Interesse am Zusammenspiel von Buchdruck und Handschriftenkultur auslöste. 63 Titelseiten und deren Gestaltung konnten offensichtlich genauso wie Illuminationen als optionale Ausstattungselemente hinzugewählt werden, zählten sie im betreffenden Zeitraum noch nicht zum 60 Es handelt sich hier nicht zwangsläufig - wie heute üblich - um eigene Titelblätter, sondern oft nur um Titelseiten, deren Rückseite bereits den Beginn des angekündigten Inhalts oder weiteres Material beinhalten kann. 61 Die weiteren Angaben, die sich auf den analysierten Titelseiten finden lassen, sind: Inhaltsübersicht, Informationen zur Überlieferung, Biografisches über den Kompilator, Widmung sowie die Informationen, die in mittelalterlichen Handschriften ihren üblichen Platz zumeist am Ende der Handschrift im Kolophon gefunden hätten (Angabe von Schreibort und -jahr sowie Name der Schreibhand). 62 Weitere Merkmale können sein: zentrierte Zeilenausrichtung, Rahmen, Hintergründe, Farben, Ornamentierung oder anderen Formen von Illumination wie Bildmedaillons oder Bordüren. 63 Ein Forschungsprojekt zu diesem Thema wurde von Hufnagel (2016: 399 - 402, 2017, 2021, 2024) durchgeführt, ein kurzer Beitrag zur Prosa-Edda-Titelseite in ÍB 299 4to ist von Rösli (2017) erschienen. Vgl. zum Einfluss gedruckter Bücher in Bezug auf isländische Titelseiten in Handschriften Springborg (1977: 88). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 188 5 Neuschreiben <?page no="189"?> Standard. In den hier analysierten Handschriften scheint ihr Einsatz dadurch begünstigt worden zu sein, wenn das entsprechende Werk bereits gedruckt worden war; in anderen Handschriften finden sich jedoch auch Titelseiten für bis dahin ungedruckte Inhalte wie Sagas. Ein entscheidender Unterschied zu gedruckten Titelseiten bestand darin, dass die handschriftlichen Titelseiten - genauso wie die Gesamthandschrift - individuell ausgestaltet wurden. Das betraf alle drei Textformen, und somit neben der verbalen auch die visuelle Gestaltung und Fragen der Platzierung in der Gesamtkompilation. Nachfolgend wird zunächst kurz die Geschichte der Titelseiten nachgezeichnet und auf die Titelseiten der ersten Edda-Druckausgaben eingegangen. In der darauffolgenden Analyse werden die einzelnen handschriftlichen Titelseiten zur Prosa-Edda analysiert. Dabei kann auf dieser Grundlage besser abgewägt werden, welche Eigenschaften sich auf gedruckte Vorbilder zurückführen lassen und welche den jüngsten Neuschreibeprozessen zuzuordnen sind. In diesem Zusammenhang werden die Funktionen der Titelseiten diskutiert, u. a. in Bezug darauf, wie sie die Handschriften gliedern, welche nachhaltige Bedeutung ihnen für die Kanonisierung von Titeln und Autorzuschreibungen zukam und inwieweit diese eine kontinuierliche Überlieferung der Prosa-Edda seit dem Mittelalter vermitteln und deren fortwährende Relevanz kommunizieren. Viele dieser Themen werden im weiteren Verlauf wieder aufgegriffen: Dazu gehört ganz besonders die Verfestigung von Titel und Autorzuschreibung, wie sie in der Form ‚ Snorra-Edda ‘ bis heute weiträumig Nachhall findet (s. u., Kap. 6.1.2.3). 5.2.1 Gedruckte Titelseiten Durch den Buchdruck wurde es erstmals möglich, eine große Anzahl von identischen Exemplaren von einem Werk auf einmal zu vervielfältigen. Bücher wurden damals ungebunden, d. h. als geheftete Lagen oder Buchblöcken, verkauft und erst anschließend individuell in die Buchbinderei gebracht. Zunächst wurden die ersten Seiten - genauso wie in der Handschriftenproduktion - zum Schutz der ungebundenen Buchblöcke leergelassen. Bald schon wurden Titelschilder eingesetzt, die halfen, die Buchblockstapel in den Buchdruckereien zu identifizieren. Aus diesen Titelschildern entwickelten sich im Laufe der Zeit elaborierte Titelseiten, die sich zugleich für Verkaufs- und Vermarktungszwecke einsetzen ließen und auf denen sich die Druckerei einschreiben konnte. 64 Die verkaufsfördernde Funktion wurde erst im 19. Jh. durch die Einführung von ansprechend gestalteten Verlagseinbänden (in Form von Buchumschlägen bzw. Buchcovern) nach und nach abgelöst. Für den Buchmarkt ist die Benennung der gedruckten literarischen Werke mit einem Titel sowie ggf. der Autor: innen eine Notwendigkeit, so dass Titelseiten diese Kategorien nicht nur institutionalisierten, sondern zugleich die Vorstellung einer Abgeschlossenheit und Festigkeit literarischer Werke begüngstigten. Im Unterschied zu Rubriken, Seitentiteln und Kolophonen, die ebenfalls ähnliche verbale Informationen enthalten, haben Titelseiten eine eigene materielle und visuelle Präsenz, sie bieten Raum für Ausführlichkeit und Illuminationen. Auf frühneuzeitlichen Titelseiten waren erweiterte Informationen zu den Werken noch nicht unüblich und so 64 Eine Übersicht über diese Entwicklung der Titelseiten in der Zeit des Frühdrucks findet sich bei Smith (2000: 11 - 23, 102). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.2 Titelseiten 189 <?page no="190"?> konnten sie sowohl Inhaltsangaben in Prosaform oder z. B. tabellarische Inhaltsübersichten umfassen (Smith 2000: 98 - 102). Darüber hinaus haben sie in kompositen Handschriften eine akzentuierende und gliedernde Funktion, indem sie die folgenden Inhalte dem benannten Werk zuordnen - etwas, was vor allem im Zusammenhang mit den individuellen Kompilationen von Handschriften, die oft mehrere Texte beinhalten interessant ist. Bevor als nächstes die Titelseite der Edda Islandorum vorgestellt werden soll, seien noch ein paar Worte zu zeitgenössischen Titelseiten von in Island gedruckten Büchern vermerkt. Die Durchsicht dieser ergab nur wenig Variation in der visuellen Gestaltung, zentral war vor allem die Beschriftung. Ausnahmen bildeten einige Titelseiten mit aufwändigeren Bordüren, z. B. die historisierten Bordüren in den ersten Bibeldrucken und einige ornamentale Bordüren, die für verschiedene Werke wiederverwendet wurden. Darin finden sich Variationen geometrischer Flechtornamente oder schmale Bordürenleisten mit ornamentaler Verzierung aus Ranken, Balustern, Masken und Figuren. Ansonsten wurden Titelseiten vor allem durch Einsatz unterschiedlicher Schriftarten (Fraktur, Antiqua), Farben (rot, schwarz) und Linien gestaltet. Die schlichte Visualität der gedruckten Titelseiten der zweiten Hälfte des 18. Jh. in Island erklärt Hufnagel (2017: 183) mit den finanziellen Umständen und dem zeitgenössischen Geschmack. Abb. 37: Titelseite der Edda Islandorum (Resen 1665a). Digitalisat: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn. Alle Digitalisate von baekur.is sind mit freundlicher Genehmigung der Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn dem jeweiligen Digitalisat entnommen: <https: / / baekur.is/ bok/ 4707ae8ad74e-4eb8-90d9-164a810e9a89, 25.10.2024>. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 190 5 Neuschreiben <?page no="191"?> Die Titelseiten der ersten 1665 in Kopenhagen gedruckten Ausgaben von Prosa-Edda sowie V ǫ luspá und Hávamál sind in nüchterner, humanistisch-gelehrter Tradition ausgeführt worden: Sie enthalten jeweils eine längere lateinische Beschreibung in Prosa, die neben dem Werktitel jeweils eine Widmung an den dänischen König verzeichnet. Für die Prosa-Edda wird der Titel Edda mit der Verortung Islandorum ( ‚ der Isländer ‘ ) angegeben (Abb. 37). Außerdem wird diese Snorri Sturluson islandiæ ( ‚ aus Island ‘ ) zugeordnet. Das Verb, das Snorris Beitrag beschreibt, lautet conscribere ( ‚ aufschreiben ‘ , ‚ verfassen ‘ ). Zentrale weitere Elemente betreffen die Datierung der Edda ins Jahr 1215 und die Beschreibung Snorris als Nomophylakes ( ‚ Gesetzessprecher ‘ ). Die genannten Eckdaten zur Prosa- Edda auf dieser Titelseite sind auf die Einleitung der lateinischen Übersetzung von Magnús Ólafsson zurückzuführen (vgl. Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 416). Die Titelseite enthält Informationen zur Druckausgabe selbst, dass diese 1665 auf Grundlage alter Handschriften der königlichen Bibliothek von P. H. Resen in den drei Sprachen Isländisch, Dänisch und Latein in Kopenhagen herausgegeben wurde. Abb. 38: Titelseite der Ethica Odini/ Haavamaal (Resen 1665b). Digitalisat: Landsbókasafn Íslands - Hákólabókasafn: <https: / / baekur.is/ bok/ 5ddc2b0b-0fc9-47ab-8e74ea8cef453179, 25.10.2024>. Abb. 39: Titelseite der Philosophica Antiqvissima Norvego-Danica/ Woluspa (Resen 1665c). Digitalisat: Landsbókasafn Íslands - Hákólabókasafn: <https: / / baekur.is/ bok/ d74cb920-d647-40b0-b949-d7cb8fc8ef95, 25.10.2024>. Da Bücher damals ungebunden verkauft wurden, ist die Edda Islandorum oftmals mit den im selben Jahr ebenfalls von Resen herausgegebenen Ausgaben von V ǫ luspá und Hávamál zusammengesetzt worden. Das hatte zur Folge, dass drei separate Publikationen mit jeweils ihrer Titelseite zwischen zwei Buchdeckeln eingebunden wurden (vgl. Faulkes 1977c: 9), was durch das gemeinsame Vorwort in der Edda Islandorum auch angelegt war. Die Titelseiten übernehmen dann - genauso wie in den analysierten Handschriften - zusätzlich die Funktion der Akzentuierung und Gliederung, vergleichbar mit einer Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.2 Titelseiten 191 <?page no="192"?> Zwischentitelseite. Für die Edda-Lieder wurde zusätzlich zum lateinischen auch der isländische Titel angegeben: Ethica Odini/ Haavamaal ( ‚ Sittenlehre Óðins ‘ , Hávamál, Abb. 38) sowie Philosophica Antiqvissima Norvego-Danica/ Woluspa ( ‚ sehr altes norwegisch-dänisches Weltbild ‘ , V ǫ luspá, Abb. 39). Beide wurden wie damals üblich auf den Titelseiten als Lieder der ‚ Sæmundar-Edda ‘ aufgefasst. Die Gestaltung der drei umfangreich beschrifteten Titelseiten erfolgte rein typografisch ohne Ornamentierung, nur einzelne waagerechte Linien wurden zur Gliederung eingesetzt. Der markanteste Unterschied zwischen den drei gedruckten Titelseiten ist die Funktionalisierung von Schrift: Die Titelseite der Edda Islandorum wurde ausschließlich in einer Renaissance-Antiqua in Versalien gesetzt und verwendet Punkte als Worttrenner. Sie ist dadurch ästhetisch an die antike Epigrafik in Form einer Capitalis Monumentalis angelehnt. Auf den Titelseiten der beiden Edda-Lieder wurde ein weitaus größeres Spektrum aus Schriftarten und -lagen angewendet um die semantischen Einheiten visuell zusammenzuhalten und zu betonen: Eine Renaissance-Antiqua des Garamond-Typus wurde als Minuskeln/ Majuskeln sowie als Versalschrift (jeweils recte und kursiv) für die lateinischen Informationen verwendet. Darüber hinaus stehen die isländischen Titel in einer Frakturschrift, was dem üblichen sprachabhängigen Gebrauch entspricht, der auch im weiteren Schriftsatz der Ausgabe umgesetzt wurde. 65 Weitere Gestaltungselemente waren unterschiedliche Schriftgrößen sowie die Verwendung von Sperrsatz zur Gliederung und Hierarchisierung. Weiterhin gruppieren zentrierte, sich verjüngende Zeileneinzüge die Sinneinheiten. Besonders hervorgehoben sind die Titel und Namen der beteiligten Personen, wobei der Name des jeweiligen Königs, dem die Ausgabe gewidmet wurde, am größten gesetzt ist. Unterhalb eines Trennstriches erfolgt das Imprint, das neben dem Ort (Havniæ, also Kopenhagen) und Druckerei (Henrik Gøde) das Jahr 1665 angibt. Im Gegensatz zu den visuell schlichten Kopenhagener Titelseiten sind die zwei Titelseiten in AM 738 4to (f. 34r) und ÍB 299 4to (f. 58r) mit Illuminationen in Form einer farbig ornamentierten Bordüre bzw. Medaillons mit Illustrationen zur Prosa-Edda sehr aufwändig gestaltet worden. Es ist im Detail nicht klar, ob Jakob Sigurðsson, der auf seinen Titelseiten auf die Edda Islandorum Bezug nimmt, die gedruckten Titelseiten kannte. Dennoch zeigen die weiteren von ihm eingesetzten Titelseiten, dass gedruckte Vorlagen solche anregen oder von ihnen verbale oder visuelle Merkmale übernommen werden konnten. In Handschriften wurde sich bei der Gestaltung der Titelseiten großzügig der Möglichkeit der Individualisierung bedient. Die Titelseiten der vier Handschriften werden nachfolgend vorgestellt. 5.2.2 Die Titelseiten in den vier Handschriften Alle vier untersuchten Handschriften enthalten jeweils eine Titelseite für die Prosa-Edda, diejenige in AM 738 4to gilt gleichzeitig auch für die Edda-Lieder. Die drei jüngeren Handschriften beinhalten außerdem eine separate Titelseite für die Edda-Lieder. Als einzige enthält SÁM 66 weiter hinten zwei Titelseiten zu anderen Inhalten, die gleichzeitig die Struktur der Handschrift, die sich aus mehreren, sehr unterschiedlichen Inhalten 65 Isländisch und Dänisch wird in Fraktur gesetzt, Latein in Antiqua. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 192 5 Neuschreiben <?page no="193"?> zusammensetzt, verdeutlichen. 66 Einen Überblick über die Titelseiten und ihre Positionierung ist der folgenden Tabelle zu entnehmen (Tab. 20). AM 738 4to NKS 1867 4to ÍB 299 4to SÁM 66 Edda-Lieder f. 34r f. 2r f. 1r f. 1r Prosa-Edda f. 100r f. 58r f. 81r Sonstige f. 170r Þórður Þorláksson: Calendarium Perpetuum (gedr. Skálholt 1692) f. 212r Edward Hatton: Lijted Agrip Umm þær fiörar Species I Reikningskonnstenne (gedr. Hólar 1746) Tab. 20: Übersicht über die Titelseiten. In allen vier Handschriften befinden sich die Prosa-Edda-Titelseiten im mittleren Buchbereich und damit zu Beginn des umverteilten bzw. erweiterten Prologs. Die Titelseiten für die eddische Dichtung befinden sich in den drei jüngeren Handschriften entsprechend der Kompilation gleich zu Beginn direkt vor den Edda-Liedern 5.2.2.1 AM 738 4to In AM 738 4to (f. 34r) gilt die Titelseite für beide Eddas (s. o., Abb. 6). Die Gestaltung nimmt das Blattformat auf, in dem eine reich verzierte Bordüre ein schmales Textfeld umrahmt. Diese ist mit wuchernden Pflanzenornamenten und einer schnauzbärtigen Maske verziert. Auf der Rückseite der Titelseite befinden sich die Illuminationen von Óðinn und Yngvi, d. h. dass sie materiell Teil der illuminierten Lage v mit den extrahierten Kapiteln zu den Gött: innen ist. Als die Handschrift ungebunden war, hat Jón Sigurðsson die Handschrift foliiert und am unteren Rand einen Kommentar eingetragen, dass es sich bei dieser Seite nicht um den Anfang des Buches handle. 67 Margrét Eggertsdóttir (2013: 44) vermutet in diesem Zusammenhang, dass die Handschrift eine Haupttitelseite umfasst haben könnte, die heute fehlt. Das erscheint jedoch aufgrund des Wachsens der Handschrift und ungebundenen Nutzung eher unwahrscheinlich. 66 Die Titelseite für das Calendarium Perpetuum von Þórður Þorláksson (f. 170r) bezieht sich auf die Druckausgabe von 1692. Auch wenn die Illuminationen und Tabellen penibel von Jakob Sigurðsson kopiert wurden, gilt dies nicht für die Titelseite. Ihre Seitengestaltung ähnelt der gedruckten Fassung etwas, nicht aber der verbale Text. Eine zweite Titelseite betrifft Lijted Agrip Umm þær fiörar Species I Reikningskonnstenne (f. 212r) und übernimmt sowohl Grundzüge der verbalen als auch visuellen Gestaltung der gedruckten Vorlage von 1746. 67 „ Arkatalan (21. 22.) sýnir, að hér hefir ekki verið upphaf bókarinnar. “ ( ‚ Die Bogenzahl (21. 22.) zeigt, dass hier nicht der Anfang des Buchs gewesen ist. ‘ , AM 738 4to, f. 34r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.2 Titelseiten 193 <?page no="194"?> Auf zwei umrahmten Textfeldern ist die Beschriftung eingefügt: Inmitten der Bordüre befindet sich der Titel Edda, auf einem größeren Feld darunter folgt eine Erläuterung mit Inhaltsangabe. Inhaltlich weicht diese von der nachfolgenden Kompilation ab, aber erinnert an die Darstellung in der Eingangsrubrik des Codex Upsaliensis (DG 11 4to, f. 2r; vgl. Kap. 3.2.1 oben). Die Beschriftung der Titelseite lautet: Edda Eþur Samtok Fornra æfinntijra, og Dæmesagna, þeijrra firre Nord manna, sem flijdu hijngad J nordurhälfuna utann ur asia firer Christne. Asamt nockur Tegunnd þeirra Gamalh Jslenndsku edur nordsku orda. Hvad menn Hallda Samann skrifad, af Sæmundenum fröda og Snorra sturlud Sine. Jslendskunne Til orda fiólda, sierdeilis J skalldskaparmälum. Skriffadt adt nïu Anno d(omini) nos(tri) Cr(isti) 1680 68 (Titelseite, AM 738 4to, f. 34r) Diese Beschriftung verweist auf die drei Werkteile der üblichen frühneuzeitlichen Kompilation der Prosa-Edda (d. h. ohne Háttatal): 1. „ Samtok Fornra æfinntijra, og Dæmesagna, þeijrra firre Nord manna “ : Hier wird explizit auf die Dæmisögur verwiesen, die jedoch bis auf die wenigen kurzen Versatzstücke, die in den vorgezogenen Abschnitten des Annar Partur und Bildbeischriften stehen, heute nicht (mehr) in der Handschrift enthalten sind. Die Titelseite könnte somit ein weiterer Hinweis sein, dass für diese Handschrift der Abschnitt mit den Dæmisögur entweder verloren gegangen ist oder zumindest einmal angedacht war. 2. „ sem flijdu hijngad J nordurhälfuna utann ur asia firer Christne “ : Diese Formulierung bezieht sich auf die euhemeristische Erklärung der Herkunft der Asen aus Troja, wie sie im Prologus berichtet wird. Diese wird in den Auszügen des Prologus, die in den Annar Partur interpoliert sind, nicht erwähnt, hier wird nur Óðinn als Trojaner etabliert, darin fehlt die Verbindung nach Norden über das Migrationsnarrativ. Neu ist, dass hier als Grund für die Flucht explizit das Christentum genannt wird (im Prologus der drei jüngeren Handschriften wird der römische Herrscher Pompeius ‘ als Fluchtgrund genannt). 3. „ Asamt nockur Tegunnd þeirra Gamalh Jslenndsku edur nordsku orda. [ … ] Jslendskunne Til orda fiólda, sierdeilis J skalldskaparmälum “ : Hier werden die Skáldskaparmál genannt und damit der Begriff verwendet, der nicht gewöhnlich in der Frühen Neuzeit war. Dieser Abschnitt wird weiter hinten als Annar Partur (f. 98r) überschrieben. Bemerkenswert ist die Unentschlossenheit, ob es sich um die isländische bzw. norwegische Sprache handelt. Dies bringt jedoch eine gewisse (sprach-) historische Perspektive in Bezug auf Alter und Kompositionsanlässe von Skaldik ein. Dieser ist der einzige der aufgelisteten Abschnitte, der (wenn auch unter anderem Namen) heute in der Handschrift enthalten ist. 68 ‚ Edda - oder Sammlung alter Erzählungen und Dæmisögur der ersten Nordmänner, die vor dem Christentum von Asien aus hierher nach Europa geflüchtet sind. Weiterhin einige Beispiele der alten isländischen oder norwegischen Wörter, wovon die Menschen glauben, dass es Sæmundr fróði und Snorri Sturluson zusammengetragen haben, [um] den isländischen Wortschatz zu bereichern, besonders in den Skáldskaparmál. Erneut geschrieben Anno Domini nostri Christi 1680. ‘ Vgl. die Übersetzung von Margrét Eggertsdóttir (2015: 44). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 194 5 Neuschreiben <?page no="195"?> Zwischen der Beschreibung der Werkteile auf der Titelseite und der nachfolgenden Kompilation entsteht also eine Diskrepanz, die weiter unten noch einmal thematisiert wird (s. u., Kap. 6.1.3). Die Beschriftung lässt sich - neben den möglichen Verlusten - auch so erklären, dass die Titelseite nicht als Inhaltsübersicht über die nachfolgenden Seiten zu verstehen ist, sondern als Beschreibung der Prosa-Edda, die hier zur Kontextualisierung beigegeben wurde. Diese hätte dann eine ähnliche Funktion wie das Verzeichnis über die eddische Dichtung in dieser Handschrift, die ebenfalls mehr Lieder aufzählt als enthalten sind (f. 79r). Weiterhin werden auf der Titelseite Snorri Sturluson und Sæmundr fróði genannt: „ Hvad menn Hallda Samann skrifad, af Sæmundenum fröda og Snorra sturlud Sine. “ Die Nennung Snorri Sturlusons ist auf Titelseiten der Prosa-Edda üblich (s. unten). Überraschend ist aber, dass er in einem Atemzug mit Sæmundr fróði genannt wird, von dem man damals glaubte, dass ihm die Edda-Lieder zuzuschreiben seien (vgl. die entsprechenden Titelseiten in den drei jüngeren Handschriften). Auch wenn sich vereinzelte Fragmente der Edda-Lieder in den Beischriften finden, so ist davon auszugehen, dass diese Titelseite ebenfalls für die nachfolgenden Edda-Lieder gelten sollte. Diese befinden sich heute zwischen dem einleitenden illuminierten Teil mit der Titelseite und dem Annar Partur. Dann wären sie bereits in der Kompilation der Handschrift als Edda zusammengedacht worden. Am Ende der Titelseite erfolgt im Vermerk „ Skriffadt adt nïu Anno d (omini) nos(tri) Cr(isti) 1680 “ die Datierung der Handschrift auf 1680. Die beiden Buchstaben „ S “ und „ G “ , die direkt in die illuminierte Bordüre eingefügt wurden, sind sicherlich als Initialen der Schreibhand bzw. des ersten Besitzers Sigurður Gíslason aufzufassen (vgl. Kap. 4.1.1 oben). Abb. 40: Bordüren in Fimtiu Heilagar. Hugvekiur, edur Vmþeinckingar (Gerhard 1634: f. 1r, 3v, 14r). Digitalisat: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn: <https: / / baekur.is/ bok/ 6eaa5c92-5617-497fb177-b92320692037, 25.10.2024>. Die Titelseite in AM 738 4to ist von einer breiten Bordüre eingefasst, deren mit Farbigkeit, Rhythmus und Bewegung gestaltete Ornamentierung die Beschriftung nahezu zurück- Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.2 Titelseiten 195 <?page no="196"?> treten lässt. Illuminierte Bordüren fanden sich bereits in mittelalterlicher Buchmalerei, wenn auch solche in altnordischen Handschriften sehr unüblich waren. Einige im 17. Jh. in Island gedruckte Bücher enthalten auf der Titelseite und den nachfolgenden Textseiten wiederkehrende schmale Bordüren, die als einzelne Holzschnittleisten hergestellt und unterschiedlich zusammengesetzt wurden. So lassen sich beispielsweise im in Hólar gedruckten Buch Fimtiu Heilagar. Hugvekiur, edur Vmþeinckingar ( ‚ Fünfzig heilige Betrachtungen oder Reflexionen ‘ , Gerhard 1634, Abb. 40) ähnliche Einzelformen in der Ornamentierung erkennen wie auf der Titelseite von AM 738 4to. 69 Diese Formen gehörten grundsätzlich zum barocken Schmuckrepertoire und werden der Illuminationshand sicherlich begegnet sein, so dass womöglich zeitgenössische Druckbordüren vorbildhaft wirkten und als zeitgemäß erachtet wurden. Diese Form des Buchschmucks war rein dekorativ und nicht illustrativ angelegt und konnte für unterschiedliche Publikationen wiederverwendet werden. Die Holzschnittleisten waren statischer als die dynamischen Möglichkeiten, die Handschriften boten: In AM 738 4to wurde die Gestaltung der Titelbordüre an das Blattformat angepasst, so dass diese den breiten Rand virtuos füllen konnte. Ebenso wurden Einzelformen mit den nachfolgenden Bildmotiven abgestimmt und die gleichen Farben zur Kolorierung eingesetzt und erzeugten so auch eine visuelle Zusammengehörigkeit. 70 5.2.2.2 Die drei jüngeren Handschriften Die drei jüngeren Handschriften sind mit jeweils einer eigenen Titelseite für die Edda- Lieder sowie die Prosa-Edda ausgestattet worden (NKS 1867 4to, f. 2r, 100r; ÍB 299 4to, f. 1r, 58r; SÁM 66, f. 1r, 81r). Die Titelseiten werden nachfolgend gemeinsam analysiert, da besonders die Titelseiten von NKS 1867 4to und SÁM 66 große Ähnlichkeiten aufweisen. Die Titelseiten in ÍB 299 4to heben sich von den beiden anderen u. a. durch die Integration einer Inhaltsübersicht für die Edda-Lieder (f. 1r) sowie illuminierte Medaillons mit Motiven aus der Prosa-Edda (f. 58r) deutlich ab. Der Vergleich verdeutlicht das - möglicherweise auftragsabhängige - Gestaltungsspektrum, das Jakob Sigurðsson beherrschte und einsetzte. Die Gemeinsamkeiten von SÁM 66 und NKS 1867 4to sind wiederum so groß, dass für die Gestaltung von einer gemeinsamen Vorlage ausgegangen werden muss. Nachfolgend werden die sechs Titelseiten in der Reihenfolge in den Handschriften analysiert: zuerst die der Edda-Lieder und danach die für die Prosa-Edda. 69 Vgl. die oben mittig platzierte Maske mit seitlich angeordneten Blättern auf der Titelseite (f. 1r). Auf den übrigen Seiten finden sich ähnliche wellenförmige Pflanzenornamente auf den seitlichen Leisten (f. 5v) sowie auf der unteren Leiste eine zentrale Pflanzenform, von der sich nach links und rechts volutenförmige Ranken zur Seite neigen (f. 5v und 16r). 70 Dazu gehören die lanzettförmigen Blätter und traubenförmigen Blütenstände (vgl. Læraðr, f. 42v, und Yggdrasill, f. 44r) sowie die schnurrbärtige zur Seite schauende Maske (vgl. z. B. Óðinn, f. 34v, Þórr, f. 36r, und Bragi, f. 41r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 196 5 Neuschreiben <?page no="197"?> Titelseiten für die Edda-Lieder Abb. 41: Titelseite Edda-Lieder, NKS 1867 4to (f. 2r). Foto: Friederike Richter. Abb. 42: Titelseite Edda-Lieder, SÁM 66 (f. 1r). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Die beiden Titelseiten für die Edda-Lieder in NKS 1867 4to (f. 2r, Abb. 41) und SÁM 6 (f. 1r, Abb. 42) sind in vielen Aspekten des verbalen und visuellen Textes sehr ähnlich. Beide sind auf der Rückseite leer, auf dem nächsten Blatt folgt jeweils die Inhaltsübersicht über die Edda-Lieder, die in ÍB 299 4to bereits in die Titelseite integriert ist. In NKS 1867 4to ist dieser Titelseite die Inhaltsübersicht über die Gesamtkompilation der Handschrift vorangestellt, in den anderen beiden Handschriften befindet sich die Titelseite dagegen direkt zu Beginn des Buchs. Der Wortlaut der Titelseiten von NKS 1867 4to und SÁM 66 unterscheidet sich kaum, der abschließende Schreibvermerk findet sich jedoch nur in NKS 1867 4to: EDDA þaþ - er. Fræþi Fornmanna. Sammannskrifoþ AF: Sæmundi Presti Sigfussijne ennom Froþa. Enn nü at nijo uppskrifoþ. ANNO 1760. Af: Sr. Olafe Brijniülfs Sijne Ad kyrkiubaj i Austfiördum 71 (Titelseite Edda-Lieder, NKS 1867 4to, f. 1r) Auf dieser wird mit Edda derselbe Titel angegeben wie auf den Titelseiten der Prosa- Edda - jedoch wird dieser noch als „ Fræþi Fornmanna “ spezifiziert. Dieser Zusatz ist auch derjenige, die visuell am meisten heraussticht: Er ist größer, mit breiterem Strich geschrieben und steht in anderer Schrift als der Titel - er fällt als erstes ins Auge. Dieser Eindruck wird zusätzlich durch die Gestaltung des Namens „ EDDA “ verstärkt: Durch die blockhafte, quadratische Grundform mit dunkler Binnenfüllung tritt dieser in NKS 1867 71 ‚ Edda, das ist das Wissen der Altvorderen. Zusammengeschrieben von Priester Sæmundr Sigfússon dem Gelehrten. Und nun aufs Neue aufgeschrieben, Anno 1760, von sr. Ólafur Brynjólfsson auf Kirkjubær in den Ostfjorden ‘ . Vgl. SÁM 66 (f. 1r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.2 Titelseiten 197 <?page no="198"?> 4to zurück 72 bzw. löst sich in SÁM 66 durch die Verwendung von Schlüsselrunen im Punktesystem regelrecht auf. 73 Die Schriftgestaltung verschleiert so einerseits das wichtigste Wort der Titelseite (den Titel), wecken aber auch gleichzeitig Neugier und heben diesen hervor. In beiden Handschriften ist diese Titelseite durch Angaben des Schreibjahrs und zusätzlich in NKS 1867 4to mit Ort und Namen der Schreibhand ergänzt. Trotz der grundlegend sehr ähnlichen Gestaltung dieser beiden Titelseiten verdeutlicht der Zusatz in NKS 1867 4to, dass diese handschriftlichen Titelseiten zwar durchaus auf Vorlagen zurückgehen, aber bei der Neuproduktion jeweils aktualisiert und individualisiert wurden. Sie sind nicht nur Ort des Neuschreibens, sondern benennen, datieren und verorten diesen Prozess explizit. Abb. 43: Titelseite Edda-Lieder, ÍB 299 4to (f. 1r). Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. Die Titelseite in ÍB 299 4to weicht trotz desselben Urhebers, Jakob Sigurðsson, von den beiden anderen ab, da sie u. a. eine Inhaltsübersicht über die nachfolgenden Edda-Lieder beinhaltet (Abb. 43). Diese Titelseite vereint somit auf einer Seite das, was in NKS 1867 4to und SÁM 66 auf mehrere Seiten aufgeteilt ist. Dies war in ÍB 299 4to aufgrund der deutlich geringeren Anzahl an Edda-Liedern überhaupt erst möglich und ist ein weiteres Merkmal von Verkürzungsstrategien in dieser Handschrift. Auf der Rückseite der Titelseite ist die Bildseite mit der Darstellung von Kybele/ V ǫ lva platziert, die V ǫ luspá beginnt direkt 72 Der Titel „ Edda “ ist in NKS 1867 4to (f. 2r) in einer fetten Capitales-quadrata-ähnlichen Versalschrift geschrieben, die Binnenfelder sind rotbraun gefüllt, so dass die dunklen Flächen dominieren. Sie sind mit unkolorierten, mit feiner Feder gezeichneten Ornamentierungen in Voluten- und Muschelformen verziert, die sich weiß von den dunklen Buchstaben abheben. Das 〈 E 〉 ist durch verlängerte Serifen auf der linken Seite des Schaftes besonders quadratisch ausgeformt und erscheint nahezu gespiegelt. 73 Hierbei wird jeder Buchstabe in einer Kombination von großen und kleinen Punkten wiedergegeben, die sich auf die Fuþork-Reihung berufen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 198 5 Neuschreiben <?page no="199"?> gegenüber auf f. 2r. Die Beschriftung beinhaltet neben der erwähnten Inhaltsübersicht Informationen zu den Edda-Liedern und vermerkt das Jahr der Abschrift: Til - Agiætis - Vid. Snorra Eddu Setiast þesser Epter fijlgianþi Kviþlïngar. or S ę munþar Eþþo. framann vid Bookina. [ … ] Skrifud. ANNO 1764. 74 (Titelseite Edda-Lieder, ÍB 299 4to, f. 1r) Darin werden die Edda-Lieder der Prosa-Edda verbal, aber auch visuell über die Gestaltung der Schrift untergeordnet: So ist „ Snorra Eddu “ größer geschrieben und mit roter Farbfüllung der Binnenfelder einiger Buchstaben und damit auffälliger als der zwei Zeilen später folgende Titel „ S ę munþar Eþþo “ . Weiterhin könnte die Bezeichnung der Edda- Lieder als „ kviþlïngar “ nicht unbedingt würdevoll, sondern vielmehr pejorativ gemeint sein. Die Erwähnung, dass diese der Prosa-Edda ‚ zum Vorzug ‘ vorangestellt werden, kündigt bereits die Prosa-Edda als den Hauptinhalt der Handschrift an und gliedert die Edda-Lieder dieser unter. Beim Schreiben der Titelseite hat Jakob Sigurðsson dementsprechend die Kompilation und die Anordnung der Handschrift bereits im Kopf gehabt, dies betrifft auch die nur kleine Auswahl sowie Reihenfolge der einzelnen Edda-Lieder. 75 Die Auflistung der Edda-Lieder präsentiert er durch die Präposition „ or “ als Auswahl und somit nicht als abgeschlossene Kompilation. Titelseiten für die Prosa-Edda Abb. 44: Titelseite Prosa-Edda, NKS 1867 4to (f. 100r). Foto: Friederike Richter. Abb. 45: Titelseite Prosa-Edda, SÁM 66 (f. 81r). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. 74 ‚ Zum Vorzug der Snorra Edda werden diese nachfolgenden Liedchen aus der Sæmundar-Edda an den Anfang des Buchs gestellt. [ … ] Geschrieben Anno 1764. ‘ 75 Grundsätzlich kann Jakob die Titelseite natürlich auch am Ende des Herstellungsprozesses geschrieben haben. Die kohärente Kompilation spricht aber dafür, dass diese von vornherein so geplant war. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.2 Titelseiten 199 <?page no="200"?> Die Titelseiten der Prosa-Edda sind in allen drei jüngeren Handschriften in ihrer Beschriftung sehr ähnlich (NKS 1867 4to, f. 100r; ÍB 299 4to, f. 58r; SÁM 66, f. 81r). Den größten Unterschied bildet die illuminierte Bordüre in ÍB 299 4to, deren Motive deshalb im Anschluss separat besprochen werden. In NKS 1867 4to und ÍB 299 4to befindet sich auf der Rückseite des Titelblattes das Gedicht „ Edda hviled under benke “ ( ‚ [Die] Edda weilte unter der Bank ‘ , Thomas Bartholin d. Ä.), welches P. H. Resens Beitrag zum ‚ Wiederauferstehen ‘ der Prosa-Edda huldigt und aus der Edda Islandorum stammt. Das Titelblatt in SÁM 66 ist am Rand repariert worden, es war zuvor wegen Beschädigungen lose, die Rückseite ist hier leer. In ÍB 299 4to ist die Titelseite heute Bestandteil einer Lage, die verschiedene Einzelblätter und das illuminierte Bifolium (f. 59 - 60) vereint. Die Beschriftung der drei Titelseiten lautet bis auf den abschließenden Schreibvermerk gleich: Bookinn Edda hvöria Samsette Snorre Sturlu son Løgmadur. ANNO Christi. MCCXV. Prenntud i Kaupinhavn i Isslensku: Dönnsku og Latinu. Anno Domini 1665. Enn Skrifud ad Kijrkiurbaj i Austfiördumm ANNO 1760. 76 (Titelseite Prosa-Edda, NKS 1867 4to, f. 100r) In Bezug auf diese Beschriftungen sind mehrere Aspekte interessant: Die Angabe zum ‚ Buch Edda ‘ , das von Snorri Sturluson zusammengesetzt worden sei, findet sich so ähnlich bereits in der erwähnten Eingangsrubrik der mittelalterlichen Handschrift Codex Upsaliensis (DG 11 4to, f. 2r). Diese Angabe stammt wie die Datierung 1215 sicherlich von der Titelseite der Edda Islandorum. Sie werden im Zusammenhang mit den Ausführungen zur Kanonisierung der Prosa-Edda später noch (s. u., Kap. 6.1) vertieft. Ein anderer Bezug zur Edda Islandorum findet sich auch im expliziten Verweis auf diese Ausgabe, von der sowohl Jahr und Ort des Drucks als auch die Sprachfassungen hervorgehoben werden. Die Angabe der drei Sprachen (Isländisch, Dänisch, Latein) erfolgt in derselben Reihenfolge wie auf der Titelseite der Druckausgabe, obwohl die Handschriften nur die eine, für das Zielpublikum relevante isländische Sprachfassung enthalten. Der Verweis auf die Dreisprachigkeit kann aber als Beleg für die Bedeutung der Prosa-Edda über die Grenzen Islands hinaus verstanden werden. Rösli (2017) schlug in Bezug auf die Titelseite in ÍB 299 4to vor, dass die Handschrift mit dem Vermerk zur Druckausgabe fälschlicherweise vorgäbe, dass es sich hierbei um ein Exemplar der Edda Islandorum handele und somit eine ‚ Mimikry ‘ darstelle. Diese These kann anhand der hier gemachten Beobachtungen nicht bestätigt werden, ganz im Gegenteil: Jakob Sigurðsson scheint sich der Handschriftlichkeit und der damit verbundenen Möglichkeiten sehr bewusst gewesen zu sein - was z. B. durch die Illuminationen besonders deutlich wird (s. unten). So ist der Verweis auf die Druckausgabe eher als Kontextinformation und nicht als Ankündigung zu verstehen. Eine Angabe zur Datierung der Handschrift ist jedoch nur auf den Titelseiten in NKS 1867 4to und SÁM 66 enthalten, neben dem Jahr ist in NKS 1867 4to noch der Schreibort, aber keine Schreibhand verzeichnet. 77 76 ‚ Das Buch Edda, welches Snorri Sturluson, Gesetzessprecher, zusammensetzte. Anno Christi 1215. Gedruckt in Kopenhagen auf Isländisch, Dänisch und Latein. Anno Domini 1665. Und geschrieben auf Kirkjubær in den Ostfjorden Anno 1760 ‘ . Vgl. ÍB 299 4to (f. 58r); SÁM 66 (f. 81r). Der Schreibvermerk in SÁM 66 lautet: „ Enn nü ad Niju uppskrifud Anno Christj M.DCCLXV. “ ( ‚ Und nun erneut aufgeschrieben Anno Christi 1765. ‘ , SÁM 66, f. 81r). In ÍB 299 4to wurde kein Schreibvermerk hinzugefügt. 77 Da die Titelseite für die Edda-Lieder in ÍB 299 4to gleichzeitig auf die nachfolgende Prosa-Edda verweist, hat Jakob Sigurðsson evtl. die Wiederholung des Schreibjahrs (oder weiterer Informationen) Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 200 5 Neuschreiben <?page no="201"?> Auch die visuelle Gestaltung der Beschriftung der drei 1760er Prosa-Edda-Titelseiten lässt eine gemeinsame Vorlage erkennen: Diese umfasst u. a. die Anordnung der beiden ersten Wörter „ Bookinn Edda “ übereinander. Der Buchstabe 〈 B 〉 des ersten Wortes ist rund und nicht gebrochen, in NKS 1867 4to (f. 100r, Abb. 44) und SÁM 66 (f. 81r, Abb. 45) ist er mit Schlaufenornamenten links am Schaft besetzt. Dazu gehören weiterhin die Grundform des Layouts mit ihren sehr ähnlichen Zeilenumbrüchen und Schriftgrößenverhältnissen sowie weitere Details der Schriftgestaltung. 78 Die Ausnahme bildet auch hier die individuelle Schreibweise des Titels Edda: In NKS 1867 4to wurden vergrößerte Fraktur- Minuskeln 79 verwendet und in SÁM 66 Málrúnir. Letztere verschleiern - ähnlich wie die Schlüsselrunen in Punktform zuvor ‒ den Titel, was in Bezug auf die Funktion einer Titelseite nahezu ironisch wirkt, aber durch die Prägung des Titels Edda in die letzten beiden Einbände aufgehoben wird. Von der Titelseite der Edda Islandorum wurden nur einige einige zentrale verbale Inhalte übernommen, dies betrifft den Titel, die Zuschreibung Snorris, seine Rolle als Gesetzessprecher und die Datierungen. Auf visueller Ebene ist die Orientierung an gedruckten Titelseiten durch den Einsatz zentrierter Schrift, unterschiedlicher Schriftarten und -größen sowie gliedernder Zeilenumbrüche zu erkennen. So wird nicht nur durch das materielle Einfügen von Titelseiten und die verbalen Verweise, sondern auch durch deren visuelle Gestaltung an die humanistisch-gelehrte Buchkultur angeknüpft. Die Informationen, die ausgelassen werden, sind u. a. die Namen des Herausgebers Resen sowie die Widmungen an die dänischen Könige und die Angabe der Druckerei; es handelte sich dabei offensichtlich um für die Handschriften irrelevante Informationen, die außerdem den isländischen Kontext verwässert hätten. Neu hinzugefügt wurden in SÁM 66 die Angaben darüber, wann - und im Falle von NKS 1867 4to auch wo - die Handschriften jeweils erstellt wurden. Auch wenn die Titelseiten Gemeinsamkeiten aufzeigen, sind sie individuell ausgestaltet worden und heben sich so von der Gleichförmigkeit der Massenproduktion des Druckes entschieden ab. Auf den Titelseiten von NKS 1867 4to und SÁM 66 werden drei Stufen der Überlieferung der Prosa-Edda verzeichnet, die mit der dreimaligen Angabe von Jahreszahlen datiert werden. 80 Sie etablieren die Vorstellung einer linearen Überlieferung, in welche die jeweilige Handschrift eingegliedert wird: 1. Snorri Sturluson stellte das Buch Edda 1215 zusammen, 2. Es wurde 1665 auf Isländisch, Dänisch und Latein in Kopenhagen gedruckt, 3. Es wurde 1760 bzw. 1765 erneut geschrieben. nicht als notwendig erachtet bzw. wegen des durch die Bordüre geringeren zur Verfügung stehenden Platzes darauf verzichtet. 78 Dies betrifft z. B. die Spaltleisten der Schäfte der Buchstaben 〈 H 〉 in „ Hvória “ oder 〈 L 〉 in „ Lógmadur “ oder die Ausformung der beiden Initialen von Snorri Sturluson - die erste mit einem zusätzlichen Bogen links von der oberen Rundung des 〈 S 〉 sowie einem Schnörkel, der die untere Rundung kreuzt, dieses Motiv findet sich ebenfalls in ÍB 299 4to. Dasselbe gilt für die Buchstaben der Angabe „ Anno Christi. MCCXV “ , die aussehen, als würden sie eine Antiquaschrift im Kursivsatz imitieren (teilw. unter Verwendung von Kapitälchen). Das 〈 C 〉 ist dennoch gebrochenen und sieht deshalb einem 〈 L 〉 ähnlich. 79 Das 〈 e 〉 ist mit zweifarbigen (roten und petrolgrünen) Ranken besetzt, die folgenden drei Buchstaben haben eine leuchtend rote Binnenfeldfüllung. 80 In ÍB 299 4to fehlt zwar die dritte Stufe, doch ließe sich hier argumentieren, dass bereits auf der Titelseite der Edda-Lieder (f. 1r) der Handschrift erfolgte, welche die Prosa-Edda explizit nennt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.2 Titelseiten 201 <?page no="202"?> Hier wird also die Kontinuität der Überlieferung über Zeit und Raum etabliert, indem diese drei Ereignisse miteinander verbunden werden: So werden die drei Stufen Kompilation 1215 - Druck 1665 - Abschrift 1760/ 5 in eine chronologische Reihe gebracht. Die Vorortung des Ursprungs der Prosa-Edda ist implizit durch die Angabe des Namens des bedeutenden Isländers Snorri Sturluson und seiner Funktion als Gesetzessprecher vorhanden. Auf der gedruckten Titelseite wurde dagegen auf die handgeschriebenen Vorlagen verwiesen: „ EX. ANTIQVIS. CODICIBUS: M. SS “ ( ‚ aus alten handgeschriebenen Büchern ‘ ). Der Druck wird in den Handschriften in Kopenhagen verortet und in NKS 1867 4to wird die Abschrift in Kirkjubær (Ostfjorde) verortet. Diese Angaben sind Zeichen für die parallele Existenz beider Buchkulturen und der jeweiligen Autorität, die der jeweils anderen Buchform (Handschrift bzw. Druck) beigemessen wurde: So war es in Kopenhagen im 17. Jh. aus antiquarischer Perspektive wichtig zu betonen, dass die gedruckte Edition auf Grundlage von Handschriften erstellt wurde und deshalb Authentizität besaß. In Island wiederum, wo gedruckte Bücher rar(er) und Handschriften verbreiteter waren, belegt die Druckausgabe die Aufmerksamkeit, die der Prosa-Edda entgegengebracht worden war, sowie die weit über Island hinausreichende Relevanz: Die Prosa-Edda wird wie ein internationaler Exportschlager präsentiert. Damit wird verdeutlicht, dass es als weltgewandt und gebildet gegolten haben musste, ein Exemplar der Prosa-Edda zu besitzen und zu lesen. Die Beschriftung der Titelseite in ÍB 299 4to (f. 58r, Abb. 46) wird von zehn Medaillons umrahmt, die eine historisierte Bordüre mit Illustrationen zur Prosa-Edda formen. 81 Sie bildet eine Ausnahme, weil sie die einzige handschriftliche Prosa-Edda-Titelseite dieser Zeit ist, die Illustrationen beinhaltet. Die Medaillons wirken wie Abbreviaturen der Bildlagenmotive in NKS 1867 4to und SÁM 66, die sich dort jeweils direkt vor der Titelseite befinden. Beim genaueren Betrachten wird jedoch klar, dass diese Einzelmotive zwar auch in die Bildseiten eingehen, aber nach der Herauslösung für das runde Kleinformat überarbeitet wurden. Die kurzen Beischriften verzeichnen jeweils die Namen der dargestellten Motive. Die Anordnung der Einzelmotive lässt Vorstellungen von Hierarchie erkennen: Óðinn ist als höchster Ase besonders prominent oben in der Mitte platziert. Außerdem ist sein Name als einzige Beischrift dieser Seite in Runen geschrieben. In den beiden Medaillons links und rechts des Kopfes sind seine Raben Huginn bzw. Muninn platziert, die Anordnung suggeriert sie würden auf seinen Schultern sitzen. Die beiden Werkzeuge - Þórs Hammer Mj ǫ llnir und der Handbohrer Rati - sind auf gleicher Höhe angeordnet. Darunter ergeben Heimdallr, der das Gjallarhorn (zu den Ragnar ǫ k) bläst und die Kuh Auðumbla (die den ersten Menschen Búri aus einem Stein leckt) jeweils ein Motiv vom Beginn und Ende der Dæmisögur. Darunter befinden sich in den Ecken wieder Darstellungen von Tiergestalten, diese sind Sleipnir und Fenrir, und dazwischen der Totenort Valh ǫ ll. Die Anordnung zeigt, dass Jakob diese konzeptuell angelegt hat. Durch die Medaillons wird kein Narrativ aufgebaut, sondern vielmehr der enzyklopädische Cha- 81 Diese Medaillons werden weiterhin von einem hellroten rechteckigen Rahmen zusammengehalten, dessen Zwischenräume rotbraun gefüllt sind, so dass ein Eindruck von visueller Geschlossenheit entsteht. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 202 5 Neuschreiben <?page no="203"?> rakter der Dæmisögur als Sammlung von Mythennarrativen vermittelt und schlaglichtartig Fokus auf einzelne zentrale Figuren und Ereignisse gesetzt, die Neugier wecken konnten. Die Motive sind visuelle Versatzstücke der Handlung, der Fokus auf die Götter in Abb. 46: Titelseite Prosa-Edda, ÍB 299 4to (f. 58r). Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.2 Titelseiten 203 <?page no="204"?> den Bildlagen ist hier auf Tiere, Gegenstände und Valh ǫ ll als Ort verschoben; nur zwei Asen (die Hand am Hammer ausgenommen) sind dargestellt: Heimdallr und Óðinn. Abb. 47: Titelseite der Guðbrands-Biblía (Þorlákur Skúlason 1644: Band 1, f. 1r). Digitalisat: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn: <https: / / baekur.is/ bok/ 131c2c45-9b69-48fb-a591a37042c7afea, 27.10.2024>. Abb. 48: Titelseite der Landnámabók (Einar Eyjólfsson 1688: f. 1r). Digitalisat: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn <https: / / baekur.is/ bok/ d735fe67-3d75-43ef-8075-405329a77dcc, 27.10.2024> Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 204 5 Neuschreiben <?page no="205"?> Der Typus der historisierten Bordüre mit Bildmedaillons lässt sich auch vereinzelt in gedruckten isländischen Büchern finden. Das bekannteste Beispiel sind die Ausgaben der sogenannten Guðbrands-Biblía (Abb. 47): In den Ausgaben von 1644 und 1728 wurden die Motive in Medaillons angebracht, sie zeigen Illustrationen zu biblischen Themen (u. a. die Geburt, Taufe sowie Himmelfahrt Christi). Ein anderes Beispiel für eine Titelseite mit historisierter Bordüre ist die erste isländischen Ausgabe der Landnámabók (Einar Eyjólfsson 1688). Auf dem oberen Feld findet sich u. a. eine Karte Islands ( „ Thule “ ) mit Schiffen, Meeresungeheuern und einem Meeresgott mit Dreizack (Neptun bzw. Poseidon, Abb. 48). 82 Die gleichen Motive finden sich im selben Jahr, nur anders angeordnet, auch auf der Titelseite der ersten isländischen Druckausgabe der Óláfs saga Tryggvasonar (Jón Snorrason 1689: Band 1, f. 1r). In den vier Handschriften wurde dagegen das Potential der Handschriften genutzt, jede Titelseite - auch für das gleiche Werk - individuell zu gestalten. 5.2.3 Zusammenfassung Die Titelseiten bildeten in den vier visuell und paratextuell reich gestalteten Handschriften ein zeitgemäßes Ausstattungsmerkmal. Sie vermochten die zentralen Inhalte hervorzuheben und damit die komplexen Gesamtkompilationen zu hierarchisieren. Einige Konstanten der Gestaltung betreffen die Nennung des Titels Edda und der Zuschreibungen an Snorri Sturluson bzw. Sæmundr fróði. Weiterhin wurde entweder explizit oder durch die Gestaltung zweier sehr ähnlicher Titelseiten ein zusammengehöriges Verhältnis beider Eddas verdeutlicht. In der Analyse sind zwei Themen besonders deutlich geworden: Erstens, der gegenseitige Einfluss von Buchdruck- und Handschriftenkultur. Zweitens, unterlagen die Titelseiten den Logiken der Handschriftenproduktion und wurden (trotz Gemeinsamkeiten) in Anzahl, Platzierung, Beschriftung und visueller Gestaltung in jeder Handschrift individuell gestaltet, so dass die Neuschreibeprozesse in allen drei Textformen (verbal, visuell, materiell) zu verzeichnen sind. Hierbei ist auffällig, dass der verbale Text, der auf den Titelseiten positioniert wurde, sehr unterschiedliche Inhalte präsentieren konnte: einen Überblick über die Überlieferungsgeschichte, Inhaltsübersichten oder eine zusammenfassende Beschreibung des Inhalts. Es war optional, ob die Schreibhände an dieser Stelle Namen, Ort und Jahr der Herstellung verzeichneten. Weiterhin hingen Illuminationen auf der Titelseite davon ab, ob die Hände diese anbieten konnten. Der Vergleich der drei jüngeren Handschriften legt weiterhin nahe, dass der Einsatz von Illuminationen mit den Auftraggebenden vereinbart wurde. 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild Bereits beim ersten Durchblättern fällt auf, wie unterschiedlich die vier Handschriften aussehen: Die visuelle Gestaltung geht dabei weit über den Einsatz von Illuminationen hinaus und betrifft jede einzelne Seite; die Seitengestaltung war genauso Teil der Planung 82 Die anderen Motive der Bordüre sind zwar gegenständlich, wurden aber ornamental eingesetzt und bestehen aus Balustern, Amphoren sowie je zwei Schafs- und Cherubenköpfe. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 205 <?page no="206"?> wie der Inhalt. Es ist in diesem Zusammenhang durchaus angebracht zu überlegen, was zuerst rezipiert wird: Der verbale oder der visuelle Text? Der schriftliche verbale Text kann nur - wenn nicht vorgelesen - über den visuellen rezipiert werden (Sahle 2013: 30). Selbst bei wenig elaboriert gestalteten Büchern wird Schrift im Seitenraum angeordnet und eine Schriftart und -größe gewählt. 83 Dabei ist Schrift „ [n]icht nur Sprache, sondern auch Bild “ (Krämer 2005: 28). Die Seitengestaltung kann dabei essentiell zur Bedeutung beitragen, sogar ohne, dass dabei der verbale Text gelesen werden muss (Heslop/ Glauser 2018: 27, Putzo 2012: 383). Die in den vier Handschriften eingesetzten Mittel der Seitengestaltung sind sehr vielfältig, sie umfassen u. a. verbale paratextuelle Gestaltungsmittel (wie Seitentitel und Kapitelüberschriften), räumliche Gestaltungsmittel (wie Leerräumen und Zeileneinzüge) und, ganz besonders markant, die differenzierte Ausgestaltung eines Schriftbildes durch den Einsatz verschiedener Schriftarten. Letztere betrifft nicht nur dekorative Auszeichnungsschriften, sondern auch die Gestaltung des Fließtextes, da geübte frühneuzeitliche Schreibhände verschiedene Schriftarten beherrschten. Dieses besondere Phänomen des parallelen Einsatzes verschiedener Schriftarten wird nachfolgend als ‚ Vielschriftigkeit ‘ bezeichnet. Eine weitere visuelle Ebene von Schrift wird sonst gewöhnlich einer linguistischen Perspektive zugeordnet: Der gezielte Einsatz von historisierender Orthografie, der sich - wie nachfolgend argumentiert wird - ebenfalls als visueller Text lesen lässt. Weiterhin wird Schrift in allen vier Handschriften auf verbaler Ebene u. a. in gelehrten Abhandlungen und sog. Runengedichten thematisiert. Dabei wird vor allem Runenschrift große Aufmerksamkeit geschenkt und zusätzlich in den drei jüngeren Handschriften mit zahlreichen Runen- und weiteren Schriftreihen ergänzt, so dass das Thema Schrift verbal und visuell sehr ins Gewicht fällt. In diesem Kapitel zur Seitengestaltung und zum Schriftbild wird also eine visuelle Perspektive auf die Schriftseiten der Handschriften eingenommen. Da die Handschriften sehr viel zu diesen Themen anbieten, werden die Schwerpunkte folgendermaßen gesetzt: Erst folgt ein kurzer Abriss zur Seitengestaltung und antizipierten Leseformen, danach stehen Ausführungen zu der Umsetzung von Vielschriftigkeit (inkl. Runenschrift) und zum Abschluss wird die Verwendung historisierender Orthografie in bestimmten Teilen der Handschriften diskutiert. Dabei wird deutlich, wie sehr Seitengestaltung und Schriftbild in die Neuschreibeprozesse eingehen und dabei Auskunft über das Zielpublikum und kulturhistorische Konnotationen geben können. 83 Mitchell (2008b: 153) hat Schrift als die „ untrennbare Vernähung des Visuellen und des Verbalen “ bezeichnet. Zu den visuellen Dimensionen von Schrift gibt es einige Publikationen (Grube u. a. 2005, Krämer/ Bredekamp 2003, Krämer u. a. 2012; vgl. Benthien/ Weingart 2014: 9 - 10, Frank 1994, Kammer 2014, Raible 1991 [1990] und Wehde 2000). Vgl. in diesem Zusammenhang auch die Ausführungen von Aleida Assmann (1988a) zur „ wilden Semiose “ . In manchen Schriftformen wie z. B. Hieroglyphen bilden Bild und Schrift ganz unverkennbar eine Einheit (Jan Assmann 2012). Auch lateinische Buchstaben wurden in Form von illuminierten Initialen als Bilder angelegt, dabei konnte der Buchstabe stark hinter dem Bild zurücktreten, in manchen Fällen bis zur völligen Auflösung der Buchstabenform (vgl. Nichols 1990: 7). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 206 5 Neuschreiben <?page no="207"?> 5.3.1 Buch- und Seitengestaltung Zunächst soll die übergeordnete Buch- und Seitengestaltung der Handschriften einführend betrachtet werden, bevor die nächsten Kapitel sich genauer dem Thema Schriftarten und Orthografie zuwenden. Die einzelnen Elemente der Seitengestaltung sind in den Handschriften beim Neuschreiben unterschiedlich eingesetzt worden, vor allem in den drei jüngeren Handschriften zeigt sich eine auffällig detaillierte Binnendifferenzierung. Der mittelalterliche Codex Upsaliensis (DG 11 4to) brachte bereits einen ungewöhnlichen Umfang visueller Vielschichtigkeit auf, neben dem Einsatz von Initialen und Rubriken betraf dies vor allem die Seiten, die nicht traditionell den vier Werkabschnitten der Prosa- Edda zugehörig aufgefasst werden: Illuminationen, Diagramme (im Zweiten Grammatischen Traktat), Listen in Spalten und die erwähnte, besonders lange Eingangsrubrik gleich zu Beginn. Die vier untersuchten Handschriften heben sich ebenfalls von anderen zeitgenössischen Prosa-Edda-Handschriften alleine durch den Einsatz von Illuminationen sowohl im Umfang als auch in der Vielfalt des visuellen Textes deutlich ab. In diesem Kapitel folgt ein Überblick über die auf den Seiten der Prosa-Edda eingesetzten Mittel, dabei soll zunächst der Frage nachgegangen werden, inwieweit die Seitengestaltung eine bereits beim Schreiben antizipierte Leseweise der Handschrift nahelegt. Schreibplanung und antizipierte Lektüreformen Putzo hat mit dem Konzept vom implied book in Bezug auf (moderne) Bücher darauf aufmerksam gemacht, dass bereits beim Verfassen eine visuelle Antizipation des Buchs vorausgeht, die verbale Inhalte und ihre visuelle Struktur zusammendenkt. Das habe zur Folge, dass „ the pre-visualized, imagined page, the mentally anticipated, imagined book would be part of the text structure “ (Putzo 2012: 395). Ein Beispiel ist, wenn z. B. ein Text vor der Niederschrift bereits in Kapiteln und Absätzen gedacht wird und so das Layout Bestandteil des Textes ist. Dieses Zusammendenken von Inhalt und Form lässt sich auf die Schreibhände von Handschriften übertragen, die ebenfalls bei der Schreibarbeit das Buch vor ihrem inneren Auge imaginierten. Auch wenn sie viele seitengestalterische Elemente von den jeweiligen Vorlagen übernahmen, wurden diese oftmals variiert oder andere hinzugefügt. Die Ausführung war von der Vorstellungskraft und Umsetzungsfähigkeit abhängig: Beim Schreiben mussten viele die visuelle Ebene betreffende Entscheidungen gleichzeitig getroffen werden: z. B. über die Platzierung der Schrift (z. B. in Bezug auf Zeilenumbrüche, gliedernde Einrückungen oder zentrierter Texteinzug zur Markierung eines Abschnittsendes), aber auch die Schriftgröße und Schriftart, die verwendet wurden. Optional konnten weitere paratextuelle Elemente hinzugefügt werden: Darunter fallen verbale (z. B. Einsatz von Seitentiteln und Überschriften) sowie nichtverbale (z. B. Linien, Ornamente). All diese waren Bestandteile des Neuschreibens der Prosa-Edda und wurden beim Schreiben der antizipierten Leseweise angepasst. Als antizipierte Leseformen kommen vor allem zwei Arten in Betracht: Das (laute) Vorlesen des verbalen Textes gegenüber anderen Personen oder das individuelle Lesen (das laut oder leise erfolgen konnte). Weiterhin kann Lesen laut McGann (1991: 113) auf verschiedene Weisen erfolgen: linear, räumlich und radial. Die vermutlich bekannteste ist das lineare Lesen, wenn also der verbale Text in konsekutiver Reihenfolge, von vorne nach hinten, Seite für Seite, Zeile für Zeile gelesen wird. Das räumliche Lesen bildet eine Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 207 <?page no="208"?> interessante, häufig unbewusste Sonderform, die auf Vorerfahrungen der lesenden Person basiert und rechnet mit ein, dass die Seitengestaltung einen Teil der Bedeutung vermittelt.: „ We do not have to read a single word of many newspaper texts in order to have already ‚ read ‘ part of what they are saying. “ (McGann 1991: 113). Das radiale Lesen sei dagegen dadurch definiert, dass „ the activity of reading regularly transcends its own ocular physical bases. “ (McGann 1991: 116). Das von McGann angeführte Beispiel betrifft das Nachschlagen eines gelesenen Begriffes oder Inhalts, wie es beispielsweise beim Lesen von Forschungsliteratur wie Editionen angelegt sei (vgl. McGann 1991: 116): One does not simply move through works like these in a linear way, starting at the beginning and then proceeding page by sequential page. Rather, one moves around the edition, jumping from the reading text to the apparatus, perhaps form one of these to the notes or to an appendix, perhaps then back to some part of the front matter which may be relevant, and so forth. The edition also typically drives one to other books and acts of reading, ancillary or related materials which have to be drawn into the reading process in order to expand and enrich the textual and the reading field. (McGann 1991: 120) Diesen Leseformen gegenüber steht das Schreiben, das Putzo (2012: 393) als linearen Prozess beschreibt. Dies gilt sicherlich für die handschriftliche Buchproduktion im Besonderen, wobei Buchproduktion hier nicht zwingend das lineare Schreiben eines gesamten Kodexes von vorne bis hinten meint, sondern das der jeweiligen Produktionseinheiten. So ist NKS 1867 4to zwar von zwei Händen geschrieben worden, die sich in der Reihenfolge der heutigen Kompilation abwechseln. Wenn man die Inhalte jedoch einzeln betrachtet, hat Jakob Sigurðsson die Arbeit von Ólafur Brynjólfsson in erster Linie ergänzt und somit den linearen Schreibprozess weitergeführt. Anders sieht es für AM 738 4to aus, an deren Herstellung verschiedene Hände involviert waren. Deren Anschichtung ist in der Seitengestaltung sichtbar, und wurde teilweise von den Händen antizipiert: So hat die Illuminationshand (1) Platz für die vorgezogenen Annar-Partur-Kapitel der Haupthand (3) gelassen und somit die synoptische Darstellung antizipiert; der lineare Schreibprozess ist also aufgebrochen. Diese (und andere) Seiten wurden außerdem in einem weiteren, nachträglichen Schritt von der Ergänzungshand (5) angereichert, die den Schriftraum interlinear und durch Marginalien ausweitete. Die Ergänzungen stammen aus anderen Vorlagen und so lässt sich dieses Schreiben - analog zum Lesen - als radial bezeichnen. Ein Großteil des Schreibens der hier untersuchten Handschriften ist sich sicherlich linearer vorzustellen als deren Nutzung. 5.3.1.1 Lesen in Gebrauchseinheiten und flache Hierarchien in AM 738 4to Das schmale hochrechteckige Seitenformat von AM 738 4to prägt maßgeblich ihr Erscheinungsbild und gibt gleichzeitig Hinweise auf ihre Entstehung und Nutzung: Die Handschrift umfasst im Verhältnis zu ihren zahlreichen Inhalten wenig übergeordnete Strukturen, wie Seitentitel, Inhaltsübersichten oder durchgängige, sich abhebende Überschriften, die eine radiale Nutzung als Nachschlagewerk nahelegen würden. Dies könnte u. a. darin begründet liegen, dass die Handschrift nicht als gebundenes Buch und somit nicht im vorliegenden Gesamtumfang zur Nutzung antizipiert wurde, und es nicht erforderlich war, eine Orientierung in diesem zu erleichtern. Die Gliederung erfolgte vor allem materiell in Form von ungebundenen Gebrauchseinheiten (Faszikeln), die sich heute auch in der kleinteiligen Struktur der kodikologischen Einheiten spiegeln. Weiter- Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 208 5 Neuschreiben <?page no="209"?> hin sind die Beiträge der verschiedenen Hände visuell unterscheidbar und lagern sich wie einzelne Schichten an (Abb. 49). Sie vermitteln so eine zusammengesetzte Struktur und nicht unbedingt eine zentrale, kohärente Planung aus einer Hand - wenn auch alle auf diesem besonderen Papierformat gearbeitet haben. Vor allem die Haupthand (3) hat besonders groß und leserlich geschrieben, wodurch der Text selbst unter schlechterer Beleuchtung oder (mit dem formatbedingten) Abstand gut gelesen werden kann. Außerdem ist jede Seite mit vielen kurzen Zeilen beschrieben, die verhindern, dass das Auge die Zeile zu schnell verliert. Die Seitengestaltung lässt somit eher an ein abschnittsweises (Vor- )Lesen der kodikologischen Einheiten als an eine Funktion als Nachschlagewerk denken. In der Gliederung auf Makroebene werden die Eddas von der Titelseite (f. 34r) markiert, doch folgt ihr - gemessen an der kanonischen Werkeinteilung - in heutiger Anordnung eine heterogene Struktur: die Prosa- Edda ist im umverteilten Prolog von weiteren Inhalten durchwirkt (f. 34 - 45), darauf folgt eine durchbrochene Struktur aus mehreren kodikologischen Einheiten, die Edda-Lieder und andere Inhalte umfassen (f. 46r ‒ 97v). Erst danach folgt der Annar Partur (f. 98r - 126r), in den Abschnitte vom Prologus in die Seiten eingewebt sind, die Fragen zu den Dæmisögur befinden sich jedoch heute weit davor am Anfang der Handschrift (f. 1v). Die der Prosa-Edda zugehören Inhalte sind unterbrochen, neu verteilt, so dass sie ineinander übergleiten. Auch wenn die Handschrift wahrscheinlich nicht ursprünglich in dieser Reihenfolge als zusammenhängender Kodex geplant wurde, fallen die flachen Hierarchien der schriftlichen Inhalte ins Auge, über die nur die die Titelseite steht. Es machen sich einige Unterschiede zwischen den Händen bemerkbar: So hat Hand 2 die Gliederung der Edda-Lieder mit größeren Abständen und Überschriften etwas deutlicher Abb. 49: Haupthand (3) und Ergänzungshand (5) im Annar Partur der Prosa- Edda, AM 738 4to (f. 103r). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 209 <?page no="210"?> markiert und so brechen sie durch ihre der Prosa-Edda zwischengeschalteten Platzierung die übergeordnete Struktur auch visuell auf. Abb. 50: Aufgeschlagene Doppelseite, Annar Partur der Prosa-Edda, AM 738 4to (f. 123v ‒ 124r, Doppelseite digital montiert). Die zitierten Strophen sind (oft) durch Inquit-Formeln auf dem Rand hervorgehoben, die Kapitelstruktur tritt dahinter visuell zurück. Fotos: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. In der ersten illuminierten Lage wurden, wie zuvor beschrieben (s. o., Kap. 5.1.2), die jeweiligen Listen mit Kenningar und Heiti aus dem Annar Partur vorgezogen und synoptisch zu den Illuminationen angeordnet. Deren inhaltliche Struktur ist dadurch visuell besonders prononciert, ein Aufschlagen der entsprechenden Liste leicht möglich. Doch vielerorts erscheinen die angewendeten visuellen Mittel auf dieser mittleren Gliederungsebene eher leise, das gilt u. a. für die Skaldik, aber auch für einen Großteil des Annar Partur: Neue Abschnitte folgen mit wenig Abstand zum vorherigen, die Überschriften sind zwar zentriert, aber nur wenig größer geschrieben und kaum Abstand nach oben oder unten gelassen. Sie gliedern sich deshalb oft unauffällig zwischen die umge- Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 210 5 Neuschreiben <?page no="211"?> benden Zeilen in den Seitenspiegel ein (z. B. f. 124r, Abb. 50). 84 Weiterhin wird die Orientierung im Annar Partur dadurch erschwert, dass die Listen nicht durchgehend alphabetisch angeordnet wurden, so sind einige Listen in den verteilten Prolog vorgezogen und andere nach thematischer Zugehörigkeit gruppiert. 85 Die hierarchische Struktur der verbalen Inhalte findet somit keine systematische visuelle Entsprechung. Dies gilt v. a. auch für die außerhalb vom Annar Partur enthaltene skaldische Dichtung, bei der die Gedichte bzw. Lausavísur verschiedener Skald: innen nebeneinandergestellt werden. 86 Sie sind sicherlich aus einer Vielzahl von Vorlagen zusammenkompiliert und oftmals direkt hintereinandergeschrieben worden. Wahrscheinlich standen hier andere Kriterien der Zusammenstellung im Vordergrund, so dass sich eine gut sichtbare Unterscheidung erübrigte. Falls die Haupthand aber z. B. zunächst für die Eigenanwendung schrieb, waren die individuellen Bedürfnisse nach Struktur vielleicht nicht so groß und antizipierten eine entsprechende Leseweise. In dieser Handschrift wurden dafür wiederholt andere Mittel der Seitengestaltung auf Mikroebene eingesetzt. Die Strophen von Dichtung wurden zuweilen am Rand durchnummeriert. Diese Nummerierungen halten so zwar grundsätzlich längere skaldische Gedichte auf einen Blick zusammen, doch lenken sie vor allem die Aufmerksamkeit auf die Anzahl und Reihenfolge der einzelnen Strophen. Des Weiteren sind im Annar Partur einige besonders umfangreiche Kenningarlisten in Spalten angeordnet, die wahrscheinlich von der Vorlage übernommen wurden. 87 Derart angeordnete Kenningarlisten sowie der Wechsel von Spalten und Langzeilen lassen eine Gliederungsstrukturen im Annar Partur erkennen und heben damit die einzelnen Abschnitte auf andere Weisen als Überschriften hervor. Weiterhin sind häufig die skaldischen Beispielstrophen durch auf den Rand geschriebene Inquit-Formeln besonders hervorgehoben worden (z. B. f. 123v, Abb. 50), diese fallen ebenfalls deutlicher ins Auge als die jeweiligen Kapitelüberschriften. Die eher flache Hierarchie in der visuellen Gliederung macht sich durch die gesamte Handschrift hinweg an vielen weiteren Stellen bemerkbar. 88 Ein weiteres besonderes und interessantes Feature auf Mikroebene sind die benutzten Signes-de-renvoi: das sind kleine 84 Die sich nur wenig vom Layout abhebenden, zentrierten Kapitelüberschriften lauten: „ Skips kiennzngar i vysumm “ (f. 123v1), „ skalldskapur heijter “ (f. 123v1), „ skïølldur heyter og kallast “ (f. 124r19). 85 Ein Beispiel wäre der Abschnitt zum Kopf und seinen Bestandteilen „ høfudskiennijngar og þ(eir)ra hluta er høffdinu filgia “ , nachdem nicht nur erwartbare Abschnitte wie „ augu kïennast “ und „ munnur heiter “ folgen, sondern auch weitere wie „ grät mä kalla “ , „ hiarta heyter “ und „ Briöst kiennist “ bevor es dann alphabetisch weitergeht (AM 738 4to, f. 108r ‒ 109r). In den mittelalterlichen Fassungen waren die Köperkenningar ähnlich angeordnet (vgl. Heslop 2022: 123). 86 Diese Tatsache hatte zur Folge, dass bisher in den Katalogeinträgen zu dieser Handschrift nicht annähernd die Komplexität der Kompilation zur Geltung kam. 87 Vgl. die Anordnung mancher Kapitel des Annar-Partur in der Leithandschrift der Y-Fassung, GKS 2368 4to, und deren Edition (Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 328 - 402). 88 Das in AM 738 4to von Hand 2 bereitgestellte Verzeichnis über die Edda-Lieder (f. 79r) funktioniert nur bedingt als übergeordnete, paratextuelle Struktur: Auch wenn sie die in der Handschrift enthaltenen Edda-Lieder von den weiteren aufgelisteten mit Linien abtrennt, lässt die Durchnummerierung sie in einer fixierten Reihenfolge untereinander stehen, unabhängig, ob sie vorhanden sind, oder nicht. Die Inhaltsübersicht über die enthaltenen Edda-Lieder (f. 46r) wurde erst durch eine spätere Hand zu Beginn der V ǫ luspá in sehr kleiner Schrift auf dem Rand ergänzt, offensichtlich, weil eine solche zur Orientierung fehlte. Weiterhin sind einige visuell-gliedernde Elemente wie Ornamente in der Handschrift eher dekorativ als strukturierend eingesetzt, wenn sie Blatträndern innerhalb eines Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 211 <?page no="212"?> Symbole (Kreuze, Rauten und andere grafische Zeichen), die die interlinearen oder marginalen Ergänzungen von der Ergänzungshand (5) an der korrekten Stelle im zuvor durch die Haupthand (3) geschriebenen Text verankern (Abb. 49). Das verdeutlicht die Wichtigkeit, die Ergänzungen an die richtige Stelle (zum Beispiel innerhalb einer Kenningarliste) zu platzieren. Der Wunsch nach der korrekten Einordnung hatte zur Folge, dass Hand (5) die Ergänzungen zuweilen schräg oder um 90° gedreht geschrieben hat und nicht ein paar Zentimeter weiter auf den freien Rand. Diese korrekte Reihenfolge könnte vor allem beim Abschreiben wichtig gewesen sein, beim individuellen (radialen) Lesen wäre diese vielleicht eher nebensächlich gewesen, denn eine auf den Rand geschriebene Kenning hätte sich sicherlich auch ohne die Verankerung via Signe-derenvoi und korrekte Platzierung problemlos nachgeschlagen lassen. Die Seitengestaltung erschwert also, sich schnell einen Überblick über die Gesamtkompilation der Handschrift zu verschaffen. Das untermauert die These, dass die Handschrift zum Lesen in Faszikeln vorgesehen war und hier die materielle Gliederung in Gebrauchseinheiten an Stelle einer visuellen Gliederung getreten ist. 5.3.1.2 Radiales Lesen und hierarchische Gliederung in den drei jüngeren Handschriften Die drei jüngeren Handschriften ähneln sich einander hinsichtlich ihrer Seitengestaltung, was sicherlich nicht nur in ihrem gemeinsamem Herstellungskontext, sondern auch einer ähnlich antizipierten Leseweise begründet liegt. Sie nutzen das quer gefaltete Quartformat und setzen wiederkehrende paratextuelle Elemente für eine systematisch-ausdifferenzierte Seitengestaltung ein. Dazu gehören u. a. Seitentitel, Paginierungen und Kustoden sowie eine klare Hierarchie zwischen Überschriften und Fließtext, auch unter der Verwendung von Leerräumen. Vor allem Jakob Sigurðsson meisterte einen handschriftlichen ‚ Blocksatz ‘ : Die Zeilen schließen sowohl rechtsals auch linksbündig gerade ab und vermitteln ein gleichmäßiges Schriftbild. Dies spricht für Anspruch, handschriftliche Routine und einen ausgeprägten visuellen Sinn, da dies beim Umsetzen des verbalen Textes Aufmerksamkeit erforderte. Da die Paginierungen (wenn vorhanden) in den kodikologischen Einheiten jeweils neu beginnen, fassen diese die jeweiligen Inhalte zusammen, aber trennen sie ebenso von denen der anderen kodikologischen Einheiten ab. Das gilt auch für den variierenden Einsatz von Seitentiteln und ähnlichen Elementen. Weiterhin wird das Ende der verschiedenen Inhalte häufig besonders akzentuiert: Zum Einsatz kommen zentriert verkürzte Zeilen, die einen dreieckigen Textabschluss bilden, Schlusswörter ( τέλος , Tantum oder Finis), waagerechte Linien und vereinzelt Schlussornamente. 89 Diese ermöglichen zusammen mit den Inhaltsübersichten und wie Zwischentitel eingesetzten Titelseiten eine schnelle Orientierung im Buch. Die Seitengestaltung vermittelt einen kohärenten Eindruck der Handschriften bzw. ihrer jeweiligen Inhaltsabschnitte und lässt zusammen mit dem Einsatz von Vielschriftigkeit ästhetische Nähe zu gedruckten Büchern erkennen. Inhalts vorkommen (f. 4r, 20v, 21r, 28v, 61v, 62r; vgl. zu den Ornamenten auch Margrét Eggertsdóttir 2014a: 114). 89 Schlussornamente finden sich an folgender Stelle: ÍB 299 4to (f. 57r, 127v); SÁM 66 (f. 2v, 235r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 212 5 Neuschreiben <?page no="213"?> Abb. 51: Marginalien (u. a. „ Mars “ bei Ds. XXIII über Týr, „ Apollo “ bei Ds. XXIV über Bragi, „ Mercurius “ bei Ds. XXV über Heimdallr), Dæmisögur der Prosa-Edda, NKS 1867 4to (f. 124v). Foto: Friederike Richter. Die älteste der drei Handschriften, NKS 1867 4to, ist die einzige, in der ein paar Abschnitte nicht in diese einheitliche Form integriert sind und möglicherweise im Zusammenhang mit der von Ólafur Brynjólfsson unterbrochenen Ausführung stehen. Diese Handschrift setzt ‒ anders als die beiden anderen - Seitentitel nur im Bereich der eddischen Dichtung (f. 6r ‒ 60v) ein; die Orientierung über die Inhalte und Reihenfolge der Gesamthandschrift übernimmt dafür die Inhaltsübersicht zu Beginn (f. 1r). Im Bereich der Prosa-Edda sind demzufolge also keine Seitentitel vorhanden und die Paginierung erstreckt sich nur von der Titelseite bis zum Ende der Dæmisögur, also dem Bereich, den Ólafur angelegt hat. Es überrascht, dass Jakob den von ihm hinzugefügten Annar Partur nicht über Paginierung an die vorhergehenden Abschnitte angeschlossen hat, obwohl er in den anderen Handschriften auf solche Elemente Wert legt. In NKS 1867 4to und ÍB 299 4to gibt es in den Dæmisögur der Prosa-Edda einige lateinische Marginalien, die im Sinne der Interpretatio Romana die Namen eines jeweiligen Pendants der klassischen Mythologie zu den eddischen Figuren und Orten angeben und somit bei entsprechendem Wissen als Stichwörter ein Aufschlagen des entsprechenden Kapitels mit dem Narrativ der Prosa-Edda unterstützen (Abb. 51). Dies kann als Hinweis auf die Gelehrtheit der antizipierten Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 213 <?page no="214"?> Lesenden von den beiden Handschriften gewertet werden, denen die womöglich diese Figuren der klassischen Mythologie bekannt gewesen sein dürften, weil sie z. B. die Lateinschule besucht haben. Abb. 52: Ende des Annar Partur der Prosa-Edda markiert durch Schlussornamente, Schlusswort sowie zentriert verkürzte Zeilen, ÍB 299 4to (f. 127v). Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. In ÍB 299 4to spiegelt sich die durchgeplante inhaltliche Kompilation auch in der Seitengestaltung wider: Die Seitentitel erstrecken sich - mit Ausnahme der Bildseiten und Titelblätter - über die gesamte Handschrift, was nicht nur die Orientierung in der Handschrift sehr vereinfacht, sondern auch visuell den Eindruck eines kohärenten Buchs vermittelt. Die Paginierung betrifft jedoch nur die Seiten der Prosa-Edda (inkl. der Vorworte). In den Dæmisögur finden sich ebenfalls die lateinischen Marginalien wie in NKS 1867 4to. Das Ende von Inhalten hat Jakob manchmal durch mehrere Gestaltungsmittel nahezu überbetont und damit markierter als in den anderen beiden Handschriften (Abb. 52): Im nebenstehenden Beispiel am Ende vom Annar Partur der Prosa-Edda ist das Ende in Prosaform und mit einem Schlusswort verbal benannt 90 sowie mit zentriert verkürzten Zeilen und Schlussornamenten visuell markiert. Diese Handschrift ist ins- 90 „ Ender Þess Annarz Partz Snorra Eddu “ ( ‚ Ende von diesem zweiten Teil [Annar Partur] der Snorra Edda ‘ , ÍB 299 4to, f. 127v22 ‒ 23). Darunter steht in gemischter Schreibweise aus griechischen und lateinischen Buchstaben: „τελο S “ ( ‚ Ende ‘ , korrekt wäre τέλος , ÍB 299 4to, f. 127v24). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 214 5 Neuschreiben <?page no="215"?> gesamt enger beschrieben als die anderen beiden (nicht so jedoch im abgebildeten Annar Partur). Jakob hat für die Kurrentschrift eine sehr feine Schreibfeder angewendet und insgesamt mehr Abkürzungen eingesetzt, was zugleich eine höhere Lesekompetenz voraussetzt. Die Handschrift erscheint somit - zusätzlich zur Tatsache, dass sie nur eine Auswahl der Inhalte der anderen zwei Handschriften enthält ‒ materiell deutlich kompakter, vielleicht hatte sich Jakob mit der auftraggebenden Person auf eine Blattanzahl geeinigt oder wollte Papier sparen. Auch in SÁM 66 sind alle Textseiten mit einem Seitentitel ausgestattet, die zusätzlich zu den vier Titelseiten die inhaltliche Struktur für die Benutzung zugänglich darlegen. Des Weiteren sind die Inhalte durch ihre abweichende Seitengestaltung visuell relativ leicht voneinander zu unterscheiden, die außerdem von eigenen Paginierungen gegliedert werden. Als weitere Besonderheit hat SÁM 66 noch zahlreiche weitere Tabellen, Schaubilder und Illuminationen, die im Zusammenhang mit den anderen Inhalten der Handschrift, dem kommentierten Kalendarium und der Abhandlung zur Arithmetik, stehen. Abb. 53: Beginn der Dæmisögur der Prosa-Edda, SÁM 66 (f 100r). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Der Beginn der Prosa-Edda ist durch die jeweiligen Titelseiten der drei jüngeren Handschriften deutlich markiert. Beim genaueren Betrachten der Seitengestaltung lassen sich einige interessante Beobachtungen machen: Zu den erweiterten Prologen erfolgte weiter Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 215 <?page no="216"?> oben bereits eine ausführliche Analyse (s. o., Kap. 5.1.3). Wenn es darum geht, ob oder wie der erweiterte Prolog vom Beginn der Prosa-Edda visuell abgegrenzt ist, fällt auf, dass diese nahezu ineinanderfließen. Der Beginn von Magnús Ólafssons Vorwort IV ist mit einer Überschrift betont, doch der direkt anschließende Prologus erscheint diesem Beginn wie ein weiteres Kapitel untergeordnet (s. o., Abb. 32 - 34). In NKS 1867 4to ist der Beginn von Vorwort IV mit „ I Capitule Hvad Edda Sie “ ( ‚ I. Kapitel. Was die Edda sei ‘ , NKS 1867 4to, f. 113r1 ‒ 2) überschrieben. Der Prologus schließt nach dem verbalen Hinweis 91 auf selbigen direkt an. Trotz der Verwendung von Auszeichnungsschrift zu Beginn, legt der Übergang auch hier nur einen neuen Absatz oder ein Unterkapitel nahe, aber nicht ein separates Vorwort. Auch der Beginn der Dæmisögur schließt in NKS 1867 4to danach ebenso und ist nicht weiter hervorgehoben. Die visuelle und verbale Seitengestaltung vermittelt hier, dass das Vorwort IV und Prologus als integraler Teil der Prosa-Edda aufgefasst wurden und die Notwendigkeit der Distanzierung zwischen Prologus und Dæmisögur zu diesem Zeitpunkt weniger kontrovers war als später mit Fragen bezüglich der Autorschaft des Prologus. In den beiden anderen Handschriften ist der Beginn der Dæmisögur im Seitentitel, mit waagerechten roten Linien sowie durch das Aufnehmen von Kapitelüberschriften markiert (ÍB 299 4to, f. 75r; SÁM 66, 100r, Abb. 53). Dort vermittelt ebenso die Seitengestaltung, dass Vorwort IV und Prologus als Beiträge des ‚ Autors ‘ aufgefasst werden: Diese werden in den Seitentiteln unter „ I. INNGÄNGURINN “ (I. Die Einleitung ‘ , ÍB 299 4to, f. 71r) bzw. „ form  li = Authoris. “ ( ‚ Vorwort des Autors ‘ , SÁM 66, f. 94v) zusammengefasst. In SÁM 66 wird dies weiterhin über Vorwort IV in der Überschrift verstärkt: „ Formäle Authoris umm þad hvad Edda sie. “ (SÁM 66, f. 94v1 - 2, ‚ Vorwort des Autors darüber, was die Edda sei ‘ ). Dies zeigt, wie sehr zu diesem Zeitpunkt Vorwort IV und Prologus zusammen als Beginn der Prosa-Edda aufgefasst wurden und nicht als paratextuelle Elemente deutlich abgetrennt wurden. Anders sieht es für den Beginn des Annar Partur aus, der in allen drei Handschriften mit einer großen Überschrift stark akzentuiert ist und auf einer neuen Seite beginnt (NKS 187 4to, f. 148r; ÍB 299 4to, f. 106r; SÁM 66, f. 137r), in ÍB 299 4to und SÁM 66 jedoch über die Paginierung noch an die vorhergehenden Dæmisögur gekoppelt ist. Der Annar Partur wurde in allen drei Handschriften von Jakob Sigurðsson geschrieben und lässt sich deshalb besonders gut in Bezug aufs Neuschreiben vergleichen, weil die Unterschiede nicht von der Hand, sondern der Handschrift abhängig sind (Abb. 54 - 56). Diese Listen sind in einer klar hierarchischen, blockweisen Gliederung und alphabetisch angeordnet, so dass sie ein übersichtliches Nachschlagewerk poetischer Umschreibungen ergeben. Genauer betrachtet setzen die Handschriften dies jedoch unterschiedlich um: In NKS 1867 4to wird der Beginn eines neuen Anfangsbuchstabens am äußeren Rand hervorgehoben und erleichtert das Blättern zusätzlich, in den anderen beiden Handschriften ist dieser interlinear integriert (Abb. 54). Jeder neue Abschnitt wird in allen drei Handschriften durch eine zentrierte und deutlich größere Überschrift markiert. Interessant ist der Vergleich konkreter Kapitel: In ÍB 299 4to (f. 119r, Abb. 55) sind die Óðins-Heiti nicht in Langzeilen hintereinander, sondern in alphabetisch sortierten Spalten geschrieben. Zudem ist jeder Eintrag durchnummeriert (Nr. 1 ‒ 175), was eine feste Anzahl Heiti 91 „ Og Byriast med þeim Formäla, sem hier seiger “ ( ‚ und beginnt mit diesem Vorwort, das hier steht ‘ , NKS 1867 4to, f. 113r15). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 216 5 Neuschreiben <?page no="217"?> Abb. 54: Der Beginn des Eintrags zu den Kenningar und Heiti zu Óðinn im Annar Partur der Prosa-Edda, NKS 1867 4to (f. 159v). Foto: Friederike Richter. Abb. 55: Der Beginn des Eintrags zu den Kenningar und Heiti zu Óðinn im Annar Partur der Prosa-Edda, ÍB 299 4to (f. 119r). Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. Abb. 56: Der Beginn des Eintrags zu den Kenningar und Heiti zu Óðinn im Annar Partur der Prosa-Edda, SÁM 66 (f. 152r). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 217 <?page no="218"?> vermittelt. 92 Die Varianten im verbalen Text lassen ebenso darauf schließen, dass Jakob beim Erstellen von ÍB 299 4to eine andere Vorlage verwendete als für die beiden anderen Handschriften und dass er diese Anordnung vermutlich von der Vorlage übernahm. Diese Anordnung ist ähnlich wie in AM 738 4to (f. 35r), in der die Óðins-Heiti ebenfalls in Spalten geschrieben und die Anfangsbuchstaben hervorgehoben wurden. in SÁM 66 (f. 152r, Abb. 56) sind die Heiti wieder in Langzeilen aufgelistet und die Überschriften wie auch in den beiden anderen Handschriften zentriert. Bei der Zusammenschau des visuellen Textes der drei jüngeren Handschriften treten somit Abweichungen zu Tage, die für den Einfluss unterschiedlicher Vorlagen sprechen und sicherlich auch auf Jakobs zunehmender Erfahrung mit der Prosa-Edda fußten. 93 Die drei jüngeren Handschriften erscheinen in der Anlage der Seitengestaltung sehr durchdacht: Der Umfang der verwendeten Elemente der Seitengestaltung (inkl. der weiter unten analysierten Vielschriftigkeit) und anderer paratextueller Elemente wie Titelseiten und Inhaltsübersichten ist groß und bot umfangreiche Hilfestellung für eine schnelle Erschließung der Gesamtkompilation und ein zielgerichtetes Aufblättern des gewünschten Kapitels. 94 Die Vermutung liegt nahe, dass die Handschriften nicht zum linearen Lesen - jedenfalls nicht im Sinne von Buchdeckel zu Buchdeckel - angelegt waren, sondern das Aufsuchen eines bestimmten Abschnittes und damit ein radiales Lesen bei der Herstellung antizipiert wurde. Das scheint ebenso für den narrativen Part der Prosa-Edda zu gelten, die Bildbeischriften der drei jüngeren Handschriften enthalten Querverweise auf die Dæmisögur und fordern somit explizit zum radialen Lesen auf. Auch wenn im Einzelnen die Nummerierung von den nachfolgenden Dæmisögur um eins abweicht, so bleibt der Gedanke dieses Leseprinzips bestehen. 95 Eine ähnliche Funktion haben die Inhaltsübersichten über die durchnummerierten Dæmisögur (NKS 1867 4to, f. 187r ‒ 189r; ÍB 299 4to, f. 151v), die mit den klar hervortretenden Kapitelüberschriften einen Überblick über den Inhalt der jeweiligen Dæmisaga geben und ein gezieltes Aufsuchen und Lesen dieser unterstützten. Obwohl sich die Dæmisögur grundsätzlich zum (Vor-)Lesen längerer Abschnitte z. B. bei einer Kvöldvaka eignen, scheint dies nicht der einzig antizipierte Lesemodus gewesen zu sein. So ist ebenso denkbar, dass diese handlichen Handschriften als Nachschlagewerke z. B. für interessierte Dichter: innen eingerichtet wurden. Die starken Verschmutzungen und Beschädigungen in ÍB 299 4to und SÁM 66 belegen das frequente Blättern und die eifrige Nutzung der Handschriften. Die feingliederige und reiche visuelle Gestaltung dieser Handschriften (inkl. der Vielschriftigkeit) kann beim Vorlesen nicht in dem Detailgrad akustisch umgesetzt werden, was dafürspricht, dass die Handschriften primär für die individuelle, visuelle Wahrnehmung konzipiert wurden. 92 Die Nummerierung der Kenningar und Heiti könnte von der Edda Islandorum inspiriert sein, in der viele der in Langzeilen geschriebenen Listen durchnummeriert sind. Der Grund dafür ist sicherlich, dass so die lateinische Übersetzung direkt auf jede Kenning folgt und beide Formen durch die Nummerierung jeweils zusammengehalten werden. 93 So sind in NKS 1867 4to im Annar Partur einzelne, oft kurze Kapitel nicht durch einen neuen Absatz abgetrennt. Es könnte sein, dass Jakob diese von der Vorlage beim Weiterschreiben so übernahm und zuweilen vergaß, mit jedem Kapitel einen neuen Absatz zu beginnen. In den beiden jüngeren Handschriften hat er diese jedoch konsequent umgesetzt (vgl. z. B. „ Skiegg heiter “ NKS 1867 4to, f. 163r; ÍB 299 4to, f. 123r; SÁM 66, f. 156r). 94 Putzo (2012: 392) hat den Zusammenhang von solchen Hilfsmitteln und radialem Lesen aufgezeigt. 95 Mehr zu den Beischriften und ihre fehlerhafte Nummerierung in Kap. 5.4.4. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 218 5 Neuschreiben <?page no="219"?> Hierbei ist denkbar, dass eine Kleingruppe (z. B. die Familie oder die Kinder des Haushaltes) um die Handschrift saß und las. Die Bildseiten von ÍB 299 4to und SÁM 66 wurden womöglich währenddessen separat weitergereicht, da diese alle zu einem Zeitpunkt herausgerissen waren. Einige Inhalte - wie die weiter unten analysierten Runenreihen - sind rein visuell ausgelegt, so auch die Textportionen, die in Runen- und Geheimschrift gesetzt wurden und sicherlich zunächst eine gewisse Entschlüsselungsarbeit erforderten. 5.3.2 Vielschriftigkeit Ein Phänomen, das in den vier Handschriften vorkommt und ganz besonders in den drei jüngeren Handschriften hervortritt ist die ‚ Vielschriftigkeit ‘ . Dieser Begriff soll das bewusste Verwenden von mehreren Schriftarten innerhalb desselben Artefakts bezeichnen. 96 Viele geübte Schreibhände der Zeit beherrschten unterschiedliche Schriftarten, die sie zur visuellen Ausdifferenzierung des Geschriebenen parallel einsetzten: Diese umfassen vor allem Kanzlei- und Kurrentschrift, aber auch humanistische Kursive sowie Runen- und Geheimschriften. Zusätzlich kommen noch Auszeichnungsschriften vor, die vor allem elaborierte Formen der Kanzleischrift unter Einfluss gedruckter Frakturschrift hatten. Die Vielschriftigkeit wurde nur teilweise von den Vorlagen übernommen und oftmals in der Handschrift neu ausgeformt; sie ist somit als Teil des Neuschreibeprozesses aufzufassen. Dies erforderte bei der Schreibarbeit viel Konzentration und eine stete Reflektion über den zu schreibenden verbalen Text gleich auf mehreren Ebenen: in Bezug auf Etymologie (isländisch, Latein etc.), Textgattung (Prosa oder Dichtung) und Textstruktur (z. B. Incipit). Die gleichzeitige Verwendung von mehreren Schriftarten bezeugt die Routiniertheit und Virtuosität der Schreibhände, hier im Besonderen von Jakob Sigurðsson. Sie seht auch entsprechende Lesefertigkeiten bei den Nutzenden voraus. Über das Schriftbild Jakob Sigurðssons schrieb Springborg in Bezug auf die Njáls-saga- Handschrift Acc. 50 anerkennend: „ Afskriften er omhyggelig og nærmest pertentlig i sin grafiske udformning. “ (Springborg 2018 [2002]: 328). Das Phänomen der Vielschriftigkeit war in der Frühen Neuzeit in Handschrift und Buchdruck schon längst etabliert, in Bezug auf die komplexe Ausdifferenzierung müssen jedoch vor allem die drei jüngeren Handschriften als Ausnahmeerscheinung bezeichnet werden. Die Runenschrift ist auch Teil dieses Phänomens, ihr wird jedoch im Anschluss ein eigenes Kapitel gewidmet. Der Einsatz verschiedener Schriftqualitäten innerhalb eines Artefakts war selbst in visuell nur niederschwellig gestalteten isländischen Pergamenthandschriften des Mittelalters in Form von Initialen und Rubriken üblich. Diese umfassten damit die Verwendung unterschiedlicher Farben, Schriftgrößen und Dekor - vor allem zur Hervorhebung von Textstruktur und Abgrenzung der paratextuellen Elemente. In der Frühen Neuzeit war der Einsatz mehrerer Schriftarten für den Fließtext - vor allem in Form der Zweischriftigkeit von Antiqua und Fraktur - auch im Buchdruck sehr verbreitet. So ist nebenstehend eine Seite aus der Edda Islandorum abgebildet (Abb. 57), auf der die Verwendung unterschied- 96 Der Begriff grenzt sich damit bewusst von dem Begriff ‚ Mehrschriftlichkeit ‘ ab, der die Kompetenz bezeichnet auf mehreren Sprachen schriftlich kommunizieren zu können. In Bezug auf isländische Handschriften wurde das Phänomen der Vielschriftigkeit bereits von Springborg (1977: 66) beschrieben. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 219 <?page no="220"?> licher Schriften in Bezug auf Sprache und Textstruktur besonders gut zur Geltung kommt. Die Seite zeigt das kurze Vorwort IV von Magnús Ólafsson, das in den drei Sprachfassungen Isländisch, Dänisch und Latein direkt untereinander abgedruckt wurde. In Abhängigkeit der üblichen Konventionen wurden die beiden germanischen Sprachen Isländisch und Dänisch in Fraktur gesetzt und die lateinische Übersetzung in einer Antiquaschrift; dies setzt sich bis in den Fußnoten fort, deren Schrift entsprechend wortweise variiert. 97 Weiterhin verwendet die Glossierung in den Fußnoten ein Verweissystem über Buchstaben in Antiqua und offenbart damit ihren humanistisch-gelehrten Zusammenhang. Auch im isländischen Buchdruck wurde diese Ausdifferenzierung von gebrochener und ungebrochener Schrift - Fraktur und Antiqua (recte) - Ende des 18. Jh. eingesetzt. Sie wurde in Island jedoch im Laufe des 19. Jh. immer mehr zurückgedrängt, bis sich schließlich die Antiqua durchsetzte (Hufnagel 2017: 183 - 184). Die beiden Schriftarten hatten sich aus zwei unterschiedlichen Schriftmedien entwickelt: Gilt die Fraktur als die gedruckte Weiterentwicklung der nichtkursiven handschriftlichen Textura, so gehen Abb. 57: Vorwort IV, Beginn der Edda Islandorum (Resen 1665a: f. A1r). Digitalisat: Landsbókasafn Íslands - Hákólabókasafn <https: / / baekur.is/ bok/ 4707ae8a-d74e-4eb8-90d9-164a810e9a89, 27.10.2024>. 97 Weitere Schrifttypen in der Edda Islandorum sind: Griechisch, Hebräisch, Antiqua kursiv und Runen. Interessant ist die unterschiedliche Initialhierarchie, die isländische Initiale ist doppelt so groß (6 anstelle von 3 Zeilen) und weitaus geschmückter, vermutlich weil diese den Beginn der Edda markiert, die erste Zeile (Incipit) ist außerdem größer gesetzt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 220 5 Neuschreiben <?page no="221"?> Antiqua-Schriften auf lateinische Epigrafik zurück. Dass die Wahl von Schriften jedoch keineswegs nur ästhetischen oder pragmatischen Überlegungen zugrunde lag, sondern darüber hinaus ideologisch aufgeladen sein konnte, zeigte später der sogenannte Antiqua- Fraktur-Streit im 19. ‒ 20. Jh. in Deutschland, in dem neben Argumenten in Bezug auf die sprachabhängige bessere Lesbarkeit vor allem die jeweiligen historischen Konnotationen der Sprachen eine wichtige Rolle spielten. Diese historische Perspektive war ebenso in den vier Handschriften relevant, wie nachfolgend dargelegt wird. Darin finden sich im unterschiedlichen Umfang Beiträge v. a. zur Runenschrift, und bringen so Schrift auch auf verbaler Ebene in den Diskurs ein. Die Vielschriftigkeit in den Handschriften ist von einer direkten Auseinandersetzung mit dem Buchdruck geprägt, wie aus zwei Beispielen aus zwei der jüngeren Handschriften deutlich wird: In dem Kommentar zu den Vafþrúðnismál werden die Strophen des Edda- Liedes in Kanzleischrift und die zugehörigen Paraphrase in Kurrentschrift dargestellt (NKS 1867 4to, f. 213r ‒ 219v; ÍB 299 4to, f. 12r ‒ 18r). Dies ist hilft beim Erkennen der einzelnen Strophen und unterteilt die mittelalterliche Dichtung und spätere Auslegung visuell. Auf diese Ausdifferenzierung wird sogar ganz explizit verwiesen: „ Textus med stærre Typis “ ( ‚ Textus mit größerer (Schrift - )Type ‘ , NKS 1867 4to, f. 213r2; vgl. ÍB 299 4to, f. 12r). Hierbei wird mit ‚ Type ‘ eine Bezeichnung aus dem Buchdruck gewählt. Eine Übernahme von Vielschriftigkeit aus dem Buchdruck betrifft das Gedicht „ Edda hviled under benke “ aus der Edda Islandorum (f. n3r-n4r), auf das weiter unten noch genauer eingegangen wird. Ein Unterschied von Handschriftenproduktion zum Buchdruck war, dass der Einsatz von Vielschriftigkeit zwar abhängig vom Können der Schreibhand war, sich aber gerade Spezialschriften (v. a. Geheimschriften und div. Runenschriften) viel leichter einsetzen und variieren ließen, ohne dass eigene Lettern vorhanden sein mussten. 98 5.3.2.1 Die drei Hauptschriftarten Als nächstes sollen die drei in den Handschriften verwendeten Hauptschriftarten kurz vorgestellt werden - es handelt sich hierbei um Kanzleischrift, Kurrentschrift und humanistische Kursive. Die Schreibhände setzten diese systematisch (wenn auch nicht konsequent) ein, und erzeugen für jede ein distinkt wahrnehmbares Schriftbild. Dabei sind aus paläografischer Perspektive viele hybride Formen zu beobachten. Wenn im Folgenden also von z. B. Kursivschrift oder Kanzleischrift die Rede ist, dann bezieht sich dies vor allem auf ein grundlegendes Schriftbild, das nicht immer den häufig hybriden Formen gerecht wird. Das Schriftbild wirkt vor allem im Kontrast zur umgebenden Schrift und genau so wurde es eingesetzt. Die drei Hauptschriftarten in den Abschnitten der Prosa- Edda sind in der nachfolgenden Tabelle (Tab. 21) dargestellt: 99 98 Dafür betrafen die im Buchdruck angewendeten Möglichkeiten andere qualitative Eigenschaften von Schrift: Schriftstärke (z. B. Fettdruck), Schriftgröße, Abstand (Sperrung, Unterschneiden), Schriftlage (z. B. Kursivschrift), Einsatz von Versalien/ Kapitalschrift, aber auch die aus der Handschriftenkultur bekannten Initialen. 99 Die Zuordnung der Schriftarten basiert auf den Ausführungen von Guðvarður Már Gunnlaugsson (2007, 2008) und Björn K. Þórólfsson (1948 - 1949: 116 - 152). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 221 <?page no="222"?> AM 738 4to NKS 1867 4to, ÍB 299 4to und SÁM 66 Kanzleischriften und Kanzleihybrida (kansellískrift/ kansellíbrotaskrift) Abb. 58a: Haupthand (3), AM 738 4to (f. 118r2 ‒ 6). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Abb. 58d: Ólafur Brynjólfsson, NKS 1867 4to (f. 101r16 ‒ 20). Foto: Friederike Richter. Abb. 58b: Lieder-Edda-Hand (3), AM 738 4to (f. 43v, Bildbeischrift). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Abb. 58e: Jakob Sigurðsson, ÍB 299 4to (f. 70r5 - 10). Foto: Landsbókasafn Íslands - Hákólabókasafn, Helgi Braga. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 222 5 Neuschreiben <?page no="223"?> AM 738 4to NKS 1867 4to, ÍB 299 4to und SÁM 66 Abb. 58c: Ergänzungshand (5), AM 738 4to (f. 104r1 - 7). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 223 <?page no="224"?> AM 738 4to NKS 1867 4to, ÍB 299 4to und SÁM 66 Kurrentschriften (árfljótaskrift/ fljótaskrift) Abb. 58f: Haupthand (3), AM 738 4to (f. 118r9 - 12). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Abb. 58h: Ólafur Brynjólfsson, NKS 1867 4to (f. 113v3 - 8). Foto: Friederike Richter. Abb. 58g: Ergänzungshand (5), AM 738 4to (f. 104v40 ‒ 42). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Abb. 58i: Jakob Sigurðsson, SÁM 66 (f. 95v6 - 11). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 224 5 Neuschreiben <?page no="225"?> AM 738 4to NKS 1867 4to, ÍB 299 4to und SÁM 66 Humanistische Schriften (húmanísk skrift) Abb. 58j: Ólafur Brynjólfsson, NKS 1867 4to (f. 124v, Marginalie). Foto: Friederike Richter. Abb. 58k: Jakob Sigurðsson, NKS 1867 4to (f. 111r, Bildbeischrift). Foto: Friederike Richter. Tab. 21: Abb. 58a - k: Beispiele für die verschiedenen Hauptschriftarten. Links: AM 738 4to, rechts: NKS 1867 4to, ÍB 299 4to und SÁM 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 225 <?page no="226"?> Die Kanzleischrift (kanselliskrift) bzw. Kanzleihybrida bezeichnet eine gut lesbare Schriftart. Die einzelnen Buchstaben werden aus mehreren kurzen, abgesetzten Strichen zusammengesetzt, weshalb die Schreibarbeit zeitintensiv ist. Dabei ist die Schreibfeder angeschrägt, so dass die Buchstaben aus den typischen schmaleren Haarstichen und breiteren Schattenstrichen geformt wurden. Es handelt sich um eine gebrochene Schriftart, weil Bögen nicht rund, sondern ‚ gebrochen ‘ , d. h. winklig, zusammengesetzt werden. Die Mittellänge (x-Höhe) der Schrift ist sehr hoch, die Ober- und Unterlängen ragen nur etwas nach oben und unten. Weiterhin stehen die Minima eng und aufrecht beieinander. 100 Diese Schriftart wurde v. a. für kürzere Mengen Fließtext genutzt, für Abschriften mittelalterlicher Literatur sowie als Auszeichnungsschrift. 101 Die Kanzleischrift ist eine Weiterentwicklung der mittelalterlichen Textualis und Hybrida, von ihren Grundformen ähnelt sie vor allem in der jüngeren Form der Fraktur im Druck, und wird kansellíbrotaskrift genannt. Die Kanzleischrift der Haupthand in AM 738 4to ist noch dem älteren Typus zuzuordnen und hat schmucklose, rundere Formen, die weniger die Vertikale betonen. Sie ist weniger auf ein ästhetisches Gesamtbild bedacht, sondern vor allem groß und deshalb gut lesbar (Abb. 58 a). Bei den jüngeren Händen steht sie häufig (v. a. bei der Ergänzungshand (5) in AM 738 4to sowie Ólafur Brynjólfsson, Abb. 58 b - e) unter Einfluss der Kursivschrift und wird deshalb nachfolgend als Kanzleihybrida bezeichnet. In dieser erscheinen manche Buchstaben geschwungener und verbundener und sie sind häufiger geneigt. In den drei jüngeren Handschriften fällt auf, dass in der Kanzleischrift deutlich häufiger Abkürzungen eingesetzt wurden als in den anderen Schriftarten; dies betrifft v. a. die supralinearen Abkürzungszeichen, die nicht nur für die Flexionsendungen, sondern auch innerhalb der Wörter eingesetzt wurden. Die Kanzleischrift wird, wie zu dieser Zeit üblich, in den hier untersuchten Handschriften für die Hervorhebung (von u. a. Titelseiten, Überschriften, Beischriften, Namen und Incipit) verwendet. Außerdem kommt sie für Dichtung, Lemmata in Listen (v. a. in AM 738 4to) sowie für die Auflistung der Kenningar und Heiti im Annar Partur der Prosa-Edda zum Einsatz. Die übliche frühneuzeitliche Gebrauchsschrift in Papierhandschriften war die Kurrentschrift (fljótaskrift), die auf Island vom 16. - 18. Jh. verwendet wurde (Björn K. Þórólfsson 1948 - 1949: 150, Guðvarður Már Gunnlaugsson 2008). Als schnelle Kursivschrift zeichnet sie sich dadurch aus, dass die Buchstaben ohne Absetzen miteinander verbunden wurden (Abb. 58 f - i). Die Federbreite ist in den vier Handschriften schmaler als in der Kanzleischrift. Der Höhenkontrast zwischen einer niedrigen Mittelhöhe und weit herausragenden, oft geschlauften Ober- und Unterlängen ist besonders bei Jakob Sigurðsson charakteristisch, sie wirkt durch ihre deutliche Schräglage in Schreibrichtung (nach rechts) und die miteinander verbundenen, schmalen Buchstaben sehr dynamisch. Ihr Vorteil war, dass sie den Schreibprozess beschleunigte, und deshalb wurde sie in der Frühen Neuzeit für den Großteil der Handschriften in Island verwendet. Sie befand sich in der Hierarchie unterhalb der Kanzleischrift, obwohl sie durchaus - gerade von geübten Händen - sehr ästhetisch aussah (Abb. 58 g - i). Diese Schriftart wird in allen vier Handschriften vor allem 100 Die Ausnahme davon bildet die Haupthand (3) in AM 738 4to, hier neigt sich die Kanzleischrift leicht nach links. 101 Dadurch übernimmt sie ebenfalls die Funktion einer Auszeichnungsschrift, die Jakobi-Mirwald (2008: 46) als höherrangige Schrift zur Hervorhebung definiert. Eine Auszeichnungsschrift wirkt erst durch ihren Kontrast zur umgebenen Schrift. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 226 5 Neuschreiben <?page no="227"?> für Prosa, z. B. die Dæmisögur, verwendet sowie für erklärende Kommentare, Abhandlungen, Prosa-Einschübe in Dichtung/ Inquitformeln und frühneuzeitliche Abhandlungen. Die dritte Hauptschriftart wurde in AM 738 4to nicht 102 und in den drei jüngeren Handschriften nur sparsam eingesetzt, es handelt sich um die humanistische (Kursiv-) Schrift (húmanísk skrift). Sie wurde ebenfalls mit einer schmalen Feder gleichmäßig und luftig geschrieben, hat gerundete Bögen, Ober- und Unterlängen und ist leicht nach rechts geneigt, was ihr ebenfalls einen eleganten Charakter verleiht. Diese Schriftart wurde in den drei jüngeren Handschriften für lateinische Textabschnitte oder Einzelwörter verwendet, die eine lateinische Etymologie aufweisen (Björn K. Þórólfsson 1948 - 1949: 148) ‒ oder um das Bezeichnete in der klassischen Antike zu verorten. Die Anwendung wurde aber nicht konsequent durchgeführt und so werden an vielen Stellen Namen aus der klassischen Mythologie in Kanzleischrift geschrieben. 103 Ólafur Brynjólfsson hat diese sicherlich in der Lateinschule gelernt und beherrschte sie auffällig gut, setzte sie aber nur wenig ein (v. a. in den Marginalkommentaren, Abb. 58j). Bei Jakob Sigurðsson wird dagegen deutlich, dass er diese Schrift nicht flüssig beherrschte und die Buchstaben einzeln nebeneinandersetzte. 104 Er setzte vor allem auf die charakterisierenden, ungebrochenen Majuskeln, die Minuskeln zeigen oft hybride Formen der Kanzleischrift auf (Abb. 58k). Weiterhin wurden in den drei jüngeren Handschriften einzelne Wörter in griechischer Schrift geschrieben, die zwar Fehler in der Anwendung der Schrift aufweisen, aber den humanistischen Anspruch und die Weitläufigkeit des Interesses für Schrift bezeugen. 5.3.2.2 Verwendung und Funktionalisierung in der Prosa-Edda Auch wenn die Ausführung und Semantisierung von den Einzelbuchstaben nicht immer konsequent durchgeführt wurden, lässt sich für das Schriftbild der Seiten der Prosa-Edda der vier Handschriften folgende Tendenz festhalten: Die Listen der Kenningar und Heiti vom Annar Partur werden in Kanzleischrift bzw. Kanzleihybrida geschrieben. Dies entspricht der Schrift, die für die skaldische und eddische Dichtung an anderer Stelle in der Handschrift benutzt wurde und fügt so Kenningar, die Zitationen in Dæmisögur und im Annar Partur sowie die eddische und skaldische Dichtung der Gesamtkompilation visuell zusammen. In Bezug auf die Dæmisögur fällt in den drei jüngeren Handschriften auf, wie die Vielschriftigkeit die Textstruktur visualisiert (Abb. 59 - 60): Der Fließtext ist grundsätzlich in Kurrentschrift geschrieben, aber viele Einzelheiten sind davon abgesetzt. In Kanzleischrift/ Kanzleihybrida erfolgen Incipit, Namen und Überschriften. In humanistischer Schrift wurden lateinische Passagen wie die Übersetzung der V ǫ luspá-Strophe im Beispiel bzw. lateinische Marginalien geschrieben. Vieles lässt sich so bereits auf den ersten Blick erfassen: Das Prosimetrum wird betont, auf inhaltlicher Ebene werden die Namen auf der jeweiligen Seite hervorgehoben sowie die abweichende Sprache von lateinischen Abschnitten. Mit der Kanzlei- und Kurrentschrift wendeten die Handschrif- 102 In AM 738 4to wird sie nur von Jón Sigurðsson für die Kommentare zur Reihenfolge des Materials verwendet. 103 So z. B. in Vorwort II der drei jüngeren Handschriften oder in der Liste über die klassische Mythologie in AM 738 4to (f. 29r). 104 Als Kursivschrift wäre es eigentlich üblich, die einzelnen Buchstaben miteinander zu verbinden, Jakob Sigurðsson hat jedoch die Feder nach jedem Buchstaben abgesetzt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 227 <?page no="228"?> ten eine ausgeklügelte Vielschriftigkeit an, obwohl der isländische Druck zu dieser Zeit dafür gewöhnlich nur den Fraktursatz verwendete. In diesen Beispielen zeigt sich, dass die Schreibhände außerordentlich viel Wert auf die Ausführung der Schrift gelegt haben und ein hohes mediales Bewusstsein für den verbalen Text und das Medium Schrift als seine visuelle Eigenschaft hatten. Die unterschiedlichen Schriften wurden wie unterschiedliche visuelle Register funktionalisiert, die darauf abzielten, das Lesen zu strukturieren, Textgattungen zu unterscheiden, Etymologien und kulturelle Konnotationen sichtbar zu machen (das gilt im Besonderen für die Runen, s. unten). Es wäre in diesem Zusammenhang zu überlegen, ob die Verwendung von Kanzleischrift für Dichtung und Kenningar historisierend gedacht war, um einen Eindruck vom höheren Alter der Dichtung nahezulegen (vgl. Guðvarður Már Gunnlaugsson 2008). Diese Schriftart, die höheres Prestige hatte und zeitintensiver zu schreiben war, brachte der Dichtung über den visuellen Text vermehrte Wertschätzung entgegen. Es ist somit, wie anfangs erwähnt, als sehr aufschlussreich zu betrachten, was sich alleinig über das Erfassen des visuellen Textes der beschriebenen Seite über den verbalen Text in Erfahrung bringen lässt ohne selbigen zu lesen. An dieser Stelle lässt sich das Prinzip der ‚ metakommunikativen Funktion ‘ von Typografie als Werkzeug von Erwartungsmanagement auf die Handschrift übertragen, wie sie Rockenberger und Röcken definieren: Abb. 59: Vielschriftigkeit auf einer Seite in den Dæmisögur der Prosa-Edda, NKS 1867 4to (f. 118v), Hand: Ólafur Brynjólfsson. Foto: Friederike Richter. Abb. 60: Vielschriftigkeit auf einer Seite in den Dæmisögur der Prosa-Edda, ÍB 299 4to (f. 78v), Hand: Jakob Sigurðsson. Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 228 5 Neuschreiben <?page no="229"?> Sie dienen unter anderem dazu, (a) einen Text optimal rezipierbar zu machen, (b) diesen ‚ ästhetisch ansprechend ‘ zu präsentieren oder ihn (c) soziokulturell oder weltanschaulich zu verorten; sie werden überdies (d) zum Kenntlichmachen der Gattungsbzw. Textsortenzugehörigkeit, (e) zur visuellen Homogenisierung einzelner Werke zu einem Œ uvre oder deren Heterogenisierung zu ‚ Werkteilen ‘ (etwa in Ausgaben ‚ Gesammelter ‘ oder ‚ Sämtlicher Werke ‘ eines Autors), (f) zum Strukturieren/ Gliedern des Textes, (g) zum ‚ Markieren ‘ bzw. Auszeichnen innerhalb des Textes oder (h) zur Aufmerksamkeitslenkung, zur Wahrnehmungs- und Verarbeitungssteuerung verwendet. (Rockenberger/ Röcken 2014: 44) Das Prinzipt der Vielschriftigkeit galt zwar durchaus als zeitgenössische Konvention, wurde bei weitem aber nicht von allen Schreibhänden der Zeit angewendet. So fällt umso mehr auf, wie elaboriert und ästhetisch ansprechend dieses Prinzip vor allem in den drei jüngeren Handschriften ausgeschöpft wurde. 5.3.3 Runen- und Geheimschriften Die vielleicht auffälligste Charakteristik der Handschriften in Bezug auf das Schriftbild sind Runenschriften. In den drei jüngeren Handschriften sind Runen auf mehreren Ebenen enthalten: Als Schriftreihen, die zusammen mit verschiedenen Geheimschriften (z. T. auf der Furþork-Reihe aufbauend) nebeneinander präsentiert werden, angewendet als Schreibschrift sowie in zwei der jüngeren Handschriften zusätzlich auf einer Bildseite, die den Runenstein von Tirsted darstellt. Zusätzlich zu diesen visuellen Formen finden sich in ihnen mehrere antiquarische Abhandlungen zur Runenschrift, die teilweise auf die Thematisierung von Runen in eddischer Dichtung eingehen. An diesen vielfältigen Formen zeigt sich, wie groß das Interesse für Schrift allgemein und Runenschrift im Speziellen als wichtiger Teil einer Kultur war. Heute wird die Überlieferung von Runenschrift als Schriftsystem zumeist vor allem mit Materialien wie Holz, Stein, Metall oder Knochen in Verbindung gebracht. Doch auch in Handschriften wurde Runenschrift immer wieder punktuell eingesetzt, diese werden manchmal Runica Manuscripta genannt. 105 Die durchgehende Anwendung von Runen als Schreibschrift, wie sie sich im Codex Runicus gilt jedoch als absolute Ausnahme. 106 Der Codex Runicus kam in den Besitz von Ole Worm, der ihn mit großem Interesse studierte, da er unterstützt vom dänischen König mit der Publikation von vor allem dänischen Runeninschriften beschäftigt war, zu denen er umfangreiche Abhandlungen publizierte. Als sein Hauptwerk gilt das sechsbändige und reich bebilderte Danicorum Monumentorum (1643). Darin trug er alle bis dahin im dänisch-norwegischen Königreich bekannten Runensteine zu einem Atlas zusammen. Aus diesem Buch fanden zwei Abbildungen - die vom Runenstein von Tirsted sowie der Hyrr ǫ kkin-Bildstein vom Hunnestad-Monument via Bartholin (1690) ‒ sogar Eingang in zwei der hier untersuchten Handschriften. 107 Das Interesse Worms betraf, ebenfalls Handschriften, und so scheint es der Codex Runicus 105 Zu den isländischen Runica manuscripta gibt es einen Überblick von Heizmann (1998), in dem er die hier untersuchten Handschriften ebenfalls einschließt. Vgl. weiterhin zum Thema Bauer (2003a, 2003b, 2010), Düwel (2001: 189 - 196) und Þórgunnur Snædal (2006 - 2007, 2011). 106 Kopenhagen, Den Arnamagnæanske Samling, AM 28 8vo, geschrieben um 1300 in Skåne. 107 Worm (1643: 188, 267); vgl. NKS 1867 4to (f. 110r/ v); ÍB 299 4to (f. 60v, 134v). Worms Arbeiten waren schwedische Abhandlungen zur Runenschrift vorausgegangen. Dort hatte sich das Interesse für Runen bereits im 16. Jh. mit Arbeiten von Olaus Magnus, Johannes Bureus u.a formiert und wurde schließlich Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 229 <?page no="230"?> gewesen zu sein, der Worms These zu bestätigen schien, dass die alten Bücher in Runen geschrieben worden seien. Auch wenn Runen vereinzelt in Handschriften verwendet wurden, so erscheint jedoch Umfang und Bedeutung, die er ihnen beimaß, aus heutiger Perspektive überbewertet. Worm publizierte seine Thesen dazu 1636 in der Abhandlung Runer Seu Danica Literatura antiqvissima 108 und brachte darin Runenschrift mit altnordischer Dichtung in Verbindung. In dessen Folge wurde seine These in isländischen Abhandlungen und Handschriften immer wieder aufgegriffen. Aus dieser Publikation kam das Norwegische Runengedicht in AM 738 4to (f. 79v, vgl. Worm 1636: 105 - 107). Auch die Eddas, vor allem einige Edda-Lieder thematisierten Runen, besonders ausführlich beschreibt der Abschnitt Rúnatalsþáttr Óðins der Hávamál wie Óðinn - nachdem er neun Nächte an Yggdrasill gehangen habe - die Runen gefunden hätte. Eine ausführliche Darstellung von unterschiedlichem Runenzaubern bieten die Sigrdrífumál (bzw. das Brynhildarljóð der V ǫ lsunga saga). Zu diesen Strophen finden sich zwei unterschiedliche Kommentare in drei der hier untersuchten Handschriften. 109 In den Handschriften deutlich, dass offensichtlich kein bedeutsamer Unterschied zwischen Runen- und Geheimschriften gemacht wurde, möglicherweise, weil einige Geheimschriften und Schlüsselrunen, auf der Fuþork-Reihe aufbauten. Ästhetisch sind sich einige der Runen- und Geheimschriftreihen mit ihren Formen aus breiten, geraden Strichen sehr ähnlich. Die drei jüngeren Handschriften enthalten zudem eine größere Anzahl dieser Schriftreihen, von denen einige Jakob Sigurðsson aktiv angewendet hat, vorrangig die Runenreihe der Málrúnir. Durch die Verwendung von Runen- und Geheimschriften wurde der verbale Text bzw. dessen Inhalt einerseits als alteritär markiert, aber auch interessant gestaltet, und konnte von den Lesenden mit Hilfe der mitgelieferten Schriftenreihen entschlüsselt werden. 110 Der Einsatz dieser Schriftarten nimmt in allen vier Handschriften gerade bei der Anwendung teilweise mehrerer Geheimschriften innerhalb weniger Zeilen nahezu spielerische Züge an. Verschlüsselt wurden unter anderem Namen, einzelne Bildbeischriften und kurze Gedichte. Bei den verschlüsselten Passagen in AM 738 4to handelt es sich u. a. um ein Liebesgedicht (f. 1r) sowie die Lösung eines Rätsels (f. 132v; vgl. Margrét Eggertsdóttir 2013: 48, 2014a: 115, 2015: 48). Die Vielzahl der verschiedenen Geheimschriften, die in diesen Handschriften verwendet wurden, ist sehr bemerkenswert und belegt, mit welcher Intensität Schrift als Gegenstand der intellektuellen Auseinandersetzung diente, aber auch mit welcher Freude dieser begegnet und das Schreiben praktiziert wurde. wie auch andere Bereiche dieser Zeit zum Gegenstand der kulturellen Rivalität und im nationalen Interesse funktionalisiert (Düwel 2001: 217 - 218). 108 Das erste Worte des Titels ist in Runen geschrieben und wird wie alle Transliterationen von Runen- und Geheimschrift in dieser Studie durch Fettdruck markiert. 109 Diese sind: Björn á Skarðsá: Samtak um rúnir (AM 738 4to, f. 18r ‒ 22r; NKS 1867 4to, f. 60v ‒ 88r; ÍB 299 4to, f. 44v ‒ 55r) und Jón lærði Guðmundsson: Að fornu í þeirri gömlu norrænu kölluðust rúnir bæði ristingar og skrifelsi (NKS 1867 4to, f. 88v ‒ 90v; ÍB 299 4to, f. 55r ‒ 57r). 110 Nur in SÁM 66 (f. 72v25 - 30) werden die Geheimschriften „ Villu Letur “ ( ‚ Falschschrift ‘ ) und „ Rammvillingur “ ( ‚ Starkfalschschrift ‘ ) angewendet, aber keine entsprechenden Reihen zum Entschlüsseln mitgegeben (vgl. NKS 1867 4to, f. 170v; ÍB 299 4to, f. 150r, 151r; vgl. Baer 2013: 211). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 230 5 Neuschreiben <?page no="231"?> 5.3.3.1 Norwegisches Runengedicht und Binderunen in AM 738 4to In AM 738 4to (f. 79v, Abb. 61) findet sich das sog. Norwegische Runengedicht, das auf Ole Worms (1636) Runer Seu Danica Literatura Antiqvissima zurückgeht. 111 In diesem Gedicht ist für jede Rune eine Zeile vorgesehen: Zuerst steht der Runenname in lateinischen Buchstaben, gefolgt von der Rune und dem entsprechenden Merkvers, z. B.: „ Tyr ᛏ er einhendur äsa opt verdur smidur ad blása Biarkan ᛒ er laufit grænt lima loki bar flærdar tima “ ( ‚ Týr ᛏ ist ein einhändiger Ase, oft muss ein Schmied pusten / Bjarkan [Birke] ᛒ ist das grüne Laub der Zweige, Loki brachte die Zeit der Falschheit ‘ , AM 738 4to, f. 79v13 - 14). In diesen Merkversen wird also vereinzelt Bezug zu den Eddas hergestellt, bei der Týr-Rune ist dies durch den Namen angeregt. Das Runengedicht ist in AM 738 4to jedoch im Vergleich zu Worms Fassung länger und beinhaltet Verse zu weiteren acht Runen. Diese finden sich laut Bauer (2006: 401 - 402) sonst nur noch in einer Handschrift von Jón Ólafsson úr Grunnavík (Kopenhagen, Den Arnamagnæanske Samling, AM 413 fol., pag. 145). Bauer vermutet, dass es sich bei den zwei letzten Runen um handschriftliche Erfindungen handelt, da sie sich in ihren komplexen Formen nicht zum Ritzen eigenen würden. Sie leitet daraus eine „ Lust am Erfinden von neuen Zeichen “ (403) ab - die sie ebenfalls für NKS 1867 4to konstatiert. Weiterhin findet sich in AM 738 4to Abb. 61: Norwegisches Runengedicht, AM 738 4to (f. 79v). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. 111 Möglich wäre auch die zweite Auflage des Buchs (vgl. Worm 1651: 95 - 97). Die Vorlage ist sowohl in der Überschrift in lateinischen Buchstaben als auch unterhalb in Runenschrift vermerkt worden: Die Überschrift latuet „ Tvíjdeijlur D. olafz Wormz ür hanz Runologia “ ( ‚ Dr. Olaf Worms Zweiteiler aus seiner Runologia ‘ , AM 738 4to, f. 79v1-2), darunter steht in Runen: „ þetta ur bok olafs uormz sem hier seiger nb “ ( ‚ dies ist aus dem Buch von Olaf worm, wie hier steht. NB ‘ ) wobei die s-Rune eine abweichende Form hat zur Liste im Runengedicht darüber, vgl. Heizmann 1998: 525 und Margrét Eggertsdóttir 2014a: 117). Zum Norwegischen Runengedicht vgl. Szöke (2018). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 231 <?page no="232"?> eine Binderune auf der Titelseite (f. 34r), die Margrét Eggertsdóttir (2013: 44, 2014a: 121 - 122) als „ d(omini) nos(tri) Cr(isti) “ entschlüsselt hat. 5.3.3.2 Gelehrte Diskurse zur Runenschrift in den drei jüngeren Handschriften In den beiden jüngeren Handschriften NKS 1867 4to und ÍB 299 4to finden sich gleich mehrere frühneuzeitliche Abhandlungen, die ausführlich die Herkunft und Verwendung von Runenschrift darstellen, diese im europäischen Kontext verorten und in Bezug zur altnordischen Dichtung setzen. 112 Die drei zentralen Abhandlungen, die nachfolgend genauer vorgestellt werden, sind von Björn Jónsson á Skarðsá, Runólfur Jónsson und Jón lærði Guðmundsson und damit alle in der Mitte des 17. Jh. verfasst worden. Sie greifen mit der These zur Herkunft der Runen das Narrativ des Prologus der Prosa-Edda auf: Die Æsir hätten die Runenschrift mit ihrer Sprache nach Nordeuropa gebracht, worauf diese schließlich nach Island gekommen seien. Sowohl Björn á Skarðsá und Runólfur Jónsson verweisen mehrfach auf Ole Worms nur einige Jahre zuvor erschienenes Werk Runer Seu Danica Literatura Antiqvissima und führen dessen Ausführungen aus isländischer Perspektive weiter; sie treten so als Akteure in den gelehrten Diskurs ein. Die Überschrift in NKS 1867 4to (f. 78r) betont, dass Björn seine Abhandlung bereits 1642 auf Skarðsá im Skagafjörður verfasst habe, das ist nur sechs Jahre nach Worm (1636). Björn scheint jedoch Probleme gehabt zu haben, Worms Ausführungen zu verstehen, wie er an einer Stelle einräumt (NKS 1867 4to, f. 77v2 - 8). Runólfur Jónsson folgt wenige Jahre später, verfasste jedoch seine Dissertation im gelehrten Milieu von Kopenhagen auf Latein, wovon in den Handschriften eine isländische Übersetzung vorliegt. Auch aus dieser Abhandlung wird eine isländische Perspektive ersichtlich (s. unten). In allen drei jüngeren Handschriften finden sich weiterhin verschiedene Fassungen des Isländischen Runengedichts, die Heizmann (1998: 523, 527, 528) folgendermaßen unterteilt: • ältere Fassung nach Jón Ólafssons úr Grunnavík „ Runologia “ : Þrídeilur, Islandica et Latina lingva conscriptæ, Klapprunarum ordo (NKS 1867 4to, f. 202r ‒ 203r), • erweiterte, jüngere Fassung: Málrunir, þeirra myndir, nöfn og kenningar eftir stafrofi (zwei Fassungen in NKS 1867 4to, f. 167r ‒ 169v, f. 185r ‒ 187r 113 sowie je eine in ÍB 299 4to, f. 146v-148v; SÁM 66, f. 166r - 169r). 114 Die ältere Fassung der beiden Isländischen Runengedichte enthält ähnlich dem Norwegischen Runengedicht in Fuþork-Reihung Merkverse mit lateinischer Übersetzung. Die jüngere Fassung weicht beträchtlich ab, umfasst jeweils mehrere Formen der alphabetisch angeordneten Runen und eine längere Liste mit Kenningar zur Umschreibung der 112 In SÁM 66 findet sich keine dieser Abhandlungen, was sich als weiteres Argument für ein durchschnittlicheres Zielpublikum deuten lässt. 113 In der zweiten Fassung werden Runennamen und Kenningar, aber keine Runen aufgelistet. 114 Die zweite Fassung in NKS 1867 4to hat einen defekten Anfang, doch scheinen nur wenige Zeilen zu fehlen (sie beginnt inmitten des ersten Abschnittes der alphabetisch sortierten Ár-Rune). Bei den beiden anderen Fassungen folgt jeweils die Übersicht mit den Schlüsselrunen (NKS 1867 4to, f. 169v - 170v; ÍB 299 4to, f. 148v - 150r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 232 5 Neuschreiben <?page no="233"?> Runen. 115 Heizmann (1998: 528 - 529) bringt die Beliebtheit der Runengedichte damit in Verbindung, dass Namen-Rätsel sich in der Rímur-Dichtung großer Beliebtheit erfreuten, zu denen Runennamen oder deren Kenningar eingesetzt wurden. Insgesamt lässt sich an dieser Stelle vermerken, dass die Anzahl der Inhalte zur Runenschrift in NKS 1867 4to außerordentlich groß ist und sich dies auch in dem Umfang, in dem Runenschrift in der Handschrift eingesetzt wurde, spiegelt. Björn Jónsson á Skarðsá (1642): Samtak um rúnir Diese Abhandlung Samtak um rúnir von Björn Jónsson á Skarðsá ist handschriftlich weit verbreitet und findet sich in zwei der Handschriften (NKS 1867 4to, f. 76r ‒ 88r; ÍB 299 4to, f. 44v ‒ 55r). 116 Darin wird beschrieben, dass die Æsir ihre Erzählungen in Runen geschrieben hätten und ihre Sprache auf ihrer Reise nach Norden mitgebracht hätten. Dies ließe sich daran erkennen, dass beispielsweise in Dänemark-Norwegen Grabsteine für Könige in Runenschrift erhalten seien. Es folgt eine Auseinandersetzung mit den Runenarten aus den Sigrdrífumál und es wird auf das Háttatal der Prosa-Edda verwiesen, in dem das Versmaß rúnhenda verzeichnet sei: Hier mä fleira umm lesa i Bökenne Skäldu, hvorn sem þad gyrner: þad mikla skäld Snorre Sturluson, setur framm i hätta lykle Sijnumm, og Lofs flocke, er hann giórde umm þa hófdingiana Hakon kong Hakonarson og Sküla jarl, eirn þann brag medal annara, er hann kallar Rünhendann [ … ] 117 (Björn Jónsson á Skarðsá (1642): Samtak um rúnir, NKS 1867 4to, f. 78v29 - 79r1) Anschließend zitiert Björn drei Strophen in diesem Versmaß aus dem Háttatal. Hier wird also Snorris Talent als Dichter hervorgehoben und auf diese Weise ein paar Strophen des Háttatal in die Handschrift eingebracht, wenn auch nicht als Teil der Prosa-Edda. Diese Tatsache zeigt die verschiedenen komplexen Verflechtungen der unterschiedlichen Inhalte in den Handschriften. Nachfolgend wird der Ursprung der Runen referiert, wo noch einmal aufgegriffen wird, wie Óðinn laut Hávamál zu den Runen kommt. Weiterhin hätten die Æsir die Runen vor allem für magische Zwecke verwendet. Es folgen Ausführungen zur Unterteilung des Fuþorks in drei Reihen und der Hinweis, dass auf Island jedoch noch mehr Runen, nämlich insgesamt 30 verwendet worden seien. Danach werden verschiedene Runenarten vorgestellt, v. a. die aus den Sigrdrífumál. Anschließend thematisiert Björn, wie Egill laut Egils saga Skallagrímssonar Runen einsetzte und kommentiert die Episode der Íslendinga saga, in der Snorri Sturluson den vor seinem Tod warnenden Brief in für ihn unverständlichen Schlüsselrunen erhielt. Björn argumentiert daraufhin ausführlich, wahrscheinlich um Snorris Ansehen zu retten, dass jener aufgrund seiner herausragenden Bildung in Oddi alle gewöhnlichen isländischen Runen verstanden hätte. Das Problem sei aber gewesen, dass die Runen im Brief in Binderunen gestanden hätten: 115 Vgl. Bauer (2003a) und Heizmann (1998: 525 - 529) zu den verschiedenen Fassungen des Runengedichtes. 116 Vgl. Þórgunnur Snædal (2006 - 2007: 10 - 12) zu dieser Abhandlung 117 ‚ Hierüber kann man im Buch Skálda mehr lesen, wer das möchte: Das, was der große Skalde Snorri Sturluson in seinem Háttalykill (Schlüssel der Versarten) und lobenden flokkr (Preisgedicht) darlegt, das er über die Herrscher König Hákon Hákonarson und Jarl Skúli gedichtet hat. Eines dieser Versmaße u. a., welches er Rúnhenda nennt [ … ] ‘ . Vgl. ÍB 299 4to (f. 46v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 233 <?page no="234"?> þvi hefde hvoreirn Rüna stafur vered settur ein faldur, þä hefde Snorre fliött räded, þvi kunnad hefur hann einfaldlega allar Rüner, sem þä hafa ä Islandi tijdkast, þvi Snorre ölst upp i þeim stad, sem mestur frödleikur var idkadur 118 (Björn Jónsson á Skarðsá (1642): Samtak um rúnir, NKS 1867 4to, f. 87v19 ‒ 88r2) Diese Aussage verdeutlicht ein Bewusstsein für Geheimschrift, wobei Runen sowohl mit den Æsir als auch Snorri verbunden werden (allerdings nicht die Schlüsselrunen). Björn verweist auf Ole Worms Bücher, in denen dazu mehr zu finden sei und besonders den Isländern gehuldigt werde. Runólfur Jónsson (1651): Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa Auch die isländische Übersetzung der lateinischen Dissertation von Runólfur Jónsson (Kopenhagen 1651): Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa (NKS 1867 4to, f. 171 ‒ 183r; ÍB 299 4to f. 135r - 146v) setzt sich umfangreich mit Runen auseinander. Zunächst konzentriert sie sich auf die isländische Sprache. Wichtigster Ausgangspunkt der Abhandlung ist, dass noch heute die alte Sprache des Nordens in Island gesprochen werden würde, die immer noch „ hreint og öskiert “ ( ‚ rein und unbeschadet ‘ , NKS 1867 4to, f. 171v3) sei. Grund sei die Abgelegenheit der Insel gewesen, während anderenorts u. a. Handel zu Fremdeinfluss geführt habe. Runólfur verweist auf die Geschichte der Auswanderung der Æsir im Prologus der Prosa-Edda und Heimskringla, sowie auf die Hávamál. Er argumentiert über Personen- und Ortsnamen und trägt diese in mehreren germanischen Sprachen zusammen, die einerseits als Beweis dienen sollen, dass alle derselben Sprache entspringen, aber nur in Island unverändert seien. Die Schrift der alten Nordeuropäer wären ebenfalls die Runen gewesen, die von den Æsir mitgebracht worden seien, wie u. a. aus den Hávamál (bzw. dem zu der Zeit oft davon abgetrennten Rúnatalsþáttr Óðins) hervorgehe. Er denkt weiterhin darüber nach, welche Schrift vor Ankunft der Æsir im Norden in Gebrauch gewesen sein könnte, und vermutet, dass es sich um eine schriftlose Bauernkultur gehandelt haben müsse. Er setzt mit einer kommentierten Auflistung der Runen und ihrer drei Reihen fort. Darin versieht er das Norwegische Runengedicht (vgl. AM 738 4to oben) mit einem ausführlichen Kommentar pro Zeile, die entsprechenden Runen stehen jeweils ähnlich eines Versalbuchstabens als Index neben dem Textblock auf dem Rand. 119 In diesem Kommentar führt Runólfur die mythologischen Narrative zu Týr und Loki etwas mehr aus als das Norwegische Runengedicht und verweist im Zusammenhang mit der von Fenrir abgebissenen Hand Týs auf die (Prosa - )Edda. Dieser Hinweis ‒ „ skoda Eddu “ ‒ ist vermutlich von Ólafur Brynjólfsson hinzugefügt worden, er findet sich nur in NKS 1867 4to und ist in kleinerer Schrift nach dem Schnörkel, den er am Versende nutzt, geschrieben. Es zeigt, dass Ólafur beim Schreiben dieses Abschnittes den intertextuellen Bezügen der Gesamtkompilation gewahr war und diese sichtbar machte. Weiterhin setzt er mit Erklärungen zur Dreiteilung der Runenreihen und den daraus resultierenden Schlüsselrunen fort und stellt eine jüngere Runenreihe mit 22 Runen in 118 idkadur] Tydkadur 299. ‚ Denn, wären es einfache Runen gewesen, hätte Snorri sie schnell entschlüsselt, weil er einfach alle Runen, die damals auf Island verwendet wurden, beherrschte, weil Snorri in dem Ort aufgezogen wurde, wo das meiste Wissen betrieben wurde ‘ . Vgl. ÍB 299 4to (f. 54v), in der diese Episode (mit den anschließenden Sätzen zu Oddi) mit Kanzleischrift hervorgehoben. 119 Heizmann (1998: 527) zufolge fand sich dies bereits in der Dissertation von Runólfur Jónsson. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 234 5 Neuschreiben <?page no="235"?> alphabetischer Reihenfolge vor. Im dritten Abschnitt führt Runólfur an, dass Sæmundr fróði die erste Schule Islands eröffnet habe, zu der er die lateinischen Buchstaben vom Studium aus Köln mitgebracht hätte. Er außerdem die heidnischen Runen überarbeitet und mit Punkten abgetrennt. Zum Schluss wird im Bezug auf einige erwähnte mythologische Narrative mehrfach auf die Dæmisögur der Prosa-Edda verwiesen. Jón lærði Guðmundsson: Að fornu í þeirri gömlu norrænu kölluðust rúnir bæði ristingar og skrifelsi Jón lærði Guðmundsson gibt in Að fornu í þeirri gömlu norrænu kölluðust rúnir bæði ristingar og skrifelsi einem Kommentar zu den Sigrdrífumál und vor allem den dort erwähnten Runenarten (NKS 1867 4to, f. 88v ‒ 90v; ÍB 299 4to, f. 55r ‒ 57r). Die einzige Runenart, die sich an anderer Stelle der Handschriften als Schriftreihe findet sind die málrúnir (Str. 12), es handelt sich um diejenige Runenreihe, in der Jakob Sigurðsson die meisten Wörter schrieb, wenn er Runen nutzte (s. unten). Auch hier lautet die These, dass Óðinn die Runen nach Norden eingeführt habe. In der Auslegung der Darstellung der Sigrdrífumál (Str. 15) wird weiterhin ausgeführt, dass die ersten Runen in ein Kultbild von Óðinn eingeritzt oder darauf aufgemalt gewesen seien. 120 Die in einer der Handschriften befindliche Illumination von einem Óðinn-Kultbild ist in deren Gestaltung davon jedoch nicht beeinflusst (NKS 1867 4to, f. 94r; vgl. SÁM 66, f. 77r). 5.3.3.3 Neuschreiben der Prosa-Edda mit Runen in den drei jüngeren Handschriften Über die bereits besprochenen gelehrten Abhandlungen und Runengedichte hinaus sind Runen- und Geheimschriften in den drei jüngeren Handschriften mehrfach präsent, vor allem im erweiterten Prolog in Form von Schriftreihen, als Darstellung eines Runensteins sowie in der Anwendung für u. a. Bildbeischriften (vgl. Þórgunnur Snædal 2006 - 2007: 23 - 27). In direktem Zusammenhang mit der Prosa-Edda finden sich Runen an folgenden Stellen in den drei jüngeren Handschriften: NKS 1867 4to: • im erweiterten Prolog: - Thomas Bartholin d. Ä. „ Edda hviled under benke “ (f. 100v), - verschiedene Runen- und Geheimschriften in den Beischriften von acht Bildseiten (f. 92v - 93v, 94v ‒ 95r, 97r/ v, 98v), - Bildseite mit dem Runenstein von Tirsted (f. 110v), - Runen in alphabetischer Auflistung, wie sie auf alten Grabsteinen gestanden haben sollen (f. 108v - 109v), • Abschluss des Appendixes zur Prosa-Edda: Namen in Schüsselrunen- und Geheimschriften (f. 171r). ÍB 299 4to: • im erweiterten Prolog: - Thomas Bartholin d. Ä. „ Edda hviled under benke “ (f. 58v), 120 Dieses Kultbild hätte Óðinn auf seinem Wagen stehend gezeigt, die Runen hätten sich auf den Wagenrädern sowie auf einem Schild, der vor dem glänzenden Bild gestanden hätte, befunden. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 235 <?page no="236"?> - in zwei Bildbeischriften werden Namen in Runen geschrieben (f. 59v - 60r), - zahlreiche alphabetisch sortierte Reihen mit Runen- und Geheimschriften (f. 62r/ v, 63v), • Abschluss des Appendixes: Namen in Schüsselrunen- und Geheimschriften (f. 151r). SÁM 66: • Titelseite, der Name Edda ist in Schlüsselrunen geschrieben (f. 81r). 121 Die wiederkehrenden Elemente - Runen- und Geheimschriftreihen, Runen als Teil der Vielschriftigkeit, Bildbeischriften in Runen und die Illumination vom Runenstein von Tirsted - werden nachfolgend einzeln vorgestellt. Runen- und Geheimschriftreihen In allen drei Handschriften finden sich Reihen mit Runen- und Geheimschriften, davon sind in NKS 1867 4to und ÍB 299 4to viele innerhalb des erweiterten Prologs eingeordnet, in SÁM 66 finden sich diese in einer separaten Lage weiter hinten in der Handschrift (f. 162r ‒ 169v). 122 Durch die Vielzahl der aufgenommenen Schriftreihen lässt sich eine antiquarische Perspektive erkennen. Heizmann (1998: 522) liest diese als „ Zeugnisse einer systematischen Sammeltätigkeit “ unter Einfluss der Arbeit von Ole Worm. Die Runenreihen in den erweiterten Prologen in NKS 1867 4to und ÍB 299 4to stehen mit den anderen Runeninhalten in Resonanz, dies betrifft nicht nur die beschriebenen Abhandlungen, sondern auch die Anwendung dieser Schriften an verschiedenen Stellen in den Handschriften. In NKS 1867 4to ist im erweiterten Prolog eine alphabetisch sortierte Tabelle mit zahlreichen Varianten von - wie die Überschrift ankündigt - Runen von alten Grabsteinen. Diese werden also mit einem Verweis auf Altertümer begründet. 123 Die Reihen enthalten eine Vielzahl von Zeichen, die in ihrer Grundform zwar Runen ähneln, aber aus heutiger Perspektive sehr fantasievoll erscheinen. Offensichtlich wurden unter dem Begriff ‚ Runen ‘ vielerlei historische und historisierte Schriftformen verstanden, auch Geheimschriften. In ÍB 299 4to stehen an zwei Stellen des erweiterten Prologs mehrere alphabetisch angeordnete Runen- und Geheimschriftreihen (ÍB 299 4to, f. 62r/ v, 63v), die sich teilweise auch in den anderen beiden Handschriften finden. 124 Darüber hinaus 121 Das gilt in dieser Handschrift ebenfalls für die Titelseite der Edda-Lieder, auch dort ist der Name Edda in Schlüsselrunen geschrieben. Diese bestehen aus Punkten, die sich auf die Fuþork-Reihung beziehen (SÁM 66, f. 1r). 122 Zu den Listen in NKS 1867 4to vgl. Heizmann (1998: 523). In SÁM 66 finden sich in der Lage Übersichten über weitere (Geheim-)Schriften ( „ Literæ Samariticæ Angeli Roechæ “ ‚ Schrift des Samariters Angelus Roechae ‘ usw., SÁM 66, f. 169r/ v) sowie Alphabete der griechischen und hebräischen Schrift (f. 162r). 