Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik des Deutschen
Dokumentarische und autobiographische Rekonstruktionen
1027
2025
978-3-381-13272-0
978-3-381-13271-3
Gunter Narr Verlag
Norbert Dittmar
Eva Neuland
10.24053/9783381132720
Diese Darstellung der Entwicklungs- und Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik im deutschsprachigen Raum füllt mit ihrer Berücksichtigung der DDR-Soziolinguistik und der Leistungen bereits verstorbener Fachvertreter:innen eine wichtige Lücke in der Forschungsgeschichte auch im internationalen Kontext. Den Hauptteil bilden teils autobiographische Rückblicke prominenter Fachvertreter:innen in Form von Originalbeiträgen und Interviews sowie biographischen Darstellungen im Falle verstorbener Kolleg:innen. Problemkonstellationen im Kontext von Sprachgebrauch und Gesellschaft der Anfangszeit (v. a. die sog. "Bildungskatastrophe") werden als "Blicke zurück nach vorn" in ihren Weiterentwicklungen und Neuorientierungen sichtbar gemacht (u. a. Gender- und Kontaktlinguistik, Stadtsprachen- und Jugendsprachforschung). Die Beiträge zeigen, wie sich mit den Themen auch die Forschungsmethoden verändert (ethnographische, interaktionale) und Impulse der Soziolinguistik auf viele Forschungsgebiete und Anwendungsfelder (v. a. empirische Sprachforschung, Sprachunterricht, Sprachkritik) gewirkt haben.
9783381132720/9783381132720.pdf
<?page no="0"?> TBL Tübinger Beiträge zur Linguistik Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik des Deutschen Dokumentarische und autobiographische Rekonstruktionen Norbert Dittmar / Eva Neuland (Hrsg.) <?page no="1"?> Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik des Deutschen <?page no="2"?> Tübinger Beiträge zur Linguistik herausgegeben von Gunter Narr 591 <?page no="3"?> Norbert Dittmar / Eva Neuland (Hrsg.) Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik des Deutschen Dokumentarische und autobiographische Rekonstruktionen <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381132720 © 2025 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Überset‐ zungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 0564-7959 ISBN 978-3-381-13271-3 (Print) ISBN 978-3-381-13272-0 (ePDF) ISBN 978-3-381-13273-7 (ePub) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Natio‐ nalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> Norbert Dittmar (1943-2025) gewidmet <?page no="7"?> 9 11 35 47 63 83 109 119 145 171 183 Inhalt Nachruf für Norbert Dittmar (1943-2025) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eva Neuland Zur Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . I Blicke zurück nach vorne Heinrich Löffler Zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik in Deutschland. Antworten zu sieben Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ruth Wodak Das Gesellschaftliche der Sprache und die Notwendigkeit von Engagement. Auszüge aus: Ruth Wodak im Gespräch mit Reiner Keller . . . . . . . . . . . . . . . Johannes Schwitalla Vom Redekonstellationsmodell zur Ethnografie des Sprechens . . . . . . . . . . Ulla Fix Streiflichter auf die Soziolinguistik der DDR aus Leipziger Perspektive . . . Peter Schlobinski Soziolinguistik - persönliche Erfahrungen und Perspektiven . . . . . . . . . . . . Wolfgang Steinig Soziolinguistische Studien im pädagogischen Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Birte Kellermeier-Rehbein Sprache und soziale Ungleichheit. im Spiegel von Sprachbarrieren, Standardvariation und internationaler Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . II Blicke nach vorne zurück Eva Neuland Soziolinguistische Jugendsprachforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ernest Hess-Lüttich Von der Soziolinguistik zur Soziosemiotik multimodaler Interaktion . . . . . <?page no="8"?> 207 237 271 301 327 347 Helga Kotthoff Interaktionale Soziolinguistik und anthropologische Linguistik. Ein persönlicher Streifzug . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Volker Hinnenkamp Wege in eine interkulturelle und interaktionale Soziolinguistik . . . . . . . . . . Beate Henn-Memmesheimer Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Csaba Földes Extraterritoriale Varietäten des Deutschen in der bunten Gemengelage linguistischer Subdisziplinen. Einblicke in die Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Peter Auer Anfänge und Wirkungen der deutschen Soziolinguistik. Eine sehr persönliche Perspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="9"?> Nachruf für Norbert Dittmar (1943-2025) Norbert Dittmar wurde am 4.3.1943 in Bielefeld geboren. Nach dem Studium der Linguistik, Romanistik und Germanistik in Freiburg, Aix-Marseille, Berlin und Konstanz promovierte er in Konstanz 1973 mit der Arbeit Soziolinguistik. Exemplarische und kritische Darstellung ihrer Theorie, Empirie und Anwendung. Von 1974 bis 1978 war er Mitglied der Arbeitsgruppe am Heidelberger For‐ schungsprojekt Pidgin-Deutsch. Er habilitierte sich 1979 an der FU Berlin, wo er 1979 eine Professur für Linguistik übernahm. Hier leitete er eine Reihe großan‐ gelegter Forschungsprojekte zu seinen Arbeitsschwerpunkten Soziolinguistik, Grammatik und Pragmatik der gesprochenen Sprache, Zweitspracherwerb und Diskursanalyse. Größere Studien widmete er der Berliner Stadtsprache und der Entwicklung des Deutschen im Kontext der Migration. Sein Werk wurde in verschiedenen Sprachen publiziert, vor allem Französisch und Italienisch. Er war Herausgeber der Reihe Sociolinguistics and Language Contact und zusammen mit Ulrich Ammon und Klaus Mattheier Herausgeber des Internationalen Handbuchs Soziolinguistik [1. Aufl. 1987, 2. Aufl. 2004-2006]. Norbert Dittmar blieb in allen Projekten seiner soziolinguistischen Orien‐ tierung treu. Seit seiner Berufung an die FU wandte er sich (zus. m. Peter <?page no="10"?> Schlobinski 1988) der Untersuchung des Berlinischen zu, besonders im Hinblick auf die Teilung in zwei sozial und politisch getrennte Sprachgemeinschaften (zus. m. Ursula Bredel 1988). Mit der Materialsammlung Wendekorpus werden Ausschnitte aus authentischen informellen Gesprächen zu ost- und westdeut‐ schen Erfahrungen der gesellschaftlichen Umbrüche (1992/ 93) nach dem Fall der Berliner Mauer (zus. m. Christine Paul 2019), untergliedert in 9 Themenbereiche, im Text-Ton-Alignment zur Verfügung gestellt (AGB, IDS). Der Band ist auch als didaktisch relevante Hintergrundlektüre für den Unterricht in Deutsch und Geschichte und den DaF-Unterricht gedacht. Weitere Arbeiten widmete Norbert Dittmar den multiethnisch geprägten Jugendsprachen, der Geschichte, Theorie, Begrifflichkeit, Empirie und Methodik der Soziolinguistik, der interkulturellen Kommunikation, dem Zweitspracherwerb und Lernervarietäten des Deutschen sowie dem therapeutischen Diskurs. Norbert Dittmar war international kollegial und freundschaftlich bestens vernetzt; er hat die Bedeutung der Sprache und der Soziolinguistik herausge‐ stellt und konnte Studierende begeistern. Ein Anliegen war ihm stets auch die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Über die Wissenschaft hinaus hat er das Sprachspiel, die Natur und die Musik geliebt. Im kollegialen Gespräch war er ungewöhnlich zugewandt, empathisch und unterstützend. Er hinterlässt eine große Lücke. Wir vermissen ihn schmerzlich. 10 Nachruf für Norbert Dittmar (1943-2025) <?page no="11"?> 1 Volker Hinnenkamp danke ich für tatkräftige Unterstützung bei der Herstellung des Manuskripts. Zur Einführung Eva Neuland Klaus Jochem Mattheier (1941-2020), Ulrich Ammon (1943-2019), Norbert Dittmar (1943-2025) - alle drei Begründer der deutschen Soziolinguistik sind tot. Auch soll an die Romanistin Brigitte Schlieben-Lange (1943-2000) mit ihrem Beitrag zur deutschsprachigen Soziolinguistik (1973) erinnert werden. Zuletzt verstarb im Januar 2025 Norbert Dittmar, mitten aus der Arbeit an diesem Band herausgerissen. Die Idee zu einem Sammelband zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der deutschsprachigen Soziolinguistik stammt von ihm; ein solcher Beitrag zur Fachgeschichte einer Teildisziplin der Sprachwis‐ senschaft lag ihm am Herzen. Daher sei dieser Band nun ihm gewidmet. Viele der Beiträger: innen haben bei der Fertigstellung der Arbeit in Wort und Tat geholfen. Dafür sei ihnen herzlich gedankt. 1 <?page no="12"?> 2 Dazu in ähnlicher Weise: Ahrenholz/ Rost-Roth (Hrsg.) 2023 und Tagliamonte 2015. In unserem Einladungsschreiben zu diesem Band haben wir um autobiogra‐ phische und dokumentarische Textbeiträge zur Entstehungs- und Wirkungsge‐ schichte geworben. 2 Dieser Aufforderung sind die Beiträger: innen in unterschied‐ licher Weise nachgekommen. Nicht allen schien der autobiographische Zugang gelegen, manche Beiträge sind daher stärker sachorientiert ausgefallen. Wir haben die unterschiedlichen Zugänge und Stile ebenso akzeptiert wie die selbst gewählten Thematiken in den Beiträgen. Sie machen das Bild der Entwicklung der deutschsprachigen Soziolinguistik so bunt, wie es sich darstellt. Manche Kolleg: in‐ nen der frühen Jahre standen aus verschiedenen Gründen bedauerlicherweise nicht (mehr) zur Verfügung. Auf ihren Anteil an der Entwicklung wird möglichst verwiesen. Ihnen allen gebührt unser Dank für die Kooperativität. 1 Entstehungsgeschichten - ein Tableau Im Folgenden wollen wir Aspekte der Entstehungsgeschichte der Soziolinguis‐ tik der deutschen Sprache zunächst anhand von Skizzen zu exemplarischen akademischen Örtlichkeiten in den 1960er und 1970er Jahren präsentieren. Wegen vielfacher Gleichzeitigkeiten und Überlappungen bilden wir damit aller‐ dings keine geradlinige Chronologie der Ereignisse ab, v. a. auch der Studenten‐ bewegung (s. z. B. Kraushaar 2018, Gilcher-Holtey 5 2017, Fichter/ Lönnendonker 6 2021). Doch wurden diese Hochschulstandorte als Foki auch deshalb ausge‐ wählt, weil einige Beiträger: innen als Zeitzeugen im Band vertreten sind. Den folgenden Abschnitt 1 haben Ernest Hess-Lüttich, Volker Hinnenkamp, Helga Kotthoff und Johannes Schwitalla um ihre Beobachtungen bereichert. Auf einige weitere, hier aus verschiedenen Gründen nicht vertretene soziolinguistische Zeitzeugen wird nach Möglichkeit verwiesen. So ergibt sich ein Panoptikum der Entstehungsgeschichte der Soziolinguistik im deutschsprachigen Kontext, auf gewonnene und bleibende sowie veränderte Gewinne und Verluste eines neu entstandenen Zweigs der Sprachwissenschaft. Ergänzt wird diese Darstel‐ lung im folgenden Abschnitt 2 durch eine Skizze der Institutionalisierung der deutschsprachigen Soziolinguistik. Freiburg Wir beginnen unsere kurze Übersicht mit der Traditionsuniversität Freiburg, an der seit 1968 unter der Leitung von Hugo Steger, Direktor des Deutschen Seminars und des Instituts für geschichtliche Landeskunde, die Forschungsstelle 12 Eva Neuland <?page no="13"?> „Gesprochenes Sprache“ als Außenstelle des Instituts für deutsche Sprache in Mannheim angesiedelt war. In dieser Zeit bildete die Erforschung der deutschen Gegenwartssprache mit ihren Variationen einen Arbeitsschwerpunkt: Zuerst wurden grammatische Besonderheiten des gesprochenen Deutsch untersucht, um Unterschiede zu den oft normativen Regeln des Geschriebenen zu erkunden. Es entstanden Dissertationen zum Konjunktiv, zum Futur, zum Passiv, zur Wortstellung, und in Magisterarbeiten wurden auch schon kommunikative Eigenschaften des Gesprochenen behandelt (Betten 1977/ 1978). Die Begriffe ‚Redekonstellation‘ und ‚Textsorte‘ stammen aus dieser Zeit. Mit ihnen sollte der situativen Kontextgebundenheit des Sprechens Rechnung getragen werden. Eine erste Gesamtdarstellung der gesprochenen deutschen Standardsprache erschien 1976 (Schank/ Schoenthal 1976). Neben den leicht zugänglichen monologischen und dialogischen Sendungen in den Medien Rundfunk und Fernsehen wurden zunehmend mehr institutions‐ gebundene und private Gespräche aufgenommen: Gespräche in der Familie, im Freundeskreis, beim Einkaufen, beim Sport, in Schule und Universität, beim Rechtsanwalt usw. Die drei Bände in der Reihe: Heutiges Deutsch präsentierten 1971 bis 1978 Transkriptionen von einigen dieser Aufnahmen, mit dem Band IV auch erstmals Gespräche aus dem Alltag (Fuchs/ Schank 1975). Sie öffneten den Blick für den Reichtum und die Normenvielfalt der sprachlichen Wirklichkeit. Damit stellten sich auch neue methodische Aufgaben für die Weiterentwicklung der Sprachforschung, wie die Erhebung, die Dokumentation, die Transkription und die maschinelle Textauswertung von Sprachkorpora. Von den damaligen Mitarbeitern ist Johannes Schwitalla mit einem Beitrag im Band vertreten, der diese Entwicklung von Formen der gesprochenen Sprache zur sprachlichen Interaktion nachzeichnet. Von der Freiburger Forschungsstelle gingen weitere Projekte zur verbalen Kommunikation und damit auch zu mehr soziolinguistischen Fragestellungen im engeren Sinne aus. Dazu gehörten noch in Freiburg das DFG-Projekt „Dialogstrukturen“, am IDS in Mannheim das Projekt „Beratungsgespräche“, aus dem dann in den 1980er Jahren das Projekt „Schlichtungsgespräche“ hervor‐ ging. Der geschlechtsspezifische Sprachgebrauch wurde von Gisela Schoenthal (1998 verstorben) mit mehreren Aufsätzen thematisiert. Insgesamt trugen diese Forschungen in der germanistischen Sprachwissenschaft, die sich bis dahin hauptsächlich mit der Norm der Schriftsprache und ihrer Geschichte beschäftigt hatte, dazu bei, ein vollständigeres, realitätsnäheres Bild von „Sprache“ zu bekommen und ihre ursprüngliche mediale Erscheinung, das Miteinander- Sprechen, genauer in den Blick zu nehmen. Viele Jahre später haben v. a. Peter Zur Einführung 13 <?page no="14"?> Auer und Helga Kotthoff (beide in diesem Band) eine neue soziolinguistische Tradition begründet. IDS Mannheim Das Institut für deutsche Sprache ist seit der Gründung 1964 die zentrale wis‐ senschaftliche Einrichtung zur Dokumentation und Erforschung der deutschen Gegenwartssprache und neueren Sprachgeschichte. Speziell die heutige Abtei‐ lung: Pragmatik (vormals seit 1972: Sprache und Gesellschaft mit dem Fokus auf Sprachverwendung und sozialen Strukturen) widmet sich der Erforschung der gesprochenen Sprache und des sprachlichen Handelns in Gesprächen. In der Abteilung: Digitale Sprachwissenschaft geht es im eigens konstituierten Programmbereich: Korpuslinguistik um die Erstellung und Erforschung von Textsammlungen, darunter das Archiv für gesprochenes Deutsch. In mehreren langjährigen Forschungsprojekten wurden auf breiter empiri‐ scher Basis mit bevorzugt gesprächsrhetorischer und ethnographischer Per‐ spektive wesentliche soziolinguistische Fragestellungen bearbeitet, v. a. unter der Leitung von Werner Kallmeyer mit dem Schwerpunkt: Soziale Stilistik in unterschiedlichen sozialen Welten in städtischen Milieus am Beispiel von Stadtteilgruppen in Mannheim, sodann auch in Gruppen von Migrantenmilieus (Keim). Ergebnisse wurden in den 4 Bänden: Kommunikation in der Stadt, her‐ ausgegeben von Werner Kallmeyer sowie Inken Keim und Johannes Schwitalla 1994/ 95 vorgelegt. Auch über diese Entwicklungsphase der deutschsprachigen Soziolinguistik berichtet Schwitalla als Zeitzeuge. Nach der Emeritierung von Kallmeyer und Keim wurden neue Aspekte der Soziolinguistik v. a. im Bereich der Migrations- (Ibrahim Cindark) und Medienlinguistik ( Jannis Androutsopoulos), zum Teil auch der Internetlingu‐ istik (Konstanze Marx) erarbeitet. Eine Fortsetzung der ethnographisch-sozio‐ linguistischen Arbeiten der früheren Soziolinguist: innen hat hingegen nicht stattgefunden. Die ethnografisch-gesprächsanalytische Tradition lässt sich vor allem in Feldstudien zur Gestaltung von betrieblicher Kommunikation und der dabei mehr oder weniger erfolgenden Integration von Deutschlernenden (z. B. Flüchtlingen) erkennen (Deppermann/ Cindark/ Overath 2018). In multimodalen Analysen von Kommunikation bei der direkten Zusammenarbeit zeigen Cin‐ dark und Overath (2022) die Gestaltung von beruflichen Werdegängen einer mehrsprachigen Belegschaft und öffnen Betriebskommunikation als Terrain für eine multimodale Soziolinguistik. 14 Eva Neuland <?page no="15"?> Freie Universität Berlin Unter dem Eindruck der breiten Rezeption von frühen Arbeiten des britischen Soziologen Basil B. Bernstein (1972 et passim) und seiner sozial-emanzipa‐ torischen Motive in der „kompensatorischen Erziehung“ einerseits und der politischen Aufbruchsstimmung im Gefolge der linken Studentenbewegung an‐ dererseits wuchs unter den sozial engagierten Bürgersöhnen und -töchtern am Fachbereich Germanistik der Freien Universität Berlin in den frühen 1970er Jah‐ ren die Neugier auf die Sprache jener „hart arbeitenden“ Bevölkerungsschichten, mit der sie zwar kaum in Berührung kamen, in deren Namen zu sprechen sie aber umstandslos für sich reklamierten. Die Sprache der von Bernstein in England beobachteten „working class“ wollten die FU-Studenten auch in Berlin kennen‐ lernen und so entstand am Lehrstuhl des liberalen Altgermanisten Heinrich Matthias Heinrichs, der sich bis dahin vor allem altisländischen Sagas und dem Adjektiv im eddischen Heldenlied gewidmet hatte, die Idee, dem authentischen Sprachgebrauch von Berliner Arbeitern zu lauschen und zu diskutieren, ob ihnen überhaupt zu empfehlen sei, die Anpassung an ihren eigenen Jargon zu erstreben, der von nicht wenigen als mindestens „elaboriert“ empfunden wurde. Die ausgedehnten Grundsatzdiskussionen mündeten schließlich im Winter 1974 in den Vorschlag, anhand eines strukturierten Fragebogens in einem Berliner Großbetrieb Pilotinterviews mit richtigen Arbeitern durchzuführen. Diese Gespräche wurden verschriftlicht, aber an deren Auswertung entzündeten sich wieder Grundsatzdiskussionen. In dieser Zeit stieß Ernest W.B. Hess-Lüttich dazu, der in London u. a. bei Bernstein studiert und dort sowie 1974 in Bonn seine Examina (u. a. bei Hugo Moser) abgeschlossen hatte, und der schlug als frisch bestallter Assistent am Lehrstuhl Heinrichs seinem neuen Chef vor, die in Berlin so kontrovers disku‐ tierten Probleme der Gewinnung und Auswertung des Corpus gesprochener „Arbeiter-Sprache“ mit den Leitern ähnlicher Projekte anderswo zu besprechen und sie nach ihren Erfahrungen mit solchen Corpora zu befragen. Sie kamen gern nach Berlin: Werner Besch und Klaus J. Mattheier berichteten über ihr Bonner Erp-Projekt zu „Sprachvariation und Sprachwandel“ (s. Neuland, in diesem Band), Norbert Dittmar und Wolfgang Klein über ihr Heidelberger Projekt „Pidgin-Deutsch spanischer und italienischer Arbeiter“, Siegfried Jäger von seinem Duisburger Projekt zum „Schichtenspezifischen Sprachgebrauch von Schülern“, Ulrich Ammon über seine „Untersuchungen zu den Schulschwie‐ rigkeiten von Dialektsprechern“. Diese außerordentlich ertragreichen Hauptre‐ ferate wurden ergänzt durch eine Reihe nicht minder spannender Berichte aus anderen laufenden Projekten, darunter dem von Thomas Luckmann inspirierten Konstanzer Projekt zur Analyse direkter Interaktion als Zugang zum Problem Zur Einführung 15 <?page no="16"?> 3 Über ihren Ableger im Westen der Stadt (SEW) suchte die Partei auch Einfluss zu nehmen auf die linken hochschulpolitischen Fraktionen an der FU, in der Germanistik namentlich über die ADS-Fraktion, in der sich ein ‚Fachbereichsratsvorsitzender‘, der Konstitution sozialwissenschaftlicher Daten, dem Freiburger Projekt „Dia‐ logstrukturen“ unter Leitung von Hugo Steger, oder der von Brigitte Schlieben- Lange durchgeführten soziolinguistischen Fallstudie über die südfranzösische Stadt Bagnols-sur-Cèze. Die Berliner stellten ihr Projekt vor - was ihnen den trockenen Kommentar von Wolfgang Klein eintrug: „Sie lesen zu viel und schauen zu wenig“ - und versammelten die Beiträge schließlich in einem Sammelband über Soziolinguistik und Empirie mit einer Einführung von Ernest W.B. Hess-Lüttich über epistemologische und methodologische Grundfragen der Corpusgewinnung und -auswertung sowie einem ausführlichen Register seinerzeit laufender Forschungsprojekte zur empirischen Soziolinguistik im deutschsprachigen Raum (Bielefeld/ Hess-Lüttich/ Lundt (Hrsg.) 1977, 10-28 u. 264-320). Die damals in Berlin geknüpften Kontakte führten ein paar Jahre später (1979) schließlich zur Berufung von Norbert Dittmar, durch den das Institut weit über Deutschland hinaus mit empirisch-soziolinguistischer Forschung assoziiert wurde. Aber auch andere Kollegen trugen dazu bei, Uta Quasthoff etwa mit ihren Arbeiten über das Soziale Vorurteil oder zum Erzählen in Gesprächen (Quasthoff 1973, id. 1980) oder Walther Dieckmann, der mit seinem zuerst 1969 ( 2 1975) bei Winter publizierten Buch über die Sprache in der Politik zu einem der Vorläufer der sich erst Ende der 1990er Jahre etablierenden Politolinguistik werden sollte, aber auch Harald Weydt, zum Beispiel, der später auf den Lehrstuhl für Deskriptive Linguistik und interlinguale Soziolinguistik an die Europa-Universität Viadrina berufen wurde und neben seinen anderen Forschungsschwerpunkten für die Formen und Funktionen der Abtönungspar‐ tikel zu sensibilisieren verstand, oder Elisabeth Gülich, die in ihrer kurzen Berliner Zeit (1979-1981) ihre Studenten mit den Anfängen der Konversations‐ analyse vertraut machte. Auch zur damals noch namhaften Germanistik an der Technischen Universität Berlin bestanden enge Kontakte, vor allem zu dem Textlinguisten Roland Posner, der dort die Arbeitsstelle für Semiotik begründete, die zum Treffpunkt soziosemiotisch interessierter Germanisten der jungen Generation auch an der FU Berlin avancierte (s. Hess-Lüttich, in diesem Band). Zu den Kollegen der Humboldt Universität im Osten der Stadt gab es zu jener Zeit, d. h. in den 1970er und 80er Jahren bis zur „Wende“ 1989/ 90, aus politischen Gründen nur ausgewählte Kontakte, da sie einerseits als zuverlässige Parteigänger des SED-Regimes galten und andererseits die westlichen Ansätze sprachkritischer Soziolinguistik für sie tabu waren. 3 Allenfalls Manfred Bier‐ 16 Eva Neuland <?page no="17"?> wie der Dekan damals genannt wurde, dafür mit Grußadressen zum Geburtstag des „Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker“ zu profilieren verstand. wischs berühmter Kursbuch-Aufsatz über „Strukturalismus“ (1966) wurde im Westen breit rezipiert. Ernest Hess-Lüttich ist als Zeitzeuge in diesem Band vertreten. Ruhr-Universität Bochum Die Ruhr-Uni Bochum gilt seit ihrer Gründung 1962 als eine Reformuniversität. Der 1965 aufgenommene Studienbetrieb versprach ein effektives Studium mit raschem Erwerb von Leistungsnachweisen und Studienabschlüssen. Gleichwohl mobilisierten auch hier die Anti-Springer-Kampagnen und die Studentenbe‐ wegung 1967/ 68 die Studenten in Hörsälen und Seminarräumen; es kam zu Institutsbesetzungen und Revolten auf dem Campus, Basisgruppen und außer‐ universitäre Projektgruppen wurden gebildet (s. Bogdal 2016). Vor allem in den studentischen Seminaren erarbeiteten sich die Teilnehmer unter dem Schutz der tutorisierenden Professoren (v. a. die Altgermanisten Besch, Grosse, S. Wolf) eigenständig neue Lehrinhalte zur deutschen Gegenwartssprache und erschlossen sich einschlägige internationale Literatur. Arbeitsergebnisse aus dem Seminar: Soziolinguistik wurden 1972 von Johannes Volmert (†), zunächst als Raubdruck, sodann bei Spartakus veröffentlicht. Der Erlös kam germanisti‐ schen Projektgruppen zugute. Eva Neuland ist als Zeitzeugin in diesem Band vertreten. Andere aktive Mitglieder der damaligen Projekt- und Basisgruppen wirkten im Bereich des Ruhrgebietsdeutsch ( Johannes Volmert), von literatur‐ wissenschaftlichen Themen (Klaus-Michael Bogdal, Burkhardt Lindner) weiter. Eine Weiterentwicklung der soziolinguistischen Arbeiten, besonders im Bereich der Kindheit aber auch der Jugend, hat es in der Bochumer Germanistik nicht gegeben. Bonn Mit der Berufung von Werner Besch nach Bonn zogen einige Mitarbeiter, v. a. Klaus Jochem Mattheier, und Promovenden (Eva Neuland, Wolfgang Stei‐ nig, s. in diesem Band) im Oberseminar mit nach Bonn. Die Dissertationen erschienen alsbald (1975, 1976). In der rheinischen Traditionsuniversität konnte an die dialektologische Tradition, v. a. im Institut für Landeskunde und Re‐ gionalgeschichte betrieben, angeknüpft werden. Besch initiierte mit seinen Mitarbeitern das Erp-Projekt, das den sprachlichen Wandel im Umfeld einer Zur Einführung 17 <?page no="18"?> dialektal geprägten ländlichen Gemeinde erforschen wollte (Werner Besch, Klaus Jochem Mattheier et al: Forschungsberichte Erp-Projekt: Sprachverhalten in ländlichen Gemeinden 1981). Mit dieser Zielsetzung war zugleich die Erwei‐ terung der Dialektologie zu sozialen Einflussfaktoren verbunden, wie sie später in manchen Dissertationen vertieft wurden (z. B. Macha: Der flexible Sprecher 1991). In diesem Kontext entstand auch das Projekt: Dialekt - Hochsprache kontrastiv. Sprachhefte für den Deutschunterricht (seit 1977) gemeinsam mit Heinrich Löffler (s. in diesem Band) und dem Sprachdidaktiker Hans Reich mit insgesamt 8 Heften zu verschiedenen Dialektgebieten, darunter Schwäbisch (Ammon/ Loewer 1977), Pfälzisch (Henn 1980, s. in diesem Band)). Hier wurde die Verbindung der Dialektologie zur Schulpraxis und den Fehlerschwerpunkten dialektsprechender Schüler deutlich. Mit seiner Habilitationsschrift: Pragmatik und Soziologie der Dialekte wies Mattheier einen neuen Weg in die kommuni‐ kative Dialektologie. Mit der Berufung von Mattheier nach Heidelberg und dem Weggang weiterer ehemaliger Mitarbeiter wurde die soziolinguistisch orientierte Dialektologie in Bonn nicht fortgesetzt. Mattheier war in Heidelberg Mitbegründer des Heidelberger Graduierten-Kollegs Dynamik der Substandard‐ varietäten, dem zahlreiche Soziolinguist: innen entstammen. Gerold Ungeheuer und das IKP in Bonn (s. Hess-Lüttich in diesem Band) haben wesentlich zu einer kommunikativen Auffassung von Sprache beige‐ tragen. Tagungen in den 1970er Jahren mit Goffman, Cicourel, Watzlawick, Habermas, Luhmann u. a. Mitbegründer der HSK-Bände. Hier haben Hess- Lüttich, Werner Nothdurft (Pfab) und Hans-Georg Soeffner studiert, und erste Gesprächsanalysen entstanden (Bliesener/ Nothdurft über Arztvisiten). Auch hier ist Ernest Hess-Lüttich als Zeitzeuge in diesem Band vertreten. Konstanz An dieser 1966 gegründeten Reformuniversität sollten neue Modelle von For‐ schung und Lehre entwickelt werden; interdisziplinäre Arbeiten fanden Beach‐ tung, ebenso demokratische Spielregeln wie die Drittelparität und Diskussionen auf Augenhöhe. Das Interagieren in Kleingruppen herrschte vor; für Magister- und Doktorarbeiten konnten innovative und Disziplingrenzen überschreitende Themen gewählt werden. Professoren wie der Literaturwissenschaftler Hans Robert Jauß, Begründer der Rezeptionsästhetik, und der Sprachwissenschaftler Peter Hartmann mit seinen Arbeiten zur Sprachtypologie und Grammatik inspirierten die Studierenden. Norbert Dittmar, Gudula List (Sprachpsychologie) und Klaus Gloy (Soziologie) führten ein interdisziplinäres Tutorium als eine Art alternative Lehrveranstaltung durch. 18 Eva Neuland <?page no="19"?> Der Soziologe Thomas Luckmann wirkte ab 1970 in Konstanz. Peter Auer und Aldo di Luzio erarbeiteten Studien zu Migrantenkindern, Auer forschte zu Variation zwischen Dialekt und Standardsprache (Code-switching und -shifting). In Zusammenarbeit mit Luckmann entstand das Projekt ‚Moral‘: ethnografische Studien zu Kleingruppen, darunter Gabriela Christmann zu Bürgerinitiativen). Mit Susanne Günthner und Peter Auer entstand ein neuer Schub der Gesprochenen-Sprache-Forschung: grammatische und lexikalische Phänomene interaktiv beschrieben (Konstruktionsgrammatik). Helga Kotthoff und Peter Auer sind als Zeitzeugen im Band vertreten. Bielefeld Mit der Gründung der Reformuniversität Bielefeld wurde 1972 die Fakultät für Literaturwissenschaft und Linguistik, kurz LiLi-Fakultät, aus der Taufe gehoben. Mit ihr ging ein neues nichtphilologisches Fächerverständnis von „Text“ einher, nämlich dem ihrer Strukturen - wie Harald Weinrich, einer der Gründungsväter es formulierte, dass man als Romanist kam und als Syntaktiker ging. Folglich wurden neben dem Textgrammatiker Weinrich auch der Semiotiker János Petöfi, der Textwissenschaftler Werner Kummer, die Linguistin und Erzählforscherin Elisabeth Gülich berufen; 1978 kam der Kognitionswissenschaftler Gert Rickheit dazu. Sie wurden begleitet von einer Generation junger Wissenschaftler: innen, wie beispielsweise Werner Kallmeyer, der in Kooperation mit dem Sprachsozi‐ ologen Fritz Schütze von der soziologischen Fakultät konversationsanalytische Ansätze förderte. In Lehre und Forschung stand ein facettenreiches sozial ver‐ fasstes Verständnis von Text und Sprache im Vordergrund (vgl. Kummer 1975; Schütze 1975; Kallmeyer/ Schütze 1976). Volker Hinnenkamp ist als Zeitzeuge im Band vertreten. Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Im Germanistischen Institut forschte Georg Stötzel seit den 1980er Jahren zum öffentlichen Sprachgebrauch der Gegenwart und zum Sprachgebrauch im Nationalsozialismus, Ludwig Jäger zu den medialen Bedingungen von Sprache und Literatur, Rudi Keller entwickelte seine Theorie des Sprachwandels. Eva Neuland (in diesem Band) nahm ihre Forschungen zur soziolinguistischen Jugendsprache auf. Im Institut für Allgemeine Sprachwissenschaft bewirkte Dieter Wunderlich eine breite Rezeption der Sprechakttheorie. Konrad Ehlich und Jochen Rehbein untersuchten schulische Interaktionen und entwickelten ein Flussdiagramm Zur Einführung 19 <?page no="20"?> 4 Vgl. https: / / pub.ids-mannheim.de/ extern/ jsocio/ titel1.html. für komplexe Interaktionsabläufe (Restaurantbesuch), Rehbein führte Untersu‐ chungen zu Gesprächen mit Immigranten (Türken) durch, Ehlich verfasste sprachtheoretische Aufsätze auf pragmatischer Grundlage: Deixis, Bühlers Feldertheorie ausgeweitet auf das expeditive Feld; Schrift vs. Sprechen etc. 2 Zur Institutionalisierungsgeschichte der deutschsprachigen Soziolinguistik Als Pendant zu den punktuellen örtlichen und persönlichen Reminiszenzen seien einige Passagen aus Dittmars Ausführungen zur Institutionalisierung der Soziolin‐ guistik (2004) hervorgehoben. In seinem Beitrag mit Glier (2000) setzt sich Dittmar im Rückgriff auf Löffler (2016 (1985)) von der These ab, dass die Rezeption angloamerikanischer Traditionen in der Gegenstandskonstitution der Soziolinguistik im deutschsprachigen Raum die zentrale Rolle gespielt habe. Wir wollen uns auf die hier interessierende Konsolidierung der Disziplin auf die „Gründerzeit“ mit den bedeutenden Sammelbänden von Ferguson/ Gumperz (1960), Gumperz/ Hymes (1964), Gumperz/ Hymes (1972), aber auch von Luckmann (zus. m. Peter Berger 1966), Bourdieu/ Passeron (1971 (1964)) und Bernstein (1972 (1959)) und auf ihre Konsolidierung seit den 1970er Jahren beschränken. In diesem „politisch exponierten soziolinguistischen Jahrzehnt“ etablierten sich neue Forschungsgegenstände: sprachsoziologische Untersuchungen, die Sprachbarrierensoziolinguistik, Studien zur sprachlichen Benachteiligung und bei nicht-muttersprachlichen Immigranten, darunter das Heidelberger For‐ schungsprojekt Pidgin-Deutsch (1975), sowie eine Soziale Dialektologie. Die Anerkennung verschiedener Varietäten des Sprachgebrauchs als eine andere Art des Kommunizierens und Konflikte um Prestige und Stigmatisierung er‐ wiesen sich als entscheidende Triebkräfte der damaligen soziolinguistischen Forschung. Die Konsolidierung und Ausdifferenzierung der europäischen und der deutschsprachigen Soziolinguistik erfolgte sodann in den 1980er und 1990er Jahren, und zwar speziell in Form von Institutionalisierungen. Sie werden im Folgenden stichwortartig aufgeführt: • Das Jahrbuch Sociolinguistica, Internationales Jahrbuch für europäische Soziolinguistik, erschien erstmals 1987, herausgegeben von Ammon/ Mat‐ theier/ Nelde mit Brennpunkten der Soziolinguistik. 2024 folgte der bislang 38. Band. 4 20 Eva Neuland <?page no="21"?> • Ebenfalls 1987/ 88 wurde das internationale Handbuch Soziolinguistik her‐ ausgegeben von Ammon/ Dittmar/ Mattheier, das 2004-2006 in 2. Auflage unter Mitarbeit von Trudgill vorgelegt wurde. • Die Institutionalisierung bezog auch die europäische Mehrsprachigkeits‐ forschung ein: So wurde 1977 in Brüssel ein Zentrum für europäische Mehrsprachigkeit unter der Leitung von Peter Nelde gegründet (s. Jahrbuch Sociolinguistica 2/ 1988). • Umbrüche durch die deutsch-deutsche Wiedervereinigung 1990, Studien zu sprachlichen Ost-West-Unterschieden (v. a. Dittmar/ Bredel 1999, Auer/ Hau‐ sendorf (Hrsg.) Kommunikation in gesellschaftlichen Umbruchsituationen, 2000). • Weitere Teildisziplinen etablieren sich: Geschlechterdifferenzierende Soziolinguistik: feministische Linguistik und Gender Studien (v. a. Kotthoff i. d. Bd.) • Stadtsprachensoziolinguistik: in Berlin: mit Studien nach Labovs Variab‐ lenregeln sowie Stil- und Registerunterschiede der Alltagsrhetorik (s. Schlobinski i. d. Bd.), Mannheim: Ethnographien von Stadtvierteln (s. Kall‐ meyer/ Keim/ Schwitalla 1994/ 5, Schwitalla i. d. Bd.), Basel (Häcki Buho‐ fer/ Löffler), Bern (Iwar Werlen). • Zweitspracherwerbsforschungen (Dittmar et al. 1975, Dittmar 1979, 1995, Dittmar/ Bahlo 2012) und Code-Switching (Auer i. d. Bd.). • Diskurslinguistik (v. a. Wodak i. d. Bd.). • soziale Stereotypen und Kategorien: z. B. Heiko Hausendorf: Zugehörigkeit durch Sprache, 2000; Marita Roth: Stereotype in gesprochener Sprache 2005. • Sprache und Politik, z. B. Werner Holly: Politikersprache 1990, (ethnogra‐ fisch); Armin Burkhardt (Parlament) 2003; Heidrun Kämper: Die Sprache der Rechten (AfD) 2024, Wodak (i.d. Bd.). Sucht man nach groben Entwicklungslinien der deutschsprachigen Soziolin‐ guistik, etwa anhand von Publikationszahlen, so ergibt sich grosso modo eine Verlagerung des ursprünglichen Schwerpunktes der schichtspezifischen Ausrichtung in den 1970er/ 1980er Jahren auf Mehrsprachigkeit und damit verbundene Varietäten des Deutschen in den Folgejahren im Kontext mit der sozialdialektologischen Stadtsprachenforschung und der Genderforschung seit den 1980er Jahren. Eine starke Hinwendung zur Gesprächs- und Interak‐ tionslinguistik wird noch vor der Jahrtausendwende zunehmend erkennbar. Die Beiträge dieses Bandes weisen weitere Anregungen und Perspektiven der künftigen soziolinguistischen Forschung auf. Zur Einführung 21 <?page no="22"?> 3 Gegenstandsfelder - Gewinne, Verluste, Veränderungen Ein Überblick über die vorliegenden Beiträge, deren Thematik die Beiträger: in‐ nen selbst gewählt haben, offenbart wesentliche Schwerpunktsetzungen der Soziolinguistik. Diese betreffen unter den Titeln: Blicke zurück und nach vorn sowie Blicke nach vorn und zurück vor allem folgende Aspekte: Ungleichheiten als Erkenntnisinteresse Ein solches Erkenntnisinteresse wurde insbesondere in den Arbeiten der frühen deutschsprachigen Soziolinguistik offenbar; es wirkte als Motor für zahlreiche Studien. Angesprochen wird es auch in manchen Beiträgen dieses Bandes, so titelgebend bei Kellermeier-Rehbein sowie bei Hess-Lüttich, Hinnenkamp, Neuland, Steinig, Kotthoff und Wodak. Aber auch die spezifischen und für die Soziolinguistik der deutschen Sprache typischen Ausprägungen der Unterpri‐ vilegierung aufgrund der sprachlichen Sozialisation in der Regionalität wird in Beiträgen angesprochen, so bei Löffler und Henn, auch extraterritorial bei Földes und nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Geschlechtszugehörigkeit bei Kotthoff und auf Multikulturalität bei Hinnenkamp und Auer. Ungleichheiten sind dabei zumeist mit Machtdimensionen auf dem sprachlichen und sozialen Markt verbunden, sei es in Form von Dominanzen, Wertungen wie Privilegie‐ rung und Stigmatisierung oder eben kulturellem Kapital. Unbestreitbar spielt Ungleichheit in den verschiedenen Ausprägungsformen eine wesentliche Rolle in Geschichte und Gegenwart nicht nur der deutschsprachigen Soziolinguistik. Gewandelt hat sich hingegen ohne Frage die Einschätzung der Wirksamkeit sprachpolitischer und pädagogisch-didaktischer Einflussnahme auf solche Un‐ gleichheiten. Hier entfaltet sich ein breites Spektrum möglicher Folgen. Anwendungen im Bildungsbereich Anwendungsperspektiven im Bereich sprachlicher Bildung war zur Entste‐ hungszeit der deutschsprachigen Soziolinguistik ein wesentlicher Motivations‐ faktor für zahlreiche Studien, wie die Debatten um die kompensatorische Erziehung demonstrierten. Darauf nehmen die Reminiszenzen bei vielen Bei‐ trägen vor allem in Kapitel I Bezug. Ernüchtert durch den ausbleibenden Effekt verlor sich die Euphorie rasch in der weiteren Entwicklungsgeschichte der Soziolinguistik. Dies zeichnet vor allem Steinig in seinem Beitrag nach, wobei der Wandel der bildungs- und fachpolitischen Vorstellungen nachvollziehbar wird. Auer sowie Schlobinski reklamieren ein neues einschlägiges Forschungs‐ interesse der Soziolinguistik (vgl. auch Kotthoff/ Heller (Hrsg.) 2020 sowie im 22 Eva Neuland <?page no="23"?> Kontext von Flucht und Migration Deppermann et al. 2018). Die Frage nach der Anwendungsorientierung stellt sich implizit oder explizit auch in der gegenwärtigen Soziolinguistik; auch wenn sie sich als ausschließlich deskriptiv verstanden wissen will. Theoretische Aspekte Die Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Gesellschaft ist in der So‐ ziolinguistik sehr unterschiedlich beantwortet worden: Während zu Beginn soziale Kategorien wie v. a. Schichtzugehörigkeit relativ unbefangen anhand von bestimmten Kriterien wie Beruf des Vaters u. a. als schlechthin gegeben für soziale Zugehörigkeiten hingenommen wurden, lösten schon bald Zweifel an einer zu simplen Mechanik differenziertere Modellvorstellungen aus, wozu Einflüsse der anthropologischen Sozialwissenschaften, der Ethnographie und des Sozialkonstruktivismus beitrugen, wie bei Wodak, Henn, Hinnenkamp, Kotthoff, Schwitalla und Auer reflektiert. Die wechselseitigen Beziehungen zwischen Sprache und Gesellschaft konnten seitdem auch in extrem positivis‐ tischem oder konstruktivistischem Sinne nicht mehr hintergangen werden. Gegen ein allzu mechanisches Verständnis des Zusammenhangs von sprach‐ lichen und sozialen Faktoren wurde schon früh auch der Einbezug subjektiver Faktoren, v. a. des Sprachbewusstseins geltend gemacht. Heutige soziolingu‐ istische Studien betrachten pragmatische wie metapragmatische Daten als gleichrangig, v. a. Neuland (2023). Entwicklung der Empirie und Methodik Der Einfluss der Soziolinguistik auf die empirische Sprachforschung ist zwei‐ fellos von großer Bedeutung, wie es viele Beiträge in den beiden Kapiteln herausstellen. Die Titelformulierungen: Von … bis … deuten zugleich Wandel‐ prozesse im Verlauf der Fachgeschichte an, wie v. a. Schwitalla, Hess-Lüttich und Hinnenkamp thematisieren. Die Tatsache, dass die o. g. Ungleichheiten nicht nur Behauptungen, sondern als unwiderlegbare Fakten Geltung beanspruchten, war ein wesentlicher Faktor in der Entwicklungsgeschichte der Disziplin. Dafür galt es aber zunächst Grundlagen zu schaffen, wie bei Schlobinski und Schwitalla anschaulich geschildert wird. Dies betraf die Dokumentation und Beschreibung der gesprochenen Sprache, bald darauf der multimedialen und multimodalen Interaktion, wie bei Hinnenkamp und Hess-Lüttich sowie Auer dargestellt. Sozialwissenschaftliche Methoden fanden Anwendungen im Bereich der Linguistik, was gegenwärtig fast eine Selbstverständlichkeit darstellt. Überwie‐ Zur Einführung 23 <?page no="24"?> gend werden heute Sprach- und Kommunikationsanalysen an authentischen, selbsterhobenen Materialien durchgeführt. Dabei wird gegenwärtig oft die methodische Anwendung mit ihrer Reflexion verbunden, auch ein Gewinn gegenüber der anfänglichen Methodeneuphorie. Im Unterschied zur damaligen angloamerikanischen Forschung ging es nicht allein um Validität durch große Zahlen und um Repräsentativität; vielmehr knüpften manche deutschsprachige Studien an die Tradition der Einzelfallstudien an - unter Reflexion von Einfluss‐ faktoren und begrenzter Verallgemeinerbarkeit. Vor allem bedürfen aber auch die metapragmatischen Daten der Reflexion und Bewertung von Sprache neuer empirischer und methodischer Zugänge. Interdisziplinarität Als genuiner Faktor in der Entwicklungsgeschichte der Soziolinguistik erweist sich die in ihrer Benennung eingeschriebene Interdisziplinarität, die sich zu‐ vörderst auf die Soziologie, die sprachwissenschaftlichen Nachbardisziplinen, sodann auf die Bildungswissenschaften, weiterhin auf Sozialpsychologie, Phi‐ losophie und Politikwissenschaften und nicht zuletzt Literaturwissenschaften (Hess-Lüttich) beziehen dürfte. Henn und Földes heben solche Ressourcen verschiedener Wissenschaften hervor. Dies gilt für Geschichte wie Gegenwart der Soziolinguistik. Fokussierung und thematische Breite Ein für die Entwicklung der deutschsprachigen Soziolinguistik nicht zu unter‐ schätzender Effekt ist ihre thematische Breite und Offenheit, wie sie sich in der Rückschau v. a. in den Forschungen von Wodak und Kotthoff entfaltet hat. Man‐ che der frühen Soziolinguist: innen verfolgen überwiegend einen thematischen Fokus, z. B. bei Kotthoff der Genderaspekt, bei Neuland der Sprachgebrauch Jugendlicher, wenn auch mit unterschiedlichen methodischen Verfahrenswei‐ sen. Impulse zur Weiterentwicklung sind zumeist auch auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse zurückzuführen, wie exemplarisch die Migration- und Fluchtbewegungen, der Fall der Mauer und das vermehrte Aufeinandertreffen von West- und Ostdeutschen, die allgemeine politische Lage des Populismus und Rechtsextremismus. 24 Eva Neuland <?page no="25"?> Interkulturalität In Laufe der geschichtlichen Entwicklung der deutschsprachigen Soziolinguistik hat ist von der Interkulturalität im Verbund mit Sprachkontakt und Mehrspra‐ chigkeit wahrscheinlich der wichtigste Impuls ausgegangen, wie Hinnenkamp und Auer skizzieren. Die Interkulturalität hat wahrscheinlich den ursprünglich so typischen Faktor der Regionalität abgelöst, bzw. dürfte dieser in der Interkul‐ turalität inzwischen aufgegangen sein. Dies demonstrieren zahlreiche Studien zur multiethnischen Jugendsprache, z. B. von Dittmar, Hinnenkamp und Auer. Zwischenfazit und Ausblick Fragen wir uns am Ende der Einleitung: Welche Gewinne und Verluste haben wir aus dieser Rückschau gewonnen, was bleibt für die Vorausschau? Das sei abschließend in 3 kleinen Abschnitten festgehalten: Gibt es einen definitorischen Kern der deutschsprachigen Soziolinguistik, gar eine stromlinienförmige Entwicklung? Diese Fragen mögen die Leser: innen des Bandes am Ende selbst beantworten. Sicherlich können definitorische Merkmale aus Abschnitt 2 und weitere benannt werden (vgl. Neuland 2023). Diese mögen zum Teil auch für andere Teildis‐ ziplinen der Sprachwissenschaft zutreffen, doch ergibt ihre Vernetzung ein gewisses Bild, das selbstverständlich zeitgebunden ist und Wandlungsprozessen unterliegt. Dieses Bild hat sich auf der Grundlage der vorliegenden Beiträge gut 50 Jahre nach der Entstehung der deutschsprachigen Soziolinguistik ergeben. Bei der Entstehung des Sammelbandes kann ein gewisser Zufallseffekt nicht ausgeschlossen werden: Nicht alle frühen Soziolinguist: innen standen - aus verschiedenen Gründen - für einen Beitrag zur Verfügung. Auch mögen jüngere Fachvertreter: innen zu einem anderen Bild gekommen sein; das mag ein anderer Band zeigen. Es liegt auf der Hand, dass wir nicht von einer stromlinienförmigen Entwick‐ lung der Disziplin ausgehen können. Dies demonstriert die Wissenschaftsge‐ schichte (s. v. a. Kuhn 1967). Eine reine Fachgeschichte haben wir mit dem vorliegenden Band auch nicht angestrebt (s. dazu Ammon 2005, Dittmar 2004, 2005, Auer 2015, Löffler 2016). Der erwähnte Aspekt der thematischen Breite und Offenheit hat einerseits zweifellos zu einer Ausdehnung der soziolinguis‐ tischen Gegenstandsfelder geführt, die zum Teil einen eigenen teildisziplinären Anspruch verfolgen, sei es die Gender-, Migrations- oder Medienlinguistik. Andererseits sind manche vermeintlichen ehemaligen Widersprüche, z. B. zwi‐ schen Grundlagenforschung und Angewandter Forschung, mittlerweile obsolet Zur Einführung 25 <?page no="26"?> geworden, ebenso wie die anfängliche Diskreditierung von „Bindestrichdiszi‐ plinen“. Und nicht zuletzt bleiben Fragen Was bedeutet eigentlich unsere Eingrenzung auf: deutschsprachig im Kontext von Internationalität und Interkulturalität? Gibt es noch Abgrenzungen von angloamerikanischer, französischer und weiterer europäischer Forschung? Wel‐ che Impulse sind „von außen“ zu verzeichnen? Auf einige Punkte konnten wir im vorherigen Abschnitt und im Band selbst hinweisen: Eine deutschsprachige Soziolinguistik ist ohne die Impulse von außen, aus dem europäischen wie amerikanischen Kontext nicht denkbar. Mehr‐ fach wurde v. a. auf den Einfluss von John Gumperz verwiesen. Im deutschen Kontext haben in der bisherigen Entwicklungsgeschichte der Soziolinguistik neben und in der Sprachgeschichte die Territorien eine bedeutsame Rolle gespielt, seien es der Ost-West-Aspekt und die Varianten der deutschen Sprache sowie der Stadt-Land-Aspekt, um nur einige zu nennen. Kommen wir schließlich zum Ausblick Wie stellt sich angesichts dieser Überlegungen die heutige Situation der So‐ ziolinguistik der deutschen Sprache dar? Anscheinend ist es um diese bemer‐ kenswert still geworden. Wenn man solche Einschätzungen berücksichtigt, erscheinen ihre Auswirkungen im Rahmen der empirischen Sprachforschung weniger offensichtlich als implizit. Ist die Soziolinguistik etwa in diese aufge‐ gangen und macht sich vielleicht nur noch als attributiver Vorspann bemerkbar, wie in Soziopragmatik (Held 2017 und Neuland i. d. Bd., z. B. Auer 2021a), Sozi‐ ostilistik (Fix i.d. Bd.), Soziophonetik (z. B. Auer 2021b und i. d. Bd.). Die Frage stellt sich, ob das eigentlich zu bedauern wäre oder nicht. Wissenschafts- und förderpolitisch wäre dies gewiss problematisch. Dass die Soziolinguistik eben keine kurzlebige Modeerscheinung ist, demonstrieren die Beiträge in diesem Band. Wissenschaftliche Auswirkungen entwickeln sich erst nach längerer Zeit und oft mit mehreren Ursachen, die nicht exakt zu differenzieren sind. Viele der genannten Impulse werden in anderen Teilgebieten der Sprachwissenschaft und in den Sozial- und Bildungswissenschaften weiterwirken, wie sich bereits seit den Anfängen der Soziolinguistik zeigt. 26 Eva Neuland <?page no="27"?> Literatur Ahrenholz, Bert/ Rost-Roth, Martina (Hrsg.) (2023). Ein Blick zurück nach vorn. Frühe deutsche Forschung zu Zweitspracherwerb, Migration, Mehrsprachigkeit und zweit‐ sprachbezogene Sprachdidaktik und ihre Bedeutung heute. Berlin/ Boston: de Gruyter. Ammon, Ulrich (2005). Standard und Variation: Norm, Autorität, Legitimation. 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Ich hatte damals gerade eine Assistentenstelle angetreten, nachdem ich meine Dissertation (1965) ganz traditionell in Historischer Namenforschung als hand‐ werkliches Gesellenstück abgeliefert hatte. Die regelmäßige Lehrverpflichtung bestand in wiederkehrender Reihenfolge aus „Einführungen“ ins Gotische, Althochdeutsche, Mittelhochdeutsche und gegen Ende der sechziger Jahre auch noch „Grammatik und Stilistik des Neuhochdeutschen“. Das germanistische Grundstudium vermittelte also ganz traditionell Deutsche Philologie mit histo‐ rischer Ausrichtung. Gleichzeitig hatte ich über meine Frau, die Gymnasiallehrerin an einem katholischen Mädchengymnasium in Freiburg i. Br. war, die Schulwirklichkeit kennengelernt. Die Schülerzahl des St. Ursula-Gymnasiums war innerhalb Jahresfrist von 800 auf 1200 angestiegen, weil in den Jahren davor (1965-66) eine von den Studenten der Universität initiierte Aktion „Student aufs Land“ stattgefunden hatte. Da waren Studierende der Uni Freiburg in die Dörfer um Freiburg herum, am Kaiserstuhl, im Markgräflerland und Schwarzwald ausgeschwärmt und hatten den Bauern und Winzern eingeredet, dass die Zukunft ihrer Kinder im Gymnasium läge. Lehrer wie Eltern schickten ihre Kinder gehorsam in die Stadt - dazu noch an ein Mädchengymnasium, und noch katholisch obendrein. Nach einem Jahr gab es ein böses Erwachen: <?page no="36"?> Die zehn- und elfjährigen Mädchen waren in ihren Dörfern überhaupt nicht vorbereitet worden auf das, was am Gymnasium auf sie zukam. Dieselben Studenten der „aufs Land“-Aktion erklärten sich zur Aufgabenhilfe bereit. Es nützte aber nichts. Die Sextanerinnen vom Kaiserstuhl wurden in Scharen nicht versetzt und von den Eltern wieder zurückgenommen. Zwischen den Schülern und deren Eltern und der Lehrerschaft, die zu einem Großteil gar nicht aus Freiburg, sondern aus Norddeutschland stammte, waren tiefe Gräben sichtbar geworden. Niemand wusste so recht, woran es liegen könnte - am guten Willen offensichtlich nicht. Inzwischen war die erste Gesamtdarstellung der Soziolinguistik von Norbert Dittmar erschienen (Dittmar 1973). Eine knappere Darstellung gab Brigitte Schlieben-Lange mit dem Taschenbuch „Soziolinguistik“ von 1973. Beide Titel blieben fast zehn Jahre lang die einzigen Einführungen auf Deutsch. Es war offensichtlich, dass die Soziolinguistik im angelsächsischen Raum, in den USA und in England ihren Ursprung hatte. Für die in Deutschland von Georg Picht ausgerufene „Bildungskatastrophe“ schien sich eine Lösung anzubahnen (Picht 1964). Mit der These - und angebli‐ chem Beweis? - des restringierten Codes der working class und dem in Deutsch‐ land davon abgeleiteten Schlagwort der Sprachbarriere kamen Oevermann und Bernstein gerade recht. Bald schon wusste man nicht mehr, wer diesen Begriff geprägt hatte. Er schien jedenfalls genau das Problem zu benennen. Auf ähnliche Weise habe ich das Vorwort einer Sprachfibel für Zweitklässler in Erinnerung, wo es sinngemäß hieß, beim Schreibunterricht sollten die Kinder lernen, Phoneme zu diskriminieren. Die „Generative Grammatik“ eines Noam Chomsky (1969) biete jetzt wohl endlich die Lösung für den problematischen Grammatikunterricht für Erstlerner an, es sei ja alles noch im Entstehen (generativ) begriffen. Leider habe ich mir damals diese Fundstelle nicht notiert. Da begann es sich bei mir im Kopf zu drehen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die neuen Theorien nicht auf hiesige Verhältnisse passten, vor allem, wenn ich an meine eigene Gymnasialzeit zurückdachte. Die war in Konstanz. Die wenigsten Schüler des humanistischen Suso-Gymnasiums stammten aus der Stadt. Viele pendelten aus der Umgebung, dem Bodanrück oder auch von der anderen Seite des Bodensees. Fast die Hälfte wohnte in einem Internat, weil der Weg fürs Pendeln zu weit gewesen wäre. Sie kamen aus kleinen Städten und Dörfern vom Schwarzwald, dem Hochrhein und dem Bodensee-Umland. Sie waren von den dortigen Lehrern oder Pfarrern handverlesen als Klassenbeste für das Gymnasium gemeldet worden. Dort mussten sie ihre Sonderbegabung zunächst durch eine Prüfung belegen und wurden danach gleich in die zweite oder dritte Gymnasialklasse eingestuft. Aber richtiges Deutsch hat niemand 36 Heinrich Löffler <?page no="37"?> gekonnt. Man sprach eine Art badischer Koiné, von allem etwas. Ja noch beim Abitur hätte niemand aus der Klasse behauptet, er spreche richtig gutes Deutsch. Ein Norddeutscher - wir hatten ein paar wenige norddeutsche oder ostpreussische Lehrer - hätte wohl gesagt, wir sprächen alle badische Mundart. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass das eine Restriktion sei, solange die Aufsätze stimmten. Diese waren offensichtlich auf Abitur-Niveau. An der badischen Heimuniversität Freiburg im Breisgau (150 km vom Schulort Konstanz entfernt), wo wir fast alle landeten, kam unser Jahrgang als erster in das Privileg, schon auf Grund eines ausgezeichneten Abiturzeugnisses und nicht erst nach vorliegenden Studienleistungen in die Förderung nach dem Honnefer Modell aufgenommen zu werden. Man erzählte, dass von allen Erstsemestern nur gerade zwölf diesen Status erhalten hätten, und ich wusste, dass es von meiner eigenen Schule allein fünf waren. Es kann also nicht daran gelegen haben, dass wir kein Deutsch konnten oder dass das etwas mit der ländlichen, bäuerlichen oder proletarischen Herkunft zu tun gehabt hätte. All das ging mir durch den Kopf, als ich von der Sprachbarriere und dem restringierten Code in England oder New York hörte. Sicher war ich nur, dass die Verhältnisse bei uns bestimmt nicht dieselben waren wie die der Arbeiterkinder bei Basil Bernstein - oder in Labovs New Yorker Einkaufsmall. So machte ich mich daran, meine Erfahrungen und Gedanken dazu einmal zu Papier zu bringen. Das Ziel war, so einen Absturz wie „Student aufs Land“ nicht noch einmal zu riskieren, sondern Lehrer und Eltern zu informieren und zu sensibilisieren, um möglichst vielen, die von Haus aus nicht die Bildungssprache sprechen, die Chance einer höheren Schulbildung mit Erfolg zu ermöglichen. Mit einer ersten Wortmeldung unter dem Titel „Mundart als Sprachbarriere“ im Wirkenden Wort (Löffler 1972, Entwurf 1968ff.) versuchte ich, die besondere Situation der Dialektsprecher in Süddeutschland zu beschreiben als eine andere Art von „elaboriertem“ Code, der aber in der Schule nicht gefragt ist. Am Anfang meiner soziolinguistischen Aktivität stand also eine private Betroffenheit - ja geradezu Involviertheit in die damalige Bildungswirklichkeit. Das Ziel war, echte Begabungen und Bildungsreserven auch dann zu sehen, wenn sie für Ortsfremde durch eine Sprechweise verdeckt werden, die eher auf Minderbegabung schließen lassen. Die fremden Lehrer sollten erst einmal aufgeklärt werden, und die einheimischen, die das Problem kannten, sollten neben ihrer eigenen didaktischen Intuition vielleicht von Seiten der empirischen Sprachforschung noch die eine oder andere praktische Hilfe oder Information erhalten. Der Faktor „fremder Lehrer“ wurde bestätigt auf einer der Tagungen, die wir zu dem Thema immer wieder organisiert haben: Der im Stuttgarter Bil‐ Zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik in Deutschland 37 <?page no="38"?> dungsministerium für das Personal an Grundschulen zuständige Ministeriale hat mir im Gespräch mit Nachdruck versichert, dass er bei der Besetzung von Lehrerstellen im tiefen Schwarzwald darauf achte, dass die Lehrkraft aus einer Region stamme, wo hochdeutsch gesprochen werde. Die Flüchtlinge, die nach dem 2. Weltkrieg gleichmäßig auf Westdeutschland verteilt wurden, also auch in den Schwarzwald, sprachen in der Regel eine Sprache, die in badischen Ohren als Hochdeutsch wahrgenommen wurde. Mein Engagement zum Thema Dialekt als Sprachbarriere war jedoch nicht einmalig oder originell. Zeitgleich und ohne Kontakt untereinander erschienen ähnliche Beiträge, z. B. von Hugo Moser (1972) oder Ulrich Ammon (1972 und 1973). In Tübingen war unter Leitung von Hermann Bausinger und Arno Ruoff eine ganze Tagung der alemannischen Dialektologen diesem Thema gewidmet (Bausinger 1973). Es lag also in der Luft. Sprachbarrieren in den klassischen Dialektgebieten sollten anders behandelt werden als in den engli‐ schen Bergbaustädten oder Londoner und New Yorker Slums. Aber wie konnte man das Problem angehen, was hatte die traditionelle Dialektologie dazu zu sagen? Bis dahin hatte ich nichts mit Dialektforschung zu tun gehabt. Neben meinen Lehraufgaben in Sprachgeschichte und historischer Grammatik war ich noch - in der Freizeit - an einem Projekt eines historischen Schreibatlas beteiligt. Das war aber bestenfalls historische Dialektforschung. Da kam die Anfrage meines Doktorvaters gerade recht: Er sollte für die Wissenschaftliche Buchgesellschaft eine Einführung in die Mundartforschung schreiben, wollte diese Aufgabe gerne mir überlassen. Ich hatte zwar keine Ahnung, es gab auch keine Einführung in das Fach. Ich stellte jedoch fest, dass es in der Bibliothek des Freiburger Deutschen Seminars eine große und gut geordnete Abteilung „Mundartforschung“ gab. Ich setzte mich in der Freizeit dorthin zu den Büchern und habe mich durch die einzelnen Bereiche hindurchgearbeitet und alles sogleich zu Papier gebracht und in meinem „freien“ Proseminar bei den Studierenden getestet. So entstand die erste Einführung in die Dialektologie unter dem Titel „Probleme der Dialektologie“, die in mehreren Auflagen über zwanzigtausendmal verkauft wurde (Löffler 1974). - Vielleicht war das Büchlein mit schuld, dass von da an Dialektologie an vielen Universitäten, wieder auf dem Lehrplan stand, weil es ein günstiges Lehrbuch gab. Bis dahin hatte man, wenn einen Dialekte interessierten und wie man sie erforscht, in Marburg beim Deutschen Sprachatlas oder bei Prof. Hotzenköcherles Sprachatlas der deutschen Schweiz eine Art Praktikum absolvieren müssen. Auf Grund meines Artikels meldete sich Werner Besch, der gerade den Bochumer Lehrstuhl mit dem Bonner getauscht hatte. Wir kannten uns noch aus der gemeinsamen Freiburger Zeit. Er fühlte sich ebenfalls als Betroffener 38 Heinrich Löffler <?page no="39"?> auf ähnliche Weise angesprochen wie ich. Er hatte die gleichen Erfahrungen gemacht wie ich, nur zehn Jahre früher. Wir beschlossen, das Privileg, das wir im Gegensatz zu vielen Gleichbegabten gehabt hatten, dazu zu nutzen, um mit unseren fachlichen Möglichkeiten auch anderen zu einer Chance zu verhelfen. Wir konzipierten eine Heftreihe für Grundschullehrer mit dem Titel: „Dialekt/ Hochsprache kontrastiv. Sprachhefte für den Unterricht“ (Besch/ Löffler/ Reich 1976ff.). In kurzer Zeit entstanden dank der Mitarbeit anderer Engagierter für die größeren Dialektgebiete der Bundesrepublik solche Unter‐ richtshilfen. Diese haben wir auf Tagungen und Einführungen in den betreffen‐ den Gegenden den Lehrverantwortlichen vorgestellt und zu erklären versucht. Die Hefte waren aber vom Verlag nicht besonders attraktiv gestaltet und hatten nicht die formale Qualität, die man von Lehrmitteln erwarten durfte. So wurden sie kaum im Unterricht benutzt. Besser wahrgenommen wurden sie hingegen in der Lehrerausbildung an den Pädagogischen Hochschulen, wie die alten Lehrerseminare jetzt hießen. Das Thema war also in der Lehrerbildung angekommen und wurde Teil der Diskussion um neue Unterrichtskonzepte (Neuland 1988). Wir hatten für die Sprachhefte zum Nachweis schulischer Nachteile alte Schulhefte mit Diktaten und Aufsätzen gesammelt, um dialekttypische Fehler und damit die schulische Benachteiligung, die sich in der Note niederschlug, zu dokumentieren. Das Einsammeln von Schulheften jeweils von einer 5. und 8. Klasse war möglich, weil in den meisten Bundesländern Schulhefte im Schularchiv aufbewahrt wurden. Als Anschlussprojekt hatte ich aus diesem Fehler-Fundus aus allen Dialektgegenden Entwürfe für einen „Fehleratlas“ an‐ gefertigt (Löffler 1982). Es sollte der Beweis der sprachgeographisch bedingten Benachteiligung mancher Schüler sein. Bei unseren Vorträgen und Seminaren an Orten nördlich einer Linie Dialekt (Süden)/ Hochdeutsch (Norden) hörten wir öfters, dass es in den Schulen kein Dialektproblem gäbe. Der „Fehleratlas“ brachte jedoch für jedes ehemalige Dialektgebiet auch die im Norden typischen Fehler ans Licht, die es in anderen Gegenden nicht gab. Der verschwundene Dialekt, also auch das Plattdeutsche, hatte in den Schulheften seine Spuren hinterlassen. Auch war bei uns die Frage aufgekommen, ob es in den dialektfreien Gegenden vielleicht doch noch gesprochenes Platt gab, das man aber nicht eingestehen, auf jeden Fall aber in der Schule tunlichst vermeiden wollte. Die nachfolgende, bis heute fortschreitende Renaissance des Plattdeutschen bestätigt unsere damalige Vermutung. Als in Freiburg im Sommersemester 1974 in meinem Hauptseminar zur So‐ ziolinguistik auch die Sprachbarriere behandelt wurde, kam nach der Stunde ein Student mit Tränen in den Augen zu mir und sagte, er komme aus (West-)Berlin, Zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik in Deutschland 39 <?page no="40"?> habe als Kind mit seiner alleinerziehenden Mutter, die als Putzfrau arbeitete, in einem Zimmer gewohnt und habe sich in der Schule nicht getraut etwas zu sagen, weil er nur Berlinisch konnte. Jetzt habe er zum ersten Mal im Leben gehört, dass er mit diesem Problem nicht allein sei. Das zeigte doch, dass die Fehlerspuren auf der Karte nicht auf eine vergangene Realität hinwiesen, sondern Spuren von noch vorhandener Dialektsprachlichkeit waren. Das Projekt eines Fehleratlasses zog sich wegen des großen Aufwandes in die Länge. Um das ganze deutschsprachige Gebiet abzudecken, hätten auch die deutsche Schweiz und Österreich und nach 1989 noch die neuen Bundesländer dazugehört. Das Einsammeln von Schulheften war dort aber gar nicht mehr möglich, weil diese nicht aufbewahrt wurden. So blieb es bei den Kartenent‐ würfen. Die Sensibilisierung für das Problem war aber geblieben. Was heute nach 50 Jahren davon noch übrig ist, lässt sich schwer abschätzen. In der Zwischenzeit haben mehrere Generationen sowohl von Schülern als auch Lehrkräften die Schule und eine weitere Ausbildung durchlaufen. Ich habe den Eindruck, dass heutzutage das Bewusstsein der dialektbedingten Sonderbedingungen im primären Bildungssystem anders ist als vor fünfzig Jahren. Auch scheinen Fertigkeiten in Lesen und Schreiben für das schulische Fortkommen nicht mehr so wichtig wie früher. Das könnte auch daran liegen, dass das Beherrschen der Orthografie und verständiges Lesen heute nicht mehr dasselbe Gewicht haben. Manche PISA-Ergebnisse scheinen diese Verschiebung zu bestätigen. Neben der Dialektproblematik hatten jedoch überall in Deutschland und darum herum empirische Forschungen eingesetzt, um die amerikanischen Methoden auf den deutschsprachigen Raum anzuwenden und die Ergebnisse zu vergleichen. Da erreichte mich eine Verlagsanfrage nach einer vorläufigen Zusammenfassung der soziolinguistischen Aktivitäten im deutschsprachigen Raum. Ich versuchte mir einen Überblick zu verschaffen. Um alles auf die Reihe zu bekommen, beschränkte ich mich auf die „Germanistische Soziolinguistik“. So hieß denn auch der Titel der ersten Auflage 1983, der bis zur 5. Auflage 2016 so geblieben ist. Die Beschränkung auf die deutsche Sprache erlaubte dann auch einen Blick zurück auf die „vorsoziolinguistische“ Zeit und den Einbezug von Themenfeldern, die man auf den ersten Blick nicht als soziolinguistisch bezeichnen würde. Die Soziolinguistik war inzwischen etablierter Bestandteil des Faches Germanistik und der dazugehörigen Ausbildung. Schon früh vertrat ich die These, dass sich die Soziolinguistik bald dem Namen nach selbst auflösen müsse, nachdem sie sich in allen Bereichen des Faches als Aspekt und Methode etabliert habe. Das ist jedoch bis heute nicht eingetreten. Die jüngst erschienene Einführung in die Soziolinguistik der deutschen Sprache von Eva 40 Heinrich Löffler <?page no="41"?> Neuland zeigt bereits im Anspruch und in der Ausführung die Vielfalt und Zukunftsgerichtetheit dieser Disziplin auf (Neuland 2023). 2 Wie hat sich die Soziolinguistik auf Ihre ursprünglichen Arbeitsgebiete ausgewirkt? Alle meine frühen Aktivitäten in Soziolinguistik mussten neben den normalen Lehrverpflichtungen stattfinden. Das galt auch, nachdem ich 1975 die Professur in Basel angetreten hatte. Als einziger Vertreter der „Alten Abteilung“ am Deutschen Seminar (Sprache und ältere Literatur) hatte ich zeitweilig das ganze Fach zu vertreten. Soziolinguistik und Dialektologie waren lediglich Teile davon und standen nur hin und wieder auf dem Lehrprogramm. Auch die Forschungsprojekte sollten aus dem großen Spektrum der germanistischen Lin‐ guistik stammen. Nur einmal konnte ich ein drittmittelfinanziertes Projekt zur Basler Stadtsprache auf den Weg bringen, das mit mehreren Mitarbeiterstellen ausgestattet war und zu größeren Publikationen geführt hat (Bürkli 1999, Hofer 1997 u. 2002, Leuenberger 1999, Löffler 1993, 2001). Ein anderes Projekt war der inzwischen aufgekommenen IT-Kommunikation gewidmet (Löffler 1983). 3 Haben Sie Ihre soziolinguistischen Interessen in Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn weiterverfolgt? Soziolinguistik war bei mir zwar ein Dauerthema, allerdings immer nur ne‐ ben anderen. Das Interesse wandte sich allmählich hin zur Pragmatik und Gesprächsforschung und bezog schließlich auch noch Medienlinguistik mit ein. Sprachgeschichte und Onomastik waren ähnliche Dauerbegleiter. Die regelmäßige Neubearbeitung der „Germanistischen Soziolinguistik“, insgesamt fünf Auflagen zwischen 1985 und 2016, hatte den willkommenen Nebeneffekt, dass Wissensstand und Interesse immer auf dem Laufenden gehalten wurden (Löffler 1985ff.). 4 Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Soziolinguistik im deutschsprachigen Raum? Welche Erwartungen haben sich erfüllt / nicht erfüllt? Soziolinguistik war lange Zeit ein Teilfach der Germanistik und der anderen modernen Philologien. Das heißt implizit auch in der Lehrerbildung und in der Ausbildung künftiger Journalisten. Das schlug sich dann auch im Schulalltag Zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik in Deutschland 41 <?page no="42"?> und im öffentlichen Bewusstsein nieder. Damit hat sich wohl auch der Zeitgeist verändert und mit ihm der öffentliche Diskurs. Ich hatte darüber hinaus eigentlich keine konkreten Erwartungen. Dass Sozi‐ olinguistik zu einem eigenen Fach wurde, gar mit einem Lehrstuhl, war nicht meine Vorstellung, wäre jedoch als Nebeneffekt gerne akzeptiert worden. Als Erfolg kann wohl verbucht werden, dass die Sprachwissenschaft soziolinguistisiert wurde, wenn man überhaupt erwartet hatte, dass sich etwas verändern würde. 5 Welche „Meilensteine“ halten Sie für besonders bedeutsam? Welche Auswirkungen erkennen Sie für Ihr engeres Arbeitsgebiet? Ich sehe alles eher als eine Entwicklung auf breiterer Front. Die Beiträge dieses Bandes repräsentieren die Vielfalt an Themen und Methoden. Deren Autorinnen und Autoren haben an ihrem Ort geforscht und publiziert und sind auf Konferenzen aufgetreten. Die Talkshows gab es in den ersten 30 Jahren noch nicht, sonst hätte man uns auch dort hin und wieder angetroffen. Heute werden dort wohl andere Mainstream-Themen durchgehechelt. 6 Was haben Sie vermisst? Eigentlich nichts. Man hätte sich vielleicht das allgemeine Interesse an der Soziolinguistik etwas größer vorstellen können. Sie kam zwar überall im Fächerkatalog vor und war auch Teil des regelmäßigen Lehrangebots, das Fach brachte es aber nicht - wie später z. B. Gender-Forschung oder Medienlinguistik - zu einem eigenen Lehrstuhl oder gar Institut. Meine Prognose, dass Soziolinguistik noch vor der Jahrhundertwende sich als selbständige Disziplin des Faches Linguistik überflüssig machen und deshalb auflösen werde, hat sich zwar nicht bewahrheitet. Der Nachteil aber, dass es nie zu einer soziolinguistischen „Sternengeburt“ gekommen ist, wird aufgewogen durch die Tatsache, dass Soziolinguistik Teil des Kernfaches geworden ist und deshalb nicht mehr unbedingt einen eigenen Namen haben muss. 7 Was würden Sie über sich oder die Soziolinguistik selbstkritisch anmerken? Vielleicht muss man sich rückblickend vorwerfen, dass man anfangs und auch länger zu sehr bildungs- und gesellschaftskritisch eingestellt war. Linguistik der neuen Art galt bei vielen lange Zeit als links. Das betraf die Soziolinguistik 42 Heinrich Löffler <?page no="43"?> in besonderem Maße. Manchmal stand politischer Aktivismus einer neutralen Beurteilung der Daten und Fakten im Wege. Die eingangs erwähnte Aktion „Student aufs Land“ aus vorsoziolinguistischer Zeit hatte schon die negativen Folgen solcher Hyperaktivität aufgezeigt. Das Gleiche galt auch für andere Aktionen wie z. B. die Gründung eines „Vereins für Kleinschreibung“, an der auch der vormalige Leiter der Dudenredaktion Paul Grebe maßgeblich beteiligt war, was viele verwunderte. Sie endete schließlich als Rechtschreibreform, die inzwischen von kaum jemandem mehr als Meisterstück engagierter Soziolin‐ guistik oder überhaupt der angewandten Linguistik angesehen wird. Auch könnte man sich vorstellen, dass die Teilergebnisse der Soziolinguis‐ tik doch etwas mehr ihren Niederschlag in den Kommentaren und Analysen der Medien gefunden hätten. Ich war in Basel zwar aktiv an der Gründung des Instituts für Medienwissenschaft beteiligt. Von dem Studienziel eines „journalista doctus“, eines gebildeten Journalisten mit wissenschaftlichem Hintergrund, in Anlehnung an den seit der Antike bekannten Begriff des „poeta doctus“, ist nicht viel erreicht worden. Die meiste Energie wurde vergeudet mit Grabenkämpfen zwischen einzelnen Ideologien oder auch mit persönlichen Empfindlichkeiten. 8 Wie beurteilen Sie die heutige Situation und was erwarten Sie von der Zukunft der Soziolinguistik? Der vorliegende Band zeigt mit seinem „Marschhalt“, wie man das in der Schweiz zu sagen pflegt, und einem Blick zurück, dass nach einem halben Jahrhundert eine anfangs vielleicht allzu modische Disziplin an einem vorläufigen Ziel angekommen ist. Ich halte es für möglich, dass künftig eine andere Kombination von linguistischen Teildisziplinen gefragt sein wird, um aktuelle gesellschaftli‐ che Kommunikationsfälle ins Visier zu nehmen. Es könnten Werkzeuge der Pragmatik und Gesprächsforschung, der öffentlichen Rhetorik wieder mehr in den Vordergrund treten oder auch ganz neue Kategorien entwickelt werden, um die Vielfalt der halböffentlichen und halbprivaten Individual- und Massen‐ kommunikation im Zuge der allgegenwärtigen Digitalisierung in eine neue Begrifflichkeit zu überführen. Die Soziolinguistik, wie sie in den letzten fünfzig Jahren betrieben worden ist, wird vielleicht dem Namen nach nicht mehr im Vordergrund stehen oder gar verschwinden, die Forschung wird aber auf ihren Methoden und Ergebnissen aufbauen können. Zur Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik in Deutschland 43 <?page no="44"?> Literatur Ammon, Ulrich (1972). Dialekt, soziale Ungleichheit und Schule. Weinheim. Ammon, Ulrich (1973). 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In‐ ternationalen Germanisten-Kongresses Göttingen 1985. Bd. 4. Sprachnormen. lösbare und unlösbare Probleme - Kontroversen um die neuere deutsche Sprachgeschichte, Dialektologie und Soziolinguistik. Die Kontroverse um die Mundartforschung. Tübin‐ gen, 232-239. Löffler, Heinrich (1993). Stadtsprachen und Stadtmedien. In: Mattheier, Klaus J./ Wegera, Klaus-Peter/ Hoffmann, Walter/ Solms, Hans-Joachim (Hrsg.). Vielfalt des Deutschen. Festschrift für Werner Besch. Frankfurt a. M./ Berlin, 699-712. Wieder abgedruckt in: Löffler, Heinrich/ Hofer, Lorenz (Hrsg.). Stadtsprachenforschung. Ein Reader. Hildesheim/ Zürich/ New York, 539-555. Löffler, Heinrich (2001). Sprechen in der Stadt - am Beispiel Basels. In: Adamzik, Kirs‐ ten/ Christen, Helen (Hrsg.). Festschrift für Gottfried Kolde. Tübingen, 245-260. Wie‐ der abgedruckt in: Löffler, Heinrich/ Hofer, Lorenz (Hrsg.). Stadtsprachenforschung. Ein Reader. Hildesheim/ Zürich/ New York, 839-860. Löffler, Heinrich (2002). 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Das Gesellschaftliche der Sprache und die Notwendigkeit von Engagement Auszüge aus: Ruth Wodak im Gespräch mit Reiner Keller 1 Ruth Wodak Studienbeginn 1968 in Wien und der Weg zur Sprachsoziologie Das „Wir“ waren, glaube ich, drei Studierende, quasi in einem Privatissimum. Ich habe dann auch eine Seminararbeit über Anredeformen in slawischen Sprachen geschrieben. Anredeformen waren schon ein Thema in der Soziolinguistik, und dadurch betrat ich ein ganz anderes Gebiet. Mich interessierte der Zusammen‐ hang von Sprache und Gesellschaft, auch ein komparatives Moment, aber vor allem das Systematische. Das war tatsächlich ein totaler Gegensatz zu dem biographischen Ansatz in der damaligen Literaturwissenschaft. Und dann passierte Folgendes: Ich bin Studentenvertreterin geworden, und wir haben - also zum ersten Mal in der Geschichte dieses Instituts - eine Vorlesungskritik gewagt. Es war ja nach 68. Reiner Keller: […] Ja, ja die Zeit… Ruth Wodak: Wobei 1968, das muss man dazu sagen, in Österreich ganz anders verlaufen ist als in Deutschland. Es gab zwar auch große Anti-Vietnam-Krieg- Demonstrationen, es gab die Friedensbewegung usw., aber die Hauptkritik spielte sich an den Universitäten ab. Es ging weniger um Fragen an die Eltern, was diese denn „im Zweiten Weltkrieg gemacht hatten“…die Vergangenheits‐ politik war damals noch nicht präsent. Reiner Keller: Nicht hier, ja. <?page no="48"?> 2 Bruno Kreisky (1911-1990), Politiker der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, von 1970-1983 Bundeskanzler der Republik Österreich. Ruth Wodak: Die Universität Wien war sogar noch ziemlich voll von alten Nazis. (…) Ruth Wodak: Rückblickend erinnere ich mich, dass ich eine Art Aha-Erlebnis hatte, und zwar durch die Lektüre von Basil Bernstein und Jürgen Habermas. Zwei Bücher. Bei Bernstein (1970) - das erschien damals in kleinen schwarzen Bänden - ging es um Sprachbarrieren. Beim Lesen wurde mir klar, dass der individualistische, psychologische Ansatz von Chomsky einfach zu kurzgriff. Das galt v. a. für die Fokussierung auf Satzgrammatik, während Bernstein, der ja kein Linguist war, sondern Pädagoge, die wichtige Frage der Chancengleichheit von Kindern in der Schule hervorhob und bewies, dass Bildungsungerechtigkeit auch an sogenannten „Sprachbarrieren/ -defiziten“ festgemacht wurde. Nun komme ich aus einer sozialdemokratischen Familie, von daher war mir das Thema „Chancengleichheit“ natürlich als relevant bekannt. Noch dazu war es die Kreisky-Ära 2 , eine Zeit des Aufbruchs und der Modernisierung, sowohl an den Universitäten, aber auch im Fach. Und dann habe ich ein kleines Büchlein von Habermas gelesen, das bei dem Verlag Hundsblume erschienen ist (Habermas 1970). Ich erinnere mich ganz genau - das war broschiert, und es ging um eine Kritik des Chomsky’schen Konzepts der Kompetenz und Performanz, und im Gegenzug, um die Habermas’sche kommunikative Kompetenz… ein kurzer Essay… Reiner Keller: Ein Vortrag vielleicht? Ruth Wodak: […] in dem Habermas für mich sehr nachvollziehbar dargestellt hat, warum man nicht ausschließlich auf den „native Speaker“ eingehen sollte und dass man hingegen Sprache im Kontext zu untersuchen habe. Das hat bei mir einen echten Gestaltswitch ausgelöst, und daraufhin habe ich beschlossen: Ich mache jetzt Sprachsoziologie! (…) Exkurs in die Kriminalsoziologie und der Weg zur Textlinguistik Es gab damals nämlich im Zuge der Kreisky’schen Reformen auch die Re‐ form des gesamten Justizsystems in Österreich und daher ein Institut für Kriminalsoziologie. Ich bekam die Erlaubnis, im Straflandesgericht Wien in der Landesgerichtsstraße (1010 Wien) Verhandlungen zu Autounfällen auf Band aufzunehmen, und zwar solche, die eben nicht im Zivilgerichtsverfahren, 48 Ruth Wodak <?page no="49"?> 3 William Labov (geb. 1927), Soziolinguist, Professor für Linguistik an der University of Pennsylvania. 4 Joshua A. Fishman (1926-2015), Linguist und Sprachsoziologe, „Distinguished Uni‐ versity Research Professor of Social Sciences“ an der Yeshiva University in New York. 5 Charles A. Ferguson (1921-1998), Soziolinguist, Professor an der Stanford University. 6 Dell Hymes (1927-2009), Soziolinguist und Anthropologe, u. a. lange Zeit Professor an der University of Pennsylvenia. sondern im Strafverfahren verhandelt wurden. Das heißt, es gab aufgrund der Unfälle jedenfalls Tote oder schwere Verletzungen. Ich bin mit einem riesigen Tonbandgerät hingegangen - so nette kleine Geräte wie das da [zeigt auf den Tisch] gab es damals noch nicht. Das war so ein riesiges, wahrscheinlich 50 x 50 cm großes Aufnahmegerät. Ich bin also damit im heißen Juni ans Landesgericht marschiert und durfte bei einem Richter Verfahren zu Autounfällen auf Band aufnehmen. Damals gab es auch noch keine ethischen Kriterien für Feldfor‐ schung. Ich habe natürlich die jeweils Anwesenden gefragt, ob ich das Verfahren aufnehmen darf, und natürlich wurde die Aufnahme anonymisiert. Aber die einhellige Meinung war: „Ja, warum nicht? “ Und es ist ja auch tatsächlich so: Die Anspannung bei Gericht ist so groß, es war allen völlig - auf gut Wienerisch gesagt - wurscht, ob da jetzt ein Band läuft oder nicht. Ich habe damals insgesamt über 20 solcher Verfahren auf Band aufgenommen, bei zwei Richtern, damit Vergleichbarkeit hergestellt werden konnte, Männer und Frauen aus allen sozialen Schichten, schreckliche Autounfälle, und in Anwesenheit von Verteidigern und Sachverständigen. Ich musste mich in den gesamten Kontext einlesen und habe die Aufnahmen mühsam verschriftet, also abgetippt. Es gab damals eine einzige elektrische Schreibmaschine, und ich haben das ganze Manuskript, also meine Dissertation, in den Weihnachtsferien abgetippt, da hatte ich diese Schreibmaschine zur Verfügung, eine IBM, und das wurde meine Dissertation, 1974 (Wodak 1975). Es war eine riesige Herausfor‐ derung, denn ich hatte ja keine Betreuung durch irgendwelche Lehrende, denn so eine Studie kannte bis dato niemand. Daher streckte ich damals schon meine Fühler ins Ausland aus. Internet gab es natürlich auch nicht, also habe ich Briefe geschrieben, an William Labov, 3 Joshua Fishman, 4 Charles Ferguson 5 und Dell Hymes. 6 Diese berühmten Professoren habe ich alle gebeten, mir ihre Aufsätze zu schicken. Ich habe auch gefragt, ob sie mir Ratschläge zu meiner Forschung geben könnten. Und ich bekam tatsächlich von allen Angeschriebenen lange Briefe zurück! Das dauerte alles Wochen, und dann habe ich mir aus England deren Bücher bestellt. Es war wirklich mühsam, diese Forschung alleine zu schaffen. Das Gesellschaftliche der Sprache und die Notwendigkeit von Engagement 49 <?page no="50"?> 7 Harold Garfinkel (1917-2011), Begründer der Ethnomethodologie; Professor für Soziologie an der University of California, Los Angeles. 8 Wolfgang Dressler (geb. 1939), emeritierter Professor für Allgemeine und Ange‐ wandte Sprachwissenschaft am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien. 9 Jochem Schindler (1944-1994), von 1978-1987 Professor für Sprachwissenschaft an der Universität Harvard, ab 1987 Professor für Indoeuropäische Sprachwissenschaft an der Universität Wien. 10 Dieter Wunderlich (geb. 1937), 1973-2002 Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Sprachwissenschaft an der Universität Düsseldorf. Reiner Keller: Warst Du damals in Wien völlig auf Dich gestellt? Oder gab es irgendwelche anderen Einbindungen? Ruth Wodak: Glücklicherweise! Ich hatte interdisziplinäre Unterstützung, und das war ebenfalls eine wichtige frühe Erfahrung! Freund*innen von mir waren Psycholog*innen, Soziolog*innen und Historiker*innen. Und da bekam ich Hinweise und Tipps wie „Hast du das und das gelesen? Und schau mal, der Garfinkel 7 ist interessant“. Auch von den Kriminalsoziologen bekam ich sehr viel Literatur. So wurde meine Dissertation eine interdisziplinäre Arbeit. Aber Dressler 8 bestand darauf, dass ich auch eine soziophonologische Analyse mache, also bspw. die Art und Weise des Code-Switching und die Intonation in diesen Verhandlungen analysiere, v. a. die sogenannten Schnellsprechregeln: ob das Sprachverhalten und der Inhalt der Interaktionen in irgendeiner Form mit der phonologischen Dimension, mit Emotionalisierung etwa (wie Angst, Stress, Aufregung) zusammenhängen. Deswegen habe ich das auch genau analysiert. Dazu hatte ich Unterstützung von Sprachwissenschaftlern, besonders vom leider so früh verstorbenen Indogermanisten Jochem Schindler 9 , der damals gleichzeitig Assistent am Institut war. Ich habe 1974 promoviert, und die Dissertation wurde schlagartig ein wichtiges Buch. Das Leben ist ja voller Zufälle - ich bin nicht jemand, die sagt: „Ich habe nur Glück gehabt.“ Ich weiß, dass ich wahnsinnig viel gearbeitet habe und dass das auch eine schwierige Zeit war. Aber der Zufall war, dass Dieter Wunderlich 10 damals von Dressler zu Vorträgen nach Wien eingeladen war, und er sollte auch die Dissertant*innen kennerlernen. Ich war die Erste, die schon eine fertige Dissertation hatte, und habe ihm daher diese gezeigt. Das war so [Geste] ein dickes Ding. Wunderlich war begeistert und sagte, das nimmt er jetzt gleich mit, das liest er, und er will das als Buch publizieren. Dadurch war die Dissertation bereits ein Jahr später als Buch vorhanden, ohne dass ich die Möglichkeit hatte, irgendetwas zu ändern - was jetzt natürlich immer der Fall ist, wenn man eine Dissertation zu einem Buch verwandelt. Und überhaupt ist ein Buch ja eine ganz andere Textsorte [lacht]. 50 Ruth Wodak <?page no="51"?> 11 Robert-Alain de Beaugrande (1946-2008), österreichischer Linguist, Professor für Englisch an zahlreichen Universitäten. 12 Spezifische Form der Promotion in Österreich bei Vorliegen ausgezeichneter Leistun‐ gen, in dem Gymnasium und im Studium. 13 Das „Kriseninterventionszentrum“ in der Lazarettgasse (Wien) entstand als eigener Verein 1975 aus der Caritas und deren 1948 eingerichteter „Lebensmüdenfürsorge“ heraus. 14 Gernot Sonneck (geb. 1942), österreichischer Arzt und Psychotherapeut, Vorstand des Instituts für Medizinische Psychologie der Medizinischen Universität Wien und ab 1999 auch Vorstandsvorsitzender des Kriseninterventionszentrums Wien. 15 Erwin Ringel (1921-1994), Professor für medizinische Psychologie an der Universität Wien. Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Suizidforscher, baut zunächst in der Caritas die „Lebensmüdenfürsorge“ aus, dann Mitgründer und erster Vorstandsvorsit‐ zender des Kriseninterventionszentrums. Reiner Keller: Ja, na klar. Aber damals wurde das dann also eins zu eins veröffentlich? Ruth Wodak: Ja, das ist praktisch eins zu eins erschienen. Dazu kam auch, dass Dressler zwar kein Interesse an der Sprachsoziologie hatte - na gut, später dann schon -, aber er hatte gerade ein Buch mit Robert-Alain de Beaugrande 11 zur Textlinguistik geschrieben (Beaugrande/ Dressler 1981[1973]), und das habe ich verwendet. Denn die Textlinguistik führte letztlich in die Diskurforschung. Die Sprachsoziologie einerseits und die Textlinguistik andererseits waren für mich die Fundamente auf dem Weg zur Diskursforschung. Nun ja, ich habe dann 1974 sub auspiciis praesidentis 12 promoviert. Damals bekam man aufgrund einer solchen Promotion eine Assistentenstelle, die man ansiedeln durfte, wo man wollte, und ich habe dann ab Februar 1975 als Ganztags-Assistentin in der Sprachwissenschaft gearbeitet, als einzige Frau unter vielen Männern [lacht]. (…) „Das Wort in der Gruppe“ - ethnographische Feldforschung Reiner Keller: Aber wie ging es bei Dir dann inhaltlich weiter […] Ruth Wodak: Nun, ich habe mir damals überlegt: ich versuche mich als Praktikantin am Kriseninterventionszentrum“ 13 im neunten Bezirk. Das ist eine tolle Institution, wo Suizidgefährdeten geholfen wird. Diese können dort zu jeder Tages- und Nachtzeit hinkommen. Es gibt eine ganze Reihe von Thera‐ peuten und Therapeutinnen, es gibt Einzeltherapien und Gruppentherapien, die täglich angeboten werden. Der damalige Leiter, Dr. Gernot Sonneck, später dann Prof. Dr. Sonneck 14 -ein Schüler von Erwin Ringel 15 , einem sehr bekannten Das Gesellschaftliche der Sprache und die Notwendigkeit von Engagement 51 <?page no="52"?> 16 Aaron Cicourel (geb. 1928), war Professor für Soziologie und Kognitionswissenschaf‐ ten zuletzt an der-University of California in San Diego. 17 Bernd Marin (geb. 1948), Sozialwissenschaftler, Professor an verschiedenen Universi‐ täten und Berater zahlreicher (internationaler) Organisationen, u. a. von 1988 bis 2015 Direktor des European Centre for Social Welfare Policy and Research in Wien. Psychotherapeuten - interessierte sich für meine Forschung. Als ich fragte, ob ich irgendetwas beitragen könne, hat er mich als Praktikantin aufgenommen; und ich habe zunächst teilnehmend beobachtet. Dann passierte etwas, und das ist bei mir meistens so, wenn mich ein Thema zu interessieren beginnt: es packt mich ein Thema. Was mich dort gepackt hat, das war die Erfahrung der Kom‐ munikation in einer Gruppentherapie. Also die Frage: Wieso hilft es Menschen, wenn sie in einem geschützten Raum sitzen und eineinhalb Stunden reden? Was ist also derart anders bei dieser spezifischen Art von Kommunikation als zum Beispiel bei einem Gespräch mit Freund*innen oder Ärzt*innen? Dann habe ich beschlossen: „Ich nehme diese Sitzungen auf Tonband auf.“ Das wurde mir erlaubt, und daraus entstand meine Habilitationsschrift. Reiner Keller: Das Wort in der Gruppe (Wodak 1981) ist das? Ruth Wodak: Ja, genau. Das war eine unglaublich faszinierende Arbeit und hat mich damals echt begeistert. Ich habe viel von den Therapeut*innen gelernt, war bei Sitzungen anwesend und wurde manchmal von den suizidgefährdeten Men‐ schen als Ärztin angesehen. Ich musste dann immer sagen: „Tut mir leid, das bin ich nicht.“ Dann habe ich auch erlebt, wie Wissenschaft als wichtig anerkannt wurde, weil diese Patient*innen meinten: „Ja, nehmen Sie das nur auf Band auf, dass wird vielleicht nicht mir helfen, aber meinen Kindern oder anderen Menschen, wenn Sie das analysieren.“ Ich habe den Gruppenmitgliedern meine Aufsätze zum Thema geschenkt und dort einen Vortrag gehalten. Also ich habe all das umgesetzt, was wir erst viel später systematisch für ethnographische Feldforschung gefordert haben, wie man also mit den Untersuchten diskutiert und ihnen etwas zurückgibt. Das habe ich damals intuitiv gemacht, mit der Unterstützung der dortigen, unglaublich motivierten Ärzte und Ärztinnen und Sozialarbeiterinnen. Ich blieb noch lange mit den Mitarbeiter*innen in Kontakt. Wenn wir einander heutzutage zufällig auf der Straße treffen, ist das immer unheimlich nett. In dieser Zeit machte ich noch eine sehr interessante Erfahrung, die mich sehr geprägt hat: Und zwar hat Aaron Cicourel 16 am Institut für höhere Studien (IHS) in Wien als Gastprofessor Vorlesungen und Vorträge gehalten. Ein Studi‐ enkollege von mir, Bernd Marin 17 - er ist ein Soziologe, den du wahrscheinlich kennst oder dem Namen nach kennst? … 52 Ruth Wodak <?page no="53"?> 18 Jürgen Pelikan (geb. 1940), war Professor für Soziologie mit Schwerpunkten in der Gesundheitssoziologie an der Universität Wien. 19 Karin Knorr Cetina (geb. 1944), Wissensschaftssoziologin, 1983 bis 2001 Professorin an der Universität Bielefeld, dann bis 2010 an der Universität Konstanz. Seitdem O. Borchert Distinguished Service Professor am Department of Sociology and Anthropo‐ logy der University of Chicago. Reiner Keller: Nein, leider nicht. Aaron Cicourel kenne ich. Ruth Wodak: Bernd sagte mir einmal: „Du, am IHS lehrt gerade ein interes‐ santer Professor aus Amerika. Der wird dir gefallen. Komm doch mit zu seiner Vorlesung.“ Und ich war tatsächlich enorm beeindruckt. Dieser - recht kleine und schmale - Mann trug mit unglaublich viel Humor und Witz vor, und behandelte uns Studierende auf Augenhöhe. … Das war natürlich der Kontrast zu dem österreichischen patriarchalischen System. Also ging ich zu ihm und erzählte von meiner Dissertation; er war begeistert und wurde schließlich mein Mentor. Man muss hinzufügen: er hatte viele Mentees in Wien. Jürgen Pelikan 18 etwa und damals Karin Knorr. 19 Aaron hat mich sehr unterstützt. Ich habe ab und zu mit ihm telefoniert und viel korrespondiert. Er half mir bei der Übersetzung von Das Wort in der Gruppe ins Englische (Wodak 1986a). Und er riet mir ganz klar: „Du brauchst eine Peer Group. Wenn du diese nicht in Österreich findest, musst du sie woanders suchen. Du musst halt mehr ins Ausland reisen; das ist so! “ Dieser Rat war sehr wichtig: man muss initiativ und aktiv sein; manchmal gelingt es, manchmal nicht. Aber dieses Risiko muss man eingehen. Und er meinte, dass ich in den englischsprachigen Raum reisen müsse. Na ja [lacht], das habe ich dann auch gemacht [lacht]. Aaron forscht noch immer; ich habe während der COVID-19 - Krise mit ihm wieder korrespondiert. Reiner Keller: Ja, ich habe ihn dort vor etwa drei Jahren gesehen und mit ihm gesprochen, bei irgendeiner Preisverleihung in Berkeley. Ruth Wodak: Ich habe ihn 2014 in San Francisco besucht. Ich verbrachte ja ein halbes Jahr als Gastprofessorin in Georgetown University, Washington, DC; wir sind auch nach Kalifornien gefahren und haben drei Tage mit Aaron und seiner Frau verbracht. Das war das letzte Mal, dass ich ihn face-to-face gesehen habe; und ich denke mir: „Also ich muss noch einmal hinfahren! “ Er hat mich noch ab und zu angerufen und sagte: „I am still going to work everyday.“ [lacht] und: „I wrote a new paper.“ Die Peer Group wurde schließlich sehr wichtig. Ich habe mich 1980 habilitiert, habe viel unterrichtet, viele Dissertant*innen betreut, und auch Preise für meine Forschung erhalten. Ich war damals in Österreich sehr anerkannt. (…) Das Gesellschaftliche der Sprache und die Notwendigkeit von Engagement 53 <?page no="54"?> 20 Paul Lazarsfeld (1901-1976), österreichischer Soziologie, 1929 bis 1933 Mitarbeiter am Psychologischen Institut der Universität Wien, emigrierte 1933/ 1935 in die USA, dort u. a. ab 1940 Professor an der Columbia University in New York und Leiter des Bureau of Applied Social Research. 21 Marie Jahoda (1907-2001), österreichische Sozialpsychologin, u. a. 1933 bis 1936 Mitarbeit an der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle der Universität Wien. 1937 Emigration nach England, dann u. a. ab 1945 in den USA, u. a. an der New School for Social Research in New York, ab 1965 Inhaberin des Lehrstuhls für Sozialpsychologie an der University of Sussex. 22 Kurt Josef Waldheim (1918-2007), österreichischer Diplomat und parteiloser Politi‐ ker. Während der NS-Zeit Offizier der Wehrmacht; 1972-1981 Generalsekretär der Vereinten Nationen, 1986 -1992 Bundespräsident Österreichs. Als Waldheim-Affäre gilt die mit seiner Präsidentschaftskandidatur beginnende Debatte um seine Beteiligung an NS-Kriegsverbrechen. In seinem Lebenslauf hatte er die Offiziersposition und seine Rolle als Übersetzer von General Löhr in Saloniki verschwiegen. Damit wurde in Österreich die öffentliche Diskussion über die Rolle des Landes bzw. seiner Eliten und Bürger*innen während des Nationalsozialismus angestoßen. Politischer Sprachgebrauch in der Öffentlichkeit Reiner Keller: Allerdings hast Du dich dann eher dem Sprachgebrauch in der Öffentlichkeit zugewandt, also weg von den doch geschlosseneren Thera‐ piegruppenumgebungen? Ruth Wodak: In den 80er und 90erjahren hat sich das politische Umfeld in Österreich sehr verändert. Österreich ist ein sehr kleines Land; Parteipolitik spielt überall hinein. Das beginnt damit, dass man meist nicht gefragt wird, woran man gerade arbeitet, sondern wer man ist. Und es gibt Kategorien: Frau/ Mann, rot/ schwarz, jetzt natürlich noch blau [lacht] und grün, aber rot/ schwarz war der wichtigste Gegensatz. Also es ging letztendlich darum: Wer ist man? Und dann natürlich: katho‐ lisch/ christlich oder nicht? Österreich ist ein traditionell antisemitisches Land. Ich will das sicherlich nicht generalisieren, aber im kollektiven Bewusstsein ist Antisemitismus stark verankert. Zusätzlich zum Frausein an der Uni Wien musste ich mich also mehrfach beweisen. Es gab damals an der Uni Wien kaum fortschrittliche Professor*innen, Dozent*innen und schon gar nicht Juden. Man wollte Juden, die geflüchtet waren, ja nach 1945 nicht zurück. Man wollte - das muss man sich heute vorstellen - beispielsweise Paul Lazarsfeld 20 nicht zurück, man wollte Marie Jahoda 21 nicht zurück. Im Anschluss an die Kreisky- Zeit „passierte Waldheim“. 22 Ich kann meine wissenschaftliche und persönliche Biographie nicht von diesen politischen Zusammenhängen trennen. Ich hatte damals schon begonnen, über „Sprache und Politik“ zu forschen, vor allem zur Inszenierung von Wahlkämpfen. Es gab bspw. die berühmt- 54 Ruth Wodak <?page no="55"?> 23 Populäre Diskussionssendung im österreichischen Fernsehen in den Jahren 1976-1995. 24 Vgl. z. B. Wodak/ Pfeiffer/ Huk (1983), Wodak/ Lutz (1986), Hein/ Wodak (1987), Lalou‐ schek/ Menz/ Wodak (1988), Wodak (1984, 1989a, 1996). 25 Erhard Busek (geb. 1941), österreichischer Politiker der ÖVP, 1978-1987 Vizebürger‐ meister der Stadt Wien. 26 Republikanischer Club - Neues Österreich, 1986 gegründet, um österreichische Betei‐ ligungen an den Verbrechen der Nationalsozialisten aufzuarbeiten. berüchtigten „Club 2“- Sendungen beim ORF, die wir im Detail untersuchten. 23 Alles im Sinne von Analysen institutioneller Kommunikation: Arzt-Patient- Kommunikation, Medienkommunikation. Ich habe damals viele Projekte ge‐ leitet, z. B. über Nachrichten im Rundfunk, oder über die Verständlichkeit von Gesetzestexten. 