Variationspragmatik
Regionale Vielfalt und situative Unterschiede im Sprachgebrauch
1027
2025
978-3-3811-3512-7
978-3-3811-3511-0
Gunter Narr Verlag
Sören Stumpf
Marie-Luis Merten
Susanne Kabatnik
Sebastian Zollner
10.24053/9783381135127
CC BY-SA 4.0https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de
Dieser Band greift das Desiderat einer germanistischen Variationspragmatik auf. Dazu versammelt er Beiträge, die sich pragmatischer Variation im Deutschen insbesondere aus diatopischer und diaphasischer Perspektive widmen. Berücksichtigung finden sowohl klassische Bereiche der Pragmatik (z. B. Deixis, Sprechakte, pragmatische Marker) wie auch Ansätze einer weit gefassten Pragmatik (z. B. Schreibregister, Text- und Wissensorganisation, Metapragmatik). Hierbei kommen vielfältige Methoden zum Einsatz. Insgesamt gibt der Band einen Einblick in das breite Spektrum an Objektbereichen und Anwendungsfeldern der (germanistischen) Variationspragmatik. Er leistet somit einen fundierten Beitrag zur empirischen Untersuchung pragmatischer Variation sowie zur Methodologie- und Theoriebildung der Variationspragmatik.
9783381135127/9783381135127.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-381-13511-0 Dieser Band greift das Desiderat einer germanistischen Variationspragmatik auf. Dazu versammelt er Beiträge, die sich pragmatischer Variation im Deutschen insbesondere aus diatopischer und diaphasischer Perspektive widmen. Berücksichtigung nden sowohl klassische Bereiche der Pragmatik (z. B. Deixis, Sprechakte, pragmatische Marker) wie auch Ansätze einer weit gefassten Pragmatik (z. B. Schreibregister, Text- und Wissensorganisation, Metapragmatik). Hierbei kommen vielfältige Methoden zum Einsatz. Insgesamt gibt der Band einen Einblick in das breite Spektrum an Objektbereichen und Anwendungsfeldern der (germanistischen) Variationspragmatik. Er leistet somit einen fundierten Beitrag zur empirischen Untersuchung pragmatischer Variation sowie zur Methodologie- und Theoriebildung der Variationspragmatik. www.narr.de 8 Stumpf / Merten / Kabatnik / Zollner (Hrsg.) Variationspragmatik Sören Stumpf / Marie-Luis Merten / Susanne Kabatnik / Sebastian Zollner (Hrsg.) Variationspragmatik Regionale Vielfalt und situative Unterschiede im Sprachgebrauch 8 <?page no="1"?> Variationspragmatik <?page no="2"?> Herausgegeben von Prof. Dr. Eva Eckkrammer (Trier) Prof. Dr. Claus Ehrhardt (Urbino/ Italien) Prof. Dr. Anita Fetzer (Augsburg) Prof. Dr. Rita Finkbeiner (Mainz) Prof. Dr. Frank Liedtke (Leipzig) Prof. Dr. Konstanze Marx (Greifswald) Prof. Dr. Sven Staffeldt (Halle) Prof. Dr. Verena Thaler (Innsbruck) Die Bände der Reihe werden einem single-blind Peer-Review-Verfahren unterzogen. Bd. 8 <?page no="3"?> Sören Stumpf / Marie-Luis Merten / Susanne Kabatnik / Sebastian Zollner (Hrsg.) Variationspragmatik Regionale Vielfalt und situative Unterschiede im Sprachgebrauch <?page no="4"?> Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. PD Dr. Sören Stumpf (München) https: / / orcid.org/ 0000-0001-7883-8653 Prof. Dr. Marie-Luis Merten (Mannheim) https: / / orcid.org/ 0000-0002-1367-0746 Prof. Dr. Susanne Kabatnik (Trier) https: / / orcid.org/ 0000-0002-9022-9559 Sebastian Zollner (Greifswald) https: / / orcid.org/ 0009-0005-9855-9017 DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381135127 © 2025 · Sören Stumpf, Marie-Luis Merten, Susanne Kabatnik & Sebastian Zollner Das Werk ist eine Open Access-Publikation. Es wird unter der Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen | CC BY-SA 4.0 (https: / / creativ ecommons.org/ licenses/ by-sa/ 4.0/ ) veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, solange Sie die ursprünglichen Autor: innen und die Quelle ordentlich nennen, einen Link zur Creative Commons-Lizenz anfügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Werk enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der am Material vermerkten Legende nichts anderes ergibt. In diesen Fällen ist für die oben genannten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG · Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 2628-4308 ISBN 978-3-381-13511-0 (Print) ISBN 978-3-381-13512-7 (ePDF) ISBN 978-3-381-13513-4 (ePub) <?page no="5"?> Inhalt Sören Stumpf, Marie-Luis Merten, Susanne Kabatnik & Sebastian Zollner Variationspragmatik. Begriffsverständnis, Forschungsstand und Anliegen des Bandes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Tanja Ackermann, Christa Dürscheid, Stephan Elspaß & Horst J. Simon Variantenpragmatik des Deutschen. Ziele, methodologische Herausforderungen und Fallanalysen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus . . 53 Sonja Quehenberger & Lars Bülow Zur Perspektivierung der Bewegungsrichtung bei Richtungsadverbien in den bairischen Dialekten. Ein variationspragmatischer Zugang . . . . . . . . . 91 Julie Täge Ability Questions in der digitalen Kommunikation. Eine variationspragmatische Studie zur deutschen Sprache in Deutschland und in der Schweiz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123 Florian Busch & Karina Frick Dialektale Schreibregister. Verschriftungsvariation im digitalen Schweizerdeutschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn Der schreibt ez, der Hurens … Semantisch-pragmatische Variation und Aggressionsrichtungen sprachlicher Äußerungen in Computerspielen . . 185 Nadine Proske & Arne Zeschel Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 <?page no="6"?> Cordula Meißner Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation. Die Nutzung von Kommunikationsverben im Spektrum des gesprochenen Deutsch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern zur Inneren Medizin und klassischen Homöopathie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 Verzeichnis der Herausgebenden und Autor: innen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331 6 Inhalt <?page no="7"?> Variationspragmatik Begriffsverständnis, Forschungsstand und Anliegen des Bandes Sören Stumpf, Marie-Luis Merten, Susanne Kabatnik & Sebastian Zollner Abstract: This introduction provides an overview of the research field of variational pragmatics. We outline the understanding of the term, the object of investigation, analytical approaches and the current state of research. Furthermore, the aims and contributions of the volume are presented, with a focus on how the included studies address central questions and fill existing gaps in the field. By examining communicative patterns in different varieties of German, this volume offers new insights into pragmatic variation, particularly regarding the macro-social factor of region and the microsocial factor of situation. The results also emphasize perspectives for future research in variational pragmatics. Keywords: variational pragmatics, sociolinguistics, dialectology, macroand micro-social factors, methodology 1 Ausgangspunkt Sprache ist kein homogenes und statisches Gebilde, sondern lebt vielmehr von ihrer Heterogenität und Flexibilität. Auf allen sprachlichen Ebenen existieren verschiedene (mitunter konkurrierende) Gebrauchsformen, deren Verwendung von außersprachlichen Parametern wie Raum, Zeit, soziale Gruppe oder Kommunikationssituation beeinflusst ist. Während die Ebenen der Phonologie, Graphematik, Lexik, Morphologie und Syntax aus variationslinguistischer Perspektive bereits intensiv erforscht wurden und weiterhin werden, ist die pragmatische Variation besonders innerhalb der germanistischen Linguistik „ als Gegenstand zur Charakterisierung von Varietäten bisher nicht genügend berücksichtigt worden “ (Staffeldt 2013: 88). Und auch die Teildisziplin der Pragmatik (im weitesten Sinne) konzentriert sich in der Regel entweder auf <?page no="8"?> sprachliche Universalien oder auf Phänomene, die einer bestimmten Varietät innerhalb einer Einzelsprache (i. d. R. der Standardsprache) angehören. Werden pragmatische Phänomene miteinander verglichen, so stehen weniger Unterschiede innerhalb einer Sprache bzw. Sprachgemeinschaft als vielmehr solche zwischen Einzelsprachen im Mittelpunkt (zur kontrastiven Pragmatik vgl. Aijmer 2011). Blicken wir über den germanistischen Tellerrand, so zeigt sich allerdings, dass bereits seit geraumer Zeit eine Vielzahl an anglistischen und romanistischen Studien zur pragmatischen Variation vorliegt. Diese Untersuchungen legen eindrücklich dar, mit welchem Mehrwert eine variationslinguistische Erforschung pragmatischer Phänomenbereiche einhergeht (vgl. Schneider 2005; Schneider/ Barron [Hrsg.] 2008; Barron/ Schneider [Hrsg.] 2009; Barron 2015, 2021a; Félix-Brasdefer 2009; Félix-Brasdefer/ Dale 2012; Lázaro Ruiz/ Ramajo Cuesta 2015; Schweinberger/ Ronan 2024). 1 Daher überrascht es auch nicht, dass sich derzeit die länderübergreifende Forschungsgruppe „ Variantenpragmatik des Deutschen - Kommunikative Muster im Vergleich “ darum bemüht, diese variationspragmatische Forschungslücke im deutschsprachigen Raum zu schließen (Ackermann/ Dürscheid/ Elspaß/ Simon) 2 . Pragmatische Variation ist kein Sonderfall innerhalb einer Sprache. Täglich kommt sie etwa im Bereich des (Be-)Grüßens zum Vorschein (vgl. Abbildung 1). Bei dieser Sprechhandlung sind Differenzen auf lexikalischer Ebene durch eine breite Palette an Ausdrucksformen, die auf außersprachliche Faktoren zurückzuführen sind, unmittelbar ersichtlich; die angeführten Begrüßungen unterscheiden sich aber auch in ihrem Kontextualisierungspotenzial. Ihr Gebrauch ruft verschiedene Situationen etwa der Nähe oder Distanz hervor und kontextualisiert die Art der Beziehung zwischen Interagierenden (Guten Tag, Hi). Zudem können die verschiedenen Grußformeln Zugehörigkeit anzeigen, so etwa regionale Zugehörigkeit (Grüß Gott, Moin, Gruezi), ebenso aber auch Zugehörigkeit zu bestimmten Sprecher: innengruppen und Peer Groups, bei denen nicht zuletzt der Aspekt des Alters eine wesentliche Rolle spielt (Hey Bro). 1 Dass es sich hierbei um einen bereits gut etablierten Ansatz der Pragmatik handelt, zeigt sich auch an der Vielzahl an Überblicksartikeln (in Handbüchern) (vgl. Schneider 2010, 2021a, 2022; Barron 2017, 2024). 2 Die in diesem Band enthaltenen Beiträge werden in der Einleitung kursiv hervorgehoben. 8 Sören Stumpf, Marie-Luis Merten, Susanne Kabatnik & Sebastian Zollner <?page no="9"?> Abb. 1: Gruß am Nachmittag (Atlas zur deutschen Alltagssprache) 3 Dass pragmatisch fundierte Ausdrucksmittel ein instruktiver Untersuchungsgegenstand für die Variationslinguistik sind, zeigt sich auch an (höflichen) Aufforderungen zum Tragen einer Maske im öffentlichen Verkehr, wie sie während der Corona-Pandemie in Bussen und Bahnen zu hören waren. Hier begegnen verschiedene lexikogrammatische Möglichkeiten, die - zumindest unserem Eindruck nach - regional variieren und die sich auf die Direktheit der Ansprache bzw. der Aufforderung beziehen (Wir danken Ihnen für das Tragen einer FFP2-Maske! , Vielen Dank, dass Sie sich und andere schützen, indem Sie eine FFP2-Maske tragen! , Bitte tragen Sie in den Verkehrsmitteln der X eine FFP2- Maske! ). Allem Anschein nach begegnet uns demnach ein divergierendes Verständnis, was den angemessenen Grad an Höflichkeit (im öffentlichen Raum) anbelangt. 3 www.atlas-alltagssprache.de/ runde-2/ f01/ (Stand 30.09.2024). Variationspragmatik 9 <?page no="10"?> 2 Begriffsverständnis, Analysezugänge und Forschungsstand 2.1 Makro- und mikro-soziale Variationsfaktoren im Fokus Grundsätzlich kann die Variationspragmatik als ein (noch junger) pragmatischer Forschungsbereich definiert werden, der sich der „ macro-social variation in language use conventions across social groups sharing the same language “ (Schneider 2021a: 664) widmet und angesichts dieses Forschungsschwerpunkts an der Schnittstelle von Pragmatik, Variationslinguistik und Soziolinguistik zu verorten ist: 4 Variational pragmatics can be conceptualized as the intersection of pragmatics with sociolinguistics, or, more specifically, with dialectology as the study of language variation. It is assumed that the social factors analyzed in sociolinguistics have a systematic impact not only on pronunciation, vocabulary and grammar, but also on language use in interaction. (Barron/ Schneider 2009: 426) Ein variationspragmatisches Erkenntnisinteresse verfolgen demnach Arbeiten, denen (a) ein (typisches) pragmatisches Phänomen als Untersuchungsobjekt (abhängige Variable) zugrunde liegt und die dieses (b) auf der Basis von mindestens zwei Datensätzen, die unterschiedliche Varietäten einer Einzelsprache darstellen (unabhängige Variablen), (c) mit empirischen Methoden kontrastiv in den Blick nehmen. Bezüglich der Frage des Vergleichs lassen sich verschiedene Parameter voneinander unterscheiden, die auch in lexikalisch und grammatisch orientierten variationslinguistischen Untersuchungen gängig sind. Beispielsweise differenzieren Schneider/ Barron (2008: 16 - 19) auf einer Makroebene fünf Variationsfaktoren voneinander: 1. Region/ Raum, 2. soziale Schicht/ sozio-ökonomischer Status, 3. ethnische Zugehörigkeit, 4. Gender/ soziales Geschlecht sowie 5. Alter, die sich selbstverständlich um weitere soziale Faktoren ergänzen lassen (wie etwa Bildung und Religionszugehörigkeit) und die sich angelehnt an Coseriu (1988: 49) in die (Über-)Kategorien Diatopik und Diastratik einordnen lassen (Kabatek 2024: Kapitel 5). 5 Zu fragen ist grundsätzlich nach dem Einfluss, den die genannten Faktoren tatsächlich auf den Sprachgebrauch ausüben. So hält Schneider (2021a: 667) in 4 Barron/ Schneider (2009: 425) verstehen Variationspragmatik zudem als „ subdiscipline of intercultural pragmatics “ sowie als „ a twin discipline of historical pragmatics “ (Schneider/ Barron 2008: 1). 5 Coseriu (1988: 49 - 50; Herv. i. O.) schreibt hierzu: „ In einer historischen Sprache stellt man aber nicht nur die Verschiedenheit fest, die man normalerweise ,dialektal ‘ oder ‚ mundartlich ‘ nennt. Es gibt nämlich in einer historischen Sprache zumindest drei Arten der inneren Verschiedenheit, und zwar: diatopische Unterschiede (d. h. Unterschiede im Raume), diastratische Unterschiede (Unterschiede zwischen den sozial-kulturellen Schichten) und diaphasische Unterschiede, d. h. Unterschiede zwischen den Modalitäten des Sprechens je nach Situation desselben (einschließlich der Teilnehmer am Gespräch). “ 10 Sören Stumpf, Marie-Luis Merten, Susanne Kabatnik & Sebastian Zollner <?page no="11"?> Bezug auf das Spannungsverhältnis von Essentialismus und Konstruktivismus fest: Regarding the status of the macro-social factors, it has been assumed from the start that these factors have a systematic influence on language use, but that they do not determine language use. This means that researchers in variational pragmatics do not adopt the deterministic view of essentialism. Nor do they, however, subscribe to constructionism. They reject the idea that identities are entirely fluid and can be constructed and negotiated anew in each interaction. Haugh/ Schneider (2012) schlagen daher einen Zugang vor, der weder essentialistisch noch konstruktivistisch vorgeht und der als „ emic first-order approach to the status of macro-social factors “ (Schneider 2021a: 668) gefasst werden kann. Die fraglichen Faktoren werden demzufolge behandelt als „ identities as they are displayed and perceived by participants (in the emic sense) in an interaction “ (Haugh/ Schneider 2012: 1017). Daraus ergibt sich, dass auch Wahrnehmungsstudien sowie Untersuchungen zur Metapragmatik (z. B. Diskussionen in Online-Foren) als sinnvolle Instrumente zur Analyse pragmatischer Variation herangezogen werden können (vgl. Schneider 2021b; Schröder/ Schneider 2021). Schneider/ Barron (2008: 18) zufolge sind neben den genannten makro-sozialen Faktoren ( „ macro-social factors “ ) auch mikro-soziale Faktoren ( „ micro-social factors “ ) zu beachten, worunter sie in erster Linie (a) den (relativen) sozialen Status (d. h. das [hierarchische] Verhältnis zwischen den Interaktant: innen), (b) die soziale Distanz (d. h. die Vertrautheit der Kommunikationsteilnehmer: innen) und (c) den Stil bzw. das Register (d. h. den Grad der durch die Sprecher: innen gewählten Formalität in einem bestimmten Kontext) fassen. 6 Schneider (2021a: 673) nennt darüber hinaus die Aspekte „ discourse genre “ und „ circumstances “ . Es handelt sich hierbei also um kommunikativ-situative, registerbezogene sowie (text-)stilistische Unterschiede und somit um Phänomene der diaphasischen Variation (vgl. Coseriu 1988: 50): „ Micro-social factors may change from situation to situation. Hence, micro-social variation is sometimes referred to as , situational variation ‘ . Macro-social factors, on the other hand, remain relatively stable across situations and contexts “ (Schneider/ Barron 2008: 18). 2.2 Ebenen der Analyse Hinsichtlich der konkreten Untersuchungsgegenstände lassen sich mikro-, meso- und makrostrukturelle Ansätze heranziehen, die für variationspragma- 6 Schneider/ Barron (2008: 18) gebrauchen hierbei die folgenden englischen Termini: „ power “ / „ (relative) social status “ , „ social distance “ und „ style “ / „ register “ . Variationspragmatik 11 <?page no="12"?> tische Fragestellungen instruktiv sein können (vgl. Schneider/ Barron 2008: 19 - 21; Barron/ Schneider 2009: 427 - 428; Barron 2017: 92 - 94; Schneider 2021a: 665 - 667). Die verschiedenen Ebenen basieren nach Schneider/ Barron (2008: 19) auf einem integrativen Modell „ of spoken discourse which incorporates approaches to pragmatics from different disciplines, including speech act theory, discourse analysis and conversation analysis “ . Differenzieren lässt sich in analytischer Hinsicht (mindestens) zwischen den folgenden (aus phänomenologischer Sicht letztlich miteinander verschränkten) Ebenen: • Formale Ebene ( „ formal level “ ): Auf der untersten Ebene sind Wörter und Phrasen anzusiedeln, die einen pragmatischen Zweck erfüllen. In den Blick geraten hierbei beispielsweise Heckenausdrücke (vgl. Clancy 2011), Hörersignale (vgl. Murphy 2012) und Question Tags (vgl. Barron et al. 2015). Ziel solcher formal fundierter, allerdings funktional orientierter Analysen „ is to establish the communicative functions of such markers in interaction (form-to-function mapping) “ (Barron/ Schneider 2009: 428). • Handlungsebene ( „ actional level “ ): Wenn man sich vom konkreten lexikalischen Material löst, lassen sich auf einer nächst höheren Ebene Sprechakte variationspragmatisch erforschen. In erster Linie werden hierbei für bestimmte Alltagsroutinen typische Sprachhandlungen wie Entschuldigungen (vgl. Wagner/ Roebuck 2010), Komplimente (vgl. Lin 2015) und Einladungen (vgl. García 2008) relevant gesetzt. Solchen Studien ist es zum einen ein Anliegen, die Realisierungsformen zu ermitteln, mit denen die entsprechenden Sprechakte vollzogen werden ( „ function-to-form mapping “ , Barron/ Schneider 2009: 428). Zum anderen wird ermittelt, wie sich die Realisierungen in Bezug auf Parameter wie (In-)Direktheit, (Un-)Höflichkeit und (In-)Formalität voneinander unterscheiden (vgl. Schneider 2021a: 666). • Interaktionale Ebene ( „ interactional level “ ): Richtet sich der Fokus auf die Kombination von Sprechakten, liegt ein interaktionaler Ansatz zugrunde. Adressiert werden hierbei in erster Linie Adjazenzpaare, (komplexere) Sprechaktsequenzen und umfassendere Sprechereignisse (vgl. Schneider/ Barron 2008: 20). So untersucht Barron (2005) beispielsweise Angebotsverhandlungen in Irland und England, Schneider (2008) kontrastiert Small Talks in England, Irland sowie den USA und Haugh/ Carbaugh (2015) konzentrieren sich auf Selbstauskünfte in ersten Interaktionen zwischen Sprecher: innen des amerikanischen und australischen Englisch. • Thematische Ebene ( „ topic level “ ): Auch Diskursinhalte können aus variationspragmatischer Perspektive analysiert werden. Berücksichtigung finden auf dieser Makroebene der „ propositional content of indivi- 12 Sören Stumpf, Marie-Luis Merten, Susanne Kabatnik & Sebastian Zollner <?page no="13"?> dual speech acts and macro-propositions as larger discourse-structuring content units negotiated across a number of turns and exchanges “ (Schneider 2021a: 666). Es geht also unter anderem um Fragen der Themenauswahl und Themenentwicklung in komplexeren Kommunikationsformen auf Text(sorten)- und Gesprächs(sorten)ebene (z. B. Schneider 1987, 1988 am Beispiel von britischen Small Talks). • Organisatorische Ebene ( „ organizational level “ ): Schließlich kann die Gesprächsführung in Gänze behandelt werden. Hierunter fallen beispielsweise Mechanismen des Turn-Takings (simultanes Sprechen, Überschneidungen, Unterbrechungen usw.) und Arten des Schweigens in der Interaktion (Lücken, Aussetzer, Pausen usw.) (vgl. McCarthy 2002; O ʼ Keeffe/ Adolphs 2008; Placencia et al. 2015; Nilsson et al. 2018). 7 Fasst man den variationspragmatischen Forschungsstand in Bezug auf die genannten Variationsfaktoren und die beleuchteten Beschreibungsebenen zusammen, so adressieren frühere sowie gegenwärtige Studien makro-soziale Faktoren (hierbei insbesondere die diatopische Variation, z. B. Schneider/ Barron [eds.] 2008; Dürscheid/ Simon 2019), formale und handlungsbezogene Einheiten (hierbei vor allem pragmatische Marker, z. B. Farr/ Murphy 2009; Aijmer 2013; Ackermann 2023, und Sprechakte, z. B. Félix-Brasdefer 2008; Jautz 2013; Bieswanger 2015; Staley 2018; Ackermann 2021; Barron 2022) sowie Varietäten des Englischen und Spanischen (vgl. Schneider 2021a: 674 - 678), wobei der Fokus größtenteils auf mündlicher Kommunikation liegt. Anzumerken ist ferner, dass in variationspragmatischen Studien (a) die angeführten Analyseebenen auch miteinander kombiniert werden (können) und (b) mitunter erforscht wird, wie makro-soziale mit mikro-sozialen Faktoren interagieren (vgl. Barron 2021b: 188). 8 Phänomenbereiche, zu denen es Barron (2017: 100 - 101) und Schneider (2021a: 678 - 680) zufolge bislang kaum For- 7 Die fünf Ebenen erweitert Félix-Brasdefer (2015: 43 - 48) um stilistische, prosodische und non-verbale Perspektiven (vgl. hierzu auch Barron 2021b: 187 - 188). Es lässt sich jedoch fragen, ob diese Analysegegenstände nicht eher als spezifische Unterkategorien der genannten fünf Ebenen angesehen werden können. Beispielsweise finden sich nonverbale Aspekte der Kommunikation mindestens auf formaler, handlungsbezogener, interaktionaler und organisatorischer Ebene wieder (z. B. in Form der multimodalen Realisierung bestimmter pragmatischer Marker oder Sprachhandlung[ssequenz]en im Rahmen des Turn-Takings [Blickrichtungen, Kopf- und Handbewegungen usw.]). 8 So betont Schneider (2021a: 669): „ The presentation of the levels of analysis seems to suggest an additive bottom-up approach, yet this is misleading. What is advocated instead is an integrative top-down approach. It must always be borne in mind that all levels are interdependent, although they can be distinguished analytically and treated separately to reduce the complexities of interactions to a manageable degree in a given study. “ Variationspragmatik 13 <?page no="14"?> schung gibt, die in diesem Band jedoch näher beleuchtet werden, sind unter anderem (a) Variation jenseits des Parameters Region/ Raum (z. B. Proske/ Zeschel), (b) Analysegegenstände auf interaktionaler, thematischer und organisatorischer Ebene (z. B. Schäfer/ Weiß), (c) der geschriebene Sprachgebrauch (z. B. Busch/ Frick) sowie (d) metapragmatische Zugänge (z. B. Meißner). Hier unterbreitet der vorliegende Sammelband mithin fundierte Erkenntnisse, was grundlegende variationspragmatische Forschungsdesiderata betrifft. 2.3 Methodologie und Methodik Die Methodologie betreffend werden in der Literatur wiederkehrend drei Prinzipien postuliert, die variationspragmatischen Untersuchungen zugrunde liegen (müssen) (vgl. Schneider/ Barron 2009: 429 - 431; Schneider 2021a: 672 - 673). Gemäß dem (a) empirischen Prinzip lässt sich Variation nur mittels authentischer Daten beispielsweise experimentell oder korpusbasiert erforschen; introspektive Urteile werden abgelehnt. Das (b) kontrastive Prinzip steckt bereits im Namen des Forschungsstrangs und besagt, dass mindestens zwei Varietäten vergleichend betrachtet werden; dabei reicht es nicht aus, eine bestimmte Varietät (z. B. eine Fachsprache) mit einer abstrakten Norm (z. B. Standardsprache) zu vergleichen. Schließlich ist dem (c) Prinzip der Vergleichbarkeit zufolge darauf zu achten, dass die Daten, die gegenübergestellt werden, sinnvoll miteinander kontrastiert werden können; bei der Untersuchung des Einflusses einer bestimmten unabhängigen Variable (z. B. Region) auf die abhängige Variable (z. B. Sprechakt der Bitte) ist demnach zu beachten, dass die anderen Variablen (z. B. Alter, soziale Schicht) weitgehend konstant gehalten werden. Die Variationspragmatik profitiert von einem breiten Spektrum an Methoden, das sich auch in den Beiträgen dieses Bandes widerspiegelt. So basieren einige Studien auf Daten aus (experimentellen) Online-Befragungen, die quantitativ-statistisch ausgewertet werden (Ackermann/ Dürscheid/ Elspaß/ Simon; Quehenberger/ Bülow). Andere Beiträge erforschen Korpusdaten (WhatsApp-Chats, Face-to-Face-Interaktionen, In-Game-Aufnahmen, medizinische Lehrbücher) aus quantitativer und qualitativer Perspektive (Täge; Busch/ Frick; Oberdorfer/ Hahn; Proske/ Zeschel; Meißner; Schäfer/ Weiß) oder kombinieren die beiden Zugänge (Vergeiner/ Bülow). Zurückgegriffen wird dabei auf verschiedene Ansätze, mit denen sich pragmatische Phänomene im engeren und weiteren Sinne untersuchen lassen, wie Sprechakttheorie (Ackermann/ Dürscheid/ Elspaß/ Simon; Täge), Gesprächsanalyse/ Interaktionale Linguistik (Vergeiner/ Bülow; Proske/ Zeschel), Textlinguistik (Schäfer/ Weiß), Schriftlinguistik (Busch/ Frick) sowie Korpuspragmatik (Meißner) - um nur eine Auswahl zu nennen. 14 Sören Stumpf, Marie-Luis Merten, Susanne Kabatnik & Sebastian Zollner <?page no="15"?> 3 Anliegen und Beiträge des Bandes Wie bereits herausgestellt, greift der vorliegende Band das Desiderat einer germanistischen Variationspragmatik auf. Ergänzt werden damit die zahlreichen Arbeiten zu englischen und spanischen Varietäten um eine Fokussierung der pragmatischen Variation im deutschsprachigen Raum. Vor diesem Hintergrund versammelt der Band sowohl empirische Studien zu ausgewählten pragmatischen Phänomenen und Varietäten als auch stärker theoretisch und methodologisch ausgerichtete Beiträge (Ziele, Herausforderungen und Methoden, Ackermann/ Dürscheid/ Elspaß/ Simon). Die in den Blick genommenen pragmatischen Phänomene sind vielfältig und reichen von der stärker formalen (mikrostrukturellen) Ebene bis hin zur abstrakteren (makrostrukturellen) Dimension der Sprachpraxis. Berücksichtigung finden sowohl klassische Bereiche der Pragmatik, so z. B. Deixis (Quehenberger/ Bülow), Sprechakte (Täge), pragmatische Marker (Proske/ Zeschel; Vergeiner/ Bülow) wie auch Ansätze einer weit gefassten Pragmatik, z. B. Schreibregister (Busch/ Frick), Invektivität (Oberdorfer/ Hahn), die Text- und Wissensorganisation (Schäfer/ Weiß) und metapragmatische Phänomene (Meißner). Dass der geschriebene Sprachgebrauch im Fokus einzelner Studien steht, ist angesichts des entsprechenden Forschungsbedarfs eine große Stärke des Bandes. Die Beiträge umfassen schwerpunktmäßig diatopische und diaphasische Zugänge zur pragmatischen Variation des Deutschen; insbesondere Letzteres stellt einen weiteren wesentlichen Mehrwert des vorliegenden Sammelbandes dar, wird doch die diaphasische Variation auch mit Blick auf andere Sprachen bisher seltener in den Blick genommen. Ausgewählte Beiträge widmen sich (mitunter auch) diastratischen Faktoren wie der Zugehörigkeit zu divergierenden Denkkollektiven. Insgesamt gibt der Band einen Einblick in die vielfältigen Objektbereiche und Anwendungsfelder der (germanistischen) Variationspragmatik. Er leistet einen fundierten Beitrag zur empirischen Untersuchung pragmatischer Variation sowie zur Methodologie- und Theoriebildung der Variationspragmatik. Besonders hervorzuheben ist dabei der sich abzeichnende Methodenpluralismus, der in der Zusammenschau der einzelnen empirischen Studien sichtbar wird. Die nachfolgende Tabelle 1 gibt einen solchen Überblick über die Beiträge des Bandes mit ihren vielfältigen Analysegegenständen, Datentypen und methodischen Herangehensweisen. Variationspragmatik 15 <?page no="16"?> Primäre Variationsdimension Beitrag Analysegegenstand Daten und Methodik D IATOPIK Ackermann, Dürscheid, Elspaß & Simon Höflichkeitssensitive Sprechakte (z. B. Bitten), Vokative Online-Befragung und quantitative Analyse (u. a. Discourse Completion Tasks) Vergeiner & Bülow Partikel eh Gesprächsanalyse (Ulrichsberg-Korpus), Online-Befragung und quantitative Analyse Quehenberger & Bülow Richtungsadverbien Online-Befragung und quantitative Analyse Täge Ability Questions Quantitative Korpusanalyse (WhatsApp- Daten) D IAPHASIK Busch & Frick Schreibregister Quantitative und qualitative Korpusanalyse (WhatsApp-Daten) Oberdorfer & Hahn Aggressive Äußerungen Quantitative und qualitative Korpusanalyse (In-Game-Aufnahmen) Proske & Zeschel Pragmatische Marker Gesprächsanalyse; quantitative Korpusanalyse (Datenbank für Gesprochenes Deutsch) Meißner Kommunikationsverben Quantitative Korpusanalyse (Datenbank für Gesprochenes Deutsch) D IASTRATIK Schäfer & Weiß Text- und Wissensorganisation Quantitative und qualitative Korpusanalyse (medizinische Lehrbücher) Tab. 1: Übersicht über die Beiträge des Bandes In dieser Konzeption treibt der Band die (traditionellere) variationspragmatische Forschung voran, indem dringende Desiderata angegangen und neue Perspektiven für die zukünftige pragmatisch fokussierte Erforschung sprachlicher Variation aufgezeigt werden. 16 Sören Stumpf, Marie-Luis Merten, Susanne Kabatnik & Sebastian Zollner <?page no="17"?> 4 Zukünftige Perspektiven Auch wenn der vorliegende Band grundsätzlich für eine stärkere Sichtbarkeit von pragmatischen Fragestellungen in der eher strukturell ausgerichteten Variationslinguistik wirbt und sich als einen bedeutsamen Beitrag zum Ausbau einer germanistischen Variationspragmatik versteht, legt er in der Gesamtschau der Beiträge ebenso offen, welchen Gesichtspunkten in zukünftigen Arbeiten eingehendere Aufmerksamkeit zukommen sollte. Es zeichnen sich verschiedene Phänomenbereiche, Variationsdimensionen wie auch Analyseperspektiven ab, die in den Mittelpunkt sich anschließender Studien zu rücken sind (ähnlich auch Barron 2017: 100 - 101 und Schneider 2021a: 678 - 680). Was in pragmatischer Hinsicht bislang untererforschte Faktoren von Variation betrifft, so sind hier vor allem die Diastratik sowie diachrone und diamediale Differenzierungen zu nennen. Gruppenspezifische Variationsphänomene, die auf Aspekte wie Alter, sozio-ökonomische Milieus, ethnische Zugehörigkeit, Interessen usw. zurückzuführen sind, scheinen aus pragmatischer Sicht mehr als naheliegend, sie sind allerdings bisher nicht eingehender untersucht worden. Dabei sind diese Aspekte deutlich vielschichtiger, als es auf den ersten Blick erscheinen und mitunter manche variationslinguistische Studie suggerieren mag. Ein naheliegendes Beispiel stellt die Kategorie Gender dar: Die bisherige Betrachtung von Variation im Hinblick auf Gender beschränkte sich weitgehend auf eine binäre Geschlechterdifferenzierung. Angesichts der intensiven genderlinguistischen Forschung der letzten Jahrzehnte sollte dieser eingeschränkte Ansatz jedoch überdacht werden. Die Fortschritte in der Genderforschung haben gezeigt, dass geschlechtliche Identität ein vielschichtiges und komplexes Konstrukt darstellt, das über die binäre Unterscheidung von männlich und weiblich hinausgeht. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit Gender in linguistischen Untersuchungen ist daher dringend erforderlich, um der sprachlichen Vielfalt und den vielfältigen Ausdrucksformen geschlechtlicher Identität gerecht zu werden. Während darüber hinaus pragmatische Wandelphänomene ebenso in der Historischen Pragmatik zum Thema gemacht werden, bieten - nicht zuletzt den Überlegungen von Koch/ Oesterreicher (1985) folgend - erwartbare Unterschiede von gesprochen- und geschriebensprachlichen Settings auch einen instruktiven Gegenstand variationspragmatischer Forschung (beispielsweise zu Komplimenten und Kompliment-Erwiderungen in Offline- und Online-Kontexten, vgl. Merten 2022). Mit Blick auf die Analyseebenen zeichnet sich ein (größerer) Forschungsbedarf insbesondere für die interaktionale, thematische sowie organisatorische Dimension ab; vor allem variationspragmatische Studien, die sich auf die Text- Variationspragmatik 17 <?page no="18"?> und Gesprächs(sorten)ebene beziehen (vgl. Barron 2017: 101), können in sich anschließenden Projekten zur Bearbeitung eines bislang nur wenig erforschten Feldes beitragen. Ähnliches gilt für metapragmatisch fokussierte Forschungsvorhaben; bis dato liegen nur wenige Einblicke in diese Ebene der Vorstellungen von und Einstellungen zu pragmatischer Variation vor. Hierbei könnten sich digitale Interaktionsräume als aufschlussreiche Kommunikationsbereiche erweisen: Beispielsweise thematisieren zahlreiche Posts auf Plattformen wie Instagram, TikTok oder X Phänomene der sprachlichen Variation, die dazugehörigen Kommentarspalten vermitteln ein vielfältiges Bild der User: innen-Positionierungen zu diesen Variationsposts. Größerer Erkenntnisgewinn könnte in zukünftigen variationspragmatischen Studien schließlich durch stärker multifaktoriell angelegte Forschungsdesigns erzielt werden. Indem verschiedene Variationsfaktoren sowie Analyseebenen systematisch berücksichtigt und aufeinander bezogen werden, lassen sich die komplexen Wechselwirkungen innerhalb und zwischen diesen Dimensionen aufdecken. Dies ermöglicht nicht nur ein tieferes Verständnis der reziproken Beeinflussung der Faktoren, wie etwa diatopischer, diaphasischer und diastratischer Variablen, sondern auch der Verflechtungen zwischen unterschiedlichen Untersuchungsgegenständen, etwa auf formaler, handlungsbezogener oder interaktionaler Ebene. Solche differenzierten Ansätze versprechen wertvolle Einsichten in die Dynamik pragmatischer Variation. In diesem Zusammenhang sollte die germanistische variationspragmatische Forschung auch verstärkt experimentelle Methoden heranziehen. Eine solche methodische Erweiterung würde es ermöglichen, korpusbasierte Erkenntnisse durch gezielte Hypothesen zu spezifischen pragmatischen Phänomenen systematisch zu überprüfen und kausale Zusammenhänge zwischen Variationsfaktoren und einzelnen Analyseebenen präziser zu erfassen. Insgesamt versteht sich der Band als ein erster grundlegender Schritt, der zukünftige Forschungen zur Variationspragmatik im Deutschen anregen soll. Dabei eröffnet er nicht nur neue Perspektiven, was die Untersuchung konkreter Analysegegenstände pragmatischer Variation anbelangt, sondern er liefert auch methodische und theoretische Impulse, die für eine weiterführende Auseinandersetzung mit diesem Forschungsfeld an der Schnittstelle von Pragmatik, Variations- und Soziolinguistik von zentraler Bedeutung sein können. 18 Sören Stumpf, Marie-Luis Merten, Susanne Kabatnik & Sebastian Zollner <?page no="19"?> Literatur Ackermann, Tanja (2021). Bitte könnte ich vielleicht? Eine kontrastive Untersuchung zu Aufforderungen in Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz. Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 88, 265 - 301. Ackermann, Tanja (2023). Die formale und funktionale Entwicklung von bitte. Eine diachrone Korpusstudie zur Entstehung eines höflichkeitsrelevanten Markers. Zeitschrift für germanistische Linguistik 51, 152 - 195. Aijmer, Karin (2013). Understanding Pragmatic Markers: A Variational Pragmatic Approach. 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In this article, we first provide an overview of the aims of the VariPrag-project and then discuss the methodological challenges involved in analysing pragmatic variation within the contiguous Germanspeaking area. We also present two case studies based on data from pilot studies, showing that such an endeavour can lead to interesting results. Keywords: variational pragmatics, methodology, pluriareal German, metapragmatics, requests, vocatives 1 Variantenpragmatik und Variationspragmatik „ In dem trinationalen Projekt Variantenpragmatik des Deutschen - kommunikative Muster im Vergleich (Projektstandorte FU Berlin, Universität Bielefeld, PLUS Salzburg und Universität Zürich) werden regionale Unterschiede im Gebrauch kommunikativer Muster untersucht “ (www.variprag.net). 1 So steht es auf der Website zu dem Forschungsprojekt, das wir seit 2022 gemeinsam leiten und das Thema des vorliegenden Beitrags ist. Im Folgenden wird es aber 1 Gefördert wird das Projekt durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (AC390/ 1-1 bzw. SI 750/ 6-1), den Österreichischen Wissenschaftsfonds (I 5448-G) und den Schweizerischen Nationalfonds (100019E_202352). Diese Fußnote sei auch dafür genutzt, Gerard Adarve zu danken, der unseren Aufsatz so gründlich lektoriert hat. <?page no="24"?> nicht nur um kommunikativ-regionale Unterschiede gehen, der Schwerpunkt liegt auch auf der Frage, welche theoretischen und methodischen Herausforderungen sich stellen, wenn man kommunikative Phänomene wie das Anredeverhalten, den Gebrauch von Höflichkeitspartikeln (wie z. B. bitte), Routineformeln (wie z. B. Guten Tag) und höflichkeitssensitive Sprechakte (wie z. B. Beschwerden oder Bitten) variationspragmatisch untersuchen möchte. Das führt uns zu einer ersten, zu einer terminologischen Frage: Der vorliegende Sammelband trägt den Titel Variationspragmatik, auf der Website unseres Projekts und in den dazu bereits erschienenen Publikationen ist entweder von Variantenpragmatik oder von variationeller Pragmatik die Rede (vgl. Dürscheid/ Simon 2019; Ackermann 2021, 2023a; Dürscheid 2023). Gibt es hier einen Bedeutungsunterschied? Auf diese Frage kommen wir weiter unten zurück, zunächst ist noch ein Hinweis zum Terminus Varietät erforderlich. Wir verstehen diesen Ausdruck nicht systembezogen, sondern beziehen ihn auf die Gebrauchssituation (vgl. Berruto 1987: 264): Die Kommunikationsbeteiligten sind es, deren sprachliche Handlungen einerseits von externen Parametern bestimmt sind und die andererseits in der Verwendung sprachlicher Mittel soziale Bedeutung herstellen (vgl. Eckert 2018). In der Variationspragmatik wird dieser Ansatz aufgenommen. So schreibt Barron (2021), dass der Sprachgebrauch in Korrelation zu Faktoren wie z. B. Alter, Geschlecht und Region steht und dass sich diese Faktoren verschiedenen Kontexten auf mikro- und makrosozialer Ebene zuordnen lassen (vgl. Barron 2021: 192 - 194). Auf der mikrosozialen Ebene ist einer dieser Faktoren die Beziehung zwischen den Interaktionsbeteiligten (weshalb sie sich z. B. duzen und nicht siezen), auf der makrosozialen Ebene ist es beispielsweise die regionale Herkunft bzw. der Ort, an dem die Personen leben (weshalb sie z. B. Grüezi und nicht Moin sagen). Was den Herkunfts- oder Lebensraum betrifft, so können damit Staaten gemeint sein (z. B. Österreich oder Deutschland), aber auch Großareale wie die deutschsprachige Schweiz, Norddeutschland oder Süddeutschland, Bundesländer wie Bayern oder Vorarlberg oder auch Dialektgebiete wie ,das Bairische ‘ oder ,das Alemannische ‘ , die allesamt nicht durch Staatsgrenzen definiert sind. Im Folgenden verwenden wir den Terminus Region bzw. Areal in diesem weiten Sinne. Das entspricht auch der Auffassung von Schneider und Barron, die in ihrem programmatischen Aufsatz zur Variationspragmatik schreiben: „ Regional variation is an umbrella term for different types of language variation in geographical space, including not only the national and the sub-national levels, but also the local and sub-local levels “ (Schneider/ Barron 2008b: 17). 2 2 So auch Barron (2021: 192): „ Region [ … ] can be conceived of on various levels, such as on a national, sub-national or local level. “ 24 Tanja Ackermann, Christa Dürscheid, Stephan Elspaß & Horst J. Simon <?page no="25"?> Kommen wir zurück zu der Frage nach dem Bedeutungsunterschied von Variationspragmatik und Variantenpragmatik. Dabei handelt es sich um Synonyme, einen Unterschied sehen wir nur in wissenschaftsgeschichtlicher Hinsicht: Den Ausdruck Variantenpragmatik haben wir für unser Projekt gewählt, um anzudeuten, dass die Forschungsarbeiten in einer Reihe zum Variantenwörterbuch (vgl. Ammon et al. 2016) und zur Variantengrammatik (vgl. Dürscheid et al. 2018) stehen. Diese Arbeiten wiederum basieren konzeptionell auf dem Grundlagenwerk von Clyne (1984), der die variationslinguistische Perspektivierung des Standards und damit eine Abkehr von einer monozentrischen Sichtweise in der Germanistik begründet hat (vgl. dazu auch Ammon 1995). Im Jahr 2004 erschien die erste Auflage des Variantenwörterbuchs, in dem über 12.000 Varianten des Standarddeutschen in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Liechtenstein, Südtirol, Luxemburg und Ostbelgien auf lexikalischer Ebene erfasst sind; die zweite, überarbeitete Auflage stammt von 2016 (vgl. Ammon et al. 2016). Daran anschließend wurde im Rahmen eines grenzüberschreitenden Projekts mit dem Titel „ Variantengrammatik des Standarddeutschen “ der Schwerpunkt auf die Analyse von arealen Unterschieden in der Grammatik der deutschen Standardsprache gelegt. Diese Arbeiten starteten zu Beginn der 2010er Jahre, 2018 erschien das gleichnamige Online- Nachschlagewerk im Open Access (siehe unter <www.variantengrammatik. net>). Auch das dritte Projekt in der Reihe, das Variantenpragmatik-Projekt (kurz: VariPrag), untersucht im Rahmen eines grenzübergreifenden germanistischen Forschungsvorhabens die areale Variation im deutschsprachigen Raum, im Zentrum stehen nun aber solche Aspekte, die das Kommunikationsverhalten betreffen. Dieses Projekt hat seine Arbeit im Herbst 2022 aufgenommen; in der Projektleitung sind neben Tanja Ackermann und Horst Simon auch Christa Dürscheid und Stephan Elspaß, d. h. zwei Personen aus dem Vorgängerprojekt. Sowohl auf konzeptioneller als auch auf personeller Ebene besteht also eine Kontinuität in der Forschungsarbeit. Dennoch wäre es falsch anzunehmen, dass das aktuelle Projekt lediglich eine Fortsetzung der beiden vorangehenden germanistischen Projekte ist. Denn es gibt zwei zentrale Unterschiede, die im Folgenden erläutert werden. Zum einen werden im VariPrag-Projekt aus logistischen Gründen primär Daten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erhoben (d. h. im Ammon ’ schen Sinne aus den ,Vollzentren ‘ der deutschen Sprache); es ist also nicht der gesamte deutschsprachige Raum, auf den die empirische Arbeit ausgerichtet ist. Zum anderen geht es nicht darum, nur solche Variationsphänomene zu erfassen, die die Standardsprache konstituieren. Im Zentrum steht vielmehr die Frage, wie sich Menschen in Alltagssituationen kommunikativ verhalten - sei dies im Dialekt oder in der jeweiligen Ausprägung der Standardsprache. Ein Variantenpragmatik des Deutschen 25 <?page no="26"?> wichtiger Faktor ist dabei die Wahl eines eher formellen bzw. informellen Registers, wobei formelle Register tendenziell eine größere Schnittmenge mit den Standardvarietäten des Deutschen aufweisen, informelle Register eher mit den Varietäten der Alltagssprache (und die Alltagssprache wiederum je nach Land und Region zwischen Dialekten und standardnahen Varietäten oszillieren kann, vgl. Möller/ Elspaß 2019: 758). Die Frage nach dem Gebrauch der Standardsprache im deutschsprachigen Raum spielt dennoch eine nachgeordnete Rolle; die pragmatische Dimension liegt gewissermaßen quer zur Varietätenwahl. Es kommt uns primär darauf an, welche konkreten Varianten (bzw. Variantentypen) in einer Kommunikationssituation verwendet werden. Zu den oben diskutierten terminologischen Fragen sei abschließend noch angemerkt, dass im Deutschen weder der Ausdruck Variationspragmatik noch der Ausdruck Variantenpragmatik geläufig sind. Man erhält beispielsweise nur ca. 600 Treffer, wenn man in der Suchmaschine Google das Stichwort Variantenpragmatik eingibt (Stand Dezember 2023), bei Variationspragmatik sind es 550. 3 Verglichen mit dem englischen Variational Pragmatics sind dies sehr niedrige Zahlen. Das hängt womöglich damit zusammen, dass es im Englischen einen Sammelband gibt, der diese Bezeichnung schon im Jahr 2008 im Titel verwendet hat: „ Variational Pragmatics: A focus on regional varieties in pluricentric languages “ (Schneider/ Barron 2008a). Schneider und Barron haben damals den Anspruch erhoben, mit ihrem Buch eine neue Disziplin, eben die Variationspragmatik, zu etablieren. In der Einleitung beschreiben sie die Zielsetzung wie folgt: „ [ … ] in examining pragmatic variation across geographical and social varieties of a language, variational pragmatics aims at determining the impact of such factors as region, social class, gender, age and ethnicity on communicative language use “ (Schneider/ Baron 2008: 1). Natürlich hat es zu diesem Themenfeld auch schon früher Forschung gegeben, doch mit dem Sammelband wurde die Bezeichnung eingeführt, unter der solche Arbeiten fortan subsumiert werden konnten, und es wurden die theoretischen Grundlagen formuliert sowie die Forschungsfragen von anderen Arbeitsfeldern in der Pragmatik (wie Historical Pragmatics oder Intercultural Pragmatics) abgegrenzt. Vielleicht gelingt es mit dem vorliegenden Sammelband, die Bezeichnung Variationspragmatik im Deutschen ebenfalls zu verbreiten - das Forschungsfeld gibt es ja schon. Nun noch ein Wort zum Aufbau des Beitrags: Im nächsten Abschnitt stellen wir die fünf Teilprojekte des VariPrag-Projekts kurz vor und stecken den 3 Zum Vergleich: Gibt man in der Suchmaschine das Stichwort Soziolinguistik ein, erhält man 355.000 Treffer (Stand Dezember 2023). 26 Tanja Ackermann, Christa Dürscheid, Stephan Elspaß & Horst J. Simon <?page no="27"?