123 „ Nockrar RVNER, hvóriar allar eru af fornumm Legsteinum ütlesnar. “ ( ‚ einige Runen, welche alle von alten Grabsteinen abgelesen sind ‘ , NKS 1867 4to, f. 108v17 - 18). Die sich anschließende Liste findet sich an anderer Stelle auch in SÁM 66 (f. 162v - 163v). 124 Die erste Reihe listet „ Hälendskar Hälfdeilur “ ( ‚ Halbgeteilte aus dem Hochland ‘ ), „ Macromannorum Sive Normannorum literæ Runicæ “ ( ‚ Runenbuchstaben der Markomannen oder Normannen ‘ ), „ Dumbþaks Rüner “ ( ‚ Wolkendachrunen ‘ , vermutlich i. S. v. ‚ Himmelrunen ‘ ) und „ Älfrüner “ ( ‚ Elfenrunen ‘ ). Diese finden sich sowohl in ÍB 299 4to (f. 62r/ v) als auch in den zwei anderen Handschriften, dort jedoch an anderer Stelle (NKS 1867 4to, f. 91r/ v; SÁM 66, f. 163v, 164r/ v). Die zweite Reihe findet sich nur in ÍB 299 4to (f. 63v): „ Torkienningar Stærre “ ( ‚ schwere Kenningar, die großen ‘ - Kenningar hier sicherlich im Sinne von ‚ Geheimschrift ‘ ), „ Torkienningar minni “ ( ‚ schwere Kenningar, die Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 236 5 Neuschreiben <?page no="237"?> enthalten alle drei Handschriften zahlreiche weitere Reihen mit Runen- und Geheimschriften, die Runenreihen in Fuþork-Reihung befinden sich außerhalb des erweiterten Prologs. 125 Abb. 62: (Geheim-)Schriftenreihen in alphabetischer Reihenfolge im erweiterten Prolog, ÍB 299 4to (f. 63v). Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. Die Anordnung der Schriftreihen in den drei Handschriften erfolgt in ähnlichen Gruppen, was für das Zusammentragen aus mehreren Vorlagen spricht. Dabei scheint die konkrete Auswahl und Anordnung der Reihen unerheblich gewesen zu sein (Þórgunnur Snædal 2006 - 2007: 26). Nur einzelne Reihen waren für das Entschlüsseln der Beischriften relevant. Vielmehr scheint im Vordergrund gestanden zu haben, damit die Vielfalt der als historisch betrachteten Schriftarten zu demonstrieren. Die Positionierung der Runenreihen innerhalb des erweiterten Prologs bzw. an anderer Stelle der Handschrift scheint unerheblich gewesen zu sein. 126 Zum anderen ist bemerkenswert, dass beide Handkleinen ‘ ), „ H  lfrüner “ ( ‚ Halbrunen ‘ ), „ GrænLenskt Letur “ ( ‚ grönländische Schrift ‘ ) und „ Øfug Letur “ ( ‚ Falschschrift ‘ ). 125 Der Grund für die Notwendigkeit der Anordnung Fuþork-Reihe ist, dass es sich um Schlüsselrunen ( „ Klapp rüner “ , ‚ Hämmerrunen ‘ ) handelt, bei denen die Positionierung der Rune essentieller Bestanteil des Verschlüsselungsmechanismus ist. 126 Folgende Schriftreihen treten in NKS 1867 4to (f. 91r/ v) außerhalb des erweiterten Prologs auf: „ Maalrüna Stafrof “ ( ‚ Sprachrunen-Reihe ‘ ), „ Annad M  lrüna Stafrof “ ( ‚ Zweite Sprachrunen-Reihe ‘ ), Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 237 <?page no="238"?> schriften explizit erwähnen, dass die eingefügten Runenreihen als Platzfüller eingesetzt wurden (NKS 1867 4to, f. 108v; ÍB 299 4to, f. 62r, 63v, Abb. 62). Auch wenn die konkrete Platzierung vielleicht zunächst aus diesen pragmatischen Entscheidungen motiviert war, so fügen sie sich in den erweiterten Prolog ein und tragen durch die Kontextualisierung zum Neuschreiben der Prosa-Edda bei. Ein interessantes Detail an den Runen in der Frühen Neuzeit und somit auch in diesen Handschriften ist, dass diese oft mit Serifen geschrieben wurden. Diese Form findet sich u. a. bereits im Gedicht von Thomas Bartholin d. Ä. „ Edda hviled under benke “ in der Druckausgabe der Edda Islandorum, das ebenfalls in zwei der Handschriften steht. Hierbei müssen nicht unbedingt die Vorstellung von Runen als Buch(druck-)schrift der Anlass für Serifen gewesen sein, da Serifen bereits in antiken Lapidarschriften verwendet wurden. Serifen könnten somit als Antikenverweis verwendet worden sein, falls nicht primär ästhetischen Überlegungen im Vordergrund standen. Die Runen- (und Geheim)schriften erlangen visuell große Präsenz, weil sie im Schriftbild visuell ‚ laut ‘ sind: Die großen, aufrechten Runengrafeme wurden mit breitem, geradem Federstrich geschrieben und heben sich so deutlich vom Schriftbild der anderen verwendeten Schriften ab - der Kontrast ist besonders deutlich zur mit dünnem Federstrich und stark nach rechts geneigt geschriebenen Kurrentschrift. Die zahlreichen Schriftreihen in den Handschriften bezeugen ein hohes Bewusstsein und Interesse für Vielschriftigkeit auch aus einer antiquarisch-gelehrten Perspektive. Diese werden als visuelle Welt einer Vorzeitkultur präsentiert, die den gelehrten Abhandlungen zufolge von den Æsir nach Norden gebracht wurden. Dabei wurden sie auch als „ Haalendskar Hälfdeijlur “ ( ‚ Halbgeteilte aus dem Hochland ‘ ), „ Macromannorum [sic] Sive Normannorum literæ Runicæ “ ( ‚ Runenbuchstaben der Markomannen oder Normannen ‘ ), „Ꜳ lfrüner “ ( ‚ Elfenrunen ‘ ), „ H  lfdejlur “ ( ‚ Halbgeteilte ‘ ), „ Marg villt Rüna Letur “ ( ‚ sehr falsche Runenschrift ‘ ), „ annad margt villt Rüna Letur “ ( ‚ weitere sehr falsche Runenschrift ‘ ), „ Runa letur “ ( ‚ Runenschrift ‘ ), „ An<n>ad Runa Letur “ ( ‚ zweite Runenschrift ‘ ), „ Þridia Rüna Letur “ ( ‚ dritte Runenschrift ‘ ) und „ Algeingast Villu Letur “ ( ‚ gewöhnliche Falschschrift ‘ ). Weiter hinten in den Handschriften finden sich folgende Geheimschriftreihen sowohl in NKS 1867 4to (f. 170v) als auch in ÍB 299 4to (f. 150r): „ Haug=Büa Letur “ ( ‚ Gespensterschrift ‘ bzw. ‚ Schrift der Grabhügelbewohnenden ‘ ), „ Villu Letur “ ( ‚ Falschschrift ‘ ) sowie „ Rammvilling “ ( ‚ mächtige Falsch[schrift] ‘ ). In SÁM 66 umfassen die Listen in Lage xxi (f. 162r - 169v): „ Alphabetumm Gr ę cumm “ ( ‚ griechisches Alphabet ‘ ), „ Alphabetum H ę breum “ ( ‚ hebräisches Alphabet ‘ ), „ Flester Þesse stafrof eru af Fornaldar mónnumm Utlesinn af Gómlumm Ruuna Legsteinumm “ ( ‚ die meisten dieser Schriftreihen wurden von früheren [bzw. Vorzeit-]Menschen auf alten Runengrabsteinen abgelesen ‘ ), „ Hier næst setst þad forna M  lruna stafrof “ ( ‚ Hier wird als nächstes die alte Sprachrunenreihe platziert ‘ ), „ Annad Maalruna Stafrof “ ( ‚ Zweite Sprachrunenreihe ‘ ), „ Hälendskar hälfdeilur “ ( ‚ Halbgeteilte aus dem Hochland ‘ ), „ Älfruuner “ ( ‚ Elfenrunen ‘ ), „ Italianiskar Hälfdeilur “ ( ‚ italienische Halbgeteilte ‘ ), „ margvillt Rünaletur “ ( ‚ sehr falsche Runenschrift ‘ ), „ Annad margvillt rünaletur “ ( ‚ weitere sehr falsche Runenschrift ‘ ), „ Dumbþaks Rüner “ ( ‚ Wolkendachrunen ‘ , vermutlich i. S. v. ‚ Himmelrunen ‘ ), „ Rüna Letur eitt þeirra gómlu “ ( ‚ erste Runenschrift von den Alten ‘ ), „ Annad rüna Letur “ ( ‚ zweite Runenschrift ‘ ), „ þridia Rüna Letur “ ( ‚ dritte Runenschrift ‘ ), „ Þad Gamla Yraletur “ ( ‚ die alte Bogenschrift ‘ ), „ Macromannorum [sic] Sive Normanorum literæ Rün<i>cæ “ ( ‚ Runenbuchstaben der Markomannen oder Normannen ‘ ), „ Þetta eru þær Klapprüner edur Dimrüner med sinne sexföldu mindan; sem þeir Gømlu Hafa  fijrre Ølldumm Funderad “ ( ‚ Dies sind diese Hämmerrunen oder Dunkelrunen mit ihrer sechsfachen Darstellung, so wie sich die Alten diese in vorherigen Zeiten überlegt haben ‘ ), „ MaalRüner “ ( ‚ Sprachrunen ‘ ), „ Literæ Samariticæ Angeli Roechæ “ ( ‚ Schrift des Samariters Angelus Rocha ‘ ), „ Literæ Samariticæ Gvilielmi postelli “ ( ‚ Schrift des Samariters Apostel Guilielmus ‘ ), „ Literæ Samariticæ Joan Morini “ ( ‚ Schrift des Samariters Joan Morini ‘ ), „ Literæ Sirorum Minus Usitatæ “ ( ‚ weniger gebräuchliche Buchstaben der Syrer ‘ ) sowie „ Literæ Sirorum Usitatiores “ ( ‚ gebräuchlichere Buchstaben der Syrer ‘ ). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 238 5 Neuschreiben <?page no="239"?> visuelle Altertümer mit den Æsir sowie der Zeit der Idolatrie assoziiert, die nun nicht mehr nur für die Gelehrten von Interesse waren (Þórgunnur Snædal 2006 - 2007: 36). Die Thesen zur Herkunft der Runenschrift in den verschiedenen Abhandlungen der Handschrift verflechten sich mit dem Prologus der Prosa-Edda und erweitern das Auswanderungsnarrativ der Æsir nach Norden um den Aspekt der Schrift, der sich auf einer Metaebene mit der medialen Form der Handschriften verbindet. Runenschriften im Einsatz der Vielschriftigkeit Diese alphabetisch angeordneten Listen haben eine weitere Funktion: Sie eigneten sich wegen der alphabetischen Anordnung besonders gut dafür, entsprechende Zeichen zum Schreiben abzulesen. Auf diese Weise wird vermutlich auch Jakob Sigurðsson beim Schreiben vorgegangen sein. 127 Gleichzeitig eigneten sie sich zum Entschlüsseln von in den Handschriften (oder anderenorts) angewendeten Runen. Die frühneuzeitlichen Diskurse zu den Schriften wurden somit von der aktiven Anwendung und Entschlüsselung der Runen durch die Schreibhände und Lesenden begleitet. Die historisierend in Runen geschriebenen Abschnitte konnten eine Kontinuität suggerieren (v. a. in den Bildbeischriften von NKS 1867 4to). Zusätzlich trugen den Runen so auch eine unterhaltsamspielerische Perspektive zu den Handschriften bei. Abb. 63: Vielschriftigkeit unter Verwendung von Runenschrift, ÍB 299 4to (f. 58v). Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. 127 In SÁM 66 wurde weiterhin ein Lesevermerk in Geheimschrift geschrieben, ein Beleg dafür, dass diese Schriftenreihen von den Lesenden zumindest ausprobiert wurden (SÁM 66, f. 235v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 239 <?page no="240"?> Die Runenschriften sind ein weiteres Element im Spektrum der Vielschriftigkeit. Und obwohl diese nur punktuell, also nicht im gleichen Umfang wie die zuvor analysierten Buchstabenschriften eingesetzt wurden, so wirkt ihre Verwendung aufgrund der Ungewöhnlichkeit besonders emphatisch. Das nebenstehende Beispiel stammt aus der Edda Islandorum (f. n3r - n4r), es ist erwähnte Gedicht von Thomas Bartholin d. Ä. „ Edda hviled under benke “ , welches Resens Beitrag zur ‚ Wiederauferstehung ‘ der Prosa-Edda preist (NKS 1867 4to, f. 100v; ÍB 299 4to, f. 58v, Abb. 63). Die dänischen Strophen erscheinen doppelt: zunächst in einer (vornehmlich) humanistischen Kursive und dem Wort „ Rüna “ in Kanzleischrift (nicht Runen wie in der Vorlage). Danach werden diese dänischen Strophen in Runen wiederholt und darauf folgt die dritte, lateinische Abschlussstrophe wieder in humanistischer Kursive. Dabei erscheint die Wiederholung der ersten beiden dänischen Strophen nur wegen der Änderung im visuellen Text (also der Schriftart) überhaupt sinnstiftend. Auf diese Weise wird deutlich, dass dieser als Bestandteil des Gedichtes aufgefasst wurde. Im Detail ergeben sich jedoch einige grundlegende Abweichungen zur gedruckten Fassung: Die Übernahme betrifft nämlich nur das Prinzip der Vielschriftigkeit, nicht aber deren konkrete Ausführung. So wurden die dänischen Strophen in der Vorlage in Fraktur geschrieben, als handschriftliche Umsetzung wäre Kanzleischrift naheliegend gewesen, doch wurde sich hier für eine humanistische Kursive entschieden, die die gelehrte Perspektive zu betonen scheint. 128 Die Wiederholung in Runen betrifft nur das Schriftsystem, nicht aber die konkreten Runenformen: Denn die in den Handschriften verwendete Runenschrift weicht von der gedruckten Fassung ab und entspricht hier der „ Maalrüna Stafrof “ (NKS 1867 4to, f. 91r; vgl. SÁM 66, f. 163v), die in ÍB 299 4to wiederum als Schriftreihe in dieser Form gar nicht enthalten ist. Das zieht nach sich, dass die Person, die die Vorlage erstellte - oder spätestens Jakob Sigurðsson - die Runenschrift, wie sie in der Edda Islandorum erscheint, nicht einfach kopiert hat, sondern vorzog, diese in málrúnir zu übertragen. Relevant war das Schriftsystem, nicht die konkrete Ausformung. Als abschließender Gedanke zu dem Gedicht sei noch darauf hingewiesen, dass dieses eine entsprechende Sprachkompetenz des Dänischen und Lateinischen beim Zielpublikum voraussetzte, was der Grund gewesen sein könnte, es möglicherweise nicht in SÁM 66 aufzunehmen. Der sonstige Einsatz der Runenschrift betrifft vor allem die jeweils für die Handschriften geschaffenen paratextuellen Elemente, einige wiederholen sich in den drei Handschriften, aber die meisten sind individuell. Dies zeigt nicht nur, wie frei Jakob Sigurðsson mit diesen experimentierte, aber auch, dass seine Auftraggebenden ein Interesse daran hatten. Runen nutzte er u. a. auf den Edda-Titelseiten in SÁM 66 (f. 1r, 81r) 129 sowie in den Bildbeischriften, besonders in NKS 1867 4to. Außerdem hat Jakob das Ende der Prosa-Edda im Appendix mit verschiedenen Runen und Geheimschriften hervorgehoben, vor allem Namen sind in diesen ungewöhnlichen Schriften umgesetzt worden (NKS 1867 4to, f. 171r; 128 In der Druckvorlage ist die Reihenfolge andersherum, die Kanzleischrift folgt auf die in Runen, eingeleitet durch „ H. e. “ (hic est, ‚ dies ist ‘ ). Auf diese Weise wird die Fraktur als Transliteration der Runen markiert. Weiterhin ist in der handschriftlichen Fassung das Anagramm Resen - Sener nicht weiter hervorgehoben. 129 Das Punktesystem der Schlüsselrunen auf der Titelseite für die Edda-Lieder (f. 1r) lässt die Schrift als mediales System völlig zurücktreten, mit genügend Vorwissen und wegen der sichtbaren Geminate in der Mitte, ist es jedoch möglich „ EDDA “ zu lesen. Vgl. die entsprechenden Schlüsselrunen auf SÁM 66 (f. 165r - 166r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 240 5 Neuschreiben <?page no="241"?> ÍB 299 4to, f. 151r, Abb. 64): „ Hier endast edda-odenns, sem á latinu kallast ETHICA ODINI. Enn þvi heitir þesse snorra=edda ad hana har first samannskrifad ä Norrænu snorre sturla son. Sem var Lógmadur hier a Lande 1215. “ 130 (NKS 1867 4to, f. 171r24 ‒ 26). Dieses Ende setzt mit visuellen Mitteln einen besonders auffälligen Schlusspunkt und bildet zusammen mit der Titelseite, in der diese Angaben in ähnlicher Reihenfolge (jedoch in lateinischen Buchstaben) gegeben wurden, eine verbale Klammer. Beischriften Einige Bildbeischriften wurden in den drei Handschriften ebenfalls in Runenbzw. Geheimschriften geschrieben. In ÍB 299 4to (f. 58r) hat Jakob nur einzelne Namen in Runen geschrieben: ‚ Óðinn ‘ auf der illuminierten Titelseite (f. 58r), ‚ Edda ‘ (f. 59v) sowie ‚ Mars/ Týr ‘ (f. 60r) 131 . Als Überraschung erscheint hier, dass auch der Name des römischen Gottes Mars in Runen steht. Besonders häufig hat Jakob Sigurðsson Runen- und Geheimschriften für die Beischriften in NKS 1867 4to eingesetzt (Heizmann 1998: 529 - 530, Abb. 65 - 68). Hier erscheint die Hälfte der Beischriften ganz oder teilweise in diesen Abb. 64: Ende des Appendix der Prosa-Edda in ÍB 299 4to, f. 151r. Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. 130 ‚ Hier endet die Edda Óðins, die auf Latein Ethica Odini genannt wird. Und deshalb heißt diese Snorra- Edda, weil sie zuerst von Snorri Sturluson auf Norrön zusammengeschrieben wurde, der 1215 l ǫ gmaðr hier im Land war. ‘ Interessant ist, dass Hávamál (lat. Ethica Odini) und Prosa-Edda zusammengefasst werden. Vgl. ÍB 299 4to (f. 151r). 131 In dieser Handschrift sind die Namen in den Runen geschrieben, die Runólfur Jónsson in Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa verzeichnet (vgl. ÍB 299 4to, f. 138r, 140v - 141r, 142r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 241 <?page no="242"?> auffälligen Schriften und suggeriert, dass diese Schriftarten gleichberechtigt zu den anderen lateinischen Schriftarten aufzufassen seien. 132 Hierbei wurden v. a. das „ Maalrüna Stafrof “ ( ‚ Sprachrunen- Alphabet ‘ ) eingesetzt sowie die „ Algeingast Villu Letur “ ( ‚ gewöhnliche Falschschrift ‘ ), die alle direkt davor aufgelistet zu finden sind (NKS 1867 4to, f. 91r/ v). Auf der Bildseite zu Auðumbla und Búri (f. 95r, Abb. 67) hat Jakob die Beischrift besonders reich variiert: Sie enthält neben Runen die runenähnliche Schrift „ Haalendskar Hälfdeijlur ( ‚ Halbgeteilte aus dem Hochland ‘ , ebenfalls auf f. 91r verzeichnet ist) sowie ein Geheimschriftsystem, in dem die Vokale durch die Nummer ihrer Reihenfolge im Alphabet ersetzt wurden (f. 95r); der restliche Text steht in Kanzleischrift. In den Illuminationen von Þórr, die seine Kraftgürtel zeigen, sind jene mit ihrer Bezeichnung ‚ Meigingjarðar ‘ in Runen beschriftet (NKS 1867 4to, f. 93v, Abb. 68, f. 94v; SÁM 66, f. 77v, 79v). In zwei Beischriften wurde die Bildbeschreibung in Runen, der Querverweis auf die entsprechende Dæmisaga jedoch in Kanzleischrift geschrieben: „ loki, laufeiar son med, netid, er þetta. So sem seiger Eddu XLVI. Dæmi saga. “ ( ‚ Dies ist Loki Laufeyjarson mit dem Netz. So wie die XLVI. Dæmisaga der Edda berichtet ‘ , NKS 1867 4to, f. 93r, Abb. 65) und „ asaþor. dregur hier midgardsormin Sem XLI. Eddu Dæmisaga seiger. “ ( ‚ Hier angelt Ásaþórr die Midgardschlange. Wie die XLI. Dæmisaga der Edda berichtet ‘ , NKS 1867 4to, f. 93v, Abb. 66). Die Schrift wurde hier mit Bedacht gewählt und unterscheidet auf diese Weise zwischen Mythen (mit Runen assoziiert) und der literarischen Form der Prosa-Edda (Kanzleischrift). Auch wenn in allen drei jüngeren Handschriften Beischriften in Runen vorkommen, so hat Jakob in NKS 1867 4to besondere Mühe aufgewendet, möglichst viele in Runen- und Geheimschriften zu schreiben, was sicherlich mit dem großen antiquarischen Interesse in dieser Handschrift in Verbindung zu bringen ist (vgl. Baer 2013: 234). Die Beischriften Abb. 65: Beischrift in Runen- und Kanzleischrift (sowie römischen Zahlen), NKS 1867 4to (f. 93r, Detail). Foto: Friederike Richter. Abb. 66: Beischrift in Runen- und Kanzleischrift (sowie römischen Zahlen), NKS 1867 4to (f. 93v, Detail). Foto: Friederike Richter. Abb. 67: Beischrift in Runen- und Geheimschriften, NKS 1867 4to (f. 95r, Detail) Foto: Friederike Richter. 132 Es handelt sich hierbei um die Beischriften auf folgenden Seiten: NKS 1867 4to (f. 92v ‒ 93v, 94v, 97r/ v, 98v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 242 5 Neuschreiben <?page no="243"?> ziehen über den visuellen Text erhöhte Aufmerksamkeit auf die Illuminationen und wecken Neugier: Sie erfordern auch, dass die Lesenden sich einbringen, um die Beischriften entziffern: Sie müssen die Schriftenlisten an anderer Stelle aufschlagen und Zeichen für Zeichen auslesen. Runenstein von Tirsted Ole Worms Publikationen haben nicht nur über die Rezeption in gelehrten Abhandlungen und Runengedichten in den vier hier untersuchten Handschriften Nachklang gefunden. Weiterhin haben zwei der Holzschnitte aus Danicorum Monumentorum (Worm 1643) via eine Weiterbearbeitung in Antiqvitatum Danicarum (Bartholin 1690) Eingang in zwei der jüngeren Handschriften gefunden. Dabei handelt es sich um den sog. Hyrr ǫ kkin-Bildstein vom Hunnestad-Monument (NKS 1867 4to, f. 110r; ÍB 299 4to, f. 60v; vgl. Bartholin 1690: 370, Worm 1643: 188) sowie um den Runenstein von Tirsted (DR 216), der in NKS 1867 4to innerhalb des erweiterten Prologs auftritt (NKS 1867 4to, f. 110v, Abb. 69; vgl. ÍB 299 4to, f. 134v; Bartholin 1690: 439, Worm 1643: 267). Die zugehörige Beischrift erklärt zum Runenstein, dass es sich um einen Grabstein aus der Vorzeit handelt. 133 Auf dieser Seite wird der Beitrag des Schriftgedächtnis zum kulturellen Gedächtnis zwischen visuellem und verbalen Text verhandelt: Zum einen ist die Zeichnung des Runensteins als Bild einer Gedenkinschrift aufzufassen und Jakob hat viel Sorgfalt aufgewendet, die Inschrift auf grafematischer Ebene korrekt wiederzugeben, wie er auch sonst visuelle Details wie Abb. 68: Beischrift und Beschriftung der Kraftgürtel Megingjarðar ( „ meigin giar “ ) in Runen in NKS 1867 4to (f. 94v). Foto: Friederike Richter. Abb. 69: Runenstein von Tirsted, NKS 1867 4to (f. 100v). Foto: Friederike Richter. 133 „ Lijksteirn. edur Grafsteijrn fornalldarmanna. med sinni undarlegu yferskrift. “ ( ‚ Totenstein oder Grabstein der Vorzeitmenschen mit seiner eigentümlichen Aufschrift. ‘ , NKS 1867 4to, f. 100v). Da kein Ort (Tirsted oder Dänemark) angegeben wird, erscheint diese Angabe als generelles Phänomen und damit unlokalisiert. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 243 <?page no="244"?> Schraffuren sehr genau übernahm. 134 Des Weiteren lagert sich eine weitere Ebene von Schriftgedächtnis darüber, denn er gibt in einer weiteren Beischrift die Bildvorlage 135 an: „ THOMÆ BARTHOLINI ANTIQUItet: Frammvijsar þessa fijgüru: LIB. II. Cap. IX. pag. 439. “ ( ‚ Thomas Bartholinis Antiquitet. präsentiert diese Abbildung, Buch II, Cap. IX, pag. 439 ‘ , NKS 1867 4to, f. 100v). Die Bedeutung des Schriftgedächtnisses für das kulturelle Gedächtnis wird hier also auf zwei Ebenen (Runenstein und dessen antiquarische Darstellung) gewürdigt. Über die Zusammenstellung der Illuminationen werden die illuminierten Mythennarrative der Prosa-Edda diesem Schriftartefakt der Vergangenheit gleichgesetzt. Aus heutiger Perspektive legt sich außerdem noch eine dritte Schicht darüber: Die der Handschriften, die selbst Objekte antiquarischer Sammlungen von Schriftgedächtnis wurden. 5.3.4 Historisierende Orthografie Abb. 70: Grímnismál (Str. 36) auf den Seiten der Edda-Lieder, SÁM 66 (f. 19v20 - 24), Hand: Jakob Sigurðsson. Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Abb. 71: Grímnismál (Str. 36) auf den Seiten der Prosa-Edda, Ds. XIV, SÁM 66 (f. 105v25 - 28), Hand: Jakob Sigurðsson. Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Ein weiteres, letztes Beispiel um den Beitrag der Schrift zu den Neuschreibeprozessen nachzuzeichnen, betrifft die Orthografie der eddischen Dichtung. In den Handschriften ist jeweils nicht nur eine Auswahl eddischer Lieder enthalten, es finden sich weiterhin Zitationen im Zusammenhang mit der Prosa-Edda: So wird in einzelnen Beischriften (u. a. AM 738 4to, f. 42v; SÁM 66, f. 80v) und den Dæmisögur der drei jüngeren Handschriften eddische Dichtung zitiert. Wie weiter oben erwähnt, wird das Prosimetrum durch Schriftwechsel sichtbar gemacht, die Dichtung wird in Kanzleischrift geschrieben und 134 Es wurden sogar die Schraffierung von der Vorlage kopiert, obwohl sie stellenweise wenig Sinn ergibt (z. B. die V-förmige Schraffur oberhalb der linken Runenbänder). 135 Hierbei ist nicht klar, ob das Buch selbst vorlag oder eine Zeichnung dieser Seite (die die Quellenangabe umfasste). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 244 5 Neuschreiben <?page no="245"?> somit auch visuell mit den Edda-Liedern weiter vorne in den Handschriften verbunden. 136 Darüber hinaus kommen vor allem in SÁM 66 weitere Merkmale wie Orthografie, Abkürzungen und Allografe zum Einsatz. Auf den Seiten der Edda-Lieder erscheinen diese derart umfangreich, dass diese im 18. Jh. historisierend gewirkt haben müssen. Sie haben nicht den zeitgenössischen Schreibweisen entsprochen, die die phonologischen und paläografischen Veränderungen berücksichtigten. Die Tendenz, archaisierende Schreibweisen zu wählen, hat sich im 17. Jh. ausgebreitet und begann laut Springborg (1977: 69 - 70) mit den antiquarischen Schreibarbeiten von Jón Erlendsson, als er die Íslendingabók für Bischof Brynjólfur Sveinsson abschrieb. Es soll an dieser Stelle der weiteren Analyse vorausgeschickt werden, dass es in den drei jüngeren Handschriften nicht um die Verwendung der korrekten hochmittelalterlichen Formen ging, sondern der Gesamteindruck, den das Schriftbild mit den ungewöhnlichen, historisierenden Merkmalen vermittelte. Dadurch sollten Alterität und Historizität markiert wurde. Unabhängig davon, inwieweit diese Schreibweisen die eddischen Strophen innerhalb der Dæmisögur betrafen, so steht die historisierende Schreibweise der Edda-Lieder mit deren Zitationen in der Prosa-Edda in Resonanz, was beim Lesen mitschwingt. Nachfolgend soll dieses Phänomen an einem Beispiel erörtert werden: Grímnismál (Str. 36) wird in den drei jüngeren Handschriften auch in Ds. XIV zitiert. Es folgt die Transkription beider aus SÁM 66, die Transkriptionen aus den drei anderen Handschriften befinden sich im Appendix. Sie sind auf Faksimile-Niveau 137 vorgenommen, um den visuellen Eindruck nicht durch aufgelöste Abkürzungen und Flexionsendungen zu verfälschen (Abb. 70 - 71, Tab. 22, App. 5.1): Edda-Lieder (SÁM 66, f. 19v20 - 24) Dæmisögur (SÁM 66, f. 105v25 - 28) Ormar fleÿre li ġ ia - unþir A  i Y ɢ þrasils. e ɴ þal y  ͛ hy ɢ e hver ö  viþra Apa, Göi ɴ oc Möi ɴ þr ̅ ero Gra  vitnis  yn ͛ Gr  ba  r oc Gr  v ꜷ llúþr. O  nir oc  vafnir hÿ ɢ ec at ę s  ÿle. Meiþs Qvizo m  . Orm r fleyre liggia un ꝺ er Aske ygg ꝺ rasil ʒ e ɴ þaþ o  hy ɢ e hv o o  viþra affa. Goi ɴ  möin ̅ þr ̅ ero Gra  vitnis  ͛ . Gr  bakur oc Grävóllu ꝺꝛ O  n ͛  svafn ͛ hrigg oc æ muni meiþs kvizo mä. Tab. 22: Zweimal Grímnismál (Str. 36) in SÁM 66, Hand: Jakob Sigurðsson. Die Fassungen scheinen aus jeweils unterschiedlichen Vorlagen kopiert worden zu sein, was sicherlich die unterschiedliche Schreibweise beeinflusste: Der Einsatz von Abkürzungen unterscheidet sich, sie werden in den Dæmisögur frequenter und teilweise in anderer Form eingesetzt. Wenn die Entscheidung gegen eine Abkürzung fiel, eröffnete dies den Raum für den bewussten Einsatz archaisierender Schreibweisen, z. B. in Flexionsendungen oder kürzerer Wörter: 138 So wurde vielfach auf die Tironische Note  verzichtet, 136 Der Strophenanfang setzt zunächst in der Kurrentschrift der Prosaerzählung ein, bis sie in die Kanzleischrift wechselt; diese Verzögerung könnte einer Unaufmerksamkeit im Schreibfluss geschuldet sein, obwohl eine Inquitformel die Strophe einleitet. 137 Nur einige wenige Normalisierungen wurden in Bezug auf Varianten von Allografen und Diakritika vorgenommen, u. a. weil der verwendete Schriftsatz keine Zeichen für alle Varianten hat, z. B. die Ligatur 〈〉 in der einstöckigen Variante. 138 Dies mag zunächst widersprüchlich klingen, da die Anzahl besonders vieler Abkürzungen ebenfalls Ausdruck von Archaismus sein kann. In den frühneuzeitlichen Papierhandschriften wurden grundsätzlich deutlich weniger Abkürzungen als in den mittelalterlichen Pergamenthandschriften ein- Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 245 <?page no="246"?> um die Konjunktion og in den Schreibweisen „ oc “ bzw. „ ok “ darzustellen. Darüber hinaus ist der häufige Einsatz von Kapitälchen und Punktierungen bemerkenswert für Geminaten, obwohl für / mm/ und / nn/ der Nasalstrich die übliche Variante zur Verdopplung wäre. Anstelle der Verwendung von supralinearen Abkürzungen wie 〈 ͛〉 kann die Flexionsendung mitsamt des unbetonten ungerundeten Vorderzungenvokals als 〈 ir 〉 ausgeschrieben werden. Anstelle von 〈 〉 besteht die Möglichkeit, die Flexionsendung ohne den Svarabhakti-Vokal und damit als r rotunda 〈ꝛ〉 wiederzugeben. 139 Ähnliches gilt für die Schreibweise der Flexionsendungen (v. a. des unbetonten gerundeten Hinterzungenvokals), die die Verbalflexionen der 1.P.P L . sowie D AT . P L . wurden zuweilen als 〈 o 〉 geschrieben. Auch die Wahl einiger Allografe scheint von Bestrebungen nach Archaisierung motiviert. So fallen einzelne runde Formen auf: Vor allem erscheint das 〈 G 〉 als ungebrochene, im Bauch offene Form der Ziffer 〈 6 〉 ähnlich. Weiterhin wurden einige weitere ungewöhnliche Allografe verwendet: Darunter sind die zwei nur von Jakob Sigurðsson eingesetzten, gebrochenen Varianten von 〈〉 und 〈〉 140 , die rechts neben dem Schaft eine gebrochene, doppelbögig geschlossene Form ähnlich der Ziffer „ 3 “ aufweisen. Ólafur Brynjólfson verwendete die hängende Form des langen S 〈ꞅ〉 mit Unterlänge. Das Phonem des gerundeten tiefen Hinterzungenvokals (U-Umlaut) wird in einigen Fällen mit der Ligatur 〈ꜷ〉 repräsentiert und der Dipthong / ai/ wird nicht wie üblich mit dem Grafem 〈 æ 〉 , sondern 〈ę〉 geschrieben. Nicht zuletzt ist besonders die pauschale Verwendung von 〈 þ 〉 im Insowie Auslaut für den dentalen Frikativ / ð/ und / þ/ sowie den stimmhaften alveolaren Plosiv / d/ augenfällig. Diese Schreibweise findet sich auch in der eddischen Dichtung in AM 738 4to; Bugge fasst diese in seiner Edition Norr œ n Fornkvæði als authentisches Zeichen für die ‚ Echtheit ‘ der Strophen auf, wenn er meint, dass die Handschrift diese Schreibweise „ stadig “ ( ‚ immer noch ‘ ) verwende (Bugge 1867c: 343). Die Schreibweise findet sich ebenfalls an anderer prominenter Stelle, z. B. in „ S ę munþar Eþþo “ auf der zugehörigen Titelseite in ÍB 299 4to (f. 1r). Diese pauschale Verwendung von 〈 þ 〉 war nur Mitte des 13. Jh. vorherrschend (Guðvarður Már Gunnlaugsson 2005: 259), deren frühneuzeitliche Verwendung erforderte entsprechende Vorlagen oder Einblick in die Entwicklung der isländischen Schrift. Auch in AM 738 4to lassen sich ähnliche Tendenzen beobachten: Die Grímnismál sind von der Lieder-Edda-Hand (2) in der kodikologischen Einheit der eddischen Dichtung ebenfalls mit archaisierenden Zügen geschrieben worden: O ꝛ ma ꝛ tvei ꝛ Liggia wn ꝺ ir a ꞅ ki yg ̅ ꝺꝛ a  yl ʒ  leiri en ̅ þaþ hyggie y  e ꝛ hue ꝛ o  uyþra Goin ̅ ok moin ̅ þei ꝛ e ꝛ o g ꝛ a  vytnis  yne ꝛ g ꝛ abakur ok g ꝛ a  u ꜹ llu ꝺ ur o  nir ok  va  ner hygg ek at ę ꞅ kuli meiþ ʒ kui  tu ̅ ma (Grímnismál, AM 738 4to, f. 59r23 - 29) Wenngleich zum Beispiel das r rotunda 〈ꝛ〉 in der gesamten Handschrift positionsunabhängig als einer von zwei Standard-Allografen von 〈 r 〉 Anwendung findet, stehen in der hier analysierten Strophe die gleichen archaisierenden Elemente wie oben: die unbetonten gesetzt. In den Papierhandschriften finden sich vor allem Nasalstriche, die Tironische Note  sowie supralineare Abkürzungszeichen in der Flexionsendung. 139 Dieses Allograf wird von Ólafur Brynjólfsson und Jakob Sigurðsson eigentlich nicht verwendet. 140 Der untere Bauch ist in diesem Junicode-Zeichensatz leider nicht geschlossen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 246 5 Neuschreiben <?page no="247"?> Vokale in den Flexionsendungen als 〈 i 〉 und 〈 o 〉 , das 〈 þ 〉 an Positionen des stimmhaften dentalen Frikatives / ð/ sowie die Schreibweisen „ ek “ und „ ok “ . Dies fällt nicht nur im Vergleich zu den Schreibweisen von Haupthand (3) auf, sondern auch im direkten Vergleich zu den drei Grímnismál-Strophen, die von der Edda-Lieder-Hand 2 zwei Mal in dieser Handschrift stehen. In der Beischrift auf der Bildseite von Valh ǫ ll steht ein Auszug aus den Grímnismál, die aufgrund von verbalen Varianten vermutlich von einer anderen Vorlage als das gesamte Lied kopiert wurde (AM 738 4to, f. 42v; App. 5.1). Innerhalb der eddischen Dichtung sind hier deutlich mehr Archaisierungen zu erkennen als auf der Bildseite, wo nur einzelne Formen auftreten. Die eddische Dichtung wird über den visuellen Text so als Literatur der Vergangenheit präsentiert. Gleichzeitig erscheint es, als sollten diese Schreibweisen die These der Kontinuität, dass Isländer: innen weiterhin die viele Jahrhunderte alte Dichtung problemlos lesen könnten, belegen. Obwohl sich einige der hier analysierten Phänomene tatsächlich ins 13. Jh. datierten lassen, wird vermutlich nicht im Vordergrund gestanden haben, welche Formen tatsächlich mittelalterlich korrekt waren. Es scheint viel mehr ausschlaggebend gewesen zu sein, ob die Formen geeignet waren, um als archaisch empfunden zu werden, und so dem verbalen Text eine historisierende Dimension visuell zugeschrieben wurde. Durch wen und wann diese Schreibweisen eingeführt wurden, bleibt unklar, der Vergleich mit anderen frühneuzeitlichen Prosa-Edda-Fassungen zeigt ein vielfältiges Bild: Während in der gedruckten Edda Islandorum eine durchgängig zeitgenössische Schreibweise gewählt wurde, finden sich einige der hier erwähnten Elementevauch in der von Faulkes ausgewählten Leithandschrift der Edda Magnúsar Ólafssonar (Y2-Fassung) - allerdings nicht nur in der zitierten Dichtung, sondern auch in der Prosa. 141 In allen vier Handschriften finden sich archaisierende Formen im Abschnitt der eddischen Dichtung, in SÁM 66 zusätzlich besonders umfangreich in den Zitationen innerhalb der Prosa-Edda. 142 Es ist deshalb zu womöglich davon auszugehen, dass Jakob Sigurðsson diese selbst ausführte. 143 Dieses Kapitel konnte nur stichprobenartige Untersuchungen diskutieren, eine zukünftige paläografische Tiefenstudie dieses Phänomens mutet jedoch höchst vielversprechend an. Es zeigt sich, dass Archaisierung Teil handschriftlicher Variation war und aus einem großen Inventar an Schriftarten, Abbreviaturen, Grafemen und Allografen gewählt werden konnte. Besonders viele archaisierende Formen wurden v. a. für die eddische 141 Die Schreibweise in der gedruckten Edda Islandorum (f. F4v) ist in Fraktur nach Versen zweispaltig angeordnet: „ Ormar fleire Liggia un ꝺ er A  ke Yg ꝺ ra  ils / Enn tha ꝺ offhigge huor Ø  vi ꝺ ra Affa Goen og Moen Their eru Graffvitnis Syner Gra ͤ bakur og Gra ͤ vølludur Offner og Suaffner / Hrygg eg æ Mune Mei ꝺ s kvi  tum ma ͤ . “ Vgl. die Transkriptionen der diesen Fassungen zugehörigen Y2-Fassung der Edda Magnúsar Ólafssonar AM 743 4to (f. 15v14 - 20): „ O ꝛ m r fl ę i ꝛ i liggia un ꝺ ͛ a ꞅ ki y ġꝺꝛ a  ils, en ̅ þ ̅ o  hyggi hv o ö  vi ꝺ ᷓ a  a. goin ̅  moin ̅ . þ ̅ ꝛ e o g ꝛ a  vitni ʒ Syn ͛ , gäbak ꝛ ,  g ꝛ a  v ǫ llu ꝺ  , o  n ͛  svo  n ͛ hy ġ eg at æ muni mei ꝺ s ꝗ tu ̅ ma. “ Diese Handschrift wird auf 1623 - 1670 datiert, die beiden Vergleichsfassungen sind somit ca. 100 Jahre älter als die drei jüngeren, hier untersuchten Handschriften. 142 Dies ist interessant, da ansonsten vor allem NKS 1867 4to auf der Ebene der Schrift besonders virtuos gestaltet ist. 143 Theoretisch wäre es natürlich möglich, dass Ólafur Brynjólfsson und Jakob Sigurðsson die Archaisierung in den zwei anderen Handschriften an dieser Stelle größtenteils nicht beim Schreibprozess aufnahmen, falls sie in der Vorlage an dieser Stelle vorhanden war. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.3 Seitengestaltung und Schriftbild 247 <?page no="248"?> Dichtung verwendet. Die Schreibhände konnten dabei über Umfang und konkrete Formen - und damit den Grad der visuellen Historisierung und Alterisierung entscheiden: Sie präsentieren die eddische Dichtung in ihrer scheinbar ‚ ursprünglichen ‘ Form. Die Archaisierung erschwerte das Lesen dabei nicht notwendigerweise: Die Lesbarkeit wurde durch eine geringere Anzahl von Abkürzungen in den Dæmisögur beibehalten und viele der Formen (wie die punktierte Minuskel) waren selbsterschließend. 5.3.5 Zusammenfassung Bei der Betrachtung des Schriftbildes wurde deutlich, wie sehr verbale und visuelle Anteile die Schrift bestimmen. Beide wurden sorgfältig und mit Blick auf die antizipierte Leseweise ausgeführt. Dabei wurde gezeigt, dass die Orthografie ebenfalls als visueller Text aufgefasst werden kann. Die in den Abhandlungen der Handschriften enthaltenen These - dass das Isländische sich nur wenig verändert habe und die mittelalterliche Literatur für das isländische Publikum weiterhin problemlos lesbar, wertvoll und relevant sei - wird somit direkt erlebbar gemacht. Weiterhin unterlag das Schriftbild den zeitgenössischen Diskursen und Konventionen: Die Vielschriftigkeit vermittelt visuell vielfältige Informationen über den verbalen Text, dies betraf nicht nur die Textstruktur, sondern auch Gattungen, Prestige, Etymologie und kulturhistorische Subtexte. Die Bedeutung von Schrift wird von den Handschriften (v. a. NKS 1867 4to und ÍB 299 4to) zusätzlich auf theoretischer Ebene thematisiert, dazu gehören gelehrte Abhandlungen, Runengedichte, Schriftreihen und die Zeichnung eines Runensteins. Vor allem der Runenschrift ist in den drei jüngeren Handschriften mit Abhandlungen, Schriftreihen und durch die Anwendung viel Aufmerksamkeit eingeräumt worden. Je ausdifferenzierter der visuelle Text ist, desto mehr scheint dies nahezulegen, dass die Handschriften zum stillen, nichtlinearen Lesen angedacht waren, am deutlichsten wird dies in NKS 1867 4to. Es mag in diesem Zusammenhang besonders interessant sein, dass die Person, der diese Handschrift gewidmet wurde, Eiríkur d. Ä. Hoff Guðmundsson, Buchdrucker war und sich somit auch beruflich mit Schrift und Buchgestaltung beschäftigte; es ist durchaus denkbar, dass sein Vater für ihn eine entsprechend ausgestattete Handschrift als Geschenk bestellt hatte. In den drei jüngeren Handschriften demonstrierte Jakob Sigurðsson, der für die Ausdifferenzierung dieser Inhalte größtenteils verantwortlich war, seine Virtuosität in Bezug auf Vielschriftigkeit, die so wie ein Portfolio seines Könnens wirken. 5.4 Illuminationen Die vier Handschriften sind auch deshalb für diese Studie ausgewählt worden, weil sie ein weiteres und äußerst faszinierendes Hauptmerkmal verbindet: Sie sind alle umfangreich mit Bildseiten ausgestattet worden. 144 Die enthaltenen Illuminationen 145 sind - wie 144 Die Bilder der vier Handschriften sind bisher in folgenden Publikationen umfangreicher thematisiert worden: Baer (2009, 2013, 2013 - 2021), Margrét Eggertsdóttir (2014a, 2015). 145 Der Begriff der ‚ Illumination ‘ bezeichnet in dieser Studie übergeordnet sämtliche Formen figürlicher und ornamentaler Darstellungen in den Handschriften. Der Begriff ‚ Illustration ‘ bezieht sich ausschließlich auf solche Illuminationen, die Textinhalte visuell darstellen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 248 5 Neuschreiben <?page no="249"?> nachfolgend gezeigt wird - äußerst unterhaltsam und phantasievoll und klar ein Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zu den in Bezug auf Illuminationen sonst oft zurückhaltend ausgestatteten isländischen Handschriften; sie sind damit visuell sehr „ noisy “ (vgl. Rudy 2016: 333). Es ist also durchaus zu Recht, wenn Baer (2013: 252) diese Illumination als „ academic ‚ gold ‘“ bezeichnet. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass diese sicherlich auch das zeitgenössische Publikum in ihren Bann gezogen haben - denn die Gebrauchsspuren belegen, dass diese Seiten am häufigsten aufgeschlagenen wurden. Die Illuminationen sind der Grund, warum diese Handschriften weitaus bekannter sind als andere zeitgenössische Prosa-Edda-Handschriften. Dieses Kapitel hat das Ziel einen Überblick über die Illuminationen in den Handschriften und ihren Beitrag zum Neuschreiben zu geben. Bereits Glauser hatte dieses besondere Phänomen vermerkt: In diesen späteren Papiermanuskripten zeigt sich, dass der kreative Umgang mit den alten Erzählungen nicht auf den Text beschränkt blieb, sondern dass sich in den späteren Handschriften auch eine Auseinandersetzung mit der Ikonographie der mythischen Bildtradition niederschlägt, der mythologiespezifische Neuschreibungsprozess über das Medium der Schrift hinausgeht. (Glauser 2013: 109) Zunächst wird dazu der wichtigen Frage nach der Bildgenese und den Vorbildern für die Illuminationen nachgegangen. Danach folgt ein Überblick über das Illuminationsprogramm der einzelnen Handschriften. Darauf folgt eine ausführliche Analyse der Gestaltungsprinzipien, dazu gehören Motivwahl, Bildformen und ein Schwerpunkt zu den anthropomorphen Figuren. Danach steht mit den Beischriften das Verhältnis von visuellem und verbalem Text im Vordergrund. Zwei Fallstudien, die Illuminationen von Hárs lygi und solche mit Interpretatio Romana thematisieren, finden in einem separaten Kapitel im Anschluss Platz (s. u., Kap. 5.5). An dieser Stelle sei auf die Transkription und Übersetzung der Beischriften im Appendix verwiesen. 5.4.1 Mögliche Vorlagen und deren Fehlen Wie im weiteren Verlauf deutlich wird, sind die Illuminationen nicht als spontanlaunische Einfälle oder Kritzeleien entstanden, sondern genau wie der verbale Text für die Handschriften sorgsam durchdacht und umgesetzt worden. Doch die Illuminationen werfen Fragen auf: Woher kam das Bedürfnis im 17. und 18. Jh. den eddischen Figuren ein Gesicht zu geben? Und vor allem: Welche Vorbilder hat es womöglich gegeben? Es lässt sich an dieser Stelle bereits vorausschicken, dass für die eddischen Gött: innen kaum konkrete Vorlagen für die Illuminationen zu benennen sind, aber sicherlich andere Bildwerke in die Gestaltung der Illuminationen einflossen. Nur bei den antiquarischen Motiven, die aus Bartholin (1690) genommen wurden sowie den Darstellungen, die auf klassisch-antike Ikonografie zurückgreifen, ist der Einfluss von Vorlagen deutlich. Deshalb werden im Folgenden mögliche Einflüsse vorgestellt, die der Illuminationshand von AM 738 4to und Jakob Sigurðsson bekannt gewesen sein könnten. Vorher steht jedoch die Beantwortung einer in diesem Zusammenhang nicht unwichtigen wichtigen Frage an: Das ist die nach möglichen Bildtraditionen zur eddischen Mythologie. Die Überlieferungslage ist - vereinfacht formuliert - von einer Zweiteilung betroffen ist: Es gibt einerseits die literarischen Darstellungen (v. a. die beiden Eddas), deren älteste schriftliche Formen in hochmittelalterlichen, in Island kompilierten Handschriften an- Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 249 <?page no="250"?> zufinden sind und in zeitgenössischer Bearbeitung in die vier Handschriften eingingen. Zweitens gibt es bildliche Darstellungen in Form von Artefakten wie Bildsteinen, Figürchen (z. B. Óðinn aus Lejre, Eyrarland-Statuette von Þórr) oder Schmuckstücke wie Þórshämmerchen, die mal mehr, mal weniger überzeugend mit den eddischen Mythen in Zusammenhang gebracht worden sind, obwohl deren Datierung zumeist einige Jahrhunderte vor der schriftlichen Überlieferung liegt und die Fundorte zumeist außerhalb Islands u. a. im heutigen Dänemark, Schweden, Norwegen oder England. Da die vorchristlichen bildlichen Artefakte oft keine entsprechende Inschrift tragen, stützen sich die Identifizierungen vor allem auf die Annahme eines räumlichen und zeitlichen Kontinuums im Sinne einer longue durée. Weiterhin sind viele der Darstellungen oftmals detailarm oder stark verwittert und wenn diese anhand der literarischen Darstellungen identifiziert werden, sollte also beachtet werden, wie groß der Raum für Ungenauigkeiten und Fehlinterpretation ist. Zum Zeitpunkt der Herstellung der Handschriften waren viele dieser Objekte noch nicht ans Licht der Welt befördert, gleichzeitig war z. B. durch Worm (1643) die systematische Erschließung von Runen- und Bildsteinen in der Frühen Neuzeit im Gange und hatte ein Bewusstsein für Bilddarstellungen der Vorzeit geschaffen. So gehen die Illuminationen von antiquarischen Artefakten in NKS 1867 4to und ÍB 299 4to auf solche Publikationen zurück. Diese Illuminationen belegen ein Interesse für historische Bildwerke in den drei jüngeren Handschriften, darunter befindet sich auch eine Darstellung eines - so von den Beischriften behauptet - Óðinn-Kultbildes. Dieses Motiv wirft die Frage nach der Existenz von vorchristlichen Kultbildern auf, das Wissen dazu ist jedoch vor allem durch Lücken und Ungewissheit geprägt (vgl. Kuhn 2000: 210 - 211). Auch in den hochmittelalterlichen Íslendingas ǫ gur finden sich Erwähnungen vorchristlicher Kultbilder, doch muss aufgrund der Tatsache, dass die zugehörigen Handschriften erst einige Jahrhunderte nach der Christianisierung geschrieben wurden, allenfalls von Projektionen aus christlicher Perspektive ausgegangen werden. 146 Weiterhin ist fraglich, inwieweit die literarischen Darstellungen von als Ekphrasis aufgefasster Skaldik tatsächlich Bildwerke beschreiben oder nicht womöglich erst in der Dichtung ‚ erschrieben ‘ wurden. 147 Das frühneuzeitliche Wissen über vorchristliche Kultbilder Nordeuropas, die eddische Gött: innen zeigen, war begrenzt. 146 So erwähnt beispielsweise die Eyrbyggja saga eine geschnitzte Säule, die Þórr darstellen soll und bei der sog. Landnahme zur Festlegung des zu besiedelnden Gebietes vom Schiff ausgeworfen wird. In dieser Darstellung gilt zu bedenken, dass es sich hierbei um hochmittelalterliche Projektionen handelt. Die Beschreibung des heidnischen Tempels wurde wegen ihrer Ähnlichkeit mit einer Kirche zumeist als christlich überformt bewertet (Einar Ólafur Sveinsson/ Matthías Þórðarson 1935: 7 - 9). Ein weiteres Beispiel findet sich in der Hallfreðar saga Vandræðaskálds, darin wird zunächst behauptet, Hallfreðr würde weiterhin die vorchristliche Religion praktizieren und opfern, was sich durch ein Þórsbildchen (líkneski) aus Walrosszahn in seinem Geldbeutel beweisen ließe - etwas, was sich im weiteren Verlauf der Saga als nichtzutreffend herausstellt. Diese Episode könnte von der christlichen Praxis privater Andachtsbildchen inspiriert sein (Einar Ólafur Sveinsson 1939: 162). 147 Die Existenz der in Skaldik beschriebenen Bildwerke ist u. a. von Heslop (2009) und Marold (1976) hinterfragt worden. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 250 5 Neuschreiben <?page no="251"?> Abb. 72: Kultbilder im Tempel von Alt-Uppsala, Vignette aus Historia de gentibus septentrionalibus von Olaus Magnus (1555: 100). Digitalisat: Projekt Runeberg <http: / / runeberg.org/ img/ olmagnus/ 0186.1.jpg, 28.10.2024>. Abb. 73: Kultbilder im Tempel von Alt- Uppsala, JS 246 4to (f. 13r, Detail), Hand: Snorri Björnsson (1792). Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. Das Foto ist mit freundlicher Genehmigung der Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn dem Digitalisat auf handrit.is entnommen: <https: / / handrit. is/ manuscript/ view/ is/ JS04-0246, 28.10.2024>. Einflussreich war eine Beschreibung der Kultbilder im Tempel von Alt-Uppsala von Adam von Bremen, die später in der reich mit Holzschnitten illuminierten Historia de gentibus septentrionalibus von Olaus Magnus (1555: 100) visuell dargestellt wurden (Abb. 72). 148 Diese zeigen u. a. die übermenschlich groß beschriebenen Statuen von Þórr, Óðinn und Frigg. Diese Zeichnung wurde Ende des 18. Jh. in einer isländischen Handschrift gezeichnet und könnte ein Hinweis darauf sein, dass dieses Bild womöglich schon einige Jahrzehnte vorher - und damit zu Jakob Sigurðssons Zeiten - in Island zirkuliert haben könnte (Reykjavík, Landsbókasafn, JS 246 4to, f. 13r, Abb. 73). 149 Diese Illuminationen bezeugen nicht nur indirekt die Leerstelle, sondern auch das Interesse, das vorchristlichen Bildwerken im 17. und 18. Jh. entgegengebracht und durch die Darstellungen in antiquarischen Publikationen dieser Zeit sicherlich befeuert wurde. Das Interesse an Bildern von eddischen Mythen nahm über die Jahrhunderte stetig zu und erreichte schließlich im 18. Jh. einen kontroversen Höhepunkt an den europäischen Kunstakademien. An diesen Kunstakademien wurden die (männlichen) Studenten u. a. in künstlerischen Techniken sowie im Aktzeichnen unterrichtet, damit sie menschliche Figuren (anatomisch korrekt) darstellen könnten. So wurde im Jahr 1754 Det Kongelige Danske Skildre-, Billedhuggerog Bygnings-Academie in Kopenhagen (heute Det Kongelige Danske Kunstakademi) gegründet, die die Bildkünste prägte und auch von isländischen Studierenden besucht wurde. In Island gibt es erst seit 1998 eine eigene Kunst- 148 Die Vignette erscheint im Liber III: „ De superstitiosa cultura dæmonum popularum Aquilonarium “ , Cap. III: „ De tribus Diis maioribus Gothorum “ . 149 Die Handschrift wurde von Snorri Björnsson geschrieben und enthält u. a. kurze isländische Paraphrasen mit den zugehörigen Illuminationen zur vorchristlichen Religion der entsprechenden Kapitel aus Olaus Magnus ‘ Historia (f. 12v ‒ 15r). Die Darstellung ist spiegelbildlich, was auf mindestens eine weitere Druckfassung als Zwischenstufe schließen lässt. Das Motiv findet sich ebenfalls in antiquarischen Buchpublikationen (Arnkiel 1691: Taf. 8 und Rudbeck 1679a: Taf. 10, Fig. 32). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 251 <?page no="252"?> akademie (Listaháskóli Íslands). 150 Die Akademien prägten die Diskurse über den Kanon der zu bedienenden Sujets und Motive, wobei die eddische Mythologie - im Gegensatz zur klassischen Mythologie - lange Zeit keine Rolle spielte. Wenn auch nicht im gleichen Umfang wie die anderen Sujets, wurden nach einigen Debatten schließlich gelegentlich Bildwerke zur eddischen Mythologie eingefordert. In dem Zusammenhang entbrannte im 19. Jh. eine hitzige Debatte um die ‚ Darstellbarkeit ‘ bzw. ‚ Brauchbarkeit ‘ eddischer Mythen in den Bildkünsten, diese wurde an den Akademien und von weiteren Gelehrten und sogar den Königen getragen (Kuhn 2000: 211). In dieser prallten u. a. national (romantisch)e Perspektiven und ästhetische Vorstellungen aufeinander (vgl. Baden 1820, 1822, Magnusen 1820 und Møller 1812). Einer der Hauptkonflikte war, dass das nationalromantisch geprägte Interesse an einer ‚ eigenen ‘ Mythologie mit der scheinbaren Herausforderung der ästhetischen Darstellbarkeit eddischer Gottheiten unvereinbar schien. Zeitlich nur kurz nach den drei jüngeren Handschriften hatte Lessing (1766) in Laokoon oder über die Grenzen der Mahlerey und Poesie die Schönheit als das zentrale Ziel der Bildküste definiert, und Darstellungen von Schmerz ausgeschlossen (vgl. Mitchell 2008c: 68 - 69). Ein weiterer in diesem Zusammenhang ebenfalls zentraler und lange Zeit tonangebende Gedanke war Winckelmanns Bewunderung der antiken griechischen Skulptur in seinen Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerey und Bildhauerkunst: Das allgemeine vorzügliche Kennzeichen der Griechischen Meisterstücke ist endlich eine edle Einfalt, und eine stille Grösse, so wohl in Stellung als im Ausdruck. So wie die Tiefe des Meeres allezeit ruhig bleibt, die Oberfläche mag noch so wüten, eben so zeiget der Ausdruck in den Figuren der Griechen bey allen Leidenschaften eine grosse und gesetzte Seele. (Winckelmann 1755: 24) Aufgrund dieser Grundgedanken wurden u. a. Darstellung von körperlicher Versehrtheit zunächst für unzumutbar gehalten, die es wiederum für die eddischen Figuren bedürft hätte: So mussten andere Lösungen für z. B. die ikonische Einäugigkeit Óðins oder Einhändigkeit Týs gefunden werden, um den an den Akademien geprägten ästhetischen Vorstellungen des 18. Jh. zu genügen (Kuhn 2000: 212). 151 Bei der Suche nach möglichen Vorlagen ist es weiterhin sinnvoll, sich ein allgemeines Bild über die sonstig verfügbaren Bildwerke auf Island zu machen. Þóra Kristjánsdóttir (2005) hat sich in ihrer grundlegenden Arbeit der frühneuzeitlichen Bildkunst in Island angenommen, die lange im Schatten der Erforschung der Literatur gestanden hat. Þóra beschreibt, wie Kirchen eine besondere Funktion als öffentliche Räume hatten, in denen Menschen zusammentrafen und die viele Bildwerke enthielten. Bilder waren nach der Reformation oftmals in den Kirchen erhalten geblieben, wobei sich deren Funktion von Anbetung zu Schmuck verschob. Im 16. und 17. Jh. sei Kunst weiterhin oft von Personen geschaffen worden, die entweder Pfarrer waren oder der Kirche nahestanden, und somit 150 So wurde die Kunstakademie in Kopenhagen bereits kurz vor den drei jüngeren Handschriften gegründet. Diese hatte aber keinen Einfluss auf die Ausführung der Illuminationen durch Jakob Sigurðsson, der zeitgleich zu deren Anfangsjahren in Ostisland fernab dieser institutionalisierten Strukturen arbeitete. Zu späteren Debatten um eine ‚ skandinavischen Nationalkunst ‘ , die auch mythologische Themen einschloss, vgl. van Gerven (2020: 149 - 194). 151 So wurde Óðins Einäugigkeit später z. B. durch eine Kapuze oder Profilansicht kaschiert (vgl. Kuhn 2000: 211 - 212, 216 - 217). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 252 5 Neuschreiben <?page no="253"?> aus den führenden Familien Islands kamen. Erst im Laufe des 19. Jh. sei es üblich gewesen, dass die Kunst zunehmend von Bauern kam, auch solche für die lokalen Kirchen (Þóra Kristjánsdóttir 2005: 9, 14 - 15, 55, 136 - 137, 143). Um die besondere Stellung der hier untersuchten Handschriften besser nachzuvollziehen, soll nun kurz der Blick auf die Illuminationen in den mittelalterlichen Prosa-Edda- Handschriften gerichtet werden. Dadurch wird das Verhältnis von Prosa-Edda und Illuminationen diachron aufgespannt, was deshalb relevant ist, weil eines der mittelalterlichen Motive über den Umweg von Druckpublikationen in die drei jüngeren Handschriften Eingang gefunden hat. Illuminationen in den mittelalterlichen Prosa-Edda-Handschriften Zwei der mittelalterlichen Prosa-Edda-Handschriften umfassen figürliche Illuminationen, wovon eine kleinere im Codex Wormianus (AM 242 fol.) zu finden ist und umfangreichere Illuminationen im Codex Upsaliensis (DG 11 4to). Zunächst soll es um letzteren gehen: Die Datierung für diese Illuminationen ist unklar, oftmals wurden sie aber als nachträglich angesehen (Glauser 2013: 109, Heimir Pálsson 2012a: xcv). Sie zeigen verschiedene, vor allem menschliche Figuren, wovon sich vor allem folgende zwei Motive als Illustrationen mit dem verbalen Text der Prosa-Edda in Verbindung bringen lassen. Erstens, eine Bildseite mit Bischof (f. 1v), dem gegenüberliegenden Beginn des Prologus zugewandt und der über eine Beischrift als König Priamos identifiziert ist und so die Figur des Bischofs mit dem Prologus der Prosa-Edda verknüpft. Hierbei sei offen, inwieweit diese ernst gemeint gewesen sein könnte (Glauser 2013: 110 - 113, Schneeberger 2020: 72 - 74). Zweitens, die Bildseite mit König Gylfi in der Gestalt eines alten Mannes, Gangleri, im Gespräch mit den drei Asenkönigen Hárr, Jafnhárr und Þriði (f. 26v). Dieses Motiv zum Rahmennarrativ der Gylfaginning wurde später in mehreren gedruckten antiquarischen Abhandlungen aufgegriffen und gelangte so schließlich auch in die drei jüngeren Handschriften. Sie wird im Weiteren als Hárs lygi bezeichnet und in einem eigenen Kapitel ausführlich analysiert (s. u., Kap. 5.5.1). Über die Interpretation der anderen Illuminationen in dieser Handschrift gehen die Meinungen auseinander, doch werden sie selten als die Prosa-Edda illustrierend verstanden. Die menschlichen Figuren fallen durch ihre teilweise bizarren dynamischen Gesten 152 und Körperpositionen mit gebogenen Rücken auf (f. 25r, 26r, 56r, Abb. 74). Diese sind deshalb von Aðalheiður Guðmundsdóttir (2009: 4v, 2012) als Darstellungen von Tanzszenen interpretiert wurden, die nicht weiter in Verbindung zum Text stünden. Diese These ist ein interessanter Vorschlag, der Frage nach den ungewöhnlichen Körperhaltungen zu begegnen, doch bleibt offen, ob diese sich tatsächlich ohne Bedeutungsverlust von der umgegebenen Schrift lösen lassen. Eine dieser verzerrten Darstellungen ‒ die Figur, die ganz unten auf f. 25r dargestellt ist ‒ hat Cole (2015: 256 - 259) ausführlich analysiert und als „ caricature of a Jew “ (257) gelesen, die zahlreiche Elemente antisemitisch-rassistischer Ikonografie reproduziere: 153 152 Cole (2015: 258) beschreibt die Gesten der Figuren als „ measuring gestures “ , und erwägt, diese in Bezug auf die Namen der nebenstehenden Ættartala Sturlunga zu lesen. 153 Dazu zählt Cole (2015: 256 - 259) eine große gebogene Nase, Kinnbart, die Verzerrungen und Falten sowie den Kopfputz bzw. Frisur. Weiterhin lässt sich - über Coles Beispiel hinaus - eine antisemitische Ikonographie in der Darstellung der Figur oberhalb finden, die eine Kappe mit einer länglichen (wenn Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 253 <?page no="254"?> In any case, even if fig. 11 [die Figur unten auf f. 25r, d. Verf.] is quite unrelated to the adjacent text, the image ’ s rehearsal of the anti-Semitic tropes previously outlined constitutes a further example of medieval Icelanders expressing hostile sentiments about the inner nature of the Jews via the site of the body. (Cole 2015: 259) Auch hier bleibt unklar, warum dieses Motiv an dieser Stelle auftaucht. Die Feststellung, dass die Person, die diese Zeichnung anfertigte, jedoch mit antisemitischer Ikonografie vertraut war und diese hier umsetzte, ist für die weitere Analyse wichtig und wird im Zusammenhang mit u. a. Hárs lygi wieder aufgegriffen. Des Weiteren finden sich im Codex Upsaliensis noch andere Motive, deren konkreter Bezug zum verbalen Text sich auf inhaltlicher Ebene ebenfalls nicht weiter erschließt, aber durch die Platzierung mit diesem materiell verbunden sind: Gryllus (f. 1r), Ritter auf Pferd (f. 37v) und eine Faust (f. 40v) in den Skáldskaparmál. Außerdem finden sich im Codex Upsaliensis zwei bemerkenswerte Diagramme im Zweiten Grammatischen Traktat (f. 45r, 46r). 154 Etwas weniger bekannt 155 ist die einzige figürliche Illumination des Codex Wormianus (AM 242 fol., f. 30v, Abb. 75), sie befindet sich auf dem inneren Rand des Blattes neben den Schriftzeilen. Die Illumination zeigt einen stehenden Mann, er trägt einen Dolch und einen kurzen Umhang, der am Hals mit einer runden Spange zusammengehalten wird. Die Hosenbeine sind eng und gehen bis knapp unters Knie, die Schuhe sind flach, die Haare sind - ähnlich wie in AM 738 4to - über den Ohren in Knoten gelegt. Der nebenstehende Abschnitt der Skáldskaparmál beschreibt das Überreichen der Kleinode von Loki und dem Zwerg Brokkr an die Gött: innen. Gegenüber der Umrisslinienzeichnung befindet sich ein Abb. 74: Illuminationen in DG 11 4to (f. 25r, Detail). Foto: Uppsala Universitetsbibliotek. auch etwas abgeknickten) Spitze trägt, die an vergleichbare Darstellungen von sog. ‚ Judenhüten ‘ des Mittelalters erinnert. 154 Hierzu sind zwei sehr innovative Analysen erschienen (Heslop 2022: 178 - 181 und Schneeberger 2020: 155 - 164). 155 So wird die Illumination beispielsweise - im Gegensatz zu den floralen Initialen - auf handrit.is zwar verzeichnet, aber nicht unter der Rubrik Dekoration, sondern im Abschnitt mit den Hinzufügungen. Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is, <https: / / handrit.is/ da/ manuscript/ view/ da/ AM02-0242, 12.10.2021>. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 254 5 Neuschreiben <?page no="255"?> späterer, wahrscheinlich von Ole Worm ergänzter Abschnitt auf Papier. Die Illumination wurde ebenfalls später hinzugefügt, der Mode nach frühestens im 17. Jh. Die braune Tintenfarbe weicht von der Schrift der aufgeschlagenen Doppelseite ab. Als mögliche Hand ließe sich eventuell Jón Ólafsson frá Grunnavík in Betracht ziehen, der nicht nur seine eigenen Prosa-Edda-Handschriften illuminiert hat, sondern auch mit brauner Tinte verbalen Text zum Codex Wormianus hinzufügt hat, u. a. Kapitelüberschriften und Marginalkommentare (Kommissionen for det Arnamagnæanske Legat 1889: 214). Frühneuzeitliche illuminierte Prosa-Edda-Handschriften Im Laufe der Recherchen konnten zahlreiche weitere interessante illuminierte Prosa-Edda- Handschriften ermittelt werden, die ebenfalls figürliche Illuminationen zu den Eddas enthalten - keine von diesen hat jedoch als Vorlage für die analysierten Handschriften gedient. Sie enthalten häufig, aber nicht immer, Textabschnitte einer der beiden Eddas, aber entsprachen sonst nicht allen Auswahlkriterien. 156 Die nachfolgende Tabelle (Tab. 23) bietet erstmalig Überblick über weitere illuminierte, zum Großteil bisher unbeachtete Handschriften zur eddischen Mythologie. Auch diese würden jeweils interessante Studien ergeben, die aber außerhalb des Rahmens dieser Studie liegen. Einige der Illuminationen fließen nachfolgend in die Analyse ein. Abb. 75: Illumination im Codex Wormianus, AM 242 fol. (f. 30v/ pag. 60, Detail). Foto: Den Arnamagnæanske Samling, Suzanne Reitz. Mit freundlicher Genehmigung und bereitgestellt von Den Arnamagnæanske Samling, Kopenhagen. 156 Die Ausschlussgründe waren folgende: Entweder stellen sie keine komplexen, eigenständigen Kompositionen der Prosa-Edda dar (z. B. die Abschriften des Codex Upsaliensis), sie sind zu jung (19. Jh.) oder/ und sie entstanden in einem anderen kulturellen Kontext (d. h. durch gelehrte Schreiber in Kopenhagen). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 255 <?page no="256"?> Nr. Signatur Datierung Slg. Schreibhand Illuminationen 1 AM 429 I - IV fol. 1765 SÁM Jón Ólafsson úr Grunnavík zahlreiche kleine Illustrationen im Zusammenhang mit den Kapitelinitialen/ -anfängen 2 AM 430 fol. 1765 SÁM Jón Ólafsson úr Grunnavík kleine Illustrationen im Zusammenhang mit den Kapitelinitialen/ -anfängen 3 AM 436 fol. um 1750 SÁM Jón Ólafsson úr Grunnavík kleine Illustrationen im Zusammenhang mit den Kapitelinitialen/ -anfängen 4 AM 974 4to 1758 - 1760 SÁM Jón Ólafsson úr Grunnavík kleine Illustrationen im Zusammenhang mit den Kapitelinitialen/ -anfängen 5 Kall 238 fol. 1754 - 1765 KBK Jón Ólafsson úr Grunnavík kleine Illustrationen im Zusammenhang mit den Kapitelinitialen/ -anfängen 6 AM 414 fol. 18. Jh. SÁM unbekannt u. a. Hárs lygi (Codex-Upsaliensis- Abschrift) 7 JS 133 4to 157 1851 LBS Jón Sigurðsson u. a. Hárs lygi (Codex-Upsaliensis- Abschrift) 8 Marshall 114 warsch. 1636 - 1637 BDL Jón lærði Guðmundsson Hárs lygi (Codex-Upsaliensis-Abschrift) 9 ÍB 68 4to 18. Jh. LBS Engilbert Jónsson, Páll Sveinsson Initialen mit u. a. Tierdarstellungen 10 ÍB 291 8vo 1851 LBS Björn Jónsson u. a. Þórr, Týr, Fenrir 11 Lbs 1413 4to 1839 LBS warsch. Halldór Jónsson í Öxnafelli beiliegende Bildseiten, Kopien von SÁM 66 (? ) 12 Lbs 1341 8vo 18. Jh. LBS unbekannt 158 Óðinn 13 Lbs 1475 8vo 1833 LBS Daði Níelsson Snorri Sturluson 14 Lbs 1806 8vo 1834 - 1835 LBS Filippus Salómonsson Initialen u. a. mit Gesichtern und Tierdarstellungen 15 Thott 1030 4to 1775 KBK A. E. I. S.F. Óðinn Tab. 23: Weitere illuminierte Prosa-Edda-Handschriften auf Papier. Sammlungen (Slg.): BDL=Bodleian Library, Oxford; KBK=Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen; LBS=Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Reykjavík; SÁM=Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Reykjavík. 157 Die Abschrift diente als Grundlage für die von Jón Sigurðsson erstellte Edition einige Jahre später (Jón Sigurðsson 1852a). 158 Auf handrit.is wird von vier weiteren Schreibhänden ausgegangen, sie lassen sich jedoch bis auf einen Abschnitt, der evtl. von Árni Böðvarsson (1713 - 1776) geschrieben wurde, nicht sicher identifizieren. Vgl. Páll Eggert Ólason (1927: 262). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 256 5 Neuschreiben <?page no="257"?> Die meisten dieser Handschriften sind im 18. und 19. Jh. hergestellt worden. Darunter befinden zwei Gruppen von Handschriften mit ähnlichen Merkmalen: 159 (1) die ausführlich illuminierten monumentalen Handschriften von Jón Ólafsson (Grunnavík), einem arnamagnäanischen Schreiber in Kopenhagen (Nr. 1 - 5). Diese sind derart umfangreich, dass ihnen ein eigenes Forschungsprojekt zustünde. (2) (Teil-)Abschriften des Codex Upsaliensis, die alle mindestens das Motiv von Hárs lygi übernehmen (Nr. 6 - 8; vgl. Kap. 5.5.1 unten; vgl. DG 11 4to, f. 26v). Diese zeigen auf, wie sehr Illuminationen als Teil des Textes von Handschriften verstanden wurden, wenn diese mitkopiert wurden. Bei diesen handelt es sich ebenfalls um gelehrte Abschriften. Die übrigen (Nr. 9 - 15) sind Handschriften mit ganz unterschiedlichen Bildprogrammen - manche mit ganzfigurigen, teilweise seitenfüllenden Illuminationen. Dazu gehören zwei Óðinn-Darstellungen (Lbs 1341 8vo und Thott 1030 4to) sowie eine Handschrift mit mehreren Motiven (u. a. Þórr, Týr und Fenrir in ÍB 291 8vo). Hervorzuheben sind weiterhin zwei Einzelhandschriften, auf die im Verlauf noch genauer eingegangen wird: Erstens, in Lbs 1413 4to liegen Bildseiten bei, die von SÁM 66 kopiert sein könnten (s. u., Kap. 5.4.2.2). Zweitens, enthält Lbs 1475 8vo eine besonders ungewöhnliche Illumination, die Snorri Sturluson darstellt (s. u., Kap. 6.1.2.3). Gedruckte Vorlagen Wie erwähnt, hat das Bildmotiv von Hárs lygi Jakob Sigurðsson nicht direkt vorgelegen. Es hatte zuvor mehrere Zwischenstufen in antiquarischen Druckpublikationen quer durch Nordeuropa durchlaufen. Zu ihm kam die Fassung von Bartholin (1690), die er womöglich direkt vorliegen hatte, da er noch drei weitere Motive daraus in NKS 1867 4to und ÍB 299 4to übernahm. Es handelte sich hierbei auch um die einzige sicher nachzuweisende Vorlage der die Prosa-Edda betreffenden Illuminationen in den hier untersuchten Handschriften. Die Idee, ganzseitige Illuminationen in Handschriften einzufügen, war zu dem Zeitpunkt als AM 738 4to erstellt wurde, noch selten. Dagegen gingen den drei jüngeren Handschriften bereits mehrere Beispiele voraus, so sind im Zeitraum 1688/ 1689 in mehreren Druckpublikationen Bildseiten von Königen und Sagahelden in Rüstungen eingefügt worden. Die drei Holzschnitte zeigen Ganzfiguren in Rüstung und mit verschiedenen Waffen und Attributen, die Jakob als Vorbild, auch auf ästhetischer Ebene, gedient haben könnten. 160 159 Neben den entsprechend zitierten Handschriftenkatalogen, sind - soweit vorhanden - die Einträge von Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is hinzugezogen worden. 160 Es handelt sich um folgende Holzschnitte: Eiríkr inn rauði (Arngrímur Jónsson 1688: 8), Ingólfr Arnason (Einar Eyjólfsson 1688: f. 4v) und König Óláfr Tryggvason (Þórður Þorláksson 1688: 8). Die Darstellung von Óláfr Tryggvason wurde ein Jahr später noch einmal verwendet (Jón Snorrason 1689: 3vf.). Die Bildseite von Eiríkr inn rauði wrde ebenfalls 1689 in einer Handschrift als qualitativ deutlich feinere Federzeichnung reproduziert und eingeklebt (Kopenhagen, Den Arnamagnæanske Samling, AM 364 fol., f. 9v). Eine weitere in diesem Zusammenhang interessante Druckpublikation ist die bereits 1599 in Hólar gedruckte Biblia laicorum (Aumann 1599), die 19 halbseitengroße gerahmte Holzschnitte aufweist, die auch mit einem nebenstehenden Kapitelverweis mit dem verbalen Text verknüpft sind (Margrét Eggertsdóttir 2017a: 152 - 155, 2017b: 103 - 105). Diese Publikation richtete sich Margrét Eggertsdóttir (2017a: 152) zufolge an „ ungmennum og einföldu almúgafólki “ ( ‚ junge Leute und das einfache Volk ‘ ), und sei u. a. für Unterrichtszwecke gedacht gewesen. In ästhetischer Hinsicht lässt die Bildgestaltung jedoch keine Verbindungen zu den untersuchten Handschriften finden. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 257 <?page no="258"?> Abb. 76: Fischer in Emblematum libellus von Alciato (1542: 74). Digitalisat: Mit freundlicher Genehmigung von Alciato at Glasgow (Glasgow University) wiedergegeben, vgl. <https: / / www.emblems.arts.gla.ac.uk/ alciato/ facsimile.php? id=sm26_E5v, 24.10.2024>. Abb. 77: Loki, NKS 1867 4to (f. 93r). Foto: Friederike Richter. Für die Motive der drei jüngeren Handschriften lässt sich weiterhin ein ganz bemerkenswerter Einfluss finden: Emblembücher. Diese wurden seit dem 16. Jh. in Kontinentaleuropa gedruckt und waren mit zahlreichen Druckgrafiken ausgestattet. Es scheint, dass solche Vorlagen in Holzschnitttechnik oder deren (handschriftliche) Weiterbearbeitungen Jakob bekannt gewesen sein müssen. So finden sich in den verschiedenen Pariser Ausgaben von Andrea Alciatos Emblematum libellus (frühe Mitte des 16. Jh.) mehrere Motive, die Jakob womöglich kannte und neu zusammensetzte. Denn nur so werden auffällige Besonderheiten in der Gestaltung der Bildseiten verständlich: Die Darstellung von Loki mit dem Netz (NKS 1867 4to, f. 93r, Abb. 77; SÁM 66, f. 79r) könnte auf eine solche Druckgrafik zurückgehen. Im Emblembuch findet sich eine ähnlich markante Darstellung von einem Fischer mit einem Netz (vgl. Alciato 1542: 74, Abb. 76): Loki hält ähnlich wie dieser Fischer das Netz 161 an einer Schlaufe in der aufrechten Hand. Außerdem könnte das Ziegenfell, das der Fischer in der Emblemgrafik trägt, dazu geführt haben, dass Lokis Kopfbedeckung ebenfalls mit zwei gebogenen, hörnerähnlichen Spitzen abschließt und an diesem ein breiter Halsschutz, ähnlich einer Gugel, befestigt wurde. Die Profilansicht mit Kinnbart findet sich ebenfalls bei beiden. 161 Das Netz ist in NKS 1867 4to gewebt, in der späteren Fassung von SÁM 66 ist es (wie in der Ds. XLVI beschrieben) geknüpft dargestellt (Baer 2013: 240 - 241). Jakob hat somit unter Kenntnis des Textes die Vorlage in der späteren Fassung überarbeitet. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 258 5 Neuschreiben <?page no="259"?> Abb. 78: Ajax tötet Schweine, Alciato (1546: 14). Digitalisat: Mit freundlicher Genehmigung von Alciato at Glasgow (Glasgow University) wiedergegeben, vgl. <https: / / www.emblems. arts.gla.ac.uk/ alciato/ facsimile.php? id=sm29-B6r, 16.10.2024>. Abb. 79: Týr und Fenrir, NKS 1867 4to (f. 98v). Foto: Friederike Richter. Ein weiteres Motiv könnte als Entlehnung aus einem Emblembuch die Besonderheiten erklären: Die Darstellung des gefesselten Fenris, der Týr die Hand abgebissen hat (NKS 1867 4to, f. 98, Abb. 79; SÁM 66, f. 78v). Das Verwunderliche an dieser Darstellung ist, dass Fenrir mit gedrungener Wildschweinschnauze, zwar mit Fuchsschwanz, aber nicht als Wolf dargestellt ist. 162 Eine Darstellung mit ähnlicher Grundkomposition findet sich in den Emblembüchern, dort tötet Ajax mit erhobenem Schwert (bzw. Falchion) Wildschweine. Falls Jakob eine solche Vorlage zur Verfügung hatte (evtl. spiegelverkehrt), könnte dies die spezielle Körperform von Fenrir erklären (vgl. Alciato 1546: 14, Abb. 78). Darüber hinaus lassen sich noch weitere Motive in den Bildlagen finden, die Ähnlichkeiten zu Emblembüchern aufzeigen und davon beeinflusst sein könnten. 163 Ein weiterer konkreter Hinweis, dass Emblembücher in Island kursierten und als Illuminationsvorlage verwendet wurden, belegen die Zeichnungen in der Prosa-Edda-Handschrift Lbs 1413 4to (1839), die einige Motive der Bildlage in SÁM 66 sowie Bildkopien aus Emblembüchern umfasst (u. a. Neptun, Füllhörner, Bachstelze; vgl. Alciato 1621I). Die Idee, Bildausschnitte der Bild- 162 Merkwürdigkeiten in der Anatomie betreffen weiterhin das mythische Pferd Sleipnir, das zwar in seiner gedrungenen Körperform an ein Islandpferd angelehnt scheint, in manchen Bildseiten (wie auch die Midgardschlange oder Fenrir) bemerkenswert spitze Zähne und somit - über die in den Dæmisögur beschriebene Achtbeinigkeit hinaus - monströse Züge hat (NKS 1867 4to, f. 96r; SÁM 66, f. 75r, 80v). 163 Diese betreffen folgende Motive aus Andrea Alciato (1542): Seemonster vor einem Holzboot, jedoch mehr Personen und mit Segel (38; vgl. NKS 1867 4to, f. 93v; SÁM 66, f. 79v); Vogel auf einem Ast eines Baumes, dessen Blätter ebenso büschelförmig angeordnet sind (78; vgl. SÁM 66, f. 73v); Odysseus und ein Gefährte blenden den Kyklopen Polyphem - hierbei stehen sie hintereinander und stoßen einen Stock in die Felshöhle (90; vgl. NKS 1867 4to, f. 95v; SÁM 66, f. 74v); eine zottelige Ziege mit Euter (202; vgl. NKS 1867 4to, f. 99r; SÁM 66, f. 73r); ein Mann bläst in eine Posaune sowie Merkur mit Merkurstab und Flügelhelm (126, 172; vgl. NKS 1867 4to, f. 97r; SÁM 66, f. 80r). Aus solchen Emblembüchern wären ebenfalls Vorlagen für die Motive, die auf der Ikonographie der klassischen Mythologie beruhen, denkbar, wie sie u. a. in ÍB 299 4to (f. 1v, 60r) erscheinen (vgl. Kap. 5.5.2.2). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 259 <?page no="260"?> lagenmotive auf der Titelseite von ÍB 299 4to (f. 58r) zu isolieren und in kleinen Medaillons anzuordnen könnte ebenfalls von gedruckten Emblembüchern herrühren. Diese Vorlagen könnten für die drei jüngeren Handschriften als eine Art Modellbuch in Bezug auf Gestaltungselemente verwendet worden sein, wobei die signifikanten Inhalte der Prosa- Edda angepasst wurden. Frühneuzeitliche illuminierte Handschriften Abb. 80: Egill, AM 426 fol. (f. 2v), Hand: evtl. Hjalti Þorsteinsson (1670 - 1682). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Das Foto dieser Handschrift ist mit freundlicher Genehmigung der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum dem Digitalisat auf handrit.is entnommen: <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ AM02-0426/ 0? iabr=on#mode/ 2up, 25.10.2024>. Einige weitere isländische Papierhandschriften zeigen anthropomorphe Figuren, haben aber andere Inhalte als die Prosa-Edda. Vom Ende des 17. Jh. sind einige großformatige Zeichnungen erhalten: Bildseiten von Protagonisten aus den Íslendingas ǫ gur - Egill Skallagrímsson, Grettir Ásmundarson und Guðmundr inn ríki - finden sich in AM 426 fol. (1682, f. 2v, Abb. 80; 79v; 143v) sowie von Njáll heute als Beilage in Lbs 3505 4to (1698). 164 Ein weiteres Beispiel ist eine Loseblatt-Illumination von König Haraldr hárfagri 164 Vor allem die Gesichter sind - sicher aufgrund ihrer Größe - sehr detailliert mit Federlinien ausgeführt, die Kleidung wurde mit kräftigen Deckfarben koloriert. Die Gestaltung der einzelnen Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 260 5 Neuschreiben <?page no="261"?> in Lbs 1040 fol. (1699, f. 2r, s. o., Abb. 9). Diese fünf auf drei Signaturen aufgeteilten Bildseiten lassen eine gleiche Hand vermuten. Loth (1967: 94 - 95) hatte für die ersten zwei Handschriften Hjalti Þorsteinsson í Vatnsfirði vorgeschlagen. Dies wird im Eintrag von handrit.is auf die Zeichnung von König Haraldr erweitert. 165 Bereits weiter oben wurde diskutiert, ob diese Illuminationen im Zusammenhang mit den Illuminationen in AM 738 4to stehen könnten. Auch wenn es vermutlich nicht Hjalti war, der AM 738 4to illuminierte, so zeigen die Illuminationen zu den Sagas, dass Ende des 17. Jh. mehrere Personen derlei leuchtend kolorierte Bildseiten zur mittelalterlichen Literatur erstellten. Abb. 81: Kjartan Ólafsson, Lbs 203 fol. (f. 115v). Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. Die Fotos dieser Handschrift sind mit freundlicher Genehmigung der Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn dem Digitalisat auf handrit.is entnommen: <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ Lbs02-0203, 28.10.2024> Abb. 82: Grettir Ásmundarson, Lbs 203 fol. (f. 192v). Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. Figuren bezieht sich sowohl auf die Beschreibung der Sagas, aber umfasst auch psychologische Charakterzüge: Egills Kopf ist wie beschrieben besonders groß, sein Gesicht hat viele Falten und unter seinem Hut ist das imposante Spiel der Augenbrauen zu erkennen (Abb. 80). Im Vergleich ist Njáll waffen- und bartlos sowie seine Mimik neutral-friedlich. 165 Loth (1967) konnte sich nur auf die Sagahelden beziehen, weil die Blätter mit König Haraldr erst 1997 gekauft wurden. Vgl. Den Arnamagnæanske Samling u. a. (2010 - ): handrit.is, <https: / / handrit.is/ is/ manuscript/ view/ Lbs02-1040, 01.05.2022>. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 261 <?page no="262"?> Mit ihrer kontrastreichen Ästhetik und Darstellungen von Rüstungen lassen die acht Bildseiten in Reykjavík, Landsbókasafn, Lbs 203 fol. Parallelen zu Jakob Sigurðssons Handschriften erkennen. Darin werden Saga-Protagonisten zumeist vor Beginn der entsprechenden Saga (v. a. Íslendinga- und Riddaras ǫ gur) dargestellt. 166 Die Handschrift wurde zwischen 1722 - 1747 von einer unbekannten Hand mit den Initialen „ S. H. s. “ (f. 65v) illuminiert. Die Federlinienzeichnungen zeigen die stehenden Protagonisten in Rüstungen und Kostümen und jeweils mehreren Waffen. Die Darstellung der Körper und Ausstattung ist entsprechend zum Charakter gewählt, die Gesichtsausdrücke changieren zwischen gelassen und verwundert-erschrocken, manche Körper sind schlank und aufrecht und die Rüstung und Kleidung detailliert und fast ornamental gestaltet, andere Körper gedrungener; dieser Kontrast wird u. a. bei Kjartan und Grettir deutlich (Lbs 203 fol., f. 115, 192v, Abb. 81 - 82). Ästhetisch sind Anleihen an die zuvor erwähnten Holzschnitte mit Königsdarstellungen in Rüstungen mit zahlreichen Waffen in den Drucken Ende des 17. Jh. augenfällig. Darüber hinaus erinnern die konkav-konvex geschwungenen Körperformen, die Locken und roten Wangen von Kjartan an die Illuminationen in AM 738 4to (vgl. Balldr, AM 738 4to, f. 36v). Des Weiteren werden gröbere Gesichtszüge und leicht verzerrte Körperformen ebenfalls in den vier analysierten Handschriften abwertend eingesetzt. Andere Illuminationen von Jakob Sigurðsson Von Jakob Sigurðsson lassen sich noch einige weitere Illuminationen erwähnen, die einen Einblick in seine Arbeitsweise und Stil ermöglichen: Besonders erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Bildseite mit der Darstellung der Minerva in Lbs 781 4to (f. 1v, Abb. 83), 167 die er bereits 1759 anfertigte und darin sein Wissen über die Ikonografie klassischer Mythologie zeigt. Jakob Sigurðsson muss entsprechende Bildvorlagen gekannt haben: Minerva ist mit aufgestelltem Schild, Lanze, antiker Rüstung mit Helm, Helmbausch über dem Scheitel und Brustpanzer mit angedeutetem Gorgonenkopf dargestellt. Die Ikonografie zur klassischen Mythologie führt Jakob später in ähnlicher Form als Interpretatio Romana in ÍB 299 4to weiter (s. u., Kap. 5.5.2.2). Lbs 781 4to ist fast durchgehend illuminiert mit Darstellungen u. a. von Handlinien, den Tierkreiszeichen, Tieren und Planeten, einige davon in Medaillonform, die an die Titelseitenmedaillons von ÍB 299 4to erinnern. Auch ein Adler (f. 94v) ähnelt den Darstellungen in den anderen Handschriften (v. a. SÁM 66, f. 73r). Weitere Ähnlichkeiten zu den Prosa-Edda-Illuminationen finden sich z. B. in der Gestaltung von Bekleidung: So trägt der Schütze eine Kappe mit breiter, visierartiger Krempe vor der Stirn und Pteruges, also Streifenlamellen am unteren Abschluss der Jacke (f. 47v). Wiederkehrende Elemente, die sich auch in den drei jüngeren Handschriften sowie einer weiteren Handschrift 168 Jakobs finden lassen, sind die Darstellungen von Landschaft mit Grashügeln, fedrigem Gras und großen Einblattpflanzen sowie 166 Die Illuminationen befinden sich auf Lbs 203 fol (f. 2v, 65v, 115v, 191v, 192v, 238v, 246v und 255v). 167 Vgl. dazu die Edition der Handschrift (Örn Hrafnkelsson 2004b). 168 Dabei handelt es sich um eine frühe Handschrift Jakobs, das aufwändig gestaltete Gesangbuch (sálmabók) SÁM 3. In diesem finden sich mehrere figürliche Illuminationen, so u. a. vom Jüngsten Gericht (f. 124v, hier ähnelt der Höllenschlund dem Kopf der Midgardschlange), König David (f. 106v) und eine Kreuzigungsdarstellung (f. 27v). Bereits in dieser frühen Handschrift lässt sich Jakob Stil finden, die Landschaftselemente und Architektur sind hier ähnlich wie zuvor beschrieben gestaltet (im damaligen Wappen Islands mit Stockfisch, f. 1v, bäuerliche Szene f. 101v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 262 5 Neuschreiben <?page no="263"?> bunten, blasenförmigen Quellwolken (f. 1v, 4r/ v, 34r, 54v). Mehrgiebelige Fassaden, die an die Darstellungen von Valh ǫ ll erinnern, treten ebenfalls in Lbs 781 4to auf (f. 28v, f. 54v, f. 99r) und die groben, mürrischen Gesichter des Mondes ähneln denen der Götter (f. 56r). Die jüngere Handschrift ÍB 291 8vo, die Björn Jónsson 1851 schrieb, enthält nicht nur ähnliche Inhalte (Annar Partur, Runen) wie die drei jüngeren Handschriften, sondern Illuminationen in sehr ähnlichem Stil, das Motiv der Minerva findet sich auch hier (f. 33v). Die anderen Figuren gleichen in ihrer Formsprache, wenn auch mit abweichenden Details, den in dieser Studie untersuchten Handschriften (u. a. Þórr und Týr, f. 1v, 32r ‒ 33r). Diese könnten ein Hinweis sein, dass Jakob Sigurðsson noch mehr Motive gezeichnet hat, die heute nicht mehr erhalten sind. Ebenfalls von Jakob ist die Federlinienzeichnung von Hrólfr Gautreksson in NKS 1704 4to (f. 176v, Abb. 84). 169 Diese Bildseite mit Beischriften wurde zusammen mit dem Beginn der gegenüber anschließenden Hrólfs saga Gautrekssonar nachträglich hinzugefügt. Auf dieser ist Hrólfr in einer nahezu onamental verzierten Rüstung zu sehen. Er hat einen geflügelten Helm, ein Falchion und einen kleinen Rundschild. Sein Kopf ist ins Profil Abb. 83: Minerva, Lbs 781 4to (f. 1v), Hand: Jakob Sigurðsson. Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. Das Foto ist mit freundlicher Genehmigung der Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn dem Digitalisat auf handrit.is entnommen: <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ Lbs04-0781, 28.10.2024>. Abb. 84: Hrólfr Gautreksson (auf bläulichem Papier), NKS 1704 4to (f. 176v), Hand: Jakob Sigurðsson. Foto: Friederike Richter, mit freundlicher Genehmigung von Det Kongelige Bibliotek wiedergegeben. 169 Zur Autorfrage vgl. den Katalogeintrag: Kommissionen for det Arnamagnæanske Legat (1900: 207 - 208). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 263 <?page no="264"?> gedreht, er hat Bartstoppeln und einen leicht grimmigen Gesichtsausdruck. Diese Zeichnung hat zwar feinere Linien als die anderen und ist deutlich durchgearbeiteter, doch die Parallelen sind unverkennbar. In der Gesamtschau lässt sich zusammenfassen, dass Jakob sein Talent für die visuell ansprechende Umsetzung in mehrere Handschriften eingebracht hat. Darin wird sowohl das Spektrum seines variationsreichen Zeichentalents als auch sein spezifischer Stil in den wiederkehrenden Elementen deutlich. (Fast) freier Gestaltungsraum Die Handschriften entwerfen erstmals komplexe Bildwelten für die Figuren und Narrative der Prosa-Edda in Form von systematisch angelegten Galerien, deen eine emphatische Auseinandersetzung mit den Mythennarrativen und den Gött: innen vorausging. Die Handschriften lassen sich in der Retrospektive deshalb als ‚ Avantgarde ‘ avant la lettre anerkennen, denn sie griffen Motive auf, die erst einige Zeit später an den europäischen Kunstakademien bearbeitet wurden. Die damit verbundenen Normen akademischer Kunstproduktion galten somit nicht für diese Handschriften ‒ und genau das macht ihre Lebendigkeit und das Außergewöhnliche aus. Kuhn (2000: 210) brachte diese Situation in Bezug auf NKS 1867 4to folgendermaßen auf den Punkt „ His very remoteness from the academies and a lack of proper training gave the amateur draughtsman the innocence to rely on his own imagination and ignore accepted canons of beauty. “ 170 Die Kreativität und der visuelle Gestaltungswillen, den diese Handschriften aufzeigen, sind groß. Dabei beanspruchen die (meisten) Bilder keine Authentizität im Sinne einer Historizität, sondern betonen die Fiktionalität und literarische Qualität. Die Illuminationen geben ihre jeweiligen, unterschiedlichen Antworten auf die folgenden Fragen: Wie konnte sich das Aussehen eddischer Gött: innen und Ries: innen vorgestellt werden? Waren die Monster gefährliche Bedrohungen und ihre Gegner Helden? Was ist die Quintessenz der Mythennarrative, die dargestellt werden soll? Welches Surplus erhofften sich die in die Herstellung involvierten Personen - über eine prächtigere Ausstattung des Buchs und einem sicherlich damit verbundenen teureren Verkaufspreis hinaus? Welche Haltung ist den Bildmotiven gegenüber erkennbar? Diese Fragen werden nach einem Überblick über die Illuminationen adressiert und diskutiert. 5.4.2 Distribution Alle vier Handschriften verfügen über mehrere kolorierte Bildseiten zur Prosa-Edda, die nun vorgestellt werden. Keiner der anderen Inhalte in diesen Handschriften ist derart umfangreich und farbig illuminiert, so dass das visuelle Gewicht klar zugunsten der Prosa- Edda ausfällt. Sie erscheinen in AM 738 4to im umverteilten Prolog der Prosa-Edda zusammen mit u. a. den vorgezogenen Kenningarlisten des Annar Partur. In den drei jüngeren Handschriften befinden sich die Bildseiten im erweiterten Prolog und verweisen in ihren Beischriften oft auf die entsprechenden nachfolgenden Dæmisögur. 171 Die Bildseiten zur Prosa-Edda befinden sich inmitten der vier Handschriften. Beim Aufschlagen 170 Kuhn geht davon aus, dass Ólafur Brynjólfsson der Urheber der Illuminationen von NKS 1867 4to ist. 171 Nur in ÍB 299 4to sind einige Bildseiten an weiteren Stellen untergebracht: Kybele/ V ǫ lva (f. 1v) ist der V ǫ luspá vorangestellt und die Darstellung des Runensteins in Tirsted (f. 134v) findet sich weiter hinten in der Handschrift. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 264 5 Neuschreiben <?page no="265"?> öffnen sich diese Seiten besonders leicht und gleichzeitig sind sie durch diese Position geschützt, was sicherlich zu ihrer Erhaltung beigetragen hat. 5.4.2.1 AM 738 4to AM 738 4to Hände 172 Bildlage v mit Illuminationen von Gött: innen und Riesinnen und synoptischen Kapiteln aus dem Annar Partur f. 34r Titelseite mit floraler Bordüre 1 f. 34v Óðinn mit Krug und Glas Yngvi mit Zepter 1, 5 1 f. 36r Þórr mit Hammer und Eisenhandschuh Nj ǫ rðr lässt Wind aus einem Ballon 1, 3 1 f. 36v Balldr mit Buch Heimdallr bläst ins Gjallarhorn 1 1 f. 37v Freyr Freyja 1 1, 3 f. 39r H ǫ ðr mit Speer Týr mit Falchion Víðarr mit Zepter 1 1 1 f. 39v Vali mit Stichwaffe mit gedrehter Klinge Ullr mit Skiern Forseti 1 1 1 f. 40v H œ nir 5 f. 41r Bragi am Schreibtisch Loki 1, 3(? ) 1, 3, 5 f. 41v Gunnl ǫ ð Þ ǫ kk 1, 3 1, 2(? ), 3 Bildlage vi mit Illuminationen von Monstern und Orten und div. Listen u. a. aus dem Annar Partur f. 42v Valh ǫ ll mit Eikþyrnir, Heiðrún und Heimdallr 1, 2 f. 43r Midgardschlange mit Angelköder 1 f. 43v Fenrir in Fesseln 1, 2, 3 f. 44r Yggdrasill mit Adler, Hirschen, Ratat ǫ skr und Níðh ǫ ggr 1, 2 Tab. 24: Übersicht über die Illuminationen in AM 738 4to. Die gegenständlichen Illuminationen in AM 738 4to stehen alle zu Beginn der Prosa-Edda (Tab. 24): 173 In der ersten Lage v (f. 34 - 41) befindet sich nach einer Titelseite mit vornehmlich floraler Bordüre eine Galerie von neunzehn anthropomorphen Figuren, bestehend aus Gött: innen (hierunter Freyja als einzige Göttin) sowie zwei Riesinnen. Die Figuren sind fast alle synoptisch zu dem jeweiligen vorgezogenen Verzeichnis über die sie umschreibenden Kenningar und Heiti des Annar Partur angeordnet, so dass auf der 172 Die Angabe bezieht sich auf Illuminationen und ggf. Beischriften. 173 Darüber hinaus befinden sich an anderen Stellen der Handschriften Ornamente, die leeren Raum füllen (AM 738 4to, f. 4r, 20v, 21r, 28v, 61v und 62r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 265 <?page no="266"?> geöffneten Doppelseite die Zeichnungen mit dem jeweiligen gegenüberliegenden Abschnitt in Dialog treten. 174 Dieses Prinzip greift auch die Ergänzungshand auf, als sie die Figur von H œ nir mitsamt einer kurzen Liste von Kenningar nachgetragen hat. 175 Manche Doppelseiten lassen eine thematische Zusammenstellung vermuten, die von einem entsprechenden Verständnis der Illuminationshand für die dargestellten Inhalten und Zusammenhängen zeugt. 176 Das Gesamtarrangement von visuellem und verbalem Text muss bereits vor Niederschrift der Prosa-Edda sorgsam (ggf. in Zusammenarbeit der ersten Hände) vorausgeplant gewesen sein, weil die Hände Platz für einander ließen. Die Beischriften sind in dieser Lage - neben der jeweiligen Überschrift durch die Illuminationshand, die die Figur benennt - alle von der Haupthand (3) sowie Ergänzungshand (5). Viele der Beischriften enthalten oder beziehen sich auf die nebenstehenden Kenningar, einige sind direkt aus der Liste in die Bildbeischrift verschoben, konnten also erst nach Fertigstellen der Illumination eingetragen werden. Die konzisen Kenningarlisten der Edda Magnúsar Ólafssonar ließen einen Großteil der Beispielstrophen aus und haben in dieser verdichteten Form ein solches Neuarrangement sicherlich begünstigt. Die einzelnen Illuminationen erscheinen auf diese Weise wie eine weitere, visuelle Kenning. Die zweite illuminierte Lage vi (f. 42 - 45) hat zwar weniger, dafür aber besonders komplexe Illuminationen von je zwei mythischen Orten (Valh ǫ ll und Yggdrasill) und Monstern (Midgardschlange und Fenrir). Auch hier sind Listen eingestreut, die zwar teilweise aus dem Annar Partur entnommen, jedoch in ihrem Inhalt nicht an den Illuminationen ausgerichtet sind. 177 Die Beischriften zu zwei der Illuminationen sind besonders komplex und v. a. von der Edda-Lieder-Hand (2) ausgeführt: In der Beischrift zu Valh ǫ ll (f. 42v) steht ein längeres Grímnismál-Zitat (Str. 23, 25 ‒ 26) und in den Beischriften zu Fenrir u. a. mehrere Fragmente aus den Dæmisögur, die sich auf die dargestellten Bilddetails beziehen (f. 43v). Das schmale hochrechteckige Seitenformat der Handschrift schlägt sich in der Anordnung sowie Gestaltung der Illuminationen nieder. In Lage v wurde der vertikale Raum dadurch genutzt, dass pro Seite zwei bis drei aufrechtstehende Einzelfiguren übereinander angeordnet wurden. In Lage vi hat sich das Seitenformat auf die Proportionen der einzelnen Illuminationen ausgewirkt, Valh ǫ ll und Yggdrasill sind deshalb schmal und hoch. Besonders interessant sind die zwei anderen Illuminationen: Um den langen Körper der Midgardschlange darzustellen, wurde dieser in eine 8 gelegt und vertikal angeordnet. Für eine seitenfüllende Darstellung Fenris wurde sich damit beholfen, die Illumination um 174 Die Ausnahmen von dieser synoptischen Anordnung bilden Yngvi sowie die beiden Riesinnen Gunnl ǫ ð und Þ ǫ kk, für die es keinen eigenen Eintrag mit poetischen Umschreibungen im Annar Partur gibt. Weiterhin finden sich einzelne fragmentarische Zitate aus den Dæmisögur. 175 Das wird aus den Farbtönen auf Reparaturen an anderer Stelle deutlich, aber auch den Zeichenstil, der zwar Details wie Knopfleisten und Apfelbäckchen übernimmt, aber eine geschwungenere Linienführung zeigt. 176 Hierzu zählen beispielsweise die Seite mit zwei Riesinnen (Gunnl ǫ ð und Þ ǫ kk, AM 738 4to, f. 41v) sowie drei Götter mit in den Illuminationen verkörpert visualisierten Eigenschaften (H ǫ ðr ist mit geschlossenen Augen blind dargestellt, Týr hat nur eine Hand und Víðarr ist ohne Mund stumm dargestellt, AM 738 4to, f. 39r). 177 Diese umfassen die Einträge zu „ Dverga kienijngar “ , „ sverdskiennijngar “ , „ ä sverdi heiter oddurinn “ und „ sär mäa kïenna so “ (f. 45r/ v). Weiterhin sind hier Verzeichnisse über Namen aus der klassischen Mythologie ( „ Hier skrifast nøfn heidyngianna affguda. “ , f. 42r) sowie über Personennamen aus der Sturlunga saga ( „ manna nøfn ür sturlunga søg “ , AM 738 4to, f. 44v) enthalten. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 266 5 Neuschreiben <?page no="267"?> 90° nach rechts zu drehen. Dadurch konnte Fenrir in (stereotyper) Seitenansicht als Vierbeiner in einfacher Perspektive ohne Überschneidungen gezeigt werden. Die Illuminationen sind somit sicherlich für diese Handschrift entworfen worden, selbst wenn grundsätzlich eine Inspiration durch andere Bildwerke wahrscheinlich ist. Die Illuminationshand war mit den Inhalten des Annar Partur vertraut und gleiches gilt auch für die Dæmisögur, die auf diesen Seiten vereinzelt als Fragmente zitiert werden. Dass es sich hierbei ganz sicher nicht um Zeichnungen im „ einföldum og hrekklausum anda, líkt og þegar börn teikna “ ( ‚ einfältigen und naiven Geist, ähnlich wie auch Kinder zeichnen ‘ , Jón Helgason 1958: 76) handelt, wird daraus deutlich, wie komplex verbaler und visueller Text in diesen zwei Lagen der Prosa-Edda miteinander verwoben sind. Sie lösen Kategorien wie Bild, Text, Bildbeischrift, Prolog und Werk (der Text der Prosa-Edda in ihren Einzelabschnitten) mit den Umstellungen, Interpolationen, Korrekturen, Verlagerungen und Durchwirken mit Illuminationen völlig auf. 5.4.2.2 Die drei jüngeren Handschriften In den drei jüngeren Handschriften gehören fast alle Illuminationen zum erweiterten Prolog, zu dessen medialen Vielfalt sie entschieden beitragen. Weiterhin sind einzelne Motive in ÍB 299 4to an anderer Stelle - also nicht im erweiterten Prolog, sondern in der Rahmung ‒ angeordnet, werden aber aufgrund der Motive mit inhaltlichen Bezügen in der nachfolgenden Analyse einfließen. Alle Illuminationen und Beischriften wurden von Jakob Sigurðsson ausgeführt (Tab. 25). Jeweils zweimal gibt es eine Bildlage mit Illustrationen zu den Dæmisögur (NKS 1867 4to f. 92r - 99v; SÁM 66, f. 73r - 80v) bzw. ein illuminiertes Bifolium mit antiquarischen Motiven (NKS 1867 4to, f. 110r - 111v; ÍB 299 4to, f. 59r - 60v), nur NKS 1867 4to umfasst also beide. Die Motive von Bildlage bzw. Bifolium sind bis auf einzelne Ausnahmen gleich, weisen jedoch im Detail der Ausführung die handschriftentypische mouvance auf. Dadurch, dass die Bildlage und das Bifolium eigene materielle Strukturen ausbilden, hat Jakob Sigurðsson diese womöglich als optionales (und sicher preisabhängiges) Ausstattungsmodul anbieten können. 178 Die Illuminationen, die aus der nachfolgenden Analyse ausgeklammert werden, betreffen Illuminationen in SÁM 66, die nicht mit der Prosa-Edda im Zusammenhang stehen, und zusammen mit dem verbalen Text aus der Druckvorlage vom Calendarium Perpetuum von Þórður Þorláksson (1692) übernommen wurden. 178 Auch Baer (2013: 251) betont, wie sich die Unterschiede in den Bildlagen in NKS 1867 4to und SÁM 66 aus den unterschiedlichen Aufträgen ergaben. Die Bildseiten sind nicht (zeitgenössisch) paginiert und konnten so frei positioniert und zu einem späteren Zeitpunkt der Herstellung noch hinzugefügt werden. Dies entspricht der Herstellungsweise von Bildtafeln in gedruckten Büchern, die oft unpaginiert waren und manchmal als Ausstattungsmerkmal einer höherwertigen und teureren Ausgabe hinzugewählt werden konnten. Illuminationen in Modulen bzw. innerhalb des Schriftraums erforderten unterschiedliche Planung (Rudy 2016: 28). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 267 <?page no="268"?> NKS 1867 4to ÍB 299 4to SÁM 66 Bildlage mit 16 Bildseiten zu den Dæmisögur der Prosa-Edda Óðinn verteilt in Adlergestalt den Dichtermet f. 92r f. 76r Ullr auf Skiern mit Pfeil und Bogen f. 92v f. 76v Loki mit Fischernetz f. 93r f. 79r Þórr fischt in Begleitung von Hymir die Midgardschlange f. 93v f. 79v Kultbild von Óðinn mit Huginn und Muninn sowie Schwert und Stab f. 94r f. 77r Þórr mit Hammer und Zepter f. 94v und Eisenhandschuh f. 77v Auðumbla leckt Búri aus dem Stein f. 95r f. 74r Baugi bohrt in den Hvítbj ǫ rg, dahinter steht B ǫ lverkr (Óðinn) f. 95v f. 74v Hermóðr reitet zu Balldr nach Hel f. 96r f. 75r H ǫ ðr tötet Balldr, im Hintergrund Loki f. 96v f. 75v Heimdallr bläst ins Gjallarhorn f. 97r f. 80r Óðinn auf Sleipnir mit Dreizack f. 97v mit Schwert f. 80v Hárs lygi: Gangleri (König Gylfi) vor Hárr, Jafnhárr und Þriði f. 98r f. 78r Fenrir beißt Týr die Hand ab f. 98v f. 78v Valh ǫ ll und Heiðrún f. 99r f. 73r Þjazi in Adlergestalt wird von Lokis Speer getroffen f. 99v sowie Loki, Óðinn und H œ nir am Kessel f. 73v Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 268 5 Neuschreiben <?page no="269"?> NKS 1867 4to ÍB 299 4to SÁM 66 Antiquarische Motive des Bifoliums Hyrr ǫ kkin-Bildstein (Hunnestad-Monument) f. 110r f. 60v Runenstein von Tirsted f. 110v f. 134v 179 Drei Speerformen f. 111r f. 59r Hárs lygi: Gangleri (König Gylfi) vor Hárr, Jafnhárr und Þriði f. 111v f. 59v Mars/ Týr f. 60r Weitere Motive Kybele/ V ǫ lva f. 1v Titelseite Prosa-Edda mit Medaillons (im Uhrzeigersinn: Óðinn, Muninn, Rati, Auðumbla, Fenrir, Valh ǫ ll, Sleipnir, Heimdallr mit Gjallarhorn, Mj ǫ llnir, Huginn) f. 58r Tab. 25: Übersicht über die Illuminationen in den drei jüngeren Handschriften. NKS 1867 4to NKS 1867 4to enthält beide illuminierte Blöcke, die sich jeweils ganz ähnlich auch in einer der beiden anderen Handschriften finden: die Bildlage (Lage xiii, f. 92r - 99v; vgl. SÁM 66, f. 73r - 80v) sowie das Bifolium (Lage xv; vgl. ÍB 299 4to, f. 59r - 60v). Die Bildlage umfasst 16 Bildseiten mit Illustrationen zu den Dæmisögur der Prosa-Edda. Darin finden sich einzeln dargestellte Götter mit ihren jeweiligen Attributen sowie kleine narrative Szenen zu den Dæmisögur ‒ inklusive einer weiterbearbeiteten Fassung der Illuminationen zu Hárs lygi, die auf den Codex Upsaliensis zurückgeht. Nur ein Motiv weicht grundlegend von der Bildlage in SÁM 66 ab. Es ist das Motiv zum Þjazi-Mythos (NKS 1867 4to, f. 99v), das einen späteren Zeitpunkt im Narrativ als SÁM 66 (f. 73v) dargestellt. Die Beischriften benennen die dargestellten Figuren und Mythen und verweisen zumeist auf die entsprechende Dæmisaga. Somit sind sie durch die Querverweise als Leseeinstieg angelegt. 180 Manchmal enthalten die Beischriften noch zusätzliche Inhalte und/ oder sind in Versform gedichtet. Weiterhin ist - allerdings nur in dieser Handschrift ‒ eine Vielzahl der Beischriften in Runen- oder Geheimschrift ausgeführt. Die Platzierung dieser Bildlage direkt vor der Titelseite liest sich in beiden Handschriften wie eine visuell verdichtete Vorschau der nachfolgenden Dæmisögur. In Bezug auf die Motivwahl fällt ‒ mit Ausnahme von Hel ‒ die Abwesenheit weiblicher Figuren auf. Die Bildlage ist sowohl über ihre Motive und Beischriften der Prosa-Edda zugehörig erkennbar, auch wenn sie sich vor der Titelseite der Prosa-Edda befindet. Die Bildseiten wurden in der Inhaltsübersicht über die Gesamtkompilation der Handschrift separat aufgeführt - gleichrangig neben 179 Diese Bildseite findet sich in ÍB 299 4to außerhalb des Bifoliums weiter hinten in der Handschrift. 180 Die Nummerierung ist jedoch inkorrekt (s. unten). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 269 <?page no="270"?> Dæmisögur und Annar Partur. Das verdeutlicht, welche Aufmerksamkeit ihnen beigemessen wurde (f. 1r). An dieser Stelle stellt sich die Frage nach einer möglichen Bildvorlage. Aus materieller Perspektive könnte diese in Form eines (möglicherweise von Jakob selbst entworfenen) Heftchens vorgelegen haben: Ein Argument hierfür ist, dass die Bildseiten in einer abgeschlossenen Lage im Umfang eines typischen Quaternios angeordnet sind, welches wie ein Zusatzmodul eingefügt wurde. Weiterhin ließe sich als Argument die zu SÁM 66 identische Paarung der Motive auf Recto- und Verso-Seite der jeweiligen Einzelblätter bezogen anführen (vgl. Baer 2013: 231). Weitere Indizien für eine Vorlage finden sich in den Beischriften, deren Querverweise auf die entsprechende nachfolgende Dæmisaga konsequent um eine Nr. nach unten abweicht. Diese Nummerierung scheint unverändert von einer Vorlage übernommen worden zu sein, die sich auf eine andere Fassung bezog - bzw. könnte Jakob die Motive anhand einer anderen Textfassung entworfen haben. Auf visueller Ebene steht die Bildlage ästhetisch geschlossen dar - besonders deutlich wird dies beim Motiv Hárs lygi, das letztlich auf den Codex Upsaliensis zurückgeht, aber hier in die Gestaltungsprinzipien der Bildlagen eingepasst wurde (NKS 1867 4to, f. 98r; SÁM 66, f. 78r). Stilistisch erinnern die Bildlagen an Holzschnitte, deren mediale Ästhetik in die Gestaltung (bewusst oder unbewusst) eingeflossen ist, z. B. in der Betonung von organischen, eher groben Grundformen, die von klaren Linien umrissen sind und durch kräftige Schraffierungen ausgestaltet wurden, sie besitzen so eine große Ausdruckskraft, die auf der Linie als Gestaltungslement basiert. Die Rahmung der Bildseiten könnte dem Rand, der bei Druckgrafiken durch den Druckplattenrand entsteht, nachempfunden sein. Es scheint nicht unwahrscheinlich, dass Jakob die Vorlage selbst hergestellt haben könnte. Dafür sprechen die in sich kohärenten Bildlagen-Fassungen, die sich in den Titelseitenmedaillons in ÍB 299 4to (f. 58r) fortsetzen. Das illuminierte Bifolium in NKS 1867 4to befindet sich inmitten des erweiterten Prologs, direkt vor dem Vorwort III. Es umfasst vier Bildseiten mit Motiven zu antiquarischen Themen, deren Vorlage sich auf die in Kopenhagen gedruckte Abhandlung Antiqvitatum Danicarum von Bartholin (1690) zurückführen lässt. Einzig das ebenfalls daraus stammende Motiv von Hárs lygi lässt sich mit der Prosa-Edda in Verbindung bringen, enthält jedoch in dieser Fassung keinen expliziten Querverweis auf die Dæmisögur. Die anderen Bildmotive sind verschiedene Artefakte unterschiedlicher Provenienz: der Runenstein von Tirsted, der sog. Hyrr ǫ kkin-Bildstein (Hunnestad-Monument) sowie historische Speere. Über die Kopenhagener Druckvorlage (die wiederum auf verschiedene Publikationen zurückgeht) schließt die Integration dieser Motive an den dänisch-schwedischen Antiquarianismus an, präsentieren sie aber im isländischen Kontext. Diese durchaus einverleibenden Kompilationsstrategien ähneln denen der Vorlagen, die Illuminationen könnten so als Rückübertragung der zunächst in Dänemark und Schweden angeeigneten Motive aufgefasst werden. Inhaltlich stehen die Motive des Bifoliums in unmittelbarer Nähe zur umfangreichen Thematisierung von Runenschrift, der Kultur der Vorzeit und der Thematisierung von Kultbildern in anderen Inhalten dieser Handschriften. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 270 5 Neuschreiben <?page no="271"?> ÍB 299 4to Die Handschrift ÍB 299 4to enthält im direkten Zusammenhang mit der Prosa-Edda eine ausführlich illuminierte Titelseite der Prosa-Edda sowie das illuminierten Bifolium mit den antiquarischen Motiven (f. 59r - 60v) mit drei gleichen Motiven wie in NKS 1867 4to. Auf der Titelseite sind zehn Bildmedaillons, die stark verkürzte Zitate von Motiven aus der illuminierten Bildlage der beiden andere Handschriften umfassen, welche aus der Bildseite isoliert und herauslöst wirken. Dabei ist die Ähnlichkeit der Details zu SÁM 66 am größten. 181 Die Motive der Medaillons sind nur durch kurze Beischriften identifiziert und können auch ohne Querverweise als Illustrationen der Prosa-Edda eindeutig zugeordnet werden. Drei der vier Motive im illuminierten Bifolium entsprechen denen in NKS 1867 4to (Hárs lygi, Hyrr ǫ kkin-Bildstein und Speere). Die Ausnahme bildet eine Darstellung von Mars/ Týr, die nicht wie die anderen aus Bartholin (1690), sondern von einer unbekannten Vorlage stammt. Zwei der Bildseiten (Hárs lygi und Mars/ Týr) enthalten ‒ ähnlich wie die Bildlage in den beiden anderen Handschriften - in ihren Beischriften Verweise auf die entsprechenden nachfolgenden Dæmisögur (hier allerdings korrekt nummeriert). Das vierte Motiv aus Bartholin (1690) ‒ der Runenstein von Tirsted ‒ erscheint in dieser Handschrift weiter hinten (f. 134v), der Abhandlung Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructavon Runólfur Jónsson zugeordnet, die sich intensiv mit Runenschrift auseinandersetzt. Darüber hinaus umfasst die Handschrift zwischen Titelseite zu den Edda-Liedern und dem Beginn der V ǫ luspá eine Bildseite mit einer Kybele/ V ǫ lva (f. 1v). Beide Motive werden im weiteren Verlauf mit in die Analyse einbezogen, da sie in die Rahmung der Prosa-Edda eingehen und in Resonanz zu den anderen Motiven stehen. SÁM 66 Die jüngste der Handschriften, SÁM 66, enthält wie auch NKS 1867 4to die illuminierte Bildlage mit 16 Bildseiten direkt vor der Titelseite der Prosa-Edda. Die Besonderheiten der Bildlage in SÁM 66 sind: Als Motiv für den Þjazi-Mythos (f. 73v) ist eine andere, etwas frühere Szene des Narrativs ausgewählt worden als in NKS 1867 4to (f. 99v). Außerdem sind die Beischriften tendenziell umfangreicher und in Kanzleischrift ausgeführt und erlauben so einen leichteren Zugang zu den Bildmotiven. Nur an einer Stelle finden sich wie in NKS 1867 4to Runen: in der Beschriftung von Þórs Kräftegürteln Megingjarðar. Wie im weiteren Verlauf noch ausführlich dargestellt wird, ist trotz aller Gemeinsamkeiten eine systematische Individualisierung dieser Motive in ihrer jeweiligen Gestaltung erfolgt, so dass die Bildlagen jeweils ein etwas anders gelagertes Bild von den Mythen vermitteln. Ob sich die Einzelmotive in SÁM 66 heute in der originalen Reihenfolge befinden, ist nicht zu bestimmen, da die Bildseiten lose waren und die Lage repariert wurde. Die Anordnung richtet sich auch auf die Einzelblätter bezogen nicht an der Reihenfolge der Dæmisögur aus. 181 Vgl. die Medaillonmotive (im Uhrzeigersinn) und die Bildseiten in SÁM 66: Die oberen drei Medaillons (Huginn, Óðinn, Muninn) und SÁM 66 (f. 77r); Bohrer Rati und SÁM 66 (f. 74v); Auðumbla und SÁM 66 (f. 74r); Fenrir und SÁM 66 (f. 78v); Valh ǫ ll und SÁM 66 (f. 73r); Sleipnir und SÁM 66 (f. 80v); Heimdallr und SÁM 66 (f. 80r) sowie Mj ǫ llnir und SÁM 66 (f. 77v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 271 <?page no="272"?> Abb. 85: Þórs Fischzug, Lbs 1413 4to (Illum. 2). Foto: Friederike Richter, mit freundlicher Genehmigung von Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn wiedergegeben. Die Motive von SÁM 66 haben wiederum neue Illuminationen nach sich gezogen: So liegen unfertige Kopien einiger Motive liegen der Prosa-Edda-Handschrift Reykjavík, Landsbókasafn, Lbs 1413 4to bei, die 1839 wahrscheinlich von Halldór í Öxnafelli (Eyjafjörður) geschrieben wurde. 182 Öxnafell liegt südlich von Akureyri, und damit nicht allzu weit von den letzten Aufbewahrungsorten von SÁM 66 in der Skjálfandi-Bucht entfernt. Die dreizehn Bildseiten liegen in einem Umschlag bei, zehn Motive weisen außerordentliche Ähnlichkeiten mit den Bildseiten in der Fassung von SÁM 66 auf (Abb. 85, vgl. Abb. 89 unten), 183 es sind jedoch keine Beischriften enthalten. Es ist auffällig, 182 Vgl. Faulkes (1979c: 113 - 114) und Páll Eggert Ólason (1918: 512). 183 Es handelt sich dabei um folgende Motive (die Nummerierung entspricht der Reihenfolge im Umschlag): Loki stehend (Illum. 1; vgl. SÁM 66, f. 79r), Þórs Fischzug (Illum. 2; vgl. SÁM 66, f. 79v), Óðinn mit Schwert auf Sleipnir (Illum. 3; vgl. SÁM 66, f. 80v), Heimdallr mit Flügelschuhen, Flügelhut und Merkurstab bläst ins Gjallarhorn (Illum. 4; vgl. SÁM 66, f. 80r), Þjazi in Adlergestalt sowie Loki, Óðinn und H œ nir am Kessel (Illum. 7; vgl. SÁM 66, f. 73v), Hermóðr reitet auf Sleipnir nach Hel zu Balldr (Illum. 8; vgl. SÁM 66, f. 75r), Auðhumbla leckt Búri aus dem Stein (Illum. 9; vgl. SÁM 66, f. 74r), H ǫ ðr tötet Balldr, im Hintergrund Loki (Illum. 10; vgl. SÁM 66, f. 75v), Óðinn stehend mit Schwert und Stab (Illum. 11; vgl. SÁM 66, f. 77r) und Baugi (Illum. 13; vgl. SÁM 66, f. 74v). Drei weitere Motive basieren auf einer anderen Vorlage und lassen sich auf Darstellungen zur klassischen Mythologie in Emblembüchern zurückführen. Diese zeigen Caduceus mit Flügelhelm und Füllhörnern der Amalthea (Illum. 5), Triton (Meermann mit Schneckentrompete im Ouroboros, Illum. 6 oben), Wendehals bzw. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 272 5 Neuschreiben <?page no="273"?> wie detailliert die Bleistiftzeichnungen den Motiven in SÁM 66 entsprechen; diese müssen voneinander (oder ggf. einer gemeinsamen Vorlage) abgepaust worden sein. Da die Zeichnungen auf losen Blättern der Handschrift beiliegen, könnten diese ebenso von einer anderen Hand erstellt und erst später beigelegt worden sein. SÁM 66 enthält noch einige weitere Illuminationen, die zusammen mit dem Text aus dem in Skálholt gedruckten Calendarium Perpetuum. Ævarande Tijmatal von Þórður Þorláksson (1692) entnommen wurden (f. 170r ‒ 211r). Es handelt sich um schaubildartige Darstellungen komputistischen Inhalts. Eine detaillierte Untersuchung dieser fällt aus dem Rahmen dieser Studie, auch weil sie nicht im engeren Sinne dem Neuschreibeprozess der Prosa-Edda verbunden stehen. Wie bereits zuvor erwähnt, ist die Kompilation dieser Handschrift im Sinne eines thematisch breiten Kompendiums ausgerichtet, die zwischen zwei Buchdeckel gefasst wurden. Was aber aus diesen Illuminationen noch einmal deutlich wird, ist, wie sehr Jakob Sigurðsson Illuminationen als Teil des Textes ansah und gewissenhaft zusammen mit dem verbalen Text kopierte. 5.4.3 Gestaltung Im Folgenden wird ausführlich die visuelle Gestaltung der Illuminationen analysiert. Dabei liegen die Schwerpunkte auf den Bildformen, der Darstellung von Räumen sowie den anthropomorphen Figuren. Gerade die Analyse der Gestaltung von Körper, Physiognomie und Bekleidung beantwortet zentrale Fragen nach Vorstellungen von Alterität und Identität sowie Haltung gegenüber den eddischen Gött: innen. Alle Illuminationen sind in diesen Handschriften als Federlinienzeichnungen ausgeführt. Fast alle Motive sind anschließend koloriert worden, wobei die genaue Ausgestaltung der Kolorierung beim Zeichnen der Umrisslinien nicht unbedingt vorausgeplant zu worden sein scheint, da die Farbe oftmals Schraffuren überdeckt. Das Farbspektrum aller vier Handschriften ist relativ ähnlich und umfasst nur wenige Farbtöne, die nicht gemischt, sondern separat nebeneinander eingesetzt wurden. Der Farbauftrag ist lavierend bis deckend, was offensichtlich von der Beschaffenheit der jeweiligen Farbe abhing. Vor allem in AM 738 4to sind die Farben stellenweise so pastos aufgetragen, so dass sie die darunterliegende Federlinienzeichnung vollständig überdecken. 184 Der Einsatz von Farbe wertet die Illuminationen visuell auf, er macht sie komplexer, lebendiger und hebt sie noch deutlicher von den Schriftseiten ab. Gleichzeitig ist der Farbauftrag gezielt vorgenommen worden; keinesfalls wurden die Motive komplett ‚ ausgemalt ‘ . So ist beispielsweise vor allem die Bekleidung Bachstelze im Orbit (Illum. 6 unten) und Geryon (dreiköpfiger Riese, Illum. 12). Sie weisen Ähnlichkeiten zu jüngeren Auflagen von Alciatos Emblembüchern auf (vgl. Alciato 1621: 213, 343, 507, 568). 184 Die Farben, die in AM 738 4to für die Kolorierung der Illuminationen verwendet wurden, haben eine grobkörnige matte Oberfläche und erscheinen heute porös, es handelt sich hierbei vermutlich um Gouache (Margrét Eggertsdóttir 2014a: 127). An vielen Stellen ist sie aufgrund des pastosen Farbauftrages abgebröckelt, an mehreren Stellen hinterließ die Farbe Abriebspuren oder Farbflecken auf der gegenüberliegenden Seite. Die Farben wurden zumeist flächig und ungemischt verwendet, es fehlen Schattierungen. Dies spricht dafür, dass die Hand, im Umgang mit Farben nicht sehr geübt war. Nur an einer Stelle wurden die Farben gemischt - als einzelne kleine Pinseltupfer direkt auf dem Papier (f. 41v, Þökk). Weiterhin ist das deckende Altrosa mit Glimmerpartikeln erst später, wahrscheinlich von der Ergänzungshand (5), hinzugefügt worden. Es wurde u. a. über das Rostrot aufgetragen (f. 41v, Gunnl ǫ ð) sowie auf die aufgeklebten Reparaturstreifen (AM 738 4to, f. 1r, 3r, 5r, 13r, 40v, 129r und 130r sowie auf der Rückseite des Ausbesserungsstreifens von f. 132r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 273 <?page no="274"?> koloriert worden, aber Hintergründe und Inkarnat in Papierfarbe belassen - mit Ausnahme davon, wenn Wangenrot oder z. B. die Zweifarbigkeit von Hels Gesicht betont werden sollte (NKS 1867 4to, f. 96r; SÁM 66, f. 75r). Die Kolorierung erfolgte in jeder Handschrift individuell, so dass die Bildlagen in NKS 1867 4to und SÁM 66 zwar sehr unterschiedlich koloriert wurden, der Gesamteindruck dadurch aber nicht gravierend verändert wurde. Dies lässt darauf schließen, dass etwaiige Bildvorlagen unkoloriert gewesen sind. 5.4.3.1 Motive und Einzeldarstellungen Die Motive der Illuminationen sind zahlreich wie komplex, wobei sich die meisten Illuminationen drei Gruppen zuordnen lassen: Einzelmotive (v. a. von Gött: innen), Mythennarrative sowie antiquarische Artefakte. Die Einzelmotive unterscheiden sich von den Mythennarrativen dahingehend, dass die Einzelmotive isolierte Figuren (mit ihren Attributen) zeigen und die Mythennarrative eine kleine Szene mit einer Interaktion von mindestens zwei Figuren beinhalten. Die Illuminationen zeigen bis auf wenige Ausnahmen vor allem die anthropomorphen Figuren und die auf die wesentlichen Elemente verdichteten Narrative. Auch wenn die Motive in AM 738 4to mit Annar-Partur-Kapiteln verbunden wurden, treten die eddischen Figuren und die dadurch evozierten Narrative ins Rampenlicht. Gleiches gilt auch für ÍB 299 4to, wo ebenfalls die mit den Dæmisögur verbundenen Motive in der Überzahl sind. Diese visuelle Schwerpunktsetzung scheint vorwegzugreifen, was auch heute gilt, dass das Hauptinteresse gewöhnlich den Mythennarrativen der Gylfaginning (bzw. Dæmisögur) gilt. 185 Einzeldarstellungen Viele der Motive in den vier Handschriften umfassen Einzeldarstellungen, v. a. von den Gött: innen mit ihren Attributen. So sind auch alle Illuminationen in AM 738 4to Einzeldarstellungen, wodurch sie nahezu einen enzyklopädischen Charakter erhalten. Der serielle Charakter der Einzeldarstellungen wird dadurch verstärkt, dass diese statisch aufrechtstehend und ohne Interaktion dargestellt wurden. Die gewählten Attribute beziehen sich teilweise auf den verbalen Text der Prosa-Edda, v. a. auf die nebenstehenden Heiti und Kenningar, wie beispielsweise die Skier von Ullr (f. 39v), das Gjallarhorn von Heimdallr (f. 36v), der Zweig in Speerform von H ǫ ðr (f. 39r) oder die Attribute von Þórr (Hammer, Megingjarðar und Eisenhandschuh, f. 36r). Andere Attribute sind Visualisierungen von abstrakteren Konzepten: der Krug und Kelch für den Dichtermet von Óðinn (f. 34v), die Blase, aus der Nj ǫ rðr Wind entweichen lässt (f. 36r), das Buch für Balldrs Klugheit (f. 36v) oder die Schreibutensilien für die Dichtkunst von Bragi (f. 41r). Auch körperliche Merkmale einzelner Figuren wurden berücksichtigt. In der zweiten illuminierten Lage sind die Einzelmotive unabhängig von einer Paarung mit Abschnitten des Annar Partur ausgewählt und als ein großes Motiv pro Bildseite angelegt. Die zwei Monster Midgardschlange (mit Angelköder, f. 43r) und Fenrir (mit Fesseln, f. 43v) sind zwar mit Attributen dargestellt, die die zugehörige Mythennarrative evozieren, aber trotzdem erscheinen sie isoliert, weil keine weiteren in diese Narrative involvierten Figuren dargestellt wurden. Die komplexesten Darstellungen der Handschriften betreffen 185 Zur Popularität der Gylfaginning vgl. Heslop (2022). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 274 5 Neuschreiben <?page no="275"?> Valh ǫ ll (f. 42v) und Yggdrasill (f. 44r), die attributiv die jeweiligen Bewohner: innen zeigen. 186 Von den beiden Bildlagen in NKS 1867 4to und SÁM 66 lassen sich sieben der sechzehn Bildseiten als Einzeldarstellungen identifizieren. 187 Dabei fällt auf, dass Óðinn jeweils zwei Bildseiten zufallen und er jeweils mit unterschiedlichen Attributen (den beiden Raben Huginn und Muninn bzw. Sleipnir) dargestellt wurde. So wurde ihm im Sinne einer Bedeutungsperspektive 188 mehr Präsenz eingeräumt ‒ ähnlich wie bei der sehr viel größeren, Illumination von Óðinn in AM 738 4to (f. 34v) oder in der zentralen Position in der oberen Reihe der Bildmedaillons auf der Titelseite in ÍB 299 4to (f. 58r). Die Motive beider Bildlagen weichen in einigen Details - u. a. den ausgewählten Attributen, Bildbeischriften sowie der Physiognomie und Mimik der Götter - voneinander ab. So vermitteln die beiden unterschiedliche Gesamteindrücke, nach dem die Figuren in NKS 1867 4to deutlich verstimmter erscheinen als in SÁM 66, in der diese freundlich dargestellt wurden (s. unten). Die Bildmedaillons in der Titelseite von ÍB 299 4to (f. 58r) beinhalten isolierte Einzelmotive als visuelle Abbreviatur der Bildlagen. Einige Medaillons umfassen nur Details wie z. B. Þórs Hand mit Mj ǫ llnir, mit ihren Gesichtern sind nur Óðinn mit den Raben und Heimdallr und Flügelhelm zu sehen. 189 Des Weiteren umfasst diese Handschrift zwei weitere Bildseiten mit Einzeldarstellungen, die der Interpretatio Romana verhaftet sind und später ausführlich analysiert werden (s. u., Kap. 5.5.2.2): die von Mars/ Týr (f. 60r) sowie im Zusammenhang mit der eddischen Dichtung Kybele/ V ǫ lva (f. 1v). 190 Antiquarische Artefakte Eine weitere Gruppe von Motiven findet sich in NKS 1867 4to und ÍB 299 4to. Diesen ist gemein, dass sie auf das gedruckte Buch Antiqvitatum Danicarum von Thomas Bartholin d. J. (1690) zurückzuführen sind. In NKS 1867 4to befinden sich alle vier Bildseiten auf dem illuminierten Bifolium im erweiterten Prolog, es handelt sich um: • sog. Hyrr ǫ kkin-Bildstein vom Hunnestad-Monument (NKS 1867, f. 110r; ÍB 299 4to, f. 60v; vgl. Bartholin 1690: 370, Worm 1643: 188), • Runenstein von Tirsted (NKS 1867 4to, f. 110v; vgl. Bartholin 1690: 439), • drei Speerformen (NKS 1867, f. 111r; ÍB 299 4to, f. 59r; vgl. Bartholin 1690: 365), • Hárs lygi (Fassung 1) (NKS 1867, f. 111v; ÍB 299 4to, f. 59v; vgl. Bartholin 1690: 473). 186 So sind in Valh ǫ ll drei Einherjar, Heimdallr als Wächter im Portal sowie Heiðrún und Eikþyrnir auf dem Dach zu sehen. Rund um Yggdrasill finden sich der Adler und die vier Hirsche sowie Ratat ǫ skr und Níðh ǫ ggr (AM 738 4to, f. 42v, 44r), 187 Heimdallr bläst ins Gjallarhorn (NKS 1867 4to, f. 97r; SÁM 66, f. 80r), Loki mit Fischernetz (NKS 1867 4to, f. 93r; SÁM 66, f. 79r), Óðinn auf Sleipnir (NKS 1867 4to, f. 97v; SÁM 66, f. 80v, Kultbild von Óðinn mit Huginn und Muninn sowie Schwert und Stab (NKS 1867 4to, f. 94r; SÁM 66, f. 77r), Þórr mit Hammer (NKS 1867 4to, f. 94v; SÁM 66, f. 79v), Ullr auf Skiern mit Pfeil und Bogen (NKS 1867 4to, f. 92v; SÁM 66, f. 76v) sowie Valh ǫ ll und die Ziege Heiðrún (NKS 1867 4to, f. 99r; SÁM 66, f. 73r). 188 Bedeutungsperspektive bezeichnet die Strategie, Motivgrößen in Abhängigkeit von ihrer Bedeutung zu gestalten - also wichtige Motive größer als weniger wichtige darzustellen. 189 Die Motive der Medaillons sind im Uhrzeigersinn v. o. l.: Huginn, Óðinn, Muninn, Rati, Auðumbla, Fenrir, Valh ǫ ll, Sleipnir, Heimdallr mit Gjallarhorn sowie Mj ǫ llnir. 190 Dafür dienten sicherlich antiquarische Publikationen oder Loseblatt-Drucke als Bildvorlagen. Die sich auf die Eddas beziehenden Beischriften sind vermutlich von Jakob Sigurðsson verfasst worden. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 275 <?page no="276"?> In ÍB 299 4to wurden die Motive etwas anders verteilt. Drei davon finden sich auf dem Bifolium im erweiterten Prolog, wobei Mars/ Týr (f. 60r) als viertes Motiv hinzukommt. Dafür wurde der Runenstein von Tirsted weiter nach hinten verschoben (f. 134v). In Bartholins Buch sind die Kupferschnitte verstreut und verbal in die Abhandlung eingebunden. In den Handschriften erscheinen sie jedoch - bis auf Hárs lygi - zunächst etwas kontextlos. Auch wenn Bartholins Buch laut Titel von der Verachtung der Dänen vor dem Tode handelt, gibt er vor allem einen kulturhistorischen Überblick über die Vergangenheit und zitiert dabei umfangreich aus altnordischer Literatur, wie sie in isländischen Handschriften des Mittelalters überliefert war. Diese erschien damit oft zum ersten Mal gedruckt und ins Lateinische übersetzt und prägte lange Zeit die Kenntnis über die altnordische Literatur. Obwohl diese Abhandlung die Prosa-Edda - und andere altnordische Literatur - rezipiert, mag es dennoch überraschen, warum diese Illuminationen Eingang in die Handschriften gefunden haben. Inhaltlich erscheinen sie zunächst etwas zusammenhanglos: Der Schlüssel liegt neben dem Interesse für die Runenschrift vor allem in der Bildseite mit dem Motiv von Hárs lygi, die das Rahmennarrativ der Dæmisögur darstellte und sich über Zwischenstufen bis zum Codex Upsaliensis (DG 11 4to) zurückverfolgen lässt. In Bartholins Buch wie auch in dieser Fassung (1) in den Handschriften erscheint dieses Motiv als Darstellung eines historischen Artefakts (Baer 2013: 68, 72 - 73), Jakob Sigurðsson hat es dann für die Bildlagen noch in einer zweiten Fassung bearbeitet. Aber auch die anderen Motive des Bifoliums gliedern sich in den erweiterten Prolog nachvollziehbar ein. Der sog. Hyrr ǫ kkin-Bildstein verbindet Dichtung und visuelle Artefakte der Vergangenheit: Er wird zwar heute zumeist als die einen Wolf reitende Riesin Hyrr ǫ kkin interpretiert (Clunies Ross 2007: 170 - 171, Fuglesang 2007: 201 - 202), 191 doch bei Bartholin wurde das Motiv als Óðinn auf Sleipnir aufgefasst und mit dem Rätsel von Gestum blindi aus der Hervarar saga ok Heiðreks (Str. 36) zusammengeführt. In dieser wird nach Óðinn auf Sleipnir gefragt, die in den Handschriften ebenfalls als Beischrift erscheint. Die beiden Bildfassungen von Jakob weisen leichte Unterscheide auf, wobei sich die Fassung in ÍB 299 4to mehr von der Vorlage entfernt (Baer 2013: 70 - 72). Der Runenstein von Tirsted visualisiert die Verwendung der Runenschrift in der Vergangenheit und schließt an das Interesse für Runenschrift in den Handschriften an. Er beinhaltet eine typische Gedenkinschrift nach dem Tod eines Verwandten. Bartholins Abbildung geht auf Notæ Vberiores in Historiam Danicam Saxonis Grammatici von Stephanius (1645: 153) zurück, der den Stein darstellte, als er noch einen Teil einer Mauer bildete. Der Stein befindet sich heute im dänischen Nationalmuseet in Kopenhagen (DR 216). 192 Die Speere passen inhaltlich zu den Listen mit den poetischen Umschreibungen im Annar Partur, die häufig Themen wie Kampf und Waffen thematisieren. 193 Bei Bartholin und seinen Vorlagen dienten diese Grafiken der gelehrten Beschäftigung mit dem kulturellen Erbe. 191 Der Stein gehört zum sog. Hunnestad-Monuments aus Skåne und befindet sich heute im Museum von Kulturen in Lund (Sk 57, DR 285). 192 Eine Illumination des Runensteins in Tirsted findet sich auch Reykjavík, Landsbóksafn, Lbs 977 4to (f. 8r). Die Handschrift wurde 1818 ‒ 1820 von Loftur Sigurðsson geschrieben. 193 Vgl. die vorgezogenen Abschnitte in AM 738 4to (f. 45v), die unter anderem Kenningar zu Schwertern auflisten. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 276 5 Neuschreiben <?page no="277"?> Diese Illuminationen wurden sehr gewissenhaft übertragen und deutlich weniger verändert als die der Bildlagenmotive, das gilt sogar für die Beischriften. Es ist interessant, dass sich Jakob Sigurðsson in den zwei Handschriften durch die Integration dieser Abbildungen die antiquarische Perspektive aneignet und deren Richtung ändert, indem er u. a. dänische und schwedische Artefakte genauso wie die Prosa-Edda als Beispiele für die Kultur der Vorzeit einsetzt. Damit verdrehte er die dänische und schwedische Inanspruchnahme der mittelalterlichen Literatur wie sie in isländischen Handschriften erhalten ist ins Gegenteil. 5.4.3.2 Bildnarrative Illuminationen, die komplexer angelegt sind und Narrative der Prosa-Edda darstellen, finden sich - über das Motiv zu Hárs lygi in den drei jüngeren Handschriften hinaus - nur in den Bildlagen von NKS 1867 4to und SÁM 66. Darin sind jeweils neun Bildseiten, die jeweils eine Episode einer Dæmisaga illustrieren und mindestens zwei Figuren zeigen, die miteinander interagieren: Ein Motiv zeigt z. B. das Abbeißen von Týs Hand durch den gefesselten Fenrir oder Þórr, der versucht, die Midgardschlange zu angeln und dabei mit Hymir in Streit gerät. Einige Narrative wurden durch zwei zusammengehörige Motive in Form einer Bildsequenz illustriert: 194 Die erste Bildseite zu Balldrs Tod zeigt den Moment, in dem Loki durch List H ǫ ðr dazu bringt, Balldr zu töten. Im zweiten Motiv reitet Hermóðr nach Hel und versucht Balldr auszulösen (NKS 1867 4to, 96r/ v; SÁM 66, f. 75r/ v). Ein anderes Narrativ betrifft den Dichtermet: In einer Illumination bohrt Baugi in Begleitung von Óðinn (in Gestalt von B ǫ lverkr) in den Hvítbj ǫ rg (um zu Suttungs Tochter Gunnl ǫ ð zu gelangen, die den Met hütet). Das zweite Motiv zeigt, wie Óðinn in Gestalt eines Adlers den Dichtermet in Gefäße in Ásgarðr spuckt sowie in Form von Ausscheidungen zu den Menschen bringt, er wird dabei von Suttungr, ebenfalls in Adlergestalt, verfolgt (NKS 1867 4to, f. 92r, 95v; SÁM 66, f. 74v, 76r). Die Bildseiten sind nicht immer chronologisch zueinander angeordnet; überhaupt scheint der Reihenfolge der Motive in der Bildlage keiner erkennbaren Logik zu folgen. Das einzige Motiv, das sich in den beiden Bildlagen grundlegend unterscheidet, illustriert den Þjazi-Mythos. Die Illumination in SÁM 66 (f. 73v, Abb. 86) stellt einen früheren Moment des Narrativs dar: Óðinn, Loki und H œ nir sitzen um einen Kessel, während Þjazi in Adlergestalt 195 über ihnen im Baum sitzt und das Garen der Mahlzeit verhindert. Die Illumination in NKS 1867 4to (f. 93v, Abb. 87) zeigt, wie später Loki wütend Þjazi mit einer Stange angreift, aber selbst an dieser haften bleibt und vom fliegenden Þjazi mitgezogen wird. Da für einige andere Narrative zwei Motive vorhanden sind, wäre es also möglich, dass die Bildvorlage vielleicht größer als ein Quaternio war 194 Die Bildnarrative in Bildlagen betreffen folgende Motive: Auðumbla leckt Búri aus dem Stein (NKS 1867 4to, f. 95r; SÁM 66, f. 74r); Balldrs Tod (1): H ǫ ðr tötet Balldr, im Hintergrund Loki (NKS 1867 4to, f. 96v; SÁM 66, f. 75v); Balldrs Tod (2): Hermóðr reitet zu Balldr nach Hel (NKS 1867 4to, f. 96r; SÁM 66, f. 75r); Dichtermet (1) Baugi bohrt in den Hvítbj ǫ rg, dahinter steht B ǫ lverkr (Óðinn) (NKS 1867 4to, f. 95v; SÁM 66, f. 74v); Dichtermet (2): Óðinn verteilt in Adlergestalt den Dichtermet (NKS 1867 4to, f. 92r; SÁM 66, f. 76r); Fenrir beißt Týr die Hand ab (NKS 1867 4to, f. 98v; SÁM 66, f. 78v); Hárs lygi (Fassung 2) (NKS 1867 4to, f. 98r; SÁM 66, f. 78r); Þjazi-Mythos (NKS 1867 4to, f. 99v; SÁM 66, f. 73v) und Þórr fischt in Begleitung von Hymir die Midgardschlange (NKS 1867 4to, f. 93v; SÁM 66, f. 79v). 195 Der Vogel hat große Ähnlichkeiten mit einer anderen Illumination von Jakob Sigurðsson (Lbs 781 4to, f. 94v, aus dem Jahr 1759). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 277 <?page no="278"?> und beide Motive umfasst hat, sich Jakob Sigurðsson aber aufgrund der zur Verfügung stehenden Anzahl der Seiten jeweils nur für eins entschieden hat. Denkbar ist auch, dass Jakob das Motiv für SÁM 66 noch einmal überarbeitete - vor allem, wenn die Vorlage von ihm selbst stammte. Die Wahl des Motivs ist kongruent zur Tendenz, dass die Bildlagenmotive in NKS 1867 4to dramatisch-konfliktgeladener und in SÁM 66 heiterer, zuweilen unterhaltsam angelegt sind (vgl. Baer 2013: 228 - 243, hier: 229). Darauf wird nun im Zusammenhang mit Þórs Fischzug noch einmal detailliert eingegangen Þórr angelt die Midgardschlange Selbst wenn zwei Illuminationen von Jakob Sigurðsson das gleiche Motiv zeigen, lassen sich subtile Unterschiede feststellen, die das Narrativ der dargestellten Szene unverkennbar variieren. Nachfolgend sollen deshalb die beiden Fassungen zu ‚ Þórs Fischzug ‘ 196 Abb. 86: Þjazi sitzt in Adlergestalt auf einem Baum und darunter sitzen Loki, Óðinn und H œ nir um den Kessel, SÁM 66 (f. 73v). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Abb. 87: Þjazi fliegt in Adlergestalt weg und zieht dabei Loki mit, NKS 1867 4to (f. 99v). Foto: Friederike Richter. 196 Die Bezeichnung wurde häufig verwendet, so auch in dieser Studie. Dennoch sei bemerkt, dass diese sowohl aus inhaltlichen Gesichtspunkten ( „ Fisch “ ) als auch der implizierten longue durée eines stabilen Mythos nicht optimal ist. Als visuelle Darstellungen eines solchen Mythos werden wiederholt Bildsteine aus dem 8. - 11. Jh. diskutiert. Diese konnte Jakob Sigurðsson - wie deren Interpretationen - nicht kennen. Obwohl die literarischen und bildlichen Darstellungen in ihren Details voneinander abweichen und zeitlich wie geographisch (Island vs. Skandinavien/ England) weit auseinanderliegen, werden diese immer wieder in Untersuchungen als ‚ Überlieferungszeugen ‘ eines solchen (relativ) Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 278 5 Neuschreiben <?page no="279"?> eingehender betrachtet werden, die sich in den beiden Bildlagen finden (NKS 1867 4to, f. 93v, Abb. 88; SÁM 66, f. 79v, Abb. 89). 197 Beide Illuminationen beziehen sich auf die entsprechende Dæmisaga (Ds. XLII, Transkription im App. 5.3.2.2), in welcher der Riese Hymir mit Þórr zum Fischen ausrudert, bei der Þórr die Midgardschlange angelt, aber Hymir interveniert und die Midgardschlange entrinnen kann. 198 Um den Beitrag der Illuminationen zum Neuschreiben zu verdeutlichen, wird an dieser Stelle zunächst kurz auf die verbale Darstellung in den Dæmisögur eingegangen. Die zugehörige Überschrift erwähnt die Bootsfahrt von Þórr und Hymir, nicht aber die Midgardschlange: „ XLII Dæmesaga Ad þör rere a Sio med Yme Jótun “ (NKS 1867 4to, f. 133r25 - 26, ‚ XLII. Dæmisaga. Dass Þórr mit dem Riesen Ymer aufs Meer rudert ‘ ; vgl. ÍB 299 4to, f. 90v). 199 Die verbale Darstellung in der Dæmisaga ist von Visualität gezeichnet, u. a. bilden das Aussehen der Protagonisten und der Austausch von Blicken zentrale Elemente. 200 Einige stabil konzipierten Mythos zusammengeführt, u. a. von Meulengracht Sørensen (2002), Kopár (2016) und von See u. a. (1997: 259 - 262). Über die Schwierigkeit, diese und andere ältere bildliche Darstellungen zu deuten, vgl. Fuglesang (2007: 198), Maier (1998: 292) und Schier (1976: 425). 197 Die beiden Bildlagen umfassen weiterhin eine Einzeldarstellung Þórs mit Hammer, Kräftegürteln und einem stilisierten Kopf der Midgardschlange an einem Band, das Attribut, das vom ‚ Sonnengesicht ‘ in Hárs lygi inspiriert ist (s. oben; NKS 1867 4to, f. 94v; SÁM 66, f. 77v). Die anderen zwei Handschriften enthalten Einzeldarstellungen, die sich mehr oder weniger explizit auf das Narrativ, in dem Þórr die Midgardschlange angelt, beziehen lassen: In AM 738 4to sind zwei separate Motive, sowohl eine Illumination von Þórr mit dem Hammer (AM 738 4to, f. 36r) als auch von der Midgardschlange mit Angelköder (f. 43r). In ÍB 299 4to (f. 58r) ist in einem Titelseitenmedailon Þórs Hand, die den Hammer hält, dargestellt. 