24 Wir haben ziemlich viele Drittmittel an Land gezogen. Organisationskulturen haben mich interessiert, gerade nach der Untersuchung des Kriseninterventionszentrums. Und dann brach plötzlich die österreichische Vergangenheitspolitik auf uns alle herein. (…) Die Waldheim-Affäre hat das Land erschüttert. Ich war damals schon außerordentliche Professorin; eines Tages, nach Beginn des Waldheim-Wahlkampfes (März 1986) rief mich der damalige Vizebürger‐ meister von Wien an, Erhard Busek 25 von der ÖVP. Dieser war und ist noch immer ein liberaler Christlich-Sozialer. Er sagte: „Machen Sie für mich ein Projekt über Antisemitismus.“ Das klang spannend. Ich überlegte, dass auf keinen Fall die Politik intervenieren dürfe. Wenn wir ein Projekt machen, brauchen wir als erstes Geld, zweitens muss es interdisziplinär sein, und drittens, wenn wir diese Forschung übernehmen, dann nur als unabhängiges Team. Ich ging ins Rathaus zum Termin, und Dr. Busek sagte: „Selbstverständlich unabhängig, und wir reichen ein Projekt ein bei der Nationalbank, und Sie machen das, wie Sie es für richtig halten.“ Und so geschah es. Es war ein unabhängiges Teamprojekt, das mein Leben stark veränderte. Reiner Keller: politisch… (…) Antisemitismus Ruth Wodak: Ja. Wir haben Ausstellungen zum Thema „Nachkriegsantisemi‐ tismus“ gemacht. Der Republikanische Club 26 wurde damals gegründet. Meine Studierenden kamen zu mir und sagten: „Mein Vater war doch nur bei der Wehrmacht. Der war doch kein Mörder.“ Die Affäre triggerte einen Generationenkonflikt. Ich nehme an, in Deutschland war das 1968 ganz ähnlich. In Österreich haben wir Das Gesellschaftliche der Sprache und die Notwendigkeit von Engagement 55 <?page no="56"?> 27 AILA: Association Internationale de Linguistique Appliquée bzw. International Asso‐ ciation of Applie d Linguistics, 1964 in Frankreich gegründet. das 1986 erlebt. Meine Mutter rief mich damals täglich an: „Muss ich meinen Koffer wieder packen? “ „Waldheim“ hat große Ängste bei vielen ausgelöst; wir schrieben ein Buch, das 1990 bei Suhrkamp erschien, Wir sind alle unschuldige Täter (Wodak u. a. 1990). Das wurde in Österreich kaum bzw. nicht, im Ausland allerdings positiv rezipiert. Reiner Keller: Wir erklärst Du Dir das, gerade angesichts der von Dir er‐ wähnten Skandale und Debatten? Und auch dem Auftrag durch den Wiener Vizebürgermeister? Ruth Wodak: Ich erlebte damals zum ersten Mal, was passiert, wenn man als Forscher*in ein für manche Mächtige wirklich unangenehmes/ sensibles Thema aufgreift. Plötzlich wurde diese „brave tolle Wissenschaftlerin“, die so viele Preise erhalten und wichtige Bücher geschrieben hatte, für manche unangenehm. Denn über Antisemitismus wurde nicht gesprochen, das war tabu, und schon gar nicht bei der ÖVP. Wenn überhaupt, dann wurde Antisemitismus verharmlost, als eine marginale Geschichte, „das waren die Rechtsextremen“. Für mich war das eine neue schreckliche Erfahrung, dass dieses Buch einerseits von Historiker*innen rezipiert wurde, in Deutschland stark wahrgenommen wurde, bei Suhrkamp STW veröffentlicht - und in Österreich gab es nicht eine einzige Rezension. Letztlich habe ich damals erlebt, dass ich aus dem geschützten Elfenbeinturm der Wissenschaft hinausgetreten bin und dementsprechend auch von einigen „geprügelt“ wurde. Ich war schon früher als Kind und dann auch später mit Antisemitismus immer wieder sehr persönlich konfrontiert, aber jetzt ging es um Forschung. Es gab beispielsweise einen AILA 27 Kongress in Thessaloniki, und ich reichte ein Abstract zu Antisemitism in the Media ein, denn es gab eine Sektion zum Thema Racism. Mein Abstract wurde allerdings nicht angenommen, mit der Begründung: „Das hat nichts mit Sprachwissenschaft zu tun.“ Also Rassismus schon, aber nicht Antisemitismus. Na gut, dachte ich mir: „So geht das nicht.“ Deswegen schrieb ich an den Präsidenten der AILA einen Brief: „Ich verstehe den Unterschied nicht, weil ich die sprachlichen Realisierungen untersuche, die diskursiven Verschiebungen in verschiedenen Öffentlichkeiten und in ver‐ schiedenen Textsorten. Ich verstehe überhaupt nicht, warum diese Forschung nicht mit Angewandter Sprachwissenschaft zusammenhängen soll.“ Daraufhin ist in der AILA ein Streit ausgebrochen, in den obersten Etagen. Man hat mich dann doch eingeladen, aber als letzten Vortrag am Freitagnachmittag 56 Ruth Wodak <?page no="57"?> 28 Höchster Wissenschaftspreis in Österreich, 1996 eingeführt. angesetzt. Ich bin nicht hingefahren. Aber der Kontext war natürlich eindeutig: Der Kongress fand in Thessaloniki statt - und Waldheim war in Thessaloniki stationiert gewesen. Von dort sind tausende Juden deportiert und dann in Auschwitz ermordet worden. Und Waldheim hatte ja deutlich argumentiert und behauptet, er habe nichts gesehen, er sei nur ein Übersetzer gewesen [lacht], der nicht wusste, was er übersetzt hat. Und insofern war ich plötzlich in Wissenschaftspolitik verstrickt, ohne dies bewusst angepeilt zu haben. Denn ich hatte ja ein Projekt im Auftrag des Vizebürgermeisters von Wien durchgeführt, der sogar ein Vorwort für den Projektbericht geschrieben hatte. Aber seither war ich irgendwie punziert. Denn viele wollten diese kritischen Stimmen nicht hören, das führte in die Richtung „Nestbeschmutzer“. (…) Linguistik als Sozialwissenschaft Reiner Keller: Im Vergleich zu Deinen vorangehenden soziolinguistischen Arbeiten zur Sprachverwendung in institutionellen Settings, die ja an Verzer‐ rungen durch Geschlechterbias oder Ungleichheiten interessiert waren, und insoweit durchaus kritische Potentiale hatten, war das nun eine starke inhalt‐ liche Wende zur Analyse öffentlicher, politischer Debatten. Und zwar nicht irgendwelcher Debatten, sondern eben zur Diskussion über Politik, Antisemitis‐ mus und den Umgang mit dem Nationalsozialismus, Kernfragen der politischen Identität. War das auch eine Art Wendepunkt in Deiner akademischen Karriere? Ruth Wodak: Ich habe damals vor allem über Identitätspolitik und Vergan‐ genheitspolitik geforscht, aber durchaus auch noch zu Kommunikation in Institutionen. Und dann kam die nächste große Herausforderung. Ich war zu der Zeit in den 1990erjahren schon ein paar Mal als Gastprofessorin im Ausland gewesen, ich lehnte sogar einen Ruf nach Ann Arbor (Michigan) ab (1991), war ein Jahr in Stanford, in Minneapolis, Uppsala und so weiter, aber 1996 erhielt ich den Wittgenstein-Preis 28 . Ich wurde nominiert, man kann sich ja darum nicht bewerben. Ich war überhaupt die erste Preisträgerin; dieser Preis entspricht dem Leibniz-Preis in Deutschland und dem MacArthur-Preis in den USA. Der Preis ermöglichte mir sechs Jahre tolle Forschung, ich musste kaum lehren. Es war ein besonderes, einmaliges Privileg. Immer, wenn ich gefragt werde, warum und wie ich so viel publiziert habe, antworte ich: „ich hatte Zeit.“ Zeit ist das kostbarste Gut. Ich hatte Zeit. Ich musste nur noch Dissertant*innen betreuen. Mein Kollege Dressler hat mich wiederum sehr Das Gesellschaftliche der Sprache und die Notwendigkeit von Engagement 57 <?page no="58"?> 29 Mitglieder des europäischen Parlaments. 30 z. B. Bernstein (1972), Hager/ Haberland/ Paris (1973), Kjolseth/ Sack (1971), Luckmann (1979), Cicourel (1975), Schütze (1975). unterstützt und mich im Institut völlig freigespielt. Ich erhielt zudem eine Forschungsprofessur an der Österreichischen Akademie für Wissenschaften für drei Jahre, von 1999-2002. Und ich konnte ein tolles Team zusammenstellen. Gleichzeitig erlebte ich leider unglaublich viel Neid. Einige Kolleg*innen hörten sogar auf, mit mir zu reden. Es gab Unterstellungen, die einem Mann natürlich so nicht passieren, aber Frauen schon. Es schien buchstäblich unerhört, in diesem österreichischen, noch immer sehr konservativen, patriarchalischen, von Burschenschaften durchsetzten System, dass eine Frau diesen Preis erhält. Und überhaupt, wozu braucht man als Linguist*in so viel Geld? Viele haben nicht verstanden, dass Linguistik letztlich eine Sozialwissen‐ schaft ist. In England gilt Linguistics übrigens ohnehin als Sozialwissenschaft. Das war vielen unbegreiflich. Man dachte, Linguistik - das ist doch Philologie. Rückblickend glaube ich, dass ich diese Zeit für mich und meine Mitarbeiter*in‐ nen optimal genutzt habe. Wir haben unglaublich viel geforscht: beispielsweise, ausgedehnte Feldforschung in den EU-Organisationen. Dieses Thema packte mich wieder: Ich wollte wissen, was genau in der EU geschieht. Was passiert denn in Brüssel? Was machen die MEPs 29 in ihrem Alltag? Wir haben davon ja alle wenig bis keine Ahnung (…). Soziolinguistik und die Aufklärungsorientierung Reiner Keller: ja, zusammenfasst und analytisch aufbereitet. Mich würde das noch einmal genauer interessieren: Du hattest vorhin ganz zu Anfang Habermas und Bernstein erwähnt. Das sind ja doch auch wieder sehr unterschiedliche Welten gewesen. Vielleicht nehme ich das auch falsch wahr. Es gab Anfang der 1970er Jahre diese Hochkonjunktur von Soziolinguistik, „Soziologie und Sprache“ und „Sprache und Ungleichheit“. Und dann gleichzeitig oder wenig später die Konversationsanalyse, auch die ethnomethodologische Interaktions- oder Organisationsanalyse von Sprachgebrauch und Texten, was Aaron Cicou‐ rel und andere aus diesem Umfeld damals gemacht haben. 30 Das waren aber zugleich sehr unterschiedliche Gruppen, auch mit teilweiser Distanz zueinander. Oder ist das eher eine Fehlwahrnehmung? Also ich meine, die Vertreter aus dem Kontext der Ethnomethodologie und der Interaktionsanalyse waren eher oder sogar vornehmlich analytisch und grundlagentheoretisch interessiert, während die anderen, die mit Bernstein oder mit Habermas arbeiteten, ein stärker intervenierendes, veränderndes Interesse hatten. 58 Ruth Wodak <?page no="59"?> 31 Bernstein unterschied einen eingeschränkten, restringierten Sprachgebrauch auf Sei‐ ten der bildungsfernen gesellschaftlichen Schichten vom elaborierten Sprachcode der Mittel- und Oberschichten und sah darin einen wesentlichen Faktor der Repro‐ duktion sozialer Ungleichheit, insbesondere in Bildung und Erziehung. Vgl. bspw. Bernstein/ Grauer/ Holzkamp (1979), Bernstein/ Brandis/ Henderson (1973), Bernstein (1971). 32 Labov kritisierte Bernsteins Defizit-These und argumentierte, es handele sich um eine Differenz innerhalb von Sprachgemeinschaften, die aber nicht gleichbedeutend mit sozialstruktureller Hierarchie sei. Vgl. Labov (1969, 1972, 1976, 2006). 33 Z. B. Lakoff (1973), Key (1975), Henley/ Thorne (1975), Samel (1995), Wodak (1984), Wodak/ Schulz (1986). 34 Vgl. Wodak (1997), Wodak/ Feistritzer/ Moosmüller/ Doleschal (1987), Kargl/ Wetscha‐ now/ Wodak/ Perle (1997). 35 Emanuel A. Schegloff (geb. 1937), Professor für Soziologie an der UCLA. Arbeitsge‐ biet: Ethnomethodologische Konversationsanalyse, dazu grundlegende Schriften mit Harvey Sacks und Gail Jefferson zum Turn-Taking, zu Eröffnungssequenzen u. a. mehr seit den späten 1960er Jahren. Vgl. jetzt z. B. Schegloff (2007). 36 Helga Kotthoff (geb. 1953), Professorin für Germanistische Linguistik an der Albert- Ludwigs-Universität Freiburg. Arbeitsschwerpunkte u. a.: Konversationsanalyse, inter‐ aktionale Soziolinguistik. Ruth Wodak: Du hast völlig recht, das waren sehr unterschiedliche Traditio‐ nen, die da aufeinandertrafen. Ich habe Bernstein übrigens einmal persönlich kennengelernt, das war auch ein großes Erlebnis, ein sehr witziger, alter, sehr zynischer Mann an der London School of Education. Mir ging es immer auch um ein emanzipatorisches Interesse in dem Sinne, dass ich stark aufklärungs‐ orientiert war und bin. Wissenschaft muss auch Sinn machen - abgesehen natürlich von der Grundlagenforschung, aber dann will man ja die Ergebnisse anwenden können. Diese Einstellung fußt in der Soziolinguistik, und da gab es viele Vorbilder. Bernstein, auch wenn die sogenannte Defizit-Theorie 31 sehr umstritten war, dann Labov 32 mit seinen Arbeiten zum „black English“. Ebenso die feministische Linguistik 33 , das war mir auch ein großes Anliegen - ich habe zwei Richtlinien für geschlechtergerechtes Sprachverhalten mit verfasst. 34 Auch zur Mutter-Tochter Beziehung gearbeitet und zur Genderpolitik in Organisatio‐ nen und in der Politik. Die Konversationsanalyse - jetzt meine ich die Schegloff ’sche 35 Variante, also conversation analysis - war und ist mir letztlich zu eng, weil sie den Kontext nur aus den expliziten vorhandenen Daten konstruieren will. Aber die „Konversationsanalyse“, wie sie in Deutschland bspw. von Helga Kotthoff 36 , Das Gesellschaftliche der Sprache und die Notwendigkeit von Engagement 59 <?page no="60"?> 37 Elisabeth Gülich (geb. 1937), Professorin für Romanistik und Linguistik an der Universität Bielefeld. Arbeitsschwerpunkte u. a.: Konversationsanalyse, medizinische Kommunikation und Textlinguistik. 38 Jörg Bergmann (geb. 1946), von 2001 bis 2012 Professor für Qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung an der Universität Bielefeld. 39 Uta Quasthoff, 1994-2009 Professorin für Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik an der Technischen Universität Dortmund. Ab 2002 Dekanin der Fakultät Kulturwissen‐ schaften an der Technischen Universität Dortmund. Elisabeth Gülich 37 , Jörg Bergmann 38 , Uta M. Quasthoff 39 erarbeitet wurde, fand ich immer unglaublich hilfreich, gerade wegen ihrer Präzision. Die Verbindung eines, emanzipatorischen Ansatzes im Sinne von „man kann Praktiker*innen vielleicht etwas mitgeben, was diese dann umsetzen könnten“ - ich setze es ja nicht selber um -, und anderseits präzise zu analysieren. Aber mir ist es wichtig, nicht nur bei der Beschreibung zu verharren, sondern durchaus den Schritt zur Interpretation zu wagen und dann auch daraus Schlüsse zu ziehen, in Bezug auf Anwendungskontexte. Das war mir immer wichtig, und das schien mir eigent‐ lich gut zusammenzupassen. Ich habe das nie als antagonistisch erlebt, obwohl ich weiß, dass das viele so sehen. Ich weiß auch, dass manche Forscher*innen in Deutschland die kritische Diskursforschung nicht mögen, sogar attackieren und meines Erachtens aber nicht ganz verstehen. Weil Kritik bedeutet ja nicht nur, etwas negativ zu bewerten, sondern vor allem zu „hinterfragen“. Ich hinterfrage eben, und das ist doch seit der Antike sehr wichtig - dass man Fragen stellt! Eben nicht etwas als naturgegeben zu akzeptieren, sondern zu hinterfragen: Muss das so sein? Das ‚“TINA-Argument“, „There is no alternative“, lehne ich ab. Es gibt immer Alternativen. Und genauso verhält es sich in Bezug auf die Interpretation. Ich glaube auch nicht, dass es die eine, „richtige“ Interpretation gibt. Wir wissen ja alle, dass Verstehen dialogisch ist. Insofern ist man immer in der Hermeneutik verfangen, als Textwissenschaft. Das Ansinnen, „objektiv“ zu sein, das ist doch seit den Argumenten der Kritischen Theorie nicht mehr gültig. Natürlich muss man zunächst deskriptiv und sehr präzise analysieren; das hängt auch von den Fragestellungen ab. Aber dass bestimmte eigene Einstellungen und Interessen die Forschung mitbestimmen, einen Einfluss auf die Auswahl der Themen und Datenerhebung haben, ist für mich eigentlich selbstverständlich. Reiner Keller: Wenn du mit Habermas… er hat ja in der „Theorie des kom‐ munikativen Handelns“ (vgl. Habermas 1981) und den begleitenden Arbeiten diese spezifisch normative Diskurskonzeption der Diskursethik (Habermas 1983, 1993), mit dem Argument der im Sprechen unweigerlich implizierten Geltungsansprüche, deren Beachtung bzw. Verletzung und solche Dinge, wo er versucht im gewissen Sinne auch wieder sehr eng zu zurren, was da thematisiert 60 Ruth Wodak <?page no="61"?> 40 Paul Grice (1913-1988), Sprachphilosoph; Professor für Philosophie an der University of California, Berkeley. Grice’sche Konversationsmaximen (der Quantität: z. B. „Mache deinen Beitrag so informativ wie (für die gegebenen Gesprächszwecke) nötig“; der Qualität: z. B. „Sage nichts, was Du für falsch hältst“; der Relation: „Sei Relevant“; der Modalität: z. B. „Vermeide Mehrdeutigkeit“. Vgl. Grice (1975\1993, hier insbes. S.-249f]. werden kann, oder woran man Verzerrung, Ungleichheit und Störung identifi‐ ziert. Spielte das für dich eine Rolle, dieses Habermas’sche Modell? Ruth Wodak: Ja, aber nicht so streng. Ich kenne Kollegen und Kolleginnen, die das viel strenger sehen. Aber wenn ich zurückdenke, dann hat Habermas eigentlich immer den wissenschaftlichen Diskurs in den Vordergrund gestellt, den „machtfreien“ Diskurs. Real gibt es einen solchen - wenn ich von der Sozio‐ linguistik ausgehe - nicht. Macht spielt immer eine Rolle, explizit, implizit, hier‐ archisch, qua Organisation, Geschlecht, Status, und wie auch immer. Insofern war diese Vorstellung des machtfreien Raumes, in dem man gleichberechtigt miteinander verhandelt, eben eine Utopie. Und gegenüber dieser Utopie konnte man die jeweiligen realen Verzerrungen erkennen. Ich finde die Diskursethik auch im Zusammenhang mit den Grice’schen 40 Maximen und anderen Regeln, an die wir uns in Sprachspielen halten, wichtig. Wenn wir beispielsweise die rechtsradikalen oder rechtsextremen populistischen Diskurse analysieren - dort werden solche Konventionen ununterbrochen verletzt, ohne dass viel passiert. Donald Trump kann momentan sagen, was und wie er will - und es passiert nichts. Vieles, woran wir uns alle halten, angefangen bei Höflichkeitsformen und -regeln, oder nicht zu redundant oder zu informativ zu sein, nicht zu lügen und so weiter, all dies ist in der Öffentlichkeit oft nicht mehr präsent. Letztlich müssen wir uns jetzt darauf einstellen, dass im Feld der Politik - wo immer schon gelogen wurde - Tabubrüche in der Öffentlichkeit akzeptabel geworden sind. In Beziehungen wahrscheinlich nicht [lacht]. Dieses neue Phänomen bezeichne ich als schamlose Normalisierung (vgl. jetzt Wodak 2018, 2019a, 2020, 2021). Früher folgten bei Tabubrüchen wenigstens Entschuldigungen, auch wenn sie nur formal waren. Und es gab Sanktionen, bspw. wurde man abgewählt [lacht]. Auch das ist jetzt Reiner Keller: nicht mehr der Fall (…) Das Gesellschaftliche der Sprache und die Notwendigkeit von Engagement 61 <?page no="63"?> Vom Redekonstellationsmodell zur Ethnografie des Sprechens Johannes Schwitalla 1 Freiburg/ Br. „Sprache und Gesellschaft“ - so sollte im Sommer 1972 eine neu zu schaffende Abteilung im Institut für deutsche Sprache in Mannheim heißen, über die sich ein Kreis junger Freiburger Linguistinnen und Linguisten Gedanken machte. Wie gerne hätte ich in dieser Abteilung mitgearbeitet, aber das sollte dann noch zehn Jahre dauern. Im Folgenden will ich berichten, in welchen Kontexten meines beruflichen Lebens mir soziale Funktionen der deutschen Sprache be‐ gegneten, welche thematischen Aspekte das waren, welche wissenschaftlichen Publikationen mir besondere Aufschlüsse gaben und in welchen Projekten ich (mit)gearbeitet habe. Die Gruppe, zu der ich nach meinem Studium der katholischen Theologie in Tübingen (1967/ 68 in Paris) und der Germanistik in Freiburg stieß, gehörte zum Projekt Gesprochene Sprache der Außenstelle des IDS, das gerade zu Ende ging. Ich übernahm im WS 1972/ 73 die Vertretung einer Ratsstelle am Deutschen Seminar der Universität. Dort machte ich zusammen mit Michael Schecker, Gisela Schoenthal und Jürgen Dittmann Einführungen in die germanistische Linguistik und kam auf diese Weise zur Soziolinguistik im engeren Sinne, denn dieses Thema war der vierte Teil der Veranstaltung: nach Syntax, Wortsemantik und Pragmatik (Sprechakttheorie). Die Studierenden mussten die Eigenschaften des restringierten und des elaborierten Codes nach Basil Bernstein wiedergeben können, aber auch Ansätze zur Kritik. Anfang der 1970er Jahre war auch die Zeit der Rezeption der Sprechakt‐ theorie. Mein Begriff von ‚Sprache‘ war zuvor noch stark geprägt von der traditionellen Ansicht, die Sprache diene der Mitteilung von gedanklichen Inhalten, allenfalls zum Ausdruck von Gefühlen, so z. B. bei meinen Lektüren von Ernst Cassirers erstem Band seiner Philosophie der symbolischen Formen: Die Sprache (1923) oder seines Essays on Man (1944), in denen kommunikative Funktionen fast gar nicht vorkamen. Es war deshalb für mich wie eine Offen‐ <?page no="64"?> 1 1971, zu Beginn meines Germanistikstudiums in Freiburg hatte mich Klaus Bayer, damals Dissertant in Stegers Gruppe, auf Searle hingewiesen und mir erklärt, worum es dabei ging. Der Begriff ‚Sprechakt‘ war für mich damals noch völlig neu. 2 Über eine frühe Kontroverse zu diesem Thema berichtet Ernest Hess-Lüttich in diesem Band. 3 Vgl. den Beitrag von Heinrich Löffler in diesem Band. barung, als ich John Searles Buch Sprechakte gelesen habe. 1 ‚Sprache‘ und ‚Sprechen‘ erschienen plötzlich in ihrer Fülle von kommunikativen Funktionen des alltäglichen Lebens. Die Soziolinguistik in ihrer Variante der Theorie der Sprachbarriere zwischen ‚restringiertem‘ und ‚elaboriertem Code‘ bekam damals in der Bundesrepublik wegen ihrer vermuteten Anschlussmöglichkeit im schulischen Unterricht eine enorme Aufmerksamkeit. Die Kritik setzte aber früh ein, auch in Freiburg. 2 Heinrich Löffler (1972) betrachtete in seinem Aufsatz Mundart als Sprachbarriere die Problematik des schichtbezogenen Begriffs der ‚Sprachbarriere‘ in Bezug auf die deutschen Verhältnisse zwischen alltagssprachlichem Dialekt, der in Süddeutschland ja bis in die Spitze der sozialen Pyramide reichen konnte, und der in der Schule geforderten Zielsprache Schriftdeutsch. 3 Er und der ehemalige Freiburger Werner Besch gaben 1977 als praktische Konsequenzen für den Schulunterricht in der Reihe Dialekt, Hochsprache - kontrastiv das Heft Alemannisch heraus. Löffler (1985) veröffentlichte eine Einführung in die Germanistische Soziolinguistik mit einem weiten Blick über die Vielfalt der Sprachvarietäten, nicht nur der sozialen Schichten. Ein anderer junger Freiburger, Jürgen Fahle, übte vom marxistischen Standpunkt aus heftige Kritik an der Defizit-Hypothese (Fahle 1982, 1972 geschrieben). Brigitte Schlieben- Lange vom Romanischen Seminar veröffentlichte 1973 eine Einführung in die Soziolinguistik mit einem Überblick über die Forschung in Nordamerika und Europa und zu allgemeinen soziolinguistischen Themen (Schlieben-Lange 1973). Hugo Steger, der Leiter der Freiburger Forschungsstelle, hatte zu dieser Zeit zwei Sammelbände zusammengestellt, die allerdings erst 1982 erschienen (Steger 1982a, Steger 1982b). Darin waren z. B. Aufsätze von Dell Hymes, William Labov, R. Brown / A. Gilman, Erving Goffman, Joshua Fishman und John Gumperz. Ein nicht unwesentliches Ergebnis des Projekts Gesprochene Sprache waren die seit 1971 herausgegebenen Transkriptionsbände Texte gesprochener deut‐ scher Standardsprache I bis IV, meist von Textsorten des Rundfunks (Interviews, Diskussionen, Erzählungen, Ratgebersendungen), aber auch schon von Alltags‐ gesprächen, darunter im dritten Band das mehrfach untersuchte Streitgespräch über „Familien- und Erziehungsprobleme“ (S. 25-42). Außer Angelika Wenzels 64 Johannes Schwitalla <?page no="65"?> (1978) Magisterarbeit Stereotype in gesprochener Sprache waren alle Veröffentli‐ chungen auf der Grundlage dieses Korpus‘ grammatischen Kategorien gewid‐ met: Jürgen Dittmann untersuchte Futurformen und Zukunftsbezug, Gisela Schoenthal das Passiv, Karl-Heinz Bausch den Konjunktiv und Peter Schröder die Wortstellung. Es war eine schöne Zeit der gemeinsamen Diskussionen. Zum Beispiel trafen sich Gerd Schank, Gisela Schoenthal, Werner König und ich reihum in unseren Wohnungen zu einem Arbeitskreis ‚Marxistische Sprachtheorie‘. Der Marxismus in einer nicht-autoritären Ausprägung gehörte damals zum Zeitgeist vieler jüngerer Geisteswissenschaftler. Ulrich Ammons frühe empirische Studie Dialekt, soziale Ungleichheit und Schule (Ammon 1972) wurde z. B. im Funk- Kolleg Sprache ausgewählt, weil sie „als erste [versucht], eine materialistische Sprachtheorie als Grundlage zu nehmen“ (Funk-Kolleg Sprache 2, 1973: 337). Das wurde von den Älteren oft kritisch gesehen. Als ich meinen ersten Aufsatz Was sind Gebrauchstexte? (Schwitalla 1976) schrieb und auf Marx‘ und Engels‘ Sprachtheorie hinweisen wollte, bestand Steger darauf, dass dieser Absatz in petit gesetzt wurde. Das Thema ‚Sprache und Macht‘ brachte Gisela Schoenthal unter dem Aspekt der feministischen Sprachkritik in unsere Gespräche und in die linguistische Öffentlichkeit (Schoenthal 1985). Es blieb ihr Thema bis zu ihrem viel zu frühen Tod. In ihrem Umkreis entstand auch eine der ersten systematisch ver‐ gleichenden Arbeiten zur geschlechtsspezifischen dialogischen Kommunikation (Schmidt 1988). Maßgeblich für die Klassifizierung und Untersuchung gesprochener Texte war in der Freiburger Forschungsstelle das Modell der Redekonstellationen. Der sprachlichen Kompetenz eines idealen, allen sozialen und situativen Bedin‐ gungen enthobenen Sprechers nach Noam Chomsky hielten Steger und seine Mitarbeiter/ innen die außersprachlichen Eigenschaften von Kommunikations‐ situationen entgegen, die nach den jeweiligen Abwahlen zu entsprechenden ‚Textexemplaren‘ und typisiert zu ihren ‚Textsorten‘ führten. In einer frühen Version im damaligen Funk-Kolleg Sprache 2 (1973: 250f.) waren dies: 1. Sprecherzahl: ein vs. mehrere Sprecher 2. Zeitreferenz: zeitlos vs. vor-/ nachzeitig vs. simultan 3. Situationsverschränkung: keine vs. schwach vs. stark 4. Rang: Gleichberechtigung vs. Unter-/ Überordnung 5. Grad der Vorbereitetheit: speziell vs. routiniert vs. nicht vorbereitet 6. Zahl der Sprecherwechsel: null vs. wenige vs. viele 7. Themafixierung: +/ im Voraus festgelegt Vom Redekonstellationsmodell zur Ethnografie des Sprechens 65 <?page no="66"?> 8. Modalität der Themenbehandlung: deskriptiv vs. argumentativ vs. assozia‐ tiv 9. Öffentlichkeitsgrad: öffentlich vs. halbvs. nichtöffentlich, privat. Herauskamen die Textsorten ‚Bericht/ Erzählung‘, ‚Reportage‘, ‚öffentliche Dis‐ kussion‘, ‚Vortrag‘, ‚Interview‘, ‚Unterhaltung‘, alle unschwer als diejenigen Textsorten zu erkennen, die man leicht aus Radio- und Fernsehsendungen im Korpus zur Verfügung hatte. Man stellte sich also ein situationsangemessenes Sprechen sozusagen als einen Algorithmus innerhalb der Blackbox ‚kommuni‐ kative Sprachkompetenz‘ vor. Solche Sprachproduktionsmodelle waren in den 1970er Jahren sehr beliebt. Nur das Merkmal ‚Öffentlichkeitsgrad‘ war eine soziologische Kategorie, denn auch das Merkmal ‚Über-/ Unterordnung‘ betraf die Gesprächsbeteiligung, um etwa öffentliche Interviews von Diskussionen zu unterscheiden. Im Jahr 1973 brauchten Gerd Schank, Franz-Josef Berens und ich eine bezahlte Stelle. Da im IDS nichts mehr frei war, ging dies nur über ein neues Projekt. Wir schrieben für die DFG den Antrag ‚Dialogstrukturen‘, Steger ließ uns gewähren, und wir bekamen drei Jahre bewilligt. Thomas Luckmann hatte uns positiv begutachtet. Unser Vorhaben, Dialoge linguistisch zu untersuchen, konnten wir ganz gut aus dem vorhergehenden Projekt begründen. Viele Eigenschaften des Gespro‐ chenen sind ja dialogisch erklärbar (Ellipsen, Anakoluthe, Reformulierungen, Korrekturen, die Satzränder, Gesprächspartikeln etc., Schwitalla 2001). Das Thema ‚Dialog‘ lag damals in der Luft: linguistisch und soziologisch mit der Rezeption der amerikanischen Conversational Analysis, philosophisch z. B. durch Jürgen Habermas‘ Rezeption der Sprechakttheorie für die Grundlegung einer kommunikativen Ethik, aber auch gesellschaftspolitisch: Dialog war ein Hochwertwort (Dialog mit dem Bürger, Dialog mit der Jugend). Zu Beginn der 1970er Jahre hatte man noch keine Ahnung von der Reichhal‐ tigkeit dialogischer Strukturen (der Gründungsaufsatz von Sacks/ Schegloff/ Jef‐ ferson A simplest systematics for turn-taking in conversation erschien 1974). Viele etablierte Sprachwissenschaftler hielten unser Projekt eher für ein psychologi‐ sches als ein linguistisches. Wir mussten uns oft verteidigen, aber Hinweise auf regelgebundene Abfolgen sprachlicher Handlungen oder auf die Bedeutung von Lexemen durch ihre dialogische Position taten ihre Wirkung. Wir waren nicht die Einzigen, die Mitte der 1970er Jahre Dialoge linguistisch untersuchten. In Bielefeld (Werner Kallmeyer, Fritz Schütze, Elisabeth Gülich), in Düsseldorf (Dieter Wunderlich, Jochen Rehbein, Konrad Ehlich), in Bonn (Gerold Ungeheuer, Werner Nothdurft), in Berlin (Uta Quasthoff), in Konstanz (Peter Auer) gab es ähnliche Initiativen, und es kam zu gegenseitigen Besuchen. 66 Johannes Schwitalla <?page no="67"?> 4 Siehe das Interview mit Ruth Wodak in diesem Band. Erste Dissertationen aufgrund von Tonbandaufnahmen erschienen (bei Gericht: Leodolter 1975). 4 Im Sammelband von David Sudnow (ed., 1972) lasen wir die Aufsätze der Ethnomethodologen und Konversationsanalytiker. Nur mit der Dialoggrammatik haben wir gefremdelt. In unseren Augen erwies sich die Sprechaktheorie als unzureichend für die komplexe sprachliche Realität. Dieter Wunderlich (1976: 297) schrieb: „Man findet in einem normalen Diskurs relativ selten solche Äußerungen, die sich unproblematisch als Sprechakt dieser oder jener Art interpretieren lassen. Dafür findet man aber zahlreiche Äußerungen, die sich typologisch zunächst gar nicht erfassen lassen“. Einerseits lag unser Projekt noch in der Tradition der Textsortenunterschei‐ dung, andererseits hofften wir auf theoretisches Neuland bei den Fragestellun‐ gen Gesprächsbeginn (Berens), Gesprächsphasen (Schank) und Gesprächssteu‐ erung in Politiker-, Experten- und Starinterviews (Schwitalla). Das war nun ein ganz anderer Ansatz als das Auszählen von sprachlichen Kategorien in ganzen Texten. Schank (1981) untersuchte sprachliche und nichtsprachliche Signale für thematische Einheiten in Unterhaltungen und Diskussionen und erstellte Ablaufmuster von Kurzberatungen. Mein Ausgangspunkt war der Begriff ‚Basisregel‘ in der Linie von Alfred Schütz, Aaron Cicourel und Werner Kallmeyer / Fritz Schütze. Davon ausgehend entwickelte ich eine Theorie der Steuerung auf der Ebene der Gesprächsorganisation (Wer spricht? Wer hört zu? Wie signalisiert man die Gesprächsrollen? ), der thematischen und der sprech‐ handelnden Richtungslenkung und der Relationen zwischen Sprecherbeiträgen (Konsens vs. Dissens und Grade der Responsivität). Soziolinguistisch im Sinne der Funktion der Interviews in der Gesellschaft war diese Arbeit nicht, was Walther Dieckmann in seiner Rezension richtig gesehen hat. Aber mit der Dialoganalyse hatte ich ein lebenslanges Thema gefunden. Neben den Entdeckungen am sprachlichen Material kamen nun auch durch Lektüren neue Einsichten hinzu: 1. Angeregt durch die beiden Sammelbände der Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hrsg. 1973) und durch Bergers/ Luckmanns (1970) Gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit las ich den Aufsatz Über die mannigfaltigen Wirklichkeiten von Alfred Schütz (1971). Das war für mich ein neues Ordnungs‐ prinzip, um bei der Analyse eines Textes zuerst einmal zu fragen, in welche Sinnbzw. Kommunikationssphäre ein Text gehört. Ist es ein Text aus dem Alltag, der Dichtung, der Wissenschaft oder der Religion? Steger setzte hinzu: einer Institution? Auch später, bei meiner Habilitationsarbeit über Flugschriften und beim Artikel Textsorten des Frühneuhochdeutschen (Kästner/ Schütz/ Schwi‐ Vom Redekonstellationsmodell zur Ethnografie des Sprechens 67 <?page no="68"?> 5 Keenan beschreibt, wie in einer Gemeinde auf Madagaskar die Männer die Träger der offiziellen Normen des Zusammenlebens sind und eine sehr indirekte Sprechweise pflegen, die Frauen dagegen sehr direkt Normverstöße anprangern und dadurch Konflikte lösen können, bei denen das vorsichtige Sprechen der Männer scheitert. 6 Irvines Studie ist eine der ersten mit dialogischem Material. Sie zeigt, wie bei den Wolof in Senegal der soziale Status durch zwei Strategien ausgehandelt wird, einmal durch das Ausdehnen von initiierenden Grußformeln und Fragesequenzen, und zweitens durch die Prosodie: schnelles und hohes Sprechen für niederen, langsames, tiefes und wortkarges Sprechen für hohen Status. Mit diesem sind nicht nur Ansehen, sondern auch Verpflichtungen verbunden, dem Statusniederen zu helfen. 7 Reisman beschreibt ethnische Formen verbaler Interaktion, die nicht der regelgeleite‐ ten Abfolge von Sprecherwechseln folgen, z. B. gleichzeitiges, lautes Gegeneinander- Schreien von Basketballteams nach einem Spiel, nicht-adressiertes Vor-sich-hin-Mur‐ ren als Ausdruck von Ärger, „making noise“, d. h. hyperbolisches Selbstlob u. a. - Die drei genannten Studien sind nur markante Beispiele für Interaktionsformen, die aus europäisch-nordamerikanischer Sicht ungewöhnlich sind. talla 2000) konnten wir auf Schütz‘ Sinnwelten und deren Überschneidungen zurückgreifen, wenn es um eine erste Orientierung bei der Klassifikation großer Mengen von Texten ging. 2. 1973 las ich das Buch Wir alle spielen Theater von Erving Goffman (1971a). Das war der Ausgangspunkt für die Erkenntnis wesentlicher Prinzipien des individuellen Verhaltens gegenüber Anderen, auch sprachlich. Rücksichten auf das positive und negative Face liegen ja auch den in der Conversational Analysis erarbeiteten Mechanismen für Selbst- und Fremdreparaturen, dem Sprecherwechsel, den Präsequenzen und den präferierten Anschlusshandlun‐ gen zugrunde. In Relations in Public (Goffman 1971b) hat er die Ablaufmuster von Konflikten beschrieben, in Frame Analysis (Goffman 1974) Situationsdefini‐ tionen, die theatralische Gestaltung von Redewiedergaben, die Unterscheidung zwischen ‚attentional‘ und ‚disattended track‘; in Forms of Talk (Goffman 1981) hat er die Beteiligungsrollen an Gesprächen differenziert. Aber das sind nur einige Aspekte auf der Mikroebene des sozialen Verhaltens. 3. Im Oktober 1977 las ich den Sammelband Explorations in the Ethnography of Speaking von Richard Bauman und Joel Sherzer (1974). Hier konnte man lernen, wie Menschen in ganz unterschiedlichen Kulturen durch dialogisches Sprechen im Alltag soziale Strukturen ihrer Lebenswelten hervorbrachten. Besonders die Aufsätze von Elinor Keenan (Norm-makers, norm-breakers) 5 , von Judith Irvine (Status manipulation in the Wolof greeting) 6 und von Karl Reisman (Contrapuntal conversations) 7 waren wunderbare Fallanalysen und wurden von mir jahrzehntelang den Studierenden weitererzählt. Das war meine ideale Vorstellung von Gesprächsanalyse: am sprachlichen Material zeigen, wie sich eine soziale Einheit nach ihren Gewohnheiten angemessen verhält, welche 68 Johannes Schwitalla <?page no="69"?> sozialen Kategorien für sie relevant sind, wie man sozialen Status behauptet und zuweist, wie man soziale Zugehörigkeit und Andersheit aushandelt usw. Und das alles mit dem neuen Instrumentarium der Dialoganalyse. Im gleich darauf gelesenen Sammelband von John Gumperz und Dell Hymes (1972) haben auch die Konversationsanalytiker Harvey Sacks und Emanuel Schegloff mitgewirkt. A propos Harvey Sacks. Gerd Schank und ich haben - ich glaube, es war im Juli 1974 - in Düsseldorf bei einer Tagung von Dieter Wunderlich einen Vortrag von ihm gehört. Das war sehr eindrucksvoll. Sacks ging ständig auf und ab und erläuterte frei sprechend ein kleines Transkript eines Gesprächs zwischen Max und Ethel. Die ganze Zeit fragte ich mich, in welcher Beziehung die Beiden zueinander standen, bei welcher Gelegenheit das war, dann wäre alles von vornherein leichter verständlich gewesen. Aber Sacks wollte nur die Äußerungen in ihren Bezügen zueinander behandeln. Das kam mir auf dem Hintergrund meines Theologie- und Literaturstudiums sehr merkwürdig vor. In der biblischen Theologie war es ganz selbstverständlich, nach dem rituellen oder sonstigen sozialen ‚Sitz im Leben‘ (Hermann Gunkel) eines Textes zu fragen; es war klar, dass tradierte Texte oder Texttteile für neue Kontexte verwendet wurden oder dass die Evangelien und Briefe eine bestimmte Funktion für die unterschiedlichen frühchristlichen Gemeinden hatten. Und im Literaturstudium ging die Frage, ob Dichtung textimmanent oder auch nach ihren sozialen Funktionen behandelt werden müsse, ganz klar für die zweite Alternative aus. Ich hatte also ein Déjà-vu. Im Jahr 1977, am Ende der Projektzeit, stand ich vor der Frage, wie es beruflich weitergehen sollte. Da bot mir Steger eine Assistentenstelle an und drängte für die anstehende Habilitationsarbeit auf ein historisches Thema. Ein solches wollte ich möglichst an Texten, nicht an den kleineren sprachlichen Ebenen behandeln. Ohne zu wissen, dass Flugschriften der Reformationszeit und des Bauernkriegs in den späten 1970er Jahren bei Historikern und bei Sprachwissenschaftlern, besonders der DDR, ein neues, beliebtes Forschungs‐ gebiet waren, und ohne zu ahnen, dass ‚Medialität‘ in den 1980er Jahren ein zentraler Begriff für die Kultur-, Sprach- und Literaturgeschichte werden sollte, erinnerte ich mich an die sehr kirchenkritische Behandlung der Reformation, auch von katholischer Seite. Zwar bestand der erste Teil der Arbeit wieder in der Klassifikation von Texten, aber die Kriterien dafür waren nun eindeutig sprachfunktionale, und das Medium ‚Flugschrift‘ als Mittel der öffentlichen Teilnahme an umstrittenen religiösen, sozialen und politischen Themen führte Vom Redekonstellationsmodell zur Ethnografie des Sprechens 69 <?page no="70"?> 8 In den Untersuchungszeitraum von 1480 bis 1525 fielen z. B. die politische Propaganda Kaiser Maximilians I., der Reuchlin-Pfefferkorn-Streit um das Verbot jüdischer Bücher (1511/ 12), die frühe Reformation mit Martin Luther als zentraler Figur und schließlich einzelne Stationen von Beschwerde- und Programmschriften der Bauern von 1460 bis zum Bauernkrieg 1525. Das waren alles Texte mit der Funktion, gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern: Appelle mit stützenden Argumentationen, Folgen von dialogisch aufeinander Bezug nehmenden Kontroversschriften, öffentliche Verspottung und Verteufelung von bekannten Personen, Konstruktionen von Feindbildern usw. 9 Welche Probleme in welchen Schreibstilen behandelt wurden, konnte ich später an mehreren Themen der (reformatorischen) Öffentlichkeit studieren: daran, wie Frauen trotz 1 Kor. 14, 34 („mulieres taceant in ecclesia“ - ein späterer Zusatz! ) ihr Recht zur öffentlichen Teilnahme am Streit um die Kirchenreform rechtfertigten, an Männer- und Frauenstereotypen in Ehetraktaten, an Schreibstilen von Handwerkern und anderen Nicht-Studierten, am protestantischen Widerstand gegen bischöfliche Zwangsverhöre und ihrer Forderung einer öffentlichen Disputation - nach der Frühphase der Reforma‐ tion: an Formen extremer sprachlicher und bildlicher Brutalität und Schamverletzung in den konfessionellen Kontroversen, an Luthers Dialogpassagen und seiner Kunst der Polemik, an Kaspar Goldwurms antirömischer Polemik, am Pro und Contra um die Vertreibung der Protestanten aus dem Hochstift Würzburg ab 1587. weit in das Gebiet Sprache und Gesellschaft hinein. 8 Mit dem Buchdruck in seiner Form von quartgroßen Flugschriften mit wenigen Blättern entstand zum ersten Mal eine massenmediale Öffentlichkeit mit einer Ausweitung der aktiv Teilnehmenden über den Kreis von männlichen Studierten hinaus. Textsorten wie Thesen, Gutachten oder Verhörprotokolle, die zuvor nur in den jeweiligen Institutionen zirkulierten, bekamen durch das Vorlesen von Flugschriften ein breites Publikum. Es entstanden neue Textsorten (Utopie), Gattungen (Refor‐ mationsdialog) und Textformen (offener Brief). 9 In dem Büchlein Flugschrift (Schwitalla 1999) in der Reihe Grundlagen der Medienkommunikation habe ich dann die Zeitspanne dieses Mediums bis ins 19. Jahrhundert ausgeweitet. Die Medialität der Sprache hat mich auch weiterhin interessiert, für das Mit‐ einander-Sprechen selbst (Nothdurft/ Schwitalla 1995), bei den Tendenzen zur Mündlichkeit in Tageszeitungen, im „Spiegel“, in Werbeanzeigen, in Internet- Chats, dagegen zur Schriftlichkeit in Fernsehdialogen (Betz/ Schwitalla 2006), bei der Inszenierung von Streitgesprächen des kommerziellen Senders RTL (Holly/ Schwitalla 1995) oder auch beim alltäglichen Telefonieren (Schwitalla 1996). Im Gegensatz zur Dissertation schrieb ich meine Habilitationsarbeit Deutsche Flugschriften 1460-1525 (Schwitalla 1983) nicht in einer Projektgruppe. Ich war deshalb froh über jedes Gespräch mit Kollegen, die sich in der Publizistik der damaligen Zeit auskannten (in Freiburg: Heinz Holeczek, in Tübingen: Hans- Joachim Köhler). Ein gewisser Ersatz - und fruchtbar für meinen eigenen Ansatz - waren die von Inger Rosengren veranstalteten Kolloquien Sprache und 70 Johannes Schwitalla <?page no="71"?> 10 Die meisten DDR-Kolleginnen und Kollegen, die zu den Themen Sprache, Kommuni‐ kation und Gesellschaft arbeiteten, traf ich dann beim Kolloquium Untersuchungen zur Kommunikation - Ergebnisse und Perspektiven 1985 in Bad Stuer und bei der Kommunikationstagung 1989 in Wulkow. Ich war erstaunt, wie gut die ostdeutschen Kolleg/ innen über unsere westdeutsche Publikationen Bescheid wussten. In Bad Stuer konnte ich unsere Verbindung von linguistischer Gesprächsanalyse und ethnografi‐ scher Interpretation vorstellen (Schwitalla 1986). Zur Soziolinguistik in der DDR siehe den informativen Beitrag von Ulla Fix in diesem Band. Pragmatik in den Jahren 1978, 1980 und 1982 in Lund und Frostavallen. Bei der Tagung 1978 traf ich zum ersten Mal Kollegen aus der DDR (Wolfdieter Hartung, Gerhard Helbig, Manfred Bierwisch, Dieter Viehweger, Wolfgang Motsch, Klaus Welke, Wolfgang Fleischer). Soziolinguistische Fragestellungen im weiteren Sinne behandelte nur Hartung. Er wurde nach 1990 mein Kollege im IDS. 10 Die Aufsätze von Motsch/ Viehweger (1981) und von Koch/ Rosengren/ Schonebohm (1981) bei der Tagung 1980 waren für mich Anlass, meine eigene Theorie und Methode vorzustellen. Es ging wieder um die Frage, wie weit ein auf dem Begriff der ‚Illokution‘ gründender Ansatz zur Textanalyse ausreicht. 2 Mannheim Im Jahr 1981 wurde ich 37 Jahre alt, meine Frau und ich hatten zwei Kinder, und die Assistentenstelle sollte in zwei Jahren auslaufen. Da wurde am IDS eine unbefristete Stelle für das Projekt Kommunikation in der Stadt ausgeschrieben, die ich zu meiner großen Freude bekam (Projektplanung: Kallmeyer/ Keim/ Ni‐ kitopoulos (1982), ein Rückblick, auch auf die vielen Schwierigkeiten: Schwitalla (2006)). Zum Glück: wieder der Austausch mit Kollegen und einer Kollegin, regelmäßige Datensitzungen, der Aufbau eines eigenen Korpus und die oft überraschenden Entdeckungen schon beim Transkribieren. Projektleiter war Werner Kallmeyer, der die ethnografische Ausrichtung des Projekts vorantrieb und auch verteidigen musste. Oft erwartete man sich in der dialektologischen und soziolinguistischen Gemeinde eine Untersuchung zu den Sprachlagen zwischen Dialekt und Standardsprache und sprach (und schrieb) von unserem Projekt als dem „Stadtsprachenprojekt“. Aber Brigitte Schlieben- Lange und Norbert Dittmar (1982: 82) unterstützten von Anfang an unser Vorhaben, „Kleingruppeninteraktionen im Hinblick auf die darin ablaufenden sprachlichen Aushandlungsprozesse“ zu untersuchen. Meine Kollegen waren Inken Keim, Karl-Heinz Bausch und Pantelis Nikito‐ poulos. Das Projekt dauerte zehn Jahre, die vier Ergebnisbände erschienen aber erst 1994/ 95 (Kallmeyer Hrsg. 1994 und 1995, Keim 1995, Schwitalla 1995). Wir hatten ideale Forschungsbedingungen: viel Zeit, viele Gesprächsmöglichkeiten Vom Redekonstellationsmodell zur Ethnografie des Sprechens 71 <?page no="72"?> untereinander und mit den Kollegen des parallel laufenden Projekts Schlich‐ tungsgespräche (vor allem mit Werner Nothdurft), Tagungen, auf denen wir unsere Analysen präsentieren konnten, Besuche von Kollegen und Kolleginnen von außerhalb (Fritz Schütze, Peter Auer und Aldo di Luzio, Pierre Bange, Winifred Davies, Christian Heath, Gabriella Klein). Am wichtigsten war aber die Unterstützung von John Gumperz, dem auch in Deutschland bekannten Vertreter der Ethnografie des Sprechens. Er kam mehrmals von Berkeley nach Mannheim und schrieb Aufsätze mit Analysen unseres Materials (in den Sam‐ melbänden Kallmeyer Hrsg. 1994, Keim/ Schütte Hrsg. 2002), ebenso wie Jürgen Streeck, der fast ein halber Mitarbeiter wurde, der mit zu unseren Gruppen ging und Analysen beisteuerte - über (ordinäre) Witze der Filsbachfrauen (Streeck 1988), über subversive Ausgrenzungen von Arbeiterjugendlichen in Mannheim- Vogelstang (Schwitalla/ Streeck 1989). Das Projekt verfolgte mit der Ethnografie der Kommunikation im deutsch‐ sprachigen Gebiet einen neuen Ansatz der Soziolinguistik. Die ethnografische Erkundung der vier unterschiedlichen Mannheimer Stadtteile nahm viel Zeit in Anspruch. Wir gingen so oft wie möglich in unsere Stadtteile, um (halb)öf‐ fentliche Veranstaltungen zu besuchen, um die relevanten Schauplätze und wie‐ derkehrenden Ereignisse herauszufinden, um Tonbandaufnahmen wo immer möglich zu machen, um zu sehen, welche Populationen dort wohnten, wie sie sich selbst und gegenseitig einschätzten, welches ihre Probleme waren und wie sie sich ein rücksichtsvolles Zusammenleben in ihrem Umfeld wünschten. Die Ergebnisse waren ausführliche Ethnografien von 140 bis 150 Seiten (Kallmeyer Hrsg. 1995). Nach Jahren der ethnografischen Erkundigung kam es zu einer regelrechten Krise mit unserem wissenschaftlichen Beirat und dem Kuratorium des IDS. Das Projekt stand auf der Kippe. Es waren ja auch nur wenige genuin sozio‐ linguistische Aufsätze erschienen: zum Sprechen über Ausländer (Keim 1984), zum formelhaften Sprechen (Kallmeyer/ Keim 1986), zum Kommunikationstyp des „Hetzens“ von Jugendlichen mit einem Plädoyer für die Verbindung von Ethnografie und Gesprächslinguistik (Schwitalla 1986). Gerettet haben uns wohl letztlich John Gumperz durch seine regelmäßige Mitarbeit und William Labov. Dieser hatte 1987 auf der von Norbert Dittmar organisierten Tagung The sociolinguistics of urban vernaculars Vorträge von Kallmeyer und Keim gehört und fand das Projekt sehr gut. Davon hörte Herbert Ernst Wiegand, der dieses Urteil bei einer Kuratoriumssitzung des IDS weitergab. Wir gingen vom Begriff der ‚sozialen Welt‘ (Schütze 2002) aus, nicht von einem Schichtenmodell. Die Art der verbalen Kommunikation von Menschen, die für bestimmte Interessen öfter zusammenkommen, sollte in Schlüsselsitua‐ 72 Johannes Schwitalla <?page no="73"?> 11 Zur Soziolinguistik der Jugendsprache siehe den Beitrag von Eva Neuland in diesem Band. 12 Zur Soziolinguistik der Genderforschung siehe den Beitrag von Helga Kotthoff in diesem Band. tionen beschrieben werden. Die wichtigsten untersuchten Gruppen waren drei Frauengruppen aus ganz unterschiedlichen sozialen Milieus, deren Gespräche mit teilnehmender Beobachtung (Keim) oder mit anvertrautem Kassettengerät (Schwitalla) aufgenommen wurden. Dazu kamen eine Gruppe von Gymnasias‐ ten und eine Gruppe von jungen Frauen aus türkischen Familien. Für die ersten drei genannten Gruppen wurden systematisch und vergleichend die sozialen Stile des Sprechens untersucht, auf fast allen sprachlichen Ebenen. Untersucht wurden kommunikative und soziale Funktionen des Mannheimer Dialekts und des Code-Switchings, soziale Kategorienbezeichnungen und formelhafte Wendungen zum Verweis auf andere Gruppen und deren Verhaltensweisen, das narrative und argumentative Behandeln von Problemen, die Art der Gesprächs‐ organisation und der Beteiligungsformen, das Zeigen negativer und positiver Gefühle, die Art der Face-Wahrung (Direktheit vs. Indirektheit, negatives und positives Face), die Relevanz bzw. Irrelevanz von Lob und Empathie; schließlich Kommunikationsformen wie Alltagserzählungen, Witze, gemeinsames Phan‐ tasieren, der Umgang mit Kritik, Streitgespräche und Frotzeleien mit ihren impliziten Mitteilungen sozialer Normen, die demonstrative Herstellung von Gemeinsamkeit. All das konnten wir durch die Lebensumstände der Frauen, ihre gesellschaftliche Positionierung und ihr ideales Selbstbild erklären und in den Ergebnisbänden darstellen (Keim 1995, Schwitalla 1995). Nicht so systematisch umfassend, aber doch in einigen Aspekten relevant, galt das auch für die türkischstämmigen „Powergirls“ von Inken Keim (2007) und eine Gruppe männlicher Jugendlicher aus dem Gymnasium, die sich vielfältig von Arbeiterjugendlichen ihres Wohngebiets abgrenzten. Zur Jugendsprachfor‐ schung las ich einmal im Zug von Freiburg nach Mannheim den Aufsatz von Eva Neuland (1987) Spiegelungen und Gegenspiegelungen. Das traf genau auf diese Jugendlichen zu. Auf dem Weg vom Mannheimer Bahnhof zum IDS habe ich Werner Nothdurft den ganzen Inhalt erzählt. 11 Vom Projekt her konnten wir also zum Thema ‚regionale Sprachvarietäten des Deutschen‘ etwas beitragen, zu den sozialsymbolisierenden und gesprächs‐ organisatorischen Funktionen des (tiefen) Dialekts im Kontrast zu verschiede‐ nen Stufen in Richtung Standardsprache, zu Sprechstilen von Frauen (auch direkte bis derbe Sprechweisen kamen in den Blick) 12 , von männlichen Jugend‐ lichen und von Migrantinnen der zweiten Generation. Zu Werner Kallmeyers 60. Geburtstag haben Inken Keim und Wilfried Schütte (Hrsg. 2002) den Vom Redekonstellationsmodell zur Ethnografie des Sprechens 73 <?page no="74"?> 13 Mit den Sammelbänden von Hinnenkamp/ Selting (Hrsg.) (1989) und Keim/ Schütte (Hrsg.) (2002) war das Forschungsfeld ‚soziale Stile des Sprechens‘ etabliert und wurde in ganz unterschiedlichen sozialen Gliederungen untersucht, wenn auch nicht immer mit ethnografischer Herangehensweise. Dazu gehörten in Hinnenkamp/ Selting (Hrsg.) die Lebenswelten von Immigranten (Peter Auer, Frank Ernst Müller, Volker Hinnen‐ kamp), der Vergleich von geschlechtsunterschiedlichen und nationalen Verhaltenswei‐ sen (Helga Kotthoff), aber auch Stile und Stilisierungen von Interaktionstypen (Rituale: Ingwer Paul; wissenschaftliche Interviews: Susanne Uhmann). In Keim/ Schütte (Hrsg.) wurde das Untersuchungsfeld auch auf Medien (Chatgruppen: Susanne Günthner, Newsgroups: Wilfried Schütte, Fernsehdiskussionen: Liisa Tiittula, Kolumnen: Werner Holly) und historische Schreibstile (Kanzleisyntax: J. Schwitalla) ausgeweitet. Zur soziolinguistischen Stilforschung siehe auch den Beitrag von Ulla Fix (Kap. 4) in diesem Band. Sammelband Soziale Welten und kommunikative Stile herausgebracht, in dem dieser Ansatz sich in weiteren sozialen Bereichen und auch bei historischen Schreibstilen als fruchtbar erwies. 13 Die 1980-er und 1990-er Jahre waren international eine Zeit wichtiger Entdeckungen auf dem Gebiet der verbalen Kommunikation. Die Arbeiten von John Gumperz (1982) und von Jenny Cook-Gumperz / John Gumperz (1984), von Frederick Erickson und Jeffrey Shultz (1982), die Aufsätze von Charles und Marjorie Goodwin und von vielen Anderen brachten immer mehr Einsichten in das fein getaktete Aufeinander-Abstimmen von verbalen und nicht-verbalen Äußerungen aller an einem Gespräch Beteiligten. Es war dann folgerichtig, dass nun auch mehr die Prosodie (Margret Selting, Peter Auer), die Gesten (Adam Kendon, Jürgen Streeck), die Körperkonstellationen und Bewegungen im Raum (Reinhold Schmitt) und später die Blickrichtungen (Anja Stukenbrock) in die Analysen einbezogen wurden. 1988 veranstalteten Peter Auer und Aldo di Luzio in Konstanz eine Tagung zur Kontextualisierung mit vielen der Autor/ innen, die ich vorher gelesen hatte - das war für mich eine der interessantesten Tagungen überhaupt. Mit dem neuen Wissen über dialogische Kommunikationsregeln war es möglich, Dialoge in Romanen und literarischen Erzählungen zu beschreiben, insbesondere solche, in denen soziale Probleme dialogisch ausgetragen wurden, etwa in der Blechtrommel von Günter Grass, wo der Zeitgeist des National‐ sozialismus in der Danziger Stadtbevölkerung oder der militärische Befehl zur Tötung unschuldiger Nonnen dialogisch konkretisiert werden (Schwitalla/ Thüne 2014). 74 Johannes Schwitalla <?page no="75"?> 3 Würzburg 1994 bekam ich eine C3-Professur für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Würzburg. Für meine Lehre dort und für Erasmus-Dozenturen hatte ich aus meinem Vogelstang-Korpus immer viel Material zur Verfügung und konnte auf sprechende Beispiele zurückgreifen. So wurden Themen zur gesprochenen Sprache, zur Gesprächsanalyse, zu sozialen Kategorisierungen, zu Jugendsprachen, zum Code-switching etc. mit den Stimmen von Mannhei‐ mer/ innen in Tschechien, Italien, Österreich, Finnland, Schweden, Russland, Estland, Spanien, Portugal, Bosnien-Herzegowina, Griechenland, Japan und in Australien hörbar gemacht. Drei weitere Korpora waren für mich von großer Wichtigkeit: 1. Das Korpus des Schlichtungsprojekts von Werner Nothdurft (später Pfab) und Kollegen, das ja zur gleichen Zeit wie unser Stadtprojekt durchgeführt wurde. Hier waren es vor allem die kreativen Formen von Angriff und Verteidigung in Streitgesprächen (unvergesslich und vielfach ausgewertet das Streitgespräch „alte sau“ zwischen zwei Nachbarinnen). 2. Das Israel-Korpus von Anne Betten, in dem Juden und Jüdinnen ihre Drangsale unter dem Nazi-Regime schilderten. An ihren Erzählungen analysierte ich narrative Formen, prosodische Redewiedergaben von Nazi- Offiziellen und Schilderungen von angsteinflößenden Situationen. Viele schreckliche Szenen blieben mir im Gedächtnis haften. 3. Das Wende-Korpus von Norbert Dittmar, ebenfalls für die narrative Be‐ wältigung (auch mit seufzendem, weinendem und lächelndem Sprechen) der völlig unerwarteten Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989. - Alle diese Dialoge zu untersuchen, hieß ja, sich die Tonaufnahmen genau anzuhören. Da fiel auch immer etwas für andere Fragestellungen ab. Mit den letzten beiden Korpora kamen wieder gesamtgesellschaftliche Probleme in den Blick. Wie habe ich mich gefreut, als ich zum ersten Mal die Einführungsvorlesung in die germanistische Linguistik übernommen habe (später wurde es dann zur Routine). Da konnte ich nun zeigen, was ‚Sprache‘ auch in ihren kommu‐ nikativen und sozialen Funktionen bedeutet. Und das volle Maß universitären Glücks waren immer gelungene Dissertationen, Staats- und Magisterarbeiten. Gerne erinnere ich mich an die Dissertationen mit soziolinguistischen Themen: von Marita Roth (2005) über Stereotype von Ost- und Westberliner/ innen auf der Grundlage des Wende-Korpus‘, von Steffen Haßlauer (2010) über den Materialismusstreit zwischen Rudolph Wagner und Carl Vogt in der Mitte des 19. Jahrhunderts, von Anett Holzheid (2011) über das Medium Postkarte, Vom Redekonstellationsmodell zur Ethnografie des Sprechens 75 <?page no="76"?> 14 Zur Soziolinguistik der Kommunikation mit Immigrant/ innen siehe auch den Beitrag von Volker Hinnenkamp in diesem Band. von Agnes Lieberknecht (2012) über den sozialen Stil des Sprechens einer politischen Frauengruppe, von Katrin Hee (2012) über die Kommunikation zwischen Polizeibeamten und Immigranten, von Gesine Herzberger (2013) über die Kommunikation in einer Ausländerbehörde und von Tirza Mühlan-Meyer (2014) über die Kommunikation in einer mennonitischen Gemeinde in Paraguay. Meine Zeit in Würzburg bedeutete auch eine Rückkehr zu früheren Themen: Schon in Mannheim hatte mich Frau Kahleiß vom Erich-Schmidt-Verlag bei den jährlichen Herausgebersitzungen für die Zeitschrift Deutsche Sprache immer wieder gefragt, ob ich nicht eine Einführung in das gesprochene Deutsch schreiben wolle, die zum gesprochenen Französisch (von Ludwig Söll) hatte sie nämlich schon. Daraus wurde dann das Lehrbuch Gesprochenes Deutsch, und mit jeder neuen Auflage kam die neuere Forschung hinzu. Das gab wieder einen Impuls zur Textarbeit: In einem vom DAAD und der Emil-Öhmann-Stiftung unterstützten Projekt haben Liisa Tiittula und ich (Schwitalla/ Tiittula 2009) untersucht, wie realitätsnah bzw. konstruiert sechs deutsche und sechs finnische Romanautor/ innen Mündlichkeit vor allem in der Figurenrede imitieren und wie die dazu verwendeten sprachlichen Formen der Phonetik, der Lexik, der Syntax und darüber hinaus bis zu den Dialogkonstruktionen in die jeweils andere Sprache übersetzt wurden (für das Finnische war Liisa Tiittula zuständig). Auch die soziolinguistische Arbeit ging weiter. Gabriella Klein aus Perugia, die ich schon vom IDS her kannte, initiierte 2005 ein von der Europäischen Kommission finanziertes internationales Projekt zur interkulturellen Kommu‐ nikation in institutionellen Situationen. Herausgekommen sind ein Leitfaden für Behördenangestellte (SPICES Guidelines) und von Würzburger Seite die oben genannten Dissertationen von Katrin Hee (Polizeirevier) und Gesine Herzberger (Ausländeramt), dazu mein Aufsatz über kulturell unterschiedliche Annahmen darüber, ob private Informationen für die Feststellung eines Sachverhalts in einem Polizeirevier relevant sind (Schwitalla 2009). 14 Ein Thema möchte ich noch nennen, das mich immer sehr interessierte, nämlich wie Menschen soziale Erfahrungen narrativ rekonstruieren. In den Gesprächen der Mannheimer Gruppen gab es ja unterschiedliche narrative Formen (Klatsch- und Konfrontationserzählungen, beispielhafte Illustrationen, Phantasiegeschichten) von sozial bedingten Konflikten, von empörenden Ver‐ haltensweisen Anderer, von gemeinsamen Problemen und Sorgen usw. In den dialogischen Durchführungen bestätigten sich die Beteiligten ihre Sicht der Dinge und diskutierten darüber. Mit Kategorienbezeichnungen, Varietäten- 76 Johannes Schwitalla <?page no="77"?> 15 Wie z. B. für die türkischen Milieus und ihre Ausstrahlungen auf ihre Umwelten: Dirim/ Auer (2004), Keim (2007), Cindark (2010). und Stilwechseln, dem Imitieren und Borgen von soziolektalen Sprechweisen (Michail Bachtins „hybride Konstruktionen“), mit gruppenspezifischer Lexik und Prosodie und anderen sprachlichen Mitteln arbeiteten sie an der sozialen Konstruktion ihrer Wirklichkeit. 4 Rück- und Ausblick Wenn ich zurückdenke auf meinen beruflichen Lebensweg, stelle ich fest, wie oft er eine (manchmal gerade noch) glückliche Richtung genommen hat. Ich hatte Glück, dass mich Hugo Steger ins IDS holte und mir eine Assistentenstelle anbot. Ich hatte Glück, dass ich am IDS Mannheim an einem innovativen soziolinguistischen Projekt mitarbeiten konnte. Ich hatte schließlich Glück, dass ich an der Universität Würzburg in Lehre und Forschung für mein Lieblings‐ thema ethnografische Gesprächsanalyse werben und auch einige Studierende dafür begeistern konnte. Überall traf ich auf Kolleginnen und Kollegen, mit denen mich nicht nur das linguistische Interesse, sondern freundschaftliche Beziehungen verbanden. Unsere Gesellschaft wird immer vielfältiger und konfliktreicher: ethnisch, kulturell, religiös, politisch-ideologisch. Ich wünsche mir, dass die Soziolinguis‐ tik die Kommunikationen in und zwischen den unterschiedlichen Lebenswelten weiterhin dokumentiert, analysiert und nach Möglichkeit erklärt. 15 Wie steht es mit neuen Varietäten des Deutschen, mit neuen Kommunikationstypen, Begegnungs- und Organisationsformen? Dabei sollte man auch den Blick auf literarische Erzählungen, Theater, Film, TV-Sendungen etc. richten. Auch die immer rasanter sich vervielfältigende Medienwelt sollte von der Soziolinguistik untersucht werden. Wenn man bedenkt, welch großen Einfluss die neuen Medien und ihre Netzwerke auf die Formung und Wahrnehmung von Gesell‐ schaft und Politik haben, ist es geradezu eine Pflicht, hier aufklärend und wissenschaftlich fundiert zu informieren. Literatur Ammon, Ulrich (1972). Dialekt, soziale Ungleichheit und Schule. Weinheim: Beltz. Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hrsg.) (1973). Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit. 2 Bände, Reinbek: Rowohlt. Vom Redekonstellationsmodell zur Ethnografie des Sprechens 77 <?page no="78"?> Bauman, Richard/ Sherzer, Joel (Hrsg.) (1974). Explorations in the ethnography of spea‐ king. London etc.: Cambridge Univ. Press. Berger, Peter/ Luckmann, Thomas (1970). Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirk‐ lichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Frankfurt a. M.: Fischer. Betz, Ruth/ Schwitalla, Johannes (2006). Ausgleichsprozesse zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit. In: Neuland, Eva (Hrsg.). 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Streiflichter auf die Soziolinguistik der DDR aus Leipziger Perspektive Ulla Fix 0 Vorbemerkung Es ist mir von Norbert Dittmar dankenswerterweise überlassen worden, wie ich seine Fragen zur Soziolinguistik in der DDR beantworten möchte: Frage für Frage? Ausgewählte Fragen? Geänderte Reihenfolge? Mündliche oder (nur) schriftliche Antworten? Von dieser Entscheidungsfreiheit mache ich gern Ge‐ brauch. Norbert Dittmar hat mich auch darauf hingewiesen, dass es in meiner wissenschaftsbiographischen Schrift „Sprachwissenschaftlerin zwischen Ost und West. Erlebnisse, Überlegungen und Erfahrungen“ (2022) Ressourcen gibt, auf die ich zurückgreifen könnte. Solche Ressourcen, füge ich hinzu, könnten auch andere meiner Arbeiten bieten. 1 Ich werde Dittmars Hinweis gern folgen, da es erfahrungsgemäß unbefriedigend ist, den Inhalt einer schon einmal genau durchdachten und überlegt formulierten Textstelle „noch einmal ganz anders zu sagen“, um nicht in den Verdacht des Plagiats oder der Bequemlichkeit zu geraten. So habe ich mich entschlossen, einen Text vorzulegen, der eine Kom‐ pilation darstellt. Neben aktuellen Überlegungen in einem jetzt geschriebenen Originaltext, der den Hauptteil des Beitrags ausmacht, findet man Inhalte frü‐ herer Publikationen als teils größere Zitate oder als gekürzte und nachgewiesene Zusammenfassungen. 1 ‚Soziolinguistik‘ - ein „undefinierter Grundbegriff“? Als ich - zunächst linguistisch aktiv in der DDR und dann in der gesamt‐ deutschen Forschung - nach meinen Erfahrungen mit der Disziplin Soziolin‐ guistik befragt wurde, ist mir bewusst geworden, dass ich ein unklares Bild habe von dem, was mit dieser Benennung gemeint ist/ sein könnte. Was ist <?page no="84"?> 2 Die Anstrengung des Wortes - das ist die Anstrengung, etwas sprachlich-diskursiv fassbar zu machen, was zunächst anders (nur intuitiv? ) gegeben war. Durch die Bearbeitung im Medium der Sprache wird das Vage und Gärende in eine deutliche und stabile Weltversion, eine Äußerung oder einen Text umgearbeitet. (Ortner 2000: 139). eigentlich Soziolinguistik? Ist das Gemeinte nicht vielmehr Angewandte Lin‐ guistik, Pragmalinguistik, Varietätenlinguistik, Sprachliche Kommunikation, Ethnographie des Sprechens, Gesprächsanalyse, Soziologie des Sprechens, So‐ ziosemiotik, Kulturalistische Linguistik? Spiegeln die gegenwärtigen Sektionen der „Gesellschaft für Angewandte Linguistik“ nicht wichtige soziolinguistische Teilfächer/ Unterdisziplinen/ Richtungen wieder? „[Die Sektionen der GAL] sind […] folgende: Fachkommunikation, Gesprächsforsch ung, Interkulturelle Kommunikation, Lexikographie, Mediendidaktik und Medienko mpetenz, Medienkommunikation, Mehrsprachigkeit, Migrationslinguistik, Phonetik und Sprechwissenschaft, Schreibwissenschaft, Soziolinguistik, Sprachdidaktik, Sprac hkritik, Textlinguistik und Stilistik, Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaft.“ (Fix 2023: 273) Ganz sicher lassen sich unter diesen Sektionen soziolinguistisch orientierte finden, wenn auch nicht immer eine eindeutige Zuordnung möglich ist. Die Feststellung, dass ‚Soziolinguistik‘ eine unscharfe Kategorie sei, findet sich auch in Beiträgen des vorliegenden Buches, so besonder deutlich bei Peter Auer, aber auch nachdrücklich z. B. bei Volker Hinnenkamp und Birte Kellermeier-Rehbein. Wenn die Unschärfe auch im vorliegenden Buch hin und wieder - und dies zu Recht - konstatiert und bedauert wird, wissen wir, die wir einen Beitrag zu dem vorliegenden Band geliefert haben, aber doch ziemlich genau, was wir alle gemeinsam meinen, wenn wir uns zu dem Thema äußern. Wir können uns trotz dieser Unschärfe miteinander verständigen. Man könnte das Phänomen daher damit erklären, dass wir es bei der Kategorie ‚Soziolinguistik‘ möglicherweise mit einem „undefinierten Grundbegriff “ zu tun haben. Dann müssten wir aber einräumen, dass ‚Soziolinguistik‘ ein Grundbegriff ist, der längst aus dem Anfangsstadium der Undefinierbarkeit hinausgekommen sein und mittlerweile definierbar sein sollte. Der Ausdruck „undefinierter Grundbegriff “ bezeichnet ja gezielt auch Denkfiguren der Wissenschaftstheorie, die Grundlagen von Begriffssystemen sich herausbildender Disziplinen darstellen. 2 Dass sie nicht definiert werden, muss in diesen Fällen nicht Ausdruck von Unachtsamkeit sein, sondern kann an ihrer aktuellen Undefinierbarkeit liegen. Sollte man aber im konkreten Fall nicht mittlerweile prüfen, ob es sich bei der Benennung „So‐ ziolinguistik“ wirklich um einen grundsätzlich undefinierbaren Grundbegriff 84 Ulla Fix <?page no="85"?> 3 Vgl. Fix, 2023. handelt, den man nicht genauer bestimmen kann, oder ob man es vielleicht nur versäumt hat, sich dem möglichen Versuch einer Definition zu stellen? Die Diskussion, die dieser Band möglicherweise in Gang setzt, könnte Anlass sein, das Versäumte nachzuholen, d. h. den Grundbegriff ‚Soziolinguistik‘ zu klären. Es genügte, eine ausreichend große Schnittmenge an Übereinstimmun‐ gen auf dem Gebiet dessen, was Soziolinguistik sein könnte, festzustellen - eine Schnittmenge, wie man sie braucht, um Denkwege kompatibel zu machen und ein Gespräch über Forschungsfragen, durchaus von verschiedenen Theo‐ rieansätzen aus, zu ermöglichen. Theorieansätze, von denen jeder Antworten auf spezielle sprachliche Probleme ermöglicht, die durchweg mit dem „gesell‐ schaftlichen Sein des Menschen“ (Motsch 1974: 9; s. u.) zu tun haben. Im Fall der Soziolinguistik sind das zunächst u. a. Fragen zu dörflichem und industriellem Arbeitsleben, zu Jugend- und Alterssprache, zu Geschlechtersprache, zu Sprache in Beruf und Qualifikation sowie Fragen zu Existenzformen und Normen. Später folgen Bereiche wie Politik und politischer Widerstand, Religion, Presse und Medien, Institutionen und Werbung. Auch wenn der weit aufgefächerte Begriff ‚Soziolinguistik‘ zweifellos un‐ scharf ist, kann er doch, wie man aus der obigen Aufzählung sieht, viele (oder gar alle? ) Themen abdecken, die das Verhältnis der Sprache „zum gesellschaftlichen Sein des Menschen“ (ebd.) betreffen. Wenn ich meine Arbeiten überprüfe, so zeigt sich, dass sie insgesamt (abgesehen von der strukturalistisch angelegten Dissertation) darauf zielen, Sprache in ihren durchaus verschiedenen - sozialen - Beziehungen zum gesellschaftlichen Sein des Menschen zu betrachten. Diese Feststellung hat einen biographischen Hintergrund. Dazu nun etwas ausführli‐ cher. 2 Rückblick aus Leipziger Perspektive 2.1 Die Sprachwissenschaft der DDR in den 1960er und 1970er Jahren aus der Perspektive einer Leipziger Linguistin. Strukturalismus und dessen Ablösung Schon um die Zeit meines Studiums der Germanistik und Anglistik (1963-1968) in Leipzig hatte die zentral konzipierte und organisierte Wissenschaftspolitik der DDR das gesamte Fach Germanistische Sprachwissenschaft von der rei‐ nen Sprachgeschichte auf die vorrangige Betrachtung von Gegenwartssprache umgestellt. 3 Den Hochschullehrern, die das Studium damals ziemlich rigoros umstrukturieren mussten, wird das nicht leicht gefallen sein. Im Nachhinein Streiflichter auf die Soziolinguistik der DDR aus Leipziger Perspektive 85 <?page no="86"?> 4 Auf die große Leistung Manfred Bierwischs gehe ich hier nicht noch einmal ein, weil ich annehme, dass sie allgemein bekannt ist. Im Folgenden lehne ich mich an Fix 2023 an. 5 Führend war interessanterweise die Leipziger Literaturwissenschaft, allen voran Claus Träger. zeigt sich, dass die Umstellung - obwohl eher verordnet als erwünscht - sehr gut gelungen ist. Alles relevante Neue wurde aufgenommen, ohne dass die Sprachgeschichte an Bedeutung verloren hätte. So gab es schon Anfang der 60er Jahre eine umfassende Ausbildung in der germanistischen Sprachwissenschaft, die den Studenten das nötige Instrumentarium vermittelte, um sich mit allen sprachlichen Problemen auch der Gegenwartssprache, seien es grammatische, semantische, lexikalische, textliche oder pragmatische, fundiert auseinander‐ zusetzen. Zum obligatorischen Programm gehörten aktuelle Fragen der Mor‐ phologie, Syntax, Lexikologie, Wortbildung, Phraseologie, Dialektologie, und der funktionalen, das heißt textbezogenen Stilistik. Dazu zählten aber auch Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Frühneuhochdeutsch. Fakultative Ange‐ bote waren Gotisch und Namenskunde. Diese „umgebaute“ Sprachwissenschaft knüpfte zudem an Traditionen der 20er Jahre, vor allem an die Gedanken der Prager Schule an, die auch später noch, nach der fast völligen Abschaffung des Strukturalismus an den Universitäten, unterschwellig wirkten, z. B. in der Sprachkulturforschung und in der funktionalen Stilistik. In den 1960er Jahren bis zum Beginn der 1970er Jahre erlebte der Struktura‐ lismus in der DDR seine Blütezeit. Das mag verwundern, kommt er doch in dieser Zeit vor allem aus der - verpönten - „westlichen“, v. a. der nordameri‐ kanischen Wissenschaft, wo er einen Höhepunkt erlebte. Der Prager und der russische Strukturalismus wurden zwar nicht verleugnet, standen aber eher im Hintergrund. Welche Gründe gab es für das Durchsetzen des Strukturalismus in der DDR? 4 Als Hauptgrund für die Durchsetzung des Strukturalismus ist wohl die Wissenschaftspolitik der DDR zu nennen. In der zweiten Hochschulreform (1951/ 52) war die zentralistische Steuerung des Hochschulwesens festgelegt worden, auch um eine „sozialistische Großforschung“ - national wie inter‐ national - zu ermöglichen. In dem Kontext wurde die Kybernetik mit der Frage, wie man zu „sich selbst steuernden Systemen“ kommen könne, zum zentralen Forschungsthema, das Technikwissenschaften, Mathematik, Logik, Sprachwissenschaft u. a. verbinden sollte. Institute wurden in kürzester Zeit gegründet. Das wirkte sich in Leipzig auch auf die Geisteswissenschaften aus. In der Germanistik z. B. wurden als ein „Kybernetik-Projekt“ strukturalistische Ar‐ beiten gefördert, 5 dementsprechende Stellen eingerichtet, Kurse zur Einführung 86 Ulla Fix <?page no="87"?> 6 Diese Forderungen blieben bis auf Lehrveranstaltungen in Marxismus- Leninismus ein Plan: „In der Lehre müssen solche wissenschaftlichen Disziplinen wie Marxismus- Leninismus, Organisations- und Leitungswissenschaften (sozialistische Wirtschafts‐ führung, Kybernetik, Operationsforschung, EDV) und sozialistische Betriebswirtschaft einen zentralen Platz einnehmen.“ Abrufbar unter: https: / / research.uni-leipzig.de/ agin tern/ UNIGESCH/ ug263.htm (Stand: 14.12.2022). in die mathematische Logik veranstaltet und Lehrveranstaltungen auf diesem Gebiet gehalten (Strukturalismus, Generative Semantik, Geschichte der neueren Sprachwissenschaft). 6 Die ersten Bände der Schriftenreihe der Arbeitsstelle Strukturelle Grammatik an der Akademie der Wissenschaften Berlin „Studia Grammatica“ lagen vor und wurden von den am Kybernetik-Projekt Beteiligten gelesen. In der „Arbeitsstelle für mathematische und angewandte Linguistik und automatische Übersetzung“ der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin wurde der Wortschatz des Deutschen mithilfe von Lochkartensystemen für eine maschinelle Verarbeitung gespeichert. Dabei entstand als Nebenpro‐ dukt das innovative, alphabetisch nach Endbuchstaben sortierte, 1967 erschie‐ nene „Rückläufige Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ von Erich Mater. Entscheidend für das große Interesse der vor allem jungen Beteiligten war aber wohl weniger die wirtschaftliche Strategie als die nun geübte neue Art des Arbeitens. Die internationale Offenheit, das Denken in Strukturen, die Strenge des Vorgehens, neue präzise Methoden und die Mathematisierung der Verfahren stellten völlig neue Anforderungen. Zum ersten Mal erlebten Studenten und junge Wissenschaftler, dass sie aufgefordert wurden, „über den Tellerrand zu schauen“. Interdisziplinäres und internationales Denken, das auch die wissenschaftlichen Arbeiten des „Westens“ einbezog, waren plötzlich gefragt. Man konnte sich bei allem Neuen aber auch in einer bedeutenden Tradition sehen, nämlich der russischen und der Prager Schule in den 20er Jahren. Hinzu kommt, dass auch ein praktischer Nutzen dieser Forschung für das Fach auf der Hand zu liegen schien, z. B. die erhoffte Anwendung auf maschinelle Übersetzung. Denen, die sich damals beteiligt haben, könnte die neue Art wissenschaftlichen Arbeitens auch deshalb gefallen haben. Ebenso mag für viele (so auch für mich, die ich eine strukturalistische Dissertation geschrieben habe) die Ideologiefreiheit des Arbeitens ein Antrieb - vielleicht sogar der entscheidende Impuls - gewesen sein. Die strukturalisti‐ schen Prinzipien waren in einer durch-ideologisierten Umwelt verführerisch, weil Strukturen, Relationen, Beziehungen der Gegenstand waren und Ideologie keinen Platz hatte. Streiflichter auf die Soziolinguistik der DDR aus Leipziger Perspektive 87 <?page no="88"?> 7 Eine öffentlich im politischen Kontext und in den Medien gebrauchte Kategorie. 8 Eine mir versprochene Arbeitsstelle wurde zunächst gestrichen - mit der Begründung, ich habe ja strukturalistisch gearbeitet. 9 Manfred Bierwisch berichtet 2020 in einem Interview, dass der französische Struktura‐ lismus angesichts seiner Orientierung an der extrem linken Variante der Marxismus- Auffassung der französischen KP von der SED als ideologische Verirrung eingestuft wurde. Dies wurde von den Strukturalismus-Gegnern in der DDR als Vorwand genutzt, ihn möglichst vollständig abzuschaffen. Weshalb man diese Richtung zuvor aber vehement gefördert hatte, blieb für die Öffentlichkeit unklar. Die Arbeitsgruppe wurde 1972 aufgelöst. http: / / www.gespraech-manfred-bierwisch.de/ Anfang der 1970er Jahre änderte sich die Situation. Es fand die von „der Partei“, der SED, initiierte „Strukturalismusdebatte“ statt. Der Strukturalismus wurde nun von den „führenden Vertretern der Partei“ 7 (gemeint war die SED) als Produkt westlicher Ideologie und westlicher Methode in einer scharfen Aus‐ einandersetzung abgelehnt. Die diesbezüglichen Forschungsvorhaben wurden abgebrochen. 8 Die russischen und tschechischen Vertreter des Strukturalismus spielten kaum mehr eine Rolle. Sie waren vor allem in der Stilistik und Sprach‐ kulturforschung rezipiert worden, in Fächern, die nicht als „strukturalismus‐ verdächtig“ galten und denen deshalb zwar weniger kritische Aufmerksamkeit gewidmet wurde, die aber trotz aller Wertschätzung - vor allem der Stilistik - im Vergleich zum Kernfach Grammatik doch eher als „randständig“ angesehen wurden. Sie hatten daher noch weniger als die Grammatik die Kraft, den Struk‐ turalismus zu „retten“. Dies hatte jedoch den Vorteil, dass strukturalistische Ideen dort im Stillen weiterwirken konnten. Die Arbeitsstelle für strukturelle Grammatik an der Akademie der Wissenschaften wurde wegen „ideologischer Verirrung“ aufgelöst. Selbstkritik und Distanzierung waren gefordert, wurden aber nicht im gewünschten Maße geliefert. Alles, was mit großer Geste begon‐ nen hatte, wurde nun zurückgenommen. Wer strukturalistisch gearbeitet hatte, geriet unter Verdacht. 9 Wolfgang Motsch schrieb eine Arbeit zur „Kritik des sprachwissenschaftlichen Strukturalismus“, in der er - ursprünglich selbst Ver‐ treter dieser Richtung - Kritik daran übte, dass strukturalistisches Vorgehen die Sprache nicht „in ihrem Verhältnis zum gesellschaftlichen Sein der Menschen“ betrachte. Dies sei aber unbedingt nötig (Motsch 1974: 9). In der Vorbemerkung heißt es folgendermaßen: „Von besonderer Tragweite ist die bewusste oder unbewusste Ausklammerung der gesellschaftlichen Funktion und Determiniertheit der Sprache, die für die Mehrzahl aller strukturalistischen Schulen charakteristisch ist. Die Zugehörigkeit der engeren Sprachwissenschaft zu den Gesellschaftswissenschaften wird auf diese Weise in Frage gestellt. Obwohl es im Umkreis sprachwissenschaftlicher Forschungen zweifellos Pro‐ 88 Ulla Fix <?page no="89"?> blemstellungen gibt, deren Bezug zu gesellschaftlichen Erscheinungen vernachlässigt werden darf, kann Sprachwissenschaft als eine umfassende Disziplin nur erfolgreich sein, wenn sie als Gesellschaftswissenschaft betrieben wird, das heißt, wenn ein Gesamtkonzept der Sprache entwickelt wird, das Sprache als eine gesellschaftlich bestimmte Fähigkeit des Menschen darstellt. Jeder Versuch, die Sprachforschung auf Fragen der Sprachstruktur zu reduzieren, führt zu folgenschweren Einseitigkeiten und Fehlern.“ (Motsch 1974: 9) Motschs (1974: 12) Schlussfolgerung: „Eine marxistische Analyse verlangt mithin, dass alle prinzipiellen theoretischen Probleme der Sprache in dem aus marxistischer Sicht vorauszusetzenden Rahmen neu durchdacht werden müssen.“ Hier wird der Anspruch auf das Wahrheitsmonopol deutlich, den Vertreter des Marxismus-Leninismus erhoben haben. Man erkennt deren Gewissheit, dass im Klassenkampf keine „ideologischen Kompromisse“ zugelassen werden können, sowie die Überzeugung, dass wissenschaftliches Arbeiten ein wichtiger Teil des Klassenkampfes ist. Das erinnert an folgende, in der DDR durchgehend tradierte Feststellung Lenins: „Die Lehre von Marx ist allmächtig, weil sie wahr ist. Sie ist in sich geschlossen und harmonisch, sie gibt den Menschen eine einheitliche Weltanschauung, die sich mit keinerlei Aberglauben, keinerlei Reaktion, keinerlei Verteidigung bürger‐ licher Knechtung vereinbaren lässt.“ (Lenin 1977: 19; Hervorh. U.F.) Zurück zu Motschs Kritik an der Ausklammerung des „Bezugs zum gesell‐ schaftlichen Sein“ des Menschen im marxistisch-leninistischen Verständnis. Genau diese Kritik war für mich der Grund gewesen, in meiner Dissertation strukturalistisch zu arbeiten. Die Beziehung zum „gesellschaftlichen Sein“ hätte in der DDR zweifellos Ideologisierung bedeutet. Ich fragte mich damals, weshalb man den Bezug zum gesellschaftlichen Sein nicht auch „nichtmarxistisch“ herstellen könne und welchen Wert eine Philosophie (besser: Ideologie) hat, die von sich behauptet, die alleinrichtige zu sein? Nach der „Wende“ konnte ich mich dem „gesellschaftlichen Sein“, genauer der entideologisierten Betrachtung des sprachlich-kommunikativen Miteinanders der Menschen, das zu untersuchen ich ganz und gar nicht ablehnte, endlich auch zuwenden. Meine Gegenstände waren u. a.: Stil als soziales Phänomen, offizieller Sprachgebrauch in der DDR, Sprache in Institutionen, Sprachbiographien, widerständige Sprache (Bürgerbe‐ wegung, Kunst, Kirche), Sprache und Religion sowie Sprache und Werbung. Streiflichter auf die Soziolinguistik der DDR aus Leipziger Perspektive 89 <?page no="90"?> 10 Hier haben wir den Fall, dass eine eindeutige Bezeichnung schwer, wenn nicht gar unmöglich erscheint. Ich bleibe künftig bei „pragmalinguistisch“ in dem Wissen, dass die Entscheidung strittig ist. Allerdings ist sie ein Schirm, unter den vieles passt. Nachdem - wie beschrieben - die Phase des Strukturalismus in der DDR in der ersten Hälfte der 1970er Jahre durch Beschluss „von oben“ beendet war, setzte der Paradigmenwechsel zur Pragmalinguistik ein. 10 „[Ende der 1960er und] Anfang der 1970er Jahre setzte sich - international angeregt - auch in den beiden deutschen Sprachwissenschaften die pragmatische Wende durch, ein Paradigma, das die Abwendung von der rein systemorientierten Betrachtung der Sprache mit sich brachte und Sprache bzw. Sprachgebrauch vor dem Horizont einer an Kommunikation orientierten Sprachauffassung betrachtete. Dahinter stand und steht die Erkenntnis, dass Sprache ein soziales Phänomen ist und folglich im Kontext des Handelns der Beteiligten mit deren Intentionen beschrieben werden muss und dass sie darüber hinaus von gesellschaftlicher Bedeutung und von praktischer Relevanz ist. Sie ist Voraussetzung für Teilhabe am sozialen Leben: u. a. für Bildung, für kulturelle Betätigung, für Medienarbeit, für berufliche Kommunikation und privates Leben. Nun eröffnete sich eine weite Skala von Arbeitsfeldern, Forschungsgegenständen, Fragestellungen und Anwendungsmöglichkeiten.“ (Fix 2023: 272) Der Übergang zur Pragmalinguistik als Prinzip und als Lehrgegenstand - in der DDR „Sprachliche Kommunikation“ genannt - entsprach den Anforderun‐ gen an eine moderne Sprachwissenschaft vollkommen, war also durchaus eine Bereicherung. Freilich hätte man von der Sache her beide Richtungen - die strukturalistische wie die pragmalinguistische - mit je verschiedenen For‐ schungsinteressen und -methoden nebeneinander bestehen lassen sollen. Der alternativlose, ja erzwungene Übergang von der einen, der systembezogenen, zur anderen, der gebrauchsbezogenen Herangehensweise war für mich und viele andere nicht einsehbar, seine fachliche Umsetzung an den Universitäten verlief jedoch problemlos und brachte natürlich wissenschaftlichen Gewinn. Das Handwerkszeug für die genaue Betrachtung des Sprachgebrauchs war gegeben. Pragmalinguistische Arbeiten führten weiter, was in der traditionellen Sprachwissenschaft bereits im Ansatz erarbeitet worden war. Welche Bedeutung pragma- oder soziolinguistisches Vorgehen mittlerweile hatte, zeigt sich im Rückblick auf die Geschichte der Gesellschaft für Angewandte Linguistik, die bis heute besteht und sich den jeweiligen Ansprüchen der sich verändernden kommunikativen Praxis klug anpasst. 90 Ulla Fix <?page no="91"?> 2.2 Etappen der Soziolinguistik 2.2.1 Dialektologie und Kulturmorphologie In den 60er Jahren hatte die Sprachgeschichte im Leipziger Studienplan der germanistischen Sprachwissenschaft neben der ausführlichen Betrachtung der Gegenwartssprache noch ihren festen Platz (s. 2.1 des Beitrags). Die Feldfor‐ schung in der Dialektologie erlebte eine Blütezeit in den 50er Jahren und wirkte so noch in die 60er Jahre hinein. So verfügten interessierte Studentinnen und Studenten in meiner Studienzeit nicht nur über das Grundwissen der Dialekto‐ logie, sondern sie konnten aus den Berichten der begeisterten Feldforscher - junge Wissenschaftler, besonders engagierte Studenten (genannt seien Gunter Bergmann, Rudolf Große, Gotthard Lerchner, Wulf Kirsten und Horst Weber) - vieles, auch Erheiterndes, entnehmen über die ethnologisch-sozialen Einblicke, die man in der Praxis der Feldforschung in sächsischen und thüringischen Dörfern gewinnen konnte. Sie hatten aber zugleich im Theoretischen ihre erste „soziologische Hürde“ genommen, nämlich die Dialektologie der Kulturraum‐ forschung zu verstehen. Ich beziehe mich, wenn ich nun auf Klaus Mattheiers Beitrag von 1986 „Di‐ alektologie und Kulturraumforschung. Bemerkungen zu den kulturräumlichen Traditionen moderner Dialektsoziologie“ eingehe, auf eine Phase, die ich als einen Aufbruch in die Soziolinguistik betrachte. Es folgt ein längeres Zitat, das die damalige Situation verdeutlicht und einordnet. „1921 schreibt der sprachwissenschaftliche Hauptvertreter der Kulturraumforschung Theodor Frings: ‚[…] die heutigen landschaftlichen Formen und Lagerungen (der Mundarten) sind vielfach das Ergebnis sozial-linguistischer Revolutionen.‘ Die wich‐ tigste dieser sozial-linguistischen Revolutionen war für ihn und in Ansätzen schon für seinen Lehrer Ferdinand Wrede - von dem er übrigens auch den uns so modern erscheinenden Terminus ‚Sozial-Linguistik‘ ausleiht - die Ausbildung landesherrli‐ cher Territorien, die die siedlungsgeschichtlichen Lagerungen der germanischen und altdeutschen Stammessprachen in viele Regionen überformte und revolutionierte. Bis dahin waren es die germanischen Stammesgebiete gewesen, denen man die sprach‐ grenzbildende Kraft zugeschrieben hatte. Jetzt sieht Frings die Sprachräume, die sich in den ersten Karten des Deutschen Sprachatlasses erkennen ließen, entstanden im Wechselspiel zwischen den frühneuzeitlichen territorialen Kulturräumen, die sich bis 1800 über 400 bis 500 Jahre hinweg relativ stabil gehalten haben und den durch den gesellschaftlichen Verkehr und kulturellen Kontakt sich ausbildenden Kulturströmun‐ gen. Doch sind es für die Kulturraumforschung nicht nur die Spracherscheinungen, die sich in Kulturräumen und Kulturströmungen entfalten. Die Kulturraumforschung sieht schon nach den ersten Publikationen in der zweiten Hälfte der 20er Jahre den Streiflichter auf die Soziolinguistik der DDR aus Leipziger Perspektive 91 <?page no="92"?> Beweis erbracht, daß alle ‚Güter der oberwie der unterschichtlichen Kultur in ihrer räumlichen Verbreitung nach den gleichen Gesetzen gestaltet werden wie die Sprache, die ja nur einen Sonderfall des gemeinschaftlich gebundenen kulturellen Lebens einer landschaftlichen Menschengruppe darstellt.‘ Hier sah man einen Ansatzpunkt für die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Landesgeschichte, Sprachgeschichte, Volkskunde, Archäologie, Kunstgeschichte, Kirchengeschichte, Rechtsgeschichte, his‐ torischer Geographie, Wirtschaftsgeschichte und historischer Soziologie.“ (Mattheier 1986: 103) Dass sich die Kulturraumforschung später, etwa in den 1950er Jahren, als problematisch erwiesen hat, „sollte jedoch nicht dazu führen, das theoretische und besonders das methodische Grundkonzept dieser Forschung ebenfalls zu verwerfen. Der Gedanke, dass Sprache eingebunden ist in ein großes Spektrum von gesellschaftlichen Erscheinungen, die gemeinsam einen regional-historisch verorteten Sozialhandlungsraum bilden und sich nur in enger Abhängigkeit voneinander und von übergreifenden historischen Veränderungen wandeln“ (Mattheier 1986: 104), kann als voraus genommene Soziolinguistik betrachtet werden. Auf Rudolf Große als Mittelpunkt der Dialektforschung nach Frings gehe ich unter 2.2.5, wenn ich die Leipziger Soziolinguistik einzuordnen versuche, genauer ein. Zwei Persönlichkeiten aus der Leipziger Zeit - die „Wortsammler“ Gunter Bergmann und Wulf Kirsten - sollen hier bereits kurz vorgestellt werden. Bergmann als der „Wortbewahrer“ per excellence und Kirsten als der poetische „Wortsammler“. Gunter Bergmanns Lebenswerk war das Wörterbuch der obersächsischen Mundarten. Seit 1957 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter und seit 1968 als Arbeitsstellenleiter für die Arbeit am Wörterbuch tätig. Er trug die Ver‐ antwortung für die Bearbeitung des Belegmaterials, das ca. 1000 Sammler in etwa fünfzig Jahren zum Wortschatz der Sachsen zusammengetragen hatten. Für die 1971 an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften gegründete Sprachwissenschaftliche Kommission übernahm Gunter Bergmann das Amt des Sekretärs, was auch bedeutete, die Verbindung mit den von der Berliner Akademie übernommenen Mundartwörterbüchern, dem Thüringischen, dem Brandenburg-Berlinischen, dem Mecklenburgischen und dem Archiv des Pom‐ merschen Wörterbuchs zu gewährleisten. Damit hat Bergmann die Ergebnisse der Mundartforschung in der Fringss‐ chen Tradition bewahrt und weitergeführt. Wulf Kirsten dagegen sammelte Erfahrungen in der Wörterbucharbeit während seines Studiums der Germanistik und als freier Mitarbeiter für das im Entstehen begriffene Obersächsische Wörterbuch. Er ging buchstäblich als Wortsammler in die Dörfer um Meißen und hielt anhand eines Fragebogens 92 Ulla Fix <?page no="93"?> den ermittelten Mundartwortschatz fest. Ungewöhnlich an seiner Tätigkeit ist, dass er nicht nur für das Wörterbuch sammelte, er hielt das Gefundene - die Mundartwörter, die umgangssprachlichen Ausdrücke, die Sprachbilder, die ihm genannt wurden - auch für seinen eigenen poetischen Gebrauch bereit. Seine Gedichtsammlung „die erde bei Meißen“ (1986) enthält in chronologischer Reihenfolge die meisten der zwischen 1961 und 1982 entstandenen Gedichte. Bei all seinen Bemühungen ging es Kirsten immer auch darum, sich durch seine Sprache als zoon politikon selbst zu finden. Einige seiner Äußerungen über die Zeit als „Wortsammler“ zeigen, dass er neben dem Poetischen das Soziale und Politische sprachlicher Äußerungen immer im Blick hatte. Ich lasse ihn selbst zu seinen Intentionen sprechen: „Ich hatte es nie darauf abgesehen, das rustikale Idyll einer Heilen-Welt-Parzelle zu zimmern und aus der Welt herauszumauern. Ich habe das soziale Gefüge in meinen Gedichten nicht ausgespart und die Sympathien für meinesgleichen darin zu erkennen gegeben, es läuft so ziemlich alles auf Chronik und Lebensbericht hinaus.“ (Kirsten 1987: 36-41, Hervorh. U.F.) 2.2.2 Von der Landwirtschaft in die Industrie Zunächst wirkte noch in starkem Maße die traditionsreiche und methodologisch abgesicherte Leipziger Dialektforschung. Nach der anfänglichen Konzentration auf diese, gestützt auf methodische Erfahrung und reiches empirisches Material, entwickelte sich jedoch schon in den 1950er Jahren das Interesse an der umgangssprachlichen Entwicklung auf dem Land und in den Stadtsprachen. Gegenstände waren u. a.: soziale Schichtung, Existenzformen, Wortschatz- und Ausspracheuntersuchungen. Ursachen für die zu konstatierende Erweiterung der Umgangssprache waren die Prozesse der Industrialisierung und des An‐ wachsens der Städte mit der Folge neuer sozialer und soziokultureller Gegeben‐ heiten. Heinz Rosenkranz‘ und Karl Spangenbergs Publikation von 1963 „Sprachso‐ ziologische Studien in Thüringen“ stand noch in der Fringsschen Tradition und vertrat die Auffassung von Umgangssprache als zwischen Dialekt und Schrift‐ sprache stehender Varietät. Wenn Umgangssprache hier von ihrer Funktion her, aber auch nach Wortschatz, Lautung und Stil beschrieben wurde, wenn Veränderungen im Verhältnis Dialekt - Umgangssprache - Schriftsprache in Bezug auf soziokulturell bedingten Wandel erklärt wurden, zeigte sich aber klar die sich anbahnende Hinwendung zu einem soziolinguistischen Ansatz. Die Diskussion der Varietäten Dialekt - Umgangssprache - Schriftsprache wurde als etwas Neues empfunden und spielte in den 1960er Jahren dann auch eine bestimmende Rolle. Sie fand ihre Fortsetzung in vielen Arbeiten der Zeit, die Streiflichter auf die Soziolinguistik der DDR aus Leipziger Perspektive 93 <?page no="94"?> 11 Vertreter s. Abschnitt 2.2.5. 12 Ausführlich und souverän beschrieben ist die Situation bei Janz (2013). Seit 2011 liegt auch eine Überblicksarbeit von Manfred Uesseler vor. sich auf die Sprachvarietäten in den Bereichen Landwirtschaft und Industrie beziehen. Als lokales Zentrum in dieser Zeit kann nach wie vor Leipzig gelten. 11 Von der Fülle der Arbeiten außerhalb Leipzigs nenne ich stellvertretend nur zwei: 12 Zur Landwirtschaft Renate Herrmann-Winter mit ihren „Studien zur gesprochenen Sprache im Norden der DDR. Soziolinguistische Untersuchungen im Kreis Greifswald“ (1979) und zum Industriebetrieb: Ruth Reiher (1980): „Zur sprachlichen Kommunikation im sozialistischen Industriebetrieb - Texte und sprachliche Analysen“. Aufschlussreich ist das Vorwort, das Klaus Baumgärtner seiner Dissertation „Zur Syntax der Umgangssprache in Leipzig“ 1959 vorangestellt hat. Es zeigt die Varietätenlinguistik in den Anfängen ihrer Entwicklung und deren noch ungeklärte Probleme. „Die frühe Anleitung zur methodischen Beschäftigung mit mundartlicher Grammatik und die fortwährende Beratung in dieser Sache verdanke ich Herrn Dr. Rudolf Große, der mich 1954 zunächst bestimmte, die Fachsprache der Leipziger Metallarbeiter zu untersuchen. Aber schon ein erster Ansatz auf diesem Gebiet erbrachte, dass die Spra‐ che der Leipziger Arbeiter kaum noch Eigenständigkeit verriet im Hinblick auf den Fachwortschatz, um so mehr jedoch beim Blick auf ihren allgemein-volkssprachlichen Wortschatz und auf ihre ausgeprägt volkssprachlichen Fügungsweisen. Seitdem galt meine Aufmerksamkeit der Syntax der Leipziger Arbeiter. Die Beschränkung im Soziologischen ließ sich vor dem Material nicht lange aufrechterhalten: sehr bald war meine Arbeit erweitert zu fassen als Arbeit zur Leipziger Umgangssprache.“ (Baumgärtner 1959: Vorwort) 2.2.3 Wörterbucharbeit Vielleicht verwundert es, wenn ich auch die Stilforschung unter soziolingu‐ istischem Aspekt betrachte. Möglicherweise erscheint dies jedoch weniger überraschend, wenn man sich bewusst macht, dass als erste Etappe der Disziplin Stilforschung die Wörterbucharbeit, genauer die Arbeit an Stilmarkierungen, angesehen wird. Dass Stilmarkierungen zur Wörterbucharbeit gehören und dass sie auch soziale Funktion haben, sehen wir erstaunlicherweise schon bei Adelung. Nach einer lebhaften Auseinandersetzung um das Problem der stilistischen Kennzeichnung von Wörterbucheinträgen, die schon soziolinguistische Ak‐ zente setzte, entwickelt sich die Stilistik in den 1970er Jahren und später noch 94 Ulla Fix <?page no="95"?