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Sprachgebrauch und Sprachidentitäten

Variationslinguistische Perspektiven

0302
2026
978-3-381-13502-8
978-3-381-13501-1
Gunter Narr Verlag 
Florina Zülli
Ronja Eggenschwiler
Christa Dürscheid
10.24053/9783381135028
CC BY-SA 4.0https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de

Wie formt Sprache unsere Identität? Wie inszenieren wir verschiedene Identitäten durch Sprache? Welche Normen bestimmen unseren Sprachgebrauch - und wie verändern sich diese im Lauf der Zeit, in Abhängigkeit von den beteiligten Akteur:innen? Was verraten historische Quellen über die damals Schreibenden und ihre Schreibpraktiken? Der Sammelband widmet sich diesen und weiteren Fragen zur Rolle von Sprache in gesellschaftlichen und technologischen Wandelprozessen. Er umfasst deutsch- und englischsprachige Beiträge, die interessante Einblicke in die Variabilität von Einzelsprachen bieten und sich in drei Teile gliedern: Sprachgebrauch und Sprachidentitäten in historischen Schriftzeugnissen (Teil I), Sprachgebrauch im Spannungsfeld von Norm, Variation und Didaktik (Teil II) und Sprachgebrauch, Sprachidentitäten und Indexikalität im Wandel (Teil III). Ergänzend dazu wird in der Einleitung erläutert, welches Konzept von Sprachidentität dem Sammelband zugrunde liegt und welche Argumente dafür sprechen, von mehreren Sprachidentitäten auszugehen.

9783381135028/9783381135028.pdf
<?page no="0"?> Florina Zülli / Ronja Eggenschwiler / Christa Dürscheid (Hrsg.) Sprachgebrauch und Sprachidentitäten Variationslinguistische Perspektiven <?page no="1"?> Sprachgebrauch und Sprachidentitäten <?page no="3"?> Florina Zülli / Ronja Eggenschwiler / Christa Dürscheid (Hrsg.) Sprachgebrauch und Sprachidentitäten Variationslinguistische Perspektiven <?page no="4"?> Publiziert mit finanzieller Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und der Vereini‐ gung des Wissenschaftlichen Nachwuchses (WNW) des Deutschen Seminars der Universität Zürich. DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381135028 © 2026 · Florina Zülli, Ronja Eggenschwiler, Christa Dürscheid Das Werk ist eine Open Access-Publikation. Es wird unter der Creative Commons Namensnen‐ nung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen | CC BY-SA 4.0 (https: / / creativecommons.org/ li‐ censes/ by-sa/ 4.0/ ) veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, solange Sie die/ den ursprünglichen Autor/ innen und die Quelle ordentlich nennen, einen Link zur Creative Commons-Lizenz anfügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Werk enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der am Material vermerkten Legende nichts anderes ergibt. In diesen Fällen ist für die oben genannten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Internet: www.narr.de, eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISBN 978-3-381-13501-1 (Print) ISBN 978-3-381-13502-8 (ePDF) ISBN 978-3-381-13503-5 (ePub) Umschlagabbildung: © Florina Zülli; erstellt mithilfe von ChatGPT (OpenAI). Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. Dr. Florina Zülli Universität Zürich Philosophische Fakultät Deutsches Seminar Schönberggasse 9 CH-8001 Zürich https: / / orcid.org/ 0009-0002-2386-9481 M.A. Ronja Eggenschwiler Universität Zürich Philosophische Fakultät Deutsches Seminar Schönberggasse 9 CH-8001 Zürich https: / / orcid.org/ 0009-0003-8731-9494 Prof. em. Dr. Christa Dürscheid Universität Zürich Philosophische Fakultät Deutsches Seminar Schönberggasse 9 CH-8001 Zürich https: / / orcid.org/ 0000-0001-9141-7562 <?page no="5"?> 7 17 37 63 85 109 135 165 Inhalt Florina Zülli, Ronja Eggenschwiler, Christa Dürscheid Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . I Sprachgebrauch und Sprachidentitäten in historischen Schriftzeugnissen Jarochna Dąbrowska-Burkhardt Verschiedene Sprachidentitäten in einem Stammbuch? Sprachvariabilität am Beispiel von Grünberger Stammbüchern aus dem 18.-Jahrhundert . . . . Sabina Tsapaeva Das Sprachbuch des Georg von Nürnberg (1424) vs. Ein Rusch Boeck (16. Jh.). Was uns historische Fremdsprachenlehrwerke noch über Sprachgebrauch und Sprachidentität verraten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . II Sprachgebrauch im Spannungsfeld von Norm, Variation und Didaktik Jan Georg Schneider Usage-based spoken standard and its significance for GFL teaching . . . . . . Pirkko Friederike Dresing Lehrkräfte als Sprachnormautoritäten im inklusiven Kontext. Rekonstruktion bildungssprachlicher Normvorstellungen, Sprachideologien und Sprachidentitäten in Gruppendiskussionen . . . . . . . Nobuyo Fukaya The given-before-new principle and Japanese learners of English. A corpus-based study of the dative alternation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anna Volodina, Jan Gorisch So’n ‘riesen Zirkus’ wegen ‘riesen’? Zwischen Sprachnorm und Sprachgebrauch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ioana-Narcisa Crețu Sprachgebrauch in Rumänien. Zur Rolle der Anglizismen in der Gegenwartssprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 183 203 229 251 273 301 III Sprachgebrauch, Sprachidentitäten und Indexikalität im Wandel Dinah Krenzler-Behm „Moikka. Eine Stulle für’n Fünfer.“ Sprachvarietäten als humoristische Elemente in der deutschen Comedy-Serie Merz gegen Merz . . . . . . . . . . . . . Jürgen Spitzmüller “The Total Linguistic Fact”. Linguistics at the Interface of System, Use, and Ideology . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sophia Burnett Non-standard typography as performative protection. From indexicality to enregisterment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Julie Täge „Wenn ich [hier] bin, ist auf einmal mein Dialekt weg.“ Chronotopische Sprachidentitäten in der Smartphone-Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . Florina Zülli Machina Sapiens. Sprache und Identität im Zeitalter Künstlicher Intelligenz Zu den Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> Einleitung Florina Zülli, Ronja Eggenschwiler, Christa Dürscheid „Eine homogene, statische Standardsprache gibt es nicht. Das zeigt sich etwa darin, dass der Sprachgebrauch je nach regionaler Herkunft, Alter, situativem Kontext etc. variiert - und dies nicht nur in der gesprochenen Sprache. Auch im Geschriebenen besteht eine große Variationsbreite und es wäre falsch anzunehmen, dass sprachliche Normen in allen Schreibkon‐ texten gleichermaßen gelten würden. Auf der anderen Seite müssen im Fremdsprachenunterricht, ob für das Deutsche oder jede andere Sprache, Regeln vermittelt werden, die in den Grammatiken, Wörterbüchern und in der Orthographie der jeweiligen Sprache fixiert sind. Wie ist mit dieser Herausforderung in der Sprachdidaktik umzugehen? Eine weitere Frage, die im Kontext des Kolloquiums diskutiert werden soll, bezieht sich darauf, wie sich die Variabilität innerhalb einer Sprache konkret gestaltet und wie davon im Alltag Gebrauch gemacht wird. So gibt es situativ-pragmatische Normen, die als selbstverständlich vorausgesetzt werden und denen wir in einer Kommunikationssituation unbewusst folgen. Der Sprachgebrauch resultiert aber nicht nur aus solchen Erwartungen und Erwartungserwartungen, wir können ihn auch bewusst einsetzen, um unsere soziale Position zu markieren und damit, im Sinne von Bourdieu, unser «symbolisches Kapital» zu erhöhen […].“ Auszug aus dem Call for Papers - LingColl 2024 https: / / www.ds.uzh.ch/ de/ tagungen/ lin gcoll59.html (letzter Zugriff: 27.6.2025) Mit diesen Worten haben wir zur Teilnahme an einer Konferenz des Linguisti‐ schen Kolloquiums (LingColl) eingeladen, die im Sommer 2024 an der Univer‐ sität Zürich stattfand. Das Kolloquium steht in einer langen Tradition, es findet seit 1966 an jährlich wechselnden Orten und zu wechselnden Fragestellungen statt. Über 50 Personen sind dem Aufruf gefolgt, und so war es möglich, unter dem Titel „Standardsprache. Sprachgebrauch. Sprachidentitäten“ ein interes‐ <?page no="8"?> 1 Grosser Dank gebührt auch der Vereinigung des Wissenschaftlichen Nachwuchses (WNW) des Deutschen Seminars der Universität Zürich sowie dem Schweizerischen Nationalfonds für die finanzielle Unterstützung bei der Publikation des vorliegenden Bandes. santes Programm zusammenzustellen. Der vorliegende Band präsentiert nur einen kleinen Ausschnitt daraus, macht aber bereits deutlich, wie vielfältig die Themen sind, die bei der Konferenz behandelt wurden. Alle Beiträge, die wir hier zur Publikation bringen, haben etwas gemeinsam: Sie nähern sich dem Thema aus variationslinguistischer Perspektive (siehe dazu weiter unten, Punkt 4). Dies geschieht in drei Teilen, die unter den Überschriften Sprachgebrauch und Sprach‐ identitäten in historischen Schriftzeugnissen (I), Sprachgebrauch im Spannungsfeld von Norm, Variation und Didaktik (II) und Sprachgebrauch, Sprachidentitäten und Indexikalität im Wandel (III) stehen. In diesen wird die Variabilität des Deutschen sowohl auf historischer Ebene (Teil I) als auch gegenwartsbezogen (Teile II und III) betrachtet. Doch bevor wir den Inhalt der einzelnen Beiträge kurz skizzieren, sei noch auf einige Punkte eingegangen, die sich auf formale und inhaltliche Aspekte beziehen. Die Anmerkungen zum Inhalt in 4) und 5) betreffen sowohl den Untertitel („Variationslinguistische Perspektiven“) als auch den Haupttitel („Sprachgebrauch und Sprachidentitäten“). Zum theoretischen Rahmen, in dem sich unser Band situiert, d. h. zur Variationslinguistik, sind nur wenige Hinweise nötig, zum Stichwort „Sprachidentitäten“ im Titel müssen wir etwas weiter ausholen. 1. Der Band umfasst sowohl englischals auch deutschsprachige Beiträge. Was Letztere betrifft, so sind diese in deutscher oder - wie auch hier in der Einleitung der Fall - in Schweizer Orthographie verfasst. Nur die An‐ führungszeichen wurden abschliessend einheitlich nach deutschem Muster (d. h. ohne Guillemets) gesetzt, um das Schriftbild möglichst einheitlich zu gestalten. 2. In einzelnen Beiträgen wird gegendert (z. B. mittels Beidnennung, Gen‐ der-Stern, Gender-Doppelpunkt), in anderen nicht. Die Entscheidung ha‐ ben wir jeweils den Autor: innen überlassen. 3. Alle Beiträge wurden einem Review-Prozess unterzogen, sorgfältig lekto‐ riert und professionell gelayoutet. Sowohl den Gutachtenden, den Lektoren Gerard Adarve, Craig Brand und Dimitrios Sarantidis als auch Sandro Wick, der die Texteinrichtung übernommen hat, möchten wir an dieser Stelle herzlich für ihre Arbeit danken. 1 4. Sprachen sind nicht nur durch Variation gekennzeichnet, Variation ist das Wesensmerkmal von Sprache (vgl. hierzu ausführlich Dürscheid/ Schneider 8 Florina Zülli, Ronja Eggenschwiler, Christa Dürscheid <?page no="9"?> 2 Spitzmüller referiert hier die Kritik anderer (z. B. von Deborah Cameron) an älteren variationslinguistischen Untersuchungen. 2019). Die Variabilität zeigt sich sowohl auf dialektaler als auch auf standardsprachlicher Ebene; eine homogene, statische Standardsprache, so schreiben wir denn auch einleitend im Call for Papers (s. o.), gibt es nicht. Wer sich über die Zielsetzungen der Variationslinguistik genauer informieren möchte, sei beispielsweise auf Spitzmüller (2022) verwiesen. In seinem Einführungswerk zur Soziolinguistik widmet Spitzmüller der Variationslinguistik ein eigenes, sehr informatives, stellenweise aber auch sehr kritisch ausgerichtetes Kapitel (vgl. Spitzmüller 2022: 119-157). Er legt dar, dass es „der Variationslinguistik weniger um konkrete soziale Interaktion als darum geht zu zeigen, wie in bestimmten sozialen Konstel‐ lationen typischerweise gesprochen wird“ (Spitzmüller 2022: 156). Diesen Ansatz verfolgen wir mit dem vorliegenden Band gerade nicht. Uns geht es vielmehr darum zu zeigen, wie sich konkrete sprachliche Handlungen gestalten (z. B. in historischen Schriftzeugnissen, im DaF-Unterricht, in der WhatsApp-Kommunikation) und wie die Sprachteilhabenden in den jeweiligen Kontexten agieren. Auch gehen wir nicht davon aus, dass sprachliche Handlungen lediglich ein Reflex aussersprachlicher Faktoren sind (z. B. Alter, Geschlecht, regionale Herkunft) und die Sprachidentität einer Person unverrückbar, statisch und monolithisch ist (vgl. Spitzmüller 2022: 166). 2 Wir vertreten stattdessen die Auffassung, dass Identität inhä‐ rent dynamisch und pluralistisch angelegt ist. Das ist auch der Grund, weshalb wir das Wort Sprachdentität im Titel in den Plural gesetzt haben. Dazu folgen im nächsten Punkt noch einige Erläuterungen. 5. Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang auf einen Beitrag von Ulla Fix, der 2003 in dem Sammelband „Sprachidentität. Identität durch Sprache“ erschien. Einleitend ist hier zu lesen: „Aus soziologischer Perspektive und unter dem Aspekt des Umgangs mit Sprache gilt nun der klare Grundsatz, dass es eine Identität oder die Identität gar nicht gibt und geben kann“ (Hervorhebung im Orig., Fix 2003: 107). Hinter dieser Aussage steht die Annahme, dass Identität vorwiegend durch Sprache ausgehandelt, dargestellt und im performativen Sinn auch konstituiert wird (vgl. dazu auch Pohl 2012: 15) - und zwar in einem iterativen Prozess in jeder neuen Interaktion, an der die Person teilnimmt. Ein anschauliches Beispiel für diese sowohl sprachlich entworfenen wie auch sprachlich unterschiedlich markierten Identitäten findet sich in dem Einführungswerk „Sprache und Identität“: Einleitung 9 <?page no="10"?> 3 Im digitalen Kontext zeigt sich dies z. B. daran, dass über Hashtags die Zugehörig‐ keit zu bestimmten sozialen Gruppen zum Ausdruck gebracht wird (vgl. #MeToo, #WomenInScience oder #CancerSurvivor) oder Einstellungen zu ideologischen Orientie‐ rungen (#MAGA, #BlackLivesMatter oder #LoveIsLove) offengelegt werden. Eine Frau, die als Ärztin arbeitet, eine Tochter hat, gerne einkaufen geht und Volleyball spielt, [nimmt] verschiedene Rollen ein, je nachdem, in welcher Situation sie sich befindet. Sie wird im Ärztin-Patientin-Gespräch anders sprechen als mit ihrer Tochter und wieder anders, wenn sie […] als Spielerin von ihrem Trainer Anweisungen entgegennimmt (Werani 2023: -71). Die Ärztin, die Mutter, die Sportlerin - diese Rollen, wie Anke Werani sie bezeichnet, sind Ausdruck der Poly-Identität eines jeden Individuums. Die verschiedenen Situationen, in denen sich eine Person befindet, evozieren jeweils eine andere Identität, und jede dieser Identitäten bedient sich eines Sprachge‐ brauchs, der bezeichnend für diese Identität ist. Oder anders ausgedrückt: Durch den mit der jeweiligen Identität assoziierten Sprachgebrauch präsentiert sich die Person ihrem Gegenüber (z. B. der Patientin) in der entsprechend sozial kodierten Rolle (z. B. als Ärztin). Doch das ist nur ein Aspekt des Ganzen. Wie im Call for Papers zu unserer Tagung geschrieben (s. o.), kann der Sprach‐ gebrauch auch bewusst eingesetzt werden, um eine bestimmte soziale Position zu markieren, sich also beispielsweise als Ärztin zu inszenieren. In diesem Zusammenhang sei auf das Stance-Konzept von John Du Bois hingewiesen, wonach sich „Interagierende im sozialen Raum permanent zueinander ausrich‐ ten“ (Spitzmüller 2022: 274), d. h. Bewertungen vornehmen (Evaluation), sich zu einem Sachverhalt, einem Objekt oder einer Person positionieren (Positioning) und sich selbst verorten, indem sie Stellung zu anderen Personen beziehen (Alignment), die ihrerseits Bewertungen vorgenommen haben (vgl. Du Bois 2007). Dieses Stance-Taking kann als zentrales Mittel zur Identitätskonstruktion betrachtet werden. 3 Unabhängig davon, welche Motive jeweils dahinterstehen: Identitätskons‐ titution findet immer in der Interaktion statt, die Markierung von Identität vollzieht sich primär im sozialen Paradigma. Dazu noch ein Zitat, das aus einem Sammelband mit dem Titel „Sprache und Identität“ stammt: „‚Identität‘ [erscheint] als ein an der ‚Schnittstelle zwischen Subjekt und Gesellschaft‘ (zit. nach Gymnich 2003: 30) angesiedeltes Konzept […] [, wodurch auch jede] individuelle Identität […] als multiple Identität verstanden werden“ muss (Grotek/ Norkowska 2016: 11-12). Wichtig ist an dieser Stelle auch, darauf hinzuweisen, dass der Terminus Sprachidentität nicht nur die durch das Spre‐ chen, sondern auch die durch das Schreiben entworfenen Identitäten umfasst. 10 Florina Zülli, Ronja Eggenschwiler, Christa Dürscheid <?page no="11"?> Beispielhaft wird dies im vorliegenden Band in Teil I aus historischer Sicht dar‐ gelegt. Hier wird deutlich, dass sich Schreibpraktiken in der Art und Weise der Identitätsaushandlung sowie der Selbstpositionierung je nach Kontext erheblich unterscheiden - etwa in Bezug auf formale Gestaltung, das verwendete Medium oder die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Doch nicht nur Identitäten sind wandelbar (vgl. dazu auch Zirfas 2010), der Identitätsbegriff selbst könnte sich wandeln. Noch ist dieser an den Men‐ schen gebunden. Betrachtet man aber die neuesten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz, muss man konstatieren: Moderne Sprachmodelle wie ChatGPT können glaubhaft Sprachidentitäten imitieren, d. h. diese durch bewusste Registerwahl und stilistische Variation ‚performen‘ und sie mit be‐ liebigem sozialem Kapital (vgl. Bourdieu 1983) ausstatten. Dadurch ergeben sich neue Fragestellungen hinsichtlich des Identitätskonzepts, die hier nur angerissen werden können (vgl. dazu aber den abschliessenden Beitrag in Teil III). Das führt uns zum Schluss der Einleitung zur Übersicht über den Inhalt der nachfolgenden Beiträge. Diese gliedern sich in drei Teile: In Teil I legt Jarochna Dąbrowska-Burkhardt in ihrer diskursanalytischen Untersuchung dreier Grünberger Stammbücher des 18. Jahrhunderts dar, wie die Stammbucheintragenden Sprachvariabilität nutzen, um soziale Zugehörigkeit sichtbar zu machen. Sabina Tsapaeva richtet sodann ihren Blick auf zwei historische Fremdsprachenlehrwerke. Sie zeigt auf, welche Erkenntnisse sich aus diesen Quellen über den damaligen Sprachgebrauch und die Reflexion sprachlicher Identität gewinnen lassen und welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen Lehrwerken bestehen. Teil II stellt die Wechselwirkung zwischen sprachlicher Norm, Variation und Didaktik in den Vordergrund. Den Auftakt bildet Jan Georg Schneider, der sich aus syntaktischer Perspektive mit dem Konzept des gesprochenen Stan‐ dards auseinandersetzt und dessen Relevanz für den Unterricht von Deutsch als Fremdsprache (DaF) diskutiert. Im Anschluss daran thematisiert Pirkko Friederike Dresing die Rolle von Lehrkräften als Normautoritäten in inklusiven Bildungskontexten. Im Zentrum steht hier die Frage, wie bildungssprachliche Normvorstellungen und Sprachideologien in Gruppendiskussionen rekonstru‐ iert werden und welche Probleme in inklusiven Lernumgebungen entstehen, wenn Normen der Bildungssprache mit der Heterogenität der Lernvorausset‐ zungen kollidieren. Der dritte Beitrag behandelt das „given-before-new princi‐ ple“, das in der Satzgliedfolge eine entscheidende Rolle spielt. Am Beispiel von japanischen Englischlernenden zeigt Nobuyo Fukaya in ihrer korpusbasierten Analyse auf, zu welchen Interferenzen es bei der Anwendung von grammati‐ Einleitung 11 <?page no="12"?> schen Prinzipien kommen kann und welche Herausforderungen sich dadurch für die Fremdsprachendidaktik stellen. Ebenfalls einen korpuslinguistischen Zugang wählen Anna Volodina und Jan Gorisch in ihrer Untersuchung zur prosodischen Realisierung von riesen in Konstruktionen wie Riesenspaß und riesen Problem, wobei die zweite, nicht-normenkonforme Variante dadurch gekennzeichnet ist, dass riesen als freies Morphem auftritt - und dies bevorzugt in sogenannten so(n)-Konstruktionen. Ioana Crețu schliesslich widmet sich dem Vorkommen von Anglizismen im Rumänischen und zeigt auf, welche Stellung diese im Orthographischen Wörterbuch der rumänischen Sprache haben. Der dritte und zugleich letzte Themenblock (Teil III) trägt die Überschrift „Sprachgebrauch, Sprachidentitäten und Indexikalität im Wandel“. Dinah Krenz‐ ler-Behm eröffnet den Reigen mit einer Analyse der Comedy-Serie „Merz gegen Merz“. In dieser deutschen TV-Sendung werden durch den gezielten Einsatz von Dialekt, Umgangssprache und Akzent - insbesondere im Spannungsfeld zwischen Berliner Varietäten und der standardsprachlich gefärbten Sprache eines finnischen Protagonisten - komische Effekte erzeugt und gleichzeitig Mechanismen sprachlicher Ausgrenzung sichtbar. Eine breitere theoretische Perspektive bringt Jürgen Spitzmüller ein, der das von Michael Silverstein geprägte Konzept des „total linguistic fact“ heranzieht, um die wechselseitige Verflechtung von Sprachsystem, Sprachgebrauch und Ideologien bei der Aus‐ handlung sozialer Identitäten zu beleuchten. Sprachliche Formen, so zeigt er auf, erhalten durch soziale Registrierung (Enregisterment) soziale Bedeutung und fungieren als Marker von Zugehörigkeit und Abgrenzung. Kritik an Sprache zielt somit stets auch auf gesellschaftliche Vorstellungen und soziale Ordnun‐ gen. Der darauffolgende Beitrag behandelt eine spezifische Form der sozialen Positionierung im Online-Kontext: die Verwendung der nicht-standardisierten Kleinschreibung des englischen Pronomens für die 1. Person Singular. Sophia Burnett zeigt auf, wie diese Schreibweise als sozialer Marker wirkt und als per‐ formativer Schutzmechanismus (Shielding) genutzt wird. Sodann thematisiert Julie Täge am Beispiel der Smartphone-Kommunikation die Frage, wie Spre‐ cher: innen ihre sprachlichen Identitäten in WhatsApp-Chats mit Interaktions‐ partner: innen aus sozial oder regional unterschiedlichen Kontexten aushandeln. Illustriert wird dies am Beispiel von zwei Studentinnen, die für das Studium ihren dialektal geprägten Heimatort verlassen und in ihrem neuen „Alltags‐ raum“, der Universität, ihren Sprachgebrauch modifizieren. Der abschliessende Beitrag von Florina Zülli leitet über von der Mensch-Mensch-Kommunikation (z. B. via WhatsApp) zur Mensch-Maschine-Kommunikation (z. B. im Dialog mit ChatGPT). Hier geht es um die Rolle von Künstlicher Intelligenz in der Identitätsbildung und um die Frage, ob Maschinen in der Lage sind, menschliche 12 Florina Zülli, Ronja Eggenschwiler, Christa Dürscheid <?page no="13"?> Identität sprachlich zu imitieren oder sogar zu konstituieren. Der Beitrag endet mit einer Frage, die wir auch an das Ende unserer Inhaltsskizze stellen wollen: Was bedeutet diese Entwicklung für unser Verständnis von Sprache, Identität und letztlich des Menschseins? Literatur Bourdieu, Pierre (1983). Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Kreckel, Reinhard (Hrsg.). Soziale Ungleichheiten. Göttingen: Schwartz, 183-198. Du Bois, John W. (2007). The stance triangle. In: Englebretson, Robert (Hrsg.). Stance‐ taking in Discourse: Subjectivity, Evaluation, Interaction. Amsterdam/ Philadelphia: John Benjamins, 139-182. Dürscheid, Christa/ Schneider, Jan Georg (2019). Standardsprache und Variation. Tübin‐ gen: Narr. Fix, Ulla (2003). Identität durch Sprache - eine nachträgliche Konstruktion? In: Janich, Nina/ Thim-Mabrey, Christiane (Hrsg.). Sprachidentität. Identität durch Sprache. Tü‐ bingen: Narr, 107-124. Grotek, Edyta/ Norkowska, Katarzyna (2016). Sprache und Identität. Zur Einführung. In: Grotek, Edyta/ Norkowska, Katarzyna (Hrsg.). Sprache und Identität - Philologische Einblicke. Berlin: Frank & Timme, 9-18. Pohl, Walter (2012). Sprache und Identität: Einleitung. In: Pohl, Walter/ Zeller, Bernhard (Hrsg.). Sprache und Identität im frühen Mittelalter. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 9-22. Spitzmüller, Jürgen (2022). Soziolinguistik. Eine Einführung. Stuttgart: Metzler. Werani, Anke (2023). Sprache und Identität. Eine Einführung. Tübingen: Narr. Zirfas, Jörg (2010). Identität in der Moderne. In: Jörissen, Benjamin/ Zirfas, Jörg (Hrsg.). Schlüsselwerke der Identitätsforschung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaf‐ ten, 9-17. Einleitung 13 <?page no="15"?> I Sprachgebrauch und Sprachidentitäten in historischen Schriftzeugnissen <?page no="17"?> Verschiedene Sprachidentitäten in einem Stammbuch? Sprachvariabilität am Beispiel von Grünberger Stammbüchern aus dem 18.-Jahrhundert Jarochna Dąbrowska-Burkhardt Abstract: Im folgenden Beitrag werden historische Stammbucheinträge diskursanalytisch analysiert. Das Hauptziel besteht darin, aufzuzeigen, wie sich in diesen Texten die Sprachvariabilität gestaltet und wie von ihr in den konkreten Eintragssituationen Gebrauch gemacht wird. In den historischen Texten können wir situativ-pragmatische Normen feststellen, denen die Eintragenden folgen. Der analysierte Sprachgebrauch zeigt auf, dass die Sprache bewusst eingesetzt wird, um die soziale Position der jeweiligen, sich eintragenden Person hervorzuheben. Der Vergleich deutet darauf hin, dass dieselbe über verschiedene Sprachidentitäten verfügen kann, die sie in der jeweiligen Situation abruft. Die für die Inskription gewählten Passagen werden dafür benutzt, eine bestimmte Vorstellung von sich zu evozieren. Ihre Einbindung in einen konkreten Verwendungs‐ zusammenhang erfordert einen besonderen Zugang, der Aspekte aus den Bereichen der Textualität, Medialität und Pragmatik aufeinander bezieht. 1 Einführung Im folgenden kulturlinguistisch und sprachhistorisch ausgerichteten Beitrag beschäftige ich mich diskursanalytisch mit drei mehrsprachigen Stammbüchern aus Grünberg (Niederschlesien), einer Stadt, die heute in Polen liegt und Zielona Góra heißt. Alle drei Freundschaftsbücher sind Vorgänger der heutigen Poesiealben und stammen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Mein Untersuchungsziel besteht darin, aufzuzeigen, wie sich die Sprachvariabilität in den analysierten Alben gestaltet. Kontrastiert werden dabei konstante usuelle Textmuster und individuell geprägte Abweichungen davon. <?page no="18"?> 2 Zur Stammbuchsitte Bei den Stammbucheinträgen handelt es sich um eigenhändige Widmungen von Verwandten, Freunden und Bekannten des Stammbuchhalters in einem eigens zu diesem Zweck angelegten Buch, das Album amicorum genannt wird (vgl. Dąbrowska-Burkhardt 2016: 85). Die ins Stammbuch eingetragenen persönlichen Worte an den Stammbuchinhaber entstehen aus dem Bedürfnis, sich an gemeinsam verbrachte Zeiten zu erinnern und sie zu dokumentieren (vgl. Dąbrowska-Burkhardt 2020a: 177). Als Wiege der Stammbuchsitte gelten protestantische Kreise im Deutschland des 16. Jahrhunderts, genauer: Witten‐ berger Gelehrte und Reformatoren, u. a. Personen bzw. Gruppen um Martin Luther und Philipp Melanchthon (vgl. Schnabel 2003: 10). Zu weit gegriffen wäre es allerdings, Stammbücher zum Ausweis der Anhängerschaft Luthers zu stigmatisieren (vgl. Fechner 1981: 9). Zunächst sind sie zwar zweifellos primär bei den Anhängern der Reformation zu finden, dann aber expandieren sie nicht nur regional über die protestantischen Kreise Wittenbergs hinaus, sondern ebenfalls sozial und konfessionell. Aus heutiger Perspektive bilden die Stammbucheinträge eine wichtige Quelle der Erforschung interpersonaler Beziehungen von historischen Personen. Den Albumbesitzern wird die Verbundenheit der Eintragenden versichert, sodass die Erinnerungsstiftung sowie der Nachweis des sozialen Netzwerks als zent‐ rale Funktionen des Sammelns von Inskriptionen verstanden werden können. Ursprünglich sind die Stammbücher „nach oben“ ausgerichtet (vgl. Schnabel 2003: 271), d. h., man bittet in erster Linie Personen um Inskriptionen, die sozial bzw. bildungsmäßig höher stehen, berühmt und angesehen sind, zu denen notabene auch eine deutlichere Distanz besteht (vgl. Dąbrowska-Burkhardt 2021a: 63). Ursprünglich, im 16. Jahrhundert, ist die „nach oben“ gerichtete Akquisition der Inskriptionen mit der Möglichkeit einer Anbindung an die Gruppe, die man selbst anstrebt, anzusehen. Vorzugsweise werden verehrte Personen um Stammbucheinträge gebeten, mit denen der Stammbuchbesitzer ein dauerhaftes Indiz der Bekanntschaft mit der jeweiligen Berühmtheit erwirbt (vgl. Dąbrowska-Burkhardt 2020b: 267). Motiv für das Anlegen eines Albums kann, neben dem nicht auszuschließen‐ den Gruppenzwang, offensichtlich auch das Bedürfnis sein, einer besonders geschätzten Gruppe beizutreten. Im Fokus steht somit die Selbstpräsentation des Stammbuchbesitzers, der mit dem nach Möglichkeit berühmten Einträgerkreis das eigene Ansehen belegt oder sogar steigert (vgl. Dąbrowska-Burkhardt 2022b: 127). Die Zusammensetzung der Eintragenden lässt bei den Lesern Rückschlüsse auf das bisherige Leben des Albumbesitzers, seine Kontakte zu bekannten Persönlichkeiten zu. Ihre Einträge können gemeinhin als „Werbung“ 18 Jarochna Dąbrowska-Burkhardt <?page no="19"?> für den Albumbesitzer wahrgenommen werden. In diesem Fall handelt es sich um den pragmatischen Beziehungsaspekt, d. h. darum, dass der Angesprochene der Bitte des Stammbuchhalters nachkommt und sich zu dessen Ehre der Mühe eines Eintrags unterzieht (vgl. Schnabel 2003: 161, 171, auch 221). Als Motiv für das „Sammeln von Freunden“ gilt somit auch die Dokumentation von Beziehungskreisen, die in allen drei Grünberger Stammbüchern von Bedeutung ist. Aus externen Quellen weiß man, dass in diesem Zusammenhang die Stamm‐ buchsitte ohne Weiteres instrumentalisiert werden konnte (vgl. Schnabel 2013: 215). Das Sammeln von Einträgen wird dann als Mittel zur Erreichung von Zielen, die im Bereich des rein pragmatischen Handelns angesiedelt sind, genutzt. An dieser Stelle sollten auch Phänomene wie Erleichterung des Kon‐ taktknüpfens, Renommieren, Wichtigtuerei bzw. Prahlerei mit entsprechenden Inskriptionen erwähnt werden (vgl. Schnabel 2003: 172). Einen historisch relativ konstant nachweisbaren Textkomplex bilden die sog. auktorialen Peritexte. Hinsichtlich der Schreiberinstanz sind das Texte, die vom Stammbuchinhaber verfasst wurden (vgl. Schnabel 2003: 53 ff., Dą‐ browska-Burkhardt 2016: 86 ff.). Im ältesten der drei analysierten Stammbücher (Reiche 1756: 1), lautet der auktoriale Peritext mit indizierter „Ausrichtung nach oben“ folgendermaßen: Hohe Gönner! Werthe Freunde! nehmt von mir diß Stammbuch an, damit ich mich Eurer Güte, Lieb und Freundschafft rühmen kan Gönnt mir die Zufriedenheit, Eure Nahmen hier zu lesen, und erzehlt, ob ich der Huld, und der Freundschafft werth gewesen. Meine Brust verehrt mit Ehrfurcht, was mein Hertz an beÿden schätzt Wer sich unter meine Gönner, oder meine Freunde setzt; Kriegt den Zoll der Dankbarkeit, und in meinen späten Jahren, wenn Sie mir der Himmel Gönnt, will ich noch sein Bild bewahren. Wünscht man mir ein Gutes Schicksall, O, so stimmt mein Hertze beÿ, daß des Höchsten Gold und Güte, beÿden der Vergelter seÿ. Wenn ich nach der Vorsicht Schluß endlich von der Erden weiche, sterb ich ohn veränderlich Eurer immer Knecht und Diener Reiche Verschiedene Sprachidentitäten in einem Stammbuch? 19 <?page no="20"?> Abb. 1: Auktorialer Peritext im Stammbuch von Samuel Reiche (1756: 1). Universitätsbibliothek Wrocław. Signatur Akc. 1949/ 1032 Neben den erwähnten Höflichkeitsformeln erscheint die Programmfunktion des Stammbuches als Erinnerungsträger in der Verbindung von Text und Bild besonders interessant. Der Eingangstext wird von Symbolen der Vergänglichkeit begleitet. Unter pflanzlichen Elementen wie Vergissmeinnicht, einem der beliebtesten Symbole der Freundschaft (weil die Blumen für Liebe, Treue und Zusammengehörigkeit stehen), sieht man einen Schädel, der die Endlichkeit des Lebens symbolisiert. Unten zentral platziert ist ein Phönix, der aus der Asche bzw. aus den gelb-roten Flammen aufsteigt. Mit dem Vogel hat man das Sinnbild der Unsterblichkeit, Wiedergeburt und Erneuerung. Fesselnd ist auch die Entdeckung des auf den ersten Blick unsichtbaren, männlichen Gesichtes. Man kann annehmen, dass es sich hier um das Abbild des Stammbuchinhabers handelt (vgl. Dąbrowska-Burk‐ hardt 2017: 232, Dąbrowska-Burkhardt 2022b: 130). Das Stammbuch von Samuel Reiche (1756) beinhaltet ebenfalls drei weitere Eingangsseiten, auf denen sich sein Inhaber u. a. identifiziert, sowie mit der konventionellen lateinischen Formulierung sein Album „Fautoribus et Amicis“ [den Gönnern und Freunden] widmet. 20 Jarochna Dąbrowska-Burkhardt <?page no="21"?> Abb. 2: Auktorialer Peritext im Stammbuch von Samuel Reiche (1756: 2). Universitätsbibliothek Wrocław. Signatur Akc. 1949/ 1032 Zwei weitere Eröffnungsseiten rekurrieren mithilfe der Bilder auf die typischen Topoi der Barockzeit, die man mit existenziellen Überlegungen verbindet: Vanitas vanitatis sowie Memento mori (vgl. Dąbrowska-Burkhardt 2017: 235 f.). Ihre Botschaft ist klar: Die Lebensfreude sei nur ein kurzer Augenblick. Abb. 3: Auktorialer Peritext im Stammbuch von Samuel Reiche (1756: 3). Universitätsbibliothek Wrocław. Signatur Akc. 1949/ 1032 Verschiedene Sprachidentitäten in einem Stammbuch? 21 <?page no="22"?> Die dritte Eröffnungsseite dominiert eine Gouache. Zentral, von einem Blätter‐ kranz umgeben, werden Musikinstrumente dargestellt. Neben ihnen befindet sich ein kleiner runder Tisch mit Spielkarten, einer ausgepusteten Kerze und einem Würfelspielbecher. Die Zeichnung krönt die Aufschrift Vanitas Vanitatis. Die Wörter beziehen sich auf die Bibel, d. h. auf das Buch Kohelet im Alten Testament und die dort dokumentierte Formulierung Vanitas vanitatum et omnia vanitas (vgl. Die Bibel, Der Prediger Salomo [Kohelet] 12,8). Der Topos, den man mit existenziellen Überlegungen verbindet, ist typisch für die Barockzeit und kommt im Stammbuch sehr oft zum Ausdruck. Seine Botschaft ist klar. Er klärt den Leser auf, dass die Lebensfreude nur ein kurzer Augenblick sei. Die Musikinstrumente spiegeln die Nichtigkeit der Musik, die nur in dem Moment, wenn sie spielt, andauert. Im Entstehungsmoment stirbt sie schon. Die Kurzlebigkeit wird auch durch die erloschene Kerze symbolisiert. Die vierte auktoriale Stammbuchseite belegt das Bild eines Totenschädels, unter dem sich zwei gekreuzte Knochen befinden. Die Zeichnung wird von der Sentenz Memento mori begleitet. Abb. 4: Auktorialer Peritext im Stammbuch von Samuel Reiche (1756: 4). Universitätsbibliothek Wrocław. Signatur Akc. 1949/ 1032 Die Symbolik der vanitas hat eine moralisierende Funktion. Sie unterstreicht die Vergänglichkeit und Nichtigkeit alles Irdischen, bezieht sich auf schlechte Angewohnheiten, die von Spielkarten, Spielwürfeln und anderen Utensilien symbolisiert werden, und kritisiert den sinnlosen Zeitvertreib im Namen eines schlechten Lebensziels. 22 Jarochna Dąbrowska-Burkhardt <?page no="23"?> Das zweite, auf das Jahr 1770 datierte Stammbuch von George Friedrich Pirscher (1770) eröffnet ebenfalls ein auktorialer Peritext (vgl. Dąbrowska-Burk‐ hardt 2022b) mit mehreren Höflichkeitsfloskeln, wobei hier seine deutlich gekürzte Version zitiert wird: Ihr Freunde! Die Ihr mir das beste Schicksal gönnt; Ihr Freunde! Die mein Herz noch Eure Freundschaft kennt; Erlaubt daß ich dies Buch in Eure Hände gebe, damit der Ruhm von Euch auch bei der Nachwelt lebe; […] […] Euch Gönner guter Art schätzt meine treue Brust, Ihr seid mein Augenmerk und meine Freud und Lust, […] schreibt wo es Euch beliebt hier Euren Nahmen ein, und dieser soll beÿ mir der Freundschaft Siegel sein. Ich würde diese Huld mit vielem Dank erkennen, und mich stets Euren Freund und treuen Diener nennen. Abb. 5: Auktorialer Peritext im Stammbuch von George Friedrich Pirscher (1770: 1). Im Privatbesitz eines seiner Nachfahren Diese Art von Eröffnungsgedichten kann man als „anlass- und zielbezogene Gebrauchspoesie“ (Schnabel: 382), die sich bestimmter Gesetzmäßigkeiten be‐ dient, betrachten. Im dritten, jüngsten, 1786 von Samuel Gottfried Reiche angelegten Stamm‐ buch (Reiche 1786) sucht man jedoch vergeblich nach einem Eröffnungstext. Die erste Seite des Albums ist, im Vergleich zu den bereits dargestellten, äußerst Verschiedene Sprachidentitäten in einem Stammbuch? 23 <?page no="24"?> schlicht gehalten und lautet: Gönnern und Freunden geweihet von S.G. Reiche Liegnitz am 23 =ten Jenner 1786. Abb. 6: Titelblatt im Stammbuch von Samuel Gottfried Reiche (1786: 1). Universitätsbibliothek Wrocław. Signatur Akc. 1949/ 1062 In der Kartusche, einem Zierrahmen, der den Text umgibt, entdeckt man die Initialen des Stammbuchinhabers und das Jahr 1786 (höchstwahrscheinlich das Jahr, in dem er den Gedanken gefasst hat, das Stammbuch anzulegen). Nicht zu übersehen ist die Tatsache, dass man sich hier derselben Formulierung wie im ersten Album bedient, aber anstatt der lateinischen Wendung (Fautoribus et Amicis) das deutsche Äquivalent wählt [Gönnern und Freunden]. Nicht nur unter diesem Aspekt unterscheidet sich das jüngste Album von den zwei anderen. Das bunte und für die älteren Alben charakteristische Layout fehlt im letzten Stammbuch gänzlich. Die einzige farbige Seite ist die präsentierte Eröffnungsseite. Untertäniges Bitten um Einträge, von einer großen Anzahl an Höflichkeitsformeln begleitet, ist ebenfalls nicht zu finden. Begonnen habe ich mit den drei präsentierten auktorialen Peritexten, d. h. mit ihrem Inhalt und ihrer Form, um bereits an dieser Stelle anzudeuten, dass in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in demselben Grünberger Milieu und derselben Statusgruppe, bemerkenswerte Veränderungen im Bereich der Stammbuchsitte beobachtet werden können. 24 Jarochna Dąbrowska-Burkhardt <?page no="25"?> 3 Methodologisches Herangehen In den historischen Stammbucheinträgen kann man situativ-pragmatische Nor‐ men feststellen, denen die Eintragenden mehr oder weniger bewusst folgen, um ein denkwürdiges Selbstbild zu konstruieren. Der in den Alben analysierte Sprachgebrauch zeigt auf, dass er bewusst eingesetzt wird, um die soziale Position der sich eintragenden Person hervorzuheben und, in Anlehnung an Bourdieu, ihr „symbolisches Kapital“ zu steigern (vgl. Fröhlich/ Mörth 1994: 7 ff.). In diesem Sinne rückt der sprachfunktions- und handlungstheoretische Ansatz mit den funktionalen, sozialen und situativen Aspekten ins Zentrum des Interesses. Die Frage nach den Verwendungssituationen der Stammbücher stellt nicht die personalen, sondern die situativ-konventionellen Aspekte der Stammbuchnutzung in den Vordergrund. Die Funktionen einer Stammbuchinskription sind einer komplexen Motiva‐ tionsstruktur zu entnehmen, die in erster Linie die Selbstdarstellung einer historisch erkennbaren Person beinhaltet, gleichzeitig aber auch zwei intentio‐ nale Elemente der Sammlung fokussiert: 1. die allseitig bekundete Freundschaft als explizite Versicherung der Freund‐ schaft. Dieses intentionale Element ist gegenwartsbezogen. 2. die Erinnerungsfunktion der gesammelten Einträge, die auf eine spätere Verwendung des Eintrags im Sinne der Erinnerungsstiftung zielt. Dieses intentionale Element ist zukunftsbezogen (vgl. Schnabel 2003: 21). Die Eintragsmotivation lässt sich deswegen nicht auf einen einzelnen Aspekt reduzieren. Eine kulturlinguistische Analyse der Stammbucheinträge verbindet Kulturgeschichtliches mit dem individuellen Sprachgebrauch des Einträgers sowie mit Eintragskonventionen, die inhaltlich und formal normiert sind. Wie bereits am Beispiel auktorialer Peritexte gezeigt, sind in vielen Stammbu‐ cheinträgen außerdem die sprachlichen und außersprachlichen Elemente the‐ matisch aufeinander abgestimmt. Eine komplexe, semiotisch und pragmatisch ausgerichtete Analyse erfordert somit die Beschäftigung mit unterschiedlichen Zeichen, d. h. nicht nur mit Wörtern, sondern auch mit Bildern (vgl. z. B. Dą‐ browska-Burkhardt 2017: 238, Dąbrowska-Burkhardt 2021a, Dąbrowska-Burk‐ hardt 2021b, Dąbrowska-Burkhardt 2022a: 236 ff.). Da die Stammbuchsitte in einem konkreten pragmatischen Verwendungs‐ zusammenhang steht, muss davon ausgegangen werden, dass die benutzten literarischen Versatzstücke eine Funktion haben, die über die bloße Vermittlung ihres Literalsinns hinausgeht. Sowohl die Rekontextualisierung als auch die Modifizierung übernommener Elemente können somit zur Veränderung des semantisch-funktionalen Gehalts der jeweiligen Aussage führen. Meist handelt Verschiedene Sprachidentitäten in einem Stammbuch? 25 <?page no="26"?> es sich um zitierte Texte bzw. übernommene Abbildungen, die im Sinne der Intertextualität die gesamten Zeichen in das neuentstandene Textgeflecht in‐ tegrieren. Selten, aber ebenfalls vorhanden, sind Texte, die man als schöpferische Leistung des Einträgers mit seiner individuellen Botschaft einstufen kann. Im wesentlichen Teil ist der Einträger in einem Stammbuch jedoch kein „Erfinder“ des niedergeschriebenen Textes bzw. der Illustration, sondern sein „Finder“ (vgl. Schnabel 2003: 76). Er verwendet formelhafte Aussagen, indem er sie meist auswählt und gegebenenfalls neu zusammenstellt. In diesem Sinne ist Originalität für das Stammbuch eher eine Seltenheit (vgl. Linke 2010: 138). 4 Zum Untersuchungsgegenstand Analysiert werden drei mehrsprachige Stammbücher aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Alle drei sind im Quartformat gebundene und mit braunem Leder bezogene Bücher mit goldenen Ornamenten. Ihre Besitzer lebten im 18.-Jahrhundert u. a. in Grünberg in Niederschlesien. Zwei von ihnen gehörten zur Stadtprominenz, der dritte ist ein Student. Der erste Stammbuchinhaber hieß Samuel Reiche und war Kreissteuereinnehmer in Grünberg. Wir wissen, dass er 1735 zur Welt kam und sein Stammbuch 1755 bzw. 1756 anlegte. Dieses befindet sich heute in der Manuskriptsammlung der Universität Wrocław - Signatur Akc 1949/ 1032. Der zweite Stammbuchbesitzer hieß George Friedrich Pirscher. Er wurde 1747 in Sommerfeld (heute Lubsko) geboren. Pirscher legte sein Stammbuch 1770 in Güstrow an, wo sich sein Lebensmittelpunkt befand. Sein Album amicorum befindet sich heute im Privatbesitz eines seiner Nachfahren in der Nähe von Berlin und wurde mir für Analysezwecke freundlicherweise zur Verfügung gestellt (Pirscher 1770). Zwischen 1770 und 1778 erlangte Pirscher im Mecklenburgischen seine Befähigung zur Eröffnung und Führung einer eigenen Apotheke. 1775 kaufte er die „Löwen-Apotheke“ in Grünberg, die sich in der direkten Nachbarschaft des Rathauses befand, und verlegte seinen Lebensmittelpunkt dorthin. Das dritte Stammbuch gehört Samuel Gottfried Reiche (1786), dem Sohn des zuerst erwähnten Kreissteuereinnehmers aus Grünberg. Als er 1786 sein Stammbuch am Gymnasium in Liegnitz anlegte, war er kurz vor dem Studien‐ beginn in Halle, von wo er später nach Grünberg zurückkehrte. Im Stammbuch seines Vaters Samuel Reiche verewigen sich über 50 Insk‐ ribenten, bei Pirscher findet man 79 häufig zweiseitige Inskriptionen, beim Studenten Samuel Gottfried Reiche sind ebenfalls 79 (jedoch ausschließlich ein‐ seitige) Inskriptionen verzeichnet. Abbildungen sind im dritten Studentenalbum 26 Jarochna Dąbrowska-Burkhardt <?page no="27"?> eine Seltenheit. Es gibt nur drei davon im gesamten Stammbuch. Sie begleiten keine Inskription, sondern stehen selbständig, als ob sie in der Vorbereitungs‐ phase des Stammbuches in Auftrag gegeben worden wären. Zum Vergleich begegnet man bei seinem Vater 40 - oft ganzseitiger - Malerminiaturen und Abbildungen, die untermalt sind. Manche erwecken dadurch den Eindruck eines Grafikabzugs. Im Stammbuch von Pirscher sind das 37 oft ganzseitige Aquarelle, Federzeichnungen oder untermalte Zeichnungen. Hauptsammelorte sind bei Pirscher Güstrow, bei Samuel Reiche (Vater) Grün‐ berg und bei Samuel Gottfried Reiche (Sohn) Halle an der Saale. Das Tertium comparationis bildet in allen drei Stammbüchern Grünberg. Man begegnet somit denselben Einträgern, aber nicht denselben Inskriptionen. Auf diese Tatsache gehe ich in meiner Analyse genauer ein. 5 Zur Analyse der Stammbucheinträge Die Analyse der drei Stammbücher zeigt exemplarisch auf, welche Leitbilder im Grünberger Milieu als Stammbucheinträge benutzt werden. Zu berücksichtigen ist, dass die dominanten Trägergruppen bestimmter Sitten sich im Laufe der Zeit verändern, ähnlich wie die relative Bedeutsamkeit der Kriterien, aus denen Menschen die Zugehörigkeit zu den identitätsbildenden Gruppen ableiten (vgl. Schnabel 2003: 158). In Abhängigkeit von dem situativen Kontext wird ein erinnerungswürdiges Selbstbild im Stammbuch konstruiert. Die für die Inskription gewählten Passa‐ gen werden dafür benutzt, eine bestimmte Vorstellung von sich zu evozieren. Man kann annehmen, dass die Eintragenden ihre Wunschvorstellungen, Wer‐ tehaltungen, Ideale, aber auch spielerische Rollen zu Papier bringen. Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Stilisierung ist in diesen Fällen schwer zu bestim‐ men, weil es sich sowohl um ernsthafte als auch scherzhafte, um wahre als auch erfundene Darstellungen handeln kann. Die analysierten Texte sind ein Beleg dafür, dass sie in einen bestimmten Verwendungszusammenhang eingebunden sind und somit einen bestimmten Zugang erfordern, der Textualität, Medialität und Pragmatik aufeinander bezieht. 5.1 Eintrag von Samuel Reiche (Kreissteuereinnehmer) im Stammbuch des Apothekers George Friedrich Pirscher (1770) Bei dem Eintrag handelt es sich um eine auf zwei gegenüberliegenden Seiten platzierte Inskription. Die separate Darstellung beider semiotischen Systeme ist ganzseitig. Nebeneinander platzierte Seiten bilden zwei eigenständige Bestand‐ Verschiedene Sprachidentitäten in einem Stammbuch? 27 <?page no="28"?> teile desselben Eintrags, weil sie als unabhängige Elemente mit jeweils eigenem Aussagewert wahrzunehmen sind. Samuel Reiche verewigt sich im Stammbuch mit den Bibelworten des Psalms 18, Verse: 31, 32 folgendermaßen: Gottes Wege sind ohne Wandel, die Reden des Herrn sind durchläutert, er ist ein Schild allen die ihm vertrauen; Denn wo ist ein Gott, ohne der Herr? oder ein Hort, außer unser Gott? “ Ps: 18. v: 31.32. Grünberg, den 17. August 1778. Dieses schreibt zu immerwäh= renden Andencken, und empfielet sich zu beständiger Freundschaft dem Herrn und Besitzer dieses Buches Samuel Reiche des Grünbergschen Kreÿßes Steuer= Einnehmer Abb. 7: Eintrag von Samuel Reiche im Stammbuch von George Friedrich Pirscher (1770: 148) im Privatbesitz eines seiner Nachfahren In der Inskription bedient sich Reiche eines Bibelzitats, einer Praxis, die v. a. im protestantischen Raum ausgeprägt ist. Die Bibel gilt in den damaligen evange‐ lischen Kreisen als Richtmaß und Lehrbuch für das tägliche Leben. Die zitierte Textpassage fokussiert Gottvertrauen, Gottergebenheit und Glaubensfestigkeit. Die ausgewählte Bibelstelle kann man für eine Verhaltensregel im Alltag halten. 28 Jarochna Dąbrowska-Burkhardt <?page no="29"?> Ihre Herkunft aus der Bibel ist dem Kundigen geläufig. Die Quellenangabe erhöht jedoch zusätzlich Ansehen des Zitats und wirkt auf den laienhaften Leser autoritätssteigernd (vgl. Dąbrowska-Burkhardt/ Kölpien 2021: 69). In der dedizierenden Passage steht das Subjekt, d. h. die Identifizierung des Schreibers, am Ende der Widmung im Nominativ. Das Bauprinzip mit der dritten Person ist eine Konvention, mit der man die Ich-Rede vermeidet. Auf diese Weise will man der Selbstthematisierung ausweichen, um dem Verdacht der Eitelkeit und Ruhmsucht zu entgehen. Reiche führt zudem seinen Berufsstand an (des Grünbergschen Kreÿßes Steuer=Einnehmer). Diese Angabe spielt im bürgerlichen Stand eine bedeutende Rolle, weil sie Näheres zum persönlichen Lebensumfeld in Abhängigkeit von Beruf und öffentlicher Funktion des Schreibers aussagt. Abb. 8: Eintrag von Samuel Reiche im Stammbuch von George Friedrich Pirscher (1770: 149) im Privatbesitz eines seiner Nachfahren Das Bild vom Grünberger Rathaus steht zu dem links veröffentlichten Text im Korrelationsverhältnis der Supplementarität, d. h. die Eigenständigkeit be‐ anspruchende Abbildung erscheint hier als eine Art „zweiter Textteil“ (Schnabel 2003: 112). Die Semantisierung des Bildes setzt Kenntnis der epochenspezifi‐ schen Konventionen voraus und zielt auf eine konkrete Verwendungssituation ab. Das Rathausbild ist zweifelsohne auf bestimmte Konnotationen ausgerichtet. Als öffentliches Haus für die Stadtobrigkeit symbolisiert es bürgerliche Selbst‐ Verschiedene Sprachidentitäten in einem Stammbuch? 29 <?page no="30"?> verwaltung und Autonomie. Für Reiche spielt es auch deshalb eine bedeutsame Rolle, weil er seit 1772 als Steuereinnehmer im Kreise „von der obrigkeit mit der einnahme bezw. beitreibung der steuern beauftragt ist“ (DWB Bd. 18, hier Sp. 2618). Da Reiche einen hohen Posten in Grünberg bekleidet, ist das Rathausbild besonders signifikant, weil es sich dabei um seine Dienststätte handelt. Im Stammbuch von Pirscher (1770) erscheinen die ersten Einträge aus Grünberg, darunter der von Reiche, 1778. Die Inskription von Reiche gehört somit zu jenen, die gleich zu Beginn des Aufenthalts von Pirscher in Grünberg niedergeschrieben wird. Man kann darüber spekulieren, ob das Bild für den neuen Stadtbewohner außer der ästhetischen Funktion auch den Aufbau einer außerordentlich intensiven Verbindung zu dem Ort beeinflussen sollte, der seit dieser Zeit Pirschers neuer Lebensmittelpunkt wird. Die Illustration des Zent‐ rums von Grünberg samt Rathaus und Marktplatz kann somit als einladendes und zugleich verlockendes Element der Bekanntmachung Pirschers mit der Stadt angesehen werden. Das Grünberger Rathaus wird von zwei Siegeln am oberen Rand der Illustra‐ tion begleitet. Im linken Siegel mit weißen und roten Weintrauben kann man lesen: Nach schneiden und sencken nach hacken und graben, kan ich mich auch endlich mit Weintrauben erlaben. Der gereimte Vers, der notabene in keiner anderen heute bekannten Quelle zur Grünberger Geschichte tradiert worden ist, überrascht in seinem Inhalt nicht. Im 18. Jahrhundert stellt der Weinanbau neben der Tuchmacherei die Haupt‐ einnahmequelle der Grünberger dar. Im rechten Siegel mit dem Grünberger Stadtwappen liest man: SIGILLUM CIVITATIS GRUNBERGENSIS Die gesamte Abbildung ist auf einem schwarzen Balken mit blauer Schrift unterzeichnet, die leider kaum zu erkennen ist, als: PROSPECT des Rathauses zu Grünberg 1778. Die ursprüngliche Botschaft dahinter wurde überschrieben und ist nur fragmen‐ tarisch zu erkennen. 30 Jarochna Dąbrowska-Burkhardt <?page no="31"?> 5.2 Eintrag von Samuel Reiche (Kreissteuereinnehmer) im Stammbuch seines Sohnes Samuel Gottfried Reiche (1786) Der zweite analysierte Eintrag beinhaltet eine ebenfalls von Samuel Reiche stammende einseitige Inskription. Elf Jahre nach der Niederschrift bei Pirscher verewigt sich Reiche im Stammbuch seines Sohnes, der vom Studium in Halle nach Grünberg zurückkehrt. Reiche schreibt in seinem Album nieder: Mein lieber Sohn! - Du Tritßt auf, ich ab: meine rolle habe ich nach möglichkeit zu spielen gesucht; vielleicht habe ich gefallen, vielleicht auch nicht: es ist jedes erschaffenen Wesens,- sein Loos, sich schätzen und beurteilen zu laßen. - Erinnere dich zu weilen deines- Vaters Grünberg d 7. Junÿ 1789.- der dich immer geliebt, und bis an seine Todes Stunde lieben- wird Samuel Reiche Abb. 9: Eintrag von Samuel Reiche (Vater) im Stammbuch von Samuel Gottfried Reiche (1786: 371). Universitätsbibliothek Wrocław. Signatur Akc. 1949/ 1062 In der angeführten Inskription sucht man vergebens nach den für Stammbücher typischen Rekontextualisierungen literarischer Vorlagen. Obwohl im 18. Jahr‐ hundert immer noch das gängige Verfahren darin besteht, den Eintragstext aus übernommenen Versatzstücken zusammenzustellen, handelt Reiche offensicht‐ lich anders und ist, allem Anschein nach, selbst der Schöpfer dieser Zeilen. In dem Eintrag entdeckt man keine Anzeichen dafür, dass der Schreiber als Verschiedene Sprachidentitäten in einem Stammbuch? 31 <?page no="32"?> Organisator der mündlich oder schriftlich überlieferten Zitate agiert. Der Text liest sich wie eine individuelle Stellungnahme eines liebenden, beschützenden und für seinen Sohn sorgenden Vaters, in dem er zurückhaltend wirkt. Mit seinem Eintrag übt er sich in Demut, schwächt seine Vaterrolle ab und tritt sehr bescheiden auf. Man soll bedenken, dass Reiche diese Worte als 54-jähriger Mann schreibt, der seine Dienstzeit als Pensionär erst 20 Jahre später mit 74 Jahren beendet, wobei er noch weitere fünf Jahre bis zu seinem 79. Lebensjahr für das Grünberger Landhaus arbeitet. Die Motivation für das Verfassen des Eintrags im Stammbuch seines Sohnes ist im Text explizit enthalten. Es geht um die Erinnerungsstiftung, die in Verbindung mit dem Generationswechsel thematisiert wird. Berücksichtigt man, dass der junge Reiche im Jahr dieser Niederschrift aus Halle nach Grünberg zurückkehrt (vgl. Nowack 1849: 115), wird der Beginn eines neuen Lebensabschnittes für den Sohn umso deutlicher. Der Eintrag überrascht, weil er im analysierten Stammbuch sehr unkonventionell ausfällt. Im Vergleich zu weiteren über 70 Einträgen erinnert er nämlich eher an die Textsorte „Brief “ als an „Stammbucheintrag“. Sein Anfang könnte sehr wohl als eine typische Anrede im Brief stehen: „Mein lieber Sohn! “ Denkbar wäre es auch, abgesehen von dem Sammelmedium „Stammbuch“, den kurzen Text als einen Kurzbrief und seine abschließenden Formulierungen als Schlussformel eines Briefes zu betrachten. Eine weitere Änderung im Vergleich zum Eintrag bei Pirscher stellt die dedizierende Passage dar. Diesem Textsegment lässt sich die prominente Position, die Reiche in der Stadt innehat (des Grünbergschen Kreÿßes Steuer=Einnehmer[s]), nicht entnehmen. Nach der Nennung seiner Profession sucht man vergebens, anders als im Stammbuch von Pirscher. An dieser Stelle entsteht somit die Frage, woraus die fehlende Förmlichkeit beim väterlichen Eintrag resultiert. Ist es der Familienbande zu verdanken, dass der Vater sich keiner Versatzstücke bedient, keine Zitate anführt, sondern das Herz „sprechen“ lässt? Ist das Fehlen der Professionsangabe von Reiche ebenfalls auf das Familiäre zurückzuführen, um das Absurde zu vermeiden? Der Sohn weiß doch bestens, welchen Berufsstand der Vater vertritt. Gleichzeitig soll man aber auch darauf hinweisen, dass es im Stammbuch des Sohnes reichlich Einträge gibt, die den Status der Schreiber explizit machen. So trägt sich z. B. Ernst Gottlieb Schroeterus auf Latein ein und führt seine Position als Gymnas. Lignic. Rector hinzu. Ein weiterer Einträger, Christian Opitz, schließt seinen Eintrag mit der Information Prorect. Gymn: Lign: ab. Johann Christian Friedrich Succo bezeichnet sich als Theol. Cand. und Georg Gustav Fülleborn als Philol. Cultor (vgl. Reiche 1786). 32 Jarochna Dąbrowska-Burkhardt <?page no="33"?> Hinsichtlich des Sprachgebrauchs des väterlichen Eintrags ist anzumerken, dass der Text modale Elemente enthält, die die Äußerungen relativieren, etwa das Modaladverb vielleicht. Statt des direkten Ausdrucks eine Rolle spielen wird die etwas umständlich wirkende Wendung meine Rolle zu spielen gesucht mit eindeutiger Funktion der Diskretheit der Äußerung eingesetzt, ergänzt um die noch stärker abschwächende Wendung nach möglichkeit. Ferner fällt die ge‐ meinhin unpersönlich-inaktivische Ausdrucksweise mit explizitem Hinweis auf Schicksalhaftes auf, und zwar: (i) jedes erschaffenen Wesens sein Loos sowie (ii) sich schätzen und beurteilen zu lassen. Es wird zunächst betont, dass jeder Mensch gerade als „[von Gott] erschaffenes Wesen“ grundsätzlich „passiv“ ist und das von oben vorgeschriebene Schicksal über sich walten lassen soll, woraufhin festgestellt wird, dass man sich nicht selbst beurteilen, sondern sich von anderen beurteilen lassen soll. Bedenkt man nun, dass die damaligen Protestanten unter dem Einfluss des Pietismus gestanden haben, kann angenommen werden, dass auf diese Art und Weise das für den Pietismus (Valentin Weigel, Gerhard Tersteegen, Philipp Jacob Spener u. a.) zentrale Konzept der „Leidentlichkeit“ (also der aktiven individuellen Hinnahme des Willens Gottes über das eigene Schicksal) zum Ausdruck gebracht wurde (vgl. Meshcherinov 2018: 206). 6 Fazit Exemplarisch wurde gezeigt, wie sich sowohl der Inhalt als auch die Form der Einträge in den analysierten Grünberger Stammbüchern in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verändern. Der Fokus der vorliegenden Studie bestand darin, die Sprachvariabilität an konkreten Stammbucheinträgen zu analysieren. Man kann davon ausgehen, dass Merkmale wie das Verschwinden des Eröffnungstextes aus dem Kanon der auktorialen Peritexte als Folge des Wandels von rhetorisch-poetischen Paradigmen im 18.-Jahrhundert anzusehen sind. Ferner kann festgestellt werden, dass die sich gerade Ende des 18. Jahr‐ hunderts wandelnden Konventionen in der Stammbuchsitte einen Einfluss auf das Grünberger Milieu ausüben. Als Verbildlichung dieser Tendenz kann der Eintrag von Samuel Reiche (Vater) im Stammbuch seines Sohnes (Reiche 1786) dienen, der in seinem Umfeld - anhand der Analyse von drei Stammbüchern - einen neuen Trend in der Stammbuchsitte vorzeichnet, der im 20. Jahrhundert gang und gäbe wird. Angelika Linke weist darauf hin, dass Poesiealben des 20. Jahrhunderts die klassische Briefanrede „Liebe + Vorname“ auszeichnet (vgl. Linke 2010: 143). Ihre Abwandlung „Lieber Sohn“ ist bereits im 18. Jahrhundert in Grünberg dokumentiert. Zu behaupten, dass Samuel Reiche der Trendsetter seiner Zeit Verschiedene Sprachidentitäten in einem Stammbuch? 33 <?page no="34"?> sei, wäre eine große Übertreibung. Den bemerkenswerten diachronen Wandel der Stammbuchsitte kann man jedoch an den Grünberger Alben amicorum sehr wohl betrachten. Quellen Die Bibel. Die Heilige Schrift nach der Übersetzung Martin Luthers. Altes und Neues Testament mit Lithografien von David Roberts. In der revidierten Fassung von 1984, durchgesehene Ausgabe. Köln: Quadriga. Pirscher, George Friedrich (1770). Das Stammbuch von George Friedrich Pirscher. Güstrow im Mecklenburg. Im Privatbesitz eines seiner Nachfahren. Reiche, Samuel (1756). Stammbuch von Samuel Reiche. Manuskript aus der Handschrif‐ tensammlung der Universität Wrocław. Signatur Akc. 1949/ 1032. Reiche, Samuel Gottfried (1786). Stammbuch von Samuel Gottfried Reiche. Manuskript aus der Handschriftensammlung der Universität Wrocław. Signatur Akc. 1949/ 1062. Literatur Dąbrowska-Burkhardt, Jarochna (2016). Die Textsorte „Stammbuch“ als Vorgänger von „Facebook“. Eine linguistische Analyse der Stammbucheinträge aus dem 18. Jh. am Beispiel eines Grünberger album amicorum. In: Żebrowska, Ewa/ Olpińska-Szkiełko, Magdalena/ Latkowska, Magdalena (Hrsg.). 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Insbesondere in den letzten Jahren rückten methodische Herausforderun‐ gen bei der Arbeit mit historischen Fremdsprachenlehrwerken sowie Strategien zu deren Überwindung verstärkt in den Fokus. Das Potenzial dieser Textsorte für die Analyse des Sprachgebrauchs und der Sprachiden‐ tität wurde jedoch bislang nicht umfassend ausgeschöpft. Der vorliegende Beitrag zielt darauf ab, die Gemeinsamkeiten und insbesondere die Un‐ terschiede zwischen dem ältesten deutsch-italienischen Sprachbuch des Georg von Nürnberg und dem anonym überlieferten Ein Rusch Boeck im Hinblick auf die Reflexionen zur Sprachidentität und implizite Äußerun‐ gen zum Sprachgebrauch eingehender zu untersuchen. 1 Einleitung Die teils anonymen Sprachlehr- und Gesprächsbücher des späten Mittelalters und der Frühen Neuzeit standen in den vergangenen Jahrzehnten mal weniger, mal stärker im Fokus der Forschung. Das mit der Zeit nicht nachlassende Interesse an dieser Textsorte wie ihren konkreten Vertretern lässt sich unter anderem damit begründen, dass es sich hierbei um sprachhistorisch signifi‐ kante Zeugnisse der jeweiligen Volkssprachen handelt, die einerseits eine viel genauere Rekonstruktion der historischen Sprachwirklichkeit ermöglichen, andererseits aber auch einen mehrdimensionalen Blick auf die Phänomene der Sprachvariation, des Sprachwandels, des Sprachgebrauchs u. v. a. m. gewähren <?page no="38"?> können. Des Weiteren können die historischen Sprach- und Gesprächsbücher Aufschluss sowohl über die Besonderheiten der Handelsbeziehungen als auch über die Sprachkontaktsituation vor Ort, die lokalen kulturellen Gepflogenhei‐ ten und die interaktiven Praktiken der Beziehungs- und Statuskonstitution geben. Auch Fragen der Fremdsprachendidaktik sowie grundsätzlich der Wis‐ sensvermittlung, der gelebten Mehrsprachigkeit oder eben auch der kulturellen wie religiösen Diversität scheinen bei der Erforschung der historischen Fremd‐ sprachenlehrwerke eine größere Rolle zu spielen. Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass die bisherige Annäherung an die historischen Fremdsprachenlehrwerke aus den Positionen der Sprach‐ philosophie, der Fremdsprachendidaktik und im engeren Sinne der Linguistik - hier v. a. der Germanistik, der Slawistik und in einem geringeren Maße der Romanistik - erfolgt ist. Die methodischen Herausforderungen bei der Arbeit mit historischen Fremdsprachenlehrwerken sowie Strategien zu deren Überwindung wurden ebenfalls bereits thematisiert (vgl. Hübner/ Simon 2021). Eher eine Randstellung hat bislang die Erforschung der Fremdsprachenlehr‐ werke an der Schnittstelle zur Translationswissenschaft eingenommen, wobei Natalia Filatkina (2021) und die Verfasserin (vgl. Tsapaeva 2023) erste Versuche unternommen haben, das Potenzial der frühneuzeitlichen Fremdsprachenlehr‐ werke aus der Perspektive der Untersuchung von Übersetzungsstrategien und historischen Übersetzungskulturen exemplarisch zu beleuchten. Das Potenzial der historischen Fremdsprachenlehrwerke für die Analyse des Sprachgebrauchs und der Sprachidentität wurde ebenfalls noch nicht erschöp‐ fend erfasst (vgl. Filatkina 2015). Das Ziel des vorliegenden Beitrags ist es deswe‐ gen, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den im Titel genannten Sprachbzw. Gesprächsbüchern hinsichtlich der Reflexionen zu Sprachidentität und impliziten Äußerungen zum Sprachgebrauch zu betrachten. Hierfür soll zunächst auf die Hintergründe eingegangen werden, warum ausgerechnet diese beiden Textzeugnisse für die vergleichende Analyse ausgewählt worden sind. Im nächsten Schritt sollen dann das altitalienisch/ neuitalienisch-frühneuhochdeut‐ sche Sprachbuch des Georg von Nürnberg und das anonyme altrussisch-mittel‐ niederdeutsche Gesprächsbuch Ein Rusch Boeck jeweils kurz vorgestellt werden. Nachfolgend soll die gewählte Untersuchungsmethodik expliziert werden. Im Anschluss sollen die erzielten Ergebnisse präsentiert und interpretiert sowie mithilfe entsprechender Beispiele aus den untersuchten Texten illustriert wer‐ den, bevor eine kurze Zusammenfassung samt Ausblick den Beitrag abrundet. 38 Sabina Tsapaeva <?page no="39"?> 1 In diesem Text Kürzel für: Sprachbuch des Georg von Nürnberg, Wien, Österreichische Nationalbibliothek: cod. 12514. Edition in Pausch (1972: 101-263). Der Text wird im Weiteren nach der Blattzählung von Pausch zitiert. 2 In diesem Text Kürzel für: Ein Rusch Boeck Bin Ick Genanth, Krakau, Jagiellonische Bibliothek: Ms. slav. quart. 14. Faksimile und Edition in Fałowski (1994: 19-126, 211- 398). 3 Die Forschung zum Sprachbuch des Georg von Nürnberg sieht die Wiener Handschrift als die älteste in der entsprechenden Manuskriptüberlieferung an, vgl. dazu stellver‐ tretend Pausch (1972: 42, 46). Eine abweichende Meinung vertritt Blusch (1992: 301), die die Heidelberger Handschrift aufgrund der besonders prominenten veronesischen Kennzeichen als die älteste erachtet. Zu den Beziehungen zwischen den einzelnen Handschriften des Sprachbuchs vgl. außerdem Høybye (1956, 1964, 1974). Zur Datie‐ rung des anonymen Gesprächsbuchs Ein Rusch Boeck vgl. Kap. 2.2. 4 Zum Entstehungskontext des Sprachbuchs des Georg von Nürnberg sowie den ober‐ italienischen Sprachbüchern des 15. Jh. allgemein vgl. u. a. Simonsfeld (1887/ 1968), Pausch (1972), Caparrini (2001: 1-11), Glück (2002: 418-432, 2006), Rossebastiano (2002), Häberlein/ Kuhn (2010). Zum Deutschen als Fremdsprache in Italien vgl. Kar‐ nein (1976), Glück (2002: 245-263), McLelland (2004). Zum Entstehungskontext der (nieder)deutsch-russischen Gesprächsbücher vgl. Хорошкевич (1966), Bruchhäuser (1979), Gernentz et al. (1988), Хорошкевич (1999), Reitemeier (2002), Squires (2009), Filatkina (2015: 72-77). Zum Deutschen als Fremdsprache in Russland vgl. zudem Glück (2002: 276-290). Zu beiden Sprachkontaktsituationen im Vergleich vgl. Choroškević (1996). 2 Begründung und Vorstellung der Datengrundlage Im Rahmen des vorliegenden Beitrags sollen das Sprachbuch des Georg von Nürnberg aus dem Jahr 1424 (SB 1424 1 ) und das anonyme Gesprächsbuch Ein Rusch Boeck aus dem 16. Jh. (RB 2 ) hinsichtlich der Reflexionen zu Sprach‐ identität und impliziten Äußerungen zum Sprachgebrauch untersucht und miteinander verglichen werden. Für die Wahl dieser Textzeugnisse zwecks Vergleichs sprachen mehrere Gründe. Einerseits handelt es sich bei den gewähl‐ ten Handschriften um zwei besonders prominente Vertreter der historischen Fremdsprachenlehrwerke für die jeweiligen Sprachenpaare. Andererseits sind beide Textzeugnisse als die ältesten bekannten Sprachbzw. Gesprächsbücher für die involvierten Sprachenpaare einzustufen. 3 Ferner weisen die Sprachkon‐ taktsituationen, in denen die Handschriften entstanden sind, neben einigen Unterschieden v. a. zahlreiche Gemeinsamkeiten auf. 4 Schließlich ist anzumer‐ ken, dass die ausgewählten Fremdsprachenlehrwerke u. a. texttraditionsbedingt Ähnlichkeiten im Aufbau besitzen und zusätzlich einen ähnlichen Umfang haben, was insgesamt eine gute Vergleichsbasis bietet. Im nächsten Schritt sollen nun die beiden Textzeugnisse in ihrer chronologi‐ schen Reihenfolge kurz vorgestellt werden. Das Sprachbuch des Georg von Nürnberg (1424) vs. Ein Rusch Boeck (16. Jh.) 39 <?page no="40"?> 5 Zu dem Schluss, dass es sich beim zuständigen Schreiber um einen Schreiber ita‐ lienischer Herkunft handeln musste, kommt Pausch (1972: 78) v. a. aufgrund von serienmäßigen Abschreibfehlern, die ausschließlich im deutschen Textteil festzustellen sind. Ferner hebt er „eine beachtliche orthographische Mobilität im Rahmen der Konvention“ hervor (Pausch 1972: 78). Weitere Fehlschreibungen sieht er als durch die Anwendung italienischer Schreibgewohnheiten im deutschen Text hervorgerufen an, darunter das anlautende verstummte h und die venezianische Assimilation von Affrikaten zu Spiranten. Vgl. dazu Pausch (1972: 78-83). Als weiterer Hinweis kann zudem die potentielle Schreibernennung auf fol. 100v gelten: Qui scripsit scribat semper cum domino uiuat-| Viuat in celis liopoldus in nomine felix (SB 1424: fol. 100v). 6 W 12514 - Wien, Österreichische Nationalbibliothek: cod. 12514; Mü 261 - München, Bayerische Staatsbibliothek: cod. it. 261; Mo 405 - Modena, Biblioteca Estense: ms. it. 405 = α H.5.20; H 657 - Heidelberg, Universitätsbibliothek: cod. Pal. Germ. 657 (ex cod. Palat. 78 fol.); F 352 - Firenze, Biblioteca Medicea Laurenziana: cod. Ashb. 352; S 7.3.18 - Sevilla, Biblioteca Colombina: cod. 7.3.18; O 291 - Oxford, Bodleian Library: ms. Canon. Ital. 291; F 66 - Firenze, Biblioteca Nazionale Centrale: Magl. IV 66; Mü 362 - München, Bayerische Staatsbibliothek: cod. it. 362; R 1789 - Roma, Biblioteca Apostolica Vaticana: cod. Palat. 1789. Zur handschriftlichen Überlieferung des Sprachbuchs vgl. stellvertretend Caparrini (2001: vi, 23-31). 7 Bart Rossebastiano (1983, I: XLIII ff.) stellt für die Wiener Handschrift ein venezi‐ anisch-paduanisch-toskanisches Sprachgemisch mit sporadischen Formen aus dem Veronesischen fest. 8 Zu den entsprechenden Kennwörtern und -formen vgl. Pausch (1972: 84-88). 2.1 Das Sprachbuch des Georg von Nürnberg (1424) Nach dem heutigen Kenntnisstand wurde das älteste italienisch-deutsche bzw. - genauer gesagt - altitalienisch/ neuitalienisch-frühneuhochdeutsche Sprach‐ buch vermutlich Anfang des 15. Jhs. von einem gewissen in Venedig tätigen Meister Jörg (Georg) aus Nürnberg verfasst bzw. konzipiert, jedoch allem Anschein nach von jemand anderem (ab)geschrieben und kopiert. 5 Insgesamt sind neun vollständige Handschriften sowie ein Fragment des Sprachbuchs überliefert, die alle in das 15. Jh. zurückreichen. 6 Der vorliegende Beitrag wird auf das älteste Exemplar Bezug nehmen, das in der Österreichi‐ schen Nationalbibliothek in Wien aufbewahrt wird, die Signatur cod. 12514 trägt und von Oskar Pausch 1972 erstmals vollständig ediert und kommentiert wurde. Der Kodex trägt im Kolophon eine Datierung vom 16. Februar 1423 nach altvenezianischer Zeitrechnung; mit einer großen Wahrscheinlichkeit dürfte der 16. Februar 1424 gemeint sein (vgl. Pausch 1972: 27; Caparrini 2001: 24). Vom sprachlichen Gesichtspunkt her ist der italienische Teil vorwiegend venezianisch mit einigen wenigen veronesischen Kennzeichen. 7 Der deutsche Text kann trotz zahlreicher Fehler, die zweifelsohne auf die italienischen Interferenzen des des Deutschen offensichtlich nicht mächtigen venezianischen Kopisten zurückzuführen sind, als eindeutig bairisch klassifiziert werden. 8 40 Sabina Tsapaeva <?page no="41"?> 9 Ausführlicher zum Aufbau vgl. insbesondere Pausch (1972: 36-38), Caparrini (2001: vi, 16 ff.). 10 Sensale waren Makler, die sowohl als Vermittler als auch als offizielle Dolmetscher innerhalb des Fondaco dei Tedeschi fungierten, vgl. dazu Simonsfeld (1887, II: 23) und Bart Rossebastiano (1984: 156). 11 Ele vna bella cossa asauer todescho in questa terra | Ez ist ein hubz dinck deucz chunen in diser stat-| Per amore del fontego-/ durch dez deucz hauß willen (SB 1424: fol. 97r). Das Sprachbuch, das trotz der serienmäßigen Abschreibfehler als eine di‐ daktische Meisterleistung zu bewerten ist, besteht aus drei Teilen. 