198 Diese befinden sich in NKS 1867 4to (f. 133r - 134r); ÍB 299 4to (f. 90v - 91r); SÁM 66 (f. 118r - 119r); vgl. die Transkription im App. 1.2 - 4.4. Das Ziel der Bildseiten war die Illustration der entsprechenden Dæmisaga, nicht die Darstellung eines übertextlichen Mythos: Die ebenfalls in den Handschriften enthaltende Hymiskviða ist nicht bei der Gestaltung eingeflossen (NKS 1867 4to, f. 24r4 - 25v6; SÁM 66, f. 25v14 - 27v8), zur Hymiskviða vgl. u. a. von See u. a. (1997). Weiterhin enthält die in NKS 1867 4to enthaltende Útlegging yfir V ǫ luspá von Björn á Skarðsá in Kap. 19 eine knappe Zusammenfassung der Episode (NKS 1867 4to, f. 75r). Diejenigen skaldischen Strophen, die sich auf das Narrativ beziehen, finden sich zwar in unterschiedlichem Umfang in den mitteltalterlichen Skáldskaparmál, fehlen aber in den Fassungen des Annar Partur der beiden Handschriften und konnten somit nicht die in die Bildgestaltung einfließen. Diese (zum Teil nur fragmentarischen) Strophen wurden oftmals erst in modernen Editionen wie von Finnur Jónsson (1912a, 1912b, 1915a, 1915b) oder in den aktuellen Ausgaben vom The Skaldic Project (Clunies Ross u. a. 1997 - , Gade/ Marold 2017) basierend auf der Zuordnung der Namen der Skalden und anhand des aus Hymiskviða und Gylfaginning bekannten Narrativs zu Gedichten zusammengefügt: Bragi hinn gamli Boddason: Thor ’ s fishing (vgl. Clunies Ross 2017b); Eysteinn Valdason: Þórsdrápa, Str. 1 - 3 (vgl. Clunies Ross 2017c); Úlfr Uggason: Húsdrápa, Str. 3 - 6 (vgl. Marold u. a. 2017) sowie Fragmente von Gamli gnævaðarskáld (vgl. Clunies Ross 2017d) und Ǫ lvir hnúfa (vgl. Clunies Ross 2017e). Die Zusammengehörigkeit und Reihenfolge der Strophen variiert, so hatte Clunies Ross (2017b) die bisher als Str. 14 - 19 der Ragnarsdrápa zugeordneten Strophen separat als Thor ’ s fishing ediert (vgl. Clunies Ross 2007: 168 - 169). Diese skaldischen Darstellungen waren immer wieder Gegenstand zahlreicher Forschungsbeiträge (Clunies Ross 2007, Heizmann 1999, Heslop 2009, 2022: 81 - 107, Hines 2007, Hines/ Ashman Rowe 2007, Marold 2000, McTurk 2004, Poole 2007, Richter 2015 und Schier 1976). 199 Nur leicht abweichend ist die Überschrift in SÁM 66: „ XLII. D: s: Þör rere äsioo. med Yme Jötne “ (SÁM 66, f. 118r24; ‚ XLII. Dæmisaga. Þórr rudert mit dem Riesen Ymer aufs Meer ‘ ). 200 Vgl. zur Visualität den mittelalterlichen verbalen Darstellungen Clunies Ross (2007: 180), Heslop (2022: 103 - 105) und von See u. a. (1997: 259). Zum Aspekt der Komik vgl. Clunies Ross (2007: 180). Mehrere der mittelalterlichen skaldischen Strophen wurden aufgrund ihrer verbal erzeugten Visualität als Ekphrasis diskutiert. Zur Interpretation dieser Strophen als Ekphrasis vgl. Clunies Ross (2007: 169, 177 - 178, 2017a: 48) und Marold (2000: 283). Besonders ausführlich ist die Analyse zur Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 279 <?page no="280"?> Momente der Handlung werden nahezu filmisch-detailliert beschrieben und erinnern zuweilen an Slapstick-Komik: Þórr zurrt die Midgardschlange mit der Angel aus dem Meer, schlägt jedoch durch den Gegenzug der Midgardschlange mit seinen Fäusten auf das Dollbord auf und bricht anschließend mit beiden Füßen durch das Boot bis auf den Meeresgrund. Es folgt das gegenseitige Anstarren von Þórr und der Gift blasenden Midgardschlange. 201 Als Þórr im Begriff ist, dieser mit seinem Hammer einen Hieb zu versetzen, greift Hymir ein und trennt die Angelschnur durch, woraufhin die Midgardschlange ins Meer zurücksinkt. Für deren Schicksal werden zwei Alternativen angegeben: Entweder wird die Midgardschlange von Þórs nachgeworfenem Hammer getötet ‒ oder nicht. Danach schubst Þórr Hymir über Bord, so dass nur noch dessen Fußsohlen zu sehen sind, er also vermutlich ertrinkt. Insgesamt ist die Episode im Vergleich zur Gylfaginning (im Codex Regius) stark gerafft, kürzer als in der Gylfaginning sind v. a. die Streitigkeiten von Þórr und Hymir. 202 Deshalb ist es besonders interessant, dass Jakob Sigurðsson gerade den Streit zwischen Þórr und Hymir als das zentrale Thema für die Bildseiten ausgewählt hat. 203 Zu sehen ist, wie Þórr und Hymir sich in einem Ruderboot gegeneinander wenden, wobei Þórr mit einer Hand seinem Hammer erhoben hat. Die Körper beider erscheinen, wie in den Bildlagen- Illuminationen üblich, ungelenk und plump, beide sind in etwa gleich groß. Þórs besondere Kraft wird durch die - in dieser Dæmisaga - nicht erwähnten Kräftegürtel mit der Runenbeschriftung „ meigingi “ (für Megingjarðar, ‚ Kräftegü(rtel) ‘ ) dargestellt. Sein rechter 204 Unterarm ist in beiden Fassungen (unterschiedlich) verdreht - und damit anatomisch unmöglich am Ellenbogen angesetzt: Es lässt sich fragen, ob Þórr so überhaupt seinen Hammer erfolgreich gegen Hymir einsetzen könnte. Möglicherweise handelt es sich hierbei um eine absichtliche Unterhöhlung der Schlagkraft des Hammers, dessen länglicher Kopf in NKS 1867 4to einer Hacke ähnelt. Þórr hält mit der anderen Hand die Angelschnur locker in der Hand, deren anderes Ende im Rachen der Midgardschlange Visualität der skaldischen Þórr-Strophen von Heslop (2022: 81 - 131). Sie hat in dem Zusammenhang vorgeschlagen, die Skaldik nicht in Abhängigkeit eines physischen Bildes konzipiert zu verstehen und bezeichnet diese deshalb nicht als Ekphrasis sondern als „ skaldic picture poem “ (Heslop 2022: 84 - 85). 201 An dieser Stelle wechselt kurz die Erzählperspektive, in dem kurz auf den schrecklichen Anblick dieser Szene verwiesen wird. Dadurch erstarrt die Handlung, der Augenblick wird als dramatischer Höhepunkt inszeniert. Diese Motivspiegelung hat die Form einer Mise en abyme, weil diese Konfrontation als visuell erlebte Betrachtung beschrieben wird. 202 So ist das anfängliche Gespräch beider darüber, ob Þórr mitfahren darf - im Gegensatz zu den mittelalterlichen Fassungen - ausschließlich in indirekter Rede wiedergegeben und damit weniger lebendig. Es fehlt weiterhin Þórs wütende Reaktion auf Hymis Unwillen, ihn auf den Angelausflug mitzunehmen, als er erwägt, den Hammer gegen den Riesen einzusetzen. Später wird zwar allgemein erwähnt, dass sich Hymis Gesicht angesichts der giftspeienden Midgardschlange und des hereinströmenden Wassers verfärbt, aber nicht expliziert, dass er Angst hat und abwechselnd erbleicht und errötet. 203 Vgl. die unfertige Zeichnung in Lbs 1413 4to, Taf. 2, evtl. Halldór Jónsson í Öxnafelli, 1839, die große Ähnlichkeit zu den Bildseiten in SÁM 66 aufweist (s. o., Abb. 85). Es handelt sich um eine Bleistiftzeichnung, deren Hauptlinien mit Tinte nachgezeichnet wurden und deren Kolorierung nur begonnen, aber nicht beendet wurde. Die Unterschiede zu SÁM 66 betreffen die fehlende Beischrift, Wolken und Kolorierung, andere auffällige Details - so der verdrehte rechte Arm Þórs oder die minutiös eingezeichneten Plankennägel - finden sich hier ebenfalls. 204 Die Seitenangaben in Bezug auf Figuren erfolgt in dieser Studie heraldisch: „ Þórs rechter Unterarm “ bezieht sich somit auf dessen rechten Arm, der sich in der Frontalansicht auf der linken Blattseite befindet. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 280 5 Neuschreiben <?page no="281"?> verschwindet. 205 Der Kopf der Midgardschlange ragt aus der Wasseroberfläche hervor, ihr Nacken ist nach hinten gebeugt. Dies suggeriert keinen Bewegungsspielraum für ein Entgegensetzen die Midgardschlange, besonderer Mut oder Kraft scheint nicht nötig gewesen sein. Sie hängt unbeachtet und Gift vor sich hinschnaubend im nur leicht gekräuselten Wasser, während Þórr in die Auseinandersetzung mit Hymir vertieft ist. Das detailgetreu ausgeführte Ruderboot 206 ist - vor allem in SÁM 66 - im Verhältnis zur Körpergröße von Þórr und Hymir sehr klein und fügt somit ein alltägliches, aber auch Abb. 88: Þórs Fischzug, NKS 1867 4to (f. 93v). Foto: Friederike Richter. Abb. 89: Þórs Fischzug, SÁM 66 (f. 79v). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. 205 Das Ende der Angelschnur ist der netzbesetzten Schlaufe des Fischernetzes ähnlich, das Loki in anderen Darstellungen der Bildlage in der Hand hält (NKS 1867 4to, f. 93r; SÁM 66, f. 79r). Die Ausformung des Kopfes der Midgardschlange in den Illuminationen von Jakob Sigurðsson und in AM 738 4to (f. 43r) sind von der verbreiteten Vorstellung eines schlangenbzw. drachenförmigen Ungeheuers geprägt, zu dieser vgl. von See u. a. (1997: 323). Alle Illuminationen zeigen sie mit faltigen Nüstern, Zotteln am Kinn, ein bis zwei spitze, kurze Hörner, unter Augenbrauenwulsten liegende Augen und spitze Fangzähne - und im Falle der AM 738 4to hängende längliche Ohren und eine lange grüne Zunge. Die Darstellungen ähneln denen des Höllenschlundes, z. B. in einer anderen Illumination von Jakob Sigurðsson, SÁM 3 (f. 124v). Es hat weiterhin immer wieder Assoziation dieser Episode mit dem Leviathan gegeben (vgl. Heizmann 1999: 424 - 425). Vgl. zur Ikonographie des Höllenschlundes Sheingorn (1992). Diese Darstellung lässt weiterhin ebenfalls an frühneuzeitliche Seeungeheuer-Darstellungen auf Karten denken, zu solchen vgl. Reynir Finndal Grétarsson (2017: 172 - 175). Zur Darstellung von Seemonstern auf frühneuzeitlichen Karten rund um Island vgl. u. a. Olaus Magnus (1539): Carta Marina, Abraham Ortelius (1590): Island sowie Jean Boisseau (1648): Islandia. 206 Eine ähnliche Darstellung von zwei Personen in einem Ruderboot findet sich in einer historisierten Initiale der mittelalterlichen Flateyjarbók (GKS 1005 fol., f. 65vb2 - 6; Initiale „ h “ ). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 281 <?page no="282"?> komisch-verzerrtes Moment hinzu. Für die beiden Bildseiten von Jakob Sigurðsson gilt wie für die anderen Bildlagenmotive, dass die beiden Fassungen sich auf den ersten Blick ähneln, aber beim genauen Hinschauen unterschiedliche Saiten anschlagen. Dies betrifft vor allem die Gestaltung der zentralen Interaktion zwischen Þórr und Hymir, deren Varianten die Gesamtaussage jeweils anders ausgestalten. Diese Unterschiede werden jetzt kurz ausgeführt, sie betreffen die Körperhaltung und Mimik beider sowie die unterschiedlichen Objekte, die Hymir in der Hand hält. Diese visuellen Unterschiede werden zusätzlich durch die Beischriften verbal verstärkt. 207 In der Fassung von NKS 1867 4to (f. 93v, Abb. 88) hält Hymir einen Gegenstand mit kurzer, breiter und leicht gebogener Form in der rechten Hand, vermutlich das Langmesser 208 , mit dem er die Angelschnur kappt. Hymir sitzt aufrecht im Boot und hält das Messer vor der Brust, als würde er gerade zum Schnitt ausholen, er lacht dabei höhnisch. Es wird ein handlungsbereiter und aktiver Hymir gezeigt, der im Begriff ist, Þórs Plan zu vereiteln. Þórr reagiert darauf, seine Stirn ist in Falten gelegt, er guckt deutlich verärgert und presst die Lippen aufeinander, er scheint wütend auf den bedrohlich wirkenden Hymir. Sie sind beide als ebenbürtige Gegenüber dargestellt. In der Fassung von SÁM 66 (f. 79v, Abb. 89) handelt es sich bei dem Gegenstand in Hymis Hand dagegen um einen Ruderriemen. Dieser hat einen länglichen Griff mit einem breiten, vernieteten Schaft, das Blatt des Riemens befindet sich außerhalb des Bildrahmens. 209 Hymis Hand hängt weit über die Reling, sein Gesicht ist dabei angsterfüllt, er zieht seine Unterlippe nach unten und legt so die Zähne frei. Dabei duckt er sich vor Þórs drohendem Hammerschlag. 210 Auf den ersten Blick mag es ggf. so wirken, als erscheine er angesichts des über ihm befindlichen Textfeldes, also nur aus Platzgründen, in das Boot gedrückt. Doch passt die Körperhaltung dazu, dass Hymir unterwürfig, nur auf Þórr reagierend dargestellt ist: Er bedroht Þórr nicht, sondern wird von ihm bedroht. Hymir erscheint nicht bestrebt, gegen das Angeln der Midgardschlange zu intervenieren, es fehlt das Messer. Þórr zeigt sich sogar belustigt ob des verängstigten Riesens und lächelt. Die Illumination in SÁM 66 thematisiert das Durchtrennen der Angelschnur nicht; der Grund für Hymis Feigheit wird nur implizit angedeutet. Beim Betrachten dieser Bildseite wird auf keine Weise ersichtlich, dass Hymir das Vorhaben vereiteln könnte. 207 Die Beischriften verweisen beide auf die Ds. XLI (die in den Handschriften unter der Nr. XLII zu finden ist). Die Beischrift in NKS 1867 4to (f. 93v) ist teilweise in Runen geschrieben: „ asaþor. dregur hier midgardsormin Sem XLI. Eddu Dæmisaga seiger. “ ( ‚ Ásaþórr angelt hier die Midgardschlange. Wie die XLI. Dæmisaga der Edda berichtet. ‘ ). Sie identifiziert das Dargestellte als Angeln der Midgardschlange durch Þórr. Hymir wird nicht erwähnt, obwohl das Abwenden von Hymis Vereitelung Thema der Illumination ist. Die Beischrift in SÁM 66 (f. 79v) ist länger, sie erwähnt alle drei Figuren und ebenfalls die Auseinandersetzung mit Hymir: „ Þör rær  Siö med yme Jótni og Dregur hier Midgards Ormin reidist Ymi og reider hamarinn Miólnir, og vill Liösta hann fyrir hugleise. So sem lesa mä i XLI Dæmi S ꜷ gu Eþþu “ ( ‚ Þórr rudert mit dem Riesen Ymir [sic! ] aufs Meer und angelt hier die Midgardschlange. Er wird wütend auf Ymir und schwingt den Hammer Mj ǫ llnir, und möchte ihm für die Feigheit einen Hieb versetzen. So wie man in der XLI. Dæmisaga der Edda nachlesen kann ‘ ). 208 Das Messer wird in den mittelalterlichen Fassungen als ‚ Ködermesser ‘ (agnsax) beschrieben, in den hier analysierten Handschriften wird es als ‚ Langmesser ‘ (arnsax) bezeichnet. 209 In NKS 1867 4to hat Hymir den rot kolorierten Riemen quer über die hintere Bordkante gelegt. 210 Clunies Ross (2007: 180) hat Hymis Rolle in Bezug auf die literarischen Darstellungen des Mittelalters als „ comical scaredy “ bezeichnet, etwas, was in dieser Illumination ebenso vertreten scheint. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 282 5 Neuschreiben <?page no="283"?> Abb. 90: Þórs Fischzug, AM 429 I fol. (pag. 186/ 189, Detail), Hand: Jón Ólafsson úr Grunnavík (1765). Foto: Friederike Richter, mit freundlicher Genehmigung der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum wiedergegeben. Diese Beobachtungen geben den Hinweis darauf, dass trotz des in den Grundzügen gleichen Bildmotivs das visuelle Narrativ in beiden Fassungen voneinander abweicht: Die unterschiedlichen Rollen, die Hymir ausfüllt - als aktiver Vereitler des Plans bzw. lächerlicher Feigling - bewirken zugleich zwei unterschiedliche Charakterisierungen Þórs: In NKS 1867 4to wird Þórr durch den Riesen bedroht, in SÁM 66 ist er dem ängstlichen Riesen weit überlegen und lacht. Der Hammerschlag wirkt zwar als visueller Ausdruck seiner Kraft, ist allerdings in Anbetracht von Hymis Angst eigentlich überflüssig. Mehrere Details der Illuminationen weichen weiterhin von der verbalen Darstellung der Dæmisaga ab, z. B. schlägt Þórr Hymir in den Bildern mit dem Hammer, nicht der Faust. Die Bilder verdichten zudem die Chronologie mehrerer nacheinander stattfindender Ereignisse: Der Schlag gegen Hymir wird auf den Bildern bereits vor dem Kappen der Angelschnur angesetzt. Im Neuschreibeprozess hat Jakob somit den Akzent des Narrativs zur Auseinandersetzung mit Hymir verschoben, also Inhalte, die zuvor in den verbalen Fassungen reduziert worden waren. Das sonst oft thematisierte gewaltsame Kräfteringen zwischen Þórr und der Midgardschlange ist jedoch nebensächlich geblieben. 211 Dafür treten die Emotionen der anthropomorphen Bootsinsassen in den Vorder- 211 Das Motiv ist einige Jahre später von Johann Heinrich Füssli (1741 - 1825) in seinem nationalromantisch-heroischen Ölgemälde Þórr im Kampf mit der Midgardschlange (1788, Öl auf Leinwand, 133 x 94,6 cm, Royal Academy of Arts, London) dargestellt worden. Das Gemälde entstand nur wenige Jahrzehnte nach den Illuminationen von Jakob Sigurðsson, unterscheidet sich aber grundlegend von diesen: Es wird ein christlich geprägtes Interesse für die Opposition von Gott gegen das Chaos sichtbar und Þórr zu einem universellen Helden erhoben, der über die Midgardschlange triumphiert. Zu sehen ist wie Þórr mit einer Keule energisch zum Schlag ansetzt, während er kräftig an einer Eisenkette zieht, an der sich die glänzend-pralle Midgardschlange windet. Ihr Maul ist verletzt und sprüht Blut. Der Riese kauert ängstlich am anderen Ende des Bootes und Óðinn betrachtet - christlichen Vorstellungen eines Allvaters entsprechend ‒ die Szene aus dem Himmel. Þórr trägt nur einen Helm und einen wehenden Umgang, sein muskulöser Körper erscheint leuchtend angestrahlt, während Himmel, See und Midgardschlange im Dunkel verschmelzen. Sein Körper und sein entschlossener, unerschrockener Gesichtsausdruck drücken Tatendrang und Mut aus und visualisieren so seinen heroischen Charakter. Das Bild evoziert den Kanon von bildlichen Darstellungen von Drachentötern, wegen der Keule (anstelle eines Hammers) vor allem den Kampf von Herkules gegen die Hydra. Myrone (2001) bemerkt leichte Ambivalenzen in der Ausführung von Þórs Körper und filigranem Gesicht, die er als effeminierend interpretiert. Die literarische Vorlage Füsslis ist nicht ganz klar, wahrscheinlich Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 283 <?page no="284"?> grund, ihre Auseinandersetzung mutet menschlich an und evoziert so (indirekt) das Konzept des Euhemerismus. Die unterschiedlichen Details auf den Bildseiten suggerieren einen anderen Ausgang, also wer von beiden - Þórr oder Hymir - siegreich aus dieser Konfrontation hervortritt (vgl. hierzu die Fassung von Jón Ólafsson úr Grunnavík in AM 429 I fol., pag. 189, Abb. 90). 212 Die Grund der Auseinandersetzung von Þórr und Hymir ist in der Illumination trotz der Beischrift ohne Textkenntnis nicht selbsterklärend. Es ist dennoch wahrscheinlich, dass die Episode den Lesenden der Handschrift - spätestens nach erster Lektüre der Dæmisaga oder der Hymiskviða - in Grundzügen bekannt war. Da Jakob Sigurðsson in SÁM 66 die Dæmisögur selbst schrieb und in NKS 1867 4to eng mit dem Schreiber derselben, Ólafur Brynjólfsson, zusammenarbeitete, ist davon auszugehen, dass er das Narrativ zum Zeitpunkt der Illumination gut kannte und beide Fassungen jeweils gezielt anpasste. Humor Die ausgewählten Handlungen für die narrativen Illuminationen sind oftmals überraschend menschlich-banal, ihnen haftet wenig Heroisches an. Dabei zeigt Jakob Sigurðsson - zusätzlich zur Gestaltung von Physiognomie, Mimik und Gestik - eine weitere Dimension seiner humorvollen Perspektive auf die Dæmisögur, die er besonders deutlich in SÁM 66 ausgearbeitet hat. So liegt - wie zuvor dargelegt - bei den Illuminationen zu Þórs Fischzug der Schwerpunkt nicht auf dem Kampf gegen das Monster, sondern auf der Meinungsverschiedenheit mit Hymir: Beide sitzen streitend in einem viel zu kleinen Boot, sie haben Knollennasen und das Monster ist zur Staffage reduziert. Das gilt auch für die anderen Bildseiten mit narrativen Motiven. So zeigt eine andere Bildseite Týr als Verlierer, nicht als Kriegsgott: Týr hat gerade seine Hand im Maul von Fenrir verloren und blickt erschreckt und ängstlich (NKS 1867 4to, 98v; SÁM 66, f. 78v). Fenrir ist nicht nur wie in der Dæmisaga beschrieben gefesselt, sondern von kleinem Wuchs und erinnert mit seinem gedrungenen Körper an ein Wildschwein, weniger an einen Wolf. Das wirft die Frage auf, warum sich der körperlich überlegene Týr - zumal er ein Schwert bzw. Falchion schwingt - nicht hat verteidigen können? Auch die gewählten Motive zum Tod Balldrs distanzieren sich klar von den eddischen Göttern, die Szene ist nicht dramatisch, sondern das Verhalten der Götter lächerlich dargestellt (NKS 1867 4to, 96r/ v; SÁM 66, f. 75r/ v): Eins der Motive zeigt eine hilflos-erschreckte Hel, so dass es verwundert, warum es Hermóðr verwendete er Thomas Percys (1770) Übersetzung (mit dem Titel Northern Antiquities) von Paul Henri Mallets (1755) Introduction à l ‘ historie de Dannemarc, der wiederum die Edda Islandorum verwendete. Vgl. die Ausführungen von Myrone (2001) zu diesem Gemälde. Die Faszination und Heroisierung Þórs hält bis heute ungebrochen an. So ist diese Episode auch als The Marvel Super Heroes in Comicform rezipiert worden (Thomas et al. 1978). Zur Rezeption von Þórr als Superheld in Comics vgl. Arnold (2011) und Schmitt (2011). 212 Jón Ólafsson úr Grunnavík hat zwei Federzeichnungen von Þórs Fischzug in seine Prosa-Edda- Handschrift eingefügt (AM 429 I fol., pag. 186/ 189). Die Illuminationen sind trotz ihrer sehr kleinen Größe überraschend detailliert: Sie zeigen Þórr und Hymir im Boot und unter ihnen die an der Angel hängende Midgardschlange, deren Körper die Größe und Form eines kleinen Wales hat und durch die Wasseroberfläche schimmert. Auch hier ist das Narrativ auf den Moment der Intervention durch Hymir kondensiert, den Jón in einer interessanten Variante darstellt (besonders deutlich auf pag. 189): Der sehr viel kleiner dargestellte Hymir überrascht Þórr von hinten mit dem Messer. Þórr fehlt der Hammer zum Töten der Midgardschlange, wodurch Hymis Intervention hinterhältig, bedrohlich und siegreich zu gleich erscheint. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 284 5 Neuschreiben <?page no="285"?> nicht gelingt Balldr von ihr zu befreien. Auch die zwei Motive zum Dichtermet-Mythos sind speziell: So verweist das Einführen des Bohrers Rati in die vulvaförmige Öffnung im Berg auf den Geschlechtsverkehr zwischen Óðinn und Gunnl ǫ ð (NKS 1867 4to, 92r, 95v; SÁM 66, f. 74v, 76r). 213 Das zweite Motiv zeigt Óðinn als Met ausscheidenden und speienden Adler, also in einem ebenfalls recht profanen Moment. Die Größenverhältnisse im Þjazi-Mythos in SÁM 66 lassen Óðinn, Loki und H œ nir hinter dem riesigen Kessel (und nicht, wie in der Dæmisaga steht, einer Kochgrube) mitsamt ihrer ausgeprägten Mimik und Gestik wie spielende Kinder wirken (SÁM 66, f. 73v). Das andere Motiv, in dem Loki von Þjazi Slapstick-artig im Flug angehoben wird, stellt jenen ebenfalls ungeschickt dar und er wird zusätzlich durch Physiognomie und Körperhaltung kompromittiert (NKS 1867 4to, f. 93v). Es ist ersichtlich, dass Loki sich in einer misslichen Lage befindet und Þjazi die Kontrolle hat. Auch wenn sich die Bildnarrative grundsätzlich an die Dæmisögur halten, wird durch das Auswählen despektierlicher Momente der Humor der Narrative visuell betont. Sie vermögen so, den Unterhaltungswert der Narrative der Dæmisögur aufzuzeigen und Leseinteresse zu wecken. 5.4.3.3 Innen- und Außenräume Die Illuminationen konzentrieren sich vor allem auf die figürlichen Darstellungen, der Darstellung von Innen- und Außenräumen ist keine oder nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt worden. So sind alle Motive in AM 738 4to ohne Hintergrund oder Landschaft auf den weißen Bildseiten platziert worden, das gilt auch für die raumbezogenen Motive - wie Valh ǫ ll (f. 42v) und Yggdrasill (f. 44r). Auf der Bildseite mit der Midgardschlange (f. 43r, Abb. 91) wird der Raum durch die Komposi- 213 Óðinn dringt in Gestalt einer Schlange durch das Loch zu Gunnl ǫ ð und erhält von ihr den Dichtermet, nachdem er drei Nächte mit ihr verbracht hat (vgl. Ds. LXII). Vgl. die Darstellung von Óðinn und Gunnl ǫ ð in AM 738 4to (f. 41v). Abb. 91: Midgardschlange mit Köder, AM 738 4to (f. 43r). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 285 <?page no="286"?> tion evoziert: Die um sich selbst geschlungene Midgardschlange schwebt senkrecht auf dem leeren Blatt, nur die von oben herabhängende Angel mit Senkblei und Köder verweist darauf, dass die Midgardschlange hier in ihrem Habitat im Meer, also unter Wasser dargestellt sein muss. Anders sieht es in den drei jüngeren Handschriften aus: Dort sind vor allem die Motive der Bildlagen in NKS 1867 4to und SÁM 66 mit einzelnen, vor allem dekorativ eingesetzten Elementen gestaltet, die auf Außenräume verweisen: fedrige Grasbüschel, wellenförmige Linien für die Markierung von Boden oder Wasser, Baumstümpfe, blasenförmige Quellwolken, Felsen und Bäume mit einigen wenigen großen Einzelblättern. 214 Raumgrenzen, die in den Dæmisögur thematisiert werden, wurden auch markiert: Ásgrind und Helgrind sind als Zäune aus Leisten dargestellt. Eine ähnliche Konstruktion findet sich auch für die Hochsitze der drei Asenkönige im Motiv Hárs lygi (Fassung 2). An anderer Stelle fehlen auch signifikante Details in der Landschaft: Auf den Bildseiten vom Ski fahrenden Ullr ist z. B. kein Schnee dargestellt (Baer 2013: 241). Während in NKS 1867 4to das leere Papier als implizite Darstellung von Schnee interpretiert werden könnte, schließen Grasbewuchs und dunkler Erdboden dies in SÁM 66 (f. 76r) aus - oder sind ein weiterer Hinweis für den Humor im Bildprogramm dieser Handschrift. Der auffällige Schachbrettboten in zwei Illuminationen in ÍB 299 4to (Kybele/ V ǫ lva, f. 1v; Hárs lygi, f. 59v) stammt sicherlich von (anderen) Vorlagen. Valh ǫ ll Valh ǫ ll ist das einzige dargestellte Gebäude und findet sich in allen vier Handschriften (AM 738 4to, f. 42v; NKS 1867 4to, f. 99r; ÍB 299 4to, f. 58r; SÁM 66, f. 73r). Die Architektur ist in jeder Handschrift unterschiedlich gestaltet, doch vereint sie die Ausformung zahlreicher, individuell gestalteter Giebel, Dachformen, Fenster und Türen. Letztere sind (natürlich) nicht in der in den Grímnismál angegeben Anzahl von 540 dargestellt, aber es wird deutlich, dass diese Vorstellung in die Gestaltung einfloss. Die Zeichnungen zeigen eine gegliederte Fassade, die auf die enormen Größenverhältnisse anspielt, und formen diese ornamental aus. Das Papierformat scheint in allen Fassungen Einfluss auf die Grundform der Architektur gehabt zu haben. So ist die dreigeschossige Burg in AM 738 4to (f. 42v, Abb. 92) hoch und schmal und erscheint durch schlanke Fialtürme zusätzlich in die Höhe getrieben. In den Bildlagen von Jakob Sigurðsson hat Valh ǫ ll eine gedrungene, in die Breite gestreckte Fassade von ein bzw. zwei übereinander angeordneten flachen Gebäudeteilen, die zuweilen an Triumphbögen oder andere Portalkonstruktionen erinnern (NKS 1867 4to, f. 99r; SÁM 66, f. 73r, Abb. 93). 215 In ÍB 299 4to (f. 58r) ist Valh ǫ ll in einem Titelseitenmedaillon als kleines, eingeschossiges Gebäude mit drei Türmen und bekrönendem Dreizack gestaltet. 216 In den drei Bildseiten steht die Ziege Heiðrún vom Baum Læraðr knabbernd auf dem Dach, in AM 738 4to weiterhin der Hirsch Eikþyrnir. Dort bewacht Heimdallr mit einem Kurzschwert das Portal und drei weitere Figuren schauen aus den Türen heraus bzw. sind auf eine angelehnte Leiter geklettert. Jón 214 Vgl. die Illuminationen von Jakob Sigurðsson in Lbs 781 4to, die ähnliche Landschaftselemente umfassen, die Bestand von Jakobs Zeichenrepertoire gewesen zu sein scheinen. 215 Solche finden sich ebenso in anderen Illuminationen Jakobs (Lbs 781 4to f. 28v, 54v, 99r). 216 Grobe Ähnlichkeiten finden sich in der Grundform zum Holzschnitt in Olaus Magnus ‘ Historia, der den Tempel von Alt-Uppsala zeigt (vgl. die Zeichnung dieses Motivs in JS 246 4to, f. 12v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 286 5 Neuschreiben <?page no="287"?> Abb. 92: Valh ǫ ll, AM 738 4to (f. 42v). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Abb. 93: Valh ǫ ll, SÁM 66 (f. 73r). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 287 <?page no="288"?> Helgason (1958: 76) liest die Gestaltung von Valh ǫ ll in AM 738 4to als Ausdruck von Unkenntnis. Dabei könnte die Architektur von der hohen Halle in der Ds. II (Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 191) inspiriert sein, in der Gangleri auf die drei Asenkönige trifft. Diese wird dort nämlich ebenfalls als Valh ǫ ll bezeichnet und so beide Gebäude vermengt. 217 In keiner der Darstellungen wird die Funktion Valh ǫ lls als glorreicher Jenseitsort von in der Schlacht gefallenen Helden visuell umgesetzt - vielmehr erscheint Valh ǫ ll wie eine ornamentale Fantasiearchitektur. Sie tragen Züge einer Karikatur des heroischen Jenseitsortes: In den Fassungen der Bildlagen dominiert die Ziege das Bild, die regelrecht auf Valh ǫ ll herumtrampelt. Die Gebäude selbst wirken durch die Schraffur in den Tür- und Fensteröffnungen seltsam leerstehend. Ein weiterer entscheidender Unterschied ergibt sich aus ihrem Standort: In AM 738 4to und ÍB 299 4to steht die Burg überirdisch (das Erdreich ist durch eine waagerechte Linie angedeutet), dagegen ist Valh ǫ ll in den Bildlagen eine (zumindest teilweise) als unterirdisch gelegen imaginierte Baustruktur: Die Bereiche zwischen den Giebeln des unteren Geschosses sind dunkel ausschraffiert und das obere Geschoss von einer Grasnarbe überwuchert, die jedoch nicht wie bei einem Sodendach der Dachform folgt, sondern als Erdboden dargestellt wird. Abb. 94: Der Giebelhof Bustarfell im Hofsárdalur. Foto: Jósep H. Jósepsson, mit freundlicher Genehmigung vom Fotografen wiedergegeben. 217 Insgesamt lässt sich in AM 738 4to weiterhin beobachten, dass die Pinselstriche in Valh ǫ ll, die im zweiten Geschoss eigentlich spitze Baldachine über den Türen/ Fenstern zeichneten, mit Tusche zu Rundbögen übermalt wurden. Gleiches gilt für Schraffuren auf den Dächern sowie die Türbeschläge. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 288 5 Neuschreiben <?page no="289"?> Diese Darstellungen sind auch deshalb bemerkenswert, weil es in Island keine vergleichbar großen Gebäude gab und sich so die Frage nach Vorbildern stellt. Für die hohe Burg in AM 738 4to ist sicherlich der Einfluss gezeichneter Vorlagen anzunehmen, ähnlich wie die mit mehreren Türmen ausgestaltete Burg in der isländischen Teiknibókin (Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, AM 673 a III 4to, f. 8v) oder die Turmanlage neben König Óláfr (Kopenhagen, Den Arnamagnæanske Samling, AM 68 fol., f. 1r). Für die Zeichnungen von Jakob Sigurðsson lassen sich gebaute Vorbilder finden, denn die Gestaltung scheint von der Bauweise wohlhabender Giebelhöfe der Zeit geprägt zu sein: Nur wenige Kilometer von Jakobs zeitweiligem Wohnort Norður-Skálanes entfernt liegt der Hof Bustarfell im Hofsárdalur (Vopnafjörður), dessen Fassade von sechs nebeneinander stehenden Spitzgiebeln geprägt ist (Abb. 94). 218 Dieser wie mehrere Einzelgebäude wirkende Torfhof ist im Inneren durch Gänge miteinander verbunden. Die mehrgliedrige Giebelform macht die innenliegende Raumstruktur nach außen sichtbar. Jakob hat sich bei der Gestaltung von Valh ǫ ll, die verbal durch Größe und Anzahl der Türen charakterisiert wird, mit Sicherheit an diesem Gebäude orientiert. Mit der unterirdischen Darstellung scheint könnten weiterhin Vorstellungen von anderen Unterwelten wie Hel, der christlichen Hölle oder Hades eingeflossen sein. 219 Die Architekturformen sind fantasievoll und vermitteln auf verschiedene Weise Alterität: So ist das Ziegelmauerwerk in NKS 1867 4to und SÁM 66 ein in Island sehr unübliches Baumaterial, das möglicherweise bewusst in entferntere Regionen verweisen sollte. So benennt die Beischrift von SÁM 66 Troja als Vorbild für die Errichtung von Valh ǫ ll: „ Vallh ꜷ ll Þetta er sw [b]org: sem ad Oþinn oc ę sir giordu epter Tröiu “ ( ‚ Valh ǫ ll, dies ist die Burg, die Óðinn und die Æsir Troja nachahmten ‘ , SÁM 66, f. 73r). In NKS 1867 4to markiert die Formulierung „ könglega hof og pallas “ ( ‚ königlicher Tempel und Palas ‘ , NKS 1867 4to, f. 99r) durch die Verwendung des Fremdworts Palas ebenfalls Alterität. 220 Diese Zeichnungen vermögen mentale Bilder zu manifestieren, die vom verbalen Text nicht gedeckt werden. Weiterhin findet sich bei Jakob der in den anderen Zeichnungen mit Óðinn assoziierte Dreizack (Blitzbündel), den er - ähnlich wie ein bekrönendes Kreuz einer Kirche - auf dem Dach platziert. In SÁM 66 dekoriert Jakob die Fassade mit dem auf den Codex Upsaliensis zurückgehenden ‚ Sonnengesicht ‘ sowie mit bärtigen Gesichtern in den Tympana über den Türportalen. In AM 738 4to sind die Formen ebenfalls kleinteilig, 218 Bustarfell brannte zwar im Jahr 1770 ab, wurde danach aber wieder aufgebaut. Dabei wurde versucht, die ehemalige Form nachzubilden, d. h. dass die vielen kleinen Giebeln auch zu Jakobs Zeiten so gestanden haben wie sie auch heute aussieht (persönliche Kommunikation via E-Mail mit Eyþór Bragi Bragason, Safnstjóri in Bustarfell, am 30.12.2021). Auf dem Hof wohnte damals Guðný, die Tochter von Jakobs Freund sr. Guðmundur Eiríksson und dem ersten Besitzer von NKS 1867 4to (Páll Eggert Ólason 1949: 140). Bustarfell ist heute ein Museum unter Obhut des isländischen Nationalmuseums Þjóðminjasafn. Ähnliche Giebelhöfe finden sich heute noch in anderen Orten (u. a. Laufás, Glaumbær). 219 In einem Marginalkommentar zu Ds. XXXV wird (nur) in NKS 1867 4to (f. 128v16) ein „ inferni lacus “ ( ‚ unterirdischer See ‘ ) angegeben. Dies bezieht sich auf Hvergelmir, das Gewässer, das vom Hirsch Eikþyrnir tropft, der auf Valh ǫ ll steht. In Vorwort II wird die Lage vom Hades (dort auch Niflheimr genannt) ebenfalls unterirdisch imaginiert (NKS 1867 4to, f. 103v, 105v). 220 Bei einem Palas handelt es sich im deutschsprachigen Raum um den Hallenbzw. Saalbau einer Burg bzw. Pfalz im romanischen Stil. Die Fassade wird von einer oder mehreren Reihen Rundbogenfenstern gegliedert. Ob diese Bedeutungsnuance Jakob Sigurðsson bekannt war, ist nicht sicher, es könnte sich hierbei sicher genauso gut um die Bedeutung ‚ Palast ‘ handeln, beide Bedeutungen verweisen letztlich auf ein repräsentatives und großes Gebäude einer herrschenden Person. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 289 <?page no="290"?> die vielen kleinen Türme ähneln in ihrer Grundstruktur Turmfialen gotischer Kathedralen mit Kreuzaufsätzen. Die bunten Kegeldächer sowie der über dem Gebäude wehende gesplittete Wimpel mit der Beschriftung „ VH “ (für Valh ǫ ll) vermitteln jedoch eine Burgarchitektur. Die schlanke Turmstruktur lässt entfernt an Schlossbauten des 17. Jh. in Dänemark bzw. anderswo denken. 221 5.4.3.4 Anthropomorphe Figuren Die Gestaltung anthropomorpher Figuren - also Gött: innen und Ries: innen in Menschengestalt - ist in den vier Handschriften sehr unterschiedlich ausgeführt worden, sowohl Körper, Physiognomie, Frisuren und Kleidung betreffend. Auch wenn manche Entscheidungen zunächst rein dekorativ erscheinen mögen, sind sie es keineswegs: Sie geben Aufschluss über die mentalen Bilder mit ihren jeweiligen Assoziationen, z. B.: Mit welcher Zeitepoche oder Herkunft werden die Figuren - und damit die Mythen - assoziiert? Gibt es Assoziationen mit den Konzepten Identität oder Alterität? Welche Haltung lässt sich den Figuren gegenüber erkennen? Gibt es Binnendifferenzierungen innerhalb der Handschriften, die z. B. auf Darstellungen unterschiedlicher Charaktereigenschaften hindeuten? Körper und Physiognomie Abb. 95: Þ ǫ kk, AM 738 4to (f. 41v, Detail). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. 221 Beispiele betreffen z. B. die umfassende Bautätigkeit unter Christian IV. wie das dreitürmige Rosenborg Slot in Kopenhagen (1634), Frederiksborg slot (1625) sowie weitere Gebäude mit markanten Türmen (Børsen, Rundetårn usw.). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 290 5 Neuschreiben <?page no="291"?> Körper und Physiognomie der Figuren sind in allen vier Handschriften bewusst zur Charakterisierung gestaltet worden und entsprechen deshalb nicht immer anatomisch korrekten Darstellungen. So sind in AM 738 4to viele Körpersilhouetten flächig gestaltet und lassen die Körper konkav-konvex geschwungen erscheinen (v. a. an den runden Schultern und Armen sichtbar, vgl. z. B. Loki, f. 41r, s. o., Abb. 4, oder Þórr, f. 36r, s. u., Abb. 104). Die Perspektive ist oftmals leicht erhöht, was dazu führt, dass die Beine, wenn dargestellt, unterhalb des Knies stark verkürzt sind. 222 Die Gesichtsausdrücke der meisten Figuren sind trotz der oft zur Seite gerichteten Blicken neutral, sie wirken erhaben, die Körperhaltung ist meist recht statisch. Loki und Þ ǫ kk teilen die Körperhaltung (f. 41r/ v, Abb. 95): Beide ziehen die rechte Schulter hoch und halten die rechte Hand vor den Bauch. Ihr Gesicht hat den gleichen Blick mit großen Augen und gesenkten Lidern, hochgezogenen, buschigen Augenbrauen und einer in Falten gelegten Stirn. Diese gleichartige Mimik und Körperhaltung assoziieren visuell, dass Þ ǫ kk Loki in Gestalt einer Riesin ist. Dies ist zwar subtil, aber bei entsprechendem Wissen doch deutlich erkennbar eingesetzt, zumal eine Beischrift bei Þ ǫ kk auch verbal darauf verweist: „ Lokatetur “ ( ‚ bedauernswerter Loki ‘ , AM 738 4to, f. 41v). Diese Darstellung belegt eingehende Kenntnis der Dæmisögur seitens der Illuminationshand, da Þ ǫ kk nur in diesen vorkommt. Interessant ist die Illumination von Þórr in AM 738 4to (f. 36r): Er ist nicht, wie vielleicht zunächst zu vermuten wäre, sonderlich kräftig dargestellt. Auch seine Attribute - der Hammer, der Eisenhandschuh und der möglicherweise mit einer Linie angedeutete Gürtel 223 - sind ausgesprochen zierlich gestaltet und vermögen kaum das Bild seiner besonderen Kraft visuell zu vermitteln. Vielmehr gleicht Þórr mit seinen kleinen Händen eher einer Person der Oberklasse, die nicht körperlich arbeitet. Bei drei Göttern finden sich physisch manifestierte Merkmale: H ǫ ðs Blindheit wird durch verschlossene Augen gezeigt, Týr ist einhändig und Víðarr ist ohne Mund stumm dargestellt (f. 39r). Diese Eigenschaften sind alle zusätzlich in den Bildbeischriften und ersten Kenningar benannt. Dagegen ist Óðinn in dieser Handschrift - anders als üblich - zweiäugig dargestellt (f. 34v). In den drei jüngeren Handschriften sind manche anatomische Ungereimtheiten v. a. die Ausrichtung der Hände betreffend festzustellen, die oft auf zeichentechnische Unsicherheiten zurückzugehen scheinen, aber womöglich punktuell bewusst eingesetzt wurden. 224 In den Bildlagen von NKS 1867 4to und SÁM 66 sowie in den Titelseitenmedaillons von ÍB 299 4to haben viele der Figuren gedrungene Körper und grobe Gesichter. Die Gesichter zeigen (teilw. behaarte) Knollennasen, markante Kiefer, tiefe Falten in den Mundwinkeln, weit geöffnete Münder sowie mürrische, ängstliche oder belustigte Blicke. Manche Details sind sogar nahezu grotesk, wie z. B. die markanten Gesäße von Baugi und H ǫ ðr (NKS 1867 222 Eine andere plausible Erklärung wäre, dass die Illuminationshand am Kopf beginnend von oben nach unten die Figuren zeichnete und sich mehrfach im benötigten Platz verschätzte. Auffällig ist das Auslassen des Unterkörpers in der Illumination, die Týr zeigt. Seine Messerscheide hängt an der Seite unterhalb seiner Jacke, die Beine sind jedoch - wie korrekterweise in diesem Zusammenhang eine seiner Hände - nicht dargestellt. 223 Es ist unklar, um es sich hierbei um eine Naht der Jacke handelt oder ein dünner Gürtel angedeutet wird. 224 Vgl. z. B.: Þórs rechter Arm und Hand in NKS 1867 4to (f. 93r) und SÁM 66 (79v); die linke Hand von H ǫ ðr in NKS 1867 4to, (f. 96v) und SÁM 66 (f. 75v); die rechte Hand von Jafnhárr in NKS 1867 4to (f. 98r); die rechte Hand von Hárr in ÍB 299 4to, (f. 59v); der Fuß von Mars/ Týr in ÍB 299 4to (f. 60r) und Heimdalls linke Hand in SÁM 66 (f. 80r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 291 <?page no="292"?> 4to, f. 95v, 96v; SÁM 66, f. 74v, 75v). Die übergeordnete Stimmung der Figuren ist unterschiedlich: In NKS 1867 4to schauen viele mit ihren heruntergezogenen Augenbrauen besorgt oder mürrisch, dagegen lächeln viele in SÁM 66 und vermitteln einen freundlichen, teilweise sogar grinsenden Eindruck. Im Gegensatz zu AM 738 4to zeigen die Figuren also zahlreiche Emotionen wie Wut und Freude. Hel ist in den Bildlagen die einzige weibliche Figur, sie ist als Brustbild hinter der Helgrind dargestellt, ihr Gesicht ist den Dæmisögur entsprechend teilweise eingefärbt (Abb. 96). Ihre Geste mit den erhobenen Händen, den besorgt verzogenen Augenbrauen und der zum lautlosen Schrei geöffnete Mund wirkt in beiden Fassungen hilflos und verzweifelt und mitnichten als die Autorität, die verhindert, dass Balldr nach Ásgarðr zurückkehrt. Auch ihre Positionierung hinter der Helgrind vermittelt den Eindruck, als sei sie gefangen und nicht Balldr. Diese Darstellungen stehen im Kontrast zur zuvor erwähnten von Winckelmann (1755: 24) zeitgenössisch proklamierten „ edle Einfalt, [ … ] stille Grösse “ , die trotz größter Gemütsbewegung eine innere Gefasstheit ausmacht. Diese finden sich nur in den zwei im Sinne der Interpretatio Romana ausgeformten Bildseiten in ÍB 299 4to (f. 1v, 60r) von Kybele/ V ǫ lva und Mars/ Týr, diese zeigen fein geschnittene Gesichter, aufrechte Körperhaltungen und reduzierte Gemütsregungen. Abb. 96: Hermóðr, Balldr und Hel, NKS 1867 4to (f. 96r). Foto: Friederike Richter. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 292 5 Neuschreiben <?page no="293"?> Kleidung und Attribute Die Aufmerksamkeit, die in den Illuminationen auf die Darstellung der Kleidung der Figuren gelegt wurde ist beachtlich und drückt sich in Varianz und Detailliertheit aus. Kleidung vermag viel über die kulturelle und zeitliche Verortung der eddischen Figuren auszusagen. So werden die Figuren durch die Kleidung in AM 738 4to in einer zeitgenössischen isländischen Gegenwart verortet und in den drei jüngeren Handschriften in der klassischen Antike (ÍB 299 4to) und einer fantastischen Antike (NKS 1867 4to; SÁM 66). Kleidung, die als mittelalterlich zu erkennen ist bzw. mittelalterlichen Darstellungskonventionen entspricht, findet sich nur in zwei Illuminationen von Hárs lygi (Fassung 1). Bei allen Figuren sticht die ausgeprägte Farbigkeit der Kleidung ins Auge, deren Anwendung in den monochromen Handschriften rein dekorative Pracht vermittelte. Die Farbqualitäten selbst sind unterschiedlich, umfassen aber in allen Handschriften ähnliche Farbtöne. 225 Zeitgenössische Mode in AM 738 4to Die Kleidung in AM 738 4to assoziiert die Gött: innen mit einer zeitgenössischen, modisch gekleideten Oberklasse. 226 Dabei entsprechen nicht unbedingt alle Details tatsächlicher Mode vom Ende des 17. Jh. Es lassen sich durchaus dekorative Freiheiten v. a. zur Binnendifferenzierung zwischen den Figuren finden. Schnitte und Farben suggerieren eine gewisse Flamboyanz, Þ ǫ kk ist dagegen in Lumpen dargestellt. Viele der Kleidungsstücke zeigen einen bemerkenswerten Sinn für Details. Vor allem bei den Jacken fallen die Knopfleisten auf, die teilweise aufgeknöpft dargestellt wurden. Weitere Besonderheiten sind Ellenbogenschlitze und abgesetzten Manschetten, einzelne Nähte geben Einblick in Schnittkonstruktionen (vgl. z. B. Þórr/ Balldr, f. 36r/ v). 227 Die Beinbekleidung der männlichen Figuren besteht vor allem aus sehr voluminösen Pumphosen, die übers Knie reichen. Die Schuhe sind ebenfalls ausdifferenziert: Óðinn (f. 34v) ist mit Absatzschuhen herausgestellt, viele andere tragen schwarzbraune Stiefel und Loki (f. 41r) als einziger auffällige Schlappen, die mit Bändern um die Waden gebundenen sind. Víðars (f. 39r) klobige Schuhe sollen womöglich seine Eisenschuhe darstellen, die in der Aufzählung der Kenningar auf der gegenüberliegenden Seite erwähnt werden. 228 Óðins weiter, rotbrauner 225 Zu diesen wiederkehrenden Farbtönen in allen Handschriften gehören: Ockergelb, Hellrot, Blaugrün sowie verschiedene Brauntöne (Rotbraun, Braunviolett). Die Ausnahmen sind diese: In AM 738 4to gibt es kein Braunviolett, in NKS 1867 4to keine Gelbtöne und in SÁM 66 kein Rotbraun. 226 Auch wenn es sich um traditionelle Bekleidung handelt, die grundsätzlich von allen Bevölkerungsschichten getragen wurde, verweisen einige Details auf eine besser gestellte Oberschicht: Dazu gehören die leuchtenden Farben und raffinierten Schnitte mit aufwändigen Abnähern und Knopfleisten, Absatzschuhe, die hohe, festliche Kopfbedeckung der weiblichen Figuren (krókfaldur) sowie die mögliche Allongeperücke von Balldr. Als Vergleich bietet sich das nur kurz später entstandene Portrait von Árni Magnússon, das ebenfalls Details wie eine Allongeperücke und Jacke mit ähnlicher Knopfleiste und Halstuch zeigt. 227 Die Alltagskleidung bestand zu der Zeit vor allem aus dem Wollstoff vaðmál, der auch eingefärbt wurde. Andere Stoffe (Leinen, Samt, Seide) mussten importiert werden und galten als bessere Kleidung (Elsa E. Guðjónsson 1969: 19). 228 Dort steht: „ eigandi jarnskönna “ ( ‚ Eigentümer der Eisenschuhe ‘ , AM 738 4to, f. 38v15 - 16). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 293 <?page no="294"?> Talar 229 inszenieren ihn als ehrwürdige und respektable Autorität, sein Kragenschmuck ist ein schwarzes (einteiliges) Beffchen (bzw. Jabot), was sich weiterhin bei Yngvi (f. 34v) sowie in weiß bei Bragi (f. 41r) und Týr (f. 39r) wiederfindet. Auch die später hinzugefügte Zeichnung von H œ nir (f. 40v) umfasst eine ähnlich ausdifferenzierte Bekleidung mit einer geknöpften, taillierten Jacke und Pumphosen. Die Mode vermittelt in AM 738 4to kein ausgeprägtes Gefühl von Alterität an die Betrachtenden hinsichtlich der Zeitepoche oder Region, sondern lokalisiert die Figuren in der zeitgenössischen Gegenwart Islands, markiert sie aber in Bezug auf die Gesellschaftsschicht als wohlhabende Elite. Hierbei könnte die Illuminationshand aus Bildvorlagen oder der eigenen Erlebniswelt bzw. dem eigenen Begehren geschöpft haben. Abb. 97: Freyja, AM 738 4to (f. 37v, Detail). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Abb. 98: Gunnl ǫ ð, AM 738 4to (f. 41v, Detail). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. 229 Der Talar (hempa) war im 16. Jh. in ganz Europa in Mode und vom spanischen Mantel inspiriert. Er war zunächst Luxuskleidung und ist später mit einem Halstuch als Oberbekleidung auf isländischen Bildnissen im 17 Jh. anzutreffen (Elsa E. Guðjónsson 1969: 15 - 16). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 294 5 Neuschreiben <?page no="295"?> Die feinsinnige Ausdifferenzierung ist besonders auffällig in der Gestaltung von Freyja und der Riesin Gunnl ǫ ð (AM 738 4to, f. 37v, 41v, Abb. 97 - 98): Diese beiden einzigen weiblichen Figuren in AM 738 4to tragen die zeitgenössische isländische Tracht faldbúningur: 230 Auf ihrem Kopf sitzt der namensgebende hohe, gebogene weiße Hut krókfaldur, 231 und sie sind weiterhin mit einem schwarzen Oberteil, einem blaugrünen, langen Rock mit farbig 232 gemusterter Schürze und flachen schwarzen Schuhen 233 bekleidet. Beide nehmen fast dieselbe Körperhaltung ein. Auffällig sind dennoch abweichende Details: Freyja hat die Haare ordentlich unter den Hut gesteckt und trägt eine schwarzbraune, kurze Jacke (treyja) mit abgesetzter Knopfleiste und Manschetten, einen Gürtel, einen schwarzen Unterrock und um den Hals einen verzierten runden Kragen. 234 Diese Darstellung hat Sigrún Helgadóttir (2013: 97) als würdevoll beschrieben. Dass Freyja als Frau einer Oberklasse imaginiert wird, wird auch verbal gespiegelt: In der Kenningarliste gegenüber von Freyja steht „ rykis konur draga aff henni tijgnum naffn og kallast frür “ ( ‚ die wohlhabenden Frauen leiten den Namen für ihren hohen Rang/ Stellung von ihr ab und werden frú(r) genannt ‘ , AM 738 4to, f. 38r22 - 23). Gunnl ǫ ð ist dagegen ganz anders gezeichnet: Ihr Oberteil hat einen tiefen Ausschnitt - es könnte sich hierbei um ein langärmeliges Unterhemd ohne Jacke handeln - und aus ihrem krókfaldur hängt eine Haarsträhne heraus (Sigrún Helgadóttir 2013: 95 - 97). Ihre Wangen, Lippen und Kinn wurden mit hellroter Farbe hervorgehoben und ihre Figur hat die Form einer Sanduhr mit sehr schmaler Taille, so dass sie jünger und (normativ betrachtet) attraktiver als Freyja wirkt. In den Beischriften, die Bezug auf den Mythos des Dichtermets nehmen, wird Gunnl ǫ ð mehrfach mit sexuellen Handlungen assoziiert. Die visuelle und verbale Darstellung ergeben hier zusammen ein Bild von Slutshaming: 235 Diese gleichzeitige Sexualisierung und Abwertung von Riesinnen greift einen bekannten Topos altnordischer Literatur auf (vgl. Kress 2002: 84 - 86). 236 Auch die andere Riesin direkt darunter, Þ ǫ kk, ist über ihre Kleidung als negativer Charakter kritisiert: Ihr krókfaldur ist schwarz gefärbt, ihr unförmiges Hemd ist ohne Zier und durch die Mischung der Farben auf dem Papier erscheint es bräunlich-fleckig und nahezu lumpig. 237 230 Vgl. die ausführlichen Darstellungen zur isländischen Tracht von Elsa E. Guðjónsson (1969: 18 - 19) und Sigrún Helgadóttir (2013: 97). 231 Freyjas krókfaldur ist verkürzt dargestellt und schließt mit einer dünnen, kaum sichtbaren Zickzacklinie nach oben ab. Vermutlich hatte die Illuminationshand sich verschätzt und es stand nicht ausreichend Platz zu Verfügung. 232 Die rosafarbenen Streifen auf Gunnl ǫ ðs Schürze sind zusammen mit der Kolorierung der späteren Illumination von H œ nir (f. 40v) nachgetragen worden. 233 Dabei handelt es sich vermutlich um roðskór oder sauðskinsskór, flache Schuhe aus Fisch- oder Lammleder mit gestrickter, eingelegter Sohle (íleppur). 234 Dies könnte entweder ein bestickter (jedoch für gewöhnlich schwarzer) Kragen sein oder ein weißer Mühlsteinkragen (Halskrause), der zu der Zeit in Europa Mode war. 235 Sigrún Helgadóttir (2013: 97) verwendet das Wort „ drusluleg “ ( ‚ schlampig ‘ ). 236 Dabei ist die Auswahl Gunnl ǫ ðs als Motiv überhaupt bemerkenswert, da für sie (wie auch Þ ǫ kk) keine eigene Kenningarliste im Annar Partur der Beweggrund gewesen sein könnte. 237 Es könnte sich hierbei ebenfalls um einen (Web-)Pelz aus Wolle vom Typ varafeldur bzw. röggvarafeldur handeln, der eine Ungezähmtheit assoziieren könnte. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 295 <?page no="296"?> Abb. 99: Aussegnungsszene mit Engeln am Sarg, Lbs 1528 8v (f. 36r, Detail), Hand: sr. Jón Guðmundsson á Felli í Sléttuhlíð (1694). Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. Das Foto ist mit freundlicher Genehmigung der Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn dem Digitalisat auf handrit.is entnommen: <https: / / handrit.is/ manuscript/ view/ is/ Lbs08-1528/ , 29.10.2024>. Die unterschiedlichen Frisuren und Bärte wurden in AM 738 4to mit großer Sorgfalt gestaltet. Etliche Götter haben halblange Haare, die auf Höhe der Ohren zu auffälligen Knoten gebunden wurden, u. a. Þórr (f. 36r, s. u., Abb. 104) und Forseti (f. 39v). 238 Eine ähnliche Gestaltung anthropomorpher Figuren mit findet sich in der Leichenpredigt- Handschrift Lbs 1528 8vo aus dem Jahr 1694 (f. 36r, Abb. 99). Beide Handschriften zeigen mit dünnen Federlinien gezeichnete Gesichter mit roten Kreisen auf den Wangen ( ‚ Apfelbäckchen ‘ ) und Haarknoten über den Ohren. Diese markanten Ähnlichkeiten waren bereits weiter oben der Grund, über einen Zusammenhang zwischen den Illuminationshänden von AM 738 4to und dieser Handschrift (sr. Jón Guðmundsson á Felli í Sléttahlíð) nachzudenken. 239 Es sind weiterhin gemeinsame Vorlagen beider Handschriften vorstellbar, die zu diesen Ähnlichkeiten geführt haben. 238 Auch in den Darstellungen von Jakob Sigurðsson (Bildlagen in NKS 1867 4to und SÁM 66 bzw. der Titelseite von ÍB 299 4to) sind die Frisuren der Figuren oft halblang und schließen über den Ohren mit Locken ab, doch entsteht hier nicht der Eindruck von Haarknoten. Die dargestellten Haartrachten in AM 738 4to entspringen vermutlich der Fantasie, da sich für sie - im Gegensatz zur Kleidung keine Entsprechungen in der zeitgenössischen Mode finden lassen. Die Bärte wurden ebenfalls ausdifferenziert, sie haben unterschiedliche Längen und Formen, aber alle einen sehr langen, zur Seite gezwirbelten Schnauzbart. 239 Auf der Seite lassen sich Abdrücke erkennen, dass das Motiv auf das Blatt (oder ggf. von einem anderen Blatt) gepaust wurde. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 296 5 Neuschreiben <?page no="297"?> Phantasieformen und Rüstungen in den drei jüngeren Handschriften Abb. 100: Baugi mit sehr enger Kniebundhose, die das Gesäß betont, NKS 1867 4to (f. 95v). Foto: Friederike Richter. Ganz anders sieht es in den Illuminationen von Jakob Sigurðsson aus, bei denen den zeitgenössischen Betrachtenden sofort klar gewesen sein muss, dass die Kleidung der dargestellten Figuren wenig Identifikationspotential bot: Hier trägt keine der Figuren zeitgenössische Kleidung. Sie sind alle durch verzierte und historisierte Formen klar alteritär markiert, auch wenn einzelne Elemente bekannt gewesen sein mögen. An dieser Stelle folgt nun zunächst eine Analyse der Darstellungen der beiden Bildlagen (NKS 1867 4to, f. 92r - 99v; SÁM 66, f. 73r - 80v). Die Kleidung besteht in den Bildlagen aus einer fantasievollen Mischung aus vor allem Rüstungselementen, weit schwingenden Obergewändern und hautengen Beinkleidern. Manche haben ornamentalisierte Muster oder Blockstreifen und scheinen von einer barocken Formenvarianz beeinflusst, die aber doch auf eigene Weise umgesetzt wurde. Bei den wiederkehrenden Rüstungselementen handelt es sich u. a. um Beinzeug aus Metall (Dichlinge mit Kniekacheln, Beinröhren für die Unterschenkel), Eisenschuhe und Ringpanzerkragen. Vereinzelt findet sich ein langes Ringpanzerhemd mit gepolsterten Ärmeln sowie eine gepolsterte Jacke (Gambeson). 240 Die 240 Die Rüstungselemente finden sich auf folgenden Bildseiten: Dichlinge mit Kniekacheln bei Þórr (NKS 1867 4to, f. 94v) und Hermóðr (NKS 1867 4to, f. 96r; SÁM 66, f. 74v). Beinröhren bei Ullr (NKS 1867 4to, Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 297 <?page no="298"?> Materialität der Rüstungen wurde als segmentierende Lamellen mit Metallnieten oder als Ringpanzermaterial (mit Rautenmuster) dargestellt, weiterhin scheint zuweilen die Farbgebung durch unkolorierte Flächen glänzendes Material anzudeuten (Helm von Balldr, NKS 1867 4to, f. 96v, s. u., Abb. 103; vgl. SÁM 66, f. 75v). Solche Rüstungsformen finden sich auch in anderen zeitgenössischen Illuminationen, 241 sie scheinen einerseits zum Formenkanon historisierender Darstellungen zu gehören, die mit Literatur der Vorzeit assoziiert wurden. Sie finden sich darüber hinaus ‒ deutlich prestigevoller und realistischer ausgeführt ‒ auch auf zeitgenössischen skandinavischen Königsportraits. 242 Als weitere Bekleidung finden sich in den Bildlagen v. a. halblange Hemden mit kurzen Ärmeln sowie enge Kniebundhosen. Bei zwei Figuren (H ǫ ðr und Baugi) betonen diese so auffällig das Gesäß, dass sich die Frage stellt, ob diese kompromittierend eingesetzt wurden (u. a. NKS 1867 4to, f. 95v, Abb. 100). 243 Höchst vielfältig ist ebenso die Ausgestaltung der Kopfbedeckungen, wobei hier oft unklar ist, ob es sich um solche aus Stoff oder Helme handeln soll. Manche Formen ähneln Abwandlungen von Helmen mit hochgeklapptem Visier. Auf einer Bildseite wird die dargestellte Bekleidung auch verbal thematisiert, dort steht, dass Þórr in seiner Kleidung, dem „ habit “ dargestellt sei (SÁM 66, f. 77v, Abb. 101). 244 In der dazugehörigen Zeichnung trägt Þórr eine Mischung phantasievoller Kleidung und Rüstungselementen. Dazu gehören eine Kappe mit hochgeklappter Krempe und eine gepolsterte Jacke (Gambeson), die am Saum mit Pteryges (herunterhängenden Streifen) abf. 92v; SÁM 66, f. 76v), B ǫ lverkr (NKS 1867 4to, f. 95v; SÁM 66, f. 74v), H ǫ ðr (NKS 1867 4to, f. 96v; SÁM 66, f. 74v), Þórr (SÁM 66, f. 77v), Heimdallr (NKS 1867 4to, f. 97r; SÁM 66, f. 80r) und Óðinn (NKS 1867 4to, f. 97v; SÁM 66, f. 80v). Eisenschuhe bei B ǫ lverkr (NKS 1867 4to, f. 95v; SÁM 66, f. 74v), Heimdallr (NKS 1867 4to, f. 97r; SÁM 66, f. 80r), Gangleri (NKS 1867 4to, f. 98r; SÁM 66, f. 78r), H ǫ ðr, Loki und Balldr (SÁM 66, f. 74v) und Óðinn (NKS 1867 4to, f. 97v; SÁM 66, f. 80v). Ringpanzerkragen bei Hermóðr (NKS 1867 4to, f. 96r; SÁM 66, f. 74v), H ǫ ðr (NKS 1867 4to, f. 96v) und Heimdallr (NKS 1867 4to, f. 97r; SÁM 66, f. 80r). Ringpanzerhemd bei Týr und Begleitperson (NKS 1867 4to, f. 98v; SÁM 66, f. 78v). Gambeson bei Þórr (NKS 1867 4to, f. 94v; SÁM 66, f. 77v), Balldr (NKS 1867 4to, f. 96v; SÁM 66, f. 74v) und B ǫ lverkur (NKS 1867 4to, f. 95v; SÁM 66, f. 74v). 241 Vgl. zur Darstellung von Rüstungselementen weitere illuminierte Prosa-Edda-Handschriften (JS 246 4to; Lbs 203 fol.) oder - besonders elaboriert - die Illumination von Jakob Sigurðsson, die Hrólfr Gautreksson darstellen soll (NKS 1704 4to, f. 176v, s. o., Abb. 84). Eine andere Darstellung von Óðinn ist nahezu ornamental in ihren Details, die eine ausladende, mit Federn geschmückte Kopfbedeckung, abgesetzte genietete Kanten und geschwungene Wirbel auf dem Brustharnisch zeigt (Kopenhagen, Det Kongelige Bibliotek, Thott 1030 4to, f. 1v). Eine weniger aufwändige Darstellung von Óðinn in Rüstung findet sich in Reykjavík, Landsbókasafn, Lbs 1341 8vo (f. 4v). 242 So z. B. in einem kolorierten Kupferstich von Martin Engelbrecht, der Frederik V. von Dänemark und Norwegen zeigt (um 1745). 243 Baugi trägt weiterhin Wadenschutz aus Ringpanzermaterial, ein kurzes gestreiftes Oberhemd mit Ellenbogenschutz und einem flachen Hut bzw. Helm. Dahinter steht B ǫ lverkr (Óðinn) mit einem gepanzerten Wams, er trägt Beinröhren und Eisenschuhe. Eins seiner Augen ist geschlossen, seine Nase groß, rund und behaart. Das halblange Hemd findet sich bei Ullr (NKS 1867 4to, f. 92r; SÁM 66, 76v), Loki (NKS 1867 4to, f. 93r), Óðinn (NKS 1867 4to, f. 94r; SÁM 66, f. 77r), Hermóðr (NKS 1867 4to, f. 96r; SÁM 66, f. 75r), Heimdallr (NKS 1867 4to, f. 97r; SÁM 66, f. 80r) und Óðinn (NKS 1867 4to, f. 97v; SÁM 66, f. 80v). Enge Kniebundhosen haben Ullr (NKS 1867 4to, f. 92r; SÁM 66, f. 76v), B ǫ lverkr und Baugi (NKS 1867 4to, f. 95v; SÁM 66, f. 74v), H ǫ ðr und Balldr (NKS 1867 4to, f. 96v; SÁM 66, f. 75v), Þórr (SÁM 66, f. 77v) und Heimdallr (NKS 1867 4to, f. 97r; SÁM 66, f. 80r). 244 Die Bekleidung hat auffällige Ähnlichkeiten mit einer anderen Illumination von Jakob Sigurðsson, einem Schützen (Lbs 781 4to, f. 47v). Dieser Kleidungstyp zählte also offenbar zum Repertoire von Jakob und wurde von ihm immer wieder variiert. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 298 5 Neuschreiben <?page no="299"?> schließt, auf denen jeweils ein ‚ Sonnengesicht ‘ (inspiriert von Hárs lygi, vgl. Kap. 5.5.1 unten) dargestellt ist. 245 Die Jacke scheint aus sehr festem Material zu sein - wie die abgesetzten Übergänge zwischen Ärmel und Brust (und die zusätzlichen Polster an den Ellenbogen) verdeutlichen. 246 Die Oberschenkel sind mit gestreiften Kniebundhosen und die Unterschenkel mit Beinröhren aus Metall bekleidet. In NKS 1867 4to (f. 94v, Abb. 68) bedecken auffällige Dichlinge aus genieteten Lamellen die Oberschenkel und schließen mit Stacheln an den Knien ab. Die erwähnte Beischrift in SÁM 66 vermittelt den Betrachtenden, dass die gezeigte Bekleidung als Attribut zu Þórr gehört. Abb. 101: Þórr, SÁM 66 (f. 77v). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. 245 Das Gesicht der Sonne hat sowohl auf den Pteryges als auch am Halsband einen ähnlich schlecht gestimmten Gesichtsausdruck wie Þórr. Dieser hat die Augenbrauen verzogen und den Mund halb geöffnet und erscheint zweifelnd-besorgt. In SÁM 66 wirkt Þórr zwar von der Körperhaltung her etwas entschlossener als in NKS 1867 4to, wirkt nicht ‒ wie vielleicht von der verbalen Darstellung zu erwarten wäre ‒ mutig. 246 Es könnte sich hierbei um einen Plattenharnisch mit Ellenbogenkacheln handeln, jedoch spricht die Naht auf der Brustmitte eher für eine Jacke aus Stoff. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 299 <?page no="300"?> Abb. 102: Kultbild von Óðinn SÁM 66 (f. 77r). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Auch Jakob mischte bei der Kolorierung die Farben nicht, die er häufig im Wechsel mit unkolorierten Flächen im für den Barock typischen Hell-Dunkel-Kontrast einsetzte. Die Farben überdecken teilweise die Federlinienschraffur und lassen kaum Rückschlüsse auf die angedachte Materialität zu und sind somit rein dekorativ eingesetzt. Einige Kleidungsstücke sind durch auffällige v. a. gestreifte Muster hervorgehoben, dazu gehören zum Beispiel die schräg blau-weiß gestreiften Kniebundhosen von Þórr (SÁM 66, f. 77v, Abb. 101). 247 In einem Fall wurde das Muster jedoch nicht (nur) aus ästhetischen Gründen, sondern intentional eingesetzt: Dies betrifft Óðins gemusterte Tunika, deren dunkle Grundfarbe mit einem Muster aus geschwungenen Streifen übersät und hellrot eingesäumt ist. Diese Bildseite ist die zweite in SÁM 66, die in der Beischrift die Kleidung kommentiert: „ Oþinn: bijrtist tydumm i Bl  flecköttre Hecklu og hafdi stundumm Geijr. Stundum staf i hendi med siidann hatt ä hófdi þar fra heiter hann Sijdhóttur. “ ( ‚ Óðinn zeigte sich oft im schwarzgefleckten Umhang und hatte manchmal einen Speer, manchmal einen Stab in der Hand. Er hatte einem herabhängenden Hut auf dem Kopf, daher heißt er Síðh ǫ ttr ‘ SÁM 66, f. 77r, Abb. 102). Diese Beischrift versucht also das unförmige Klei- 247 Vgl. die Strümpfe von Balldr (NKS 1867 4to, f. 96v, Abb. 103) oder die Tunika von Hermóðr (NKS 1867 4to, f. 96r) und Heimdallr (NKS 1867 4to, f. 97r; SÁM 66, f. 80r) oder Óðinn (SÁM 666, f. 80v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 300 5 Neuschreiben <?page no="301"?> dungsstück zu erklären, und weist darauf hin, dass der eingesetzte braunviolette Farbton, der der dunkelste verwendete ist, Schwarz darstellen soll. Was aus der von Jakob Sigurðsson dargestellten Bekleidung klar wird, ist dass diese im Vergleich zu AM 738 4to eine Alterität der dargestellten Figuren zum zeitgenössischen Publikum signalisierten und keine gemeinsame Identität über eine visuelle Kontinuität suggerierten. Balldr und Loki Abb. 103: Balldrs Tod, NKS 1867 4to (f. 96v). Foto: Friederike Richter. In den drei Handschriften AM 738 4to, NKS 1867 4to und SÁM 66 wird das eingesetzte Spektrum von Physiognomie, Körperbau und Bekleidung zum Zwecke der Charakterisierung im Vergleich zwischen Balldr und Loki besonders deutlich: In AM 738 4to wird Balldr (f. 36v, Abb. 124) mit rosigen Wangen und zartem, bartlosen Gesicht dargestellt. Sein auffällig gemusterter Gehrock liegt eng am Oberkörper an und ist nach unten ausgestellt, die lange Knopfleiste steht teilweise offen. Seine Haare sind blond und lockigvoluminös, sie fallen in Wellen auf die Schultern und in ihrer Silhouette erinnern sie an eine Allongeperücke, die Balldr mit entsprechender Würde und Assoziation zur zeitgenössischen europäischen Oberklasse ausstatten würde. Loki (f. 41r, Abb. 4) hat dagegen schiefe Schultern, Falten im Gesicht und einen skeptischen Blick. Seine Haare sind kurz, dünn und struppig und er trägt einen grob gewebten Hut. In den Bildlagen finden sich Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 301 <?page no="302"?> mehrere Darstellungen beider Figuren: Balldr (NKS 1867 4to, f. 96r/ v, Abb. 96 und 103; SÁM 66, f. 75r/ v) ist mit seiner feinen Physiognomie mit kleiner Nase und weich gewellten, schulterlangen Haaren jünger 248 als die anderen dargestellt. Seine Kopfbedeckung ist ein dekorativer Hut, der mit einem Knauf besetzt ist und seine Strümpfe haben ein auffälliges Spiralmuster. Auch wenn Loki in den drei Fassungen der Bildlagen jeweils unterschiedlich dargestellt ist, sind folgende Merkmale wiederkehrend: Sein Gesicht ist immer verzerrt dargestellt, in der Einzeldarstellung hat sein knochiges Gesicht wulstigen Augenbrauen, tiefliegenden Augen, eine große Nase, einen Unterbiss und tiefe Falten in den Mundwinkeln und an den Augen, seine Körperhaltung ist geduckt (NKS 1867 4to, f. 93r, Abb. 77; SÁM 66, f. 79r). In den zwei Darstellungen zum Þjazi-Mythos hat Loki eine behaarte Knollennase (NKS 1867 4to, f. 99v, Abb. 87; SÁM 66, f. 73v, Abb. 86), darüber hinaus streckt er in NKS 1867 4to die Zunge weit hinaus. Auf der Bildseite, die den von Loki angestifteten Mord an Balldr darstellt, starrt er mit weit aufgerissenen Augen direkt die Betrachtenden an (NKS 1867 4to, f. 96v; SÁM 66, f. 75v). Diese Ausdifferenzierung zur Charakterisierung der dargestellten Figuren orientiert sich also deutlich an der literarischen Darstellung. Es lässt sich zusammenfassen, dass sowohl in AM 738 4to als auch NKS 1867 4to und SÁM 66 Balldr jung und schön ‒ und damit positiv ‒ dargestellt wurde, Loki dagegen hässlich und als negativer Charakter. Interessant ist, dass Óðinn (in Gestalt von B ǫ lverkr) in einer Illumination mit ähnlichen Merkmalen wie Loki dargestellt wurde: So ist seine Nase groß, rund und behaart (NKS 1867 4to, f. 95v). Aus der Perspektive der jüngeren Handschriften, die die Prosa-Edda aus literarischem Interesse beinhalteten war eine positive Darstellung Óðins (oder der anderen Figuren außer Balldr) nicht notwendig, da es nicht darum ging, die vorchristliche Mythologie in einem positiven Licht darzustellen. 5.4.4 Beischriften Als weiteres zentrales Element enthalten die meisten Illuminationen der vier Handschriften Beischriften, die verschiedene Strategien verfolgen: Dies betrifft Umfang, verwendete Schriftart, Schreibzeitpunkt sowie Verhältnis und Modus der Bezugnahme zur Prosa-Edda. Beim Betrachten der Handschriften mag es zunächst so wirken, als würden die gezeichneten Figuren aus dem verbalen Text der Prosa-Edda hinaustreten, doch wird beim Lesen der Beischriften schnell deutlich, dass die Illuminationen durch Querverweise und Zitationen immer wieder zur Prosa-Edda zurückführen. Vielen Beischriften kommt zunächst eine identifizierende Funktion zu, in dem sie zum Beispiel den Namen der dargestellten Figur angeben. Nachfolgend werden die unterschiedlichen Beischriften analysiert, dabei steht im Vordergrund, wie diese in die Neuschreibeprozesse zur Prosa-Edda eingehen. Transkriptionen und Übersetzungen aller Beischriften finden sich im Anhang (App. 11.1 - 4.4). 248 Er ist bartlos dargestellt - außer in SÁM 66 (f. 75v), wo er einen kurzen Stoppelbart hat. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 302 5 Neuschreiben <?page no="303"?> 5.4.4.1 AM 738 4to Abb. 104: Doppelseite zu Þórr und Nj ǫ rðr mit synoptischer Anordnung der Kenningar-Listen aus dem Annar Partur und Illuminationen mit Beischriften, AM 738 4to (f. 35v - 36r, Doppelseite digital montiert). Fotos: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Alle Illuminationen in AM 738 4to sind mit Beischriften ausgestattet, dazu gehört für fast alle eine Überschrift, die das dargestellte Motiv benennt und vermutlich von der Illuminationshand (1) geschrieben wurde. 249 Zehn der Illuminationen enthalten mehrere weitere Beischriften, die die Edda-Lieder-Hand (2), Haupthand (3) und Ergänzungshand (5) in variierendem Umfang beigesteuert haben. 250 Diese scheinen somit nach und nach 249 Die einzige Ausnahme ist die Darstellung Valh ǫ lls, deren Überschrift evtl. durch Beschnitt verloren ist. 250 Die Haupthand (3) hat zu insgesamt sechs Illuminationen in beiden Blöcken Beischriften hinzugefügt. In diesen werden neben Auszügen aus Dæmisögur, zwei Edda-Liedern (Þrymskviða und Lokasenna) und anderem vor allem verbaler Text aus dem Annar Partur platziert. Die Edda-Lieder-Hand (2) hat bei drei der Illuminationen im zweiten Block vergleichsweise umfangreiche Beischriften hinzugefügt (Valh ǫ ll, Fenrir, Yggdrasill). Die Beischriften zitieren Dæmisögur und aus den Grímnismál, wobei Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 303 <?page no="304"?> ergänzt worden zu sein und waren in diesem Umfang sicher nicht initial geplant. Wegen der synoptischen Kompilation der Illuminationen mit dem zugehörigen Kapitel aus dem Annar-Partur in Lage v (Abb. 104), stellt sich darüber hinaus die Frage, was als Beischrift gilt und wie diese von den gegenüberstehenden poetischen Umschreibungen abzugrenzen sind. Denn wie bereits in der Diskussion um die Kompilation von AM 738 4to angedeutet sind die Grenzen zwischen dem verbalen Text der Prosa-Edda und den Beischriften fließend: Sie sind häufig beides, da Kenningar aus den Annar-Partur-Abschnitten in die Beischriften verschoben wurden. Im Folgenden wird für die Analyse die Seitengrenze als Kriterium ausgewählt und so der verbale Text der Bildseite als Beischrift definiert und analysiert. Die Beischriften sind dabei in ihrem Modus sehr unterschiedlich: Wie erwähnt, sind manche aus dem Annar Partur generiert und bezeichnen die gezeichneten Attribute, die auch in den Kenningar vorkommen. 251 So steht z. B. der Name „ brysijnga men “ (Brísingamen) auf dem krókfaldur, den Freyja trägt. Das verdeutlicht, dass sich die Haupthand (3) dieses Attribut nicht als Halskette, sondern Kopfbedeckung vorgestellt wurde - was allerdings überrascht, da men ‚ Halsschmuck ‘ bedeutet. Diese Beischrift ersetzt zusammen mit der visuellen Darstellung die Kenning „ eigande [ … ] Brijsinga mens “ ( ‚⸢ Besitzerin von Brísingamen ⸣ [Freyja] ‘ , Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 336). Diese wurde in der Annar- Partur-Liste gegenüber offensichtlich bewusst von Hand (3) ausgelassen und somit in die Illumination verschoben. Weiterhin findet sich bei Freyja die Beischrift mit dem Namen der römischen Liebesgöttin „ venus “ , die die einzige explizite Interpretatio Romana im Zusammenhang mit den Illuminationen dieser Handschrift darstellt und als gelehrt geprägte Erweiterung der Kenningar angesehen werden kann. Bei Bragi (f. 41r) sind Beischriften so in das Bildmotiv integriert als hätte Bragi diese selbst in das aufgeschlagene Buch geschrieben. Außerdem hat die Ergänzungshand (5) einige der Beischriften bei Loki (f. 41r) frei zur Zeichnung assoziiert und war dabei vor allem an der Bewertung von Lokis Charakter interessiert. Ein weiterer Modus der Beischriften findet sich in der Illumination von Óðinn, dort hat die Ergänzungshand ein Zitat aus dem Annar Partur eingefügt, das in dieser Handschrift fehlt und auf die entsprechende (wenn auch nicht vorhandene) Dæmisaga verweist: „ Odenn er ædstur Ꜳ sa og ero honum af imsum adburdum geife mórg heiti giefenn so sem getid er i dæmisógum L. i. b. 3. “ ( ‚ Óðinn ist der höchste Ase und ihm sind aufgrund unterschiedlicher Begebenheiten außerordentlich viele Namen [Heiti] gegeben worden, so wie in den Dæmisögur Buch 3 erzählt wird ‘ , AM 738 4to, f. 34v). 252 Diese Beischrift nimmt Bezug auf die große Anzahl der auf der gegenüberliegenden Seite stehenden Kenningar und Heiti Óðins. Ein letzter und beachtenswerter Modus der Beischriften ist die wörtliche Rede, solche wurde Gunnl ǫ ð (f. 41v) von Haupthand (3) in den Mund gelegt: „ kystu mig og letztere in der Handschrift an anderer Stelle und in einer anderen Fassung von derselben Hand enthalten sind. Weiter hat die Ergänzungshand (5) Beischriften zu zwei der Illuminationen im ersten Block hinzugefügt: Bei Óðinn werden Zeilen aus dem Annar Partur zitiert, die allerdings nicht in den entsprechenden Kapiteln in dieser Handschrift enthalten sind und wie andere Hinzufügungen evtl. aus der Edda Islandorum abgeschrieben wurden. Die Beischriften für Loki umfassen Kommentare der Hand zur Illumination. 251 Diese betreffen Þórr (f. 39r), Freyja (f. 37v.), Bragi, Loki (beide f. 41r) sowie Óðinn (f. 34v). Für Þórr gehen diese auf Ds. XIX zurück (vgl. Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 202 - 203). 252 Vgl. Magnús Ólafsson í Laufási (1979: 255, 328). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 304 5 Neuschreiben <?page no="305"?> skalltu verda skalld “ ( ‚ küsse mich und du wirst Dichter werden ‘ ) und „ fadmadu mïg og skalltu kveda vel. “ ( ‚ Umarme mich und du wirst gut dichten ‘ , AM 738 4to, f. 41v). 253 Diese schreiben Gunnl ǫ ð sowohl Handlungsmacht (agency) als auch Promiskuität zu - etwas, was wie beschrieben ebenfalls in ihrer visuellen Darstellung angelegt ist: Vielleicht hat die Ergänzungshand (5) in Resonanz folgende Beischrift zu Óðinn (f. 34v) hinzugefügt: „ Her er fadm biggvi friggiar og farm[ur] ar[ma] Gunnladar “ ( ‚ hier ist der ⸢ Umarmungs-Inanspruchnehmer Friggs ⸣ [Óðinn] und die ⸢ Last von Gunnl ǫ ðs Armen ⸣ [Óðinn] ‘ , AM 738 4to, f. 34v). Zusammen mit den in beiden Bildern gezeichneten Kelchen 254 bilden diese eine verbale und visuelle Klammer von der ersten zur letzten illuminierten Seite dieser Lage. Die umfangreichsten Beischriften finden sich bei Fenrir (f. 43v), einige der Beischriften sind entsprechend der Ausrichtung des Motives um 90 Grad gedreht geschrieben worden (Abb. 5). Die neun Beischriften von der Edda-Lieder-Hand (2) sind Zitate und Paraphrasen aus Ds. XXIX (vgl. Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 208 - 210) und beschreiben u. a. den Aufbau und Bestandteile von Fenris Fessel und Knebel und somit die entsprechenden Details der Zeichnung. Direkt unterhalb der Überschrift hat Haupthand (3) später 255 eine Beschreibung der Lage des Totenreiches Hel eingefügt: þar siör er diüpastur, nidur ad hellu er 900: fadma diüp enn fyrir nedann þann siö er 60 fadma hella enn fyrir nedan þä hellu sextugur siör enn fyrir nedan þann siö naglz þick hella og fyrir nedann þä hellu heliar merkur. NB: 256 (Beischrift zu Fenrir, AM 738 4to, f. 43v) Darin wird Hel als dunkles Reich unterhalb von Meeres- und Felsschichten gelegen beschrieben. 257 Der Bezug dieser Beschreibung mag sich nicht auf Anhieb erschließen, da 253 Vgl. Margrét Eggertsdóttir (2014a: 119 - 120). Diese Worte wurden durch eine freie Paraphrase des Metraubes durch Óðinn ergänzt, wie er in Ds. LXII dargestellt ist (vgl. Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 244 - 246): „ miød gïeffur gunnlód ödinn hann kisti hana og var hïa henni þriär nætur “ ( ‚ Met gibt Gunnl ǫ ð. Er, Óðinn, küsste sie und war drei Nächte bei ihr ‘ ). Diese Episode wird auch in den Hávamál (Str. 104 - 110), jedoch mit anderen Formulierungen, erzählt. 254 Dabei könnte der Kelch unter Gunnl ǫ ðs Achsel ein später (evtl. von Hand 5) ergänztes Detail sein. Óðinn hält dagegen einen goldenen Kelch und einen großen Krug vor seinem Körper, diese waren also von Anfang an Teil des Motivs. 255 Die Beischrift von Haupthand (3) wurde zwischen Überschrift, Illumination und bestehenden Beischriften eingeschoben, dies ist an der Zeilenlänge erkennbar, die am linken und rechten Rand eingezogen ist und nicht die Blattbreite ausnutzt. 256 ‚ Dort wo das Meer am tiefsten ist, bis nach unten zum Felsgrund ist es 900 Fäden tief, und unterhalb dieses Meeres ist eine 60 Fäden dicke Felsschicht und unterhalb dieser Felsschicht ein sechzigjähriges Meer und unterhalb dieses Meeres eine nageldicke Felsschicht und unterhalb dieser Felsschicht die Dunkelheit Hels. N(ota) B(ene) ‘ . Eine ähnliche Darstellung findet sich in der spätmittelalterlichen medizinischen Sammelhandschrift Dublin, Royal Irish Academy, 23 D 43 (um 1475 - 1500, f. 4r). In letzterer ist jedoch nur der Anfang dieser Beschreibung der Meerestiefe vorhanden, das Totenreich nicht erwähnt. Die Beschreibung erscheint darin inhaltlich losgelöst vom medizinischen Inhalt der Handschrift (vgl. Larsen 1931: 53). Außerdem findet sich diese Beschreibung in der viel jüngeren Handschrift Lbs 2286 4to (1892 - 1895, f. 96r). Zur Imagination einer horizontalen Teilung des Meeres mit einem Zwischenboden vgl. Larsen (1926a: 19 - 20). 257 Hel wird hier sowohl als submarin als auch subterran beschrieben. Grímnismál (Str. 28, vgl. AM 738 4to, f. 58v/ 59r) könnte u. U. als submarine Beschreibung der Lage Hels gelesen werden, denn darin werden Flüsse aufgezählt, die zu Hel hinabstürzen. Einer dieser, Gj ǫ ll, hat denselben Namen wie die Felsenplatte, an die Fenrir gebunden wurde. Dieser Fluss wird in Ds. XLIV als derjenige genannt, der auf dem Weg nach Hel überschritten werden muss (vgl. Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 226). Die Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 305 <?page no="306"?> sie mit dem Muster in der Handschrift bricht, dass die Beischriften explizit das dargestellte Motiv kommentieren. Der Bezug für diese Beschreibung lässt sich womöglich in einer impliziten Interpretatio Romana finden, in der Fenrir mit dem Höllenhund Cerberus assoziiert wurde. Diese Entsprechung findet sich in der Liste über die klassische Mythologie nur wenige Seiten zuvor, darin wird Cerberus als an der Helgrind liegend beschrieben (AM 738 4to, f. 42r41 - 43). Die Beischriften zu Loki (f. 41r, Abb. 4) sind ebenfalls bemerkenswert. Die Haupthand (3) schrieb vier Kommentare, die Zitate aus Edda-Lieder darstellen. 258 Ein Beispiel ist aus der Þrymskviða (Str. 5/ 9) und bezieht sich auf Loki: „ flö þä loki fiødur hanz dunde “ ( ‚ da flog Loki, seine Feder rauschte ‘ , vgl. AM 738 4to, f. 68v/ 69v). Weiterhin hat die Ergänzungshand (5) weitere Beischriften auf Lokis Jacke geschrieben, die sich auf keine literarische Vorlage zurückführen lassen und nach der Kolorierung aufgebracht wurden. Auch die kleine Schlange und der kleine Vierbeiner sind von dieser Hand auf die Jacke gezeichnet worden und sollen vermutlich die beiden Kinder Lokis - Midgardschlange und Fenrir - darstellen. Auf der rechten Brust Lokis steht neben der Schlange „ hóggormsbrióst “ ( ‚ Giftschlangenbrust ‘ ) und auf der linken Brust neben der Darstellung des Vierbeiners „ lou hiarta “ ( ‚ Goldregenpfeiferherz ‘ , AM 738 4to, f. 41r). 259 Die anderen zwei beziehen sich auf die auffällige Handhaltung Lokis; neben der unter die Jacke gesteckten linken Hand steht: „ Hilur skálka hónd undir skijlu flærdar “ ( ‚ Er verdeckt die ⸢ Hand der Schurken ⸣ (Penis) unter dem Stoff der Verschlagenheit ‘ ). Neben der rechten Hand Lokis steht: „ Rietter framm grædifingurenn enn leiner i löfa hinum illvirkia tømum Lævijse Loke. “ ( ‚ Er streckt den Heilfinger vor, aber verbirgt den ⸢ Wohlbekannten der Missetaten ⸣ (Penis) in der Handfläche. Loki der Gerissene ‘ , AM 738 4to, f. 41r). 260 Lokis Zeigefinger ist dabei nicht nur vergrößert, sondern zusätzlich über die Positionierung vor der Körpermitte und mit einem Strich auf dem Nagel visuell mit einem Penis assoziiert. Auch die Beischriften verweisen mit einer Kenning auf den Penis. Die Beischriften von Hand (5) thematisieren also die Bosheit und Hinterlist Lokis sowie seine unheilbringenden Kinder, Fenrir und die Midgardschlange. Darstellung eines Cerberus ähnlichen Höllenhundes legt in dem Edda-Lied Balldrs draumar (Str. 2 - 3; vgl. AM 738 4to, f. 70r) ebenfalls eine Assoziation von Jenseitsort (Hel) und Fenrir nahe. 258 Manche der Zitate sind leicht angepasst, die zwei Beischriften, „ loki var bundinn med þørmum sonar s (íns) “ ( ‚ Loki wurde mit den Därmen seines Sohnes gefesselt ‘ ) und „ sigin hiet kona loka “ ( ‚ Sigyn hieß Lokis Frau ‘ ) haben Parallelen im Prosaschluss der Lokasenna (vgl. AM 738 4to, f. 68v). Dieselbe Hand hat außerdem das Heiti „ loptur “ für Loki, das ebenfalls in der Lokasenna verwendet wird, neben die Zeichnung geschrieben (Str. 6; vgl. AM 738 4to, f. 66r). Dieser Beiname wird allerdings nicht im Annar Partur gelistet, wohl aber in Ds. XXVII (vgl. Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 207) sowie im Hyndluljóð (Str. 41, diese ist nicht in AM 738 4to vorhanden) und den Fj ǫ lsvinnsmál (Str. 26; vgl. AM 738 4to, f. 76r). 259 In der Logik der Kenningar gilt zwar die Beschreibung eines kleinen, festen Herzen als Zeichen für Mut (vgl. Meissner 1921: 138), doch erscheint hier vielleicht eher die Eigenschaft des Goldregenpfeifers, die sich dem Nest nähernde Personen durch gezieltes Verleiten abzulenken als eine mögliche Erklärung für diese doch recht spezifische Nennung einer Vogelart in Bezug auf Lokis Charakter. Diese Deutung geht mit dem Thema der anderen Beischriften einher, die die Hinterlist Lokis thematisieren. 260 Loki streckt jedoch den Zeigefinger vor und nicht den Ringfinger, der eigentlich als græðifingur bezeichnet wird (vgl. Cleasby/ Guðbrandur Vigfússon 1874: 218) und als digitus medicus seit der Antike bekannt ist. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 306 5 Neuschreiben <?page no="307"?> Die Beischriften zitieren aus beiden Eddas: Von der eddischen Dichtung, vor allem aus den Grímnismál und der Þrymskviða und doppeln so Inhalte zu den nachfolgenden Edda- Liedern. Bei den Beischriften, die die Prosa-Edda zitieren, wurde wiederum genau darauf geachtet, Dopplungen mit den nebenstehenden Kenningarlisten zu vermeiden. Weitere Beischriften wurden frei zu den Illuminationen ergänzt. Die verschiedenen Ursprünge der Beischriften sind ein weiteres Argument für die Komplexität des verteilten Prologs in AM 738 4to und den verwischten Grenzen zwischen Text und Paratext. Sie bilden zusammen mit den Illuminationen eine mediale Erweiterung, in denen die Textvorlagen aufgebrochen und mit den Illuminationen neu angeordnet wurden. 5.4.4.2 Die drei jüngeren Handschriften Die Beischriften in den drei jüngeren Handschriften sind alle von Jakob Sigurðsson bereits beim Zeichnen der Illuminationen konzipiert und eingefügt worden. Sie unterscheiden sich ‒ genauso wie die Details im visuellen Text ‒ zwischen den jeweiligen Fassungen. Die meisten Beischriften der Bildlagen benennen das Dargestellte und fassen die Bildnarrative knapp zusammen, in anderen Fällen kommentieren sie das Dargestellte. Dies betrifft vor allem Beischriften in Versform, die zusätzlich zu den visuellen Gestaltungsmitteln verbal eine Einordnung des Dargestellten ausdrücken: So werden in Hárs lygi die von Hárr erzählten Narrative (und damit die Dæmisögur) als rhetorisch geschickte Lüge entlarvt (NKS 1867 4to, f. 98r, 111v; ÍB 299 4to, f. 59v; SÁM 66, f. 78r) oder diejenigen Völker, die das dargestellte Kultbild von Óðinn verehrt haben sollen, verspottet (NKS 1867 4to, f. 94r; SÁM 66, f. 77r). Dennoch wird dabei deutlich, dass die Narrative zu den Illuminationen im selben Buch zu finden sind. Die Beischriften in ÍB 299 4to fügen eine weitere Dimension in Form der Interpretatio Romana hinzu. Hier wird in der Bildseite, die die Kybele/ V ǫ lva zeigt mit dem Verweis auf die Sibyllinischen Bücher eine Analogie zur V ǫ luspá hergestellt (ÍB 299 4to, f. 1v; s. u., Kap. 5.5.2.2). Die Strophe zu Mars/ Týr (ÍB 299 4to, f. 60r) beschreibt das Anrufen von Týr als Kriegsgott als erfolgsversprechende (vorchristliche) Praxis, die im Gegensatz zur Bewertung des Óðinn-Kultbildes in den anderen beiden Handschriften positiv ausfällt. 261 Es ist durchaus wahrscheinlich, dass Jakob Sigurðsson, der selbst Dichter war, die Strophen verfasst hat. Dies bedeutet, dass er sich nicht nur auf visueller, sondern auch auf verbaler Ebene mit den Inhalten der Prosa-Edda kreativ schöpfend auseinandergesetzt hat. 261 Weitere gedichtete Beischriften finden sich auf diesen Bildseiten: Hermóðr reitet zu Balldr nach Hel (NKS 1867 4to, f. 96r; SÁM 66, f. 75r) und im Þjazi-Mythos, laut derer Loki aufgrund seines schlechten Charakters die Kapriole Þjazis verdient hätte (NKS 1867 4to, f. 99v). Ebenfalls Dichtung umfasst die Beischrift zum Hyrr ǫ kkin-Bildstein, diese wurde aber von der Vorlage übernommen und ist eine Zitation aus der Hervarar saga ok Heiðreks (Str. 36) von Gestum blindi (NKS 1867 4to, f. 110r; ÍB 299 4to, f. 60v). Im Zusammenhang mit der Darstellung von Óðinn auf Sleipnir wird aus den Grímnismál (Str. 44) zitiert (SÁM 66, f. 80v), die beide Figuren als herausragend benennt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 307 <?page no="308"?> Abb. 105: Kurze Beischrift in Geheimschrift und Runen, Óðinn auf Sleipnir, NKS 1867 4to (f. 97v). Foto: Friederike Richter. Abb. 106: Umfangreiche Beischriften in Kanzleischrift, Óðinn auf Sleipnir, SÁM 66 (f. 80v). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Die zuvor analysierte Vielschriftigkeit betrifft auch die Beischriften: Der Hauptteil der Beischriften erfolgte zwar in Kanzleischrift, doch in NKS 1867 4to sind mehrere Beischriften in Runenbzw. Geheimschrift abgefasst (NKS 1867 4to, f. 97v, Abb. 105). 262 Diese zunächst enigmatischen Beischriften können erst nach Transliteration anhand der in den Handschriften befindlichen Schriftreihen gelöst werden, und fügen so eine weitere, ebenfalls historisch verortete Alterität auf der Ebene der Schrift zu den Bildseiten hinzu. Diese Beischriften verschleiern für unwissende Betrachtende die Identität der dargestellten Figuren, können aber auch Neugier erwecken. Sie belegen weiterhin einen spielerischschöpferischen Umgang mit den antiquarisch-gelehrten Ausführungen zum Thema Schrift, der über das reine ‚ Sammeln ‘ deutlich hinausgeht. Eine interessante Position hat die Beschriftung von Þórs Gürteln Megingjarðar in Runen: Diese treten bei allen Darstellungen Þórs auf und deren Platzierung direkt auf den Gürteln, die sich um Þórs Bauch herumlegen, lässt sie deshalb immer unvollständig erscheinen. Dies impliziert, dass diese Beischrift in Runen als Teil des Motives imaginiert wurde (NKS 1867 4to, f. 93v, 94v; SÁM 66, f. 77v, 79v). Ansonsten fallen alle anderen, in Kanzleischrift geschriebenen Beischriften in SÁM 66 weitaus umfangreicher aus (f. 80v, Abb. 106). Dies ist ein weiterer Hinweis dafür sein, dass diese Handschrift weniger antiquarisch-historisierend, aber dafür zugänglicher gestaltet wurde, da diese Beischriften die Motive verständlich und ausführlicher erklären (Baer 2013: 234). 262 In NKS 1867 4to enthalten drei Bildseiten Beischriften in Runenschrift (f. 93r/ v, 94v), eine Geheimschrift (f. 95r) und drei die Kombination aus beiden (f. 92v, 97r/ v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 308 5 Neuschreiben <?page no="309"?> Die Bildlagen heben die Mythennarrative als literarisches Phänomen hervor und lenken das Interesse auf die Dæmisögur innerhalb der Handschriften. Obwohl Jakob so viel in seinen Handschriften sorgfältig individualisierte und auch in Bezug auf den Einsatz paratextueller Elemente viel Kenntnis zeigte, hat er ein Detail erstaunlicherweise nicht angeglichen: Die Nummerierung der Querverweise auf die Dæmisögur in den Beischriften der Bildlagen von NKS 1867 4to und SÁM 66 (Baer 2013: 232, Faulkes 1979a: 140). Diese weichen - im Vergleich zur Nummerierung der nachfolgenden Dæmisögur um eins nach unten ab und könnten von einer Vorlage übernommen worden zu sein, ohne sie auf Brauchbarkeit abzugleichen. Das ist verwunderlich, weil sie nicht nur als allgemeine Querverweise, sondern auch als explizite Leseaufforderungen formuliert wurden und so die reibungslose Nutzung der Handschrift zunächst stören. Grundsätzlich war es sicherlich trotzdem - dank der deskriptiven Überschriften der Dæmisögur und spätestens bei Erkennen dieses Fehlers - nicht schwer bei Interesse das korrekte Kapitel aufzuschlagen. Das bedeutet, dass die Bildlagen zwar zunächst offensichtlich paratextuell eingesetzt erscheinen, aber durch ihre geschwächte funktionale Verknüpfung gleichzeitig selbst als unabhängiger Text - ähnlich wie die anderen im erweiterten Prolog zusammengestellten Materialien - hervortreten. 5.4.5 Zusammenfassung Dieses Kapitel hatte zum Ziel, einen Überblick über die zahlreichen Illuminationen in den vier Handschriften zu geben und auf einzelne Phänomene besonders einzugehen. Zu diesen gehört u. a. die Ausgangslage der fehlenden Bildtradition, die dazu führte, dass die Illuminationshand von AM 738 4to frei in der Gestaltung war. Das galt ebenso für Jakob Sigurðsson, der jedoch teilweise Vorlagen verwendete und auf unterschiedeliche Weise weiterbearbeitete. Dies klingt indirekt in der Interpretatio Romana durch, aber wird auch konkret in der Verwendung von Bildtafeln aus Bartholins (1689) Antiqvitatum Danicarum deutlich. Besonderes Augenmerk wurde in dieser Analyse auf die Gestaltung der Gött: innen und Ries: innen gerichtet: Während die eddischen Figuren in AM 738 4to den Lesenden als Mitglieder einer zeitgenössischen isländischen Oberschicht präsentiert werden, werden diese in den drei jüngeren Handschriften mit einer Vorstellung von Alterität assozitiert, indem sie fantasievolle, historisierende Kostüme mit Rüstungselementen tragen. Weiterhin zeigt die Gestaltung der Illuminationen in allen Handschriften detaillierte Kenntnis von den eddischen Narrativen. Die Beischriften wurden unterschiedlich eingesetzt: Sie identifizieren und kommentieren die Motive und zeigen enge Verwebungen mit dem verbalen Text der Eddas, indem auf diese verwiesen und aus ihnen zitiert wird. Auf literarischer Ebene enthüllen die Illuminationen eine Besonderheit im Neuschreiben der Prosa-Edda: In AM 738 4to wird der Annar Partur um einen elaborierten visuellen Text bereichert; in den Bildlagen in NKS 1867 4to und SÁM 66 und der Titelseite von ÍB 299 4to betrifft dies die Dæmisögur. In ÍB 299 4to wird außerdem die Strategie der Interpretatio Romana der Prosa-Edda in den Illuminationen aufgegriffen und ebenfalls markant weitergeführt. In der Analyse wurde deutlich, dass Bildseiten bei weitem nicht (nur) paratextuell oder als reine Ausschmückung eingesetzt wurden, sondern in den vier Handschriften als inhärenter Teil der Kompilation und damit der neugeschriebenen Prosa- Edda gelten. Nachfolgend werden nun zwei der hier angeschnittenen Themen - die Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.4 Illuminationen 309 <?page no="310"?> Illuminationen von Hárs lygi und die Interpretatio Romana - in eigenen, ausführlichen Fallstudien vertieft. 5.5 Fallstudien Dieses Kapitel vereint zwei ausführliche Fallstudien, die die vielschichtigen Neuschreibeprozesse in den Handschriften zusammenfassend erörtern und dadurch die Verwebungen der Textformen demonstrieren. Diese Beispiele werden außerdem im gelehrten kulturhistorischen Kontext der Zeit, v. a. des skandinavischen Antiquarianismus, verortet, und so die weitergehende Perspektive auf die Neuschreibestrategien seit dem Mittelalter eröffnet. Darin wird deutlich, wie sehr die Handschriften sowohl untereinander abweichen, aber auch vom heute verbreiteten Verständnis von der Prosa-Edda, das für gewöhnlich vor allem auf Studien fußt, die die mittelalterliche Fassung des Codex Regius zugrunde legen und die frühneuzeitliche Periode ausklammern. Die Fallstudien erfolgen zu zwei Themen: Die Verschiebungen des Dæmisögur-Rahmennarrativs Hárs lygi in die Bildseiten und der unterschiedliche Einsatz der Strategie Interpretatio Romana. Das Ziel ist, das Neuschreiben als vielschichtigen Prozess auseinanderzudividieren, der sich seit dem Mittelalter und später unter Einfluss von Druckpublikationen aufgebaut hat. Die untersuchten frühneuzeitlichen Phänomene fordern die etablierten Vorstellungen von der Prosa-Edda heraus, weil sie im Vergleich zur mittelalterlichen Überlieferung abweichende Bilder der eddischen Mythologie - nicht nur im visuellen Sinne - anbieten. 5.5.1 Hárs lygi In der ersten Fallstudie geht es um das Neuschreiben des Rahmennarrativs der Dæmisögur, welches in dieser Studie Hárs lygi 263 genannt wird. Das mittelalterliche Rahmennarrativ beschreibt, wie der schwedische König Gylfi in der Gestalt eines alten Mannes, der sich Gangleri nennt, nach Ásgarðr reist, um die Mythen der Götter zu erfahren. In einer hohen Halle erhält er Antwort von den drei Asenkönigen Hárr, Jafnhárr und Þriði, welche die Mythen der Prosa-Edda nachfolgend im Dialog mit Gangleri erzählen - bis sie und die Halle sich am Ende der Gylfaginning unter großem Krach in Luft auflösen. Diese dialogische Narrativierung ist wie der Prologus eine der Strategien der Rahmung der Mythen und hat in den mittelalterlichen Fassungen bereits umfangreiche Forschung nach sich gezogen. 264 Das Neuschreiben wird sowohl in Bezug auf die verbale Textfassung der Prosa-Edda in den Papierhandschriften als auch anhand der vier Bildseiten analysiert. Dieses Rahmennarrativ wurde zuerst im mittelalterlichen Codex Upsaliensis (DG 11 4to, f. 26v) in einer Illumination visuell dargestellt und zog einige Jahrhunderte später mehrere weitere Weiterbearbeitungen in antiquarischen Drucken und Handschriften nach sich. Die illustrierende Funktion der Illumination ist jedoch über weite Strecken durch die 263 Wie unten ausführlich dargestellt wird, trägt das Kapitel, das dieses Rahmennarrativ der Dæmisögur einführt, die Überschrift Hárs lygi. In den Beischriften zur entsprechenden Illumination wird die Lüge Hárs ebenfalls so benannt. 264 Zentrale Publikationen sind u. a. Glauser (2009: 168 - 170, 2013), Marold (1998), McTurk (1994), Rösli (2013, 2015: 80 - 95, 166 - 175, 197 - 206) und Schneeberger (2019, 2020: 80 - 103). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 310 5 Neuschreiben <?page no="311"?> Loslösung von der Prosa-Edda in den frühneuzeitlichen Drucken verloren gegangen, gelangte so in die drei jüngeren Handschriften. Die Beliebtheit des Motivs hält bis heute an, so wurden mehrere Titelseiten von wissenschaftlichen Publikationen zu altnordischen Literatur mit diesem Motiv ausgestattet. 265 Das Motiv kann also auf eine lange Popularität zurückblicken, weshalb Glauser dieser „ prägnanten Inszenierung einer medialen ‚ Urszene ‘“ ganz richtig „ ikonographischen Status “ (Glauser 2013: 113) attestiert. Nachfolgend werden zunächst die Überlieferung und Rezeption des Motivs seit dem Mittelalter zusammengetragen, bevor eine detaillierte Analyse der Bildseiten in den drei jüngeren Handschriften erfolgt. Abschließend werden die unterschiedlichen Verwebungen mit dem verbalen Text - in Bezug auf Beischriften und die Dæmisögur - diskutiert. 5.5.1.1 Vom Pergament über Drucke zu den drei jüngeren Handschriften Nachfolgend sollen Ursprung und Überlieferung des Motivs betrachtet werden, wobei zur Kontextualisierung einige Publikationen und Handschriften einbezogen werden, die zwar nicht im direkten Zusammenhang mit den hier untersuchten Handschriften stehen, aber zwei Dinge aufzeigen können: Zum einen die große Popularität des Motivs in der Frühen Neuzeit, in die sich die drei jüngeren Handschriften einreihen. Zum anderen die ganz unterschiedlichen Funktionalisierungen und Ausdeutungen des Motivs, die mit entsprechenden Varianten in der visuellen Darstellung einhergeht und in den begleitenden verbalen Kommentaren zum Ausdruck kommen. Die mittelalterliche Fassung im Codex Upsaliensis Der Codex Upsaliensis ist - wie zuvor beschrieben - als einzige der mittelalterlichen Prosa- Edda-Handschriften mit zahlreichen einzigartigen Illuminationen und Diagrammen ausgestattet. Sicherlich wegen ihres eindeutig illustrativen Bezugs zum Inhalt der Prosa-Edda, aber auch wegen der späteren antiquarischen Rezeption ist die hier thematisierte Bildseite zu Hárs lygi (DG 11 4to, f. 26v, Abb. 107) eine der mit Abstand bekanntesten und immer wieder in Forschung diskutierten Illuminationen altnordischer Handschriften. 266 Auf die Blattseite wurden zu verschiedenen Zeiten mehrere Zeichnungen und Beschriftungen aufgetragen. Das zentrale Motiv zeigt links eine Person im Gespräch mit drei übereinander angeordneten Königen rechts. Diese werden als Illustration des Rahmennarrativs der Gylfaginning interpretiert, also König Gylfi in Gestalt des alten Mannes Gangleri im Gespräch mit den drei Asenkönigen. Diese Deutung wird durch die (späteren) Beischriften unterstützt. Gangleri steht gebeugt auf einen Wanderstab gestützt, sein Mund ist geöffnet, und er zeigt mit seiner rechten Hand auf den oberen Asenkönig Þriði. Er trägt einen gegürteten knielangen Mantel und eine Gugel mit langer Kapuze, der Wanderstab ist oben mit einem T-förmigen Handgriff und unten mit einem Dorn besetzt. Die Asenkönige sitzen übereinander auf einem dreistufigen Thron bzw. Hochsitz. Þriði (der obere) hat 265 Beispielsweise in von See (1988). Gerhold (2002) hat in der Arbeit über „ Armut und Armenfürsorge im mittelalterlichen Island “ die Figur des Gangleri isoliert und mit dessen gekrümmten Körperhaltung, Wanderstock und zeigenden Geste als eine von Armut betroffene Person umgedeutet. In der Abhandlung über Jón lærði Guðmundsson wählte Einar G. Pétursson (1998b) passenderweise die Fassung des Motivs aus einer Handschrift, die Jón schrieb und illuminierte (Oxford, Bodleian Library, Marshall 114). 266 Die einschlägigen Publikationen zu diesem Motiv sind Baer (2009, 2013: 216 - 228), Gerður Steinþórsdóttir (2013), Glauser (2009: 168 - 169, 2013: 113 - 115) und Schneeberger (2020: 126 - 130). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.5 Fallstudien 311 <?page no="312"?> seinen linken Arm um Jafnhárr (den mittleren) gelegt, beide Körper erscheinen nicht ganz kongruent im Verhältnis zu den dargestellten Sitzflächen. 267 Alle drei Asenkönige zeigen mit einer Hand auf Gangleri. Hárr hält die andere Hand mit abgespreizten Fingern und zu sich gedreht, und Jafnhárr zeigt mit der rechten Hand auf Þriði über sich. Die Asenkönige tragen knöchellange Gewänder und Umhänge mit großzügigen, weich fallenden Falten, die einen schweren Stoff suggerieren. Der Hochsitz hat drei Stufen, die obere und untere Stufe sind mit einem rautenförmigen Muster, möglicherweise eine Sitzbedeckung darstellend, verziert. Alle drei tragen Kronen mit Lilienbzw. Kleeblattkreuzformen, sie haben schulterlange gewellte Haare und die beiden oberen Bart. 268 Der untere Asenkönig, Hárr, wird aufgrund der Bartlosigkeit (und womöglich wegen der frühneuzeitlichen Interpretationen als Freyja, s. unten) und eines schattierten Faltenwurfs, der Brüste modellierend könnte, manchmal als weibliche Figur interpretiert. 269 Abb. 107: Hárs lygi in DG 11 4to (f. 26v). Foto: Uppsala Universitetsbibliotek. 267 Parallelen der vertikalen Anordnung der drei Asenkönige im Narrativ der Gylfaginning zur Ikonografie des Gnadenstuhls erkannte Marold (1998: 139). 268 Der Bart befindet sich bei beiden Gesichtern unterhalb des Kinns (und teilweise der Wangen). Die Köpfe der beiden oberen sind deutlich größer als von der unteren Figur. 269 U. a. von Baer (2009: 63). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 312 5 Neuschreiben <?page no="313"?> Gangleri, der immerhin ein verkleideter schwedischer König ist, sieht im Vergleich zu den drei Asenkönigen wenig würdevoll aus. Er hat eine verzerrte Physiognomie mit stark hervorstehender, gebogener Nase, einen weit geöffneten Mund und ein stark fliehendes Kinn; sein Körper hat eine gebeugte und schmächtige Statur mit dünnen Armen und Beinen. Die Darstellung erscheint also bewusst pejorativ. In Bezug auf eine andere Illumination in dieser Handschrift, einen Mann mit einem Stock (f. 25r), hatte Cole (2015: 256 - 259) bereits die Verwendung antisemitischer Ikonografie in dieser Handschrift aufgezeigt. Die dort verwendeten Merkmale unterscheiden sich zwar von Gangleri, doch scheint es durchaus denkbar, dass Elemente einer antisemitischen Ikonografie hier ebenfalls einflossen, um Gangleri als heidnisch zu markieren. So lassen sich diese Merkmale ebenfalls mehrfach in der isländischen Teiknibókin (AM 673 a III 4to, f. 6r/ v, 9r) finden, für die Cole (2015: 251 - 256) ebenfalls antisemitische Ikonografie attestiert. 270 Einige dieser abwertend eingesetzten Merkmale werden, wie nachfolgend noch gezeigt wird, in den frühneuzeitlichen Druckfassungen verstärkt, und andere abgeschwächt (so wird die gebogene Nase zu einer länglichen Stupsnase umgeformt). Es wirkt deshalb besonders auffällig, in welchem Ausmaß schließlich Gangleri in den hier untersuchten Handschriften weiter entstellt wurde. Die Illumination scheint dem Codex Upsaliensis erst zu einem späteren Zeitpunkt hinzugefügt worden zu sein, vermutlich im 14. Jh. (Glauser 2013: 113). Weil die Seite stark verschmutzt ist, gab es naheliegende Vorschläge, dass diese sich zu einem früheren Zeitpunkt womöglich am Ende des Kodexes befunden haben könnte (Guðvarður Már Gunnlaugsson 2009: 345, Heimir Pálsson 2012a: lxxv). Auf ihrer Rückseite befindet sich das L ǫ gs ǫ gumannatal (f. 26r) und auf der gegenüberliegenden Seite beginnt mit dem poetologischen Abschnitt der Skáldskaparmál das sog. Liber secundus. 271 Diese Kompilation bedeutet, dass sich die Illumination einige Blätter entfernt vom Ende der Gylfaginning (f. 19r) befindet, in dem die Asenkönige mitsamt ihrer Halle plötzlich verschwinden. Medial erscheint hier somit die Illumination als Wiedereinblenden eines bereits verschwundenen Trugbildes. Auf dieser Seite wurden über die Jahre noch weitere Elemente - Zeichnungen und Beischriften - hinzugefügt. So wurde Gangleri mehrfach mehr oder weniger gelungen kopiert, einmal so überzeugend als Ganzfigur, dass diese später als Begleitfigur interpretiert wurde. 272 Sehr interessant ist diesbezüglich Glausers Ansatz, diese Kopien nicht wie üblich als Kritzeleien abzuwerten, sondern sie als Dopplungen im Kontext des Narrativs, das mit Dopplungen arbeitet, zu lesen: Es lohnt sich auf jeden Fall bereits hier kurz festzuhalten, dass das Prinzip des verdoppelnden Zitierens und Kopierens in dieser ‚ Prosa-Edda ‘ -Handschrift sowohl auf der Textwie der Bildebene eingesetzt wird mit dem klaren Ziel, undeutliche, ambigue Verhältnisse zu schaffen. 270 Dazu zählt der schwächliche Körper, die gebogene Nase und der für die Darstellung eines alten Mannes ungewöhnliche fehlende Bartwuchs. Ein fehlender Bart könnte bei einem alten Mann mit Effemination gleichgesetzt werden, Cole bezeichnet solche Strategien der Assoziation von ‚ Unmännlichkeit ‘ als „ Jewish queerness “ (Cole 2015: 253 - 254). 271 Der narrative Abschnitt Bragar œ ðr, der oftmals als den Skáldskaparmál zugehörig angesehen wird, ist hiervon abgetrennt und erscheint im Anschluss an die Gylfaginning noch im Liber primus (Heimir Pálsson 2012a: lxxiv). 272 Vgl. Glauser (2013: 113). Eine Kopie befindet sich direkt hinter Gangleri, drei weitere Male wurde der Kopf und Oberkörper (einmal davon nur schemenhaft) am unteren Blattrand hinzugefügt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.5 Fallstudien 313 <?page no="314"?> Lediglich von „ Kritzel-Kopien “ zu sprechen, wie Weber dies tut, scheint mir zu kurz zu greifen. (Glauser 2013: 115) In den späteren Rezeptionen wurden diese Gangleri-Doppelgänger zumeist ausgelassen. Dagegen wurde eine andere Motivkopie dieser Seite, die etwas ungelenke, fratzenförmige Kopie des Kopfes vom oberen Asenkönig (Þriði), von den nachfolgenden Drucken übernommen und haben seitdem ein beachtliches Eigenleben entwickelt (s. unten). 273 Die Fratze ist seit Verelius als Sonne interpretiert worden und zog schließlich in die Illuminationen von Jakob Sigurðsson ein, der sie als Attribut von Óðinn und Þórr umdeutete. Ebenfalls um spätere Ergänzungen handelt es sich bei den Beischriften: Direkt über Gangleris Kopf steht „ gangleri spyrr “ ( ‚ Gangleri fragt ‘ , 15./ 16. Jh.) und darüber, auf einem dunkelbraunen Fleck in blasser Schrift, wurde vermutlich im 17. Jh. - noch vor Verelius ’ Druck - evtl. von Guðmundur Ólafsson diese Beschreibung eingetragen: „ Her er Har, Jampnhar ok þriþi sem segir i Gylva ginning “ ( ‚ Hier sind Hárr, Jafnhárr und Þriði, so wie in der Gylfaginning beschrieben. ‘ , DG 11 4to, f. 26v). Die darüber befindliche weitere Beischrift ist inzwischen zu verwaschen, um sie entziffern zu können. 274 Antiquarische Drucke Die Illumination des Codex Upsaliensis wurde v. a. in der zweiten Hälfte des 17. Jh. mehrfach in antiquarischen Publikationen, die im weiteren Sinne mit altnordischer Literatur zu tun hatten, reproduziert. 275 Die große Beliebtheit, lag sicherlich an der Versatilität des Motivs, die Raum für Interpretationen und damit unterschiedliche Funktionalisierungen ließ. Diese haben sich zuweilen deutlich von der Prosa-Edda entfernt und werden nachfolgend kurz erläutert. Verelius (1664) fügte das Motiv als Radierung in den Kommentarteil seiner in Uppsala erschienen zweisprachigen Edition der Gautreks saga/ Hrólfs saga Gautrekssonar (Gothrici & Rolfi Westrogothiæ Regum Historia) hinzu (Abb. 108). 276 Er entfernte die meisten später hinzugefügten Motivkopien von Gangleri, übernahm aber die Kopie von Þriðis Kopf, die er als Sonne umdeutete 277 und die in den nachfolgenden Fassungen als Teil des Motivs weitergeführt wurde. Die Hand des unteren Asenkönigs, Hárr, ist nun aufrecht mit der Handfläche zu Gangleri gedreht und zeigt damit eine Geste, die Einhalt gebietet (so auch nachfolgend bei Bartholin, Arnkiel und Scheffer), außerdem ist in diesen Fassungen (außer bei Arnkiel, der Gangleri aus dem Motiv entfernt hat) Gangleris Gesichtsprofil stärker verzerrt ‒ das betrifft sowohl die flache, fliehende Stirn sowie das auf die Unterlippe reduzierte Kinn. Weiterhin übernimmt Verelius die Beischriften aus dem Codex Upsa- 273 Darunter befindet sich noch eine weitere, sehr blasse Kopie eines Gesichtes (Augen, evtl. Nase, Mund). 274 Die Transkriptionen sind allein auf Grundlage der Fotos nicht zur Gänze möglich und wurden deshalb mitsamt den Datierungen von Glauser (2013: 115) übernommen. 275 Die verschiedenen gedruckten und handschriftlichen Weiterbearbeitungen dieses Motivs wurden in letzter Zeit untersucht (vgl. Baer 2009, 2013: 216 - 228 und Gerður Steinþórsdóttir 2013). 276 Die Ausstattung des Buchs mit dieser separat hergestellten Bildseite stellte offensichtlich eine frei wählbare Zusatzoption dar, da viele erhaltene Ausgaben diese nicht enthalten (Baer 2009: 64). Eine isländische Zusammenfassung dieses Kommentars findet sich in NKS 1867 4to (f. 204r - 211v), aber ohne die Passage, in der Verelius auf die Illumination eingeht. 277 Verelius (1664: 43) bemerkt sogar die Ähnlichkeit dieser Sonne zu Þriði. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 314 5 Neuschreiben <?page no="315"?> liensis. 278 Im Kommentarteil geht Verelius (1664: 43) auf diese Darstellung und die Prosa- Edda ein und weist darauf hin, dass die drei Asenkönige als dreigestaltige Darstellung Óðins zu verstehen seien. 279 Abb. 108: Hárs lygi in Gothrici & Rolfi Westrogothiæ Regum Historia (Verelius 1664: Tafel zur Seite 43). Digitalisat: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn <https: / / baekur.is/ bok/ 8f9c52ac-ebba-4e0daeb7-4e9240b441aa, 29.10.2024>. 278 Hier steht: „ Hier er Har ok Jafnhar ok þridi: sua sem seigr i Gijlfa ginning. “ ( ‚ Hier sind Hárr und Jafnhárr und Þriði: so wie in der Gylfaginning erzählt wird. ‘ ) und „ Gangleri spijr: “ ( ‚ Gangleri ‘ fragt, Verelius 1664: Taf. zu Seite 43 im Kommentar). 279 Vgl. Baer (2013: 220). Die Interpretation der drei Asenkönige als dreigestaltige Óðinsfigur ist u. a. aufgrund ihrer Namen, die allesamt Óðins-Heiti sind, auch heute üblich (vgl. Marold 1998: 140). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.5 Fallstudien 315 <?page no="316"?> Verelius ‘ Fassung fungierte als frühneuzeitliche Multiplikatorin und wurde in den nächsten dreißig Jahren mehrfach in weiteren Publikationen verwendet: • 1678 in Stockholm in Johannes Scheffers Argentoratensis de antiqvis verisqve Regni Sveciæ insignibus (Scheffer 1678: Fig. XXXII), • 1679 in Uppsala im Atlasband von Olof Rudbecks Atland Eller Manheim (Rudbeck 1679a: Taf. 10, Fig. 29). Diese diente wiederum sowohl Jacob Isthmén Reenhielm in seiner 1691 in Uppsala erschienenen Saga om K. Oloff Tryggwaszon i Norrege als Vorlage (Reenhielm 1691: 79 im Kommentar) als auch der 1777 von Jacob Schimmelmann in Stettin publizierten Die Isl  ndische Edda (Schimmelmann 1777: Fig. 1), 280 • 1690 in Kopenhagen in Thomas Bartholins d. J. Antiqvitatum Danicarum (Bartholin 1690: 473). Diese Fassung verwendete Jakob Sigurðsson zusammen mit weiteren Bildtafeln dieser Publikation als er die Handschriften illuminierte (s. unten), • 1691 in Hamburg in Troels [Trogillus] Arnkiels Cimbrische Heyden-Religion (Arnkiel 1691: 86 - 87, Taf. 9). Abb. 109: Hárs lygi in Antiqvitatum Danicarum (Bartholin 1690: 473). Digitalisat: München, Bayerische Staatsbibliothek, Res/ 4 H.sept. 7 fo, <urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10899156-7, 29.10.2024>. 280 Die Bildtafeln mitsamt Erklärungen (zw. Seite 102 und 103) liegen nicht allen Exemplaren bei. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 316 5 Neuschreiben <?page no="317"?> Jakob Sigurðsson verwendete, wie zuvor dargestellt, mehrere Bildseiten aus Thomas Bartholins d. J. Antiqvitatum Danicarum als Vorlage, so auch die von Hárs lygi (Bartholin 1690: 473, Abb. 109). 281 Bartholin hatte sich in seiner Darstellung um weitestgehende Genauigkeit bemüht, so übernimmt er das ‚ Sonnengesicht ‘ und sogar das Sternchen von Verelius ‘ Seitenverweis, spart aber die Beischriften aus. In einem Punkt weicht er jedoch deutlich ab: Das Motiv erscheint spiegelverkehrt, offensichtlich scheint die korrekte Ausrichtung des Motivs nicht wichtig gewesen zu sein. Um es seitenrichtig anzuordnen, hätte es beim Kopieren seitenverkehrt in die Kupferplatte geschnitten werden müssen. Dies hatte zur Folge, dass das Motiv nachfolgend ebenso bei Jakob Sigurðsson seitenverkehrt erscheint. Diese Illumination steht im Lib. II, Cap. IX, wo Bartholin auf Verelius verweist: Sic Othini alites, fuisse corvos, supra probavimus: & sub Othni nomine antiqvissimis temporibus Solem cultum fuisse, Verelius notis in caput septimum Historiæ Gothrici & Hrolfi explicavit, schema heic qvoqve insertum, ex Edda exhibens, ubi Odini numen personis & nomine trinum repræsentatur, & ad tergum ipsius solis imago adpingitur, tanqvam simulacrum pioris Odini. 282 (Bartholin 1690: 472, Hervorhebung wie im Original) Auch Bartholin interpretiert die Asenkönige als dreigestaltigen Óðinn und fasst das ‚ Sonnengesicht ‘ als Beleg dafür auf, dass die Sonne früher als Óðinn bezeichnet und verehrt wurde. Auch wenn Bartholin die Edda erwähnt, so erscheint das Motiv hier ebenfalls völlig vom Rahmennarrativ der Gylfaginning losgelöst. Bei der Beliebtheit des Motivs in antiquarischen Publikationen scheint weniger im Vordergrund gestanden zu haben, dass es sich um eine mittelalterliche Darstellung vom schwedischen König Gylfi gehandelt haben muss. 283 Die Aufmerksamkeit der antiquarischen Gelehrten war vielmehr auf die drei Könige gerichtet, die Anlass boten die drei Kronen der Könige mit Schweden in Verbindung zu bringen (Rudbeck 1679b: 731 - 732; vgl. Baer 2009: 64). Hier war sicherlich die Möglichkeit, diese Darstellung als alten Beleg für das schwedischen Drei-Kronen-Wappens Schwedens zu deuten, ausschlaggebend. Dies brachte mit sich, dass in dieser Fassung die Zuschreibung als bildliche Darstellung schwedischer Königsherrschaft von Gylfi (Gangleri) zu den drei Asen überging. Auch Scheffer (1678: 157 - 159) thematisiert die Ähnlichkeit der Kronen der Asenkönige mit den drei Kronen des schwedischen Wappens. Baer verwies ebenfalls darauf, dass das Motivs wegen des aufkommenden Nationalismus in den skandinavischen Ländern beliebt war: 281 So ergibt sich die Reihenfolge der Überlieferung von Codex Upsaliensis - Verelius - Bartholin - Jakob Sigurðsson, die über Uppsala und Kopenhagen wieder nach Island zurückführte. Baer (2009) hatte zuvor dafür argumentiert, dass Jakob die Fassung von Verelius als Vorlage genutzt hätte, entschied sich später für Bartholin als der „ most likely candidate “ (Baer 2013: 221) Die Angabe „ Ooo “ am unteren Rand der Bildseite von Bartholins Buch bezeichnet die Lagensignatur. 282 ‚ So haben wir oben bewiesen, dass die Vögel Óðins Raben gewesen sind, und dass in den ältesten Zeiten die Sonne unter dem Namen Óðins verehrt wurde. Verelius hat den Kopf im siebten Abschnitt von „ Historia Gotrici et Hrolfi “ erörtert, die Figur aus der Edda zeigt [es] und ist hier auch eingefügt. Dort wird die Göttlichkeit Óðins mittels dreier Figuren und Namen dargestellt und bei seinem Rücken das Bild der Sonne so wie ein Schattenbild des früheren Óðins hinzugezeichnet. ‘ 283 Dies wäre aus antiquarischer Perspektive aufgrund der würdelosen Darstellung König Gylfis in Gestalt des Gangleri sicherlich kaum vermittelbar gewesen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.5 Fallstudien 317 <?page no="318"?> „ These early print renderings of ‚ The Deluding of Gylfi ‘ reflect the fact that Sweden was the first Scandinavian country to use an Edda illustration, in the patriotic spirit of the times, to promote their nationalistic agendas in print. “ (Baer 2013: 219). Abb. 110: Hárs lygi in Die Isla ᵉ ndische Edda (Schimmelmann 1777: Fig. 1). Digitalisat: München, Bayerische Staatsbibliothek, 4 P. o.rel. 647 <urn: nbn: de: bvb: 12-bsb10007607-2, 29.10.2024>. Mit freundlicher Genehmigung der Bayerischen Staatsbibliothek wiedergegeben. Bei Rudbecks Holzschnitt (sowie den nachfolgenden bei Reenhielm sowie Schimmelmann) wird noch ein Detail zugespitzt: Die untere Figur (Hárr) wird als Königin markiert, unter dem Kleid zeichnen sich nicht nur eine Brust, sondern deutlich eine Brustwarze ab. Der Fokus auf die drei übereinandersitzenden Figuren, wobei ebenfalls die untere als weibliche Figur markiert ist, zeigt sich so auch bei Arnkiel (1691: 86a, Taf. 9). Bei Arnkiel ist die einfache Umrisslinienzeichnung ästhetisch beträchtlich weiterentwickelt, weil die von ihm verwendete Technik Kupferstich eine viel größere Detailliertheit, vor allem in den Schattierungen, erlaubte. Gangleri ist hier - offensichtlich als verzichtbare Beifigur - aus dem Motiv getilgt und in der Beischrift wird der Grund deutlich: Drei hinzugefügte Schriftbänder identifizieren die Figuren als „ Thor “ , „ Othin “ und „ Freija “ (v. o. n. u.). Arnkiel setzte das Motiv als Visualisierung der Hierarchie „ [v]on denen Heydnischen G  tzen Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 318 5 Neuschreiben <?page no="319"?> derer Cimbrischen Guthen “ (Arnkiel 1691: 85) ein, die als Kultbilder in großer Zahl an öffentlichen Plätzen gestanden hätten. Das Motiv wurde hier also als eine Variante der zuerst von Adam von Bremen beschriebenen Kultbilder (dort im Tempel von Alt-Uppsala) umgedeutet. 284 Schimmelmanns deutschsprachige Ausgabe von V ǫ luspá, Hávamál und Dæmisögur erschien 1777 und damit nur einige Jahre nach den drei jüngeren Handschriften. Er nahm zwar Rudbecks Fassung als Vorlage, aber verschönerte die Gesichter aller Figuren, die nun milde Gesichtszüge haben (Abb. 110). Auch Gangleri sieht sehr freundlich aus, womöglich ist er sogar ebenfalls weiblich dargestellt (Schimmelmann 1777: Fig. 1). Die Gestaltung der Gesichter der drei Asenkönig: innen ähnelt stark denen auf der Tafel (Fig. 2) direkt daneben, die eine überarbeitete Fassung der Darstellung der Kultbilder eben dieser Gött: innen im Tempel von Alt-Uppsala zeigt (vgl. Abb. 72). Und so wundert es nicht, dass die drei Asenkönig: innen auf der Hárs-lygi - Bildtafel als eine alte Abbildung von Þórr, Óðinn und Frigg beschrieben wird. Gylfi (Gangleri) sei ein Wandale, der von Óðinn ermahnt worden sei, Þórr Aufmerksamkeit zu schenken; weiter Frigg sei als „ Mutter aller G  tter “ dargestellt (Schimmelmann 1777: Kommentarblatt Recto-Seite). Darin folgt eine kommentierte Nacherzählung der Dæmisögur, so dass hier das Motiv wieder mit dem Narrativ, welches es ursprünglich illustrierte, verbunden wird, wenn auch die drei Asenkönige abweichend interpretiert werden. 285 Weitere Handschriften Neben den Illuminationen von Jakob Sigurðsson findet sich dieses Motiv in zwei weiteren isländischen Papierhandschriften. Bei einer handelt es sich um Oxford, Bodleian Library, Marshall 114 (f. 23v), wahrscheinlich 1636 - 1637, einer Abschrift des Codex Upsaliensis von Jón lærði Guðmundsson (vgl. Einar G. Pétursson 1998b: 300 - 302). 286 In der schraffierten Federzeichnung sind nur Gangleri und die drei Asenkönige im Hochsitz als Motiv ausgewählt, alle Motivkopien wurden ausgelassen. Weitere Abweichungen sind: Alle Sitze der Asenkönige sind mit einem Rautenmuster verziert, Hárr trägt einen Bart, und das Gesicht von Gylfi erscheint unverzerrt und freundlich. Die Beischrift „ Gangl ę ri spýr “ wurde übernommen, darüber befindet sich eine weitere, die wie im Codex Upsaliensis auf die Gylfaginning verweist, aber in der die drei Asenkönige als „ þrenning oþins j valhóll “ ( ‚ Dreieinigkeit Óðins in Vallh ǫ ll ‘ ) bezeichnet werden. Außerdem wird unter dem Hochsitz in einer weiteren Beischrift behauptet, sie würden „ Halbwahrheiten “ von sich geben. Eine weitere Darstellung findet sich einer der Teilabschrift des Codex Upsaliensis aus dem 18. Jh., Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, AM 414 fol. (Rectoseite des unpaginierten Vorsatzblattes, Abb. 111). 287 In dieser Umrisslinienzeichnung wurden 284 Die dritte Figur bei Adam von Bremen war jedoch Frigg und nicht Freyja. Die Verbindung zwischen der Illumination und dem Tempel von Alt-Uppsala wurde zum ersten Mal von Scheffer hergestellt (Baer 2009: 65, 2013: 219). 285 Diese Publikation enthält eine weitere, auf Mallet zurückgehende und äußerst bemerkenswerte Bildkomposition, die u. a. den Runenstein in Tirsted mit dem Hyrr ǫ kkin-Bildstein (Hunnestad- Monument) zu einer Landschaft zusammensetzt und zeigt, wie frei mit den Artefakten in visuellen Darstellungen umgegangen wurde (Schimmelmann 1777: 268a, Fig. 3). 286 Eine Abbildung findet sich bei Baer (2013 - 2021): MyNDIR, <https: / / myndir.uvic.ca/ Marsh114-023v. html, 04.04.2022>. 287 Diese Handschrift umfasst die Darstellung zwei weiterer Figuren (f. 39v) sowie die zwei Diagramme (f. 29r, 30v) aus dem Codex Upsaliensis. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.5 Fallstudien 319 <?page no="320"?> einerseits alle Motivkopien berücksichtigt, andererseits sind einige Linien ausgelassen, so dass die Asenkönige und vor allem der Körper von Jafnhárr etwas vage bleiben. Keiner der Asenkönige hat einen Bart. Die zugehörige Beischrift beschreibt das Motiv ebenfalls als dreigestaltigen Óðinn und verweist auf die parallele Darstellung bei Bartholin. Die dargestellte Initiale von Jón Ólafsson úr Grunnavík steht vermutlich nicht direkt mit dem Codex Upsaliensis in Verbindung. Jón erstellte zu dieser Szene zwei Federlinienzeichnungen im Miniaturformat in der bereits erwähnten Handschrift AM 429 I fol. (pag. 28, Abb. 112). Trotz der sehr geringen Größe lässt sich erkennen, dass Jón die Darstellung selbst entworfen hat, da er seine eigene Vorstellungen hinzufügt: Alle Figuren (bis auf Þriði) tragen in der detaillierteren der beiden Fassungen Hüte anstelle von Kronen und sind als Brustfiguren im Profil dargestellt und Gangleri sitzt auf einer Bank (ohne Wanderstab) vor ihnen. 5.5.1.2 Vier Bildseiten in zwei unterschiedlichen Fassungen Jakob Sigurðsson hat das Motiv von Hárs lygi in seinen Handschriften gleich in zwei unterschiedlichen Fassungen ausgeführt: Fassung 1 geht auf Bartholin (1690) zurück und befindet sich innerhalb des illuminierten Bifoliums mit den antiquarischen Motiven (NKS 1867 4to, f. 111v; ÍB 299 4to, f. 59v); Fassung 2 ist merklich weitergeschrieben und befindet sich als Teil der hauptsächlich als Illustrationen zur Prosa-Edda angelegten Bildlage (NKS 1867 4to, f. 98v; SÁM 66, f. 78r) - damit umfasst die älteste der Handschriften (NKS 1867 4to) beide Fassungen. Weil Jakob das Motiv somit insgesamt viermal zeichnete, bezeugt Baer (2013: 228) Jakob hier zu Recht „ Enthusiasmus “ . Nachfolgend steht nun zunächst der visuelle Text der Bildseiten im Vordergrund. Ziel ist zunächst, die Veränderungen bei Jakob Sigurðsson und die Unterschiede zwischen den Fassungen und ihrer Ausführungen Abb. 111: Hárs lygi in AM 414 fol. (Rectoseite des unpaginierten Vorsatzblattes). Foto: Friederike Richter, mit freundlicher Genehmigung von Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum wiedergegeben. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 320 5 Neuschreiben <?page no="321"?> zu analysieren. Die Diskussion der Beischriften und der Verwebungen mit dem verbalen Text der Handschrift erfolgen danach. Das Motiv von Hárs lygi ist in beiden Fassungen im Vergleich zum Codex Upsaliensis vermutlich unwissentlich spiegelverkehrt angelegt, da Jakob die Fassung von Bartholin (1690) vorliegen hatte. Sicherlich wird Jakob die umgearbeitete Fassung 2 auf Grundlage von Fassung 1 erstellt haben. Es ist sogar denkbar, dass dieses Motiv Anlass war, die anderen Bildseiten der Bildlage zu entwerfen. Gemeinsam ist allen Fassungen die Komposition des Motivs: Gangleri steht auf der rechten Bildseite auf seinen Wanderstab gestützt und ist in ein Gespräch mit den drei bekrönten Asenkönigen vertieft, die auf dem dreistufigen Hochsitz gestikulierend übereinandersitzen. Verändert wurden zwar nur Details, die jedoch den Ton angeben: Dazu zählt die Einäugigkeit der drei Asenkönige, wodurch er die Interpretation von Hárr, Jafnhárr und Þriði als dreigestaltiger Óðinn visuell manifestiert. Die visuellen Anspielungen auf Óðinn und Þórr färben letztlich auf eine Bewertung der Æsir in diesen Handschriften ab, weil die Beischrift in Versform, die allen vier Bildseiten hinzugefügt wurde, die Lüge Hárs (und damit Óðins) betont. Fassung 1 (die antiquarische) Die erste Fassung erscheint in den beiden illuminierten Bifolia mit antiquarischen Motiven inmitten der Bildseiten mit den anderen Altertümern (NKS 1867 4to, f. 111v, Abb. 113; ÍB 299 4to, f. 59v, Abb. 114). 288 Dieser Kontext legt nahe, dass es sich hierbei in den Augen Jakob Sigurðssons um ein historisches Bildwerk handelte (Baer 2013: 223). Auch die Sorgfalt, mit der Jakob beim Zeichnen vorging, ähnelt denen der anderen antiquarischen Motive, denn diese Fassung enthält weitaus weniger Varianz als die in den Bildlagen. Doch hat Jakob einige signifikante Veränderungen vorgenommen: Diese betreffen u. a. die zusätzlichen Beischriften (s. unten) und die Teil-Kolorierung des Motivs, die Muster und Struktur in das Bild bringt (vgl. z. B. den Fußboden mit Schachbrettmuster in ÍB 299 4to). In diesem Zusammenhang ist auffällig, dass die drei Asenkönige fast unkoloriert sind - dies strahlt jedoch grazile Würde aus und hebt ihre kolorierten Kronen hervor. Im Kontrast dazu ist Gangleri auffällig bunt koloriert. Erst durch die Farbgebung Abb. 112: Hárs lygi, AM 429 I fol. (pag. 28, Detail), Hand: Jón Ólafsson úr Grunnavík (1765). Foto: Friederike Richter, mit freundlicher Genehmigung der Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum wiedergegeben. 288 Vgl. Baer (2013: 221 - 224) zu dieser Fassung. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.5 Fallstudien 321 <?page no="322"?> modelliert sich ein beachtlicher, hängender Schweif (ähnlich eines Pferdes), den Jakob aus dem losen Faltenwurf des Rocks herausarbeitet. Gestik, Mimik und Körperhaltung sind der Fassung von Bartholin sehr ähnlich, nur das Gesicht von Jafnhárr schaut energischer und weniger besorgt. Auch hier scheint Jafnhárr auf dem Schoß des oberen Asenkönigs zu sitzen. Große Abweichungen sind in der Physiognomie zu verzeichnen: Dies betrifft die Einäugigkeit und Bärte aller drei Asenkönige, die Jakob in allen vier Bildseiten umsetzt. Gangleris Gesicht ist ebenfalls verändert: So ist seine Nase - nachdem die gebogene Nase des Codex Upsaliensis in den antiquarischen Drucken unter Beibehaltung des verzerrten Gesichts durch eine kleinere Stupsnase ersetzt worden war - nun wie auch sein Gesicht weitaus stärker verzerrt. Seine Nase ist zu zwei direkt über der Oberlippe weit geöffneten Nüstern umgeformt und nimmt in ÍB 299 4to besonders groteske Formen an: Aus Gangleris weit geöffnetem Mund wachsen große wildschweinähnliche Hauer empor - diese ikonografische Parallele wird durch die ähnliche Darstellung des ebenfalls als Wildschwein dargestellten und darüber als ‚ böse ‘ markierten Fenrir noch verstärkt (vgl. ÍB 299 4to, f. 58r; NKS 1867 4to, 98v; SÁM 66, f. 78v). 289 Zusammen mit dem Schweif lassen sich also bei Gangleri mehrere Elemente von Zoomorphismus bemerken. Diese dämonisierende Darstellungsweise ist sogar deutlich stärker als die im Codex Upsaliensis, die - Abb. 113: Fassung 1 von Hárs lygi, NKS 1867 4to (f. 111v). Foto: Friederike Richter. Abb. 114: Fassung 1 von Hárs lygi, ÍB 299 4to (f. 59v). Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn. 289 Verstärkend kommt hinzu, dass Jakob Sigurðsson zuvor durchaus einen realistischeren Wolf in einer anderen Handschrift gezeichnet hat, was die These der absichtlichen Abwertung durch die Wildschweingestalt untermauert (Lbs 781 4to, f. 30r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 322 5 Neuschreiben <?page no="323"?> wie beschrieben - in den Drucken abgeschwächt worden war. 290 Die Fassung von ÍB 299 4to enthält dadurch Elemente, die sonst in antisemitischen Darstellungen eingesetzt wurden und möglicherweise nicht nur pejorativ, sondern auch als nicht-christliche Alterität konnotierend eingesetzt wurden. 291 Fassung 2 (die weitergeschriebene) Abb. 115: Fassung 2 von Hárs lygi, NKS 1867 4to (f. 98r). Foto: Friederike Richter. Abb. 116: Fassung 2 von Hárs lygi, SÁM 66 (f. 78r). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Die zweite Fassung befindet sich inmitten der 16-seitigen Bildlage in NKS 1867 4to (f. 98r, Abb. 115) und SÁM 66 (f. 78r, Abb. 116). Es ist somit das einzige Motiv der Bildlagen, für das sich eine konkrete Vorlage benennen lässt. Gleichzeitig sind hier umfangreiche Umarbeitungen zu erkennen, die das Motiv durchlaufen hat. 292 Die dargestellten Figuren wurden in ihrer Gestaltung von Kleidung, Körperbau, Physiognomie, Mimik und Gestik den anderen Bildseiten der Bildlagenmotive entsprechend angepasst und umgearbeitet. So 290 Zoomorphismus als pejorative Darstellungsstrategie findet sich z. B. in der mittelalterlichen Jónsbók- Handschrift, Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, AM 350 fol. (Skarðsbók), f. 67v, in der ein Dieb mit einem Tierkopf dargestellt wurde. 291 Neben verzerrten Gesichtern wurden auch Merkmale tierischer Anatomie als antisemitische Darstellungsweisen eingesetzt, dazu gehören Schweif und Nasenformen von Bestien (Lipton 2014: 7, 171, 173). Als besonders abwertend sind in diesem Zusammenhang sicherlich Schweine aufzufassen. Weiterhin gab es eine Assoziation mit Narren in antisemitischen Darstellungen (Lipton 2014: 187 - 188). An eine solche Darstellungsweise erinnert Gangleri mit der langen Kapuze und der sehr farbigen (teilw. in Mi-Parti sowie in die Hose gesteckten) Kleidung und seinem ungläubigen Gesichtsausdruck. Die Art, wie Gangleri sein Wams in das Hosenbund zu einem ‚ French tuck ‘ gesteckt hat, erscheint unordentlich und war somit sicher ebenfalls abwertend gedacht. 292 Baer (2009, 2013: 224 - 227) bezeichnet diese Fassung deshalb als „ idiosyncratic “ . Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.5 Fallstudien 323 <?page no="324"?> ist der dreistufige Hochsitz zu einem dreigeteilten Gatter abgeändert worden und ähnelt in der Gestaltung Helgrind (NKS 1867 4to, f. 76; SÁM 66, f. 75r) bzw. Ásgrind (NKS 1867 4to, f. 92r; SÁM 66, f. 76r). Weiterhin wurde das Motiv - wie die anderen Motive der Bildlagen - vollständig koloriert. Die Kronen der Asenkönige sind elaborierter, sie tragen breite Pelzkragen, die über die Schultern reichen und so ihre Königswürde unterstreichen. Anderseits wird das würdevolle Potential der Kleidung durch Mimik und Physiognomie untergraben (Baer 2013: 226): Die Körper sind gedrungen, sie haben breite Knollennasen mit rundlichen Nasenflügeln, einen dichten, fransigen Bart, der die Wangen bedeckt, und Lachfältchen zeichnen sich um die Mundwinkel ab. Auch hier gilt, dass die Figuren in SÁM 66 freundlicher als in NKS 1867 4to aussehen. Sie ähneln durch die Umarbeitungen stilistisch den anderen Figuren der Bildlagen und werden wieder über die Einäugigkeit mit Óðinn assoziiert. Die Asenkönige schauen zu Gangleri, die beiden Asenkönige oben und unten zeigen mit zwei (segnenden? ) Fingern auf Gangleri, sonst ist ihre Gestik ruhiger als in der Vorlage, Dynamik ergibt sich vor allem aus ihrer versetzten Anordnung. Ferner gibt es Hinweise, dass die drei als unterschiedliche Asen interpretiert wurden, was hier zu einer eigentümlichen Vermengung führt und ggf. unterschiedliche Lesarten erlaubt: In NKS 1867 4to (f. 98r) hält der obere Asenkönig einen T-O-Reichsapfel, den Baer (2013: 226 - 227) aufgrund des fehlenden Kreuzaufsatzes als Zeichen für „ pagan kingship “ interpretiert. Der mittlere (ebenfalls einäugige) Asenkönig hält einen T-O-Reichsapfel mit einem aufgesetzten Hammerkopf, der auf Mj ǫ llnir verweist und ihn damit als Þórr identifiziert. Diesen Reichsapfel bezeichnet Baer (2009: 68, 2013: 237 - 238) als eine anachronistische Erfindung Jakobs. Die Asenkönige werden auf diese Weise bewusst als nicht-christlich markiert. 