> deutlicher in soziolinguistische Richtung (s. die Abschnitte 3 und 4). Die konse‐ quente Beschäftigung mit der Kategorisierung stilistischer Markierungen nach ihrer Funktion beginnt in den 1960er Jahren. Die damalige und vielleicht auch noch heutige Vorstellung aber, dass dies damals etwas absolut Neues gewesen sei, wird von Klaus-Dieter Ludwig mit Verweis auf Adelung zurückgewiesen. „[…] es sei vermerkt, dass nicht erst mit dem „Wörterbuch der deutschen Gegen‐ wartssprache“ die systematische ‚stilistische Bewertung‘ des in einem einsprachigen synchronischen Wörterbuch erfassten Wortschatzes begonnen hat. Aussagen, dass man vor Erscheinen des WDG stilistische Markierungen ‚nur unsystematisch und sporadisch angebracht‘ habe […] sind zu relativieren. Es waren vor allem Adelung und Campe, die sich nicht mit sporadischen und unsystematischen Hinweisen als lexiko‐ graphische Angaben zum Stil begnügten. Adelung benutzt ein fünfschichtiges System von Schreib- und Sprecharten, nach dem er die ‚Würde der Wörter‘ kennzeichnet (Adelung I 1774: XIV). Es sind die ‚fünf Classen‘: ‚höhere oder erhabene Schreibart‘, ‚edle‘ Schreibart, ‚Sprechart des gemeinen Lebens und vertraulichen Umganges‘, ‚niedrige‘ Sprechart und schließlich die ‚ganz pöbelhafte‘ Sprechart (ebd.) - ‚Classen‘, die mit ‚Stilschichten‘ bzw. ‚Stilebenen‘ der gegenwärtigen deutschen Lexikographie durchaus vergleichbar sind.“ (Ludwig 1994: 281) Die gegenwärtige Auseinandersetzung mit diesem Problem wurde maßgeblich eingeleitet durch die Mitherausgeberin des „Wörterbuchs der deutschen Ge‐ genwartssprache“ (1961-1977) Ruth Klappenbach, Schülerin und Kollegin des Ethnologen und Sprachwissenschaftlers Wolfgang Steinitz. Sie legte 1960 einen Vorschlag für die Angaben zu Stilschichten und Stilfärbungen in dem zu erar‐ beitenden Wörterbuch vor. Alle 100.000 Wörter des Wörterbuchs wurden nach diesem Vorschlag stilistisch überprüft und der ins Wörterbuch aufgenommene Wortschatz auf diese Weise als stilistisches Gefüge umfassend charakterisiert. Schon hier zeigte sich in der Praxis, was später zum Thema theoretischer Erörterung wird, das Problem nämlich, Stil als Erscheinung des Systems (Stil‐ grammatik) und gleichzeitig als Phänomen der Verwendung dieses Systems (Stilgebrauch) unter den Aspekten stilistischer Bedeutung, funktions- und sozial bedingter Verwendungsbeschränkung und kontextualer Stilfärbung zu betrachten. Die Überlegungen wurden von Klaus-Dieter Ludwig weitergeführt in dem Bemühen, die Stilangaben zu objektivieren, d. h. ihren theoretischen Status zu klären. Das geschah z. B. in Hinsicht auf die Kategorien Stilfärbung, Konnotation, Emotionalität, Expressivität und Wertung (Herberg/ Ludwig 2013). Henrik Becker, Leiter des Instituts für Sprachpflege und Wortforschung an der Universität Jena, legte 1966 das im Auftrag des Staatssekretärs für das Hochschulwesen erarbeitete „Stilwörterbuch“ vor, das - aus meiner Sicht Streiflichter auf die Soziolinguistik der DDR aus Leipziger Perspektive 95 <?page no="96"?> heute schwer nachvollziehbar - ohne bemerkenswerte Wirkung blieb. Es wäre interessant, auf dem heutigen Stand von Formulierungs- und Schreibtheorien und soziolinguistischer Forschung die Leistung dieses „Wortfindebuchs“ (so die Benutzungshinweise) zu überprüfen und die Anregungen, die sich aus der An‐ lage des Buches ergeben, wieder aufzugreifen. 900 Stichwörter, auf 13.000 Seiten behandelt, dienen als so genanntes „Ausgangswort zu Wanderwegen durch den Wortschatz“ (s. Benutzungshinweise), d. h. sie führen zu Bedeutungsvarianten, Ableitungen, Zusammensetzungen und Wendungen, die mit dem jeweiligen Wort gebildet wurden, und könnten im Formulierungsprozess eine große Hilfe sein. 2.2.4 Von der Feldforschung in die Theorie Eine unentbehrliche Kategorie für sozial orientiertes sprachliches Handeln ist zweifellos der Normbegriff. Als Schlüsselliteratur betrachtete ich zur Zeit seines Erscheinens - und sehe es auch heute noch so - Wolfdietrich Hartungs Buch „Kommunikation und Gesellschaft“ von 1974 in dem er aus meiner Sicht auch vor dem Hintergrund der zeitgleichen westdeutschen Normendiskussion (Klaus Gloy, Gottfried Kolde u. a.) den brauchbarsten, weil differenziertesten, auch sozial orientierten Normenbegriff und Normenhaushalt vorstellte und wohl als erster Medialität und Kulturalität (wenn auch nicht so benannt) in die Normvorstellungen sprachlicher Leistungen einbezog. Hartungs Ausgangspunkt: Sprachliches Verhalten folgt kollektiven Überein‐ künften. Das Nichteinhalten dieser Übereinkünfte kann soziale Ächtung mit sich bringen. Zur Zuordnung dieser Arten von Übereinkünften stellt er Katego‐ rien zur Verfügung - an erster Stelle die Kategorien ‚Regel‘ und ‚Norm‘. Mit der Entwicklung der Textlinguistik und der kognitiv orientierten Stilistik kam die Kategorie ‚Muster‘ hinzu. Aus der Sprachphilosophie stammt die gelegentlich auch hinzugezogene Kategorie der ‚Maxime‘. In erster Linie hat man angesichts dieser Kategorien zu unterscheiden zwischen der Sicherung der semantisch-grammatischen Richtigkeit durch das Befolgen vom Regeln (Hartung 1977) und der Befolgung von Normen zur Berücksichtigung der situativen Angemessenheit. In der Normdiskussion der 1980er und 1990er Jahre schlug Hartung (1977) eine Vereinfachung des Benen‐ nungsprinzips vor, indem er die Kategorie ‚Norm‘ als Oberbegriff für alle Arten von Übereinkünften einsetzte. Das damals vorgeschlagene Modell ist aus meiner Sicht das immer noch brauchbarste: als „Vermittlung zwischen einer im strengeren Sinne linguistischen und einer im weiteren Sinne soziolinguisti‐ schen Definition von Sprachnormen“ (Dittmar 1997: 165). Die grammatischsemantischen Normen beziehen sich auf die grammatische Richtigkeit und 96 Ulla Fix <?page no="97"?> 13 Auf die weiteren Vorschläge Hartungs, auf Muster und Maxime kann ich hier nicht eingehen. 14 Koordination und Leitung der Projekte „Kommunikative soziale Stilistik“, „Aussprache‐ variation“ sowie der „Korpusstelle für Gesprochenes Deutsch“. semantische Interpretierbarkeit eines Textes. Da mit der Herstellung einer syntaktisch korrekten und semantisch kohärenten Satzfolge aber noch kein akzeptierter Text garantiert ist, unterscheidet Hartung (1977: 36) als zweite große Gruppe die ‚situativen Normen‘ deren Einhaltung als ‚situative Adäquat‐ heit‘ bezeichnet wird. Sprachliche Äußerungen müssen mit der Situation, in der sie hervorgebracht werden, korrelieren. Faktoren der Situation sind u. a. der Tätigkeitsbereich, in dem kommuniziert wird, sind die sozialen Rollen, das soziale Verhältnis und die Kommunikationsziele der Beteiligten, das behandelte Thema und der verwendete Kanal. 13 Zur Kategorie der ‚kommunikativen Angemessenheit‘ und der Bestimmung dessen, was ‚Sprachkultur‘ ist, arbeitete Bärbel Techtmeier 14 (1977; 1987). Mit ihren Thesen zur Sprachkultur setzte sie eine fruchtbare Diskussion in Gang. Die praktischen Bemühungen - die Arbeit der Zeitschrift „Sprachpflege“, die Arbeit in Redaktionen und Lektoraten - wie auch die theoretischen Bemühungen um Sprachkultur, wie es sie in der DDR gab, hatten, soweit ich sehe, unter vielen westdeutschen Fachleuten keinen guten Ruf. Sie galten als rückständig und normierend. Dieses Urteil wird der Sache aber nicht gerecht. In der Diskussion um „Sprachkultur“ ging es nicht, wie oft unterstellt, um einen elitären, pädagogi‐ sierenden Anspruch, sondern um die Herausbildung von Sprachbewusstheit, die heute in der Diskussion um Sprachkultivierung ( Janich 2004) berechtigterweise im Zentrum steht. 2.2.5 Leipziger Vertreter der Soziolinguistik Christina Janz (2013) betrachtet als Startzeichen einer Soziolinguistik in der DDR die „Thesen zur marxistischen Soziolinguistik“, die 1970 von den Leipziger Sprachwissenschaftlern Rudolf Große, Germanist, und Albrecht Neubert, An‐ glist und Übersetzungswissenschaftler, publiziert worden waren. Sie betrachtet Leipzig mit dem „Leipziger Linguistischen Arbeitskreis“ als ein wichtiges Zentrum der soziolinguistischen Forschungen der DDR. Dessen Mitglieder - sie kamen aus den Fächern Anglistik, Germanistik, Romanistik und Slawistik - brachten verschiedene philologische Zugänge ein. Ebenso wichtig war aus Janz‘ Sicht die Begründung der Schriftenreihe „Dialektologische Studien zur Sprachgeschichte und Sprachsoziologie“ an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Hier wirkten Traditionen der in der Germanistik betriebenen Dialektologie fort und zugleich begann man, soziologische Gesichtspunkte Streiflichter auf die Soziolinguistik der DDR aus Leipziger Perspektive 97 <?page no="98"?> einzubeziehen und weiterzuentwickeln. Im Jahre 1983 hat Helmut Schönfeld in der „Zeitschrift für Germanistik“ die Soziolinguistik der DDR wissenschafts‐ geschichtlich betrachtet. Damit rückt das zweite wichtige Zentrum der Sozio‐ linguistik in den Blick, nämlich die Forschergruppe an der „Akademie der Wissenschaften“ (AdW) in Berlin. Soweit ich sehe, gab es jedoch kein enges Arbeitsverhältnis der beiden Zentren. Von den Leipziger Wissenschaftlern, die in jener Zeit soziolinguistisch ge‐ arbeitet haben, werde ich unter 2.2.5 Rudolf Große und Peter Porsch etwas genauer betrachten. Zu Gunter Bergmann habe ich das schon getan und Albrecht Neubert wurde bereits im Zusammenhang mit den soziolinguistischen Thesen genannt. Wolfgang Fleischer muss hier als entschiedener Vertreter der Funktionalstilistik genannt werden. Falls man die Fachsprachenforschung auch als soziolinguistisch interessant betrachtet, was ja häufig der Fall ist, gehören Rosemarie Gläser, Anglistin und Fachsprachenspezialistin, und der Übersetzungswissenschaftler Klaus Baumann zu Vertretern soziolinguistischen Arbeitens in Leipzig. Ebenso ist Margot Heinemann zu nennen, die die erste Vertreterin der Jugendsprachforschung in der DDR war. Rudolf Große hatte von 1990-2005 eine Professur für Dialektologie und Soziolinguistik an der Universität Leipzig inne. Von ihm liegen zahlreiche einschlägige Publikationen vor. Von Frings‘ Kulturmorphologie herkommend, entwickelte er dieses Konzept wohlüberlegt in soziolinguistischer Richtung weiter. Zu dem aus seiner Sicht bemerkenswerten Ansatz, den Große verfolgt, äußert sich Gotthard Lerchner (1999) in seiner Laudatio zum 75. Geburtstag Großes, gehalten am 21. Oktober 1999 in der Sächsischen Akademie der Wis‐ senschaften. „Die alsbald nach erfolgter Promotion gedruckte Dissertation zur Meißnischen Sprachlandschaft wird bis heute, also nach rund 45 Jahren, in der einschlägigen Literatur immer noch mit unverminderter Hochachtung zitiert als eine in solider Feldforschung zuverlässig und methodologisch vorbildlich gewonnene und ausge‐ wertete Datenbasis, ebenso als eine Art Musteranwendung der dialektgeographischkulturmorphologischen Methode, zugleich aber auch als Zeugnis für die kritische Weiterentwicklung dieses etablierten Konzepts […]. Die von Rudolf Große an‐ gebotene Lösung für die erkannten Mängel bestand in der bedeutungsvol‐ len Erweiterung der beschreibenden Darstellung und Erklärung dialektaler Kommunikation […] um die Dimension sozialer Geltung. Damit war die methodologische Öffnung der traditionellen Dialektologie zur damals noch jungen Soziolinguistik vollzogen.“ (Lerchner 1999, Hervorh. U.F.) 98 Ulla Fix <?page no="99"?> 15 Der vorliegende Band zeigt deutlich, wie einflussreich Bernsteins Theorie in den Anfängen der Soziolinguistik in der Bundesrepublik war. In der DDR wurde sie nur am Rande wahrgenommen. 16 Vgl. Fix 2023. Da mit der Herstellung einer syntaktisch korrekten und semantisch kohärenten Satzfolge aber noch kein akzeptierter Text garantiert ist, unterscheidet Hartung (1977: 36) als zweite große Gruppe die ‚situativen Normen‘ 17 Heute: Deutsche Nationalbibliothek, Standort Leipzig. Peter Porsch hat in Wien und Westberlin Germanistik studiert und übersiedelte 1973 in die DDR. Er arbeitete im Fachbereich Germanistische Linguistik der Sektion Germanistik und Literaturwissenschaften an der Karl-Marx-Universität Leipzig. Die von 1982 an erfolgenden Berufungen für die Fächer Sprachtheorie und Sprachsoziologie sind bis 1990, wie das Register der Universität zeigt, immer an das Attribut „marxistisch-leninistisch“ gebunden. Porsch brachte aus Westberlin Informationen über Konzepte und Herange‐ hensweisen der westlichen soziolinguistischen Forschung mit, u. a. bezog er sich auf die Sprachbarrierentheorie Basil Bernsteins. 15 Bernstein vertrat auf der Grundlage seiner Defizit-Theorie die Auffassung, dass der restringierte Code der Sprache der Unterschicht dem elaborierten Code der Mittel- und Oberschicht unterlegen sei. Der Gebrauch eines Codes sei also eng mit der sozi alen Struktur einer bestimmten Gesellschaft verbunden. Seine Vorstellung von der Unterschicht waren die englische Arbeiterklasse und die Slumbewohner in den USA. Ich fragte mich damals, ob und wie man mit dieser Theorie in einer Gesellschaft wie der DDR arbeiten sollte, in einem Staat, der (jedenfalls nach außen) auf strikte Gleichheit angelegt war und in dem Wörter wie „Elite“ und „Karriere“ - und damit auch diese Konzepte - deutlich negativ konnotiert waren. Schichten, Klassen etc. sollte es nicht geben. Wie stand es da mit dem restringierten und elaborierten Code? Unklar ist mir bis heute, wie man einen „marxistisch-leninistischen“ Denk‐ weg verfolgen kann. Dieses Attribut kann aus meiner Sicht für praktische Auseinandersetzungen (der ins Auge gefasste Klassenkampf), nicht aber für wissenschaftliche Denkprozesse gelten. 3 Wie habe ich - noch in der DDR - die Soziolinguistik der Bundesrepublik kennen gelernt? 16 Die Leipziger Wissenschaftler und Studenten hatten gegenüber den Angehöri‐ gen anderer Universitäten den unschätzbaren Vorteil, dass es in Leipzig die Deutsche Bücherei 17 gab. Sie war 1913 in Leipzig als Archiv des gesamten deutschen Schrifttums gegründet worden und hatte nach der Vorstellung ihrer Streiflichter auf die Soziolinguistik der DDR aus Leipziger Perspektive 99 <?page no="100"?> Gründer die Aufgabe, alle auf Deutsch erscheinenden Publikationen zu sam‐ meln. Auch nach der Teilung Deutschlands gaben die westdeutschen Verlage nahezu geschlossen je zwei Exemplare ihrer Produktionen kostenlos an die Deutsche Bücherei ab. Das war deshalb von Bedeutung, weil - abgesehen von der Bibliothek der Akademie der Wissenschaften - keine andere Bibliothek in der DDR westdeutsche Literatur im Bestand hatte und keine Buchhandlung diese Literatur verkaufte. Die Verlage sorgten also dafür, dass der Satz „Freie Statt für freies Wort, freier Forschung sichrer Port, reiner Wahrheit Schutz und Hort“, der über dem Eingangstor der Deutschen Bücherei zu lesen war, etwas von seiner Gültigkeit behielt. In der Deutschen Bücherei lag auch das Referatenorgan GERMANISTIK aus, das andernorts nicht einsehbar war und nach den geltenden Regeln eigentlich in den „Giftschrank“, also unter Verschluss, gehörte. Der 1949 von Halle/ Saale nach Tübingen übergesiedelte Max Niemeyer Verlag lieferte, der Selbstverpflichtung der westdeutschen Verlage entsprechend, regelmäßig Belegexemplare. Man konnte sich also mithilfe der dort zu lesenden sachkundigen Kurzreferate jeder‐ zeit ein gutes Bild von der westdeutschen und internationalen germanistischen Literatur- und Sprachwissenschaft machen. Das bedeutete, dass ich von Anfang meiner wissenschaftlichen Tätigkeit an die gesamte deutsche (und teilweise englische) Wissenschaftsliteratur meines Faches und verwandter Fächer zur Kenntnis nehmen konnte (auch wenn sie in den Literaturlisten von Seminaren oder in den Vorlesungen nicht auftauchte). So war mir alles, was ich für meine Vorhaben brauchte, in der Bibliothek zugänglich. Welche Bücher lagen aber auf meinem Schreibtisch zuhause? In eine Kulturgeschichte des wissenschaftlichen Lesens in der DDR, die - vollständig - noch zu schreiben wäre, gehört aus meiner Sicht auch der Buchaustausch zwischen Ost und West. In meinem Fall bekam ein Verwandter - Student der Literaturwissenschaft in Frankfurt am Main - auf seinen Wunsch hin von mir alle wichtigen Neuerscheinungen der DDR-Literatur geschickt. Ich erhielt von ihm die in Westdeutschland aktuelle Literatur. So habe ich Ingeborg Bachmann, Günter Eich, Günter Grass, Peter Weiss und viele andere Autoren kennen gelernt, die mir sonst vielleicht erst viel später begegnet wären. Interessanterweise schickte er auch linguistische und soziologische Literatur, wie etwa Bücher von Luise F. Pusch und Senta Trömel-Plötz, die Bottroper Protokolle von Erika Runge und als Kopien z. B. Texte von Basil B. Bernstein. Auf diesem Tauschweg erhielt ich einen Einstieg in die soziolinguistische Welt. Einmal darauf gestoßen, las ich nun natürlich die GERMANISTIK gezielt auch auf diese Arbeiten hin. 100 Ulla Fix <?page no="101"?> 18 Besonders bei Befragungen in Schulen war die Vorsicht groß. Befragungen in Schulen waren dem Leipziger „Zentralinstitut für Jugendforschung der DDR“ vorbehalten. Die Ergebnisse blieben in der Schublade. Erst nach 1989 wurden sie (teilweise? ) veröffentlicht. Eine noch ungewöhnlichere Art der Bücherbeschaffung war, dass eine in Finnland als Lektorin arbeitende westdeutsche Kollegin - auch im Austausch gegen Bücher aus der DDR - mir vollständige Kopien wissenschaftlicher Bücher, die mir besonders wichtig waren, zuschickte. Auf diesem bizarren Weg - deut‐ sche Publikation, Kopieanfertigung in Helsinki, Rückkehr nach Deutschland und Nutzung in Leipzig - ist z. B. die Kopie von Gerd Antos‘ „Theorie des Formulierens“ in meinen Besitz gekommen. In meiner Habilitationsarbeit (1987) zum Thema „‚Kommunikativ adäquat‘ - ‚stilistisch adäquat‘. Zu Problemen, Kategorien und Kriterien der Redebewer‐ tung“ wendete ich mich den nun schon oft angesprochenen sprachlich-kommu‐ nikativen Problemen des „gesellschaftlichen Seins“ zu und wählte ein Problem, das der aktuellen Situation der Sprachwissenschaft in beiden Teilen Deutsch‐ lands entsprach: der Bewertung sprachlich-kommunikativer Leistungen. Zum einen befasste ich mit theoretischen Fragen des Stils, des Normbegriffs, der Erfassung von Bewertungskategorien - richtig, angemessen/ adäquat, wohlge‐ formt - und zum anderen wollte ich auf die Bewertungspraxis in Schulen, Lektoraten und Redaktionen eingehen. Dazu wären Befragungen in den Insti‐ tutionen notwendig gewesen. Diese wurden aber nicht gestattet. 18 So entstand eine rein theoretische Arbeit. Sie nach der „Wende“ durch empirische Arbeit, also Befragungen, zu erweitern, war in den Umwälzungen der Nachwendezeit nicht möglich. Wäre es gelungen, hätte die Arbeit erfüllt, was Peter Hartmann damals als eine Aufgabe für die westliche Sprachwissenschaft formuliert hatte und was Motschs Vorstellungen entsprochen hätte. Die „Beziehung zum gesell‐ schaftlichen Sein“ wäre hergestellt gewesen. „Die heutige Situation der Linguistik ist von einer […] Tatsache bestimmt: Die sich um die Linguistik herum entwickelnden Wissenschaften stellen diese vor eine Fülle von Anregungen, Vorschlägen und Anforderungen, wie die weitgehende Mathema‐ tisierung von Forschungsbereichen, die Datenverarbeitung […] Hinzu kommen bestimmte Fragen und Forderungen [der] Gesellschaft […] Fragen der Schule, des Sprachenlernens, der Rolle der Sprache in der Gesellschaft, Sprache und Manipulation usw.“ (Hartmann 1970: 87; Hervorh. U.F.) Streiflichter auf die Soziolinguistik der DDR aus Leipziger Perspektive 101 <?page no="102"?> 4 Mein Anteil an der Soziolinguistik? Gibt es ihn überhaupt? Falls man Soziolinguistik unter einem weit aufgespannten Schirm unterbringt, kann ich meine Auseinandersetzungen mit Sprachpflege, Sprachkultur, Sprach‐ bewertungskategorien, v. a. Angemessenheit/ Adäquatheit, und meine Beschäf‐ tigung mit Stil, später mit Sprachbiographien, Sprache und Politik, teilweise auch mit Diskurs- und Textlinguistik als soziolinguistische Beiträge verstehen. Zu Sprachpflege, Sprachkultur, Sprachbewertung Während ich, wie schon angesprochen, am Anfang, also noch in der DDR, Motschs Vorstellung vom Bezug zum „gesellschaftlichen Sein“ ablehnte, habe ich mich später dem Gedanken dezidiert zugewandt - freilich unter anderen theoretischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, nämlich denen freier Forschung. Ohne dass es mir damals bewusst gewesen wäre, konnte man es aber auch schon in der DDR - und zwar in nicht-ideologischer Weise - mit dem „gesellschaftlichen Sein“ zu tun haben. Nämlich dann, wenn man sich mit Fragen der Bewertung, speziell mit der Angemessenheit sprachlicher Äußerungen befasst hat. Meine Beschäftigung damit begann ganz im Kleinen, indem ich mich schon als Studentin in der Zeitschrift „Sprachpflege“ an der Sprachberatung beteiligte, nämlich Anfragen von Lesern beantwortete. Ein wichtiges Kriterium war für mich - wenn es nicht um Fragen der Sprachrichtigkeit, sondern um solche des Sprachgebrauchs ging - das Berücksichtigen der Angemessenheit, das heißt die Tatsache, dass wir uns beim Formulieren auf die Situation, in der wir uns äußern, einzustellen haben. Betrachtet man also Texte nach der Angemessenheit ihrer Formulierung, geht es - im kleinen Rahmen - um deren „Beziehungen zum gesellschaftlichen Sein“. Zu berücksichtigen sind eine Viel‐ zahl von Relationen und die Einhaltung verschiedener Arten von Normen. Vom Kriterium der Richtigkeit, bezogen auf die Beachtung instrumentaler Normen (syntaktisch, semantisch korrekt), über das Kriterium der Wohlgeformtheit (ästhetisch, wohlgeformt) spannt sich der Bogen bis hin zu den auf die Situation bezogenen sozial bestimmten Angemessenheitskriterien. Zur Kommunikations‐ situation gehören unter anderem der Tätigkeitsbereich, in dem kommuniziert wird, die sozialen Rollen, das soziale Verhältnis und die Kommunikationsziele der Beteiligten, das behandelte Thema und der verwendete Kanal. Das war der Rahmen, in dem man sich auch in der Zeitschrift „Sprachpflege“ beim Thema Sprachbewertung bewegte. Zur Stilistik In den 1960er Jahren vollzog sich innerhalb der Stilistik ein Paradigmenwechsel: zur pragmatischen Stilistik (im Westen) bzw. zur funktionalen Stilistik (im 102 Ulla Fix <?page no="103"?> Osten) - ein Wechsel, der sich in Auseinandersetzung mit dem als veraltet betrachteten Stilparadigma des werkimmanenten Zugangs zum Text vollzog und der Gemeinsamkeiten aufwies. Dieses Gemeinsame ist das Verständnis, dass Stil die Art und Weise ist, etwas zu tun, also die Form sprachlichen, bildnerischen, lebensweltlichen und anderen Handelns, das WIE der Ausführung. Dieses WIE ist nicht beliebig, sondern vermittelt Informationen. Bezogen auf den Sprachstil heißt das: Durch die sprachliche Form, das WIE, teilt man mit Blick auf einen Mitteilungszweck (WOZU) immer etwas Zusätzliches mit (WAS). Zusätzlich zur Primärinforma‐ tion eines Textes (das, wovon ein Text handelt) erfahren wir durch den Stil als Sekundärinformation etwas über die Bedingungen des Textes und die Intention, die er verfolgt. Wir erhalten Aufschluss über den Schreiber (Wie sieht er sich? Wie will er sich darstellen? ), über seine Beziehungen zum Adressaten (Wie sieht er ihn? Welche Beziehung will er zu ihm herstellen? ), zum Gegenstand der Mitteilung (z. B. distanziert oder emotional engagiert) und sogar zur eigenen Sprachverwendung (z. B. reflektierend oder spontan, emotional oder neutral). Vor dem Hintergrund des gemeinsamen Verständnisses von Stil als auch sozial bedeutungsvoller Form hat sich eine Stilauffassung entwickelt, die den Stil als textextern beeinflusst betrachtet. Das heißt, dass man Stil im Kontext seiner Produktion und Rezeption, in der sozialen Situation seines Gebrauchs mit Blick auf seine Funktion betrachten kann und soll. Dies wurde erst mit dem Einzug der Pragmatik in die Sprachwissenschaft aktuell. Diese pragmatische Perspektive haben Vertreter der Funktionalstilistik (Fleischer et. al. 1975) und der pragmatischen Stilistik (Sandig 1978; 2006, Püschel 1991) in die Diskussion eingebracht. Die Funktionalstilistiker - mittlerweile auch Vertreter der Soziolinguistik (Löffler 2005) und Textlinguistik (Adamzik) - gehen davon aus, dass sich der sprachliche Ausdruck nach außersprachlichen Bedingungen richtet, nach dem Tätigkeitsbereich, zu dem ein Text gehört, und nach den damit verbundenen Funktionen. So weiß man von einem Text (ausgenommen sind literarische Texte), welche Funktion er zu erfüllen hat und welche sprachlichen Eigenschaften er demzufolge aufweisen muss. Ein normierender Anspruch wird deutlich. In der Terminologie der Funktionalstilistik heißt dies, Texte haben auf den Tätigkeitsbereich bezogene dominierende Stilzüge, also den Text durchge‐ hend markierende Stilcharakteristika, die durch typische Stilelemente hervor‐ gebracht werden. Während die Funktionalstilistik primär funktionsgebunden und abhängig von den Tätigkeitsbereichen ist, bezieht sich die pragmatische Stilistik (Sandig 1978; 2006) auf Handlungssituationen, einschließlich der damit verbundenen Intentionen. Zwei Grundgedanken prägen sie: 1. Stil ist in An‐ Streiflichter auf die Soziolinguistik der DDR aus Leipziger Perspektive 103 <?page no="104"?> knüpfung an die Sprechakttheorie als intentionale Handlung zu betrachten. 2. Stile werden als die Arten von Formulierungen bestimmt, die Sender Adressaten gegenüber zu bestimmten Zwecken gebrauchen. Nur wenn die Konventionen, die Muster stilistischen Handelns allen Beteiligten bekannt sind, kann stilisti‐ sche Bedeutung vermittelt werden. Dies bezieht sich auf den grundlegenden, einleitend schon vorgestellten Gedanken der pragmatischen Stilistik, nämlich den, dass Stil Bedeutung transportiert − eine über das WIE, die Form vermittelte Sekundärinformation vorrangig sozialer Art. Das heißt, Stil interessiert nicht als individuelle Ausprägung, sondern als auf typische Ausdrucksweisen bezo‐ gene Vermittlung von Bedeutung (s.o.). Diese Überlegung gilt Sachtexten und Äußerungen der Alltagskommunikation. Diese sind - anders als künstlerische Texte − in eine fest umrissene Kommunikationssituation eingebettet, die bei der Produktion des Textes wie bei seiner Rezeption im Blick sein muss. Mit dem Bezug auf Alltagskommunikation zeigt sich, dass mittlerweile auch Mündliches in die Stilbetrachtung einbezogen wird. Ethnomethodolo‐ gisch und konversationsanalytisch angelegte Gesprächsstilistiken folgen dem Grundgedanken, dass Gesprächspartner einen für die anstehende Interaktion geeigneten Stil im Gespräch erst gemeinsam finden und auf diese Weise Gesprächssituationen interaktiv bestimmen. Stil orientiert sich nach dieser Auffassung nicht an situationsunabhängigen Faktoren wie Redekonstellation, Funktionsbereich oder Textsorte, sondern er wird in der Situation des Gesprächs gemeinsam hervorgebracht (Selting 1989). Mit dem Erfassen mündlich hervorgebrachter Stile befasst sich auch die Soziostilistik. Ihre Vertreter gehen davon aus, dass zwischen kommunikati‐ ven Stilen als Ausdruck der sozialen Identität gesellschaftlicher Gruppen und Prozessen der sozialen Integration bzw. Ausgrenzung von Gruppen Zusammen‐ hänge bestehen. Sie stellen sich durch ihre - auch sprachlichen - Stilisierungs‐ mittel selbst dar. Die Soziostilistik wendet sich daher vor allem der Beschreibung sprachlich-stilistischer Formen und Prinzipien zu, die in konflikt- und span‐ nungsreichen Gruppen der Gesellschaft Verwendung finden. Als wegweisende Vertreter wirkten und wirken Werner Kallmeyer am Institut für deutsche Sprache Mannheim, Koordinator und Leiter des Projektes „Kommunikative soziale Stilistik“ sowie der „Korpusstelle für Gesprochenes Deutsch“, Peter Auer mit seinen Forschungsfeldern Konversationsanalyse, Variationslinguistik, Gesprächsforschung, und Interaktionale Linguistik, der Stil im Verhältnis zu Varietät und als Marker sozialer Identität betrachtet, und Norbert Dittmar mit seiner ausgefeilten Gegenüberstellung von Varietätenanalyse und Stilanalyse, die richtungweisend auch für die Betrachtung von sozialen kommunikativen Stilen ist. 104 Ulla Fix <?page no="105"?> 5 Schluss Mit diesem Rückblick auf die Entwicklung der Soziolinguistik in der DDR wird ein Stück deutscher Wissenschaftsgeschichte generell (Ost und West) betrachtet. Es rückt in den Blick, was der Zeitgeist forderte, wie die internatio‐ nalen Entwicklungen verlaufen sind, wie sich Paradigmenwechsel vollzogen und Forschungsfelder entwickelt haben. Man sieht, dass die Wissenschaftsent‐ wicklung trotz vieler sehr unterschiedlicher Randbedingungen in Ost und West doch in eine ähnliche Richtung ging. Man kann aber auch erkennen, wo - betrachtet man die DDR - gravierende Unterschiede liegen. Sie haben ihre Ursachen nicht im mangelnden Ideenreichtum oder an den fehlenden Aktivitäten der Sprachwissenschaftler in der DDR. Vielmehr entstehen die Unterschiede durch Ideologisierung und inhaltliche Gängelung, durch strikte Einschränkung der Informationsmöglichkeiten und strenge Begrenzung der Teilnahme am internationalen wissenschaftlichen Diskurs sowie durch ein kon‐ trolliertes Verlagswesen, das an Druckgenehmigungen „von oben“ gebunden war und mit wirtschaftlichen Problemen wie z. B. Papiermangel zu kämpfen hatte. Unter diesen Voraussetzungen war jedes gelungene wissenschaftliche Buch, zumal ein solches, das neue Themen aufgriff, ein kleiner Sieg der Vernunft. Literatur Adelung, Johann Christoph (1774-1786). Versuch eines vollständigen grammatischkritischen Wörterbuches Der Hochdeutschen Mundart, mit beständiger Vergleichung der übrigen Mundarten, besonders aber der Oberdeutschen. 5 Bände. Leipzig. Baumgärtner, Klaus (1959). Zur Syntax der Umgangssprache in Leipzig. Berlin: Akademie-Verlag. Campe, Joachim Heinrich (1807-1811). Wörterbuch der Deutschen Sprache. 5 Bände. Braunschweig: Schulbuchhandlung. Dittmar, Norbert (1997). Grundlagen der Soziolinguistik. Tübingen: Max Niemeyer. Fix, Ulla/ Barth, Dagmar (2000). Sprachbiographien. Sprache und Sprachgebrauch vor und nach der Wende von 1989 im Erinnern und Erleben von Zeitzeugen aus der DDR. Frankfurt am Main/ Berlin/ Bern: De Gruyter. Fix, Ulla (2006). Die Stilistik von Elise Riesel. In: Galina M. Fadeeva/ Natalja W. Ljubimova (Hrsg.). 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Germanistik an der FU Berlin studiert und mich zunächst intensiv in der Literaturwissenschaft engagiert, auch als Mitglied einer studentischen Arbeitsgruppe, die Lesungen von Schriftstellern organi‐ siert hat (Christa Wolf, Erich Fried, Max von der Grün et al.), und war als studentischer Tutor bei Brecht- und Heinrich-Mann-Seminaren von Helmut Peitsch beschäftigt. Linguistik war wie Mittelhochdeutsch, Althochdeutsch oder Gotisch mehr oder weniger ein Pflichtfach, wenn auch die Stringenz und Klarheit in der Sprachwissenschaft mich immer fasziniert haben. Als ich bei Norbert Dittmar ein Soziolinguistik-Seminar besucht habe, war es für mich vorbei mit der Literaturwissenschaft. Ohne Norbert Dittmar hätte ich nie die Begeisterung für die Linguistik entwickelt, die mich bis heute erfüllt! Entscheidend war zum einen, dass ich im Rahmen einer Hausarbeit eine kleine Untersuchung zu schichtspezifischem Sprachgebrauch durchgeführt habe und dabei erstmals mit empirischen und methodischen Fragestellungen sowie den Arbeiten von Bernstein in Kontakt gekommen bin. Zum anderen habe ich die große Soziolinguistik-Monographie von Dittmar (1973) durchgearbeitet und in der Folge die Arbeiten von William Labov und Dell Hymes. Die Schriften der beiden großen Soziolinguisten waren für mich prägend. Labov wegen seiner empirisch und methodisch ausdifferenzierten Herangehensweise und der Überlegungen zu Sprachwandelprozessen sowie der Formulierung der Differenzhypothese. Hymes wegen seines ethnografischen Ansatzes und seines Bezugs zur Ethnolinguistik und den Arbeiten von Sapir und Boas. Bei nahezu allen unterschiedlichen Themen, die ich im Laufe der Zeit verfolgt habe, bilden die Schriften von Labov und Hymes ein Fundament und einen Ausgangspunkt, von dem aus ich in verschiedene Richtungen geforscht habe. Besonders prägend war auch meine erste Begegnung mit ,Bill‘. So stellte sich 1982 auf einem <?page no="110"?> Soziolinguistik-Symposium in Sheffield der Big Champ der Soziolinguistik dem kleinen (und damals noch langhaarigen) Schlobi vor. Er lud mich zu einem Bier ein, und eine lange Diskussion über die Berliner Stadtsprache folgte. Zuvor hatte ich auf dem Symposium das Berliner Stadtsprachenprojekt (s. 2.) vorgestellt, und Labov stellte mir dann abends detaillierte Fragen. Sein kluges Nachfragen und seine unprätentiöse Art haben mich nachhaltig beeindruckt. Auf dem Symposium habe ich auch Peter Trudgill und Suzanne Romaine kennengelernt, die ich anschließend wegen ihrer sozio-historischen Studien (Romaine 1982) in Birmingham besuchte. Durch das Projekt habe ich auch Ulrich Ammon und Klaus Mattheier kennengelernt, wobei Pragmatik und Soziologie der Dialekte (Mattheier 1980) und das Erp-Projekt (Hufschmidt/ Mattheier 1981a, b) für unsere Arbeit besonders wichtig waren, aber natürlich auch die soziodialektalen Forschungen von Helmuth Schönfeld, die mich dann auch zu einem intensiveren Studium der DDR-Soziolinguistik geführt haben. 2 Haben Sie Ihre soziolinguistischen Interessen in Ihrer wissenschaftlichen Laufbahn weiterverfolgt? Nach meiner Examensarbeit, in der ich 1980 Berliner Verkaufsgespräche empi‐ risch erhoben und diskursanalytisch nach Labov/ Fanshel (1977) und Rehbein (1977) analysiert habe (Schlobinski 1982), folgte von 1982 bis 1984 eine Tätigkeit als Mitarbeiter in einem von Norbert Dittmar geleiteten Projekt zur Berliner Stadtsprache (Dittmar 1986). In dieser Zeit habe ich auch an Seminaren zur Stochastik teilgenommen. Hintergrund war die Tatsache, dass ich die Modelle der Variablenregelanalyse genau verstehen wollte, wie auch die Handbücher zu SPSS und BMDP. Mit BMDP konnte man bereits in den 1980er Jahren log-lineare Analysen durchführen, was mir für meine Dissertation zugutekam (Schlobinski 1987), in der auf der Folie des Labov-Paradigmas Lautvariation zwischen Ost- und West-Berlin sowie Sprachwandelprozesse und Spracheinstellungen im Zentrum standen. Aus dem Berlinisch-Projekt sind zahlreiche Publikationen hervorgegangen. Im Anschluss an dieses Projekt und eine Stelle als wissenschaftlicher Mitar‐ beiter bei Norbert Dittmar, der mich und meine Arbeit sehr unterstützt und zahlreiche Impulse gegeben hat, holte mich Utz Maas für eine Hochschulassis‐ tentur nach Osnabrück (1987 bis Anfang 1993). Neben meinen Arbeiten zur Syntax des gesprochenen Deutsch habe ich dort ein Projekt zum Thema Jugend‐ sprache durchgeführt (1992-1993). In diesem haben wir einen ethnografisch fundierten Ansatz verfolgt. Ausgehend von der Annahme, dass Jugendsprache als gruppenspezifische Sprechweise zu definieren ist, die erst vor dem Hinter‐ 110 Peter Schlobinski <?page no="111"?> grund der spezifischen Lebenssituation verstehbar wird und nicht über schrift‐ liche Befragungen erfasst werden kann, wurden im Projekt ,Jugendspezifische Sprechweisen‘ (Schlobinski/ Kohl/ Ludewigt 1993) als Forschungsmethode die der teilnehmenden Beobachtung gewählt und Diskursanalysen durchgeführt. Nach meiner Berufung auf die Professur für Germanistische Linguistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München hielt ich im SS 1993 und WS 1993/ 94 eine Vorlesung über Empirische Sprachwissenschaft, in die meine bis dahin gesammelten Erfahrungen aus den soziolinguistischen Studien einflos‐ sen (Schlobinski 1996). Nach dem Wechsel an die Universität Hannover im WS 1995/ 96 habe ich in meinem Wohnort Osnabrück zusammen mit dem Gymnasiallehrer Niels-Christian Heins ein weiteres Projekt zur Jugendsprache geleitet (1997-1998), an dem Schüler und Studenten mitarbeiteten. Ausgehend von der Hypothese, dass es die Jugendsprache(n) nicht gibt, sondern dass jugendliche Ausdrucksformen abhängig sind von sozialen Zusammenhängen und spezifischen Situationen, verfolgten wir einen sprachsoziologisch und pragmatisch fundierten Ansatz, in dem jugendliche Ausdrucksweisen sowie deren Funktionalisierungen exemplarisch im sozialen Kontext und auf der Folie von Wertesystemen untersucht wurden, wobei eine Binnenperspektive über die beteiligten Schüler eingenommen wurde (s. im Einzelnen Schlobinski/ Heins 1998). Mit der Entwicklung des Internets hat sich schließlich mein Fokus von der Soziolinguistik weg auf die entwickelnde Internetlinguistik verschoben. Aber auch die 1996/ 97 durchgeführten Forschungsarbeiten zusammen mit den dama‐ ligen Studenten Torsten Siever und Jens Runkehl waren empirisch fundiert, deskriptiv-statistische Verfahren kamen dabei zur Anwendung. Resultat war am Ende die erste internetlinguistische Monografie (Runkehl/ Schlobinski/ Siever 1998). Gegen Ende meiner Hochschullehrertätigkeit habe ich 2018 zusammen mit Eva Neuland ein Handbuch zu Sprache in sozialen Gruppen herausgegeben und 2022 in der Online-Publikation Grundlagen und Aspekte der Soziolinguistik nochmals einen Blick auf die Soziolinguistik geworfen, in einer Perspektive, die stark durch meine eigenen Arbeiten geprägt war. 3 Wie hat sich die Soziolinguistik auf Ihre ursprünglichen Arbeitsgebiete ausgewirkt? Da die Soziolinguistik mein ursprüngliches Forschungsinteresse und Arbeitsge‐ biet war, stellt sich die Frage umgekehrt: Wie haben sich meine soziolinguisti‐ schen Arbeiten auf andere Forschungsfragen und -projekte ausgewirkt? Vielen meiner nicht-soziolinguistischen Arbeiten liegen (1) Sprachkorpora zugrunde, Soziolinguistik - persönliche Erfahrungen und Perspektiven 111 <?page no="112"?> seien es Textsammlungen wie Mailkorpora für internetlinguistische Analysen, Songtexte für die Analyse von Sprachmustern und Sprachsymbolen in rechts‐ extremen Musikszenen oder Korpora der gesprochenen Sprache als Basis funktional orientierter Syntaxanalysen. (2) Es wurden quantitativ und qualitativ erhobene Daten integriert und entsprechende Methoden aufeinander bezogen und für die Analyse/ Interpretation angewendet. So lässt sich z. B. das syntakti‐ sche Strukturschema reaktiver nicht-eingebetteter dass-Sätze über quantitative Analysen bestimmen und ihre Funktionalität als Adjazenzkonstruktion über den Diskurszusammenhang erklären (Schlobinski 1992: 205-254). (3) Ein wie in (2) angedeuteter Strukturfunktionalismus basiert darauf, dass sprachliche Variation, wie sie im Labov-Paradigma aufgefasst wird, auf eben einem solchen Ansatz basiert. Er folgt (a) strukturalistischen Prinzipien, nach denen Sprache in ihrer Diversität durch Oppositionsbeziehungen zergliedert und die Distribution der Elemente quantitativ beschrieben werden kann, und (b) funktionalistischen Prinzipien, nach denen sprachlichen Elementen innerund/ oder außersprach‐ liche Funktionen zugewiesen werden können. Dies zeichnet viele funktionale Grammatikansätze aus, mit denen ich mich intensiver beschäftigt habe. (4) Der ,Bindestrichdisziplin‘ Soziolinguistik ist immanent, dass sie eine Perspekti‐ venerweiterung auf soziologische/ sozialwissenschaftliche Konzepte, Methoden, Theorien umfasst. (Mich haben die Schriften von Bourdieu, Adorno, Habermas, Goffman, Elias, Lévi-Strauss sowie Luhmann besonders interessiert.) Der damit verbundene Blick über den eng fachwissenschaftlich-linguistischen Tellerrand hinaus ist etwas, was mich immer fasziniert hat: neben Soziologie/ Kulturwis‐ senschaften auch auf Philosophie und Naturwissenschaften. Neben diesen positiven Erbschaften gibt es aber auch ein negatives Erbe: eine soziolinguistisch und ideologisch imprägnierte, voreingestellte Sicht auf die (sprachliche) Welt. In meiner Staatsexamensklausur hatte ich Satzanalysen nach Chomsky zu bewältigen und den generativen Ansatz zu diskutieren. Als Soziolinguistik-Lehrling war Chomsky ,natürlich‘ ein Feindbild für mich, dessen Kompetenz-Performanz-Dichotomie nicht haltbar war und dessen Daten idealisierte Beispiele waren, die nur einen kleinen Teil der sprachlichen Wirk‐ lichkeit abbildeten. Später habe ich mich intensiver mit Chomsky auseinander‐ gesetzt, besonders mit dem Prinzipien-und-Parameter-Modell. Die deduktive Herangehensweise, die Feinabstimmung der einzelnen Teile zu einem geschlos‐ senen System, der explanative Gehalt, all dies weist eine Geschlossenheit und Klarheit auf, die mich tief beeindruckt hat. Natürlich muss jede Grammatikthe‐ orie an Daten überprüft werden, aber die meisten sog. Grammatiktheorien einer ,gebrauchsbasierten Linguistik‘ (Ibottson/ Tomasello 2019) können kaum den Anspruch erheben, den Anforderungen einer Theorie zu genügen. Ich 112 Peter Schlobinski <?page no="113"?> habe zu dem Thema im WS 2001/ 02 eine Vorlesung gehalten und die daraus resultierende Publikation dann auch folgerichtig Grammatikmodelle und nicht Grammatiktheorien genannt (Schlobinski 2003). In nicht wenigen soziolinguis‐ tischen Arbeiten ist die empirische Basis beeindruckend, aber der theoretische Hintergrund blass. Besonders kritisch zu sehen sind Analysen, bei denen davon ausgegangen wird, allein aus den Daten und ohne theoretische Vorannahmen ließen sich substantielle Erkenntnisse gewinnen. 4 Welche „Meilensteine“ halten Sie für besonders bedeutsam und welche Auswirkungen erkennen Sie für Ihr engeres Arbeitsgebiet? Für die Soziolinguistik stehen für mich über allem die Arbeiten von Labov. Sein Innovationspotential, die methodologischen Neuerungen, die Bandbreite von der Phonetik/ Phonologie über die Syntax bis zur Pragmatik (Erzählanalysen, Sprechhandlungsregeln), seine Stadtsprachenforschung und die Studien zum Black English und therapeutischen Diskurs sind outstanding. Aber auch theo‐ retisch sind seine Überlegungen zu Mechanismen des Sprachwandels und die Integration stochastisch basierter Regeln in Grammatikmodelle beeindruckend. In jüngerer Zeit scheinen mir für die Soziolinguistik die Arbeiten von Tomasello (2008, 2009, 2014) inspirierend und gewinnbringend zu sein, wenn ich auch konstruktionsgrammatischen Ansätzen à la Langacker (1987, 1991), auf die sich Tomasello bezieht, skeptisch gegenüberstehe. Von den älteren Sprachwissenschaftlern liegen mir die Arbeiten von Georg von der Gabelentz am Herzen und haben mich bei der Beschäftigung mit anderen Sprachen begleitet, insbesondere seine chinesische Grammatik (1881) und weitere sprachtypologische Arbeiten sowie grundsätzlich sein Werk über die Aufgaben, Methoden und Ergebnisse der Sprachwissenschaft von 1891. Dort heißt es an Gebrauchstheorien der Bedeutung erinnernd: „Man nennt die Sprache die Münze des Gedankenaustausches, und in diesem Sinne mag man die Sprachgemeinschaften mit unsern sogenannten Münzverbänden vergleichen. Nur freilich wird in unserm Falle nicht die Gemeinschaft des Gebrauches durch die Einheit der Münze von vorn herein bestimmt, sondern es wird umgekehrt aus der Gemeinschaft des Gebrauches auf die Einheit der Münzen geschlossen.“ (Gabelentz 1891: 56) Nach der Wiedervereinigung bin ich nach Altenburg ins Familienarchiv von der Gabelentz gefahren und habe dort u. a. Schulhefte und Gedichte an seine erste Ehefrau gefunden. Wolf Thümmel, ebenfalls Gabelentz- Fan, und ich hatten zusammen eine Edition verschiedener seiner Schriften geplant, aber am Ende konnten wir das Projekt nicht realisieren. Soziolinguistik - persönliche Erfahrungen und Perspektiven 113 <?page no="114"?> Von den deutschen Linguisten des 20. Jahrhunderts haben für mich die Arbeiten von Utz Maas und Manfred Bierwisch einen besonderen Stellenwert. So unterschiedlich ihre linguistischen Grundauffassungen sind, so vielfältig und breit gefächert, scharfsinnig, tiefgehend und fundamental einschlägig sind ihre Beiträge. Ich habe eine große Bewunderung für ihr Lebenswerk, und Utz Maas hat mich mit seinem messerscharfen und kritischen Verstand immer wieder beeindruckt. Manfred Bierwisch, der sicherlich in erster Linie mit struktureller und generativer Grammatik in Verbindung gebracht wird, hat in vielen Bereichen und so auch für die Soziolinguistik maßgebliche Beiträge verfasst (Bierwisch 1975, 1976, 1988). Im Rahmen des Berlinisch-Projekts habe ich die Schriften von Agathe Lasch kennen- und schätzen gelernt und studiert, insbesondere ihre Bücher zum Berlinischen (Lasch 1910, 1928). Ihre berlinische Sprachgeschichte von 1928 ist sicherlich bis heute das Standardwerk zum Berlinischen. Ich habe davon zwei Erstausgaben erwerben können, eine davon habe ich meinem damaligen Mitarbeiter François Conrad bei meiner Verabschiedung aus dem Amt geschenkt - sie ist bei ihm in guten Händen. Für einen Sammelband mit dem Titel Wandlungen einer Stadtsprache zur 750-Jahr-Feier Berlins, der Agathe Lasch gewidmet ist, hat Norbert Dittmar ein bewegendes Memoriam verfasst (Dittmar 1988). 5 Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Soziolinguistik im deutschsprachigen Raum? Zum einen sieht man deutlich, dass jüngere Arbeiten detailliert und metho‐ disch genauer und differenzierter angelegt sind, Korpora mit weit besseren Tools ausgewertet werden können und teilweise fortgeschrittene statistische Analysen durchgeführt werden. Die Qualität der Arbeiten hat sich prinzipiell durch den kumulierten Erkenntnisgewinn und die technologischen Fortschritte weiterentwickelt. Ein schönes und anschauliches Beispiel hierfür sind die Durchführung und die Ergebnisse des Projekts ,Stadtsprache Hannover‘, das von François Conrad geleitet und von Hana Ikenaga und Stefan Ehrlich durchgeführt wurde. Hierzu und zu weiteren Stadtsprachenprojekten siehe Conrad/ Ikenaga/ Ehrlich/ Schlobinski (2023). Auf der anderen Seite lässt sich eine gewisse Stagnation dahingehend feststellen, dass kein Paradigmenwechsel, keine neuen Ansätze vorliegen. Die Soziolinguistik dekliniert Bekanntes durch, weist aber keine substantiellen Innovationen auf. 114 Peter Schlobinski <?page no="115"?> 6 Was haben Sie vermisst? Vermisst habe ich nichts, sondern bin dankbar für die Möglichkeiten, die sich in meinem Berufsleben ergeben haben, und die Freiheit, vielfältigen Fragen und Problemen nachgehen zu können. Aber es gibt Entwicklungen in der Soziolinguistik, die ich bedauerlich finde. (1) In den 1970er Jahren legte die Soziolinguistik in den Schulen (Stichwort: kompensatorische/ emanzipatorische Spracherziehung) und an den Universitäten eine steile Karriere hin, die sich bis heute deutlich abgeschwächt hat. Diesem Bedeutungsverlust stehen die gegenwärtigen sozial und kulturell bedingten sprachlichen Probleme diametral gegenüber. Kurzum: Die Soziolinguistik sollte wieder eine größere Bedeutung erlangen. (2) Die Verbindungen zwischen Sozio- und Internetlinguistik sind weitgehend vernachlässigt, wenn es auch einzelne Studien und Publikationen hierzu gibt. Hier wäre eine viel stärkere Integration beider Teildisziplinen möglich und sinnvoll (s. hierzu auch Schlobinski 2020). (3) Was mich als Berliner und jemand, der zum Berlinischen intensiv gearbeitet hat, ärgert, ist die Tatsache, dass viel zu wenig zum Hauptstadtdialekt geforscht wurde und wird. Dies betraf/ betrifft zwei Aspekte: (a) die systematische Erforschung der Entwicklung des Berlinischen und des nicht mehr durch die Mauer geteilten Varietätenraums Berlin und (b) die Folgen dieser Entwicklung im Hinblick auf die sprachliche Ausstrahlung der Metropole in das Berliner Umland (s. hierzu Schlobinski 2019). 7 Wie beurteilen Sie die heutige Situation und was erwarten Sie von der Zukunft der Soziolinguistik? Eine erste Perspektive, die sich deutlich abzeichnet (s. die Arbeiten von Toma‐ sello), ist der Fokus auf die Kombination sozialer Faktoren mit kognitiven Faktoren und entsprechenden Repräsentationen der Grammatik (Díaz-Cam‐ pos/ Pollock 2023). Eine zweite Perspektive sehe ich in Big-Data-Analysen und damit verbunden der Entwicklung entsprechender Analysetools. Eine dritte und die aus meiner Sicht interessanteste und gesellschaftlich auch relevanteste Perspektive ist mit der Mensch-Maschine-Kommunikation (MMK) und der KI- Entwicklung und deren Folgen verbunden, womit die digitale Welt und die Schnittstellen zwischen dieser und analogen Lebenswelten in den Fokus kom‐ men. Im Hinblick auf MMK und Soziolinguistik ist die Arbeitsgruppe ,Language variation, pragmatics, and interaction‘ des EU-Forschungsnetzwerkes ,Lang‐ uage in the Human-Machine Era‘ führend, die ihr Forschungsprogramm wie folgt skizziert: „Variationist sociolinguistics has only recently formed substan‐ tive insights on technologies like mass media and social media. Speaking to and Soziolinguistik - persönliche Erfahrungen und Perspektiven 115 <?page no="116"?> through technology is almost unexplored. But such new phenomena challenge fundamental areas of theory, like speech communities, speech accommodation, and innovation diffusion. The basic fabric of face-to-face conversation may change as wearable Augmented Reality (AR) gives access to simultaneous additional online information, through ear-/ eyewear. In the human-machine era, theories created for an offline world need a reboot, through dedicated collaboration with technology specialists.“ (URL-1) In Verbindung von KI mit Avataren, die am Computer sprachlich und visuell von Menschen kaum zu unterscheiden sind und in naher Zukunft wohl gar nicht mehr, stellen sich völlig neue Fragen und Probleme im Hinblick auf Sprachinteraktion und -akkommodation zwischen unterschiedlichen sozialen Akteuren und digitalen Agenten/ Botsystemen. Kelly-Holmes (2024) stellt eine Reihe von Punkten zu‐ sammen, wie KI sich auf die Arbeit in der Soziolinguistik auswirken kann. Die KI-Entwicklung wird sicherlich weite Bereiche der sozialen und sprachlichen Welt affizieren und verändern und aller Wahrscheinlichkeit nach zu neuen Forschungsansätzen und Theorien über Sprache und Gesellschaft führen. Es bieten sich also viele Chancen für soziolinguistische Forschungen. Literatur Bierwisch, Manfred (1975). Variation im Sprachsystem. In: Linguistische Studien. Aka‐ demie der Wissenschaften der DDR. Zentralinstitut für Sprachwissenschaft. Reihe: Arbeitsberichte Berlin 19, 65-137. Bierwisch, Manfred (1976). Social Differentiation of Language Structure. In: Kasher, Asa (Hrsg.). Language in Focus - Essays in Memory of Yehoshua Bar-Hillel. Dordrecht: D. Reidel Publishing Company, 153-164. Bierwisch, Manfred (1988). Language Varieties and Connotation. In: Ammon, Ulrich/ Ditt‐ mar, Nobert/ Mattheier, Klaus J. (Hrsg.), Soziolinguistik. Ein internationales Handbuch zur Wissenschaft von Sprache und Gesellschaft. Berlin/ New York: de Gruyter (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 3.2), 1108-1118. Conrad, François/ Ikenaga, Hana/ Ehrlich, Stefan/ Schlobinski, Peter (Hrsg.) (2023). Stadt‐ sprachenforschung. Wiesbaden: GfdS (= Muttersprache 1-2). Díaz-Campos, Manuel/ Pollock, Matthew (2023). The Future of Usage-Based Sociolingu‐ istics. In: Díaz-Campos, Manuel/ Balasch, Sonja (Hrsg). The Handbook of Usage‐Based Linguistics. Hoboken, New Jersey: John Wiley & Sons, 509-526. Dittmar, Norbert (1973). Soziolinguistik. Exemplarische und kritische Darstellung ihrer Theorie, Empirie und Anwendung. Mit kommentierter Bibliographie. Frankfurt am Main: Athenäum Verlag. 116 Peter Schlobinski <?page no="117"?> Dittmar, Norbert (1986). Einleitung. In: Dittmar, Norbert/ Schlobinski, Peter/ Wachs, Inge. Berlinisch. Studien zum Lexikon, zur Spracheinstellung und zum Stilrepertoire. Berlin: Berlin Verlag Arno Spitz, 1-7. Dittmar, Norbert (1988). In memoriam Agathe Lasch. In: Dittmar, Norbert/ Schlobinski, Peter (Hrsg.). Wandlungen einer Stadtsprache. Berlinisch in Vergangenheit und Gegenwart. Berlin: Colloquium Verlag, XII-XX. Gabelentz, Georg von der (1881). Chinesische Grammatik, mit Ausschluss des niederen Stils und der heutigen Umgangssprache. Leipzig: Weigel. Gabelentz, Georg von der (1891). Die Sprachwissenschaft. Ihre Aufgaben, Methoden und bisherigen Ergebnisse. Leipzig: Weigel Nachfolger. Hufschmidt, Jochen/ Mattheier, Klaus Besch (1981a). Sprache und Gesellschaft. Überle‐ gungen zu einer integrierenden Beschreibung. In: Besch, Werner et al.: Sprachverhal‐ ten in ländlichen Gemeinden. Ansätze zur Theorie und Methode. Forschungsbericht Erp-Projekt Band I. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 43-83. Hufschmidt, Jochen/ Mattheier, Klaus Besch (1981b). Sprachdatenerhebung. Methoden und Erfahrungen in Feldforschungen. In: Besch, Werner et al.: Sprachverhalten in ländlichen Gemeinden. Ansätze zur Theorie und Methode. Forschungsbericht Erp- Projekt Band I. Berlin: Erich Schmidt Verlag, 178-205. Ibbotson, Paul/ Tomasello, Michael (2017). Ein neues Bild der Sprache. In: Spektrum der Wissenschaft 3, 12-17. Kelly-Holmes, Helen (2024). Artificial intelligence and the future of our sociolinguistic work. In: Journal of Sociolinguistics 28, 3-10. DOI: https: / / doi.org/ 10.1111/ josl.12678 (Stand: 07.02.2025) Labov, William/ Fanshel, David (1977). 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Vielleicht hing meine Unsicherheit auch damit zusammen, dass die Vorlesungen im Bonner Schloss stattfanden. Kurz vor dem Abitur starb mein Vater. Ich wohnte mit meiner Mutter in einem Wohnblock mit 24 Einheiten und durfte nun jeden Tag mit dem Fahrrad zum Schloss fahren. Es war für mich ein bisschen wie Kafkas Schloss mit schwer durchschaubaren Regeln. Aus kleinbürgerlichen, mittellosen Verhältnis‐ sen stammend, hatte ich mit einem mittelmäßigen Abitur die Erlaubnis erhalten, diese prestigeträchtige Welt kennen zu lernen. Meine Eltern und Verwandten hatten nur die Volksschule besucht. Und nun sollte ich als erster in der Familie nach dem Gymnasium einen weiteren bildungsbürgerlichen Coup landen: ein Universitätsstudium. Damit es nicht zu ehrgeizig und zu teuer wurde, sollte es hoffentlich bis zum Staatsexamen in sieben Semestern für das Realschullehramt reichen. Mehr war nicht drin. Also kleine Brötchen backen, fleißig Scheine sammeln und sich durch das Studium bis zum Examen schlängeln. In den Seminaren meldete ich mich kaum zu Wort, weil mir die Äußerungen meiner Kommilitonen viel gewählter erschienen als meine. Ich fühlte mich sprachlich fremd in dieser Welt. Wenn ich etwas sagen wollte, formulierte ich es stumm im Kopf, kam aber mit dieser Methode meist zu spät, weil schon die nächsten Fragen im Raum standen. So fing es an. In der Germanistik mit Seminaren über Hartmann von Aue, Goethes frühe Lyrik und Prosatexte Gottfried Benns, in der Geografie über Siedlungsformen im Rheinland und in Pädagogik über empirische Unterrichtsforschung. Und meine Frage: Wozu das alles? Doch nach drei Semestern änderte sich der kommunikative Alltag an der Universität. Die Bonner Studenten (! ) wurden, mit deutlich zeitlichem Abstand zur Studentenbewegung in West-Berlin und Frankfurt, immer selbstbewusster, politisch aktiver und linker. Die Kleidung wurde legerer, die Haare länger, vor der Mensa verteilten linke Studentengruppen täglich Flugblätter. Mit Verspä‐ <?page no="120"?> tung war die Studentenbewegung auch in Bonn angekommen. Der Umgang untereinander, aber auch in den Seminaren wurde entspannter. Die steife, unsichere Höflichkeit wich einem lockeren Umgangston. Linke Studierende duzten alle Kommilitonen, auch die, mit denen sie nicht befreundet waren. Und innerhalb kürzester Zeit duzten sich alle untereinander. Das Sie war passé. Ich konnte den Mentalitäts- und Sprachwandel an der Universität live miterleben. Eine Initialzündung war für mich das Seminar des Pädagogen Jürgen Kreft. Es ging um die so genannten Sprachbarrieren, eine Theorie des englischen Soziologen Basil Bernstein (1964), nach der es eine sprachliche Grenze zwischen der sozialen Unterschicht und der Mittelschicht gibt. Die Studenten diskutierten engagiert durcheinander, weitgehend ohne Beteiligung des Seminarleiters und der Studentinnen. Es ging um die unterdrückten Massen, die durch einen anderen Umgang mit ihrer Sprache, ihrem begrenzten, restringierten Code, emanzipiert werden könnten. Und irgendwie, so hatte ich den Eindruck, ging es auch um mich und meine Sprache, die vielleicht nicht gerade restringiert, aber auch nicht besonders elaboriert war. Mein Zugang zur Soziolinguistik hatte auch ein wenig mit dem Beruf meines Vaters zu tun. Als Kriminalbeamter fielen ihm unscheinbare Zeichen auf, die er zu deuten versuchte: abgeknickte Zweige, Papierschnipsel oder Spuren im Schnee. Und wenn er sich mit Fremden unterhielt, konnte er an sprachlichen Merkmalen ihre regionale Herkunft erraten. Meine kindliche Bewunderung dafür, wie er Indizien fand und daraus Hypothesen ableitete, ließ mich später meine soziolinguistische Forschung als kriminalistisches Bemühen verstehen, etwas über die sprachliche Wirklichkeit zu erfahren. Offenbar ging es William Labov ähnlich, wie man seinem Aufsatz “How I got into linguistics, and what I got out of it” entnehmen kann, den er 1987 für Studienanfänger schrieb. Mit einem soziolinguistischen Gutachten konnte er ein Gericht überzeugen, einen vermeintlichen Straftäter freizusprechen. Labov hatte anhand der Aussprache erkannt, dass der Angeklagte ein New Yorker war, während der Täter aus der Region Boston im Osten Neuenglands stammen musste. Neben diesem kriminalistisch motivierten soziolinguistischen Spürsinn hatte Labov in seinem Essay für Studienanfänger noch eine weitere Botschaft für an‐ gehende Linguisten: Raus aus der Universität, raus in die Dörfer und Städte, raus zu den Menschen aller Schichten, um, wie Luther es formulierte, den Leuten aufs Maul zu schauen. Nur so könne man etwas Relevantes über Sprache erfahren: Wer spricht was, wann, wie, warum und mit wem? Ein ungemein wichtiger Hinweis, den ich damals zwar nicht kannte, aber befolgt habe, ohne zu wissen, dass er mir in meiner späteren Arbeit einmal nützlich sein würde. Ich hatte 120 Wolfgang Steinig <?page no="121"?> nämlich einen Minijob bei einem Marktforschungsunternehmen gefunden, wo ich nach einem sozial quotierten Verfahren psychologische Tiefeninterviews mit Frauen und Männern aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen durchzuführen hatte. Dazu kamen weitere Interviewmethoden und statistische Analysetechniken, mit denen man im Germanistikstudium nicht in Berührung kommt. Das Unternehmen schickte mich auch ins Ruhrgebiet, in die Neue Stadt Wulfen, um Interviews über die Lebenssituation der neu zugezogenen Bewohner dieser für die Bergarbeiter aus dem Boden gestampften Trabanten‐ stadt zu führen. Besser hätte ich mich auf meine soziolinguistische Arbeit kaum vorbereiten können. 1 Im siebten Semester, 1971, hatte ich alle Scheine zusammen und wollte mein Examen für das Lehramt an Realschulen in Angriff nehmen. Doch plötzlich ergab sich die Möglichkeit, weiter zu studieren und empirische Forschung zu betreiben. Denn in diesem Jahr trat das Graduiertenförderungsgesetz in Kraft, nach dem man auch ohne abgeschlossenes Hochschulstudium zur Promotion zugelassen werden konnte. Mit 800 DM monatlich konnte man zwei Jahre lang gefördert werden. Zwei Gutachten von Professoren waren nötig, um die Förderung zu bekommen und damit länger an der Uni bleiben zu können. Denn hier fühlte ich mich immer wohler, seit sich alle duzten, politisch diskutierten und ich mein Thema, die Soziolinguistik, gefunden hatte. An einem Wochenende schrieb ich das Konzept für eine empirische Unter‐ suchung zum Sprachverhalten von Viertklässlern im Ruhrgebiet, stellte es den Professoren Werner Besch und Hugo Moser vor und bekam von beiden grünes Licht für meine Studie. Sie waren bereit, einem Studenten im siebten Semester, der weder Magister noch Staatsexamen hatte, eine Dissertation zu ermöglichen, denn das Thema Sprachbarrieren war neu und spannend. Und es gab noch kaum empirische Belege dafür, ob die Theorie des Soziologen Basil Bernstein vom elaborierten Code der Mittelschicht und dem restringierten Code der Unterschicht aus England auch für Deutschland gelten könnte. Der Frankfurter Soziologe Ulrich Oevermann (1972) hatte zwar eine vielbeachtete Studie vorgelegt, mit der er die Annahmen der Code-Theorie für das Sprachverhalten deutscher Schüle‐ rinnen und Schüler zu belegen suchte. Allerdings bezog er sich nicht auf deren gesprochene Sprache, sondern auf Schulaufsätze aus vier 6. Klassen Frankfurter Realschulen, also auf eine kleine, regional und sozial begrenzte Stichprobe. Diese wenigen Aufsätze wurden einer aufwendigen grammatischen Analyse mit zahlreichen Variablen unterzogen, die aber kaum geeignet schienen, die Soziolinguistische Studien im pädagogischen Feld 121 <?page no="122"?> 1 Beispielsweise Ammon 1972, Bausinger 1972, Besch 1975, Löffler 1972 und Moser 1972. Hypothesen von Basil Bernstein zu überprüfen. Welche Relevanz hatte z. B. die Variable 85 (! ) „Negationen im Verhältnis zur Gesamtzahl der Satzglieder“ (Oevermann 1972, 226) für die Frage, ob ein Schulaufsatz eher dem elaborierten oder dem restringierten Code zuzurechnen sei? Bernsteins Code-Theorie war mit solchen grammatischen Kategorien nicht zu fassen. Vielleicht war sie auch gar nicht empirisch überprüfbar. Soziolinguisten wie Norbert Dittmar (1973) distanzierten sich von Bernstein, weil sich seine Kriterien zur Unterscheidung sprachlicher Codes kaum operationalisieren ließen. Neben Bernstein aus London stand der Amerikaner William Labov von der University of Pennsylvania, ein Linguist, der mit neuen, bahnbrechenden Methoden das Sprachverhalten von Menschen in New York City und auf Martha’s Vineyard, einer kleinen Insel vor der Küste von Massachusetts, untersuchte. Während Bernsteins schichtspezifisches Modell ein defizitäres Sprachverhalten von Menschen aus der sozialen Unterschicht nahelegt - eine Einschätzung, die Bernstein stets vehement bestritten hat -, stützen Labovs Feldstudien die Vorstellung, dass Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten zwar anders, aber deshalb nicht besser oder schlechter sprechen. Differenz oder Defizit? - das war die Frage, um die damals gestritten wurde. Und so hieß auch mein erster Aufsatz, den ich 1973 zusammen mit Ernest Hess-Lüttich in der Zeitschrift Wirkendes Wort veröffentlichte. Wir durften als Studenten ohne akademischen Abschluss in einer wissenschaftlichen Zeit‐ schrift unsere Gedanken zu dieser brisanten Frage formulieren. Wir durften wissenschaftliches Neuland betreten, denn in den etablierten germanistischen Disziplinen gab es nichts Vergleichbares, außer vielleicht in der Dialektologie, die aber mit wenigen Ausnahmen 1 kulturgeschichtlich orientiert war und sich nicht mit sozial bedingten sprachlichen Unterschieden von Schülerinnen und Schülern befasste. Da ich mich nicht mit dem Einfluss des rheinischen Dialekts beschäftigen wollte, ging ich nicht an Schulen in meiner Bonner Heimat, sondern ins östliche Ruhrgebiet, nach Dortmund und Recklinghausen. Dort gab es zwar eine westfälische Sprachfärbung, aber die Sprache im Ruhrgebiet war nahe am Standard, so dass ich mich auf sprachliche Phänomene konzentrieren konnte, die nur am Rande dialektal bedingt sind. Ich habe mich für die gesprochene Sprache von Grundschulkindern in der vierten Klasse interessiert, weil sich hier entscheidet, welche Schulform die Kinder später besuchen werden: Hauptschule, Realschule oder Gymnasium (vgl. Steinig 1976/ 1986). Die Gesamtschule als Alternative zum dreigliedrigen Schulsystem war damals im Ruhrgebiet noch keine Option. Ich wählte die 122 Wolfgang Steinig <?page no="123"?> 2 Die Pädagogische Hochschule Ruhr, Abteilung Dortmund, wurde 1980 in die Universität Dortmund eingegliedert. Grundschulen nach sozialgeographisch deutlich unterscheidbaren Stadtteilen aus und ermittelte die Berufe der Eltern, ihre Schulbildung, ihr Einkommen, ihr Leseverhalten usw., um das soziale Milieu der Familien zu erfassen. Meine Hypothese war, dass sich Unterschiede im mündlichen Sprachverhalten der Kinder auf ihre soziale Herkunft zurückführen lassen und ein zentraler Prädik‐ tor für den Schulerfolg sind, den ich anhand der damals noch verbindlichen Übergangsempfehlung zur Sekundarschule operationalisieren konnte. Um das Sprachverhalten der Kinder nicht durch das Register ‚Unterrichts‐ kommunikation‘ zu beeinflussen, holte ich sie einzeln aus ihren Klassenzim‐ mern. In kleinen Nebenräumen der Schulen konnten sie sich einen kurzen Super-8-Film ansehen, der eigens zu diesem Zweck mit Laiendarstellern des Bonner Kindertheaters gedreht worden war. Darin ging es um eine Konfliktsi‐ tuation mit einem Mädchen und drei Jungen, die etwa im gleichen Alter waren wie die untersuchten Viertklässler. Jedes Kind, das diesen Film gesehen hatte, erzählte anschließend einem Mitschüler oder einer Mitschülerin, die den Film nicht kannten, unter vier Augen davon. Zusätzlich zu dieser informellen Kind- Kind-Situation in entspannter Atmosphäre erzählten sie den Film einem ihnen unbekannten, formell gekleideten, älteren Erwachsenen, der in einem Büro der Schule hinter einem Schreibtisch saß, also einer formellen Kind-Respektsperson- Situation. So konnten nicht nur sozial bedingte, sondern auch situativ bedingte sprach‐ liche Unterschiede erfasst werden, die damals in der Soziolinguistik noch wenig Beachtung fanden. In der informellen Kind-Kind-Situation tauchte beispiels‐ weise in allen Erzählungen, unabhängig von der sozialen Herkunft der Kinder, am Ende vieler Äußerungen die Interjektion / nə/ auf - eine Partikel, die ähnlich dem süddeutschen / gɛl/ oder dem sauerländischen / wɔl/ die Zuhörer zum akti‐ ven Zuhören und/ oder zur Bestätigung des Gesagten auffordert, allerdings nur dann, wenn sie als gleichrangig oder rangniedriger empfunden werden. In der formellen, asymmetrischen Kind-Respektsperson-Situation wurde diese Partikel als Registersignal daher von keinem Kind geäußert. Es würde als respektlos empfunden, wenn ein Kind in einer formellen Situation einen ihm unbekannten Erwachsenen auffordern würde, ihm aktiver zuzuhören. Um vor Beginn der linguistischen Analyse die sozial markierten Varianten zu identifizieren, habe ich die Erzählungen aus der formellen Kind-Respektsperson- Situation einigen Eltern, die die Kinder nicht kannten, und 60 Lehramtsstu‐ dierenden der Pädagogischen Hochschule Dortmund 2 vorgespielt und nach Soziolinguistische Studien im pädagogischen Feld 123 <?page no="124"?> sozialen und stilistischen Kriterien auswerten lassen: die Eltern in Einzelin‐ terviews, die Studierenden mit einem Fragebogen und einem semantischen Differential. Erstaunlich war, dass die soziale Herkunft der Kinder und ihr voraussichtlicher Schulbesuch nach der vierten Klasse sowohl von den Eltern als auch von den Studierenden sehr zuverlässig aus den kurzen mündlichen Erzählungen ‚herausgehört‘ werden konnten. Der mit dem nonverbalen Culture Fair Intelligence Test (CFIT) von Cattell (1949 & 1963) ermittelte Intelligenz‐ quotient konnte das Ergebnis kaum beeinflussen. Bestimmte Auffälligkeiten im Sprachverhalten der Kinder führten in diesem Evaluationsexperiment zu sozialen und schulischen Einstufungen, nicht die ermittelte Intelligenz der Kinder. Sowohl die Lehramtsstudierenden als auch die Eltern vermuteten, dass Kinder aus der sozialen Unterschicht eine Hauptschulempfehlung und Kinder aus der sozialen Mittelschicht eine Gymnasialempfehlung erhalten hatten. Eine Realschulempfehlung wurde vermutet, wenn angenommen wurde, dass der Besuch eines Gymnasiums das Kind überfordern könnte. Diese Einschätzungen, die unmittelbar im Anschluss an die kurzen mündlichen Erzählungen abgegeben wurden, stimmten weitgehend mit den Übergangsempfehlungen der Lehrkräfte überein. Lehrkräfte, die die Kinder mit ihren Fähigkeiten und Leistungen seit mindestens einem Jahr kennen, kommen zu ähnlichen Urteilen über die weitere Schullaufbahn wie die Studierenden nach dem Hören der ca. einminütigen mündlichen Erzählungen. Auf die Frage, warum die meisten Kinder aufgrund ihrer kurzen Erzählungen so eindeutig eingeschätzt werden konnten, wiesen sowohl die Studierenden in ihren Fragebögen als auch die Eltern in den Interviews auf eine Reihe von sprachlichen Merkmalen hin, die sie zu ihrer Einschätzung veranlasst hatten. Diese Merkmale, die ich als soziolektale Signale bezeichnet habe, finden sich auf allen sprachlichen Ebenen, am deutlichsten jedoch auf der morphologischen Ebene: die standardsprachlich inkorrekte Ersetzung eines Dativs durch einen Akkusativ. Der umgekehrte Fall, die Ersetzung eines Akkusativs durch einen Dativ, tritt ebenfalls auf, wenn auch in geringerem Ausmaß. Ich habe diese Ersetzung als Hyperkorrektur interpretiert: ein soziolektales Signal, das für Angehörige der unteren Mittelschicht charakteristisch ist, die von sozialem Abstieg bedroht sind und mit sprachlichen Mitteln versuchen, ihren Status, ihre soziale Anerkennung und ihr Prestige zu erhalten. Der Reiz soziolinguistischer Untersuchungen liegt in der Beobachtung, dass minimale sprachliche Signale, die für den Inhalt einer Äußerung irrelevant sind, einen sehr starken Einfluss auf die soziale und kognitive Bewertung von Personen haben. Wenn sich Lehrerinnen und Lehrer bei der Beurteilung ihrer Schülerinnen und Schüler unbewusst von normabweichenden sprachlichen 124 Wolfgang Steinig <?page no="125"?> Merkmalen beeinflussen lassen, kann dies zu einem Teufelskreis führen, der für die schulische Bildung eines Kindes fatal ist: Ein soziolektal stigmatisierendes Signal wie die Dativ-Akkusativ-Vertauschung lässt ein Kind als minderbegabt erscheinen. Die Lehrkraft verhält sich ihm gegenüber unterfordernd und abwertend, was wiederum dazu führt, dass das Kind dieser Erwartung mit unterdurchschnittlichen schulischen Leistungen entspricht. Damit werden die schulischen Leistungen und letztlich auch die beruflichen Chancen und Erfolge im Leben durch stigmatisierende sprachliche Signale eingeschränkt. Dieser unbewusst ablaufende Bewertungsprozess, der zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung führt, sollte angehenden Lehrkräften in der Ausbildung bewusst gemacht werden (vgl. Steinig 1980). Nebenbei bemerkt: Ich vermute, dass die Ersetzung des Ich-Lauts / ç/ durch / ʃ/ seit etwa zwanzig Jahren vor allem im Rheinland allmählich zu einem soziolek‐ talen Signal geworden ist. Das / ç/ wird nach meiner Beobachtung von Menschen aus unteren sozialen Milieus, die meist auch einen Migrationshintergrund haben, nicht mehr realisiert; Kirche wird wie Kirsche ausgesprochen. Dies könnte auf einen Lautwandel ‚von unten‘ hindeuten, so dass vielleicht in einigen Jahrzehnten der Ich-Laut, der ohnehin weltweit nur in wenigen Sprachen vorkommt, nicht mehr zum Phoneminventar des Deutschen gehört. 1972 gab es in den untersuchten Schulklassen weder Kinder mit Migrationshintergrund noch Substitutionen von / ç/ durch / ʃ/ . Da ich nicht nur die gesprochene, sondern auch die geschriebene Sprache der Kinder untersuchen wollte, ließ ich in allen vierten Klassen der Grundschulen in Dortmund und Recklinghausen im Anschluss an die Filmbetrachtung einen Text schreiben. Die Auswertung dieser Texte hätte aber den Rahmen meiner Dissertation gesprengt. Sie kamen in einen Karton und blieben dort 30 Jahre, bis ich sie wieder hervorholte. Ich werde darauf zurückkommen. 2 An Universitäten kam ich beruflich zunächst nicht weiter. Ich wurde Schul‐ buchlektor im Pädagogischen Verlag Schwann. Danach war ich fünf Jahre am University College of North Wales in Bangor, wo ich neben meiner Lehrtätigkeit am German Department an dem von Keith Spalding herausgegebenen Historical Dictionary of German Figurative Usage (1959-2000) mitgearbeitet habe. Danach war ich Forschungsstipendiat an der niederländischen Universität Twente in Enschede, wo ich in einem Unterrichtsversuch an einer Sekundarschule unter‐ suchte, wie ältere mit jüngeren Schülerinnen und Schülern ohne Beteiligung der Lehrkraft partnerschaftlich zu zweit Deutsch als Fremdsprache lernen (vgl. Soziolinguistische Studien im pädagogischen Feld 125 <?page no="126"?> Steinig 1985). Anschließend wurde ich Referendar an beruflichen Schulen in Tübingen. Anstatt aber nach dem Zweiten Staatsexamen im Schuldienst zu blei‐ ben, wurde ich 1984 DAAD-Lektor an der Aristoteles-Universität in Thessaloniki. Dort konnte ich wieder soziolinguistisch arbeiten, diesmal zur Zweisprachigkeit griechischer Schülerinnen und Schüler, die Anfang der 1980er Jahre mit ihren Familien von Deutschland nach Griechenland gezogen waren. Zusammen mit dem Pädagogen Diether Hopf wollte ich herausfinden, wie ihre Erstsprache Griechisch und ihre Zweitsprache Deutsch von einsprachigen Deutschen und Griechen wahrgenommen werden (vgl. Steinig/ Hopf 2013). Die Stichprobe bestand aus 75 bilingualen griechischen Schülerinnen und Schülern im Alter von 12 bis 17 Jahren, die kurz nach ihrer Geburt nach Deutsch‐ land kamen oder in Deutschland geboren wurden. Sie waren nicht länger als zwei Jahre vor der Durchführung der Studie nach Griechenland gezogen. Da sie in ihren Familien auch in Deutschland weitgehend Griechisch gesprochen und zum Teil griechische Schulen besucht hatten, waren ihre Deutschkenntnisse stark zurückgegangen, während sie sich im Griechischen nicht oder kaum von gleichaltrigen einsprachigen Griechen unterschieden. Die meisten hatten Schwierigkeiten, fließend Deutsch zu sprechen, da sie ihre Zweitsprache seit ihrem Aufenthalt in Griechenland nicht mehr gebraucht hatten. Aufgrund ihrer geringen Deutschkenntnisse war zu erwarten, dass der potenzielle Einfluss des Deutschen auf das Griechische nach der Remigration nicht mehr nachweisbar sein würde. Wir wollten überprüfen, ob die bidirektionale Sprachproduktionshy‐ pothese von Flege (2007), die bei Bilingualen von wechselseitigen Einflüssen auf beide Sprachen ausgeht, auch nach einer längeren Phase der Einsprachigkeit, in der ihre L2 einem starken Sprachverlustprozess unterworfen war, noch verifiziert werden kann. Würden einsprachige Griechen Unterschiede in ihrem gesprochenen Grie‐ chisch erkennen? Würden sie hören, dass es sich bei diesen griechischen Schülerinnen und Schülern um Rückwanderer handelt, die früher in einer anderen Sprachgemeinschaft gelebt haben? Wenn sich dies nachweisen ließe, wäre das ein Indiz dafür, dass die Zweitsprache Deutsch als deutlich schwächere Sprache die Erstsprache Griechisch soziolektal signifikant verändert hat. Die Remigranten wären anhand ihres Sprachverhaltens als allochthone Gruppe von autochthonen Griechen erkennbar. Im Gegenzug sollte ermittelt werden, wie das gesprochene Deutsch dieser Gruppe von autochthonen Deutschen wahrgenommen wird. Da die Stärke der griechischen Interferenz im Deutschen und der deutschen Interferenz im Griechischen durch die Sprechsituation beeinflusst werden könnte, haben wir die Schülerinnen und Schüler in einer narrativen und einer 126 Wolfgang Steinig <?page no="127"?> interaktiven Spielsituation agieren lassen, um monologische und dialogische Texte zu generieren: (1) eine narrative Wiedergabe einer Bildergeschichte und (2) verbale Instruktionen in einem interaktiven Spiel mit unterschiedlich geformten, farbigen Holzplättchen, die von einem Spielpartner, der diese Teile nicht sehen konnte, nach verbalen Instruktionen der Versuchsperson in eine bestimmte Anordnung gebracht werden mussten. Sowohl die Bildergeschichte als auch das Legespiel wurden in griechischer und deutscher Sprache realisiert, aufgezeichnet und anschließend zehn griechischen und zehn deutschen Mut‐ tersprachlern unabhängig voneinander präsentiert und von diesen anhand eines Fragebogens bewertet, wobei Aussprache, Grammatik, Wortwahl und rhetorische Mittel berücksichtigt wurden. Der Vergleich der vier Sprachszenarien (Bildergeschichte und Legespiel auf Deutsch und Griechisch) ergab eine hochsignifikante negative Korrelation zwischen den von den Beurteilern wahrgenommenen sprachlichen Defiziten im Legespiel auf Griechisch und den Defiziten in der Bildergeschichte auf Deutsch. Der Schlüssel zu diesem wechselseitigen Zusammenhang scheint in den un‐ terschiedlichen Anforderungen der verschiedenen Textsorten zu liegen. Texte, die einer Erzählung ähneln und die Form eines Monologs haben, erfordern eine andere kognitive Verarbeitung als Texte, in denen Anweisungen im Rahmen eines Dialogs gegeben werden. Wer eine Geschichte nach einer vorgegebenen Bildfolge erzählt, kann seine Äußerungen sorgfältiger planen und kontrollieren als in einem dialogischen Spiel, in dem sprachliche Handlungen spontan erfol‐ gen und auf eine sich ständig verändernde Konstellation angemessen reagieren müssen. Während eines Spiels ist der Druck, sprachlich zu handeln, größer, so dass eine sorgfältige sprachliche Planung weniger möglich ist. Bilinguale Sprecher, deren L1-Leistung in der Textsorte Spiel nicht negativ bewertet wurde - weil ihnen die spontane Produktion von Äußerungen leicht‐ fällt -, scheinen größere Schwierigkeiten mit einer Textsorte zu haben, die das Erzählen einer Geschichte in Form eines Monologs erfordert, bei dem mehr Zeit für eine bewusstere Planung der Äußerungen bleibt. Umgekehrt gilt: Zweisprachige Sprecher, die eine Affinität zu einer narrativen Textsorte haben und daher aus Sicht der Bewerter die Anforderungen einer Erzählung in ihrer L2 relativ gut erfüllen, haben mehr Probleme mit einer dialogischen Textsorte in ihrer L1. Die Interdependenzen zwischen L1 und L2 führen offenbar nicht zu einer einheitlichen Bewertung, sondern werden von der Sprechsituation beeinflusst. Die Korrelationsanalysen der Daten ergaben einen weiteren signifikanten Zusammenhang hinsichtlich der vermuteten Aufenthaltsdauer in Deutschland. Die griechischen Beurteiler konnten aufgrund des Höreindrucks der griechi‐ Soziolinguistische Studien im pädagogischen Feld 127 <?page no="128"?> schen L1 die Aufenthaltsdauer in Deutschland gut einschätzen, obwohl ein deutscher Akzent im Griechischen kaum wahrnehmbar war und keine gram‐ matikalischen Normverstöße vorlagen. Die griechischen Beurteiler müssen also aufgrund minimaler soziolektaler Signale zu einer realistischen Einschätzung ihrer Aufenthaltsdauer in Deutschland gekommen sein. Im Gegensatz dazu waren die deutschen Beurteiler trotz sehr deutlicher Normabweichungen in der L2, wie sie für eine Interlanguage typisch sind, nicht in der Lage, eine verlässliche Einschätzung ihrer in Deutschland verbrachten Zeit zu geben. Wenn man bedenkt, dass der Prozess des Zweitspracherwerbs sich in Zeiträumen vollzieht, die von Lerner zu Lerner stark variieren, und dass eine Fossilisierung in verschiedenen Stadien des Erwerbs möglich ist, wird verständlich, warum die deutschen Beurteiler hier zu keinem zuverlässigen Urteil kommen können. Die autochthone griechische Sprachgemeinschaft hat ein anthropologisch begründbares Interesse daran, am Sprachverhalten von Remigranten zu erken‐ nen, ob diese sich in einer anderen Kultur von ihrer eigenen Kultur entfremdet haben oder ob sie noch zur Gruppe der ‚Einheimischen‘ gehören. Sie achten daher - meist unbewusst - auf sprachliche Indikatoren, die eine kulturelle Distanz signalisieren könnten. Diese spezifische Wahrnehmung ist auch bei Dialektsprechern zu beobachten, die hören können, ob jemand aus ihrem Dialektraum längere Zeit woanders gelebt hat. Die griechischen Beurteiler konnten anhand der griechischen Äußerungen sogar mit hochsignifikanter Wahrscheinlichkeit einschätzen, ob die Schülerin‐ nen und Schüler ihre letzten Sommerferien in Deutschland oder in Griechenland verbracht hatten. Diejenigen, die in den Ferien in Deutschland waren, hatten nicht nur Deutsch gesprochen, sondern auch einen stärkeren Bezug zur deut‐ schen Kultur und Sprache, was sich offenbar auch in ihrer Aussprache im Griechischen ausdrückt. 3 Zurück aus Thessaloniki in Deutschland, zunächst an der LMU in München, dann an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, erinnerte ich mich an die Texte aus meinem Dissertationsprojekt, die ich vor 30 Jahren im Anschluss an meinem Film von Viertklässlern hatte schreiben lassen. Die Texte hatten alle unsere Umzüge - von Deutschland nach Wales, über die Niederlande nach Deutschland, dann nach Griechenland und wieder zurück nach Deutschland - unbeschadet in einem Karton überstanden und waren immer noch nicht aus‐ gewertet. Meine Frau meinte, ich solle diesen Karton mit den völlig veralteten 128 Wolfgang Steinig <?page no="129"?> Texten endlich entsorgen. Nach so vielen Jahren seien sie für die Forschung nicht mehr relevant. Man wolle doch wissen, wie Grundschüler heute schreiben und nicht in den 1970er Jahren. Aber wäre ein diachroner Vergleich nicht noch spannender? Wie schreiben sie heute und wie schrieben sie vor 30 Jahren? Peter Sieber (1998) analysierte Maturaaufsätze, die über einen Zeitraum von 110 Jahren an einem Deutschschweizer Gymnasium geschrieben wurden. Seit den 1970er Jahren stellte er eine Tendenz zur konzeptionellen Mündlichkeit fest, die zu einem veränderten kommunikativen Grundmuster geführt habe, das er mit dem Begriff Parlando bezeichnete. Hannelore Grimm (2003), die Abituraufsätze von den 1940er bis in die 1990er Jahre untersuchte, konnte Siebers Beobachtung nicht bestätigen, wohl aber eine deutliche Erweiterung des Wortschatzes. Die von ihr untersuchten Texte waren in diesem Zeitraum länger geworden und enthielten mehr komplexe Wörter. Befürchtungen eines ‚Verfalls‘ der Schriftkultur wies sie entschieden zurück. Die Ergebnisse dieser beiden Studien sind widersprüchlich in Bezug auf die schriftsprachlichen Kompetenzen von Gymnasiasten am Ende ihrer Schulzeit, also eines privilegierten Teils der Schülerschaft, der zudem bis in die 1970er Jahre noch sehr klein war. Beide Studien sind nicht repräsentativ für die Gesamtheit der Schülerinnen und Schüler. Außerdem sind sie thematisch nicht vergleichbar. Neben diesen beiden diachronen Studien zum Schreiben an Gymnasien gibt es noch eine Studie zur Rechtschreibung an Grundschulen von Roland Vogel (1988), in der Diktate und Aufsätze aus den Jahren 1970-74 mit denen aus den Jahren 1982-84 verglichen werden. Die in diesem Zeitraum von etwa zehn Jahren festgestellte Zunahme der Rechtschreibfehler um 35 Prozent führte er auf einen erhöhten Anteil schwieriger zu schreibender Wörter zurück. Die dürftige Forschungslage zur Diachronie schulischen Schreibens veran‐ lasste mich, dreißig Jahre später an denselben Grundschulen in Dortmund und Recklinghausen erneut Viertklässler nach dem gleichen Verfahren Texte schreiben zu lassen. 1972 waren es 254 Kinder, bei der zweiten Untersuchung 276 Kinder. Aber war es überhaupt möglich, mit dem gleichen Film als Stimulus eine Vergleichbarkeit der Schreibsituation herzustellen? Schließlich hatten sich die Sehgewohnheiten der Kinder seit 1972 enorm verändert. Aber mein unpro‐ fessionell hergestellter Super-8-Film entsprach weder 2002 noch 1972 den Sehgewohnheiten der Kinder. Er war für beide Kohorten gänzlich anders als das, was sie aus Film und Fernsehen kannten. Um die Validität des Vergleichs zu belegen, haben wir zu Beginn der Analyse die sprachlichen Anteile, die zu jeder der 27 Szenen unseres Films geäußert wurden, verglichen und die Werte in eine Kurve eingetragen. Die Kurvenverläufe waren nahezu identisch: Soziolinguistische Studien im pädagogischen Feld 129 <?page no="130"?> Die Viertklässler beider Jahrgänge hatten zu jeder Filmszene etwa gleich viel gesprochen. Die Rezeption des Films hatte sich also in 30 Jahren kaum verändert. Als nicht-sprachliche Variablen hatten wir mit einem Fragebogen an die Eltern und/ oder Lehrer das Alter der Kinder, ihre Ein- oder Zweisprachigkeit, die soziale Schicht ihrer Familie, die Empfehlung der Lehrkraft für den Schulbesuch nach der Grundschule, ihr Geschlecht und ihre Schulklasse erfasst. Die sprach‐ lichen Variablen zur Analyse der Texte bezogen sich auf vier Kategorien: mediale und konzeptionelle Schriftlichkeit, narrative Gestaltung und soziolektale Signale. Diesen vier Kategorien konnten exemplarisch einzelne sprachliche Variablen zugeordnet werden (vgl. Steinig et al. 2009: 348ff.): 1. Für die mediale Schriftlichkeit das Schriftbild, die Textkorrekturen, die Rechtschreibung und die Interpunktion; 2. zur konzeptionellen Schriftlichkeit der Wortschatz, die Satzlänge, die hypo‐ taktische Syntax, die Varianz der Nebensätze, die konzeptionell mündlichen Sätze und die anaphorische/ exophorische Referenz; 3. in Bezug auf die narrative Struktur die Darstellung des Erzählten als simultanes Geschehen, die Figurenrede, das Tempus, die Benennung der Protagonisten, die Markierung von Komplikationen und die Textlänge; 4. als soziolektale Signale wurden die Kasusmarkierung und die Verbmorpho‐ logie analysiert. Ich kann hier nicht auf jede dieser Variablen eingehen, möchte nur einige Ergebnisse hervorheben, sozusagen als Appetithappen für die Lektüre der gesamten Studie. Zunächst lässt sich allgemein zum Vergleich der Texte von 1972 und 2002 sagen, dass die sozial diskriminierenden Effekte bei allen untersuchten Varia‐ blen größer geworden sind. Der schriftliche Sprachgebrauch der Kinder hängt 2002 deutlich stärker von ihrer sozialen Herkunft ab als 1972. Die soziale Schere hat sich beim Schreiben von Texten in den Grundschulen des östlichen Ruhrgebiets in diesen 30 Jahren deutlich geöffnet. Diese Öffnung ist aber kaum auf schlechtere Leistungen von Migrantenkindern zurückzuführen, die es 1972 an den von uns untersuchten Schulen noch nicht gab. Entscheidend sind die sozialen Unterschiede, nicht die Migration und die damit verbundene Mehrsprachigkeit der Kinder. Wie die soziokulturelle Schieflage für die Gymnasialempfehlung relevant werden kann, wurde mir in einem Gespräch mit einer Lehrerin der 2002 untersuchten Kinder deutlich. Mir war aufgefallen, dass ein Junge aus ihrer Klasse eine Hauptschulempfehlung erhalten hatte, obwohl sein Text zum Film hervorragend formuliert war. Warum, fragte ich die Lehrerin, sollte dieser 130 Wolfgang Steinig <?page no="131"?> Schüler auf die Hauptschule gehen? Nach seinem Text zu urteilen, wäre eine Gymnasialempfehlung angebracht. Die Lehrerin wusste, dass dieser Schüler aufgrund seiner Leistungen, nicht nur in Deutsch, eigentlich das Gymnasium besuchen müsste, aber sie könne es nicht verantworten, ihn dorthin zu schicken, weil er aus prekären Verhältnissen kam, mit einer alleinerziehenden, alkohol‐ kranken Mutter, die ihn nicht unterstützen konnte; er könne sich nicht einmal ‚anständig‘ kleiden. Im Gymnasium würde er als sozialer Außenseiter von den anderen Kindern gemobbt. Das Beispiel zeigt, dass das Gymnasium als Schule für sozial privilegierte Kinder wahrgenommen wird. Kindern, die diesem Bild nicht entsprechen, wird der Zugang erschwert oder verwehrt, selbst wenn die sprachlichen Leistungen ausreichend sind. Ich hatte die Lehrerin angerufen, weil mir die Diskrepanz zwischen dem Textniveau und der Schulempfehlung aufgefallen war. Eine Ausnahme, denn normalerweise entsprach die Qualität der Texte der Schulemp‐ fehlung. Bei den meisten Texten konnte man schon beim ersten flüchtigen Lesen erkennen, für welche Schulform die Kinder eine Empfehlung erhalten hatten und welcher sozialen Schicht ihre Familien zuzuordnen waren. Beim Vergleich der mündlichen und schriftlichen Texte, die im Anschluss an unseren Film produziert wurden, fallen Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf. So sind normabweichende Kasusmarkierungen sowohl in den mündlichen als auch in den schriftlichen Texten schichtspezifische Signale und Indikatoren für die Schullaufbahnempfehlung. Rechtschreibfehler als Abweichungen von der schriftlichen Norm sind dagegen sowohl 1972 als auch 2002 starke Indikatoren für sozial bedingte Unterschiede. Sie stehen zudem in einem noch stärkeren Zusammenhang mit der Schulempfehlung. Da Rechtschreibfehler vermutlich leicht zu erkennen und zu zählen sind, haben sie für die Lehrkräfte eine hohe Bedeutung bei der Einschätzung, welche Schulform ein Kind nach der 4. Klasse besuchen sollte. Zwischen 1972 und 2002 ist die Fehlerzahl vor allem bei Kindern aus der Unterschicht stark angestiegen: von 7,2 auf 16,5 Fehler pro 100 Wörter. In der Mittelschicht war der Anstieg moderater: von 8,5 auf 12,8 Fehler in der unteren Mittelschicht und von 4,9 auf 9,3 Fehler in der oberen Mittelschicht. In den Untersuchungen von William Labov (1966a) zeigten sich bei An‐ gehörigen der unteren Mittelschicht spezifische sprachliche Merkmale wie Hyperkorrekturen, die er als sprachliches Bemühen interpretierte, nicht sozial abzusteigen. Eine ähnliche Beobachtung konnten wir in Bezug auf die Verwen‐ dung des Präteritums machen, das nach Harald Weinrich (2001) dem Tempus der erzählten Zeit zuzuordnen ist. Für die Texte von 1972 ergab sich der interessante Befund, dass Kinder aus der unteren Mittelschicht das Präteritum häufiger Soziolinguistische Studien im pädagogischen Feld 131 <?page no="132"?> verwendeten als Kinder aus der Unterschicht und der oberen Mittelschicht. Sie orientierten sich also stärker an den normativen Vorgaben des schriftlichen Erzählens, wie sie im Unterricht vermittelt wurden. Dieses für die untere Mittelschicht charakteristische Muster ist 2002 nicht mehr zu beobachten. Die Verwendung des Präteritums ist bei Kindern aus der Unterschicht und der unteren Mittelschicht stark zurückgegangen, während Kinder aus der oberen Mittelschicht ihr Niveau halten konnten. Auch bei anderen sprachlichen Merkmalen ließen sich erst 1972 charakteris‐ tische Abweichungen in Texten der unteren Mittelschicht beobachten, etwa bei der exophorischen Referenz, die für Hawkins (1969) ein Indiz für einen restringierten Code war, weil sie gegen die normative Erwartung an Erzählungen verstößt, nur innerhalb eines Textes Bezüge und Verweisungszusammenhänge herzustellen. Er hatte beobachtet, dass Arbeiterkinder in ihren Erzählungen häufiger auf jemanden oder etwas verweisen, das außerhalb des Textes liegt und vom Rezipienten aus dem situativen Kontext erschlossen werden muss. Auch Michael Ort (1976) hatte in einer Untersuchung mit Mannheimer Viertklässlern, die Märchen mündlich und schriftlich nacherzählten, eine häufigere exophori‐ sche Bezugnahme bei Unterschichtkindern festgestellt. In unseren Texten von 1972 dagegen waren exophorische Bezüge bei Kindern aus der Unterschicht und der oberen Mittelschicht häufiger als bei Kindern aus der unteren Mittelschicht, die sich stärker um die Einhaltung der schriftsprachlichen Norm bemühten und nur innerhalb eines Textes Bezüge herstellten. Im Jahr 2002 ging auch hier die Sonderstellung der unteren Mittelschicht verloren. Stattdessen zeigt sich, wie bei fast allen von uns untersuchten sprachlichen Variablen, eine deutliche Abstufung von der Unterschicht mit den meisten exophorischen Bezügen zur unteren Mittelschicht mit einem mittleren Wert bis hin zur oberen Mittelschicht mit dem geringsten Anteil. Das Bemühen der Kinder aus der unteren Mittelschicht, die Erwartung an konzeptionell schriftlich formulierte Sätze nicht zu enttäuschen, zeigte sich ebenfalls nur 1972. Wir hatten elliptische, abgebrochene und fehlerhaft konstruierte Sätze in der Kategorie mündliche Sätze zusammengefasst und bei der Auswertung festgestellt, dass der Anteil dieser Sätze 1972 bei Kindern aus der Unterschicht und der oberen Mittelschicht höher war als bei Kindern aus der unteren Mittelschicht. 2002 nahm die Anzahl dieser Sätze in allen drei Schichten deutlich zu und zeigte das für diesen Jahrgang typische abgestufte Muster: Der höchste Wert ist bei den Kindern der Unterschicht zu finden, ein mittlerer Wert bei den Kindern der unteren Mittelschicht (in beiden Fällen fast eine Verdoppelung gegenüber 1972! ) und der niedrigste Wert bei den Kindern der oberen Mittelschicht. 132 Wolfgang Steinig <?page no="133"?> Bemerkenswert finde ich, dass in den Texten der Kinder aus der unteren Mittelschicht 2002 keine sprachlichen Merkmale mehr zu finden sind, die Labovs aufstiegsorientiertem Muster entsprechen. In den 1970er Jahren war nicht nur in der unteren Mittelschicht, sondern auch in Teilen der sozialen Unterschicht ein stärkeres Bemühen, um sozialen Aufstieg durch schulische Qualifikation zu beobachten. In meinen Interviews mit Eltern aus der Arbeiter‐ schicht hörte ich damals immer wieder, dass sie ihre Kinder zwar inhaltlich nicht unterstützen konnten, aber die Hausaufgaben ihrer Kinder auf Vollständigkeit kontrollierten und auf eine ‚saubere‘ Heftführung und eine ansprechende Hand‐ schrift achteten. Ihre Kinder sollten es einmal ‚besser haben‘ und dieser Weg konnte für sie nur über schulische Anstrengungen führen. Spätestens seit der Jahrtausendwende scheint das gesellschaftliche Versprechen, durch schulische und sprachliche Leistungen die soziale Position zu halten oder aufzusteigen, nicht mehr glaubwürdig zu sein (El-Mafaalani 2021). So fanden wir 2002 und später 2012 (Steinig/ Betzel 2014) in den Texten der Kinder aus der unteren Mittelschicht keine Hinweise mehr darauf. Neben Rechtschreibfehlern, Tempusgebrauch, Exophorik und ‚mündlichen Sät‐ zen‘ zeigte auch der Kaususgebrauch eine starke Affinität zur sozialen Schich‐ tung, wie wir sie bereits in unserer Studie zum mündlichen Sprachgebrauch (Steinig 1976/ 1986) festgestellt hatten. Die in der Mündlichkeit als zentrale soziolektale Signale identifizierten normabweichenden Ersetzungen des Dativs durch den Akkusativ und - mit geringerer Fallzahl - des Akkusativs durch den Dativ sind auch in der Schriftlichkeit ein signifikantes schichtspezifisches Merkmal. In einer statistischen Analyse, in der die einzelnen sprachlichen Merkmale nach ihrer schichtspezifischen Relevanz geordnet wurden, erwies sich jedoch der Wortschatz 2002 als das bedeutsamste Merkmal. Während wir 1972 noch keine schichtspezifischen Unterschiede feststellen konnten, sind die Unter‐ schiede im Wortschatz 2002 zum wichtigsten sozial indizierenden Merkmal geworden. Bei Kindern aus der Unterschicht hat sich der Wortschatzumfang im Untersuchungszeitraum kaum verändert, während er bei Kindern aus der unteren und oberen Mittelschicht enorm angestiegen ist. Dies hängt auch damit zusammen, dass ihre Texte deutlich länger und kreativer formuliert waren. Für Basil Bernstein war der Wortschatzumfang ein zentrales Kriterium zur Unterscheidung von elaborierten und restringierten Codes (Bernstein 1975). Seine Code-Theorie geriet jedoch Anfang der 1980er Jahre in Vergessenheit, da es zu wenig empirische Evidenz für sie gab, insbesondere für die von ihm postulierten Wortschatzunterschiede, die eine Unterscheidung der Codes ermöglichen sollten. Auch in unseren Texten von 1972 konnten wir für dieses Soziolinguistische Studien im pädagogischen Feld 133 <?page no="134"?