> theoretischen Rahmen ab, in dem sich unsere Forschungsarbeit und damit auch der vorliegende Beitrag situiert. Der dritte Abschnitt präsentiert Überlegungen zur Methodologie, genauer zu der Frage, wie man vorgehen kann, wenn man den (vermuteten) Zusammenhang von regionaler Herkunft und Kommunikationsverhalten empirisch untersuchen möchte. Wie wichtig eine solide empirische Herangehensweise ist, erkennt man u. a. daran, dass viele Aussagen zur areal-pragmatischen Variation im Laiendiskurs auf Stereotypen basieren und vorwiegend anekdotischen Charakter haben. Als Beispiel sei nur die Plakataktion der Stadt Zürich aus dem Jahr 2010 genannt, während der im Rahmen einer Integrationskampagne neben anderen Ratschlägen zu lesen war: „ Sag doch statt ‚ Ich krieg dann mal! ‘ lieber ‚ Bitte könnte ich vielleicht? ‘“ Das Plakat musste zurückgezogen werden, nachdem es von verschiedenen Seiten Beschwerden gegeben hatte (vgl. dazu dos Santos Pinto 2014). Inzwischen taucht der Verweis auf dieses Plakat - vermutlich zum Leidwesen der damaligen Initiator*innen - in der variationslinguistischen Forschung wieder auf (vgl. Locher/ Luginbühl 2019: 250; Ackermann 2021: 266). Tatsächlich macht die Aktion ja auch sehr anschaulich, welche Zuschreibungen im öffentlichen Diskurs (hier in Bezug auf das Verhalten von Deutschen in der Schweiz) vorgenommen werden. Doch nicht nur in der Öffentlichkeit, auch auf fachwissenschaftlicher Seite finden sich solche Stereotype (siehe dazu Abschnitt 3.1). Nach den Ausführungen zur Methodologie werden wir im vierten Abschnitt im Rahmen unseres Werkstattberichts erste empirische Ergebnisse zur pragmatischen Variation im deutschsprachigen Raum diskutieren. Den Abschluss bildet ein Abschnitt, in dem ein Ausblick auf unsere weitere Arbeit präsentiert wird. 2 Das VariPrag-Projekt 2.1 Theoretischer Rahmen Das VariPrag-Projekt besteht aus fünf Teilprojekten, die auf der Projekt- Website im Detail vorgestellt werden (siehe unter www.variprag.net/ teilprojekte). Deshalb fassen wir uns an dieser Stelle kurz: Ein Projekt untersucht das Anrede- und Grußverhalten von Sprecher*innen, ein zweites den Gebrauch höflichkeitssensitiver Sprechakte in der mündlichen Kommunikation. Das dritte Teilprojekt befasst sich mit geschriebenen Online-Rezensionen, das vierte beschreibt kommunikative Muster in Briefen vom Anfang des 19. bis ins 20. Jahrhundert. Alle vier Teilprojekte nehmen die Variation auf formalpragmatischer und aktional-pragmatischer Ebene in den Blick, untersuchen also den Gebrauch gewisser Formen, d. h. einzelner Wörter (wie z. B. bitte) oder Phrasen (wie z. B. Guten Tag), bzw. Realisierungsoptionen individueller Sprech- Variantenpragmatik des Deutschen 27 <?page no="28"?> akte, nicht aber längere Gesprächssequenzen. Das fünfte Teilprojekt liegt auf einer anderen Ebene: In diesem geht es um die Frage, wie sich der öffentliche, mediale Diskurs zum Thema gestaltet und in welcher Relation die hier vorzufindenden Annahmen (z. B. zur Höflichkeit) zu den empirisch-gegenwartsbezogenen Analysen aus anderen Teilprojekten stehen. Mit Blick auf den theoretischen Rahmen wurde weiter oben dargelegt, dass es uns nicht um eine strukturbezogene Beschreibung des Deutschen geht; im Zentrum stehen vielmehr die sprachlichen Handlungen der Kommunikationsbeteiligten (bzw. die Annahmen, die dazu in der öffentlichen Wahrnehmung vorherrschen). Folglich spielt das Coseriu ’ sche Diasystem, wonach drei Dimensionen - die diatopische, die diaphasische und die diastratische - die innere Architektur einer Sprache darstellen (vgl. Coseriu 1988: 139), für unsere Arbeit keine entscheidende Rolle. Vielmehr interessiert uns, eingedenk der oben skizzierten Auffassung von Schneider/ Barron (2008b), das Zusammenspiel verschiedener sozialer Faktoren bei der Konstituierung pragmatischer Variation. Dahinter steht die Überlegung, dass sprachliche Variation nicht systematisch mit einzelnen außersprachlichen Parametern korreliert (und diese Parameter nicht je eigene, klar voneinander abgrenzbare Varietäten hervorbringen), sondern dass Variation erst im sozialen Kontext im Zusammenspiel der verschiedenen Faktoren entsteht (vgl. Barron 2021) bzw. diese abbildet. Wir situieren unser Projekt also an der Schnittstelle von Pragmatik und Variationslinguistik, indem wir systematisch die variationelle Komponente pragmatischer Phänomene betrachten, also pragmatische Muster in ihrer (i. w. S.) soziolinguistischen Verteilung, ohne dabei aber spezifische Vorannahmen in Bezug auf die Existenz und allfällige Abgrenzung von Varietäten zu machen. Was die variationelle Komponente betrifft, so umfasst diese verschiedene makrosoziale Faktoren, auf die wir schon im vorangehenden Abschnitt eingegangen sind. Etwas ausführlicher kommentieren wir daher im Folgenden die pragmatische Komponente. Diese besteht ursprünglich aus fünf Analyseebenen ( „ the formal, actional, interactional, topic and organizational level “ , vgl. Schneider 2021: 664 f.), in neueren Arbeiten kommen noch weitere hinzu (vgl. Schneider 2021: 668 f.). Zwei der fünf Analyseebenen, die von Schneider/ Barron (2008b) eingeführt wurden, sind auch für unser Projekt relevant. Sie werden von Schneider (2021: 665 f.) mit den folgenden Worten charakterisiert: On the formal level, the analysis is focused on individual words or short phrases that serve specific communicative functions and can be summarized as pragmatic markers. [ … ]. The actional level of analysis is the level of speech acts. Work on this level is aimed at establishing how speech acts are realized and how realizations differ in terms of (in)directness, (im)politeness, (in)formality etc. 28 Tanja Ackermann, Christa Dürscheid, Stephan Elspaß & Horst J. Simon <?page no="29"?> Eine weitere Ebene, die zunächst nicht vorgesehen war, ist die metapragmatische. Schneider (2021: 669) erläutert diese wie folgt: „ Finally, a metapragmatic level can be added to the analysis. On this level, researchers examine how ordinary language users think and talk about pragmatic phenomena, e. g. speech acts. “ Es ist - im Unterschied zu den anderen vier Teilprojekten, in denen der Sprachgebrauch selbst untersucht wird - diese Ebene, auf der sich das fünfte Teilprojekt situiert; Zeitungsartikel, Online-Kommentare und Auszüge aus der Ratgeberliteratur (wie z. B. Küng 2023) bilden hier die Datengrundlage. 4 Die im öffentlichen Diskurs vorherrschenden Annahmen über typische kommunikative Muster werden auf Basis dieser Daten ermittelt und im Rahmen einer Online-Einstellungserhebung überprüft. Phänomene, die aus dem Material herausgearbeitet wurden, sollen in dieser Umfrage als Stimuli vorgegeben werden, um so zu klären, ob es sich dabei tatsächlich um gängige Vorannahmen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen handelt. 5 Unsere Hinweise zur disziplinären Einordnung des VariPrag-Projekts schließen wir damit ab. Kommen wir nun noch dazu, wie die Variable Region im Projekt operationalisiert wird. Damit verbunden ist die Frage nach dem Status des Deutschen als plurizentrische oder pluriareale Sprache (vgl. dazu Ammon 1995; Auer 2014, 2021; Elspaß 2025). In der Variationspragmatik sind mehrere Arbeiten erschienen, die das Deutsche (und andere Sprachen) grobmaschig im plurizentrischen Kontext verorten, damit in erster Linie auf nationale Unterschiede zielen und entsprechend nationale Varietäten miteinander vergleichen (z. B. Warga 2008; Elter 2009). Daneben gibt es Studien, in denen die pragmatische Variation kleinräumiger untersucht wird (wie z. B. die Variation im deutschen Deutsch oder im brasilianischen Portugiesisch). Kann aber nicht auch davon ausgegangen werden, dass es in zusammenhängenden Sprachgebieten mehr Gemeinsamkeiten auf beiden Seiten der Landesgrenze geben könnte als im Norden und im Süden desselben Landes? Dazu schreiben Schneider/ Félix-Brasdefer (2021: 665): „ Varieties, like languages, are not homogenous wholes, least of all national varieties. There is, needless to say, intravarietal pragmatic variation, e. g., across regions within the same country “ . 4 Ein Beispiel dafür, wie „ ordinary language users “ über pragmatische Phänomene denken, ist die oben erwähnte Integrationskampagne der Stadt Zürich. Ein anderes Zitat, das in dieselbe Richtung weist, stammt aus einer Schweizer Tageszeitung: „ Die Schweizer sind sehr höflich - auch deutlich höflicher als die Süddeutschen, welche ihrerseits der Ansicht sind, die Norddeutschen seien weit weniger höflich als sie. “ (Tages-Anzeiger vom 2.10.2007). 5 Z. B. „ Stellen Sie sich vor, Sie sind in einer Bäckerei und jemand bestellt mit den Worten: Ich kriege/ bekomme/ hätte gerne [ … ]. Woher kommt die Sprecherin/ der Sprecher nach Ihrer spontanen Einschätzung? “ Variantenpragmatik des Deutschen 29 <?page no="30"?> Trotz solch programmatischer Aussagen gewinnt man den Eindruck, dass es dazu in der Variantenpragmatik bislang nur wenige Untersuchungen gibt. Zumindest die Arbeit von Culpeper/ Gillings (2018) zur „ Politeness variation in England “ sei hier aber genannt. Darin wird auf der Basis eines Korpus mit Daten aus der gesprochenen Sprache die Frage überprüft, ob Personen im Norden Englands andere Höflichkeitsformeln verwenden als im Süden. 6 In der Regel aber fokussieren variationspragmatische Arbeiten auf den plurizentrischen Vergleich kommunikativer Phänomene. Meist geht oft schon aus dem Titel hervor, welche Länder im Text im Fokus stehen. Eine Studie von Schneider trägt z. B. den Titel „ Small talk in England, Ireland, and the USA “ (vgl. Schneider 2008). Darin geht es um die Frage, wie Sprecher*innen des englischen, irischen und US-amerikanischen Englisch bei einer Party ein Gespräch eröffnen. 7 Ein Grund für eine solche Vorgehensweise mag in forschungspraktischen Erwägungen liegen, denn je gröber gliedernd die avisierte Differenzierung ist, desto weniger Datenpunkte sind für valide Aussagen nötig. Oder anders gewendet: Feinere Granularität setzt eine deutlich komplexere Empirie voraus (vgl. dazu den nächsten Abschnitt). Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen überrascht es nicht, dass sich der Ausdruck pluriareal in den Studien zur Variantenpragmatik noch nicht etabliert hat, meist ist die Rede von pluricentric. In einer Arbeit wird das pluriareale Konzept aber namentlich erwähnt und in einem separaten Abschnitt unter der Überschrift „ Pluricentricity or pluriareality “ vorgestellt (vgl. Norrby et al. 2020). Hier ist zu lesen: „ Research on pluricentricity has largely - as the name suggests - focused on varieties of languages that have the status as principal or official languages in at least two countries. However, there has also been considerable work from a pluriareal perspective, where regional variation is the primary concern “ (Norrby et al. 2020: 221). Und an anderer Stelle heißt es: „ The latter has been applied particularly to the German-speaking area, which, for example, shows variation in use which follows north-south as well 6 Culpeper/ Gillings (2021: 54) kommen zu folgendem Schluss: „ The results of our study were not expected. They do not provide evidence for the popularly assumed north-south England divide in terms of preferences for different types of politeness. It would be somewhat premature, however, to declare that a myth. We have, after all, only examined a limited number of formulaic politeness expressions. “ 7 Schneider (2021: 668) schreibt rückblickend über diese Studie: „ To provide just one example, in one study it was found that 56.7 per cent of English speakers opened party small talk with strangers with an exchange of bare greetings, whereas 60.0 per cent of American English speakers initially introduced themselves, and 73.3 per cent of Irish English speakers assessed the situation (e. g. Great party, isn ’ t it? ). “ 30 Tanja Ackermann, Christa Dürscheid, Stephan Elspaß & Horst J. Simon <?page no="31"?> as east-west borders that cross the national borders of Austria, Germany and Switzerland “ (Norrby et al. 2020: 204). Die Autor*innen nennen in dem Zusammenhang auch Dollinger, der sich aber in Bezug auf das Deutsche dezidiert gegen den pluriarealen Ansatz ausspricht und vor allem normativ argumentiert (z. B. Dollinger 2019). Doch im Grunde ist die Frage nach der Basis regional differenzierter Variation - und zwar auf allen in Betracht kommenden Ebenen - eine wesentlich empirische. Wichtig ist deshalb eine empirisch möglichst sauber aufbereitete Analyse der Regionalfaktoren, die bei der Variation im Deutschen zu konstatieren sind. Solange keine auf das Gegenteil weisenden Fakten vorliegen, wird man vorsichtigerweise gut daran tun, eher mit Pluriarealität zu rechnen, da hier weniger Annahmen nötig sind. Die wichtigsten Argumente für diese Position sind im Detail nachzulesen bei Elspaß et al. (2017), Dürscheid/ Simon (2019) und Elspaß (2025), sie sollen hier nicht wiederholt werden (vgl. dazu auch Auer 2014 und 2021). 8 Deshalb nur kurz: Wir gehen davon aus, dass der pluriareale Ansatz unter sprachgebrauchsbasierten Aspekten den sprachlichen Gegebenheiten eher gerecht wird als der plurizentrische. Übrigens weisen Norrby et al. (2020: 221) abschließend noch einmal darauf hin, dass die Pluriareal-Plurizentrisch-Diskussion bisher vor allem unter Linguist*innen aus den deutschsprachigen Ländern geführt wird: „ Whatever the future holds with respect to this debate, it is probably fair to conclude that the argument to date mostly has been a concern of linguists from the German-speaking countries. “ Das trifft zu. Dass dies aber nicht mit eventuell nur für die deutschsprachigen Länder spezifischen Begebenheiten zu erklären ist, zeigt etwa schon die oben erwähnte Studie von Culpeper/ Gillings (2018) zu England. Wünschenswert wäre aus unserer Sicht also, dass ein für mögliche Pluriarealität offener Ansatz in Zukunft auch mit Blick auf andere Sprachen - empirisch fundiert und theoretisch offen - diskutiert würde. 2.2 Methodische Herausforderungen Im vorangegangenen Abschnitt ist es bereits angeklungen: Wer regionale Variation, gleich welcher sprachlichen Systemebene, in den Blick nimmt, steht immer vor methodischen Herausforderungen. Bei Forschungen im Bereich der 8 Auer (2021) hält beide Ansätze aufgrund der verschiedenen Zugänge zum ,Standard ‘ - Konzept für prinzipiell unvereinbar. Gegenüber dem gebrauchsbasierten (Pluriarealitäts-) Modell wendet er ein, dass „ [t]he processes of enregisterment that are part and parcel of the formation of an alternative standard in emerging nations cannot be reduced to questions of actual standard usage “ (Auer 2021: 45). Die Möglichkeit für eine Zusammenführung beider Konzepte sieht dagegen Niehaus (2025) durch eine Implementierung eben dieses Enregisterment-Ansatzes. Variantenpragmatik des Deutschen 31 <?page no="32"?> Pragmatik gelten aber besonders schwierige Bedingungen: Zum einen ist eine Vielzahl von potenziellen Einflussfaktoren, die zudem komplex miteinander interagieren, zu kontrollieren (siehe auch Abschnitt 2.1), zum anderen ist die Forschungstradition im Vergleich zu lexikalischer oder grammatischer Variation bislang noch wenig ausgeprägt; methodische Standards bei empirischen Erhebungen sind also noch nicht etabliert. Das VariPrag-Projekt macht es sich zum Ziel, an dieser Stelle dezidiert datenorientiert anzusetzen und mit einer Mischung avancierter Datenerhebungsmethoden zu arbeiten. Für die Analyse schriftlicher Kommunikation wird im ersten der beiden Salzburger Teilprojekte, in dem es um die Analyse kommunikativer Muster in historischen Briefquellen geht, eine bewährte korpuslinguistische Herangehensweise angewendet: Schriftlich vorliegendes Material wird gesammelt, klassifiziert und im Hinblick auf die Projektfragestellung ausgewertet; die Korpusbelege werden im Hinblick auf formale und funktionale Eigenschaften pragmatisch relevanter Ausdrücke (insbesondere formelhafte Sprache, Partikeln, direktive Sprechakte) annotiert und mit den Sozialdaten der Schreiber*innen - soweit vorhanden bzw. erschließbar - korreliert. Für dieses Salzburger Teilprojekt stellt sich - wie bei allen historisch-linguistischen Projekten - die Abhängigkeit von dem zur Verfügung stehenden überlieferten Quellenmaterial. Dafür kann jedoch an die vorhandenen Untersuchungen zur ‚ Sprachgeschichte von unten ‘ anhand von Briefen Ausgewanderter, Soldaten sowie Patient*innen/ Insass*innen von psychiatrischen Pflegeeinrichtungen angeknüpft werden; sie zeigen, dass gerade für die jüngere Sprachgeschichte immer wieder neue Funde geeigneter Quellen möglich sind, nach denen vormals nicht einmal gesucht wurde (vgl. zum Quellenmaterial Neumann 2019; Elspaß 2020; Schiegg 2022). Eine völlig gleichmäßige Abdeckung des gesamten Untersuchungsgebiets wird auf diese Weise zwar nicht zustande kommen. Dennoch ist inzwischen eine so breite regionale Streuung von Quellen privater Schriftlichkeit möglich, dass diese fundierte Analysen zur regionalen Variation sprachlicher, auch pragmatischer Phänomene zulassen. Das zweite Salzburger Teilprojekt befasst sich mit aktuellen Online-Rezensionen. Angesichts der nicht verlässlich zu eruierenden Sozialdaten von Internet- Schreiber*innen besteht hier das grundsätzliche Problem in der Lokalisierung von Internet-Nutzer*innen, denn für die Untersuchung ist es wichtig, dass im Wesentlichen Daten von Schreiber*innen eingehen, deren Wohnort recht genau bestimmbar ist. Dieses ist dadurch minimiert, dass ein Korpus aus über 10.000 negativen Rezensionen von Fitnessstudios auf Google Reviews (2021 - 2023) erstellt wurde. Bei solchen Rezensionen kann eine Nähe zwischen den Wohnorten der Kund*innen, die diese verfassten, und den rezensierten Einrichtungen angenommen werden. Sowohl diese Online-Rezensionen als 32 Tanja Ackermann, Christa Dürscheid, Stephan Elspaß & Horst J. Simon <?page no="33"?> auch historische Privatbriefe können nach fokussierten Phänomenen (Anrede- und Schlussformeln, Partikelgebrauch, Sprechaktrealisierungen) systematisch analysiert werden. Ein unbestreitbarer Vorteil dieses korpusbasierten Ansatzes gegenüber den weiter unten beschriebenen Methoden ist die Tatsache, dass das analysierte Sprachmaterial eine höhere Authentizität aufweist als experimentell elizitierte Daten. Vergleichbares trifft aus methodischer Sicht auf das Zürcher Teilprojekt zu, das mediale Diskurse untersucht. Hier gilt es, einschlägige Äußerungen (z. B. aus der Ratgeberliteratur und aus Zeitungen) zu identifizieren und diese diskurslinguistisch zu interpretieren. Dazu werden Bücher und Textauszüge zusammengestellt, die „ anweisenden Charakter “ haben (vgl. dazu Ott/ Kiesendahl 2019) und sich auf kommunikative Unterschiede im deutschsprachigen Raum beziehen. Das daraus resultierende schriftliche Korpus wird sodann unter Verwendung der Software MAXQDA einer qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen, um rekurrente Themen und Argumentationsmuster bestimmen und einen Kodierungsleitfaden entwickeln zu können, der es ermöglicht, die Daten systematisch zu erfassen. An dieser Stelle ist aber eine grundsätzliche Asymmetrie in Rechnung zu stellen: Wie auch in anderen Situationen von Plurizentrik/ Pluriarealität ist damit zu rechnen, dass Variationsphänomene von Sprecher*innen bzw. Schreiber*innen dominanter Varietäten weniger deutlich wahrgenommen werden als von denen nicht-dominanter Varietäten (vgl. Clyne 1995; Kretzenbacher 2011). 9 Relevante Äußerungen sind deshalb in schweizerischen und österreichischen Medien deutlich häufiger zu finden als in deutschen. Dementsprechend ist auch das Vorkommen von medial wirksamen Stereotypen nicht gleichmäßig verteilt, was bei der Einordnung der Befunde zu bedenken ist. Eine solche Asymmetrie lässt sich bereits bei der Datenerhebung erkennen: Die Mehrheit der Ratgeberliteratur konzentriert sich auf kommunikative Unterschiede zwischen Sprecher*innen aus der Schweiz und Deutschland, und das aus einer schweizerischen Perspektive. Bei den in Berlin bzw. Bielefeld angesiedelten Teilprojekten stellt sich das Methodenproblem wiederum in anderer Weise, da es hier um die Herausarbeitung pragmatischer Muster in der mündlichen Kommunikation geht. Eine großflächige Erhebung authentischer Alltagssprache ist bei begrenzten Res- 9 Kretzenbacher (2011: 8) schreibt - noch ausgehend von einem plurinationalen Modell - z. B.: „ As opposed to the speakers of the dominant national standard of German in Germany, Austrian speakers of German tend to be more sensitive towards different national standards in address forms and related structures such as greetings. Such micropragmatic differences can lead to intercultural misunderstandings or reinforce mutual stereotypes between speakers of different national varieties of German. “ Variantenpragmatik des Deutschen 33 <?page no="34"?> sourcen schlechterdings unmöglich, zumal eine Vielzahl von Sozial- und Kommunikationsparametern als Variablen einfließen und den Gegenstand potentiell verändern. Deshalb ist ein methodisch kontrollierter Umweg zu nehmen, indem nämlich in einem ersten Schritt auf simulierte Kommunikation zugegriffen wird. Dazu bietet sich das in pragmatischen Studien gut etablierte Instrument der Discourse Completion Tasks (DCT) an. 10 Hierbei werden konkrete kommunikative Situationen in wenigen Sätzen umrissen und die Versuchspersonen müssen schriftlich bzw. mündlich angeben, was sie jeweils sagen würden, um die gestellte kommunikative Aufgabe zu erfüllen (wie sie also einen gewissen Sprechakt realisieren würden). Der Vorteil dieser Methode liegt auf der Hand: Im Gegensatz zu Korpusstudien, bei denen man mit dem arbeiten muss, was die mehr oder weniger zufällig erfassten Diskursteilnehmer*innen mehr oder weniger zufällig ausdrücken wollten, kann man die relevanten Variablen hier kontrollieren. Durch eine gezielte Konstruktion der Stimuli können so in Minimalpaaren (bzw. Triplets) gefasste Differenzierungen vorgenommen werden. Zudem können bei einer Befragung detaillierte Informationen über die Versuchspersonen erfasst werden. 11 Im Kontext unseres Projekts sind dabei insbesondere Fakten zur regionalen Verortung der Teilnehmenden (und gegebenenfalls zu ihrer Mobilitätsgeschichte) von Interesse. Daneben werden etwa Alter, Geschlechtszugehörigkeit, Bildungsstand erfragt. Aus rein forschungspraktischen Gründen sind hier aber Einschränkungen notwendig: Nicht alle Variablen(kombinationen) können detailgenau in den Blick genommen werden. Ein offenkundiger Nachteil von DCTs - noch verstärkt, wenn sie schriftlich bearbeitet werden - liegt in einer gewissen Künstlichkeit des Versuchsaufbaus. Die Versuchspersonen (re)agieren bei einer Fragebogenstudie sicherlich nicht exakt so, wie sie es in einer natürlichen Alltagssituation tun würden. Da diese Einschränkung aber für alle Antworten gleichermaßen gilt, sind die somit erhobenen Daten dennoch im Hinblick auf geographische Variabilität interpretierbar. Man muss sich lediglich darüber im Klaren sein, dass eben nicht authentisches Sprachmaterial analysiert wird, sondern eines, bei dem ein Faktor wie ‚ soziale Erwünschtheit ‘ mit hineinspielt. 12 10 Zu mehr oder weniger kontrollierten Erhebungsmethoden im Bereich der variationellen Pragmatik vgl. Barron (2021), konkret zu DCTs Ogiermann (2018). 11 Wobei selbstverständlich die Datenschutzbestimmungen eingehalten und lediglich anonymisierte und nicht wieder auf Individuen rückführbare Daten archiviert werden. 12 Im Sinne der Erfassung dessen, was Menschen in verschiedenen Regionen jeweils als höflich und sozial angemessen erachten, mag dies sogar von Vorteil sein. 34 Tanja Ackermann, Christa Dürscheid, Stephan Elspaß & Horst J. Simon <?page no="35"?> Die durch die DCTs erzeugten Pseudoproduktionsdaten liefern einen Hinweis darauf, welche Formulierungsvariante die jeweilige Versuchsperson in einer gewissen Situation jeweils verwenden würde (bzw. für erwünscht hielte). Was aber nicht sichtbar wird, ist, ob auch alternative Formulierungen möglich gewesen wären. Zudem wird dadurch nicht erhoben, ob und in welchem Ausmaß solche möglichen Alternativen als mehr oder weniger ‚ möglich ‘ hätten eingestuft werden können. Um nun genau diese Problematik in den Blick zu nehmen, besteht die Möglichkeit, die Proband*innen nach ihren Einschätzungen im Hinblick auf verschiedene kommunikative Äußerungen zu befragen. Im Berlin-Bielefelder Teilprojekt sollen die Teilnehmenden dazu kurze Dialoge auf einer Skala bewerten, was Rückschlüsse darauf erlaubt, für wie angemessen sie das Präsentierte halten. Mit solchermaßen skalierten Angemessenheitsratings lassen sich - parallel zu dem, was einige Zeit in der empirisch gestützten formalen Grammatikforschung mit ausgefeilten ‚ Grammatikalitätsurteilen ‘ untersucht wurde (vgl. dazu beispielsweise Fanselow et al. 2006), - differenzierte Aussagen über unterschiedliche Formulierungsvarianten fällen: Während diese allesamt als grammatisch wohlgeformt gelten können, kommt ihnen ein je spezifischer pragmatischer Wert zu, der sie mehr oder weniger geeignet macht, in einer konkreten Kommunikationssituation mit konkreten Kommunikationspartner*innen mit einem konkreten Kommunikationsziel verwendet zu werden. Es steht anzunehmen, dass unterschiedliche Proband*innen, vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen sprachlichen Erfahrungen und Gewohnheiten, hier unterschiedliche Einschätzungen abgeben werden. Die Auswahl der in den Dialogen zur Beurteilung vorgelegten Varianten setzt voraus, diese bereits als potentiell interessant (weil mutmaßlich variabel bewertet) erkannt zu haben. Aus diesem Grunde kann ihre Erstellung erst nach einer zumindest vorläufigen Auswertung der DCTs erfolgen. Die beiden bislang beschriebenen Methoden zur Datenelizitation ermöglichen passgenaue pragmatische und soziolinguistische Feindifferenzierungen, weshalb sie im VariPrag-Projekt den Kern der in Berlin und Bielefeld verwendeten Tools bilden. Dennoch ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass mit diesen indirekten Methoden der ‚ echte ‘ , ‚ authentische ‘ Sprachgebrauch allenfalls annähernd erfasst werden kann. Deshalb werden wir in einem dritten Schritt an ausgewählten Orten, die für eine raumbezogene Interpretation der Befunde als besonders aufschlussreich erscheinen (also beispielsweise grenznahe Regionen) und die hinsichtlich ihrer Sozialstruktur relativ ähnlich sind und beispielsweise keine sehr großen Bevölkerungsanteile mit hoher Mobilität aufweisen, spezielle Untersuchungen der Alltagskommunikation vornehmen. In solchen ethnographischen Beobachtungsstudien werden von jeweils zwei ortskundigen Forschenden über einen festgelegten, Variantenpragmatik des Deutschen 35 <?page no="36"?> typischerweise mehrstündigen Zeitraum hinweg alle einschlägigen kommunikativen Akte an Orten mit häufig wiederkehrenden ähnlichen Alltagsdialogen schematisch erfasst, also z. B. Einkaufsgespräche/ Bestellungen in Läden mit hoher Publikumsfrequenz. Dabei kommt es keineswegs auf eine exakte (wörtliche) Wiedergabe des Gesagten an; vielmehr sind die jeweils vorhandenen Ausprägungen der zuvor festgelegten Variablen relevant. Aus diesem Grunde ist auch eine vereinfachte Datenerfassung, gewissermaßen eine simple Penand-Paper-Description, ausreichend; datenrechtlich problematische audiovisuelle Aufzeichnungen können entfallen. Bereits eine solch vergleichsweise unaufwändige Vorgehensweise kann bemerkenswerte Ergebnisse dazu erbringen, wie bestimmte Formulierungsmuster regional verteilt sind. 13 Keine der vorgestellten Methoden allein ermöglicht eine umfassende Dokumentation des mündlichen Sprachgebrauchs. In ihrer Kombination sollten sie jedoch durch das Zusammenspiel direkter und indirekter, offener und geschlossener Formate dazu geeignet sein, einen adäquaten Eindruck von der soziolinguistisch fundierten pragmatischen Variation des Deutschen zu liefern. Wie bei vielen Forschungen kommt es auch hier auf die richtige Mischung der Methoden an, um Triangulationen zu ermöglichen. 3 Erste Ergebnisse 3.1 Online-Befragung zu Ich kriege … Unser erstes Fallbeispiel betrifft den Gebrauch höflichkeitssensitiver Sprechakte und greift dabei das in Abschnitt 1 gegebene Beispiel aus einer Plakataktion der Stadt Zürich auf: „ Sag doch statt ‚ Ich krieg dann mal! ‘ lieber ‚ Bitte könnte ich vielleicht? ‘“ , die dos Santos Pinto (2014: 13) zufolge den Topos der schweizerischen Höflichkeit aufruft, den sich die Schweizer*innen selbst zuschreiben. Ähnlich verhält es sich mit einer Karikatur aus der Neuen Zürcher Zeitung (Abbildung 1). Darin versucht ein Gast in einem Lokal, eine Bestellung mit den Worten „ Ich kriege …“ einzuleiten, wird aber sogleich von der Kellnerin mit den Worten „ Hier bitte nicht! “ unterbrochen. 13 Vgl. Dürscheid/ Simon (2019) für eine Vorstudie in Berliner und Zürcher Bäckereien. 36 Tanja Ackermann, Christa Dürscheid, Stephan Elspaß & Horst J. Simon <?page no="37"?> Abb. 1: Karikatur aus der Neuen Zürcher Zeitung (11.06.2022) 14 In beiden Fällen lebt der Topos (und dessen Identifikation) davon, dass die direktive Formel „ Ich krieg(e) …“ nicht nur als unschweizerisch (siehe Glaser 2005), sondern auch als unhöflich identifiziert wird (siehe hierzu auch Locher/ Luginbühl 2019: 265, die von einem „ shibboleth for the impolite German as perceived by the Swiss “ sprechen). Im Fall der Variante „ Ich krieg dann mal! “ ist zudem davon auszugehen, dass diese auch aufgrund der Verwendung der Partikel mal mit einem ,typisch deutschen ‘ Verhalten assoziiert wird (vgl. deren areale Verbreitung in der Alltagssprache nach https: / / www.atlas-alltagssprache.de/ runde-3/ f05a/ , letzter Abruf am 1.12.2023). Das Stereotyp findet seinen Niederschlag auch in der zweiten Auflage des Variantenwörterbuchs. Es bildet in dem nur eine Seite umfassenden Kapitel „ Sprachanwendung in Situationen (Pragmatik). Verschiedenes “ eines von nur fünf Beispielen für (vermeintlich) nationale Unterschiede. Zur Formel „ Ich krieg(e) …“ heißt es dort: Wohl nur in Deutschland kann man bei einer Bestellung im Restaurant hören ,Ich krieg(e) x ‘ ; in der Schweiz und in Österreich hört man eher ‚ Ich hätte gern x ‘ . Es dürfte unmittelbar einleuchten, dass die in Deutschland üblichen Formen auf SchweizerInnen oder ÖsterreicherInnen gelegentlich weniger höflich wirken. (Ammon et al. 2016: LXXVIII) 14 Vgl. https: / / www.nzz.ch/ meinung/ die-karikatur-der-woche-aus-dem-jahr-2022-ld.1756 075, letzter Abruf am 26.11.2023. Variantenpragmatik des Deutschen 37 <?page no="38"?> Zu diesem Beispiel - wie auch vier anderen - wird allerdings keine empirische Evidenz angeführt. Die einzige uns bekannte Erhebung zu diesem Phänomenbereich stammt aus dem Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA) (Elspaß/ Möller 2003 - ), genauer aus der 12. Fragerunde (2019 - 2022), der über 24.000 Antworten zugrunde liegen. Gefragt wurde: „ Wenn man in einer Bäckerei zwei Brote kaufen will - was sagt man zum Verkäufer/ zur Verkäuferin (wenn man weder ausgesprochen höflich noch unhöflich sein will)? “ Zur Auswahl stand neben den beiden im Variantenwörterbuch genannten Formulierungen I(ch) hätt(e) gern zwei Brote. und I(ch) krieg(e) zwei Brote. auch die Variante I(ch) bekomm(e) zwei Brote. Abbildung 2 zeigt die Ergebnisse der Online-Befragung. Abb. 2: Regionale Verteilung von Ich hätte gern/ Ich kriege/ Ich bekomme … laut Atlas zur deutschen Alltagssprache (AdA) (Elspaß/ Möller 2003 - ) 15 Das AdA-Kartenbild in Abbildung 2 zeigt, dass die als höflich beschriebene Formel I(ch) hätt(e) gern … im gesamten deutschsprachigen Raum verwendet wird. Die vermeintlich auf Schweizer*innen und Österreicher*innen ‚ weniger höflich ‘ wirkende Formulierung I(ch) krieg(e) … ist dagegen nur in Süddeutschland und darüber hinaus auch in Österreich sowie in Südtirol gebräuchlich, dort allerdings wird sie meist nur als weniger häufige Variante genannt. Wenig 15 Vgl. https: / / www.atlas-alltagssprache.de/ r12-f4j/ , letzter Abruf am 26.11.2023. 38 Tanja Ackermann, Christa Dürscheid, Stephan Elspaß & Horst J. Simon <?page no="39"?> überraschend angesichts des diesbezüglichen öffentlichen Diskurses ist das völlige Fehlen dieser Formel in der Schweiz: Wie die Auswertung von Ratgebern und Zeitungsartikeln am Projektstandort Zürich zeigt, ist die Äußerung Ich kriege … in der Schweiz derart stigmatisiert, dass ihr Fehlen in den Schweizer Daten nicht anders zu erwarten ist. 16 Interessant ist dagegen der Befund, dass in der Fachliteratur genauso wie in den Medien offenbar von einer Präferenz für I(ch) krieg(e) … in Teilen Süddeutschlands auf eine „ in Deutschland übliche “ Form geschlossen wird. Das Beispiel macht deutlich, wie problematisch es ist, dass die wenigen in der Forschung zu findenden Angaben zur arealen Verbreitung pragmatischer Muster häufig offenbar auf nicht mehr als anekdotischer Evidenz beruhen. Mit anderen Worten: Es bedarf dringend einer empirischen Fundierung. 3.2 Produktionsdaten und Angemessenheitsratings zu Vokativen und Bitten Wie die in Abbildung 2 abgedruckte AdA-Karte zeigt, ist mit interessanten arealen Unterschieden hinsichtlich der Realisierung höflichkeitssensitiver Sprechhandlungen zu rechnen. Während der AdA primär auf die makrosoziale Variable ‚ Region ‘ fokussiert, sollen die Erhebungen im Rahmen des VariPrag- Projekts auch weitere makro- (z. B. Gender, Alter) und mikrosoziale Variablen (z. B. soziale Distanz der Gesprächsteilnehmenden, Grad der Belastung für die Hörer*innen) einbeziehen (siehe zu dieser Notwendigkeit Abschnitt 1). Dass dies ebenfalls lohnend sein kann, zeigen erste Ergebnisse zur Realisierung und Bewertung von Aufforderungen und Vokativen, die hier knapp referiert werden sollen (siehe ausführlicher Ackermann 2021, 2023a und 2023b). 17 In einer Pilotstudie wurde via Online-Fragebogen mit offenen, schriftlich präsentierten Discourse Completion Tasks (DCTs) und Angemessenheitsratings ermittelt, welche kommunikativen Strategien relativ ortsfeste Teilneh- 16 Dazu zwei Zitate aus Ratgebern: „ Wie die Deutschen in der Schweiz sicher schon mitgekriegt haben, wird die deutsche Art, etwas zu bestellen bzw. zu wünschen, in der Schweiz nicht akzeptiert. Und wenn Sie das noch nicht erfahren haben, so wissen Sie es jetzt: Sobald «Ich krieg … » ertönt, wird die Luft dicker “ (Kölliker 2012: 185). - „ Eine oft geäußerte Beschwerde über das unverschämte Auftreten deutscher Zuwanderer wurzelt in einer unglücklichen Formulierung vieler Deutscher: «Ich kriege … » (ein Brot, eine Zeitung usw.). Während diese Aussage für den Deutschen schlicht und einfach die simple Artikulation eines Grundbedürfnisses (z. B. Hunger) im Gütertausch darstellt, zeigt der empfindsame Schweizer bei diesem Spruch spontane physische Gegenreaktionen (Hitzewallungen, Kurzatmigkeit, Schweißausbruch, Nackenhaarsträubung) und denkt so etwas wie: «Und ich kriege gleich zu viel. So eine Unverschämtheit! » “ (Willmeroth/ Hämmerli 2009: 23). 17 Für weitere Projektergebnisse zu dieser Thematik vgl. nun Ackermann et al. (im Druck). Variantenpragmatik des Deutschen 39 <?page no="40"?> mende aus Deutschland (insgesamt 267 Personen), der deutschsprachigen Schweiz (68 Personen) und Österreich (35 Personen) als sozial angemessen erachten und entsprechend in vorgegebenen Situationen produzieren bzw. bewerten. 18 Es handelt sich also, wie oben erläutert, um einen Vergleich stark kontrollierter Daten, bei denen zwar geringere Authentizität, jedoch eine hohe Vergleichbarkeit gegeben ist. Die regionale Verteilung der relativ ortsfesten Teilnehmenden der Pilotstudie erlaubt es, zumindest den bundesdeutschen Raum in einem pluriarealen Zugriff zu untersuchen, wobei sich die areale Gliederung nach der Einteilung richtet, die auch dem Variantenwörterbuch (Ammon et al. 2016) und der Variantengrammatik des Standarddeutschen (Dürscheid et al. 2018) zugrunde liegt. Hinsichtlich Österreich und der deutschsprachigen Schweiz können jedoch aufgrund der geringen Datenmenge keine kleinräumigeren Aussagen getroffen werden. Hier erhoffen wir uns aus dem VariPrag-Projekt valide Ergebnisse, da erstens mehr Teilnehmende einbezogen werden, zweitens deren Mobilität genauer erfasst wird und drittens die Areale mit geostatistischen Verfahren bottom up aus den Daten gewonnen werden sollen (vgl. zu diesem Verfahren z. B. Pickl/ Pröll 2019). Zudem werden im Rahmen des VariPrag-Projekts auch nicht-elizitierte Sprachdaten herangezogen. So erheben wir für das Sprechaktset der Beschwerde Online-Kommunikationsdaten und führen zu weiteren kommunikativen Mustern Beobachtungen an ausgewählten Ortspunkten durch (siehe Abschnitt 3). Die Ergebnisse der Pilotstudie zeigen nun, dass sich via DCTs bereits bei einer kleineren Teilnehmendenzahl interessante räumliche Verteilungen ergeben, die - anders als beim Schibboleth ich kriege X - zunächst nicht gegen die anekdotische Evidenz sprechen. Betrachten wir hierfür ein Beispiel, den Vokativgebrauch. In der Literatur, die sich eher mit syntaktisch integrierten Anredepronomen befasst als mit nicht-integrierten (Pro-)Nomen, findet sich die Aussage, dass Deutschschweizer*innen eine gesteigerte Affinität für das Nennen von Namen aufweisen würden, was besonders für Grußsituationen gelte, also z. B. Hallo, Christian! (siehe z. B. Rash 2004; Elter 2009; Schüpbach 2015). Tatsächlich zeigen die Produktionsdaten, dass Vokative in der deutschsprachigen Schweiz in 22 % der Äußerungen und somit vergleichsweise frequent vorkommen. Im norddeutschen Raum sind Vokative dagegen nur in 11 % der Äußerungen zu finden. Interessanterweise machen aber auch die 18 Insgesamt haben 585 Personen den Online-Fragebogen vollständig ausgefüllt; davon 577 aus Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz. Hier sollen nur die Daten der 370 (relativ) ortsfesten Teilnehmenden berücksichtigt werden. Die regionale Herkunft wurde über die ersten beiden Ziffern der Postleitzahl erhoben, das Mobilitätsprofil anhand weiterer Fragen ermittelt (siehe hierzu ausführlicher Ackermann 2021, 2023a). 40 Tanja Ackermann, Christa Dürscheid, Stephan Elspaß & Horst J. Simon <?page no="41"?> Teilnehmenden aus Österreich (18 %) und aus dem Südwesten Deutschlands (19 %) häufiger Gebrauch von Vokativen als jene aus Norddeutschland und dem ostmitteldeutschen Raum (10 %). Der westmitteldeutsche Raum stellt mit 15 % ein Übergangsgebiet dar. Abb. 3: Häufigkeit von Vokativen nach Vokativtypen im zusammenhängenden deutschsprachigen Raum (vgl. Ackermann 2023a) 19 Wie in Ackermann (2023a) diskutiert, haben neben der Variable Region auch andere makrosoziale und situative Variablen - wie die (imaginierte) Kommunikationsform (z. B. Face-to-Face-Kommunikation, Telefongespräch, Messenger-Nachricht) - einen signifikanten Einfluss auf die Vokativproduktion; besonders gilt dies für das Alter der Teilnehmenden. So wird deutlich, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Vokativ sowohl mit zunehmendem Alter als auch bei Nicht-Face-to-Face-Kommunikation und bei gesichtsbedrohenden Sprechakten (vor allem bei Entschuldigungen und bei Bitten mit hohem Grad an Belastung für die adressierte Person) steigt. Auch wenn experimentelle Untersuchungen aufgrund ihres Designs meist nur erlauben, wenige Variablen systematisch einzubeziehen, sollten mögliche Einflussfaktoren zumindest kontrolliert werden. Weiter zeigen die Daten zum Vokativgebrauch, dass sich nicht nur hinsichtlich der Frequenz, sondern auch hinsichtlich der Vokativtypen 19 ‚ Nomen ‘ steht in Abbildung 3 für ‚ Verwandtschafts- und Kosenamen ‘ . Variantenpragmatik des Deutschen 41 <?page no="42"?> interessante räumliche Muster ergeben. Beispielsweise sind Vokative, die aus einer Kombination aus syntaktisch desintegriertem Pronomen und Name bestehen (z. B. du, Christian), in unseren Daten im gesamten oberdeutschen Raum, also sowohl in Süddeutschland als auch in der deutschsprachigen Schweiz und in Österreich, belegt, nicht aber weiter nördlich (siehe Abbildung 3). Ein ähnliches Muster weisen die Daten aus dem AdA auf: In der achten Runde wurde danach gefragt, ob am Wohnort die Anrede Sie, Frau Schneider … Frage 6f) und Du, Martin … (Frage 6g) in freundlich neutralem, nicht scherzhaftem Gebrauch üblich sei. 20 Unsere Produktionsdaten und die Einschätzung der Gebräuchlichkeit seitens der AdA-Gewährspersonen stimmen hier überein. Auch was die mehr oder weniger explizite Realisierung von Bitten betrifft, bestätigen die via Fragebogenstudie gewonnenen Produktionsdaten das Stereotyp des expliziter (bzw. direkter) kommunizierenden Deutschen in Ansätzen. Nach Blum-Kulka et al. (1989) lässt sich die minimale Einheit, mit der eine Bitte realisiert wird (sogenannter Hauptakt), nach ihrem Grad an Explizitheit differenzieren. Dabei gelten sogenannte Impositives, allen voran Imperative, als besonders explizit (siehe für das Deutsche ausführlicher Ackermann 2023b). Betrachtet man die von den Teilnehmenden angewendeten Realisierungsstrategien in den sechs getesteten Aufforderungssituationen aggregiert, so zeigt sich, dass vor allem im Osten und auch im Norden Deutschlands explizite Bitten (20 - 24 %) frequenter vorkommen als in der deutschsprachigen Schweiz (7 %), aber auch häufiger als im westoberdeutschen Areal (11 %). Interessant erscheint zudem, dass von Teilnehmenden aus der Deutschschweiz kein einziger Imperativ produziert wurde (wie in Abbildung 4 visualisiert). Das gilt auch für Situationen mit einem geringem Grad an Belastung für die adressierte Person und geringer sozialer Distanz (z. B. bei der Bitte an einen Freund, kurz das Glas zu halten, während man die Jacke auszieht). Dass die Teilnehmenden ihr sprachliches Verhalten insgesamt an den situativen Kontext angepasst haben, wird dadurch ersichtlich, dass sie bei einem höherem Grad an Belastung und größerer sozialer Distanz eher von indirekteren Strategien Gebrauch machen (vgl. Ackermann 2023b). 20 Die genauen Fragestellungen lauten: „ Ist an Ihrem Ort die Anrede ‚ Sie, Frau Schneider, (haben Sie schon gehört, dass … [o. Ä.]) ‘ gebräuchlich (freundlich-neutral, nicht unhöflich)? “ ; „ Ist an Ihrem Ort die Anrede ‚ Du, Martin, (hast du schon gehört, dass … [o. Ä.]) ‘ gebräuchlich (freundlich-neutral, nicht unhöflich)? “ . Die Proband*innen konnten ankreuzen, ob diese Anredeform „ sehr üblich “ sei, „ ab und zu “ vorkomme oder „ völlig unüblich “ sei. Vgl. http: / / www.atlas-alltagssprache.de/ r8-f6f-g-2/ ; Elspaß/ Möller (2003 - ), letzter Abruf am 1.12.2023. 42 Tanja Ackermann, Christa Dürscheid, Stephan Elspaß & Horst J. Simon <?page no="43"?> Abb. 4: Vorkommen expliziter Realisierungsstrategien (sog. Impositives) für Bitten nach Frequenz und Strategie in Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz (vgl. Ackermann 2021) 21 Was die Akzeptabilität/ Angemessenheit von Vokativen und unterschiedlich expliziten Aufforderungsstrategien betrifft, so scheinen Erstere eher wenig salient zu sein: Bei der Bewertung von sechs (pseudorandomisiert präsentierten) Minimalpaaren mit und ohne syntaktisch desintegrierten Rufnamen (vgl. Beispiel (1)), die auf einer 5er-Skala eingeordnet werden sollten, lässt sich insgesamt kein großer Angemessenheitsunterschied unter den Teilnehmenden erkennen. Dies wird in Abbildung 5 (links) deutlich (siehe hierzu ausführlicher Ackermann 2023a). Anders sieht es bei unterschiedlich explizit geäußerten Bitten in Standardsituationen (geringer Grad an Belastung für H, geringe soziale Distanz zwischen S und H, keine Power-Unterschiede) aus (vgl. Beispiel (2)). Hier werden Hints (= nicht-konventionell indirekte Aufforderungen) und imperativische Bitten über alle Teilnehmenden hinweg schlechter bewertet als konventionell indirekte Aufforderungen, wie in Abbildung 5 (rechts) visualisiert. 21 Beispiele für die vier Impositive-Kategorien aus unseren DCT-Daten sind: (i) Imperativ: Halt mal grad! (ii) Performativ: Da ich 2 Wochen in Urlaub bin, möchte ich dich bitten, meine Blumen zu gießen. (iii) Locution Derivable: Hältst du mal bitte? (iv) Want Statement: Ich will das Paket abholen, das hier für mich abgegeben worden ist. Variantenpragmatik des Deutschen 43 <?page no="44"?> (1) Lars [bzw. Erik] ruft seinen guten Freund Matthias [bzw. Michael] an, um ihm zu sagen, dass er sich verspätet, weil er die Zeit vergessen hat. Matthias [bzw. Michael] antwortet: a. Ach Lars, das ist so typisch für dich. b. Ach, das ist so typisch für dich. (2) Anna [bzw. Maria bzw. Sandra] sitzt mit ihrem Freund Markus [bzw. Kai bzw. Peter] beim Frühstück und möchte, dass er ihr die Marmelade [bzw. den Honig bzw. den Saft] rüberreicht. Sie sagt: a. Imperativ: Reich mir mal die Marmelade rüber! b. Konventionelle Indirektheit: Könntest du mir mal den Honig rüberreichen? c. Hint: Ich komme nicht an den Saft ran. Abb. 5: Akzeptanz von Testsätzen mit und ohne Vokativ (links) und unterschiedlich expliziten Aufforderungsstrategien (rechts) Im Kontext einer variationell pragmatischen Betrachtung ist nun interessant, dass die Akzeptanz eines Vokativs auch nicht mit der regionalen Herkunft der Teilnehmenden zusammenhängt; lediglich das Alter hat einen Einfluss auf die Bewertung, wobei ältere Teilnehmende, in deren Produktionsdaten auch vermehrt Vokative zu finden waren, Testsätze mit Vokativ besser bewerten als jüngere (siehe hierzu ausführlicher Ackermann 2023a). Was die Realisierungsstrategie einer Bitte betrifft, zeigt sich hingegen, dass Teilnehmende aus der deutschsprachigen Schweiz den Imperativ nicht nur nicht produzieren, sondern auch signifikant schlechter bewerten, als es die Teilnehmenden aus den anderen Arealen tun. 22 Abbildung 6 visualisiert diese Akzeptanzunterschiede. Teilnehmende aus dem ostmitteldeutschen Areal, die sich in den Produktions- 22 Die Beurteilung der Effekte basiert auf der Berechnung eines cumulative link mixed effects model (R Core Team 2023; R Version 4.3.1, Paket ordinal; Christensen 2018). Neben den fixen Effekten ‚ Strategie ‘ , ‚ regionale Herkunft ‘ und ‚ Alter ‘ wurde ‚ Testperson ‘ als random effect eingebunden. Neben einem Haupteffekt für ‚ Strategie ‘ (Imperative und Hints werden signifikant schlechter bewertet als konventionelle Indirektheit) und ‚ Alter ‘ 44 Tanja Ackermann, Christa Dürscheid, Stephan Elspaß & Horst J. Simon <?page no="45"?> daten als expliziter erwiesen haben, bewerten Imperative und konventionelle Indirektheit annähernd gleich. Doch auch diese Ergebnisse dürfen nicht überbewertet werden, da sie lediglich auf je einem Testsatz basieren. Zudem liegen für das ostmitteldeutsche Areal sehr wenige Daten vor (lediglich 26 ortsfeste Teilnehmende). Hier erhoffen wir uns von weiteren Angemessenheitsratings und Befragungen mit semantischem Differential neue Erkenntnisse. Abb. 6: Akzeptabilität von Bitten nach Strategie und regionaler Herkunft 23 Neben Vokativen und Realisierungsstrategien für Bitten wurden in der Prästudie auch Angemessenheitsratings für Bestellungen erhoben, wobei ein Testsatz das ‚ Schibboleth ‘ ich kriege, ein anderer ich hätte gern enthielt (siehe dazu auch Abschnitt 3.1). (3) a. Eva ist beim Bäcker und bestellt: Ich kriege ein Mischbrot. b. Lisa bestellt beim Bäcker: Ich hätte gern ein Roggenbrot. Abbildung 7 visualisiert, dass die explizitere Bestellvariante ich kriege signifikant schlechter als ich hätte gern bewertet wird. Es zeigt sich jedoch auch hier eine signifikante Interaktion zwischen der regionalen Herkunft und der Realisierungsstrategie für eine Bestellung. 