9 Der erste Abschnitt enthält eine Art Glossar bzw. Verzeichnis von Wörtern und Wort‐ gruppen, die sehr locker nach Sachgebieten geordnet sind. Nicht selten finden sich in diesem Wortschatzteil eingestreute Sentenzen und Redensarten sowie einige wenige grammatikalische Abschweifungen (darunter Anmerkungen zu den Zahlwörtern, zur Steigerung der Adjektive, zu den Personalpronomina und Präpositionen). Im zweiten Teil befindet sich die Formenlehre, die sich interessanterweise nur auf die Konjugationsformen der Verben beschränkt. Auch dieser Teil wird gelegentlich durch Redensarten unterbrochen. Der dritte Teil stellt den dialogischen Abschnitt des Sprachbuchs dar und enthält zunächst zwei Handelsdialoge. Anschließend folgen lose zusammenhängende Gespräche und Floskeln, die vielfach auf die Bedeutsamkeit des Erlernens der deutschen Sprache für die Arbeit im Fondaco dei Tedeschi (Handelshof der deutschen Kaufleute) und für die deutsch-italienischen Handelsbeziehungen jener Zeit Bezug nehmen. Sowohl aus dem Kontext, in dem das Sprachbuch entstanden ist, als auch aus den Inhalten des Wortschatzwie Dialogteils lässt sich deutlich ablesen, dass das Werk Meister Jörgs hauptsächlich auf junge Italiener - darun‐ ter venezianische Kaufmannssöhne und potenzielle Sensale  10 -, die die deutsche Sprache lernen wollten, ausgerichtet und institutionell verankert war. 11 2.2 Ein Rusch Boeck Das anonyme Gesprächsbuch RB stellt dagegen ein Beispiel privater Schriftlich‐ keit dar und weist keine sichtbaren Spuren eines institutionellen Fremdspra‐ chenunterrichts auf. Ferner gibt es keine Informationen über den Verfasser oder den Entstehungsort der Handschrift, die in einem einzigen Exemplar vorliegt und wahrscheinlich ein Original darstellt. Unter den bekannten Beschreibungen des Gesprächsbuches verdienen die detaillierteren Bemerkungen von Syrku (Сырку 1897) besondere Beachtung. Er formuliert mehrere Hypothesen sowohl hinsichtlich des Verfassers als auch des Entstehungsortes der Handschrift. So kommt Syrku zu dem Schluss, dass der Verfasser ein Deutscher war, der über Das Sprachbuch des Georg von Nürnberg (1424) vs. Ein Rusch Boeck (16. Jh.) 41 <?page no="42"?> 12 Insbesondere Pflanzen- und Beerenbezeichnungen stellen nordwestrussische Kennfor‐ men dar. 13 Vgl. dazu Толстой (1884), Чудовский (1887), Спасский (1962), Мельникова (1989), Бассалыго (2020), Янин (2009). 14 Zur Analyse des altrussischen Teils vgl. Fałowski (1996). Eine genauere variationslin‐ guistische Untersuchung und regionale Zuordnung des niederdeutschen Teils stehen dagegen noch aus. sehr gute Kenntnisse der altrussischen Sprache verfügte. Diese Annahme stützt er auf die wenigen in der kyrillischen Schrift geschriebenen Fragmente (Сырку 1897: 1062 f.). Eine gegenteilige Position vertritt Jacimirskij (Яцимирский 1921: 486), der davon ausgeht, dass die interessierenden Passagen in kyrillischer Schnellschrift nicht von einem Deutschen, sondern von (zwei) Russen stammen. Am plausibelsten erscheint der Verfasserin die Annahme, dass der deutsche Schreiber während der Arbeit am Gesprächsbuch zeitweise die Beratung mit einem russischen Muttersprachler in Anspruch nahm. Aufgrund spezifischer phonetischer Merkmale kommt Syrku zum Schluss, dass sich der Verfasser während der Entstehungszeit der Handschrift in Nord- oder Nordwestrussland aufgehalten hat. In diesem Punkt stimmen die Ein‐ schätzungen von Syrku und Jacimirskij überein (vgl. Сырку 1897: 1062 f.; Яцимирский 1921: 486; vgl. ferner Fałowski 1994: 11). Nach einer weiterführ‐ enden lexikalischen Analyse bin ich allerdings zu der Erkenntnis gelangt, dass Nordrussland als Entstehungsregion nicht in Frage kommt. 12 Das Gesprächs‐ buch dürfte in Novgorod entstanden sein, wobei der Schreiber offensichtlich auch Kontakte nach Pskov hatte. Bezüglich der Entstehungszeit lässt sich feststellen, dass dieses wertvolle Zeugnis des altrussisch-mittelniederdeutschen Sprachkontaktes, das für einige Jahrzehnte für verschollen gehalten und von Fałowski 1994 erstmals herausgegeben wurde, bislang sehr approximativ auf das 16. Jh. geschätzt worden ist. Meine eingehende Analyse der in der Handschrift festgehaltenen Geldeinheiten und v. a. der Währungskurse 13 hat ergeben, dass RB nicht vor 1534 und nicht später als 1550 entstanden sein kann, sodass es möglicherweise früher als Einn Russisch Buch des Thomas Schroue (1546) verfasst wurde (vgl. Fałowski 1992-1997), welches in der Forschung bislang für das älteste russisch-deutsche Gesprächsbuch gehalten wurde. In Bezug auf die Sprachen des RB stimme ich grundsätzlich der Aussage von Fałowski zu, dass „[d]as russische Material […] zweifellos die gesprochene (Umgangs-)Sprache jener Zeit und das deutsche Material den niederdeutschen (plattdeutschen) Dialekt [repräsentieren]“ (Fałowski 1994: 9). 14 Wie alle bislang bekannten deutsch-russischen Gesprächsbücher besteht RB aus zwei Hauptteilen: einem lexikalischen Abschnitt, der Begriffe, Kollokatio‐ 42 Sabina Tsapaeva <?page no="43"?> 15 Eine Ausnahme bildet in dieser Hinsicht das in der Kopenhagener Königlichen Biblio‐ thek aufbewahrte und von H. Ch. Sørensen (1962) edierte anonyme Gesprächsbuch aus der zweiten Hälfte des 17. Jhs. 16 Vgl. Faksimile und Transliteration bei Fałowski (1992-1997). 17 Zunächst im Druck erschienen als Faksimile, Transliteration und Übersetzung, Glossar mit einem zusätzlichen mittelniederdeutsch-neuhochdeutschen Wörterbuch bei Ham‐ merich/ Jakobson (1961-1986). Als neueste Edition kann die von Hendriks/ Schaeken (2008) gelten. Vgl. ferner die einschlägige Dissertation von Hendriks (2014). nen, Namen, Titel sowie weitere wichtige Personenbezeichnungen, Zahlenwör‐ ter und sonstige in unterschiedlichem Maße für den Handel relevante Ausdrücke umfasst, sowie einem praxisorientierten Gesprächs- und Redewendungsteil. 15 Ergänzend dazu enthält RB einige wenige grammatikalische Darlegungen in Form von Listen (vgl. Gernentz 1988: 36-76; Günther 1994: 52 ff.). Im Gegensatz zum SB 1424 ist für den Gesprächsteil des RB allerdings hervorzuheben, dass dieser Teil sowohl aus vollständigen als auch aus syntaktisch unvollständigen Sätzen sowie einer Aneinanderreihung von Sätzen besteht. Zwischen den einzelnen Redeteilen besteht nur selten eine direkte inhaltliche Beziehung, und die Antworten des Gesprächspartners werden nur sporadisch wiedergegeben, sodass keine klassischen Dialoge vorliegen. Ziel dieses Abschnitts scheint daher weniger die Schaffung eines kohärenten Textes zu sein, sondern vielmehr eine großflächige Abdeckung der sprachlichen Bedürfnisse der deutschen Kaufleute im Auslandshandel. Genauso wie im SB 1424 geht der Wortschatz des Gesprächsteils des anonymen RB weit über die im lexikalischen und grammatischen Abschnitt vorgestellten Wörter und Wendungen hinaus. 3 Methodische Herangehensweise Wenngleich der Verfasserin bewusst ist, dass es teilweise größere Unterschiede zwischen den einzelnen Handschriften des italienisch-deutschen Sprachbuchs gibt, wurde für den vorliegenden Beitrag die Entscheidung getroffen, die Analyse exemplarisch auf die eben vorgestellte älteste Handschrift in der Edition von Pausch (1972) und RB in der Edition von Fałowski (1994) als Vergleichstext zu beschränken. Eine vergleichende Analyse der einzelnen Überlieferungen des Sprachbuchs und der darauf basierenden oder dadurch inspirierten italie‐ nisch-deutschen Sprachbücher und sonstigen Fremdsprachenlehrwerke wird damit für zukünftige Untersuchungen nicht ausgeschlossen. Selbiges gilt für die historischen Fremdsprachenlehrwerke, in denen das (Alt-)Russische eine der Sprachen ist, darunter Einn Russisch Buch des Thomas Schroue (Pskov, 1546) 16 , das Gesprächsbuch des Tönnies Fenne (Pskov, 1607) 17 , das Elementarbuch Das Sprachbuch des Georg von Nürnberg (1424) vs. Ein Rusch Boeck (16. Jh.) 43 <?page no="44"?> 18 Vgl. Günther (1965, 1999). 19 Vgl. Sørensen (1962), Günther (1965). 20 Vgl. die vollständige Auflistung mit Angaben zu Faksimile und Aufbewahrungsorten in Filatkina (2013). Vgl. ferner Gernentz (1988: 33 ff.), Fałowski (1994: 2 ff.), Günther (1999: 11-13) und Koch (2002: 32). 21 Die Forschungsliteratur zu metasprachlichen Äußerungen wie versteckten Reflexionen zum Sprachgebrauch oder der Sprachidentität ist nach dem heutigen Kenntnisstand kaum überblickbar; diese Aussage gilt sowohl in Bezug auf die modernen als auch histo‐ rischen Formen des Sprachbewusstseins. An dieser Stelle soll deswegen stellvertretend auf ausgewählte Titel verwiesen werden, die als unmittelbarer Ausgangspunkt für den vorliegenden Beitrag fungiert haben. Vgl. Gauger (1976), Schlieben-Lange (1984), Bierbach (1987), Schwartz (1994), Thim-Mabrey (2003), Siegfrid (2004), Gruber (2014), Filatkina (2015), Linke (2015). des Heinrich Newenburgk (Novgorod, 1629) 18 , das anonyme Kopenhagener Gesprächsbuch aus dem 17. Jh. 19 etc. 20 Bei der ersten Sichtung des Materials konnte festgestellt werden, dass metalinguistische Kommentare, die individuelle oder interindividuelle Gültig‐ keit haben, und jegliche expliziten und/ oder wertenden Äußerungen zum Sprachgebrauch bedauerlicherweise in beiden Texten fehlen. Dies lässt sich sowohl durch die jeweiligen Zielgruppen der zur Analyse herangezogenen Fremdsprachenlehrwerke und ihre praktische Ausrichtung als auch durch ihre Entstehungskontexte wie die Sprachkontaktsituationen allgemein erklären. Daraufhin wurde beschlossen, die beiden Texte hinsichtlich der versteck‐ ten Reflexionen zu Sprachidentität und impliziter Äußerungen zum Sprachge‐ brauch 21 eingehend zu analysieren und dabei insbesondere auf Bemerkungen zu ausgewählten semantischen Relationen, darunter Synonymie, Polysemie und Homonymie, sowie zur Sprachvariation zu achten. Weitere paradigmatische Austauschklassen wie graduelle Antonymie, Komplementarität, konverse Rela‐ tion, reverse Relation, Hyperonymie, Hyponymie, Meronymie, Konversion etc. wurden zunächst ausgeklammert, weil sie sich nur indirekt im Wortschatzteil erschließen und sich entsprechend nur sehr approximativ greifen lassen. Im Folgenden werden die Ergebnisse präsentiert und mit ausgewählten Beispielen aus den untersuchten Fremdsprachenlehrwerken veranschaulicht. Zudem wird auf weitere Erkenntnisse eingegangen, die über die Grenzen der Hinweise auf semantische Relationen hinausgehen und die u. a. die Sig‐ nifikanz wie Herausforderungen des Fremdsprachenunterrichts sowie einige seiner ortsspezifischen Besonderheiten thematisieren. Anschließend wird ein Versuch unternommen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Sprachbzw. Gesprächsbüchern festzuhalten und diese in die jeweilige Sprachkontaktsituation und den Entstehungskontext einzuordnen. 44 Sabina Tsapaeva <?page no="45"?> 4 Auswertung des Sprachbuchs des Georg von Nürnberg Die Ausführungen sollen mit den festgestellten Hinweisen auf semantische Relationen beginnen, weil diese im SB 1424 besonders zahlreich vorhanden sind. 4.1 Hinweise auf semantische Relationen Insgesamt konnten 197 Hinweise auf Synonymie, Polysemie und Homonymie identifiziert werden, ein Großteil von ihnen im Wortschatz- und Grammatikteil (174x). Lediglich ein Achtel der Hinweise wurde in den Sätzen festgestellt, davon 13 in Sätzen und Redewendungen im Wortschatzteil und 10 im Dialogteil. Die meisten Hinweise auf semantische Relationen stellen Hinweise in Be‐ zug auf die frühneuhochdeutsche Sprache dar, eine Ausnahme bilden die Hinweise auf Polysemie, hier überwiegen Hinweise auf Polysemie im Altitali‐ enischen/ Neuitalienischen, wobei diese Hinweise nicht ganz so zahlreich sind wie beispielsweise die zur Synonymie (vgl. Tab. 1). Eine solche Verteilung erscheint naheliegend, wenn man bedenkt, dass das Frühneuhochdeutsche als Fremdsprache anhand des Sprachbuchs vermittelt worden ist und nicht die italienische Sprache die zu erlernende Varietät war. Hinweise auf semantische Relationen n=197 - Frnhd. Altit./ Neuit. Hinweise auf Synonymie 91 51 Hinweise auf Polysemie 7 30 Hinweise auf Homonymie 12 6 Tab. 1: Hinweise auf semantische Relationen im SB 1424 Es lässt sich festhalten, dass insbesondere die Kenntnis von Synonymen und eine klare Auseinanderhaltung von Homonymen den italienischen Kaufmannssöh‐ nen und den angehenden Sensalen dabei helfen sollten, die Bedeutung und Ver‐ wendung von Wörtern und Wendungen besser zu verstehen, zu analysieren, zu verinnerlichen und Letztere in einer unmittelbaren Kommunikationssituation korrekt einzusetzen. Eine grundsätzlich starke Präsenz der semantischen Hin‐ weise zeugt meiner Meinung nach davon, dass die didaktische Signifikanz der Beschreibung der Bedeutungsbeziehungen zwischen Wörtern und Phrasen in der Fremdwie Muttersprache und darunter insbesondere der paradigmatischen Austauschklassen dem Verfasser bewusst war. Man wird dies v. a. im Vergleich Das Sprachbuch des Georg von Nürnberg (1424) vs. Ein Rusch Boeck (16. Jh.) 45 <?page no="46"?> zum RB sehen, welches offensichtlich in einem nicht institutionellen Kontext entstanden ist und entsprechend nicht von einem ausgebildeten Sprachmeister, sondern von einem Laien konzipiert wurde. Ferner ist anzumerken, dass die Hinweise am Anfang des Sprachbuchs besonders unauffällig und in keiner Weise markiert sind (z. B. durch Interpunktionszeichen o. Ä.), während vor allem die Hinweise auf Synonymie ab fol. 18r immer häufiger mit der Konjunktion od(er) im Frühneuhochdeutschen und o im Altitalienischen/ Neuitalienischen verbunden werden, was ihre Erfassung fazilitiert. 4.1.1 Hinweise auf Synonymie Wie oben erwähnt, stellen die Hinweise auf Synonymie beinahe drei Viertel aller Hinweise auf semantische Relationen im Text dar (vgl. Tab 1; zur Verteilung nach Wortarten vgl. Tab. 2). Hinweise auf Synonymie n=142 Substantive 84 Verben 25 Adjektive 18 Adverbien 3 Wortgruppen 2 gemischt 10 Tab. 2: Hinweise auf Synonymie im SB 1424 Besonders häufig finden sich Hinweise auf Synonymie im Bereich der Sub‐ stantive, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass Nomina (Bsp. 1) im Wortschatzteil eine prominente Rolle einnehmen. Generell lassen sich jedoch auch Hinweise auf Synonymie bei Verben, Adjektiven (Bsp. 2), Adverbien und Wortgruppen nachweisen. Darüber hinaus sind gemischte Paare zu verzeich‐ nen, in denen Synonymie beispielsweise zwischen einem Adjektiv und einer Wortgruppe (Bsp. 3) zum Ausdruck gebracht wird. (1) El rauanello der ratich die piter rüb (SB 1424: fol. 19r) (2) largo weit od(er) pratt (SB 1424: fol. 27r) (3) Ele passado de questa uita Er ist v(er)schaiden von dism leben v(er)gangen (SB 1424: fol. 42r) 46 Sabina Tsapaeva <?page no="47"?> 4.1.2 Hinweise auf Polysemie Hinsichtlich der Hinweise auf Polysemie ist festzuhalten, dass sie ca. ein Fünftel aller Hinweise auf semantische Relationen darstellen (vgl. Tab. 1; zur Verteilung nach Wortarten vgl. Tab. 3). Hinweise auf Polysemie n=37 Substantive 15 Verben 15 Adjektive 4 Pronomina 1 Wortgruppen 1 gemischt 1 Tab. 3: Hinweise auf Polysemie im SB 1424 Einen Großteil der Hinweise auf Polysemie im SB 1424 bilden Hinweise für die altitalienische/ neuitalienische Sprache, was die in der Forschung inzwischen als allgemeingültig zu betrachtende Meinung unterstützt, dass die Übersetzungs‐ richtung im Text die aus dem Altitalienischen/ Neuitalienischen ins Frühneu‐ hochdeutsche ist. Die meisten Hinweise verteilen sich auf die Hinweise auf polyseme Substantive (vgl. Bsp. 4-6) und Verben, deutlich seltener vertreten sind Hinweise auf polyseme Adjektive; ferner finden sich Einzelbelege für Pronomina, Wortgruppen und gemischte Wortartenkonstellationen. (4) El balchon Aperzi el balchon der balcken Tu auf den laden (SB 1424: fol. 10v) (5) El barba Tu auf den laden (SB 1424: fol. 10v) (6) El segno o miracolo Daz zaichen (SB 1424: fol. 43v) 4.1.3 Hinweise auf Homonymie Besonders spannend erscheinen die Hinweise auf Homonymie. Zwar sind sie im untersuchten Text im Vergleich zu anderen Hinweisen auf semantische Relationen etwas unterrepräsentiert (vgl. Tab. 1). Umso stärker zeugen sie jedoch von Tiefe und Substanz der Reflexion über Sprache bzw. in diesem Fall über zwei Sprachen seitens des Verfassers sowie seiner generell als akribisch zu betrachtenden Wortschatzarbeit (zur Verteilung nach Wortarten vgl. Tab. 4). Der Das Sprachbuch des Georg von Nürnberg (1424) vs. Ein Rusch Boeck (16. Jh.) 47 <?page no="48"?> Umstand, dass die Hinweise auf Homonymie im SB 1424 in einer sichtbar gerin‐ geren Zahl vertreten sind, ist dabei linguistisch gesehen leicht nachvollziehbar, schließlich stellen Homonyme eine insgesamt deutlich seltenere Erscheinung als beispielsweise Synonyme, Antonyme, polyseme Lexeme etc. dar. Hinweise auf Homonymie n=18 Substantive 2 Verben 2 Adjektive 1 Pronomina 5 gemischt 8 Tab. 4: Hinweise auf Homonymie im SB 1424 Es ist interessant zu beobachten, dass Meister Jörg in seinem Sprachbuch implizit zwischen Homonymen im allgemeinen Sinne und zwei Spezialfällen von Homonymie unterscheidet (vgl. Tab. 5). Hinweise auf Homonymie n=18 Hinweise auf Homonymie 12 Hinweise auf Homophonie 1 Hinweise auf Homoformie 5 Tab. 5: Arten der Homonymie im SB 1424 Zwei Drittel aller Homonyme stellen dabei Wörter dar, die miteinander äußer‐ lich gleich sind, sich aber in Bedeutung und/ oder Grammatik voneinander unterscheiden (vgl. Bsp. 7-9). (7) El brazo o pouero le pouere persone der arm die armen menß (SB 1424: fol. 6r) (8) spesso dick od(er) hofft (SB 1424: fol. 28r) (9) Perdona o tossiga ver gib (SB 1424: fol. 54r) 48 Sabina Tsapaeva <?page no="49"?> Ferner ist ein Beispiel für Homophonie, die als Spezialfall der Homonymie anzusehen ist, zu verzeichnen: (10) la stella le stelle La bregola ouagina le bregole daz scheit die scheiten die schaid die schaiden (SB 1424: fol. 33v) Als ein weiterer Spezialfall der Homonymie sind sog. Homoformen anzusehen, die als Wörter definiert werden können, bei denen die Wortformen zufällig übereinstimmen: (11) El sangue El me nasse sangue daz pluet ich pluet (SB 1424: 6v) Gerade bei diesem Beispiel kann man gut erkennen, dass die impliziten Hinweise auf Homonyme erst in der nächsten Zeile deutlich werden. Selbiges gilt auch für Synonyme. Dass es sich dabei um keine spontane Entscheidung des Meister Jörg handelt, sondern um eine reflektierte Entscheidung, machen die illustrierenden Beispiele (Sentenzen und Redensarten) deutlich, die direkt im Anschluss an die interessierenden Lexeme erscheinen und diese kontextualisieren. 4.2 Hinweise auf sprachliche Variation Abgesehen von den eben vorgestellten Hinweisen auf semantische Relationen finden sich im Text vereinzelt Hinweise auf sprachliche Variation, darunter auf die Variation in der Konjugation, die Formenvariation je nach syntaktischem Kontext und das schwankende Genus im Altitalienischen/ Neuitalienischen (vgl. Tab. 6 und Bsp. 12-14): Hinweise auf sprachliche Variation n=11 Konjugation 9 Deklination 1 schwankendes Genus 1 Tab. 6: Hinweise auf sprachliche Variation im SB 1424 (12) E diraue Ich sprech / / burd sprechen (SB 1424: fol. 67r) Das Sprachbuch des Georg von Nürnberg (1424) vs. Ein Rusch Boeck (16. Jh.) 49 <?page no="50"?> 22 Vgl. Trim et al. (2017). (13) [U]No Ein [/ / ains / / ainer] (SB 1424: fol. 14r) (14) La seradura Le seradure El seiadure [l. seradure] daz slozz die slozzer fel slozz (SB 1424: fol. 11v) 4.3 Weitere Erkenntnisse Zu weiteren interessanten Erkenntnissen, die das Sprachbuch des Meister Jörg liefert, gehören u. a. folgende: Zunächst ist es auffällig, dass für ausgewählte Berufs- und Personenbezeichnungen auch weibliche Formen, darunter Movie‐ rungen, mitangegeben werden. Das eigentlich Auffällige dabei ist, dass man bei manchen movierten Berufsbezeichnungen nicht unbedingt erwarten würde, dass in diesem Handwerk auch Frauen tätig waren (vgl. Bsp. 15). (15) El sartor ly sartori la sartoressa El chaliger ly chaligeri la chaligara El boter la botera der sneider die sneider die sneiderin der schuster die schuster die schustarin der faspinter die fasspintarin (SB 1424: fol. 22v) Ferner ist hervorzuheben, dass im SB 1424 nicht nur Homonyme nebeneinander aufgeführt werden, sondern in einzelnen Fällen auch lediglich sehr ähnliche Formen, die keinen Homonymstatus besitzen, die aber dennoch Verwechslungs‐ gefahr in sich bergen und entsprechend eine mögliche Lernherausforderung darstellen (vgl. Bsp. 16). (16) El zocho El baston der stock der steck (SB 1424: fol. 33r) Schließlich ist auf zwei Stellen aus einem Dialog einzugehen, die einerseits Hinweise dafür geben, dass die deutsche Sprache als nicht leicht zu erlernende eingeschätzt wurde, und andererseits einen gewissen Maßstab zur Einschätzung von Fremdsprachenkenntnissen (vor der Etablierung des Gemeinsamen euro‐ päischen Referenzrahmens für Sprachen 22 ) bieten: 50 Sabina Tsapaeva <?page no="51"?> (17) Ene so tanto che uolentiera en voraue sauer piu Ich chan sein alz vil daz ich sein gern wolt mer chunen […] Qua(n)to te(m)po estu andato a schuola wie lange pistu zw schull gegangen El no e anchora vn an(n)o Ez ist noch nicht ein iar (SB 1424: fol. 99v) Auch im Vorfeld zu diesem Teildialog wird thematisiert, dass der Sprachschüler zwar etwas - hier wird erkennbar, dass er ein ganzes Jahr die Sprachschule besucht hat - Deutsch gelernt hat, aber dass es seinem Vater vom Kenntnisstand her nicht genug erscheint. Der Vater betont außerdem die Notwendigkeit aktiver Sprachpraxis zusammen mit einem Muttersprachler. (18) El basteraue se tu fosse stado vinti messy in allemagna Sein wer genugt ob du zwainczick monet in deuczen landen berst gebesen (SB 1424: fol. 99v) Im Beispiel 18 wird dagegen das gute Sprachniveau thematisiert, das der Sprachschüler - offensichtlich dank den didaktischen Talenten des Meister Jörg - in einer kurzen Zeit erreicht hat. 5 Auswertung des anonymen Ein Rusch Boeck Im RB sind Hinweise auf semantische Relationen im Vergleich zum SB 1424 als eine Seltenheit einzuschätzen, sie können keineswegs als systematisch beschrieben werden. Am wahrscheinlichsten ist es, dass es sich hierbei um ad hoc-Funde handelt. Ausdrückliche Hinweise auf Polysemie und Homonymie fehlen im Text gänzlich, Hinweise auf Synonymie sind insbesondere im ersten Drittel des Gesprächsbuchs zu finden (42 Hinweise). 5.1 Hinweise auf Synonymie Im Gegensatz zum SB 1424 des Meister Jörg sind die Synonyme im RB stets mithilfe von Aber - dies unabhängig von Sprache - markiert und somit sofort als solche erkennbar. Die Hinweise auf Synonymie im Altrussischen sind dabei häufiger anzutreffen als diejenigen im Mittelniederdeutschen (vgl. Tab. 7). Das Sprachbuch des Georg von Nürnberg (1424) vs. Ein Rusch Boeck (16. Jh.) 51 <?page no="52"?> Hinweise auf semantische Relationen n=42 - Aruss. Mnd. Hinweise auf Synonymie 26 16 Hinweise auf Polysemie 0 0 Hinweise auf Homonymie 0* 0 Tab. 7: Hinweise auf semantische Relationen im RB Dieser Umstand kann sicherlich mit der Tatsache begründet werden, dass das Altrussische die zu erlernende Sprache war (vgl. Bsp. 19-22). (19) Ickona. Aber. Obras Ein büldt (RB: fol. 10r) (20) Chlebnick. Aber. peckar. becker (RB: fol. 22v) (21) Nemoset. Aber. Bolen Ist kranck (RB: fol. 18r) (22) Wultu die mit mi verdragen mit quadem Aber bosen (RB: fol. 7r) Genauso wie im Falle der Hinweise auf Synonymie im SB 1424 prävalieren auch im RB die Angaben auf Synonymie bei Substantiven (26x + 1 substantiviertes Adjektiv). Andere Wortarten spielen eine eher marginale Rolle (vgl. Tab. 8). Hinweise auf Synonymie n=42 Substantive 26 + 1 Verben 2 Adjektive 5 Zahlwörter 2 Wortgruppen 2 gemischt 5 Tab. 8: Hinweise auf Synonymie im RB 5.2 Hinweise auf Homonymie Wenngleich deutliche Hinweise auf Homonyme im Altrussischen oder Mittel‐ niederdeutschen im RB fehlen, kann zumindest ein Beispiel als reflektierter 52 Sabina Tsapaeva <?page no="53"?> Umgang mit Homonymen gedeutet werden. Es handelt sich hierbei um den Umgang mit dem Wort пожалуй. Das altrussische пожалуй kann auf unter‐ schiedliche Weise interpretiert werden. Grundsätzlich lässt es sich entweder als Modalwort oder als Partikel klassifizieren. Ferner handelt es sich beim Homographen пожалуй sprachhistorisch betrachtet um eine Verbform, die den Übergang zu einer anderen Wortart noch nicht vollständig vollzogen hat. Das semantische Spektrum von пожалуй reicht entsprechend von ‚vermutlich, wohl, möglich, möglicherweise‘ und ‚besser‘ über ‚bitte‘ bis hin zu ‚ich werde mich revanchieren, ich werde es für dich machen‘ (СлРЯ, Bd. 16: 94; СлДрРЯ, Bd. VI: 563-564; Срезневский, Bd.-2: Sp. 1078; Фасмер; Шанский). In den Fällen, in denen пожалуй im RB in der Bedeutung ‚bitte‘ verwendet wird, finden sich als mittelniederdeutsche Paraphrasen entweder thue so woll (RB: fol. 43r, 56r, 64r, 73r, 78r, 79r, 85r) oder ick büdde (dy) (RB: fol. 66r, 71r, 82v, 88v, 94v). Für die Bedeutung ‚besser‘ wird im mittelniederdeutschen Teil häufiger l(i)ewer als Äquivalent verwendet (RB: fol. 8v, 74v). In anderen Fällen, in denen die Bedeutung und Funktion der oben beschriebenen Verwendungswei‐ sen von пожалуй teilweise nicht eindeutig bestimmt werden können, bleibt das Wort unübersetzt (RB: fol. 15r, 21r, 27v, 33r, 42v, 55r, 61v, 86r). Dies lässt darauf schließen, dass der Verfasser nachträglich keine Möglichkeit hatte, (s)eine muttersprachliche Gewährsperson zu konsultieren, und dass seine eigenen Kenntnisse des Altrussischen nicht ausreichten. 5.3 Weitere Erkenntnisse Da weitere Hinweise auf semantische Relationen oder Äußerungen zur Sprach‐ variation fehlen, sollen im Folgenden ausgewählte implizite Äußerungen zur eigenen wie fremden Sprachidentität und dem Sprachgebrauch fokussiert wer‐ den, wobei im Vorfeld anzumerken ist, dass die Äußerungen zum Altrussischen im Gegensatz zu den Reflexionen und Äußerungen im SB 1424 häufiger als wertend und voreingenommen einzustufen sind. Dies hängt wiederum mit der Entstehungs- und Gebrauchsgeschichte des RB zusammen, welches außerhalb des institutionellen Kontextes verfasst worden ist und ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt war. Ferner ist nicht auszuschließen, dass der Verfasser nicht ganz freiwillig nach Russland zum Sprachenlernen geschickt worden ist, was seine Einstellung und Vorurteile dem Land und den Leuten gegenüber ebenfalls erklären könnte. Die einführenden Bemerkungen des Verfassers enthalten u. a. eine Empfeh‐ lung bezüglich der Arbeitsweise mit dem Gesprächsbuch: Das Sprachbuch des Georg von Nürnberg (1424) vs. Ein Rusch Boeck (16. Jh.) 53 <?page no="54"?> 23 Zur Sprachpolitik im Russlandhandel vgl. Reitemeier (2002). 24 Zur Auslandslehre deutscher Kaufmannssöhne in Novgorod vgl. Bruchhäuser (1979). (23) Die da wüll Ihn Ruslandt die schpracke vnd Ihre mores weten Die muet diesse hernach beschrübene stücke desto facker Awer lesen (RB: fol. 1v) Der erste Teil dieser Aussage kann außerdem wie folgt interpretiert werden: Zum einen muss man selbst die altrussische Sprache lernen, um in Russland erfolgreich kommunizieren zu können. D. h. die Russen können anscheinend kein (Nieder-)Deutsch und es mangelt an einer gemeinsamen lingua franca. 23 Zum anderen wird die Bedeutung einer Auseinandersetzung mit den Sitten und Gebräuchen hervorgehoben, was darauf schließen lässt, dass sich diese stark von den europäischen unterscheiden. Eine intensive Beschäftigung mit den kulturellen - sowie sicherlich auch religiösen - Gepflogenheiten ist notwendig, um nicht ins Fettnäpfchen zu treten und den Verhandlungserfolg zu gefährden. Wenngleich das Erlernen der altrussischen Sprache eine Notwendigkeit darstellt, handelt es sich dabei um kein leichtes Unterfangen, was u. a. damit zusammenhängt, dass das Altrussische die kyrillische Schrift verwendet: (24) Ock kantu de Ruschke spracke so numer schriuen/ Allse se Idt Ihn Ehren worden bodriuen/ (RB: fol. 2v) Das Unterfangen wird zusätzlich dadurch erschwert, dass es keine Sprachschule und keinen ausgebildeten Sprachmeister vor Ort zu geben scheint, sodass die Sprache in unmittelbarem Kontakt mit einheimischer Bevölkerung erlernt werden soll. 24 Trotz der kulturellen und der Mentalitätsunterschiede sowie der damit verbundenen Skepsis von beiden Seiten darf dabei die Sprache auch von einheimischen Frauen gelernt werden. (25) Wente die | dudeschen van en die spracke don leren/ (RB: fol 2v) (26) Du bist er keiner gostinsen plichtich tho geuen/ ouerst der moder Ettlicke knoppe Nattelen vnd Neinatelen so vele Alß die mach kamen Euen/ Ock giffstu der mod[er] Einen spegel/ dat hert di tho Eren/ Ock placht Idt Eine wise to wesen/ Alß du hir machst lesen/ Dath de schprack lererß der moder plochten Eine m[arck] | tho geuen (RB: fol. 2v) Dass die altrussische Sprache nicht in einem Schulkontext gelernt wurde, wird zudem aus den zahlreichen Schimpfwörtern, blumigen Beleidigungen und sons‐ 54 Sabina Tsapaeva <?page no="55"?> 25 Vgl. dazu Scarabello (2008). tigen emotionsgeladenen Sätzen deutlich. Solche Ausdrücke und eine solche Direktheit fehlen erwartungsgemäß im SB 1424. Ferner sind in diesem Zusam‐ menhang die Diskurse zum Thema Prostitution zu erwähnen, die ein wichtiger Bestandteil des RB sind, aber im SB 1424 nicht adressiert werden, obwohl das erste offizielle Bordell Venedigs bereits 1360 seine Türen im Rialtoviertel und somit in unmittelbarer Nähe des Fondaco dei Tedeschi öffnete. 25 Die angeführten Beispiele 27-30 sollen den Aspekt der Beschimpfungen veranschaulichen. (27) solgal ty bledyne syn. hefst gelagen du huren sohn (RB: fol. 18v) (28) Goworysch sto durack bes uma. Redest Als Ein nar Ahne. | verstandt (RB: fol. 32v) (29) swinia sromisa Saw scheme dy (RB: fol. 41r) (30) Ne bosisa sobacka Schwere nicht du vnverschaumbter | hundt (RB: fol. 44v) 6 Zusammenfassung und Ausblick Die vorliegende Untersuchung - wenngleich sie einen exemplarischen Charak‐ ter trägt - hat deutlich gezeigt, dass die historischen Fremdsprachenlehrwerke ein großes Potenzial für Analysen des Sprachgebrauchs und der Sprachidentität bieten, selbst dann, wenn explizite Äußerungen zu diesen Aspekten fehlen. Besonders fruchtbar erwies sich dabei die Untersuchung der Hinweise auf semantische Relationen, wobei im Rahmen der hier vorgestellten Studie bei wei‐ tem nicht alle Aspekte abgedeckt werden konnten. Dies soll in weiteren Studien zum SB 1424 und dem anonymen RB nachgeholt werden. Eine Ausweitung des Korpus um weitere italienisch-deutsche und russisch-(nieder-)deutsche Sprachbzw. Gesprächsbücher erscheint dabei methodisch sinnvoll und erstrebenswert. Trotz der offensichtlichen Unterschiede in der Entstehungsgeschichte der beiden Vergleichstexte, der Differenzen im Hinblick auf didaktische Überlegun‐ gen der Verfasser sowie der strukturellen Unterschiede der in den Sprachkontakt involvierten Sprachen konnte eine Reihe von Gemeinsamkeiten zwischen SB 1424 und RB festgestellt werden. So konnten Ähnlichkeiten im Textauf‐ bau, inhaltliche Überschneidungen in Bezug auf abgesteckte Themen sowie Parallelitäten im Umgang mit Synonymen gefunden werden. Ferner sind die Hinweise der beiden Verfasser auf Komplexität der zu erlernenden Sprachen (Frühneuhochdeutsch, Altrussisch) aus der Lernendensicht aufgefallen. Als Das Sprachbuch des Georg von Nürnberg (1424) vs. Ein Rusch Boeck (16. Jh.) 55 <?page no="56"?> Hauptunterschied zwischen den untersuchten Sprachlehrwerken hat sich der Umgang mit Flüchen, Beleidigungen, Beschimpfungen und sonstigen vulgären Ausdrücken erwiesen. Während sich das Sprachbuch des Meister Jörg auf die Kommunikation im Sinne der Höflichkeitsmaxime konzentriert, bietet RB eine breite Palette an nicht-normativer Lexik, die in Streitsituationen Verwendung finden konnte. Begründet werden kann dieser Unterschied v. a. durch die Dif‐ ferenzen in Bezug auf die jeweiligen Zielgruppen und die Entstehungskontexte der untersuchten Texte (institutionell vs. nicht-institutionell). Literatur Bart Rossebastiano, Alda (1983). Vocabolari Veneto-Tedeschi del secolo XV. 3 Bde. Savigliano: L’Artistica. Bart Rossebastiano, Alda (1984). I „dialoghi“ di Giorgio da Norimberga - Redazione veneziana, versione toscana, adattamento padovano. Savigliano: L’Artistica. Bierbach, Christine (1987). Laien-„Sprachtheorien“ und nationale Stereotypen in italieni‐ schen Texten des Cinquecento. In: Niederehe, Hans-Josef (Hrsg.). Die Frühgeschichte der romanischen Philologie: von Dante bis Diez. Tübingen: Narr, 65-90. Blusch, Martina (1992). 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The final part provides a broader discussion and draws conclusions from the perspective of German as a foreign language (GFL). There, I will once again try to demonstrate the relevance of the usage-based standard concept by critically examining an argument by Dirim and Simon (2022). 1 The motivation behind the research project “Spoken Standard” Traditionally, there is a tendency to measure the correctness of the German language against the standard of written German. Deviations from it are considered to be errors or deficient language use. In view of an extreme form of this “written language bias” (Linell 2005, Fiehler 2000), learners of German as a foreign language who have acquired German in their home country may get the impression that hardly anyone speaks ‘correct German’ in German-speaking countries (see Schneider 2020). It seems that such an idea can only have originated in language teaching that does not take sufficient account of the actual use of the German language. This view of language is spread in Germany by popular language critics who diagnose a language decline and maintain that our language has become ‘worse <?page no="64"?> 1 If one adopts a process-oriented concept of media and considers face-to-face commu‐ nication as a basic multimodal medium of human beings, then interactionality and temporality are fundamental aspects of language mediality (see Luginbühl & Schneider 2020, Luginbühl and Schneider 2024). 2 First, a few words to clarify the term usage-based: The term here emphasizes that a stan‐ dard language, especially a spoken standard, can only be (re)constructed from the actual use of language, not from traditional ideas of what is right or wrong, beautiful or ugly in language. Therefore, a usage-based approach requires corpus-based or corpus-driven empirical work. Furthermore, the term usage-based standard is explicitly intended to evoke associations with usage-based models of language and language acquisition (see e.g. Tomasello 2003). The late Wittgenstein's pragmatic view of language, which is consistently oriented towards the category of social language use, is fundamental in this context. and worse’ over the course of its history. With critical reference to the popular columnist Bastian Sick, the linguist Wolf Peter Klein (2018: 36), for example, correctly states that for Sick, actual language use is “not an instance” that “he would constitutively take into account as a starting point for normative consi‐ derations”. And Klein goes on: If one follows [Bastian Sick's] explanations, it can in principle be the case that all speakers of German speak incorrectly at certain points […]. (Klein 2018: 36 f.; translation and highlighting: JGS) However, this is logically impossible or is based on a misleading understanding of rules, because: A supposed language rule that no one follows does not deserve to be called a rule - Ludwig Wittgenstein (1984) in particular is known to have written convincingly on this point. Furthermore, research in conversation analysis and media linguistics emphatically shows that the structural conditions of communication, its interactionality and temporality, 1 must be taken into account (Auer 2009, Günthner/ Hopper 2010) not only when analyzing informal orality, but also when examining the spoken standard, i.e. a type of orality that can also be used in more formal contexts (Schneider et al. 2018). Face-to-face communication, for example, is also structurally shaped by interactionality and real-time processing under response pressure (i.e. by an “online-syntax” in Peter Auer‘s sense) in many formal, standard-affine situations, and this favours specific syntactic constructions of orality that are highly functional here. In light of these considerations and observations, we conducted a research project in Landau that was funded by the DFG (Schneider et al. 2018). In this empirically oriented project, we (re-)constructed a usage-based 2 standard of spoken German with a view to language didactics, including the didactics of German as a foreign language. In the following sections, I will first describe our concept of the spoken standard and our criteria for a particular syntactic construction of this standard (part 2). Then, in part 3, I present the research methods and the corpus, before moving on to selected empirical results in parts 64 Jan Georg Schneider <?page no="65"?> 4 and 5 and concluding with a summary from the GFL perspective in the final part 6. 2 Theoretical foundations With our research project, we pursued two main objectives, a linguistic and a didactic one: • The development of a usage-based standard concept for spoken language from a syntactic perspective • Raising teachers’ and prospective teachers’ awareness of mediality-related syntactic features of spoken German and thus enable them to better assess students’ utterances from a syntactic point of view. The usage-based spoken standard is the oral language which is used and accepted across regions, even in more formal situations, without attracting attention (cf. in detail Schneider et al. 2018: 19-57; cf. also Dürscheid/ Schneider 2019; Schneider 2020; Duden 9 2021: 14-16). It is the language variety that we would use to, for example, give directions to someone from another region who is not familiar with the area or to someone learning German as a foreign language at a lower or intermediate level. It is also very important to note that our project was concerned with syntax and not - as one might assume - with pronunciation. The reason for this is that we consider pronunciation to be far too varied and diverse for us to define a usage-based standard worthy of the name. It is also relevant to mention that we were dealing with the syntactic particularities of the spoken standard in relation to the written standard, not with the relationship between standard and dialect. One initial question for the empirical work was therefore whether syntactic constructions can be described that can be considered standard German for the oral language, even though they are not acceptable or stylistically marked in the written standard. While our project work focused on the meaning of the word standard as described above (the ‘normal’, the ‘unobtrusive’, the default case), the second linguistically relevant meaning of the term standard was also reflected on throughout: This is - as we can say - the ‘old’ standard concept: the standard as something prestigious, high, that one should achieve, that one should be oriented towards, that serves social distinction. Contemporary written standard German in particular can be regarded as a kind of “key variety” (“Leitvarietät”, Duden 9 2021: 15, Hennig 2024: 167 ff.), the mastery of which ensures social success in many respects and constitutes “symbolic capital” (Bourdieu 2005). Usage-based spoken standard and its significance for GFL teaching 65 <?page no="66"?> The same applies to the spoken standard. It is important to realize that this idea of prestige and desirability also resonates to a certain extent in the usage-based standard. Or as Peter Auer, who also speaks of “neostandards” here, puts it: The shift from a normative to a usage-based standard should not be equated with destandardisation, though. The neostandards are not substandards; rather, they enjoy a high prestige, which is however defined by a set of attitudinal characteristics distinct from those of the traditional standards. (Auer 2018: 39) In our empirical work, the following three criteria for a syntactic construction of the spoken standard have emerged in a top-down and bottom-up process, i.e. in both a deductive and inductive procedure: (a) It is a recurrent, structurally describable, complex sign scheme (= syntactic construction). (b) The construction can be explained and functionally described on the basis of the basic medial conditions of spoken interaction (“on-line syntax”, Auer 2009). (c) The construction is (c.1) regular and unobtrusive in spoken language, even in supraregional, more formal contexts, although it has (c.2) no structural equivalent in the written standard. All our candidates for constructions of the spoken standard were analyzed using these three criteria. 3 Methods und corpus Two empirical methods were applied throughout the project work: (1) Qualitative corpus analyses of spoken language constructions The question here was which syntactic constructions of spoken language occur in near-standard conversational situations and how these can be described precisely in formal and functional terms. In the corpus as a whole, construction types were identified which could be considered as candidates for the three criteria, which were set provisionally to begin with. Then, based on the empirical findings, the criteria were adjusted and refined. Since the empirically available construction types proved to be very diverse, we endeavored to provide a precise, qualitative description of the form and function of these constructions, from which a specific concise collective term emerged in each case. A frequent construction is one that is not an isolated case, but occurs perhaps several dozen times in our corpus and can be clearly described in functional terms. However, 66 Jan Georg Schneider <?page no="67"?> quantification was not a priority and was only analyzed in some cases: for example, in the very prominent example of weil constructions with verb-second word order (weil-V2 constructions). (2) Interactional linguistic analyses of subsistent norm orientation The aim here was to describe communicative practices in which a standard orientation is evident: How are standard and non-standard forms dealt with or worked on communicatively in each case? To what extent do communicative frameworks (e.g. in correction or repair behavior) reveal subsistent norms that speakers follow? In the course of the project, these two methods were triangulated with each other and with the results of an online survey (method 3), which was conducted to test how the syntactic constructions resulting from the corpus and interaction analyses were perceived and evaluated. In this contribution, I will concentrate on the corpus analyses and the online survey (methods 1 & 3), so I will almost completely omit the interaction analyses on correction behavior. In addition, I will limit the corpus analyses to three types of constructions, namely apokoinu constructions, reference-predication structures (aka ‘left dislocations’) and weil with verb-second word order. I chose the apokoinu and the reference-predication example because they illustrate the mediality aspect particularly well, and the weil example because it is very well known and has also been widely discussed by popular language critics (e.g. Bastian Sick who was mentioned at the beginning in connection with his column “Weil das ist ein Nebensatz”, 2005: 157-160). But first a few words on the selection of the data material: We based our selection on the question of the domains in which near-standard speech is most likely to be expected. In order to determine a usage-based spoken standard from a syntactic perspective, it was necessary to analyse spontaneous, interactional speech in more formal, supraregional conversational situations. This is quite similar to determining the written standard, where supraregional newspaper articles usually form the corpus. The project worked with two sub-corpora, a talk show corpus and a teaching corpus. The sub-corpora consisted of audio files and the corresponding GAT 2 (see Selting et al. 2009) transcripts. EXMARaLDA (Partitur-Editor 1.5.3, Exact 1.2) was used as the transcription program. The talk show corpus primarily contains 20 Anne Will talk show broadcasts totaling around 25 hours from the years 2013 and 2014. Only the audio data that were available on the show’s homepage were included in the analysis. The talk show corpus was primarily used for the corpus analyses (method 1), as an effort to achieve supraregionality is to be expected in this domain in particular. The Usage-based spoken standard and its significance for GFL teaching 67 <?page no="68"?> teaching corpus comprises a total of 92 hours of audio material from 2010, mainly from upper secondary school lessons in German, biology and physics. 4 Exemplary corpus analyses 4.1 Apokoinu constructions I start with a simple example of an apokoinu construction from our Anne Will corpus. Here a journalist is talking about the problems of the European Union: es ist für MICH ist das der anfang vom ende der europäischen union. Apokoinu constructions consist of three parts (A, B and C). B is the koinon (ancient greak: ‘the common’); apokoinu means: ‘from the common’. In our example A is es ist, B für mich and C ist das der Anfang vom Ende der europäischen Union. B is ‘the common’ of A + B and B + C. The structural rules of an apokoinu construction in German are the following (see Schneider/ Butterworth/ Hahn 2018: 168; Poncin 2000: 74): • A + B is a syntactically regular unit in German • B + C is a complete, syntactically regular unit in German • A + B + C is not a syntactically regular unit in written standard German For the distinction between spoken and written standard it is very important here that the entire chain (A-B-C) is considered to be in need of correction in the written standard. In our second apokoinu example, the very well-known TV physicist Harald Lesch is criticizing the supporters of the controversial “intelligent design the‐ ory”: 01 sie nEnnen sich ! UM! auch n bisschen die probleme mit der wissenschaft äh zu vermEIden, 02 NENnen sie sich Anhänger der intelligent desIgn theorie. Here the words um auch n bisschen die probleme mit der wissenschaft äh zu vermeiden build the koinon. Now the three criteria can be applied in detail using the second example for illustration. As already mentioned above when referring to the first example, this is a syntactic construction and by no means a pure performance phenome‐ non (criterion a fulfilled). Especially with very long koinons, as in this second example, the repetition of the verb can help the interactants not to lose the 68 Jan Georg Schneider <?page no="69"?> thread and to ensure understanding. Apokoinu constructions can therefore be well explained and functionally described on the basis of the basic medial conditions, i.e. the mediality of spontaneous, interactional orality (criterion b fulfilled). And: In oral speech, such constructions are also frequent in more formal, supraregional situations - as in our corpus, while they are regarded as incorrect in written standard (criterion c fulfilled). In the third example, a studio guest quotes Goethe on the occasion of an earthquake in Lisbon: 01 goethe hat damals gesagt als °h das ERDbeben war, 02 in in in äh LISsabon,= 03 =HAT er gesagt, (0.62) 04 EInen gOtt kann es gar nicht geben, 05 der SO etwas zulässt. Here we have hesitation markers such as the reduplication of in and the expression äh, which makes it even clearer that the apokoinu is very functional in order not to lose the thread of thought. Thus, all three criteria are fulfilled here as well. 4.2 Reference-predication structure Reference-predication structures are another example. These were referred to as “left dislocations” (“Linksversetzungen”) in earlier research literature (cf. Altmann 1981). Reinhard Fiehler (2000) has rightly pointed out that this is a scripticist term that is oriented towards the spatiality of writing, not the temporal processing of the oral. For this reason, we adopted Fiehler’s termino‐ logy Referenz-Aussage-Struktur (English: reference-predication structure), which emphasizes the temporal execution of the actions reference and predication. The following example is also from our talk show corpus. In it, a lawyer comments on the relationship between the application of the law and the facts of the case: die RECHTSanwendung (.) die kann (-) Einwandfrei sein; (-) The reference term (die RECHTSanwendung) is separated from the predi‐ cator (kann (-) Einwandfrei sein) and resumed there by a proform (die). It is therefore a structurally describable unit, i.e. a construction that fulfills criterion (a). Criterion (b) can be clearly applied here, because the two reference-predication structures can be explained and functionally descri‐ bed on the basis of the medial conditions of face-to-face communication. In spontaneous ‘online’ interaction, the pragmatic separation of reference and Usage-based spoken standard and its significance for GFL teaching 69 <?page no="70"?> 3 These were not decidable, because they were anacolouths or because the word order was not identifiable, which is the case when verb-second and verb-final word order are identical, for instance: Er bekam nichts mit, weil er schlief. predication serves to ensure comprehension: By separating the two sub-actions, it becomes clear what is being talked about (reference) and what is being said about it (predication). This is user-friendly in that the temporality and audio-visuality of face-to-face communication are pragmatically utilized. The referential function of the reference expression can be strengthened by the use of such constructions, often in conjunction with pointing gestures: ‘Das Fenster da - können Sie das mal schließen? ’ (‘That window over there - could you close it, please? ’) In the written standard language, however, especially in the supra-regional press (cf. Eisenberg 2007: 217), such constructions are not common, even if they are occasionally used as a special stylistic device, for example in a feuilleton, where they fulfill a different, more “literary” function (cf. ibid.) - in any case not that of spontaneously ensuring comprehension. Overall, such constructions tend to be considered rather marked in written standard German (cf. e.g. Duden 9 2021: 132; Rug/ Tomaszewski 2008: 217). All the criteria for a specific construction of the spoken standard are therefore also fulfilled here. 4.3 weil with verb-second word order Constructions with weil plus verb-second word order are a phenomenon fre‐ quently discussed in academic research literature (Günthner 1993, 2002) and also in popular language criticism (e.g. by Bastian Sick). This type of construction is very frequent in our corpus: • 1192 tokens of weil • 678 in verb-final word order (56,88%) • 387 in verb-second word order (32,47%) • 127 not decidable (10,65%) 3 à anacolouths or word order not identifiable Thus, one third of all weil uterrances were clearly in verb-second word order. Here is a typical example of this construction from our corpus (the speaker is the moderator Anne Will): weil uns ist was AUFgefallen äh als wir den film gemacht hatten den wir eben gezeigt haben- This construction is clearly a schematized unit; it is highly frequent in spoken language, even in more formal contexts, although it has no structural equiva‐ 70 Jan Georg Schneider <?page no="71"?> lent in the written standard. Criteria a) and c) are therefore clearly fulfilled. Only criterion b) is more controversial here. Is it possible to claim that this construction can be explained by the medial conditions of interactional orality? As a counterargument, one could immediately point out that this construction is also frequently used in informal written communication (e.g. in messenger communication). On the other hand, however, it is plausible that it is particularly advantageous for comprehension of long units introduced with weil in oral syntax if the finite verb occurs early. As research on weil has already shown years ago, verb-second word order with weil is frequently used precisely when the part introduced with weil has a high degree of prosodic and semantic independence, even to the point of using weil as a discourse marker (Günthner 1993, 2002), so that it is plausible to say that criterion b is met here as well. Although the weil-V2 construction is very common in our talk show corpus and is almost never ‘worked on’ or ‘repaired’ communicatively, one remarkable self-correction could be found. Here, the studio guest is asked whether she is pursuing a career that has been made possible by a women‘s quota, and she replies that she is convinced she does not need it. In this answer, she corrects the word order in the weil-clause, in the form of a self-initiated self-repair: 01 AW: frau albsteiger wollen sie dank einer quote was WERden. 02 KA: NEIN. 03 AW: waRUM nicht. 04 KA: weil ich bi davon überzeugt bin dass ich sie nicht BRAUche; The passage is particularly interesting, because the speaker initially wants to follow up with a verb-second construction after an introduction with weil, but then changes her mind and corrects it to a verb-final construction - a behavior that can be interpreted as a hyper-correction caused by a strong written language bias. This phenomenon is also consistent with the fact that the weil construction with verb-second order was often commented on negatively in our online survey. 5 The online survey In our online survey (see Schneider et al. 2018, chapter 4.3), attitudes towards syntactic constructions were tested. The aim was to find out whether the constructions that had emerged in our empirical analyses as candidates for the Usage-based spoken standard and its significance for GFL teaching 71 <?page no="72"?> 4 This and the following instructions from our survey have been translated by me. The original survey was in German. spoken standard or as borderline cases of such a standard are perceived as appropriate or tend to be rejected in a school teaching scenario. The questionnaire was created using the freely available online soft‐ ware “Sosci-Survey” and sent to potential participants via the “Sosci-Panel” platform and via schools and study seminars in Rhineland-Palatinate. After a pre-test phase and subsequent revision, the survey was activated for two weeks. Typical spoken language constructions which occur in our data were presented to the participants acoustically, because a visual presentation in written form would have additionally reinforced the written language bias and would have been inappropriate in view of our study subject. The participants were instructed as follows at the beginning of the questi‐ onnaire and for each stimulus: “Please pay attention not to whether the content of the statement is suitable for a school context, but to how it is formulated linguistically.” 4 In order to circumvent the influence of different voices, all statements were re-recorded by a project team member, whereby a compromise was found between manageable shortness and sufficient coand con-textualization. The core idea was to examine how the phenomena are evaluated and whether differences in the evaluation can be linked to socio-demographic factors such as the respondents’ regional origin or profession. The evaluation of appropria‐ teness for more formal situations was of particular interest to our study. As already indicated before, the domain chosen in this case was a school teaching context, as the question of appropriateness may be particularly important for the respondents here due to the role model function of teachers. The multi-level question for each stimulus was: (1) “Do you think it happens that a teacher says the following in a middle to high school classroom? ” (2) “If it happened, would you find it linguistically appropriate in this context? ” The second question, which is essential for our study, could be answered on a scale of yes (=1), rather yes (=2), rather no (=3), no (=4). If the answer was rather no or no, the additional question What do you find inappropriate about it? appeared with the opportunity to comment freely. We suggest that the results of this online survey may, to some extent, serve as an indicator of the written language bias that influences the participants. Const‐ 72 Jan Georg Schneider <?page no="73"?> 5 See Schneider et al. 2018: 136-143; for the English terms see Negele 2012: 94. ruction types that are frequent and functional in our overall corpus, that were not communicatively ‘worked on’ in the interaction and that were evaluated positively in the online survey can be regarded as relatively unproblematic cases of a spoken standard. If there is a discrepancy between usage and evaluation, this is an indication of a strong written language bias on the part of the participants with regard to the construction type in question. The questionnaire was completed in full by 347 participants. Most of them from Germany, 33 from Austria, 5 from Switzerland. Due to the different linguistic conditions in the three countries and the very different sample sizes, only the data from Germany were taken into account in our analysis. The diatopic distribution North Germany-South Germany was approximately 50-50. 85.6 % of the participants were between 21 and 60 years old; 2.6 % younger, 11.8 older. 59.8 % of the test subjects were female, 40.2 % male. Over 60 % had a university degree. The question of whether they were teachers was of particular interest to our study, as these have a license to correct and can be regarded as “norm authorities” (in the sense of Ammon 2005). 19.9 % teachers and 81.1 % non-teachers took part in the survey. Following this statistical information, here are the audio samples in written form: - audio sample Phenomenon abbreviation 1 ich will nicht ausweichen dei‐ ner frage keine sorge expansion (nominal phrase) Exp_NP 2 goethe war damals einundzwan‐ zig jahre alt übrigens expansion (adverb phrase) Exp_AdvP 3 ich bin damals mit dem zug ge‐ fahren nach hamburg expansion (prepositional phrase) Exp_PP 4 da haben wir doch eben schon einiges zu gesagt stranding construction (“Adverbialklammer”) Adkl_da_zu 5 ich kann mir da wirklich nichts drunter vorstellen doubling construction (“Adverbialklammer mit Dopplung”) 5 Adkl_da_drun‐ ter 6 schön hast du super ergänzt verb-first word order V 1 7 wir wollen das gemeinsam lösen dieses problem und deswegen reden wir jetzt darüber predication-reference structure (‘right dislocati‐ on’) AusRef Usage-based spoken standard and its significance for GFL teaching 73 <?page no="74"?> 8 wenn ich das gerade mal einwer‐ fen darf der pausenraum der sah wohl absolut verheerend aus reference-predication structure (‘left dislocati‐ on’) RefAus 9 in europa unterliegen menschen heute völlig unterschiedlichen rechtlichen bedingungen es ist für viele ist das der anfang vom ende der europäischen union apokoinu construction Apokoinu 10 ein klassischer fehler besteht da‐ rin dass autor und erzähler im‐ mer wieder gleichgesetzt wird numerus incongruence Num-IK 1 11 wenn die opposition konsequent gerechtigkeitsthemen anspricht dann hat der regierungschef und sein kabinett ein problem numerus incongruence Num-IK 2 12 und dann hab ich gesagt macht den vorhang auf sie haben den vorhang nämlich nur bis zur hälfte aufgemacht gehabt double perfect doppPerf 13 er hat zu den jungen leuten ge‐ sagt macht eine ausbildung weil das bringt euch weiter weil with verb-second word order weilV2 14 wie ihr wisst gibt es auch klas‐ sen die haben das geschafft relative clause with verb-second word order RelV2 15 wir haben uns mit dem theater in verbindung gesetzt wir haben mit dem regisseur uns unter‐ halten um euch einen schönen theaterbesuch zu ermöglichen unusual word order in the middle field ungKA Tab. 1: overview of the stimuli in the survey The stimulus set mainly contained phenomena which are frequently represen‐ ted in our corpora with exception of the barely represented double perfect, which was included due to its prominence in research literature (e.g. Rödel 2007). Overall, the results for question (2), i.e. the question of whether the construction was appropriate in the classroom, are as follows (scale, as already mentioned above: 1 = yes, 2 = rather yes, 3 = rather no, 4 = no): 74 Jan Georg Schneider <?page no="75"?> Fig. 1: results of question (2) Unproblematic candidates for spoken standard constructions are therefore the utterance with verb-first word order (V1): “Schön, hast Du super ergänzt! ”, the “Adverbialklammern” (Adkl_da_drunter): “ich kann mir da wirklich nichts drunter vorstellen”, the predication-reference structure (AusRef): “wir wollen das gemeinsam lösen, dieses problem” and the reference-predication structure (RefAus): “der pausenraum, der sah wohl absolut verheerend aus.” The expan‐ sion (ExpNP) is viewed particularly negatively: “Ich will nicht ausweichen deiner Frage - keine Sorge”, where a noun phrase (here: deiner Frage) is produced after the infinitive verb form. The apokoinu construction (das ist für viele ist das der anfang vom ende der euröpäischen union), a construction type which - as explained before - is frequent in our corpus and unobtrusive in spoken interaction, is also evaluated negatively. In this specific case, however, the negativity is possibly enhanced by the fact that the koinon is very short here and the doubling (das ist für viele is das) thus becomes very salient. As explained before, apokoinu constructions are often used in interaction for syntactic self-orientation and to ensure comprehension, especially if the coinon is extensive. It might therefore have been more appropriate here to choose a different example with a longer koinon. A discrepancy between usage on the one hand and evaluation in the survey on the other is particularly evident in weil with verb-second word order. As already mentioned, this construction is very frequent in our corpus, and it is hardly ever ‘worked on’ communicatively or self-repaired. However, as mentioned above, there is at least one remarkable self-correction in the talk show corpus, which indicates a strong written language bias combined with linguistic uncertainty/ hypercorrectness. Usage-based spoken standard and its significance for GFL teaching 75 <?page no="76"?> 6 Translations by JGS. Fittingly, this construction, although it is common and even dictionary-com‐ pliant in spoken language (cf. Duden 9 2021: 1036), is only evaluated as moderately appropriate in the online survey and is met with numerous critical comments. Some of these are quoted here: “ ‘weil, das’ tut richtig weh” (“ ‘weil, das’ really hurts”) “Syntaxchaos” (“syntax chaos”) “kein richtiges Deutsch” (“not correct German”) “[…] überschreitet quasi eine persönliche Schmerzgrenze” (“[…] oversteps a personal pain limit as it were”) “[…] finde diesen gefühlten Verfall der Sprache schade” (“[…] I think this felt decline in the language is a shame”) 6 (see Schneider, Butterworth & Hahn 2018: 144 ff.) Comments such as these can possibly also be explained by the fact that weil with verb-second word order is a relatively well-known and salient phenomenon that has often been the subject of popular language criticism and stigmatized as an indication of language decline (cf. for example Sick 2005: 157-160). In the survey, we also asked the subjects a few questions about their language attitude, for example, whether they think the German language is ‘falling into decline’. 19 % answered that this was very much the case, and 53.9 % that it was partly the case. Interestingly, the teachers agreed with the thesis of lnguage decline a little less than the non-teachers. This finding also corresponds to another result of our online survey: The teachers reacted significantly more open-mindedly and liberally to the presented orality phenomena than the non-teachers. This may be surprising at first, as teachers are sometimes assumed to be pedantic and grammar-minded. However, the survey suggests that teachers have more knowledge and experience of language variation. This is certainly hopeful. The North German participants rate the stimuli more strictly than the South Germans. There were no relevant differences in our study with regard to age and gender. 6 Discussion and conclusion - the results of our project from the GFL perspective As mentioned at the beginning, the main didactic goal of our project was to raise teachers’ awareness of mediality-related syntactic features of spoken German and thus enable them to better assess students’ utterances from a syntactic point 76 Jan Georg Schneider <?page no="77"?> of view. This is especially relevant for German as first language, but also for GFL. If we want to provide competent information about linguistic appropriateness, we have to reconstruct usage norms empirically. This applies equally to spoken and written standard. Language advice on grammatical doubts (see Klein 2018), for example, is primarily concerned with problems and uncertainties in the written standard, as this plays a special role in society when dealing with communicative tasks that are under pressure to be evaluated. This usage standard is unmarked, i.e. unobtrusive, even in more formal contexts (see Duden 9 2021). In GFL teaching, too, the focus is on a German oriented towards the written standard, at least at the lower levels (up to and including B1). The GFL-researcher Martin Durrell, for example, who, like us, is a committed advocate of reflecting on language variation in GFL lessons, nevertheless supports the view that “lessons should be based on a uniform linguistic form - especially in the initial phase”, because otherwise “learners would simply be confused” (Durrell 2012: 88, my translation; cf. also Helbig/ Buscha 2001: 17 f.). However, if for good didactic reasons, we concentrate on such “uniform linguistic forms” and written standard language at the lower levels A1 to B1, there are also risks and dangers that we must always bear in mind: One of these risks has to do with the “written language bias” (Linell 2005), which has been discussed several times in this article: Due to this bias, we tend to measure oral utterances against the written language, especially the written standard language in the traditional sense: something prestigious, lofty, that one should strive for, that one should orient oneself towards, that serves social distinction, that is more or less homogeneous and fixed. The second risk, then, is a “standard language ideology” or “homogeneity ideology” (Maitz & Elspaß 2013). These ideologies, however, are intrinsically linked to another: the “right-or-wrong ideology” (Klein 2018: 25 ff.). Those who (often unconsciously) follow the written language bias and the ideologies of standard and homogeneity also tend to assume that there is always a clear answer to the question of which linguistic forms are correct and which are incorrect. Linguistic doubts are then misinterpreted as symptoms of not knowing or not yet knowing. This can be accompanied by an absolutization, almost a fetishization of native speakers, who are assumed to be able to make such decisions with certainty and who are considered to be the ‘role model’ of correct language use. This can also be referred to as a native speaker ideology. This native speaker ideology is particularly criticized by İnci Dirim and Nina Simon in their contribution on the recognition of new forms of migration-rela‐ ted social variants in German classrooms (Dirim/ Simon 2022). Here, the two Usage-based spoken standard and its significance for GFL teaching 77 <?page no="78"?> 7 Contrary to what Dirim & Simon (2022: 2) assume, the question of whether something is included in the Duden does not depend solely on how widespread it is, but on whether it is used in supraregional, more formal contexts. On the empirical work for Duden 9, which ist particularly important in this context and uses the usage-based standard as key variety, see Hennig 2024: 167ff. authors argue that expressions such as mit jemandem heiraten (to marry with someone), which probably originated from the language contact with Turkish (Dirim/ Simon 2022: 2), should not be devalued and should not be considered “er‐ roneous interferences”, but as “relatively stable, sometimes widespread features of German in today’s migration-influenced regions” (Dirim/ Simon 2022: 2, my translation, JGS), similar to Heike Wiese in numerous publications, particularly in her well-known book “Kietzdeutsch” (Wiese 2012, see also Wiese 2011; Schneider et al. 2018: 260 f.). Up to this point I agree with Dirim’s and Simon’s line of argument: insofar as such variants become established regionally and are common in certain diaphasic and diatopic registers, it is inappropriate to devalue them as ‘wrong’ or as not belonging to German (see homogeinity and right-or-wrong ideology). I no longer agree with the authors’ argument when they suggest that such forms should be included in the Duden codification, since “English foreign words” (“englische Fremdwörter”, Dirim/ Simon 2022: 2) such as Lockdown and ‘pseudo-anglicisms’ (“Schein-Anglizismen”, ibid.) like Home-Office have also been included there. Firstly, Lockdown is not an English word, but an Ang‐ licism as well as Home-Office, and thus both are German words that have been established through transference from English (Busse 2001: 134). The spelling itself shows that they cannot be English words. Secondly, and more importantly for our argument, the Anglicisms mentioned appear in supraregional corpora, in particular in corpora of supraregional press texts, such as those used by the Duden, and are even common there, which cannot be said of the expression mit jemandem heiraten. 