> Kriterium keine sozial bedingten Unterschiede feststellen. Erstaunlicherweise hat aber der Wortschatz im Jahr 2002 eine enorme soziale Relevanz erlangt. Während seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in den 1960er und 1970er Jahren konnte Bernstein seine Theorie nicht überzeugend empirisch nachweisen, aber in seinem Todesjahr, 2002, fanden wir in den schriftlichen Texten von Kindern aus dem östlichen Ruhrgebiet mit ihrem Wortschatz unerwartet starke Belege für die Code-Theorie. In unserer Studie untersuchten wir auch das Schriftbild sowie die Häufigkeit und Qualität der Korrekturen. Diese Textqualitäten waren bisher nicht Teil des soziolinguistischen Forschungsparadigmas, haben aber ein hohes soziales Differenzierungspotenzial. Bei der Schulempfehlung zeigten die Schriftbilder, die wir von zwei unabhängigen Beurteilern bewerten ließen, sowohl 1972 als auch 2002 diskriminierende Effekte: Je ansprechender das Schriftbild war, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass die Schreiber einer höheren sozialen Schicht angehörten und eher eine Gymnasialempfehlung erhielten. Auch die Häufigkeit der Korrekturen folgt diesem Muster. Häufige Korrekturen, insbesondere wenn sie unsauber ausgeführt werden, wirken sich negativ auf das Schriftbild aus. Bemerkenswert war die Reaktion der Öffentlichkeit auf die Ergebnisse dieser diachronen Schreibstudie. Unmittelbar nach meinem Vortrag über unsere Studie am 14. März 2013 auf der Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) in Mannheim wurde ich von der ZEIT interviewt. In den folgenden Wochen wurden weitere Medien auf meine Forschung aufmerksam, darunter die ARD, das ZDF und RTL. Hinzu kamen Interviews, Diskussionen und Berichte im Radio sowie in überregionalen und regionalen Zeitungen. Besonders gefreut habe ich mich, dass auch die BILD am Sonntag über unsere Ergebnisse berichtete, denn für deren Leser war unsere Forschung schließlich von besonderem Interesse. Sie sollten erfahren, wie wichtig die Kommunikation in der Familie und das Vorlesen und Lesen für den Schulerfolg und den sozialen Aufstieg sind. Dazu habe ich einen Essay im SPIEGEL (2013) veröffentlicht. In den Medien wurden vor allem die deutliche Verschlechterung der Recht‐ schreibung seit den 1970er Jahren thematisiert. Die zunehmenden sozialen Unterschiede, die sich in allen Bereichen des Schreibens zeigen, waren da‐ gegen von geringerem Interesse. Und nur am Rande wurde nach positiven Entwicklungen gefragt, denn die Schreibkompetenz hat sich ja keineswegs auf allen untersuchten Ebenen verschlechtert! Die Texte der Viertklässler sind im Untersuchungszeitraum länger geworden, sie sind auch anregender und kreativer geschrieben, es gibt weniger Kohärenzbrüche und der Wortschatz hat 134 Wolfgang Steinig <?page no="135"?> sich erweitert. Diese positiven Entwicklungen waren allerdings nur bei Kindern aus der Mittelschicht zu beobachten. Zehn Jahre später, im Jahr 2012, gingen wir mit unserem Film erneut an dieselben Grundschulen in Dortmund und Recklinghausen. Zusätzlich wurden weitere Grundschulen einbezogen, um die Stichprobe zu vergrößern, so dass wir in unserer Nachfolgestudie auf 437 Texte kamen. Zum Forschungsdesign unserer diachronen Schreibstudie, die sich über 40 Jahre erstreckte, hier eine Grafik (aus Steinig/ Betzel 2014: 358): 29.05.2013 Schreibsprachwandel in der Grundschule 1 Textgestaltung Wortschatz Orthographie Grammatik Schriftbild Film als Schreibimpuls (2,10 Min.) Mehrsprachigkeit soziale Schicht Schulempfehlung Geschlecht 2012 N = 437 2002 N = 276 1972 N = 254 1982 1992 sprachliche Untersuchungsebenen M e r k m a l e d e r S t i c h p r o b e Generell lässt sich sagen, dass sich die schriftsprachliche Entwicklung der Viertklässler im östlichen Ruhrgebiet seit 2002 in ähnlicher Richtung fortgesetzt hat. Die Zunahme der Rechtschreibfehler hat sich in diesen zehn Jahren sogar noch beschleunigt, so dass sich die Frage stellt, inwieweit sich dieser Trend zunehmender Fehlschreibungen noch fortsetzen wird. Weitere diachrone Unter‐ suchungen wären notwendig, um die Entwicklung der Rechtschreibkompetenz nicht nur im Ruhrgebiet, sondern in allen Bundesländern weiter zu verfolgen, denn seit den PISA- und Iglu-Studien sowie den Studien des IQB wissen wir, dass es erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern gibt. Rechtschreibtests sind dafür aber weniger geeignet als Schreibstudien, in denen die Schülerinnen und Schüler ihre Aufmerksamkeit nicht primär auf die Rechtschreibung richten, sondern auf inhaltliche Aspekte des Schreibens, die Textgestaltung und den Stil. Aus soziolinguistischer Sicht möchte man wissen, Soziolinguistische Studien im pädagogischen Feld 135 <?page no="136"?> wie viele und welche Rechtschreibfehler Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus in privaten und öffentlichen Schreibkontexten auf Papier oder digital machen, und nicht, wie man in einem Rechtschreibtest abschneidet, der keiner natürlichen Schreibsituation entspricht. Mit den neuen Daten haben wir den Zusammenhang zwischen Wortschatz‐ leistung und Rechtschreibleistung untersucht (vgl. Betzel/ Steinig 2016). Je höher die Wortschatzleistung, die wir mit den Variablen Umfang des aktiven Wortschatzes und Vielfalt des Textwortschatzes erfasst haben, desto häufiger finden sich orthografisch korrekte Wortformen in den Texten. Umgekehrt gilt: Je kleiner und eingeschränkter (restringierter) der Wortschatz ist, desto mehr Rechtschreibfehler treten auf. Über 70% aller Kinder mit dieser ungünstigen Kombination, die wir überwiegend der unteren sozialen Schicht zuordnen konnten, hatten eine Hauptschulempfehlung bekommen. 4 Kurz vor meiner Emeritierung an der Universität Siegen reizte es mich, in einer bundesweiten Studie einer soziolinguistischen Frage nachzugehen, die zugleich von pädagogischer Relevanz ist, nämlich der Frage, ob Grundschülerinnen und Grundschüler ihre Lehrkraft duzen oder siezen. Ich hatte die Vermutung, dass dieses pragmalinguistische Merkmal, das bisher von der Forschung ver‐ nachlässigt wurde und auch in keiner Einführung in die Grundschulpädagogik erwähnt wird, ein Indiz für unterschiedliche kulturelle Orientierungen und Erziehungsstile an Grundschulen sein könnte. Auch hier also das soziolinguis‐ tische Motiv, mit kriminalistischem Spürsinn anhand eines minimalen sprach‐ lichen Merkmals kommunikative und gesellschaftspolitische Zusammenhänge aufzudecken. An meinen Arbeitsorten München, Reutlingen, Heidelberg und Siegen habe ich im Rahmen meiner Lehrerausbildung viel Unterricht beobachten können, wobei mir aufgefallen ist, dass es von Bundesland zu Bundesland, von Schule zu Schule und von Klassenstufe zu Klassenstufe Unterschiede im Anredeverhalten gibt. Während es bis Ende der 1970er Jahre noch üblich war, dass man seine Lehrerin/ seinen Lehrer gleich zu Beginn der Schulzeit siezte, wurde es ab den 1980er Jahren an Grundschulen, vor allem in den ersten Klassen, zunehmend üblich, die Lehrkraft zu duzen und teilweise sogar mit dem Vornamen anzuspre‐ chen. Um ein repräsentatives Ergebnis zum Anredeverhalten an Grundschulen in Deutschland zu bekommen, habe ich im Frühjahr 2015 an jeweils zwei zufällig ausgewählte Grundschulen, die in einem der 299 Wahlkreise liegen, 136 Wolfgang Steinig <?page no="137"?> in die das Bundesgebiet eingeteilt ist, einen Fragebogen verschickt, um den Anteil der Kinder zu ermitteln, die ihre Lehrkraft in den ersten vier Klassen mit „Du“ anreden. Insgesamt kamen 344 beantwortete Fragebögen zurück, was einer Rücklaufquote von 61% entspricht. Eine Clusteranalyse der Angaben zum Anredeverhalten ergab vier unterschiedliche Verlaufsmuster: 1. konstant hohe Duz-Raten von der ersten Klasse mit 99% bis zur vierten Klasse mit 84%; 2. starker Rückgang der Duz-Raten mit deutlichen Sprüngen von der ersten mit 84%, zweiten mit 58%, dritten mit 21% bis zur vierten Klasse mit 9%; 3. moderater, kontinuierlicher Rückgang der Duz-Raten von 95% auf 25%; 4. dauerhaft niedrige Duz-Raten mit 20% in der ersten Klasse bis nur noch 2% in der vierten Klasse. Im Vergleich der Bundesländer zeigen sich deutliche Unterschiede in diesen Entwicklungsmustern. In Hamburg duzten noch 93% der Kinder in der vierten Klasse ihre Lehrerin, in Hessen 71%, in Rheinland-Pfalz 44%, in Bayern 40%, in Thüringen 15% und in Sachsen-Anhalt 4%. Spiegel-online hat dazu eine interaktive Karte ins Netz gestellt, auf der für jedes Bundesland die jeweiligen Ergebnisse von der ersten bis zur vierten Klasse abgerufen werden können. Die Unterschiede im Anredeverhalten deuten auf regional unterschiedliche Kommunikationsverhältnisse in unseren Grundschulen hin, denn die Anrede der Lehrkraft ist weit mehr als Höflichkeit. Die Kommunikation auf der Du-Ebene ist informeller, umgangssprachlicher, weniger geplant, lockerer und drückt Nähe zum Gesprächspartner aus. Auf der Sie-Ebene kommuniziert man gewählter, elaborierter, bildungssprachlicher und distanzierter. Wer in der Schule gegen die gesellschaftlich immer noch weit verbreitete Anredekonvention verstößt, dass Kinder Erwachsene, mit denen sie weder verwandt noch befreundet sind, siezen sollen, nimmt möglicherweise auch die schriftliche Konvention, sich an die Normen der Rechtschreibung zu halten, weniger ernst. Um diese Vermutung zu überprüfen, haben wir die Grundschul‐ lehrkräfte gefragt: Wie hoch ist ungefähr der prozentuale Anteil von Phasen im Schreibunterricht, in denen es auf den Inhalt des Geschriebenen ankommt und die Rechtschreibung nicht beachtet werden muss? Für jedes der ersten vier Schulhalbjahre erhielten wir so für jede der befragten Schulen Prozentwerte, die wir mit den Duzquoten der ersten vier Schuljahre vergleichen konnten. Die statistische Auswertung ergab, dass vor allem hohe Duzquoten im dritten und vierten Schuljahr hochsignifikant mit den Anteilen Soziolinguistische Studien im pädagogischen Feld 137 <?page no="138"?> des freien Schreibens, bei dem die Rechtschreibung nicht beachtet werden muss, zusammenhängen. Umgekehrt mussten Kinder in Schulen mit durchgängig niedrigen Duzanteilen beim Schreiben in hohem Maße auf die Rechtschreibung achten (vgl. Steinig 2017: 77ff.). Anredeverhalten und Rechtschreibung hängen also eng zusammen, denn beide stehen für sprachliche Konventionen im kom‐ munikativen Miteinander: einerseits in der Mündlichkeit, andererseits in der Schriftlichkeit. Wer sich als Lehrkraft darum bemüht, den Schülerinnen und Schülern Konventionen der Höflichkeit und des Respekts in der mündlichen Kommunikation zu vermitteln, wird ihnen auch so früh wie möglich die korrekte Schreibung von Wörtern beibringen wollen und nicht lange zulassen, dass sie Wörter nach ihrem Höreindruck phonetisch schreiben, also z. B. <Vater> als *<fata>, denn Rechtschreibkonventionen erleichtern nicht nur das Lesen, sondern sind auch Ausdruck des Respekts gegenüber dem Leser. In einem nächsten Schritt wollte ich der Frage nachgehen, ob sich Schulen, in denen die Rechtschreibung und die Sie-Anrede stärker betont werden, in ihrem Selbstverständnis von Schulen unterscheiden, in denen die Lehrkraft bis zur 4. Klasse vorwiegend geduzt wird und öfter phonetisch geschrieben werden darf. Dazu habe ich die im Internet veröffentlichten Leitbilder von 12 Schulen analysiert, die idealtypisch für diese beiden Ausprägungen stehen können. Die Analyse der von den Schulen formulierten Leitbilder führte im Ergebnis zu zwei deutlich unterscheidbaren Schulkulturen: i-Schulen und f-Schulen, die sich wie folgt charakterisieren lassen: • i-Schulen mit einer informellen Gesprächskultur, in der die Lehrkräfte überwiegend geduzt werden und die Rechtschreibung einen geringeren Stellenwert hat, betonen in ihrem Leitbild, dass die Kinder mit ihren Be‐ dürfnissen im Mittelpunkt stehen. Sie sollen sich in der Schule wohlfühlen, ihre Individualität entfalten und ihre Kreativität ausleben können. Ein schülerorientierter Unterricht mit Gruppen- und Freiarbeit sowie Projekten wird betont. • f-Schulen mit förmlicher Gesprächskultur, frühem Übergang zur Sie-An‐ rede und frühem Rechtschreibunterricht legen Wert auf gegenseitigen Respekt, Höflichkeit, Ordnung und Pünktlichkeit. Die gesellschaftlichen Anforderungen und Erwartungen der Schule an die Kinder werden betont. Die didaktischen Ziele der Bildungspläne sollen zuverlässig erreicht und die Kinder kompetent auf den Übergang in die weiterführende Schule vorbereitet werden. Pointiert kann man die i-Schulen als gegenwartsorientiert und die f-Schulen als zukunftsorientiert bezeichnen. In den i-Schulen geht es vor allem um die 138 Wolfgang Steinig <?page no="139"?> Bedürfnisse der Kinder im Hier und Jetzt des Schulalltags, in den f-Schulen um den zukünftigen schulischen und außerschulischen Erfolg der Kinder. Da die Grundschulen jeweils einem der 299 Wahlkreise der Bundestagswahl 2013 zugeordnet werden konnten, war es möglich, der Frage nachzugehen, ob das Anredeverhalten, der Umgang mit der Rechtschreibung und die Schulkultur mit parteipolitischen Orientierungen zusammenhängen. Einen ersten Hinweis darauf, dass Anredepräferenzen mit der Einstellung zu einer bestimmten po‐ litischen Partei zusammenhängen, lieferte eine repräsentative Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 1984. Auf die Frage, ob man damit einverstanden sei, dass immer häufiger und schneller geduzt werde, begrüßten rund 90 Prozent der GRÜNEN-Wähler diese Entwicklung, aber nur 50 Prozent der CDU- und 40 Prozent der FDP-Wähler. Um den Zusammenhang zwischen der politischen Orientierung, dem Anre‐ deverhalten und dem Umgang mit der Rechtschreibung an den ausgewählten Grundschulen zu ermitteln, hätte ich die Lehrkräfte zwar direkt nach ihrer Parteipräferenz fragen können. Dies wäre aber zu Recht als Eingriff in die Privatsphäre empfunden worden und die Fragebögen wären im Papierkorb gelandet. Daher habe ich diese parteipolitische Hypothese anhand der Zweit‐ stimmen bei der letzten Bundestagswahl in den jeweiligen Wahlkreisen, in denen die Schulen liegen, überprüft. Jede Grundschule ist zwar ein Mikrokosmos mit ihren Lehrerinnen und Lehrern und ihren Schülerinnen und Schülern, sie hat aber auch Beziehungen zur Elternschaft, zur Gemeinde als Schulträger, zum Landkreis mit seinen Schulämtern und zum Land, das mit seinen Bildungsplänen für die Schulpolitik verantwortlich ist. Es erschien mir daher plausibel, die Zweitstimmenergebnisse der Wahlkreise bei der vorausgegangenen Bundes‐ tagswahl auf das Anredeverhalten und den Umgang mit der Rechtschreibung zu beziehen, da die pädagogischen und kommunikativen Verhältnisse an einer Schule mit der in einem Wahlkreis vorherrschenden politischen Orientierung zusammenhängen. Tatsächlich hat die statistische Analyse eindeutige Zusammenhänge ergeben. In Wahlkreisen, in denen SPD und GRÜNE überdurchschnittlich gut abschnit‐ ten, wurden die Grundschullehrkräfte häufiger geduzt und die Rechtschreibung spielte eine geringere Rolle, während in Wahlkreisen, in denen CDU und CSU gut abschnitten, die Sie-Anrede häufiger und die Rechtschreibung beim Schrei‐ ben eine größere Rolle spielte. Überraschenderweise war diese ‚konservative‘ Tendenz in Wahlkreisen mit einer starken LINKEN noch ausgeprägter. Als Nachfolgepartei der SED stand die Partei der LINKEN auch im Jahr 2015 noch in der Tradition der autoritär geprägten DDR, zumindest was ihre schulkulturellen Vorstellungen betrifft, die sich anhand ihres Parteiprogramms Soziolinguistische Studien im pädagogischen Feld 139 <?page no="140"?> bestätigen lassen. Dort setzt man auf eine effiziente Umsetzung der Bildungs‐ pläne, auf Bildungserfolg, Leistungsstandards und einen klar strukturierten Unterricht, ähnlich wie im Parteiprogramm der CSU, das zudem die Bedeutung von Heimat, Brauchtum, Teamfähigkeit und Höflichkeit, Fleiß und Disziplin für die bayerische Schulkultur betont. Das Parteiprogramm der GRÜNEN betont dagegen die Bedürfnisse der Kinder, an denen sich eine moderne Schule orientieren müsse. Entwicklung, Förderung, Persönlichkeit, Motivation und Freunde sind die Fahnenwörter, die in den Leitbildern der Grundschulen aus den Wahlkreisen zu finden sind, in denen die GRÜNEN bei der Bundestagswahl 2002 überdurchschnittlich gut abgeschnitten haben. Bei der SPD finden sich ähnliche, aber weniger eindeutige Formulierungen. Das Anredeverhalten im Unterricht ist ein Symptom unterschiedlicher Schul‐ kulturen, die sich regional stark unterscheiden: informelle Nahkulturen mit hohen Duzanteilen und formelle Distanzkulturen, in denen die Sie-Anrede dominiert. Neben der regionalen Differenzierung gibt es auch diachrone Ver‐ änderungen. Die Art und Weise, wie Wissen pädagogisch vermittelt wird, hat sich seit den 1960er Jahren stark verändert. Bei der Interpretation meiner Daten bin ich auf Basil Bernstein zurückgekommen, der 1990 eine Theorie des pädagogischen Diskurses veröffentlicht hat, mit der sich die Prozesse der Wissensvermittlung in der Schule in ihren unterschiedlichen Ausprägungen konzeptionell erklären lassen - eine Theorie, die in Deutschland leider fast völlig unbeachtet geblieben ist. 5 Die zunehmende Vielfalt der Gesellschaft mit ihren sozial differenzierten ein- und mehrsprachigen Milieus, die sich mündlich und schriftlich, privat und öffentlich, in Unternehmen, Institutionen, Vereinen und im Internet artikulie‐ ren, schreit geradezu nach soziolinguistischer Forschung. Leider gibt es kaum noch Professuren, die dieses Fach vertreten, aber es gibt noch viele Fragen, die empirisch beantwortet werden könnten. Zum Beispiel: Wer gendert in welchen Situationen schriftlich und/ oder mündlich? Wer spricht von Lehrer: innen, wer von Lehrern, Lehrpersonen oder Lehrenden? Und wer artikuliert Lehrer: innen mit einem Glottisschlag vor der Endung <innen>? Welche politische Haltung wird damit bewusst oder unbewusst signalisiert? Werden neben gesellschaft‐ lich akzeptierten Gruppen oder Berufen wie Sänger: innen oder Bäcker: innen auch stigmatisierte Gruppen wie Dieb: innen und Dealer: innen gegendert? Zur 140 Wolfgang Steinig <?page no="141"?> Beantwortung dieser Fragen müsste die Genderforschung vom Kopf auf ihre soziolinguistischen Füße gestellt werden. Spannend fände ich auch, die Untersuchungen von James Pennebaker (2013) zum Zusammenhang von Wortgebrauch und Persönlichkeit von der indivi‐ dualpsychologischen Ebene auf sozialpsychologische und soziolinguistische Fragestellungen zu übertragen. Er konnte zeigen, dass die gebräuchlichsten Funktionswörter, die sich der bewussten Kontrolle beim Sprechen entziehen, Aufschluss über die Denkweise von Menschen geben. Seine Analyse von Col‐ lege-Aufsätzen amerikanischer Studienanfänger korrelierte mit deren späterem akademischen Erfolg (vgl. Pennebaker u. a. 2014). Basil Bernstein vermutete bereits 1962, dass die Verwendung bestimmter Pronomen wie I, we, you, they etc. auf einen schichtspezifischen Sprachgebrauch hinweist. Seine Vermutung ließe sich heute mit den von Pennebaker entwickelten oder anderen computer‐ gestützten korpusbasierten Analysen überprüfen (vgl. Bubenhofer 2009). Schließlich halte ich es aus pädagogischer Sicht für dringend erforderlich, dass Lehramtsstudierende in ihrer Ausbildung und Lehrkräfte in Fortbildungen lernen, wie subtil das Sprachverhalten ihrer Schülerinnen und Schüler ihre Einschätzungen und Bewertungen beeinflusst, und zwar auf allen kommunika‐ tiven Ebenen: der Aussprache, der Syntax, der Semantik und der Pragmatik. Die sozial differenzierte Eltern-Kind-Kommunikation in den Familien mit und ohne Migrationsgeschichte steht in einem komplexen Wechselverhältnis zur Lehrer- Schüler-Kommunikation, die sich wiederum zwischen eher informellen oder formellen Schulkulturen bewegt (vgl. Steinig 2016). Rückblickend muss ich sagen, dass ich in über 50 Jahren Forschung nie meinen kriminologischen Blick und meinen gesellschaftspolitischen Idealismus verloren habe. Soziolinguistische Empirie und Theorie waren für mich eine notwendige Voraussetzung, um Chancengerechtigkeit im Bildungssystem zu ermöglichen und sozial, kulturell und sprachlich benachteiligte Schülerinnen und Schüler auf einen didaktisch erfolgreichen Weg zu bringen. Literatur Ammon, Ulrich (1972). Dialekt, soziale Ungleichheit und Schule. Weinheim: Beltz. Bausinger, Herrmann (1972). Deutsch für Deutsche. Dialekte, Sprachbarrieren, Sonders‐ prachen. Frankfurt a. M.: Fischer. Berstein, Basil (1962). 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Aufgrund ihrer Gebundenheit an eine regionale Nonstandardvarietät konnten sie dem gesellschaftlich erwarteten Gebrauch der Standardvarietät in Schule und Öffent‐ lichkeit nicht gerecht werden, litten in vielen Fällen unter Schulschwierigkeiten und wurden sozial stigmatisiert. Später wurde deutlich, dass auch andere sprachliche Konstellationen mit dominanten und nicht-dominanten Sprachen oder Varietäten einen ähnlichen Effekt haben können. Beispiele für solche Konstellationen sind Gegenstand des vorliegenden Beitrags. Zunächst werden intralinguale Sprachbarrieren vorgestellt, die zwischen Varietäten ein und derselben Sprache bestehen. Dabei kann die Benachteiligung der Sprecher: innen auf einem Prestigefälle zwischen Standard und Nonstandard beruhen oder auf dem Gebrauch der nicht-dominanten Standardvarietäten Ös‐ terreichs oder der Schweiz statt des dominanten deutschländischen Standards. Bei der interlingualen Sprachbarriere entstehen kommunikative und darüber‐ <?page no="146"?> hinausgehende Nachteile durch den Gebrauch von nicht-dominanten Sprachen (dazu zählen alle außer Englisch) in der internationalen Kommunikation. 2 Dialekt und Regiolekt als Sprachbarrieren Inspiriert durch Basil Bernsteins Code-Theorie aus den 1950er Jahren wurden im deutschsprachigen Raum zahlreiche Untersuchungen zum schichtenspezi‐ fischen Sprachgebrauch durchgeführt. Doch erkannte man schnell, dass Bern‐ steins Befunde vom Gebrauch des restringierten Codes in der Arbeiterschicht und des elaborierten Codes in der Mittelschicht (vgl. Bernstein 1971) nicht ohne weiteres auf die eigene sprachliche Realität übertragbar waren, da hier (anders als in Großbritannien) Dialekte eine sehr viel größere Rolle spielten. Zwar wurde auch hier restringierter Code bei sozial benachteiligten Gruppen nachgewiesen (vgl. Oevermann 1970: 114), doch stellte Ammon (1972) fest, dass auch örtliche Mundarten zu Schulproblemen und sozialer Stigmatisierung führen konnten. Schwäbisch sprechende Grundschulkinder mit unsicheren Kenntnissen der Standardvarietät ließen Merkmale des Nonstandards in ihre Deutschaufsätze einfließen und machten dadurch mehr Fehler als andere Kin‐ der, was dazu führte, dass sie seltener für das Gymnasium empfohlen wurden. Die dialektbedingten Fehler und damit einhergehende Schulschwierigkeiten beruhten auf Umsetzungsschwierigkeiten beim Wechsel von der dialektalen Ausgangsvarietät in die Standardvarietät, die in der Schule als Bildungssprache verlangt wurde (und immer noch verlangt wird). Die Differenzen zwischen den beiden Systemen auf phonologischer, morphologischer und syntaktischer Ebene erwiesen sich als gefährliche Fehlerquellen. Ammon (1972: 132-136) nannte weitere, darüber hinausgehende Faktoren, die sich negativ auf die Schullaufbahn von Dialekt sprechenden Kindern aus‐ wirkten, die die Standardvarietät nicht sicher beherrschten. Die Umsetzungs‐ schwierigkeiten führten zu einem geringeren Arbeitstempo, da sie länger über Sprachliches nachdenken mussten und womöglich nicht alle Aufgaben in der vorgegebenen Zeit bewältigen konnten. Ferner waren die Betroffenen bei der mündlichen Beteiligung am Unterricht zurückhaltender als andere Kinder, was auf ein gewisses sprachliches Minderwertigkeitsgefühl zurückgeführt wurde. Schließlich stellte Ammon (1975: 101) fest, dass Lehrkräfte den Dialektspre‐ cher: innen häufig nur eine weniger qualifizierte Schullaufbahn zutrauten und sie daher seltener für das Gymnasium empfahlen als Standardsprecher: innen. Damit wurde die spätere Berufswahl der Kinder schon beim Wechsel von der Grundzur weiterführenden Schule stark eingeschränkt. Die negativen Progno‐ sen basierten allerdings nicht auf objektiv messbaren kognitiven Defiziten der 146 Birte Kellermeier-Rehbein <?page no="147"?> 1 Z. B. Ammon/ Loewer (1977) Schwäbisch; Niebaum (1977) Westfälisch. Schüler: innen, sondern waren häufig Folge weit verbreiteter Vorurteile, die dialektsprechenden Personen Eigenschaften wie geringe Intelligenz, mangelnde Bildung, wenig Leistungsbereitschaft und Zugehörigkeit zur sozialen Unter‐ schicht zuschrieben. Diese Vorurteile wurden häufig durch den Sprachgebrauch der Kinder getriggert (vgl. Kellermeier-Rehbein 2017: 21). Ammon (1975: 102) stellte darüber hinaus fest, dass diese Vorurteile nicht nur von anderen geteilt wurden, sondern dass die Betroffenen sich sogar selbst als weniger intelligent und leistungsfähig einschätzten. In der Folge entstanden vor allem in den 1970er-Jahren zahlreiche wei‐ tere Untersuchungen (z. B. Hasselberg 1976, Henn 1978), die speziell auf den deutschsprachigen Raum und seine Dialekteinflüsse zugeschnitten waren und die weitgehend übereinstimmend die These vom Dialekt als Sprachbarriere formulierten. Der Terminus Sprachbarriere steht für Kommunikationsprobleme bzw. -störungen, die auf mangelnde Kompetenzen in der für die Kommunikation gewählten oder erforderlichen Varietät oder Sprache zurückzuführen sind, und zu schulischer, beruflicher und/ oder sozialer Benachteiligung führen (vgl. Kellermeier-Rehbein 2017: 16; Ammon/ Kellermeier 1997: 26). Betroffen sind vor allem Personen, die durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe an den Gebrauch einer (häufig stigmatisierten) Varietät oder Sprache gebunden sind. Aufgrund mangelnder sprachlicher Bildung beherrschen sie das für die gesellschaftlich akzeptierte Kommunikation erforderliche, prestigeträch‐ tige Sprachsystem nicht oder nicht ausreichend. Wie durch eine Barriere werden die Betroffenen aus bestimmten gesellschaftlich angesehenen Positionen oder gehobenen beruflichen Tätigkeiten ausgeschlossen. Um das Problem der dialektbedingten Sprachbarriere zu entschärfen, wurden didaktische Materialien für einzelne Dialektgebiete entwickelt, die die spezifi‐ schen Umsetzungsprobleme aufgreifen sollten. In der Reihe Dialekt/ Hochsprache - kontrastiv: Sprachhefte für den Unterricht (hrsg. von Besch/ Löffler/ Reich 1976-1981) erschienen insgesamt acht Bände zu verschiedenen Dialekten. 1 Sie sollten Lehrkräfte befähigen, betroffene Kinder gezielt zu fördern. Nach einer allgemeinen Einführung in das Thema wurde jeweils ein Dialekt kontrastiv zur Standardvarietät (Hochsprache) in Phonetik/ Phonologie, Morphologie, Syn‐ tax, Lexik und Semantik dargestellt, typische Fehlerquellen aufgezeigt und Übungsmöglichkeiten vorgeschlagen (vgl. dazu auch Henn-Memmesheimer, in diesem Band). Niebaum (1977: 7) beklagte, dass Sprachbücher für den Deutsch‐ unterricht die „regionale […] Ausgangssprache der Schüler beim Erlernen der Hochsprache“ nicht berücksichtigten, sondern stattdessen von einem einheit‐ Sprache und soziale Ungleichheit 147 <?page no="148"?> lichen Sprachgebrauch ausgingen, der so in der Sprachrealität oftmals nicht gegeben war. Daher wurde die Forderung aufgestellt, „die Ausgangssprache der Kinder“ bei der Heranführung an einen „angemessenen Gebrauch der Hoch‐ sprache“ zu berücksichtigen (Niebaum 1977: 13), was einer Vorwegnahme der heutigen Devise „Jedes Kind dort abholen, wo es steht! “ gleichkommt. Die Reihe der „kontrastiven Hefte“ wurde später eingestellt und didaktische Interessen verlagerten sich auf andere Themengebiete, was jedoch nicht bedeutet, dass nonstandardbedingte Schulschwierigkeiten nicht mehr existierten. Die o. g. Studien der 1970er Jahre fanden überwiegend in ausgesprochenen Dialektregionen wie z. B. Baden-Württemberg statt, weil man Sprachbarrieren vor allem dort vermutete, wo sich die Nonstandardvarietäten strukturell stark von der Standardvarietät unterschieden und damit die Fehlergefahr besonders groß war. Untersuchungen zum Barrierencharakter von Regiolekten (vgl. Stei‐ nig, in diesem Band) waren eher selten, was wohl der Tatsache geschuldet ist, dass sie strukturell der Standardvarietät sehr viel ähnlicher sind als Dialekte und daher weniger Schwierigkeiten erwarten ließen. 1996 führte ich eine kleine stichprobenartige Untersuchung an einer Duisburger Grundschule durch, um zu ermitteln, ob auch der Regiolekt Ruhrdeutsch als Sprachbarriere zu schulischer Benachteiligung und sozialer Stigmatisierung führen konnte (vgl. Kellermeier 1998, 2000). Anhand einer Analyse von Schulaufsätzen von Viertklässlern stellte sich heraus, dass ruhrdeutschsprechende Kinder im Durchschnitt rund doppelt so viele Fehler machten wie ihre standardsprechenden Mitschüler: innen. Er‐ gänzend wurde erhoben, für welchen weiterführenden Schultyp die Kinder empfohlen wurden: Über drei Viertel der Standardsprecher: innen bekamen eine Gymnasialempfehlung und keinem wurde der Besuch einer Hauptschule angeraten. Die ruhrdeutschsprechenden Kinder wurden dagegen zu ungefähr gleichen Anteilen für die Schulformen Haupt-, Real- und Gesamtschule sowie Gymnasium empfohlen. Ein Vergleich der Fehlerzahlen bei regiolekt- und standardsprechenden Kindern, die für das Gymnasium empfohlen wurden, ergab, dass erstere durchschnittlich weniger Fehler (ca. sieben) machten als letztere, auf deren Konto knapp zehn Abweichungen gingen. Die Standardspre‐ cher: innen durften sich also mehr Fehler erlauben und wurden trotzdem für das Gymnasium empfohlen, während die Regiolektsprecher: innen ihre Fähigkeiten besonders unter Beweis stellen mussten, indem sie besser als die Standardspre‐ cher: innen waren. Hier drängt sich die Vermutung auf, dass die Prognosen für die Schulkarrieren nicht ausschließlich auf den objektiven Leistungen der Kinder beruhten, sondern auch den negativen Attitüden der Lehrkräfte bzgl. der Ruhrdeutschsprecher: innen geschuldet waren. 148 Birte Kellermeier-Rehbein <?page no="149"?> Im Laufe der Zeit kam die Forschung zu Sprachbarrieren praktisch ganz zum Erliegen, wohl auch deshalb, weil die dialektbedingten Fehler durch an‐ dere, schwerwiegendere sprachliche Einflüsse in den Schatten gestellt wurden. Hier ist v. a. die Rede von zugewanderten Kindern und ihren mangelnden Deutschkompetenzen im schulischen Kontext. Als in den 1960er Jahren die Arbeitsmigration nach Deutschland begann, ging man noch davon aus, dass die sogenannten „Gastarbeiter“ nach einigen Jahren der Erwerbstätigkeit wieder in ihre Heimatländer zurückkehren würden. Es schien daher nicht erforderlich, ihnen angemessene Deutschkenntnisse zu vermitteln. Wider Erwarten erfolgte jedoch in den 1970er Jahren ein verstärkter Familiennachzug, wodurch viele Kinder ohne ausreichende Deutschkompetenzen eingeschult wurden. Auch nachfolgende Generationen mit Migrationshintergrund litten häufig, wenn auch in abgeschwächter Form, unter eingeschränkten Sprachkompetenzen, die zu Schulschwierigkeiten, geringeren Berufschancen und sozialer Stigmatisie‐ rung führen konnten. Um dem entgegenzuwirken, versuchte man zunächst, die Zugewanderten zur Aufgabe ihrer Herkunftssprachen und damit zu einer möglichst weitreichenden sprachlichen Assimilation zu drängen. Inzwischen gilt die jeweilige Erstsprache als Grundlage des Denkens und Verstehens (vgl. Riehl 2014: 78f.) und sollte dementsprechend gepflegt werden. Ob dies jedoch angesichts der großen Anzahl an Muttersprachen möglich ist, sei dahingestellt. Die Problematik besteht jedoch weiterhin, wie die PISA-Studie von 2018 mit dem Schwerpunkt „Lesekompetenz“ ergab: Jugendliche mit Zuwanderungsge‐ schichte weisen geringere Lesefähigkeiten auf als Schüler: innen ohne Zuwan‐ derungsgeschichte (vgl. Reiss et al. 2019: 149). Rund 25 Jahre nach dem Boom der Forschung zu dialektbedingten Sprach‐ barrieren verfassten Ammon und ich (1997) eine kleine Schrift mit einem - leider vergeblichen - Wiederbelebungsversuch. Die Motivation dazu lag insbesondere in der Überzeugung, dass die durch Nonstandardvarietäten bedingten Unsi‐ cherheiten im Gebrauch der Standardvarietät als Bildungssprache keinesfalls verschwunden waren und weitere Forschungen zu diesem Thema durchaus sinnvoll wären. Diese Auffassung ist auch heute, also weitere 27 Jahre später, nicht von der Hand zu weisen. Zum einen wird formelle Kommunikation, die bislang an den Gebrauch der Standardvarietät gebunden war, zunehmend umgangssprachlicher. Häufig ist in diesem Zusammenhang die Rede von „De‐ standardisierung des Standards“ oder umgekehrt „Standardisierung des Non‐ standards“, womit eine Annäherung des Standards an den Nonstandard bzw. eine zunehmende Verwendung und Akzeptanz von Nonstandardmerkmalen gemeint ist (vgl. für Norddeutschland Elmentaler 2008, für Südwestdeutschland Spiekermann 2005). Zwar werden dabei einige, aber nicht alle Nonstandard‐ Sprache und soziale Ungleichheit 149 <?page no="150"?> merkmale in formellen Kontexten akzeptiert. Der Gebrauch von unzulässigen Merkmalen ist also keinesfalls ausgeschlossen und kann im Schulaufsatz sank‐ tioniert werden. Zum anderen ist zu beobachten, dass orthographische und grammatische Leistungen insgesamt, also auch bei Standardsprecher: innen, häufig zu wün‐ schen übriglassen. Selbst Schulabgänger: innen mit Hochschulreife weisen nicht selten Schwächen in Lesekompetenz, Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik auf, wie weitläufig beklagt wird. Als mögliche Ursache für diese Ent‐ wicklung wird dabei immer wieder „soziale Chancenungleichheit“ genannt. So hieß es bei Tagesschau.de vom 4.5.2021: „Lesekompetenz abhängig vom sozialen Hintergrund“. Ähnliches wurde bezüglich der IGLU-Bildungsstudie festgestellt: „Tatsächlich ist das deutsche Bildungssystem bis jetzt sozial undurchlässig. Kinder aus weniger gebildeten oder eben armen Familien haben schlechtere Chancen in der Schule.“ (Tagesschau.de 16.5.2023). Der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Schulerfolg wird also durchaus gesehen, aber nur bei Zugewanderten wird die Ursache im familiären Sprachgebrauch vermutet. Bei Muttersprachler: innen wird der Gebrauch von Nonstandardvarietäten bzw. mangelhafte sprachliche Sozialisation in der Standardvarietät in der Regel nicht als mögliche Ursache für Schulschwierigkeiten angenommen. 3 Standardvariation Ein weiterer Fall von sprachlich bedingter Benachteiligung beruht ebenfalls auf einem Prestigegefälle zwischen Varietäten einer Sprache. Allerdings geht es hier nicht wie im vorigen Kapitel um Varietäten verschiedener Normebenen (Stan‐ dard vs. Nonstandard), sondern um verschiedene Standardvarietäten, die zwar aus linguistischer Sicht strukturell gleichwertig sind, aber eine unterschiedliche Wertschätzung erfahren. Die Benachteiligung der Sprecher: innen erfolgt in diesem Fall aufgrund der Verwendung der „falschen“ Standardvarietät. Ammon legte 1995 sein umfassendes Grundlagenwerk zur Theorie der Stan‐ dardvariation (Plurizentrik) des Deutschen vor. Darin erläuterte er - mangels einer allgemein akzeptierten Definition - wesentliche Merkmale der Standard‐ varietät, beschrieb das Netz sozialer Gruppen, die den sprachlichen Standard für das Deutsche festlegen, und machte die Schwierigkeiten der Abgrenzung vom Nonstandard deutlich (Ammon 1995: 73-88; vgl. auch Kellermeier-Rehbein 2013). Er beschrieb die nationalen Standardvarietäten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz strukturell, zeigte ihre historische Entwicklung auf und ordnete sie soziolinguistisch ein. Ferner entwickelte er die entsprechende Terminologie, der zufolge Deutsch (wie viele andere Sprachen auch) zu den sogenannten 150 Birte Kellermeier-Rehbein <?page no="151"?> 2 A = Österreich, CH = Schweiz, D = Deutschland, gmd. = gemeindeutsch plurizentrischen Sprachen gehört. Diese sind nationale oder regionale Amts‐ sprache in mehr als einem Staat und umfassen verschiedene (nationale) Stan‐ dardvarietäten. Der Terminus plurizentrisch leitet sich von (Sprach)Zentrum ab, womit Staaten, Nationen oder Sprechergemeinschaften mit einer eigenen Standardvarietät bezeichnet werden (Ammon 1995: 95-100). Deutsch umfasst drei Vollzentren mit je eigenen Sprachkodizes (Deutschland, Österreich und die deutschsprachige Schweiz), Halbzentren ohne eigene Nachschlagewerke (Ostbelgien, Luxemburg, Liechtenstein, Südtirol) und als Grenzfälle die soge‐ nannten Viertelzentren (Namibia, Rumänien und Mennonitengruppen), in denen Deutsch zwar keinen Amtssprachenstatus hat, die aber dennoch über eine eigene Standardvarietät des Deutschen verfügen. Deutsches und österreichisches Standarddeutsch sowie Schweizerhoch‐ deutsch sind in den jeweiligen Staaten die sprachliche Norm, sie werden für formelle und öffentliche Kommunikation verwendet und dienen in der Schule als Vermittlungs- und Bildungssprache. Aufgrund ihrer großen Ähnlichkeit sind sie ohne weiteres gegenseitig verständlich, dennoch unterschieden sie sich durch einzelne sprachliche Merkmale (Varianten). Standardvarianten des österreichischen Deutsch werden als Austriazismen bezeichnet, solche aus der Deutschschweiz oder aus Deutschland als Helvetismen bzw. Teutonismen. Die Unterschiede in der Lautung sind so markant, so dass man die nationale Zugehörigkeit der Sprecher: innen allein an ihrer Aussprache erkennen kann. Ebenfalls auffällig sind Wortschatzunterschiede (z. B. Abitur (D) 2 vs. Matura (A CH); Autocar (CH) vs. Reisebus (A D); Karfiol (A) vs. Blumenkohl (CH D). Varianten der Grammatik, wie etwa Genusunterschiede bei Substantiven (z. B. der Bikini (A D) vs. das Bikini (CH) u. a.) werden dagegen leicht übersehen. Ich selbst befasste mich mit morphologischer Standardvariation in der Wort‐ bildung (Kellermeier-Rehbein 2005). Die sprachlichen Daten entnahm ich dem Duden-Universalwörterbuch (1997) und der Sammlung von Wortmaterial, das als Grundlage für die Erarbeitung des Variantenwörterbuch des Deutschen (2004) diente, auf das ich als Mitarbeiterin Zugriff hatte. Nach der Sichtung von knapp 5900 morphologisch komplexen Wörtern definierte ich den Begriff ‚areale Wortbildungsvariante‘ als Wortbildungsprodukt, das in einem oder mehreren Zentren, aber nicht im gesamten deutschen Sprachgebiet standardsprachlich ist und in Synonymierelation zu einem weiteren areal markierten oder gemein‐ deutschen Wortbildungsprodukt mit gleichem Stamm steht (vgl. Kellermeier- Rehbein 2005: 59). Ferner konnte ich drei Arten von Wortbildungsvarianten un‐ terscheiden: (1) gleichartige Wortbildungsvarianten (= Wortbildungsvarianten Sprache und soziale Ungleichheit 151 <?page no="152"?> im engeren Sinne) wurden mit dem gleichen Wortbildungsverfahren gebildet, unterscheiden sich aber durch einzelne Morpheme, z. B. • Suffigierung mit Affixvariation: amten (CH) vs. amtieren (gmd.) Renovation (CH) vs. Renovierung (gmd.) • Präfigierung mit Affixvariation: besammeln (CH) vs. versammeln (gmd.) abwohnen (A D) vs. verwohnen (CH D) • Komposition mit Fugenvariation: Auslandreise (CH) vs. Auslandsreise (A D) Tragtasche (A CH D-süd) vs. Tragetasche (A D) • Komposition mit Bestimmungswortvariation: Sackgeld (CH) vs. Taschengeld (gmd.) Marillenschnaps (A) vs. Aprikosenschnaps (CH D) • Komposition mit Grundwortvariation: Hausbesorger (A) vs. Hausmeister (CH D) Eiklar (A D) vs. Eiweiss (CH) vs. Eiweiß (D) (2) ungleichartige Wortbildungsvarianten (= Wortbildungsvarianten im weite‐ ren Sinne) wurden mit unterschiedlichen Wortbildungsverfahren (Suffigierung vs. Komposition) gebildet, verfügen aber über mindestens einen gemeinsamen Stamm, z. B. Korber (CH) vs. Korbmacher (D) vs. Korbflechter (gmd.) Bürolist (CH) vs. Büroangestellter (gmd.) (3) isolierte Wortbildungsprodukte: Wortbildungsprodukt ohne synonyme Ent‐ sprechung mit identischem Stamm. Ihr Denotat wird in den anderen Zentren mit anderen lexikalischen Morphemen zum Ausdruck gebracht, z. B. Lismer (CH) (Janker (A D-südost); Strickjacke (gmd.) Abiturient (D) (Maturant (A) vs. Maturand (CH) Insgesamt ließ sich feststellen, dass gleichartige Wortbildungsvarianten bevor‐ zugt werden und die größte Vielfalt an Variationsmöglichkeiten bieten. Ihnen wurden 3199 Bildungen zugeordnet. Isolierte Wortbildungsprodukte stehen mit 2445 Varianten an zweiter Stelle, während ungleichartige Bildungen mit nur 255 152 Birte Kellermeier-Rehbein <?page no="153"?> Fällen verhältnismäßig selten vorkommen. Alle drei Vollzentren des Deutschen sind in etwa gleichen Anteilen an der Bildung von arealen Wortbildungspro‐ dukten beteiligt. Ungeachtet aller Unterschiede in Lexik, Morphologie, Semantik und Gram‐ matik sind die drei Standardvarietäten des Deutschen aus linguistischer Sicht gleichwertig, da sie strukturell gleichermaßen gut ausgebaut sind, weshalb sie folglich auch gleichberechtigt sein sollten. De facto ist jedoch ein asymmetri‐ sches Verhältnis zwischen den Sprachzentren und ihren Standardvarietäten zu beobachten, in dem Deutschland eine dominierende Rolle spielt. Dies ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, insbesondere auf die erheblich größere Anzahl der Sprecher: innen des deutschen Standarddeutsch, die Kodifizierung von Rechtsschreibung und Grammatik, die historisch v. a. von Deutschland ausging, die zahlreichen bundesdeutschen Massenmedien und die intensivere Förderung der deutschen Standardvarietät als Fremdsprache im Ausland. Nicht unerheblich ist auch die Tatsache, dass der Sprachname Deutsch auch im Staats‐ namen Bundesrepublik Deutschland vorkommt. Dies suggeriert, dass die deut‐ sche Schriftsprache die eigentliche und zentrale Standardvarietät sei, während österreichisches und schweizerisches Standarddeutsch eher Randphänomene darstellten (vgl. Ammon 1995: 318; Kellermeier-Rehbein 2022: 31-34). Daraus entwickelte sich ein ungerechtfertigter Alleinvertretungsanspruch des bundes‐ deutschen Sprachzentrums, der sich v. a. in der irrigen Vorstellung manifestiert, dass es nur ein „korrektes Hochdeutsch“ gebe, und zwar in der Form, wie es in Deutschland verwendet werde. Aus dieser monozentrischen Perspektive werden die Standardvarietäten Österreichs und der Schweiz häufig (und v. a. von Deutschen) als weniger korrekt oder gar dialektal abgewertet, woraus man schlussfolgert, dass sie allenfalls „substandardsprachliche Regionalformen“ seien (Ammon 1995: 486). Eine weitere Folge der Dominanz der deutschen Standardvarietät oder des „sprachlichen Imperialismus“ (Muhr 1987: 2, zitiert nach Ammon 1995: 485) ist die Diskriminierung der Sprecher: innen der nichtdominanten Varietäten. Hägi (2015: 116) machte darauf aufmerksam, dass DaF- Lehrkräften aus Österreich oder der Schweiz im Ausland zuweilen untersagt werde, Tests zu korrigieren oder Ausspracheunterricht zu erteilen. Aufgrund dieser für die Betroffenen schmerzliche Benachteiligung entstand das Bedürfnis, die Situation der nicht-dominanten Standardvarietäten zu dokumentieren und zu erforschen. Die 2010 gegründete Working Group on Non-Dominant Varieties of Pluricentric Languages möchte die Kodifizierung der nicht-dominanten Va‐ rietäten vorantreiben und Impulse für die Korpus- und Statusplanung setzen (vgl. Kellermeier-Rehbein 2022: 33). Sehr anschaulich bringt Muhr die Proble‐ matik auf den Punkt. Ihm zufolge müssen die Sprecher: innen regelmäßig ihre Sprache und soziale Ungleichheit 153 <?page no="154"?> nationalen Normen gegenüber der dominierenden Varietät legitimieren und zeigen häufig eine „linguistische Schizophrenie“ als Resultat der Diskrepanz zwischen dem, was sie sagen und dem, was sie schreiben müssen: „Die exogenen dominanten Normen sind gekennzeichnet durch hohes Prestige und geringe Verwendung, die endogenen Normen durch hohe Verwendung und geringes Prestige.“ (Muhr 2017: 23f.). In Folge der Theoriebildung zur Plurizentrik des Deutschen entstand eine Flut von weiteren Forschungen und Publikationen. Besonders relevant ist die Veröffentlichung des von Ammon initiierten Variantenwörterbuch des Deutschen (2004; 2., völlig neu bearb. Aufl. 2016), das in internationaler Kooperation von drei Teams aus Basel, Duisburg und Innsbruck erarbeitet wurde. Es führt in einer ausführlichen Einleitung in die theoretischen Hintergründe der Plurizentrik des Deutschen ein und stellt die lexikalischen Varianten der Standardvarietä‐ ten dar. Dabei berücksichtigt es die Varianten aller Zentren des Deutschen gleichermaßen, lässt aber gemeindeutsche Wörter außen vor. Es ist einsprachig, aber wie ein zweisprachiges Wörterbuch aufgebaut: Einer Variante, die als Stichwort fungiert, werden grammatische Informationen zugeordnet und die Entsprechungen der anderen Zentren (wie eine Übersetzung) gegenübergestellt. Zudem gibt es Erläuterungen der Wortbedeutung und Belegstellen (vgl. Abb. 1): Ferienablösung CH die; -, -en: ↑Urlaubsvertretung A D ‚Person, die eine andere Person während deren Urlaub [am Arbeitsplatz] vertritt‘: Der Pilot war nicht darüber informiert, weil offenbar die Ferienablösung des Flugplatzchefs ihm die Information nicht weitergegeben hatte (BeZ 13.10.2010, 26) Abb. 1: Wörterbuchartikel „Ferienablösung“ (aus: VWD 2016: 231) Das Variantenwörterbuch war das erste Wörterbuch dieser Art und stieß in‐ nerhalb und außerhalb der Fachwelt auf so großes Interesse, dass es in der Schweiz auf der Sachbuch-Bestsellerliste landete und die Erstauflage schon bald nachgedruckt werden musste. In China erschien eine Sonderausgabe mit in die Landessprache übersetztem theoretischen Einleitungsteil. In der völlig neu bearbeiteten und erweiterten zweite Auflage von 2016 sind auch die Varianten der Viertelzentren Namibia, Rumänien und Mennonitensiedlungen in Mexiko aufgeführt. Eine weitere Folge der plurizentrischen Theoriebildung ist die Erarbeitung der Variantengrammatik des Standarddeutschen (2018), quasi als Pendant zum Variantenwörterbuch. Die Verfasser: innen stellen zahlreiche Beispiele für mor‐ phologische und syntaktische Variation dar und nehmen aufgrund ihrer Be‐ funde die Position ein, dass der sprachliche Standard nicht national, sondern 154 Birte Kellermeier-Rehbein <?page no="155"?> 3 In CH: Departement 4 Gemeindeutsch: Kartoffel areal variiert. Schon zuvor hatten kritische Stimmen darauf hingewiesen, dass die Verbreitungsgebiete von Standardvarianten nicht immer mit Staatsgrenzen kongruieren. Einige gelten in zwei Staaten (z. B. Ministerium A D) 3 oder in einem Staat und einer oder mehreren Regionen einer Nachbarnation (z. B. Erdapfel A D-südost) 4 . Aus diesem Grunde halten sie das plurizentrische Konzept, das häufig auch plurinational genannt wird und in dem v. a. Staaten bzw. Nationen als Sprachzentren gelten, für ungeeignet und bevorzugen stattdessen ein pluri‐ areales Modell. Diese Debatte wird seit einigen Jahren so kontrovers geführt, dass Eichinger (2005: 2) sie als „terminologischen Kleinkrieg“ bezeichnete. Aus meiner Sicht werden von beiden Seiten gute Gründe für ihre jeweiligen Positionen angeführt, doch schließen sie sich gegenseitig nicht aus, sondern stellen gemeinsam die sprachliche Wirklichkeit gut dar. Die einzelnen Standard‐ varianten (sprachliche Einheiten) variieren häufig areal, während die Standard‐ varietäten (Sprachsysteme) durch staatliche Einflüsse stärker national geprägt sind. Immerhin spielen Nationalstaaten bei der Festlegung und Verbreitung der sprachlichen Normen eine wichtige Rolle, indem sie beispielsweise die Publika‐ tion von Wörterbüchern veranlassen und diese für den Gebrauch in Schulen bestimmen, die Rechtschreibung festlegen oder Schulcurricula entwerfen (vgl. Kellermeier-Rehbein 2022: 34ff.) In der Fachwelt ist die Standardvariation inzwischen allgemein anerkannt, doch in der Bevölkerung ist die Plurizentrik des Deutschen immer noch weit‐ gehend unbekannt. Daher verfasste ich ein Lehrbuch mit dem Titel Plurizentrik. Einführung in die Standardvariation des Deutschen (Kellermeier-Rehbein 2014, 2 2022) in der Hoffnung, dass Lehramtsstudierende als zukünftige Multiplikato‐ ren das Thema im Deutschunterricht behandeln. Nach einer Einführung in die sprachliche Variation im Allgemeinen und der Standardvariation der plurizent‐ rischen Sprache Deutsch im Speziellen stellt es die Varianten der verschiedenen sprachlichen Ebenen konkret dar, geht auf die Entstehung der Standardvariation ein und thematisiert soziolinguistische Aspekte wie das Verhältnis zwischen Standard und Dialekt oder die Auswirkung der Standardvariation auf die (na‐ tionale) Identität der Sprechergemeinschaften. Es nennt lexikographische und didaktische Aspekte und skizziert Englisch, Niederländisch und Serbokroatisch als weitere Beispiele für plurizentrische Sprachen. Das Lehrbuch ist zum Ge‐ brauch im Hochschulunterricht konzipiert, kann aber auch in der gymnasialen Oberstufe oder mit fortgeschrittenen DaF-Lernenden genutzt werden. Sprache und soziale Ungleichheit 155 <?page no="156"?> Um das Thema Standardvariation abzuschließen, möchte ich an dieser Stelle noch auf die deutsche Sprache in Namibia eingehen. Erstmals kam sie in den 1840er Jahren mit deutschen Missionaren ins südliche Afrika, aber vor allem verbreitete sie sich während der Kolonialzeit (1884-1919), als Namibia unter der Bezeichnung „Deutsch-Südwestafrika“ ein sogenanntes „Schutzgebiet“ war und Deutsch zur Amtssprache erklärt wurde. Das Kaiserreich betrieb eine erfolgrei‐ che Siedlungspolitik, so dass sich 1912 über 12.000 Deutsche im Land aufhielten (Speitkamp 2005: 81). Da sie aus verschiedenen Regionen Deutschlands kamen und unterschiedliche Varietäten mitbrachten, konnte sich kein bestimmter Dialekt durchsetzen, was dazu führte, dass v. a. das Standarddeutsche als soge‐ nanntes Südwesterdeutsch zur Verständigung genutzt wurde. Diese Bezeichnung gilt inzwischen als obsolet und wurde weitgehend durch Namibiadeutsch, Nam‐ deutsch o.Ä. ersetzt. Die heutige deutschsprachige Minderheit besteht v. a. aus den Nachfahren der einstigen Siedler: innen, die ihre Muttersprache nicht nur beibehielten, sondern ständig aktualisierten. Durch Sprachkontakt mit Englisch und Afrikaans entwickelten sich verschiedene Varietäten, die ich in kleineren Publikationen (2015, 2016) thematisierte. Belege für eine namibia-spezifische Standardvarietät für den öffentlichen und formellen Gebrauch finden sich in der Windhoeker Allgemeinen Zeitung (vgl. (1)). Ferner gibt es v. a. mündliche infor‐ melle Umgangsvarietäten (vgl. (2)) sowie deren Überspitzung und Stilisierung als jugendsprachliche Varietät Namslang für den (humoristischen) Gebrauch in Medien (vgl. (3)). (1) Am Abend beim gemeinsamen Braai [‚Grillfest‘ (B.K.-R.)] und bei kühlem Bier waren alle Rivalitäten jedoch schnell vergessen. (Allgemeine Ztg., 06.01.2012) (2) Da war like sone alte Oma (Zimmer et al. 2020: 226) (3) Das Gäim is […] noch 2 Minuten, da is keine-kaans das die das noch aufholen, die gehen luhsen (verlieren) … (Ees o. J.: 91) Aus soziolinguistischer Sicht ist auffällig und interessant, dass sich im Falle Namibias wiederholt, was oben als Ideologie eines einzigen und einheitlichen Standards mit einhergehender Geringschätzung der nicht-dominanten Stan‐ dardvarietäten Österreichs und der Schweiz erwähnt wurde. In den seltenen frühen Publikationen (Nöckler 1963: 120; 128; Böhm 2003: 564f.) hieß es immer wieder sinngemäß, dass es sich bei der südwesterdeutschen Schriftsprache um „Hochdeutsch“ handele, womit wohl das deutsche Standarddeutsch gemeint war. Die gesprochene Sprache sei dagegen eine „Alltagsumgangssprache“ und die lexikalischen Besonderheiten (Namibismen) seien lediglich Abweichungen, denen kein Norm-Status zugebilligt werden könne. Hier offenbarte sich also 156 Birte Kellermeier-Rehbein <?page no="157"?> ebenfalls ein monozentrisches Weltbild, in dem Standardvariation keinen Platz hatte und den namibischen Muttersprachler: innen die Fähigkeit zur Entwick‐ lung einer eigenen Sprachnorm auf recht anmaßende Art abgesprochen wurde. Inzwischen ist die deutsche Sprache in Namibia zu einem beliebten For‐ schungsfeld geworden, auf dem zahlreiche aufschlussreiche Erkenntnisse ge‐ wonnen wurden. So befassten sich Projekte weiterführend mit spezifischen sprachlichen Merkmalen sowie Registerdifferenzierungen und Spracheinstel‐ lungen zum Deutschen in der Kontaktsituation der Sprachinsel (Wiese/ Bracke 2021; Wiese et al. 2017; Zimmer et al. 2020). 4 Deutsch als Sprachbarriere in der internationalen Kommunikation Eine weitere Form der sprachlichen Benachteiligung ist auf den Gebrauch einer nicht-dominanten Sprache in der internationalen Kommunikation zu‐ rückzuführen. De facto gibt es nur eine dominante Sprache, das Englische, das aufgrund seiner Verbreitung als Mutter-, Zweit- oder Fremdsprache zur weltumspannenden Lingua Franca wurde. Alle anderen Sprachen sind aufgrund ihres geringeren Kommunikationspotentials dem Englischen nachgeordnet. Hier wiederholt sich im globalen Maßstab, was man in den 1970er Jahren auf regionaler Ebene als Sprachbarriere beschrieben hatte. Damals erkannte man die schulische, beruflich und soziale Benachteiligung von Dialektsprecher: innen, die des Standarddeutschen nicht vollends mächtig waren. Die Problematik war intralingual, sie bestand also zwischen zwei Varietäten ein und derselben Spra‐ che. Nun geht es um eine interlinguale Sprachbarriere, die auf dem Gebrauch verschiedener Sprachen beruht. Ammon zeigte in zahlreichen Publikationen, dass die Sprache Deutsch zur Sprachbarriere wird, wenn Personen in der internationalen Kommunikation nicht sicher und fließend Englisch sprechen können, wodurch erfolgreiches sprachliches Agieren in Wirtschaft, Handel, Politik oder Wissenschaft auf globaler Ebene erheblich erschwert wird. Er fokussierte sich vor allem auf den Gebrauch der deutschen Sprache in den In‐ stitutionen der Europäischen Union (vgl. z. B. 2006, 2007) und auf ihre Bedeutung als Wissenschaftssprache (vgl. z. B. 1998, 2000). Auch in seinem Hauptwerk Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt (2015) erläuterte er dies ausführlich, ging aber zusätzlich auf die Rolle der deutschen Sprache in den Domänen Diplomatie, internationaler Tourismus, Medien und Sprachkunst ein. Die Sprachenpolitik der Europäischen Union sieht die Mehrsprachigkeit als schützenswertes kulturelles Erbe Europas an, was im Vertrag von Lissabon (2007, Artikel 2.3) festgehalten wurde: „Die Union […] wahrt den Reichtum Sprache und soziale Ungleichheit 157 <?page no="158"?> ihrer kulturellen und sprachlichen Vielfalt und sorgt für den Schutz und die Entwicklung des kulturellen Erbes Europas“. Bereits 1958 ging es in der ersten Verordnung der damaligen Wirtschaftsgemeinschaft um die „Regelung der Sprachenfrage“. Die sechs Gründungsstaaten Belgien, Deutschland (BRD), Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande verständigten sich darüber, wie innerhalb der EU und nach außen kommuniziert werden sollte, und legten ihre vier Sprachen Französisch, Deutsch, Italienisch und Niederländisch als gleichwertige Amts- und Arbeitssprachen fest. Obwohl in der Verordnung selbst nicht erläutert wird, was genau darunter zu verstehen ist, gelten Amtssprachen als Medium der externen Kommunikation von Staaten oder internationalen Organisationen mit anderen Staaten, Institutionen oder den Bürger: innen. Zudem werden alle wichtigen Dokumente (Gesetze, Verordnungen etc.) in den jeweiligen Amtssprachen verfasst. Im Unterschied dazu dienen Arbeitssprachen der internen Kommunikation innerhalb einer multilingualen Organisation, eines Unternehmens oder einer Institution. Durch die EU-Erweiterungen ist die Anzahl der Amts- und Arbeitssprachen inzwischen auf 24 angewachsen. Die Verordnung Nr. 1 legte unter anderem fest, dass Schriftstücke von allgemeiner Bedeutung in alle Amts- und Arbeitssprachen übersetzt werden. Die Kommunikation mit den Mitgliedsstaaten und den Bürger: innen soll in deren Amtssprache erfolgen. Ferner wurde bestimmt, dass die Organe der EU in ihren Geschäftsordnungen selbst festlegen können, wie diese Regelung der Sprachenfrage im Einzelnen anzuwenden ist (vgl. Verordnung Nr. 1, 1958). Infolgedessen ließ beispielsweise das Europäische Parlament alle EU-Sprachen als Arbeitssprachen zu, während die Europäische Kommission Englisch, Franzö‐ sisch (beide vorherrschend) und Deutsch wählte. Der Europäische Gerichtshof entschied sich für Französisch und die Europäische Zentralbank beschränkte sich auf Englisch als Arbeitssprache. Dies führte im Laufe der Zeit dazu, dass v. a. Englisch und Französisch bevorzugte Sprachen der internen Kommunikation in den Institutionen wurden. Englisch, weil viele Personen es als Mutter-, Zweit- oder Fremdsprache beherrschen, und Französisch, weil viele EU-Institutionen ihren Sitz in französischsprachigen Gebieten haben. Erst mit deutlichem Ab‐ stand folgt Deutsch auf diese beiden Sprachen. Folglich müssen Mitarbeitende in Politik und Verwaltung gute bis sehr gute Kenntnisse in diesen Sprachen auf‐ weisen, um die eigenen Interessen möglichst gut zu vertreten und an Entschei‐ dungsprozessen mitzuwirken. Dies wurde bei Stellenausschreibungen der EU deutlich, die Ammon im Jahr 2006 auswertete. In 89 Ausschreibungen wurden Englischkenntnisse verlangt, für 42 Arbeitsplätze waren Französischkenntnisse unentbehrlich und nur in 15 Fällen gab es Nachfrage nach Deutschkenntnissen. Griechisch, Italienisch oder Niederländisch wurden nur je einmal erwartet 158 Birte Kellermeier-Rehbein <?page no="159"?> (Ammon 2015: 790). Problematisch ist dabei, dass Muttersprachler: innen der frequenten EU-Sprachen im Vorteil sind, während Sprecher: innen der anderen Sprachen viel Mühe, Zeit und Geld in den Spracherwerb investieren müssen oder auf Übersetzungen und Dolmetscherdienste angewiesen sind. Da das Erlernen von drei Sprachen auf sehr hohem Niveau viele Personen überfordert, geht die Entwicklung immer mehr in Richtung auf den (fast) ausschließlichen Gebrauch des Englischen. Diese Tendenz verstärkte sich mit jedem neu bei‐ getretenen Staat und jeder neu hinzugekommenen Sprache (vgl. de Swaan 2001: 144ff.), woran auch der Brexit nichts änderte. Angesichts dieser Tatsache wird unter der Suggestivfrage English only? zuweilen darüber diskutiert, ob diese Form der EU-Einsprachigkeit aus Kosten- und Effizienzgründen offiziell bestätigt werden sollte. In dieser Debatte bleibt der Status der Amtssprachen für die externe Kommunikation und als Dokumentensprachen unberührt, kontro‐ vers diskutiert wird lediglich die Wahl der Arbeitssprache(n) für die interne Kommunikation innerhalb der Institutionen. Dies ist auch deshalb wichtig, da zu erwarten ist, dass eine einzige Arbeitssprache sich im Laufe der Zeit quasi zu einer transnationalen europäischen Verkehrssprache entwickeln und andere Nationalsprachen verdrängen könnte. Da die Bevorzugung einer Sprache jedoch im Widerspruch zu den o. g. Grundwerten der EU steht und eine Einstimmigkeit aller Mitgliedstaaten zur Änderung der Verordnung Nr. 1 nötig wäre, ist vorläufig nicht mit der Umstellung auf offizielle Einsprachigkeit zu rechnen. Ammon stellte diese Problematik in verschiedenen Schriften ausführlich dar (z. B. 2006, 2007) und schlug Kriterien für die Wahl von EU-Arbeitssprachen vor. Diese sollten mit Werten und Prinzipien kompatibel sein, die von der Mehrheit der EU-Mitgliedstaaten und deren Bürger: innen akzeptiert würden und die unterschiedlichen Interessen der Mitgliedstaaten berücksichtigen (vgl. Ammon 2015: 801). Sie umfassen folgende Überlegungen: (a) Mehrsprachigkeit bei den Arbeitssprachen ist der Einsprachigkeit vorzuziehen, (b) die Sprachen mit den meisten Sprecher: innen in der EU sollen Arbeitssprachen sein, (c) die Sprachen der wirtschaftlich stärksten Sprachgemeinschaften, die den größten Beitrag zum EU-Haushalt beitragen, sollen Arbeitssprachen sein, (d) die Sprache eines geographisch zentralen Territoriums sollte eher Arbeitssprache sein als die eines peripheren Territoriums, (e) die EU-Arbeitssprachen sollen international weit verbreitet sein und (f) die EU-Arbeitssprachen sollen mit einer bewunderten Kultur und Geschichte verbunden sein (vgl. ebd. 802f.). Als wesentliche und für die Wahl von EU-Arbeitssprachen besonders wichtige Prinzipien bezeichnete er die Sprecherzahl (b) und die internationale Stellung einer Sprache (e). Unter Berücksichtigung dieser beiden Prinzipien kam er zu dem Schluss, dass Englisch den ersten Rang einnimmt, während sich Deutsch und Französisch den zweiten Sprache und soziale Ungleichheit 159 <?page no="160"?> 5 z. B. an Wilhelm C. Röntgen, Emil von Behring, Robert Koch, Paul Ehrlich u. a. Platz teilen. Spanisch und Italienisch teilen sich den dritten Rang (vgl. ebd. 804). In dieser Rangordnung ist Deutsch besser positioniert als in der sprachlichen Realität der EU-Institutionen. In diesem Zusammenhang stellte Ammon (2007: 107f.) die grundsätzliche Frage nach der Vereinbarkeit von Arbeitssprach-Mehrsprachigkeit und kom‐ munikativer Effizienz. Einerseits ist Mehrsprachigkeit weniger effizient, da sie Kommunikation verlangsamt und das Risiko von Missverständnissen be‐ inhaltet. Ferner werden Nicht-Muttersprachler: innen benachteiligt, wenn sie ihre politischen Interessen in einer bzw. mehreren Fremdsprachen weniger gut vertreten können und/ oder auf Übersetzer: innen und Dolmetscher: innen angewiesen sind. Wenn es dagegen nur eine Arbeitssprache gäbe, die für alle gleichermaßen eine Fremdsprache wäre, läge eine größere sprachliche Fairness vor. Andererseits haben die Angehörigen der Mitgliedstaaten Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien aufgrund der o. g. Kriterien ein legitimes Interesse an der Beteiligung ihrer Sprachen an der EU-internen Kommunikation. Die Vielsprachigkeit ist nicht zuletzt auch sehr wichtig für die Akzeptanz der EU bei den Bürger: innen. Wie man an den geringen Wahlbeteiligungen ablesen kann, ist die EU vielen Menschen nicht besonders wichtig. Wenn nun die eigene Muttersprache in der EU keine Rolle mehr spielt, wird die Identifikation zusätzlich erschwert. Ein weiterer Bereich in der internationalen Kommunikation, in dem es zu Benachteiligungen durch die Verwendung der deutschen Sprache kommen kann, ist die Wissenschaft (vgl. Ammon 1998). Insbesondere in den Natur‐ wissenschaften ist Englisch inzwischen weitgehend die einzige Publikations- und Vortragssprache. Nach dem Motto „Publish in English or perish“ sind Forscher: innen gezwungen, ihre Ergebnisse auf Englisch zu publizieren, da sie anderenfalls nicht wahrgenommen werden. Das war nicht immer so. Bis zum Ersten Weltkrieg waren Englisch, Französisch und Deutsch gleichrangige Wissenschaftssprachen. In einzelnen Disziplinen, v. a. Astronomie, Physik und Medizin, war Deutsch besonders wichtig oder sogar die bevorzugte Publika‐ tionssprache. Um 1920 erreichte Deutsch mit 44 % den höchsten Anteil an naturwissenschaftlichen Schriften und übertraf damit englischsprachige und französischsprachige Publikationen (33,3 % bzw. 14,4 %) (Ammon 2015: 551). Dies war zum einen auf erfolgreiche Forschungsaktivitäten im Kaiserreich zurückzuführen, was an den zwölf Nobelpreisen ersichtlich wird, die zwischen 1901 und 1912 an deutschsprachige Mediziner, Chemiker und Physiker gingen. 5 Der Aufbau umfassender Bibliographien und die Publikation wichtiger Fach‐ 160 Birte Kellermeier-Rehbein <?page no="161"?> 6 z. B. Astronomische Nachrichten, Zeitschrift für Tuberkulose. 7 Im Jahr 1919 nahmen deutsche Wissenschaftler an keinem der 14 internationalen Kongresse teil. Insgesamt waren sie zwischen 1919 und 1926 von 189 (53%) der internationalen Kongresse ausgeschlossen. Sie konnten jedoch an Kongressen von Organisationen teilnehmen, die nicht der Boykottpolitik der Alliierten unterlagen (vgl. Reinbothe 2019: 249f.) 8 z. B. 1919: Internationaler Forschungsrat (für Naturwissenschaften) und Internationale Akademie-Union (für Geisteswissenschaften) (vgl. Ammon 2000: 69). zeitschriften 6 stärkten die Stellung des Deutschen als Wissenschaftssprache ebenso wie die Tatsache, dass Deutschland mit vier wichtigen Institutionen besonders stark in der seit 1899 bestehenden Internationalen Vereinigung der Akademien vertreten war (vgl. Ammon 2000: 69). Gute Deutschkenntnisse waren also für anderssprachige Wissenschaftler unverzichtbar, um die Entwick‐ lungen der damaligen Zeit nachvollziehen zu können. Die meisten beherrschten eine der drei Sprachen in Wort und Schrift und verstanden die beiden anderen. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs brach die internationale wissenschaft‐ liche Zusammenarbeit auseinander und Forschungsergebnisse wurden nicht länger ausgetauscht. Nach dem Krieg warfen die Siegermächte den deutschen Wissenschaftlern die Unterstützung der aggressiven deutschen Kriegspolitik vor (z. B. durch die Entwicklung von Giftgas). Eine Zusammenarbeit mit ihnen sei nicht mehr möglich, solange sie sich nicht davon distanzierten. Dennoch nahmen viele deutsche Wissenschaftler eine unkritische Haltung gegenüber der deutschen Kriegsverantwortung und den Gewalttaten des Militärs ein (vgl. Reinbothe 2006: 97f). Daraufhin verhängten alliierte Akademien einen „Boykott“ (vgl. Ammon 2000: 68ff.; auch: Reinbothe 2006) gegen deutsche und österreichische Wissenschaftler, die dadurch von zahlreichen internationalen Kongressen ausgeschlossen wurden 7 und mit ihnen die deutsche Sprache. Zu den Maßnahmen des Boykotts gehörten ferner die Auflösung der o. g. Internationalen Vereinigung der Akademien und ihre Ersetzung durch neue Wis‐ senschaftsverbände, 8 zu denen deutsche und österreichische Wissenschaftler nicht zugelassen wurden (vgl. Ammon 2000: 69), die Verdrängung und Ächtung des Deutschen als Publikations- und Kongresssprache (Reinbothe 2006: 149ff., 165ff., 202ff.) sowie die Gründung neuer Bibliographien bzw. Referaten-Organe, die zur Grundlage heute führender Datenbanken wurden (z. B. in den USA: Biological Abstracts) (Ammon 2000: 70). Als Deutschland im Jahr 1926 dem Völkerbund beitrat, wurde der Boykott zwar aufgehoben und Deutsch wieder als Vortrags- und Publikationssprache zugelassen, doch hatte es seine gleichberechtigte Stellung mit Englisch und Französisch eingebüßt, zumal sich viele anderssprachige Wissenschaftler, die zuvor Deutsch als Lingua franca benutzt hatten, im Zuge des Boykotts auf Sprache und soziale Ungleichheit 161 <?page no="162"?> 9 Bis 1936 wurden 1617 deutsche Hochschullehrer ins Ausland verdrängt, von denen sehr viele in die USA emigrierten (Ammon 2015: 536), z. B. Albert Einstein, der 1934 ausgebürgert wurde. Englisch und Französisch umgestellt hatten (vgl. Reinbothe 2011: 58). Der Boykott war vermutlich nicht der einzige Grund für den Statusverlust des Deutschen, da der deutschen Wissenschaft durch den ruinösen Krieg die finan‐ zielle Grundlage für Forschungen entzogen war. Doch ist anzunehmen, dass er die Entwicklung beschleunigte, die sich später noch über Jahrzehnte hinaus fortsetzte (vgl. Ammon 2015: 535). Weitere Gründe für den Verlust des Status als Wissenschaftssprache war die Vertreibung und Ermordung von (v. a. jüdischen) Wissenschaftlern in der NS-Zeit, 9 der Braindrain nach dem Zweiten Weltkrieg sowie die Verschiebung von Zentrum und Peripherie der Forschungsaktivitäten von Europa in die USA, um nur einige zu nennen (vgl. Ammon 1998: 179- 204). All dies führte letztlich dazu, dass Englisch zur Weltwissenschaftssprache wurde. Die Umstellung von Deutsch auf Englisch als internationale Wissenschafts‐ sprache macht sich gegenwärtig nicht in allen Fächern gleichermaßen bemerk‐ bar (Ammon 2015: 539). Besonders augenfällig ist sie in den Naturwissenschaf‐ ten, in denen englischsprachige Publikationen im Jahr 2005 über 92 Prozent der weltweiten Veröffentlichungen ausmachten (ebd.: 551). Deutschsprachige Naturwissenschaftler: innen sind gegenüber Muttersprachler: innen des Engli‐ schen benachteiligt, da sie einen erheblichen Lern- und Zeitaufwand betreiben müssen, um die erforderlichen exzellenten Englischkenntnisse zu erwerben, die für die Teilhabe an der anspruchsvollen wissenschaftlichen Kommunika‐ tion erforderlich sind. Diese umfasst neben der schriftlichen Publikation von Forschungsergebnissen auch mündliche Vorträge mit anschließenden Diskus‐ sionen und Fragerunden sowie die Pflege internationaler wissenschaftlicher Kontakte und gegebenenfalls die Durchführung von Lehrveranstaltungen in englischsprachigen Studiengängen. In all diesen Fällen können sich Mutter‐ sprachler: innen leichter, präziser und sicherer ausdrücken, während Non-nati‐ ves deutlich mehr Mühe für angemessene Formulierungen aufwenden müssen. Sollte eine Publikation oder ein Vortrag sprachliche Mängel aufweisen, wird die wissenschaftliche Leistung von den Rezipient: innen häufig weniger aner‐ kannt (vgl. Ammon 1989: 268). Wer es nicht schafft oder nicht willens ist, sich die entsprechenden Sprachkenntnisse anzueignen, ist von kostspieligen Übersetzungen abhängig, die zudem fehlerhaft sein können, da nicht immer Übersetzer: innen zur Verfügung stehen, die auch über gute Fachkenntnisse verfügen und die einschlägige Terminologie korrekt übertragen können. Ferner ist zu bedenken, dass anglophone Personen die Zeit und kognitiven Kapazitäten, 162 Birte Kellermeier-Rehbein <?page no="163"?> die andere in den Spracherwerb stecken müssen, direkt in das Studium ihres Faches investieren und vertiefte Kompetenzen erwerben können. Nachteilig für nicht-anglophone Wissenschaftler: innen ist auch die Tatsache, dass sie die Fachterminologie in zwei Sprachen beherrschen müssen. Die englische Version ist unerlässlich für die internationale wissenschaftliche Fachkommuni‐ kation, während die muttersprachliche Version dem Einsatz in der heimatlichen Hochschullehre und der Präsentation von Forschungsergebnisse gegenüber den eigenen Mitbürger: innen dient. 5 Fazit Der Zusammenhang von Sprache und sozialer Ungleichheit war von Anfang an ein zentrales Thema der Soziolinguistik. Während der Fokus zunächst auf dem Gebrauch von unterschiedlich ausgebauten Codes durch verschie‐ dene Sozialschichten lag, verlagerte er sich im deutschsprachigen Raum bald auf das Dialekt-als-Sprachbarriere-Problem. Ausgeprägter Dialektgebrauch in Kombination mit unzureichenden Kenntnissen der Standardvarietät konnte zu Schwierigkeiten in der Schule, eingeschränkten beruflichen Möglichkeiten und sozialer Stigmatisierung führen. Im Laufe der Zeit stellte sich jedoch immer mehr heraus, dass Benachteiligung durch Sprache nicht nur auf dem Prestigegefälle zwischen Standard und Dialekt beruht, sondern im Grunde immer dann droht, wenn Sprecher: innen einer nicht-dominanten Varietät oder Sprache das dominante und für die Kommunikation erforderliche Sprachsystem nicht gut beherrschen. Davon können die o. g. Nonstandardsprecher: innen ebenso betroffen sein wie Personen, die die „falsche“ Standardvarietät einer plurizentrischen Sprache sprechen, oder Menschen, die ihr Leben in einer Zweitsprache meistern müssen. In der internationalen Kommunikation haben Personen das Nachsehen, die aufgrund mangelnder Englischkenntnisse nicht alle Möglichkeiten der globalisierten Welt optimal ausschöpfen können. Heute und in Zukunft bleibt noch viel Raum für weitergehende Forschungen, um diese Problematik weiter zu beobachten, ihre Auswirkungen zu dokumentieren und sprachliche Bildung voranzutreiben. 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Sprache und soziale Ungleichheit 167 <?page no="169"?> II Blicke nach vorne zurück <?page no="171"?> Soziolinguistische Jugendsprachforschung Eva Neuland 1 Soziolinguistische Initiativen im Bochum der 1960/ 70er Jahre Die Germanistik an der Ruhr-Universität Bochum war geprägt vom Gedanken der Neugründung einer Reformuniversität mit Neuberufungen in der germa‐ nistischen Sprachwissenschaft wie Werner Besch und Siegfried Grosse auf altgermanistischen Lehrstühlen. Eine germanistische Sprachwissenschaft kon‐ stituierte sich gleichwohl erst zur damaligen Zeit. Viele Studierende - so wie ich - kamen aus dem Ruhrgebiet mit Intentionen eines effektiven Studiums, das ich aufnahm mit den Fächern Germanistik und Kunstgeschichte, um alsbald die letztere gegen Sozialwissenschaften und Psychologie auszutauschen. 1967/ 68 kam die Studentenbewegung auch in Bochum an; Erste Revolten wie Institutsbesetzungen machten sich in den Sozialwissenschaften bemerkbar, wo sich in den Seminaren von Urs Jaeggi (Macht und Herrschaft in der BRD 1970) kritische Stimmen von SDS-Sympathisant: innen und Frauenbewegungen zu Wort meldeten. „Theorie ist Praxis“ - so prangte es an der Tafel, bevor der Dozent sein Seminar: „Theorie und Praxis“ eröffnete. In der Psychologie verließ der bekannte Sprachpsychologe Hans Hörmann noch protestierend den Hörsaal, als ein Student es wagte, in seiner Vorlesung das Wort zu ergreifen. Auf dem Campus wurden Flugblätter verteilt, Raubdrucke unveröf‐ fentlichter Schriften und preiswerte Ausgaben für Studierende, darunter auch von Bernstein (1970) und Lawton sowie Lurija und Judowitsch (1970), wurden angeboten, ebenso Schulungen zur Kritischen Theorie und zum Marxismus- Leninismus. Für die vielen Projektgruppen wurde geworben, die teils unter der Ägide der Evangelischen Studentengemeinde gegründet wurden, so auch die Arbeit der Projektgruppe Brelohstrasse mit Kindern aus Randgruppen in Obdachlosenasylen (Hihaho - die Bonzen kommen ins Klo! Bericht über 2 Jahre proletarische Vorschulerziehung, 1967). Es herrschte Aufbruchstimmung, noch bevor die Ängste vor der Gesinnungsprüfung von Verfassungstreue und <?page no="172"?> bevor Berufsverbote Platz griffen, besonders für Studierende gutbürgerlicher Herkunft mit der Absicht ein Lehramt zu übernehmen, eine Katastrophe. Der Soziologe Urs Jaeggi literarisierte in seinem Roman: „Brandeis“ die Zeit der Studentenbewegung an der Ruhr-Universität Bochum wie folgt: „Die Studenten haben Argumente. Hellwach, verbissen sitzen sie herum; sie insistie‐ ren, lassen kein Gegenargument durchgehen; Humor schon gar nicht. Sie schlüpfen in den wissenschaftlichen Sozialismus hinein wie in ihre Jeans.“ (1978: 45f.) „Es war etwas Neues, Erregendes, wie sie diskutierten, wie die aufgebrachten und interessierten Studenten die Hörsäle und Seminare füllten und überfüllten. Sie redeten unaufgefordert, griffen ein, wo sie es für nötig fanden, gaben dem angeschnittenen Thema eine ganz neue Richtung, diskutierten, schrieben Arbeitspapiere, redeten, fast Tag und Nacht: Wir müssen uns wehren.“ (1978: 58). Auch in der Germanistik entwickelten sich studentische Initiativen nach dem Motto: Schlagt die Germanistik tot - Färbt die blaue Blume rot! (vgl. Bogdal 2015). In sprachwissenschaftlichen Hauptseminaren wurde versucht, Anschluss an die moderne Linguistik zu finden, so auch an die Soziolinguistik. Unter der Leitung und dem Schutz der genannten Professoren Besch, Grosse sowie Siegmund Wolf entstanden studentische Seminare, für die auch Leistungsnach‐ weise ausgestellt werden konnten. Ergebnisse des studentischen Seminars: „Soziolinguistik“ (1972) wurden auch veröffentlicht (Sprachbarrieren. Beiträge zum Thema Sprache und Schichten. Verfasst von Mitgliedern des studentischen Seminars Soziolinguistik, 1976). Meine Dissertation zum Sprachgebrauch von Vorschulkindern aus sozialen Extremgruppen von Kindern aus Akademiker- und Arbeiterfamilien (Sprachbarrieren oder Klassensprache. Untersuchungen zum Sprachverhalten im Vorschulalter 1975), die mit einem Preis der RUB ausgezeich‐ net wurde, verdankt sich solchen Impulsen in Theorie und Praxis. Nachdem ein linguistischer Fachverlag kein Interesse an der Veröffentlichung des Manu‐ skripts hatte, erschien sie - wohl als einzige germanistische Dissertation - in der Fischer-Taschenbuch-Reihe: Texte zur politischen Theorie und Praxis. Sie erreichte eine schwindelerregende Auflagenhöhe. Die Überzeugung unterschiedlicher Begabungsformen und eines unter‐ schiedlichen Sprachgebrauchs sowie eines erst durch schulische Sprachnormen nachträglich hergestellten Defizits der „Unterschichtkinder“ bildete eine we‐ sentliche Motivation meiner Arbeit. Zum Vorwort, das den kultur- und bildungs‐ politischen Hintergrund der Studie (einschl. bildungspolitische Verwertung und gesellschaftsverändernde Hoffnungen) skizzierte, meinte Werner Besch, mein Doktorvater, nur trocken: „Fräulein Neuland, Ihre Studie wird in die Fachgeschichte eingehen, Ihr Vorwort - nicht.“ Dabei sollte aus meiner Sicht 172 Eva Neuland <?page no="173"?> nicht übersehen werden, dass die Entstehung der empirischen Studie genau jenen im Vorwort thematisierten bildungspolitischen Kontext voraussetzte. Die Erfahrungen der Chancenungleichheit von Bildung und sozialem Auf‐ stieg, von Wissenschaftskritik, besonders von Sprachnorm- und Hochsprache- Kritik, von differentiellen Prägungen der Bildung und des Sprachgebrauchs, von empirischen Arbeitsweisen in der ehemals geisteswissenschaftlich geprägten Disziplin haben mich in meiner Wissenschaftsbiographie geprägt. 2 Vom Sprachgebrauch im Vorschulalter zum Sprachgebrauch im Schulalter Verlagert hingegen hat sich mein Forschungsschwerpunkt vom Sprachgebrauch im Vorschulalter zu dem im Jugendalter, u. a. auch wegen der großen studenti‐ schen und öffentlichen Resonanz und wissenschaftlichen Aufmerksamkeit nach dem Vortrag von Helmut Henne: “Jugendsprache und Jugendgespräche“ (1981). Reformimpulse in der Lehre (aktuelle Themen aus studentischer Sicht, Akzeptanz von Gruppenarbeiten, Prinzipien forschenden Lernens) machten die Seminare für die Studierenden zusätzlich attraktiv. Meine These von den: „Spiegelungen und Gegenspiegelungen“ gesellschaftlicher Verhältnisse durch die Jugendsprache und deren Symptomfunktion für soziale Konflikte (1987) stieß auf breite akademische Zustimmung und auf öffentliche Aufmerksamkeit. Viele Studierende schwärmten in Düsseldorf, meinem damaligen universitären Arbeitsplatz, und Umgebung aus, um Erhebungen von Probanden, speziell von Jugendlichen und aktuellem Wortschatz, zu sammeln. Nach meiner Berufung nach Wuppertal fand ich auch die Zeit und Mittel für die beiden erfolgreichen DFG-geförderten Projekte zu Sprachgebrauch und Spracheinstellungen Jugendlicher in Deutschland (Deutsche Schülersprache. Untersuchungen zu Sprachgebrauch und Spracheinstellungen von Jugendlichen in Deutschland. 2016) und zum Umgang Jugendlicher mit Höflichkeit (Neuland et al.: Sprachliche Höflichkeit bei Jugendlichen. Empirische Untersuchungen zu Gebrauchs- und Verständnisweisen im Schulalter. 2020). Dieses Thema im Schnitt‐ punkt von linguistischer Jugendsprachforschung und Höflichkeitsforschung lag wegen seiner generationellen Konflikthaltigkeit nahe. 3 Was kennzeichnet eine soziolinguistische Jugendsprachforschung? Dazu möchte ich 4 Stichworte anführen und kurz kommentieren: • Mündlichkeit, • Authentizität/ empirische Sprachforschung, Soziolinguistische Jugendsprachforschung 173 <?page no="174"?> • sozio-kulturelle Differenzierung, • Bedeutung subjektiver Faktoren. Gegenüber anderen, z. B. historischen oder medialen oder rein lexikologischen Gewichtungen, ist die soziolinguistische Jugendsprachforschung zweifellos empirisch ausgerichtet, basiert zumeist auf selbst erhobenem mündlichen Sprachgebrauch und kulturanalytischen Vorgehensweisen. • Mündlichkeit: Vergessen wir nicht, dass bis in die 1960er Jahre mit Aus‐ nahme der Dialektologie die Schriftlichkeit als Basis der Sprachforschung diente. Das geschriebene Wort war größtenteils auch das überlieferte bzw. fingierte Wort. Linguistische Beschreibungen der gesprochenen Sprache und insbesondere des interaktiven Sprachgebrauchs mussten erst entwi‐ ckelt werden (Schwitalla: Gesprochenes Deutsch 1997 und in diesem Band), und zwar zunächst kontrastiv zur Schriftsprache, wie frühe soziolinguisti‐ sche Studien zeigten (vgl. Neuland 2023: Kap.I.2.1.). Nach einer Phase der intensiven Beschäftigung mit Merkmalen mündlichen Sprachgebrauchs unter Einbezug neuerer Erkenntnisse der linguistischen Pragmatik und Gesprächsforschung wenden sich soziolinguistische Studien heute gewinnbringend auch wieder schriftlichen Dokumenten v. a. der digitalen Schriftlichkeit und Graffiti zu, die auf einem breiteren Verständnis von Multimodalität wie bei Spitzmüller 2013, Androutsopoulos 2014, Busch 2021 und von Interaktionslinguistik beruhen (vgl. Neuland 2023: Kap. II.6). • Authentizität: Der reale Sprachgebrauch rückte erst in den 1960er Jahren in den Fokus der empirischen Sprachforschung. In Ermangelung authentischer Materialien beruhen frühe Studien auf selbsterhobenem Sprachmaterial, wobei die Erhebungstechniken auch noch zu entwickeln waren (vgl. Neu‐ land 2023: Kap.I.2.3). Dazu gehören auch Dokumente wie die „Bottroper Protokolle“ (Runge 1968), die die Aufmerksamkeit auf den nicht-normkon‐ formen Sprachgebrauch von Probanden (früher als Versuchspersonen be‐ zeichnet) richteten. Aus heutiger Sicht bieten die früheren Erhebungstechniken vielfach Anlass zur Kritik. Geht es schon länger nicht mehr um möglichst große Quanti‐ täten, sind qualitative Verfahren fruchtbar weiterentwickelt worden (vgl. Dittmar 2018). Vielfach werden heute Mixed Methods und Methodentrian‐ gulationen angewandt, wie in den Studien von Neuland 2016 und 2020. Auch kann heute auf eine Anzahl vorhandener Korpora auch der gesprochenen Sprache zurückgegriffen werden, die für soziolinguistische Studien des Deutschen genutzt werden können (vgl. IDS-Korpuswegweiser). Auch die 174 Eva Neuland <?page no="175"?> Daten unserer Höflichkeitssstudie haben dort Eingang gefunden. Eine Korpuslinguistik hat sich in jüngster Zeit entwickelt. • Kulturanalyse: Der Einbezug soziolinguistischer Variablen der sozialen und regionalen Herkunft gilt seit den Studien der Klassiker Bernstein und Labov als großer Gewinn der soziolinguistischen Sprachforschung. Damals konzentrierte sich die Kritik auf die Frage, ob die z. B. von Bernstein für Großbritannien vorgenommene Klassifikation auch für Deutschland angenommen werden könnte (vgl. Neuland 1975: Kap.1). Aus heutiger Sicht erscheint die Konzentration auf Schichtklassifikationen generell als fragwürdig (vgl. Neuland 2018: Kap IV 1/ 2). So muss auch die zwischenzeitlich veränderte soziale und kulturelle Mobilität berücksichtigt werden, die sich für verschiedene Sprachgemeinschaften je unterschiedlich darstellt. Damit ist aber auch der kulturelle Wandel angesprochen, der vor allem durch internationale Migrations- und Fluchtbewegungen ausgelöst wurde. • Bedeutung subjektiver Faktoren: Und nicht zuletzt ist kulturanalytisch der veränderte Umgang von Jugendlichen mit z. B. Subjektivität zu berücksich‐ tigen: Die kulturelle Selbstzurechnung spiegelt sich im „Spiel mit Stil“ (Neuland 2018: Kap.IV.3) und ist nicht mechanistisch oder monokausal zu deuten. Heutige soziolinguistische Studien prüfen die Mehrdimensionalität der Sprachvariation mittels verschiedener soziolinguistischer Variablen: In Neuland (2016, 2018) sind dies: Alter und Geschlecht, Deutsch als Mutter- und Fremdsprache, Schulformen. Dabei haben sich besonders die erstge‐ nannten als differentiell aussagekräftig und valide erwiesen. Zu pragmati‐ schen Daten des Sprachgebrauchs treten gleichrangig metapragmatische Daten der Sprachreflexion. Ich kapituliere aus den resümierenden Kapiteln zu soziolinguistischen Differenzen: • In der Projektpublikation von 2016 (Kap. V.2) heißt es: Die Verwendung von Jugendsprache nimmt nach Angaben der Jugendlichen in den drei Domänen von Freizeit, Schule und Familie mit dem Alter ab, besonders deutlich in der höchsten von uns untersuchten Altersgruppe von 20 bis 24 Jahren. Jugendliche in der mittleren Altersgruppe von 15 bis 19 Jahren weisen besonders viele Kennzeichen des Gebrauchs von Jugendsprache auf und scheinen in dieser Entwicklungsphase daher besonders empfänglich für Jugendsprachen. • Die Vermutung, dass Mädchen sensibler mit dem Sprachgebrauch Jugendli‐ cher umgehen und eine größere Bereitschaft zur Sprachreflexion als Jungen zeigen, wird von den einschlägigen Befunden bestätigt. Der qualitative Soziolinguistische Jugendsprachforschung 175 <?page no="176"?> Befund, dass Mädchen viele Beispiele für Gebrauchsrestriktionen z. B. von als diskriminierend empfundenen Ausdrucksweisen angeben, stützt die Hypothese einer besonderen Sprachsensibilität der weiblichen Probanden. • Was die Variable Deutsch als Zweitsprache unter Differenzierung der Auf‐ enthaltsdauer betrifft, so lässt sich die Tendenz feststellen, dass Sprachein‐ stellungen von Jugendlichen ausländischer Herkunft mit zunehmender Aufenthaltsdauer sich denen von muttersprachlichen Jugendlichen anglei‐ chen, z. B. im Hinblick auf Typizitätseinschätzungen und Gebrauchsbegrün‐ dungen. Bei DaZ-Proband: innen mit relativ kurzer Aufenthaltsdauer in Deutschland scheinen sich jugendsprachliche Besonderheiten später und vor allem durch Peergroup-Kontakte im schulischen Rahmen zu entwickeln. • Im Hinblick auf die Variable der Schulformdifferenzierung, die in Deutsch‐ land allenfalls mit Einschränkungen Rückschlüsse auf die soziale Herkunft erlaubt, ergeben sich keine eindeutigen Befunde. Vor allem lassen die Proband: innen aus den Hauptschulen in ihren Spracheinstellungen wie in den spontan realisierten Kommunikationsformen (Frotzeln und Bricolagen) kein Defizit gegenüber den Gymnsiast: innen erkennen. Auch in der Studie zum Umgang von Jugendlichen mit sprachlicher Höflich‐ keit erweisen sich soziolinguistische Differenzierungen als aufschlussreich. Ich rekapituliere aus dem Kapitel: Rückblick und Ausblick (2020: 217ff.): Von besonderer Bedeutung mit signifikanten soziolinguistischen Differen‐ zen sind wiederum die Variablen: Geschlecht und Alter. • Mädchen erweisen sich als höflichkeitssensibler, was z. B. das allgemeine Verständnis von (Un)Höflichkeit und den Umgang mit Grußformen und mit Schimpfwörtern betrifft. • Ebenso erweisen sich ältere Schüler und Schülerinnen ( Jahrgänge 10 bis 12) als höflichkeitssensibler als jüngere ( Jahrgänge 5 bis 7). Die mittlere Altersgruppe der Jahrgänge 8 und 9 bildet dabei häufig eine Ausnahme, die sich mit einer besonderen Unangepasstheit des pubertären Jugendalters erklären ließe. • Konsistente Effekte ergeben sich für die Variable Deutsch als Zweitsprache. Jugendliche mit nichtdeutscher Muttersprache reagieren im Umgang mit (Un)Höflichkeit in einigen Kontexten, z. B. beim Begrüßen von Lehrkräften, konventioneller als deutsche Muttersprachler. • Was die Schulformdifferenzierung betrifft, so können auch in dieser Studie keine einheitlichen Differenzen festgestellt werden, zumindest keine, die sich mit den Qualitäten: Sensibilität für (Un)Höflichkeit oder Konventiona‐ lität vs. Informalität beschreiben ließen. 176 Eva Neuland <?page no="177"?> Anhand dieser Parameter, die je für sich genommen nicht spezifisch für die soziolinguistische Sprachforschung stehen, lässt sich die Weiterentwickung der Jugendsprachforschung veranschaulichen. Dies gilt nicht nur für soziolinguis‐ tische Studien im engeren Sinne, sondern kann als soziolinguistischer Impuls für die empirische Sprachforschung allgemein gelten, wie auf einer Tagung mit verschiedenen Projekten veranschaulicht wurde (Neuland et al. (Hg.) 2018: Jugendliche im Gespräch: Forschungskonzepte, Methoden und Anwendungsfelder aus der Werkstatt der empirischen Sprachforschung). Neu hinzugetreten ist in jüngerer Zeit zweifellos die Bedeutung subjektiver Faktoren von Spracheinstellungen, Sprachbewusstheit und Sprachreflexion, von subjektiven Wahrnehmungen und Selbstverortungen, die schon in den Anfängen der Soziolinguistik namentlich bei Labov mit seinen subjektiven Bewertungstests eine bedeutende Rolle gespielt haben (dazu Neuland 2023: 24ff.). In heutigen Studien, die nicht von einer mechanistischen Wirkung sozialer Einflüsse ausgehen, wird die Mehrdimensionalität von Sprachvariation überwiegend in Form metasprachlicher bzw. metapragmatischer Daten erfasst (vgl. Neuland 2016, 2020). Allerdings ist auch dieser Subjektivität eine sozialkollektive Dimension eingeschrieben. Auch kann die Variable Deutsch als Erst- oder Zweitsprache im kulturellen Wandel einer Migrationsgesellschaft heute nicht mehr übergangen werden. 4 Fazit und Ausblick Greifen wir zum Abschluss einige der in der Einleitung genannten allgemeinen Aspekte der Soziolinguistik auf und fragen uns, ob und inwieweit sie für unser Thema ausschlaggebend sind: Stichwort: Ungleichheiten Die Frage: Spricht die Jugend eine andere Sprache? kann als Auslöser der öffentlichen Debatten, aber auch der linguistischen Jugendsprachforschung gelten (dazu z. B. Neuland/ Schubert 2005). Dass diese Ungleichheit letztlich nicht so groß ist, wie angenommen, und Jugendsprache eben kein Exotikum darstellt, ist ein Effekt der Sprachforschung, der sich immer wieder Geltung verschaffen muss (Neuland/ Volmert 2009). Stichwort: theoretische Aspekte Die Jugendsprachforschung kann als Exempel dafür dienen, die Wechselwir‐ kung von sozialen und sprachlichen Faktoren zu veranschaulichen. Die so‐ ziale Zugehörigkeit von Jugendlichen ist heute nur in seltenen Fällen noch Soziolinguistische Jugendsprachforschung 177 <?page no="178"?> schlechthin gegeben (wie z. B. Arbeiterjugendliche, Jugendliche vom Dorf); sie konstituiert sich vermehrt durch selbst gewählte sprachliche Ausdrucksweisen (Jugendliche als Akteure, Baurmann/ Neuland 2011), durch Stilisierungen (Doing Youth, Neuland 2003) und Selbstzurechnungen. Stichwort: Empirie und Methodik Mit den weiter oben genannten Merkmalen der Mündlichkeit und dem Au‐ thentizitätsanspruch sind empirisch-methodische Konsequenzen verbunden, ebenso mit dem Einbezug subjektiver Faktoren. Multi-Methods- und Triangu‐ lationsverfahren scheinen am besten geeignet, Antworten auf die diversen Fra‐ gestellungen bezüglich mündlicher und schriftlicher, spontaner und elizitierter, pragmatischer und metapragmatischer Daten zu finden. Neben Beobachtungs- und Befragungsmethoden haben wir zuletzt mit den Critical Incidents auch experimentelle Verfahren entwickelt und eingesetzt (Neuland et al. 2020). Stichwort: Fokussierung und thematische Breite Die Perspektivenvielfalt der Forschungsschwerpunkte ist trotz der Fokussie‐ rung auf eine Lebensaltersphase erstaunlich: Sie reicht von linguistischen Analysen im engeren Sinne (grammatisch, semantisch, pragmatisch, Neuland 2018, 2018a) über Kommunikationsanalysen und Stilanalysen (Neuland et al. 2009) sowie Fiktionalisierungen (Doing Youth, Neuland 2003) bis zu Fragen von Sprach- und Kulturgeschichte und Sprachwandel (Jugendsprachen als Indikato‐ ren der Zeitgeschichte, Neuland 2003). Stichwort: Interkulturalität Jugendliche agieren heute verstärkt in multikulturellen Gruppen und Szenen. Dies bildet eine ständige Quelle für Abwandlungen von Gewohntem und für Innovationen, wie sich besonders am Beispiel von Grußformen zeigen lässt (ciao, hadi, good bye Neuland et al. 2007, Neuland 2015). Interkulturelle Differenzen offenbaren sich aber auch in den Analysen zum (Un)Höflichkeitsverhalten von Jugendlichen, selbst noch bei Oberstufenschüler: innen der dritten Generation (Neuland 2025). Für die soziolinguistische Jugendsprachforschung bleibt noch viel zu tun, und zwar gerade wegen des raschen sozialen und kulturellen Wandels, der eben kein Hinderungsgrund für die Forschung darstellt, vielmehr ihre Notwendigkeit herausstellt. 178 Eva Neuland <?page no="179"?