293 Gangleris Körper ist weiterhin verzerrt, aber die gewählten Mittel sind anders und verzichten auf den Zoomorphismus von Fassung 1: Sein Oberkörper und Hals sind verkürzt, sein auf den Wanderstab 294 gestützter Arm verbleibt anatomisch vage, und er scheint auf den runden Zehenkappen seiner Eisenschuhe zu stehen. Weiterhin lässt sich eine Verschiebung feststellen: In der antiquarischen Fassung fragt Gangleri neugierig und zeigt auf die drei Asenkönige ‒ in der weitergeführten Fassung hat er die Hand ungläubig bzw. wütend über dem Kopf erhoben, während die drei Asenkönige in ihren Körpern ruhen und jeweils eine Hand zeigend erhoben haben. Gangleris Körperhaltung ist völlig verändert: Er guckt gequält, sein Mund ist weit geöffnet, der Kopf in den Nacken gelegt, und der wild gestikulierende Arm scheint abzuwehren oder gar zu drohen. Im Zusammen- 293 Ein Vergleich mit einer älteren Königsdarstellung Jakobs von König David in SÁM 3 (f. 106v), der einen Reichsapfel mit Kreuz hält, verdeutlicht das. 294 Dieses bereits im Codex Upsaliensis befindliche Motiv eines mit einem Dorn besetzen Wanderstabes könnte sich von Hárs lygi ausgehend auf die Darstellungen anderer Stäbe der Bildlagen niedergeschlagen haben: Ein solcher findet sich als Attribut von Óðinn (NKS 1867 4to, f. 94r) bzw. in Zepterform als Speer Gungnir bezeichnet in einer anderen Darstellung Óðins (SÁM 66, f. 77r) und bei einem ähnlich geformten Zepter bei Þórr (NKS 1867 4to, f. 94v). Hier kann durchaus eingewendet werden, dass ein derartiger Dornenbesatz als Gehstütze in der isländischen Landschaft (ohne gepflasterte Straßen und mit häufiger Vereisung bzw. Schnee) sicher eine gebräuchliche Form darstellt und möglicherweise nicht überbewertet werden sollte. Auffällig ist diese sorgsame Detailtreue dennoch. Das untere Ende des Merkurstabes von Heimdallr befindet sich abgeschnitten außerhalb des Bildrahmens und hat deshalb keinen sichtbaren Dorn (vgl. NKS 1867 4to, f. 97r; SÁM 66, f. 80r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 324 5 Neuschreiben <?page no="325"?> spiel mit der Beischrift wird deutlich, dass die Darstellung von Gangleris Körper auf eine Abwertung seiner Leichtgläubigkeit 295 abzielte. Bemerkenswert ist wie (auf Verelius ‘ Interpretation zurückgehend) inzwischen das Detail des ‚ Sonnengesichts ‘ als integraler Bestandteil des Motivs aufgefasst wurde und als ehemalige Federprobe eine erstaunliche Karriere genommen hat: 296 Jakob befestigt es in beiden Fassungen des Motivs mit einem Band am oberen Asenkönig (und damit Óðinn) und bearbeitet es weiter: Das Sonnengesicht hat nun knollennasige Züge wie die Gesichter der Asenkönige in Fassung 2, der Gesichtsausdruck ist mit heruntergezogenen Augenbrauen und Mundwinkeln verärgert-bedrückt. Die umgebenden Strahlen sind lang und spitz geformt 297 und könnten auch als Stern interpretiert werden. Jakob verhalf diesem Motiv in seinen Illuminationen zu einem interessanten Eigenleben. Er nutzte es auch in Varianten bei den Einzeldarstellungen von Óðinn. 298 Hier wächst sich das Band jedoch zu Zweigen aus, auf denen Huginn und Muninn sitzen, die Sonne wird zu Blüten umgeformt. Weiterhin hat Jakob das Motiv weiter auf Þórr übertragen (NKS 1867 4to, f. 94v; SÁM 66, f. 77v): In dessen Einzeldarstellungen flattert ebenfalls ein ‚ Sonnengesicht ‘ am Band, das wurde um ein zweites Band ergänzt, das mit dem Miniaturkopf der Midgardschlange - also einem mit Þórr assoziierten Motiv (s. unten) - abschließt (vgl. NKS 1867 4to, f. 93v, Abb. 68; SÁM 66, f. 79v). Es findet sich weiterhin noch auf Þórs Jackensaum. Darüber hinaus ist zu überlegen, ob ein ähnliches Gesicht auf der Helgrind eine Weiterentwicklung dieses Motivs darstellt (NKS 1867 4to, f. 96r; SÁM 66, f. 75r). Allerdings erscheinen die ehemaligen Sonnenstrahlen nun als abstehende, fast hornförmige Haare und Bartfransen und damit als Teufelsgesicht. 299 Es lässt sich an eine weitere ikonografische Parallele denken: Jakob Sigurðsson zeichnete einige Jahre zuvor (1759) eine Illumination der Minerva mit Aigis, die eine sehr ähnlich aussehende Darstellung des Gorgonenhauptes (der Medusa) auf ihrem Brustschutz trägt. Dabei handelt es sich um ein übliches Attribut der klassischen Ikonografie der Minerva (Lbs 781 4to, f. 1v). 300 Es könnte sich hierbei also um ein Verschmelzen der verschiedenen Bildtraditionen handeln und somit bei den ‚ Sonnengesichtern ‘ in den Prosa-Edda-Handschriften womöglich um absichtliche Referenzen auf dieses Motivs. 5.5.1.3 Verwebungen von visuellem und verbalem Text Wie zuvor schon dargestellt, hatte Magnús Ólafsson den Großteil des Gesprächs zwischen Gangleri und den Asenkönigen aus den Dæmisögur herausgestrichen und vor allem auf die Ankunft und das Auflösen reduziert. Jakob Sigurðsson hat ‒ erstmalig und womöglich unwissend ‒ die neugeschriebenen Fassungen der Illumination aus dem Codex Upsaliensis 295 Auch Baer (2009: 67 - 68, 2013: 225 - 226) thematisiert die Leichtgläubigkeit Gangleris. 296 In SÁM 66 (f. 186v, 188v, 203r) werden die ‚ Sonnengesichter ‘ weiter hinten im Kalendarium ebenso mit einem Gesicht versehen. 297 Bzw. ist zwischen diesen ist eine zweite Reihe Strahlenlinien eingefügt, die in SÁM 66 (f. 78r) mit einer Kugel abschließen. 298 In den Illuminationen von Óðinn stehend bzw. auf Sleipnir reitend (NKS 1867 4to, f. 94r, 97v; SÁM 66, f. 77r, 80v) und in den Medaillons auf der illuminierten Titelseite von ÍB 299 4to (f. 58r). 299 Weber (1986: 400) hatte bereits die Federprobe im Codex Upsaliensis als ‚ Teufelskopf ‘ interpretiert. 300 In derselben Handschrift findet sich darüber hinaus eine ähnliche Darstellung einer Sonne mit Gesicht (f. 54v), vgl. die offensichtlich spätere Kopie der Minerva von Björn Jónsson aus dem Jahr 1851 in ÍB 291 8vo (f. 33v). Zum Gorgonenhaupt in der altnordischen Literatur vgl. Richter (2015). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.5 Fallstudien 325 <?page no="326"?> mit denen des verbalen Textes der Prosa-Edda in einem Artefakt wiedervereinigt. Er hat diese zwar im Kontext der anderen antiquarischen Motive gesehen, doch konnte nur, wenn ihm Bartholins Antiqvitatum Danicarum direkt vorlag (oder die Vorlage den entsprechenden Verweis daraus enthielt) gewusst haben, dass es sich dabei um eine Illumination „ ex Edda “ ( ‚ aus der Edda ‘ , Bartholin 1690: 472) handelte. Damit war ihm aber nicht notwendigerweise bewusst, dass es sich um eine Illumination aus einer mittelalterlichen Prosa-Edda-Handschrift gehandelt hat. Jakob hat nichtsdestotrotz die Transferleistung erbracht und den visuellen wieder mit dem verbalen Text der Prosa-Edda zusammengeführt. Der mittelalterliche Ursprung blieb den zeitgenössischen Betrachtenden von Fassung 2 in SÁM 66 sicherlich verborgen. In den beiden anderen Handschriften konnte ein genereller antiquarischer Kontext von Fassung 1 über die Platzierung innerhalb des illuminierten Bifoliums sicherlich erschlossen werden. Nachfolgend soll nun die (Re-)Integration der zwei Fassungen in die Kompilation der frühneuzeitlichen Prosa-Edda-Handschriften für den Neuschreibeprozess diskutiert werden. Vorab wird der verbale Text, der sich in Form von Beischriften auf den Bildseiten selbst befindet, analysiert, da dieser Aufschlüsse über die Bewertung des Rahmennarrativs gibt, bevor die Verwebungen mit den Dæmisögur und der Gesamtkompilation im Fokus stehen. Beischriften Alle vier Bildseiten tragen dieselbe Strophe als Beischrift, die sich auf das Rahmennarrativ der Prosa-Edda bezieht und von Jakob gedichtet wurde: 301 H  rs er lijginn hierna synd. med hvópta püdre Ölinu ⸌ enn ⸍ ⸠ og ⸡ ÖDENS konüngs talinn og Tijnd. Tign i h  sætinu. 302 (Beischrift zu Hárs lygi, NKS 1867 4to, f. 111v) 303 In dieser Strophe wird die dargestellte Gesprächssituation als Lüge Hárs entlarvt, deren literarisch-verbaler Charakter durch die Kenning für Redegewandtheit hervorgehoben wird. Zusätzlich ist in Fassung 2 eine Beischrift eingefügt, die Gangleri als leichtgläubigen Zuhörer dieser Lügen beschreibt: „ GÄNG ⸍ L ⸌ ERI minn gaper hier og gleipir i sig lij<gi> “ ( ‚ mein lieber Gangleri sperrt hier den Mund auf und schluckt eine Lüge ‘ , NKS 1867 4to, f. 98r,) bzw. „ hier gaper Gänglere I möte härz Lijge og er Eij all Synelegur I skópuninne “ ( ‚ hier sperrt Gangleri den offenen Mund Hárs Lüge entgegen und ist nicht gut sichtbar in der Schöpfung ‘ , SÁM 66, f. 78r,). In diesen wird also der gezeichnete, weit geöffnete Mund 301 Dies gibt die Signatur „ J(akob) Sigurds son med eiginn h[endi] “ ( ‚ Jakob Sigurðsson mit eigener Hand ‘ ) unterhalb der Strophe in der Fassung von NKS 1867 4to (f. 111v) an. Baer (2009: 67, 2013: 222 - 223) argumentiert dafür, dass Jakob die Strophe spontan im Zusammenhang mit dem Erstellen dieser Bildseite verfasste und aufzeichnete, ihre Argumente sind die Korrektur in der Strophe sowie die ungünstige Positionierung, auf dem schmalen Rand unterhalb des Motivs. Hier wäre oberhalb von Gangleri noch ausreichend Platz gewesen, dort fügte er die Strophe auch auf den anderen drei Zeichnungen ein. 302 ‚ Hárs Lüge wird hier gezeigt / mit dem kraftvollen ⸢ Pulver des Kiefers ⸣ (Redegewandtheit), / aber Óðins Königswürde [ist] gezählt / und im Hochsitz verloren. ‘ Vgl. die etwas abweichende Übersetzung und Anmerkungen zur Kenning von Baer (2009: 66 - 67, 2013: 222). 303 Vgl. NKS 1867 4to (f. 111v); ÍB 299 4to (f. 59v); SÁM 66 (f. 78r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 326 5 Neuschreiben <?page no="327"?> Gangleris als visueller Ausdruck von Leichtgläubigkeit gedeutet. Gangleri wird also sowohl visuell als auch verbal abgewertet. McTurk (1994) hatte die Frage gestellt, ob sich der Begriff Gylfaginning darauf bezieht, dass Gylfi getäuscht wird oder selbst die Täuschung durch seine Verkleidung vollführt. Die drei Handschriften geben in ihren Beischriften ihre eindeutige Antwort: Hárr lügt. Wie auf vielen der Bildseiten üblich, verweisen die Beischriften auf die zugehörigen Dæmisögur: So findet sich im illuminierten Bifolium in ÍB 299 4to der Verweis auf Ds. II (Transkription im App. 5.3.2.1), der zusätzlich deiktisch noch einmal mit der Bildseite verankert wird: „ So sem stendur i II. Dæm[e]sogu eddu. og þar mä le[sa] Efni þessarar fijgüru. “ 304 ( ‚ so wie es in der II. Dæmisaga der Edda steht, und dort kann man über das Thema dieser Abbildung lesen ‘ , ÍB 299 4to, f. 59v, teilweise in Runenschrift). In den beiden Bildseiten der Fassung 2 wird sogar auf einige weitere Dæmisögur verwiesen: „ sem 2.3.4: og 5ta Dæmisaga Eddu seiger “ (NKS 1867 4to, f. 98r, ‚ wie die 2., 3., 4., und 5. Dæmisaga berichten ‘ ; vgl. SÁM 66, f. 78r). Das Bemerkenswerte daran ist jedoch, dass das Gespräch zwischen Gangleri und den drei Asenkönigen in den Fassungen der Handschriften von den genannten nur in Ds. II erwähnt wird - darin wird die Ankunft Gangleris in der Halle und den Beginn des Gespräches beschrieben. Auch wenn prinzipiell alle nachfolgenden Dæmisögur (bis Ds. XLIX) als Wiedergabe des Gesprächsinhalts aufzufassen sind, wird die Situation nach Magnús Ólafssons Überarbeitungen bis zum plötzlichen Verschwinden nicht weiter erwähnt (vgl. Kap. 3.2.2 oben, Transkription des Auszuges aus Ds. XLIX im App. 5.3.2.3). Ein plausibler Grund, warum in den Beischriften dennoch einige Dæmisögur mehr aufgezählt werden, könnte sein, dass diese von Óðinn handeln und die drei Asenkönige somit sowohl über die Kapitelverweise, die Namen, die Strophe und visuell über die Einäugigkeit mit Óðinn in Verbindung gebracht werden. Auf die Weise lässt sich der Hinweis auf die Lüge der Asenkönige zusammen mit der deutlichen visuellen Assoziation mit Óðinn als Untergrabung von dessen Autorität lesen. Weitere Varianten in den Beischriften betreffen vor allem die Benennung der drei Asenkönige: In NKS 1867 4to werden diese von oben nach unten als 1., 2. und 3. Hárr durchnummeriert, dagegen in ÍB 299 4to und SÁM 66 wie in Ds. II von unten nach oben als Hárr, Jafnhárr und Þriði bezeichnet. Die Benennung der Asenkönige wurde also in den zwei jüngeren Handschriften entsprechend der Dæmisögur von Jakob angepasst. Insgesamt muss diesen Abweichungen vermutlich wenig Bedeutung beigemessen werden, was in ÍB 299 4to dadurch deutlich wird, dass hier der obere Asenkönig mit zwei Namensvarianten „ Fyrste Haar. edur Þridie “ ( ‚ Erster Hárr oder Þriði ‘ , ÍB 299 4to) bezeichnet wird. Baer (2013: 224) spricht in Bezug auf diese Fassung von einer „ confusion regarding the labels indicates that eighteenth-century readers in Iceland struggled then, as we do now, to make sense of Snorri ’ s description “ (vgl. Baer 2009: 67). Tatsächlich scheint die Varianz in der Benennung der drei Asenkönige in den vier Bildseiten diese Uneindeutigkeit zu belegen, wenngleich Jakob bemüht ist, sich dieser anzunehmen und sie aufzulösen. 304 Die zweite Bildseite von Fassung 1 liefert keinen Ds.-Verweis (NKS 1867 4to, f. 111v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.5 Fallstudien 327 <?page no="328"?> Hárs lygi: Unzuverlässige Erzähler? Im Vordergrund der Bildseiten steht somit nicht nur die Darstellung der Rahmenerzählung der Dæmisögur, sondern auch die Thematisierung und Bewertung der Glaubwürdigkeit der drei Asenkönige, die die Mythen mündlich erzählen. Magnús Ólafsson hatte in seinen Umarbeitungen der Prosa-Edda erstmals die Dæmisögur als Hárs lygi ( ‚ Hárs Lüge ‘ ) bezeichnet. Sie findet sich in den analysierten Handschriften in der Überschrift der Ds. I: „ I. Dæmesaga Gylva ginning. H  rslijge “ 305 (NKS 1867 4to, f. 117v8). Wie bereits zuvor dargestellt, tritt diese Rahmenerzählung durch die Kürzungen im verbalen Text derart in den Hintergrund, dass sie über weite Strecken leicht zu vergessen ist - vor allem, wenn die Dæmisögur nicht hintereinander weg, sondern einzeln gelesen werden, wie es u. a. durch die Bildbeischriften nahegelegt wird. Der Dialog gewinnt nun im visuellen Text neue Präsenz, indem dieser über die Bildseiten für die Nutzenden der Handschriften neu eingeblendet wird. Wie im Codex Upsaliensis verleihen sie so dem „ ephemeren Erzählraum “ 306 Beständigkeit und vermögen die literarische Dimension der Dæmisögur vor Augen zu halten. Seit dem ersten Auftreten dieser Illuminationen im Codex Upsaliensis lässt sich eine Verschiebung der Einordnung der dargestellten Situation feststellen: In den mittelalterlichen Fassungen stand mit der sjónhverfing eine multimediale Sinnestäuschung im Vordergrund (Glauser 2009: 171), die zunächst vor allem Gylfi betraf und durch das plötzliche Verschwinden der Asenkönige aufgezeigt wurde. Die frühneuzeitlichen Handschriften verlagern dagegen den Schwerpunkt und machen in ihren Beischriften und den mehrfachen Formulierungen von Hárs lygi klar, dass nun vorrangig der verbale Schwindel beim Erzählen der Mythen im Vordergrund steht. In der (mittelalterlichen) Gylfaginning wurde das Verhältnis von Lüge und Wahrheit verhandelt, wenn auch am Rande. 307 Diese Passagen fehlen in den frühneuzeitlichen Fassungen der Handschriften, doch gewinnt das 305 Vgl. ÍB 299 4to (f. 75r, 96r); SÁM 66 (f. 100r, 123v). In diesen beiden Handschriften wird das Ende der Gylfaginning/ Hárs lygi mit dieser Beidnennung markiert. Weiterhin findet sich in Magnús Ólafssons Vorwort IV eine ähnliche Formulierung, die die Gliederung der Prosa-Edda beschreibt und die alternativen Bezeichnungen für die Dæmisögur angibt: „ Partar Eddu eru Tveir, Dæmesógur og kenningar: Dæmesógur þessar kallast Gylvaginning edur H  rslÿge, af þeim Bókumm, sem litlu s ij dar skal hrært verda “ ( ‚ Die Abschnitte der Edda sind zwei, Dæmisögur und Kenningar: Diese Dæmisögur werden von diesen Büchern auch Gylfaginning oder Hárs lygi genannt, wie wenig später zur Sprache gebracht werden soll. ‘ , NKS 1867 4to, f. 113r12 - 15; vgl. ÍB 299 4to, f. 71r; SÁM 66, f. 94v). Die einzige mittelalterliche Handschrift, die den Begriff Gylfaginning erwähnt, ist der Codex Upsaliensis. Dieser steht an der gleichen Stelle wie in den Papierhandschriften in der Rubrik des Kapitels (Kap. 5), in dem die Ankunft Gangleris bei den Asenkönigen und der Beginn des Gesprächs beschrieben wird. Diese Formulierung der ursprünglichen Kapitelrubrik Gylfaginning wurde später als Bezeichnung für den gesamten Abschnitt der Prosa-Edda übertragen. 306 Rösli (2015: 174) spricht vom „ ephemeren Raum “ sowie „ Erzählraum “ . 307 Beim ersten Mal beteuert Hárr, nicht zu lügen, sondern die Wahrheit zu sprechen, als er die unglaublichen Bestandteile für die Fesseln Gleipnir auflistet, die zur Bändigung von Fenrir dienen. Dies wird von Gangleri bestätigt (Finnur Jónsson 1931a: 36), vgl. Ds. XXIX in den frühneuzeitlichen Fassungen, in denen dieses Detail fehlt. Beim zweiten Mal verhandeln Gangleri und die drei Asenkönige über den Fortgang des Gespräches. Jafnhárr bestätigt bevor die Erzählung von Þórr bei Útgarðaloki folgt, dass Hárr weiterhin nicht lügen, sondern die Wahrheit sprechen würde (Finnur Jónsson 1931a: 48). Diese Stelle fehlt ebenfalls in den frühneuzeitlichen Fassungen in Ds. XXXVIII. Beide Beispiele finden sich in der Edda Islandorum in den Fußnoten der lateinischen Fassung, die erste zusätzlich in gekürzter Form in den Fußnoten zur isländischen Fassung (f. K1v, K3r, N4v). Rösli (2015: 167) hat darauf hingewiesen, wie bedeutsam die zweite Episode für die Gylfaginning ist: „ Das Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 328 5 Neuschreiben <?page no="329"?> Thematisieren der Lüge nun als deutlich sichtbares paratextuelles Phänomen an Gewicht. 308 Jakob Sigurðsson hatte jedoch Kenntnis von dem ausführlicheren Rahmennarrativ: In allen drei Handschriften befindet sich die Útlegging yfir V ǫ luspá von Björn á Skarðsá, die über weite Teile (Kap. 4 - 19) den Dialog zwischen Gangleri und den drei Asenkönigen ausführlich paraphrasiert. 309 Die Dringlichkeit, die Mythennarrative als Dialogparaphrasen wiederzugeben, macht Björn in Kap. 18 (Transkription im App. 5.3.2.6) deutlich: Hier sagt er, die Asenkönige würden so gut von Valh ǫ ll reden, um für den vorteilhaften Tod im Kampf - und damit für eine höhere Kriegsbereitschaft - zu werben. Die Lüge habe also Kalkül: „ þad er enn lijge Smijde Asanna, til þeß ad auka Bardaga Oröann, og ad Sem flester skyldu gyrnast, fyrer Vopnunumm ad falla “ ( ‚ das ist noch ein Lügenkonstrukt der Asen, um die Kampfunruhen zu verstärken, so sollten die meisten durch Waffen zu sterben begehren ‘ , NKS 1867 4to, f. 74r16 - 18). Die dialogische Rahmung ist nach Björn essentiell für Verständnis und Einordnung der Prosa-Edda, weil die Gesprächsinhalte als bewusste Irreführung und hohle Versprechen unwissenden Personen gegenüber zu verstehen sind. Indem in den Handschriften mehrfach darauf hingewiesen wird, dass die Erzählungen der Asenkönige erlogen sind, wird die Unzuverlässigkeit der Erzähler suggeriert. Dies wird jedoch nicht wie in den mittelalterlichen Fassungen als Warnung vor dem Lesen der Dæmisögur verstanden. Vielmehr wird hier ein Bewusstsein für das fiktionale Erzählen markiert. Das Lesen der Prosa-Edda wurde vor allem aus literarischem Interesse begünstigt; nicht aber, um glaubwürdige Informationen in Bezug auf eine vorchristliche Mythologie zu finden. Durch das Bewusstmachen der Unglaubwürdigkeit der erzählenden Asenkönige konnte in diesen Handschriften (indirekt) die Glaubwürdigkeit des zugeschriebenen Kompilators Snorri umso größer erscheinen. 5.5.2 Interpretatio Romana Die dritte Fallstudie betrifft die in diesen Handschriften mehrfach und unterschiedlich eingesetzte Strategie der Interpretatio Romana. Diese bezeichnet, wenn eddische Figuren mit solchen der klassisch-römischen Mythologie gleichgesetzt werden. Dabei handelt es sich um eine spezielle Darstellungsform, die den verbalen oder visuellen Text betreffen kann, beispielsweise indem Heimdallr mit dem Namen Merkur bezeichnet oder mit den Attributen Merkurs in einer Illumination dargestellt wird. Die Interpretatio Romana ist eine etablierte Strategie, die bereits in Tacitus ‘ Germania als solche explizit bezeichnet und angewendet wurde. 310 Die ‚ umgekehrte ‘ Form heißt Interpretatio Norr œ na, die u. a. bei aus dem Lateinischen ins Altnordische übersetzter Literatur angewendet wurde. In der altnordischen Literatur finden sich verschiedene Beispiele für beide Formen der Interpretatio. Dabei lässt sich jedoch in der Zuordnung der einzelnen Namen kein festes System darauffolgende Narrativ wird durch die einleitende und explizit thematisierte Ungläubigkeit Gylfis zum möglichen Wendepunkt der gesamten Erzählung der Gylfaginning stilisiert. “ 308 Das Bewusstsein für die Unwahrheit der Mythen wurde auch in den mittelalterlichen Fassungen markiert, dazu gehören der distanzierende Euhemerismus des Prologus oder die warnenden Aussagen des Epilogs; letzterer ist in den frühneuzeitlichen Handschriften durch einen neuen ersetzt worden. 309 NKS 1867 4to (f. 60v - 75v, Hand Ólafur Brynjólfsson); ÍB 299 4to (f. 34r - 44v); SÁM 66 (f. 218r - 234r). 310 Fuhrmann (1972: Kap. 9, 43), vgl. Battista (2000: 25) und Wellendorf (2018: 63). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.5 Fallstudien 329 <?page no="330"?> erkennen, was darauf schließen lässt, dass diese flexibel und nach unterschiedlichen Prämissen gehandhabt wurden. 311 Wellendorf (2018: 61, 66) zufolge sei die Interpretatio vor allem auf sprachlicher Ebene angelegt, d. h., es handele sich im Kern um dieselbe Gottheit, die in den verschiedenen Sprachen nur unterschiedliche Namen hätte. Für die aus dem Lateinischen übersetzte Clemens saga haben Tveitane (1985: 1074, 1079) und Battista (2000: 24, 27 - 28, 32, 34) gleich mehrere Strategien der Zuordnung der Namen herausgearbeitet, die ebenfalls belegen, dass es kein festes System gab, sondern dass diese abhängig von den jeweiligen Eigenschaften oder Funktionen waren: So konnte nicht nur die Gleichsetzung der jeweiligen Funktionen, Verwandtschaft oder Hierarchie innerhalb des Pantheons ausschlaggebend gewesen sein, sondern auch stilistische Aspekte wie Alliteration oder Entsprechungen gemäß der Wochentagsbzw. Planetennamen eine Rolle gespielt haben. In den vier Handschriften findet sich die Strategie an mehreren Stellen, und auch in dieser Fallstudie sollen vor allem die Illuminationen im Zentrum stehen: In AM 738 4to (f. 37v) wird Freyja in einer Beischrift als Venus bezeichnet. In den drei jüngeren Bildseiten kommt die Interpretatio Romana auch visuell zum Tragen. Besonders augenfällig sind die zwei Bildseiten in ÍB 299 4to, die Figuren der eddischen Mythologie verbal und visuell mit der klassischen Mythologie assoziieren: Kybele/ V ǫ lva (f. 1v) und Mars/ Týr (f. 60r). Eine weitere Darstellung findet sich in einem der Titelseitenmedaillons (ÍB 299 4to, f. 58r), die in ausführlicher Form in den Bildlagen der beiden anderen Handschriften zu finden ist und Heimdallr als Merkur zeigen (NKS 1867 4to, f. 97r; SÁM 66, f. 80r). Verglichen mit der Anzahl der die Prosa-Edda illustrierenden Motive ist der quantitative und qualitative Anteil der Interpretatio Romana in den Illuminationen von ÍB 299 4to besonders groß, so dass sich hier ein besonderes Interesse feststellen lässt. Nachfolgend wird die unterschiedliche Umsetzung der Interpretatio Romana und ihr Beitrag zum Neuschreiben analysiert, zuvor soll aber das Verhältnis klassischer und eddischer Mythologie wie es bereits im verbalen Text der Prosa-Edda angelegt ist thematisiert werden. 5.5.2.1 Interpretatio Romana und die Prosa-Edda Bereits innerhalb der mittelalterlichen Fassungen des Prologus der Prosa-Edda klingen explizite und implizite Assoziation ähnlich einer Interpretatio an - wie die euhemeristische Herleitung der Æsir aus Troja und die lange Ahnenreihe Óðins, die Namen verschiedener Ursprünge vereint und als austauschbar darstellt (vgl. Kap. 5.1.1 oben). Weiterhin wird wiederkehrend durch ähnlich klingende Namensformen und Begriffe - so die Ableitung der Æsir aus Asien oder Trór/ Þórr, Sibylle/ Sif, Beldegg/ Balldr usw. - eine Interpretatio nahegelegt, die aus heutiger Sicht „ [e]tymological fantasies “ (Faulkes 1985: 294) gleichen. Vor allem die längere Fassung des Codex Wormianus, die der Edda Magnúsar Ólafssonar zugrunde lag, führt das Prinzip der Interpretatio weiter aus, paraphrasiert klassische Mythen und legt so Parallelen nahe: In dieser längeren Prologus-Fassung wurden laut Wellendorf (2013: 163, 2018: 100 - 108) die Abschnitte so hinzugefügt, dass über die 311 Zu den literarischen Vorkommnissen hat es verschiedene Untersuchungen gegeben (vgl. Battista 2000, Tveitane 1985, Wellendorf 2018: 33 - 34, 61 - 70). Ausführungen zu den visuellen Darstellungen in der frühen Neuzeit finden sich bei Wilson (1996). Der Beitrag von Kuhn (2000) untersucht „ Norse gods in Greek costumes “ , obwohl er den Beitrag „ Greek gods in Northern costumes “ nennt. Dies könnte als ein Zeichen für die Vermengungen und Unschärfen, die diese Strategie auslöst, gelesen werden. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 330 5 Neuschreiben <?page no="331"?> Analogie des Irrglaubens, der nacheinander Saturn, Zoroaster und Óðinn betraf, eine Assoziation auf struktureller Ebene, nicht aber als explizite Interpretatio, vorgenommen wird. Die drei parallelen Narrative seien zentraler Kern dieser längeren Prologus-Fassung und würden so eine Abwertung erzielen, die sich grundlegend von den kürzeren unterscheidet, für die Faulkes (1985) die These einer „ pagan sympathy “ , also eines wohlwollenden Blicks auf die Æsir, aufstellt. So fasst Wellendorf zusammen: His [der Autor vom Prologus des Codex Wormianus, Anmerk. d. Verf.] deviations have been designed for the specific purpose of lining up the stories of the three characters of Zoroaster, Saturn, and Óðinn in order to show that they are essentially three versions of one and the same story. The shorter version of Prologus is permeated by a relatively sympathetic euhemeristic attitude toward the northern mythology without the slightest trace of demonology or idolatry. The longer version of the prologue also steers clear of demonology, but it does much to undermine the favorable account of the short version by introducing the Tower of Babel, Zoroaster, and Saturn as parallels to Troy, Sigtúnir, and Óðinn. (Wellendorf 2018: 108) Faulkes (1978/ 1979: 12 - 13, 19) sieht die Relevanz dieser Ergänzungen vor allem darin, dass dadurch die Abstammungslinie der skandinavischen Könige über die eddischen Gött: innen hinaus bis zu den klassischen Gött: innen verlängert wurde. Faulkes bringt die Ergänzungen mit der Interpretatio Norr œ na am Beginn der Trójumanna saga in der Hauksbók in Verbindung, die als Vorlage gedient haben könnten. Diese Perspektiven werden in den drei jüngeren Handschriften auch von der Ættartala Óðins (NKS 1867 4to, f. 203r/ v; ÍB 299 4to, f. 63r/ v; SÁM 66, 234v - 235r) aufgenommen und auf Linie gebracht. Dabei wird diese Ahnenreihe bis zum letzten isländischen Bischof Jón Arason verlängert und somit in eine nicht allzu entfernte historische Vergangenheit fortgeführt. In dieser strikten Reihenfolge erscheinen sie also vor allem als einem System zugehörige, unterschiedliche Generationen, weniger als Interpretatio im Sinne einer Entsprechung einzelner Figuren. Die Interpretatio Romana wird von den drei jüngeren Handschriften an mehreren weiteren Stellen aufgegriffen, verbal und visuell weitergeführt und auf weitere Figuren ausgedehnt. Dies geschieht vor allem in Vorwort II, das einen längeren Abriss über die klassische Mythologie umfasst und punktuell die Namen der eddischen Figuren im Sinne einer Interpretatio Norr œ na vergleichend hinzufügt. Das betrifft Venus, die mit Freyja gleichgesetzt wird, 312 außerdem wird Plutos Unterwelt als Niflheim 313 bezeichnet und erwähnt, dass sich Saturn Nj ǫ rðr 314 genannt haben soll. Darüber hinaus erscheint die Interpretatio auch im Annar Partur der Prosa-Edda der drei jüngeren Handschriften. Darin wird unter der Überschrift „ Hunds Nófn og Heijte. “ , also im Abschnitt mit Heiti für ‚ Hund ‘ , in Klammern „ Serberus “ verzeichnet. 315 In AM 738 4to (f. 42r) steht ebenfalls der Name von Serberus auf der Liste über die Namen aus der klassischen Mythologie. Die hier enthaltenen Namen werden zwar wieder nicht explizit mit den eddischen Namen gleichgesetzt, aber über die Kompilation, in der sich diese zwischen den Bildseiten und Kenningarlisten im umverteilten Prolog befindet, mit dem eddischen Pantheon assoziiert (vgl. 312 Der Abschnitt trägt die Überschrift „ Notatio De Venere “ (NKS 1867 4to, f. 106r; vgl. ÍB 299 4to, f. 67r; SÁM 66, f. 88v). Vgl. Wellendorf (2018: 113 - 114, 174 - 175). 313 NKS 1867 4to (f. 104v17, 105v22). 314 NKS 1867 4to (f. 103v30). 315 NKS 1867 4to (f. 154r15/ 16); vgl. ÍB 299 4to, (f. 113r); SÁM 55 (f. 145r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.5 Fallstudien 331 <?page no="332"?> Margrét Eggertsdóttir 2015: 46). Zusätzlich wurde die Interpretatio Romana in NKS 1867 4to und ÍB 299 4to in Form von Randkommentaren hinzugetragen, welche die passenden lateinischen Namen von Figuren an den Rändern der entsprechenden Dæmisögur indexartig angegeben. Diese Randkommentare sind in SÁM 66 nicht eingefügt worden, was hier im Zusammenhang mit dem Zielpublikum, das sich weniger für Latein interessierte oder entsprechendes Referenzwissen besaß, stehen könnte. 316 5.5.2.2 Visuelle Formen der Interpretatio Romana Die Strategie der Interpretatio war auf verbaler Ebene schon seit Jahrhunderten etabliert und ebenso mit der Prosa-Edda in Verbindung gebracht worden. Wie beschrieben war dies in den vier Handschriften deutlich ausgeweitet worden und - wie nun nachfolgend analysiert wird - schloss dies ebenfalls die Illuminationen ein. Auf diese Weise wird die Interpretatio Romana als Darstellungsstrategie der bildenden Kunst vorweggegriffen, die sich erst im Zuge der Nationalromantik im 19. Jh. vor allem in Skandinavien, Deutschland und England durchsetzte. Die Skulpturen, Gemälde usw. orientierten sich an zeitgenössischen Darstellungen der klassischen Mythologie, die Lösungen für die Frage anboten, wie die eddische Mythologie darzustellen sei und ob sich diese überhaupt als Sujet eigne. Eine der Fragen in diesem Zusammenhang war, inwiefern z. B. die eddische und klassische Mythologie jeweils unterschiedlichen Kulturräumen zuzuordnen sei und in dessen Folge womöglich Unterschiede z. B. in der Bekleidung erkennbar zu sein hätten oder wie diese überhaupt konkret auszuformen seien. Diese Vorstellungen von Unterscheidbarkeit waren also erst später durch Konzepte wie Nationalstaatlichkeit und damit verbundenen Bedürfnissen nach Abgrenzbarkeit bestimmt. Die Interpretatio Romana vermittelte in der von den europäischen Kunstakademien geprägten Kunst das Konzept ‚ Antike ‘ als vorbildhafte Vorzeit. Sie gab vielen Narrativen, die im kulturellen Gedächtnis vor allem verbal überliefert waren, auf diese Weise ein Gesicht. So konnte auch eine Ebenbürtigkeit der Narrative einer ‚ eigenen ‘ Antike inszeniert werden. Die Strategie betraf dabei nicht zwingend eine konkrete Interpretatio Romana einzelner Figuren sondern vor allem die ästhetische Ebene, so wurde das Dargestellte über die üblichen Darstellungskonventionen innerhalb der Antike verortet; diese betrafen u. a. antikisierende Kleidung, unversehrtmuskulöse Körperlichkeit und Nacktheit, die auch in der Verwendung der an den Akademien üblichen Materialien (Marmor, Ölgemälde usw.) materiell Widerhall fanden. 317 Strategien, die - über die nachfolgend analysierten Illuminationen hinaus - eine eigene Bildsprache suchten, fanden nur langsam Eingang: So bildete Hermann Ernst Freunds Statuette Loki (1822) lange einen der ersten Entwürfe gegen die üblichen antikisierenden Konventionen. Freund vermochte hier den Freiraum zu füllen, der sich daraus eröffnete, 316 Im hinteren komputistischen Abschnitt von SÁM 66, dem Kalendarium, lassen sich keine expliziten Strategien der Interpretatio finden. Auch wenn an einer Stelle die alten isländischen Wochentagsnamen, die auf die Götter verweisen (z. B. týsdagur und óðinsdagur), erwähnt werden (f. 184v), wird dies nicht mit den später thematisierten Namen der Planeten des Sonnensystems (f. 200v) zusammengeführt. Gísli Sigurðsson (2017: 217) hatte zuvor die Eddas und den Kommentar in dieser Handschrift als sich auf inhaltlich-mythologischer Ebene aufeinander beziehend gelesen (allerdings nicht im Sinne einer Interpretatio). 317 Vgl. Wilson (1997) zu Darstellungen eddischer Mythologie in den akademisch geprägten Kunstwerken des 19. Jh. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 332 5 Neuschreiben <?page no="333"?> dass für Loki keine Entsprechung im Sinne einer Interpretatio Romana existierte (Kuhn 2000: 212, Nørregård-Nielsen 1986: 25 - 28). Interpretatio Romana in den Illuminationen Die Interpretatio Romana findet sich als Strategie im Zusammenhang mit den Illuminationen in allen vier Handschriften, die genaue Umsetzung ist jedoch sehr unterschiedlich: Die Beischrift, die in AM 738 4to (f. 37v) den Namen Venus zur Illumination von Freyja hinzufügt, verknüpft die Illumination mit der Liste zur klassischen Mythologie ein paar Seiten weiter hinten (f. 42r). Über die Beischrift und die synoptische Anordnung mit dem Kapitel des Annar Partur, das die poetologischen Umschreibungen von Freyja enthält, erscheint der Name der Venus als ein weiteres Heiti (ähnlich wie Serberus in den jüngeren Handschriften im Annar Partur), erhält aber ein visuelles Gegengewicht dadurch, dass Freyja betont zeitgenössisch und isländisch durch ihre Tracht wirkt. Diese Nennung entspricht also dem, was Wellendorf (2018: 61, 66) als sprachliche Ebene bezeichnet hatte, wo zwei unterschiedliche Namen für dieselbe Figur verwendet werden. Weiterhin lassen sich für die in diesem Kapitel diskutierten Beispiele für Mars/ Týr und Venus/ Freyja Parallelen der Interpretatio in den lateinischen und altnordischen Wochentagsnamen und in weiterer Literatur finden (vgl. Battista 2000: 26 - 29). Abb. 117: Heimdallr als Merkur, NKS 1867 4to, f. 97r. Foto: Friederike Richter. Abb. 118: Heimdallr als Merkur, SÁM 66 (f. 80r). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Umfangreicher fällt die Interpretatio Romana von Heimdallr als Merkur in den drei jüngeren Handschriften aus. 318 In Vorwort II zur Prosa-Edda wird zunächst Merkur als 318 Weiterhin wird in NKS 1867 4to (f. 124v) und ÍB 299 4to (f. 82v) auf den Rand der Ds. XXV, die Heimdallr beschreibt, auch der Name „ Mercurius “ vermerkt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.5 Fallstudien 333 <?page no="334"?> königlicher Gesandter Jupiters bezeichnet und seine Attribute beschrieben: Er trage Flügel auf dem Kopf und an den Füßen. 319 Diese Attribute wurden auch visuell dargestellt: Zum einen auf zwei Bildseiten; dort wurden die an Schuhen und Hut seitlich angebrachten Flügel zusätzlich um den geflügelte Merkurstab ergänzt (NKS 1867 4to, f. 97r, Abb. 117; SÁM 66, f. 80r, Abb. 118). Zum anderen, zeigt ebenfalls eines der Titelseitenmedaillons in ÍB 299 4to (f. 58r) Heimdallr mit Flügelhelm. Alle drei Darstellungen verbindet, dass sie zusätzlich Heimdalls Gjallarhorn darstellen und somit die Attribute von Heimdallr und Merkur zusammenführen. Auch wurden sie im gleichen Zeichenstil angelegt wie die übrigen Darstellungen der Bildlage bzw. der Titelseite. Dadurch integrieren sie die Interpretatio Romana auf ästhetischer Ebene ‚ geräuschlos ‘ in die umgebenden Illustrationen der Bildlage. In SÁM 66 wird auf die Interpretatio verbal in der Beischrift verwiesen: „ Heimdallur er sama og Mercurius i þeirre latinnsku Eddu Hanner Sendi Bode Gudanna og þv ij hefur hann vængi a hofdi og fötum umm hann ma Lesa XXV. Eddü ds “ ( ‚ Heimdallr ist der gleiche wie Merkur in der lateinischen Edda. Er ist der Gesandte der Götter und deshalb hat er Flügel auf dem Kopf und an den Füßen. Über ihn kann man in der XXV. Dæmisaga der Edda lesen ‘ , SÁM 66, f. 80r). 320 Da eine visuelle Interpretatio nur dann ihre Funktion erfüllen kann, wenn sie erkannt wird, ließe sich hier vermuten, dass das intendierte Zielpublikum möglicherweise nicht ausreichend mit der klassischen Mythologie vertraut war. Zusätzlich spannt die Beischrift über die Figurenebene hinaus eine weitere Interpretatio-Ebene auf, indem auf die literarische Quelle für Merkur ‒ die ‚ lateinische Edda ‘ - verwiesen wird. Für diese kämen am ehesten Ovids Metamorphosen, Ciceros De natura deorum oder Virgils Aeneis in Betracht, da diese Merkur entsprechend beschreiben. Möglich ist aber auch, dass hinter dieser Interpretatio Norr œ na eine vereinfachte, abstrakte Vorstellung mythografischer Kompilationen als ‚ Edda ‘ - ähnlich einer Gattungsbezeichnung - zugrunde liegt, so wie der Name damals schon für die beiden isländischen Eddas verwendet wurde. 321 SÁM 66 zieht somit den Rahmen der Interpretatio außergewöhnlich groß: Heimdallr/ Merkur steht auf Figurenebene zunächst pars pro toto, doch durch die visuelle Integration der Zeichnung in die umgebenden Bildseiten und die Erwähnung der ‚ lateinischen Edda ‘ strahlt sie auf beide Eddas der Handschrift weiter aus. 322 319 Vgl. NKS 1867 4to (f. 105r28-31); ÍB 299 4to (f. 67r3 - 5); SÁM 66 (f. 87v21 - 24). 320 Das Personalpronomen hann bezieht sich auf Heimdallr und verdoppelt so die visuell dargestellte Gleichsetzung mit Merkur. Dies wird durch die Tatsache verstärkt, dass die Funktion von Heimdallr als Gesandter der Götter beschrieben wird, im Gegensatz zu Merkur, der in Vorwort II ganz im Sinne des Euhemerismus als Gesandter von einem König (Jupiter) bezeichnet wird. Die Beischrift in NKS 1867 4to verbalisiert die Interpretatio Romana nicht. Dafür ist diese in Runen und Geheimschrift geschrieben ist und vereint somit im visuellen Text vielschichtige Referenzen zur Vorzeit. 321 Es ist denkbar, dass sich die Bildseite damit an die Interpretatio in Vorwort II anlehnt (vgl. Kap. 5.1.3.3). In diesem wird mehrfach im Zusammenhang mit der Paraphrase zentraler klassischer Mythen auf diese Werke verwiesen: Ovids Metamorphosen und Ars amatoria, Ciceros De natura deorum sowie Virgils Aeneis. Eine ausführliche Untersuchung der in Vorwort II verwendeten literarischen Werke wäre sicherlich ein sehr aufschlussreiches Vorhaben, kann aber an dieser Stelle nicht geleistet werden. 322 Die Interpretatio in den Illuminationen erscheint - genauso wie auf verbaler Ebene - in allen vier Handschriften nur punktuell. Ein konsequenter Einsatz war sicherlich (mangels Vorlagen für alle Motive und Grenzen der Vergleichbarkeit der Figuren) kaum möglich - und entspräche nicht dem Anspruch der Handschriften. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 334 5 Neuschreiben <?page no="335"?> Kippfiguren: Interpretatio Norr œ na oder Romana? Ganz anders gelagert ist die Gestaltung und Strategie der zwei Bildseiten in ÍB 299 4to von Kybele/ V ǫ lva (f. 1v) sowie Mars/ Týr (f. 60r, Abb. 120). Hier hat Jakob Sigurðsson nicht nur die Ikonografie von einer Vorlage übernommen, sondern auch die ästhetische Gestaltung, die so ästhetisch deutlich von den Titelseitenmedaillons abweichen (f. 58r). 323 Bei diesen Beispielen schließt sich die Frage an, als welche Interpretatio - also ob als Romana oder Norr œ na - diese eigentlich zu lesen sind. Die Illuminationen vermerken in ihren Beischriften für jede Figur beide Namen auf gleichberechtigte Weise. Auf visueller und verbaler Ebene nehmen die Bildseiten also zunächst ihren Ausgangspunkt in der klassischen Mythologie und erscheinen - jeweils für sich betrachtet - als Interpretatio Norr œ na. Doch erst über die kompilatorische Zuordnung dieser Bildseiten zu den Eddas wird der Referenzpunkt verschoben, so dass sie zur Interpretatio Romana werden ‒ und damit zu Kippfiguren, die hier von beiden Seiten gelesen werden können. Interessant ist der Einsatz der Schriftart in Bezug auf die Namen: Im Falle von Kybele/ V ǫ lva entsprechen die gewählten Schriftarten den jeweiligen Etymologien und damit assoziierten Kulturen, 324 aber die Namen von Mars/ Týr sind beide in Runen (málrúnir) geschrieben, was diese nicht nur für Ungeübte verschleiert, sondern visuell eindeutig in einer isländisch-nordischen Antike verortet. 325 Mars und Týr gelten als Kriegsgötter und die gedichtete Beischrift stellt dar, dass Týr von den Menschen bei der Schlacht angerufen wurde. Dies wird auch in Ds. XXIIII thematisiert, wo beschrieben wird, dass Týr aufgrund seiner Funktion als Kriegsgott von den Menschen im Kampf angerufen werde. 326 Die Beischrift ist hier also womöglich als Ausdruck von zwei Namen für einen als identisch betrachteten heidnischen Kriegsgott zu verstehen. Ein weiterer zentraler Punkt ist, dass diese Darstellungsweise sich von den anderen Bildseiten mit Týr unterscheidet, die darauf Bezug nehmen, wie Týr seine Hand durch Fenris Biss verlor (Ds. XXX). Dieser hat durchaus ikonisches Potential und so greifen die Illuminationen der drei anderen Handschriften alle die Einhändigkeit auf (AM 738 4to, f. 38r; NKS 1867 4to, f. 98v; SÁM 66, f. 78v). Eine solche Darstellung vermag aber weniger Týs Funktion als Kriegsgott zu thematisieren. Denn jemand, der seine Hand als Pfand im Maul eines Wolfes verlor, wird sicher kaum dem Idealbild der Unversehrtheit eines siegreichen Kriegsgottes entsprochen haben. Dies wird in den Bildlagen vor allem dadurch zugespitzt, dass Fenrir in den Illuminationen von Jakob Sigurðsson einem tollpatschigen Wildschwein ähnelt und bereits gefesselt ist, so dass der bewaffnete Týr mit seiner frisch blutenden Wunde bereits auf den ersten Blick ungeschickt wirkt. Erst aus Beischrift und Textwissen erklärt sich diese Szene. Gerade in Bezug auf die verschiedenen Illuminationen, die Týr zeigen, wird deutlich, in welcher Bandbreite Jakob Sigurðsson Illuminationen umsetzen konnte und dass er dies sehr gezielt einsetzte. 323 Vgl. die von Jakob ganz ähnlich gestaltete Bildseite von Minerva in Lbs 781 4to (f. 1v). 324 „ CYBELE “ steht in einer Kapitalschrift ähnlich einer gedruckten Antiqua und „ Valvo “ in einer (handgeschriebenen) Kanzleifraktur. 325 Am Rand der entsprechenden Dæmisaga steht auch der Name von Mars (ÍB 299 4to, f. 82r; vgl. NKS 1867 4to, f. 124v). 326 Vgl. das eddische Lied Sigrdrífumál (Str. 6), das dies ebenfalls schildert. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.5 Fallstudien 335 <?page no="336"?> Abb. 119: Mars, Kupferstich aus Unterweisung in den vornehmsten Kuensten und Wissenschaften zum Nutzen der Schulen (Adelung 1777: Taf. 24). Digitalisierung: Universitätsbibliothek J. C. Senckenberg, Frankfurt am Main, 2023 <urn: nbn: de: hebis: 30: 2-454990, 06.10.2024>. Abb. 120: Mars/ Týr, ÍB 299 4to (f. 60r). Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn. Für die Interpretatio Romana in Bildform zeigen Jakobs Illuminationen von Mars/ Týr (ÍB 299 4to, f. 60r, Abb. 120) Kenntnis zeitgenössischer Druckgrafik. Zum Vergleich ist ein nur etwas jüngeres Beispiel abgebildet, das Mars darstellt (Adelung 1777, Abb. 119). 327 Solche Grafiken (bzw. deren Vorlagen) rezipieren antike Skulpturen. 328 Beide Bilder zeigen Mars sehr ähnlich: als aufrecht stehenden bärtigen Krieger in Rüstung mit Helm mit Helmbausch (crista, in der Handschrift jedoch quer getragen), Brustpanzer und einen Lendenschurz mit überlappenden Lederstreifen (Pteryges) sowie nackte Füße bzw. Sandalen mit 327 Wie hier ersichtlich wird, wird Mars zudem manchmal mit einem Wolf dargestellt, was eine interessante Parallele zum Mythos von Týr darstellt, hier aber - wissend oder unwissentlich - nicht weiter aufgegriffen wird. 328 Hierfür ließe sich eine heute in den Musei Capitolini befindliche römische Skulptur von Mars Ultor (81 - 96 n. Chr.) vom Forum Transitorium anzuführen, die wie die Handschriftenillumination ebenfalls einen Rundschild und ähnlichen Mantel zeigt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 336 5 Neuschreiben <?page no="337"?> Riemen um die Waden. In der Handschrift ist die Waffe jedoch ein Schwert, das Mars/ Týr hochhält, keine Lanze wie sonst üblich. Abb. 121: Marmorstatue von Kybele mit zwei Löwen und Stadtmauerkrone, 3. Jh. Archäologisches Nationalmuseum Neapel, Provenienz: Latium. Foto: Wikimedia Commons/ Bujomar, CC BY-SA 4.0 <https: / / creativecommons.org/ licenses/ by-sa/ 4.0/ , 29.10.2024>, <https: / / commons.wikimedia. org/ wiki/ File: Cybèle_Potnia_theron.jpg, 29.10.2024>. Abb. 122: Kybele/ V ǫ lva, ÍB 299 4to (f. 1v). Foto: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn. Die zweite Bildseite mit vordergründiger Interpretatio zeigt Kybele/ V ǫ lva, die vor den Beginn der V ǫ luspá in ÍB 299 4to platziert ist (f. 1v, Abb. 122). 329 Der Name Kybele (Cybele) ist in der Beischrift angeführt und ein Teil der angewendeten Ikonografie - die auffällige Stadtmauerkrone, ein Löwe und der Schlüssel 330 - belegen, dass diese Bildseite sich auf eine entsprechende Bildvorlage beziehen muss (vgl. als Beispiel die antike Skulptur der Kybele, Abb. 121). Die beiden Bildseiten in ÍB 299 4to von Mars/ Týr und Kybele/ V ǫ lva 329 Diese Illumination ist somit die einzige, die in diesen Handschriften direkt der eddischen Dichtung zugeordnet wurde. Die umgearbeiteten Fassungen der Dæmisögur enthalten vereinzelt V ǫ luspá-Zitate und auch Björn á Skarðá liest die Prosa-Edda und V ǫ luspá in seiner Útlegging yfir V ǫ luspá (die ebenfalls in dieser Handschrift enthalten ist, f. 34r ‒ 44v) zusammen. 330 Der Schlüsselbart hat eine kreuzförmige Aussparung und ähnelt somit in seiner Größe und Form an den päpstlichen Schlüssel. In doppelter Ausführung ist ein solcher für gewöhnlich das Attribut von Apostel Petrus. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.5 Fallstudien 337 <?page no="338"?> bieten somit frühe, akademieferne Entwürfe dafür, dass eddische Figuren in klassizistischer Ästhetik vorstellbar waren. Zusätzlich wurde hier - durchaus nicht unüblich ‒ die Figur der Kybele mit den antiken Sibyllen vermengt, wie zwei Beischriften und die dargestellten Bücher zeigen: Die (im Genitiv stehende) Kenning „ Tibiuvítskunnar “ ( ‚ der Weisheit von Tibur ‘ ) bezieht sich auf die Tiburtinische Sibylle. Darüber hinaus stellen die dargestellten Bücher 331 und die längere Beischrift noch prägnanter den Bezug zur Cumäischen Sibylle her, die dem römischen König Tarquinius Superbus neun Bücher mit Prophezeiungen in Versform zum Verkauf angeboten haben soll. In der Beischrift wird die Kybele/ Sibylle als V ǫ lva bezeichnet und schließt somit eine Interpretatio Norr œ na ein, so dass Jakob Sigurðsson das System Interpretatio mehrfach ineinander verschränkt hat: So sem Liönid hefur yfer burþi yfer adrar skiepnur bædi i vitzmunum og Stijrkleika. So h ꜷ fdu þessar V ꜷ lfur fr  b ę ra Vitzmuni framm yfer adra menn: þad matti sanna Tarqvinus k(öngu)r: hvórnein af þessum Vijsinþa konum heimsocti og hafdi IX. b ę kur til sólu. 332 (Beischrift Kybele/ V ǫ lva, ÍB 299 4to, f. 1v) Die Gemeinsamkeiten zwischen den Konzeptionen der Figur der V ǫ lva in der V ǫ luspá und der Tiburtinischen Sibylle wurden mehrfach dargelegt. 333 Diese wurden bereits vom Prologus der Prosa-Edda etabliert, der von „ hinn Späkonu þä er Sybil hiet, er vier kóllumm Sif “ ( ‚ die Seherin, die Sybil hieß, die wir Sif nennen ‘ , NKS 1867 4to, f. 116v15 ‒ 15) spricht. 334 Sybille/ Sif wird darin als schönste aller Frauen und mit Haaren aus Gold beschrieben und es scheint, als wäre diese Vorstellung in die Darstellung eingeflossen: Die V ǫ lva hat (gold-) gelb kolorierte Haare und ihr freundliches und fein gezeichnetes Gesicht ist in der Tat schön - gerade im Vergleich zu allen anderen Illuminationen von Jakob. Über die gezeichneten und in der Beischrift erwähnten Sibyllinischen Bücher wird weiterhin eine Interpretatio in Bezug auf die literarische Ebene durchgeführt. Die Weissagungen der V ǫ lva (die namensgebende V ǫ luspá) wird darin nicht als mündliche Dichtung, sondern in Buchform imaginiert - also damit genau in der Form, in der sie in dieser Handschrift vorlagen. Die Interpretatio dieser literarischen Ebene hatte Guðmundur Andrésson bereits im 17. Jh. mehrfach formuliert: Er nennt im Nachwort der ersten isländisch-lateinischen Druckausgabe der Vóluspá dieselbe „ Versus Sibyllinos “ (Resen 1665c: f. C1r); diese Formulierung findet sich auch in seinem Lexicon Islandicum (Guðmundur Andrésson 1683: 246). Die Drucke und diese Illumination zeigen, dass die Interpretatio der literarischen Ebene nicht wie mit Steinsland (2013: 147 - 148) erst bei Bang (1879), sondern bereits viel früher anzusetzen ist. Diese Interpretatio der literarischen Ebene Sibyllinische Bücher/ V ǫ luspá ist auch aus anderen Gründen interessant: König Tarquinius lehnt zunächst das Angebot der Sibylle, 331 Es befinden sich drei liegende und ein aufrechtstehendes Buch auf einem niedrigen geschnitzten Tisch. Auffällig ist der geschmückte Einband des stehenden Buchs, das mit Metallbeschlägen und -schließen ausgestattet ist. 332 ‚ So wie der Löwe anderen Tieren sowohl in Klugheit und Stärke überlegen ist, so verfügten diese V ǫ lvur [Seherinnen] über einen hervorragenden Verstand im Vergleich zu anderen Menschen: Das konnte König Tarquinius belegen, der von einer dieser weisen Frauen besucht wurde und [sie] neun Bücher zum Verkauf hatte. ‘ 333 Ausführliche Analysen dazu finden sich bei Dronke (1992), Johansson (2013) und Steinsland (2013). 334 Vgl. die Prologus-Interpolation in AM 738 4to (f. 99r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 338 5 Neuschreiben <?page no="339"?> die Bücher zu kaufen, angeblich wegen des zu hohen Preises zweimal ab. Er lenkt erst dann ein, als sie nach jeder seiner Ablehnungen drei der Bücher verbrennt (und deren Orakel für immer vernichtet), bis er schlussendlich für die verbleibenden drei Bücher den unveränderten Preis zu zahlen bereit ist. Dieses Narrativ wird ‒ bei entsprechender Kenntnis ‒ von der Bildseite evoziert und lässt sich durchaus als Allegorie auf die Bedeutung des Erhalts mittelalterlicher Literatur in ihrer schriftlichen Form, den Handschriften, übertragen. 5.5.3 Zusammenfassung Die zwei Fallstudien haben Ausgang in sehr unterschiedlichen Bildmotiven zu Hárs lygi und der Interpretatio Romana genommen. Diese konnten über die jeweilige Kontextualisierung aufzeigen, wie vielschichtig und komplex die Neuschreibeprozesse unter Einbezug der verschiedenen Textformen waren: Das Motiv Hárs lygi holt das Rahmennarrativ gewissermaßen zurück in den Kodex. Es betont, dass die Narrative der Dæmisögur erlogen sind und äußert sich spöttisch über den leichtgläubigen Gangleri. Durch die Einbindung dieses Motivs wird in den drei jüngeren Handschriften der visuelle Text des Codex Upsaliensis mit einer verbalen Textfassung zusammengeführt, die letztlich auf den verbalen Text des Codex Wormianus zurückgeht. Beide hatten inzwischen u. a. über antiquarische Publikationen, die in Dänemark und Schweden herausgegeben wurden, eine lange Reise hinter sich. So wird deutlich, wie sehr die isländische Handschriftenkultur mit den antiquarischen Aktivitäten in Skandinavien verzahnt war. Das Phänomen der Interpretatio Romana betraf alle vier Handschriften. Gerade in visueller Hinsicht mag diese einen Lösungsvorschlag zur zuvor diskutierten Frage anbieten, wie die eddischen Gött: innen mangels Bildtradition visuell darzustellen seien. Aus den Analysen wurde deutlich, dass es sich um eine sehr bewusst eingesetzte Strategie handelt - in ÍB 299 4to ist vielleicht sogar ein entsprechender Auftragswunsch für die Illuminationen vorstellbar. Die Interpretatio vermittelt auf verbaler und visueller Ebene eine Entsprechung der eddischen und klassischen Mythologie und bindet die Prosa-Edda dadurch in eine größere humanistische Perspektive Europas ein. Gleichzeitig wurde dargelegt, dass diese Strategie nicht nur auf einzelne Figuren, sondern auch die literarische Ebene bezogen wurde. 5.6 Neuschreiben: Zwischenresümee Die vorhergehenden Analysen verdeutlichen, wie vielfältig und umfangreich die individuellen Neuschreibeprozesse in den Papierhandschriften aussahen. Das konnte auch aufzeigen, wie ergiebig es ist Elemente, die außerhalb des Wortlautes der Werkteile der Prosa-Edda liegen, in die Analyse einzubeziehen und dabei mit einem medial offenen Textbegriff an die Handschriften heranzutreten. Die vier Handschriften rezipierten die Prosa-Edda über bereits mehrfach neugeschriebene frühneuzeitliche Fassungen, die auf den grundlegenden Umarbeitungen von Magnús Ólafsson sowie teilw. die Edda Islandorum zurückzuführen sind und diese noch einmal weiterbearbeiten. Die Analyse hat bisher zeigen können, dass die Prosa-Edda, wie sie im 17. und 18. Jh. geschrieben, illuminiert und gelesen wurde, sich in vielerlei Hinsicht deutlich von den mittelalterlichen Fassungen der Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.6 Neuschreiben: Zwischenresümee 339 <?page no="340"?> Prosa-Edda abhob, die für gewöhnlich Eingang in Studien finden und Grundlage moderner Editionen sind. Gleichzeitig fanden Elemente mittelalterlicher Handschriften über Umwege des antiquarischen Buchdrucks ihren Weg zurück in Prosa-Edda-Handschriften: Das prominenteste Beispiel ist die Illumination von Hárs lygi, die vermutlich sogar die weiteren Motive anregte. Die untersuchten Phänomene - die von Editionen oftmals ausgeblendet werden - betrafen die Kompilationen der umverteilten und erweiterten Prologe, die Gestaltung und Beschriftung der Titelseiten, den differenzierten Einsatz von Vielschriftigkeit, historisierender Orthografie und Runen. In der Betrachtung der Gesamtkompilation und Titelseiten der vier Handschriften wurde deutlich, dass diese die Prosa-Edda als mit der eddischen Dichtung zusammengehörig auffassten. Den Illuminationen wurde ein besonders umfangreiches Kapitel gewidmet, in dem u. a. über die Analyse der Bekleidung der Gött: innen verdeutlicht wird, dass diese sehr unterschiedlich verortet wurden: entweder als zeitgenössische Elite (AM 738 4to) oder in fantasievoller Kleidung mit Rüstungselementen in einer antiken bzw. mythischen Vorzeit (in den drei jüngeren Handschriften). Der differenzierte Einsatz visueller Mittel trifft in den Handschriften auf die komplexen Gesamtkompilationen, die einen größeren Rahmen über die Prosa-Edda hinaus aufspannen und sie gleichzeitig darin verorten. Welche Bedeutung der Prosa-Edda jeweils von den Handschriften zugeschrieben wurde, lässt sich also erst im Zusammenspiel der jeweiligen Gesamtkompilation, den verschiedenen Textformen sowie den vorhandenen Informationen zur Provenienz erschließen. Der umverteilte Prolog in AM 738 4to bringt die Offenheit zum Vorschein, mit der an die Prosa-Edda herangetreten wurde und der verbale Text aufgebrochen, umgestellt, gekürzt, überarbeitet und angereichert wurde. Zusätzlich hat die Ergänzungshand (5) noch zusätzliche Inhalte u. a. aus der Edda Islandorum nachgetragen und so mit weiteren Fassungen angereichert. Die (heute) von der Handschrift eingeschlossene Kompilation bricht mit der Beschreibung auf der Titelseite. Die Veränderungen, vor allem durch Hand (5), sprechen dafür, dass die Hände gleichzeitig Nutzende der Handschrift waren und diese so für die eigenen Bedürfnisse fortlaufend anpassten. Dies würde die Vermutung, dass die Handschrift zumindest zu einem späteren Zeitpunkt in einzelnen Gebrauchseinheiten verwendet worden sein könnte, durchaus plausibel erscheinen lassen. Diese Handschrift sieht die Prosa-Edda als flexible Kompilation und interessiert sich vor allem dafür, die Verzeichnisse des Annar Partur mit der Skaldik und weiteren materiell zusammenzuführen, die hier allerdings nicht interpoliert, sondern ausgelagert in ihren jeweiligen Einheiten erscheint. In den drei jüngeren Handschriften wurden umfangreiche, ergänzende Inhalte zur Prosa-Edda aus antiquarischer Perspektive zusammengestellt und ein Großteil davon im erweiterten Prolog platziert. Die Grundstruktur des erweiterten Prologs ist in allen drei Handschriften gleich und besteht aus Bildseiten und den vier zusätzlichen frühneuzeitlichen Vorworten, unterscheidet sich aber jeweils sowohl in der Auswahl der Motive sowie der weiteren Inhalte. Die zusammengetragenen, vielschichtigen Inhalte sorgen für eine umfassende Kontextualisierung der Prosa-Edda, reiben sich jedoch an manchen Stellen aneinander und entziehen sich so einem kohärenten Bild. Doch scheint genau das beabsichtigt gewesen zu sein, dass die unterschiedlichen Diskurse, die darin anklingen, nicht notwendigerweise mit einer einheitlichen Stimme sprechen müssen. Der Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 340 5 Neuschreiben <?page no="341"?> verbale Text der Prosa-Edda wurde in diesen Handschriften trotz der vermeintlich fixierenden Zwischenstufe der Edda-Islandorum weiter gekürzt (u. a. in Bezug auf die zitierte Dichtung) und aufgefüllt (vor allem Kenningar und Heiti). Diese drei Handschriften bieten die einmalige Möglichkeit mehrere Exemplare aus dem gleichen Herstellungskontext vergleichend zu betrachten. So richten sich die deutlich antiquarischgelehrteren NKS 1867 4to und ÍB 299 4to an ein gebildetes Publikum, das Latein konnte und über Grundwissen über die klassische Mythologie verfügte. Dabei zeigt NKS 1867 4to ein besonderes Interesse für Schriftarten (v. a. Runen) und ÍB 299 4to besonders ausgearbeitete Beispiele für die Interpretatio Romana. Diese Handschrift besticht weiterhin durch ihre besonders konzise Kompilation, die alles andere der Prosa-Edda zubzw. unterordnet. SÁM 66 zeigt die eddischen Götter aus einer besonders humorvollen Perspektive und verzichtet auf viele der gelehrten Perspektiven der beiden anderen, umfasst aber dafür zahlreiche weitere grundlegende Inhalte (Kalendarium, Arithmetik), die nahelegen, dass dieses Buch für den Hausunterricht verwendet wurde. Diese drei Handschriften interessieren sich aus einer antiquarischen Perspektive für die Prosa-Edda als Buch. Die aufwändig zusammengestellten erweiterten Prologe und weitere Inhalte wie die Útlegging yfir V ǫ luspá von Björn á Skarðsá setzen sich aus gelehrter Perspektive mit der Prosa-Edda auseinander, die hier als literarisches Werk eines isländischen Þjóðveldið inszeniert wird, wie in den nachfolgenden Ausführungen zur Rezeption nun vertieft wird. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5.6 Neuschreiben: Zwischenresümee 341 <?page no="342"?> 6 Rezeption Die folgenden zwei Kapitel nehmen ausführlich in den Blick, wie die vier Handschriften die Prosa-Edda rezipieren und welche Diskurse sie dazu führen. Das Thema der (Prosa-) Edda-Rezeption ist ein beliebtes Forschungsthema, das nur selten definiert wird: Im Folgenden soll ‚ Rezeption ‘ das Phänomen beschreiben, wenn etwas aus einer anderen Kultur - diese wird zumeist geografisch oder zeitlich von der eigenen abgegrenzt aufgefasst - in die eigene aufgenommen und kontextualisiert wird. So verkünden die drei jüngeren Handschriften auf ihren Titelseiten, dass seit dem Kompilieren der Prosa- Edda bereits ca. 550 Jahre vergangen seien und diese einen isländischen Ursprung habe. Ebenso verdeutlicht AM 738 4to mehrfach, dass die Prosa-Edda als einer vergangenen Epoche zugehörig aufgefasst wird. Nachfolgend sollen diese zwei Themen im Vordergrund stehen und diskutiert werden: Zunächst geht es um das Verhandeln des Verhältnisses der Prosa-Edda in Bezug auf das kulturelle Gedächtnis mit einem besonderen Schwerpunkt auf die damit verbundenen Kanonisierungprozesse. Als Zweites werden - ähnlich eines archäologischen Zugangs - die einzelnen von den Handschriften konstruierten historischen Schichten freigelegt. Dabei wird analysiert, wie die Prosa-Edda jeweils in diesen historischen Epochen verortet wird. Der Abschnitt zur Rezeption baut auf dem vorhergehenden zum Neuschreiben auf, da in den Prologen, Titelseiten, Schriftbild und Illuminationen die Rezeptionsdiskurse vorrangig sichtbar werden. 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis Nicht nur Künstler, auch die historischen Geisteswissenschaften insgesamt sind gefordert in der Aktualisierung von Archivgut. Sie sind Arbeiter im Weinberg des kulturellen Gedächtnisses; ihre gesellschaftliche Aufgabe ist es, die scheintoten Quellen zu neuem Leben zu erwecken, indem sie neue Fragen stellen und zeigen, dass die Quellen darauf wichtige Antworten geben können. (Aleida Assmann 2016: 41) Das weitreichende Interesse für kulturelle Erinnerung zeigt sich in der altnordischen Literatur oft schon in den ersten Worten der Texte, wenn diese mit einer langen Genealogie mit Bezugnahme auf die sog. Landnahme Islands beginnen (vgl. Clunies Ross 2019: 362). Das eng ineinander geschlungene Verhältnis von altnordischer Literatur und Gedächtnis wurde vor allem in der letzten Dekade sehr produktiv erforscht. 1 Die zentrale Stellung, die Gedächtnis in der Literatur einnimmt, gilt im Speziellen für die Prosa-Edda: Sie präsentiert sich selbst als zentrale Ressource für mythologische Narrative, skaldische und eddische Dichtung, nutzt aber auch selbst zentrale Formen des Gedächtnisses, z. B. über die Genealogien im Prologus. Die frühneuzeitlichen Prosa-Edda-Handschriften lassen im Vergleich zu den mittelalterlichen erkennen, wie die jahrhundertelangen Neuschreibe- 1 Einige zentrale Publikationen waren: Glauser u. a. (2019a), Hermann u. a. (2017) und Hermann u. a. (2014). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 <?page no="343"?> prozesse zu Verschiebungen führten und das Verhältnis von Prosa-Edda und Gedächtnis immer wieder neu ausrichteten. Diese werden in diesem Kapitel betrachtet. Zunächst folgt eine kurze Einführung in die Konzepte von Aleida und Jan Assmann zum kommunikativen und kulturellen Gedächtnis, um aus einer diachronen Perspektive die sich übereinander lagernden Gedächtnisschichten zu analysieren wie sie in den vier frühneuzeitlichen Handschriften sichtbar werden. Hierbei wird es um Prozesse des Neuschreibens gehen, in denen Perspektiven entfernt und an anderen Stellen neue hinzugefügt wurden. Das betrifft auch die Frage, was eigentlich den Kern der Prosa-Edda ausmacht - also welche Ebenen von kulturellem Gedächtnis wie und warum in ihr aufbereitet wurden. Dabei wird Thema sein, auf welcher Ebene die Handschriften Dynamiken des Gedächtnisses selbst ansprechen. Fragen, die dabei gestellt werden, sind: Welche Verschiebungen in Bezug auf die Funktionalisierung der Prosa-Edda für das kulturelle Gedächtnis lassen sich erkennen? Aus welchen Schichten ist das kulturelle Gedächtnis der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Fassungen der Prosa-Edda aufgebaut? Wie werden Diskurse zu Erinnern und Vergessen in den Handschriften geführt? Anschließend erfolgt eine darauf aufbauende, vertiefende Analyse der die Prosa-Edda betreffenden Kanonisierungsprozesse, die in den analysierten Papierhandschriften bereits im vollen Gange sind und teilweise bis heute nachhallen, während andere mit dem Einstellen der Handschriftenproduktion ebenfalls stagnierten. Die Analyse der Kanonisierung setzt dabei auf zwei unterschiedlichen Ebenen an: Der Prosa-Edda als abstrakte konzipiertes Werk sowie die konkreten Textfassungen der Handschriften. Die Rahmenbedingungen der Kanonisierungsprozesse sind eng mit dem antiquarischen und gelehrten Interesse an der Prosa-Edda verknüpft und stehen darüber hinaus mit dem jeweiligen Zielpublikum in Verbindung. 6.1.1 Konzepte der Gedächtnisforschung Aleida Assmann fasst den Kern der Gedächtnisforschung folgendermaßen zusammen: Im Gegensatz dazu untersuchen Theorien des kulturellen Gedächtnisses Kultur in einer diachronen Dimension als einen symbolischen Selbst-Reproduktionsprozess. Sie gehen der Frage nach, wie bestimmte Inhalte, die für die Identität einer Gruppe überlebenswichtig sind, mithilfe besonderer Anstrengungen haltbar gemacht und über Generationen hinweg tradiert werden. Kultur erweist sich in dieser Sicht als ein langfristiges und dynamisches Projekt, bei dem Symbole kodiert, tradiert, bekämpft, durchgesetzt, verändert, rekonstruiert und nicht zuletzt: vergessen werden. (Aleida Assmann 2013a: 76) Um diese Prozesse und Dynamiken in Bezug auf die Prosa-Edda beschreiben zu können, wird in diesem Kapitel zunächst in die zentralen Konzepte von kulturellem Gedächtnis und Kanon (und im geringeren Maße kommunikatives Gedächtnis und Archiv) eingeführt. 6.1.1.1 Kulturelles und kommunikatives Gedächtnis Die nachfolgend verwendete Definition des kulturellen Gedächtnisses bezieht sich auf die Publikationen von Aleida 2 Assmann (2013a) und Jan Assmann (1988b, 2008b, 2013b), die 2 In manchen Publikationen ist nur Jan Assmann als Autor der Publikation angegeben. Er verweist jedoch im Beitrag zuweilen auf die gemeinsame Entwicklung mit Aleida Assmann, auch wenn sie nicht Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 343 <?page no="344"?> wiederum auf Vorarbeiten von Aby Warburg und Maurice Halbwachs aufbauen. Zentrale Prämisse ist, dass Vergangenheit vor allem sozial konstruiert existiert und deren Formen kulturelles Gedächtnis und kommunikatives Gedächtnis sind (Jan Assmann 2013b: 36). 3 Die Dynamiken beider Formen lohnen sich auch in Bezug auf die Prosa-Edda-Handschriften betrachtet zu werden: Sie greifen darin ineinander, wurden immer wieder verschoben, verformt, hinzugefügt und entfernt und lagerten sich mit der Zeit in mehreren Schichten übereinander an. Das ‚ kommunikative Gedächtnis ‘ bezeichnet die Weitergabe von einem kollektiven Alltagsgedächtnis zur Stärkung einer Gruppenidentität (Jan Assmann 1988b: 10 - 11, 2008b: 111, 2013b: 37 - 38). Dabei könne jede Person mehreren Gruppen zugehören, auch die Rollen zwischen sendenden und empfangenen Personen seien austauschbar. Das Wissen habe Alltagscharakter und sei deshalb weder spezifisch noch institutionell organisiert. Das im Nachfolgenden besonders im Fokus stehende ‚ kulturelle Gedächtnis ‘ sei als eine Form des kollektiven Gedächtnisses zu verstehen (Jan Assmann 1988b: 12 - 16, 2008b: 110 - 118, 2013b: 38 - 43). weil es von einer Gruppe zur Stabilisierung ihrer kulturellen Identität weitergegeben und über Generationen in Form von „ Wiedergebrauchs-Texten, -Bildern und -Riten “ (Jan Assmann 1988b: 15) weitergereicht würde. Inhaltlich handele es oft von einer „ absoluten “ (Jan Assmann 2008b: 117) Vergangenheit, einem ‚ Goldenen Zeitalter ‘ , das Alltagsbezug mit einer klaren Relevanz für die Gegenwart habe: „ Im Zentrum stand die Einsicht, dass die Vergangenheit noch nicht ganz vergangen ist, sondern als eine Ressource oder Hypothek ihre Bedeutung für die Gegenwart noch nicht verloren hat. “ (Aleida Assmann 2013a: 79). Weiterhin sei das kulturelle Gedächtnis gruppenbezogen, rekonstruktiv, geformt (z. B. in Bildern und Schrift), organisiert (z. B. durch Institutionen und Kanonpflege), verbindlich und reflexiv. Diese Pflege des kulturellen Gedächtnisses sei von Elitismus geprägt und Institutionen bzw. Spezialist: innen vorbehalten und baue somit auf einer Hierarchie auf. Die Pflege des kulturellen Gedächtnisses sei an eine aktive Praxis geknüpft, die beispielsweise wiederholten Aufführungen, erneut lesen und Kommentierungen umfasst (Aleida Assmann 2008a: 99). In diesem Zusammenhang betont Jan Assmann die Konstruiertheit des kulturellen Gedächtnisses, die eine Grenzziehung zwischen Mythos und Geschichte verschwimmen lässt: The cultural memory is based on fixed points in the past. Even in the cultural memory, the past is not preserved as such but is cast in symbols as they are represented in oral myths or in writings, performed in feasts, and as they are continually illuminating a changing present. In the context of cultural memory, the distinction between myth and history vanishes. Not the past as such, as it is investigated and reconstructed by archaeologists and historians, counts for the cultural memory, but only the past as it is remembered. (Jan Assmann 2008b: 113, vgl. 2013b: 28) Kulturelles Gedächtnis bezieht sich also auf eine weit entfernte Vergangenheit und konstruiert z. B. Gründungsmythen. Dagegen bezieht sich das kommunikative Gedächtnis immer auf die jüngere Vergangenheit der letzten ca. 80 - 100 Jahre, was damit zusammenals offizielle Autorin der Beiträge gewürdigt ist (vgl. Jan Assmann 1988b: 16, Fußnote 3). Die zugehörigen, nachfolgend verwendeten Definitionen von Kanon und Archiv sind ebenfalls als Bestandteile des kulturellen Gedächtnisses von Aleida Assmann konzipiert und publiziert worden (s. unten). 3 Jan Assmann (2008b: 117) räumt jedoch ein, dass die Dichotomie in der Konzeption der beiden Gedächtnisformen zugespitzt ist. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 344 6 Rezeption <?page no="345"?> hängt, dass diese Erinnerung von den älteren Generationen mündlich an die jüngeren weitergegeben wird. Zwischen dieser jüngeren, gruppenspezifischen Vergangenheit und der weit zurückliegenden, kollektiven Vergangenheit liegt eine Zeitspanne, die Jan Assmann als ‚ floating gap ‘ bezeichnet. Diese verschiebt sich mit jeder Generation weiter und grenzt das kommunikative vom kulturellen Gedächtnis ab (Jan Assmann 1988b: 11, 2008b: 112 - 113, 117, 2013b: 37 - 38). 4 6.1.1.2 Kanon und Archiv Dem kulturellen Gedächtnis zugehörig ist die von Aleida Assmann (2008a) geprägte Unterscheidung von Kanon und Archiv. 5 Sie schreibt, dass das kulturelle Gedächtnis durch selektives Erinnern an und Vergessen von Werken und Artefakten geprägt sei. Zwei der daran beteiligten Strategien der aktiven bzw. passiven Erinnerung seien ‚ Kanon ‘ und ‚ Archiv ‘ . Diese würden eine „ communication across the abyss of time “ (Aleida Assmann 2008a: 97) ermöglichen und so Vergangenheit mit der Gegenwart verbinden. Deren Unterschiede fasst sie folgendermaßen zusammen: Cultural memory, then, is based on two separate functions: the presentation of a narrow selection of sacred texts, artistic masterpieces, or historic key events in a timeless framework; and the storing of documents and artefacts of the past that do not at all meet these standards but are nevertheless deemed interesting or important enough to not let them vanish on the highway to total oblivion. (Aleida Assmann 2008a: 101) Es ist für die weiteren Ausführungen wichtig, dass sie darauf hinweist, dass diese Formen der kulturellen Erinnerung sich immer weiter anschichten können: „ They do not have to start anew in every generation because they are standing on the shoulders of giants whose knowledge they can reuse and reinterpret. “ (Aleida Assmann 2008a: 97). Auf dem anderen Ende des Spektrums positioniert sie das aktive und passive Vergessen als kulturelle Praktiken, die sich darin unterscheiden, ob sie mit bzw. ohne Absicht vorgenommen würden, ihre Formen sind u. a. Zerstörung, Verlust und Vernachlässigung. Als ‚ Kanon ‘ bezeichnet Aleida Assmann (2008a: 98 - 102) das aktive Arbeitsgedächtnis einer Gesellschaft zur Unterstützung der kulturellen Identität, die als aktive Form des kulturellen Gedächtnisses die „ past as present “ (2008a: 98) pflege und diese immer wieder aktiv verbreite. 6 Der Kanon bestehe aus nur wenigen ausgewählten Werken, Personen und Orten, denen ein normativer bzw. prägender Charakter zugesprochen wird. Deren Auswahlprozess bezeichnet sie als Kanonisierung. Der Kanon sei auf eine lange Gültigkeit - über mehrere Generationen bis Jahrtausende hinweg - angelegt und z. B. in Rahmenlehrplänen sichtbar. Diese förderten das Lesen der ausgewählten Werke aktiv und zielten auf die Stärkung der Gruppenidentität ab (Aleida Assmann 1999: 131). Die Elemente des Kanons zeichneten sich zwar über eine hohe Stabilität aus, die Moden oder historischem Wandel grundsätzlich standhielten, könnten aber dennoch von nachfolgenden Generationen hinzugefügt oder entfernt werden. Eine weitere Tätigkeit der Kanon- 4 Jan Assmann lehnt sich hier an Jan Vansina an. 5 Vgl. die anderen Publikationen von Aleida Assmann (1999, 2008a, 2013a, 2016) sowie zuvor Aleida und Jan Assmann (1987). 6 Vgl. zu dieser Vorstellung auch Š eina (2021: 16). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 345 <?page no="346"?> pflege sei, dass die Bestandteile für das zeitgenössische Publikum immer wieder neu interpretiert werden müssen: In kanonischen Texten dagegen sind die normativen und formativen Grundlagen der Kultur niedergelegt, weshalb sie auch unbedingt verstanden werden müssen. Da sich mit zeitlichem Abstand und historischem Wandel der Sinn jedoch unweigerlich verdunkelt, bedürfen sie der Deutung. (Aleida Assmann 2013a: 80) Diese Arbeit am Kanon werde vor allem durch „ professionelle Schriftgelehrte “ (Aleida Assmann 2013a: 80) betrieben, die die notwendigen Kommentare u. ä. erstellten (vgl. Aleida und Jan Assmann 1987: 13; Jan Assmann 2013b: 41 - 42): Kanonische Texte manifestieren sich ferner dadurch, dass sie ein Schrifttum kommentierender Meta-Texte hervorbringen. Erst am Kommentar zeigt sich der kanonische Status des fundierenden Textes, erst durch die Produktion von Sekundärliteratur bildet sich ein produktiver Bestand von ‚ Klassikern ‘ im Sinne von ‚ Primärliteratur ‘ heraus. [ … ] Solche beständige Pflege und Auseinandersetzung führt dazu, dass bestimmte Texte, Bilder und andere Kunstwerke nicht fremd werden und gänzlich verstummen, sondern über Generationen hinweg revitalisiert werden durch immer neuen Austausch mit der Gegenwart. (Aleida Assmann 2013a: 81) Die Notwendigkeit des Kommentars ergebe sich daraus, dass das kanonisierte Werk unverändert bleibe, aber dennoch aktualisiert werden müsse (Jan Assmann 2013b: 41 - 42). Dabei nimmt diese Arbeit keine neutrale Position ein, sondern: „ In diesen Akten der Lektüre und Aneignung ergeben sich unweigerlich Verschiebungen und Verzerrungen, aber eben diese sind es, die das kulturelle Gedächtnis lebendig erhalten. “ (Aleida Assmann 2013a: 80). Als ‚ Archiv ‘ bezeichnet Aleida Assmann (2008a: 98 - 106, 2016: 37 - 38) das kulturelle Referenzgedächtnis, das sich zwischen Kanon und Vergessen befinde. Die Funktion des Archivs definiert sie mit diesen Worten: „ The archive is the basis of what can be said in the future about the present when it will have become the past. “ (2008a: 102). Es handelt sich hierbei also um eine passive Form der kulturellen Erinnerung, in der „ past as past “ (2008a: 98) bewahrt sei, vergleichbar mit einem Depot von Artefakten und Werken. In diesem werde keine weitere Interpretation der Inhalte vorgenommen, aber z. B. durch Katalogisierung strukturiert erschlossen. Die enthaltenen Elemente sind aus ihrem ursprünglichen Verwendungszusammenhang entfernt, und könnten im Archiv einem neuen Verwendungszweck oder Umdeutung zugeführt werden und „ für die Gegenwart mit neuer Bedeutung auf[ge]laden “ (Aleida Assmann 2016: 41) werden. Auch wenn sie das Archiv als (passive) Form der Erinnerung kategorisiert, erscheint die Abgrenzung zum Vergessen fließend; in einer späteren Arbeit bezeichnet sie es deshalb als „ Verwahrungsvergessen “ 7 (Aleida Assmann 2016: 40). Der Grund ist, dass Archive zwar grundsätzlich Werke und Artefakte materiell erhalten vermögen und so eine spätere „ Wiederentdeckung “ ermöglichen könnten, doch diese zunächst vergessen seien bzw. nicht mehr ohne weiteres verstanden werden würden. Archive können sehr unterschiedliche Formen haben und z. B. als politische Archive einer herrschenden Gruppe für die symbolische Legitimation von Macht dienen. Sie erhielten nie alles, sondern nähmen wie der Kanon 7 Das Verwahrungsvergessen bezeichnet genau den Kern: Elemente bleiben zwar materiell erhalten, verschwinden aber aus der Erinnerung (Aleida Assmann 2016: 18). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 346 6 Rezeption <?page no="347"?> eine Auswahl der aufzubewahrenden Elemente vor und dienten damit (oft) den vorherrschenden Machtstrukturen mit ihren (intersektionalen) Ausschlussmechanismen. Der Zugang zu Archiven sei vor allem Spezialist: innen vorbehalten und somit weniger einer breiten Öffentlichkeit zugänglich: „ Die Daten, die das Archiv vorhält, müssen von Wissenschaftlern und Künstlern in Informationen, Wissen und Erinnerung verwandelt werden. “ (Aleida Assmann 2016: 38, vgl. 2008a: 101). Diese zwei Konzepte von Kanon und Archiv werden von Aleida Assmann zunächst als klar voneinander abgegrenzt gedacht und beschrieben, dies wird besonders deutlich in dem von ihr angeführten Diagramm (Aleida Assmann 2008a: 99, vgl. 2016: 20). Die Mechanismen von Kanon und Archiv seien jedoch auch dynamisch miteinander verzahnt und voneinander abhängig, z. B. wenn zur Interpretation des Kanons auf Werke im Archiv zurückgegriffen wird (Aleida Assmann 2016: 17 - 19). Die Grenzen seien durchlässig, so dass ein Objekt des Archivs zum Kanon erhoben werden kann oder im Status vom Kanon zurück in das Archiv fallen kann (Aleida Assmann 2008a: 104, vgl. 2016: 19 - 20, 41). In beiden Texten beschreibt sie, dass kulturelle Erinnerung als Spektrum zwischen Erinnern und Vergessen ausgeformt sei (Aleida Assmann 2008a: 99, 103, vgl. 2016: 17 - 18). Die Bereiche dazwischen wurden von ihr als die produktiven Stätten des kulturellen Gedächtnisses identifiziert: „ It is exactly this interdependence of the different realms and functions that creates the dynamics of cultural memory and keeps its energy flowing. “ (Aleida Assmann 2008a: 104 - 105). Hier lohne es sich also „ den Zwischenraum zwischen den Polen genauer zu vermessen und die Formen der Verschränkung und Überlappung zu analysieren. “ (Aleida Assmann 2016: 19), und genau dies soll in diesem Kapitel geschehen. 6.1.1.3 Kanonisierungsprozesse in vormoderner Handschriftenkultur Die Konzepte Kanon und Archiv lassen sich in Bezug auf die vormoderne Handschriftenproduktion oftmals nicht klar voneinander trennen. Dennoch soll deren Unterscheidung als die beiden Modi der kulturellen Erinnerung in diesem Kapitel fruchtbar gemacht werden, um diesen Raum, in dem die Grenzen zwischen Kanon und Archiv verschwimmen, zu erschließen. Rohrbach beschreibt das stete Ineinandergreifen beider Mechanismen, die in Handschriften immer zugleich präsent seien, folgendermaßen: Manuscripts allow for variant readings within the canon: they are polyphonic snapshots of a canon while at the same time turning into archives for future formations of the canon. They inscribe themselves into an intertextual web of references back and forth in time. Thus, the relationship between canon and archive is a fluent one, and every manuscript can be read, at the same time, as both materialisation of the canon and accumulation of the archive. (Rohrbach 2019a: 214) 8 Es lässt sich in diesem Zusammenhang einräumen, dass Aleida Assmann ihre Konzeption aus einer zeitgenössischen Perspektive entwarf, die nicht in allen Punkten den hier besprochenen vormodernen Bedingungen gerecht wird. Aber dies ist für sich genommen bereits eine interessante Beobachtung, denn die Gründe dafür, dass diese abweichen, sind folgende: Erstens, haben sich in den Handschriften jahrhundertelange Kanonisierungsprozesse akkumuliert. Zweitens, die Hervorbringungen kultureller Eliten (wie die Edda Magnúsar Ólafssonar, Edda Islandorum etc.) stehen in einem dynamischen Verhältnis zur 8 Vgl. Rohrbach (2019b: 399). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 347 <?page no="348"?> dezentralen Handschriftenproduktion (und den darin möglichen Individualisierungen). Diese Beobachtungen sowie die stetigen Neuschreibeprozesse widersprechen den von Aleida Assmann geäußerten Bedingungen, dass die kanonisierten Texte selbst unverändert bleiben müssten. Gerade die zuvor ausführlich analysierten Neuschreibeprozesse scheinen zunächst der vorausgesetzten Festigkeit der kanonisierten Texte zu widersprechen, doch lassen sie sich beim genaueren Betrachten ebenso als Aneignungsprozesse verstehen, die eine aktive Kanonarbeit umfassen, die die Bearbeitung der Fassung der Prosa-Edda (auf der Ebene aller Textformen) und der zugehörigen weiteren Materialien des erweiterten Prologs u. ä. betrifft. Aleida Assmann thematisiert die Prozesse, die mit einer Kanonisierung einhergehen leider nicht weiter, da sie erst bei einer bereits abgeschlossenen Kanonisierung einer stabilen Textfassung ansetzt. Das wird dadurch deutlich, dass sie von Mechanismen ausgeht, die sie in Bezug auf Erinnern als Bewahren und Konservieren sowie in Bezug auf Vergessen als Zerstreuen und Zerstören benennt (Aleida Assmann 2016: 23 - 24). Dabei ist im Zusammenhang mit Kanonisierungsprozessen sicherlich mit einer produktiven Überlieferung zu rechnen, die das Werk nicht nur unverändert bewahrt. 9 In den hier untersuchten Handschriften gehen die Kanonisierungsprozesse sowohl mit Rezeption als auch Neuschreiben einher: Sie bauen aufeinander auf, greifen ineinander, entwickeln weiter und erneuern. Diese Dynamiken gehören sicher zu den bemerkenswertesten Ergebnissen der vorliegenden Studie, vor allem, weil deren Ausmaß so außerordentlich ist. Das dezentrale Weiterführen des Neuschreibens in den frühneuzeitlichen Handschriften hat nicht zu einem Überschreiben im Sinne des Vergessens geführt, wie Aleida Assmann (2016: 19) diese Dynamiken beschreibt. Im Gegenteil, erst durch die Kanonbildung (in Form von Editionen, die zu den kanonisierten Textfassungen wurden) scheint die Prosa- Edda von einem Überschreiben im Sinne des Vergessens betroffen gewesen zu sein. Die Prosa-Edda weist eine beeindruckende Zeitresistenz auf, doch lassen sich mehrstufige Verschiebungen darin beobachten, welche Funktion der Prosa-Edda für das kulturelle Gedächtnis zu welchen Zeiten im Vordergrund standen. Diese führte über die Jahrhunderte auch immer wieder zur Überarbeitung ihrer übergeordneten Form und dem Verständnis - wie von Vorwort IV tituliert „ was die Edda sei “ . Dies macht eine wichtige Unterscheidung zwischen den zwei Ebenen der Kanonisierung notwendig: die des abstrakten Werkes Prosa-Edda (im Sinne von zum Kanon erklären) und der Kanonisierung ihrer konkreten Form (im Sinne von einer Stabilisierung). In Bezug auf die Handschriftenkultur kann keinesfalls von einer kanonisierten Textfassung gesprochen werden. Auch verwischt die nicht immer klare Abgrenzung zwischen Text und Paratext in den hier untersuchten Handschriften eine solche zwischen Änderung der Form und Veränderung der Auslegung der Prosa-Edda. Dies beginnt bereits in den mittelalterlichen Fassungen, in denen z. B. in den Skáldskaparmál Zitate skaldischer Dichtung und gelehrter Kommentar zu einem neuen Text verschmelzen. Es lässt sich über die Jahrhunderte ein dynamisches An- und Abschwellen 10 der verschiedenen Ebenen beobachten: So finden sich parallel Stabilisierung und Veränderung, z. B. in der zunehmenden, betonten Ver- 9 Vgl. den eine Stabilität implizierenden Begriff des ‚ Textzeugen ‘ . 10 Vgl. das Bild des Anschwellens, das Aleida und Jan Assmann (1987: 14) beschreiben: „ [ … ] hat in allen Fällen zu einer Hierarchisierung der Überlieferungsstruktur geführt, indem sich der kanonisierte Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 348 6 Rezeption <?page no="349"?> knüpfung des Titels Edda mit dem Namen Snorri Sturlusons oder wenn das Rahmennarrativ aus der Textfassung von Magnús Ólafsson zwar größtenteils herausgekürzt wurde, aber in Illuminationen oder in Kommentaren (z. B. in der Útlegging yfir V ǫ luspá von Björn á Skarðsá) wieder hinzugefügt wurde. Dies wurde durch die Bewahrung in den Archiven - ob als kulturelle Institution oder als dezentraler Bestand - überhaupt erst ermöglicht. Es ist also eine wechselseitige Durchlässigkeit zwischen Kanon und Archiv nicht nur für das Gesamtwerk, sondern auch auf Detailebene für Einzelaspekte zu beobachten. Des Weiteren scheint Aleida Assmanns Hinweis, dass sich Kanon und Archiv dahingehend unterschieden, ob sie die Vergangenheit als Gegenwart oder Vergangenheit präsentieren, zu kurz zu greifen, da die frühneuzeitlichen Handschriften Vergangenes wie die Prosa- Edda gerade deshalb zum Kanon erheben, weil dieser als Repräsentantin einer gemeinsamen vergangenen Kultur eine zentrale Rolle für das kulturelle Gedächtnis zugeschrieben wird. Denn genau in dieser Rückbesinnung nimmt die Vergangenheit als Vergangenheit eine Vorbildhaftigkeit für die zeitgenössische Gegenwart ein. Es ist an dieser Stelle weiterhin interessant zu bedenken, welche Akteur: innen in die Kanonisierungsprozesse involviert waren: In den eingangs dargestellten Betrachtungen zur dezentralen Provenienz der Handschriften wurde deutlich, dass diese nicht als Teil eines offiziellen Kulturkanons ‚ von oben ‘ im Sinne einer staatlichen Institution oder Elitenkultur gelten (vgl. Aleida und Jan Assmann 1987: 22 - 23), sondern, dass in die Kanonisierungsprozesse zahlreiche Personen mit unterschiedlichen Perspektiven involviert waren. Diese waren weder selbst (alle) einer Elite zugehörig noch richteten sich alle an solche Eliten. So gilt für die Handschrift AM 738 4to, dass diese zunächst von einem lokalen Dichter, Sigurður Gíslasson, in Westisland am Hvammsfjörður genutzt (und vermutlich teilw. hergestellt) wurde. Danach kam diese Handschrift dann aber später in die Hände von einem Vertreter der gebildeten Elite, dem Lehrer und späteren Rektor der Lateinschule von Skálholt, Magnús Jónsson aus Leirá. Es war vermutlich er, der diese Handschrift so wertschätzte, dass er sie reparierte und sehr sorgfältig inhaltlich ergänzte. Für SÁM 66 lässt sich überlegen, was es bedeutet, dass diese offensichtlich als Unterrichtsmaterial für die lokalen Höfe angedacht war und so genutzt wurde. Sowohl Jakob Sigurðssons Lebensumstände (trotz privilegierter Herkunft) als auch die Provenienz der Handschrift zeigen hier eher, dass die Prosa-Edda in Bezug auf Produktion und Lektüre in der allgemeinen, von der Subsistenzwirtschaft lebenden Bevölkerungsschicht angekommen war, die ihren Bildungshunger traditionell jenseits von offiziellen Institutionen stillte. Die Mechanismen einer Kanonisierung sind in diesem Zusammenhang also deutlich komplexer als nur ‚ von oben ‘ bzw. ‚ von unten ‘ . 6.1.2 Schichten und Lücken des kulturellen Gedächtnisses Nachfolgend sollen nun - vergleichbar mit einer archäologischen Ausgrabung ‒ die sich übereinander lagernden Kulturschichten freigelegt werden, die in den Handschriften in Bezug auf das Verhältnis von Prosa-Edda und kulturellem Gedächtnis zu Tage treten. Hierbei nimmt die Analyse in den Blick, wie die Handschriften selbst die jeweiligen Primärtext mit mehreren Schichten kommentierender Sekundärliteratur angereicht hat und dadurch zu ganzen Bibliotheken angeschwollen ist. “ Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 349 <?page no="350"?> Schichten konstruieren und sie bewerten. Aleida Assmann hat darauf hingewiesen, dass solche Zeitschichten immer kulturell konstruiert sind: „ Kulturelle Zeitkonstruktionen verfahren genau umgekehrt: statt sie bloßzulegen, verkitten sie die Bruchstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft und entwerfen ein zeit-räumliches Kontinuum. “ (Aleida Assmann 1999: 9 - 10). Wie gleich klar wird, gilt dies auch für die hier untersuchten Handschriften, deren Vergangenheitskonstruktionen darüber hinaus im nachfolgenden Kapitel zentrales Thema sein werden (s. u., Kap. 6.2). Für die Bewahrung des kulturellen Gedächtnisse ist dessen Wiederholung essentiell (Jan Assmann 2013b: 41): Bei den Prosa- Edda-Handschriften wird dies durch das fortwährende Herstellen neuer Exemplare gesichert ‒ doch zeigt sich im Vergleich zu den mittelalterlichen Handschriften, dass sich das Verständnis dessen, was das jeweils wiederholte kulturelle Gedächtnis ausmacht, verschiebt. Der Hintergrund dafür ist, dass die Prosa-Edda nicht einfach unverändert kopiert wurde, sondern in jeder Handschrift einen eigenen Neuschreibeprozess durchlief und so neu hervorgebracht wurde. Diese sind von der sich wandelnden Funktionalisierung der Prosa-Edda in diachroner und synchroner Perspektive bestimmt. 6.1.2.1 Geschichtete Gedächtnisformen seit dem Mittelalter Die Prosa-Edda ist bereits in ihren mittelalterlichen Fassungen eine Sammlung mit antiquarischem Anspruch (vgl. Gunnar Karlsson 2008, Johansson 2007a). Wie dies am Beispiel der Skaldik ersichtlich ist, wird nun nachfolgend aufgedeckt. Die mittelalterlichen Fassungen der Prosa-Edda sind komplexe Kompilationen, die mehrere Stränge kulturellen Gedächtnisses miteinander verweben: Mythennarrative, eddische und skaldische Dichtung sowie theoretisches Wissen zur Sprache der Dichtung und zu Versmaßen. Das genaue Ausmaß zwischen Eigenschöpfung, Zitation und Rezeption ist hierbei jedoch nicht in allen Einzelheiten erkennbar. Damit hat die Prosa-Edda einen deutlich universelleren Anspruch als die oft lokal ausgerichteten Íslendingas ǫ gur oder die eddische Dichtung allein, denn in ihr wird erst durch die Verwebung mit der vermittelnden Instanz das kulturelle Gedächtnis für die Lesenden als wertvoll erschlossen, wie u. a. der Epilog in den Skáldskaparmál verdeutlicht (vgl. Glauser u. a. 2019b: 2). Diese Komplexität des enthaltenen kulturellen Gedächtnisses macht sie so vielseitig wie extraordinär und hat dazu geführt, dass die Prosa-Edda als „ theory of memory “ (Glauser 2014: x) bezeichnet wurde. Schneeberger führt darauf aufbauend folgende Gedanken aus: Because Norse mythology is the groundwork for skaldic poetry, the old stories need to be remembered. Aspiring skalds find everything they need to know well-ordered within one manuscript. The Prose Edda actively builds a canon for the mastery of the skaldic poetry and can be understood as storehouse for its knowledge. Not only is it a storehouse, but it also discusses the conditions of being a storehouse; thus, it might be defined as a theory of memory. The memory process in this written context is as performative as the one of the (fictional) oral past: Framing paratexts and the complex reuse of literary traditions deliver necessary actualisation of the old stories about the Norse cosmos. Now it is an act of writing that succeeds: by reading, copying and using the Prose Edda, the stories of the Æsir will be told again and again. (Schneeberger 2019: 425) Schneeberger zufolge stellt die Prosa-Edda ein selbstreflexives Archiv an Mythen und Dichtung bereit, die nur hier enthalten sind und durch aktive Kanonisierungsprozesse - in Form von Überlieferung und Neuschreiben - eine stete Aktualisierung erfuhren. Die Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 350 6 Rezeption <?page no="351"?> Prosa-Edda bildet in ihren mittelalterlichen Fassungen somit bereits einen ausgewählten Literaturkanon für Mythennarrative und Dichtung, wobei die skaldische Dichtung vor allem immer wieder (vorgeblich) zur Exemplifizierung der Kenningar und Heiti eingeblendet wird. Auf diese Weise hat die Prosa-Edda eine der zentralsten Kompilationen altnordischer Literatur in Bezug auf das kulturelle Gedächtnis geschaffen. Clunies Ross beschreibt die Bedeutung der unterschiedlichen Zeitschichten des altnordischen Prosimetrums für die Herausbildung einer Gruppenidentität folgendermaßen: One of the most significant ways in which Nordic, and particularly Icelandic custodians of cultural memory created a national identity was through the creation of a canonical literature. This happened in the medieval period, but such an enterprise necessarily looked back to the preliterate past, and created and remembered that past by narrating it in prose and often then encapsulating it in poetry embedded in the prose in a so-called prosimetrum. (Clunies Ross 2019: 363) So legt sich vor allem über die skaldische Dichtung eine weitere, die Dichtung verstetigende Schicht, die das kulturelle Gedächtnis formt. Skaldische Dichtung war zunächst - wenn sie z. B. für zeitgenössische Könige verfasst wurde und ihr zentrales Anliegen das Gedenken dieser Person zu wahren war ‒ als Medium des kommunikativen Gedächtnisses angelegt (Heslop 2014, 2019: 257), und auf diese Weise wird sie auch innerhalb der Prosaliteratur inszeniert. Wenn Strophen also Jahrhunderte nach den Lebenszeiten oder Ereignissen des Dargestellten in schriftlicher Form (re)produziert wurden, vorschob sich deren Funktion und sie wurden in den Dienst des kulturellen Gedächtnisses und der Identitätsbildung gestellt (Hermann 2020: 161 - 175). 11 Die Rezeptionsprozesse, die diese Verschiebung begleiteten, beschreibt Clunies Ross (2019: 364) als Selektion, Zerstückelung und Interpretation und Hermann (2020: 175) als „ absorbing, filtering and recreating the knowledge of the culture “ . All diese Prozesse lassen sich auch für die Dichtung und Mythennarrative in der Prosa-Edda feststellen, nur werden sie noch zusätzlich systematisiert, variiert, vermengt, ergänzt und in einem nicht genau zu bestimmendem Ausmaß erst neu erschrieben. Die in der altnordischen Literatur erschaffenen Vergangenheitsdiskurse interessierten sich weniger für eine korrekte historische Darstellung; im Fokus stand vielmehr, dass sie vor allem der Gegenwart dienlich sein sollten (Hermann 2020: 167). Eine ähnliche Funktionalisierung von (so nicht benannten) kulturellem Gedächtnis für die zeitgenössische Gegenwart schreibt Heslop den mittelalterlichen Skáldskaparmál zu: „ Skáldskaparmál [ … ] demonstrates how contemporary poets can learn about the cultural capital of the past, so that they can use it in the present. “ (Heslop 2022: 117). Diese Intention erhielt sich beim fortwährenden Überarbeiten des Abschnitts in den frühneuzeitlichen Fassungen (als Annar Partur). Für das Verständnis vieler Kenningar ist eine Kenntnis der mythologischen Narrative essentiell. Das System funktioniert nur, wenn die Narrative im kulturellen Gedächtnis verankert sind und die Kenningar so verständlich bleiben. Glauser (2014: x) bezeichnet die Kenningar als „ one large memory machine, recalling earlier events and narrativs in the 11 Dagegen gesteht Jan Assmann (2008b: 114) der Dichtung bereits in oralen Gesellschaften eine Stellung als Speichermedium des kulturellen Gedächtnisses zu. Eine Funktionalisierung der Skaldik für das kulturelle Gedächtnis ist heute jedoch nur in ihrer Schriftform ersichtlich, die eine zeitlichen Diskrepanz über die floating gap hinaus und eine Rekontextualisierung in Form von Rezeption erkennen lässt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 351 <?page no="352"?> forms of concentrated mini-myths “ , die also zusätzlich Mythennarrative auf einer weiteren, nichtlinearen intertextuellen Ebene und in verknappter Form evozieren. Dieses Potential bringt er mit der Vielstimmigkeit des Prosimetrums in Zusammenhang: „ by the way in which a text speaks with the voice of another text, and thus always remembers these other voices and texts and recalls them by re-using them “ (Glauser 2014: x). Auch wenn in Bezug auf die Rezeption eddischer Dichtung in den Fornaldarsögur geäußert, lässt sich Hermanns Beschreibung von Auflösung und Transformation in Form von durchscheinenden Palimpsest-Schichten ebenfalls auf die Prosa-Edda übertragen: While in some cases the poetic form is dissolved and transformed into the prose narrative, in other cases the older layer continued to be visible, and the palimpsest-character of the narratives transpires through the poems quoted in the prose narratives. (Hermann 2020: 173) Die Vielstimmigkeit in den mittelalterlichen Fassungen der Prosa-Edda ist also höchst komplex, weil diese Stimmen immer wieder gefiltert, überarbeitet und kontextualisiert wurden. Sie wurden durch die zahlreichen Inquitformeln hervorgehoben und über das dialogische Rahmennarrativ immer wieder inszeniert. Beides wurde jedoch später von Magnús Ólafsson, der Edda Islandorum und den anschließenden handschriftlichen Neuschreibeprozessen zu beträchtlichen Teilen entfernt, weshalb sich die frühneuzeitlichen Fassungen der Prosa-Edda ganz anders aufstellen, wie nun nachfolgend aufgeschlüsselt wird. 6.1.2.2 Vergessen Wenn Aleida Assmann (2008a: 102) Archive als „ passive Erinnerung “ bezeichnet, bezieht sie sich vor allem darauf, dass in diesen Erinnerung zwar materiell bewahrt ist, aber nicht aktiv zirkuliert wird. Die Option, das Material in die aktive Erinnerung, den Kanon, zurückzuholen, bestünde aber grundsätzlich. Da Werke aus dem Kanon wieder in das Archiv zurückfallen können, ist die Grenze zwischen beiden durchlässig. Dies wird auch in Bezug auf die Prosa-Edda deutlich: So wurde zwar das Háttatal in der Umarbeitung von Magnús Ólafsson aktiv ‚ vergessen ‘ , also weggelassen. Da dieser Werkteil aber in den Handschriften-Archiven in den Pergamenthandschriften erhalten blieb, konnte er später wiederhergestellt und in Editionen der Prosa-Edda aufgenommen werden. Er ist nun wieder Teil der kanonischen Werkstruktur der Prosa-Edda, auch wenn er viele Jahrhunderte aus dieser herausgefallen war. Andersherum ist die Fassung der Edda Magnúsar Ólafssonar, die im 17. ‒ 19. Jh. die kanonische Handschriftenfassung darstellte, inzwischen vom Kanon ins Archiv gerutscht, sie sind von Editionen, die die mittelalterlichen Fassungen als Grundlage nahmen, im 19./ 20. Jh. abgelöst worden. Gleichzeitig haben in den letzten Jahrzehnten die untersuchten Illuminationen der Papierhandschriften kanonischen Rang erlangt: Die Prozesse betreffen den verbalen und visuellen Text der Handschriften also auf unterschiedliche Weise. In den drei jüngeren der hier untersuchten Handschriften wird die Rezeptionsgeschichte der Prosa-Edda als von einem zwischenzeitlichen Vergessen betroffen dargestellt. Zwei der jüngeren Handschriften thematisieren dies im Gedicht „ Edda hviled under benke “ , das ursprünglich für die erste Druckausgabe der Edda Islandorum (Resen 1665a: f. n3r - n4r) von Thomas Bartholin d. Ä. verfasst wurde (NKS 1867 4to, f. 100v; ÍB 299 4to, f. 58v, Transkription im App. 5.3.1.1). In dem Gedicht sind Vergessen, Archiv und Kanonisierung angesprochen, indem die Werkgeschichte folgendermaßen dargestellt wird: Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 352 6 Rezeption <?page no="353"?> Edda hviled under benke udi mórke lagt i Skÿl: Ingen kunde derpaa tenke. at forandre lyckenns Iil Sæmund skrev og Snorre meere Resen tende hendis lÿs Dennem= bærer Rüna Ære Resen gifvis Dobbeltprïs. Edda sógte hielp hos Venner: Styrke for den svage krop. Hafdi ey Resen til sat sener aldrig hafde hun reist sig op. 12 (Thomas Bartholin d. Ä.: „ Edda hviled under benke “ , NKS 1867 4to, f. 100v1 - 12) Das Gedicht beschreibt, dass die Edda von Sæmundr geschrieben und von Snorri ergänzt worden sei, und es nach einer Zeit des Vergessens nun Resen zu verdanken sei, dass er sie wieder zurück in die aktive Erinnerung geholt habe. Es beinhaltet eine eigenwillige Perspektive auf die Kanonisierung der Prosa-Edda in der Frühen Neuzeit. Die Edda wird darin mit einem Körper personifiziert beschrieben und Resens Beitrag hervorgehoben, indem postuliert wird, dass Resen das ‚ Licht der Edda entfacht ‘ habe. Island erscheint in diesem Gedicht in einem nicht sonderlich vorteilhaften Licht: Die Zeit des Vergessens wird als Dunkelheit beschrieben, die zu Beginn der dritten, lateinischen Strophe noch bildlicher ausgemalt wird: „ Carmina qvæ niveis incluserat Hecla favillis. / Merserat aut tenebris ultima Thule Suis. “ ( ‚ Die Lieder, welche Hekla in schneeweißen Aschen eingeschlossen hatte / oder [die] der äußerste Norden [ultima Thule] in seinen Nächten versenkt hatte ‘ , NKS 1867 4to, f. 100v25 - 26). 13 Dabei wurde die Zeit des vorübergehenden Vergessens besonders eindrücklich mit Metaphern einer barschen isländischen Natur von Dunkelheit und Vulkanasche ausgemalt. Die isländische Landschaft wird hier wahrlich in Form eines unbelebten, von Naturgewalten geformten deep freezer 14 imaginiert, der das skandinavische Kulturarchiv konserviert. Tatsächlich liegt das Verbleiben der Eddas, wie anfangs beschrieben, bis zu dem Zeitpunkt, als sie in die Hände von u. a. Bischof Brynjólfur Sveinsson gerieten, im Verborgenen, und die Datierung der erhaltenen Handschriften legt nahe, dass sie offensichtlich eine Zeitlang nicht aktiv zirkulierten und abgeschrieben wurden. Doch entzieht Bartholins Darstellung - mit Ausnahme der Erwähnung von Sæmundr und Snorri - den Isländer: innen jegliche weitere (aber auch vorherige) Teilhabe an der Prosa-Edda. Das Aufrufen des Konzepts von ultima Thule, einer aus mitteleuropäischer Perspektive gedachten mythisch-phantastischen Vorstellung des fernen Nordens exotisiert Island nicht nur, sondern untergräbt Islands Existenz. Gleichfalls findet Magnús Ólafsson keine Erwähnung, obwohl mit heutigem Wissen sein Beitrag 12 ‚ [Die] Edda weilte unter der Bank / draußen in der Dunkelheit verborgen. / Niemand vermochte daran denken / das Eilen des Glücks (Schicksals) zu verändern. / Sæmundr schrieb und Snorri mehr, / Resen entfachte ihr Licht. / Ihnen gebührt der Runen Ehre, / Resen erhält den doppelten Lobpreis. / [Die] Edda suchte Hilfe bei Freunden: / Stärke für den schwachen Körper / Hätte nicht Resen Sehnen hinzugefügt, / niemals hätte sie sich erhoben. ‘ 13 Hekla wurde damals als Tor zur Hölle imaginiert (O'Donoghue 2004: 109). 14 Halink (2019b: 805) drückt mit dem Begriff ‚ deep freezer ‘ die skandinavische Perspektive auf die Bedeutung Island aus, wo sich der „ spirit of the ancient North “ erhalten habe. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 353 <?page no="354"?> - sowohl im Neuschreiben der isländischen als auch der Übersetzung der lateinischen Fassung - zur Edda Islandorum maßgeblich war. Hier wird also deutlich, dass diese Darstellung nicht zum Ziel hatte, die vollständige Überlieferungsgeschichte der Prosa- Edda zu referieren, sondern - da anlässlich der ersten Druckausgabe entworfen - vorrangig darauf abzielte, den dänischen Akteur Resen zu glorifizieren. Umso interessanter, dass dieses Gedicht in zwei der jüngeren Handschriften aufgenommen wurde, wenn auch die anderen Inhalte des erweiterten Prologs diese Perspektive wieder auszugleichen vermögen. Die Aufnahme ergab in diesen zwei Handschriften auch nur deshalb Sinn, weil auf der rückseitigen Titelseite die dort erwähnte Druckausgabe mit Resen in Verbindung gebracht wurde. Floating gap in mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Paratexten Paratextuelle Elemente in den Handschriften vermögen kommunikatives und kulturelles Gedächtnis zu verhandeln (Rösli 2019: 410). In Bezug auf die Prosa-Edda kann die Unterscheidung dieser beiden Gedächtnisformen helfen, manche der Neuschreibeprozesse in den Handschriften besser einzuordnen. Wenn zum Beispiel die listenförmigen Genealogien, wie sie einerseits in den vier hier untersuchten frühneuzeitlichen Handschriften vorkommen, 15 mit der Ættartala Sturlunga im mittelalterlichen Codex Upsaliensis (DG 11 4to, f. 25v) verglichen werden, ergibt sich eine interessante Beobachtung: Zunächst beginnen alle bei Adam und damit in einer ‚ absoluten ‘ Vorzeit, dem Beginn allen Anfangs nach christlicher Vorstellung, und führen die übliche Ansippung - über die trojanischen Könige usw. - fort. Sie unterscheiden sich jedoch in Bezug auf die jeweils letztgenannte Generation: In den vier frühneuzeitlichen Handschriften finden diese in längst vergangenen Zeiten ihren Schlusspunkt. Die Genealogie in AM 738 4to schließt zwar mit König Haraldr inn hárfagri (gest. um 932/ 933), führt aber davor weitere Zweige an, von denen einer mit Haukr Erlendsson (gest. 1334) endet, der als Verfasser der Genealogie angeführt wird. In den drei jüngeren Handschriften endet die Ættartala Óðins mit dem Tod des letzten katholischen Bischofs Jón Arason (gest. 1550). Beide Genealogien enden damit knapp 350 bzw. gut 200 Jahre vor Erstellung der Handschriften und lassen sich deshalb dem kulturellen Gedächtnis zuordnen. Anders ist es bei der Ættartala Sturlunga im Codex Upsaliensis, die mit Snorri Sturluson und der ihm nachfolgenden Generation abschließt, 16 also mit Personen, die weniger als 80 - 100 Jahre vor Herstellung der Handschrift (um 1300) lebten. Diese Liste ist (zusammen mit den zwei anderen Listen Skáldatal, f. 23r - 25r und L ǫ gs ǫ gumannatal, f. 25v - 26r) dem kommunikativen Gedächtnis zuzuordnen. Auch wenn sie nicht die dafür übliche Form von ungeordnetem mündlichen Alltagswissen hat, so wird doch deutlich, dass die mittelalterliche Prosa-Edda aus einer anderen Gedächtnisperspektive als die frühneuzeitlichen Handschriften relevant erachtet wurde: Das Interesse an 15 Diese sind Haukr Erlendssons Ættartala in AM 738 4to (f. 29r - 30v) sowie die Ættartala Óðins in NKS 1867 4to (f. 203r/ v); ÍB 299 4to (f. 63r/ v); SÁM 66 (f. 234v - 235r). 16 Es werden Snorris Geschwister Sighvatr, Þórðr und Helga gelistet sowie seine Nichte Gyða und sein Neffe Egill. Snorri, dem die Kompilation der Prosa-Edda in der Eingangsrubrik zugeschrieben ist und der in den anderen zwei Listen und damit mehrfach in dieser Handschrift erwähnt wurde, starb im Jahr 1241. Damit wäre möglich, dass die Personen hinter der Handschrift einen direkten familiären Bezug zu Snorri als Vertreter der Sturlungen gehabt haben könnten, und diese zur Stärkung der familiären Gruppenidentität in Auftrag gegeben wurde; die Theorien zur Funktion und Produktionsumständen der Handschrift bestätigen diese Überlegungen (vgl. Krömmelbein 1992). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 354 6 Rezeption <?page no="355"?> der Prosa-Edda wird in Bezug auf den Codex Upsaliensis im Zusammenhang mit der Pflege des kommunikativen Gedächtnisses und Familienansehens gestanden haben. In den frühneuzeitlichen Papierhandschriften wird dagegen die Perspektive des kulturellen Gedächtnisses und die Prosa-Edda für Island relevant markiert. Die floating gap könnte also das zwischenzeitlich nachgelassene Interesse an der Prosa-Edda und damit verbundene zurückgefahrene Handschriftenproduktion erklären, bevor die Prosa-Edda im Zuge des Antiquarianismus und des humanistischen Lærdómsöld mit einer neuen Funktionszuschreibung im Sinne des kulturellen Gedächtnisses aufgeladen wurde. 6.1.2.3 Kürzungen, Verschiebungen und Kompensation der Vielstimmigkeit Eine der interessantesten Veränderungen der Edda Magnúsar Ólafssonar waren sicherlich die umfangreichen Kürzungen. Diese umfassen - wie bereits dargestellt - die deutliche Reduktion des Rahmennarrativs und betrafen viele Zitationen eddischer und skaldischer Dichtung in Gylfaginning und Skáldskaparmál sowie die Tilgung des Háttatal. Diese Kürzungen wurden in der Edda Islandorum sowie den hier untersuchten Handschriften teilweise noch deutlich weitergeführt. Dies ließ die für die mittelalterlichen Fassungen der Prosa-Edda so typische Vielstimmigkeit zwar nicht völlig verstummen, doch tritt sie dadurch deutlich zurück. Die Prosa-Edda wirkt so deutlich gradliniger, ihr Handbuchcharakter ist dadurch zwar zugänglicher, doch entfällt die Vermittlung und Kanonisierung der zuvor zitierten Dichtung (vor allem in den drei jüngeren Handschriften) zu weiten Teilen. Die Prosa-Edda erscheint nun vor allem als Stimme ‚ Snorris ‘ . Das dialogische Gespräch zwischen Gangleri und den drei Asen der Gylfaginning findet in den untersuchten Papierhandschriften nur zu Beginn und Ende der Dæmisögur knapp Erwähnung und gerät als Erzählinstanz der Mythen beim Lesen schnell aus dem Blick, da es nicht stetig neu in Erinnerung gerufen wird. Dies wird weiterhin von der antizipierten Form des nichtlinearen Lesens verstärkt, das in den drei jüngeren Handschriften durch die Querverweise in den Illuminationen sowie durch die Inhaltsübersichten über die Dæmisögur in NKS 1867 4to und ÍB 299 4to erleichtert wurde. Ebenfalls fehlt die Schlussszene nach dem Verschwinden der Asen, die das Thema des Weitererzählens der Mythen und Benennungen weiterführt. 17 Diese Szene sei jedoch essentiell, schreibt Rösli: Dieser performative Akt des Einschreibens der eddischen Mythen in die Topographie verweist auf einer Metaebene auf das narratologische Gestaltungsprinzip des Textes der Prosa-Edda selbst, durch deren Verschriftlichung oder Tradierung das Erschriebene erst zum Mythos wurde. Durch den erneuten Rückgriff auf das Trôja-Narrativ oder gar den sich daraus bildenden Topos wird das Erzählte wiederum auf euhemeristische Weise verformt, in einen quasi-historischen Zeitverlauf eingebettet und geographisch lokalisierbar gemacht. (Rösli 2015: 98) Die von Rösli angesprochene zeitliche und geografische Verortung ist in den frühneuzeitlichen Fassungen also entfernt worden. Das gleiche gilt für das damit zusammenhängende erwähnte performative Einschreiben der Narrative als Mythos. Die Verortung in Raum und Zeit geschieht nicht nur in diesen, sondern auch in vielen anderen frühneuzeitlichen Handschriften und der Edda Islandorum auf etwas abweichende Weise: Durch die Nennung von Jahren und Orten, die sich nicht mehr auf die Mythen, sondern die Prosa-Edda als Werk beziehen. Alle vier hier untersuchten Handschriften erwähnen 17 Diese Szene fehlt im Codex Upsaliensis (DG 11 4to). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 355 <?page no="356"?> ihr eigenes Schreibjahr, die drei jüngeren Handschriften nennen das Jahr 1215 als das, in dem Snorri Sturluson die Edda kompiliert haben soll, und verweisen mit 1665 auf das Jahr der ersten Druckausgabe. Spätestens hier werden die Verschiebungen deutlich: Es geht weniger um die eddischen Mythen als Mythos, vielmehr wird die Prosa-Edda selbst als Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses zum Mythos erhoben. Auch im Annar Partur haben die Überarbeitungen weitreichende Folgen: Die Listenform der Kenningar und Heiti vermittelt weiterhin das System der poetischen Sprache und richtet sich als praktisches Nachschlagewerk an Personen, die selbst dichten. Es vermittelt und exemplifiziert also weiterhin das System der Heiti und Kenningar und damit den Reichtum der skaldischen Sprache. Zum Aufschlüsseln der Bedeutung einer Kenning, die in Dichtung gelesenen wurde, eignet sich der Annar Partur durch diese Systematisierung nach Bedeutung der Kenningar weiterhin nur bedingt. Allerdings ist in diesen Fassungen - vor allem in den drei jüngeren Handschriften - die einstige Funktion der Prosa-Edda als Literaturkanon der skaldischen Dichtung erloschen. In AM 738 4to findet sich dagegen viele skaldische Strophen als Beispiele noch zu ausgewählten Themen bereitgestellt und werden vor allem durch die Gesamtkompilation neu und umfangreicher zusammengestellt. Die vier untersuchten Handschriften kompensieren die Abnahme bzw. den Verlust der Vielstimmigkeit: Alle enthalten eine umfangreiche Kompilation der eddischen Dichtung, die in der Gylfaginning nur in Auswahl und thematisch aufgebrochen in Einzelstrophen zerschnitten zitiert wurde und aus den Dæmisögur der drei jüngeren Handschriften weiter entfernt worden war; in AM 738 4to fehlen die Dæmisögur (heute) sogar als eigener Abschnitt. Besonders deutlich werden die Verwebungen beider Eddas in AM 738 4to, in denen mehrfach eddische Dichtung in den Bildbeischriften zitiert wird - besonders ausführlich drei Strophen der Grímnismál auf der Bildseite von Valh ǫ ll (f. 42v) 18 - und dadurch, dass die kodikologische Einheit der eddischen Dichtung (zumindest heute) inmitten der zweigeteilten Prosa-Edda eingesetzt wurde. In der Útlegging yfir V ǫ luspá von Björn á Skarðsá werden in den drei jüngeren Handschriften Dæmisögur und V ǫ luspá ebenfalls zusammengelesen und miteinander verknüpft. Weiterhin binden die Titelseiten in AM 738 4to (f. 34r) und ÍB 299 4to (f. 1r) die eddische Dichtung an die Prosa-Edda. Des Weiteren ist der Umgang mit Skaldik in der Handschrift AM 738 4to besonders hervorzuheben: Die im Annar Partur zitierte Skaldik wird durch entsprechende, in den Rand gerückte Inquitformeln deutlich als namentlich markierte Stimmen der Vorzeit präsentiert. Weiterhin bietet die Gesamtkompilation der Handschrift einen umfassenden Einblick in skaldische Dichtung, indem diese entweder als Lausavísur zitiert oder eigene dichterische Werke zusammenhängend angeführt werden - und nicht wie in den Skáldskaparmál nach Kenningar-Bedeutung zerschnitten und ausgewählt. Die skaldischen Strophen und Lieder wird auf diese Weise aus antiquarischer Perspektive als jeweils eigene ‚ intakte ‘ Artefakte präsentiert. Sie erscheint so kompilatorisch aus dem Annar Partur ausgegliedert und trotzdem mit der Prosa-Edda materiell gebunden; allerdings wurde vor allem diejenige skaldische Dichtung hinzugefügt, die auch in den mittelalterlichen Fassungen der Prosa-Edda nicht enthalten war. Dabei wird deutlich, dass Skaldik nicht nur als dichterische Technik oder mediale Form exemplifiziert oder als festes 18 In der Beischrift von SÁM 66 (f. 80v) finden sich ebenfalls ein Zitat aus den Grímnismál. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 356 6 Rezeption <?page no="357"?> Korpus präsentiert wird, sondern als vielschichtiges Genre im Vordergrund stand, deren Zusammentragung ein aktiver Prozess ist. Die Vielstimmigkeit verschiebt sich in den drei jüngeren Handschriften von der Skaldik nun zum einen auf Snorri (s. unten) sowie auf die isländischen Gelehrten der Frühen Neuzeit: Neben den prominenten Nennungen von Sæmundur und Snorri auf den Titelseiten fallen die zahlreichen frühneuzeitlichen Stimmen auf, die sich mit der Prosa-Edda (und anderer altnordischer Literatur) in den Vorworten und Abhandlungen auseinandergesetzt haben. Diese werden hier zusammengeführt und - wenn möglich - namentlich genannt und vereinzelt sogar hinzuerfunden. 19 So betrifft die Vielstimmigkeit in den drei jüngeren Handschriften ebenfalls vorrangig Inhalte außerhalb der Prosa-Edda. Die materiellen Eigenschaften der vier Handschriften geben weiterhin einen Hinweis darauf, welche Art von kulturellem Gedächtnis sie zelebrieren, lange noch bevor sie aufgeschlagen wurden: In AM 738 4to unterstützt das schmale hochrechteckige Format Dichtung und Listen, lässt also weniger lange Sätze, sondern kürzere Textabschnitte vermuten - Lausavísur wären z. B. auf einer breiteren Seite (in Langzeilen) deutlich unübersichtlicher anzuordnen (und aufzufinden). Ebenso suggerieren die zwischenzeitlichen Nutzungseinheiten der Faszikel kürzere Inhalte. Die drei jüngeren Handschriften ähneln in ihrem kompakten Quartformat dem Erstdruck. Sie nennen diesen auf den Titelseiten und präsentieren die Prosa-Edda als Bucheinheit aus antiquarischer Perspektive. 6.1.2.4 Kreatives Füllen von Leerstellen Interessant ist nun, was passiert, wenn nicht alle Ansprüche an ein kulturelles Gedächtnis über das Archiv erfüllt werden können. Der kreative Umgang mit diesen offensichtlichen Leerstellen lässt sich an einem Bildseiten-Motiv, das in zwei der jüngeren Handschriften enthalten ist, sehr anschaulich diskutieren. In der Frühen Neuzeit war die Beschäftigung mit nichtchristlichen Kulturen - sowohl zeitgenössischen (vor allem anderer Länder) als auch historischen ein beliebtes Thema in Kunst und Wissenschaft und Gegenstand antiquarisch-historischer Forschung. Zu den verbalen wurden häufig visuelle Darstellungen angefertigt, von denen eine besondere Wirkungsmacht ausging (vgl. Logemann/ Pfisterer 2012: 9 - 10). Auch die drei jüngeren Handschriften enthalten antiquarische Motive, allen voran die Bildseiten, die die Illumination des Codex Upsaliensis aufnahmen und weiterführten. Doch schien dies nicht genug: Denn um ein möglichst lebendiges Bild der Kultur der Vorzeit zu vermitteln, wurden Leerstellen im kulturellen Gedächtnis retrospektiv eigenständig und kreativ aufgefüllt. Die hier relevante Illumination ist Teil der 16-seitigen Bildlage, die sonst vor allem Illustrationen zu Mythennarrativen und Figuren der Dæmisögur beinhaltet und auf welche die jeweiligen Beischriften für gewöhnlich verweisen. Anders verhält es sich jedoch mit nebenstehender Bildseite der Bildlage (NKS 1867 4to, f. 94r, Abb. 123; SÁM 66, f. 77r): Die Beischrift verdeutlicht, dass es sich hierbei nicht um eine Darstellung Óðins, sondern eines Kultbildes von Óðinn handeln soll. Die visuelle Darstellung ist in beiden Fassungen sehr ähnlich: Óðinn wird als bärtiger, einäugiger Mann gezeigt, er steht und hält in seiner 19 Vgl. die Nennung von Arngrímur lærði Jónsson für das Vorwort III, was aus einem offensichtlichen Bedürfnis nach bedeutender Autor: innenschaft geschah. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 357 <?page no="358"?> rechten Hand ein Schwert bzw. Falchion und in seiner seine linke Hand einen Stock. 20 Auf seinen Schultern sitzen die beiden Raben Huginn und Muninn, und am Kragen von Óðins Mantel flattert ein Band mit dem verselbstständigten ‚ Sonnengesicht ‘ aus der Illumination des Codex Upsaliensis (s. o., Kap. 5.5.1). Die Unterschiede betreffen nur Details, bestimmen aber den Gesamteindruck: Der Bildausschnitt ist in SÁM 66 etwas enger und zeigt Óðinn grinsend, in der Darstellung in NKS 1867 4to sind seine Mundwinkel nach unten gezogen und er scheint mürrisch. 21 Beide Seiten enthalten die folgende Strophe als Beischrift, die beschreibt, dass es sich hierbei um die Darstellung eines Kultbildes handeln soll, wobei sich gleichzeitig von der Praxis der Idolatrie distanziert wird: Þetta kijmed Contrafeij, kargar nádu þiöder. ädur Dijrdka Öms ä meij. Er Ønudu villu slöder. Sem er Ödinns: Bijlæte. 22 (Beischrift zum Kultbild von Óðinn, NKS 1867 4to, f. 94r) Abb. 123: Kultbild von Óðinn, NKS 1867 4to (f. 94r). Foto: Friederike Richter. 20 In der Beischrift von SÁM 66 wird dieser als Speer Gungnir bezeichnet, obwohl er eigentlich in beiden Fassungen als Wanderstock mit deutlich erkennbarer Metallspitze dargestellt wurde, er ähnelt einem modernen Ski- oder Wanderstock und entspricht anderen Wanderstöcken dieser Handschriftenilluminationen, z. B. dem von Gangleri. 21 Dies entspricht der Gesamtbeobachtung, dass die Illuminationen der Bildlage in SÁM 66 insgesamt einen humorvolleren Ton anschlagen. 22 ‚ Dieses humorvollen Konterfeis / wurden die starrsinnigen Völker habhaft. / Sie verehrten [es] früher auf ⸢ Óms Mädchen ⸣ (J ǫ rð = der Erde), / als sie auf falschen Pfaden irrten. / Das ist Óðins Bildnis. ‘ Die Kenning Óms mær verweist mit der stark flektierten Genitivform des Óðins-Heiti Ómi auf die Frau Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 358 6 Rezeption <?page no="359"?> Die letzte Zeile (nach der vierzeiligen Strophe) weicht in SÁM 66 in der Formulierung etwas ab und impliziert, dass sich dieses Kultbild als Skulptur vorgestellt wurde: „ þad var Skurð Goþ epter Öþni smijdad. “ ( ‚ das war ein nach Óðinn geformtes Kultbild ‘ , SÁM 66, f. 77r). 23 Das Verb smiða ( ‚ schmieden, formen, schnitzen ‘ ) und das Substantiv skurðgoð ( ‚ Götzenbild ‘ , wobei das erste Glied des Kompositums skurðdie Bedeutung ‚ Schnitt- ‘ hat) legen eine Holzskulptur nahe. Darüber hinaus deuten die Grasbüschel neben den Schuhen und die Hügel der Landschaft in der Fassung von NKS 1867 4to an, dass sich der Standort dieses Kultbildes nicht in einem Innenraum z. B. eines Tempels, sondern draußen vorgestellt wurde. Die Beischrift verortet mit dem Plural in „ kargar [ … ] þiöder “ ( ‚ starrsinnige Völker ‘ ) das Kultbild nicht in Island, sondern als weitverbreitetes Phänomen. Die Idolatrie wird so als problematisch dargestellt und anders bewertet als die literarischen Darstellungen, die Wertschätzung in diesen Handschriften erfahren. Gleichwohl ist die formulierte Kritik in Anbetracht des Unterhaltungswertes der Illuminationen sicherlich nicht unbedingt gänzlich ernst zu nehmen. Die beiden Bildseiten bringen, wenn auch unabsichtlich, die spärliche Quellenlage in Bezug auf vorchristliche Kultbilder in den Diskurs ein. Sie lassen sich zunächst als ein weiteres Verhandeln der Idolatrie auffassen, wie sie ebenfalls an anderer Stelle erfolgt (wie im Vorwort II) - nur eben mit visuellen Mitteln. Doch erst wenn diese Darstellung als kreative Ergänzung dieser Leerstelle erfasst wird, offenbaren sich hier der produktive Umgang und ein Verlangen nach einem visuellen kulturellen Gedächtnis. Möglicherweise ist somit eine heutige Bewertung dieser Illuminationen als erfindungsreiche Täuschung nicht ganz angebracht. Als Grund könnte angeführt werden, dass - weil solche Kultbilder im kulturellen Gedächtnis fehlten - deren konkrete visuelle Ausformung (ähnlich wie bei den anderen Illuminationen) womöglich als weniger verbindlich aufgefasst wurde als es heute aus einer den Antiquarianismus rezipierenden Perspektive erscheinen mag. 24 Mit anderen Worten: Es könnte sein, dass es aus der damaligen Perspektive nicht wichtig war, ein tatsächlich überliefertes Artefakt an dieser Stelle darzustellen, sondern dass vor allem das Wissen über dessen Existenz relevant war und das konkrete Aussehen deshalb frei imaginiert werden konnte. Darüber hinaus bietet sich hier noch eine weitere Lesart an: Diese zwei Illuminationen - wie letztlich auch die anderen der Handschriften - ließen sich als Mimikry solcher Óðins, J ǫ rð, deren Name ‚ Erde ‘ bedeutet. Die Wahl von Óðins-Heiti ist in diesem Zusammenhang nicht nur sehr treffend, sondern vielleicht sogar mit einem Augenzwinkern zu sehen, da die Erde hier mit Óðinn in Verbindung gebracht wird und ein Besitzverhältnis ausdrückt, die diese Ausführungen eigentlich zu kritisieren suchten. 23 Darüber hinaus enthalten beide Bildseiten noch weitere Beischriften, die vor allem die dargestellten Attribute (die Raben Huginn und Muninn, den Speer Gungnir) erklären. Auch die drei Begriffe, die verwendet werden (bílæti, contrafeij, skurðgoð) sind keine neutralen Begriffe für ‚ Bild: So verweist bílæti auf ‚ Heiligenbild ‘ (Den Arnamagnæanske Kommission 2005-, s. v. bílæti, <https: / / onp.ku.dk/ onp/ onp.php? o8362, 04.05.2022>). Dagegen meint skurðgoð eindeutig ein (nichtchristliches) ‚ Kultbild ‘ (Den Arnamagnæanske Kommission 2005-, s. v. skurðgoð, <https: / / onp.ku.dk/ onp/ onp.php? o72019, 04.05.2022> und Cleasby/ Guðbrandur Vigfússon 1874: 560). Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Verwendung des aus dem Französischen kommenden Fremdwortes contrafeij (vgl. fr. contrefait, dt. Konterfei), das sicherlich zusätzlich auf verbaler Ebene eine Distanzierung in Form von Alterität markiert. 24 So wurde z. B. bei dem Runenstein in Tirsted zwar die Inschrift minutiös wiedergegeben, visuelle Details zwischen beiden Fassungen weichen jedoch voneinander ab. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 359 <?page no="360"?> antiquarischen Darstellungen lesen, wie sie sich in zwei der jüngeren Handschriften finden lassen. Die antiquarischen Darstellungen zeigen eine Faszination für historische Artefakte, die als Kuriosität präsentiert werden und dadurch eine distanzierende Perspektive auf dieses als Alterität markierte vorchristliche Zeitalter erwirken. So könnte mit dem erfundenen Kultbild von Óðinn also das Sammeln und Katalogisieren historischer Artefakte als antiquarischer Topos nachgeahmt worden sein. Das illuminierte Bifolium mit den Antiquitäten findet sich in SÁM 66 zwar nicht, dafür eröffnet sich hier noch eine weitere Deutungsebene: Die Illuminationen in dieser Handschrift sind vor allem durch ihren humorvolleren Charakter geprägt, und so könnte dieses fiktive Kultbild durchaus - mit einem sprichwörtlichen Augenzwinkern (als die Óðins grinsende Einäugigkeit dargestellt wird) - den Sammeleifer des skandinavischen Antiquarianismus kommentieren. Hier wird die Konstruiertheit der kulturellen Erinnerung auf den Punkt gebracht: Die beiden Bildseiten führen deutlich vor Augen, dass es ein ausgeprägtes Verlangen nach einem visuellen kulturellen Gedächtnis gab, selbst wenn solche von den Irrungen der Vorfahren zeugen. Weil es diese nicht im ausreichenden Maße gab, wurde hier also kurzerhand ein Bild eines Kultbildes imaginiert und so retrospektiv ein Versuch unternommen, diese visuelle Lücke zu schließen. 6.1.3 Einverleibung als ‚ Snorra-Edda ‘ in den Kanon Die anfänglich analysierte Eingangsrubrik des Codex Upsaliensis beginnt mit den heute kanonischen Worten „ Bók þessi heitir Edda “ ( ‚ Dieses Buch heißt Edda ‘ , DG 11 4to, f. 2r; zitiert nach: Heimir Pálsson 2012b: 6), die zwei Aussagen festschreibt: Das Vorliegende ist ein Buch und trägt den Namen Edda. Diese Rubrik ist für die altnordische Literatur außergewöhnlich, die darin erwähnten Punkte sind bis heute mit Vorstellungen der Prosa- Edda verhaftet. Auf das kanonisierende Potential dieser Rubrik, deren Langzeitwirkung weit über den Codex Upsaliensis zu einer Gesamtvorstellung ‚ Edda ‘ hinausstrahlt, hat Rösli aufmerksam gemacht: Thus, the text, as the rubric maintains, is intended to be remembered as a book, or rather, through this very manifestation of the text ’ s spatial layout in the manuscript DG 11 4to, not just as a story, a story which might be transmitted and remembered in an oral form. Today, however, the word Edda is used to refer to the grand narrative of Old Norse mythology, including the Poetic Edda, rather than to the Uppsala redaction of the Prose Edda. (Rösli 2019: 411) Auch im Codex Trajectinus (MS 1374, f. 1r) finden sich auf dem Rand im Zusammenhang mit einem Besitzvermerk von Jón Arason 1626 zwei ähnliche Formulierungen, die das Vorliegende als Edda und als bók bezeichnen (vgl. Rösli 2015: 49 - 50). 25 Auch wenn die Eingangsrubrik des Codex Upsaliensis den Schreibhänden sicherlich nicht direkt vertraut war, sind diese zwei Merkmale in den Papierhandschriften bereits etabliert: So erscheint mit „ Bókinn Edda “ ( ‚ das Buch Edda ‘ ) eine ganz ähnliche Formulierung auf den Titelseiten der drei jüngeren Handschriften (NKS 1867 4to, f. 100r; ÍB 299 4to, f. 58r; SÁM 66, f. 81r). Die Buchhaftigkeit der Edda wird noch an weiteren Stellen vor allem paratextuell wiederholt formuliert. In der älteren Handschrift AM 738 4to steht ebenfalls Edda auf 25 „ Bokin Edda Er þetta “ ( ‚ das Buch Edda ist dies ‘ ) sowie „ Edda Bokinn besta “ ( ‚ das Buch Edda [ist das] beste ‘ , MS 1374, f. 1r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 360 6 Rezeption <?page no="361"?> Titelseite. Der Hinweis auf das Medium Buch erscheint hier jedoch nicht verbal, sondern visuell in zwei Illuminationen, die die Asen lesend bzw. schreibend zeigen. Im Folgenden wird die Kanonisierung des Titels Edda und der Verweis auf deren Buchform diskutiert, ergänzt wird dies mit Beobachtungen wie sich der Titel ‚ Snorra-Edda ‘ in dieser Zeit etabliert. Darin zeigt sich, wie die frühneuzeitliche Überlieferung an der Festschreibung dieser Setzungen in das kulturelle Gedächtnis maßgeblich beteiligt war. 6.1.3.1 Der Name Edda Die Verwendung von Werktiteln begünstigt die Kanonisierung, wenn sie nicht gar Voraussetzung ist, weil so die abstrakte Einheit eines Werkes benennbar gemacht wird. Die Titelseiten der vier Handschriften verdeutlichen, dass der Titel Edda über die Edda Magnúsar Ólafssonar und Edda Islandorum seinen Weg in die Handschriften gefunden hatte und längst fest etabliert war. So wird der Name Edda in den drei jüngeren Handschriften nicht nur auf den Titelseiten und in weiteren Stellen genannt, sondern auch an mehreren Stellen diskutiert. Er schien ungewöhnlich genug gewesen zu sein, um viel Spekulation über seine Bedeutung auszulösen. Wie in humanistisch-gelehrten Abhandlungen üblich, wurde vorrangig versucht, diese über die Etymologie abzuleiten. So ist die These von Magnús Ólafsson im Vorwort IV, dass er auf das lateinische Wort edo (in der Bedeutung ‚ ich mache ‘ oder ‚ ich dichte ‘ ) zurückgehe (Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 189). Auch das Vorwort I beschäftigt sich umfangreich mit dem Namen Edda und schlägt gleich mehrere Thesen vor, die die mögliche Sprachkenntnis der namentlich nicht benannten, als Autor der Edda bezeichneten Person diskutieren. 26 Darüber hinaus diskutiert Björn á Skarðsá in seiner Útlegging yfir V ǫ luspá (Kap. 1; Transkription im App. 5.3.2.5) die Angelegenheit und spricht die Namensgleichheit beider Eddas an: „ Tvær Bækur eru þær hier ä Islande er men nefna almennelegast hvoria fyrer sig Eddu “ ( ‚ diese zwei Bücher gibt es hier auf Island, die für gewöhnlich jeweils beide Edda genannt werden ‘ , NKS 1867 4to, f. 61r2 - 3; vgl. ÍB 299 4to, f. 34r; SÁM 66, f. 218r). Björn argumentiert, dass die Eddas auf norwegischer Sprache 27 verfasst worden seien und diese Sprache auch zum Gegenstand hätten. Es sei dementsprechend wahrscheinlich, dass es sich beim Titel um einen volksprachlichen Namen handele, er führt als Vergleich u. a. Rymbegla und Hungrvaka an. Die weiteren von Björn erwähnten Thesen anderer, nämlich dass Edda vom lateinischen Verb edo käme oder sich auf den Hof Oddi bezöge (der Sæmundr und Snorri verbindet), hält er für weniger wahrscheinlich. Die Bedeutung des isländischen Namens Edda leitet Björn als Heiti für ‚ Großmutter ‘ ab, meint aber, dass Snorri sein Buch eigentlich hätte Eyda (Heiti für ‚ Mutter ‘ ) nennen wollen. Björn zufolge sei die Sammlung der ältesten isländischen (d. h. eddischen) Dichtung von Sæmundr kompiliert worden und habe zunächst „ Lioda Bök “ ( ‚ Liederbuch ‘ , NKS 1867 4to, f. 61r25) geheißen, sei aber später von Snorri (und den anderen beteiligten) Edda genannt worden. Björn erklärt seine Auffassung über das hierarchische Verhältnis beider Eddas zueinander: Ausschlaggebend sei der Fakt, dass in der Prosa-Edda eddische Dichtung zitiert wurde und 26 Die vorgeschlagenen Sprachen umfassen Hebräisch, Latein und „ Danskre Tüngu “ ( ‚ Altnordisch ‘ , NKS 1867 4to, f. 101r24 - 25). Interessanterweise wird aufgrund der unlogisch erscheinenden Bedeutungen der Herleitungen von Edda die Kenntnis der anderen Sprachen eher als Ausschlusskriterium und nicht als Argument angeführt (vgl. NKS 1867 4to, f. 101r/ v). 