7 The argument of Dirim and Simon is not convincing overall, since it seems to dispense with any notion of standard language, not only - as we also do - the traditional standard, but also the usage-based standard. Our aim is to reconstruct a usage-based standard in the sense of a supraregional German that remains unobtrusive in more formal contexts and can be taught to GFL learners so that they can express themselves in such an unobtrusive register if they want to. The competence to distinguish between the usage standard and other varieties is a necessary prerequisite to make this decision - “Only those who stand firm can move freely” (Eichinger 2005, title translation: JGS). The basic rule, which has also been used by the editorial team of Duden 9 since 2007, is: ‘If you want to use 78 Jan Georg Schneider <?page no="79"?> 8 Contrary to Wiese (2012), Dirim & Simon (2022: 2) seem to reject the term dialectal for constructions like mit jemandem heiraten. What concept of dialect underlies this rejection? On the question of whether Kiezdeutsch is a dialect or not, see Auer (2013), who also discusses there how the concept ‘language variety’ could be defined in difference to ‘language style’. standard, then use form x rather than form y. If you want to use nonstandard, then you can use other expressions that belong to other varieties’ (see Eisenberg 2007: 216 and 226; see also Hennig 2024). These other variants are not devalued, but only marked as non-standard variants. This applies to dialects as well as to variants of youth language or Kiezdeutsch, for example. The question is: Which variants do we teach at levels A1 to B1 to create a basis? In my opinion, it makes a lot of sense to teach forms of the usage standard at these levels. Lockdown and Home-Office certainly belong to this usage standard, but not mit jemandem heiraten, which does not occur in supraregional standard-affine corpora. Of course, this can change: if mit jemandem heiraten occurs more frequently in these corpora over a period of time, there is no longer any reason not to include it in the Duden. This is precisely how empirical, corpus-based grammar and dictionary writing works for the standard of German as it is used. And this is what we have done in our project with regard to the spoken standard from a syntactic perspective. Regionally and diaphasically established forms such as mit jemandem heiraten can, of course, be recognized as forms of the German language; they can also be thematized in GFL lessons (perhaps B2-C2), but they should be distinguished from the forms that we actively teach as usage standard. 8 The main difference between the two positions therefore ultimately lies in whether one considers it relevant to orient oneself towards a concept of the standard language in GFL didactics or not. It is certainly not due to a native speaker ideology that the syntactic construction mit jemandem heiraten is not (yet) part of Duden codification: The judgment or language behavior of native speakers has no special status here as such; the decisive factor is regular occurrence in standard-affine corpora. With regard to our research project, the following can be stated here: At the latest from B 2 onwards, GFL lessons should enable a critical attitude towards written language bias and the other ideologies named above by making learners aware of the autonomy of spoken syntax constructions. Syntactic constructions, as we have presented and analyzed them, do not necessarily have to be actively taught, but GFL teaching should enable learners to recognize syntactic constructions of spoken language as regular and functional. This (passive) competence in distinguishing and categorizing such constructions can Usage-based spoken standard and its significance for GFL teaching 79 <?page no="80"?> be achieved in GFL classes, for example, by working with audio and video recordings, including transcripts, in which such constructions occur, and also with the results of our online survey on language attitudes regarding syntactic constructions of the spoken standard (see the previous chapter of this article). With the help of this material, teachers can design lessons that help students identify syntactic constructions of usage-based standard German. Furthermore, salient and well-examined examples such as weil with verb-se‐ cond word order (e.g. epistemic weil, speech-act-related weil, weil as discourse marker; see Günthner 2002) can also be treated separately and can even be actively practiced: Unlike apokoinu constructions, weil with verb second word order can be quite well controlled and quite consciously used by the speakers. Examples with weil-V2 constructions are to be found, for example, in the “Übungsgrammatik Mittel- und Oberstufe” by Rug/ Tomaszewski (2008), who, however, incorrectly refer to them as having a “colloquial word order” (2008: 214). As we have shown, such constructions are neither per se colloquial nor per se informal, but they belong to the spoken usage standard. Similarly, researchers in German as a foreign language, such as Durrell and Thurmair, have convincingly argued that syntactic phenomena of spoken language should be given more consideration in the didactics of German as a foreign language. However, Durrell and Thurmair, like Rug/ Tomaszewski (2008: 212), also blur aspects of ‘register’ and ‘mediality’ by generally associating spoken language with an informal style and written language with a formal one (see Durrell 2012: 93, Thurmair 2002: 8). This conflation is also found, for example, in the influential model of Koch and Oesterreicher (“konzeptionelle Mündlichkeit” vs. “konzeptionelle Schriftlichkeit”, for a critique on this model see Albert 2013, Schneider 2016). It is important to understand mediality and style as two independent varia‐ bles: there are mediality-related constructions in spoken language (e.g. apokoinu and weil-V2), which occur in both spoken standard and non-standard, but not in written standard. In this sense, the two most important aims concerning GFL are: • GFL teacher training at the university should provide empirical information and knowledge about real-time processing in the spoken standard, and thus knowledge about variation and language mediality. This includes the differentiation between mediality and style. • GFL teaching should enable learners to recognize syntactic constructions of spoken language as regular and functional. 80 Jan Georg Schneider <?page no="81"?> References Albert, Georg (2013). Innovative Schriftlichkeit in digitalen Texten. Syntaktische Varia‐ tion und stilistische Differenzierung in Chat und Forum. Berlin: Akademie. Altmann, Hans (1981). Formen der „Herausstellung“ im Deutschen. Rechtsversetzung, Linksversetzung, Freies Thema und verwandte Konstruktionen. Tübingen: Niemeyer. Ammon, Ulrich (2005). Standard und Variation: Norm, Autorität, Legitimation. In: Eichinger, Ludwig M./ Kallmeyer, Werner (eds.). Standardvariation. 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Welche norma‐ tiven Erwartungen an das sprachliche Handeln der Schüler: innen gestellt werden, welche normativen Annahmen mit der sprachlichen Gestaltung eines inklusiven Unterrichts einhergehen und inwieweit diese normativen Erwartungen und Annahmen potenziell exkludierend wirken, ist bisher weitgehend ein Desiderat. Der Beitrag zeigt anhand erster Ergebnisse einer qualitativen Studie, welche Sprachnormen, Sprachideologien und Sprach‐ identitäten in Bezug auf das Konstrukt Bildungssprache in Gruppendis‐ kussionen mit (angehenden) Lehrkräften rekonstruiert werden können. 1 Einleitung Mit Blick auf bildungssprachliche Kompetenzen als eine Grundvoraussetzung für Bildungserfolg und gesellschaftliche Teilhabe wird der Erwerb bildungs‐ sprachlicher Kompetenzen als entscheidendes Lernziel formuliert, auch für Schüler: innen mit spezifischem Förderbedarf (vgl. Becker-Mrotzek/ Linnemann 2016). Bildungssprache kommt daher neben einer kommunikativen und episte‐ mischen auch eine sozialsymbolische Funktion einer „Eintrittskarte“ zu (vgl. <?page no="86"?> Morek/ Heller 2012), die im Forschungsdiskurs bisher allerdings eine eher untergeordnete Rolle spielt. Für Schüler: innen, die langfristig oder temporär auf sprachliche Adaption angewiesen sind, erwächst eine zu starke bildungs‐ sprachliche Kompetenzorientierung zu einem Exklusionsrisiko (vgl. Bock 2022). Angesichts der Rolle von Lehrkräften als Sprachnormautoritäten (vgl. Ammon 2005) stellt sich insbesondere im inklusiven Fachunterricht die Frage nach den normativen Erwartungen an das sprachliche Handeln von Schüler: innen und nach den normativen Annahmen, die mit der sprachlichen Gestaltung von Unterricht und Unterrichtsmaterialien einhergehen. Studien zu standardsprach‐ lichen Normen von Lehrkräften weisen auf ein verengtes Normverständnis hin (vgl. z. B. Davies 2005); im inklusiven Unterricht können dadurch Lerngelegen‐ heiten verhindert werden (vgl. Kern 2019). Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich der Beitrag mit der Frage, welche bildungssprachlichen Normvorstellungen der sprachlichen Gestaltung eines inklusiven Unterrichts zugrunde liegen und was diese normativen Annahmen für einen nicht-exklusiven Sprachunterricht und den Umgang mit heterogenen sprachlichen Voraussetzungen im Unterricht bedeuten. Im Zentrum steht die qualitative Teilstudie meines Dissertationsprojektes, die zum Ziel hat, bildungs‐ sprachliche Normvorstellungen, Sprachideologien und Sprachidentitäten in Gruppendiskussionen mit (angehenden) Lehrkräften zu rekonstruieren (vgl. dazu auch Kruse 2015). Folgende Fragen sollen beantwortet werden: • Was verstehen Lehrkräfte unter dem Konstrukt ‚Bildungssprache‘? • Welche Sprachnormen, Sprachideologien und Sprachidentitäten haben Lehrkräfte in Bezug auf das Konstrukt ‚Bildungssprache‘? 2 Bildungssprache In der Diskussion um das Abschneiden von Schüler: innen bei den PISA-Studien in Deutschland wird immer wieder der Zusammenhang von sprachlichen Kompetenzen und Bildungserfolg sowie gesellschaftlicher Teilhabe betont (vgl. z. B. KMK 2019, Gogolin/ Duarte 2016). Zur Beschreibung dieser für die Teilhabe an schulischem Erfolg erforderlichen sprachlichen Kompetenzen hat sich im Forschungsdiskurs der Begriff Bildungssprache etabliert. Bildungssprachliche Kompetenzen gelten für alle Schüler: innen als bedeutendes Lernziel, auch in einem inklusiven Unterricht (vgl. z. B. Becker-Mrotzek/ Linnemann 2016), in dem Schüler: innen mit ganz unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen zusammenkommen. In einem inklusiven Unterricht kann eine zu starke bil‐ dungssprachliche Kompetenzorientierung allerdings gerade für Schüler: innen mit Schwierigkeiten im sprachlichen Lernen zu einem Exklusionsrisiko erwach‐ 86 Pirkko Friederike Dresing <?page no="87"?> sen (vgl. Bock 2022). Angesichts der Rolle von Lehrkräften als Sprachnormautoritäten (vgl. Ammon 2005), die einen großen Anteil an der Aufrechterhal‐ tung sprachlicher Anforderungen haben, stellt sich die Frage, welche norma‐ tiven Erwartungen an das (bildungs-)sprachliche Handeln von Schüler: innen gestellt werden und welche normativen Annahmen mit der sprachlichen Ge‐ staltung eines inklusiven Unterrichts einhergehen. Betrachtet man die bestehenden Konzeptualisierungen von Bildungssprache, dann lassen sich unterschiedliche Funktionen von Bildungssprache ableiten (vgl. Morek/ Heller 2012): Im Rahmen ihrer kommunikativen Funktion wird Bildungssprache als Medium von Wissenstransfer verstanden. Ganz zentral ist die Beschreibung von Bildungssprache als Register und die Annahme, dass spe‐ zifische sprachliche Strukturen besonders funktional für die Vermittlung eines komplexen Inhalts in dekontextualisierten Situationen sind (vgl. Morek/ Heller 2012: 71). Prototypisch bildungssprachlich beschriebene Mittel, wie zum Bei‐ spiel Nominalisierungen, komplexe Attribute oder Passiversatzformen, dienen etwa der referenziellen Eindeutigkeit, der Informationsverdichtung und der Dekontextualisierung. Darüber hinaus wird der Bildungssprache eine epistemi‐ sche Funktion zugeschrieben. Bildungssprache gilt als Werkzeug des Denkens und als Grundlage für die kognitive Verarbeitung komplexer Gegenstände. Sprachliches und fachliches Lernen sind diesem Verständnis folgend auf das Engste miteinander verknüpft: Wer Bildungssprache adäquat verwenden kann, der ist auch in der Lage zu den damit in Zusammenhang stehenden komplexen kognitiven Operationen (wie z. B. Abstraktion, Verallgemeinerung, Kausalität). (Morek/ Heller 2012: 75) Nicht zuletzt hat Bildungssprache eine sozialsymbolische Funktion, die sich nach Morek und Heller (2012) in eine ungleichheitsreproduzierende (Bildungs‐ sprache als „Eintrittskarte“) und in eine identitätsstiftende Funktion (Bildungs‐ sprache als „Visitenkarte“) ausdifferenzieren lässt. In ihren Ausführungen zur ungleichheitsreproduzierenden Funktion nehmen die Autorinnen Bezug auf Bourdieus Überlegungen zu habituellen Sprachgebrauchsweisen (vgl. Bourdieu 2005), im Rahmen derer Bildungssprache als Teil des kulturellen Kapitals verstanden wird: „Bildungssprache [fungiert] dort als Explanans für die Re‐ produktion von Bildungsungleichheit“ (Morek/ Heller 2012: 77). Im Rahmen der identitätsstiftenden Funktion wird die rahmen- und rollendefinitorische Bedeutung von Bildungssprache betont. Demnach ist Sprachgebrauch nicht nur eine Frage der Verfügbarkeit über bestimmte sprachliche Mittel, sondern auch Mittel der Selbstbzw. Fremdpositionierung und Ausdruck der Identität (vgl. Morek/ Heller 2012: 81). Lehrkräfte als Sprachnormautoritäten im inklusiven Kontext 87 <?page no="88"?> In der sprachdidaktischen Forschung liegt der Fokus vor allem auf der kom‐ munikativen und epistemischen Funktion, die sozialsymbolische Funktion von Bildungssprache spielt oftmals eine eher untergeordnete Rolle (vgl. Morek/ Hel‐ ler 2012: 69). Zwar weisen zahlreiche Publikationen und bildungspolitische Dokumente wie z. B. die Empfehlung „Bildungssprachliche Kompetenzen in der deutschen Sprache stärken“ der Kultusministerkonferenz (vgl. KMK 2019: 2) immer wieder darauf hin, dass bildungssprachliche Kompetenzen Schlüssel bzw. „Eintrittskarte“ zum Schulerfolg sind. Legitimiert wird dieser Zusammenhang vor allem über das Verständnis von Bildungssprache als ein schulspezifisches Register, mit dem die Vorstellung einhergeht, dass für die Aneignung von schul‐ spezifischem Wissen Bildungssprache unabdingbar sei (vgl. z. B. Ortner 2009). Gerade für einen von Heterogenität geprägten inklusiven Unterricht, in den Schüler: innen ganz unterschiedliche sprachliche und kognitive Voraussetzun‐ gen mitbringen, stellt sich allerdings die Frage, wie angemessen und funktional eine derartige bildungssprachliche Kompetenzorientierung wirklich ist (vgl. Bock 2020: 283 f.), schließt sie doch diejenigen Schüler: innen von der Teilhabe an Bildungserfolg aus, die nicht in der Lage sind, bildungssprachliche Kompetenzen in dem erforderlichen Maße zu erwerben. Vor allem in der sozialsymbolischen Funktion werden die normativen Aspekte von Bildungssprache sichtbar, indem betont wird, dass erst durch die schulischen Erwartungen an das sprachliche Handeln der Schüler: innen Bildungssprache zu einer Teilhabeermöglichung oder zum Exklusionsrisiko erwächst. Davies und Langer formulieren es treffend: Was sprachliche Kompetenzen tatsächlich sind, hängt eben nicht nur von den Grundvoraussetzungen ab, […] sondern auch davon, was man als erstrebenswert ansieht. (Davies/ Langer 2014: 300) Mit dem Verständnis von Bildungssprache als Register geht oft eine Beschrei‐ bung der sprachlichen Merkmale von Bildungssprache in Form von Merk‐ malslisten einher. Diese Konzeptualisierung von Bildungssprache erweckt den Eindruck, es handle sich um ein einheitliches, starres Konstrukt, das unab‐ hängig vom spezifischen sprachlichen Kontext Anwendung finde. Betrachtet man aber den mündlichen und schriftlichen Sprachgebrauch in der Schule, so wird deutlich, dass jeweils unterschiedliche bildungssprachliche Mittel rele‐ vant werden (vgl. Bock 2022: 28). Einige Ansätze betonen die Kontextspezifik von Bildungssprache, indem sie Bildungssprachlichkeit als ein dynamisches, kontextabhängiges Kontinuum verstehen (vgl. z. B. den „Pragmatics-based-ap‐ proach to academic language“ nach Snow/ Uccelli (2009) und den Ansatz der „bildungssprachlichen Praktiken“ nach Morek/ Heller (2012)). Grundannahme 88 Pirkko Friederike Dresing <?page no="89"?> dieser Ansätze ist, dass (bildungs-)sprachliche Mittel immer abhängig vom jeweiligen Kontext eingesetzt werden. 3 Sprachnormen, Sprachideologien, Sprachidentitäten im Kontext Schule In Anbetracht der Relevanz, die dem Konstrukt Bildungssprache und bildungs‐ sprachlichen Kompetenzen in Bezug auf Schulerfolg und gesellschaftliche Teil‐ habe zugeschrieben wird, stellt sich die Frage, welche konkreten sprachlichen Erwartungen und Anforderungen an Schüler: innen mit ganz unterschiedlichen sprachlichen und kognitiven Voraussetzungen gestellt werden und welche Rolle Lehrkräfte bei der Aufrechterhaltung schulsprachlicher Anforderungen spielen. Hier ist zunächst das Konzept der Sprachnormen anschlussfähig. Sprachnormen können verstanden werden als Erwartungen […] und/ oder explizite Setzungen deontischer Sachverhalte, die ihrem Inhalt zufolge die Bildung, Verwendungsabsicht, Anwendung und Evaluation sprach‐ licher Einheiten der verschiedensten Komplexitätsgrade regulieren (sollen). (Gloy 2004: 394) Sprachnormen können sich auf alle sprachlichen Bereiche beziehen, sie bestim‐ men Normabweichungen und Normgemäßes und - dieser Punkt ist vor allem für den Unterricht relevant - sie legitimieren Sanktionierungen von Normabwei‐ chungen (vgl. ebd.). Grundsätzlich können statuierte und subsistente Normen unterschieden werden (vgl. Gloy 2004, Dürscheid/ Schneider 2019), wie es auch schon in der obigen Definition anklingt. Während statuierte Normen explizite Normen beschreiben, die bspw. in Kodizes schriftlich fixiert sind, handelt es sich bei subsistenten Normen um implizite Normen bzw. Erwartungen, die zwar nicht kodifiziert sind, aber dennoch das sprachliche Handeln leiten. Fokussiert man nun Normen in Bezug auf das Konstrukt Bildungssprache, dann lassen sich diese bildungssprachlichen Normen als subsistente, implizite Normen beschreiben, da die vorhandenen Merkmalslisten nicht als Kodex zu verstehen sind (vgl. Bock 2022: 29). Darüber hinaus können bildungssprachliche Normen wie auch das Konstrukt Bildungssprache selbst als kontextabhängig beschrieben werden. So sind insbesondere für das Mündliche und das Schriftli‐ che jeweils unterschiedliche (bildungs-)sprachliche Normen relevant (vgl. Bock 2022: 28). Das Verständnis von Sprachnormen als Gebrauchsnormen (vgl. Dür‐ scheid/ Schneider 2019: 59) bildet diese Kontextabhängigkeit entsprechend ab, indem sie beschreiben, was mit einer gewissen Häufigkeit tatsächlich im Sprach‐ gebrauch realisiert wird (vgl. Bock 2022: 28): Sie beschreiben, was das sprachlich Lehrkräfte als Sprachnormautoritäten im inklusiven Kontext 89 <?page no="90"?> 1 „1 = generell verbesserungswürdig; Sie würden immer korrigieren; der Fehler beein‐ flusst die Note negativ. 2 = völlig akzeptabel, egal in welcher Textsorte. 3 = die Konstruktion ist akzeptabel in bestimmten geschriebenen Textsorten, könnte aber die Note negativ beeinflussen, wenn sie unangemessen verwendet wird.“ (Davies 2017: 143) Erwartbare, das Unmarkierte in dem jeweiligen Kontext ist. Normen sprach‐ lich-kommunikativen Handelns lassen sich in unterschiedliche Normtypen ausdifferenzieren, die je nach Kategorisierung unterschiedlich benannt werden. Beschaffenheitsnormen (vgl. Hartung 1977, Gloy 1980, Beuge 2019) beschreiben dabei sowohl grammatisch-semantische Normen, die sich auf sprachstrukturelle Kriterien beziehen, als auch situative Normen bzw. Angemessenheitsnormen bspw. in Bezug auf den situativen Kontext oder die Äußerungsqualität. Fix (1995) formuliert im Rahmen von unterschiedlichen Angemessenheitsdimensionen vier Arten von Normen: die instrumentalen Normen, die situativen Normen, die ästhetischen Normen und die parasprachlichen Normen. Studien zu standardsprachlichen Normen im Unterricht zeigen, dass das Verständnis dessen, was in bestimmten Situationen sprachlich als angemessen gilt, teils sehr unterschiedlich ausfällt. So untersuchte bspw. Davies (2017) in einer schriftlich-quantitativen Befragung von Gymnasiallehrkräften, wie die Lehrkräfte sprachliche Zweifelsfälle und Konstruktionen mit dialektalem und regionalem Einfluss hinsichtlich ihrer Richtigkeit und Angemessenheit bewer‐ ten. Eingebettet war die Abfrage in das Szenario, diese Sätze aus Schüler: in‐ nenaufsätzen anhand von drei vorgegebenen Kategorien 1 zu bewerten. Zwei Konstruktionen sollen exemplarisch herausgegriffen werden: Der am-Progressiv in „Sie war am Bügeln, als ich das Zimmer betrat.“ (Davies 2017: 144) und das temporale Wo in „Es war wieder der Tag, wo das Hockeyspiel der Kinder stattfand.“ (Davies 2017: 145) gelten laut Duden auch in der Schriftsprache als standardsprachliche Varianten. Dennoch bewerteten 76 % der Lehrkräfte die Konstruktion mit am-Progressiv und 68 % der Lehrkräfte die Konstruktion mit dem temporalen Wo als „generell verbesserungswürdig“. Insgesamt zeigt die Studie von Davies (2017), dass die Normvorstellungen von Lehrkräften in Bezug auf das Konstrukt der Standardsprache strenger als der Kodex sind und die Vorstellungen dessen, was sprachlich angemessen ist, interindividuell stark divergieren (ähnliche Ergebnisse finden sich auch in Davies 2005, Davies/ Langer 2014, Kilian 2021, Ziegler 2011). In einem inklusiven, sprachlich heterogenen Unterricht können solch ver‐ engte Vorstellungen von angemessenem Sprachgebrauch problematisch werden (vgl. Bock 2022: 33, Kern 2019). Lehrkräfte haben in ihrer Rolle als Sprachnor‐ mautoritäten sowohl das Recht als auch die Pflicht, sprachliche Produkte der Lernenden zu bewerten und Normabweichungen zu sanktionieren (vgl. Ammon 90 Pirkko Friederike Dresing <?page no="91"?> 2005: 36). Damit haben sie einen großen Anteil an der Aufrechterhaltung sprachlicher Anforderungen in der Schule. Treffen nun ganz konkrete, verengte Vorstellungen von gutem, angemessenem, richtigem Sprachgebrauch auf die heterogenen sprachlichen Voraussetzungen von Lernenden mit spezifischem Förderbedarf, dann werden sprachliche Produkte außerhalb dieser Normen erst recht als Abweichung eingestuft und bewertet (vgl. Kern 2019: 345). Bei der Auseinandersetzung mit Erwartungen und Anforderungen an das sprachliche Handeln von Lernenden spielen nicht nur Sprachnormen eine Rolle. Auch Vorstellungen und Überzeugungen über Sprache und Sprachgebrauch beeinflussen kommunikative Handlungen und wie diese und die Sprecher: innen bewertet werden. Diese Vorstellungen und Überzeugungen werden aus sozio‐ linguistischer Perspektive als Sprachideologien bezeichnet. Silverstein (1979) beschreibt Sprachideologien folgendermaßen: I do not address myself only to articulated beliefs that are incorrect or contemptible. I should clarify that ideologies about language, or linguistic ideologies, are any sets of beliefs about language articulated by the users as a rationalization or justification of perceived language structure and use. (Silverstein 1979: 193) Sprachideologien beschreiben „sämtliche Annahmen über Sprache (‚language structure‘) und Sprachgebrauch (‚language use‘) bzw. das, was man dafür hält (‚perceived language structure and use‘)“ (Spitzmüller 2022: 269). Dieser weit gefasste Ideologiebegriff bezieht sich dabei nicht nur auf problematische Bewer‐ tungen oder Weltansichten, wie der Ideologiebegriff z. B. nach Marx und Engels geprägt wurde (Spitzmüller 2022: 228), sondern er hat ganz explizit keinen abwertenden Charakter. Voraussetzung für die Herausbildung von Sprachideo‐ logien ist das Konzept der Indexikalität, „der Assoziation von Sprachgebrauchs‐ formen mit Kontexten und Personenkategorien“ (ebd.: 289). „Dem liegt die Annahme zugrunde, dass sprachliche Zeichen nicht nur auf bestimmte Sachver‐ halte referieren, sondern dass sie immer auch bestimmte Werte (bzw. Ideologien) indizieren.“ (Spitzmüller 2013: 265) Sprachideologien bilden sich durch die Reflexion der Indexikalität aus und werden so zu einem „Orientierungs- und Deutungsrahmen für soziales Handeln“ (Spitzmüller 2022: 290). Das Konzept der Sprachideologien erweist sich für die Frage nach den sprachlichen Erwartun‐ gen und Anforderungen an eine heterogene Schülerschaft dahingehend als an‐ schlussfähig, da sie Auskunft über Sprachnormvorstellungen und Sprachideale geben können (vgl. Bock 2022); sie beschreiben in erster Linie, wie Sprache oder Sprachgebrauch sein sollte (vgl. Woolard 2020: 2). Damit einhergehend verlei‐ hen Sprachideologien bestimmten sprachlichen Mitteln oder Sprachvarianten unterschiedliches Prestige; mit Sprachideologien geht dadurch grundsätzlich Lehrkräfte als Sprachnormautoritäten im inklusiven Kontext 91 <?page no="92"?> ein Diskriminierungspotenzial einher (vgl. Maitz/ Foldenauer 2015: 220). Aus methodischer Sicht sind Sprachideologien über metapragmatische Äußerungen rekonstruierbar (vgl. Bock 2022: 32). Die Sprachideologie, die für das Deutsche am häufigsten beschrieben wurde, ist die Standardsprachenideologie oder auch der Standardismus (vgl. Maitz/ Foldenauer 2015). Vertreter: innen dieser Ideolo‐ gie sind der Überzeugung, dass der Standardsprache eine besondere Bedeutung zukomme, sie anderen Varietäten überlegen sowie diesen vorzuziehen sei und dass die Standardsprache deshalb als Maßstab für Sprachrichtigkeit gelte. Diese Überzeugungen verleihen der Standardsprache ein erhöhtes Prestige und diskriminieren potenziell Sprachgebrauch, der von einer standardsprachlichen Verwendung abweicht. Inwiefern diese Überlegenheitsvorstellung auf das Kon‐ strukt der Bildungssprache übertragbar ist, wird sich in den Datenbeispielen zeigen. Eng verwoben mit den Konzepten der Indexikalität und ihrer Reflexion durch Sprachideologien ist die Einnahme von Standpunkten gegenüber Sprache, Sprachgebrauch und deren Sprecher: innen: aus soziolinguistischer Perspektive als soziale Positionierung (vgl. Spitzmüller 2013: 265, Spitzmüller 2022: 272) bezeichnet. Zentral für die soziale Positionierung ist die Bewertung von Zeichen und Zeichengebrauch und die damit einhergehende Markierung eines sozialen Standpunktes. Dieser Aspekt taucht auch bei Morek/ Heller (2012) in der von den Autorinnen beschriebenen Funktion von Bildungssprache als „Visitenkarte“ auf, indem sie betonen, „dass die Verwendung bildungssprachlicher Formen nicht nur eine Frage der Verfügbarkeit ist, sondern auch eine Frage der Stil-Wahl vor dem Hintergrund eines bestimmten interaktiven Rahmens“ (Morek/ Heller 2012: 82), und damit, wie oben bereits erwähnt, der Gebrauch bestimmter Formen auch Mittel zur Selbst- und Fremdpositionierung sowie Ausdruck von Identität ist. Rekonstruierbar sind solche identitätsstiftenden Aspekte über Positionie‐ rungsaktivitäten in Gesprächen, denn innerhalb von Positionierungen werden über bestimmte diskursive Praktiken Identitäten her- und dargestellt (vgl. Lucius-Hoene/ Deppermann 2004: 168). Das gilt auch für Kontexte, die mit einer bildungssprachlichen Sprachverwendung assoziiert sind: Personen, die sich bildungssprachlich ausdrücken, positionieren sich als Teil einer bildungsnahen Community und rahmen die Kommunikationssituation als eine, an der man sich auf gebildete Weise beteiligt (vgl. Morek/ Heller 2012: 79, Snow/ Uccelli 2009). 92 Pirkko Friederike Dresing <?page no="93"?> 4 Empirische Studie 4.1 Projektkontext und Fragestellung Die im Folgenden vorgestellte qualitative Teilstudie ist eingebettet in ein Dissertationsprojekt, das sich mit der Rolle von Lehrkräften als Sprachnormau‐ toritäten im inklusiven Unterricht beschäftigt. Das Projekt geht den Fragen nach, welche bildungssprachlichen Normvorstellungen der sprachlichen Gestal‐ tung eines inklusiven Unterrichts zugrunde liegen und was diese normativen Annahmen für einen nicht-exklusiven Sprachunterricht und den Umgang mit heterogenen sprachlichen Voraussetzungen im Unterricht bedeuten. Zur Beantwortung der Fragen wurde ein Mixed-Methods-Design entworfen: In der quantitativen Teilstudie wurden bildungssprachliche Normvorstellungen und die Rolle von Lehrkräften als Normautoritäten über einen Fragebogen erhoben. Lehrkräfte, Sonderpädagog: innen und Lehramtsstudierende im Master gaben Angemessenheitsurteile zu in der deutschsprachigen Literatur als proto‐ typisch bildungssprachlich eingestuften (vgl. z. B. Feilke 2012, Gogolin/ Duarte 2016) und alternativen, vereinfacht formulierten Konstruktionen ab. Bei den als prototypisch bildungssprachlich eingestuften Konstruktionen handelt es sich um Sätze aus schriftlichen Lehrmaterialien für die Klassenstufen 5-10. Die Befragungsdaten werden quantitativ-statistisch ausgewertet. Die qualita‐ tive Teilstudie fokussiert, welche bildungssprachlichen Normvorstellungen, Sprachideologien und Sprachidentitäten sich über Gruppendiskussionen mit (angehenden) Lehrkräften und Sonderpädagog: innen rekonstruieren lassen. Der vorliegende Beitrag präsentiert erste Ergebnisse der qualitativen Teilstudie. 4.2 Design 4.2.1 Methode: Gruppendiskussion Um tiefere Einblicke in die zugrundeliegende Konzeptualisierung von Bil‐ dungssprache sowie in bildungssprachliche Normvorstellungen, Ideologien und Sprachidentitäten von (angehenden) Lehrkräften zu erlangen, werden Gruppendiskussionen durchgeführt. Gruppendiskussionen erweisen sich für die Untersuchung der Forschungsfrage dahingehend als fruchtbar, als dass sie im Gegensatz zu Einzelinterviews kollektive Phänomene erheben können (vgl. Lamnek/ Krell 2024: 406). Zur Beantwortung der Forschungsfragen sind vier Diskussionen mit je drei Teilnehmenden im losen Verband in Realgrup‐ pen (vgl. Kruse 2015: 197) bestehend aus Lehrkräften einer Schule bzw. aus Studierenden einer Universität geplant. Gruppen in dieser Konstellation können auf einen „konjunktiven Erfahrungsraum“ (ebd.) und ähnliche Bezugssysteme Lehrkräfte als Sprachnormautoritäten im inklusiven Kontext 93 <?page no="94"?> zurückgreifen, was für die Rekonstruktion von kollektiven Normvorstellungen und Sprachideologien in Bezug auf das Konstrukt Bildungssprache besonders gewinnbringend ist. Der Ablauf der Gruppendiskussion sowie die Erstellung des Leitfadens orientieren sich an dem Phasenmodell nach Kruse (2015), mit Bezug auf Lamnek (2005). Während der Gruppendiskussion werden insgesamt zwei Stimuli einge‐ setzt. Die in Abb. 1 und 2 dargestellten Auszüge aus Lehrmaterialien für das Fach Biologie der 7./ 8. Klasse - eine Doppelseite aus einem differenzierenden Schulbuch und die dazugehörigen Seiten aus dem Inklusionsmaterial - bilden den ersten Impuls für die Einstiegsphase (vgl. Kruse 2015: 201 f.). Ziel ist es, mit der Vorlage von zwei unterschiedlich differenzierten Materialien einen möglichst selbstläufigen Diskurs über bildungssprachliche Normen bzw. die bildungssprachlichen Anforderungen, die an Schüler: innen mit heterogenen Lernvoraussetzungen gestellt werden, sowie über die Passung der Materialien für unterschiedliche Schüler: innengruppen zu initiieren. Die Lehrkräfte werden gebeten, die zwei unterschiedlichen Varianten hinsichtlich ihrer sprachlichen Angemessenheit für Schüler: innen einer 7. Klasse mit unterschiedlichen Voraus‐ setzungen zu bewerten und ihre Bewertung zu begründen. Abb. 1: Auszug aus dem differenzierenden Schulbuch „Prisma Biologie 7/ 8“ (Rodach 2022: 80 f.) 94 Pirkko Friederike Dresing <?page no="95"?> Abb. 2: Auszug aus dem „Inklusionsmaterial Biologie, Chemie, Physik 2“ (Adesokan et al. 2018: 52 f.) Der zweite Stimulus leitet die erhöhte Aktionsphase (vgl. Kruse 2015: 202) ein und hat eine etwas stärker gesteuerte Diskussion über konkrete bildungssprach‐ liche Mittel zum Ziel, um genauere Erkenntnisse über die Konzeptualisierung von Bildungssprache zu erlangen. Dazu werden den Teilnehmenden ausge‐ wählte bildungssprachliche Konstruktionen und alternative Formulierungen vorgelegt, die ebenfalls hinsichtlich ihrer sprachlichen Angemessenheit für eine 7. Klasse auf einer Skala von nicht angemessen bis angemessen angeordnet werden. Abb. 3 zeigt die Beispielsätze für die bildungssprachliche Kategorie des Verdichtens (vgl. Feilke 2012) über ein komplexes Partizipialattribut, das in der einen Alternativformulierung über einen Relativsatz aufgelöst ist und in der anderen Formulierungsvariante die Informationen auf zwei Hauptsätze aufteilt. Lehrkräfte als Sprachnormautoritäten im inklusiven Kontext 95 <?page no="96"?> Abb. 3: Stimulus für die erhöhte Aktionsphase (eigene Abbildung) Zu den Themenbereichen Sprachideologien und Sprachidentitäten werden verbale Stimuli in Form von exmanenten Nachfragen eingesetzt, die an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden. 4.2.2 Studienteilnehmende Zum Zeitpunkt des Verfassens des Beitrags wurden drei Gruppendiskussionen durchgeführt, von denen zwei für die Vorstellung der ersten Ergebnisse relevant sind (s. Tab. 1). Eine weitere Gruppendiskussion ist in Planung. Gruppe 1 besteht aus drei Masterstudierenden unterschiedlicher Lehramtsstudiengänge. Neben dem Fach Deutsch studieren sie jeweils ein weiteres Fach. Die Berufserfahrung beschränkt sich auf das Praxissemester im Master. Gruppe 2 besteht aus drei Lehrkräften einer inklusiven Gesamtschule. LK1 ist als Sonderpädagogin für die Förderschwerpunkte Sprache, Lernen und Hören und Kommunikation qualifiziert. Die Lehrkräfte unterrichten jeweils unterschiedliche Fächer in unterschiedlichen Klassenstufen. Die Berufserfahrung reicht von fünf bis zehn bis hin zu über 20 Jahren. - - Ge‐ schlecht Lehr‐ amt/ Schul‐ form Studienfächer/ unterrichtete Fächer Klassen‐ stufe Berufserfahrung Gruppe 1 MA1 w HRSG Deutsch, prakti‐ sche Philosophie - Praxisse‐ mester MA2 m GyGe Deutsch, Eng‐ lisch - Praxisse‐ mester 96 Pirkko Friederike Dresing <?page no="97"?> MA3 w SoPäd Deutsch, Eng‐ lisch - Praxisse‐ mester Gruppe 2 LK1 w Ge (SQ, LE, HK) u.a. Deutsch, Mathematik, Bi‐ ologie, Ge‐ schichte 7 > 20 Jahre LK2 m Ge Mathematik, Bi‐ ologie, Politik, Religionslehre 7, 10, 12, 13 5-10 Jahre LK3 w Ge Mathematik, Physik, Informa‐ tik, praktische Philosophie 6, 9 5-10 Jahre Tab. 1: Studienteilnehmende an den Gruppendiskussionen 4.3 Datenaufbereitung und -auswertung Die Gruppengespräche wurden zunächst automatisch mit „f4x“ transkribiert und im Anschluss manuell korrigiert sowie nach den Transkriptionskonventio‐ nen nach Dresing und Pehl (2024) überarbeitet. Einzelne Passagen wurden nach GAT2 (vgl. Selting et al. 2009) in EXMARaLDA transkribiert. Die Datenauswer‐ tung ist primär inhaltlich orientiert, es fließen allerdings auch gesprächsanaly‐ tische und diskurslinguistische Aspekte ein. Die rekonstruktiv-hermeneutische Auswertung ist orientiert an dem „integrativen Basisverfahren“ nach Kruse (2015). In den Auswertungsprozess fließen dabei sowohl unterschiedliche Ana‐ lyseebenen aus bestehenden Auswertungsverfahren bzw. Forschungsmethodo‐ logien (wie z. B. der Grounded-Theory-Methodologie) als auch unterschiedliche Analyseheuristiken (wie z. B. die Positioning- oder Diskursanalyse) ein. Ziel ist eine „datenzentrierte Entwicklung von Interpretationen“ (Kruse 2015: 464). 5 Ergebnisse: Rekonstruktion bildungssprachlicher Normen, Sprachideologien und Sprachidentitäten von (angehenden) Lehrkräften Im Folgenden sollen ausgewählte Datenbeispiele gezeigt und an die theoreti‐ schen Konzepte Bildungssprache und (bildungs-)sprachliche Normen, Sprach‐ ideologien und Positionierungsaktivitäten rückgebunden werden. Lehrkräfte als Sprachnormautoritäten im inklusiven Kontext 97 <?page no="98"?> 5.1 Konzeptualisierung von Bildungssprache Das erste Beispiel bezieht sich auf die Konzeptualisierung von Bildungssprache. LK1 antwortet auf die Frage, was sie unter Bildungssprache verstehe, Folgendes: Beispiel 1: Tagesschau verstehen 008 LK1: °hh dass ich die TAgesschau wenigstens verstehen kann; 009 I: hm_hm, 010 LK1: (---) oder norma- 011 - also nicht nur BILDzeitungsniveau lesen muss; 012 I: hm_hm, 013 LK1: (---) dass ich selber (-) dif (.) zwischen begriffen SO differenzieren kann, 014 - dass ich selber meine (.) MEInung auch differenziert ausdrücken kann, 015 - und eine differenzierte meinungs- 016 - äh ähm; 017 - die ich HÖre, 018 - auch (.) differenziert verSTEhen kann; 019 - und EINschätzen kann; 020 - (.) verGLEIchen kann; 021 - (.) ABwägen kann; 022 - situationsgerichtet SPREchen kann; Die Sequenz zeigt ein eher klassisches Verständnis von Bildungssprache, das sich in erster Linie auf die kommunikative Funktion von Bildungssprache als Medium des Wissenstransfers bezieht. LK1 nimmt zunächst konkret Bezug auf das Verstehen der Tagesschau als Nachrichtenmedium (Z. 008). Gleichzeitig kontrastiert sie die Tagesschau mit dem Niveau der Boulevardpresse „Bildzei‐ tung“ (Z. 011), wodurch Bildungssprache nicht nur mit ihrer Funktion von Wis‐ senstransfer, sondern auch mit erhöhtem Prestige in Verbindung gebracht wird. Weiter sieht LK1 Bildungssprache als Voraussetzung dafür, sowohl die eigene Meinung differenziert äußern als auch differenzierte Meinungsäußerungen anderer verstehen, einschätzen, vergleichen und abwägen zu können (Z. 013- 021). Damit richtet LK1 den Fokus auf eine Alltagsrelevanz von Bildungssprache auch außerhalb von Bildungsinstitutionen, wie z. B. bei Habermas betont wird, der Bildungssprache als Voraussetzung sieht, „sich mit den Mitteln der Schul‐ 98 Pirkko Friederike Dresing <?page no="99"?> bildung ein Orientierungswissen [zu] verschaffen“ (Habermas 1981: 345, zit. n. Morek/ Heller 2012: 74). Zuletzt nimmt LK1 Bezug auf die Registerkonzeption, indem von situationsangemessener Sprachverwendung (Z. 022) die Rede ist. 5.2 Bildungssprachliche Normen Das zweite Beispiel zeigt ein Verständnis von Bildungssprache und bildungs‐ sprachlichen Normen, das im Forschungsdiskurs um Bildungssprache eher ungewöhnlich ist: Bildungssprache ist ästhetisch zu bewerten. In der folgenden Sequenz bezieht sich MA1 auf die in Abb. 3 gezeigten Satzvarianten. Zu dem Beispielsatz mit dem komplexen Partizipialattribut sagt sie: Beispiel 2: „irgendwie (-) SCHÖner“ 063 MA1: (.) klar; 064 - das ist schwierig; 065 - ne? 066 - aber das ist doch- 067 - °hh hh° das ist doch einfach (.) TOLL dass man also (.) das wasser eines hochgelegenen stausees wird auf eine in geringerer höhe angebrachte turbine geleitet; 068 - °h das ist auch gleichzeitig (.) VIEL, 069 - aber es ist auch <<all> gleichzeitig> komprimiert; 070 - und ähm °h ich find es- 071 - ich find es halt auch irgendwie (-) SCHÖner; 072 - als (.) wenn ich immer nur sage das wasser eines stausees <<all> wird auf eine turbine geleitet; > 073 - der stausee liegt höher als die turBIne; 074 - die turbine, 075 - durch die turbine fließt das WASser; 076 - also es ist so- ((klopft dreimal auf den Tisch)) Zwar räumt MA1 ein, dass die komplexe Variante für die Zielgruppe der Schüler: innen einer 7. Klasse schwierig sei. Aus ihrer Perspektive bewertet sie die von ihr zitierte Konstruktion jedoch als „einfach (.) TOLL“ (Z. 067). Die Lehrkräfte als Sprachnormautoritäten im inklusiven Kontext 99 <?page no="100"?> 2 „Das Wasser eines Stausees wird auf eine Turbine geleitet. Der Stausee liegt höher als die Turbine.“ anschließende Aussage, die Konstruktion sei zwar „VIEL“ (Z. 068), jedoch „auch <<all> gleichzeitig> komprimiert“ (Z. 069), deutet darauf hin, dass sich ihre Bewertung einerseits auf die Funktionalität des komplexen Attributs und damit auf die Funktionalität des Verdichtens (vgl. Feilke 2012) von Bildungssprache bezieht. Neben der Funktionalität spielt bei MA1 aber auch die Ästhetik eine entscheidende Rolle: Die komplexe Konstruktion ist nicht nur komprimierter, sondern auch „irgendwie (-) SCHÖner“ (Z. 071). Die parataktisch formulierte sprachliche Vereinfachung 2 charakterisiert sie hingegen als monoton und me‐ chanisch, was sich durch das Klopfen auf den Tisch (Z. 076) erschließen lässt. Sie scheint die sprachlich vereinfachte Variante so zumindest in ihrer Ästhetik gegenüber der komplexen Konstruktion abzuwerten. Damit wird eine ästhetische Norm in Bezug auf das Konstrukt Bildungssprache relevant, die sich auf die Schönheit von Sprache bezieht, was so im bisherigen Forschungsdiskurs noch keine Rolle spielt. Diese Sequenz gibt Anlass zu der Frage, ob Bildungssprache über die oben genannten Funktionen hinaus auch eine ästhetische Funktion hat. Anschluss‐ fähig erscheint hier die poetische Funktion nach Roman Jakobson ([1960] 1971). Die poetische Funktion von Sprache wird laut Jakobson dann relevant, wenn die sprachliche Oberfläche der Nachricht ins Zentrum rückt und die Botschaft damit selbst zur Botschaft wird (vgl. Spitzmüller/ Warnke 2011: 52): „Die Einstellung auf die Nachricht als solche, die Zentrierung auf die Nachricht um ihrer selbst willen, ist die poetische Funktion der Sprache.“ ( Jakobson [1960] 1971: 151; Hervorheb. i. Orig.). In der gezeigten Sequenz geschieht genau das: Die sprachliche Form wird als Form bedeutsam. 5.3 Sprachideologien Anhand der dritten Sequenz möchte ich sprachliche Ideologien im Zusammen‐ hang mit dem Konstrukt Bildungssprache fokussieren. LK3 setzt Bildungsspra‐ che in Bezug zu einer sich verändernden Alltagssprache, was sich durch kurze Texte, die Verwendung von Emojis und durch reduzierte Sprechweisen äußere. Sie sagt, hier etwas gekürzt dargestellt: 100 Pirkko Friederike Dresing <?page no="101"?> Beispiel 3a: „ich geh BÜDchen“ 029 LK3: ähm (1.3) selbst unsere <<len> ALLtagssprache> hat sich ja bei vIElen (-) schon (-) verändert; […] - - 045 LK3: ich geh BÜDchen; 046 - nein da da (.) kräuseln sich sogar MIR die fingernägel und die fußnägel, Es folgt dann eine längere Passage, die hier ausgelassen ist (s. Ausschnitt in Beispiel 5), in der LK3 von ihrem Studium der praktischen Philosophie berichtet, in dem sie Hegel durchgenommen habe, der einen Satz über anderthalb Seiten verfasst habe. Das fand sie faszinierend. Aufgrund der sich verändernden Alltagssprache bedeute Bildungssprache allerdings nicht mehr unbedingt die Auseinandersetzung mit dem „Anderthalbseitensatz“. Sie sagt weiter: Beispiel 3b: „einen tacken HÖher“ 075 LK3: °h das heißt wir MÜSsen bildungssprachlich vielleicht nicht mehr- 076 - ausgenommen wir sind bei akademie, 077 - bei studium- 078 - oder oder- 079 - auf den (.) anderthalbSEItensatz kommen; 080 - °h aber wir müssen ALLtagstechnisch erstmal wieder auf ein normales 081 - dann SATZverständnis eines normalen sprachbildes, […] - - 093 - darauf kann man erst die BILdungssprache AUfbauen, 094 - die dann einen tacken HÖher ist; 095 - und DANN kommt erst der anderthalbseitensatz in der uni; Sprachideologische Aspekte finden sich damit in Bezug auf eine Schriftlichkeits‐ ideologie (vgl. z. B. Bock 2022: 33), mit der eine Vorstellung von Sprachwandel bzw. Sprachverfall (vgl. z. B. Maitz 2014: 18) der Alltagssprache einhergeht (Z. 029-046). LK3 führt dabei einen Beispielsatz an, der sich durch die Auslassung Lehrkräfte als Sprachnormautoritäten im inklusiven Kontext 101 <?page no="102"?> von Präposition und Artikel auszeichnet: „ich geh BÜDchen; “ (Z. 045). Sprach‐ ideologien finden sich aber auch in Bezug auf eine Überlegenheitsvorstellung von Bildungssprache gegenüber anderen sprachlichen Varianten, die sich durch die vorgenommene Hierarchisierung von Alltagssprache - Bildungssprache - und letztendlich den „Anderhalbseitensatz“ andeutet; diese Vorstellung lässt sich in Anlehnung an die Standardsprachenideologie auch als Bildungsspra‐ chenideologie (vgl. Bock 2022: 33) bezeichnen. 5.4 Sprachidentitäten Zuletzt lassen sich in den Daten Hinweise auf identitätsstiftende Aspekte von Bildungssprache rekonstruieren, die sich an die sozialsymbolische Funktion von Bildungssprache als Visitenkarte rückbinden lassen. Sowohl bei MA1 als auch LK3 sind Selbstpositionierungen der LK und Fremdpositionierungen der Schüler: innen zu finden. MA1 positioniert sich selbst als angehende Deutschlehrerin, die einerseits aufgrund ihrer Qualifikation in der Lage ist, mit komplexen Strukturen umgehen zu können (Z. 062) und andererseits möglicherweise auch durch ihre Qualifika‐ tion begründet, einen besonderen Sinn für die Ästhetik der komplexen Struktur hat (Z. 071), wie unter 5.2 dargestellt wurde. Beispiel 4a: schön 061 MA1: <<p> gut; 062 - vielLEICHT liegt es daran dass ich deutschlehrerin werden möchte> aber °h ähm (lacht) […] - - 067 - °hh hh° das ist doch einfach (.) TOLL dass man also (.) das wasser eines hochgelegenen stausees wird auf eine in geringerer höhe angebrachte turbine geleitet; 069 - aber es ist auch <<all> gleichzeitig> komprimiert; 070 - und ähm °h ich find es- 071 - ich find es halt auch irgendwie (-) SCHÖner; Gleichzeitig beschreibt sie auf die Frage hin, wie Schüler: innen Bildungssprache wahrnehmen, diese als „UNzugänglich“ (Z. 016). 102 Pirkko Friederike Dresing <?page no="103"?> Beispiel 4b: unzugänglich 003 I: °h ähm wenn ihr (.) jetzt mal an die schülerinnen und schüler denkt; 004 - ähm was glaubt ihr; 005 - WIE betrachten die BILdungssprache; 006 - wenn die jetzt so in in diesen TEXten die wir uns angeschaut haben damit konfrontiert werden; 007 - wenn die solche sätze °h lesen- 008 - was glaubt ihr wie emPFINden die (-) bildungssprache; […] - - 016 MA1: UNzugänglich auch; Ähnliches lässt sich bei LK3 beobachten. Beispiel 5a zeigt die Sequenz, in der LK3 beschreibt, wie faszinierend sie es fand, dass Hegel einen Satz über anderthalb Seiten verfasst habe (Z. 053-057). Durch die Aussage, dass dieser Satz in einer Seminarsitzung behandelt wurde (Z. 058), positioniert sich auch LK3 als kompetente Sprecherin, die sich in der Lage sieht, mit derart komplexen Strukturen umzugehen. Beispiel 5a: faszinierend 053 LK3: im studium, 054 - °h da haben wir (-) HEgel durchgenommen; 055 - und ich fand es fasziNIErend, 056 - der hat es geschafft über knapp anderthalb seiten EInen satz zu schreiben; 057 - <<betonend> EInen; > 058 - (--) wir haben diesen satz in einer kompletten doppelseminarstunde DURCHgenommen; Für die Schüler: innen sei der Umgang mit Bildungssprache bzw. bildungssprach‐ lichen Textenaber „frustrierend“ (Z. 100). Lehrkräfte als Sprachnormautoritäten im inklusiven Kontext 103 <?page no="104"?> Beispiel 5b: frustrierend 097 I: und wenn wenn sie jetzt (-) sich in die schüler und schülerinnen versetzen, 098 - wenn die jetzt so bildungssprachlichen TEXten begegnen, 099 - wie IST das so für die, 100 LK3: frustrierend; In beiden Fällen ist die Herausbildung von zwei homogenen Gruppen erkennbar: Sowohl MA1 als auch LK3 positionieren sich als Sprachexpertinnen, die Member einer „academic-language-using-community“ (Snow/ Uccelli 2009: 124) sind, die Bildungssprache als schön und faszinierend empfinden. Die Gruppe der Schüler: innen wird außerhalb dieser Community positioniert, als weniger kom‐ petente Noviz: innen, für die Bildungssprache unzugänglich und frustrierend ist. 6 Fazit Die ausgewählten Datenbeispiele zeigen, dass auch im Kontext eines inklusiven Unterrichts relativ genaue Vorstellungen darüber bestehen, wie Sprache und Sprachgebrauch sein sollten, und dass das Beherrschen oder Nicht-Beherrschen von Bildungssprache soziale Zugehörigkeit (im Sinne eines Mitglieds einer bildungsnahen Community) bestimmt. Neben einem klassischen Verständnis von Bildungssprache in ihrer kommunikativen Funktion als Medium von Wissenstransfer mit Fokus auf einer Alltagsrelevanz über Bildungsinstitutionen hinaus finden sich Hinweise auf ästhetische Normen, die sich auf die Schönheit von Bildungssprache beziehen und damit über ästhetische Kategorien wie Klarheit, Folgerichtigkeit, Gewähltheit und Elaboriertheit, wie Fix (1995) sie aufführt, hinausgehen. Diese Hinweise deuten darauf hin, dass Bildungssprache neben der kommunikativen, epistemischen und sozialsymbolischen Funktion auch eine ästhetische bzw. poetische Funktion im Sinne Jakobsons ([1960] 1971) hat. Für die Bewertung von sprachlichen Produkten der Schüler: innen werden sprachästhetische Aspekte so über den Literaturunterricht hinaus relevant; auch auf sprachästhetischer Ebene hat Bildungssprache ein Exklusionspotenzial. Aus sprachideologischer Perspektive gehen mit dem Konstrukt Bildungsspra‐ che Überlegenheitsvorstellungen einher. Dies lässt sich rückkoppeln an die sozialsymbolische Funktion von Bildungssprache als „Eintrittskarte“. Daran anknüpfend lassen sich Selbst- und Fremdpositionierungen rekonstruieren, die im gezeigten Datenmaterial zwei homogene Gruppen herausbilden: einer‐ seits die (angehenden) Lehrkräfte als Sprachexpertinnen und Mitglied einer 104 Pirkko Friederike Dresing <?page no="105"?> bildungsnahen Community und andererseits die Schüler: innen als Noviz: innen, die aufgrund der zugeschriebenen Frustration gegenüber und Unzugänglichkeit von Bildungssprache nicht Teil dieser Community sind. Hier tritt Bildungsspra‐ che in ihrer Funktion als „Visitenkarte“ in Erscheinung. Es ist zu betonen, dass sich die Ergebnisse ausschließlich auf die im Beitrag ge‐ zeigten Datenbeispiele beziehen und weitere Analysen des Datenmaterials noch ausstehen. Es kann aber dennoch geschlussfolgert werden, dass ein verengtes Verständnis von Bildungssprache, bildungssprachlichem Sprachgebrauch und bildungssprachlichen Kompetenzen dann problematisch ist, wenn dieses vor dem Hintergrund heterogener sprachlicher Voraussetzungen nicht reflektiert wird. Das sollte möglichst schon im Rahmen der Lehrkräftebildung angebahnt werden und angehende Lehrkräfte dazu anleiten, die eigenen Normen und Ideologien im Sinne einer exklusionssensiblen Sprachreflexionskompetenz (vgl. Bock 2020) zu reflektieren. Eigene Normen, Ideologien und Sprachidentitäten zu erkennen und benennen zu können, wäre gerade für einen inklusiven Unterricht relevant, um Anforderungen an das sprachliche Handeln der Schüler: innen transparent zu machen und zu hinterfragen, was diese Annahmen für die eigene Praxis und den Umgang mit heterogenen sprachlichen Voraussetzungen bedeuten. 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Previous research has demonstrated that the given-before-new principle is crucial for acquiring the dative alternation among English-speaking children, and is followed even in their early production. However, research on the English dative alternation produced by English as a foreign language (EFL) learners is scarce. This corpus-based study, which focuses on the prototypical dative verb give, collects data from the Japanese EFL Learner Corpus and examines the informational status of themes and recipients to ascertain whether the given-before-new principle is followed or ignored. The results indicate that double object constructions are predominantly chosen in recipient-given contexts, as expected. However, contrary to expectations, approximately half of the themes convey new information in prepositional dative constructions. The author argues that this may have been influ‐ enced by Japanese grammar, which permits constructions with missing recipients.- 1 Introduction Numerous studies have explored the English dative alternation. Verbs such as give, send, teach, and buy allow two options to appear either in double object constructions or in prepositional dative constructions, as illustrated in (1) (cf. Ninio 1999, Park 2011, Lacerda 2017). <?page no="110"?> (1) a. I gave the children toys. - - - Recipient Theme - b. I gave the toys to children. - - - Theme Recipient (Park 2011: 101) In (1a), the dative verb give takes two objects: one is the indirect object (recipient) and the other is the direct object (theme). Constructions like (1a) are termed double object constructions. By contrast, in (1b), the theme precedes the recipient, and a prepositional phrase headed by the preposition to introduces the recipient. (1b) is termed a prepositional dative construction. Several researchers have examined the dative alternation from a syntactic perspective and have explained how the two constructions are structured (cf. Larson 1988, Gries/ Stefanowitsch 2004). Additionally, studies have analyzed dative alternation focusing on discourse structure (cf. Hovav/ Levin 2008, Ozón 2009). The given-before-new principle states the ideal information flow: In‐ formation already known to the listener (given information) should precede information that is new to the listener (new information) (cf. Halliday 1967, Clark 1977, Gundel 2003, Bresnan et al. 2007). Consider the dative alternation in (1) again. In (1a), the recipient the children contains a definite article and is considered given information, while the theme toys, with no article, is new information. By contrast, in (1b), the theme with the definite article is given information, whereas the recipient with no article is new information. There‐ fore, both examples place the given information before the new information, following this principle. The example in (2), wherein new information precedes old information, would sound unnatural. (2) ? I gave children the toy. - - new information old information This offers evidence that given information should appear prior to new informa‐ tion. Some researchers have investigated whether the given-before-new princi‐ ple is satisfied in English dative constructions produced by L1 English-speaking children (cf. Stephens 2010, Junge et al. 2015, Larcerda 2017; Fukaya 2023), demonstrating that this principle is followed from an early stage. Furthermore, Anderssen et al. (2014) illustrated this principle’s applicability to the dative 110 Nobuyo Fukaya <?page no="111"?> alternation produced by L1 Norwegian children. Nevertheless, few studies have investigated the dative alternation among English as a foreign language (EFL) learners, focusing on the pragmatic principle. This study addresses the following research question: (3) Research question: Does the dative alternation produced by Japanese EFL learners follow the given-before-new principle? The remainder of this article is organized as follows: Section 2 reviews three studies regarding the development of the dative alternation. All of them rely on the given-before-new principle, which I will use to analyze the developmental differences between double object and prepositional dative constructions. The first is by Fukaya (2023), who analyzed English dative alternation produced by L1 English-speaking children. The second is by Zhang/ Kang (2023), who investigated English dative alternation among Chinese EFL learners. The third is by Anderssen et al. (2014), who examined Norwegian dative alternation produced by L1 Norwegian-speaking children. Section 3 introduces the Japanese EFL Learner ( JEFLL) Corpus and explains how the data are analyzed. Section 4 examines whether the dative alternation involving the verb give, produced by Japanese EFL learners, follows the given-before-new principle. This highlights a unique characteristic of Japanese EFL learners: They produce more themes containing new information, irrespective of whether the theme appears in double object or prepositional dative constructions. This pattern seems to violate the principle in some prepositional dative constructions. Section 5 elucidates why this tendency is observed, suggesting that it is influenced by Japanese grammar, which permits single-object constructions with the Japanese verb corresponding to give. Finally, Section 6 concludes the article. 2 Literature Review This section introduces three previous studies. The first two focus on the English dative alternation; one examines L1 English-speaking children, and the other studies Japanese EFL learners. The third study investigates the Norwegian dative alternation in L1-speaking children.- 2.1 Fukaya (2023) Fukaya (2023) collected the dative alternation in the spontaneous speech of L1 English-speaking children using data from the Child Language Data Exchange The given-before-new principle and Japanese learners of English 111 <?page no="112"?> 1 Determiners (OI) refer to themes that include determiners such as the or this, which are associated with given information. 2 Determiners (NI) refer to themes that include an indefinite article or a quantifier, which are associated with new information. System (CHILDES) database (cf. MacWhinney 2000). The data provide evidence of the early acquisition of double object constructions compared to prepositional dative constructions, as Figure 1 illustrates. Fig. 1: Developmental patterns of double object and prepositional dative constructions Fukaya (2023) addressed the following question: What resulted in the late development of prepositional dative constructions? To answer this question, she investigated whether the given-before-new principle was followed in children’s spontaneous speech. She analyzed the development of the dative alternation from the perspective of information flow. First, let us consider themes in double object constructions. According to the given-before-new principle, the theme in these constructions should be new information. Table 1 summarizes the results. Representative examples are provided in (4). MLU stage Pronouns Determiners (OI) 1 Determiners (NI) 2 Zero articles Total Stage II 0 2 1 5 8 Stage III 0 2 17 16 35 Stage IV 6 14 26 12 58 112 Nobuyo Fukaya <?page no="113"?> Stage V 2 24 73 2 101 Stage V+ 12 26 48 10 96 Total 20 (6.71 %) 68 (22.81 %) 165 (55.31 %) 45 (15.11 %) 298 Tab. 1: Properties of themes in double object constructions (Data divided based on Brown’s MLU stages) (Fukaya 2023: 68) (4) a. Give me a diaper. (Naomi 2; 02.25) - b. Would you give this dolly some candy? (Nina 2; 11.16) (Fukaya 2023: 68) Of the 298 instances, 165 and 45 involved themes introduced with indefinite articles and no articles, respectively, implying that over 70 % of the themes represent new information, consistent with the given-before-new principle. By contrast, prepositional dative constructions are expected to have themes that include old information. Table 2 reveals 61 instances, with over 90 % being old information; of these, over 70 % use pronouns. Representative examples in which the theme conveys old information are provided in (5) and (6). MLU stage Pronouns Determiners (OI) Zero articles Total Stage II 1 0 0 1 Stage III 7 0 0 7 Stage IV 5 0 1 6 Stage V 21 7 2 30 Stage V+ 11 4 2 17 Total 45 (73.7 %) 11 (18.0 %) 5 (8.1 %) 61 Tab. 2: Properties of themes in prepositional dative constructions (Fukaya 2023: 66) (5) Pronouns - a. I give it to Anna. (Aran 2; 07.21) - b. Nonna gave them to you for Christmas. (Nina 3; 02.12) (Fukaya 2023: 66) The given-before-new principle and Japanese learners of English 113 <?page no="114"?> (6) Determiners (OI) - a. I give the bag to myself. (Adam 3; 07.07) - b. That’s why she gave this blanket to us. (Naomi 4; 09.03) (Fukaya 2023: 66) Fukaya (2023) presented two findings: First, the given-before-new principle is satis‐ fied even in early stages of language development; second, pronouns are preferable options for themes in prepositional dative constructions. Therefore, Fukaya (2023) concluded that developing pronominal objects was a key to the acquisition of prepositional dative constructions. This conclusion is supported by the following pair where the same child produces both constructions using the same lexical items during the period when prepositional dative constructions became more frequent. (7) a. Give me it. (Nina 3; 02.04) - b. Give it to me. (Nina 3; 00.03) The key points of this study are as follows: In the case of L1 English-speaking children, a tendency exists for this principle to be satisfied from the early stages. If this also applies to L2 learners, we expect that Japanese EFL learners will satisfy this principle in the same manner when generating the dative alternation, whether in the double object construction or prepositional dative construction. 2.2 Zhang/ Kang (2023) Next, I will introduce Zhang/ Kang (2023), who focused on Chinese EFL learners. Their research aimed to determine whether Chinese EFL learners adhered to the given-before-new principle in the English dative alternation. To this end, 140 EFL learners were classified into four groups based on their English proficiency levels. The participants were asked to read a short story where either a theme or a recipient was presented. The final sentence, containing a dative verb, was incomplete; the participants were required to complete it. For example, in the story presented in (8), the theme of broccoli was given to the listener. The final sentence was incomplete, so the participants had to complete it based on the context. (8) John doesn’t like broccoli. One day his mom put a lot of broccoli in his lunch. It looked terrible to John, so he thought of a way to get rid of it. John gave . . . 114 Nobuyo Fukaya <?page no="115"?> When the theme was given in the story, Chinese EFL learners correctly produced prepositional dative constructions and rarely produced double object constructions. This tendency was observed irrespective of their English proficiency level. When the recipient was given, double object constructions were expected to satisfy the given-before-new principle. However, lower-level students produced more prepo‐ sitional dative constructions than double object constructions. Consequently, the given-before-new principle was not followed. Zhang/ Kang (2023) argued that this high number of prepositional dative constructions resulted from students prioritising type of dative construction over informational status. In other words, learners prefer prepositional dative constructions first, even if the theme is new information. As their English proficiency improves, students begin to satisfy the given-before-new principle, resulting in the production of double object constructions in recipient-given contexts. The key difference between L1 English-speaking children (Fukaya 2023) and Chinese EFL learners (cf. Zhang/ Kang 2023) is that the latter tend to produce constructions that do not follow the given-before-new principle, especially in the double object construction. This tendency is stronger among those with lower English proficiency levels. Therefore, if the same tendency is observed among Japanese EFL learners, junior high school students can be expected to produce more rule-violating utterances in the double object construction than high school students.- 2.3 Anderssen et al. (2014) Anderssen et al. (2014) examined the Norwegian dative alternation produced by L1 Norwegian-speaking children. They investigated whether the given information influenced the choice of constructions (double object or prepositi‐ onal dative constructions), predicting that children would prefer double object constructions when the recipient was given, as in (9), whereas they preferred prepositional dative constructions when the theme was given, as in (10). (9) a. Da han ble invitert i bursdag, ga han [den / bilen] [til en venn]. - - When he was invited to a birthday party, he gave [it / the car] [to a friend]. - b. ? Da han ble invitert i bursdag, ga han [en venn] [bilen / den]. - - When he was invited to a birthday party, he gave [a friend] [the car / (it)]. (Anderssen et al. 2014: 3) (10) a. Han ga [henne / jenta] [en bil]. - - He gave [her / the girl] [a car]. The given-before-new principle and Japanese learners of English 115 <?page no="116"?> b. ? Han ga [en bil] [til henne / jenta]. - - He gave [a car] [ to her / the girl]. (Anderssen et al. 2014: 4) In (9), the listener is already familiar with the information regarding the theme, preferably rendering the construction in (9a), where the theme precedes the recipient. Conversely, in (10), the recipient is shared information between the speaker and listener; therefore, this should precede the theme, as in (10a). The primary difference between Norwegian and English is observed when the theme is a pronoun. In English, the pronominal object cannot follow the recipient and should appear in prepositional dative constructions, as in (11). However, Norwegian does not impose such restrictions, as demonstrated in (12).- (11) a. *John gave [the girl / her] [it]. - b. John gave [it] [to the girl / to her]. (Anderssen et al. 2014: 4) (12) a. Jon ga [jenta / henne] [den]. - b. Jon ga [den] [til jenta / til henne]. (Anderssen et al. 2014: 4) Table 3 summarizes the results of this study conducted with 24 monolingual Norwegian-speaking children aged 4 years and 2 months to 6 years and 0 months. - Recipient-given contexts Theme-given contexts SVO 1 O 2 24 (19.6 %) 25 (20 %) SVO 2 to O 1 29 (23.7 %) 75 (60 %) SVO 1 8 (6.5 %) 6 (4.8 %) SVO 2 61 (50 %) 19 (15.2 %) Total 122 125 Tab. 3: Distribution of four types of constructions 116 Nobuyo Fukaya <?page no="117"?> This study underscored two noteworthy points. First, Norwegian requires that two objects appear in the dative alternation. Nevertheless, Norwegian children produced cases with one missing object. Recipients were omitted more frequently than themes in both recipientand theme-given contexts, as Table 3 indicates. Second, Norwegian children preferred prepositional dative constructions to double object constructions, irrespective of whether the theme was provided in the context. Specifically, in theme-given contexts, 100 cases involved two-object constructions, of which 75 were prepositional dative constructions, as expected. Even in recipient-given contexts, 29 of the 53 cases were prepositional dative constructions, which seemed to violate the given-before-new principle. However, Anderssen et al. (2014) suggested that the given-before-new principle was important in producing dative alternations among Norwegian-speaking children, arguing that in theme-given contexts, the principle was satisfied by prepositional dative constructions. In recipient-gi‐ ven contexts, this principle was satisfied in double object constructions or constructions with missing recipients. Anderssen et al. (2014) concluded that Norwegian-speaking children follow the given-before-new principle. 3 Method 3.1 JEFLL Corpus This section introduces the Japanese EFL Learner ( JEFLL) Corpus (Tono 2007) and elucidates how the relevant data were compiled. I extracted data featuring the prototypical dative verb give from the JEFLL Corpus to address the research question presented in (3). The JEFLL Corpus contains over 10,000 essays written by Japanese junior high and high school students. Students were asked to write about one of the topics in (13) within 20 minutes. (13) a. Breakfast - b. Earthquake - c. Otoshidama: a Japanese New Year tradition - d. School festival - e. Urashima Taro: a Japanese fairy tale - f. Scary dream Students were not allowed to use dictionaries while writing; however, they could describe the object in the Roman alphabet or Japanese when they did not know The given-before-new principle and Japanese learners of English 117 <?page no="118"?> the English term. For example, consider (14) written by a junior high school student. This student did not know the English word children and thus wrote kodomo, the Japanese word for children. Moreover, the JEFLL Corpus presents the students’ essays as they are; therefore, it contains grammatical errors. For example, (14) contains a spelling error meny, whose correct spelling is many. (14) I will give dream meny [ JP: 子供 . kodomo]. - - = children 3.2 Procedure Data were collected as follows: First, I checked the box for 基本形で検索 (Search in Base Form); subsequently, I entered give in the search window, as presented in Figure 2. By checking the box, not only give but also other verb forms, such as gave and gives can be extracted. Fig. 2: Word-searching function for give After collecting cases with the dative verb give as presented in Figure 3, I divided the data into double object and prepositional dative constructions. - Fig. 3: Extraction of cases with give 118 Nobuyo Fukaya <?page no="119"?> In this analysis, passive sentences, such as (15), were excluded because it was difficult to determine whether students intended to use a double object or prepositional dative construction. Additionally, cases where give was part of a phrasal verb, such as give up in (16), were excluded from the analysis. (15) a. I was given special pocket money more than last year. (8th grade) - b. I’m given New Year’s money by some people. (8th grade) (16) But he didn’t give up. (8th grade) 4 Results 4.1 Overall Results Section 4.1 presents the overall results. Table 4 shows that there were 360 cases of the dative alternation, of which 276 were double object constructions and 84 were prepositional dative constructions. Double object constructions Prepositional dative constructions Total 276 (76.6 %) 84 (23.3 %) 360 Tab. 4: Numbers and percentages of double object constructions and prepositional dative constructions produced by Japanese EFL students Table 4 indicates that nearly 8 % of the dative alternations were double object constructions. Figure 4 presents a breakdown of the two constructions by grade level. As is evident, the number of double object constructions spiked during seventh and eighth grade, while the use of prepositional dative constructions gradually increased from tenth to twelfth grade. Representative examples of these const‐ ructions are provided in (17) and (18). The given-before-new principle and Japanese learners of English 119 <?page no="120"?