> Literatur Aus historiographischen Gründen wird in der Regel jeweils die erste Auflage zitiert und der damalige nichtgegenderte Sprachgebrauch beibehalten. Die Vielzahl der Selbstverweise folgt dem wissenschaftsbiographischen Duktus des Beitrags und wird durch die Publikationen von 2018 zur Jugendsprache und 2023 zur Soziolinguistik zusammengefasst. Androutsopoulos, Jannis (2014). Mediatization and sociolinguistic change. Berlin/ Boston: de Gruyter. Baurmann, Jürgen/ Neuland, Eva (Hrsg.) (2011). Jugendliche als Akteure - Sprachliche und kulturelle Aneignungs- und Ausdrucksformen von Kindern und Jugendlichen. Frankfurt a. M.: Lang. Bernstein, Basil (1970). Soziale Struktur, Sozialisation und Sprachverhalten. Aufsätze 1958-1970. Amsterdam: de Munter. Bogdal, Klaus-Michael (2015). IA 588 - Basisgruppe Germanistik. In Zelle, Carsten (Hrsg.). Beiträge zur Gründung und Formation der Literaturwissenschaft am Germa‐ nistischen Institut der Ruhr-Universität Bochum - ein germanistikgeschichtliches Forschungsprojekt. Bochumer Schriften zur deutschen Literatur. Neue Folge 5. Frank‐ furt a. M.: Peter Lang, 213-233. Busch, Brigitta (2021). Mehrsprachigkeit. 3. vollständig überarbeitete Auflage. Wien: utb facultas. Dittmar, Norbert (2018). Datenerhebung qualitativ. Mit einem Ausblick auf Beschrei‐ bungsverfahren. In: Neuland, Eva/ Schlobinski, Peter (Hrsg.). Handbuch Sprache in Gruppen. Berlin/ Boston: de Gruyter, 52-84. Henne, Helmut (1981). Jugendsprache und Jugendgespräche. In: Schröder, Peter/ Steger, Hugo (Hrsg.). Dialogforschung. Jahrbuch des Instituts für deutsche Sprache. Düssel‐ dorf: Schwann, 370-385. IDS Korpuswegweiser, vgl. Institut für Deutsche Sprache: Korpusausbau. Mannheim. Jaeggi, Urs (1970). Macht und Herrschaft in der BRD. Frankfurt a. M.: Fischer. Jaeggi, Urs (1978). Brandeis. Roman. Darmstadt/ Neuwied: Luchterhand. Lawton, Denis (1970). Soziale Klasse, Sprache und Erziehung. Düsseldorf: Schwann. Lurija, A.R./ Judowitsch, F.I. (1970). Die Funktion der Sprache in der geistigen Entwick‐ lung des Kindes. Düsseldorf: Schwann. Neuland, Eva (1975). Sprachbarrieren oder Klassensprache. 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Neuland, Eva/ Könning, Benjamin/ Wessels, Elisa (Hrsg.) (2018). Jugendliche im Gespräch. Forschungskonzepte, Methoden und Anwendungsfelder aus der Werkstatt der empi‐ rischen Sprachforschung. Frankfurt a. M.: Lang. 180 Eva Neuland <?page no="181"?> Neuland, Eva/ Könning, Benjamin/ Wessels, Elisa (2020). Sprachliche Höflichkeit bei Jugendlichen. Empirische Untersuchungen von Gebrauchs- und Verständnisweisen im Schulalter. Frankfurt a. M.: Lang. Projektgruppe Brelohstrasse (1973). Hihaho - die Bonzen kommn ins Klo! Bericht über 2 Jahre proletarische Vorschulerziehung. Theorie und Praxis. Proletarisches Vorschulprogramm. 2. Aufl. Hamburg: Verlag Association. Runge, Erika (1968). Bottroper Protokolle, Aufgezeichnet von E.R. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. Schwitalla, Johannes (1997). Gesprochenes Deutsch. Eine Einführung. (4., neu bearbeitete und erweiterte Auflage 2012). Berlin: Erich Schmidt Verlag. Spitzmüller, Jürgen (2013). Graphische Variation als soziale Praxis. 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Regeln des Sprachge‐ brauchs ausgeklammert) hatte und in einer zweiten heuristischen Reduktion vor allem die Wohlgeformtheitsbedingungen für sprachliche Äußerungen in den Blick nahm (und etwa soziale Bedingungen außer Acht ließ). In jenen Jahren standen einerseits syntaxtheoretische Fragen (wie in Noam Chomskys Generativer Transformationsgrammatik), andererseits das sprachliche Handeln eines Sprechers (wie in John Searles Sprechakttheorie) im Vordergrund des Interesses. Die Reduktionismen der mainstream-Linguistik geriet in die Kritik derer, die (angeregt durch angelsächsische und osteuropäische Impulse) auch an den empirischen Bedingungen faktischer Verständigung interessiert waren. Entsprechend erfolgreich waren in Deutschland z. B. die Freiburger Ansätze, die (unter der Leitung von Hugo Steger) „Redekonstellationsmodelle“ entwickelten, um auch kontextuelle, situationsbezogene, institutionelle Aspekte in die Ana‐ lyse von Corpora der Alltagskommunikation einbeziehen zu können. So begrüßenswert die Erweiterung des Focus (sozio-)linguistischer Theorie‐ bildung in jener Zeit war, so wenig konnte die Fixierung der Perspektive auf den Sprecher und sein als intentional definiertes Handeln jene Linguisten befriedigen, die das komplexe Geschehen zwischen Menschen zu verstehen suchten, die sich in Form von Gemeinschaftshandlungen mittels Zeichen zu verständigen streben. Im Ausgang von Wilhelm v. Humboldt bedurfte es hier auch einer neuen kommunikationstheoretischen Fundierung des empirischen Interesses an sozialem Sprachhandeln als eines soziosemiotischen Handelns, das eben so viel mehr ist als der Austausch von Informationseinheiten (Laut- <?page no="184"?> 1 Nach dem altrömischen Rechtsgrundsatz „Pronuntiatio sermonis in sexu masculino ad utrumque sexum plerumque porrigatur“ (Corpus Iuris Civilis Dig. 50, 16, 195) und im Einklang mit höchstrichterlicher Rechtsprechung (s. BVG-Personenstandsurteil 1 BvR 2019/ 16 v. 10.10.2017), mit dem Handbuch der Rechtsförmlichkeit (ed. BMJ 4. Aufl. 2024) sowie den Empfehlungen des Deutschen Rechtschreibrates (v. 26.03.2021, 14.07.2023 et passim), benutze ich im Ausgang vom klassischen Epikoinon (γένος ἐπίκοινον / génos epíkoinon, „vermengtes Geschlecht“) für Personenbezeichnungen, wenn sie die Gattung betreffen, aus logischen, grammatischen, semantischen, stilistischen, semioti‐ schen, pädagogischen (DaF), ökonomischen, juristischen, medizinischen (Braille) und queersensiblen Gründen das inklusiv-neutrale genus commune und vermeide damit eine heteronormativ-binäre Sexualisierung des Sprachgebrauchs (cf. Meineke 2023); substantivierte Partizipialkonstruktionen (Einwohnende, Bestattende, Rad Fahrende, Firmengründende) vermeide ich, weil sie als Tätigkeitsbeschreibung eine andere semantische Funktion haben als die gruppen- oder statusbezogene Bezeichnung (cf. Glück 2020; cf. dagegen Kotthoff, in diesem Band). und Satzketten) zwischen ‚Sender‘ und ‚Empfänger‘. So wurden in der Soziolin‐ guistik jener Zeit entscheidende Weichen gestellt für die spätere Entwicklung der Varietäten-, Register- und Soziolektmodelle, der Gesprächs- und Diskurs‐ analyse, der Multimodalitätsforschung und Corpuslinguistik. Diese kruzialen Weichenstellungen sucht der Beitrag in wissenschaftshistorischer Absicht zu rekonstruieren (und wenn sich der Autor im Rückblick dabei der Entwicklung seines eigenen Interesses an sozialer Interaktion im Schnittpunkt von Sprach- und Sozialforschung, Dialog- und Diskurstheorie versichern darf, so trägt er damit dem ausdrücklichen Anliegen der Herausgeber dieses Bandes Rechnung). 1 2 Die Anfänge, erste Impulse 1968! Zeit des Aufbruchs und Umbruchs! Friedensbewegt und hippieselig, bunt und hoffnungsvoll beschwingt, dabei die Eltern und Großeltern kritisch befragend nach ihrer Rolle im ‚Dritten Reich‘, die (bzw. das) zwanzig Jahre lang mit bedrückender Beharrlichkeit beschwiegen worden war. Die Generation der „Achtundsechziger“, tausendmal beschrieben, später nostalgisch erinnert oder grimmig verdammt. Der 18-jährige Abiturient des renommierten (aber von Kon‐ servativen wegen seiner Weltoffenheit und international zusammengesetzten Schülerschaft als ‚liberal‘ verdächtigten) Nicolaus-Cusanus-Gymnasiums in der Diplomatenstadt Bad Godesberg war vom damals obligatorischen Militärdienst aufgrund ihm vorher nicht bewusster Gebresten befreit worden (was ihm durchaus recht war) und drängte sogleich ins Studium an der benachbarten Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn. Er immatrikulierte sich für die Fächer Germanistik, Anglistik, Allgemeine Linguistik und Geographie, belegte aber auch Vorlesungen in Philosophie und Pädagogik, Kunst- und Musikwissen‐ 184 Ernest Hess-Lüttich <?page no="185"?> schaft. Damals waren die Fächer noch nicht in kleinteilige Studiengänge und Moduleinheiten zerhäckselt, sodass man einen guten Überblick über die Breite eines Faches und die Vielfalt seiner Fragestellungen gewinnen konnte. Der Abiturient bemerkte freilich bald, dass das Spektrum seiner Interessen und die Vorgaben der Studienordnungen zeitlich kaum miteinander in Einklang zu bringen waren. Seine jüdische Deutschlehrerin (Dr. Eva Berneis) hatte ihn früh für die Literatur begeistert, und zwar von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, später mit besonderen Akzenten auf jüdischen Autoren wie Franz Kafka und Paul Celan, aber auch und vor allem auf Thomas und Heinrich Mann. Ihre Texte wollte der Abiturient nun endlich genauer studieren, indes zwang die Studienordnung ihn zur Abschreckung zunächst in Kurse zum Gotischen, Altenglischen, Alt- und Mittelhochdeutschen. Bonn galt damals als Hochburg der Germanistik, berühmte Gelehrte hielten Kolleg, Benno von Wiese und Beda Allemann, Hugo Moser und Werner Besch. Geduldig paukte der junge Student die Ablautreihen vom Indogermanischen zur Frühen Neuzeit und erschnupperte „unter den Talaren / den Muff von 1000 Jahren“, aber wenn dann die barocke Gestalt des Literaturforschers Benno von Wiese sich über das Katheder ergoss und er mit pathetischer Geste „das Mystisch-Mythische bei Schiller“ beschwor oder mit Blick zum Himmel (also zur Decke, von der leise rieselnd der Putz herabblätterte) Verbindungslinien vom Astrologischen zum Transzendenten zog, war der Abiturient fasziniert, freilich von der theatralen Inszenierung mehr als vom analytischen Gehalt seiner ausgreifenden Rede. Den Studenten interessierte aber, was die ästhetische Wirkung der Lektüre literarischer Texte verursachte, warum ihre Gestalt bei ihm Gefallen fand. Literatur ist doch auch und vor allem Sprache, warum schenkte man ihr in der Literaturforschung jener Zeit so wenig Beachtung? Den Studenten dürstete nach weiteren Horizonten, er bewarb sich aus finanziellen Gründen als Lehrassistent (assistant teacher) nach England und hatte Glück. Durch Vermittlung seiner Lehrer in der Anglistik bekam er 1970 eine Stelle als Lektor am North East London Polytechnic, das von der damaligen Bildungsministerin Margaret Thatcher (“the school milk snatcher“) in das Hochschulwesen (Tertiary Education System) integriert worden war und an dem in der Germanistik das externe BA Degree Programme der London University unterrichtet wurde. Der Student, berstend vor Energie, unterrichtete morgens seine Kurse, studierte nachmittags am University College und am King’s College bei berühmten Gelehrten wie Alfred C. Gimson (Phonetik), Elizabeth Mary Wilkinson (Germanistik), Michael A.K. Halliday oder Randolph Quirk (Linguistik) oder absolvierte nebenbei eine Ausbildung am Institute of Von der Soziolinguistik zur Soziosemiotik multimodaler Interaktion 185 <?page no="186"?> 2 Der Versuch, seine Thesen erst als universal gültige zu deklarieren, um sie dann umso leichter falsifizieren zu können, schien mir damals nicht fair, denn sein Modell bezog sich ausdrücklich auf die britische Klassengesellschaft seiner Zeit; die soziologisch mo‐ dellierten Schichtengefüge der westlichen Gesellschaften Kontinentaleuropas sahen auf dem Kontinent schon damals völlig anders aus: s. Wiehn 1968; Tumin 1970; Hradil 1977; Herz 1983; zur Diskussion zahlreicher weiterer Modelle der zeitgenössischen Soziologie s. Hess-Lüttich 1985: 281-296; heute stellt sich die Sozialstruktur Deutschlands wieder ganz anders dar: s. Hradil 1989; Steuerwald 2016. Linguists und erwarb das Cambridge Certificate of Proficiency in English, nachts erkundete er die Szenen und Subkulturen des Londoner Underground. Nach ein, zwei Jahren kehrte er ins beschauliche Bonn zurück, wo man ihn mit seinen nunmehr langen Haaren und flamboyanten Garderobe (aus den Hippie- Läden der Carnaby Street und Portobello Road) zuerst kaum wiedererkannte. In London hatten ihn die Vorlesungen des Soziologen Basil B. Bernstein besonders beeindruckt, der damals am Institute of Education seine soziolinguistische Theorie vom elaborated code der middle class und dem restricted code der working class entwickelte, die später von politisch eher links engagierter Seite aus als „Defizit-Theorie“ etikettiert wurde, obwohl Bernstein’s Ansatz gerade darauf zielte, die Angehörigen der unteren Schichten in die Lage zu versetzen, ihre gesellschaftliche Lage überhaupt sprachlich benennen zu können, um sie zu überwinden (“emancipatory education“ nannte er das). Dem Soziologen Mängel seiner linguistischen Empirie und morphosyntaktischen Analyse vorzuwerfen schien mir wohlfeil, mich interessierte eher sein später vielfach gewürdigtes Verdienst, die Aufmerksamkeit gerade im von Klassengegensätzen geprägten England jener Zeit auf den Sprachgebrauch als einer ihrer Ausdrucksformen gelenkt und deren Barrierenwirkung belegt zu haben. 2 Im konservativen Bonn, wo man sich bis anhin Linguistik allenfalls als Sprachgeschichte und Landeskunde (Dialekte) vorzustellen vermocht hatte und diese neumodische Soziolinguistik, horribele dictu, als irgendwie subversiv unter Verdacht stand, brach die Entwicklung ziemlich plötzlich hinein. Hugo Moser genehmigte seinen Assistenten mit schwäbischer Liberalität die neuen Themen in ihren Proseminaren anzubieten, las selbst immerhin über die re‐ gional-vertikale Gliederung des „heutigen Deutsch“ (Dialekt-Umgangssprache- Hochsprache), Werner Besch hatte aus Bochum in einer Anwandlung von anarchischem Mut rot geheftete Skripten des SDS zur marxistisch inspirierten Enttarnung und Überwindung von „Sprachbarrieren“ mitgebracht, die unter Studenten wie Samisdat-Raubdrucke zirkulierten (cf. Neuland, in diesem Band). Anderswo waren dazu längst die ersten Bücher erschienen (Bernstein 1971), Norbert Dittmar stellte in seiner Einführung zur Soziolinguistik das Werk des amerikanischen Dialektologen William Labov über die soziale Differenzierung 186 Ernest Hess-Lüttich <?page no="187"?> des Englischen von New Yorkern Sprechern vor und stellte dessen Beobach‐ tungen griffig als „Differenz-Theorie“ dem als „Defizit-Theorie“ etikettierten Bernsteinschen Ansatz gegenüber (Dittmar 1973), Eva Neuland hatte schon über das Sprachverhalten im Vorschulalter promoviert und publizierte die Erträge unter dem (damals) provokanten Titel Sprachbarrieren oder Klassensprache? (Neuland 1975). Der Student aus Godesberg verschlang alles, was er dazu in die Hand bekom‐ men konnte und kam darüber mit seinem Kommilitonen Wolfgang Steinig ins Gespräch, den vor allem interessierte, ob Schüler aus sozial benachteiligten Gesellschaftsschichten auch aufgrund ihres Sprachverhaltens Nachteile zu gewärtigen hatten. Die Referate der beiden Freunde machten sogar Hugo Moser höchstselbst neugierig, und er lud die noch längst nicht examinierten Jungforscher großzügig ein, ihre vorläufigen Überlegungen für die Zeitschrift Wirkendes Wort zu Papier zu bringen. Die Zusammenarbeit an diesem ersten Aufsatz sollte sich als eine der beglückendsten Erfahrungen des wachen, aber scheuen Studenten im akademischen Betrieb erweisen, denn obwohl die beiden aus gegensätzlichen Positionen heraus das Streitthema „Differenz oder Defizit“ in den Blick nahmen, blieb ihr Dialog stets harmonisch-kooperativ, weil sie aus demselben Impuls heraus diskutierten: soziale Gerechtigkeit. Der Schüler des Pädagogen Jürgen Kreft vertrat dabei zunächst eher die Auffassungen des Dialektologen Labov, der Bernstein-Schüler dagegen glaubte die gesellschaftskritischen Motive des Soziologen genauer verstanden zu haben als manche seiner späteren Interpreten. „Wissenschaft entsteht im Gespräch“, meinte der Physiker Werner Heisenberg und so entstand im Sinne Wilhelm von Humboldts (cogitamus: „wir denken“) ein Dialog, der nicht wie bei Emmanuel Levinas (1982: 216 f.) als “entrer dans la pensée de l’autre“ (also als Eindringen der Gesprächspartner in das Denken des anderen) die wechselseitige Andersheit unterdrückt (“où se supprime leur altérité réciproque“), sondern sie gerade fruchtbar zur Geltung bringt. Denn der Godesberger Student aus behütetem Hause fand die Vorstellung, dass das vermeintlich „restringierte“ Sprechen dem vorgeblich „elaborierten“ ebenbürtig sei, auf romantische Weise ehrenwert, aber nicht notwendigerweise im Interesse der so von allem Druck zur sozialen Aufwärtsmobilität Entlasteten. Und wenn es erlaubt ist, aus der Rolle des rückblickenden Beobachters in die des sich erinnernden Erzählers zu wechseln, so ist das im Grunde meine Auffassung noch heute, wenn ich die populären Bestseller à la Kiezdeutsch lese, in denen Linguisten das grammatisch rudimentäre Sprachgemisch türkisch-ara‐ bisch-deutscher Schülergruppen, die Artikel, Präpositionen, Casusendungen, Modi oder Tempora für weitgehend verzichtbar halten, als „[…] Zeichen für Von der Soziolinguistik zur Soziosemiotik multimodaler Interaktion 187 <?page no="188"?> 3 http: / / www.spiegel.de/ unispiegel/ wunderbar/ professorin-heike-wiese-verteidigt-denjugendslang-kiezdeutsch-a-824386.html [12.04.2024]: „Kiezdeutsch rockt, ischwör! “ (Spiegel online v. 29.03.2012); cf. Wiese 2012, Hinrichs 2013). eine besonders gelungene sprachliche Integration“ feiern (Wiese 2010: 4; cf. id. 2012). 3 Ist den in der Schule scheiternden Schülern nicht-deutscher Herkunft und Muttersprache wirklich damit geholfen, ihnen mit paternalistischer Geste auf die Schulter zu klopfen und ihr Sprachverhalten affirmativ als „neuen Dialekt“ und als Kreation einer „neuen Sprachvarietät“ zu loben, wenn sie damit keine Stelle bekommen? Wäre Bernsteins „emancipatory education“ auch und gerade im Hinblick auf den Spracherwerb nicht vielleicht doch eher im Interesse eines erfolgreichen Schulabschlusses und der gelingenden beruflichen Integration, solange Personalchefs die Beherrschung des ‚Kiezdeutsch‘ oder der ‚Kanak Sprak‘ (Feridun Zaimoğlu) nicht als Ausdruck besonderer sprachlicher Kreativität zu würdigen wissen? Ist gleich ein Rassist, wie Heike Wiese (2012) oder Diana Marossek (2016) unterstellen, wer Migranten dieselben sozialen und beruflichen Chancen gönnt, über die deutsche Muttersprachler mühelos verfügen, die sich zugleich durch Imitation des „Dialektes“ (der keiner ist, sondern allenfalls ein Soziolekt) ihrer bildungsferneren Mitschüler über sie lustig machen (“turkfacing“) wie einst die weißen US-Rassisten, die sich ihr Antlitz schwärzten (“blackfacing“)? Zu loben wäre sie als soziale Sprachvarietät, wenn sie aus einem Vermögen erwüchse, je nach Situation und Konstellation zwischen jugend-, fremd- und standardspachlichen Registern zu wechseln. Ist aber das Unvermögen, sich in der deutschen Standardsprache im Dienste etwa intergenerationeller oder institutionell regulierter oder fachlich spezialisierter Verständigung zu bedienen, nicht vielleicht doch ein „Defizit“, das möglicher‐ weise erschwert, die eigene soziale Lage und deren Ursachen zu ‚begreifen‘, d. h. auf den Begriff zu bringen? Deshalb hatte ich dieses ‚Unwort‘ als letztes Wort doch noch in den mit Wolfgang Steinig gemeinsam verfassten Text ge‐ schmuggelt, obwohl ich mich der mangelnden Würdigung jugendsprachlicher Substandard-Varietäten schon damals keineswegs verdächtig wähnte, sollte ich sie doch selbst mit neugierig zugewandter Empathie in ihrer seinerzeitigen For‐ menvielfalt und, ja, sprachspielerischen Kreativität zu beschreiben versuchen, zu einer Zeit als Ausdrücke wie „alternative Presse“ oder „Gegenöffentlichkeit“ noch einen ganz anderen Klang hatten als heute (z. B. in Hess-Lüttich 1976, id. 1978, id. 1983a, id. 1983b, id. 1989, id. 2001, id. 2003). Aber auch die Mahnung der erfolgreichen Schriftstellerin Yasmina Reza mag in diesem Zusammenhang zu denken geben, als sie (anlässlich der Vorstellung ihres Romans Babylon) zu den Argots auf Neuköllner Schulhöfen meinte: „In der Verballhornung der Sprache, im Gruppenjargon manifestiert sich die Ablehnung der Integration. 188 Ernest Hess-Lüttich <?page no="189"?> Die Parallelsprache konstituiert die Parallelgesellschaft“ (zit. n. Der Spiegel 32 v. 05.08.2017: 115). 3 Neugier und Skepsis, das leitende Interesse Mit diesen frühen Arbeiten war ein erster Akzent gesetzt, der sich im Laufe des folgenden halben Jahrhunderts auf facettenreiche Weise ausfächern sollte auf alle möglichen Aspekte der sozialen, literarischen, ästhetischen, intermedialen, interkulturellen, intra- und subkulturellen, institutionellen, fachlichen, öffent‐ lichen, politischen, medizinischen, juristischen, urbanen Kommunikation. Aber bei aller Vielfalt der Themen in den einzelnen Studien zu diesen Facetten blieb das leitende Interesse vergleichsweise konstant: soziale Interaktion, interperso‐ nale Kommunikation. Ich war neugierig auf das, was genau zwischen zwei (oder mehr) Menschen geschieht, die sich mittels Sprache zu verständigen suchen, sei es en face im direkten Gegenüber, sei es technisch vermittelt. Das überstieg die Fragestellungen, die in die gängigen Schubladen der zeitgenössischen syste‐ misch restringierten Linguistik passten, bei weitem und entsprechend ungnädig wurden meine Vorstöße von der Zunft aufgenommen („das ist doch keine Linguistik mehr! “, hörte ich mehr als einmal hinter meinem Rücken raunen). In meiner Skepsis gegenüber einer in ihren Relevanznahmen sich methodisch selbst beschränkenden Linguistik ließ ich mich aber nicht beirren. Im Gegenteil, als Germanist setzte ich mit fahrlässiger Unbekümmertheit noch eins drauf und übertrug meine Skepsis auch auf eine konservativ geprägte und im Sinne des Brechtschen Verdikts eher „kulinarisch“ motivierte Literaturwissenschaft der Bonner und Kölner Germanistik. Denn ich war neugierig, ob sich nicht auch Literatur empirisch genauer analysieren ließe, um ihre mir oft beliebig und sub‐ jektiv erscheinenden Interpretationen miteinander vergleichbar auf ihre argu‐ mentative Plausibilität hin prüfen zu können und sie erst dadurch intersubjektiv kommunizierbar und kritisierbar zu rechtfertigen. Die strukturalen Ansätze der Moskauer Literatursemiotik (Šklovskij, Erlich, Ivanov), der Prager Schule (Mukařovský, Jakobson, Havránek), der Tartuer Schule (Lotman), der Londoner Schule (Firth, Halliday), der Lütticher Schule (Dubois, groupe μ [μεταφορά]) oder der Pariser Schule (Greimas, Genette) boten für diesen Brückenschlag zwischen Sprach- und Literaturwissenschaften ein überaus reichhaltiges Me‐ thodenarsenal (cf. Hess-Lüttich 2009). Die Amsterdamer oder Berliner Ansätze zur Linguistischen Poetik (Ihwe, Posner u. a.) oder die Siegener Plädoyers für eine Literaturwissenschaft als argumentierende Wissenschaft (Siegfried J. Schmidt) und als ‚Medienkulturwissenschaft‘ (Helmut Kreuzer) erschlossen damit ein neues und überaus fruchtbar beackertes Feld, das ich in meiner Promotion bei Von der Soziolinguistik zur Soziosemiotik multimodaler Interaktion 189 <?page no="190"?> Hugo Moser auch zur Soziolinguistik hin zu öffnen versuchte, weil ich verstehen wollte, wie literarische Autoren etwa im Naturalismus, im Neorealismus oder im je zeitgenössischen Volksstück des 19. und 20. Jahrhunderts als sensible Seismographen kommunikativen Geschehens die soziale Differenzierung der Sprache ihrer Figuren ästhetisch so nachzubilden vermochten, dass sie beim Leser (und, nota bene, bei vielen Literaturwissenschaftlern) den Eindruck au‐ thentisch gesprochener Alltagssprache hervorriefen, obwohl es natürlich alles andere war als das, wie sich im Kontrast zu der etwa in Corpora empirisch erhobener „Arbeitersprache“ jeweils derselben Zeit, Region und sozialen Schicht in ihren Differenzqualitäten (sozio-)linguistisch auch nachweisen ließ (cf. Hess- Lüttich 1976, id. 1977a, b). Dennoch wurde das Gespräch zwischen Sprach- und Literaturwissenschaft im Laufe der Zeit immer schwieriger. Den einen galten die anderen als kleinliche Fliegenbeinzähler, die anderen den einen als jeder empirischen Rechtfertigungs‐ pflicht enthobene Fabulierer. Zunehmend ging es in den Instituten auch um Ressourcen und deren Verteilung, was das akademische Gespräch nicht eben erleichterte. Als Germanist saß ich so zwischen allen etablierten Stühlen, die Chancen, einen davon zu ergattern, schwanden zusehends, zumal ich es mir in Bonn mittlerweile mit beiden Seiten fachlich (nicht menschlich! ) verdor‐ ben hatte, mit der klassischen Literaturwissenschaft, die ihre Fragestellungen vornehmlich aus der eigenen Fachgeschichte entnahm, ebenso wie mit der Linguistik, die damals von den syntaxtheoretische Modellen der Generativen Transformationsgrammatik Noam Chomskys so fasziniert war, dass sie aus ihren Fragen und Methoden alles herauskürzte, was mich interessierte: die Phänomene selbst in ihrer Schönheit, Vielfalt und kulturellen Besonderheit, für die kaum einen Blick haben mochte, wer etwa (wie Chomsky und seine Jünger) allein die Individualität der 225 indigenen Sprachen Europas als „some indoeuropean dialects“ mit einheitlicher ‚Tiefenstruktur‘ vom Tisch wischte und in einem grauen Sack verstaute (cf. Weydt 1976). Durch mein anhaltendes Interesse an Verständigungshandlungen in allen ih‐ ren Facetten stieß ich bald auf das längst berühmt gewordene Bonner Institut für Kommunikationswissenschaft und Phonetik (IKP) unter der Leitung von Gerold Ungeheuer, der später für den Verlag de Gruyter das megalomane Handbuch‐ projekt zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft inaugurierte, das fast die gesamte Zunft für Jahrzehnte beschäftigen sollte. Kommunikationswissenschaft wurde hier so ganz anders betrieben als in den sozial- und publizistikwissen‐ schaftlichen Fachbereichen mit ihren von der Informatik (Shannon/ Weaver 1949) inspirierten Code-Theorien und Sender-Empfänger-Modellen, die ich von Beginn an für vollkommen unzureichend hielt, interpersonale Kommunikation 190 Ernest Hess-Lüttich <?page no="191"?> adäquat zu beschreiben. Denn ich hatte mich (nicht immer freiwillig und aus eigenem Antrieb) schon am (humanistischen) Gymnasium mit der antiken Rhetorik beschäftigt und war durch die Schriften Ciceros und Quintilians sensibilisiert worden für die Wirkung, der der geübte Redner durch die Nuancen sprachlicher und nichtsprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten erzielen konnte. Die Hinweise etwa Quintilians in seiner Institutio oratoria (liber XI, 3.1, 325) über das Verhältnis von vox, motus und actio in wirkmächtiger pronuntiatio zitierte ich später in meinen Plädoyers für einen integrativen oder holistischen Ansatz, der die paraverbalen Zeichen (Intonation, Prosodie, Rhythmik, Pausen, die - wie ich in London bei Gimson, Halliday und Quirk aufgeschnappt hatte - Toneme, Stroneme, Chroneme) ebenso in die phänomenologisch genauere Beschreibung einzubeziehen fordert wie die nonverbalen oder ‚concomitanten Handlungen‘ (Gestik, Mimik, Proxemik, body language usw.), mit dem mir damals noch eigenen Selbstbewusstsein im lateinischen Original, ohne eine deutsche Übersetzung beizugeben, was ihre Rezeption wohl auch nicht eben beförderte (cf. Hess-Lüttich 1977 a, 1979 a, 1979 b, 1981: 177). Aber auch durch mein Literaturstudium glaubte ich mich bestens vorbereitet; Texte von Gotthold Ephraim Lessing über Jakob Michael Reinhold Lenz oder Heinrich von Kleist bis Theodor Fontane, Gerhard Hauptmann, Thomas Mann und Franz Kafka (cf. Binder 1976), Franz Xaver Kroetz, Martin Sperr hatten mich auch durch ihre genaue Sprachbeobachtung fasziniert, die ich später in eigenen Studien zu analysieren suchte, von denen einige auch in meinen Büchern über Kommunikation als ästhetisches ‚Problem‘ (Hess-Lüttich 1984), Zeichen und Schichten in Drama und Theater (Hess-Lüttich 1985) oder Literary Theory and Media Practice (Hess-Lüttich 2000) enthalten sind. Leider wurden auch diese Umwege von nicht wenigen der selbstgewissen „hard core linguists“ eher als Abwege wahrgenommen. Insofern war es riskant, mit einer umfangreichen und überwiegend theoretisch interessierten Schrift über die kommunikations‐ soziologischen, handlungspragmatischen und textsemiotischen Bedingungen dialogförmiger Verständigung (Hess-Lüttich 1981) eine venia legendi in beiden Fächern anzustreben. Die Doppel-Habilitation (für Deutsche Philologie und Allgemeine Linguistik) erwies sich denn auch in Deutschland als karrierestrategisch ausgesprochen unklug. Zu meinem Glück sahen Kollegen das in den USA deutlich entspannter (“buy one/ get two“) und so bekam ich dort die ersten Stellenangebote aus renommierten Germanistik-Hochburgen (wie Madison, WI oder Bloomington, IN), die mir in Forschung und Lehre die freie Entfaltung meiner Interessen erlaubten. Die Beschäftigung mit der Literatur war für meine soziolinguistischen Interessen keineswegs so abseitig wie es prima facie scheinen mag. Vielmehr sensibilisierten mich literarische Beschreibungen Von der Soziolinguistik zur Soziosemiotik multimodaler Interaktion 191 <?page no="192"?> von Gesprächen für die Nuancen all dessen, was darin kommunikativ relevant ist und was einem leicht zu entgehen droht, wenn man sich damit begnügt, nur die grammatischen Bausteine und sozialen Parameter in Kreuztabellen zu korrelieren. Um die Komplexität dieser eben nicht nur sprachlichen, sondern auch sozia‐ len und psychischen Prozesse und im Gespräch deren wechselseitige Deutung als Zeichen für soziale und innerpsychische Sachverhalte besser zu verstehen, glaubte ich die dafür einschlägigen Fächer Soziologie, Psychologie, Pädagogik und Philosophie (dort vor allem Sprach- und Zeichentheorie) ebenfalls gründ‐ licher studieren zu müssen. Dieses Drittstudium führte dann - nach dem Zweitstudium der Kommunikations-, Kunst-, Medien- und Theaterwissenschaft und der Habilitation an der FU Berlin - an einer anderen Fakultät der Bonner alma mater schließlich zu einer zweiten Dissertation, in der ich die Erträge meiner dortigen Forschung zu verknüpfen hoffte und die ich später zu einem Buch über Angewandte Sprachsoziologie verschmolz (Hess-Lüttich 1987). Aber schon als Student hatte ich die Anregungen aus Anthropologie und Sozialpsy‐ chologie (Margaret Mead, Erving Goffman, Gregory Bateson) aufgenommen, die in den USA längst in eigenen Forschungszweigen der Kinesik, Proxemik und Paralinguistik (Ray L. Birdwhistell, Edward T. Hall, George L. Trager) ausgearbeitet wurden und mit denen ich durch Michael Halliday oder auch den Oxforder Sozialpsychologen Michael Argyle, auf dessen Standardwerk Social Interaction (1969) ich damals stieß, in Berührung kam und mit denen ich mich am Bonner IKP dann systematischer befassen konnte. 4 Multimediale Kommunikation: komplexer als manche Linguisten dachten Mein damaliger Kommilitone H. Walter Schmitz erinnert sich in seiner zu‐ sammen mit Jens Loenhoff formulierten Einleitung zu dem Sammelband Tele‐ kommunikation gegen Isolation, der Kommunikationswissenschaftliche Studien aus einem Modellprojekt in einer Klinik zusammenbindet, nicht ohne einen Hauch amüsierter Bitterkeit an die „‘Wiederentdeckung‘ der Multimodalität von Interaktion“ (Loenhoff/ Schmitz 2015: 11f.) vor allem durch Linguisten und Konversationsanalytiker, die sie mit den neuen technischen Möglichkeiten ihrer Videoaufzeichnung erklären bzw. umgekehrt die Reduktion des Objektbereichs allein auf dessen verbale/ auditive Anteile mit den „damaligen technischen Bedingungen“ rechtfertigen (z. B. Deppermann/ Schmitt 2007: 29). Dem wider‐ sprechen die Autoren entschieden und weisen minutiös nach, dass es der conversation analysis Schegloffscher Prägung und in deren Rezeption dann der 192 Ernest Hess-Lüttich <?page no="193"?> linguistischen Gesprächsanalyse im deutschsprachigen Raum stets um Redebei‐ träge und Sprecherwechsel ging, um Audioprotokolle, Verbaltranskripte und Sequenzanalysen, aber nicht um Multimodalität strictu sensu. Wenn in jüngeren konversationsanalytischen, sozio- und pragmalinguistischen Arbeiten behaup‐ tet werde, es handle sich bei der späten Einsicht, dass personale Kommunikation ein multisensorischer Prozess sei, um eine neue Erkenntnis, so könne „die darin zum Ausdruck kommende wissenschaftshistorische Blindheit nur verwundern“ (Loenhoff/ Schmitz 2015: 13; cf. Wirtz 2014). Das gilt übrigens auch für den (wie seinerzeit bei Chomskys Syntax-Modellen) ähnlich unbekümmert erhobe‐ nen Anspruch auf Universalität des Redeaustauschsystems ‚conversation‘, der nur durch Unkenntnis der anthropologischen, ethnologischen, humanethologi‐ schen und kulturkomparatistischen Forschungstraditionen erklärt werden kann (cf. Schmitz 2014). Deshalb stellte ich in meinen eigenen Arbeiten dem angelsächsischen Termi‐ nus conversation in der Tradition von Wilhelm v. Humboldt, Georg Simmel, Karl Bühler, Alfred Schütz und dialogphilosophischen Ansätzen (Hermann Cohen, Martin Buber, Hermann Levin Goldschmidt, Kuno Lorenz) den alteuropäischen Begriff des Dialogs gegenüber, um ihn (im einschlägigen terminologischen Feld von Dialog, Gespräch, Konversation, Diskurs etc.) als kommunikationssoziolo‐ gisch umfassenderen Terminus für Verständigungshandlungen jeglicher Art re‐ servieren zu können (zur begriffshistorischen und -systematischen Explikation s. Hess-Lüttich 1994, id. 1996, id. 2021). Für deren angemessene Beschreibung schien mir das linguistische Beschreibungsinstrumentarium allein von Anfang an zu begrenzt. Deshalb interessierte ich mich für die lange Tradition der Semiotik und so suchte ich nach meinen Londoner und Bonner Examina gleich nach Antritt meiner ersten Stelle als Wissenschaftlicher Assistent für Germanistik an der Freien Universität Berlin (1975) den Kontakt zu dem Gründer und Leiter des Arbeitskreises für Semiotik an der benachbarten Technischen Universität Berlin, Roland Posner (der übrigens ebenfalls am IKP in Bonn studiert hatte: s. Hess- Lüttich 2012), der im selben Jahr auch die Deutsche Gesellschaft für Semiotik gründete. Gleich bei ihrem ersten Arbeitstreffen setzte ich mich dafür ein, eine Sektion für Multimediale Kommunikation ins Leben zu rufen, zu deren Leiter ich ungeachtet meiner jungen Jahre sogleich gewählt wurde. Geschwind entwarf ich dafür eine Art Forschungsprogramm, das ich dann auch beim Kongress der International Association for Semiotic Studies (IASS) in Wien zur Diskussion stellte (Hess-Lüttich 1978) und in etlichen Sektionsprogrammen der beiden Gesellschaften weiter ausbaute, woraus dann weitere Projekte, Kooperationen und (zusammen mit Achim Eschbach und Jürgen Trabant) sogar die Gründung Von der Soziolinguistik zur Soziosemiotik multimodaler Interaktion 193 <?page no="194"?> einer Zeitschrift für Semiotik (Kodikas. International Journal for Semiotics) nebst einer dazugehörigen Buchreihe (Kodikas Supplement Series) erwuchsen (cf. Hess-Lüttich ed. 1982a, b). Von Anfang an bezog ich das Attribut ‚multimedial‘ auch auf die Multimoda‐ lität personaler Kommunikation, wie sich aus der heutigen Lektüre der frühen Schriften zwar leicht nachweisen lässt, aber leider auch als forschungsstrategi‐ scher Fehler erwies, der die Rezeption des Ansatzes entscheidend behinderte, da sich niemand unter ‚Medien‘ etwas anderes vorzustellen vermochte als die üb‐ lichen Massenmedien (Presse, Rundfunk, Fernsehen) in der Publizistikwissen‐ schaft. Ich bezog mich aber ausdrücklich auf einen kommunikationssoziologisch definierten Medienbegriff im Sinne einer allgemeinen Kategorie der Vermittlung sozialer und kommunikativer Sachverhalte, wie er am IKP zu Bonn von Helmut Richter (1978) programmatisch formuliert wurde. Danach wird das Handeln eines sozialen Subjekts kommunikativ, wenn es gesellschaftlich vermittelt, d. h. in einem Medium (gleich welchen Typs) objektiviert und in einem Regelwerk fixiert wird. Die Befolgung der darin formulierten Regeln ist die Bedingung der Möglichkeit gelingender Kommunikation. John Searles Unterscheidung zwischen konstitutiven Regeln (zur Begrenzung der Rahmenbedingungen spe‐ zifischer Handlungsweisen) und regulativen Regeln (zur Ordnung existenter Verhaltensformen) (Searle 1969: 33; id. 1971: 54) orientierte sich erkennbar an dem Regelwerk der ‚Sprachspiele‘ Ludwig Wittgensteins (1963, § 68). In grober Orientierung an Wittgenstein lässt sich die funktionale Korrespon‐ denz der Regelsysteme im Hinblick auf das Medium der Verständigung als Extension eines allgemeinen Konzepts multipler Rollenkomplementarität kom‐ munizierender Interaktanten bestimmen, deren Handeln limitativen Regeln un‐ terworfen ist, die die Rahmenbedingungen für die Selektion der Handlungszüge in einem (potentiell n-stelligen) Kommunikationsverhältnis angeben, während die figurativen Regeln die Selektion derjenigen Handlungszüge definieren, die der jeweiligen Kommunikationsstrategie entsprechen und den durch sie bestimmten Stil bzw. das funktional adäquate Register zur Folge haben (Hess- Lüttich 1978: 24f.; id. 1981: 121). Ich hatte mich damals bewusst für eine kommunikationstheoretisch gegründete und soziosemiotisch interpretierte Fas‐ sung des Medienbegriffs entschieden, weil damit dessen materiale Reduktion vermieden werden kann und die Materialität von Kommunikation zugleich stets im Blick bleibt. Zudem ist er hinlänglich abstrakt, um dessen biologischen, physikalischen, technologischen, soziologischen, kulturellen, systemischen und strukturellen Dimensionen (Posner 1985: 255-258) Rechnung zu tragen, die in Semioseprozessen praktisch zusammenwirken, aber analytisch danach un‐ terschieden werden, auf welchen Aspekt der Vermittlung sich das Interesse 194 Ernest Hess-Lüttich <?page no="195"?> vornehmlich richtet: auf die Sinnesmodalität (z. B. visuell, auditive, taktile Medien), die Kontaktmaterie (optische, akustische, haptische M.), die Apparatur (Presse, TV, Film), die Institution (Verlage, Sendeanstalten, Kulturbetriebe), die Gattung (genretypologische Textbzw. Dialogsorten wie Kommentar vs. Kritik, Roman vs. Sachbuch, Gottesdienst vs. Talkshow), den Code (sprachliche, bildli‐ che, musikalische C.) oder den semiotischen Modus (iconische, indexikalische, symbolische Zeichenmodalitäten). Gegenüber der unterkomplexen terminologischen Ausstattung des Medi‐ enbegriffs in der Informatik und Publizistikwissenschaft erlaubt ein solcher kommunikationstheoretisch integrierter und soziosemiotisch differenzierter Medienbegriff eine schärfere Abgrenzung multimedialer Kommunikation von multimodaler Kommunikation, die die Kombination zweier oder mehrerer Sinnesmodalitäten, Codes oder Zeichenmodi bezeichnet etwa in Fällen der Verbindung von Sprache, Mimik, Gestik und Bewegung im direkten Gespräch en face oder von Stimme, Gesang, Geruch (Weihrauch) im katholischen Ritual des Gottesdienstes oder von Abbildungen, Graphiken, Schemata, Verbaltexten in Lehrmaterialien (Hess-Lüttich 1992). Die Kombination ist dabei gerade nicht etwa bloß additiv zu verstehen (wie es die Notationspartituren zur Transkrip‐ tion z. B. direkter Gespräche heute suggerieren, dazu genauer unten Abs. 4), sondern als komplexes Zusammenspiel aller sensomotorischen Systeme der Kommunikation, in der exterozeptive und propriozeptive Wahrnehmungen zugleich ablaufen (Loenhoff 2012: 22-25). Schon in der einfachsten Konstellation der vis-à-vis-Kommunikation verbin‐ den sich z. B. bei Person A in ihrer Rolle als ‚Sprecher‘ Artikulationsbewegungen mit deren innerer (taktiler, kinästhetischer, vibratorischer und propriozeptiver) Wahrnehmung und der exterozeptiven Selbsthörwahrnehmung zu einem senso‐ motorischen Kreisprozess, während Person B in ihrer Rolle als ‚Hörer‘ nicht nur auditiv Laute wahrnimmt, sondern das Gesamt der oben genannten Ausdrucks‐ modalitäten von A , die ihrerseits visuell, auditiv, ggfs. taktil die (Re)Aktionen von B wahrnimmt, die ihr (in einem dritten Regelkreis) verstehenssichernde Maßnahmen (wie Wiederholungen, Selbstkorrekturen, stronemisch-chronemi‐ sche Nachsteuerungen) erlauben (Loenhoff/ Schmitz 2014: 18). Anders als viele der seinerzeit populären soziolinguistischen Ansätze wollte ich Kommunikation nicht allein durch die Korrelation soziometrischer Merkmale der Kommunikato‐ ren mit Sprachgebrauchsmustern oder durch den Bezug von sozialstrukturellen Merkmalen auf die involvierten Symbolsysteme beschreiben, sondern suchte der sozialen Komplexität von Verständigungshandlungen durch deren holistische Interpretation als Gemeinschaftshandlungen (im Sinne Karl Bühlers und Alfred Schütz) gerecht zu werden, in denen die Beteiligten in ‚multimedial‘ (im kom‐ Von der Soziolinguistik zur Soziosemiotik multimodaler Interaktion 195 <?page no="196"?> munikationssoziologisch spezifizierten Sinne) operierenden Handlungen Sinn produzieren und dabei einer Interaktionslogik folgen, deren Regeln teils die in einer Gemeinschaft geltenden (historisch-ethnisch relativen) Normen, teils die (pragmatisch-logisch universalen) Konstitutionsbedingungen von Gesprächen betreffen. Da ich aber von Beginn an weitere Komplexitätsgeneratoren in (Grup‐ pen-)Konstellationen etwa interkulturell konflikthafter, ästhetisch modellierter, technisch vermittelter oder digital simulierter Kommunikation im Blick hatte, erschien mir in den 1970er Jahren der mehrdimensionale Begriff der Multime‐ dialität empirisch flexibler und theoretisch anspruchsvoller als der der Multi‐ modaliät, wie er heute gebraucht und als neue Entdeckung proklamiert wird. Ich habe mich mit dieser Differenzierung nicht durchsetzen können; ich gebe also auf und schließe mich dem heute in der Diskursforschung maßgeblichen Sprachgebrauch an. 5 Die problematische Datenbasis: Zur Notation multimodaler Kommunikation Der mangelnden theoretischen Reflexion der begrifflichen Grundlagen ent‐ spricht m. E. leider die heute immer noch oder inzwischen wieder ungenügende methodologische Durchdringung der Arbeit mit multimedialen bzw. nun mul‐ timodalen Notaten als Basis der empirischen Analyse. Für das Problem wurde ich bereits 1976 im Rahmen eines Symposions zu Fragen der Corpusgewinnung und -auswertung an der FU Berlin sensiblisiert, das ich schon im Jahr nach meinem Stellenantritt als Assistent des liberalen Mediävisten Heinrich M. Heinrichs zu organisieren helfen durfte und für das wir namhafte Linguisten und Soziologen gewinnen konnten. Thomas Luckmann etwa machte uns in seinem Vortrag auf die Problematik der Datenkonstitution aufmerksam, die durch die Repräsentation mehrkanaliger Kommunikationsprozesse in multilevel-Notationspartituren nicht aufgehoben wird (Luckmann 1977). Denn auf‐ grund der Abhängigkeit der im Corpus erhobenen Daten vom Medium ihrer Manifestation ändert sich bei jeder medialen Transposition (und den damit verbundenen Informationsverlusten oder -verzerrungen) das Bezugsmaterial der Analyse. Das ist keineswegs nur ein empirisches Problem, sondern unter dem Aspekt der mutuellen Substituierbarkeit von Zeichensystemen eben auch ein zeichentheoretisches (Hess-Lüttich 1978: 26; cf. Luckmann ed. 1979). Meine seinerzeitige Kritik an der üblichen Notationspraxis, in der zu wenig systematisch reflektiert werde, dass die Wechselwirkung der in so komple‐ xen Semioseprozessen wie der multimedialen Kommunikation involvierten 196 Ernest Hess-Lüttich <?page no="197"?> Zeichenmodalitäten kookkurrent oder alternierend, funktional äquivalent oder antagonistisch, notwendig oder kontingent, kompatibel oder unvereinbar sein könne, gilt bei aller technischen Aufrüstung immer noch; schon damals hatte ich (in Anlehnung an Richter/ Wegner 1978) zu bedenken gegeben, dass allein schon die Kookkurrenz zweier oder mehrerer Zeichenmodalitäten redundant oder elliptisch, denotativ oder polysem, analytisch oder synthetisch, systematisch oder probabilistisch, dynamisch oder statisch, konvergent oder divergent, ko‐ härent oder paradox, spontan oder strategisch wirken kann - mit gravierenden semantischen Folgen (Hess-Lüttich 1978: 39). In der Soziologie und (Sozial-)Psychologie und übrigens auch in der Literatur war schon damals klar, dass z. B. die Divergenz (verbaler, para- und nonverbaler, mimischer und gestischer) Daten Kommunikation konflikthaft beeinträchtigen kann, wenn sie nicht (etwa als Metapher) rhetorisch konventionalisiert oder (etwa als Ironie) sozial standardisiert ist (cf. Schütze 1975; id.1980; Watzlawick 1977). Deshalb sind die kookkurrenten Ketten von Zeicheninstruktoren auch nicht ohne weiteres (im Transkript) untereinander substituierbar, zumal sie, wie beschrieben, sowohl limitativen als auch figurativen Regeln folgen. Die Befunde gelten nach meinem Eindruck erst recht für die Mehrzahl der heutigen Notationspraxen in der Erforschung ‚multimodaler Interaktion‘. Jens Loenhoff und H. Walter Schmitz kritisieren daran zum Beispiel „[…] a) die Verwechs‐ lung von Dokument und Datum, b) die Vertauschung von Transkript und Präsentation des Endergebnisses der Analyse“ (Loenhoff/ Schmitz 2015: 22). In das Verbaltranskript integrierte Aufnahmen (‚stills‘) löse das Problem nämlich keineswegs, sagen sie, denn sie seien wie die Audio- und Videoaufzeichnungen „Dokumente von Ereignissen der Erfahrungswirklichkeit“ (ibid. 23); Datenbasis aber sei eben diese Erfahrungswirklichkeit, die dem Interpreten analytisch nur über das Dokument zugänglich sei; für ihn werde so das Dokument zum Datum, auf das er seine Interpretation gründe, ohne indes beweisen zu können, dass die Erfahrungswirklichkeit des multimodalen Kommunikats dessen Dokument im Notat verlustfrei entspreche. Daher können z. B. die Integrate von ‚stills‘ darin allenfalls Illustrationen sein, nicht aber Daten. Indem der Transcribent die Indikatoren selegiert, die ihm (d. h. nicht notwen‐ digerweise den Interaktanten) kommunikativ relevant erscheinen, trifft er inter‐ pretativ Entscheidungen über die Totalität des wahrgenommenen Ereignisses; er findet die für die Interaktanten relevanten Indikatoren nicht heraus, sondern präsentiert sie als schon bekannt; und er unterstellt, dass die nonverbalen Indikatoren, die das Verbaltranskript unterschlägt, „für die Orientierung der Interaktanten irrelevant seien“ (ibid. 25). Arnulf Deppermann benennt das Problem in aller Deutlichkeit: “Multimodal transcripts are much more a product Von der Soziolinguistik zur Soziosemiotik multimodaler Interaktion 197 <?page no="198"?> 4 Diese Leitfragen waren die folgenden: (i) Durch welche Schriften, Thesen, Autoren sind Sie auf die Soziolinguistik [SL] aufmerksam geworden? (ii) Wie hat sich die SL auf Ihre ursprünglichen Arbeitsgebiete ausgewirkt? (iii) Haben Sie Ihre soziolinguistischen Interessen in Ihrer wiss. Laufbahn weiterverfolgt? Wenn nicht, warum nicht? (iv) Wie beurteilen Sie die Entwicklung der SL im deutschsprachigen Raum (Veränderungen, wichtige Beiträge, Desiderata)? Welche Erwartungen haben sich erfüllt / nicht erfüllt? (v) Welche „Meilensteine“ halten Sie für besonders bedeutsam; welche Auswirkungen erkennen Sie für Ihr engeres Arbeitsgebiet? (vi) Was haben Sie vermisst? (vii) Wie beurteilen Sie die heutige Situation; was erwarten Sie von der Zukunft der SL (Blick zurück nach vorn)? of detailed analysis than its precondition. Much more radically than verbal transcripts they are means to enable the reader to see what matters analytically, but they do not provide an uninterested objectivist view on the scene recorded” (Deppermann 2013: 3). So wird das multimodale Transkript mit anderen Wor‐ ten zum Dokument, das die Ergebnisse der Analyse und Interpretation des wahrgenommenen kommunikativen Ereignisses bereits enthält, ohne dass der Weg dahin zur Prüfung kritisierbar offengelegt wird (s. Loenhoff/ Schmitz 2015: 25). Das erinnert mich ein wenig an den berühmten Satz des Mathematikers Carl Friedrich Gauß, den ich (so ähnlich) seinerzeit meinem Buch über die Grundlagen der Dialoglinguistik vorangestellt hatte, der als Gauß-Zitat in keiner Sammlung fehlt und der seit dem Sommer 2023 als Kunstwerk von Bjørn Melhus das Kleine Haus des Braunschweiger Staatstheaters ziert: „Das Ergebnis habe ich schon, jetzt brauche ich nur noch den Weg, der zu ihm führt“. Dass es sich aus Gauß’ Schriften (bislang) nicht belegen lässt, ist jetzt natürlich Pech. 6 Nachbemerkung: Fazit und Resümee Damit komme ich auf die Leitfragen zurück, die die Herausgeber den Autoren dieses Bandes gestellt hatten und versuche, darauf eine persönliche Antwort zu finden, ohne dabei der vorgegebenen Reihenfolge sklavisch zu folgen. 4 (i) Meine Neugier galt (und gilt) seit dem Beginn meines Studiums den (allen) Formen und Facetten dialogförmiger Kommunikation. An der University of London (besonders am University College, am King’s College, am Institute of Education) kam ich mit den ersten Ansätzen der Soziolinguistik (Bernstein, Labov), aber auch der Textlinguistik (Halliday, Quirk) in Berührung, die mir für mein noch etwas diffuses Interesse der geeignete Ausgangspunkt schienen und zudem bereits einen methodisch recht gut sortierten Instrumentenkasten für die Beschreibung realen Sprachgebrauchs bereitstellte. (ii) Aber es blieb ein gewisses Unbehagen, denn weder hatten mich - unbeschadet meines Respekts vor den sozialen und pädagogischen Motiven 198 Ernest Hess-Lüttich <?page no="199"?> Bernsteins - die empirisch-linguistischen Fundamente weitreichender Thesen zur Defizit-Theorie überzeugt (s. hierzu Steinig, in diesem Band, dessen aktu‐ elle empirischen Untersuchungen sie jedoch wieder stärker zu unterstützen scheinen), noch auch die (politisch allzu) optimistische Annahme von der funk‐ tionalen Gleichwertigkeit und kommunikativ-äquivalenten Leistungsfähigkeit aller möglichen Varietäten alltäglichen Sprachgebrauchs. Deshalb suchte ich mich einerseits noch intensiver der theoretischen Implikationen gegenstandsadäquater Beschreibung sprachlichen Handelns mit dem Ziel der Verständigung zu vergewissern, andererseits nichts aus methodischen Gründen von vornher‐ ein aus der Betrachtung auszuschließen, was im Prozess der Verständigung sich als kommunikativ irgend relevant erweisen könnte. Was Halliday später Social Semiotics nannte, schien mir dafür als flexibler und vielversprechender Ansatz, soziolinguistische mit text- und pragmalinguistischen Fragestellungen zu verzahnen und dafür einen übergeordneten Begriffsapparat zu entwickeln (Halliday 1978; Hess-Lüttich 1981: 246-257; Hodge/ Kress 1988). (iii) Die Ur-Einsicht in das Prinzip des Sozialen als dem primum humanum stand schon in der Antike am Beginn des Nachdenkens über den Dialog als der Grundform menschlichen Miteinanders. Die Traditionen dieses Denkens habe ich in meiner Einleitung zu dem Handbuch der Gesprächsrhetorik in knapper Skizze nachzuzeichnen versucht (Hess-Lüttich 2021). Das Interesse an dem, was zwischen Menschen als Individuen und sozialen Subjekten geschieht, die sich mittels symbolischer Handlungen zu verständigen streben, zieht sich als ein roter Faden durch meine wissenschaftliche Arbeit im Laufe eines guten halben Jahrhunderts. Die Neugier, wie Kommunikation funktioniert, was sie behindert und gefährdet und wie sie scheitern kann, ist bis heute ungebrochen (zur „Fallibilität kruzialer Kommunikation“ s. Ungeheuer 1987: 321 bzw. id. 2017: 229). (iv) Die Soziolinguistik hat sich in ihrer kurzen Geschichte als außerordent‐ lich produktiv erwiesen und hat so mannigfache Ergebnisse gezeitigt, dass die Hervorhebung einzelner Beiträge oder die Aufstellung von Wunschlisten und Forschungsdesideraten ihr kaum gerecht würde. Die Vielfalt der Erträge vermag ich allein jedenfalls nicht mehr zu überschauen, geschweige denn sinnvoll konturiert zu resümieren, zumal sich die Soziolinguistik an ihren Rändern längst in eigenständige Forschungsgebiete der Pädolinguistik, Politolinguistik, Medienlinguistik, Diskurslinguistik usw. mit je eigenen Schwerpunktsetzungen ausdifferenziert hat. Die einschlägigen Handbücher sonder Zahl mögen dazu die nötigen Hinweise bieten. Allenfalls beobachte ich, dass die einst mit Donnerhall vorgetragene Programmatik leiser zu werden und, was kein Nachteil sein muss, hinter einem stärker empirischen Interesse an fundierten Beschreibungen Von der Soziolinguistik zur Soziosemiotik multimodaler Interaktion 199 <?page no="200"?> faktischen sozial differenzierten Sprachgebrauchs zurückzutreten scheint. Aber das ist ein subjektiver Eindruck, den ich wissenschaftshistorisch kaum zu belegen vermag. Ebenso subjektiv bleibt im leicht resignativen Rückblick die Hoffnung, mit den eigenen Fragen, Anliegen, Argumenten hier und da Gehör gefunden zu haben. Diese Hoffnung hat sich leider nicht erfüllt. (v) Ein ‚Meilenstein‘ oder besser eine Wegmarke für meine intellektuelle Entwicklung war zweifellos das Studium der Arbeiten von Gerold Ungeheuer. Ihm verdanke ich die wesentlichen Impulse für die Änderung meiner Blick‐ richtung, mein Hinaustreten aus dem engeren Bezirk der sprachhistorischen und dialektologischen Philologie und die Öffnung für kommunikations- und zeichentheoretische Fragestellungen. Auf diesem Wege habe ich dann aber auch von so vielen anderen wichtige Anregungen erfahren, dass ihr Einfluss auf meine eigene Arbeit hier kaum auszumessen ist. (vi) Vermisst habe ich angesichts des heute unübersehbaren Reichtums soziolinguistischer Forschungserträge wenig, allenfalls ein wenig Toleranz hier und da gegenüber abweichenden Positionen, ein wenig Verständnis für die Pluralität der Wege und Umwege zur Erkenntnis, eine weitere Perspektive über manchmal allzu eng gezirkelte Disziplingrenzen hinweg, etwas mehr Sehschärfe auch beim Blick auf einen ungeheuer komplexen Gegenstand, der sich allzu eilfertiger disziplinsystematischer Rubrizierung entzieht. (vii) Soziolinguistische Forschung ist im weiteren Sinne m. E. heute wichtiger denn je, nicht nur in Anbetracht der dramatischen Expansion des Mediensys‐ tems (Social Media) und der oft (a-)sozialen Wirkungen artifizieller Intelligenz, mit der die natürliche kaum mehr mitzuhalten vermag (um sich nicht vollends fremdgesteuerten Algorithmen auszuliefern), sondern vor allem angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen der jüngeren Zeit, der (sub-)kulturellen Plura‐ lisierung und fast tribalistischen Fragmentierung der ‚westlichen‘ Gesellschaf‐ ten, der zunehmenden Skepsis gegenüber normativen Entwürfen diskursethi‐ scher Postulate und Appelle, die kaum noch gehört werden, in Zeiten, in denen die Bedingungen der Möglichkeit von Verständigung selbst problematisch wer‐ den und die daraus erwachsende ‚Sprachlosigkeit‘ (im sprachphilosophischen Sinne etwa Donald Davidsons), der den Dissens der Kontrahenten leicht in ge‐ waltsame Aktion umschlagen lässt. So verdienstvoll die Erträge der inzwischen zahlreichen Projekte zur Erforschung etwa der kommunikativen Strategien rechtsextremer Akteure sind, so ratlos macht mich deren politischer Erfolg trotz (oder wegen? ) aller bestürzenden Befunde. Wenn der öffentliche Diskurs im Zeichen von zentrifugal wirkenden Polykrisen das geltende Normengefüge einer Gesellschaft zu unterlaufen droht, wenn die Normalitätserwartungen an ihre Mitglieder in Frage stehen, weil die selbst im heftigsten Streit noch 200 Ernest Hess-Lüttich <?page no="201"?> geltenden Kooperationsgebote und Interaktionslogiken aufgekündigt werden, wenn objektive Fakten als subjektive Meinungen deklariert und bezweifelt werden, welche Folgen hat das dann für die Möglichkeit von Verständigung über Strittiges? Der kritischen Sozio-, Polito-, Medien- und Diskurslinguistik wachsen hier fundamentale Herausforderungen zu, die ohne eine angemessene Durchdringung der kommunikationstheoretischen Voraussetzungen schwer zu bewältigen sein dürften. Für uns Beobachter der Entwicklung des (individuellen und öffentlichen) Sprachgebrauchs bleibt’s jedenfalls spannend. Literatur Argyle, Michael (1969). Social Interaction. London: Tavistock Publications. Bernstein, Basil (1971). Class, Codes and Control, 2 vols. London/ New York: Routledge & Kegan Paul. Bernstein, Basil (2003). Class, Codes and Control, 4 vols. London/ New York: Routledge. Bielefeld, Hans-Ulrich/ Hess-Lüttich, Ernest W.B./ Lundt, André (Hrsg.) (1977). Soziolin‐ guistik und Empirie. Beiträge zu Problemen der Corpusgewinnung und -auswertung. Wiesbaden: Athenaion. Binder, Hartmut (1976). Kafka in neuer Sicht. Mimik, Gestik und Personengefüge als Darstellungsform des Autobiographischen. Stuttgart: Metzler. 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Interaktionale Soziolinguistik und anthropologische Linguistik Ein persönlicher Streifzug 1 Helga Kotthoff In den späten siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts war ich an der Univer‐ sität Konstanz studentische Hilfskraft bei Senta Trömel-Plötz und nahm an all den Diskussionen zur Rolle von Frauen in Sprache und Gespräch teil, die damals von ihr und Luise Pusch initiiert wurden. Stundenlang analysierten wir in Sentas Seminaren Fernsehdiskussionen, verglichen Redezeiten von Frauen und Männern und vor allem Unterbrechungen: wer unterbricht in den Diskussionen wen wie und wobei genau. Gleichzeitig konstituierte sich in Konstanz um Peter Auer, Jörg Bergmann, Elisabeth Couper-Kuhlen, Susanne Günthner, Aldo di Luzio und Thomas Luckmann herum eine ethnomethodolo‐ gisch inspirierte Konversationsanalyse, in der wir wöchentlich Datensitzungen abhielten, in denen eine/ r von uns Gesprächsauszüge vorstellte und einem besonderen Phänomen darin nachging (beispielsweise dem Erzählen, dem Code-Switching, dem Dissens oder dem Klatsch). Einige von uns wollten diese auf Grundstrukturen der Interaktion abhebende Richtung soziolinguistisch anreichern, sei es in Richtung Bilingualismus-Studien (Auer 1983, Auer in die‐ sem Band), sei es in Richtung der Erforschung interkultureller Kommunikation <?page no="208"?> (Günthner/ Kotthoff 1989; Günthner 1993; Kotthoff 1989), sei es in Richtung Geschlechterverhältnisse in Gesprächen (Trömel-Plötz 1984; Kotthoff 1984; 1992a). Allmählich zeichnete sich ab, wie Gesprächsanalyse, rekonstruktive Sozialforschung und Ethnografie der Kommunikation verbunden werden könnten (Hinnenkamp 1989, Kotthoff 1996a). Soziolinguist(inn)en versuchen, reale, nicht gestellte Gespräche aufzuzeichnen, transkribieren und analysieren diese und situieren sie im weiteren kulturellen Kontext, d. h. ein Interesse an der Interaktionsgeschichte, also auch an konversationellen Nachbearbeitungen bestimmter Episoden, ist eingeschlossen. 1 Soziale Kategorien gehen in die Gesprächsforschung ein. Jenny und John Gumperz waren sehr oft an der Uni Konstanz und so hatten wir das Vergnügen, die Interaktionale Soziolinguistik (oder auch Interpretative Soziolinguistik) als ein Forschungsparadigma kennenzulernen, das versucht, eine Brücke zu schlagen zwischen detaillierten Gesprächsanalysen, die auf der lokalen Ebene angesiedelt sind, und soziologischen Kategorien wie etwa Klasse/ Schicht/ Milieu, Geschlecht und Ethnizität/ Kultur auf der Makroebene (z. B. über die Beschäftigung mit Sprechstilen). In diesem Sinne rekonstruiert diese soziolinguistische Richtung mögliche Verbindungen zwischen lokal-situierten Interaktionen, den dort relevant gesetzten sozialen Kategorien und globalgesellschaftlichen Zusammenhängen (Gumperz 1999; Knoblauch 1991; Kotthoff 1992b; 1993b; 1996a; 2010a; Hinnenkamp/ Selting 1989; Hinnenkamp in diesem Band, Schwitalla in diesem Band). Ab 1983 hatte ich für einige Jahre eine Stelle für Deutsch als Fremdsprache am Sprechlehrinstitut der Universität Konstanz inne und hatte bei Peter Hartmann eine Dissertation begonnen zu deutschen und amerikanischen argumentati‐ ven Gesprächen und vor allem zu den im Deutschen als Fremdsprache zum Ausdruck kommenden (In)Kompetenzen amerikanischer Deutschlerner(innen). Ich interessierte mich für die Besonderheiten von Dissensverhandlung (Kotthoff 1988a; 1989). Meinen vergleichenden Gesprächsanalysen lagen selbst er‐ hobene Sprechstundengespräche von Lehrenden zu Grunde, in denen ein(e) Studierende(r) einer Lehrenden eine studentische Protestpetition in einer Uni- Angelegenheit mit der Bitte um Unterschrift vorlegt. Es entstand meist Pro und Contra, da die Lehrenden die Petition nicht (sofort) unterschreiben wollten. Ein Untersuchungsinteresse bestand darin, zu sehen, ob sich amerikanischdeutsche Unterschiede im Verhandeln von Dissens zeigen würden, ein anderes, wie Lernende des Deutschen auf C-Niveau des europäischen Referenzrahmens solche anspruchsvollen Aushandlungen von Nichtübereinstimmung und Kon‐ 208 Helga Kotthoff <?page no="209"?> zession sprachlich bewältigen würden, wo genau ihre Defizite lagen (Kotthoff 1988a). Nebenbei war mir in dem Korpus von insgesamt 28 Gesprächen auch aufgefallen, dass die beteiligten Männer ihre Positionen stärker durchzusetzen versuchten als die beteiligten Frauen, die eine höhere Konzessionsbereitschaft an den Tag legten; vor allem die Dozentinnen zeigten ein solches konzedierendes Gesprächsverhalten mehr als die Dozenten. Und schon hatte ich in einem Gesprächskorpus eine Gendertendenz entdeckt und trug die Befunde in einem Aufsatz zusammen, der in dem von Trömel-Plötz hrsg. Buch „Gewalt durch Sprache“ (Kotthoff 1984) erschien. Ich hatte auch bemerkt, dass sich in den Sprechstundengesprächen ein anderes Lach- und Scherzverhalten der Dozentinnen und Dozenten zeigte. Die Dozenten nahmen die studentischen Petitionen gern einmal etwas auf die Schippe. Unter den Frauen wurde hingegen mehr gelacht. Dieses Lachen folgte aber kaum witzigen Bemerkungen, sondern war eher Ausdruck von Freundlichkeit und gegenseitiger Zugewandtheit. Ich fing an, englische Publika‐ tionen zu dem Bereich von Humor und Geschlechterverhältnissen zu bearbeiten. Kolleg(inn)en wie Birgit Kienzle, Christine Bierbach und Jürgen Streeck ent‐ deckten in den von ihnen untersuchten Gesprächen ebenfalls Gendertrends im Bereich von Scherzkommunikation. Streeck (1988) war z. B. erstaunt darüber, wie viele Sexwitze sich die älteren Damen in einem Seniorenstift erzählten und argumentierte, dass man über Witze auf eine indirekte Art Interesse an Sexualität thematisieren könne, einem Tabuthema für alte Frauen. Ich holte noch amerikanische Arbeiten ein, z. B. die tolle Studie zu Lachen und Scherzen bei Mitarbeiterbesprechungen in einer psychiatrischen Uni-Klinik von Rose Coser (1988). Dann bot ich dem Fischer-Verlag in Gestalt von Lektorin Ingeborg Mues ein Exposé zu Geschlechterverhältnissen und Humor an, was, oh Freude, akzeptiert wurde. 1988 erschien der Band „Das Gelächter der Geschlechter“ und bescherte mir sehr viele Vortragseinladungen und Rezensionen, u. a. von Robert Gernhardt in der Zeitschrift Titanic (1988). Leider hörte ich innerhalb der Konstanzer Linguistik auch die Frage, warum ich mir eigentlich mit einer solchen Publikation die Karriere ruinieren wolle. Es wurde ziemlich deutlich, dass Betrachtungen von Geschlechterverhältnissen und Kommunikation in arrivierten Fachkreisen auf wenig Gefallen stießen. Und dann auch noch Komik! Das konnte doch keine seriöse Forschung sein. Zum Glück hatte ich auch noch mein Dissertationsthema „Pro und Contra in der Fremdsprache“ und begann eine Art von thematischer Zweigleisigkeit, ein wissenschaftliches Doppelleben, das mich seither immer begleitet hat. Ich erhielt sehr viele Vortragseinladungen zu Fragen von Geschlechterverhältnissen und Lachkultur, auch ein DAAD- Stipendium für die University of California Berkeley, wo ich vor allem mit Susan Interaktionale Soziolinguistik und anthropologische Linguistik 209 <?page no="210"?> Ervin-Tripp und Mercilee Jenkins über Humor in Gesprächen weiterarbeiten konnte. Auch bei John und Jenny Gumperz besuchte ich in Berkeley soziolin‐ guistische Colloquien und hatte fruchtbare Gespräche. 2 Anthropologisch-linguistische Forschung Nach Abschluss der Dissertation 1988 bewarb ich mich beim DAAD um ein Ger‐ manistik-Lektorat im soeben für Westdeutsche geöffneten sowjetischen Raum. Michail Gorbatschow war an der Macht und hatte Glasnost und Perestroika eingeführt und mir eine Tätigkeit in der Germanistik der Tschavtschavadze- Fremdsprachenuni in Tbilissi, Georgien, ermöglicht (heute Iliya Universität). Neben Ostdeutschen konnten jetzt auch Westdeutsche an den Universitäten der Sowjetunion arbeiten. Da ich auch Slavistik studiert hatte, konnte ich mich in dem zweisprachigen Land im Kaukasus mit Russisch gut bewegen. Schon nach wenigen Wochen im sehr gastfreundlichen Georgien fielen mir die besonderen Toastrituale auf, die dort am Tisch von Männern aufgeführt werden, wenn Gäste zugegen sind. Bevor die Runde das Glas hebt und Wein trinkt, äußert ein Zeremonienmeister, der Tamada, einen elaborierten Trinkspruch, z. B. auf die Freundschaft oder die Familie oder das Gastland. Schnell erlaubte man mir, derartiges am Tisch auf Kassette mitzuschneiden, und Kolleginnen halfen mir bei der Übersetzung aus dem Georgischen. Georgisch ist eine kaukasische Sprache, nicht indoeuropäisch. Der den Toast ausbringende Tamada (damals fast immer ein statushoher Mann) sprach pathetisch und huldigte Werten der georgischen Gesellschaft, die so zelebriert werden konnten. Ich war einer im Alltag sehr lebendigen Gattung der oralen Poesie begegnet (Kotthoff 1991; 1995b) und es sollten mir in Georgien weitere begegnen, die mich ähnlich stark beeindrucken würden. Der Tamada muss verschiedene Qualitäten in sich vereinigen. Zum einen muss er unbedingt sehr trinkfest sein, da er zumindest bei den wichtigen Toasts (und das sind auf jeden Fall mehr als die Hälfte), das gesamte Glas in einem Zug zu leeren hat. Zum anderen sollte der Tamada ein Künstler im Formulieren sein, werden seine Formulierungen doch für den Rest des (langen) Abends der Beurteilung der gesamten Tafel ausgesetzt. Gutes Toasten gilt in der Gesellschaft als Index der Männlichkeit. Allmählich ändert sich in den letzten Jahrzehnten diese Geschlechterordnung. Schon vor 40 Jahren brachten auch Instituts- oder Abteilungsleiterinnen Trinksprüche aus. Heute geraten Frauen häufiger in die Tamada-Rolle und ändern die soziale Indexikalität in Richtung Führungstalent. Nachdem ich eine Weile am Tschavtschavadze-Institut in der Germanistik gearbeitet hatte, wurde mir die Ehre zuteil, von Kolleginnen auch zu Trau‐ 210 Helga Kotthoff <?page no="211"?> erfeiern mitgenommen zu werden. Die erste Frage, ob ich nicht zu einem Kondolenz-Besuch mitkommen wolle, fand ich zwar etwas merkwürdig, ging aber mit, weil ich ahnte, dass es möglicherweise eine Ehre sein könnte, die ich nicht verweigern durfte. Und so war es auch. Mit solchen Einladungen wird man in einen inneren Kreis aufgenommen. Ein alter Kollege war gestorben, der sich nun bei sich zu Hause aufgebahrt im Sarg mitten in einem Raum befand. Rings um den Sarg saßen schwarz gekleidete Frauen; immer wieder ging eine zum Sarg und sprach zu ihm in einem Sing-Sang mit trauriger Melodie. Eine andere stimmte dann oft mit ähnlicher Melodie in dieses sehr besondere Turn-taking mit ein. Ich hatte schon früher etwas über griechische Klageweiber gelesen und es dämmerte mir, dass ich einem ähnlichen Ritual des Lamentierens beiwohnte. So war es, nur viel besser erhalten und kreativer als etwa in Griechenland. Die rituelle Klage ist auch in Georgien Sache der Frauen. Meine jüngeren Kolleginnen in Tbilissi fanden diese „chmit natirlebi“ (so die georgische Bezeichnung) ziemlich schrecklich und altmodisch und meine Faszination dafür seltsam. Das tat letzterer aber keinen Abbruch. In der Folge wurde ich oft von Kollegin Elsa Gabedava und ihrer Mutter in das Dorf ihrer Herkunft zu Trauerereignissen mitgenommen, nach Muchrani. Von den lautstark und poetisch Trauernden wurde ich als Ausländerin als eine Art von Ehrengast gesehen und oft in die Lamentos integriert, wenn etwa der Verstorbenen lamentierend mitgeteilt wird: „Schau mal Tante Liziko, sogar aus Deutschland ist man gekommen zu Deiner Ehre“. Zu Hause an der Uni Konstanz hielt ich über die reichhaltige georgische orale Poesie Vorträge im Colloquium von Thomas Luckmann, auf dessen Betreiben hin dieses Forschungsfeld später in den Sonderforschungsbereich 511 „Literatur und Anthropologie“ integriert wurde. Aber erst einmal kehrte ich 1991 aus Georgien nach Konstanz zurück und setzte die Analyse von Fernsehdiskussionen unter Genderperspektive fort. Ich hatte dazu einen Forschungsantrag für das Wissenschaftsministerium des Landes Ba-Wü verfasst und erfuhr sozusagen in letzter Minute durch den Forschungsreferenten der Universität Konstanz, dass ich gar nicht berechtigt sei, für mich selbst ein solches Projekt zu beantragen. Kurzerhand übernahm Thomas Luckmann den Antrag und ließ ihn unter seiner Flagge segeln; wir änderten einige Namen, vor allem den des Antragstellers. Und der Antrag hatte Erfolg. So konnte ich mit meinen interaktions- und sozioanalytischen Interessen, z. B. an Dominanzverhalten in Gesprächen, zwischen Linguistik und Soziologie verbleiben. An den wunderbar produktiven Colloquien mit Su‐ sanne Günthner, Peter Auer, Hubert Knoblauch, Betty Couper-Kuhlen, Thomas Luckmann, Bettina Baron (die später Antonia Anderland hieß und inzwischen Interaktionale Soziolinguistik und anthropologische Linguistik 211 <?page no="212"?> leider verstorben ist) konnte ich weiter teilnehmen. Susanne Günthner und ich gaben 1991 bei Suhrkamp den Band „Von fremden Stimmen. Weibliches und männliches Sprechen im Kulturvergleich“ heraus und 1992 bei Metzler „Die Geschlechter im Gespräch“. Dafür hatten wir auch einschlägige Arbeiten u. a. von Jenny Cook-Gumperz, Elinor Keenan und Katsue Akiba Reynolds übersetzt. Jenny ging dem nach, wie kleine Mädchen Frau spielen, wie sie sich Attribute der Frauen- und Mutterrolle in ihrem Verhalten aneignen. „Doing gender“ geriet ins Blickfeld. Daniel Maltz und Ruth Borker verkündeten die These, dass Jungen und Mädchen in unterschiedliche Gesprächskulturen hineinsozialisiert würden. Diese These vertrat Deborah Tannen später sehr stark (1991) und Susanne Günthner (1992) kritisierte das Modell weiblichen und männlichen Sprachverhaltens als zwei Subkulturen. Genderlinguistik war im Entstehen, international ein lebendiges Feld, in Deutschland aber eines mit Hindernissen (Kotthoff 2006c). 3 Scherzkommunikation und Lachkultur Prof. Dr. Manfred Faust, der einzige Professor an der Uni Konstanz für German. Linguistik, teilte mir mit, dass jemand wie ich, mit so vielen genderlinguistischen Publikationen, sich an der Uni Konstanz schwerlich habilitieren könne. Luise Pusch hatte ja selbst nach Erhalt des renommierten Heisenberg-Stipendiums bei keiner Bewerbung auf eine sprachwissenschaftliche Professur mehr Erfolg gehabt. Sie hatte sich zu feministisch aus dem Fenster gelehnt und war aus den Netzwerken herausgefallen, in denen ausgetauscht wird, wer als berufbar gilt. Anstatt mich in lokale Kämpfe an der Bodenseeuni zu verstricken, rief ich lieber Ruth Wodak in Wien an, die versierte Soziolinguistin und Diskursforscherin (Wodak im Interview in diesem Band). Wir verabredeten uns in Wien bei ihr und ich schickte ihr einige meiner Publikationen. Ruth Wodak erklärte sich in einem sehr angenehmen Gespräch schnell bereit, mich bei Beantragung eines österreichischen Habilitationsstipendiums beim Fond zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung zu unterstützen. Ihr sei hier ausdrücklich erneut gedankt! ! ! Inzwischen war mein Interesse an der Scherzkommunikation von Familien und Freundeskreisen wieder aufgeflammt. Ich hatte angefangen, mich gesprächsanalytisch mit den spaßigen Geschichten zu beschäftigen, die Leute aus ihrem eigenen Alltag erzählen, mit konversationeller Ironie und Parodie, den mehr oder weniger lustigen Frechheiten, mit denen wir unsere alltägliche Kommunikation würzen. Der Antrag zur Gesprächsanalyse von konversationellem Humor wurde vom Forschungsfond positiv begutachtet und so zog ich also nach Wien und habilitierte an der dortigen Universität 1998 mit 212 Helga Kotthoff <?page no="213"?> dem Buch „Spaß Verstehen. Zur Pragmatik von konversationellem Humor“. Im Zentrum des Buches steht das Scherzen und Lachen in deutschen und österrei‐ chischen Freundeskreisen, von denen ich Audioaufnahmen erhalten hatte. Ich arbeitete die sozialdiagnostischen Potenzen von Scherzkommunikation heraus. Indem Freunde und Freundinnen Bereiche der kodierten Höflichkeit verlassen, zeigen sie sich, dass ihre Beziehung stabil genug ist, um Frechheiten und Gewagtheiten zu verkraften. Im Humor lassen sich sowohl Symmetrieals auch Nähegrade zeigen. Im idiokulturellen Humor wird implizit auch Moral und Gruppenkultur verhandelt. Eine gesprächsanalytisch und soziolinguistisch fundierte, pragmatische Theorie der Scherzkommunikation stellt nicht nur die Frage ‚was ist hier witzig? ‘, sondern ‚was ist hier witzig für wen? ‘. Einige Scherz- und Komikpotentiale mögen textimmanent bestimmbar sein; diese erfassen allerdings vieles von dem, was Menschen spaßig finden, nicht ausreichend. Aus der linguistischen Pragmatik und Gesprächsforschung stammende Beiträge zur Humorforschung zeigen, dass nur Einblicke in Lebenswelten Antworten auf die Frage geben können, was Humor konkret für die Beteiligten ausmacht. Diese Arbeiten sind dadurch verbunden, dass sie sich auf komplexe Interaktionen einlassen. Die in unserem Konstanzer Linguistik und Soziologie-Verbund arbeitende Christmann (1996) analysiert beispielsweise die Aktivität des Sich-Mokierens am Beispiel einer umweltpolitischen Gesinnungsgemeinschaft. Ähnlich wie das Frotzeln (vgl. Günthner 1996) zeichnet sich das Sich-Mokieren dadurch aus, dass Sachverhalte lachend vorgebracht werden, obwohl sie auch eine ernste Komponente haben. Während aber beim Frotzeln und Anpflaumen wie auch bei vielen anderen Formen des Scherzens das Spaßige eher im Vordergrund steht, tritt der Spaß beim Sich-Mokieren deutlich in den Hintergrund. Das häufig zu beobachtende Lachen dient zwar dazu, den Ernst herunterzuspielen, ohne aber dem Ernst der Sache wirklich einen Abbruch zu tun. Den von Christ‐ mann untersuchten Umweltschutz-Akteuren gelingt es auf diese Weise, sich über die ‚Otto-Normalverbraucher‘ zu ‚erheben‘. Die im von mir 1996 heraus‐ gegeben Buch „Scherzkommunikation“ vereinigten Kolleg(inn)en betrachten Scherzhaftigkeit im Wesentlichen als Interaktionsmodalität und zeigen verbale, non- und paraverbale Verfahren, welche diese markieren. Alle Arbeiten haben soziolinguistische Dimensionen, weil sie ihre Analysen von Gesprächen mit denjenigen sozialer Strukturen verbinden. Sie zeigen Scherzkommunikation als Möglichkeit der impliziten Aushandlung einer geteilten Moral und einer spezifischen sozialen (Gruppen)Identität. Obwohl wir Humor und Scherzkommunikation eher mit spielerischer Leich‐ tigkeit und Heiterkeit assoziieren, wissen wir, dass Scherze verletzend sein Interaktionale Soziolinguistik und anthropologische Linguistik 213 <?page no="214"?> können, ja, sogar eine äußerst perfide Art des Verletzens darstellen können. Setzt sich der scherzhaft Attackierte zur Wehr, bekommt er auch noch zu hören, er/ sie verstehe wohl überhaupt keinen Spaß. Mit dem Spaßen ist also nicht zu spaßen. Kotthoff (1998) entwickelt Skalen der Exklusions- und Inklusionspotenziale von gesichtsbedrohlichem Humor, und verortet diese Herangehensweise damit auch in der interaktionalen Soziolinguistik. Wir können den deutlich verletzenden Humor mit Exklusionseffekt und den leicht gesichtsbedrohlichen Humor mit Inklusionseffekt als Endpunkte einer Skala in den Rekonstruktionen voneinander unterscheiden. Dazwischen liegt aber ein großes Feld von provokant-spielerischen Sprechaktivitäten mit mehr oder weniger umfangreichen Aushandlungspotenzialen, persönlichen Vorlieben und Ambivalenzen (Kotthoff 1995a; 2002; 2006b; 2010a; Kotthoff et al. 2013). Beim Frotzeln wird, wie bei vielen humoristischen Aktivitäten, auf geteilte Wissensbestände angespielt, die oft auf die gemeinsame Interaktionsgeschichte verweisen (Günthner 1996). Traditionelle Höflichkeitsregeln werden suspen‐ diert bzw. im langfristigen Kontakt umkodiert (denn positive Beziehungen können einen Humor mit Biss durchaus integrieren). Humoristisches ist somit auf allen Stufen einer Skala von beziehungsunterstützend bis verletzend plat‐ zierbar (Kotthoff 1998; 2010a). In der Gesprächsforschung wird nicht mit einer grundsätzlichen Gegenüber‐ stellung des ernsten und spaßigen Diskurses gearbeitet, sondern mit dem Be‐ fund, dass beliebige Äußerungen zwischen Spaß und Ernst changieren können. Für die Zuordnung von Wahrheits- oder Spielwerten von Äußerungen müssen alle Ebenen des Dialogs beachtet werden. Das parodistische Herunterspielen von Verantwortung für die eigene Äußerung ist zentral im alltäglichen, kon‐ versationellen Humor. Inkongruenzen müssen selbst bei schriftlichen Texten keineswegs nur immanent zu finden sein (Müller 1994: 181f.). S. J. Schmidt hatte bereits versucht, Perspektiven auf eine Texttheorie des Komischen zu eröffnen, welche pragmatisch argumentieren (vgl. Schmidt 1976). Nach kurzem Rekurs auf verschiedene Vorhaben, Komik zu definieren, begründet Schmidt die generelle Einsicht in die geschichtliche, soziokulturelle Relativität des Komischen und weist ihr einen Platz im Bereich der linguistischen Pragmatik zu. Und Soziolinguistik und anthropologische Linguistik schließen sich hier an. Die Stilforscherin Prof. Barbara Sandig von der Universität des Saarlandes hatte meine linguistische Humorforschung mit Interesse und konstruktiven Gesprächen begleitet und fungierte dankenswerterweise auch als Gutachterin für die Habilitationsschrift. Zusammen mit Prof. Rachel Giora aus Tel Aviv 214 Helga Kotthoff <?page no="215"?> gelang auch die Finanzierung von Forschung zum Produzieren und Verstehen von Ironie (Lion Foundation). 4 Trauerkommunikation in Georgien 1995 kehrte ich aus Wien an die Universität Konstanz zurück, weil Thomas Luckmann und Elizabeth Couper-Kuhlen im Sonderforschungsbereich „Litera‐ tur und Anthropologie“ der DFG einen Projektbereich unter dem Thema „An‐ thropologische Funktionen nicht-schriftlicher kommunikativer Formen und Gattungen“ beantragt hatten. Ich konnte dort am linguistisch-anthropologi‐ schen Thema „Zur Kommunikation von Emotionen in georgischen Trauerritua‐ len“ weiterarbeiten und mich wieder öfters aus Forschungszwecken in Georgien aufhalten. In Georgien hat Trauern eine andere Sozio-Logik (um einen Terminus von Bourdieu (1982) zu gebrauchen) als bei uns. Im Projekt ging es darum, wichtige Dimensionen dieser Sozio-Logik nachzuzeichnen. Die Anthropologie der Emotionen will zeigen, dass Gefühle nicht einfach aus dem Inneren kommen, sondern in einem gesellschaftlichen Vermittlungskontext stehen, der sowohl die Empfindungsdimension („deep acting“ in der Terminologie von Hochschild 1983) als auch die Kommunikationsdimension betrifft („surface acting“ bei Hochschild 1983). Trauer ist im Todesfall in Georgien wesentlich weniger privat als bei uns und auch wesentlich weniger auf inneres Erleben des Individuums beschränkt. Eine kulturvergleichende Dimension ist für die anthropologische Linguistik so zentral wie sich mit identitätsbildenden Funktionen von Sprache und Sprach‐ verhalten, mit performativen Funktionen und kulturspezifischen sprachlichen Gattungen zu beschäftigen. Mit der interaktionalen Soziolinguistik verbindet sie nicht nur das methodische Interesse am Einbezug von Ethnografie (Auer 2017 zu Dell Hymnes und John Gumperz), sondern auch an der Rekonstruk‐ tion kultureller Vorstellungen für die Interpretation sprachlicher Handlungen und das Interesse an ritueller Kommunikation. In all den Gemeinsamkeiten sehe ich zwischen beiden Ausprägungen einen graduellen Unterschied in der Fokussierung sozialer Stratifikation von Varietäten und Gesprächsformen in der Soziolinguistik und kulturellen Analyseverfahren in der anthropologischen Linguistik, die oft über Feldforschung und teilnehmende Beobachtung in spezi‐ fische Kulturräume vordringen. Die kommunikative Gattung Lamento steht in Georgien im Dienst an den Verstorbenen, der Verbindung der diesseitigen und jenseitigen Welt und der Kreation einer besonderen Sinnprovinz im Sinne von Schütz (1962). Poetische Interaktionale Soziolinguistik und anthropologische Linguistik 215 <?page no="216"?> und emotive Funktionen sind ohnehin immer eng verbunden ( Jakobson 1960: 355); so auch hier. Die verstorbene Person wird an unendlich viel erinnert, das mit den Anwesenden zu tun hat, für die es auf diese Weise publiziert wird. Im Angesicht der Verstorbenen wird ein kulturelles Gedächtnis gebildet, das alle Anwesenden integriert. Im Sonderforschungsbereich habe ich von Luckmanns Analysen kommuni‐ kativer Gattungen profitiert, die dieser in der Tradition seines Lehrers Alfred Schütz unbedingt lebensweltlich eingebettet sah (Luckmann 1995, siehe auch die Kapitel zu Luckmann und Schütz in Auer 2017). Aus soziologischer Perspektive ging es um gesellschaftliche Funktionen verfestigter Formen, die zu einem „kommunikativen Haushalt“ (Luckmann 1995: 57) einer Region beitragen. Günthner (2000) hat mit diesem Ansatz Verfestigungen verschiedener Alltags‐ handlungen erhellt, z. B. die von Vorwürfen. Besonders für die kulturverglei‐ chende Forschung liegt hier viel Potential (Knoblauch/ Kotthoff 2001; Günthner 2001). 5 (Un)höflichkeit und Scherzkommunikation Leider gab es im deutschen Sprachraum kaum anthropologische Linguistik, die sich fremdkulturellen Kommunikationskulturen widmet. Und so war es gut, dass ich 1998 in unserem SFB 511 ein Forschungsprojekt zum Thema „Ästheti‐ sierungsphänomene in der Kommunikation Jugendlicher“ unterbringen konnte und nach einem langen Ausflug in die anthropologische Linguistik sozusagen in die germanistische Soziolinguistik zurückkehrte. Martin Hartung und ich hatten in Kooperation mit der Pragmatik-Abteilung des Mannheimer Instituts für deutsche Sprache das Glück, an Gesprächsaufnahmen von jungen Skatern heranzukommen, die sich gern gegenseitig auf die Schippe nahmen und nicht gerade zimperlich miteinander umgingen (Schmidt 2004; Hartung 2000). Gesprächsstile in Jungengruppen zeigten sich eher als konfrontativ (Har‐ tung 2000), aber dabei doch solidarisch. Hartung (2000) und Schmidt (2004: 111ff.) arbeiten die spielerische Darbietung der angreiferischen Kommunikati‐ onsformen heraus: Performance-Orientierung, miteinander Ulken, spielerische Konflikte, Necken und Frotzeln, Spott und jemanden lächerlich Machen, Läs‐ tern, Klatsch und Geschichten-Erzählen gehören dazu. Im Projekt zeigte sich, dass Jungengruppen stärker und offensichtlicher hierarchisch aufgebaut sind als vergleichbare Mädchengruppen. Jungen greifen sich direkter an, kontern deutlich, pflegen einen aggressiven Sprachgebrauch und oft auch sexualisiertes Sprechen. Sexuelle Themen und Aggressivität können in der Jungengruppen als Verfahren zur Kommunikation von Mann-Sein dargeboten werden (Branner 216 Helga Kotthoff <?page no="217"?> 2003: 45-49). Neben der multikulturellen Cliquenkommunikation analysierten wir beispielsweise auch die Kommunikation der Comedians Kaya Yanar und Bülent Ceylan (Kotthoff 2010b; Kotthoff et al. 2013). Vordergründig witzelt ein Cliquenmitglied oder Bülent Ceylan vor Publikum auf Kosten eines Anwesen‐ den unter Anspielung auf ethnische Stereotypen. Im Hintergrund ergeben sich aber gruppenkonsolidierende Solidarisierungen. Der Soziologe Erving Goffman hat nicht nur unsere Herangehensweise an soziale Situationen beeinflusst, son‐ dern auch die an „face work“ als eine zentrale Komponente der Interaktion (Auer 2017; Kotthoff 1994; 2010b). Die Dynamiken von „face work“ und darunter auch die solcher gewagter Spiele haben wir mit unterschiedlichen Gesprächsdaten auch höflichkeitstheoretisch erhellt, was unsere Kontakte zu Eva Neuland und ihrem Forschungsteam intensiviert hat (Neuland et al. 2017; Ehrhardt/ Neuland 2017; Ehrhardt/ Neuland 2021, Neuland in diesem Band). 6 Der Handlungsraum Schule 6.1 Ironieentwicklung über soziale Typisierung Nach einjähriger Tätigkeit auf einer Professur im Bereich der Interkulturellen Kommunikation an der Hochschule Fulda wurde ich 2001 an die Pädagogische Hochschule Freiburg in die Deutsch-Abteilung berufen. Da Spracherwerb in späten Stadien der Kindheit auch in der Lehre hier sehr relevant war, habe ich meine gesprächsanalytisch und pragmatisch ausgerichteten Studien zu Ironie (Kotthoff 2002; 2003b, 2009) hier fortgesetzt und in einem Projekt zum Erwerb von Ironie gezeigt, 1. wie in der Ironie Wissensbestände und Problemressourcen aus sozialen Beziehungen verhandelt werden, 2. dass es unterschiedliche Reak‐ tionen auf Ironie gibt, die jeweils interaktionell einflussreich sind, 3. dass andere Sequenzen entstehen, je nachdem, ob auf das Diktum oder das Implikatum der Ironie reagiert wird. Mit PH-interner Finanzierung konnten wir in dem Projekt zur Ironieentwick‐ lung von Kindern in alltäglichen Interaktionen im Unterschied zur bisherigen, aus der Psychologie kommenden Forschung zur Entwicklung von Ironie, die ihre Befragungsdaten in Labor-Settings erhoben, in Freiburg zusammen mit den Studentinnen Uta Eckhoff und Tanja Bajorath Audio- und Videoaufzeichnungen von Gesprächen mit und unter älteren Kindern in natürlichen Alltagssituationen aufzeichnen. Das Projekt rekonstruiert, wie Kinder situativ Sinn bilden und steht insofern in einer Tradition der Erforschung von „collaborative cognition“ (Per‐ ner/ Wimmer 1985). Wir haben „interaktionale Testverfahren“ erprobt, wobei die Kinder in den nicht-gestellten Kontexten zu realen Adressaten unterschiedlicher Typen ironie-ähnlicher Aktivitäten werden. Die Studierenden äußerten selbst Interaktionale Soziolinguistik und anthropologische Linguistik 217 <?page no="218"?> ironische und ironie-ähnliche Bemerkungen, und zwar in Kontexten, in denen diese spontan Sinn machten. Wir wollten mit dieser Methode die Simplizität der in der Ironie-Forschung verbreiteten künstlichen Settings und standardisierten ironischen Kommentare vermeiden. Die Kinder reagieren auf die Ironie oder die Frotzelei und gestalteten dadurch die Situation mit. In diesem Alter verstehen die meisten Ironie, aber nicht immer (wie auch Erwachsene). Interessanterweise wurde einige in der zweiten Hälfte der Erhebung selbst ironisch. In den Daten gibt es Ironieinitiativen der Jungen, in denen sie den Studentinnen ihr Wissen um typische Erwachsenenpositionen spiegeln. Die Kinder inszenieren oft eine autoritäre Stimme (mittels Prosodie, aber auch mittels Gestik). Dabei zeigen sie ihr Wissen um typische Erwachsenenhaltungen und -sprechweisen (z. B. im Bezug darauf, was Erwachsene als gesunde Ernährung ansehen), von denen sie sich in der Ironie distanzieren. In der Ironie evozieren sie mit den sie betreuen‐ den Studentinnen eine gemeinsame Distanzierung von typischen Haltungen der Erwachsenenwelt. Die linguistische Forschung zum Kinderspiel zeigt, dass Kinder etwa ab dem Alter von vier Jahren Typisierungswissen im Rollenspiel einsetzen (Wygotski 1977; Cook-Gumperz 1991; Kotthoff 2003b; 2009). Um an kindliches Typisierungswissen heranzukommen, muss Ethnographie im Sinne längerer Beobachtung in Studien integriert sein, was zeigt, wie sich interaktionale und anthropologische Linguistik berühren. Beim gegenwärtigen linguistischen Fokus auf „big data“ geht ein gutes Verständnis lebensweltlicher Zusammenhänge leider verloren. Kindliche Relevanzstrukturen entgehen den Laborstudien zu Ironietests mit Kindern völlig. 6.2 Interaktionales Erklären An der PH Freiburg verband ich meine gesprächsanalytischen Interessen stärker mit der Lehrerbildung und so geriet die Aktivität des Erklärens in den Blick, In Alltagsgesprächen überwiegen Erklärungen von Zusammenhängen, die sich dem Adressaten lokal erschließen können. Weg-, Wort- oder Spielerklärungen können an Ort und Stelle verstanden und in Handlung umgesetzt werden; die Übersichtlichkeit des Explanandums erlaubt das. Die Erklärungen werden selbstverständlich später nicht noch einmal erfragt. In Schulen, Hochschulen und anderen Lehr-Lern-Zusammenhängen zieht sich das Verstehen komplexer Zusammenhänge unter Umständen über Jahre hin. Didaktik und Lehrmittel bereiten das Explanandum so in Schrittfolgen auf, dass es in einem längeren Zeitraum in einer solchen Folge verstanden und angeeignet werden kann (Spreckels 2009). 218 Helga Kotthoff <?page no="219"?> 2005 bewilligte das Bundesministerium für Wissenschaft und Kunst den Kol‐ legen Joachim Appel, Rüdiger Vogt und mir ein Graduiertenkolleg zum Thema „Erklären Können“ an den PHn Ludwigsburg und Freiburg. Die Komplexität eines unterrichtlichen Explanandums bringt es mit sich, dass Lehrpersonen sich beispielsweise für die Übertragung des Wissens um Teilkomponenten der Gegenstandsbereiche interessieren. Bevor sie neue Themenaspekte einführen, fragen sie oft nach, ob das vorausgesetzte Wissen von den Schülern aktiviert werden kann. Nachfragendes Eruieren des Kenntnisstandes kreiert in besonde‐ rem Maße einen ausgewiesenen Lehr-Lern-Diskurs, unterstreicht geradezu die institutionelle Rollenverteilung (Kotthoff 2009). Der/ die Lehrende schätzt ein, ob sie in der Erarbeitung bestimmter Zusammenhänge fortfährt. Im institutionellen Setting wechseln Lehrende die Aktivitätsformen. Sie arbeiten beispielsweise mit didaktisiertem Unterrichtsmaterial, das den Lernenden die Phänomenbereiche erschließen soll. Es macht nicht nur aus diesem Grund wenig Sinn, vom Erklären als prototypischem Monolog einer Expertin einem Laien gegenüber auszugehen. Spreckels (2009), Appel (2009), Vogt (2015) und weitere Mitarbeitende analysier‐ ten unterschiedliche Aktivitätstypen, die explanative Potentiale besitzen. Vor allem im grammatischen Bereich (wozu auch die Orthographie zählt) stellten wir im unterrichtlichen Kontext aber fest, dass Phänomenbereiche oft nicht adäquat erschlossen werden und es gar nicht verwundert, dass viele Kinder sie unzureichend erfassen. 6.3 Elternsprechstunden in der Schule: Wer kulturelles Kapital inszeniert und wer nicht Als ich 2011 eine Professur für Germanistische Linguistik und Deutsch als Fremdsprache an der Universität Freiburg antrat, habe ich eine Antrittsvorle‐ sung zu Eltern-Lehrperson-Sprechstunden in der Schule gehalten. Ich hatte schon an der Päd. Hochschule einige Sprechstundengespräche zwischen einer Lehrperson und Eltern in situ aufzeichnen können und festgestellt, dass der tatsächliche Vollzug des Lehrperson-Eltern-Diskurses in seiner Relevanz für schulische Perspektiven des Schülers/ der Schülerin bis dato wenig bearbeitet worden war. Ich habe dann bei der DFG ein Projekt mit einem gesprächsanal‐ ytischen und soziolinguistischen Zugang zum Kontaktfeld von Schule und Elternhaus in Deutschland beantragt, und die Gesprächsforschung mit Befun‐ den aus der soziologischen und pädagogischen Schulforschung verbunden. Im Zentrum stand eine interaktionsanalytisch-soziolinguistische Untersuchung des Gesprächstyps der schulischen Sprechstunde, verbunden mit Ethnographien und Einzelinterviews ausgewählter Eltern und Lehrpersonen. Falko Röhrs Interaktionale Soziolinguistik und anthropologische Linguistik 219 <?page no="220"?> (2023), Ulrike Ackermann (2014) und ich haben LehrerIn-Eltern-Sprechstun‐ den aus allen Schultypen im Rahmen der interaktionalen Soziolinguistik als (inter)institutionelle Diskurse untersucht, in denen Lehrerinnen und Eltern Perspektiven auf das Kind miteinander austauschen, abgleichen oder auch konkurrieren lassen. Beide Seiten führen sich dabei in Bezug auf das Kind als kompetent vor (etablieren in der Interaktion die Identität der guten Mutter oder guten Lehrerin) und als moralisch im Sinne des Kindes agierend (beispielsweise in fragmentarischen Geschichten aus den jeweiligen Institutionen Schule und Elternhaus (Kotthoff 2015; 2022b), wobei auf Elternseite Differenzen in dieser schulkompatiblen Selbstdarstellung deutlich werden. Mitgliedschaftskategori‐ sierungen (im Sinne von Sacks 1992) „guten“ und „schlechten“ Schüler-Seins spielen in den Gesprächen eine wichtige Rolle und es zeigt sich eine hohe Dichte an konversationellen Bewertungsaktivitäten (Röhrs 2023), deren Ko- Konstruktion wir untersuchten. In die Gespräche gehen Leistungsbeschreibun‐ gen in unterschiedlichen Formaten ein (Narrationen, Beratungssequenzen, argumentativen Sequenzen), an deren Ko-Konstruktion sich viele Eltern betei‐ ligen - aber nicht alle unter Darbietung eigener Kompetenzen. Unterschiede in diskursiven Passungen von Eltern und Lehrpersonen treten hervor, deren Analyse das zentrale Thema des Projektes ausmacht (Kotthoff/ Röhrs 2020b; Kotthoff 2022b). Mit dem deutschen Schulsystem wenig vertraute Eltern und solche, die ihre materiellen und bildungsmäßigen Ressourcen nicht in den Vordergrund bringen können (z. B. mangels Vorhandenseins) ko-konstruieren mit den Lehrpersonen mehr Asymmetrie auf eigene Kosten, indem sie beispiels‐ weise kaum an Diagnosen und an Argumentationen teilnehmen, wie unsere Analysen zeigen (ähnlich auch Mundwiler 2017 für die Schweiz). Die mehr oder weniger ausgeprägten kulturellen Passungen im interinstitutionellen Schul- Diskurs verweisen auf sprach- und milieubezogene Wissensbestände (Differen‐ zen im „common ground“), Ressourcendifferenzen und unterschiedliche Aus‐ formungen von „kulturellem Kapital“ (Bourdieu 1982; 2001; Lareau 2003; Heller 2012; Heller/ Kotthoff 2020). Das Projekt konnte knapp 80 Gesprächsaufnahmen schulischer Sprechstunden aus allen Schultypen (Grund-, Haupt-, Förder-, Real- und Oberschulen) aufzeichnen. Für einige Aktivitätenformate (narrative, argumentative, beratende) konnten spezifische Möglichkeiten für elterliche Beteiligung herausgearbeitet werden (Ackermann 2014; Röhrs 2023). Unter der Perspektive diskursiver Passungen lautet unser hauptsächlicher Befund, dass Elternverhalten in den Gesprächen graduell unterschiedlich schulisch vorteilhaft ausfällt. Ähnlich wie Heller (2012), mit der wir im Austausch standen, sehen wir diskursstilistische Kompatibilitäten, wenn Eltern, die selbst ein Gymnasium durchlaufen haben, sich in den Sprechstunden als schulbezogen 220 Helga Kotthoff <?page no="221"?