27 Björn verwendet die Formulierung „ Nordsku Mäle “ (NKS 1867 4to, f. 61r13 - 14). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 361 <?page no="362"?> deshalb letztere die metaphorische ‚ Großmutter ‘ der ‚ Mutter ‘ sei, für die noch weitere Materialien zusammengetragen wurden. Diese doppelte Nutzung des Namens für als zusammengehörig empfundene, aber doch zu unterscheidende Sammlungen war Grund für die lange Zeit übliche Unterscheidung in ‚ Edda Snorra ‘ und ‚ Edda Sæmundar ‘ , so wie sie in den drei jüngeren Handschriften angeführt wird. In AM 738 4to wird die Zusammengehörigkeit nicht nur über den gemeinsamen Namen, sondern auch über eine gemeinsame Titelseite ausgedrückt. 28 Der Name Edda bewegt bis heute die Wissenschaft und es kursieren noch heute Thesen zu ihrer Bedeutung, die bereits in den untersuchten Handschriften vorgeschlagen wurden (vgl. de Leeuw van Weenen 2012). Der Titel Edda hat also zwei durchaus diverse Kompilationen benennbar gemacht. Diese doppelte Verwendung wirkt wie eine gegenseitige Verstärkung der Kanonisierung des Namens, die über die Assoziation als bók und die Zuschreibungen an Sæmundr und Snorri noch weiter verstärkt wurden. 6.1.3.2 Die Edda als bók Nicht nur das erste Wort in der Eingangsrubrik des Codex Upsaliensis ist bók, sondern auch auf den Titelseiten der drei jüngeren Handschriften. Wie diese Formulierung genau ihren Weg in die drei jüngeren Handschriften gefunden hat, ist nicht ganz klar, da sie so weder in der Edda Magnúsar Ólafssonar noch der Edda Islandorum fällt. Die Formulierung suggeriert eine abgeschlossene und feste Größe, wobei zunächst unklar ist, ob die Rubrik im Codex Upsaliensis sich auf die materielle oder inhaltliche Größe bezieht: This distinction between the work as an abstract entity and its concrete realizations in distinct texts might have been somewhat foreign to medieval man. This can be seen, for instance, in the Old Norse word bok, ‚ book ‘ , which points both to a concrete object we can hold in our hands, a codex, and the abstract entity behind its concrete realization, the work. (Wellendorf 2013: 144) In der Tat eröffnet das Wort bók ein ganzes Bedeutungsspektrum: Das ONP listet verschiedene Bedeutungen von u. a. ‚ Buch ‘ (im Sinne des materiellen Objektes des Kodexes) über ‚ Werk ‘ , ‚ Abschnitt eines Werkes ‘ bis zu ‚ Buchgelehrsamkeit ‘ und sogar ‚ ältere Schrift ‘ und ‚ autoritative Quelle ‘ . 29 Weiterhin führen Cleasby/ Guðbrandur Vigfússon (1874: 73) die Bedeutungen ‚ Erzählung ‘ bzw. ‚ Geschichte ‘ an. 30 Im Zusammenhang mit der Íslendingabók betont Whaley, dass der Unterschied zu einer ‚ Saga ‘ darin bestehe, dass eine bók „ to be read, not to be heard “ (Whaley 2000: 169) sei und verweist so ihren schriftlichen Charakter. Die Rubrik im Codex Upsaliensis verweist laut Glauser (2009: 165) deiktisch auf den „ Objektstatus des Werks als konkret vorliegender Handschrift, als ‚ Buch ‘“ (Glauser 2009: 165). 31 In den frühneuzeitlichen Handschriften scheint die Formulierung jedoch in ihrer abstrakten Bedeutung eingesetzt worden sein, dann der zitierte Kommentar von Björn á Skarðsá bezieht sich mit dem Begriff bók auf die beiden 28 An anderer Stelle jedoch, in der Auflistung der Edda-Lieder, werden diese als von der Lieder-Edda- Hand (2) mit „ þ ę ttir S ę munþar Eddu “ überschrieben (AM 738 4to, f. 79r). 29 Den Arnamagnæanske Kommission (2005-), s. v. bók, <https: / / onp.ku.dk/ onp/ onp.php? o9790, 04.05.2022>. 30 Vgl. die bereits in der Antike übliche Unterteilung längerer Werke in ‚ Bücher ‘ (liber). 31 Vgl. den Epilog in der Fassung vom Codex Regius, Codex Wormianus und Codex Trajectinus, in dem auf den Beginn des Buchs verwiesen wird ( „ ivphafi bokar “ , Finnur Jónsson 1931a: 86). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 362 6 Rezeption <?page no="363"?> abstrakten Werke, da er davon spricht, dass es auf Island genau zwei dieser Bücher gebe - und er sich damit sicherlich nicht auf die vorhandenen Kodizes bezog. In den drei jüngeren Papierhandschriften sind mehrere Titelseiten über die Handschriften verteilt und auch die gemeinsame Titelseite für beide Eddas ist in AM 738 4to (heute) ebenfalls mittig platziert. Das legt nahe, dass sich auch hier mit der Formulierung bók auf die inhaltliche Größe bezogen wurde und weniger auf die Gesamtheit dessen, was sich zwischen beiden Buchdeckeln befand. Da die Inhalte in den Handschriften jedoch als einzelne kodikologische Einheiten hergestellt wurden, ist nicht auszuschließen, dass diesen so auch eine materielle Dimension innewohnte. Solange die kodikologischen Einheiten ungebunden vorlagen, konnten diese ganz einfach umgestellt, ergänzt und wieder entnommen werden. Erst durch das Binden wurde ein - zumindest zeitweilig - materiell fixiertes Buch geschaffen. 32 Die handschriftlichen Titelseiten gelten trotz des Hinweises auf eine bók nicht für den gesamten Kodex - und stellen so moderne von Massenproduktion und ökonomischer Logik geprägte Vorstellungen der Einheit ‚ Buch ‘ (eine materiell und inhaltlich abgeschlossene Einheit, die mit einer Titelseite beginnt) auf die Probe. 33 Insgesamt ist auffällig, wie diese mediale Selbstreflektion über die Prosa-Edda als bók in den mittelalterlichen Fassungen zunächst nur vereinzelt erwähnt wurde, aber schließlich in den drei jüngeren Handschriften an Fahrt gewinnt: Die Prosa-Edda wird dort gleich mehrfach bók 34 genannt, dies aber auch ausdifferenziert und reflektiert: Die Verben auf den Titelseiten der Prosa-Edda differenzieren verschiedene schriftliche Herstellungsprozesse aus ‒ dazu gehören Kompilieren ( „ samsette “ ), Drucken ( „ Prenntud “ ), Schreiben ( „ skrifud “ ) (NKS 1867 4to, f. 100r; vgl. SÁM 66, f. 81r). 35 Außerdem verweisen die Bildbeischriften auf die entsprechenden Dæmisögur, die explizit ‚ gelesen ‘ werden sollen und präsentieren diese somit als schriftlich strukturiertes Werk. Darüber hinaus finden sich noch weitere Verwendungen des Wortes bók, sie beziehen sich auf den gesamten Kodex und koppeln sie mit dem Namen Edda: 36 Der Besitzvermerk „ Monsir Gisli Gislason á Skörðu[m]á með Riettu Bókina Eddu. “ ( ‚ Monsieur Gísli Gíslason auf Skörð besitzt zu Recht das Buch Edda ‘ , SÁM 66, f. 235v) bezieht sich auf den gesamten physischen Kodex. Zu dieser Zeit wurde der inzwischen abgenommene dunkelbraune Ledereinband mit der 32 Bücher stellen erst mit der Einführung von Verlagseinbänden bereits beim Kauf eine abgeschlossene materielle Einheit dar, die danach nur selten in ihrer Zusammenstellung verändert wird. Das Zusammenstellen mehrerer ‚ Bücher ‘ in Handschriften könnte verschiedene Gründe haben, u. a. pragmatisch-finanzielle, aber auch weil die Erwartung von inhaltlicher und materieller Einheit noch nicht vorherrschte. 33 Auch das moderne populäre Verständnis von ‚ Buch ‘ kann sich auf das abstrakte Werk oder dessen Unterabschnitte beziehen, wird aber wohl am häufigsten als eine feste physische und inhaltliche Einheit begriffen. 34 Mehrfach werden die Abschnitte Dæmisögur als erster Teil und Annar Partur als zweiter Teil des Buchs bezeichnet, z. B. im Epilog, der den Übergang zwischen beiden ankündigt ( „ so sem læra mä i hinum seirna Parte þessarar Bökar. ender fyrra parts þessarar Bökar “ , ‚ So wie in dem nächsten Teil dieses Buchs gelernt werden kann. Ende des ersten Teils dieses Buchs. ‘ , NKS 1867 4to, f. 147v29 - 31). 35 Die Titelseite in ÍB 299 4to (f. 58r) verzeichnet die ersten beiden Verben, es fehlt aber der Vermerk zur Abschrift der Handschrift, der findet sich auf der Titelseite der Edda-Lieder (f. 1r). 36 In der Inhaltsübersicht in NKS 1867 4to (f. 1r) wird mit „ A þessare book fynnast Epterfylgiande skrif: “ ( ‚ In diesem Buch finden sich nachfolgende Schriften ‘ ) zwischen dem Kodex (bók) und den einzelnen Inhalten (skrif) unterschieden. Vgl. weitere Vermerke, die sich mit bók auf einen physischen Kodex beziehen (ÍB 299 4to, f. 1r; SÁM 66, f. 235v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 363 <?page no="364"?> Goldprägung „ EDDA “ (evtl. sogar von Gísli Gíslason selbst) angefertigt - auf diese Weise wurde tatsächlich dem materiellen ‚ Buch ‘ dieser Name gegeben. Diese Benennung wird vom aktuellen Einband fortgeführt, so dass Edda nun pars pro toto für die gesamte Handschrift steht. Das findet auch Nachhall in den - die Gesamtkompilation betrachtend ebenfalls simplifizierenden - Spitznamen zweier der Handschriften Langa-Edda bzw. Edda oblongata (für AM 738 4to) und Melsteðs-Edda (für SÁM 66). Schreibende und lesende Asen Im Folgenden sollen zwei Illuminationen in AM 738 4to hervorgehoben werden, die unterschiedliche Tätigkeiten in Bezug auf Bücher darstellen und somit im visuellen Text Vorstellungen von der Edda als bók einbringen. Die Prosa-Edda wird hier mit detailliert ausgestalteten Schriftstücken assoziiert und so als ‚ Buch im Buch ‘ dargestellt. Abb. 124: Balldr hält ein Buch, AM 738 4to (f. 36v, Detail). Foto: Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, Jóhanna Ólafsdóttir. Die eine Illumination zeigt Bragi (AM 738 4to, f. 41r, Abb. 4), der auf ein gefaltetes Bifolium schreiben dargestellt ist. Das Papier hat genau wie die Handschrift selbst ein schmales hochrechteckiges Format. 37 Auf den Seiten sind Wellenlinien, die Schrift nur 37 Die Formate der aufgeschlagenen Doppelseite sind leicht abweichend, die Verso-Seite ist besonders schmal. Trotzdem sind beide deutlich länglich-hochrechteckig und ähneln nicht dem üblichen Seitenverhältnis von Handschriften im Quartformat. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 364 6 Rezeption <?page no="365"?> andeuten, sowie lesbare Schrift zu erkennen. Die Schrift ist sehr klein und an Bragis Perspektive ausgerichtet, d. h. zum Lesen muss die Handschrift um 180° gedreht werden. Neben der Zahlenfolge „ 10.20.30 “ am unteren Rand der gezeichneten Verso-Seite, befindet sich auf der Recto-Seite eine begonnene Liste mit der Nummerierung von 1 - 11 sowie auf dem unteren Rand ähnlich einer Signatur eine weitere, neue Kenning für Bragi: „ skrifare odz “ ( ‚ Schreiber des Gedichts ‘ ), des könnte bedeuten, dass die gezeichneten Wellenlinien Dichtung darstellen sollen. In der Auflistung der Kenningar für Bragi aus dem Annar Partur auf der gegenüberliegenden Seite findet sich „ frummsmidur bragar “ ( ‚ Autor des Gedichts ‘ ) mit einer ähnlichen Bedeutung. 38 Auch wenn die entsprechenden Dæmisögur in dieser Handschrift (heute) nicht enthalten sind, scheint diese Illumination auf das entsprechende Wissen aufzubauen: Ds. XXIV hebt Bragis Bedeutung als Dichter hervor, so dass sein Name als Heiti für ‚ Dichtung ‘ galt (vgl. Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 205). Weiterhin ist Bragi der Erzähler der Ds. L - LVII (die deshalb manchmal als Bragar œ ðr bezeichnet werden). 39 Unabhängig davon wird aus dieser Illumination deutlich, dass die Tätigkeit des Dichtens als schriftlicher Vorgang imaginiert wurde. Im auffälligen Blattformat spiegelt sich die gesamte Handschrift, die - wie das gezeichnete Buch - hauptsächlich Listen und Dichtung umfasst. Weiterhin scheinen im gezeichneten Buch die Nummerierung (1 - 11) und die Beschriftung „ reikningur asa “ ( ‚ Berechnung der Asen ‘ ) die ebenso durchnummerierte Auflistung der Asen im Annar Partur weiter hinten aufzunehmen (AM 738 4to, f. 98r). 40 Die zweite Illumination zeigt Balldr, der ein dickes Buch im (großen) Quartformat mit schwarzem Einband in seiner rechten Hand hält (AM 738 4to, f. 36v, Abb. 124). Obwohl der Vorgang des Lesens selbst nicht darstellt ist, so ist Balldr offensichtlich im Begriff, das geschlossene Buch gleich wieder aufzuschlagen und weiterzulesen, da sein linker Zeigefinger eine Stelle markierend zwischen die Seiten gesteckt ist. Der dieser Illumination gegenüberliegende Abschnitt mit den Kenningar zu Balldr (f. 37r) enthält eine paraphrasierende Zusammenfassung der Ds. XX (vgl. Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 203) sowie noch eine weitere Ergänzung aus der Edda Islandorum (f. Cc3v), die Hand (5) ergänzt hat. Vor allem die Beschreibungen aus den Dæmisögur könnten den Ausschlag für das Motiv gegeben haben, denn darin wird Balldr als „ fagri äs “ ( ‚ schöner Ase ‘ , AM 738 4to, f. 37r11) bezeichnet. 41 Auch kann die Entscheidung ihn mit einem Buch dazustellen von der Beschreibung Balldrs als „ vitrasti äs “ ( ‚ weisester Ase ‘ , AM 738 4to, f. 37r10) inspiriert 38 Weitere Kenningar der Liste beziehen sich u. a. auf den großen Bart, der ebenfalls in der Illumination gezeigt wird. 39 Ähnlich wie bei dem vorhergehenden Dialog zwischen Gangleri und den drei Asenkönigen hat Magnús Ólafsson in diesem Abschnitt nach der Einleitung die Inquit-Formeln des Dialoges herausgekürzt (vgl. Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 234 - 240). Es ließe sich also überlegen, ob hier der Erzähler ähnlich wie bei der Illumination von Gangleri und den drei Asenkönigen in den drei jüngeren Handschriften sozusagen kompensierend zurück ins Bild geholt wurde (verwiesen wird darauf jedoch nicht). 40 Allerdings werden dort zwölf Namen angegeben (ohne Bragi wären es elf) sowie zwei durch Hand 5 später ergänzte. 41 Dies hat offensichtlich die Darstellung Balldrs geprägt, der mit roten Wangen und ohne Bart, aber mit prächtigen Haaren bzw. Allonge-Perücke und einem eleganten, taillierten Gehrock jung und attraktiv dargestellt wurde. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 365 <?page no="366"?> sein. Das würde bedeuten, dass Klugheit mit Lesen assoziiert wurde und auf diese Weise auf die Lesenden der Handschrift weiter ausstrahlt. 42 Diese Illuminationen sind auf medialer Ebene selbstreferenziell und halten den Akt des Schreibens und das Lesen von Büchern - und damit des schriftlich geformten kulturellen Gedächtnisses - deutlich vor Augen. Die Illuminationen der Schriftstücke sind noch auf einer weiteren Ebene mit dem verbalen und materiellen Text der Handschrift verwoben: Die Bücher verweisen medial auf die Prosa-Edda, die Bragi und Balldr so wortwörtlich (selbst) in die Hand nehmen. Dies entspricht der Bildform der Mise en abyme, also einer verschachtelten Darstellung vom ‚ Buch im Buch ‘ . 43 Bei Bragi liegt es aufgrund des ungewöhnlichen Papierformats nahe, dass diese Mise en abyme nicht nur bei der Prosa- Edda als Werk, sondern ganz konkret auf der Ebene genau dieser Handschrift ansetzt. Wie in den zuvor analysierten Beispielen zum verstärkten verbalen Diskurs rund um das Konzept der bók in den drei jüngeren Handschriften zeigt sich in AM 738 4to ebenfalls ein zentraler Diskurs rund um das Verständnis der Edda als bók, der hier mit visuellen Mitteln ausgetragen wird. Diese Beispiele reflektieren die schriftliche Form der Prosa-Edda und zeigen, dass in solcher Form das kulturelle Gedächtnis gepflegt werden könne. 6.1.3.3 Die ‚ Snorra-Edda ‘ Wie bereits eingangs dargestellt, steht in der erwähnten Eingangsrubrik des Codex Upsaliensis die mittelalterliche Zuschreibung der Edda an Snorri Sturluson. Darin ist sein Beitrag zur Prosa-Edda durch die Verwendung unterschiedlicher Verben ausdifferenziert, so dass Snorri als Kompilator der dort genannten Werkteile der Prosa-Edda sowie als Verfasser des Háttatal verzeichnet ist. Weiterhin ist die Präsenz Snorris in den drei Listen des Codex Upsaliensis (Skáldatal, L ǫ gs ǫ gumannatal, Ættartala Sturlunga) markant, was zu Thesen geführt hat, dass diese Handschrift im Zusammenhang mit der Sturlungen-Familie entstanden sein könnte (vgl. Krömmelbein 1992). Die Nennung Snorris ist in der Tat bemerkenswert, denn in allen anderen mittelalterlichen Handschriften findet sich diese Zuschreibung nicht (mehr). 44 In einigen frühneuzeitlichen Handschriften wird nun Snorri deutlich prominenter mit der Edda in Verbindung gebracht, u. a. durch die höchst augenfällige Platzierung seines Namens auf der Titelseite. Wie in der mittelalterlichen Eingangsrubrik wurde dort Snorris Beitrag im Sinne einer antiquarischen Tätigkeit - Zusammenstellen von Dichtung und Wissen der Vorfahren - imaginiert und nicht als 42 Darüber hinaus finden sich die vier gezeichneten (Sibyllinischen) Bücher in ÍB 299 4to (f. 1v), die über die Interpretatio die eddische Dichtung mit dem Medium Buch assoziiert. Hier sind die Bücher ebenfalls detailliert mit Beschlägen und Schließen dargestellt. 43 Die Formulierung „ [Das] Buch im Buch “ war bereits in meinem Aufsatz titelgebend (Richter 2019). Auf meine Magisterarbeit (Richter 2013) aufbauend, war das Thema die Darstellung von Büchern und anderen schriftlichen Dokumenten in den Illuminationen einer Handschrift der Jónsbók (AM 345 fol.) aus der Reformationszeit. Die Illuminationen verhandeln die Buchhaftigkeit der Jónsbók und die sich im Zuge der Reformation geänderte Funktionen von Schriftstücken im Rechtskontext. Der Titel bezog sich auf das Phänomen des Mise en abyme, also der zeichnerischen Darstellung des Werkes in seiner materialisierten Form, in dem die Zeichnung selbst vorhanden ist (Richter 2019: 77). Zur Mise en abyme in der Flateyjarbók vgl. Heslop/ Glauser (2018: 38 - 42). 44 Snorris Name könnte theoretisch auf verloren gegangenen Blättern gestanden haben, v. a. im Codex Regius GKS 2367 4to, dem zu Beginn Blätter fehlen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 366 6 Rezeption <?page no="367"?> kreativer, schöpferischer Autor im modernen Sinne; das Háttatal fehlt hier bekanntlich. 45 In der älteren AM 738 4to fällt diese Zuschreibung noch vorsichtiger aus: So ist die Schrift, die den Namen Snorris nennt, nicht deutlicher hervorgehoben als die restliche Titelseitenbeschriftung. Die Formulierung verweist auf eine dritte Instanz als Quelle dieser Information - und damit aus der Perspektive von 1680 auf eine des kulturellen Gedächtnisses: „ Hvad menn hallda samann skrifad af Sæmundenum fröda og Snorra sturlud Sine. “ ( ‚ was die Menschen glauben, dass es Sæmundi fróði und Snorri Sturluson zusammengetragen haben ‘ , AM 738 4to, f. 34r). Da hier nicht zwischen beiden Eddas unterschieden wird, bleibt unklar, wie genau die Verteilung der Verantwortlichkeit Snorris und Sæmunds gedacht wurde. Das verwendete Verb skrifa saman vermittelt, dass das Zusammentragen als schreibende Tätigkeit imaginiert wurde. In den drei jüngeren Handschriften wurde die Rolle Snorris in Bezug auf die gesamte Edda genau wie in der Eingangsrubrik mit einer Form des Verbes setja saman ausgedrückt, hier wird also mehr die kompilatorische Dimension des Sammelns und Arrangierens betont. In seiner überarbeiteten isländischen Textfassung der Prosa-Edda hatte Magnús Ólafsson Snorri zunächst nicht explizit als Verfasser oder Kompilator der Prosa-Edda vermerkt. Das von Magnús hinzugefügte Vorwort VI verweist ebenfalls auf eine abstrakte kollektive Autorschaft und präsentiert die Edda als eine Sammlung, die auf dem kulturellen Gedächtnis fußt: „ Edda er Iþrött af Forndicktudumm Frödra manna Dæmesógumm, og marg fundnumm heitumm hlutanna, kennande Norrænann skäldskap [ … ] “ ( ‚ Edda ist die Kunst von den Dæmisögur an alter Dichtung weiser Menschen und von vielfach gefundener Heiti [Namen] der Dinge, die norröne Dichtung lehrend [ … ] ‘ , NKS 1867 4to, f. 113r3 - 5). Magnús verweist nur in seiner (in der in den Handschriften nicht enthaltenen) lateinischen Übersetzung auf Snorri, darin heißt es: „ [ … ] olim conscripta per Snorronem Sturlæ filium Islandiæ nomophylacem A. C. 1215 “ ( ‚ einst aufgeschrieben durch Snorri Sturluson Gesetzessprecher in Island Anno Christi 1215 ‘ , Magnús Ólafsson í Laufási 1979: 416). Diese Angabe wurde nachfolgend von Resen fast wortgleich auf der Titelseite der Edda Islandorum platziert. Auch hier beschreibt das Partizip „ conscripta “ ( ‚ aufgeschrieben ‘ ) zunächst nur einen schriftlichen Vorgang und definiert den geistigen Beitrag nicht weiter. 46 Diese Titelseite erweist sich somit als Präzedenzfall für die vielen später folgenden, gedruckten und handschriftlichen Titelseiten, die Snorri mit der Edda in Verbindung bringen. 47 Wie die Tätigkeit Snorris genauer imaginiert wurde, wird in den drei jüngeren Handschriften von Björn Jónsson á Skarðsá in seiner Útlegging yfir V ǫ luspá in Kap. 1 beschrieben: Enn su Bök ónnur sem nefnd er Edda, er i sundurlausu Mäle, og dæmesógumm, sem Snorre lógmadur Sturluson hinn frode hefur samann skrifad, og hefur sagdur fræde madur Snorre, fyrer 45 Glauser wies darauf hin, dass die Übertragung moderner Konzepte von Autor: innenschaft auf Snorri als anachronistisch zu bewerten wäre, was er mit den Unterschieden der mittelalterlichen Überlieferung begründet „ die (noch) keine kanonisierten Textbestände kennt “ (Glauser 2013: 119, vgl. Wirth 2008). 46 Snorri wird auch im Vorwort von Resen erwähnt (Edda Islandorum, f. i3v-i4v). 47 Dies lässt sich sicherlich mit der medialen Funktion von Titelseiten in Verbindung bringen, da diese als Ort der Bewerbung von Autor: in und Werk dienen. Vgl. Genette (2014 [1987]: 77), Hufnagel (2016: 400) und Jón Helgason (1955: 15). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 367 <?page no="368"?> sier haft til Bökar sinnar, forn skrif og sagner fyrre manna, med þvi fleira sem hann siälfur hefur tillagdt, eftter merkelegu Mannvite, umm Nófn allra hluta, og þat allt merkelega Nidur sett i eirn stad, sem ádur var i mórgumm pórtumm. 48 (Björn Jónsson á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá, NKS 1867 4to, f. 61r25 - 32) Hier wird Snorris Beitrag also vor allem als gezieltes Zusammentragen von Materialien unterschiedlicher Herkunft gesehen, dabei wird ihm durchaus ein Eigenbeitrag im Ergänzen des Vorhandenen eingeräumt und seine Klugheit hervorgehoben. Björn setzt so implizit eine kollektive Autor: innenschaft der verwendeten Materialien der Vorfahren voraus, so dass Snorri vor allem eine Rolle als erster isländischer Antiquar und wichtiger Akteur in Bezug auf das kulturelle Gedächtnis zukäme. 49 In der Diskussion über die Tätigkeiten des Kompilierens und Verfassens ist also zu berücksichtigen, inwieweit der modernen Dichotomie eine Vorrangstellung der (schöpferischen, kreativen) Autorschaft gegenüber der Tätigkeit der Kompilation (einer historisch-antiquarischen Autorschaft) als Bewertungsmaßstab zugrunde liegt. Gleiches nimmt Halink für den Codex Upsaliensis an, dass darin das Verb setja saman Snorris Beitrag als „ more of a collector or copyist, antiquarian, organizer, and compiler of stories, rather than an original author in the modern sense “ (Halink 2019a: 218) präsentiert. Darüber hinaus werden in den drei jüngeren Handschriften zahlreiche weitere antiquarisch-gelehrte Akteure der anderen Inhalte so wie die Schreibhände namentlich sichtbar gemacht - deren Präsenz lässt erkennen, dass die altnordische Literatur hier bereits vor allem aus einer Rezeptionsperspektive erscheint. Bei Betrachtung der genauen Formulierungen fällt auf, dass mit der Zeit der Titel Edda in den Papierhandschriften immer näher an den Personennamen Snorri gerückt wird, der so immer autoritativer inszeniert wird: Ausgehend von den zuvor analysierten Formulierungen mit Verben, wird nachfolgend Snorris Name als Genitivattribut nachgestellt ( ‚ Edda Snorra Sturlusonar ‘ ) bis diese Form nach und nach immer mehr zu ‚ Snorra Edda ‘ (selten auch mit Bindestrich in der Form ‚ Snorra-Edda ‘ ) verkürzt wird und sich so verfestigt - und seitdem bis heute rege verwendet wird (Abb. 125). Mit der ersten Verkürzung fällt die Differenzierung durch das Verb weg, wodurch die Art des Beitrags verborgen bleibt. Diese zusammengerückte Variante mit dem nachgestellten Genitivattribut machte die schon damals relevante Unterscheidung von der inzwischen wiederentdeckten ‚ Sæmundar Edda ‘ (also der Kompilation eddischer Dichtung) benennbar, etwas 48 ‚ Aber das zweite Buch, das Edda heißt, ist Prosa und [beinhaltet] Dæmisögur, die der Gesetzessprecher Snorri Sturluson der Weise zusammengeschrieben hat. Und der besagte Gelehrte Snorri verwendete für sein Buch alte Schriften und Erzählungen der Menschen von früher, mit solchen weiteren, die er selbst aufgrund einer bemerkenswerten Kenntnis über die Bezeichnungen aller Dinge hinzugefügt hat, und das alles bemerkenswerterweise an einer Stelle niedergeschrieben hat, was vorher in vielen Teilen war. ‘ Vgl. ÍB 299 4to (f. 34r30 - 34v2); SÁM 66 (f. 218v8 - 15). An anderer Stelle seiner Abhandlung formuliert Björn, dass Snorri die Gylfaginning kompiliert habe ( „ Gylvaginning, sem sagdur Snorre hefur samannteket “ ‚ Gylfaginning, die der erwähnte Snorri zusammengetragen hat ‘ , NKS 1867 4to, f. 61v20 ‒ 21). 49 Eine abweichende zeitgenössische Vorstellung hat Jón Ólafsson úr Grunnavík 1738 - 1758 in seinem Apparatus ad Historiam Literariam Islandicam ausgeführt. Er benennt Snorri zwar als auctor, schätzt dessen Beitrag jedoch nur gering ein und hält es für sehr unwahrscheinlich, dass die Gylfaginning von ihm käme. Jón stellt die nachfolgenden Überarbeitungen und Ergänzungen v. a. des 14. Jhs. als ausschlaggebender dar (Jón Ólafsson úr Grunnavík 2018: 31, vgl. Rohrbach 2023: 306 - 308, 318). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 368 6 Rezeption <?page no="369"?> was auch in den untersuchten Handschriften genutzt wurde. 50 Der zu einem Determinativkompositum kontrahierte Titel ‚ Snorra Edda ‘ ähnelt strukturell anderen altnordischen Titeln wie V ǫ luspá oder Njáls saga und folgt einem größeren frühneuzeitlichen Trend die Etablierung und Kanonisierung von Werktiteln. Erst später verschmolz diese Formulie- Abb. 125: Unterschiedliche Titel-Varianten: „ Edda Snorra Sturlusonar “ , „ Snorra Edda “ und „ Snorra- Edda “ . Handschriften (v. o. n. u. und v. l. n. r.): Lbs 1413 4to (f. 1r), 1839; AM 429 I fol. (f. 1r), 1765; ÍB 299 4to (f. 1r), 1764; Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, SÁM 119 (f. 1r), 1827; Kopenhagen, Det Kongelige Bibliotek, NKS 1878 4to (f. 1r), um 1750 - 1800; Reykjavík, Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Lbs 1781 4to (f. 1r), 18. Jh.; Lbs 1475 8vo (f. 2r), 1833. Foto von ÍB 299 4to: Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn, Helgi Braga. Alle anderen: Friederike Richter, mit freundlicher Genehmigung von Det Kongelige Bibliotek, der Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn sowie Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum wiedergegeben. 50 Das Bedürfnis zu dieser Zeit, literarische Werke bedeutenden Isländern zuzuschreiben, betraf ebenfalls die eddische Dichtung. Von dieser wurde angenommen, dass sie ein kohärentes Werk des isländischen Gelehrten und Priesters Sæmundr inn fróði Sigfússon (1056 - 1133) sei. Diese Zuschreibung findet sich auf den entsprechenden Titelseiten aller vier hier untersuchten Handschriften (AM 738 4to, f. 34r, vgl. 79r; NKS 18674to, f. 2r; ÍB 299 4to, f. 1r; SÁM 66, f. 1r). Die zur Unterscheidung von der ‚ Snorra Edda ‘ parallel gebildete Kurzform ‚ Sæmundar Edda ‘ etablierte sich in den Papierhandschriften schnell. Sie fand sich zunächst auf Latein als „ Edda Sæmundi multiscii “ auf einer Kopie des Codex Regius für Bischof Brynjólfur (Gylfi Gunnlaugsson 2021: 42) und auf den gedruckten Titelseiten wurden V ǫ luspá und Hávamál als „ pars Eddæ Sæmundi “ ( ‚ Teil der Edda Sæmunds ‘ ) bezeichnet. Sie findet sich u. a. in dieser verkürzten Schreibweise in paratextuellen Elementen in AM 738 4to (f. 79r) und ÍB 299 4to (f. 1r), die anderen drei Titelseiten verwenden ausführliche Verbalkonstruktionen mit skrifa saman. Die Kurzform war noch länger in Gebrauch, obwohl die Autorschaft Sæmunds bereits 1690 von Árni Magnússon als Falschzuschreibung beschrieben worden war (Gylfi Gunnlaugsson 2021: 43). Erst später hat sich die Beschreibung Sæmunds als „ [t]he Man who did not write the Edda “ (Megaard 2005) weitläufig durchgesetzt. In diesem Zusammenhang ist zusätzlich relevant, dass das frühneuzeitliche eddische Lied Sólarljóð in AM 738 4to ebenfalls Sæmundr zugeschrieben wird, diese Zuschreibung war lange verbreitet (Megaard 2005: 381). Ein Grund dafür ist sicher, dass sie aus dieser Handschrift in die daraus resultierenden Editionen und die dänische Übersetzung von Thøger Larsen (Larsen 1926b) übernommen wurde und AM 738 4to somit maßgelblich zur Kanonisierung dieser Zuschreibung beigetragen hat. Snorri und Sæmundr erfüllten in der Frühen Neuzeit das Bedürfnis, zwei als zentral erachtete Werke mit herausragenden, isländischen historischen Personen in Verbindung zu setzen und so einen Kanon bedeutender Persönlichkeiten und Werke zu zelebrieren, die aufeinander in ihrer Einzigartigkeit abfärbten und sich so für das kulturelle Gedächtnis funktionalisieren ließen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 369 <?page no="370"?> rung mit modernen Konzeptionen von Autor: innenschaft. 51 Die Form ‚ Snorra Edda ‘ findet sich in AM 738 4to in dieser Form noch nicht, ist aber in den drei jüngeren Handschriften auffällig, vor allem in paratextuellen Elementen wie Inhaltsübersichten oder Schlussformeln. 52 Einmal erscheint diese mit einem Bindestrich gekoppelt als ‚ Snorra-Edda ‘ zu Beginn vom Annar Partur (SÁM 66, f. 137v). Diese verkürzte Form wird dabei in der Folge als Eigenname kanonisiert und haftet seitdem der Edda an - trotz des immer wieder diskutierten tatsächlichen Beitrags Snorris. 53 Eine bemerkenswerte Pointe in diesem Zusammenhang ist sicherlich, dass die Handschriften, die diese Titelform etablieren, das Háttatal - gerade den Abschnitt, der in der Eingangsrubrik des Codex Upsaliensis als einziger tatsächlich Snorris Autorschaft zugeschrieben wurde - in Folge von Magnús Ólafssons Umarbeitungen gewöhnlich nicht umfassen. Snorri und Island In diesem Zusammenhang sollte im Kopf behalten werden, dass in den frühneuzeitlichen Fassungen und vor allem in den drei jüngeren Handschriften, die Vielstimmigkeit der Prosa-Edda abnahm, bis sie nur noch schemenhaft präsent war. Das schuf gleichzeitig mehr Raum für die (Über)Betonung Snorris: Es erscheint, als würde Snorri der Platz eingeräumt, den sonst die Skald: innen einnahmen, deren Dichtung nun anonymisiert und in ihre Kenningar zerlegt erscheint. 54 Dies stand in einem sehr produktiven Wechselverhältnis mit der zunehmenden Betonung Snorris, der trotz seiner politisch ambivalenten Stellung in seiner Rolle in Bezug auf die Prosa-Edda nach und nach zu einer Art gelehrten Nationalhelden emporgehoben wurde. Somit trifft die etwas polemische Aussage von Cole (2019: 67) „‚ if Snorri did not exist, the philologist would invent him ‘“ 55 durchaus einen Kern, verkennt aber, dass tatsächlich viel vom Mythos ‚ Snorri ‘ erst durch Gelehrte und Philolog: innen des 17. und 18. Jh. geschaffen wurde. 56 Anders löst dies AM 738 4to, die die 51 Dabei verweisen die enthaltenen Personennamen auf sehr unterschiedliche Rollen: Als Erzählinstanz, als Protagonist oder die für den Text verantwortlich gemachte Person. 52 NKS 1867 4to (f. 171r, 187r und viermal auf f. 1r); ÍB 299 4o (f. 1r, 127v, 151r/ v); SÁM 66 (f. 92v, 161v). 53 Diese Titel erscheint weiterhin in den Varianten ‚ Snorra Sturlusonar Edda ‘ oder ‚ Edda Snorra Sturlusonar ‘ . Auf der Titelseite von AM 429 I fol. (f. 1r), die im gelehrten Kontext von Jón Ólafsson úr Grunnavík in Kopenhagen erstellt wurde, wird der Titel ‚ Snorra Edda ‘ sogar reflektiert: „ Edda sem al-mennt er kóllud Snorra Edda; id est: EDDA; vulgo dicta EDDA SNORRONIS, vel SNORRONIANA. “ ( ‚ Edda, die allgemein Snorra Edda genant wird. Das ist: EDDA, üblicherweise genannt EDDA SNORRONIS ‘ ). 54 Diese Tendenz scheint auch - wenn auch auf anderer Ebene - das Zurücktreten des Rahmennarrativs der Dæmisögur zu betreffen. 55 Das vollständige Zitat im Kontext lautet „ For my own part, I incline towards a variant on Jean-Paul Sartre ’ s famous aphorism on anti-Semitism: ‚ if Snorri did not exist, the philologist would invent him ‘ . “ (Cole 2019: 67). 56 Eine parallele Entwicklung betrifft die Entstehung der Vorstellung der sog. Heimskringla als festes Werk und deren nachträgliche Zuschreibung an Snorri Sturluson. Diesen Prozess hat Rohrbach (2021) vor kurzem nachgezeichnet und als nicht durch mittelalterliche Handschriften belegt entmythifizieren können. Diese seien erst von Antiquaren im 17. Jh. (vor allem Ole Worm und Johan Peringskiöld) etabliert und dann später durch Philologen im 18. Jh. (u. a. Árni Magnússon) verstetigt worden. In ihre Argumentation schloss Rohrbach visuelle und materielle Aspekte der handschriftlichen Überlieferung, ersten Editionen sowie relevante Peritexte (Handschriftenkataloge) ein. Diese Vorstellungen würden bis heute so stark nachhallen, so dass ‚ Snorri ‘ zuweilen als Chiffre für eine fest imaginierte Kompilation von Konungas ǫ gur verwendet werde. Ebenfalls für die Prosa-Edda lässt sich, vor allem in mündlichen Fachgesprächen, diese Praxis immer wieder beobachten. Die frühneuzeitliche Kon- Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 370 6 Rezeption <?page no="371"?> Mehrstimmigkeit und Akteure skaldischer Dichtung erneut sichtbar macht, indem diese um beide Eddas herumgegliedert wurden und im Annar Partur am Rand hervorgehoben wurden. Alle vier Handschriften zeigen ein hohes Interesse hinsichtlich der Personen, die für die Textproduktion verantwortlich waren. Die Balance der genannten Autoren/ Kompilatoren neigt sich somit in der Tendenz in AM 738 4to hinsichtlich einer größeren Anzahl Skald: innen und in den drei jüngeren Handschriften hinsichtlich Snorri und frühneuzeitlicher Gelehrter. Die Titelseiten der drei jüngeren Handschriften treffen eine weitere interessante Wahl, indem sie Snorri als „ Løgmadur “ ( ‚ Gesetzessprecher ‘ ) bezeichnen. Bereits im L ǫ gs ǫ gumannatal des Codex Upsaliensis (DG 11 4to, f. 25v - 26r) wurde Snorri als Gesetzessprecher angeführt, zu dem er zwei Mal gewählt wurde. Auf diese Weise wird Snorri als einflussreiche politische Autorität dargestellt, wenn auch sein Ansehen nicht ohne Ambivalenzen war, und er mit dem Ende des sog. Þjóðveldið auch als Verräter des Vaterlandes in Verbindung gebracht wurde (Halink 2019a). Doch scheint sich die kulturelle Erinnerung hier bewusst selektiv auf das Positive zu konzentrieren. Interessant ist die Entscheidung der Titelseiten, die Jahreszahl 1215 als Datierung anzusetzen, die die Prosa-Edda ins sog. Þjóðveldið datiert und so in einen nationalhistorischen Kontext einbettet. Die Jahreszahl wurde sicherlich von der Titelseite der Edda Islandorum übernommen, die mit ganz ähnlichen Worten beginnt und die sicherlich auf die zuvor zitierte Beschreibung von Magnús Ólafsson zurückgeht: „ Edda Islandorum An. Chr. M. CC. XV. islandice conscripta per Snorronem Sturlæ Islandiæ nomophylacem. “ ( ‚ Edda der Isländer, Anno Christi MCCXV auf Isländisch geschrieben von Snorri Sturluson, Nomophylakes in Island ‘ , Edda Islandorum, f. 1r). 57 Es scheint jedoch, als rühre diese Datierung von einer missverständlichen Verkürzung der biografischen Information zu Snorri Sturluson in Arngrímur lærði Jónssons Crymogæa (1609: 82) her. Arngrímur listet darin die Gesetzessprecher nach Ernennungsjahr auf und verzeichnet an dieser Stelle zusätzlich Snorri als Autoren der Edda. Diese Information wurden offensichtlich in verkürzt und so in die lateinische Übersetzung von Magnús Ólafsson (1979: 416) übertragen, worauf sie über die Edda Islandorum ihren Weg in die drei jüngeren Handschriften fand. Die Nennung von Snorris politischer Funktion markiert ihn als historische Person von Ansehen und assoziiert die Prosa-Edda mit einer gesellschaftlichen Elite. Die Relevanz des Werkes wurde den Lesenden durch diese paratextuellen Metadaten aufgezeigt und der Prosa-Edda sogar eine nationale Tragweite durch die politische Bedeutung des Kompilators und der Datierung zugeschrieben. Beide Eigenschaften färbten aufeinander ab, und so konnte Snorri nun nicht nur aufgrund seiner Funktion als Politiker, sondern auch als Kompilator eines bedeutsamen und zu der Zeit unablässig kopierten Werkes in Umlauf gebracht und so zunehmender als kultureller und nationaler Held zelebriert werden. Hier zeigen sich zeption von Jón Ólafsson úr Grunnavík, der die einzelnen Beiträge ausdifferenziert und zusätzlich spätere Überarbeitungen als maßgeblich für die Textgenese auffasst, hat Rohrbach (2023) als Pluralisierung in synchroner als auch diachroner Perspektive diskutiert. 57 Den Titel Nomophylakes trugen in der klassischen Antike Personen, die (je nach Periode) unterschiedliche Funktionen vor allem im Zusammenhang mit Gesetzen und Rechtspflege ausübten. Das Jahr 1215 in Bezug auf Snorri nennt auch Jón Ólafsson úr Grunnavík (2018: 31), wenngleich er Snorris Gesamtbeitrag hinterfragt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 371 <?page no="372"?> einige Dynamiken in der Etablierung eines kulturellen Kanons, die wenig später mit politischen Zielen wie der Bildung von Nationen verbunden sind. 58 Diese Erhebung Snorris zum nationalen Kulturheros erreicht 1833 in der Prosa-Edda-Handschrift Lbs 1475 8vo (f. 1r, Abb. 126) in der Hand von Daði Níelsson einen vorläufigen Höhepunkt: 59 Sofort beim Öffnen der Handschrift schaut Snorri in einer ganzseitigen Zeichnung die Betrachtenden an. 60 Ohne die identifizierende Beischrift wäre unklar, wer auf dieser Bildseite dargestellt ist. Hier zeigt sich, wie abhängig die Ästhetik der bildlichen Konstruktionen solcher Nationalhelden von zeitgenössischen Vorstellungen und Werten ist. 61 So erscheint Snorri in der Handschrift nicht historisierend dargestellt, sondern als eleganter, weltmännischer Dandy im Gehrock 62 mit gepunktetem Rüschenhemd (bzw. Krawattenschal), Zylinder und kinnlangen Locken. Die Darstellungsweise erinnert mit ihrer zeitgenössischen Mode, feinen Ästhetik und der Jugendlichkeit ausstrahlenden roten Wangen an die Darstellungen in AM 738 4to (v. a. Balldr). Die zeitgenössische Kleidung verdeutlicht Snorris Bedeutung für die Gegenwart und bietet keine historisierende Perspektive (mehr). Die Illumination lässt Snorri zwar vielleicht (noch) nicht als „ cultural saint “ (Halink 2019a: 213) erstrahlen, aber schon alleine die Tatsache, dass Daði Níelsson Anlass sah, eine solche Zeichnung anzufertigen und dabei Snorri als modisch gekleideten Mann der Oberklasse darzustellen, lässt ihn im zeitgenössischen Blick als Vorbild und Identifikations- 58 Š eina (2021) hat das Ineinandergreifen beider Dynamiken - Literaturkanon und Nation - beschrieben. Der Literaturkanon sei erst seit der Nationalromantik als nationales und sprachspezifisches Phänomen konzipiert, dass eine vollentwickelte Nation kennzeichne. Davor sei sie als gemeinsames europäisches kulturelles Erbe imaginiert worden. Dem sei jedoch vorausgegangen, dass bereits im 18. Jh. Vorstellungen einer spezifischen nationaler Gemeinschaft schichtenübergreifend in Literatur imaginiert wurde ( Š eina 2021: 8 - 10). Abb. 126: Snorri Sturluson auf einer Titelseite, Lbs 1475 8vo (f. 1r), Hand: Daði Níelsson, 1833. Foto: Friederike Richter, mit freundlicher Genehmigung der Landsbókasafn Íslands - Háskólabókasafn wiedergegeben. 59 Vgl. die Definition von Schindler (2021: 18 - 39) des zeitgleich aufkommenden Künstlerkults in Form der celebrity/ célébrité, bei der Künstlerportraits eine zentrale Rolle spielten. Ein weiterer Pfeiler sind Reproduktion der Werke dieser celebrity, denn: „ Ein weiteres Merkmal der celebrity-Kultur ist die Doppelrolle des Individuums, das zugleich produziert und produziert wird, gewissermaßen Ware herstellt und selbst Ware ist. “ (Schindler 2021: 19). So scheinen nicht nur die zunehmende Anzahl der Handschriften und Betonung Snorris im Zusammenhang mit der Prosa-Edda, sondern auch diese Zeichnung für eine ähnliche Dynamik zu sprechen. Das dritte Phänomen, die zur Kanonisierung der celebrity im kulturellen Gedächtnis führe, sei die Künstlerbiografie. 60 Die eigentliche Titelseite befindet sich dahinter, so dass diese Bildseite eher die Funktion eines Titelkupfers übernimmt. 61 Ganz anders ist die bekannte Darstellung Snorris als alter, bärtiger Mann in einem angedeuteten mittelalterlich-historisierten Interieur mit ebensolcher Kleidung, die in den Anfang der norwegischen Nationalausgabe der Heimskringla von 1900 eingefügt wurde. Die Illustration wurde von Christian Krogh angefertigt und wird als sein Selbstportrait gewertet (Storm 1900: IV). 62 Die dunkelgrün schattierte Farbgebung suggeriert Samt als Material des Gehrocks. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 372 6 Rezeption <?page no="373"?> bild erscheinen. Durch seine visuelle Prägnanz wird ihm größeres Interesse zuteil als den eddischen Mythennarrative in den vier analysierten Papierhandschriften. 6.1.4 Kanonisierung vs. Individualisierung Wenn von ‚ der ‘ Prosa-Edda gesprochen wird, dann wird heute oftmals - vor allem durch die vereinheitlichenden Editionen bedingt - eine kanonisierte Kompilation und zugehörige Textfassung angenommen; es sei denn, es wird sich explizit mit einer konkreten (davon abweichenden) Textfassung beschäftigt, was dann zumeist eines gesonderten Hinweises bedarf. Nachfolgend sollen nun die Besonderheiten der hier untersuchten Fassungen erläutert werden, denn nur so wird klar, dass manche Vorannahmen, die heute für die Prosa-Edda kanonisiert sind, sich in den mittelalterlichen Handschriften so noch nicht verfestigt hatten, aber womöglich auf die frühneuzeitliche Überlieferung zurückgehen. In anderen Fällen wiederum weichen die frühneuzeitlichen Fassungen deutlich von den mittelalterlichen und heute kanonisierten Fassungen ab, so dass für einige Jahrhunderte die verbreiteten Vorstellungen von der Prosa-Edda abwichen. Die Umarbeitungen von Magnús Ólafsson vermochten den Zeitgeschmack zu treffen und machten die Prosa-Edda für die allgemeine Bevölkerung zugänglich und relevant. Sie entfaltete in ihrer Klarheit kanonisierende Wirkung: Diese Fassung stellte - oftmals über das weitere Zwischenglied der gedruckten Edda Islandorum 63 - im 17. - 19. Jh. nicht nur den Großteil der zirkulierenden Exemplare. Sie schob wie ein Katalysator die dezentrale Multiplikation derart an, dass die Prosa-Edda von einer gelehrten Abhandlung in nur einzelnen Exemplaren zu einem weit verbreiteten Buch aufstieg. Der Prosa-Edda kam so der Status eines ‚ kulturellen Schlüsseltextes ‘ 64 zu und stellte in diesen frühneuzeitlichen Fassungen lange Zeit den (inoffiziellen) Literaturkanon. Auch das vermehrte Lesen eines Werkes ist wichtige Bedingung für die Kanonisierung, was durch die zunehmende Anzahl von Papierhandschriften der Prosa-Edda sichergestellt wurde. In diesem Kapitel werden die vier Handschriften im Spannungsfeld von Kanonisierungsprozessen und Individualisierung analysiert, die zunächst womöglich einen Widerspruch implizieren. Doch sollen beide nicht zwangsläufig als gegensätzliche Pole aufgefasst werden, da der für die Handschriftenkultur so typischen mouvance durchaus etwas Kanonhaftes abzugewinnen ist: nämlich die Auffassung, dass die Prosa-Edda ein schriftliches Archiv darstellt, aus dem sich schöpfen lässt und so die gewonnenen Inhalte für die eigenen Interessen bearbeitet werden können. Beide Prozesse sind - wenn auch im unterschiedlichen Ausmaß - parallel präsent und greifen immer wieder dynamisch ineinander. Die Handschriftenproduktion betreibt unweigerlich über die sich heraus- 63 Interessanterweise ist die gedruckte Edda Islandorum der Referenzpunkt auf den Titelseiten der drei jüngeren Handschriften (NKS 1867 4to; ÍB 299 4to; SÁM 66). Die Arbeit von Magnús Ólafsson, welche die eigentlich bahnbrechende Umarbeitung mit Blick auf die Kompilation und Textfassung stellte, wird auch in diesen Handschriften nicht honoriert oder gar sichtbar gemacht. Selbst wenn gedruckte Bücher einflossen, hieß es fortan nicht, dass die Abschriften den Prämissen einer stabilen Textproduktion gehorchten, vielmehr war der Druck nur ein weiteres Glied in der Überlieferung. Es wäre zu untersuchen, inwieweit die erste Druckausgabe nicht möglicherweise doch verstärkt stabilisierende und damit eine Kanonisierung unterstützende Wirkung hatte - alleine schon durch die Tatsache, dass damit mehrere gleichlautende Exemplare zeitgleich kursieren und als Vorlage dienen konnten. 64 Der Begriff wurde von Aleida Assmann (2013a: 81) geprägt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 373 <?page no="374"?> kristallisierenden Konstanten über Jahrhunderte Kanonisierungsarbeit, wobei einmal gelöschte Abschnitte - wie sie z. B. von den einschneidenden Umarbeitungen von Magnús Ólafsson betroffen waren - nicht ohne Weiteres wieder zurückgeholt werden konnten. Manche zuvor entfernte Abschnitte konnten jedoch z. B. über die Gesamtkompilation und den erweiterten Prolog mehr oder weniger wissentlich wieder zur Prosa-Edda zurückgeholt werden. Diese zunächst vielleicht überraschende Beobachtung lässt sich für alle vier Handschriften belegen, wie die vorhergehenden Analysen gezeigt haben. Die handschriftliche Herstellung der individuellen Leseexemplare in Form von Papierhandschriften, umfasste Prozesse der aktiven Kanonarbeit wie: Kompilieren, Überarbeiten, Illustrieren, Kürzen, Umstellen und Ergänzen und erforderten eine Auseinandersetzung mit der Prosa-Edda auf sehr unterschiedlichen Ebenen. Somit umfassten die Kanonisierungsprozesse mitnichten ein bloßes Kopieren der Vorlage, sondern reicherten sich an und überlagerten sich immer weiter durch den Rückgriff auf Vorarbeiten anderer Personen. Zeitgleich befanden sich die mittelalterlichen Fassungen ab Mitte des 17. Jh. vornehmlich in den Archiven (Handschriftensammlungen und Bibliotheken) und wurden dort von Gelehrten studiert, in kleinerer Anzahl kopiert und bearbeitet. Dieses Verhältnis hat sich seit dem 19. und spätestens im 20. Jh. endgültig umgekehrt: Zunächst noch einige Zeit parallel existierend, gerieten die auf die Edda Magnúsar Ólafssonar zurückgehenden Fassungen zunehmend in Vergessenheit. Diese galten aufgrund der damaligen philologischen Prinzipien seit dem 19. Jh. als weniger wertvoll. In der Folge wurden Handschriften nach und nach von den gedruckten, auf die mittelalterlichen Fassungen zurückgehenden Textausgaben abgelöst. Nacheinander wurden fast alle handschriftlichen Exemplare in Archiven und Sammlungen abgelegt und so in diese Form des passiven kulturellen Gedächtnisses überführt. Bis heute sind ihre verbalen Texte selten von Interesse. Als Ausnahmeerscheinung gelten jedoch die Illuminationen der vier hier untersuchten Handschriften, die unabhängig von ihrem Handschriftenkontext große Popularität in Forschung, aber auch populärer Vermittlung der Eddas sowie Mythologie und altnordische Literatur im Allgemeinen genießen. Sie bilden mit anderen Handschriftenilluminationen zusammen einen oftmals von der Herstellungszeit abgelösten eigenen (Bilder-)Kanon vormoderner isländischer Bildwerke mit visuellen Darstellungen der eddischen Figuren und Mythen. 6.1.4.1 AM 738 4to AM 738 4to zeigt in ihrer einzigartigen umstrukturierten Kompilation, wie die Prosa-Edda neu gedacht wurde und welche Freiheit sich dabei genommen werden konnte. Hier wird der Annar Partur ins Zentrum gerückt, in welchen einzelne kurze Abschnitte aus dem Prologus, Illuminationen mit Bildbeischriften, Fragmente von Dæmisögur und eddischer Dichtung und weitere Listen eingewebt wurden. Alles zusammen offenbart einen sehr freien Umgang mit den Werkteilen und deren Grenzen. Es handelt sich um einen radikalen individuellen Zuschnitt, der einerseits Kanonisierungsprozesse verarbeitet, aber andererseits auch Magnús ‘ strikte Aufteilung in Dæmisögur und Annar Partur aufzubrechen versucht. In dieser Handschrift wird sich mit Werkstruktur die Freiheit genommen, eine Form zu wählen, die passt. Ganz im Gegensatz dazu steht die Beschreibung der Prosa-Edda auf der Titelseite (AM 738 4to, f. 34r), die die Grundstruktur der Edda ganz im Einklang mit der kanonischen Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 374 6 Rezeption <?page no="375"?> frühneuzeitlichen Grundstruktur umreißt. Sie präsentiert eine Inhaltsübersicht, die drei Abschnitte als Edda vorstellt: Darin werden Dæmisögur und Annar Partur (hier unter dem Titel Skáldskaparmál) namentlich erwähnt und die euhemeristische Herleitung zusammengefasst (aber nicht als formáli bezeichnet). Diese Ankündigung wird jedoch in den nachfolgenden Abschnitten nicht eingelöst. Dieser (scheinbare) Widerspruch zieht zunächst Fragen nach sich: Neben der einen bereits diskutierten Möglichkeit, dass diese weiteren Abschnitte zumindest angedacht waren oder evtl. inzwischen verloren sind, besteht auch die Möglichkeit, die Titelseitenbeschriftung vor allem als Folge von Kanonisierungsprozessen zu interpretieren. Das zeigt, dass die Personen, die diese Handschrift in Kollaboration herstellten, sich der damaligen kanonisierten Grundstruktur der Prosa- Edda bewusst waren und diese deshalb auf der Titelseite zur Kontextualisierung des nachfolgenden Annar Partur beschrieben, sich aber in der konkreten Ausgestaltung der Handschrift bewusst gegen diese entschieden und gemäß den eigenen Bedürfnissen sichtbar kreativ (im Sinne von schöpferisch) neuschrieben. Die existierende Vorstellung von einer Kompilation muss möglicherweise nicht bedeutet haben, dass es essentiell war, all diese Werkteile im Anschluss tatsächlich bereitzustellen. Der Fokus dieser Handschrift liegt auf der Dichtung und der zugehörigen Sprache, und obwohl die häufig als zentraler Bestandteil aufgefassten Mythennarrative fehlen, repräsentiert auch sie eine Fassung der Prosa-Edda. Wie bereits zuvor thematisiert, erscheinen die in den mittelalterlichen Fassungen üblichen Zitationen skaldischer (und eddischer Dichtung) in dieser Handschrift einerseits ‚ ausgelagert ‘ ‒ ähnlich einer (unbewussten) Kompensation von Magnús ‘ Kürzungen, da diese nicht deckungsgleich sind. Andererseits werden sie in anderer Anordnung oft als ganze Lieder angeführt und nicht wie in den mittelalterlichen Fassungen nach Bestimmungswort der Kenningar auseinandergerissen. Sie mussten dazu aus den Sagas extrahiert und zusammengeführt werden. Der Prosa- Kontext wurde dabei weitestgehend entfernt, so dass die Lieder sich hier nun als eigenständige Werke lesen lassen. AM 738 4to erscheint so als handschriftliche Vorläuferin späterer Editionen wie der von Finnur Jónsson (1912a, 1912b, 1915a, 1915b) oder The Skaldic Project (Clunies Ross u. a. 1997 - ). In der umstrukturierten Kompilation der Prosa-Edda in AM 738 4to werden die aktiven Bearbeitungsprozesse sichtbar und in ihrer Diskrepanz zur Titelseite von der Handschrift nicht verwischt, sondern dadurch als bewusste Abweichung davon sichtbar gemacht. Eine weitere Reibung betrifft die Illuminationen: Auch wenn auf verbaler Ebene die Dichtung und Sprache der Skaldik im Vordergrund stehen, vermitteln die Bilder auf visueller Ebene ein großes Interesse für den mythologischen Hintergrund. Wie erwähnt, waren in der Produktion von AM 738 4to mehrere Hände involviert und dies ist relevant in Bezug auf die Textfassung, vor allem die umfangreichen Ergänzungen des von Haupthand (3) Geschriebenen durch die Ergänzungshand (5), v. a. um interlinear nachgetragene Varianten der Edda Islandorum. Dieses Vorgehen wird durch die Hinweise, dass diese Ergänzungen aus der gedruckten Vorlage stammen, transparent gemacht und die autoritative Instanz einer kanonisierten Textfassung inszeniert. So wird die individuelle Textfassung nachträglich an die kanonisierende angeglichen, sie füllt die leeren Zwischenräume auf und legt sich wie eine weitere Schicht über das zuvor Bestehende. Die individuelle Grundstruktur wird dabei nicht aufgebrochen, weil der bestehende verbale Text nicht korrigiert, umgestellt oder getilgt wird, sondern ausschließlich punktuell Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 375 <?page no="376"?> ergänzt. Dabei werden vor allem die Beispiele der Kenningar und Heiti erweitert, was den Wunsch belegt, das Archiv im Sinne einer möglichst umfangreichen Sammlung zu vervollständigen, statt einer konkreten, ‚ korrekt ‘ angeordneten Fassung zu entsprechen. 6.1.4.2 Die drei jüngeren Handschriften Die drei jüngeren Handschriften umfassen alle drei Werkteile Prologus, Dæmisögur und Annar Partur. Die individualisierten Neuschreibeprozesse sind im besonderen Maße außerhalb dieser - vor allem im erweiterten Prolog - zu bemerken, betreffen aber im geringeren Ausmaß auch die Fassung des verbalen Textes der Werkteile selbst, vor allem die Ergänzungen der Kenningar und Heiti. Die Fassung der Prosa-Edda ist in allen drei Handschriften sehr ähnlich, und gemeinsame Varianten im Vergleich zur Edda Islandorum lassen darauf schließen, dass diese vermutlich bereits schon in der (bzw. den) Vorlage(n) enthalten waren, es also mindestens eine weitere zwischengeschaltete Überlieferungsstufe gegeben haben muss. Am Ende von Vorwort IV gibt Magnús Ólafsson einen Überblick über die von ihm überarbeitete Fassung der Prosa-Edda: Partar Eddu eru Tveir, Dæmesógur og kenningar: Dæmesógur þessar kallast Gylvaginning edur H  rslÿge, af þeim Bókumm, sem litlu s ij dar skal hrært verda Og Byriast med þeim Formäla, sem hier seiger. 65 (Magnús Ólafsson: Vorwort IV, NKS 1867 4to, f. 113r12 - 16) Diese Beschreibung hat eine ähnlich normierende Funktion wie die Eingangsrubrik im Codex Upsaliensis bzw. die Beschriftung der Titelseite in AM 738 4to und trägt darüber hinaus den von Magnús eingefügten, eine Stabilität suggerierenden Titel „ Hvad Edda Sie “ (Vorwort IV). Er schreibt, dass die Edda aus zwei Abschnitten bestehe: Dæmisögur und den als ‚ Kenningar ‘ bezeichneten Annar Partur. In NKS 1867 4to und ÍB 299 4to wird weiterhin am Ende des Vorwortes der anschließende Prologus erwähnt. 66 Die Vorstellung von einer Zweiteilung der Prosa-Edda wird - zusätzlich zur auffälligen Bezeichnung Annar Partur - mehrfach verbal, visuell und materiell verstärkt. 67 Zusätzlich fallen die einerseits formal unterschiedlichen Textgattungen der beiden Abschnitte auf und gerade durch die Verwendung der unterschiedlichen Schriftarten visuell deutlich ins Gewicht. Diese drei Handschriften suggerieren in ihrer Präsentation etwas mehr Ehrfurcht in Bezug auf die Textfassung - zentral sind vor allem die Bearbeitungen auf visueller sowie paratextueller Ebene (erweiterter Prolog). Damit unterscheiden sie sich von AM 738 4to, worin die Werkteile regelrecht zerschnitten und selektiert wurden. Weiterhin lohnt sich, über die Umarbeitungen der Dæmisögur von Magnús Ólafsson nachzudenken. Schneeberger hat die Asenkönige in den mittelterlichen Fassungen als Instanzen aktiver Kanonisierung beschrieben: „ The Æsir kings are aware of the power of 65 ‚ Die Abschnitte der Edda sind zwei, Dæmisögur und Kenningar: Diese Dæmisögur werden von diesen Büchern Gylfaginning oder Hárs lygi genannt, wie wenig später zur Sprache gebracht werden soll. Und sie [die Edda] beginnt mit dem Vorwort, das hier folgt. ‘ Vgl. ÍB 299 4to (f. 71r); SÁM 66 (f. 94v). 66 Dies scheint eine spätere, möglicherweise spontane Ergänzung von Ólafur Brynjólfsson bzw. Jakob Sigurðsson zu sein, denn sie fehlt in der Edition und SÁM 66. 67 U. a. in ÍB 299 4to und SÁM 66 durch eine entsprechende Kopfzeilenbeschriftung (Dæmisögur bzw. Kenningar), sowie teilweise den Beginn einer neuen Lage oder das Abbrechen der Paginierung. Die Dæmisögur schließen in NKS 1867 4to nach dem Epilog mit „ Ender fyrra Parts þessarar Bökar “ ( ‚ Ende des ersten Teils dieses Buchs ‘ , NKS 1867 4to, f. 147v31) auf der nächsten Seite beginnt dann der Annar Partur. Zwischen beiden Teilen findet hier zusätzlich noch ein Handwechsel zwischen Ólafur Brynjólfsson und Jakob Sigurðsson statt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 376 6 Rezeption <?page no="377"?> their storytelling and follow up the process of active canon building “ (Schneeberger 2019: 424). Das plötzliche Verschwinden der Asenkönige am Ende ihrer Erzählungen hat Schneeberger dahingehend interpretiert, dass ihre Erzählungen dadurch als fiktiv markiert werden: „ it shows that all memory is just fiction and delusion “ (Schneeberger 2019: 424). In den jüngeren Handschriften wurden die Kürzungen im verbalen Text zwar durch die Illumination zunächst ‚ ausgeglichen ‘ , aber gleichzeitig dieses Lügen verbal und visuell prominent - bereits vor Auftreten der Figuren in den Dæmisögur - hervorgehoben. An die Stelle dieser Autorität tritt nun Snorri, dem die Erzählstimme des größten Teils der Erzählung nun implizit zufällt. Der Grund dafür ist, dass Snorri über die Titelseiten große Präsenz zugestanden wurde und so bereits beim Durchblättern ins Auge fällt. Damit verstärkt sich die klare Unterscheidung zwischen der Verantwortlichkeit von Erzähler und Kompilator: Die Lüge wird Hárr - und so dem intradiegetischen Erzähler der Mythen - angehängt, das entlastet gleichzeitig den auf den Titelseiten verzeichneten Kompilator Snorri Sturluson, dem deshalb keine ‚ Lüge ‘ in Bezug auf vorchristliche Mythen angelastet werden kann. Die Bildseiten re-etablieren also die unterschiedlichen Instanzen und lassen keinen Zweifel erkennen: Die Mythen sind und waren nie ‚ glaub-würdig ‘ (im doppelten Sinne des Wortes). Die Prosa-Edda wird in den Handschriften jedoch mehrfach als bók beworben; dabei steht nicht die Ebene der vorchristlichen Mythen im Zentrum des Interesses, sondern die Prosa-Edda als mythografische, antiquarische und literarische Kompilation. Das wird z. B. in den Bildlagen deutlich, die zwar einerseits das Figurenpersonal und Narrative der Dæmisögur illustrieren, aber diese vor allem auf einer literarischen Ebene reflektieren (u. a. über die Querverweise oder die Reflektion der Rolle Heimdalls in der lateinischen Edda). Das Interesse ist also nicht an eine vorchristliche Mythologie gerichtet, sondern deren literarische Form. Besondere Kreativität entfalteten Ólafur Brynjólfsson und Jakob Sigurðsson beim Kompilieren des jeweiligen erweiterten Prologes. Diese sind aus der Perspektive von Kanonisierung und Individualisierung interessant. Einerseits handelt es sich um eine medial und inhaltlich überaus vielschichtige Zusammenstellung, die in ihrem Umfang in diesen Handschriften singulär ist. Innerhalb dieser werden wiederum unterschiedliche antiquarische Motive - wie die Illumination aus dem Codex Upsaliensis - verstetigt. Auf diese Weise werden Inhalte vereint, die sich letztlich auf zwei als sonst sehr unterschiedlich empfundene mittelalterliche Handschriftenfassungen zurückführen lassen: Die Textfassung vom Codex Wormianus sowie die Illumination vom Codex Upsaliensis - beides lebt in den drei Handschriften nach umfangreichen Bearbeitungen zusammen weiter. Diese Inhalte waren inzwischen vom Status des Archivs durch antiquarisch-humanistische Publikationen in Dänemark und Schweden in ihren neugeschriebenen Formen, und teilweise aus ihrem Kontext herausgelöst in den Kanon verschoben worden. Diese wurden in Island in dezentral produzierte Handschriften zurückgeführt und in diesen zusammengeführt. Die flexible Handhabung betraf vor allem den visuellen Text und die paratextuellen Elemente sowie das Auffüllen von weiteren Kenningar im Annar Partur. Diese Aktivitäten zeugen von aktiver Kanonarbeit an der Prosa-Edda und dem Bemühen um die Verbreitung dieser in bestmöglicher Form in den Diensten des kulturellen Gedächtnisses. An den Dæmisögur-Inhaltsübersichten, den Illuminationen und zusammengetragenen Vorworten ist zu erkennen, dass das Hauptinteresse der drei jüngeren Handschriften den Mythennarrativen galt. Deshalb scheint es im Gegensatz zu AM 738 4to vermutlich Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 377 <?page no="378"?> weniger wichtig gewesen zu sein, ob in diesen Handschriften alle verfügbaren Kenningar und Heiti aufgelistet worden sind, obwohl sich das Prinzip des Akkumulierens einer Materialfülle auf den Annar Partur erstreckt, der z. T. im Vergleich zur Edda Islandorum deutlich mehr Kenningar verzeichnet. Doch scheint vieles schon in einer gemeinsamen Vorlage der Handschriften vorhanden gewesen zu sein und somit vermutlich nicht oder nur im geringeren Umfang Jakob Sigurðssons aktiver Kompilationsarbeit zuzuschreiben zu sein. Das Ansinnen der beiden Hände war, die Werkteile möglichst vollständig bereitzustellen und mit weiteren Materialien zu erschließen, zu kontextualisieren und die Bedeutung der Prosa-Edda für das kulturelle Gedächtnis hervorzuhaben. Dabei werden vor allem Kommentare und Auslegungen als Verfahrensweisen von Kanonisierungsprozessen sichtbar (vgl. Aleida Assmann 2013a: 81). Dass es sich hierbei nicht nur um eine gut erschlossene Lektüre, sondern darüber hinaus auch aufgrund von Interpretatio Romana und exemplarisch eingesetzter lateinischer Fragmente um eine gelehrte Kontextualisierung mit Anschluss an den weiteren europäischen Kulturkanon handelte, wird in NKS 1867 4to und ÍB 299 4to mehrfach deutlich: Es sind mit der lateinischen Übersetzung einer V ǫ luspá-Strophe 68 Spuren der Dreisprachigkeit der Edda Islandorum enthalten, zudem finden sich umfangreiche lateinische Marginalien an den Rändern der Dæmisögur, die vor allem die Pendants in der klassischen Antike im Sinne einer Interpretatio Romana auflisten und zugleich als übersichtliche Lesehilfe in Form von Stichwörtern dienen. Weitere zusätzliche lateinische Textstellen finden sich in der Beischrift zu den Speeren (NKS 1867 4to, f. 111r; ÍB 299 4to, f. 59r), im Gedicht „ Edda hviled under benke “ von Thomas Bartholin d. Ä., welches zusätzlich Strophen auf Dänisch enthält (NKS 1867 4to, f. 100v; ÍB 299 4to, f. 58v) sowie in der ausführlichen Interpretatio Romana in den Illuminationen von ÍB 299 4to. Dass diese Elemente nicht in SÁM 66 enthalten sind, bestätigt die Beobachtungen zum intendierten Zielpublikum (bzw. Auftraggeber: innen): Bauern ohne formale Schulbildung mit einem geringeren Interesse an einem ausführlichen gelehrten Kontext. Diese soziale Perspektive auf das Zielpublikum bringt eine weitere Erkenntnis mit sich: Die Prosa-Edda drang in der Frühen Neuzeit aus einem gelehrten Diskurs in die allgemeine Bevölkerung vor und ging so in das kulturelle Gedächtnis Islands ein. 6.1.5 Zusammenfassung Die Mechanismen von Kanonisierungsprozessen und kulturellem Gedächtnis sind in den untersuchten Handschriften unverkennbar sichtbar und verdeutlichen das Interesse an der Prosa-Edda in der Frühen Neuzeit. Hier wurde das Masternarrativ der Überlieferung etabliert, welches bis heute verbreitet ist: Die Prosa-Edda sei ein im Hochmittelalter von einem bedeutenden Isländer zusammengetragenes Buch, das auf der (literarischen) Kultur der Vorfahren basierte. Was jedoch heute für gewöhnlich aus diesem Narrativ ausgeblendet wird und nur vereinzelt - z. B. über die Reproduktionen der Illuminationen - Wertschätzung erfährt, ist die kreative Blüte der frühneuzeitlichen Handschriftenproduktion. Diese präsentiert die Prosa-Edda in anderer Auswahl und Form als die später auf eine verbale Textfassung reduzierten Editionen, die heute üblicherweise gelesen werden. 68 V ǫ luspá (Str. 52) in Ds. IV (NKS 1867 4to, f. 118v; ÍB 299 4to, f. 76v.). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 378 6 Rezeption <?page no="379"?> AM 738 4to interessiert sich vermehrt für die altnordische Dichtung, während die hochmittelalterliche ‚ Snorri ‘ zugeschriebene Schicht in den drei jüngeren Handschriften die relevante Ebene darstellt. Gänzlich unbekannt war sicherlich lange, welchen Einfluss die frühneuzeitliche Überlieferung auf ganz grundlegende Setzungen hatte, die in der mittelalterlichen Überlieferung noch nicht mit derselben Prominenz hervortraten, später aber selbst zum Mythos wurden - allen voran die ‚ Snorra-Edda ‘ . Die Kanonisierung der Prosa-Edda als kultureller Schlüsseltext der (altnordischen) Literatur wirkt bis heute nach. Ein Grund liegt in den frühneuzeitlichen paratextuellen Elementen, die nicht nur Kontext, Inhalt und Aufbau, sondern auch die Relevanz des Werkes diskutieren und allen voran Snorri Sturluson zum Status eines nationalen Kulturheros verhalfen. Außerdem wurde herausgearbeitet, dass in den frühneuzeitlichen Fassungen einige der heute als elementar geltenden Textbestandteile - wie das Rahmennarrativ, eddische und skaldische Dichtung, Háttatal - deutlich reduziert bzw. ganz getilgt waren. Diese verschwanden also mit den mittelalterlichen Handschriften vorübergehend im Archiv und waren nur Spezialist: innen zugänglich - und Interesse für das Háttatal ist bis heute vermutlich vor allem Spezialist: innen zuzurechnen. Die umfangreichen zusätzlichen Inhalte wie die Illuminationen und Dichtung in AM 738 4to oder die zusätzlichen Vorworte in den drei jüngeren Handschriften zeugen von kontinuierlichen Bearbeitungs- und Auslegungsprozessen, die zum großen Teilvon literarisch interessierten Personen ohne formale Schulbesuch ausgeführt wurden und in Form der Handschriften mit den Lesenden geteilt wurden. Die Prosa-Edda ist als abstrakte Größe erstaunlich zeitresistent, in Bezug auf ihre konkrete Form jedoch gerade in den Papierhandschriften besonders vielfältig. Dabei wird das Ausmaß der Neuschreibeprozesse vor allem dort deutlich, wo die Diskurse zur Vorzeit ganz offensichtlich zeitgenössischer Kreativität entspringen - so wie bei dem diskutierten Óðinn-Kultbild - und belegen, dass das Interesse an einer vielseitigen und beleghaften Kultur der Vorzeit weit über die Prosa-Edda hinausging. Schreiben und Sammeln der Handschriften waren parallele Prozesse. So war die älteste der hier untersuchten Handschriften, AM 738 4to, bereits wenige Jahre nach ihrem Entstehen nach Kopenhagen in die Handschriftensammlung Árni Magnússons gelangt, lange bevor die drei jüngeren geschrieben wurden. Auch die zweitälteste, NKS 1867 4to, war nur wenige Jahre in Privatbesitz bis sie in Kopenhagen zunächst in Suhms und dann die königliche Buchsammlung einging. Beide Handschriften wurden also kurz nach ihrem Entstehen selbst in antiquarische Archive eingestellt, entfalteten dort aber durch die Arbeit an Editionen zur eddischen Dichtung sogar eine gewisse kanonisierende Wirkung (AM 738 4to; NKS 1867 4to). Deutlich später folgte dann ÍB 299 4to und zuletzt schließlich SÁM 66 in die Archive. Diese Schicht der Sammlungen legt sich als eine weitere über die in diesem Kapitel analysierten und zeigt, wie die Handschriften schließlich selbst als Artefakte in das kulturelle Gedächtnis eingingen. Drei der Handschriften befinden (bzw. befanden) sich in Ausstellungen (NKS 1867 4to; ÍB 299 4to; SÁM 66) und zwei wurden für die digitale Plattform Handritahirslan für besonders hochwertige Digitalisate ausgewählt (AM 738 4to; SÁM 66). Kurzum: Das aktive Neueinschreiben dieser Handschriften in das kulturelle Gedächtnis und die damit verbundenen Kanonisierungsprozesse dauern weiter an. Eine weitere Ebene betrifft die Tatsache, dass die beiden arnamagnäanischen Handschriftensammlungen, die sowohl AM 738 4to und SÁM 66 bewahren, im Jahr 2009 von der UNESCO als Weltdokumentenerbe in das Verzeichnis „ Memory of the World “ auf- Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.1 Die Prosa-Edda und das kulturelle Gedächtnis 379 <?page no="380"?> genommen wurden und somit als institutionalisiertes Archiv für das globale kulturelle Gedächtnis anerkannt wurden (vgl. UNESCO Memory of the World 2017). Dass die Illuminationen tatsächlich im kulturellen Gedächtnis angekommen sind, bezeugen Reproduktionen auf Wikimedia Commons mit der Einbettung in die zugehörigen Wikipedia- Artikel (meist in Bezug auf die dargestellten Motive), Reproduktionen auf Tafeln einer Buchhandlung am internationalen Flughafen Keflavík (Abb. 127) oder die Weiterverwertungen als Illustrationsmaterial auf Forschungspublikationen (z. B. auf Ármann Jakobs- Abb. 127: Wanddekoration mit Fotos aus isländischen Handschriften in einer Buchhandlung am internationalen Flughafen von Keflavík, darunter vier Bildseiten aus SÁM 66 (oben links und mittig). Foto: Friederike Richter, 22.11.2015. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 380 6 Rezeption <?page no="381"?> son/ Sverrir Jakobsson 2017) oder auf Postkarten und Postern (vgl. Margrét Eggertsdóttir 2014a: 113). 6.2 Historisierung der Prosa-Edda Viele Werke altnordischer Literatur interessieren sich für die Vergangenheit, in dem sie zurückliegende, historisch-mythische und fiktionale Ereignisse erzählen. Zwei der wichtigsten historisierenden Mittel sind die umfangreich eingesetzten Genealogien sowie das Einfügen von skaldischer Dichtung als „ voices of the past “ (Meulengracht Sørensen 2001). 69 Die mittelalterlichen Fassungen der Prosa-Edda rezipieren ebenfalls umfangreich ältere Dichtung in Form von Skaldik und Edda-Liedern sowie ältere Mythennarrative in Prosa 70 und wurden deshalb als Beispiele einer ‚ norrönen Renaissance ‘ gehandelt. 71 Diese (durchaus debattierte) Epochenbezeichnung bezieht sich auf die Rezeption vorchristlicher Literatur, Geschichte und Kultur in der vor allem auf Island überlieferten altnordischen Literatur aus dem Zeitraum von 1150 - 1300. Das Konzept einer Renaissance setzt dabei voraus, dass es einen entscheidenden Bruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart gegeben hat, zwischen die sich eine Phase des Vergessens kultureller Traditionen einfügt (Johansson 2007b: 8). Das Interesse für die Vergangenheit ist dabei nicht reiner Selbstzweck, sondern zielt auf eine Verbesserung der gegenwärtigen Lage ab, weshalb dafür eine vorbildhafte Vorzeit konstruiert wird: Viktig i den opphavlege definisjonen av renessanse var altså interesse for ein periode i fortida, at ein søkte ideal for kunsten i denne perioden i fortida, og at kunsten i den perioden som vart definert som renessanse, representerte eit klart brot med kunst og åndsliv i den føregåande perioden. 72 (Mundal 2007: 25, Hervorhebungen von Mundal) Die Beschäftigung mit vergangenen, alten Zeiten wurde namensgebend für den Antiquarianismus und ebenso Thema im isländischen Lærdómsöld. Auch in den vier untersuchten Papierhandschriften werden Konzeptionen der Vergangenheit aus der Perspektive des 17./ 18. Jh. verhandelt. Die dabei entworfenen Zeitalter sind wichtiges Thema in den umverteilten und erweiterten Prologen und beziehen sich auf verschiedene Ebenen der Prosa-Edda. Darin wird deutlich, dass diese die Prosa-Edda als historische Literatur rezipieren. Die entworfenen Vergangenheiten sind von Brüchen und 69 Dies ist in zahlreichen Forschungsbeiträgen immer wieder thematisiert worden, vgl. u. a. Úlfar Bragason (2007) und Whaley (2000). 70 Die Mythennarrative werden im Prologus sowie durch den narrativen Rahmen der Gylfaginning als Erzählungen vergangener Ereignisse inszeniert, dabei werden mehrere distanzierende Ebenen zwischen Mythenerzählung, Dichtung und Prosanarrativ geschoben. 71 Vgl. Mundal (2007: 29, 32). Eine solche ‚ norrönen Renaissance ‘ wurde im Kontext zeitgleicher europäischer Ausprägungen im zugehörigen Sammelband kritisch hinterfragt (Johansson 2007a). Ein wichtiges Gegenargument gegen die ‚ norröne Renaissance ‘ im Sinne einer ‚ Wiedergeburt ‘ war, dass diese älteste Phase der schriftlich überlieferten Literatur auf Island vielmehr als literarische Strömung zu verstehen sei, die eine bestehende literarische Tradition fortführte (Hermann 2007: 41 - 44) und sogar deren Blüte darstellte (Mundal 2007: 33). 72 ‚ Wichtig für die ursprüngliche Definition von Renaissance war also das Interesse für eine Periode der Vergangenheit, dass in dieser Periode der Vergangenheit ein Ideal für die Kunst gesucht wurde, und dass die Kunst der Zeit, die als Renaissance definiert wurde, einen klaren Bruch mit der Kunst und dem Geist der vorhergehenden Periode repräsentierte. ‘ Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.2 Historisierung der Prosa-Edda 381 <?page no="382"?> Überlagerungen geprägt; sie verfolgen kein in sich geschlossenes Konzept von Geschichte, das auf lückenloser linearer Logik aufbaut. 73 Die einzelnen Zeitalter werden nicht scharf abgegrenzt, sondern vor allem diskursiv durch unterschiedliche Charakteristika und deren Beurteilung etabliert; auch treten die einzelnen Epochen nicht in allen vier Handschriften gleichermaßen auf. Diese einzelnen Zeitalter sind teilweise durch konkrete Jahre und Ereignisse definiert und lassen sich in eine relative chronologische Abfolge bringen, wie im Folgenden deutlich wird. Die nachfolgende Analyse gewährt einen Einblick in ein Geschichtsverständnis, dass das zeitgenössische Interesse an der Prosa-Edda darlegt. Zyklische Zeitkonzepte mit Aufstieg und Niedergang der Kultur sind bereits im Prologus angelegt, hier vor allem auf den Glauben an (den christlichen) Gott bezogen, und werden in den Dæmisögur weitergeführt. Die nachfolgenden Betrachtungen beginnen mit einer Definition zum Konzept ‚ Zeitalter ‘ und werden sich danach auf die drei Zeitalter konzentrieren, die besonders deutlich in den verteilten und erweiterten Prologen in Erscheinung treten: Eine heidnische Vorzeit, in der die Menschen Götzen verehrten und vom Wege abkamen, danach folgte eine kulturelle Blüte (ein ‚ Goldenes Zeitalter ‘ ), die - je nach Handschrift - entweder von Heroismus und Wohlstand oder Gelehrsamkeit geprägt war. Danach folgt ein kultureller Niedergang, der bereits der zeitgenössischen Gegenwart zuzuordnen ist. Diese Zeitalter werden v. a. in den nachfolgend aufgelisteten Inhalten diskursiv entworfen und beziehen sich auf unterschiedliche Ebenen der Prosa-Edda: 1. Vorchristliche Vorzeit: Die Illumination eines heidnischen Kultbildes von Óðinn (NKS 1867 4to; SÁM 66) sowie Ausführungen zur Idolatrie in Vorwort II (NKS 1867 4to; ÍB 299 4to; SÁM 66). 2. Goldenes Zeitalter: Dieses wird in Hallgrímur Péturssons Gedicht Aldarháttur (AM 738 4to) sowie in Vorwort III (NKS 1867 4to; ÍB 299 4to; SÁM 66) konstruiert. Weiterhin wird u. a. aus der Ættartala Óðins deutlich, wann die Unterscheidung zwischen dieser Vergangenheit und Gegenwart angesiedelt wird (NKS 1867 4to; ÍB 299 4to; SÁM 66). 3. Niedergang in der Gegenwart: Diese wird ebenfalls in Hallgrímur Péturssons Gedicht Aldarháttur (AM 738 4to) sowie in Vorwort III (NKS 1867 4to; ÍB 299 4to; SÁM 66) thematisiert, die eine harsche Gegenwartskritik dem verherrlichten Goldenen Zeitalter entgegensetzen. 74 Dieses Kapitel führt die Betrachtungen zu zuvor analysierten Kanonisierungsprozessen auf einer übergeordneten Ebene fort und thematisiert wie die Prosa-Edda in einem aufkommenden isländischen Nationalismus funktionalisiert wurde. 73 Ein solches Narrativ war Hastrup (1992) zufolge zu diesem Zeitpunkt noch nicht üblich. Deshalb ist davon auszugehen, dass die Widersprüche nicht als störend aufgefasst wurden bzw. gerade deshalb ein Lesen dieser Inhalte mit- und gegeneinander erwünscht war. 74 Dies ist deshalb interessant, wenn das Vorwort III tatsächlich von Stefán Ólafsson verfasst sein sollte. Dieses würde mit Hallgrímur Péturssons Aldarháttur die Stimmen zweier der wichtigsten Dichter des 17. Jh. gegenüberstellen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 382 6 Rezeption <?page no="383"?> 6.2.1 Zeitalterkonzepte und die klassische Mythologie In allen vier Handschriften werden verschiedene Zeitalter thematisiert, die mit der Prosa- Edda auf unterschiedlichen Ebenen verbunden stehen und diese historisieren; sie verdeutlichen auch, warum sich die Prosa-Edda in der Frühen Neuzeit großer Beliebtheit erfreute. Die Epochen werden in den Handschriften vor allem in den Prologen einzeln adressiert und unterschiedlich bewertet und auf diese Weise voneinander abgrenzt. Die Prämisse bei der Bestimmung war, dass sich Epochen vor allem durch grundlegende Paradigmenwechsel in u. a. Weltauffassung und Lebensweise auszeichnen: A number of intersecting phenomena are usually imagined to support this most fundamental of epistemic or epochal shifts between the preand early modern in Western culture, which include the political, textual, linguistic, and religious. (Jones 2016: 89). Jones beschreibt hier die Phänomene, die den Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit in England kennzeichnen, doch lässt sich diese Definition ebenso auf die nachfolgend herausgearbeiteten Zeitalter übertragen. Die Veränderungen, die den Übergang zu einer neuen Epoche bestimmen beziehen sich Jones zufolge auf diese vier Bereiche: Politik, Literatur, Sprache und Religion. Das Konzept eines ‚ Goldenen Zeitalters ‘ als einer idealisierten Vorzeit, einer utopia antiqua (Teichert 2013: 136), ist bereits aus der Antike bekannt, und wird je nach Autor u. a. von einem Silbernen und Eisernen Zeitalter abgegrenzt. Bereits in den mittelalterlichen Fassungen der Gylfaginning der Prosa-Edda fand ein Goldenes Zeitalter Erwähnung, Teichert zufolge seien hier die antiken Konzepte zu einem „ synthetisierte [n] ‚ silbergoldene[n] ‘ Zeitalter “ (Teichert 2013: 141) bewusst verschmolzen worden. 75 Das entsprechende Kapitel findet sich auch in den drei jüngeren Handschriften als „ XII. Dæmesaga Hvad Allfader hafdest ad er giórdur var Äsgardur / : Troia: / “ ( ‚ XII. Dæmisaga: Was Allvater unternahm als Ásgarðr (Troja) erbaut war ‘ , NKS 1867 4to f. 121v4 - 5, vgl. ÍB 299 4to, f. 79r; SÁM 66, f. 105r). Im Unterschied zu den später in Vorwort II hinzugefügten Ausführungen, sei dies gerade durch die üppige Verwendung von Gold als Material - für Bauwerke, Hausrat und Reitutensilien - charakterisiert. Die Bezeichnung als „ Gullaldur “ ( ‚ Goldenes Zeitalter ‘ , NKS 1867 4to, f. 121v18 - 19) erscheint somit sehr nachvollziehbar. 76 Der Begriff ist in den mittelalterlichen Fassungen ein Hapax Legomenon, den Teichert (2013: 132) deshalb als Ausdruck eines von Alterität gezeichneten Konzeptes liest. 77 Die Bezeichnung gullöld fiel in Bezug auf die isländische Geschichte erst später, nämlich 1846 im Zusammenhang mit der Wiederherstellung des isländischen Alþingi (Middel 2018: 131). Abgegrenzte Zeitalterkonzepte treten bereits bei Autoren der klassischen Antike auf - die jeweiligen Ausgestaltungen fallen jedoch unterschiedlich aus. Auf diese antiken Konzepte lassen sich die drei Zeitalter zurückführen, die in den drei jüngeren Handschriften in Vorwort II beschrieben werden (NKS 1867 4to, f. 102r - 108v; ÍB 299 4to, 75 Dabei würden Zeitalterkonzeptionen von Vergil und Ovid vermengt (Teichert 2013: 140). 76 Teichert (2013: 131 - 132) wertet die Darstellung als eine ‚ Goldene Urzeit ‘ , die als erstes metallenes Zeitalter nach einer Art ‚ Steinzeit ‘ folge. Eine interessante, aber nicht ganz unproblematische Aussage der Prosa-Edda ist hier jedoch, dass das Goldene Zeitalter angeblich durch die Ankunft von Frauen aus den J ǫ tunheimar (also Riesinnen) beendet worden sein soll, vgl. ausführlich Teichert (2013). 77 Vgl. den Eintrag im ONP (Den Arnamagnæanske Kommission 2005-), s. v. gullaldr, der ebenfalls nur diese Zitation verzeichnet. Teichert (2013: 135) führt weiterhin Überlegungen zum zweiten Glied - aldr (und nicht -ǫ ld) des Kompositums gullaldr aus, die er als Übersetzung von Ovids aetas aurea einordnet. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.2 Historisierung der Prosa-Edda 383 <?page no="384"?> f. 64v - 69v; SÁM 66, f. 83r - 92v). 78 Dieses Vorwort beschreibt drei klassische Zeitalter (Goldenes, Silbernes und Eisernes), ordnet einem jeden eine Göttergenerationen zu (Saturn, Jupiter, Vulkan) und bewertet sie kongruent zur kontinuierlichen abfallenden Wertehierarchie der Metalle. Die Zeitalter werden dadurch in eine lineare Abfolge gebracht und schärfen das Bewusstsein für die Vorstellung von aufeinanderfolgenden Epochen der in den anderen Inhalten beschriebenen Vergangenheit und ihre unterschiedlichen Charakteristika. Das Narrativ beginnt jedoch zunächst mit einem namenlosen Urzeitalter im Land Hesperia (Ausonia), in dem die Einwohner vom Sammeln von Obst und Eicheln 79 gelebt und in Erdlöchern gehaust hätten. Darauf sei das ‚ Goldene Zeitalter ‘ (Aurea Secula 80 ) gefolgt, welches im Latium lokalisiert und in der Zeit Saturns (Nj ǫ rðr) verortet wird, der den Menschen Acker-, Wein- und Städtebau brachte. Es sei als das beste Zeitalter bewertet worden: 81 Þad og minnandest, ad ä dógumm Saturni kólludust Aurea Secula, þad er Gillene allder, þvi þä var fridur og samþycki, enn ecki stryd og stirióld manna mille, Rietv ij si, enn ecki prettv ij se, þvi hvorke var ⸠ sm ij dad ⸡ komed sverdsm ij de nie Gulls, og silfurs sundurþickelegar brükaner. 82 (Vorwort II, NKS 1867 4to, f. 104r9 - 13) Dieses Zeitalter entspricht einem Idealzustand, der von einem friedlichen Miteinander und guter Moral, zunehmenden Ackerbau und ausreichend Verpflegung gekennzeichnet ist, es wird mit dem Wohlergehen der Menschen in Verbindung gebracht. Als nächstes folgt das ‚ Silberne Zeitalter ‘ (Secula Argentea), das mit Jupiter in Kreta und Griechenland sowie Gold- und Silbergewinnung assoziiert wird. Das dritte ist das ‚ Eiserne Zeitalter ‘ (Ferrea Secula). In diesem schmiedete Vulkan auf Lemnos Kriegsausrüstung für Jupiter, Minerva und Mars. Es gilt als Zeitalter des Krieges, das durch sinnloses Töten, Notlagen und Zwietracht (ausgelöst durch die Gier nach Gold, Silber und Edelsteinen) sowie Idolatrie gekennzeichnet sei. Bemerkenswert ist, dass diese negativen Charakteristika mit den eddischen Mythen assoziiert werden: „ sem i Eddu er opt geted “ ( ‚ wie in der Edda oft erwähnt wird ‘ , NKS 1867 4to, f. 105v17). Es scheinen hier also die Konzepte klassischer Autoren, u. a. von Ovid (Metamorphosen) und Vergil, eingeflossen und umgeformt worden zu sein. 83 78 Des Weiteren führt Björn á Skarðsá in der Útlegging yfir V ǫ luspá (Kap. 13 - 15) die Konzepte von Zeitaltern ein (NKS 1867 4to, f. 68r - 71v; ÍB 299 4to, f. 39v - 41v). 79 Eicheln kommen bei einigen klassischen Autoren ebenfalls vor, u. a. Tibull. Diese Ernährung, die keines (anstrengenden) Ackerbaus bedarf, wurde evtl. als besonders paradiesisch empfunden, jedoch erscheint in Vorwort II das darauffolgende Goldene Zeitalter mit Wein- und Ackerbau, das deutlich positiver bewertet wird. 80 Die oft verwendete lateinische Bezeichnung ist aurea aetas ( ‚ Goldenes Lebensalter ‘ , ‚ Goldenes Zeitalter ‘ ). Das Vorwort II verwendet jedoch die lateinische Bezeichnung secula ( ‚ Generationen ‘ , ‚ Jahrhunderte ‘ , ‚ Regierungszeiten ‘ oder ‚ Zeitalter ‘ ). 81 Die Assoziation des Goldenen Zeitalters mit Kronos bzw. Saturn ist bei den antiken Autoren nicht unüblich und erfolgt u. a. bei Platon, Hesiod, Vergil (Aeneis) und Ovid (Metamorphosen). Ovid bringt das Silberne Zeitalter ebenfalls wie Vorwort II mit Jupiter in Verbindung. 82 ‚ Auch wird sich erinnert, dass Saturns Tage Aurea Secula - das ist: Goldenes Zeitalter - hießen, weil es damals Frieden und Einverständnis gab, aber keinen Kampf oder Krieg zwischen den Menschen, Gerechtigkeit, aber keinen Betrug, weil es weder Schwertschmieden noch die Zwietracht säende Verwendung von Gold und Silber gab. ‘ Vgl. ÍB 299 4to (f. 66r); SÁM 66 (f. 85v). 83 Das Goldene Zeitalter in Vorwort II ähnelt somit dem, was Vergil in der Aeneis beschreibt, sowie Ovids Konzeption eines Silbernen Zeitalters in den Metamorphosen. Außerdem zeichnet sich Ovids Eisernes Zeitalter ebenfalls durch Betrug, Gewalt und Gier aus (vgl. Teichert 2013: 137, 140). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 384 6 Rezeption <?page no="385"?> Für die Konzeption eines Goldenen Zeitalters mag es zunächst als Widerspruch erscheinen, dass gerade kein Gold vorhanden war und sogar dessen Abwesenheit der Grund für den Frieden war, da dadurch keine Streitigkeiten aufkamen. Die Bezeichnung ist somit als metaphorische Zuschreibung der positiven Eigenschaften des Edelmetalls zu verstehen. 84 Weiterhin wird diese Epoche wie bei Ovid als Zeitalter des Friedens, Aussöhnung und üppiger Nahrungsquellen aufgefasst - und damit sicherlich als etwas, was nicht nur in Bezug auf die frühneuzeitlichen Lebensbedingungen in Island, 85 sondern auch allgemein als Idealzustand gilt. Im weiteren Verlauf wird die Verwendung des Begriffes ‚ Goldenes Zeitalter ‘ vor allem auf der metaphorischen Übertragung dieses Konzepts als utopia antiqua (Evans 2007) fußen. Im Humanismus bezog sich diese auf eine idealisierte Vergangenheit, die von kultureller Blüte und Prosperität geprägt war und von einem zyklischen Verständnis von nachfolgendem Niedergang und der Möglichkeit der Rückkehr zu einer solchen Blüte - einer Renaissance - begleitet wurde. Es folgt nun eine Darstellung der Zeitalter, wie sie von den Handschriften konstruiert werden. 6.2.1.1 Auf Irrwegen: Die heidnische Vorzeit Ein vorchristliches Zeitalter, in dem eddische (und klassische) Gottheiten verehrt wurden, ist im erweiterten Prolog der drei jüngeren hier untersuchten Handschriften (NKS 1867 4to; ÍB 299 4to; SÁM 66) konkretisiert worden. Mit der Konzeption vorchristlicher Religionen sind häufig Erwähnungen von Idolatrie als zentrales Merkmal einer zugehörigen Religionspraxis verbunden. Der Ausarbeitung eines solchen Zeitalters wurde in den vier Prosa-Edda-Handschriften durch mehrere Umstände der Weg geebnet: Die Reformation einige Jahrhunderte zuvor führte neue Diskurse zum Verhältnis von Bildlichkeit und Religionspraxis mit sich, wobei in Island Heiligenbilder nicht sofort zerstört oder entfernt wurden und in den Kirchen oftmals noch lange weiter präsent blieben. 86 Gleichzeitig hatten die Bestrebungen des Antiquarianismus schon längst Fahrt aufgenommen: Das Interesse für ein Altertum kam u. a. in Publikationen zum Ausdruck und den Artefakten wie z. B. Runensteinen wurde neue Relevanz in der Auseinandersetzung mit der eigenen Identität zugeschrieben. Aus isländischer Perspektive war eine Auseinandersetzung mit der heidnischen Vorzeit und der zugehörigen Religionspraxis auf verschiedenen Ebenen 84 Zu der Ambivalenz des Motives ‚ Gold ‘ zwischen Kostbarkeit und als Katalysator für Gewalt vgl. Teichert (2013: 147). 85 Als Sehnsuchtsort ist diese Epoche sicherlich auch deshalb aufzufassen, weil aus zeitgenössischer isländischer Perspektive das Machtgefüge der Fremdherrschaft nicht als Ausdruck von Selbstbestimmtheit und Aussöhnung empfunden werden konnte. 86 Zum Erhalt der Heiligenbilder (in Form von u. a. Skulpturen und Bildteppichen) in Island über die Reformation hinaus vgl. Cormack (2017), Gunnar Kristjánsson (2017), Agnes S. Arnórsdóttir (2013: 389) und Kristján Eldjárn (1976). In der Handschrift Lbs 268 fol. (f. 181r ‒ 200r, 1700 ‒ 1880) sind Verzeichnisse und Bildseiten angefertigt worden, die die Ausstattung mit Bildwerken in mehreren isländischen Kirchen von u. a. Vatnsfjörður und Seyðisfjörður aus der Zeit um 1700 zeigen. Diese Bildseiten zeigen u. a. Darstellungen von Bischöfen und dem Hl. Óláfr (allerdings alle ohne Nimbus und somit nicht als Heilige). Es wird ein vergoldetes Marienbildnis aufgelistet (f. 189v). Diese Lage wurde später mit dem Begriff „ Fornleifar “ ( ‚ alte Gedenkbilder ‘ , f. 179r) überschrieben. Die Verzeichnisse erstellten Árni Magnússon und sein Schreiber Magnús Einarsson (1688 - 1752). Als Illuminationshand wurden zwei Personen diskutiert: Magnús Einarsson und Hjalti Þorsteinsson (also dieselbe Person, die AM 426 fol., Lbs 1040 fol. und Njáll in Lbs 3505 4to illuminiert haben könnte und ebenfalls für AM 738 4to vorgeschlagen wurde), vgl. den Katalogeintrag auf handrit.is sowie Kristján Eldjárn (1976: 152). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.2 Historisierung der Prosa-Edda 385 <?page no="386"?> in der altnordischen Literatur enthalten. 87 Die Prosa-Edda betreffend standen jedoch die mythografische und dichterische Ebene und weniger eine Beschreibung einer zugehörigen vorchristlichen Religionspraxis im Vordergrund. Am deutlichsten ist die knappe Erwähnung im sog. Epilog, der sich an die christlichen Leser: innen der jeweiligen Handschriften richtet und davor warnt, nicht an die eddischen Götter zu glauben: „ enn æigi ſ kulu kri ſ tner menn trua a heiðín guð “ ( ‚ aber christliche Menschen sollen nicht an die heidnischen Götter glauben ‘ , AM 242 fol., f. 22v2). 88 Es erschien also im 14. Jh. durchaus noch erwähnenswert, die Lesenden - wenn auch aller Wahrscheinlichkeit nach nur pro forma - darauf hinzuweisen. Darin wird, wie im Prologus, ein Bewusstsein für andere Religionen sichtbar gemacht, wobei dieser Bemerkung zugleich eine historisierende Strategie innewohnt, da diese als vorchristliche, überwundene Vergangenheit erscheint. 6.2.1.2 Vorchristliche Religionspraxis in AM 738 4to In AM 738 4to finden sich einzelne Hinweise auf ein heidnisches Zeitalter, allerdings ergeben sie ein weniger kohärentes Bild als die nachfolgend analysierten Darstellungen der drei jüngeren Handschriften. Darin erscheinen einige vorchristliche Perspektiven in der Dichtung der Handschrift. Diese sind jeweils (isländischen) Skald: innen zugeschrieben, die darin nicht nur in Form von literarisch-sprachlicher Referenzen (z. B. Kenningar) auf die eddischen Gött: innen verweisen, sondern ferner auch Praktiken einer vorchristlichen Religion in Bezug auf diese erwähnen und so das Thema in Island verorten. So erwähnt z. B. Egill Skalla-Grímson in Sonatorrek (Str. 23) ein Opfer an Óðinn (AM 738 4to, f. 14r). Vorchristliche Religionspraktiken werden in Bezug auf die eddischen Gottheiten in dieser Handschrift jedoch nicht aus einer frühneuzeitlichen Perspektive beschrieben oder bewertet, sondern erscheinen nur im Kontext einer allgemeinen, nicht differenzierten Vergangenheitskonstruktion aus der Perspektive der mittelalterlichen Skaldik. Auch bleibt eine historisierende Strategie in der Gestaltung der Æsir in den Illuminationen dieser Handschrift aus, weder ihre zeitgenössische Bekleidung noch die Beischriften legen nahe, dass es sich hierbei um Darstellungen von Kultbildern älterer Zeitalter handeln könnte. Die in AM 738 4to Idolatrie zugeordneten Gött: innen sind vor allem die der klassischrömischen Antike. Deren Verzeichnis (f. 42r) erscheint den Bildseiten nebengeordnet und hat eine vergleichbare Funktion wie das Vorwort II in den anderen drei Handschriften. 89 Darin werden z. B. die römischen Hausgötter, die Laren und Penaten, als Kultbilder für den Hausgebrauch angeführt 90 sowie beschrieben, dass heidnische Krieger den Namen vom Kriegsgott Mars in ihren Helm eingraviert hätten. 91 Diese Liste stellt vor allem eine 87 Vgl. z. B. Eyrbyggja saga, Grænlendinga saga und V ǫ lsa þáttr sowie Kap. 5.4.1. Zur Darstellung heidnischer Kultbilder in altnordischer Literatur und deren Zerstörung vgl. Wellendorf (2017). 88 Johansson (2016: pag. 44). Der abweichende Epilog der frühneuzeitlichen Fassungen wird weiter unten diskutiert. 89 „ Hier skrifast nøfn heidyngianna affguda. “ ( ‚ Hier stehen die Namen heidnischer Abgötter geschrieben ‘ , AM 738 4to, f. 42r1-2). 90 „ Lares, pennates skurgöd skynande i s ij numm husumm “ ( ‚ Lares, Pennates: Leuchtende Kultbilder in ihren Häusern ‘ , AM 738 4to, f. 42r16 ‒ 17). 91 „ Mars str ij dz gudinn hanz nöffn baru he ij dner kappur rifft i hialmi “ ( ‚ Mars, Kriegsgott. Seinen Namen trugen heidnische Kämpfer in den Helm geritzt ‘ , AM 738 4to, f. 42r6-7). Diese Praxis ähnelt den Ausführungen zu Týr in ÍB 299 4to (s. o., Kap. 5.5.2.2). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 386 6 Rezeption <?page no="387"?> unspezifische Übersicht über die klassischen Gottheiten (bzw. ‚ Abgötter ‘ ) dar, die eine allgemeine Vorstellung von Altertum präsentiert und nur durch die Interpretatio Romana und Kompilation der Handschrift mit den eddischen Gottheiten in Resonanz tritt. Die Liste gibt somit eher eine gelehrte Perspektive auf ein kontinentaleuropäisch verortetes Zeitalter vorchristlicher Religion wieder. Es fehlen jedoch explizite Metatexte, die diese Religion aus frühneuzeitlicher Perspektive einer älteren Zeitepoche explizit zuordnen oder bewerten. 6.2.1.3 Weit verbreitete Idolatrie in den drei jüngeren Handschriften Mehrfach finden sich Ausführungen zur Idolatrie in den drei jüngeren Handschriften, die im Prologus und Vorwort II verbal geschildet werden und in zwei Handschriften besonders eindrücklich visuell verankert werden, indem sie die Bildseite eines (fiktiven) Óðinn- Kultbildes einbinden (NKS 1867 4to, f. 94r; SÁM 66, f. 77r). 92 Weil diese Illuminationen bereits zuvor ausführlich analysiert wurden (s. o., Kap. 6.1.1.4), seien hier nur noch einige weiterführende Gedanken geäußert, die sich auf die Konzeption eines vorchristlichen Zeitalters und dessen Bewertung beziehen. Die Beischrift besagt, dass das in der Illumination dargestellte Kultbild von den Menschen in vergangenen Zeiten verehrt worden sein soll. Diese Menschen werden von der Beischrift jedoch kritisiert: Sowohl durch das Attribut kargur ( ‚ starrsinnig ‘ ) als auch durch den Hinweis, dass dies zu einer Zeit geschah, als sie auf falschen Pfaden irrten. Durch die Verwendung der Pluralform þjóðir ( ‚ Völker ‘ ) wird außerdem deutlich gemacht, dass Idolatrie ein weit verbreitetes, völkerübergreifendes Phänomen der Menschheit gewesen und somit nicht (nur) in einer isländischen Vergangenheit zu suchen sei. Dass die Wahl in der visuellen Darstellung auf Óðinn fiel, ist sicherlich damit zu begründen, dass dieser als oberster der Æsir in der Prosa- Edda bezeichnet wird und somit sein Kultbild besonders verwerflich gegolten haben muss. In Vorwort II, das in allen drei jüngeren Handschriften enthalten ist, wird beschrieben, dass es unmöglich sei, Göttlichkeit bildlich darzustellen. Eingebettet in eine umfangreiche Übersicht zur klassischen Mythologie äußert das entsprechende Unterkapitel „ Notatio de Idolomania “ ( ‚ Anmerkung zur Idolomanie ‘ , NKS 1867 4to, f. 107r), allgemeine Überlegungen zur Idolatrie: 93 Vocabulum εἱσoλολατρεia , 94 proprie cultum Simulacrorum, vel Imaginum Significat, ab εἱδoλοr , qvæ vox Simulachrum, Imaginem vel Spectrum, aut aliam Speciem oculis obversantem, at statim evanescentem denotat, â verbo εiδoμαi appareo. et â λατρεiα , qvod â λα valde, at τρεir , tremere derivant, qvasi timida adoratio Imaginum þetta er almenelega kallad ä vora Norrænu skürgoda D ij rkun, eda þö riettara adkveded skurdgod (id est Sculptile) þviad minder afgudanna hafa vered ütskornar ä trie, mälm edur steina: hvar af og eirnenn heita Lykneskit, â Ligno, þad er Trie, og isk edur esk Hebræo, madur; so sem Triemann, þvi ecki hafa þeir einsamallt skürgoded Dyrkad, heldur þann sem þad var eptersmydad. Lykt sem mindenn i speiglenumm, hefur sinn mindugleik, af þeim i Glered lytur, so kunna ad uppmälast l ij kamlegar skepnur, og skapader hluter, enn ecki 92 Diese Bildseite findet sich nicht in ÍB 299 4to, dafür erscheint hier die Bildseite mit einer Darstellung von Mars/ Týr, die wie eine Skulptur wirkt (f. 60r). 93 Hier werden die beiden Konzepte Idolomanie (die Anbetung von Göttern) mit der Idolatrie (Anbetung von Götzen) zusammengeführt. 94 Hier finden sich Fehler in der Schreibweise der griechischen Wörter, u. a. wurde das Wort für ‚ Abgötterei ‘ εἰδωλολατρεία „εἱσoλολατρεia“ geschrieben, d. h. es wurden einige griechische Buchstaben mit ihren lateinischen Äquivalenten vertauscht. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.2 Historisierung der Prosa-Edda 387 <?page no="388"?> neitt þad sónnum Gude, edur riettum Guddöme vidv ij kur, þviad Gud er ein andleg vera, kiærleikur, speke, Riettlæte giæska og heilagleike. Og i soddann hlutum var madurenn mindadur epter Gude, uppä sälarennar andleg b ij te, enn ecki so lykamans: [ … ] Enn óll þau B ij læte sem sm ij dud og giórd hafa vered, eru Daudra manna, edur annara kvikenda l ij king, enn kemur ecki þar vid siälfann Gud, fyrir þvi er og óll skürdgoda dyrkun afguda villa, hvoria skrifad er fyrst mune hafe byriad Ninus sem Ninive borg uppbygde hann liet giora, edur giorde Lykneskiu epter s ij num fódur Belo, og veita hónum Gudlega Durdkun; þadann höfust þeir afguder Bel og Bäal, þad er Vinur og Vinskapur. 95 (Vorwort II, NKS 1867 4to, f. 107r10 - 107v11) Die Praxis der Idolatrie wird aus christlicher Perspektive und als grundsätzlich verwerflich beschrieben, da Göttlichkeit sich als immaterielle Qualität nicht bildlich darstellen ließe. Die Kultbilder werden hier zwar nicht direkt mit Darstellungen der eddischen Götter in Verbindung gebracht, aber markieren wie der Prologus den ‚ Prototypen ‘ des Götzenbildes: Darstellungen von Baal/ Bel. Auf diesen Abschnitt folgen Ausführungen zum Mythos von Balldrs Tod, die etymologisch mit den vorherigen (Balldr - Baal/ Bel) zusammengeflochten werden, aber nicht explizit mit der Idolatrie in Verbindung gebracht werden. Einige der Vorstellungen zur Idolatrie sind hier sehr konkret beschrieben: Sie betreffen vor allem - im Kontrast zur Unmöglichkeit der Darstellung der immateriellen Göttlichkeit - die Materialität von Kultbildern, die als Skulpturen aus Metall, Stein oder Holz beschrieben werden. In Vorwort II wird trotz des kurzen Einschubs zu Balldr ebenfalls deutlich, dass die vorchristliche Religion sowohl zeitlich weit entfernt als auch geografisch übergreifend verortet wird. 96 Diese bildliche Darstellung des Óðinn-Kultbildes knüpft damit indirekt an die Passagen des Prologus an. In diesem steht, dass überall dort, wo Óðinn mit seinem Gefolge 95 ‚ Das Wort εἴδoλολατρεἱa bezeichnet vor allem das Verehren von Götterbildern. Entweder bezeichnet es Bilder, von εἱδoλοr , das Wort für ‚ Götterbild ‘ , ‚ Bild ‘ oder ‚ Vorstellung ‘ , oder eine andere Gestalt, die mit den Augen wahrnehmbar ist, aber sofort dahinschwindet, und vom Verb εἴδoμαἱ ‚ ich erscheine ‘ und von λατρεἱα , was von λα ‚ sehr ‘ und τρεἱα ‚ zittern ‘ abgeleitet ist, wie eine ängstliche Anbetung der Bilder. Dies wird in unserer norrönen Sprache gewöhnlicherweise skürgoda Dijrkun ‚ Idolatrie ‘ genannt, oder noch richtiger ist die Bedeutung skurdgod ‚ Kultbild ‘ (das ist eine Skulptur), weil die Bilder der Abgötter aus Holz, Metall oder Stein geschnitzt gewesen sind: Wovon auch eines likneskit ‚ die Statue ‘ heißt, von Ligno, das ist ‚ Holz ‘ , und isk oder esk aus dem Hebräischen ‚ Mensch ‘ , so wie Holzmann, obwohl sie nicht nur das Kultbild verehrt haben, sondern eher das, was da nachgeahmt war. Genauso wie das Bild im Spiegel das Aussehen von dem hat, der in das Glas blickt, so können körperliche Wesen und Gegenstände abgebildet werden, aber nichts, was den wahren Gott oder die rechtmäßige Göttlichkeit angeht, weil Gott ein geistiges Wesen ist: Liebe, Wissen, Gerechtigkeit, Güte und Heiligkeit. Und in diesen Dingen war der Mensch geschaffen nach Gott, in Bezug auf den geistigen Anteil der Seele, aber nicht so des Körpers: [ … ] Und alle die Bilder, die geschnitzt und hergestellt gewesen sind, sind die von toten Menschen oder Nachahmung anderer Wesen, aber an Gott selbst kommen sie nicht heran, deshalb kommt auch alle Kultbildverehrung dem Irrtum der Abgötterei gleich. Es steht geschrieben, dass diese zuerst Ninos, der die Stadt Ninive errichtet hat, begonnen haben soll. Er ließ eine Statue von seinem Vater Belo anfertigen oder fertigte sie selbst an, und ließ dieser göttliche Verehrung zuteilwerden. Auf diese Weise entstanden die Abgötter Bel und Baal, das sind Freund und Freundschaft. ‘ Vgl. ÍB 299 4to (f. 68v); SÁM 66 (f. 90v - 91r). So ist líkneski als neutrale Übersetzung zu verstehen, die im Gegensatz zu den anderen beiden sowohl für pagane als auch christliche Bildwerke verwendet werden kann, vgl. zur Diskussion der Begriffe líkneski, trémaðr und skurðgoð: Wellendorf (2017: 90 - 91). 96 Björn á Skarðsá erwähnt in der Útlegging yfir V ǫ luspá (Kap. 13) ebenfalls Idolatrie: Laut Dares hätte es in Troja ein Kultbild von Jupiter aus Gold gegeben, das mit Edelsteinen und Perlen besetzt sowie 7,5 Ellen hoch gewesen sei (NKS 1867 4to, f. 68v; ÍB 299 4to, f. 40r; SÁM 66, f. 227r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 388 6 Rezeption <?page no="389"?> hingezogen sei, diese den Menschen mehr wie Götter erschienen wären. Der Prologus der drei jüngeren Handschriften lässt sich - wie bereits dargestellt - auf die längere Fassung des Codex Wormianus zurückführen, darin wird vom mehrfachen Abfall der Menschen vom (christlichen) Glauben berichtet. Zunächst erfolgt dieser allgemein und weltumfassend und löst die Sintflut aus, ein weiterer wird im Zusammenhang mit dem Turmbau in Babylon verorte: Die Abgötterei habe den assyrischen König Zoroaster (Zarathustra) betroffen, dem in Folge der babylonischen Sprachverwirrung unter mehreren Namen (u. a. Ball, Bel) umfangreich geopfert worden sei. Diese Praxis wird als ‚ Fehler der Abgötter(ei) ‘ ( „ skürgoða villa “ ; NKS 1867 4to, f. 114v6) und somit klar als Irrtum bewertet. Außerdem umfasst diese Prologus - Fassung einen Abriss zur klassisch-römischen Mythologie und führt darin mehrfach an, dass Saturn sich als Gott verehren ließ. Er wird wie Jupiter und Venus darin euhemerisiert (NKS 1867 4to, f. 113r - 117v). Außerdem wird erwähnt, dass die zwölf trojanischen Herrscher als Götter und Saturns Sohn König Priamos an Óðins [sic! ] statt verehrt worden seien (NKS 1867 4to, f. 115r). Die nachfolgenden Abschnitte führen die Æsir nach Mittel- und Nordeuropa: Und obwohl die Æsir den Menschen dort Göttern nur ähnlicher als Menschen erschienen - und somit nie explizit als Götter bezeichnet werden - kann dies sicherlich als Darstellung zumindest eines Keims heidnischen Irrglaubens verstanden werden (u. a. NKS 1867 4to, f. 117r). Mit der Euhemerisierung der Æsir ist also - wie bekannt - gleich zu Beginn eine Distanzierung von den eddischen Mythen und damit der zugehörigen Religionspraxis markiert. Die Abgötterei wird im Prologus als weite Teile Europas umspannend verstanden und nicht nur auf Skandinavien (oder gar das nicht erwähnte Island) beschränkt. Durch das Hinzufügen der Illumination in zwei der Handschriften wird ein Kultbild visuell konkretisiert und die heidnische Religionspraxis und ihr Zeitalter augenfällig inszeniert. Die euhemeristische Herleitung des Prologus der Æsir wird dennoch in beiden Illuminationen visualisiert: Óðinn ist mit Insignien der Königsmacht gekennzeichnet, zusätzlich wird dies in SÁM 66 in der nur hier eingefügten Beischrift „ Konngur “ ( ‚ König ‘ ) auch verbal benannt, gleichzeitig wird dies durch die weder Macht noch Würde vermittelnde Darstellungsweise konterkariert. Die konkrete visuelle Ausführung weicht jeweils etwas voneinander ab: Óðins Kopfbedeckung gleicht in NKS 1867 4to einem Hybrid eines flachen Hutes mit einer aufgesetzten Krone in Lilienform - die ebenso als flacher Helm mit kleinen Flügeln gelesen werden könnte. Das Schwert ist in dieser Fassung gerade, dagegen hat die Waffe in SÁM 66 die Form eines für gewöhnlich als alteritär bzw. heidnisch assoziierten Falchions. Darüber hinaus konnotiert die Kopfbedeckung aufgrund der rot kolorierten Hutkrempe einen Nimbusring, und spielt damit auf vorreformatorische Heiligenbilder an, die aus der zeitgenössischen reformierten Sicht - wenn auch wie beschrieben zwar nicht vollständig entfernt, aber in der Praxis der Anbetung - längst überholt waren. Diese Unterschiede setzen sich in der Umsetzung der beiden Bildseiten und der damit jeweilig verbundenen Perspektive auf das betreffende historische Zeitalter fort: In NKS 1867 4to wird die Abwertung nichtchristlicher Kultbilder durch den - wie in dieser Handschrift üblichen - grimmigen Gesichtsausdruck Óðins verstärkt. In der Zusammenschau erscheinen beide Illuminationen in einem Spannungsverhältnis zwischen Abwertung und Unterhaltung. Die zwei Bildseiten vereinen die euhemeristische Erzählung von Óðinn als aus Troja auswandernder König aus dem Prologus mit den Ausführungen zur Idolatrie von Vorwort II. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.2 Historisierung der Prosa-Edda 389 <?page no="390"?> Es scheinen sich mehrere Ebenen überlagert zu haben: Aufgrund des beschriebenen oder assoziierten Götzendienstes bot sie eine Gelegenheit, die heidnische Religion als gegen christliche Grundsätze verstoßend zu markieren. Diese kritische Bewertung wird sich aus der Sicht frühneuzeitlicher Isländer: innen noch verstärkt haben. Der postulierten Abneigung gegen Idolatrie zum Trotz vermögen die Illuminationen zum Kultbild von Óðinn eine große Neugier und Faszination bei Bildschaffenden und Betrachtenden auszulösen. Es lässt sich also zusammenfassen, dass in der Beschäftigung mit historischen Zeitaltern vor allem die heidnischen Religionspraktiken zentral waren, und diese vorchristliche Zeit nicht durch Schriftlichkeit, sondern Bildlichkeit geprägt dargestellt wird. 6.2.2 Zwei verschiedene isländische Goldene Zeitalter Wie bereits erwähnt, werden in den verteilten und erweiterten Prologen der Handschriften verschiedene Goldene Zeitalter entworfen. Diese werden zwar nicht als solche bezeichnet, aber es wird deutlich, dass es sich hierbei jeweils um eine frühneuzeittypische, metaphorische Übertragung dieses Konzepts - im Sinne einer utopia antiqua - handelt: Beschrieben wird eine auf Island verortete, vergangene Zeit des Wohlstandes, kultureller Blüte und Vollkommenheit, auf die ein Niedergang folgt, der weiter unten diskutiert wird. Diesem Goldenen Zeitalter wird mal indirekt, mal direkt die Prosa-Edda zugeordnet, zuweilen tritt diese als zentrales Zeugnis dieser besonders positiv bewerteten Vergangenheit in Erscheinung. Im Folgenden werden vor allem folgende zwei Inhalte analysiert: Hallgrímur Péturssons Gedicht Aldarháttur, das sich in AM 738 4to findet, und das Vorwort III in den drei jüngeren Handschriften. Das hier beschriebene Zeitalter ließe sich nach heutigen Vorstellungen im Mittelalter verorten, allerdings wird in keiner der Handschriften dieser Begriff verwendet. Es wird vielmehr diskursiv und in Abgrenzung zu den anderen herausgearbeitet. In Bezug auf die politische Geschichte Islands beziehen sich die verherrlichenden Beschreibungen ausschließlich auf das sog. Þjóðveldið. Damit schließen beide Darstellungen an gelehrte Glorifizierungen des Mittelalters an - führen aber letztlich in der Rolle, der sie der Skaldik und Kenningar einräumen, das Projekt der Prosa-Edda fort. 6.2.2.1 Heroisches Kriegerideal und Skaldik Eine ausschließlich positive isländische Vergangenheit wird in AM 738 4to (f. 3r - 5r) im Gedicht Aldarháttur ( ‚ Zeitgeist ‘ 97 ) von Hallgrímur Pétursson konzipiert. 98 Es entwirft ähnlich wie das weiter unten analysierte Vorwort III der drei jüngeren Handschriften eine idealisierte Vergangenheit als Kontrastfolie zu einer von Niedergang und Verfall geprägten Gegenwart, beide setzen jedoch in ihrer Ausgestaltung unterschiedliche Schwerpunkte. Margrét Eggertsdóttir zufolge glorifiziere Aldarháttur als erstes Gedicht 97 Friese (1999b: 67) wählte die wörtliche Bedeutung des Kompositums ‚ Zeitgeist ‘ als Übersetzung des Titels, die hier übernommen wird, aber kaum das Bedeutungsspektrum abzudecken weiß. So bedeutet háttur sowohl ‚ Sitten ‘ , ‚ Lebensweisen ‘ , aber auch ‚ Versart ‘ , v. a. in poetologischen Zusammenhängen (z. B. Háttatal). Es ist somit ein kluges Wortspiel Hallgríms, das in diesem Wort die Dichtung als wichtigen Bestandteil der Lebensweisen integriert. 98 Zu diesem Gedicht sind sowohl die maßgeblichen Editionen (Hallgrímur Pétursson 2000: 24 - 41, 2014) sowie die einschlägigen Forschungsbeiträge von Margrét Eggertsdóttir (2005: 234 - 240, 2006: 211, 2010: 44 - 47, 2014c: 282 - 290) veröffentlicht und hier verwendet worden. Zu den Zeitalterkonzeptionen in der Dichtung von Hallgrímur Pétursson vgl. Margrét Eggertsdóttir (2021). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 390 6 Rezeption <?page no="391"?> dieser Zeit das isländische Mittelalter, indem das Bild einer vergangenen Gesellschaft entworfen wird, das dem zeitgenössischen Publikum angesichts der eigenen erbärmlichen Zustände als vorbildhaft vorgehalten wird: „ The poem is a eulogy for former heroes and a critique of contemporary figures. “ (Margrét Eggertsdóttir 2021: 113). 99 Dabei schlägt Hallgrímur für die Vergangenheit einen pathetischen und für die Gegenwart einen überspitzt polemischen Ton an. 100 Es sind deshalb nicht alle Details wortwörtlich oder ernst zu nehmen, sondern z. B. die durch die Kenningar erzeugten martialischen Bilder als Übertreibung zu werten. Dennoch zeichnet Hallgrímur hier Bilder, die in ihrem Kern ernst gemeint waren. In den nachfolgend zitierten Strophen beschreibt er die zentralen Merkmale dieses vergangenen Zeitalters als von blutigen Kampfhandlungen, Reichtum und unabhängiger Gesetzgebung bestimmt: [Str. 6] Osæmder bidu, þeir ofrijked lidu, og eige sijn hefndu. diarfer frammridu, i dinskø ̈ glar hvidu og dreingskapinn efndu trøllmarer skridu i unda siglz ydu þar oddaþyng stefndu lytt firir kvidu särinn þo svidu þeir sorgmäl eij nefndu [ … ] [Str. 9] Landløgumm vørdu, vitug räd giørdu vandrædinn bættu frelse fyrr kiørdu enn fofnerz skrid jørdu þö flestkostar ættu giedi eïnardu þä hötad var hørdu med hugprijdi mættu ⸍ mund gullz ⸌ manndigd ey spørdu vid nyta seimmz niørdu ef nærri lä hættu [Str. 10] Island mä sanna þad atti valmanna er allt stod i blöma glæd søcktu hranna til rijkra kongzranna reinder ad söma i munnlaukz anna, ydn þordu kannaso yrke forn röma yl þorns og tanna öx ædi vargannaþar eirn beitti skiöma. 101 (Hallgrímur Pétursson: Aldarháttur, Str. 6, 9 und 10, AM 738 4to, f. 3v7 - 14, 3v31 - 4r6) 99 Vgl. Margrét Eggertsdóttir (2005: 39, 2006: 211, 2010: 46 - 47, 2014c: 40). 100 Margrét Eggertsdóttir (2005: 239, 2014c: 289) hat bereits die polemische Sicht auf die Gegenwart in Aldarháttur beschrieben. Johannesson (1984: 481) zufolge sei Hallgrímur Péturssons Werk als „ von strengem Pathos “ und vom Ziel geprägt, „ seine Landsleute an die Tatkraft und Tugenden ihrer Vorväter [zu] erinnern “ . Vgl. Margrét Eggertsdóttir (2005: 39, 234, 2006: 211, 2010: 45 - 47, 2014c: 40, 281). 101 Str. 6: ‚ Unehren erwarteten diejenigen, die zu viel Macht duldeten und sich nicht rächten, / die Mutigen ritten voran in die ⸢ Sturmbö der Getöse-Skögul ⸣ (Krieg; Skögul = Valkyrie) und bewahrten Männlichkeit, / ⸢ Trollpferde ⸣ (Wölfe) krochen in den ⸢ Strudel des Wundschwalls ⸣ (Schlacht) dort, wo sie die ⸢ Versammlung der Speerspitzen ⸣ (Krieg) einberiefen, / sie hatten vor kaum etwas Angst, selbst wenn die Wunden brannten, erwähnten sie die Sorgen nicht. ‘ Str. 9: ‚ Sie gewährten Schutz mit Landesgesetzen, gaben weisen Rat, verbesserten Schwierigkeiten, / zogen Freiheit ⸢ Fáfnis Ganggrund ⸣ (Gold) vor, obwohl sie alle Möglichkeiten hatten, / als damals die Schätze bedroht waren, entgegnetem sie dem mit entschiedenem Heldenmut, / ⸜ des Handgoldes ⸝ an Mannestugend sparten sie nicht gegenüber dem ⸢ Nutzen des Goldes von Nj ǫ rðr ⸣ (Menschen/ Männer) wenn die Gefahr nah war. ‘ Str. 10, ‚ Island kann belegen, dass es auserwählte Männer (Menschen) besaß als alles in Blüte stand, / sie fuhren der ⸢ Wogenglut ⸣ (Gold) wegen zu reichen Königshöfen, ihnen wurde Ruhm erwiesen / sie wagten die Beschäftigung der ⸢ Kriegszwiebel Unrast ⸣ (Kämpfe; Kriegszwiebel = Schwert) zu erkunden, so das Lied der alten Stimmen. / Die Besessenheit ließ ⸢ Dornensohle ⸣ (Klaue) und Zähne der Wölfe wachsen, wenn einer ein Schwert erhob. ‘ Vgl. die Übersetzungen von Friese (1999a: 69) sowie Andrew Wawn (in Margrét Eggertsdóttir 2014c: 285), die jedoch eine andere Textfassung zugrunde legten. Die Kenningar Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.2 Historisierung der Prosa-Edda 391 <?page no="392"?> Das erste Wort in Str. 10 verdeutlicht es: Aldarháttur handelt von Island. Die hier beschriebene Gesellschaft baut vor allem auf einer heroischer Kriegertugend auf, wobei Krieg bzw. Kämpfe weiterhin nicht als Bedrohung im eigenen Land, sondern als mit Seefahrt assoziierte Tätigkeiten, also in anderen Ländern ausgeführt und als Quelle von Reichtum dargestellt werden. Island sei in dem Goldenen Zeitalter von Frieden und Sorglosigkeit geprägt gewesen sein, nicht aber durch Friedfertigkeit. Island wird auch als siegreich und mächtig und vor allem nicht von Fremdherrschaft bestimmt charakterisiert, und ohne es zu benennen, werden stereotype Tätigkeiten einer víking als erfolgreiche Unternehmungen beschrieben. 102 Ein Zweifel an der Überlegenheit der Isländer: innen kommt nicht auf. Dies ist deshalb interessant, da kriegerische Auseinandersetzungen oder die Verwendung von Waffen in den antiken Konzeptionen für gewöhnlich als Elemente des Niedergangs beschrieben werden. So aber nicht hier, so dass dies als Besonderheit verstanden werden kann und sicherlich durch den Bezug auf die skaldische Dichtung geprägt wurde. Auf diese Weise legt Hallgrímur Pétursson Heroismus, Prosperität und politische Selbstbestimmtheit als ineinandergreifend und einander bedingend dar. Margrét Eggertsdóttir fasst dieses Gedicht durchaus als politische Implikationen umfassend auf: „ [H]e expresses his disappointment with the political situation and with his contemporaries, with their lack of freedom, pride and independence. “ (Margrét Eggertsdóttir 2010: 44). Das mehrfache Herbeibeschwören von vormaligem Goldbesitz und Reichtum ließe sich als Kritik am dänischen Handelsmonopol (1602 ‒ 1787) lesen, aber auch als generelle Metapher eines Goldenen Zeitalters im wörtlichen Sinne. 103 Ausschlaggebend dafür, dieses vergangene Zeitalter zu überhöhen, war ganz sicher, dass Hallgrímur die Freiheit in Str. 9 mit einer eigenen Gesetzgebung assoziiert und so implizit dem Zeitalter des sog. Þjóðveldið zuordnet (Margrét Eggertsdóttir 2006: 211, 2010: 47), also dem Zeitalter, bevor Island sich 1262/ 1264 der norwegischen Krone unterwarf und neue im Auftrag des norwegischen Königs ausgearbeitete Gesetze erhielt. Was in Aldarháttur besonders prägnant ist: Hallgrímur bedient sich des zentralen Merkmals der Skaldik, der Kenningar, um typische Begriffe wie Krieg, Skalde oder Gold zu umschreiben. Die Verwendung von Kenningar war - wenn auch für gewöhnlich im geringeren Umfang - beliebt in der Dichtung des Barocks. 104 Von den verwendeten wurden in der vorliegen Übersetzung unter Zuhilfenahme der Kommentare von Margrét Eggertsdóttir (2014b: 227 - 229) sowie der sehr freien Übersetzung von Friese aufgelöst, lassen sich teilweise aber auch mit dem Annar Partur in der Fassung dieser Handschrift auflösen. Vgl. die Edition von Margrét Eggertsdóttir (Hallgrímur Pétursson 2000: 36 - 37). 102 Vgl. Str. 3, die von Schifffahrt in fremde Gebiete und dortigen Kampfhandlungen zum Erbeuten von Gold spricht. Weiterhin fällt grundsätzlich auf, dass - außer indirekt über die Kenningar - Religion nicht explizit angesprochen wird, obwohl das sog. Þjóðveldið sowohl in die vorchristliche als auch die christliche Religionspraxis fällt. Wahrscheinlich sollte so vermieden werden, die vorbildhaft inszenierte Vergangenheit nicht mit Widersprüchen zu stören. Vgl. Krüger (2008) zum Konzept der víking. Hallgrímur erwähnt weiterhin in Str. 2 höfisch assoziierte Tätigkeiten wie Ball- und Brettspiele sowie Schwertduelle in der Beschreibung dieser Zeit. 103 Das Abfassen von Aldarháttur wurde weiterhin mit dem Treueeid, den Island für den absolut herrschenden dänischen König ein Jahr zuvor schwören musste (1662) in Verbindung gebracht (vgl. Friese 1999b: 232 und Margrét Eggertsdóttir 2014c: 285). 104 Margrét Eggertsdóttir (1994: 556, 2005: 235, 2014b: 232, 2014c: 283 - 284). Eggert Ólafsson wählte z. B. die Prosa-Edda und Texte der klassischen Antike als Vorbilder für seine Dichtung und archaisierte seine Sprache u. a. mit Kenningar bis zur Unverständlichkeit. Er konterkarierte damit letztlich sein Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 392 6 Rezeption <?page no="393"?> Kenningar sind einige auch im nachfolgenden Annar Partur der Prosa-Edda aufgelistet. 105 Dabei ging Hallgrímur mit den Kenningar einfallsreich um, da er viele neu zusammensetzt und somit aktiv mit dieser Form weiterarbeitet und sie nicht nur rezipiert. Die Kenningar setzen mit ihren Anspielungen mythologisches Wissen - beispielsweise zu Valkyrien, Nj ǫ rðr und Fáfnis Hort - voraus, das notwendig ist, um die Strophen zu verstehen. Dies spricht zugleich sowohl für Hallgríms Kenntnis als auch seine Wertschätzung der Prosa- Edda (vgl. Margrét Eggertsdóttir 1994: 556 - 557). Margrét hat darüber hinaus in diesem Zusammenhang mehrfach überzeugend dargelegt, wie Hallgrímur Aldarháttur unter direktem Eindruck seines Kommentars an der skaldischen Dichtung der Ólafs saga Tryggvasonar hin mesta der Flateyjarbók (GKS 1005 fol.) verfasst hat. 106 Davon sind ebenfalls einige Strophen und Auszüge von Hallgríms Kommentar von Hand (5) in AM 738 4to enthalten (f. 92v - 95v). Neben der sprachlichen, hallt Aldarháttur auch auf inhaltlicher Ebene in der Skaldik der Kompilation von AM 738 4to wider: Das heroische Kriegerideal, das Hallgrímur beschwört, ist oft beliebtes Thema der Skaldik in der Handschrift, so z. B. in den Krákumál (Auszug auf f. 14v - 16r) oder Egill Skalla-Grímssons Strophe „ Þat mælti mín móðir “ (f. 14r), die ebenfalls das Wegfahren zu Schiff, mit dem Ziel zu kämpfen und zu töten, beschreibt. Hallgrímur hat in Aldarháttur eine nationale Vergangenheit erschrieben, in der weder Gelehrsamkeit noch Religion nennenswert sind, die aber auf Wertevorstellungen beruht, die vor allem auf Tatkraft, körperliche Stärke, Ehre, Freiheit, Mut und Mannhaftigkeit setzt. Auffällig ist im Vergleich zu den unten analysierten Charakteristika des Goldenen Zeitalters in den drei jüngeren Handschriften, dass Hallgrímur sich ausschließlich der Skaldik als literarischer Form verpflichtet zeigt: 107 „ so gramz runnar leijfa “ ( ‚ so besingen die ⸢ Freunde des Königs ⸣ (Skalden) ‘ , AM 738 4to, f. 3v, Str. 5). 108 Die Skaldik wird somit auf mehreren Ebenen in Aldarháttur thematisiert und evoziert. Sie ist, wie bereits ausführlich dargelegt, in dieser Kompilation umfangreich enthalten: sowohl in der Ansinnen, die Verständlichkeit solcher Dichtung zu demonstrieren (Margrét Eggertsdóttir 2006: 230 - 231). 105 Unter „ örustu kiennyngar “ wird „ skloglardyn “ gelistet und mit einem Beispiel von Hornklofi illustriert, die Kombination mit Wind und Valkyrienname „ vindur gøndlur “ sowie „ Oddagnijr “ sind ebenfalls verzeichnet (AM 738 4to, f. 121r18, 25, 29). Unter „ Vargaheiti og þeira kiennyngar “ steht „ vargur heiter trollkonu hestur “ (f. 126r13). Weiterhin finden sich im langen Kapitel zu „ gulls kïennijngar “ diese Kenningar: „ gull heyter. dyna land brautbedur böl föfnis og allkra orma “ (f. 106r7 - 8) sowie „ seimur “ (f. 105v16). 106 Hallgrímur hatte kurz vorher (1662) Tormod Torfæus (Þormóður Torfason) geholfen, einen Kommentar für die Skaldik der genannten Saga anzufertigen, was sich anschließend in Wort- und Kenningarwahl von Aldarháttur niedergeschlagen habe. Margrét schließt damit an Halldór Jónsson (1641 - 1726) an, der bereits 1740 in Lbs 1240 4to den Bezug auf und die Kenntnis von Skaldik bemerkte (Margrét Eggertsdóttir 1994: 553 - 564, 2000: 28, 2005: 181, 234 - 236, 2006: 211, 2010: 44 - 45, 2014c: 285). Das Autograph mit Hallgríms Kommentaren befindet sich heute in London (British Library, BL Add 11.193). 107 Viele der Beobachtungen gehen mit der Einschätzung von Margrét Eggertsdóttir (2010: 47) einher, dass Hallgrímur in diesem Gedicht seine Gelehrtheit und sein antiquarisches Wissen unter Beweis stellte, für dessen Expertise er später bekannt wurde. Aldarhátttur war sehr beliebt und fand weite Verbreitung, wie sich an den zahlreichen Handschriften, Kommentaren sowie den im 18. Jh. erscheinenden Druckausgaben ablesen lässt (vgl. Hallgrímur Pétursson 2000: 24 - 26, 33 und Margrét Eggertsdóttir 1994: 564). 108 Die Kenning wird unterschiedlich ausgedeutet, von Margrét Eggertsdóttir (2014b: 227) als ‚ menn ‘ ( ‚ Menschen ‘ , ‚ Männer ‘ ) und Friese (1999b: 67) als ‚ Skalden ‘ übersetzt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.2 Historisierung der Prosa-Edda 393 <?page no="394"?> umgebenden skaldische Dichtung sowie den zitierten Skaldikstrophen im Annar Partur und letztlich auch über die Kenningar als Fragmente (sowie die weiteren Verzeichnisse über alte Sprache). Diese verschiedenen Ebenen erzeugen miteinander Resonanz, die einander beträchtlich verstärken. Indem die Werte und Tätigkeiten der Vergangenheit glorifiziert werden, färbt sich dieser Glanz somit auf die gesamte in dieser Handschrift enthaltenen Dichtung und Dichtungssprache der Vorzeit ab - und damit ebenfalls auf die Prosa-Edda. Auf diese Weise gelingt es sowohl Hallgrímur als auch der Gesamtkompilation in AM 738 4to die Skaldik regelrecht zu zelebrieren. Es wird eine sehr eindrückliche Verbindung zum beschriebenen vergangenen Zeitalter hergestellt, die einerseits Voraussetzung für das Verständnis des Gedichtes bildet, und andererseits zur Beschäftigung mit der alten Literatur und ihrer Inhalte ermuntert. Wie schon zuvor diskutiert, lässt sich die (skaldische) Dichtung der Handschrift zum einen als in ihre Liedform zurückgeführte Extrakte der mittelalterlichen Skáldskaparmál lesen, im Zuge von Magnús Ólafssons zuvor in seiner Bearbeitung aus dem Annar Partur reduziert wurden. Zum anderen ließe die Kompilation ebenfalls zu, die Dichtung als Beleg für die Relevanz und Auseinandersetzung mit den Kenningar (und den mythologischen Narrativen) und somit der Relevanz der Prosa-Edda bzw. des Annar Partur zu lesen. Das Bild der idealen Vergangenheit entsteht hier also durch eine interessante Oszillation zwischen Inhalt und Form: Die geschilderten Tätigkeiten und Werte entwerfen vor allem eine Epoche, die sowohl Kriege, Ehre und Freiheit hochhielt und von Reichtum geprägt war und sprachlich als Goldenes Zeitalter inszeniert wird. 6.2.2.2 Gelehrsamkeit und Buchschriftlichkeit in den drei jüngeren Handschriften In den drei jüngeren Handschriften (NKS 1867 4to, ÍB 299 4to und SÁM 66) wird ebenfalls ein Goldenes Zeitalter in der isländischen Vergangenheit verortet, das sich in seiner Ausgestaltung jedoch sowohl deutlich von dem zuvor diskutierten in AM 738 4to als auch dem negativ bewerteten, universell verorteten vorchristlichen Zeitalter der Idolatrie abhebt. Diese Darstellungen werden an keiner Stelle explizit zueinander ins Verhältnis gesetzt, sondern erscheinen additiv kompiliert. Vorwort III eröffnet in den drei jüngeren Handschriften einen Diskurs zu einem vergangenen, vorbildhaften Zeitalter. Als dessen zentrales Merkmal wird eine kulturelle Blüte in Form von Literaturproduktion und Gelehrsamkeit stark gemacht: Þad, ad vorir forfedur. Hafi ydkad Böklegar listir, og margvijslegar Lærdömz menntir, er Augliöst, eckj alleynasta, af nu verandi manna munnmælum, helldur micklu framar, af þeirra mönnum, sem allvijda mä si  (Ieg meijna skriflega). Hvar af Audr  did er, ad þeir hafa vered micklu betur ad sier i Lærdömi, enn vier þeirra Nijdiar; Hvorir alleijnasta feta eptir þv ij , sem þeir hafa ütlagt og samsett, Enn kunnum litlu vid ad Auka, Ieg m  seijgia Aungvu, nema þvij sem vier R  dumm af þeirra ordumm. Fyrr i landi voru, þ  fundust f  ir sem Aungvir ölesandi: Þar nu finnast f  ir, sem i þeirri list sieu nockud færir. Ädur i Landi voru, Voru hier so mórg Skijlnïngz sk  lld, og mennt rijk, ad þaug fundust i hvorium stad, sem menn öska villdu: 109 (Vorwort III, NKS 1867 4to, f. 112r3 - 14) 109 ‚ Dass unsere Vorfahren buchliterarische Künste und allerlei Gelehrsamkeit betrieben haben, ist offenkundig, nicht alleinig aus den Erzählungen der heutigen Menschen, sondern weitaus früher, bei denjenigen Menschen, die überall zu sehen sind (ich meine schriftlich). Woraus leicht festzustellen ist, Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 394 6 Rezeption <?page no="395"?> Vorwort III idealisiert die Vergangenheit und zeichnet das Bild einer verlorenen Hochkultur, die vordergründig von Buchschriftlichkeit und Gelehrsamkeit geprägt war. Materielle Lebensumstände werden weniger thematisiert. Die hier postulierte kulturelle Blüte der Vergangenheit wird mit der nachfolgenden Kritik an der zeitgenössischen Gegenwart, wirksam kontrastiert und somit besonders zum Erstrahlen gebracht. Sie erscheint im Gegensatz zur heidnischen Vorzeit nicht mehr unlokalisiert, sondern bezieht sich nur auf Island, aus dessen Innenperspektive sie beschrieben wird. Das wird aus Formulierungen wie „ Fyrr i landi voru “ und „ Ädur i Landi voru “ ( ‚ früher in unserem Land ‘ , NKS 1867 4to, f. 112r11 - 13) deutlich und durch den Verweis auf gemeinsame Vorfahren „ vorir forfedur “ ( ‚ unsere Vorfahren ‘ , NKS 1867 4to, f. 112r3) verstärkt. Wenn das Vorwort III mit der Verortung der Prosa-Edda auf den Titelseiten der drei Handschriften zusammengelesen wird, wird deutlich: Die Prosa-Edda wird als rund 550 Jahre altes Buch und damit als aus einer anderen Zeitepoche markiert. Die Beschreibung der Gelehrsamkeit in Vorwort III lässt sich so auf Snorri beziehen, der auf der Titelseite ebenfalls als Kompilator und Gesetzessprecher und damit als eine ‚ Stimme ‘ dieser Vergangenheit präsentiert wird. Die Angabe des Jahres 1215 wird durch den weiterhin durch den in großer Schrift erfolgten Zusatz „ ANNO Christi “ (NKS 1867 4to, f. 100, vgl. Resen 1665a: f. 1r) als christlich betont und grenzt sich an dieser Stelle verbal von der zuvor in Vorwort II diskutierten heidnischen Idolatrie ab. 110 Wenn also Titelseite und Vorwort III in diesen Handschriften zusammengelesen werden, lassen sich zwei Informationen - die zur kulturellen Blüte der Vergangenheit, die von Buchproduktion geprägt war und aus der die Prosa-Edda positiv herausragt, sowie ihre Zeit der Kompilation - addieren: Damit ist mit der Datierung und Betonung des eigenen Landes davon auszugehen, dass es sich um das sog. Þjóðveldið handelt. Es erscheint, dass in diesen Handschriften die Prosa-Edda nicht wegen der durch sie vermittelten Inhalte oder - weil entfernten - Skaldik, sondern wegen ihrer Gelehrsamkeit hochgehalten wird. Auf die heutigen Epochenbezeichnungen übertragen, wird die Prosa-Edda von den drei jüngeren Handschriften als hochmittelalterliche, gelehrte Literatur rezipiert. 111 Zusammengefasst wird die Prosa-Edda in den drei jüngeren Handschriften also als gelehrte Literatur eines isländischen Goldenen Zeitalters zelebriert, das durch Gelehrdass sie viel besser in Gelehrsamkeit gewesen sind als wir, deren Nachkommen, welche alleinigst dem nachgehen, was diese interpretiert und zusammengesetzt haben. Und wir können dem wenig hinzufügen, ich kann sagen nichts, außer das, was wir aus deren Worten deuten. Früher, da gab es in unserem Land so gut wie keine Illiteraten: So gibt es heute wenige, die in dieser Kunst einigermaßen bewandert sind. Zuvor gab es hier in unserem Land so viele kenntnisreiche Dichter und reiches Wissen, dass diese überall zu finden waren, wo man dies wünschen würde. ‘ Vgl. ÍB 299 4to (f. 70r); SÁM 66 (f. 93r). 110 Es ist natürlich nicht ungewöhnlich, das Jahr 1215 im Rahmen von Anno Christi aufzufassen. Dennoch wurde nicht Domini, sondern der Referenzpunkt „ Christi “ gewählt und damit lexikalisch eine Nähe zu isl. kristni ( ‚ Christentum ‘ ) aufgebaut. Vgl. die anderen Datierungen der Seite, die als „ Anno Domini “ (1665) oder nur „ ANNO “ (1760) bezeichnet werden. Die Angaben sind in den anderen zwei jüngeren Handschriften ähnlich, in ÍB 299 4to (f. 58r) fehlen jedoch Angaben zum Schreibjahr und in SÁM 66 (f. 81r) wird selbiges als Anno Christi markiert und somit eine Kontinuität betont, diese aber - im Gegensatz zur Angabe weiter oben auf dem Blatt - in der abgekürzten Form „ An ̅ o Xj “ weniger präsent ist. 111 Auch weitere gelehrte Abhandlungen des 17. Jh. (u. a. von Jón lærði Guðmundsson und Björn á Skarðsá), die in NKS 1867 4to und ÍB 299 4to enthalten sind, thematisieren die Geschichte der isländischen Literatur und Sprache. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.2 Historisierung der Prosa-Edda 395 <?page no="396"?> samkeit charakterisiert ist und über Snorri im sog. Þjóðveldið datiert, während die Prosa- Edda in AM 738 4to vor allem die Skaldik wertschätzend präsentiert. Damit ist die in den drei jüngeren Handschriften beschriebene Phase der schriftlichen Literaturproduktion des 11. ‒ 14. Jh. zugehörig, die Sigurður Gylfi Magnússon (2010: 148 - 149) als „ Golden Age of Icelandic literature “ bezeichnet, und demzufolge die Skaldik - dazu jedoch relativ versetzt als „ ancient poetry “ rezipiert. 6.2.2.3 Antike oder Mittelalter? In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage danach, wie diese idealisierte Vergangenheit zu benennen sei: Sind die gegenwärtigen Konzepte von Mittelalter(-rezeption) hier zweckdienlich - oder wird dabei den frühneuzeitlichen Handschriften eine Perspektive des 21. Jh. übergestülpt? Oder wäre diese Epoche im Sinne des Antiquarianismus als lokale Ausprägung einer isländischen Antike zu definieren? Das Mittelalter ist ein retrospektives Konstrukt und entstand vor allem diskursiv in Abgrenzung zu den umgebenden Epochen. Dies brachte Workman folgendermaßen auf den Punkt: „ The Middle Ages are virtually unique among major periods or areas of historical study in being entirely the creation of scholars. “ (Workman 1995: 227). Vieles spricht dafür, diesen Zeitraum in Bezug auf die vier Handschriften jedoch als Antike - im Sinne eines idealisierten Urzustandes einer Kultur zu bewerten. Margrét Eggertsdóttir bewertete in diesem Zusammenhang den Einfluss von Arngrímur lærði Jónsson in Island als maßgeblich, da in seiner Folge isländische Gelehrten der Literatur des Mittelalters die gleiche zentrale Bedeutung zugeschrieben haben wie anderswo der antiken Kultur und ihren materiellen Zeugnissen wie Bauwerken oder Skulpturen usw. beigemessen wurde (Margrét Eggertsdóttir 1994: 555). Dass sich durchaus auch in Island auch für materielle Zeugnisse interessiert wurde, geht aus den Handschriften hervor, doch werden sie neben Schriftreihen und isländische Literatur gestellt. Dies gilt u. a. für die Zeichnungen der Speere, des Hunnestad-Monumentes oder des Runensteins von Tirsted (NKS 1867 4to; ÍB 299 4to) oder das gezeichnete Óðinn-Kultbild (NKS 1867 4to; SÁM 66). Die verschiedenen Vorstellungen der Handschriften weisen gewisse Unschärfen auf, was sicher an der Polyphonie der Kompilation lag, die verschiedenste Materialien vereinte und dabei nicht notwendigerweise kohärente und trennscharfe Konzeptionen verfolgte. Die Beobachtung, dass das Goldene Zeitalter in den Handschriften funktional einer Antike entspricht, wird weiterhin dadurch unterstützt, dass an verschiedenen Stellen (wie Marginalnotizen, Vorworten und Prologen) sich der Interpretatio Romana bedient wurde, einige eddische Götter in antikisierender oder antik-hybrider Rüstung dargestellt wurden und zahlreiche Schriftreihen im Sinne einer schriftlichen Hochkultur der Vergangenheit präsentiert werden. Interessant ist, wenn diese Zeitalter mit ihrer jeweiligen geografischen Verortung in Bezug gesetzt werden: Dann wird deutlich, dass sich Mythen und heidnischer Glaube von Troja aus in weite Teile Europas ausbreitend vorgestellt wurden, wogegen Heroismus und Dichtung ausschließlich auf Island bezogen wurden. In einem Fall bezieht sich die Interpretatio Romana sogar auf ein literarisches Werk und nicht auf die Gottheiten, wenn die antiken Mythografien in der Beischrift zu Heimdallr als „ Edda “ bezeichnet werden (SÁM 66, f. 80r, Kap. 5.5.2.2). Es wird daraus (und aus den anderen Inhalten der erweiterten Prologe) deutlich, dass nicht nur die Mythennarrative Erklärungen bedürfen, sondern in den drei jüngeren Handschriften die Prosa-Edda als äquivalentes Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 396 6 Rezeption <?page no="397"?> Zeugnis einer nationalen Vergangenheit erscheint. Die davor liegende Epoche ist nicht lokal verortet, denn erst mit dem positiv bewerteten Goldenen Zeitalter wird in diesen Handschriften der Beginn einer isländischen Vergangenheit verortet. 6.2.3 Das gegenwärtige ‚ dunkle ‘ Zeitalter und ein Lichtblick Vergangenheit kann nicht ohne Gegenwart existieren, und wenn vergangene Zeitepochen als Goldene Zeitalter idealisiert werden, zieht die Logik nach sich, dass das nachfolgende Zeitalter kontrastierend, also als von einem kulturellen Niedergang betroffen hingestellt wird (vgl. Evans 2007: 1 - 8). Der Topos eines kontinuierlichen (Sitten-)verfalls im Sinne von „ O tempora, o mores! “ und fortschreitend schlechteren Lebensbedingungen gilt ebenfalls für die jeweilige zeitgenössische Gegenwart, die die vier Handschriften konstruieren. Auch auf Island bezogen hat das Narrativ eines ‚ dunklen ‘ Zeitalters vom 15. bis Ende des 18. Jh. lange dominiert, wobei dies oft an einer Bewertung der Qualität der Literaturproduktion festgemacht wurde. Sigurður Gylfi Magnússon zufolge lag das am gesellschaftlichen Status der Kulturschaffenden, die nun nicht mehr nur von Eliten geprägt waren: This darkness covers both the state of the country under foreign rule and the literature, which is sparser and generally considered inferior in value and quality to that of the earlier age, lacking any of its fire and originality. [ … ] In the earlier period we have the impression of a literature created by or for chieftains; now the interests and attitudes seem to come more from the ordinary peasantry. (Sigurður Gylfi Magnússon 2010: 149) Die zeitgenössische Gegenwart wird in den vier Handschriften vor allem in den Inhalten thematisiert, die auch ein Goldenes Zeitalter beschreiben, also in Hallgrímur Péturssons Aldarháttur und Vorwort III. In den drei jüngeren Handschriften findet sich weiterhin die Ættartala Óðins, die als Indikator dafür dienen kann, wann ein Bruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart verortet wurde. Deshalb beginnt dieses Unterkapitel mit deren Analyse. 6.2.3.1 Brüche: Wann endete die Vergangenheit, wann begann die Gegenwart? Die Abgeschlossenheit des Mittelalters ist Voraussetzung, um mittelalterlicher Literatur aus der Perspektive der Rezeption zu betrachten: „ For medievalism of any kind to exist, the Middle Ages need to be over. “ (Jones 2016: 89). Die Antwort auf die Frage nach dem Zeitpunkt des Umbruchs lässt sich für die drei jüngeren Papierhandschriften in der Ættartala Óðins finden, die eine abgeschlossene Vergangenheit präsentiert, die von Adam über Saturn, Priamos, Óðinn, Sigurðr fáfnisbani und schließlich mit Jón Arason endet (NKS 1867 4to, f. 203r/ v; ÍB 299 4to, f. 63r/ v; SÁM 66, 234v - 235r). In dieser Genealogie wird durch die Nummerierung der einzelnen Namen eine Linearität von Adam bis Jón Arason hergestellt und so ein Narrativ präsentiert, dass die gesamte Vergangenheit seit der Schöpfung bis zur Reformation überspannt. Die Genealogie in AM 738 4to (f. 29v - 30r) reicht bis zu Haukr Erlendsson 112 und damit nicht so weit wie die Ættartala Óðins in den drei jüngeren Handschriften. 112 Diese wurde von der Ergänzungshand (4) geschrieben. Sie ist als Prosaform in Langzeilen ganz anders angelegt und führt nach der üblichen gelehrten Reihe über Adam, Troja und Óðinn auf die Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.2 Historisierung der Prosa-Edda 397 <?page no="398"?> Abb. 128: Ættartala Óðins, NKS 1867 4to (f. 203r/ v). Foto: Friederike Richter. Die Ættartala Óðins ist in Spaltenform angelegt und verzeichnet Óðins Namen (Nr. 43) in größerer Schrift (Abb. 128). Von ihm wird die Anbindung zu einem der ersten isländischen Siedler (H ǫ fða-Þórðr, Nr. 54) über die V ǫ lsungen hergestellt. 113 So wird der Mythos der ‚ Landnahme ‘ integriert und die Abkunft der Isländer: innen nobel angereichert und unabhängig von den skandinavischen Königshäusern positioniert. Die Auflistung der auf Island nachfolgenden Generationen ist in dieser Ættartala einzigartig und führt weit über die Anfänge der Prosa-Edda hinaus und lässt erkennen, dass hier eine dezidiert nationale Vergangenheit von Interesse war: Die Genealogie ist um einige Jahrhunderte, bis zur Reformation verlängert, der letzte katholische Bischof Jón Arason wird so als norwegischen Könige hin und schließt in mehreren Verzweigungen mit diesen ab und ist somit der ersten erwähnten Genealogietradition zuzuordnen. Nur ein Zweig (f. 30r3 ‒ 10) führt als Nachfahren von Haraldr hildit ǫ nn und dessen Sohn Hr œ rekr bedeutende Isländer: innen an: Darunter sind Sæmundr (fróði) Sigfússon, dessen Enkel Jón Loptsson (der Ziehvater von Snorri Sturluson) und führt unter Einschluss einiger weiblicher Familienmitglieder bis ins 14. Jh. bis Haukr Erlendsson, dem Gesetzessprecher und Kompilator der Hauksbók (Faulkes 1978/ 1979: 14). Dieser Zweig ist einer von vielen, ca. mittig platziert und damit deutlich weniger prominent als in den drei jüngeren Handschriften, die die Genealogie tabellarisch und klar linear anordnen. Die Ættartala von Haukr Erlendsson der Hauksbók ist nur in Papierform erhalten (AM 281 4to, f. 103r - 104r; Finnur Jónsson/ Eiríkur Jónsson 1892 - 1896: 504 - 506). Zu den verschiedenen Genealogien in mittelalterlichen isländischen Handschriften (bzw. ihrer frühneuzeitlichen Abschriften), die von Óðinn zu den skandinavischen und englischen Königen weiterführen vgl. Ashmann Rowe (2000), Clunies Ross (1993) und Faulkes (1977b, 1978/ 1979, 2005). 113 Faulkes (1978/ 1979: 5, 13 - 14) zufolge gab es mehrere Wege historische Isländer: innen von Óðinn herzuleiten: In der Háuksbók und im Codex Upsaliensis wird der Weg über die Skj ǫ ldungen gewählt, in der hier analysierten Ættartala Óðins jedoch über die V ǫ lsungen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 398 6 Rezeption <?page no="399"?> Nachfahre Óðins präsentiert. Auf die Weise wird demonstriert, wie die eddischen Narrative (Óðinn) umfangreich mit der isländischen Geschichte verbunden sind und deshalb für das isländische Publikum als höchst relevant dargestellt. Im Gegensatz zur Ættartala Sturlunga im Codex Upsaliensis - die mit Snorri und seiner Familie endet - steht in den drei jüngeren Handschriften eine andere wichtige Figur der isländischen Elite als Schlusspunkt. Jón Arason ließe sich hier als Identifikationsfigur für eine gesamte 114 isländische Bevölkerung lesen: Mit dem gewaltvollen Durchsetzen der Reformation „ von oben “ (Vilborg Auður Ísleifsdóttir-Bickel 1996) durch die dänischnorwegische Krone markiert die Hinrichtung von Jón und zwei seiner Söhne im Jahr 1550 einen Endpunkt in Bezug auf die vorherigen Auseinandersetzungen. Es folgte ein signifikanter Anstieg der dänisch-norwegischen Einflussnahme, neben einem Wechsel im Bekenntnis führte die Reformation zu grundlegenden Änderungen in Verwaltung, Rechtsangelegenheiten u. ä., womit eine deutliche Abschwächung von Einfluss und Reichtum der isländischen Kirche einherging. Dies führte zu einem Zugewinn an Einfluss durch die dänische Krone (bzw. ihre Beamten und ihrem Verwaltungsapparat). Dieser Umbruch lässt sich als grundlegender Paradigmenwechsel beschreiben, womit sich die Errichtung des zeitgenössischen Systems (Religion, Machtverhältnisse usw.) als Folge der Reformation auffassen ließe, was im 17. Jh. durch Errichtung des dänischen Handelsmonopols und die Einführung des Absolutismus weiter verschärft wurde. Die Ættartala Óðins erfasst somit aus der Perspektive der Lesenden der Handschriften einen Zeitraum, welcher der Vergangenheit zuzuordnen sei. Jón Arason wird als letzter Repräsentant einer noch weniger durch die Fremdherrschaft geprägten isländischen Geschichte inszeniert, die gut 200 Jahre vor der Herstellung der drei Handschriften ihr Ende nahm. Diese Vorstellung kursierte auch später noch: So stellte Jón Sigurðsson ungefähr 90 Jahre nach den Handschriften Bischof Jón Arason als den ‚ letzten ‘ Isländer dar: „ Með Jóni Arasyni má telja að fornöldin á Íslandi dæi gjörsamlega út, að minnsta kosti í verki, því hann hefir verið forneskjulegastur allra þeirra manna, er þar hafa verið síðan landið kom undir konúnga. “ ( ‚ Mit Jón Arason kann man meinen, starb die Vorzeit auf Island vollständig aus, auf jeden Fall in der Dichtung, weil er der altmodischste all derjenigen gewesen ist, die es dort gegegeben hat seitdem das Land unter den König gekommen war ‘ , Jón Sigurðsson 1852b: 13). An diese Vorstellung knüpfte auch Cunningham (2009) mit seinem Beitrag an, den er „ Jón Arason, ‚ the last Icelander ‘ [ … ] “ betitelt. Allerdings wurde Jón Arason - genauso wie Snorri Sturluson - in Bezug auf seine Rolle für Island durchaus auch als ambivalente Figur gesehen, 115 eine Bewertung erfolgt in dieser Ættartala nicht. Die Interpretation vom Bruch, der eine klare Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Gegenwart rund um die Einführung der Reformation ansetzt, würde gegen die These von einem ‚ langen Mittelalter ‘ in Island sprechen - eine longue durée, die von Le Goff (2016) 114 Eine andere These könnte durchaus sein, dass in diesen Handschriften ein Schwerpunkt auf Nordisland liegt, dafür würden u. a. folgende Personen in der Genealogie sprechen: H ǫ fða-Þórðr (Nr. 54) war erster Siedler im Skagafjörður, die Hochzeit von Guðmundr ríki und Þórlaug wurde in M ǫ ðruvellir vollzogen (Nr. 62) und Jón Arason war Bischof von Hólar (Nr. 75). 115 Z. B. von Guðbrandur Jónsson (1950: 145). Die Kontroverse war, dass es Jón in seinem Widerstand womöglich nicht um Island, sondern um die Verteidigung des katholischen Glaubens ging. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.2 Historisierung der Prosa-Edda 399 <?page no="400"?> allgemein für Europa, 116 aber von vielen spezifisch für Island vorgeschlagen wurde (vgl. Würth [Gropper] 1999: 197). 117 6.2.3.2 Kultureller Niedergang in der Gegenwart In den Handschriften bieten die selben Inhalte, die ein Goldenes Zeitalter der Vergangenheit entwerfen, eine entgegengesetzt konzipierte Gegenwart an, die sie als kulturellen Niedergang beschreiben. 118 Diese Darstellungen sind - ebenso wie die zum Goldenen Zeitalter - als überspitzte Polemiken mit wahrem Kern zu lesen. Im ersten Beispiel zeichnet Hallgrímur Pétursson in Aldarháttur ein sehr betrübtes Bild von der Gegenwart, der er die zweite Hälfte des Gedichtes widmet (AM 738 4to, f. 3r - 5r). Diese wird am Anfang von Str. 11 mit den Worten „ Ølld er nü snüinn “ ( ‚ die Zeit hat sich nun gewendet ‘ , AM 738 4to, f. 4r7) eingeleitet und markiert somit sehr prononciert den zeitlichen Bruch und die dem Gedicht zugrundeliegende gegensätzliche Konstruktion von Vergangenheit und Gegenwart. Hallgrímur nimmt daran Anstoß, dass die zuvor für das Goldene Zeitalter beschriebenen Merkmale in der Gegenwart verschwunden seien und nun großes Elend herrsche. Die Kritikpunkte, die Hallgrímur hervorbringt, missbilligen vor allem die Moral und Aspekte des Zusammenlebens und zeichnen ein ausgesprochen hoffnungsloses Bild der Gegenwart, das u. a. von Feigheit, Habgier und Betrug geprägt sei. Die folgenden zwei Strophen sollen einen Eindruck geben: 119 [Str. 12] Ungdömsins ædi ädur þött stædi til afreka härra loste sialfrædi leti svefn bædi þad lijst þeim nu skärra vits kolnar sædi a vindz hiriar svædi þvi velldur gied þrärra lesa göd frædi læra sidgiæde er lunderne färra 116 Le Goff (2016: 148, 154) bestimmte als Ende des ‚ langen Mittelalters ‘ die Mitte des 18. Jh. Der Umbruch wäre von den Fortschritten in Kultur, Lebensweise, Politik und Philosophie geprägt gewesen, wozu er u. a. die Dampfmaschine und den Beginn des Kolonialismus zählt. Dagegen sei, so Le Goff, die sonst oft genannte Einführung des Buchdrucks im Vergleich zur Einführung des Kodex deutlich weniger markant gewesen und somit nicht weiter ausschlaggebend, um das Ende des Mittelalters bereits früher anzusetzen. 117 Das von Hastrup (1992) beschriebene Konzept von ‚ Uchronia ‘ , das für die isländische Geschichte nur zwei Zeitepochen - die der Blüte und die des Niedergangs kennt - greift an dieser Stelle auch nicht. Es ist jedoch bemerkenswert, da das Konzept den Beginn des Niedergangs bereits deutlich früher, mit dem Ende des sog. Þjóðveldið, ansetzt. 118 Gegen das weit verbreitete Narrativ des Niedergangs im 15. ‒ 18. Jh., wie es immer wieder (beispielsweise von Sigurður Gylfi Magnússon 2010) dargestellt wird, argumentierte Axel Kristinsson (2018). Er machte darauf aufmerksam, wie die Konzeption von Goldenem Zeitalter - Niedergang - Restoration als politischer Mythos im Kampf um die Unabhängigkeit funktionalisiert wurde. Vgl. Hastrup (1992) zu Konstruktionen von isländischen Zeitnarrativen. Weiterhin sind die von Kulturpessimismus geprägten Gegenwartsbeschreibungen dem ebenfalls als Niedergang beschriebenen Eisernen Zeitalter in Vorwort II nicht weiter ähnlich. 119 Auch in diesem zweiten Teil des Gedichtes verwendet Hallgrímur Kenningar, die den Anschluss an die mittelalterliche Dichtung und damit die Verbindung zu der übrigen Kompilation der Handschrift auf stilistischer Ebene herstellen. So setzt beispielsweise die zitierte Kenning „ vindz hiriar svædi “ (AM 738 4to, f. 4r20 - 21) Wissen der eddischen Mythologie voraus, die in der Handschrift nachzuschlagen ist. So ist der Name Hyrja ( „ hyria “ ) im entsprechenden Kapitel „ Trøllkvenna heijti ” ( ‚ Heiti für Trollfrauen ‘ ) des Annar Partur enthalten (AM 738 4to, f. 125r33), und als Kenning unter der Überschrift „ hugur heiter “ ( ‚ Gedanke heißt ‘ ) wird genau dieser Kenningtypus verzeichnet: „ hug mä kienna vind trollkvenna “ ( ‚ Gedanke kann als Wind der Trollfrauen umschrieben werden ‘ , AM 738 4to, f. 109v10). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 400 6 Rezeption <?page no="401"?> [ … ] [Str. 15] So þverra lister miøg eru mister þeir menternar auke menn sitia tvister bragdhnugner bister i büskapar hnauke allt einns og kvister af hretvindi hrister ä hravidar lauke. margur hvør gister vesælldar vister af vijlmödar þrauki 120 (Hallgrímur Pétursson: Aldarháttur, Str. 12 und 15, AM 738 4to, f. 4r16 - 23, 4v1 - 8) Hallgrímur behauptet in Str. 12, dass das Leistungsniveau in der Gegenwart gesunken sei und begründet dies einerseits mit unzureichenden geistigen Fähigkeiten und fehlender Bildung, aber andererseits auch mit Faulheit - und stellt damit die Zustände als zumindest teilweise selbstverschuldet dar. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Rolle, die Hallgrímur der Buchkultur zuschreibt sowie die Folgen des Ausbleibens des Lesens gelehrter Werke. Das Bild, das Str. 15 zeichnet, ist gänzlich düster: Die Menschen werden von einer kollektiven Depression betroffen dargestellt, denen jegliche Kraft fehle, um ihre in materiell-wirtschaftlicher Hinsicht erbärmliche Lage zu verbessern. Diese Darstellung scheint von zynischem Spott erfasst zu sein. Am Anfang der Strophe beklagt Hallgrímur einen kulturellen Rückgang, der u. a. mit fehlenden Kulturschaffenden begründet wird. Es fällt auf, dass er als Dichter in diesen beiden Strophen Kultur und Bildung als wichtiges Merkmal einer idealen Gesellschaft erwähnt. Auch moniert Hallgrímur die ärmlichen wirtschaftlichen Verhältnisse, unter denen die Isländer: innen leben. Dieses liest Margrét Eggertsdóttir (2010: 44) vor allem als Kritik an den damaligen politischen Verhältnissen. Ein ähnlich geringschätzender Blick auf die Verhältnisse der Gegenwart im Kontrast zu einem vergangenen Goldenen Zeitalter findet sich im zweiten Beispiel, Vorwort III, in den drei jüngeren Handschriften. 121 Hier bezieht sich das harsche Urteil ebenfalls auf die Aspekte, die zuvor als maßgeblich für die Vergangenheit benannt wurden, das sind Gelehrsamkeit und Literalität. So lautet es hier: Enn nü finnast f  ir. sem koma samann ferskeittre stóku; Ordsókinn þar til, er fijrst þad, ad þad hnignar sem annat, þurdar og mijnkar; Ønnur Ordsokinn er sw, ad þeir huxa eij umm slijkt, og lifa sijnu büra l ij fi, Huxa Alleijnasta umm ad sl  og röa, og adra büsijslan: Enn giefa Lærdöminum Aungva Huxun, og ecki stund ür Deigi: Enn eg voga ad seigia, ad eij giörast nü betre þiönustu menn. Og eij munu þeir meijr l  ta Eptir sig liggia, enn hinir f ij rre menn, sem þennann Lærdöm 120 Str. 12: ‚ Obwohl der Jugend Besessenheit zuvor nach höheren Leistungen trachtete, / erscheint ihnen nun aus Lust und Selbstbestimmung sowohl Faulheit, und Schlaf als das kleinere Übel, / die Saat des Verstandes kühlt ab in ⸢ Hyrjas Wind ⸣ (Brust; Hyrja = Trollfrau; Hyrjas Wind = Gedanke; der Ort des Gedanken = Brust), was daher zu störrischem Gemüt führt, / gute Lehren zu lesen und Moral zu lernen ist die Sinnesart von wenigen Leuten. ‘ Str. 15: ‚ So schwinden die Künste sehr, diejenigen sind verloren, die die Bildung voranbrächten, / Menschen ertragen betrübt, traurig und verbittert das Mühsal in der Hofhaltung, / genauso zittern [sie] wie die Zweige am ⸢ Spross der Zwiebel ⸣ (Trieb) im kalten Wind, / viele, die Unterschlupf suchen, ertrügen erbärmliche Unterkünfte aus Verzweiflung. ‘ Vgl. die Übersetzungen von Friese (1999a: 71), der jedoch eine andere Textfassung zugrunde legte. Die Kenningar wurden in der vorliegen Übersetzung unter Zuhilfenahme von Margrét Eggertsdóttir (2014b: 229 - 230) sowie der sehr freien Übersetzung von Friese aufgelöst und lassen sich teilweise mit den Kenningar im Annar Partur der Prosa-Edda der Handschrift entschlüsseln. Vgl. die Edition von Margrét Eggertsdóttir (Hallgrímur Pétursson 2000: 38 - 39). 121 Das vernichtende Urteil über die zeitgenössische Bevölkerung ist der Grund, warum anzunehmen ist, dass dieses Vorwort entgegen der deutlichen Zuschreibungen in den Handschriften wahrscheinlich nicht von Arngrímur Jónsson verfasst wurde (vgl. Middel 2016). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.2 Historisierung der Prosa-Edda 401 <?page no="402"?> ydkudu; Sü þridia Orsókinn. Er eij hïnn sijdsta, sem er þad. Ad heijmska og f  kunnatta bijr so rijkt i þeirra heijta 122 . ad þeir hafa eckj vit  sk  lld skaparlaginu 123 (Vorwort III, NKS 1867 4to, f. 112r14 - 25) Nach der Kritik, dass kaum noch gedichtet werde, wird in Vorwort III geradezu zu einem Rundumschlag gegen die zeitgenössische Gesellschaft ausgeholt und die Gründe in unterschiedlichen Aspekten gesucht: Neben einem allgemeinen kulturellen Niedergang wird vor allem die mangelnde Moral der Menschen kritisiert, so wird u. a. ein Vorwurf an Eingebildetheit laut. Der kulturelle Niedergang betrifft jedoch nicht nur eine intellektuelle Elite, denn es wird (bereits im zuvor zitierten Ausschnitt) ein starker Rückgang der Lesekenntnis im ganzen Land moniert. In diesem Zusammenhang wird der zeitgenössischen Gesellschaft unterstellt, keine neuen kulturellen Beiträge zu leisten, weil sich das Interesse von Gelehrsamkeit ausschließlich zu landwirtschaftlichen Tätigkeiten verschoben habe. Dies lässt sich durchaus als klassistische 124 Kritik aus gelehrt-elitärer Perspektive einordnen, welche die vergangene Gesellschaft verklärt, die hauptsächlich intellektuell gearbeitet habe. In einer von Subsistenzwirtschaft geprägten Gesellschaft müssen Tätigkeiten wie Fischen und Heu machen (für die Versorgung des Viehs im Winter) jedoch existentielle Bedeutung für die Sicherung der Lebensgrundlage gehabt haben, so dass die Kritik daran - gerade angesichts der Provenienz von SÁM 66 - überrascht. Interessanterweise lässt sich hierin auch ein Widerspruch zur bereits diskutierten Darstellung des mit Saturn assoziierten Goldenen Zeitalters in Vorwort II bemerken, in dem Ackerbau als eine der zentralen Errungenschaften zugeordnet wurde. 125 Der Vorwurf kann also allenfalls als Zynismus oder Polemik gewertet werden, zeichnet aber auch ein Bild von einer Gesellschaft, die vor allem mit der basalen Existenz beschäftigt ist. Die Kritik scheint dabei nicht gegen die (äußeren) Lebensumstände wie die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse Islands aufgrund von dänischem Handelsmonopol oder Absolutismus gerichtet zu sein, sondern alleinig nach innen. Im Kontext der Handschrift gewinnt dies noch eine andere Dimension: Diese Kritik müssen die Lesenden nicht unbedingt auf sich selbst bezogen haben, da sie mit einem Buch das Mittel gegen die miserablen Zustände bereits in den Händen hielten. Das liegt auch daran, dass 122 Die Form „ heijta “ in NKS 1867 4to, die ein Gen. Pl. sein muss, ergibt an dieser Stelle nicht so recht Sinn, womöglich handelt es sich um einen Schreibfehler. Die anderen beiden Handschriften bieten an dieser Stelle „ heijla “ (ÍB 299 4to, f. 70r22) und „ hiarta og heila “ (SÁM 66, f. 93v3), die wegen des signifikanten Unterschiedes hier mitübersetzt und diskutiert werden. 123 ‚ Aber nun gibt es wenige, die eine vierzeilige Strophe schreiben. Die Ursache dafür ist erstens, dass es abwärts geht so wie anderes austrocknet und sich verschlechtert. Die zweite Ursache ist diese, dass sie sich darüber keine Gedanken machen und ihr Bauernleben leben, einzig ans Mähen und Ausrudern (Fischen) und andere landwirtschaftliche Tätigkeiten denken; aber der Gelehrsamkeit keine Beachtung schenken und nicht einen Moment des Tages. Ferner wage ich zu sagen, dass nun keine besseren Untertanen hervorgebracht werden. Und sie werden nicht mehr hinterlassen als diejenigen vorhergegangenen Leute, die diese Gelehrsamkeit praktiziert haben. Die dritte Ursache ist nicht die letzte, welche diese ist: An Dummheit und Unwissenheit findet sich so viel in ihren Worten (bzw. ‚ ihrem Hirn ‘ 299; ‚ ihrem Herz und Hirn ‘ 66), so dass sie keine Ahnung vom Dichten haben. ‘ Vgl. ÍB 299 4to (f. 70r); SÁM 66 (f. 93r/ v). 124 Klassismus beschreibt eine Diskriminierungsform in Bezug auf die soziale und finanzielle Position sowie Bildung. 125 Die Rolle des Ackerbaus wird in den antiken Darstellungen des Goldenen Zeitalters unterschiedlich bewertet - mal als Errungenschaft, mal als anstrengende Tätigkeit, die auf vorherige dem Schlaraffenland ähnliche Zustände folge (vgl. Evans 2007 und Teichert 2013). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 402 6 Rezeption <?page no="403"?> die Prosa-Edda auf diese Weise als Hoffnungsschimmer in der Dunkelheit inszeniert wird, wie nun nachfolgend dargelegt wird. 6.2.4 ‚ Renaissance ‘ der Prosa-Edda für die Zukunft Die zuvor analysierten Beispiele bedienen sich in allen vier Handschriften der gleichen Rhetorik: Die Vergangenheit wird als vorbildhaft dargestellt, während den Zeitgenoss: innen ein Spiegel vorgehalten wird. Interessant, aber sicherlich nicht sonderlich überraschend, ist die Kausalität, die zwischen dem kulturellen Niedergang durch Unwissen der Menschen und dem postulierten Mangel an Büchern und Lesen hergestellt wird: Der Wert von Büchern wird den Lesenden hier - in einem Buch - vor Augen geführt. In den in Verlängerung der Zeitalter-Rhetorik vorgestellten Ausführungen wird die Prosa-Edda in den Handschriften als dem Goldenen Zeitalter zugehörige Literatur der Vergangenheit inszeniert und somit mehr oder weniger explizit als bedeutsam und lesenswert hervorgehoben. Dieses Beschwören eines an Literatur reichen Goldenen Zeitalters wurde in den nachfolgenden Jahrhunderten als wegweisend aufgegriffen. Für das 19. Jh. beschreibt Sigurður Gylfi Magnússon das Phänomen mit folgenden Worten: The country had undergone one hardship after another under foreign rule, while in its days of independence its history had been one of splendour and success. The independence campaigners deliberately fostered the myth of ‚ the saga nation ‘ , a myth that remains at the heart of Icelanders ’ image of themselves and their country. At the centre of this myth lies the concept of ‚ the Golden Age ‘ of medieval Icelandic literature, an age manifested tangibly in the manuscripts preserved from the period. (Sigurður Gylfi Magnússon 2010: 147) Zentraler Gedanke in den Handschriften ist, dass es beim Lesen nicht um die individuelle Erbauung in Form von Lesefreude oder Bildung ginge, sondern damit die Verbesserung der gesamtgesellschaftlichen Lage möglich sei. Es wird der Wunsch nach Erneuerung und ein Herbeisehnen nach Aufschwung und Gedeihen deutlich - kurzum ein Wiederbeleben der Zustände des zuvor beschriebenen Goldenen Zeitalters oder mit anderen Worten: Der Wunsch nach einer Renaissance dieses Goldenen Zeitalters. Dies schließt auch an die zuvor geäußerten Überlegungen an, dass der Prosa-Edda hier kanonischer Status zugeschrieben wird, der die „ past as present “ präsentiert (Aleida Assmann 2008a: 98). Die Verortung der Literaturproduktion und des Goldenen Zeitalters ist in Hallgrímur Péturssons Aldarháttur (AM 738 4to, f. 3r - 5r) an mehreren Stellen thematisiert. Besonders deutlich wird dies für die Gegenwart, in der, wie bereits dargestellt, das Lesen als Tätigkeit einer aufstrebenden Gesellschaft erwähnt wird (Str. 12). Obwohl Hallgrímur nicht explizit auf die Prosa-Edda Bezug nimmt, liegt nahe, diesen Verweis im Handschriftenkontext von AM 738 4to durchaus auf die Prosa-Edda bezogen zu lesen. Begründet ist dies vor allem in der Tatsache, dass Aldarháttur sowohl materiell, verbal, stilistisch als auch inhaltlich sehr eng mit der Prosa-Edda verflochten steht. Die Epoche, in der die Skaldik gedichtet wurde, war in den Strophen zuvor mit (nationaler) Größe in Verbindung gesetzt und als vorbildlich hochgehalten worden. Weiterhin hat Hallgrímur die vielfältige Anwendung der skaldischen Prinzipien in Form der Kenningar demonstriert und sich somit inhaltlich und formal mit der Prosa-Edda verbunden gezeigt. Das Gedicht ist mit seiner konkreten Kritik an der Gegenwart und dem Verweis auf die ideale Vergangenheit durchaus programmatisch in Bezug auf die Prosa-Edda zu verstehen. Die zeitgenössische, zumindest Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.2 Historisierung der Prosa-Edda 403 <?page no="404"?> bei den weiblichen Figuren eindeutig als isländisch zu verortende Bekleidung in den Illuminationen führt die Aktualität und gegenwärtige Relevanz sowie einen entsprechenden prestigevollen Status den Leser: innen der Prosa-Edda vor Augen. Hier werden keine historisierenden Kostüme gezeigt, sondern die mythologischen Figuren zeitgemäß präsentiert. Gleichzeitig war die Verwendung von Kenningar sowohl in der barocken Dichtung (wie von Hallgrímur Pétursson) als auch der populären Dichtung der Rímur weit verbreitet, und dementsprechend war das Wissen um Kenningar, wie es in der Prosa- Edda aufbereitet wurde, von großem Interesse für das zeitgenössische isländische Publikum: The evidence suggests that the interest in Eddic poetry that developed during the seventeenth century in Iceland represents not so much a simple return to the past, but rather a process of Icelandic literary renewal influenced by contemporary European Baroque verse, with its fondness for classical figures of speech often involving complex periphrasis. (Margrét Eggertsdóttir 2021: 114) Der Prosa-Edda wurde in allen vier Handschriften Nutzen für die Gegenwart zugeschrieben, sie war somit nicht nur aus einem alleinigen Interesse für die Vergangenheit von Bedeutung. In Bezug auf die Bedeutung der Buchkultur ist Vorwort III in den drei jüngeren Handschriften ähnlicher Ansicht (NKS 1867 4to. f. 112r/ v; ÍB 299 4to. f. 70r/ v; SÁM 66, f. 93r - 94r). Die erbärmliche Situation der Gegenwart wird vor allem am angeblichen Stagnieren der Dichtkunst festgemacht, die u. a. generell durch einen Mangel an Büchern begründet sei. Dass die Prosa-Edda in der frühen Neuzeit nun für ihren Wert als (mittelalterliche) Literatur und nicht als bloßes Vehikel für die Mythen verstanden wird, wird hier besonders deutlich. Bevor in Vorwort III die Prosa-Edda zusammengefasst wird, erscheint folgender Hinweis: þeir eru og Nockrir. sem hafa n  tturu med Sk  lld sKap. enn þeir hafa eij þær bækur. sem þad lagfæri. Eda seigi þeim til, i slykri ydkun, og kunna eckj ad koma kiennijngum i Skälldskapinn: þess vegna hef Eg ütsett þessa Bök i l  tinnz ⸌ kt ⸍ tüngum  l, so ad hun er prentud i kaupinnhavn meiga þ  skolapilltar helldur gagn af henni hafa. Og margir leykmenn, þvi l  tinu m  l, er nu ordid so algeingid, ad þar hafa margir þeckïng  ; so og kuna þeir ad seigia til vinum sijnumm, So ad üt kann ad berast, og verda ad almennïngzvitsku; Enn þad seigi eg satt. ad af þv ij sem menn kalla f  fengilegt, er þessi Bök ein hin þarflegasta. 126 (Vorwort III, NKS 1867 4to, f. 112r25 - 112v6) Das Vorwort macht ebenfalls programmatisch den Beitrag von Büchern für eine erfolgreiche Gesellschaft stark und bewirbt vor allem die nachfolgende Prosa-Edda als Allheilmittel gegen die Misere der Gegenwart: Diese sei sogar imstande, dem Land zum Aufschwung zu verhelfen. Das Vorwort gibt somit einen etwas hoffnungsvolleren Ausblick als Hallgríms Gedicht. Das Vorwort drückt zudem einen Wunsch nach Kano- 126 ‚ Es gibt auch einige, die Talent für Dichtung haben, aber diese haben nicht diejenigen Bücher, die das förderten oder sie in eine derartige Betätigung einführten. Und sie können keine Kenningar in Dichtung einzufügen. Deshalb habe ich dieses Buch in die lateinische Sprache übertragen, damit es in Kopenhagen gedruckt wird. Dann können Schuljungen eher daraus Nutzen ziehen und viele Laien, weil die lateinische Sprache nun so allgegenwärtig geworden ist, dass davon viele Kenntnis haben. Sie können auf diese Weise auch ihre Freunde einweisen, damit es verbreitet und zu Allgemeinwissen wird. Und das sage ich wahrlich, dass von all dem, was die Menschen bedeutungslos nennen, ist dieses Buch eines der nützlichsten. ‘ Vgl. ÍB 299 4to (f. 70r/ v); SÁM 66 (f. 93v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 404 6 Rezeption <?page no="405"?> nisierung der Prosa-Edda aus, die zum Allgemeinwissen werden solle. Dasselbe gilt für die Anwendung der Kenningar, die durch die Lektüre der Prosa-Edda in der Dichtung wieder Einzug finden sollen. Gleiches wird im Epilog nach den Dæmisögur verdeutlicht, hier wird nicht - wie in den mittelalterlichen Fassungen - vor dem Glauben an die Æsir gewarnt, sondern im Gegenteil, der Wert der Narrative für das Dichten betont: „ þä skulu menn þö ecke so Ovyrda þessar frä sógur, ad taka ür skäldskapnumm fornar kenningar, þær er Hófudskäldenn hafa sier lijka läted, og Grundvóllur eru skäldskaparenns “ 127 (NKS 1867 4to, f. 147v24 - 27). In die korrekte Anwendung der Kenningar geht also das mythologische Wissen, das in den Dæmisögur narrativiert wird, ein. Es ist jedoch bemerkenswert, dass hier der Beitrag der Prosa-Edda, ähnlich wie im Epilog gefordert, vor allem auf formaler Ebene der Dichtkunst ansetzt. Dabei bleibt die oben angesprochene elitäre Perspektive auf die Gesellschaft weiterhin sichtbar und stößt auf einige Unklarheiten: Der: die Autor: in gibt trotz der nationalen Kritik an, die Prosa-Edda für die Kopenhagener Druckausgabe zur Verbesserung der Zugänglichkeit ins Lateinische übersetzt zu haben. Eine solche Übersetzung wurde zu der Zeit üblicherweise volkssprachlichen Textausgaben beigefügt. Dadurch konnte sich eine solche Ausgabe ein größeres europäisch-gelehrtes Publikum erschließen, das nicht imstande sein musste, die altnordische Textfassung selbst lesen zu können. Doch an welches Publikum richtet sich das Vorwort mit dem programmatischen Anstoß, die gegenwärtigen Verhältnisse mit der Verbreitung der Prosa-Edda zu verbessern? Der die Prosa-Edda preisende Duktus überrascht in einem Vorwort zur selbigen zunächst nicht. Doch warum ist dieses Vorwort in NKS 1867 4to zum ersten Mal und damit 95 Jahre nach der ersten Druckausgabe und zudem in einer Handschrift (die wiederum nur die isländische Sprachfassung umfasst) der Prosa-Edda enthalten? Auch lässt sich fragen, inwieweit eine lateinische Übersetzung einem isländischen Publikum behilflich sein soll, selbst wenn die Lateinkenntnisse in der Bevölkerung tatsächlich stark zugenommen haben sollten. Dies lässt darauf schließen, dass dieses Vorwort ursprünglich kein isländisches Publikum ansprechen sollte. Dies scheint aber unerheblich, da es im Kontext der drei jüngeren Handschriften auf Isländisch an isländisches Publikum richtet. Die gewachsenen Lateinkenntnisse wären außerdem ein Argument, das eigentlich gegen den proklamierten kulturellen Verfall spräche, es sei denn, die Kritik beträfe nur auf die Abkehr von der volkssprachlichen Literatur. All diese Punkte werfen Fragen nach dem Verhältnis von Vorwort III in Bezug auf die erste Druckausgabe sowie die drei jüngeren Handschriften auf. Die Prosa-Edda wird als eine der wichtigsten kulturellen Hervorbringungen dieses Goldenen Zeitalters gefeiert, an das nun programmatisch wieder angeknüpft werden soll. In zwei der jüngeren Handschriften findet sich das Gedicht „ Edda hviled under benke “ , das bereits Thema war (NKS 1867 4to, f. 100v; ÍB 299 4to, f. 58v). In diesem wird ebenfalls eine Chronologie der Überlieferung der Prosa-Edda auf das Konzept von Zeitaltern - wenngleich aus gelehrter dänischer Perspektive - übertragen: Sæmundr und Snorri hätten zuerst die Edda geschrieben, die später auf Island in Vergessenheit geraten sei und nun durch Resen (und damit in Kopenhagen) wiedererweckt wurde. Weil dieses Gedicht in den Handschriften steht - und die Lesenden Dänisch und Latein verstanden - wird hier die 127 ‚ Die Menschen sollen dann diese Erzählungen doch nicht so geringschätzen, so dass sie aus der Dichtung alte Kenningar entnehmen, welche die Hauptdichter sich haben gefallen lassen und die Grundlage der Dichtkunst bilden. ‘ Vgl. ÍB 299 4to (f. 105v); SÁM 66 (f. 136v). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.2 Historisierung der Prosa-Edda 405 <?page no="406"?> Überwindung einer Epoche des Vergessens beispielhaft deutlich gemacht und entspricht dem, was Vorwort III in Aussicht stellt. Hier zeigt sich nicht nur eine typisch humanistische Rhetorik der Renaissance des vergangenen Goldenen Zeitalters, sondern auch das frühneuzeitliche Selbstverständnis, dass dessen kulturelle Hervorbringungen erst in der Wiederkehr richtig zum Erblühen gebraucht werden. Diese Anerkennung der Dichtung als Literatur der Vergangenheit wird weiterhin in allen vier Handschriften in der Verwendung der historisierenden Orthografie und Kanzleischrift im Zusammenhang mit der Dichtung deutlich (Kap. 5.3.4). Dass zur Schriftlichkeit nicht nur Inhalte und Werke gehören, sondern ebenfalls deren Umsetzung in Schriftform, ist als essentieller Teil dieser Vergangenheitskonstruktion in unterschiedlichem Ausmaß mitgedacht und demonstriert worden. Interessant ist in diesem Zusammenhang der prononcierte visuelle Text der Schrift in den Handschriften, der nicht nur bestimmte Texte oder Begriffe aus antiquarischer Perspektive historisiert, sondern durch die aktive Übertragung und Anwendung selbst an diese Zeiten und die Schriftkultur anzuknüpfen versucht. Die Handschriften demonstrieren, dass Isländer: innen im 17./ 18. Jh. noch problemlos mittelalterliche Literatur lesen konnten. Dabei fiel auf, dass die Archaisierung nur für die Dichtung galt, die umgebenden Prosa-Abschnitte erschienen dagegen in aktualisierter Orthografie und zeitgenössischer Kurrentschrift. Die skaldische und eddische Dichtung wird nicht nur als schriftliche Literatur der Vergangenheit präsentiert, sondern auch die Möglichkeit einer Wiederkehr zu dieser Größe demonstriert. Dazu hat weiterhin die Runenschrift (und die weiteren, vor allem in den drei jüngeren Handschriften enthaltenen Schriftarten) beigetragen, Kulturen über die Schriftlichkeit aus alter Zeit zu imaginieren und definieren. Die Verbindung der verschiedenen Zeitepochen und den der Prosa-Edda zugehörigen Überlieferungsschritte wird weiterhin auf den Titelseiten der drei jüngeren Handschriften hergestellt, wie bereits an anderer Stelle gezeigt (Kap. 5.2). In zwei Fällen werden neben 1215 (das Jahr die Kompilation) und 1665 (das Jahr der ersten Druckausgabe) zusätzlich das jeweilige Schreibjahr der Handschrift angegeben und so die Chronologie abgeschlossen: für NKS 1867 4to das Jahr 1760 und für SÁM 66 das Jahr 1765. Dadurch wird die Herstellung der Handschriften als weiteres Glied in der Überlieferungskette den beiden anderen Ereignissen gleichrangig nebeneinandergestellt. Die Titelseiten erwecken den Eindruck einer linearen Überlieferung, die die mittelalterliche Fassung von Snorri Sturluson und deren Renaissance über den Umweg des Drucks prominent platziert. Auf der Titelseite wird die Prosa-Edda deutlich als ca. 550 Jahre alt und in das sog. Þjóðveldið datiert markiert, eine Tatsache, die somit nicht als Einwand gegen, sondern als Argument für deren Lektüre gilt. Damit greifen die Diskurse in den Handschriften die Argumentation der isländischen Nationalbewegung um die Loslösung von Dänemark vor, die die Gedanken u. a. von Arngrímur lærði Jónsson weiterführen, und das sog. Þjóðveldið explizit als ein gullöld konstruieren, eine Vorstellung, die bis heute nachhallt. Middel (2018: 127) setzt das Aufkommen dieser Ideen um 1770 an, die schließlich mit Jón Jónsson Aðils (1869 - 1920) Publikationen gipfelten. Dieser wendete sich schichtenübergreifend an ein junges isländisches Publikum und präsentierte ein Goldenes Zeitalter als Ideal für Islands Zukunft. Es stelle ein nationales Alleinstellungsmerkmal dar und sei davon geprägt, dass Unabhängigkeit, Freiheitsliebe, Sprache und Literatur sich in dieser Zeit gegenseitig bedingt hätten. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 406 6 Rezeption <?page no="407"?> Die Lektüre mittelalterlicher Literatur und die Zurückgewinnung der Unabhängigkeit seien sowohl verknüpft als auch zukunftsweisend. Das Ende dieser Epoche setzte Aðils bereits mit dem Ende des sog. Þjóðveldiði 1262/ 1264 an, worauf der kulturelle und politische Niedergang bis zur Mitte des 18. Jh. bestanden hätte bis die nationalkulturelle Bewegung entstanden sei (vgl. Middel 2018). Die untersuchten Handschriften belegen, dass Grundgedanken dieses Narrativs bereits schon vorher schichtenübergreifend zirkulierten und differenziert geführt wurden. 6.2.5 Zusammenfassung Isländische Papierhandschriften werden wegen ihrer medialen Form zumeist als Glied eines Kontinuums mittelalterlicher Handschriften-Tradition wahrgenommen; doch sie sind auch Artefakte der Rezeption. In den vier Handschriften wird der Wunsch nach einer ‚ Renaissance ‘ deutlich, die über die Pflege und das Wiederaufblühen des literarischen Erbes als zukünftiger Aufschwung der isländischen Gesellschaft inszeniert wird. Dieses Bestreben lässt sich einem aufkommenden Nationalismus zuordnen. Damit stellen diese frühneuzeitlichen Prosa-Edda-Handschriften diese Diskurse bereits her und führen sie einem nationalen Zweck zu, lange bevor dies später als ‚ isländischen Renaissance ‘ für das 19. Jh. z. B. von Gunnar Karlsson (2008) beschrieben wurde. 128 Wies der Epilog der mittelalterlichen Fassungen noch relativ unscheinbar auf die Bedeutung der Rezeption von Skaldik hin, wurden in den frühneuzeitlichen Papierhandschriften die verschiedenen Zeitepochen in ihrem jeweiligen Bezug zur Prosa-Edda nun viel umfangreicher ausgestaltet. In dem Zusammenhang wird ein Goldenes Zeitalter konstruiert und zeitlich zwischen vorchristlicher Vergangenheit und der kritisierten Gegenwart eingezogen. So wird der Beginn der Prosa-Edda historisiert, die deshalb nicht trotz, sondern gerade aufgrund ihres Alters als nützlich präsentiert wird. Sie wird als Zeugnis einer einzigartigen vergangenen Literaturproduktion inszeniert, die zur Präfiguration und zum Vorbild für die Gegenwart erhoben wird. Die individuelle Ausgestaltung des entworfenen Goldenen Zeitalters sowie dessen Bezug zur Prosa-Edda fällt jedoch unterschiedlich aus: So wird es als heroisches Zeitalter über die Kenningar und den Verweis auf Skald: innen in Hallgrímur Péturssons Aldarháttur (AM 738 4to) mit Dichtung assoziiert. Im Vorwort III der drei jüngeren Handschriften wird es explizit als gelehrtes Zeitalter beschrieben (NKS 1867 4to; ÍB 299 4to; SÁM 66). Dieses Goldene Zeitalter befindet sich vor einer von den Handschriften proklamierten zeitgenössischen Epoche des Niedergangs, weshalb es nun gelte, an diese Werte der Vergangenheit wieder anzuknüpfen - dabei könne zum Beispiel die Lektüre der Prosa-Edda behilflich - oder gar essentiell sein. Es wird auf diese Weise der Eindruck erweckt, dass die Prosa-Edda wie ein gelehrtes Fenster den Blick in dieses Goldene Zeitalter eröffnen könne. 128 An dieser Stelle sei eingeräumt, dass Gunnar Karlsson (2008: 31 - 33) durchaus erwähnt, wie dem politischen Nationalismus Islands bereits mit den Publikationen Arngrímur lærði Jónssons weit vorher der Weg geebnet wurde. Vgl. zur Funktionalisierung der mittelalterlichen Literatur und Handschriften für den isländischen Nationalismus und den Kampf um Unabhängigkeit von der dänischen Vorherrschaft im 19. und 20. Jh. Guðmundur Hálfdánarson (2011: 53), Halink (2017) und Whaley (2000: 161 - 162). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 6.2 Historisierung der Prosa-Edda 407 <?page no="408"?> Die verschiedenen Perspektiven ergeben ein Narrativ von Kontinuitäten und Brüchen: Das Goldene Zeitalter wird in den drei jüngeren Handschriften nach vorn und hinten durch Brüche abgegrenzt: nach vorne durch die Thematisierung von Idolatrie als Merkmal eines Zeitalters vorchristlicher Religionspraxis, nach hinten durch die Markierung des Endes im Übergang zur postreformatorischen Gegenwart in der Ættartala Óðins und durch die Kritik der Gegenwart in Vorwort III. Einen ähnlichen qualitativen Bruch erschreibt Hallgrímur Pétursson in Aldarháttur (AM 738 4to), indem er ebenfalls die zeitgenössische Gesellschaft vehement kritisiert. Vorwort III und Hallgrímur entwerfen Bilder einer glorifizierten Vergangenheit sowie eines trostlosen Niedergangs in ihre Gegenwart, der mit deutlichem Zynismus betrachtet wird. Die beiden Perspektiven überkreuzen und unterscheiden sich an mehreren Stellen in ihrem Bezug auf die Prosa-Edda: Sie bauen mit der Prosa-Edda eine Brücke von der Vergangenheit in eine Zukunft, doch setzen sie unterschiedliche Schwerpunkte hinsichtlich dessen, was sie in der Vergangenheit als Werte glorifizieren und welche Vorstellung sie dementsprechend für eine bessere Zukunft für Island haben. Die Empfehlung, sich mit Dichtung und der Prosa-Edda auseinanderzusetzen, dürfte sicher auf wohlwollende Zustimmung bei den Lesenden gestoßen sein, schließlich hielten sie die nötige Literatur bereits in ihren Händen. Alle vier Handschriften ermöglichen die umfangreiche Beschäftigung mit alter Sprache, Schrift, Dichtung und Mythen. Im Fall von Hallgrímur Péturssons Aldarháttur verbleibt der Wunsch nach Anknüpfen an die Vergangenheit nicht nur bei den programmatischen Bekundungen, sondern wird durch die verwendeten Kenningar eindrucksvoll demonstriert - etwas, wozu die Lesenden von Vorwort III ebenfalls selbst angehalten wurden nachzueifern. In dieser Weise führen die Handschriften einen Diskurs weiter, der bereits in der Kompilation sowie im Epilog der mittelalterlichen Prosa-Edda anklang. Die Handschriften bemühen sich, eine Kontinuität über die verschiedenen Zeitalter hinweg zu betonen: Dies inszenieren sie z. B. über die zeitgenössische Bekleidung in den Illuminationen in AM 738 4to und über die Überlieferungsgeschichte der Prosa-Edda auf den Titelseiten in den drei jüngeren Handschriften. Auch die Ættartala Óðins führt eine lineare Abkunft der Isländer: innen über Óðinn, Priamos und Saturn bis zu Adam zurück und platziert diese so inmitten des christlich-gelehrten europäischen Narrativs in der Weltgeschichte. Die Vorstellung einer Vorbildhaftigkeit historischer Literatur erfuhr im Antiquarianismus einen ersten Höhepunkt mit der Sammlung der Handschriften sowie den ersten gedruckten Editionen und Abhandlungen. Doch auch später wurde gerade mittelalterlichen Handschriften zunehmend die symbolische Repräsentation eines Goldenen Zeitalters Islands zugesprochen: „ The manuscripts containing these writings became significant not only as the material container of this literature but also as a symbol of an Icelandic golden age and ancestral achievements. “ (Svanhildur Óskarsdóttir 2015: 33). Diese Auffassung diente im 20. Jh. als Antrieb und Argument für die Verhandlungen um die Rückführung der isländischen Handschriften - sie zeigt, wie sehr kulturelle Artefakte, kulturelles Gedächtnis und Politik miteinander verbunden sind. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 408 6 Rezeption <?page no="409"?> 7 Schlussbetrachtung und Ausblick Die vorliegende Studie hat eine tiefgehende Analyse vierer Prosa-Edda-Handschriften geliefert, deren Ergebnisse an dieser Stelle noch einmal zusammengefasst werden. Es wurde deutlich, dass Papierhandschriften höchst faszinierende Artefakte sind, die zu den Perspektiven und Vorstellungen der Menschen ihrer Entstehungszeit Zugang bieten. Sie zeugen in ihrer Vielfalt von einer blühenden Buchkultur in der Frühen Neuzeit und von der zunehmenden Bedeutung, die der Prosa-Edda zugeschrieben wurde. Es konnte aufgezeigt werden, dass das, was als die Prosa-Edda aufgefasst wurde, sich stetig gewandelt hat. Die vorliegende Studie erweitert somit das vorherrschende Bild von ‚ der ‘ Prosa-Edda um die vielschichtigen Perspektiven des 17./ 18. Jh. Die handschriftliche Überlieferung zeigt seit dem Mittelalter eine faszinierende Vielfalt, auch dann, wenn Handschriften zeitlich nah beieinander und/ oder durch die gleiche Hand hergestellt wurden. Die vier untersuchten Handschriften gehören zu einer bemerkenswerten Anzahl zeitgenössischer Prosa-Edda-Handschriften, aus der sie gleichzeitig herausstechen. Das betrifft u. a. ihren besonders differenzierten Einsatz visueller Mittel wie Schrift, Layout und Illuminationen, die mit ihren außerordentlich komplexen Kompilationen zusammentreffen. Diese Merkmale sind auch Argument dafür, den Blick über den Wortlaut der Prosa-Edda-Werkteile hinaus zu öffnen und der Analyse ein offenes Textkonzept zugrunde zu legen, um das volle Spektrum der Neuschreibeprozesse erfassen zu können. So konnten in dieser Studie Überschneidungen, Verstärkungen und Brüche zwischen dem verbalen, visuellen und materiellen Text in den Blick genommen werden. Dies ermöglichte gleichzeitig, u. a. die Illuminationen und das ausdifferenzierte Schriftbild als Phänomene der Neuschreibeprozesse zu verstehen. Weiterhin wurden die übergeordnete Kompilation der Handschriften und im Speziellen die umverteilten und erweiterten Prologe in die Analyse integriert. Dies hat gezeigt, dass die Grenzen zwischen Text und Paratext mancherorts verschwimmen. Dieses Aufbrechen der Hierarchien von Text und Paratext, von Innen und Außen war ein interessantes Ergebnis in Bezug auf das Erfassen der Neuschreibeprozesse. Weiterhin ebnet dieser Zugang auch der Analyse der Rezeptionsprozesse den Weg. Diese Zugangsweise ermöglicht es auch, die Vielstimmigkeit berücksichtigen, die in den Handschriften erklingt. Diese baut auf den zahlreichen vorhergegangenen Neuschreibeprozessen auf, die sich immer wieder übereinanderlegten, überkreuzten und so gegenseitig anreicherten. Sie ist Ergebnis dessen, dass das Interesse für die Prosa-Edda immer wieder unterschiedlich ausfiel: Dieses änderte sich diachron über die Jahrhunderte der Handschriftenproduktion hinweg. Gleichzeitig konnte die Prosa-Edda - synchron betrachtet - unterschiedlichen Interessen zugeführt werden, was sich auf vielfältige Weise in den Handschriften niederschlug. Die damit in Zusammenhang stehende Vielstimmigkeit wurde in den Handschriften jeweils sichtbar gemacht: So steht in AM 738 4to die Sichtbarkeit der Skald: innen im Fokus. Eine weitere Ebene der Vielstimmigkeit besteht darin, dass mehrere Hände auf den Seiten zusammentrafen und das Material nach ihren Bedürfnissen ergänzten. In den drei jüngeren Handschriften wird die Prosa-Edda vor allem Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 <?page no="410"?> als Stimme Snorris präsentiert und von frühneuzeitlichen Gelehrten umgeben, die sich u. a. mit der Prosa-Edda auseinandergesetzt haben. Diese Vielstimmigkeit führte zuweilen nicht nur zu einer gegenseitigen Verstärkung, sondern auch dazu, dass Inhalte sich zuweilen aneinander rieben. Die Brüche (wie z. B. die falsch nummerierten Kapitelverweise in den Beischriften in NKS 1867 4to und SÁM 66) zeigen auf, dass hier ein antiquarisches Vorgehen im Sinne einer Sammeltätigkeit praktiziert wurde. Dieses zielte auf das Zusammentragen verschiedener Perspektiven und umfangreichen Materials ab und nicht auf deren Vereinheitlichung. Dieses Prinzip setzt sich stellenweise in den divergierenden Erzählungen der eddischen Dichtung und der Prosa-Edda fort. Das Neuschreiben war auch vom dem Können der Schreib- und Illuminationshände abhängig. In Bezug auf AM 738 4to lassen sich die beteiligten Hände zwar nicht mit Sicherheit identifizieren, doch enthalten sie Indizien: So war die Illuminationshand (1) künstlerisch begabt und hatte großes Textverständnis, die Haupthand (3) stellte das Material vermutlich nach und nach für sich selbst zusammen. Die Ergänzungshand (5) konnte Latein und zeigt ein hohes Bewusstsein für und Interesse an Textvarianten. Die drei jüngeren Handschriften sind zunächst einem gemeinsamen Herstellungskontext zuzuordnen: Ólafur Brynjólfsson, der NKS 1867 4to begonnen hat, war Pfarrer und hatte die Lateinschule abgeschlossen und ist mit Hinblick auf Bildung als gesellschaftliche Position als Mitglied einer gebildeten, isländischen Oberschicht anzusehen, die nur von Personen, die studiert hatten oder hauptsächlich als Gelehrte arbeiteten, übertroffen wurde. Jakob Sigurðsson, der NKS 1867 4to fertigstellte und die beiden anderen Handschriften, ÍB 299 4to und SÁM 66, komplett ausführte lebte dagegen unter ökonomisch schwierigen Bedingungen und wuchs ohne formale Schulbildung auf. Er hatte jedoch von Ólafur lesen und schreiben gelernt, seine Herkunft sicherte ihm somit Kapital in sozialer (Kontakte) und materieller Form (Büchern) sowie privilegierten Zugang zur (informellen) Bildung. Jakobs Lebensumstände und die Provenienz der Handschriften zeigen auf, dass Bildung nicht notwendigerweise an den sozialen Status oder eine formale Bildungsinstitutionen gebunden war - wenngleich solche den Zugang erleichterten. Jakob nutzte sein Können als Schreiber und Illuminator als zusätzliche Erwerbsquelle zu seinen landwirtschaftlichen Tätigkeiten. In diesem Zusammenhang sollte nicht vergessen werden, dass Handschriften oft Produkte für den Verkauf waren und dem Auftragswunsch entsprechend ausgeführt werden konnten. Dadurch gewähren auch die Handschriften aus seiner Feder Einblicke in unterschiedliche Zugänge zur Prosa-Edda. Die drei jüngeren Handschriften sind alle als Auftragswerke für die lokale Bevölkerung in den Ostfjorden, aber mit unterschiedlichem Bildungsstand und Interessen erstellt worden. Die Analyse hat ebenfalls Einblick in die isländische (Buch-)Kultur des 17. und 18. Jh. gegeben. Gerade die Illuminationen dieser Handschriften zeigen, dass sie Artefakte waren, die bei den Lesenden auch ästhetischen Genuss und Freude beim Anschauen auslösen sollten ‒ diese Seite kann im sachlichen Zugang der Forschung nicht immer angemessen erfasst werden. Die unterschiedlichen Herangehensweisen lassen erahnen, was die Prosa-Edda alles sein konnte und von wem sie warum gelesen und als relevant erachtet wurde. Das Schwerpunkt von AM 738 4to ist die Prosa-Edda mit dem Annar Partur, der in Resonanz mit der skaldischen und eddischen Dichtung gestellt wurde. Die Handschrift ermöglicht so das Studium der mittelalterlichen Dichtung und das Nachschlagen von Kenningar und Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 410 7 Schlussbetrachtung und Ausblick <?page no="411"?> Heiti zur Anwendung in der eigenen Dichtung. Durch die Darstellung von zeitgenössischer Kleidung wurde in den Illuminationen - sowie durch Hallgrímur Péturssons Aldarháttur - die aktuelle Relevanz der Kenntnis von Kenningar und Heiti verdeutlicht. Die Kompilation der Prosa-Edda wurde in dieser Handschrift nach eigenem Interesse deutlich überarbeitet: Auch wenn die Dæmisögur womöglich verloren gegangen sind, übernimmt die eddische Götterdichtung in der Gesamtkompilation zusammen mit dem umverteilten Prolog die Einführung in die eddischen Figuren und Mythennarrative. Sie schaffen so Grundlagen für das Verständnis der nachfolgenden Kenningar und Heiti. Im umverteilten Prolog sind Abschnitte mit Kenningar und Heiti der Gött: innen vorgezogen und mit Illuminationen zusammengeführt worden. Indem Abschnitte des Prologus wiederum in den Annar Partur interpoliert und zahlreiche skaldische Lausavísur und Gedichte separat außerhalb der Prosa-Edda aufgeführt wurden, erscheint das Verhältnis zwischen Text und Paratext mehrfach verschoben - und letztlich aufgehoben. Die späteren Hinzufügungen von Hand (5) und der materielle Befund, der auf die Verwendung in Gebrauchseinheiten schließen lässt, zeigen, dass diese Handschrift in den wenigen Jahren, die sie zirkulierte, intensiv genutzt und währenddessen repariert und erweitert wurde. Die Nutzung in Gebrauchseinheiten führt eine flexibel gedachte Gesamtkompilation mit sich: Die Handschrift konnte wachsen und schrumpfen und war (vorerst) nicht fixiert. In den drei jüngeren Handschriften wird die Prosa-Edda als antiquarische Kompilation Snorri Sturlusons präsentiert: Ihre Lektüre wird v. a. auf literarischer Ebene empfohlen. Sie wird von weiteren antiquarischen Inhalten begleitet, so dass die Prosa-Edda in diesen Handschriften zusammen mit den Runenschriften und anderen Antiquitäten auf gleicher Ebene präsentiert wird. Die Illuminationen der Bildlagen historisieren die dargestellten Figuren über die Kostüme und erschließen die Mythennarrative auf literarischer Ebene, gleichzeitig schreiben sie der Lektüre vor allem Unterhaltungswert zu. Die Überarbeitung der Kompilation der Prosa-Edda ist in allen drei Handschriften subtiler und beziehen sich u. a. auf das Ergänzen von Kenningar. Dadurch, und dass zahlreiche antiquarische Inhalte wie frühneuzeitliche Vorworte zusammengestellt wurden, ist ein großer Teil des Neuschreibens außerhalb des Wortlautes der Prosa-Edda zu verorten. Die antiquarischen Inhalte umfassen wiederum verschiedene Perspektiven auf die Prosa-Edda, aber auch auf andere relevante Themen der damaligen Zeit (z. B. Runenschrift). In NKS 1867 4to liegt die Betonung vor allem auf historischen Kontinuitäten, wie u. a. durch die Verwendung (pseudo-)historisierender Schriftarten, eines ebensolchen Einbands, die enthaltenen antiquarischen Abhandlungen und die Beschriftung der Titelseite sichtbar wird. ÍB 299 4to ist die konziseste der Handschriften, die neben der Prosa-Edda nur eine kleine Auswahl eddischer Dichtung enthält, aber dafür explizit voranstellt. Sie macht in den Illuminationen am umfangreichsten die Strategie der Interpretatio Romana fruchtbar. SÁM 66 hat den geringsten gelehrten Anspruch und lässt die lateinischen Inhalte der anderen aus. Ihre Illuminationen haben den freundlichsten Modus und wurden ausführlich in Beischriften beschrieben. Sie bietet noch andere Inhalte (das kommentierten Kalendarium und die Einführung in die Arithmetik), die diese Handschrift als Lehrbuch für Kinder im Hausunterricht fassen lassen. Dies war womöglich auch der Grund, warum sie Ende des 19. Jh. mit einer isländischen Familie nach Nordamerika emigrierte. Die beiden Handschriften ÍB 299 4to und SÁM 66 zirkulierten nicht nur am längsten in Privatbesitz, sie wurden den Gebrauchspuren nach zu urteilen auch sehr intensiv gelesen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 7 Schlussbetrachtung und Ausblick 411 <?page no="412"?> Alle vier Handschriften wurden von Personen hergestellt, in Auftrag gegeben, gelesen, verkauft oder verschenkt, gesammelt, studiert, repariert und ausgestellt. Die Handschriften sind jeweils durch verschiedene Hände gegangen und haben mehrfach den Ort gewechselt. Die Lebensumstände und Identitäten dieser Personen waren unterschiedlich, wie die Provenienzen aufzeigen: Diese umfassten den Rektor der Lateinschule in Skálholt, einen Pfarrer, einen Buchdrucker, einen Buchbinder, einen Dichter ohne Schulbildung in Nordwestisland, verschiedene Bauernfamilien in Nordostisland, deren Haushaltsmitglieder wie Kinder und Bedienstete, einen verarmten Buchhändler, weibliche Personen sowie eine Familie mit isländischen Wurzeln in Nordamerika. Diese Auflistung zeigt, wie groß der Kreis derjenigen war, die Interesse an der Prosa-Edda hatten. Denn diese war in der Frühen Neuzeit nicht nur Gegenstand antiquarischer Diskurse einer vornehmlich gelehrten Elite in Dänemark, Schweden und Island. Das Buch wurde mit der Zeit auch immer beliebter bei der isländischen Bevölkerung. Alle Handschriften haben sich für einen längeren Zeitraum außerhalb Islands befunden: Als eine der Handschriften, SÁM 66, nach Nordamerika mitgenommen wurde, konnte sie in der neuen Heimat ihrer Besitzer: innen (für eine Zeit lang) Zugang zu isländischer Sprache und Literatur gewähren. Die anderen drei Handschriften haben sich zumindest für eine Zeitlang in Kopenhagen befunden, wobei NKS 1867 4to sich noch immer dort befindet. Zwei der Handschriften (AM 738 4to und NKS 1867 4to) wurden in Kopenhagen für Editionen verwendet und die drei jüngeren Handschriften für Ausstellungen ausgewählt und so neues Publikum gewonnen. Alle vier Handschriften wurden in den letzten Jahren Handschriften durch Digitalisate weltweit öffentlich zugänglich gemacht. Diese beträchtliche Reichweite - in Zeit und Raum - konnte bei der Herstellung noch gar nicht eingeplant werden. Ein zentrales Ergebnis dieser Studie ist, dass die Handschriften sich sowohl innerhalb des Neuschreibens der Überlieferung der Prosa-Edda verorten lassen als auch die Prosa- Edda bereits als (mittelalterliches) Werk rezipieren: Neuschreiben und Rezeption - sie sind beides. Brüche und Kontinuitäten betreffen beide Phänomene, die sich in ihnen überlagern, verstärken, ergänzen und widersprechen. Die Ebene der Rezeption wird u. a. dadurch sichtbar, dass die Prosa-Edda an mehreren Stellen als Literatur der Vorzeit präsentiert wird, die durch zeitliche und kulturelle Alterität zur zeitgenössischen Gegenwart markiert ist. Die Prosa-Edda wird innerhalb der Handschriften u. a. über die Titelseiten und Illuminationen hervorgehoben und geradezu zelebriert. In den drei jüngeren Handschriften findet sich in Vorwort III darüber hinaus der explizite Hinweis, dass die Prosa-Edda eines der wichtigsten Bücher sei, das möglichst von der gesamten Bevölkerung gelesen werden solle. Dies wurde mit dem Wunsch begründet, an eine (postulierte) kulturelle und politische Blüte der Vergangenheit wieder anknüpfen zu können. Damit wurde die Prosa-Edda einem nationalen Diskurs zugeführt und über die Integration in die Handschriften für die Bevölkerung urbar gemacht. Zur Ebene der Rezeption gehört ebenfalls, dass die drei jüngeren Handschriften teilweise gedruckte, antiquarische Vorlagen aufnahmen. Dazu zählen die Edda Islandorum und weitere Inhalte wie die Illuminationen aus Bartholins (1689) Antiqvitatum Danicarum. Auf diese Weise führen diese drei Handschriften eine Textfassung (die auf den Codex Wormianus zurückgeht) mit einer Illumination (Hárs lygi, die auf den Codex Upsaliensis zurückgeht) zusammen, die als besondere Merkmale der mittelalterlichen Überlieferung gelten. Die Inhalte gedruckter Bücher wurden nicht einfach nur kopiert, sondern haben Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 412 7 Schlussbetrachtung und Ausblick <?page no="413"?> auch Neues angeregt: So scheint Jakob Sigurðsson das Motiv von Hárs lygi zum Anlass genommen zu haben, eigene Bilderzyklen zu entwickeln. Die Illuminationen belegen, wie unterschiedlich die eddischen Gött: innen, Ries: innen, Monster und Orte visuell imaginiert werden konnten. In den vier Handschriften wird die Prosa-Edda als ein von Snorri Sturluson im sog. Þjóðveldið kompiliertes Buch präsentiert, sie tragen auf diese Weise aktiv zur Kanonisierung des abstrakt imaginierten Werkes Prosa-Edda bei. Dies könnte zunächst suggerieren, dass die Schreibhände ebenfalls den Anspruch gehabt hätten, eine möglichst alte Fassung zu erstellen. Doch die Prosa-Edda blieb aufgrund der handschriftlichen Individualisierung über all die Jahrhunderte - und auf alle Textformen bezogen - flexibel. Dies betrifft nicht nur die Wortebene, aber ebenso die Aufteilung in Werkteile, den Umfang der zitierten Dichtung, die grundlegende Struktur der einzelnen Abschnitte, die Verwendung von Schriften, den Einsatz von Illuminationen, die Angabe von Titel und Kompilator/ Autor, die Titelseiten, das Format, die Gesamtkompilation der Handschriften sowie verschiedene weitere paratextuelle Elemente. Nur in Druckausgaben wurde eine Fassung der Prosa-Edda in mehreren Exemplaren fixiert - in Handschriften hat sie dagegen in jedem Exemplar erneut Prozesse des Neuschreibens und der Rezeption durchlaufen. Die Offenheit galt in den hier untersuchten Handschriften u. a. dem Annar Partur, dessen kleinteilige Struktur sowie Grundkonzept eine stete Arbeit mit dem verbalen Text - und in AM 738 4to sogar die Integration von Illuminationen begünstigt hat. Grundsätzlich wurden die Dæmisögur aufgrund ihrer festgelegten Reihung seltener umgestellt oder neue Narrative beigefügt, doch auf visueller Ebene regten sie komplexe Erweiterungen in Form von Illuminationen an. Die in den Papierhandschriften erkennbaren Kanonisierungsprozesse wirken bis heute nach: So wird die Prosa-Edda auch heute als eines der zentralen Werke der altnordischen Literatur angesehen. Inzwischen sind vier Handschriften Sammlungen zugeführt worden und so selbst zu Artefakten des kulturellen Gedächtnisses geworden. Dennoch wurden die frühneuzeitlichen Fassungen bisher zumeist aus dem Narrativ zur Überlieferung der Prosa-Edda ausgeblendet, obwohl viele der dort kanonisierten Vorstellungen heute noch deutlich nachhallen. Dazu gehört z. B. die prominente Rolle, die Snorri Sturluson zugeschrieben wird sowie das Interesse, das sich auch heute zumeist auf Prologus, Gylfaginning und Skáldskaparmál beschränkt (und damit Háttatal außen vorlässt). Wie der Blick auf die beträchtliche Anzahl frühneuzeitlicher Prosa-Edda-Handschriften erahnen lässt, warten noch zahlreiche weitere Exemplare darauf, aus den Archiven geholt und untersucht zu werden - um so das Bild, das diese Studie bereits gezeichnet hat, noch weiter zu verfeinern und aufzufächern.Bitte alle nachfolgenden nicht nummerierten Überschriften ebenfalls in Literaturverzeichnis aufnehmen! Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 7 Schlussbetrachtung und Ausblick 413 <?page no="414"?> Abstract & Keywords This study examines the Prose Edda as a subject of rewriting and reception in 17 th and 18 th century Iceland. In this period of Antiquarianism, medieval Icelandic literature gained great attention - both in Iceland and abroad; this led to learned treatises, the first printed editions, but also a growing demand to own a manuscript copy of Prose Edda. As a result, the number of paper manuscripts increased significantly, as did the literacy of the general population. This study analyses four paper manuscripts to uncover different rewriting and reception strategies. The manuscripts all share a complex compilation centring on the Prose Edda, with Eddic poems and other varying content. They all are equipped with elaborated illuminations illustrating the Prose Edda. The other content varies, and exhibits diverse interesting visual and material characteristics. These features are usually not taken into consideration by editions, but the study demonstrates how fruitful their integration into the analysis of rewriting and reception processes are. This study operates with its own expanded concept of text to accommodate the complexity of these manuscripts in the analysis, casting light on the three forms - verbal, visual and material text (see fig. 1 above). Their ʻ suture ʼ in particular - the overlaps and frictions these text forms reveal when combined with each other within the analysis - provides especially fruitful findings. As an example, the identification of the caesura between the codicological units of the manuscripts builds on shared discontinuities in these text forms. An analysis of these promises insight into the history of the manuscripts ’ production, conception, changes and use. This approach also allows one to look beyond the verbal text of the Prose Edda and to include i. e. its paratextual features as well as the compilation ’ s other content. The results of the analysis aim to gain insight into why people in Iceland were interested in reading the Prose Edda in the 17 th and 18 th century. Different manuscripts are included in the analysis to provide a multifaceted perspective on the rewriting and reception strategies, uncovering both individual and popular decisions. The differentiating perspectives are furthermore supported by the unique situation that three of the manuscripts were either completely or partly prepared by the same scribe and illuminator. Albeit ongoing canonisation processes, they show differences that are connected to the commissioner ’ s request and illustrate that the Prose Edda was far from fixed in paper manuscript form but reshaped in every iteration. Paper Manuscripts of the Prose Edda The four manuscripts ’ text version of Prose Edda is based on the reworkings by Magnús Ólafsson from Leirá, who prepared his Edda in 1609 at the behest of Arngrímur lærði Jónsson. The Prologue is included in the long version, as Magnús primarily used Codex Wormianus (AM 242 fol.). Furthermore, his approach, compiling a more readable version, included a clearer separation of the mythological narratives into fables - the so-called Dæmisögur - and the poetic circumlocutions in the second part, the Annar Partur. Some of the important changes were a significant reduction of the ʻ frame narrative ʼ of Gylfaginning about how the Swedish king Gylfi, calling himself Gangleri, asks three Æsir kings to tell Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 <?page no="415"?> the myth. In the Annar Partur, Magnús distributed the material in alphabetical order according to their denotation and reduced the number of exemplifying Skaldic verse. Magnús ‘ Edda was used for the first printed edition, published by Peder Hansen Resen as Edda Islandorum in Copenhagen in 1665. It provided an Icelandic, Danish and Latin text version. Most Prose Edda paper manuscripts can be traced back to its Icelandic text version, and this holds true for the four manuscripts (though for one only for its added notes, see below). Interestingly, the Annar Partur was the section that shows the most rewriting in regard to the verbal text in the analysed manuscripts, an indication that Prose Edda was still actively used for poetry and adapted accordingly. The most significant change of Magnús reworkings is certainly that he did not include Háttatal in his compilation; it was subsequently omitted until the first scholarly editions of medieval manuscripts appeared in the 19 th century. The oldest of the four manuscripts, Reykjavík, Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, AM 738 4to, also called Langa Edda, dates to around 1680. The study argues that it was written by up to five individuals, however the illuminating hand (1) may belong to the same person as the Eddic-poetry-hand (2) or the main hand (3). The illuminator cannot be identified with certainty, but it is argued, based on stylistic similarities, for two possible candidates: sr. Jón Guðmundsson from Stærri-Árskógur (c.1635 ‒ 1696, see fig. 7 above) and sr. Jón Guðmundsson from Fell í Sléttuhlíð in Skagafjörður (1631 ‒ 1702, see fig. 99 above). Of the sections of Prose Edda, it includes primarily the Annar Partur with interpolated sections of the Prologue ( ʻ redistributed prologue ʼ , see below). Furthermore, there is a selection of (mostly mythological) Eddic poems, skaldic poems and lausavísur, comments on Old Norse poetry, lists with poetic words and metres, and also contemporary poetry by Hallgrímur Pétursson (i. e. Aldarháttur, ʻ Zeitgeist ʼ or ʻ Spirit of the Times ʼ ). The main hand might be that of Sigurður dalaskáld Gíslason (1655 - 1688) a poet in Northwest Iceland, who seems to have gradually collected the poetry and other relevant material from different sources to compile a handbook on poetry for himself. The manuscript was used in unbound units for some time and it (with other references within the manuscript) allows one to consider that the Dæmisögur had existed previously but were lost over time. The variant hand (5) shows signs of a learned background and material connected to Skálholt. It seems plausible that it is the hand of the person who gave the manuscript to Árni Magnússon, Magnús Jónsson from Leirá (1679 - 1702), who taught at and directed the Latin school in Skálholt until his death. Most notably, the hand added variants from Edda Islandorum to the existing text, often with footnote-like signes-de-renvoi, without ever crossing out any previously writings. The additions prove the ongoing growing content according to personal interest and variants at hand. The three younger manuscripts are: Copenhagen, Det Kongelige Bibliotek, NKS 1867 4to (1760); Reykjavík, Landsbókasafn - Háskólabókasafn, ÍB 299 4to (1764), and Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum, SÁM 66 (1765 - 1766), also called Melsteð ‘ s Edda. They were all written and illuminated within a few years by Jakob Sigurðsson, who - like many other Icelandic scribes - was formally unschooled, but descended from a family of pastors. He worked as a tenant farmer on different farms in east Iceland (see fig. 18 above). He must have learned reading and writing from his older foster-brother, sr. Ólafur Brynjólfsson, while he lived in Kirkjubær. Furthermore, many parts of the oldest of the three manuscripts, NKS 1867 4to, were in fact written by Ólafur after whom Jakob seems Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 Abstract & Keywords 415 <?page no="416"?> to have taken over, adding, among other things, Annar Partur, title pages, illuminations, and runic content. The three younger manuscripts include a selection of Eddic poems in the beginning; the Prose Edda does not start before approximately the middle. They are equipped with an elaborated, extended prologue (see below) including the Prologue as well as the Dæmisögur and Annar Partur. The text version is derived from Edda Islandorum. Despite the allegedly fixed intermediate stage of a printed edition, it shows some cuts (mostly in regard to the quoted poetry and Ds. LXIX - LXXII) and additions (mostly kenningar and heiti). The remainder of the content differs in the manuscripts, but all include Björn Jónsson á Skarðsá ’ s treatise Útlegging yfir V ǫ luspá, which also discusses Prose Edda and summarises the medieval version of Gylfaginning. The three manuscripts show an antiquarian perspective on Prose Edda. The differences between the three manuscripts point to the commissioners ’ interest and the imagined readership: NKS 1867 4to and ÍB 299 4to address a more learned readership with knowledge of Latin and classical mythology as they provide Latin marginalia in the Dæmisögur and include names and references to classical mythology. NKS 1867 4to displays a special interest in historic scripts (especially runes) and was donated by the pastor (and friend of Jakob) sr. Guðmundur Eiríksson (1708 - 1781) to his son Eiríkur the Elder Hoff (1738 - 1790), a book printer who brought the manuscript to Copenhagen. ÍB 299 4to elaborates the strategy of Interpretatio Romana in the greatest detail, naming and depicting Eddic figures with Roman counterparts. This manuscript is also the most concise version of all, with less additional content. All of its content and paratextual features are designed to frame the Prose Edda, its coherent and homogenous character underpin that this must have been a commissioned work. Its early provenance remains unclear, but its last private owner was Sigmundur Matthíasson Long (1841 - 1924), who started life as an impoverished day labourer and self-taught reader who collected and sold books in east Iceland before selling the main part of his manuscript collection to Hið íslenska bókmenntafélag in the 1880s because of financial difficulties. The youngest of the manuscripts, SÁM 66, is characterised by a general lower-threshold accessibility of its content, leaving out most Latin and learned content contained in the other two manuscripts. Instead, its pages are more readable due to larger script and fewer lines per page, and all illumination motifs are described in explicit captions, expecting less knowledge of their narratives. Its overall compilation consists of a variety of contents, two others are copied from printed Icelandic books, too: a calendar, Þórður Þorláksson ’ s Calendarium Perpetuum (printed in Skálholt 1692), with notes on medical and astronomical matters. The second is the Icelandic translation of Edward Hatton ’ s (1721) An Intire System of Arithmetic with the title Lijted Agrip Umm þær Fioorar Species I Reiknings Konstenne ( ʻ Short Overview of the four Arithmetic Operations ʼ , printed in Hólar 1746, see fig. 26 above). Its title page refers to its usefulness for children and farmers who need to add and subtract when buying and selling. The readers ’ marks show that the manuscript was indeed intended for local farming families and their children (see fig. 20 - 21 above). The names are of the heads of the farms, as well as children, a farm servant and women, living on farms in north and northeast Iceland. The manuscript was taken to North America by an Icelandic family in 1876 and gained a new role as a link to their culture of origin as well as a family treasure until it was officially incorporated into the Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum in 2000. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 416 Abstract & Keywords <?page no="417"?> Rewriting The analysis of the rewriting strategies shows how the Prose Edda was reworked for the manuscripts in regard to all three text forms (verbal, visual, material), including several layers of previous changes. In some respects, it had moved far away from the betterknown medieval versions. Four features of the manuscripts are selected that show extraordinary marks of rewriting: the prologues, title pages, mise-en-page (including script) and illuminations. This chapter completes with two case studies - on Hárs lygi and the Interpretatio Romana - that combine some of the features previously discussed separately. Prologues and Framing AM 738 4to, on one hand, and the three younger manuscripts, on the other, show two fundamentally different approaches to the Prologue and prefatory matters. In AM 738 4to, the approach was to rearrange sections of the Prose Edda in a ʻ redistributed prologue ʼ (see fig. 27 above): A number of lists with the kenningar and heiti of the gods and one goddess (Freyja) were brought forward as prefatory material, positioned right after the title page and synoptically arranged with the figure ’ s respective illumination. Furthermore, these prefatory matters include four full-page illuminations (Valh ǫ ll, Yggdrasill, the Midgard Serpent and Fenrir) as well as a few other lists - including one with names from classical Roman mythology. They introduce central figures and concepts up front. The illuminations enrich them by adding visual images to the verbal lists of the kennings. This arrangement was furthermore supplemented by the variation hand (5) which also added an illumination. The variant placement of the extracted lists is noted in the subsequent section of Annar Partur. After its list of Óðinn ‘ s sons, two sections of the Prologue are included and give an account of the genealogy of Óðinn, linking him to king Priam of Troy and even further back to Saturn (see transcription in app. 5.2 below). The rest of the Prologue is not present in the manuscript. The Prologue and Annar Partur are thus woven into each other and augmented with illuminations and other content that was considered relevant. This rearrangement is thoughtfully executed and challenges the idea of clear-cut sections of the Prose Edda as well as blurring the boundaries of text and paratext, and it accounts for how flexible the verbal text of Prose Edda was considered. The three younger manuscripts display a general antiquarian approach of putting together different varying material, which is also true in their ʻ extended prologue ʼ (see fig. 30 above, transcriptions in app. 5.3 below). This term is introduced in this study to denote the contents that are placed between the title page and the Prologue. They also include the illuminated quires that directly precede the title pages since they illustrate the Dæmisögur. The three versions of the extended prologue share the general structure, but also show some individual solutions, most prominently in the illuminations (see below). They include (almost) all illuminations of the manuscripts, four early modern prefaces (I - IV), the Prologue and other, varying material. Since the version of the Prologue can be traced back to the long version in Codex Wormianus, it includes a more critical attitude towards the Eddic gods and idolatry of them. The four early modern prefaces reflect the Prose Edda as a literary work: (I) The Formäle Til Eddu ( ʻ Preface for the Edda ʼ ) discusses the meaning and etymology of the title Edda. (II) The lengthy Annar Formäle Nijgiórdur ( ʻ Second, renewed preface ʼ ) carries forward the mythological narratives of classical Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 Abstract & Keywords 417 <?page no="418"?> mythology found in the Prologue, including the ages of the world (i. a. the ʻ Golden Age ʼ ), and it also articulates more criticism of historical idolatry. (III) Formäle sr. Angrijms Jossonar ad Mel i Midfijrde ( ʻ Preface by sr. Arngrímur Jónsson from Mel[staður] in Miðfjörður ʼ ) 1 argues for the benefit of reading Prose Edda in times of cultural decay. (IV) Hvad Edda Sie ( ʻ What the Edda is ʼ ) by Magnús Ólafsson presents the Prose Edda and its structure to the readers. Two of the manuscripts, NKS 1867 4to and ÍB 299 4to, also include a poem by Thomas Bartholin the Elder, originally printed in the Edda Islandorum, praising Resen ‘ s contribution to the resurrection of the Edda, claiming that it had fallen into oblivion, but been preserved ʻ icebound ʼ in Iceland. These two also include a number of runic alphabets and a poem by (an unidentified) sr. Jón Guðmundsson lamenting that the runic script known earlier in Iceland was about to fade into obscurity. Furthermore, all manuscripts include an Ættartala Óðins, a genealogical list leading from Adam to Saturn to Óðinn to the V ǫ lsungs to the Icelandic settlers to the last Icelandic Catholic bishop Jón Arason (but only NKS 1867 4to does so within the extended prologue, see fig. 128 above). The prefatory content in these manuscripts is of different origin and does not necessarily result in one coherent voice, but instead aims at compiling additional perspectives. Furthermore, the present study argues that the concept of ʻ framing ʼ allows for inclusion of the other manuscripts ’ other content in the analysis of rewriting the Prose Edda because they are materially part of one artefact and resonate with each other. Title Pages All manuscripts include a title page for the Prose Edda, referring to the compilation as ʻ Edda ʼ and attributing its compilation to Snorri Sturluson. Title pages were introduced with book printing, but in manuscripts they were subject to rewriting and individualisation, too. The title page in AM 738 4to (f. 34r, see fig. 6 above) is illuminated with a floral border and describes the general structure of the Prose Edda (which in fact deviates from the compilation that follows). Due to its placement and the mentioning of Sæmundr inn fróði, it is also in effect for the Eddic poems (which are placed between the illuminated extracted parts and Annar Partur). The title page dates the manuscript to 1680 and gives the initials ‘ SG ’ - very likely referring to its first owner (who is probably also the main hand), the aforementioned Sigurður Gíslason. The title pages for the Prose Edda in the three younger manuscripts (NKS 1867 4to, f. 100r; ÍB 299 4to, f. 58r; SÁM 66, f. 81r; see fig. 44 - 46 above) introduce the work as “ The book Edda that was put together by Snorri Sturluson, lawspeaker, Anno Christi 1215. Printed in Copenhagen in Icelandic, Danish and Latin, Anno Domini 1665. ” The beginning is reminiscent of the similar wording in the initial rubric of the Codex Upsaliensis (DG 11 4to, f. 2r), which refers to the content that follows content as a book and its name, Edda, as well as attributing it to Snorri as compiler. 2 It is interesting that the title page in SÁM 66 blurs the name Edda visually by using cipher. Additional information on the printed edition is also given, even though the text version had undergone some rewriting and only the Icelandic version of the three is included. However, this information seems to point out the international relevance and popularity of the Icelandic book. Two manuscripts, NKS 1867 4to and SÁM 66, also 1 The authorship is probably a misattribution. 2 This information was taken from the title page of Edda Islandorum, which was informed by Magnús Ólafsson ’ s Latin introduction. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 418 Abstract & Keywords <?page no="419"?> provide the year in which the manuscript was written, establishing a continuous transmission narrative from 1215 to 1665 to 1760/ 1765. The title page of ÍB 299 4to is richly decorated with figurative drawings in medallions that show selected details of the illuminated quires of the two other manuscripts. Mise-en-page and script This chapter is dedicated to the visual text of the written pages and its relation to the verbal text and includes an investigation of the mise-en-page that gives an insight into the ideas of hierarchy and structure of the texts. From this, one may conclude that AM 738 4to has a special interest in Skaldic poetry, because the names of the skalds are most often prominently placed in the margins or titles; in comparison, the chapter headings in Annar Partur often blend in within the lines (see fig. 50 above). Other investigations include how the layout of preface IV, the Prologue and Dæmisögur suggests a rather continuous section instead of three clearly separate parts in the three younger manuscripts. The intentional use of multiple scripts is called Vielschriftigkeit ( ‘ multi-script utilisation ’ ) in this study, and it is similar to but more sophisticated to the contemporary printing conventions. Put simply, chancery script (and its hybrid forms) was mostly used for poetry and lists and associated with medieval poetry, which current script was used for prose and early modern treatises and humanistic script for Latin passages (see table 21 above). One special focus is on the learned treatises and lists on runic script, as well as the use of runes for minor parts of the text. It is a feature in all four manuscripts, but especially prominent in the illumination captions in NKS 1867 4to (see fig. 65 - 68 above). Some of the captions differentiate between runes to describe the mythological narratives and chancery script for the references to the Dæmisögur - thus associating both scripts with different periods of time. However, runes and cipher are also used in the manuscripts to blur the written word in order to arouse curiosity and amusement. They illustrate how writing stimulated the creativity of the writing hands and brought joy to the readers. At the same time, runes were thought to have been in use for Old Norse literature earlier and thus also realise an archaising visual text. Furthermore, examples of chancery script with ‘ medieval ’ orthography and frequent abbreviations (similar to medieval manuscripts) were part of the visual text, especially of Eddic poetry (transcriptions in app. 5.1 below). These archaising strategies support the proposition that medieval Icelandic literature remained accessible to the Icelandic people, presumably because there had been little change to the language and readers should try to experience this first-hand. Illuminations The analysis of the contribution of the illuminations to the rewriting of the Prose Edda is one of the focal points of this study. It is motivated by the fact that the selected paper manuscripts include the most elaborate and extensive illustrations of Prose Edda found in manuscripts. They are preceded by the Codex Upsaliensis, which i. a. includes the famous illustration of the frame narrative of Gylfaginning (called Hárs lygi in this study) and is discussed in the case study below, however, the relation of the other illuminations to the verbal text remains largely unclear. The lack of models for all other motifs provided an opportunity for the illuminating hand of AM 738 4to and Jakob Sigurðsson to create the illuminations on their own terms and according to their vision. It is noticeable that the Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 Abstract & Keywords 419 <?page no="420"?> motifs are rooted in a deep understanding of the verbal text. In AM 738 4to, the clothes of the Eddic figures show sophisticated contemporary upper-class fashion from Iceland. They are also used for characterisation; i. e., Balldr wears a fancy coat, Freyja is dressed in the traditional Icelandic costume and Gunnl ǫ ð wears the same, but carelessly, associating her with promiscuity (see fig. 97 - 98, 124 above). Thus, the Prose Edda is presented updated and relevant to the contemporary audience and is associated with an Icelandic elite. Some of the captions are part of the extracted kenningar, which are moved even further from the lists into the illuminated pages, involving the illuminations into the rewriting of a prominently augmented visual text. The illuminations of the three younger manuscripts can be roughly divided into the illuminated quire with illustrations of the Dæmisögur (NKS 1867 4to, f. 92r - 99v; SÁM 66, f. 73r - 80v; similar motifs are on title page in ÍB 299 4to, f. 58r) and a bifolium, mostly with images of different antiquities copied from Thomas Bartholin ‘ s (1690) Antiqvitatum Danicarum (NKS 1867 4to, f. 110r - 111v; ÍB 299 4to, f. 59r - 60v). Jackob Sigurðsson seems to have used other printed images as inspiration as well; examples are given from Andrea Alciato ‘ s Emblematum libellus from the 16th century (see fig. 76 - 79 above) and engravings with motifs of Classical mythology (see fig. 119 - 120 above). He also realised different rewriting strategies in every manuscript in regard to the illuminations, showing the range of his skills and individualisation options to accommodate commissioners ’ requests. The illuminated quires illustrate individual mythological figures as well as mythological narratives from the Dæmisögur. In general, the motifs in NKS 1867 4to tend to be more dramatic and in SÁM 66 more absurd, presenting the gods as entertainingly incompetent. The clothes of the figures are imaginative and include elements of antique-like armour (see fig. 101 above). The bodies and faces are characterised by clumsiness, bulbous noses and exaggerated facial expressions. In summary, the myths in the three younger manuscripts are presented as all of this: historic and entertaining stories to the audiences. The analysis of the illuminations showcases that the manuscripts were also intended to bring joy and amusement - something that cannot always be adequately captured in the rather functional tone of research. This chapter concludes with the discussion of the at time complex captions. In the illuminated quires they refer to the respective Dæmisaga and are suited as entry point for readers (despite deviant chapter numbering). All captions are transcribed and translated into German in the respective appendix of the manuscript (see app. 1 - 4.4 below). Case Studies Two case studies are discussed in depth. The first deals with Hárs lygi, referring to the frame narrative of Gylfaginning (and the Dæmisögur) and its rewriting. Despite the fact that Magnús Ólafsson had reduced it significantly in his reworked version, it was reintroduced in the three younger manuscripts twofold: Within the paraphrasis in Björn Jónsson á Skarðsá ’ s Útlegging yfir V ǫ luspá, and as full-page illuminations: Jakob Sigurðsson prepared two different reworked versions of the famous illumination of the motif in Codex Upsaliensis (DG 11 4to, f. 26v, see fig. 107 above). Jakob had access to it via Thomas Bartholin ‘ s Antiqvitatum Danicarum, which he reunited with the verbal text of the Prose Edda. Furthermore, it seems that it inspired him to create the other illuminations. He reworked the design and used both versions (see fig. 113 - 116 above). He also composed a Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 420 Abstract & Keywords <?page no="421"?> verse for the caption that presents the mythological narratives told by Hárr as eloquent lies, or in other words, as literary fiction. Thus, when combining a text version based on the (significantly) rewritten Codex Wormianus (via Edda Islandorum and other intermediate stages) and a revised illumination from the Codex Upsaliensis (via Bartholin and other intermediate stages), Jakob brought together two outstanding characteristics of the medieval Prose Edda transmission at a time when the medieval manuscripts already had left Iceland. It is a striking example of how Scandinavian antiquarian publications were also intertwined with early modern Icelandic manuscript production. The other case study deals with different instances of Interpretatio Romana in the manuscripts, a strategy that is deliberately employed in all four manuscripts and especially prominent in ÍB 299 4to. At times, the references to Eddic and Roman mythology are quite intricate, and the actual direction becomes debatable - whether it is an Interpretatio Romana or Interpretatio Norr œ na. This seems, in fact, to be part of the concept, considering the mythologies on equal terms and belonging to one system; this can also be seen in the Ættartala Óðins, which presents them in one line. The Interpetatio does not only apply to individual figures, but also the literary work: A caption to a full-page illumination of Heimdallr that is shown with the attributes of Mercury (SÁM 66, f. 80r, see fig. 118 above) refers to a ʻ Latin Edda ʼ . Another unique example provides the illumination showing Cybele/ V ǫ lva in ÍB 299 4to (f. 2r, see fig. 122 above) at the beginning of V ǫ luspá. Its caption, however, refers, to the myth of the Sibylline books, associating the Eddas with this educational narrative on the price of the preservation and loss of literary heritage. Reception: Canonisation and Historization The next section of the study explores the relationship between text and context, focusing on the discourses in the manuscripts that extend beyond the Prose Edda, and at the same time situates it within this context. During the centuries of rewriting, the Prose Edda was repeatedly ascribed new meaning, leading to multiple coalesced layers of reception. Ideas about both the Prose Edda and the Icelandic past have thus been continuously reformulated in the manuscripts (and in print). These processes can be described as constant filtering and enrichment, as some of the ideas that are visible in the four manuscripts still resonate today. As the discourses of reception are primarily visible in the rewritten manuscript features, this section builds upon the previously earned insights. Two prevailing dimensions of reception are discussed: The canonisation of the Prose Edda, and the historization of it. The analysis of the canonisation processes builds upon the concepts of ʻ canon ʼ and ʻ archive ʼ coined by Aleida Assmann as part of the Cultural Memory Studies. Some of the parts of the master narrative regarding what the Prose Edda is were first presented in the initial rubric of Codex Upsaliensis. However, they did not earn their mainstream fame until they were consolidated by the early modern transmission. To give a significant example, the most prevalent title form today, ʻ Snorra Edda ʼ (also in its hyphened form ʻ Snorra-Edda ʼ ), was introduced in early modern paper manuscripts: First, by contraction, leaving out the verb setja saman ( ʻ compile ʼ ), second, repositioning the postposed attribute genitive in front to form a determinative compound (see fig. 125 above). Furthermore, the title pages of the three younger manuscripts present the Prose Edda as a 550-year-old Icelandic compilation worthy of reading - not in spite of, but precisely because of its age. It is presented as a key Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 Abstract & Keywords 421 <?page no="422"?> work of Old Norse literature and attributes Snorri Sturluson the status of a national cultural hero. Similarly, AM 738 4to also contextualises the Prose Edda as a compilation from times past, and indicates on the title page a fixed understanding of the compilation of the Prose Edda - in spite of its deviating compilation. The manuscripts thus demonstrate an awareness that links an increasingly stable abstract idea of what the Prose Edda is and the opportunities of rewriting. As an abstract entity, the Prose Edda is astonishingly resistant to time, but in terms of its concrete form it demonstrates particular fluidity and flexibility in the paper manuscripts. The richness of its transmission and the complexity of its text remain largely invisible when its study is limited to editions that traditionally present only one (often edited) version of only the verbal text. The chapter on the historization uncovers distinct time periods to which the manuscripts refer and relate to different levels of the Prose Edda. These are: (1) A general, pre- Christian time characterised by the idolatry of pagan gods. This is addressed in the three younger manuscripts in the Prologue, in preface II and in an illumination in the illuminated quire (NKS 1867 4to, f. 94r, see fig. 123 above; SÁM 66, f. 77r, see fig. 102 above) that is said to depict an idol of Óðinn. In AM 738 4to, this time period and pre- Christian religious practise is referred to in the Scaldic poetry and is mentioned in relation to the Roman gods. (2) An Icelandic ʻ Golden Age ʼ situated in the so-called Þjóðveldið (also called the ʻ Icelandic Free-State ʼ ). It is characterised by its cultural heyday, general prosperity and political autonomy. The three younger manuscripts refer to it in preface III and date the compilation of the Prose Edda to within this period. In AM 738 4to, this period is outlined in Hallgrímur Pétursson ’ s poem Aldarháttur, which characterises it with heroism and skaldic poetry. (3) According to all four manuscripts, the contemporary present is described by a cultural and societal decline. The three younger manuscripts imply the onset with the changes of the Reformation, which included the increased influence of the Danish crown. Hallgrímur Pétursson paints a gloomy picture of misery in his polemic poem Aldarháttur in AM 738 4to. (4) To overcome the contemporary cultural and social decline, preface III suggests turning back to medieval literary practises, although it is not phrased thus - and the Prose Edda is recommended as the most useful book for this endeavour. The Prose Edda is imagined to be representative of an Icelandic ʻ Golden Age ʼ , enabling a prospering future when treasured. The readers of preface III are encouraged to compose poetry with kenningar, and a few examples can be seen in Jakob Sigurðsson ‘ s captions in the illuminations. This same is also suggested by the continuities of the transmission of Prose Edda that are accentuated on the title pages. Similarly in AM 738 4to, Hallgrímur Pétursson ’ s Aldarháttur calls for a revival of the traditional poetry and even demonstrates this and the use of kenningar itself - that can also be learned by reading Annar Partur in this manuscript. To sum up: The manuscripts clearly differentiate between an unlocated pre-Christian religious practise and the Prose Edda that is located in medieval Iceland. AM 738 4to is particularly interested in Old Norse poetry, while the layer attributed to ‘ Snorri ’ and the High Middle Ages represents the relevant level in the three younger manuscripts. The examples demonstrate how manuscript production was shaped by its contemporary ideas and, at the same time, contributed to new discourses itself. The Prose Edda was not regarded as a source on the mythology of a pagan past, but it enjoyed great popularity because it was seen as the work of a unique, medieval literary production associated with an idealised period of Icelandic history and culture. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 422 Abstract & Keywords <?page no="423"?> Conclusion The Icelandic manuscript tradition is usually described as uninterrupted from the Middle Ages until around 1900. However, it allowed both continuous rewriting practises and the ongoing reception, both of which are investigated in the study presented here. Both processes have accumulated over time, enriched perspectives, and sometimes overlaid each other. This study expands the notion of the Prose Edda by multifaceted perspectives of four manuscripts from the 17 th and 18 th centuries, offering a starting point for the study of many more in the future. The extended concept of text allowed the study to investigate the complex rewriting and reception processes in depth. It thus enabled the pointing out of continuities, but also discontinuities. The Prose Edda is presented as proof of a unique medieval literary culture that is elevated to a prefiguration and model for the contemporary readership and in this form inscribed into the cultural memory. AM 738 4to emphasises the voices of the skaldic poets and contains a rearranged compilation of the Prose Edda. The three younger manuscripts focus on Snorri Sturluson and bring together Icelandic antiquarian perspectives from the 17 th and 18 th centuries. In doing so, they are in fact not interested in the Prose Edda in order to learn about pre-Christian religious practice and mythology; this it is a perspective that became popular during Romantic nationalism in Europe and resonates until today. This study includes a detailed appendix with one section (app. 1 - 4) for each of the manuscripts, including tables of the manuscripts ’ contents, watermarks and codicological units, as well as transcriptions and translations into German of the illuminations ’ captions. The appendix (app. 5) also provides transcriptions of the redistributed and extended prologues, as well as of selected chapters of the Dæmisögur, the epilogue, and relevant sections of Útlegging yfir V ǫ luspá by Björn Jónsson á Skarðsá. Keywords Prose Edda, Poetic Edda, Snorri Sturluson, Cultural Memory, Antiquarianism, Manuscripts, Early Modern Times, Iceland, Illuminations, Material Philology, Canonization Prosa-Edda, Eddische Dichtung, Snorri Sturluson, Kulturelles Gedächtnis, Antiquarianismus, Handschriften, Frühe Neuzeit, Island, Illuminationen, Material Philology, Kanonisierung Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 Abstract & Keywords 423 <?page no="424"?> Handschriftenverzeichnis Die Datierungen sind, wenn nicht anders angegeben, aus dem jeweiligen Handschriftenkatalog (gedruckt) oder wenn vorhanden, handrit.is oder ONP entnommen. Dublin Royal Irish Academy 23 D 43 Edinburg The Advocates Library 21.6.7 Kopenhagen Den Arnamagnæanske Samling Acc. 50 AM 232 fol. AM 242 fol. AM 364 fol. AM 384 fol. AM 413 fol. AM 281 4to AM 748 I a 4to AM 28 8vo Rask 21 a Det Kongelige Bibliotek Kall 238 fol. NKS 1088b fol. NKS 1111 fol. NKS 1128 fol. NKS 1700 4to NKS 1704 4to NKS 1772 b 4to NKS 1867 4to NKS 1872 4to NKS 1876 4to NKS 1878 4to NKS 1892 4to Thott 1030 fol. London British Library Add. 4874 Add. 11.108 Add. 11.157 Add. 11.158 Add. 11.162 Add. 11.163 Add. 11.169 Add. 11.173 Add. 11.193 Oxford Bodleian Library Marshall 114 Reykjavík Landsbokasafn Íslands - Háskolabokasafn ÍB 52 fol. ÍB 68 4to ÍB 105 4to ÍB 144 4to ÍB 299 4to ÍB 506 4to ÍB 185 8vo ÍB 291 8vo JS 166 fol. JS 133 4to JS 246 4to Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 <?page no="425"?> JS 265 4to JS 83 8vo JS 117 8vo JS 234 8vo JS 325 8vo JS 402 8vo JS 472 8vo Lbs 203 fol. Lbs 268 fol. Lbs 1040 fol. Lbs 215 4to Lbs 781 4to Lbs 818 4to Lbs 977 4to Lbs 1240 4to Lbs 1413 4to Lbs 1781 4to Lbs 2146 4to Lbs 2286 4to Lbs 3505 4to Lbs 163 8vo Lbs 1185 8vo Lbs 1341 8vo Lbs 1475 8vo Lbs 1528 8vo Lbs 1806 8vo Lbs 2141 - 2142 8vo Lbs 2156 8vo Lbs 4463 8vo Stofnun Árna Magnússonar í íslenskum fræðum AM 345 fol, AM 351 fol. AM 414 fol. AM 426 fol. AM 429 I - IV fol. AM 430 fol. AM 436 fol. AM 147 4to AM 462 4to AM 673 a III 4to AM 738 4to AM 743 4to AM 748 I b 4to AM 748 II 4to AM 758 4to AM 974 4to GKS 1005 fol. GKS 2365 4to GKS 2367 4to GKS 2368 4to NKS 1885 b 4to NKS 1899 b 4to SÁM 3 SÁM 66 SÁM 119 Þjóðminjasafn Íslands Þjms. 4884 Stockholm Kungliga biblioteket Holm. Papp. fol. 34 Holm. Papp. fol. 64 Holm. Papp. 8vo 15 Holm. Perg. 4to 3 Nordiska Museet 64.934 Uppsala Universitetsbibliotek DG 11 4to Utrecht Universiteitsbibliotheek MS 1374 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 Handschriftenverzeichnis 425 <?page no="426"?> Literaturverzeichnis Isländische Autor: innen sind gemäß der isländischen Konvention dem isländischen Alphabet folgend und generell nach Vorname, Nachname/ Patronym eingeordnet. Aðalheiður Guðmundsdóttir (2009). „ Dancing Images from Medieval Iceland “ . In: Ney, Agneta/ Williams, Henrik/ Ljungqvist, Fredrik Charpentier (Hg.): Á austrvega. 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Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 Literaturverzeichnis 451 <?page no="453"?> Appendix Inhaltsverzeichnis 1 AM 738 4to . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 464 1.1 Ausführliche Inhaltsverzeichnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 464 1.1.1 Gesamthandschrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 464 1.1.2 Verteilter Prolog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 471 1.1.3 Annar Partur mit Prologus-Interpolationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 472 1.2 Lagenstruktur und Wasserzeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 476 1.3 Zäsuren der kodikologischen Einheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 479 1.4 Transkriptionen und Übersetzungen der Beischriften . . . . . . . . . . . . . 482 2 NKS 1867 4to . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 489 2.1 Ausführliche Inhaltsverzeichnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 489 2.1.1 Gesamthandschrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 489 2.1.2 Prosa-Edda . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 496 2.2 Lagenstruktur und Wasserzeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 502 2.3 Zäsuren der kodikologischen Einheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 506 2.4 Transkriptionen und Übersetzungen der Beischriften . . . . . . . . . . . . . 510 3 ÍB 299 4to . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 517 3.1 Ausführliche Inhaltsverzeichnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 517 3.1.1 Gesamthandschrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 517 3.1.2 Prosa-Edda . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 522 3.2 Lagenstruktur und Wasserzeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 528 3.3 Zäsuren der kodikologischen Einheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 531 3.4 Transkriptionen und Übersetzungen der Beischriften . . . . . . . . . . . . . 532 4 SÁM 66 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 536 4.1 Ausführliche Inhaltsverzeichnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 536 4.1.1 Gesamthandschrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 536 4.1.2 Prosa-Edda . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 541 4.2 Lagenstruktur und Wasserzeichen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 547 4.3 Zäsuren der kodikologischen Einheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 551 4.4 Transkriptionen und Übersetzungen der Beischriften . . . . . . . . . . . . . 552 5 Transkriptionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 557 5.1 Historisierendes Schriftbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 557 5.2 AM 738 4to . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 558 5.2.1 Hinzugefügte Inhalte aus dem umverteilten Prolog . . . . . . . . . . . 558 5.2.2 Prologus-Interpolation im Annar Partur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 560 5.3 Die drei jüngeren Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 564 5.3.1 Erweiterter Prolog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 564 5.3.2 Weitere Inhalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 590 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 <?page no="454"?> 1 AM 738 4to 1.1 Ausführliche Inhaltsverzeichnisse 1.1.1 Gesamthandschrift kodikologische Einheit Lage Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Hand P.1 i (f. 1 - 2) 1 f. 1r 1 Tvær vijsur oddz þordarsonar Dichtung Oddur Þórðarsonar: Tvær vísur (Liebesgedicht) 3 14 eyn lijtil vijsa Ein lítil vísa (Liebesgedicht in Geheimschrift) 3(? ) f. 1v 1 Spurnyngar Prosa-Edda Fragen zu den Dæmisögur 3 A f. 2r 1 Hier skrifast haffurz grid hvør enn meiga brukast medal manna Dichtung Hafursgrið (mit Einleitung zum Vollzug) 3 B ii (f. 3 - 6) f. 3r 1 Hier hefur Bragar lïkïl. Síra hallgrymmz p: sonar. hvor ed kalladur er Alldarháttur. Dichtung Hallgrímur Pétursson: Aldarháttur 3, 5 f. 5v 1 ⸠ Hier byriar samstædur S: H: P: S: ⸡ 2 Hallgrímur Pétursson: Samstæður 3, 5 C iii (f. 7 - 12) f. 7r 1 Incipit: Grijmur lodinnkinna gieck üt ür skäla sijnumm umm nöttina [ … ] Skaldik aus Gríms saga loðinkinna Scheltgespräch zwischen Grímr und den Hexen 3 1 m Incipit: þetta var þa Grymur Zusammenfassung (am Rand von f. 7r ‒ 7v) 5 32 þä ørvar öddur æsti upp Trollinn ä biarmal: kvad hann v: Skaldik aus Ǫ rvar-Odds saga Ǫ rvar-Odds Sterbelied (Auszug) 3 f. 7v 1 Incipit: Oddur kvad til hialmars Dánaróður Hjálmars 3 f. 8r 17 Øgmundur floki kvad Lausavísa von Ǫ gmundr 3 1 Das Bifolium f. 1~2 ist nachträglich zusammengesetzt worden. 2 Hand 5 hat die Überschrift durchgestrichen und bei den nachgetragenen Strophen gesetzt (f. 6v, am Rand). 454 Appendix <?page no="455"?> kodikologische Einheit Lage Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Hand f. 8r 24 Liöd þeijrra ørvar odds og konu alffz kongz sem hiet gidia. Ǫ rvar-Oddr in Bjálkaland 3 f. 9r 1 Hier hefur þau liöd sem ørvar oddur kvad umm æfi sijna samdægris og dö Ǫ rvar-Odds ævidrápa 3 f. 12v 18 Älfuør kvad vijsu þessa þä hün gaff ørvaroddi skyrtuna gödu Lausavísa von Ǫ lv ǫ r 3 D iv (f. 13 - 33) 3 f. 13r 1 Hier hefur upp það kvædi sem eigill skallagrijmmzson kvad eptir sonu sijna er kalladi Sonatorrek. ⸍ Bødvar Gúnnar. ⸌ Skaldik aus Egils saga Skalla-Grímssonar Sonatorrek 3 f. 14r 18 vysa eigilz ein Þad mællti mÿn möder Lausavísa von Egill Skalla-Grímsson 3 f. 14v 1 Kräkumäl er sumer kalla lodbrökar kvidu: Skaldik aus Ragnars saga loðbrókar Krákumál (Auszug) 3 f. 16r 3 Sïgurdrýfumäl edur Brinhijlldar liöd sem hün talade til Sigurdar unnusta sijnns epter þad hann hiö af henni hamanaud Eddische Dichtung Sigrdrífumál (ab Str. 5) 3 f. 17v 13 Incipit: Þesze sigurdur ätte gurünu gikad: Guðrúnarkviða I (Str. 13 ‒ 20 mit kurzer Prosa-Einleitung) 3 E f. 18r 1 Liöd Brinhilldar eru hier utþijdd gelehrte Abhandlung Björn á Skarðsá: Samtak um rúnir (1642, Kap. VII ‒ X, Kommentar zum Brynhildarljóð der V ǫ lsunga saga) 4 3 f. 22r 31 Opto placere bonis malis ödiösus haberi Redensarten Redensarten (Lateinisch-Isländisch) 3 3 Lage iv ist später modifiziert worden indem die kodikologische Einheit E (f. 18 - 29) in D eingelegt wurde. 4 Die Reihenfolge ist Kap. VIII ‒ X, danach folgt erst das Ende von Kap. VII. 1 AM 738 4to 455 <?page no="456"?> kodikologische Einheit Lage Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Hand f. 22v 1 Hättalikïll sem loptur hinn rijki kvad Guttormz son til chrístijnar O: D: Skaldik Loptr ríki Guttormsson: Háttalykill (Auszug) 3 f. 27v 1 Nockrar vijsur ür søgu vijglundar mijnns Skaldik aus Víglundar saga Lausavísur 3 f. 29r 4 Text in Geheimschrift Dichtung Dichtung (in Geheimschrift) 3 f. 29r 23 Tua god nihil refert percunctari desinas Redensart aus klass. Dichtung Zitat aus Terenz: Hecyra (V. 3) 3 f. 29v 1 Nockud Lytil ættar tala Genealogie (aus Hauksbók) Haukr Erlendsson: Ættartala 4 D (Forts.) f. 30r Forts. Forts. Forts. Forts. f. 30v 1 vijsur [Binderune] Dichtung Særingaljóð (Beschwörungverse) 3 f. 31v 1 Firirbürdur Briäms ørustu Skaldik aus Njáls saga Darraðarljóð (mit nachfolgender Prosa und Lausavísa) 3 f. 32v 1 fäein fornmæle Verzeichnis Ältere Ausdrücke I (Fäein fornmæle) 3 P.2 v (f. 34 - 41) f. 34r Edda eþur Samtok Fornra æfinntijra, og Dömesagna (Prosa-)Edda Titelseite 1 f. 34v Oþinn kongur Umverteilter Prolog (Bildseiten mit Bildbeischriften, vorgezogene Abschnitte aus dem Annar Partur mit Dæmisögur-Extrakten, weitere Listen, Einzelaufstellung s. unten) 1, 2, 3, 5 P.3 vi (f. 42 - 45) L.1 vii (f. 46 - 53) f. 46r 1 W ꜹ lu sp ꜳ Eddische Dichtung V ǫ luspá, Inhaltsübersicht (über die nachfolgenden Edda-Lieder, am Rand) 2, 5 (? ) f. 48v 16 Havamal. Hávamal (Str. 1 - 137) 2 f. 53v 1 Vmm Gandreijd. kurze Darstelung in Prosa Über Hexenritte und Óðinn 3 456 Appendix <?page no="457"?> kodikologische Einheit Lage Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Hand f. 53v 32 Incipit: Ræker sä er heyter hakon Skaldik Háttatal (Str. 1) 3 L.2 viii (f. 54 - 61) f. 54r 1 Runa Tals þattur Oþins Eddische Dichtung Hávamal (Rúnatalsþáttr Óðins, Str. 138 - 164) 2 f. 55r 17 Wafþrudnis mal Vafþrúðnismál 2 f. 57r 25 Formale Til Grimnis mala Grímnismál (mit Prosa-Einleitung) 2 f. 60r 30 Skyrnys før Skírnis F ǫ r (Skírnismál) 2 ix (f. 62 - 69) f. 62r 14 Harbarþs liöþ Hárbarðsljóð 2 f. 64r 29 Hijmis kuiþa Hymiskviða 2 f. 65v 34 EGis Drekka Ægis drekka (Prosaeinleitung zur Lokasenna) 2 f. 66r 10 Loka Glepsa Loka Glepsan (Lokasenna) 2 f. 68v 29 Hamars Heimt Hamars heimt (Þrymskviða) 2 x (f. 70 - 77) f. 70r 19 Vegtams kviþa Vegtamskviða (Balldrs draumar) 2 f. 71r 20 Alwis Mal Alvíssmál Explicit: „ Hier er margt undann fellt “ 2 f. 72v 3 Gull er kallat miøl froda Grottas ǫ ngr (mit Prosa-Einleitung) 2 f. 74r 22 Gróu Galþur er hun gol sine synum daud Grógaldur 2 f. 75r 1 Fiølsuyns M ꜳ l Fj ǫ lsvinnsmál 2 f. 77r 5 Hynþlu Lióþ Hyndluljóð 2 xi (f. 78 - 79) f. 79r 6 Þesser eru þ ę ttir Semunþar Eddu Verzeichnis Verzeichnis über Edda-Lieder 2 f. 79v 1 Tvydeijlur D: olafz Wormz ür hannz Runologia (gelehrte) Dichtung Norwegisches Runengedicht (ergänzte Fassung aus Ole Worms Runer seu Danica Literatura, 1651) 3 1 AM 738 4to 457 <?page no="458"?> kodikologische Einheit Lage Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Hand F xii (f. 80 - 83) f. 80r 1 Hier skrifast sölar liöd sem sagt er sæmundur prestur frödi haffi kvedid þä hann lä ändadur ä børunumm Eddische Dichtung (jüngere) Sólarljóð 3 f. 83v 28 Gestspeke, edur gaatur gestumm blinda med radnijngumm hedrekz konungz Skaldik aus Hervarar saga ok Heiðreks Gestspeki (Heiðreks gátur, Auszug) 3 xiii (f. 84 - 98) 5 f. 86v 17 Hier skrifast og epter kiemur Sïgurdar kvida föfnïs bana Eddische Dichtung mit gelehrtem Kommentar Sigurðarkviða Fáfnisbana II (Reginsmál, Auszug mit Kommentar) 3 G f. 88r 1 Hallfredar vandræda skalldz nockrar vysur. Skaldik aus Hallfreðar saga vandræðaskálds Lausavísur (mit Kommentar) 3 f. 88v 28 Incipit: þör brä þumils dijri Skaldik aus Kristni saga Lausavísur (interpoliert, mit Kommentar) 3 f. 89r 19 Incipit: Øl þar alldrez vælag Skaldik aus Hallfreðar saga vandræðaskálds Lausavísa (Forts.) 3 f. 89r 25 Nockrar ïslendskar glösur sem ecki eru so audskilldar epter þvi sem nu tydkast hvoriar ad finnast opt i þeim gømlu vysumm Verzeichnis Ältere Ausdrücke II (Nockrar islenskar glösur) 3, 5, ÁM f. 92v 1 Fornkvednar vysur ur sogu olafz kongz triggva sonar Skaldik aus Óláfs saga Tryggvasonar en mesta Lausavísur (mit Kommentaren und Varianten) 3 + 5 F (Forts.) f. 96r 1 Draumar Skaldik aus Sturlunga saga Lausavísur (mit Kommentar) 3 f. 97r 1 eydur vijgaglüms Skaldik aus Víga-Glúms saga Lausavísur 3 f. 97v 1 nockrar vysur ur sturlunga søgu Skaldik aus Sturlunga saga Lausavísa (mit Kommentar) 3 40 Vysa ur Haustlaung. Skaldik Haustl ǫ ng (Auszug mit Kommentar) 5 5 Lage iv ist später modifiziert worden indem die kodikologische Einheit G (f. 88 - 95) in F eingelegt worden ist. 458 Appendix <?page no="459"?> kodikologische Einheit Lage Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Hand P.4 Forts. f. 98r 1 Annar Partur Eddu heita kiennijngar Prosa-Edda Annar Partur (Einzelaufstellung s. unten) 3, 5 f. 98v xiv (f. 99 - 100) f. 99r 13 Ætt ödinns frä Troiu m(önnu)m Prologus (interpolierter Ausug) 3 f. 99v 1 Um säturnumm og hanns frammferdi Prologus (interpolierter Ausug) 3 xv ‒ xviii (f. 101 - 127) f. 101r 7 Nü koma kiennijningar enn framar Annar Partur (Forts., Einzelaufstellung s. unten) 3 f. 126v 1 Umm hvalfiskakin i islandz høfum Verzeichnisse und Regeln Wale in den isländischen Meeren 3 f. 127v 5 þessi hvalakin eru öæt ad bök Ungenießbare Wale 3 9 selakin eru þessi Seehundarten 3 16 alment vatnsfiskakin sem ijslenzkum hefur bijrst Fische 3 21 þryr eru ärnes elldar ad løgumm Drei Gründe Feuer zu machen 3 29 Incipti: Hafdu Gud I Huggiu Lur hialpar Dichtung Vísa (evtl. von Ingibjörg Jónsdóttir) ? H xix (f. 128 - 129) 6 f. 128r 1 Incipit: Bondi nockur sendi hüskarl sinn Dichtung Vogelrätsel 3 f. 128r 27 Lijflegur hlutur talar til Ölijf kongs Dichtung (mit Kommentar) Viertes Grammatisches Traktat (Auszug, Str. 11, mit Kommentar) 3 f. 128r 35 vargur heyter trollkonu hestur edur gijgiar fäkur Skaldik Illugi Brynd œ laskáld: Gedicht über König Haraldr harðráði (Auszug) 3 f. 128v 1 frä lijflaus umm hlut til lyflaus hlutuar Dichtung Vísa über Landschaft 3 f. 128v 8 hier hafa skald so ummkvedid. Dichtung (mit Kommentar) Viertes Grammatisches Traktat (Auszug mit Kommentar) 3 f. 128v 39 framm þraukudu fäkar Drittes Grammatisches Traktat (Auszug mit Kommentar) 3 6 Das Bifolium f. 128~129 ist nachträglich zusammengesetzt worden. 1 AM 738 4to 459 <?page no="460"?> kodikologische Einheit Lage Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Hand I f. 129r 1 Liüflingz vijsur Dichtung Ljúflingsvísur (Wiegenlied) 3, 5 J xx (f. 130 - 133) 7 f. 130r 1 Incipit: Vijsu þesza kvad þorsteijrn bröderz gretterz asmundar sonar. Skaldik aus Grettis saga Ásmundarsonar Hallmundarflokkr (Auszug) und Lausavísur 3, 5 f. 132r 10 vysur ofeigz Skaldik aus Bandamanna saga Lausavísur 3 f. 132v 1 Ein gäta Skaldik aus Hervarar saga ok Heiðreks Gestspeki (Heiðreks gátur, Str. 7, Auszug mit Antwort in Geheimschrift) 3, 5 K f. 133r 1 Hïer Byriar þä kvidu se[m] Gysli sürz son orti umm æft frammfør syna Skaldik aus Gísla saga Súrssonar Lausavísur 3 xxi (f. 134 - 135) f. 135v 1 Hystoria ur Bardaz søgu snæfellzäs Skaldik aus Bárðar saga Snæfellsáss Kap. 8 mit Lausavísur (Auszug) 3 7 Das Bifolium f. 132~133 ist nachträglich zusammengesetzt worden. 460 Appendix <?page no="461"?> 1.1.2 Verteilter Prolog Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Hand f. 34r ‒ Titelseite (Prosa-)Edda ‒ 1 f. 34v ‒ Illuminationen: Óðinn, Yngvi - 1, 5 f. 35r 1 nófn ödinns 3, 5 f. 35v 1 þörheyter ad kiennnyngu 3, 5 19 niørdur kiennïst so 3, 5 f. 36r ‒ Illuminationen: Þórr, Nj ǫ rðr) - 1, 3 f. 36v ‒ Illuminationen: Balldr, Heimdallr ‒ 1 f. 37r 1 Balldur kiennist so 3, 5 19 Heimdallur kiennist so 3 f. 37v ‒ Illuminationen: Freyr, Freyja ‒ 1, 3 f. 38r 1 freijr kiennist so 3, 5 11 freija kienist so 3, 5 f. 38v 1 Haudur enn blinde. kallast 3 9 Tijr nefnist so 3 14 Vidar er kalladur 3 f. 39r ‒ Illuminationen: H ǫ ðr, Týr, Víðarr ‒ 1 f. 39v ‒ Illuminationen: Váli, Ullr, Forseti - 1 f. 40r 1 Vale kallast 3 7 üllur kiennist so 3, 5 13 forseti nefnist 3 f. 40v 1 Brage kallast 3 7 m 8 Hæner 5 7 Hæner kiennest. 5 14 Loke er kalladur 3, 5 f. 41r ‒ Illuminationen: Bragi, Loki ‒ 1, 3, 5 f. 41v ‒ Illuminationen: Gunnl ǫ ð, Þ ǫ kk ‒ 1, 3 f. 42r 1 Hier skrifast nøfn heidyngianna affguda. 3 f. 42v ‒ Illumination: Valh ǫ ll ‒ „ Fymmhundrud Dyra og fiörurtugum “ (Bildbeischrift, Grímnismál, Str. 23, 25, 26) 1,2 f. 43r ‒ Illumination: Midgardschlange ‒ 1 f. 43v ‒ Illumination: Fenrir ‒ 1, 2. 3 f. 44r ‒ Illumination: Yggdrasill ‒ 1, 2 8 Die Illumination mit dieser Überschrift ist wie auch die dazugehörige Liste mit den Umschreibungen von Hand 4 später ergänzt worden. Die Illumination befindet sich auf dem äußeren Rand. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 1 AM 738 4to 461 <?page no="462"?> f. 44v 1 manna nøf ür sturlunga søg 3 f. 45r 1 Dverga kienijngar 3, 5 f. 45v 1 sverdskiennijngar 3 36 ä sverdi heiter oddurinn 3 39 sär mä kïenna so 3 1.1.3 Annar Partur mit Prologus-Interpolationen Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Hand f. 98r 1 ANNAR PARTUR Eddu heita kiennijngar 3 14 NØFN ÄSANNA 3, 5 f. 98v 1 Nøfn äsynia 3, 5 11 Enn eru adrar ödinns meijar. 3, 5 18 høfud äsyniur kiennast so 3 25 Freija kiennist so 3 28 Syf kiennist 3 32 ydun kiennist 3, 5 f. 99r 1 attende 3 4 Syner ödinns 3, 5 13 Ætt ödinns frä Troiu m(önnu)m 3 f. 99v 1 Um säturnumm og hanns frammferdi 3 f. 101r 7 Nü koma kiennijningar enn framar 3 f. 101v 1 nofn sem gømul skalld kallad ödinn i fornvysumm 3 f. 102r 1 Skips kiennijngar 3 25 Siöar kennijngar 3 f. 102v 1 sæ mä og kalla 3 10 þetta eru heiti ä sæ. 3 18 fiørdur heiter 3 27 nöta Bene 3 36 Ärheiti ken 3, 5 f. 103r 10 ärvatn heiter 3, 5 18 vatn ma kalla 3, 5 21 Arnar heyti 3, 5 27 Boga heiti 3, 5 31 Biarndyra heijti 3, 5 38 Brinia heiter 3, 5 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 462 Appendix <?page no="463"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Hand f. 103v 1 Dags kiennijngar 3, 5 7 Dijra heijti 3, 5 18 Daggar og drijfu kenninng 3 23 Eija heijte 3, 5 23 (Rand) siör 3 37 elldur heijter 3, 5 f. 104r 9 11 ärvatn heiter 5 17 kalla mä Vatn 5 28 arnar heite 5 41 Boga heite 5 44 Biarndyra heite 5 51 Brinia heiter 5 f. 104v 4 Dags kiennyngar. 5 9 Dyra heite. 5 27 Daggar og Drijfukenning: 5 31 Eya heite. 5 46 Elldur heiter 5 f. 105r 1 fugla kienninngar 3 6 fiska heijti nockur 3 27 föt mä kienna so 3 35 Gras kallast 3 f. 105v 1 gäta er sö kiend 3 6 geijt kallast 3 10 golltur heiter 3 14 Gulls kiennijngar 3 f. 106v 1 J Biarkmälumm enumm fornu eru þessi gullz heiti 3 20 hijmenns kiennyngar 3 28 herklædi 3 32 hialmur 3 f. 107r 7 Hvalfiska nøfn nockur 3 23 Hrafna heijti 3 f. 107v 1 Hesta heiti upptalinn i þorgrijmz þulu 3 20 Þesser hestar eru tallder i kälfz vijsumm 3 9 Das Blatt f. 104 wurde später von der Ergänzungshand 5 hinzugefügt und enthält eine ergänzte Abschrift von f. 103. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 1 AM 738 4to 463 <?page no="464"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Hand f. 108r 10 høfudskiennijngar og þ(eir)ra hluta er høffdinu filgia 3 23 høfud er kient 3 f. 108v 1 augu kïennast 3 8 Brär mä kalla 3 11 grät mä kalla 3 15 eijru heijta 3 19 munnur heiter 3 26 Tunga er køllud 3 29 nef kallast 3 31 skiegg heijter 3 f. 109r 1 Tennur heijta 3 4 Här er kallad 3 19 här nefnist 3 21 hiarta heyter 3 27 Briöst kiennist 3 32 hugur heyter 3 f. 109v 1 hugur heiter 3 15 kiendur er og hugur 3 18 hønd kallast 3 22 a hendi heijter 3 32 hüd uxa edur hvørz dijrz 3 f. 111r 1 hundur heijter 3 11 hryngur baugur heijta 3 14 hüs kiennijngar 3 22 hrüts kiennijngar 3 28 hafurs kiennijngar 3 f. 111v 1 yskiennijngar 3 10 Jørd heijter 3 f. 112r 1 Jotna heiti eg mun inna 3 f. 112v 1 konga heiti og kiennijngar 3 17 uppruni nockra konga heita 3 f. 113v 7 konga alla er r(e)tt at kienna 3, 5 f. 144v 24 CHRISTUR kallast sialfrade 3 f. 115r 26 kallmanna kiennijngar. 3 f. 116v 1 övini mä kalla so 3 f. 117v 1 kvenna heiti og kïennijngar 3 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 464 Appendix <?page no="465"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Hand f. 120r 25 Kylfa er kiend i þessari vijsu 3 f. 120v 1 Küa heiti og þeijrra kiennijngar 3 5 Læti og um þær kiennijngar 3 16 Lyf heyter 3 20 leggi alla mä kalla 3 22 mäl mä kallast. 3 32 næturkiennijng 3 36 svefn heiter 3 f. 121r 3 nauta heijte 3 6 örustu kiennýngar 3 f. 121v 7 axaheijti og kiennijngar 3 36 ormaheyti og þ(eir)ra kiennijngar 3 f. 122r 1 ørva heiti i kiennijngumm 3 13 sölarkiennijngar 3 f. 122v 13 Sækonga heiti 3 12 siöar kiennyngar eru hier i þessumm vijsumm 3 38 Saudur heyter 3 f. 123r 3 svijn heyter 3 6 sverdskiennyngar i vijsumm 3 17 Sära kïennijngar 3 21 Sumar heijter 3 28 skögar edur vidar kiennijngar 3 f. 123v 1 skips kiennyngar i vysumm 3 f. 124r 1 skalldskapur heijter 3 19 skiölldur heyter og kallast 3 f. 124v 20 spiöta heijti og kiennijngar 3 28 steina heyti og þeijrra kiennyngar 3 f. 125r 21 Trøllkvenna heijti 3 f. 125v 1 Vopna kiennijngar 3 29 Vetur heiter i kennijngumm 3 39 Vindur heiter 3 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 1 AM 738 4to 465 <?page no="466"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Hand f. 126r 1 vidar heite 3 6 Vargaheiti og þ(eir)ra kiennyngar 3 15 vit heiter 3 19 underhiggia heiter 3 22 Oxe heiter 3 26 Þang edur þara mä kalla 3 29 Þiöfur heiter 3 33 Þijfi heiter 3 1.2 Lagenstruktur und Wasserzeichen kod. Ein. Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen P.1 (f. 1) A (f. 2) i [2+]\/ Unio mit zwei vorgehefteten Schaltzetteln von Árni Magnússon f. 0a f. 0b - f. 1~2 nachträglich zusammengesetzt Narr (1) Buchstaben B ii \\/ / Binio f. 3~6 Narr (1) f. 4~5 - C iii \\\/ / / Ternio f. 7~12 Buchstaben f. 8~11 Narr (2) f. 9~10 - D iv \\\\ + \\\\\\/ / / / / / + / / / / Quaternio mit mit vorgeheftetem Einzelblatt und eingelegtem Sexternio f. 13 ‒ f. 14~33 Amsterdamer Wappen f. 15~32 Amsterdamer Wappen f. 16~31 - f. 17~30 - E f. 18~29 Horn f. 19~28 - f. 20~27 Horn f. 21~26 - f. 22~25 Horn f. 23~24 - Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 466 Appendix <?page no="467"?> kod. Ein. Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen P.2 v \\\\/ / / / Quaternio f. 34~41 - f. 35~40 Narr (1) f. 36~39 Narr (1) f. 37~38 - P.3 vi \\/ / Binio f. 42~45 evtl. nachträglich zusammengesetzt - f. 43~4 Narr (1) L.1 vii \\\\/ / / / Quaternio f. 46~53 Narr (2) f. 47~52 Narr (2) f. 48~51 Buchstaben f. 49~50 Buchstaben L.2 viii \\\\/ / / / Quaternio f. 54~61 - f. 55~60 Narr (1) f. 56~59 - f. 57~58 Narr (1) ix \\\\/ / / / Quaternio f. 62~69 - f. 63~68 - f. 64~67 Narr (1) f. 65~66 Narr (1) x \\\\/ / / / Quaternio f. 70~77 Narr (1) f. 71~76 Narr (1) f. 72~75 - f. 73~74 - xi \/ Unio f. 78~79 nachträglich zusammengesetzt - Narr (1) F xii \\/ / Binio f. 80~83 - f. 81~82 Narr (1) xiii \\\ + \\\\ [+ 1]/ / / / + / / / Ternio mit vorgeheftetem Einzelblatt sowie eingelegtem Quaternio, ein Schaltzettel von Árni Magnússon in der Lagenmitte f. 84 Narr (1) f. 85~98 nachträglich zusammengesetzt - (Narr 1? ) - f. 86~97 - f. 87~96 - Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 1 AM 738 4to 467 <?page no="468"?> kod. Ein. Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen G f. 88~95 Kleines Wappen f. 89~94 - f. 90~93 Kleines Wappen f. 91~92 Kleines Wappen f. 91a - P.4 xiv \/ Unio f. 99~100 Narr (1) xv \/ Unio f. 101~102 nachträglich zusammengesetzt - Buchstaben xvi \\.