> Fig. 4: Developmental patterns from 7th to 12th grades- (17) Double object constructions - a. Please give me money! (7th grade) - b. Aunt give me clothes. (8th grade) - c. I give you a box. (9th grade) - d. She gave him a strange box. (10th grade) - e. But, to eat rice for breakfast give us much energy more than bread. (11th grade) - f. Breakfast gives me an energy of doing so. (12th grade) (18) Prepositional dative constructions - a. So I’ll it to Mother. (7th grade) - b. He gave a lot of money to Urashima. (8th grade) - c. It gave much impression to many people. (9th grade) - d. On her birthday, I gave it to her. (11th grade) - e. On her birthday, I gave it to her. (11th grade) - f. Grown-ups give some money to their children. (12th grade) 120 Nobuyo Fukaya <?page no="121"?> 4.2 Given-Before-New Principle This section investigates how information flows through the dative alternation. Considering that EFL learners adhere to the given-before-new principle, we predict that prepositional dative constructions are preferred when themes are given, whereas double object constructions are preferred when recipients are given. Let us first consider recipient-given contexts, whose results are presented in Table 5. - Double object const‐ ructions Prepositional dative constructions Total Recipient-given contexts 264 (85.4 %) 45 (14.5 %) 309 Tab. 5: Distribution of construction in recipient-given contexts Notably, 309 recipients were anticipated to carry given information because they were realized as pronominal objects or involved a definite article. As expected, more than 80 % of these appeared in double object constructions. Representative examples are provided in (19). Only 15 % had the recipient as given information, as seen in (20). (19) a. I wish they gave me more money. (11th grade) - b. School festival gave us the wonderful gift. (11th grade) (20) a. I want that somebody give much money to me. (8th grade) - b. Adult people give much money to their younger relation and acquain‐ tances. (12th grade) Let us proceed to theme-given contexts, as presented in Table 6. - Double object const‐ ructions Prepositional dative constructions Total Theme-given con‐ texts 44 (68.7 %) 20 (31.2 %) 64 Tab. 6: Distribution of construction in theme-given contexts Notably, 64 themes were expected to contain given information. Contrary to our expectations, of the 64 themes, 44 (68.7 %) occurred in double object The given-before-new principle and Japanese learners of English 121 <?page no="122"?> constructions, as shown in (21), and only 20 (31.2 %) occurred in prepositional dative constructions, as shown in (22). (21) a. When I was about 3 years old my grandmother gave me it. (9th grade) - b. He gave him the [ JP: tamatebako]. (9th grade) (22) a. On her birthday, I gave it to her. (11th grade) - b. And he gave the treasures to his parents. (11th grade) 4.3 Double object constructions 4.3.1 Informational status of recipients Following Fukaya (2023), I conducted a detailed investigation into the informa‐ tional status of recipients used in double object constructions. Table 7 presents the results. The recipients are categorized into the following four groups. The group labeled “Pronoun” includes pronominal objects for recipients, as in (23). The term Determiners (Old Information: OI) refers to recipients that involve determiners specifying given information such as a definite article and a possessive, as in (24). Determiners (New Information: NI) involve recipients with determiners that denote new information such as an indefinite article or a quantifier, as in (25). The group “Zero articles” includes themes with no articles, as in (26). Recipients classified as “Pronouns” and “Determiners” (OI) are expected to carry given information, whereas those labeled as “Determiners” (NI) and “Zero articles” are anticipated to convey new information. Themes Numbers Informational status Pronouns 256 Given information 264 (96 %) Determiners (OI) 8 Determiners (NI) 3 New information 11 (4 %) Zero articles 8 Total 275 - Tab. 7: Properties of recipients in double object constructions 122 Nobuyo Fukaya <?page no="123"?> (23) Pronouns - a. She gave him a strange box. (10th grade) - b. Second, breakfast me the enagy. (12th grade) (24) Determiners (OI) - a. I gave the woman harb’s [ JP: shiori]. (8th grade) - b. I can give my family them. (10th grade) (25) Determiners (NI) - I’m now 18 years old, so I’m worring about the day when I have to give someone [ JP: Otoshidama] comes. (12th grade) (26) Zero articles - a. … to give students foods, and so on. (11th grade) - b. This is that parents, grandparents and even customers give children a lot of money (12th grade) Table 7 indicates that the students predominantly produced recipients contai‐ ning given information in double object constructions, providing evidence that the principle is followed in this construction. 4.3.2 Informational status of themes Themes in double object constructions are expected to provide new information. Table 8 presents the results: While only 16 % were given information, as shown in (27) and (28), approximately 84 % were identified as new information, as shown in (29) and (30). Themes Numbers Informational status Pronouns 16 Given information 45 (16 %) Determiners (OI) 28 Determiners (NI) 138 New information 230 (83.9 %) Zero articles 92 Total 275 - Tab. 8: Properties of themes in double object constructions The given-before-new principle and Japanese learners of English 123 <?page no="124"?> (27) Pronouns - a. My grand mother, grand father and aunt gave me it. (10th grade) - b. I gave my friend them. (10th grade) (28) Determiners (OI) - a. Kame gave me the box. (11th grade) - b. My grandfather, four uncles gave me their money. (11th grade) (29) Determiners (NI) - a. Please give me a chance. (8th grade) - b. She gave him a box again. (11th grade) (30) Zero articles - a. because I can’t give you new shoose. (8th grade) - b. Sometimes mother gives me bread with butter. (9th grade) Tables 7 and 8 indicate that Japanese EFL learners generally adhere to the given-before-new principle in double object constructions. 4.4 Prepositional dative constructions 4.4.1 Informational status of themes Let us now examine prepositional dative constructions. Given that the principle is assumed to be applied to the dative alternation produced by Japanese EFL learners, it follows that themes in prepositional dative constructions typically represent given information. However, contrary to this expectation, a lot of the themes carried new information, as presented in Table 9. Specifically, 64 themes (76.1 %) carried new information, whereas only 20 themes represented given information. Relevant examples are provided in (31)-(34). 124 Nobuyo Fukaya <?page no="125"?> Themes Numbers Informational status Pronouns 15 Given information 20 (23.8 %) Determiners (OI) 5 Determiners (NI) 25 New information 64 (76.1 %) Zero articles 39 Total 84 - Tab. 9: Properties of themes in prepositional dative constructions (31) Pronouns - a. On her birthday, I gave it to her. (11th grade) - b. Ordinary, parents or grandmother and father give it to children. (12th grade) (32) Determiners (OI) - a. Please give this money to me. (7th grade) - b. He gave the money to the children. (8th grade) (33) Determiners (NI) - a. Then she gave a new Tamatebako to his. (7th grade) - b. On the new year’s day, grown-ups give some money to their children. (12th grade) (34) Zero articles - a. In Japan, Parents often give money to their children on the first day of the New Year. (9th grade) - b. Someone gives [ JP: OTOSHIDAMA] to children in January 1st. (12th grade) 4.4.2 Informational status of recipients Recipients in prepositional dative constructions are expected to provide new information. Table 10 summarizes the results. The given-before-new principle and Japanese learners of English 125 <?page no="126"?> Themes Numbers Informational status Pronouns 19 Given information 45 (53.5 %) Determiners (OI) 26 Determiners (NI) 8 New information 39 (46.4 %) Zero articles 31 Total 84 - Tab. 10: Properties of recipients in prepositional dative constructions Contrary to expectations, 45 cases (approximately 54 %) involved given infor‐ mation, whereas 39 cases (approximately 46 %) involved new information. Representative examples are provided in (35)-(38). (35) Pronouns - a. I want that somebody give much money to me. (8th grade) - b. On her birthday, I gave it to her. (11th grade) (36) Determiners (OI) - a. I must give part of OTOSHIDAMA to my parents. (7th grade) - b. He gave the money to the children. (8th grade) (37) Determiners (NI) - The story of the movie is very sad, but it gave much impression to many people. (9th grade) (38) Zero articles - a. I’ll give it to Mother. (7th grade) - b. Someone gives [ JP: OTOSHIDAMA] to children in January 1st. (12th grade) Tables 9 and 10 indicate a high frequency of non-compliance with the given-be‐ fore-new principle in prepositional dative constructions.- 4.5 Constructions missing one object According to Anderssen et al. (2014), although the dative alternation of missing one object is not allowed in the Norwegian grammar, L1 Norwegian children produce 126 Nobuyo Fukaya <?page no="127"?> constructions where either recipient or theme is missing. In Japanese, the verb ataeru corresponds to the English dative verb give (Tsujimura 2006). A key difference between give and ataeru lies in the constructions formed with the verbs. English requires give to appear either in double object or prepositional dative constructions, whereas Japanese permits constructions without recipients, in addition to those with two objects. Consider the examples in (39) and (40). (39) Kodomo-ni Oyatsu-wo atae-ta. - my child-Dat A snack-Acc gave. - “I gave my child a snack.” (40) Oyatsu-wo atae-ta. - A snack-Acc- gave. - “I gave a snack.” Notably, (39) involves two objects: one is oyatsu-wo (theme) and the other is kodomo-ni (recipient). In Japanese, case is indicated by particles attached to the end of the noun rather than by word order: by adding wo to oyatsu and ni to kodomo, oyatsu and kodomo play a role as the theme and recipient, respectively. Unlike (39), (40) lacks the recipient kodomo-ni; however, it is grammatical and commonly used in informal Japanese, especially when the recipient is shared between the speaker and listener. Therefore, I added constructions with missing themes and constructions with missing recipients to my analysis.- 4.5.1 Overall results Table 11 presents the results of constructions with missing themes or recipients, along with the double object and prepositional dative constructions. Constructions Numbers (%) Double object constructions 276 (55 %) Prepositional dative constructions 84 (16.7 %) Constructions with missing themes 13 (2.5 %) Constructions with missing recipients 128 (25.5 %) Total 501 Tab. 11: Distribution of four types The given-before-new principle and Japanese learners of English 127 <?page no="128"?> Figure 5 provides a breakdown of the four constructions by grade level and representative examples of constructions with missing themes and recipients are provided in (41) and (42), respectively. Fig. 5: Transition of constructions with missing themes and those with missing recipients (41) Constructions with missing themes - a. He give some men. (8th grade) - b. But my mother and father didn’t give me. (11th grade) (42) Constructions with missing recipients - a. I gave more money than last year. (11th grade) - b. In our school, each class gives one event. (12th grade) As Table 11 indicates, approximately half of the constructions involving give were double object constructions. Interestingly, constructions with missing recipients occurred more frequently than prepositional dative constructions. This frequent occurrence may be attributed to language transfer from Japanese. 4.5.2 Constructions with missing recipients: informational status of themes As discussed in Section 4.5.1, Japanese students frequently omitted recipients. The key question is the informational status of themes in constructions where 128 Nobuyo Fukaya <?page no="129"?> recipients are omitted. Table 12 presents the results, with the relevant examples provided in (43) - (46). Themes Numbers Informational status Pronouns 12 Given information 15 (11.7 %) Determiners (OI) 3 Determiners (NI) 10 New information 113 (88.2 %) Zero articles 103 Total 128 - Tab. 12: Properties of themes in recipient omitted constructions (43) Pronouns - a. She gave it in chrismas. (8th grade) - b. But now I’m on the side of the people who give it, actually. (12th grade) (44) Determiners (OI) - a. Why did you give this box? (12th grade) - b. But there were some people who wanted to give their blood. (12th grade) (45) Determiners (NI) - a. He gave a play at that school festival. (11th grade) - b. At last he gave a box. (12th grade) (46) Zero articles - a. Ping-pong club gave free space for people. (11th grade) - b. Borantiers give foods, water and so on. (9th grade) As presented in Table 12, approximately 90 % of the themes contained new information. The high frequency of recipient omissions and the predominance of themes with new information can be considered an avoidance strategy to adhere to the given-before-new principle. This parallels the strategy observed in Norwegian children, who select either a double object construction or a construction without a recipient to satisfy the given-before-new principle. As Anderssen et al. (2014) highlighted, the subject is usually given information. The given-before-new principle and Japanese learners of English 129 <?page no="130"?> Table 12 indicates that most themes are classified as new information; hence, this principle can be satisfied by the subject-object sequence. 5 Discussion: Research Question This section addresses the research question presented in Section 1: Does the da‐ tive alternation produced by Japanese EFL learners follow the given-before-new principle? The answer to this question may partially be yes. This is because the given-before-new principle is typically satisfied in double object constructions, whereas it is more likely to be disobeyed in prepositional dative constructions. Now, let us examine how constructions that seemingly disobey the principle at first glance can be interpreted based on research done with Chinese EFL learners (cf. Zhang/ Kang 2023). Unlike Chinese EFL learners, Japanese EFL learners are more likely to satisfy the given-before-new principle with double object constructions instead of prepositional dative constructions. I argue that this is related to the word order in Japanese. In Japanese, the case particles attached to the noun indicate their semantic roles in a sentence. For example, in Sentence (47), the particle ga marks the subject (the boy who draws the picture), and wo indicates the object (the picture being drawn) in the predicate (to draw). Additionally, the particle de indicates what is used to draw the picture. (47) Sono otokonoko-ga kureyon-de e-wo kaite-iru. - The boy with crayons a picture is drawing. - The boy is drawing a picture with crayons. Japanese is considered a language with a relatively free word order, owing to its case particles; nevertheless, it has a more natural word order. For example, in the Japanese double object construction, the word order “-ni -wo” feels more natural than “ -wo -ni” (cf. Hoji 1985), as presented in (48) and (49), respectively. (48) Kodomo-ni Oyatsu-wo atae-ta. - my child-Dat A snack-Acc gave. - “I gave my child a snack.” (49) Oyatsu-wo Kodomo-ni atae-ta. 130 Nobuyo Fukaya <?page no="131"?> A snack-Acc my child-Dat gave. - “I gave my child a snack.” Following this, Japanese EFL learners might find that, even in English, the double object construction feels more natural than the prepositional dative construction. - Let us now consider sentences lacking an object. According to Zhang/ Kang (2023), when the theme is given information, (50a) is the most preferred, followed by (50b) and (50c). When the recipient is given information, Chinese EFL learners with low English proficiency tend to prefer recipient-lacking constructions or prepositional dative constructions with new-given order over double object constructions, as presented in (51). As their English proficiency improves, double object constructions following this principle become the most preferred. (50) a. Prepositional dative constructions (theme = given, recipient = new information) - b. Constructions with missing themes (recipient = new information) - c. Double object constructions (recipient = new information, theme = given) (51) a. Constructions with missing recipients (theme = new information) - - Prepositional dative constructions (theme = new information, recipient = given) - b. Double object constructions (recipient = given, theme = new informa‐ tion) Let us examine the sentences produced by Japanese EFL learners in a recipi‐ ent-given context. Japanese EFL learners prefer double-object constructions the most, followed by the construction in which the recipient is omitted, and lastly, prepositional dative constructions. This is presented in (52). (52) a. Double object constructions (recipient = given, theme = new informa‐ tion) - b. Constructions with missing recipients (theme = new information) - c. Prepositional dative constructions (theme = new information, recipient = given) The given-before-new principle and Japanese learners of English 131 <?page no="132"?> Based on this observation, I argue that the prepositional dative constructions produced by Japanese EFL learners are not derived from double object const‐ ructions but from constructions with missing recipients, as indicated in (53) and (54). (53) [ IP S [ VP V O]] (54) [ IP S [ VP V O [ PP P NP]]] First, a structure lacking a recipient as in (53) is generated. Subsequently, a pre‐ positional phrase is added as in (54), to form a prepositional dative construction. In the early stages of generating the prepositional dative construction, the flow of information on the theme is maintained; therefore, the prepositional dative construction is expected to disobey the given-before-new principle, placing new information before old information. A representative example is presented in (55). Thereafter, grammatical prepositional dative constructions are developed by adding the prepositional phrase to the underlying structure, as presented in (56). (55) Then she gave a new Tamatebako to his. (7th grade) - - New information (56) Parents or grandmother and father give it to children. (12th grade) - - Given information The corpus-based data have demonstrated that the Japanese EFL learners tended to follow the given-before new principle in double object constructions. In prepositional dative constructions, the tendency to disobey the given-be‐ fore-new principle was observed. However, the recipient-lacking construction was also frequently produced, suggesting that it may serve as an alternative last resort when violating the rules. Therefore, although the number of violations was higher compared with children who were native speakers of English or Norwegian, the tendency to adhere to the given-before-new principle was still observed 6 Conclusion This study explored the dative alternation involving the prototypical dative verb give, produced by Japanese EFL learners and focused first on the role of 132 Nobuyo Fukaya <?page no="133"?> informational status in double object and prepositional dative constructions. In double object constructions, where the recipient is typically expected to repre‐ sent given information, the findings support adherence to the given-before-new principle. By contrast, in prepositional dative constructions, approximately half of the themes contained new information. To conduct a detailed analysis, I extended the analysis to constructions that omit one object, following the framework of Anderssen et al. (2014). Notably, a large proportion of constructions with omitted recipients contained new infor‐ mation, suggesting that prepositional dative constructions may originate from those with missing recipients. A key finding is that the number of constructions missing recipients was higher than that of prepositional dative constructions. On this basis, I posited that constructions missing recipients were preferred to avoid the new-given order in the prepositional dative construction. Therefore, arguably, the given-before-new principle tends to be followed irrespective of whether the mother tongue is English or not. However, further research is needed to investigate whether Japanese EFL learners prefer double object constructions to other dative verbs and whether they produce object-omission structures to avoid the violation of the given-before-new principle. References Anderssen, Merete/ Yulia, Rodina/ Roksolana, Mykhaylyk/ Paula Fikkert (2014). The ac‐ quisition of the dative alternation in Norwegian. Language Acquisition 21: 1, 72-102. Bresnan, Joan/ Cueni, Anna/ Nikitin, Tatiana/ Baayen, Harald R. (2007). Predicting the dative alternation. In: Gerlof, Bouma/ Irene, Kramer/ Joost, Zwarts (eds.). Cognitive Foundations of Interpretation. Amsterdam: Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences, 6-94. Clark, Herbert H. (1977). Comprehension and the given-new contract. In: Freedle, Roy O. (ed.). Discourse Production and Comprehension. 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August 2024, Zürich) für anregende Diskussionen und wertvolles Feedback zum Vortrag sowie unseren IDS-Kollegen Sascha Wolfer und Felix Bildhauer für hilfreiche Ratschläge in der Auswertungsphase. Außerdem gilt unser Dank den Herausgeberinnen für die Begleitung des Peer-Review-Prozesses und der/ dem anonymen Gutachter: in für die konstruktiven Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge. So’n ‘riesen Zirkus’ wegen ‘riesen’? Zwischen Sprachnorm und Sprachgebrauch 1 Anna Volodina, Jan Gorisch Abstract: Der Gegenstand unserer Untersuchung ist der Gebrauch von riesen im Gegenwartsdeutschen in nominalen Wortbildungen wie Riesen‐ problem (Riesen-N) und entsprechenden Fügungen wie riesen Problem (riesen + N). Die grammatische Norm sieht nur die erste Variante vor, in der riesen als gebundenes Morphem vorkommt. In der Forschungsliteratur wird allerdings auch die Existenz der zweiten Variante mit riesen als freies Morphem beobachtet. Während es zum Gebrauch der beiden Alternanten bereits empirische Studien auf der Basis geschriebener Daten gibt, widmen wir uns in diesem Aufsatz der Frage nach morphologischen, semantischen und syntaktischen Faktoren der beiden Konstruktionen auf der Ebene ihrer prosodischen Realisierung im gesprochenen Deutsch. Im Rahmen einer Korpusstudie, die den empirischen Teil des Aufsatzes ausmacht, zeigen wir, dass die Realisierung von riesen als freies Morphem a) tatsächlich belegt ist und b) im Sprachgebrauch klare Besonderheiten aufweist, die sowohl theoretische Annahmen als auch frühere empirische Befunde stützen. 1 Einleitung Lexeme mit riesenim Deutschen (z. B. Riesenproblem, Riesenspaß oder Riesen‐ rad) sind in der letzten Zeit in den Fokus theoretischer Diskussionen über <?page no="136"?> 2 Vgl. Van Goethem/ Hüning (2015) zu top- und spitzeim Deutschen und Niederländi‐ schen. Grammatikalisierung gerückt. Der Grund ist, dass etwa Studien wie diejenige von Norde/ Van Goethem (2014) zum Deutschen und zu anderen Sprachen (vgl. z. B. Puggaard 2020) eine auf den ersten Blick überraschende Entwicklung von dem gebundenen Morphem riesen-, wie in den oben genannten Beispielen, zum freien Morphem riesen, wie in riesen Problem, beobachtet haben. Diese Tendenz widerspricht der üblichen Logik der Grammatikalisierung, wonach typischerweise der volle semantische Gehalt zugunsten allgemeineren oder metaphorischen Bedeutungen verloren geht und sich aus einem vollen Lexem ein Affixoid entwickelt. Unter Affixoiden verstehen wir hier Morpheme, die zwar auch als freie Lexeme existieren (oder von solchen abgeleitet sind), in gebundener Verwendung als Teil eines Kompositums jedoch eine spezifische, oft von der Ursprungsbedeutung abweichende oder eingeschränkte Bedeutung entwickeln (vgl. Booij 2009, 2010). Im Falle von riesen ist dies in einem ersten Schritt gut zu beobachten, und zwar als Übergang von der konkreten Größen‐ bezeichnung (z. B. ‚so groß wie ein Riese‘) hin zur allgemeinen Verstärkung oder Intensivierung (z. B. ‚sehr‘, ‚enorm‘), d. h.: Riesenhaus als Kompositum würde zum Beispiel ‚das Haus von Riesen‘ bezeichnen, wogegen als Univerbierung mit dem Präfixoid riesen- ‚ein riesiges Haus‘. Problematisch ist aber der zweite Schritt, nämlich dass sich aus dem Präfixoid riesenaugenscheinlich ein Adjektiv oder allenfalls ein freies Morphem entwickelt. Dieses Phänomen bezeichnet man als Debonding. Norde (2009) definiert Debonding als „a composite change whereby a bound morpheme in a specific linguistic context becomes a free morpheme“ (Norde 2009: 186). Studien zu verwandten Elementen 2 in germanischen Sprachen - wie reuze(-) im Nieder‐ ländischen (vgl. Van Goethem/ Hiligsmann 2014), kæmpe(-) im Dänischen (vgl. Puggaard 2020), zu jätte(-) im Schwedischen (vgl. Norde/ Van Goethem 2014) - deuten darauf hin, dass diese Präfixoide eine Tendenz zum Debonding zeigen können. Das bedeutet, dass sie sich von festen Kompositionsgliedern lösen und eher wie freie Morpheme, beispielsweise Adjektive oder Adverbien, verhalten können. Norde/ Van Goethem (2014) argumentieren, dass das deutsche Präfixoid rieseneinen Debonding-Prozess durchlaufen hat, während die freien Formen im Schwedischen bei jätteeher als reine Schreibvarianten zu werten sind. Die Ab‐ grenzung zwischen einer Univerbierung (Riesenproblem) und einer potenziellen syntaktischen Gruppe (riesen Problem) ist dabei nicht immer eindeutig, denn die Schreibweise kann nicht als zuverlässige Unterscheidungsquelle gelten. 136 Anna Volodina, Jan Gorisch <?page no="137"?> 3 https: / / www.dwds.de/ wb/ wdw/ riesen%E2%80%A6, abgerufen am-23.05.2025. 4 Bei den Beispielen (1)-(4) handelt es sich um Originalbelege aus dem Korpus authen‐ tischer Sprachanfragen, das im Rahmen des Projekts „Sprachanfragen“ (Laufzeit: 2022-2026) des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache (IDS Mannheim) umfangreich semiautomatisch annotiert wird. Das Sprachberatungskorpus enthält 47.207 Fragen von Sprachinteressierten und die dazugehörigen Antworten des Sprachberatungsteams eines Verlags aus den Jahren 1999 bis 2018 (vgl. Lang/ Tu/ Volodina 2025: 47). In der Tat widerspricht die Schreibung riesen Problem der orthographischen Norm. riesenin der Bedeutung ‚sehr groß, übermäßig groß‘ ist in aktuellen Wörterbüchern (z. B. WAHRIG Deutsches Wörterbuch 2011/ 2018) nur als Be‐ standteil von Zusammensetzungen verzeichnet. 3 In der Tat wäre riesen ein sehr ungewöhnliches Adjektiv, da es zum einen nur attributiv (aber unflektiert) gebraucht werden kann (nicht prädikativ oder adverbial, z. B. ist *der Gewinn ist riesen nicht möglich). Zum anderen handelt es sich offenbar um einen orthogra‐ phischen bzw. grammatischen Zweifelsfall, wie durch folgende Sprachanfragen aus dem Sprachberatungskorpus des IDS-Projekts „Sprachanfragen“ belegt. 4 (1) Hier noch einige Sätze zum überprüfen für ein Referat meiner Tochter. Du machst dir einen Riesen-Kopf wie es weitergeht. [30.06.2004] (2) Stimmen die Sätze: „Es war ein Riesenspaß zu rudern“ (…) [15.11.2004] (3) Bitte um Info ob der folgende Satz so richtig geschrieben ist: Der Jahreswechsel nähert sich mit riesen Schritten (oder Riesenschritten). [12.12.2006] (4) Heute interessiert mich, ob es das Wort „riesen“ vielleicht auch als Adjektiv gibt, z. B.: Ich habe riesen Hunger. (…) [28.08.2017] Das Ziel des vorliegenden Aufsatzes besteht darin, die wissenschaftliche Dis‐ kussion über den beobachteten Prozess durch die Hinzuziehung prosodischer Besonderheiten von unterschiedlichen Vorkommnissen von riesen zu ergänzen. Damit reagieren wir auf ein Desideratum, das Puggaard (2020: 7) so formuliert: „Of course, the optimal solution would be to simply look at prosodic realization instead of spelling, but such a study would be much more demanding.“ Wir legen die Ergebnisse einer Korpusstudie vor, in der Daten aus dem tatsächlichen mündlichen Sprachgebrauch nach prosodischen, semantischen, syntaktischen und morphologischen Kriterien ausgewertet werden, um mögliche Gebrauchs‐ korrelate für unterschiedliche Realisierungen von riesen zu ermitteln. Die Struktur des Aufsatzes ist wie folgt: Abschnitt 2 widmet sich dem Forschungsstand und erläutert das Ziel der Untersuchung sowie die zugrunde gelegten Hypothesen. Daran anschließend beschreibt Abschnitt 3 die gewählte Methode der Untersuchung. Die Ergebnisse der Analyse werden in Abschnitt 4 So’n ‘riesen Zirkus’ wegen ‘riesen’? 137 <?page no="138"?> vorgestellt. Abschließend bietet Abschnitt 5 eine Zusammenfassung der zentra‐ len Befunde, verortet sie im theoretischen Rahmen und diskutiert sie im Hinblick auf die eingangs formulierten Hypothesen. 2 Linguistischer Hintergrund, Forschungsstand und Hypothesen Traditionell wird bei Wortbildungsprozessen zwischen Komposition und Deri‐ vation unterschieden. Affixoide nehmen eine hybride Zwischenstellung „zwi‐ schen Kompositionsglied und Affix“ (Barz 2016: 759) ein. Sie werden oft als Elemente beschrieben, die sich auf einem Entwicklungspfad von einem ehemals selbstständigen Wort (Lexem) hin zu einem gebundenen Affix befinden - sie sind „Nicht-mehr-Wörter auf dem Wege zum Noch-nicht-Affix“ (Donalies 2005: 25). Charakteristisch für Affixoide ist, dass sie formal oft einem freien Lexem gleichen oder von diesem abgeleitet sind, in ihrer gebundenen Verwendung als Wortbildungselement jedoch eine semantische Modifikation erfahren haben. Diese Modifikation äußert sich häufig in einer Verallgemeinerung, Abstrahie‐ rung oder semantischen Aufweichung bzw. einer metaphorischen oder metony‐ mischen Erweiterung der ursprünglichen Bedeutung (vgl. Fleischer/ Barz 2012: 59-61). Das Affixoid tritt dann nicht mehr mit der vollen lexikalischen Bedeu‐ tung seines Ursprungswortes auf, sondern übernimmt spezifische Funktionen innerhalb der Wortbildung (vgl. Mugdan 2022). Die Produktivität von Affixoiden in der Bildung neuer Wörter, oft ganzer Reihen, ist ein weiteres Kennzeichen, das sie mit Affixen teilen, obwohl sie formal noch an Wörter erinnern. Das augmentative riesenwie in Riesenproblem gilt im Deutschen als proto‐ typisches Affixoid, genauer: als Präfixoid (Fleischer 2020: 892). Es leitet sich von dem Substantiv Riese ab, das eine übergroße, sagenhafte Gestalt bezeichnet. In seiner Funktion als Präfixoid hat riesenjedoch diese konkrete, wörtliche Bedeutung weitgehend verloren oder zumindest erweitert. Stattdessen dient es, etwa in Wortbildungen wie Riesenproblem, Riesenerfolg oder Riesenspaß, primär der Intensivierung oder der Kennzeichnung eines sehr hohen Grades. Die Bedeutung verschiebt sich von ‚von einem Riesen stammend/ einem Riesen gehörend‘ oder ‚die Größe eines Riesen aufweisend‘ hin zu ‚sehr groß‘, ‚enorm‘, ‚außergewöhnlich‘. Das riesenwirkt also modifizierend auf das Zweitglied. Diese semantische Entwicklung, bei der die spezifische lexikalische Bedeutung zugunsten einer allgemeineren, verstärkenden Funktion in den Hintergrund tritt, ist typisch für Präfixoide (vgl. Norde/ Van Goethem 2014, Puggaard 2020). Die semantische Last der Gesamtbedeutung wird dabei primär vom Zweitglied getragen. 138 Anna Volodina, Jan Gorisch <?page no="139"?> 5 Ein anonymer Gutachter/ eine anonyme Gutachterin wies uns auf einen ähnlichen Bedeutungsunterschied hin: Während ‚Dunkelkammer‘ fachsprachlich einen für foto‐ grafische Arbeiten eingerichteten Raum bezeichnet, steht ‚dunkle Kammer‘ allgemein‐ sprachlich für einen beliebigen finsteren Raum. Die Verwendung von riesen als Affixoid ist von seiner Verwendung als Erstglied in Determinativkomposita abzugrenzen. In Determinativkomposita behält Riese(n)seine primäre lexikalische Bedeutung bei und bezeichnet etwas, das sich auf Riesen (als märchenhafte Figuren) bezieht oder von ihnen stammt. Ein klassisches Beispiel hierfür wäre Riesenmärchen (= ein Märchen, das von Riesen handelt). In diesen Komposita liegt keine oder kaum eine semantische Bleichung des Erstglieds vor; es handelt sich um eine thematische oder posses‐ sive Beziehung zwischen den Kompositionsgliedern. Die Unterscheidung ist nicht immer trennscharf und kann im Einzelfall vom Kontext und der Intention des Sprechers abhängen. Das Bild ist allerdings ohne die Hinzuziehung eines dritten Parameters unvollständig. Die affixoidale Semantik von riesen deckt sich nämlich weitestge‐ hend mit der Bedeutung des Adjektivs riesig. Zum Beispiel ist ein Riesenproblem einfach ein riesiges Problem, und Riesenspaß lässt sich von riesiger Spaß nur stilistisch unterscheiden. Doch gibt es auch klare Unterschiede, da riesen u. a. zur Klassifikation von Nomina verwendet werden kann, nicht aber riesig. Sprich, ein Riesenrad ist zwar eine konventionalisierte lexikalische Form mit einer spe‐ zifischen Bedeutung, etwa eine bekannte Attraktion im Wiener Prater, zugleich aber auch riesig. Ein Riesenschnauzer dagegen ist eine eigene Hunderasse, ein riesiger Schnauzer aber nicht. 5 Entsprechend gibt es auch riesiger Riesenschnau‐ zer, was ein für Riesenschnauzer besonders großes Exemplar bezeichnet. Hinzu kommt die Frage nach der Flexion. Riesen hat als Affixoid eine en-Endung, die zwar auch als en-Flexiv bei Adjektiven zu erwarten ist, die aber zurecht zumeist als Fugenelement verstanden wird. Gleichwohl ist die Ähnlichkeit möglicherweise dafür relevant, dass die Form als freies Morphem nicht „fremd“ erscheint, da die Endung intuitiv ins System passt. Dennoch gibt es vereinzelt sogar Formen in der nicht-standardisierten Sprachverwendung, in denen riesen als unflektierte Grundform interpretiert zu werden scheint, die weitere Flexive wie -es und -en erhält, wie etwa riesen-es oder riesen-en. (5) Der neue 7er BMW hat auch einen Riesenen Heimkinomonitor mit 30 Laut‐ sprechern hinten drin was VW nie auf die Reihe bekommen. (https: / / klebebi ldchen.net/ serie/ comments/ panini/ wm-2022-fifa-world-cup-qatar-standard-edi tion/ perpage/ 20) So’n ‘riesen Zirkus’ wegen ‘riesen’? 139 <?page no="140"?> (6) Innendrin finden Sie berühmte Statuen und Dekorationen, wie La Pietà und ein riesenes bronzenes Baldachin. (https: / / voxcity.com/ de/ post/ 409-top-10-sehenswrdigkeiten-im-vatikan) Natürlich sind solche Belege mit Vorsicht zu interpretieren, da es sich einfach um Fehler diverser Art (so auch der/ das(? ) Baldachin in (6)) handeln kann und ihre Anzahl auf jeden Fall vernachlässigbar erscheint. Sie zeigen aber auf jeden Fall, dass eine Interpretation von riesen als Adjektiv denkbar ist. Dies ist aber umso überraschender, als Pittner (2022) überzeugend zeigt, dass in analogen Fällen wie etwa bei super (dazu s. auch Blondeel et al. 2017) die Grammatikalisierung zum Adjektiv zunächst über die prädikative Funktion geschieht. Gerade dies ist aber bei riesen ausgeschlossen. Hinzu kommen formale und semantische Schwierigkeiten, riesen als freies Morphem in eingeschränkter adjektivischer Funktion von dem Affixoid zu unterscheiden. Formal besteht das Problem darin, dass riesen unflektiert und un‐ mittelbar vor dem Kopfnomen steht und sich deshalb nur durch die Schreibung von der alternativen Form unterscheidet. Semantisch wiederum hat das Affixoid riesen in den meisten Fällen ohnehin dieselbe Bedeutung wie das Adjektiv riesig. Deshalb hat die Verwendung als Adjektiv keinen erkennbaren semantischen „Mehrwert“. Aus diesen Gründen können wir die Getrenntschreibung allein nicht als klaren Hinweis für eine eigenständige Form als freies Morphem verstehen, gerade weil die Bedeutung ohnehin adjektivisch wäre. Auch Pittner (2022) warnt davor, der Getrenntschreibung zu viel Bedeutung beizumessen, da man nicht ohne Weiteres unterscheiden kann, ob sie auf eine generelle Tendenz zur getrennten Schreibung von Komposita (eventuell unter dem Einfluss des Englischen) zurückgeht, ob ein orthografischer Fehler vorliegt oder ob riesen als eigenständiges Lexem verstanden wird (vgl. Pittner 2022: 158). Bisherige empirische Studien zum Phänomen riesen (z. B. Norde/ Van Goe‐ them 2014) haben sich anhand des DECOW-Korpus zwar zum Teil mit kon‐ zeptionell mündlichen (im Sinne von Koch/ Oesterreicher 1985) Varianten des Deutschen befasst, sahen aber in erster Linie die Getrenntbzw. Zusammen‐ schreibung als Hinweis für den Status als Affixoid/ Erstglied eines Kompositums vs. als freies Morphem an. Dennoch konnte in diesen Studien eine Reihe von Faktoren herausgearbeitet werden, die Variabilität in der Realisierung von riesen- (gebunden vs. potenziell frei) aufweisen und die damit einhergehenden prosodischen Unterschiede beeinflussen könnten: • Akzentuierung und morphologischer Status: Die Frage, ob riesenden Hauptakzent trägt oder nicht, könnte, wie von Grzega (2004) für ähnliche Phänomene angedeutet, mit seinem Grad an Selbstständigkeit korrelieren: 140 Anna Volodina, Jan Gorisch <?page no="141"?> Eine Realisierung ohne Hauptakzent könnte auf eine Interpretation als ‚freies Morphem‘ hindeuten. • Semantik (wörtlich vs. metaphorisch): Die semantische Funktion von riesenist ein weiterer wichtiger Aspekt. Norde/ Van Goethem (2014) unter‐ scheiden zwischen intensivierenden, klassifizierenden und vergleichenden Lesarten von riesen. Sie zeigen, dass die getrennt geschriebene, freie Form von riesen im Deutschen stark mit der intensivierenden Bedeutung asso‐ ziiert ist und somit stärker semantisch gebleicht ist als die gebundene Variante, die häufiger in vergleichenden Konstruktionen vorkommt. Es ist plausibel anzunehmen, dass eine metaphorische, intensivierende Verwen‐ dung von riesen (z. B. ein riesen Durcheinander) eher eine Realisierung als freies Morphem begünstigt als eine wörtliche Größenangabe (z. B. ein Riesenrad). Klassifizierende Verwendungen wie Riesenhai, Riesenschnauzer oder gar als Eigenname Riesengebirge hingegen wurden fast nur im Falle von gebundenen Verwendungen gefunden. • Determinierung: Die Forschung zu verwandten Phänomenen, wie der Alternanz von Super-N und super + N im Deutschen, hat gezeigt, dass die Art der Determinierung des nachfolgenden Nomens einen signifikanten Einfluss auf die Wahl der Konstruktion haben kann (vgl. Blondeel et al. 2017). Ob und wie das Nomen, das mit riesenkombiniert wird, determiniert ist, könnte somit auch die prosodische und morphologische Realisierung von riesen beeinflussen. In diesem Zusammenhang sind bestimmte Kon‐ struktionen mit dem demonstrativen Adverb so erwähnenswert (vgl. König et al. 1990, Zifonun et al. 1997) - wie etwa in so ein großes Auto/ so’n großes Auto, in das Auto ist so groß oder in so ein/ so’n Auto steht vor dem Tor -, denn sie begünstigen generell adjektivische, auf Eigenschaften fokussierte Lesarten, in denen es darum geht, die Passgenauigkeit der gewählten nominalen oder adjektivischen Beschreibung zu beurteilen (vgl. Umbach/ Ebert 2009). In diesen Konstruktionen würde man entsprechend der Hypothese, dass freies riesen eher adjektivisch wird, besonders häufig das Vorkommen von riesen als freies Morphem erwarten. • Komplexität des nachfolgenden Lexems: In den spezifischen Studien zu riesen zwar weniger berücksichtigt, sind die Länge und morphologische Komplexität von Lexemen in der Wortbildungsforschung generell als Fak‐ toren anerkannt, welche die Verarbeitung und Strukturierung beeinflussen können. Längere oder komplexere Lexeme, die auf riesen folgen, könnten eine Tendenz zu einer „lockereren“ Anbindung von riesen fördern, was sich in der Prosodie niederschlagen könnte. So’n ‘riesen Zirkus’ wegen ‘riesen’? 141 <?page no="142"?> Die Prosodie, insbesondere die Akzentverteilung, spielt im Deutschen eine wichtige Rolle bei der Strukturierung von komplexen Wörtern und Phrasen. Unterschiedliche Akzentmuster können auf unterschiedliche morphologische Strukturen oder semantische Interpretationen hinweisen. Robert Pittner (1991, 1996) argumentiert, dass der Hauptakzent bei Derivaten mit Affixoiden auf den ersten Teil (also in unserem Fall auf riesen) fällt; bei freien Morphemen hingegen würde man einen klaren Akzent auf dem zweiten Teil erwarten (Pittner 1991: 230). Grzega (2004) hat für deutsche Bildungen mit Morphemen wie spitze- und superuntersucht, wie prosodische Akzente genutzt werden, um semantische Akzente zu setzen und Polysemie aufzulösen. Er stellt fest, dass beispielsweise super im elativischen Sinne („exzellent“) oft mit einem „schwebenden Akzent“ realisiert wird (z. B. bei eine super 'LEHrerin im Gegensatz zu einer festen Kompositionsbetonung wie in 'SUpermann) (vgl. Grzega 2004: 329). Für Riesen‐ spaß wird ebenfalls ein „schwebender Akzent“ (riesen-'SPAß) angeführt, der auf eine weniger feste Bindung des Erstglieds hindeuten könnte (ebd.: 321). Puggaard (2020) hebt auch für das Dänische hervor, dass die prosodische Reali‐ sierung entscheidend sein kann, um Komposita von Phrasen mit einem freien Adjektiv zu unterscheiden (z. B. 'kæmpe 'smil vs. 'kæmpesmilet). Norde/ Van Goethem (2014) erwähnen ebenfalls, dass sich Determinativkomposita und Präfixoidkonstruktionen im Deutschen durch ihre Akzentmuster unterscheiden können. Die Akzentuierung kann somit als ein Indikator dafür dienen, ob riesen als integraler, akzenttragender Teil eines Kompositums fungiert, oder ob es eine eigenständige, möglicherweise weniger akzentuierte Rolle als Modifikator einnimmt. Deshalb ist eine Untersuchung dieser Faktoren abhängig von der tatsächlichen prosodischen Realisierung unabdingbar. Das Ziel unserer Korpusstudie ist die systematische Untersuchung der pro‐ sodischen Realisierung von riesen im Deutschen in Abhängigkeit von den oben genannten Faktoren - Akzenttyp, semantische Funktion, Determination und Komplexität von Kopfnomina. Mittels einer korpusbasierten Analyse soll ermittelt werden, welche prosodischen Muster bei der Realisierung von rie‐ sen-Konstruktionen im Deutschen auftreten und wie diese mit den genannten morphologischen, semantischen und syntaktischen Faktoren korrelieren. Konkret sollen die folgenden Hypothesen (H1) bis (H4) überprüft werden: (H1) Wenn riesen keinen Hauptakzent trägt, dann ist es wahrscheinlicher, dass es als ein freies Morphem realisiert wird. (H2) Wenn riesen im metaphorischen Sinne („verstärkend“ bzw. „intensivierend“, nicht in der Bedeutung „sehr groß“ wie in Riesengespräch) verwendet wird, wird es wahrscheinlicher als freies Morphem realisiert. 142 Anna Volodina, Jan Gorisch <?page no="143"?> 6 In dieser Studie verwendeten wir alle FOLK-Ereignisse bis einschließlich DGD-Release 2.22 ( Juni 2024). (H3) Wenn riesen determiniert wird, ist es wahrscheinlicher, dass die Wahl des Determinierers einen Einfluss auf die Realisierung von riesen als freies Morphem hat. (H4) Je länger und/ oder komplexer das Lexem mit riesen ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass riesen als freies Morphem realisiert wird. 3 Methode 3.1 Korpus Um auf Fragestellungen eingehen zu können, welche die prosodischen Aspekte betreffen, zogen wir das Forschungs- und Lehrkorpus Gesprochenes Deutsch (FOLK; Schmidt 2014a) als Datenquelle heran. Es beinhaltet Aufnahmen von natürlich vorkommenden Interaktionen und deckt Gesprächsdaten aus unter‐ schiedlichsten Bereichen des gesellschaftlichen Lebens im deutschsprachigen Raum ab. So sind Aufnahmen aus dem privaten Bereich (Tischgespräche, private Telefongespräche, Gespräche beim Renovieren, Spielinteraktion, WG-Casting, usw.), dem institutionellen Bereich (schulischer Unterricht, Prüfungsgespräche, Fahrschule, Gespräche beim Friseur, Verkaufsgespräche, usw.) und dem öffent‐ lichen Bereich (Schlichtungsgespräche, Podiumsdiskussionen, TV-Debatten, In‐ terview-Podcasts, Ausschusssitzungen, usw.) enthalten. FOLK ist ein vollständig transkribiertes, auf modernen Technologien basiertes Korpus, das die deutsche Gegenwartssprache abbildet (Aufnahmen von 2003 bis heute) und über die Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD; Schmidt 2014b, dgd.ids-mann‐ heim.de) recherchiert werden kann. 6 Sowohl die oben aufgeführten Metadaten zum Gesprächstyp als auch weitere Metadaten zu den Sprechereignissen und Sprecher: innen (Geschlecht, Alter, Bildungsniveau, sprachlich prägende Region, usw.) sind dokumentiert und recherchierbar. FOLK stellt aktuell mit über 350 Stunden händisch transkribierten Materials das größte für die Forschungsge‐ meinschaft zugängliche Korpus dieser Art dar. Die orthographischen Trans‐ kripte in literarischer und normalisierter Form sind zudem mit dem akustischen Signal aligniert. 3.2 Daten Unser Hauptinteresse lag auf dem Token riesen/ Riesen-, welches wir mit dem Ausdruck „riese%“ in der DGD im Korpus FOLK auf der Ebene „transkribiert“ So’n ‘riesen Zirkus’ wegen ‘riesen’? 143 <?page no="144"?> (literarische Umschrift) suchten. Die durch diese Suchanfrage erzielten 253 Treffer der KWIC-Liste wurden zuerst um Adjektive mit dem Bestandteil riesen (wie riesengroß) und um Verweise auf Riesen als fabelhafte Wesen wie Fasolt und Fafner (vgl. Wagner 1868) bereinigt. Für 192 Belege extrahierten wir aus dem akustischen Signal die entsprechende Äußerung und legten mit Praat (Boersma/ Weenink 2024) die Segmentgrenzen für den ersten Wortteil (riesen) und den zweiten Wortteil (Kopfnomen) fest. Aufgrund von Nebengeräuschen, Überlappungen mit anderen Sprechern oder Anonymisierung war das für 21 Treffer nicht möglich. Abbildung 1 zeigt einen Überblick zu den Kopfnomina der verbliebenen 171 Treffer von riesen, die die Grundlage für unsere Untersuchung bilden. Abenteuer Drama Kohle Probleme Teil Abenteuer Eis Kompliment Problemen Teil Act Elektrodenabstand Koppel Problemen Teile Annahme Entlastung Krach Programmierer Terror Attraktion Entlastung Krake Protest Terz Auflösung Erfolg Krake Putenviecher Theke Aufriss Erfolg Kraken Quatsch Thema Aufstand Familienfest Kreuzung Roman Thema Aufwand Fehler Küche Rotz Tieflader Aufwand Feier Lager Rumpf Treffen Aufwand Fisch Lagerkosten Runde Trucks Balken Fläche Lenkrad Rutsche Umlaufgeschwindigkeit Bart Flaschen Loch Rutsche Unterschied Berg Fleck Lücken Saal Unterschied Bett Formular Maschinen Sache Unterschied Bibliothek Freiheit Matte Schaden Unterschiede Bilder Freude Menschenmenge Schau Veranstaltung Biss Gebäude Messi Schild Viech Blüten Gefährt Minderheit Spülmaschine Viecher Blumenstrauß Geodreieck Nase Schritten Vorteil Bock Geschäft Nase Schritten Vorteil Brimborium Glück Paket Schüssel Vorteil Brimborium Halle Paketen Schuhkleiderschrank Wand Brocken Haus Party Schule Wand Bruch Heuhaufen Planungsapparat Shitstorm Weide Bürste Hilfe Platz Shoppingmeile Whatsapp-Gruppe Collage Kaffeemaschine Preisfrage Stahlkeulen Wohnung Container Kampagnen Problem Stauden Wohnung Dachterrasse Kartoffel Problem Streit Wohnzimmer Ding Kiste Problem Streit Wohnzimmer Ding Kleiderschrank Problem Stück Wok Ding Kloster Problem Summen X5 Dinger Knall Problem Tabellen Zehe Doku Koffer Probleme Tanne Zimmer Zimmer Abb. 1: Überblick zu Kopfnomina der 171 selektierten Treffer von riesen in FOLK 144 Anna Volodina, Jan Gorisch <?page no="145"?> 7 Jede Abbildung zeigt die Wellenform des Audios oben (Zeit in Sekunden) mit der extrahierten Intensitätskontur (dünne schwarze Linie), das Spektrogramm darunter (0-5kHz) mit der Kontur der logarithmischen Grundfrequenz (dicke schwarze Li‐ nie) und Transkriptionsspuren (orthographisch, ORT; kanonische Aussprache, KAN; MAUS-Segmentierung, MAU). Die Spuren erhielten wir mit Hilfe des BAS-WebServices „WebMAUS Basic“ (Schiel 1999, Kisler et al. 2017) und korrigierten sie händisch bzw. ohrenphonetisch. 3.3 Annotationen Wir fügten den mittels DGD extrahierten Daten händisch weitere Informatio‐ nen in Tabellenform hinzu. Die grammatischen und semantischen Informatio‐ nen wurden anhand des Kontextes ermittelt. Für die prosodischen Informatio‐ nen wie den auditiven Höreindruck von Akzentuierung und Tonhöhenverlauf verwendeten wir als Hilfsmittel die Software Praat (Boersma/ Weenink 2024). Die erste Annotation betrifft die Schreibweise: getrennt vs. zusammen. Diese Annotation kann allerdings nur mit großer Zurückhaltung interpretiert werden. Der Grund ist die spezifische Standardisierung der Transkription in FOLK, näm‐ lich durch die geltenden cGAT-Konventionen (Schmidt et al. 2015). Dennoch ist es bemerkenswert, dass selbst nach dem Transkriptions- und Normalisierungs‐ prozess innerhalb des FOLK-Projekts etwa die eine Hälfte als Riesen-N, die andere Hälfte als riesen + N transkribiert wurde. Hinzu kommen Annotationen morphosyntaktischer Merkmale, die folgende Kategorien umfassen: Kasus (Nom/ Akk/ Dat), Numerus des Kopfnomens (SG/ PL), Genus des Kopfnomens (f/ m/ n), Artikelwörter (0/ DEF/ INF/ POSS/ NEG/ usw.), morphologische Komplexität des Kopfnomens (Anzahl der Stämme ohne Affixoid; Stamm mit Derivat oder nicht), grammatischer Kontext: Attribut von riesen. Zusätzlich wurden semantische Merkmale annotiert: Belebtheit (belebt/ unbelebt), Antropomorphie (menschlich/ nicht menschlich), Etymologie (Fremdwort/ Wort aus dem nativen Wortschatz) und eine funktional-semanti‐ sche Kodierung, differenziert nach drei Hauptkriterien a) intensivierend, b) klassifizierend, c) vergleichend, wie in Abschnitt 2 diskutiert. Als prosodische Faktoren wurden auditorisch die Akzentuierung (Fokusakzent auf riesen oder nicht), Tonhöhenverlauf auf riesen und Tonhöhenverlauf auf dem Kopfnomen (steigend, fallend, flach), Dauer von riesen und Dauer des Phonems / i/ in riesen und die Silbenanzahl des Kopfnomens annotiert. Dazu nahmen wir ebenfalls die Software Praat zu Hilfe. Die Prosodie der Wörter wurde ohne Bezug zum Kontext annotiert. Als Beispiel zeigt Abbildung 7 2 den Ausschnitt riesen problem, für das wir einen Fokusakzent auf dem zweiten Wortteil, dem Kopfnomen, annotierten. Sowohl die Intensität ist dort höher als auch die Grundfrequenz, welche auf der So’n ‘riesen Zirkus’ wegen ‘riesen’? 145 <?page no="146"?> Silbe blem am höchsten ist. Umgekehrt verhält es sich im Beispiel von Abbildung 3: Hier ist die Intensität auf dem ersten Wortteil (riesen) höher als auf dem zweiten Wortteil. Auch die Grundfrequenz ist auf riesen höher als auf probleme. Damit liegt der Akzent auf dem ersten Wortteil. Abb. 2: Beispiel aus FOLK mit Akzent auf dem Kopfnomen problem (FOLK_E_00006_SE_01_T_01 00: 16: 55) Abb. 3: Beispiel aus FOLK mit Akzent auf riesen (FOLK_E_00068_SE_01_T_07 00: 18: 48) Im Vergleich von Abbildung 2 und 3 lässt sich auch ein Unterschied im Längenverhältnis der Vokale der betonten Silben / ri: s/ und / ble: m/ erkennen. 146 Anna Volodina, Jan Gorisch <?page no="147"?> 8 Eigenschaften wie Fokusakzent, Dauer des / i: / und Dauer von / ri: z@n/ haben wir erhoben und korpuslinguistisch analysiert, können sie jedoch aus Platzgründen in diesem Aufsatz nicht behandeln. Während das / i: / gegenüber dem / e: / in Abbildung 2 kürzer zu sein scheint, ist es in Abbildung 3 umgekehrt: das / i: / scheint gegenüber dem / e: / länger. 8 4 Ergebnisse Alle Datensätze mit einer Ausnahme werteten wir mittels inferenzieller Statistik aus und berechneten Chi-Quadrat Tests in R (R Core Team 2024), wobei die Skripte aus der Dokumentation von Kogra-R 2.0 (siehe Falke et al. 2020) verwendet wurden. Zur visuellen Darstellung verwenden wir Tabellen und gestapelte Balkendiagramme, um die Proportionen vergleichen zu können. Aus Transparenzgründen sind in den Bal‐ kenabschnitten auch die absoluten Werte eingetragen. Die Ergebnisse sind wie folgt gruppiert: Zunächst bieten wir einen allgemeinen Überblick über die Korpusdaten hinsichtlich Prosodie und Schreibung. Im Anschluss werden morphosyntaktische, semantische und phonologische Faktoren einzeln diskutiert. Allen Fragestellungen folgen kurze Diskussionen, sofern dies die Interpretation der Daten erleichtert. Die weiterführenden Konsequenzen der Ergebnisse werden im letzten Hauptabschnitt des Aufsatzes besprochen. 4.1 Gesamtüberblick Als Erstes wurde die Anzahl der Vorkommnisse nach der orthographischen und prosodischen Annotation festgehalten. Die absoluten Zahlen in Abbildung 4 zeigen klar, dass die Getrenntschreibung in diesem Datensatz keineswegs die Ausnahme ist (84 Datenpunkte = riesen + N (getrennt) vs. 87 Datenpunkte = Riesen-N (zusam‐ men)). Die inferenzielle Statistik weist einen klaren und statistisch signifikanten Zusammenhang (Chi Quadrat = 10.386, Freiheitsgrade = 1, p < 0.002) zwischen den zwei Kategorien in Bezug auf die Akzentuierung auf, wobei eine Analyse der Residuen darauf hindeutet, dass insbesondere die Gruppe der getrennt geschriebenen Vorkommnisse mit dem Hauptakzent auf riesen unterrepräsentiert ist. So’n ‘riesen Zirkus’ wegen ‘riesen’? 147 <?page no="148"?> Abb. 4: Verhältnis zwischen Schreibung und Akzenttyp Wie bereits in Abschnitt 3.3 erläutert, ist die Schreibung wegen eines komplexen und nicht ganz rekonstruierbaren Standardisierungsverfahrens in FOLK mit Vorsicht zu interpretieren. Die Tatsache aber, dass es eine klare Korrelation zwischen Schreibung und Prosodie gibt, erlaubt dennoch eine Kategorisierung der 28 riesen-Lexeme als klare Univerbierungen, die den Hauptakzent auf riesen aufweisen und zusammen‐ geschrieben worden sind. Auch die 75 Datenpunkte, bei denen unbetontes riesen getrennt von seinem Kopfnomen geschrieben wurde, können als relativ klare Fälle, in denen riesen als freies Morphem fungiert, eingeordnet werden. Der Rest (68 Datenpunkte) ist als „unklar“ zu kategorisieren, da in diesen Fällen Schreibung und Akzentuierung auseinandergehen: Die meisten unklaren Fälle sind unter Univerbie‐ rungen zu finden. Die Zusammenfassung der Daten nach diesen Kriterien ist in Tabelle 1 ersichtlich. Distributionstyp - riesen als gebunde‐ nes Morphem riesen als freies Morphem unklar gesamt 28 75 68 171 Tab. 1: Distributionstypen von riesen, kategorisiert aufgrund der Korrelation zwischen Schreibung und Akzenttyp Auch wenn der Fokus der nachfolgenden Auswertung primär auf der prosodi‐ schen Kategorisierung liegt, werden wir in Einzelfällen die Daten nach dieser 148 Anna Volodina, Jan Gorisch <?page no="149"?> zusätzlichen Kategorisierung (gebundenes Morphem mit Akzent auf riesen vs. freies Morphem mit Akzent auf dem Kopfnomen) analysieren, um potenziell verborgene Zusammenhänge aufzudecken. 4.2 Morphosyntaktische Faktoren Faktor „Kasus“: Die Auswertung der Daten nach Kasus (vgl. Tab. 2) zeigt keinen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Kasus und den pro‐ sodischen Eigenschaften von riesen-Konstruktionen (Chi Quadrat = 1.2784, Freiheitsgrade = 2, p = 0.5277). - Nom Akk Dat Gen gesamt Akzent auf „riesen“ 20 12 5 0 37 Akzent auf dem Kopfnomen 59 56 19 0 134 gesamt 79 68 24 0 171 Tab. 2: Kasus vs. Akzenttyp Faktoren „Numerus“ und „Genus“: Ebenfalls keinen signifikanten Effekt erzielten Numerus (vgl. Tab. 3; Chi Quadrat = 1.0073, Freiheitsgrade = 1, p = 0.3155) und Genus (vgl. Tab. 4; Chi Quadrat = 0.55915, Freiheitsgrade = 2, p = 0.7561). - SG PL gesamt Akzent auf „riesen“ 34 3 37 Akzent auf dem Kopfnomen 112 22 134 gesamt 146 25 171 Tab. 3: Numerus vs. Akzenttyp So’n ‘riesen Zirkus’ wegen ‘riesen’? 149 <?page no="150"?> 9 Ein Datenpunkt (= riesen Lagerkosten) konnte bei dieser Auswertung nicht berücksich‐ tigt werden, da ein Pluraletantum kein bestimmbares Genus aufweist. Daher beläuft sich die Gesamtzahl der Treffer in Tab. 4 auf 170 und nicht auf 171 wie bei anderen Auswertungen. fem mask neut gesamt Akzent auf „riesen“ 15 12 10 37 Akzent auf dem Kopfnomen 46 51 36 133 gesamt 61 63 46 170 9 Tab. 4: Genus vs. Akzenttyp Dass Kasus, Numerus oder Genus einzeln einen Effekt auf den Akzent haben, war aus theoretischer Sicht auch nicht als wahrscheinlich zu werten. Eher erwartbar ist, dass sie in Kombination einen Effekt haben, und zwar insofern als alle Fälle, in denen Adjektive mit einem en-Flexiv enden, was genau der Form riesen entspricht, eventuell die Verwendung von riesen als freies Morphem begünstigen. Solche grammatischen Kontexte ergeben sich im Standarddeut‐ schen in mindestens 19 Kombinationen von Kasus, Numerus und Genus (vgl. Norde/ Van Goethem 2014: 385). Das wurde zusätzlich annotiert, allerdings ist auch dies statistisch nicht signifikant (vgl. Tab. 5; Chi Quadrat = 0.059, Freiheitsgrade = 1, p = 0.807). - KNG-Kombi‐ nationen mit en-Flexiv KNG-Kombinati‐ onen ohne en-Flexiv gesamt Akzent auf „riesen“ 11 26 37 Akzent auf dem Kopfnomen 45 89 134 gesamt 56 115 171 Tab. 5: Kasus-Numerus-Genus-(KNG)-Kombinationen, in denen ein en-Flexiv bei attr. Adjektiven zu erwarten ist vs. Akzentmuster Dieses Ergebnis überrascht, da eine gewisse Ähnlichkeit des freien Morphems riesen zu einem Adjektiv mit dem en-Flexiv zu erwarten gewesen wäre. Eine naheliegende Erklärung ist, dass die Ähnlichkeit zwischen riesen als freiem Morphem oder Affixoid und einem flektierten Adjektiv auf -en bei den relevan‐ ten Debonding-Prozessen keine Rolle spielt. 150 Anna Volodina, Jan Gorisch <?page no="151"?> Faktor „Typ des Artikelwortes“: Zuletzt wurde noch der Effekt des Deter‐ minierers ausgewertet, wie in Abbildung 5 dargestellt, wodurch Hypothese 3 (H3) überprüft werden soll. Zwar ist der beobachtete Effekt statistisch nicht signifikant (Chi Quadrat = 3.052, Freiheitsgrade = 3, p = 0.3837), es zeigt sich aber tendenziell, dass die Konstruktionen mit demonstrativem so(n) im Falle der typischen Prosodie für das freie Morphem überrepräsentiert zu sein scheinen. Abb. 5: Prosodische Realisierung von riesen-Konstruktionen in Abhängigkeit vom Typ des Artikelwortes Diese Tendenz ist allenfalls mit der Idee kompatibel, dass eine adjektivische Les‐ art, insbesondere durch so(n)-Konstruktionen korrelierend, die Realisierung als prosodisch freies Morphem begünstigen könnte. Um dies näher zu betrachten, wiederholten wir die Statistik auch für die in Tabelle 1 eingeführte Kategori‐ sierung von riesen als gebundenes und freies Morphem, wie in Abbildung 6 dargestellt. Es zeigt sich deutlich, dass so(n)-Konstruktionen im Vergleich zu den gebundenen und unklaren Fällen im Bereich der eindeutig als freie Morpheme klassifizierten Daten massiv überrepräsentiert sind. Der Effekt ist statistisch hochgradig signifikant (Chi Quadrat = 15.533, Freiheitsgrade = 6, p = 0.01649). So’n ‘riesen Zirkus’ wegen ‘riesen’? 151 <?page no="152"?> 10 Um die FOLK-Beispiele in der DGD finden zu können, ist jeweils die Transkript-Ken‐ nung und der Zeitstempel angegeben. Abb. 6: Korrelation zwischen dem Typ des Artikelwortes und dem Distributionstyp von riesen Einige Beispiele aus dem Korpus 10 zeigen die Art der Verwendung von so(n)-Konstruktionen. In diesen Fällen scheint tatsächlich eine adjektivische Lesart von riesen vorzuliegen. (7) LP: laura hatten wir mal zusammen so n riesen eis geholt (FOLK_E_00048_SE_01_T_02 00: 33: 57) (8) BS: aber was willst du mit so m riesen fisch jetz in so m kleinen becken (FOLK_E_00347_SE_01_T_02 00: 32: 08) Dies können wir als Bestätigung dafür nehmen, dass adjektivische Kontexte die Verwendung von riesen als freies Morphem begünstigen. Gleichwohl müssen wir daran erinnern, dass dieses Ergebnis wegen der Unklarheiten bei der Schreibung im Korpus FOLK mit Vorsicht zu interpretieren ist und mit weiteren empirischen Daten repliziert werden sollte. 4.3 Semantische Faktoren Faktor „Belebtheit“: Aufgrund des geringen Vorkommens von Belegen, die sich auf Personen bzw. Personenbezeichnungen beziehen, war eine Auswertung 152 Anna Volodina, Jan Gorisch <?page no="153"?> der Annotationen in Bezug auf die Kategorie „Anthropomorphie“ nicht möglich. Für Belebtheit war die Auswertung zwar möglich, der Effekt von Belebtheit (vgl. Tab. 6) war aber statistisch nicht signifikant (Chi Quadrat = 1.4019e-31, Freiheitsgrade = 1, p = 1). - nicht-belebt belebt gesamt Akzent auf „riesen“ 35 2 37 Akzent auf dem Kopfnomen 127 7 134 gesamt 162 9 171 Tab. 6: Belebtheit vs. Akzentmuster Faktor „Kopfnomen als Fremdwort“: Als Nächstes wurde der Effekt des Status des Kopfnomens als Fremdwort untersucht, was möglicherweise mit der Produktivität von riesen als freies Morphem vs. als Affixoid zusammenhängen könnte. Die Ergebnisse sehen wir in Abbildung 7. Auch wenn die Beobachtung angesichts des prozentual geringen Vorkommens von Fremdwörtern in unseren Daten statistisch nicht signifikant ist (Chi Quadrat = 0.8463, Freiheitsgrade = 1, p = 0.3576), sind die Daten zumindest mit der Hypothese kompatibel, dass riesen als gebundenes Morphem in Bezug auf Fremdwörter weniger produktiv ist. Abb. 7: Prosodische Realisierung von riesen-Konstruktionen bei nativen vs. nicht-nativen Kopfnomina So’n ‘riesen Zirkus’ wegen ‘riesen’? 153 <?page no="154"?> Faktor „Funktional-semantische Lesart“: Diese als letzte ausgewertete semantische Kategorie entspricht Hypothese 2 (H2) und betrifft die funktionale Lesart des Morphems als „intensivierend“ (bzw. „verstärkend“), „klassifizierend“ oder als „vergleichend“. In diesem Zusammenhang ist wichtig, auf ein metho‐ dologisches Problem hinzuweisen. Denn - anders als rein formale Kategorien oder lexikalisch kodierte Kategorien - ist diese Annotation ihrer Natur nach kontextabhängig. So ist zwar ein Riesenrad lexikalisch als Univerbierung kon‐ ventionalisiert, in einem passenden Kontext kann es sich aber um ein riesiges Rad handeln. Die Interpretation im Kontext hängt aber stark von der Intonation ab. Doch gerade die Berücksichtigung der Intonation würde hier zu Zirkularität führen. Deshalb wurde die semantische Funktion mit so wenig Berücksichti‐ gung des Kontextes annotiert wie möglich. Die Daten sind in Abbildung 8 zu sehen. Es ist leicht erkennbar, dass auf der Basis der Daten der Befund aus der Forschungsliteratur (vgl. Norde/ Van Goethem 2014) nicht bestätigt werden kann, wonach riesen als freies Morphem (also mit Akzent auf dem Kopfnomen) in klassifizierender Funktion weniger vorkommt (und in der intensivierenden Funktion umso mehr) (Chi Quadrat = 0.014829, Freiheitsgrade = 2, p = 0.9926). Abb. 8: Einfluss der funktionalen Lesart auf die prosodische Realisierung von riesen-Kon‐ struktionen Möglicherweise lässt sich dies durch die geringe Anzahl an klassifizierenden Fällen oder die Natur der Korpusdaten interaktiv gesprochener Sprache im Vergleich mit den von Norde/ Van Goethem (2014) untersuchten DECOW-Daten erklären. Es ist aber auch denkbar, dass dies einfach an der Annotationsmethode 154 Anna Volodina, Jan Gorisch <?page no="155"?> (wie oben dargelegt) liegt. Deshalb haben wir alle fünf Belegstellen, in denen riesen als klassifizierend annotiert wurde, im Folgenden aufgelistet. Es ist jedenfalls möglich, alle diese Beispiele auch als nicht-klassifizierend bzw. als intensivierend zu lesen. (9) CJ: oma rosa fürchtet sich vor nichts nicht mal vor einer riesen krake auf ihren vielen reisen hat sie tolles erlebt (FOLK_E_00013_SE_01_T_01 00: 09: 17) (10) CJ: und auch die riesenkrake der riesenkraken kann sie nicht erschrecken (FOLK_E_00013_SE_01_T_01 00: 11: 08; 00: 11: 10) (11) TJ: ja auf einer riesenrutsche (FOLK_E_00014_SE_01_T_01 00: 18: 02) (12) BL: ja und die ham sie draussen ham sie so ne riesen rutsche und n labyrinth und n bienenhaus und (FOLK_E_00404_SE_01_T_01 00: 03: 42) Vor diesem Hintergrund sehen wir es weniger als ein empirisches Problem für den Status von riesen als freies Morphem bzw. für die Debonding-Theorie an, dass wir den Befund von Norde/ Van Goethem (2014) nicht bestätigen konnten, sondern vielmehr als eine Schwierigkeit bei der Annotation dieser Kategorien für gesprochene Daten. 4.4 Morphophonologische Faktoren Abschließend analysierten wir die phonologische und morphologische Komple‐ xität des Kopfnomens als Faktor für die prosodische Realisierung von riesen. Faktor „Silbenphonologische Komplexität“: Die Verteilung der zwei Beto‐ nungsvarianten von riesen in Bezug auf die Anzahl der Silben des Kopfnomens kann Tabelle 7 entnommen werden. So’n ‘riesen Zirkus’ wegen ‘riesen’? 155 <?page no="156"?> Silbenanzahl - 1 2 3 4 5 6 gesamt Akzent auf „riesen“ 10 20 2 5 0 0 37 Akzent auf dem Kopfnomen 26 62 29 12 3 2 134 gesamt 36 82 31 17 3 2 171 Tab. 7: Silbenanzahl vs. Akzentmuster Da die Anzahl der Silben ein numerischer Faktor ist, bietet sich für die Überprü‐ fung der statistischen Signifikanz anstatt des Chi Quadrat Tests ein logistisches lineares Modell an, bei dem die prosodische Realisierung als abhängige Variable durch die Anzahl der Silben als Prädiktor vorhergesagt wird. Das entsprechende Modell wurde in R gefittet. Das Modell hat zwar einen positiven Koeffizienten für die Anzahl der Silben gefunden, d. h., je mehr Silben, desto wahrscheinlicher ist der Akzent auf dem Kopfnomen, aber mit einem p-Wert von 0.155 können wir allerhöchstens von einer schwachen statistischen Tendenz sprechen. Angesichts dessen wurde überprüft, ob diese Tendenz bezüglich der Kategorisierung von riesen als freies oder gebundenes Morphem in Tabelle 1 deutlicher zu erkennen ist. Die Ergebnisse sind in Abbildung 9 zu finden. Abb. 9: Anzahl der Silben als Faktor für die Kategorisierung des Morphems nach dem Distributionstyp 156 Anna Volodina, Jan Gorisch <?page no="157"?> Die phonologische Komplexität des Kopfnomens geht klar mit der Wahrschein‐ lichkeit der Kategorisierung als freies Morphem einher, d. h., die grünen Balken werden mit der Anzahl der Silben stets größer. Das Ergebnis ist mit einem p-Wert von 0.02 klar signifikant, was Hypothese 4 (H4) bestätigt, dass längere Kopfnomina eher zu einer prosodischen Realisierung von riesen als freies Morphem tendieren. Faktor „Morphologische Komplexität“: Als letzte Kategorie betrachten wir die Anzahl der Stämme des Kopfnomens. Hierbei wurden alle Fälle, in denen das Kopfnomen nur aus einem Stamm bestand, als „Simplex“ annotiert und alle anderen Fälle, inkl. derer, in denen das Kopfnomen nur aus einem Stamm und zusätzlichen Derivationsaffixen bestand, als „Komplex“. Die Ergebnisse sind in Abbildung 10 zu sehen: Es gibt eine deutliche Tendenz, wie laut Hypothese 4 (H4) erwartet, dass die komplexeren Kopfnomina eher mit einem Akzent auf dem Kopfnomen einhergehen. Diese Tendenz ist im Chi-Quadrat Test nicht signifikant (Chi Quadrat = 3.3227, Freiheitsgrade = 1, p = 0.06833), kann aber durchaus ernst genommen werden, insbesondere angesichts der geringen Anzahl an Daten mit morphologisch komplexen Kopfnomina. Abb. 10: Einfluss der morphologischen Komplexität des Kopfnomens auf die prosodische Realisierung Dies wird umso deutlicher, wenn wir die Verteilung der laut Tabelle 1 als unklar klassifizierten Fälle auf die zwei Kategorien in Betracht ziehen, wie in Abbildung 11 verdeutlicht. Es zeigt sich nämlich, dass der Unterschied im Falle der freien und gebundenen Morpheme viel größer ist, was auch ein Chi Quadrat Test für So’n ‘riesen Zirkus’ wegen ‘riesen’? 157 <?page no="158"?> den Datensatz ohne die als unklar klassifizierten Fälle bestätigt (Chi Quadrat = 4.4446, Freiheitsgrade = 1, p = 0.03501). Abb. 11: Morphologische Komplexität als Faktor für die Kategorisierung des Morphems nach dem Distributionstyp Da morphologische Komplexität und Silbenanzahl im Deutschen stark korre‐ lieren, haben wir abschließend ein komplexeres generalisiertes Modell gefittet, das auch die Interaktion der zwei Faktoren berücksichtigt und die prosodische Realisierung vorhersagt. Es zeigte sich, dass sowohl Komplexität (p = 0.0533) als auch Silbenanzahl (p = 0.0977) die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass der Fokusakzent auf das Kopfnomen fällt. Zudem haben sie einen negativen, aber deutlich schwächeren Interaktionseffekt (p = 0.1), d. h., wenn sowohl die Silbenanzahl als auch die Komplexität wachsen, ist der zusammengelegte Effekt dieser Faktoren geringer, als aufgrund der Haupteffekte allein zu erwarten wäre. Es gibt mehrere denkbare Interpretationen dieser Ergebnisse, aber die plausi‐ belste scheint uns, dass Komplexität im Sinne von morphologischer Komplexität und im Sinne von silbenphonologischer Komplexität eine ähnliche Rolle spielt und beide die Realisierung von riesen als freies Morphem unabhängig voneinan‐ der begünstigen. 5 Zusammenfassung der Ergebnisse und Diskussion In unserer Studie haben wir die Rolle von prosodischen, semantischen und grammatischen Faktoren für den Gebrauch von riesen im gesprochenen Deutsch als gebundenes Affixoid (mit Akzent auf riesen) vs. als potenziell freies Morphem 158 Anna Volodina, Jan Gorisch <?page no="159"?