24 Wie anhand der AdA-Daten ver- (ältere Teilnehmende bewerten die Testsätze insgesamt schlechter als jüngere) erweist sich die Interaktion von Strategie und regionaler Herkunft als signifikant. 23 Die Regionen-Kürzel in Abbildung 6 und 7 stehen für folgende Areale: „ CH “ = deutschsprachige Schweiz, „ ND “ = norddeutscher Raum, „ OMD “ = ostmitteldeutscher Raum, „ OOD “ = ostoberdeutscher Raum, „ WMD “ = westmitteldeutscher Raum und „ WOD “ = westoberdeutscher Raum; „ A “ in Abbildung 7 steht für „ Österreich “ . 24 Siehe zur Berechnung der Effekte Fußnote 22. Hier wurden ebenfalls die fixen Effekte ‚ Strategie ‘ , ‚ regionale Herkunft ‘ und ‚ Alter ‘ sowie der random effect ‚ Testperson ‘ eingebunden. Neben einem Haupteffekt für ‚ Strategie ‘ (ich kriege wurde signifikant Variantenpragmatik des Deutschen 45 <?page no="46"?> mutet, wird die explizitere Variante ich kriege vor allem von den Teilnehmenden aus der deutschsprachigen Schweiz und dem norddeutschen Areal schlecht bewertet. Auch im mitteldeutschen Raum ist diese Variante wenig akzeptiert. In den beiden oberdeutschen Arealen und vor allem in Österreich wird ich kriege besser bewertet als in den anderen Arealen, jedoch stets weniger gut als ich hätte gern, was sich mit den im vorigen Abschnitt 3.1 beschriebenen AdA-Daten deckt: i(ch) krieg(e) kommt im Süden Deutschlands und in Österreich vor, ist aber auch dort meist die weniger gebräuchliche Variante (vgl. Abb. 2). Abb. 7: Akzeptabilität der beiden Realisierungsstrategien ich hätte gern vs. ich kriege nach regionaler Herkunft Für unsere Fragestellung interessant sind auch die Kommentare zu den beiden Varianten, die über ein gesondertes Feld ( ‚ Falls Sie Kommentare zu dieser Äußerung haben: ‘ ) erhoben wurden: Während zur Default-Äußerung ich hätte gern lediglich 15 Kommentare abgegeben wurden, die alle darauf abzielen, dass eventuell noch ein bitte oder eine Grußformel ergänzt werden könnte, liegen für ich kriege 67 Äußerungen vor. Teilnehmende aus Süddeutschland und Österreich merken bei ich kriege eher an, dass ihnen hier noch ein bitte fehle oder ein Konjunktiv II (kriagat) angemessener wäre - als unhöflich wird die Äußerung nur drei Mal bezeichnet. Besonders Teilnehmende aus der deutschsprachigen Schweiz empfinden die Formulierung als „ altmodisch und etwas schlechter bewertet als ich hätte gern) erweist sich die in Abbildung 7 visualisierte Interaktion von Strategie und regionaler Herkunft als signifikant. 46 Tanja Ackermann, Christa Dürscheid, Stephan Elspaß & Horst J. Simon <?page no="47"?> unhöflich “ [CH_weiblich_24 Jahre], „ aus Sicht eines Schweizers arrogant “ [CH_männlich_41 Jahre], „ sehr unhöflich “ [CH_weiblich_38 Jahre] oder bezeichnen kriege als „ Slang “ [CH_weiblich_84 Jahre]. Auch in Norddeutschland fragt man „ Ist kriegen überhaupt ein richtiges Wort? “ [ND_männlich_42 Jahre] und bezeichnet die Formulierung als „ unhöflich “ [ND_weiblich_39 Jahre] bzw. „ extrem unhöflich “ [ND_männlich_22 Jahre]. Regionenübergreifend wird kriegen mehrfach mit Kinderkriegen in Verbindung gebracht ( „ Das ist ja wie in dem Witz, wo Eva schwanger ist und der Bäcker antwortet: ,Sachen gibt ’ s … ‘“ ) [OOD_männlich_53 Jahre] und im Kontext einer Bestellung entsprechend schlecht bewertet. Zusammenfassend sprechen die bislang elizitierten Daten dafür, dass in der Deutschschweiz auf der einen Seite gesteigerte Indirektheit und somit Non- Imposition/ Tentativeness Politeness, auf der anderen Seite - zumindest was den Gebrauch betrifft - eine größere Tendenz zu Positive/ Solidarity Politeness (im höflichkeitstheoretischen Sinne nach Brown/ Levinson 1987 [1978] oder Culpeper/ Gillings 2018) zu beobachten ist, wobei nationale Grenzen keine harten Grenzen darstellen. Nach House (1996) kann man dem Süden - und vor allem dem Südwesten - des deutschsprachigen Gebiets eine gesteigerte Other Orientation zuschreiben (siehe dazu auch Ackermann 2023a), wobei diese Tendenz anhand weiterer Interaktionsmuster genauer zu untersuchen wäre. Aus einer First-Order-Politeness-Perspektive erscheint intuitiv ersichtlich, dass die Unterschiede im kommunikativen Verhalten auf der jeweils anderen Seite zu Irritationen führen können. Im Rahmen des am Standort Zürich durchgeführten metapragmatischen Teilprojekts wird näher zu untersuchen sein, welche kommunikativen Muster prominent diskutiert werden (und welche nicht) und inwiefern ein Enregisterment bestimmter Interaktionsmuster erfolgt (siehe hierzu auch Auer 2014, 2021). 4 Ausblick Selbstverständlich wird es auch in einem relativ großen Projekt wie dem unsrigen nicht möglich sein, einem so komplexen Feld wie der Variationspragmatik vollständig gerecht zu werden. Zwar steht zu hoffen, dass die Muster regionaler Variation in zentralen Bereichen der Alltagskommunikation (Anreden, Beschwerden, Aufforderungen etc.) erfasst werden - überdies mit historischen Ausblicken bis zurück ins frühe 19. Jahrhundert - und dass eine Auswertung der aktuellen Mediendiskurse zu ebendieser Variation in den zentralen deutschsprachigen Ländern Deutschland, Österreich und der Schweiz geboten wird. Was damit aber nicht detailliert analysiert werden kann, sind die sich mutmaßlich vielfältig überkreuzenden weiteren Einfluss- Variantenpragmatik des Deutschen 47 <?page no="48"?> faktoren auf die Variabilität von Sprache in sozialer und (sub - )kultureller Hinsicht. Allerdings werden wir viele dafür relevante Daten miterheben, so dass der weiteren Forschung hierfür der Boden bereitet ist. Auch andere Fragestellungen (etwa bzgl. der interaktionalen Ebene, auf der pragmatische Bedeutungen häufig erst diskursiv konsolidiert werden) bleiben im VariPrag-Projekt unberücksichtigt. Die Auswertung sequentieller Muster im Gespräch (wie z. B. Turn-Taking-Aktivitäten) würde eine noch deutlich aufwändigere Datenerhebungstechnik erfordern, so dass deren weit ausgreifende raumbezogene Analyse nicht mehr gewährleistet werden könnte. 25 Ein weiterer, besonders interessanter Aspekt, der aber erst betrachtet werden kann, sobald die Ergebnisse des VariPrag-Projekts zur arealen Verteilung kommunikativer Muster vorliegen, betrifft Situationen, in denen Sprecher*innen mit unterschiedlichen kommunikativen Ressourcen interagieren - wo also gleichsam ‚ interkulturelle Kommunikation ‘ innerhalb des Deutschen stattfindet. Bekanntlich sind es oft solche Situationen, die Gegenstand öffentlicher Debatten sind. Was in diesen Situationen aber tatsächlich geschieht und wie häufig es hier zu kommunikativen Missverständnissen und Irritationen kommt, muss zu einem späteren Zeitpunkt untersucht werden. Literatur Ackermann, Tanja (2021). Bitte könnte ich vielleicht? Eine kontrastive Untersuchung zu Aufforderungen in Deutschland und in der deutschsprachigen Schweiz. Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 88, 265 - 301. Ackermann, Tanja (2023a). Soziopragmatik und areale Verteilung von Vokativen im deutschsprachigen Raum. Beiträge zur Namenforschung 58, 169 - 204. Ackermann, Tanja (2023b). Mitigating strategies and politeness in German requests. Journal of Politeness Research: Language, Behaviour, Culture 19 (2), 355 - 389. Ackermann, Tanja/ Simon, Horst J./ Discher, Henrik/ Zoske, Janel (im Druck). Variation und Wandel im Bereich höflichkeitssensitiver Ausdrücke. In: Brunner, Annelen/ Diewald, Gabriele/ Hansen, Sandra/ Kopf, Kristin/ Wöllstein, Angelika (Hrsg.). 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Vergeiner & Lars Bülow Abstract: This exploratory study adopts a variational pragmatic perspective to investigate the functional spectrum of the particle eh in Austria and beyond. Applying a mixed methods approach, which includes both corpus analysis and an online questionnaire survey, the study aims to address the following research questions: (1) What recurring functions can be identified for the particle eh in Austria? (2) How widespread are these functions in Austria, Bavaria, and Northern Germany? For research question (1), our analysis of spoken data from the Ulrichsberg corpus confirms that the functions identified in previous research, such as marking irrelevance or limiting the relevance of a preceding statement, are also used by Austrian speakers. However, we discovered additional functions not previously documented, such as establishing coherence, indicating common ground, and evidential marking. Regarding research question (2), the questionnaire data reveal that these functions are also prevalent among Austrians outside Ulrichsberg. However, there are notable differences between participants from Austria, Bavaria, and Northern Germany. The findings suggest that eh has a broader functional spectrum in Austria, with some functions also present in Bavaria but less so in Northern Germany. Thus, this study reveals that the functions of eh are regionally distributed, with a more diverse and developed functional spectrum in Austria. Keywords: variational pragmatics, pragmatic functions of eh, modal particle, German in Austria, mixed-methods 1 Einleitung In vielen Darstellungen wird die Verwendung der Partikel eh als typisch süddeutsch - und häufiger noch als typisch österreichisch - eingestuft (vgl. z. B. Eder 1975: 39; Eggs 2003: 288; Geyer 2012; Breindl 2015: 1005). Im dritten <?page no="54"?> Band des Wortatlas der deutschen Umgangssprachen - die Daten wurden zwischen 1977 und 1992 erhoben (Eichhoff 1993: 11) - ist eh auch noch sehr deutlich auf den Süden des deutschsprachigen Raums, insbesondere den Südosten, begrenzt (Eichhoff 1993: Karte 56). Rezente Erhebungen zeichnen allerdings ein anderes Bild: Die Verwendung von eh beschränkt sich heutzutage keineswegs auf das süddeutsche Sprachgebiet. 1 Wie etwa der Atlas zur deutschen Alltagssprache (Elspaß/ Möller 2003 ff.) zeigt, lässt sich die Verwendung von eh inzwischen überall im deutschen Sprachraum nachweisen (abgefragt im Satz Gib auf, es nützt __ nichts; https: / / www.atlas-alltagssprache.de/ runde-1/ f07/ ). Daraus, dass eh heute im gesamten deutschen Sprachraum auftritt, folgt jedoch nicht, dass eh in unterschiedlichen Regionen des Deutschen auch dasselbe Funktionsspektrum aufweist. So wird mit Fokus auf den bundesdeutschen Standard oft vermerkt, die Partikel eh werde entweder mit derselben oder zumindest einer ähnlichen pragmatischen Funktion wie sowieso oder ohnehin gebraucht (Weydt/ Hentschel 1983: 19; Thurmair 1989: 135; Meibauer 1994: 224; Eggs 2003): Sie markiere also, dass die Proposition des Satzes unabhängig vom (Gesprächs - )Kontext gültig bzw. bekannt ist, außerdem schränke sie die Relevanz der vorherigen Äußerung ein (Thurmair 1989: 136 - 137; Eggs 2003: 292). Allerdings wurde wiederholt darauf verwiesen, dass eh in Österreich „ einen weiteren Anwendungsbereich “ habe (Breindl 2015: 1005; vgl. zudem Weydt 1983: 179). Worin dieser genau bestehe, bleibt aber weitgehend im Dunkeln. Bemerkenswerterweise existieren nämlich nur wenige Untersuchungen dazu, welche regionalen Unterschiede es bei den Funktionen von eh gibt und welche Funktionen spezifisch für den Sprachgebrauch in Österreich sind (vgl. allerdings Zobel 2017; Csipak/ Zobel 2014 sowie Eder 1975; für die Bedeutung von eh im Bairischen vgl. Schlieben-Lange 1979). Der vorliegende Beitrag nimmt sich dieses Desiderates an und analysiert die pragmatischen Funktionen von eh in der österreichischen Alltagssprache und darüber hinaus. Untersucht wird, (1) welche wiederkehrenden Funktionen sich für eh in Österreich nachweisen lassen, und (2) welche dieser Funktionen in anderen deutschsprachigen Regionen nicht oder nur bedingt verbreitet sind. Durch Kombination der pragmatisch orientierten Fragestellung (1) mit der variationslinguistischen Fragestellung (2) nimmt die vorliegende Studie eine dezidiert variationspragmatische Perspektive ein (vgl. Schneider/ Barron 2008: 1, 1 Tatsächlich hat im 20. Jahrhundert wohl eine Ausbreitung vom süd(öst)lichen deutschen Sprachraum in den norddeutschen Sprachraum stattgefunden, der heute alle Register erfasst (vgl. dazu Eggs 2003: 288). 54 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="55"?> denen zufolge die Variationspragmatik die Schnittstelle der Variationslinguistik zur Pragmatik fokussiert). Um die beiden Fragestellungen zu beantworten, wird ein mixed-methods- Design verwendet, das zwei Datensets und damit einhergehend auch zwei Analysemethoden kombiniert: Anhand einer Gesprächsanalyse werden zum einen wiederkehrende Funktionen von eh in Österreich herausgearbeitet, insbesondere solche, die von den gängigen, mit Fokus auf das bundesdeutsche Deutsch formulierten Funktionsbeschreibungen nicht erfasst werden. Als Datenmaterial herangezogen wird dabei ein Gesprächskorpus zu formellen und informellen Interaktionen im oberösterreichischen Ulrichsberg (Wallner i. Vorb.). Welche der herausgearbeiteten Funktionen tatsächlich für Österreich charakteristisch sind, wird dann in einem zweiten Schritt mithilfe eines Online - Fragebogens getestet (vgl. für ein ähnliches Vorgehen z. B. die Studie von Boonen/ Fisseli 2019 zu den Funktionen von überhaupt und sowieso im Deutschen und Niederländischen). Untersucht werden dabei Selbsteinschätzungen zur eh-Verwendung in unterschiedlichen Kontexten, wobei neben Personen aus Österreich auch solche aus Bayern und Norddeutschland befragt wurden. Im folgenden Abschnitt 2 werden zunächst die bisherigen Befunde zu den Funktionen von eh zusammengefasst. Abschnitt 3 stellt die Daten und Methoden der Untersuchung vor. Die Ergebnisse werden in Abschnitt 4 präsentiert. In Abschnitt 5 folgt eine Diskussion mit Zusammenfassung. 2 Forschungsstand zu den Funktionen von eh Der historische Ursprung der Partikel eh liegt im Temporaladverb eher (vgl. z. B. Eder 1975: 48 - 53). Angenommen wird, dass sich die Herkunftsbedeutung auch noch in den heutigen Funktionen von eh widerspiegele: So werde mit dem [ … ] eh-Satz [ … ] etwas Vergangenes als aktuell Gewusstes aufgegriffen, etwas, das für den Sprecher bereits feststand, bevor die jeweiligen Erwägungen, die nun durch das im eh-Satz genannte Faktum in ihrer Relevanz eingeschränkt werden, im aktuellen Text oder Diskurs angestellt wurden. (Eggs 2003: 291; vgl. auch Hentschel 1986: 53; Weydt 1983: 178) Der Bezug auf etwas vorab Gegebenes - und damit bereits Feststehendes - sowie die Einschränkung der Relevanz einer explizit oder implizit gegebenen Annahme des Gegenübers wird auch in anderen Beschreibungen betont (vgl. z. B. Breindl 2015: 1005). Nach Thurmair (1989: 137) sei zudem „ mit der Einschränkung der Relevanz [durch die Verwendung von eh] eine Korrekturanweisung an den Hörer verbunden “ . Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 55 <?page no="56"?> Eine ähnliche, aber etwa anders nuancierte Funktionsbeschreibung findet sich bei Weydt (1983) und daran anknüpfend auch bei Meibauer (1994). Weydt (1983) nimmt an, dass eh dann verwendet wird, wenn zwei Alternativen A und B zur Disposition stehen, wobei aus dem Diskurs die Alternative A folgt. Der eh-Satz diene dazu, auszudrücken, dass es eine vorab bereits feststehende, aber nicht bedachte Tatsache gebe, aus welcher ebenso A folgt, weshalb die „ Alternative [ … ] in Wirklichkeit gar nicht vor[lag] “ (Weydt 1983: 173). Die genannten Funktionsbeschreibungen lassen sich mithilfe von Beispiel (1) illustrieren: (1) A: Ich habe leider kein Bier im Kühlschrank. B: Ich habe eh keinen Durst. (nach Meibauer 1994: 226) Nach der Analyse von Eggs (2003) bzw. Thurmair (1989) markiert Person B durch die Verwendung von eh, dass vorab bereits festgestanden habe, dass sie kein Bier habe trinken wollen, weshalb die Äußerung von A, dass kein Bier vorhanden sei, irrelevant ist. Person A müsse daher auch ihre Annahme, B könnte ein Bier wollen, revidieren. Nach Weydt (1983) bzw. Meibauer (1994) gebe es in der beschriebenen Situation zwei Handlungsalternativen, nämlich ein Bier zu trinken oder kein Bier zu trinken, wobei aufgrund kontextueller Umstände nur die zweite Alternative realisiert werden könne. Person B hebt mit dem eh-Satz hervor, dass aufgrund der von Person A offensichtlich nicht bedachten Tatsache, dass B keinen Durst habe, die vermeintliche Alternative tatsächlich gar nicht bestanden habe. In obigem Beispiel wäre eh auch durch sowieso oder ohnehin ersetzbar, wobei die drei Partikeln - so die gängige Auffassung - mehr oder minder funktionsgleich seien (Weydt/ Hentschel 1983: 19; Thurmair 1989: 135; Meibauer 1994: 224; vgl. aber Eggs 2003, wo zumindest eine unterschiedliche temporale Struktur bei sowieso und eh herausgearbeitet wird). Die obigen Funktionsbeschreibungen beziehen sich implizit oder explizit auf den Sprachgebrauch im bundesdeutschen Standard. Eine Analyse zur Verwendung von eh in Österreich liefert Edler (1975), dessen Funktionsbestimmung allerdings den oben beschriebenen ähnelt: Ihm zufolge werde mit dem eh-Satz ein vorangehender Zustand der Interaktion zurückgewiesen mit „ Bezug auf eine übergangene Voraussetzung “ (Edler 1975: 53). Auch hier stehen also die Markierung von Irrelevanz sowie der Verweis auf etwas vorab Feststehendes im Vordergrund. Eine andere - allerdings sehr allgemeine - Funktionsbestimmung von eh liefert Schlieben-Lange (1979: 313) für das Bairische. Ihr zufolge sei es die 56 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="57"?> „ Funktion von eh [ … ], ein Argument als zweites in einer Reihe zu kennzeichnen “ , wobei sich der eh-Satz auf ein „ bereits genannte[s] oder gekannte[s] Einzelargument “ beziehe. Der eh-Satz werde dabei „ vor allem dazu verwendet, ein Argument zu bestätigen, in Ausnahmefällen aber auch, ein Argument zu entkräften “ (Schlieben-Lange 1979: 314). Demzufolge ließe sich eh als Kohärenzmittel betrachten. 2 Explizit mit den Unterschieden zwischen bundesdeutschem und österreichischem Deutsch beschäftigen sich außerdem Zobel (2017) sowie Csipak/ Zobel (2014). Zobel (2017: 324) bestimmt die Funktion von eh in Deutschland mit Bezug auf Weydt (1983) folgendermaßen: „ There is a preexisting state of affairs r ‘ which usually brings about p [ … ] that differs from a salient (potentially future) state of affairs r that also usually brings about p “ . In Beispiel (1) führen sowohl die Tatsache r ‘ , dass B keinen Durst hat, als auch die Tatsache r, dass A kein Bier hat, dazu, dass B kein Bier trinkt. Im Diskurs ist zunächst nur r salient, mit der eh-Äußerung macht B aber auch r ‘ salient. In Österreich habe eh allerdings einen anderen Funktionsbereich, der laut Zobel (2017) in der Markierung von Präferenzen bestehe. Zobel (2017: 325) definiert die Funktion von eh in Österreich wie folgt: „ The speaker [ … ] believes that the addressee ’ s [ … ]/ her belief worlds are compatible with both p and -p and that the addressee/ she wants p to hold “ . Diese Funktion von eh werde vor allem in Entscheidungsfragen deutlich, wo eh die „ inner attitudes “ (Zobel 2017: 325) des Sprechers oder der Sprecherin markiere, wie in (2). (2) Bin ich hier eh in Waidhofen an der Ybbs? (Niederösterreichische Nachrichten, zitiert nach Zobel 2017: 328) Wird (2) etwa von einem verirrten Autofahrer A an eine Passantin B geäußert, markiere der eh-Satz laut Zobel (2017) nicht nur die Unsicherheit von A darüber, wo er sich befindet, sondern auch, dass sich A eine positive Antwort erhofft. Nach Zobel (2017) sei eh in dieser Verwendung in Deutschland ausgeschlossen, wie überhaupt eh in Deutschland in Entscheidungsfragen nur sehr eingeschränkt verwendet werden könne. Um ihre These zu belegen, führt Zobel (2017) eine Korpusanalyse mit schriftlichen Daten des Deutschen Referenzkorpus (DeReKo) durch, wobei sie herausarbeiten kann, dass eh in Österreich nicht nur generell häufiger auftritt, sondern auch öfter in Entscheidungsfragen. In Csipak/ Zobel (2014: 89) wird die Funktion von eh in 2 Der Beitrag von eh zur Kohärenzherstellung wird auch bei Eggs (2003: 276) deutlich, wenn sie eh als „ Konnektivpartikel “ mit „ textverknüpfender Funktion “ einordnet (anders als bei Schlieben-Lange [1979] geht ihr zufolge damit jedoch stets eine Relevanzeinschränkung einher). Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 57 <?page no="58"?> Entscheidungsfragen nochmals anders bestimmt - so markiere der eh-Satz in solchen Fragen, dass der Sprecher oder die Sprecherin gute Gründe hat, eine positive Antwort zu erwarten, eine negative Antwort aber nicht völlig auszuschließen sei. Festzuhalten ist, dass in den meisten Beschreibungen der Verweis auf etwas Feststehendes oder Bekanntes und die Markierung einer vorangehenden Äußerung als irrelevant als Kernfunktionen von eh bestimmt werden. Als spezifisch für Österreich gilt hingegen bei Zobel (2017) die Markierung von Sprecher- oder Hörer-Präferenzen, während mit Schlieben-Lange (1979) für den bairischen Raum die Verwendung als Kohärenzmittel anzunehmen ist. Der vorliegende Beitrag überprüft unter anderem, ob damit tatsächlich die wesentlichen räumlich-nationalen Unterschiede bei der Verwendung von eh erfasst werden. 3 Daten und Methoden In dieser Studie werden die spezifischen Funktionen von eh in Österreich, Bayern und Norddeutschland mithilfe eines mixed-methods-Designs untersucht. Dieses besteht (1) aus einer Gesprächsanalyse formeller Interviews und informeller Konversationen sowie (2) einer quantitativen Auswertung einer Fragebogenenquete. Die Daten und Methoden, die beiden Analyseschritten zugrunde liegen, werden in diesem Abschnitt näher erläutert. 3.1 Gesprächsanalyse Um das Funktionsspektrum von eh in Österreich empirisch zu untersuchen, wird das Ulrichsberg-Korpus herangezogen (Wallner i. Vorb.). 3 Dieses wurde ursprünglich erstellt, um Sprachwandel in real-time bei denselben zwölf SprecherInnen aus der oberösterreichischen Gemeinde Ulrichsberg zu analysieren (vgl. u. a. Vergeiner et al. 2022; Bülow et al. 2025). Das Korpus beinhaltet insgesamt vierzig Gespräche, die zu zwei Zeitpunkten aufgenommen wurden: zunächst 1975/ 76 und dann wieder 2018/ 19. Pro Erhebungsrunde wurden jeweils Audioaufnahmen in zwei Gesprächssettings erstellt: • in sprachbiographischen Interviews, durchgeführt von Exploratoren, die den Gewährspersonen vorher nicht bekannten waren, um ein formelles, standardnahes Register zu erfassen; 3 Wir danken Dominik Wallner für die Bereitstellung der Audioaufnahmen und Transkripte. 58 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="59"?> • in Konversationen mit Freunden oder Familienangehörigen (Tischgespräche ohne Beisein eines Explorators), um ein informelles, dialektnahes Register zu erheben. 4 Das gesamte Korpus wurde mithilfe des Software-Pakets EXMARaLDA standardnah transkribiert 5 und für diese Studie einer Sekundärauswertung unterzogen. Für die analysierten eh-Sequenzen wurden dazu gesprächsanalytische Transkripte erstellt (nach den Richtlinien von GAT2; vgl. Selting et al. 2009). Die Partikel eh tritt im Ulrichsberg-Korpus vergleichsweise häufig auf - insgesamt 1.790-mal, was einer Frequenz von 5,2 Vorkommen pro 1.000 Token im Korpus entspricht (das Ulrichsberg-Korpus besteht aus insgesamt 343.200 Token). Die Partikel erscheint damit deutlich häufiger als vermeintlich synonymes sowieso (116 Vorkommen) oder ohnehin (4 Vorkommen). Auffällig ist, dass sich große Unterschiede bei der Frequenz von eh zwischen den Settings zeigen (vgl. Tab. 1) - so tritt eh zu beiden Erhebungszeitpunkten deutlich häufiger in den informellen Konversationen auf (vgl. für ähnliche Befunde Stückler 2023). Formelle Interviews Informelle Konversationen 1975/ 76 2018/ 19 1975/ 76 2018/ 19 absolut 72 163 724 831 relativ (pro 1.000 Token) 1,12 1,64 7,74 9,70 Tab. 1: Frequenz von eh im Ulrichsberg-Korpus Um die Funktionen von eh im Ulrichsberg-Korpus genauer zu erfassen, wurde eine Gesprächsanalyse (Deppermann 2008) für einzelne eh-haltige Sequenzen durchgeführt. Die Auswertung erfolgte dabei in Form einer Kollektionsanalyse (vgl. z. B. Barth-Weingarten 2006; Deppermann 2008), bei der auf Basis der qualitativen Befunde rekurrente Muster für die eh-Verwendung und ihre Funktionen herausgearbeitet wurden, um schließlich zu möglichst „ kontextunabhängige[n] Grundstrukturen “ (Deppermann 2008: 94) zu gelangen. Betont werden muss, dass dabei bewusst von bestimmten Prinzipien der (ethnomethodologischen) Konversationsanalyse abgewichen wurde - so wurden etwa bei der Analyse sehr wohl die in Abschnitt 2 behandelten, bislang 4 Die zwölf Personen führen diese Gespräche zum Teil miteinander, zum Teil aber auch mit weiteren Personen. 5 An die Standardsprache wurde dabei die Lautung angepasst, nicht aber die Syntax oder Lexik. Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 59 <?page no="60"?> beschriebenen Funktionen von eh berücksichtigt (vgl. zum „ Wissensparadox “ in der Gesprächsanalyse auch Deppermann 2008: 84 - 90). Aus forschungsökonomischen Gründen beschränkt sich die Analyse auf die eh-Vorkommen im neueren Erhebungszeitpunkt 2018/ 19. Im Folgenden werden die wiederkehrenden Funktionen von eh in diesen Gesprächen besprochen. Da die einzelnen Funktionen nicht immer trennscharf voneinander abgegrenzt werden können, wird auf eine Quantifizierung verzichtet. Auch mögliche diaphasische Funktionsunterschiede zwischen formellen Interviews und informellen Konversationen werden aus Platzgründen nicht näher beleuchtet. 3.2 Fragebogenstudie Die in der Gesprächsanalyse herausgearbeiteten Funktionen von eh gelten zunächst nur für Ulrichsberg. Um zu testen, inwiefern sie auch anderswo in Österreich bzw. im deutschsprachigen Raum vorkommen, wurde eine Online- Fragebogenerhebung durchgeführt (mithilfe von SoSci Survey, www.soscisurvey.de/ ). Abgefragt wurden dabei - neben soziodemographischen Daten 6 - Selbsteinschätzungen sowie Angemessenheitsurteile zur Verwendung von eh in einzelnen Kontexten, wobei pro Frageitem eine spezifische Funktion von eh getestet wurde. Da der Gebrauch von Partikeln eher ein Phänomen konzeptioneller Mündlichkeit ist (Imo/ Lanwer 2019: 26), wurden den TeilnehmerInnen hierfür konstruierte Chatverläufe vorgelegt, die realen eh-Verwendungen in den Ulrichsberg-Daten nachempfunden sind - vgl. z. B. Abbildung 1, wo ein solcher Chatverlauf exemplarisch dargestellt ist (vgl. auch Tab. 2 im Anhang, wo alle Chat-Items aufgelistet sind). 7 Folgende Fragen wurden den Gewährspersonen zu den Chatverläufen gestellt: 1. Würdest du „ eh “ in diesem Zusammenhang so verwenden? Antwortoptionen: ja, nein, unsicher 2. Findest du die Verwendung von „ eh “ in diesem Zusammenhang angemessen? Antwortoptionen: ja, eher ja, eher nein, nein 6 Gefragt wurde dabei nach Alter, Geschlecht, sowie dem Geburtsort und dem aktuellen Lebensmittelpunkt. 7 Für ihre Hilfe bei der graphischen Erstellung der Fragebogen-Items möchten wir Sonja Quehenberger herzlich danken. 60 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="61"?> Aus Platzgründen stehen in weiterer Folge die Antworten zur eigenen Sprachverwendung im Fokus, um erste Hypothesen über die Verbreitung einzelner eh-Funktionen zu ermitteln. Anders als die Gesprächsanalyse, die auf authentische Sprachgebrauchsdaten zurückgreift, lässt die Fragebogenstudie dabei natürlich nur eingeschränkt Aussagen über den tatsächlichen Sprachgebrauch zu - so sind bei den Befragungsdaten unterschiedliche Arten der Antwortverzerrung zu berücksichtigen, z. B. stereotypengeleitete Antwortprozesse, Unsicherheiten oder Unwissen in Bezug auf die eigene Sprachverwendung usw. Nichtsdestoweniger erlaubt es die Fragebogenstudie, standardisiert eine vergleichsweise große Datenmenge aus verschiedenen Sprachregionen zu erheben und zu vergleichen. Die gewonnen Befunde müssten in einem nächsten Schritt wieder durch korpusgestützte Analysen authentischen Sprachgebrauchs einzelner Regionen validiert werden. Die Distribution des Fragebogens erfolgte gezielt in Österreich, Bayern, Norddeutschland 8 und in der Schweiz. Aufgrund der geringen Rücklaufquote aus der Schweiz (n = 3) werden in dieser Studie nur die Daten aus Österreich Abb. 1: Chat-Beispiel aus dem Fragebogen 8 Hier und im Folgenden verstehen wir darunter alle Personen, die nördlich der Benrather Linie, also auf ursprünglich niederdeutschem Gebiet, geboren sind. Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 61 <?page no="62"?> und Deutschland berücksichtigt. In Bezug auf Österreich wird dabei auf eine regionale Differenzierung verzichtet, da die erhobenen Daten keine merklichen Unterschiede zwischen verschiedenen Regionen nahelegen (z. B. Westösterreich gegenüber Ostösterreich). In Bezug auf Deutschland muss natürlich beachtet werden, dass die Erhebung keine Aussagen für das gesamte Bundesgebiet zulässt; alle Sprachregionen gleichermaßen zu berücksichtigen, hätte den Umfang der Studie gesprengt. Der Fokus auf Bayern einerseits und Norddeutschland andererseits gibt nichtsdestoweniger Aufschluss über die (vermuteten) regionalen „ Pole “ der eh-Verwendung in Deutschland (vgl. u. a. Abschnitt 1 zur historischen Entwicklung). Aus den untersuchten Sprachregionen liegen insgesamt 169 Fragebögen vor, wobei die regionale Verteilung in etwa ausgewogen ist: 57 Personen wurden in Österreich geboren (= 34 %), 9 49 Personen in Bayern (= 29 %) und 63 Personen in Norddeutschland (= 37 %). Bis auf wenige Ausnahmen entspricht auch der Lebensmittelpunkt der TeilnehmerInnen der jeweiligen Region. Wie bei einer Online-Umfrage zu erwarten, ist das Durchschnittsalter der TeilnehmerInnen mit 32 Jahren vergleichsweise jung (Median: 30; Spannweite: 18 - 65 Jahre). Mit 117 Teilnehmerinnen (= 69 %) sind außerdem Frauen im Sample gegenüber Männern mit 52 Teilnehmern (= 31 %) überproportional vertreten. In weiterer Folge beschränken wir uns auf eine Auswertung nach der regionalen Herkunft der TeilnehmerInnen, was laut bisherigen Darstellungen der wesentliche Einflussfaktor für die eh-Verwendung ist (vgl. Abschnitt 2). 4 Ergebnisse In diesem Abschnitt werden die wiederkehrenden Funktionen von eh in den untersuchten Gesprächen präsentiert; mit den jeweiligen Funktionen werden auch die Ergebnisse der Fragebogenstudie besprochen. 4.1 Relevanzeinschränkung und Abschwächung Wie in Abschnitt 2 dargestellt, hat eh laut Thurmair (1989) die Funktion, (1) etwas als vorab gültig bzw. bekannt darzustellen, und zwar mit Bezug auf (2) eine vorangehende Äußerung, die in ihrer Relevanz eingeschränkt bzw. sogar als irrelevant markiert wird, womit (3) eine Korrekturanweisung an das Gegenüber verbunden ist (ähnlich Eggs 2003). Im Ulrichsberg-Korpus finden 9 Die Personen verteilen sich dabei wie folgt auf die einzelnen Bundesländer: Vorarlberg: 2; Tirol: 7; Salzburg: 5; Kärnten: 3; Steiermark: 4; Oberösterreich: 9; Niederösterreich: 12; Wien: 13; Burgenland: 2. 62 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="63"?> sich tatsächlich häufiger Verwendungen von eh, die dieser Funktion entsprechen, vgl. z. B. Transkriptausschnitt 1. 10 Transkriptausschnitt 1 (informelle Konversation): Markierung von Irrelevanz 01 S1: °hh owa des is ja norMAL,= 02 =wonn I jetz a penSION hob? 03 °h und i bin DREIafuchzig jOA oder wos; 04 dass des ned für olle Ewigkeit [is. ] 05 → S2: [d der] wird EH scho sechzg. 06 S1: °h najo SCHO, 07 owa i ma: n der konn ja ned GLAUM dass er jetz mit, 08 °h mit Ochtafuchzg joa scho dauernd in penSION gehen ko; In dieser Sequenz sprechen S1 und S2 über einen Bekannten, der krankheitsbedingt frühzeitig pensioniert, dann aber wieder gesundgeschrieben wurde. S1 findet dies nachvollziehbar, schließlich könne man nicht erwarten, mit 53 Jahren schon „ für alle Ewigkeit “ in Pension zu bleiben (Z. 01 - 04). S2 wendet dagegen ein, dass die Person, um die es geht, „ eh “ schon sechzig werde (Z. 05). S2 korrigiert mit dem eh-Satz also das zuvor von S1 genannte Alter ( „ dreiundfünfzig Jahre “ ) und schränkt zugleich die Relevanz der Aussage von S1 ein. Diese Interpretation wird durch die Reaktion von S1 gestützt: S1 drückt zunächst ihr Einverständnis aus, dass der von S2 geäußerte Einwand faktisch korrekt sei (Z. 06), beharrt aber trotzdem auf ihrer Einschätzung (Z. 07 - 08) (vgl. zu solchen sowohl zustimmenden als auch widersprechenden Gesprächszügen u. a. Kallmeyer 1994). Im Beispiel dient eh offenbar dazu, die Faktizität gewisser Inhalte hervorzuheben, was zugleich die vorausgehende Äußerung als weniger relevant und entsprechend als revisionsbedürftig markiert. In diesem Beispiel ist eh durch sowieso ersetzbar. Erwartbar ist, dass eh mit dieser Funktion nicht auf Österreich beschränkt ist, was mit Item 5 11 im Fragebogen getestet wurde. Tabelle 3 fasst die Ergebnisse zusammen. 12 10 Hier und im Folgenden markiert Zeile 01 den Beginn des Gesprächsausschnitts, nicht des Gesprächs. Die verschiedenen Gewährspersonen werden einheitlich mit S1 und S2 abgekürzt. 11 Die Nummerierung der Items folgt ihrer Anordnung im Fragebogen (siehe Anhang). 12 Aufgrund der Rundung summieren sich die Zeilensummen in den Tabellen nicht immer auf 100 %. Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 63 <?page no="64"?> Ja Nein Unsicher Österreich (n = 57) 96 % 4 % 0 % Bayern (n = 49) 96 % 4 % 0 % Norddeutschland (n = 63) 89 % 8 % 3 % Tab. 3: Regionale Unterschiede bei Item 5 Laut Selbsteinschätzung wird eh in diesem Kontext von den allermeisten TeilnehmerInnen - ungeachtet ihrer Herkunft - verwendet. Auch wenn der Anteil der ja-Antworten bei den Personen aus Norddeutschland etwas geringer ausfällt, sind die regionalen Unterschiede nicht signifikant (Chi-Quadrat = 4,9, df = 4, p = 0,298), d. h. diese eh-Verwendung ist tatsächlich nicht regionalspezifisch. Als „ Irrelevanzmarker “ bezieht sich eh laut gängiger Auffassung auf einen früheren Gesprächsschritt, und zwar in aller Regel auf eine Äußerung des Gegenübers (vgl. z. B. Thurmair 1989: 137). Bemerkenswert ist, dass sich im vorliegenden Korpus aber auch Sequenzen finden lassen, in denen mit eh offensichtlich die Relevanz des eh-Satzes selbst herabgestuft wird. Transkriptausschnitt 2 zeigt ein solches Beispiel, wo im eh-Satz eine Einräumung vorgebracht, durch eh aber zugleich als irrelevant markiert wird. Transkriptausschnitt 2 (informelle Konversation): Relevanzherabstufung einer Einräumung 01 S1: jo der <<nAme>> is exTREM; 02 daHERreden tuans jo, 03 oiso Ozogn sans; 04 S2: (--) FURCHTboa, 05 [da DEA is jo- ] 06 S1: [und reden vo die AUSländer-=] 07 → = i ma: n ko: EH a weng redn, 08 → und mia taugt EH a ned ois; = 09 = owa wia DIA reden? 10 <<stilisiert>na dea keat daSCHOSSN und keine ahnung.> Im Beispiel sprechen S1 und S2 über einen Bekannten und dessen Freunde, die extreme politische Positionen vertreten und sich dementsprechend verhalten (Z. 01 - 06). In einem mit dem sequenzorganisierenden Diskursmarker „ ich meine “ (Günthner/ Imo 2003) eingeleiteten Einschub macht S1 deutlich, dass der Bekannte zwar „ eh “ gut reden könnte (Z. 07), und er selbst die politische 64 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="65"?> Situation „ eh “ auch nicht immer gut bewerten würde (Z. 08) - trotzdem heißt S1 die Ansichten nicht gut, die besagte Personen vertreten (Z. 09 - 10). Die Funktion von eh im Ausschnitt scheint zu sein, die beiden von S1 selbst vorweggenommenen, möglichen Einwände abzuschwächen, d. h. sie zwar als gültig, gleichwohl irrelevant für seine negative Wertung zu markieren (was auch durch die adversative Konjunktion aber gestützt wird, die die Bewertungsäußerung einleitet). Anders als im zuvor diskutierten Beispiel ist eh in dieser Verwendung - sowie in allen nun folgenden Beispielen - kaum durch sowieso ersetzbar. Da diese Verwendungsweise von eh von den bisherigen - auf (Nord-) Deutschland fokussierten - Untersuchungen nicht erfasst wird, ist zu überprüfen, ob es sich um eine für Österreich spezifische Verwendung handelt; dies geschah mit Item 4 im Fragebogen. Die Ergebnisse dokumentiert Tabelle 4. Ja Nein Unsicher Österreich (n = 57) 77 % 18 % 5 % Bayern (n = 49) 10 % 81 % 8 % Norddeutschland (n = 63) 15 % 79 % 6 % Tab. 4: Regionale Unterschiede bei Item 4 Die Selbsteinschätzungen zur Verwendung von eh bei Item 4 unterscheiden sich deutlich vom zuvor besprochenen Item 5: Mehrheitlich stimmen nur die TeilnehmerInnen aus Österreich der Aussage zu, eh in diesem Kontext zu nutzen; bei den beiden bundesdeutschen Gruppen fällt die Zustimmung hingegen gering aus. Die signifikanten Unterschiede (Chi-Quadrat = 71,2, df = 4, p < 0,001***) deuten darauf hin, dass bereits bei der Markierung von Irrelevanz regionale Unterschiede bestehen, zumindest wenn die Relevanz des eh-Satzes selbst herabgestuft wird. Die zuvor gezeigte relevanzabstufende (bzw. relevanzrelativierende) Funktion von eh - zusammen mit der Markierung als vorab gegeben, d. h. als selbstverständlich und evident (s. ausführlicher Abschnitt 4.3) - dürfte ein Grund dafür sein, warum eh im Korpus häufig zusammen mit evaluativen Äußerungen auftritt. Ähnlich wie im vorherigen Beispiel bezieht sich eh dabei nicht auf den vorangegangenen Diskurs, sondern auf die Evaluation selbst, die häufig mithilfe von eh abgeschwächt wird. Ein entsprechendes Beispiel zeigt Transkriptausschnitt 3. Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 65 <?page no="66"?> Transkriptausschnitt 3 (informelle Konversation): Abschwächung einer Evaluation 01 S1: und wia oit IS? 02 °hh äh SECH [zehn, ] 03 S2: [sie is] FUF [zehn; ] 04 S1: [FUF ]zehn; 05 (---) aja sie is jo so a JUNge schülerin; 06 °h FUFzehn (-) joa; 07 °h oKAY. 08 → sie (.) sie is EH recht lIAb. 09 S2: bei die zaignisse homs olle ZWOA a auszeichnung [kriagt; ] 10 S1: [i (.) i] JO. Im Gesprächsausschnitt spricht S1 mit S2 (ihrem Sohn) über dessen Kinder. Der Ausschnitt beginnt damit, dass S1 nach dem genauen Alter einer der beiden Töchter von S2 fragt (Z. 01), wobei sie die Frage zunächst selbst beantwortet (Z. 02). Da die Altersangabe nicht korrekt ist, kommt es zu einer Fremdkorrektur durch S2 (Z. 03), die von S1 u. a. durch Wiederholung des korrekten Alters (Z. 04 - 06) und „ okay “ (Z. 07) ratifiziert wird (vgl. Schegloff et al. 1977). Im Anschluss bringt sie eine explizite Bewertung ihrer Enkelin vor - diese sei „ eh recht lieb “ (Z. 08) - , woraufhin S2 anspricht, dass besagte Enkelin (wie auch die andere Enkelin, von der im Gespräch zuvor die Rede war) aufgrund ihrer guten Noten kürzlich ausgezeichnet wurde (Z. 09). Die Verwendung von eh im Ausschnitt scheint vor allem die Funktion zu haben, die Bewertung von S1 abzuschwächen. Dies wird auch durch die Kookkurrenz mit dem Downtoner recht deutlich, mit welchem eh in evaluativen Äußerungen öfters gemeinsam auftritt (wie auch mit ganz) (zur Relevanz derartiger Kookkurrenzen bei der Funktionsbestimmung gesprächslinguistischer Einheiten, vgl. Deppermann 2008: 97). Auch diese Funktion von eh wird von gängigen Beschreibungen nicht erfasst, d. h. sie könnte regionalspezifisch sein. Mithilfe von Item 3 wurden die Selbsteinschätzungen zur Verwendung von eh in diesem Kontext getestet. Tabelle 5 zeigt die Ergebnisse. Ja Nein Unsicher Österreich (n = 57) 81 % 12 % 7 % Bayern (n = 49) 6 % 90 % 4 % Norddeutschland (n = 62) 5 % 94 % 2 % Tab. 5: Regionale Unterschiede bei Item 3 66 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="67"?> Es zeigen sich wieder klare räumliche Unterschiede (Chi-Quadrat = 108,8, df = 4, p < 0,001***): Während die allermeisten TeilnehmerInnen aus Bayern und Norddeutschland angeben, eh in diesem Kontext nicht zu verwenden, ist dies bei einer deutlichen Mehrheit der Personen aus Österreich der Fall. Die Verwendung von eh zur Abschwächung evaluativer Aussagen scheint also tatsächlich österreichspezifisch zu sein. 4.2 Präferenzmarkierung und Vergewisserung Laut Zobel (2017) unterscheidet sich die eh-Verwendung in Österreich von Deutschland dadurch, dass mit der Partikel eh bestimmte Präferenzen (entweder des Sprechers oder des Hörers) markiert werden. Im vorliegenden Korpus finden sich tatsächlich Beispiele, wo diese Interpretation zunächst naheliegt - insbesondere in Entscheidungsfragen, wie in Transkriptausschnitt 4. Transkriptausschnitt 4 (informelle Konversation): Vergewisserungsfrage (mit Sprecherpräferenz) 01 S1 han scho FESCH montiert. 02 S2 und host_a_s proBIERT a scho? 03 S1 NA; 04 des MUASS i erscht [donn mit- ] 05 → S2 [san_s EH ned z_schmoi fia deine händ? ] 06 wei_s hätt nämlich von ana ONdern firma, 07 °h äh äh äh a ONders modell gebm; 08 wo_s für SCHMAle hände wos ghobt hättn,= 09 =und fia BREItere hände. Das Thema der Gesprächssequenz sind die neuen Fahrradgriffe, die S1 von S2 geschenkt bekommen hat. Auf Nachfrage von S2 (Z. 02) verneint S1, diese schon probiert zu haben (Z. 03 - 04). S2 schließt mit einer Frage an, nämlich ob die Griffe „ eh “ nicht zu klein seien (Z. 05). Nach Zobel (2017) dürfte eh an dieser Stelle die Präferenz von S2 markieren, dass die Griffe passen; das ist nicht unplausibel - schließlich hat S2 die Griffe auch verschenkt. Hervorzuheben ist, dass eh auch in Transkriptausschnitt 4 nicht durch sowieso ersetzt werden kann, und sich nur schwer mit den in Abschnitt 4.1 beschriebenen Funktionen in Einklang bringen lässt. Fraglich ist allerdings, ob eh im Beispiel tatsächlich die Präferenzen von S2 markiert - so lässt sich die Partikelverwendung im Beispiel auch so interpretieren, dass eh (vorrangig) eine vergewissernde Funktion hat. Einen Hinweis darauf gibt die Art, wie S2 ihren Beitrag fortsetzt: So folgt auf die eh-haltige Äußerung eine längere Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 67 <?page no="68"?> Rechtfertigung von S2 (von der in Transkriptausschnitt 4 nur der Anfang wiedergegeben ist), warum sich S2 überhaupt für besagte Griffe entschieden hat (Z. 06 - 09). Mit der Rechtfertigungssequenz zeigt S2 deutlich ihre Unsicherheit darüber an, dass die Griffe passen, weshalb sie im Vorfeld auch darüber nachgedacht habe, ein anderes Modell einer anderen Firma zu kaufen. Eine vergewissernde Funktion für eh schlagen auch Csipak/ Zobel (2014: 89) vor, wenn sie meinen, der eh-Satz markiere in Entscheidungsfragen, dass der Sprecher gute Gründe hat, eine positive Antwort zu erwarten, sich dessen aber nicht völlig sicher sei. Dass eher diese Funktion im Vordergrund steht, legen auch andere Beispielen nahe, in denen eh zwar auch in einer Entscheidungsfrage - oder genauer gesagt, einer Vergewisserungsfrage (Schubert 2013) - vorkommt, ohne dass jedoch eine Präferenzmarkierung naheliegt. Transkriptausschnitt 5 zeigt ein Beispiel dafür. Transkriptausschnitt 5 (informelle Konversation): Vergewisserungsfrage (ohne Sprecherpräferenz) 01 S1 do han (.) han_s GRESsa gwesn; 02 woascheinlich hom_s do a weng mehr FEUCHtigkeit- 03 °hh mehr FEUCHtigkeit ghobt. 04 S2 waRUM? 05 [es (xxx xxx) überhaupt ned; ] 06 S1 [sie JAMmern olle, ] 07 in schwoaznberg san zwoa VÜ: bean, 08 °h owa olle so KLOA. 09 (--) in SCHWOAZN [berg homs do a weng- ] 10 → S2 [EH do beim dIng aufe,] 11 ah beim [<<NAme>>? ] 12 S1 [äh jo ] BEIM äh: : - 13 S2 de hom_ma a ned Ogruafn; Thema des Gespräches ist das Sammeln von Beeren. Zu Beginn erzählt S1, dass sie in Schwarzenberg (eine Nachbargemeinde von Ulrichsberg) an einer Stelle im Wald große Beeren gefunden habe (Z. 01) - dies sei der Fall, obwohl in Schwarzenberg vermeintlich nur kleine Beeren zu finden seien (Z. 06 - 09). In Zeile 10 erkundigt sich S2, wo genau S1 die Beeren gefunden habe; im Zuge dessen bedient sich S2 einer Vergewisserungsfrage, in der er seine Vermutung darüber äußert, wo S1 die Beeren gefunden hat, nämlich in der Nähe des Hauses einer befreundeten Familie. S1 setzt dazu an, die Vermutung von S2 zu bestätigen (Z. 12), als S2 einfällt, dass sie besagte Familie nicht angerufen 68 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="69"?> haben (Z. 13), obwohl sie dies vorgehabt hätten, was dann zum neuen Thema des Gesprächs wird. Entscheidend ist, dass in Transkriptausschnitt 5 die Verwendung von eh kaum durch die Präferenzen von S2 erklärt werden kann, schließlich ist unklar, warum S2 ein besonderes Interesse daran haben sollte, dass S1 die Beeren ebendort gefunden hat. Vielmehr scheint eh die Vergewisserungsfrage als solche zu markieren. Ob die Verwendung von eh in Vergewisserungsfragen österreichspezifisch ist, wurde mit Item 6 im Fragebogen getestet. Tabelle 6 zeigt die Ergebnisse. Ja Nein Unsicher Österreich (n = 57) 84 % 11 % 5 % Bayern (n = 49) 37 % 51 % 12 % Norddeutschland (n = 62) 13 % 85 % 2 % Tab. 6: Regionale Unterschiede bei Item 6 Deutlich wird, dass nur die österreichischen TeilnehmerInnen mehrheitlich von sich aussagen, eh in diesem Kontext zu gebrauchen, während der entsprechende Anteil bei Personen aus Bayern und insbesondere aus Norddeutschland deutlich geringer ausfällt. Die signifikanten Unterschiede (Chi- Quadrat = 73,8, df = 4, p < 0,001***) weisen darauf hin, dass die Verwendung von eh in Vergewisserungsfragen in der Tat typisch für Österreich ist, allerdings scheint sie zumindest in Bayern auch vorzukommen. Eine vergewissernde Funktion kann eh nicht nur in Entscheidungsfragen, sondern auch in Deklarativsätzen haben. Dabei tritt eh vor allem in Finalsätzen auf - Transkriptausschnitt 6 illustriert dies. Transkriptausschnitt 6 (formelles Interview): vergewissernde Funktion in einem Finalsatz 01 S1 i ho so a ältere DAme, 02 de is FÜNfadochtzg joa; 03 a a OITbairin. 04 [°h und] de is am rolLAtor scho Ogwiesn und, 05 S2 [mhm ] 06 S1 °h und dera HÜF i oft sea vü, 07 → äh dass sie (-) Eh in die WOCHentogsmess geh ko.= 08 [=OIso,] 09 S2 [mhm ] 10 S1 °hh und bring sie HOAM; Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 69 <?page no="70"?