\\/ / / / / Quinio mit entferntem Einzelblatt und später ergänztem Bifolium f. 103~111 nachträglich zusammengesetzt Narr (2) Buchstaben f. 104~110 - f. 109 Narr (2) f. 105~108 evtl. nachträglich zusammengesetzt - ‒ f. 106~107 Narr (2) xvii \\\\/ / / / Quaternio f. 112~119 Narr (2) f. 113~118 Narr (2) f. 114~117 Buchstaben f. 115~116 Buchstaben xviii \\\\/ / / / Quaternio f. 120~127 Amsterdamer Wappen f. 121~126 - f. 122~125 Amsterdamer Wappen f. 123~124 - H (f. 128) I (f. 129) xix \/ Unio f. 128~129 Narr (1) J (f. 130 - 132) K (f. 133 - 135) xx \\/ / Binio f. 130~133 nachträglich zusammengesetzt - - f. 131~132 nachträglich zusammengesetzt Narr (1) - xxi \/ Unio f. 134 - 135 - - Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 468 Appendix <?page no="469"?> 1.3 Zäsuren der kodikologischen Einheiten kodikologische Einheit Lage Fol. Wasserzeichen Hand Inhalt notes 1/ 2 - Árni Magnússon Provenienz P.1 i f. 1 Narr (1) Haupthand 3 Skaldische Dichtung, Fragen zur Prosa-Edda P.1 (Ende): Verschmutzungen/ Beschädigungen; Zäsur P.1|A: Textgrenze, Blattgrenze, modifizierte Lage, Wasserzeichenwechsel, medialer Wechsel. NB: Das Bifolium f. 1~2 ist nachträglich zusammengesetzt worden. A i (Fort.) f. 2 Narr (2) Haupthand 3 Skaldische Dichtung Zäsur A|B: Textgrenze, Lagengrenze, Wasserzeichenwechsel, Verschmutzungen, unterschiedliche Seitengestaltung. B ii f. 3 - 6 Narr (1) Haupthand 3, Ergänzungshand 5 Dichtung (Hallgrímur Pétursson) B (Ende): Leerraum 10 ; Zäsur B|C: Textgrenze, Lagengrenze, Wasserzeichenwechsel, unterschiedliche Seitengestaltung. C Iii f. 7 - 12 Narr (2) Haupthand 3, Ergänzungshand 5 Skaldische Dichtung C (Ende): vergrößerte Schrift, Leerraum; Zäsur C|D: Textgrenze, Lagengrenze, Wasserzeichenwechsel; D (Anfang): modifizierte Lage. D iv f. 13 11 - 17 Narr (1) Haupthand 3 Eddische Dichtung (Auszüge), skaldische Dichtung Amsterdamer Wappen Zäsur D|E: Textgrenze, Lagengrenze, modifizierte Lage, Wasserzeichenwechsel/ Wechsel der Papierqualität, unterschiedlicher Verschmutzungsgrad, unterschiedliche Seitengestaltung. NB: Die Lage iv ist später erweitert worden, indem die kodikologische Einheit E in D eingelegt wurde. E iv (Forts.) f. 18 - 29 Horn Haupthand 3, Lagenfüller-Hand 4 Björn á Skarðsá: Samtak um rúnir (1642, Auszug), (skaldische) Dichtung Haukr Erlendsson: Ættartala (Lagenfüller, Anfang) Zäsur E|D: Textgrenze, Lagengrenze, modifizierte Lage, Wasserzeichenwechsel/ Wechsel der Papierqualität, modifizierte Lage, unterschiedlicher Verschmutzungsgrad, unterschiedliche Seitengestaltung, ursprünglicher Leerraum (f. 29v - 30r, jetzt mit Lagenfüller 12 ). 10 Der ursprüngliche Leerraum ist jetzt gefüllt durch Ergänzungen von Hand 5. 11 Aufgrund der Lagenstruktur und Verschmutzungen (f. 13v/ 14r) ist davon auszugehen, dass f. 13 ursprünglich einmal das letzte Blatt einer vorhergehenden Lage war und erst später an diesen Platz kam. 12 Ein späterer Lagenfüller-Text verbindet heute die kodikologischen Einheiten E und D (f. 29v - 30r) und erstreckt sich über die ursprüngliche Zäsur. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 1 AM 738 4to 469 <?page no="470"?> kodikologische Einheit Lage Fol. Wasserzeichen Hand Inhalt iv (Forts.) f. 30 - 33 Amsterdamer Wappen Lagenfüller-Hand 4, Haupthand 3 Haukr Erlendsson: Ættartala (Lagenfüller, Forts.) Skaldische Dichtung, Verzeichnis Zäsur D|P.2: Textgrenze, Lagengrenze, Wasserzeichenwechsel, medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung, Verschmutzungen; P.2 (Anfang): Titelseite mit Datierung/ ggf. Besitz-/ Handangabe (1680, „ SG “ ), Beschädigungen, Signatur (später). P.2 v - vi f. 34 - 41 Narr (1) Illuminationshand 1, Haupthand 3, Ergänzungshand 5 Prosa-Edda (Titelseite, v. a. Auszüge aus dem Annar Partur, Illuminationen v. Gött: innen und Riesinnen) P.2 (Ende): Verschmutzungen; Zäsur P.2|P.3: Textgrenze, Lagengrenze, unterschiedlicher Verschmutzungsgrad, unterschiedliche Seitengestaltung; P.3 (Anfang): modifizierte Lage 13 P.3 vi f. 42 - 45 Narr (1) Illuminationshand 1, Edda-Lieder-Hand 2, Haupthand 3, Ergänzungshand 5 Prosa-Edda (Auszüge aus dem Annar Partur, Illuminationen v. mytholog. Orten und Monstern), weitere Verzeichnisse P.3 (Ende): modifizierte Lage, Leerraum; Zäsur P.3|L.1: Textgrenze, Lagengrenze, Wasserzeichenwechsel, unterschiedlicher Verschmutzungsgrad, Handwechsel 14 , medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung; L.1 (Anfang): Beginn Kustoden. L.1 vii f. 46 - 53 Narr (2) Edda-Lieder-Hand 2, Haupthand 3 (Lagenfüller) Eddische Dichtung (V ǫ luspá, Hávamál) Lagenfüller: Um gandreið, Prosa-Edda (Háttatal Str. 1) L.1 (Ende): Leerraum, Lagenfüller; Zäsur L.1|L.2: Textgrenze, Lagengrenze, Wasserzeichenwechsel, unterschiedliche Tinte, Kustodenlücke; L.2 (Anfang): Signatur. 13 Diese Binion-Lage ist zwar nicht in dem Sinne modifiziert, aber ungewöhnlich im Umfang. 14 Einige Bildbeischriften in der kodikologischen Einheit P.3 stammen zwar von der Lieder-Edda-Hand 2, doch handelt sich hierbei aber um Ergänzungen. In den Einheiten L.1 - 2 ist die Lieder-Edda-Hand 2 die Haupthand der Schrift. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 470 Appendix <?page no="471"?> kodikologische Einheit Lage Fol. Wasserzeichen Hand Inhalt L.2 viii-xi f. 54 - 79 Narr (1) Edda-Lieder-Hand 2, Haupthand 3 (Lagenfüller) Eddische Dichtung mit Verzeichnis (Forts.) Lagenfüller: Norwegisches Runengedicht (O. Worm) L.2 (Ende): Evtl. Handangabe ( „ SG “ ), Inhaltsverzeichnis (über Edda-Lieder), modifizierte Lage, starke Beschädigungen/ Verschmutzungen, Ende Kustoden, Lagenfüller; Zäsur L.2|F: Textgrenze, Lagengrenze, unterschiedliche Tinte, Handwechsel, 15 unterschiedliche Seitengestaltung; F (Anfang): Verschmutzungen. F xii - xiii f. 80 - 87 Narr (1) Haupthand 3 Eddische und skaldische Dichtung (u. a. Sólarljóð, Reginsmál mit Kommentar) Zäsur F|G: Textgrenze, Lagengrenze, modifiziere Lage, Wasserzeichenwechsel, unterschiedliche Seitengestaltung. NB: Die Lage xiii ist später erweitert worden, indem die kodikologische Einheit G in F eingelegt wurde. G xiii (Forts.) f. 88 - 95 kleines Wappen Haupthand 3, Ergänzungshand 5 Skaldische Dichtung, Verzeichnis Note bet. f. 91/ 92 - Árni Magnússon Ergänzungen Zäsur G|F: Textgrenze, Lagengrenze, modifizierte Lage, Wasserzeichenwechsel. xiii (Forts.) f. 96 - 97 Narr (1) Haupthand 3 Skaldische Dichtung G (Ende): Verschmutzungen, Lagenfüller; Zäsur G|P.4: Textgrenze, Blattgrenze, modifizierte Lage, medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung. NB: Die kodikologische Einheit P.4 beginnt bereits auf dem letzten Blatt der vorhergehenden Lage, weil das Bifolium f. 85~98 nachträglich zusammengesetzt worden ist. P.4 xiii (Forts.) - xviii f. 98 - 127 Narr (1) Haupthand 3, Ergänzungshand 5 Prosa-Edda (Annar Partur mit Prologus-Interpolationen), weitere Verzeichnisse Narr (2) + Buchstaben Amsterdamer Wappen P.4 (Ende): Verschmutzungen, Leerraum, Lagenfüller; Zäsur P.4|H: Textgrenze, Lagengrenze, Wasserzeichenwechsel; H (Anfang): Beschädigungen. H xix f. 128 Narr (1) Haupthand 3 (Skaldische) Dichtung H (Ende): Verschmutzungen; Zäsur H|I: Textgrenze, Blattgrenze, modifizierte Lage. NB: Das Bifolium f. 128~129 ist nachträglich zusammengesetzt worden. 15 Die letzte Seite von Einheit L.2 ist von Haupthand 3 mit einem Gasttext versehen worden. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 1 AM 738 4to 471 <?page no="472"?> kodikologische Einheit Lage Fol. Wasserzeichen Hand Inhalt I xix (Forts.) f. 129 Narr (1) Haupthand 3 Dichtung I (Ende): Beschädigungen, modifizierte Lage, Leerraum; Zäsur I|J: Textgrenze, Lagengrenze, unterschiedliche Seitengestaltung. J xx f. 130 - 132 Narr (1) Haupthand 3 Skaldische Dichtung - J (Ende): Verschmutzungen, Leerraum mit Lagenfüllern; Zäsur J|K: Textgrenze, Blattgrenze, modifizierte Lage; K (Anfang): Verschmutzungen. NB: Die kodikologische Einheit K beginnt bereits auf dem letzten Blatt der vorhergehenden Lage, weil das Bifolium f. 130~133 nachträglich zusammengesetzt worden ist. K xx (Forts.) - xxi f. 133 - 135 - (abweichende Qualität) Haupthand 3 Skaldische Dichtung Narr (1) 1.4 Transkriptionen und Übersetzungen der Beischriften AM 738 4to (f. 34r) - Titelseite Hand Transkription Übersetzung 1 Edda Edda 1 Eþur Samtok Fornra æfinntijra, og Dæmesagna, þeijrra firre Nord manna, sem flijdu hijngad J nordurhälfuna utann ur asia firer Christne. Asamt nockur Tegunnd þeirra Gamalh Jslenndsku edur nordsku orda. Hvad menn Hallda Samann skrifad, af Sæmundenum fröda og Snorra sturlud Sine. Jslendskunne Til orda fiólda, sierdeilis J skalldskaparmälum. Skriffadt adt nïu Anno d(omini) nos(tri) Cr(isti) 16 1680 oder Sammlung alter Erzählungen und Fabeln der ersten Nordmänner, die vor dem christlichen Zeitalter von Asien aus hierher nach Europa geflüchtet sind. Weiterhin einige Beispiele der alten isländischen oder norwegischen Wörter. Was die Menschen glauben, dass es Sæmundr fróði und Snorri Sturluson zusammengetragen haben, [um] den isländischen Wortschatz zu bereichern, besonders in den Skáldskaparmál. Erneut geschrieben Anno Domini nostri Christi 1680. 1 (? ) S G S G 16 Die Angabe von „ d(omini) nos(tri) Cr(isti) “ erfolgt in einer Binderune. Auf den unteren Rand hat Jón Sigurðsson geschrieben „ Arkartalan (21. 22.) sýnir, að hér hefir ekki verið upphaf bókarinnar. “ ( ‚ Die Blattnummerierung (21. 22.) zeigt, dass hier nicht der Anfang des Buches gewesen ist ‘ ). Weiterhin findet sich auf dem unteren Rand der Titelseite die Angabe der Signaturnummer „ 738. d. “ (zweifach) und die Foliierung „ 34 “ . Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 472 Appendix <?page no="473"?> AM 738 4to (f. 34v) - Óðinn mit Krug und Glas Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 Oþinn Kongur König Óðinn 5 Her er fadm biggvi friggiar og farm[ur] ar [ma] Gunnladar Hier ist der ⸢ Umarmungs-Inanspruchnehmer Friggs ⸣ (Óðinn) und die ⸢ Last von Gunnl ǫ ðs Armen ⸣ (Óðinn). 5 Odenn er ædstur Ꜳ sa og ero honum af imsum adburdum geife mórg heiti giefenn so sem getid er i dæmisógum L. i. b. 3. Óðinn ist der höchste Ase und ihm sind aufgrund unterschiedlicher Begebenheiten außerordentlich viele Namen (Heiti) gegeben worden, so wie in den Dæmisögur Buch 3 erzählt wird. AM 738 4to (f. 34v) - Yngvi mit Zepter Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 Ingwe - iij Yngvi 3. AM 738 4to (f. 36r) - Þórr mit Hammer und Eisenhandschuh Hand Transkription Übersetzung 1 ꜹ ku þör Ǫ ku-Þórr 3 äsaþör vijngþör Asenþórr Wingþórr 3 þors meigingierdar Þórs Megingjarðar 3 miøllner Mj ǫ llnir 3 meiginngierdar Ϊ arnnglöfar Megingjarðar ( ‚ Kraftgürtel ‘ ) Járnglófar ( ‚ Eisenhandschuhe ‘ ) AM 738 4to (f. 36r) - Nj ǫ rðr lässt Wind aus einem Ballon Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 Niørdur I noatunum Nj ǫ rðr in Nóatún AM 738 4to (f. 36v) - Balldr mit Buch Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 Balldur Hinn Gode Balldr der Gute AM 738 4to (f. 36v) - Heimdallr bläst ins Gjallarhorn Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 Hæimdallur Heimdallr Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 1 AM 738 4to 473 <?page no="474"?> AM 738 4to (f. 37v) - Freyr Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 freijr Freyr AM 738 4to (f. 37v) - Freyja Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 freija Freyja 1, 3? brysijnga men Brísingamen 3 gull tär Goldtränen 3 venus Venus 3 amor Amor, Liebe, Liebesgott 3 syner firn sitt zeigt ihren Schatz 3 afmörz gidia Liebesgöttin AM 738 4to (f. 39r) - H ǫ ðr mit Speer Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 hauþur ijnn blýndý H ǫ ðr der Blinde AM 738 4to (f. 39r) - Týr mit Falchion Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 Tïr Eijnhendte Týr [der] Einhändige AM 738 4to (f. 39r) - Víðarr mit Zepter Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 Widar hinn þogli Víðarr der Schweigsame AM 738 4to (f. 39v) - Váli mit Stichwaffe mit gedrehter Klinge Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 Wale. Váli AM 738 4to (f. 39v) - Ullr mit Skiern Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 Ullur. Ullr Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 474 Appendix <?page no="475"?> AM 738 4to (f. 39v) - Forseti Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 forsete Forseti AM 738 4to (f. 39v) - H œ nir Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 5 H œ ner H œ nir AM 738 4to (f. 41r) - Bragi am Schreibtisch Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 brage Bragi 1, 3? 10, 20, 30 skrifare odz 1 2 3 4 5 6 7 8.9.10.11. reikningur asa 10, 20, 30 Schreiber des Gedichts 1 2 3 4 5 6 7 8.9.10.11. Berechnung der Asen AM 738 4to (f. 41r) - Loki Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 Loke. L ꜷ fey Sen Loki Laufeyjarson 3 flö þä loki fiødur hanz dunde flog da Loki, seine Feder rauschte 3 loki var bundinn med þørmum sonar s(íns) Loki wurde mit den Därmen seines Sohnes gefesselt. 5 hóggormsbriost Giftschlangenbrust 5 lou hiarta Goldregenpfeiferherz 5 Rietter framm grædifingurenn enn leiner i löfa hinum illvirkia tømum Lævijse Loke. Er streckt den Heilfinger vor, aber verbirgt den ⸢ Wohlbekannten der Missetaten ⸣ (Penis) in der Handfläche. Loki der Gerissene. 5 Hilur skálka hónd undir skijlu flærdar Er verdeckt die ⸢ Hand der Schurken ⸣ (Penis) unter dem Stoff der Verschlagenheit. 3 sigin hiet kona loka Sigyn hieß Lokis Frau 3 loptur Loptr [Beiname Lokis] Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 1 AM 738 4to 475 <?page no="476"?> AM 738 4to (f. 41v) - Gunnl ǫ ð Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 Gunnlód Gunnl ǫ ð 3 miød gïeffur gunnlód odinn hann kisti hana og var hïa henni þriär nætur Met gibt Gunnl ǫ ð. Er, Óðinn, küsste sie und war drei Nächte bei ihr. 3 Suttungz dötter Suttungs Tochter 3 kystu mig og skalltu verda skalld Küsse mich und du wirst Dichter werden. 3 fadmadu mïg og skalltu kveda vel. Umarme mich und du wirst gut dichten. AM 738 4to (f. 41v) - Þ ǫ kk Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1? Þøck. Þ ǫ kk 3 Lokatetur bedauernswerter Loki 3 þøck mun gräta þurrumm tärum balldurz bäl farer Þ ǫ kk wird mit trockenen Tränen Balldrs Einäscherung beweinen. 1, 2? geigur I helli Angst in der Höhle AM 738 4to (f. 42v) - Valh ǫ ll mit Eikþyrnir, Heiðrún und Heimdallr Hand Transkription 17 Übersetzung/ Normalisierung 2 Fymmhundrud Dyra of fiöru[m]tugum sva hygg ek walhøll wera atta hundrud eijnheria ganga w[r] einom dyrum J senn þa er þeijr fara at witne at wega heidin heiter geit er stendur h ꜹ llu á skaptker hun fylla skal Inz skijramiadar kna at su weig wanaß Fünfhundertvierzig der Türen, so glaube ich, hat Valh ǫ ll, achthundert Einherjar gehen gleichzeitig durch eine Tür, dann schicken sie sich an, den Wolf zu töten. Heiðin [sic! ] heißt die Ziege, die auf der Halle steht, das Schöpfgefäß soll sie mit reinem Met befüllen, dieser starke Trunk darf nicht versiegen. 2 eikþyrner heiter hiørtur er stendur høllu a og Bytur af Leraþz Lymum[enn af] hanz hornum drypur J huergemli [þadan eiga] vøtn øll wega 18 Eykþyrnir heißt der Hirsch, der auf der Halle steht und die Læraðszweige abweidet, [und von] seinen Hörnern tropft es nach Hvergemlir, [von dort nehmen] alle Gewässer ihren Lauf. 2 VH V(all)h( ǫ ll) 2 eijkþyrner Eikþyrnir 2 heidrun Heiðrún 17 Bei der Beischrift handelt es sich u. a. um drei leicht gekürzte Strophen aus den Grímnismál (Str. 23, 25, 26). 18 Vers ist durch Beschädigungen defekt und wurde ergänzt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 476 Appendix <?page no="477"?> Hand Transkription 19 Übersetzung/ Normalisierung 2 heijmdællur Heimdallr AM 738 4to (f. 43r) - Midgardschlange mit Angelköder Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 midgards Ormurinn Midgardschlange AM 738 4to (f. 43v) - Fenrir in Fesseln Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 Fenris ẃ lfurinn Fenriswolf 3 þar siör er diüpastur, nidur ad hellu er 900: fadma diüp enn fyrir nedann þann siö er 60 fadma hella enn fyrir nedan þä hellu sextugur siör enn fyrir nedan þann siö naglz þick hella og fyrir nedann þä hellu heliar merkur. NB: Dort wo das Meer am tiefsten ist, bis nach unten zum Felsgrund ist es 900 Fäden tief, und unterhalb dieses Meeres ist eine 60 Fäden dicke Felsschicht und unterhalb dieser Felsschicht ein sechzigjähriges Meer und unterhalb dieses Meeres eine nageldicke Felsschicht und unterhalb dieser Felsschicht die Dunkelheit Hels. N(ota) B(ene) 2 slefa Rennur vr munne hanz þat er ꜳ su er Vønheiter Geifer rinnt aus seinem Maul, das ist der Fluss, der V ǫ n heißt 2 Gömspari Gaumensperre 2 Giólnar heijta granar hanz Gj ǫ lnar heißt sein Fang 2 hellann sem J er fest heyter giøll og steirninn þuyte a ofann Die Felsenplatte, an der [er] befestigt ist, heißt Gj ǫ ll und der Stein darüber Þviti. 2 fiøturinn heijtir gleipner giør af sex hlütum Die Fessel heißt Gleipnir, gemacht aus sechs Dingen. 2 festinn heiter gelgia der Strick heißt Gelgia 2 ädur Leistist hann ur Lædijng og Drap syg ur droma Zuvor befreite er sich aus Læðingr und wandte sich aus Dromi. 2 æsir færdu ulfinn J vatn þat er ämsuartner heijter J holma er Lijngue er nefnder þar Bydur hann tyl Ragna Røkurs Die Asen beförderten den Wolf in ein Gewässer, das Ámsvartnir heißt, auf die Insel, die Lyngvi heißt, dort wartet er bis zum Ragnarøkkr. 19 Bei der Beischrift handelt es sich u. a. um drei leicht gekürzte Strophen aus den Grímnismál (Str. 23, 25, 26). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 1 AM 738 4to 477 <?page no="478"?> Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 2 Gleijpner war giør af 6 hlutum af konuskieggi og kattardyne af Biargs Rötum og biarnar synum af fysk anda og fugls hr  ka hann var blautur sem sylkiræma Gleipnir war aus sechs Dingen gemacht: aus Frauenbart und Katzendröhnen, aus Bergwurzeln und Bärensehnen, aus Fischatem und Vogelspucke, er war geschmeidig wie ein Seidenband. AM 738 4to (f. 44r) - Yggdrasill mit Adler, Hirschen, Ratat ǫ skr und Níðh ǫ ggr Hand Transkription Übersetzung/ Normalisierung 1 askur ijckdrasils Esche Yggdrasils 2 vedurfolner Vedrf ǫ lnir 2 walur myllum augna ørn sytur i lym asksins Ein Falke zwischen den Augen. Ein Adler sitzt im Geäst der Esche. 2 Dunæir Dualinn Däinn Dijraþrör Duneyrr Dvalinn Dáinn Duraþrór 2 Ratatøskur ber øfundar ord myllum arnarog nyþhoggs Ratat ǫ skr übermittelt Worte der Missgunst zwischen Adler und Níðh ǫ ggr. 2 Nydhøggurnagar Níðh ǫ ggr nagt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 478 Appendix <?page no="479"?> 2 NKS 1867 4to 2.1 Ausführliche Inhaltsverzeichnisse 2.1.1 Gesamthandschrift kod. Ein. Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Hand A i (f. 1 - 5) f. 1r 1 A þessare book. Fynnast Epter fylgiande skrif: Inhaltsübersicht JS f. 1v 1 Incipit: Som minn Eirekur Elldre þier Widmungsgedicht GES L.1 f. 2r EDDA þaþ er. Fræþi Fornmanna. Eddische Dichtung Titelseite JS f. 3r 1 Registur. Yfer kviþlijnga S ę mundar Æddu Inhaltsübersicht JS f. 4r 1 Gunnarz Slagr Gunnarsslagr L.2 ii (f. 6 - 15) f. 6r 1 W ꜷ lu Spä Eddische Dichtung V ǫ luspá ÓB f. 8v 17 Häva M  l Hávamál (Str. 1 ‒ 137, 164) f. 14r 3 Rünatals þ  ttur Oþinns Hávamál: Runatalsþáttr Óðins (Str. 138 ‒ 163) f. 15r 17 Wafþrüdnis Mäl Vafþruðnismál iii (f. 16 - 23) f. 17r 23 Grimnism  l Grímnismál, mit Prosa-Einleitung f. 20r 27 Skirnis Før Skírnis F ǫ r (Skírnismál) f. 22r 10 Harbards Liöd Hárbarðsljóð iv (f. 24 - 31) f. 24r 4 Hijmis kvida Hymiskviða f. 25v 7 Egis Drekkia Ægis drekka (Prosa-Einleitung zur Lokasenna) 25 Loka Glepsa Loka Glepsa (Lokasenna) f. 28r 23 Hamars heimt Hamars heimt (Þrymskviða) f. 29v 8 Wegtams kviþa Vegtamskviða (Balldrs draumar) 2 NKS 1867 4to 479 <?page no="480"?> kod. Ein. Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Hand f. 30r 20 Alvis Maal. Alvíssmál f. 31v 0 Waulundar kvida V ǫ lundarkviða v (f. 32 - 39) f. 33v 4 Grou Galldur Grógaldur f. 34r 14 Fiølsvins Maal Fj ǫ lsvinnsmál f. 35v 18 Grotta Saungur Gróttas ǫ ngr (mit Prosa-Einleitung) f. 37r 16 Hyndlu Liöd Hyndluljóð f. 39r 8 Sölar Liöd Sólarljóð vi (f. 40 - 47) f. 41v 19 Helgakvida Hundingsbana Helgakviða Hundingsbana I f. 44r 3 Helgakvida Haddingaskada Helgakviða Haddingaskaða (Helgakviða Hj ǫ rvarðssonar) f. 46v 10 Fr  Wolsüngum. Helgakwiþa hundingsbana aunnur. Frá V ǫ lsungum (Helgakviða Hundingsbana II) vii (f. 48 - 55) f. 49r 24 Sinfiautla Lok Sinfi ǫ tlalok (Frá dauða Sinfi ǫ tla) f. 49v 30 Sigurdar kvida Fafnis Bana: Fyrsta Gripis Sp  Sigurðarkviða Fáfnisbana I (Grípisspá) f. 51v 29 Sigurdar kvida Fafnis Bana Aunnor, umm uppruna Fafnis. Sigurðarkviða Fáfnisbana II (Reginsmál) f. 53v 22 Fafnis M  l Fáfnismál f. 55v 14 Brinhildar kvida BudlaDÖTTUR Brynhildar kviða Buðladóttur (Sigrdrífumál), inkl. Auszügen aus der V ǫ lsunga saga (Kap. 21, 23 - 27) sowie aus Frá dauðar Sigurðar (aus Brot af Sigurðarkviða) viii (f. 56 - 61) f. 58v 6 Godrünar kvida Guðrunarkviða Gjukadóttur (Guðrunarkviða I), inkl. Prosa-Einleitung zu Helreið Brynhildar, Dráp Niflunga, Dauði Atla (Prosa-Nach- 480 Appendix <?page no="481"?> kod. Ein. Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Hand wort von Oddrunargrátr) und Atlakviða (Str. 43) f. 60r 15 Godrünar Lok Guðrunar lok, Prosa-Ende Frá Guðruno der Atlamál und Guðrunarhv ǫ t (Str. 13 - 21) f. 60v 19 Kolophon - hier eintragen? Kolophon ix (f. 62 - 67) 22 UtLegging Biórns ä Skards ä: Yfer: V ꜷ lu Spaa Antiquarisch-gelehrte Inhalte Björn á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá x (f. 70 - 75) B xi (f. 76 - 83) f. 76r 1 Nockud Lijtid Samtak um Rünir. hvadann þær sieu, hvórier þær hafe mest tydkad, hvar af sitt nafn hafi, umm margfiólgan þeirra mätt og krapt: asamt rádningu þeirra Dimmmælltu Liöda Brynhildar Budladöttur, med þvi fleira hier ad hnygur, upp teiknad med räde, witra manna ä Skards  i Skagafyrdi Anno 1642 af Byrne Jöns Syne Antiquarisch-gelehrte Inhalte Björn á Skarðsá: Samtak um runir (1642, Kommentar zum Brynhildarljóð der Völsunga saga) ÓB xii (f. 84 - 91) f. 88v 1 Ad Fornu i þeirre Gómlu Norrænu kólludust Rünar bæde Ristingar og skrifelse Jón lærði Guðmundsson: Að fornu í þeirri gömlu norrænu kölluðust runir bæði ristingar og skrifelsi (Kommentar zum Brynhildarljóð der Völsunga saga) f. 91r 1 Maalrüna Stafrof. Runen- und Geheimschriftreihen JS 3 Annad M  lrüna Stafrof. 6 Haalendskar Hälfdeijlur 9 Marcromannorum Sive Normannorum literæ Runicæ 2 NKS 1867 4to 481 <?page no="482"?> kod. Ein. Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Hand 17 Ꜳ lfrüner f. 91v 1 H  lfdeijlur 3 Marg villt Rüna Letur 5 Annad Margvillt Rüna Letur 6 Dumbþaks Rüner. 8 Runa letur. 10 Anad Runa Letur 11 þridia Rüna Letur. 13 Algeingast Villu Letur P.1 xiii (f. 92 - 99) f. 92r Bildseiten Prosa-Edda Bildlage mit Illustrationen zu den Dæmisögur JS P.2 xiv (f. 100 - 109) f. 100r 1 Bookinn Edda hvória Samsette Snorre SturluSon Logmadur. Prosa-Edda Titelseite JS (? ) f. 100v 1 Incipit: Edda hviled under benke Thomas Bartholin d. Ä.: „ Edda hviled under benke “ (aus Edda Islandorum) f. 101r 1 Formäle Til Eddu Vorwort I: Formäle Til Eddu ÓB f. 102r 1 Annar Formäle Nij Giórdur. Vorwort II: Annar Formäle N ij giórdur f. 108v 13 Hier epter kiemur Formaale Authoris. Äfastur vid Eddu formanntil. nur Überschrift JS? 16 Soad Epter filgiandie Blad sies eij Audt. þ  : setiast hier Nockrar RVNER. hvóriar allar eru af fornumm Legsteinum utlesnar. Runenreihen JS f. 109v 11 Wysur Sr. I: G. S: Sr. Jón Guðmundsson: „ Þetta letur þienar sijst “ ÓB (? ) 482 Appendix <?page no="483"?> kod. Ein. Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Hand P.3 xv (f. 110 - 111) f. 110r Bildseiten Illuminiertes Bifolium mit antiquarischen Motiven JS P.4 xvi - xix (f. 112 - 147) f. 112r 1 Formäle Sr. Arngrijms Jons S: ad mel i midf ẏ rdi Vorwort III: Formäle Sr. Arngrijms Jonssonar ad Mel i Midfyrdi JS f. 113r 1 I Capitule Hvad Edda Sie Vorwort IV: Magnus Ólafsson: Hvad Edda Sie ÓB 16 Incipit: Almättugur Guð skapade i upphafe Himen og Jórd Prosa-Edda Prologus f. 117v 7 I Dæme Saga Gylvaginning. H  rslijge Dæmisögur (I - LXXVIII mit Epilog, Einzelaufstellung s. unten) P.5 xx - xxi (f. 148 - 166) f. 148r 1 Annar Partur Eddu sem er Nöfn og kiennijngar Epter Stafrö<f>e. Prosa-Edda Annar Partur (Aasa-heijte - ØRVA Nofn, Einzelaufstellung s. unten) JS P.6 xxii (f. 167 - 174) f. 167r 1 M  lrüner, þeirra minder, nófn og kenningar epter stafrofe Antiquarisch-gelehrte Inhalte Isländisches Runengedicht (jüngere Fassung, Fassung 1): Málrunir, þeirra myndir, nöfn og kenningar eftir stafrofi ÓB f. 169v 18 Klapp: Rüner Antiquarisch-gelehrte Inhalte Runenreihen: Schlüsselrunen f. 170v 1 Haug Büa Letur Geheimschriften 3 Villu Letur 5 Rammvilling 9? 10? APPENDIX edur FINALE eddu. Prosa-Edda Appendix edur Finale Eddu (Vísur) f. 171v 1 Fyrsta J  tning. M  lfære þeirra Gómlu nordur Heims Büa, hafa Islendsker enn nu hreint og öskurt og tydka þat enn i dag Antiquarisch-gelehrte Inhalte Runólfur Jónsson: Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa (gedr. in Kopenhagen 1651, in isländischer Übersetzung) xxiv (Anf.) (f. 181 - 184) JS 20 20 Handwechsel auf f. 180v27. 2 NKS 1867 4to 483 <?page no="484"?> kod. Ein. Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Hand P.7 xxiv (Fort.) - (f. 185 - 187) f. 185r 1 Incipit: Allur grödi: flugu fógnuder: gledi þiöda [ … ] Antiquarisch-gelehrte Inhalte Isländisches Runengedicht (jüngere Fassung, Fassung 2): Málrunir, þeirra myndir, nöfn og kenningar eftir stafrofi (Überschrift fehlt) JS f. 187r 20 Registur yfer Snorra Eddu. Prosa-Edda Inhaltsverzeichnis über die Dæmisögur xxv (f. 188 - 195) f. 189v 1 Hier skrifast Nockrer Bragar hætter. Antiquarisch-gelehrte Inhalte Bragarhætter f. 193v 6 H  tta Likell Lopts Rijka Loptr ríki Guttormsson: Háttalykill xxvi (f. 196 - 203) f. 200v 23 Nockur Fornyrde Utlögd Til undervijsunuar. Nockur Fornyrde f. 202r 19 Þrijdeijlur. JSLandica et LAtina Lingva Conscriptæ. KLApprunarum Ordo. Isländisches Runengedicht (ältere Fassung, nach Jón Ólafssons úr Grunnavík: Runologia): Þrídeilur, Islandica et Latina lingva conscriptæ, Klapprunarum ordo (mit lateinischer Übersetzung) f. 203r 13 Ættartala ODINS: Fr  Adam til Jons Ara Sonar Bijskups ä Holumm. Ættartala Óðins C xxvii (f. 204 - 211) f. 204r 1 EXTRACTUM edür ütdreiged af Notis Olavi Vereli Svenska Antiquarisch-gelehrte Inhalte Olof Verelius: Extractum (Uppsala 1664, Kommentar zur Hrólfs saga Gautrekssonar) ÓB D xxviii (f. 212 - 220) f. 212r 1 Afgamlar fornyrda visur, skrifader eptir gómlum skrædum Antiquarisch-gelehrte Inhalte Afgamla fornyrða vísur ÓB f. 213r 1 Waf þrüdnis M  l Vafþruðnismál (Kommentar), Ende defekt f. 220r 1 Incipit: hjä stadnumm Theba i Gricklande, var eitt skalfelegt dijr [ … ] Um Uppruna nøckra Latinskra maalshaatta, Anfang defekt! 484 Appendix <?page no="485"?> kod. Ein. Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Hand E xxix (f. 221 - 228) f. 221r 1 Hallmundar Wijsur Antiquarisch-gelehrte Inhalte Bergbua þáttr mit kommentierter Hallmundarkviða ÓB F xxx - xxxi (f. 229 - 239) f. 229r 1 Notæ Arna Bodvarssonar yfer Rymur af Ivare Wydfadma helga hvassa Hræreke konge, Haralde Hildetón og Br  vallar Bardaga Antiquarisch-gelehrte Inhalte Árni Böðvarsson: Notæ yfer Rymur ÓB G xxxii (f. 240 - 244) f. 240r nockrar Reglur var epter eitt og annad mä giórast Sonstiges Nockrar Reglur (div. Anleitungen) ÓB 2 NKS 1867 4to 485 <?page no="486"?> 2.1.2 Prosa-Edda Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 113r 16 Incipit: Almättugur Guð skapade i upphafe Himen og Jórd [ … ] f. 117v 7 I Dæme Saga Gylvaginning. H  rslijge 25 II. Dæme Saga Hvórnenn Gylve vard margra hluta vijs f. 118r 24 III. Dæme saga Hvór ædstur og Elstur sie allra Guda f. 118v 9 IV. Dæme Saga Hvórsu / : allt: / höft, og hvad adur / : upphaf: / var f. 119r 24 V. Dæme Saga Umm Ymis fædu og küna Audumlu f. 119v 6 VI Döme Saga Umm Bórs syne, og umm skópun Himens og Jardar f. 120r 7 VII Dæme Saga Hvadann Menn komu þeir ed heim byggia 30 VIII. Dæme saga Af Niórfa Jótne f. 120v 14 IX. Dæmesaga Umm Gangstiörn Solar og Tüngls 32 X. Dæmesaga Þvi sölenn hvate Gaungu sinne og fare skiött, sem sie hün hrædd, og öttest öfrid epter sier f. 121r 23 XI Dæme saga Umm Bifraust og Leid til Himenns f. 121v 4 XII. Dæmesaga Hvad Allfader hafdest ad er giórdur var Äsgardur / : Troia: / 22 XIII. Dæmesaga Umm kviknan Dwerga 31 XIV. Dæmesaga Umm hofudstad og helgestad Gudanna og ask ygdrasil f. 122v 13 XV Dæmesaga Umm Stade a Himnumm f. 123r 19 XVI. Dæmesaga Hvadann Vindur kemur? Hann er sterkur, mä þö ei siäst, Hann hrærer stör Hóf, og æser elld 27 XVII Dæmesaga Hvi so miked skilie, ad Sumar sie heitt, enn Wetur kalldur 33 XVIII Dæmesaga Hvórier æser sieu sem skillldt er ä ad trüa f. 123v 12 XIX. Dæmesaga; umm þoor son odenns 28 XX. Dæmesaga. Umm Balldur f. 124r 4 XXI Dæmesaga. umm Niórd og skada 26 XXII. Dæmesaga; umm Frey f. 124v 7 XXIII Dæmesaga. umm Tyr 20 XXIV Dæmesaga. umm Braga 29 XXV. Dæmesaga. umm Heimdall f. 125r 12 XXVI. Dæmesaga umm Hód, Vidar, Vila, ull og Forseta 31 XXVII Dæmesaga. umm Loka f. 125v 12 XXVIII. Dæmesaga. umm Jórmungand og Hel 29 XXIX Dæmesaga umm Frey, Gerde og Skyrner f. 126r 31 XXX. Dæmesaga. umm Fenrisülf f. 127r 32 XXXI Dömesaga. umm äsyniurnar Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 486 Appendix <?page no="487"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 128r 8 XXXII. Dæmesaga. Umm adrar meyar i walhóll 20 XXXIII. Dæmesaga Hvad odenn fær Einheriumm ad vistumm 30 XXXIV. Dæmesaga. umm Bordhalld Ödinns f. 128v 7 XXXV. Dæmesaga Umm dryck Einheria, hvor þeim endest Jafn nöglega sem Vistenn f. 129r 1 XXXVI. Dæme saga Umm Hestinn Sleipnir, og af hvórium adburdum hann er kominn f. 129v 16 XXXVII. Dæmesaga. umm skiped Skïdbladner 25 XXXVIII. Dæmesaga ad þött þör væri mättugur, ramur og sterkur, þä fann hann þö fyrer sier ofureble sitt, fyrer abls saker og fiólkynges f. 131r 23 XXXIX Dæme Saga Hvórnenn þör kom til Ütgarda, og umm iþrött Loka f. 131v 13 XL. Dæmesaga. umm Iþrött Þiälfa 26 XLI Döme Saga. Hvórnenn Ꜳ saþör geingu synar Iþrötter f. 133r 25 XLII Dæme Saga Ad þör rere a Sio med Yme Jótun f. 134r 5 XLIII. Dæmesaga. umm Balldur hinn Göda f. 135r 1 XLIV Dæme Saga Umm Hermöd sem reid ä Helveg ad hitta Balldur 33 XLV Dæme Saga Æser senda umm allan heim, og bidia ad gräta Balldur ür heliu f. 135v 13 XLVI. Dæmesaga. Loke flyde fyrer Äsunumm f. 136r 10 XLVII. Dæmesaga. Umm straff Loka 25 XLVIII. Dæmesaga. umm Ragnaróckur f. 137r 19 XLIX. Dæmesaga Hvad verdur epter þat Brendur er heimur allar, Daud óll Gudinn, aller Einheriar, og allt Mannfölkid f. 137v 21 L Dæmesaga. Umm Æger edur Hler 34 LI. Dæmesaga, umm odinn, Loka og Hæner f. 138r 25 LII Dæmesaga. umm hvarf Ydunar og Dräp þiassa f. 138v 14 LIII Dæmesaga. umm Skadi Döttur Þiassa 29 LIV Dæmesaga. umm ølvalda Fodur þiassa f. 139r 2 LV Dæme Saga Umm Einvijge Hrugners og þörs f. 140r 5 LVI. Dæmesaga Umm heinena i hófde þörs, og Gröu Waulvo 23 LVII Dæme Saga. Umm Ferd þors til Geirraudargarda f. 140v 30 LVIII. Dæme saga ad Æser söktu Heimbod til Ægers f. 141r 18 LIX Dæmesaga: Umm Lævise Loka Laufeiear sonar f. 142r 14 LX Dæmesaga. Hvadann skälldskapur höfst f. 142v 8 LXI. Dæmesaga. Umm Süttüng Jótun son Gillings 19 LXII Dæmesaga Hvórnenn æser komust ad Suttüngs Miód Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2 NKS 1867 4to 487 <?page no="488"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 143v 5 LXIII. Dæmesaga umm Hrölf kraka 22 LXIV Dæmesaga umm adils Swya köng f. 144v 8 LXV. Dæmesaga. umm Holga köng 16 LXVI. Dæmesaga Umm Fröda, Feniu og meniu f. 145r 1 LXIVII. Dæmesga. Umm Hógna og Hillde Döttur hanns 26 LXVIII Dæmesaga Umm odinn, Loka og Hæner, er þeir dräpu otur f. 145v 4 LXXIII Dæmesaga. Frä Sigurde Fofnesbana f. 146r 7 LXXIV Dæmesaga Frä Gudrünu og Brinhillde, og andläte Sigurdar f. 146v 5 LXXV Dæmesaga Frä Atla Köngi er hann drap Giükünga 24 LXXVI. Dæmesaga. Frä Gudrünu f. 147r 11 LXXVII Dæmesaga Frä Jörmunreki kongi er han bidur Svanhilldar 22 LXXVIII. Dæmesaga Dräp Svanhildar og Frä Hamde og Saurla Brædrumm f. 147v 17 EPILOGUS f. 148r 1 Annar Partur Eddu sem er Nöfn og kiennijngar Epter Stafröe A. Aasa-heijte 14 Aasijnia heijte 20 Aars heijte 23 Aar: hejte f. 148v 16 Alftar heijte 18 Augna. heijte 22 ⸌ B ⸍ B. Balldurs heijte 27 Brage heijter 30 Boga heijte f. 149r 3 Br  hejter 5 Bröder heijter 8 Briösts hejte 11 Brijniu heijte 16 Bilgiu heijte 25 Christs hejte ⸌ C ⸍ f. 149v 8 ⸌ D ⸍ Dags heijte 12 Daggar eda Drijfu heijte 17 Dijra heijte f. 150r 4 Dverga heite 23 Ellds heijte ⸌ E ⸍ Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 488 Appendix <?page no="489"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 150v 3 Elle kiennest 5 Eija. Nófn 23 Eijrna Heijte 27 Exar=Heijte f. 151r 5 Freijs. Heijte 9 Frijggiar. Heijte 13 Freiju = Heijte 19 Fiarda = Heijte 24 Fiska= Heijte f. 151v 5 Fugla heijte kall kiend 20 Fugla heijte kvennkiend 32 Foota Heijte f. 152r 4 Götu Heijte ⸍ G ⸌ 6 Geijtar Nófn 8 Grasa heijte 11 Gr  ts Heijte 15 Gulls heite f. 152v 10 Galtar Heijte 14 ⸍ H ⸌ H ꜷ dur heijter 16 Heijmdallur Heijter 21 Hæner heijter 24 Hafur Heijter 27 Hane Heijter 30 Handar Heijte f. 153r 3 Haar heijter 7 Hesta heijte 21 Hiaalmur heijter 28 Hiarta heijter 31 Himins Heijte f. 153v 4 Hiortur Heijter 6 Horna heijte 8 Hrafna Heijte 12 Hrijngur heijter 15 Hrwts heijte 19 Hvalfiska heijte 29 Hugarenns Nofn og Heijte Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2 NKS 1867 4to 489 <?page no="490"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 154r 9 Hvijta Biarnar Heijte 16 Hunds Nófn og heite 23 Hüss Heyte og Nófn f. 154v 1 Hófuds kiennijngar og Nöfn 12 ⸍ I ⸌ Idunn Heijter 15 Iardar nofn og kiennijngar 30 Iis hejte og kiennyngar f. 155r 6 Iøtna Heijte 30 Karlmanna Nofn og Kiennijngar ⸍ K ⸌ f. 156v 12 Karlmanna Last Heijte 27 Könga Nófn og Heite f. 157v 29 Kilfu Heite f. 158r 3 Küa Nofn og Heite 7 Landa og Rijkia Nofn og Heite ⸍ L ⸌ f. 158v 22 Logn Heijte ur Alvism  lumm 25 L  ta Heijte f. 159r 9 Loka Nofn og Heijte 19 Maags: Heijte ⸍ M ⸌ 22 Maals: Heijte 31 Munns Heijte f. 159v 3 ⸍ N ⸌ N  ttar Heijte 12 Niardar Heijte 15 Norna: Heijte 18 ⸍ O ⸌ Odinns Heijte f. 160r 25 Odins Sona N ȯ fn f. 160v 1 ORMA HEite 9 ORRUStu Heijte 26 Ovinar Heijte 30 ⸍ P ⸌ Pl  gu = Heijte f. 161r 9 PRESTS HEITE 16 PRÜDE Heijter 26 QVENNA Heite. ⸍ Q ⸌ f. 162 13 Qvena Illkiennijngar 24 REfs Heite ⸍ R ⸌ 28 Reijdi Heite Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 490 Appendix <?page no="491"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 162v 1 ⸍ S ⸌ Sifiar Heijte 3 S  r heiter 9 Siäfar Heijte 29 Skipa HEITE og Nófn f. 163r 7 Skiegg heiter 9 Skipa Nófn 24 Skiallda heite f. 163v 4 Skoogs Heijte 20 Soolar Heijte 31 Sonur heiter f. 164r 2 Spiöt kiennast so 6 Steijna Heijte 16 SVERDA HEITE OC NOFN f. 164v 5 Sumar kiennest 8 Sæköngar Nefnast so 13 ⸍ T ⸌ TIJRS Heijte 16 TROLLQ VENNA Heite 30 ⸍ V ⸌ VALE HeitER f. 165r 4 VALKIRIUR Heita 8 VARGAR HEITA 13 VATNS HEITe 18 VETUR HEITER 22 VINDS HEITE 32 VItzMUNA Heijte f. 165v 4 Vopna kiennijngar 22 ⸍ U ⸌ Ullur Heiter 24 Underhijggia heiter 29 UXe heijter f. 166r 2 Yfermanna Heite 13 Þörs Heite ⸍ Þ ⸌ 21 Þare Heiter 25 Þioofur Heijter 27 Þrælar Heijta Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2 NKS 1867 4to 491 <?page no="492"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 166v 4 ⸍ Æ ⸌ Æfe Heiter 8 ⸍ Ø ⸌ Øls Heite 14 ØRN Heiter 18 ØRVA Nofn f. 170v 18 APPENDIX edur FINALE eddu. Christs Vijsur f. 171r 9 Himens Vysur 16 Soolar Wysur 2.2 Lagenstruktur und Wasserzeichen kodikologische Einheit Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen A (f. 1) i \\/ / Binio mit vorgeheftetem Einzelblatt f. 1 ISR B L.1 (f. 2 - 5) f. 2~5 JHONIG & ZOON f. 3~4 Pro Patria L.2 ii \\\\\/ / / / / Quinio f. 6~15 Amsterdamer Wappen f. 7~14 Amsterdamer Wappen f. 8~13 ISR B f. 9~12 Amsterdamer Wappen f. 10~11 ISR B iii \\\\/ / / / Quaternio f. 16~23 Amsterdamer Wappen f. 17~22 ISR B f. 18~21 Amsterdamer Wappen f. 19~20 ISR B iv \\\\/ / / / Quaternio f. 24~31 Amsterdamer Wappen f. 25~30 ISR B f. 26~29 ISR B f. 27~28 Amsterdamer Wappen v \\\\/ / / / Quaternio f. 32~39 ISR B f. 33~38 Amsterdamer Wappen f. 34~37 Amsterdamer Wappen f. 35~36 ISR B vi \\\\/ / / / Quaternio f. 40~47 Amsterdamer Wappen f. 41~46 ISR B f. 42~45 ISR B f. 43~44 Amsterdamer Wappen Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 492 Appendix <?page no="493"?> kodikologische Einheit Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen vii \\\\/ / / / Quaternio f. 48~55 ISR B f. 49~54 Amsterdamer Wappen f. 50~53 ISR B f. 51~52 Amsterdamer Wappen viii \\\/ / / Ternio f. 56~61 Amsterdamer Wappen f. 57~60 ISR B f. 58~59 Amsterdamer Wappen ix \\\\/ / / / Quaternio f. 62~69 ISR B f. 63~68 ISR B f. 64~67 Amsterdamer Wappen f. 65~66 Amsterdamer Wappen x \\\/ / / Ternio f. 70~75 ISR B f. 71~74 Amsterdamer Wappen f. 72~73 Amsterdamer Wappen B xi \\\\/ / / / Quaternio f. 76~83 ISR B f. 77~82 Amsterdamer Wappen f. 78~81 Amsterdamer Wappen f. 79~80 ISR B xii \\\\/ / / / Quaternio f. 84~91 Amsterdamer Wappen f. 85~90 ISR B f. 86~89 Amsterdamer Wappen f. 87~88 ISR B P.1 xiii \\\\/ / / / Quaternio f. 92~99 Pro Patria f. 93~98 Pro Patria f. 94~97 JHONIG & ZOON f. 95~96 JHONIG & ZOON P.2 xiv \\\\\/ / / / / Quinio f. 100~109 Pro Patria unten Pro Patria oben f. 101~108 Pro Patria unten Pro Patria oben f. 102~107 JHONIG & ZOON f. 103~106 Pro Patria unten Pro Patria oben f. 104~105 JHONIG & ZOON Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2 NKS 1867 4to 493 <?page no="494"?> kodikologische Einheit Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen P.3 xv \/ f. 110~111 nicht zu erkennen P.4 xvi \\\\\/ / / / / Quinio f. 112~121 Amsterdamer Wappen f. 113~120 ISR B f. 114~119 Amsterdamer Wappen f. 115~118 Amsterdamer Wappen f. 116~117 ISR B xvii \\\\\/ / / / / Quinio f. 122~131 ISR B f. 123~130 ISR B f. 124~129 Amsterdamer Wappen f. 125~128 ISR B f. 126~127 Amsterdamer Wappen xviii \\\\/ / / / Quaternio f. 132~139 Amsterdamer Wappen f. 133~138 ISR B f. 134~137 ISR B f. 135~136 Amsterdamer Wappen xix \\\\/ / / / Quaternio f. 140~147 ISR B f. 141~146 Amsterdamer Wappen f. 142~145 ISR B f. 143~144 ISR B P.5 xx \\\\/ / / / Quaternio f. 148~155 nicht zu erkennen 21 f. 149~154 Pro Patria f. 150~153 Pro Patria f. 151~152 JHONIG & ZOON xxi \\\\\/ / / / / Quinio mit angeheftetem Einzelblatt f. 156~165 Pro Patria f. 157~164 JHONIG & ZOON f. 158~163 Pro Patria f. 159~162 JHONIG & ZOON f. 160~161 Pro Patria f. 166 nicht zu erkennen P.6 xxii \\\\/ / / / Quaternio f. 167~174 Pro Patria f. 168~173 JHONIG & ZOON f. 169~172 JHONIG & ZOON 21 Das Wasserzeichen mit dem Pro-Patria-Motiv ist stellenweise schlecht zu erkennen, hier und in der nächsten Lage spricht nichts dagegen, dass die Blätter aus dieser Reihe sind. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 494 Appendix <?page no="495"?> kodikologische Einheit Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen f. 170~171 Pro Patria xxiii \\\/ / / Ternio f. 175~180 JHONIG & ZOON f. 176~179 Pro Patria f. 177~178 JHONIG & ZOON xxiv \\/ / Binio mit drei angehefteten Einzelblättern f. 181~184 Amsterdamer Wappen f. 182~183 ISR B P.7 f. 185 & ZOON f. 186 Pro Patria (oben) f. 187 JHONIG xxv \\\\/ / / / Quaternio f. 188~195 JHONIG & ZOON f. 189~194 Pro Patria f. 190~193 Pro Patria f. 191~192 JHONIG & ZOON xxvi \\\\/ / / / Quaternio f. 196~203 JHONIG & ZOON f. 197~202 Pro Patria f. 198~201 Pro Patria f. 199~200 JHONIG & ZOON C xxvii \\\\/ / / / Quaternio f. 204~211 JHONIG & ZOON f. 205~210 Pro Patria f. 206~209 JHONIG & ZOON f. 207~208 Pro Patria D xxviii \\\\\/ / / / / Quinio f. 212~220 JHONIG & ZOON f. 213 JHONIG & ZOON f. 214~219 Pro Patria f. 215~218 Pro Patria f. 216~217 JHONIG & ZOON E xxix \\\\/ / / / Quaternio f. 221~228 JHONIG & ZOON f. 222~227 Pro Patria f. 223~226 JHONIG & ZOON f. 224~225 Pro Patria F xxx \\\/ / / Ternio f. 229~234 nicht zu erkennen 22 f. 230~233 nicht zu erkennen 22 Das dunkel markierte Papier ist rauer und fester als die anderen. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2 NKS 1867 4to 495 <?page no="496"?> kodikologische Einheit Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen f. 231~232 nicht zu erkennen xxxi \\/ / Binio mit angeheftetem Einzelblatt f. 235~238 nicht zu erkennen f. 236~237 nicht zu erkennen f. 239 nicht zu erkennen G xxxii \\\\/ / / / Quaternion f. 240~Spiegelblatt(247) Pro Patria f. 241~(246) JHONIG & ZOON f. 242~(245) JHONIG & ZOON f. 243~244 Pro Patria 2.3 Zäsuren der kodikologischen Einheiten kodikologische Einheit Lage Fol. (pag.) Wasserzeichen Hand Inhalt A i f. 1 JHONIG & ZOON - Pro Patria Jakob Sigurðsson (f. 1r) Guðmundur Eiríksson (f. 1v, Lagenfüller) Inhaltsverzeichnis (Handschrift), Widmungsgedicht (Lagenfüller) A (Ende): Inhaltsverzeichnis, modifizierte Lage (vorgeheftetes Einzelblatt), Leerraum mit Lagenfüller; Zäsur A|L.1: Textgrenze, Blattgrenze 23 , Handwechsel, medialer Wechsel; L.1 (Anfang): Titelseite mit Kolophon (1760, Síra Ólafur Brynjólfsson, Kirkjubær í Austfjörðum). L.1 i (Fort.) f. 2 - 5 JHONIG & ZOON - Pro Patria Ólafur Brynjólfsson (? ), Jakob Sigurðsson Edda-Lieder: Titelseite, Inhaltsverzeichnis, Gunnarsslagr L.1 (Ende): Leerraum; Zäsur L.1|L.2: Textgrenze, Lagengrenze, Wasserzeichenwechsel, Handwechsel, Tintenwechsel, unterschiedliche Seitengestaltung, Kustodenlücke; L.2 (Anfang): Beginn Paginierung, modifizierte Lage. L.2 ii - x f. 6 - 75 (pag. 1 - 140) Amsterdamer Wappen - ISR B Ólafur Brynjólfsson Edda-Lieder (div.) Björn á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá L.2 (Ende): zentrierter Schrifteinzug, modifizierte Lage, Leerraum, Schlussformel; Zäsur L.2|B: Textgrenze, Lagengrenze, Kustodenlücke. 23 Das Blatt f. 1 ist ein vorgeheftetes Einzelblatt der Lage i. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 496 Appendix <?page no="497"?> kodikologische Einheit Lage Fol. (pag.) Wasserzeichen Hand Inhalt B xi - xii f. 76 - 91 (pag. 141 - 172) 24 Amsterdamer Wappen - ISR B Ólafur Brynjólfsson, Jakob Sigurðsson (Lagenfüller) Antiquarisch-gelehrte Inhalte B (Ende): Verschmutzungen, Ende Paginierung, [leicht] zentrierter Schriftzeinzug (f. 90v), Schlussformel, ursprünglich Leerraum, Lagenfüller; Zäsur B|P.1: Textgrenze, Lagengrenze, Wasserzeichenwechsel, unterschiedlicher Verschmutzungsgrad, Handwechsel, Tintenwechsel, medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung. P.1 xiii f. 92 - 99 JHONIG & ZOON - Pro Patria Jakob Sigurðsson Bildlage, Illuminationen zur Prosa- Edda Zäsur P.1|P.2: Textgrenze, Lagengrenze, Handwechsel, medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung; P.2 (Anfang): Verschmutzungen, Titelseite mit Kolophon (1760, Kirkjubær í Austfjörðum), Beginn neuer Paginierung. P.2 xiv f. 100 - 109 (pag. 1 - 20) JHONIG & ZOON - Pro Patria Ólafur Brynjólfsson, Jakob Sigurðsson Prosa-Edda (Titelseite, erweiterter Prolog) P.2 (Ende): Verschmutzungen, Leerraum mit Lagenfüller, Ende der Paginierung, defekter Text; Zäsur P.2|P.3: Textgrenze, Lagengrenze, Wasserzeichenwechsel, unterschiedlicher Verschmutzungsgrad, Handwechsel, Tintenwechsel, medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung. P.3 xv f. 110 - 111 keins zu erkennen Jakob Sigurðsson Illuminationen mit antiquarischen Motiven P.3 (Ende): Handangabe; Zäsur P.3|P.4: Textgrenze, Lagengrenze, Wasserzeichenwechsel, unterschiedlicher Verschmutzungsgrad, Handwechsel, Tintenwechsel, medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung; P.4 (Anfang): Verschmutzungen, Weiterführung der Paginierung von P.2, Lagenfüller 25 . P.4 xvi - xix f. 112 - 147 (pag. 21 - 92) Amsterdamer Wappen - ISR B Ólafur Brynjólfsson, Jakob Sigurðsson (Lagenfüller) Prosa-Edda (erweiterter Prolog, Dæmisögur) 24 Die letzte Paginierung, pag. 172 (f. 91v), ist vermutlich von Jakob Sigurðsson nachgetragen worden. 25 Jakob Sigurðsson hat zwar das erste Blatt des nächsten Blockes (f. 112) beschrieben, doch handelt es sich hierbei offensichtlich um eine spätere Ergänzung. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2 NKS 1867 4to 497 <?page no="498"?> kodikologische Einheit Lage Fol. (pag.) Wasserzeichen Hand Inhalt P.4 (Ende): Schlussformel ( „ Ender fyrra Parts þessarar Bökar “ ), Verschmutzungen, Ende der Paginierung (pag. 92); Zäsur P.4|P.5: Textgrenze, Lagengrenze, Wasserzeichenwechsel, Handwechsel, Tintenwechsel 26 , unterschiedliche Seitengestaltung, Kustodenlücke; P.5 (Anfang): später ergänzte Weiterführung der Paginierung mit violettem Stift (nur auf Rectoseiten), Lagenfüller. P.5 xx - xxi f. 148 - 166 (pag. 93 - 129) 27 JHONIG & ZOON - Pro Patria Jakob Sigurðsson Prosa-Edda (Annar Partur) P.5 (Ende): Zeilenfüllung als Schlussvignette, (leicht) vergrößerte Schrift, Leerraum, modifizierte Lage 28 ; Zäsur P.5|P.6: Textgrenze, Lagengrenze, unterschiedlicher Verschmutzungsgrad, Handwechsel, Tintenwechsel 29 , Kustodenlücke. P.6 xxii - xxiv f. 167 - 184 (pag. 131 - 165) 30 JHONIG & ZOON - Pro Patria Ólafur Brynjólfsson, Jakob Sigurðsson Prosa-Edda (Appendix), antiquariaschgelehrte Inhalte Amsterdamer Wappen - ISR B P.6 (Ende): großer Leerraum 31 ; Zäsur P.6|P.7: Textgrenze, Blattgrenze, Wasserzeichenwechsel, Handwechsel, Tintenwechsel, unterschiedliche Seitengestaltung, Kustodenlücke; P.7 (Anfang): modifizierte Lage 32 mit eigener Paginierung 33 , defekter Textanfang. P.7 xxiv (Fort.) - xxvi f. 185 - 203 (pag. 167 - 203, pag. 147 - 151) 34 JHONIG & ZOON - Pro Patria Jakob Sigurðsson Prosa-Edda (Inhaltsverzeichnis über die Dæmisögur), antiquarisch-gelehrte Inhalte 26 Die Eisengallustinte von Ólafur Brynjólfsson färbte den Schriftspiegel der Dæmisögur mit einem hellbraunen Schatten ein. 27 Die Paginierung wurde später mit violettem Farbstift auf die Recto-Seiten hinzugefügt. 28 Bei dem Blatt f. 166 handelt es sich um ein angeheftetes Einzelblatt. 29 Die Eisengallustinte von Ólafur Brynjólfsson färbte den Schriftspiegel der Dæmisögur mit einem hellbraunen Schatten ein. 30 Die Paginierung wurde später mit violettem Farbstift auf die Recto-Seiten hinzugefügt. 31 Der Leerraum innerhalb der Handschrift ist hier beträchtlich, so befinden sich auf f. 183 nur 6 Zeilen Text, der Rest (f. 183r - 184v) ist leer. 32 Bei den Blättern f. 185 - 187 handelt es sich um drei Einzelblätter, die an die Binio-Lage xxiv angeheftet wurden und vermutlich Teil einer ursprünglich anders gearteten Lage waren. Es fehlt sowohl der Beginn des Textes als auch die Seiten mit der Paginierung vor pag. 147. 33 Die Paginierung pag. 147 - 151 befindet sich auf f. 185r - 187r und bricht danach ab. 34 Die Paginierung pag. 167 - 203 wurde später mit violettem Farbstift auf die Recto-Seiten hinzugefügt, die andere Paginierung pag. 147 - 151 ist original und erstreckt sich nur von f. 185r - 187r. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 498 Appendix <?page no="499"?> kodikologische Einheit Lage Fol. (pag.) Wasserzeichen Hand Inhalt P.7 (Ende): Leerraum, modifizierte Lage; Zäsur P.7|C: Textgrenze, Lagengrenze, Handwechsel, Tintenwechsel, medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung, Kustodenlücke. C xxvii f. 204 - 211 (pag. 205 - 219) 35 JHONIG & ZOON - Pro Patria Ólafur Brynjólfsson Olof Verelius: Extractum (Kommentar zur Hrólfs saga Gautrekssonar) C (Ende): Leerraum; Zäsur C|D: Textgrenze, Lagengrenze, Kustodenlücke. D xxviii f. 212 - 220 (pag. 221 - 239) 36 JHONIG & ZOON - Pro Patria Ólafur Brynjólfsson Antiquarisch-gelehrte Inhalte Zäsur D|E: Textgrenze, Lagengrenze, unterschiedliche Tinte, Kustodenlücke. E xxix f. 221 - 228 (pag. 241 - 255) 37 JHONIG & ZOON - Pro Patria Ólafur Brynjólfsson Kommentar zu den Hallmundar Vísur E (Ende): Leerraum, Ende Kustoden; Zäsur E|F: Textgrenze, Lagengrenze, unterschiedliche Seitengestaltung, Tintenwechsel, Papierwechsel; F (Anfang): modifizierte Lage 38 . F xxx - xxxi f. 229 - 239 (pag. 257 - 277) 39 raues Papier, Wasserzeichen nicht erkennbar Ólafur Brynjólfsson Árni Böðvarsson: Notæ yfir Rímur F (Ende): Leerraum; Zäsur F|G: Textgrenze, Lagengrenze, Papierwechsel, unterschiedliche Seitengestaltung. G xxxii f. 240 - 244 (pag. 279 - 288) 40 JHONIG & ZOON - Pro Patria Ólafur Brynjólfsson Nockrar Reglur 35 Die Paginierung wurde später mit violettem Farbstift auf die Rectoseiten hinzugefügt. 36 Die Paginierung wurde später mit violettem Farbstift auf die Rectoseiten hinzugefügt. 37 Die Paginierung wurde später mit violettem Farbstift auf die Rectoseiten hinzugefügt. 38 Das Blatt f. 239 ist ein an die Binio-Lage xxix angeheftetes Einzelblatt. 39 Die Paginierung wurde später mit violettem Farbstift auf die Rectoseiten hinzugefügt. 40 Die Paginierung wurde später mit violettem Farbstift auf die Rectoseiten hinzugefügt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2 NKS 1867 4to 499 <?page no="500"?> 2.4 Transkriptionen und Übersetzungen der Beischriften NKS 1867 4to (f. 2r) - Titelseite Edda-Lieder Transkriptionen Übersetzung EDDA þaþ - er. Fræþi Fornmanna. Sammannskrifoþ AF: Sæmundi Presti Sigfussijne ennom Froþa. Enn nü at nijo uppskrifoþ. ANNO 1760. Af: Sr. Olafe Brijniülfs Sijne Ad kyrkiubaj i Austfiördum Edda, das ist das Wissen der Altvorderen. Zusammengeschrieben von Priester Sæmundr Sigfússon dem Gelehrten. Und nun aufs Neue aufgeschrieben, Anno 1760, von sr. Ólafur Brynjólfsson auf Kirkjubær in den Ostfjorden. NKS 1867 4to (f. 92r) - Óðinn verteilt in Adlergestalt den Dichtermet Transkriptionen Übersetzung/ Normalisierung Hier flijgur Ödinn i arnar ham. med hvijbiarga miadar fillina. Innumm ÄSgrindur. og Suttüngur Iótun i Arnar ham Epter honum: So sem LXI. Dæmisagann: Eddu Utvijsar Hier fliegt Óðinn in Adlergestalt die Hvítbj ǫ rgmet-Magenfüllung zu den Ásgríndr und der Riese Suttungr hinter ihm in Adlergestalt her. So wie es die LXI. Dæmisaga der Edda darstellt. NKS 1867 4to (f. 92v) - Ullr auf Skiern mit Pfeil und Bogen Transkriptionen/ Transliteration 41 Übersetzung/ Normalisierung ulli . son odins : med sinn . boga : skrefar hier a. skidur Ullr 42 , Sohn Óðins, mit seinem Bogen schreitet hier auf Skiern. Skiy Ulla hiet: Skiolldur og þar firir er Skiolldur kalladur i Orrostumm ullar Skeid, ullar nockue, ullar Sud, ullar flei. Les Dæmisógu Eddu 26ti Die Skier Ulls heißen Schild und deswegen wird ein Schild in der Schlacht ‚ Ulls Langschiff ‘ genannt, ‚ Ulls Ruderboot ‘ , ‚ Ulls Schiffsbord ‘ , ‚ Ulls Fähre ‘ . Lies die 26. Dæmisaga der Edda. NKS 1867 4to (f. 93r) - Loki mit Fischernetz Transkriptionen/ Transliteration 43 Übersetzung/ Normalisierung loki, laufeiar son med, netid, er þetta. So sem seiger Eddu XLVI. Dæmi saga. Dies ist Loki Laufeyjarson mit dem Netz. So wie die XLVI. Dæmisaga der Edda berichtet. 41 Die Beischriften sind teilweise in málrúnir und algeingast Villuletur geschrieben. 42 Der Name Ullr wird teilweise in der Beischrift in der schwachen Form ‚ Ulli ‘ (N OM .) bzw. ‚ Ulla ‘ (G EN .) angegeben. 43 Die Beischrift ist teilweise in málrúnir geschrieben. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 500 Appendix <?page no="501"?> NKS 1867 4to (f. 93v) - Þórr fischt in Begleitung von Hymir die Midgardschlange Transkriptionen/ Transliteration 44 Übersetzung/ Normalisierung asaþor. dregur hier midgardsormin Sem XLI. Eddu Dæmisaga seiger. Hier angelt Ásaþórr die Midgardschlange. Wie die XLI. Dæmisaga der Edda berichtet. meigingi Meigingj[arðar] NKS 1867 4to (f. 94r) - Kultbild von Óðinn mit Huginn und Muninn sowie Schwert und Stab Transkriptionen Übersetzung/ Transkription Huginn Huginn Muni Muni(nn) Odinn Óðinn Þetta kijmed Contrafeij, kargar nádu þiöder. ädur Dijrdka Öms ä meij. Er Ønudu villu slöder. Sem er Ödinns: Bijlæte. Dieses humorvollen Konterfeis wurden die starrsinnigen Völker habhaft. Sie verehrten [es] früher auf ⸢ Óms Mädchen ⸣ ( J ǫ rð = der Erde), als sie auf falschen Pfaden irrten. Das ist Óðins Bildnis. NKS 1867 4to (f. 94v) - Þórr mit Hammer und Zepter Transkriptionen/ Transliteration 45 Übersetzung/ Normalisierung asaþor med hamarinn mi ⸌ o ⸍ lner. og spentur meigin giordur er þetta Ásaþórr mit dem Hammer Mj ǫ llnir und angelegtem Meigingjarðar ist dies. meigin giar Meigingjar[ðar]. NKS 1867 4to (f. 95r) - Auðumbla leckt Búri aus dem Stein Transkriptionen/ Transliteration 46 Übersetzung/ Normalisierung kirinn audumbla die Kuh Auðumbla audumbla Slekir. hier: bura ur Steinenumm . og fiorir, miolkur Ar, Renna or : spenenum hennar: So sem fimta D ę misaga eddu fraSkiirir Auðumbla leckt hier Búri aus dem Stein und vier Milchflüsse rinnen aus ihrem Euter. So wie die fünfte Dæmisaga der Edda berichtet. 44 Die Beischrift ist teilweise in málrúnir geschrieben. 45 Die Beischrift ist in málrúnir geschrieben. 46 Die Beischrift ist teilweise in málrúnir, hálendskar hálfdeilur sowie einer weiteren Geheimschrift geschrieben. Letztere ersetzt die Vokale mit Ziffern (a=1, e=2 etc.). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2 NKS 1867 4to 501 <?page no="502"?> NKS 1867 4to (f. 95v) - Baugi bohrt in den Hvítbj ǫ rg, dahinter steht B ǫ lverkr (Óðinn) Transkriptionen Übersetzung/ Normalisierung Hier Borar Baugi. Brödir Suttüngs hvijtbiörg: med nafrinumm Rata: epter beidni Bólverkz: er: Ödinn var reijndar. So sem Seiger i Sextugustu og fyrstu Dæmisógu Eddu. Hier bohrt Baugi, der Bruder von Suttungr, auf Bitte B ǫ lverks - das war eigentlich Óðinn - mit dem Bohrer Rati in Hvítbj ǫ rg. So wie in der einundsechzigsten Dæmisaga der Edda erzählt wird. Bólverkur B ǫ lverkr Baugi Baugi Rati Rati Hvijtbiórg Hvítbj ǫ rg NKS 1867 4to (f. 96r) - Hermóðr reitet zu Balldr nach Hel Transkriptionen Übersetzung/ Normalisierung Hermödur til Heliar reijd: hana fann  n  stróndum, hvórgi slykur hesti  Sskeijd [sic! ] hleiptï ad Vijtïz kiaptin  m. Þo Helia farfa hefdi þann. hulinn svörtumm Daudannz Mock, Hermödur eij hrædast vann. Hälf bl  lita þennann skrock. Les XLIII: Eddu, Dæmisógu Hermóðr nach Hel ritt, sie fand er auf dem Nástr ǫ nd, nirgendwohin er solch ein Pferd in den Passgang [als] zum Höllenschlund versetzte. Doch Hels Farben hätte dieser eingehüllt mit der schwarzen Rauchwolke des Todes, Hermóðr sich nicht zu ängstigen vermochte, diesen halbschwarzen Rumpf anzuschauen. Lies die XLIII. Dæmisaga der Edda. Balldur hinn Gödi Balldr der Gute hüngur diskur Teller Hungr ( ‚ Hunger ‘ ) Sulltur hnijfur Messer Sultr ( ‚ Hunger ‘ ) NKS 1867 4to (f. 96v) - H ǫ ðr tötet Balldr, im Hintergrund Loki Transkriptionen Übersetzung/ Normalisierung Haudur tök mistilteïn, og Skaut ad Balldri, af til Vijsun Loka og flaug Skotid i Giegnumm hann, Fiell hann þ  Daudur nidur til Iardar. og hefur þad Öhapp mest vered. med Gudumm og mónnumm. Les XLII. Eddu Dæmi Sógu. H ǫ ðr nahm den Mistelzweig und schoss auf Anweisung Lokis auf Balldr und das Geschoss durchbohrte ihn, er fiel dann tot nieder auf die Erde. Und ist dies das größte Unglück für die Götter und Menschen gewesen. Lies die XLII. Dæmisaga der Edda. H ꜷ dur H ǫ ðr Loke Loki Balldur Balldr Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 502 Appendix <?page no="503"?> NKS 1867 4to (f. 97r) - Heimdallr bläst ins Gjallarhorn Transkriptionen/ Transliteration 47 Übersetzung/ Normalisierung heimdallur med giallar hornid uordur Bifraustar er hier mindadur So Sem Eddu D ę mi Saga XXV. FRraskiirer Heimdallr mit dem Gjallarhorn, Wächter Bifr ǫ sts, ist hier dargestellt. So wie die XXV. Dæmisaga der Edda berichtet. NKS 1867 4to (f. 97v) - Óðinn mit Dreizack auf Sleipnir Transkriptionen/ Transliteration 48 Übersetzung/ Normalisierung hier riidur odinn hestinumm sleipni Hier reitet Óðinn das Pferd Sleipnir. NKS 1867 4to (f. 98r) - Hárs lygi: Gangleri (König Gylfi) vor Hárr, Jafnhárr und Þriðji Transkriptionen Übersetzung/ Normalisierung H  rs er lijginn hierna sijnd, med hvopta pwdri Ölinu, enn Ódinns konüngztalinn og Tijnd. Tign i h  sætinu. sem 2.3.4: og 5ta Dæmisaga Eddu seiger. Hárs Lüge wird hier gezeigt mit dem kraftvollen ⸢ Pulver des Kiefers ⸣ (Redegewandtheit), aber Óðins Königswürde [ist] gezählt und im Hochsitz verloren, wie die 2., 3., 4., und 5. Dæmisaga berichten. GÄNG ⸍ L ⸌ ERI minn gaper hier og gleipir i sig lij<gi> Mein lieber Gangleri sperrt hier den Mund auf und schluckt eine Lüge herunter. I. H  r II H  r III H  r. 1. Hárr 2. Hárr 3. Hárr NKS 1867 4to (f. 98v) - Fenrir beißt Týr die Hand ab Transkriptionen 49 Übersetzung/ Normalisierung Hier fiötra asar Fenris Ülfinn: Tijr misser sijna adra Hónd: enn þeir Aristera Ulfinn til Ragna Röckurs: so sem XXIX Eddu Dæmisaga Utvijsar. Hier legen die Æsir dem Fenriswolf Fesseln an. Týr verliert eine seiner Hände. Und sie arrestieren den Wolf bis zum Ragnarøkkr. So wie die XXIX. Dæmisaga der Edda zeigt. 47 Die Beischrift ist in málrúnir sowie algeingast villuletur geschrieben. 48 Die Beischrift zitiert aus den Grímnismál (Str. 44) und ist teilweise in málrúnir sowie algeingast villuletur geschrieben. 49 Die Beischrift ist teilweise in málrúnir geschrieben. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2 NKS 1867 4to 503 <?page no="504"?> NKS 1867 4to (f. 99r) - Valh ǫ ll und Heiðrún Transkriptionen Übersetzung/ Normalisierung Geijt sü er Heýd ⸌ r ⸍ ün heytir. stendur upp ꜳ Valhóll. og bijtur bar af limumm tries þess er Leradur heitir: Hün miölkar miód. handa óllum Eijn herium Les XXXIII Eddu Dæmi Sógu. Eine Ziege, die Heiðrún heißt, steht auf Valh ǫ ll und weidet Nadeln von den Zweigen des Baumes ab, der Læraðr heißt. Sie gibt Met für alle Einherjar. Lies die XXXIII. Dæmisaga der Edda. Hier m ꜳ Lijta: ꜳ : Valhøll Ödinns: sem er hannz könglega hof og pallas: Hier kann man Óðins Valh ǫ ll ansehen, die sein königlicher Tempel und Palast ist. NKS 1867 4to (f. 99v) - Þjazi wird in Adlergestalt von Lokis Speer getroffen Transkriptionen Übersetzung/ Normalisierung Þiassi Jötun I Arnar Ham Riese Þjazi in Adlergestalt Hræmuglegur Herïannz þiön hann Loki bannsettur, med hórku flug umm Hiera Loon, Hrepti af Þiassa glettur. So sem lesa m  i Fimmtugustu Eddu Dæmisógu. Der Miserable den ⸢ Diener Herjans ⸣ (Þjazi; Herjann = Óðinn), Loki ihn verfluchte, bei einem heftigen Flug über die ⸢ Lagune des Hasen ⸣ (Wiese), wurden [ihm] von Þjazi Streiche zuteil. So wie man in der 50. Dæmisaga der Edda lesen kann. NKS 1867 4to (f. 100r) - Titelseite Prosa-Edda Transkriptionen Übersetzung Bookinn Edda hvöria Samsette Snorre Sturlu son Løgmadur. ANNO Christi. MCCXV. Prenntud i Kaupinhavn i Isslensku: Dönnsku og Latinu. Anno Domini 1665. Enn Skrifud ad Kijrkiurbaj i Austfiördumm ANNO 1760. Das Buch Edda, welches Snorri Sturluson, Gesetzessprecher, zusammensetzte. Anno Christi 1215. Gedruckt in Kopenhagen auf Isländisch, Dänisch und Latein. Anno Domini 1665. Und geschrieben auf Kirkjubær in den Ostfjorden Anno 1760. NKS 1867 4to (f. 110r) - Hyrr ǫ kkin-Bildstein (Hunnestad-Monument) Transkriptionen 50 Übersetzung/ Normalisierung Gestom Blindi Hverer <e>ro Tveir. Er til þijngs fara. þriär hafa þeir siönir saman. Tio fætr oc. Tagl eitt badir. oc lida sva lond ifir. Gestum blindi: Wer sind die zwei, die zum Þing fahren, sie haben zusammen drei Augen, zehn Beine und einen Schweif, beide reisen so auch über das Land. 50 Die Beischrift ist das Rätsel von Gestum blindi aus der Hervarar saga ok Heiðreks. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 504 Appendix <?page no="505"?> Transkriptionen 51 Übersetzung/ Normalisierung Heidrekr konüngr. hygg þu at Gato. Heidrekur Mællte: Gód er Gata þin. Gestom blindi. Getid er þeirrar. þat er Oþinn. þa Sleipni ridr framm eitt a hann Auga. Enn Marr bædi. Dregr skeid fotum. Drausull ätta. Yggr Tveimr. Hestr a hala einn. König Heiðrekr, denk über das Rätsel nach. Heiðrekr sprach: Gut ist dein Rätsel, Gestum blindi, Es ist erraten, das ist Óðinn, wenn er auf Sleipnir vorreitet, ein Auge hat er, aber das Ross zwei, es zieht die Beine im Passgang, das Pferd acht, Yggr (Óðinn) zwei, das Pferd hat einen Schwanz. NKS 1867 4to (f. 110v) - Runenstein von Tirsted Transkriptionen Übersetzung/ Normalisierung THOMÆ BARTHOLINI ANTIQUItet: Frammvijsar þessa fijgüru: LIB. II. Cap. IX. pag. 439. Thomas Bartholinis Antiquitet. präsentiert diese Abbildung, Buch II, Cap. IX, pag. 439. Lijksteirn. edur Grafsteijrn fornalldarmanna. med sinni undarlegu yferskrift. Totenstein oder Grabstein der Vorzeitmenschen mit seiner eigentümlichen Aufschrift. NKS 1867 4to (f. 111r) - Drei Speerformen Transkriptionen 51 Übersetzung/ Normalisierung Lit. A.: et qvæ hastam Gretteri illustrabunt depictas adiungo binas in Islandia. [R]epertas unam cum manubrio. Lit: B: Alteram ligno destitutam. Lit: C. [E]iusmode telum & forte nonnun qvam gladium, Geir Scaldis designat; üt in [H]aconar malum, ubi Haqvinus Rex in Valhallam introductus arma Sua qvi[b]us, in Fatali prælio usus Fuerat retinere gestiens ita Loqvitur. Gött er til Geijrs ad taka. Buchstabe A: Ich füge dem Speer von Grettir zur Veranschaulichung zwei in Island abgemalte hinzu, einer wurde mit Handgriff gefunden. Buchstabe B: Die zweite ist ohne Holz. Buchstabe C: Solches Wurfgeschoss wird auch manchmal von den Skalden als Schwert, Speer, bezeichnet. Wie in den Hákonarmál, wo König Hákon nach Valh ǫ ll geführt wird, und er seine Waffen zu behalten begehrt, die in der schicksalhaften Schlacht von Gebrauch gewesen sind. So heißt es: Es ist gut, einen Speer zur Hand zu haben. 51 Für die Zuordnung der Erklärung, sind die Speere mit den Buchstaben A - C markiert. Der letzte Satz ist ein Zitat aus den Hákonarmál (Str. 17, Heimskringla, Hákonar saga góða). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 2 NKS 1867 4to 505 <?page no="506"?> NKS 1867 4to (f. 111v) - Hárs lygi: Gangleri (König Gylfi) vor Hárr, Jafnhárr und Þriði Transkriptionen Übersetzung/ Normalisierung Fijrste HAAR Annar HAAR Þridie HAAR Erster Hárr Zweiter Hárr Dritter Hárr Gänglere. Gangleri H  rs er lijginn hierna synd. med hvópta püdre Ölinu ⸌ enn ⸍ ⸠ og ⸡ ÖDENS konüngs talinn og Tijnd. Tign i h  sætinu. J(akob) Sigurds son med eiginn h[endi] Hárs Lüge wird hier gezeigt mit dem kraftvollen ⸢ Pulver des Kiefers ⸣ (Redegewandtheit), aber Óðins Königswürde [ist] gezählt und im Hochsitz verloren. Jakob Sigurðsson mit eigener Hand. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 506 Appendix <?page no="507"?> 3 ÍB 299 4to 3.1 Ausführliche Inhaltsverzeichnisse 3.1.1 Gesamthandschrift kodikologische Einheit Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt L i (f. 1 - 6) f. 1r 1 Til - Agiætis - vid. Snorra Eddu Setiast þesser epter fijlgianþi Kviþlïngar or S ę munþar Eþþo. Eddische Dichtung Titelseite Edda-Lieder f. 1v Bildseite Kybele/ V ǫ lva f. 2r 1 V ꜷ lu Spaa. V ǫ luspá f. 4v 16 Häva Maal. Hávamál (Str. 1 - 137) ii (f. 7 - 10) f. 9v 21 Alvis Mäl. Alvíssmál f. 10v 27 Gunnars slagur. Gunnarsslagur iii (f. 11 - 16) f. 12r 1 Vaf=þrüdnis Mäl. Vafþruðnismál, mit Kommentar iv (f. 17 - 22) f. 18r 25 Grimnís Mäl: Grimnísmál f. 20v 29 Grotta Saungur Grottas ǫ ngr, mit Prosaeinleitung f. 22r 28 Sigurdar kvida Fafnis bana - Edur Grijpis Sp ꜳ . Sigurðarkviða Fáfnisbana I (Grípisspá) v (f. 23 - 30) f. 24v 1 Sigurdar Qviþa fafnis bana aunnor. Umm uppruna Fafnis. Sigurðarkviða Fáfnisbana II (Reginsmál) f. 26r 24 Fafnis Maal. Fáfnismál f. 28r 12 Brinhilldar kviþa Budla Döttur. Brynhildar kviða Buðladóttur (Sigrdrífumál), inkl. Auszügen aus der V ǫ lsunga saga (Kap. 21, 23 - 27) sowie aus Frá dauðar Sigurðar (aus Brot af Sigurðarkviða) vi - vii (f. 31r - 40) f. 32r 6 Goþronar Kviþa Giüka Döttur. Guðrunarkviða Gjukadóttur (Guðrunarkviða I), inkl. Prosa-Einleitung zu Helreið 3 ÍB 299 4to 507 <?page no="508"?> kodikologische Einheit Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Brynhildar, Dráp Niflunga und Dauði Atla (Prosa-Nachwort von Oddrunargrátr) f. 33v 8 Goþronar Lok. Guðrunar lok, Prosa-Ende Frá Guðruno der Atlamál und Guðrunarhv ǫ t (Str. 13 - 21) f. 34r 8 ÜtLeggïng Biórnz ä Skards ꜳ I Skagafyrde Yfer V ꜷ lo Spaa. Antiquarisch-gelehrte Inhalte Björn á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá viii (f. 41 - 46) f. 44v 9 Nokudumm Rüner: hvadann þær sieu: hvoriar þær hafe mest tijdkad: hvar af sitt nafn hafe: umm þeirra margfióllda: um þeirra m ꜳ tt og krapt: äsammt R ꜳ dnijngu þeirra Dimmmælltu Liöþa Brijnhylldar. Budla Döttur, med þvij fleijra sem hier ad hnijgur. Uppteiknad med R ꜳ di vitra manna. Á Skards a I Skagafyrde. ANNO. 1642. af Byrne Jons Sijne. Björn á Skarðsá: Samtak um runir (1642) ix (f. 48 - 57) f. 55r 11 Ad fornu i þeirre Gómlu Norrænu kólludust Rüner Bædi ristijngar og skrifelse. Jón lærði Guðmundsson: Að fornu í þeirri gömlu norrænu kölluðust runir bæði ristingar og skrifelsi (Kommentar zum Brynhildarljóð der Völsunga saga) P.1 x (f. 58-63) nachträglich zusammengesetzt f. 58r Böken Edda hvória Samsett HEFur SNORRE Sturuson lóg madur. Prosa-Edda Titelseite Prosa-Edda mit Medaillons f. 58v 1 Incipit: Edda hviled under Benke Thomas Bartholin d. Ä.: „ Edda hviled under Benke “ (aus Edda Islandorum 1665) P.2 f. 59r Bildseiten Prosa-Edda Illuminiertes Bifolium 508 Appendix <?page no="509"?> kodikologische Einheit Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt P.3 f. 61r 1 Ütlegging Nockurra Fornijrda til. Under Vijsunar Epter Stafrofe. Prosa-Edda Ütlegging Nockurra Fornijrda til undervijsunar Epter Stafrofe (Wortliste) f. 62r 23 So eij sie Aud Epter fijlgiandi Blad Sijda. Setiast hier F ꜳ ein nordrheimzbüa stafro. Hälendskar Hälfdeilur. Runen-/ Schriftreihen f. 62v 1 Macromannorum Sive Normannorum literæ Runicæ. 9 Dumbþaks Rüner. 12 Älfrüner 14 Wýsur Sr Jöns Gudm(unds)sonar sr. Jón Guðmundsson: „ Þetta letur þienar sijst “ P.4 f. 63r 1 Ættartala Oþinns. Fr ꜳ Adam til Bijskupz Jönz Ara sonar ꜳ hölumm. Prosa-Edda Ættartala Óðins f. 63v 4 Til uppfyllijngar þessare Bladsijdu Setiast þessi Stafrof. I. Torkienningar Stærre. Runen- und Schriftreihen 9 II. Torkiennyngar minni 12 III. H  lfrüner. 15 IV. GrænLenskt Letur. 18 V. Øfug Letur. P.5 xi (f. 64 - 71) f. 64v 0 Formäle til Eddu. Prosa-Edda Vorwort I: Formäle Til Eddu 8 Annar Formäle Nijgïórdur Vorwort II: Annar Formäle N ij giórdur f. 70r 1 Formäle Sr. Arngrijms Jöns Sonar Ad Mel i Midfijrde. Vorwort III: Formäle Sr. Arngrijms Jonssonar ad Mel i Midfyrdi f. 71r 1 I. INNGÄNGURINN Hvad Edda Sie 3 ÍB 299 4to 509 <?page no="510"?> kodikologische Einheit Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Vorwort IV: Magnus Ólafsson: Hvad Edda Sie 14 Incipit: Allmättugur Gud skapadi i Upphafe himin og Jórd Prologus xii ‒ xviii (f. 72 - 127) f. 75r 13 I. D œ me Saga. Gijlfaginning. Haars Lijge Dæmisögur (I - LXXIV mit Epilog, Einzelaufstellung s. unten) f. 106r 1 Annar Partur Eddu Sem eru nófn og kiennijngar, Epter: STAFROFE Annar Partur (Asa heite ‒ Æfe Heijter, Einzelaufstellung, s. unten) P.6 xix (f. 128 - 135) f. 128r 1 EXT`R´ACTUM. Edur ütdreigid af Notis. Olavi Wereli Svendska. Antiquarisch-gelehrte Inhalte Olof Verelius: Extractum (Uppsala 1664, Kommentar zur Hrólfs saga Gautrekssonar) f. 134v Bildseite Illumination: Runenstein von Tirsted f. 135r 1 Fyrsta Jätning: Mälfære þeirra Gómlu Nordurheimms büa, hafa Iszlendsker enn nü hreint og öskiert. og tijdka þad enn i Dag. Runólfur Jónsson: Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa (Kopenhagen 1651, in isländischer Übersetzung) xx (f. 136 - 143) xxi (f. 144 - 151) f. 146v 9 Mälrüner þeirra Minder [og] Nófn og kiennyngar Epter Stafrofe. Isländisches Runengedicht (jüngere Fassung): Málrunir, þeirra myndir, nöfn og kenningar eftir stafrofi f. 148v 24 Hier Næst setïast þær Gómlu Klappruner, edur Dimmrüner - med sinne sexfólldu mindan. Schlüsselrunen f. 150r 8 Incipit: Haug Büa Letur. Geheimschriften 11 Villu Letur 15 Rammvilijngur. f. 150v 3 APPENDIX edur FINALe eddu. Prosa-Edda Appendix edur Finale Eddu (Vísur) 510 Appendix <?page no="511"?> kodikologische Einheit Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt Christs Vijsur. 19 Himinns Vijsur. 26 Soolar Vijsur. f. 151v 1 Registur yfer Fyrra Part[ur]: Snorra Eddu. Inhaltsverzeichnis über die Dæmisögur der Prosa-Edda 3 ÍB 299 4to 511 <?page no="512"?> 3.1.2 Prosa-Edda Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 71r 14 Incipit: Allmättugur Gud skapadi i Upphafe himin og Jórd f. 75r 13 I. D œ me Saga. Gijlfaginning. Haars Lijge f. 75v 1 II. D œ me Saga. Hvórninn Gijlfe vard margra hluta vijs f. 76r 1 III. Dæme Saga. Hvór ædstur og Elldstur Sie allra Guda 17 IV. D œ me Saga Hvórsu allt / höfst/ og hvad Ädur / : Upphaf: / var f. 77r 3 V. D œ me Saga. Umm Ÿ mis fædu og küna Audumlu 17 VI. D œ me Saga. Um Bórs sijne og umm Skopun Himins og Jardar f. 77v 16 VII. D œ me Saga. Hvadann menn komu þeir ed heijm bijggia f. 78r 4 VIII. D œ me Saga. Af Niorfa Jótne 19 IX. D œ me Saga. Umm Gängstiörn Sölar og Tüngls og ætt þeirra f. 78v 8 X. D œ me Saga. Þvij Sölinn hvate Gaungu Sinne, og Fare skiött. Sem sie hün hrædd. og öttest Öfrid epter Sier 30 XI. D œ me Saga. Umm Bifróst og Leid Til Himenns f. 79r 11 XII. D œ me Saga. Hvad Allfader Hafdest ad er giórdur var Äsgardur / / : Tröia: 27 XIII. D œ me Saga. Umm kviknan Dverga f. 79v 4 XIV. D œ me Saga. Umm hófudstad og helgestad Gudanna og aks ygdrasils f. 80r 16 XV. D œ me Saga. Um Stadi ä Himnum f. 80v 21 XVI. Dæme Saga. Hvadann vindur kiemur, hann er sterkur, m ꜳ þö eij si ꜳ st, hann hrærer stör hóf og æser Elld 29 XVII. Dæme Saga. Hvijso mikïd Skilie ad sumar sie heitt, enn vetur kalldur f. 81r 6 XVIII. D œ me Saga. Hvórier Æser sieu. Sem skyllt er ꜳ ad Trwa 17 XIX D œ mesaga. Umm Þör Son Odinns f. 81v 4 XX D œ me Saga. Umm Balldur hinn G: 13 XXI. D œ mi Saga. Umm Niórd og Skada f. 82r 6 XXII. D œ mi Saga Umm Freij 19 XXIII. D œ mi Saga umm Tyr f. 82v 2 XXIV. D œ me Saga umm Braga 10 XXV. D œ me Saga umm Heimdall 23 XXVI. D œ me saga. umm Hód, Vidar, Vila, Ull, og Forseta f. 83r 12 XXVII D œ me Saga umm Loka 25 XXVIII. D œ me Saga umm Iörmungand og HEL f. 83v 12 XXIX. D œ mesaga um Freý: Gierdi og Skijrner f. 84r 13 XXX. D œ mesaga umm Fenris ülfinn f. 85r 18 XXXI D œ me Saga umm Asyniurnar f. 85v 27 XXXII. Dæme Saga umm adrar meijar i Valhóll Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 512 Appendix <?page no="513"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 86r 11 XXXIII. D œ me Saga Hvad Ödenn fær Eijnheriumm ad vistumm 21 XXXIV. D œ me Saga umm Bordhalld Ödinns f. 86v 3 XXXV. D œ me Saga Umm Drijck Eynheria, hvór þeim Endest Iafn noglega sem vistinn 25 XXXVI. D œ me Saga. Umm hestinn Sleipner og af hvorium adburdum hann er kominn f. 87r 33 XXVII. D œ me Saga umm Skiped Skijdbladner f. 87v 8 XXXVIII. D œ me Saga. Ad þö þör være m ꜳ ttugur ramur og sterkur, þ ꜳ fann hann þö fijrer sier ofur efli sitt fyrer áfls saker og fiólkijngis f. 88v 25 XXXIX D œ me Saga. Hvórninn þór kom til ütgarda og umm I þrott Loka f. 89r 11 XL D œ me Saga umm I þrötter þiälfa 23 XLI. D œ me S: hvorsu Asa þör geingu sýnar i þrötter f. 90v 13 XLII. D œ me Saga. Ad þór rere ꜳ Siö med Yme Jótun f. 91r 20 XLIII. D œ me Saga umm Balldur hinn göda f. 92r 13 XLIV. D œ me Saga Umm Hermód sem reid ꜳ helveg ad hitta Balldur f. 92v 13 XLV. D œ me Saga. Æser senda umm allan heim. og bidia ad gr ꜳ ta Balldur ur heliu 26 XLVI. D œ me Saga. Loke flydi fijrer Äsümm f. 93r 23 XLVII. D œ me Saga umm Straff Loka f. 93v 9 XLVIII. D œ me Saga um Ragna róckur f. 94v 5 XLIX. D œ me saga. Hvad verdur epter þad brendur er heijmur allur. Daud óll Gudinn; aller Eijnheriar og allt mannkijn f. 95r 8 L D œ mi Saga. Umm Æger edur Hler 20 LI D œ mi Saga um Odinn Loka og Hænir f. 95v 14 LII D œ mi Saga, Umm hvarf ydunn(a)r og Drap þiaßa f. 96r 5 L: III. D œ me Saga umm Skade Döttur Þiassa 19 L: IV. D œ mi Saga umm Ølvalda Fódur Þiassa 26 L: V. D œ mi Saga Umm Eynvijgi Hrugners og Þörs f. 97r 29 LVI. D œ mi Saga. Umm heynina i hófdi þörs og Gröu Vaulfu f. 97v 15 LVII. D œ mi Saga. Umm Ferrd þörs til Geijrrauda Garda f. 98r 23 L. VIII. D œ mi S: Æser sócktu heimbod til Ægers f. 98v 14 L: IX. D: S: um L ę vise Loka Lauféyer Sonar f. 99v 14 LX. D œ me S: hvadann Skälldskapur höfst f. 100r 10 LXI. D: S: umm Suttüng Iótun. Son Gyllÿngs 21 LXII. D: S: hvorninn Æsir komust ad Suttunga miód f. 101r 3 LXIII. D: S: Umm hrolf köng kraka 18 LXIV. DS: Umm Adils köng I Svija Rijke Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3 ÍB 299 4to 513 <?page no="514"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 102r 5 LXV. D œ mi Saga umm Hólga kóng 13 LXVI. D: S: umm Fröda Feniu og Meniu 27 LXVII. D: S: umm Hógna og hilldi döttur hanns f. 102v 21 LXVIII: D: Saga Umm Ødinn Loka og Hænir er þeir Dr ꜳ pu Oturen f. 103r 3 LXIX D œ me S: Fr ꜳ Sigurdi Fofners bana f. 103v 4 LXX. D œ me Saga. Fr ꜳ Gudrünu og Brinhijlldi og Andl ꜳ te Sigurdar 30 LXXI D œ me Saga. Incipit: Attle Budlason Br: Brínhilldar fieck þ ꜳ Godrünar f. 104r 18 LXXII. D œ me S: fr ꜳ Godrunu Giüka D: f. 104v 9 LXXIII. D œ me Saga. Fr ꜳ Iörmunreke köngi, er hann bidur Svanhijlldar 23 LXXIV. D œ me Saga Dr ꜳ p Svanhilldar. og fr ꜳ hamdi og Saurla brædrum f. 105r 23 EPILOGUS f. 106r 1 Annar Partur Eddu Sem eru nófn og kiennijngar, Epter: STAFROFE 4 A. Asa Heijte 15 Asinia Heijte 21 Ars - Heijte 24 Aar) - Heijte f. 106v 23 Alftar Heijte 25 Augna Heijte f. 107r 1 B. Ballurs Heijte 7 Braga Heijte 10 Boga Heijte 14 Bräa - Heijte 16 Brödurs Heijte 19 briöstz - Heijte 23 Briniu Heijte 29 Bilgna Heijte f. 107v 9 C Christz Heite 24 D. Dags Heijte f. 108r 1 Daggar eda Drijfu heiti 7 Dijra Heijte 23 Dverga heite f. 108v 13 E. Ellds Heijte 27 Elle Heijter 30 Eija Heijte Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 514 Appendix <?page no="515"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 109r 19 Eijrna Heiti 24 EXar Heijte f. 109v 3 F. Freis Heijte 8 Frijggiar H: 12 Freiju Heijte 19 Fiarda Heijte 24 Fiska Heijte f. 110r 9 Fugla heijti kallkiend 25 Fugla heite kvennkiend f. 110v 6 Foota H: 13 G. Götu Heijte 17 Geytar Heijte 19 Grafs Heijte 23 Graatz Heijte 27 Gulls H: f. 111r 23 Galltar H: 27 H. Haudar H: 31 Heijmdalls H. f. 111v 6 H œ ners Heijte 9 Hafurs - Heyte 12 Hana Heijte 15 Handar Heijte 21 Haars Heijte 26 Hesta Heijte f. 112r 12 Hi ꜳ lma Heijte 19 Hiarta Heijte 23 Himins Heijte 28 Hiartar Heijte 31 Horna = Heijte f. 112v 1 Hrafn[ar] Heijte 5 Hrijngs Heijte 9 hrütz Heijte 13 hvalfiska Heijte 25 hugarenns Heijte Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3 ÍB 299 4to 515 <?page no="516"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 113r 7 Hvijta biarnar H: 14 Hunds Heijte 21 Hüfs Heijte 31 Höfuds Heýte f. 113v 11 I. Idunnar Heijte 15 Iardar Heijte f. 114r 1 Iss: Heijte 7 Iótna heijte f. 114v 1 K. Karlmanna Heijte f. 115v 19 Karlmanna Lastheijte f. 116r 4 Könga Nøfn og Heijte f. 117r 12 Kilfu Heijte 22 Kuua Heijte 26 L. Landa og Rijkia Nófn og heijte f. 118r 11 Lognheiti i Alvis M ꜳ lumm 15 Laata Heijte f. 118v 3 Löka Heijte 13 M. Maags Heijte 17 Maalz heijte 27 Munns Heijti 32 N. Naattar Heijte f. 119r 9 Niardar H: 12 Norna Heijte 16 O. Ödenns Nöfn og heijte Epter stafrofi: f. 120r 31 Odens Sona heijte f. 120v 3 Orma Heite 11 ORRustu Heijti 30 Ovinar Heijte 34 P. Plaagu Heijte f. 121r 13 Prestz = Heijte 21 Prijdi = Heijte f. 121v 1 Q Qvenna Heite f. 122r 25 Illkvenna heýti Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 516 Appendix <?page no="517"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 122v 3 R. Refs Heijte 8 Reiidi = Heijte 13 S. S ꜳ ra heijte 20 Sifiar Heijte 23 Siafar Heijti f. 123r 12 Skaalld skapar heijte 26 Skieeggs heijte 29 Skipa Heijte f. 123v 13 Skiallda Heijte 29 Skoogs Heijte f. 124r 12 Soolar Heijte 25 Sonar Heijte 29 Spiötz heijte f. 124v 3 Steina heite 14 Sverda Heijte f. 125r 7 Sumars Heite 11 Sækönga Heijte 18 T. Tijrs Heijti 23 Tróllkvenna heijti f. 125v 8 V. Vale Heijter 15 Valkyriur Heijta 19 Vargar Heijta 25 Vatns Heijte f. 126r 1 Vetrar = Heijte 5 Vinds = Heijte 17 Vitsmuna Heijte 22 Vopna Heijte f. 126v 12 U. Ullar Heijte 16 Undir hyggiu Heýti 21 UXa Heijti 27 Yfermanna Heite f. 127r 8 Þ. Þörs Heijte 17 Þara Heijte 20 Þioofs Heijte 23 Þræls Heijte 28 Ø. Øls Heijte Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3 ÍB 299 4to 517 <?page no="518"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 127v 5 Ørva Heijte 12 Ørn=Heijter 16 Æ Æfe Heijter 3.2 Lagenstruktur und Wasserzeichen kodikologische Einheit Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen L i \\\/ / / Ternio f. 1~6 nachträglich zusammengesetzt JHONIG nicht zu erkennen f. 2~5 Amsterdamer Wappen f. 3~4 ID ii \\/ / Binio f. 7~10 nachträglich zusammengesetzt Amsterdamer Wappen (unten) ID f. 8~9 nachträglich zusammengesetzt Amsterdamer Wappen (oben) ID iii \\\/ / / Ternio f. 11~16 Amsterdamer Wappen f. 12~15 ID f. 13~14 Amsterdamer Wappen iv \\\/ / / Ternio f. 17~22 evtl. nachträglich zusammengesetzt ID nicht zu erkennen f. 18~21 Pro Patria f. 19~20 Pro Patria v \\\\/ / / / Quaternio f. 23~30 - f. 24~29 DK Krone F5 f. 25~28 evtl. nachträglich zusammengesetzt & ZOON JHONIG f. 26~27 Pro Patria vi \\\/ / / Ternio f. 31~36 nachträglich zusammengesetzt JHONIG & ZOON (oben) Pro Patria (unten) f. 32~35 nachträglich zusammengesetzt Pro Patria (oben) Pro Patria (oben) Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 518 Appendix <?page no="519"?> kodikologische Einheit Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen f. 33~34 nachträglich zusammengesetzt JHONIG & ZOON (oben) JHONIG & ZOON (oben) vii \\/ / Binio f. 37~40 nachträglich zusammengesetzt JHONIG & ZOON (unten) Amsterdamer Wappen (unten) f. 38~39 nachträglich zusammengesetzt JHONIG & ZOON (unten) Pro Patria (unten) viii \\\/ / / Ternio mit angeheftetem Einzelblatt f. 41~46 ID f. 42~45 ID f. 43~44 Amsterdamer Wappen f. 47 Amsterdamer Wappen (oben) ix \\\\\/ / / / / Quinio f. 48~57 Amsterdamer Wappen f. 49~56 ID f. 50~55 ID f. 51~54 Amsterdamer Wappen f. 52~53 JHONIG & ZOON P.1 (f. 58) P.4 (f. 63) x \\/ / Binio mit zwei eingeklebten Einzelblättern f. 58~63 nachträglich zusammengesetzt Pro Patria (unten) JHONIG & ZOON (oben) P.2 f. 59~60 DK Krone F5 P.3 f. 61 Pro Patria (oben) f. 62 JHONIG & ZOON (unten) P.5 xi \\\\/ / / / Quaternio f. 64~71 JHONIG & ZOON f. 65~70 Pro Patria f. 66~69 Pro Patria f. 67~68 JHONIG & ZOON xii \\\/ / / Ternio mit zwei angehefteten Einzelblättern f. 72~77 DK Krone F5 f. 73~76 - f. 74~75 nachträglich zusammengesetzt DK Krone (F5) (? ) ID (? ) f. 78 - f. 79 DK Krone F5 (unten) Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3 ÍB 299 4to 519 <?page no="520"?> kodikologische Einheit Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen xiii \\\\/ / / / Quaternio f. 80~87 Pro Patria f. 81~86 JHONIG & ZOON f. 82~85 Pro Patria f. 83~84 JHONIG & ZOON xiv \\\\/ / / / Quaternio f. 88~95 nachträglich zusammengesetzt JHONIG (? ) Krone im Kreis (später ergänztes Blatt) f. 89~94 Pro Patria f. 90~93 Pro Patria f. 91~92 JHONIG & ZOON xv \\\\/ / / / Quaternio f. 96~103 ID f. 97~102 Amsterdamer Wappen f. 98~101 Amsterdamer Wappen f. 99~100 ID xvi \\\\/ / / / Quaternio f. 104~111 Amsterdamer Wappen f. 105~110 ID f. 106~109 Pro Patria f. 107~108 JHONIG & ZOON xvii \\\\/ / / / Quaternio f. 112~119 JHONIG & ZOON f. 113~118 Pro Patria f. 114~117 Pro Patria f. 115~116 JHONIG & ZOON xviii \\\\/ / / / Quaternio f. 120~127 JHONIG & ZOON f. 121~126 Pro Patria f. 122~125 Pro Patria f. 123~124 JHONIG & ZOON P.6 xix \\\\/ / / / Quaternio f. 128~135 Amsterdamer Wappen f. 129~134 ID f. 130~133 Pro Patria f. 131~132 JHONIG & ZOON xx \\\\/ / / / Quaternio f. 136~143 ID f. 137~142 Amsterdamer Wappen f. 138~141 ID f. 139~140 Amsterdamer Wappen Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 520 Appendix <?page no="521"?> kodikologische Einheit Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen xxi \\\\/ / / / Quaternio f. 144~151 52 DK Krone F5 f. 145~150 DK Krone F5 f. 146~149 - f. 147~148 - 3.3 Zäsuren der kodikologischen Einheiten kodikologische Einheit Lage Fol. Wasserzeichen Hand Inhalt L i - ix f. 1 - 57 Pro Patria + JHonig & ZOON Jakob Sigurðsson Edda-Lieder (Titelseite, Edda-Lieder), Bjórn á Skarðá: Útlegging yfir V ǫ luspá Amsterdamer Wappen + ICI DK Krone F5 + ID ggf. unklares Wasserzeichen L (Ende): zentrierter Schrifteinzug, Beschädigungen, Schlussformeln, Schlussvignette, Leerraum; Zäsur L|P.1: Textgrenze, Lagengrenze, medialer Wechsel, Kustodenlücke 53 ; P.1 (Anfang): modifizierte Lage, Beschädigungen Titelseite. P.1 x f. 58 Pro Patria + JHonig & ZOON Jakob Sigurðsson Prosa-Edda (Titelseite, „ Edda hviled under benke “ ) Zäsur P.1|P.2: Textgrenze, Blattgrenze, modifizierte Lage 54 , medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung, Wasserzeichenwechsel, starke Beschädigungen aller Blätter. P.2 x (Fort.) 55 f. 59 - 60 DK Krone F5 + ID Jakob Sigurðsson Prosa-Edda (erweiterter Prolog: illuminiertes Bifolium mit antiquarischen Motiven) Zäsur P.2|P.3: Textgrenze, Blattgrenze, modifizierte Lage, medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung, Wasserzeichenwechsel, starke Beschädigungen aller Blätter. P.3 x (Fort.) f. 61 - 62 Pro Patria + JHonig & ZOON Jakob Sigurðsson Prosa-Edda (erweiterter Prolog) 52 In der letzten Lage viele Blätter kleiner als normale Blattgröße, d. h. sie waren mal rausgerissen und am Rand stark beschädigt und sind heute mittels Papierstreifen zusammengesetzt. 53 In der Handschrift sind Kustoden mit kleinen Inkonsistenzen durchgängig vorhanden. Ausnahmen bilden die Zäsuren zwischen den kodikologischen Einheiten sowie den Bildseiten. Weiterhin fehlen Kustoden auch an einigen anderen Übergängen, die zwar durch Leerraum zwischen zwei Texten gekennzeichnet sind, aber innerhalb einer Lage stattfinden (f. 11 - 12: Übergang zw. Grímnismál und Vafþrúðnismál, f. 70 - 71: im erweiterten Prolog am Übergang zu Hvad Edda Sie, f. 105 - 106: zw. den Dæmisögur und dem Annar Partur). 54 Stark beschädigtes Doppelblatt, im Falz repariert. 55 Reparaturen an allen Doppelblättern der Lage x außer f. 61~62. Die Wasserzeichenstruktur spricht dafür, dass f. *58~61 und f. *62~63 zuvor Doppelseiten waren und das illuminierte Bifolium separat war. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3 ÍB 299 4to 521 <?page no="522"?> kodikologische Einheit Lage Fol. Wasserzeichen Hand Inhalt P.3 (Ende): modifizierte Lage, Leerraum mit Lagenfüller; Zäsur P.3|P.4: Textgrenze, Blattgrenze, modifzierte Lage, medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung; P.4 (Anfang): starke Beschädigungen. P.4 x (Fort.) f. 63 Pro Patria + JHonig & ZOON Jakob Sigurðsson Prosa-Edda (erweiterter Prolog) P.4 (Ende): starke Beschädigungen; Zäsur P.4|P.5: Textgrenze, Blattgrenze, modifizierte Lage, unterschiedliche Tinte, medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung, Leerraum mit Lagenfüller; P.5 (Anfang): Beschädigungen, Beginn neuer Paginierung/ Lagenzählung. P.5 xi - xviii f. 64 - 127 56 (pag. 2 - 128) 57 Pro Patria + JHonig & ZOON Jakob Sigurðsson Prosa-Edda (Forts. erweiterter Prolog, Dæmisögur, Annar Partur) DK Krone F5 + ID ggf. unklares Wasserzeichen P.5 (Ende): zentrierter Schrifteinzug, Schlussformel, Schlussvignetten, Beschädigungen, modifizierte Lage, Lagenfüller; Zäsur P.5|P.6: Textgrenze, Lagengrenze, unterschiedliche Seitengestaltung, Kustodenlücke; P.6 (Anfang): Verschmutzungen. P.6 xix - xxi f. 128 - 151 Pro Patria + JHonig & ZOON Jakob Sigurðsson Prosa-Edda (Appendix, Inhaltsübersicht über die Dæmisögur), antiquarisch-gelehrte Inhalte Amsterdamer Wappen + ICI DK Krone F5 + ID ggf. unklares Wasserzeichen 3.4 Transkriptionen und Übersetzungen der Beischriften ÍB 299 4to (f. 1r) - Titelseite Edda-Lieder Transkription Übersetzung Til - Agiætis - Vid. Snorra Eddu Setiast þesser Epter fijlgianþi Kviþlïngar. or S ę munþar Eþþo. framann vid Bookina. I. - V ꜷ lo Spaa. II. ‒ Haava Maal. III. ‒ Alvis M  l. IV. ‒ Gunnar Slagur. V. ‒ Vafþrüþnis Maal. VI. ‒ Grimnis Maal. VII. ‒ Grotta Saungur. Zum Vorzug der Snorra Edda werden diese nachfolgenden Liedchen aus der Sæmundar- Edda an den Anfang des Buches gestellt. I. V ǫ luspá II. Hávamál III. Alvíssmál IV. Gunnarsslagur V. Vafþrúðnismál VI. Grímnismál VII. Grottas ǫ ngr 56 Das Blatt f. 95 ist später ergänzt worden und hat das ehemalige Blatt f. *95 ersetzt. 57 Die Paginierung beginnt auf f. 64v, u. U. ist die Paginierung auf f. 64r beim Beschnitt entfernt worden. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 522 Appendix <?page no="523"?> Transkription Übersetzung VIII. - Grijpis Spaa. IX. ‒ Sigurþar Kviþa fafn(is) b(ana) X. ‒ Fafnis Maal. XI. ‒ Brijnhijllþar Kviþa Búdl(a) d(öttur) XII. ‒ Goþronar Kviþa Giüka d(öttur) XIII. Goþronar) - Lok. Skrifud. ANNO 1764. VIII. Grípisspá (Sigurðarkviða Fáfnisbana I) IX. Sigurðarkviða Fáfnisbana (II, Reginsmál) X. Fáfnismál XI. Brynhildarkviða Buðladóttur (Sigrdrífumál) XII. Guðrúnarkviða Gjúkadóttur (I) XIII. Guðrúnarlok (Guðrúnarhv ǫ t) Geschrieben Anno 1764. ÍB 299 4to (f. 1v) - Kybele/ V ǫ lva Transkription Übersetzung/ Normalisierung CYBELE Valvo Kybele V ǫ lva Tibiuvítskunnar der Weisheit von Tibur So sem Liönid hefur yfer burþi yfer adrar skiepnur bædi i vitzmunum og Stijrkleika. So h ꜷ fdu þessar V ꜷ lfur fr  b ę ra Vitzmuni framm yfer adra menn: þad matti sanna Tarqvinus k (öngu)r: hvórnein af þessum Vijsinþa konum heimsocti og hafdi IX. b ę kur til sólu. So wie der Löwe anderen Tieren sowohl in Klugheit und Stärke überlegen ist, so verfügten diese V ǫ lvur [Seherinnen] über einen hervorragenden Verstand im Vergleich zu anderen Menschen: Das konnte König Tarquinus belegen, der von einer dieser weisen Frauen besucht wurde und [sie] neun Bücher zum Verkauf hatte. ÍB 299 4to (f. 58r) - Titelseite Prosa-Edda mit Medaillons Transkription Übersetzung Bökenn Edda hvória samsett HEFur. SNORRE Sturluson Lógmadur. A(nno) Christi M: CCXV Prenntud i Kaupenh(ófn) I Islendsku Dónnsku og Latinu. Anno Domini 1665. Das Buch Edda, welches Snorri Sturluson, Gesetzessprecher, zusammengesetzt hat. Anno Christi 1215. Gedruckt in Kopenhagen auf Isländisch, Dänisch und Latein. Anno Domini 1665. Huginn Huginn odinn Óðinn Muninn Muninn Nafarenn Rate der Bohrer Rati Kyrrinn Audumla. die Kuh Auðumbla Fenriz ulfur Fenrir Valh ǫ ll. Valh ǫ ll Sleipnir hestur ödinnz Sleipnir, Pferd Óðinns Heimdallur Giallar Horn Heimdallr Gjallarhorn Hamarenn Miólner der Hammer Mj ǫ llnir Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3 ÍB 299 4to 523 <?page no="524"?> ÍB 299 4to (f. 59r) - Drei Speerformen Transkription 58 Übersetzung/ Normalisierung Lit. A: et Qvæ hastam Gretteri illustrabunt depictas adiungo binas in Islandia, Repertas unam cum, manubrio. Lit. B: Alteram ligno destitutam. Lit. C: Eiusmode telum & forte nonnun Qvam Gladiumm; Geir; Scaldis designat; ut in Haconar malum, ubi Haqvinus Rex, in Walhallam introductus arma Sua qvibus, in Fatali prælio usus Fuerat, retinere giestienns ita Loqvitur. Gott er til Geijrs at taka. Buchstabe A: Ich füge dem Speer von Grettir zur Veranschaulichung zwei in Island abgemalte hinzu, einer wurde mit Handgriff gefunden. Buchstabe B: Die zweite ist ohne Holz. Buchstabe C: Solches Wurfgeschoss wird auch manchmal von den Skalden als Schwert, Speer, bezeichnet. Wie in den Hákonarmál, wo König Hákon nach Valh ǫ ll geführt wird, und er seine Waffen zu behalten begehrt, die in der schicksalhaften Schlacht von Gebrauch gewesen sind. So heißt es: Es ist gut, einen Speer zur Hand zu haben. ÍB 299 4to (f. 59v) - Hárs lygi: Gangleri (König Gylfi) vor Hárr, Jafnhárr und Þriðji Transkription Übersetzung/ Normalisierung Haars er lijginn hierna sijnd, med hvopta püdri ölinu. Enn Ódins konüngs Talinn og Tynd, Tign i h  sætinu. So sem stendur i II. Dæm[e]sogu eddu. 59 og þar mä le[sa] Efni þessarar fijgüru. Hárs Lüge wird hier gezeigt mit dem kraftvollen ⸢ Pulver des Kiefers ⸣ (Redegewandtheit), aber Óðins Königswürde [ist] gezählt und im Hochsitz verloren. So wie es in der II. Dæmisaga der Edda steht, und dort kann man über das Thema dieser Abbildung lesen. Fyrste Haar. edur Þridie Jafn Haar. Haar Erster Hárr oder Þriði Jafnhárr Hárr Gänglere Gangleri ÍB 299 4to (f. 60r) - Mars/ Týr Transkription Übersetzung/ Normalisierung [Ä]dur fyrre Alldar menn; Æfder geijrs i Svalli; hófdu Tijrz med Tundurenu Trw  þessumm kalle. Sigur hielldu sijfelldann, sier hann giæfe meiginn; orrustu Gudinn øflugann, upp m  si  hier dreiginn. Zuvor die Menschen früherer Zeiten / die ⸢ Geübten des Speers ⸣ (Krieger) in Saus und Braus, / beschwörten Týr mit Zunder herauf, / aus Glauben an diesen Kerl. Sie glaubten unablässig an den Sieg, dass er ihnen Kraft schenke. Den starken Kriegsgott 58 Für die Zuordnung der Erklärung, sind die Speere mit den Buchstaben A - C markiert. Der letzte Satz ist ein Zitat aus den Hákonarmál (Str. 17, Heimskringla, Hákonar saga góða). 59 Der Name „ eddu “ ist in den Runen geschrieben, die Runólfur Jónsson in Lingvæ septentrionalis elementa tribus assertionibus adstructa verzeichnet (vgl. f. 138r, 140v - 141r, 142r). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 524 Appendix <?page no="525"?> Transkription Übersetzung/ Normalisierung Hier umm m  Lesa i XXIII. Dæmesógu Eddu utþrijckelega hvórn sem það Lister. kann man hier gezeichnet sehen. Über ihn kann ausdrücklich in der XXIII. Dæmisaga der Edda lesen, wer dazu Lust hat. mars. edur. tyr 60 Mars oder Týr ÍB 299 4to (f. 60v) - Hyrr ǫ kkin-Bildstein (Hunnestad-Monument) Transkription 61 Übersetzung/ Normalisierung Gestom Blindi. Hverer <e>ro Tveir Er til þijngs fara þriär hafa þeir siöner samann Tio f ę tr oc. Tagl eitt baþir oc liþa sva l ꜷ nd ifir, Heiþrekr Konüngr Hijgg þu at Gato. Heidrekur m ę llte. Göþ er G  ta þijn Gestom blindi getid er þeirrar þat er Oþinn þä sleipni riþr framm. Eytt ä hann ꜷ ga. Enn Mar B ę þe. Dregr skeiþ fötom Dr ꜷ sull ätta. Yggr Tveimr. Hestr  hala einn. Gestum blindi: Wer sind die zwei, die zum Þing fahren, sie haben zusammen drei Augen, zehn Beine und einen Schweif, beide reisen so auch über das Land. König Heiðrekr, denk über das Rätsel nach. Heiðrekr sprach: Gut ist dein Rätsel, Gestum blindi, Es ist erraten, das ist Óðinn, wenn er auf Sleipnir vorreitet, ein Auge hat er, aber das Ross zwei, es zieht die Beine im Passgang, das Pferd acht, Yggr (Óðinn) zwei, das Pferd hat einen Schwanz. Slijka Fijggüru m  si  og finna. I Thomæ Bartholini Antiqvitete. Eine solche Abbildung kann in Thomas Bartholins Antiqvitatum Danicarum gesehen und gefunden werden. ÍB 299 4to (f. 134v) - Runenstein von Tirsted Transkription Übersetzung/ Normalisierung Thomæ Bar ⸌ t ⸍ holini AntiQvitet framvijs[ar] þessa Fijgüru. Lib: II. Cap IX. pag: 439. Thomas Bartholinis Antiquitet. präsentiert diese Abbildung, Buch II, Cap. IX, pag. 439. Lijksteirn edur Grafsteirn Fornalldar Manna. med sinne undarlegu Yferskrift. Totenstein oder Grabstein der Vorzeitmenschen mit seiner eigentümlichen Aufschrift. 60 Die beiden Namen „ mars “ und „ tyr “ sind ebenfalls in von Runólfur Jónsson aufgelisteten Runen geschrieben. 61 Die Beischrift ist das Rätsel von Gestumblindi aus der Hervarar saga ok Heiðreks. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 3 ÍB 299 4to 525 <?page no="526"?> 4 SÁM 66 4.1 Ausführliche Inhaltsverzeichnisse 4.1.1 Gesamthandschrift kod. Ein. Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt L i (f. 1 - 8) f. 1r edda þad er Fr ę þi=Fornmanna Samannskrifoþ af. S ę munþi preze Sigfüs s: Eddische Dichtung Titelseite zu den Edda-Liedern f. 2r 1 Registur yfer Kviþlijnga S ę munþar Eþþo. Inhaltsverzeichnis über die Edda-Lieder f. 3r 0 62 V ꜷ lu spaa V ǫ luspá f. 6v 3 Haava maal. Hávamál (Str. 1 ‒ 137, 164) ii (f. 9 - 16) f. 13r 14 Rünatals þättur oþinnz. Hávamal: Runatalsþáttr Óðins (Str. 138 ‒ 163) f. 14v 13 Vafþrüdnismäl. Vafþruðnismál iii (f. 17 - 24) f.17r 18 GRIMNÏS MäL. Grímnismál f. 21r 11 Skiirnis F ꜷ r. Skírnismál f. 23r 16 Harbards Liöd. Hárbarðsljóð iv (f. 25 - 32) f. 25v 14 Hijmis kviþa. Hymiskviða f. 27v 9 Egis Drekkia. Ægis drekka (Prosa-Einleitung zur Lokasenna) f. 28r 3 Loka Glepsa. Loka Glepsa (Lokasenna) f. 31r 17 Hamarsheimmt Hamars heimt (Þrymskviða) 62 Die Angabe „ 0 “ verweist auf die Titelnennung in der Kopfzeile der Seite. 526 Appendix <?page no="527"?> kod. Ein. Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt v (f. 33 - 40) f. 33r 1 Vegtamms kviþa Vegtamskviða (Balldrs draumar) f. 34r 1 Alvis maal. Alvíssmál f. 35v 1 V ꜷ lundar kviþa. V ǫ lundarkviða f. 38r 7 GRöu Galldr. Grógaldr f. 38v 26 Fiølsvinns maal. Fj ǫ lsvinnsmál vi (f. 41 - 48) f. 41r 1 GRotta saungur. Grottas ǫ ngr (mit Prosa-Einleitung) f. 43r 1 Hindlu liood. Hyndluljóð f. 45v 3 Soolar liöd. Sólarljóð vii (f. 49 - 56) f. 49r 8 Helga kvida Hundïngs bana Helgakviða Hundingsbana I f. 52r 1 Helga kvida Haddinga skada Helgakviða Haddingaskaða (Helgakviða Hj ǫ rvarðssonar) f. 55v 5 Frä Volsüngumm. Helga kvida hundïngs Bana Aunnur. Frá V ǫ lsungum (Helgakviða Hundingsbana II) viii (f. 57 - 64) f. 59r 16 Sinfi ꜷ tla Lok. Sinfi ǫ tlalok (Frá dauða Sinfi ǫ tla) f. 60r 1 Sigurdar kviþa fafnisbana Eþur Gripis Spaa. Sigurðarkviða Fáfnisbana I (Grípisspá) f. 62v 1 Sigurdar kviþa fafnisbana ønnur. Umm uprruna fafnis. Sigurðarkviða Fáfnisbana II (Reginsmál) f. 64v 26 Fafnis maal. Fáfnismál ix (f. 65 - 72) f. 66v 7 Brynhilldar kvida Budla Döttur. Brynhildar kviða Buðladóttur (Sigrdrífumál), inkl. Auszügen aus der V ǫ lsunga saga (Kap. 21, 23 - 27) sowie aus Frá dauðar Sigurðar (aus Brot af Sigurðarkviða) 4 SÁM 66 527 <?page no="528"?> kod. Ein. Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt f. 69r 23 Godrünar kvida Giüka döttur. Guðrunarkviða Gjukadóttur (Guðrunarkviða I), inkl. Prosa-Einleitung zu Helreið Brynhildar, Dráp Niflunga, Dauði Atla (Prosa-Nachwort von Oddrunargrátr) und Atlakviða (Str. 43) f. 71r 6 Gunnars Slagur. Gunnarsslagur f. 72r 19 Goþrünar lok. Guðrunar lok, Prosa-Ende Frá Guðruno der Atlamál und Guðrunarhv ǫ t (Str. 13 - 21) P.1 x (f. 73 - 80) f. 73r Bildseiten Prosa-Edda Bildlage mit Illustrationen zu den Dæmisögur P.2 xi (f. 81 - 88) f. 81r Bookin=edda hvória Samsett Hefur Snorre Sturlu S: Lögmadur Prosa-Edda: Titelseite zur Prosa-Edda f. 82r 0 Fyrste Formale Til Eddu. Vorwort I: Formäle Til Eddu f. 83r 8 Annar Formäle Nijgiordur Vorwort II: Annar Formäle N ij giórdur xii (f. 89 - 96) f. 93r 1 Formäle sr. Arngrijmz Iönssonar; ad mel ï MidFijrde. Vorwort III: Formäle Sr. Arngrijms Jonssonar ad Mel i Midfyrdi f. 94v 1 Formäle Authoris umm þad hvad Edda sie. Vorwort IV: Magnus Ólafsson: Hvad Edda Sie 16 Incipit: Almättugur Gud, skapadi I upphafa Himin og Jórd Prologus xiii - xv (f. 97 - 161) f. 100r 5 I. Dæmesaga. Gijlva Ginnïng Härs lijge Dæmisögur (I - LXXIV mit Epilog, Einzelaufstellung s. unten) f. 137r 1 Annar Partur Snorra=Eddu Sem eru Nöfn og kiennïngar Epter STAFROFE Annar Partur (Aasa - Æfe Heijter, Einzelaufstellung s. unten) A xvi (f. 162 - 169) f. 162r 0 Stafrof Og Rüner. Antiquarisch-gelehrte Inhalte Runen- und Schriftreihen, in alphabetischer Reihenfolge 1a Alphabetumm Gr ę cumm 1b Alphabetum H ę breum 528 Appendix <?page no="529"?> kod. Ein. Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt f. 162v 1 Flest Þesse stafrof eru af fornaldar mónnumm Utlesinn af Gómlumm Ruuna Legsteinumm. f. 163v 4 Hier næst setst þad forna M  lruna stafrof 7 Annad Maalruna Stafrof. 10 Hälendskar Hälfdeilur 13 Älfruuner 15 Italianiskar Hälfdeilur f. 164r 3 Margvillt Rünaletur. 6 Annad margvillt rünaletur 9 Dumbþaks Rüner 12 Rüna Letur eitt þeirra gómlu 15 Annad rüna Letur f. 164v 2 Þridia Rüna Letur 5 Þad Gamla Yraletur 8 Macromannorumm Sive Normanorum literæ Rüncæ f. 165r 1 Þetta eru þær KLapprüner edur Dim- Rüner med sinne sexfölldu mindan; sem þeir Gømlu Hafa  Fijrre Ølldumm Funderad Schlüsselrunen in Fuþork-Reihe f. 166r 11 MaalRüner þeirra mynder nofn og kienijngar epter Stafrofe Isländisches Runengedicht (jüngere Fassung): Málrunir, þeirra myndir, nöfn og kenningar eftir stafrofi f. 169r 9 Literæ Samariticæ Angeli Roechæ Schriftreihen in alphabetischer Reihenfolge 12 Literæ Samariticæ Gvilielmi postelli. 4 SÁM 66 529 <?page no="530"?> kod. Ein. Lage/ fol. Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift Inhalt 15 Literæ Samariticæ Jöan Morini. f. 169v 1 Literæ Sirorum Minus Usitatæ 4 Literæ Sirorum Usitatiores. B xvii - xxii (f. 170 - 217) f. 170r 1 CALENDARIUM SEM ER ÞAD Islenskarijm Kalender mit Kommentar Þórður Þorláksson: Calendarium Perpetuum. Ævarande Tijmatal / Edur Rijm Ijslendskt til at vita hvad Arsins Tijdum lijdur. (gedr. 1692 in Skálholt) f. 211v 1 MENsa pijthagoræ. Abhandlung über Arithmetik Pythagorastabelle (Multiplikation) f. 212r 1 Lijted Agrip Umm þær Fiörar Species I. ReikningskonnstENNE Edward Hatton: Lijted Agrip Umm þær fiörar Species I Reikningskonnstenne, þä undann eru geinginn Numeratio edur Talann. (isl. Übersetzung, gedr. 1746 in Hólar) C xxiii - xxv (f. 218 - 235) f. 218r 1 Ütlegging Biórns Jónssonar a Skards ä I Skagafyrde Ÿ fer V ꜷ lu Spaa. Antiquarisch-gelehrte Inhalte Björn á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá f. 234v 1 ÆTTartala Öþinnz. Fr ꜳ Adam til Biskups Jönnz Aarasonar ꜳ Hölumm. Ættartala Óðins 530 Appendix <?page no="531"?> 4.1.2 Prosa-Edda Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 94v 16 Incipit: Almättugur Gud, skapadi I upphafa Himin og Jórd f. 100r 5 I. Dæmesaga. Gijlva Ginnïng Härs lijge 24 II. Dæme saga. Hvórnin Gijlvi vard margrahluta vijs f. 101r 5 III. Dæme saga. Hvór ædstur og Elldstur sie allra Guda 23 IV. Dæme saga. Hvörsu allt höft og hvad ädur Upphafs var f. 102r 14 V. Dæme saga. Umm Ymis Fædu, og kuuna Audumlu f. 102v 1 VI. Dæme saga. Umm Børs sijne og umm skópun himinnz og Iardar f. 103 12 VII. Dæmi saga. Hvadann menn komu þeir ed Heijm Byggia f. 103v 7 VIII. Dæme saga. Af Niörfa Iötne 24 IX. Dæme saga. Umm Gängstiorn Soolar og Tüngls f. 104r 17 X. Dæme saga. þvij Sölinn hvate gaungu sinni og fare skiött; sem sie hün hrædd og öttist öfrijd Epter sier f. 104v 16 XI. Dæme saga. Umm Bifraust og Leid til Himinns f. 105r 1 XII. Dæme saga. Hvad allfader hafdest ad er goiordur var äsgardur 15 XIII. Dæme saga. Umm kviknan Dverga 23 XIV. Dæme saga. Umm Hofud stad og helgi stad gudanna og Ask Ygdra sijls f. 106r 4 XV. Dæme saga Umm stade á Himnum f. 106v 5 XVI. Dæme saga. Hvadann Vindur kiemur hann er sterkur m ꜳ þö eij si ꜳ st; hann hrærer stör hóf og æser elld 13 XVII. Dæme saga. Hvi svo miked siklie ad sumar sie heitt enn vetur kalldur 20 XVIII. Dæme saga. Hvorier æser sieu sem skijllter ꜳ ad Trwa 31 XIX. Dæme saga. Umm Äsa þoor son Ödens hann er mestur f. 107r 13 XX. Dæme S. Um Balldur hinn Gooda 21 XXI. Dæme S. Umm Niórd og Skada f. 107v 10 xxii. dæme Saga Umm Freij 21 XXIII. dæme Saga um Tyr 31 XXIV. d. S. Incipit: Þör er hinna Äsanna framastur 13 XX. Dæme s: Umm Balldur hinn Göda 22 XXI. Dæme saga. Umm Niörd og Skada f. 108v 10 XXII. Dæme saga umm Freij 21 XXIII. Dæme saga umm Tijr f. 109r 1 XXIX. Dæme saga Umm Braga 9 XXV. Dæme saga umm Heimdall 21 XXVI. Dæme saga. Umm Hód, Vidar, Vila Ull og Forseta f. 109v 8 XXVII. Dæme s: umm Loka 21 XXVIII. Dæme s: umm Iormungand og Hel Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4 SÁM 66 531 <?page no="532"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 110r 8 XXIX. Dæmesaga, umm Freij, Gierde og Skyrner f. 110v 11 XXX. Dæme s: umm Fenris ülfenn f. 111v 23 XXXI. D: S: umm Äsiaiurnar f. 112v 7 XXXII. D: S: Umm adrar meijar i Valhaull 18 XXXIII. D: S: Hvad Oþinn fær Eijnherium ad Vistumm f. 113r 1 XXXIV. Dæme s: Umm Bordhald Oþinns 10 XXXV. D: saga. Umm drick Einheria: hvor þeim Endest Iafn gnöglega sem Vistinn f. 113v 7 XXXVI. Dæme saga. Umm Hestenn Sleipner og hvórnenn Hann er Til komenn f. 114r 23 XXXVII. d: s: Umm Skiped Skijdbladner f. 114v 3 XXXVIII. Dæme saga. ad þö Þör v ę re m ꜳ ttugur ramur og sterkur. þä fann hann þó fyrer sier ofur Efle sitt, fyrer aflz saker og fiólkijngis f. 116r 9 XXXIX. Dæme saga. Hvórnenn þör kom til Ütgarda. og umm Iþrött Loka f. 116r 5 XL. Dæme saga umm Iþrötter þiälfa 17 XLI. Dæme saga. Hvörsu Äsaþör geingu sijnar Iþrötter f. 118r 24 XLII. D: s: Þör rere ä sioo. med yme Iötne f. 119r 9 XLIII. D: s: Umm Balldur hinn Göda f. 120r 11 XLIV. Dæme saga. Umm Hermöd sem reid á Helveg ad hitt a Balldur f. 120v 17 XLV. Dæme saga Æser senda umm allan heim, og bidia ad gräta balldur ür helio f. 121r 3 XLVI. Dæme saga. Loke flijr fyrer Äsumm f. 121v 4 XLVII. Dæme s: umm Straff Loka 20 XLVII. Dæme saga umm Ragnarókkur f. 123r 3 XLIX. Dæme Saga. Hvad epter þad verdur ad Brendur er heimur allur, Daud, øll Gudinn, aller Einheriar og allt mannkijn f. 123v 12 L. Dæmesaga umm æger edur Hler 26 LI. Dæme saga. Umm Oþinn, Loka og Hænir f. 124v 1 LII. Umm huarf Ydunnar og Dräp þiassa 23 LIII. D: s: umm Skade döttur þiassa Iótuns f. 125r 12 LIV. D: s: umm Ølvalda faudur þiassa 20 LV. d: s: Umm Einvïge Hrugners og þörs f. 126v 14 LVI Dæme saga Umm Heinina i Hófde þörs og Gröu Vaulvu f. 127r 6 LVII. Dæme saga. Umm ferrd þörs Til Geijrraudar Garda f. 128r 1 LVIII. D: s: Æser söcktu heimbod til Ægers 24 LIX. Dæme Saga Umm Lævijse Loka Laufeijar Sonar f. 129v 10 LX. Dæme Saga Hvadann Skälld skapur höfst Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 532 Appendix <?page no="533"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 130r 13 LXI Umm Suttüng Son Gyllijnngs 26 LXII: D: S: Hvörnen Æsir komust ad Suttungz miöd f. 131r 21 LXIII. D: S: Umm Hrölf köng kraka f. 131v 11 LXIV. D: s: Umm Adils köng i Svijarijke f. 132v 8 LXV. D: s: Umm Hølga Köng 16 LXVI. D: s: Umm Fröda feniu og Meniu f. 133r 5 LXVIII. D: S: umm Hógna og Hillde Döttur hannz f. 133v 5 LXVIII. D: S: umm Oþinn, Loka og Hæner, er þeir Dräpu. Oturinn 15 LXIX D: S: Fr ꜳ Sigurde Fofnis bana f. 134r 22 LXX. Dæme Saga. Fr ꜳ Godrünu og brijnhillde og andl ꜳ te Sigurdar f. 134v 21 LXXI. D: Saga. Fr ꜳ Attla könge f. 135r 14 LXXII. Dæme Saga fr ꜳ Godrünu Giüka D(ött)ur f. 135v 7 LXXXII. Dæme Saga. Frä Iörmunreke konge rijka er hann bad Svanhilldar 21 LXXIV. Dæme Saga. Umm Dräp Svanhildar og fra þeim brædir Hamde og Sórla f. 136r 23 EPILOGUS f. 137r 1 Annar Partur Snorra=Eddu Sem eru Nöfn og kiennïngar Epter = STAFROFE 5 A. Aasa Heijte 18 aasjnna Heijte f. 137v 7 Aars Heijte 10 Aar Hejte f. 138r 11 Älftar Heijte 13 Augna Heijte 18 B. Balldurs Heijte 25 Braga Heijte f. 138v 2 Boga Heijte 6 Bräa Heijte 8 Brödurs heijte 11 Briöstz Heijte 15 Brijniu Heijte 22 Bilgna Heijte f. 139r 4 C. ChRists heijte 20 D. Dags Heijte 25 Daggar edur Drifu H: f. 139v 5 Dijra Heijte 22 Dverga Heijte Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4 SÁM 66 533 <?page no="534"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 140r 16 E. Ellds Heijte f. 140v 3 Elle Heijter 6 Eija Heijte 25 Eijrna Heijte f. 141r 2 Exar=Heijte 10 F Freis Heijte 15 Frijggiar Heite 19 Freiju Heijte 26 fiska Fiarda Heijte f. 141v 13 Fugla Heijte kallkïend f. 142r 2 Fugla Heijte kvennkïend 14 Foota HEITE 21 G. Götu Heijte 25 63 Geijtar Heijte f. 142v 2 Grafs Heijte 6 Graatz Heite 10 Gulls Hiejte og kiennïngar f. 143r 12 Galltar Heijte 16 H. Haudar Heijte 20 Heimdallz Heijte 26 Hæners Heijte 28 Hafurs Heijte f. 143v 1 Hana Heijte 4 Handar Heijte 10 Haars Heijte 15 Hesta Heijte f. 144r 5 Hiälma Heijte 13 Hiarta Heijte 17 Himenns Heijte 22 Hiartar Heijte 25 Horna Heijte 63 Überschriften stehen hier häufig ind er letzten Zeile, so also keine Kustoden, sondern tatsächlich Abtrennung von Überschrift und Inhalt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 534 Appendix <?page no="535"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 144v 1 Hrafna Hejte 5 Hrijngs Heijte 9 Hrütz Heijte 13 Hvalfiska Hejte 24 Hugarenns Hejte f. 145r 12 Hvijtabiarnar H: 19 Hunds Heijte 26 Hófuds Heyte f. 145v 13 I. Idunnar Heijte 17 Iardar Heijte f. 146r 7 Iiss: Heijte 13 IØTna Heijte f. 146v 12 K. Karlmanna Heijte f. 148r 9 Karlmanna Last Heijte 24 Könga Nøfn og Heijte f. 149v 12 Kïlfu Heijte 22 Kuua Heýte 26 L Landa og Rijkia Nófn og Heijte f. 150v 16 Logn heite i Alvis maalumm 19 Laata Heijte f. 151r 11 Loka Heijte 22 M. Maags Heijte 26 Maals Heijte f. 151v 10 Munns Heijte 15 N. N ꜳ ttar Heijte 27 Niardar Heijte f. 152r 3 Norna Heijte 7 O. Oþinnz Nøfn og Heijte Epter Stafrofe f. 152v 26 Odenns Sona heijte f. 153r 4 ORMa Heijte 13 ORRUstu Heijte f. 153r 3 Ovïnar Heijte 7 P. Plaagu Heijte 23 Prests Heijte f. 154r 3 Prijde Heijte 14 Q Qvenna Heijte Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4 SÁM 66 535 <?page no="536"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 155r 11 QVEnna Illheijte 23 R. Refs Heijte f. 155v 3 Reijde Heijte 7 S. Saara Heijte 13 Sifiar Heijte 16 Si ꜳ far Heijte f. 156r 11 Skaaldskapar H: 26 Skieggs Heijte f. 156v 1 Skipa Heijte 20 Skiallda Heijte f. 157r 9 Skoogs Heijte 23 Soolar Heijte f. 157r 4 Sonar Heijte 8 Spiootz Heijte 13 Steijna Heijte 24 SVERDa Heijte f. 158r 25 Sumars Heijte f. 158v 3 Sækönga Heijte 11 T. Tijrs Heijte 16 Tröllkvenna H: f. 159r 8 V. Vale Heijter 15 Valkýria Heijte 19 Vargs Heijte 25 Vatns Heijte f. 159v 6 Vetrar Heijte 10 Vinds Heijte 23 Vopna Heijte f. 160r 20 Vitsmuna Heijte 25 U. Ullar Heijte f. 160v 3 Underhyggiu Heijte 8 UXa Heijte 14 Ÿ fermanna Heijte 23 Þ. Þoors Heijte Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 536 Appendix <?page no="537"?> Beginn (f./ Zeile) Incipit/ Überschrift f. 161r 9 Þara Heijte 13 Þioofs Heijte 16 Þræls Heijte 22 Ø. Øls Heijte f. 161v 5 Ørva Heijte 12 Ørn Heijter 17 Æ. Æfe Heijter 4.2 Lagenstruktur und Wasserzeichen kodikologische Einheit Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen L i \\\\/ / / / Quaternio f. 1~8 Pro Patria f. 2~7 kl. Krone GR f. 3~6 kl. Krone GR f. 4~5 Pro Patria ii \\\\/ / / / Quaternio f. 9~16 kl. Krone GR f. 10~15 Pro Patria f. 11~14 kl. Krone GR f. 12~13 Pro Patria iii \\\\/ / / / Quaternio f. 17~24 Pro Patria f. 18~23 kl. Krone GR f. 19~22 kl. Krone GR f. 20~21 Pro Patria iv \\\\/ / / / Quaternio f. 25~32 kl. Krone GR f. 26~31 Pro Patria f. 27~30 Pro Patria f. 28~29 kl. Krone GR v \\\\/ / / / Quaternio f. 33~40 kl. Krone GR f. 34~39 Pro Patria f. 35~38 Pro Patria f. 36~37 kl. Krone GR vi \\\\/ / / / Quaternio f. 41~48 Pro Patria f. 42~47 kl. Krone GR f. 43~46 kl. Krone GR f. 44~45 Pro Patria Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4 SÁM 66 537 <?page no="538"?> kodikologische Einheit Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen vii \\\\/ / / / Quaternio f. 49~56 Pro Patria f. 50~55 kl. Krone GR f. 51~54 kl. Krone GR f. 52~53 Pro Patria viii \\\\/ / / / Quaternio f. 57~64 Pro Patria f. 58~63 kl. Krone GR f. 59~62 kl. Krone GR f. 60~61 Pro Patria ix \\\\/ / / / Quaternio f. 65~72 Pro Patria f. 66~71 kl. Krone GR f. 67~70 Pro Patria f. 68~69 kl. Krone GR P.1 x \\\\/ / / / Quaternio f. 73~80 Pro Patria f. 74~79 kl. Krone GR f. 75~78 kl. Krone GR f. 76~77 Pro Patria P.2 xi \\\\/ / / / Quaternio f. 81~88 nachträglich zusammengesetzt - P. DELMAS FIN PERIGORD 1742 f. 82~87 Amsterdamer Wappen f. 83~86 Amsterdamer Wappen f. 84~85 P. DELMAS FIN PERIGORD 1742 xii \\\\/ / / / Quaternio f. 89~96 Pro Patria f. 90~95 kl. Krone GR f. 91~94 kl. Krone GR f. 92~93 Pro Patria xiii \\\\/ / / / Quaternio f. 97~104 kl. Krone GR f. 98~103 Pro Patria f. 99~102 kl. Krone GR f. 100~101 Pro Patria xiv \\\\/ / ./ / Quaternio mit eingeheftetem Einzelblatt f. 105~113 kl. Krone GR f. 106~112 Pro Patria f. 107 - f. 108~111 kl. Krone GR f. 109~110 Pro Patria Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 538 Appendix <?page no="539"?> kodikologische Einheit Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen xv \\\\/ / / / Quaternio f. 114~121 kl. Krone GR f. 115~120 Pro Patria f. 116~119 Pro Patria f. 117~118 kl. Krone GR xvi \\\\/ / / / Quaternio f. 122~129 P. DELMAS FIN PERIGORD 1742 f. 123~128 Amsterdamer Wappen f. 124~127 Amsterdamer Wappen f. 125~126 P. DELMAS FIN PERIGORD 1742 xvii \\\\/ / / / Quaternio f. 130~137 kl. Krone GR f. 131~136 Pro Patria f. 132~135 Pro Patria f. 133~134 kl. Krone GR xviii \\\\/ / / / Quaternio f. 138~145 kl. Krone GR f. 139~144 Pro Patria f. 140~143 kl. Krone GR f. 141~142 Pro Patria xix \\\\/ / / / Quaternio f. 146~153 Pro Patria f. 147~152 kl. Krone GR f. 148~151 kl. Krone GR f. 149~150 Pro Patria xx \\\\/ / / / Quaternio f. 154~161 kl. Krone GR f. 155~160 Pro Patria f. 156~159 Pro Patria f. 157~158 kl. Krone GR A xxi \\\\/ / / / Quaternio f. 162~169 kl. Krone GR f. 163~168 Pro Patria f. 164~167 Pro Patria f. 165~166 kl. Krone GR B xxii \\\\/ / / / Quaternio f. 170~177 Pro Patria f. 171~176 kl. Krone GR f. 172~175 kl. Krone GR f. 173~174 Pro Patria xiii \\\\/ / / / Quaternio f. 178~185 Pro Patria f. 179~184 kl. Krone GR f. 180~183 kl. Krone GR Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4 SÁM 66 539 <?page no="540"?> kodikologische Einheit Lage Lagenart Bifolia Wasserzeichen f. 181~182 Pro Patria xxiv \\\\/ / / / Quaternio f. 186~193 Amsterdamer Wappen f. 187~192 P. DELMAS FIN PERIGORD 1742 f. 188~191 P. DELMAS FIN PERIGORD 1742 f. 189~190 Amsterdamer Wappen xxv \\\\/ / / / Quaternio f. 194~201 Amsterdamer Wappen f. 195~200 P. DELMAS FIN PERIGORD 1742 f. 196~199 Amsterdamer Wappen f. 197~198 P. DELMAS FIN PERIGORD 1742 xxvi \\\\/ / / / Quaternio f. 202~209 P. DELMAS FIN PERIGORD 1742 f. 203~208 Amsterdamer Wappen f. 204~207 Amsterdamer Wappen f. 205~206 P. DELMAS FIN PERIGORD 1742 xxvii \\\\/ / / / Quaternio f. 210~217 kl. Krone GR f. 211~216 Pro Patria f. 212~215 kl. Krone GR f. 213~214 Pro Patria C xxviii \\\\/ / / / Quaternio f. 218~225 kl. Krone GR f. 219~224 Pro Patria f. 220~223 Pro Patria f. 221~222 kl. Krone GR xxix \\\\/ / / / Quaternio f. 226~233 Pro Patria f. 227~232 kl. Krone GR f. 228~231 kl. Krone GR f. 229~230 Pro Patria xxx \/ Unio f. 234~235 nachträglich zusammengesetzt DK Krone (F5) - Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 540 Appendix <?page no="541"?> 4.3 Zäsuren der kodikologischen Einheiten kodikologische Einheit Lage Fol. (pag.) Wasserzeichen Inhalt L i - ix f. 1 - 72 (pag. 1 - 160) 64 Pro Patria/ kleine Krone - GR Edda-Lieder (mit Titelseite und Register) L (Ende): zentrierter Schrifteinzug, Schlussformel, Kolophon, starke Verschmutzungen, Ende Paginierung/ Kustoden; Zäsur L|P.1: Textgrenze, Lagengrenze, unterschiedlicher Verschmutzungs-/ Beschädigungsgrad, medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung; P.1 (Anfang): starke Verschmutzungen und Beschädigungen, Beginn neuer Paginierung. P.1 x f. 73 - 80 (pag. 3 - 18) 65 Pro Patria/ kleine Krone - GR Prosa-Edda (Bildlage mit Illustrationen zu den Dæmisögur) P.1 (Ende): Ende Paginierung; Zäsur P.1|P.2: Textgrenze, Lagengrenze, Wasserzeichenwechsel, unterschiedlicher Verschmutzungs-/ Beschädigungsgrad, medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung; P.2 (Anfang): starke Beschädigungen, Beginn neuer Paginierung und Lagenzählung, Titelseite mit Datierung 1765. P.2 xi - xx f. 81 - 161 (pag. 1 - 158) 66 P. DELMAS FIN PERI- GORD 1742 Prosa-Edda (Titelseite, erweiterter Prolog, Dæmisögur, Annar Partur) Pro Patria/ kleine Krone - GR P.2 (Ende): zentrierter Schrifteinzug, Schlussformel, Ende Paginierung/ Lagenzählung/ Kustoden; Zäsur P.2|A: Textgrenze, Lagengrenze, unterschiedlicher Verschmutzungsgrad, medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung; A (Anfang): Beginn späterer Foliierung. A xxi f. 162 - 169 (f. 1 - 8) 67 Pro Patria/ kleine Krone - GR Antiquarisch-gelehrte Inhalte (Schriftreihen) A (Ende): Schlussformel, Lagenfüller in vergrößerter Schrift, Leerraum; Zäsur A|B: Textgrenze, Lagengrenze, unterschiedlicher Verschmutzungsgrad, medialer Wechsel, unterschiedliche Seitengestaltung; B (Anfang): Beginn moderner Foliierungen, Titelseite mit Datierung ( Januar 1766). 68 B xxii - xxvii f. 170 - 217 (f. 9 - 56) 69 P. DELMAS FIN PERI- GORD 1742 Kalender mit Kommentar, Abhandlung über Arithmetik Pro Patria/ kleine Krone - GR 64 Die Paginierung beginnt mit der V ǫ luspá auf f. 3r. 65 Die Paginierung ist später auf die obere Randmitte hinzugefügt worden. 66 Die Paginierung beginnt mit dem Vorwort I auf f. 82r, in der Paginierung sind einige Unregelmäßigkeiten vorhanden. 67 Die Foliierung mit Bleistift ist modern. 68 Darüber hinaus ist auf f. 212r eine weitere Titelseite mit Datierung (Januar 1766) erhalten. 69 Die Foliierung mit Bleistift ist modern. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4 SÁM 66 541 <?page no="542"?> kodikologische Einheit Lage Fol. (pag.) Wasserzeichen Inhalt B (Ende): zentrierter Schrifteinzug, Schlussformel, Ende Paginierung Leerraum, Beschädigungen; Zäsur B|C: Textgrenze, Lagengrenze, unterschiedlicher Verschmutzungsgrad, unterschiedliche Seitengestaltung, Kustodenlücke; C (Anfang): Beginn neuer Paginierung. C xxviii - xxx f. 218 - 235 (f. 57 70 , p. 1 - 34) Pro Patria/ kleine Krone - GR Antiquarisch-gelehrte Inhalte DK Krone (F5) 4.4 Transkriptionen und Übersetzungen der Beischriften SÁM 66 (f. 1r) - Titelseite Edda-Lieder Transkription 71 Übersetzung edda þad er Fr ę þi- Fornmanna Samannskrifoþaf. S ę munþi preze Sigfüs s(ijne) enom fröþa Enn nü at nio Uppskrifoþ Aar epter Gudsburd. M. D.CCLXV. Edda, das ist das Wissen Altvorderen. Zusammengeschrieben von Priester Sæmundr Sigfússon dem Gelehrten. Und nun erneut aufgeschrieben im Jahr nach Gottes Geburt 1765. SÁM 66 (f. 73r) - Valh ǫ ll und Heiðrún Transkription Übersetzung/ Normalisierung Geijt su sem heidrün heiter stendur uppa Valhóll og bytur gras af limum Tres þess er leradur heiter hu<n> 72 miölkar miód handa óllum Ein herium. Les 33. Dæmi Sógu Eine Ziege, die Heiðrún heißt, steht auf Valh ǫ ll und weidet Grün von den Zweigen des Baumes ab, welcher Læraðr heißt. Sie gibt Met für alle Einherjar. Lies die 33. Dæmisaga. skaptkier Skaptker leradur Læraðr Vallh ꜷ ll Þetta er sw [b]org: sem ad Oþinn oc ę sir giordu epter Tröiu Valh ǫ ll, dies ist die Burg, die Óðinn und die Æsir Troja nachahmten. SÁM 66 (f. 73v) - Þjazi sitzt in Adlergestalt im Baum, darunter sitzen Loki, Óðinn und H œ nir am Kessel Transkription Übersetzung/ Normalisierung Hier Situr Þiassi I0000 i Eijkinni i arnarlijki og 0000 ur þvi ad eckj sodnar i katlin[um] þar þeir siöda uxan Oþinn Loke og hænir. Les L. d: s: eddu. Hier sitzt Þjazi [ … ]in Gestalt eines Adlers in der Eiche und [ … ], weil es im Kessel nicht siedet, als sie den Ochsen kochen, Óðinn, Loki und H œ nir. Lies die L. Ds. der Edda. 70 Die Foliierung mit Bleistift ist modern. 71 Der Titel „ edda “ ist in Schlüsselrunen aus roten Punkten geschrieben. 72 Die Schreibweise in der Handschrift ist „ hum “ . Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 542 Appendix <?page no="543"?> Transkription Übersetzung/ Normalisierung Loke Öþinn H ę ner Loki Óðinn H œ nir SÁM 66 (f. 74r) - Auðumbla leckt Búri aus dem Stein Transkription Übersetzung/ Normalisierung Kijrenn Audumbla sleiker hi[er] Bura ür steininum: og fiörar m[jölk]ur är renna hier ür spenumm henn[ar]. Les hierumm fimmtu Eddu D ę mesógu. Die Kuh Auðumbla leckt hier Búri aus dem Stein und vier Milchflüsse rinnen hier aus ihrem Euter. Lies hiervon in der fünften Dæmisaga der Edda. SÁM 66 (f. 74v) - Baugi bohrt in den Hvítbj ǫ rg, dahinter steht B ǫ lverkr (Óðinn) Transkription Übersetzung/ Normalisierung Hier borar Baugi Bröder süttunngs Jótunnz Hvijtbiórg: med Nafrinum rata epter Suttungs miód. edur Gunnladar geymslu dry 73 . les 61. d: s: Eddu. Hier bohrt Baugi, der Bruder vom Riesen Suttungr, mit dem Bohrer Rati nach Suttungs Met oder Gunnl ǫ ðs Verstecktür in Hvítbj ǫ rg. Lies die 61. Dæmisaga der Edda. Bólverkur B ǫ lverkr Hvïtbiorg Hvítbj ǫ rg Rate Rati SÁM 66 (f. 75r) - Hermóðr reitet zu Balldr nach Hel Transkription Übersetzung/ Normalisierung Hermödur til heliar reid. hana fann  n  stróndumm, hvórge slykur hesti skeid. hleipti ad vijtis kiaptinumm þo helia farva hefdi þann, hulinn svórtum daudannz mock. Hermödur eý hrædast vann hälf bl  lita þennann Skrock. lez hier umm XLIII. Eddu Dæmi Saugu. Hermóðr nach Hel ritt, sie fand er auf dem Nástr ǫ nd, nirgendwohin er solch ein Pferd in den Passgang [als] zum Höllenschlund versetzte. Doch Hels Farben hätte dieser eingehüllt mit der schwarzen Rauchwolke des Todes, Hermóðr sich nicht zu ängstigen vermochte, diesen halbschwarzen Rumpf anzuschauen. Lies hiervon in der XLIII. Dæmisaga der Edda. Hermödur rijdur hier hestinum Sleipni. Hermóðr reitet hier das Pferd Sleipnir. Balldur i heliu Balldr im Totenreich (Hel) Sulltar knijfur Hungre diskur Messer von Sultr ( ‚ Hunger ‘ ), Teller für Hungr ( ‚ Hunger ‘ ) 73 Möglicherweise handelt es sich hier um einen Schreibfehler (Metathese) des Wortes dyr handelt. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4 SÁM 66 543 <?page no="544"?> SÁM 66 (f. 75v) - H ǫ ðr tötet Balldr, im Hintergrund Loki Transkription Übersetzung/ Normalisierung Haudur hinn blindi. leggur hier i Giegnumm Balldur hinn Göþa Brodur sinn med mistilteini Epter til Vijsan Loka laufeijar sonar Les XLII. Dæmi sogu Eddubokar. H ǫ ðr der Blinde durchbohrt hier seinen Bruder Balldr den Guten mit einem Mistelzweig nach Aufforderung von Loki Laufeyjarson. Lies die XLII. Dæmisaga des Eddabuchs. SÁM 66 (f. 76r) - Óðinn verteilt in Adlergestalt den Dichtermet Transkription Übersetzung/ Normalisierung Hier flijgur Oþinn i arnar ham med hvijtbiargamiadar fillina. Inn umm Äsgrindur, og Suttüngur Jótun i Arnar ham epter honum. So sem 61. d ę mi S: Eþþu utvijsar og þar um mä Lesa sä er vill. Hier fliegt Óðinn in Adlergestalt die Hvítbj ǫ rgmet-Magenfüllung zu den Ásgríndr und der Riese Suttungr in Adlergestalt hinter ihm her. So wie es die 61. Dæmisaga der Edda darstellt und dort kann darüber lesen, wer möchte. SÁM 66 (f. 76v) - Ullr auf Skiern mit Pfeil und Bogen Transkription Übersetzung/ Normalisierung Ulle sonur Öþinns er hier  sijnumm skijdumm. hann var best skijdfær af óllummm[sic! ]. umm hann m  Lesa I XXVI. Dæmis ꜷ gu Eþþu bökar. Ullr, Sohn Óðins, ist hier auf seinen Skiern. Er war der beste Skifahrer von allen. Über ihn kann in der XXVI. Dæmisaga des Eddabuchs gelesen werden. hanz pijla 00frskïled 000 ler stofn 000karan000 Seine Pfeile hinterlassen [ … ] Baumstumpf [ … ]. SÁM 66 (f. 77r) - Kultbild von Óðinn mit Huginn und Muninn sowie Schwert und Stab Transkription Übersetzung/ Normalisierung Ödinn köngur König Óðinn Huginn Muninn Huginn Muninn Geijrinn Gugnir Speer Gu[n]gnir Oþinn: bijrtist tydumm i Bl  flecköttre Hecklu og hafdi stundumm Geijr. Stundum staf i hendi med siidann hatt ä hófdi þar fra heiter hann Sijdhóttur. Óðinn zeigte sich oft im schwarzgefleckten Umhang und hatte manchmal einen Speer, manchmal einen Stab in der Hand. Er hatte einem herabhängenden Hut auf dem Kopf, daher heißt er Síðh ǫ ttr. þetta kijmid Conntrafeij, kargar n  du þiödir; Adur Dijrka Ömmz ä meij Sem aunudu Villu slöder. þad var Skurð Goþ epter Öþni smijdad. Dieses humorvollen Konterfeis wurden die starrsinnigen Völker habhaft sie verehrten [es] früher auf ⸢ Óms Mädchen ⸣ ( J ǫ rð = der Erde), als sie auf falschen Pfaden irrten. Das war ein nach Óðinn geformtes Kultbild. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 544 Appendix <?page no="545"?> Transkription Übersetzung/ Normalisierung Hrafnar Tveir sitia  Øxlumm hanz og heijta huginn og muninn og færa hónum frietter umm allan Heim. Zwei Raben sitzen auf seinen Schultern und heißen Huginn und Muninn und bringen ihm Nachrichten aus aller Welt. SÁM 66 (f. 79v) - Þórr mit Eisenhandschuh und Hammer Transkription Übersetzung/ Normalisierung Järn Greýpar Äsa Þoors. Eisenfäustlinge von Ásaþórr meigin giard Megingjarð[ar] Äsaþör er þetta i synum habit. og heldur  hamrinumm Miólni og Järngreipumm sÿnum Hann er og spenntur Meiginngiordumm: og nær hann hafdi þessa: syna þriä Costgripi var hónum eckiert ööm  ttugt hanz er vijda i Eddu getit. Ásaþórr ist dies in seinem Anzug und er hält den Hammer Mj ǫ llnir und seine Eisenfäustlinge. Er hat auch die Megingjarðar umgebunden: und wenn er diese hatte, seine drei Kleinode, war ihm nichts unmachtlos. Er ist an vielen Stellen in der Edda erwähnt worden. SÁM 66 (f. 78r) - Hárs lygi: Gangleri (König Gylfi) vor Hárr, Jafnhárr und Þriðji Transkription Übersetzung/ Normalisierung H  rs er lijginn hierna sijnd med hvopta püdri olinu. enn Oþinns konüngs Talinn [og] Tijnd. Tign I H  sætinu. Sem 2 3 4 : 5. Dæmi S: sei<ger>. Hárs Lüge wird hier gezeigt mit dem kraftvollen ⸢ Pulver des Kiefers ⸣ (Redegewandtheit), aber Óðins Königswürde [ist] gezählt und im Hochsitz verloren. Wie die 2., 3., 4., 5. Dæmisaga berichten. hier gaper Gänglere I möte härz Lijge og er Eij all Synelegur I skópuninne Hier sperrt Gangleri den offenen Mund Hárs Lüge entgegen und ist nicht gut sichtbar in der Schöpfung. Þridie Jafnhär Haar. Þriði Jafnhárr Hárr SÁM 66 (f. 78v) - Fenrir beißt Týr die Hand ab Transkription Übersetzung/ Normalisierung Hier fi ꜷ tara Asar fenri[s] ülfinn. Tijr misser sijna adra hónd. Enn þeir Arrist[e]ra hann til Ragna róckurs sem Lesa mä i 29. D ę mi S: Hier legen die Asen dem Fenriswolf Fesseln an. Týr verliert eine seiner Hände. Und sie arrestieren ihn bis zum Ragnarøkkr, so wie man in der 29. Dæmisaga lesen kann. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 4 SÁM 66 545 <?page no="546"?> SÁM 66 (f. 79r) - Loki mit Fischernetz Transkription Übersetzung/ Normalisierung þetta er Loke L ꜷ feijar Son med netid sitt. þä Æser sökktu Epter honum. so sem seiger i XL.VI. Dæme saugu Eþþu og þar m  lesa hvar sem vill. Dies ist Loki Laufeyjarson mit seinem Netz. Damals suchten die Æsir nach ihm, so wie in der XLVI. Dæmisaga der Edda berichtet wird und dort kann lesen, wer möchte. SÁM 66 (f. 79v) - Þórr fischt in Begleitung von Hymir die Midgardschlange Transkription Übersetzung/ Normalisierung Þör rær  Siö med yme Jótni og Dregur hier Midgards Ormin reidist Ymi og reider hamarinn Miólnir, og vill Liösta hann fyrir hugleise. So sem lesa mä i XLI Dæmi S ꜷ gu Eþþu Þórr rudert mit dem Riesen Ymir [sic! ] aufs Meer und angelt hier die Midgardschlange. Er wird wütend auf Ymir und schwingt den Hammer Mj ǫ llnir, und möchte ihm für die Feigheit einen Hieb versetzen. So wie man in der XLI. Dæmisaga der Edda lesen kann. meigingi Meigingj[arðar] SÁM 66 (f. 80r) - Heimdallr bläst ins Gjallarhorn Transkription Übersetzung/ Normalisierung Heimdallur med Giallar horned Heimdallr mit dem Gjallarhorn Þä hann Blæsi horned heÿrest umm allan Heim. Wenn er das Horn bläst, hört man es auf der ganzen Welt. Heimdallur er sama og Mercurius i þeirre latinnsku Eddu Hann er Sendi Bode Gudanna og þv ij hefur hann vængi a hofdi og fötum umm hann ma Lesa XXV. Eddü ds Heimdallr ist der gleiche wie Merkur in der lateinischen Edda. Er ist der Gesandte der Götter und deshalb hat er Flügel auf dem Kopf und an den Füßen. Über ihn kann man in der XXV. Dæmisaga der Edda lesen. SÁM 66 (f. 80v) - Óðinn mit Schwert auf Sleipnir Transkription 74 Übersetzung/ Normalisierung Hier: Rijdur Öþinn Hestinumm Sleipni Hann er allra Hesta Bestur Hier reitet Óðinn das Pferd Sleipnir. Es ist das Beste aller Pferde. So seiger i Grimnismälum Askur yggþrasyls er ỏ þzr viþa enn skiþblaþner skipa,Oþinn Äsa enn Jöa Sleipnir Bifr ꜷ z brwa enn Bragi skallda. habrók h ꜷ k<a> enn hunda garmr. So heißt es in den Grímnismál: Die Esche Yggdrasill ist die höchste aller Weiden, aber Skíðblaðnir der Schiffe, Óðinn der Asen, aber Sleipnir der Pferde, Bifr ǫ st der Brücken, aber Bragi der Skalden, Hábrók der Habichte, aber Garmr der Hunde. 74 Die Beischrift zitiert aus den Grímnismál (Str. 44). Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 546 Appendix <?page no="547"?> SÁM 66 (f. 81r) - Titelseite Prosa-Edda Transkription 75 Übersetzung Bookinn - edda Hvória Samsett Hefur Snorre Sturlu S(on) Løgmadur. ANNO Christi M.CCXV. Prenntud i Kaupenhavn I Iszlendsku Dönnsku og latinu Anno Domini 1665. Enn nü ad Niju uppskrifud Anno Christj M. DCCLXV. Das Buch EDDA, welches Snorri Sturluson, Gesetzessprecher, zusammengesetzt hat. Anno Christi 1215. Gedruckt in Kopenhagen auf Isländisch, Dänisch und Latein Anno Domini 1665. Und nun erneut aufgeschrieben Anno Christi 1765. 5 Transkriptionen 5.1 Historisierendes Schriftbild Nur die nachfolgenden Transkriptionen von Grímnismál (Str. 34) sind im Sinne der Argumentation auf Faksimile-Niveau erstellt. Das heißt, dass Abkürzungen nicht aufgelöst wurden und - soweit wie möglich - die jeweiligen Allografe berücksichtigt wurden. Alle anderen Transkriptionen dieser Studie erfolgen diplomatisch. Grímnismál (Str. 23, 25, 26) in den Edda-Liedern Grímnismál (Str. 23, 25, 26) in der Bildbeischrift (zu Valh ǫ ll) AM 738 4to (f. 58v), Edda-Lieder-Hand 2.  i  hunþ ꝛ uþ Dura ok u   iorum tugu ̅ ſ va higg ek at walh ꜹ llu ve ꝛ a atta hunþ ꝛ uþ einhe ꝛ ia ga ̅ ga o ꝛ einom Durum þa e ꝛ þeir  ara at witne at wega Heiþin ̅ heitir geit e ꝛ  tenþur h ꜹ llu a he ꝛ ia ꜹ þurs ok Bitur a  l ęꝛ aþs Limom ꞅ kaptke ꝛ  illa hun ꞅ kal ins ꞅ kij ꝛ a miaþar kna at  u veig vanaß Eikþirne ꝛ heijtir hi ꜹꝛ tu ꝛ e ꝛ  tenþur a høllu hellia ꜹ þurs ok Bitur a  Le ꝛ aþslimum en ̅ a  han ʒ hornu ̅ D ꝛ ipu ꝛ i hue ꝛ gemli þaþan eiga v ǫ tn ǫ ll vega AM 738 4to (f. 42v), Edda-Lieder-Hand 2. Fy  hun ꝺꝛ u ꝺ Dy ꝛ a o   iö ꝛ u 〈 m 〉 tugu ̅  va hygg ek walhøll we ꝛ a atta hun ꝺꝛ u ꝺ eijnhe ꝛ ia ganga w 〈ꝛ〉 einom ꝺ y ꝛ u ̅ J sen ̅ þa e ꝛ þeij ꝛ  a ꝛ a at witne af wega hei ꝺ in heite ꝛ geit e ꝛ  ten ꝺ ur h ꜹ llu a ꞅ kaptke ꝛ hun  ylla ꞅ kal In ʒ ꞅ kij ꝛ a mia ꝺ a ꝛ kna at su weig wanaß eikþy ꝛ ne ꝛ heite ꝛ hiø ꝛ tur e ꝛ  ten ꝺ u ꝛ høllu a og Bytur a  Le ꝛ aþ ʒ Lymum 00000hn ̅ ʒ ho ꝛ nu ̅ ꝺꝛ ypur J hue ꝛ gemli 000000000 vøtn øll wega 75 Der Titel „ edda “ ist in einer Geheimschrift geschrieben. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 547 <?page no="548"?> Grímnismál (Str. 34) in den Edda-Liedern Grímnismál (Str. 34) in den Dæmisögur AM 738 4to (f. 59r23 - 29), Lieder-Edda- Hand 2. O ꝛ ma ꝛ tuei ꝛ Liggia wn ꝺ ir a ꞅ ki yg ꝺꝛ a  yl ʒ  leiri en ̅ þaþ hyggie y  e ꝛ hue ꝛ o  uyþra Goin ̅ ok moin ̅ þei ꝛ e ꝛ o g ꝛ a  vytnis  yne ꝛ g ꝛ abakur ok g ꝛ a  v ꜹ llu ꝺ ur o  nir ok  va  ner hygg ek at ę ꞅ kuli meiþ ʒ kui  tu ̅ ma - NKS 1867 4to (f. 19r22 - 26), Hand: Ólafur Brynjólfsson. Ormar fleiri li ɢ ia un ꝺ ir a ꞅ ki Y ɢꝺ ra  ils, e ɴ þat yfir hy ɢ i hver o ſ viþra apa, Goi ɴ ok Moi ɴ , þeir ero Grafvitnis synir, Grabakur ok Grafv ꜷ lluþur, ofnir ok svofnir, hy ɢ ek at ę skyli, meiþs kvi  to ma. NKS 1867 4to (f. 122v1 - 3), Hand: Ólafur Brynjólfsson. Ormar fleiri liggia un ꝺ ͛ a ꞅ ki Ygg ꝺ rasils, en ̅ þ ̅ o  higgi, hvór ö  vi ꝺ ra affa, Göen ̅  Möen ̅ , þr ̅ eru Grafvitnis syn ͛ , Grabak  og Grävóllu ꝺ  , offner  Svaffner, hrygg  æ muni mei ꝺ s kvi  t m mä. ÍB 299 4to (f. 20r7 - 10), Hand: Jakob Sigurðsson. Ormar fleijre li ɢ ia unþ ͛ A  i Y ɢ þrasils. e ɴ þal y  er hÿ ɢ e hver O  viþra apa. Goi ɴ oc Moin ̅ . þeir Ero gra  vitnis synir. Graba   oc Gra  vólluþ ꝛ . O  ner  Svafn ͛ , hy ɢ ec at ę S  yli meiþ ʒ kvi  to mä. ÍB 299 4to (f. 80r4-7), Hand: Jakob Sigurðsson. Ormar fleiri liggia un ꝺ ͛ a  e ygg ꝺ ra sils en ̅ þ ̅ o  higgi hvor ö  vi ꝺ ra Affa. Göin ̅  Möin ̅ , þr ̅ eru gra  vitnis syn ͛ . gr  ba  ur  gr  vóllud  , O  ner  Sva  n ͛ . hrigg  æ muni mei ꝺ s kvi  t u  m  . SÁM 66 (f. 19v20 - 24), Hand: Jakob Sigurðsson. Ormar fleijre li ġ ia - unþir A  i Y ɢ þrasils. e ɴ þal y  ͛ hy ɢ e hver ö  viþra Apa, Göi ɴ oc Möi ɴ þr ̅ ero Gra  vitnis  yn ͛ Gr  ba  r oc Gr  v ꜷ lluþr. O  nir oc  vafnir hij ɢ ec at ę s  ijle. Meiþs Qvizo m  . SÁM 66 (f. 105v25 - 28), Hand: Jakob Sigurðsson. Orm r fleyre liggia un ꝺ er Aske ygg ꝺ rasil ʒ e ɴ þaþ o  hy ɢ e hv o o  viþra affa. Goi ɴ  möin ̅ þr ̅ ero Gra  vitnis  ͛ . Gr  bakur oc Grävóllu ꝺꝛ O  n ͛  svafn ͛ hrigg oc æ muni meiþs kvizo mä. 5.2 AM 738 4to 5.2.1 Hinzugefügte Inhalte aus dem umverteilten Prolog 5.2.1.1 Liste zur klassischen Mythologie AM 738 4to (f. 42r), Hand: Haupthand (3). 1 Hier skrifast nøfn heid 2 yngianna affguda. 3 Jupiter) - hielldu þeir allra guda fødur (alfaudur) 4 2 Saturnus fader Jupiterz (Jovis) 5 3 Vulcanus elld gud, smidur gudanna 6 4 Mars str ij dz gudinn hanz nöffn 7 baru he ij dner kappur rifft i hialmi 8 5 Nephtunus siöar gud 9 6 Apollo og ph œ bus læknis guder 10 og yffer mørgum audrum hlutum 11 7 Bacchus veytslu gud (vyngud) 12 8 Mercurius bodberari gudanna Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 548 Appendix <?page no="549"?> 13 9 Æolus vindgud (vedra gud) 14 10 Pan og Sathyrus bläsa i seckp ij pur 15 11 Lares, pennates skurgöd 16 skynande i s ij numm husumm 17 12 Genius rædur gietnadi manna 18 13 Ganimedes upphaffinn aff jove 18 til h ij mna og skeinker þvi firer bordum 19 14 Sylvanus og Fani skögar guder 20 15 Prömethjtus lista gud sem fann 21 uppa marger konster. 22 nu koma þeirra Gedinnur (gidiur) 23 Iuno Iüpiterz hüsfrü (sister) 24 Minerva vysdömz gediann 25 Procerpina rædur forløgumm 26 þeszum n ij u vöru ä þvi fialle Parnassse. 27 urania, cle ij o, Evtorpe, polimia, 28 melpomene, Talia Therpsichore, -norner 29 crato, calliope. 