> sehr kompetent inszenieren. Wer mitreden kann, tut es auch, und präsentiert in seinen Erzählungen ein in Schulbelangen engagiertes Elternhaus (Kotthoff 2015). Das wirkt sich vorteilhaft für Tochter oder Sohn aus und zeigt, wie gerade die im deutschen Schulsystem zu stark einkalkulierte Elternmitarbeit milieubedingte Nach- oder Vorteile kreiert, da diese Mitarbeit gar nicht allen Eltern gelingt. 7 Genderbezogene Praktiken bei Personenreferenzen und ihre Soziosymbolik Inzwischen ist der von Luise Pusch und Senta Trömel-Plötz inspirierte Diskurs dazu, dass Deutsch eine Männersprache sei (Pusch 1984) und reformiert wer‐ den müsse, weitergegangen. Während traditionell davon ausgegangen wird, dass maskuline Personenbezeichnungen auch je nach Kontext geschlechtsüber‐ greifend verstanden werden können, fordert die feministische Linguistik, dass genderbewusste Sprache verwendet wird (z. B. Beidnennungen oder substanti‐ vierte Partizipien oder seit einigen Jahren morphologische Feminina mit inte‐ grierten Zeichen vom Typ „Student*innen“). Unter „Gendern“ im Deutschen verstehen Diewald und Steinhauer (2017: 5): „sehr allgemein gesprochen, ein sprachliches Verfahren, um Gleichberechtigung, d. h. die gleiche und faire Be‐ handlung von Frauen und Männern im Sprachgebrauch, zu erreichen. Gendern bedeutet somit die Anwendung geschlechtergerechter Sprache.“ Dies betrifft im WesentlichenPersonenbezeichnungen (Substantive und Pronomen) und ihre geschlechtsspezifische oder genderneutrale Verwendung. Um geschlechterübergreifend gemeinte maskuline Bezeichnungsformen (Lehrer im Sinne von „Per‐ son, die unterrichtet“) wegen ihrer potentiellen Mehrdeutigkeit zu vermeiden, wurden ab den späten 1970er-Jahren viele alternative Ausdrucksmöglichkeiten entwickelt (Kolek 2019; Neuland 2023; Kotthoff et al. 2024). Gleichstellungsstel‐ len von Städten, Universitäten und Firmen publizieren Leitfäden, die ihren Verwaltungen bestimmte Schreibweisen vorschreiben und ihrer Klientel emp‐ fehlen (Klein 2025). Neue Graphie an der Morphemgrenze (Schüler*_: innen) soll inzwischen nichtbinäre Personen aufrufen (in manchen Leitfäden war leider auch von Homosexuellen die Rede, womit Personenreferenzen überfrachtet wurden (Kotthoff 2020a, 2021a). In Deutschland, Österreich und der Schweiz wurde und wird das Thema weiterhin in der Öffentlichkeit meist mit simplem Pro und Contra und einem Fokus auf den salienten Formen diskutiert (Meuleneers 2024; 2025). Zwischen‐ töne hört oder liest man selten, sprachpolitische Überlegungen zu einem milieuübergreifenden Akzeptanzbemühen noch seltener. Interaktionale Soziolinguistik und anthropologische Linguistik 221 <?page no="222"?> 7.1 Ein interdisziplinäres Projekt zu Gender und Personenreferenz Evelyn Ferstl, Damaris Nübling und ich betreiben seit 2020 ein von der DFG finanziertes Forschungsprojekt zu Gender und Personenreferenz. Das Projekt untergliedert sich in drei Teilprojekte, die miteinander kooperieren. Sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte und verbinden psycholinguistische, gramma‐ tik- und diskursanalytische Methoden. Mein Teilprojekt 1 „Registerbildung, Hal‐ tungskommunikation und textstilistische Vielfalt“ fokussiert die Verwendung unterschiedlicher gendernbezogener Sprachstile. Es eruiert Begründungen für personenbezogene Stile anhand von Mediendiskussionen und qualitativen Leit‐ fadeninterviews, und rekonstruiert deren soziale Verortung. Auch der sozio‐ linguistisch so bedeutsamen Erhellung von Distinktionsfunktionen (im Sinne Bourdieus 1982; 2001) verschiedener Praktiken des Genderns stellen wir uns. Soziolinguistisch relevant ist nicht nur, wie Frauen und nonbinäre Personen in der deutschen Sprache besser repräsentiert werden können, sondern auch, dass über anspruchsvolle Formulierungen und ebensolche Moralisierungen Schichten-und Bildungsindexe mitkommuniziert werden. Gendern wird vor allem an Universitäten und in Kultureinrichtungen stark betrieben und mit diesen Kontexten auch im Sinne von Aghas linguistisch-anthropologischem Konzept (2007) der Enregistrierung assoziiert. Eine interaktionale Soziolinguistik und anthropologische Linguistik muss sich auch dafür interessieren, was es sozialsymbolisch bedeutet, wenn die Art der Personenreferenz so markant wird. 7.2 Zur Sozialsymbolik von Gendern Rund um Gendern beobachten wir seit über zehn Jahren eine Vielfalt an Schreib- und Sprechmethoden, die von kompetenten AgentInnen in einem sozialsymbo‐ lischen Kosmos verortet und mit kulturellen Wertungen versehen werden kön‐ nen (z. B. als konservativ, fortschrittlich, feministisch, queer (Kotthoff 2020a). Je mehr Studien zu psychologischen Experimenten ich gelesen habe, umso deutlicher wird mir ein problematisches Ausblenden ethnographischer und lebensweltlicher (Wissens)Zusammenhänge, die auch personenreferentielle Entscheidungen steuern. Die psychologische Forschung zum Gendern wird von einem naturwissenschaftlichen Denken dominiert, das einzelne Faktoren der Sprachproduktion und -rezeption separiert, und wir tun gut daran, uns mit Krohn (2021: 94) an John Deweys Skepsis gegenüber der „reinen wissenschaft‐ lichen Gewissheit“ zu erinnern und Überlegenheitsansprüche experimenteller Gewissheit in die Schranken zu weisen. Sie blenden zu viel aus, beispielsweise alltagsweltliche Wissensfaktoren. Das experimentelle Isolieren einzelner Fak‐ 222 Helga Kotthoff <?page no="223"?> toren will die Exaktheit naturwissenschaftlichen Denkens auf den durch und durch sozialen Bereich der Sprache übertragen. Wie in Kotthoff (2023) ausgeführt, korrelieren einige sprachpsychologische Studien z. B. den Einsatz geschlechterinklusiver oder traditioneller Sprache vorschnell mit „sexist beliefs and attitudes.“ Sie sind in einem deduktiv-nomo‐ logischen Paradigma zu Hause, in dem Ursache-Wirkungszusammenhänge als direkt unterstellt werden (dazu Meuser 2003), was sich zu einem anthropolo‐ gisch-linguistischen Denken über Sprache konträr verhält. Wer oft zu einem Publikum spricht, redet bewußter als diejenigen, deren Kommunikation in engeren Kreisen stattfindet (Neuland 2023: 50ff). Es kann beispielsweise mit qualitativ-sozialwissenschaftlicher Herangehensweisen durch Interviews oder Gruppendiskussionen besser erfasst werden, warum eine Mehrheit gegenüber den salienten Formen des Genderns skeptisch bleibt ( Jäckle 2022). Stefanowitsch (2024: 295) positioniert gendernskeptische KollegInnen po‐ litisch rechts: „teilweise mit Worten, die von rechter Rhetorik kaum zu unterscheiden sind.“ Obwohl er diesen unterstellt, nicht auf der Höhe der Sprachwissenschaft zu argumentieren, vermischt er aber selbst die in der Linguistik gut begründete Unterscheidung von Referenz und Ansprache, wenn er auf Seite 299 meint, Asterisk oder Glottisschlag brächten zum Ausdruck „Menschen aller Geschlechtsidentitäten ansprechen zu wollen und appelliert an diese, sich direkt und sichtbar angesprochen zu fühlen.“ Diese Vermischung durchzieht als Ideologem alle gängigen Leitfäden und ist nicht auf der Höhe der Sprachwissenschaft. Wenn auf diese Weise unterschlagen wird, dass die Haltungen dazu auch im linken Spektrum keineswegs eindeutig sind (siehe z. B. Pfaller 2019; Hübl 2023), wird eine zu starke Polarisierung genährt. Man macht es den Rechten sogar leicht, für ihre Agenda Punkte zu gewinnen, wenn sie sich gegen Leitfäden für salientes Gendern aussprechen. In der aufgeklärten Linken wird längst diskutiert, dass „das Gute von oben,“ also der moralische Habitus der tonangebenden Mittelschicht den Rechten in die Hände spielt (Schlaudt/ Burnfin 2025). Mit in dieses Bild der kommunizierten Überlegenheit gehört auch, dass die leitfadenverfassenden Instanzen der Firmen (z. B. Audi) und Institutionen darauf verzichten, dazu die Meinungen der dort Beschäftigten einzuholen. Audi schaffte nach Protesten seine Personenreferenzen mit Unterstrich im Januar wieder ab. In Zeitschriften wie Missy oder auf Internetplattformen von Fridays for future oder Campact wird mit Asterisk vor dem Femininmorphem gegendert und viel Wert darauf gelegt, über dieses Graphem nonbinäre Personen mental auf‐ zurufen. Solche Setzungen von nicht transparenten Bedeutungszuordnungen werden über die Leitfäden kommuniziert, die im Zuge der Bemühungen um Interaktionale Soziolinguistik und anthropologische Linguistik 223 <?page no="224"?> gender-explizite Ausdrucksformen sehr an Relevanz gewonnen haben (Klein 2025). Eine solche, bei jeder Plural-Personenreferenz mit Unterstrich oder Asterisk auftauchende mentale Repräsentation von drei Personentypen ist eher unwahrscheinlich (Körner et al. 2022), aber der Schreibstil leistet eine Verortung in einem queer-feministischen, progressiv-städtischen Bildungsmilieu. Texte signalisieren ja durch ihre Stile immer auch milieuspezifische Zugehörigkeiten im Hinblick auf Bildungshintergrund, Progressivitätsgrad, Regulierungsaffini‐ tät, Altersassoziation und einiges mehr. Sie sind im Sinne Bourdieus ein Habitusphänomen (Bourdieu 1982; 1983) und im Sinne des Anthropologen Agha (2007) indizieren sie soziale Kategorien (Droste 2021). Wie diejenigen die personenreferentiellen Schreibmethoden verorten, an denen der Diskurs rund um neue inklusive Schreibungen vorbeigeht, haben wir über qualitative, leitfadengesteuerte Interviews in Baden-Württemberg und im Raum Wien mit einer nichtakademischen Klientel erhoben (Kotthoff 2023). Im Kontext von zwei Seminaren an den Universitäten Freiburg und Wien haben die Studierenden und ich 36 qualitative Leitfadeninterviews mit Personen aus Handwerksmilieus durchgeführt. Da die psychologischen Experimente zu Personenreferenzen bislang meist im Uni-Umfeld durchgeführt wurden und die Reformen vor allem in akademischen Kontexten stark umgesetzt werden ( Jäckle 2022), haben wir zusammen mit Freiburger und Wiener Studierenden eine Gruppe ohne Abitur/ Matura als Schulabschluss in qualitativen Interview ihren Umgang mit Gendern thematisieren lassen. Die Mehrzahl dieser Interviewten ohne Abitur als Schulabschluss äußert sich skeptisch zum Gendern, betreibt aber dabei durchaus Binnendifferenzierung. Substantivierte Partizipien vom Typ Studierende akzeptieren sie häufiger als mündliche Pluralbezugnahmen mit Glottisschlag vor dem Femininsuffix. Viele der von uns Interviewten subjektivieren ihre Meinungen zum Gendern stark, indem sie beispielsweise sagen, für sie persönlich sei Gendern nicht wich‐ tig, aber wem es wichtig sei, der/ die solle es doch betreiben. Die meisten erzählen auch, dass in ihren Familien und Bekanntenkreisen im herkömmlichen Stil mit einem übergreifend gemeinten Maskulinum über Personengruppen gesprochen werde. Im großen Unterschied zu den sehr kontroversen Mediendebatten zu diesem Thema, gehen sie auch auf ihr eigenes Sprachgefühl ein, dass sie bei einer Plural-Referenz auf Touristen beispielsweise an gemischte Gruppen denken lässt. Sie äußern sich auch zu ihrer subjektiven Sprachästhetik, in der von Asterisken durchzogene Texte selbst bei Pro-Gendern-Eingestellten nicht gut wegkommen. Es bestätigt sich die Notwendigkeit, dass neben die experimentelle Kurztextforschung, die auf die Erfassung von Erstassoziationen abhebt, mehr 224 Helga Kotthoff <?page no="225"?> 2 Diese Ausführung entspricht der in Unterkapitel 12.10 in Kotthoff et al. 2024 (311f.). soziopragmatische Forschung treten sollte, die Haltungen, Sprachgefühle und auch soziale Zuordnungen von personenreferentiellen Stilen besser erfasst. 2 Der Politologe Jäckle (2022) hat über 10.000 Befragte eines großen Online- Politikpanels aus Deutschland mit breiter Abdeckung verschiedener Altersgrup‐ pen, Bildungsgrade, ökonomischer (Un)Zufriedenheiten und Stadt-Land-Vertei‐ lungen vor einer Umfrage entscheiden lassen, ob sie die Personenbezugnahmen im Befragungstext lieber geschlechterbewusst mit dem Gender-Stern oder mit einer formal maskulinen Referenz lesen wollten. 21% der auf diese Weise zum Einsatz einer salienten Form des Genderns indirekt Befragten entschieden sich für die Texte mit geschlechterexpliziter Asterisk-Variante und 75% für die traditionelle Schreibart. Dieses gute Fünftel, das die gegenderte Schreibweise lesen möchte, ist ten‐ denziell eher weiblich, jung, wohlhabend, hochgebildet und im urbanen Umfeld lebend. Zustimmung zum auffälligen Gendern mit Asterisk geht laut Jäckle (2022) signifikant auch mit Zustimmung zu staatlicher Regulierung einher. Genau diese Faktoren dürften die Soziosymbolik steuern. Wie bereits ausgeführt, gehen wir ja in der anthropologischen Linguistik davon aus, dass zwischen Sprachgebrauch und Personentypen und Kontexten Assoziationen entstehen. So wird ein bestimmter Sprachgebrauch, auch die Art der Personenreferenz, Bestandteil einer sozialen Registrierung. Stil oder Regis‐ trierung sind auch hier relevante lebensweltliche Kategorien der Positionierung (Auer 2007; Droste 2021). Werfen wir einen Blick auf einen Gesprächsauszug aus einem von Nicole Kadlec im Raum Wien geführten Gespräch, das in unserem Korpus die Kenn‐ zeichnung A8 trägt. Kadlec fragt, ob der etwa 35jährigen Frau im heutigen Sprachgebrauch etwas aufgefallen sei: Rezeptionsmitarbeiterin B, Interviewerin: Nicole Kadlec B: des war jetzt glaub ich letzte Woche oder sogar noch die Woche. In Kärnten haben sie darüber diskutiert, glaub ich, war das Polizisten, ich weiß jetzt nicht genau wie sie das umschreiben wollten, also nicht mehr Polizistin, Polizistinnen, also eben dieses ganz normale Gegender oder ich glaub, das war auch Bauer und Bäuerin, und sie wollten irgendwie landwirtschaftliche, ich hab es vorhin gelesen, Landwirtschaftsbetreibende. So irgendwie war das. Da denk ich mir, das ist n bisschen zu weit hergeholt, weil es steht ja auch, spezielle Begriffe sind ja auch in einem Wörterbuch vertreten und das ist einfach so die österreichischdeutsche Sprache. Bei Studierenden zum Beispiel finde ich es irgendwie ganz normal, weil es gibt einfach, mit manchen Begriffen tust du dir leichter, wenn du einfach auf die Mehrzahl gehst, und da jetzt nicht direkt eben Mann oder Frau eben ansprichst. Interaktionale Soziolinguistik und anthropologische Linguistik 225 <?page no="226"?> Die Rezeptionsmitarbeiterin geht kritisch auf den Leitfaden des Landes Kärn‐ ten ein, der wegen starker Proteste auch später zurückgezogen wurde. Sie betreibt im Reformbereich Binnendifferenzierung, was die Mehrheit der von uns Interviewten so unternimmt. Insgesamt identifizieren wir gegenwärtig in den 36 Interviews 10 Pro-Einstellungen, 9 Contra-Einstellungen und 17 Personen zeigen sich zwar kritisch, lehnen aber nicht alle Reformvorschläge kontextübergreifend ab. In den Interviews begegnen wir einem Nachdenken über Stile der Personen‐ referenz, das sich auch um Usus, Kontext, Gruppenzugehörigkeit, Ästhetik und neue institutionelle Anforderungen an das richtige Sprechen dreht. Von vielen Interviewten wird Gendern als Anforderung von außen und von oben erlebt. Soziolinguistik muss sich einem Sprachwandel, der stark von Institutionen und sogar über Anweisungen betrieben wird, stärker mit ihrem Rüstzeug stellen, zu dem u. a. Habitustheorie und die Analyse des sprachlichen Marktes (Bourdieu 2001; Schmidt 2022) und die Beschäftigung mit Sprachgefühl (Neuland 1993; Langlotz et al. 2014) gehören. Der aktuelle Trend (jetzt Doppelpunkt an der Morphemgrenze in einem formalen Femininum) gehört zum kulturellen Kapital der progressiven Bildungsbürger/ innen und wird zur legitimen Hochsprache mit ihrem kognitiven Mehraufwand, um den sich die Gebildeten merkbar bemühen. Sprachpolitisch hätte man sich so manche in den Massenmedien und dem Internet ausgetragene Polarisierung (dazu Harnisch 2024 und Meuleneers 2025) sparen können, wenn beispielsweise der allseits bekannte konjunktionale Schrägstrich für Sparschreibungen vor dem Femininmorphem (Schüler/ innen) kontinuierlich über die Unterweisungspädagogik der Gattung Leitfaden veran‐ kert worden wäre. Ikonische Aufladungen in Richtung „queer type“ hätte die Gendern-Pädagogik ja durchaus auch mit diesem Zeichen betreiben können (Kotthoff 2017), auch wenn das linguistisch gesehen wenig Sinn ergibt (siehe Harnisch 2024 zur Kritik an der Ikonisierung des Asterisken in Richtung eines Strahlens in Richtung vielfältiger Geschlechter). Auch durch Klammerschrei‐ bung (Geiger(inn)en) ließe sich die unbeliebte Aussprache mit dem Glottisschlag an der Morphemgrenze vermeiden. Ein großer pragmatischer Vorteil dieser auch vom Rat für deutsche Rechtschreibung unterstützten Schreibung liegt darin, dass man die so ausgezeichneten Wörter auf verschiedene Weise laut lesen kann, als Femininum, Maskulinum oder auch mit Beidnennung. Es gibt ei‐ nige Möglichkeiten moderaten Genderns, die in der Debatte kaum vorkommen, sich einer starken Polarisierung entziehen und milieuübergreifend verständlich wären, weil weder neue Grapheme noch eine neue Lautung im Einsatz sind. Es gilt, im Bereich des Genderns binnenzudifferenzieren. Während die salienten 226 Helga Kotthoff <?page no="227"?> Formen nur von Teilen einer städtischen Bildungsschicht befürwortet und prak‐ tiziert werden, scheinen beispielsweise substantivierte Partizipien problemloser und schrittweise an Terrain zu gewinnen (Zimmer 2024). Während in der linguistischen Anthropologie der Zusammenhang von Spre‐ chen, Denken und Handeln in komplexer gegenseitiger und situativer Vermitt‐ lung gedacht wird und mittels verstehender Analyse rekonstruierbar erscheint, konzeptualisiert die Psychologin Sabine Szessny im Interview mit Dalka und Funk (2020) den Zusammenhang von Sprache und Denken und sogar Handeln als direkten und meint, wer als Frau mit Genussprachen aufwachse, habe einen schlechteren Platz in der Arbeitswelt (dazu Kotthoff 2023). Auch in diesem Zusammenhang kann die interaktionale Soziolinguistik mit einem rekonstruktiven Zugriff für differenzierte Töne sorgen, die Sprachgefüh‐ len aus anderen als dem akademischen Milieu Rechnung tragen. In Bezug auf Gendern müssen wir uns heute fragen, ob die emanzipatorisch gedachten Reformimpulse vor fünfundvierzig Jahren nicht zu stark einer Gängelung gewi‐ chen sind. Der Historiker Hirschi (2020) weist darauf hin, wie oft „Revolutionen ihre Kinder fressen,“ d. h. dass in progressiven Bewegungen wie etwa in der französischen Revolution Dynamiken entstehen, die den Geist der Bewegung verändern. Viele unter den jakobinischen Sprachpuristen hätten vor der Revo‐ lution an den Grundfesten der Zensur gerüttelt und den Bereich des Sagbaren mit klandestinen Schriften ausgeweitet. Kaum an der Macht, engten sie ihn stärker ein, als es der König je getan hätte. Auch rund um geschlechterbewusstes Sprechen und Schreiben sind die Impulse des Anfangs (dazu u. a. Neuland 2023) wohl zu stark in die Fänge einer gängelnden Bürokratie hineingeraten. Hier herrscht weiterer Forschungs- und Diskussionsbedarf. 8 Individuen im sozialen Austausch Meine Forschungsinteressen waren und sind sicher nicht homogen, aber es ging mir immer um ein Verstehen von Individuen im sozialen Austausch (meist im mündlich-dialogischen) und in ihrer gesellschaftlichen Verortung. Ich konnte die meisten meiner Themen in die universitäre Lehre einfließen lassen und hoffe, den Blick der Studierenden auf sprachliches Handeln geschärft zu haben. Die in der Einleitung erwähnten Hindernisse hatten zum Glück nicht in die Isolation geführt und Forschungsmittel haben sie erst recht nicht vereitelt. Ich möchte aber nicht unerwähnt lassen, dass einige Linguistinnen, die in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts genderlinguistische Themen sehr erfolgreich in Dissertationen bearbeitet haben, nicht die hochschulische Karriere machen konnten, die von der Qualität ihrer Arbeit her möglich und Interaktionale Soziolinguistik und anthropologische Linguistik 227 <?page no="228"?> wahrscheinlich gewesen wäre. Sie wurden entweder Lehrerin oder blieben im akademischen Mittelbau. Der Betrieb verhielt sich ihnen gegenüber sperrig. Die akademische Prägung durch die Konstanzer linguistisch-soziologische Gruppe mit ihren Analysen sozialer Typisierungen und Institutionalisierungen über Sprache und Kommunikation hat mir Impulse geliefert für die Analyse ge‐ orgischer ritueller Genres, schulisch-institutioneller Aktivitäten, aber auch für die Analyse asymmetrischer Geschlechterverhältnisse in der Kommunikation und hat mich gefeit gegen die in den Gender Studies dominierenden Vorstellun‐ gen extrem starker Setzungen von sozialen Verhältnissen über die Kraft von Sprechakten. Leider hat sich in den Gender Studies ein auffällig monologisches Denken über Sprache und Kommunikation ausgebreitet, das stark von Butler (1995) geprägt wurde, die u. a. auf Austins Sprechakttheorie zurückgreift und Sprechakten performative Kraft bis hin zu Körper- und Gesellschaftsprägung zuschreibt. Diese Kritik entfalten wir detaillierter in Kotthoff et al. (2024: 53). Die Zuschreibung einer (zu) großen Macht an Formen der Personennennung gilt auch für das sehr auffällige Gendern, das beispielsweise auch vor Komposita nicht halt macht (Patient*innenveranstaltung am Uni-Klinikum Freiburg Jan. 2025) und damit die Wortprosodie irritiert. Von großem soziolinguistischem Interesse ist die Frage nach gesellschaftli‐ chen Prestigeordnungen, ihrem Erhalt und ihrer Veränderbarkeit. Kommuni‐ kationssoziologen wie Luckmann und anthropologische Linguist(inn)en wie die beiden Gumperzes (2007) halten sich mit großräumigen Konzepten wie „Kapitalismus“ oder „Patriarchat“ zwar zurück, stellen sich aber den Strukturen gesellschaftlicher Ungleichheit zum einen durch die Beschäftigung mit sozialen Verfestigungen und Institutionalisierungen, zum anderen mit Soziosymbolik und Prestigezuschreibungen an Arten des Redens/ Schreibens (Luckmann 1966; Knoblauch 1991). Der verstehend-rekonstruktive Zugang über soziale Lebens‐ welten erlaubt auch den zur kommunikativen Konstituierung von Milieus, die unterschiedlich machtaffin sind. Hier sehe ich viele meiner Beiträge. Literatur Ackermann, Ulrike (2014). Positionierungen in schulischen Sprechstunden. Freiburger Arbeitspapiere zur Germanistischen Linguistik 21. Abrufbar unter: http: / / portal.uni-f reiburg.de/ sdd/ fragl/ copy_of_kotthoff2014.21 (Stand: 06.01.2025). Agha, Asif (2007). Language and social relations. Cambridge University Press. Appel, Joachim (2009). Erklären im Fremdsprachenunterricht. In: Spreckels, Janet (Hrsg). Erklären im Kontext. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren, 33-49. 228 Helga Kotthoff <?page no="229"?> Auer, Peter (1983). Zweisprachige Konversationen. Code-Switching und Transfer bei italienischen Migrantenkindern in Konstanz. Konstanz: Schriftenreihe des Sonderfor‐ schungsbereich 99, Nr. 79. — (Hrsg.) (2007). Style and Social Identities. 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Norbert Dittmar hatte mich im Vorfeld ausdrücklich ermutigt, eine solche Perspektive einzunehmen. Allerdings muss ich auch gestehen, dass mich dieses Eintauchen in die eigene „Soziolinguist-Werdung“ ein wenig gereizt hat, denn im Ruhestand blickt man gern auf die Lebenswerke zurück, auch wenn sie - wie in meinem Fall - wissenschaftlich nicht allzu heroisch ausfallen. Was hat man schon bewirkt? Von daher danke ich auch ausdrücklich, dass bei der Rückschau und dem Ertrag auf die bundesrepubli‐ kanische Soziolinguistik meine wenigen - vielleicht mitunter originellen - Tüpferchen Berücksichtigung finden. Mein Wissenschaftsverständnis ist und war ein politisches: Ich war stets bemüht in meinen Forschungen Partei zu ergreifen für diejenigen, die gesellschaftlich eher zu den underdogs gehören und deren Sprache und Kommunikationsverhalten nicht den bildungssprachlichen Normen entsprechen. Insofern war William Labovs „Language in the Inner City“ (1972) Anschub und Vorbild für die zu betretenen soziolinguistischen Pfade. Und persönlich, face-to-face, war es Norbert Dittmar. <?page no="238"?> Die folgende Abhandlung folgt in weiten Teilen meiner Wissenschaftsbiografie, natürlich themenbezogen. Es gibt drei Hauptorte des Schaffens: Studium und erste Lehrerfahrungen an der Universität Bielefeld mit Abschluss Dissertation; Qualifikationsstelle und Ratsstelle an der Universität Augsburg mit Abschluss Habilitation; schließlich Ruf an die Hochschule Fulda an den Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften zur Leitung des internationalen Master-Stu‐ diengangs Intercultural Communication and European Studies (ICEUS). An keinem der genannten Orte gab es einen primären Bezug zur Soziolinguistik, doch bei einem Sprach- und Kommunikationsverständnis, das vom Soziokultu‐ rellen nicht zu trennen ist, waren Teile meiner Forschungsgebiete eng mit der Soziolinguistik und immer wieder auch mit der Interkulturellen Kommunika‐ tion verbunden, aus denen sich grob drei Bereiche benennen lassen: (1) Das kommunikative Verhalten der nativen Sprecher: innen gegenüber nicht-nativen Sprecher: innen; (2) konversationelle Missverständnisse; und (3) das Neben-, Mit- und Ineinander von Sprachen. Jedes dieser Teilgebiete ist radikal empirisch fundiert: die Basis bilden na‐ türliche lebensweltliche Interaktionen. Methodisch-analytisch greife ich auf die Interaktionale Soziolinguistik zurück. In den meisten Forschungsgebieten wurde ich flankiert von anderen Forscher: innen, die an ähnlichen Projekten - in Deutschland, Europa und der ganzen Welt - unterwegs waren. Die in diesem Kreis mich inspirierenden Kolleg: innen können nicht alle namentlich erwähnt werden. Das Gleiche gilt für die vielen Mitarbeitenden bei meiner Forschung, die mir bei der Datenbeschaffung direkt wie indirekt eine unermessliche Hilfe waren. Besonders diesen letzteren möchte ich diesen Aufsatz widmen. 2 Anfänge - textwissenschaftliches Studieren in der Einheit von Lehre und Lernen Es sind zumeist keine strategischen Wege, sondern wissenschaftliche Enkultu‐ rationsprozesse, die einem „passieren“, aber an denen man auch selbst „dreht“ - was erst im autobiografischen Rückblick manifest wird. Heute würde ich mich einer interkulturell und interaktional informierten Soziolinguistik zuordnen - aber erst mit dem Verfassen eines Papers zur „Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik im Spiegel dokumentarischer und autobiographischer Rekon‐ struktionen“ stelle ich mir diese Zuordnungsfrage. Es war vor allem das Studium an der Universität Bielefeld seit den mittsiebzi‐ ger Jahren des letzten Jahrhunderts, das mit gemischtdisziplinären Inspirationen den Grundstein gelegt hat für das, was sich in meiner Wissenschaftsbiografie allgemein unter Soziolinguistik und dann in der späteren Qualifikationsphase 238 Volker Hinnenkamp <?page no="239"?> spezifischer als Interaktionale oder Interpretative Soziolinguistik verorten lässt. Spiritus rector war keine geringere als die akademische Atmosphäre an der textwissenschaftlich orientierten LiLi-Fakultät, also der institutionellen Verei‐ nigung von Linguistik und Literaturwissenschaft, mithin der textlinguistischen Aufbruchsstimmung geschuldet war. Auch das Prinzip des Querstudierens, dass bei der Soziologie oder Philosophie oder Psychologie genauso Qualifikationen (in meinem Fall als Magister-Studierender der Linguistik und Anglistik) erwor‐ ben werden konnten, waren innovativ wie bedeutungsvoll und zollten der Freiheit der Lehre als auch der studentischen Freiheit des Lernens entsprechend Tribut. LiLi-Lehrende wie Werner Kummer, Elisabeth Gülich, Werner Kallmeyer und viele weitere, entfalteten den Fächer linguistischer (Sub-)Disziplinen; bei den Soziologen boten Fritz Schütze, Georg Elwert und in der Pädagogik Frank- Olaf Radtke, teilweise selbst noch aufstrebender Nachwuchs, mit innovativen Ideen anregende Diskussions- und Inspirationsquellen an. Allen gemeinsam war, Studierende mit Ideen zu füttern, zu inspirieren, zu fördern und deren eigene Initiativen zu unterstützen. Auf unser Interesse stieß all das, was auch Bezug zur Wirklichkeit in Politik und Gesellschaft hatte: „[…] wir wollten keine Linguistik Chomskyʼscher Prägung, mit abstrakten Syntaxanalysen erfundener Sätze, sondern wir wollten eine sozial relevante Linguistik. Eine Linguistik, die sich den Problemen der Kommunikation in der realen Welt zuwandte und dafür nach Verbesserungen suchte. Dafür kam uns zunächst die Soziolinguistik wie gerufen“, so präzise fasst das meine damalige Kommilitonin Margret Selting (2020: 9) und spätere Professorin für ‚Kommunikationstheorie und Linguistik‘ an der Universität Potsdam in ihrer Emeritierungsrede für Ewald Reuter zusammen, der die Professur für ‚Deutsche Sprache und Kultur‘ an der Uni Tampere (Finnland) innehatte - zwei erfolgreich Mitstreitende der damaligen LiLi-Fakultät. Das intensive Diskussionsmilieu zwischen Lehrenden und Studierenden führte zu einem Lesehype, zu einer Debattenkultur und zu Teilnahmen an öffentlichen Lesungen wie die mit Harold Garfinkel, Aaron Cicourel, den kalifornischen Konversationsanalytikern und anderen in der Universitätshalle und im ZiF (Zentrum für interdisziplinäre Forschung). Aus der Soziologie um Fritz Schütze und von Werner Kallmeyer (LiLi) kamen die Verbindungslinien von Ethnografie bis hin zur Konversationsanalyse, die neben einem Seminar zur Soziolinguistik Einblicke in ethnografische, wissenssoziologische und in‐ teraktionale Richtungen erlaubten, also bereits eine Orientierung gaben auf „kleinteilige“ und interaktionsorientierte Herangehensweisen an sprachliche und soziale Wirklichkeiten. Aber auch die Soziologie der Sprache war ein rele‐ vantes Gebiet, in dem die Perspektive eher auf Sprache(n) in Bezug auf Staaten, Wege in eine interkulturelle und interaktionale Soziolinguistik 239 <?page no="240"?> 1 In der studentischen Fachschaftszeitschrift „Der Liliputaner“ setzte ich mich kritisch mit der Nationalitäten- und Russifizierungspolitik im Vielvölkergebilde der Sowjetunion - u. a. am Beispiel der Ukraine und Zentralasien - auseinander. 2 Es gibt zahlreiche andere Bezeichnungen für dieses Sprachverhalten wie „Ausländer‐ register“, „Pseudopidgin“ oder „Xenolekt“. 3 Hier interessierten vor allem die westafrikanischen Substrate versus sprachgeschicht‐ lichen Whitewashing (vgl. Dillard 1972, Dillard 1975). Die Lektüre von Dillard war in vielerlei Hinsicht nachhaltig, weil sie den Blick für einen antikonsensuellen Perspek‐ tivwechsel eröffnete. Nationen, institutionelle Eingriffe lag. 1 Wissenschaft und Gesellschaftskritik gingen von Anfang an Hand in Hand. 3 Lehre und Forschen - in die Wissenschaft hineinsozialisiert werden Als studentische Hilfskraft bei Werner Kummer konnte ich mich bereits in der Lehre erproben als auch einem geförderten kleinen eigenständigen Projekt nachgehen, das sich mit der Sprechweise der nativen Sprecher: innen mit den (zumeist nichtdeutschsprachigen) Fremden, in meinem Fall den sog. Gastarbei‐ tern beschäftigte, dem sog. „Foreigner Talk“. 2 Erste Lehrerfahrungen umfassten Gebiete wie Sprache und Kommunikation in der Migration, Kreolistik und So‐ zialgeschichte des amerikanischen Englisch. 3 Mein spezielles Interessengebiet, aus dem diese erste soziolinguistische Forschung (finanziert aus Hausmitteln der Universität Bielefeld) hervorging, war sicherlich auch motiviert durch Freundschaften mit Kommiliton: innen aus der Türkei und deren kommunika‐ tiven und kulturellen Erfahrungen sowie natürlich durch soziolinguistische Studien wie die des Heidelberger Forschungsprojekts „Pidgin-Deutsch“ oder Charles Fergusons Arbeiten zum Foreigner Talk (1975, 1977). Es gab zu diesem Zeitpunkt in den (sozio-)linguistischen (auch internatio‐ nalen) Publikationen eine rege Auseinandersetzung über die Bewertung der nativen Sprechweisen gegenüber nicht-nativen Sprecher: innen, insbesondere eben Menschen mit (sichtbarer und hörbarer) Migrationsbiografie (vgl. Bode‐ mann/ Ostow 1975, Heidelberger Forschungsprojekt „Pidgin-Deutsch“ 1975, Bodemann 1977, Meisel 1975, Werkgroep Taal Buitenlandse Werknemers 1978, Freed 1978, Schumann 1978). Das im Rahmen dieses kleinen Forschungspro‐ jektes gewonnene Korpus umfasste über 50 transkribierte Gespräche. Diese wurden von Migranten aus der Türkei, die ich entsprechend ihres deutschspra‐ chigen Kompetenzniveaus in basilektale, mesolektale und akrolektale Sprecher aufgeteilt hatte, in Gesprächen mit nativen Sprecher: innen des Deutschen am 240 Volker Hinnenkamp <?page no="241"?> 4 Die Entwicklung einer sog. Varietätengrammatik mit Bezug zu außersprachlichen Faktoren sowie weitere Untersuchungen zu grammatischen und lernersprachlichen Fragestellungen mündeten in einer Vielzahl von Publikationen in Deutsch, Englisch und Italienisch (vgl. Klein 2023). 5 Türkisch „tarzanca“. Arbeitsplatz, auf der Straße, bei der Behörde und anderen Gelegenheiten mit verdeckten Kassettenrekordern aufgenommen. Inspiriert war mein Interessenfeld zur Sprach- und Kommunikationssituation von Migrant: innen einschließlich der Forschung zu ihrer lernersprachlichen Zweitspracherwerbsgenese und den gesellschaftlich-institutionellen Fragestel‐ lungen, die damit einhergingen, durch die Pionier-Studien im Umkreis des Heidelberger Forschungsprojekts „Pidgin-Deutsch“ (Norbert Dittmar, Bert-Olaf Rieck, Wolfgang Klein und andere; siehe auch rückblickend Klein 2023 und Dittmar 2023). Die gesellschaftskritischen und ethnografischen Kapitel im Band „Sprache und Kommunikation ausländischer Arbeiter“ (1975) waren Vorbild für mich. 4 Zudem spielte der Kontakt mit Vereinen der migrantischen Communities, vor allem mit türkischen und kurdischen Vereinen, eine nicht zu unterschätzende Rolle, da sie mich stets mit den realen Problemen im „Gastland“ versorgten. Durch die offene Struktur des Querstudiums nahm ich gleichzeitig teil an einem soziologischen Lehrforschungsprojekt zu Fragen der Migrationsmotive (1978/ 79), das mich und eine Kommilitonin im Frühjahr 1979 zu einer dreimonatigen Feldstudie in ein kleines Dorf in der Türkei führte. Auch hier sammelte ich neben der soziologischen Aufgabenbeschreibung sprachliche Daten zum Foreigner Talk (das im Türkischen übersetzt als „Tarzanisch“ 5 bezeichnet wird): Die Dorfbewohner: innen verwendeten diese Sprechweise auch uns zwei Forschenden sowie einem westlichen Hippie-Pärchen gegenüber. Nach der Rückkehr ins Studium ging dann aus dem Projektbericht meine Magisterarbeit hervor, die in überarbeiteter Form 1982 veröffentlicht wurde (siehe weiter unten). Natürlich waren die Ergebnisse der Forschung hoch differenziert und widersprachen ersten kühnen Voraussagen, dass die simplifizierte native Sprechweise eine eindeutige Korrelation zu den jeweiligen Gesprächspartner: innen aufweisen würde. Die gewonnenen Daten sollten mich über die zumeist quantitativen Aussagen noch eine Zeit lang - aus qualitativer Perspektive - beschäftigen. Doch neben Publikationen ist es vor allem die institutionalisierte Szene der Tagungen, die formell wie informell den Weg in den akademisch-öffentlichen Wissenschaftsdiskurs bahnt. Wege in eine interkulturelle und interaktionale Soziolinguistik 241 <?page no="242"?> 6 Ben Rampton lehrt am King’s College, London und wurde vor allem bekannt durch seine Bücher „Crossing: Language and Ethnicity Among Adolescents“ (1995) und „Language in Late Modernity: Interaction in an Urban School“ (2006). 7 Roger Hewitts ethnografische Pionierforschung untersucht die soziolinguistischen Auswirkungen des „London Jamaican“ auf die Sprache und Kultur junger Weißer (Hewitt 1986). Mark Sebba stand für die Verbindung zur Kreolistik (1993, vgl. auch Sebba/ Todd 1984; darin mein Beitrag „Eye-witnessing Pidginization? “ (Hinnenkamp 1984). 4 Tagungen und Publikationen - Wege in die soziolinguistische Community Meine Teilnahme an einschlägigen Wissenschaftstagungen und erste eigene Vorträge führten tiefer in das soziolinguistische Milieu. Entsprechend kann der Erstauftritt auf einer internationalen Konferenz eine inaugurierende Wirkung haben. Die internationale Bristoler Konferenz „Language: Social Psychological Perspectives“ (1979) erbrachte mir meine erste englischsprachige Publikation: Sprachverweigerung von Migrant: innen (Hinnenkamp 1980). Ein durchaus gewagtes Thema, über das Ben Rampton 6 mir später gesagt hat, dass es mit zu seinen ersten soziolinguistischen Inspirationen geführt habe, weil es damals ein „grundsätzlich anderer Ansatz“ gewesen sei. Der Vortrag ging der These nach, dass für die Migrant: innen („Gastarbeiter“) der Kampf um die Verständi‐ gung in Deutsch an der Bürokratie scheiterte, die sie als „totale Institution“ wahrnähmen, da sie zwischen dem Anspruch von Deutsch als Voraussetzung von Integration in der Gesellschaft und der Erfahrung der Nichtanerkennung ihrer Bemühungen quasi einem „double bind“ ausgesetzt seien, der zur Reaktion der Sprachverweigerung führe. Motivierend war das positive Feedback und die Verbindung zu Leuten, die ähnliche Ansätze verfolgten, wie Roger Hewitt oder Mark Sebba. 7 Es war die Zeit der Berufsverbote in der BRD und ich wurde besorgt gefragt, ob mein kritischer Vortrag zu Schwierigkeiten für meine akademische Laufbahn führen konnte. Auf der Bristoler Konferenz fand meine Erstbegegnung mit Norbert Dittmar - beim Kickerspiel in der Pause - statt: Damals schon der vermutlich wichtigste Akteur im Feld der Soziolinguistik, jemand der weit über die deutschen und europäischen Bezüge hinausblickte und vor allem die nordamerikanische Sozi‐ olinguistik mit ins Spiel brachte (vgl. Klein/ Wunderlich/ Dittmar (Hrsg.) 1972, Dittmar 1973, Dittmar/ Rieck (Hrsg.) 1980). „Du nix deutsch sprechen. Du nix gute Arbeit kriegen“ lautete die Überschrift eines längeren Artikels in der Tageszeitung „Neue Westfälische“ (15.11.1980) nach einem öffentlichen Kolloquium über meine Foreigner Talk-Forschung im November 1980 an der Universität Bielefeld. Die starke Resonanz in der 242 Volker Hinnenkamp <?page no="243"?> 8 In diesem Band findet sich auch eine längere datenorientierte Abhandlung zum Thema „Zwangskommunikative Interaktion zwischen Gastarbeitern und deutscher Behörde“ (Hinnenkamp 1985). Presse sprach dafür, dass die Soziolinguistik damit ein offensichtlich gesell‐ schaftlich interessantes und vielleicht auch heikles Thema aufgegriffen hatte, das eben auch für die Migrationsdebatte (oder Integrationsdebatte? ) nicht un‐ erheblich schien: das kommunikative Verhalten der natives, der einheimischen Muttersprachler: innen, den nicht-nativen Sprecher: innen gegenüber. Gleichzei‐ tig wurde das Thema interkulturelle bzw. interethnische Kommunikation mit der Soziolinguistik in einen Zusammenhang gebracht, wie sich auch bei der Jahrestagung der „Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft“ 1980 in Köln zeigte (Sektion Interkulturelle Kommunikation), aus der viele Jahre später die erste umfassende Anthologie „Interkulturelle Kommunikation“ (Rehbein (Hrsg.) 1985) hervorging. 8 Nachdem meine Magisterarbeit (1980) über „Foreigner Talk und Tarzanisch“ als Buch veröffentlicht wurde (Hinnenkamp 1982a) und auf unvermutet große Resonanz sowohl in der Öffentlichkeit als auch der scientific community stieß, war der weitere akademische Weg vorbereitet. In „Language Problems & Language Planning“ schreibt die Rezensentin: „Bei aller Vorsicht kommt Hin‐ nenkamp dennoch zu der Schlußfolgerung, daß die Verwendung des Foreigner Talk-Registers weder ein mechanistischer Reflex gegenüber Gastarbeitern noch eine rudimentäre Kommunikationsform ist.“ (Hoover 1985: 51). Mihm (1986) resümiert in seiner Rezension in „Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik“: „H IN N E N KAM P hat versucht, die in der Bundesrepublik nur vereinzelt begonnene Diskussion über das Ausländerregister auf eine breitere Basis zu stellen. Er hat dazu sehr verschiedenartiges, selbst erhobenes Datenmaterial ausgewertet und vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Forschungsstandes interpretiert. Hier liegt der Gewinn dieser Arbeit.“ (Mihm 1986: 402). Ein Highlight auf dem institutionellen Weg zum Soziolinguisten war die Einladung zur Jahrestagung des Instituts für deutsche Sprache (Mannheim) 1981 zum Thema „Mehrsprachigkeit in der Stadtregion“ (vgl. Hinnenkamp 1982b). Im „Bericht über die Tagung“ schreibt Wirrer (1981: 284) „Der Vortrag von Hin‐ nenkamp zum foreigner talk konnte, sofern man das Engagement von Rundfunk und Presse als Maßstab nimmt, ein besonders starkes öffentliches Interesse auf sich vereinigen.“ Tatsächlich folgte eine Anzahl von Rundfunkinterviews, auch eine vierstündige Live-Sendung „Rendezvous in Deutschland“ zum Thema „Das Deutsch der Deutschen gegenüber Gastarbeitern“. Die Tageszeitungen griffen das Thema unter verschiedenen Schwerpunkten auf, so etwa unter Überschrif‐ ten wie „Du kapieren, Ali Baba? “ (FAZ 16.03.1981), „‚Väterliche Infantilisierung‘ Wege in eine interkulturelle und interaktionale Soziolinguistik 243 <?page no="244"?> durch Primitivdeutsch“ (FR 16.03.1981), „Soziale Distanz durch Primitivsprache“ (SZ 16.03.1981) - hier auch Thema im „Das Streiflicht“ - und selbst der BZ war es eine kleine Notiz wert. Es schien, dass die Frage der Kommunikation zwischen nativen Sprecher: innen des Deutschen und Arbeitsmigrant: innen zunehmend einen gesellschaftlichen Resonanzraum einnahm, die eine richtungsweisende Motivation für die soziolinguistische Forschung beinhaltete. Den Kontakten mit Kolleg: innen und mit dem Institut für deutsche Sprache kam in Folge eine eminente Bedeutung zu. Auf der Jahrestagung und in Folge waren Norbert Dittmar, Peter Auer, Jochen Rehbein, Inken Keim und Werner Kallmeyer (der ja bereits einer meiner Lehrer an der LiLi-Fakultät gewesen war) unschätzbare Diskussionspartner: innen. Sie festigten den Austausch und eröffneten den Kontakt mit anderen Soziolinguist: innen, die im weiteren Sinn im gleichen Feld der angewandten Forschung tätig waren. So folgten Einladungen wie z. B. an die Universität Konstanz, die meine Kontakte zu Wissenschaftlerinnen wie Susanne Günthner oder Helga Kotthoff (vgl. letztere in diesem Band) erweiterten. Enthielten aus heutiger Sicht meine ersten Publikationen noch wenig genuin Soziolinguistisches, so verknüpften sie aber bereits gesellschaftspolitisch wich‐ tige Fragen der Zeit von Zweitspracherwerb und Mehrsprachigkeit über Diskrimi‐ nierung bis hin zu interkulturellem Kontakt: Stellten sie doch die Reaktionen und Inputs von Sprecher: innen der Mehrheitsgesellschaft und deren Institutionen in den Vordergrund. Dort, wo vermeintliche Repräsentant: innen von Mehrheits‐ gesellschaft und Minderheitengruppen aufeinandertrafen, wurde gleichfalls das noch weitgehend unbestellte Feld der Interkulturalität berührt. An die Stelle der anfänglich eher blauäugigen Methoden der Datengewinnung und deren Auswertung traf nun in einer zweiten Auswertungsphase ein geschulterer Blick auf die authentischen Daten. Über Institutionen und Personen wurde langsam ein Weg geebnet, der ohne strategischen Plan zum wissenschaftlichen Nachwuchs führte und der sich erst allmählich über Konferenzteilnahmen, Vorträge, medialer Präsenz und im Austausch mit Kolleg: innen zu einem Ansatz formte, der sich schließlich einerseits im Rahmen interaktionaler qualitativer Strömungen verorten ließ, aber auch zunehmend interkulturelle Fragestellun‐ gen implizierte. 5 Zugehörigkeitsfragen - die Herausbildung einer interpretativen und interaktionalen Richtung Nach Studienabschluss und einer ersten Anstellung in der Anglistik an der Universität Bielefeld wechselte ich für eine sog. Qualifikationsstelle 1984 an die Universität Augsburg zum Studiengang „Deutsch als Zweit- und Fremdsprache 244 Volker Hinnenkamp <?page no="245"?> 9 Neben des Gewahrwerdens der Immigration als interkultureller Raum (neben Kommu‐ nikation auch der Umgang mit Migration und Asyl und die Institutionalisierung von Betreuungssystemen) gesellte sich auch die zunehmende Wahrnehmung der Folgen wirtschaftlicher und kultureller Globalisierung (vgl. z. B. die frühe Monografie von Condon/ Yousef 1975 oder den Reader hgg. v. Samovar/ Porter 1972). und seine Didaktik“, geleitet von Hans Jürgen Heringer. Der Wechsel bedeutete Kontinuität und Bruch in einem. Heringer als renommierter Germanist und Wittgensteinianer eröffnete neue Aspekte, aber auch bislang unbekannte fach‐ liche Verpflichtungen wie die Rolle als wissenschaftlicher Assistent, die ich dann im Laufe der Zeit nicht nur überlebt habe, sondern die mir auch ermöglichte, meinen eingeschlagenen Weg weiterzugehen und dabei auf die Unterstützung und Inspiration meines neuen Vorgesetzten und späteren Betreuers der Habili‐ tation zu bauen. Die Kommunikation zwischen Einheimischen und Migrant: innen stellte sich auch interkulturell als ergiebiges Thema dar, inklusive Foreigner Talk und sei‐ nen Implikationen. Folglich war die Teilnahme an entsprechend ausgewiesenen Tagungen wichtig und führten zu neuen Publikationen, neuen Netzwerken und schließlich zu vertieften Kontakten, unter anderem mit John Gumperz, der ja selbst Protagonist wie Promoter einer „Interaktionalen Soziolinguistik“ im Kontext von Diversität und „interethnischer Kommunikation“ - wie er es nannte - war und in Kooperation mit dem britischen NCILT (National Centre for Industrial Language Training) und der BBC mit „Crosstalk“ (Gump‐ erz/ Jupp/ Roberts 1979) erstmalig ein interaktionssoziolinguistisch basiertes visuelles feature sowohl für eine breite BBC-Zuschauerschaft als auch für Trainingszwecke (mit)produzierte. Crosstalk mutet technisch unter heutigen Verhältnissen fast unprofessionell an, dennoch stand im feature bereits das im Vordergrund, was in der Theorie einer Interaktionalen Soziolinguistik später expliziter ausbuchstabiert wurde. So wird in Crosstalk an Beispielen von Bewerbungsgesprächen oder der Kommunikation auf der Bank gezeigt, wie differente Präsuppositionen wechselseitig zu einer Spirale von Unverständnis und Diskriminierung beitragen. Bestimmte Richtungen der Soziolinguistik (wie auch sozial- und kultur‐ wissenschaftliche, pädagogische und kommunikationsorientierte Disziplinen) öffneten sich in dieser Zeit verstärkt dem Untersuchungsterrain der interkultu‐ rellen Kommunikation 9 und es galt diese interdisziplinären Beziehungen auch programmatisch zusammenzuführen. Im Trend dieser erweiterten Perspektivi‐ tät betitelte ich meine Promotion entsprechend „Interaktionale Soziolinguistik und Interkulturelle Kommunikation“ (publiziert 1989). Der Text basiert auf der qualitativen Auswertung von ausgewählten Transkripten aus meiner stu‐ Wege in eine interkulturelle und interaktionale Soziolinguistik 245 <?page no="246"?> 10 Konferenz als auch Publikation beinhalten einschlägige Beiträge von Protagonist: innen wie John Gumperz, Jenny Cook-Gumperz, Aldo di Luzio, Peter Auer, Susanne Günthner, Jochen Rehbein und mir. dentischen Forschungsphase. Im Vorwort meiner bei Niemeyer publizierten Fassung der Dissertation schrieb ich: „Die ‚interkulturellen‘ Begegnungen, die als Beispiele dienen, zeigen dabei vor allem auch, wie Kommunikation in der Kommunikation erstmal zu interkultureller Kommunikation (gemacht) wird, wie ethnische, sprachliche, kulturelle etc. Andersartigkeit zur Ressource des Handelns werden kann.“ (Hinnenkamp 1989a: v). Man beachte, dass „interkultu‐ rell“ hier zunächst im uneigentlichen Sinn gebraucht wird, weil eine Begegnung erst im Laufe der Situation interkulturalisiert oder auch ent-interkulturalisiert werden kann. Exemplarisch lässt sich das anhand einer Begegnung zwischen einem in der Fußgängerzone bettelnden älteren Herrn und einem jüngeren Passanten und potentiellem Spender zeigen, die erst an einem bestimmten Punkt zu einer interkulturellen wird, als sich über die unvermittelte Nachfrage an den Passanten „Türkischmann Du? “ der Charakter der Begegnung radikal ändert (Hinnenkamp 1989a: 100-142). Mit dem Titel der publizierten Dissertation hat man sich als Autor in der einschlägigen Community schließlich und endlich auch explizit zugeordnet und so folgten Einladungen zu entsprechenden Konferenzen mit anschließenden Publikationen - exemplarisch hier eine internationale Tagung 1994 in Italien, die leider erst Jahre später der akademischen Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde (vgl. Di Luzio/ Günthner/ Orletti 2001). 10 In der Folge wurde das Netzwerk im Bereich der Interaktionalen Soziolinguistik - oft in Kombination mit der Interkulturellen Kommunikation - erweitert und schließlich versteht man sich als ein „interkulturell und interaktional informierter Soziolinguist“. Angemerkt sei, dass man sich gleichfalls einer „Interpretativen Soziolinguistik“ zuordnen könnte, die begrifflich stärker den methodologischen Aspekt des Ansatzes im Rahmen des „interpretativen Paradigmas“ betont. In dem im gleichen Zeitraum erschienenen Sammelband „Stil und Stilisierung. Arbeiten zur interpretativen Soziolinguistik“ (Hinnenkamp/ Selting (Hrsg.) 1989) heißt es in der Vorbemer‐ kung: „Interpretative Soziolinguistik bezeichnet so ein Sammelbecken interpre‐ tativer Ansätze, das die ethnomethodologische Konversationsanalyse genauso umfaßt wie die Ethnographie des Sprechens. Sie ist offen - methodisch offen -, wie sie in methodologischer Hinsicht ‚beschränkt‘ ist: als »interpretativ« im Sinne der zu analysierenden interpretativen Verfahren der Kommunikations‐ teilnehmer - die wir als Analysanden dann auch wieder selbst sein können.“ (Selting/ Hinnenkamp 1989: 1f.). 246 Volker Hinnenkamp <?page no="247"?> 11 Stilisierungen sind Sprech- oder Textformen, in denen besonders ausgeprägte und auch oft übertriebene Darstellungen von Sprachformen Anwendung finden, die mit besonderen Gruppen von Sprecher: innen in Verbindungen gebracht werden, die außer‐ halb des gewohnten Repertoires der eigenen Gruppe liegen (vgl. z. B. Rampton, 2009). Stilisierungen können gar zu Indexen sozial zugeschriebener Identitäten werden und als Stereotypisierungsmerkmal dienen bzw. langfristig als solche eingeschrieben und verfestigt werden. So stilisiert z. B. ein zweisprachig deutsch-türkisches Verbotsschild unter den Bedingungen der ansonsten vernachlässigten öffentlichen Zweisprachigkeit eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe als der Mehrheitssprache unmündig bei gleichzeitigem Verweis auf die Notwendigkeit des Verbots der inkriminierten Übertre‐ tung (Hinnenkamp 1989b). 12 „Crossing“ bezieht sich auf sprachliche Verfahren, mit denen sich Sprecher: innen Sprach- und Stilelemente anderer Gruppen zu eigen machen, gleichwohl sie nicht Teil solcher Gruppen sind. 13 Vgl. auch „II. Stil und Kontextualisierung: Die Konstitution von Aktivitätstypen“ v. Hinnenkamp/ Selting (Hrsg.) 1989: 123-225. Der Band war experimenteller Natur und sollte ein bekanntes Phänomen aus Kunst und Literatur in die interpretative Soziolinguistik integrieren. Das Konzept der Stilisierung war noch peripher, 11 die Rezeption kontrovers. Erst mit Ramptons ethnografischen Arbeiten zum „language crossing“ (z. B. 1996, 2009) 12 wurde die Figur der stilisierten Rede und der Akt des Stilisierens und allgemein der Stilisierungen zum interaktionssoziolinguistischen ‚Allgemeingut‘. 13 6 Soziolinguistische Leitbilder - John Gumperz und das Kontextualisierungskonzept John Gumperz hat der Interaktionalen bzw. Interpretativen Soziolinguistik seinen inhaltlichen wie nominellen Stempel aufgedrückt. Gumperz richtungs‐ weisende Bücher (Gumperz 1982 und Gumperz (Hrsg.) 1982) haben die Pub‐ likationsreihe „Studies in Interactional Sociolinguistics“ bei der Cambridge University Press gegründet, aus der bis dato über 30 Bände hervorgegangen sind. Gumperz war nicht nur ein Reisender zwischen den Disziplinen Anthro‐ pologie und Linguistik, sondern auch zwischen den Vereinigten Staaten und Europa, vor allem Deutschland. Er, der ja selbst eine deutsch-jüdische Biografie mitbrachte, und seine Ehefrau Jenny Cook-Gumperz waren anregende Gäste bei Kongressen, beim Institut für deutsche Sprache oder der Universität Konstanz, sodass John Gumperz die Gallionsfigur der Interaktionalen und Interpretativen Soziolinguistik wurde. Es ist vor allem sein Kontextualisierungs-Konzept, das mit der Gumperzschen Interaktionalen Soziolinguistik verbunden wird (vgl. z. B. Auer/ di Luzio (Hrsg.) 1992). Anfangs hatte ich Vorbehalte zum Entwurf der Gumperzschen interaktionalen Soziolinguistik, da mir der Aspekt der Wege in eine interkulturelle und interaktionale Soziolinguistik 247 <?page no="248"?> 14 Als fünfte Minimalbedingung eines method(olog)ischen Zugriffs in der Analyse im Rahmen Interaktionaler Soziolinguistik und Interkultureller Kommunikation schrieb ich, dass eine solche (Analyse) „Code-transzendierende Gründe sowohl als auf die außersprachliche ‚Wirklichkeit‘ rückführbar aufzeigen […] als auch im ethnometho‐ dologischen Sinn interaktional interpretierbar machen [muß]“ und weiter, dass eine solche (Analyse) „sowohl die praktische ‚Hervorbringung‘ als auch die Reproduktion von Machtstrukturen als ihr - wie jeder Kommunikation - intrinsischer Bedingung aufzeigen können [muß]“ (Hinnenkamp 1989a: 55). 15 Erst auf der Konferenz der International Pragmatics Association (IPrA) im Juli 1998 im französischen Reims kam es über ein Glas Champagner zu einer Aussprache mit John Gumperz, der mich bis dahin einer Gruppe von massiven Kritikern zugeordnet hatte, was mich einerseits ehrte, aber anderseits ein Missverständnis war. Ungleichheitsbedingungen bzgl. Machtressourcen oder der Macht normativer Ideologien und Rassismus zu wenig miteinbezogen schienen, gleichwohl diese in der Analyse z. B. durch Positionierungskonflikte, Codewechsel, Verschiebung von wahrgenommenen Rechten und Pflichten und vielem mehr analytisch aufgezeigt werden können. 14 Kontextualisierung im trivialsten Sinn bedeutet zunächst die Verflüssigung von Kontext als eine nicht mehr (alleinige) Determinante auf die kommunikative Situation, sondern als eine von den Kommunikationsbeteiligten zumeist unbe‐ wusst und normativ konstruierte Rahmung und wechselseitige Inbezugsetzung. Damit wird eine Verlagerung von Kontext als etwas Äußeres, von außen die Kommunikationssituation beeinflussende Größe, auf die intersubjektive Ebene von Diskurs und ihre Interpretation vorgenommen. Die Produktion und Rezeption der sprachlichen und nichtsprachlichen Zeichen der Kommunikation können so eine Brücke zwischen „the linguistic and the social“ schaffen, wie Gumperz später schrieb und damit das Kontextualisierungsmodell weiterentwi‐ ckelte (Gumperz 2001b: 216). In seinem Konferenzbzw. Buchbeitrag (2001a: 37) schrieb Gumperz „[…] I would argue that only by considering ideology in relation to subconsciously internalized background knowledge and linguistic signaling processes can we account for the basic issues of hegemony or symbolic domination, that are so important in intercultural communication“. 15 Das Kontextualisierungskonzept ist subtil, denn anhand einer letztlich infi‐ niten Zahl von Signalen auf sämtlichen Ebenen der Kommunikationsstruktur - Gumperz nennt sie „Kontextualisierungshinweise” (contextualization cues) -, kommen die Kommunizierenden zu ihren Interpretationen und Schlussfol‐ gerungen, und zwar sowohl auf der inhaltlichen als auch auf der beziehungs‐ mäßigen Ebene. Signale können kookkurrent, im Huckepackverfahren und in Abfolge oder als saliente Details (wie z. B. Stilisierungen, Code-Switching etc.), als spezielle attention getter aufscheinen. „Roughly speaking, a contextualization 248 Volker Hinnenkamp <?page no="249"?> 16 Auers folgende Aufzählung gibt nur einen Ausschnitt der letztlich infiniten Möglich‐ keiten wieder: “In most general terms, contextualization therefore comprises all activities by participants which make relevant, maintain, revise, cancel… any aspect of context which, in turn, is responsible for the interpretation of an utterance in its particular locus of occurrence. Such an aspect of context may be the larger activity participants are engaged in (the ‘speech genre’), the small-scale activity (or ‘speech act’), the mood (the ‘key’) in which this activity is performed, the topic, but also the participants’ roles (the participant constellation, comprising ‘speaker’, ‘recipient’, ‘bystander’ etc.), the social relationship between participants, the relationship between a speaker and the information he conveys via language (‘modality’), even the status of ‘focused interaction’ itself ” (Auer 1992: 4; Hervorhebung und Auslassung im Original). cue is any feature of linguistic form that contributes to the signaling of contextual presuppositions” (Gumperz 1982: 131). Die komplexe Interaktionsstruktur mit ihren vielen Schichten liefert unzäh‐ lige Möglichkeiten, denn neben den genannten Ebenen kommen noch die Struk‐ turierung von neuer und alter Information hinzu sowie Wahl und/ oder Wechsel von Sprache, Varietät, Code, Register etc. Nicht umsonst profitiert gerade die Codeswitching-Forschung von diesen Analyseverfahren, die auch die soziale Bedeutung von transkodischen Verfahren sichtbar machen (z. B. Auer/ Eastman 2010). Ebenen wie das Stilisieren, Imitieren, Übertreiben, Necken, Frotzeln fallen gleichfalls unter das Reservoir von Kontextualisierungshinweisen (Artamonova 2016). Auer hat in mehreren Publikationen (Auer 1986, 1992, 1999) versucht, Ordnung in dieses unerschöpfliche Reservoir zu bringen. 16 Gumperz hat hier also ein Konzept vorgelegt, das es für die Analysierenden nötig macht, in die Tiefe und Details der sich wechselseitig konstituierenden Interaktionsstruktur vorzudringen. Es ist eine Art Mikroethnografie erforderlich. Viele der Gumperz‘schen Beispielsanalysen finden in sog. Gatekeeping-Situa‐ tionen statt. Seine Untersuchungen zeigen auf, wie unterschiedliche Kontex‐ tualisierungskonventionen zwischen muttersprachlichen, weißen Briten und people of colour ehemaliger Kolonien (Indien, Pakistan, Bangladesch, Westin‐ dische Inseln etc.) nicht nur zu Missverständnissen führen, sondern auch zu einer Bestätigung oder gar Verstärkung von Stereotypen und Vorurteilen gegenüber Minderheiten zur Folge haben. Sie sind also von Prozessen der Dis‐ kriminierungs- und Rassismuserfahrungen und Otherization-Prozessen nicht zu trennen (Gumperz 1982, Gumperz/ Cook-Gumperz 1982, Gumperz/ Roberts 1991, Hinnenkamp 1989a, Roberts/ Jupp/ Davies 1992). Wege in eine interkulturelle und interaktionale Soziolinguistik 249 <?page no="250"?> 17 Es handelt sich dabei gleichzeitig um meine Habilitationsschrift. 18 Vgl. auch die Analysen in Hinnenkamp (2018); zu den Transkriptionskonventionen: https: / / de.wikipedia.org/ wiki/ Gesprächsanalytisches_Transkriptionssystem (Zugriff 12.03.2025). 7 Missverständnisse - alltäglich, gefährlich, produktiv Missverständnis ist eines der vielen passe partout-Wörter, die im Bereich der interkulturellen Kommunikation besonders oft bemüht werden, ohne dass die subtilen Mechanismen ihres Zustandekommens - gerade im Lichte der Erkenntnisse der von Gumperz inspirierten Soziolinguistik - empirisch näher untersucht worden waren. Mein Buch „Missverständnisse in Gesprächen. Eine empirische Untersuchung im Rahmen der Interpretativen Soziolinguistik“ (Hin‐ nenkamp 1998a) 17 untersucht die komplexe Vielfalt von Missverständnistypen im Rahmen alltäglicher - auch interkultureller - Verständigungsprozesse. Missverständnisse weisen eine interaktiv geregelte Struktur auf. Sie sind nicht unabhängig von der interaktiven Leistung der Interagierenden und bilden in der Regel eigenständige Sequenzen und rekurrente Kontextualisierungskon‐ ventionen. Missverständnisse leisten systematische Offenbarungsarbeit des Verständigungsprozesses. An diesem Punkt werde ich den autobiografischen Duktus vorübergehend verlassen, um exemplarisch mit Hilfe des Gumperz’schen und Auer’schen Analyse-Instrumentariums die Wirkungsweise der interpretativen und interak‐ tionalen Soziolinguistik an einem konkreten Beispiel aufzuzeigen. Im Folgenden sollen sozusagen „mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen“ werden, m. a. W. fließen mit den tools der interaktionalen Soziolinguistik mehrere der so weit diskutierten Aspekte in die Analyse ein. Natürlich ist das ein Ebenenwechsel, aber er soll auch das Handwerkliche dieser Forschungsrichtung demonstrieren. Wie sonst ist der Zusammenhang zwischen „the linguistic and the social“ (siehe oben) herzustellen, wenn dies nicht konkret im Prozess des kommunikativen Handelns aufgewiesen werden kann? 7.1 Strategische Missverständnis-Inszenierung als Kontextualisierung Die folgende transkribierte Sequenz gibt einen Gesprächsausschnitt mit einer komplexen Teilnehmendenstruktur wieder. 18 Es handelt sich um einen Aus‐ schnitt aus einer Videosequenz, die in einem universitären Wochenendwork‐ shop zum Thema „Interkulturelle Kommunikation“ aufgenommen wurde. Die Zusammensetzung der Workshop-Gruppe ist international. Insgesamt nehmen 250 Volker Hinnenkamp <?page no="251"?> 14 Studierende aus dem Studiengang „Deutsch als Fremdsprache“ daran teil. Die Sprecher: innen der Sequenz werden im Einzelnen kurz bzgl. ihrer Herkunft bzw. ihrer Erstsprachen charakterisiert. A (m.) kommt aus der Französischsprachigen Schweiz, B ist der Dozent mit Deutsch als Erstsprache, C (m.) hat italienische Vorfahren und seine Erstsprache ist Deutsch; D und E (beide w.) sprechen ebenfalls Deutsch als erste Sprache; F (m.) ist uruguayisch-deutschen Ursprungs und zweisprachig Deutsch-Spanisch; G (w.) kommt aus China mit Erstsprache Chinesisch; Hs (m.) Erstsprache ist Deutsch. Das Benennen von national-regionalen Herkünften und den Erstsprachen ist für die Analyse von Bedeutung. Alle Teilnehmenden an der Sequenz sind Studierende, bis auf den Dozenten. Die zu diskutierende Sequenz beginnt mit einem Beitrag von A. Er spricht mit einem starken französischen Akzent. [Transkript 1] (1) A: ich finde was wichtig in der in der thematik ist auch zum beispiel in china was äh für eine ROLle das essen hat überhaupt (.) zum beispiel wenn äh (-) ä: h (.) meine frau wenn sie NICHT WARM i: sst (.) sie hat nicht geGESsen (2) B: mhm (3) A: sie hat nicht geGESsen zu abend AUCH das [ist das ist unvor]STELLbar= (4) C: - [<<all>is das ne kinesin oder? >] (5) A: =bitte? (6) C: <<p>deine 1 [frau? >] (7) A: - 1 [<<p>ja ja] aus taiwan ja>= - - - 2 [=wenn es wenn es mal (h)KÄ: se oder-] (8) - - 2 [<<p>(xxxxxxxxx 3 [xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx)>] (9) D: - 3 [<<p>seine frau ist aus taiwan>] (10)E: <<p>wenn sie nich warm isst dann hat sie nicht gegessen> (11)F: =also wenns nichts WARmes is (12) G: =al[so KALtes essen-] (13)H: [ach so (.) ich hab] verstanden wenn sie nich WARM is dann hat sie nich geGESsen Wege in eine interkulturelle und interaktionale Soziolinguistik 251 <?page no="252"?> (14)((5.5 Sek. lang heftiges, sich steigerndes lautes Lachen, im Videobild sichtbares Lachen der meisten Teilnehmenden. A lehnt sich zurück und lacht zumindest nicht hörbar mit. - Im Ausklingen: )) (15) G: KALtes essen ist kein begri: ff Da diese Sequenz sowohl die Genese als auch Klimax einer sich spontan entwi‐ ckelnden Humorsituation anhand einer inszenierten Missverständnisklärung aufzeigt, eignet sie sich besonders gut als Beispiel. Die Sequenz kulminiert in sekundenlangem heftigen, sich steigernden lauten Lachen der meisten Teil‐ nehmer: innen des Workshops, verebbt und führt dann in den vorgängigen Arbeitsmodus zurück. Man kann so Schritt für Schritt nachverfolgen, wie der Kontextwechsel vom Reden über kulturspezifische Essenskonzepte zu einem Humorkontext zu Stande kommt und wieder in den Arbeitskontext zurückge‐ holt wird. In (1) liefert A im Rahmen der Diskussion über kulturell differente Essenskon‐ zepte ein Beispiel aus seinem eigenen Alltag, das er allgemein mit Verweis auf die Rolle des Essens in China beginnt, bevor er als Beispiel seine eigene Frau anführt „zum beispiel wenn äh (-) ä: h (.) meine frau wenn sie NICHT WARM i: sst (.) sie hat nicht geGESsen“ und in (3) fortfahrend, „sie hat nicht geGESsen zu abend AUCH das ist das ist unvorSTELLbar=“. Mit Cs schnell interpolierter Frage „<<all>is das ne kinesin oder? >“ (4), die zudem zeitgleich mit As letzter Aussage überlappt, wird offensichtlich eine Nebensequenz eröffnet, die nicht mehr Essen zum Thema hat, sondern As Frau. Diese Frage wird schnell und zeitgleich, zudem in der 3. Person - also nicht direkt an den Redner gerichtet - gestellt. A selbst nimmt sie allerdings mit einem schnell angeschlossenen „bitte? “ (5) auf, was Redner C als Einladung zur Korrektur versteht und leise fragend „<<p>deine frau? >“ (6) nachschiebt. Die Antwort kommt gleichfalls leise und überlappend mit (7): „<<p>ja ja aus taiwan ja>=“. Die schnelle angeschlossene, prosodisch abgesetzte Fortsetzung „=wenn es wenn es mal (h)KÄ: se oder-“ macht deutlich, dass A dieses Thema als Nebensequenz abgehandelt wissen will, zudem dass es eine Information zwischen ihm und C ist und nicht bestimmt für den weiteren Kreis der Teilnehmenden. Mit dem synchron gesprochenen (8) und dem wiederum in der 3. Person leise gesprochenen (9) „<<p>seine frau ist aus taiwan>“ verselbständigt sich jedoch der Topos „As Frau ist aus Taiwan“. Wir haben es also mit konkurrierenden Themensetzungen zu tun, die im Kreise der Beteiligten unterschiedlich bewertet zu werden scheinen, denn E, F und G (10) bis (12) setzen die von A aufgeworfene Problematik fort, welche Form der Essenszubereitung als wahrhaftes Essen für „sie“, also As Frau gilt, und welche nicht. An diesem Punkt - und die Referenz auf „sie“, As Frau, macht 252 Volker Hinnenkamp <?page no="253"?> 19 In Auer (1986) bezieht er Kontextualisierungsverfahren hinsichtlich ihrer Wirkung auf fünf unterschiedliche in Fragen gefasste Schemata, anhand derer die Kommunika‐ tionsteilnehmenden sich in actu orientieren, in welchen Handlungs- und Beziehungs‐ schemata sie sich jeweils befinden. „1. Reden wir (gerade) miteinander? “ bezieht sich auf das Schema des fokussierten Interagierens. „2. Wer redet (gerade) mit wem? “ betrifft Schemata der Teilnahmekonstellation. „3. Was tun wir (gerade) miteinander? “ impliziert eine Differenzierung von Handlungsrelevanzen (z. B. alltagsweltlich vs. institutionell). „4. Worüber reden wir (gerade) miteinander? “ verweist auf Topoi, auf Verweise, auf Explizites wie Implizites und ist natürlich mit „5. Wie stehen wir (gerade) zueinander? “ aufs Engste verknüpft. Letzteres verweist auf Beziehungsschemata und Interaktionsgeschichte. Diese Schemata korrespondieren auch mit Rechten und Pflich‐ ten in der Kommunikation und schließen sich einander nicht aus. das deutlich - hat sich die kurze Nebensequenz zwischen A und C sozusagen erledigt ((4) ff.). Nunmehr könnte das Thema, welche Rolle der Zustand kalt oder warm für das Konzept Essen spielt, vertieft werden. Allerdings kommt es nicht dazu. Gs angefangenes Statement „=also KALtes essen-“ (12) muss sie abbrechen, weil zeitgleich H einwirft: „ach so (.) ich hab] verstanden wenn sie nich WARM is dann hat sie nich geGESsen“ (13). Die Beiträge in (10), (11) und (12) verweisen auf die Aushandlung dessen, was A genau gemeint hat. Typischerweise schließen sie an mit „also“ (11) und (12). Bekannt sind diese Art von Erläuterungen mit also-Anschluss beim Klären bzw. Aufklären von Missverständnissen (vgl. Hinnenkamp 1998: 129ff.). Wir haben es hier folglich mit einem Klärungsprozess von Zweideutigkeiten und unklar ausgedrückten Sachverhalten zu tun. Mit Hs Einwurf (13) entsteht für ein paar Sekunden ein vollständig neuer Kon‐ text. Auch das Verhältnis zu den Teilnehmenden wird dadurch ein anderes, vor allem das zu A und dessen verhandelter Ehefrau. Einerseits ist nachzuvollziehen, wie sich eine Gesprächssituation Schritt für Schritt entfaltet, andererseits aber auch wie diese an bestimmten Stellen, die dafür die Möglichkeit bieten, sich in eine bestimmte Richtung verändert. Wurde zunächst Themenkonkurrenz verhandelt, entsteht mit Hs Äußerung eine andere Art von Konkurrenz: Die des Verstehens, was wie gemeint sein könnte, aber vor allem auch eine Kon‐ kurrenz um Rahmungen und Handlungskontext im Sinne von „Was tun wir gerade miteinander? “ und in Folge auch die Frage „Wie stehen wir gerade zueinander? “ (Auer 1986). 19 Hs Beitrag schließt zunächst in logischer Abfolge daran an, was aus der Rekonstruktionsgeschichte eines Missverständnisses bekannt ist (Hinnenkamp 1998a: 140ff., 2008b). Die Vorläuferäußerung (10) bietet dazu entsprechend Anlass. Allerding suggeriert Hs Einwurf, als befänden sich die Teilnehmenden inmitten einer solchen Missverständnis-Rekonstrukti‐ onsgeschichte des inkriminierten Sachverhalts. Sein „ach so“-Anschluss leitet Wege in eine interkulturelle und interaktionale Soziolinguistik 253 <?page no="254"?> somit die Erkenntnis aus dieser Rekonstruktion ein. „Ach so“ lenkt die Aufmerk‐ samkeit auf die postkorrektive (mitunter auch vermeintliche) Richtigstellung bzw. Erkenntnis im Sinne von „Jetzt habe ich verstanden! “. Dabei kann das richtig Verstandene wiederholt werden oder die Ursache der Fehldeutung entsprechend angemerkt, möglicherweise gleichfalls wiederholt werden (vgl. Hinnenkamp 1998a: Kap. 6.3). Dies wird typischerweise oft eingeleitet mit „Ich habe verstanden“ und das Missverstandene wird beim Namen genannt: „S: ach der ausGUSS war verstopft. ich hab verstanden am auto war der ausPUFF verstopft“ (Hinnenkamp 1998a: 141). Mit „ach so“ und „ich habe verstanden“ verwendet H also zwei typische Wendungen, die auf einen abschließenden Missverständnis-Klärungsprozess hindeuten. H macht dabei Gebrauch von der Variante, dass vorgeblich falsch Verstandene zu wiederholen. Formal, also von der Einleitung und Positionierung des bisherigen Diskussionsverlaufs passt sich die Klärung gut an die vorherige Aushandlung an. Wie im Verlauf der Sequenz zu sehen ist, führt Hs Einwurf zu einem mehrsekündigen „heftigen, sich steigernden lauten Lachen“ (14). Hs Intervention schafft einen radikal neuen Kontext. In der vorliegenden Diskussionssequenz war H bislang nicht beteiligt. Durch seine Selbstwahl als Sprecher nimmt er zu dem Vorgang in Form seines Kommentar auf der Metaebene Stellung, indem er zwar Bezug nimmt auf den Hauptfokus, aber einen neuen, dritten Aspekt einbringt, nämlich „warm sein“ gegenüber „warm essen“. Das macht er durch eine simple Gegenüberstel‐ lung von phonetischen Tilgungsmöglichkeiten des finalen „-t“. Wir können umgangssprachlich das „-t“ bei „er/ sie/ es ist lustig“ zu „is lustig“ verkürzen, das führt zu keinen Missverständnissen. Bei „essen“ muss stets korrekt „Er/ sie/ es isst viel“ gesagt werden. Hier das finale „-t“ zu tilgen würde zu Missverständ‐ nissen führen. „Formal basiert H seine Missverständnis-Rekonstruktion also auf einen phonetischen Verhörer. (1) A: meine frau wenn sie NICHT WARM i: sst (.) sie hat nicht geGESsen (3) A: sie hat nicht geGESsen zu abend AUCH das ist das ist unvorSTELLbar= (7) A: =wenn es wenn es mal (h)KÄ: se oder- (10)E: <<p>wenn sie nich warm isst dann hat sie nicht gegessen> (11)F: =also wenns nichts WARmes is (12) G: =al[so KALtes essen-] 254 Volker Hinnenkamp <?page no="255"?> Der letzte Beitrag wird allerdings von H unterbrochen. Bleiben dennoch ins‐ gesamt 5 vollständige Diskussionsbeiträge, in denen es ausschließlich um das Thema Essen geht. In (7) bietet A ein ausdrückliches Beispiel aus dem Essensspektrum an. Es gibt keinen Hinweis auf eine Verwechslung oder eine Zweideutigkeit von „essen“ mit „sein“ - aber genau darauf baut Hs Intervention auf. Zum einen funktioniert hier auf der formalen Ebene das den bisherigen Rahmen sprengende Überraschungsprinzip „Deklariere etwas zu einem Miss‐ verständnis, für das es aber offensichtlich keine formalen Indizien gibt! “. Zum anderen funktioniert es aber auch semantisch: Die um das / t/ getilgte Wortbedeutung „wenn sie nich warm is“, abgeleitet von „warm sein“ kann eigentlich nicht mehrdeutig konnotiert werden. H allerdings insinuiert so ein Potenzial der Mehrdeutigkeit, auf das er sich Missverständnis-rekonstruktiv beruft. Das zweite Rahmen sprengende Überraschungsmoment könnte also lauten „Mach Gebrauch von einem subtilen - wenn auch unterstelltem - Indiz der Mehrdeutigkeit! “. Diese unterstellte Mehrdeutigkeit besteht darin, dass „warm essen“ und „warm sein“ unterschiedliche semantische Reichweiten haben. Das Adjektiv „warm“ ist nicht per se „unschuldig“. Bei Anspielungen auf Homosexualität galt „warm sein“ lange Zeit als Bezugnahme auf den Homosexuellen als „warmer Bruder“. Bezogen auf die Sexualität allgemein kann „warm sein“ auch gelesen werden als sexuelle Bereitschaft. Zwar wird hier normalerweise „heiß“ verwendet, aber „warm“ kann unter bestimmten Bedingungen ebenfalls als eine Vorform oder Ersatzform von „heiß“ verstanden werden. Es scheint diese sexuelle Konnotation zu sein, die hier als Lesart möglich wird. Indiz ist, dass genau die Diskussion um As Frau, die dieser als nichtpräferiertes Thema behandelt wissen wollte, nun durch eine Neuthematisierung - hier potenziell im sexuellen Sinne - wieder in den Fokus gerät. Denn „wenn sie nich warm is“ infiziert auch die genannte Person „sie“ - As Frau - durch die Mehrdeutigkeit von „warm sein“. Damit werden „Gender“ und „Sexualität“ zum Thema gemacht, ohne dass es in irgendeiner Weise explizit ausgehandelt wurde. Im Fokus sind dabei zwei Personen: Der anwesende A und seine nichtanwesende taiwanesische Frau. Mit Hs Äußerung und dem folgenden Lachen ist unversehens ein ganz neuer Kontext entstanden. Es stehen somit gleich 3 Fragen zum Kontext neu zur Disposition (vgl. Auer 1986): (1) Worüber reden wir (gerade) miteinander? (2) Was tun wir (gerade) miteinander? Und (3) Wie stehen wir (gerade) zueinander? (1) wurde hinlänglich beschrieben. (2) kann nur im Zusammenhang mit (3) beantwortet werden. Denn die unterschiedlichen Rollen der Teilnehmenden mit ihren jeweiligen Rechten und Pflichten haben sich hier grundlegend verändert. Dies kann in einer mehr‐ Wege in eine interkulturelle und interaktionale Soziolinguistik 255 <?page no="256"?> fachen indem-Relation ausgedrückt werden (vgl. Heringer 1974): Indem H an dieser Stelle interveniert und seine Intervention als Missverständnis-Rekonst‐ ruktionsgeschichte darstellt und indem er auf eine sprachliche Doppeldeutigkeit zurückgreift („warm isst“ versus „warm is“) und indem er thematisch etwas fokussiert, was von A als dispräferiert proklamiert wurde und indem er diese Refokussierung mit einer potenziell sexuellen Anspielung verbindet, eröffnet er gleichzeitig einen neuen Kontext mit neuen Beziehungskonstellationen. Indem H also bestimmte Dinge tut (2), werden bestimmte Beziehungskonstellationen verändert (3). Weiterhin: Indem die meisten Teilnehmenden darauf mit Lachen reagieren, wird diese Neukontextualisierung gleichzeitig in Humor überführt und Hs Beitrag als „witzig“ ratifiziert. Auch hier ist H nicht einfach Diskussi‐ onsbeitragender zum Thema kulturell unterschiedliche Essenssitten, sondern er ist derjenige, der die Leute zum Lachen bringt, einen guten Sprachwitz macht, für Auflockerung sorgt etc. Es gibt noch weitere stilistische Mittel, die H anwendet und den Lacherfolg si‐ chert, denn ein typisches Mittel ist die uneingeladene Wiederholung bestimmter problemgeladener Items. Ein Wort, ein Satz, eine Äußerung kann auch erst durch die bestimmte Form der Übernahme durch Andere zu einem problemgeladenen Item werden. Bereits eine vokalisierte Übernahme einer bestimmten Betonungs‐ art oder eines bestimmten Tonhöhenverlaufs kann witzig sein oder gar für den Imitierten oder Zitierten einen bedrohlichen Charakter annehmen. Solche Herausforderungen können rein sprachspielerisch, aber eben auch gesichtsbe‐ drohend sein und mitunter dazu führen, Prestige und Autorität zu readjustieren, gar als Schwellenpunkt einer Restrukturierung der Rollenkonstellation oder zu einer Umschichtung von Allianzen instrumentalisiert werden (vgl. Zajdman 1995). 7.2 Interkulturelle Aspekte der Missverständnis-Inszenierung Neben den bislang angeführten Aspekten gibt es auch interkulturelle Aspekte, die einen weiteren Kontext schaffen. Zum einen ist es das nicht respektierte Thema der taiwanesischen Herkunft von As Frau, die trotz der gewünschten Beiläufigkeit zur Ressource des bisherigen Gesprächsablaufs gemacht wurde. Zum anderen gerät sie speziell durch Hs Refokussierung auf sie als Grund des angeblichen Missverstehens erneut in den von A ungewünschten Blickpunkt, zudem werden ihre Essensgewohnheiten nun zumindest potenziell zu sexuellen. A und seine (abwesende) Ehefrau werden somit zum salienten Topos. Inwieweit Fremdheitszuschreibung dabei eine Rolle spielt, muss offen bleiben. Allerdings spielt (Nicht-)Muttersprachlichkeit und deren Folgen eine möglicherweise 256 Volker Hinnenkamp <?page no="257"?> wichtige Rolle dabei. As native Sprache ist Französisch. Er spricht Deutsch mit starker französischer Färbung. Zu fragen ist, ob Hs vorgebliches Missverstehen von As Beitrag im Zusammenhang mit dessen prosodischen Abweichungen im Deutschen zu bewerten ist. Deutsch ist nicht As Muttersprache, seine erste Sprache ist das Französische. Mit der Kommunikation in der nicht-nativen Sprache ist er auch einer bestimmten Verletzlichkeit ausgesetzt (Dirim 2010). H als Muttersprachler und A als nicht-nativer Sprecher des Deutschen bilden bereits strukturell Gegenpole. Hs Missverstehensausbeutung von As Deutsch‐ kenntnissen geht deutlich zu Lasten des nicht-nativen Sprechers als sprachlich inkompetenteren. Die Ressource nicht-nativen Sprechens impliziert das Poten‐ zial der Inkompetenzzuschreibung (vgl. Shuck 2006). Die Frage ist - allerdings eine unbeantwortbare -, ob die Missverständnisinszenierung inklusive der zweideutigen Zuschreibung an As Frau an eine/ n native speaker des Deutschen in gleicher Weise erfolgt wäre. Vielmehr besteht der Verdacht, dass es sich hier um einen Prozess des impliziten „otherization“ handelt (Holliday/ Hyde/ Kullman 2021), mithin auch um eine Reduktion des kulturell und sprachlich Anderen. Worüber wird also gelacht? Der Kontextwechsel wird initiiert durch das Lachen aufgrund der Missverständnis-Rekonstruktionsgeschichte mit „ach so“ und „ich habe verstanden“, die zudem an der genau dafür entscheidenden Stelle erfolgt und die minimalistische Form eines vorgeblich getilgten finalen „t“ in seinen Dienst stellt inklusive dem daraus folgenden schlüpfrigen, zweideutigen Potenzial. Möglicherweise wird auch auf Kosten von A gelacht. Das Lachen wird von fast allen in der Gruppe geteilt. Es ist eine multikulturell zusammengesetzte Gruppe, die gemeinsam lacht und auch den Übergang vom Lachen zurück zur Diskussion des vorherigen Hauptthemas gemeinsam gestaltet, wenn G an ihren Beitrag von über 5 Sekunden vorher reibungslos anschließen kann: „also KALtes essen-“ (12), „KALtes essen ist kein begri: ff “ (15). Das Lachen stellt eine eigenständige Neben- oder Seitensequenz dar, die zwar abhängig ist von dem, was sich zuvor entwickelt hat, aber dennoch in einer intertextuell hierarchischen Struktur eingebettet Eigenständigkeit aufweist, ganz wie ein kleiner formal selbständiger Text in einem größeren Text. Sie sind Ausdruck gemeinsam konstruierter Kontexte, sind das Resultat gemeinsam hergestellter Transformationen in komplexen Aushandlungsprozessen mit Re‐ kurs auf linguistische, pragmatische, metapragmatische, gruppendynamische und soziale Ressourcen, die miteinander gekoppelt und verquirlt werden. Wege in eine interkulturelle und interaktionale Soziolinguistik 257 <?page no="258"?> 20 Als Teil eines größer angelegten ethnografischen Projekts am Institut für deutsche Sprache, Mannheim, entstanden im Rahmen des Teilprojekts „Deutsch-Türkische Sprachvariation und die Herausbildung kommunikativer Stile in dominant türkischen 8 Mischsprachigkeit ‒ interaktionssoziolinguistische Erforschung von Mehrsprachigkeiten Sowohl Foreigner Talk, Stilisierung als auch Interkulturalität berühren allesamt Aspekte von Sprachigkeit. Auch das diskutierte Beispiel der Missverständnisin‐ szenierung rekurrierte ja auf einen solchen Sprachigkeitsaspekt: Deutsch mit Akzent als ausbeutbare Ressource in der Haltung eines Teilnehmenden als Resultat des native speakerism zu betrachten (Houghton/ Rivers 2013). Artamo‐ nova (2016) zeigt in ihrer ethnografischen Schulstudie wie die Verwendung von mitgebrachten Sprachen der Schüler: innen nebenunterrichtlich und - oft widerständig - im Unterricht als „Ausländisch“ generalisiert, diskreditiert und letztlich mit Verbot belegt wird (vgl. Artamonova/ Hinnenkamp 2019, Hinnen‐ kamp/ Scharpe 2024, 68ff.). Sprachigkeit will einerseits auf die vorhandene Vielzahl von Mehrsprachigkeiten ‒ Plural beabsichtigt ‒ hinweisen und ande‐ rerseits normative Sprachkonzepte dekonstruieren, so wie unterschiedliche Konstellationen des Neben-, Mit- und Ineinanders von Sprachen immer wieder neue und überraschende Formen der Sprachigkeit hervorbringen. Im Englischen hat es mit languaging und polylanguaging (Quist/ Jørgensen 2007, Jørgensen 2008) ähnliche Versuche gegeben, die Vielzahl mehrsprachiger Konfigurationen und Repertoires begrifflich und prozedural zu (er)fassen. Zu diesem neuen Forschungsvorhaben über Aspekte der migrationsbeding‐ ten Mehrsprachigkeit von Jugendlichen habe ich erstmalig auf der Jahrestagung am Institut für deutsche Sprache 1997 vorgetragen. In dem Vortrag über „Mehrsprachigkeit in Deutschland und deutsche Mehrsprachigkeit“ ging es neben der These, dass Deutschland stets ein mehrsprachiges Land war, um neue migrationsbedingte Szenarien der Mehrsprachigkeit“ (vgl. Hinnenkamp 1998b), exemplifiziert an visuellen und interaktiven Daten, in denen es zu Sprachmischungen kommt. Wieder gab es ein Medienecho zu diesem Vortrag, in dem interessanterweise der Aspekt der Bereicherung des Deutschen und der Sprachenlandschaft aufgegriffen wurde, was in der Folge auch zu wütenden Leserbriefen an meine Hochschuladresse führte. In der Vertiefungsphase dieses neuen Forschungsprojektes sammelte ich in den folgenden Jahren authentische Konversationsdaten aus Zusammenkünften von Jugendlichen, vorwiegend mit einem türkischsprachigen Hintergrund und nahm deren mehrsprachige und gemischtsprachige Gespräche, Erzählungen und Sprachspiele auf (vgl. Hinnenkamp 2003, 2005, 2010, 2012). 20 Dabei koope‐ 258 Volker Hinnenkamp <?page no="259"?> Migrantengruppen” auch die sozialstilistischen Untersuchungen von Keim (2008, 2012) und Cindarks (2010), in der sie ähnliche mischsprachliche Phänomene beschreiben. rierte ich wiederum mit Studierenden und anderen Informant: innen, die selbst aus diesem gemischtsprachigen Milieu stammten und über ihre Netzwerke bei der Datensammlung behilflich waren. Das verschaffte mir auch den Zugang zu Chat-Gruppen, in denen Sprachmischungen aller Art nicht nur vorkamen, sondern auch teilweise kunstvoll zelebriert wurden (vgl. Androutsopoulos/ Hin‐ nenkamp 2001, Hinnenkamp 2008a, 2016). Zur Illustration ein kleines Beispiel, das einen Ausschnitt aus einer deutschtürkischen Unfallerzählung wiedergibt, die diesen Typus gemischtsprachigen Erzählens beispielhaft repräsentiert (Hinnenkamp 2005: 66ff., Hinnenkamp 2010). [Transkript 2] R: -- Y: R: - Ondan sonra o lafı bitmiş tam o viraj gelince hatta gmeint durch den Nebel, dass da ne grade Strecke kommt, doch kei Kurve, grade Strecke. Dann ist er in der Kurve dimdirek yoldan çıktı ağaca çarptılar, ağaca çarpmışlar Esis da jemand verletzt worden? Arkadaşın ikinci Wirbeli kırıldı, eğer üçüncü Wirbelwenns gebrochen wär, wär er normal tot, da wär er nicht mehr jetzt unter uns Übersetzung R: --- Y: R: Und dann haben sie das Thema wohl beendet genau in dem Moment wo die Kurve gekommen ist hatta gmeint durch den Nebel, dass da ne grade Strecke kommt, doch kei Kurve, grade Strecke. Dann ist er in der Kurve voll geradeaus von der Straße abgekommen, sind in einen Baum, sind dann wohl in einen Baum gefahren Esis da jemand verletzt worden? Der Freund hat sich den zweiten Wirbel gebrochen, wenn er den dritten Wirbelwenns gebrochen wär, wär er normal tot, da wär er nicht mehr jetzt unter uns Der Erzählausschnitt ist ein eindeutig mehrsprachiges Produkt, bei dem Teile des Repertoires des Erzählers zum Einsatz kommen: Deutsch und Türkisch, standardsprachliche sowie umgangssprachliche, dazu dialektale Elemente aus dem Schwäbischen finden sich hier wieder. Bei dieser Form des Codeswitchings Wege in eine interkulturelle und interaktionale Soziolinguistik 259 <?page no="260"?> handelt es sich um ein interessantes und spannendes „Konglomerat“, bei der die unterschiedlichen Sprachen insofern aufeinander abgestimmt sind, als dass die türkische und deutsche Grammatik trotz der grundlegenden Verschiedenheit in Einklang erscheinen. Sprechweisen dieser Art haben sowohl gruppenidentitätsstiftende Funktion, sind aber auch das Resultat derselben kollektiven Erfahrungen: In vielerlei Weise ist diese Art der Mehrsprachigkeit ein Spiegel der historischen, sozialen, kultu‐ rellen und linguistischen Teilhabebedingungen, unter denen diese Jugendlichen groß werden. Insofern ist diese Art des Mehr- und Mischsprachigkeit trotz und wider gesellschaftlicher Nichtanerkennung entstanden. Man könnte hier von subversiver Teilhabe am bzw. gegen das in den gesellschaftlichen Institutionen dominante Einsprachigkeitsmodell sprechen (vgl. Gogolin 1994). Weltweit gibt es zu den Sprachalternationen sowie den ‚Hybridolekten‘ subalterner Spre‐ cher: innen Forschungen, die klassische Mehrsprachigkeitsmodelle hinterfragen bzw. erweitern (vgl. z. B. Quist/ Jørgensen 2007, Keim 2008, Makoni/ Pennycook 2012, Dovchin 2017, Jaspers/ Malai Madsen (Hrsg.) 2019). Dass auch dieses Forschungsgebiet auf öffentliche Resonanz stieß, zeigte sich erneut in der medialen Rezeption. Beispielhaft dazu ein Interview mit dem Titel „Deutsch-türkische Spontanpoesie“ in der Berliner Zeitung v. 30.10.2001, aus dem ich im Folgenden Ausschnitte wiedergebe. Sprachwissenschaftler Volker Hinnenkamp über das „Gemischt‐ sprechen“ Man trifft in der U-Bahn zwei türkische Jugendliche, die in einem atembe‐ raubenden Tempo zwischen Deutsch und Türkisch hin und her wechseln. Wir sprachen mit Volker Hinnenkamp, Sprachwissenschaftler aus Augs‐ burg, über diese Sprache, die die Jugendlichen selbst „Gemischtsprechen“ nennen. Wollen oder können diese Jugendlichen nicht anders sprechen? Beides. Kompetenzprobleme in beiden oder einer der beiden Sprachen spielen sicherlich oft eine Rolle. Aber wir müssen berücksichtigen, wer wann so spricht. Jugendliche verwenden diese Sprache oft als Drittsprache, neben Türkisch und Deutsch, als Gruppensprache unter Zweisprachigen. Und wie sieht das aus? Sie sprechen passagenweise Türkisch, dann wieder Deutsch, dann wech‐ seln sie innerhalb einer Äußerung, ja innerhalb eines Wortes mehrfach die Sprache - und das, obwohl Deutsch und Türkisch grammatisch absolut anders gestrickt sind. Es gehört schon einiges dazu, bei dieser Mischung 260 Volker Hinnenkamp <?page no="261"?> nicht ins Schleudern zu kommen. Viel wichtiger als die Sprache selbst ist für mich das Bewusstsein über die eigene Rolle in der Gesellschaft, die sich im Phänomen der gemischten Sprache niederschlägt: nämlich weder ganz zu den Deutschen zu gehören, noch ganz türkisch zu sein, sondern von beiden Anteile zu haben. Ist die gemischte Sprache also Ausdruck einer gesplitteten Identität? Nein. Deswegen nicht, weil dahinter ein Identitätsbegriff steht, den ich nicht teile. Wir haben ja nicht nur eine Identität. Wir bewegen uns mit ganz verschiedenen Identitäten in ganz verschiedenen Lebenswelten: die private Lebenswelt, die Familie, der Freundeskreis, die Schule, der Beruf. Also ist die gemischte Sprache Ausdruck einer bestimmten Lebenswelt. Genau, der von türkischen Jugendlichen in Deutschland. Sie wachsen in einer deutsch-türkischen Umgebung auf - mit der Sprache der deutschen Mehrheitsgesellschaft und mit der Sprache ihrer Familie. Untereinander sprechen sie dann gemischt. Ist diese Sprache ein Jargon? Ja. Sie hat die gleiche Funktion wie andere Jugendsprachen. Alle Jugendli‐ chen sprechen eine Sprache, die sich von der der Erwachsenen unterschei‐ det. Würden wir ihnen das wegnehmen, würde ihnen ganz viel von ihrer jugendlichen Lebenswelt fehlen. Gleiches gilt für die deutsch-türkischen Jugendlichen. Die Jugendlichen setzen sich damit auch von anderen ab. Die deutsch-türkischen Jugendlichen grenzen sich sogar doppelt ab: gegen die Mehrheitsgesellschaft und gegen die im eigenen Lager. Sie demonstrie‐ ren, dass sie von beiden etwas haben und das alles sehr flexibel handhaben. Wie unterscheidet sich die gemischte Sprache von dem, was „Gastarbeiter‐ deutsch“ genannt wird? Mit Gastarbeiterdeutsch wurde die Sprache derjenigen Einwanderer eti‐ kettiert, die Deutsch als Zweitsprache ohne Unterricht gelernt haben. Ihr Deutsch wird somit von anderen als defektes Pidgin definiert. Die Jugend‐ lichen dagegen sprechen grammatisch korrektes Deutsch und Türkisch, wenn auch vermischt. Aber wichtiger noch: Sie bestimmen ihre Sprache selbst, ohne Zuschreibung von außen. Sie selbst haben dieser Sprache auch einen Namen gegeben: „Gemischtsprechen“. (…) Ich bin in meiner Untersuchung zum Beispiel auf eine Art Spontanpoesie in zwei Sprachen gestoßen. Deutsche Wörter bekommen durch kleine Verän‐ Wege in eine interkulturelle und interaktionale Soziolinguistik 261 <?page no="262"?> derungen auch im Türkischen eine Bedeutung. Dann geht‘s zwischen den Jugendlichen in einer Art Wortwettstreit hin und her in beiden Sprachen. Auch neue deutsch-türkische Wörter entstehen, das Ganze in einem rasanten Tempo, sehr assoziativ, fast im Rap-Stil. Man darf das allerdings auch nicht verhübschen, denn die gesellschaftlichen Anforderungen sind anderer Art. Die Jugendlichen müssen in erster Linie Deutsch können, und außerdem - sie müssen auch zu Hause richtiges Türkisch sprechen. Das Türkische muss ja weiterhin gepflegt werden. Aber ihre eigene Sprache, das Gemischtsprechen, darf man ihnen nicht nehmen. [Das Gespräch führte Felix Zimmermann.] 9 Zum Schluss - Meilensteine: große, kleine und supergroße Als Teil der Einladung zu diesem Band wurden auch einige Fragen an uns Beitragende gestellt, auf die ich im vorgängigen Text sicherlich nicht syste‐ matisch eingegangen bin. Dennoch will ich abschließend zumindest eine der Fragestellungen kurz diskutieren. In einer der Leitfragen geht es um „Meilensteine“, die zum einen für besonders bedeutsam gehalten werden und zum anderen darum, in welcher Weise sie Auswirkungen auf das eigene Arbeitsgebiet gehabt haben. Im Folgenden einige Aspekte, die mir im eigenen Forschungsgebiet dazu als wichtig erschienen sind. Deutschland war und ist ein mehrsprachiges Land (Hinnenkamp 1998b: 138-140) und je nachdem wie man Mehrsprachigkeit definiert - in der Tra‐ dition Bloomfields („native-like competence“) oder etwa der Wandruszkas („eine Sprache ist viele Sprachen“) - sind die definitorischen Grenzen von Mehrsprachigkeit mal enger und mal weiter gesetzt. Die Hinwendung zu dieser gesellschaftlichen und individuellen Mehrsprachigkeit bzw. der Vielzahl von Mehrsprachigkeiten ist mit der Arbeitsmigration ab Mitte der neunzehn‐ hundertsechziger Jahre nach und nach in den Blick der soziolinguistischen Forschung geraten. Die Initialzündung hat Michael Clyne - ein nach Australien ausgewanderter Deutscher - mit seinem kleinen Aufsatz in der „Zeitschrift für Mundartforschung“ mit dem Titel „Zum Pidgin-Deutsch der Gastarbeiter“ (1968) gegeben. Es war mitnichten ein genuin soziolinguistischer Start, aber Clyne hat allein mit dem Pidgin-Begriff eine soziohistorische und internationale Perspektive eingebracht - und damit vielleicht den ersten „Meilenstein“ gesetzt. Im Mittelpunkt der Forschung zur migrationsbedingten Sprachigkeit standen in erster Linie die Sprachen, die Varietäten, die Interlanguages der Migrant: innen oder - im damaligen Sprachgebrauch - der „Gastarbeiter“ - allen voran die 262 Volker Hinnenkamp <?page no="263"?