> Im Beispiel erzählt S1 von einer älteren Dame, die sie ehrenamtlich betreut; die Frau ist schon gebrechlich und nur eingeschränkt mobil (Z. 01 - 04), weshalb S1 ihr hilft, „ dass sie eh in die Wochentagsmesse gehen kann “ (Z. 06 - 07). Auch an dieser Stelle hat die Partikel eh eine vergewissernde Funktion: Sie dürfte die im Finalsatz ausgedrückte Intention von S1 hervorheben, sicherzustellen, dass die ältere Dame unter den gegebenen Umständen die Kirche besuchen kann. Mit Item 10 im Fragebogen wurde diese vergewissernde Verwendung von eh in Finalsätzen getestet; die Resultate dokumentiert Tabelle 7. Ja Nein Unsicher Österreich (n = 57) 85 % 9 % 5 % Bayern (n = 49) 2 % 94 % 4 % Norddeutschland (n = 62) 5 % 92 % 3 % Tab. 7: Regionale Unterschiede bei Item 10 Auch bei diesem Item sagen wieder nur die österreichischen TeilnehmerInnen mehrheitlich von sich aus, eh in dieser Funktion zu gebrauchen. Die Personen aus Norddeutschland, aber auch die Personen aus Bayern lehnen dies nahezu durchwegs ab. Die signifikanten Unterschiede (Chi-Quadrat = 119,4, df = 4, p < 0,001***) deuten darauf hin, dass diese Funktion österreichspezifisch ist. 4.3 Kohärenz, Common Ground und Evidenzmarkierung Von den in Abschnitt 2 besprochenen Funktionsbeschreibungen für eh sticht die von Schlieben-Lange (1979) durch ihre Allgemeinheit hervor. Mit ihr lässt sich eh als Kohärenzsignal betrachten, dessen Funktion es ist, „ ein Argument als zweites in einer Reihe “ zu markieren (Schlieben-Lange 1979: 313). Obwohl sogar diese sehr allgemeine Definition nicht hinreicht, alle Funktionen von eh in den untersuchten Gesprächen zu beschreiben, lassen sich doch einige Sequenzen finden, in denen eh eindeutig als Kohärenzmittel verwendet wird, um auf eine vorherige Aussage zurückzuverweisen. Eine relevanzeinschränkende Funktion o. ä. wird dabei nicht deutlich. Transkriptausschnitt 7 zeigt eine solche Sequenz. 70 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="71"?> Transkriptausschnitt 7 (informelle Konversation): Anaphorische Funktion 01 S1 owa des hob i NED glaubt dass der so extrem reden ko, 02 owa des hob i scho amoi erLEBT; = 03 → =EH in de in dem in beim <<cAfe>> (-) oben. 04 °hh wia_a do so AUtaucht. 05 S2 jo dea is: : : (-) is zwoa a SPÜmonn? 06 (1.7) 07 jo owa des STIMMT; In diesem Beispiel, das sich im selben Gespräch wie Transkriptausschnitt 2 (s. Abschnitt 4.1) findet, sprechen S1 und S2 über einen gemeinsamen Bekannten, der durch rechtsradikales Verhalten auffällt. S1 meint, er habe dieses Verhalten selbst einmal erlebt (Z. 02), nämlich in einem Café in Ulrichsberg (Z. 03). Von diesem Café war im Gespräch zuvor bereits die Rede (allerdings in einem anderen Zusammenhang). Die Funktion von eh im Gespräch scheint es zu sein, den Rückverweis auf dieses vorerwähnte - und beiden Gesprächspartnern bekannte - Café zu markieren. In ähnlicher Weise tritt eh auch in anderen Gesprächen auf, vor allem bei Orts- und Personennamen. Bemerkenswert ist, dass die Partikel dabei meist in Herausstellungskonstruktionen in der linken oder rechten Satzperipherie vorkommt, mit eh am Beginn der jeweiligen Intonationsphrase (s. auch Transkriptausschnitt 8). Mit Item 8 im Fragebogen sollte die räumliche bzw. nationale Verbreitung dieser primär kohärenzstiftenden Funktion von eh getestet werden. Tabelle 8 zeigt die Ergebnisse. Ja Nein Unsicher Österreich (n = 56) 54 % 27 % 20 % Bayern (n = 49) 20 % 84 % 6 % Norddeutschland (n = 62) 3 % 94 % 3 % Tab. 8: Regionale Unterschiede bei Item 8 Auch wenn bei diesem Item die Zustimmungsrate der ÖsterreicherInnen etwas geringer ausfällt, zeigen sich dieselben Grundtendenzen wie zuvor: Nur bei den TeilnehmerInnen aus Österreich stimmt eine Mehrheit der Aussage zu, eh in diesem Kontext zu verwenden. Bei den Personen aus Bayern ist die Zustimmungsrate deutlich geringer, und bei den Personen aus Norddeutschland wird Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 71 <?page no="72"?> die Verwendung von eh in diesem Kontext fast durchwegs abgelehnt. Auch hier sind die Unterschiede signifikant (Chi-Quadrat = 68,9, df = 4, p < 0,001***). Auffällig ist allerdings, dass eh in den untersuchten Gesprächen nicht nur verwendet wird, um auf bereits besprochene Inhalte zurückzuverweisen; zum Teil scheint eh auch nur allgemein zu markieren, dass etwas zum geteilten Wissen bzw. Common Ground der GesprächsteilnehmerInnen gehört, ohne dass davon im Gespräch bislang die Rede war. Transkriptausschnitt 8 zeigt dies exemplarisch. Transkriptausschnitt 8 (formelles Interview): Markierung des Common Ground 01 S1 und i glaub i woa ZEHN joa auf der gemeinde,= 02 → =und EH der kollege der <<nAme>>; 03 der hot jo den touRISmus überkobt; 04 °hh und mit- 05 des is donn a: a KURven gwe: n,= 06 =die is AUFgstiegn. Das Thema des Ausschnittes ist der Tourismus in Ulrichsberg. Vor dem Ausschnitt berichtet der pensionierte Beamte S1 davon, dass es zu seiner Jugendzeit nur wenig Tourismus in Ulrichsberg gegeben habe. Das habe sich erst geändert, als er bereits zehn Jahre bei der Gemeinde tätig war (Z. 01, 05 - 06). In einem Einschub verweist er darauf, dass einer seiner Kollegen damals für die Tourismusagenden in der Gemeinde zuständig gewesen sei (Z. 02 - 03); die entsprechende Äußerung leitet er mit „ eh “ ein. Die Funktion von eh scheint es dabei zu sein, auf eine Person zu verweisen, die beiden Sprechern bekannt ist, also zum Common Ground gehört, auch wenn von der Person im Interview noch nicht die Rede war. Allerdings weiß S1, dass der Interviewer besagten Kollegen kennt, da S1 mit diesem das informelle Gespräch geführt hat und besagte Person zudem auch interviewt wurde. Für diese Interpretation spricht unter anderem der Aufbau des Einschubes: Mit der eh-haltigen Äußerung in Z. 02 wird eine Linksversetzung innerhalb einer Referenz-Aussage- Struktur vorgebracht (vgl. dazu u. a. Selting 1993), deren zweiter Teil auch durch die Partikel ja als bekannt markiert wird (vgl. Thurmair 1989: 104 - 109 zu den Funktionen von ja). Die Verwendung von eh zur Markierung des Common Ground wurde im Fragebogen mit Item 1 getestet. Tabelle 9 zeigt die Ergebnisse dafür. 72 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="73"?> Ja Nein Unsicher Österreich (n = 57) 65 % 25 % 11 % Bayern (n = 49) 12 % 84 % 4 % Norddeutschland (n = 63) 2 % 97 % 2 % Tab. 9: Regionale Unterschiede bei Item 1 Erneut bejaht nur bei den Gewährspersonen aus Österreich eine Mehrheit, eh in diesem Kontext zu verwenden. Bei den Personen aus Bayern und insbesondere aus Norddeutschland wird dies hingegen von den allermeisten verneint. Die Differenzen sind abermals signifikant (Chi-Quadrat = 80,9, df = 4, p < 0,001***), was auf eine Österreichspezifik dieser Verwendung hindeutet. Die Anknüpfung an den Common Ground spielt auch eine zentrale Rolle bei der im Korpus sehr häufigen Verwendung von weißt eh. Bei weißt eh handelt es sich um eine verfestigte Wendung, die als Diskursmarker 13 gebraucht wird, um - in aller Regel prospektiv - auf bereits bekannte oder für das Gegenüber zumindest nachvollziehbare Sachverhalte zu verweisen. Die Wendung wird dabei oft zur Strukturierung innerhalb von erzählenden oder berichtenden Episoden eingesetzt, was Transkriptausschnitt 9 illustriert. Transkriptausschnitt 9 (informelle Konversation): weißt eh als Diskursmarker 01 S1 telefOnisch BSTÖ: T denk_i_ma, 02 → woaßt EH,= 03 =WOAteschleifm; 04 <singend<da da da da da>> 05 → woaßt EH, 06 muSIK und sie wean- 07 (1.2) 08 do hob i ma DENKT, 09 do hob i ma wieder wos Ogfongt i trOttl. Im Beispiel erzählt S1 von einer Telefonbestellung, die er aufgegeben hat - mit „ weißt eh “ (Z. 02, 05) eingeleitet, schildert er seinem Gegenüber die stereotype Situation, als er sich in der Warteschleife befand. So verweist er auf die typische Warteschleifenmusik (Z. 04, 06) bzw. Telefonansage (Z. 06). Die Ver- 13 Zum Konzept vgl. bspw. Blühdorn et al. (2017); das Vorliegen eines Diskursmarkers wird im vorliegenden Fall formal u. a. an der Stellung deutlich, die prototypisch vor einer Turn Constructional Unit (TCU) liegt (vgl. Blühdorn et al. 2017: 19). Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 73 <?page no="74"?> wendung von weißt eh dürfte die Erwartung von S1 markieren, dass das Gegenüber diese Situation kennt und nachvollziehen kann. Deutlich wird diese Erwartung auch dadurch, dass S1 die Situation nur sehr knapp und unter Einsatz elliptischer Konstruktionen schildert. Die Verwendung von weißt eh als Diskursmarker wurde im Fragebogen mit Item 11 getestet. Die Ergebnisse zeigt Tabelle 10. Ja Nein Unsicher Österreich (n = 55) 87 % 7 % 5 % Bayern (n = 49) 51 % 47 % 2 % Norddeutschland (n = 61) 13 % 84 % 3 % Tab. 10: Regionale Unterschiede bei Item 11 Während fast alle Gewährspersonen aus Österreich angeben, eh in dieser Funktion zu verwenden, trifft dies bei den Gewährspersonen aus Bayern auf die Hälfte zu. Bei den Gewährspersonen aus Norddeutschland verneint der Großteil der TeilnehmerInnen die Verwendung. 14 Die Differenzen sind abermals statistisch signifikant (Chi-Quadrat = 69,0, df = 4, p < 0,001***). Die Verwendung von weißt eh als Diskursmarker scheint also eher süddeutschösterreichisch zu sein. Neben der Verbindung mit weißt formt eh auch mit anderen Elementen Konstruktionen (zum Begriff z. B. Deppermann 2006) - besonders häufig sind dabei Verbindungen mit siehst, wobei sich siehst eh ebenfalls als Diskursmarker interpretieren lässt. Ähnlich wie weißt eh scheint auch siehst eh auf den Common Ground der Gesprächsteilnehmer zu verweisen. Allerdings dürfte bei siehst eh stärker die evidenzmarkierende Funktion im Vordergrund stehen - so lässt sich feststellen, dass siehst eh vorrangig in argumentativen Kontexten auftritt, in denen der Diskusmarker prospektiv auf eine als evident angesehene Tatsache verweist, die zur Untermauerung der eigenen Position verwendet wird. Transkriptausschnitt 10 veranschaulicht dies. 14 Dies könnte allerdings auch mit dem Fehlen des Pronomens du in dieser Konstruktion zusammenhängen. So merkt eine externe Gutachterin an, dass weißt du eh in Norddeutschland womöglich mehr Zustimmung erfahren hätte; ähnliches gilt für siehst eh versus siehst du eh (s. u.). Aus unserer eigenen Beobachtung scheint uns dies allerdings unwahrscheinlich. 74 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="75"?> Transkriptausschnitt 10 (informelle Konversation): siehst eh als Diskursmarker 01 S1 wei des is mei LIEblingsjob hot_a gsog. 02 (1.2) 03 S2 jo ds_IS: jo klOA; 04 des_is (.) da WOASS_a scho wos- 05 des IS a? 06 °hh und wos des in an menschen beWEGT is a lOgisch; =oder? 07 [i MA: N- ] 08 S1 [jo es is SPANnend,] 09 i hob mi [zerscht a weng GSCHRECKT,] 10 → S3 [siegst EH, ] 11 is jo a UNterschied,= 12 obst no wos TOA konnst oder obst nIx toa konnst. 13 S1 JO. Im Beispiel erzählt S1 von seinem Arzt, der zu ihm gesagt habe, seine Lieblingstätigkeit sei es, Herzschrittmacher einzusetzen (Z. 01). S2 findet dies nachvollziehbar (Z. 03), schließlich bewege das viel für den betroffenen Menschen (Z. 06). Als S1 gerade dazu übergeht, über seine Herzschrittmacher- Implantation zu erzählen (Z. 08 - 09), wird er von S2 unterbrochen. In seinem Redebeitrag reicht S2 eine Begründung für seine zuvor geäußerte Ansicht nach - auch für den Arzt mache es einen Unterschied, ob er für einen Patienten noch etwas tun könne oder nicht (Z. 11 - 12). Als Einleitung stellt er seiner begründeten Äußerung „ siehst eh “ voran (Z. 10), was die Begründung offenbar als evident und offensichtlich markieren soll. Die Verwendung von siehst eh als Diskursmarker wurde im Fragebogen mit Item 9 getestet. Tabelle 11 zeigt die Ergebnisse. Ja Nein Unsicher Österreich (n = 55) 80 % 13 % 7 % Bayern (n = 49) 37 % 51 % 12 % Norddeutschland (n = 61) 11 % 82 % 7 % Tab. 11: Regionale Unterschiede bei Item 9 Auch hier gibt wieder der Großteil der Gewährspersonen aus Österreich an, eh in dieser Funktion zu verwenden. Bei den Gewährspersonen aus Bayern und vor allem bei denen aus Norddeutschland ist der entsprechende Anteil deutlich Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 75 <?page no="76"?> geringer. Die Differenzen sind wieder statistisch signifikant (Chi-Quadrat = 62,0, df = 4, p < 0,001***). 4.4 Back-Channel-Behaviour und Zustimmungssignal Wie im letzten Abschnitt bereits dargestellt, scheint eh insbesondere in Österreich auch gesprächsorganisatorische Funktionen zu haben, zum Beispiel bei der Beitragsstrukturierung. Weitere wichtige gesprächsorganisatorische Funktionen erfüllt eh z. B. als Hörersignal beim Back-Channel-Behaviour (Gardner 2001). Transkriptausschnitt 11 zeigt eine Verwendungsweise von eh, die in den Ulrichsberg-Daten sehr oft vorkommt und in der eh in Kookkurrenz mit klar als Rückmeldesignal der Verstehensdokumentation dient. Transkriptausschnitt 11 (informelle Konversation): Verstehensdokumentation 01 S1 und donn is er hoit am schlUss is_a donn no beim <<NAme>>, 02 bei seim couSIN in salnau bei die bAUernkinder, 03 S2 [JO; ] 04 S1 [°hh] GLONDT. 05 S2 (--) und do HOI_n donn hoit wieder; 06 → S1 EH kloa; 07 S2 hob i_n donn hoit wieder GHOIT; = 08 =hob i_n lossn und bi HOAMgfoan mi_m ra: dl; 09 und hob gsog so um VIEre? 10 S1 [mhm] 11 S2 [°hh] kimm i un_un_und HOI di wieder ob. S1 erzählt im Gesprächsausschnitt S2 von einem Ausflug, den er kürzlich mit seinem Enkel unternommen habe. Dabei seien sie bei Verwandten „ gelandet “ , S1 habe seinen Enkel dort gelassen, um ihn später wieder abzuholen (Z. 01 - 05). S2 quittiert diese Schilderung mit „ eh klar “ (Z. 06). Diese eh-haltige Äußerung scheint nicht etwa zu markieren, dass S2 den Gesprächsbeitrag für irrelevant hält, einen Korrekturbedarf sieht oder ihm der Inhalt bereits bekannt ist - vielmehr handelt es sich um ein Mittel der Verstehensdokumentation, einen „ acknowledgement token “ (Gardner 2001), mit dem S2 anzeigt, dass er die Schilderung von S1 nachvollziehen kann. 15 Dies wird im Fortgang des Ge- 15 In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass auch Eggs (2003) zumindest für sowieso die Verwendung als „ Responsivpartikel “ nachweisen kann (zu eh äußert sie sich diesbezüglich nicht). Ihr zufolge liegt dabei die Bedeutung „ das versteht sich doch von 76 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="77"?> sprächs deutlich, in welchem S1 seine Schilderung ohne erkennbare Reaktion auf die Äußerung von S1 fortführt (Z. 07 - 11), was nach einem solchen verstehensdokumentierenden Rückmeldesignal erwartbar ist. Hervorzuheben ist, dass eh in den untersuchten Gesprächen sehr oft beim Back-Channel-Behaviour verwendet wird. In dieser Funktion tritt eh teilweise allein als Bestätigungspartikel auf, zum Teil wird eh aber auch mit anderen Elementen kombiniert; insbesondere eh klar (wie im Beispiel), nein (= na) eh oder ja eh sind vergleichsweise frequent. Die eh-haltigen Konstruktionen werden beim Back-Channel-Behaviour allerdings nicht immer nur als „ reine “ Verstehensdisplays, sondern zum Teil auch als Rückmeldesignale mit kommentierender Funktion verwendet. So wird etwa eh klar - zusammen mit anderen Kontextualisierungshinweisen - häufiger dazu gebraucht, Bewertungsteilung zu signalisieren (zu solchen kommentierenden Rückmeldesignalen vgl. auch allgemein Rath 2001: 1217 - 1218). Dafür zeigt Transkriptausschnitt 12 ein Beispiel. Transkriptausschnitt 12 (informelle Konversation): Bewertungsteilung 01 S1 kimmt HOAM, 02 schaut bei Amazon, 03 san dieSELben schuach in seiner greß drin; 04 (-) um ZWOAravierzig [euro. ] 05 → S2 [<<aufschnaubend>EH kloa; >] 06 S1 es is a WAHNsinn. 07 S2 s_is irgendwie a saueREI a, 08 muaß ma SOGN; 09 WEI? 10 do fühst di jo verOASCHT; Das Thema des Gesprächsausschnittes sind die Preise im analogen Handel im Vergleich zum Onlinehandel. Den Themeneinstieg bildet eine Erzählung von S1 über seinen Enkel - dieser habe unlängst Schuhe kaufen wollen, musste dabei aber feststellen, dass diese im lokalen Geschäft deutlich teurer waren als im Onlinehandel (Z. 01 - 04). S2 quittiert die Pointe der Erzählung mit „ eh klar “ (Z. 05). Das Rückmeldesignal dürfte an dieser Stelle des Gesprächs wohl nicht nur Verständnis signalisieren, sondern auch, dass S2 die Bewertung von S1 teilt. Dies ist auf paraverbaler Ebene auch am zeitgleichen Aufschnauben von selbst, dass p “ (Eggs 2003: 286) zugrunde. Für die hier beschriebenen Vorkommen von eh lässt sich durchaus ähnliches annehmen. Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 77 <?page no="78"?> S2 erkennbar. Als Abschluss seiner Erzählung macht S1 die Bewertung explizit (Z. 06), woraufhin auch S2 eine explizite Bewertung abgibt (Z. 07 - 10) (für derartige Bewertungshandlungen am Ende von konversationellen Erzählungen vgl. etwa Gülich/ Mondada 2020: 38 - 39). Aufgrund der gravierenden Unterschiede beim Rückmeldeverhalten zwischen gesprochenen und geschriebenen Interaktionen konnte die Funktion von eh beim Back-Channel-Behaviour nur bedingt im Fragebogen getestet werden. So wurde nur der Gebrauch von eh klar bei der Signalisierung einer Bewertungsteilung geprüft (Item 7). Tabelle 12 zeigt die Ergebnisse. Ja Nein Unsicher Österreich (n = 57) 72 % 18 % 11 % Bayern (n = 49) 63 % 27 % 10 % Norddeutschland (n = 62) 31 % 66 % 3 % Tab. 12: Regionale Unterschiede bei Item 7 Während die meisten TeilnehmerInnen aus Österreich und Bayern von sich behaupten, eh in dieser Funktion zu verwenden, verneint dies die Mehrheit der Personen aus Norddeutschland - allerdings bejaht auch bei diesen Gewährspersonen immerhin ein Drittel die Verwendung von eh. Die Unterschiede sind nichtsdestoweniger statistisch signifikant (Chi-Quadrat = 33,8, df = 4, p < 0,001***). Die Werte sprechen insgesamt für regionale Präferenzen auch bei dieser Funktion. Eng verknüpft mit den zuvor beschriebenen Funktionen beim Back-Channel-Behaviour ist die im Datenmaterial ebenfalls öfters zu beobachtende Verwendung von eh als Zustimmungssignal. Dabei tritt eh v. a. bei einräumender Zustimmung auf (vgl. Transkriptausschnitt 13). Transkriptausschnitt 13 (informelle Konversation): Zustimmungssignal 01 S1 für de de ab VIEre kummen, 02 die kriagen donn zum getränk diese [HÄPpchen dazua; ] 03 S2 [jo des is ] für die GÄSte de don hoit in in- 04 in_d aREna [gengan; ] 05 S1 [des ko scho SEI,] 06 S2 ge (.) mia GENGan jo ned In_d arEna; 07 S1 des WOASS jo nempt; 08 is jo koa (-) KLEIderzwong in der arena; =Oder? 78 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="79"?> 09 → S2 EH; 10 → stimmt [EH.] 11 S1 [ko ] jo jeder HIgehen wia_r_a mecht. 12 (---) na is natiali a BLEDsinn. Im Ausschnitt besprechen S1 und S2 im Rahmen einer kollaborativen Erzählung (Mandelbaum 1987) eine gemeinsam unternommene Fahrradtour. Unter anderem erinnern sie sich daran, wie sie in Sportkleidung in einem Lokal vor der Arena in Verona saßen. Als S1 meint, dass damals auch Häppchen zum Getränk serviert worden seien (Z. 01 - 02), entspinnt sich eine kurze Widerspruchssequenz zwischen S1 und S2: S2 wendet nämlich ein, dass das Essen nur für die Arenabesucher bestimmt gewesen sei (Z. 03 - 04, 06). S1 stimmt zwar grundsätzlich zu (Z. 05), hält aber dagegen, dass damals ja niemand wissen habe können, dass sie selbst nicht in die Arena gehen wollten (Z. 07) - auch wenn sie Fahrradkleidung angehabt haben, schließlich gäbe es in der Arena keinen Kleiderzwang (Z. 08). Es folgt die einräumende Zustimmung (Kallmeyer 1994) von S2 mit „ eh, stimmt eh “ (Z. 09 - 10), auf die hin S1 zunächst ihr Argument wiederholt (Z. 11), ihre Äußerung dann aber explizit als Scherz ( „ Blödsinn “ ) markiert (Z. 12). Auch in anderen Sequenzen fungiert eh offensichtlich als Zustimmungssignal. Es findet sich dabei typischerweise in dritter Position von Widerspruchssequenzen (Spranz-Fogasy 1986: 21) und wird verwendet, um die prinzipielle Gültigkeit des Arguments des Gegenübers anzuerkennen; indirekt wird damit auch der eigene Widerspruch relativiert, was einen Bezug zu der in 4.1 genannten, relevanzeinschränkenden Funktion herstellt. Wie bei der Verwendung als Hörer-Rückmeldesignal (s. oben) kann eh diese Funktion entweder allein oder in Kombination mit anderen Elementen (z. B. ja oder nein) erfüllen. Mit Item 2 wurden die Selbsteinschätzungen zur Verwendung von eh bei einräumender Zustimmung getestet. Tabelle 13 zeigt die Ergebnisse. Ja Nein Unsicher Österreich (n = 57) 88 % 7 % 5 % Bayern (n = 49) 35 % 55 % 10 % Norddeutschland (n = 63) 11 % 83 % 6 % Tab. 13: Regionale Unterschiede bei Item 2 Deutlich wird, dass auch bei diesem Item nur das Gros der ÖsterreicherInnen die Verwendung von eh bejaht, während die meisten Personen aus Nord- Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 79 <?page no="80"?> deutschland dies nicht tun. Die Personen aus Bayern nehmen wieder eine Zwischenstellung ein, wobei auch sie mehrheitlich die Verwendung von eh in dieser Funktion verneinen. Die signifikanten Unterschiede (Chi-Quadrat = 77,65, df = 4, p < 0,001***) deuten darauf hin, dass die Verwendung von eh als Zustimmungspartikel regional verteilt ist. 5 Diskussion und Fazit Ziel dieser explorativen Studie war es, die beiden folgenden Forschungsfragen zu beantworten: (1) Welche wiederkehrenden Funktionen lassen sich für eh in Österreich nachweisen? (2) Wie verbreitet sind diese Funktionen in anderen deutschsprachigen Regionen? Um diese Fragen zu beantworten, haben wir im Rahmen eines mixed-methods-Designs zunächst das Funktionsspektrum der Partikel eh in Österreich anhand der Gesprächsdaten aus dem Ulrichsberg- Korpus erarbeitet. Anschließend wurde mithilfe einer Online-Befragung erprobt, inwiefern die ermittelten Funktionen auch in Bayern und Norddeutschland verbreitet sind. Zunächst zu Fragestellung (1): Ein erster Zugriff auf das Ulrichsberg-Korpus offenbart zahlreiche Belege für die Partikel eh, die in den informellen Konversationen allerdings deutlich häufiger vorkommt als in den formelleren Interviews (siehe Tab. 1). Die durchgeführten Gesprächsanalysen verdeutlichen, dass die in der Literatur beschriebenen Funktionen von eh - konkret die Markierung von Irrelevanz bzw. die Relevanzeinschränkung einer vorangehenden Äußerung mit Bezug auf eine vorab gültige Tatsache (vgl. z. B. Thurmair 1989: 136 - 137; Eggs 2003: 292; Breindl 2015: 1005) - auch von den österreichischen SprecherInnen genutzt werden (siehe Transkriptausschnitt 1). Das sind genau die Fälle, in denen sich die Partikeln eh und sowieso problemlos gegeneinander austauschen lassen. Fälle, in denen die Partikel eh den eh-Satz selbst relativiert (siehe z. B. Transkriptausschnitt 2), sind, was die Austauschbarkeit von eh und sowieso betrifft, problematisch und werden auch nicht von den gängigen Funktionsbeschreibungen abgedeckt. Das Gros der analysierten Transkripte veranschaulicht allerdings, dass das Funktionsspektrum von eh deutlich über die in der Literatur beschriebenen Fälle hinausgeht. So konnte gezeigt werden, dass ÖsterreicherInnen die Partikel eh zur Markierung von vergewissernden Äußerungen (vgl. auch Csipak/ Zobel 2014) (siehe Transkriptausschnitte 4 bis 7), zur Kohärenzstiftung (vgl. auch Schlieben-Lange 1979) sowie zur Anzeige des Common Ground und zur Evidenzmarkierung verwenden (siehe Transkriptausschnitte 10 bis 12). Vor allem als Bestandteil von Konstruktionen wie eh klar, siehst eh und weißt eh, die im Übrigen einen großen Anteil der Belege ausmachen, übernimmt eh zudem 80 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="81"?> weitere wichtige Funktionen in der gesprochenen Interaktion, zum Beispiel beim Back-Channel-Behaviour oder bei der Zustimmungssignalisierung (siehe Transkriptausschnitte 11 bis 13). Insbesondere hier verfügt eh zum Teil auch nur mehr über eine sehr verblasste Eigenbedeutung (siehe Abschnitt 4.3 bzw. 4.4). Insgesamt sind in den untersuchten Gesprächsdaten die epistemischen und die relevanzmarkierenden Funktionen besonders ausgeprägt, eh wird also v. a. zum Aufbau und Abgleich von Relevanzsystemen und Wissensbeständen eingesetzt (vgl. zum Wissensmanagement in Interaktionen etwa Heritage 2012; Deppermann 2018; zur Relevanz vgl. etwa Liedtke 2001). Das heißt: Aus der Sprecherperspektive markiert eh einerseits, dass etwas bekannt, evident oder selbstverständlich ist. In diesem Zusammenhang kann eh auch nur eine Vermutung ausdrücken; andererseits werden Inhalte mit eh als weniger relevant oder völlig irrelevant markiert. Die einzelnen Verwendungsweisen lassen sich dabei nicht auf eine einzige Funktionsangabe reduzieren, wobei eine gewisse Familienähnlichkeit zwischen allen ermittelten eh-Funktionen besteht. Im Zuge dessen lässt sich konstatieren, dass die Partikel eh zwar gemeinsame Funktionen mit der Partikel sowieso aufweist, dass die beiden Partikeln aber nicht - wie oft in der Literatur behauptet (vgl. z. B. Thurmair 1989: 135) - funktionsäquivalent, d. h. in allen Kontexten austauschbar sind. Zumindest in Österreich - wo die Partikel eh deutlich frequenter sein dürfte (vgl. Abschnitt 3.1) - kann von einem breiteren Funktionsspektrum bei eh ausgegangen werden. Man muss allerdings beachten, dass auch die variationspragmatische Bestimmung des Funktionsspektrums von sowieso ein Forschungsdesiderat darstellt. Um Fragestellung (2) zu beantworten, d. h. um mögliche regionale Unterschiede zu testen, haben wir SprecherInnen aus Österreich, Bayern und Norddeutschland verschiedene Beispielkonversationen (im Folgenden Items) im Rahmen einer Online-Befragung vorgelegt. Die TeilnehmerInnen sollten u. a. die Frage beantworten, ob sie eh in den gezeigten Kontexten (siehe Anhang) ebenfalls so verwenden würden (siehe Abschnitt 3.2). Als Ergebnis hat sich gezeigt, dass für alle Items jeweils eine Mehrheit der Österreicher- Innen angibt, eh zu verwenden; für die allermeisten Items (acht von elf) fällt die Zustimmung mit mehr als 75 % dabei sehr hoch aus. Dieser Befund stützt die Hypothese, dass die aus dem Ulrichsberg-Korpus ermittelten Funktionen auch von anderen ÖsterreicherInnen gebraucht oder zumindest akzeptiert werden und damit über den Untersuchungsort hinaus Geltung haben. Die Ergebnisse aus der Befragung legen zudem nahe, dass das Funktionspotential von eh in Deutschland - insbesondere in Bayern - ebenfalls über das hinaus reicht, was bislang in der Forschungsliteratur beschrieben wurde. Auf die Frage, ob man eh in den gezeigten Konversationen so verwenden würde, Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 81 <?page no="82"?> antworten bei immerhin sieben von elf Items mindestens 20 % der Teilnehmer- Innen aus Bayern mit ‚ ja ‘ . Damit unterscheiden sich diese TeilnehmerInnen deutlich von denen aus dem norddeutschen Raum, wo lediglich zwei Items 20 % der ja-Antworten erreichen. Letztlich scheint nur ein einziges Item - nämlich Item 5 (siehe Abschnitt 4.1) - eine in Österreich wie in Bayern und Norddeutschland gleichermaßen verbreitete Funktion abzubilden. Bei diesem Item geht es um die Markierung der Irrelevanz einer vorherigen Äußerung mit Bezug auf eine vorab gültige Tatsache; in dieser Funktion, die auch in der bisherigen Forschung fokussiert wurde (vgl. z. B. Thurmair 1989: 136 - 137; Eggs 2003: 292; Breindl 2015: 1005), kann eh problemlos durch sowieso ersetzt werden. Bei allen übrigen Items gibt es signifikante räumliche Unterschiede, wobei sich jeweils zeigt, dass die mit den Items getesteten Funktionen stärker im Süden (bzw. Südosten) des deutschen Sprachraums und dabei vorrangig in Österreich verbreitet sind. Außerhalb von Österreich häufiger vorzukommen scheinen insbesondere die Funktionen, die - neben Item 5 - mit Item 7 (Verwendung von eh (klar) als Rückmeldesignal; vgl. Abschnitt 4.4) und Item 11 (Verwendung von weißt eh als Diskursmarker; vgl. Abschnitt 4.3) erhoben wurden. Die Ergebnisse dokumentieren damit regionale Variation, die aber räumlich gestaffelt sein dürfte. Im Antwortverhalten der Fragebogen-TeilnehmerInnen zeigt sich dies an der „ Zwischenstellung “ der bayerischen TeilnehmerInnen: Diese antworten bei allen Items gleich oft oder seltener mit ‚ ja ‘ als die österreichischen TeilnehmerInnen. Sie antworten allerdings fast immer deutlich häufiger mit ‚ ja ‘ als die norddeutschen TeilnehmerInnen. Ausnahmen bilden die Items 3 und 10. Bei diesen Items fallen die ja-Antworten der bayerischen und norddeutschen TeilnehmerInnen jedoch insgesamt sehr niedrig aus (vgl. Abschnitt 4.1 und 4.2), weshalb die spezifischen Funktionen von eh - das ist im Falle von Item 3 die Abschwächung einer Evaluation und bei Item 10 die Vergewisserung bei Finalsätzen - als auf Österreich beschränkt gelten können. Somit lässt sich festhalten, dass die Ergebnisse der Befragung Evidenzen dafür liefern, dass es Funktionen von eh gibt, die a) (weitgehend) auf Österreich beschränkt sind, b) zumindest für Österreich und Bayern gelten und c) für den gesamten Untersuchungsraum relevant sind. Insofern diese Funktionen auch als standardsprachlich akzeptiert werden, ließe sich die Verwendung von eh am besten als pluriareal gestaffeltes Phänomen beschreiben (zum Konzept der Pluriarealität vgl. Elspaß et al. 2017). Dieser Befund ist auch sprachhistorisch plausibel: Wie erwähnt, hat wohl eine Diffusion der Partikel eh vom Südosten des deutschen Sprachraums in Richtung Norden stattgefunden (vgl. z. B. Eggs 2003: 288). Unsere Ergebnisse legen nun nahe, dass die Polysemie und das Funktionsspektrum der Partikel 82 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="83"?> am Ursprungsort - also im Südosten - auch am weitesten ausgebaut sind. Beim Vergleich zwischen Österreich und Deutschland zeigt sich dies etwa in folgenden Aspekten: 1. Die epistemische und relevanzmarkierende Funktion ist gegenüber der Verwendung in Bayern und Norddeutschland breiter, z. B. werden zusätzlich zur Markierung als bekannt bzw. evident auch Vermutungen markiert. 2. Die epistemische und relevanzmarkierende Funktion müssen insbesondere in Österreich nicht gleichzeitig vorkommen, z. B. bei Vergewisserungsfragen. 3. Es scheint Skopusunterschiede zu geben: In Österreich bezieht sich eh nicht notwendigerweise auf etwas Früheres, sondern kann auch auf die Proposition im eh-Satz selbst und auf zukünftige Gesprächszüge verweisen (z. B. siehst eh, weißt eh). In methodischer Hinsicht ist abschließend hervorzuheben, dass sich das innovative mixed-methods-Design der Studie, bei dem eine objektsprachliche Analyse mit einer Online-Befragung kombiniert wurde (vgl. ähnlich Boonen/ Fisseli 2019), als gewinnbringend erwiesen hat. Natürlich sind mit dem gewählten Vorgehen auch Probleme verbunden: So konnte mit der Gesprächsanalyse zwar plausibilisiert werden, dass mit der Partikel eh in den Korpusdaten bestimmte Funktionen verknüpft sind, wie verallgemeinerbar diese allerdings für ganz Österreich sind, lässt sich nur bedingt feststellen. Ob es darüber hinaus weitere Funktionen von eh gibt, die nicht in unserem Korpus auftreten, kann mit dem gewählten Verfahren ebenfalls nicht geprüft werden. Auch die Befragungsdaten sind mit Vorsicht zu interpretieren. Das, was Personen angeben, wie sie handeln, muss nicht unbedingt mit dem übereinstimmen, wie sie tatsächlich handeln (vgl. dazu z. B. Seiler 2010; Kromrey 2009: 337 - 338). Für Bayern und Norddeutschland wären dementsprechend dringend Gesprächsdaten zu analysieren. Nur so lassen sich die Eindrücke aus der Online-Befragung, die zudem gewisse Verzerrungen (z. B. insbesondere junge und weibliche Teilnehmerinnen) mit sich bringt, objektsprachlich überprüfen. Auch Daten zur Verwendung von eh in der Schweiz, die hier völlig ausgeklammert ist, wären für eine umfassendere Analyse zu ergänzen. Trotz dieser Beschränkungen lässt sich abschließend konstatieren, dass diese explorativ angelegte Studie einen wichtigen Beitrag zur Schließung einer variationspragmatischen Forschungslücke leistet, indem sie am Beispiel von eh aufzeigt, wie das Funktionsspektrum von Partikeln regional variiert und wie dies methodisch untersucht werden kann (vgl. zu solchen Fragen auch Lanwer 2019). Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 83 <?page no="84"?> Literatur Barth-Weingarten, Dagmar (2006). fuzzy boundaries - Überlegungen zu einer Grammatik der gesprochenen Sprache nach konversationsanalytischen Kriterien. In: Deppermann, Arnulf/ Fiehler, Reinhard/ Spranz-Fogasy, Thomas (Hrsg.). Grammatik und Interaktion. Radolfszell: Verlag für Gesprächsforschung, 67 - 93. Blühdorn, Hardarik/ Deppermann, Arnulf/ Helmer, Henrike/ Spranz-Fogasy, Thomas (2017). Diskursmarker: Begriffsgeschichte - Theorie - Beschreibung. Ein bibliographischer Überblick. 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War eh gut Vielleicht schau ich ihn mir auch mal an 4 Lisa geht mir sooo auf die Nerven Relevanzherabstufung / Einräumung (Abschnitt 4.1) AUT: 77 % BAY: 10 % N-DT: 15 % Was ist mit ihr? Sie regt sich dauernd über unseren neuen Mitbewohner auf Mir passt eh auch nicht alles, aber das ist nimmer normal Sie beschwert sich echt über alles was der tut Ignorier sie einfach Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 87 <?page no="88"?> Stimulus Funktion Ergebnis (% Verwendung) 5 Du kannst später gerne vorbeikommen! Markierung von Irrelevanz (Abschnitt 4.1) AUT: 96 % BAY: 96 % N-DT: 89 % Super freu mich Ich hab aber leider nichts zum Essen da Ich bin eh auf Diät 6 Eine Frage - kommst du morgen zur Party Vergewisserungsfrage (Abschnitt 4.2) AUT: 84 % BAY: 37 % N-DT: 13 % Ja klar Kann ich eh bei dir mitfahren oder Natürlich 7 Der Tag heute war echt blöd Zuerst verschlafen Dann auch noch Verspätung im Zug Rückmeldesignal / Bewertungsteilung (Abschnitt 4.4) AUT: 72 % BAY: 63 % N-DT: 31 % Eh klar Und Uni ist gerade auch einfach nur stressig 8 Mir fehlt noch die Note in Didaktik Kohärenzherstellung (Rückverweis) (Abschnitt 4.3) AUT: 54 % BAY: 20 % N-DT: 3 % Mir in Statistik Komisch Ich hab die Note schon. Hanna übrigens auch Welche Hanna? Die Blonde mit der ich das Referat gemacht hab Eh in Didaktik Die hat mir ihre Nummer gegeben 9 Schon gehört? Hanna hat ihren Freund wieder rausgeworfen Diskursmarker siehst eh (Abschnitt 4.3) AUT: 80 % BAY: 37 % N-DT: 11 % Schon wieder Ob sie sich diesmal wirklich trennen? Nein, das kannst du vergessen Siehst eh sie hat ihn gestern schon wieder angerufen Wetten, sie sind morgen wieder zusammen 88 Philip C. Vergeiner & Lars Bülow <?page no="89"?> Stimulus Funktion Ergebnis (% Verwendung) 10 Ich muss übers Wochenende zu meiner Oma Meine Eltern sind im Urlaub Vergewisserung / Finalsatz (Abschnitt 4.2) AUT: 85 % BAY: 2 % N-DT: 5 % Was machst du dort? Nicht viel. Aufpassen dass sie eh ihre Tabletten nimmt Halb so schlimm 11 Sorry übrigens dass ich gestern so früh weg war Diskursmarker weißt eh (Abschnitt 4.3) AUT: 87 % BAY: 51 % N-DT: 13 % Egal Aber was war los? Weißt eh, anstrengende Woche Und heute muss ich noch was für die Uni machen Zur funktionalen Variation von eh in Österreich und darüber hinaus 89 <?page no="91"?> Zur Perspektivierung der Bewegungsrichtung bei Richtungsadverbien in den bairischen Dialekten Ein variationspragmatischer Zugang Sonja Quehenberger & Lars Bülow Abstract: This paper examines the variation and change in the morphological perspectivization of the direction of movement in directional adverbs in the Bavarian dialects of Bavaria, Salzburg and Upper Austria. To this end, an online survey was designed as an apparent-time study, which was completed by 366 dialect speakers from 205 German and Austrian locations. The study ’ s central question concerns the factors that influence the transposition of the origo from the speaker to the listener. The results of the study, which employed a generalized additive mixed-effects model (GAMM), indicate that the cognitive-pragmatic factors of degree of listener relevance and intended perspectivization of the direction of movement according to speaker perspective, in particular, contribute to clarifying the variance in the data. In contrast, no significant effects could be found for the dialect region and the sociolinguistic factors gender, age, and educational level. Keywords: morphological variation in directional adverbs, perspectivization, Bavarian, language variation and change, variational pragmatics 1 Einleitung Dieser Beitrag befasst sich mit den Formen und Funktionen von zweigliedrigen Richtungsadverbien in den bairischen Dialekten, ein Forschungsgegenstand, der schon vielfach in der Forschungsliteratur diskutiert wurde (vgl. z. B. Eichinger 1980; Eroms 1980; Hinderling 1980; Glaser 1992; Altmann 1998; Harnisch 2000; Rowley 2007; Ebner 2013). Dabei wurde insbesondere die deiktische Funktion der Richtungsadverbien in den bairischen Dialekten hervorgehoben. <?page no="92"?> Mithilfe von Richtungsadverbien wird a) eine sprachliche Referenz zu einem unmittelbaren oder vorgestellten Verweisraum hergestellt und b) die Bewegungsrichtung der direktionalisierten Person(en) bzw. Objekte für die Gesprächsteilnehmer*innen perspektiviert. Eroms (1980: 12) charakterisiert Richtungsadverbien entsprechend als „ deiktische Kommunikationsformen für Richtungsergänzungen “ . In Beispiel (1a) wird etwa die Referenz zum Verweisraum Garten durch die (adverbielle) Basis ausaktualisiert; die Perspektivierung der distalen Bewegungsrichtung, das ist die Bewegung vom Sprecher weg, wird durch das Suffix -i ausgedrückt. Im Folgenden interessiert uns insbesondere die Perspektivierung der Bewegungsrichtung, die im Bairischen zumeist sprecherzentriert ausgerichtet und morphologisch durch die Verwendung entsprechender Suffixe (1a, 1b) oder Präfixe (1c, 1d) binär gegliedert ist (vgl. z. B. Eichinger 1980; Hinderling 1980; Glaser 1992; Altmann 1998; Harnisch 2000). Während Formen mit -i- oder -e- Suffix 1 (1a) bzw. n-Präfix (1c) eine Bewegungsrichtung vom Sprecher weg anzeigen (= distale Sprecherperspektivierung), signalisieren Formen mit -a- Suffix (1b) bzw. r-Präfix (1d) eine Bewegung auf den Sprecher zu (= proximale Sprecherperspektivierung) (Harnisch 2000: 152; Ebner 2013: 178; zur sprachhistorischen Entwicklung der Suffixe und Präfixe s. Abschnitt 2.2). (1) a. I geh in Goatn auss-i. ( ʻ Ich gehe in den Garten hinaus. ʼ + von mir weg) b. Kimmst ah in Goatn auss-a? ( ʻ Kommst du auch in den Garten heraus? ʼ + zu mir hin) c. I geh in Goatn n-aus. ( ʻ Ich gehe in den Garten hinaus. ʼ + von mir weg) d. Kimmst ah in Goatn r-aus? ( ʻ Kommst du auch in den Garten raus? ʼ + zu mir hin) Wie aus den Beispielen in (1) deutlich wird, bildet in der Regel der Sprecher das deiktische Zentrum im Hier, Jetzt und Ich (= Sprecherperspektive) (Bühler 1934). Eine Abkehr von der Sprecherperspektive - also z. B. das Einnehmen einer Perspektive, in der der Hörer das deiktische Zentrum bildet (= Hörerperspektive) - ist zwar grundsätzlich möglich, die Forschungsliteratur verweist hier aber nur auf wenige Ausnahmefälle (vgl. Glaser 1992; s. allgemeiner zur Perspektivierung auch Langacker 2008: 73 - 85). Das Einnehmen der Hörerperspektive, also eine „ Transposition “ (Glaser 1992: 216) der Default-Perspektivierung, kann etwa bei Bezugnahme auf „ Zukünftiges, Vergangenes oder Vorgestelltes “ (Glaser 1992: 216) auftreten. 1 „ In Österreich verwendet man meist -i, was der eher geschlossenen Aussprache entspricht, in Bayern dürfte die Schreibung mit -e überwiegen. Es gibt aber keine exakte Abgrenzung. “ (Ebner 2013: 180) 92 Sonja Quehenberger & Lars Bülow <?page no="93"?> Quehenberger (2022) zeigt allerdings für Sprecher*innen aus dem Bundesland Salzburg, dass die Verwendung der Hörerperspektive im Bairischen auch im zeitlichen Hier und Jetzt, also im unmittelbaren Wahrnehmungsraum der Gesprächsteilnehmer*innen, möglich ist (beispielhaft auch bei Ebner 2013: 182). Die Verwendung der Hörerperspektive durch die Sprecher*innen im unmittelbaren Wahrnehmungsraum lässt sich laut Quehenberger (2022) mit der Sprecherintention begründen, eine für den Hörer relevante Direktionalisierung im Raum zu referenzieren und zu perspektivieren, beispielsweise wenn Gefahr wie das Fallen bzw. Stürzen auf den Boden oder ins Wasser droht (vgl. auch Rowley 2007: 37). Bislang gibt es allerdings keine variationspragmatischen Studien, die die Bedingungen für die Verwendung der Hörerperspektive durch die Sprecher*innen im unmittelbaren Wahrnehmungsraum systematisch erforscht haben. Ziel dieses Beitrags ist es daher, diese Forschungslücke zu schließen und die Faktoren für die Transposition - sprich für die Verwendung der Hörerperspektivierung - mithilfe einer Fragebogenstudie zu untersuchen. Dabei stehen folgende Forschungsfragen im Fokus dieser explorativen Studie: Welche kognitiv-pragmatischen Faktoren steuern beim Gebrauch der Richtungsadverbien die Verwendung der Hörerperspektivierung in den bairischen Dialekten? Zeigen sich dabei Unterschiede hinsichtlich soziolinguistischer (Geschlecht, Alter, Beruf) und sprachgeografischer (Dialektregion) Faktoren? In diesem Beitrag untersuchen wir etwa konkret, ob die Verwendung der Hörerperspektivierung durch die unmittelbare Relevanz für den Hörer (Gefahr vs. keine Gefahr) beeinflusst ist und ob Sprecher*innen verschiedener Altersgruppen hierbei unterschiedliche Tendenzen zeigen. Um diese Fragen aus einer variationspragmatischen Perspektive zu beantworten, werden Daten aus einer als apparent-time-Studie konzipierten Online-Fragebogenerhebung mit 366 Teilnehmer*innen aus 205 Erhebungsorten aus Bayern, Salzburg und Oberösterreich ausgewertet (s. Abschnitt 3). Es geht also im Kern um die Frage, durch welche sprachgeografischen, soziolinguistischen und kognitiv-pragmatischen Faktoren die Variation bei der Hörerperspektivierung - einem genuin pragmatischen Phänomen - gesteuert ist. Damit folgen wir einem Verständnis von Variationspragmatik, wie es unter anderem von Schneider/ Barron (2008: 1) vertreten wird: „ variational pragmatics is conceptualized as the interface of pragmatics with variational linguistics, i. e. with modern dialectology, as a branch of contemporary sociolinguistics “ . Im Folgenden werden wir in Abschnitt 2 zunächst den Forschungsstand zu den Formen und Funktionen sowie zu Variation und Wandel von Richtungsadverbien im Standard und in den bairischen Dialekten ausführlicher darstellen. Dann werden wir in Abschnitt 3 die Methode und das Sample genauer Perspektivierung der Bewegungsrichtung im Bairischen 93 <?page no="94"?> erläutern. Anschließend berichten wir in Abschnitt 4 die Ergebnisse, die wir in Abschnitt 5 kurz diskutieren und zusammenfassen. 2 Variation und Wandel bei Richtungsadverbien Das Deutsche verfügt im typologischen Vergleich über ein relativ komplexes System von zweigliedrigen Richtungsadverbien (vgl. z. B. Rowley 2007; Ebner 2013). Einerseits wird durch die adverbiale Basis eine Bewegungsrichtung signalisiert (z. B. -auf-, -ab-), andererseits bringen Präfixe (z. B. her-auf, hin-ab) oder Suffixe (z. B. auf-her, auf-hin) eine „‚ referentielle ‘ Komponente “ (Rowley 2007: 35) im Sinne der Perspektivierung dieser Bewegungsrichtung nach den beiden lokosemantischen Kategorien proximal (= auf den Sprecher zu) und distal (= vom Sprecher weg) zum Ausdruck. Die Perspektivierung der Bewegungsrichtung aus dem Blickwinkel des Sprechers wird mithilfe Bühlers (1934: 102) „ Koordinatensystem der ‚ subjektiven Orientierung ‘“ erklärt, dessen Nullpunkt, die Origo, im Hier, Jetzt und Ich liegt. Die räumliche, zeitliche und personelle Gliederung der Welt oder von Geschehnissen durch Richtungsadverbien erfolge dementsprechend im Regelfall aus der Sicht des Sprechers (vgl. hierzu auch Langacker 2008: 73 - 85). Mithilfe von zweigliedrigen Richtungsadverbien bezieht sich der Sprecher in einer bestimmten Situation auf die Bewegung eines oder mehrerer Subjekte/ Objekte (ggf. auch sich selbst) im Raum. Hinzu kommt, „ daß der Sprecher in verschiedener Weise in Bezug zu der dargestellten Bewegungsrichtung gesetzt wird “ (Eichinger 1980: 19), also die Bewegung dieses Subjekts/ Objekts auf sich selbst gerichtet (proximal, z. B. heraus) oder von sich weg gerichtet (distal, z. B. hinaus) perspektiviert. Für diesen Beitrag ist entscheidend, dass die bairischen Dialekte - im Gegensatz zum Standard (s. Abschnitt 2.1) - die Sprecherperspektivierung der Bewegungsrichtung nach proximal und distal - ungeachtet, ob die Markierung im Erst- oder Zweitglied erfolgt - beibehalten haben. Dass Sprecher*innen diese Differenzierung im Regelfall aus dem eigenen Blickwinkel vornehmen (= Sprecherperspektive), gilt in der Forschung als unbestritten. Glaser (1992: 216) verweist in diesem Zusammenhang jedoch auch auf die Möglichkeit zur Transposition der Perspektive in den Hörer. Diese Transposition der Perspektive wird mit Bühlers (1934) „ Deixis am Phantasma “ erklärt. Wenn ein Sprecher im Phantasma operiert, kann er die Origo vom Nullpunkt auf einen anderen Ausgangspunkt, d. h. von sich selbst auf den Hörer, verschieben. Das bedeutet, dass Sprecher*innen z. B. bei einer auf sie zu gerichteten Bewegung, bei der eigentlich die proximale her-Form (oder -a- 94 Sonja Quehenberger & Lars Bülow <?page no="95"?> Suffix bzw. r-Präfix) einzusetzen wäre, sich in einen anderen Gesprächsteilnehmer, z. B. den Hörer, hineinversetzen und ausgehend von dessen Perspektive (= Hörerperspektive) die distale hin-Form (oder -ibzw. -e-Suffix oder n- Präfix) verwenden. Die Möglichkeit zur Transposition der Origo hat Glaser (1992: 216 f.) für die bairischen Dialekte im Wesentlichen bei Bezugnahme auf „ Zukünftiges, Vergangenes oder Vorgestelltes “ identifiziert. Insbesondere die proximale Bewegungsrichtung zeige eine Affinität für Origo-Transpositionen bei größerem zeitlichen und/ oder räumlichem Abstand zum Geschehen, da in solchen Fällen „ [j]ede Bewegung, die nicht deutlich auf den Sprecher zu gerichtet ist, [ … ] als von ihm abgewandt “ (Glaser 1992: 217) anzusehen sei. Dieser Beitrag konzentriert sich auf die Möglichkeiten und Bedingungen zum Ausdruck der Perspektivierung der Bewegungsrichtung, die in den Varietäten des Deutschen durch unterschiedliche Präfixe und/ oder Suffixe markiert werden kann. Im Folgenden werden wir zunächst in Abschnitt 2.1 die Möglichkeiten zur Perspektivierung der Bewegungsrichtung im Standard beschreiben, bevor wir in Abschnitt 2.2 genauer auf Formen und Wandeltendenzen im Bairischen zu sprechen kommen. 2.1 Richtungsadverbien im Standard Das System der Richtungsadverbien im Standard ist mit den Systemen im Bairischen einerseits konvergent, weicht wandelbedingt zum Teil allerdings auch davon ab. Das zeigt sich unter anderem darin, dass die beiden lokosemantischen Kategorien proximal (= auf den Sprecher zu) und distal (= vom Sprecher weg) im Standard zwar nach wie vor durch Präfixe ausgedrückt werden können - z. B. mit her- und hinpräfigierten Formen (z. B. her-ein (proximal), hin-ein (distal)) - , diese Symbolisierung allerdings nicht mehr obligatorisch ist. Tabelle 1 zeigt die prototypischen Formen von Richtungsadverbien im Standard exemplarisch für die adverbialen Kategorien / ein, nach innen/ , / aus, nach außen/ und / auf, nach oben/ , die sich nach der Bewegungsrichtung in proximal und distal unterscheiden. Adverbkategorie Bewegungsrichtung proximal distal / ein, nach innen/ her-ein hin-ein / aus, nach außen/ her-aus hin-aus / auf, nach oben/ her-auf hin-auf Tab. 1: Prototypische Formen von Richtungsadverbien im Standard (vgl. Ebner 2013: 184) Perspektivierung der Bewegungsrichtung im Bairischen 95 <?page no="96"?