30 13 venus affmorz gidia Ceres korngidia 31 car ij tbes Theres yffer vøtnum 32 Theridis kastadi gulliphonumm 33 Nymphæ þær n ij g ij ptu p ij kur edur 34 godinnanna dætur 35 Deyope ij a sü fallegasta 36 Pandora listug og alsk ij nande 37 Flora rædur yffir blömstrum urtum 38 Pluto audæffa gudenn 39 acharon það mikla flöd 40 Charon feriu madurinn 41 Serberus er i hleckiumm hv ǫ lptetur. 42 nærri liggiandi milli helgrinda 43 og helvytis dyra. 5.2.1.2 Personennamen aus der Sturlunga saga AM 738 4to (f. 44v), Haupthand (3). 1 Manna nøf ür sturlunga søg 2 Asmundur Kartinn rasze 3 Aaron Kiuka Gasze 4 asgrymur baulu fotur 5 alarmur Þorkielz son 6 arnbiorn sallteyda 7 Bodvar l ij til skeyta 8 Bodvar kampi Biørn drumbur 9 Grylu brandur Braudnefur Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 549 <?page no="550"?> 10 Einar skalphæna eynar ösidur 11 Einar kläffur. Einar børkur 12 Eigill skyrhnackur 13 Gudmundur kvi ij a Gimbill 14 Gudmundur gudi þeckur gunnar<s> son 15 Gunnar Nautat ij k G G gregorius 16 Socku goendur kolluge ij ri. 17 hunbogi Swynz bogur 18 fridrekur kiæna digur helgi ⸍ hesthofdi ⸌ 19 Hallfrydur kardafilia Hranï kodrans(on) 20 Hamundur varbelgur Hvopta kolur 21 Havardur klynyngur 22 Ion krokur son þorleyffz skryffu 23 Ion skieggbarn Iohann Iarnbükur 24 Ion mør nefur Oddur oremus 25 Orækia Snorrason ohæfu geyri 26 Folallda narffe pall knappgnögur 27 Symor kamphundur 28 Snorri 000hattur selanese 29 þordur kakali þorgeyr stafzendi 30 þordur hniodhamur þorleyfur ske ij fa 31 þorleyffur spade 32 þorkiell drätturhamur 33 þorgeyr þrunusilgia 34 þörarinn grautnefur ⸍ öføgur nøfn ⸌ 35 þorste ij n lysu kampur 36 þorsteyrn genia 37 þorolfur drullari 5.2.2 Prologus-Interpolation im Annar Partur 5.2.2.1 Ætt Ödinns frä Troiu mönnum AM 738 4to (f. 99r), Haupthand (3). 13 Ætt Ödinns frä Troiumönnum 14 Kongur hiet menon hann ätti dötter 15 pryamus kongz Troianu ad naffni 16 sonur þeyrra hiet trör er vier køll 17 umm þör þa hafdi hann fullt afl sitt 18 er hann var tölf ära gamall þä lypti 19 hann af jørdu biargstockumm senn, 20 hann sigradi marga berserki drecka 21 og d ij r I nordur älfu heimz 22 innz fann hann späkonu eina er 23 sybilla hiet su spädi mikid umm hv ij 24 ta christ hana køllumm vier nü sif Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 550 Appendix <?page no="551"?> 25 einginn vissi ætt hennnar sonur 26 þeyrra hiet Loridi 27 hannz son Vyngeþör 28 hannz son v ij ngenus 29 hannz son möde 30 hannz son mage 31 hannz son syfz møgur 32 hannz son Lodvigur, lodvyk, 33 hannz son Atre er vier køllum andra 34 hannz son Ermödur 35 hannz son Skialldv ij g er vier køllum skiølld 36 hannz son braf er vier køllum bør 37 hannz son Iat: hannz son gudölffur 38 hannz son finnur 39 hannz son fralaffur vier køllum fridleyf 40 hannz son Voddinn er vier køllum ödinn 5.2.2.2 Um saturnumm og hanns frammferdi AM 738 4to (f. 99v - 101r), Haupthand (3). 1 Um säturnumm og hanns 2 frammferdi 3 Af þeszum saturno var ödinn kominn 4 hann øx upp i e ij þeyrri i gricklandz hafi 5 er kr ij t hiet hann var meyri sterkari og 6 fr ij dari enn adrer menn og so bar viturlei 7 ki hanz af øllum ødrumm mönnum sem adrar 8 nätturu giafer hann fann margar lister 9 sem ädur høfdu ey fundnar verid 10 hann var mikil ä þä ï þrött er vier køllum 11 ph ij tonz anda list ad hann vissi firir 12 ö ordna hluti, hann fann og rauda þann 13 i jørdu er hann blies af gull af þess 14 hättar hlutumm vard hann skiött rykur 15 hann sagdi og firir ärferdi og marga 16 adra leinda hluti af slyku og mørgu 17 audru töku þeir hann til høfd ij ngia 18 yver eyuna og sem hann hafdi litla 19 hr ij d henni styrt þä var skiött nög 20 allra handa ärgiæska, þar gieck og 21 einginn penyngur nema gull penyngar nema gullpenyngar 22 so var þad nög, þö ad hallæri være 23 i ødrumm londumm þä kom þar alldrey 24 öäran, matti þangad sækia alla hluti 25 sem þeir hafa þurftu af þessu og Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 551 <?page no="552"?> 26 mørgu audru oseiganlegu krapta läni 27 trüdu þeir hann gud vera 28 og er Saturnus hvørzu mikinn styrk 29 fölk þikist af hønumm hafa þä kallast 30 hann gud vera og seigist stiörnari him 31 menz og Ïardar og allra hluta 32 Eyrn tyma för hann skipi til grickl 33 andz þvi þar var kongzdötter su er hann 34 hafdi hug ä hann fieck med þvi näd 35 henni ad eirn dag sem han var uti med 36 þiönustu pykumm s ij numm þä brä hann ä 37 sig l ij ki gradungz einnz og lä firir he 38 nni i sköginumm og so fagur ad gullzlitur 39 var ä hvøriu häri, og sem kongzdötter 40 sier hann klappadi hün umm graner nar 41 hann sprettur upp og brä af sier f. 100r 1 gradungz l ij kenu tök hana i fäng sier og 2 bar hana til sk ij pz og flytur heim i kr ij t 3 ad þeszu finnur Ïuno kona hannz hann 4 bra henni ï kvygu lyki og sendi hana au 5 stur i elffarkv ij sler og liet hennar geima 6 þræl þann er argulus hiet þar var 7 hun tolff mänudi, ädur hann skipadi aptur, 8 margahluti giørdi hann þessum lyka og undar 9 legri. 10 Saturnus ätti þriä sini hiet e ij rn 11 Jupiter 2: neptunus, 3 pluto 12 þe ij r vöru aller atgiørvis menn hiner 13 mestu og þö var Iupiter langt firir þeim 14 hann var strydzmadur og vann mørg konga 15 ryki, hann var listugur sem fader hannz 16 og bra ä sig ymsra dyra lyki med þvi 17 kom hann mørgu framm sem menndöminum 18 er ömøgulegt ad giøra aff slyku og 19 audru hræddust hann allar þiöder 20 þvi er Iupiter settur firir þör so sem 21 allar övætter hræddust hann. 22 Saturnus liet uppgiøra i kryt ij bor 23 ger og Lxx og sem hann þikist full 24 kominn i ryki synu þä skýpter hann 25 þvi med sonumm synumm sem hann 26 setti sig firir gud Og skipadi hann Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 552 Appendix <?page no="553"?> 27 Iupiter hymna r ij ki Enn neptuna 28 Ϊ ardr ij ki enn pluto helvyti. og 29 þötti honumm sa hlutur okiorlegastur 30 og þvi gaf hann hønum hund sem þann er 31 hann kalladi serberum til þess ad 32 geima helv ij tis þennann serberum 33 seigia gricker Hercules hafi drei 34 gid ür helviti og ä Iardr ij ki 35 Nu þö ad Saturnus hafi skypt 36 Ϊ upiter himnaryki þa gyrntist hann 37 ey ad s ij dur ad eignast Iardr ij ki 38 og heriadi þä uppa ryki fødurz synnz 39 og so seigist ad hann lieti taka hann 40 og giellda hann, firir slyk storvirki seiger 31 hann sig gud vera f. 100v 1 og þad seigia macedoni ad henn lieti 2 taka skøpinn og kasta ut ä siöinn og þvi 3 trudu þeir langa æfi ad þar af hefde 4 ordid kona su Venus kallast og þvi 5 er venus alla æfi sydann køllud ästar 6 gydia og settu hana i guda tølu ad 7 þeir trudu hun mætti þyda allra manna 8 hiørtu til ästar karla og kvenna. 9 Sem Saturnus var gielldur af sini 10 synumm Iupiter þa flydi hann austann 11 ur kr ij t og hyngad i Italia þar bïgdtu 12 þä þesz hättar þiödir sem ecki erfiduda 13 og lyfdu vid akarum og vid grøs og läu 14 i helrumm og Iardholumm og sem satur 15 nus kom þar skypti hann nøfnumm og 16 kalladi sig niørd saker þess ad 17 ad hann hugdi ad jupiter son hannz 18 mundi sydur frietta hann upp hann 19 kiendi þar fyrstur manna ad plægia 20 og planta v ij ngarda þar var göd 21 Iørd og hra og giørdist þar skiött 22 ar mikid töku þeir hann til høfd ij ngia 23 og so eignadist hann øll þess hattar ryki 24 Iupiter ätti marga sini sem ætt 25 er eru fräkomur frä honum var hinn 26 sietti madur høfud kongur troju borgar 27 Pryamus atti marga sini eirn af Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 553 <?page no="554"?> 28 þeim var Ector ägiætastur allra 29 manna i verølldu ad afli vexti og 30 atgiørfi og øllumm mann dömlegumm 31 listumm riddaralegrar slecktar 32 og þad finnst skrifad þä gricker 33 og allur styrkur nordur og austur hälfu 34 børdust vid trojumönnumm þä hefdi þeir all 35 dre ij sigrader ordid nema gricker 36 hefdu heytid ä gudinn og eckyst ma 37 nnlegt edli hefdi þä sigrad nema 38 þeir hefdi svikner ordid af sialfz 39 s ij nnz mønnumm hvad ad giördist 40 og af þeirra frægd gäfu epter 41 komendurner f. 101r 1 sier þeirra virdyngar nøfn og so mi 2 kill kraptur filgdi þeszumm mønnumm 3 So seiger ad ödinn äsa kongur hafi 4 verid kominn af saturno og hinn 5 22: frä hønumm eff riett er til 6 rekid af fornumm frasøgumm. 5.3 Die drei jüngeren Handschriften 5.3.1 Erweiterter Prolog 5.3.1.1 Thomas Bartholin d. Ä.: Edda hviled under benke NKS 1867 4to (f. 100v), Hand: warsch. Jakob Sigurðsson. Varianten: ÍB 299 4to (f. 58v). Hand: Jakob Sigurðsson. 1 Edda hviled under benke 2 udi mórke lagt i Skÿl: 3 Ingen kunde derpaa tenke. 4 at forandre lyckenns Iil 5 Sæmund skrev og Snorre meere 6 Resen tende hendis lÿs 7 Dennem= bærer Rüna Ære 8 Resen gifvis Dobbeltprïs. 9 Edda sógte hielp hos Venner: 10 Styrke for den svage krop. 11 Hafdi ey Resen til sat sener 12 aldrig hafde hun reist sig op. 13 edda huiler under benke 14 udi morke lagt i skil 15 ingen kunde der paa tenke Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 554 Appendix <?page no="555"?> 16 at forandre lykens il 17 semund skrev og snorre meere 18 resen tende hendes lis 19 dennem berer runa ere 20 resen gifues dobbeltprís 21 edda sogte hielp hos uener 22 stírke for den suage krop 23 hafde ei resen til sat sener 24 aldrig 76 hun reist síg op 25 Carmina qvæ niveis incluserat Hecla favillis. 26 Merserat aut tenebris ultima Thule 77 Suis. 27 Qvieqvid Sæmundus Snorro Sturlæus etipsa 28 Vel falsis Veris, Vel dedit Edda modis; 29 Omni Complexus docto Resenius orbi 30 Asserit et patriæ vindicat ille Suæ 31 Sint lïcet hæc fictis vicina Poemata, vera 32 Qvæ juris Consul dictitat esse puta 33 Th: Bartholinus 5.3.1.2 Sr. Jón Guðmundsson: Þetta letur þienar sijst NKS 1867 4to (f. 109v), Hand: Ólafur Brynjólfsson (? ). Varianten: ÍB 299 4to (f. 62v). Hand: Jakob Sigurðsson. 11 Wysur Sr J: G. S: 78 12 Þetta letur þienar s ij st, þegnumm witsku snaudumm 13 Enn hinumm betur hier ä lytst 79 , 14 Hugs umm Setur, þad er vyst/ / 15 Elldre menn ä Ønars frü, ydkudu soddann fræde, 16 Er ei kienna ytar nü, 17 oss vill spenna gleimskann sü/ / ~ 5.3.1.3 Vorwort I: Formäle Til Eddu NKS 1867 4to (f. 101r - 101v), Hand: Ólafur Brynjólfsson. Varianten: ÍB 299 4to (f. 64r - 64v); SÁM 66 (f. 82r - 83r). Hand in beiden: Jakob Sigurðsson. 1 Formäle Til Eddu 80 2 I o Stuttleg underv ij san umm hennar nafn: Þriär hef 3 eg lesed meiningar umm þad, hvadann Eddu nafn hafe s ij n 4 rók, og riettu upptók, og skal þad hier frammsetia. 76 aldrig] + hafde 299. 77 Thule] Thula 299. 78 Wysur Sr J: G. S: ] V ẏ sur Sr Jöns Gudm: Sonar 299. 79 lytst] l ij st 299. 80 Formäle til Eddu] Fyrste Formale Til Eddu 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 555 <?page no="556"?> 5 Fyrst finnast nockrer, sem vila upp leita i Hebraisku 81 6 þessa Ords Upptók, so sem fleire annara, þvi hun sie möder Tüngu- 7 mälanna, þar finna þeir þvi l ij kasta Glösu na Ed Testimo- 8 nium Vitne: Edah, Juramentum, sære: Og s ij nest þad= 9 ann komenn Eydur, enn ecki Edda, bæde þess vegna, ad Glös- 10 unnar Meining kiemst hvórge nær, enda mun Author 11 Eddu hafa vered alls övitande Hebraiskrar Tüngu, 12 so hann kynne þadann ad Nafngypta sitt Bökverk. 13 Adrer Þykiast sk ij rare, og seigia fullum ordum, þad sie 14 Dreiged af latinsku orde Edo, þad er, eg leide i Liös, edur 15 læt ütgänga, þvi af Eddu näme ütgänge Bragment, 16 og Bökfræde ónnur: enn soddann mä vera vegalaus 17 gietgäta, og hiäsm ij de: þvi mióg er öv ij st ad Hófundurenn 18 hafe Lätinu mentur vered; Enn sydur Lióst, ad hann hafe 19 viliad þängad seilast, epter Nafngióf s ij ns Norræna 20 frædis, Norskumm edur Islendskum til handaskrifad, og samann- 21 teked: Stóku mórg Glösa gietur l ij k vered annare, i Fram- 22 ande Tüngumälum, þö hün vite af óngvum af aungvum 82 til- 23 drætte af þeim, og kome ecke þar vid, so sem, Satur, Ros 24 Domus etc. Þridiu vilia leita i siälfre Dansk- 25 re Tüngu, ad soddann röt og tiltæke Ordsinns. þar 26 finst ad Edda er og vered hefur konu nafn, einkum nü 27 altydt i Flandur: hvad ed merker formödur edur 28 Längómmu dreiged af Edi Ella Idi fornmælltu, hvadann f. 101v 1 og kiemur Relativum Iöd, item eru þvi skylld þesse nófn, ad- 2 all, ödal, og ónnur Þvil ij k, og þar læt eg m ij na meining len- 3 da, hvort eg er margmennur, edur einstakur a þeirre gre- 3 in, þvi so skal l ij klegast þykia, ad Authorinn hafe heima 4 komed heite ür eigenn Tüngumäle sier numed, þad hier 5 tilleggiande, ad D: Johannes Resenius vottar, ad fiörar 6 aleina hafe vered Hófud Tüngur hier i Evropa, ed- 7 ur Nordur alfunne. 8 1 o Græca, Griskann 83 , hvór ed 84 skiptest i Atticam, Æolicam, Io- 9 nicam, Laconicam, og onnur þar af blandinn. 10 2 o Latina, Latinskann, hvadann hn ij ged hafa, Spanskann, 11 Franskann, og Eingelskann ad hälfu leite, item Italiskann 85 siälf. 12 3 o Heneta edur Venetica, þä kólludu Forndansker Vane 13 þadann blóndud Slavoniskann og Russa mäl med Norræn- 81 Hebraisku] + Tüngumäle 299. 82 af aungvum] ÷ 299, 66. 83 Griskann] Griska 299. 84 ed] ad 299, 66. 85 Italiskann] Italianitskann 299. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 556 Appendix <?page no="557"?> 14 nu, enn siälf Tüngann geingur nü i Polen, Litvanien, 15 Behenen og Venedig Borg. 16 4 o Flandrica, seiger hann, innebindande synar Dætur, alls- 17 konar þ ij sku, vel Tölf falda, Eingelsku ad nockru leite, 18 so Dónsku og Norrænu: þvi er ecke seilst til Lokunnar, 19 þö leitad sie i Flandurs mödurmäle, ad mödur- 20 nafne Eddu, med þvi sü Tünga skal mödur nafned bera; 21 og Edda er med riettu, mälsnildar möder, og For- 22 möder edur Längamma; sem eg ädann epter þeirra Fund- 23 ing sagde: Og læt so miked þar umm sagdt: hvór 24 mä hallda hier umm, þad hónum siälfumm best fellur og lykar. 5.3.1.4 Vorwort II: Annar Formäle Nijgiórdur NKS 1867 4to (f. 102r - 108v), Hand: Ólafur Brynjólfsson. Varianten: ÍB 299 4to (f. 64v - 69v); SÁM 66 (f. 83r ‒ 92v). Hand in beiden: Jakob Sigurðsson. 1 Annar Formäle: 2 N ij Giórdur. 3 Liöst er mónnumm af Moisis Bök Genesi, ad Adam hi- 4 et med sannendumm fyrstur allra Manna, þar er talenn hanz 5 son Seth, hanns son Enos, hans son Ca ⸌ i ⸍ nan, hans Son Maha- 6 laleel, hans son Jared, hans son Henoch sióunde lidur frä 7 Adam, hans son Mathusalem, hans son Lamech, hans son 8 Noe, Tyunda knie frä Adam. Nü er og vottad, ad Nöe 9 ätte þriä sonu Sem, Japhet, Cham 86 . Frä Sem 87 er og liös 10 ættbök til H: forfedra. Sióunde frä Noa af Sem kom- 11 enn var 88 Heber, af hvóriumm Hebresker hafa sitt Nafn, og 12 er halded, hann vered hafe fyrste son P ⸌ h ⸍ alegs, sem ä Dógum 13 var, þä Turnenn Babel var sm ij dadar, og Tüngumälenn 14 skiptust. I ódru lage ä Cham ad 15 minast, skrifast af hónum komed Illþ ij de, Blämenn og Tróll. 16 Enn umm Japhet er hier äformed flest ad seigia, þvi hann 17 telst vor Forfader flestra i Nordur alfunne, þvi hanns son 18 Gemer skal hafa nordur leingst viked, strax i fyrstu, 19 allt i Þ ij skaland og Danmórk, þvi þeir halda ad Cimbria 89 , 20 (þad nü heiter Jotland) og Cimmeri hafe af hónum Nafn tekid, 21 þvi þad hiet so ad fornu Leingst umm 90 Gumbria, og þeirar þiödar 22 fyrste hófdinge skule hafa heited Segud, vær kóllumm 23 Sigvat Anno Mundi 1946. þad telst 290 ärumm epter 86 Japhet, Cham] Cam og Japhet 299. 87 Sem] þeim 66. 88 komenn var] var kominn 299. 89 Cimbria] Symbria 66. 90 so ad fornu Leingst umm] so leingst ad fornu 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 557 <?page no="558"?> 24 Noa flöd: Sext ij u ärumm s ij dar annar hófdinge 25 Nordveria edur Gumbra Ausus umm 65 är. 26 þridie þräenn, hann höf ad sä og plægia, hann bygde og nafnf. 102v 1 gypte Sæland og Danmórk, sem nü er kallad Siöland. 2 hann Regerade i 56  r s ij dann. Fiórde Þielvar umm 41  r. 3 þá Astrádur staute, þörhallur, Erlingur, W ij se, þä Bau- 4 ge og Aumle. S ij dann Anno Mundi 1056 Dan Humla- 5 Son, fyrste köngur i Danmórk, af hvóriumm þiödenn 6 Danska, Landed og Tüngann fieck sitt Nafn og Regeran. 7 Enn med þvi h ij ngad i Nordustu Lónd hafa iafnfra- 8 mt dreifst adrar þiöder, bæde Gautar og Gether 91 Ja- 9 phets Nidiar, og so hellst Asia menn, sem Edda hefur 10 umm ad seigia: þa vil eg med greinumm tilsetia Asa- 11 ættar uppruna og Ferel, epter þvi sem finnst i fornum meniumm, 12 verdur 92 þvi aptur v ij kia til Japhets Nöa sonar: hanns 13 eirnn son 93 hiet Javan, af hvórium Landed Ionia, og þiödenn 14 Iones i minne Asia, næst Gricklande (þar Borgenn 15 Ephesus stendur) hefur Nafn feinged. Hans son 16 vilia nockrer skyra heited hafe Segehz, hans son Typha, 17 hans son Tellius edur Tertius, hans son Saturnus 18 kongur i Kryt, hvored 94 er fremstur ä óllum heidnum sagnabökum, 19 þvi þeir komust alldrei leingra framm ad telia, nie vita umm 20 mannkynsins uppruna, enn ad Saturno: Dictudu þess 21 vegna, han hefde vered sonur 95 Himens og Iardar, þvi ei visse 22 neirn af hans forfedrumm ad seigia, nie hvad þä leid, hvad 23 eg meina þar fyrer skied, ad sä Saturnus mune üngur 24 vered hafa, og þö alenn, þä Babels Tungu villa skede, og 25 mune þær sundur villtu þiöder, hafa gleimt flest óllum umm- 26 lidnum frödleik, l ij ka sem þeir t ij ndu s ij nu eigenn Tüngumäle: 27 Hefur þvi orded so sem n ij tt upphaf vid burda og sagna, enn 28 byrgt vered fra nidium þad ummlidna: Hvort sem forelldrarner ha- 29 fa vered so med gleimsku sleigner, ad þeir hafa eckert ummlided f. 103r 1 minnst, ella 96 af forargan hvórke 97 viliad muna til Guds 2 nie gödra Fedra, helldur viliad siälfur upphafs Fedur og 91 Gether] Gietar (Gether) 299. 92 verdur] og verdur 66. 93 erinn son] son eirn 66. 94 hvored] hvor ad 66. 95 vered sonur] Sonur vered 299. 96 ella] ellegar 66. 97 hvórke] eckj 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 558 Appendix <?page no="559"?> 3 afguder haldast, sem sydar gafst ráun ä: og kiem eg so aptur 4 til Saturnum frä hónumm ad seigia. 5 Saturnus var kalladur Himens og Iardar sonur, sumer seigia 98 6 Vesta hafe heited hans mödir, hann átte eirn Brödur er 99 hiet 7 Tytan, þad var Jótun mickell, og var hann þeirra illre, vilde þvi kö- 8 ngdömenn hafa, fyrr enn Saturnus, enn med þvi hann sä, ad 9 möderenn Vesta, og syster þeirra, filgdu Saturno meir enn sier, 10 þä stöd Tytan af r ij kium vid brödur sinn, med þvi möte, ad 11 Saturnus skillde aungvann son uppala, ad so bær R ij kid 12 aptur under seg, og s ij na Nidia. Nu sem þetta var trygdumm 13 bunded, þä tök Saturnus s ij n Sveinbórn, og ät þau iafn- 14 ött þau komu, 100 og sem hann hafde mórg bórn s ij n sölgid, fædde 15 Drotning hans (er Opis hiet, hün var og hans syster) Tv ij bura, 16 þad voru þau Iupiter og Iuno, þar s ij nde möderenn Saturno 17 marena, enn kom sveinenum i leine föstur. Ødru 101 sinne 18 ätte hon svein er Neptunus hiet 102 , og öl hann upp ä laun vid Sa- 19 turnum. Þridia sinne ätte hon enn Tv ij bura, hiet sveirn- 20 enn Pluto, enn mærenn Glauca, hon s ij nde fódurnum ecki 21 nema hana. Sydar vard Tytan þess v ij s, ad Saturnus ætte 22 sonu ä l ij fe, þä þötte honum rofid vid seg grida minned, og her- 23 iade uppä hann 103 med synum sonum 104 , er sama nafn bäru, tök 24 Saturnum köng med Drotningu Ope tilfänga, og innmür- 25 ade þau i fängelse, þä var Iupiter komenn til manns: hann var 26 skotfimur og kiærn, so þad er dictad hann hafe haft Reydar- 27 þrumur fyrir p ij lur eda 105 skeyte: Hann yfervannn þä Tytan, og 28 hafde giórdt 106 sier stiga til Lopts af hæstu fióllum, og sett 29 hvort ofan ä annad (hier kannskie ätte ad vera minnelse Babelz 30 Turns), og med reidar þrumum synum, steitte þá nidur under Ætna fiall, f. 103v 1 hvórt ad er eitt elldflugu fiall, so sem Hecla (þad mä skilia, 2 hann skaut þä i hel, so þeir föru til Helv ij tis) hann frelste aptur for- 3 elldra s ij na. þvi næst giorer Saturnus arfaskipte med 4 sonum s ij num, skillde Iupiter verda köngur yfer óllum heima r ij kium epter hann 107 , 5 enn Neptunus sæköngur, yfer straumum, Siglatziu og üteyum, 108 enn 98 seiger] seigia ad 66. 99 er] sem 299, 66. 100 og ät - komu] Jafnött og þaug komu og ät þau 66. 101 Ødru] I Ødru 66. 102 hiet] ÷ 299. 103 hann] Saturnum 66. 104 synum sonum] sonumm sijnumm 66. 105 eda] og 299. 106 hafde giórdt] giordi 299. 107 epter hann] ÷ 299. 108 straumum, Siglatziu og üteyum] øllumm uteijum. str ꜷ mum og Siglaziu 299. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 559 <?page no="560"?> 6 Pluton 109 kongur eignast þau Lónd, sem 110 hann hafde under seg lagdt i 7 fiarska, möt 111 sölarennar nidurgóngu, og med þvi þau s ij ndust lægra 8 liggia, og so sem under Jórdenne, kólludu þeir þad nedrebygd, sem sydar 9 nefndest Niblheimur. Enn Saturnus vilde samt sitia i hædsta 10 gyllde siälfur, og 112 läta halda seg Gud Himer ij kis. 11 Nü l ij dur þar ei längt ädur enn Iupiter hefst so, ad hann er 12 fódurnum meire haldinn, sógdu spár Saturno, ad hann munde fra 13 Himnar ij kis gridum ütdrifenn af syne s ij num 113 Iupiter, er 14 nü bar allareidu Iovis hafn (hvad ed 114 synest skyldt eiga, 15 vid Iova edur Iehova, nafn Gudz själfs) fyrir þvi situr hann umm 16 son sinn, ad fyrirkoma honum, hvad Jupiter fiec snemma ad niöfna, 17 og vard Saturno yfersterkari, tök hann og giellte, kastade eist- 18 umm hanz üt ä glæ, þar af ätte ür frodunne og fræ<g>enu ad verda 19 kona sü er Venus hiet, og var hon sydar meir sett i Guda tólu, þvi 115 20 hon hätte ad vera asta Gydia, og þvi var trüad Länga æfe epter ä, ad 21 hon munde lada til ästa og Losta allra manna hiortu, bæde kalla og 22 kvenna, med s ij num syne, er nefnest Cupido, og væri blindur, enn 23 kynne þö skiöta ästarór i allra hiortu: Veneri var og Düfann 24 tileinkud ad fylgiu Sem nu Saturnus var gielldtur 25 af syne synum Jupiter, fl ẏ de hann austan ür Cr ij t, og h ij ngad 26 i Italien edur Walland, þar r ij kte fyrir sä kongur er 116 Janus hiet, 27 hann ätte ad hafa tvær äsiönur, adra horfandi framm, enn adra til 28 baka, hvad eg skil at merkiast hefur ätt fyrir Dictan, ad hann hafe lifad 29 fyrir Tüngumäla skiptenn, og sied bæde hvornenn ädur gieck til og 30 epter: Þar kallade Saturnus seg Niørd, þvi hann hugde Jupiter f. 104r 1 sonur sinn skilde sig sydur upp spyria, tök Landed sydan nafn 2 af þvi ad hann Leindist þar, og kalladest Latium, ä lated, hvadan 3 Latina fieck þad, mödurmäl ad heita. Adur hiet þad Land Au- 4 sonia edur Hesperia, þar bigdu þä þess hättar þiöder, sem ei plóntudu 5 nie sädu, enn lifdu vid Akara og aldine, og läu i hellum og 6 Jardholum 117 . Hann kende þar fyrstur manna, ad sä akr, og planta 7 V ij ngarda, þar var göd iórd og hrä, og giordest 118 brätt korn micked, 8 og þar töku þeir hann til hófdingia, og eignadest hann allt þad r ij ki, 109 Pluton] Plüto 299, 66. 110 sem] er 299. 111 fiarska, mot] fiærska möte 66. 112 og] og villde 66. 113 syne sijnum] sijnumm sijne 66. 114 ed] ad 299, 66. 115 þvi] ÷ 66. 116 sä kongur er] kongur: sä er 66. 117 Jardholum] holumm 66. 118 giordest] ox 299. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 560 Appendix <?page no="561"?> 9 og liet giora margar borger. 119 Þad og minnandest, ad ä dógumm 10 Saturni kólludust Aurea Secula, þad er Gillene allder, þvi 11 þä var fridur og samþycki, enn ecki stryd og 120 stirióld manna 121 mille 122 , 12 Rietv ij si, enn ecki prettv ij se, þvi hvorke var ⸠ sm ij dad ⸡ komed sverdsm ij 13 de nie Gulls, og silfurs sundurþickelegar brükaner. 14 Nær ed Saturnus fiell fra (hvored nafn hafde af Satur, 15 þad er Saddur L ij fdaga sem sie, edur hann sadde seg ä so marg- 16 hæfu) var dictad hann væri i itsta afgrunne, og væri þö i Guda- 17 tólu, og Dræge hóggormur hans Järnkierru 123 : Heiter og epter honum 18 sä planete sem itst vid festing stendur, og seinast hopar, þvi 124 var 19 þetta sydasta so Diktad. Enn þad þeir sógdu Poetarner, 20 ad hann hefde siälfur eted s ij n bórn, þad kom so til, ad hann kallast 21 ä Grisku Chronos. Þad er alldur, enn aldur t ij menn fæder alla hlute 22 af sier, og eider þeim eirnenn aptur. Tempus edax rert: allt ä 23 sier alldur fyrir æfe tiön. Enn þar hann var gielldtur, vildu forn 24 skäldenn skilia, ad þegar üte var siälfgiórd skópun hlutanna, 25 þä kom i stadenn Venus. þad er 125 ásta Gydiann 126 , hvor fyrir getnadar- 26 gyrnd og verkan, Tingunenne vidhiellt, og ä iök so mickid umm 27 Saturnum. Jupiter 7de frä Nöa, qvasi juvans 28 pater, þad er heilla fader, hann tok vid köngdöm og rykium fodur syns, 29 i Cr ij t og Gricklande, var hann fiólkunnandi og störhæfur, sem og f. 104v 1 fundingasamur, hann kende ad grafa Gull og silfur ür Jórdenne, og 2 eru ä hans dógum kalladar Secula Argentea, þad er Silfur ólld. 3 Hann gyptest med 127 Iunone systur sinne, og ätte vid 128 henne eina Döttur 4 sem hiet Proserpina, hon var mióg dægeleg. Og sem Iuno fregnar 5 lät fódur s ij ns til Sikileyar, vitiar hon þängad däens arfa, og siglde 6 þängad med Döttur sinne: eg vænte Iupiter hafe vered lýka 129 ä reis- 7 unne: Landsfölk tök henne vel, kende hon þeim enn framar kornyrkiu 8 markskonar, og med þvi 130 þä voru vellte är mestu, trüdu þiöder þær, 9 sü gypta munde i hennar vallde, og settu hana i Guda tólu, og 10 offrudu henne, kalladest hon þar Ceres, þad er korn möder, Draconar 11 Draga hennar kerru. Proserpina var eirn Dag ä akur üt ge- 119 liet giora margar borger] bijgdi þar borger: og marga Megtuga Stadi 299. 120 og] nie 66. 121 manna] +  299. 122 mille] i mille 66. 123 Järnkierru] kierru af Järne 66. 124 þvi] og þvi 66. 125 þad er] ÷ 66. 126 Gydiann] Gijdia 66. 127 med] ÷ 66. 128 vid] med 66. 129 vered lýka] lijka vered 299, 66. 130 þvi] + ad 299. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 561 <?page no="562"?> 12 inginn, sier til inndælis, ad lesa blöm og Liliur, þar kom Pluton kongur 13 födurbroder hennar, og svipte Mærenne i 131 burt med sier, heim til s ij ns 14 R ij kis Nidur bygdar, enn sem Ceres möder hennar saknade Mærennar 15 leitade hon med harme störum umm allt Land, og fann hana hvorge, enn 16 Girdel hennar fann hon vid eirn brunn, þar hann ätte med hana ad sóck- 17 va til Niblheims. Umm Syder sagde menta Vólvann Arethu- 18 sa henne, hvar hon munde nidurkomenn: Iuno klagade sl ij kt 19 fyrir Iupiter konge synum, og beiddest 132 hon væri aptur riptud: Iupiter 20 Lagde þann Döm ä, þad mætte verda med þvi möte, ad mærenn hefde 21 ä óngre fædu bergt ä Nidurbygd, enn þä barst framm, ad hün 22 hefde freistad Granata eplis, ad sedia hüngur sitt: Pluton 23 var og st ij fur ad hallda henne sier fyrir Drottningu, þvi hann þöttest hafa 24 orded lägur i Arfaskiptunum: aliktadest so umm syder, ad hün 25 skilde vera hans Drottning, og vera hiä honum ad helminge, enn ad 26 hälfu uppe hiä mödur sinne, og heita Hecate sydann: þar med skildu 133 27 þeir Tüngled, hvort ed 134 hälfa æfe s ij na, s ij nest uppä Lopte, enn 28 annann helming under Iórd, og var hon sydann D ij rdkud af heidnum, og 29 þvi var hon nefnd Hecate, þad er hundrad, ad 135 henne voru færdar hund- 30 rad förner i einu; hon var og sydar D ij rdkud med Dianu nafne, hvort f. 105r 1 heite og reglu hon ätte ad bera, þeim stundum hon var upp ä Himne, ä Dic 136 2 Deige, ad hon giórde Dag umm Nætur, hvar umm annar stadar fleira. 3 Þad er meira üt af Iupiter ad seigia, ad hann ätte morg Born med 4 imsumm frillum, og eru frä honum komnar ætter margar, sem onnur Dæme til- 5 liggia ad glösa, enn fyrir hans snille kunster, og fiólvytris krapt, trü- 6 du heidner menn hann Gud vera, og sógdu sydan hann ordenn, ad Planet 7 anum Iupiter ä Himne, enn Vagn hans attu Erner ad draga, og linner 8 hans fräsógn so ad sinne, enn mun sydar meir Itrekud. 9 Strax verdar þö þad 137 hier til ad setia, sem skälldenn Dikta, ad sem Jupi- 10 ter sä og fornam Sinn kortann barnalagnad med Iunone (hvored 11 af Grickium D ij rdkadest fyrir magtar Gydiu) þä seigia þeir hann hafe 12 läted Mercurium (umm hvorn sydar verdar sagdt) kliüfa med Øxe i 13 hófud sier, og hafe þadann ütkomed alt ij ud Mær, er Minerva 14 edur Pallas fieck ad heita, hon var haldenn Lista Gydia, bæde styran- 15 de 7. Böklegum Listum, og 7. Riddara kostum 138 , sem og siófóldum hand- 16 verks hagnade, einkum vefnade Dyrustum, er og æfennleg Mey; 17 Enn þetta Diktudu þeir, þvi ad þess konar mennter hafa af Mannvite, 131 i] ÷ 299, 66. 132 beiddest] + ad 299, 66. 133 skildu] teiknudu 66. 134 ed] ad 66. 135 ad] þvi 66. 136 ä Dic] ä 299, Die ä 66. 137 þö þad] þad þö 299. 138 kostum] kunnstumm 299, 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 562 Appendix <?page no="563"?> 18 og heila Iovis 139 uppafundnar 140 vered, og ein mey fyrir þær sett, þær ad 19 kunna og kenna, verandi ein almenneleg Hofgydia, ein epter adra. 20 Nü sem Iuno Drotning fornam ad Iupiter kongur hefde 21 aled Döttur af Sier einhl ij tum, vilde hon ecki vera sýdre, og med räde 22 Gydiunnar Floræ, leitade hon upp þad blömstur i vestur veige vid 23 hafed, af hvors Nautn hon vard barnshafandi, Mars hiet sä mógur 24 hennar, þad er Major meckelhæfur: Hann giordest Hermadur stör, og val- 25 de sier fyrstur D ij r Herklæde og vopn; var hann sydan gófgadur fyrir eirn 26 stryds Gud og Hergoda 141 : kendur fyrir Planetenn Mars ä Him- 27 ne, og Draga hans kerru Vargar. Enn med sónnu hefur Mars vered Sonur 28 Iovis, edur Laungetenn af Iunone. Mercurius hiet og eirn 29 sonur Iovis, hvorn hann gat med Maia Atlantis Döttur, hann ätte ad 30 hafa vænge ä hófde og fötum, og vera Iupiters konglegur Sende- 31 bode. Hann var gófgadur so sem Leturs meistare, og kaupskapar Gud þar af f. 105v 1 nafnkendur, þviad Merces er kaupverningur, item hliödfæris 142 og Gl ij mu- 2 bragda Gud: Og nefnest 143 af honum Planete sä, er fylger sölu so nær 3 epter, ad hann siest skialdan fyrir Dagsliöse 144 edur Sölarbyrtu. 4 Phæbus edur Apollo 145 hiet eirn sonur Iovis, enn möder Latona, Dötter Ceus 5 Jótuns, hann var sydann D ij rkadur fyrir spädöma, V ij sdöms, Menta, og 6 Lækninga, sem og saungfæra, Gud, og hann ätte Sölenn ad vera. 7 Vulcanus hiet eirn Sonur Ióvis og Iunonis, hann var ür þeirra Majesta- 8 tis R ij ki (sem trüad var Himnar ij ki) ütrekinn, þvi hann var ad skópun 9 liötur og herfelegur¸var hann barn ütborenn i Eyuna Lemnos, hvor hann var af 10 Apinium uppalinn, hann giordest sydann smidur mickell, fann uppä Elld, 11 Afl og Ofna, og smydade Iovi þrumuskeyti, Marti Hervopn, og 12 Minervæ skiólld og hert ij e. Og sem Mars hafde Regimente 13 hertyadur vordenn, þä voru kóllud Ferrea Secula, þad er Järn ølld, 14 þä iukust skemdar v ij g og Vandræde 146 , item Agyrne Gulls, Silfurs 15 og Gersema (ut ait 147 Ovidius Ehoditur ferrum, ad Ferro nocentius aurum etc) 148 16 Var þesse Vulcanus i hälf Guda tólu tekenn, haldenn ä bord vid Dverga, 17 sem i Eddu er opt geted, þo fieck hann hvorke samnautn nie Svefn 18 med Godunum: So vard epterlits, ad þezer daudleiger menn voru fyrir af- 19 gude hafder, og so sem i stad siälfs Drottenns D ij rkader, þvi þeir hófdu 139 Mannvite og heila Iovis] af heijla Jövis og mannvite 66. 140 uppafundnar] uppfundnar 299. 141 Hergoda] Hertoga (edur Hergoda) 299. 142 hiödfæris] hliödfæra 299. 143 nefnest] nefndest 299. 144 Dagsliöse] Dags 299. 145 Apollo] Appollo Apollo 299. 146 Vandræde] Vandræd 299. 147 ait] act 299. 148 (ut ait - etc)] og 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 563 <?page no="564"?> 20 Guds Ritningu gleimt, enn 149 vissu 150 ein hvor munde stiörna og räda 21 enn kiendu sitt Regimente, hvorium burt Dänum frægdar manne. 22 Jupiter ätte ad vera Deus Optimus Maximus, beste og meste Gud Himens ⸌ og Jardar ⸍ 151 23 Neptunus Siäfar Gudenn. Pluton Niblheims, edur Nedre bygdar 24 under Jórdenne, þar þeirra heim von var. Þar var og Æolus, Vinda Gud 25 Pan Hierdar Gud, og adrer M ij marger. Enn þvi er hier settur stuttur 26 grundvóllur þess heidna ätrünadar, ad þeir Asiamenn I Eddü, slekt- 27 udu mióg epter heidenne villu Griskra, til ad trylla med Nordur- 28 heims älfunna, og tillógdu sier sómu herrlegheit, sem hinn þridie for- 29 mäle Eddu, af siälfum hennar Authore Diktadur, framar tilv ij sar, og 30 vil eg nü hier epter, ecke m ij na forsógn, helldur hans tilgänga, enn hier 31 mä i mille innsetia morg frödleikz Dæmi, ür Griskum og Latinskum Dictum ef menn vilia. f. 106r 1 Notatio 152 De Venere 2 Venus Ästa-Gydiann er ädur nefnd, og nockud afsagt 153 epter Poe- 3 tanna og fornskäldanna dictum. Enn umm hana verdur fleira 4 frödlegt med greinum sett, þeim ed framar vilia forvitnast, og fyrst 5 umm hennar Nafn. Venus dicitur, qvod ad res omens veni- 6 at, ait Cicero: Venit, þad er kemur, af þvi hon verdur ad koma til allz 7 edur allskonar getnadar. Venus þ ij dest og Væn, þadann 8 kemur Venustas, Vænleike. Enn a Grisku kallast hon Aphrodite, ab 9 Aphros Spuma Froda: Haf frodu D ij s sem sie; þviad sem firr 10 er geted þä ätte hon ad skapast af skópumm Saturni og Fro- 11 du hafsins. Nü mä siä ad Æser kólludu sl ij ka Gydiu Freyu, 12 mä tilgeta 154 þad sie Dreiged af þessare Froduglösu, sem þeir Gómlu, 13 kólludu og so Frófu ed 155 Fróvu, og er þä Nærre komed Freyu 14 Nafne edur Venere, ad umm breittu ViF, sem opt verdur, og 15 burt teknu N, enn settu i stadenn EI, tildreiged ad hon Freya 16 heite. Venus heiter Planete sä, sem ymist geingur undann 17 sölu, og heiter þä Phosphoros, þad er Lucifer Dagstiarna, edur hon 18 hopar 156 epter sölu, og heiter þä Stylbon, Hesperus, þad er kvólld- 19 stiarna, og skiedur t ij dast sinn vetur hvort; enn opt geingur hon so nærre 20 sölu, ad hon siest ecke fyrir Sölarskine 157 og Dagsbyrtu, og hefur þesse stiar- 21 na kallda og vota Nättüru. Item mióg hn ij gandi til asta og 149 enn] og 66. 150 vissu] + ad 299. 151 og Jardar] ÷ 66. 152 Notatio] von der Hand verbessert aus „ Natatio “ 1867; Natatio 299. 153 og nockud afsagt] ÷ 66. 154 tilgeta] + ad 299, 66. 155 ed] edur 299, 66. 156 hopar] + þä 299. 157 Sölarskine] hennar skijne 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 564 Appendix <?page no="565"?> 22 Lostaverka, verande allra stiarna vænst ad Fegurd og skiærleik 158 . 23 Hier üt af Dictudu heidinn skälld, ad Venus hefde vered sodd- 24 ann ein kvinna edur Gydia, ästar og Gedþecknis orkande. 25 Cicero skrifar þær hafe einkumm vered Fiörar edur Fernar. ~ 26 Fyrsta var haldenn Dótter Dags og Lopts, og var henne bygdt Hof 27 In Elide ad Olympum (þad er i þeirre Hófudborg Gricklandz 28 sem so heiter) hvored vid Baccho, (þad er V ij ngudenum edur Dryckiu- 29 godenum, med þvi Nafne) ätte þann son er Cupido hiet, verande siönlaus f. 106v 1 eda blindur, og blindar hugena med ästarp ij lunne, og þær Dætur sem 2 heita Gratiæ, þad eru ästar Gydiur edur unnustur, og gänga alsberar, 3 þvi riettelegt ynde hn ij gur ad berum burdum, enn bünade ecki. Allt sodd- 4 ann mättu siä ad er funding, þvi Dryckiuskapur og Loste, elur 5 alsberar äster, og blindan bruna Gyrndanna. 6 Ønnur sü, er ädur er sagdt ad skapast ätte af siäfar- 7 Frodunne og Saturni Fræe. 8 þridia sü, er Poetarner kólludu Kipros, og Chiprigen- 9 iam, sem vera ätte Dotter Iovis og Deionis Gydiu, og ätte hana 10 Vulcanus, enn med þvi 159 hon var væn og b ij l ij f, þä unne henne og so Mars, 11 og komst hann i hv ij lu til hennar, enn smidurenn Vulcanus, giorde leine- 12 fiótur, og batt þau so i fadmlógunum, ad þau komust hvorge ür og 13 läu so skr ij pislega framm ä liosann Dag, ad óll Gudenn ä horfdu, 14 og ad hlöu, þar til Neptunus fieck af Vulcano, ad leysa þau aptur. 15 Wid henne ätte Anchises ad eiga þann sinn fræga son Æneam, 16 Sem gietur i Troiumanna bardaga, ad Diomedes sä Gris- 17 ke kappe bardest vid Æneam, og vilde Venus sk ij la syne 18 synum vid einu skyluhógge hins, enn Diomedes hiö ä hónd 19 Freyu, og veitte henne lemstrar sär, hvar af hon gramdest, og laust 20 hann liötustu lostagyrnd vid karlmann. 21 Fiörda sü, sem i Phænicia, Syria og Sydon var D ij rdkud, og 22 kóllud ä Cananita mäl og Tüngu Astaroth edur Astareþe, 23 hvad ed s ij nest eiga alskillt vid Norrænu vora, asträd- 24 edur astrydur, og er ei ad undra, þvi þeir Cananitar hafa v ij st flæ- 25 mst og lendt hier üt under Nordastar heims skaute ad lokunum: 26 So sem adrar grüa 160 margar glösur þesskonar Tüngu votta: Og Tr- 27 óll mest hafa af þeim komed. Þessarar Astaroths edur 28 Asträdu getur i köngabökunum, ad hon var þeirra þiöda afgud 161 . 29 San<n>lega i Dæme so sem Freya hia Asumm: enn Venus hiä Grick- 30 iumm og Latinskum. Cicero de notatione Deorum skrifar, ad Ast- 31 arethe hafe vered möder Veneris. So eru nü vid Venerem 158 skiærleik] skierleijka (skiærleika) 299; skiærleijka 66. 159 þvi] þvi ad 66. 160 grüa] ⸌ og ⸍ 66. 161 afgud] gud (afgvud) 299. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 565 <?page no="566"?> f. 107r 1 kend Losta verk, og ästarbrógd edur Amor af þessumm tilefnum. 2 Item Dies Veneris kallast siótte dagur Viku, þad kóllum vier og so 3 Friädag, af Freyu Nafne so dreiged: þar ad auke kallast Venus 4 siälft Lostaverkid, edur Lostagyrndenn 162 . Iuxta illud 5 ut Venus in Vinis, Ignis in Igne furit. Item illud Virgilii. 6 Vina Sitim Sedent etc. Þad er: V ij ned uppæser Venerem, so 7 sem Elldur Elldenn: item: V ij ned slóckur þorstann, þiene Venus 8 vid Getnadar Lostann, enn hvad þar yfer hefur, einhvorn skadann mannenum ⸍ gefur ⸌ 9 Notatio de Idolomania 10 Vocabulum εἴδoλολατρεἱa , proprie cultum Simu- 11 lacrorum, vel Imaginum Significat, ab εἱδoλοr , qvæ 12 vox Simulachrum, Imaginem vel Spectrum, aut- 13 aliam Speciem oculis obversantem, at statim eva- 14 nescentem denotat, â verbo εἴδoμαἱ appareo 163 . 15 et â 164 λατρεἱα, qvod â λα valde, at τρεἱα , treme- 16 re derivant, qvasi timida adoratio Imaginum 17 þetta er almenelega kallad ä vora Norrænu skürgoda- 18 D ij rkun, eda þö riettara adkveded skurdgod (id est Sculptile) 19 þviad minder afgudanna hafa vered ütskornar ä trie, mälm 20 edur steina: hvar af og eirnenn heita Lykneskit, â Ligno, þad er 21 Trie, og isk edur esk Hebræo, madur; so sem Triemann, þvi ecki 22 hafa þeir einsamallt skürgoded Dyrkad, heldur þann sem þad var 23 eptersmydad. Lykt sem mindenn i speiglenumm, hefur sinn mind- 24 ugleik, af þeim 165 i Glered lytur, so kunna ad uppmälast l ij kamlegar skepnur, 25 og skapader hluter, enn ecki neitt þad sónnum Gude, edur riettum Guddöme 26 vidv ij kur, þviad 166 Gud er ein andleg vera, kiærleikur, speke, Riettlæte 27 giæska og heilagleike. Og i soddann hlutum var madurenn mindadur 28 epter Gude, uppä sälarennar andleg b ij te, enn ecki so lykamans: Iä 29 i fr ij vilia og Riettferdugheitum og ódrum sameigennleik vid Gud- 30 Domlega veru, og þo 167 madurenn sviptest þeirre 168 Guds mind i syndafallenu, f. 107v 1 þä sier þö nockud til sl ij kra menia epter hiä þeim gödu: so tileinkar 2 Ritningenn raskan Guds mindar, Mans bananum epter Falled, So Sem 3 þar stendur Genes: 9. Hvor sem Manns blöde ütheller, hans blöde skal 4 uthellt verda, þviad madurenn er giordur epter Guds mind: Enn óll þau 5 B ij læte sem sm ij dud og giórd hafa vered, eru Daudra manna, edur 162 Lostagyrndenn] gijrndar Bruninn 299. 163 appareo] appero 299. 164 â] ÷ 66. 165 þeim] + sem 299. 166 þviad] þvi 66. 167 þo] + ad 66. 168 þeirre] þeßare 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 566 Appendix <?page no="567"?> 6 annara kvikenda 169 l ij king, enn kemur ecki þar vid siälfann Gud, fyrir þvi 7 er og óll skürdgoda dyrkun afguda villa, hvoria skrifad er 8 fyrst mune hafe byriad Ninus sem Ninive borg uppbygde, 9 hann liet giora, edur giorde Lykneskiu epter s ij num fódur Belo, og veita 10 hónum Gudlega Durdkun; þadann höfust þeir afguder Bel og Bäal, 11 þad er Vinur og Vinskapur. Ur þeirre sómu glösu og Gode verd þeim 12 äsum Balldur, sem merkia mä ä flestu þvi, sem umm Balldur er skrifad i Eddu, 13 ad þad hn ij gur ad Vinskapnum; fyrst, ad hann er bestur, l ij knsamastur, blydmäll, 14 og fätt var liött ä Balldre. þvi kiærleikurenn edur äst felur l ij tenn. 15 Hann var og fagur älitum, so er samlide hreint: þez annars ad Haudur 16 hinn blinde, vard honum ad meine med misteltein, ad rädum Loka; þad er, 17 vinskapnum grandade blind auds agyrne med Vopnum, sem med fyr- 18 stum 170 voru üngvider övaxner: þad er: Järned var i Jórdenne, enn ecki til sverd- 19 sm ij dis brükad, firr enn Loke: þad er: Ligar og Rögur, sleit þad upp, og 20 byriade ad sm ij da vopn og Veriur til ad granda samlinde manna 21 ä mille, og gödum sáttum, og v ij st yrde Balldur ür heliu heimtur, ef aller 22 vildu trega hann, og stundudu til ad nä Vinskapnum aptur, enn þad fer ecki 23 so, allra s ij st vill þad giora G ij gurenn Þóck Ingratitudo: þvi þeir sem mest 24 gott eiga manne ad þacka, nydast optlega hellst ä hans lyfe og æru, 25 so og hvorium madur hefur hiälpad ür lyfshäska, þeir vilia giarnan tort ij na honum aptur: 26 Les umm Heidrik köng Hlódvers 171 son, eingenn vilde leggia hendur ä 27 hann under bana hans, nema þeir Tveir Mordingiar, hvoria hann hafde ädur 28 keipt Frä helfórum, og hófud sókum, þvi Heimurenn plagar hellst ad giallda 29 öþóck fyrir þóck, illa raun fyrir laun, og þvi nær ecki Vinätta og kiærleikur 30 heim aptur; þo eirn og annarfare göds ä leit og stunde epter fridnum, þä 31 selst honum þad ecki so üt, heldur snüast fleirumm inn Gretter, syn frægdar verk til torf. 108r 1 legdar, iä og ütlegdar. Schytia er nefndt eitt þiöd- 2 land i stærre Asia, hafande til Austurs Tartariam, til nordurs 3 hafed Hircanicum, til Vesturs Hyrcaniam etc: þesse þiöd hefur 4 sydar færst nordur i Sarmatiam, og hefur þar og so heitid Scythia vid 5 vatnsfallid Tanais, og þar ummliggiande: i þvi Lande skrifa 6 D: O: Vorm, epter Snorra Sturluson, ad Ödenn köngur og Æser 7 hafe Residerad, og adseted, og bigdt þar upp 172 eina Borg, i epter- 8 mind Troiæ Borgar, og nefndt hana Äsgard: Sydann vand- 9 rade Ödenn i nordurlónd, sem annarstadur er sagt, unns hann settest 10 nidur i Sv ij ar ij ki, tök þar köngdöm, og bigde ad Sigtünumm. 11 Ödenn med äsumm, sagdest vera ür Svidþiöd hinne micklu, 12 (Scythia) ⸌ x ⸍ 173 og liet nü þetta Ryki epter sier heita, er hann var tilkomenn, 169 kvikenda] + edur 299. 170 med fyrstum] i fyrstu 66. 171 Hlódvers] Hófunds 299. 172 upp] umm 299. 173 Das x verweist als Fußnote auf den Text der ganz unten auf der Seite eingefügten Zeile 33. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 567 <?page no="568"?> 13 og hiet þad Svidþiöd hin kallda. Enn sydar meir þä Æser vildu 14 gófgast fyrer Gude, kólludu þeir sitt Fódurland Gudheim og Himen, 15 So sem þad væri allt Himnesk heim von sem þar væri, og þeir stader sem þar 16 sie, sem var þrüdvängur, Pensaler 174 , Valskiälf, væri a himnum, samt 17 lietu þeir heita epter þessu stadena hier i Sv ij ar ij ki, sem þeir nefn- 18 du Mannheim, enn Troiam kólludu þeir Asgard hinn forna, 19 enn Asgard Walhóll, þviad 175 aller sem i Val fielle, þad er i Orrustum, 20 þeir skyllde 176 hiä sier lenda ä lyfsenda, i s ij num Valhallar Büstad, 21 þvi þeim sagdest so frä, ad i Gudheim væri ödaudleg vera 22 allt til Ragnarókurs: Og alla eptermind þessarar Valhallar, gätu 23 þeir s ij nt med Miss ij ningum, so sem þeir bæri hana epter sier, hvar þeir vildu 24 hier umm No ⸌ r ⸍ durlónd, sem merkia mä ä möte þeirra Gylva og Härs, 25 þvi hann s ij nde honum kostulega hóll, enn hon hvarf þö ad ódru bragde 26 aptur 177 , þä H  r leiddest ad leisa ür fyrer honum. skoda Eddu hier umm. 27 Jupiter ätte sier þann son er Dardanus nefnest, hans möder 28 hiet Electra Dótter Atlantis Corinthi kongs, hvor stadur ad 29 var i Hetruria: Hann kom i þrättann vid sinn skildgetna brödur 30 Jasium, umm Köngdöm epter Caritum, fódur hans, enn stiupa 31 sinn, og þvi r ij mde Dardanus, ad hann var Laungeten, og nam sier 32 x og nefndist þar üt af Svidur (Gentile Scytha. 178 f. 108v 1 land vid Hellespontum i minne Asia, þar bygde hann þann hófud- 2 Stad, er Dardania kalladest, og so landed med sama heiti. 3 hann ätte þann son er hiet Erichtonius, hans moder nefnd Land- 4 avia, hans son hiet Tros eda Trör, af honum fieck Troia sitt 5 nafn, er ädur kalladest Dardania. Tros ätte þann son er 6 Ilus hiet, og var þridie köngur i Troia, sumer inn smeigia hier einu 7 knie, og seigia ad Thras hafe heited fader Ili, sonur Trois, 8 af hvorium 179 Tracia fieck nafn 180 , af honum var Troia Nefnd Iliumm, 9 hans son var Laomedon, sä nafnfræge kongur, sem Hercules 10 sterke sigrade og Drap. Hans son var Priamus hófud- 11 kongur i Troia, þä hon vard af Gryckium yferunnenn og upp brend. 12 Priamus var sióunde frä Jupiter eda Saturno. 181 174 Pensaler] + (Fensalir) 299; Fensalur 66. 175 þviad] þvi 66. 176 skyllde] skijldu 299, 66. 177 aptur] ÷ 66. 178 og nefndist - Scythia] ÷ 299, 66. 179 hvorium] + ad 66. 180 fieck nafn] hafe nafn feinged 66. 181 Saturno.] + Ender þess annars Form  la Bókarennar Snorra Eddu. 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 568 Appendix <?page no="569"?> 5.3.1.5 Vorwort III: Formäle Sr. Arngrijms Jons s(onar) ad Mel i Midfyrdi NKS 1867 4to (f. 112r - 112v), Hand: Jakob Sigurðsson. Varianten: ÍB 299 4to (f. 70r/ v); SÁM 66 (f. 93r - 94r). Hand in beiden: Jakob Sigurðsson. 1 Formäle Sr. Arngrijms Jons s: 2 Ad Mel i Midfyrdi 3 Þad, ad vorir forfedur. Hafi ydkad Böklegar listir, 4 og margvijslegar Lærdömz menntir, er Augliöst, eckj alle- 5 ynasta, af nu verandi manna munnmælum, helldur micklu framar, 6 af þeirra mönnum, sem allvijda mä si  (Ieg meijna skriflega). 7 Hvar af Audr  did er, ad þeir hafa vered micklu betur ad sier i Lær- 8 dömi, enn vier þeirra Nijdiar; Hvorir alleijnasta feta eptir þv ij , sem 9 þeir hafa ütlagt og samsett, Enn kunnum litlu vid ad Auka, Ieg 10 m  seijgia Aungvu, nema þvij sem vier R  dumm af þeirra ord- 11 umm. Fyrr i landi voru, þ  fundust f  ir sem Aungvir ölesa- 12 ndi: Þar nu finnast f  ir, sem i þeirri list sieu nockud færir. Ädur i 13 Landi voru, Voru hier so mórg Skijlnïngz sk  lld, og mennt rijk, ad 14 þaug fundust i hvorium stad, sem menn öska villdu: Enn nü fi- 15 nnast f  ir. sem koma samann 182 ferskeittre stóku; Ordsókinn 16 þar til, er fijrst þad 183 , ad þad hnignar sem annat 184 , þurdar og mijnkar; 17 Ønnur Ordsokinn er sw, ad þeir huxa eij umm slijkt, og lifa sijnu bü- 18 ra l ij fi, Huxa Alleijnasta umm ad sl  og röa, og adra büsijsl- 19 an: Enn giefa Lærdöminum Aungva Huxun 185 , og ecki stund 20 ür Deigi: Enn eg voga ad seigia, ad eij giörast nü betre þiö- 21 nustu menn. Og eij munu þeir meijr l  ta 186 Eptir sig liggia, enn hinir 22 f ij rre menn, sem þennann Lærdöm ydkudu; Sü þridia Orsók- 23 inn. Er eij hïnn sijdsta, sem er þad 187 . Ad heijmska og f  kunnatta 24 bijr so rijkt i þeirra heijta 188 . ad þeir hafa eckj vit  sk  lld skaparlag- 25 inu: þeir eru og Nockrir. sem hafa n  tturu med Sk  lld sKap. enn þeir 26 hafa eij þær bækur. sem þad lagfæri 189 . Eda seigi þeim til, i slykri yd- 27 kun, og kunna eckj ad koma kiennijngum i Skälldskapinn: þess vegna hef f. 112v 1 Eg ütsett þessa Bök i l  tinnz ⸌ kt ⸍ tüngum  l, so ad hun er prentud i kaupinnhavn 2 meiga þ  skolapilltar helldur gagn af henni hafa. Og margir leykmenn, þvi l  - 3 tinu m  l, er nu ordid so algeingid, ad þar hafa 190 margir þeckïng  ; so og ku- 182 koma samann] komed gieta samann 299; saman giete komed 66. 183 first þad] þad fýrst 299. 184 annat] allt annad 299, 66. 185 Aungva Huxun] Aungvahuxun 66. 186 meijr l  ta] läta meir 66. 187 sem er þad] ÷ 299. 188 heijta] heila 299; hiarta og heila 66. 189 lagfæri] + frá þeim 299. 190 hafa] + þar 299. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 569 <?page no="570"?> 4 na þeir 191 ad seigia til vinum sijnumm, So ad 192 üt kann ad berast, og verda ad almennïngz- 5 vitsku; Enn þad seigi eg satt. ad af þv ij sem menn kalla f  fengilegt, er þessi 6 Bök ein hin þarflegasta. Hvorrinn hennar nafn tilkomi, og hvadann þad hafi sinn 7 uppruna er hier Innfært i Eptirfyllgiandi 193 Form  la. Enn 194 ætt Odinz, og hvór 8 madur hann hafi verid, sómu hattad Sydi hanz og Nafnböt er hier Jnnfært i hi ⸠ n ⸡ t 195 annan 9 Formäla, ä þessare Bök 196 Eddu 197 : Utlegging umm Balldur; undir vijs- 10 un umm Venus, er eirninn 198 i hinum sama. Umm Ymir þann sem upphaflega er 11 umm gietid. Vilia menn hallda ad hun 199 meijni Adam; svefn sueïta Ymis undir 12 Sijdunni, þad, þ  Eva skapadest af Adammz rifbeini; þad sem fötur Ymiz 13 öl barn vit odrum fæti, og sydann öl knie vid knie. vilia menn hallda ad þette sie þad, 14 þegar Bórn Adamz gïptust, og g  tu Bórn saman: Ad Bergemlir hafi hi  lpad sier 15 ad lüdri sijnumm, og synü hyski. vilia menn hallda ad meinnt sie umm Nöa, og 16 hyski hanz i Ørkinni: Ad ymirz Dreckia heijminum, Hallda menn Nooa- 17 flood: þvij lofi, og Am  ttiz verkum, sem Æsir leggia sier til, er Ginn- 18 Hellgi og Ordprijs. og skal einginn trwa. Hvergemler er helv ij ti; 19 Nydhóggur Diofull 200 , Niblheimur 201 , kvalastadur fordæmdra; N  strandir 20 hid 202 sama; Niblhel hid sama. Surtur med Sverdid göda, vilia menn 21 hallda þö Ey Viti. ad sie skapari himinnz og Jardar: Lioos Älfar Eingar 203 ; 22 Dóck Älfa dióflar; Gimli, himnarijki; Hrijmur. sie Abraham; 23 naglfara skip sie Abrahamz Skaut; Surtar logi Doomz Dagur; ad 24 Balldur og Haudur glediast. Er þad, ad 204 rauna menn glediast i Eijlijfu- 25 lijfi. Hier umm hef eg eij L  ngordara, þvij eg er eij fær ad utleg- 26 ia Eddu; þeir giora betur sem vel eru færir; Enn Ord þessi nijta 27 þeir Eijnfolldu, hinum Eru þaug Eij bodinn: Gud giefi øllumm skil- 28 nijng i þvij hinu Gooda Amen. 29 Arngrijmur Jons son. 205 191 so og kunna þeir] kunna þeir so og 66. 192 ad] ÷ 66. 193 Epterfyllgiandi] ⸠ næstkommande ⸡ ⸌ annan ⸍ 66. 194 Enn] + umm 299. 195 hit] þat 66. 196 ä þessare Bök] ÷ 66. 197 hann hafi verid - þessare Bök Eddu] hann veret hafe er  dur  minnst i ꜷ drumm þeim frä farandi form  la Bökarenna eddu 299. 198 eirninn] ÷ 66. 199 hun] hann 66. 200 Diofull] diofullinn 299. 201 Niblheimur] + er 299. 202 hid] ÷ 66. 203 Eingar] Eijnglar 299. 204 ad] ÷ 66. 205 Jóns son] + Ender  Form  la Síra Arngrijmms Jönsonar ad Mel i Midfijrdi Vestur. 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 570 Appendix <?page no="571"?> 5.3.1.6 Vorwort IV: Magnus Ólafsson: Hvad Edda Sie NKS 1867 4to (f. 113r), Hand: Ólafur Brynjólfsson. Varianten: ÍB 299 4to (f. 71r); SÁM 66 (f. 94v). Hand in beiden: Jakob Sigurðsson. 1 1 Capitule 206 2 Hvad Edda Sie 3 Edda er Iþrött af Forndicktudumm Frödra manna Dæ- 4 mesógumm, og marg fundnumm heitumm hlutanna, kennande 5 Norrænann Skäldskap, fyrer alþÿdu miekkvedenn, enn 6 fyrer Witrumm mónnumm listkvedenn, ad yrkia og Semia. 7 Hvör i þrött sem ei þrotnande Vatnsbrunnur, færer forn- 8 ar kenningar, og fæder N ẏ ar til kvedskaparens, óllumm 9 merkeskäldumm, er hana vilia med ydne grunda, og gagnd 10 riettre vidhafa, hvar af hün eirnenn sitt nafn hloted 11 hefur: þvi Edda dregst af Latinsku orde Edo, eg 12 yrke edur dikta. Partar Eddu eru Tveir, Dæ- 13 mesógur og kenningar: Dæmesógur þessar kallast 14 Gylvaginning edur H  rslÿge, af þeim Bókumm, sem 15 litlu s ij dar skal hrært 207 verda 16 Og Byriast med þeim Formäla, sem hier seiger. 208 5.3.1.7 Prologus NKS 1867 4to (f. 113r - 117v), Hand: Ólafur Brynjólfsson. Varianten: ÍB 299 4to (f. 71r - 75r); SÁM 66 (f. 94v - 100r). Hand in beiden: Jakob Sigurðsson. 17 Almättugur Gud skapade i upphafe Himen og Jórd, og 18 alla þä hlute, er þeim fylgia, og s ij dast menn þa Tvo, er 19 ætter 209 eru frä komnar 210 , Adam og Evu, og fiólgadest 20 þeirra kynslöd, og dreifdest umm heim allann: Enner 21 frammlidu stunder, 211 oiafnadest mannfölked 212 , voru Sum- 22 er göder og Rietttrüader, enn miklu fleire Snerust 23 þä 213 , efter gyrndumm heimsens, og Oræktu Guds Bod- 24 ord, þvi dreckte Gud þeim i Nóa flóde, og óllumm 25 kvikendumm Heimsens, nema þeim 214 i Ørkenne voru 26 med Noa. Efter Noaflöd lifdu ätta menn, þeir er 27 heimenn bygdu, og komu frä þeim ætter, og vard sem 206 1 Capitule] I. INNGÄNGURINN 299; Formäle Authoris umm þad 66. 207 hrært] sagt 66. 208 Og - seiger.] ÷ 66. 209 ætter] aller 66. 210 komnar] komner 66. 211 Enner frammlidu stunder] ÷ 66. 212 mannfölked] + og 299. 213 þä] þö 66. 214 þeim] þeir 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 571 <?page no="572"?> 28 fyrr, ad þá er fiólmentest og bygdest veróldenn, þä 29 vard 215 þad meste fiólde mannfölks, sem elskade Agirnd 30 fiär og metnadar, enn afrækte Gudz hl ij dne, og so 31 miked giórdest ad þvi, ad þeim 216 ecke vildu Nefna Gud, f. 113v 1 og so kom, ad þeir t ij ndu guds nafne, og vydast umm Werólde- 2 na fanst ei Sä madur, er deila kynne ä Skapara synumm. 3 Enn ei ad s ij dur veitte Gud þeim, Jardlegar giftter, 4 fie og sælu, er þeir skyldu vid vera i heimenumm: Mid- 5 lade hann og Spekunna, So 217 ad þeir skildu alla Jardlega 6 hlute, og allar greiner, þær er Siä mätte Loptsens og 7 Jardarennar. Þad huxudu þeir, og undrudust hvóriu 8 þad munde gegna, er Jórdenn, d ij renn og Fuglarner, hóf- 9 du samann edle i sumumm hlutumm, og eru þo öl ij k ad hætte. 10 þad var eitt edle, Jórdenn var grafenn i häm fiall ~ 11 tindum, og spratt þar vatn upp, og þurfte þar ei leingra 218 12 ad grafa til vants, enn i diüpumm vólumm 219 . So er umm 13 d ij r og fugla, ad Jafnlängt er til blods i 220 hófde og fotumm. 14 Ónnur Nättüra er Sü Jardar, ad ä hvóriu äre Vex 15 ä Jórdenne 221 gras og blöm, og ä Sama are fellur þad allt 16 og fólnar. So vex ä d ij rum og fuglumm här og fiad- 17 rer, og fellur af ä hvóriu are. Þad er hin þrid- 18 ia nättüra Jardar, þä 222 hün er opnud og grafenn, þä 19 grær gras ä þeßare molldu er efst er; Biórg og 20 steina þ ij ddu þeir ä möte Tónnumm og beinumm kviken- 21 da, af þessu skildu þeir ad Jórdenn være kvik, og hef- 22 de lyf med nockrumm hætte, og wißu þeir ad hün var 23 furdulega 223 gómul ad aldartale, og Mättug i edle; 24 Hün fædde óll kvikende, og eignadest allt þader dö: 25 fyrer þä sók gäfu þeir hene nafn, og tóldu ætt s ij na 26 til hennar; þad sama Spurdu þeir af gómlumm frændumm 27 S ij num, ad Sydann talenn voru mórg hundrud ära, var 28 gängur Himentüngla oiafn, ättu sum leingra gäng 29 enn Sum, af þvil ij kum hlutumm grunade þä, ad nockur 30 munde stiörnare Himentünglanna, sa er stilla munde 215 vard] var 66. 216 þvi, ad þeim] ad þvi ad 66. 217 So] ÷ 66. 218 leingra] dijpra 66. 219 vólumm] dólumm 66. 220 blods i] Blödz bæde ä 66. 221 Jórdenne] henne 66. 222 þä] ad 66. 223 furdulega] furdannlega 299. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 572 Appendix <?page no="573"?> f. 114r 1 gäng þeirra ad vilia s ij numm siälfs, og munde Sä vera Ryk- 2 ur og mättugur, og þeß væntu þeir, fyrst hann riede fyrer 3 hófud skepnunumm, hann munde fyrr vered hafa, enn Him- 4 entünglenn, og þad säu þeir, af hann riede gänge Himen- 5 tüngla, þä munde hann og räda skine Sölar, dóggu Him- 6 ens og avóxt Jardar, vindumm lofftsens, og straumumm 7 Siäfarenns 224 : Enn þad vißu þeir ei, hvad fyrer köngur hann 225 8 var, Trüdu þö hann vyst vera. Enn til þeß, ad heldur 9 mætte frä seigia, þä gäfu þeir nafn med Siälfumm sier 10 og hefur þeße ätrünadur ä marga lund breistst, so sem 11 þiodernar skiptust, og Tüngurnar greindust. J elle 12 sinne skiffte Noe Heimenumm med sonumm s ij numm, ætade 226 13 hann Cam Westur älfuna, enn Iaphet Nordur älfuna, og 14 Sem Sudur älfuna. J þann Tyma øflegadest þegar 227 15 agyrne til fiär og metnadar, þvi þä kendust þar marg- 17 ar lister, sem ädur hófdu ei fundnar vered, og höf sig 18 hvór efter sinne i þrótt, og so langt færdest sä Metnadur, 19 ad þeir Africani komner af Cam, heriudu ä af spre- 20 inge Sems, enn sem þeir hófdu þä yferunnad, þötte þeim 21 sier ei nægiast Heimurenn, og Smydudu eirn Stópul med 22 T ij gul og griöt, þann er Vinna 228 skylde til Himens, ä þeim 23 welle 229 , er kallast 230 Sinear, og þä er þad sm ij de var So 24 miked orded, ad þad tök upp ür Vedrenu, og ei hófdu þeir 25 mine f ij se Smydenu framm ad halda: þä legde Gud þeirra 26 ofsa, i þann mäta, ad eingenn þeirra skilde hvad annar 27 talade, og eingenn þeirra viße, hvad eirn baud ódrum, 28 og braut þad annar nidur, sem annar vilde uppreisa, þar 29 til þeir str ij ddust ä siälfer, og so 231 sindradest Stópul smyd- 30 ed. Sä fremstur var hiet Zoroastres, hann hlö firr 31 enn griet, er hann kom i Weróldena, enn forsmider voru 32 72. og so margar Tüngur hafa sydan dreifst umm Weróldena, f. 114v 1 Enn sem Tüngna skipted var orded, þä fiolgudu so nófn mann- 2 anna, og annarar hluta: Greindur Zoroastres hafde mórg 3 nófn, og þö hanns Ofse være lægdur af sagdre smyd, þä færde 4 hann sig þö framm til Weraldlegs metnadar, og liet taka sig 224 Siäfarenns] Siäfar 299. 225 hann] þad 299. 226 ætade] ættlade 66. 227 þeagar] ÷ 66. 228 Vinna] wita 66. 229 welle] wóllumm 66. 230 kallast] kalladust 66. 231 so] þennann 299. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 573 <?page no="574"?> 5 til kongs yfer mórgum þiodum Assyriorum, og af hónumm höfst 6 skürgoða villa, og sem hann var Blotadur, var hann kallad- 7 ur Ball, þad kóllumm vier Bel, hann hafde og mórg nófn, 8 enn sem nófnenn fiólgudust, þä tyndest med þvi sannleikurenn. 9 J fyrstu Willu blödade hvor madur, sinn effter koman- 10 de formeistara, d ij r eda fugla Loptsens, Himentünglenn 11 og ymislega dauda hlute, þar til þesse wille gieckumm 12 allann heim, og So vandlega t ij ndu þeir Sannleikanumm, 13 ad eingenn viße skapara sinn, utann þeir einer er Ebre- 14 ska Tungu tóludu. Weroldenn var greind i 15 3 alfur, frä Sudre i Westur, og inn ad Midiardar siönum, 16 Sä hlute var kalladur Affrica, enn hinn sydre hlutur 17 þeirrar deildar, er heitur og brunnenn af Sölu. 18 Annar hlute frä Westre og 232 til Nordurs, og inn til, 19 hafsens, og er sä 233 kalladur Evropa, hinn Nyrdre hlu- 20 te er so kaldur, ad ei vex gras, og ei mä byggia. 21 Frä Nordre, og umm Austur älfur, allt til Sudurs, 22 þad er kallad Asia, i þeim hlutumm Weraldar, er 23 óll fegurd og pryde og eign Jardar ävaxtar, Gull 24 (og gim steinar, þar er og med Weróldenn, og so sem 25 þar er Jórdenn fegre, og betre kostumm 234 , enn i ódrumm Stód- 26 umm, so var og Mannfölked þar mest tignad af óllumm 27 giftumm, spekenne, ablenu, kunnättunne og fegurd- 28 enne. Nærre 235 midre Weróldenne, var giórt 29 þad hüs og herberge, er ägiætast hefur giórdt ver- 30 ed, er kóllud var TroiuBorg, þar voru 12. köng- 31 domar, og eirn yfer köngur, og läu mórg þiödlónd 32 til hvörs köngdóms: þar voru 236 i Borgenne 12 hóf- 33 ud Tüngumäl. Þeßer hófdingiar hafa 34 vered umm framm alla menn i Weróldu umm Manndomlega f. 115r 1 hlute, til þeirra telia aller fornmenn Nordurälfunar s ij nar 2 ætter, og setia þä i Guda t ȯ lu alla, er 237 formenn voru stadar- 3 ens. Siälfann Priamum Settu þeir fyrer Oden, mä þad 4 ei undarlegt kallast, þviad 238 Priamus var komenn af Sa- 5 turno, þann sem Nordurälfann trude längann t ij ma Siälf- 6 ann Gud vered hafa. Þeße Saturnus öx upp i Ey þeirre 232 og] ÷ 299. 233 og er sä] sä er 299. 234 kostumm] + büenn 299. 235 Nærre] Nærre I 66. 236 voru] + og 299. 237 er] þä er 299. 238 þviad] þvi siälfur 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 574 Appendix <?page no="575"?> 7 i Grycklands hafe, er Cryt heiter, hann var meir sterkur 8 og fr ij dare enn adrer menn, og So bar Viturleikur hanns af 9 óllumm 239 mónnumm 240 , Sem adrar Nättüru giafer. Hann fann 10 margar lister, sem ädur hófdu ei fundnar vered: Hann 11 var mikell ä þä iþrött, er 241 Phitons anda list er kóllud, 12 ad hann veße fyrer Öordna hlute: Hann fann og Rauda þann 13 i Jórdur, er hann blies af Gull: Af þessumm hlutumm vard 14 hann skiött R ij kur: Hann Sagde og fyrer 242 Arferde, og marga 15 adra leinda hlute. Af sl ij ku og mórgu ódru, töku þeir 16 hann til hófdingia yfer Eina, og sem hann hafde litla hr ij d 17 henne st ij rt, þä var 243 þar skiött nög, allra handa argiæska, 18 þar gieck og eingenn Peningur, nema Gullpeningur 244 19 So var þar nög, ad þö hallære være i ödrumm lóndumm, þä 20 kom þar aldrei Oär, mätte af þvi þängad sækia alla hlu- 21 te, sem þeir þurftu ad hafa. Af þeßumm og Mórgum ódrum 22 kraftagiórningumm, trüdu þeir hann Gud vera. 23 Og er Saturnus finnur, hvór su mikenn styrk menn 24 þykast af hónumm hafa, þä seiger hann Sig Gud vera, 25 og stiörnara Himens og Jardar. Eirn týma för 26 hann til Gricklands ä skipe, þvi þar var köngs dötter 27 sem hann hafde hug ä, hann fieck med þvi Nad henne, ad 28 eirn dag sem hün var üte, med þiönustukonumm 245 sýnumm, 29 þä brä hann yfer sig lyke Gridüngs eins, 246 og lä fyrer 30 henne i skögnumm, og var fagur Gullslitur ä hvoru 31 horne, og sem kongsdötter sier 247 hann, þä 248 klappar hün 32 umm granernar 249 , hann sprettur 250 upp, og brä 251 af sier 33 Gradüngslykenu 252 , tók hana i fäng sier, og bar til skips, f. 115v 1 og flutte hana heim i Cryt, ad þeßu finnur Iuno kona hanns, 2 Hann brä henne i kv ij gulyke. Og sende hana längt i burt, og 3 leit hana geima þræl sinn, sem hiet Argus, þar var 4 hün i 12 mänude: Marga hlute giórde hann þeßumm lyke 239 óllumm] ódrumm 299; annara 66. 240 mónnumm] witzmunumm 66. 241 er] sem 66. 242 fyrer] þvi 299. 243 var] vard 299. 244 Gullpenningur] Gullpenijngar 66. 245 þiönustukonumm] þernum 66. 246 þä - eins] Brä hann ä sig Gradüngs lijke 66. 247 kongsdötter sier] hund har 66. 248 þä] ÷ 66. 249 granernar] graner honum 299. 250 hann sprettur] hann sterkur 299; enn hann spratt 66. 251 brä] bregdur 299. 252 Gradüngslykenu] Gridüngs lijkenu 299. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 575 <?page no="576"?> 5 og Undarlegre. Saturnus ätte 3 syne, hiet 6 ein Iupiter, annar Neptunus, þridie Pluto, þeir voru 7 aller atgiórfes menn hiner mestu, og var Iupiter längt 8 fyrir þeim, hann var listugur sem fader hans, og brä 9 ä Sig ymislegra 253 d ij ra l ij ke, med þvi kom hann mórgu framm, 10 sem manndömenumm er Omógulegt ad gióra, af sl ij ku 11 og ódru hræddust hann allar þiöder, þvi kallast hann ä norrænu 12 Þoor. Saturnus liet uppgióra 254 i Cryt, 72 Borger, 13 og sem hann þikest fullkomenn i R ij ke s ij nu, þä skipter hann 14 þvi med sonumm synumm: Gaf hann Iupter Himnar ij ke, 15 Neptuno siäfar R ij ke, enn Pluto Helv ij te, og þötte hónum 16 Sä hlute ökiórlegastur, þvi gaf hann hónumm Hund sinn, 17 þann er hann kallade Cereberum, til þeß ad geima helvyt- 18 es 255 . Þenna Cerberum Seigia Gricker Hercules hafe dr- 19 eigid ür Helv ij te og ä Jardr ij ke. Nü þo Satur- 20 nus hafe skipt 256 Iupiter Himnar ij ke, þä gyrnest hann þö 257 21 ei ad S ij dur, ad eignast 258 Jardr ij ke, og Heriar þvi uppä 22 R ij ke fódur s ij ns, og so seigest, ad hann liete taka hann, 23 og gelda hann 259 ; fyrer 260 soddann störvyrke seiger hann sig 24 Gud vera. Og þad seigia Macedonii, ad hann 261 liete 25 taka skópenn 262 , og kasta üt i 263 siö 264 , og þvi trüdu þeir länga 26 æfe 265 þar af hafde vorded kona Sü, er Venus kallast, og 27 þvi er Venus alla æfe S ij dann, kóllud ästargydia, og sett 28 i Gudatólu, ad þeir trüdu 266 hün mætte þ ij da allra Manna 29 hiortu til ästar, karla og kvenna. Sem 267 Saturnus 30 var gelldtur af syne s ij numm Iupiter, þä fl ij de hann 31 austan ür Cryt, og h ij ngad i Italiam, þar bigdu þä þeß- 32 hättar þiöder, Sem ecke erfidudu, og 268 lifdu vid Akarn og 33 og vid 269 grós, og läu i Hellrumm og Jardarholumm. og sem 253 ymislegra] ymsra 299. 254 uppgióra] bijggia 66. 255 helvytes] helvijte 299. 256 hafe skipt] skipte 66. 257 þö] ÷ 66. 258 eignast] eiga 66. 259 hann] ÷ 299. 260 fyrer] og fyrer 66. 261 hann] Iupiter 299. 262 skópenn] + fodur sijnns 299. 263 og kast üut i] kast üt ä 66. 264 üt i siö] i siö üt 299. 265 æfe] + ad 66. 266 trüdu] + ad 299. 267 Sem] Nü sem 299. 268 og] Enn 299. 269 vid] ÷ 299. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 576 Appendix <?page no="577"?> f. 116r 1 Saturnus kom þar, þä skifte hann Nófnumm 270 , og kallade sig 2 Ni ǫ rd, saker þeß, ad hann hugde ad Jupiter son hanns, munde 3 S ij dur frietta hann upp 271 : Hann kende þar fyrstur Manna ad 4 plægia og planta W ij ngarda: þar var Göd Jórd og Grä, 5 og giordest þar skiött är miked, töku þeir hann til Hófdin- 6 gia, og So eignadest hann óll þeß hättar R ij ke. 7 Jupiter ätte marga syne, sem ætter eru frä komnar, 8 frä hónumm var hinn siótte madur Priamus Hófudköngur 9 Troiu borgar. Priamus 272 ätte marga Syne, eirn af þeim 10 hiet Ector 273 , ägiætastur allra manna i Weróldu, ad able og 11 vexte, ad 274 atgiórfe og 275 óllum Manndömlegumm listumm Ridd- 12 aralegrar slecktar, og þad finst skrifad, þä Gricker 13 og allur styrkur Nordur og Austur älfu, bórdist vid 14 Troiumenn, þä hefde þeir alldrei Sigrader orded, nema 15 Gricker hefde 276 heited ä Gudenn, og eckert Mannlegt edle 16 hefde Sigrad þä, nema þeir hefde Svikner orded, af Siälfs 17 syns mónnumm: hvaded og giórdest 277 , og af þeirra frægd, 18 gäfu eftterkomande menn Sier þeirra vyrdingia nófn. 19 Romveriar hafa næst geinged Troiumónnum, ad agiæte 20 og þeir vendudu S ij numm Sidumm og lógmäle, sem næst mättu 21 þeir komast, efter þvi sem Troiumenn hófdu haft, og So 22 mikell kraptur filgde þeßumm mónnumm, ad mórgumm óld- 23 umm sydar þä Pompeius 278 eirn hófdinge Romveria, her- 24 iade i austur älfuna, fl ij de Oden utan ür Asia, hing- 25 ad i Nordur älfuna, og þä Gaf hann sier og S ij numm mónnum 26 þeirra gómlu Troiumanna nófn. Priamus kongur 27 var 279 sem ädur er Sagd, kalladur Odenn, enn drotning hans 28 Frigg, af þvi tök R ij ked S ij dann Nafn, og kallast Phrygia 280 29 þar sem Borgenn stöd. Og hvórt ed 281 Odenn sagde 30 þad til Metnadar, edur forndildar vid sig, edur þad hafe 31 So 282 vered med skipte Tüngnanna, þä hafa þö marger fræde 32 menn, haft þad fyrer sannenda sógu 283 , ad þad var leinge 270 Nófnumm] umm Nófn 299. 271 frietta han upp] sig upp frietta 299. 272 Priamus] Pri  mus kongur 299. 273 Ector] Hector 299. 274 ad] og óllu 299; ÷ 66. 275 og] sem og ad 299. 276 hefde] hefdu 299. 277 hvaded og giórdest] hvad og skiede 299. 278 Pompeius] + Magnus 299. 279 var] ÷ 299. 280 Phrygia] Friggia 299. 281 ed] ad 299. 282 So] ÷ 299. 283 sógu] ÷ 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 577 <?page no="578"?> f. 116v 1 æfe efter, ad hvar sem mikell hófdingi var, tök sier þar dæme eftter. 2 Eirn kongur i Troia hiet Munon, edur Mennon, hann 3 ätte dottur hófudkongs Priami, sü hiet Troan, þaug ättu Son 4 sä hiet Tros, þann kóllumm vier Þoor, hann var i uppfæslu 284 i Thra- 5 cia, med 285 þeim Hertoga er Nefndur er 286 Loricus, enn er hann var 6 Tyu Vetra, þä tök hann vid Vapnumm fódur S ij ns, Sva war hann 7 fagur älitumm, er hann kom med ódrumm mónnumm, sem þä er 8 f ij lsbein er grafed i Eik, här hanns var fegra enn Gull: þä er 9 hann var 12 vetra, hafde hann fullt avl, þä lipta hann af Jór- 10 du ⸍ Ursina pelle ⸌ 287 Biarnstockumm óllumm sinn, og þä drap hann Loricum- 11 hertoga föstra sinn, og konu hans Cora edur Glora, og eig- 12 nade sier R ij ke Trara, þad kóllumm vier Trüdheim: þa för 13 hann vyda umm lónd, og kannade heims älfur, og sigrade eirn- 14 samann alla berserke, og alla Risa, og eirn hinn mesta dre- 15 ka og óll dijr. J Nordurälfu heimsens, fann hann späkonu 16 þä er Sybil hiet, er vier kóllumm Sif, og fieck hennar, eing- 17 inn kann seigia ætt Sifiar, hün var allra kvenna fegurst 18 här hennar var sem Gull, þeirra son var Loride, er L ij kur 19 var fódur s ij numm, hans Son var Henrede, hans son 20 Vingþör, h: s: Vingener; h: s: Mödar, h: s: Mage, h: s: Cespeth, 21 h. s: Lieding, h: s: Athra, h: s: Urmann, h: s: Modar, h: s: Ski- 22 alldne, er vier kóllumm Skiólld h: s: Braf, er vier kóll- 23 umm Biar 288 , h: s Jat, h: s: Gudolf, h: s: Finn, h: s: Friallaf, er 24 vier kóllumm Fridleif, Hann ätte þann son, er nefndur 25 var Vodenn, þann kóllum vier Odenn, hann var agiætur madur 26 ad Speke, og allre atgiórfe, Kona hans hiet Frigida 289 , er 27 vier kóllumm Frigg. Odenn hafde spädöm og so kona 28 hanns, og af þeim v ij sendumm fann hann þad, ad nafn hanns 29 munde uppe Vera, hellst i Nordur älfu Heimsens, og tign- 30 ad umm framm alla könga. Fyrer þä Sök f ij set 290 hann, ad biria 31 ferd s ij na af Turchlande, og hafde med sier mikenn fiol- 32 da lids, ünga menn og Gamla, karla og konur, og hófdu f. 117r 1 med sier marge gersemelega hlute, enn hvar sem þeir föru yfer 2 land, þä var ägiæte miked 291 af þeim sagt, So þeir þöttu lyk- 284 uppfæslu] uppföstre 299. 285 med] hiä 299. 286 er Nefndur er] sem hiet 299. 287 Ursina pelle] ÷ 66. 288 h: s: Braf, er vier kóllumm Biar] ÷ 66. 289 Frigida] Phrijg ⸌ i ⸍ da 299. 290 fijset] fijstest 299, 66. 291 miked] + ägiæte 299. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 578 Appendix <?page no="579"?> 3 are Gudumm enn mónnum, og þeir gefe 292 ei Stad ferd Sinne, firr 4 enn þeir koma 293 Nordur i þad land, er 294 nü er kallad Saxland, 5 þar dvalde Ödenn langa he ij d, og eignadest þad land. 6 Sem Ødinn hafde skipt þvi lande med sonumm synumm 7 þä byrade hann ferd s ij na Nordur, og kom i þad land, er þeir 8 kalla Reidgotaland, og eignadest i þvi lande, allt þad er hann 9 villde, og sette þar til landrädanda son sinn, er Skióldur 10 hiet, hans son var Fridleifur, þadan er sü ætt komenn, er 11 Skïolldüngar heita, þad eru Dana kongar, og þad heiter 12 nü Jótland, er þä var kallad Reidgotaland. Eftter þad för hann 13 nordur, þar sem nü heiter Sv ij þiød, þar var sä köngur, en 14 Gylve er Nefndur. Er hann spir til ferda þeirra Asiæ- 15 manna, er Æser Voru kallader, för hann möte þeim, og baud Ødinn 16 skylde sl ij kt vald hafa i hanns Ryke 295 , sem hann vildi siálfur 296 : Sä 17 t ij me filgde ferd þeirra, ad hvar sem þeir dvóldust i lóndum 18 þä var þar är of fridur, og trüdu 297 aller, ad þeir være þeß 19 rädande, þvi þad säu menn, ad þeir voru öl ij ker ódrumm mónnum, 20 þeim er þeir hófdu sied, ad fegurd ad 298 Vite. Þar þötte 21 Odinn goder landskoster, og kaus sier þar Borgarstad 22 sem nü heiter Sigtün, þad var af hanns nafne, og 23 Gaf sier köngdöm, og kalladest sydann Niørdur, og þvi finnst 24 skrifad i frædebökumm, ad Niørdur hafe heited hinn fyrste Sv- 25 yaköngur 299 , er þad til þeß, ad Odinn hefur vered þar gófgastur 26 Ödinn skipade þar hófdingiumm, i þä lyking, sem vered 27 hafde i Troia, 300 sette 301 12 Hófudzmenn i stadnumm ad dæma landz 28 lóg, og þä skipade hann Riettumm óllumm, sem fyrr hófdu vered 29 i Troia, og Tyrkiar voru vaner: efter þad för hann Nordur, 30 þar til ad siär tök vid, sä er þeir hugdu 302 læge umm óll lónd, 31 og Sette þar son sinn til þess Rykes, er nu heiter Norvegur, sa hiet f. 117v 1 Sæmingur, og telia þar Noregs kongar s ij nar ætter 303 til hanns, so og 2 Jarlar og adrer R ij kesmenn. Þeir Æser töku sier kon- 3 fäng 304 þar innann lands, enn sumer sonumm s ij numm, og urdu þeß- 292 gefe] gäfu 299. 293 koma] komu 299. 294 er] sem 66. 295 Ryke] + sijnu 66. 296 vildi siálfur] siälfur vilde 299, 66. 297 trüdu] trüdu þvi 66. 298 ad] og 299. 299 Svyaköngur] Svijarijkess kongur 299. 300 Troja,] + og 66. 301 sette] og sette 299. 302 hugdu] + ad 66. 303 sijnar ætter] ætter sijnar 66. 304 konfäng] kvenf ꜷ ng 66 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 579 <?page no="580"?> 4 ar ætter 305 fiólmennar, so ad umm Saxland, og allt þadann um 5 Nordur älfur dreifdest, so ad þeirra Tünga Asiæmanna var 6 tólud umm óll þeße lónd 306 5.3.2 Weitere Inhalte 5.3.2.1 Prosa-Edda, Ds. II NKS 1867 4to (f. 117v - 118v), Hand: Ólafur Brynjólfsson. Varianten: ÍB 299 4to (f. 75v); SÁM 66 (f. 100r - 101r). Hand in beiden: Jakob Sigurðsson. 25 II. Dæme Saga 26 Hvórnenn Gylve vard margra hluta Vijs. 27 Gylve þesse var madur fiólkunnigur, hann undradest, þat ad 28 äsa fölk var so kunnigt, ad aller hluter giórdust ad 307 þeirra 29 vilia, og huxadi hann, hvórt þad munde vera af edle þeirra, eda 30 munde þvi valda Gudmógn er þeir blötudu. Hann byriade 31 ferd sijna til asgards, för med leind, og brä ä sig Gamalls- 32 manns lijke, og dvaldest 308 so, enn Æser voru vijsare, og säu fyrer f. 118v 1 ferd hanns, og giórdu möt 309 hónumm siön verfingar, og er hann 2 kom i Borgena, sä hann häfa hóll, so valla mätte siä yfer hana, 3 þak hennar var lagdt gilltumm skióldumm. Gylve sä mann i 4 hallar dyrumm, lek ad handsóxumm, og hafde sió senn ä lopte, 5 sä spurde hann fyrr ad nafne, hann nefndest Gänglere, og kom 6 enn af Refelstigumm, hann beidest ad sækia þar til Nättstadar, 7 og snerest madurenn fyrer hónumm inn i hóllena, Gänglere 8 gieck ä eftter, og þegar laukst hurdenn ä hæla hónumm, þar 9 sä hann mórg gölf, og margt fölk, sumt med 310 leikumm, sumer 10 med Vopnumm og bórdust, og þotte hónumm marger hluter o- 11 trüleger, þeir er 311 hann sä: Þar Sä hann 3 Häsæte hvórt 12 upp frä ódru, og spurde hann hvórt Nafn Hófdingia þeirra 13 være, sä svarar er hann leidde inn, ad sä er i hinu nedsta 14 Häsæte situr, var köngur, og hiet H  r, enn sä Ofarst er 15 hiet Þridie, enn sä er i Mided Sat, hiet JafnH  r. Þä spir 16 H  r komandann, hvad fleira sie erenda hanns, enn heimell er 17 matur og dryckur hier seiger hann, sem óllumm hier i Walhóll; 18 hann svarar ad fyrst vill hann vita, ef nockur er frödur 305 ætter] ætter mióg 66. 306 þeße lónd] + ädur nefnd Lónd 299; Lónd, þeße ädur sógd 66. 307 ad] ÷ 66. 308 dvaldest] duldust 66. 309 möt] möte 66. 310 med] ad 299, 66. 311 er] ad 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 580 Appendix <?page no="581"?> 19 madur 312 inne. H  r seiger hann kome ei heill üt, nema hann sie 20 frödare, og statttu frame sagde hann, medann þü fregnar; sitia 21 skal sä er seiger; Nam þä Gylve, hvór ed 313 þä nefndest 22 Gänglere ad Spurningumm, af þremur ädurgreindumm 314 Hä- 23 Sitiendumm, efter filgiande Dæmesógur 5.3.2.2 Prosa-Edda, Ds. XLII NKS 1867 4to (f. 133r - 134r), Hand: Ólafur Brynjólfsson. Varianten: ÍB 299 4to (f. 90v - 91r); SÁM 66 (f. 118r - 119r). Hand in beiden: Jakob Sigurðsson. 25 XLII Dæmesaga 26 Ad 315 Þör rere a Sio med Yme Jótun 316 27 Þör gieck üt umm Asgard, sem üngur Dreingur, og kom eirn aptan 28 til Jotunns eins, sä 317 hiet Ymer, Þör dvaldest þar ad 29 Gisting umm nöttena, enn i dógun stöd Ymer upp, klæddest 30 og biöst ad 318 Röa ä Siö til fiskiar: Þör var og uppi, og bad 31 Ymer at läta sig vera med 319 , Ymer sagde, at lijtel lidsemd 32 munde vera 320 ad hónum, og hann 321 munde kala, ef hann sæte So f. 133v 1 leinge og utarlega, sem hann var vanur, enn Þör kvadst munde 2 röa meiga, þä spurde Þor hvad þeir skildu hafa ad beitumm 322 , 3 enn Ymer bad hann fä sier siälfann beitu 323 , þä snere Þör þäng- 4 ad, er hann sä øxnaflock 324 er Ymer ätte, og 325 sleit hófud 326 af 5 hinumm mesta 327 uxanumm, er Himenbriötur er kalladur 328 , og för 6 med til Siäfar, hafde þa Ymer ütskoded Nóckvanumm 329 , Þör 7 gieck ä skip 330 , settest midskipa, tök tvær ärar og rere, 331 þotte 312 ef - madur] ef ad nockur madur er frödur hier 66. 313 ed] ad 66. 314 ädurgreindumm] ädur nefndumm 66. 315 ad] ÷ 66. 316 Jótun] Jötne 66. 317 sä] sem 299, 66. 318 biöst ad] willde 299; kvadst vilia 66. 319 vera med] med fara 299, 66. 320 sagde - vera] kvad lytel munde lidsemd 66. 321 hann] þör 66. 322 ad beitumm] til Beijtu 299; 66. 323 beitu] beijtuna 299, 66. 324 øxnaflock] + micklenn 299, 66. 325 og] þör 66. 326 hufud] hófuded 299, 66. 327 hínumm mesta] stærsta 66. 328 er kalladur] var kalladur 299; hiet 66. 329 Nockvanumm] nockvanu 299. 330 gieck ä skip] + og 299; stie utä 66. 331 rere] + og 299, 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 581 <?page no="582"?> 8 ymer verda skreidur ad rodre hans, ymer rere i hälsenum 332 9 framm, ok söktist Rödurenn skiott: seiger Ymer ad þa voru 10 þeir 333 komner ä 334 þær Waster, er þä voru þeir Vaner 335 ad draga 11 fiska 336 , enn Þör kvadst röa micklu leingra, og 337 töku þeir enn 338 sner- 12 te rödur, þä sagde Ymer ei vænt leingra ad röa 339 fyrer 13 Midgards orme, þör kvadst röa enn umm hryd, og so giórde 14 hann, Ymer var þä all ökätur, enn þä er Þör lagde upp 15 ararnar 340 , hafde hann üt vad heldur sterkann, og ei var 16 Aungullenn minne edur Orammlegre, þä liet þór koma ä 17 óngulenn Uxahófuded, og kastade fyrer bord, og för 18 Aungullenn til Grunns, og er þad satt at seigia, at þör 19 giete ecke 341 minna Midgards ormenn, enn Utg(arda)l(oki) 342 hafde spott- 20 ad þör 343 , þä er hann höf Ormenn upp med hende sier 344 . 21 Midgards 345 ormurennn gein yfer uxahófuded, enn Aungull- 22 enn vo i Göm 346 Ormsens 347 , enn er Ormurenn kende, þä 348 brä 23 hann vid so hart, ad 349 bäder hnefar Þors skullu üt ä 350 bord- 24 enu, þä spirnde þör vid so fast, ad hann hliöp bädum fötum 25 i gegnumm skiped, og spirnde vid grunne, og drö þä Or- 26 menn upp ad borde, enn þat 351 mä seigia, ad ecke hefur Ögurlegur 27 siön sied 352 vered, enn sü er þör hvesta augun ä Ormenn, 28 enn Ormurenn starde nedann i möt<e>, og blies eitrenu, 29 þä er sagt ad Jótunenn Yme 353 giórdest litvarpur, er hann sä 30 Ormenn, og siörenn 354 fiell 355 üt og inn umm Nóckvann, og i þvi 31 bile er þör greip hamarenn, og færde ä loft, þä fälmade 332 hälsenum] hälsu 299, 66. 333 þa voru þeir] þeir voru þä 299. 334 þa - ä] þeir voru þa ä komner 66. 335 þä voru þeir Vaner] þeir voru vaner 299. 336 þä - fiska] þeir voru vaner fisk [sic! ] ad draga 66. 337 og] ÷ 66. 338 enn] + þä 66. 339 leingra - röa] ad Röa leijngra 299, 66. 340 ararnar] Ärar 66. 341 ecke] eij 299, 66. 342 Utgardarloki] Loki 299, 66. 343 þör] hann 299, 66. 344 sier] sinne 299, 66. 345 Midgards] ÷ 66. 346 Göm] Gömenn 66. 347 Ormsens] ormenum 299; ä Ormenumm 66. 348 þä] ÷ 66. 349 vid - hart, ad] vit so 299; so hart vid, ad 66. 350 ä] af 66. 351 þat] þä 66. 352 sied] sien 66. 353 Jótunenn Yme] Yme Jótun 66. 354 siörenn] siooenn 66. 355 fiell] falla 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 582 Appendix <?page no="583"?> 32 Jótunenn til arnsax, og hiö vad Þors ä borde, enn Ormurenn 33 sócktest i Siö, þä kastade Þör hamrenum efter hónumm, og f. 134r 1 seigia menn, ad hann liste af hónumm hófuded, enn hitt er sannara 2 ad seigia, ad Midgards Ormurenn lifer enn nü i dag, og liggur i siä. 3 Þör setur 356 hnefann vid hófud Yme, so ad 357 hann steiptest fyrir Bord, 4 og sier 358 i Iliar hónum, enn Þör öd til lands. 5.3.2.3 Prosa-Edda, Ds. XLIX (Auszug) NKS 1867 4to (f. 137v), Hand: Ólafur Brynjólfsson. Varianten: ÍB 299 4to (f. 95r), Hand: Jakob Sigurðsson, Ergänzungshand (Reparaturen); SÁM 66 (f. 123v), Hand: Jakob Sigurðsson. 12 Nü ef þü kant leingra framm ad spyria / : sagde H  r 13 til Gänglera : / þä veit eg ei hvadann þier kiemur þat, fyrir þvi ad 359 óng- 14 vann mann heirda eg seigia leingra framm 360 alldar fared. og 15 niöttu nü sem þü namst. þvi næst heirde Gänglere dyne 16 mikla hvórn veg 361 frä sier, og leit hann üt ä hlid sier, og þä 17 er hann sier meira umm, þä stöd hann alleina, og sä ei nema 18 slietta vóllu, stefner hann þä braut leid sijna, og kemur 19 heim i Rijke sitt, og seiger þaug Tydende, er hann hafde sied 20 og heirt, og epter hónumm sagde hver madur þeßar sógur 362 5.3.2.4 Prosa-Edda, Epilog NKS 1867 4to (f. 147v), Hand: Ólafur Brynjólfsson. Varianten: ÍB 299 4to (f. 105r/ v); SÁM 66 (f. 136r/ v). Hand in beiden: Jakob Sigurðsson. 17 EPILOGUS, 18 Þessar og þvilijkar dæmesógur hafa firre menn ritad, 19 þeim til frödleiks sem girnast ad nema Mäl skäld skapar- 20 ens, og heÿa sier orda fiólda med fornumm 363 heitum, og skilia 364 21 þad sem huled er kveded, og þö 365 Asiæ menn, sem æser kall- 22 ast hafe falsad frä sógn þeirra Tydenda, er giórdust 356 setur] sette 66. 357 ad] ÷ 66. 358 sier] sä 66. 359 ad] ÷ 299. 360 seigia leingra framm] leingra seigia 66. 361 hvórn veg] alla vega 66. 362 þeßar sógur] þeßar sögur. Ender Gilfaginningar og H  rs Liga Sagna 299; þær þeßar Dæmisógur. Ender Gilfaginnïngar og H  rs Liga sagna 66. 363 fornumm] fógrumm 66. 364 skilia] ad skilia 66. 365 þö] þö ad 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 583 <?page no="584"?> 23 i Troia, til þeß ad lands fölk 366 skillde trüa þä Gude vera, 24 (ut ait author Eddæ) þä skulu menn þö ecke so Ovyrda 367 25 þessar frä sógur, ad taka ür skäldskapnumm fornar 26 kenningar, þær er 368 Hófudskäldenn hafa sier lijka lät- 27 ed, og Grundvóllur eru skäldskaparenns, og med 28 þessumm ädur tiedumm Dæmesógumm, eru margvijslega 29 og listelega dregnar, so sem læra 369 mä i hinum seirna 30 Parte þessarar Bökar. 31 Ender fyrra Parts þessarar Bökar 370 5.3.2.5 Björn Jónsson á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá (Auszug aus Kap. 1) NKS 1867 4to (f. 60v - 61v), Hand: Ólafur Brynjólfsson. Varianten: ÍB 299 4to (f. 34r/ v); SÁM 66 (f. 218r - 219r). Hand in beiden: Jakob Sigurðsson. 22 Ütlegging Biórns 371 ä Skards ä 372 : 23 yfer: 24 V ꜷ lu Spaa f. 61r 1 I. Capitule 2 Tvær Bækur eru þær hier ä Islande er men 373 nefna 3 almennelegast 374 hvoria fyrer sig Eddu, hvórt sitt nafn ad nockrer ⸝ 1° ⸜ 375 4 seigia, og skrifad hafa, ad sü Bök hafe, af þvi latinu Orde 376 5 Edo, eg dikta edur sam sat, hvad og mä vera vel sie til funded. 6 Adrer mæla ad sä hälærde vijse mann, Sæmundur prestur 377 , er ⸝ 2° ⸜ 378 7 hiellt þann nafnfræga Gard Odda, og so 379 eirnenn sydar, þä Snorre 8 hinn frode ölst þar og upp i fyrstu, hiä þeim mikla hófding- 9 ia Jóne Lopts Syne, Sæmundarsonar hins Fröda, hvóriumm 10 Tveimur vijsu mónnumm, Bækurnar edur Bökenn er eignud, og 11 fyrer þat þeir voru ä stadnumm Odda, hafe Bökenn þar af sitt nafn 12 og heite Edda. Og ad eg hier til nockru anse, þä er þat ⸝ 3° ⸜ 380 366 fölk] fölket 299, 66. 367 Ovyrda] O Wijrda so 66. 368 er] ad 66. 369 læra] ad Læra 299, 66. 370 Ender - Bökar] ÷ 299, 66; + Tantumm 66. 371 Biórns] + Jónssonar 66. 372 Skards ä] + J Skagafyrde 299. 373 men] menn 299. 374 almennelegast] almennelega 66. 375 1°] ÷ 66. 376 latinu Orde] Latinska 66. 377 prestur] + Sigfüßson 66. 378 2°] ÷ 66. 379 og so] so og 299, 66. 380 3°] ÷ 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 584 Appendix <?page no="585"?> 13 mitt hugbod, at first Bök þesse edur Bækur, eru i Nordsku Mä- 14 le samsettar, og óll þeira dimmu Nófn, fornirde og Mäls- 15 partar, þä mune og heite Bokanna Nordskt Ord vera, so 16 sem flestar Bækur þær, sem Jslendingar samannskrifad 17 hafa, þä hafa þeir gefed þeim Nafn af Sýnu Mödurmäle, 18 sem eg kann nockrar ad nefna og eru þessar 381 Skällda 19 Rymbegla, Hüngurvaka, Rómferla, Grænspialda, Og adrar 20 fleire. Nü eru þessar Bækur, sem Edda er nefnd, hvor 21 umm sig Sundurgreinelegar, þvi Bök sü 382 sem 383 Sæmundur prestur 22 Sigfusson hinn frode hefur samann teked, er óll i liödum, og hefur 23 samann hent i hana, óll þau ellstu spókustu og dimmustu 24 liöd, sem hann hefur i þessare Tüngu getad 384 funded, og hafa 25 marger kallad, þä Bök Sæmundar, Lioda Bök. 385 Enn su Bök 26 ónnur sem nefnd er Edda, er i sundurlausu Mäle, og dæme- 27 sógumm, sem Snorre lógmadur Sturluson 386 hinn frode hefur 28 samann skrifad, og hefur sagdur fræde madur Snorre, fyrer sier 29 haft til Bökar sinnar, forn skrif og sagner fyrre manna, 30 med þvi fleira sem hann siälfur hefur 387 tillagdt, eftter merkelegu Mann- 31 vite, umm Nófn allra hluta, og þat allt merkelega 388 Nidur sett i 32 eirn stad, sem ádur var i mórgumm pórtumm. f. 61v 1 Nü þar sem nefndur Snorre setur nidur nófnenn hlutanna, og 2 ä medal annars 389 , hvórnenn nefna skule margfaldlega, og þö övid- 3 kient, Fódur, mödur, son og 390 döttur, systur, Brödur, 391 afa, ømmu, 4 og so fleire ættboga upp og nidur, þa seiger Snorre, ad mödur 5 heite Eyda, enn Ammann Edda, og þö ad 392 eg, eda Annar minn make, (af 6 nockur er so ovitur 393 ) skilie ecke hvadan 394 sagdur Snorre dregur þesse 7 nófn, Mödur og 395 Ømmu, þä skulumm vier higgia, ad hann muna nockud 8 viturlegt hafa fyrer sier haft 396 : þviad þar Dötterenn 397 heiter Jöd, E-od, 381 þessar] + eftter fijlgiandj 66. 382 Bök sü] sü Bök 66. 383 sem] er 299, 66. 384 getad] gieta 66. 385 Sæmundar, Lioda Bök] S ę munþar Liöþa Bök 299. 386 lógmadur Sturluson] Sturlu son Lögmadur 66. 387 siälfur hefur] hefur siälfur 66. 388 merkelega] mióg merkelega 66. 389 annars] annara 299, 66. 390 og] ÷ 66. 391 systur, Brödur] Bröder; Sijstur 66. 392 ad] ÷ 299, 66. 393 ovitur] fävijs 66. 394 hvadan] hvad 299. 395 og] ÷ 66. 396 haft] + hafa 66. 397 Dötterenn] Dötter 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 585 <?page no="586"?> 9 edur Ed-li, so heiter möderenn 398 Joda 399 , E-oda 400 , Eida edur 401 Ed-ri / : ædri: / 10 enn sü þridia Amma, Jo-oda 402 , Je-edra, Jed-da 403 edur Ed-da, sem og 404 11 til dæmes, ad 405 sonur heiter Nidur, Nidie, edur Nidiüngur, þat merker Nid- 12 ra edur Nidur meir. Enn fódur fader Ai 406 / : Eigande : / avi edur afi, 13 þar 407 hann er ofan, efre edur yfer. þvi so sem sagt er, ad sä Vitre 14 Snorre skrifar, ad Moder heite Eyda, æda edur ædri, so higg eg 408 hann ha- 15 fe gefed nafn 409 Bök sinne, ad hün skylde heita Möder Eyda edur 16 ædri, alls þess er ädur fanst sundurlaust umm skaldskapenn, 17 og þessu myrkvu hulmæle, og dimmu Dæmesógur. Og so eirnenn 18 Bök Sæmundar, sem ädur hiet Liodabök, hafe hann kallad Ed-du, 410 19 Mödur mödur, edur ædstu alls þess, sem hann og hiner adrer hafa umm 20 þessa speke edur fræde hätt samann skrifad. þviad i Gylva- 21 ginning, sem sagdur Snorre hefur samannteket, vottast allar þær 22 vóndustu mälsgreiner til þeirra Späsagna, sem i Ed-du edur 23 ę d-stu Bök 411 Sæmundar eru Jnnsettar, læt so üttalad umm nafn 24 Bökarennar, umm þetta heldur hvor sem sijnest, og vidrette mitt vidskuleise 412 . 5.3.2.6 Björn Jónsson á Skarðsá: Útlegging yfir V ǫ luspá (Auszug aus Kap. 18) NKS 1867 4to (f. 74r - 74v), Hand: Ólafur Brynjólsson. Varianten: ÍB 299 4to (f. 43v); SÁM 66 (f. 232v - 233r). Hand in beiden: Jakob Sigurðsson. 12 XVIII. Capitule 13 þar æsir tala so miked umm Borgena, þä er Odinn skyllde 14 eiga, umm hennar vóxt og furdulega 413 atgiórfe, þängad sem 15 þeir skyldu aller fara, eftter daudann, sem valder væ- 16 re 414 under vopnenn til daudanns i Orostonumm 415 , þad er enn lijge 17 Smijde Asanna, til þeß ad auka Bardaga Oröann, og ad 18 Sem flester skyldu gyrnast, fyrer Vopnunumm ad falla 398 möderenn] + (Ed-li) 66. 399 Joda] Iöda 66. 400 E-oda] Edda 66. 401 edur] ÷ 66. 402 Jo-oda] I-ö-oda 66. 403 Jed-da] Jeda 66. 404 sem og] ÷ 66. 405 ad] ÷ 66. 406 Ai] + edur 66. 407 þar] þvi 299, 66. 408 eg] eg at 299, 66. 409 gefed nafn] nafn giefed 66. 410 erinenn - Eddu] ÷ 66. 411 edur edstu Bök] ÷ 66. 412 vidskuleise] vitleijse 299, 66. 413 furdulega] furdennlega 299, 66. 414 være] voru 66. 415 Orostonumm] Orrustuna 299, 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 586 Appendix <?page no="587"?> 19 þviad 416 þeir sógdu, at söttdauder menn og Elledauder 417 fære 20 til Heliar og i Niblheim, enn Giórdu harla miked af þeim 21 giædumm er Einheriar ætte hiä Odni i Walh ꜹ ll, þvi 22 þar feinge þeir myrkun 418 Og böt allra Mäla, Svida og Sära. 23 Enn skilia 419 mä ad eins er sannleikurenn 420 umm Borgena Wal- 24 haull, og hennar veru, Gagn og Giæde, og Æser sijndu Gäng- 25 lera, ad þä þeir vildu ecke leingur vid hann ræda, og seigia 26 hónumm, fra Gudlegumm krapte Asianitanna þeirra fyrre, og 27 so siälfra þeirra, so þeir dijrdkader være, hvarf Borg- 28 enn hónumm, og Æser aller med Einheriumm, sem og óllu 29 þvi þar Jnne var 421 , enn hann stöd üte epter eirn ä vijdumm 30 vellë, og hófdu æser giórdt hónumm slijkar siönhverf- 31 ingar, og Sem ad 422 kalla vita skifte. Enn Gylfi köngur 32 bar þeßar dæmesagner 423 üt eftter þeim umm Rijke sijn, og f. 74v 1 sijdann sagde so madur manne. Enn æser gäfu sier nófn, 2 og Borgumm sijnum, eftter þvi sem þeir sagdt hófdu, umm 3 þä fyrre Troiumenn so i framm tijdenne trüast skillde, ad all- 4 er være hinir Sómu, þeir fyrre Asiæ menn, og þeir siälfer, 5 sem hijngad i Danmórk og Sviþiöd komu 416 þviad] þvi 299, 66. 417 söttdauder menn og Elledauder] sött og Elledauder menn 299. 418 myrkun] myskirn 299. 419 skilia] skilia siklia 299. 420 sannleikurenn] Sannleijkur 299. 421 var] var j 299. 422 ad] Jeg 66. 423 dæmesagner] Dæmesogur 66. Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 5 Transkriptionen 587 <?page no="588"?> Register Textteil Im Register werden - den isländischen Konventionen entsprechend - die Einträge mit Þ/ þ nach Z/ z einsortiert. Alle anderen skandinavischen Buchstaben werden abweichend nach deutschsprachigen Regeln gelistet (Á/ á wie A/ a, Æ/ æ wie Ä/ ä, Ð/ ð wie D/ d, É/ é wie E/ e, Í/ í wie I/ i, Ó/ ó, Ǫ / ǫ , Œ / œ und Ö/ ö wie O/ o, Ú/ ú wie U/ u). Sach- und Werkregister Alt-Uppsala, Tempel 251, 286, 319 Antike 24, 42, 155, 169, 171, 192, 227, 238, 249, 252, 262, 293, 306, 332, 335 - 338, 340, 362, 383 f., 386, 392, 396, 402 Antiquare 42, 181, 368, 370 Antiquarianismus 40, 42, 152, 270, 310, 355, 359 f., 381, 385, 396, 408 Appendix eður Finale Eddu 97, 112, 114 f., 117, 127 - 129, 149 Archiv 18, 26, 36, 53, 343 - 347, 349 f., 352 f., 357, 373 f., 376 f., 379, 413 Artefakt 14 f., 17 f., 24, 26, 40, 58, 128 f., 167, 219, 244, 250, 270, 274 - 277, 319, 326, 345 f., 356, 359 f., 379, 385, 407, 409 f., 413 Æsir 41, 46, 53, 116 - 118, 154, 158, 163, 170 - 173, 176, 180, 232 - 234, 238, 289, 321, 330, 350, 376, 386 f., 389, 405 Ættartala Óðins 97, 112, 115, 119, 127 f., 144 - 148, 150, 166, 178, 180, 186, 188, 331, 354, 382, 397 - 399, 408 Auftragswerk 13, 36, 38, 41, 44, 51, 55, 57, 65, 75, 93, 120, 122, 130, 151, 166, 175, 196, 215, 339, 354, 378, 392, 410, 412 Autor 24, 28, 44, 50, 92, 121, 154 f., 168 - 170, 172, 174, 177, 188 f., 216, 229, 331, 343, 354, 357, 361, 365 - 371, 383 f., 405, 413 - Zuschreibung 168, 178 f., 189, 329, 366, 370, 379, 386, 413 Barefoot historian 40, 122 Bibliothek 43, 47, 55, 78, 97, 106, 140, 191, 349, 374 Bildung 37, 101, 103, 119, 130, 151, 169, 233, 372, 401 - 403, 410 - Bildungshunger 349 - Bildungsstand 74 f., 100, 410 - Hausunterricht 39, 103, 134, 151, 341, 410 f. - Lateinschule 39, 41, 43, 66, 68, 76, 96, 101 f., 104 f., 122, 214, 227, 349, 410, 412 - Schule 410 - Universität 39, 42 f., 54 f., 76, 131, 141 Bogennummerierung 61, 77, 86, 91 Brüche 14, 18, 25, 27, 31, 34 f., 152, 381, 397, 399 f., 408 - 410, 412 Buchbinder 107, 119, 123, 132, 135 f., 143, 189, 412 Buchbindung 23, 60, 78, 97, 120, 124, 126, 131 f., 339 - Einband 26, 60, 78, 80, 96, 106 - 109, 113, 123 f., 133 - 135, 141 - 145, 338, 363, 365, 411 - ungebunden 31, 33, 58 f., 77, 79, 91, 95, 184, 189, 193, 208, 357 Buchdruck 28, 38, 117, 155, 188 f., 205, 219 - 221, 340, 400 - Antiqua 190, 192, 219 f., 335 - Buchdrucker 17, 105, 119, 248, 412 - Fraktur 190, 192, 201, 219 f., 226, 240, 247 Buchschnitt 79, 106 f., 119 Celebrity 372 Codex Regius - der Lieder-Edda 44, 55 f., 90, 92, 117 - der Prosa-Edda 44, 47 f., 51, 55, 153, 280, 362, 369 Codex Trajectinus 42, 48, 154, 360, 362 <?page no="589"?> Codex Upsaliensis 15, 25, 42 - 44, 47 - 49, 51 f., 54, 56, 153, 156, 161, 167, 176, 181, 183, 194, 200, 207, 253 - 257, 269 f., 276, 289, 310 f., 313 - 315, 317, 319 - 322, 324 f., 328, 339, 354 f., 357 f., 360, 362, 366, 368, 370 f., 376 f., 398 f., 412 - Ættartala Sturlunga 47, 50, 161, 181, 253, 354, 366, 399 - Eingangsrubrik 49, 51, 153, 156, 194, 200, 207, 354, 360, 362, 366 f., 370, 376 - Illuminationen 42, 167, 253 f., 257, 310 - 314 - L ǫ gs ǫ gumannatal 47, 50, 161, 313, 354, 366, 371 Codex Wormianus 41, 47 f., 51 f., 55, 153 - 155, 161, 163, 169, 174, 176, 253 - 255, 330 f., 339, 362, 377, 389, 412 Cultural saint 372 Deep freezer 353 Dichten 45, 52 f., 76, 95, 305, 356, 365, 405 Dichter, Dichterinnen 46, 66, 71, 76, 81, 95, 101, 103, 105, 135, 170, 218, 233, 305, 307, 349, 365, 382, 395, 401, 412 Edda Islandorum 51, 54 - 56, 59, 61, 73, 96, 116 - 118, 129, 155, 160 f., 167 f., 174, 176, 190 - 192, 200 f., 218 - 221, 238, 240, 247, 284, 304, 328, 339 f., 347, 352, 354 f., 361 f., 365, 367, 371, 373, 375 f., 378, 412 Edda Magnúsar Ólafssonar 51, 54, 153, 160, 163, 247, 266, 330, 347, 352, 355, 361 f., 374 - Annar Partur 16, 28, 31, 52 - 54, 57 - 59, 64, 73 f., 76, 80 - 86, 88 - 91, 96 f., 99, 108 f., 112, 114, 116 f., 124 f., 127 - 129, 144, 147 - 149, 152, 157 f., 160 - 163, 176, 183, 194 f., 209 - 211, 213 f., 216 - 218, 226 f., 263 - 267, 270, 274, 276, 279, 295, 303 f., 306, 309, 331, 333, 340, 351, 356, 363, 365, 370 f., 374 - 378, 392 - 394, 400 f., 410, 413 - Dæmisögur 17, 26, 29, 31, 52 f., 55 f., 82, 84, 86, 89 - 91, 95 - 97, 108 f., 111 f., 114 - 116, 121, 123 f., 127 - 130, 133, 144, 146 - 149, 151, 157 f., 160, 165 - 167, 174, 176 f., 182, 184, 186, 194, 202, 209, 213 - 216, 218, 227 f., 235, 242, 244 f., 248, 258 f., 264, 266 - 271, 274, 276 f., 279 f., 282 - 286, 288 f., 291 f., 303 - 307, 309 f., 319, 325 - 329, 332 - 335, 337, 339, 355 - 357, 363, 365, 370, 374 - 378, 382, 405, 411, 413 - Prologus 17, 28, 52, 54 f., 58, 85 f., 89 - 91, 96 f., 112, 114, 116, 127 - 129, 148 f., 152 f., 155, 157 f., 161 - 163, 165 f., 168, 171 - 173, 176 f., 181, 183, 185 - 187, 194, 209, 216, 232, 234, 239, 310, 329 f., 338, 374, 376, 387 - 389, 411 Eddische Dichtung 15, 17, 19, 28, 32, 44 - 46, 56 - 58, 61, 64, 69, 77, 84 - 94, 96 f., 99 f., 108 - 111, 113 - 117, 119 - 121, 125 - 133, 145 - 149, 158, 182 - 184, 186, 192 f., 195 - 201, 209, 211, 213, 221, 227, 229 f., 236, 240, 244 - 248, 266, 271, 275, 303, 305 - 307, 337, 340, 342, 350, 352, 356, 361 - 363, 366, 368 f., 374 f., 379, 381, 406, 410 f. - Balldrs draumar 48, 88, 92, 114, 117, 148, 306 - Grímnismál 46, 48, 88, 91 f., 114, 121, 148, 158, 160, 185, 244 - 247, 266, 286, 303, 305, 307, 356 - Gunnarsslagur 45, 97, 99, 110 f., 114, 117, 121, 128 f., 148 f. - Hávamál 44, 55, 77, 85, 91, 114, 117, 121 f., 128, 148, 169, 184, 191, 230, 233 f., 241, 305, 319, 369 - Hymiskviða 48, 88, 114, 148 f., 279, 284 - Sigrdrífumál/ Brynhildarljóð der V ǫ lsunga saga 44, 88, 92 f., 111, 114, 118, 128, 130, 148, 185, 230, 233, 235, 335 - Sólarljóð 32, 85, 87 - 89, 92, 114, 117, 148 f., 369 - V ǫ luspá 46, 55, 77, 85, 88, 90 f., 104, 108, 114, 117, 121 f., 124, 128 f., 145 f., 148 f., 169, 184, 186, 191, 198, 211, 227, 264, 271, 307, 319, 337 f., 369, 378 - Þrymskviða 88, 114, 148, 303, 306 f. Einheiten - Gebrauchseinheiten 31, 33, 58, 79, 81, 86 f., 95, 148, 208, 212, 340, 411 - kodikologische Einheiten 31 - 33, 57 f., 60, 69, 74, 82 - 87, 90 - 92, 94 f., 99, 109 f., 113, 120, 126 f., 131, 133, 146 f., 183, 186, 208 f., 212, 246, 356, 363 - Produktionseinheiten 31, 86 f., 100, 109 f., 113, 128, 131, 148, 208 - Zäsur 31 - 33, 82, 86 f., 127 f., 147, 153 Emblembücher 258 f., 272 Emotionen 264, 283, 292, 299, 323, 325, 389 Erweiterter Prolog 17, 29, 57, 96 f., 109, 111 f., 114, 116 f., 119, 125, 127 - 130, 146 f., 149, 153, 157, 164 - 166, 178 - 180, 185 - 187, 193, 215, 235 - 237, 243, 264, 267, 270, 275 f., 309, 340, 348, 354, 374, 376 f., 381 f., 385, 390, 396, 409 - Vorwort I 54, 97, 108, 114, 116, 125, 128, 145, 147 f., 163, 165 - 170, 174 - 177, 184, 187, 216, Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 Sach- und Werkregister 589 <?page no="590"?> 220, 227, 270, 289, 328, 331, 333 f., 348, 357, 359, 361, 376, 382 - 384, 386 - 390, 394 f., 397, 400 - 402, 404 - 408, 412 - Vorwort II 97, 108, 114, 128, 148, 163, 165, 167 - 170, 174 - 176, 184, 187, 227, 270, 289, 331, 333 f., 357, 359, 382 - 384, 386 - 390, 394 f., 397, 400 - 402, 404 - 408, 412 - Vorwort III 97, 108, 114, 128, 148, 165, 167 f., 174 f., 184, 187, 270, 357, 382, 390, 394 f., 397, 401 f., 404 - 408, 412 - Vorwort IV 54, 114, 116, 128, 148, 166, 168, 176 f., 187, 216, 220, 328, 348, 361, 376 Euhemerismus 46, 154, 163, 171, 173, 181, 186, 194, 284, 329 f., 334, 355, 375, 389 Fiktionalität 264, 329, 381 Foliierung 32, 59, 61, 64, 69, 77, 108, 125, 145, 193 Format 26, 63, 80 f., 107, 124, 144, 193, 196, 202, 208, 212, 266, 286, 357, 364 f. - schmales 17, 57, 66, 80 f., 94 f., 208, 266, 357, 364 Freyja 90, 158, 161, 169 f., 172, 265, 294 f., 304, 312, 318 f., 330 f., 333 Gebrauchsspuren 31 f., 59, 69, 74, 78 f., 82, 84, 86 f., 107, 120, 123 f., 133, 135, 137, 142, 144, 149, 200, 218, 249, 313 Gedächtnis - Floating gap 345, 351, 354 f. - kommunikatives 343 f., 354 - kulturelles 14, 18, 25, 36, 41, 79, 180, 243, 332, 342 - 351, 354, 356 f., 359 - 361, 366 - 369, 372, 374, 377 - 379, 413 - Leerstellen 27, 250, 349, 357 - Weltdokumentenerbe 379 Gelehrsamkeit 13, 15 - 17, 37, 40 - 44, 54, 56, 74, 77, 93, 96, 108, 112 f., 118 - 120, 128 - 132, 151, 165, 168 f., 171, 175 f., 181 f., 185 f., 191, 197, 201, 206, 220, 232, 235, 238, 240, 243, 248, 252, 255, 257, 276, 308, 310, 317, 341, 343, 348, 357, 361, 368 - 370, 373 f., 378, 382, 387, 390, 393 - 397, 401 f., 405, 407 f., 410 - 412 Gesetzessprecher 191, 200 - 202, 367, 371, 395, 398 - Nomophylakes 191, 367, 371 Gesicht 64, 66, 249, 256, 260, 262 f., 273, 275, 280, 282 - 284, 289 - 291, 296, 299, 301, 312 - 314, 319, 322 f., 325, 332, 338 - Sonnengesicht 279, 289, 299, 317, 325, 358 Götter, Göttinen 186, 284, 386, 389 Götter, Göttinnen 15, 46, 58, 66, 88, 90, 154 f., 158, 160, 163, 169, 171 - 173, 185 f., 193, 203, 249 f., 254, 263 - 266, 269, 273 - 275, 284, 290 f., 293, 296, 304, 307, 309 f., 319, 331 f., 334 f., 339 - 341, 386 - 389, 396, 411, 413 Hárs lygi 18, 42, 47, 99, 152, 167, 249, 253 f., 256 f., 268 - 271, 275 - 277, 279, 286, 293, 299, 307, 310 - 312, 315 - 318, 320 - 324, 326, 328, 339 f., 376, 412 Heiligenbilder 359, 385, 389 Heiti 46 f., 49, 52, 55, 59, 61, 73, 90 f., 117 f., 153, 160, 163, 174, 183, 210, 216 - 218, 226 f., 265, 274, 304, 306, 315, 331, 333, 341, 351, 356, 358, 361, 365, 367, 376, 378, 393, 400, 411 Heroisierung 284 Heroismus 89, 92, 94, 283 f., 288, 382, 390, 392 f., 396 Holster book 81 Hrólfs saga Gautrekssonar 42, 103, 112, 115, 118, 127 f., 130, 185, 263, 314 Humanismus 13, 37, 40, 43 f., 186, 191, 219, 221, 240, 339, 355, 377, 385, 406 Humor 284 - 286 Hunnestad-Monument, Hyrr ǫ kkin-Bildstein 229, 243, 269 - 271, 275 f., 307, 319 Illuminationen 13 - 16, 18, 25 - 30, 38, 43, 47, 58 - 61, 63 - 66, 68 f., 72, 74, 79 - 82, 84, 86, 88 - 92, 96 - 99, 101, 103 - 105, 107 - 109, 114, 117, 119 f., 122, 124, 126 f., 129 - 132, 136, 144, 152 f., 157 - 160, 163, 166 f., 172, 183, 188 f., 192 f., 195 f., 200, 205 - 207, 210, 215, 235 f., 241, 243 f., 248 - 257, 259 f., 262, 264 - 267, 269 - 286, 289, 291, 293 - 295, 297 f., 302 - 307, 309 - 311, 313 f., 316 f., 319 - 321, 325 - 330, 332 - 340, 342, 349, 352, 355, 357 - 359, 361, 364 - 366, 372, 374 f., 377 - 380, 382, 386 f., 389 f., 396, 404, 409 - 413 - Beischriften 18, 25 f., 28 f., 57 - 59, 61, 63, 69, 88, 90, 92, 95 f., 99, 103, 105, 149, 158, 160, 165, 167, 178, 194 f., 202, 218, 222, 225 f., 230, 235 - 237, 239 - 244, 247, 249 f., 253, 263 - 267, 269 - 272, 275 - 277, 280, 282, 284, 289, 291, 295, 299 f., 302 - 311, 313 f., 317 - 319, 321, 325 - 328, 330, 333 - 335, 337 f., 356 - 359, 363, 372, 374, 378, 386 f., 389, 396, 410 f. - Bildlage 107, 109, 111, 114, 116, 130 f., 144, 146, 148 f., 157, 165 - 167, 172, 202, 204, 259, 265, 267 - 271, 274 - 277, 279 - 281, 286, 288, 291, Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 590 Register Textteil <?page no="591"?> 296 f., 301, 307, 309, 320 f., 323 f., 330, 334 f., 357 f., 377, 411 - Bildmedaillons 130, 167, 188, 192, 196, 202, 205, 260, 262, 269 - 271, 275, 291, 325, 330, 334 f. - Bildseiten 17 f., 32, 58, 61, 63, 96, 98 f., 107, 109, 116, 123, 125, 128 - 130, 144 f., 149, 152 f., 156 - 158, 160, 165 - 167, 179, 198, 202, 214, 219, 229, 235, 242, 247 f., 253, 256 - 260, 262 - 264, 267 - 272, 274 - 277, 279 f., 282, 284 - 286, 292, 297 f., 300, 302, 304, 307 - 311, 314, 317, 320 - 323, 326 - 328, 330 f., 334 f., 337, 339 f., 356 f., 359 f., 372, 377, 380, 385 - 387, 389 - Bordüren 64, 188, 190, 192 - 195, 200 - 202, 205, 265 - illuminiertes Bifolium 108 f., 166, 267, 270, 360 - Initialen 206 - Ornamente 64, 74, 142 f., 188, 190, 192, 195 f., 198, 205, 207, 211 f., 214, 248, 262, 265, 286, 288, 297 f. Individualisierung 192, 271, 309, 348, 373, 377, 413 Inhaltsübersicht 26, 28, 32 f., 57, 90, 97, 100, 109 - 115, 117, 127 - 129, 145, 147 - 149, 182, 184, 188, 190, 195 - 198, 205, 208, 211 - 213, 218, 269, 355, 363, 370, 375, 377 Interpretatio - Christiana 170, 174, 185 - Norr œ na 170, 329, 331, 334 f., 338 - Romana 18, 116, 120, 122, 130, 149, 151 f., 154 f., 169, 171 f., 176, 185, 213, 249, 262, 275, 292, 304, 306 f., 309 f., 329 - 336, 339, 341, 378, 387, 396, 411 Kanon 18, 36, 154, 252, 283, 343 - 349, 351 f., 356, 360, 369, 372 - 374, 377 f. - Kanonisierung 15, 17 f., 25, 27, 152, 188 f., 200, 343, 345 - 350, 352 f., 355, 361 f., 367, 369, 372 - 379, 382, 405, 413 Kenningar 45 - 47, 52 f., 55 f., 59, 61, 73, 76, 90, 93 f., 116 - 118, 129, 151, 153, 158, 160 f., 163, 174, 176, 180, 183, 185, 210, 212, 217 f., 226 - 228, 232, 236, 265, 274, 276, 291, 293, 303 f., 306, 326, 328, 338, 341, 351, 356, 358, 365, 370, 375 - 378, 386, 390 - 394, 400 f., 403 - 405, 407 f., 410 f. Kleidung 67, 139, 260, 262, 273, 290, 293 - 298, 300 f., 323, 332, 340, 372, 386, 404, 411 - faldbúningur 295 - Flügelhelm 259, 272, 275, 334 - Helm 262 f., 283, 298, 336, 386, 389 - krókfaldur 293, 295, 304 - Rüstung 172, 257, 262 f., 297 f., 309, 336, 340, 396 - treyja 295 König - dänischer 30, 37, 41, 47, 171, 191, 201, 229, 392, 399 - norwegischer 46, 53, 229, 392, 398 Konservieren, Reparieren 26, 31, 33, 59 - 61, 74, 78 f., 82, 86 f., 120, 123, 125, 131 f., 144, 146, 200, 266, 271, 273, 349, 411 f. - nachträgliche Zusammenfügungen 31, 82, 86, 123, 125 f., 128 Kontinuitäten 14, 31, 35, 152, 202, 239, 247, 301, 395, 408, 411 f. Kopfzeile 32, 145, 175, 177, 376 Körper 67 f., 252 f., 259, 262, 266, 273, 280, 282 - 284, 290 f., 295, 299, 301, 305, 311 - 313, 320, 322 - 324, 332, 353 Kultbild 172 f., 235, 250 f., 268, 270, 275, 300, 307, 319, 357 - 360, 382, 386 - 390 - Verehrung (Idolatrie) 168 f., 173, 185, 187, 239, 358 f., 382, 384 - 390, 394 f., 408 - von Óðinn 235, 250, 268, 275, 300, 307, 358, 360, 379, 387 f., 390, 396 Kultur - Blüte 382, 385, 390, 394 f., 412 - Niedergang 38, 41, 95, 174, 176, 382, 385, 392, 397, 400, 402 f., 407 f. Kulturheros 372, 379 Kustoden 32, 108, 212 Kvöldvaka 39 Lage 31 - 33, 58 f., 61, 63, 71 f., 74, 79, 82, 84 - 87, 89, 99, 107, 109 - 113, 120, 123, 125 - 128, 142, 144 - 147, 149, 158, 160, 163, 178, 184, 189, 193, 200, 210, 236, 238, 265 f., 269 - 271, 274, 285, 289, 304 f., 376, 381, 385, 401, 403 - Lagenzählung 125, 145 - modifizierte 32, 109 - nachträglich zusammengesetzte 33, 84 f., 109, 127 - Struktur 57, 71, 79, 82, 84, 86 f., 91, 109, 125, 151 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 Sach- und Werkregister 591 <?page no="592"?> Lagenfüller 31 f., 58 f., 63, 69, 72, 74, 82, 84 f., 87, 93, 97, 108, 110 - 114, 146 Lærdómsöld 40, 43, 355, 381 Lesen - lineares 207, 218 - radiales 207 f., 212, 218 - räumliches 207 Lesende 14, 26 - 28, 61, 140, 151 f., 176, 186, 208, 214, 230, 239, 243, 284, 309, 350, 364, 366, 371, 386, 399, 402 - 405, 408, 410 Lesevermerk, Besitzvermerk 61, 76, 96, 121, 133 - 136, 140, 142, 144, 148, 239, 360, 363 Longue durée 250, 278, 399 Marginalien 120 f., 130, 133, 208, 213 f., 224, 227, 255, 289, 378, 396 Mimikry 200, 359 Mise en abyme 280, 366 Mittelalter 14, 30, 41, 45, 48, 155 f., 170, 186, 189, 219, 254, 276, 282, 310 f., 350, 383, 390 f., 396 f., 399 f., 409 Mouvance 29 f., 267, 373 Mythologie, klassische 42, 88, 90, 116, 118, 130, 149, 155, 160, 163, 165, 168 f., 171, 187, 213, 227, 249, 252, 259, 262, 266, 272, 293, 306, 329 - 335, 339, 341, 371, 378, 383 - 385, 387, 389, 392 Nation 372 Nationalismus 35, 317, 382, 406 f. - Nationalromantik 252, 283, 332, 372 Neuschreiben 13 f., 22, 28 f., 34, 36, 38, 45, 48, 56 f., 95, 152, 157, 182, 185, 188, 198, 207, 216, 235, 238, 249, 279, 309 f., 325, 330, 339, 342 f., 348, 350, 354, 377, 410 - 413 Orthografie 26, 69, 206 f., 244, 248, 340, 406 Paginierung 32, 57, 108 f., 111, 120, 125, 128, 145 - 147, 156, 212 - 216, 267, 376 Paratext 14, 28 f., 47, 52, 103, 120, 156 f., 182, 187, 205 - 207, 211 f., 216, 218 f., 240, 307, 309, 329, 348, 354, 360, 369 - 371, 376 f., 379, 409, 411, 413 - Pluralisierung 29, 156, 187, 371 pennavíkingur 105 Prosa-Edda - bók 50, 360, 362 - 364, 366, 377 - Datierung auf 1215 181, 184, 191, 200 - 202, 241, 356, 367, 371, 395, 406 - Epilog 46 f., 53, 186, 329, 350, 362 f., 376, 386, 405, 407 f. - Gylfaginning 15, 42, 46 - 48, 50, 52 f., 95, 118, 153, 183, 185 f., 253, 274, 279 f., 310 - 315, 317, 319, 327 f., 355 f., 368, 376, 381, 383, 413 - Háttatal 46 - 50, 53, 70, 85, 88 f., 91, 94, 119, 153, 194, 233, 352, 355, 366, 370, 379, 390, 413 - Kanonisierung ‚ Snorra-Edda ‘ 13, 19, 45, 189, 241, 360 f., 366, 368 - 370 - Prologus 42, 46 - 48, 50, 152 - 156, 163, 169, 187, 232, 234, 239, 253, 330 f., 338, 342, 381 f., 386, 389, 413 - Rahmennarrativ der Gylfaginning 15, 42, 46, 53, 55, 167, 183, 253, 276, 310 f., 317, 326, 329, 339, 349, 352, 355, 370, 379 - Skáldskaparmál 46 - 50, 52, 93 - 95, 183, 186, 194, 254, 279, 313, 348, 350 f., 355 f., 375, 394, 413 - Titel 54, 168, 189, 191, 194, 361 f., 368, 373 Rahmung 18, 57, 128, 152 f., 165, 180, 182 - 184, 188, 267, 270 f., 310, 329 Reformation 30, 37 f., 40, 181, 252, 366, 385, 397 - 399 Religion, vorchristliche 18, 35, 169, 176, 250 f., 302, 307, 329, 359 f., 377, 381, 385 - 390, 392, 394, 407 f. Rezeption 13 f., 16 - 19, 22 f., 28, 30, 34, 36, 38, 45, 57, 152 f., 156, 170, 186, 188, 206, 243, 276, 284, 311, 341 f., 348, 350 - 352, 368, 381, 393, 395 - 397, 407, 409, 412 f. Riesen, Riesinnen 41, 158, 160, 173, 264 - 266, 276, 279 f., 282 f., 290 f., 295, 309, 383, 413 Runengedicht - Isländisches Runengedicht 97, 108 f., 112, 114 f., 119, 127, 129 f., 147 - 149, 232 - Norwegisches Runengedicht 33, 85, 88, 93, 230 f., 234 Runenschrift 17, 41, 44, 56, 96 f., 111 f., 114, 118 f., 128 - 131, 142, 147 - 149, 165 - 167, 178 - 180, 184 f., 187, 202, 206, 219 - 221, 228 - 243, 248, 250, 263, 269 - 271, 276, 282, 308, 327, 334 f., 340 f., 353, 406, 411 - Binderune 64, 231 - 233 - Málrúnir 201, 230 - Runenreihen 41, 99, 114, 179 f., 219, 230, 234 - 237 - Runica Manuscripta 229 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 592 Register Textteil <?page no="593"?> - Schlüsselrunen 114, 129, 198, 201, 230, 232 - 234, 236 f., 240 Runenstein von Tirsted 127, 129, 179, 229, 235 f., 243, 264, 269 - 271, 275 f., 319, 359, 396 Schaubilder, Diagramme 25, 47, 207, 215, 254, 273, 311, 319, 347 Schluss - Formel 32, 184, 370 - Wort 184, 214 Schlüsseltext, kultureller 373, 379 Schreiben, interlinear 59, 61, 73, 121, 185, 208, 212, 216, 375 Schreibvermerk 197, 200 Schrift 25 - 27, 29 f., 32, 41, 60 f., 64, 70 f., 74 f., 81, 100, 110, 115, 118, 124, 131, 143, 148 f., 151 f., 158, 160, 180 f., 192, 197, 199, 201, 206 f., 211, 220 f., 226 - 230, 234, 236 - 240, 242, 244, 246 - 249, 253, 255, 308, 314, 344, 362 - 364, 367 f., 395, 398, 406, 408 f., 413 - Abkürzungen 74, 215, 226, 245, 248 - Geheimschrift 71, 86, 88, 97, 111 f., 114 f., 119, 129, 132, 135, 147 - 149, 165 f., 178, 184 f., 188, 219, 221, 229 f., 234 - 236, 238 - 242, 269, 308, 334 - Kanzleischrift 63, 69 f., 72, 74, 177, 219, 221 f., 226 - 228, 234, 240, 242, 244 f., 271, 308, 335, 406 - Kurrentschrift 64, 70, 74, 166, 177, 215, 219, 221, 223, 226 f., 238, 245, 406 - Kursivschrift, humanistische 219, 221, 226 f., 240 Schriftbild 18, 23, 70, 73, 75, 152, 205 f., 212, 219, 221, 227, 229, 238, 245, 248, 342, 409 Schriftspiegel 80, 100, 108, 124, 145 Seitengestaltung 14, 26, 32 f., 46, 60, 71, 93, 95, 108, 110, 121, 133, 145, 161, 166, 177, 193, 205 - 209, 211 f., 214 f., 218 Seitentitel 26, 108, 149, 189, 206 - 208, 212 - 216 setja saman 50, 367 f. Sibyllinische Bücher 307, 338, 366 Signe-de-renvoi 73, 75, 211 Skaldische Dichtung 15, 17, 29, 45 f., 50, 52 f., 55, 58, 70 f., 75, 77, 85 - 95, 117, 161, 182 - 185, 194, 210 f., 227, 250, 279, 340, 342, 348, 350 f., 355 - 357, 371, 375, 379, 381, 386, 390, 392 - 396, 403, 406 f., 410 - Heiðreks gátur 88 f., 93 - Lausavísur 58, 72, 86, 89, 93, 211, 356 f., 411 - Sonatorrek 88, 93 f., 386 Sonnengesicht 279, 289, 299, 317, 325, 358 Textformen 18, 25, 27, 30 - 32, 189, 205, 310, 339 f., 348, 413 - materieller Text 14, 22 - 28, 30 f., 36 f., 47, 50, 57, 60, 63, 66, 71, 81, 83, 86, 91 - 93, 95 - 97, 113, 121, 128, 130, 132, 146 f., 152, 183, 189, 193, 201, 205, 208, 212, 215, 254, 267, 270, 332, 340, 356 f., 362 - 364, 366, 370, 376, 396, 401, 403, 409 - 411 - verbaler Text 13 f., 22 - 28, 30, 32, 34, 46, 71, 96, 105, 121, 129, 150, 152 f., 157 f., 160, 178, 183 f., 187 - 189, 192 f., 197, 199, 201, 205 - 207, 211 f., 214, 216, 218 f., 221, 228, 230, 241, 243, 247 - 249, 253 - 255, 257, 266 f., 273 f., 276, 279, 282 f., 289, 291, 295, 298 f., 302 - 305, 307, 309 - 311, 321, 325 f., 328 - 332, 334 f., 339 - 341, 352, 357, 359, 361, 366, 374 - 378, 387, 389, 395, 403, 409, 413 - visueller Text 14 f., 22 - 26, 29 f., 32, 34, 46, 48, 52, 71, 74, 100, 103, 105, 140, 144, 150, 152 f., 156 - 158, 178, 188 - 190, 192 f., 196 f., 199, 201 - 203, 205 - 207, 209 - 212, 214 - 216, 218 f., 221, 227 - 229, 238, 240 f., 243, 245, 247 - 249, 251, 264, 266 f., 269 f., 273 - 276, 278, 280, 282 f., 285, 288, 291, 295, 301, 304 - 307, 309 - 311, 319 - 321, 325 - 331, 333 - 335, 339 f., 352, 357, 359 - 361, 364, 366, 370, 373 - 377, 387, 389, 406, 409, 413 Tinte 26, 32 f., 60, 63, 66, 69 f., 72, 74, 100, 107, 128, 255, 280 Titelseite 18, 26, 28, 32, 51, 58, 60, 63 - 66, 71, 76 f., 84, 86, 88, 90 - 92, 99 f., 108, 110 f., 114 f., 117, 119, 121, 125 - 130, 132 f., 142, 144 - 153, 157 f., 160, 165 - 167, 169, 181 f., 184, 188 - 205, 209, 212 - 215, 218, 226, 232, 236, 240 f., 246, 260, 265, 269, 271, 275, 296, 309, 311, 325, 334, 340, 342, 354, 356 f., 360 - 363, 366 f., 369 - 377, 395, 406, 408, 411 - 413 Überschriften 53, 58, 61, 63, 92, 108 f., 115, 130, 149, 161, 163, 168 f., 174 - 177, 206, 211, 216, 218, 231 f., 236, 255, 266, 279, 303, 305, 310, 328, 331, 400 Ultima Thule 353 Umverteilter Prolog (AM 738 4to) 17, 58, 86, 90, 152, 157, 159, 187, 209, 264, 331, 411 - Liste mit Personennamen aus der Sturlunga saga 88, 161, 266 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 Sach- und Werkregister 593 <?page no="594"?> - Prologus-Auszüge 28, 58, 85 f., 89 - 91, 152, 161 - 163, 176, 338 - Verzeichnis über Namen aus der klassischen Mythologie 88, 90, 160, 331 Verfassen 41, 191, 207, 368 Vergessen 156, 180, 249, 328, 343, 345 - 348, 352 f., 374, 381, 405, 410 Verweise 29, 86, 91, 167, 218, 257, 269 - 271, 302, 309, 327, 355, 377, 410 Vesturfarar 139 Vielschriftigkeit 206, 212, 218 f., 221, 227 - 229, 236, 238 - 240, 248, 308, 340 víking 392 Wasserzeichen 32, 57, 63, 78 f., 82 f., 107, 109 f., 123, 125 f., 145 f. Widmungsgedicht 97 f., 100, 105, 110, 114, 116 Zeilenanzahl 32, 70, 80, 108, 110, 144 Zeitalter 15, 36, 171, 185, 187, 382 - 384, 396 - Eisernes 170 - 172, 383 f., 400 - Goldenes 15, 18, 36, 41, 170 f., 185, 344, 382 - 385, 390, 392 - 397, 400 - 403, 405 - 408 - Silbernes 170 f., 383 f. Zielpublikum 14 f., 46, 56, 119, 123, 151, 200, 206, 232, 240, 332, 334, 343, 378 Þjóðveldið 37, 41, 341, 371, 390, 392, 395 f., 400, 406, 413 Þórs Fischzug 272, 278, 281, 283 f. Namen- und Ortsregister Adam 93, 171, 174, 180, 188, 354, 397, 408 Adam von Bremen 251, 319 Alciato, Andrea 258 f., 273 Apollo 169, 172, 213 Arethusa 172 Arngrímur Gíslason 135 f. Arngrímur lærði Jónsson 41 f., 47, 51, 54, 174, 357, 371, 396, 406 f. Árni Böðvarsson 108, 110, 113, 115, 118, 185, 256 Árni Magnússon 28, 43, 47 f., 58 f., 61, 75, 77, 82, 94, 293, 369 f., 379, 385 Arnkiel, Troels 251, 314, 316, 318 Ásgarðr 53, 173, 277, 292, 310, 383 Ásgrind 286, 324 Askja 138 Ätna 170 Auðumbla 202, 242, 268 f., 271, 275, 277 Baal/ Bel 173, 388 Balldr 46, 90, 173, 262, 265, 268, 272, 274, 277, 284, 292 f., 298, 300 f., 307, 330, 364 - 366, 372, 388 Bartholin, Thomas d. Ä. 43, 55, 111, 114, 116, 127 f., 165, 167, 170, 200, 235, 238, 240, 352 f., 378 Bartholin, Thomas d. J. 43, 109, 127, 167, 275 f., 309, 316 f., 326, 412 Baugi 268, 272, 277, 291, 297 f. Björn Jónsson 256 f., 263, 325 Björn Jónsson á Skarðsá 44, 77, 84, 88, 93, 104, 111, 114, 118, 126, 128, 130 f., 145 - 148, 150, 182, 185, 230, 232 - 234, 279, 329, 341, 349, 356, 361 f., 367 f., 384, 388, 395 Bragi 46, 53, 61, 66, 81, 90, 196, 213, 265, 274, 294, 304, 364 - 366 Brísingamen 304 Brynjólfur Sveinsson, Bischof 42 - 44, 47 f., 54, 75, 93, 95, 186, 245, 353, 369 Bugge, Sophus 60, 92, 117, 246 Bustarfell 288 f. Cicero 170, 172, 334 Daði Níelsson 256, 372 Dänemark 13, 40 - 43, 46, 154, 171, 233, 243, 250, 270, 290, 298, 339, 377, 406, 412 Eggert Ólafsson 39, 392 Einar Eyjólfsson 204 f., 257 Eiríkur d. Ä. Hoff 97, 100, 105, 248 Elín Magnúsdóttir 131, 137 - 141 Engilbert Jónsson 256 Fenrir 61, 63, 81, 95, 158, 160, 202, 234, 256 f., 259, 265 f., 268 f., 271, 274 f., 277, 284, 303, 305 f., 322, 328, 335 Filippus Salómonsson 256 Finnbogi Sigurðsson 135 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 594 Register Textteil <?page no="595"?> Gangleri (König Gylfi) 46, 53, 167, 173, 183 f., 186, 253, 268 f., 288, 298, 310 f., 313 - 315, 317 - 329, 339, 355, 358, 365 Garðar (North Dakota, USA) 131, 140 Gimli (New Iceland, Kanada) 131, 139 f. Gísli Gíslason 135 - 137, 143, 363 Gjallarhorn 202, 265, 268 f., 272, 274 f., 334 Göransson, Johannis 56 Guðleif Árnadóttir 136 f. Guðmundur Andrésson 44, 168 f., 338 Guðmundur Eiríksson 97, 100, 103 - 105, 110, 289 Gunnar Pálsson 45 Gunnl ǫ ð 160, 265 f., 273, 277, 285, 294 f., 304 f. Halldór í Öxnafelli 256, 272, 280 Hallgrímur Pétursson 45, 58 f., 74 - 76, 81, 84, 88 f., 93 f., 136 f., 183 - 185, 382, 390 - 394, 397, 400 f., 403 f., 407 f., 411 Haraldur Bessason 131, 141 Hárr, Jafnhárr, Þriði 46, 53, 167, 173, 183, 186, 253, 268 f., 286, 288, 291, 307, 310 - 315, 317 - 319, 321 f., 324 f., 327 - 329, 365, 376 Hatton, Edward 148 Haukr Erlendsson 72, 77, 84, 88, 93, 354, 397 f. Heiðrún 265, 268, 275, 286 Heimdallr 90, 172, 202, 213, 265, 268 f., 271 f., 274 f., 286, 291, 298, 300, 324, 329 f., 333 f., 377, 396 Hekla 170, 353 Hel 170, 173, 268 f., 272, 274, 277, 284, 289, 292, 305, 307 Helgrind 286, 292, 306, 324 f. Hermóðr 268, 272, 277, 284, 292, 297 f., 300, 307 Hjalti Þorsteinsson í Vatnsfirði 68, 261 H ǫ ðr 90, 173, 265 f., 268, 272, 274, 277, 291, 298 H ǫ fða-Þórðr 181, 398 f. Hólar 38 f., 41, 43, 55, 66, 68, 76, 102, 104 f., 150, 193, 196, 257, 399 H œ nir 59, 61, 63, 74, 90, 116, 158, 160, 265 f., 268, 272, 277 f., 285, 294 f. Huginn und Muninn 202, 268 f., 271, 275, 325, 358 f. Hymir 268, 277, 279 f., 282 - 284 Ingibjörg Jónsdóttir 59, 75 f., 89, 96, 102 Ingveldur Sigurðardóttir 100, 102 f. Ísaak Þorsteinsson 135 f., 140 Jakob Sigurðsson 16 f., 96 - 105, 107 - 111, 113, 115 - 117, 120 f., 123, 125, 127, 130 - 133, 144 - 146, 148 - 151, 166, 192 f., 196, 198 - 200, 202, 208, 212 - 214, 216, 218 f., 222, 224 - 228, 230, 235, 239 - 241, 243 - 249, 251 f., 257 - 259, 262 f., 267, 270, 273, 275 - 278, 280 f., 283 f., 286, 289, 296 - 298, 300, 307, 309, 314, 316 f., 319 - 322, 324 - 327, 329, 335 f., 338, 349, 376 - 378, 410, 413 Jóhannes Frímann Magnússon Melsted 131 f., 137, 139 f. Jón Arason 38, 42, 48, 180, 188, 331, 354, 360, 397 - 399 Jón Guðmundsson (sr.) 99, 111, 114, 127 f., 166, 178 - 180 Jón Guðmundsson á Felli í Sléttuhlíð (sr.) 66 f., 296 Jón Guðmundsson í Stærra-Árskógi (sr.) 65 f., 72 Jón Jóakimsson (sr.) 142 Jón lærði Guðmundsson 44, 111, 114, 118, 126, 128, 130, 179, 185, 230, 232, 235, 256, 311, 319, 395 Jón Ólafsson úr Grunnavík 51, 75, 80, 115, 119, 231 f., 255 - 257, 283 f., 320 f., 368, 370 f. Jón Sigurðsson 50, 59, 61, 64, 69, 77, 91, 142, 182, 184, 193, 227, 256, 399 Jón Snorrason 205, 257 Jón Vigfússon 76 Juno 163, 169, 171 Jupiter 163, 169 - 173, 176, 181, 334, 384, 388 f. Kirkjubær 99 - 104, 111, 197, 200, 202 Kopenhagen 16 f., 39, 41 - 44, 54 f., 59, 68, 76 - 79, 96 f., 101, 104 f., 120, 122, 126, 142, 174, 191 f., 200 - 202, 232, 252, 255, 257, 270, 290, 316 f., 370, 379, 404 f., 412 Kreta 154, 163, 171, 176, 384 Kybele 124, 126, 128 - 130, 198, 264, 269, 271, 275, 286, 292, 307, 330, 335, 337 f. Loki 61, 66, 74, 90, 116, 173, 231, 234, 242, 254, 258, 265, 268, 272, 275, 277 f., 281, 285, 291, 293, 298, 301, 304, 306 f., 332 Loptr ríki Guttormsson 84, 88, 97, 100, 115, 118 Magnús Guðmundsson 133, 136, 144, 146 Magnús Jónsson aus Leirá 59, 75 f., 349 Mallet, Paul Henri 56, 284, 319 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 Namen- und Ortsregister 595 <?page no="596"?> Mars 130, 167, 169, 172 f., 213, 241, 269, 271, 275 f., 291 f., 307, 330, 333, 335 - 337, 384, 386 f. Megingjarðar 149, 243, 271, 274, 280, 308 Melsted, Kenneth 132, 135, 140 f., 143 f. Merkur 72, 169, 172, 259, 262 f., 272, 324 f., 329 f., 333 - 335, 384 Midgardschlange 81, 160, 185, 242, 259, 262, 265 f., 268, 274, 277 - 285, 306, 325 Mj ǫ llnir 202, 269, 271, 275, 282, 324 Nj ǫ rðr 90, 163, 170 f., 176, 265, 274, 303, 331, 384, 391, 393 Norður-Skálanes 100, 103 f., 131 f., 289 Norwegen 42, 46, 154, 233, 250, 298 Óðinn 42, 46, 88, 90, 93, 105, 116, 154 f., 161, 163, 173, 180, 193 f., 196, 202, 217, 230, 233, 235, 241, 250 f., 256 f., 265, 268 f., 271 f., 274 - 278, 283, 285, 289, 291, 293, 298, 300, 302, 304 f., 307 f., 314 f., 317 f., 320 f., 324 f., 327, 331, 357, 359, 379, 382, 386 - 389, 396 - 399, 408 Ólafur Brynjólfsson 16 f., 96 - 102, 104, 107 - 111, 113 - 116, 166, 197, 208, 213, 222 - 224, 226 - 228, 234, 246 f., 264, 284, 329, 376 f., 410 Olaus Magnus 229, 251, 281, 286 Ólöf (Besitzvermerk in SÁM 66) 136, 140 Örn Arnar 132, 141 Ovid 150, 170, 334, 383 - 385 Páll Sveinsson 256 Pluto 163, 170 - 172, 331 Priamos, König 93, 161, 163, 173, 181, 253, 389, 397, 408 Proserpina 171 Reenhielm, Jacob Isthmén 316, 318 Resen, Peder Hansen 44, 51, 53 - 56, 116, 167, 169, 174, 190 f., 201, 220, 240, 338, 352 f., 367, 395, 405 Rudbeck, Olof 251, 316 f. Runólfur Jónsson 97 - 99, 109, 112, 115, 119, 127, 129 f., 185, 232, 234, 241, 271 Sæmundr inn fróði 92, 99, 117, 144, 194 f., 197, 205, 235, 353, 361, 369, 398, 405 Saturn 93, 154, 163, 168 f., 171, 173, 176, 181, 331, 384, 389, 397, 402, 408 Saxo Grammaticus 54, 170 Scheffer, Johannes 314, 316 f., 319 Schimmelmann, Jacob 316, 318 f. Schweden 13, 40 - 43, 46, 154, 173, 250, 270, 317, 339, 377, 412 Seyðisfjörður 122, 385 Sibylle - Cumäische 338 - Tiburtinische 338 Sigmundur Matthíasson Long 17, 120 - 123, 139 f. Sigríður Ketilsdóttir 101 f. Sigurður dalaskáld Gíslason 59, 65, 70 - 72, 75 f., 95, 195 Sigurður Sigurðsson 135 Skálholt 38 f., 43, 48, 67 f., 75 f., 96, 101 f., 104 f., 150, 193, 273, 349, 412 Skörð 135 - 137, 140, 363 Sleipnir 202, 259, 268 f., 271 f., 275 f., 307 f., 325 Snorri Sturluson 13, 15, 19, 27, 37, 48 - 51, 53 f., 91, 144, 161, 169, 173, 181, 184, 186, 191, 194 f., 200 - 202, 205, 233 f., 241, 256 f., 327, 329, 349, 353 f., 356 f., 361, 366 - 372, 377, 379, 395 f., 398 f., 405 f., 411, 413 Stephanius, Stephan 41, 43, 47, 54, 276 Suhm, Peter Frederik 17, 96 f., 105, 379 Tarquinius Superbus, König 338 Torfæus, Thormodus 55, 393 Troja 42, 46, 90, 149, 154, 161, 163, 173, 181, 185, 194, 289, 330, 354, 383, 388 f., 396 f. Týr 90, 130, 167, 213, 231, 234, 241, 252, 256 f., 259, 263, 265 f., 268 f., 271, 275 - 277, 284, 291 f., 294, 298, 307, 330, 333, 335 - 337, 386 f. Valh ǫ ll 81, 92, 158, 160, 173, 202, 247, 263, 265 f., 268 f., 271, 275, 285 - 289, 303, 329, 356 Venus 161, 163, 169 - 172, 330 f., 333, 389 Verelius, Olof 42, 112, 115, 118, 127 f., 130, 185, 314 - 317, 325 Víðarr 90, 265 f., 291, 293 Virgil 170, 334 V ǫ lva 124, 126, 128 - 130, 198, 264, 269, 271, 275, 286, 292, 307, 330, 335, 337 f. Vulcanus 169, 172 Winnipeg 122, 131 f., 139 - 141 Worm, Ole 41 - 43, 47 f., 54 f., 85, 93, 171, 173 f., 229, 231 f., 234, 236, 243, 250, 254, 275, 370 Wynyard (Saskatchewan, Kanada) 131, 140 Yggdrasill 66, 81, 160, 196, 230, 265 f., 275, 285, 303 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 596 Register Textteil <?page no="597"?> Zoroaster 154, 331, 389 Þjazi 268 f., 271 f., 277 f., 285, 302, 307 Þ ǫ kk 160, 173, 265 f., 290 f., 293, 295 Þorlákur Skúlason 43, 55, 204 Þórr 90, 149, 163, 185, 196, 202, 242, 250 f., 256 f., 263, 265, 268, 271 f., 274 f., 277 - 284, 291, 293, 296 - 300, 303 f., 308, 314, 318, 321, 324 f., 328, 330 Richter, Die Prosa-Edda auf Papier BNPH 74 (2025) DOI 10.24053/ 9783381130924 Namen- und Ortsregister 597 <?page no="598"?> Beiträge zur Nordischen Philologie Herausgegeben von der Schweizerischen Gesellschaft für Skandinavische Studien Die Schweizerische Gesellschaft für Skandinavische Studien (SGSS) gibt die Schriftenreihe „Beiträge zur Nordischen Philologie“ (BNPh) heraus. In den BNPh werden wissenschaftliche Untersuchungen aus dem gesamten Fachbereich der Nordischen Philologie/ Skandinavistik veröffentlicht. Es handelt sich dabei vor allem um Studien zur Literatur-, Sprach- und Kulturwissenschaft der skandinavischen Länder Dänemark, Färöer, Island, Norwegen, Schweden und Finnland. Die international ausgerichtete und keineswegs nur auf die schweizerische Nordistik begrenzte Schriftenreihe macht allen Interessierten Ergebnisse skandinavistischer Forschungsprojekte in Form von Tagungs- und thematischen Sammelbänden, akademischen Qualifikationsschriften und anderen Monographien zugänglich. Bisher sind erschienen: Frühere Bände finden Sie unter: http: / / narr.de 41 Anna Katharina Richter Transmissionsgeschichten Untersuchungen zur dänischen und schwedischen Erzählprosa in der frühen Neuzeit 2009, 337 Seiten €[D] 49,- ISBN 978-3-7720-8292-4 42 Jürg Glauser, Anna Katharina Richter (Hrsg.) Text - Reihe - Transmission Unfestigkeit als Phänomen skandinavischer Erzählprosa 1500-1800 2011, 320 Seiten €[D] 49,- ISBN 978-3-7720-8293-1 43 Lena Rohrbach Der tierische Blick Mensch-Tier-Relationen in der Sagaliteratur 2009, 394 Seiten €[D] 49,- ISBN 978-3-7720-8307-5 44 Andrea Hesse Zur Grammatikalisierung der Pseudokoordination im Norwegischen und in den anderen skandinavischen Sprachen 2009, 264 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8328-0 45 Jürg Glauser, Susanne Kramarz-Bein (Hrsg.) Rittersagas Übersetzung, Überlieferung, Transmission 2013, 288 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8357-0 46 Klaus Müller-Wille (Hrsg.) Hans Christian Andersen und die Heterogenität der Moderne 2009, 246 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8351-8 47 Oskar Bandle Die Gliederung des Nordgermanischen Reprint der Erstauflage mit einer Einführung von Kurt Braunmüller 2011, 168 Seiten €[D] 100,- ISBN 48 Simone Ochsner Goldschmidt Wissensspuren Generierung, Ordnung und Inszenierung von Wissen in Erik Pontoppidans Norges naturlige Historie 1752/ 53 2011, 295 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8439-3 <?page no="599"?> 49 Frederike Felcht Grenzüberschreitende Geschichten H. C. Andersens Texte aus globaler Perspektive 2013, 312 Seiten €[D] 49,- ISBN 978-3-7720-8487-4 50 Thomas Seiler (Hrsg.) Skandinavisch-iberoamerikanische Kulturbeziehungen 2013, 240 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8480-5 51 Klaus Müller-Wille, Joachim Schiedermair (Hrsg.) Wechselkurse des Vertrauens Zur Konzeptualisierung von Ökonomie und Vertrauen im nordischen Idealismus (1800-1870) 2013, 213 Seiten €[D] 49,- ISBN 978-3-7720-8478-2 52 Hendrik Lambertus Von monströsen Helden und heldenhaften Monstern Zur Darstellung und Funktion des Fremden in den originalen Riddarasögur 2013, 260 Seiten €[D] 49,- ISBN 978-3-7720-8486-7 53 Alois Wolf Die Saga von der Njálsbrenna und die Frage nach dem Epos im europäischen Mittelalter 2014, 128 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8496-6 54 Walter Baumgartner Gibt es den Elch? - Fins elgen? Aufsätze 1969-2011 zur neueren skandinavischen Lyrik - Essays 1969-2011 om nyere skandinavisk lyrikk 2014, 338 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8540-6 55 Lukas Rösli Topographien der eddischen Mythen Eine Untersuchung zu den Raumnarrativen und den narrativen Räumen in der Lieder-Edda und der Prosa-Edda 2015, 235 Seiten €[D] 49,- ISBN 978-3-7720-8552-9 56 Katharina Seidel Textvarianz und Textstabilität Studien zur Transmission der Ívens saga, Erex saga und Parcevals saga 2014, 248 Seiten €[D] 59,- ISBN 978-3-7720-8558-1 57 Laura Sonja Wamhoff Isländische Erinnerungskultur 1100-1300 Altnordische Historiographie und kulturelles Gedächtnis 2016, 260 Seiten €[D] 59,- ISBN 978-3-7720-8585-7 58 Klaus Müller-Wille, Sophie Wennerscheid (Hrsg.) Kierkegaard und das Theater in Vorb., ca. 220 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8621-2 59 Klaus Müller-Wille, Kate Heslop, Anna Katharina Richter, Lukas Rösli (Hrsg.) Skandinavische Schriftlandschaften Vänbok till Jürg Glauser 2017, 345 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8628-1 60 Hans-Peter Naumann Metrische Runeninschriften in Skandinavien Einführung, Edition und Kommentare 2018, 488 Seiten €[D] 69,- ISBN 978-3-7720-8652-6 61 Petra Bäni Rigler Bilderbuch - Lesebuch - Künstlerbuch Elsa Beskows Ästhetik des Materiellen 2019, 304 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8661-8 62 Kathrin Hubli Kunstprojekt (Mumin-)Buch Tove Janssons prozessuale Ästhetik und materielle Transmission 2019, 184 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8655-7 <?page no="600"?> 63 Sandra Schneeberger Handeln mit Dichtung Literarische Performativität in der altisländischen Prosa-Edda 2020, 206 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8672-4 64 Jürg Glauser (Hrsg.) 50 Jahre Skandinavistik in der Schweiz Eine kurze Geschichte der Abteilungen für Nordische Philologie an der Universität Basel und der Universität Zürich 1968-2018 2019, 296 Seiten €[D] 59,99 ISBN 978-3-7720-8679-3 65 Elena Brandenburg Karl der Große im Norden Rezeption französischer Heldenepik in den altostnordischen Handschriften 2019, 237 Seiten €[D] 59,- ISBN 978-3-7720-8680-9 66 Kevin Müller Schreiben und Lesen im Altisländischen Lexeme, syntagmatische Relationen und Konzepte in der Jóns saga helga, Sturlunga saga und Laurentius saga biskups 2020, 310 Seiten €[D] 59,- ISBN 978-3-7720-8694-6 67 Katharina Bock Philosemitische Schwärmereien Jüdische Figuren in der dänischen Erzählliteratur des 19.-Jahrhunderts 2021, 264 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-7720-8747-9 68 Massimiliano Bampi, Anna Katharina Richter (Hrsg.) Die dänischen Eufemiaviser und die Rezeption höfischer Kultur im spätmittelalterlichen Dänemark - The Eufemiaviser and the Reception of Courtly Culture in Late Medieval Denmark 2021, 216 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8750-9 69 Nathalie Christen Zeiten schreiben Skandinavische Provinzdarstellungen nach der Jahrtausendwende in Vorb., ca. 240 Seiten €[D] 39,- ISBN 978-3-7720-8761-5 70 Julia Meier Inselromane Adam Oehlenschlägers Roman Die Inseln im Südmeere / Øen i Sydhavet im Dialog mit J. G. Schnabels Insel Felsenburg 2022, 274 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-7720-8760-8 71 Lukas Dettwiler Am Wortgrund: Zur Poetik im Werk Göran Tunströms 2022, 269 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-7720-8770-7 72 Anna Katharina Heiniger, Rebecca Merkelbach, Alexander Wilson (Hrsg.) Þáttasyrpa - Studien zu Literatur, Kultur und Sprache in Nordeuropa Festschrift für Stefanie Gropper 2022, 392 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-7720-8769-1 73 Ellen E. Peters Medium Sagazeit Eine literatursoziologische Annäherung an das ‚postklassische‘ Erzählen der Íslendingasaga im Spätmittelalter 2024, 391 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-381-10521-2 74 Friederike Richter Die Prosa-Edda auf Papier Neuschreiben und Rezeption in illuminierten Handschriften der Frühen Neuzeit 2025, 598 Seiten €[D] 79,- ISBN 978-3-381-13091-7 <?page no="601"?> ISBN 978-3-381-13091-7 In diesem Band stehen Prozesse des Neuschreibens und der Rezeption der Prosa-Edda im 17. und 18. Jahrhundert in Island im Zentrum. Dafür werden erstmals vier besonders herausragende isländische Papierhandschriften umfassend analysiert. Die Schwerpunkte der Untersuchung gehen über den Wortlaut der Prosa-Edda hinaus und schließen markante Merkmale der Handschriften - Prologe, Illuminationen, Titelseiten und Schriftbild - mit ein. Dabei wird deutlich, dass Neuschreiben und Rezeption ineinandergreifen: Genauso wie in den mittelalterlichen Handschriften wird die Prosa-Edda in jeder frühneuzeitlichen Abschrift für das jeweilige Zielpublikum verändert und neu angepasst. Die Studie weist nach, dass die Handschriften keineswegs nur von Gebildeten, sondern in allen sozialen Schichten gelesen wurden. Gleichzeitig wird die Prosa-Edda in diesen Handschriften medial unter anderem in Rückgriffauf Traditionen des Buchdrucks als „Snorra-Edda“ inszeniert und als isländisches Literaturerbe in Zusammenhang mit den Bestrebungen nach nationaler Unabhängigkeit gestellt. So wurde sie bereits damals in den isländischen Literaturkanon integriert, wo sie sich bis heute befindet. Friederike Richter hat an der Universität Zürich promoviert und forscht am Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität zu Berlin. Friederike Richter Die Prosa-Edda auf Papier 74 Die Prosa-Edda auf Papier Neuschreiben und Rezeption in illuminierten Handschriften der Frühen Neuzeit Friederike Richter