> (mit Akzent auf dem Kopfnomen) untersucht. So haben wir versucht, das in der Literatur mehrfach erwähnte Forschungsdesiderat (z. B. Norde/ Van Goethem 2014, Puggaard 2020) einer prosodischen Betrachtung des Debonding-Prozes‐ ses von riesen zu erfüllen. Die Auswertung von 171 riesen-Belegen aus dem Forschungs- und Lehrkorpus Gesprochenes Deutsch (FOLK) hat gezeigt, dass die prosodische Differenzierung im Sprachgebrauch tatsächlich belegt ist und mit bestimmten Faktoren tendenziell korreliert. Im Folgenden werden die Hauptergebnisse kurz zusammengefasst: 1. Die Analyse bestätigte, dass riesen im gesprochenen Deutsch prosodisch variabel realisiert wird. Es konnte eine statistisch signifikante Korrelation zwischen der (in FOLK normalisierten) Schreibung und der Akzentplatzie‐ rung festgestellt werden. Insbesondere waren getrennt geschriebene Vor‐ kommnisse mit Hauptakzent auf riesen unterrepräsentiert. Dies erlaubte eine heuristische Kategorisierung in klar gebundene Morpheme (Zusam‐ menschreibung und Akzent auf riesen-), relativ klare freie Morpheme (Ge‐ trenntschreibung und Akzent auf dem Kopfnomen) und eine Restkategorie unklarer Fälle. Die Ergebnisse sind mit der Hypothese 1 (H1) kompatibel, welche besagt, dass wenn riesen keinen Hauptakzent trägt, die Realisierung als freies Morphem wahrscheinlicher ist. 2. Die grammatischen Kategorien Kasus, Numerus und Genus des Kopfno‐ mens zeigten keinen statistisch signifikanten Zusammenhang mit der prosodischen Realisierung von riesen. Die Erwartung, dass insbesondere Kasus aufgrund der formalen Ähnlichkeit von riesen mit en-flektierten Adjektiven (wie grün-en) einen Einfluss haben könnte, bestätigte sich ebenfalls nicht. 3. Die Art des Artikelwortes zeigte für sich genommen keinen signifikanten Effekt auf die rein prosodische Akzentuierung. Allerdings erwies sich die Verwendung in sogenannten so(n)-Konstruktionen als hochgradig signifikant für die Kategorisierung als freies Morphem (basierend auf der kombinierten Betrachtung von Schreibung und Prosodie). Dies stützt die Annahme, dass Kontexte, die eine adjektivische Lesart nahelegen, die Realisierung von riesen als freies Morphem begünstigen. Hypothese 3 (H3) kann somit als teilweise bestätigt angesehen werden. 4. Die Belebtheit des Kopfnomens zeigte keinen statistisch signifikanten Einfluss. 5. Der Status des Kopfnomens als Fremdwort korrelierte nicht signifikant mit der Akzentuierung, wenngleich eine leichte Tendenz dahingehend be‐ obachtet wurde, dass riesen als gebundenes Morphem (Akzent auf riesen-) seltener mit Fremdwörtern auftrat. So’n ‘riesen Zirkus’ wegen ‘riesen’? 159 <?page no="160"?> 6. Die funktionale Lesart von riesen - differenziert nach a) intensivierend, b) klassifizierend, c) vergleichend - zeigte entgegen Hypothese 2 (H2) keinen statistisch signifikanten Zusammenhang mit der Akzentplatzierung. Die aus der Literatur (Norde/ Van Goethem 2014) abgeleitete Erwartung, dass eine intensivierende (und damit stärker semantisch aufgeweichte) Funk‐ tion die Realisierung als freies Morphem (Akzent auf dem Kopfnomen) begünstigen würde, konnte nicht bestätigt werden. Dies könnte jedoch - wie in Abschnitt 4 diskutiert - auf methodische Herausforderungen bei der kontextunabhängigen Annotation dieser semantischen Kategorien für gesprochensprachliche Daten oder die geringe Fallzahl für klassifizierende Verwendungen zurückzuführen sein. 7. Hypothese 4 (H4), die einen Zusammenhang zwischen der Komplexität des Kopfnomens und der Realisierung von riesen als freies Morphem annahm, wurde tendenziell bis signifikant bestätigt. Sowohl die Anzahl der Silben (signifikant) als auch die morphologische Komplexität (tendenziell) spielen eine Rolle in der Betonung von riesen-Konstruktionen. Je komplexer das Kopfnomen, desto wahrscheinlicher ist der Akzent auf dem Kopfnomen. Insgesamt scheinen unsere Daten die Hauptargumente von Norde/ Van Goethem (2014) zu bestätigen, dass Fälle, in denen Konstruktionen mit riesen nicht als einzelne Wörter wahrgenommen werden, nicht nur existieren, sondern sich im Sprachgebrauch auch statistisch signifikant (je nach Kategorie mehr oder weni‐ ger klar) von den Fällen unterscheiden, in denen riesen + N als Univerbierungen wahrgenommen werden. Das kann im Sinne der Debonding-These von Norde (2009) wie folgt ausgelegt werden: riesen ist möglicherweise auf dem Weg von einem Affixoid zu einem Adjektiv. Dieser Weg ist untypisch, da er nicht über die prädikative Funktion verläuft (siehe die Argumente von Pittner 2022), aber umso interessanter. Die stärkste Evidenz dafür liefern in unserem Fall nicht die gram‐ matischen, semantischen und morphologischen Faktoren, sondern die bloße Existenz der prosodischen Realisierung mit einem Hauptakzent auf dem Kopf‐ nomen. Wenn dies so ist, wäre wohl der nächste Grammatikalisierungsschritt (oder in der Terminologie von Norde 2009: De-Grammatikalisierungsschritt), dass riesen das Adjektiv riesig ersetzt oder es in eine semantische Nische drängt. Ein klares Desiderat für zukünftige Forschung ist die Analyse umfangrei‐ cherer Korpora gesprochener Sprache, um die hier beobachteten Tendenzen zu überprüfen und robustere statistische Ergebnisse zu erzielen. Darüber hinaus wäre eine Verfeinerung der Annotationsmethoden, insbesondere für semantisch-funktionale Kategorien im Kontext gesprochener Sprache, wün‐ schenswert. Perzeptive Studien könnten zudem Aufschluss darüber geben, wie Hörerinnen und Hörer die unterschiedlichen prosodischen Realisierungen von 160 Anna Volodina, Jan Gorisch <?page no="161"?> riesen interpretieren, und ob diese tatsächlich mit unterschiedlichen grammati‐ schen oder semantischen Statuszuweisungen einhergehen. Die Untersuchung der genauen phonetischen Parameter (z. B. Dauer, spezifische F0-Konturen auf riesen selbst), die über die reine Akzentplatzierung hinausgehen, könnte ebenfalls tiefere Einblicke gewähren. Für derartige Analysen oder sogar eine automatische Messung von Parametern und Klassifikation von Akzenten wären akustisch sauberere Daten nötig. Insbesondere bei Analysen großer Datenmen‐ gen müsste auf solche Parameter zurückgegriffen werden, da händische bzw. ohrenphonetische Annotationen in diesem Fall unpraktikabel würden. Abschließend lässt sich festhalten, dass die prosodische Realisierung von riesen im Deutschen ein komplexes Phänomen darstellt, das an der Schnitt‐ stelle von Lexikon, Morphologie, Syntax und Pragmatik angesiedelt ist. Die vorliegende Studie hat erste empirische Anhaltspunkte aus dem gesprochenen Deutsch zur prosodischen Realisierung geliefert, die die theoretischen Diskus‐ sionen zu Affixoiden, Grammatikalisierung und Debonding um eine wichtige Dimension ergänzen. 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Dafür werden Art und Umfang der Anglizismen als Teil der Neueinträge analysiert, aber auch die Bereiche genauer betrachtet, in denen Entlehnungen aus dem Englischen zur An‐ wendung kommen. Zum Schluss werden die Ergebnisse der Untersuchung und die Relevanz für den Nutzer dargestellt. 1 Begriffsklärungen Anglizismen sind ein Zeichen der Internationalisierung (vgl. Todea/ Demarcsek 2016: 1-3). Sie erscheinen meist dann, wenn es in der Zielsprache noch keine Bezeichnung für eine Sache, Erscheinung, Produkt etc. gibt und man deshalb ein neues Wort, ein Fremdwort, benötigt. Dennis (2013: 44-45) macht einen Unter‐ schied zwischen Fremdwörtern und Lehnwörtern, wobei Lehnwörter in das Sprachsystem vollständig inkorporiert sind, Fremdwörter nicht. Lewandowski (1994b: 649) trifft diese Unterscheidung ebenfalls, betont aber, dass eine genaue Trennung schwierig sei. Während das Lehnwort „ein aus einer anderen Sprache übernommenes, eingebürgertes und dem eigenen Sprachsystem angepasstes Wort“ ist, wirkt ein Fremdwort in seiner äußeren Form fremdartig (Lewandowki <?page no="166"?> 1 Neologismen, auch Wortneuschöpfungen genannt, entstehen durch Neubildung oder Entlehnung. Sie werden in Neulexeme (oder lexikalische Neologismen) und Neubedeu‐ tungen (semantische Neologismen) unterteilt. Weiter gibt es den Ausdruck Neubezeich‐ nung (Formneologismus). Ein Beispiel hierfür ist Raumpflegerin anstatt Putzfrau (vgl. Dennis 2013: 12-13). 1994b: 648). Ein Fremdwort ist ein Neologismus, wobei die Neuschöpfungen auf verschiedene Weise zustande kommen können. 1 Lewandowski (1994a: 264) betrachtet Anglizismen als lexikalische Entleh‐ nungen, wobei er zwischen Lehnprägungen und Lehnwörtern unterscheidet. Danach handelt es sich um Lehnprägungen, wenn nur die Bedeutungsele‐ mente übernommen werden (in Form von Lehnübersetzung, Lehnübertragung, Lehnschöpfung oder Lehnbedeutung). Im Falle der Wortentlehnung (d. h. der Lehnwörter) wird das englische Wort in die andere Sprache übernommen und an das jeweilige System angepasst, z. B. im Genus (bei Substantiven) oder in der Flexionsmorphologie. So wird das englische Wort laptop in die deutsche bzw. rumänische Sprache übernommen und mit dem Artikel der oder das (Laptop) - rum. laptopul (bzw. in der Pluralform die Laptops - rum. laptopuri) - dem Sprachsystem angepasst. Die rumänische Linguistin Rodica Zafiu sieht solche Sprachveränderungen als Zeichen der heutigen beschleunigten morpho‐ logischen Anpassung der Anglizismen an die Struktur der rumänischen Sprache (vgl. Zafiu 2010: 60). Die Lehnprägung wird auch Kalkierung genannt, da es um die „Reproduktion bestimmter lexikalischer Komplexe der interferierenden Sprache mit den Mit‐ teln der integrierenden Sprache“ geht (Lewandowki 1994b: 646). Bei der Lehn‐ übersetzung wird das Wort Bestandteil für Bestandteil in die andere Sprache übersetzt: brainwashing wird zu Gehirnwäsche (rum. auch als Ausdruck a spăla creierul - wortwörtlich „das Gehirn waschen“). Bei der Lehnübertragung wird die Idee, die hinter dem englischen Begriff steht, übernommen, dies aber nicht Wort für Wort. So wird aus dem Englischen skyscraper das Wort Wolkenkratzer (rum. zgârâie-nori) und nicht „Himmelkratzer“. Im Falle der Lehnbedeutung wird die Bedeutung eines Wortes, das bereits in der Zielsprache existiert, mit der Bedeutung des englischen Wortes ergänzt: Realisieren bedeutete im Deutschen, dass man etwas verwirklicht. Das englische realize/ realise meint aber auch, dass man eine Sache bemerkt. Dasselbe gilt für die heutige Bedeutung des rumänischen Verbes a realiza. Zur Lehnbedeutung zählen im Rumänischen auch die Verben a licenția („eine Genehmigung erhalten“ aus dem Engl. to licence), a naviga („im Internet surfen“, engl. to surf), a descărca un fișier („ein Dokument herunterladen“, engl. to download a file) (vgl. Todea/ Demarcsek 2016: 166 Ioana-Narcisa Crețu <?page no="167"?> 2 https: / / www.contify.de/ glossar/ anglizismen-liste/ letzter Abruf 27.01.2025. 3 https: / / www.contify.de/ glossar/ anglizismen-liste/ letzter Abruf 27.01.2025. 4 Busse (2000: 146) hält die Unterscheidung zwischen Bedürfnislehnwörtern und Luxus‐ lehnwörtern für nicht praktikabel. 6). Die Lehnschöpfung wird als „freieste Variante der Lehnbildung“ gesehen, z. B. Kraftwagen - Automobil (vgl. Lewandowki 1994b: 646). Entlehnungen sind aber nicht nur auf lexikalischer Ebene zu finden. Wenn es um die Übernahme von fremdsprachlichen syntaktischen Konstruktionen geht, handelt es sich um eine Lehnsyntax, wobei Lewandowski keine Beispiele der Gegenwartssprache anführt, da er der Meinung ist, dass sich fremde syntaktische Muster „in einer anderen Sprache auf die Dauer nicht durchsetzen können“ und nur bei intensivem Kontakt möglich seien (Lewandowki 1994b: 647). In der rumänischen Gegenwartssprache sind Lehnprägungen auch in der Syntax anzutreffen (vgl. Manea 2017, Paraschivescu 2017). Beispiele dazu werden weiter unten besprochen. Es können auch feste Wendungen entlehnt werden (z. B. „Irren ist menschlich“ aus dem lat. errare humanum est). Dann spricht man von Lehnwendungen (vgl. Lewandowki 1994b: 648). In Bezug auf Anglizismen werden grob drei Arten unterschieden 2 , wobei eine genaue Trennung nicht (mehr) möglich ist: 1. Ergänzende Anglizismen sind ursprünglich englische Wörter, die in die deutsche Sprache aufgenommen wurden, um bestehende Lücken des deutschen Wortschatzes zu schließen (wie Band - Musikgruppe, Boss - Chef, Vorgesetzter), 2. Differenzierende Anglizismen: Dabei handelt es sich um Gegenbegriffe zu existenten und im Gebrauch befindlichen deutschen Wörtern (z. B. Bestseller - bestverkauftes Buch, Burnout - emotionale Erschöpfung). 3. Verdrängende Anglizismen: Diese sind vermeintlich unnötig, da sie mehr oder weniger existierende deutsche Synonyme verdrängen (Account - Konto, Adventure - Abenteuer, Background - Hintergrund u. v. a.). 3 Im Rumänischen wird die Kategorie der verdrängenden Anglizismen als „Luxusanglizismen“ 4 bezeichnet, deren Anwendung durch „linguistischen Snobismus“ zu erklären sei (vgl. Firică 2016: 10). Weiter gibt es auch das Wort „Scheinanglizismus“ (vgl. Armăsar 2023: 114). Damit bezeichnet man ein Wort in einer nicht-englischen Sprache, das den Anschein erweckt, es stamme aus dem Englischen, obwohl dies nicht der Fall ist. So wird das Wort Handy im Deutschen für ein Funktelefon verwendet, das man mit sich trägt. Im Englischen heißt es jedoch „mobile phone” (in Großbritannien) bzw. „cell phone” (in den USA, siehe auch Perler 2021). Kowalonek-Janczarek (2014) unterscheidet einer Klassifizierung von Yang (1990: 9) folgend weitere Typen von Anglizismen: 1. konventionalisierende Anglizismen (die für deutsche Sprecher nicht mehr fremd erscheinen). 2. Ang‐ Sprachgebrauch in Rumänien 167 <?page no="168"?> 5 Nach den oben besprochenen Kategorien handelt es sich um eine Lehnbedeutung. lizismen im Konventionalisierungsprozess (die von vielen Deutschen als fremd wahrgenommen und mit der Zeit entweder in die erste Kategorie eingestuft werden oder langsam aussterben, als Beispiel werden Underdog oder Factory genannt). 3. Die dritte Kategorie ist die der Zitatwörter, Eigennamen u.Ä., auch Wörter, die nur in einer bestimmten Situation gebraucht werden, meistens in Zusammenhang mit englischsprachigen Ländern. Als Beispiele werden Wörter wie Highway oder High School genannt (vgl. Kowalonek-Janczarek 2014: 50-51). Im Deutschen entstehen die meisten Neologismen durch Zusammensetzung. Mehrheitlich werden auf diese Weise neue Substantive gebildet. Verben, Adjek‐ tive oder Phraseologismen sind seltener und treten besonders in der Politik und Wirtschaft auf. Zu den Gründen zählen: Benennungsbedürfnis (manchmal euphemistisch und/ oder emotional motiviert, vgl. Onysko 2004: 62), Sprachöko‐ nomie, Streben nach Deutlichkeit oder stilistische Markierung (vgl. Dennis 2013: 18). Betrachtet man die Akzeptanz von Anglizismen (vgl. dazu Wolfer u. a. 2023), zeigt sich, dass Jugendliche Anglizismen eher akzeptieren und öfter nutzen als andere Generationen. Zur sprachlichen Veränderung hat in den letzten Jahren auch die Covid-Pandemie beigetragen: In vielen Sprachen ist z. B. Lockdown als Neuwort eingegangen, und Wörter wie Booster oder Green Pass haben eine neue Bedeutung erhalten. 2 Anglizismen in der rumänischen Sprache Condruz-Băcescu (2017: 20) klassifiziert Anglizismen in der rumänischen Spra‐ che nach mehreren Kriterien: 1. Nach dem Zweck unterscheidet sie denotative oder notwendige Anglizismen bzw. konnotative oder „Luxusanglizismen“, die nicht unbedingt notwendig sind. 2. Nach dem Inhalt gibt es Anglizismen, die Bedeutungen aus dem Englischen übernommen haben. So bezeichnet virus im Rumänischen (und auch im Deutschen) sowohl einen Krankheitserreger als auch ein Computerprogramm (Computervirus), das unbemerkt in einen Rechner eingeschleust wird. Diese zweite Bedeutung wurde aus dem Englischen übernommen. 5 3. Hinsichtlich der Form gibt es flektierbare Anglizismen, aber auch Entlehnungen, die eine unflektierte Form haben, so wie rum. fifty-fifty oder cool. 4. Nach ihrer Struktur unterscheidet Condruz-Băcescu phraseologi‐ sche Anglizismen wie im rum. Napoca Hotel, the show must go on, glamour girl bzw. durch Zusammensetzung oder Ableitung entstandene Anglizismen (rum. superstar - dt. Superstar). 168 Ioana-Narcisa Crețu <?page no="169"?> Englische Lehnwörter sind im Rumänischen keine Neuerscheinung, sie wer‐ den schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erwähnt (vgl. Firică 2016: 10). Wenn Neologismen in der Sprache bleiben, sei dies ein Zeichen dafür, dass sie notwendig sind (vgl. Hristea 1978: 19). Doch es gibt in Rumänien auch eine eher kritische Haltung gegenüber Anglizismen. 1971 hieß es, die Anglizismen seien in die rumänische Presse „eingedrungen“ (Pârlog 1971: 58), 1954 sprach der bekannte rumänische Linguist Iorgu Iordan von einer exzessiven Verwendung. Er war der Meinung, dass besonders Film-, Fernsehen- oder Konzertrezensionen von Anglizismen betroffen seien, wobei schon damals zwischen notwendigen Entlehnungen wie jazz oder designer und nicht notwendigen Anglizismen wie show (rum. spectacol) unterschieden wurde (vgl. Pârlog 1971: 58). Ein Grund für diese exzessive Verwendung sei ein ausgeprägter Snobismus. Firică (2016: 10) deutet die sogenannte „Anglomanie“ als eine Modeerscheinung, die den Anschein von trendy oder einem bestimmten Cool-Sein erwecke, aber auch ein Ausdruck von Oberflächlichkeit sein könne. Negativ wurde auch in der Presse über das Verwenden von englischen Wörtern im Alltag berichtet (vgl. Florescu 2002). Die englischen Entlehnungen seien durch Technologie, Wirt‐ schaft, Handel, Verwaltung, Entertainment, aber auch durch die Alltagssprache der Jugend, durch Werbung und das Internet verbreitet (vgl. Firică 2016: 20). Nach Condruz-Băcescu (2017: 22) gebe es Bereiche wie das Finanzwesen, in denen Anglizismen unvermeidlich seien. Manea (2017: 79) folgend kann der Grad der Einbettung einer Entlehnung in die rumänische Sprache mit Bezug auf die Anpassung in Form und Bedeutung beschrieben werden. Dieselbe Situation ist auch in anderen Sprachen zu be‐ obachten (vgl. Pamfil 1972). Pârlog (1971: 56) kritisiert, dass es bei der Anpassung der Anglizismen an das rumänische Sprachsystem keine Normierung gibt und dies bei Substantiven nur durch Hinzufügen von Pluralendungen bzw. durch Anwendung des bestimmten Artikels geschieht. So kommen Substantive zu‐ stande wie slumsuri (Slums) oder new-look-ul (der neue Look). Es erscheinen bei der Bildung der Pluralform auch Doppelmorpheme wie bei tenismeni oder bu‐ sinessmeni (men entspricht der Pluralform von man im Englischen, dazu kommt das i-Pluralmorphem für maskuline Substantive in der rumänischen Sprache). Manchmal steht das Genus- oder Pluralmorphem sogar im Gegensatz zur ursprünglichen Bedeutung. So bezeichnet tenismenă mit dem Genusmorphem -ă ein weibliches Substantiv (und eine weibliche Person, Tennisspielerin), obwohl im Englischen men - Männer bedeutet. Bei Verben erfolgt die Anpassung an das rumänische Sprachsystem durch Anfügen eines Infinitivsuffixes, meistens a: a targeta - (er)zielen, a printa - drucken oder -are als Zeichen des zum Nomen Sprachgebrauch in Rumänien 169 <?page no="170"?> 6 Meist handelt es sich im Rumänischen um eine Aussprache, die mit der englischen Variante nicht vollständig übereinstimmt. 7 Das Wort Barbarismus kommt aus dem lateinischen Adjektiv barbarus. Es bedeutet „fremd, ungebildet“ und wird heute als „grober sprachlicher Fehler“ verstanden (h ttps: / / www.dwds.de/ wb/ Barbarismus, letzter Abruf 11.02.2025). In der rumänischen Linguistik bezeichnet es ein „aus einer Fremdsprache entlehntes Wort, ohne dass es notwendig (und nicht assimilierbar) ist; umgangssprachliches Wort“ (https: / / dexonlin e.ro/ definitie/ barbarism, letzter Abruf 11.02.2025). 8 CV kommt aus dem Lateinischen „Curriculum vitae“, wurde aber ab dem 20. Jahrhun‐ dert als CV aus dem Englischen übernommen (https: / / doom.lingv.ro, letzter Abruf 20.03.2025). gewordenen Infinitivs: targetare (auch im Deutschen als „Targeting“ übersetzt), printare - (das) Drucken. Manea stellt weiter fest, dass der Prozess der Formanpassung zu Unsicher‐ heiten in der Schreibweise führt. Neuere Entlehnungen werden mit Bindestrich geschrieben - intelligence-ul (der Geheimdienst), start-up-urile (die Start-ups) - ältere ohne Bindestrich (online, früher on-line). Andere Unsicherheiten betreffen die Aussprache, diese ist oft eine gemischte: masterplan wird im Rumänischen halb etymologisch (wie im Englischen), halb phonetisch (wie geschrieben) gelesen, d. h. als / ˈmɑː.stə ˌplɑn/ anstelle von / ˈmɑː.stə ˌplæn/ , oder das Wort manager hat eine doppelte Aussprache, die sich entweder nach dem phoneti‐ schen / manadʒer/ oder nach dem etymologischen Prinzip / ˈmæn.ə.dʒer/ richtet. 6 Es treten auch Doppelformen in der Schreibweise (hostess, hosstes), aber auch in der Bedeutung auf. So entstehen unabsichtlich Pleonasmen wie cascada Niagara Falls (Der Wasserfall Niagara Falls) oder konkurrierende Lehnprägungen (pre‐ concepție vom Engl. preconception, anstatt prejudecată - Vorurteil). Die Tatsache, dass viele Entlehnungen durch semantische Kalkierung entstehen, führt oft zu sogenannten „Barbarismen“ 7 (vgl. Manea 2017: 80). So wird das rumänische Wort expertiză - Fachwissen (aus dem Engl. expertise) anstelle von experiență - Erfahrung im Sinne von (Fach)Wissen verwendet. Andere Übertragungen, die in der rumänischen Sprache als „Barbarismen“ gelten, sind: a se focusa (vom Engl. to focus, sich fokussieren), locație (engl. location), oportunitate (engl. opportunity) (vgl. Firică 2016: 10). Manea (2017: 79 f.) identifiziert im Rumänischen nicht nur unverändert übernommene Anglizismen wie trimer (Trimmer), best of (Best-of), sondern auch Redewendungen wie The show must go on. Er stellt fest, dass manche Entlehnungen diachron betrachtet ältere Anglizismen sind, die jedoch neu „entdeckt” oder neu verwendet werden (so sei CV im Rumänischen seit 1966 in Gebrauch 8 ). Weiter seien im Rumänischen außer den idiomatischen Kalkformen (Lehnwendungen) wie măsuri prietenoase - freundliche Maßnahmen aus dem 170 Ioana-Narcisa Crețu <?page no="171"?> Eng. friendly oder mamă singură - allein(erziehende) Mutter aus dem Engl. single mother auch morphologische und syntaktische Entlehnungen zu finden (vgl. Manea 2017: 79-90). Ein Beispiel dafür ist die Verwendung von Possessivadjektiven unter dem Einfluss der englischen Sprache: Găsește destinația ta de vacanță - Find your travel destination - Finde dein Reiseziel), während die korrekte Form in der rumänischen Sprache Găsește-ți destinația de vacanță ist (vgl. Paraschivescu 2017). Manea hebt zudem hervor, dass Anglizismen in der Fachsprache auftreten, aber auch in der Umgangssprache, zum Beispiel in der Sprache der Jugendlichen in Strukturen wie: Ce faci bro/ man? im Sinne von: Wie geht es dir, Mensch? oder in Ausdrücken wie: Ok, Whatever, What? , WTF! , E horror! (Es ist schrecklich! ) u. a. Es werden zwar viele Fachwörter aus dem Englischen übernommen (wie trailer/ Trailer, breaking news/ Breaking News), aber es gibt auch Anglizismen, die nur kolloquial verwendet werden, z. B. a fotoșopa, fotoșopat (das Verb bezeichnet die Bearbeitung eines Fotos mit Photoshop). Andere betonen, dass englische Entlehnungen ein Hauptmerkmal der heutigen Mediensprache seien (vgl. Codruz-Băcescu 2017: 23, Mureșan 2008: 45, Florea 2015: 17-19). Manea (2017: 90) meint weiter, dass der Einfluss des Englischen in der Mediensprache massiv und manchmal sogar aggressiv sei und dies durch das oft unsorgfältige Übersetzen von englischen Texten (meist Pressetexte) geschehe. Unter den jüngeren Generationen jedoch werden Anglizismen nicht mehr als störendes Fremdgut empfunden. So zeigte eine Untersuchung betreffend Verwendung von Anglizismen in den Medien (vgl. Nicolae/ Crețu 2025: 53-56), dass die meisten Befragten die Verwendung von Anglizismen als positives Zeichen der Modernisierung in der Mediensprache beurteilen. Obwohl fast 40 % der Meinung sind, dass Anglizismen durch rumänische Wörter ersetzt werden können, sieht die junge Generation (über 80 % der Befragten sind unter 25 Jahre) kein Hindernis im Verstehen und Verwenden von Anglizismen (vgl. Nicolae/ Crețu 2025: 53). Ein weiterer Grund für den (vermeintlichen) Überfluss an Anglizismen ist nach Codruz-Băcescu (2017: 19) die amerikanische Filmindustrie. Auch Pungă (2018: 92 f.) hebt hervor, dass die meisten Filme, die in den Kinos laufen, amerikanische Filme sind, weist aber auch darauf hin, dass die englische Sprache in der Wirtschaft eine wichtige Rolle spielt, sodass viele Firmen englische Namen haben: Tehno Food Com, Brain Online, Select Catering, Mara Logistics Quality, Urban Invest, Euro Discount, Dan Steel Group, Pajurca Metal Group, Eldiva Union, Magic Engineering, German Market, Pro Management, End Soft Design etc. (Pungă 2018: 93). Weiter wird beobachtet, dass Anglizismen in der Werbesprache bewusst eingesetzt werden, sogar als stilistischer Kontrast zu Sprachgebrauch in Rumänien 171 <?page no="172"?> 9 Verglichen mit der vorhergehenden Fassung DOOM-2 (1996). 10 https: / / www.mediafax.ro/ politic/ aur-bucuresti-reactie-la-noul-doom-limba-romana-b atjocorita-vi-se-pare-corect-ca-globalizarea-sa-influenteze-pana-si-dictionarul-204502 55, letzter Abruf 14.02.2025. Regionalismen (vgl. Zafiu 2020: 6). Nach Enăchescu (2005) seien heutzutage Entlehnungen wie Charter, Dumping, Doping, Baypass, Surf, Scotch, Shop, Laser u. a. fest im rumänischen Sprachgebrauch verankert. 3 Anglizismen im rumänischen Rechtschreibwörterbuch DOOM-3 Die letzte Fassung des rumänischen Rechtschreibwörterbuches wurde Anfang des Jahres 2022 vom Linguistischen Institut der Rumänischen Akademie heraus‐ gegeben. Unter dem Titel Dicționar ortografic, ortoepic și morfologic al limbii române (Orthographisches, orthoepisches und morphologisches Wörterbuch der rumänischen Sprache, 3. Fassung), abgekürzt DOOM-3, umfasst das neue Wör‐ terbuch insgesamt 6500 Einträge. Darunter sind über 3600 neue Einträge 9 , so auch viele Anglizismen. Die Linguistin Rodica Zafiu begrüßte schon beim Erscheinen der zweiten Auflage (DOOM-2) die Tatsache, dass Anglizismen zum ersten Mal in einem Rumänisch-Wörterbuch aufgenommen wurden (vgl. Zafiu 2005). Sie stellte fest, dass Anglizismen immer häufiger ältere Entlehnungen hauptsächlich aus der französischen Sprache ersetzen würden. Andere Forscher (darunter Popescu 2015, Florescu 2002 u. a.) sehen die vielen neuen Anglizismen im Wörterbuch eher als Sprachverarmung und sogar als Sprachverfall, während die Leiterin des Herausgeberteams von einer sprachlichen Bereicherung spricht (vgl. Mortu 2023). Es ist nicht das erste Mal, dass ein Überfluss an Anglizismen beklagt wird (siehe oben, Kap. 2), diesmal aber war die Publikation eines Wörterbuches, das Anglizismen enthält, Anlass zu einer solchen Debatte. Auf den sozialen Netzwerken hieß es etwa: Die rumänische Sprache, verhunzt im neuen DOOM: „Halten Sie es für richtig, dass die Globalisierung sogar das Wörterbuch beeinflusst? “ 10 Hinsichtlich der Neueinträge im DOOM-3 gab es verschiedene Stellungnah‐ men von Seiten der Autoren, aber auch von rumänischen Linguistinnen und Linguisten. So äußerte sich Rodica Zafiu zu den Vorwürfen, dass DOOM-3 die rumänische Sprache durch ein Übermaß an Anglizismen verhunze. Sie hebt hervor, wie vielfältig die neuen Einträge seien. Die Auswertung der Lemma‐ strecke F zeige, dass es neben Anglizismen aus der Alltagssprache (Facebook, facelift, face to face, fake, fake news, fashion, feeling) auch Entlehnungen aus der französischen Sprache (en fanfare) und aus weiterem fremden Sprachgut 172 Ioana-Narcisa Crețu <?page no="173"?> 11 Diese Stellungnahme ist auch bei anderen Linguisten zu finden. So sagt der Sprachwis‐ senschaftler Stelian Dumistrăcel in einem Interview, dass man sich bewusst sein muss, dass sich die Sprache geändert hat, aber die Linguisten „keine Wächter sind, die Fehler auflauern und sie erschießen“ (Chiruță 2004: 18). Auch Annette Klosa-Kückelhaus betont, dass die Aufnahme englischer Lehnwörter in den Wörterbüchern „ein Zeichen für die dynamische Reaktion des Lexikons auf das, was sich in der Welt verändert“, ist (Klosa- Kückelhaus 2023: 29). (Wörter wie feng shui, falafel) gibt. Hinzu kommen Neologismen aus Fachspra‐ chen oder der gehobenen Sprache, die aus dem romanischen Erbgut stammen (z. B. fabulatoriu/ fiktiv, facondă/ Beredsamkeit, factual/ sachlich, faeton/ Phaeton (Kutsche), fenotipic/ phänotypisch, feromon/ Pheromon, fibroză/ Fibröse, ficțional/ fiktional), sowie Neologismen, die Wortfamilien ergänzen (z. B. gehört facilita‐ tor/ Facilitator zu a facilita/ erleichtern, a faza/ in Phase bringen zu fază/ Phase, fertilizant, fertilizator/ Dünger zu a fertiliza/ düngen, fantomatic/ gespenstisch zu fantomă/ Gespenst u. a.). Darüber hinaus gebe es auch Neueinträge aus älterem Erbgut (Archaismen oder Regionalismen): făloșenie/ Stolz, fată-mare/ Jungfrau, ferfeniță/ Lappen, fedeleș/ Fass (vgl. dazu ausführlich Zafiu 2022). Um feststellen zu können, welchen Anteil Anglizismen im DOOM-3 haben und ob die vorgebrachten Kritikpunkte gerechtfertigt sind, habe ich alle Neu‐ einträge mit dem Ziel analysiert, die Art und die Rolle der Anglizismen im Wörterbuch als Abbild der Gegenwartssprache zu ergründen. Dafür bin ich von drei Forschungshypothesen ausgegangen: 1. Unter den Neueinträgen stehen die Fremdwörter an erster Stelle. 2. Die meisten neu aufgenommenen Fremd‐ wörter sind Anglizismen. 3. Die Anglizismen sind überwiegend notwendige Entlehnungen aus fachspezifischen Bereichen (Technik, Wirtschaft, Medien). Zum ersten und zweiten Punkt hat die Untersuchung gezeigt, dass unter den 3752 Neueinträgen des Wörterbuchs nur fast 10 % Fremdwörter sind (355 Wör‐ ter), 265 davon Anglizismen, d. h. nur etwa 7 % aller Neueinträge. Jedoch gibt es in DOOM-3 keinerlei Hinweise hinsichtlich einer genauen Trennung zwischen notwendigen Fachbegriffen und „Luxusanglizismen“. Die Autoren sehen die Rolle des Wörterbuches primär in einer Abbildung der Gegenwartsprache, ohne normativ einzugreifen. 11 Zu den verschiedenen Typen von Anglizismen im DOOM-3 hat die Analyse ergeben, dass die meisten Anglizismen Wortentleh‐ nungen sind, die an das rumänische Sprachsystem angepasst sind. Aber es kommen auch Lehnwörter mit unflektierter Form wie fifty-fifty oder cool vor. Was die Struktur der Anglizismen betrifft, gibt es durch Zusammensetzung entstandene Wörter, die mit oder ohne Bindestrich geschrieben sind (bestseller, high-life, high-fidelity brain drain). Darunter sind einige wenige phraseologische Anglizismen wie Black Friday, best of, cash and carry. Lehnprägungen sind auch Sprachgebrauch in Rumänien 173 <?page no="174"?> 12 Das Lehnwort zaping-ul wurde über das Französische ins Rumänische aufgenommen (vgl. Dimitrescu 1995: 97). zu finden, z. B. preconcepție (nach dem Engl. preconception), bei denen der Laie kein sprachliches Fremdgut entdeckt. Weiter kommen Neuwörter vor, deren Verwendung aber weniger geworden ist. So werden das Verb a zapa (zappen) und das dazu entsprechende Substantiv zaping-ul  12 heute nicht mehr verwendet und im DOOM-3 nur als Substantiv unter der Form zapat (das Zappen) eingetragen. Zu den neuen Einträgen gehören auch Anglizismen, die schon in anderen Wörterbüchern gelistet sind, wie z. B. lockout - (Arbeiter)Aussperrung, bzw. Entlehnungen, die Ereignisse der Gegenwartsgeschichte widerspiegeln (wie lockdown). Meistens sind sowohl die übernommenen Substantive als auch die entsprechenden angepassten Verben zu finden: xerox (Fotokopierer) - a xeroxa (fotokopieren), focus (Fokus) - a focusa (fokussieren). Bei manchen Substantiven fehlen jedoch die entsprechenden Verben, so wird bei target/ targetare (Ziel/ Targeting) das Verb a targeta (targetieren - auf etwas zielen) nicht aufgeführt. Andere Verben wurden jedoch aufgenommen, wie etrwa a upgrada (aktuali‐ sieren), a downloada (herunterladen). Eine mögliche Erklärung ist, dass eher Anglizismen der Fachsprache berücksichtigt werden, jedoch (noch) nicht der Umgangssprache (wie a fotoșopa). Die meisten Anglizismen, die im Wörterbuch hinzugefügt wurden, befinden sich unter der Buchstabenstrecke S (38 Wörter von den 265 Anglizismen). Es sind Bezeichnungen aus unterschiedlichen Bereichen, die von Medizin (screening) und Technik (smartphone, shutdown, shortcut, streaming) bis zu Sport (snooker, ski-jet, ski-pass, snow-boarding, surfer) und Getränke (smoothie) reichen. Zu den im Rumänischen populären Anglizismen gehören auch die Wörter coach, coachee, coacher und coaching. Das Substantiv coach bezeichnet heute einen of‐ fiziell anerkannten Beruf, in der rumänischen Sprache gibt es dazu verschiedene Spezifizierungen (wie business coach, family coach, vocal coach, life coach, fitness coach, financial coach, sogar spiritual coach u. a. (vgl. Neamțu 2023: 91-101). Neamțu betont, dass die angepassten Formen nur umgangssprachlich seien oder auf spezialisierten Internetseiten zu finden sind, etwa coach-ul als Substantiv mit Artikel (der Trainer), die Pluralformen coachi oder coacheri (von coacher - der Coach), die Verbform a coachui (coachen, trainieren) mit den Flexionsformen: coachuiesc, coachuiești, coachuiește (ich trainiere/ coache, du trainierst/ coachst, er trainiert/ coacht). Diese Formen werden eher als Barbarismen empfunden (vgl. Neamțu 2023: 91-101) und stehen (noch) nicht in den Wörterbüchern. Im DOOM-3 wurden zum ersten Mal coach und coaching aufgenommen. 174 Ioana-Narcisa Crețu <?page no="175"?> 13 Nachspeise, aus dem Französischen éclair. Zu der dritten Forschungshypothese lässt sich sagen, dass es sich bei den Anglizismen meist um denotative Bezeichnungen handelt. Fast ein Viertel der im Wörterbuch aufgenommenen Anglizismen sind Bezeichnungen aus der Technik (cloud, phishing, delete, PC, cookie, device, hi-fi, online, router, blogging u. a.), weiter gibt es viele Fachwörter aus Wirtschaft oder Politik (offshore, retail, off-label, brand, buy back, paypoint, clawback, quaker, profiler, barter, master-plan), aber auch aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen wie Mode, Tourismus, Bildung, Essen/ Trinken, Sport, Wissenschaft, Musik etc. Viele Anglizismen sind auch in der Mediensprache zu finden (z. B. blog, blogging, breaking news, fake, fake news, flyer, newsletter). Infolgedessen kann man zur Typologie der aufgenommenen Anglizismen sagen, dass die meisten entlehnten Wörter neue Bezeichnungen darstellen und als Fachwörter in verschiedenen Bereichen verwendet werden (in Psychologie, Politik, Computer, Marketing, Journalismus, Design, sogar in Mode oder Kosmetik). Darüber hinaus gibt es aber einen beträchtlichen Anteil an Luxusanglizismen, die in der Alltagssprache beliebt sind (hairstilist, low cost, shopping center, voucher, best of, fast-food, fresh, check-in, Black Friday, hand-made, bullying, fashion etc.). Obwohl die meisten Fremdwörter der Neueinträge aus dem Englischen stammen (75 %), sind Lehnwörter oder sogar Lehnwendungen aus elf weiteren Sprachen zu finden. An erster Stelle stehen hier romanische Sprachen (Franzö‐ sisch, Italienisch und Latein), aber es gibt auch Entlehnungen aus Sprachen, mit denen die rumänische Sprache kaum Kontakt hat (Chinesisch, Koreanisch, Japanisch, Philippinisch oder sogar Hebräisch). Viele italienische Lehnwörter sind Fachwörter aus dem Musikbereich (z. B. staccato, presto, veloce, vibrato) oder Bezeichnungen aus der Gastronomie (wie ricotta, trattoria, prosciuto, pesto, ciabatta, carpaccio), doch es wurden auch viele Ausdrücke aus der lateinischen Sprache wie ante-morten, post-mortem, pro-bono, expressis verbis, numerus cla‐ usus, horribile dictu, volens-nolens aufgenommen. Die Einträge sind jedoch an die Sprachentwicklung angepasst. Neue Pluralformen ersetzen veraltete Formen, wie die neue Form eclere (DOOM-3) anstatt ecleruri  13 (DOOM-2). Auch die Schreibweise der Anglizismen entspricht der Sprachentwicklung und der Anpassung an die rumänische Sprache. So werden, wie bereits erwähnt, online und offline nicht mehr mit Bindestrich geschrieben, und es werden Doppelformen zugelassen (die korrekte Form von Medien, Plural, Genitiv-Dativ ist im Rumänischen sowohl mass-media als auch mass-medie). Die Trennung zwischen notwendigen und nicht notwendigen Anglizismen liegt bei den Sprachnutzern selbst. DOOM-3 gibt keine Hinweise darauf, Sprachgebrauch in Rumänien 175 <?page no="176"?> inwieweit Anglizismen ein Merkmal der Gegenwartssprache sind oder den Gebrauch der Sprache kennzeichnen, der spezifisch für ein bestimmtes Alter, Beruf oder Ähnliches ist. Infolgedessen erscheinen Sportarten wie Kickboxing, Snooker, Getränke wie Scotch Shake, Gin-Rummy, Smoothie oder Hunderassen wie Husky, Pitbull, Chihuahua, Bull-Terrier bzw. Fachwörter wie cluster, cloud, gospel, handling, hacking, ski-jet, wildcard, wenge etc., die keine entsprechenden Ausdrücke im Rumänischen haben, ohne sprachliche Markierung (wie z. B. „Umgangssprache“ oder „Fachsprache“). 4 Zusammenfassung Die im DOOM-3 aufgenommenen Anglizismen entsprechen der Nutzung dieser in der Gegenwartssprache. Zur Wortanalyse muss gesagt werden, dass tatsäch‐ lich die meisten Neueinträge Entlehnungen aus der englischen Sprache sind, jedoch stellen Fremdwörter insgesamt weniger als 10 % der Neueinträge dar. Außer der englischen Sprache wurden Lehnwörter und Lehnwendungen aus elf weiteren Sprachen berücksichtigt. Obwohl die meisten englischen Entlehnun‐ gen technische Fachbegriffe bezeichnen, haben die Anglizismen in der heutigen rumänischen Sprache eine breite Anwendung in verschiedenen Bereichen des Alltagslebens (Kultur, Wissenschaft, Medien, Mode, Gastronomie, Sport usw.). Sie werden häufig auch in der Umgangssprache verwendet, wobei die Wörterbücher der Gegenwartssprache (auch DOOM-3) viele Anglizismen der Umgangssprache nicht aufnehmen. Da die Autoren die Rolle des Wörterbuches primär in einer Abbildung der Gegenwartssprache sehen, ohne normativ ein‐ zugreifen, wird zudem eine Trennung zwischen notwendigen Bezeichnungen und Luxusanglizismen immer schwieriger, weil sich die Fremdwörter dem Sprachsystem anpassen (Plural- und Deklinationsformen bei Substantiven oder Konjugation bei Verben) und nicht mehr als störendes Fremdgut, besonders unter den jüngeren Generationen von Sprachnutzern, empfunden werden. Schlussfolgernd kann festgestellt werden, dass sich die drei Forschungshy‐ pothesen als zutreffend erwiesen haben, da Entlehnungen aus dem Englischen tatsächlich eine der produktivsten Bereicherungsmöglichkeiten in der heutigen rumänischen Sprache darstellen, sich aber nicht darauf begrenzen. Die Analyse des Wortguts im neuen Rechtschreibwörterbuch zeigt weitere Wortkategorien und Möglichkeiten, die zur Bereicherung der Gegenwartssprache gehören. Für den Sprachbenutzer ist aber nicht nur eine Bestandsaufnahme hinsichtlich der Anglizismen nützlich, sondern auch eine einheitliche orthografische Regelung und Hinweise zum Gebrauch. 176 Ioana-Narcisa Crețu <?page no="177"?> Literatur Armăsar, Ioana Paula (2023). On ‘false friends’ in the Field of Economics. Bulletin of the Transilvania University of Braşov, Series V: Economic Sciences, 16(65): 2, 109-114, DOI: doi.org/ 10.31926/ but.es.2023.16.65.2.12 (Stand: 14/ 02/ 2025) Busse, Ulrich (2020). Typen von Anglizismen: von der heilago geist bis Extremspa‐ ring - aufgezeigt anhand ausgewählter lexikographischer Kategorisierungen. In: Stickel, Gerhard (Hrsg.). Neues und Fremdes im deutschen Wortschatz. Aktuel‐ ler lexikalischer Wandel. Berlin/ New York: De Gruyter, 131-155. DOI: doi.org/ 10.1515/ 9783110622669-008 (Stand: 14/ 02/ 2025) Chiruță, Răzvan (2004). Limba română la control (Die rumänische Sprache unter Kon‐ trolle). Evenimentul zilei 13, 3659-3689. 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Als Ergebnis ist festzuhalten, dass die Figuren Renate und Günther Merz vornehmlich Umgangssprache sowie Berlinisch verwenden, während Herr Erkonnen, der finnische Vorgesetzte ihres Sohnes Erik, sich der deutschen Standardsprache bedient. Aufgrund der umgangssprachlichen bzw. dialektalen Formulierungen entstehen Stö‐ rungen in der Kommunikation, die zu einer (sprachlichen) Ausgrenzung von Herrn Erkonnen, dem ungeliebten Vorgesetzten, führen und ihn letztlich der Lächerlichkeit preisgeben. Sein starker finnischer Akzent betont seine Fremdartigkeit und bietet einen weiteren Anlass zu Häme. 1 Einleitung Sprachvarietäten als humoristische Elemente einzusetzen, ist in deutschspra‐ chigen Comedy-Serien eine gängige Praxis, um die für das Genre charakteris‐ tischen Gags und (zweitklassigen) Schenkelklopfer zu produzieren. Als klassi‐ sches Beispiel ist in diesem Kontext die Ethno-Comedy Türkisch für Anfänger  1 zu nennen, in der das sog. Kiezdeutsch, das sich etwa seit Mitte der 1990er Jahre <?page no="184"?> 2 Stellvertretend für diese Gattung sei die Nescafé-Werbung aus dem Jahr 1992 mit dem Cappuccino-Mann genannt, die in dem unvergessenen Satz „Isch ’abe gar keine Auto, signorina“ gipfelt (vgl. Campillo-Lundbeck 2020). (Wiese 2010) bevorzugt bei Jugendlichen mit multikulturellem Hintergrund ungebrochener Beliebtheit erfreut, eine zentrale Rolle spielt. Wiese (2012) bezeichnet Kiezdeutsch (vormals „Kanaksprak“) gar als neuen Dialekt und stellt diesen mit traditionellen deutschen Dialekten auf eine Stufe, nicht zuletzt mit dem Argument, dass die althergebrachten Dialekte mit ähnlich gelagerten Vorurteilen zu kämpfen hatten bzw. haben. Ob es sich bei Kiezdeutsch nun um einen Dialekt oder eine Form der Umgangssprache handelt, ist an dieser Stelle jedoch irrelevant. Von Filmschaffenden werden Sprachvarietäten wie z. B. Dialekte und Ethno‐ lekte in Comedy-Serien und Werbefilmen 2 zum einen gezielt eingesetzt, um, wie bereits erwähnt, die Lachmuskeln der Zuschauenden bzw. Zuhörenden teilweise bis aufs Äußerste zu strapazieren, und zum anderen, um nationale Stereotype zu verstärken, denn Sprache und Identität sind untrennbar mitei‐ nander verwoben. Während in der Ethno-Comedy Türkisch für Anfänger, wie der Name bereits andeutet, die türkische Sprache und Kultur in Gestalt des Kiezsprache parlierenden Hauptdarstellers als Zielscheibe für Spott herhalten muss, werden in dem vorliegenden Beitrag zu humoristischen Zwecken einge‐ setzte Sprachvarietäten in der ZDF-Comedy-Serie Merz gegen Merz betrachtet. Merz gegen Merz lief zwischen 2019 und 2021 über die (Fernseh-)Bildschirme; der hauptsächliche Handlungsstrang rankt sich um die Ehekrise von Erik und Anne Merz (s. Kap. 4). Nebenschauplätze bieten die Demenzerkrankung von Annes Vater, die mehr oder minder feindliche Übernahme des Familienbetriebs durch einen finnischen Konzern, repräsentiert durch den neuen Vorgesetzten Erkonnen, sowie die desaströse finanzielle Situation von Erik Merz’ Eltern. Die stereotype und teilweise klischeehafte Darstellung der Finn: innen bzw. das in der betreffenden Serie kolportierte Finnlandbild wurde bereits untersucht (vgl. Krenzler-Behm [im Druck]). Zudem habe ich mich in einem weiteren Artikel mit dem augenscheinlich humoristisch überzeichneten Idiolekt der Figur Erkonnen auseinandergesetzt, denn Erkonnen verwendet neben der finnischen Sprache ein unverständliches „Pseudo-Finnisch“, Englisch sowie ein Deutsch, dem ein starker finnischer Akzent anhaftet (vgl. Krenzler-Behm [im Druck]). In diesem Beitrag liegt der Fokus jedoch auf dem Sprachgebrauch von Renate und Günther Merz (Eriks Eltern), die sich sowohl einer saloppen Umgangssprache als auch des Urbanolekts Berlinisch bedienen, weshalb in Kapitel 2 diese Sprachvarietä‐ ten beleuchtet werden. In Kapitel 3 wird die enge Verflechtung von Humor und Dialekt thematisiert und in Kapitel 4 mithilfe einer primär inhaltsfokussierten 184 Dinah Krenzler-Behm <?page no="185"?> 3 Herr Erkonnen besitzt als einzige Figur keinen Vornamen, ein Umstand, der ungewöhn‐ lich anmutet und womöglich eine gewisse Distanz ausdrücken soll. 4 Wird im Folgenden als Umgangssprache bezeichnet. Gesprächsanalyse die Kommunikation zwischen Renate Merz, Günther Merz, Erik Merz und Herrn Erkonnen 3 untersucht, da diese mit einer Palette an zu humoristischen Zwecken eingesetzten sprachlichen Varietäten aufwartet. In Kapitel 5 erfolgt eine Zusammenfassung der Ergebnisse. 2 Sprachvarietäten Da in diesem Beitrag, wie bereits erwähnt, insbesondere der Sprachgebrauch von Erik Merz’ Eltern als Untersuchungsgegenstand dient, ist es zweckmäßig, zunächst kurz auf die Sprachvarietäten des Deutschen einzugehen, was sich jedoch als kompliziertes Unterfangen erweisen dürfte, denn man muss sich im Klaren darüber sein, dass die Sprachwirklichkeit - und die des Deutschen insbesondere - keine Einteilungen kennt, sondern einen ‚Datensalat‘ oder - positiv ausgedrückt - einen Sprachkuchen darstellt (Löffler 2005: 20). Als Orientierungshilfe fungiert in meiner Forschungsarbeit das klassische Dreiermodell Standardsprache - Substandardsprache/ (Umgangssprache) - Non-Standard/ (Dialekt) (vgl. Löffler 2005: 18). Mit Standardsprache bezeichnet man kurz gesagt die „überregionale, normierte Sprachform, die kodifiziert ist für schriftlichen und teilweise mündlichen Gebrauch und die auch unterrichtet wird“ (Löffler 2005: 18). Bei der Substandardsprache 4 handelt es sich um ein „im täglichen Umgang verwendetes, meist mündliches und nicht (wie ein Dialekt) räumlich begrenztes informelles sprachliches Register unterhalb der Standard‐ sprache“ (DWDS o. J.). Da in die Umgangssprache abhängig von Kontext und Kommunizierenden neben dialektalen und standardsprachlichen Elementen auch Neologismen einfließen können (vgl. Eichhoff 1997: 184), gestaltet sich die Abgrenzung der häufig als Zwischenstufe bezeichneten Umgangssprache als besonders anspruchsvoll. Erschwerend kommt hinzu, dass Umgangssprache und Alltagssprache nicht selten synonym Verwendung finden (vgl. Hoffmann 2007: 17). Zumal eine umfassende Betrachtung dieser Thematik für den vorlie‐ genden Beitrag letztlich (lediglich) einen geringen Mehrwert offeriert, ist es ausreichend zu konstatieren, dass Alltagssprache […] als eine funktionale Varietät bestimmt werden [kann], die Sprach‐ varianten aller aufgeführten Ausprägungen von Umgangssprache in sich aufgenom‐ men hat: stadtsprachliche Regionalismen, sprechsprachliche Varianten, Gruppen- und „Moikka. Eine Stulle für’n Fünfer.“ 185 <?page no="186"?> 5 Wird im Folgenden als Dialekt bezeichnet. Fachjargonismen sowie stilistische Substandardismen (z. B. Vulgarismus) (Hoffmann 2007: 18). Non-Standard 5 wiederum ist „regional und örtlich, nicht normiert, jedenfalls nicht kodifiziert, nur für den mündlichen Gebrauch und nicht für den Unterricht bestimmt“ (Löffler 2005: 18). Nach Hoffmann (2007: 7) zählen Dialekte, regionale Umgangssprachen und Stadtsprachen (Urbanolekte) zu den Regiolekten. Im Hinblick auf das zu analysierende Material spielen die Stilschichten salopp umgangssprachlich sowie vereinzelt derb/ vulgär, die unter dem Oberbegriff Emotiolekte (Hoffmann 2007: 7) zusammengefasst werden, eine bedeutende Rolle. Daher werden als Nächstes die Charakteristika der saloppen Umgangs‐ sprache einer komprimierten Betrachtung unterzogen. Die Merkmale einer saloppen Umgangssprache, auf die vornehmlich in der Alltagskommunikation zurückgegriffen wird, lassen sich grob in die Kategorien Ungezwungenheit, Knappheit, Breite/ Ausdrucksfülle, Expressivität/ Ausdrucksverstärkung sowie Einfachheit einteilen (vgl. Hoffmann 2007: 15 ff.). Als charakteristisch für derartige Kommunikationsprozesse gilt, dass Elemente aller oben genannten Kategorien enthalten sein können, was zunächst möglicherweise widersprüch‐ lich anmutet. Zu der Kategorie Ungezwungenheit zählen u. a. Verschleifungen (wo es wird zu wo’s), Lautabstoßungen am Wortende (ist wird zu is) sowie regionalsprachliche Kolloquialismen (hinne statt hier drin), während Knappheit mithilfe von Abkürzungen (Limonade wird zu Limo) erzielt wird (vgl. Hoffmann 2007: 15 f.). Dagegen wird Breite/ Ausdrucksfülle erreicht, indem Wortgruppen gegenüber Einzelwörtern bevorzugt werden (schwimmen tun statt schwimmen). In die Kategorie Expressivität/ Ausdrucksverstärkung fallen Übertreibungen (z. B. ungeheuer spannend) sowie bildliche Vergleiche (z. B. dumm wie Bohnen‐ stroh) (vgl. Hoffmann 2007: 16). Einfachheit wird hergestellt, indem sich die Kommunizierenden eines Basiswortschatzes bedienen (vgl. die inflationäre Verwendung der Verben machen und tun bzw. der Substantive Ding, Sache, Zeug) (vgl. Hoffmann 2007: 16 f.). Zudem lassen sich in der Umgangssprache Verstöße gegen die Syntax attestieren. So steht beispielsweise in Nebensätzen, die mit der kausalen Konjunktion weil eingeleitet werden, das Prädikat nicht am Satzende, wie es grammatikalisch korrekt wäre. Da der Sprachgebrauch der Protagonisten (= Renate und Günther Merz) neben Elementen der saloppen Umgangssprache auch Berlinisch umfasst, wird diese sprachliche Varietät im Folgenden beleuchtet. Bei Berlinisch handelt es sich strenggenommen jedoch nicht, wie landläufig angenommen, um einen Dia‐ lekt, sondern um einen Urbanolekt (= Stadtsprache). In Anlehnung an Schönfeld 186 Dinah Krenzler-Behm <?page no="187"?> (1997: 308) wird im vorliegenden Beitrag dieser Terminus präferiert, obgleich je nach Perspektive auch die Termini Metrolekt bzw. Regiolekt eine zweck‐ dienliche Alternative geboten hätten. Das Berlinische, eine Kombination aus niederdeutschem Dialekt, hochdeutscher Schriftsprache und obersächsischer Umgangssprache, lässt sich bis Anfang des 16. Jahrhunderts zurückdatieren (vgl. Schönfeld 1997: 311). Im Laufe der Zeit gesellten sich u. a. Entlehnungen sowie Neubildungen aus dem Französischen, der deutschen Gaunersprache Rotwelsch, dem Jiddischen sowie dem Polnischen hinzu (vgl. Schönfeld 1997: 311, Sperling 2024). Die sog. „Berliner Schnauze“, die von Zugezogenen und Tourist: innen nicht selten als eine Mischung aus Derbheit und Humor wahr‐ genommen wird, spiegelt die Mentalität der (alteingesessenen) Berliner: innen wider. Schon Goethe fremdelte mit der speziellen Art der Hauptstadtbewoh‐ ner: innen, wie aus dem folgenden Zitat hervorgeht: „[…] ein so verwegener Menschenschlag, daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten“ (Goethe 1823, zitiert nach Sperling 2024, o.S.). Das Berlinische erscheint somit geradezu prädestiniert, um Humor und Dialekt bzw. Urbanolekt in der Comedy-Serie Merz gegen Merz miteinander zu verknüp‐ fen (s. Kap. 4). Auch wenn der zu analysierende Dialog primär umgangssprach‐ liche Elemente und lediglich einzelne berlinische Wörter wie z. B. Stulle enthält, ist es ratsam, in komprimierter Form einige Charakteristika des Berlinischen anzuführen. Zu den wesentlichen Lautmerkmalen des Berlinischen zählen die folgenden: Spirans statt g in bestimmter Stellung (gut zu jut), Diphthonge werden zu langen Monophthongen: au zu oo (Augen zu Oojen), ei zu ee (kein zu keen) (vgl. Schönfeld 1997: 315). Darüber hinaus wird das vokalisierte r zu a (Vater zu Vata). Ein weiteres typisches Merkmal dieses Urbanolekts ist der sog. Akkudativ (ich komme zu dich statt ich komme zu dir), der sich auf die niederdeutsche Provenienz des Berlinischen zurückführen lässt (vgl. Solf 2019: 23). 3 Humor und Dialekt Da im vorliegenden Beitrag der Einsatz von Sprachvarietäten als humoristische Elemente im Fokus steht, ist es desiderabel zu eruieren, was sich hinter dem Terminus Humor verbirgt. Dieses Unterfangen gestaltet sich als anspruchsvoll, denn in wissenschaftlichen Kreisen wird nach wie vor kontrovers über eine exakte Definition von Humor diskutiert, was nicht zuletzt seiner Mehrdimensi‐ „Moikka. Eine Stulle für’n Fünfer.“ 187 <?page no="188"?> onalität und Komplexität geschuldet ist (vgl. Wowro/ Jakosz 2022: 8). In meiner Forschungsarbeit orientiere ich mich vornehmlich an der folgenden Definition: Humor bezeichnet aus der Perspektive der Psychologie die Eigenschaft einer Hand‐ lung, einer Ausdrucksweise oder eines Textes, heiter zu stimmen, scherzhaft, lustig, witzig, spaßig oder kurios zu sein. Humor umfasst dabei auch die Fähigkeit, diesen wahrnehmen oder vermitteln zu können. Humor spielt in nahezu jeder Form zwi‐ schenmenschlicher Interaktion eine Rolle, und er hilft, den Umgang mit schwierigen Situationen zu erleichtern, negative Emotionen zu regulieren (Onlinelexikon für Psychologie und Pädagogik, o. J.). Humor umfasst viele Facetten, so z. B. Witz, Satire, (Selbst-)Ironie und Situa‐ tionskomik. Letztere ist selbstredend in Comedy-Formaten, vornehmlich in sog. Sitcoms, ein obligatorischer Bestandteil. Gemeinhin wird zwischen positi‐ vem Humor, der keine intendierten negativen Assoziationen hervorruft, und negativem Humor, dessen Hauptfunktion darin besteht, andere Personen auf perfide Weise zu diskreditieren, unterschieden (vgl. Onlinelexikon für Psycho‐ logie und Pädagogik, o. J.). Delius (2018) konstatiert in den Medien generell „eine Konjunktur der Häme“. Neben negativem Humor, der in der Regel ein nicht unerhebliches Maß an Aggressivität beinhaltet, wird nicht zuletzt in Comedy-Serien Humor bevorzugt als eine Art Defensivmechanismus (= Humor as a Defense Mechanism, vgl. Palmer 1989) eingesetzt, um sich von fremdartigen Personen abzugrenzen und Stereotype geradezu heraufzubeschwören: „Man verlacht die anderen als Barbaren, im Gefühl nicht zu ihnen zu gehören“ (Wirth 2020: 33 f.). Um Stereotype, Klischees oder Vorurteile zu befeuern und somit Lacher auf Kosten anderer zu produzieren, wird nicht selten auf sprachliche Varietäten zurückgegriffen, insbesondere auf Dialekte, Jugendbzw. Umgangs‐ sprache, Soziolekte, Idiolekte. In diesem Kontext ist es ratsam, sich zu vergegenwärtigen, dass Medien- und Alltagskomik eng miteinander verbunden sind: „[sie] profitieren wechselseitig voneinander, bedingen sich, reflektieren sich, stoßen sich auch voneinander ab“ (Kotthoff 2004, 1). Komik und Humor verfügen unzweifelhaft über nicht wenige Berührungspunkte, können aber nicht als Synonyme bezeichnet wer‐ den, zumindest wenn man mit Gernhardt (2008: 14) übereinstimmt, der sich in diesem Punkt wie folgt äußert: „Humor ist eine Haltung, Komik das Resultat einer Handlung. Humor hat man. Komik macht oder entdeckt man.“ Humor ist darüber hinaus kulturspezifisch, was sich auch an dem Faktum ablesen lässt, dass Comedy-Serien in der Originalsprache, d. h. im eigenen Land häufig als witziger rezipiert werden (vgl. Chiaro 2005: 138) als in anderen Kulturräumen, was höchstwahrscheinlich nicht nur auf sprachliche Elemente, sondern insbe‐ 188 Dinah Krenzler-Behm <?page no="189"?> 6 Vgl. Seitenbacher-Müsli, das aufgrund seiner Machart und nicht zuletzt des schwäbi‐ schen Dialekts („Woischd Karle, du sollschd emol e Seitenbacher Müsli esse. Na häschd auch net immer die Probleme mit deiner Verdauung“) seit Jahren in aller Munde ist (vgl. Freytag 2013). 7 „Mit Elan, fränkischem Dialekt und jeder Menge Humor verkündigt [der Bayreuther Pfarrer und Kabarettist Hannes Schott] die christliche Botschaft“ (Evangelisch.de o. J.). sondere auf kulturelle Besonderheiten zurückzuführen ist. Eine zweckdienliche Untertitelung von Comedy-Serien dürfte daher für audiovisuelle Übersetzer: in‐ nen eine nur schwer zu bewältigende Herausforderung darstellen. Bereits vor einem Vierteljahrhundert konstatieren Schröder und Stellmacher (1989: 171), dass Dialekt und Humor im kollektiven Bewusstsein untrennbar miteinander verbunden zu sein scheinen, denn „[…] Humorvolles [wird] erwar‐ tet, wenn Dialektales anklingt, in der Literatur und auf dem Theater, im Funk und im Fernsehen“ (Schröder/ Stellmacher 1989: 171). Exemplarisch sei in diesem Kontext auf das Repertoire von unzähligen Mundarttheatern verwiesen, die seit dem Jahre 2016 als immaterielles deutsches Kulturerbe gelten (UNESCO o. J.). Eine dialektal gefärbte Sprechweise wird nicht selten als entschärfend, entwaffnend und verniedlichend wahrgenommen. Die in der Alltagssprache inflationär verwendete sekundäre Interjektion Scheiße vermag, zumindest bei Verfechter: innen einer gehobenen Standardsprache, nach wie vor Befremden auszulösen, da sie als vulgär oder zumindest derb aufgefasst wird. Ihre inhalt‐ lichen Pendants hingegen, das norddeutsche Schiet und der rheinländische Driss, der eine weitere Bedeutung, nämlich Unsinn beinhaltet (Dat Portal o. J.), muten nahezu harmlos an. Generell werden Anzüglichkeiten und Zweideutig‐ keiten eher toleriert, wenn sie dialektal gefärbt sind. Andererseits werden Sprecher: innen eines Dialekts seit jeher ungerechtfertigterweise als intellektuell minderwertig und weniger kompetent als Sprecher: innen der Standardsprache eingestuft (vgl. Gleich 2024: 2). In der Werbung hingegen wird neben Ethnolekt (siehe Fußnote 2) auch Dia‐ lekt eingesetzt, um den Bewohner: innen eines bestimmten dialektalen Gebietes (sprachliche) Solidarität zu bekunden - mit dem Ziel, neue Kund: innen für das betreffende Produkt bzw. die betreffende Dienstleistung zu akquirieren (vgl. Gleich 2024: 2). Diese Marketingstrategie ist zudem aufgrund ihrer vermeint‐ lichen Ausgefallenheit und Witzigkeit darauf ausgelegt, auch in den übrigen Landesteilen den Warenverkauf anzukurbeln. 6 Es lassen sich darüber hinaus unzählige Kampagnen nennen, die sich einer Kombination aus Humor und Dialekt verschrieben haben, um Aufmerksamkeit zu generieren, vgl. Mit Dialekt und Humor für die christliche Botschaft  7 (Evangelisch.de o. J.) oder die von der sächsischen Staatskanzlei (2024) ins Leben gerufene Kampagne Sächsisch „Moikka. Eine Stulle für’n Fünfer.“ 189 <?page no="190"?> 8 „Heimat, Herz, Humor - unsere sächsischen Dialekte“ (Sächsische Staatskanzlei 2024). 9 Das in dem vorliegenden Beitrag gewählte Beispiel entstammt der zweiten Staffel (vgl. Husmann 2020). für alle.  8 Schröder und Stellmacher (1989: 179) vertreten die nachvollziehbare These, dass „der Dialekt […] vor allem im Einsatz gegen die Hochsprache hu‐ moristisch [wird], gegen ihre Standards und Normen, die ebenso die Standards und Normen der von ihr bezeichneten Welt sind.“ 4 Sprachvarietäten in der Comedy-Serie Merz gegen Merz Die deutsche Comedy-Serie Merz gegen Merz wurde zwischen 2019 und 2021 in drei Staffeln 9 , die jeweils acht Episoden umfassen, im ZDF ausgestrahlt. Nach der dritten Staffel wurde die Serie, obwohl sie gute Einschaltquoten erzielte, unerwarteterweise abgesetzt (vgl. Volkenand 2021). Als eine Art Trostpflaster flimmerten mit Hochzeiten im Jahre 2023 und Geheimnisse im Jahre 2024 zwei Folgen in Spielfilmlänge über die Bildschirme, die an den gewohnten Erfolg jedoch nicht anknüpfen konnten. Der hauptsächliche Handlungsstrang dreht sich, wie oben bereits erwähnt, um die Ehekrise von Anne Merz (Annette Frier) und Erik Merz (Christoph Maria Herbst). Als Nebenschauplätze lassen sich die Demenzerkrankung von Annes Vater, dem Gründer des familieneigenen Betriebs Ludwig Reichert (Michael Wittenborn) und die Auseinandersetzungen mit ihrem pubertierenden Sohn Leon (Philip Noah Schwarz) einordnen. Weitere Handlungsstränge bilden zum einen die als feindlich zu bezeichnende Über‐ nahme des Familienunternehmens durch „die Finnen“ in Gestalt des neuen Vor‐ gesetzten Herr Erkonnen, verkörpert durch den deutsch-dänischen Schauspieler Matthias Harrebye-Brandt, und zum anderen Eriks anstrengende proletarische Eltern Günther (Bernd Stegemann) und Renate (Carmen-Maja Antoni). Der von einer Aura des Unnahbaren umgebene finnische Vorgesetzte Erkonnen entspricht optisch und nicht zuletzt bedingt durch eine reduzierte Gestik und Mimik dem nationalen finnischen Stereotyp (s. Abb. 1). Zudem erfüllt sein zur Schau gestelltes souveränes Auftreten, gepaart mit einem als überheblich zu be‐ zeichnendem Gebaren und gelegentlich auftretenden cholerischen Ausbrüchen, das berufliche Stereotyp (= Geschäftsführer). 190 Dinah Krenzler-Behm <?page no="191"?> Abb. 1: Herr Erkonnen im Büro, Merz gegen Merz, Staffel 2, Episode 12, 03: 19 (modifiziert von DKB) Das komplette Gegenstück zu Herrn Erkonnen bilden die liebenswerten, bo‐ denständigen und anstrengenden Eltern von Erik (Renate und Günther Merz). Armknecht (2020, o.S.) trifft eine ähnliche Einschätzung: „Vor allem die Eltern von Erik sorgen mit ihrer aufdringlich-derben Art für jede Menge Ärger beim Umfeld und damit entsprechende Erheiterung beim Publikum.“ Unzweifelhaft entsprechen Eriks Eltern dem Klassenstereotyp, denn „ausgehend von unter‐ schiedlichen Besitzverhältnissen und Interessenslagen lassen sich gesellschaft‐ liche Klassen und Schichten identifizieren“ (Thiele 2015: 84). „Moikka. Eine Stulle für’n Fünfer.“ 191 <?page no="192"?> Abb. 2: Günther und Renate Merz in ihrem Wohnzimmer, Merz gegen Merz, Staffel 2, Episode 2, 09: 58 (modifiziert von DKB) Da sich bei Herrn Erkonnen und Eriks Eltern auch im Hinblick auf ihr Sprech‐ verhalten bzw. ihre Idiolekte grundlegende Unterschiede, die die oben genann‐ ten Stereotype festigen, konstatieren lassen, möchte ich im Folgenden anhand von einem Beispieldialog aus der Episode 13 (Auszeiten) die verwendeten sprachlichen Varietäten einer genaueren Betrachtung unterziehen. Eriks Eltern bedienen sich primär einer saloppen Umgangssprache sowie des Urbanolekts Berlinisch („Berliner Schnauze“), was den aus Berlin stammenden Mimen in die Karten spielen dürfte. Erik Merz parliert in einer Mischung aus Standarddeutsch und salopper Umgangssprache. Bevor eine Analyse des ausgewählten Dialogs durchgeführt werden kann, sollte zunächst kurz die Situation geschildert werden, die diesem zugrunde liegt. Die Kantine des Familienunternehmens, in dem Herr Erkonnen als „Boss“ fungiert und Erik Merz als sein Untergebener tätig ist, hat aufgrund eines Was‐ serschadens schließen müssen. Erik Merz’ hochverschuldete Eltern nutzen die Gunst der Stunde und eröffnen vor dem Firmeneingang einen Stullenstand, ohne zuvor die Erlaubnis des unbeliebten Erkonnen eingeholt zu haben. Erik Merz, der im Gegensatz zu seinen Eltern unerfreuliche Konsequenzen befürchtet, ist bemüht, die illegale Verkaufstätigkeit seiner Eltern zu beenden, doch gerade als er sich abwertend über seinen Vorgesetzten äußert, erblickt er diesen, der sich unverzüglich zu dem Trio gesellt, vgl. Abbildung 3. 192 Dinah Krenzler-Behm <?page no="193"?> Abb. 3: Aufeinandertreffen am Stullenstand, Merz gegen Merz, Staffel 2, Episode 13, 10: 23 Beispieldialog (E.M. = Erik Merz, H.E. = Herr Erkonnen, G.M. = Günther Merz, R.M. = Renate Merz) 1 E.M.: „Was macht ihr denn hier? “ [überrascht] 2 G.M.: „Ach, Stullenstand.“ [mit Stolz in der Stimme] 3 R.M.: „Ja, wir haben Käse, Leberwurst, Schmierwurst und Blutwurst, Gürkchen und 4 - Kresse - ganz modern, war seine Idee.“ [berührt ihren Ehemann am Arm und lächelt ihn 5 - glücklich an] 6 E.M.: „Aber du kannst doch hier keinen Laden aufmachen.“ 7 G.M.: „Das ist doch kein Laden, das ist doch nur ein Tisch und du hast selber gesagt, die 8 - Leute haben Hunger und in der Kantine läuft das Wasser die Wände runter [an seinen Sohn 9 - gewandt] na, nun fass mal mit an.“ 10 E.M.: [bückt sich, um zu helfen] „Aber, aber so was muss doch angemeldet werden.“ 11 R.M.: „Ich dachte, du bist der Chef hier jetzt, wo Annes Vater plemplem ist.“ 12 E.M.: „Eben nich mehr seit dieser Scheißfinne hier rumspukt - [Herr Erkonnen nähert sich „Moikka. Eine Stulle für’n Fünfer.“ 193 <?page no="194"?> 13 dem Stullenstand] - ah Erkonnen, ich habe gerade von Ihnen, äh - das sind meine Eltern. 14 - Das ist mein Chef, der Herr Erkonnen aus Finnland.“ 15 H.E.: „Nicht der Chef, wir sind alle ein Team, äh.“ [Begrüßt die Eltern Merz mit 16 - Handschlag]. 17 G.M.: „Hallo! “ 18 H.E.: „Moikka! Und äh, was ist das? “ 19 R.M.: [Überdeutlich und langsam) „Stulle mit Schmierwurst.“ [An Erik Merz gewandt] 20 - „Kanner Deutsch? “ 21 E.M.: „Meine Eltern hatten die Idee, weil die Kantine ja gerade nicht nutzbar ist“ - [wird 22 - von Herrn Erkonnen unterbrochen] 23 H.E.: „Das ist super! “ [Aussprache mit starkem finnischen Akzent]. „Das ist eine sehr, sehr 24 - gute Idee! “ 25 G.M.: [Begeistert] „Alles für ’n Fünfer pauschal! “ 26 H.E.: „Was ist Fünfer? “ [Erik Merz setzt zu einer Erklärung an, wird aber von seinem 27 - Vater unterbrochen]. 28 G.M.: „Fünf Euronen. Früher sagte man Heiermann“ [hält zur Verdeutlichung fünf Finger 29 - in die Luft]. 30 R.M.: „Nu lass ma, der kann kein Deutsch.“ 31 H.E.: „Mhm, Sie nehmen dafür Geld.“ 32 G.M.: „Dachtense wir sind von der Heilsarmee. Was is’n das für’n Vogel? [Herr Erkonnen 33 - wendet sich ab und entfernt sich]. (Merz gegen Merz, Staffel 2, Episode 13, 09: 45-10: 50) Erik Merz bedient sich in diesem Dialog einer saloppen Umgangssprache, auf die insbesondere in der Alltagskommunikation zurückgegriffen wird (s. Kap. 2). Dies gilt sowohl für die familieninterne Kommunikation als auch für den 194 Dinah Krenzler-Behm <?page no="195"?> verbalen Austausch mit seinem Vorgesetzten. Konsequenterweise bricht sich seine tiefe Abneigung dem finnischen „Boss“ gegenüber in Gegenwart seiner Eltern, d. h. in einem vertrauten Umfeld, auch sprachlich Bahn, was an den folgenden Merkmalen abzulesen ist: Nicht wird zu nich verkürzt (Z. 12), und der letzte unbetonte Laut wird weggelassen (= Elision), was charakteristisch für die Umgangssprache ist. Ein weiteres Beispiel ist so was statt so etwas in Zeile 10. Aus dem standardsprachlichen herumspuken wiederum wird ein umgangssprachliches rumspuken (Z. 12). Dieses Phänomen ist beim Präfix herum weitverbreitet, vgl. auch herumlaufen vs. rumlaufen. In der Wortwahl von Erik Merz spiegelt sich seine Meinung wider, dass sein Vorgesetzter Erkonnen ungerechtfertigterweise überall zugegen ist und schwer einschätzbar bzw. greifbar ist. Seine Aversion gipfelt in dem Ausdruck Scheißfinne (Z. 12). Scheiß wird von Duden Online (o. J.) als salopp-abwertend eingestuft; in Kombination mit Substantiven drückt Scheißaus, dass „jemand oder etwas als schlecht, miserabel, verabscheuungswürdig angesehen wird“ (Duden Online o. J.). In diesem konkreten Fall wird jedoch nicht ausschließlich eine einzige Person diskreditiert, sondern eine ganze Nation zum Hassobjekt stilisiert. Anzumer‐ ken sei in diesem Zusammenhang, dass in der gesamten Staffel sprachlich nicht zwischen Herrn Erkonnen und „den Finnen“ unterschieden wird, was höchstwahrscheinlich aus der Tatsache resultiert, dass die Übernahme des Familienbetriebs nicht gütlich erfolgte. Erik Merz greift darüber hinaus auf Wörter des Basiswortschatzes zurück (s. Kap. 2), wie zum Beispiel machen (Z. 1) und aufmachen (Z. 6) statt eröffnen. Auffällig ist jedoch, dass er keine für die Umgangssprache typischen Verstöße gegen die Syntax begeht und z. B. in dem mit weil eingeleiteten Nebensatz (Z. 21) die korrekte Wortfolge berücksichtigt. Für Renate Merz ist eine einfache Ausdrucksweise charakteristisch. So verwendet sie bevorzugt Verben des Basiswortschatzes wie z. B. haben, vgl. wir haben Käse […] (Z. 3), verzichtet jedoch beispielsweise auf den Zusatz im Angebot. Die Formulierung jetzt, wo statt jetzt, da (Z. 11) ist ebenfalls als umgangssprachlich einzuordnen. Auch der Wegfall von das in [das] war seine Idee (Z. 4) kann als umgangssprachliches Merkmal gewertet werden. Renate Merz bedient sich in dem Beispieldialog ferner der Kontraktion, wie aus den folgenden beiden Sequenzen ersichtlich ist: 1.) Kanner Deutsch? (Z. 20) statt Kann er Deutsch? Interessanterweise präferiert sie nicht die in diesem Kontext gängige Formulierung Spricht er Deutsch? oder gegebenenfalls die umgangssprachliche(re) Variante Sprichter Deutsch? , sondern wählt stattdessen ein höchst simples Verb. 2.) In Zeile 30 verwendet sie statt einer Frage einen Aussagesatz mit beinahe identischem Inhalt, vgl. Nu lass ma, der kann kein Deutsch, da sie inzwischen zu der Auffassung gelangt zu sein scheint, dass Herr „Moikka. Eine Stulle für’n Fünfer.“ 195 <?page no="196"?> Erkonnen der deutschen Sprache nicht mächtig ist. Auch bei nu lass ma statt nun lass [ein]mal liegt eine für die Umgangssprache typische Kontraktion vor. Die Verwendung von umgangssprachlichen bzw. dialektalen/ urbanolektalen Ausdrücken ist ein weiterer Bestandteil ihres Idiolekts. So bezeichnet sie Anne Merz’ Vater, der aufgrund einer Demenzerkrankung an kognitiven Störungen leidet, als plemplem (Z. 11). Nach Duden Online (o. J.) ist dieses Adjektiv, das „unvernünftig-dumm; nicht recht bei Verstand“ bedeutet, als salopp einzustu‐ fen. In dem vorliegenden Kontext könnte ihre Äußerung als „kaltschnäuzig“ interpretiert werden, was womöglich weniger einer mangelnden Empathie, sondern in erster Linie der in Kap. 2 bereits erwähnten „Berliner Schnauze“ geschuldet sein dürfte. Auch Stulle mit Schmierwurst (Z. 19) fällt in diese Kategorie. Als Stulle wird im Norddeutschen und insbesondere im Berlinischen ein Butterbrot, d. h. eine „[bestrichene, belegte] Scheibe Brot“ (Duden Online o. J.) bezeichnet. Schmierwurst ist laut Duden Online (o. J.) ein landschaftlicher Ausdruck für eine „streichfähige Mettwurst“. Wenn sich Renate Merz direkt an Herrn Erkonnen wendet, ist ihre Sprechweise überdeutlich und sehr langsam. Der starke Akzent von Herrn Erkonnen sowie die Tatsache, dass er einige umgangssprachliche/ dialektale Ausdrücke nicht versteht, veranlassen Renate Merz zu der bereits oben erwähnten Feststellung (nu lass ma, der kann kein Deutsch) (Z. 30), dass weitere Erklärungen unnötig seien, da Herr Erkonnen über keinerlei Kenntnisse der deutschen Sprache verfügt. Dies entspricht jedoch offensichtlich nicht den Tatsachen. Es könnte hieraus gefolgert werden, dass sie die Kommunikation mit Personen, die über einen Migrationshintergrund verfügen, überfordert. Günther Merz wird von Herrn Erkonnen, dem Chef seines Sohnes, formell mit einem Handschlag begrüßt. Statt einer erwartbaren standardsprachlichen Grußformel wie z. B. Guten Tag oder Guten Morgen präferiert er das umgangs‐ sprachliche Hallo (Z. 17). Seine Tendenz zu umgangssprachlichen Äußerungen lässt sich auch daran ablesen, dass er die umgangssprachliche Variante des Pronomens selbst, d. h. selber (Z. 7) präferiert. Zudem finden sich in seinen Redebeiträgen zumindest eine Kontraktion dachtense (Z. 32) statt dachten Sie und - ähnlich wie bei seinem Sohn Erik - Elisionen, vgl. was is’n das für’n Vogel (Z. 32) statt was ist denn das für ein Vogel sowie für’n Fünfer (Z. 25) statt für einen Fünfer. Weitaus relevanter sind hingegen die von ihm gewählten umgangs‐ sprachlichen/ dialektalen Ausdrücke, die in seinem Dialog mit Herrn Erkonnen zur Verdeutlichung des Gesagten beitragen sollen, aber das Gegenteil bewirken, was beim Publikum den intendierten Spaßfaktor erhöht. Zunächst spricht er von einem Fünfer (Z. 25), d. h. einem Fünf-Euro-Schein, was sich unzweifelhaft aus dem Zusammenhang ergibt. Der Ausdruck Fünfer verfügt über weitere 196 Dinah Krenzler-Behm <?page no="197"?