> vielen Arbeiten im Umkreis des Heidelberger Forschungsprojektes „Pidgin- Deutsch“ (Klein 2023). Der Blick nicht nur der Soziolinguistik sondern auch anderer Disziplinen war weniger auf die Interaktion zwischen den einheimischen oder muttersprachli‐ chen Menschen mit den Zugewanderten aus den unterschiedlichen lebenswelt‐ lichen, ethnischen und nationalen Hintergründen gerichtet, als vielmehr auf die einseitigen Sprach- und Kommunikationsprobleme der eingewanderten Neubürger: innen, von daher war es logisch, dass zum Phänomen des „Gastar‐ beiterdeutsch“ gar ein übergeordnetes Fachgebiet der „Gastarbeiterlinguistik“ entstand - ob diese Form der Panethnisierung ein Meilenstein bedeutete, mag dahingestellt sein (Hinnenkamp 1990). Die Soziolinguistik dieser Zeit war primär korrelativ orientiert und die einschlägigen Untersuchungen konnten entsprechende Zusammenhänge von Erwerbsstadien und außersprachlichen Faktoren aufzeigen, methodologisch zweifelsohne ein weiterer Meilenstein: Ich erinnere nur an die Longitudinal‐ studie mit natürlichen Interviewdaten von spanischen und italienischen Mi‐ grant: innen, auf die vielen Beschreibungen der ungesteuerten Erwerbsfolgen, der Konstruktion einer Varietätengrammatik (Dittmar 2023, Klein 2023). Aber gleichzeitig - zunächst schüchtern - wurde auch ein Blick auf interaktionale Zusammenhänge geworfen, so initiierten z. B. Foreigner Talk-Studien eine Perspektive auf wechselseitige Effekte in der Kommunikation und erweiterten den Blick auf interkulturelle Implikationen. Methodologisch mit Anleihen aus der Kommunikationsethnografie sowie verschiedenen Ansätzen der Gesprächs‐ analyse entwickelte sich ein nicht-korrelativer Forschungsstrang, dem ich mich zunächst naiv, aber nach und nach programmatisch - auch unter dem Einfluss der interaktionalen und interpretativen Ansätze in der Soziolinguistik - zuord‐ nete (vgl. Hinnenkamp 1989a, 1990). Vielleicht wurde damit ein komplementärer Meilenstein in Stellung gebracht. Einen Riesenmeilenstein bedeutete es hingegen, dass insgesamt ein For‐ schungsgebaren in Gang kam, das weder korrelativ noch sozialpsychologisch experimentell orientiert war, sondern qualitativ, stets mehr oder weniger natural data orientiert, dabei durchaus eklektisch, etwa der Kommunikationsethnogra‐ fie, der Konversationsanalyse und anderen qualitativen Methoden verpflichtet. Aus dieser Gemengelage ging die Interaktionale Soziolinguistik hervor (vgl. Hinnenkamp 2018). Diese Forschungsrichtung ist methodologisch global und inter- und transkulturell ausgerichtet; sie umfasst die Arbeit an konversationel‐ len, narrativen, multimodalen, visuellen wie digitalen Kommunikationsformen. Sie ist sicherlich nicht als exklusiv genuiner Zweig einer germanistischen Soziolinguistik zu bezeichnen, sondern entspricht einer international ausgerich‐ Wege in eine interkulturelle und interaktionale Soziolinguistik 263 <?page no="264"?> teten Soziolinguistik (mit zumeist englischsprachigen Publikationen), durchaus natürlich mit länder- und sprachraumbezogenen Schwerpunkten. Bibliografie Ahrenholz, Bernt/ Rost-Roth, Martina (Hrsg.) (2023). Ein Blick zurück nach vorn. Frühe deutsche Forschung zum Zweitspracherwerb, Migration, Mehrsprachigkeit und zweitsprachbezogener Sprachdidaktik sowie ihre Bedeutung heute. Berlin/ Boston: de Gruyter. Androutsopoulos, Jannis/ Hinnenkamp, Volker (2001). 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Allerdings konnten, wenn es um Standardsprache ging, deren Implementierung und Entwicklung nicht ohne Blick auf in sozialen Feldern sprachlich Handelnde gezeigt werden. Mit der Beobachtung, dass es zum Bei‐ spiel im Ruhrgebiet keinen Dialekt mehr gab, der den Kindern selbstverständlich von den Eltern weitergegeben wurde, sondern dass das Sprechen der Gleichalt‐ rigen eine wichtige Rolle für den Sprachgebrauch der Kinder spielte, öffnete sich der Blick auf die Flexibilität und Erfindungslust von Sprechenden: Sprach‐ liche Formen einschließlich der dialektalen werden situativ unterschiedlich gewertet, sind in manchen Situationen mit spezifischen Signifikanzen alternativ zu standardsprachlichen Formen durchaus Gewinn bringend verwendbar - von Personen, die beides, Standard und Dialekt, kompetent einsetzen können. Daraus ergaben sich neue wissenschaftliche Perspektiven auf Pragmatik und Soziologie des Sprechens und Schreibens. Diese Entwicklungen sollen im Wesentlichen anhand meiner Erfahrungen an den Universitäten Heidelberg, Düsseldorf, Duisburg, Bonn, Mannheim und wieder Heidelberg nachgezeichnet werden. Wenn diese wissenschaftlichen Entwicklungen in einigen Diskurssträngen zur Einsicht führten, dass dialektale und andere Nonstandardmuster - seien sie jugendsprachlich, seien sie anderen Sprachen entlehnt - als Zeichen mit spezifischen Signifikanzen, als Stile mit (in manchen Fällen allerdings nur saisonalem) Mehrwert verwendet werden, so muss man auch sagen, dass <?page no="272"?> Literaten solche sprachlichen Ressourcen (François Jullien) schon literarisch genutzt haben, bevor sie soziolinguistisch beschrieben waren. 2 Verflechtungen von Sprachwissenschaft und Philosophie: Grammatik und Logik, der „Linguistic Turn“ und die analytischen Philosophie, Sprachwissenschaft und Wissenschaftstheorie Ernst Tugendhats erste Vorlesung zur analytischen Philosophie in Heidelberg explizierte Willard van Orman Quines „Methods of Logic“, das gerade neu erschienen war, und, wie Tugendhat viele Jahre später erzählte, war es seine erste Logik-Vorlesung. Die Aufbrüche in der formalen Logik und formalen Grammatik, die in Heidelberg und dann in Düsseldorf mit Volker Beeh und später mit Sebastian Löbner verbunden waren, führten zur Sprachphilosophie und der gerade aufblühenden Zeichentheorie/ Semiotik, zu neuen Wissenschaft‐ sparadigmen und zu intensiver Auseinandersetzung mit Wissenschaftstheo‐ rien in Düsseldorf bei Waltraud Bumann und Gert König (später Prof. für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum), der mir zu Zeiten meines Staatsexamens 1972 meine erste Buch- Veröffentlichung: „Einführung in die generative Transformationsgrammatik. Einführung in den Regelapparat, die schulorientierte Anwendungsproblematik und die wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen“ detailliert durchgesehen und mich grundlegend beraten hat. Ebenfalls mit Grammatiktheorie befasst sich mein Artikel über „Die wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen formaler Grammatik und deren Kritik von Seiten hermeneutischer und dialektischer Wissenschaftstheorie“. Die Entdeckung dieser Wissenschaftsparadigmen war verbunden mit einer gewissen Vernachlässigung des Lateinstudiums, während die Philosophie mit eben diesen Schwerpunkten Gegenstand von Tutorien wurde, die zu meinen Aufgaben als studentische Hilfskraft in Düsseldorf in der Sprachwissenschaft gehörten, dann auch zum Gegenstand von interdisziplinä‐ ren Seminaren im Rahmen meiner Lehrverpflichtungen als wissenschaftliche Assistentin ab 1972 an der Universität - Gesamthochschule - Duisburg und zum zweiten Fach bei der Promotion. Dem Philosophen Helmut Girndt, der eigentlich einen ganz anderen Schwerpunkt (nämlich Deutschen Idealismus) hatte, zu verdanken ist der Anstoß zu gemeinsamen Seminaren: u. a. eines in Strukturalismus-kritischer Absicht über das fehlende Subjekt im Struktu‐ ralismus und eines über Richard Rorty: „Der Spiegel der Natur“, in dem Rorty die Spiegelmetapher aus der Perspektive einer pragmatischen Erkennt‐ nistheorie im Sinn von Wittgenstein und Dewey kritisiert. Engführungen mit 272 Beate Henn-Memmesheimer <?page no="273"?> der Philosophie in Forschung und Lehre lagen aufgrund des Linguistic Turn nahe, den Rorty bereits in den 60er Jahren analysiert hatte und den er im Bild des linguistischen Feldforschers 2000 neu konfiguriert hat: Nicht nur die sprachlichen Beobachtungen der eingeborenen Sprecher untereinander müssen kohärent sein, sondern mit ihnen auch die des linguistischen Feldforschers. Zeichentheoretisches Fundament aller im Folgenden in den Abschnitten 10-21 zu behandelnden soziologisch und pragmatisch orientierten Studien blieben für mich Wittgensteins „Philosophische Untersuchungen“, in denen Wittgenstein seine pragmatische Philosophie der normalen Sprache ausbaute; außerdem wichtig waren Peirce und Eco, Umberto Eco mit seiner expliziten Kritik an der Gleichsetzung von natürlichen Sprachen und Codes. 3 Ein Desiderat: Beschreibungen von Standard und Nonstandard im Rahmen struktureller Grammatiktheorien In den 60er Jahren und davor gab es ein großes Interesse an struktureller Gram‐ matik, das auch in der Dialektologie aufgegriffen wurde. Der strukturalistische Verzicht auf handelnde Subjekte führte zur Entwicklung formalisiert und sym‐ bolisiert angelegter Sprachbeschreibungen und zum Vergleich so beschriebener Systeme. Dies war offensichtlich kompatibel mit einer Sprachauffassung in der traditionellen Dialektologie, wo Sprache hypostasierend als selbstständiges Phänomen beschrieben wird. Das Augenmerk lag in den Dialektbeschreibungen auf lautlichen und lexikalischen, sehr selten auf syntaktischen Merkmalen, die ad hoc aufgezählt, mit politischen Ereignissen korreliert wurden. Das änderte sich in den 60er Jahren: Ludwig Kufner verfasste eine „Strukturelle Grammatik der Münchner Stadtmundart“ und verwendete und erweiterte dazu die Phra‐ senstrukturregeln der Generativen Grammatik, erfasste aber nur morphologi‐ sche und lexikalische Differenzen, weil sein Korpus aus geschriebenem Dialekt (Zeitungsbeilagen) bestand. Anders angelegt ist Alex Ströbls „Grundlinien einer formalistischen Syntax der Mundart von Malching“ von 1970. Sie geht von Äußerungen aus, nicht von Sätzen als Grundeinheit. An Lucien Tesnières Dependenzgrammatik orientiert war die versuchsweise mit einem formalen Regelsystem ausgestattete Deutsche Syntax von Hans Jürgen Heringer von 1970, die zur Beschreibung einer flektierenden Sprache wie das Deutsche, wo Morpheme als syntaktische Markierungen aufgefasst werden können, gut geeignet ist und die wesentlich auf den leicht nachzuvollziehenden heuristischen Operationen Kommutation, Permutation und Deletion basiert. Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften 273 <?page no="274"?> 4 Grammatik und Pädagogik für Spracherwerb und Reflexion auf Sprache In der „Einführung“ des ersten Heftes der Zeitschrift L IN G U I S TIK U N D D IDAK TIK 1970 greifen Wissenschaftlicher Beirat und Redaktion „den Präzisionsanspruch formaler Beschreibungen“ von Sprachen und „das Verständnis der Linguistik als Sozialwissenschaft“ auf und prognostizieren, dass beides sich „in einer neuen Konzeption des Sprachunterrichts“ auswirken werde. Die Hefte der Zeitschrift L IN G U I S TIK U N D D IDAK TIK zeigen Entwicklungen der Germanistik in Heidelberg, meinem ersten Studienort: Hans Jürgen Heringer stellt z. B. im ersten Heft seine Grammatik als zur Reflexion auf Sprache und zur Sprachvermittlung besonders geeignetes Modell vor. Erweitert wird diese Empfehlung durch einen Artikel von Sabine Pape und Gisela Zifonun 1971, der sich auf Lateinunterricht bezieht und diese Art von Grammatik empfiehlt mit dem Argument der Übersichtlichkeit der formalen (oder auch nur Symbole verwendenden) Darstellung grammatischer Regeln und den ein‐ fachen operationalen heuristischen Verfahren. Hinzu kommt die Transparenz der graphischen Darstellung der Oberflächenelemente in Dependenzbäumen. Der Anspruch, in der Schule formale Grammatiken zu benutzen, ist vor dem allgemeinen Anspruch, in der Schule wissenschaftliche Propädeutik zu leisten, zu sehen, einem Anspruch, der auch zum mengentheoretischen Aufbau des Mathematikunterrichts geführt hatte. Auf längere Sicht didaktisch tragfähig erwiesen sich dann nicht formalisierte, nicht symbolisierte Beschreibungen, sondern auf einfachen heuristischen Ver‐ fahren beruhende. Sprechende kommen dort ins Spiel, wo mehrere Beschreibungsebenen kon‐ zipiert werden: z. B. bei Eugenio Coseriu in „System, Norm und Rede“ 1979, bei Peter v. Polenz, der zwischen Sprachverwendung (performance), Sprachverkehr (Gruppenperformanz), Sprachkompetenz und Sprachsystem differenziert. Der Blick bleibt dennoch systembezogen und damit normorientiert, wie schon die Terminologie zeigt. 5 Gesellschaftsbezogene Überlegungen nach dem Misslingen kompensatorischen Unterrichts, die andersartigen Intentionen der Reihe Mundart/ Hochsprache kontrastiv [in Kapitälchen] und mein lernpsychologischer Ansatz 1978 Der Blick auf eine als System selbstständig beschriebene Standardsprache und auf höchst elaboriert ebenso selbstständig beschriebene Systeme der Dialekte legte es nahe, Fehler/ Abweichungen vom Standard in intendiert stan‐ 274 Beate Henn-Memmesheimer <?page no="275"?> 1 Ausführlich in diesem Band in Artikel 3 von Heiner Löffler. dardsprachlichen Texten als Interferenzen zwischen Standard und Dialekten zu diagnostizieren, wie dies beim Fremdsprachenunterricht angemessen ist. Verstärkt wurde diese Tendenz durch die in Amerika gepflegte Perspektive: Nach Basil Bernstein sind Sprachen „Codes“, Sprechende enkodieren und Hörende/ Verstehende dekodieren dies wieder. Dies setzt gleiche Kompetenz bezüglich der Enkodierungs- und Dekodierungsmöglichkeiten voraus. Holz‐ schnittartig: Manche Sprechenden verfügen über elaborierte, andere leider nur über restringierte, weniger ausgebaute Codes. Das ist, so die bekannte Konse‐ quenz, zu kompensieren durch Erweiterung des Inventars des restringierten Codes um Wörter, Morpheme und Syntax. Das dennoch eklatante Misslingen der Versuche des sog. Kompensatorischen Unterrichts erklärt Siegfried Jäger 1972 aus einem mangelndem Wissen über den Zusammenhang von Sprache und Denken und zeigt 1977 mit Bezug auf Wygotski, dass Sprache nicht nach dem Modell einfacher Kodierungen funktio‐ niert. Jäger beobachtete aus einer dezidiert gesellschaftskritischen Haltung das von ihm pointiert so genannte „bürgerlichen Trauerspiel“ um Sprachbarrieren und kompensatorische Erziehung. Die Durchsetzung einer - wie Ulrich Ammon sie viel später beschrieb - kodifizierten, legitimierten und anerkannten Sprache hatte zu überregional verwendbaren Sprachbüchern geführt. Dagegen hatte es von Anfang an Wi‐ derspruch gegeben und die Forderung, auszugehen von den Dialekten und Regionalsprachen, die die Kinder mitbringen. Aus der Perspektive der Teilneh‐ menden argumentieren die Herausgeber der Reihe M U N DA R T / H O C H S P R A C H E - K O NT R A S TIV , Werner Besch, Heinrich Löffler 1 und Hans H. Reich, für eine neue Art der Auseinandersetzung mit Dialekt und Standard in der Schule. Ziel sollte weder „Mundartpflege“ noch „Abschaffung der Mundart“ sein, sondern die Be‐ rücksichtigung der „Sprache der Kinder, um ihnen eine sprachliche Entwicklung ohne Identitätsbrüche zu ermöglichen“ (so jeweils im Vorwort der Herausgeber). Dazu war es nötig, den Unterrichtenden eine rationale Erklärung für eine Vielzahl von orthographischen, lexikalischen, syntaktischen und morphologi‐ schen „Fehlern“ zu geben. Es wurde gezeigt, dass unterschiedlich stigmatisierte Abweichungen vom Standard auf Mundartinterferenzen zurückgeführt werden können. Im Alltag erfahren solche Abweichungen oft soziale Bewertungen: Mit schlichten Übernahmen aus dem Dialekt handelt man sich den Vorwurf ein, man könne kein Hochdeutsch; unkorrekte Analogiebildungen werden intuitiv bespöttelt und scherzhaft kolportiert; Hyperkorrektheiten, wobei ein Kontrast konstruiert wird, wo keiner ist, bringen den naserümpfenden Vorwurf des Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften 275 <?page no="276"?> Vornehm-Tuns ein. Dazu waren detaillierte Sprachbeschreibungen der Dialekte und Regionalsprachen nötig, und dafür wurden die seit 1977 erscheinenden Hefte der Reihe M U N DA R T / H O C H S P R A C H E - K O N T R A S TIV konzipiert. Mein Beitrag zur Reihe, das Heft „Pfälzisch“ von 1980, basiert auf meiner im September 1975 vorgelegten Dissertation „Mundartinterferenzen. Am Beispiel des Nordwestpfälzischen“ und ihrem lernpsychologischen Ansatz. Gezeigt werden konnte der verändernde Einfluss des Dialekts als Erstsprache auf den Standard als Zweitsprache, „soweit er sich als „Fehler“ erzeugend niederschlägt.“ Es ließen sich drei Tendenzen zeigen: 1. Kontrastnivellierung als Reduktion der die beiden Sprachen unterscheidenden Merkmale (Regeln/ Morpheme) und damit Angleichung an die Erstsprache, 2. Kontrastübertreibung als Ausweitung der Unterschiede, 3. Kontrastverschiebung als abweichende Verarbeitung von Kontrasten. Solche Tendenzen der Bearbeitung von strukturiertem Gedächtnis‐ material sind in strukturalistisch orientierter Gedächtnispsychologie gut bestä‐ tigt, spezifisch der Gestaltpsychologie, auf die mich Günter Memmesheimer (Werkkunstschule, später Fachhochschule Hannover) aufmerksam gemacht hatte. Rezipientenorientiert wurde auf jeglichen Formalismus oder Symbolismus verzichtet. 6 Alltägliche Mundart-Standard-Übergänge statt Codeswitch und ein Grammatikmodell, das Varianten integriert Zwar bewegen sich die grammatischen Beschreibungen in den Sprachheften, wie mein eigener lernpsychologischer Ansatz, im Rahmen der Kontrastierung zweier Systeme. Tatsächlich gibt es ein „Kontinuum“ in Süddeutschland: Spre‐ chende können in ihrer Rede mehr oder weniger Standard- oder Nonstandard‐ elemente verwenden. Barbara Sandig hat bereits 1971 gezeigt, dass in der gesprochenen Sprache historische Kontinuitäten vorhanden sind für normativ diskriminierte Muster, d. h. für dezisionistisch nicht in die Standardsprachbe‐ schreibungen Einbezogenes, z. B. für Nebensätze mit kausalem weil mit Verbzweitstellung. Ein Grammatikmodell, das explizit Varianten innerhalb eines Systems be‐ schreibt, finden wir wieder in der Romanistik. Es wurde 1979 von Eugenio Coseriu theoretisch ausgebreitet in: System, Norm und Rede. Plakatives Beispiel aus der Phonologie: Das Phonem / r/ hat regionale Varianten [ʀ] und [r], das Phonem / ç/ hat im Standard die stellungsbedingten Varianten [̧ χ] und [x], in der Pfalz ebenso, allerdings gibt es für [χ] auch eine regionale Aussprache: delabialisiertes [ʃ]. Delabialisiertes [ʃ] ist in der Pfalz regional auch eine Variante 276 Beate Henn-Memmesheimer <?page no="277"?> des Phonems / ʃ/ neben [ʃ]. Joachim Herrgen hat dieses Phänomen ausführlich beschrieben. In der Syntax lassen sich in dieser Weise Phänomene beschreiben, meine Studien und Explikationen dazu sind: „The patternings of nonstandard syntax in German” in einem Sammelband von Jenny Cheshire und „Über Standard- und Nonstandardmuster generalisierende Syntaxregeln. Das Beispiel der Ad‐ verbphrasen mit deiktischen Adverbien“ in einem Sammelband von Holtus und Radke. Meine Habilitationsschrift 1986, „Nonstandardmuster. Ihre Beschreibung in der Syntax und das Problem ihrer Arealität“ behandelt in dieser Weise die Nominalphrasen. 7 Ressourcen der Soziologie und der Sprachwissenschaft zur Beschreibung von Sprechhandlungen An der Universität - Gesamthochschule - Duisburg war ich in den 70er und frühen 80er Jahren beteiligt an mit Pädagogen und Soziologen gemeinsam veranstalteten Seminaren über Sprache und Lebenswelt. Zu den Lehrenden gehörte der Soziologe Johannes Weiß, der - danach als Professor in Kassel - im Handbuch Sociolinguistics Soziolinguistik von 1987/ 88 den Artikel „Kultursozio‐ logie“ verfasst hat. Außerdem gab es einen wissenschaftlichen Austausch zwi‐ schen dem Germanisten Arend Mihm, an dessen Lehrstuhl ich als Assistentin angestellt war, und dem Soziologen Hartmut Esser über mathematische Metho‐ den wie Faktorenanalyse in der sozialwissenschaftlich orientierten Linguistik (vgl. Abschnitt 8). Esser hat ebenfalls einen Artikel für das Soziolinguistik- Handbuch über „Ethnomethodologische / interaktionistische versus deduktive Untersuchungstypen“ verfasst. Einen sehr frühen Hinweis auf die Soziologie Pierre Bourdieus und die Lebensstil-Analysen von Gerhard Schulze und Gunnar Otte verdanke ich dem Soziologen Martin Kronauer, Berlin, zuvor Göttingen. Meine eigene Le‐ benserfahrung, das Aufwachsen in einer Familie, wo beides, Standard und Westpfälzisch, situativ variierend (shiftend) verwendet wurde, der Ortswechsel in die Kurpfalz, nach Heidelberg, und der Wechsel nach Nordrhein-Westfalen mit deutlich anderem Sprachduktus, all das legte mir Erklärungen nahe, wie sie in Bourdieus Bild des sprachlichen Marktes und des Habitus aufgezeigt werden. Wenn man wie Esser in seinem vielbändigen Werk „Soziologie“ im 3. Bd. „So‐ ziales Handeln“ 2002 davon ausgeht, dass soziale Phänomene in verschiedenen Paradigmen modelliert werden, so ergab sich für die sprachwissenschaftliche Verwendbarkeit dies: Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften 277 <?page no="278"?> • Das normative Paradigma setzt voraus, dass die sog. objektiven Lebensver‐ hältnisse (Einkommen, Bildung) die Lebensformen weitestgehend definie‐ ren, dass diese Zusammenhänge als gesetzmäßige, eben nomologische, erfassbar sind. - Kritik: Die bis in die siebziger Jahre von Dialektologen und Soziolinguisten vorausgesetzten stabilen sozialräumlichen Gruppierungen sind nicht mehr zu erwarten, stattdessen werden andere Gruppierungen und Orientierungen wichtig. Die sprachliche Differenzierung folgt nicht einem einfachen Oben-unten- Modell, auch die Bezeichnung „Covert Prestige“ von Trudgill und Mihm macht dieses Paradigma nicht stärker. In Gesprächen mit Gewährspersonen wird dies explizit: Es gibt ein gewisses Einverständnis, sogar einen Stolz auf Dialektkompetenz: „Die bewunnern uns schunn [für unseren Dialekt]“, wird von Gewährspersonen in Erpolzheim noch 2011 über Außenstehende gesagt. Ein solches Selbstverständnis ergibt sich daraus, dass man nicht mehr auf den Dialekt festgelegt ist. Eine weitere Erfahrung: Hat man eine große Gruppe Studierender vor sich, so kann man ihnen keine Determiniertheit unterstellen, sondern weiß, dass sie bei verschiedenen Gelegenheiten sehr unterschiedlich sprechen können. • Das rationalistische Paradigma setzt voraus, dass es in einer Entscheidungs‐ situation unterschiedliche (auch skalierbare) Lösungen und jeweils eine optimale Lösung gibt, und dass Handelnde aufgrund ihrer rationalen Ent‐ scheidung diese Lösung wählen. - Kritik: Zur Erklärung von Handlungen, insbesondere zur Erklärung von sprachlichen Handlungen reichen Modelle, die strikt von einer quantifizierbaren Ordnung optimaler und weniger optimaler Handlungsstrategien ausgehen, nicht aus. • Das interpretative oder semantische Paradigma setzt voraus, dass Menschen Handlungsspielräume haben. Handlungen sind nicht normativ festgelegt. Wenn Handlungen wählbar sind, können aus den Ergebnissen der Hand‐ lungswahlen Schlüsse gezogen werden. D. h. die Handlungen selber werden als Zeichen interpretierbar, bekommen Bedeutung. Im interpretativen Paradigma, das in der Tradition von Georg Simmel, Max Weber, Alfred Schütz, Thomas Luckmann entwickelt wurde, sind Zeichen „beliebige Manifestationen, etwa: Texte, Geräusche, Personen, Skulpturen, …, Parkanlagen, Handlungen, Mimik, Gebärden usw.“ (Gerhard Schulze). Personen wählen, nach Gerhard Schulze, ihre Zeichen, sodass man daran ablesen kann, was sie genießen, wovon sie sich distanzieren, und sie wählen gemäß ihrer Lebensphilosophie. Schulze nennt dies „alltagsästhetische Entscheidungen“. Wiederholungstendenzen in den alltagsästhetischen Entscheidungen einer Per‐ son machen deren Stil aus. Es gibt Handlungsstile von Personen, von Gruppen. 278 Beate Henn-Memmesheimer <?page no="279"?> Schulze ist daran interessiert, auf diese Weise solche Großgruppen (mit Hilfe von Konvergenzanalyse) zusammenzustellen, die er als „Milieus“ im Deutschland der 80er Jahre bezeichnen kann. Bei unserer Tagung „Die Ordnung des Standard und die Differenzierung der Diskurse“ 2009 verwendete Gunnar Otte in seinem Vortrag „Soziale Ungleich‐ heit, Lebensstil und Sprache“, zu dem wir ihn eingeladen hatten, das nur leicht abgewandelte Modell der alltagsästhetischen Schemata von Gerhard Schulze, reflektierte die Randständigkeit von Sprache in der sozialwissenschaftlichen Ungleichheitsforschung und stellte das sozialwissenschaftliche Interesse an den „Mechanismen sprachbasierter Reproduktion sozialer Ungleichheiten“ in den Vordergrund. Dabei wurde klar, dass verschiedene Milieus ungleiche Affinitäten zu alltagsästhetischen Schemata und ungleiche Flexibilität in der Gestaltung ihres Lebens- und Sprachstils haben. Ich benütze für sprachwissenschaftliche Untersuchungen nur den Terminus Stil und verzichte auf die Zuordnung von Stilen zu Milieus oder Lebensstilgruppen, weil ich mich mit Sprechen in konkreten Situationen befasse. Individuelle Flexibilität des „pluralen Akteurs“ thematisiert in der Soziologie z. B. Bruno Lahire 2011 in L’homme pluriel: Les ressorts de l’action“. In der Sprachwissenschaft stellte Jürgen Macha bereits 1991 die Frage: „Sprechen Menschen, wie sie sprechen, weil sie es so wollen oder weil sie es nicht anders können? “ und beantwortet sie in seiner Dissertation „Der flexible Sprecher. Un‐ tersuchungen zu Sprache und Sprachbewusstsein rheinischer Handwerksmeis‐ ter“. So gesehen sind Nonstandardvarianten, einschließlich sprachgeschichtlich dialektaler Formen, Möglichkeiten für Sprechende, sich Sprechsituationen nicht nur anzupassen, sondern durch die Wahl sprachlicher Formen Situationen zu definieren, bzw. Angebote zu machen, wie eine Situation verstanden werden sollte. Grenzen der Akzeptanz zeigt Georg Albert 2013 in: „Innovative Schrift‐ lichkeit in digitalen Texten“ im Kapitel „Sprachwahl und Lebensstil“. Bei Pierre Bourdieu fand ich eine für sprachwissenschaftliche Beschrei‐ bungen und Erklärungen weitreichende Theorie, die ethnomethodologische Handlungsperspektive und makrosoziologische Gegebenheiten verknüpft bei Ablehnung des nomologischen Paradigmas (in „Entwurf einer Theorie der Praxis“ 1972, dt. 1979). Mit dem Modell des sprachlichen Marktes - detailliert ausgebaut in Bourdieu 1982: „Ce que parler veut dire“ (dt. 1990) - in dem sich die Akteure aufgrund ihres kulturell (durch den Markt) geprägten Habitus kompetent bewegen und den Markt beeinflussen, hat Pierre Bourdieu einen theoretischen Rahmen geschaffen, der sowohl individuelles sprachliches Han‐ deln als auch makrostrukturelle gesellschaftliche Gegebenheiten aufeinander Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften 279 <?page no="280"?> bezogen erfassen kann im Sinne einer „teilnehmenden Objektivierung“ (Krais zusammenfassend über Bourdieu). Im Artikel „Normtheorie oder Praxeologie zur Erklärung sprachlicher Vari‐ anz“ habe ich 1990 die Reichweite dieses Modells zur Erklärung von sprachli‐ chem Handeln zu zeigen versucht. Im deutschsprachigen, besonders im süddeut‐ schen Raum erweist sich dann allerdings zur Beschreibung des Umgangs mit Sprachvarianz nicht ein Gesellschaftsmodell nach Klassen, das Bourdieu für das damalige Frankreich beschreibt, als von großer Erklärungskraft, sondern eines, das nach Lebensstilgruppen differenziert und weiter nach Sprechsituationen, als angemessen. Sprechsituationen sind in den folgenden Studien die Teile des Handlungsrahmens, die durch die Sprachwahl unmittelbar beeinflusst werden, etwa die Veränderung einer formellen Situation in eine vertraute durch Wechsel von Standard zu Nonstandard. In diesem Modell lässt sich dann auch plausibel erklären, dass funktionale Verwendung von dialektalen Formen den längerfristigen Erhalt dialektaler Formen zur Folge hat. 8 Konkrete empirische Sprachanalysen mit makrosoziologischen Kategorien Mein Übergang von logisch-philosophischer Wissenschaftstheorie und linguis‐ tischer Grammatiktheorie zur Beobachtung konkreten sprachlichen Verhaltens war veranlasst durch die Germanistik an der Universität - Gesamthochschule - Duisburg, wo Arend Mihm sich z. B. mit „Sozialen Sprachvarietäten im nieder‐ rheinischen Industriegebiet“ 1981 befasste, dabei Sprachverhalten in 12 unab‐ hängigen Versuchsgruppen untersuchte, wobei Alter, Wohnort und Schulform variiert und nichtverbale Intelligenz kontrolliert wurden. „Zusammenhänge zwischen sozialer Herkunft und Sprachrezeption [lassen sich] vom 5. Schuljahr an nur noch im beschränkten Umfang verfolgen“, [statt dessen treten aber] deutlich neue schulformspezifische Sprachdifferenzierungen auf “. „Weitgehend bestätigt“ wurde ein Zusammenhang zwischen Sprachproduktion und sozialer Herkunft. Benutzt wurde eine komplexe Faktorenanalyse, die in Gesprächen über empirische Fragen mit dem Soziologen Hartmut Esser entwickelt wurde, den ich später in Mannheim wieder traf, und mit ihm zusammen u. a. ein theoretisches interdisziplinäres Seminar über Niklas Luhmanns Systemtheorie durchgeführt habe. 280 Beate Henn-Memmesheimer <?page no="281"?> 9 Sprachliche Märkte: Nonstandard-Angebote vor dem Hintergrund einer Standardsprache Das Beispiel Dialekt: Wenn man Dialekt traditionell verstand als Kommunika‐ tionsmittel einer räumlich eng begrenzten Bevölkerungsgruppe mit intensivem Binnenkontakt, das lexikalische, syntaktische und lautliche Spezifika enthält, die von der kodifizierten, institutionell legitimierten, schulisch durchgesetzten und anerkannten Standardsprache abweichen, so sind - wie Klaus Mattheier in „Pragmatik und Soziologie der Dialekte“ 1980 und bereits 1973 in „Funkti‐ onswandel der Mundart“ schreibt - mit Alphabetisierung, Industrialisierung, Urbanisierung massive Veränderungen in den „Sprachgebrauchsstrukturen [des Dialekts] und ihren sozialen und situativen Steuerungen“ zu erwarten. Es existieren interessante empirische, flächendeckende quantitative Erhebungen zum Wissen über Dialekte, zu Dialektkompetenzen (pauschal: ja/ nein) und zu Einstellungen, so weit sie sich an der Weitergabe des Dialekts von Eltern auf Kinder zeigen. Ergebnisse der jüngsten Erhebung des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim sind dargestellt von Astrid Adler, Albrecht Plewnia und Maria Ribeiro Silveira in „Dialektkompetenz und Dialektgebrauch in Deutsch‐ land“, 2024. Orientiert man sich an Bourdieu: „Ce que parler veut dire“ (1982) und an dem dort verwendeten Bild des „sprachlichen Marktes“, wie ich das in meinem Artikel im Jahrbuch für Internationale Germanistik 1989 über „Alltägliche Dialektverwendung und das Spiel mit dialektalen Formen“ versucht habe, sieht man darüber hinaus anderes. Man sieht Nonstandard-Angebote, die sich beob‐ achtbar - qualitativ interpretierbar - aus habitueller Verfasstheit der sprachlich Handelnden ergeben haben. In den 60er Jahren wurden Normen wie die schulischen diskutiert und unterlaufen, Gruppen, Szenen profilieren sich und die Inhalte, die sie vertreten, durch eigenwillige Sprechweisen. Im Zuge kritischer Haltungen gegenüber Schule und ihrem Bildungskanon gelangten z. B. Formen aus den Rheinischen Dialekten in Germanistik-Seminare. In den 70er Jahren wird eine „Dialektwelle“ oder „Dialektrenaissance“ wahrgenommen. Dialekt gewinnt neuen Marktwert in der Pop-Musik, in der Fernsehwerbung, in der Kommunalpolitik, in Familien, am Biertisch, in Vereinen, am Arbeitsplatz. Die Argumente sind die der 68er- Generation: Dialekt ist „Freiheit von Normen“, „Sprache eines unverfälschten Bewusstseins“, „Identitätsstütze“, „Mittel gegen Technokratie und Bürokratie und gegen politische Vereinheitlichung“, so die Termini, die man bis 1989 finden konnte, darüber hinaus: Dialekt zur Kritik an herrschenden Ideologien und deren Vokabular, an Euphemismen der Standardsprache in der Absicht sozialpolitischer Einflussnahme. Es ist eine politische Argumentation, wie sie sich in Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften 281 <?page no="282"?> der ehemals virulenten außerparlamentarischen Opposition entwickelte, auch privates Handeln motivierte, und Dialekt wird zum Emblem dafür. Im politischen Feld wurde schon früher ein hoher Marktwert der doppelten Kompetenz, Standard und Dialekt, beobachtet. Aus dialektnahem Sprechen der Honoratioren, wie man es bei erfolgreichen Politikern (positiv bewertetes Beispiel: Theodor Heuss, ambivalent bewertete Beispiele: Franz Josef Strauß, Helmut Kohl) beobachten konnte, entsteht Sympathie und Vertrauen in die politische Handlungsfähigkeit, weil Vertrautheit mit dieser Art zu sprechen Vertrautheit mit den regionalpolitischen Problemen und entsprechendes Enga‐ gement nahelegt. Das Wort „Honoratioren-Schwäbisch“ steht dafür und für die Teilhabe an sozialem Kapital und Bildungskapital. Seit 8. April 2025 hat die Landesregierung Land Baden-Württemberg eine „neue Dialektstrategie“ aufgelegt: „Mit unserer Dialektstrategie wollen wir die lebendige Tradition, wo es sie noch gibt, bewahren, fördern und stärken - für Menschen von heute und morgem“ (stm.baden-württemberg.de). Dass der Dialekt in regionaler Presse einen Marktwert haben kann, zeigt sich nicht nur deutlich daran, dass dieselben Redakteure, die versiertes Standard- Deutsch schreiben, zu gegebenen Anlässen Dialekt inszenieren: So wird z. B. in einem „Handbuch für Journalisten“ (2000) von der Textsorte Glosse gesagt, man erwarte 1. die spitze Zunge, 2. eine überraschende Perspektive, 3. eine Nahperspektive, 4. das Anknüpfen an ein einzelnes Ereignis, 5. den Ausweis einer spezifischen Kompetenz und 6. den verallgemeinernden Ausblick. Die Verwendung des Dialekts verstärkt alle diese Merkmale, da 1. gegenüber Dia‐ lekt-Sprechenden die generelle Vermutung oder das Narrativ oder das Stereotyp besteht, sie redeten unverblümt, 2. Dialektverwendung in den Medien etwas prinzipiell Ausgefallenes, Unerwartetes ist, 3. Dialekt nahezu ausschließlich in informellen, privaten Situationen verwendet wird und deshalb geeignet ist, Nähe zu signalisieren. 4. Mundartglossen thematisieren häufig Einzelereignisse, z.B. einen Mundartwettbewerb, 5. der Autor demonstriert dann mit der Mund‐ artverwendung seine eigene Versiertheit im Umgang mit Dialekt, identifiziert sich mit dieser Sprache und den Wettbewerbsteilnehmern und zeigt auf diese Weise, dass er weiß, wovon er redet, was er kritisiert oder lobt. 6. Gleichzeitig ist diese Dialektverwendung ein Beleg dafür, dass man mit dieser Sprache über den regionalen Rahmen hinausweisende, verallgemeinerbare Kritik formulieren kann. Wenn ein Redakteur, der sonst brillant Standard schreibt, Dialekt verwendet, passiert das, was John Gumperz „metaphorischen Codeswitch“ nennt. Aber es muss kein Switch sein, es genügt in vielen Regionen, mehr oder weniger 282 Beate Henn-Memmesheimer <?page no="283"?> Nonstandardformen zu verwenden, zu „shiften“, um zusätzliche Bedeutungen in eine Situation einzubringen. Ein breites Spektrum an Märkten im literarischen Feld sind z. B. für das Pfälzische breit dokumentiert von Rudolf Post (z. B. in „Pfälzisch. Sprachkultur in der Pfalz und der Kurpfalz“ 2023): Es gibt traditionelle standardsprachliche und mundartliche Literatur, in der Mundartsprechende idealisiert oder tölpel‐ haft stereotypisiert dargestellt werden, in der weltgeschichtliche Ereignisse aus regionaler Perspektive ironisch oder humoristisch parodierend erzählt werden (z. B. von Paul Münch). In den 70er Jahren entwickelt sich eine stark politischsozialkritische Literatur: Michael Bauer z. B. verwendet den Dialekt seit den 80er Jahren u. a. dazu, Lebenshaltungen von Mundartsprechern nachzuvollziehen, offenzulegen und zu kritisieren, zu zeigen, dass weder Anlass zu idyllischer Idealisierung noch zu Spott besteht. Inszenierte Mundart, Mundartszenen in Deutschland sind für die Bewertung von Dialekten in Zensus relevant. Sie sind unterschiedlich in den wissenschaft‐ lichen Fokus geraten. Besonders gut beschrieben war zeitweilig die Ostwestfä‐ lisch-Lippische Szene von Jan Wirrer 1983, Wickham 1982 behandelte moderne Bairische und Österreichische Dialektliteratur „as a Linguistic, Literary and social Phenomenon“. Gudrun Amm (2002) bezieht sich in ihrer Magister-Arbeit „Pfälzische Dia‐ lektmusik. Subversion oder Affirmation? “ explizit auf Bourdieus Marktmodell, kann aber zeigen, dass Mundartverwendungen in Deutschland nicht, wie Bour‐ dieu es damals für Frankreich sieht, auf den Nenner „Herablassungsstrategie“ (condescendance) zu bringen sind. Dialektverwendungen im Feld der (populären) Literatur oder Musik erklären sich daraus, dass in einer ihrer Standardsprache sicheren Gesellschaft Nonstan‐ dardverwendungen auffallend sind, markiert sind und deshalb in verschiedenen Rahmen Unterschiedliches zu verstehen geben. Pfälzisch ist in keinem der genannten Beispiele nur ein Indikator für regionale Herkunft, ein Indikator für simples Nichtbeherrschen des Standard. Pfälzisch wurde in den Beispielen facettenreich eingesetzt, die Texte bekommen ein je spezifisches Kolorit, einen je spezifischen, inszenierten Stil, den die Hörer wahrnehmen. Betrachtet man die Produzenten und Konsumenten dieser Märkte, so haben sie, makro-soziologisch definiert, dieselben Merkmale wie die Rezipienten von standardsprachlicher Literatur, wie die Straßburger Kollegin, Marthe Philipp, für das Elsass belegen kann. Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften 283 <?page no="284"?> 10 Handlungsspielräume: Indikatoren und Marker Wenn bestimmte dialektale oder regionale Nonstandardmuster - zwischen Eltern und Eltern mit ihren Kinder nicht mehr unbefangen verwendet werden - wie Arend Mihm das für das Ruhrdeutsche systematisch feststellen konnte, wie man das in informellen Gesprächen über das Pfälzische hört und in vielen explorativen Interviews für wissenschaftliche Studien, für Seminar- und Examensarbeiten in Erfahrung gebracht hat, - dann ist dies ein deutliches Zeichen dafür, dass sozial-räumliche Einbindungen von Sprache nicht mehr stabil sind. Ortsloyalität z. B., von der Mattheier spricht, kann dann durchaus noch vorhanden sein, kann gelegentlich durch die Wahl sprachlicher Varianten gezeigt werden, kann angedeutet oder ganz vermieden werden, wie Dialektzen‐ sus zeigen (z. B. der jüngste von Adler et al. 2024). Verwendung sprachlicher Formen ist dann nicht mehr unmittelbar Indikator für regionale Herkunft. Wenn sprachliche Formen z. B. erst von der Peergroup erlernt werden, sind sie für die Sprechenden markiert, d. h. sie eignen sich zur Markierung eigenen Sprechens in Abgrenzung zur Sprechweise zuhause oder zur Sprechweise in bestimmten schulischen Situationen. Sie werden zu Zeichen, mit denen man etwas zu verstehen geben kann. Mit neuen Spracherfahrungen vergrößern sich die Handlungsspielräume und die Möglichkeit, Zeichen zu setzen. Die Beurteilung, ob ein Merkmal bei einer Gewährsperson Indikator ist oder von ihr als Marker verwendet wird, setzt Beobachtungen in verschiedenen Sprechsituationen voraus. 11 Handlungswahl: Kontextualisierender und bedeutungsdifferenzierender Einsatz von Nonstandardelementen - Nonstandard als Stil Im Rahmen meines Projekts „Nonstandard als Faktor bei der Strukturierung kommunikativer Situationen“ (B6) im Heidelberg-Mannheimer SFB „Sprache in der Situation“ (SFB 245), richtete ich zusammen mit der psychologischen Projektgruppe „Partnerhypothesen und soziale Identität in Konversationen“ (B3) eine Tagung aus: „Sprachvarianz als Ergebnis von Handlungswahl“ (Ta‐ gungsband mit gleichem Titel 1998). Gottfried Kolde aus Genf erörterte Möglichkeiten, in schulischen Texten normativ diskriminierte Themeneinführung mit dies wie in: „Kennst Du diese Idee schon, die …“ nicht als Fehler, sondern als gewählte Sprechhandlung plausibel zu ratifizieren. Annelies Häcki Buhofer und Heinrich Löffler mit Lorenz Hofer, Petra Leuen‐ berger und Beatrice Bürkli, stellten das große „Projekt Stadtsprachen - Sprachen 284 Beate Henn-Memmesheimer <?page no="285"?> in der Stadt am Beispiel Basels“ vor mit Bezügen zum Bourdieusche Bild der sprachlichen Märkte (bei Verzicht auf den Aspekt der Tauschwerte) in seiner Vernetzung mit anderen Stadtspracheprojekten (vgl. Heinrich Löffler in diesem Band, Abschnitt 2). Karlheinz Bausch fokussierte Shiftings als Strategien von Klatschgesprächen in einem Jugendzentrum in Mannheim-Neckarau, eine Fortschreibung seiner Analysen im großen Stadtsprache-Projekt des Instituts für Deutsche Sprache, Mannheim, das 1995 abgeschlossen wurde. Kerstin Salewski, Mitarbeiterin von Arend Mihm, dem wir den Tagungsband gewidmet haben, zeigte, dass (intra-)situative Varianz auch im Ruhrgebiet ganz unabhängig vom Bildungsstand genutzt wird, und hält auch für diese Region den Terminus „Shifting“ und damit das Modell des sprachlichen Kontinuums für angemessen. Meine Arbeitsgruppe hat institutionelle Gespräche, genauer: vorgerichtli‐ chen Schlichtungsgespräche, die im Institut für Deutsche Sprache in Sprachauf‐ nahmen vorhanden sind, neu präzisiert transkribiert, in Gesprächssequenzen segmentiert und diese nach Häufigkeit der darin vorkommenden Nonstandard‐ formen verglichen. An den unterschiedlichen Abfolgen von Nonstandardfor‐ men in den einzelnen Segmenten lassen sich situative Varianz bzw. Situationen konstituierende Varianz bzw. Varianz zur Kennzeichnung verschiedener Ge‐ sprächssequenzen und zur Kennzeichnung der Beziehungen der Teilnehmer untereinander zeigen (weiteres s. Abschnitt 16). Rita Franceschini vergleicht Varianz innerhalb zweier Sprachsysteme, von de‐ nen eines weniger gekannt wird („Kontaktitalienisch“) als das andere (Deutsch) in einem Basler Stadtteil. Von Seiten der Sprachpsychologie thematisierten Ute Rademacher und Caja Thimm Erwartungen über Gesprächspartner als Anlass zur Wahl von Verhand‐ lungsstrategien und sprachlicher Akkommodation. Für das interpretative Paradigma in den Sozialwissenschaften und für se‐ miotische Systeme überhaupt gilt bereits auf dieser Ebene: Wählbarkeit heißt Konstitution spezifischer Signifikanzen. Wiederholungstendenzen in den Aus‐ wahlen konstituieren Stile, persönliche Stile wie Gruppenstile. 12 Das Heidelberg-Mannheimer DFG-gestützte Graduiertenkolleg und die „Mattheier-Lectures“ Vom Mannheim-Heidelberger Graduiertenkolleg „Dynamik von Substandard‐ varietäten“ hieß es in einer Pressemitteilung der Universität Heidelberg von 1997: „Das größte Projekt bei den Geisteswissenschaften stellt die Weiterför‐ Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften 285 <?page no="286"?> 2 https: / / www.uni-heidelberg.de/ uni/ presse/ RuCa1_97/ drittmi.htm; Startseite > Presse > Publikationen > Ruperto Carola > Ausgabe 1/ 1997 derung des Graduiertenkollegs „Dynamik von Substandardvarietäten - sprach‐ historisch, soziolinguistisch, kontaktlinguistisch, dialektologisch“ durch die DFG mit 1,3 Millionen Mark für 3 Jahre dar, Sprecher Prof. Dr. K. Mattheier (Germanistisches Seminar) und Prof. Dr. E. Radtke (Romanisches Seminar)“. 2 Träger des Graduierten-Kollegs waren neben den Genannten Jörn Albrecht (IÜD, Heidelberg), Nelson Cartagena (IÜD, Heidelberg), Beat Glauser (Ang‐ listisches Seminar Heidelberg), ich selbst (Seminar für Deutsche Philologie, Mannheim), Jens Lüdke (Romanisches Seminar, Heidelberg), Baldur Panzer (Slavisches Institut, Heidelberg), Hubert Petersmann (Seminar für Klassische Philologie, Heidelberg). Mattheiers bereits 1980 in „Pragmatik und Soziologie der Dialekte“ veröf‐ fentlichte Auffassungen waren grundlegend für das Graduiertenkolleg. „Seine zahlreichen Publikationen […] haben“ - in einer Formulierung von Helen Christen - „[im] Fach als bahnbrechende Impulse für eine Neuausrichtung hin zu einer soziolinguistisch fundierten‚ kommunikativen Dialektologie“ gesorgt. Von den Trägern des Graduiertenkollegs herausgegeben wurde die noch immer fortgeführte, bis heute 54 Bände umfassende Reihe V A R I O L IN G U A . N O N S TAN ‐ DA R D - S TAN DA R D - S U B S TAN DA R D . Ihr erster Band, herausgegeben von Klaus Mattheier und Edgar Radtke 1997, trägt den Titel „Standardisierung und De‐ standardisierung europäischer Nationalsprachen“ und ist Programm: Avisiert wird eine Synopse der Entwicklungen in europäischen Sprachen einschließlich des Lateinischen, wobei die „soziolinguistische Arbeitsweise im Vordergrund“ steht, wie es im Klappentext heißt. Es geht um eine Soziolinguistik, die z. B. „Destandardisierung, Umstandardisierung und Standardisierung in modernen europäischen Standardsprachen“ (Mattheier) erklären soll und darüber hinaus im Artikel von Harald Haarmann „Sprachstandardisierung [als] kulturanthro‐ pologische Konstante“ zeigt. Im Band 23 von 2005 „Varietäten - Theorie und Empirie“, herausgegeben von Alexandra Lenz (damals Marburg) und Klaus Mattheier, wird der Terminus „Va‐ rietät“ zentral gesetzt, Diskussionen um Fragen nach dem Zusammenhang von „Varietät“ und „Variante“, nach Angemessenheit linguistischer Modellierungen („Architektur einer Sprache“), nach sozialen Bedingungen und individuellen Handlungen werden detailliert geführt mit Kollegen aus Heidelberg, Marburg, Kiel, Mannheim und Brüssel. (Zur Darstellung der Begrifflichkeit im Graduier‐ tenkolleg vgl. besonders: Lenz/ Mattheier, S.-7-12, Lüdtke/ Mattheier, S.-13-38.) 286 Beate Henn-Memmesheimer <?page no="287"?> 3 Der Terminus sozialer Stil kam aus dem Projekt „Kommunikation in der Stadt“ des Instituts für Deutsche Sprache, Mannheim, das von Inken Keim, Werner Kallmeyer und Johannes Schwitalla über viele Jahre ausgebaut wurde. So formuliert Johannes Schwitalla in diesem Band: „Oft erwartete man sich in der dialektologischen und soziolinguistischen Gemeinde eine Untersuchung zu den Sprachlagen zwischen Dialekt und Standardsprache und sprach (und schrieb) von unserem Projekt als dem „Stadtspra‐ chenprojekt“. Aber Brigitte Schlieben-Lange und Norbert Dittmar […] unterstützten von Anfang an unser Vorhaben, „Kleingruppeninteraktionen im Hinblick auf die darin ablaufenden sprachlichen Aushandlungsprozesse“ zu untersuchen“ (Schwitalla, in diesem Band, Beitrag 5, Abschnitt „Mannheim“). Aus der über das Ende des Graduiertenkollegs fortgesetzten Schriftenreihe V A R I O L IN G UA sei auch den Band 37 „Variatio delectat. Empirische Evidenzen und Theoretische Passungen sprachlicher Variation. Herausgegeben […] für Klaus J. Mattheier zum 65. Geburtstag“ (2010) herausgegriffen. Peter Gilles, Joachim Scharloth und Evelyn Ziegler unterscheiden im Editorial nun verschiedene theo‐ retische Zugänge: einerseits den älteren „Varietäten-linguistischen“ Zugang: Sprechende greifen auf sozial erworbene Varietäten zurück, und andererseits ein „sozialstilistisches“ 3 , handlungsorientiertes Paradigma, wo für Sprechende angenommen wird, dass sie Wahlmöglichkeiten haben und sich mit den Wahlen sozial verorten können. Dass diese Darstellung noch recht kurz greift und die Entstehung und Entwicklung innovativer Nonstandardmuster noch gar nicht einbezieht und auch eine andere Perspektive hat als die „Sozialstilistik“ des Stadtspracheprojektes des IDS, in dem es „um sprachliche Aushandlungspro‐ zesse“ ging (Gilles/ Scharloth/ Ziegler 2010; vgl. auch Henn-M. 2010 im selben Band), sei dahingestellt. Der Stilbegriff wird, sowohl bezogen auf Standard als auch auf die (markierte) Verwendung von Nonstandard unterschiedlich gebraucht. Man vergleiche dazu die Bände „Zeichen als Stil. Der Mehrwert der Variation“ herausgegeben von Georg Albert/ Joachim Franz (Bd. 44) und „Varianz im Russischen. Von funktionalstilistischer zur soziolinguistischen Perspektive“ von Vladislava Warditz (Bd. 50). Deutlich ist, dass es hier um eine Zeit des Aufbruchs und der weiten Perspektiven geht. Relevant ist, dass im Vorwort zu „Variatio delectat“ das soziologische Modell von Pierre Bourdieu ins Spiel gebracht wurde, das sog. objektive oder Makro- Strukturen zusammennimmt mit Handlungselementen, wie sie im interpreta‐ tiven Paradigma in der Soziologie gezeigt wurden. Der Blick auf Bourdieus Methoden ist in mehrfacher Hinsicht vielversprechend, weil Bourdieu sprach‐ liche Interaktion nicht als „einfache Reproduktion von expliziten und impliziten Normen“ (vgl. Henn-M. 1990, S. 158) konzipiert, sondern Interaktion als „Aus‐ druck differenzierter, durch unterschiedliche Habitus bestimmte Resultate stra‐ Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften 287 <?page no="288"?> tegischer, auf spezifische Marktstrukturen ausgerichteter Wahlen“ (so Settekorn 1990, S.-12 im Vorwort zu „Sprachnorm und Sprachnormierung“) begreift. Zu theoretischen Diskussionen wurden u. a. John Gumperz und Gaetano Berruto eingeladen, empirische Studien über Jugendsprache ( Jannis Androut‐ sopoulos) und über Dynamiken in Sprachkontaktsituationen (Göz Kaufmann u. a.) spielten eine Rolle in paradigmatischen Auseinandersetzungen. In den beiden letzten Jahren des Graduiertenkollegs wurden in 7 mehrtägigen Klausurtagungen Forschungsvorhaben von Promovenden und Dozenten im Heidel‐ berger Seminarhaus in Oberflockenbach diskutiert. Pro Semester gab es einen Sozi‐ olinguistentag, wechselnd mit anglistischem, germanistischem oder romanistischem Profil, wo jeweils auch auswärtige Kollegen und Kolleginnen referierten. Im Internationalen Wissenschaftszentrum der Universität Heidelberg fand im Dezember 2001 eine internationale Tagung statt, im Dezember 2002 das Ab‐ schlusskolloquium „Varietätenforschung“, an dem Experten aus den auf diesem Gebiet wichtigsten deutschen Institutionen beteiligt waren. Tagungsband ist der oben besprochene Band 23 der V A R I O L IN G UA -Reihe. Gemäß der üblichen Laufzeit wurde das Kolleg Ende 2002 abgeschlossen. Darüber hinaus folgten Tagungen in lockerer Folge an der Heidelberger Akade‐ mie der Wissenschaften, organisiert von Stefaniya Ptashnyk (Heidelberger Aka‐ demie der Wissenschaften) und Evelyn Ziegler (Universität Duisburg-Essen): „Neueste Forschungsergebnisse und Perspektiven der Soziolinguistik: Synchron und diachron“, Dezember 2012, „Das Multiin der Soziolinguistik“, Dezember 2013; „Internationales Soziolinguistisches Kolloquium“, Dezember 2014; zwei folgende Internationale Soziolinguistische Kolloquia, im Dezember 2015 und 2016, organisiert von Stefaniya Ptashnyk in Kooperation mit Peter Gilles (Uni‐ versität Luxemburg) und Evelyn Ziegler (Universität Duisburg-Essen) trugen die Titel-„Mattheier Lectures“ und „Mattheier Lectures II“. Die Schriftenreihe des Graduiertenkollegs, „V A R I O L IN G UA “, wird noch immer fortgesetzt. Im März 2025 ist Band 54 erschienen: „Bilder in unterschiedlichen Rahmen: Verbales, musikalisches und gestisches Zeigen der Singstimme“ eine interdisziplinäre, multimodal und sozialdifferenziert angelegte Studie von Ste‐ fanie Lorsch (s. Abschnitt 20). 13 Ressourcen der Mathematik - Werkzeuge für quantitative sprachwissenschaftliche Analysen In der Soziolinguistik wird deskriptive Statistik verwendet. Mit dem Sliding-Window-Verfahren werden grafische Darstellungen compu‐ tergeneriert, die die Streuung von Elementen in Handlungsverläufen sequentiell 288 Beate Henn-Memmesheimer <?page no="289"?> zeigen, z. B. Streuung von Nonstandardlauten und -formen in Gesprächsverläu‐ fen. Implikationsanalysen liefern Ansätze zur Rekonstruktion von Varietäten. Trendkurven stellen diachrone Entwicklungen dar, d. h. Entwicklungen der Usualität sprachlicher Formen. Zu unterscheiden sind ephemere Phänomene, kurzzeitige Modephänomene oder sich etablierende Phänomene. Faktorenanalysen waren klärend, als deutlich wurde, dass z. B. Dialektkom‐ petenz nicht mehr unbefangen von Eltern an Kinder weitergegeben wurde, aber doch noch unter Schülern verbreitet war wie im Ruhrgebiet. Mit Clusteranalysen oder Korrespondenzanalysen werden z. B. Zusammen‐ hänge zwischen der Verwendung sprachlicher Formen, Spracheinstellungen und sozialen Merkmalen der Benutzer oder der Situationen rekonstruiert. In unseren Arbeiten wurden mit Clusteranalyse 2-dimensionale Räume erstellt (vgl. Abschnitte 16 und 17). Der von uns überwiegend benutzte, von Gerhard Schulze entwickelte Raum ist ein semantischer Raum, weil er alltagsästhetische Auswahlen, also Zeichen setzende Entscheidungen, als Merkmale einbezieht. AntConc liefert Konkordanz-, Kookkurrenz- oder Keywordanalysen, erstellt Frequenzlisten (Wortlisten sowie Cluster), grafische Darstellungen der Wort‐ verteilung, was für die Exploration des Korpus bzw. für die Mustererkennung von Relevanz ist. 14 Grafische Darstellungen der Streuung von Nonstandardlauten und -formen in Gesprächsverläufen In Süddeutschland werden Nonstandardmuster, insbesondere dialektale For‐ men, in Äußerungen unterschiedlich gestreut, um Sprechsituationen zu de‐ finieren, in anderer Formulierung je nach Paradigma: um Äußerungen zu kontextualisieren, noch einmal anders: um Äußerung zu rahmen und ein entsprechendes Verständnis nahezulegen. Ich werde „Situationsdefinition“ wei‐ ter verwenden. Die Variabilität der Häufigkeitsverteilung (Nonstandarddichte) wird also funktional eingesetzt, die Streuung der Nonstandardmuster wird bedeutungsrelevant. Wechsel können sehr dicht aufeinander folgen. Wir haben ein Verfahren entwickelt, mit dem kontinuierlich über einen gesprochenen Text hinweg die Dichte von Nonstandardmustern angegeben werden kann: eine Beschreibung mit einem Sliding-Window-Verfahren. Das gleitende Fenster erfasst eine festgelegte Menge von Lauten (im Beispiel in Abb.1 sind es 11 Laute) und wird nach und nach einen Laut weitergerückt. Jeweils in der Mitte des Fensters wird die Anzahl der Nonstandardlaute, die das Fenster erfasst, angetragen. In der entstandenen Grafik können Handlungssequenzen annotiert werden (s. Abb. 1 aus Henn-Memmesheimer/ Eggers 2000). Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften 289 <?page no="290"?> Das Verfahren, mit Python neu programmiert, hat Elisabeth Klein in „Non‐ standard im semantischen Raum“ 2019 im Abschnitt „Integrierte Methoden zur Rekonstruktion sprachlicher Strategien“ verwendet. Quantitative Beschreibungen sprachlicher Varianz im Sinne der Dialektome‐ trie (vgl. u. a. Goebl 1984, Herrgen/ Schmidt 1989, S. 307, Steiner 1994, S. 87ff, Steiner 1994, 105 ff, Salewski 1989, S. 207 u. a.) können nicht zur simultanen Darstellung sequentieller Variation genutzt werden. Zur Analyse der Schlichtertexte wurden dargestellten Lautfolgen institutio‐ nelle Handlungskonstellationen zugeordnet (Mitarbeitende bei der Segmentie‐ rung des Textes in Handlungskonstellationen und bei der Veröffentlichung „Sprachliche Varianz als Ergebnis von Handlungswahl“ waren Ute Bärnert- Fürst, Anke Denzer und Heike Gallery 1998). Abb. 1: Handlungskonstellationen in einem Schlichtungsgespräch. E: Eröffnung, F: Funktionserläuterung, SV: Schriftsatzverlesung, AKGD: Aufforderung zur Konfliktge‐ gendarstellung, SKGD: Sicherstellung der Konfliktgegendarstellung, ASVF: Aufforde‐ rung zur Stellungnahme zur Vorgeschichte / Folgegeschichte, SVF: Sicherstellung der Darstellung der Vorgeschichte / Folgegeschichte, AKD: Aufforderung zur Konfliktdar‐ stellung, SKD: Sicherstellung der Konfliktdarstellung, OI: Organisierende Intervention, ABG: Aufzeigen bisheriger Gemeinsamkeiten. Mit dem explizierten Verfahren können beliebige sprachliche Ereignisse fokus‐ siert werden, ohne dass auf strukturalistisch präfigurierte und in ihrem Anwen‐ dungsbereich definierte Varietätensysteme zurückgegriffen werden muss. 290 Beate Henn-Memmesheimer <?page no="291"?> 15 Die medialen Nischen Chat und Forum: Innovative Muster der Selbstdarstellung und der sozialen Gruppenbildung und ihre zeitliche Begrenztheit Chaträume waren ein überraschend neues, sehr offenes Kommunikationsfeld. Ohne Zensur von außen, mit hoher Aufmerksamkeit innerhalb der Gruppen. Für den sprachwissenschaftlichen Beobachter finden sich innovative Redeweisen, neue Funktionen von Schriftlichkeit, neue soziale Verbreitung und letztlich überraschend kurze Dauer des Gebrauchs. Syntaktische Minimalformen z. B. wie *seufz* - *schulterzuck* - *ganz un‐ gläubig schau*, deren Funktion im Chat die Situierung oder Kontextualisierung der nur digital schriftlich vorhandenen Rede war, passten schon formal sehr gut in die Textsorte Chat: Sie haben den Witz von Comic-Formulierungen, folgen syntaktisch Grammatikalisierungspfaden, die sich auch sonst im Deutschen finden, aber in der Chatkommunikation insofern naheliegend sind, als es sich dabei um graphische Reduktionen und Koaleszenzen bis zur Lexikalisierung handelt und Kürze eine technische Anforderung an diese Textsorte ist, die zum stilistischen Kennzeichen für die Gruppe geworden ist, die mit diesem Medium kompetent umgeht. „Das kommt dem an Mündlichkeit orientierten, unpedantischen, vieles offen lassenden [im Chat angestrebten] Stil entgegen.“ So Henn-Memmesheimer 2004, in einem Sektionsband der ersten IGGD-Tagung von Patocka und Wiesinger. Das Korpus stammt aus den regionalen Chaträu‐ men der Online-Community der Firma SPIN-AG in den Chat-Räumen Berlin- Brandenburg, Hessennetz, Pälzer unner sich und Bayern. Die Formulierungs‐ freiheiten im Chat bieten interessante Möglichkeiten der Selbststilisierung und der Darstellung der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen. Dass man dies „im Chat mit der dort entwickelten Sprache machen kann, interessiert offenbar viele Leute […] mehr als das, was man mit herkömmlich für schriftliche Äußerungen vorgesehenen Formen machen kann.“ (So in einem Artikel von Henn-M. in in Der Deutschunterricht 2004.) Wie lange ein solches Interesse vorhält, kann man mit einem hinreichend großen Korpus feststellen. Das Korpus für die Netzveröffentlichung „Inszenie‐ rung, Etablierung und Auflösung: Karriere einer grammatischen Konstruktion im Chat zwischen 2000 und 2010“ enthält Mitteilungen (aus den genannten regionalen und anderen Chat-Räumen) von insgesamt ca. 103.600 Zeilen Länge, die zwischen 2000 und 2009 verfasst wurden. Wie das Korpus aufbereitet werden muss, welche Art von Statistik man dafür braucht, wird in der genannten Veröffentlichung und im Artikel „Ephemera and tradition-founding grammatical constructions: Staging and acceptance“ (mit Ernst Eggers 2010) gezeigt. Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften 291 <?page no="292"?> Die Statistik (Gradientenanalyse/ Wachstumskurven) und das Design der Suchstrings ist meinem Klassenkameraden, Ernst Eggers (Fachleiter für Mathe‐ matik und Physik am Studienseminar Mainz), und gelegentlicher Unterstützung von Tilmann Deutler (Universität Mannheim) zu verdanken. Abb. 2: Prozentualer Rückgang der Anzahl der Mitteilungen mit Asterisken. Eingetragen sind die Konfidenzintervalle (±0,45% für 2002; ±0,4% für 2004; ±0,4% für 2007; ±5% für 2009) zur statistischen Sicherheit 1-α=95,5%. Zur Veränderungsrate ↓(-15,8%). Das abnehmende Interesse an den Sternen, die zu Anfang im Gegensatz zu anderen Zeichen erstaunlich konsequent angewandt wurden, lässt sich wohl sozialpsychologisch so erklären: In den Chats wurde das gesternte Syntagma mit endungslosem Verb syntaktisch ausbaufähig und wegen seiner Häufigkeit mit den Eigenschaften von Chattexten assoziiert, die diese von den schulisch geforderten Normen der Standardsprache unterscheiden. Zeichen, die in einer solchen Weise spezifisch und iteriert sind, werden in statu nascendi (Manfred Frank) zu Stilmerkmalen. Chat galt 2002 als ein Medium der Jugendkultur, die dort verwendeten Formulierungen als Zeichen für schnelles, unkonventionelles, spontanes Schreiben. Die gesternten Syntagmen mit ihrer besonderen Syntax waren ein besonders salientes Stilmerkmal geworden, das - in gruppendistin‐ guierender Funktion - die Benutzer als kompetente Chatter auswies. Wenn nun aber Zeichen sehr oft und in allen Altersgruppen verwendet werden, verlieren sie ihre distinktive Funktion und werden fallen gelassen. 292 Beate Henn-Memmesheimer <?page no="293"?> 4 Vgl. Schulze 1997: Kapitel 3 zum Begriff der alltagsästhetischen Schemata, Kap. 5.7 zu wissenssoziologischen Interpretationen, vgl. auch Otte 2004, Abschnitt 4.5, wobei nur Schulze sprachliche Kategorien wie „vorwiegend Hochsprache“ (S: 291) oder „dialektgefärbte Sprache“ (S.-300) verwendet. Dass auch das Einhalten von standardsprachlichen Normen ein Ausweis von Gruppenzugehörigkeit sein kann, zeigt sich in einer anderen Nische: Georg Al‐ bert stellt in seiner Dissertation „Innovative Schriftlichkeit in digitalen Texten. Syntaktische Variation und stilistische Differenzierung in Chat und Forum“ von 2013 u. a. das Forum mit dem bezeichnenden Namen „ElitePartner“ vor und zi‐ tiert Auseinandersetzungen über Sprachrichtigkeit im Sinne der Standardnorm. Eine teilnehmende Person schreibt: „EP ist ja für Akademiker und Singles mit Niveau, so wie es immer heißt, und da kannst Du davon ausgehen, dass man auch auf Ausdrucksweise und Grammatik achtet. Man rauft sich die Haare bei der fehlerhaften Satzstellung, Schreibweise und fehlerhaften Kommata! Da muss man ja 3x lesen, bevor man einen Satz versteht.“ Zu Recht wird auf die Praktikabilität, die leichtere Lesbarkeit, abgehoben, aber mit dem Satz davor ist klar, dass nicht nur darauf, sondern auf die ganze Person gezielt wird. Etwas, was Bourdieu in „Homo Academicus“ (1988) darlegt: Die vermeintliche Kritik an Texten und Schreibweisen ist eine implizite Statuszuweisung. In der Konsequenz ist dies ein Argument für Bourdieus Sicht, dass es immer um einen „ökonomischen Kalkül“ (seine Hervorhebung in „Entwurf einer Theo‐ rie der Praxis“ auf S. 345) gehe, an dem sich die praktischen Handlungen - selbst in der „‚kulturellen‘ Sphäre in kapitalistischen Gesellschaften“ (ebenda) - ori‐ entieren. Ihm unterliege auch der Umgang mit den immateriellen „symbolischen Gütern“, die „rar scheinen“. In unseren Studien zur Verortung von sprachlichen Äußerungen in (lebens-)stilistischen Räumen werden die Merkmale Ökonomie und Kompetitivität weitgehend vernachlässigt. 16 Ein semantischer Raum - aus der Soziologie übernommen und modifiziert - und ein weiterer soziolinguistisch entwickelter Raum Ich verwende die Dimensionen des semantischen Raumes, den Gerhard Schulze korrepondenzanalytisch für von ihm fokussierte alltägliche Handlungen (wie ins Kino, auf die Kirmes, in Museen, zum klassischen Konzert, zum Popkonzert … gehen) ermittelt hat. 4 Eine weitere an Schulze anknüpfende Verwendung dieses Raumes findet sich bei Georg Albert: „Innovative Schriftlichkeit in digitalen Texten“. Während es Schulze um Milieudifferenzierung geht, geht es in den soziolinguistischen Studien um Verortung von (Sprech-)Handlungen. Wir Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften 293 <?page no="294"?> 5 Erstellung der Grafiken 3, 4 und 5: Claudia Lüllau im Rahmen von Werkverträgen an der Universität Mannheim. haben den von Schulze beschriebenen Raum für eine tendenzielle Verortung, de facto zur Illustration qualitativer Differenzen in qualitativen Analysen genutzt - wie dies auch in der Konzeptionierung von Werbekommunikaten geschieht. Das für uns praktikable horizontale Modell zur Verortung sprachlicher Äußerungen im Raum der Stile hat 2 Dimensionen: Abb. 3: Verortung von Sprechweisen/ -handlungen im semantischen Raum, 1. Dimension: Ordnung-Spontaneität Abb. 4: Verortung von Sprechweisen/ -handlungen im semantischen Raum, 2. Dimension: Einfachheit - Komplexität 5 294 Beate Henn-Memmesheimer <?page no="295"?> Eine qualitative Analyse von Sprechhandlungen geht davon aus, dass Gruppen von Sprechenden und Rezipierenden gemeinsames Wissen über das Feld ihrer Ausdrucksmöglichkeiten haben, und dass die Auswahlen dadurch signifikant werden. Das von Gerhard Schulze für die Darstellung der „Erlebnisgesellschaft“ entwickelte Modell, das alltagsästhetische Signifikanzen schematisch charakte‐ risiert, eignet sich nicht nur zum Klassifizieren von Alltagserlebnissen, sondern auch zum Klassifizieren von Spracherlebnissen. In einem Deutschunterricht, der Reflexion auf Sprache und wissenschaftliche Propädeutik leistet, sollten Variantenwahl und Stil nicht nur normativ oder literaturbezogen thematisiert werden. Der hier von mir verwendete Stil-Begriff von Gerhard Schulze ist leicht operationalisierbar: Stil zeigt sich in den Wieder‐ holungstendenzen, den Präferenzen in den alltäglichen Variantenwahlen einer Person, einer Gruppe. Sprachwahl als Zeichen für Präferenzen, für Lebensstile explizit zu machen, sollte Aufgabe des Deutschunterrichts sein. Elisabeth Klein hat in ihrer Studie über den Sprachgebrauch Trierer Ju‐ gendlicher: „Nonstandard im semantischen Raum“ (2019, V A R I O L IN G UA Band 51), „Variationsverhalten“ (S. 199) und dessen Funktionen rekonstruiert. Sie entwickelt mit Korrespondenzanalyse anhand einer Vielzahl von Variablen für Wertorientierungen, Alltagsorientierungen, Freizeitbeschäftigungen und Spracheinstellungen einen Raum mit 2 für die Sprachwahl relevanten Dimensio‐ nen, die sie griffig „Konventionsorientierung“ und „Bildungsorientientierung“ benannt hat. 17 Innovationen und Entwicklungen: Wortgeschichten und Bedeutungsdifferenzierungen, ephemer und Traditionen bildend Eine soziolinguistische Theorie sprachlicher Varianz müsse sprachliche Inno‐ vationen erklären können, weil Innovation das kulturell Selbstverständliche sei, habe ich 2010 behauptet und zur Unterfütterung eine Begrifflichkeit von Marcel Duchamp herangezogen und meinen Artikel in der Festschrift für Klaus Mattheier mit „Sprachliche Innovationen als Ready-Made: Zur Soziologie und Semantik sprachlicher Varianten“ überschrieben. Es geht um das sprachlich „schon Vorhandene“, das aufgegriffen und im Gebrauch variiert, verändert, in neue Kontexte gestellt wird. Für das Feld der Kunst ist dieser Vorgang sehr gut beschrieben. Sprachlich geht es mir z. B. um ein Wort wie dissen, das aus der bewusst antikonventionellen, einfach gehaltenen, exzentrischen Sprache der Rapper in den Kontext der komplex ordnungsbezogenen Schulpädagogik gestellt wird, zeitweilig mit dem Wort mobben u. a. konkurriert. Wenn man Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften 295 <?page no="296"?> diese Bewegung im oben definierten semantischen Raum beschreiben will, wäre es eine Bewegung ungefähr von rechts unten nach links Mitte und vielleicht oben (s. Abbildungen 3 und 4). Um das zu entscheiden, muss man sich in Korpora die jeweils neuen Kontexte ansehen. Ein weiteres Beispiel aus Janet Spreckels „Asozial im Wörterbuch und im Alltagsgespräch Jugendlicher“ (2009): Das Wort asozial, ursprünglich ein psychologischer Terminus, wird abgekürzt und als ausgrenzendes Schimpfwort verwendet. Spreckels dokumentiert die Verwendung auch in positiver Differenzmarkierung: etwas schmeckt assi gut. Ob solche Ausdrucksweisen aufgenommen werden, sich etablieren oder als Moden wieder verschwinden, ist für die Initiatoren kontingent. Eine erwünschte, aber in ihrem Ausmaß überraschende Karriere hat das Wort Nachhalt gemacht. Vor Jahren im Grimmschen Wörterbuch mit einem Beleg von Jeremias Gotthilf zu finden, sonst als forstwirtschaftlicher Fachausdruck eher unbekannt, traf es bei Umfragen auf Unverständnis. Sustainable wurde im politischen Diskurs kurzzeitig vorgezogen. Dieses Wort wurde, auch als Wortbildungsmorphem oder Teil von Komposita nach und nach in vielen sozialen Feldern handlungsleitend aufgenommen, wie ich das mit anderen 2020 im Artikel „Nachhaltigkeit - Modell einer Etablierung quantitativ und semantisch“ beschrieben habe. Weitläufigere Wortgeschichten lassen sich inzwischen ebenfalls recherchie‐ ren, man kann „Geschichte als Wortgeschichte denken“, z. B. das Wort Kult unter einer linguistischen und historischen Perspektive betrachten, wie ich das 2015 versucht habe im Sammelband „Geschichte intellektuell“, den Friedrich Wilhelm Graf einleitet mit: „Problemgeschichte(n) denken. Zu Gangolf Hübingers impli‐ ziter Historik“. All solche Studien setzen eine pragmatische Bedeutungstheorie Wittgensteinscher Provenienz voraus, die offen ist für lebensstilistische und mediale Differenzierungen. Zentral in diesem Artikel sind die Neukontextuali‐ sierungen des Wortes Kult, der Übergang von sakralen in säkulare Kontexte, von Kultus und Kult zu kultig, bei der die junge Soziologie Anfang des 20. Jahrhunderts eine gewichtige Rolle spielte. Mit quantitativen Analysen lassen sich Spuren von Diskursen ausmachen, anhand derer man saliente Texte finden kann, bei denen dichte semantische Beschreibungen ansetzen können. Im Gegensatz zu den an kanonischen, in‐ stitutionell legitimierten und kontrollierten Texten orientierten Bedeutungsbe‐ schreibungen, z. B. in wissenschaftsinternen Diskussionen, in etymologischen und begriffsgeschichtlichen Wörterbüchern, können hier unterschiedliche Text‐ sorten aus unterschiedlichen Handlungszusammenhängen relevant gesetzt werden. In der Entwicklung der Semantik von Kult haben wir es, solange Kult ein wissenschaftlicher Terminus ist, mit einer buchwissenschaftlich kon‐ 296 Beate Henn-Memmesheimer <?page no="297"?> trollierten Kategorie zu tun. In der jüngeren alltagssprachlichen Entwicklung sehen wir die Dynamik einer modisch multimedial fluktuierenden Benennung. 18 Diskursive Bedeutungskonstitutionen von sozialer Relevanz im internationalen Vergleich Mit ihrer Dissertation „Diskursive Konstruktion von Terrorismus in deutschen und chinesischen Medien. Eine korpuslinguistische Analyse“ (2020) und mit mehreren kulturvergleichenden Studien, darunter die „Korpuslinguistische Analyse zum Diskursobjekt Flüchtlingskrise in Deutschland und in China“ (2018), hat Kuanyong Qiu beachtenswerte sprachwissenschaftliche Arbeiten vorgelegt, die mit sprachanalytischen Methoden die unterschiedlichen philoso‐ phischen Rahmenbedingungen für unterschiedliches gesellschaftliches, politi‐ sches und wirtschaftspolitisches Handeln sichtbar machen. Die Vergleiche basieren auf journalistischer Berichterstattung über weltweit verhandelte Ereignisse, die in Deutschland als Terror bzw. Flüchtlingskrise kategorisiert werden, mit der chinesischen Berichterstattung über dieselben Ereignisse. Es geht um die unterschiedlichen Verwendungen des Begriffs „Terro‐ rismus“ in Europa und des Begriffs „ 恐怖主义 “ in China, der üblicherweise mit „Terrorismus“ übersetzt wird. Sichtbar werden dabei prinzipielle Unterschiede in der ethischen und philosophischen Bewertung und Gewichtung dieser Ereignisse und in deren historischen Erklärungen. Diese Unterschiede haben soziale, außen- und innenpolitische Handlungsrelevanz. Kuanyong Qiu arbeitet mit AntConc. 19 Soziale Medien: Kreuzung von Diskursen unterschiedlicher sozialer Provenienz: Das Beispiel Invektive Invektiven, die vom 10. bis 15. Mai 2020 auf Facebook und im Internet in Italien gegen eine junge italienische Frau gerichtet waren, die in Afrika in einem Waisenhaus ein soziales Jahr verbringen wollte und da entführt worden war, haben Pierluigi Parisi und ich 2024 thematisch analysiert unter dem Titel: „Ver‐ netzung der Diskurse in der Invektive“ (in einem von Simon Meyer-Vieracker u. a. herausgegebenen Tagungsband). Die Invektiven greifen relevante Themen aus den Bereichen Recht, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf, formulieren sie nachdrücklich ironisch, skeptisch, wütend, schamlos, ausgrenzend bis zur Illustration der physischen Vernichtung. Sie verzichten auf alles, was man über kultiviertes Schreiben weiß, und bieten in dieser Form Ansätze für qualitative linguistische und soziologische Analysen, bieten Einblicke in Spektren sozialer Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften 297 <?page no="298"?> Befindlichkeiten zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort (in diesem Fall zur Zeit der Corona-Pandemie in Italien). Es sind Befindlichkeiten, die real vorhanden sind, insofern sie konkret zu lesen sind. Eine junge soziolinguistische Thematik. 20 Die Soziolinguistik, die Interdisziplinarität, das Wissen Wissen über Sprache, bereits 1996 im 2. Band der Reihe V A R I O L IN G U A von Evelyn Ziegler thematisiert, ist diffus. So stellt Stefanie Lorsch aktuell fest, dass selbst Experten und Expertinnen dem Topos anhingen: „Über die Singstimme kann man nicht sprechen“, es gibt kein Vokabular. Journalisten und Journalistinnen bedienen sich - zu Recht - schöner und schrecklicher Metaphern, Gesangs‐ pädagogen verwenden das unmittelbare „Vormachen“ neben fantasievollen Beschreibungen und fachsprachlichen Wörtern, Schüler begnügen sich mit Alltagssprache, Logopäden und Mediziner verwenden Fachsprachen neben Alltagssprache etc. In Kooperation mit dem Gesangspädagogen Peter Anton Ling (Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover) entstand eine linguistische Dissertation: „Bilder in unterschiedlichen Rahmen: Verbales, mu‐ sikalisches und gestisches Zeigen der Singstimme“ (2025, Band 54 der Reihe V A R I O L IN G U A ), interdisziplinär, multimodal und sozialdifferenziert angelegt, gleichzeitig ein Nachschlagewerk für fast 400 fachspezifische Wörter, die standardisiert und kodifiziert sind. Das Programm für die clusteranalytische Bestätigung der Ordnung der Termini nach Verwendungsmerkmalen verdanken wir einer Kooperation mit Raoul-Martin Memmesheimer (Universität Bonn). Zu gesangspädagogischen Tagungen wurde die Autorin schon während der Entstehung der Arbeit mehrfach eingeladen, bekam den Förderpreis der Stiftung Kommunikations- und Medienwissenschaften der Universität Mannheim. Au‐ ßerhalb des universitären Rahmens erschienen Berichte in Zeitungen, gefolgt von Einladungen zu Gesprächen in Theatern und anderen kulturellen Einrich‐ tungen. So konnte die Autorin die Rezipienten zu einem Wissen führen, wie viel Terminologie und Redeweisen es gibt und aus welchen Quellen sie stammen. Ein Beispiel für öffentliches Interesse an Sprachsoziologie. 21 Ausblick: Sprachverhalten, Werte in semantischen Räumen, Spracherhalt und Kontingenz Richard Rorty konstatiert in „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ 2018 einen „Prozess der wachsenden Geschwindigkeit von Veränderungen des europäi‐ schen Sprachverhaltens“ und damit einhergehend „kulturellen Wandel“ (S. 28). 298 Beate Henn-Memmesheimer <?page no="299"?> 6 Grafik: Hans Günter Memmesheimer. Die Entwicklung ist kontingent, denn „das neue Vokabular ist Werkzeug für eine Arbeit, die man sich vor der Entwicklung eines besonderen Sortiments von Beschreibungen nicht hätte vorstellen können“ (Rorty 2018, S. 36). Man denke an Schimpfwörter oder Wörter wie nachhaltig, das vor Jahren so ungewöhnlich war, dass es selbst in deutschsprachigen Texten mit sustainable konkurrierte, dann aber nach und nach in vielen sozialen Feldern handlungsleitend aufge‐ nommen wurde. Was wir tun können, ist, Wörter aus unseren Ressourcen, aus unserem sozial geteilten Wissen über ihre Werte im jeweiligen semantischen Raum auszuwählen. Wie sie aufgenommen, im semantischen Raum weiterge‐ geben werden, welche Dynamik damit entfaltet wird, ob sie erhalten bleiben, ist unverfügbar. Abb. 4: Fluktuationen im semantischen Raum. 6 22 Quellenverzeichnis Das alphabetische Quellenverzeichnis findet sich auf der Homepage der Autorin https: / / www.phil.uni-mannheim.de/ germanistische-linguistik/ team/ ehemalige -lehrstuhlinhaberinnen/ prof-em-dr-beate-henn-memmesheimer/ unter: „Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften. 2025. Der Mehrwert von Nonstandard und die Ressourcen verschiedener Wissenschaften 299 <?page no="301"?> 1 Meiner wissenschaftlichen Assistentin, Lisa Recktenwald, M.A., sei für ihre breite Unterstützung gedankt. Extraterritoriale Varietäten des Deutschen in der bunten Gemengelage linguistischer Subdisziplinen Einblicke in die Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik Csaba Földes 1 Einrahmung der Fragestellung Die Erforschung der deutschen Sprache als extraterritoriale Varietät konzen‐ triert sich auf Formen und Funktionen des Deutschen, die außerhalb des tra‐ ditionellen deutschen Sprachraums gesprochen werden, z. B. Russlanddeutsch oder Namdeutsch (in Namibia). Diese Varietäten entstehen und entwickeln sich in unterschiedlichen Ländern und Regionen weltweit, oft aufgrund historischpolitischer Migrationsbewegungen, kolonialer Vergangenheit oder wirtschaft‐ licher Auswanderung. Den extraterritorialen Varietäten des Deutschen bzw., mit anderem Terminus, den auslandsdeutschen Sprachvarietäten fiel in den letzten hundert Jahren - wohl nicht zuletzt im Zuge der Erstarkung variationslinguistischer Ansätze - von verschiedenen Seiten wissenschaftliche Aufmerksamkeit zu. Vor diesem Hintergrund verfolgt der vorliegende Beitrag das Ziel, die analytische Behand‐ lung des Wirklichkeitsbereichs ‚extraterritoriale Varietäten des Deutschen‘ seitens verschiedener sprachwissenschaftlicher Betrachtungsperspektiven und Zugangsweisen in einer zusammenfassenden Darstellung zu erfassen, wobei die Rolle und die Wirkungsgeschichte soziolinguistischer Erkenntnismomente besonders ins Blickfeld gerückt werden. 1 Für die Beschreibung des oft sprachdynamischen Charakters dieser Varie‐ täten - heute meist in Mehrsprachigkeitssettings - stellte die Forschung im Verlauf der Zeit mehrere Theorieangebote und Zugriffsmöglichkeiten bereit. Zu diesen gehören u. a. (1) die klassische Dialektologie/ Dialektgeographie (z. B. <?page no="302"?> 2 Walter Kuhn (1934: 76) etwa sieht Aeneas Silvius Piccolomini (Kuhns Schreibweise: Äneas Sylvius Piccolomini), den späteren Papst Pius II. (1405-1464), mit seinem erstmals 1491 erschienenen Werk „de statu Europae sub Friderico tertio“, in dem er auch auf die Siebenbürger Sachsen und Zipser zu sprechen kommt, als den „Ahnherrn“ der Sprachinselforschung an. die Arbeit von Márkus 2014); (2) die herkömmliche und die soziolinguistisch sensitive Sprachinselforschung (z. B. Wiesinger 1980 bzw. Mattheier 1996); (3) das Konzept der Herkunftssprache (engl. heritage language, vgl. hierzu zusammenfassend Montrul 2016); (4) die Ansätze bzw. Begriffe „Sprache(n) im Exil“ und „Diasporavarietäten“ (z. B. Bischoff/ Gabriel/ Kilchmann 2014); (5) die Migrationslinguistik (z. B. Peterson 2015); (6) die Interface-Hypothese (z. B. Sorace 2011) und (7) die - teilweise auch durch die Sprachdynamikforschung inspirierte - Sozio- und Kontaktlinguistik auch im Rahmen einer Interkulturel‐ len Linguistik (z. B. Földes 2005 und 2021). 2 Etappen der Forschungsgeschichte Die Auseinandersetzung mit auslandsdeutschen Sprachvarietäten hat eine län‐ gere und mitunter faszinierende Historie, die eng mit der Entwicklung der Linguistik und dabei zunächst der deutschen Dialektologie, dann später vor allem der Soziolinguistik verbunden ist. Die Forschungsgeschichte kann in groben Zügen in fünf Etappen zusammengefasst werden: 1. Frühe Entdeckung und Beschreibung: Die Erkennung und erste Explora‐ tion von deutschen „Sprachinseln“ reichen weit zurück. Bereits im Mittel‐ alter und in der Frühen Neuzeit begannen Wissenschaftler, die Existenz deutscher Dialekte außerhalb des deutschen Kerngebiets zu dokumentie‐ ren. 2 Eine der bekanntesten frühen Sprachinseln ist beispielsweise die Gottscheer Sprachinsel im heutigen Slowenien. Man kann dabei an Johann Scheuchzer (1672-1733), den Schweizer Naturforscher, denken, der bereits im 18. Jahrhundert diese Sprachinsel betrachtete, oder an Johann Georg von Hahn (1811-1869), den österreichischen Albanologen, Ethnologen und Übersetzer, der im 19. Jahrhundert die deutschen Sprachinseln auf dem Balkan untersuchte. 2. Aufklärung und Nationalismus: Während der Aufklärung und des aufkom‐ menden Nationalismus im 18. und 19. Jahrhundert wuchs das Interesse an der Erforschung der deutschen Sprache und Identität, was u. a. zu einer verstärkten Untersuchung der regionalen Varietäten des Deutschen, einschließlich der Sprachinseln, führte. Zu nennen sind vor allem der 302 Csaba Földes <?page no="303"?> 3 Für einen kurzen Überblick über die Leipziger Dialektologie im 20. Jahrhundert siehe Fix (in diesem Band). Philosoph und Theologe Johann Gottfried Herder (1744-1803), der im 18. Jahrhundert die Bedeutung regionaler Dialekte für die nationale Identität betonte und damit auch das Interesse an der Erforschung von Sprachinseln förderte, und Jacob Grimm (1785-1863), der - zusammen mit seinem Bruder Wilhelm - einer der bedeutendsten Sprachwissenschaftler des 19. Jahrhunderts war und sich intensiv mit der Dialektologie und der Erforschung diatopischer Varietäten des Deutschen befasste. 3. Zeitalter der Romantik und Konstituierung der Volkskunde: In der Roman‐ tik und der darauffolgenden Phase der Volkskunde im 19. Jahrhundert wurden deutsche Sprachinseln als Quellen für die Authentizität und „Reinheit“ der deutschen Sprache angesehen. Forscher begannen, syste‐ matisch die Dialekte und Traditionen in diesen in der Regel isolierten Gemeinschaften zu studieren. Wichtige Persönlichkeiten waren z. B. der Volkskundler und Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl (1823-1897), der im 19. Jahrhundert die Volkskunde als eigenständige wissenschaftliche Disziplin etablierte und sich intensiv mit regionalen Sprachformen und Bräuchen beschäftigte, sowie der Germanist und Mediävist Karl Weinhold (1823-1901), der im 19. Jahrhundert wichtige Beiträge zur Erforschung von Dialekten und Sprachinseln leistete. 4. Wissenschaftliche Dialektologie: Im 20. Jahrhundert etablierte sich die wissenschaftliche Dialektologie als eigenständige Disziplin innerhalb der Linguistik. 3 Deutsche Sprachinseln wurden zu einem wichtigen Untersu‐ chungsgegenstand, um die Entwicklung und Variation der deutschen Sprache zu verstehen. Linguisten begannen, umfassende Feldforschun‐ gen durchzuführen und Daten über die Sprache, Kultur und Geschichte dieser Gemeinschaften zu sammeln. Herausragende Persönlichkeiten wa‐ ren dabei u. a. der deutsch-österreichische Sprachwissenschaftler Hugo Schuchardt (1842-1927), der im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wegweisende Arbeiten zur Dialektologie verfasste und auch die deutschen Sprachinseln tiefgreifend untersuchte, sowie der Dialektologe und Germa‐ nist Ludwig Erich Schmitt (1908-1994), der im 20. Jahrhundert substanziell zur Erforschung von deutschen Sprachinseln, insbesondere im östlichen Europa, beitrug. 5. Moderne Forschung und Technologie: Mit Fortschritten in Technologie und Kommunikation wurde die Forschung über deutsche Sprachinseln immer zugänglicher. Linguisten nutzen moderne Methoden wie Tonaufnahmen, Extraterritoriale Varietäten des Deutschen 303 <?page no="304"?> 4 Für einen teilweise abweichenden zeitlichen Einteilungsvorschlag der Forschungsge‐ schichte, vgl. Kuhn (1934: 76-147). 5 Ähnliches findet sich bei Mattheier (1996: 812): Er nennt als Datum für das erste Aufkommen der Bezeichnung „Sprachinsel“ im Zusammenhang mit einer slavischen Sprachinsel um Königsberg das Jahr 1847. Davor sei der Terminus „Sprachkolonie“ bis ca. 1900 verbreiteter gewesen. Analog verortet er den Beginn der Sprachinselforschung in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als erstmals Fragen über die Herkunft der „deutsch‐ stämmigen“ Dialekte in Siebenbürgen aufkamen (Mattheier 2003a: 14). Interviews, digitale Kartierung und statistische Analyse, um ein detaillier‐ tes Bild von diesen Sprachinseln zu zeichnen. Die Forschung konzentriert sich nicht nur auf linguistische Aspekte im engeren Sinne, sondern auch auf soziolinguistische, kulturelle und historische Dimensionen. 4 Im Weiteren soll das Augenmerk weitgehend Facetten dieser fünften Periode gelten. 3 Ein Blick zurück auf die Anfänge Als ursprüngliche und weithin bestimmende Bezugsdisziplin galt und gilt teilweise immer noch die Sprachinselforschung. In diesem Feld zählt Walter Kuhn (1903-1983), Ingenieur und Volkskundler, zu den frühesten und bedeu‐ tendsten Größen; Kalinke (2015) sieht ihn als Begründer der theoretischen und angewandten Sprachinselforschung schlechthin. Der Terminus „Sprachinsel“ stammt allerdings nicht aus seiner Feder, sondern fand bereits Mitte des 19. Jahrhunderts Eingang in das einschlägige Schrifttum - im „‚germanistischen Abschnitt‘ der Sprachinselforschung“, wie Kuhn (1934: 14) ihn nennt. 5 Aller‐ dings habe sich der Sprachinsel-Begriff zur Zeit seiner Publikation noch nicht ganz durchgesetzt und konkurrierte mit neueren Termini wie „Grenz- und Auslanddeutschtum“, „Minderheit“ und „Nationalität“ (S. 14). Die Zeit bis 1830 bezeichnet Kuhn als „vorwissenschaftliche[n] Abschnitt der Sprachinselkunde“ (S. 76), während der sich noch die Bezeichnungen „Kolonie“, „Spracheilande“, „Sporaden“ und „Enklaven“ hielten (S.-14). Kuhn (1934: 14) betont hierbei auch ausdrücklich die politische Wertungsfreiheit des Sprachinsel-Begriffs, obgleich sein eigener Ansatz in der Nachwelt teilweise durchaus als ideologisch gefärbt angesehen wird. Kuhn (1934: 13) definiert „echte“ Sprachinseln als „Siedlungen, die durch geschlossene Kolonisation eines Volkes auf Neuland inmitten fremden Volksge‐ bietes entstanden sind“, wobei sich diese für ihre korrekte Erfassung durch ein eindeutiges und allgemein gültiges Merkmal unterscheiden müssen, nämlich „[…] daß die Sprachinseln ein Stück Volksboden darstellen, das vom geschlosse‐ 304 Csaba Földes <?page no="305"?> 6 Obwohl Kuhns Publikation von 1934 ungleich mehr Aufmerksamkeit zukam (und sich hier auch eine explizite Definition seines Sprachinsel-Begriffs findet), beschäftigte er sich bereits in seiner 1930 erschienenen Dissertation mit der Thematik. nen Gebiete seines eigenen Volkes räumlich getrennt und allseitig von fremdem Volkstum umgeben ist“ (Kuhn 1934: 16). Den Beginn der Sprachinselforschung oder auch „Sprachinselkunde“ - Kuhn verwendet beide Termini synonym - verortet er erst zu Ende des Ersten Weltkriegs. Er plädiert, dass man die Sprach‐ inselforschung generell nicht als eigenständige Wissenschaft auffassen könne, da sie sich vielmehr aus einer Vielzahl von Teilwissenschaften wie Geogra‐ phie und „Rassenkunde“, Volkskunde, Sprachwissenschaft, Siedlungsforschung, Statistik und Bevölkerungswissenschaft, Soziologie, Geschichte, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, Religionswissenschaften, Schulgeschichte und Päd‐ agogik, Kunst und wissenschaftsgeschichtliche Fächer zusammensetze (S. 49- 70). Die Geburtsstätte der Sprachinselforschung sei aber klar die Germanistik (S. 14) und die Sprachwissenschaft habe für die Sprachinselkunde speziell in Form von Mundarten- und Namenforschung Bedeutung (S. 53). Des Weiteren konstatiert er, dass speziell die deutsche Sprachinselkunde als Basis für die allgemeine Sprachinselforschung gelten könnte, da „das deutsche Volk […] die stärksten Verschiedenheiten“ und „die Welt seiner Sprachinseln, verglichen mit der irgend eines anderen Volkes, die größte Mannigfaltigkeit der Formen und Typen“ aufweise (Kuhn 1934: 387) - ein Gedanke, der gewiss nicht ganz frei von ideologischer Couleur ist. Mit besonderem Blick auf das Vorwort von Kuhn (1930) 6 bezeichnet der Historiker Eduard Winter zunächst Raimund Friedrich Kaindl und Wilhelm Heinrich Riehl als die „Bahnbrecher der Sprachinselforschung“, ehe er auf die Verdienste Kuhns eingeht, der mit seiner Publikation eindrucksvoll den schweren Stand des Sprachinseldeutschen, nämlich seine „gesetzmäßige Tra‐ gik“ im Ankämpfen gegen den eigenen Identitätsverlust unter Druck von außen dargestellt habe (Kuhn 1930: vi). Der Aspekt der Sprache kommt in der Arbeit immer wieder auf, einen eigenen Stichpunkt erfährt er aber erst gegen Ende im Kapitel über religiöse und nationale Verhältnisse im Unterkapitel „Sprache und Ehegemeinschaft“. 4 Sprachinselforschung als Dauerparadigma Auch etliche Jahrzehnte nach dem Wirken Kuhns stellt für die Erforschung von extraterritorialen Varietäten des Deutschen das Paradigma der Sprachinselfor‐ schung einen bemerkenswerten Wissenschaftszweig dar, wobei festzustellen ist, dass sich die Verortung der Untersuchung von „Sprachinseln“ innerhalb Extraterritoriale Varietäten des Deutschen 305 <?page no="306"?> 7 In einem späteren Beitrag (Wiesinger 1983: 901) änderte er diese Formulierung minimal ab und wandelte „flächenhaft“ in „areal“ um. der Wissenschaft (und speziell der Linguistik) mit den Jahren gewandelt zu haben scheint. So ist etwa mit Mattheier (1994: 334) kritisch anzumerken, dass sich frühere Begriffsbestimmungen in der Sprachinselforschung auf eine dialektgeographische Betrachtung versteiften, wenngleich die im Rahmen der Dialektgeographie entwickelte Theorie zu Bestimmung einer ‚Urheimat‘ erwiesenermaßen fruchtlos blieb (Mattheier 1996: 816). Der „Sprachinsel“-Blick‐ winkel geht auch bei Wiesinger (1980: 491) weiter, der für diese Themenrich‐ tung Ende des 20. Jahrhunderts drei Disziplinen als zuständig erachtet: „Die Erforschung der Sprachinseln teilen sich in relativer Selbstständigkeit die Dia‐ lektologie in bezug auf die Sprachverhältnisse, die Volkskunde hinsichtlich der ethnokulturellen Erscheinungen und die historische Landeskunde bezüglich der Siedlungs-, Territorial-, Sozial- und Wirtschaftsverhältnisse“. Aus linguistischer Sicht wird hier das Studium extraterritorialer deutscher Sprachvarietäten somit der Dialektologie zugeschrieben (vgl. auch Rosenberg 2003: 275). In einem späteren Beitrag Wiesingers (1983: 901), erschienen in einem Dialektologie- Handbuch, konstatiert er, dass man „Sprachinseln“ sowohl von einem sprachli‐ chen als auch von einem ethnokulturellen Blickwinkel aus betrachten könne. In seinem Überblick über die deutschen Binnen- und Außensprachinseln um 1930 gibt Wiesinger abrisshaft Einsicht in deren Lage, Herkunft, dialektale Zuordnung, standardsprachliche Verhältnisse und am Rande auch in die kon‐ taktsprachlichen Beziehungen; fokussiert also vor allem eine Betrachtung aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Viel beachtet war zudem Wiesingers (1980: 491) Definition von „Sprachin‐ seln“, die er als „punktuell oder flächenhaft auftretende, relativ kleine geschlos‐ sene Sprach- und Siedlungsgemeinschaften in einem anderssprachigen, relativ größeren Gebiet“ 7 beschreibt. Dieses Sprachinselkonzept Wiesingers stellt laut Mattheier (1996: 812) zwar das in der Germanistik am weitesten akzeptierte dar, jedoch sei auch dieses nicht ohne blinde Flecken - so bemängelt Mattheier (1996: 812-814) beispielsweise die Ungenauigkeit von „relativ klein“ und die Unklarheiten um die Art der Siedlungsgemeinschaften. Grundsätzlich ist bei dieser näheren Betrachtung von extraterritorialen Varietäten aus der Perspektive des Sprachinselparadigmas auch die Frage von Bedeutung, inwiefern die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreichende Metapher der „Insel“ überhaupt zutreffend ist: Während Kuhn (1934: 13) noch ein Plädoyer für die „außerordentlich stark[e] Bildkraft und Lebensnähe“ der Be‐ zeichnung hält und die Mehrheitsgesellschaft leidenschaftlich als das „Meere des 306 Csaba Földes <?page no="307"?> 8 Wildfeuer (2017: 376) merkt später ebenfalls an, dass die meisten deutschsprachigen Siedlungen heute nicht mehr als „Insel“ bezeichnet werden können. 9 Auch Kipp (2006: 109) weist darauf hin, dass Sprachinselforschung durch grenzauf‐ weichende geografische und ökonomische Mobilität zunehmend unter historischen Gesichtspunkten geschieht. Später führt auch z. B. Şerbac (2022: 275) aus, dass bei der Charakterisierung einer Minderheit als „Sprachinsel“ die Merkmale einer älteren Sprachform und deren Distanz zum geschlossenen Sprachraum im Vordergrund stehen, während etwa die Einordnung als „Varietät“ jene Merkmale in den Blick nimmt, durch die sich ein Sprachgebiet von anderen abhebt und unterscheidet - wobei die beiden Begriffe (wie Şerbac auch einräumt) mitnichten als Gegensatz zu sehen sind, sondern vielmehr als zwei unterschiedliche Blickwinkel auf dasselbe Phänomen. 10 Zur Charakterisierung der „Sprachinsel“ als Hyponym von Sprachminderheit vgl. Mattheier (2003a: 16) - wobei der Begriff „Hyponym“ hier nicht explizit fällt, sondern von Księżyk (2007: 119) verwendet wird. fremden Volkstums“ bezeichnet, welches die „Sprachinseln“ „umbrandet und bedroht“, wurden in den letzten Jahren - obwohl die Bezeichnung „Sprachinsel“ weiterhin gleichsam dominant ist - zunehmend Bedenken laut. So konstatierte Földes (2005: 285-287; 2006: 336) bereits vor zwei Jahrzehnten mehrfach, dass die Insel-Metaphorik heute eigentlich keine adäquate Umschreibung für die Gebiete mit Deutsch als Minderheitensprache darstelle, da der Terminus eine Isoliertheit suggeriert, die so nicht (mehr) gegeben ist und den hohen Grad der Vernetzt‐ heit heutiger Kulturen verkennt. Die extraterritorialen Sprachvarietäten des Deutschen stehen heute beinahe ohne Ausnahme in intensivem Kontakt mit anderen Sprachen (vgl. auch Rosenberg 2003: 279 und Földes 2005: 287). 8 Für die Betrachtung des Phänomens „Deutsch als Minderheitensprache“ eignet sich der Sprachinsel-Begriff somit höchstens noch im Falle historischer Sprachzustände (Földes 2005: 286-287; 2006: 329). 9 Księżyk (2010: 45 und 47-48) argumentiert großzügiger, dass der Sprachinsel-Ansatz trotz seiner Unzulänglichkeiten im Zeitalter einer zunehmenden, alles durchdringenden Globalisierung und einer von Mehrsprachigkeit sowie Sprach- und Kulturkontakt geprägten Welt nicht ganz obsolet sei. Sie stützt sich dabei auf Mattheier (1996: 817), der den Unterschied zwischen dem Begriff ‚Sprachinsel‘ und seinem Hyperonym 10 ‚Sprachminderheit‘ über den ausbleibenden Assimilationsprozess, d. h., mit einem soziolinguistischen Faktor, expliziert: Durch Abgrenzung von der bzw. durch die Kontaktgesellschaft entsteht in der Minderheit eine „Sprachinselmen‐ talität“, welche Assimilationsprozesse an die Kontaktgesellschaft verzögert oder gar verhindert (Mattheier 2003a: 16) und somit als das entscheidende soziale Kriterium für die Existenz von „Sprachinseln“ angesehen werden kann (vgl. Maitz 1998: 215). Auch für ihren eigenen Forschungsgegenstand, die Sprache in Kostenthal/ Gościęcin, die sie auch als „Varietät“ bezeichnet, bedient sich Księżyk Extraterritoriale Varietäten des Deutschen 307 <?page no="308"?