> Im Standard befindet sich das System der Richtungsadverbien jedoch im Wandel (vgl. Ebner 2013: 184 - 189). Für den gesprochenen Standard ist von einer sukzessiven Aufhebung der Differenzierung nach Sprecherperspektive auszugehen. Zum einen handelt es sich bei der Verwendung von Richtungsadverbien um ein fakultatives Phänomen. Um die Markierung der Bewegungsrichtung (proximal vs. distal) zu umgehen, können Sprecher*innen auf die Verwendung von Richtungsadverbien verzichten (das gilt auch für die Dialekte): Ich gehe in die Küche vs. Ich gehe in die Küche hin-ein. Die Wahrscheinlichkeit der Tilgung des Richtungsadverbs hängt jedoch substanziell mit der Kommunikationssituation zusammen. Wird der Verweisraum (hier: die Küche) z. B. aufgrund einer Vorerwähnung in der vorangegangenen Kommunikation nicht artikuliert, ist die Verwendung des Richtungsadverbs quasi obligatorisch: Der Satz Ich gehe ist zwar syntaktisch vollständig, allerdings nicht hinreichend präzise, um den Weg in den Verweisraum Küche zu beschreiben. Sowohl in der gesprochenen als auch in der geschriebenen Sprache wird zudem häufig nur noch die Kurzform mit präfigiertem rverwendet (z. B. r-aus für her-aus und hin-aus), die sich aus der ursprünglich proximalen her-Form entwickelt hat und anschließend auch auf distale Kontexte, also die Lokosemantik der ursprünglichen hin-Formen, übertragen wurde (vgl. Duden 2016: 586). Eichinger (1980: 24 f.) lokalisiert den Ursprung dieser Kurzformen in der „ norddeutsch geprägten Umgangssprache “ und begründet die Entwicklung „ mit dem Ziel, eine bezüglich der Sprecherperspektive unmarkierte Form zu schaffen “ . Jedoch sind diese verkürzten Formen nicht die einzige Ausgleichstrategie, um die Markierung der Sprecherperspektive zu umgehen. Auch syntaktische Bildungen nach dem Muster nach oben anstelle von hinauf sind in der deutschen Standardsprache mittlerweile häufig vorzufinden (vgl. Ebner 2013: 184 - 189). 2.2 Richtungsadverbien im Bairischen Wie in Abschnitt 1 schon angeklungen ist, sind Richtungsadverbien ein beliebter Forschungsgegenstand der Dialektologie zum Bairischen (vgl. grundlegend die Beiträge in Rowley (Hrsg.) 1980). Im Fokus dieser Forschung steht insbesondere das Formensystem zum Ausdruck der Sprecherperspektivierung der Bewegungsrichtung, das sich in einigen Punkten vom Formensystem des Standards unterscheidet. Für die bairischen Dialekte wird zwischen einem präfigierten und einem suffigierten Typ zum Ausdruck der Perspektivierung der Bewegungsrichtung 96 Sonja Quehenberger & Lars Bülow <?page no="97"?> unterschieden (vgl. Eroms 1980: 15; Hinderling 1980: 269 - 280). 2 Der präfigierte Typ entspricht hinsichtlich der morphologischen Gliederung den standardsprachlichen her-/ hin-Formen: die her-Formen zeigen eine proximale Perspektive und die hin-Formen eine distale Perspektive an. Im Bairischen werden anstelle der Vollformen aber im Regelfall Kurzformen verwendet. Anders als bei den standardsprachlichen Kurzformen (s. Kap. 2.1) wird jedoch an der Unterscheidung nach Bewegungsrichtung festgehalten (vgl. Eichinger 1980: 22). Das r-Präfix (aus her-) perspektiviert eine Bewegung auf den Sprecher zu (proximal), das n-Präfix (aus hin-) markiert eine Bewegung vom Sprecher weg (distal). Im Bairischen existieren zwar auch die standardkonvergenten Vollformen mit her- und hin-Präfix, diese markieren jedoch einen semantischpragmatischen Spezialfall. Der Akzent liegt nämlich, anders als im Standarddeutschen, nicht auf dem Zweitglied des Richtungsadverbs (z. B. heréin), sondern auf dem Erstglied (hérein). Diese Formen werden als „ Kontrastformen “ verwendet, um die Aufmerksamkeit des Gesprächspartners von der Raumreferenz ( ein, aus, auf, usw.) auf die Bewegungsrichtung zu lenken, z. B. Hérein sollst du kommen (nicht hínaus) (vgl. Schmidt 1980; Rowley 2007: 36; Hinderling 1980: 270). Beim suffigierten Typ, der den jüngeren der beiden Typen darstellt (vgl. Hinderling 1980: 275 - 280), 3 wird die lokosemantische Dichotomie im Zweitglied markiert, wobei wiederum her (z. B. ein-her ‚ herein ‘ ) proximale Richtung und -hin (z. B. ein-hin ‚ hinein ‘ ) distale Richtung anzeigt. Auch aus diesen Formen haben sich in den bairischen Dialekten Kurzformen entwickelt. Das -her-Suffix wurde gänzlich zu a-Schwa abgeschwächt (z. B. ein-a ‚ herein ‘ ); das hin - Suffix wird dialektal durch suffigierte -e- oder -i-Formen symbolisiert (z. B. ein-e/ ein i ‚ hinein ‘ ). Tabelle 2 zeigt die prototypischen Formen exemplarisch für die adverbialen Kategorien / ein, nach innen/ , / aus, nach außen/ und / auf, nach oben/ . 2 „ Die sprachgeschichtliche Entwicklung ist aber auch innerhalb des Dialektsystems zu sehen. Nach dem Wechsel vom germanischen Simplextyp zum oberdeutschen Wortbildungstyp entstand zuerst der präfigierte Typ. Erst ab dem 13. Jh. entwickelte sich daneben der suffigierte Typ, sodass beide Typen nebeneinander existierten, bis sich durch Ausgleichsbewegungen in bestimmten Regionen ein Typ durchsetzte. “ (Ebner 2013: 181) 3 Der präfigierte Typ ist nach Hinderling (1980: 276) bereits im Althochdeutschen belegt. Der suffigierte Typ hingegen erscheint erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts und tritt im 15. und 16. Jahrhundert gehäuft auf. Perspektivierung der Bewegungsrichtung im Bairischen 97 <?page no="98"?> Adverbkategorie Bewegungsrichtung proximal distal präfigierter Typ suffigierter Typ präfigierter Typ suffigierter Typ / ein, nach innen/ r-ei ‚ herein ‘ ein-a ‚ einher ‘ n-ei ‚ hinein ‘ ein-e/ ein-i ‚ einhin ‘ / aus, nach außen/ r-aus ‚ heraus ‘ auss-a ‚ ausher ‘ n-aus ‚ hinaus ‘ auss-e/ auss-i ‚ aushin ‘ / auf, nach oben/ r-auf ‚ herauf ‘ auff-a ‚ aufher ‘ n-auf ‚ hinauf ‘ auff-e/ auff-i ‚ aufhin ‘ Tab. 2: Prototypische Formen von Richtungsadverbien im Bairischen (vgl. Renn/ König 2006: 98; Ebner 2013: 178; Hinderling 1980) Aus dialektgeographischer Sicht sind die beiden Typen unterschiedlich verteilt. Während in den bairischen Dialekten Österreichs und Südtirols der suffigierte Typ dominiert, ist Bayern in ein östliches und westliches Gebiet zweigeteilt (vgl. Hinderling 1980: 293; Renn/ König 2006: 98 f.). Rund um Rosenheim, Landshut, Regensburg und Weiden werden die suffigierten Formen verwendet, westlich davon die präfigierten Formen (s. Abb. 1). Einen besonderen Status nimmt die bayerische Landeshauptstadt München ein, die sich nach den Daten von Renn/ König (2006) in einem Übergangsgebiet befindet, in dem sowohl präfigierte als auch suffigierte Formen verwendet werden (s. Abb. 1). 4 Die Verwendung von zweigliedrigen Richtungsadverbien und die Perspektivierung der Bewegungsrichtung gelten als typisch dialektal (vgl. Rowley 2007: 35). Sie erfolgt im Dialekt häufig auch in Verbindung mit Präpositionalphrasen, obwohl diese die Dimension des Wegs oder Ziels eigenständig symbolisieren könnten (z. B. Kimmst zu mir noch Soizburg aussa? ‚ Kommst du zu mir nach Salzburg heraus? ‘ ). Das heißt, anders als im Standard wird im Bairischen die Perspektivierung der Bewegungsrichtung nach proximal und distal stabil beibehalten. Obwohl es sich dabei um eine genuin deiktische Markierung handelt, stand in bisherigen Untersuchungen jedoch nur selten die Identifikation pragmatischer Variation im Zentrum (vgl. aber Glaser 1992). 4 Während im schwäbischen (um Augsburg) und ostfränkischen Gebiet (um Bayreuth und Nürnberg) der präfigierte Typ dominiert, ist das bairische Dialektareal Bayerns geteilt: Im Westen (um Ingolstadt) wird der präfigierte Typ gebraucht, östlich davon der suffigierte Typ. 98 Sonja Quehenberger & Lars Bülow <?page no="99"?> Vielmehr wurden die beiden Kategorien proximal und distal herangezogen, um morphologische Variation im Hinblick auf verschiedene adverbiale Kategorien und/ oder verschiedene Gliederungstypen zu beschreiben (vgl. z. B. Eichinger 1980; Hinderling 1980). Dabei gilt zumeist: „ Die direktionale Deixis des Bairischen [ … ] weist als Origo den Sprecher auf “ (Glaser 1992: 213). Trotz der „ grundsätzlichen Abneigung des Bairischen gegen eine Versetzung der Origo vom Sprecher weg “ (Glaser 1992: 215) ist hier pragmatische Variation möglich. Entscheidend für diesen Beitrag ist die Möglichkeit zur Transposition der Origo vom Sprecher in den Hörer (s. Abschnitt 2). So können Sprecher*innen im Bairischen, wenn sie auf „ Zukünftiges, Vergangenes oder Vorgestelltes “ (Glaser 1992: 216) verweisen, die Origo vom Nullpunkt auf bzw. in einen anderen Ausgangspunkt, d. h. von sich selbst in den Hörer oder ein anderes bewegtes Subjekt/ Objekt, verschieben. Das bedeutet, dass Sprecher*innen z. B. bei einer auf sie zu gerichteten Bewegung, bei der eigentlich ein Abb. 1: Verteilung des präfigierten und des suffigierten Typs bei der Verwendung von zweigliedrigen Richtungsadverbien in Bayern (Karte 43 entnommen aus Renn/ König 2006: 98) Perspektivierung der Bewegungsrichtung im Bairischen 99 <?page no="100"?> proximales -a-Suffix bzw. r-Präfix einzusetzen wäre, sich in einen anderen Gesprächsteilnehmer, z. B. den Hörer, hineinversetzen und ausgehend von dessen Perspektive (= Hörerperspektive) ein distales -i- oder -e-Suffix bzw. n-Präfix verwenden. Die Transposition scheint aber nicht nur an den Vorstellungsraum gebunden zu sein, sondern kann auch im unmittelbar geteilten Wahrnehmungsraum von Sprecher und Hörer (demonstratio ad oculos, Bühler 1934) stattfinden. Empirisch geht es im Folgenden zum einen um die Verwendung der Formen, die eine Perspektivierung der Bewegungsrichtung anzeigen, und zum anderen um die Frage, welche pragmatischen Bedingungen die Transposition der Origo im geteilten unmittelbaren Wahrnehmungsraum von Sprecher und Hörer begünstigen. Ein wichtiger Aspekt, den wir in diesem Beitrag untersuchen, ist die Rolle der Hörerrelevanz in der spezifischen Kommunikationssituation. Auch Glaser (1992: 219) deutet darauf mit Verweis auf den Grad der Sprecherbeteiligung hin, die mit der Hörerrelevanz in Zusammenhang steht: 5 „ Grundsätzlich ist dann in solchen Fällen mit Variation zu rechnen, je nachdem, wie sehr sich der Sprecher beteiligt sieht “ . Dieser Gedanke kann anhand eines Belegsatzes von Ebner (2013: 182) veranschaulicht werden. Dabei steht der Sprecher unter dem Baum und ruft dem, womöglich auf einer wackligen Leiter stehenden, sich also oben befindlichen Hörer zu: Pass auf, dass du nicht abifallst! Hierbei handelt es sich um eine Origo-Transposition in einer Kommunikationssituation mit niedriger Sprecherbeteiligung bzw. hoher Hörerrelevanz, in der sich Sprecher und Hörer den Wahrnehmungsraum unmittelbar teilen (demonstratio ad oculos). Eigentlich müsste der Sprecher bei dieser potentiell auf ihn zu gerichteten Bewegung des Hörers die proximale Form mit -a-Suffix (oder r-Präfix) verwenden, stattdessen gebraucht er aber die (aus der Hörerperspektive) distale Form mit -i-Suffix (ab-i ‚ hinunter ‘ ). Die Origo-Transposition lässt sich hier vor dem Hintergrund der geringen Sprecherbeteiligung bzw. hohen Hörerrelevanz erklären, da es sich bei dem als relevant lokalisierten Subjekt um den Hörer - und nicht um den Sprecher selbst - handelt. Zudem scheint die proximale Bewegung auf den Sprecher zu, die den Einsatz der Form mit -a-Suffix (oder r-Präfix) bedingen würde, nicht entscheidend, da der Sprecher selbst in seiner eigenen Äußerung keine relevante Position bekleidet: Entscheidend ist der Hinweis auf die gefährliche Lage des Hörers (der von der Leiter zu fallen droht) und nicht die Bewegung auf den Sprecher zu. 5 Dieser Hinweis bezieht sich allerdings auf die von Glaser (1992) identifizierten Origo- Transpositionen bei größeren zeitlichen und/ oder räumlichen Abständen zum Geschehen. 100 Sonja Quehenberger & Lars Bülow <?page no="101"?> Im folgenden Abschnitt wird genauer erläutert, wie und mittels welcher Faktoren wir die Variation bei der Origo-Transposition im unmittelbaren Wahrnehmungsraum der Gesprächsteilnehmer*innen empirisch untersucht haben. 3 Methoden und Sample Um die oben genannten Forschungsfragen zu beantworten, haben wir eine apparent-time-Studie mit 366 Teilnehmer*innen aus Bayern, Salzburg und Oberösterreich durchgeführt. 6 Die Daten für diese Untersuchung wurden mithilfe einer indirekten Online-Dialektbefragung zwischen Dezember 2022 und Februar 2023 auf der Plattform SoSci Survey erhoben. In Kapitel 3.1 wird die Erhebungsmethode näher beschrieben. Daran anschließend erläutern wir in Kapitel 3.2 das Sample. Kapitel 3.3 gibt Auskunft über die statistischen Verfahren, mit denen das Datenmaterial analysiert wurde. 3.1 Methode Der verwendete Online-Fragebogen gliedert sich in einen soziodemographischen und einen linguistischen Teil. Im soziodemographischen Teil haben wir u. a. nach dem Geschlecht, dem Alter, dem höchsten Bildungsabschluss sowie dem aktuellen Wohnort der Gewährspersonen gefragt. Außerdem wurden die Gewährspersonen danach gefragt, in welchen anderen Orten sie bislang gelebt haben (inkl. Angabe des Zeitraums) und aus welchem Ort die Eltern stammen. Die Selbsteinschätzung der Dialektkompetenz wurde mittels 7-stufiger Likert- Skalen hinsichtlich der Parameter „ Verstehen “ und „ Sprechen “ abgefragt. 7 Die Extrempunkte der Likert-Skalen waren mit 1 (sehr schlecht) und 7 (sehr gut) bezeichnet. Des Weiteren haben wir danach gefragt, wie stark sich aus Sicht der Teilnehmer*innen der eigene Dialekt von jenem der Eltern unterscheidet. Um die Forschungsfragen zum Dialektgebrauch adäquat beantworten zu können, haben wir nur solche Personen ins Sample aufgenommen, die auf beiden Skalen zur Selbsteinschätzung des Dialektgebrauchs mindestens 4 angekreuzt haben. Außerdem wurden nur solche Personen berücksichtigt, bei denen zumindest ein Elternteil im selben Ort wie die jeweiligen Teilnehmer*innen aufgewachsen ist (vgl. Chambers/ Trudgill 1998: 29 f.). 6 Die Begrenzung der Untersuchung auf die bairischen Dialekte in Bayern, Salzburg und Oberösterreich ergibt sich aus forschungspragmatischen Gründen. 7 Weitere Einschätzungsfragen mittels 7-stufiger Likert-Skalen betrafen den Dialektgebrauch im privaten wie beruflichen Umfeld der Gewährspersonen. Gefragt wurde dabei nach der Relevanz des Dialekts im privaten und beruflichen Alltag sowie der Gebrauchsfrequenz des Dialekts im Beruf. Hierzu wurde der Datensatz bislang allerdings nicht ausgewertet. Perspektivierung der Bewegungsrichtung im Bairischen 101 <?page no="102"?> Abb. 2: Aufgabenbeispiel 6 aus dem Online-Fragebogen 102 Sonja Quehenberger & Lars Bülow <?page no="103"?> Der sprachbezogene Teil bestand aus acht Bewertungsaufgaben. Solche Bewertungsaufgaben wurden schon in anderen Studien erfolgreich zur Elizitierung morphologischer und syntaktischer Phänomene eingesetzt (vgl. SyhD; DiÖ; Fleischer et al. 2012; Quehenberger 2022). Dabei wurde jede Aufgabe mit einer Situationsbeschreibung eingeleitet, die zusätzlich bildlich unterstützt wurde (s. Abb. 2). Im ersten Beantwortungsschritt wurden die Teilnehmer*innen dazu angehalten, all jene Antwortmöglichkeiten anzukreuzen, die sie in ihrem Dialekt sagen können. Die Antwortmöglichkeiten bestehen aus dialektal eingelauteten Sätzen, 8 wobei stets zumindest eine lautliche Alternative zu einer Bewegungsrichtung (proximal vs. distal) vorgegeben wurde. In der obigen Aufgabe 6 (s. Abb. 2) sind z. B. die Antwortmöglichkeiten [a] und [c] der distalen Richtung und die Antwortmöglichkeiten [b] und [d] der proximalen Richtung zuzuordnen. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass nur die suffigierten, nicht aber die präfigierten Formen aufgelistet wurden. Der suffigierte Typ ist der im Untersuchungsgebiet dominante Typ (s. Abb. 1). Darüber hinaus konnten die Teilnehmer*innen den Satz stets frei in eigener Form wiedergeben (Antwortoption [e]) und entsprechend präfigierte Formen notieren, die dann bei der Kodierung einer der beiden Bewegungsrichtungen (proximal oder distal) zugeordnet wurden. 9 Im letzten Schritt sollten die Teilnehmer*innen diejenige Variante ankreuzen, die ihnen in ihrem Dialekt am natürlichsten erscheint. Für die vorliegende Untersuchung wurde ausschließlich die ‚ natürlichste Variante ‘ berücksichtigt. 3.2 Sample Insgesamt sind 366 Sprecher*innen aus 205 Orten in Bayern, Salzburg und Oberösterreich in das Sample eingeflossen. Davon sind 112 Orte der westmittelbairischen, 53 Orte der ostmittelbairischen, 33 Orte der südmittelbairischen und 7 Orte der nordmittelbairischen Dialektregion zuzuordnen. Abbildung 3 zeigt die einzelnen Untersuchungsorte und ihre Lage innerhalb der Dialektregionen nach Wiesinger (1983). Die Unterteilung in West- und Ostmittelbairisch basiert auf den Daten des Sprachatlas von Oberösterreich (SAO). 10 8 Herzlichen Dank an Markus Kunzmann für die Unterstützung bei der Dialektalisierung der Sätze. 9 Insgesamt wurde in 91 Fällen eine präfigierte Form im Freitextfeld notiert. Dem stehen 2254 Belege mit suffigierten Varianten gegenüber. 10 Die Unterteilung in West- und Ostmittelbairisch erfolgte auf Basis der mittelbairischen Liquidenvokalisierung am Beispiel spielen (vgl. Sprachatlas von Oberösterreich (SAO), auch online unter https: / / www.stifterhaus.at/ forschung/ sprachforschung/ dialekte-inooe/ lautgeografie (Stand: 05.06.2024). Perspektivierung der Bewegungsrichtung im Bairischen 103 <?page no="104"?> Abb. 3: Erhebungsorte und ihre Lage in den Dialektregionen nach Wiesinger (1983) und dem Sprachatlas von Oberösterreich (SAO); erstellt mit www.regionalsprache.de und graphisch angepasst mit www.canva.com Abbildung 4 zeigt die Verteilung der Sprecher*innen nach Geschlecht, Alter, Nationalität und höchstem Bildungsabschluss. Hinsichtlich des Geschlechts identifizieren sich 33,9 % (n = 124) der Sprecher*innen als männlich, 65,8 % (n = 241) als weiblich und 0,3 % (n = 1) als divers. Mit Bezug auf den Parameter Alter wurde das exakte Alter (Ø = 34,7 Jahre, Md. = 30 Jahre, SD = 14,4 Jahre) der Sprecher*innen abgefragt. Anschließend wurden die Sprecher*innen für die deskriptive Statistik drei Altersgruppen zugeteilt: „ jung “ (18 - 30 Jahre), „ mittel “ (31 - 59 Jahre) und „ alt “ (60+ Jahre). Mit 50,8 % (n = 186) gehört etwas mehr als die Hälfte der Sprecher*innen der Altersgruppe „ jung “ an. Der Altersgruppe „ mittel “ sind 43,7 % (n = 160) der Sprecher*innen zuzuordnen. 104 Sonja Quehenberger & Lars Bülow <?page no="105"?> Aus der Altersgruppe „ alt “ haben 5,5 % der Sprecher*innen (n = 20) an der Dialektbefragung teilgenommen. 124 241 1 0% 20% 40% 60% 80% 100% Geschlecht männlich weiblich divers 186 160 20 0% 20% 40% 60% 80% 100% Alter jung (18-30) mittel (31-59) alt (60+) 200 166 0% 20% 40% 60% 80% 100% Nationalität deutsch österreichisch 109 159 98 0% 20% 40% 60% 80% 100% Höchster Bildungsabschluss Pflichtschule/ Lehrabschluss Abitur/ Matura Hochschulabschluss Abb. 4: Distribution der 366 Sprecher*innen nach Geschlecht, Alter, Nationalität und höchstem Bildungsabschluss Hinsichtlich der Nationalität ist das Sample mit 200 (entspricht 54,6 %) deutschen Staatsbürger*innen und 166 (entspricht 45,4 %) österreichischen Staatsbürger*innen relativ ausgeglichen. Bezogen auf den höchsten Bildungsabschluss wurden drei Bildungsstufen unterschieden: Dem Primärbereich mit einem Pflichtschul- oder Lehrabschluss als höchster abgeschlossener Ausbildung sind 29,8 % (n = 109) der Gewährspersonen zuzurechnen. Einen Maturabzw. Abiturabschluss (Sekundärbereich) haben 43,4 % (n = 159) der Gewährspersonen vorzuweisen. 26,8 % (n = 98) der Gewährspersonen gaben als höchste abgeschlossene Ausbildung einen Hochschulabschluss (Tertiärbereich) an. Insgesamt liegen den nachfolgenden Analysen 2345 gültige Belege von 366 Sprecher*innen zugrunde. Für die statistische Analyse (s. Abschnitt 4.3) mussten aus Vergleichbarkeitszwecken die Belege der Person, die beim Faktor Geschlecht „ divers “ angegeben hat, ausgeklammert werden, weshalb hier nur 2337 Belege von 365 Sprecher*innen in die Analyse eingeflossen sind. 3.3 Operationalisierung und statistische Verfahren Die statistische Auswertung der Daten erfolgte mithilfe der Analysesoftware R (R Core Team 2022). 11 Dabei wurden generalized additive mixed-effects models (GAMMs) mit Sprecher*in als random effect angewendet. 11 Herzlicher Dank gilt Helen Alber und Simon Wiegrebe vom Statistischen Beratungslabor (StaBLab) der LMU München für die Unterstützung bei der Berechnung der Regressionsmodelle. Perspektivierung der Bewegungsrichtung im Bairischen 105 <?page no="106"?> Für die abhängige Variable haben wir 2337 Fälle berücksichtigt (s. Abschnitt 3.2). Kodiert wurde, ob die Sprecher*innen morphologisch durch die Verwendung eines -a-Suffixes oder eines r-Präfixes eine proximale oder durch die Verwendung eines -ibzw. -e-Suffixes oder n-Präfixes eine distale Perspektivierung der Bewegungsrichtung markieren. Als unabhängige Variablen (fixed effects) wurden die soziolinguistischen Faktoren Alter (nach Lebensjahren), Geschlecht (männlich, weiblich), Bildungsgrad (Pflichtschule/ Lehrabschluss, Abitur/ Matura, Hochschulabschluss) und Dialektregion (Ostmittelbairisch, Westmittelbairisch, Südmittelbairisch, Nordmittelbairisch) getestet. Außerdem sind die kognitiv-pragmatischen Faktoren Grad der Hörerrelevanz (hohe Relevanz, niedrige Relevanz) und intendierte Perspektivierung der Bewegungsrichtung nach Sprecherperspektive (proximal, distal) als unabhängige Variablen in das Modell eingeflossen. 4 Ergebnisse Zunächst werden in Abschnitt 4.1 die deskriptiven Befunde zur intendierten Perspektivierung der Bewegungsrichtung nach Sprecherperspektive und die Verteilung nach den soziolinguistischen Faktoren Alter, Geschlecht, Bildungsgrad und Dialektregion dargestellt. In Abschnitt 4.2 wird auf die Variation im Hinblick auf den Grad der Hörerrelevanz eingegangen. In Abschnitt 4.3 berichten wir die Ergebnisse des statistischen Modells. 4.1 Deskriptive Befunde Für die vorliegende Untersuchung wurden sechs Items mit intendierter proximaler Bewegungsrichtung und zwei Items mit intendierter distaler Bewegungsrichtung getestet (s. Abschnitt 3.1). Gemäß dem System der Richtungsadverbien im Bairischen, das nach Sprecherperspektive ausgerichtet ist, dürften bei proximaler Bewegungsrichtung nur Formen mit -a-Suffix oder r- Präfix und bei distaler Bewegungsrichtung nur Formen mit -e-Suffix 12 oder n- Präfix auftreten. Wie in Abbildung 5 deutlich wird, werden jedoch für beide Bewegungsrichtungen in beinahe gleichem Ausmaß auch die jeweils der anderen Bewegungsrichtung zugeschriebenen Formen verwendet. 12 Im Folgenden wird auf die graphematische Unterscheidung zwischen -i- und -e-Suffix aus Darstellungszwecken verzichtet und nur das -e-Suffix für den suffigierten Typ der distalen Bewegungsrichtung angegeben. 106 Sonja Quehenberger & Lars Bülow <?page no="107"?> proximal distal -e / n- 919 331 -a / r- 818 277 47,1% 45,6% 52,9% 54,4% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Abb. 5: Verteilung der Suffix- und Präfix-Varianten bei intendierter proximaler und distaler Bewegungsrichtung (n = 2345) Bei intendiert proximaler Bewegungsrichtung werden die Formen mit -a-Suffix bzw. r-Präfix in 47,1 % (n = 818) der Fälle verwendet. Damit überwiegen hier Formen mit -e-Suffix bzw. n-Präfix, die in 52,9 % (n = 919) der Fälle als präferierte Variante angegeben wurden. Das ist insofern beachtlich, als diese Formen nur bei distaler Bewegungsrichtung vorkommen sollten. Bei intendiert distaler Bewegungsrichtung überwiegen die distalen Formen allerdings auch nur knapp: -e-Suffixe und n-Präfixe kommen mit 54,4 % (n = 331) geringfügig häufiger vor als die -a-Suffixe und r-Präfixe (n = 277; entspricht 45,6 %). Auch hier ist die häufige Verwendung von Suffixen und Präfixen, die eigentlich eine proximale Bewegungsrichtung zum Ausdruck bringen, bemerkenswert. Die skizzierten Befunde deuten bereits auf eine Abkehr der Sprecher*innen vom traditionellen System der Markierung der Bewegungsrichtung nach Sprecherperspektive hin. Abbildung 6 zeigt die Distribution der Formen bei intendierter proximaler und distaler Bewegungsrichtung im Hinblick auf das Alter der Sprecher*innen. Dabei wird zwischen drei Altersgruppen unterschieden: „ jung “ (18 - 30 Jahre), „ mittel “ (31 - 59 Jahre) und „ alt “ (60+ Jahre). Perspektivierung der Bewegungsrichtung im Bairischen 107 <?page no="108"?> jung mittel alt jung mittel alt proximal distal -e / n- 505 373 41 165 148 18 -a / r- 366 396 56 142 118 17 42,0% 51,5% 57,7% 46,3% 44,4% 48,6% 58,0% 48,5% 42,3% 53,7% 55,6% 51,4% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Abb. 6: Verteilung der Varianten nach Altersgruppe bei intendierter proximaler und distaler Bewegungsrichtung (n = 2345) Wie deutlich wird, neigen die jüngeren Sprecher*innen stärker zur Abkehr von der Sprecherperspektive als die der Altersgruppen „ mittel “ und „ alt “ . Bei proximaler Bewegungsrichtung, bei der nach Sprecherperspektive die -abzw. r-Varianten eingesetzt werden müssten, dominieren bei den jungen Sprecher*innen mit 58 % (n = 505) die -ebzw. n-Varianten. Bei den Sprecher*innen der Altersgruppe „ mittel “ überwiegen hingegen die Varianten mit -a-Suffix bzw. r-Präfix (n = 396; entspricht 51,5 %) knapp gegenüber den Varianten mit -e-Suffix bzw. n-Präfix (n = 373; entspricht 48,5 %). Etwas deutlicher ist dieser Unterschied bei den Sprecher*innen der Altersgruppe „ alt “ : Die nach Sprecherperspektive einzusetzenden -abzw. r-Varianten wurden hier mit 57,7 % der Fälle (n = 56) häufiger verwendet als die -ebzw. n-Varianten mit 42,3 % der Fälle (n = 41). Bei intendierter distaler Bewegungsrichtung zeigt sich ein weniger deutliches Bild. Die Sprecher*innen aller Altersgruppen verwenden sowohl die -abzw. r-Varianten als auch die -ebzw. n-Varianten in vergleichbarem Umfang. Bei allen Altersgruppen überwiegen die mit der Sprecherperspektive kongruenten -ebzw. n-Varianten knapp (von 55,6 % bei der Altersgruppe „ mittel “ bis zu 51,4 % bei der Altersgruppe „ alt “ ) gegenüber den -abzw. r-Varianten (von 44,4 % bei der Altersgruppe „ mittel “ bis zu 48,6 % bei der Altersgruppe „ alt “ ). Hinsichtlich des Faktors Geschlecht zeigen sich ebenfalls nur geringfügige Unterschiede, wie Abbildung 7 verdeutlicht. Da nur eine Person im Fragebogen divers angekreuzt hat, wird diese Kategorie nachfolgend aus Gründen der Vergleichbarkeit ausgeblendet. 108 Sonja Quehenberger & Lars Bülow <?page no="109"?> weiblich männlich weiblich männlich proximal distal -e / n- 623 293 218 112 -a / r- 518 297 183 93 45,4% 50,3% 45,6% 45,4% 54,6% 49,7% 54,4% 54,6% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Abb. 7: Verteilung der Varianten nach Geschlecht bei intendierter proximaler und distaler Bewegungsrichtung (n = 2337) Es zeigt sich, dass Frauen bei intendierter proximaler Bewegungsrichtung mit 54,6 % (n = 623) häufiger die vom System nach Sprecherperspektive abweichenden Formen mit -e-Suffix bzw. n-Präfix als Männer (n = 293, entspricht 49,7 %) verwenden. Bei intendierter distaler Bewegungsrichtung ist die Verteilung der Varianten nach Geschlecht ausgeglichen: Männer und Frauen verwenden sowohl die -a-/ r-Varianten mit 45,4 % (n = 93) bzw. 45,6 % (n = 183) als auch die -e-/ n- Varianten mit 54,6 % (n = 112) bzw. 54,4 % (n = 218) in nahezu gleichem Umfang. Abbildung 8 zeigt die Distribution der Formen nach höchster abgeschlossener Ausbildung der Sprecher*innen. Unterschieden wird zwischen Pflichtschulbzw. Lehrabschluss, Abitur und Hochschulabschluss als höchstem Bildungsabschluss. Perspektivierung der Bewegungsrichtung im Bairischen 109 <?page no="110"?> Pflichtschule/ Lehre Abitur Hochschulabschluss Pflichtschule/ Lehre Abitur Hochschulabschluss proximal distal -e / n- 259 397 263 83 145 103 -a / r- 259 355 204 88 120 69 50,0% 47,2% 43,7% 51,5% 45,3% 40,1% 50,0% 52,8% 56,3% 48,5% 54,7% 59,9% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Abb. 8: Verteilung der Varianten nach höchstem Bildungsabschluss bei intendierter proximaler und distaler Bewegungsrichtung (n = 2345) Sowohl bei der intendierten proximalen Bewegungsrichtung als auch bei der intendierten distalen Bewegungsrichtung zeigen sich ähnliche Befunde: Varianten mit -a-Suffix bzw. r-Präfix werden am häufigsten von Sprecher*innen mit niedrigem Bildungsabschluss, d. h. Pflichtschul- oder Lehrabschluss, verwendet. Im Kontrast dazu dominieren Varianten mit -e-Suffix bzw. n-Präfix bei Sprecher*innen mit Hochschulabschluss. Mit Blick auf mögliche Sprachwandelprozesse lässt sich aus diesem Ergebnis pro Bewegungsrichtung zunächst eine widersprüchliche Tendenz ableiten, wobei davon auszugehen ist, dass sich Sprecher*innen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen sprachlich konservativer verhalten (vgl. z. B. Bülow et al. 2023). Bei proximaler Bewegungsrichtung kommen die -abzw. r-Varianten, die den Ausdruck der Sprecherperspektive symbolisieren, mit 50 % (n = 259) am häufigsten bei Sprecher*innen mit niedrigem Bildungsgrad vor. Varianten mit -e-Suffix bzw. n-Präfix, die bei intendierter proximaler Bewegungsrichtung eigentlich nicht zu erwarten wären, kommen hingegen am häufigsten bei Sprecher*innen mit hohem Bildungsgrad vor (n = 163, entspricht 56,3 %). Bei intendierter distaler Bewegungsrichtung dominieren die -ebzw. n-Varianten bei Sprecher*innen mit hohem Bildungsgrad (n = 103, entspricht 59,9 %). Bei Sprecher*innen mit niedrigem Bildungsgrad überwiegen hingegen die -abzw. r-Varianten knapp (n = 88, entspricht 51,5 %). Die ‚ Zwischenkategorie ‘ mit Sprecher*innen, deren höchster Bildungsabschluss das Abitur ist, liegt bei beiden intendierten Bewegungsrichtungen zwischen den Sprecher*innen mit 110 Sonja Quehenberger & Lars Bülow <?page no="111"?> niedrigem (Pflichtschulbzw. Lehrabschluss) und hohem Bildungsabschluss (Hochschulabschluss). Im Hinblick auf die Dialektregion kann nach Wiesinger (1983) und dem SAO zwischen einer ostmittelbairischen, westmittelbairischen, südmittelbairischen und nordmittelbairischen Dialektregion unterschieden werden. südmb. westmb. ostmb. nordmb. südmb. westmb. ostmb. nordmb. proximal distal -e / n- 165 550 185 19 62 197 64 8 -a / r- 143 456 202 17 49 152 72 4 46,4% 45,3% 52,2% 47,2% 44,1% 43,6% 52,9% 33,3% 53,4% 54,7% 47,8% 52,8% 55,9% 56,4% 47,1% 66,7% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Abb. 9: Verteilung der Varianten nach Dialektregion bei intendierter proximaler und distaler Bewegungsrichtung (n = 2345) Wie aus Abbildung 9 hervorgeht, gibt es zwischen den einzelnen Dialektregionen nur geringfügige Unterschiede im Hinblick auf die Verteilung der verschiedenen Varianten. Was fällt auf: In der ostmittelbairischen Dialektregion werden -a-Suffixe bzw. r-Präfixe sowohl bei proximaler (n = 202, entspricht 52,2 %) als auch bei distaler (n = 72, entspricht 52,9 %) Bewegungsrichtung verhältnismäßig häufig verwendet. Ein weiterer auffälliger Befund zeigt sich bei der Verwendung der mit der distalen Sprecherperspektive kongruierenden -ebzw. n-Varianten in der nordmittelbairischen Übergangszone (n = 8, entspricht 66,7 %). Die Beleglage fürs Nordmittelbairische ist allerdings eher gering. 4.2 Ergebnisse im Hinblick auf die Relevanz für den Hörer Wie die deskriptiven Befunde nach Alter, Geschlecht, Bildungsabschluss und Dialektregion bereits gezeigt haben, deuten die Daten auf eine Abkehr von der Sprecherperspektive hin. Mit den getesteten soziolinguistischen Faktoren lässt sich dieser Wandel allerdings nicht hinreichend erklären. Hier hilft es, prag- Perspektivierung der Bewegungsrichtung im Bairischen 111 <?page no="112"?> matische Faktoren in den Blick zu nehmen. Glaser (1992: 216 - 219) hat beispielsweise auf die Möglichkeit der Origo-Transposition hingewiesen. Ob die Origo auf andere Subjekte/ Objekte übertragen werden kann, hängt nach Glaser (1992: 219) grundlegend davon ab, „ wie sehr sich der Sprecher beteiligt sieht “ . Wir gehen dabei für unsere Items davon aus, dass eine geringe Sprecherbeteiligung mit einer hohen Hörerrelevanz korrespondiert (s. Abschnitte 2.2 und 3.1). Nachfolgend werden ausschließlich die Daten zur proximalen Bewegungsrichtung für die Analyse herangezogen, die laut Glaser (1992: 217) besonders anfällig für eine Transposition der Origo sei. Dabei wird zwischen solchen Items unterschieden, bei denen laut Kommunikationssituation die Perspektivierung des Hörers eine höhere Relevanz hat (z. B. bei Vorliegen einer Gefahrensituation für den Hörer), und jenen Items, bei denen das nicht der Fall ist. Bei Items mit hoher Hörerrelevanz im Zentrum der beschriebenen Situation, wie bei Item 6 in Abbildung 10 (links), liegt eine Gefahrensituation vor: Hier steht der Hörer (B) auf der an einen Baum angelehnten Leiter; Sprecher (A) warnt ihn, aufzupassen, dass er nicht herunter oder hinunter fällt. Bei Items mit niedriger Hörerrelevanz, in Abbildung 10 (rechts) exemplarisch dargestellt durch Item 1, liegt keine derartige Gefahrensituation vor. Die Kommunikationssituation in Item 1 handelt von dem Wunsch des im Garten verweilenden Sprechers (A), dass der sich im Haus befindliche Hörer (B) in den Garten kommt. Abb. 10: Beispiele für Kommunikationssituationen mit hoher Hörerrelevanz (Item 6, links) und niedriger Hörerrelevanz (Item 1, rechts) 112 Sonja Quehenberger & Lars Bülow <?page no="113"?> Untersucht wurden je 3 Items mit hoher Hörerrelevanz und niedriger Hörerrelevanz bei proximaler Bewegungsrichtung. 13 Bei proximaler Bewegungsrichtung wären laut dem nach Sprecherperspektive differenzierenden System Formen mit -a-Suffix bzw. r-Präfix erwartbar. Die bei proximaler Bewegungsrichtung systemabweichenden Formen mit -ebzw. -i-Suffix oder n-Präfix werden in der Fachliteratur häufig mit der Bühler ʼ schen Terminologie als „ Versetzung der Origo vom Sprecher weg “ (vgl. z. B. Glaser 1992: 215) beschrieben; wir verwenden im Folgenden den für unsere Daten geeigneteren Begriff der „ Hörerperspektive “ , da wir davon ausgehen, dass in solchen Fällen eine Transposition der Origo stattfindet und der Blickwinkel des Hörers eingenommen wird: Aus Perspektive des Hörers, wie in Item 6 in Abbildung 10 (links) dargestellt, handelt es sich um eine von ihm weg gerichtete Bewegung (distal), bei der ebzw. -i- oder n-Formen eingesetzt werden. hohe Hörerrelevanz geringe Hörerrelevanz -e / n- ( = Hörerperspektive) 591 328 -a- / r- (= Sprecherperspektive) 261 557 30,6% 62,9% 69,4% 37,1% 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100% Abb. 11: Verteilung der Varianten nach hoher und geringer Hörerrelevanz (n = 1737) 13 Bei den drei Items mit hoher Hörerrelevanz handelt es sich um Partikelverben mit der verbalen Basis -fallen als Zweitglied, wobei zweimal die Adverbkategorie / ab, nach unten/ , d. h. heruntervs. hinunterfallen, und einmal die Adverbkategorie / ein, nach innen/ , d. h. hereinvs. hineinfallen, als Erstglied fungiert. Bei niedriger Hörerrelevanz dient zweimal das Verb -kommen als Zweitglied; hierbei wurde einmal / aus, nach außen/ , d. h. herausvs. hinauskommen, und 1-mal / auf, nach oben/ , d. h. heraufvs. hinaufkommen, als Adverbkategorie verwendet. Das dritte Item mit niedriger Hörerrelevanz besteht aus der verbalen Basis -steigen und dem adverbiellen Erstglied / auf, nach oben/ , d. h. heraufvs. hinaufsteigen. Perspektivierung der Bewegungsrichtung im Bairischen 113 <?page no="114"?> Wie aus Abbildung 11 deutlich wird, überwiegen bei Kommunikationssituationen mit hoher Hörerrelevanz mit 69,4 % (n = 591) eindeutig die -ebzw. -i- oder n-Varianten, die auf eine Transposition der Origo in den Hörer schließen lassen. Die mit der Sprecherperspektive kongruierenden -abzw. r-Varianten wurden hier nur in 30,6 % der Fälle (n = 261) verwendet. Umgekehrt überwiegen bei Kommunikationssituationen mit geringer Hörerrelevanz die -abzw. r-Varianten (62,9 %, n = 557), die die Sprecherperspektive kennzeichnen. Die Formen mit -ebzw. -i-Suffix oder n-Präfix (37,1 %, n = 328), die die Einnahme der Hörerperspektive nahelegen, erscheinen hier deutlich seltener. 4.3 Statistische Analyse Die in den Abschnitten 4.1 und 4.2 vorgestellten deskriptiven Ergebnisse deuten darauf hin, dass mehrere Faktoren zur Klärung der Variation bei der morphologischen Kodierung der Bewegungsrichtung beitragen könnten. Die abhängige Variable wurde binär kodiert. Entscheidend war, ob eine proximale (bei -a-Suffix oder r-Präfix) oder eine distale (bei -ibzw. -e-Suffix oder n- Präfix) Perspektivierung vorlag. Getestet wurde letztlich das Vorkommen proximaler Varianten. Insgesamt wurden 2337 Fälle berücksichtigt (s. Abschnitt 3). Um die Variation zu modellieren, haben wir generalized additive mixed-effects models (GAMMs) berechnet (s. Abschnitt 3.3). Auf der Grundlage unserer Vorüberlegungen wurden die folgenden soziolinguistischen Faktoren als fixed effects in das Modell integriert: Alter (nach Lebensjahren), Geschlecht (männlich, weiblich), Bildungsgrad (Pflichtschule/ Lehrabschluss, Abitur/ Matura, Hochschulabschluss) und Dialektregion (Ostmittelbairisch, Westmittelbairisch, Südmittelbairisch, Nordmittelbairisch). Außerdem sind die pragmatischen Faktoren Grad der Hörerrelevanz (hoch, niedrig) und intendierte Sprecherperspektivierung (proximal, distal) als fixed effects in das Modell eingeflossen. Zur Aufklärung von intra-individueller Variation haben wir außerdem die individuellen Sprecher als random effects berücksichtigt. 114 Sonja Quehenberger & Lars Bülow <?page no="115"?> Tabelle 3 fasst die wichtigsten Kennwerte des Modells zusammen: Smooth term Sprecher (p < 0.001), R2 (adjusted) = 0.138 Faktoren Level Estimate Odds Ratios p-Werte (Intercept) -1.706 0.18 < 0.001 Dialektregion (Referenzwert: Nordmittelbairisch) Ostmittelbairisch Westmittelbairisch Südmittelbairisch 0.327 0.007 0.025 1.39 1.01 1.03 = 0.388 = 0.985 = 0.948 Geschlecht (Referenzwert: männlich) Weiblich -0.126 0.88 = 0.267 Alter Nach Lebensjahren 0.007 1.01 = 0.087 Bildungsabschluss (Referenzwert: Pflichtschule) Abitur/ Matura Hochschule -0.073 -0.266 0.93 0.77 = 0.603 = 0.065 Intendierte Bewegungsrichtung (Referenzwert: distal) Proximal 0.729 2.07 < 0.001 Grad der Hörerrelevanz (Referenzwert: hoch) Niedrig 1.392 4.02 < 0.001 Tab. 3: GAMM-Modell (n = 2337) Das Modell sagt voraus, dass die Verwendung einer proximalen Variante (-a-Suffix oder r-Präfix) signifikant um den Faktor ~4 erhöht ist (s. Odds Ratios in Tab. 3), wenn die Hörerrelevanz niedrig ist. Auch bei intendierter proximaler Bewegungsrichtung ist die Chance um den Faktor ~2 erhöht, dass die proximalen Varianten verwendet werden (s. Odds Ratios in Tab. 3). Das Modell legt damit umgekehrt nahe, dass die Chancen signifikant höher sind, eine distale Variante zu verwenden, wenn die Hörerrelevanz hoch ist. Dieser Befund spricht dafür, dass ein hoher Grad an Hörerrelevanz eine Transposition der Origo stark begünstigt. Nichtsdestoweniger werden bei intendierter distaler Bewegungsrichtung distale Varianten favorisiert. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass bei intendierter distaler Bewegungsrichtung nicht nach dem Grad der Hörerrelevanz differenziert werden kann. Die beiden Items mit intendierter distaler Bewegungsrichtung weisen jeweils einen niedrigen Grad an Hörerrelevanz auf. Perspektivierung der Bewegungsrichtung im Bairischen 115 <?page no="116"?> Erwähnenswert ist zudem, dass die soziolinguistischen Faktoren in dem Modell nicht als signifikant in Erscheinung treten. Weder die Dialektregion noch das Geschlecht oder der Bildungsabschluss beeinflussen signifikant die Chance der Verwendung der proximalen Varianten. Bei steigendem Alter gibt es allerdings einen leichten positiven Trend für die Verwendung der proximalen Varianten. Das heißt, für jedes Lebensjahr mehr, erhöhen sich die Odds Ratios um den Faktor ~1.01. Dies ist aber kein signifikanter Befund. Insgesamt muss allerdings konstatiert werden, dass die Erklärungskraft des Modells, die durch den R 2 -Wert ausgedrückt wird, recht gering ist. Das berechnete Modell erklärt lediglich ca. 14 % der Varianz in den Daten. 5 Diskussion und Fazit Ziel dieses Beitrags war es, Variation und Wandel der morphologischen Markierung der Perspektivierung der Bewegungsrichtung bei Richtungsadverbien in den bairischen Dialekten mithilfe einer als apparent-time-Studie konzipierten Online-Befragung zu untersuchen. Dabei sollten insbesondere mögliche Faktoren für die Transposition der Origo offengelegt werden. Die erste Forschungsfrage lautete dementsprechend: Welche kognitiv-pragmatischen Faktoren steuern beim Gebrauch der Richtungsadverbien die Verwendung der Hörerperspektivierung in den bairischen Dialekten? Hierzu haben wir zum einen den Faktor Grad der Hörerrelevanz und zum anderen den Faktor intendierte Perspektivierung der Bewegungsrichtung nach Sprecherperspektive untersucht. Beim Grad der Hörerrelevanz haben wir zwischen einem hohen (bei drohender Gefahr) und einem niedrigen (keine Gefahr) Relevanzgrad unterschieden. Die Perspektivierung der Bewegungsrichtung nach Sprecherperspektive stellt im bairischen System der Richtungsadverbien den Default-Fall dar (s. Abschnitt 2.3). Die Bewegungsrichtung wird morphologisch entweder proximal (auf den Sprecher zu) oder distal (vom Sprecher weg) perspektiviert. Das von uns gerechnete GAMM (generalized additive mixed model) verdeutlicht, dass beide Faktoren zur Klärung der Varianz in den Daten beitragen. Das Modell zeigt, dass bei hoher Hörerrelevanz die Chance um den Faktor ~4 steigt, dass eine distale Variante verwendet wird. Das betrifft die Items mit intendierter proximaler Bewegungsrichtung - nur hier war eine Differenzierung in hohe und niedrige Hörerrelevanz möglich (s. Abschnitt 3.1). Dieser Befund bietet Evidenz dafür, dass ein hoher Grad an Hörerrelevanz eine Transposition der Origo stark begünstigt. Im Modell zeigt sich zudem, dass die Verwendung distaler Varianten durch die intendierte distale Bewegungsrichtung begünstigt wird. Dabei ist wiederum zu berücksichtigen, dass in dieser Studie bei intendierter distaler Bewegungsrichtung 116 Sonja Quehenberger & Lars Bülow <?page no="117"?> nicht nach Hörerrelevanz differenziert wurde (s. Abschnitt 3.1). Zur ersten Forschungsfrage lässt sich zusammenfassend feststellen, dass insbesondere ein hoher Grad an Hörerrelevanz eine Hörerperspektivierung bei intendierter proximaler Bewegungsrichtung begünstigt. Die zweite Forschungsfrage beschäftigte sich damit, ob sich bei der Verwendung der Hörerperspektivierung Unterschiede hinsichtlich soziolinguistischer und sprachgeografischer Faktoren zeigen. Im Fokus der Untersuchung standen dabei die Faktoren Geschlecht, Alter, Bildungsgrad und Dialektregion. Bemerkenswerterweise zeigt das gerechnete GAMM hier keine signifikanten Effekte. Das heißt, dass sich die verschiedenen Ausprägungen beim Geschlecht, Alter, Bildungsgrad und der Dialektregion nicht auf die Verwendung proximaler oder distaler Varianten auswirken. Bei steigendem Alter zeigt sich lediglich insofern ein leicht positiver, aber nicht signifikanter, Trend, als sich für jedes Lebensjahr die Chance, proximale Varianten zu verwenden, um den Faktor ~1.01 erhöht. Dass sich keine signifikanten Alterseffekte in den Daten zeigen, spricht für die Stabilität der Variable. Hierzu muss allerdings kritisch angemerkt werden, dass ältere Sprecher*innen in den Daten unterrepräsentiert sind. Bezogen auf die Altersgruppen sind nur 5,5 % (n = 20) der Sprecher*innen der Gruppe „ alt “ (60+ Jahre) zuzurechnen (s. Abschnitt 3.2). Vor dem Hintergrund rezenter Studien zur variablenübergreifenden Variation im Bereich der Morphosyntax ist es allerdings überraschend, dass sich bis auf die Unterscheidung in Präfix- und Suffix-Gebiete (s. Abschnitt 2.2) keine sprachräumlichen Effekte nachweisen lassen, die sonst so auffällig für die bairische Morphosyntax sind (vgl. Vergeiner et al. 2025). Das Ausbleiben von Geschlechtereffekten ist hingegen weniger erstaunlich (vgl. Vergeiner et al. 2024). Im Hinblick auf die zweite Forschungsfrage lässt sich letztlich zusammenfassen, dass sich soziolinguistische und sprachgeografische Faktoren nicht auf die Wahl der Varianten und damit auch nicht auf die mögliche Hörerperspektivierung auswirken. Wie in Abschnitt 4.3 schon angedeutet wurde, kann das gerechnete Modell mit den darin integrierten kognitiv-pragmatischen und soziolinguistischen Faktoren nur etwa 14 % der Varianz in den Daten aufklären. Das führt zu der grundsätzlichen Überlegung, welche zusätzlichen Faktoren in das Modell einfließen müssten, um die Modellgüte zu verbessern. Kandidaten dafür könnten etwa die soziolinguistischen Faktoren Nationalität, Beruf oder Mobilität sein. Als innersprachliche Faktoren kommen die adverbielle Basis und deren Gebrauchsfrequenzen sowie die Verwendung „ gerichteter (vektorieller) Verben “ (Glaser 1992: 217) in Frage. Ein weiterer möglicher kognitiv-pragmatischer Faktor wäre das Nähe- und Distanzverhältnisse zwischen Sprecher und Hörer (vgl. Quehenberger 2022). Dabei geht es um die Frage, wie weit räumlich Perspektivierung der Bewegungsrichtung im Bairischen 117 <?page no="118"?> und/ oder sozial Sprecher*innen und Hörer*innen voneinander positioniert sind. Weitere explorative Studien können hier helfen, die Relevanz dieser Faktoren besser zu verstehen. Ein zentraler Faktor ist sicherlich auch das Ausmaß intra-individueller Variation (vgl. dazu aus variationslinguistischer Perspektive die Arbeiten in Werth et al. (Hrsg.) 2021), das in zukünftigen Studien stärker zu berücksichtigen ist. Dabei ist entscheidend, dass einzelne Sprecher*innen bei vergleichbaren Bedingungen (z. B. intendierter distaler Perspektivierung der Bewegungsrichtung bei niedriger Hörerrelevanz) unterschiedliche Varianten verwenden. Eine Analyse der intra-individuellen Variation könnte zudem Aufschluss darüber geben, ob die Dialektsprecher*innen im Bairischen tatsächlich dazu neigen, eine der Varianten als neutrale Form auszubauen. Ebner (2013: 182) schreibt etwa: Es gibt also viele Beispiele oder Situationen, in denen die Richtung nicht nach dem üblichen Schema festgestellt werden kann. Daher besteht das Bestreben nach richtungsneutralen Formen, und da im System keine vorgesehen ist, wird eine Form als Neutralform angesehen. In vielen Fällen ist die Hin-Form stark auf Entfernung vom Sprecher festgelegt, während die Her-Form als neutral gesehen wird. Diese Tendenz - die sich durch die Betrachtung der inter-individuellen Variation in unseren Daten erstmal nicht bestätigen lässt - führe dazu, dass die Sprecher*innen mittelfristig „ innerlich den Standpunkt des Angesprochenen einnehmen ( ‚ Deixis am Phantasma ‘ ) “ (Ebner 2013: 182). Die Aufgabe der im Bairischen verankerten Sprecherperspektive hätte laut Ebner (2013: 182) wiederum „ den Bedarf nach einer unmarkierten, neutralen Form “ zur Folge. Das kann dadurch geschehen, dass ein Adverb, das ursprünglich für eine der beiden Richtungen stand, als neutrale Form verwendet wird, also z. B. rüber (aus herüber) sowohl für herals auch für hinüber, oder dass nach einer von vornherein nicht markierten Neutralform gesucht wird. (Ebner 2013: 182) Während Ebner (2013) sich im Hinblick auf eine mögliche Neutralform nicht festlegt, nimmt Rowley (2007: 38) einen klaren Standpunkt ein: „ Die Adverbien mit hinsind es also im Dialekt, die dazu neigen, verallgemeinert zu werden “ . 