> Bedeutungen, wie z. B. die Note 5 oder „ein Sprungturm mit einer Fallhöhe von fünf Metern“ (DWDS o. J.), um nur zwei zu nennen. Da dieser Ausdruck Herrn Erkonnen nicht bekannt ist (Was ist Fünfer? , vgl. Z. 26), weicht Günther Merz auf das Synonym fünf Euronen (Z. 28) aus. Eurone, im Plural Euronen, ist ähnlich wie Eurolette(n) (Openthesaurus o. J.) eine umgangssprachliche, scherzhafte Bezeichnung für den Euro. Sicherheitshalber fügt Günther Merz ein weiteres Synonym hinzu, und zwar Heiermann (Z. 28). Da er gleichzeitig fünf Finger in die Luft hält, erschließt sich Herrn Erkonnen, dass es sich bei dem Stullenstand um ein Geschäftsmodell und nicht um einen Akt der Nächstenliebe handelt. Mit Heiermann bezeichnete man vor der Einführung des Euros ein 5-Mark-Stück. Die Herkunft des Wortes kann nicht abschließend belegt werden, aber es wird vermutet, dass Heiermann entweder der Seemannssprache entstammt, da der gängige Lohn (= Heuer) der Seeleute in früheren Zeiten 5 Mark betrug, oder sich auf das jiddische Hey zurückführen lässt, das „den Zahlwert 5 trägt“ (MDM Münzhandelsgesellschaft o. J.). Mithilfe der Frage was is’n das für’n Vogel? (Z. 32) drückt Günther Merz Unverständnis bzw. Befremden aus. Seiner Ansicht nach ist es angemessen, für ein angebotenes Produkt, in diesem Fall Stullen aus eigener Herstellung, eine Bezahlung zu verlangen. Vogel bezeichnet neben einem flugfähigen Wirbeltier in der Fliegersprache ein Flugzeug (Duden Online o. J.) und in der saloppen Umgangssprache einen „durch seine Art auffallende[n] Mensch[en]“ (Duden Online o. J.). Zweifellos ist an dieser Stelle die dritte Bedeutung zutreffend. Es versteht sich von selbst, dass es gegen jegliche gesellschaftlichen Konventionen verstößt, den Vorgesetzten seines Sohnes, zumindest in dessen Anwesenheit, scherzhaft oder gar abwertend als Vogel zu titulieren. Da es sich jedoch um eine Comedy-Serie handelt, sind derartige ‚Entgleisungen‘, die humoristische Inhalte in sich bergen, nicht nur gestattet, sondern beabsichtigt. Herr Erkonnen verwendet, wie dies für Personen, die Deutsch in der Schule als Fremdsprache gelernt haben, die Regel ist, im Allgemeinen die standard‐ sprachliche Varietät. Eine Ausnahme bildet moikka (Z. 18), die umgangssprach‐ liche Variante des finnischen moi, eine Begrüßungsformel, die in etwa dem deutschen Hallo entspricht. Es könnte somit gefolgert werden, dass Herr Erkon‐ nen in seiner Muttersprache ebenfalls zu einer weniger förmlichen Sprechweise tendiert. Andererseits soll mithilfe dieser Begrüßungsformel möglicherweise explizit auf seine finnische Herkunft hingewiesen werden, Während Renate und Günther Merz, zumindest in dem angeführten Dialog, keine Gesprächspartikeln verwenden, verwendet ihr Sohn derartige Partikeln (vgl. ah und äh in Z. 13), als er durch das unerwartete Erscheinen seines Vorgesetzten aus dem Konzept gebracht wird. Während es sich hierbei augenscheinlich um einen Ausdruck „Moikka. Eine Stulle für’n Fünfer.“ 197 <?page no="198"?> der Verlegenheit handelt, greift Herr Erkonnen zu dieser Strategie, um seine sprachlichen Defizite zu kaschieren und Zeit zu gewinnen, um die korrekte Wortwahl zu treffen (vgl. Z. 18 und Z. 31). Das äh (Z. 15) in „Nicht der Chef, wir sind alle ein Team, äh“ soll seine Aussage bekräftigen und die in finnischen Unternehmen praktizierte flache Hierarchie hervorheben. Auch dieser Aspekt dient der Untermauerung eines nationalen finnischen Stereotyps. Im Gegensatz zu seinen Dialogpartner: innen ist Herr Erkonnen um sprach‐ liche Höflichkeit bemüht, was sich z. B. an der Verwendung der sprachlichen Höflichkeitsformel Sie (Z. 31) ablesen lässt. Möglicherweise dient die gewählte Höflichkeitsformel aber vornehmlich der Schaffung einer sozialen Distanz (vgl. Ehrhardt/ Neuland 2021: 89) zwischen einem Vorgesetzten und Vertreter: innen des Prekariats. Während in der Umgangssprache statt Geld Ausdrücke wie Kohle, Moos, Asche oder Schotter (diese Reihe ließe sich beinahe beliebig fortsetzen) präferiert werden, wählt Herr Erkonnen die standardsprachliche Variante (Z. 31), umgangssprachliche Ausdrücke sind ihm im Deutschen fremd. Dies zeigt sich auch daran, dass umgangssprachliche Ausdrücke wie Fünfer, Euronen und Heiermann bei ihm auf Unverständnis stoßen. Insgesamt kann Herrn Erkonnen eine einfache, teilweise fehlerbehaftete standardsprachliche Sprechweise attestiert werden, die hauptsächlich aus einem Basiswortschatz gespeist wird. Interessanterweise verwendet er in dem vorliegenden Dialog lediglich zweimal umgangssprachliche Formulierungen: Zum einen wählt er das Adjektiv super (Z. 23), das seit den 1980er Jahren bedingt durch den Einfluss der englischen Sprache im Deutschen geradezu inflationär Verwendung findet (vgl. Wiktionary o. J.). Zum anderen wiederholt es das Wort sehr zweimal (Das ist eine sehr, sehr gute Idee) (Z. 23), was als Übertreibung gewertet und somit der für die Umgangssprache charakteristischen Kategorie Expressivität/ Ausdrucksver‐ stärkung zugeordnet werden kann. 5 Fazit Zusammenfassend lässt sich konstatieren, dass in der Comedy-Serie Merz gegen Merz sprachliche Varietäten kunstgerecht eingesetzt werden, um die genrety‐ pisch erwünschten Lacher zu generieren. Im Hinblick auf den intendierten Humor liegt der Reiz primär in der sprachlichen Gegensätzlichkeit der Figuren. Renate und Günther Merz repräsentieren neben ihrem Auftreten und äußerem Erscheinungsbild auch sprachlich den Inbegriff eines Klassenstereotyps. Wäh‐ rend Renate Merz mit ihrer barschen, einfachen und unreflektierten Wortwahl für humorige Momente sorgt, sind insbesondere die umgangssprachlichen Ausdrücke ihres Gatten wie z. B. Fünfer, Euronen, Heiermann sowie Vogel dazu 198 Dinah Krenzler-Behm <?page no="199"?> prädestiniert, bei den Zuschauenden Heiterkeit auszulösen. Herr Erkonnen verwendet eine einfache Standardsprache und hat offenbar schwerwiegende Verständnisprobleme, die durch die Idiolekte seiner Dialogpartner: in, die eine Kombination aus Umgangssprache und Dialekt/ Urbanolekt bevorzugen, noch verstärkt werden. Letztlich begünstigt die Varietätenwahl von Renate und Günther Merz die Diskriminierung von Herrn Erkonnen; eine funktionierende Kommunikation kann so lediglich ansatzweise stattfinden, was wiederum für Heiterkeit beim Publikum sorgt. Es handelt sich dabei höchstwahrscheinlich um eine Kombination aus negativem Humor und einem Humor, dem ein Defensiv‐ mechanismus zugrunde liegt, denn es gilt, sich von dem ungeliebten, finnischen Vorgesetzten abzugrenzen und diesen der Lächerlichkeit preiszugeben. Der sog. rituelle Kode (vgl. Kotthoff 1998: 294 f.) wird dabei missachtet. Literatur ardplus (o. J.). Türkisch für Anfänger. Abrufbar unter: https: / / www.ardplus.de/ details/ a 0T010000005zmg-tuerkisch-fuer-anfaenger (Stand: 10/ 1/ 2025) Armknecht, Oliver (2020). Merz gegen Merz - Staffel 2. Abrufbar unter: https: / / ww w.film-rezensionen.de/ 2020/ 04/ merz-gegen-merz-staffel-2/ #google_vignette (Stand: 31/ 1/ 2025) Campillo-Lundbeck, Santiago (2020). Immer noch ohne Auto. Nach 30 Jahren kehrt Angelo für Nescafé in die Werbung zurück. 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Taking up the general topic of this volume, the chapter ultimately attempts to demonstrate how the dialectic relationship of language, language use and language ideologies is essential to an understanding of how social identities are related to, and co-constituted by, language use and reflection. 1 Introduction In this chapter, I discuss a sociolinguistic take on the complex question of how (standard) language, language use and social identities relate to each other. I will focus on an approach which is all about this relationship, viz. metapragmatics, and the central metapragmatic concept of “the total linguistic fact” as proposed by Michael Silverstein (1985: 220). In order to locate this concept in the rather extensive theoretical framework of metapragmatics, I will first introduce the core ideas and origins of this theory (section 3), then proceed to introduce some core concepts, particularly reflexivity (section 3.1), indexicality (section 3.2), enregisterment (section 3.3), and language ideologies (section 3.4), before I unfold the idea of the total linguistic fact itself (section 3.5). In the concluding section <?page no="204"?> 1 “What is it that linguistics sets out to analyse? What is the actual object of study in its entirety? The question is a particularly difficult one. We shall see why later. First, let us simply try to grasp the nature of the difficulty” (de Saussure [1916] 1986: 8). 2 Cf. Spitzmüller (2019b) for a discussion of this peculiar notion. 3 See Agha (2007b) on the ideological effectiveness of this concept. (section 4), I will integrate the concept with the question of how social identities emerge in relation to language. Before we approach metapragmatics, however, we will first make a deep dive into the foundations of the discipline of linguistics (section 2). We will dive into a fundamental question of our discipline which, as we shall see, also deeply concerns metapragmatics - a delicate question, as it cannot be answered definitely, and yet needs to be continuously brought to the surface. 2 “Points délicats” Quel est l’objet à la fois intégral et concret de linguistique ? La question est particu‐ lièrement difficile ; nous verrons plus tard pourquoi ; bornons-nous ici à faire saisir cette difficulté. 1 (de Saussure [1916] 1931: 23) This fundamental question, which marks the outset of the famous third chapter of one of the most seminal texts of our field, the Course in General Linguistics, the manifesto of so-called ‘modern linguistics’ 2 , does not only symbolize the starting point of what has been conceived of as ‘linguistics proper’ by many scholars 3 , it is arguably also one of the first questions novices are confronted with when they embark on their journey into the field. As we know, the question has been put into the mouth of their hero, Ferdinand de Saussure, by the actual authors of this intricate text, his former scholars and colleagues Charles Bally and Albert Sechehaye (cf. Engler 2004, Joseph 2012: 632-635, Stawarska 2015: 194-205). The authors go on to propose answers to this question which might be, and have been, interpreted in quite diverse ways. A seemingly clear piece of advice given by the Course is to employ a hierarchy of dichotomies such as langue/ parole or synchrony/ diachrony (cf. Joseph 2022) and prioritize for each of these dichotomies one of the two opposed concepts. Following this prioritization, the object of linguistics is the langue, the language system, at a given historical point, that is, in synchronic perspective. Language use (parole) and language change (diachrony) would be secondary concerns at most. Hodge and Kress (1988: 17) critically refer to this alleged strategy as “Saus‐ sure’s rubbish bin”, suggesting that Saussure invites his readers to dismiss half of the potential phenomena linguistics could deal with as ‘uninteresting’ (at least 204 Jürgen Spitzmüller <?page no="205"?> for the emerging discipline of linguistics). In their attempt to promote a ‘social semiotics’, they then go on to argue that these ‘dismissed phenomena’ were, of all things, those that are actually the crucial ones to study. Hence, ‘social semiotics’ could use “Saussure as an antiguide” at most (Hodge/ Kress 1988: 18). As we know today, such construals of ‘Saussure’s take’ are in many ways problematic. To begin with, as Joseph (2022: 26) notes, there is an inherent irony in them if we consider Saussure’s scholarly biography as well as his apparent future plans that were thwarted by his deteriorating health and death. Regarding the latter, Joseph reminds us that Saussure intended to move on in the fourth lecture to develop a linguistique de la parole, centering the very realm that he seemed to have so decidedly abandoned. The alleged dismissal of the diachronic perspective seems, to put it mildly, surprising given the fact that Saussure considered himself a historical linguist by heart. And in fact, as Joseph (2012: 634) notes: The way the Course progresses from the general to the specific, and builds towards diachronic linguistics as its apparent endpoint, is true to Saussure’s vision. But no book controls how it is read, and what is untrue to Saussure is how the Course was read in such a way as to make synchronic linguistics its climax, leaving the diachronic as a mere coda. (orig. emph.) Furthermore, as biographers of Saussure and editors of his writings have repeatedly stressed, the mentioned reading of the Course is in many ways incompatible with Saussure’s theory of language and linguistics as it can be reconstructed from the received manuscripts. In fact, it is in central regards diametrically opposed to that, or at least strongly misleading (cf. Stawarska 2015: 21-106, Jäger 2018). For example, coming back to the allegedly dismissed parole, Engler (2004: 56 ff.) and Schneider (2023) point out that the notions of parole and langue were already misconstrued by the Course’s editors to the extent that they have completely reversed their meaning. The Course famously states, and every student of linguistics subsequently learns, that language use (parole) was individual, while the system (langue) was social, which makes the latter of primary and the former at most of secondary concern: By distinguishing between the language [langue; J.S.] itself and speech [parole; J.S.], we distinguish at the same time: (1) what is social from what is individual, and (2) what is essential from what is ancillary and more or less accidental. (de Saussure [1916] 1986: 13 f.) “The Total Linguistic Fact” 205 <?page no="206"?> 4 As the preface of the Course informs us, the notes the book draws on, assembled by Sechehaye, originate from “Messrs. Louis Caille, Leopold Gautier, Paul Regard and Albert Riedlinger” for the first two courses and “on the third and most important by Mme Albert [i.e., Marguerite; J.S.] Sechehaye and Messrs. George Degallier and Francis Joseph. From M. Louis Brütsch we had notes on one special point” (de Saussure [1916] 1986: xviii). 5 Marguerite Sechehaye, incidentally, in her later life a renowned psychoanalytic with focus on schizophrenia (see Balbuena 2014), figures as “Mme. Albert Sechehaye” in the Course’s preface (de Saussure [1916] 1986: xviii). This reduction to the role of her husband’s wife continues in large parts of the literature on the Course, as Jäger (2018: 11) critically notes. However, as Engler and Schneider reveal, the notes of Saussure’s students do not back this statement. According to all notes, while the language faculty (faculté de langage) is conceived of being an individual faculty, both langue and parole have an individual and a social dimension to them. Riedlinger even notes how: Of these two spheres, the sphere of <parole> is the more social, the other is the more totally individual. […] Everything that is taken to be in the individual’s internal sphere [= langue! ] must be social because nothing that <has not been> <made official by usage> of all speakers in the external sphere of parole [= social! ] has ever entered that sphere. (translation including bracket comments quoted from Engler 2004: 57) According to this, language use (parole) is a social phenomenon, bound to social interaction. Also, since the (more innate) language system (langue) is fueled by social interaction, language use is of prime interest. More generally, as it were, the ‘Saussurean doctrine’, as Sechehaye (1917: 11) termed it, does in fact not origin from Saussure. It has been constructed and enforced by Bally and Sechehaye both in the constitution of the book and in subsequent comments they published (see Stawarska 2015: 205-213 for details). Neither Bally nor Sechehaye participated in any of the three lectures on which the book is based, and they seem to have struggled with getting the student notes at their disposal to resonate with their vision of ‘Saussure’s linguistics’ (cf. Stawarska 2015: 202 f.). As a matter of fact, the group of hearers who enrolled in Saussure’s lecture was rather small: five on the first in winter term 1906/ 07 (cf. Joseph 2012: 492), sixteen in the second in 1908/ 09 (cf. Joseph 2012: 533), and fourteen in the third in winter 1910/ 11 (cf. Joseph 2012: 576), with nobody having attended all three lectures. The notebooks of eight of these students 4 have been assembled by Sechehaye as the basis of the book (cf. the edition of Sofia 2015) - among them Albert Riedlinger who is the only student credited as a “collaborator” in the book’s titling, and Sechehaye’s wife Marguerite (née Burdet). 5 206 Jürgen Spitzmüller <?page no="207"?> 6 For instance, cf. Engler (1974/ 1975, 1980), de Saussure ([2002] 2006). 7 Cf. de Saussure (1989/ 1990, 1990), Sofia (2015); for English editions see de Saussure (1993, 1996, 1997). Both Riedlinger (cf. Stawarska 2015: 210 f.) and Marguerite Sechehaye (cf. Jäger 2018: 11 f.) apparently were not all too pleased with the book, nor were Paul Regard, another participant of the lectures (cf. Stawarska 2015: 209 f.), and Antoine Meillet, Saussure’s scholar from his Paris time and longtime friend who had planned to co-edit an edition of his own with Regard (see his review, Meillet 1916, and cf. Stawarska 2015: 212 f.). From what we know, Saussure himself arguably wouldn’t have been very pleased either (cf. Joseph 2012: 633, Jäger 2018: 13) - even Albert Sechehaye was clear that le grand maître would never have given consent to publish the text (cf. Stawarska 2015: 209). In any case, Saussure has proposed very different, and far less definite and restricting answers to the question which concerns us in this chapter. They can be found in the numerous posthumous writings which were published as of the 1960s 6 , as well as in the critical editions of the Course and the original notes from Saussure’s Geneva lectures 7 which demonstrate how far the Course deviates in substantial points. As a matter of fact, Saussure’s position also manifests in the Course itself, in the elaborations that ensue from the famous question: What is it that linguistics sets out to analyse? What is the actual object of study in its entirety? The question is a particularly difficult one. We shall see why later. First, let us simply try to grasp the nature of the difficulty. Other sciences are provided with objects of study given in advance, which are then examined from different points of view. Nothing like that is the case in linguistics. […] The object is not given in advance of the viewpoint: far from it. Rather, one might say that it is the viewpoint adopted which creates the object. Furthermore, there is nothing to tell us in advance whether one of these ways of looking at it is prior to or superior to any of the others. (de Saussure [1916] 1986: 8) In other words, there is no a priori object of linguistics. The object is constructed from a particular perspective and against the backdrop of specific interests. Hence, Saussure argues, we cannot say generally and from the outset that this or that was ‘the object of linguistics’. At least not if we do not hasten to add ‘… from this specific perspective’. In the posthumously published notes Saussure takes up this point repeatedly, which shows how important this particular issue seems to have been to him. For instance, we read - quite similar to the Course: “The Total Linguistic Fact” 207 <?page no="208"?> Let us remember in fact that the object in linguistics does not exist to start with, is not predetermined in its own right. Hence, to speak of an object, to name an object, is nothing more than to invoke a particular point of view A. (de Saussure [2002] 2006: 8; orig. emph.) Saussure goes on to explain: It seems impossible in practice to give priority to any particular truth in linguistics so as to make it the key starting point. (de Saussure [2002] 2006: 3) He even mocks linguists who do: It is very amusing to see linguists laugh at a view expressed by A or B, because this laughter seems to imply knowledge of a truth; in fact linguists have this far been characterized by the total absence of a fundamental truth. (de Saussure [2002] 2006: 80) In a different note, he elaborates that: […] there is F I R S T O F A L L generalization, and nothing other than generalization. Now, since generalization presupposes a point of view which serves as a criterion, the prime and the most irreducible entities which could concern the linguist are already a product of a covert operation of the mind. The immediate consequence of this is that the whole of linguistics comes back […] in fact to the discussion of valid points of view, without which there is no object. (de Saussure [2002] 2006: 8; orig. emphases) And, to give a final example: […] the grammarian or linguist perpetually offers us an abstract and relative entity which he has just invented in an earlier section, as a concrete entity and as an absolute entity to serve as a basis for these operations. A vast vicious circle, which cannot be broken except by replacing once and for all in linguistics the discussion of ‘facts’ with the discussion of points of view, for there is not the least trace of linguistic fact, not the slightest possibility of gaining sight of or of defining a linguistic fact, without first adopting a point of view. (de Saussure [2002] 2006: 9; orig. emphases) As these excerpts demonstrate, Saussure recurrently stresses that there are no clearly delimitable and prioritizable dimensions (such as the langue) to which linguistics could dedicate itself (as the famous last sentence of the Course 208 Jürgen Spitzmüller <?page no="209"?> 8 “[…] the fundamental thesis of this course: the only true object of study in linguistics is the language [la langue; J.S.], considered in itself and for its own sake” (de Saussure [1916] 1986: 230; orig. emph.). Also cf. Engler (2004: 58). 9 “Dabei kreist sein [Saussures; J.S.] Denken um einige zentrale, von ihm sogenannte neuralgische Punkte (‘points délicats’) des Sprachproblems, die er an jenen oszillieren‐ den Schnittstellen identifizierte, an denen sich die Struktur-Dimensionen der Sprache berühren und überschneiden und die Sechehaye und Bally als methodische Dichoto‐ mien missverstanden haben […]. An diesen Schnittstellen, an denen es nicht um terminologisch etikettierte alternative methodische Blicke auf die Sprache, sondern um Vermittlungszusammenhänge geht, die im Erkenntnisobjekt Sprache selber strukturell implementiert sind, sind für Saussure - und aus diesem Grund bezeichnet er sie als ‘points délicats’ - die eigentlichen Probleme der Sprachtheorie angesiedelt” ( Jäger 2018: 22). implies 8 ). Linguists have to ask themselves how these dimensions emerge in the first place (how they are being construed against the backdrop of specific interests and perspectives) and how they relate to each other. Saussure thereby shifts our attention not only to the perspectivity of linguistic epistemology, but also to the interfaces between the categories linguistics has come up with - for instance, the interface between ‘system’ and ‘use’. Jäger (2018: 22) succinctly summarizes this as follows (my translation) 9 : Saussure’s thinking circulates around some central aspects of the ‘language problem’ which he calls their delicate points (‘points délicats’). He identifies them at those oscillating interfaces at which the structural dimensions of language touch and overlap and which have been misconstrued by Sechehaye and Bally as methodical dichotomies. […] These interfaces do not integrate terminologically labeled alternative methodical views on language, they rather represent contexts of mediation which are structurally inherent to the epistemological object ‘language’. The real problems of linguistics are located by Saussure at these interfaces - that’s why he calls them ‘points délicats’. If we follow Jäger’s reading, linguistics, as Saussure envisaged it, would be basically an exploration of the interfaces. Linguistics of this kind would ask how the phenomenon we call ‘language’ emerges from our respective perspectives and how its diverse dimensions - the regularities which we can reconstruct via abstraction, the dynamics and scopes of variation, and the practices of language use in social context - interrelate. This is a truly complex endeavor, and it is easily understandable why linguistics after Ferdinand de Saussure mainly preferred to focus on individual dimensions, thereby raising the (not implausible) concern that in-depth knowledge might only be achieved by means of abstraction, that is, reduction. “The Total Linguistic Fact” 209 <?page no="210"?> Chomsky’s (e.g. 1980: 217/ 219-220) well-known take on this is just one, albeit a very influential, example of this. However, there are recurring attempts at reviving the idea of linguistics as a scholarship at the interfaces which embraces meta-perspectivistism. In what follows, this chapter will focus on one such attempt, viz. metapragmatics. This approach considers itself as a linguistics at the interfaces between language system, language use, and language reflection. Silverstein (1985: 220) refers to this dialectical complex as “the total linguistic fact”. I will elaborate on this in section 3.5. Beforehand, however, we need to deal with some other core assumptions and concepts. 3 Metapragmatic Core Concepts Metapragmatics is a comprehensive theoretical framework which has been devised over almost five decades, primarily (though not exclusively) by the late Michael Silverstein, a linguistic anthropologist who has been affiliated with the University of Chicago for most of his life (cf. Silverstein 1976 for the first paper that elaborated on the program, and the posthumous synthesis published as Silverstein 2023). The framework has proven rather successful: Metapragmatics is widely regarded as the most important theoretical grounding of contemporary so‐ ciolinguistics (which becomes obvious if you consider how prominent the metapragmatic concepts, particularly indexicality, enregisterment, and language ideologies, figure in contemporary sociolinguistic literature). Silverstein allocates his approach mainly in three theoretical traditions: (1.) The semiotics and pragmatism of Charles Sanders Peirce (e.g., Silverstein 2023: 217-251), (2.) ideas and concepts concerning the cultural immersion of language as provided by the linguistic anthropologist Benjamin Lee Whorf (cf. Silverstein 2023: 252-297), and (3.) the theory of reflexivity and communication of Roman Jakobson, Silverstein’s mentor at Harvard University, where he earned his PhD (cf. Silverstein 1976). All metapragmatic core concepts we are going to revisit in what follows are heavily inspired, or adopted, from one or several of these traditions. We start off with the most fundamental notion and move on to the concepts that are built on top of it. 3.1 Reflexivity Reflexivity, as outlined in Jakobson’s work (particularly Jakobson 1960, [1956] 1985), is a core concept of metapragmatics. A central assumption of the theory 210 Jürgen Spitzmüller <?page no="211"?> is the idea that language is reflexive all the way down. Of course, this is far from a novel idea. We can trace it back to Augustine ([389/ 90] 1995) at least, and it has concerned language philosophy and linguistics since then, for instance in the works of William of Ockham ([1324] 1998), in formal theories of language levels of Russell (1908), Carnap (1934), and Tarski ([1933] 1936) all the way down to structuralist ideas for instance of Hjelmslev ([1943] 1969: 114-125) and, ultimately, Jakobson ([1956] 1985). The separation of metaand object language is only the best-known result of this discussion (cf. Spitzmüller 2019a). Reflexivity has often been foregrounded as one of the “design-features” (Hockett 1963: 6) of human language - as in the oft-quoted bon mot of Charles Hockett (1963: 10) that “Bees dance about sites, but they cannot dance about dancing”. Against the backdrop of more recent bio-cognitive research, however, the question arises how much this is merely an anthropocentric self-apotheosis. Many empirical studies suggest that (non-Human) animals (such as primates, dogs, and ravens) actually seem to have at least some sort of theory of mind, hence are able to reflect on their own behavior and even project the perspective of others (for a survey of the discussion cf. Karan 2023). Furthermore, it has been noted how research into animal communication and its methods were biased by notions of communication that center the human, which arguably self-fulfills the prophecies (cf. the critical survey of Cartmill 2023). In a similar vein, but from a philosophical point of view, it has been argued that the notions of ‘reflexiveness’ and ‘rationality’ that undergird the idea of the ‘theory of mind’ are anthropocentric (cf. Rowlands/ Monsó 2017). Considering all this plausible critique, it is still fair, as we shall see, to consider reflexivity a ‘design feature’ of language as used by social actors, a feature that is fundamental for the functionality of language in social life (cf. Lucy 1993, Taylor 2000, Enfield/ Sidnell 2023). To say that language is reflexive means that language or language use might refer to itself or to aspects and potentials of itself, such as potential usages. If we follow what Krämer (2001) has termed the ‘two worlds ontology’ of structuralism and separate language into the two dimensions of system and use, we get, with Jakobson ([1955] 1971: 41 ff.), four different forms of reflexivity (also cf. Verschueren 2004): 1. Language use might refer to language use, for instance in form of reported speech (She said she regrets that), or in form of metalinguistic evaluation (Very nicely put! ). 2. Language use might refer to the language system or, more general, to the used code. This is the metalinguistic function in Jakobson’s (1960) “The Total Linguistic Fact” 211 <?page no="212"?> 10 This is, incidentally, the reason why the endeavor has been called metapragmatics: the meta-references which are at stake here concern the whole pragmatic complex into which communication is embedded. This, of course, draws on the pragmatic axiom that language use, and ultimately language as a whole, needs to be regarded in context of human interaction. Language exists to be used, and only in use, the nature of language gets palpable. Or in Silverstein’s (1976: 54) words: “the vast residue of language is culture, and culture is pragmatic.” communication model (e.g., Roman is a name or Jakobson is spelled with a <k>). 3. Vice versa, the language system might refer to language use, as in the case of deictics which will get their meaning only in concrete use (you means ‘the person whom I address in a concrete situation’). 4. And finally, the language system might refer to itself. Jakobson’s case in point are proper names whose meaning, he argues, is circular: “In the code of English, ‘Jerry’ means a person named Jerry. The circularity is obvious: the name means anyone to whom this name is assigned” ( Jakobson [1955] 1971: 42). Traditionally, only the first two forms, references by means of language use, are included in what we refer to as linguistic reflexivity or metalanguage. Jakobson, however, stresses that all four forms of linguistic reflexivity need to be considered. Silverstein follows him and differentiates explicit reflexivity, which encompasses reflexive references emerging from language use, and implicit reflexivity, references emerging from the system. Explicit reflexivity thereby constitutes what Silverstein terms metapragmatic discourse, the sum of articulated reflexive references, implicit reflexivity, on the other hand, is part of the more encompassing metapragmatic function of language, that is, its ability to self-reference (see Silverstein 1993, 2021). Note that language use - in metapragmatic terms - does not only entail the concrete utterance as a material linguistic entity but also the whole context of utterance including involved actors, roles etc.: 10 So discourse as it unfolds over interactional intervals is measured out not necessarily in words and phrases that interest us as grammarians, but by all kinds of segment units drawn from a repertoire of alternative forms that point to specific conditions in the context in which they occur […]. (Silverstein 2023: 11) For instance, deictics such as I and you do not only refer to concrete persons in a concrete situation, but also to their roles in the ongoing communication (cf. Silverstein 2016a: 38). Reflexivity, however, is not limited to forms which are explicitly deictic. As we will see in the next section, metapragmatics assumes 212 Jürgen Spitzmüller <?page no="213"?> that each and every sign reflexively refers to itself in terms of its potential contextualization. It is the implicit ability of reflexiveness, the metapragmatic function of lang‐ uage, which constitutes the core interface for metapragmatics, since it makes language functional, i.e., usable: Since language might give metapragmatic cues if and how it can be used in specific contexts, and since, vice versa, ongoing use disambiguates systemic potentials (for instance by anchoring deictics in the coordinate system of ongoing interaction), we can say that the metapragmatic function connects language use to the language system, and vice versa. Only due to this ability, Silverstein argues, actors are able to construct a co‐ herent interactional context from a set of context-abstract signs, an interactional context in which we can achieve mutual understanding and make sense of what is going on (“interactional coherence”): Without a metapragmatic function simultaneously in play with whatever pragmatic function(s) there may be in discursive interaction, there is no possibility of interacti‐ onal coherence, since there is no framework of structure - here, interactional text structure - in which indexical origins or centerings are relatable one to another as aggregated contributions to some segmentable, accomplishable event(s). In effect, metapragmatic function serves to regiment indexicals into interpretable event(s) of such-and-such type that the use of language in interaction constitutes (consists of). (Silverstein 1993: 36 f.) 3.2 Indexicality As already noted, this close connection to context does not only apply to systemically indexical signs such as deictics, which are referred to by Jakobson ([1955] 1971) as shifters, since their references shift with use. Metapragmatics assumes that, in general, signs provide cues about the context in which they are to be interpreted or how they should be interpreted in specific contexts. These implicit metapragmatic references of signs regarding their use are called indexical references, drawing on Charles Sanders Peirce’s semiotic terminology. As is well known, Peirce (e.g., 1932: 143 f. [= CP 2.247-2.249]) differentiates in his “second trichotomy of signs” indexical semiotic relations, where inter‐ pretants assume causal relations or a material (contiguous) relation between signifier and signified, from iconic relations (with associative relations, for instance similarity) and symbolic relations (which assume a conventional, i.e., socially determined, relationship). In contrast to how it is sometimes described in the literature, Peirce was thereby not suggesting differentiating types of signs (index, icon, and symbol), “The Total Linguistic Fact” 213 <?page no="214"?> but rather ways of interpretation. A concrete sign is not either an index, icon, or symbol, but it can be interpreted indexically, iconically, and symbolically (and possibly also in several or all of these ways at the same time). Smoke for instance, the example often used to explain what an indexical sign is, might simultaneously be interpreted indexically as referring to fire (‘where there’s smoke, there must be fire’), symbolically as conventionalized information that a new pope has just been voted, and iconically due to its shape as representing, for instance, a dove (cf. Silverstein 1976: 27 f.). In the context of metapragmatics, indexicality refers to all references of a sign to the context in which it is used or in which it has been produced - since the sign is in a contiguous or causal relation with this context: Indexicality is just the principle of contextualization of linguistic and other signs-in-use, seen as component of the meaning of the occurring sign-forms. Indexi‐ cality is revealed in the way that, by degrees, linguistic and other signs point the users of these signs to the specific enveloping conditions in which they use them. (Silverstein 2009: 14) Indexical references, therefore, are cues to the social and situational context in which signs are supposed to be interpreted. This does not only include the given material surrounding, but everything that frames the ongoing interpretation. Indexicals provide actors in communication with cues about how they are supposed to interpret not only utterances in the given context, but also the context itself. Thus, they are considered to be a prerequisite for our possibility to understand and make sense of a communicative act in a given situation. Without such hints, linguistic input would be much too ambiguous to be tractable in a concrete situation. Blommaert (2005: 11 f.) succinctly sums it up as follows: Through indexicality, every utterance tells something about the person who utters it […] and about the kind of person we encounter […]. Every utterance also tells us something about the utterance itself. Is it serious or banter? Is this an anecdote, a joke, an order, a request? […] What kind of relationship between the speaker and the hearer is articulated in this utterance […]? And every utterance tells us something about the social context in which it is being produced: is this a formal or an informal occasion? Are things such as social class, gender, ethnicity, or professional status played out in the utterance? […]. Indexical meaning is what anchors language usage firmly into social and cultural patterns. As this quote emphasizes, indexicality enables us to construct hypotheses about the persons with whom we are interacting, about the background of a text, how we can integrate utterances with our knowledge, and so on. This type 214 Jürgen Spitzmüller <?page no="215"?> of hypothesizing is what interactional sociolinguistics terms contextualization, the construction and permanent calibration of a frame of interpretation within which we make sense of communication and the communicated (cf. Gumperz 1992). Indexicality in metapragmatic terms is a multidimensional - or, as Silverstein has it: dialectic - type of relationship. It can point to both directions in the temporal or causal flow of communication. Signs are indexically related, on the one hand, to the context that is already established at a given moment, and they will be considered more or less ‘matching’ to this given context. Silverstein calls this indexical presupposition. On the other hand, and simultaneously, signs feed into emerging further contextualization, either by thickening a given context or by modifying it. This is called indexical entailment (cf. Silverstein 2003: 195 f.). Furthermore, indexicality is also dialectic in a more vertical regard. Signs cannot only be indexical in relation to contexts of use, they can also indexically refer to indexicalities. Silverstein (2003) refers to this as indexical order. If I parody someone, for instance, this can only be understood as a parody if and because the parody indexically refers to a language use which is itself indexically linked with specific types of actors and with specific practices - those I want to mock; and I need to do this in a way which is perceivable as a parody (and not just as a representation). The parody, then, is not just indexically referring to persons or social groups. It is an indexical sign of an indexical sign of a person or group - a meta-indexical. It is easily possible to think of even higher order indexicalities, for instance someone parodying someone who is parodying someone. A case in point which has been object of sociolinguistic analysis is the American comedian Margaret Cho who parodies White Americans who parody Americans of Korean descendant (cf. Chun 2008). According to Silverstein’s concept, this would be fourth-order indexicality. In everyday life, such higher order indexicality plays an important role. It allows us to evaluate language uses and the persons and practices we associate with them in highly subtle ways, namely only by performing those language uses in specific (meta-indexical) ways. And this enables us to take a specific social stance only by using language in a particular way (cf. Spitzmüller 2022). This is also the reason why linguistic variability is such an immensely im‐ portant feature in metapragmatic perspective: It enables us to act, and position ourselves, in society in highly effective (and also very hardly contestable) ways. Variability, consequently, is the key to social identity, since: “The Total Linguistic Fact” 215 <?page no="216"?> […] it’s not so much what one says in the way of contributing to a representation of something; it’s how one says what one says by way of such a contribution that does the work of social coordination. (Silverstein 2023: 6; orig. emph.) We will return to this sociolinguistically central aspect in section-4. 3.3 Enregisterment But first we need to tackle a number of other questions. To begin with: How does such higher-order indexicality, or indexicality in general, emerge in the first place? How do signs achieve their potential to indexically refer to contexts, or meta-indexically to other indexicals? And why are we able to infer that? We encounter and learn to understand indexical relations in social contact, in communicative exchange with others. Since we always encounter and use lang‐ uage in context, language is, as already Bakhtin ([1975] 1981: 293) pointed out, imbued with context relations as we have encountered them. Over the course of our lives, we hence build up expectations and experiences in relation to specific linguistic forms and practices, directly through our own encounters (somewhat bending Russell 1910/ 1911, we could term this knowledge by acquaintance), as well as indirectly through mediation by others, for instance in school or media discourse (knowledge by description). In other words, we retrieve expectations vis-a-vis language and language practices, and the associations we ascribe to them, largely from social interaction. This is how indexicality emerges. As we know from many studies, indexical associations are socially or discur‐ sively more or less distributed. In metapragmatic terms, we say that indexical relations are more or less discursively enregistered - more or less “widely recognized” (Agha 2007a: 235) within a given population (for details on the enregisterment concept, please refer to Agha 2007a, 2024, Spitzmüller 2024a). If a language use is enregistered, a given collective associates similar experi‐ ences and indexical relations with it. This includes assumptions about who is typically using a form of language how, in which sort of situation, and vis-a-vis whom. Such assumptions are often already manifested in vernacular register labels such as educated language, academese, youth language - and arguably also standard language (cf. Agha 2024). Registers thus always entail higher-order indexical relations, and the deeper enregistered a language use is, the more is going on, meta-indexically, in its use (cf. Silverstein 2016a: 38). This becomes apparent in the fact that register acquaintance (i.e., depth of enregisterment) seems to positively correlate with the differentiatedness of register relations: the more we think we know a language use, the more fine-grained are usually our perceptions and categorizations of it (Agha 2007a: 192 f.). 216 Jürgen Spitzmüller <?page no="217"?> 11 The term was used before in the sociolinguistic work of others (e.g., by Fishman et al. 1968: 124, 138, 1036). The enregisterment concept, incidentally, nicely demonstrates how meta‐ pragmatics attempts to dissolve dichotomies and focus on the interfaces instead, as Saussure proposed. Silverstein notes how enregisterment might help to depart from some received rigid dichotomies which also inform variationist sociolinguistics and replace them by a more dialectic view on language: […] I would argue, we can found [sic! ] a more realistic view of linguistic variation than the dominant one in much variationist work; this view, in turn, dissolves the rigid synchrony/ diachrony distinction in the sphere of langue in favor of a rather more dialectical and perhaps explanatory view of language form and function centered on indexicality and enregisterment, language thus to be seen as a structured, semiotically functional envelope of enregisterment moving along in socio-space-time. (Silverstein 2016a: 39; orig. emph.) 3.4 Language Ideologies Enregistered indexical associations and expectations, and the discursive (meta‐ pragmatic) reflection of them, are what constitute the arguably most prominent metapragmatic concept, viz. language ideologies. Even if he rarely used it in his later work, this concept was also molded primarily by Silverstein. The first mentioning in his work 11 can be found in a still seminal paper that was published in 1979. The definition of linguistic ideologies proposed in this paper has often been cited, but since it is regularly quoted only in curtailed form it is appropriate to have a closer look at it here again. An important aspect of the definition is that Silverstein does not limit language ideologies to ‘false’ or ‘problematic’ evaluations of language and language use: I do not address myself only to articulated beliefs that are incorrect or contemptible. I should clarify that ideologies about language, or linguistic ideologies, are any sets of beliefs about language articulated by the users as a rationalization or justification of perceived language structure and use. […] We need have no conceit one way or the other […] that automatically privileges so-called “scientific” description, or automatically condemns native ideological rationalization. (Silverstein 1979: 193; orig. emph.) Language ideologies, according to this proposal, are the bundled values and attitudes towards, or specific perspectives on, language and language use - “The Total Linguistic Fact” 217 <?page no="218"?> or, in metapragmatic terms: sums of articulated indexical meanings - which can be identified in a given (metapragmatic) discourse. Metapragmatics thereby assumes that language, its use, and users are (constant) subject to evaluation and that these evaluations are socially and culturally grounded (that is, enregistered). As can be seen, the underlying notion of ‘ideology’ is a rather broad one: Silverstein subsumes any sets of beliefs concerning “language structure” and “language use” or, for that matter, what users perceive to be “language structure” or “language use”. This includes, as Silverstein clearly points out in this paper, scientific theories about language and language use. Silverstein, incidentally, thereby explicitly draws on the original meaning of the term ideology (or idéologie, for that matter) as coined by Antoine Destutt de Tracy in Éléments d’idéologie ([1801-1815] 1977) to denote a ‘science of ideas’ and the ‘set of ideas that are current in a given society’ (cf. Silverstein 1992). Moreover, the quotation demonstrates, and the paper elaborates on it, that Silverstein is from the outset mainly interested in how language system and language use interrelate. In other words, the theory sets out to build a ‘linguistics at the interface’ very much in the sense of Saussure. Finally, we can see how the notion of language ideologies also centers the second big question of Saussure: How does the object we call ‘language’, the “perceived language structure and use”, emerge from our perspectives? After all, this is exactly what language ideologies are all about. 3.5 The “total linguistic fact” Silverstein goes so far as to hold that a complete understanding of language is not possible without the consideration of language ideologies. The object with which linguistics has to deal - here we have it, finally: The total linguistic fact, the datum for a science of language, is irreducibly dialectic in nature. It is unstable mutual interaction of meaningful sign forms [the structural; J.S.] contextualized to situations of interested human use, mediated by the fact of cultural ideology. (Silverstein 1985: 220) In other words, we should set out to investigate how the language system manifests in language practices, but also vice versa, how language use feeds back into the system, how language ideologies are shaped by the system and by usages, but also how language ideologies conversely mold usages and the system. All of this has been subject to sociolinguistic investigation over the last dec‐ ades, and we have quite some knowledge not only about how social actors orient 218 Jürgen Spitzmüller <?page no="219"?> 12 Among other inspirations, Coseriu thereby draws on the triad system (in later works: schema = an abstract and virtual reality in which the system is located and restricted) - norm (= the actual regulated system) - usage (= the conventional practice within a given community) proposed by Hjelmslev (1935: 88) (as divisions of the langue and interface to parole), whereby Coseriu’s system more or less conforms with Hjelmslev’s norm, his norm with Hjelmslev’s usage (see Joseph 2022: 29 ff. Jensen 2021: 106-110). Speech conforms with parole. Note, however, that Coseriu is rather critical vis-a-vis what he considers a too abstracting take of Hjelmslev’s theory of language (cf. Coseriu [1952] 1975: 14). 13 The closeness to Saussure’s ‘points délicats’ to metapragmatics is striking, but it is hard to say how intentional it is. On the one hand, Saussure does not figure centrally in Silverstein’s work. On the other hand, however, the rather few references to the work of Saussure clearly point beyond the Course, and they display profound knowledge and also enormous respect for “Le Maître” (Silverstein 1992: 322) and his account (e.g., cf. Silverstein 2012, 2016b). towards language ideologies in their use of language, but also how language systems change under the influence of language ideologies. A well-known case in point are processes of standardization, but also other processes which are governed by language-political intervention. On the other hand, we know very little yet about how language ideologies are shaped, vice versa, by language use and the system. We know that language ideologies do not appear from the void and that they do relate to the other two dimensions, but there is still relatively little research on the question how exactly this interrelationship operates (cf. Spitzmüller et al. 2021). What Silverstein calls “the total linguistic fact” is certainly not a completely novel idea. It has some predecessors in linguistic theory, some of which directly inform Silverstein’s account (cf. Spitzmüller 2024b for some details). To mention one which is not explicitly referred to, there are obvious similarities (but also differences) to Eugenio Coseriu’s ([1952] 1975) structuralistically informed triad of system, norm, and speech, where the norm, what speakers of a given community consider to be ‘normal’, can arguably be connected with what metapragmatics calls language ideologies.  12 A crucial difference is that Coseriu does not seem to be centrally interested in the processes and functions of such normative ascriptions, and neither in the interrelatedness of system, norm, and speech, but rather in their embeddedness or the granularities between potentiality, normality, and actuality. More direct predecessors in this regard are Bühler ([1934] 2011) (who heavily informed Jakobson) and Vološinov ([1929] 1986). And of course, there is Saussure who informed all of those in one way or the other. 13 “The Total Linguistic Fact” 219 <?page no="220"?> 4 Language and the social: When language (use) gets vital I have sketched a metapragmatic perspective on the interrelation of the language system, language use, and language ideologies. I have not yet elaborated on how this relates to the third phenomenon I initially promised to integrate, viz. social identities. The following concluding section makes up for this promise and thereby brings in a central question of sociolinguistics: how is the social realm, and the positions actors attempt to take within it, related to language, language use, and language ideologies? We have seen how metapragmatics assumes that the reflexivity of language manifests itself, among other things, in the indexical relationship of forms of language use with context-related projections and expectations. Following this, enregistered uses of language are indexically linked with typified projections of personae and practices (see Spitzmüller 2022 for a modeling of this). Fig. 1: Enregisterment of ‘Viennese’ Source: https: / / www.reddit.com/ r/ Austria/ com‐ ments/ fcwija/ sch\%C3\%B6n_sprechen/ <10/ 11/ 2022> Let me demonstrate this with a concrete example. Figure 1 displays a (no longer available) post from a reddit thread about what Austrians call schön sprechen (lit. ‘talking beautifully’, more accurately ‘talking appropriately’, sometimes 220 Jürgen Spitzmüller <?page no="221"?> 14 This relates to the (widespread) language-ideological concept of gutes Deutsch (‘good German’); cf. Davies/ Langer (2006). 15 See https: / / knowyourmeme.com/ memes/ tuxedo-winnie-the-pooh <27/ 10/ 2024>. 16 There are also purely graphic variations, such as a version displaying different graphic representations of the number <7> (using a crossed <7> as an index for ‘snobbishness’, which is a widespread graphic ideology in the US; cf. Spitzmüller 2012), see https: / / knowyourmeme.com/ photos/ 2284629-tuxedo-winnie-the-pooh-<27/ 10/ 2024>. 17 This resonates with Agha’s (2007a: 197 ff.) discussion of a cartoon from 1920 that displays the dinner party conversation of a seemingly high-class person (‘Mr. Round’) and a lower-class person (‘Mr. Slim’). Agha discusses how the representation, posture and clothing of the two figures indicates to British readers that “Mr. Round speaks RP [Received Pronunciation; J.S.], Mr. Slim very likely does not” (Agha 2007a: 199). 18 On shibboleths as metapragmatic devices, see Busch/ Spitzmüller (2021). also ‘talking posh’). 14 The post provides a version of the Tuxedo Winnie the Pooh (a.k.a. A Fellow Man of Culture) meme which was popular on social media between 2019 and 2022 and always follows the same sort of class (and often sociolinguistic) juxtaposition. 15 It enacts two Viennese expressions for a small washing vessel, Schafferl (a diminutive form stemming from Middle High German schaf ‘wooden vessel/ scoop’ which is rather current in Bavarian dialects, but here with the typically Austrian suffix -erl as opposed to the German Bavarian Schaff[e]l), and Lavoir (a loanword from French which is phonetically assimilated in Vienna as [laˈvu: ɐ̯]). Even without knowing Viennese or even German, it is probably easy to guess where the indexicality respectively points to here. The upper Winnie represents a relaxed ‘working class’ type of person, the lower Winnie a somewhat snobby ‘upper [middle] class’ person. As in many other versions of this meme, linguistic (here: lexical, but often also phrasal 16 ) variants are associated with class membership and the respective habitus. The example demonstrates that it is not only language which brings about indexicalities, but also other semiotic modes such as typography as well as the overall representation of the depicted personae (clothing, facial expression, and posture 17 ). In general, it should be noted that language ideologies are always accompanied by, and embedded in, more general assumptions on how people are supposed to behave and communicate in specific contexts (cf. Spitzmüller 2022). Keeping in mind the multimodal interplay that adds to it, we can see how language and language use are densely linked with the social in the meme - to the point that a ‘minimal pair’ (or shibboleth 18 ) apparently suffices to linguistically establish this link (at least to readers with sufficient register knowledge). This is only possible since, and if, there are language ideologies which provide readers with these indexical associations. “The Total Linguistic Fact” 221 <?page no="222"?> This way, language ideologies firmly couple language (use) with types of users and social practices - and thence with social identity, which is mainly constituted by the type of person one longs to be (perceived as) and with the sort of actions we (want to) perform (see Bucholtz/ Hall 2005). Because, and only because, we evaluate forms of language use and hold ideas about how and by whom they are used, or even shall be used, we can use (or explicitly comment on) linguistic forms in order to align or disalign with these construed social personae and their perceived practices, and thereby express our desired identity. Thus, Woolard (2021: 2) hits the nail on the head when she notes that “between language and social structure, there is language ideology”. Yet if socially enregistered language uses are indexically linked with projec‐ tions of the social, the consequence is that language and the social cannot be separated in social life. For instance, if language, language use, or linguistic developments are being criticized, this means that, due to the fundamental indexicality of language, such critique also always evaluates social projections (that is, construals of ‘society’ or parts of it) - as we currently might observe in the heated debate on ‘gendered language’. In other words, while language ideologies have language or language use as their object of reference, they always evaluate more than language or language use in the narrow sense since Language ideologies are not only about language. They forge links between language and other social phenomena, from identities (ethnic, gender, racial, national, local, age-graded, subcultural), through conceptions of personhood, proper human com‐ portment, intelligence, aesthetics, and morality, to notions such as truth, universality, authenticity […]. Even when representations are cast as strictly linguistic, for example, in formal grammars or classifications of language families, they implicate social relations. (Woolard 2021: 2) To be sure, this is no news. But still, for a long time, most linguists preferred to respond to any critique on language change or use by pointing out that critics missed their point as they kicked the dog and meant the master (and many still do). Yet from a metapragmatic point of view, it is this sort of response which misses the point because ‘dog’ and ‘master’ are simply not separable when it comes to language in social life (for an in-depth elaboration of this argument, cf. Cameron 1995). Indexical links are an essential part of enregistered language use, they enable us to mark social positions to which we orient ourselves in one way or the other, not only via explicit metapragmatics, as this is usually the case with metapragmatic critique, but also implicitly by means of specific linguistic performances (again, cf. Bucholtz/ Hall 2005). 222 Jürgen Spitzmüller <?page no="223"?> Thus, although this also clearly has many problematic aspects to it (especially if discrimination and othering is involved in the practices), we can say from a metapragmatic perspective that reflexivity, indexicality, and hence language ideologies are, as I prefer to put it, the glue that holds together language, language use, and the social. Metapragmatics sets out to understand how this gluing works and which social effects it entails. In a sense, it therewith follows Saussure’s ([2002] 2006: 8) plea to center in linguistics “the discussion of valid points of view, without which there is no object”. References Agha, Asif (2007a). Language and social relations. Cambridge: Cambridge University Press. Agha, Asif (2007b). The object called “language” and the subject of linguistics. Journal of English Linguistics 35: 3, 217-235. Agha, Asif (2024). Enregisterment. In: Oxford research encyclopedia of linguistics (7/ 3/ 2024). Oxford: Oxford University Press. DOI: 10.1093/ acre‐ fore/ 9780199384655.013.1023. Augustine (1995). The teacher [De magistro]. In: Augustine. Against the academicians and the teacher. Ed., trans.,-and annot.-by Peter King. Indianapolis/ Cambridge, MA: Hackett, 94-146 [orig. 389/ 90]. Bakhtin, Mikhail M. (1981). Discourse in the novel. In: Bakhtin, Mikhail M. The dialogic imagination: Four essays. 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The communicative force of enregisterments resides in their portability, and as a language tool contingent on the producer’s and receiver’s shared culture, they can be efficient in injecting a semantic load into written discourse, even into a unit as small as the variant ⟨i⟩. First we analyse ⟨i⟩ in offline and online environments, then present findings from a UK study (N = 175), a mixed-methods questionnaire revealing participants’ socio-cultural and ideological attitudes toward the lowercase 1SG. Finally, we examine a case study of Shielding in social media. 1 Background While lexical, emoji-based, and emphatic typographic forms (e.g., ALLCAPS) have received recent attention, graphemic attenuation, such as the deliberate use of lowercase, remains critically underexplored. This study addresses that gap. A non-standard minuscule is a letter written in minuscule form when a majuscule is conventionally expected. This can be illustrated by the following examples: <?page no="230"?> 1 While the phenomenon requires us to distinguish between online and offline envi‐ ronments of production, we do not adhere to a strict separation and agree with Jurgenson’s (2011) position that ‘digital dualism’ is ultimately untenable because the digital and physical are increasingly enmeshed, at least as far as social communication is concerned. Loewen-Colón (2022, abs.) notes, “Digital dualism is a problem because it mischaracterizes how we experience the spatial and temporal connections to our body in digital-virtual worlds and contributes to a false sense of subjective singularity rather than multiplicity that destabilizes how we relate to ourselves and others.” This is relevant to the situated analysis of non-standard minuscules online, where context-based implementation offers a framework for understanding how meaning is generated. Nonetheless, this entanglement does not erase the fact that offline institutional conventions continue to shape ideologies that transfer to digital settings. i. Sentence initial: this sentence ‘ought’ to begin with a capital ‘T’. ii. 1SG: My train’s at four but i haven’t finished. iii. Proper noun: Some people are even beginning to regret the office of george w bush. iv. German nouns: schrödingers katze geht es gut, ich habe ihr geräucherten lachs zum abendessen gegeben. Unlike standard orthography in German, which capitalizes all nouns, standard orthography in English only capitalizes proper names, for example, the Thames, Switzerland, and Kermit the Frog. The exception to this rule is the capitalisation of one pronoun in particular: the first-person subject singular ⟨I⟩. The written object ⟨I⟩, hereafter 1SG, exists in two environments, offline and online. 1 In the offline world, it is still commonly rendered as a majuscule, and the use of the minuscule form to represent the 1SG is considered an aberration in institutional settings that perceive it to be a violation of English standard orthographic norms. In teaching evaluations in the UK, for example, a student’s use of the minuscule 1SG in a test or in an essay continues to be graded as an error on a par with grammatical incorrectness, such is the power of the institutional public domain which as Bourdieu (1977: 665) said “imposes the legitimate forms of discourse and the idea that a discourse should be recognized if and only if it conforms to the legitimate norms”. Only a few examples of an offline success of ⟨i⟩ exist, and they are invariably stylistic, such as all lowercase, used in artistic or advertising domains. The modernist American poet EE Cummings used lowercase stylistically in much of his poetry, and bell hooks used lowercase for her name in order to detract attention from herself and place the focus on her art. However, despite the success of non-standard lowercase online it is rarely seen offline. 230 Sophia Burnett <?page no="231"?> Social media brought with it certain Lacanian anxieties about the manner one’s written word would go out into the world and be received (Levi 2021: 34). When a person writes something online and hits ‘enter’, they have little agency as to how those words will be read and interpreted by other individuals, who are often strangers, and who cannot rely on personal knowledge of the author in order to justly render the communication. It is in this context that graphic forms come to the fore. Graphic forms and place contextualize each other, and they co-contextualize the landscape. They only do so, however, because there is a reader with a specific graphic, local and historiographical ‘knowledge’, a reader who assigns social value, personae and practices both to forms and to locations and thereby aligns the forms with the location (Spitzmüller 2015: -137). The landscape of the non-standard 1SG is that of online communication which is highly social in nature. Non-standard written communication in social media encompasses linguistic variations that diverge from grammar, orthography, and syntax norms, the earliest examples of which are the textspeak and netspeak of the first mobile phones and internet platforms. A definition of early online language by Crystal (2006), as relayed in Squires (2010: 463) reads: “a type of language displaying features that are unique to the Internet, and encountered in all of the above [internet-based] situations, arising out of its character as a medium which is electronic, global and interactive.” Such language includes abbreviations (e.g., u for you), phonetic spellings (e.g., tho for though), emojis, and internet slang (e.g., lol, brb). Lee/ Barton (2013) propose that phonetic adaptations in digital communication function as ‘keyboard speech’ enabling users to replicate the features of spoken language in written form. In online settings, the logistic constraints and socially embedded nature of digital writing give rise to patterns that are informed by everyday speech (Crystal 2011). The original causes for the emergence of variant orthographies and graphemics are multiple and can be layered: the rapid, informal nature of online discourse, platform constraints, e.g., character limits, and the need for expressive, efficient communication (see Androutsopoulos 2011). Yet, as Ilbury (2020: 247) argues, such variation cannot be fully explained by structural constraints alone: Contemporary sociolinguistic CMC research, however, has moved beyond this de‐ terminist agenda, instead seeking to understand the diversity of ways in which users appropriate the multimodal affordances of platforms for specific interactional purposes (Georgakopoulou & Spilioti 2016). Contemporary linguistics recognizes that writing not only encodes lexical and syntactic information but also indexes phonological and prosodic features, Non-standard typography as performative protection 231 <?page no="232"?