> (2010: 48) eines Sprachinselzugriffs, um die fortwährende Angemessenheit dieses Konzepts zu unterstreichen: Das Sprachinseldeutsche von Kostenthal hebt sich von dem Deutschen in den über‐ wiegenden Teilen Oberschlesiens dadurch heraus, dass es dialektale Hintergründe hat, wohingegen das Letztere eine relativ standardnahe, mehr oder weniger kontakt‐ sprachlich beeinflusste deutsche Umgangssprache bildet. […] Bei der Heranziehung des Sprachinsel-Konzepts zur Analyse der kostenthalerischen Varietät des Deutschen war die Annahme richtungsgebend, dass auch das heutige Deutsch der Kostenthaler, obwohl nun relativ standardnah, aufgrund seiner dialektalen Hintergründe sprach‐ liche Eigenschaften offenbaren dürfte, welche die mittelhochdeutsche Kontinuität dieser Varietät bezeugen würden. Durch die Analyse der gewonnen sprachlichen Daten konnte diese Hypothese verifiziert werden. Das Konzept von Sprachinsel als Sprach-/ Sprechergemeinschaft (speech com‐ munity), also aus sozial-diastratischer Perspektive, ist auch interessant. Bereits Labov (1972: 120-121) hat ausgeführt, dass eine Sprachgemeinschaft nicht einen zusammenhängenden geographischen Raum voraussetzt; die Zugehörigkeit zu einer solchen muss gewollt werden (vgl. auch Romaine 2000: 23-25). Im Gegensatz zu dieser großzügigen und auf Aktivität der Sprecher beruhenden Auffassung von Sprachgemeinschaft meint z. B. Milroy (1987), dass sich die Angehörigen einer Sprachgemeinschaft kennen oder an demselben Ort geboren sein müssen, die ein soziales Netzwerk bilden. Neuerdings gibt es auch Ansätze, die davon ausgehen, dass Gemeinschaft selbst auch als eine post-place commu‐ nity modelliert werden kann (z. B. Bradshaw 2008). Eine Intensivierung erfuhr die Auseinandersetzung mit extraterritorialen Varietäten unter dem Sprachinselparadigma 1994 mit einem Sammelband unter der Herausgeberschaft von Berend und Mattheier, welchen Berend und Knipf- Komlósi (2006: 8) - zusammen mit dem späteren Konferenzband von Keel und Mattheier (2003), basierend auf der internationalen Konferenz zur Sprach‐ inselforschung 2001 in Lawrence (Kansas) - als „Meilensteine der jüngsten Sprachinselforschung“ bezeichnen. Berends und Mattheiers (1994) Band war das erste Ergebnis einer Bündelung gemeinsamer europäischer Bemühungen in der Sprachinselforschung, welche - wie Berend und Knipf-Komlósi (2006: 8) ausführen - vor der politischen Wende der 1990er Jahre weitgehend isoliert voneinander hatten ablaufen müssen und welche nun vor allem von den nach Osteuropa hin geöffneten Grenzen und daraus resultierenden Forschungskoo‐ perationen profitierte. Berend und Mattheier (1994: 7) stellen im Vorwort fest, dass die Publikation von Kuhn (1934) zwar die erste umfangreiche Studie mit dem Schlagwort „Sprachinselforschung“ im Titel war, diese jedoch mitnichten 308 Csaba Földes <?page no="309"?> 11 Ihre Einordnung der Sprachinselforschung überschneidet sich damit teilweise mit der von Wiesinger (1980: 491), der sie ja in der Dialektologie, der Volkskunde und der historischen Landeskunde verortet sah. 12 Einzelne sprachsoziologische und soziolinguistische Anmerkungen tauchen gelegent‐ lich in früheren Veröffentlichungen auf. den Beginn einer extensiven fachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema einläutete; vielmehr sei diesbezüglich ein weitgehendes Desinteresse etablierter Wissenschaftler zu beklagen (vgl. auch Berend und Knipf-Komlósi 2006: 7); lediglich Viktor Schirmunski und Claus Jürgen Hutterer würden eine Ausnahme darstellen. Zudem verfüge die Sprachinselforschung über „kein theoretischmethodisches und auch kein administrativ-institutionelles Zentrum“ (Berend und Mattheier 1994: 7). „Die Sprachinselforschung fristete vor und nach der Veröffentlichung von Kuhn ein wissenschaftliches Randdasein zwischen allen Stühlen: zwischen der Sprachwissenschaft und der Volkskunde/ Kulturkunde, zwischen der Sprachgeschichte und der Dialektologie, zwischen der deutschen und den kontaktsprachlichen Philologien“, resümieren Berend und Mattheier (1994: 7). 11 5 Soziolinguistische Wende Ende der 90er-Jahre läutete Mattheier (1996: 817) ein Stück weit disziplinär eine Wende ein, indem er die Bedeutung sozialer und kultureller Faktoren für die Entstehung und den Erhalt von Sprachinseln betont. Dabei forciert er aber weiterhin den Aspekt eines Sprachinselparadigmas für die Beschreibung dieser Varietäten: Sprachsoziologisch und linguistisch knüpft die Sprachinselkonstellation an einen normalen Assimilationsprozeß an, der immer dann zu erwarten ist, wenn eine Gruppe von Menschen in einer anderssprachigen Umgebung lebt. Die Sprachkon‐ taktforschung beschreibt die soziolinguistischen und die linguistischen Aspekte dieser Konstellation. Zu einer SpI [Sprachinsel; C.F.] wird eine solche Konstellation erst, wenn der normalerweise zu erwartende Assimilationsprozeß über drei Generationen nicht eintritt, wenn er verzögert wird bzw. überhaupt nicht erst beginnt. Hier wird demnach angedeutet, dass die „Sprachinseln“ nicht mehr (nur) aus dialektologischer Sicht, sondern sowohl vom Standpunkt der Soziolinguistik 12 als auch der Kontaktlinguistik zu betrachten sind (vgl. Földes 2005: 284; später auch Księżyk 2007: 121). An dieser Stelle ist zu betonen, dass es zwischen diesen beiden Disziplinen teilweise fließende Übergänge und Überschneidun‐ gen gibt, weshalb eine Eingruppierung unter dem übergreifenden Dach einer Extraterritoriale Varietäten des Deutschen 309 <?page no="310"?> 13 Mit einem etwas anderen Akzent erwähnt auch Mattheier (2003b: 374) in einem weite‐ ren Beitrag am Rande, dass die Sprachinselforschung innerhalb einer „interkulturellen Germanistik“ verortet werden könne. Interkulturellen Linguistik sinnvoll erscheint (vgl. Földes 2005: 296). 13 In Mattheiers (1996: 814) Augen stellt auch die Minderheitenforschung eine geeignete Einbettung für Forschungsanliegen rund um „Sprachinseln“ dar. Dem‐ nach erfährt das Sprachinselparadigma hierdurch eine Erneuerung durch die Erweiterung um sozio- und kontaktlinguistische Gesichtspunkte. Diese neuere inhaltliche Einbettung erklären Földes (2005: 287) und Księżyk (2007: 121) mit dem Umstand, dass bei „Sprachinseln“ nun auch ein verstärktes Augenmerk auf die soziokulturelle und sprachliche Eingebundenheit in die umgebende Kon‐ taktgesellschaft gerichtet werde. Tatsächlich sei die Sprachinselforschung glo‐ bal gesehen schon lange in einer umfassenden Sprachminderheitenforschung angesiedelt; lediglich im deutschen Wissenschaftsraum käme ihr aufgrund des besonderen Interesses seitens der germanistischen Sprachwissenschaft ein eigener Forschungszweig zu (Księżyk 2010: 45 und 47). Eine ähnliche Verortung ist auch aus einer späteren „Sprachinsel“-Definition Mattheiers (2003a: 16) herauszulesen: Danach ist eine Sprachinsel eine als Sprachminderheit von ihrem Sprachmutterland geographisch getrennte und durch eine sprachlich/ ethnisch differente Kontaktgesell‐ schaft umschlossene und/ oder überdachte Kommunikationsgemeinschaft, die sich von der Kontaktgesellschaft durch eine Reihe von die Sonderheit der Sprachinsel‐ bewohner begründenden objektiven Faktoren abgrenzt bzw. abgegrenzt wird, die eine besondere soziopsychische Sprachinseldisposition oder Sprachinselmentalität entstehen lassen, die ihrerseits wiederum die Ursache für eine verhinderte oder verzögerte sprachlich-kulturelle Assimilation an die Kontaktgesellschaft darstellt. Eine in hohem Maße soziolinguistische Orientierung lässt sich in einigen Handbüchern zu „Sprachminderheiten“ - also nicht mehr zu „Sprachinseln“ - aus dem Hause Narr feststellen: So geben Hinderling und Eichinger (1996: XV) in der Einleitung eine Vorschau darüber, nach welchem Schema die meisten Beiträge in ihrem Buch erstellt wurden, woraus sich auch Rückschlüsse auf inhaltliche Prioritäten ziehen lassen: 1. Geographische Lage (mit Karte), 2. Statistik und Demographie, 3. Geschichte, 4. Wirtschaftliche, kulturelle und politische Spezifiken, 5. Die soziolinguistische Situation, 6. Die rechtliche Stellung, 7. Sprachgebrauch nach Domänen (oder: Zur Sprachlichen Lage und zum Sprachgebrauch), 8. Faktorenspezifik (oder: Zusammen‐ fassung), 9. Literatur. 310 Csaba Földes <?page no="311"?> 14 Während diesem Punkt bei Walker (1996) beispielsweise sechs Seiten gewidmet sind, erstreckt er sich bei Jodlbauer (1996) über ganze 23 Seiten. Der Abschnitt zum Sprach‐ gebrauch nach Domänen macht bei circa der Hälfte der Beiträge den seitenmäßig stärksten Posten aus (in anderen Kapiteln sind es z. B. rechtliche oder wirtschaftliche Gesichtspunkte) - somit lassen die meisten Beiträger den einzelnen Betrachtungspunk‐ ten zu den Minderheiten sowohl innerhalb ihres Textes als auch im Vergleich zu den anderen Beiträgern ein unterschiedlich großes Maß an Aufmerksamkeit angedeihen. Das Titelkompositum verweist in seinem Bestimmungswort ausdrücklich auf Sprachminderheiten, im Text überragt der Sprachaspekt jedoch nicht: Die Sprachminderheiten werden aus verschiedenen - z. B. sozialen, ökonomischen und geografischen - Blickwinkeln beleuchtet. Die tatsächlich sprachbezogenen Betrachtungsmomente sind meist soziolinguistisch orientiert. Dabei nehmen die sprachbezogenen Gesichtspunkte unterschiedlich viel Raum ein: Während Abschnitt 5 (Die soziolinguistische Situation) in den meisten Beiträgen durch‐ schnittlich um die zwei Seiten umfasst, schwankt der Umfang von Abschnitt 7 (Sprachgebrauch nach Domänen) beträchtlich. 14 Ein deutlicher Fokus auf soziolinguistische Gesichtspunkte lässt sich auch bei Eichinger, Plewnia und Riehl (2008) mit Blick auf die Grundstruktur (und somit auf das inhaltliche Profil) der einzelnen Beiträge feststellen, die Eichinger (2008: IX) im Vorwort - mit der Bemerkung, dass vor allem den Punkten 5 bis 7 besondere Aufmerksamkeit zukommt - folgendermaßen umreißt: 1. Allgemeines und geographische Lage; 2. Statistik und Demographie; 3. Geschichte; 4. Wirtschaft, Politik, Kultur und rechtliche Stellung; 5. Soziolinguistische Situation; 6. Sprachgebrauch und -kompetenz; 7. Spracheinstellungen; 8. Faktorenspezifik (Zu‐ sammenfassung); 9. Literatur. Es kann festgestellt werden, dass sich der Aufbau der Beiträge hier demnach nur marginal von dem im Handbuch von Hinderling und Eichinger (1996) skiz‐ zierten unterscheidet; innerhalb der linguistischen Reflexion kommt hier noch ein separater Punkt für die Spracheinstellungen (also eine der Soziolinguistik zugeordnete Fragestellung) hinzu. Der Aufbau der Beiträge in Plewnia und Riehl (2018) folgt ebenfalls fast eins zu eins den oben skizzierten Herangehensweisen; in ihrem Vorwort ver‐ weisen die beiden Herausgeber zudem namentlich auf jene beiden Werke von Hinderling und Eichinger (1996) und Eichinger, Plewnia und Riehl (2008) mit der Anmerkung, dass diese die deutschsprachigen Minderheiten in „Zentral-“ und Osteuropa bis in den asiatischen Raum beleuchtet haben, während ihr Handbuch die Lage in Übersee abbilden soll. Die Erforschung deutscher Minder‐ heitengruppen sei in ihren Augen „ein zentrales Thema der Kontaktlinguistik, Extraterritoriale Varietäten des Deutschen 311 <?page no="312"?> 15 Deutsch ist zwar eine der drei Amtssprachen Belgiens, jedoch klassifizieren sie Gorter und Cenoz (2023: 185) aufgrund ihrer geringen Sprecherzahl und ihrer in der Gesell‐ schaft eingenommenen Funktionen als eine „cross-border minority language“. der Soziolinguistik, der Dialektologie und vieler weiterer Disziplinen“ (Plewnia und Riehl 2018: 7) - neben der dialektologischen erfolgt also auch hier explizit eine soziolinguistische und kontaktlinguistische Positionierung. Ein Jahr später erscheint mit Beyer und Plewnia (2019) wiederum ein Werk, das die Untersuchung der Sprachminderheiten aus einem primär soziolinguis‐ tischen Blickwinkel verfolgt; hier kommt mit den sog. Linguistic Landscapes noch ein zusätzlicher Unterpunkt hinzu - auch als neue Forschungsperspektive. Die Linguistic Landscape (LL) wird meist definiert als „visuell manifestierte Sprache […], die an einem bestimmten Ort und in einem bestimmten Zeitraum beobachtbar ist. Diese „Sprachlandschaft“ schließt jedes sichtbare Textstück in der Öffentlichkeit (wie z. B. Straßenschilder, Behördenschilder, Billboards, Geschäftsschilder, Graffitis oder Mauerschriften) ein“ (Duman und Lin 2021: 167). Bei einer Untersuchung solcher LL wird darauf geachtet, welche Sprachen wie im öffentlichen Raum anwesend sind und repräsentiert werden. Diese Repräsentation im öffentlichen Raum hänge „eng mit der Sprachenvielfalt, der Anwesenheit von Linguae francae, dem Status von Minderheitensprachen sowie der Wahl und Entstehung weiterer Sprachregister zusammen“ (siehe Duman und Lin 2021: 167). Für die Untersuchung von LL beschreibt Marten (2021: 264) die Methode des „Spottens“ (engl. to spot, dt.: ‚entdecken, ausfindig machen‘) bzw. speziell im Fall des Deutschen die des „Spot German“, also der „Suche nach der Sichtbarkeit der deutschen Sprache und anderen ‚deutschen‘ bzw. auf den deutschsprachigen Raum hinweisenden Symbolen in der Öffentlichkeit“. Dieser eigentlich didaktische Ansatz sei auch im Zusammenhang mit Minder‐ heitensprachen interessant (Marten 2021: 267) und findet in Publikationen wie etwa dem Sammelband von Gorter, Marten und van Mensel (2012), der Monografie von Gorter und Cenoz (2023) und dem Aufsatz von Eller-Wildfeuer (2021) Anwendung. In ersterer kommt auch speziell dem Deutschen als Min‐ derheitensprache mit dem Beitrag von van Mensel und Darquennes (2012), die die LL der französisch-deutschen Sprachgrenze in Ostbelgien 15 untersuchten, Aufmerksamkeit zu. Dass sich der Grad der Repräsentation einer Sprache durchaus auf das Sprachverhalten der Menschen in der LL auswirken kann (carryover-Effekt), und dass der Grad an Präsenz, den eine Minderheitensprache in einer LL zeigt, sich mitunter auf die Nutzungsfrequenz ihrer Sprecher niederschlägt, zeigten 312 Csaba Földes <?page no="313"?> 16 Die Forschungspalette im Bereich auslandsdeutscher Varietäten wird zunehmend auch durch pragmalinguistische u. a. Untersuchungsaspekte bereichert, wie z. B. bei Westergaard (2008). 17 Diese werden im Band nicht nur aus sprachwissenschaftlicher Perspektive, sondern auch aus dem Blickwinkel der Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft und Minderheitenforschung beleuchtet (Krevs Birk und Birk 2020: 7). Saagpakk, Kirna und Roomet (2021: 358-359) auf, wobei sie allerdings auf eine nähere Ausführung dieses Gedankens verzichten. 16 Der zuvor skizzierte Wechsel hin zu einer soziobzw. pragma- und kontakt‐ linguistischen Betrachtungsweise von extraterritorialen Varietäten trat aller‐ dings keineswegs flächendeckend und nachhaltig ein, was u. a. die Einordnung von Naiditsch (2006: 227) zeigt, die das Aufgabengebiet der Sprachinselfor‐ schung folgendermaßen umreißt: Die Sprachinselforschung als ein Teil der Dialektologie befasst sich sowohl mit traditionellen Problemen der Mundartenforschung als auch mit solchen spezifischen Fragen wie Heimatbestimmung, Dialektmischung vs. Möglichkeit der Bewahrung einer ‚reinen Mundart‘ in ihrer ursprünglichen Gestalt, Archaismus und Innovationen in Inselmundarten, Wirkung der sprachlichen Umgebung u. a. Demnach wird die Sprachinselforschung hier nach wie vor ausschließlich in der Dialektologie verortet und zählt laut Naiditsch weiterhin die Heimatbestim‐ mung der Siedler zu ihren Aufgaben. Beobachtungen und Definitionsversuche belegen mithin, dass das Sprachin‐ sel-Forschungsparadigma weiterhin einen beachtlichen Stellenwert einnimmt. Dabei kommt es mitunter zu terminologischen Unklarheiten: Im Sammelband von Krevs Birk und Birk (2020) etwa steckt der Terminus „deutsche Sprachmin‐ derheiten“ schon im Titel. Im Vorwort sprechen die beiden Herausgeber - mit einem Verzicht auf eine genauere terminologische Ausdifferenzierung - zudem auch von „Sprachinseln“, „deutschsprachigen Minderheiten“ und „deutschen Minderheiten“. 17 Anders als Berend und Mattheier (1994), die der Wissenschaft ja noch ein mangelndes Interesse an der Sprachinselforschung vorwarfen, charakterisieren Krevs Birk und Birk (2020: 7) speziell den überregionalen euro‐ päischen Wissenschaftsdiskurs über deutsche Sprachminderheiten im östlichen Europa als „reg[e]“. Ein anderes zeitgenössisches Beispiel verkörpern Riehl und Bayer (2021: 7-8), indem sie auf das Konzept der „Sprachinsel“ zurückgreifen, unter dem in der Germanistik „extraterritoriale Sprachgemeinschaften“ verstanden werden, welche auf „Wanderbewegungen im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit“ zurückzuführen sind und „über Jahrhunderte relativ isoliert vom Mutterland Extraterritoriale Varietäten des Deutschen 313 <?page no="314"?> existierten, dort aber die Minderheitensprache bewahrten und ein kulturelles Eigenleben in einem relativ kleinen geschlossenen Siedlungsgebiet führten“. Aufgrund der heterogenen Herkunft der Siedler und somit ihrer verschiedenen Herkunftsdialekte sind „Sprachinseln“ in der Regel durch „Mischmundarten“ gekennzeichnet, so Riehl und Bayer (2021: 14). Aus manchen Mischmundarten kann sich darüber hinaus eine „eigene Verkehrsvarietät, eine Koiné“ herausbil‐ den, wie es z. B. beim Wolgadeutschen geschah (Riehl und Bayer 2021: 14). Im Falle eines weitgehend erfolgten Sprachabbaus bei den Sprachinselvarietäten (wie z. B. beim Barossadeutschen in Australien) spricht man von „Reliktvarietä‐ ten“ (Riehl und Bayer 2021: 16). Man kann dem Reflexionsfeld „Minderheitenvarietäten des Deutschen“ insgesamt eine große Bandbreite attestieren, „die von einem völlig ausge‐ bauten polyglossischen System mit einem regionalen Standard und einem Dialektspektrum (Beispiel Südtirol) über dachlose Dialekte (Beispiel Elsass- Lothringen) zu Sprachminderheiten mit einer gemeinsam ausgebildeten Koiné (Beispiel Wolgadeutsch) reicht“ - wie Riehl und Bayer (2021: 17) formulieren; Ähnliches wird auch von Földes (2022: 268 und 285-287) ausgeführt. Diese unterschiedliche Stellung und Ausprägung des Deutschen in den verschiedenen extraterritorialen Gebieten resultiert aus einer soziolinguistischen Kenngröße, nämlich dem Stellenwert bzw. Status, den das Deutsche in den jeweiligen Gemeinschaften genießt, welcher vor allem mit der (Nicht-)Nutzung des Deut‐ schen als Schriftsprache zusammenhängt: Während es im Falle von Südtirol als vollständig gleichberechtige Sprache koexistiert und an Schulen als Alphabeti‐ sierungssprache fungiert, wird es in Ungarn nur als Minderheitensprache in einigen Bereichen praktiziert und z. B. in Australien komplett ignoriert (Riehl und Bayer 2021: 12 sowie Földes 2022: 285-287). Insgesamt nutzen Riehl und Bayer über ihren Beitrag hinweg eine bunte Vielfalt an Termini für die Bezeich‐ nung ihres Untersuchungsgegenstands: „Deutsch als Minderheitensprache“ 7), „deutschsprachige Minderheiten“ 7), „Sprachinsel“ 8), „Minderheitenvarietäten des Deutschen“ 17), „Sprachminderheiten“ 17) bzw. „deutsche Sprachminderhei‐ ten“ 8), „Sprachinselminderheiten“ 11), „Sprachinselvarietäten“ 16), „deutsche Minderheitengebiete“ 12) und „Minderheitsregionen“ 12) - eine trennscharfe Unterscheidung zwischen den Begriffen findet dabei (außer im Fall der „Sprach‐ insel“) nicht statt. 6 Extraterritoriale Varietäten im Vergleich Eine noch neuere Entwicklung als die Betrachtung einzelner extraterritorialer deutscher Sprachvarietäten aus dem Blickwinkel der Soziobzw. Kontaktlingu‐ 314 Csaba Földes <?page no="315"?> 18 Das bedeutet natürlich nicht, dass dieser neue Ansatz auf sozio- und kontaktlinguisti‐ sche Reflexionen verzichtet. Oft wird dieser Ansatz im Rahmen des Konzepts (und der entsprechenden Tagungsreihe) „German abroad“ (vgl. z. B. Lenz 2016) betrieben. 19 In diesem Sinne führten sie von 2014 bis 2016 am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim das Projekt „Elektronisches Wörterbuch. Ein Online-Informationsangebot zu Sprache und Dialekten der Russlanddeutschen“ durch, aus dem die Russlanddeutsche Dialektdatenbank (RuDiDat) hervorging, welche einen Zugang zu linguistisch aufberei‐ teten Aufnahmen von russlanddeutschen Sprachinseldialekten bietet. Erwähnt werden kann außerdem das noch stärker soziolinguistisch ausgerichtete, besonders mehrspra‐ chigkeits- und sprachkontaktbezogene Forschungs- und Dokumentationsprojekt „Di‐ gitales Portal ‚Ungarndeutsches Zweisprachigkeits- und Sprachkontaktkorpus‘“ (siehe Földes 2016). istik stellt der Ansatz der vergleichenden Sprachinselforschung dar, 18 in des‐ sen Nominationsstruktur Sprachinsel weiterhin als das Bestimmungswort des Kompositums auftritt. Die vergleichende Sprachinselforschung steckt, obgleich in den letzten beiden Jahrzehnten durchaus Vorschläge für eine Methodik für den Vergleich von Sprachinseldaten gemacht worden sind, immer noch in den Kinderschuhen (Földes 2019: 165 und 171 sowie Boas 2021: 63). Laut Boas (2021: 63-64) habe sich ein solcher Ansatz für den systematischen Vergleich deutscher „Sprachinseln“ noch nicht etablieren können, da frühere Untersuchungen größ‐ tenteils lediglich Einzelphänomene in den Blick genommen hätten und die Ergebnisse schwer generalisierbar seien. Er selbst schlägt daher vor, im Rahmen eines bottom-up-Verfahrens Konstruktionsgrammatik und Frame-Semantik als einen gemeinsamen theoretischen Rahmen zu nutzen und die Einführung einer vergleichenden Onlinedatenbank für „Sprachinseln“ anzustreben. Auch Berend und Frick (2021: 44) stellen fest, dass „systematische verglei‐ chende Analysen von Sprachinselvarietäten […] bisher noch in einer sehr geringen Anzahl [vorliegen]“ und dass diese meist am Nichtvorhandensein vergleichbarer Korpora scheitern oder daran, dass solche nicht zugänglich seien. Boas (2016: 38) hatte bereits einige Jahre zuvor moniert, dass der wissenschaft‐ liche Austausch erheblich durch das Zurückhalten von erhobenen Daten durch die jeweiligen Wissenschaftler behindert werde. Berend und Frick (2021: 45) pflichten Boas bei seinem Wunsch nach einer computergestützten Infrastruk‐ tur zum systematischen Sammeln und Vergleichen von Sprachinseldaten bei und geben weiterhin zu bedenken, dass ein produktiver und schneller Daten‐ austausch vor allem im Fall von schwindenden „Sprachinseln“ von höchster Bedeutung sei. 19 Die Ansicht, dass eine vergleichende Sprachinselforschung wertvolle Einbli‐ cke generieren kann und daher ein lohnendes Forschungsunterfangen darstellt, wird im Forschungsdiskurs zunehmend erkannt: Rosenberg (2003: 280) etwa Extraterritoriale Varietäten des Deutschen 315 <?page no="316"?> merkt mit Blick auf den intensiven Sprachkontakt, der für die meisten „Sprach‐ inseln“ festgestellt werden kann, an: „Der Vergleich [Hervorhebung im Original] der sprachlichen Entwicklungen in Sprachinseln im Kontakt mit unterschiedli‐ chen Sprachen gibt Aufschluss darüber, inwieweit Sprachwandel durch interne oder externe Faktoren (oder beides) induziert ist“. Solche internen und externen Einflüsse ließen sich durch eine „vergleichende Methode in der Sprachinselfor‐ schung“ gut untersuchen, da man den Einfluss der jeweiligen Kontaktsprachen besser einschätzen könne, wenn man sich auch anschaue, wie es um andere „Sprachinseln“ mit anderen Kontaktsprachen (z. B. Russisch, amerikanisches Englisch und brasilianisches Portugiesisch) bestellt sei (Rosenberg 2003: 286). Ein solcher Vergleich könne die Verlässlichkeit von Aussagen steigern und „bietet das Potenzial, kontaktinduzierte Unterschiede zu identifizieren“ (Rosen‐ berg 2018: 273). So nutzte Rosenberg (2018; 2023) beispielsweise in späteren Beiträgen für die Frage, inwiefern die Art und Intensität von Sprachkontakt sich auf den Sprachwandel in „Sprachinseln“ auswirkt, einen vergleichenden Sprachinselforschungsansatz bei der Untersuchung von Kasusabbau in deut‐ schen „Sprachinseln“ in Russland und in Brasilien; er konnte herausstellen, dass dieser in beiden Varietäten unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Riehl (2021: 241) merkt mit Blick auf den Kasusabbau (insbesondere bei der Dativmarkierung) in Kontaktvarietäten des Deutschen an, dass dieser einen bereits gut beschriebenen Vereinfachungsprozess darstelle, und dass ein Vergleich dieses Abbaus in den unterschiedlichen deutschen „Sprachinseln“ sichtbar machen könne, ob die Prozesse sich in den verschiedenen Varietäten mit typologisch verschiedenen Kontaktsprachen ähneln oder nicht. Sie selbst führte einen solchen Vergleich des Abbaus der Dativmarkierung für das Barossa-Deutsche (Südaustralien), das Wolgadeutsche (Russland) und das Blumenau-Deutsche (Südbrasilien) durch und identifizierte dabei außersprachliche Faktoren als Auslöser für die Abbau‐ prozesse 250). Somit kann festgehalten werden, dass sich vor allem in den letzten Jahren interessante Ansätze in der Bestrebung um die Entwicklung einer systematischen Vorgehensweise in der vergleichenden Sprachinselforschung herauskristallisiert haben, es aber weiterhin extensiver Grundlagenarbeit in diesem Bereich bedarf. 7 Fallbeispiel: Ungarndeutsch Der festgestellte Paradigmenwechsel in der Erforschung von extraterritorialen Varietäten als „Sprachinseln“ soll an dieser Stelle exemplarisch anhand des Bei‐ spiels des Deutschen als Minderheitensprache - auch „Nationalitätensprache“ genannt, z. B. bei Forgács (2004) - in Ungarn illustriert werden. 316 Csaba Földes <?page no="317"?> 20 Speziell die Versuche einer Herkunftsbestimmung der Zipser und Siebenbürger Sach‐ sen über eine Herleitung von den Goten bewertet Maitz (1998: 208) als hochgradig unwissenschaftlich und stimmt Mattheier (1996: 816) zu, der darin den Versuch einer „möglichst weit zurückreichende[n] historische[n] Verankerung“ sieht. Allgemeine Forschungsberichte über die ungarndeutsche „Sprachinselfor‐ schung“ bis Ende des 20. Jahrhunderts wurden z. B. von Hutterer (1991) und von Maitz (1998) erarbeitet. Hutterer zufolge lässt sich ein erstes Interesse an deutschen „Sprachinseln“ in Ungarn bis in die Zeit des Hochmittelalters zurückverfolgen; dieses war allerdings bis zum Zweiten Weltkrieg weniger sprachwissenschaftlich und viel mehr historisch motiviert, standen doch vor allem Fragen nach der Ansiedlung und Herkunft und die Bestimmung der ‚Urheimat‘ der Kolonisten im Vordergrund (Maitz 1998: 207). Zwar gewannen ab dem 17. Jahrhundert mit der Untersuchung von Mundarten zunehmend auch sprachliche Gesichtspunkte an Bedeutung, diese charakterisiert Maitz (1998: 207-208) jedoch bis ins 19. Jahrhundert hinein als pseudowissenschaftlich - weshalb deren Ergebnisse aus moderner Sicht größtenteils nicht als nutzbar zu erachten sind 20 - und betont, dass sie stets im Zeichen der alles dominierenden ‚Urheimatbestimmung‘ standen. Von letzterer ließ man erst ab den 1940er- Jahren langsam ab, nachdem man zu Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend mithilfe von dialektologischen Ansätzen versucht hatte, jene ‚Urheimat‘ per Mundartenanalyse zu eruieren - ein Versuch, der aufgrund der natürlich auf‐ tretenden sprachlichen Änderungsprozesse in der „Sprachinsel“ von vornherein aussichtslos war (Maitz 1998: 209-212; Hutterer 1991: 74-76). Die Vertreibungs‐ maßnahmen nach dem Zweiten Weltkrieg markierten einen Einschnitt. Maitz (1998: 213-215) sieht hier Hutterers (1963) Werk als Startpunkt einer auch soziolinguistisch sensitiven Sprachinselforschung, welche ab den 1970er-Jahren zunehmend erstarkte. Ergänzt wird diese soziolinguistische Ausrichtung seit der soziopragmatischen Wende zudem durch einen kontaktlinguistischen Ansatz, der die Betrachtung der „Sprachinseln“ aus dem Blickwinkel der „verschiede‐ nen Ausprägungen des Sprachkontaktes zwischen den autochthonen und den allochthonen Varietäten [einschließt] […], sowohl strukturlinguistisch, durch die Beschreibung sprachlicher Strukturen, als auch unter soziopragmatischem Aspekt, im Rahmen einer Sprach- und Gesellschaftsgeschichte“ (Maitz 1998: 216). Auch hier findet sich also der in Abschnitt 5 erörterte Paradigmenwechsel in der Sprachinselforschung von der Dialektologie hin zur Soziolinguistik und Kontaktlinguistik. Ein soziolinguistisch gefärbtes Design scheint auch z. B. bei Gerner durch, indem sie in Bezug auf ungarndeutsche „Sprachinseln“ über den von Mattheier (1996) bereits erwähnten charakteristischen verzögerten bzw. ausbleibenden Extraterritoriale Varietäten des Deutschen 317 <?page no="318"?> Assimilationsprozess schreibt - wobei eine starke Anlehnung an Formulierun‐ gen Mattheiers (2003a: 16), jedoch unter Ausbleiben von Verweisen auf seine Werke, auffällt (Gerner 2006: 149-150): Eine verstärkte sprachlich-kulturelle Assimilation in diesen deutschen Sprachinseln ist jedoch erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zu beobachten. Diese Verzögerung der sprachlich-kulturellen Assimilation - bzw. jene die Sonderheit motivierende soziopsychische Disposition, die entscheidend für die Identitätsbildung der Sprachin‐ selbewohner ist - bilden m. E. den Kernpunkt der soziolinguistischen Sprachinselfor‐ schung überhaupt. Bezüglich dieser sprachlich-kulturellen Assimilation der Ungarndeutschen kon‐ statiert Gerner (2006: 150), dass diese sich verstärkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bemerkbar machte und „eine Diskontinuität in der familiären Sozia‐ lisation und somit auch in der sprachlichen Kompetenz der Menschen“ zur Folge hatte, was zu Lasten der deutschen Dialekte ging. Seit dem Mauerfall 1989 sei allerdings der gegensätzliche Trend mit „einer sich verstärkenden Dissimilation und […] neuen emischen Grenzziehungsmechanismen“ durch die Ungarndeutschen zu beobachten (Gerner 2006: 150). Knipf-Komlósi (2006: 40), die die deutschen „Sprachinseln“ in Ungarn durch deren Ansiedlung im 18. Jahrhundert größtenteils als „neuzeitlich[e] Sprachinseln“ beschreibt, verortet jene Assimilation in der Mitte bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, als sich vor al‐ lem die Bildungsschicht der Ungarndeutschen an die der Mehrheitsgesellschaft anpasste, was wiederum die Schwächung der deutschen Dialekte zur Konse‐ quenz hatte (S. 41; vgl. auch Rosenberg 2003: 278). Aus der evidenzbasierten empirischen Forschung geht hervor, dass das Sprechverhalten der Ungarndeut‐ schen in hohem Maße von Entlehnungen und Transfererscheinungen geprägt ist (vgl. ausführlich Földes 2005: 104-209), was auch Knipf-Komlósi (2006) in ihrer Studie über die Sprache dieser „Sprachinselminderheit“ (S. 40) bzw. der „Sprachinselsprecher“ oder der „Sprecher der ungarndeutschen Minderheit“ (S.-45) basierend auf ihrem Korpus feststellen konnte. Neuere Arbeiten zur Kommunikation und Sprache der Ungarndeutschen kommen ohne einen Fokus auf Aspekte von (mehrsprachigkeitsbezogener) Soziolinguistik und Dynamik kaum aus. Beispielsweise ist die Berücksichtigung sozialer Faktoren, die den Gebrauch und den Erhalt der deutschen Varietä‐ ten beeinflussen, ein zentraler Bestandteil der Forschung und Themen wie Sprachkontakt, Sprachmischung, Sprachwechsel, Sprachwandel, Sprachloyali‐ tät, Sprachpflege und die Rolle der deutschen Sprache in den Identitätskonst‐ rukten der Gemeinschaften werden intensiv diskutiert (vgl. stellvertretend z. B. die Publikationen von Knipf-Komlósi 2017 und von Földes 2021). 318 Csaba Földes <?page no="319"?> 8 Fazit und Schluss Resümierend ist festzustellen, dass das Kulturphänomen ‚extraterritoriale Varietäten des Deutschen‘ auf eine abwechslungsreiche Geschichte im Wis‐ senschaftsdiskurs zurückblicken kann: Es war und ist mit verschiedenen Forschungsintentionen, unter verschiedenen inhaltlichen Perspektivierungen (sprachwissen-schaftlich, siedlungsgeschichtlich, ethnographisch usw.), selbst innerhalb der Sprachwissenschaft mit verschiedenen disziplinären Zuordnun‐ gen (Sprachinselforschung, Minderheitenkunde, Soziolinguistik, Sprachkon‐ taktforschung, Interkulturelle Linguistik, Interkulturelle Germanistik usw.) und Bezeichnungen (Sprachinsel, Deutsch als Minderheitensprache, Deutsch als Nationalitätensprache, auslandsdeutsche Varietäten, German abroad usw.) vertreten. Dabei erweist sich das Sprachinselparadigma seit mehreren Dekaden als durchaus robust, wenngleich die Betrachtung von „Sprachinseln“ im Laufe der Zeit vor dem Hintergrund unterschiedlicher Disziplinen einen deutlichen Wandlungsprozess durchlief: Während sie zu Beginn sprachinseltheoretisch vor allem der Dialektologie, genauer der Dialektgeographie (Kuhn 1930; 1934) verschrieben war, erfolgte mit Mattheier (1996) ein markanter Wendepunkt hin zu soziolinguistischen Aspekten. Seitdem tritt die soziolinguistische (und z. T. pragmalinguistische) Sensibilität bei der Untersuchung extraterritorialer deutscher Sprachvarietäten mitunter unübersehbar in den Brennpunkt. Soziolinguistische Fragen werden dabei im gegebenen Zusammenhang auch unter den Dachbegriff einer Interkulturellen Linguistik (Földes 2005: 296) oder unter den der Minderheitenforschung (wie auch bei Mattheier 1996: 814) gestellt. Insgesamt scheint zu gelten, dass die aktuellen Blickwinkel auf die extraterritorialen Varietäten vorrangig aus den Denkansätzen Kontaktlinguistik (z. B. Földes 2022: 285) und vergleichende Sprachinselforschung (z. B. Boas 2021; Rosenberg 2018) kommen. Die Erforschung extraterritorialer Varietäten des Deutschen trägt, unter welchen paradigmatischen Perspektiven auch immer, zum Verständnis sprachlicher Vielfalt und Dynamik bei. Sie zeigt, wie Sprachen sich an neue Umgebungen anpassen und dennoch ihre Kernidentität bewahren können. Darüber hinaus bietet sie Einblicke in die soziale und kulturelle Integration von Migrantengemeinschaften und die Rolle der Sprache als Träger kulturellen Erbes. Dieser Forschungsstrang ist nicht nur für die Linguistik, sondern auch für die Soziologie, die Geschichte und die Kulturwissenschaft von Bedeutung, da er veranschaulicht, wie Sprachen und Gemeinschaften sich über Zeit und Raum hinweg entwickeln. Die verschiedenen Bezüge der Soziolinguistik spielen heute eine maßgebliche Rolle in der Erschließung von extraterritorialen Varietäten des Deutschen mit Extraterritoriale Varietäten des Deutschen 319 <?page no="320"?> besonderem Blick auf ihre Variationsbreite in Mehrsprachigkeitskonstellatio‐ nen: Die soziolinguistisch inspirierten Betrachtungen beschäftigen sich mit den sozialen, kulturellen und politischen Kontexten, in denen Sprache verwendet wird, und analysieren, wie diese Faktoren den Sprachgebrauch und die Sprach‐ entwicklung beeinflussen. Zu den zentralen Aspekten der soziolinguistischen Forschung in diesem Bereich gehören im Einzelnen u. a. (1) die sprachliche Identität und Gemeinschaft (Untersuchung der Sprachidentität und der Gemein‐ schaftsbildung); (2) Sprachkontakt und Sprachwandel (Kontakterscheinungen und Wandelphänomene); (3) Sprachpolitik und Sprachpflege; (4) Intergenerati‐ oneller Sprachtransfer (Sprachweitergabe, Schulbzw. Vermittlungskonzepte) und (5) sprachliche Variation und soziale Faktoren (dialektale, stilistische etc. Variation). Zur Bedeutung der Forschung lässt sich zusammenfassend festhalten, dass die soziolinguistischen Betrachtungen zu extraterritorialen Varietäten des Deut‐ schen wertvolle Erkenntnisse darüber liefern, welche sozialen Dynamiken - vor allem bei der Adaption von Sprachen an ein neues soziales und kulturel‐ les Umfeld - den Sprachwandel und den Spracherhalt beeinflussen. Diese Forschungskultur trägt schließlich nicht nur zum Verständnis der deutschen Sprache in der Diaspora bei, sondern bietet auch allgemeine Einblicke in die Prozesse der Sprachentwicklung und -erhaltung in mehrsprachigen Kontexten. Literatur Berend, Nina/ Frick, Elena. (2021). Russlanddeutsche Dialekte online: Dokumentation, Präsentation und Recherche deutscher Auslandsvarietäten im Internet am Beispiel des Russlanddeutschen. In: Földes, Csaba (Hrsg.). 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Die Einladung Eva Neulands und Norbert Dittmars, an einem Buch zur „Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik“ im deutschsprachigen Raum mitzuwirken und mich dabei mit der Frage zu beschäftigen, „wie sich der Forschungsstand in den einzelnen soziolinguistischen Teilbereichen auf der Folie eigener Forschungsaktivitäten darstellt“, zwingt mich gleich zu Beginn dazu, mich im akademischen Feld zu positionieren und zu entscheiden, in welchem Sinn die membership category ~Soziolinguist~ überhaupt Teil meiner akademischen Identität ist. Es hilft ein wenig, dass ich mich dabei in guter Gesellschaft befinde: „I have resisted the term ‚sociolinguistics‘ for many years, since it implies that there can be a successful linguistic theory or practice which is not social,“ schrieb Labov im Jahr 1972. Wie so oft, hängt alles von der Gebrauchsweise der Kategorien ab. Die ist aber keineswegs einheitlich. Die Soziolinguistik teilt mit anderen linguistischen Teildisziplinen (besonders notorisch: die Pragmatik) das Schicksal, dass die Forschenden, die sich unter die Kategorie subsumieren, damit recht unterschied‐ liche Dinge meinen. Oft wird die Soziolinguistik sehr weit definiert als der Teil der Linguistik, der sich mit der sprachlichen Wirklichkeit und der in ihr allgegenwärtigen sprachlichen Variation, aber auch mit der Sprachverwendung oder dem sprachlichen Handeln insgesamt befasst. In dieser weiten Definition ist Soziolinguistik (im Sinn es obigen Labov-Zitats) tatsächlich höchstens für diejenigen ein sinnvoll definierter Teilbereich der Linguistik, die deren Haupt‐ aufgabe in der introspektiven Erforschung des ‚idealen Sprechers/ Hörers‘ oder in der experimentellen Erforschung seiner mentalen Strukturen verstehen. Ich <?page no="328"?> hänge einer engeren Definition von Soziolinguistik an: Die Soziolinguistik beschäftigt sich mit der Prägung der Sprache durch soziale Zugehörigkeit und/ oder mit der Indizierung sozialer Kategorien durch die Verwendung sprachlicher Merkmale. In diesem Sinn verstanden, kann ich kein kohärentes autobiographisches Narrativ als ~Soziolinguist~ präsentieren. Aber einige der Themenfelder, die mich in den letzten Jahrzehnten beschäftigt haben, sind immerhin gute Kandi‐ daten: • Mehrsprachigkeit als interaktives Phänomen, also der Nachweis, dass sich zwischen der Grammatik des Codeswitching und der Makrosoziolinguistik bilingualer Gesellschaften als dritte Untersuchungsdomäne das bilinguale Handeln identifizieren lässt; • Dialektwandel, besonders wenn er sich in der Spannung zu den überda‐ chenden Standardsprachen vollzieht, und damit auch der Wandel der Dialekt/ Standard-Repertoires; • die Emergenz und der Wandel von sprachlichen Stilen in bestimmten sozialen Gruppen und Milieus (ethnische Stile, west- und ostdeutsche Stile zur Zeit der Wende, etc.); • die Relevanz politischer Grenzen im spätmodernen Europa und wie sie mit sprachlichen Grenzen zusammenhängen; Vielleicht kommen noch ein paar andere dazu. All diese Themen haben eine soziolinguistische Komponente, aber sie haben auch andere, die unter Stichworte wie sprachliche Interaktion, Dialektologie, Sprachwandel, Nationenbildung etc. subsumiert werden können. Demzufolge habe ich mich zwar fallweise als ~Soziolinguist~ gefühlt, aber auch als ~Dialek‐ tologe~, ~Interaktionsforscher~, oder auch ~Gesprochene-Sprache-Forscher~. Meine Identitäten sind, im heutigen soziologischen Jargon gesprochen, multipel und manchmal fluide. Meine multiplen und fluiden Identitäten gehen allerdings noch weiter und greifen tiefer in die Soziolinguistik hinein. In der in den 1960er Jahren ‚erfun‐ denen‘ Soziolinguistik standen meines Erachtens von Anfang an zwei einander widersprechende Episteme in Konkurrenz, die man das konstruktivistische und das positivistische Paradigma nennen kann. Sehr vereinfacht, sieht das eine Pa‐ radigma soziale Kategorien als Konstrukte, deren Relevanzsetzung (Indizierung) durch sprachliche Mittel untersucht werden soll, während das andere soziale Kategorien als gegeben ansieht und untersucht, wie sie sich (als ‚unabhängige Variablen‘) auf die Verwendung sprachlicher Strukturen (als ‚abhängigen Varia‐ blen‘) beziehen lassen. Und auch hier schwankt meine Identität: ich habe sowohl 328 Peter Auer <?page no="329"?> als ~Konstruktivist~ als auch als ~Positivist~ gearbeitet und kann problemlos sowohl das eine wie auch das andere Epistem verteidigen. 2 Die ‚Erfindung‘ der deutschen Soziolinguistik Schließlich gibt es neben den wissenschaftlich-disziplinären noch ein anderes soziales Kategorieninventar, das im Kontext dieses Bands relevant ist, denn dieser zielt ja auf das Gründungsnarrativ der (deutschen) Soziolinguistik ab und fragt, wie ‚das damals alles angefangen hat‘. Das ist das Kategorienin‐ ventar ‚Generation‘. Hier ist meine Selbstkategorisierung eindeutig: Ich bin kein ~Achtundsechziger~. Als ich Mitte der 1970er Jahre zu studieren begann (erst in Köln, dann in Konstanz), war die Zeit der ~Achtundsechziger~ mehr oder weniger vorbei, ebenso wie die erste Phase der Soziolinguistik, die eine Erfindung der ~Achtundsechziger~ war. Zu dieser Zeit hatte Norbert Dittmar seine äußerst einflussreiche Soziolinguistik längst verfasst und publiziert (1973). Oevermanns viel beachtetes Buch über Sprache und soziale Herkunft war sogar schon drei Jahre vorher erschienen (und fünf Jahre vorher als Dissertation fertiggestellt und zirkuliert worden). Die bundesdeutsche Soziolinguistik war schon ‚gegründet‘. Dittmars Buch (seine Konstanzer Dissertation) rekapituliert die in den späten 1960er Jahren aktuelle angloamerikanische Soziolinguistik aus der Position eines umfassend informierten deutschen Beobachters. Es ist oft als Lehrbuch der Soziolinguistik verstanden und gelesen worden und es konnte in dieser Funktion auch sehr nützlich sein; es ging darin aber vor allem darum, die Labovianische Variationslinguistik gegen die Bernsteinsche Klassen-und-Code- Theorie (etwa Bernstein 1962) bzw. genauer deren Rezeption und Anwendung in der sogenannten kompensatorischen Erziehung in Stellung zu bringen. Zwei Jahre nach dem Erscheinen der Soziolinguistik, in der Einführung in die Sprach‐ wissenschaft am Institut für Linguistik der Universität zu Köln, präsentierte uns Erstsemestern der junge Dozent die Soziolinguistik bereits als etablierte Disziplin, und ihren Forschungsstand bezog er aus Dittmars Soziolinguistik. Er ließ sich auf eine einfache Formel bringen: hier die überholte ‘Defizit’-Theorie Bernsteins, dort die aktuelle “Differenz”-Theorie Labovs. Die Ablehnung Bern‐ steins war, wie alles zu dieser Zeit, vor allem politisch (das hieß: marxistisch) begründet: Wir kritisieren die Soziolinguistik Bernsteins und Oevermanns gerade deshalb, weil sie nicht aus der Ideologie und Borniertheit bürgerlichen Denkens und bürgerlicher Ziele herauskommen, so daß ihre Forderungen bestenfalls bildungshumanistisch und illusionär-demokratisch bleiben, Anfänge und Wirkungen der deutschen Soziolinguistik 329 <?page no="330"?> schrieben Ehlich, Hohnhäuser, Müller und Wiehle 1971. Bernstein war also abgehakt. Erst erheblich später, durch den persönlichen Kontakt mit John Gumperz und Jenny Cook-Gumperz (die zu Beginn ihrer Karriere als soziologisch orientierte Erziehungswissenschaftlerin mit Bernstein zusammengearbeitet hatte) wurde mir klar, wie wenig die schablonenartige Gegenüberstellung von Defizit- und Differenztheorie Bernsteins Gedanken gerecht wurde (vgl. die Kritik der Kritik bei Spitzmüller 2022, Kap. 4.3. und 4.4). Bernstein dachte nicht an (sprachliche, schon gar nicht individuelle) Defizite, sondern versuchte, kognitive Muster, sprachliche Sozialisationsbedingungen und kontextgebundene vs. -entbundene Stile zusammenzudenken; seine Über‐ zeugung war, dass dort, wo solche Stile nicht zu (stärker) kontextentbundenen, „literaten“ Sprechweisen „ausgebaut“ (Maas 2014) werden, wie das in der Mittelschicht schon in der vorschulischen, familiären Sozialisierung geschieht, auch die mit dieser Literalität korrelierende Denkstilen nicht entwickelt werden können, die ihrerseits für Bildungserfolg und berufliche und gesellschaftliche Partizipation verantwortlich sind - ein mehr als aktueller Befund, der sich leicht zur Malaise des gegenwärtigen (deutschen) Schulsystems in Beziehung setzen lässt (s. unten). Allerdings verfolgte er seine Ziele mit linguistisch heute naiv anmutenden Auszählungen - er war kein Linguist (ebenso wenig wie Oevermann). Die Differenzhypothese schien dagegen zu belegen, dass alle Sprechweisen (Stile, Varietäten) funktional gleichwertig sind, wie das im amerikanischen Strukturalismus auch schon einige Jahrzehnte früher für Sprachen postuliert worden war. Das vermittelte uns Studierenden irgendwie ein gutes Gefühl. Denn in der Popularisierung bedeutete die Differenzhypothese ja: genauso, wie Black American English dem weißen Mittelschichtsenglisch funktional gleichwertig war (hatte Labov das nicht gezeigt? ), war auch ein schwäbischer Dialekt oder ein Ruhr-Slang dem akademischen Deutsch ebenbürtig, wenn nicht sogar über‐ legen, denn gerade im “restringierten” Code „verfestigten [sich] die sozialen Erfahrungen der Arbeiterklasse, die eher geeignet sind, die Widersprüche des Systems auf den Begriff zu bringen als die blasse, leere Abstraktion und nur kalkulatorische Rationalität bürgerlicher Individuen“, die sich im “elaborierten” Code manifestiere (Ehlich et al. 1971: 49). Natürlich wurde auch der Hinweis nicht vergessen, dass ja die “elaborierten” Sprecher, die “Bürger”, den Faschis‐ mus hervorgebracht hätten. Die Befreiung der unterdrückten Arbeiterklasse konnte sofort und unmittelbar durch die Diskreditierung dieses akademischen Deutsch und die Aufwertung der Unterschichtssprechweisen (“Arbeiterspra‐ che”) erreicht werden und ohne den Umweg über Sprachförderung oder ähnlich aufwändige und nicht immer erfolgreiche “kompensatorische” Maßnahmen 330 Peter Auer <?page no="331"?> erfolgen (vgl. in diesem Sinn z. B. Jäger 1971). Auch Eva Neuland schreibt (in diesem Band) in der Retrospektive über ihre 1975er Dissertation (meine Hervorhebung): „Die Überzeugung unterschiedlicher Begabungsformen und eines unterschiedlichen Sprachgebrauchs sowie eines erst durch schulische Sprachnormen nachträglich hergestellten Defizits der ‚Unterschichtkinder‘ bildete eine wesentliche Motivation meiner Arbeit.“ Es versteht sich von selbst, dass die (mündlichen) universitären Debatten der ~Achtundsechziger~ im Rahmen dieser „Sprachnorm- und Hochsprache-Kritik“ (Neuland) in einem höchst ela‐ borierten, an komplexer Schriftlichkeit geschulten Stil geführt wurden, der uns jungen Studenten und Studentinnen höchste Ehrfurcht einflößte! Mit der Demission der Bernsteinschen Soziolinguistik war also die Vor‐ stellung beerdigt worden, man könne durch schulische Sprachförderung der ‚unterprivilegierten‘ Schichten der von Picht (1964) ausgerufenen “Bildungska‐ tastrophe” begegnen, also diese Schichten zu höheren Bildungsabschlüssen befähigen. (Picht selbst hatte eher konservativ-bürgerliche, auch durch die Reformpädagogik geprägte Vorstellungen.) Zugleich war die Idee, dass Dialekte sprachliche Bildungsbarrieren darstellten und damit zu vermeiden seien, vom Tisch. Tatsächlich beruhte sie auf einer Verwechslung von Dialekten und kon‐ textgebundenen Sprechstilen und der irrigen Meinung, dass das Zurückdrängen der Dialektmerkmale zugleich kontextgebundene in kontextentbundene Stile transformieren würde. Das Ziel war, durch Aufwertung “diskriminierender”, soziale Ungleichheit erst erzeugender mündlicher Sprachformen (Dialekte, Substandards, Mehrsprachigkeit) und Abwertung bürgerlicher Schriftsprach‐ lichkeit in die bildungspolitische Debatte einzugreifen. Für die Dialekte war das allerdings vielen Orts zu spät (vor allem im niederdeutschen Raum). Die Eltern selbst sahen sie schon als Bildungs- und Aufstiegsbarriere, bevor die Soziolin‐ guistik sich mit ihnen beschäftigt hatte, und waren im Nachkriegsdeutschland davon überzeugt, dass sie sie zugunsten des ‚Hochdeutschen‘ besser nicht an die nächsten Generationen weitergeben sollten. Wer am Ende dieser frühen Phase der Soziolinguistik die “Differenz-Hypo‐ these”, Norbert Dittmar folgend, als leitendes Modell für die Soziolinguistik propagierte, hatte allerdings das letzte Kapitel seines Buchs nicht oder überlesen (Kap. 7, geschrieben zusammen mit der späteren Erziehungswissenschaftlerin und Afrika-Aktivistin Gisela Feirle), in dem die Opposition zwischen Differenz- und Defizithypothese wieder aufgehoben wurde. Denn (S. 307): Die soziolinguistischen Forschungen zu Sprachproblemen schwarzer und anderer Ghettokinder zielen in der Verwertung grundsätzlich auf das gleiche ab wie die kompensatorischen Programme: auf die Anpassung der Schwarzen und anderer ethnischer Minoritäten an die sie unterdrückenden gesellschaftlichen Verhältnisse mit Anfänge und Wirkungen der deutschen Soziolinguistik 331 <?page no="332"?> dem Köder der ‚upward social mobility‘ und auf ihre Integration in die kapitalistische Gesellschaft. Soziolinguistik gleich welcher Couleur sei „systemstabilisierendes Herrschafts‐ wissen“ (S. 308). Erfreulicherweise haben das viele (mich eingeschlossen) nicht geglaubt. Die starke Politisierung der Soziolinguistik ging zu Ende und es begann stattdessen eine an den Gegenständen orientierte (und sich mehr als Grund‐ lagenforschung verstehende) Phase der Soziolinguistik. Hand in Hand damit änderte sich die bildungspolitische, letztendlich angewandte Orientierung der frühen Soziolinguistik. Vielleicht war dafür auch eine gewisse wechselseitige Enttäuschung in der Beziehung zwischen akademischer Forschung und schuli‐ scher Praxis verantwortlich. 3 Die Entwicklung der Soziolinguistik nach ihrer Gründungsphase und bis zur Jahrtausendwende 3.1 Interaktionale Soziolinguistik Sowohl Norbert Dittmars Dissertation als auch meine (Zweisprachige Konver‐ sationen/ Bilingual Conversation, 1983/ 1984) wurde in Konstanz geschrieben, aber seine und meine Zeit in Konstanz haben sich nicht überschnitten. Wir gehörten, wie gesagt, zu verschiedenen Generationen. Von den Kollegen, die ihn in Konstanz geprägt hatten (wie Klaus Gloy, Gunter Presch), zählte nur einer auch zu meinen Mentoren: Peter Hartmann, der Ordinarius für Allgemeine Sprachwissenschaft, der beide Dissertationen mit Wohlwollen und Offenheit für neue Entwicklungen und zugleich mit spitzem Bleistift (mit dem er seine Randbemerkungen anbrachte) betreut hat, ohne selbst auch nur in Ansätzen Soziolinguist zu sein. Die kleine Stadt Konstanz war Heimat einer mit hochfliegenden Ideen gerade erst neu gegründeten, (damals) architektonisch überaus reizvollen und idyllisch über dem See gelegenen Universität. Sie war sicherlich ein guter Ort für das Ausprobieren neuer Ideen in der Linguistik (die meist aus Amerika kamen), aber nicht dafür prädestiniert, soziolinguistische Forschung über Klassengegensätze anzustoßen und den Übergang in die revolutionäre Phase zu begleiten (die Arbeiterklasse war nicht vor Ort! ). In Köln hatte es noch Demonstrationen und Vorlesungssprengungen gegeben. Konstanz repräsentierte bereits den Typ der bis heute vorherrschenden, modernen Universität, die durch ‚asymmetrische Demobilisierung‘ (avant la lettre) Proteste gummiartig verschluckt: (fast) alle gaben sich links, Reformen waren Teil der institutionellen Ideologie, und man 332 Peter Auer <?page no="333"?> hatte darüber hinaus genügend finanzielle Ressourcen, um alle studentischen Wünsche prompt zu bedienen. Teil der Reformen war der Verzicht auf die philologische Fächergliederung, der abgesehen von Konstanz nur noch in der parallel gegründeten Uni Bielefeld realisiert wurde. Sie hatte den Vorteil, dass ich als Student der Allgemeinen Sprachwissenschaft (die in Konstanz ‚Theoretische Linguistik‘ hieß und es auch war - ihretwegen war ich von Köln nach Konstanz gewechselt) in Kontakt mit der Romanistik kam, besonders mit Aldo di Luzio, in dessen Umfeld Soziolinguistik für mich erstmals nicht nur Theorie war, sondern mit praktischem field work im sog. Gastarbeitermilieu verbunden wurde. Aber auch jenseits der Philologien war Interdisziplinarität groß geschrieben. Für meine weitere Entwicklung wurden vor allem die von Thomas Luckmann vertretene phänomenologische Soziologie in der Tradition Alfred Schütz’ und die von seinem damaligen Assistenten Jörg Bergmann nach Konstanz gebrachte ethnomethodologische Konversationsanalyse wichtig. Quasi die Schnittmenge aus Bilingualismusforschung im Migrationsmilieu und Konversationsanalyse führte mich zum Thema meiner Dissertation: dem bilingualen Handeln zwei‐ sprachiger italienischer ‚Gastarbeiterkinder‘ in Deutschland. (Konstanz und das Umfeld hatten wegen der Nähe zur Schweiz eine große italienischsprachige Minderheit.) Ich bin der Universität Konstanz noch heute dankbar, dass sie solche ‚fluiden‘ wissenschaftlichen Identitäten wie meine nicht nur ermöglichte, sondern als selbstverständlich ansah. Die Konstanzer Linguistik hatte internationale Ambitionen. In den regelmä‐ ßig eingeworbenen Sonderforschungsbereichen (der erste, der SFB 99, hieß schlicht ‚Linguistik‘,) gab es Promotionsmöglichkeiten (von denen ich profi‐ tierte) und üppige Mittel für Gastwissenschaftler; die internationale Prominenz - vor allem in der formalen Linguistik, die den Fachbereich dominierte - gab sich die Klinke in die Hand. (Nur Chomsky kam, trotz Einladung durch die Studierenden der Theoretischen Linguistik, vom nahen Zürich nicht nach Konstanz; einem Besuch in Deutschland verweigerte er sich damals noch mit einem netten Brief.) Einer der Gastprofessoren war John Gumperz, der die Einreise nicht ablehnte, und von da an mit der kleinen interaktions- und soziolinguistischen Gruppe in der Konstanzer Linguistik in kontinuierlichem und intensivem Austausch blieb (vgl. den Beitrag von Helga Kotthoff in diesem Band). Gumperz wird in Dittmars Soziolinguistik zwar u. a. mit seiner Hemnesberget-Studie erwähnt, die linguistische Anthropologie, die er vertrat, war aber in Deutschland nicht existent. Hier gab es für uns also Neues zu entdecken. Gumperz war klar, dass soziale Codes sich nicht durch das Auszählen von grammatischen Merk‐ malen verstehen lassen, sondern als Teil der sozialen Interaktion untersucht Anfänge und Wirkungen der deutschen Soziolinguistik 333 <?page no="334"?> werden müssen. Das war die Grundannahme der in den 1980er Jahren von ihm entwickelten Interactional Sociolinguistics (Gumperz 1982; vgl. Auer et al. 2014). Er plädierte, im Sinne Peirce’, für die Ergänzung eines auf Symbolen ba‐ sierenden Sprachverständnisses durch eines, das auf Indexikalität ausgerichtet ist. Die zentrale Idee war, dass sprachliche Äußerungen, um als Handlungen verstanden werden zu können, zusätzlich zu ihrer symbolischen Bedeutung der Kontextualisierung bedürfen; diese erfolgt durch kulturell geprägte contextua‐ lization cues, indexikalische, nicht-symbolische Zeichen. Die Analysen machten einen holistischen Blick auf Handlungen nötig, der Prosodie und körperliche Ressourcen (wie Gesten oder Blick) einschloss (Auer 1996, Auer und di Luzio, Hrsg., 1992). Das ermöglichte Querverbindungen zu den Arbeiten der Pioniere der multimodalen Konversationsanalyse, wie Charles Goodwin und Christian Heath, die ebenfalls in den 1980er Jahren entstanden. Vor allem Christian Heath war häufiger Gast in Konstanz. Als ein solcher Kontextualisierungshinweis im Sinn von Gumperz ließ sich auch die Wahl der Sprache verstehen. Gumperz hatte erkannt, dass monolingu‐ ale Gesellschaften auch in Europa der Vergangenheit angehörten. Man muss sich vergegenwärtigen, dass Mehrsprachigkeit als soziolinguistisches und vor allem pragmatisches Forschungsthema um 1980 in Deutschland praktisch nicht existierte. Die in den 1970ern initiierte ‚Gastarbeiterforschung‘ entdeckte zwar den spontanen Erwerb des Deutschen als Untersuchungsthema, ein Thema, das zwischen Psycho- und Soziolinguistik angesiedelt war. Das Heidelberger Projekt Pidgindeutsch unter Leitung von Wolfgang Klein (mit entwickelt von Norbert Dittmar) und sein ESF-Folgeprojekt Second Language Acquisition of Adult Immigrants haben in der europäischen Soziolinguistik und Psycholingu‐ istik Geschichte geschrieben. Hier ging es um den Zweitspracherwerb und seine sozialen Bedingungen. Aber Gumperz interessierte sich nicht dafür, sondern für die tatsächliche Verwendung mehrerer Sprachen in der Interaktion. Daraus ergab sich die Idee, in meiner Dissertation Codeswitching als Kontex‐ tualisierungshinweis zu analysieren, dabei aber strikt konversationsanalytische Methoden anzuwenden. Später haben Aldo di Luzio und ich in einem Projekt über Kontextualisierung durch Rhythmus und Intonation zusammen mit Eliza‐ beth Couper-Kuhlen und anderen diesen konversationsanalytisch gewendeten Ansatz zur Erforschung von contextualization cues weitergeführt und auf pro‐ sodische Merkmale angewendet (vgl. Auer et al. 1999). In genuin soziolinguistischer Absicht wurde Gumperz’ Ansatz in Deutsch‐ land außer in Konstanz vor allem am IDS von Werner Kallmeyer, Inken Keim und Johannes Schwitalla (s. seinen Beitrag in diesem Band) in dem groß angelegten Stadtsprachen-Projekt zu Mannheim weitergeführt, aber auch von 334 Peter Auer <?page no="335"?> Volker Hinnenkamp (siehe seinen Beitrag) in seinen migrationslinguistischen Forschungen und von Helga Kotthoff in ihren Arbeiten zu georgischen Ritualen und später zur schulischen Ethnographie und Humorforschung. Sie und Su‐ sanne Günthner stützten sich auf die interkulturelle Komponente in Gumperz’ interaktionaler Soziolinguistik und verbanden sie später in weiteren Konstanzer Forschungsprojekten mit Luckmanns Konzept der mündlichen Gattungen (vgl. Koffhoffs Beitrag in diesem Band). İnci Dirim und ich haben ethnografische Methoden verwendet, um die Verwendung des Türkischen durch nicht-türki‐ sche Jugendliche in Hamburg zu untersuchen (Dirim/ Auer 2004). Karin Birkner hat ähnliche Verfahren in ihrer Dissertation zu Unterschieden zwischen Ost- und Westdeutschen in Bewerbungsgesprächen kurz nach der ‚Wende‘ genutzt (Birkner 2001). Trotz Unterschieden im Detail waren all diese Forschungen einem sozial‐ konstruktivistschen Ansatz verpflichtet, der davon ausging, dass die soziale Wirklichkeit in der Interaktion ‚hervorgebracht‘ wird. An der korrelativen Soziolingustik Labovs, die vor allem in der englischsprachigen Welt zum dominanten Forschungsparadigma mit eigenen Methoden (soziolinguistisches Interview) und sogar Statistik-Tools (Varbrul) wurde, gefiel uns nicht, dass dort soziale Kategorien wie Schicht (class) vorausgesetzt wurden. (Rasse/ Ethnizität und Geschlecht vorauszusetzen, galt damals noch als weniger problematisch.) Gerade die von den quantitativen Soziolinguisten der ersten Generation (wie Labov) verwendeten Klassenskalen (lower working class, upper working class, lower middle class, upper middle class oder ähnliche) waren zwar in den quantita‐ tiven Studien ‚robuste‘ Prädiktoren, dabei aber - jedenfalls in Deutschland - nur schwer zu validieren und zu operationalisieren. Alternative Ansätze wie Bour‐ dieus Habitus-Theorie (1982) oder Schulzes Milieutheorie (1992) (versuchsweise angewandt in Auer 1998) wurden diskutiert, konnten sich aber in der deutschen Soziolinguistik nicht durchsetzen. In den späten 1970er und frühen 1980er Jahren standen sich die beiden Episteme, das konstruktivistisch-interaktionale und das positivistisch-korrela‐ tive, recht kompromisslos gegenüber. Das sollte sich in den folgenden beiden Jahrzehnten ändern. 3.2 Konvergierende Entwicklungen in der Variationslinguistik Ich habe vorher von der ‚Gründung‘ der Soziolinguistik um 1970 gesprochen. Diese Darstellung der Entwicklung in den 1960er Jahren als ein disruptives Ereignis erscheint nicht nur angemessen, weil der Begriff Soziolinguistik in Deutschland neu war, sondern auch, weil es den den Diskurs bestimmenden jun‐ Anfänge und Wirkungen der deutschen Soziolinguistik 335 <?page no="336"?> gen Wissenschaftlern (selten: Wissenschaftlerinnen) gelang, die Soziolinguistik als völligen Neuanfang darzustellen. Dazu wurde einerseits die ältere deutsche Forschung zum Thema Sprache und Gesellschaft vollständig ignoriert und andererseits die Blickrichtung (abgesehen von Bernstein) radikal auf die Rezep‐ tion der U.S.-amerikanischen Forschung umgestellt. Natürlich hatte es auch in Deutschland schon in der Vorkriegszeit relevante Forschung zur sozialen Ein‐ bettung sprachlicher, vor allem dialektaler Variation und sprachlichen Wandels gegeben. Bach (1950) gibt eine Bestandsaufnahme dieser Forschung und trägt vor allem in Kapitel V („Die Mundart in ihrer soziologischen Schichtung“) eine Fülle von soziolinguistischen Beobachtungen aus der Vorkriegsdialektologie zusammen. Seit der Abwendung vom junggrammatischen Paradigma und der Entwicklung des kulturhistorischen Ansatzes hatte die deutsche Dialektologie ja eine im weiteren Sinn soziolinguistische Wendung genommen (vgl. dazu Löffler, 5 2016: 14-19, 29 und Auer 2015). Darauf nahm die neue bundesdeutsche Soziolinguistik aber keinerlei Bezug. Auch in Konstanz waren wir dem Zeitgeist ergeben und wurden von Lehren‐ den unterrichtet, die teils nicht philologisch ausgebildet waren bzw. philologi‐ schen Traditionen ablehnend gegenüberstanden. (Bis in die frühen 1980er Jahre gab es nicht einmal eine Professur für germanistische Linguistik.) Das ging umso leichter, als sich viele der wichtigen Figuren der Vorkriegssprachwissenschaft durch ihre NS-Parteimitgliedschaft diskreditiert hatten. Forschungspraktisch ergab sich allerdings daraus ein Problem, dass die Theorien und Methoden der amerikanischen Soziolinguistik ohne Rücksicht auf ihre Tauglichkeit für die sprachliche Wirklichkeit in Deutschland zum Maß aller Dinge gemacht wurden. Aber genauso wie Bernsteins an der noch sehr rigiden britischen Klassengesellschaft der 1950er Jahre orientierter Ansatz wenig geeignet war, auf die durch die Nachwirkungen der beiden Weltkriege gänzlich anders strukturierte, sich als ‚formierte Gesellschaft‘ verstehende sozio-ökonomische Ordnung der Bundesrepublik angewandt zu werden, so war auch Labovs Forschung nur bedingt auf die damals noch weitgehend ethnisch und sicherlich rassisch homogene deutsche Gesellschaft übertragbar. Zur ras‐ sischen Segregation und schulischen Depravierung der afro-amerikanischen Bevölkerung im Amerika der 1950er und 1960er Jahre (also der Zeit, in der die amerikanische Soziolinguistik entstand), gab es in Deutschland kein Pendant; der Fall der ‚Gastarbeiter‘ lag linguistisch und soziologisch völlig anders. Vor al‐ lem aber war die sprachliche Situation in Europa und auch in Deutschland durch die Koexistenz von Dialekten und Standardvarietäten gekennzeichnet, die es in den USA in dieser Form nicht gab und nicht gibt. Variablenregeln lassen sich nur in Regionen formulieren, in denen die primären Dialekte verschwunden sind. Es 336 Peter Auer <?page no="337"?> ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass das klassische variationslinguistische Paradigma - trotz der enthusiastischen Rezeption in den frühen 1970er Jahren - in der germanistischen Soziolinguistik nur selten als Methode eingesetzt wurde. Nur Peter Schlobinski verwendet zum Beispiel in seiner Arbeit zum Berlinischen teilweise das Konzept der Variablenregel, bezeichnenderweise in einer Stadt, in der das Niederdeutsche seit langem verschwunden ist (Schlobinski 1988). Um Soziolinguistik in Kontinentaleuropa und eben auch in Deutschland zu betreiben, bedurfte es zuerst einer Reflexion über europäische Repertoire‐ struktur(en) (vgl. Auer 2005, Auer et al. 2005), aus der sich erst die Wahl geeigneter theoretischer Konzepte und Methoden ergeben konnte. Ein solches Konzept waren zum Beispiel die von Dressler und Wodak (1992) formulierten, mit der lexikalischen Phonologie kompatiblen input switch- oder Korrespon‐ denzregeln, die ihrerseits in der Tradition älterer Konzepte wie Schirmunskis primären und sekundären Dialektmerkmalen (Schirmunski 1930, vgl. Auer 1993) stehen. Anders gesagt: die Soziolinguistik musste sich in Europa erst mit der Dialektologie versöhnen, um zur social dialectology zu werden. Diese Versöhnung gelang in den 1980er und 1990er Jahren. Eine wesentliche Rolle spielten dabei germanistische Linguisten, die philologisch sozialisiert waren, sich aber für soziolinguistische Themen wie Sprachwandel öffneten - für mich persönlich war Klaus Mattheier dabei ein wichtiger Partner, aber es gab eine Reihe anderer solcher Brückenbauer (ich nenne stellvertretend Walter Haas und Arend Mihm). Die social dialectology ist seither im deutschsprachigen Raum eine Erfolgsgeschichte (Stratton und Beaman Hrsg. 2024). In der internationalen Soziolinguistik kam es in dieser Zeit auch zu einer Annäherung zwischen interaktional-konstruktivistischen und korrelativ-posi‐ tivistischen Ansätzen. Sie begann mit der Integration der sozialen Netzwerk‐ theorie in die Soziolinguistik (bereits von Labov thematisiert, aber maßgebend vorangetrieben von Leslie Milroy, 1980), die es erlaubte, das Interaktionsverhal‐ ten und die Position einzelner Personen in einem sozialen Netzwerk theoretisch und empirisch miteinander zu verbinden. In Auer et al. 1998, bzw. Barden und Großkopf 1998 haben wir versucht, die Netzwerktheorie auf die Untersuchung der sprachlichen Akkommodation bei innerdeutscher Ost-West-Migration nach der ‚Wende‘ anzuwenden. Zur gleichen Zeit traten an die Seite der Untersuchung des Sprachverhaltens Untersuchungen zur sozialen Bewertung sprachlicher Merkmale und zu Einstellungen zu Varietäten (folk linguistics im Sinne Prestons 1989) und zu Sprachideologien (theoretisch untermauert von Silversteins total linguistic fact, 1985). Auch dies stieß in der deutschen Soziolinguistik auf reges Interesse. Anfänge und Wirkungen der deutschen Soziolinguistik 337 <?page no="338"?> Schließlich wurde nach der Jahrtausendwende die schon von Gumperz pro‐ pagierte Indexikalität zum zentralen Begriff der linguistischen Anthropologie und Soziolinguistik (vgl. Silversteins „orders of indexicality“, 2003), auch bei Forschern und Forscherinnen, die in der Tradition Labovs standen (cf. Eckerts „indexical fields“, 2008, oder Johnstone und Kiesling, 2008). Zusammen mit weiteren zentralen theoretischen Begriffen wie soziale Identitäten, Selbst- und Fremdpositionierung, enregistering, stance, sozialen Stilen und communities of practice stand damit etwa seit der Jahrtausendwende ein erweiterter, teils neuer theoretischer Rahmen zur Verfügung, der es erlaubte, variationslinguistische Methoden mit ethnographisch-interaktionalen zu kombinieren; das geschah exemplarisch in Eckerts Belten High-Studie (2000), allerdings nur selten in Deutschland. Liest man die entsprechenden Kapitel in Spitzmüllers Soziolingu‐ istik-Einführung von 2022, so stellt man verwundert fest, dass kein einziges Beispiel für den dort ausführlich vorgestellten neuen Theorierahmen aus der deutschen/ deutschsprachigen Soziolinguistik kommt. Ein Dilemma dieser Annäherung der beiden Episteme lässt sich allerdings nicht beiseite schieben. Je kleiner die sozialen Zusammenhänge sind, in denen soziolinguistische Forschung betrieben wird, umso schwieriger ist es, Ergeb‐ nisse zu generieren, die im gesamtgesellschaftlichen Diskurs gehört werden, weil sie auf einer soliden empirischen Grundlage Repräsentativität beanspru‐ chen können. Die inzwischen die Soziolinguistik dominierende, radikal-kon‐ struktivistische, performativ-poststrukturalistische Denkrichtung macht die Sache nicht einfacher: wenn soziale Kategorieninventare wie Migrationsstatus, Ethnizität, Schichtzugehörigkeit und Gender nur noch als performative Selbst‐ darstellungen begriffen werden, wird wirkungsvolle quantitative Forschung unmöglich, weil keine unabhängigen Variablen mehr definiert werden können. Ich glaube, dass dieses Dilemma in der Soziolinguistik seit ihrem Beginn angelegt war. Kontextuell vielfach eingebettete, ethnographisch und interakti‐ onal unterfütterte Studien zu kleinen Personengruppen können zu suggestiven Ergebnissen führen, aber den Beleg dafür, dass diese Ergebnisse ausreichend repräsentativ sind, um die Grundlage für (bildungs-)politisches Handeln darstel‐ len können, bleiben sie schuldig. Die Betonung des performativen Charakters von Sprache blendet überdies aus, dass nicht alle sprachlichen Merkmale den sprachlich Handelnden ‚off the shelves‘ für ihr Identitätsmanagement und ihre Positionierungsaktivitäten zur Verfügung stehen. Merkmale niedriger Indexi‐ kalitätsstufen sind nicht (von jedem und jeder) kontrollierbar, sie verraten mehr über die Sprechenden als diese meinen. Diese habitus-bedingten sprachlichen Merkmale sind in der heutigen Soziolinguistik in den Hintergrund getreten. 338 Peter Auer <?page no="339"?> 4 Was hat die Soziolinguistik erreicht und wo steht sie heute? In den 1960er Jahren entstand die ‚neue‘ Soziolinguistik unter dem Eindruck und als Reaktion auf die ‘Bildungskatastrophe’. Man hatte erkannt, dass das bundesdeutsche Bildungssystem nicht in der Lage war, in einem ausreichenden Umfang Qualifikationen zu ermöglichen, die für die Weiterentwicklung von Wirtschaft und Gesellschaft nötig waren, und dass wesentliche Teile der bun‐ desrepublikanischen Gesellschaft von diesen Qualifikationen ausgeschlossen blieben. Die Soziolinguistik setzte in ihrer Gründungsphase dort an und identi‐ fizierte die Dialekte als Sprachbarriere. Im öffentlichen Diskurs und (teilweise) in der Bildungsforschung ist das heute nicht anders; nur ist an die Stelle des Dialekts die Herkunftssprache der Schüler und Schülerinnen ‚mit Migrations‐ hintergrund‘ getreten, der die Rolle der Sprachbarriere zugeschrieben wird. Die großangelegten PISA-Studien (sowie auch zahlreiche andere Sprach‐ standsmessungen in unteren Altersstufen) dokumentieren seit 2011 ein konti‐ nuierliches Absinken der Basiskompetenzen im Schreiben und Lesen (allerdings auch der mathematischen Kenntnisse), nachdem die Werte im ersten Jahrzehnt nach dem ‚Pisa-Schock‘ zunächst angestiegen waren. Zugleich verlässt ein immer weiter steigender Prozentsatz der Schüler und Schülerinnen das Schul‐ system ohne Abschluss. Beides kann man mit Fug und Recht als eine neue Bildungskatastrophe bezeichnen. Diese Trends sind im Fokus der Bildungsfor‐ schung, die Zusammenhänge mit dem massiven Anstieg von Kindern mit Mi‐ grationshintergrund feststellt, auch wenn dieser Zusammenhang nur vermittelt über den sozioökonomischen Status angemessen modelliert werden kann. Sie scheinen auf Mehrsprachigkeit als dem entscheidenden Problem hinzuweisen. Nun mag es zutreffen, dass z. B. effizienter Grundschulunterricht in einer Klasse mit zahlreichen Herkunftsprachen (zumindest wenn die Kinder aus rezent immigrierten Familien kommen) um ein Vielfaches schwieriger zu gestalten ist als in monolingualen oder moderat mehrsprachigen Klassen. Viel entscheidender dürfte allerdings sein, dass den Lehrerinnen gerade im entschei‐ denden Primarbereich linguistisches und soziolinguistisches Grundwissen über Mehrsprachigkeit, über Spracherwerb, über Kontrastive Linguistik, über die phonologischen Grundlagen des Schriftsystems usw. fehlt; solche Kenntnisse werden traditionellerweise nicht als relevant für Grundschullehrerinnen ange‐ sehen und haben an den PHs und Erziehungswissenschaftlichen Fakultäten keinen hohen Stellenwert. Dazu kommt, dass der Unterricht heute wohl stärker als jemals zuvor von reformpädagogischen Positionen geprägt ist. Der reformpädagogische Glauben (Oelkers 3 1996) an die Macht der “Eigentätigkeit” der Kinder und die Beschrän‐ Anfänge und Wirkungen der deutschen Soziolinguistik 339 <?page no="340"?> kung der Rolle der Lehrperson auf die einer “Begleiterin”, eines “Coaches” oder “Unterstützers” mit der Verpflichtung zu einer maximalen Zurückhaltung (Gruschka 2 2019) hat deren linguistisch fundierte Eingriffsmöglichkeiten weit‐ gehend ausgehebelt und zwingt sie, die Kinder mit ihren sprachlichen Proble‐ men im Stich zu lassen. Aber natürlich ist nicht die Mehrsprachigkeit als solche das Problem, genauso wenig wie in der Nachkriegszeit die Dialekte der Kinder das Problem waren. Das Problem ist das Fehlen literater Kompetenzen, nicht nur im Deutschen, sondern auch in den Herkunftssprachen. Gerade sprachliche Bildung ist in Deutschland immer noch in hohem Maß Sache der Eltern. Im migrantischen Milieu fehlt ihr diese Stütze oft. Die Krise des Bildungssystems war und ist aus soziolinguistischer Perspektive eine Krise der literaten Bildung (literacy). Nun hätte man erwarten können, dass sich die Soziolinguistik sieben Jahrzehnten nach ihrer Erfindung auf dem Hintergrund der akkumulierten Erfahrung dieser Jahrzehnte der neuen soziolinguistischen Herausforderung mit Verve stellen würde; tatsächlich gibt es aber nur wenige Arbeiten zum schulischen oder außerschulischen Erwerb des (literaten) Deutschen durch Kinder aus immigrierten Familien. Ausnahmen, die eher bildungswissenschaft‐ lichen als soziolinguistischen Theoriehintergrund haben, wie etwa Gogolin et al. (2022), erinnern in ihrer linguistischen Schlichtheit an die Bernsteins: sie arbeiten zwar mit großen Samples, beschränken sich aber wie damals auf die Auszählung von Wortklassen (Adjektive, Konjunktionen …). Ernstzunehmende linguistische Analysen kommen kaum vor (siehe allerdings dazu Blaschitz 2014). Soweit ich sehe, fehlen aber auch Untersuchungen zum spontanen Spracherwerb der seit 2015 immigrierten Erwachsenen. Ebenso vermisst man ethnographische Projekte zum multilingualen Schulalltag und Untersuchungen zur Kommunikation in multilingualen und multiethnischen migrantischen Milieus (jenseits von Keims nun schon etwas älterer, bahnbrechenden Studie zu den Mannheimer ‚Power Girls‘, 2007) oder zur Rolle des Deutschen als lingua franca. Beliebt sind Interviewanalysen (Brizić 2020), die einen relativ leichten Zugang zu Daten eröffnen, aber nur die Sicht der Beteiligten, insbesondere deren Sprachideologien, zu rekonstruieren erlauben, nicht das multilinguale Handlungsgeschehen selbst. Die Perspektive jüngerer Kinder ist auf diese Weise gar nicht zu erfassen. Deutlich mehr Interesse haben Veränderungen im um‐ gangssprachlichen (jugendsprachlichen? ) Deutsch gefunden, die jenseits von lernersprachlichen Phänomenen von Sprechern mit ‚Migrationshintergrund‘ ausgingen (Multiethnolekte, ‚Kiezdeutsch‘); dazu haben wir auch in Freiburg umfangreich geforscht (Auer, Duran und Auer, unter anderen). 340 Peter Auer <?page no="341"?> Natürlich sind solche Klagen immer auch als Selbstkritik zu verstehen. Schließlich hätte ich ja in all den genannten Bereichen (mehr) Forschung anstoßen können. Empirische Forschung dieser Art ist aufwändig, und es ist nicht leicht, Mitarbeiter(innen) zu rekrutieren, die für fieldwork bereit sind (und gegebenenfalls auch noch einige der ‚im Feld‘ relevanten Sprachen beherrschen). Die Themen, die Studierende heute interessieren, kommen aus ihrer eigenen Lebenswelt, die nicht die der rezent immigrierten Bevölkerung ist: neben den ‚woken‘ Modethemen sind das die Kommunikationsformen in den sog. sozialen Netzwerke und darauf basierenden ‚Diskursanalysen‘, die (im oben genannten, engen Sinn) soziolinguistisch sein können, aber nicht müssen. Was die schulbezogene Forschung betrifft, so ist es überdies deutlich schwie‐ riger geworden, Zugang zu Schulen zu finden. Neben den verschärften juristi‐ schen Bedingungen für die Erhebung und Speicherung von personenbezogenen Daten liegt das auch an der heute eher distanzierten Beziehung zwischen Schulen und universitärer Forschung. Viele Lehrerinnen scheinen den Eindruck zu haben, dass diese Forschung nur wenig mit ihren alltäglichen Problemen zu tun hat; als Folge haben sie wenig Interesse an Kooperationen. Ich fürchte, dass die seit einiger Zeit in der internationalen Angewandten Linguistik unter dem Stichwort translanguaging propagierte Idee, dass „named languages and their boundaries aren’t real (they are just ideological constructions)“ (Wiese 2023: 3), diese Entfremdung noch verstärken wird. Denn wie sollen sich die Be‐ mühungen der Lehrkräfte, die für den Bildungserfolg entscheidenden (literaten) Deutschkenntnisse zu vermitteln, auf dem Hintergrund der Auffassung, dass es Sprachen sowieso nicht gibt, noch rechtfertigen lassen? Dabei steht diese Idee auf tönernen Füßen. Die Gegenüberstellung von “real” und “sozial konstruiert” widerspricht der Idee des Konstruktivismus in der Soziologie diamentral: die soziale Wirklichkeit ist immer konstruiert, aber darum kein bisschen weniger wirklich (Auer 2022). Es ist eine Sache, die Wirklichkeit von Sprachen (als sozialen Konstrukten) zu verneinen, und eine andere, mehrsprachige Praktiken (hybride Sprechweisen) anzuerkennen (vgl. z. B. Auer 2009). Gerade funktiona‐ les Codeswitching und kreatives Spielen mit mehrsprachlichen Ressourcen gewinnen ja ihre Wirksamkeit erst aus der präsupponierten Existenz verschie‐ dener ‚Codes‘. Hinter der keineswegs neuen Idee, Kinder in der Schule ohne Begrenzung durch die angeblich oppressiven monolingualen Sprachnormen ihre Repertoires ‚authentisch‘ und ‚spontan‘ verwenden zu lassen, versteckt sich letztendlich das große, durchlaufende Thema der Soziolinguistik seit dem oben erwähnten Sieg der ‚Differenzhypothese‘: nämlich die spontanmündliche Sprachproduktion aufzuwerten. An diesem großen Thema haben wir alle mitgearbeitet - eines Anfänge und Wirkungen der deutschen Soziolinguistik 341 <?page no="342"?> der Ziele meiner Forschung zur Mehrsprachigkeit war ja gerade der Nachweis, dass mehrsprachiges Handeln strukturiert ist und nicht als chaotischer Misch‐ masch abgetan werden darf. In der Retrospektive scheint es mir allerdings, dass wir vergessen haben, explizit hinzuzufügen, was uns vielleicht immer selbstverständlich war, nämlich dass die spontane Alltagssprache sicherlich der Ausgangspunkt sprachlicher Bildung in und durch die Schule sein kann, nicht aber ihr Endpunkt. Das muss die geschriebene Sprache bzw. eine Form des Mündlichen sein, die auf die Schrift hinführt und sich dazu aus der Kontextgebundenheit des Oraten zugunsten des Literaten löst. Natürlich wer‐ den nicht viele der Meinung widersprechen, dass die „deutsche Sprache“ für „Bildungsteilhabe außer Zweifel steht“ (Gogolin und Maaz 2019: 10), aber es fehlt bei dieser Selbstverständlichkeit der Hinweis, dass erst eine bestimmte Form der Deutschkompetenz für den Bildungserfolg ausschlaggebend ist. Die Sprachdidaktik versucht seit einiger Zeit, das Literate durch den schillernden Begriff der ‚Bildungssprache‘ wieder in die Schule zurückzuholen. Das kann nicht über die dramatische Umwertung des Verhältnisses von orater und litera‐ ter Sprache in der Gegenwartsgesellschaft hinwegtäuschen, die ohne Zweifel die wichtigste soziolinguistische Veränderung der letzten 70 Jahre darstellt und auf das Bildungssystem massive Auswirkungen hat. Dieser Herausforderung hat sich die Soziolinguistik bisher nicht ausreichend gestellt. Literatur Auer, Peter (1983). Zweisprachige Konversationen: Code-Switching und Transfer bei italienischen Migrantenkindern in Konstanz (Schriftenreihe des SFB 99, Konstanz, Nr. 79). Gekürzte englische Version: Bilingual Conversation (Pragmatics & Beyond: 8). Amsterdam: Benjamins. Auer, Peter (1990). Phonologie der Alltagssprache: Zur Beschreibung von Variation am Beispiel des Konstanzer Stadtdialekts. Berlin: de Gruyter. Auer, Peter (1993). Zweidimensionale Modelle für die Beschreibung von Standard/ Dialekt-Variation und ihre Vorläufer in der deutschen Dialektologie: Ein Beitrag zur historischen Kontinuität. 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Homepage: https: / / home.uni-leipzig.de/ fix eMail: u.fix@t-online.de Csaba Földes, Prof. Dr. Dr., Inhaber des Lehrstuhls für Germanistische Sprach‐ wissenschaft an der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt Arbeitsschwerpunkte: Interkulturelle Linguistik/ Kommunikation, Mehrspra‐ chigkeit, Phraseologie, Sprachenpolitik, Deutsch als Minderheitensprache Homepage: www.foeldes.eu eMail: foeldes@foeldes.eu Beate Henn-Memmesheimer, Prof. em. Dr., Professorin für Germanistische Linguistik an der Universität Mannheim Arbeitsschwerpunkte: Sprache und Sprachverhalten als kulturelle Ressource: Entwicklungen, Innovationen und Moden; Semiotik: Analyse kultureller Phä‐ nomeme (Kunst, Architektur, Mode, Essen …) als Kommunikation. Homepage: https: / / www.phil.uni-mannheim.de/ germanistische-linguistik/ team/ eh emalige-lehrstuhlinhaberinnen/ prof-em-dr-beate-henn-memmesheimer/ eMail: beate.henn-memmesheimer@uni-mannheim.de Ernest W.B. Hess-Lüttich, Univ. Prof. em. Prof. h. c., Dr. Dr. Dr. h. c., Prof. f. Germanistik Universität Bern (bis 2014), Hon.Prof. TU Berlin, Hon.Prof. Univ. of Cape Town Arbeitsschwerpunkte: Diskursu. Dialogforschung (soziale, literarische, ästhe‐ tische, intermediale, interkulturelle, intra-/ subkulturelle, institutionelle, fachli‐ che, öffentliche, politische, urbane Kommunikation) <?page no="348"?> Homepage: https: / / www.tu.berlin/ linguistik/ ueber-uns/ team/ prof-dr-dr-dr-hcernest-wb-hess-luettich, https: / / humanities.uct.ac.za/ school-languages-literatu res/ contacts/ ernest-w-b-hess-luettich eMail: hess-luettich@t-online.de, hessluettich@icloud.com, hess-luettich@cam pus.tu-berlin.de Volker Hinnenkamp, Prof. em. Dr., Professur für „Interkulturelle Kommuni‐ kation“. Arbeitsschwerpunkte: Interaktionale Soziolinguistik, Interkulturelle Kommuni‐ kation, migrationsbedingte Mehrsprachigkeit, Konversationelle Missverständ‐ nisse. Homepage: https: / / www.hs-fulda.de/ forschen/ forschungseinrichtungen/ wissen schaftliche-zentren-und-forschungsverbuende/ cinteus/ organisation/ wissensch aftliche-mitglieder/ details/ person/ prof-ir-dr-volker-hinnenkamp-2-2329/ conta ctBox eMail: volker.hinnenkamp@sk.hs-fulda.de; Birte Kellermeier-Rehbein, Dr., Lehrkraft für besondere Aufgaben für ger‐ manistische Linguistik an der Bergischen Universität Wuppertal Arbeitsschwerpunkte: Standardvariation, Plurizentrik, Sprache in kolonialen Kontexten, Sprachbarrieren, Lexikographie. Homepage: https: / / germanistik.uni-wuppertal.de/ de/ teilfaecher/ sprachwissens chaft-des-deutschen/ personen/ birte-kellermeier-rehbein/ eMail: kellermeier-rehbein@uni-wuppertal.de Helga Kotthoff, Prof. em. Dr., in der Germanistischen Linguistik der Univer‐ sität Freiburg Arbeitsschwerpunkte: Anthropologische und interaktionale Linguistik, Gender- und Gesprächslinguistik, Deutsch als Fremdsprache Homepage: https: / / www.sdd.uni-freiburg.de/ personen/ ehemalige/ kotthoff/ inde x.html eMail: helga.kotthoff@germanistik. uni-freiburg.de Heinrich Löffler, Prof. em. Dr., Deutsche Philologie Universität Basel Arbeitsschwerpunkte: Namenforschung, Historische Sprachgeographie, Sozio‐ linguistik, Gesprächsanalyse, Sprache der Medien. Homepage: https: / / germanistik.philhist.unibas.ch/ de/ personen/ heinrich-loeffler/ eMail: heinrich.loeffler@unibas.ch 348 Autorinnen und Autoren <?page no="349"?> Eva Neuland, Prof. em. Dr., Germanistik: Deutsche Sprache und ihre Didaktik an der Bergischen Universität Wuppertal Arbeitsgebiete: Soziolinguistik, Jugendsprachforschung, Sprachliche Höflich‐ keit, interkulturelle Kommunikation, Sprachdidaktik Homepage: germanistik.uni-wuppertal.de/ ehemalige/ eva neuland eMail: neuland@uni-wuppertal.de Peter Schlobinski, Prof. em. Dr., bis 2022 als Professor für Germanistische Linguistik an der Leibniz Universität Hannover. 2011 wurde ihm der Kon‐ rad-Duden-Preis verliehen. Arbeitsschwerpunkte: deutsche Gegenwartssprache, Sozio- und Internetlinguistik Homepage: https: / / gfds.de/ ueber-die-gfds/ vorstand/ kurzbiografie-peter-schlobinski/ eMail: pschlobi@uos.de Johannes Schwitalla, Prof. em. Dr., Professor für deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Würzburg Arbeitsschwerpunkte: linguistische Gesprächsanalyse, gesprochene deutsche Sprache, Ethnografie der Kommunikation, Sprache und Medien (insbesondere im 16.-Jahrhundert). Homepage: Schriftenverzeichnis bei: Hartung, Martin/ Deppermann, Arnulf (Hrsg.) (2013): Gesprochenes und Geschriebenes im Wandel der Zeit. FS für Johannes Schwitalla. Mannheim: Verlag für Gesprächsforschung, 10-24. eMail: joh.schwitalla@web.de Wolfgang Steinig, Dr. Univ.-Professor für die Didaktik der deutschen Sprache am Germanistischen Seminar der Philosophischen Fakultät an der Universität Siegen. Emeritierung im Februar 2015 Arbeitsschwerpunkte: Soziolinguistik, Sprachdidaktik, Deutsch als Fremd- und Zweitsprache, Sprachevolution Homepage: https: / / www.uni-siegen.de/ phil/ germanistik/ mitarbeiter/ ehemalige / steinig_wolfgang/ eMail: steinig@germanistik.uni-siegen.de Ruth Wodak, Emerita, Distinguished Professor of Discourse Studies, Lancaster University/ o. Univ. Prof. i.R. Dr. DDr. h.-c. Ruth Wodak, Universität Wien Forschungsschwerpunkte: Kommunikation in Institutionen; Kritische Dis‐ kursforschung; Identitäts- und Vergangenheitspolitik; geschlechtergerechtes Sprachverhalten; politische Kommunikation und Vorurteilsforschung; populis‐ tische und rechtsextreme Rhetorik; qualitative Methoden der Feldforschung. Homepage: http: / / www.lancaster.ac.uk/ linguistics/ about-us/ people/ ruth-wodak eMail: r.wodak@lancaster.ac.uk Autorinnen und Autoren 349 <?page no="350"?> TÜBINGER BEITRÄGE ZUR LINGUISTIK (TBL) Bisher sind erschienen: Frühere Bände finden Sie unter: https: / / www.narr.de/ linguistik-kat/ linguistikreihen-kat? ___store=narr_starter_de 562 Martina Zimmermann Distinktion durch Sprache? Eine kritisch soziolinguistische Ethnographie der studentischen Mobilität im marktwirtschaftlichen Hochschulsystem der mehrsprachigen Schweiz 2017, 304 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-8144-0 563 Philip Hausenblas Spannung und Textverstehen Die kognitionslinguistische Perspektive auf ein textsemantisches Phänomen 2018, 256 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8155-6 564 Barbara Schäfer-Prieß, Roger Schöntag (Hrsg.) Seitenblicke auf die französische Sprachgeschichte Akten der Tagung Französische Sprachgeschichte an der Ludwig-Maximilians- Universität München (13. - 16. Oktober 2016) 2018, 558 Seiten €[D] 128,- ISBN 978-3-8233-8118-1 565 Vincent Balnat L’appellativisation du prénom Étude contrastive allemand-français 2018, 298 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-8233-8185-3 566 Silvia Natale Informationsorganisation und makrostrukturelle Planung in Erzählungen Italienisch und Französisch im Vergleich unter Berücksichtigung bilingualer SprecherInnen 2018, 212 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-8209-6 567 Ilona Schulze Bilder - Schilder - Sprache Empirische Studien zur Text-Bild-Semiotik im öffentlichen Raum 2019, 227 Seiten €[D] 59,- ISBN 978-3-8233-8298-0 568 Julia Moira Radtke Sich einen Namen machen Onymische Formen im Szenegraffiti 2020, 407 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8330-7 571 Melanie Kunkel Kundenbeschwerden im Web 2.0 Eine korpusbasierte Untersuchung zur Pragmatik von Beschwerden im Deutschen und Italienischen 2020, 304 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-8233-8364-2 573 Mario Franco Barros Neue Medien und Text: Privatbrief und private E-Mail im Vergleich 2020, ca. 750 Seiten €[D] 119,90 ISBN 978-3-8233-8377-2 <?page no="351"?> 574 Sofiana Lindemann Special Indefinites in Sentence and Discourse 2020, 250 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-8381-9 575 Junjie Meng Aufgaben in Übersetzungslehrbüchern Eine qualitative und quantitative Untersuchung ausgewählter deutschchinesischer Übersetzungslehrbücher 2020, 206 Seiten €[D] 48,- ISBN 978-3-8233-8382-6 576 Anne-Laure Daux-Combaudon, Anne Larrory- Wunder (Hrsg.) Kurze Formen in der Sprache / Formes brèves de la langue Syntaktische, semantische und textuelle Aspekte / aspects syntaxiques, sémantiques et textuels 2020, 392 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-8233-8386-4 577 Bettina Eiber Wikipedia und der Wandel der Enzyklopädiesprache Ein französisch-italienischer Vergleich 2020, 473 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8407-6 578 Lidia Becker, Julia Kuhn. Christina Ossenkop, Anja Overbeck, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (Hrsg.) Fachbewusstsein der Romanistik Romanistisches Kolloquium XXXII 2020, 327 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-8418-2 579 Lidia Becker, Julia Kuhn. Christina Ossenkop, Anja Overbeck, Claudia Polzin-Haumann, Elton Prifti (Hrsg.) Romanistik und Wirtschaft Romanistisches Kolloquium XXXIII 2020, 274 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-8420-5 580 Claudia Schweitzer Die Musik der Sprache Französische Prosodie im Spiegel der musikalischen Entwicklungen vom 16. bis 21. Jahrhundert 2021, 201 Seiten €[D] 58,- ISBN 978-3-8233-8493-9 581 Roger Schöntag Das Verständnis von Vulgärlatein in der Frühen Neuzeit vor dem Hintergrund der questione della lingua Eine Untersuchung zur Begriffsgeschichte im Rahmen einer sozio- und varietätenlinguistischen Verortung: Die sprachtheoretische Debatte zur Antike von Leonardo Bruni und Flavio Biondo bis Celso Cittadini (1435-1601) 2022, 763 Seiten €[D] 138,- ISBN 978-3-8233-8540-0 582 Lea Schäfer Onymische Flexion Strukturen und Entwicklungen kontinentalwestgermanischer Dialekte 2021, 486 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-8233-8521-9 583 Sarah Brommer, Kersten Sven Roth, Jürgen Spitzmüller (Hrsg.) Brückenschläge Linguistik an den Schnittstellen 2022, 324 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-8233-8518-9 <?page no="352"?> 584 Mohcine Ait Ramdan Konzeptualisierung von Konkreta und Abstrakta Eine kulturorientierte, kognitionslinguistische Vergleichsstudie zwischen dem Deutschen, dem Arabischen und dem Französischen 2022, 245 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-8556-1 585 Steffen Hessler Autorschaftserkennung und Verstellungsstrategien Textanalysen und -vergleiche im Spektrum forensischer Linguistik, Informationssicherheit und Machine-Learning 2023, 426 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8561-5 586 Jakob Wüest Une histoire des connecteurs logiques Causalité, argumentation, conséquence, finalité et concession 2023, 319 Seiten €[D] 58,- ISBN 978-3-8233-8615-5 587 Bin Zhang Metapherntheorie und Konstruktionsgrammatik Ein vierdimensionaler Ansatz zur Analyse von Metaphern und metaphorischen Konstruktionen 2023, 410 Seiten €[D] 78,- ISBN 978-3-8233-8614-8 588 Maria Schädler Die Proposition mit Kopula Urteilscharakter, logisch-semantische Valenz und formalisierte Sprache 2023, 872 Seiten €[D] 118,- ISBN 978-3-381-10781-0 589 Eva Lavric, Gerhard Pisek (eds.) Language and Football 2024, 384 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8624-7 590 Laura Guse Bewegungskonstruktionen des Deutschen Korpusstudien zur Versprachlichung von Bewegungsereignissen aus konstruktionsgrammatischer Perspektive 2024, 358 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-381-11031-5 591 Norbert Dittmar, Eva Neuland (Hrsg.) Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik des Deutschen Dokumentarische und autobiographische Rekonstruktionen 2025, 350 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-381-13271-3 592 Kirsten Schindler, Alexandra Lavinia Zepter (Hrsg.) Sprachliche Kreativität in Bildungs- und Fachsprache Textproduktion und Diskurspraktiken 2025, 315 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-381-10941-8 <?page no="353"?> www.narr.de Diese Darstellung der Entwicklungs- und Wirkungsgeschichte der Soziolinguistik im deutschsprachigen Raum füllt mit ihrer Berücksichtigung der DDR-Soziolinguistik und der Leistungen bereits verstorbener Fachvertreter: innen eine wichtige Lücke in der Forschungsgeschichte auch im internationalen Kontext. Den Hauptteil bilden teils autobiographische Rückblicke prominenter Fachvertreter: innen in Form von Originalbeiträgen und Interviews sowie biographischen Darstellungen im Falle verstorbener Kolleg: innen. Problemkonstellationen im Kontext von Sprachgebrauch und Gesellscha der Anfangszeit (v. a. die sog. „Bildungskatastrophe“) werden als „Blicke zurück nach vorn“ in ihren Weiterentwicklungen und Neuorientierungen sichtbar gemacht (u. a. Gender- und Kontaktlinguistik, Stadtsprachen- und Jugendsprachforschung). Die Beiträge zeigen, wie sich mit den emen auch die Forschungsmethoden verändert haben (ethnographische, interaktionale) und von der Soziolinguistik Impulse auf viele Forschungsgebiete und Anwendungsfelder (v. a. empirische Sprachforschung, Sprachunterricht, Sprachkritik) ausgegangen sind. ISBN 978-3-381-13271-3