14 Unsere Analysen zur inter-individuellen Variation lassen erstmal keine Rückschlüsse zu, wonach eine Variante dazu tendieren würde, als Neutralform ausgebaut zu werden. Vielmehr zeigt sich ein erhebliches Maß an Variation, das sich zwar zum Teil durch kognitiv-pragmatische Faktoren erklären lässt, nicht aber durch das Alter, das Geschlecht oder die Dialektregion, wodurch 14 Das wäre eine andere Wandeltendenz als im Standard, wo die Formen mit herverallgemeinert wurden. 118 Sonja Quehenberger & Lars Bülow <?page no="119"?> sich etwa Indizien für stattfindenden Sprachwandel ableiten ließen (vgl. z. B. Labov 2001; Chambers/ Trudgill 1998). Auch wenn noch viel Forschungsarbeit zum Verständnis der Variation und des Wandels der morphologischen Markierung der Perspektivierung der Bewegungsrichtung bei Richtungsadverbien in den bairischen Dialekten zu leisten ist, hat diese Studie dazu beigetragen, ein variationspragmatisches Desiderat zu erschließen. Diese Studie ist die erste breiter angelegte empirische Untersuchung, die die Bedingungen für die Transposition der Sprecherperspektive in die Hörerperspektive durch die Sprecher im unmittelbaren Wahrnehmungsraum systematisch unter Berücksichtigung verschiedener kognitiv-pragmatischer und soziolinguistischer Faktoren erforscht hat. Literatur Altmann, Hans (1998). Deiktische Lokal- und Direktionaladverbien in einem mittelbairischen Dialekt. Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 65 (3), 257 - 279. Bülow, Lars/ Wittibschlager, Anja/ Lenz, Alexandra N. (2023). Variation and change of relativizers in Austria ’ s German varieties. Sprachwissenschaft 48 (3), 243 - 280. Bühler, Karl (1965 [1934]). Sprachtheorie: Die Darstellungsfunktion der Sprache. 2., unveränderte Auflage. Mit einem Geleitwort von Friedrich Kainz. Stuttgart: Fischer. Chambers, Jack K./ Trudgill, Peter (1998). Dialectology. Cambridge: Cambridge University Press. 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For this reason, the present study aims to analyse the variation in request behaviour between German and Swiss German speakers using natural language data. The data is analysed using a binary regression model. The results indicate that the divergence in requesting behaviour is less pronounced than the discourse of the national stereotypes would suggest. However, the results show differences in the mitigating strategies, especially in the use of alerters as introductive device of the request and the use of downtoners, suggesting different pragmatic norms of the language communities. Keywords: Requests, Variational Pragmatics, Ability Questions, Binary Logistic Regression, Directness, Swiss German, German 1 Einleitung Diverse Blogs, Werbekampagnen und Zeitungsartikel dokumentieren teils anekdotische und humoristische Diskussionen über die pragmatische Variation von Aufforderungen und mit ihr verbundenen Normvorstellungen innerhalb des deutschsprachigen Raums. Die Sprecher: innen kreieren einen metareflexiven Raum, in dem sie konkrete Sprachmuster nicht allein in Verbindung mit einer gewissen Varietät bringen, sondern diese zusätzlich mit Charakteristika <?page no="124"?> wie Höflichkeit oder Freundlichkeit verknüpfen. In diesem Zusammenhang zeigen Locher/ Luginbühl (2019: 254) wie anhand von Blogbeiträgen eine „ unified Swiss politeness norm “ konstruiert werde, die nicht nur aufgrund von intrinsischen Werten, sondern auch als Kontrastfolie zur als bundesdeutsch attribuierten Direktheit zu fassen ist. Exemplarisch hierfür soll ein Beitrag auf dem Blog blogwiese.ch stehen, in dem ein schweizerischer User einer deutschen Userin, die ihre Sorge vor dem Umzug in die Schweiz aufgrund der divergierenden Sprachmuster bekundet, folgenden Rat gibt: Bereits wurde die Indirektheit erwähnt. Aber vor allem die Unmöglichkeit, Höflichkeitsformeln wegzulassen, führen zu Verkaufsgesprächen, die nicht mit „ Einmal zwei Kaffee und zwei Cremeschnitten! “ oder mit „ Ich krieg einen Kaffee! “ beginnen können, sondern mit „ Grüezi, ich hätte gerne zwei Kaffee und zwei Cremeschnitten, bitte “ . [ … ] Innert kurzer Zeit der Akklimatisierung hast du so dann die als Arroganz empfundenen deutschen Gewohnheiten abgelegt. 1 Obgleich der Variation der Indirektheit von Aufforderungen in den Metareflexionen eine hohe Relevanz beigemessen wird, existieren nur vereinzelt Studien (vgl. u. a. Muhr 1993; Warga 2008; Ackermann 2021), die das Aufforderungsverhalten in deutschen Varietäten kontrastiv erforschen. Aus diesem Grund verfolgt die vorliegende Studie das Ziel, erstmalig anhand von natürlichen Sprachdaten die Variation des Aufforderungsverhaltens zwischen bundesdeutschen und schweizerdeutschen Sprecher: innen in der digitalen Kommunikation variationslinguistisch zu analysieren. 2 Hierbei liegt der Fokus auf dem prototypischen Muster der konventionell indirekten Strategien: der Ability Question. Die Ergebnisse zeigen, dass die reale Divergenz des pragmatischen Sprachverhaltens sich geringer ausgestaltet, als dem ausgeprägten interkulturellen und diskursiven Bewusstsein zu entnehmen ist (vgl. hierzu u. a. Ackermann 2021: 296). Die Unterschiede in der Realisierung von Ability Questions entsprechen dabei nicht den überzeichneten Nationalstereotypen des überhöflichen Schweizers oder der rüpelhaften Deutschen des öffentlichen Diskurses, sondern erweisen sich vielmehr als Muster einer pragmatischen Norm, die sich 1 Der Kommentar wurde der Kommentarspalte des folgenden Beitrags entnommen: www. blogwiese.ch/ archives/ 1403 (letzter Zugriff: 16.08.2023). 2 Ich möchte Tanja Ackermann und Christian Zimmer für die präsente und wertschätzende Betreuung der für diesen Artikel zugrundeliegenden Masterarbeit sowie die hilfreichen Anregungen zum Tagungsbeitrag danken. Ausserdem möchte ich mich an dieser Stelle für die Bereitstellung der Daten der beiden Korpora bedanken. Besonderen Dank für die Motivation und Unterstützung möchte ich der Erstbetreuerin Tanja Ackermann zukommen lassen. Jedwede verbliebenen Irrtümer und Fehler habe ich selbst zu verantworten. 124 Julie Täge <?page no="125"?> aus verschiedenen kommunikativen Präferenzen ergibt. In Anknüpfung an die Arbeit von House (2005, 2010) stellt die vorliegende Studie den Versuch dar, die Realisierung von Aufforderungen in beiden Varietäten kontrastiv zu beschreiben und die zugrundeliegenden pragmatischen Normen zu erörtern. Unter dieser Zielsetzung ergibt sich folgendes Vorgehen: Zunächst wird im Kapitel 2 der Aufforderungstyp der Ability Question als variationspragmatisches Phänomen eingeordnet. Anhand des Forschungsstandes werden Hypothesen für die statistische Analyse herausgearbeitet, die im Kapitel 3 mit dem methodischen Vorgehen aufgeführt und zusammengefasst werden. Anschliessend werden in Kapitel 4 die aus der Korpusanalyse gewonnenen Daten mithilfe eines Regressionsmodells analysiert und zusammengefasst. Die Ergebnisse werden dann in Kapitel 5 sowohl aus einer quantitativen als auch aus einer qualitativen Perspektive diskutiert. Die Studie schliesst mit dem Fazit in Kapitel 6 und beleuchtet in Kapitel 7 vor dem Hintergrund der methodologischen und theoretischen Herausforderung der Analyse verbleibende Forschungsdesiderata und mögliche Anknüpfungspunkte künftiger Studien. 2 Ability Questions als variationspragmatisches Phänomen Die tendenziell marginale Rolle, die der Erforschung variationspragmatischer Unterschiede in der Realisierung von Sprechakten und insbesondere von Aufforderungen im deutschsprachigen Raum bisher zugekommen ist, lässt sich nicht in der Forschung anderer plurizentrischer Sprachen beobachten. Mit der Erarbeitung des Cross-Cultural Speech Act Realization Project (CCSARP) veröffentlichen Blum-Kulka et al. (1989; vgl. hierzu auch Blum-Kulka 1987; Blum-Kulka/ Olshtain 1984) ein Analyseschema für Sprechakte, das den systematischen, interkulturellen Vergleich unter anderem von Direktiva ermöglicht. Im Kodierungsschema werden neun Aufforderungsstrategien unterschieden und klassifiziert: Descriptive category Examples 1. Mood Derivable Clean up the kitchen. Move your car. 2. Performative I ’ m asking you to move your car. 3. Hedged Performative I would like to ask you to move your car. 4. Obligation Statement You ’ ll have to move your car. 5. Want Statement I would like you to clean the kitchen. I want you to move your car. Ability Questions in der digitalen Kommunikation 125 <?page no="126"?> Descriptive category Examples 6. Suggestory Formulae How about cleaning up? Why don ’ t you come and clean up the mess you made last night? 7. Query Preparatory Could you clean up the mess in kitchen? Would you mind moving your car? 8. Strong Hints (A) You ’ ve left the kitchen in a right mess. 9. Mild Hints (B) We don ’ t want any crowding (as a request to move the car). Abb. 1: Aufforderungsstrategien des CCSARP nach Blum-Kulka (1987: 133) Die Ability Question wird als eine Ausprägung der Strategie Query Prepatory kategorisiert. Sie entspricht der Form können + VP und ist nach dem Analyseschema des CCSARP (Blum-Kulka et al. 1989: 275 - 289) als prototypische Ausgestaltung indirekter Konventionalität zu beschreiben. In der kontrastiven Analyse konnte gezeigt werden, dass die präferierte Form der Aufforderungsrealisierung in allen untersuchten Sprachen die Strategie der konventionellen Indirektheit ist (Blum-Kulka et al 1989; vgl. hierzu auch House/ Kasper 1981; Ogiermann 2009). Der illokutionäre Akt der Ability Question bezieht sich zunächst auf die Fähigkeit der aufgeforderten Person, die Handlung durchzuführen und stellt somit die Kondition in den Diskurs, die Searle (1969) als einleitende Bedingung für die Realisierung von Aufforderungen diskutiert. 3 Im Gegensatz zur Realisierung von Mood Derivables, die die Handlungsfreiheit der aufgeforderten Person limitieren, wird die face-Bedrohung durch die indirekte Aufforderungsrealisierung und den dadurch suggerierten Handlungsspielraum der aufgeforderten Person minimiert. Zusätzlich garantiert die konventionalisierte Form der Ability Question das gegenseitige Verständnis und die Einhaltung sozial-normierter Umgangsformen. Nach dem CCSARP setzt sich die Ability Question aus dem Nukleuselement, dem head act, und weiteren, 3 Ackermann (2023c) merkt hierzu an, dass die schematische Charakterisierung der Ability Question als Aufforderungstyp zu spezifizieren sei. Sie argumentiert für eine Differenzierung des Illokutionspotentials innerhalb der Strategie der Ability Questions: „ [ … ] in high-imposition contexts, Can you VP? is often a real or ‘ direct question for information ’ about H ’ s ability while it usually is a highly standardized and conventionalized ‘ request for action ’ in low-imposition contexts “ (Ackermann 2023c: 19). Diesem Argument kann mit der Analyse der vorliegenden Datenbasis nur bedingt Rechnung getragen werden, jedoch ist es plausibel, dass bei der Aufforderung (in Tabelle 1) die Frage nach dem Vermögen zur Ausführung der Aufforderung sich zumindest mit der Frage nach der Disponibilität (vgl. Availability Question nach CCSARP) vermischt und somit kein vollends standardisiertes und konventionalisiertes Illokutionspotential der Ability Question vorliegt. 126 Julie Täge <?page no="127"?> fakultativen Elementen zusammen, die die können-Verbalkonstruktion rahmen. Das folgende Beispiel aus dem bundedeutschen Korpus (siehe Kapitel 3.2) lässt sich mithilfe des Kodierungsschemas wie folgt analysieren: (1) Hallo Mami, könntest du am Dienstag evtl. Babysitten? Dann könnten der Tommy und ich zum Hochzeitstag Essen gehen , Bussi [WuDf377617]) Alerter (extern) Support move (extern) Head act (intern) Support move (extern) Hallo Mami, könntest du am Dienstag evtl. Babysitten? Dann könnten der Tommy und ich zum Hochzeitstag Essen gehen , Bussi Gruss + Kosename Konjunktiv, Downtoner Grounder, Nähe- Marker, Emojis Tab. 1: Komponenten der Ability Question (am Beispiel des Belegs [WuDf377617]) Als Alerter sind Elemente zu verstehen, die in initialer Position die Aufmerksamkeit der aufgeforderten Person wecken sollen und eine Einleitung zur Aufforderung darstellen. Das Element ist wie die rahmenden support moves fakultativ. Diese sind ebenfalls als unterstützende Rahmung der Aufforderung zu betrachten, indem sie beispielsweise eine Rechtfertigung für die Aufforderungsstellung (Grounder) beinhalten. Sowohl der obligatorische head act als auch die fakultativen Elemente der Ability Question können durch Modifikationselemente mit dem Ziel der Mitigation des Aufforderungspotentials angepasst werden. Dabei wird die Modifikation innerhalb des head acts beispielsweise durch den Konjunktivgebrauch und dem Modifikationselement Downtoner als interne Modifikation von der Modifikation in den fakultativen Positionen als externe Modifikation abgegrenzt. Aufgrund der in Aufforderungen inhärenten face-Bedrohung, postuliert Warga (2008: 246) folgende grundlegende These: „ Requests call for mitigation. “ Das weite Spektrum möglicher Modifikationselemente, die zur Mitigation der Aufforderung beitragen, wurde bereits empirisch von Ackermann (2021, 2023c) bestätigt. Für die vorliegende Studie wurden zwei head-act-interne Modifikatoren, die Partikel bitte sowie Downtowner und Understater wie vielleicht/ ächt und das head-act-externe Element, Alerter, gewählt. In Anlehnung an die Arbeiten des CCSARP (vgl. Blum-Kulka et al. 1989; Blum-Kulka/ Olshtain 1984; Blum-Kulka 1987) sei in Tabelle 2 eine komprimierte Übersicht über die verschiedenen Modifikationselemente mit Beispielen gegeben: Ability Questions in der digitalen Kommunikation 127 <?page no="128"?> Modifikationselement Ausprägung Erläuterung/ Beispiel Alerter Gruss Gruss+KoseN (+Vokativ) Gruss+kinship Gruss+Name Gruss+Pron Grussformel+Name Grussformel+KoseN Name Pron Hoi Hey Schatz (+du) Hey Mami Hallo Jürgen Hey du Lieber Mario Liebes Lübskeli Heinz Du Understater ja nein kurz, schnell, gerade, noch Downtoner ja nein mal, eventuell, vielleicht bitte ja nein bitte Grounder ja nein Ich muss heute arbeiten. Emoji, Emoticon ja nein Tab. 2: Exemplarische Darstellung der Kodierung relevanter Modifikationselemente Ackermann (2021: 288) belegt in ihrer empirischen Studie, die Verwendung von Ability Questions als dominante Strategie zur Aufforderungsrealisierung in beiden Varietäten. Dies macht das Phänomen hochgradig vergleichbar, weswegen es im Folgenden hinsichtlich der Forschungsfrage relevant sein wird, Differenzen in der konkreten Realisierungsstruktur der Ability Question zwischen den beiden Teilkorpora zu beschreiben. 2.1 Forschungsstand zur Aufforderungsrealisierung im deutschsprachigen Raum In den kontrastiven Untersuchungen variationspragmatischer Phänomene im Deutschen stehen zunächst vorrangig Studien zum höflichkeitssensitiven Anredeverhalten (vgl. Kretzenbacher 2011; Norrby/ Kretzenbacher 2013; Schüpbach 2015; Dürscheid/ Simon 2019) im Fokus des Forschungsinteresses. Studien, die sich der kontrastiven Sprechaktrealisierung widmen, stellen eher eine Ausnahme dar (vgl. Faerch/ Kasper 1989; Muhr 1993; Warga 2008; Ackermann 2021, 2023c; Lochtman 2022). So zeigt Warga (2008) für den Vergleich der Aufforderungsmuster deutscher und österreichischer Sprecher: innen anhand 128 Julie Täge <?page no="129"?> einer Fragebogenstudie, dass, entgegen der Konklusion Muhrs (1993), keine Unterschiede im Grad der Explizitheit der Aufforderungsstrategie festzustellen seien. Vielmehr liege die Diskrepanz in ihrer Realisierung in der internen Modifikation der head acts beispielsweise im Gebrauch des Konjunktivs sowie in der Länge und Formelhaftigkeit der Aufforderung (vgl. Warga 2008: 261). Bundesdeutsche Aufforderungen seien kürzer und werden daher direkter wahrgenommen als österreichische Realisierungen (vgl. Warga 2008: 261). Analog dazu beschreibt Schüpbach (2015) das abweichende Verhalten in der Modifikation durch Alerter in der Realisierung von Ability Questions zwischen schweizerdeutschen und bundesdeutschen Sprecher: innen. In ihrer Studie zeigt sie, dass Grussformeln von schweizerdeutschen Sprecher: innen als „ core of polite behavior “ (Schüpbach 2015: 75) perzipiert werden und somit als essenzielles Element der Kommunikation gelten. Mit dieser Beobachtung knüpft sie an die Studie Rashs (2004: 70) an, in der Gruss- und Abschiedsformeln als „ minimum token of politeness “ für Sprecher: innen der Deutschschweiz herausgearbeitet werden. Während Begrüssungen und Namensnennungen in der schweizerdeutschen Kommunikation als „ vital aspect of human communication “ (Rash 2004: 70) gilt, träfe ihr Gebrauch von bundesdeutschen Sprecher: innen auf Argwohn (vgl. Schüpbach 2015: 73 - 74). Dies motiviert die Hypothese, dass die Modifikation durch Alerter in schweizerdeutschen Realisierungen von Ability Question wahrscheinlicher ist als in bundesdeutschen Realisierungen (siehe Kapitel 3, H1). Wie Ackermann (2023b) zeigt, lässt sich für die areale Verteilung von Vokativen in Deutschland, Österreich und der Schweiz festhalten, dass unabhängig von der diatopischen Variable, die soziodemographische Variable Alter einen signifikanten Einfluss auf die Produktion von Vokativen hat, da ältere Sprecher: innen öfter Vokative in den getesteten Sprechakten, Aufforderungen und Entschuldigen, realisieren. Die Direktheit von bundesdeutschen Aufforderungen wird in den kontrastiven Studien mehrfach konstatiert (vgl. u. a. Muhr 1993; Warga 2008; House 2010; Locher/ Luginbühl 2019; Lochtman 2022). House (2010) beschreibt ausgehend von einer emischen Perspektive das Sprachverhalten bundesdeutscher Sprecher: innen als „ more self-referenced, and content-oriented “ im Vergleich zu englischen Sprecher: innen. So geht House (2010: 571) mit Hofstede (1984) davon aus, dass die bundesdeutsche Orientierung auf den Inhalt dem Bedürfnis entspringt, mögliche Ambiguitäten zu vermeiden. In den Fokusgruppen-Gesprächen in Ackermanns Studie (2021: 275 - 287) wird diese Differenz als Quelle interkulturellen Missverständnissen problematisiert. Demzufolge ist anzunehmen, dass Elemente, die den Aufforderungscharakter der Ability Question unterstreichen wie die Modifikation durch bitte (vgl. Kádár/ House 2021) wahrscheinlicher in bundesdeutschen Realisierungen sind (siehe Kapitel 3, Ability Questions in der digitalen Kommunikation 129 <?page no="130"?> H2). Die Charakterisierung von Kádár/ House (2021) von bitte als Marker von Direktiva führt ferner zur Annahme, dass diese Modifikation häufiger in Kontexten mit geringem Belastungsgrad der aufgeforderten Person vorkommen (siehe Kapitel 3, H3). Das Modifikationselement bitte nimmt aufgrund seiner Funktionalisierung als direktivstärkendes Element eine Sonderrolle ein. Dies unterstreicht Ackermann (2021, 2023c) mit dem Studienergebnis, dass die Illokution im schweizerdeutschen Aufforderungsverhalten häufiger durch interne und externe Modifikation abgeschwächt wird im Gegensatz zu bundesdeutschen Realisierungen (Ackermann 2021: 296). Bei einer allgemeinen hohen Frequenz von Downtonern und Understatern legen die Forschungsergebnisse nahe, dass die Modifikation durch diese Elemente erwartbarer in den schweizerdeutschen Belegen ist (siehe Kapitel 3, H4). Darüber hinaus zeigt Ackermann (2021: 297) basierend auf einer pluriarealen Betrachtung des Phänomens, dass die Präferenz zur Modifikation der Aufforderung von Nord nach Süd im deutschsprachigen Raum zunimmt und legt in einer weiteren Studie (vgl. Ackermann: 2023c) nahe, dass die Ausgestaltung der Modifikation mit dem Grad der Imposition zusammenhängt. Als dritter Einflussfaktor auf die Gestaltung von Aufforderungen konnte bislang nur die soziodemographische Variable Alter identifiziert werden (vgl. Ackermann: 2023b; Siebenhaar: 2020). Neuere kontrastive Studien verfolgen das Ziel, einerseits die konkrete Realisierung der Aufforderung in den Blick zu nehmen und andererseits die diatopische Variation kleinräumiger zu erfassen. Mit der Skizzierung der Variantenpragmatik durch Dürscheid/ Simon (2019) wird eine empirisch basierte Beschreibung pragmatischer Variation auf diatopischer Ebene vorgestellt, die die variierenden Gebrauchsmuster als Gegenstand pluriarealer statt plurizentrischer Variation behandelt. Angesichts der mangelnden empirischen Datenlage erscheint ein kontrastiver Vergleich zwischen bundesdeutschen und schweizerdeutschen Aufforderungsverhalten mit natürlichen Daten dennoch zielführend, um die Grundlage für eine feingliedrige, areale Analyse zu schaffen. Der bisherige Forschungsstand zur Aufforderungsrealisierung in deutschen Varietäten bietet zahlreiche Ansatzpunkte für eine hypothesengeleitete Studie, die die bisherigen Tendenzen überprüft und in einen grösseren theoretischen Zusammenhang einzufügen versucht. 130 Julie Täge <?page no="131"?> 3 Daten und Methodik 3.1 Getestete Variablen und Hypothesen Wie in Kapitel 2 erarbeitet, ist dem Forschungsstand zur Realisierung von Aufforderungen und dem darüber existierenden Metadiskurs zu entnehmen, dass die Variation der Muster primär auf die diatopische Variable zurückzuführen ist. Geleitet davon lassen sich folgende Hypothesen über die konkrete Form der Ability Question im Vergleich bundesdeutscher und schweizerdeutschen Varietäten aufstellen: • H1 Die Realisierung von Alertern ist wahrscheinlicher in schweizerdeutschen Varietäten. • H2 Die Modifikation durch bitte ist wahrscheinlicher in Aufforderungen bundesdeutscher Sprecher: innen. • H3 Der Gebrauch von bitte sinkt bei steigendem Impositionsgrad. • H4 Bei einer allgemein hohen Frequenz ist die Modifikation durch Downtoner und Understater erwartbarer in schweizerdeutschen Varietäten. Neben der diatopischen Variable konnte in der bisherigen Forschung nur vereinzelt ein Effekt des Grads der Belastung, die von der Aufforderung ausgeht, und des Alters als soziodemographische Variable empirisch gestützt werden. Anhand der Realisierung der Modalpartikel bitte wird im Folgenden die Abhängigkeit des Impositionsgrads getestet. Die Modalpartikel wird in der Forschung als Modifikation, die den Aufforderungscharakter der indirekten Strategie hervorhebt und dadurch die face-Bedrohung als explizit darlegt. Aus diesem Grund ist anzunehmen, dass die Modifizierung durch bitte in einem Aufforderungskontext mit hohem Impositionsgrad redundant wird und eventuell sogar als unangemessen direkt wahrgenommen werden könnte. Allgemein ist festzuhalten, dass keine direkte Korrelation zwischen hohem Impositionsgrad und erhöhter Realisierung modifizierender Elemente empirisch belegt ist (vgl. Ackermann 2023c). Ackermann (2023c: 8) geht davon aus, dass eine hohe Quantität modifizierender Elemente in der Ability Question den Sprechakt zu stark abschwächten und durch ihr „ downplay “ als unangemessen wahrgenommen werden könnten. Um die konkreten Realisierungsmuster kontrastiv zu beleuchten und ihre Divergenz zu erklären, werden die vier Hypothesen im Anschluss an die Aufbereitung der Daten mittels der Einspeisung in ein Regressionsmodell getestet. Ability Questions in der digitalen Kommunikation 131 <?page no="132"?> 3.2 Korpusanalyse Die Belege entstammen dem Korpusprojekt „ What ’ s up, Switzerland? “ (Stark et al. 2014 - 2020) 4 der Universität Zürich sowie dem parallel entstandenen Projekt der Universität Leipzig namens „ What ’ s up, Germany? “ (vgl. Siebenhaar 2018; 2020 für eine Beschreibung des Korpus). Mit dem Projekt der Universität Zürich wird erstmalig in einem Hauptsowie in mehreren Subprojekten eine Datenbasis basierend auf WhatsApp-Nachrichten veröffentlicht. Da sich die vorliegende Arbeit mit der Alltags- und Nähekommunikation beschäftigt, wurde zur Erhebung der schweizerdeutschen Daten die Suchanfrage im Subkorpus gsw (Swiss-German dialect) gestellt, welches über 2.670.685 Tokens verfügt. Für die Abfrage der bundesdeutschen Daten wurde das gesamte Korpus genutzt. Die Tokenanzahl hierfür ist nicht angegeben. Im WuD-Korpus sind 236 Chats mit insgesamt 367.000 Nachrichten enthalten (vgl. Siebenhaar 2020), während das WuS-Subkorpus gsw 275 Chats mit einer Nachrichtenanzahl von 506.984 umfasst (vgl. Ueberwasser/ Stark 2017). Die Datensätze wurden im Jahr 2014 (WuS) beziehungsweise 2014 - 2015 (WuD), fünf Jahre nach dem Launch des Messengers WhatsApp, gesammelt. Mit der Fokussierung auf die Strategie der Ability Question wurden nur Belege extrahiert, die das Modalverb können aufweisen und der konventionell indirekten Form und Funktion dieser Strategie entsprechen (vgl. Kap. 2). Aus jedem Korpus wurde ein randomisiertes Sample aus 150 Belegen (S D und S CH ) gezogen, welches als Grundlage für alle qualitativen sowie deskriptiv statistischen Beobachtungen der Studie dient. 3.3 Kodierung der Daten Die Kodierungsschema des CCSARP (Blum-Kulka et al. 1989: 275 - 289) kann auf die vorliegenden Belege mit vereinzelten Modifikationen übertragen werden. Es ist zu beachten, dass das Kodierungsschema zur Analyse elizitierter Daten entworfen wurde, weswegen Anpassungen an die vorliegende Datenbasis, die zudem digitale Kommunikation darstellt, sich als sinnvoll erweisen. Die Adaptionen beschränken sich primär auf Ergänzungen von Kodierungskategorien wie beispielsweise die Kategorie des Vorhandenseins von Nähe- Markern wie Kuss und Müntschi oder Emojis und die Realisierung der Interpunktion. Eine wesentliche Ergänzung ist die Annahme einer dreigliedrigen Skala für die Bestimmung des Impositionsgrads, die aufgrund der Diskrepanz 4 Im Folgenden wird das schweizerdeutsche Korpus mit WuS und das bundesdeutsche Korpus mit WuD abgekürzt. 132 Julie Täge <?page no="133"?> der Inhalte und Illokutionsstärken als sinnvoll erachtet wurde. In der bisherigen Forschung wird der Grad der Imposition in den meisten Fällen binär mit niedrig beziehungsweise hoch angegeben (vgl. als Gegenbeispiel Murphy/ De Felice 2018), wobei Aufforderungen, die beispielsweise eine zeitintensivere, physische Handlung der aufgeforderten Person verlangen als hoch eingestuft werden (vgl. Ackermann 2021: 279). Die Einteilung in eine dreigliedrige Skala stellt zunächst den Versuch dar, natürliche Daten exakter kodieren zu können. 5 Die folgenden Beispielbelege sollen einen Eindruck geben, wie eine solche Einteilung im Rahmen dieser Arbeit vorgenommen wurde (vgl. House 1989): niedrig Chasch mir Tel Nr vom Scheu schickä? [WuS15m58] Kannst du mir die Telefonnummer vom Scheu schicken? mittel Hoi Mami, könntisch du mer ev hüt od morn ca 30 Manderinli kaufe? [WuS1621f27] Hallo Mama, könntest du mir eventuell heute oder morgen circa 30 Mandarinen kaufen? hoch Hallo Marvin, könntet ihr bitte unseren Hasen Futter geben? ? ? Sind erst am Freitag wieder daheim. [WuD44829f24] Obwohl es möglich wäre, dass der persönliche Charakter der digitalen Nähe- Kommunikation und die physische Distanz Aufforderungen mit höherem Belastungsgrad begünstigen, kann dies für die vorliegenden Samples nicht bestätigt werden. Belege mit niedrigem Impositionsgrad machen die Mehrheit der Belege aus (N (S D ) = 97, N (S CH ) = 90). Die kommunizierten Aufforderungsgegenstände liegen oft im freundschaftlich-familiären Kreis und betreffen primär alltägliche Handlungen. 5 In Anlehnung an House (1989: 105 - 106) wurden die folgenden Kriterien zur Bestimmung des Belastungsgrads im Kodierungsprozess erarbeitet: “ the role relationships between the two participants ” (House 1989: 105), „ the degree of obligation placed on the requestee to comply with the request “ (House 1989: 106), in Anspruch genommene Zeit zur Erfüllung der Aufforderung (vgl. Murphy/ de Felice 2018), Dringlichkeit, Deadline zur Erfüllung der Aufforderung, physische und/ oder kognitive Anstrengung (vgl. Murphy/ de Felice 2018), Involvierung von Dritten, Kurzfristigkeit und Unmittelbarkeit der Aufforderungsstellung, Übertragung von Verantwortung. Ausserdem wurden Aspekte festgelegt, die unmittelbar zur Erhöhung des Grads um eine Einheit bewirkt haben: Dringlichkeit/ Deadline zur Erfüllung der Aufforderung, physische Anstrengung, die ein abweichendes Verhalten der aufgeforderten Person voraussetzen (beispielsweise einen Umweg machen). Ability Questions in der digitalen Kommunikation 133 <?page no="134"?> 3.4 Binäre Logistische Regression Für die statistische Untersuchung der Realisierungsmuster von Aufforderungen der beiden Sprecher: innengemeinschaften wurde ein binomial generalized linear model (GLM, vgl. Nelder/ Wedderburn 1972; Müller 2004) gewählt. Für die Berechnungen wurde die Software R (R Core Team 2021) über die Oberfläche R Studio (R Core Team 2022; version 4.2.2) verwendet sowie die Packages tidyverse (Wickham et al. 2019) und lme4 (Bates et al. 2015) genutzt. Das Regressionsmodell erlaubt es, Aussagen über die Wahrscheinlichkeit der Ausprägungen der abhängigen Variable (AV) im Zusammenhang mehrerer unabhängiger Variablen (UV) zu treffen. Ziel der Rechnungen ist es, zu modellieren, wie die konkreten Realisierungen von Aufforderungen in Abhängigkeit der erklärenden Variablen KORPUS , GRAD DER IMPOSITION und ALTER gestaltet werden. Als abhängige Variablen wurden vier der im CCSARP aufgeführten Modifikationselemente gewählt und in das Modell implementiert: Alerter, Downtoner, Understater und bitte. Am Beispiel der abhängigen Variable ALERTER ergeben sich folgende Ausprägungen der Kategorien: Typ der Variable Kategorie Ausprägungen AV Alerter ja/ nein UV Korpus D/ CH Grad der Imposition 1/ 2/ 3 Alter numerisch Tab. 3: Übersicht der Variablen und ihren Ausprägungen für GLM (Alerter) Die Auswahl der Prädiktoren beruht primär auf Ergebnisse der Forschung (vgl. Kapitel 2) und sekundär auf der qualitativen, explorativen Arbeit mit den Korpusdaten. Die Arbeit mit natürlichen Daten setzt in den meisten Fällen eine gewisse Unausgewogenheit zwischen den Ausprägungen innerhalb einer Kategorie voraus, wie für den Impositionsgrad in Kapitel 3.3 gezeigt, voraus. Die Vorhersagen, die aufgrund dieses Prädiktors entstehen, sind demnach als Tendenzen zu interpretieren, welche mit einem umfassend balancierten Sample Schwankungen unterliegen könnte. Ebenso sind nicht alle Altersgruppen zu gleichen Teilen im Sample vorhanden. Das Durchschnittsalter der Sprecher: innen im S D150 liegt bei 28,3 (Median = 23) und im S CH150 bei 26,3 (Median = 25). Im Vordergrund der Untersuchung stehen somit Aussagen, die aufgrund der diatopischen Variation getroffen werden können. Dennoch lassen sich ebenfalls interpretierbare und signifikante Effekte für die weiteren unabhängigen Variablen abbilden. 134 Julie Täge <?page no="135"?> Zunächst wurde ein Nullmodell basierend auf dem Datensatz erstellt, um dieses dann mit den jeweiligen Regressionsmodelle der zu erklärenden Variablen zu vergleichen. Unter Beispiel (2) und (3) seien das Nullmodell sowie das Regressionsmodell illustrativ für die abhängige Variable Alerter gezeigt: (2) Alerter ~ 1 (3) Alerter ~ KORPUS + ALTER + IMPOSITION Es kann für alle Modelle gezeigt werden, dass das Modell unter Einbezug der Prädiktoren einen hoch signifikanten Beitrag (0,0000156) zur Erklärung der Wahrscheinlichkeit des Auftretens der abhängigen Variable leistet. Damit sind Interpretationen der Estimates zulässig und die Wahl der Prädiktoren legitimiert. Ebenfalls ist die Mindestanzahl der Belege für die Rechnung eines GLM erreicht, die in der Literatur zwar nicht einheitlich angegeben wird, aber nach Green (1991) für die Interpretation der Koeffizienten mindestens bei 106 Belegen pro Gruppe (WuD, WuS) liegt. Mit 150 Belegen pro Sprecher: innengemeinschaft ist dies hinreichend gegeben. Die Untersuchung natürlichen Sprachgebrauchs liegt im Phänomenbereich der realen Welt, weswegen eine niedrigere Modellgüte als bei elizitierten und modellierten Datengrundlagen zu erwarten ist. Das Nagelkerke-Pseudo-R 2 liegt bei 0,122 und ist somit als „ bescheiden “ (vgl. Mujis 2010) zu bewerten. Die vergleichsweise geringe Modellgüte ist bei der Untersuchung natürlicher Sprachdaten erwartbar (vgl. Winter 2020: 77) und in diesem Fall auch auf die geringe Beleganzahl zurückzuführen. 6 Obwohl Winter (2020: 77) treffend konstatiert: „ [l]anguage is complex and humans are messy, so our models rarely account for that much variance “ , können die Effekte der Modelle dennoch einen Aussagegehalt in Bezug auf das vorliegende Sample bieten und konsolidieren darüber hinaus die bisherigen, quantitativen und qualitativen Annahmen des Forschungsfelds. Im Prozess der Extraktion der Daten ist eine gewisse Endlichkeit der verschiedenen Muster der Aufforderungsrealisierung zu verzeichnen. Dies deutet im Zusammenhang mit der theoretischen Basis (siehe Kapitel 2) darauf hin, dass die hier vorgestellten Realisierungsformen den authentischen Sprachgebrauch widerspiegeln. 6 Die Accuracy Rate liegt bei 59,6 %. Somit wird in mehr als der Hälfte der Fälle die Ausprägung der abhängigen Variable korrekt vorhersagt. Der dennoch als hoch einzuschätzenden No-Information-Rate soll im Folgenden die Analyse inferenzieller und qualitativer Beobachtungen entgegengesetzt werden. Ability Questions in der digitalen Kommunikation 135 <?page no="136"?> 4 Resultate Die Resultate der vorherigen Studien, die auf elizitierten Daten basieren, können anhand der Resultate der vier Regressionsmodelle bestätigt werden. Die diatopische Variable hat in zwei von vier Modellen (vgl. Tab. 4, Tab. 7) einen signifikanten Einfluss auf die konkrete Realisierung der Modifikationselemente. So ist anhand der Effektsignifikanzen zu erkennen, dass die räumliche Variable, die hier als Korpus operationalisiert ist, einen hochsignifikanten Effekt darauf ausübt, ob die Ability Question durch einen Alerter modifiziert wird. H1 kann somit bestätigt werden. Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Alertern in schweizerdeutschen Aufforderungen ist um einen Faktor von 3,33 (Odds Ratio) höher als in Ability Questions bundesdeutscher Sprecher: innen. Estimate SE z-value Pr(>|z|) (Intercept) 0.55167 0.45189 1.221 0.222 KorpusD -1.20265 0.25394 -4.736 2.18e-06 *** Alter 0.02379 0.01192 1.995 0.046 * impositionlow -0.34721 0.34884 -0.995 0.320 impositionmedium -0.53746 0.37999 -1.414 0.157 Tab. 4: Zusammenfassung der Ergebnisse des GLM (Alerter) Ausserdem ist zu erkennen, dass bei steigendem Alter die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Alertern steigt. Dieses Resultat ist mit 0.05 knapp signifikant. Im Gegensatz dazu bietet der Prädiktor KORPUS keinen statistisch signifikanten Beitrag zur Erklärung der Modifikation durch die Partikel bitte, sodass H2 nicht bestätigt werden kann. In Hinblick auf H3 kann dahingegen gezeigt werden, dass die Modifikation durch bitte wahrscheinlicher bei Aussagen mit einer geringen Imposition (0,01) ist. Die Verwendung von bitte in Aufforderungen mit hohem Belastungsgrad stellt in den Daten eine Ausnahme dar. Estimate SE z Pr(>|z|) (Intercept) -3.072.337 0.745359 -4.122 3.76e-05 *** KorpusD 0.277296 0.325249 0.853 0.3939 Alter 0.005111 0.014806 0.345 0.7299 impositionlow 1.341811 0.630686 2.128 0.0334 * impositionmedium 1.268888 0.660942 1.920 0.0549 . Tab. 5: Zusammenfassung der Ergebnisse des GLM (bitte) 136 Julie Täge <?page no="137"?> Entgegen der Annahme in H4 divergieren die Realisierung von Downtonern und Understatern voneinander. Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Understatern ist mit einem hochsignifikanten Effekt (für schweizerdeutsche Ability Questions belegt, während die diatopische Variable keinen signifikanten Effekt auf die Realisierung von Downtonern aufweist. Die Modifikation durch Downtoner ist somit für das Datensample in beiden Varietäten belegt. Estimate SE z Pr(>|z|) (Intercept) -2.06494 0.60991 -3.386 0.00071 *** KorpusD -1.32977 0.33800 -3.934 8.35e-05 *** Alter 0.02060 0.01417 1.454 0.14601 impositionlow 0.95725 0.48677 1.967 0.04924 * impositionmedium 0.29559 0.54267 0.545 0.58597 Tab. 6: Zusammenfassung der Ergebnisse des GLM (Understater) Estimate SE z Pr(>|z|) (Intercept) -0.436051 0.440438 -0.990 0.322 KorpusD 0.220311 0.250604 0.879 0.379 Alter -0.001378 0.011511 -0.120 0.905 impositionlow -0.292277 0.332501 -0.879 0.379 impositionmedium -0.436311 0.370435 -1.178 0.239 Tab. 7: Zusammenfassung der Ergebnisse des GLM (Downtoner) Ferner ist die Wahrscheinlichkeit zur Realisierung von Understatern wahrscheinlicher in Aufforderungen geringer Imposition. Die primäre Annahme der Studie, dass sich die Aufforderungsrealisierungen aufgrund varietätenspezifischer Faktoren unterscheiden, kann für zwei von vier Modellen bestätigt werden. Zur Erklärung der Unterschiede erweist sich die diatopische Variable KORPUS als besonders relevant. Ferner geben die Resultate einen Hinweis darauf, dass die Gestaltung der Ability Question von dem ihr inhärenten Belastungsgrad abhängig ist. Für beide Sprachräume ist eine hohe Frequenz von Downtonern und Understatern zu verzeichnen. Ebenso zeigt die Verwendung des Modifikationselement bitte keine signifikanten Unterschiede zwischen den Teilkorpora. Ausschliesslich im GLM (Alerter) bietet die Variable ALTER ein Erklärungspotential für die statistisch signifikanten Unterschiede in der Ausprägung der Kategorie. Ability Questions in der digitalen Kommunikation 137 <?page no="138"?> 5 Diskussion Die Ergebnisse der statistischen Analyse zeigen, dass die im Metadiskurs reflektierten Unterschiede zwischen der bundesdeutschen und schweizerdeutschen Aufforderungsrealisierung zumindest teilweise auf dem natürlichen Aufforderungsverhalten basieren. Im folgenden Kapitel sollen die Unterschiede in der Verwendung der Modifikationselemente und die möglichen Gründe für die Realisierungsmuster diskutiert werden. 5.1 Alerter Unter Rückbezug auf den überspitzten Blogkommentar aus der Einleitung fällt auf, dass der erste Unterschied zwischen beiden Aufforderungen die Absenz des Alerters in der als bundesdeutsch kategorisierten Aufforderung ist: (4) Ich kriege einen Kaffee! (5) Grüezi, ich hätte gerne zwei Kaffee und zwei Cremeschnitten, bitte. Als „ core of polite behavior “ (Schüpbach 2015: 75) scheinen Alerter im Gegensatz zur Partikel bitte von schweizerdeutschen Sprecher: innen nicht mit direktiver Stärke verknüpft zu sein; vielmehr ist ihr Gebrauch in den Normen höflicher Kommunikation verankert. Sowohl die Resultate des GLM (Alerter) als auch die Verteilung der Alerter-Typen 7 in Abbildung 2 bestätigen, dass Alerter einen zentralen Aspekt der schweizerdeutschen Aufforderungsrealisierung darstellen. Abb. 2: Verteilung der Alerter-Typen in Prozent an der Gesamtanzahl 7 Neben den drei häufigsten Alerter-Typen gibt es in den Samples auch weitere Typen wie Verbindungen aus der Grussformel Liebe/ r mit onymischem Vokativ. 138 Julie Täge <?page no="139"?> In Ergänzung zu der wesentlich höheren Wahrscheinlichkeit zur Realisierung von Alertern in schweizerdeutschen Aufforderungen ist zu erkennen, dass die Wahl des Alerter-Typs sich in beiden Sprecher: innengemeinschaften massgeblich unterscheidet. Die Realisierung von Alertern in bundesdeutschen Ability Questions findet man primär in Form von simplen Grussformen, welche im Gegensatz zum Gebrauch onymischer und pronominaler Vokative oder Verbindungen aus Grussformen und Vokativen als wenig adressiertenorientiert einzuschätzen ist. Besonders deutlich wird die diametrale Verteilung der Realisierung der Kombination aus Gruss und Vokativ. Diese Form bietet nicht nur die Erfüllung des Minimums von Höflichkeitsnormen (vgl. Rash 2004: 70), sondern eröffnet einen Platz für die Abbildung interpersonaler und sozialer Beziehungen. So beschreibt Günthner (2016: 432) die Verwendung von onymischen Vokativen als Mittel zur „ soziale[n] Positionierung des Gegenübers “ sowie die eigene Positionierung der Sprecher: innen innerhalb eines sozialen Gefüges. Diese Funktion wird besonders deutlich bei kinship-Bezeichnungen, die gewisse soziale Implikationen und Erwartungen der Sprecher: innen inkludieren. Des Weiteren beschreibt Günthner (2016: 409) onymische Vokative als „ explizit, dialogisch markiert “ und macht auf ihre Funktionalisierung als „ other-oriented Ressourcen “ (Günthner 2016: 431) aufmerksam. Diese Funktionen sowie die Erhöhung der Zugänglichkeit zwischen den Sprecher: innen und Hörer: innen, die sie (Günthner 2016: 422) mit Goffman (1974) für die namentliche Adressierung feststellt, trifft ebenso auf die Verwendung pronominaler Vokative (vgl. u. a. Ackermann 2023b) zu. Jeder der benannten Alerter-Typen ist Teil einer rituellen Praxis (vgl. u. a. Goffman 1974; Rash 2004; Manno 2005). Darüber hinaus ist ihre Realisierung im Gegensatz zu den anderen Modifikationselementen als Praxis positiver Höflichkeit zu bewerten (vgl. Manno 2005). Aus diesem Grund ist es nicht unerwartet, dass Günthner (2016: 433) im Zusammenhang mit face-bedrohenden Vorwürfen, zeigen kann, dass onymische Adressierungen einen mitigierenden Effekt erzeugen, da sie als Ressource der sozialen Nähe und Vertrautheit fungieren. Für die vorliegenden Daten kann kein Einfluss auf die Effektstärken aufgrund des Grads an Belastung der Aufforderung festgestellt werden. Die Resultate suggerieren, dass die Realisierung von Alertern als generelles Mittel zur Mitigation des direktiven Sprechakts verwendet wird, welches unabhängig vom Belastungsgrad vor allem von schweizerdeutschen Sprecher: innen zu Realisierungen von Aufforderungen funktionalisiert wird. Ein qualitativer Blick in die Belege bestärkt die Annahme, dass die Funktion der Alerter für die Projektion sozialer Beziehungen beispielsweise durch den Gebrauch von Kosenamen für schweizerdeutsche Sprecher: innen von höherer Relevanz ist als für bundesdeutsche Sprecher: innen: Ability Questions in der digitalen Kommunikation 139 <?page no="140"?> (6) Hey mis woahli.i has u lustig gfunde bi de séverine)schön,bisch debi gsi! du schatzi,chasch mir ned bitte dis iTunes Kennwort schicke? i versprech dir au, dassi nur gratis apps abelade tue! da wär uuu lieb! kuuuss [WuS27m627] Hey mein [Kosename]. Ich fand es bei Séverine superlustig. Schön, dass du dabei warst. Du schatzi, kannst du mir nicht bitte dein iTunes Kennwort schicken? Ich verspreche dir auch, dass ich Gratis-Apps herunterlade! Das wäre superlieb! Kuss. (7) Hoi Lelskeli, döfti dir mal wieder e Bstellig ufgäh? Ha no mite Matti telifonaglet und ihre das Zeller „ Entspannung “ empfohle, weisch, wo du mal Müsterli gha hesh. Weish weles? Chöntish ihre so eis bringe? [ … ] Falls unklar, was es ish, bitte nochefroge =) Merci und dübski! =) Sukettini xX [WuS27f294] Hallo [Spitzname], dürfte ich dir mal wieder eine Bestellung aufgeben? Ich habe noch mit Matti telefonagelt und ihr das Zeller „ Entspannung “ empfohlen. Weisst du? Das, von dem du mal Muster hattest. Weisst du welches? Könntest du ihr so eins bringen? [ … ] Falls unklar, was es ist, bitte nachfragen =) Danke und ! =) [Spitzname] xX Dahingegen ist die Verwendung von Kosenamen in den bundesdeutschen Aufforderungen nur einmal verzeichnet. (8) Marenita, ich schaffs nicht mehr, noch einkaufen zu gehen. Falls dir nach salat ist, kannst du vll einfach einen mitbringen und wir machen ihn dann zsm bei mir? [WuD23f123715] Des Weiteren zeigt sich eine höhere Variation in der Verwendung von Alertern in den schweizerdeutschen Belegen, die beispielsweise an der Kombinationsfreudigkeit der Alerter-Typen und konkreten Vokativ-Formen in schweizerdeutschen Aufforderungen abzulesen ist (vgl. hierzu auch Ackermann: 2023b). Wie bereits herausgearbeitet, kommt dem Modifikationselement als Eröffnung der Ability Question eine wichtige Rolle zur Fixierung der interpersonalen Beziehung zwischen den Sprecher: innen zu. Sie sind als Präliminarien des eigentlichen Gegenstands der Aufforderung verstehen. Sie stellen durch ihren Charakter als Projektionsfläche sozialer Relationen das Musterbeispiel des face-schonenden Aufforderungsverhaltens dar, welches von schweizerdeutschen Sprecher: innen in Form von Ritualen mit normativem Charakter zur Modifikation der Aufforderung funktionalisiert wird. Bundesdeutsche Sprecher: innen hingegen vermeiden diese Anwendung positiver Höflichkeit. Sie ist eine Abweichung der impliziten Gestaltung der Ability Question. Davon ausgehend, dass soziale Rollen wie Freundschafts- oder Familienrelationen eine gewisse Erwartung an die Erfüllung der Aufforderung stellen, wird vor allem in der Realisierung des kombinierten Alerter-Typs die Handlungsfreiheit 140 Julie Täge <?page no="141"?> der aufgeforderten Person eingeschränkt. Die im Metadiskurs diskutierte Divergenz in der sprachlichen Indirektheit zwischen bundes- und schweizerdeutschen Sprecher: innen wird durch weitere kommunikative Präferenzen wie den Ausdruck von sozialen Relationen oder der Erzeugung von Nähe überlagert. Dementgegen steht eine weitere kommunikative Präferenz. House (2010: 571) interpretiert mit Hofstede (1984) die Fokussierung auf den Aufforderungsinhalt bundesdeutscher Sprecher: innen als Bedürfnis, mögliche Ambiguitäten zu vermeiden und somit Eindeutigkeit als Vehikel für face-wahrendes, gegenseitiges Verstehen dient. 8 Die variierenden Muster könnten somit als Ergebnis der beiden divergierenden Präferenzen verstanden werden. 5.2 bitte Analog zur Realisierung von Alertern in schweizerdeutschen Ability Questions bietet die Partikel bitte eine Projektionsfläche für Normvorstellungen über höfliches Aufforderungsverhalten. Mit einem Konglomerat an Funktionen in höflichkeitssensitiven Sprechakten umfasst bitte die Möglichkeit, sich zu bedanken, auf einen Dank zu reagieren und schliesslich Bitten zu stellen. 