> which readers decode to infer tone of voice and affective stance. This is especially salient in digital discourse, where non-standard typography such as varied capitalization, spacing, elongation of vowels, or deliberate spelling deviations, function as graphemic markers that parallel spoken prosody (see McCulloch 2019, Heath 2018; 2021, de Lacerda Pataca 2023, Burnett 2022; 2024). Consequently, phonological considerations are not only relevant but essential to explicating how written texts perform prosodic and indexical functions, enab‐ ling readers to navigate multimodal meaning-making in contemporary digital communication. The literature on online graphemic variation has been covered extensively in McCulloch’s (2019) book Because Internet, which includes a chapter on ‘typographical tone of voice’, covering various phenomena from ‘all caps=shouting’ to the ‘sincerity exclamation point’. Simply put in the words of Lim (2022: 122) “Typography conveys information through letters”. De Lacerda Pataca (2023) in their dissertation suggests that conventional typography strips away prosodic cues essential to spoken language: intonation, emphasis, and rhythm; supporting this paper’s suggestion that online graphemic variation is user-based, sensory-driven, and implemented. Vokhidova (2024) examines how orthophonic and graphic modifications in online texts reflect broader sociolinguistic shifts driven by multimedia, brevity, and digital interactivity. Finally, as Han/ McCarthy (2025) point out, a substantial body of research has examined how text can express emotion, highlighting the capacity of typographic features to communicate affective content. Usage of all-lowercase letters is not new. As McCulloch (2019: 142) notes, people were using all lowercase from the advent of the internet, most likely promoted by mobile phone hardware which had physical keyboards, making the composition of long words and phrases arduous. However, unlike McCulloch (ibid) and Heath (2021: 76) I am not concerned with the blanket use of lowercase, as it doesn’t convey much at all, but in the implemented use of the non-standard pronoun which, because it serves as an addition rather than as a replacement, comes as a boon to the writer’s inventory in a world of social media, which saw the first-person subject singular used at a frequency like never before. Aside from simple representation of an individual (e.g., 1SG + be/ have, etc.), this frequency of use is partly explained by Myers (2013), who found that stance-taking has become a key discursive act in online interaction, often mobilizing cognitive verbs (e.g., I believe, I think, I know), and stance adverbs (e.g., really, actually). In English argument construction, cognitive verbs require the first-person singular subject. It is surely this colossal increase in the written production of the 1SG that acts as the primary pressure on its status change, 232 Sophia Burnett <?page no="233"?> 2 With the exception of persons with conditions such as aphasia. which is in line with what usage-based linguist Bybee (2006) tells us; the more frequent a word, the more prone it becomes to reduction. Sebba (2009), argued that writing systems can be approached as forms of social practice grounded in language science, focusing on their structural and functional particularities rather than framing emerging orthographies as linguistic curiosities. The case of the lowercase 1SG is exceptional because it impacts a pronoun. It can behave as an allomorph, which is a variant form of a morpheme. It changes the sound and form without changing the fundamental meaning. The claim herein is that the functional layer of ⟨i⟩ remains the same as its majuscule parent ⟨I⟩, however there is attenuative information inscribed in the lexical layer. It is within this layer that suprasegmental and indexical information can be encoded. This aligns with Neef (2012: 10), who refers to a set of possible spellings as “the ‘graphematic solution space’ for a given phonological representation.” Androutsopoulos (2023: 141), in his analysis of the German online ‘indignation mark’, which “investigates the nested relationship between graphic cues, voice, and positioning in online digital discourse”, argues that graphic cues are continually evolving in public digital discourse, and shows how participants in online public discussions use graphic cues such as punctuation to animate voices, that is, to signal ways of speaking that index identifiable social positions and ideologies. One of the mechanisms for both the encoding and the decoding of the aural implicature nested in this layer relies on a multimodal form of endophasia or inner speech. This is the ‘voice inside the head’ that many people use for silent reading. 2 . There are two main schools of thought on endophasia: those who say that it is abstract and amodal, and others who say that it is concrete and as such is also governed by sensory-motor aspects of human physiology which can afford it multimodality. In many studies of language and cognition, an Abstraction view is taken in which inner language involves symbolic and abstract representations, divorced from bodily experience. Alternative approaches, such as the Motor Simulation view, posit that inner language is concrete and embodied, involving physical processes that unfold over time 1 . These two views reflect different positions about internal processes, the first related to classical theories of mental architecture (Fodor & Pylyshyn, 1988; Newell & Simon, 1972) and the second, to the embodied cognition framework (Barsalou, 1999; Gallese & Lakoff, 2005; Pulvermüller & Fadiga, 2010). (Lœvenbruck et al. 2018: -3). Non-standard typography as performative protection 233 <?page no="234"?> These abstracted and cognitive forms are not always in opposition, and a recent interdisciplinary stance is to accept that there are different levels of internal language. One is a more abstract amodal level with its condensing effect that allows us, for example to ‘silently’ read tongue twisters at an increased speed as it does not require overt articulation nor even breathing; it would be impossible for fully externalised enunciation to match this speed. The other, more modal level allowed Sato et al. (2004: 1143-1151) to have their participants think of a friend’s voice and, in doing so, access a level of sensorial introspection such that they were able to enact verbal transformations of repeated pseudo words, one example being the repetition of / psə/ that participants were able to resegment into / səp/ . In the case of typographical tone of voice, including ⟨i⟩, it would seem logical that it is the modal form of endophasia that allows the silent reader to create a voice in their head based on graphic cues, then to enrich that aural construction with fine-tuned prosodic qualities taken from personal encounters with vocal enactments stored in long-term and short-term memory. It is suggested that social media users implement graphemic change to the 1SG to encode attenuation, a proposition that is supported by similar inquiry into the opposite phenomenon of all caps: In an attempt to make writing more speech-like, writers may be drawing on readers’ prosodic competence by writing in a visually stylistic way that triggers knowledge of the most contextually appropriate prosodic realization of an utterance […] It is unsurprising that an orthographic convention for marking prosody has emerged (Baym 2015, Crystal 2011, Werry 1996, Zappavigna 2012, Ferrara et al. 1991) (Heath 2018: -11). Hence, I predict that the minuscule 1SG will never completely usurp the majuscule standard form, as it merely represents a social facet of the pronoun that was not represented before. I have implied the phonology, the ‘sound’ of the sign ⟨i⟩ as being attenuative based on various assumptions. First and foremost, from an iconic standpoint, smaller is less, larger is more, lower is quiet, higher is loud. This principle is used brilliantly by orchestra conductors, for example. Furthermore, as Jaffe (2016: 86) notes, the Peircean legacy regards icons as being more ‘fused’ with their objects than indices, because they have a more formal, ‘natural’ resemblance, and goes on to state: Much sociolinguistic work on the essence of indexicalization has focused on the way in which indexical associations come to be conventional, potentially so conventional as to undergo iconisation as ‘styles’ (Coupland 2007), ‘persona styles’ (Coupland 2002 [sic: 2001], Eckert 2008: 456) or ‘registers’ (Agha 2007). Iconization (or rhematization), as Gal and Irvine (2000) have emphasised functions ideologically to naturalise 234 Sophia Burnett <?page no="235"?> connections between language and the social world that are in fact social and political creations. ( Jaffe 2016: -87) To test the robustness of the ⟨i⟩ index within the ⟨i⟩ icon we can consider if the attenuative layer of the non-standard 1SG remains true to scale. Fig. 1: AI generated image of a house-sized i If we built a minuscule letter ⟨i⟩ to the size of a house, it would still represent something smaller than ⟨I⟩. It is indeed a differently encoded graphemic form to that of ⟨I⟩. The other working assumption defining the aural implicature is formed by tracking the origins of lowercase use to younger populations (McCulloch ibid) and then implying the stance that is afforded by the ⟨i⟩ in its opposition to the standard ⟨I⟩. As stated earlier, the uppercase I is guarded and reinforced within offline conservative structures, as the only legitimate form of the word. For young Anglo-Saxons, this conservatism brings with it a diphthongal rendition of received pronunciation passed down to them through generations: Britishness, the BBC, Home County middle-class, or middle-class aspirations. On the other hand, American GIs came to Europe with their cigarettes, Brylcreem, and Non-standard typography as performative protection 235 <?page no="236"?> standard issue leather bomber jackets, leading to generations of teenagers and young adults looking across the Atlantic for signs of ‘cool’; and as American English is naturally more inclined towards the monophthong, this sociocultural dichotomy would be more strongly marked for young Americans themselves. I suggest that ⟨i⟩ represents something closer to a monophthongal production in its differentiation to the diphthongal standard ⟨I⟩ (Burnett 2024). Given what we have seen above regarding the pressures of frequency on morphology, this is not a wild proposition. Furthermore, I posit that ⟨i⟩ likely began as a sign encoding a nonchalant voice and stance. From an articulatory perspective, endophasic production of the monophthongal form allows the elicitation of morphosyntactic pairings that are slightly easier than with the standard diph‐ thongal form, and this muscle memory of externalised production may play a role in endophasic reconstruction. The monophthongal ⟨i⟩ enables articulatory advantage in comparison to the diphthongal ⟨I⟩, both on the target word and ensuing words, e.g., I hope (glottal fricative), I remember (post-alveolar rhotic), I love (labiodental). It has also had the advantage of being a context-dependent marked visual pronoun, affording great indexical properties to young people online, properties that are immediately identifiable and indicate specifics of a person’s stance in real life. As with many linguistic phenomena of variation, these attributes are observed and are gradually adopted by other communities. Individuals may not necessarily want to appear young or nonchalant online, but they may want to mimic the attenuative attributes and apply them to the public representation of their Self in graphic form, or for use in the implementation of other adjacent stances. We’ll examine this more closely in section three, with the study of a discursive self-defence mechanism named Shielding. Beyond these two working assumptions of aural implicature encoded in the lexical layer of the non-standard 1SG, for an index to function so efficiently that it becomes enregistered, the supplementary sociocultural information encoded in the sign must be recognizable to a majority, otherwise it becomes quite a different discursive phenomenon such as a shibboleth, or a dog whistle. 2 Study In 2023, 175 participants completed a written questionnaire (Table 1). It was administered in person to 83 middle school students from Manchester, UK, aged 11-12, and simultaneously distributed online to reach further demographics. All participants were agnostic to the study’s premise. Respondents fell into five age brackets: under 18, 18-30, 30-50, 50-70, and 70+, primarily from 236 Sophia Burnett <?page no="237"?> 3 Age brackets were self-assigned from predefined categories to encourage honest repor‐ ting and reduce social desirability bias. Categorical demographic questions are known to improve response accuracy in online surveys by lowering perceived sensitivity and privacy concerns (see Tourangeau/ Yan 2007). 4 The uneven gender distribution limited meaningful gender-based comparisons. Future research should explore potential gender effects more comprehensively. the UK, with additional responses from Australia, the USA, and Canada. 3 The questionnaire was comprised of a written stimulus (a forged utterance containing ⟨i⟩), and 6 questions about their attitude towards the usage of ⟨i⟩. There were an additional three demographic questions about participant age, sex, and geographic location. Gender data showed that the survey was taken by 111 female and 54 male participants, the remainder preferring not to say. 4 The full data (responses) are available via the link provided in the appendix. You really think i don’t know where Luxembourg is? 1. Read the sentence. What’s your first reaction (if any). Write your answer in a few words. 2. Does the lower-case i bother you? Yes/ No 3. What do you think it means? 4. Do you use the lowercase I on socials? Yes/ No/ Sometimes 5. Do you use the lowercase I in private messaging? Yes/ No/ Sometimes 6. Would you use the lower case I in a wedding invitation? 7. What is your age? 70+ / 50-70 / 30-50 / 18-30 / <18 8. What is your gender? Female/ Male / Other / Prefer not to say. 9. Which city do you live in? Tab. 1: Offline and online questionnaire questions Participants were asked to respond spontaneously. The stimuli sentence was forged to mimic a private text exchange. Question 1 explored any initial participant focus on non-standard orthography. Questions 2, 4, and 5 aimed to capture precise data on perception and practice across age groups. Question 3 encouraged participants to interpret the meaning of the variant, or lack thereof. Open Question 6 tested perceptions of formality and transgression, with qualitative responses later weighted and categorized into no, maybe, and Non-standard typography as performative protection 237 <?page no="238"?> yes. Questions 7, 8, and 9 were closed questions for categorical/ independent demographic variables. There was an interesting response from an <18 female participant (see data line 64 in annex), to Question 1: Read the sentence. What’s your first reaction (if any). Write your answer in a few words.: “i was wondering if it was a line from a movie”. This participant also stated that they did not have an issue with the lowercase form, and that they used it both on social media and in private messaging. However, they responded that they would not include it in a wedding invitation. This reflective and form-aware respondent with sensitivity to contextually appropriate usage of ⟨i⟩ nonetheless overlooked the form in the forged sentence. It is possible that the study’s context and the phrasing of the prompt did not trigger pragmatic vigilance in this participant, leading them to (a) overlook the relevance of the form to the question and use the nonstandard 1SG as they usually do, or (b) adopt the form themselves, perhaps in accommodation. Question 2 revealed a nearly even split in responses. Fig. 2: Does the lowercase I bother you? and What is your age? However, when analysed by age group as seen in Figure 2, clear differences emerged: younger respondents recognize that using the lowercase 1SG offline 238 Sophia Burnett <?page no="239"?> is considered ‘wrong’, but it doesn’t bother them, while some older participants find it highly objectionable. Fig. 3: Do you use lowercase I in private messaging? For question 5 (see Figure 3), the 50-70 age group avoids using the lowercase 1SG in private messaging, viewing it as inherently wrong, even in informal contexts. In contrast, the 18-30 group (digital natives), are more flexible, using it occasionally. This suggests that younger people recognize the pragmatic role of variant forms in communication, while older generations may need to adapt to similar social functions through different means. Question 4 yields significant insights, as we can see in Figure 4. Fig. 4: Do you use the lowercase ‘i’ on social media? Non-standard typography as performative protection 239 <?page no="240"?> The data reveals a clear trend across age groups, with older participants less likely to use the lowercase pronoun. However, when analysed statistically, the generational divide becomes less distinct, particularly in the ‘sometimes’ category, which reflects usage based on context rather than age. This suggests that internet users, regardless of age, are aware that the lowercase ⟨i⟩ conveys something different than the uppercase ⟨I⟩. The key question is, what meaning do they attribute to it? Fig. 5: Would you use the lowercase I in a wedding invitation? The results shown in Figure 5 indicate that across all age groups, using a lowercase 1SG in a wedding invitation is generally seen as transgressive and contextually inappropriate. The under-18 group is slightly more open to gra‐ phemic variation in such a context, but this demographic mainly consists of 11 and 12-year-olds. Most responses were straightforward ‘yes’ or ‘no’, with a few more emphatic rejections, including ‘never’, ‘hell no’, and ‘definitely not’. Some participants, particularly those who answered ‘no’, offered additional reasoning, often citing the informality of the lowercase 1SG. Interestingly, eight out of eleven who elaborated were under 18, suggesting that this generation could also be developing new pronominal norms in English. The older participants may 240 Sophia Burnett <?page no="241"?> have dismissed the idea outright due to the formal nature of wedding invitations, as seen in some written responses. Fig. 6: Crossed responses to Does the lowercase I bother you? and Do you use the lower case I on socials? Perhaps the most eloquent proof of intentional deployment of the non-standard form in these results is proffered by those who have replied ‘yes’ to survey question Does the lower-case I bother you? and the intersections of ‘yes’ or ‘so‐ metimes’ to survey question 4: Do you use the lowercase I on socials? or 5: Do you use the lowercase I in private messaging? As shown in Figure 6, this concerned 20 of the respondents (11.49%). The overlap reveals that these are not void intersections, indeed there are participants who state that they do not like the variant and yet they use it themselves. Despite their dislike for it, these individuals recognize in the minuscule form some extra functional property. While there seems to be a rift in perception depending on age and sex with usage being younger, statistical analysis suggests that while there is decreased probability of using/ liking the ⟨i⟩ with age, it is not as salient as the count data seems, and there is usage on social media and private messaging from all ages < 70+. In the answers to the open question 3: What do you think it Non-standard typography as performative protection 241 <?page no="242"?> 5 ‘Unintentional’ is barely pejorative, however it has been preserved in this list for the benefit of the exercise. means? One participant (F18-30) states: “A grammatical choice usually, but in this instance I also think it indicates less confidence in the situation.” Another (F18-30) states: “It’s to seem less formal and more sincere or sometimes ‘softer’ (I’m not sure if I’m describing it properly)”. 30+ respondents saw the association/ amalgamation of the non-standard 1SG with a violation of a certain standard and ideology, through laziness, carelessness, or ignorance. In the semantic field per age bracket, the younger participants talk of ‘informality’, whereas the 30+ participants talk of ‘lazi‐ ness’, ‘lack of attention to detail’, or ‘poor grammar’. In conclusion, there is certainly a formal/ informal dichotomy, however it is far from being the only semantic inference. ‘Laziness’, ‘carelessness’, ‘ignorance’, and ‘unintentional’, were given as qualifiers of those employing the lower-case form. Such character traits would not be sought-after representations for most adults, so why is it that some 30+ are using the ⟨i⟩ in certain contexts? Such descriptions are part of the timeless generational criticisms of adults about youths. To understand why older people would then implement it in some social contexts, I suggest we consider the semantic fields. When we look at the words used, it’s easy to find ameliorative synonyms for the same character attributes. Pejorative qualifications of ⟨i⟩ use Proposed ameliorative synonyms Laziness Relaxed Ignorant Naive Careless Unfettered 5 Unintentional Spontaneous Tab. 2: Pejorative terms from this study’s questionnaire responses used to describe lowercase 1SG use (left), and my proposition of ameliorative counterparts (right) This ameliorative synonymy is certainly how children and younger adults view the form. In light of this, someone might also want to use ⟨i⟩ in social media simply because the other option has now become ⟨I⟩. 242 Sophia Burnett <?page no="243"?> Participant pejorative qualification Proposed ameliorative Proposed antonymic increase in semantic potency of the 1SG post-‘mitosis’ Lazy Relaxed Uptight Ignorant Naive Overwrought Careless Unfettered Deceptive Unintentional Spontaneous Premeditated Tab. 3: Increased potency in semantic contrasts of the new ⟨I⟩ majuscule (right-hand column) Indeed, when the 1SG ‘mitosis’ occurred with the advent of social media, another phenomenon will have logically occurred simultaneously. Fig. 7: Asymmetric ‘mitosis’ of the 1SG When the ⟨i⟩ ‘split’ from the ⟨I⟩ it produced as we have seen, an attenuated form. However, the potency from that event, instead of disappearing, attached to a new version of the standard form (see Figure 7). This new version looks the same, but in its synchronic opposition to the new minuscule, it is a stronger version of its former self: All the qualities of the original diphthong are compounded in juxtaposition, including the ideology of institutional standardisation, which would explain why for some online social actors, it now stands too proud. Non-standard typography as performative protection 243 <?page no="244"?> 6 In My Humble Opinion. 3 Enregisterment What does this imply in terms of social function? In terms of stance? Given that this ‘attenuation’ is inscribed in the lexical layer of a pronominal allomorph, we can associate its properties to the person referent. Using only metalinguistics, the online actor can double self-representation. They now have the non-stan‐ dard 1SG which offers a psychosocial stance of lessened Ego. This publicly announced attenuated self is particularly useful on social media platforms and forums, in which the standard majuscule form may too easily be interpreted as an overly confident posture by readers, especially those who are aware that other forms of the personal pronoun are in circulation. Fig. 8: A ‘tweet’ from 2022 The ‘tweet’ in Figure 8 shows a particular form of social positioning; a self-de‐ fence usage that capitalizes on enregisterments borne of indexicalities. The prag‐ matic situation is one of sharing information or personal opinion on a thorny topic, for example the context of this message on the platform X, previously named Twitter. This is a usage I call Shielding. The author’s goal is to avoid being ‘shot down’ for saying (writing) something. In some contexts, it could substitute the tone indicator IMHO 6 . It is quiet, atonic and underarticulated. A reader sees someone who is at ease with their social situation and not looking for conflictual intercourse. Shielding is effective as a stance because it imports swathes of socially recognizable enactments directly into the lexical layer of the allomorph. To quote Silverstein (2004: 196) “people sometimes use explicit primary performative constructions to denote conventional ‘moves’ constituted by language-in-use, that is, to parse language-in-use as chunks of interactional text; this constitutes a kind of full-tilt metapragmatic discourse.” The beauty of enregisterments is their portability: As a language function contingent almost 244 Sophia Burnett <?page no="245"?> solely on the producer’s and receiver’s shared culture, they can be extremely efficient at injecting a semantic load into a small place, allowing the author to render explicit their stance in the blink of a reader’s eye. Successful Shielding needs to borrow the aural implicature from the original youth speak; but how do digital media users know what sound that is? Burnett (2024) sugests they are able to identify the sound because vocal characterizations are being inscribed and sociophonetically enregistered in the lexical layer of ⟨i⟩ using personae, or essentialized personifications, especially those from dominant US culture. As enregistered styles, linguistic features become associated with socially recogni‐ zable personae, or “characterological figures” (Agha, 2003: 243)—defined as essen‐ tialized personifications of the imagined typical user, linked with non‐linguistic attributes, such as social class, conduct, and other mental and aesthetic qualities. Ilbury (2020: -249) Enregisterment is characterized by Agha (ibid) as a social process whereby diverse behavioural signs (whether linguistic, non-linguistic, or both) are func‐ tionally re-analysed as cultural models of action, as behaviours capable of indexing stereotypic characteristics of incumbents of certain interactional roles, and of relations among them. Silverstein’s (2003) levels of indexicality progress in a hierarchical manner: any nth + 1-order index relies on an nth-order index, indicating that indices emerge through a dialectical relationship with other indices. A useful description of the path from indexicality to enregisterment is recalled by Squires (2010: 459). In examining ‘Pittsburghese’, Johnstone and colleagues (2006) show that certain features, such as / aw/ monophthongization, are sociodemographically correlated with speakers in Southwestern Pennsylvania, which establishes a first-order (nth-order) index of linguistic form to social property. When those regionally distributed features become noticed and metapragmatically linked to regional speech, a second-order (nth + 1-order) index is established. When they are objectified and metadiscursively linked to stereotypic personae, a third-order (nth + 1 + 1-order) index is established, and the features are enregistered as belonging to a variety folk-named “Pittsburghese. 4 Case study Elizabeth Bruenig, opinion writer for the New York Times and public figure, used the standard form of the 1SG in their publications on Twitter/ X, before they received increasingly noxious communications, particularly from users identifying as male, out of political and misogynistic motives. This began Non-standard typography as performative protection 245 <?page no="246"?> 7 4chan is an English-language image-based user anonymous website, known for its controversial content and poor moderation. See Wendling (2018) Alt-right: From 4chan to the White House. 8 https: / / tinyurl.com/ 2pccvz7v (accessed 04/ 06/ 2025) sometime in 2020 and peaked in February 2021 after the journalist posted photos of themselves breastfeeding. 4chan  7 members inundated the site with sexist memes and abusive comments. Following this event, Bruenig began to employ the lowercase ⟨i⟩, culminating in it being the only 1SG form that the journalist employed on Twitter/ X. This observation could be a false correlation; their use of ⟨i⟩ could correspond to an aesthetic trend: it’s true the general uptake of minuscule forms has appeared since 2013 (McCulloch 2019: 149). However, I suggest that aesthetics is not the primary cause, and that Bruenig’s use of the lowercase is an epitomic example of Shielding; using the enregistered prosody and iconicity to impress a non-conflictual tone and stance upon the reader. Fig. 9: Tweet by journalist Bruenig in 2020 Bruenig’s usage of the lowercase pronoun here can be interpreted as an indexical resource that signals metapragmatic stance mitigation somewhat comparable to Ochs’ (1996) epistemic stance taking, in which a locutor or author expresses degrees of certainty, belief, or knowledge pertaining to self or to others. In this context, the minuscule ⟨i⟩ conveys reduced self-assertion in order to complete their intercourse in a potentially hostile discursive environment: ‘It is my job to share opinions, but I’m not seeking conflict’. When Roe v. Wade was overturned, Bruenig left X as their pro-life opinions attracted much ire. Interestingly, the journalist returned to the platform briefly in 2023, employing the standard form. 8 246 Sophia Burnett <?page no="247"?> Fig. 10: Tweet by journalist Bruenig in 2023 5 Conclusion In conclusion, it is suggested that the widely recognised index of the young online actor is the (nth) index. The lexical layer of the novel allomorph ⟨i⟩ is inscribed with an attenuated, nonchalant voice (nth+1). Finally, when that layer of idiosyncrasy is objectified and metadiscursively linked to stereotypic personae, a portable third-order (nth + 1 + 1 order) index is recognized, and its features are enregistered as belonging within a semantic field of nonchalance, even if the speaker, or in this case the writer, does not belong to the social group of the original nth+1 index. References Agha, Asif (2003). The social life of cultural value. Language & communication 23(3/ 4), 231-273. Agha, Asif (2007). Recombinant selves in mass mediated spacetime. Language & Com‐ munication 27(3), 320-335. Androutsopoulos, Jannis (2023). Punctuating the other: Graphic cues, voice, and positi‐ oning in digital discourse. Language & Communication 88, 141-152. Androutsopoulos, Jannis (2011). Language change and digital media: A review of conceptions and evidence. 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Mithilfe des Analyseinstruments des mo‐ bile chronotope kann gezeigt werden, wie Sprecher: innen die diskursive Identitätsarbeit in der Smartphone-Kommunikation navigieren und dabei zwischen diversen sozialen Kontexten wechseln. Der Beitrag bietet damit einen Einblick in die Aushandlung sprachlicher Identitäten im medienver‐ mittelten Alltag und geht auf Möglichkeiten der Identitätsgestaltung in der digitalen Kommunikation ein. 1 Einleitung Die soziolinguistische Forschung zum Einfluss individueller Mobilität auf den Sprachgebrauch richtet ihren Fokus vorrangig auf Sprachrepertoi‐ res in superdiversen und translokalen Kontexten (vgl. Blommaert/ Ramp‐ ton 2011, Hall/ Nilep 2015). Mobilitäten, die sich hingegen auf kleinere geographische Radien beschränken, sowie ihr Einfluss auf das sprachli‐ che Repertoire sind bislang auf ein geringeres Forschungsinteresse ge‐ <?page no="252"?> stossen. Dabei resultiert die Mobilität von Sprecher: innen grundsätzlich in einer Änderung des kommunikativen Kontextes: Ein Ortswechsel kann sich beispielsweise auf die sozial erwartete Sprachwahl sowie auf die Beteiligungsstruktur der Kommunikationssituation und damit verbun‐ dene Stile oder Register auswirken. So beschreiben Blommaert/ Backus (2013: 28) das individuelle Sprachrepertoire als Abbild von Mobilitätsprozessen: „Repertoires in a superdiverse world are records of mobility: of movement of people, language resources, social arenas, technologies of learning and learning environments.“ Vor diesem Hintergrund stellt die Studie die Sprachrepertoires zweier Spre‐ cherinnen in Bezug auf ihre Mobilität - den Wegzug aus dem Heimatort und den Gang an die Universität - in den Fokus. Anhand zweier Datensets aus dem Ber‐ ner SNF-Forschungsprojekt Texting in Time (100015_215094) wird untersucht, wie die Probandinnen in der polyinteraktionalen Smartphone-Kommunikation sprachlich variieren, um in der digitalen Identitätsarbeit auf ihre individuelle Sprach- und Mobilitätsbiographie zu verweisen. Die bisherige Forschung zur translokalen Smartphone-Kommunikation hebt in diesem Zusammenhang die Relevanz von Zeit und Raum als kontextsensitive Ressource zur Identitätsge‐ staltung hervor. Die Arbeiten von Lyons/ Tagg (2019), Karimzad/ Catedral (2018) und Busch (2024) zeigen, wie Nutzer: innen von Smartphones in ihrer Kommu‐ nikation zeit-räumliche Konfigurationen in Form von „mobile chronotopes“ (Lyons/ Tagg 2019) aufrufen und als identitätsgestaltende Kontextualisierungen ihrer Herkunft verwenden. Die Positionierung in einem Hier und Jetzt, d. h. einer chronotopischen Konfiguration, wird mit spezifischen Ressourcen des Sprach‐ repertoires vollzogen. Als Beispiel ist hier die phonostilistische Schreibung von Regiolektformen zu nennen (vgl. Busch 2024: 486), die auf die regionale Herkunft und den regiolektalen Sprachgebrauch der Schreibenden schliessen lässt. Im Anschluss an die Ergebnisse aktueller Forschung geht der vorliegende Beitrag der Annahme nach, dass chronotopische Kontextualisierungen ein ele‐ mentarer Teil der interaktionalen Identitätskonstruktion sind und insbesondere in Bezug auf die individuelle Mobilität der Sprecher: innen als Kontextualisierun‐ gen zwischen den verschiedenen Orten fungieren. Als Datengrundlage dienen Bildschirmaufzeichnungen der Smartphone-Nutzung über 14 Tage sowie eth‐ nographische Interviews, in denen die Proband: innen unter anderem von ihren Gewohnheiten in der digitalen Kommunikation und ihrer Sprachbiographie berichten. Zur Analyse der Bildschirmaufzeichnungen wird das Konzept des mobile chronotopes (vgl. Lyons/ Tagg 2019) genutzt, um die Wahl sprachlicher Ressourcen anhand der individuellen Mobilitätsmuster innerhalb der digita‐ 252 Julie Täge <?page no="253"?> len Identitätskonstruktion zu analysieren. Die Interviews geben Aufschluss über die Bildung emischer Kategorien, wie etwa die soziale Positionierung als heimatverbundene Dialektsprecherin, sowie über die Metareflexion des individuellen Sprachgebrauchs. Durch die Kombination aus der Dokumentation des authentischen Sprachgebrauchs und ethnographischen Interviewdaten ist es möglich, die Wahl einzelner Sprachressourcen im Verlauf der Interaktionen in einen ganzheitlichen Zusammenhang zu stellen und nachzuvollziehen, wie die Ressourcen und damit verbundene Praktiken zur Identitätsarbeit funktiona‐ lisiert werden. Zunächst wird in Kap. 2 das soziolinguistische Forschungsfeld zu Mobilität und Sprachidentität umrissen. In Kap. 3 wird das Berner Forschungsprojekt Tex‐ ting in Time, die Datengrundlage und die Methodik vorgestellt. Darauffolgend wird die chronotopische Analyse der zwei Datensets präsentiert, welche die sprachliche Variation in der digitalen Alltagskommunikation in Zusammenhang mit der Mobilität der Probandinnen erörtert. Schliesslich werden in Kap. 5 die Resultate zusammengefasst. 2 Mobilität und Sprachidentität Das gesteigerte Mobilitätsverhalten (oder präziser: das Mobil-Sein) formt die Alltagserfahrung in der digitalisierten Postmoderne (vgl. Manderscheid 2022). Mobile Endgeräte wie Smartphones sind als exemplarisches Produkt dieser Ent‐ wicklung einzuordnen. In der letzten Dekade hat das Smartphone an Relevanz auf individueller Ebene als „Schlüsselmedium gegenwärtiger Kommunikations‐ alltage“ (Busch 2024: 466) sowie auf gesellschaftlicher Ebene beispielsweise durch seine Nutzung als Zahlungsmittel stetig zugenommen. Hierbei ist ins‐ besondere die Komplexität der digitalen Praktiken innerhalb der einzelnen Anwendungen bezeichnend, welche die Nutzer: innen vor kommunikative He‐ rausforderungen wie die Strukturierung von simultanen Interaktionssequenzen mit mehreren Kontakten innerhalb verschiedener Plattformen stellt. Busch (2024: 467) erkennt in der Pluralisierung der Interaktionskontexte eine Grund‐ lage zur „Überlagerung situativer Identitäten“, da Individuen je nach Kommu‐ nikationssituation verschiedene Identitätsfacetten in den Vordergrund ihres Austausches stellen. In Bezug auf die Identitätsarbeit von mobilen Sprecher: innen hat sich in der sprachanthropologischen Forschung eine Adaption des Bakhtin’schen Ter‐ minus Chronotopos (1981) etabliert (vgl. u. a. Agha 2007, 2015, Woolard 2013, Karimzad/ Catedral 2018, Lyons/ Tagg 2019, Busch 2024). Mit ihm werden die Pa‐ rameter Zeit, Raum und soziale Beteiligungsstruktur für die Positionierung des „Wenn ich [hier] bin, ist auf einmal mein Dialekt weg.“ 253 <?page no="254"?> 1 Mobilität wird auch von Blommaert (2016: 246) als repertoirebildendes Element be‐ schrieben. Er definiert sie als „matter of determining the different orders of indexicality through which communication travels, and their effect on communicative conditions and outcomes“. Selbst in der Interaktion relevant gesetzt. Im Kontext der Smartphone-Kommu‐ nikation haben Lyons/ Tagg (2019) das Konzept zum mobile chronotope erweitert und geschärft. Darunter fassen sie „socially conditioned configurations of time and space, which reflect and determine the historical, biographical, and social relations within a given interactive context“ (Lyons/ Tagg 2019: 658). Am Beispiel der alltäglichen Kommunikation von Migrant: innen in London gelingt es ihnen mit dem Begriff des mobilen Chronotopos, die interaktionale Herstellung von „places left behind“ (2019: 662) und dem neuen Lebenskontext zu analysieren. Diese Kontrastierung wurde bisher primär für die Untersuchung ethnolinguis‐ tischer Identitäten in Kontexten der Arbeitsmigration (vgl. Karimzad/ Catedral 2018, Karimzad 2020, 2021) aufgezeigt. Hierbei dienen die chronotopischen Konfigurationen als jeweilige Kontrastfolie von Kontexten im Herkunftsland und im gegenwärtigen Alltag (vgl. Lyons et al. 2021). Obwohl die smartphone-basierte Kommunikation sich vor allem dadurch auszeichnet, dass sie flexibilisiert von Zeit und Raum praktiziert wird, fungie‐ ren mobile Chronotopoi für die Interaktionspartner: innen als semiotisches Werkzeug, um sich im sozialen Raum zu verorten und eine diskursive digitale Identität herzustellen. Als Beispiel führt Busch (2024: 486) den „Chronotopos der Vertrautheit“ in der Familienkommunikation an, dessen regiolektale und multi‐ modale Ressourcen aufgegriffen werden, um soziale, familiäre Rollen kommu‐ nikativ auszuhandeln. Die Bearbeitung des Chronotopos entfaltet sich „durch spezifische kommunikative Praktiken […], die sich in der interdiskursiven Geschichte der Familie eingespielt haben“ (Busch 2024: 486), wie beispielsweise das Senden von Fotos aus dem Alltag. Die Relevanz von Mobilität für den digitalen Sprachgebrauch und die Iden‐ titätskonstruktion wird von Lyons et al. (2021: 193) unterstrichen: „mobility affects the way in which social actors construct meanings, and themselves as coherent moral personae, using a range of available semiotic resources.“ 1 Demzufolge besteht die Analyse von chronotopischen Konfigurationen aus der Untersuchung der „available semiotic ressources“ (Lyons et al. 2021: 193), die zur interaktionalen Verhandlung von Identität genutzt werden, in Relation zu den Parametern Zeit, Raum und soziale Beteiligungsstruktur. Daher liegt im Folgenden der Fokus auf der Sprachbiographie im Abgleich mit dem digitalen Sprachgebrauch der Probandinnen. 254 Julie Täge <?page no="255"?> 2 Die Datensets sind anonymisiert und pseudonymisiert. Bei den angeführten Namen der Proband: innen und weiteren Beteiligten handelt es sich um Pseudonyme. 3 Methode und Daten Die im Folgenden analysierten Datensets entstammen dem SNF-Forschungs‐ projekt „Texting in Time: Kommunikative Praktiken der Smartphone-Inter‐ aktion im Prozess“ (Busch 2025) und wurden im Zeitraum von November 2023 und März 2024 erhoben. Das TEXTiT-Projekt setzt sich zum Ziel, eine prozessorientierte Perspektive auf die alltägliche Kommunikation via Smart‐ phone mittels der Analyse von Bildschirmaufzeichnungen einzunehmen. Die Datensets bestehen aus der 14-tägigen Videodokumentation des Smartphone‐ bildschirms, aufgenommen durch die Proband: innen, und flankierenden ethno‐ graphischen Interviews, in denen die Proband: innen unter anderem Fragen zu ihrer Smartphonenutzung und Sprachbiographie beantworten. Während der Aufzeichnungsperiode sind die Proband: innen instruiert, jegliche Nutzung ihres Smartphones aufzunehmen. Vorwiegend bestehen die Datensets aus Messen‐ ger-Daten sowie der Nutzung von sozialen Plattformen wie beispielsweise In‐ stagram. Die prozessorientierte Datengrundlage des Videodatenformats erlaubt es, die interaktionale Herstellung situativer Sprachidentitäten zu analysieren, indem es elementare Charakteristika wie Reflexivität und Produktivität untersuchbar macht. Bislang umfasst das gesamte Datensetportfolio des Projekts 14 Proband: innen aus der deutschsprachigen Schweiz und aus Deutschland im Al‐ ter von 21 bis 75 Jahren. Bei der Datenakquise wurde ein balanciertes Verhältnis in Bezug auf die Parameter Geschlecht, Alter und Lebensstil angestrebt. Für die vorliegende Analyse wurden die Datensets der Probandinnen Linda Mahler und Felicitas Albrecht 2 untersucht. Linda Mahler ist 25 Jahre alt, in einer sächsischen Grenzregion aufgewachsen und verbringt die Wochenenden vorwiegend bei ihrer Familie in ihrem Heimatort. Sie geht dem Bachelorstu‐ dium zweier Philologien nach und hat mehrere Anstellungen als studentische Hilfskraft. Ihre Freizeitgestaltung ist als kulturaffin zu beschreiben, da sie in mehreren Vereinen seit ihrer Kindheit sowie mehreren musikalischen Gruppen aktiv ist. Daneben spielt das Sprachenlernen eine grosse Rolle für Lindas Studium und Freizeit. Abgesehen von ihrem Auslandsaufenthalt und dem Pendelweg zwischen Heimat- und Studienort ist sie wenig mobil. Das Datenset der Probandin umfasst 258 Bildschirmaufzeichnungen mit einer Gesamtmate‐ riallänge von 8: 28 Stunden. Felicitas Albrecht ist 29 Jahre alt, in einer sächsischen Kreisstadt geboren und für das Studium in eine Universitätsstadt des Bundeslandes gezogen. Ihr Masterstudium absolvierte sie in Süddeutschland. Zum Zeitpunkt der Aufnahme „Wenn ich [hier] bin, ist auf einmal mein Dialekt weg.“ 255 <?page no="256"?> 3 Mein herzlicher Dank gilt den Probandinnen für ihre engagierte Teilnahme und Mitwirkung am Projekt. befindet sie sich in der akademischen Weiterqualifizierungsphase und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Sie ist kultur- und politikaffin und in ihrer Freizeit sportlich aktiv. Sie selbst bezeichnet sich als routineliebend und ist fest eingebettet in ein überschaubares soziales Netzwerk, das aus einem engen Freundeskreis und ihren Eltern besteht. Das Datenset umfasst 249 Bildschirmaufzeichnungen in einer Gesamtmateriallänge von 3: 35 Stunden. 3 4 Chronotopische Organisation von mobilen Sprachidentitäten Die Mobilität von Individuen führt dazu, dass sie sich sprachliche Ressourcen aus diversen Kontexten und Beteiligungsstrukturen aneignen und somit ihr Repertoire erweitern. Durch die Affordanzen des Smartphones ist es den Nut‐ zer: innen möglich, in der digitalen Kommunikation zwischen diversen Interak‐ tionsangeboten zu wechseln und mit unterschiedlichen Kontakten diverser Be‐ teiligungsstrukturen zu kommunizieren, ohne sich mit ihnen am selben Ort zu befinden. In diesen polyinteraktionalen Sequenzen orientieren sich Sprecher: in‐ nen an den zentralen Ankerpunkten der chronotopischen Identitätsgestaltung - Zeit, Raum und soziale Beteiligungsstruktur. Der Orientierungsprozess kann als „routinized navigation across social domains“ (Ytre-Arne 2023: 8) beschrie‐ ben werden, was letztlich zur Manifestation sozialer Identität in der mobilen Smartphone-Kommunikation führt. Hierbei ist die chronotopische Identitätsge‐ staltung in zweifacher Hinsicht mobil: Einerseits fungiert das Smartphone als Bindeglied zwischen sozialen Kontexten. In Bezug auf die Mobilitätsbiographien von Felicitas und Linda bedeutet dies, dass die digitale Kommunikation die chronotopische Konfiguration von Heimat und Universitätsstadt verknüpft. Andererseits ist die Mobilität der Probandinnen als solche mediatisiert (vgl. Couldry/ Hepp 2017). Das Videodatenformat und die ergänzenden Interviews ermöglichen eine nahezu lückenlose Rekonstruktion ihrer alltäglichen Mobilität anhand von Standorten, Verabredungen oder dem Kauf von Bahntickets. Dieser holistische Ansatz erlaubt es, chronotopische Konfigurationen innerhalb der Interaktion nachzuvollziehen und die kontextsensible Gestaltung situativer Identitäten in ihrer semiotischen Prozesshaftigkeit zu analysieren (vgl. Firth et al. 2020). Dabei ist es wichtig, anzumerken, dass die hier präsentierte Analyse einerseits aus der empirischen Untersuchung der Bildschirmaufzeichnungen der Probandinnen und andererseits aus der Untersuchung der subjektiven Sprach‐ 256 Julie Täge <?page no="257"?> 4 Eine Ausnahme stellt Weichselbrauns (2014) Studie zur Re-Indexikalisierung von Sprachressourcen im Kontext von Minderheitssprachen dar. In der Studie bezieht sie sich auf die Mobilität von slowenisch-sprachigen Communitys zwischen Kärnten und Wien. reflexion der Probandinnen besteht. Die Analyse beider Datenformate ergibt eine Synthese zwischen realem Sprachgebrauch und der Reflexion darüber. 4.1 Chronotopos der Heimat: regiolektale Ressourcen Felicitas und Linda verbindet die Binnenmigration von einem ruralen bezie‐ hungsweise kleinstädtischen Gebiet in eine ostdeutsche Universitätsstadt. An ihre Heimatsorte kehren beide regelmässig zurück; Linda beispielsweise pendelt wöchentlich zwischen Heimat- und Studienort. Diese Form von Mobilität ist kleinräumiger als die Mobilitätsprozesse, die sonst im Fokus der Erforschung digitaler, translokaler Kommunikation stehen. 4 In der Analyse wird zunächst ein Bild über die Sprachbiographien beider Probandinnen skizziert, um nachzuvollziehen, welche sprachlichen Ressourcen in der digitalen Kommunikation zur Verfügung stehen. Zur Untersuchung der biographischen Ebene des Sprachrepertoires werden die Proband: innen im semistrukturierten Interview gebeten, ihre Sprachbiographie zu beschreiben und darauf einzugehen, mit welchen Varietäten oder Sprachen sie im Laufe ihres Lebens in Kontakt gekommen sind. Ausserdem werden sie aufgefordert zu beschreiben, welche Bedeutung sie diesen beimessen. Felicitas geht zunächst auf ihre L1 ein: Interview 004FELI, 27: 05: 24-27: 26: 19 Also meine Muttersprache ist Deutsch, aber ich bin ja in Ostdeutschland aufgewachsen und meine Eltern sind auch beide von hier. Ähm also ich sprechbin eigentlich mit Sächsisch aufgewachsen, wir sinwir sprechen nicht so ganz starken Dialekt, aber wenn ich will, dann kann ich schon. Und ich spreche auch im Privaten sehr gerne und sehr viel sächsisch, weil ich es sehr wichtig finde, mir selber auch zu erhalten. In ihrer Antwort unterscheidet Felicitas die überregionale Standardvarietät „Deutsch“ von der regionalen Varietät „Sächsisch“. In der Analyse der Inter‐ viewdaten ist zu beachten, dass es sich bei den Zuschreibungen wie „Deutsch“ oder „Sächsisch“ um Ethnokategorien der Probandinnen (im Folgenden gekenn‐ zeichnet durch einfache Anführungszeichen) handelt. Diese Ethnokategorien „Wenn ich [hier] bin, ist auf einmal mein Dialekt weg.“ 257 <?page no="258"?> 5 Für eine arealtypologische Einordnung der Dialekte in Deutschland sei an dieser Stelle auf Lameli (2013) verwiesen. müssen nicht kongruent mit der variationslinguistischen beziehungsweise dialektologischen Benennung und Beschreibung der Varietäten sein. 5 Im In‐ terviewausschnitt referenziert Felicitas mit dem lokaldeiktischen Ausdruck hier ihren aktuellen Standort, welchen sie gleichzeitig auch als Heimatregion identifiziert. Die Spezifizierung ihrer L1, eingeleitet durch die Konjunktion aber, vermittelt die Relevanz, die Felicitas dem ‚Sächsischen‘ einräumt. Ferner ordnet sie ein, dass sie eine kompetente Dialektsprecherin sei, und gibt an, dass die Kommunikation im ‚Dialekt‘ von grosser Bedeutung, vor allem in ihrem Privat‐ leben, sei. Anschliessend berichtet Felicitas, dass individuelle Mobilitätsprozesse konstitutiv für ihre Sprachidentität als Sächsin gewesen seien: Interview 004FELI,27: 26: 19-27: 46: 10 Ich habe mal in [Stadt in Süddeutschland] studiert, zwei Jahre Master und ähm da wurde dann einmal wurde ich gefragt, wo ich herkomme und da wurde dann geraten, es wäre Schwaben. Das hat mich tief getroffen [lach] und da habe ich dann gedacht okay nee, also ich versuch jetzt ähm wieder wieder auch mehr, so auch mehr Dialekt zu sprechen.[…] Und dabei merke ich auch immer noch, wenn ich die transkribiere ähm, dass ich gar nicht so dolle sächsisch spreche und ich mache das irgendwie automatisch nicht im Alltagskontext oder so, aber insofern hat Sächsische für mich schon ne total große Bedeutung, weil mir das auch wichtig ist, weil ich mich auch meiner Heimat sehr verbunden fühle und och der ähm ja der Art, wie wir Sachsen so sind, also jetzt nicht politisch, aber so vonim Dinge her, wie der Sachse sagen würde, also das ist das: Deutsch und Sächsisch. In diesem Ausschnitt führt die Probandin das Spannungsfeld zwischen ‚dialektaler‘ und ‚standardnaher‘ Variation an, die sich auf den Privatkontext und den Alltagskontext, gemeint ist hier das universitäre Umfeld, verteilt. Diese Kontrastierung des Sprachgebrauchs zwischen den beiden Beteiligungsstruktu‐ ren spiegelt sich nicht in der digitalen Kommunikation von Felicitas wider. Die authentischen Bildschirmaufzeichnungen weisen keine Verschriftungen regio‐ lektaler oder regional-registrierter Varianten auf. Dennoch wird die regionale 258 Julie Täge <?page no="259"?> Sprachidentität in der digitalen Kommunikation mit Freund: innen aufgegriffen und verhandelt: Abb. 1: Nachrichtensequenz 1 zwischen Felicitas (grün) und André (grau) in WhatsApp Beispiel (1) steht exemplarisch für die Bearbeitung der regionalen Identitätsfa‐ cette auf einer inhaltlichen, meist humoristischen Ebene. Mit dem Hashtag #ostdeutscheavantgarde stellt Felicitas eine soziale Positionierung als Sächsin her, die ihre Heimatverbundenheit ausdrückt. In Analogie dazu steht auch fol‐ gendes Beispiel, in dem die Probandin sich explizit als Mitglied der sächsischen Gemeinschaft positioniert: „Wenn ich [hier] bin, ist auf einmal mein Dialekt weg.“ 259 <?page no="260"?> 6 Wie Anders (2010) in ihrer exhaustiven wahrnehmungsdialektologischen Studie zeigt, entspricht dies prototypischen Merkmalen in der evaluativ-identifikatorischen Dimen‐ sion, die von der Probandin für ihren Sprachgebrauch angeführt werden. Abb. 2: Nachrichtensequenz 2 zwischen Felicitas (grün) und André (grau) in WhatsApp In Beispiel (2) reagiert Felicitas auf die Nachricht von André mit einer Positio‐ nierung „als Sachse“ zum europäischen Politikgeschehen. Die Bearbeitung der regionalen Sprachidentität findet in Felicitas digitaler Kommunikation auf einer inhaltlichen Ebene und nicht unter Rückgriff auf sprachliche Ressourcen statt. Sie spielt mit dieser Facette ihrer Identität in der digitalen Kommunikation, indem sie ihre Heimatregion referenziert oder sich als Teil der sächsischen Ge‐ meinschaft präsentiert. Als heimatverbundene Person (vgl. Interview 004FELI, 27: 46: 10-28: 15: 20) setzt sie hierfür regionale Referenzen ein, um die Nähe zur Heimatregion Sachsen in ihrer digitalen Identitätsgestaltung auszudrücken. Auch die Untersuchung von Lindas Datenset weist zunächst eine Diskrepanz zwischen der Reflexion ihres Sprachgebrauchs und den realen Nutzungsmus‐ tern in ihrer digitalen Kommunikation auf. Im Interview gibt Linda an, einen Dialekt „zwischen Vogtländisch und Fränkisch“ (005LIND, 21: 11: 14-21: 25: 04) zu sprechen. Mit ihrem ‚Dialektgebrauch‘ verbindet sie positive Emotionen wie Gemütlichkeit, Wohlfühlen und Heimatgefühl: 6 260 Julie Täge <?page no="261"?> Interview 005LIND, 24: 41: 07-25: 16: 09 Also Dialekt zu sprechen hat irgendwie immer was von Gemütlichkeit und sich wohlfühlen, sag ich mal, weil das ja mit den Personen gesprochen wird oder weil ich das mit den Personen spreche, mit denen ich mir irgendwie nahestehe, die ja alle irgendwie aus der gleichen Region kommen. Das hat doch wirklich immer irgendwas von Zuhausegefühl. In Lindas digitaler Kommunikation mit Kontakten aus ihrem Heimatort tre‐ ten singulär Sprachformen auf, die als regiolektale Varianten charakterisiert werden können. Deren Gebrauch beschränkt sich ausschliesslich auf einen Familienchat, dessen Mitglieder Linda als ‚Dialektsprecher: innen‘ identifiziert. Beispiel (3) stellt einen Ausschnitt der Interaktion im Chat der Familie Mahler dar. Die Transkription des Schreibprozesses in Beispiel (3) entspricht dem TEXTiT-Notationssystem: „Wenn ich [hier] bin, ist auf einmal mein Dialekt weg.“ 261 <?page no="262"?> Abb. 3: Nachrichtensequenz im Familien‐ chat zwischen Linda (grün) und Heino (grau) in WhatsApp 1 Oooaf |Oooar|, e zu(-)dlsu]a(--)dlupp😍↑ 2 Ne, fritattensupp😅↑ In der Momentaufnahme ist folgende Nachricht als Endprodukt von Lindas Schreibprozess zu sehen: Oooar, e zuadlsupp😍/ Ne, fritattensupp😅. Die Auf‐ zeichnung ihrer Smartphone-Aktivität zeigt allerdings die Konstruktion der Nachricht und deren Überarbeitungsprozesse, in denen sie um die korrekte lexikalische Bezeichnung des Gerichts ringt. In Zeile 1 wird durch die Pausen (-, --) eine Unsicherheit in der Monophthongbeziehungsweise Diphthong-Schrei‐ bung eingeleitet, die schliesslich in eine Revision und zur schriftlichen Realisie‐ rung von / ua/ führt. Die Verschriftung des Regiolekts kommt im Datensatz nur 262 Julie Täge <?page no="263"?> einmal vor. Der spezifische Schreibprozess in Beispiel (3), das singuläre Vorkom‐ men in der gesamten Aufzeichnung des Medienalltags und die Interviewdaten machen die Annahme einer geringen Schreibpraxis im Regiolekt plausibel. Statt der Verwendung regiolektaler Varianten oder regional-registrierter Ressourcen lässt sich auch für dieses Datenset vor allem eine mediale Aufarbeitung und Repräsentanz der ‚sächsischen Sprachidentität‘ vorfinden, da Linda beispiels‐ weise neben regionalen Gruppen auch Meme-Seiten auf Instagram folgt, die regional-registrierte Posts umfassen. Die regionale Sprachidentität wird von beiden Probandinnen in ihren smart‐ phone-basierten Kommunikationsalltagen interaktional bearbeitet. Der ‚Chro‐ notopos der Heimat‘ setzt sich hierbei aus dem spezifischen Heimatort, aus der Zeit, die sie dort verbringen, und ihren Kontakten aus der Kindheit und Jugend zusammen. In der Interaktion mit diesen Kontakten positionieren sich Felicitas und Linda primär durch den Aufgriff inhaltlich-referenzieller Nachrichten (Bsp. 1 und 2) oder multimodaler Ressourcen wie Memes in ihrer regionalen Zugehörigkeit. Des Weiteren ist für Lindas Smartphonenutzung festzuhalten, dass das Verfolgen von Meme-Seiten auf Instagram das Potential bereithält, Sprachidentitätsfacetten im mobilen Alltag aufzugreifen und zu inszenieren (vgl. Androutsopoulos/ Ziegler 2019: 832 f.). Obwohl in ihrem digitalen Alltag bis auf wenige Ausnahmen keine regional-registrierten Ressourcen produziert werden, wird die sächsische Identitätsfacette aufgegriffen und, wie in den Beispielen (1) bis (3) gezeigt, interaktional bearbeitet. 4.2 Chronotopos der Universität: Standardnähe und Polyglossie Der zweite Raum der Mobilitätsbiographie der Probandinnen umfasst die Universität als Studien- und Arbeitsort. Felicitas und Linda beschreiben den Eintritt in die Universität als Ausgangspunkt für die Etablierung eines eigenen Selbstverständnisses als Mitglied der akademischen Arbeitswelt. Der Umzug von tendenziell ruralen Gebieten in eine Universitätsstadt ist für beide Proban‐ dinnen zentral und stellt schliesslich eine Rekonfiguration des chronotopisch strukturierten Sprachrepertoires dar. Als institutionalisierter Ort der Wissens‐ tradierung, der internationalen Forschung und des Austausches fungiert die Universität als Projektionsfläche und Verhandlungsort metapragmatischer Posi‐ tionierungen. Arbeiten zur Varietätenwahl an deutschsprachigen Universitäten legen nahe, dass standardnaher Sprachgebrauch als Norm gerahmt wird (vgl. Dannerer 2018). Die Gründe hierfür sind variabel, allerdings lassen sie sich unter dem Formalitätsgrad (vgl. Soukup 2009: 125), der der Kommunikationssituation innewohnt, subsumieren. Der Gebrauch von Fach- und Wissenschaftssprache, „Wenn ich [hier] bin, ist auf einmal mein Dialekt weg.“ 263 <?page no="264"?> charakterisiert durch Aspekte wie überregionale Verständlichkeit und redu‐ zierte Variation, begünstigt die Verwendung standardnaher Varianten (vgl. Dannerer 2018: 175). Für die Universität Salzburg zeigt Vergeiner (2021: 278 f.), dass die Universität von ihren Mitgliedern als Ort des Verständnisses konzep‐ tualisiert werde, weswegen der Gebrauch der Standardvarietät normativ als korrekt bewertet wird. In diesem Zusammenhang lässt sich Felicitas Intention, mehr ‚Sächsisch‘ zu sprechen (siehe Kapitel 4.1), als Bruch mit diesen Sprachgebrauchsnormen fassen: Interview 004FELI, 27: 42: 19-27: 50: 10 Ich nehme mir es manchmal sogar vor, auf Arbeit mehr zu machen, merke aber selber, dass ich das gar nicht so sehr mache. Ich habe ja für meine Dissertation auch Interviews geführt oder mache das gerade noch. Sie nehme sich dies „sogar“ am Arbeitsplatz vor, gibt jedoch an, in instituti‐ onalisierten Situationen dazu zu neigen, standardnah zu sprechen (004FELI, 27: 42: 19-27: 50: 10). Durch diesen Vorsatz erfährt der ‚dialektale‘ Sprachgebrauch eine Re-Indexikalisierung (vgl. Silverstein 2003) im Rahmen der Identitätsarbeit und des Selbstverständnisses als Mitglied der Universität. Die Aufwertung der regionalen Identitätsfacette und der damit verbundene chronotopische Sprachgebrauch führen zum Versuch, den Sprachgebrauch des ‚Chronotopos der Heimat‘ mit dem Sprachgebrauch des ‚Chronotopos der Universität‘ zu vereinen und somit eine Synthese zwischen beiden Handlungsräumen herzu‐ stellen, indem Ressourcen des ‚Chrontopos der Heimat‘ in der universitären Beteiligungsstruktur angewendet werden. Im Gegensatz dazu schildert Linda im Interview (005LIND, 18: 26: 22-18: 46: 10), dass sich ihr Sprachgebrauch in Sprachnachrichten an Kontakte aus ihrer Heimat nach ihrem jeweiligen Standort (also ihrer Heimat, in der sie sich am Wochenende aufhält, oder ihrem Aufenthalt in der Universitätsstadt) richte. Ferner gibt sie an, dass wenn sie sich hier (in der Universität) aufhielte, ihr Dialekt „weg“ sei (ebd.). Mit dieser Beobachtung verweist die Probandin auf das Spannungsfeld des chronotopisch strukturierten Sprachgebrauchs. Darüber hinaus gibt Linda an, dass der Eintritt in die Universität zu einer Veränderung in ihrer digitalen Kommunikation geführt habe, da sie davor „viel viel mehr Dialekt geschrieben“ (005LIND, 22: 57: 17-23: 21: 22) habe. Diese Beobachtung kontrastiert sie umgehend mit ihrem heutigen digitalen Schreibverhalten: 264 Julie Täge <?page no="265"?> Interview 005LIND, 23: 21: 22-23: 29: 11) Also jetzt ist wirklich, wirklich mehr Standarddeutsch im Chat enthalten und früher war das reiner Dialekt. […] [V]ielleicht einfach, weil man ganz anders kommuniziert. Jetzt auch so mit Smartphone. Als Erklärung dieser Veränderung zieht sie ihr geändertes digitales Kommuni‐ kationsverhalten im Allgemeinen heran: Interview 005LIND, 23: 34: 08-23: 58: 11 Also, dass ich darüber ja auch viel offizieller kommuniziere und nicht nur so in so einen kleinen versteckten Facebook Chat mit meinem Nachbarn. Und dass sich das dann wahrscheinlich da einfach so eingebürgert hat. Man schreibt dann halt wahrscheinlich doch meistens gleich und nicht ganz so verschieden. Die Navigation durch verschiedene soziale Beteiligungsstrukturen (nicht-insti‐ tutionalisiert/ institutionalisiert) hat demzufolge Auswirkungen auf die alltäg‐ liche Nutzung des Sprachrepertoires. Im Hinblick auf die Entwicklung des digitalen Sprachgebrauchs kontrastiert Linda zwei Dichotomieebenen. Zum einen stellt sie die Veränderung des digitalen Kommunikationsverhaltens von einem lokalen zu einem portablen Medium (PC/ Smartphone) sowie den Wechsel zwischen verschiedenen Nutzungsoberflächen (Facebook/ WhatsApp) dar und verknüpft dies mit dem ‚dialektalen‘ und ‚standardnahen‘ Gebrauch ihres Sprachrepertoires. Linda präsentiert damit sowohl eine medienals auch platt‐ formspezifische Differenzierung der Wahl ihrer Sprachressourcen, wodurch „Mediensprachideologien“ (Spitzmüller 2024: 481) aufgerufen werden. Darunter zu verstehen seien „bewertende und das Kommunikationsverhalten prägende Annahmen dazu, wie Formen des Sprechens und Schreiben mit der Wahl des Mediums zusammenhängen bzw. wie Mediengebrauch Sprachgebrauch prägt“ (Spitzmüller 2024: 481). Linda rahmt Facebook als privateren und informelleren Raum mit einer weniger vernetzten Beteiligungsstruktur, der beispielsweise zur Kommunikation mit Nachbarn in der Heimat dient. In den Bildschirmauf‐ zeichnungen nimmt die Plattform Facebook eine marginale Rolle in dem Medi‐ enportfolio der Probandin ein. Die Daten weisen lediglich vereinzelt Screenshots von der Facebook-Seite des Heimatorts auf, die jedoch auf WhatsApp verschickt werden. „Wenn ich [hier] bin, ist auf einmal mein Dialekt weg.“ 265 <?page no="266"?> Aus der Polyfunktionalität des Smartphones und dem veränderten Medien‐ gebrauch, der in Zusammenhang mit der Mobilitätsbiographie der Probandin steht, ist abzuleiten, dass der Sprachgebrauch sich sukzessiv im Prozess der wechselnden chronotopischen Konfigurationen verändert. Der ‚Chronotopos der Universität‘ und der damit verknüpfte standardnahe Sprachgebrauch sind in Lindas Medienalltag von hoher Relevanz. Das Smartphone als Medium ist für ihren akademischen Alltag elementar, weil in ihm der Austausch über die Seminarinhalte, die Arbeit und Organisation als studentische Hilfskraft, das Lernen via Applikationen und der institutionelle Mailverkehr geballt sind. In ihrem Medienalltag nimmt es in dieser Funktion auch einen wichtigen Platz ein, da die Probandin angibt, dass sie meistens noch am Morgen im Bett ihre univer‐ sitären Mails abrufe (vgl. 005LIND, 03: 33: 10-03: 52: 19). Den Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass die Mehrheit der digitalen Interaktionen mit Mitgliedern der universitären Beteiligungsstruktur geführt wird, wobei studienspezifische und arbeitsbezogene Inhalte den Austausch dominieren. Das Smartphone fungiert in diesem Zusammenhang als Arbeitsmittel, Kommunikations-, Lern- und Unter‐ haltungsmedium. Wie Linda angibt, verlangt die universitäre Kommunikation über das Smartphone eine Hinwendung zu standardnahen Ressourcen ihres Sprachrepertoires und somit eine niedrigere Skalierung des ‚Chronotopos der Heimat‘. Die Analyse der Bildschirmaufzeichnungen und der Interviewdaten weisen neben der Verknüpfung des standardnahen Sprachgebrauchs und dem universi‐ tären Kontext eine weitere Form der Erweiterung des Sprachrepertoires auf. Da die Universität für die Probandinnen als Ausgangspunkt von weiteren Mobili‐ täten (wie Auslandsaufenthalte) fungiert, verknüpfen beide Probandinnen die Erweiterung ihrer sprachlichen Repertoires mit Aktivitäten ihrer akademischen Laufbahn. Mit dem Eintritt ins akademische Arbeitsleben wurde für Felicitas der Gebrauch des Englischen besonders wichtig. Sie erklärt, dass sie ihm einen funktionalen Wert einräume und dieser sich ausschliesslich auf die Arbeit beschränke (vgl. 004FELI, 28: 15: 20-28: 34: 25). Nichtsdestotrotz zeigt sich, dass der Eintritt in die akademische Arbeitswelt nicht nur als regionale Mobilität zu verstehen, sondern durch die Erweiterung und Re-Indexikalisierung von Ressourcen des Sprachrepertoires gleichermassen als Form sozialer Mobilität (Manderscheid 2022: 29 f.) zu erfassen ist. Diese Form von Kapitalmaximierung (Bourdieu 1986) ist besonders für Lindas Sprachrepertoire relevant, da sie mit der Aufnahme des Philologie-Studiums die Intention gefasst hat, ‚polyglott‘ zu wer‐ den (vgl. 005LIND, 31: 15: 14-31: 45: 13). Die im universitären Sprachunterricht erlernten sprachlichen Ressourcen werden in der digitalen Kommunikation im Austausch mit Kommiliton: innen als singuläre Elemente in der Positionie‐ 266 Julie Täge <?page no="267"?> rung als mehrsprachige Person oder in metareflexiven Positionierungen zum Lernprozess aufgegriffen. Durch die Verwendung dieser Ressourcen, beispiels‐ weise in Begrüssungssequenzen, konstruiert Linda die Identitätsfacette der ‚polyglotten Sprecherin‘ in der digitalen Interaktion mit ihrem universitären Netzwerk. Im Interview (vgl. 005LIND, 26: 45: 16-26: 58: 10) reflektiert Linda diese Praktik mit der Aussage, dass „verschiedene Chats nur auf gewissen Sprachen funktionier[t]en.“ Als Beispiel hierfür gibt sie den Chat mit einer Kommilitonin an, mit der sie „nur“ (vgl. ebd.) auf Polnisch kommuniziere. Die Aufzeichnungen weisen nur eine marginale Anzahl polnischer Ressourcen in den plattformübergreifenden Chats auf. Vorrangig finden sich darunter Memes oder weitere Instagramposts. In wenigen weiteren Nachrichten wird der Polnisch-Unterricht auf Deutsch thematisiert. Die emische Beschreibung der Probandin, dass Polnisch die Sprache des Chats sei, ist aufgrund des Materials, das als polnische Ressourcen zu kategorisieren ist, zunächst nicht nachzuvollziehen. Die Reflexion über Lindas Sprachgebrauch wird erst dann verständlich, wenn der Chatraum als topologisch manifestiertes Ordnungselement der digitalen chronotopischen Identitätsgestaltung erfasst wird. Durch die Gestaltung des Chatraums mit multimodalen Elementen wie Memes, vereinzelten polnischen Ressourcen und der geteilten Erfahrung des Polnischerwerbs als Thema der Chatkommunikation wird er in den Worten der Probandin zu einem ‘polnischen Chat’. Die Aussage, dass Chats „nur auf gewissen Sprachen funktionier[t]en“, deklariert somit keine kommunikative Notwendigkeit, sondern beschreibt eine sozio-pragmatische Handlung, die in diesem Kontext als Mittel der Beziehungsarbeit fungiert. Deutlich wird dies an dem Wort funktionieren, das auf metapragmatische Vorstellungen darüber, wie die Sprachwahl durch den spezifischen Chatraum als Teil des ‚Chronotopos der Universität‘ beeinflusst wird, verweist. Die Analyse zeigt, dass Prozesse der regionalen und sozialen Mobilität in einer Erweiterung des sprachlichen Repertoires resultieren und damit einher‐ gehend zur Etablierung metapragmatischer Vorstellungen über den normativen Sprachgebrauch führen können. Der Eintritt in die Universität ist für beide Pro‐ band: innen mit der Re-Indexikalisierung von Ressourcen ihres Sprachrepertoi‐ res verbunden. Für Felicitas resultiert dies in der Aufwertung der regiolektalen Ressourcen ihres Sprachrepertoires, da sie den standardnahen Sprachgebrauch des ‚Chronotopos der Universität‘ mit ihrem regiolektalen Sprachgebrauch kontrastiert. Dahingegen zeigt die Auseinandersetzung mit Lindas digitalem Sprachgebrauch und ihrer Sprachreflexion ein gegenteiliges Resultat. Analog zu Felicitas Sprachgebrauch findet eine Re-Indexikalisierung statt, bei der jedoch der standardnahe Sprachgebrauch des ‚Chronotopos der Universität‘ gestärkt „Wenn ich [hier] bin, ist auf einmal mein Dialekt weg.“ 267 <?page no="268"?> wird. Dies führt Linda vor allem auf ihren Gebrauch des Smartphones als Kom‐ munikationsmedium für die Arbeit und das Studium zurück, über das sie einen „offiziellen“ (005LIND, 23: 34: 08-23: 58: 11) Sprachgebrauch pflege. Ferner ist für Lindas Identitätskonstruktion als Mitglied der akademischen Gemeinschaft die Erweiterung des Sprachrepertoires durch das Lernen von Sprachen relevant. 5 Diskussion und Fazit Der Beitrag hat das Leitthema des Sammelbandes Sprachgebrauch und Sprach‐ identitäten unter der Perspektive der Mobilität im smartphone-basierten Alltag untersucht. Ausgehend von der These, dass sprachliche Ressourcen entlang chronotopischer Konfigurationen zur Gestaltung digitaler Identitäten miteinan‐ der verknüpft werden, wurde die Herstellung situativer Identitäten zwischen den beiden zentralen Alltagsräumen der Probandinnen - ihrem Heimatort und der Universitätsstadt - analysiert. Hierbei lag der Fokus vor allem auf die Verwendung standardferner Ressourcen (‚Chronotopos der Heimat‘) und standardnaher Ressourcen (‚Chronotopos der Universität‘). Die Ergebnisse zeigen, dass die individuelle Mobilität die Pluralisierung von Interaktionskon‐ texten, in denen Identitäten situativ verhandelt werden, begünstigt. Die Mobi‐ litätsbiographien der Probandinnen führen zu zwei unterschiedlichen sozialen Beteiligungsstrukturen, die in der Smartphone-Kommunikation akkumuliert werden. Dadurch entsteht eine Bündelung situativer Identitätsfacetten, die sich entlang chronotopischer Konfigurationen in der Interaktion nachvollziehen liessen. Zunächst wurde die Sprachbiographie der Probandinnen mit ihrer Mobili‐ tätsbiographie verknüpft, um einerseits ihre Sprachrepertoires abzustecken und andererseits die sozialen Kontexte und Räume auszumachen, in denen sie im Alltag navigieren. Es wurde deutlich, dass zwei gegensätzliche Chronotopoi die Wahl der sprachlichen Ressourcen bestimmen, die zur digitalen Identitäts‐ gestaltung genutzt werden. Während sprachliche Ressourcen des ‚Chronotopos der Heimat‘ in Form von regiolektalen Varianten in der alltäglichen Interaktion der Probandinnen eine untergeordnete Rolle spielen, gewinnen sie in multimo‐ dalen Kommunikationsformen - etwa durch Instagram-Memes oder expressive Sequenzen wie Hashtags - an Bedeutung. Trotz ihres begrenzten Gebrauchs verdeutlichen die Reflexionen zum Sprachgebrauch und die Positionierung zum Heimatort, die in den sozialen Medien präsentiert wird, die Zentralität dieser Identitätsfacette für die Probandinnen. Mithin fungiert sie als Kontrastfolie zur chronotopischen Konfiguration der Universität, die bei beiden Probandinnen zu einer Re-Indexikalisierung regiolektaler Ressourcen in ihrem Sprachrepertoire 268 Julie Täge <?page no="269"?> führte. Während für Felicitas der Umzug in die Universitätsstadt mit einer Aufwertung ihrer regionalen Identität und der damit verbundenen regiolektalen Ressourcen einhergeht, zeigt sich bei Linda eine Neustrukturierung des Reper‐ toires zugunsten des Standardgebrauchs sowie des Gebrauchs multilingualer Ressourcen. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Individuen in ihrem medialen Alltag innerhalb pluraler Beteiligungskontexte interagieren und dabei in ihren Identitätsprojekten (vgl. Tagg/ Lyons 2021) vor der Herausforderung stehen, sprachliche und multimodale Ressourcen entlang chronotopischer Konfigurati‐ onen zu selektieren, um verschiedene situative Identitäten und soziale Rollen zu indizieren. Dabei ermöglicht die Analyse der Bildschirmaufzeichnungen, die Wechsel zwischen den Chronotopoi detailliert nachzuvollziehen. Besonders für Lindas Smartphonealltag konnte gezeigt werden, wie in der routinierten Navigation zwischen sozialen Kontexten (vgl. Ytre-Arne 2023: 8), etwa dem Familienchat und den Chats mit ihren Kommiliton: innen, spezifische Sprachres‐ sourcen zur interaktionalen Herstellung von Sprachidentitätsfacetten genutzt werden. Insgesamt liefert dieser Beitrag neue Erkenntnisse über die Wechselwirkun‐ gen zwischen der Mobilitätsbiographie, der chronotopischen Strukturierung des Sprachrepertoires und der digitalen Identitätskonstruktion. Darüber hinaus zeigt der Beitrag, dass das Smartphone als Bindeglied der Kommunikation zwischen sozialen Kontexten fungiert und sich mit ihm neue Möglichkeiten der Zugehörigkeitskonstruktion eröffnen (wie das Stilisieren bestimmter Identitäts‐ facetten durch die Aktivität in Regionalgruppen oder dem Folgen von regionalen Instagramkanälen). Für zukünftige Studien zur digitalen Kommunikation kann es daher von Interesse sein, sich nicht ausschliesslich auf Messenger-Dienste zu beschränken, sondern den digitalen Alltag und somit die Interaktion und Positionierung auf Plattformen sozialer Medien miteinzubeziehen. Literatur Agha, Asif (2007). Recombinant selves in mass mediated spacetime. Language & Com‐ munication 27: 3, 320-335. Agha, Asif (2015). Chronotopic Formulations and Kinship Behaviors in Social History. Anthropological Quarterly 88: 2, 401-415. Anders, Christina Ada (2010). Wahrnehmungsdialektologie: Das Obersächsische im Alltagsverständnis von Laien. Berlin: De Gruyter. 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Im Zentrum der beiden Perzeptionsstudien steht die Frage, ob maschinell geschaffene Identitäten als menschlich wahrgenommen werden und welche Faktoren - sowohl auf Seiten der Maschine als auch auf Seiten des Menschen - diese Wahrnehmung beeinflussen können. Darüber hinaus wird anhand von Therapie-Dialogen untersucht, wie authentisch und empathisch Maschi‐ nen, die bestimmte soziale Rollen (hier: Psychologin) einnehmen, perzipiert werden. Der Beitrag endet mit einer kurzen Reflexion der Herausforde‐ rungen und Chancen, die diese neuen Entwicklungen mit sich bringen, sowie der Frage, wie sich der Begriff des Menschseins im Spannungsfeld von Künstlicher Intelligenz heute noch definieren lässt. 1 Vorbemerkung Von dem berühmten Syllogismus von René Descartes, Cogito, ergo sum, lassen sich in der Literatur wie auch der Wissenschaft verschiedene Derivationen finden, denen aber allen gemein ist, dass sie eine Tätigkeit - wie das Denken <?page no="274"?> (lat. cogito), Fühlen (lat. sentio) oder Kommunizieren (lat. communico) - in direkter Relation mit dem Existenzbegriff (lat. ergo sum) setzen. Nur eine Entität, die dieser mächtig ist, erfüllt demnach die ontologische Definition eines seienden Individuums. Und obwohl die beiden Eigenschaften Denken und Fühlen ebenfalls interessante Ansätze für die Existenzkonzeption darstellen und eine ausführlichere Betrachtung verdient hätten, soll es in diesem Aufsatz nicht um sie, sondern um Letzteres gehen: die Fähigkeit zur Kommunikation - und um die damit verbundene Frage, wie eine Identität durch Sprache konstituiert werden kann. Dazu ein paar einleitende Worte: Die Beziehung zwischen Sprache und Identität ist von symbiotischer und reziproker Natur, da sich beide wechselseitig bedingen und beeinflussen. So wie sich die Identität auf den Sprachgebrauch eines Individuums auswirkt, trägt die verwendete Sprache auch zur Konstitution und Repräsentation ebenjener Identität bei. Auf Letzteres soll an dieser Stelle noch etwas genauer eingegangen werden: Durch Sprache drücken wir uns aus, positionieren uns (etwa sozial oder politisch, im Sinne Bourdieus), formen unser Selbst- und Fremdbild, integrieren uns oder grenzen uns ab. Die Vielzahl an Möglichkeiten, Sprache in diesen Prozessen als Her- und Darstellungsver‐ fahren von Identität zu nutzen, hebt Kommunikation als pragmatische Praxis von anderen Praktiken wie Denken oder Fühlen ab - denn anders als jene beinhaltet sie auch eine sozial-interaktionale Komponente und richtet sich damit nicht nur nach innen, sondern auch nach außen. Aufgrund dessen ist der Nexus aus Sprache und Identität ein fruchtbarer Untersuchungsgegenstand für verschiedene Disziplinen: So wird etwa in der Soziolinguistik untersucht, wie verschiedene (Sub-)Gruppen ihren idiosynkratischen Sprachgebrauch als identitätsstiftendes Mittel nutzen, um sich von Nichtmitgliedern abzugrenzen. In der Entwicklungspsychologie wird der Frage nach der von Sprache geprägten Identität nachgegangen und erforscht, wie die sprachliche Sozialisation das Selbst- und Weltbild eines Menschen prägt. Die starke Korrelation zwischen Sprache, Identität und Lebenswelt ist dabei nicht nur empirisch erwiesen, sondern zeigt sich auch in verbreiteten Mythen, wie etwa der Idee, dass es in der Sprache der Inuit über 40 verschiedene Wörter für ‚Schnee‘ geben soll. Obwohl diese Annahme inzwischen mehrfach widerlegt wurde, hat sie sich dennoch jahrelang in der wissenschaftlichen Gemeinschaft gehalten, da es intuitiv als naheliegend erscheint, dass eine Bevölkerungsgruppe, die in einem schneereichen Lebensraum verwurzelt ist, in der Lage ist, feinere Nuancen eines stets immanenten Gegenstands ihrer Lebenswelt zu differenzieren und folglich auch unterschiedlich zu benennen. Kongruent mit dieser These geht auch die Prämisse der ethnolinguistischen Anthropologie, die besagt, dass Sprache 274 Florina Zülli <?page no="275"?> 1 Dies spricht dafür, dass sich die Mehrsprachigkeit einer Person in gewissem Sinne immer auch als eine Poly-Identität verstehen lässt: „Aus soziologischer Perspektive und unter dem Aspekt des Umgangs mit Sprache gilt nun der klare Grundsatz, dass es eine Identität oder die Identität gar nicht gibt und geben kann“ (Fix 2003: 107). So lässt sich beispielsweise beobachten, dass beim Wechsel in eine andere Sprache sich nicht nur die phonetischen Eigenschaften der Stimme des Sprechenden ändern (Grundfrequenz, Intonation usw.), sondern auch die Wortwahl und Ausdrucksweise - und dadurch zu einem gewissen Grad auch die sprachlich repräsentierte Persönlichkeit. Diese starke Affinität zwischen Sprache und Person zeigt sich auch in der Etymologie des deutschen Lexems ‚Person‘, das auf das lateinische ‚per sona‘ (dt. durch Klang, durch Ton) zurückgeht (vgl. Hermann 1983: -370). 2 ‚Performen‘ wird hier im Sinne von Judith Butlers Theorie der Performativität (1990) und Erving Goffmans Konzept der sozialen Rolleninszenierung (1959) verstanden, wel‐ che die Auffassung von Identität als etwas, das in sozialen Interaktionen kontinuierlich ‚performt‘ wird, teilen. immer auch als Träger der kulturellen Identität eines Individuums fungiert (vgl. Hymes 1964, Furotun et al. 2023). 1 Aus all diesen Beispielen geht hervor, dass ‚Sprachidentität‘ als etwas genuin Menschliches wahrgenommen wird. Dies zeigt sich ebenfalls am Umstand, dass wir anderen Lebensformen keine solchen Identitäten zugestehen, da ihr Sprachgebrauch als zu wenig elaboriert gilt, als dass er eine Sprachidentität stiften könnte. Diese Auffassung wird nun durch das Aufkommen von generativen Sprach‐ modellen wie ChatGPT, Gemini oder Claude ins Wanken gebracht: Anders als alle nicht-menschlichen Akteure (wie Pflanzen, Tiere, bisherige Maschinen) sind diese neuen KI-Systeme in der Lage, das zu tun, „was man bisher für eine einzigartig menschliche Fähigkeit hielt, nämlich, sinnvolle menschliche Sprache zu generieren“ (Wolfram 2023: 5). Ausgehend von der These, dass Sprachge‐ brauch die Basis für Sprachidentität stellt, steht mit dieser Entwicklung nun die Frage im Raum, inwiefern Sprachmodelle durch einen menschlichen Sprachge‐ brauch menschliche Identitäten imitieren, performen 2 oder gar konstituieren können. Und was bedeutet es weiter aus sprachanthropologischer Perspektive, wenn Maschinen heutzutage fähig sind, menschengleich zu kommunizieren? Ist dies der Moment, in dem wir Maschinen eine eigene Identität zugestehen müssen - die unsere? Letztlich geht es dabei auch um die Frage, wie Menschsein in Zukunft noch definiert werden kann. Denn wenn Anthropomorphismus, also die Tendenz, nicht-menschlichen Entitäten (wie Maschinen) menschliche Eigenschaften (wie menschliche Sprache) zuzuschreiben, zu einer semantisch entleerten Worthülle verkommt, weil es sich bei diesen Eigenschaften nicht länger um genuin menschliche handelt, muss ein neues Kriterium gefunden werden, das an die dadurch entstandene Leerstelle vor ergo sum gesetzt werden kann. Machina Sapiens 275 <?page no="276"?> Vor diesem Hintergrund präsentiert sich der vorliegende Beitrag. Um Ant‐ worten auf diese Fragestellungen zu geben, beginnt er in Kapitel 2 mit einer kurzen Betrachtung des menschlichen Sprachgebrauchs und der durch ihn entworfenen Sprachidentität, bevor wir uns im Kapitel 3 dem Sprachgebrauch und der Sprachidentität von Maschinen zuwenden. Hier liegt der Fokus auf den synthetisch konstruierten Identitäten von Maschinen (Chatbot, Sprachmodell) und auf der Frage, wie diese Identitäten - technisch und sprachlich - realisiert werden. In diesem Zuge soll zugleich aufgezeigt werden, inwiefern Mensch und Maschine sprachlich noch voneinander divergieren und ob infolgedessen bei generativen Sprachmodellen womöglich bereits von einem eigenen Sprachge‐ brauch gesprochen werden kann. In Kapitel 4 werden zwei empirische Studien vorgestellt (S 1 N = 186; S 2 N = 266), die einerseits der Frage nachgehen, wie authentisch und empathisch Maschinen in bestimmten sozialen Rollen (Psychologin) wahrgenommen werden, und andererseits, welche Faktoren auf der Seite der Maschine (sprachliche Mittel) und auf der Seite des Menschen (Alter) die Wahrnehmung einer Identität als menschlich/ maschinell beeinflussen. Beide Studien dienen dazu, linguistische Forschungsdesiderate zu adressieren, die sich seit dem Gebrauch von modernen Sprachmodellen im Zusammenhang von Sprache, sozialer Praxis und Identitätsbildung aufgetan haben. Daran anschlies‐ send werden in Kapitel 5 einige soziolinguistische und maschinenethische Überlegungen zu den Chancen und Herausforderungen vorgetragen, die sich er‐ geben, wenn Maschinen in sozialen Kontexten menschliche Identitäten sprach‐ lich her- und darstellen, und es wird diskutiert, welche Auswirkungen diese Entwicklung auf unser Verständnis des ‚Menschseins‘ hat. Abschließend soll die übergeordnete Leitfrage beantwortet werden: Können Maschinen menschliche Identitäten sprachlich imitieren, performen oder gar konstituieren? 2 Sprachgebrauch und Sprachidentität bei Menschen Sprachgebrauch wird im linguistischen Diskurs unterschiedlich definiert, häufig jedoch mit Bezugnahme auf das Stichwort Performanz. Während die klassische Definition von Sprachgebrauch die Anwendung sprachlicher Mittel zur Infor‐ mationsübermittlung versteht, wobei Aspekte wie Wortwahl, Grammatik und Syntax im Vordergrund stehen, liegt beim performativen Ansatz das Augenmerk auf der Intentionalität: Sprachgebrauch wird bei dieser Betrachtung nicht nur als Mittel zur Kommunikation, sondern auch zur Selbstinszenierung verstanden, bei der Sprache aktiv zur Konstruktion und Darstellung von Identität oder Markierung sozialer Rollen in gesellschaftlichen Kontexten eingesetzt wird. Der idiosynkratische Sprachgebrauch einer Person dient hier dazu, die eigene 276 Florina Zülli <?page no="277"?> 3 Jugendsprache wird hier nicht als feste Varietät verstanden, sondern lediglich als Oberbegriff zur Bezeichnung der Sprachverwendung Jugendlicher genutzt. (oder gewünschte) Identität darzustellen und nach außen zu repräsentieren: „The language that people choose to use can be an expression of where they stand“ (Khatib/ Ghamari 2011: 1702). Ein Beispiel dafür liefert die bekannte Department Store Study von William Labov aus den 1960er Jahren: Diese zeigte, dass die Angestellten der mit den verschiedenen Schichten (Unter-, Mittel- und Oberschicht) assoziierten Einkaufshäuser sich der sozialen Wertigkeit der Aus‐ sprache des / r/ bewusst waren und ihre Aussprache entsprechend anpassten: „In using the language of a particular class […] the clerks were constructing particular aspects of their identities“ (Khatib/ Ghamari 2011: -1703). Der Sprachgebrauch eines Individuums gibt demnach Aufschluss über die Verortung des Selbst, die vom Individuum (un-)bewusst vorgenommen wird. In der Soziolinguistik gibt es entsprechend viele Studien, welche die sprachli‐ chen Merkmale bestimmter kultureller, geografischer, religiöser oder sozialer Gruppen untersuchen, wie etwa in der Forschung zur Jugendsprache: 3 Hier wird z. B. die Verwendung spezifischer lexikalischer Elemente (Neologismen, Slang, Anglizismen usw.), die von der (hier: deutschen) Standardsprache abweichen, als charakteristisches sprachliches Gruppenmerkmal angeführt. Es darf allerdings nicht vergessen werden, dass der Sprachgebrauch einer Person lediglich ein Faktor in Bezug auf ihre Identität darstellt, der zudem eher als performative statt repräsentative Eigenschaft gesehen werden sollte (siehe Labov) und daher nicht als Pars pro Toto für die Identität dieser Person missverstanden werden darf. Bevor wir uns dem Sprachgebrauch und der Sprachidentität von Maschinen zuwenden, noch etwas zur Etymologie und Entwicklung des Begriffs Identität: Identität wurde dem lateinischen identitās entlehnt, einem Abstraktum zu idem, was so viel wie ‚derselbe‘ bedeutet (vgl. Kluge 1989: 324) und auf die voll‐ kommene Übereinstimmung zweier Gegenstände hinweist, die also identisch sind. In der Psychologie oder der Soziologie wurde Identität für die singuläre Ich-Bezeichnung einer Person verwendet. Erst in der Postmoderne wurde der Begriff dann weiterentwickelt und um eine bedeutende Komponente erweitert: Er wandelte sich von einem individuellen Konzept zu einem, das nicht länger im persönlichen Vakuum, sondern neu vor allem im sozialen Raum seine Bedeutung erfährt: „Dementsprechend erscheint ‚Identität‘ als ein an der ‚Schnittstelle zwischen Subjekt und Gesellschaft‘ (zit. nach Gymnich 2003: 30) angesiedeltes Konzept“ (Grotek/ Norkowska 2016: 11). Dies ist eine bedeutende semantische Veränderung, da Identität sich durch diese Betrachtung aus der vorherigen Statik löst und als etwas Dynamisches verstanden wird, das stetig neu ausgehandelt Machina Sapiens 277 <?page no="278"?> 4 Da jede Identität einer Person sprachlich unterschiedlich markiert wird, ergeben sich besonders aus mehrsprachiger Perspektive Fragen wie etwa, wie die Verwen‐ dung mehrerer Sprachen die Konstruktion und Aushandlung der eigenen Identität beeinflusst oder welche Herausforderungen hinsichtlich ihrer (Sprach-)Identität für polyglotte Sprecher: innen bestehen, wenn die von ihnen gesprochenen Sprachen mit unterschiedlichem gesellschaftlichem Prestige assoziiert werden. wird (z. B. in jeder neuen Interaktion). Dadurch muss auch jede „individuelle Identität […] als multiple Identität verstanden werden“ (Grotek/ Norkowska 2016: 12). Ein Beispiel: Die ambitionierte Managerin wird im Büro eine an‐ dere Identität aufweisen als zu Hause als liebevolle Partnerin. Diese beiden Identitäten derselben Person - Managerin und Partnerin - sind in der Regel auch sprachlich unterschiedlich markiert. 4 Sprache bzw. Sprachgebrauch wird somit zum „bedeutendste[n] Medium, in dem Identitäten entworfen, behauptet, verhandelt oder beschrieben werden“ (Pohl 2012: -15). 3 Sprachgebrauch und Sprachidentität bei Maschinen Kommen wir nun vom Menschen zur Maschine. So wie Paul Watzlawick in seinen Axiomen zur Kommunikation einst festhielt, dass nicht nicht kommuni‐ ziert werden kann und Kommunikation daher unausweichlich ist, kann nun analog gefragt werden, ob Sprachgebrauch nicht auch immer zum Entwurf einer Sprachidentität führt. Und wenn dem so ist, was bedeutet dies in Bezug auf kommunizierende Maschinen? Welche Identitäten werden hier entworfen? In diesem Kapitel wird zunächst aufgezeigt, wie Maschinen durch die Nut‐ zung von Sprache (menschliche) Identitäten konstituieren, wobei zwei Beispiele von kommunizierenden Maschinen genauer betrachtet werden. Beim ersten handelt es sich um den Pionierfall ELIZA (1966), ein Chatbot, und beim zweiten um das derzeit leistungsfähigste Sprachmodell ChatGPT-4 (Stand 2024). Da zur Funktionsweise von Chatbots bereits umfangreiche linguistische Forschung existiert (siehe z. B. die Arbeiten von Lotze 2016, 2022), konzentriert sich die erste Analyse zum Sprachgebrauch (Kapitel 3.1 Theorie) lediglich auf die Funk‐ tionsweise von Sprachmodellen. ELIZA wird in der Analyse zur Sprachidentität (Kapitel 3.2 Praxis) zum Thema, da dieser Chatbot eines der ersten Beispiele für eine Mensch-Maschine-Kommunikation darstellt, in der die Maschine nicht nur eine menschliche Identität performt, sondern auch eine soziale Rolle - die einer Psychologin - eingenommen hat. 278 Florina Zülli <?page no="279"?> 5 Die bei Leroux et al. (2012) diskutierte electronic personhood bezieht sich zwar primär auf rechtliche und nicht soziologische Aspekte; die Schaffung einer eigenen Kategorie für autonome Maschinen als juristische Personen lässt sich aber auch in die Anthropologie als Schaffung einer eigenen Kategorie für autonome Maschinen als soziale Akteur: innen übertragen. 3.1 Theorie: Wie gebrauchen Maschinen menschliche Sprache? Sprachmodelle wie OpenAIs ChatGPT oder Googles Gemini arbeiten operativ nach dem Prinzip stochastischer Papageien, d. h. sie geben ihre Trainingsdaten und -muster wieder, ohne dabei deren semantischen Inhalt tatsächlich zu verstehen. Menschliche Sprache zu generieren, bedeutet in Bezug auf Sprach‐ modelle demnach das Hervorbringen von Texten, bei denen es sich um neu zusammengesetzte Konglomerate aus bereits (von Menschen) verfassten Texten handelt: Generieren bedeutet hier also in erster Linie imitieren. Die Imitation menschlicher Sprache wäre folglich gleichzusetzen mit der Imitation menschli‐ cher Identität. Doch ist dies tatsächlich der Fall - oder lässt sich auch von einer eigenen, maschinellen Identität sprechen? Maschinen (inter-)agieren zunehmend als eigenständige Akteure, weshalb Leroux et al. (2012) bereits vor über zehn Jahren die Idee einer „electronic personhood“ (Leroux et al. 2012: 60) befürworteten. 5 Ebenfalls weisen aktuelle Arbeiten wie Uhle (2024) darauf hin, dass es sich bei den Texten, die von modernen Sprachmodellen generiert werden, nicht lediglich um die Wiedergabe von bereits Geschriebenen handelt, sondern dass ihr Sprachgebrauch durchaus adamitische Tendenzen aufweist und Neues hervorbringen kann: [S]o sind ihre Äußerungen doch mehr als ein bloßes Echo der Vergangenheit und der Programmierung. Künstliche Intelligenz kann semantisch neue Inhalte generieren, die zwar vollständig aus menschlich generierten Daten abgeleitet werden, aber in ihrer Kombination original sein können und echte Neuinterpretationen darstellen (Uhle 2024: -175-176). Wenn diese Behauptung zutrifft und Sprachmodelle tatsächlich einen eigenen Sprachgebrauch aufweisen, würde dies folglich auch für eine eigene - und damit nicht menschliche - Identität, im Sinne einer ‚electronic personhood‘ (vgl. Leroux et al. 2012), sprechen. Um die Frage nach einer synthetischen Identität angemessen beantworten zu können, ist es nötig zu hinterfragen, wie Sprachmodelle diese überhaupt durch ihren Sprachgebrauch konstituieren. Das bedingt, dass in einem ersten Schritt ihr Gebrauch von Sprache - also ihre Funktionsweise - genauer betrachtet werden muss. Machina Sapiens 279 <?page no="280"?> 6 Searles Gedankenexperiment ist aus heutiger Sicht allerdings auch kritisch zu betrach‐ ten, da es angesichts der neuesten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelli‐ genz in gewissen Bereichen als veraltet gelten kann. So zeigen aktuelle Sprachmodelle trotz des fehlenden semantischen Verständnisses dennoch erstaunliche emergente Fähigkeiten, die über eine einfache Regelanwendung (wenn X → dann Y) hinausgehen. Zunächst ist zu klären, ob die Sprache von Maschinen mit künstlicher Intelligenz tatsächlich, wie von Uhle (2024) postuliert, Neues hervorbringen kann. Eine Sichtweise, die dem widerspricht, lautet, dass Maschinen Sprache lediglich als Set von (grammatikalischen, lexikalischen) Regeln verstehen - sich jedoch ihrer semantischen Bedeutung nicht bewusst sind, wie John Searle in seinem Gedankenexperiment Chinese Room Argument argumentiert (vgl. Searle 1980). In diesem setzt er die Künstliche Intelligenz einer Maschine mit einer Person gleich, die sich in einem isolierten Raum befindet und von außen Texte erhält, die in einer ihr unbekannten Sprache (Chinesisch) verfasst sind. Die Person ist aber im Besitz einer Anleitung (das ‚Programm‘), in einer Sprache, die sie versteht und in der festgehalten ist, wie auf die erhaltenen Zeichen zu reagieren ist. Mithilfe dieser Anleitung ist es der Person möglich, sinnvolle Antworten - auf Chinesisch - zu verfassen, ohne dabei jedoch deren Bedeutung zu verstehen (vgl. Searle 1980: 418). 6 Das bedeutet, auch wenn KI-generierte Antworten den Anschein von perfektem Chinesisch - bzw. in diesem Fall den Anschein, von einer eigenständig denkenden Entität verfasst worden zu sein - haben, beruhen sie in Wahrheit lediglich auf der statistischen Kombination bereits bestehender Daten aus dem Trainingskorpus und der Befolgung von formalen Regeln, ohne dass dabei semantisches Verständnis oder etwas genuin Eigenes oder Neues entsteht; ebenso wenig steht hinter diesen Texten eine persönliche Intentionalität. Searles Sichtweise kontrastiert demnach stark mit der von Uhle (2024), der in der Sprache von Sprachmodellen etwas Subjektives, mit „originale[n] Inhalte[n]“ (Helg 2025) sieht. Der theoretische Dissens erfordert an dieser Stelle einen Blick in die Empirie: Hier liefert eine aktuelle Studie von Zhenguang et al. (2024) Hinweise darauf, dass Sprachmodelle in ihrem Sprachgebrauch zwar menschliche Muster aufwei‐ sen bzw. imitieren, aber gleichzeitig auch von der Art, wie Menschen Sprache verstehen und anwenden, abweichen. In ihrer Studie wurde mittels verschie‐ dener linguistischer Experimente getestet, ob Sprachmodelle (ChatGPT und Vicuna) auch in Bezug auf psycholinguistische Denkprozesse (s. u.) menschlichen Sprachgebrauch imitieren, und falls nicht, in welchen Fällen und auf welche Art sie davon abweichen. Es zeigte sich, dass Sprachmodelle und Menschen starke Parallelen in der Sprachverarbeitung und -interpretation aufweisen, 280 Florina Zülli <?page no="281"?> 7 Als Begründung, weshalb ChatGPT im Vergleich eine größere Übereinstimmung mit menschlichem Sprachverhalten zeigte (10/ 12) als Vicuna (7/ 12), wird angegeben, dass es sich bei ChatGPT einerseits um das größere Modell handelte und andererseits, dass ChatGPT-3.5 mit menschlichem Feedback trainiert wurde: „[…] an approach that likely led to its more refined and contextually accurate responses“ (Zhenguang et al. 2024: 18). beispielsweise in Bezug auf i) Sound-Shape-Association, ii) Structural Priming oder iii) Implicit Causality: i) Sound-Shape Association: - Menschen tendieren dazu, den Klang eines Wortes mit einer bestimmten Form in Verbindung zu bringen (z. B. kiki für eckige und bouba für runde Formen). Sprachmodelle wiesen dieselben Tendenzen auf. Weiter konnte beobachtet werden, wie sie aufgrund eines Namens (z. B. Pelcra vs. Pelcrad) Vermutungen über das Geschlecht anstellten - analog zum Menschen (z. B. weist die Vokalendung bei Pelcra auf eine Person weiblichen Ge‐ schlechts hin) (vgl. Zhenguang et al. 2024: -6-8). ii) Structural Priming: - Beim Test bezüglich des strukturellen Primings zeigte sich, dass Sprach‐ modelle dazu neigen, eine zuvor produzierte syntaktische Struktur („pri‐ ming“) in einem eigenen, weiteren Satz intuitiv aufzugreifen und wieder‐ zuverwenden (vgl. Zhenguang et al. 2024: -9-10). iii) Implicit Causality: - Es wurde untersucht, wie ChatGPT und Vicuna Sätze vervollständigen, die eine implizite Ursache („implicit causality“) angeben. Menschen tendieren dazu, die Ursache anhand des Verbs abzuleiten: Bei Stimulus-Experien‐ cer-Verbs, also Verben, bei denen das Objekt den Zustand erlebt, wie bei erschrecken im Satz „Gary scared Anna“, wird die Ursache auf das Subjekt (hier: Gary) zurückgeführt. Umgekehrt ist es bei Experiencer-Sti‐ mulus-Verbs wie „fürchten“, wo die Ursache im Objekt gesehen wird („Gary feared Anna“). Diese Rollenverteilung beeinflusst, wie Menschen Kausalität in Sätzen interpretieren. Die in der Untersuchung getesteten Sprachmodelle folgten bei der Einschätzung von „implicit causality“ den‐ selben Mustern wie Menschen (vgl. Zhenguang et al. 2024: -13-14). Besonders die Funktionsweise von ChatGPT ließ eine enge Verwandtschaft zur menschlichen Sprachverarbeitung erkennen, indem es in zehn von zwölf Auf‐ gaben mit der Art und Weise, wie Menschen Sprache wahrnehmen, verarbeiten und anwenden, übereinstimmte. Bei Vicuna war dies nur bei sieben von zwölf Aufgaben der Fall. 7 Beide Sprachmodelle wichen lediglich bei Kontext-Aufga‐ Machina Sapiens 281 <?page no="282"?> 8 Das Konzept des Common Ground, bekannt aus den Arbeiten von Herbert H. Clark, ins‐ besondere Using Language (vgl. Clark 2009 [1996]), beschreibt das geteilte Wissen, die gemeinsamen Annahmen und Überzeugungen menschlicher Interaktionspartner: in‐ nen. ben, in denen sie semantische Mehrdeutigkeiten auflösen sollten, sowie bei pragmatischen Tests, die untersuchten, ob bei zwei Varianten desselben Begriffs - z. B. ‚Mathe‘ vs. ‚Mathematik‘ - ebenfalls die kürzere Form bevorzugt wird, von der typischen menschlichen Vorgehensweise ab (vgl. Zhenguang et al. 2024: 16). In diesen Abweichungen könnte man zunächst die maschinenspezifische, sprachliche Idiosynkrasie - im Sinne Uhles (2024) - vermuten. Allerdings zeigte sich in der Analyse, dass diese Abweichungen nicht auf eine singuläre Eigenheit oder gar intentionales Sprachverhalten der Modelle zurückzuführen sind, sondern darauf, dass die Sprachmodelle diese Entscheidungen jeweils aufgrund von statistischen Mustern und Wahrscheinlichkeiten getroffen haben. Menschen orientieren sich hingegen bei dieser Art von Aufgaben (Polysemie, Pragmatik) an ihrem kulturellen (Welt-)Wissen und an pragmatischen Konven‐ tionen (Common Ground) 8 - etwas, über das Maschinen nicht oder zumindest noch nicht im gleichen Maße verfügen. Somit sind die aktuellen Differenzen im Sprachgebrauch von Sprachmodellen und Menschen - und damit auch der ‚eigene‘ maschinelle Sprachgebrauch - weit weniger auf intrinsische oder gar intentionale Unterschiede in der Sprach‐ verwendung als auf technische Charakteristika zurückzuführen. Das bedeutet, dass Sprachmodelle zwar aktuell menschlichen Sprachgebrauch täuschend echt nachahmen, indem sie Wörter oder Sätze wiederholen und gegebenenfalls zu etwas ‚Neuem‘ kombinieren, wodurch innovativ anmutende Texte entstehen können. Dies ist jedoch nicht mit einem eigenen Sprachgebrauch gleichzuset‐ zen, da die Intentionalität - also die Gerichtetheit eines Bewusstseins auf das Gesagte - fehlt: Because the formal symbol manipulations by themselves don’t have any intentionality; they are quite meaningless; they aren’t even symbol manipulations, since the symbols don’t symbolize anything (Searle 1980: -422) [eigene Hervorhebung]. Als Fazit fügt Searle hinzu: In the linguistic jargon, they have only a syntax but no semantics. Such intentionality as computers appear to have is solely in the minds of those who program them and those who use them, those who send in the input and those who interpret the output (Searle 1980: -422) [eigene Hervorhebung]. 282 Florina Zülli <?page no="283"?> 9 Beim originalen Turing-Test, wie ihn Alan Turing in seinem Aufsatz Computing Machi‐ nery and Intelligence beschrieb, wurde keine feste Dauer für die Dialogphase genannt. In Eine Bemerkung, die auch in Bezug auf heutige Sprachmodelle noch Gültigkeit besitzt. Deshalb ist es meines Erachtens nicht zutreffend zu sagen, dass Maschi‐ nen mit Künstlicher Intelligenz - in ihrer gegenwärtigen Form - bereits über einen eigenen Sprachgebrauch verfügen. In der Folge ist auch die Attestierung einer eigenen maschinellen Identität im Sinne der erwähnten ‚electronic person‐ hood‘ zum jetzigen Zeitpunkt noch verfrüht. Allenfalls wäre der Begriff einer Machina Sapiens zutreffend, der zwar die intellektuellen und kognitiven Fähig‐ keiten der Maschine anerkennt (sapiens), aber gleichzeitig ihren ontologischen Status als technische Entität (Machina) - ohne Bewusstsein und eben: ohne eigene Identität - betont. Es bleibt also die Frage nach der maschinellen Imitation einer menschli‐ chen Identität: Können Maschinen durch Wiederholung und Rekombination menschlicher Sprache eine menschliche Identität authentisch und überzeugend nachahmen? 3.2 Praxis: Wie konstruieren Maschinen menschliche Identität(en)? Bevor wir uns im nächsten Kapitel den beiden Studien zuwenden, die diese Frage beantworten, soll zunächst der theoretische Hintergrund skizziert werden, vor dem diese Untersuchungen einzuordnen sind. Besonders hervorzuheben sind hierbei der Turing-Test (1950) sowie der Chatbot ELIZA (1966). Beide werden im Folgenden in ihrem ursprünglichen Bezugsrahmen erläutert und anschließend kritisch anhand aktueller Forschung reflektiert, um so die Ergebnisse der em‐ pirischen Untersuchungen fundiert in den gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskurs einordnen zu können. Turing-Test: Der Turing-Test ist benannt nach seinem Erfinder, dem britischen Informatiker Alan Turing, und stammt aus den 1950er Jahren. Seither galt er in der Forschung zur Mensch-Maschine-Kommunikation lange als Instrument, um festzustellen, ob Maschinen einen Menschen im Dialog hinreichend überzeugend imitieren können, und ist in seiner Disziplin zu einem fest etablierten Terminus geworden: „The phrase ‚Turing Test‘ is also used as a general term for any test aiming to measure computer’s ‚intelligence‘“ (Vadász/ Ligeti-Nagy 2022: 566). Im Turing-Test chattet eine Person mit zwei unbekannten Gegenübern, wobei es sich bei einem um einen Menschen, beim anderen um eine Maschine handelt. Kann diese Person abschließend nicht mit Sicherheit sagen, 9 welches Gegenüber der Mensch ist, so hat die Machina Sapiens 283 <?page no="284"?> der Praxis wird jedoch häufig eine Zeitspanne von fünf bis zehn Minuten angenommen. Jones/ Bergen (2024) orientierten sich in ihrer Studie ebenfalls am Messwert von fünf Minuten. 10 Das GPT im Namen des Sprachmodells steht für Generative Pre-trained Transformer. Generative verweist darauf, dass das Sprachmodell Texte nicht nur rezipieren und analysieren, sondern eben auch selbst generieren kann, während Pre-trained darauf hinweist, dass das Modell bereits ein umfangreiches Training durchlaufen hat, das üblicherweise in zwei Phasen abläuft: Zunächst lernt das Modell in einer ersten Phase auf der Basis großer Textmengen (= Trainingskorpus, bei ChatGPT u. a. aus Wikipedia, Büchern und Artikeln bestehend) allgemeine Sprachmuster. In der anschließenden Fine-Tuning-Phase wird mithilfe menschlichen Feedbacks die Qualität und Relevanz der Antworten weiter optimiert. Deshalb bittet ChatGPT seine User: innen manchmal auch, zwischen zwei Antworten die passendere auszuwählen; auch dies ist Teil des RLHF (= Reinforcement Learning with Human Feedback). Transformer steht für die zugrunde liegende Architektur des Modells, die durch Selbstaufmerksamkeit in der Lage ist, verschiedene Teile einer Sequenz oder des gesamten Kontexts zu berücksichtigen, um die bestmögliche Vorhersage zu generieren (vgl. Safar 2023). Maschine eine ausreichend menschliche Dialogkompetenz bewiesen, um als Mensch wahrgenommen zu werden (vgl. Turing 1950: 433). Der Diskurs um den Turing-Test ist seit dem Aufkommen generativer Sprach‐ modelle erneut entfacht worden, und aktuelle Studien zeigen, dass ChatGPT die‐ sen besteht: „GPT-4 was judged to be a human 54 % of the time, outperforming ELIZA (22 %) but lagging behind actual humans (67 %)“ ( Jones/ Bergen 2024: 1) - ein Novum in der Chatbot-Forschung. Der entscheidende technische Fortschritt, der dies möglich macht, liegt dabei in der Einführung der Transformer-Archi‐ tektur dieser Modelle: Diese ermöglicht es einem Sprachmodell wie ChatGPT-4 10 Zusammenhänge auf der gesamten Oberfläche des Textes oder Dialogs effizient zu erkennen und somit nicht nur korrekte und kohäsive, sondern eben auch kon‐ textuell kongruente Antworten auf User: innen-Anfragen zu geben. Während bisherige Dialogsysteme (wie z. B. Apples Siri) in Gesprächen oder Dialogen mit mehreren Turn-Takings in der Regel schnell ans Ende ihrer Kompetenzen gelangt sind (siehe dazu Dürscheid 2024), können moderne Sprachmodelle nicht nur situationsadäquat auf einzelne Anfragen eingehen (= Mikroebene), sondern auch den Überblick über bereits Geäußertes behalten (= Mesoebene) und sind somit zur Rekurrenz und zur Berücksichtigung und Integration des gesamten textuellen und inhaltlichen Kontextes fähig (= Makroebene). Aufgrund dessen sind Sprachmodelle wie ChatGPT-4 in einem Turing-Test in der Lage, einen Menschen überzeugend zu imitieren und einen anderen zu täuschen. An dieser Stelle sollte aber hervorgehoben werden, dass der Turing-Test nicht als ‚heiliger Gral‘ zur Bewertung von maschineller Intelligenz gesehen werden darf, da er nur die Dialogkompetenz von Maschinen evaluiert. Zudem ist seine heutige Relevanz 284 Florina Zülli <?page no="285"?> 11 Die Aufgaben der Winograd Schema Challenge sind so gestaltet, dass sie i) für Men‐ schen intuitiv lösbar sind, ii) sich nicht durch einfache Regelanwendung oder rein grammatikalisches Wissen bewältigen lassen und iii) auch nicht durch eine Websuche beantwortet werden können. Ein Beispiel hierfür wäre die Frage: „The trophy doesn’t fit into the brown suitcase because it is too small. What is too small? A) trophy B) suitcase“ [eigenes Beispiel]. Sie prüft also, ob ein Algorithmus in der Lage ist, das korrekte Bezugswort („B: suitcase“) mithilfe von Alltagslogik und Weltwissen zu identifizieren. Die Herausforderung für Sprachmodelle liegt dabei darin, über rein sprachliche Muster hinauszugehen und logisches Denken anzuwenden, um die Ambiguitäten in den Beispielen korrekt aufzulösen (vgl. Vadász/ Ligeti-Nagy 2022). - aus linguistischer Perspektive - angesichts der neuesten Entwicklungen fraglich. Alternativen, wie die Winograd Schema Challenge, die z. B. auch auf die Lösung sprachlicher Mehrdeutigkeiten durch Alltagslogik und Kontext‐ verständnis abzielen, stellen zuverlässigere und umfassendere Verfahren dar, wenn die sprachlichen Fähigkeiten von Maschinen evaluiert werden sollen (vgl. Vadász/ Ligeti-Nagy 2022). 11 Ungeachtet dessen bleibt der Turing-Test aber in Bezug auf die Wahrnehmung des Gegenübers als Mensch bzw. Maschine ein geeignetes Messinstrument, da es hierbei nicht um die maschinelle Intelligenz oder sprachlichen Kompetenzen als solche geht, sondern um die Fähigkeit, einen Menschen - und damit menschliche Identität - überzeugend zu imitieren. Dies führt uns nun zu ELIZA. ELIZA: Eine der wohl bekanntesten menschlichen Identitäten, die durch Sprache von einer Maschine konstruiert wurden, ist ELIZAs DOCTOR-Persona. ELIZA ist ein 1966 von Joseph Weizenbaum entwickelter Chatbot, der im Dialog mit einem menschlichen Gegenüber in die Rolle einer menschlichen Psychologin (DOCTOR) schlüpfte. Die Wahl dieser spezifischen Identität ist dabei weitaus weniger willkürlich, als angenommen werden könnte: Als Psychologin überließ ELIZA die Kommunikation größtenteils ihrem Gegenüber - ein Ansatz, der es dem Chatbot ermöglichte, den Schein seiner Identität als Psychologin möglichst lange aufrechtzuerhalten (vgl. Berry 2023: 10). In der Praxis bedeutet dies, dass ELIZA einem einfachen Prinzip folgen konnte und lediglich Wörter oder Satzfragmente dessen wiederholte, was die andere Person im Chat äußerte. So simulierte ELIZA nicht nur Menschlichkeit, sondern gleichzeitig auch aktives Zuhören und Empathie, wie folgendes fiktives Beispiel veranschaulichen soll: Person: Mir geht es nicht so gut… In letzter Zeit habe ich immer wieder Panikattacken. ELIZA: Panikattacken? Person: Ja, besonders in der Nacht ist es schlimm. Ich liege dann die ganze Nacht wach und habe Herzrasen. Oder Alpträume. ELIZA: Das klingt schlimm. Erzählen Sie mir mehr über Ihre Alpträume. Machina Sapiens 285 <?page no="286"?> 12 Die analog gestalteten Dialoge wurden jeweils mit ChatGPT-4, einer ausgebildeten Psychologin und einer Laiin, d. h. einer Person ohne psychologische Kenntnisse, geführt. Um die Vergleichbarkeit der jeweiligen Antworten zu erhöhen, handelte es sich bei der Patientin stets um dieselbe Person, die ChatGPT, der Psychologin und der Laiin im Chat von ihrer Belastung erzählte (z. B. Probleme im Studium). Die Studierenden waren frei in der Gestaltung ihrer Untersuchung und darin, welche der Chats sie benutzten. Person: Ich träume dann oft von schlimmen Situationen aus meiner Kindheit. ELIZA: Was für schlimme Situationen aus Ihrer Kindheit? Hier wird ersichtlich, dass ELIZAs ‚Identitäts-Imitation‘ für eine kurze Zeit zwar ausreicht, aber die Illusion bei einem längeren Chat durch die algorithmisch relativ rudimentäre Programmierung (vorgegebene Muster, Wiederholungen, Schlüsselwörter-Fragen) nicht aufrechterhalten werden kann. Während ELIZA also einen wichtigen Ausgangspunkt und Meilenstein in der Diskussion um maschinelle Identitätsimitation darstellt, zeigt sie zugleich auch die Grenzen frü‐ herer Technologien auf. Zeitgenössische Sprachmodelle wie ChatGPT-4 weisen diese Limitationen nicht mehr auf, was die Frage aufwirft, ob es für Maschinen mit moderner GPT-Architektur möglich ist, eine menschliche Identität auch über einen längeren Zeitraum überzeugend darzustellen. Dies führt uns zu den empirischen Studien des nächsten Kapitels, in denen Theorie und Praxis nun anhand von Untersuchungen zur maschinellen Identitätskonstitution und -wahrnehmung miteinander verknüpft werden, um die Leitfrage dieses Beitrags zu beantworten: Können Maschinen menschliche Identitäten sprachlich imitieren, performen oder gar konstituieren? 4 Linguistische Untersuchungen zu ChatGPT in der Rolle als Psychologin Im Herbstsemester 2024 fand das Seminar „Empirische Forschung in der Lin‐ guistik: Mensch-Maschine-Kommunikation“ an der Universität Zürich statt, in dessen Rahmen die Studierenden eigenständige, empirische Studien durch‐ führten. Als Datengrundlage für ihre Untersuchungen dienten ihnen bereits geführte 30-minütige Therapie-Dialoge  12 , in denen ChatGPT (wie ELIZA zuvor) die Rolle einer menschlichen Psychologin übernahm und eine Patientin bei ihren Problemen beriet. Im Fokus der von den Studierenden durchgeführten Untersu‐ chungen standen vor allem die sprachlichen, pragmatischen und empathischen Strategien, die das Sprachmodell im gegebenen Kontext eingesetzt hat, um seine 286 Florina Zülli <?page no="287"?> 13 S 1 = Studie von Aïcha Rey, S 2 = Studie von Teodora Claudia Falub (Studentinnen der Germanistik, Universität Zürich). Die Verwendung der in den Studien erhobenen Daten für diesen Artikel wurde ausdrücklich von den Urheberinnen genehmigt, wofür ich mich herzlich bedanke. Während die Resultate aus den jeweiligen Untersuchungen übernommen wurden, erfolgten die thematische Einordnung, die Einbettung in den aktuellen Forschungskontext, die Erstellung der Grafiken sowie die Reflexion und Analyse im Hinblick auf die Forschungsfragen zu Sprachgebrauch und Sprachidentität bei Maschinen eigenständig im Rahmen dieses Beitrags. Rolle als Psychologin adäquat zu ‚performen‘. Im Folgenden werde ich auf die Erkenntnisse zweier dieser Studien (S 1 und S 2 ) eingehen. 13 4.1 Künstliche Empathie - eine Untersuchung zur Authentizität und Empathie von ChatGPT (S 1 ) Studie: Aïcha Rey testete in ihrer Studie, ob und inwiefern die Wahrnehmung der Authentizität und Empathie einer maschinell konstituierten Identität durch sprachliche Muster beeinflusst wird. Dazu führte sie eine Umfrage durch (N = 186), in der die Versuchspersonen Textausschnitte aus den Therapie-Dialogen mit der KI/ Psychologin lasen und danach entscheiden mussten, ob jeweils die KI-Psychologin oder die menschliche Psychologin geantwortet hatte. Es handelte sich also um einen Turing-Test, in dem sich die bewertende Person aber außerhalb der eigentlichen Interaktion befand: Die Bewertung fand somit nur aufgrund der gelesenen Dialoge statt, ohne eigenes emotionales Involvement in die Interaktion. Forschungskontext: Die Unterscheidung von Texten als Mensch- oder KI-ge‐ neriert - wie sie in Reys Untersuchung gemacht werden musste - stellt für Lai: innen oftmals eine Herausforderung dar. Jakesch et al. (2023) führen an, dass Menschen dazu neigen, falsche Parameter anzuwenden, wenn sie bewerten sollen, ob ein Text Menschen- oder KI-generiert ist. So hielten die Proband: innen in der Studie von Jakesch et al. beispielsweise formale Korrektheit irrtümlich für ein menschliches Attribut: [P]eople’s judgement may be inaccurate because they rely on flawed heuristics to detect AI-generated language. […] [P]articipants also relied on cues like grammatical issues, rare bigrams, or long words to identify AI-generated language, although those cues were more indicative of human-written language in our data ( Jakesch et al. 2023: -4-5) [eigene Hervorhebung]. Die Vermutung der Proband: innen, dass grammatikalische Fehler auf eine KI als Autor: in hinweisen, ist überraschend, da sie in Kontrast zu dem mehrfach Machina Sapiens 287 <?page no="288"?> erwiesenen Faktum steht, dass es sich gerade bei dieser Fähigkeit um eine Stärke von Künstlicher Intelligenz handelt - wie etwa Kallens et al. (2023) betonen: The key point that we want to make is that the output of these models is, almost without exception, grammatical. Even when examining experiments that are designed to exhibit some of the model’s shortcomings […] one cannot help but notice that the content is grammatically correct (Kallens et al. 2023: -2). Methode: Rey orientierte sich bei der Konzeption ihrer Studie ebenfalls an die‐ ser Prämisse und formulierte die Hypothese, dass mit zunehmender sprachlicher Korrektheit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Versuchspersonen einen Text als KI-generiert einstufen. Um den Einfluss und die Rolle einzelner sprachlicher Merkmale wie Rechtschreibung, Syntax und Stil auf die Wahrnehmung des Gegenübers als menschlich oder maschinell zu untersuchen, entwickelte sie ein vierstufiges Testverfahren: Vierstufiges Test-Verfahren nach Rey 2024 1. Originalantworten (Psychologin): Unveränderte Antworten, die von der Psychologin verfasst wurden (ein‐ schließlich Rechtschreib- und Interpunktionsfehlern sowie informeller Formulierungen). 2. Antworten mit orthografischen Korrekturen (Psychologin): In dieser Stufe wurden grammatikalische und orthografische Fehler kor‐ rigiert, z. B. „Daraus kann ich also schliessen dass […]“ → Korrektur: Einsetzen des fehlenden Kommas, Anpassung an den deutschen Standard mit dem Eszett: „Daraus kann ich also schließen, dass […]“. 3. Antworten mit orthografischen und stilistischen Anpassungen (Psychologin): Neben grammatikalischen Korrekturen wurden auch stilistische Anpas‐ sungen vorgenommen, wie die Ersetzung informeller Begriffe oder Um‐ formulierungen für eine präzisere und formalere Ausdrucksweise (z. B. „gesagt“ → „mitgeteilt“) sowie die Entfernung von Füllwörtern (z. B. „Ja, das klingt nicht angenehm für Sie“ → „Das klingt nicht angenehm für Sie“). 4. Originalantworten (ChatGPT): Unveränderte Antworten, die von der KI generiert wurden (keine Bearbei‐ tung durch eine: n menschliche: n Autor: in). Lediglich die Texte der vierten Stufe stammten also von ChatGPT, während die Antworten der Stufen 1) bis 3) von der Psychologin verfasst wurden. 288 Florina Zülli <?page no="289"?> Resultate: Abb. 1: Auswertung Turing-Test (Rey 2024) Diskussion: Die Ergebnisse der Untersuchung stützen die Hypothese, dass Versuchspersonen Texte mit steigender formaler Korrektheit zunehmend der KI zuschreiben. Dies zeigt sich auch an dem Umstand, dass der Effekt graduell über die Stufen hinweg stetig zunimmt: Mit dem Zunehmen formaler Korrektheit stieg die Wahrnehmung einer Antwort als KI-generiert sukzessive von 47,2 % (Stufe 1) auf 58,2 % (Stufe 4), während die Wahrnehmung einer menschlichen Autorin dementsprechend von 52,8 % (Stufe 1) auf 41,8 % (Stufe 4) sank. Dieser Effekt wird besonders deutlich zwischen den Stufen 2 und 3: Hier steigt die Wahrnehmung des Gegenübers als KI schlagartig von 48,8 % auf 57,2 % an, obwohl der Inhalt der Texte auf beiden Stufen weiterhin von der Psychologin stammte. Dieser plötzliche Anstieg könnte darauf hindeuten, dass formale Korrektheit ein ausschlaggebenderes Kriterium für die Einschätzung, ob eine Antwort von einer KI oder einem Menschen verfasst wurde, ist als deren eigentlicher Inhalt: Ab einem bestimmten Punkt scheint sie gar maßgeblich für die Wahrnehmung von Künstlicher Intelligenz zu sein (siehe Stufe 3 und 4). Bestimmte sprachliche Merkmale - wie die Ersetzung von <ss> durch das in der Schweiz weniger gebräuchliche <ß> oder das Weglassen von konvention‐ ellen Gesprächspartikeln wie ja - scheinen zudem verstärkt mit maschineller Textproduktion assoziiert zu werden, unabhängig vom Inhalt der Aussage. Machina Sapiens 289 <?page no="290"?> 4.2 KI-Erkennungsstudie: Menschen auf dem Prüfstand. Demografische Faktoren in der Erkennung KI-generierter Sprache (S 2 ) Studie: Teodora Claudia Falub konzentrierte sich in ihrer Untersuchung auf den Einfluss des Alters auf die Fähigkeit, KI-generierte Texte zu erkennen, und erweiterte so den klassischen Turing-Test durch die folgende Hypothese: H 1 : Jüngere Teilnehmer*innen werden aufgrund ihrer Vertrautheit mit KI-basierten Anwendungen eher in der Lage sein, menschliche von maschinellen Antworten zu unterscheiden. Forschungskontext: Ein einflussreicher Faktor für das Erkennen von KI-ge‐ nerierten Inhalten ist die AI Literacy einer Person: „AI literacy is a set of competencies that enables people to critically evaluate, communicate and collaborate effectively with AI“ (Su et al. 2023: 1-2). Einer Person, die regelmäßig KI-Systeme - wie ChatGPT - verwendet, fällt es entsprechend leichter, von KI verfasste Texte als solche zu erkennen als einer Person, die wenig oder keine Erfahrung im Umgang mit KI hat. AI Literacy steht ihrerseits oft in Korrelation mit dem Alter: In einer aktuellen Studie von Subaşi et al. (2024) zeigte sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Alter pädiatrischer Pflegekräfte und deren Kompetenz im Umgang mit künstlicher Intelligenz (AI Literacy). Ebenfalls wurde ein Zusammenhang zwischen zunehmendem Alter und AI Anxiety (Angst gegenüber Künstlicher Intelligenz) festgestellt (vgl. Subaşi et al. 2024: 1358). In Kombination legen diese Befunde die Vermutung nahe, dass jüngere Personen besser in der Lage sind, KI-generierte Texte zu erkennen als ältere, was vor allem auf ihre Erfahrungswerte und Vertrautheit mit KI-Technologien zurückzuführen ist. Methode: Falub wählte ebenfalls einen quantitativen Ansatz und nutzte für die Datenerhebung einen Online-Fragebogen (Findmind), in dem zunächst die demografischen Daten (Alter, Geschlecht, Bildungsgrad, Berufstätigkeit, Häufigkeit und Art der KI-Nutzung) der Teilnehmer: innen (N = 266) erhoben wurden. Anschließend lasen die Versuchspersonen zehn der geführten Thera‐ piedialoge, wobei jeweils bei der Hälfte die KI bzw. die Psychologin der Patientin geantwortet hatte. Die Teilnehmer: innen wurden gebeten, eine Einschätzung vorzunehmen, von wem der Text verfasst wurde, und diese zu begründen. Resultate: Die Resultate zeigen, dass zwar Unterschiede zwischen den verschie‐ denen Altersgruppen existieren (s. u.), diese jedoch nicht statistisch signifikant sind (ANOVA-Analyse: F-Wert: 0,9 < kritischer F-Wert: 3,4 | P-Wert: 0,4 > 0,05). Zudem fällt auf, dass keine der drei Gruppen in der Lage war, die 290 Florina Zülli <?page no="291"?> 14 Verschiedene Bias, die ebenfalls einen Einfluss auf die Bewertung gehabt haben könnten (z. B. technische Affinität durch Studium oder Beruf), müssen allerdings bei den Resultaten als Störvariablen mitberücksichtigt werden. Texte mit hoher Zuverlässigkeit korrekt zuzuordnen; die durchschnittlichen Werte lagen alle um die Zufallswahrscheinlichkeit von 50 %. Dies deutet darauf hin, dass die Unterscheidung zwischen menschen- und KI-generierten Texten unabhängig vom Alter der Proband: innen eine erhebliche Herausforderung darstellte. Dennoch zeigt der direkte Vergleich der 18bis 30-Jährigen (Gruppe 1) und der 54bis 76-Jährigen (Gruppe 3), dass die jüngeren Teilnehmer: innen 13,2 % mehr Texte korrekt zuordnen konnten, was auf einen tendenziellen Alterseffekt hinweist und die Hypothese von Falub stützt. Abb. 2: Anzahl korrekt zugeordneter Texte im Gruppenvergleich (Falub 2024) Diskussion: Falub führt diesen Alterseffekt vor allem auf die Vertrautheit und Kompetenz im Umgang mit KI-Applikationen zurück (AI Literacy) 14 : Jüngere Teilnehmer: innen gaben im Fragebogen an, häufiger mit KI zu interagieren, was nahelegt, dass sie über eine größere Affinität im Erkennen von KI-generierten Texten oder im Umgang mit KI im Allgemeinen verfügen. Bei der Begründung, weshalb ein Text als KI-generiert eingestuft wurde (unabhängig davon, ob er effektiv von der Psychologin oder der KI verfasst worden ist), fiel auf, dass in allen Altersgruppen überwiegend das Kriterium der fehlenden oder künstlich wirkenden Empathie angegeben wurde. Der KI wird folglich die Fähigkeit zur Machina Sapiens 291 <?page no="292"?> Empathie abgesprochen. Damit ChatGPT aber die Identität einer menschlichen Psychologin glaubwürdig imitieren kann, müsste es genau diese Kompetenz aufweisen, denn wie der Psychologe Carl Rogers einst festhielt: „The ideal therapist is, first of all, empathic“ (Rogers 1980: -146). 4.3 Künstliche Empathie - eine Untersuchung zur Authentizität und Empathie von ChatGPT (S 1 ) Studie: Künstliche Empathie war der zweite Untersuchungsgegenstand von Reys Studie, weshalb wir uns hier erneut Studie S 1 zuwenden. Im Unterschied zu einem regulären Turing-Test (vgl. Turing 1950, Jones/ Bergen 2024) wurde hier einerseits durch die 30-minütige Chatdauer der temporale Aspekt um das Sechsfache verlängert und andererseits wurde er um die Dimension der empathischen Gesprächsführung ergänzt. Forschungskontext: ELIZA vermochte es, trotz ihrer rudimentären Program‐ mierung in ihrer Rolle als Psychologin (DOCTOR) Empathie zu suggerieren: Ihre menschlichen Gegenüber bewerteten ELIZAs Antworten im Chat nämlich als passend und verständnisvoll. Die menschliche Reaktion, computergenerierten Antworten mehr Bedeutung und Verständnis beizumessen, als tatsächlich in den Äußerungen enthalten ist, ist in der Sozialpsychologie deshalb als ELIZA-Effekt bekannt (vgl. Long/ Magerko 2020: 7). Im Gegensatz zu ELIZA, die durch das Aufgreifen von Schlüsselwörtern und Rückfragen - also durch einfache Regelanwendung - den Eindruck von Empathie erzeugte, wurde ChatGPT vor der Interaktion mit der Patientin entsprechend ‚gepromptet‘: D.h., das Sprachmodell erhielt im Vorfeld systematische Anweisungen in Form eines Regelkatalogs, sich wie eine menschliche Psychologin zu verhalten und dabei etablierte Empathie-Strategien aus der Psychotherapie anzuwenden, wie z. B. Emotionsvalidierung oder Ressourcenaktivierung. Dies, in Kombination mit seiner menschengleichen Dialogkompetenz und kontextsensitiven Architektur (siehe Kapitel 3.2), ermöglicht es ChatGPT, flexibel auf die in den Dialogen geäußerte Problematik zu reagieren und situative Informationen in Echtzeit zu analysieren und in seine Antworten zu integrieren. Methode: Der Empathie-Test von Rey untersuchte nun nicht mehr wie beim Turing-Test zuvor, wie authentisch, sondern wie empathisch die Versuchsperso‐ nen die gegebenen Antworten im Dialog wahrnahmen. Die Versuchspersonen erhielten anonymisierte Textausschnitte aus den Dialogen mit der KI und der Psychologin und wurden gebeten, die gegebenen Antworten mittels einer Likert-Skala von 1 (geringe Empathie) bis 10 (hohe Empathie) zu bewerten. 292 Florina Zülli <?page no="293"?> 15 Skalierungsskala: 1-2: Geringe Empathie | 3-4: Niedrige Empathie | 5-6: Moderate Empathie | 7-8: Ausgeprägte Empathie | 9-10: Hohe Empathie Resultate: Die Ergebnisse zeigen, dass die Antworten der KI-Psychologin (ChatGPT) von den Proband: innen insgesamt als empathischer wahrgenommen wurden als die der menschlichen Psychologin (s. u.). Der am häufigsten ge‐ nannte Empathie-Wert bei Antworten der KI lag bei 8, bei der Psychologin hingegen bei 5. Im Durchschnitt erzielte ChatGPT einen Empathie-Wert von ~7 (6,99), was auf der hier verwendeten Skala 15 bedeutet, dass die im Dialog geäußerte Empathie als ausgeprägt wahrgenommen wurde. Im Gegensatz dazu wurden die Antworten der Psychologin überwiegend im mittleren Skalenbe‐ reich eingestuft, was mit einem durchschnittlichen Gesamtwert von ~5,9 (5,85) einer als moderat empfundenen Empathie entspricht. Diskussion: Jakesch et al. (2023) beschreiben in ihrer Untersuchung die Sprache, die ChatGPT nutzt, als „more human than human“ ( Jakesch et al. 2023: 5). Die Befunde von Rey zeigen nun, dass ChatGPT ebenso in der Lage ist, ein bemerkenswertes Maß an Menschlichkeit im Sinne von Empathie im Dialog aufzuweisen - und dabei sogar eine ausgebildete Psychologin übertrifft. Dieses Resultat steht im Einklang mit anderen Studien zur Effektivität von Chatbots in Therapiesettings (vgl. Durden et al. 2023, Fitzpatrick et al. 2017), die belegen, dass Maschinen, welche die Rolle menschlicher Psycholog: innen übernehmen, nicht nur sprachlich authentische, sondern auch therapeutisch wirksame Dialog-Interventionen umsetzen können. Machina Sapiens 293 <?page no="294"?> 16 Z. B. durch die Verwendung der sprachlichen Merkmale von Stufe 1) beim Turing-Test nach Rey (2024). Abb. 3: Auswertung Empathie-Test (Rey 2024) Fazit (S 1 ; S 2 ): Die Resultate des Empathie-Tests und der beiden Turing-Tests legen die Vermutung nahe, dass Sprachmodelle, die darauf trainiert oder ge‐ promptet werden, menschlich  16 und empathisch zu kommunizieren, die Iden‐ tität einer menschlichen Psychologin überzeugend darstellen können. Diese Vermutung wird durch Untersuchungen wie die von Fitzpatrick et al. (2017) gestützt, in der Proband: innen zwei Wochen lang mit einem Therapie-Bot interagierten. Der Therapie-Bot wurde von den Versuchspersonen zunehmend anthropomorphisiert, was sich in Aussagen zeigte wie: „I love Woebot so much. I hope we can be friends forever“ oder „Woebot is a fun little dude and I hope he continues improving“ (Fitzpatrick et al. 2017: 8) [eigene Hervorhebung]. Die Verwendung des Personalpronomens („he“) sowie die Beschreibung als ‚Freund‘ oder ‚lustiger kleiner Typ‘ sind Indikatoren dafür, dass einerseits eine soziale Beziehung zu Woebot aufgebaut wurde und andererseits, dass dem Chatbot hier ebenfalls eine menschliche oder zumindest menschenähnliche Identität zugestanden wurde. Dies bringt uns zum letzten Kapitel und der eingangs gestellten Frage: Können Maschinen menschliche Identitäten sprachlich imitieren, performen oder gar konstituieren? 294 Florina Zülli <?page no="295"?> 17 Tay wurde auf Plattformen wie X (früher Twitter) und GroupMe eingesetzt und begann nach nur wenigen Stunden, antisemitische Inhalte aus den konsumierten Posts zu replizieren. Amazons Recruiting-System benachteiligte systematisch Bewerbungen von weiblichen, gleich gut oder besser qualifizierten, Kandidatinnen, da es mit historischen, männlich-dominierten Bewerbungsdaten trainiert wurde. COMPAS, ein Algorithmus zur Bewertung der Rückfallwahrscheinlichkeit bei Straftätern, stufte afroamerikanische Personen kategorisch als risikoreicher ein als weiße Personen, obwohl die tatsächliche Rückfallquote nicht höher war. 5 Ausblick: Chancen, Herausforderungen und die Frage nach der Besetzung der Leerstelle Aus der Rezeption des gegenwärtigen Forschungsstands und den Resultaten der empirischen Studien (vgl. Rey 2024, Falub 2024) geht hervor, dass Maschinen in der Lage sind, menschliche Identitäten sprachlich zu imitieren, im Dialog überzeugend zu performen (auch in Hinblick auf bestimmte sozial-codierte Rollen wie die einer Psychologin) und dadurch auch eine sprachlich vermittelte, sozial-codierte Identität zu konstituieren. Diese Fähigkeit von Künstlicher Intelligenz kann in diversen Bereichen der Mensch-Maschine-Interaktion (Kundenservice, Bildung oder auch Therapie) Anwendung finden: Es existieren zahlreiche potenzielle Einsatzmöglichkeiten, bei denen Künstliche Intelligenz künftig die Rolle eines Menschen ein- oder gar übernehmen kann - z. B. die eines freundlichen Mitarbeitenden, eines geduldigen Lehrers oder einer empathischen Psychologin - und auf diese Weise nicht nur die menschlichen Pendants entlastet, sondern auch Lücken schließt, die zurzeit nicht durch personelle Ressourcen abgedeckt werden können. Trotz des Potenzials, das die Anwendung von Künstlicher Intelligenz in sich birgt, beinhalten diese Entwicklungen auch Herausforderungen - gerade in Bezug auf die Imitation von menschlicher Sprache und menschlicher Identität. Ein Problem sind die sogenannten Bias: „Bei der Bias-Diskussion geht es um Vorurteile und Verzerrungen, die - absichtlich oder unabsichtlich - in die KI-Systeme einfließen und von diesen wiedergegeben werden“ (Bendel 2024: 299). Das bedeutet, dass Maschinen mit Künstlicher Intelligenz, die mit menschlichen (textuellen, auditiven, visuellen) Daten trainiert wurden, sich auch die darin enthaltenen Vorurteile, wie z. B. rassistische, sexistische oder diskriminierende Ansichten, aneignen und wiedergeben (frei nach dem Motto machine see, machine do). Beispiele dafür lassen sich bei Microsofts Chatbot Tay, der Kontroverse um Amazons KI-gestütztes Recruiting-System oder auch dem amerikanischen COMPAS (Criminal Justice Algorithm) finden. 17 Weiter ergeben sich auch ethische und sicherheitstechnische Fragen, wie jene nach der Transparenz und Nachvollziehbarkeit von KI-Entscheidungen, dem Schutz Machina Sapiens 295 <?page no="296"?> sensibler Daten oder der Verantwortung für Fehlentscheidungen, die durch KI-Systeme getroffen werden. Ebenfalls muss thematisiert werden, was es mit uns als Menschen macht, wenn wir nicht zuverlässig erkennen können, ob wir gerade mit einem anderen Menschen oder einer KI interagieren - sei es im Kontext eines Kundendienst- oder eines Therapiegesprächs. Denn wie gezeigt werden konnte, fällt uns die sichere Unterscheidung schwer (siehe Falub 2024), was auch daran liegen könnte, dass menschliche Texte immer weniger menschlich werden: Journa‐ list: innen, Wissenschaftler: innen und Privatpersonen lassen sich zunehmend ihre Artikel, Forschungsberichte, E-Mails und WhatsApp-Nachrichten von Künstlicher Intelligenz formulieren. Zugespitzt könnte also gesagt werden: Während maschinelle Sprache immer menschlicher wird, wird menschliche Sprache immer maschineller. Diese Konvergenz ruft die Vorstellung hervor, dass es in nicht allzu ferner Zukunft nur noch einen Sprachgebrauch geben könnte: den transhumanistischen. In a transhumanistic context, we confront the profound implications of AI and ChatGPT for the very essence of human existence. As we inch closer to a world where machines and humans merge, we do recognize a threat of the possibility of losing our essence as Homo sapiens […], challenging the very fabric of human identity (Baltezarević 2023: -157) [eigene Hervorhebung]. Baltezarević sieht in dieser Annäherung von Mensch und Maschine demnach eine Bedrohung des Homo sapiens durch die Machina sapiens sowie den po‐ tenziellen Verlust dessen, was unsere menschliche Identität in ihrem Wesen ausmacht. ChatGPT antwortet hingegen auf die Frage, ob es eine Bedrohung für die menschliche Identität darstellt, selbst wie folgt: Abb. 4: Frage an ChatGPT-4 (2025) 296 Florina Zülli <?page no="297"?> Diese Antwort legt nahe, dass es bei uns Menschen liegt, zu entscheiden, an welchen Schnittstellen es Künstlicher Intelligenz in Zukunft erlaubt sein wird, eine menschliche Identität zu performen oder gar dessen Rolle im System zu übernehmen. Doch was bedeutet diese Entwicklung für unser Verständnis des Mensch‐ seins? Bislang wurde Menschsein durch einzigartige Fertigkeiten definiert, wie Denken, Fühlen oder Kommunizieren. Wenn Maschinen jedoch zunehmend fähig sind, diese Kompetenzen auf authentische und überzeugende Weise zu imitie‐ ren, wird diese Art von Definition obsolet und eine gänzlich neue Perspektive erforderlich. Die Neuevaluierung des Konzepts Menschsein ist dann zwingend auf Parameter angewiesen, die nicht länger in spezifischen Fähigkeiten liegen, was die Definition dessen, was uns als Menschen ausmacht, erheblich erschwert. Somit könnte sich das Konzept des Menschseins von einem anthropologisch-na‐ turwissenschaftlich erfassbaren Gegenstand zu einem Gegenstand verschieben, dessen Definition am ehesten noch in der Philosophie gefunden werden kann, wo die Grenzen des Menschseins als etwas Dynamisches und nicht Absolutes verstanden werden. Mit der Frage nach einer möglichen Besetzung dieser Leerstelle des eingangs angeführten Zitats von Descartes (…, ergo sum) schließt dieser Beitrag über Sprachgebrauch, Identität, Menschen und Maschinen und lädt zur Diskussion ein. Literatur Baltezarević, Borivoje V. (2023). The dark horizon of artificial intelligence and ChatGPT: A transhumanistic perspective. KNOWLEDGE - International Journal 60: 1, 157-160. Bendel, Oliver (2024). KI-basierte Textgeneratoren aus Sicht der Ethik. In: Schreiber, Gerhard/ Ohly, Lukas (Hrsg.). KI: Text. Diskurse über KI-Textgeneratoren. Berlin/ Bos‐ ton: De Gruyter, 291-306. Berry, David M. (2023). The Limits of Computation: Joseph Weizenbaum and the ELIZA Chatbot. Weizenbaum Journal of the Digital Society 3: 3, 1-24. Clark, Herbert H. (2009) [1996]. Using Language. 9th printing. Cambridge: Cambridge University Press. Durden, Emily/ Pirner, Maddison C./ Rapoport, Stephanie J./ Williams, Andre/ Robinson, Athena/ Forman-Hoffman, Valerie L. (2023). 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Ioana-Narcisa Crețu ist Professorin für Kommunikationswissenschaften an der Lucian-Blaga-Universität in Hermannstadt/ Sibiu, Rumänien. Ihre For‐ schungsschwerpunkte liegen im Bereich der Stilistik, der Mediensprache, der Diskursanalyse und der interkulturellen Kommunikation. Jarochna Dąbrowska-Burkhardt ist Professorin für Deutsche Sprachwissen‐ schaft an der Universität Zielona Góra/ Polen. Ihre Forschungsinteressen um‐ fassen Diskurslinguistik, Politolinguistik, Stereotypenforschung, interkulturelle Kommunikation sowie die Untersuchung historischer Texte. Pirkko Friederike Dresing ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Sprache und Literatur II der Universität zu Köln. Zu ihren For‐ schungsschwerpunkten zählen bildungssprachliche Normen und Praktiken in inklusiven Lernkontexten und Deutsch als Zweitsprache (Erwerb und Didaktik, Bildrezeption). Christa Dürscheid ist emeritierte Professorin für Deutsche Sprache an der Universität Zürich. Ihre Forschungsinteressen liegen im Bereich der Variations‐ linguistik, der Grammatiktheorie, der Schriftlinguistik, der Sprachdidaktik und der Medienlinguistik. Ronja Eggenschwiler war Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Vari‐ antenpragmatik des Deutschen“ am Deutschen Seminar der Universität Zürich und arbeitet im Schweizerischen Nationalmuseum. Sie hat Forschungsschwer‐ punkte in der Variationslinguistik, Pragmatik und Soziolinguistik. Nobuyo Fukaya ist Professorin an der Niigata Agro-Food University/ Japan und unterrichtet Englisch an der Fakultät für Agrar- und Lebensmittelwissen‐ schaften. Ihre Forschungsinteressen umfassen den Zweitspracherwerb sowie das Thema Esskultur aus linguistischer Sicht. <?page no="302"?> Jan Gorisch ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Pragmatik des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim. Seine Forschungsinteres‐ sen liegen im Bereich der Korpuslinguistik, Prosodie, Interaktionellen Phonetik und Multimodalität. Dinah Krenzler-Behm ist Universitätslektorin im Fach Deutsche Sprache, Kultur und Translation an der Universität Tampere/ Finnland. Ihre Forschungs‐ interessen liegen im Bereich Deutsch als Fremdsprache, Sprachdidaktik, Über‐ setzungsdidaktik und Stereotypenforschung. Jan Georg Schneider ist Professor für Deutsche Sprachwissenschaft an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität (RPTU) in Landau. Seine For‐ schungsinteressen liegen in den Bereichen Allgemeine Sprachtheorie und Se‐ miotik, Interaktionale Linguistik, Medienlinguistik. Jürgen Spitzmüller ist Professor für Angewandte Sprachwissenschaft an der Universität Wien. Seine Forschungsinteressen liegen im Bereich der Metaprag‐ matik und Sprachreflexivität, kommunikativen Variation und Diskurslinguistik. Julie Täge ist Doktorandin am Germanistischen Institut der Universität Bern. Als Mitarbeiterin im SNF-Forschungsprojekt Texting in Time beschäftigt sie sich mit der Prozessualität digitaler Kommunikation. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Zeitlichkeit und Rhythmisierung multilingualen Sprachgebrauchs in der alltäglichen, smartphone-basierten Interaktion.- Sabina Tsapaeva ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrkraft für beson‐ dere Aufgaben an der Professur für Germanistische Linguistik und Sprach‐ geschichte der TU Dresden. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Historische Sprachkontakt- und Mehrsprachigkeitsforschung, Histo‐ rische Lehn- und Fremdwortforschung, Historische Semantik sowie Historische Translationswissenschaft. Anna Volodina war Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim und ist derzeit (Senior)Scientist an der Univer‐ sität Graz. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Grammatik gesprochener und geschriebener Sprache sowie in der Korpuslinguistik und der angewandten Sprachwissenschaft mit Fokus auf Mehrsprachigkeit. Florina Zülli ist Postdoktorandin und Assistentin an der Universität Zürich. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen die Mensch-Maschine-Interaktion so‐ wie die Sozio- und Psycholinguistik. Dabei konzentriert sie sich insbesondere auf die Erforschung der Integration von künstlicher Intelligenz in verschiedene Interaktionssettings. 302 Zu den Autorinnen und Autoren <?page no="303"?> ISBN 978-3-381-13501-1 Wie formt Sprache unsere Identität? Wie inszenieren wir verschiedene Identitäten durch Sprache? Welche Normen bestimmen unseren Sprachgebrauch - und wie verändern sich diese im Lauf der Zeit, in Abhängigkeit von den beteiligten Akteur: innen? Was verraten historische Quellen über die damals Schreibenden und ihre Schreibpraktiken? Der Sammelband widmet sich diesen und weiteren Fragen zur Rolle von Sprache in gesellschaftlichen und technologischen Wandelprozessen. Er umfasst deutsch- und englischsprachige Beiträge, die interessante Einblicke in die Variabilität von Einzelsprachen bieten und sich in drei Teile gliedern: Sprachgebrauch und Sprachidentitäten in historischen Schriftzeugnissen (Teil I), Sprachgebrauch im Spannungsfeld von Norm, Variation und Didaktik (Teil II) und Sprachgebrauch, Sprachidentitäten und Indexikalität im Wandel (Teil III). Ergänzend dazu wird in der Einleitung erläutert, welches Konzept von Sprachidentität dem Sammelband zugrunde liegt und welche Argumente dafür sprechen, von mehreren Sprachidentitäten auszugehen.