9 Trotz ihres hohen Grads an Konventionalität und sozialer Erwartbarkeit trägt sie nicht zur Indirektheit der Aufforderung bei, sondern unterstreicht ihren Charakter als Direktiv. In früheren Schemata (vgl. u. a. Blum-Kulka et al. 1989) wurde bitte als Höflichkeitsmarker operationalisiert, der gemäss seiner indexikalischen Form-Funktion-Verknüpfung als höflichkeits-indizierendes Feature verwendet wird. Diese statische Relation wird von neueren Ansätzen wie der Rekonzeptualisierung durch ritual frame indicating expressions (im Folgenden mit RFIE abgekürzt) nach Kádár/ House (2021) kritisiert. Sie problematisieren die präsupponierte Definitheit der Beziehung zwischen Form und Funktion, da diese „ subject to linguacultural variation “ (Kádár/ House 2021: 81) sei. In ihrer Rekonzeptualisierung definieren Kádár/ House (2021: 81) RFIEs wie folgt: „ such expressions are not necessarily polite, but rather are markers of standard situations and, more importantly, they indicate a ‘ ritual frame ’“ . Obwohl der Anteil der Realisierungen in bundesdeutschen Aufforderungen etwas höher ist, lässt sich kein generelles Muster erkennen, das beispielsweise 8 Tannen (1981: 395) beschreibt in der Analyse von konversationellem Stil eine ähnliche Praxis, die sie unter dem brevity effect zusammenfasst: „ some speakers interpreted ‘ brevity ’ in informal talk as evidence of ‘ casualness ’ and hence ‘ sincerity ’ . “ 9 Eine exhaustive Übersicht über die Funktionen von bitte im Gegenwartsdeutschen sowie die diachrone Entwicklung des höflichkeitssensitiven Markers ist in Ackermann (2023a) zu finden. Ability Questions in der digitalen Kommunikation 141 <?page no="142"?> die Präferenz von bundesdeutschen Sprecher: innen zur Transparenzmachung der Illokution verdeutlicht. In anderen Sprecher: innengemeinschaften erscheint die Funktion von bitte in Ability Questions weniger ambivalent. So konstatieren Lynne/ De Felice (2018: 94) eine gewisse Optionalität von please als ritualisierten Höflichkeitsmarker, der ausschliesslich für britische Sprecher: innen funktionalisierbar sei, nicht aber für amerikanische Sprecher: innen, da für sie die direktive Lesart von please im Vordergrund stünde. Eine solch starke Abgrenzung in der Funktionalisierung als Höflichkeits- oder Direktivmarker ist im Vergleich schweizerdeutscher und bundesdeutscher Sprecher: innen nicht zu finden. Interessanterweise scheint die Multifunktionalität von bitte für den Sprechakt der Aufforderung von besonderer Bedeutung zu sein, da Kommentare aus dem Metadiskurs nahelegen, dass das Vorkommen ritualisierter Partikeln wie bitte und danke in Sprechakten wie Bestellungen von einer deutlichen sozialen Erwartbarkeit geprägt ist (vgl. u. a. Dürscheid/ Simon 2019). Für die Interpretation von bitte als Direktivmarker spricht die Unvereinbarkeit seiner Realisierung in Aufforderungen mit hohem Belastungsgrad. Diese Modifikation stellt in den Belegen eine Ausnahme dar. In den bundesdeutschen Belegen weisen drei Aufforderungen mit hohem Belastungsgrad die Modifikation durch bitte auf, während in den schweizerdeutschen Belegen nur ein Vorkommen zu verzeichnen ist. In Beispiel 9 steht deutlich ihre direktivmarkierende Lesart im Vordergrund: (9) Chönnd ihr mir bitte no d uufsätz schicke. Die hetted sölle am mittwuch bir mir uf em tisch ligge! [WuS230m17] Könnt ihr mir bitte noch die Ausätze schicken. Die hätten am Mittwoch bei mir auf den Tisch liegen sollen! In diesem Beispiel ist die „ Anderssetzung “ (Androutsopoulos 2018: 725) des Interpunktionszeichens auffällig, weswegen sie an dieser Stelle kurz diskutiert wird. Neben der „ Mehrfach- und Nichtsetzung “ (vgl. Androutsopoulos 2018: 725) ist diese in der digitalen Kommunikation nicht als Interpunktionsfehler, sondern als Interpretationshilfe zu verstehen, da sie nach Androutsopoulos (2018: 736) eine „ visuelle Prosodie “ darstelle. Entgegen der zu erwartenden Form eines Interrogativsatzes werden Ability Questions auch in Form von Deklarativ- oder Exklamativsätzen realisiert (vgl. Ackermann 2023c: 21). In diesem Fall geht Ackermann (2023c: 21) von einer potentiellen Überschreibung des Aufforderungssatzes aus, die im Zusammenhang mit dem stark konventionalisierten Charakter der Strategie der Ability Question stehen. Für die 142 Julie Täge <?page no="143"?> Substitution des Fragezeichens durch einen Punkt sind in den Belegen des WuD-Samples elf Aufforderungen zu finden, während das schweizerdeutsche Sample 19 Belege aufweist. Mit erneutem Blick auf das Beispiel 9 erscheint der direktive Charakter durch die Kombination von bitte, der normabweichenden Interpunktion und mithin der Dringlichkeit der Aufforderung verstärkt. Ability Questions, wie in Beispiel 9 gezeigt, stellen eine Ausnahme dar, skizzieren jedoch die pragmatische Ambiguität der Partikel bitte. Ihre Funktion innerhalb der Ability Question changiert zwischen Direktivmarker, der die illokutionäre Stärke hervorhebt, und ritualisiertem Höflichkeitsmarker, der die sozialen Sprachnormen widerspiegelt. An ihr zeigt sich der Dualismus zwischen Direktheit und somit Klarheit der Aufforderung und die Mitigation der face-Bedrohung mittels der Einhaltung von Konventionen. Ihre Lesart ist stark kontextabhängig, da sie einerseits in Relation zum Grad der Imposition steht und andererseits zu erwarten ist, dass sie in Abhängigkeit von zwischenmenschlichen Parametern wie Macht und Distanz steht. In der Gesamtheit ihrer Lesarten ruft sie einen rituellen Rahmen (vgl. Kádár/ House 2021) auf, der wiederum als Ausprägung der sprachlichen Aufforderungskonventionen zu verstehen ist. Daraus lässt sich schliessen, dass die Reproduktion von Konventionen auch für diese Form der Modifikation von hoher Relevanz ist. 5.3 Understater und Downtoner Der lexikalischen Modifikation durch Understatern und Downtonern kommt eine elementare Rolle in der Abschwächung des Illokutionspotentials von Ability Questions zu. Sie eröffnen zwei verschiedene Zugänge zu der Mitigation der Aufforderung. Während Understater wie beispielsweise kurz und gerade auf die Modalität der Erfüllung der Aufforderung referieren, indem sie den zeitlichen Rahmen beziehungsweise die Belastung, die durch die Aufforderung in Anspruch genommen wird, sprachlich minimieren, stellen Downtoner wie vielleicht und eventuell die Erfüllung der Aufforderung in Frage. Andere Downtoner wie mal wiederum signifizieren casualness (vgl. Ackermann 2023c: 20). Trotz diverser Form-Funktion-Zuordnungen ist die Kategorisierung von Downtonern und Understatern als unifunktionale Elemente nicht unproblematisch (vgl. u. a. Helbig 1977); jedoch wird sich an dieser Stelle genau auf eine ihrer Funktionen, die Modifikation durch illokutive Abschwächung, bezogen. Es ist anzumerken, dass auch diese onomasiologische Perspektivierung der Multifunktionalität der Elemente nicht gänzlich gerecht wird. Thurmaier (1989: 186) hebt beispielsweise hervor, dass mal in Äusserungen, welche auch eine Lesart als reine Informationsfrage zuliessen, eine „ Vereindeutigung “ der Aufforderungslesart evoziere. Es steht ausser Frage, Ability Questions in der digitalen Kommunikation 143 <?page no="144"?> dass die Verwendung von Downtonern und Understatern eine face-schonende Praxis ist, da sie wie eingangs beschrieben, die Handlungsfreiheit und Zeit der aufgeforderten Person sprachlich als wertzuschätzenden Gegenstand darstellt. Die Ergebnisse der Regressionsmodelle zeigen, dass lediglich Understater mit einer höheren Wahrscheinlichkeit in schweizerdeutschen Ability Questions realisiert werden. Besonders auffällig ist hierbei die Verwendung des Modifikationselements noch, das in den bundesdeutschen Belegen nur vier Mal vorkommt, während es in den schweizerdeutschen Belegen mehr als fünf Mal so oft zu verzeichnen ist. 10 Damit ist noch (am häufigsten in der graphischen Variante no) der häufigste Understater in schweizerdeutschen Aufforderungen. Illustrativ für seine Verwendung soll folgendes Beispiel dienen: (10) Morge margrith! Chasch mär no s chüelschrank inventar duregäh? Bis spöter! [WuS1125f28] Morgen Margrith! Kannst du mir noch das Kühlschrankinventar durchgeben? Bis später! Die Tendenz im Schweizerdeutschen zur häufigeren Verwendung von Understatern bestätigt auch Ackermann (2021). Ebenso decken sich die Resultate mit den Daten in Ackermann (2021) bezüglich der Verteilung der Downtoner. Beide Sprecher: innengemeinschaften verwenden sie gleichermassen häufig, wobei sie in den bundesdeutschen Belegen statistisch nicht signifikant öfter vorkommen. Insofern zeichnet sich die Realisierung von Understatern als erwartbare Modifikationsstrategie für Ability Questions im Schweizerdeutschen ab, die von den bundesdeutschen Sprecher: innen deutlich seltener genutzt wird. Eine Abhängigkeit zwischen Impositionsgrad und Gebrauch der Modifikatoren ist nicht zu erkennen. Die Maxime, dass einer steigenden Impositon ein höherer Bedarf an Modifikation der Aufforderung inhärent wäre, scheint zu simplifizierend, um das Modifikationsverhalten angemessen zu beschreiben. So macht Ackermann (2023c: 8) darauf aufmerksam, dass eine zu starke Mitigation wiederum als fordernd interpretiert werden könne und deswegen vermieden werde. In Analogie zur Verwendung der genannten Modifikatoren ist der Gebrauch von Understatern und Downtonern nicht unmittelbar als höflichkeitsindizierend zu bewerten. Vielmehr konnte gezeigt werden, dass ihr Gebrauch ein konventionalisiertes, typisches Muster darstellt, welches in 10 Eine ähnliche Verteilung ist auch für die Negation, ausgedrückt durch die Partikel nid, nöd, etc., zu erkennen. In den bundesdeutschen Daten ist nur ein Beleg mit Negationspartikel zu finden, während sechs schweizerdeutsche Belege diese Form der Modifikation aufweisen. 144 Julie Täge <?page no="145"?> beiden Sprecher: innengemeinschaften zur Realisierung von Ability Questions genutzt wird. Mit ihnen wird eine gewisse Floskelhaftigkeit verbunden, wie diese Metareflexion aus dem schweizerischen Tages-Anzeiger (vgl. Tages- Anzeiger, 21.05.2007) zeigt: Man sagt „ Könnte ich vielleicht “ (mit Betonung auf vielleicht, obwohl man gar nicht vielleicht meint, sondern unbedingt), man sagt „ Meinen Sie, es wäre möglich “ (obwohl einen die Meinung des anderen nicht im Geringsten interessiert), statt „ Kann ich “ oder „ Können Sie bitte “ (wobei es egal ist, ob das bitte fehlt, denn bereits die Verwendung des Indikativs an Stelle des Konjunktivs gilt als unhöflich). Coulmas (1981: 10) erfasst diese Floskeln als „ conversational routines “ , welche nicht nur von der Eindeutigkeit ihrer Lesart geprägt seien, sondern auch von den „ rules of conduct “ (1981: 10), die von der Sprecher: innengemeinschaft mit Höflichkeit assoziiert werden. Terkourafi (2015: 289) beschreibt dies für das Zypriotische Griechisch wie folgt: „ politeness becomes more a matter of conventionally knowing which expressions are expected in which situations than an online inference from the semantic representation of the utterance. “ Hierfür scheinen diese Modifikatoren das prototypische Muster für Ability Questions in deutschsprachigen Gemeinschaften zu sein, wie anhand ihrer ähnlichen Verteilung und den Effektsignifikanzen zu erkennen ist. 6 Fazit Das Anliegen der Studie war es, eine kontrastive Beschreibung der konkreten Realisierungsmuster von Ability Questions zwischen bundesdeutschen und schweizerdeutschen Sprecher: innen vorzunehmen. Die folgenden Beispiele stellen jeweils die prototypische Realisierung einer Ability Question in beiden Sprecher: innengemeinschaften dar, an denen sich die grundlegenden Differenzen der Aufforderungsmuster visualisieren lassen: (11) Hoi alessandra, chöntsch du mir ächt di gnau adrässe geh vo det wo skonzert isch am fritig? und gäl am 8 isches,oder? schöns tägli! glg [WuS1318] Hallo Alessandra, kannst du mir vielleicht die genaue Adresse geben, wo das Konzert am Freitag ist? Und um 8 Uhr ist es, oder? Schönen Tag! Glg (12) Sag mal, kannst du mir ein paar Urlaubsfotos schicken Bitte? [WuD19683] Zunächst zeigt sich, dass die bisherigen Erkenntnisse der Forschung zum Vergleich des Aufforderungsverhaltens weitestgehend anhand der Datengrundlage bestätigt werden können. Dabei stellt sich die diatopische Variable als besonders aussagekräftig für die Analyse der Aufforderungsmuster heraus. Der direkte Vergleich zeigt, dass verschiedene Modifikationselemente zur Ability Questions in der digitalen Kommunikation 145 <?page no="146"?> Realisierung der Ability Questions gewählt werden. So ist repräsentativ für alle schweizerdeutschen Belege anhand von Beispiel 11 anzumerken, dass mehrere Elemente der internen und externe Modifikation kombiniert werden und die Ability Questions aus diesem Grund syntaktisch und pragmatisch komplexer sind. Bezeichnend für die Ability Question in schweizerdeutschen Varietäten ist die Realisierung von Alertern, wobei die onymische Vokativform die präferierte Wahl ist. Die Projektionsfläche von interpersonalen Beziehungen wird von schweizerischen Sprecher: innen häufiger funktionalisiert, weswegen man hier von einer kommunikativen Präferenz zur Relevanzsetzung der adressierten Person ausgehen kann. House (2010: 571) erfasst diese Präferenz in den Dimensionen der interkulturellen Kommunikation als „ addresseeorientation “ als Gegenpol zur „ content-orientation “ . Obwohl der Entwurf der Dimensionen einer kontrastiven Analyse zum Aufforderungsverhalten englisch- und deutschsprachiger Personen entspringt, ist die Gegenüberstellung dieser kommunikativen Präferenzen hilfreich, um die Realisierung von Ability Questions in deutschsprachigen Gemeinschaften zu verstehen. Eine analoge Einordnung könnte für die Realisierung von Understatern formuliert werden. Als face-schonende Praktik ist ihre Realisierung vor allem in schweizerdeutschen Ability Questions konventionalisiert. Ein weiterer Unterschied zwischen den Realisierungsformen ist die in den Beispielen 11 und 12 exemplarisch dargestellte Diskrepanz zwischen der Länge der Ability Questions, welche in der zugrundeliegenden Studie skaliert wurde. An dieser Stelle treffen wiederholt die zwei Präferenzen aufeinander, die im Metadiskurs oft als Unterschied in der Direktheit, Unhöflichkeit beziehungsweise Deutlichkeit gerahmt wird. Als Ergänzung zur diatopischen Variable liefert der Prädiktor Imposition einen Beitrag zur Erklärung der Muster. Dies zeigt sich besonders in der Realisierung der Partikel bitte, die durch ihren ambivalenten Charakter als Höflichkeitsbeziehungsweise Direktivmarker verschiedene Illokutionspotentiale bereithält. Ihre Verwendung ist in beiden Sprecher: innengemeinschaften gleichermassen wahrscheinlich. Ebenso zeigt sich die Verwendung von Downtonern als Element der typischen Modifikationsstrategie der Aufforderungsrealisierung unabhängig von der Varietät. Die soziodemographische Variable Alter hat nur für die Realisierung von Alertern ein Erklärungspotential geleistet. Im Fall der Realisierung von Downtonern und der Partikel bitte erweist sich die reale Divergenz des pragmatischen Sprachverhaltens geringer als dem ausgeprägten interkulturellen und diskursiven Bewusstsein zu entnehmen ist (vgl. hierzu u. a. Ackermann 2021: 296). Schliesslich ist die Gestaltung von Ability Questions als komplexes Zusammenspiel von varietätsspezifischen 146 Julie Täge <?page no="147"?> Präferenzen zu verstehen, welches durch die Annahme diatopischer Variation und die Modellierung des Aufforderungskontexts zu einem grossen Teil erklärt werden kann. Für zukünftige Studien kann es von Interesse sein, die Distanz zwischen den realen Aufforderungsmustern einerseits und den stereotypisierten Vorstellungen über ihre Realisierung zu überwinden und zu hinterfragen, welche kommunikativen Ziele und Normvorstellungen ihnen inhärent sind. In diesem Sinne lassen sich die Ergebnisse mit der Erkenntnis Wierzbickas (1991: 61) konkludieren: „ the crucial fact is that different pragmatic norms reflect different hierarchies of values characteristic of different cultures. “ 7 Ausblick Die vorliegende Studie versteht sich als Versuch, einen empirischen Zugang zu variationspragmatischen Phänomenen basierend auf natürlichen Sprachdaten zu entwerfen. Es konnte gezeigt werden, dass die konkrete Beschreibung und Analyse von Sprechakten basierend auf natürlichen Daten grundsätzlich möglich ist und in künftigen Studien zur Beschreibung weiterer Aufforderungstypen oder Sprechakten modifiziert werden könnte. Weitere mögliche Ergänzungen stellt die Berücksichtigung und Beschreibung metapragmatischer Normen dar, die beispielsweise im Rahmen einer interaktionalen Studie (vgl. Ackermann 2021: 297), den Metadiskurs und seine Auswirkung auf die Realisierungsmuster von Aufforderungen erarbeitet werden könnte. Mit Dürscheid/ Simon (2019) ist anzunehmen, dass die feingliedrige Beschreibung der Realisierung von Ability Questions und weiteren Sprechakten durch eine pluriarealen Sichtweise auf die Fragestellung profitieren kann (vgl. hierzu auch u. a. Ackermann 2021, 2023b). Beispielsweise könnte der vorliegenden Studie eine hypothesengeleitete Fragebogenstudie nachgestellt werden, welche Feinbohrungen an verschiedenen Dialektgrenzen vornimmt, um die beschriebene Grobstruktur in ihrer regionalen Ausfaltung zu erfassen. Die Kombination der Analyse von natürlichen und elizitierten Daten sowie das Zusammenspiel von plurizentrischer und pluriarealer Daten kann in künftigen Studien durch einen Einbezug der Perzeptionsebene ergänzt werden, welche bisher weitestgehend ausgeblendet wurde. So legt Ackermann (2023b: 23) in ihrer Perzeptionsstudie nahe, dass sich die teils starken Einstellungen zur Aufforderungsrealisierung nicht in der Bewertung von Aufforderungen niederschlüge. Ein kombinierter Ansatz könnte daher zielführend sein, um die Realisierungsmuster von Aufforderungen und den ihnen zugrundeliegenden Normvorstellungen (vgl. Wierzbicka 1991) zu beschreiben. Ability Questions in der digitalen Kommunikation 147 <?page no="148"?> Literatur Ackermann, Tanja (2021). Bitte könnte ich vielleicht? Eine kontrastive Untersuchung zu Aufforderungen in Deutschland und in der deutschsprachigen Schweiz. Zeitschrift für Dialektologie und Linguistik 88 (3), 265 - 301. Ackermann, Tanja (2023a). Die formale und funktionale Entwicklung von bitte. Eine diachrone Korpusstudie zur Entstehung eines höflichkeitsrelevanten Markers. Zeitschrift für germanistische Linguistik 51 (1), 1 - 35. Ackermann, Tanja (2023b). Soziopragmatik und areale Verteilung von Vokativen im deutschsprachigen Raum. In: Dammel, Antje/ Schweden, Theresa (Hrsg.). Referenz auf Personen in Variation(en) (= Beiträge zur Namenforschung, Beiheft). Heidelberg: Winter, 123 - 145. Ackermann, Tanja (2023c). 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Focusing on WhatsApp group chats between teachers and students in Switzerland we explore whether dialectal writing varies by context, such as peer versus teacher-student interactions, suggesting formal and informal registers of digitally written Swiss German beyond the well-studied regional differences. The empirical data reveal significant variation in dialectal writing that reflect social and contextual qualities and show how emojis and punctuation indicate interactional (in)formality. The study thus demonstrates pragmatic variation and social indexicality in digitally written Swiss German and proposes a formality continuum based on orientation towards standard German orthography on the one hand and phonographic accuracy with respect to dialectal norms on the other. Keywords: register, dialectal variation, Swiss German, texting, grapholinguistics, punctuation, emojis 1 Einleitung (1) 02.07.20, 12: 31: 57 Fr. Wanner Hallo! Ihr seid im Schulchat (L1_G_SuL) Diese Nachricht stammt aus einem Schweizer WhatsApp-Gruppenchat, an dem eine Lehrperson und mehrere ihrer Schüler: innen beteiligt sind. Die Lehrerin Frau Wanner 1 erinnert daran, dass man sich im „ Schulchat “ befinde, nachdem die Schüler: innen sich in einer thematischen Nebensequenz verloren 1 Bei allen Proband: innennamen in diesem Beitrag handelt es sich um Pseudonyme. <?page no="154"?> hatten. Das Hallo! ist hierbei also wohl nicht etwa als Begrüßung zu lesen - vielmehr ruft Frau Wanner ihre Schüler: innen zur Ordnung: Sie sollen Themenstränge, die nicht schulbezogen sind, einstellen und sich zudem einer dem Schulchat angemessenen Varietät bedienen (mehr zu dem Beispiel vgl. Kap. 4.2). Schon an dieser einzelnen metapragmatischen Nachricht zeigt sich somit auch ohne Kenntnis des weiteren Kontextes nicht nur, dass in Gruppen- Messengerchats zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern (im Folgenden SuS) bestimmte kommunikative Normen zu gelten scheinen, sondern dass Lehrpersonen in ihrer Rolle als institutionelle Vertretung die Einhaltung dieser Normen auch explizit einzufordern berechtigt sind (vgl. Heller/ Quasthoff 2021). Wie wir im Folgenden daran anknüpfend zeigen werden, betreffen diese Normen unter anderem die verwendete Varietät, genauer die in der Deutschschweiz unumgängliche Wahl zwischen dem insbesondere im Schulkontext erwartbaren Standarddeutsch (für das sich Frau Wanner im obigen Beispiel entscheidet) oder einem schweizerdeutschen Dialekt, wobei dialektales Schreiben inzwischen zur unmarkierten Wahl in der digitalen Alltagskommunikation avanciert ist (vgl. Siebenhaar 2020: 86). Aus dem Umstand, dass - entgegen bisherigen Annahmen in der Forschung (vgl. z. B. Dürscheid/ Spitzmüller 2006: 25; Felder 2023: 79) - inzwischen auch in institutionell geprägten Kontexten geschriebenes Schweizerdeutsch zur Anwendung kommt, ergibt sich wiederum die Frage danach, wie dieses dialektale Schreiben im Einzelnen gestaltet ist. Während regionale Unterschiede (im Sinne diatopischer Variation) im digitalen Schreiben bereits gut beschrieben sind (vgl. Kap. 2.1), stellt die Untersuchung variationspragmatischer Phänomene (im Sinne diaphasischer Variation) eine Forschungslücke dar, der wir uns im vorliegenden Beitrag annehmen. So ist einerseits in Anknüpfung an bestehende Code-Switching-Theorien und mit einer interaktionalen Perspektive empirisch zu prüfen, welche Faktoren die Wahl zwischen Standard und Schweizerdeutsch beeinflussen: An welcher Stelle und mit welchen Funktionen wird zwischen den beiden Varietäten geswitcht? Andererseits rekonstruieren wir in diesem Beitrag, ob und wie sich dialektales Schreiben je nach Kontext unterscheidet; ob also beispielweise dialektale Verschriftungen in Chats unter Freund: innen oder in Peergruppen anders realisiert werden als dialektale Verschriftungen in Interaktionen von Lehrperson und SuS. Gibt es etwa formellere bzw. informellere Schreibregister des Schweizerdeutschen? Diese manifestieren sich über lexikalische und phonographische Wahlen hinaus auch in der Verwendung bestimmter Formenklassen wie Emojis und Interpunktionszeichen, deren Verteilungsmuster kontextualisierende Funktion hinsichtlich des Formalitätsgrades von Interaktionen aufweisen. Ziel dieses 154 Florian Busch & Karina Frick <?page no="155"?> Beitrags ist es somit auf Basis empirischer Daten, die Deutschschweizer WhatsApp-Chats zwischen Lehrpersonen und SuS umfassen, die Ausdifferenzierung dialektaler Schreibregister in digitalen Kommunikationssettings zu beschreiben. Dazu werden wir im Folgenden zunächst auf die theoretischen und empirischen Ausgangspunkte eingehen, an die unsere Überlegungen anknüpfen: einerseits die Forschung zu Verschriftungsvariation im digitalen Schweizerdeutschen (vgl. Kap. 2.1) und andererseits das Konzept digitaler Schreibregister als Beschreibungsmittel dieses variationspragmatischen Phänomens (vgl. Kap. 2.2). Im Anschluss beschreiben wir das WhatsApp-Korpus (vgl. Kap. 3), das wir zum Zweck dieser Fallstudie erhoben haben, bevor wir schlaglichtartige Analyseergebnisse vorstellen: zunächst in Hinblick auf die Distribution einzelner Formenklassen (Emojis und Interpunktionszeichen) und ihrer kontextualisierenden Funktion im Gesamtkorpus (vgl. Kap. 4.1), dann in qualitativinteraktionsanalytischer Perspektive mit Blick auf die intraindividuelle Variation von einzelnen Schreiber: innen in verschiedenen Chatsequenzen (vgl. Kap. 4.2). Abschließend diskutieren wir die theoretische Implikation dieser Ergebnisse (vgl. Kap. 5) und geben zuletzt einen Ausblick (vgl. Kap. 6). 2 Forschungsstand 2.1 Schweizerdeutsche Graphie im digitalen Schreiben Das dialektale Schreiben, das insbesondere mit dem Aufkommen digitaler Kommunikationstechnologien wie Chats oder SMS Einzug in die Deutschschweizer Alltagskommunikation gehalten (vgl. z. B. Dürscheid/ Spitzmüller 2006: 24; Siebenhaar 2008, S. 2) und damit die vielzitierte „ mediale Diglossie “ (Kolde 1981: 68) regelrecht außer Kraft gesetzt hat (Haas 2004: 85; Sieber 2010: 374), 2 ist schon in den Nullerjahren aus variationslinguistischer Perspektive in den Blick genommen worden (vgl. z. B. Aschwanden 2001; Spycher 2004; Siebenhaar 2003, 2006; Christen 2004; Müller 2011). Diese frühen Arbeiten widmen sich unter anderem der Frage, inwiefern sich im digitalen Dialektschreiben regionale Unterschiede widerspiegeln bzw. inwiefern die 2 Anzumerken sei einschränkend, dass es natürlich auch vor der flächendeckenden Verbreitung digitaler Kommunikationstechnologien schon geschriebenes Schweizerdeutsch gegeben hat, bspw. in Form von Mundartliteratur; aber „ [i]n einer solch großen Quantität, wie dies im Bereich neuerer digitaler Kommunikationsumgebungen der Fall ist, wurde zuvor jedoch sicherlich nie auf Schweizerdeutsch geschrieben “ (Felder 2023: 79). Dialektale Schreibregister 155 <?page no="156"?> graphische Umsetzung als salient wahrgenommener Dialektmerkmale, z. B. die vokalisierten [l]-Laute im abgebildeten Beispiel (siehe Abb. 1), (regional-) indexikalische Qualität gewinnt. Abb. 1: diatopische Variation im dialektalen Schreiben (Beispiel aus Spycher 2004: 21). Hei, mega lieb von dir und das so früh am morgen : ) Merci vielmal. Ausdifferenzierungen in der Verschriftung des Schweizerdeutschen wurden im Zuge dieser Forschungsarbeiten also nicht auf der diaphasischen Registerebene, sondern vorwiegend im Hinblick auf diatopische Variation untersucht und erklärt bzw. auf einer graphematisch-strukturellen Ebene in Relation zu Standardschreibungen gesetzt (vgl. für eine jüngere Arbeit mit dieser Stoßrichtung auch Felder 2015). Für Studien zu schweizerdeutschen Dialekten in digitalen Medien lässt sich also (wie tendenziell grundsätzlich für die Forschung zum Schweizerdeutschen) lange ein diatopisches Bias attestieren, das Variation auf die Erklärungsdimension Regionalität verengt und sozialstilistische Dynamiken eher ausblendet (vgl. aber Christen 2004: 81). Es scheint daher geboten, neue Blickwinkel auf die Analyse schweizerdeutscher Verschriftungen einzunehmen; auch deswegen, weil seit diesen frühen variationslinguistisch ausgerichteten Arbeiten das alltäglich-digitale Schreiben im Dialekt zweifellos nochmal deutlich an Fahrt aufgenommen und in der deutschsprachigen Schweiz inzwischen zur „ subsistenten Norm “ (Siebenhaar 2020: 86) geworden ist. Dialektale Verschriftungen stellen mit anderen Worten „ die 156 Florian Busch & Karina Frick <?page no="157"?> Normallage “ dar (Felder 2023: 80), 3 sodass einerseits - wohl anders als noch in den Anfängen digitaler Dialektkommunikation (vgl. Christen 2004: 71) - „ die Dialektschreibung [ … ] nicht mehr als Marker für Informalität “ gelten kann und stattdessen „ andere Informalitätsmarker “ (Siebenhaar 2020: 86) zum Einsatz kommen; darunter bspw. Emojis oder bestimmte Interpunktionszeichen, die Siebenhaar in seiner Vergleichsstudie deutlich häufiger in schweizerdeutschen als in bundesdeutschen WhatsApp-Chats beobachten kann. Andererseits hat die Ausbreitung und damit einhergehende Normalisierung des dialektalen Schreibens zur Intensivierung und Diversifizierung der linguistischen Forschung geführt, sodass neben der Untersuchung diatopischer Variation inzwischen bspw. auch grammatische Aspekte (vgl. z. B. Dürscheid/ Stark 2013; Frick et al. 2015; Frick 2017) oder funktionale Eigenschaften von Code- Switching (Cathomas et al. 2015; Bucher 2016) in der schweizerdeutschen Alltagskommunikation in den Blick genommen wurden. Die Dissertation von Felder (2023) widmet sich auf Basis der Daten aus dem Schweizer WhatsApp- Projekt (vgl. Fußnote 3) individueller sprachlicher Variation auf der Ebene des Stils, die er mithilfe kontextueller Faktoren und indexikalischer Felder interpretiert. In dieser Weise sind erste Tendenzen gegenwärtiger Forschung festzustellen, den diatopischen Bias zu überwinden, der in den Analysen schweizerdeutscher Dialektverschriftung lange zu erkennen war, und zunehmend variationspragmatische Phänomene auf Stil- und Registerebene zu untersuchen. Mit dem vorliegenden Beitrag schließen wir uns diesem Vorhaben an. Abschließend sei noch ein weiterer zentraler Aspekt der (digitalen) Dialektverschriftung angeführt, der nicht nur in entsprechenden Forschungsarbeiten immer wieder betont, sondern auch von den Schreiber: innen selbst häufig metapragmatisch reflektiert wird: Schweizerdeutsche Graphie im Digitalen ist keiner orthographischen Kodifizierung unterworfen (vgl. Aschwanden 2001: 62; Christen 2004: 77; Siebenhaar 2008: 2) - und ohne orthographische Norm können schweizerdeutsche Verschriftungen auch nicht unorthographisch sein. Es gibt zwar durchaus Normierungs- und Standardisierungsansätze, es kann jedoch kaum davon ausgegangen werden, dass diese den Schreiber: innen bekannt sind; sie werden auch nicht in der Schule gelehrt (vgl. Siebenhaar 2006: 54). Das Schreiben im Dialekt steht somit in der Wahrnehmung der 3 Das belegen auch die Daten aus den zwei großen SNF-Forschungsprojekten zum Sprachgebrauch in SMS (2011 - 2014) und in WhatsApp (2016 - 2020), für die beide gleichermaßen ein überwiegender Dialektanteil aufzuweisen ist: Im SMS-Korpus sind rund 60 % und im WhatsApp-Korpus 86 % aller deutschsprachigen Nachrichten dialektal (vgl. Felder 2023: 79). Von beiden Projekten sind die erhobenen Korpora inzwischen frei zugänglich (vgl. https: / / sms.linguistik.uzh.ch/ und https: / / whatsup.linguistik.uzh.ch/ ). Dialektale Schreibregister 157 <?page no="158"?> Schreiber: innen im Kontrast zur standardsprachlichen Norm, die eng mit der Institution Schule und dem Streben nach orthographischen Verschriftungen verknüpft ist (vgl. Siebenhaar 2003: 130). Dass das dialektale Schreiben deswegen jedoch keineswegs ein normfreier Raum ist, sondern die beträchtliche Variation in der Dialektverschriftung (vgl. Siebenhaar 2006: 233) 4 sich nicht nur in der Markierung von Regionalität im Sinne unterschiedlicher schweizerdeutscher Dialekte, 5 sondern auch in der Indizierung von Kontextqualitäten im Sinne dialektaler Schreibregister niederschlägt, werden wir im vorliegenden Beitrag anhand unserer Daten zeigen. 2.2 Schreibregister als variationspragmatisches Phänomen Um dieser Ausdifferenzierung von dialektalen Verschriftungen auf die Spur zu kommen, beziehen wir uns auf theoretischer Ebene auf das soziolinguistische Modell digitaler Schreibregister (vgl. Busch 2021). Der Register-Begriff steht hier in einer sprachanthropologischen Tradition, beschreibt also nicht nur die spezifischen stilistischen Ausprägungen von Sprechweisen in funktionsspezifischen, diaphasischen Kontexten (beispielsweise im Sinne von Fachsprachen), sondern knüpft darüber hinaus an das Konzept der sozialen Registrierung (enregisterment) an (vgl. Agha 2007: 55): Im Fokus steht also, wie bestimmte sprachliche Formen innerhalb sozialer Gruppen mit bestimmten kommunikativen Kontexten bzw. kommunikativen Aktivitäten assoziiert bzw. eben sozial registriert sind. Mit Agha (1999: 216) handelt es sich bei einem Register in dieser Perspektive um ein Repertoire sprachlicher Formen „ that is associated, culture internally, with particular social practices and with persons who engage in such practices “ . Vergleichbar mit dem interaktional-soziolinguistischen Stil-Begriff (vgl. Kallmeyer/ Keim 2003: 37) werden als Register in dieser Tradition also Formenverbünde verstanden, die für Sprecher: innen ethnokategoriell sozial typisiert sind und dementsprechend als kommunikative Ressource herangezogen werden können, um in Interaktionen interpretationsrelevanten Kontext anzuzeigen. 4 So schreibt etwa Siebenhaar in seiner Untersuchung zu Chaträumen, dass „ eine Vielzahl von mundartlichen Schreibungen für eine einzige standardsprachliche Wortform “ beobachtbar seien (Siebenhaar 2006: 233). 5 Da dieser Aspekt in unserer Untersuchung jedoch nicht im Fokus steht, werden wir im vorliegenden Beitrag den Begriff ‚ Schweizerdeutsch ‘ mit Sieber (2010: 373) als Sammelbegriff „ für eine Vielfalt von unterschiedlichen kleinräumigen regionalen Sprachvarietäten der Deutschschweiz “ verwenden. Dass auch die Wahl und phonographische Kenntlichmachung einer spezifischen regionalen Variante sozial-indexikalische Funktionen übernehmen kann, darauf werden wir in hier nicht näher eingehen können. 158 Florian Busch & Karina Frick <?page no="159"?> Gewendet auf das Interesse an der Ausdifferenzierung von Verschriftungsvariation können wir in Anschluss an Busch (2021) von „ Schreibregistern “ sprechen, die Schreiber: innen in digitalen Messenger-Interaktionen nutzen, um einander dort mit den Mitteln der Graphie Kontextualisierungshinweise zu liefern. Schreibregister sind dann also Bündelungen von graphisch-segmentalen Varianten, die innerhalb einer beforschten Population als soziale distinkt erkannt werden und so in der Lage sind, nicht nur kontextsensitiv und stilistisch unauffällig verwendet zu werden, sondern außerdem neue Kontextqualitäten indizieren können - also über eine soziale Indexikalität verfügen (vgl. Busch 2021: 101). Wenn wir nun im Folgenden einen analytischen Fokus auf dialektale Schreibregister in WhatsApp-Chats legen, dann untersuchen wir also Bündel von Varianten schweizerdeutscher Wortschreibungen in Hinblick auf ihre soziale Indexikalität, die sich aus dem sequenziellen Kontext der Schreibungen rekonstruieren lässt. Der Annahme von Siebenhaar (2020: 86), Dialektschreibung könne aufgrund ihrer digitalen Allgegenwärtigkeit nicht mehr als Informalitätsmarker eingesetzt werden, setzen wir die Hypothese entgegen, dass innerhalb der schweizerdeutschen Varietät Schreibregister zu differenzieren wären, die dann sehr wohl Formalität, aber eben auch Informalität sowie weiterführende Kontextqualitäten für Interaktionsbeteiligte indizieren können. Die Frage ist dann also nicht bloß, ob schweizerdeutsche Verschriftungen gegenüber Standardverschriftungen gewählt werden, sondern vielmehr, welche schweizerdeutsche Verschriftungen realisiert werden. Wir gehen in diesem Sinne im Folgenden nicht nur der Frage nach, welche Distribution das Schweizerdeutsche in alltäglichen WhatsApp-Chats gegenüber dem Standarddeutschen aufweist; uns interessiert auch, inwiefern Verschriftungen innerhalb einer schweizerdeutschen Varietät in unterschiedlichen Kontexten intraindividuell variieren. Dabei soll vor allem auch herausgearbeitet werden, welche formalen Schreibprinzipien der Dialektverschriftung in der digitalen Alltagskommunikation in dieser Weise sozial registriert sind, welche formalen Verschriftungsmuster des Schweizerdeutschen also mit sozialer Indexikalität aufgeladen sind. 3 Datenerhebung: das SuS/ SuL-Korpus Um diesen Fragestellungen empirisch auf den Grund zu gehen, müssen Daten aus unterschiedlichen Kontexten einbezogen werden, in denen Schreiber: innen mit den Mitteln der Graphie verschiedene soziale Rollen und Beziehungsqualitäten kommunikativ herstellen. Es bietet sich deshalb an, das Augenmerk auf Schüler: innen, aber auch Vereinsmitglieder zu legen, die sowohl mit ihren Dialektale Schreibregister 159 <?page no="160"?> jugendlichen Peers (Kontexttyp I) als auch mit Lehrer: innen oder anderweitigen Autoritätspersonen (Kontexttyp II) mittels WhatsApp kommunizieren. Durch den Vergleich dieser heterogenen Kommunikationskontexte dürfte sich zeigen - so unsere Hypothese - , dass Schweizerdeutsch eben nicht gleich Schweizerdeutsch ist, sondern sich je nach Adressat: innentyp und kommunikativer Aktivität in verschiedene dialektale Schreibregister differenzieren lässt. Zur Überprüfung dieser Annahme haben wir deshalb an einer Berufsschule sowie in einem Basketball-Verein im Nordwesten der Schweiz ein WhatsApp- Korpus erhoben, das knapp 52.000 Nachrichten umfasst. 6 Dieses Korpus haben wir wiederum in vier Subkorpora aufgegliedert: Zum einen sind das alle Chats, die unter Schüler: innen bzw. jugendlichen Peers stattgefunden haben (das SuS- Teilkorpus) und zum anderen diejenigen Chats, an denen eine Lehr- oder anderweitige Autoritätsperson beteiligt ist (das SuL-Teilkorpus). Zudem unterscheiden wir dyadische Chats mit nur zwei Beteiligten (Peer mit Peer oder mit Lehrperson) von Gruppenchats mit mehr als zwei Beteiligten (unter Peers oder mit Lehrperson), sodass wir zusätzlich überprüfen können, ob unterschiedliche Beteiligungsstrukturen Ausdifferenzierungen in der Verschriftung zur Folge haben (können). Das so untergliederte Korpus ist entsprechend wie folgt aufgeteilt: SuS SuL Dyaden 270.679 Tokens in 3 Chats 18.545 Tokens in 10 Chats Gruppen 81.609 Tokens in 2 Chats 7.908 Tokens in 6 Chats Tab. 1: Aufteilung der WhatsApp-Chats im Korpus Um eine Vergleichbarkeit zwischen diesen vier Subkorpora zu ermöglichen, haben wir jeweils Daten aus verschiedenen sozialen Konstellationen im Sinne von Netzwerken erhoben, in denen dieselben Akteur: innen idealerweise sowohl in Gruppen als auch in dyadischen Chats sowie mit Peers als auch mit 6 Für die Datenspenden wurden verschiedene Lehrpersonen aus dem Bekanntenkreis angefragt. Diese haben das Anliegen in die Klassen getragen und mit dem Einverständnis aller Schüler: innen Chatprotokolle von Klassenchats, aber auch von dyadischen Chats per Exportfunktion an die Projektleitenden gemailt. Dyadische Chats zwischen Schüler- : innen wurden direkt von diesen zur Verfügung gestellt, ebenso weitere Chats mit anderen Lehrpersonen. Die Einverständniserklärungen der beteiligten Personen liegen vor (siehe aber Fußnote 11). Insgesamt hat sich die Datenerhebung als herausfordernd dargestellt, zumal gerade im institutionellen Schulkontext die Verwendung von Whats- App als Kommunikationsmittel zwischen Lehrpersonen und Schüler: innen häufig gar nicht (mehr) erlaubt ist. 160 Florian Busch & Karina Frick <?page no="161"?> Lehrpersonen interagieren. Eines dieser Netzwerke stellt beispielsweise ein Basketballteam dar (Chats mit den Siglen B1 - B9). In der Tabelle im Anhang ist ersichtlich, wie dieses Team in unseren Daten repräsentiert ist: Es gibt einen Spielerinnen-Gruppenchat ohne Trainerin, zwei Gruppenchats mit denselben Spielerinnen, an denen auch die Trainerin beteiligt ist, sowie schließlich sechs dyadische Chats, die jeweils zwischen einer Spielerin und der Trainerin stattfinden. 7 Die in den Berufsschulkontexten erhobenen Chats haben wir hingegen jeweils um eine Schülerin als Kernperson herum gruppiert (restliche Siglen, siehe Anhang), sodass wir idealerweise intraindividuelle kontextsensitive Verschriftungsmuster nachverfolgen können. Für alle 21 Chats haben wir dann zunächst quantitativ eine Basissprache bestimmt sowie anschließend weitere benutzte Sprachen codiert (siehe Tabelle im Anhang). Dadurch zeigt sich bereits in der tabellarischen Übersicht, dass auch in Chats mit institutionell-formellem Charakter, wie sie bspw. in der Schule mit Lehrpersonen als institutionellen Vertreter: innen stattfinden, geschriebenes Schweizerdeutsch als Basissprache zur Anwendung kommt: Immerhin stellt in vier der insgesamt acht und somit in der Hälfte der Chats, an denen Lehrpersonen beteiligt sind, Schweizerdeutsch die (oder eine der) Basissprache(n) dar. Die Varietätenwahl kann somit nicht als alleiniger Formalitätsindikator dienen (vgl. Siebenhaar 2020: 67; Felder 2023: 80). Stattdessen ist anzunehmen, dass die Schreiber: innen andere graphische Formen nutzen, um entsprechende Interaktionsmodalitäten zu kontextualisieren und so in SuS-Interaktionen eher informelle und in SuL- Interaktionen eher formelle Rahmungen zu schaffen. 4 Ergebnisse der explorativen Studie Um dem auf die Spur zu kommen, werden wir im Folgenden zunächst überprüfen, ob der bei Siebenhaar (2020) für Deutschschweizer Chats festgestellte vermehrte Einsatz anderer Informalitätsmarker auch in unseren Daten zu beobachten ist. Anhand der quantitativen Verteilungen von Emojis sowie von Interpunktionszeichen lässt sich nachzeichnen, wie die gesammelten Chat-Interaktionen im Kontinuum zwischen Informalität und Formalität rangieren (Kap. 4.1). Nach dieser quantitativ geleiteten Einordnung im Groben 7 Wünschenswert für zukünftige Untersuchungen wäre, auch dyadische Chats zwischen den Spielerinnen in die Untersuchung einzubeziehen, sodass alle in Tabelle 1 ersichtlichen Konstellationen abgedeckt wären; außerdem wäre eine ausgeglichenere Anzahl an Chats für die unterschiedlichen Konstellationen anzustreben. Auch mit einigen Lücken ist das Korpus aber - das wird an den Beispielstudien unten ersichtlich - im Hinblick auf unsere Fragestellungen sehr informativ. Dialektale Schreibregister 161 <?page no="162"?> folgen dann qualitative Detailanalysen, die auf die kommunikativ-stilistische Funktion von Verschriftungsvariation im Schweizerdeutschen sowie auf interaktionale Momente des Standard-Dialekt-Switchings in unseren Chatdaten eingehen (Kap. 4.2). 4.1 Emojis und Interpunktionszeichen: Distribution im Gesamtkorpus In einem ersten Schritt werden alle Teilkorpora in Hinblick auf die Distribution der Formenklassen Emojis und Interpunktionszeichen quantitativ ausgewertet. Beide Klassen konnten in der Forschung als zentrale graphische Kontextualisierungsressourcen des digitalen Schreibens herausgearbeitet werden (vgl. Siebenhaar 2020; Androutsopoulos/ Busch 2020; Busch 2021; Androutsopoulos 2023). Je nach Distribution von Emojis und Interpunktionszeichen lassen sich dementsprechend schon auf einer deskriptiv-statistisch abstrahierenden Ebene Rückschlüsse darauf ziehen, inwiefern Chat-Interaktionen in ihrer tendenziellen Gesamtheit eher formell oder eher informell ausgerichtet sind. Interpunktionszeichen und Emojis sind in dieser Weise als variationspragmatische Gradmesser methodisch funktionalisiert: Basierend auf der umfangreichen Forschungsliteratur zu beiden Formbereichen lassen sich entsprechende Frequenzen interpretieren, um Chats als eher informell oder eher formell zu klassifizieren. Hieran anschließend kann dann in Kap. 4.2 die Funktion von dialektalen Wortverschriftungen für entsprechende Kontextualisierungen anhand lokaler Interaktionssequenzen qualitativ im Detail überprüft werden. Mit dieser Perspektivierung zeigt sich für Emojis folgendes Bild normalisierter Häufigkeiten: SuS SuL Gesamt Dyaden 12,1 (3.272) 37,4 (694) 13,7 (3.966) Gruppen 94,2 (7.685) 45 (356) 89,8 (8.041) Gesamt 31,1 (10.957) 39,7 (1.050) Tab. 2: Distribution: Normalisierte Häufigkeiten von Emojis pro 1.000 Worttoken (absolute Häufigkeiten in Klammern) Während sich der Unterschied in den normalisierten Emoji-Häufigkeiten zwischen SuS- und SuL-Chats als relativ gering darstellt (31,1 Emojis auf 1.000 Worttokens im SuS-Korpus, gegenüber 39,7 Emojis auf 1.000 Worttokens im SuL-Korpus), ist der Unterschied innerhalb der SuS-Chats markant: Schüler- : innen in unserem Datensatz verwenden bedeutend mehr Emojis in Gruppenchats als in dyadischen Konstellationen. Das könnte unter anderem damit zu erklären sein, dass die Beziehungsdynamik in einer dyadischen Konstellation 162 Florian Busch & Karina Frick <?page no="163"?> eindeutiger bestimmbar ist als bei mehreren Beteiligten und dass Praktiken des ‚ Emoji-Dumpings ‘ (im Sinne eines textunabhängigen Aneinanderreihens von Emojis über mehrere Einzelbeiträge hinweg) in einer Gruppe eine stärkere Sogwirkung entwickelt als dies in der Dyade der Fall ist (allein schon aufgrund der höheren Anzahl Beteiligter); darauf deuten lange Emoji-Sequenzen in unseren Gruppenchat-Daten jedenfalls hin. Dass die Emoji-Häufigkeit im Vergleich zwischen SuS- und SuL-Korpus sogar etwas höher ist, wenn Lehrpersonen beteiligt sind, mag auf den ersten Blick überraschen. Die Analyse im Detail zeigt hier, dass - anders als dies in der Forschung teils angenommen wurde (vgl. Dürscheid/ Siever 2017: 274) - Emojis nicht per se durch ihr bloßes Vorhandensein für eine Informalitätsrahmung sorgen. Stattdessen kommt es darauf an, welche Emojis gesetzt werden und welche spezifischen Indexikalitäten dadurch jeweils im sequenziellen Kontext etabliert werden. Insbesondere dezent lächelnde Emojis wie zum Beispiel < > finden sich in den Chats mit Lehrpersonen häufig und müssen dort eher im Kontext institutionell bedingter Höflichkeit betrachtet werden und sind somit gerade kein Ausdruck von Informalisierung. Andersherum lässt sich feststellen, dass gerade in der Eingespieltheit dyadischer Chats zwischen jugendlichen Freund: innen auf zusätzliche Höflichkeitsmarkierungen verzichtet wird und Emojis offenbar als ökonomisierbar wahrgenommen werden. Hinsichtlich der Distribution der Interpunktionszeichen gestaltet sich das Bild anders. Hier ist ein klarer Unterschied zwischen den SuS- und den SuL- Chats auszumachen: Schüler: innen verwenden deutlich weniger syntaktische Interpunktionszeichen (wie Punkt und Komma), wenn sie in Peer-Konstellationen kommunizieren, als wenn sie sich mit Lehrpersonen austauschen. SuS SuL Dyaden 26,4 (7.142) 137,1 (2.542) 33,5 (9.684) Gruppen 39,5 (3.226) 107,5 (850) 89,8 (8.041) 29,4 (10.368) 128,2 (3.392) 45,5 (4.076) Tab. 3: Distribution: Normalisierte Häufigkeiten von Interpunktionszeichen pro 1.000 Worttoken (absolute Häufigkeiten in Klammern) Für beide untersuchten Formenklassen, Emojis wie auch Interpunktionszeichen, zeichnen sich damit kontextsensitive Distributionsmuster ab. Die Verwendung von Interpunktionszeichen (und hier insbesondere der Gebrauch von den syntaktischen Interpunktionszeichen Punkt und Komma) wirkt an sich kontextualisierend - durch Interpunktion wird die sprachliche Ausrichtung Dialektale Schreibregister 163 <?page no="164"?> auf eine Autoritätsperson bzw. einen institutionellen Kontext angezeigt. 8 Emojis als Formenklasse hingegen entziehen sich einer Kontextzuordnung grosso modo, können in ihrer spezifischen Distribution im Korpus aber ebenfalls anhand von Beziehungsqualitäten und institutionellen Rahmungen von Interaktionen erklärt werden. Demensprechend geht aus diesen quantitativen Befunden hervor, dass wir es bei der Opposition von SuS- und SuL- Chats tatsächlich mit einer sozial und sprachlich relevanten Gegenüberstellung von Registern zu tun haben, die wir mit den Konzepten von Formalität und Informalität zumindest in Annährung beschreiben können. Dies wiederum schafft für uns nun die Ausgangslage, um einerseits der pragmatischen Variation zwischen Standard und Dialekt und andererseits der registerhaften Ausdifferenzierung des Schweizerdeutschen, das sowohl im SuSals auch im SuL-Korpus verschriftet wird, nachzugehen. 4.2 Intraindividuelle Verschriftungsvariation: qualitative Betrachtungen Um die Registervariation schweizerdeutscher Verschriftungen in unseren Daten nachzuvollziehen, werden wir uns im Folgenden anhand qualitativer Analysen die Verschriftungen und Varietätenwahl einzelner Individuen im Korpus genauer anschauen. Der analytische Fokus liegt hierbei auf musterhaften Form-Funktionsbeziehungen, in denen Varietäten- und Schreibregisterwahl als Kontextualisierungsmittel in den Messenger-Interaktionen sequenzanalytisch als kommunikative Praktiken nachweisbar sind. Hierbei untersuchen wir zunächst die kontextualisierende Differenz zwischen Standard und Dialekt (im Sinne eines kommunikativen Code-Switchings, vgl. Auer 2009) und wenden uns danach der kommunikativ bedeutsamen Differenz verschiedener Verschriftungen innerhalb des Schweizerdeutschen zu. 4.2.1 Rituelle Formeln Als erstes Muster eines Standard-Dialekt-Switchings lässt sich in den Daten die Verwendung des Schweizerdeutschen im Rahmen ritueller Formeln finden - etwa das Grüezi in Beispiel (2) und (4), den Neujahrswünschen Es guets Neus! ! in Beispiel (3) oder die Geburtstagsglückwünsche in Beispiel (4), die ansonsten vollständig im Standard verfasst sind. Bereits Cathomas et al. (2015: 185) weisen in ihrer Untersuchung des Schweizer SMS-Korpus auf das häufige Vorkommen von Code-Switching im Rahmen von Begrüßungs- und Ver- 8 Zentral ist hier also, dass es nur bestimmte Interpunktionsklassen sind, die sich in den beobachteten Frequenzen abzeichnen: Die syntaktischen Zeichen Punkt und Komma, die stark mit einem orthographie-orientierten Schreiben verbunden sind (vgl. Busch 2021: 461 - 487), erscheinen hier als Kontextualisierungshinweise überwiegend in den Chats mit Lehrpersonen. 164 Florian Busch & Karina Frick <?page no="165"?> abschiedungssequenzen als „ besonders dichte Orte “ für Identitätsarbeit hin. Die sozialsymbolische Bedeutung von Dialekt kommt an diesen interaktionalen Rändern (gerade zu Beginn oder am Schluss von Interaktionssequenzen) somit besonders deutlich zum Tragen. (2) 16.07.21, 13: 55: 47 Nadja Grüezi Her Kosler Ich hatte einen sehr guten Start in der Lehre und es macht mir auch immer noch viel Spass. Man musste vieles umstellen durch Corona, aber ich habe mich schnell daran gewöhnt. Ich wünsche Ihnen auch nur das Beste bei Ihrer neuen Stelle und alles gute weiterhin! lg Nadja (H1_G_SuL) 9 (3) 06.12.21, 19: 22: 11 Sena Hallo [Name Trainerin] es tut mir leid das ich mich nicht ab gemeldet habe ich bin seit zwei Tagen krank und ich habe vergessen mich ab zu melden (B9_D_SuL) 01.01.22, 08: 19: 16 Trainerin „ Es guets Neus! ! “ Achtung: nächste woche ist sicher noch kein training. Aktuelle Infos findet ihr auf unserer webseite: [Internetseite] (B9_D_SuL) (4) 07.04.20, 08: 07: 43 Helen Grüezi Frau Holenstein Wir haben zu Hause ein Problem mit dem Internet also ich habe keine Verbindung, ich sehe die Aufträge auf Google Classroom zwar, kann aber nichts hochladen und auch keine Anhänge öffnen. Ausserdem kommen auf Teams die Nachrichten nicht an, soll ich jetzt einfach das machen was ich kann oder gibt es noch wichtige Aufträge die neu dazukommen heute? 07.04.20, 08: 09: 06 Holenstein Von mir kommt heute nichts mehr dazu. Mach doch das, was du kannst. Wir hoffen, dass das mit dem Netz bald wieder funktioniert. Du bist nicht die einzige seid ihr auch bei upc? [ … ] 26.08.20, 12: 08: 47 Holenstein Happy Birthday alles liebi und gueti! 26.08.20, 12: 16: 58 Helen Danke vill vill mal: ) (H2_D_SuL) 9 Chat-Sigle, die den Abgleich mit der Tabelle im Anhang ermöglicht. Dialektale Schreibregister 165 <?page no="166"?> In Beispiel (3) ist zudem bemerkenswert, dass die Verwendung des Dialekts durch Anführungszeichen als abgesetzte Stimme gerahmt wird (vgl. Busch 2021: 353). Diese Polyphonie der Nachricht kontextualisiert und organisiert so auch die thematische Struktur: So geht die Trainerin anschließend (auf Standarddeutsch) zu organisatorischen Fragen über. Auch in Beispiel (4) findet sich eine dialektale Begrüßung (wiederum Grüezi) in einem ansonsten standarddeutschen Chat, in dem primär Schulorganisatorisches besprochen wird. Ein weiteres Mal wird erst am Ende in den Dialekt geswitcht: Als die Lehrperson der Schülerin zum Geburtstag gratuliert und diese ihre Antwort in responsiver Orientierung nun ebenfalls dialektal realisiert. Der gemeinsame Wechsel in den Dialekt kontextualisiert in diesem spezifischen Fall wohl nicht nur den rituellen Aktivitätstyp des Beglückwünschens, sondern verweist auch auf einen Rollenwechsel; eine Code-Switching-Praktik, die wir uns im Folgenden genauer anschauen. 4.2.2 Rollenwechsel und responsive Varietätenwahl In Beispiel (5) schreibt dieselbe Lehrerin Holenstein, die sich bei ihren Schüler- : innen - nachdem sie die Klasse abgegeben hat - für ein Abschiedsgeschenk bedankt. Es wird deutlich, dass Frau Holenstein ihre institutionelle Rolle als Lehrperson der SuS verlassen hat und dieser Rollenwechsel mit einem Sprachwechsel in den Dialekt (sowie mit der Verwendung des Vornamens und einem Gallizismus) einhergeht. 10 (5) 17.07.20, 08: 59: 31 Holenstein Liebi 3A1 Bibelis! So, ich möcht mich zerscht mal ganz ganz herzlich bi eu für das grossartige Abschiedsgschenk bedanke! Sooo coool ich ha uh freud! MERCI beaucoup! ! Ich hans letscht Dunnstig en sehr tolle Abe gfunde und hans gnosse, nomol mit eu Ziit zverbringe! Ich hoffe, eu hets au gfalle und ihr händ nocher no en grossartige Feez gha! ! Abem 10.08.2020 han ich e neui Adresse und zwor: [Adresse] Wenn ihr mal ide Gegend sind, dörfed ihr selbstverständlich au mal cho lüüte 10 Der Blick zurück auf das vorherige Beispiel (4) macht anhand der Datumsangaben (17. Juli in (5) vs. 26. August in (4)) deutlich, dass die dialektalen Geburtstagsglückwünsche am Ende des Austausches nach diesem Rollenwechsel verschickt worden sind; die Wahl des Dialekts ist dort somit durch den Aktivitätstyp des Beglückwünschens und den Rollenwechsel doppelt motiviert. 166 Florian Busch & Karina Frick <?page no="167"?> Sooo, jetzt wünschi eu wiiterhin ganz ganz tolli Ferie, ich hoffe ihr sinds massiv am gnüsse und när denn en bombe Start id Lehr oder ids Gymi! Petra (N1_G_SuL) Eine ähnliche Dynamik, die allerdings in die umgekehrte Richtung strebt, lässt sich im folgenden Beispiel (6) in den Nachrichten der Lehrerin Toledo beobachten. Als ihre Schülerin Fabia sich in Schweizerdeutsch für deren Unterstützung bedankt, antwortet Frau Toledo ihrerseits auf Standarddeutsch. 11 Das veranlasst Fabia dazu, ebenfalls in den Standard zu wechseln und somit responsiv das Register zu bespielen, das von Frau Toledo als erwartbar und angemessen relevant gesetzt wird. Auch wenn Frau Toledos nächste Antwort im Rahmen einer rituellen Abschlussformel Schweizerdeutsch enthält, bleibt Fabia anschließend beim Standarddeutschen - nicht nur in der zeitnahen nächsten Nachricht, sondern auch fast ein Jahr später, als sie die Konversation wieder aufgreift, das hierarchische Verhältnis mit Frau Toledo in der Rolle der Autoritätsperson aber weiterhin besteht (auch ersichtlich an den Höflichkeitsformen der Anrede und Begrüßungsformeln). (6) 12.07.19, 13: 56 Fabia Hallo Frau Toledo, ich ha mich no wele bedanke für alles Sie sind echt e grossartigi Unterstützig Lg Fabia Schöni Ferie 12.08.19, 21: 45 Toledo bedankt sich in Standarddeutsch und verwendet 11 Emojis 12.07.19, 22: 04 Fabia Danke viel mals Frau Toledo Es war uns eine Freude. Ich werde das Video Weiterleiteb 12.07.19, 22: 06 Toledo verabschiedet sich mit guten Wünschen und verwendet dabei sowohl schweizerdeutsche als standarddeutsche Formen 12.07.19, 22: 07 Fabia Werd ich machen, danke Ihnen auch 23.03.20, 10: 26 Fabia Guten Tag Frau Toledo Ich habe jetzt ein Video gmacht von mir, wie ich ein Lied mit der Ukulele singe. Das ist ja eine Aufgabe die wir von Ihnen bekommen haben. Können sie mir Ihre E-Mail schicken, damit ich Ihnen das Video schicken kann? Lg Fabia (F1_D_SuL) 11 Von Frau Toledo liegt uns leider kein Einverständnis vor, weshalb wir sie nicht im Wortlaut zitieren, sondern ihre Nachrichten paraphrasieren. Dialektale Schreibregister 167 <?page no="168"?> Eine ähnliche Spannung zwischen Standard und Dialekt in SuL-Chats lässt sich zudem auch in der am Anfang dieses Beitrags zitierten Interaktion von Frau Wanner mit ihren Schüler: innen feststellen; hier nun als Beispiel (7) im breiten sequenziellen Kontext nachzuvollziehen. (7) 02.07.20, 10: 51: 31 Fr. Wanner Liebe A3a Am Montag seid ihr von 8.10-9.50 bei mir. Herr [Name] übernimmt meine Lektion am Donnerstag. Liebe Grüsse U. Wanner 02.07.20, 12: 04: 02 Luna Oke 02.07.20, 12: 18: 12 Vani 02.07.20, 12: 18: 33 Domi 02.07.20, 12: 19: 06 Sina 02.07.20, 12: 21: 01 Lara Konflager gang am driishisse 02.07.20, 12: 21: 13 Vani 02.07.20, 12: 21: 18 Vani Mir sind ganz high 02.07.20, 12: 21: 20 Vani Also wit obe 02.07.20, 12: 21: 33 Domi Sticker weggelassen 02.07.20, 12: 31: 57 Fr. Wanner Hallo! Ihr seid im Schulchat 02.07.20, 13: 13: 45 Teo mann Dominik ich finde das geht garnicht es gehört NICHT in diesen chat 02.07.20, 13: 16: 56 Teo Diese Nachricht wurde gelöscht. 02.07.20, 13: 17: 34 Pepe da stimme ich teo zu (L1_G_SuL) Der eingangs zitierten Nachricht (Hallo! Ihr seid im Schulchat) geht eine längere Sequenz voraus, die durch eine organisatorische Information von Frau Wanner ausgelöst wird. Daran schließt sich zunächst ein affirmatives Oke von Luna an, danach kommt es zu einer Art Emoji-Dumping, den wiederum Lara und Vani 168 Florian Busch & Karina Frick <?page no="169"?> metakommunikativ kommentieren (Lara: Konflager gang am driishisse → Konfirmationslager-Gang am reinscheißen; Vani: mir sind gang high → wir sind ganz high; Vani: Also wit obe → also weit oben). Daraufhin folgt die metapragmatische Ermahnung Frau Wanners, die in den nachfolgenden Beiträgen einen Wechsel in den Standard auszulösen scheint: Teo und Pepe stellen sich mokierend auf die Seite von Frau Wanner, indem sie die autoritäre und als solche mit dem Standard verknüpfte Stimme der Lehrperson imitieren (ersichtlich auch an der inszeniert tadelnden Verwendung des (vollen) Namens Dominik, wobei Pepe in seinem nachfolgenden Beitrag diese Adressierungsstrategie parallelisiert, vgl. auch Droste 2022). Die Diskursmacht der Autoritätsperson im Chat zeigt sich schließlich auch im Basketball-Datenset anhand von Beispiel (8). Eine weitere Spielerin soll zum Gruppenchat hinzugefügt werden. Gordana stößt dabei auf Schwierigkeiten, weil sie nicht über die entsprechenden Admin-Rechte verfügt, woraufhin Dilara sie auffordert, doch einfach die Handynummer in den Chat zu schicken. Diese Aufforderung ist hinsichtlich der Varietätenwahl ambig: der erste Teil Gordana schick doch einfach (die) könnte sowohl Standardals auch Schweizerdeutsch sein, wohingegen ab nummere klar eine dialektale Schreibung vorliegt. Auch die folgenden beiden Nachrichten (achsoo, stimmt) sind nicht eindeutig einer Varietät zuzuordnen, erst oder söll ich mache ist wieder zweifelsfrei dialektal. Anschließend verschickt Gordana die Nummer, was Dilara mit einem Emoji-Daumen nach oben quittiert und damit die durch die Aufforderung ausgelöste und dialektal herausgestellte Nebensequenz beendet. Daraufhin meldet sich nun die Trainerin, die die Spielerinnen mit einer deiktisch auf die Nebensequenz verweisenden Emoji-Geste dazu ermahnt, dass diese Art von spam im Chat nicht erwünscht ist. Diese primär inhaltliche metapragmatische Ermahnung durch die Trainerin wirkt dabei auch als sprachlicher reset: Beide Spielerinnen wechseln entschuldigend wieder ins Standarddeutsche und reagieren damit sowohl inhaltlich auch als sprachlich responsiv. (8) 23.09.22, 16: 02: 43 Gordana Soll ich [Name] eigene Nummer hinzufügen? 23.09.22, 16: 02: 52 Gordana Ich habe ihre Nummer 23.09.22, 16: 04: 29 Dilara Achso okay 23.09.22, 16: 08: 14 Trainerin Gerne. Dann speichere ich diese gleich. 23.09.22, 16: 09: 01 Gordana Ich kann keine Teilnehmer hinzufügen. Dialektale Schreibregister 169 <?page no="170"?> 23.09.22, 16: 09: 11 Gordana Du musst mich zum Admin machen glaube ich 23.09.22, 16: 09: 33 Dilara Gordana schick doch einfach die nummere vo ihre in chat 23.09.22, 16: 09: 40 Gordana Achsoo 23.09.22, 16: 09: 41 Gordana Stimmt 23.09.22, 16: 09: 43 Gordana Ok wart 23.09.22, 16: 09: 43 Dilara LF AYHAHAGAGSGS 23.09.22, 16: 09: 46 Gordana HAHAHAHS 23.09.22, 16: 10: 20 Dilara Oder SÖLL ich mache? 23.09.22, 16: 10: 38 Gordana schickt Nummer 23.09.22, 16: 10: 43 Dilara 23.09.22, 16: 13: 07 Trainerin das meinte ich mit spam 23.09.22, 16: 13: 22 Gordana Tut uns leid 23.09.22, 16: 13: 32 Dilara Ja (B3_G_SuL) Wie wir nun in unseren Daten (siehe Bsp. (9)) verfolgen können, wird diese Nebensequenz im parallellaufenden SuS-Chat ohne Trainerin weitergeführt und hat zur Folge, dass die Chatgruppe ohne Trainerin in BESTES TEAM VO SCHWIZ umbenannt wird, sodass es nicht mehr zu Verwechslungen mit der anderen Chatgruppe kommt, wie Gordana schreibt. Während in einem Strang weiter über die Trainerin und ihre Reaktion verhandelt wird, indem die Buchstabenfolgen aus dem anderen Chat imitiert und damit als auslösend für die Ermahnung identifiziert werden, tut sich gleichsam ein weiterer Interaktionsstrang auf, der einen sprachlichen Aspekt des neuen Gruppennamens fokussiert: Tanja ändert den Namen erneut und korrigiert das Schwiz mit einem <i> zu einem Schwiiz mit zwei <ii>. Sie weist Gordana zudem darauf hin, dass diese es nur mit einem <i> geschrieben habe (Du häsch schwiiz mit einem i gschrirbe). Gordana selbst erkennt diese Schreibung allerdings nicht als korrekturbedürftig an (ich weiss, macht me jo so). Damit zeigt das Beispiel, dass 170 Florian Busch & Karina Frick <?page no="171"?> die unterschiedlichen Akzeptabilitätsgrade dialektaler Verschriftungsvarianten Gegenstand metapragmatischen Dissens werden können, der sich wiederum auch daraus ergibt, dass für das Schweizerdeutsche keine kodifizierte Norm vorliegt (vgl. Kap. 2.1). Tanja oder Gordana können hier also keine legitimierende Referenz auf ein orthographisches Regelwerk angeben. (9) 21.10.22, 19: 51 Gordana Gordana hat den Betreff von „ DU14 <3 “ zu „ BESTES TEAM VO SCHWIZ “ geändert. 21.10.22, 19: 51 Gordana so 21.10.22, 19: 51 Gordana de name isch guet 21.10.22, 19: 52 Tanja Tanja hat den Betreff von „ BESTES TEAM VO SCHWIZ “ zu „ BESTES TEAM VO SCHWIIZ “ geändert. 21.10.22, 19: 52 Dilara JA BESSER 21.10.22, 19: 52 Tanja Besser 21.10.22, 19: 52 Gordana Jz verwechslet ihr es nüm 21.10.22, 19: 53 Gordana [Name Trainerin] het hoffnig an uns grad verlore 21.10.22, 19: 53 Gordana BAHSJSLSJASHLSÖDLSL 21.10.22, 19: 53 Tanja Du häsch schwiiz mit einem i gschrirbe 21.10.22, 19: 53 Dilara JA SUNSCH ISCH WIDR [NAME TRAINERIN] WIDR 380° 21.10.22, 19: 53 Gordana die verliert ihri nerve an uns 21.10.22, 19: 53 Tanja Gschriebe 21.10.22, 19: 53 Gordana HAHAHABBSBSBS 21.10.22, 19: 53 Dilara AFAZQGSGGWZWGS 21.10.22, 19: 53 Gordana Ich weiss 21.10.22, 19: 53 Gordana macht me jo so (B1_G_SuS) Dialektale Schreibregister 171 <?page no="172"?> Die Analysen zeigen also deutlich, wie sehr sowohl die Variation zwischen Standard und Dialekt als auch Verschriftungsvariation innerhalb des Schweizerdeutschen durch Machtstrukturen zwischen den Beteiligten durchformt sind und entsprechende variationspragmatische Phänomene stets mit Blick auf diese interpersonalen Gefüge erklärt werden müssen. 4.2.3 Stilisierung des bundesdeutschen Standards Während in den bisherigen Beispielen vorwiegend das Schweizerdeutsche in die Basissprache Standarddeutsch inseriert wurde, beschreitet Fabia in Beispiel (10) in gewisser Weise den umgekehrten Weg. Im schweizerdeutschen Chat mit einer ihr nahestehenden Person, in dem sie sich von ihrer neuen Brille begeistert zeigt, praktiziert sie eine Mehrstimmigkeit durch die Stilisierung lautlicher Eigenschaften des bundesdeutschen Standards: So verschriftet sie beispielsweise das aus Schweizer Perspektive als distinkt für den bundesdeutschen Standard wahrgenommene vokalisierte <r> am Wortende als iteriertes <a> in odaaaa und stellt die Wortendung durch die vierfache Iteration des Graphems besonders heraus. Dass es sich hier um die Stilisierung einer fremden Stimme handelt, wird auch daran ersichtlich, dass die meisten Vorkommen von oder bei Fabia mit <er> am Wortende verschriftlicht werden, wie es dem Schweizer Aussprachestandard entspricht. 12 Die Schreibung mit <aaaa> ist also nicht nur deutlich markiert, sondern muss wohl auch hinsichtlich der sozial-indexikalischen Potentiale des bundesdeutschen Standards für Schweizerdeutschsprecher: innen interpretiert werden. So können bundesdeutsche Standardformen nicht nur als Ausdruck von Autorität, Formalität und Korrektheit, sondern auch als Ausweis einer snobistischen, eingebildeten Attitüde gelesen werden (im Sinne eines indexikalischen Felds, vgl. Eckert 2008). Dass hier wohl insbesondere das Snobistische relevant wird, verdeutlicht sich anhand des Ko-Texts, in dem das Adjektiv fancy sowohl durch die Iteration am Wortende als auch durch das Code-Switching formal mit oda parallelisiert wird (vgl. auch Scharloth 2006; Sieber 2010). Neben weiteren Vorkommen dieser <a>-Verschriftung finden sich zudem auch eine Repräsentation bundesdeutsch-dialektaler Koronalisierung (nischt) sowie norddeutsch indizierende Lenisierungen (vadda, mudds) im selben Chat (in Beispiel 11). Fabia wählt also wiederkehrend verschiedene mit bundesdeutschen Lautungen assoziierte Verschriftungsvarianten (ohne dabei tatsäch- 12 So stellt etwa Sieber (2010: 378) für den gesprochen Schweizer Standard fest: „ r wird niemals vokalisiert im Auslaut. “ 172 Florian Busch & Karina Frick <?page no="173"?> lich ins Standarddeutsche zu switchen) und zapft so die soziale Registrierung des bundesdeutschen Standards in der Schweiz an, um stilistisch Distanz zu ihren eigenen Äußerungen zu kontextualisieren (bspw. indem sie zu offensichtliches Selbstlob darüber, wie gut ihr die Brille steht, vermeiden möchte). Damit entsteht in einem Kontext, in dem die Dialektverschriftung die „ Normallage “ darstellt, die „ Zusatzbedeutung [ … ] durch die Wahl des Standarddeutschen “ (Felder 2023: 80) - bzw. hier nicht durch die Wahl eines orthographischen Standards, sondern vielmehr durch die phonographische Stilisierung bundesdeutscher Lautung, die bestimmte registrierte Vorstellungen aufruft (vgl. zur kontrastiven Funktion von Wechseln vom Schweizerdeutschen ins Standarddeutsche auch Bucher 2016: 259). (10) 05.10.21, 23: 52 Fabia Ich bechum au e neui brülle 02.10.21, 14: 46 Mis Persönli Noice 02.10.21, 14: 47 Fabia schickt Foto 02.10.21, 20: 40 Mis Persönli Chic 02.10.21, 20: 40 Fabia Odaaaa ich finds au fancccyyyy (F1_D_SuS) (11) 05.10.21, 23: 52 Fabia Ich weiss nöd ob dus mal gmerkt hesch lol, aber ich bin mängisch nur es biiiiiiiiitzli insecure drüber ob ich dumm bin oda nischt [ … ] 05.10.21, 23: 55 Fabia Wür min vada jetzt sege [ … ] 01.10.22, 09: 30 Fabia Mini muetter het d pizza vo min vadda au nöd gern [ … ] 11.10.21, 22: 22 Fabia Ach meina mudds gehts nischt gut (F1_D_SuS) Aus variationspragmatischer Perspektive ist entsprechend festzuhalten, wie zentral es ist, metapragmatische Ideologien bzw. sozial-indexikalische Aufladungen, die für die Beteiligten relevant sind, in der Analyse im Blick zu behalten. Varianten (wie Fabias oda) sind de-kontextualisiert kaum zu erklären, sondern können erst vor dem Hintergrund ihrer interaktionalen Einbettung Dialektale Schreibregister 173 <?page no="174"?> einerseits, aber auch hinsichtlich der - in diesem Fall in der Deutschschweiz - kursierenden Sprachideologien hinreichend erklärt werden. 4.2.4 Züste oder Züschte? Selektionsprinzipien dialektaler Schreibregister Deutlich wurde bisher, inwiefern die Differenz zwischen standarddeutschen und schweizerdeutschen Verschriftungen in den untersuchten Messenger- Interaktionen funktionalisiert wird. Abschließend nehmen wir nun noch solche intraindividuelle Variationsmuster in den Blick, bei denen innerhalb des digital geschriebenen Schweizerdeutschen variiert wird. Es geht uns dabei um die Frage, welche Prinzipen bei der schweizerdeutschen Verschriftung in unterschiedlichen Kontexten im Sinne einer Ausdifferenzierung dialektaler Schreibregister zur Anwendung kommen. Dazu eignet sich ein Beispiel aus unseren Daten besonders: Kernperson Janine berichtet darin einmal ihrer Lehrerin in Beispiel (12) und einmal einer ihr nahestehenden Person in Beispiel (13) von einer mit Blut gefüllten Zyste, die sie sich im Rahmen einer Notfalloperation hat entfernen lassen müssen. Beide Nachrichten sind in Schweizerdeutsch verfasst und enthalten teilweise identisches Vokabular, sodass sich ein Vergleich im Hinblick auf potenzielle Verschriftungsvariation bestens anbietet. (12) 02.04.18, 15: 03: 57 Janine Liebe Frau Martinelli Ich han geschter nacht ä notfall operation gha. Ich han a mim eierstock ä züschte gha vo sich mit bluet gfüllt hätt, die isch 4 cm gross gsii. Ich chan darum nöd am unihockey turnier mitmache. Äs mached aber alli mit bis ufd [Name]. Ich gahn vilicht go fane aber weiss nonig wies bis dänn gaht will momentan hani no extremi schmerze. Liebi grüäss und en schöne namitag Janine (J1_D_SuL) (13) 01.04.18, 18: 48: 42 Janine Äs gaht mir nöd guät. Ich han ä züste am eileiter gha vo sich mit bluet gfült hät und die isch 4 cm griss gsi. Ich han ä notfal op gha. Ich han immerna extremi schmerze. Liebi grüässli und en schöne abig (J1_D_SuS) 174 Florian Busch & Karina Frick <?page no="175"?> Tatsächlich lassen sich - abgesehen von Unterschieden in den rahmenden Elementen und der Länge der Nachricht (siehe unten) - verschiedene Verschriftungsvarianten identifizieren: 13 • notfall vs. notfal • gfüllt vs. gfült • züschte vs. züste • hätt vs. hät • gsii vs. gsi Einerseits zeigt sich dabei in der Nachricht an die Lehrerin eine klare Tendenz zur Orientierung an der Standardverschriftung (vgl. die Schreibungen notfall vs. notfal sowie gfüllt vs. gfült), wie dies bereits Dürscheid/ Stark (2013) für die Schweizer SMS-Daten festgestellt und auf das Prinzip lexikalischer Morphemkonstanz zurückgeführt haben; konkret geht es hierbei um die Doppelschreibung von Konsonanten auch in Fällen, in denen dazu „ phonographisch [ … ] keine Notwendigkeit besteht “ (Dürscheid/ Stark 2013: 197; vgl. auch Felder 2023). Andererseits gibt es aber auch Formen, die Janine abweichend von diesem Prinzip verschriftlicht: züschte beispielsweise wird, adressiert an ihre Lehrerin (Beispiel 12), mit einem <sch> verschriftlicht, während in der zweiten Nachricht an die nahestehende Person (Beispiel 13) die <st>-Schreibung vorliegt, die eigentlich standardnäher ist (vgl. dazu Siebenhaar/ Vögeli 2010: 79, die zeigen, dass „ s vor t oder p in allen Fällen außer an der Morphemgrenze als sch “ realisiert wird). Das gleiche gilt für die verbalen Teile gsii und hätt, bei denen einmal eine Vokal- und einmal eine Konsonantenverdoppelung vorliegt, die beide vom standarddeutschen Schriftbild abweichen. Die Erklärung für diese Selektionen könnte darin liegen, dass Janine sich angesichts der hierarchischen Beziehung zur adressierten Person zwar einerseits am Schriftbild des Standarddeutschen orientiert, gleichzeitig aber um eine phonographisch möglichst akkurate Abbildung des Dialekts bemüht ist. Mit anderen Worten: Janine möchte auch den Dialekt so ‚ korrekt wie möglich ‘ verschriftlichen. Da dies aufgrund der fehlenden Kodifizierung orthographisch nicht möglich ist, weicht sie auf lautliche Aspekte aus und indiziert so eine besonders akkurate phonographische Orientierung in der Selektion ihrer Verschriftungsvarianten. Die Nachricht in Beispiel (13) sticht zudem deutlich aus dem Gesamtchatverlauf hervor: So handelt es sich dabei nicht nur um die einzige Nachricht mit einer Verabschiedungsformel (Liebi grüässli und en schöne abig), sondern auch um das einzige Mal, in dem Janine gsi mit <gs> verschriftlicht und nicht mit 13 Darüber hinaus finden sich auch morphologische und lexikalische Varianten, die auf dieselbe Opposition abzielen (grüass vs. grüassli sowie operation vs. op). Dialektale Schreibregister 175 <?page no="176"?> <x> wie in den Beispielen in (14) (vgl. zu diesen Verschriftungsvarianten auch Felder 2023: 180 f., 248 - 255). (14) 08.04.18, 12: 11: 20 Janine Ka ich bin nd da xii [ … ] 17.10.18, 08: 39: 43 Janine Bi wider dihei bi 6 täg xi [ … ] 08.12.18, 10: 47: 57 Janine Nei das isch ganz normal wemmer lang nümm xi isch aber mach der kei sorge (J1_D_SuS) Die im Vergleich zum restlichen Chat markierte Schreibung <gsi> fügt sich somit in die Realisierung eines Schreibregisters ein, das die besondere Gravitas der Situation auch auf der graphischen Ebene signalisiert. Eben diese indexikalische Funktionalisierung stellt auch Felder (2023: 255) in seinen schweizerdeutschen WhatsApp-Daten fest. Er ordnet dabei die Variante <gs> einem indexikalischen Feld zu, das er mit „ Ernsthaftigkeit, Gewichtigkeit, Erwachsensein, Konformität “ attribuiert. 14 Ähnlich lässt sich dies nun auch für Janine beobachten: Die Wahl von <gsi> erscheint formeller und vor allem auch indexikalisch salienter als die im Chat unauffällige <xi>-Schreibung. 5 Diskussion: Dialektale Verschriftung im Kontinuum Diese Beobachtungen zu dialektalen Schreibregistern im digitalen Schweizerdeutschen lassen sich abschließend systematisieren, indem die beobachteten Verschriftungsvarianten in ein Formalitätskontinuum angeordnet werden. 15 14 Felder zeigt das unter anderem an einer Chatterin, die „ die Variante <gs> in Situationen bevorzugt, in denen sie eher ernste, gewichtige Themen anspricht, die oft mit einer unangenehmen Gefühlslage einhergehen “ (Felder 2023: 252). 15 Im Anschluss an Irvine (1979), die den Begriff der (In-)Formalität in der Soziolinguistik kritisch reflektiert, verstehen wir unter ‚ formellen ‘ Interaktionen solche Kommunikationssituationen, die durch ein erhöhtes Maß an Verhaltensnormen sowie die Orientierung an vorstrukturierten und gesellschaftlich weithin erkennbaren sozialen Rollen (etwa Schülerin - Lehrerin) oder in Bezug auf zentrale Handlungen gekennzeichnet sind. Zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Begriff ‚ Informalität ‘ vgl. auch Siebenhaar (2020: 67 - 70). Dort heißt es etwa: „ Wir haben also Konventionen entwickelt, die einzelne sprachliche Formen in spezifischen Situationen als angemessen bzw. unangemessen erscheinen lassen. Für öffentliche, offizielle, berufliche Situationen, die als formell bezeichnet werden, werden im Allgemeinen auch sprachliche Formen verlangt, die näher an einer kodifizierten Norm sind, während die Sprache in zwanglosen, privat geprägten Situationen weiter von dieser kodifizierten Norm entfernt sein darf, wobei deutliche kulturelle Unterschiede festzustellen sind. “ (Siebenhaar 2020: 68). 176 Florian Busch & Karina Frick <?page no="177"?> Dieses Kontinuum ist dabei mehrdimensional: Wie wir einerseits mit Bezug auf andere Forschungsarbeiten (Dürscheid/ Stark 2013; Felder 2020; Siebenhaar 2003) annehmen, ist eine zentrale Dimension die Abweichung von bzw. die Annäherung an das standarddeutsche Schriftbild. Das zeigte sich in den Beispielen (12) und (13) etwa anhand der Variablen gfüllt und notfall, bei denen eine Dopplung des Konsonantengraphems in Orientierung zur Standardorthographie einen erhöhten Formalitätsgrad indiziert. Nun scheint aber andererseits auf einer zweiten Dimension ein weiteres Prinzip wirksam zu sein, das wir hier als phonographische Abbildung des Dialekts bezeichnen wollen. Dieses lässt sich am Beispiel hätt illustrieren: Hier wird gerade nicht das standarddeutsche Schriftbild mit nur einem <t> realisiert, sondern Janine versucht vielmehr, die im Schweizerdeutschen kurze Aussprache des [æ] in hät graphisch zu repräsentieren (vgl. Siebenhaar/ Vögeli 2010: 79). Abb. 2: Verschriftungen von gefüllt, Notfall, gewesen und hat im Formalitätskontinuum Beide Dimensionen und damit verbundenen Verschriftungsprinzipien sind hingegen bei den dialektalen Varianten der Variabel gewesen wirksam: In der hybriden Variante gsii bildet Janine durch die Iteration des Vokalgraphems den im Dialekt langen [i]-Laut ab (im Bemühen um phonographische Akkuratesse), orientiert sich mit der <gs>-Schreibung aber gleichzeitig am standarddeutschen Schriftbild. Die Variante indiziert so mit Rückgriff auf beide Prinzipien eine besondere Formalität. Die Variante xi, die im dyadischen SuS- Chat mehrheitlich mit nur einem <i> vorkommt, weicht hingegen deutlich Dialektale Schreibregister 177 <?page no="178"?> vom standarddeutschen Schriftbild ab, ist dafür aber hinsichtlich der phonographischen Abbildung der dialektalen Aussprache im Anlaut akkurater. gsi stellt gewissermaßen einen Zwischenschritt zwischen den beiden Varianten dar und kommt hier in einer durch Nähe charakterisierten sozialen Beziehung zum Einsatz, allerdings in einer Situation, die durch besondere Ernsthaftigkeit gekennzeichnet ist. 6 Fazit und Ausblick Unsere Fallstudie zeigt damit kontextbezogene Variation sowohl zwischen Standard und schweizerdeutschen Dialekten als auch innerhalb des Schweizerdeutschen in digitalen Messenger-Interaktionen und zielt somit auf die Offenlegung dialektaler Schreibregister. Dabei hat die Distributionsanalyse des SuS/ SuL-Korpus aufgrund unterschiedlicher Frequenzen gezeigt, dass Schreibregister quer zur Verwendung des Schweizerdeutschen vorzuliegen scheinen - in beiden Konstellationen wird Schweizerdeutsch als Basissprache verwendet. Die Frequenzen der von der Forschung als typische Informalitätsmarker identifizierten Formen (Emojis und bestimmte Interpunktionszeichen) deuten zudem auf schreibstilistische Differenzen zwischen den Teilkorpora hin. Auf dieser empirischen Grundlage konnten wir weiterhin nachvollziehen, wie Standard und Dialekt als Ressourcen im Rahmen von Code-Switching-Praktiken kontextualisierend eingesetzt werden (bspw. im Rahmen von rituellem Facework, in Bezug auf Interaktionsmodalitäten, institutionalisierte Machtasymmetrien und soziale Rollen). Gerade vor der Folie dialektalen Schreibens als subsistenter Norm entfalten sich die sozial-indexikalischen Bedeutungen des mit Macht, Autorität und Korrektheit registrierten Standards. Zudem zeigte sich in unseren Daten, wie die phonographische Stilisierung bundesdeutscher Lautungen ein komplexes indexikalisches Feld aufrufen kann, um spezifische kontextuelle Lesarten anzuzeigen. Es ließ sich weiterhin beobachten, dass sich auch innerhalb der Basissprache Schweizerdeutsch verschiedene dialektale Schreibregister abzeichnen, die ihrerseits auf einem Kontinuum zwischen Formalität und Informalität verortet werden können. Die formale Ausdifferenzierung dialektaler Schreibregister des digitalen Schweizerdeutschen erfolgt dabei hinsichtlich zweier Verschriftungsprinzipien: einerseits in Orientierung an standarddeutschen Schriftbildern, andererseits in Orientierung zu einer phonographischen Akkuratesse, dem Bestreben einer möglichst genauen lautlich orientierten Repräsentation des Dialekts. Beide Dimensionen werden genutzt, um spezifische Kontextqualitäten zu indizieren, wie zum Beispiel eine besondere Ernsthaftigkeit und Schwere durch eher formelle Formen (siehe Beispiel (12) und (13)). 178 Florian Busch & Karina Frick <?page no="179"?> Diese Binnendifferenzierung des digitalen Schweizerdeutschen erscheint uns als lohnender Forschungsgegenstand, dem zukünftige Studien weiter auf den Grund gehen sollten. In einem nächsten Schritt wäre es etwa angezeigt, bestimmte Verschriftungsformen zu identifizieren - also Schreibvarianten, die sich hinsichtlich beider Dimensionen unseres Kontinuums lokalisieren lassen - und diese dann systematisch im Gesamtkorpus auf ihre Verteilung in verschiedenen Rollenkonstellationen und Aktivitätstypen zu untersuchen. Die Beschreibung der Registervarianz im digitalen Schweizerdeutschen kann so ein ertragreiches variationspragmatisches Unterfangen sein, gerade in Bezug auf die Frage, inwieweit entsprechende Indexikalitäten sozial verbreitet sind und damit Schreibregister nicht nur für einzelne Netzwerke, sondern für breitere Teile der Sprachgemeinschaft relevant sind. Hier bräuchte es weitere empirische Untersuchungen, um Tendenzen, die im Zuge dieses Beitrags herausgearbeitet wurde, zu bestätigen. Literatur Agha, Asif (1999). Register. Journal of Linguistic Anthropology 9 (1 - 2), 216 - 219. Agha, Asif (2007). Language and social relations. Cambridge University Press. Androutsopoulos, Jannis (2023). Kontextualisierung digital: Repertoires und Affordanzen in der schriftbasierten Interaktion. In: Meier-Vieracker, Simon/ Bülow, Lars/ Marx, Konstanze/ Mroczynski, Robert (Hrsg.). Digitale Pragmatik. Berlin/ Boston: De Gruyter, 13 - 38. Androutsopoulos, Jannis/ Busch, Florian (2020). 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Abrufbar unter: https: / / www.mediensprache.net/ networx/ networx-36.pdf (Stand: 28.05.2024) Dialektale Schreibregister 181 <?page no="182"?> Anhang Detaillierte Aufgliederung der untersuchten Chatkonstellationen: Chat Sigle Beteiligte Basissprache Weitere Sprachen Basketball- Team U14 B1_G_SuS Spieler: innen (11 - 14 Jahre) Schweizerdeutsch Standarddeutsch B2_G_SuL Spieler: innen (11 - 14 Jahre) und Trainerin Standarddeutsch Schweizerdeutsch B3_G_SuL Spieler: innen (11 - 14 Jahre) und Trainerin Standarddeutsch Schweizerdeutsch B4_D_SuL Tanja und Trainerin Schweizerdeutsch Standarddeutsch B5_D_SuL Dilara und Trainerin Standarddeutsch Schweizerdeutsch B6_D_SuL Beatriz und Trainerin Standarddeutsch Schweizerdeutsch B7_D_SuL Gordana und Trainerin Standarddeutsch Schweizerdeutsch B8_D_SuL Angela und Trainerin Standarddeutsch Schweizerdeutsch B9_D_SuL Sena und Trainerin Standarddeutsch Schweizerdeutsch Schulchats Kernperson Fabia F1_D_SuS Fabia und Peer Schweizerdeutsch Standarddeutsch F2_D_SuL Fabia und Lehrerin Schweizerdeutsch / Standarddeutsch KP Nadja N1_G_SuL Lehrperson Kosler, Nadja und SuS Standarddeutsch Schweizerdeutsch N2_G_SuS Nadja und SuS Schweizerdeutsch KP Helen N2_G_SuS Helen und SuS Schweizerdeutsch H1_G_SuL Helen, Lehrperson Holenstein und SuS Schweizerdeutsch H2_D_SuL Helen und Lehrperson Holenstein Standarddeutsch Schweizerdeutsch KP Anna A1_G_SuL Anna, Lehrperson Wüest und SuS Standarddeutsch Schweizerdeutsch A2_D_SuS Anna und Peer Schweizerdeutsch 182 Florian Busch & Karina Frick <?page no="183"?> Chat Sigle Beteiligte Basissprache Weitere Sprachen KP Janine J1_D_SuS Janine und Peer Schweizerdeutsch Standarddeutsch J2_D_SuL Janine und Lehrperson Martinelli Schweizerdeutsch Standarddeutsch J3_D_SuL Janine und Lehrperson Zülli Standarddeutsch KP Linda N2_G_SuS Linda und SuS Schweizerdeutsch L1_G_SuL Linda, Lehrperson Wanner und SuS Standarddeutsch / Schweizerdeutsch Tab. 4: Detaillierte Aufteilung der Chats im Korpus mit Angabe der Siglen und der Basissprache Dialektale Schreibregister 183 <?page no="185"?> Der schreibt ez, der Hurens … Semantisch-pragmatische Variation und Aggressionsrichtungen sprachlicher Äußerungen in Computerspielen Georg Oberdorfer & Matthias Hahn Abstract: This article examines the dynamics and linguistic realization of verbal aggression in competitive multiplayer video games. By analyzing ingame recordings from a test corpus, it investigates verbal aggression in four different games and employs a model categorizing the directionality of aggressive speech acts, mapping them to real, ludic (game-related), and mixed (semi-ludic/ real) aggression. The findings indicate: (1) semantic resources for verbal aggression vary significantly depending on the game (settings); (2) certain game types favor specific speech directions according to the proposed model; and (3) the semantic resources differ based on the target of aggression, whether directed at oneself, opponents, avatars, or the game environment. According to the language dynamics approach these results suggest context-sensitive conventionalizing strategies also for verbal aggression. Although sociolinguistic parameters like age, gender, and region are not addressed here, the analysis suggests significant variations and underscores the need for a comprehensive corpus to explore these patterns further. Keywords: gaming, politeness, verbal aggression, profanity, taboo language, speech act directionality 1 Einleitung Im gesellschaftlichen Zusammenleben werden nicht nur ausgehandelte Gepflogenheiten in Form von Regeln (Gesetze, Kodizes) und Konventionen (ungeschriebene Gesetze) verfolgt, sondern unweigerlich auch emotionale Befindlichkeiten bearbeitet, was u. a. auch in der linguistischen Literaturtradition <?page no="186"?> der Höflichkeitsforschung 1 oder auch der sprachlichen Gewalt 2 ein wiederkehrendes, wenn auch nicht unbedingt schwerpunktmäßig bearbeitetes Moment darstellt. Manche von diesen Gemütsverfassungen (Komik/ Freude/ Spaß) sind tabubefreit und lassen sich daher friktionsfrei ausleben, andere (Schmerz/ Trauer/ Frust/ Aggression) sind das gerade nicht und dürfen kaum ohne soziale Sanktionen erwähnt werden. Für diese tabureichen emotionalen Situationen existieren allerdings Ausnahmen, die ein Ausleben doch möglich machen. In Bezug auf Frust und Aggression trifft das in erster Linie auf den Sport zu, in dem innerhalb (Spieler: innen) und außerhalb (Zuschauer: innen/ Fans) die Tabugrenzen - bis zu einem gewissen Grad - fallen. In solchen Situationen werden in der Interaktion schließlich Ressourcen aktiviert, die anderswo keinen Platz haben, da sie gesichtsverletzend sind und durchwegs face threatening acts (FTAs; Brown/ Levinson 2013) darstellen. Die Verwendung solcher Ressourcen hat in jüngster Zeit einen neuen Platz im Alltag gefunden und dieser soll im nachfolgenden Artikel beleuchtet werden. Es geht dabei um die Aggressionsentladungen innerhalb kompetitiver Computerspiele. Hier hat sich im Multiplayer-Setting ein Raum gebildet, der zunehmend seine Grenzen im Tabubereich abbaut und damit einen Rahmen für aggressionsgeladene Sprechakte bietet. Hinzu kommt, dass in kompetitiven Multiplayer-Spielen oftmals mindestens zwei (im Falle von Streaming manchmal drei) verschiedene Nachrichten-Empfänger: innen vorzufinden sind, was jedes Auftreten von FTAs auch zu einer zweiseitigen Interaktion macht, wobei die eine Sprecher: in und Adressat: in fokussiert, während die andere eine ist, bei der der: die Sprecher: in gleichzeitig etwas für das Publikum äußert. 3 Es müssen Beleidigungshandlungen und dergleichen deshalb hier dreierlei Dinge einlösen: den Akt der affektiven Selbstdarstellung, den Akt der Beleidigung des Gegners selbst sowie die Unterhaltungsfunktion für den Rest der Hörer: innenschaft. Und all dies geschieht vor dem Hintergrund einer virtuellen Welt und von Avataren, die nur von den Menschen gespielt werden, die dabei beleidigt werden. Der nachfolgende Artikel will diese Situation unter linguistischen Gesichtspunkten anhand von Gamingmitschnitten aus einem eigenen Testkorpus 1 Einen guten Überblick über die Entwicklung und rezente Situation führen Neuland et al. (2020: 14 - 24) an. 2 Ein breitgestreutes Bild davon liefert der Sammelband von Krämer/ Koch (2010). 3 Das geschieht in solcher Weise, als dass die Sprechakte an die Gegenspieler: innen als Adressat: innen gerichtet sind, jedoch im Falle eines mitgedachten Publikums auch für dieses geäußert werden. In manchen Konstellationen von Streamer: innen kann es sich hierbei sogar um zwei Personengruppen, nämlich die Mitspieler: innen sowie die Zuseher: innen handeln. 186 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="187"?> beschreiben. Es wird daher zuerst Hintergrundinformation über Computerspiele und die kompetitiven Multiplayer-Spiele darin gegeben, um den medialen Rahmen zu fassen. Dem folgend werden Aggression und ihre Facetten in der linguistisch-kulturanthropologischen Forschungstradition diskutiert, wobei neben der Aggressionsdefinition vor allem eine semantische Basis an Spenderbereichen für aggressive Äußerungen etabliert wird. Es folgt die Korpusbeschreibung einer Auswahl kompetitiver Spiele und die Analyse unterschiedlicher Aggressionsentladungen in diesem Material. Die Analyse erfolgt mithilfe eines Modells, mit dem die aggressiven Äußerungen in den Mitschnitten in ihrer speziellen Gerichtetheit nachvollzogen und damit die jeweiligen Sprechakte zwischen der realen, ludisch-virtuellen und der Metaebene verortet werden können. Dabei geht es auch darum, quantitativ zu prüfen, inwiefern verschiedene Aggressionsziele und Rollenidentifikationen mit den semantischen Ressourcen korrelieren, die für aggressive Sprechhandlungen herangezogen werden. 2 Computerspiel und Aggression in der Kommunikation Zu Beginn des theoretischen Abschnitts soll der mediale Rahmen der in Diskussion stehenden Computerspiele abgesteckt werden, bevor die Aggression in der Kommunikation und insbesondere in den Spielen beleuchtet wird. 2.1 Computerspiele und kompetitives Spielen Waren Computerspiele zunächst noch ein Nischenprodukt, das weniger und vor allem junge, männliche Personen angesprochen hat, zeigen Statistiken heute, dass ein überwiegender Anteil der Gesellschaft spielt. Diese Statistiken berufen sich auf unterschiedliche Größen des digitalen Spielens und je nachdem ergibt dies dann eine hohe Anzahl an Spieler: innen oder sogar eine sehr hohe, ganz in Abhängigkeit von der Inklusion oder Exklusion des mobilen Gamingmarkts. So kommt die Statistik der deutschen Gamesbranche für 2022 auf über 50 % der Bevölkerung, die sich zu den Gamern zählen lässt (vgl. Game 2022: 9), 4 wobei das Geschlechterverhältnis durchaus ausgeglichen ist. In der Altersstratifizierung sind Jugendliche nach wie vor und wohl noch länger die bedeutendste Gruppe an Spieler: innen oder eben Gamer: innen. 4 In diesem Fall greift die zuvor angesetzte Differenzierung mit der Inklusion des mobilen Spielemarkts. Wird nämlich der mobile Spielemarkt hinzugerechnet, steigen Nutzer: innenzahlen deutlich an, weshalb dann auch von der Hälfte der Bevölkerung als Spielende gesprochen werden kann. Der schreibt ez, der Hurens … 187 <?page no="188"?> Unter den Spielen haben sich kompetitive Computerspielsettings in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem zentralen Bestandteil der Freizeitaktivität des Spielens entwickelt, für manche wurde es sogar eine Sportbzw. im Falle von Streamer: innen eine monetäre Aktivität. Nicht zuletzt dafür verantwortlich ist auch die digitale Infrastruktur mit starken, stabilen Internetverbindungen. Es etabliert sich eine Kultur des always on oder eben mit Blick auf Computerspiele auch online only mitsamt Schnittstellen zur Interaktion der Partizipierenden. Daraus resultiert, dass immer mehr Spieler: innen nicht nur für sich alleine spielen, sondern meistens in einer Konstellation aus Mitspieler: innen, seien das Teamkamerad: innen oder Kontrahent: innen sowie auch Zuschauer: innen. In den dabei stattfindenden Kommunikationen treten zwar auch in den kooperativen, vor allem aber in den konfrontativen Situationen schließlich verbale Angriffe auf einander auf, wie sie sonst aus anderen kompetitiven, zu meist sportlichen Kontexten bekannt sind, wohl aber auch darüber hinaus gehen. Diese Aggressionsentladungen lassen sich unterschiedlich quantifizieren. So zeigt ein Blick auf die JIMplus-Studie 2022, dass mindestens 75 % an Jugendlichen im Internet in Kontakt mit Hatespeech kommen. Daran schließt an, dass laut der JIM-Studie 2022 auch knapp die Hälfte der Jugendlichen im Zeitraum eines Monats vor der Befragung mit Beleidigungen im Internet konfrontiert war. Auch Bareither (2020: 38) beobachtet Beleidigungen bereits in 40 % seiner untersuchten Let ’ s-Play-Kampfsequenzen. Wiederum weitere Arbeiten wie jene von Beres et al. (2021) untersuchen toxicity und unterstreichen, dass antisoziales, toxisches Verhalten in Teilen der Gaming-Communities zunehmend als normales Spielverhalten toleriert wird. Dass sich dieses Verhalten aus virtuellen Spielwelten mit geringen Hürden häufig auch ins Social Web überträgt und sich dort als Cybermobbing fortsetzen kann, betont Marx (2017: 138). In der medialen Berichterstattung ebenso wie in der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Computerspielen 5 hat sich letztlich ein Begriff herausgebildet, der eine Praxis beschreibt, die über ein normales Maß an gegenseitigen Anfeindungen hinausgeht, nämlich der Begriff der toxischen Verhaltensweise oder eben auch Toxicity. Das nachfolgende Zitat soll das insofern illustrieren, da in diesem beide Komponenten, verbale Kommunikation sowie destruktives Spielverhalten, angesprochen sind: 5 Die Beschreibung ‚ toxischen Verhaltens ‘ hat in letzter Zeit an vielen Stellen Einzug genommen und sich dabei mehr und mehr zu einem vielseitigen, thematisch übergreifenden Begriff entwickelt, der sich ob der unklaren Entstehung aber zunächst gar nicht so einfach allgemeingültig festlegen lässt. Hoffmeister (2023) hat sich jüngst um eine Standortbestimmung bemüht. 188 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="189"?> Toxicity refers to various types of negative behaviors involving abusive communications directed towards other players (i. e., harassment, verbal abuse, and flaming) and disruptive gameplay that violates the rules and social norms of the game (i. e., griefing, spamming, and cheating). (Beres et al. 2021: 1) Mehrere Punkte treten in dieser Definition von ‚ Toxizität ‘ hervor: Es handelt sich um ein verletzendes oder darauf abzielendes Kommunikationsverhalten, welches sich im Rahmen von Extremkategorien zeigt. Der Äußerungsaspekt, in dem tendenziell die Tabubereiche mit dem größtmöglichen Schadenspotential herangezogen werden, ist dabei stärker ausgeprägt als die handlungsbezogene Spielweise. Hier reduziert sich das Verhalten auf ein spielzerstörendes, das die Lust oder den Spaß am Spiel nehmen soll. Wichtig erscheint weiter, dass der Begriff verortet und als Teil der gesamten Erfahrung Online-Spiel wahrgenommen wird. 6 Denn auch wenn es sich dabei ebenso um ein einfaches disruptives Verhalten handeln kann, 7 ist es dominiert von Belästigungen anderer. Insofern Aggression also z. T. auch konfliktorientiertes Dominanzgebaren - durchaus zu unterschiedlichen Endzwecken - ist (siehe dazu unten), kann jenes toxische Verhalten, das nicht rein disruptiv, sondern ganz bewusst die Gesichtsverletzung des/ der anderen im Sinn hat, eine Extremausformung der Aggression in Computerspielen darstellen. Es gilt also zu beachten, dass nicht jede aggressive Äußerung automatisch als toxisch zu werten ist, sondern dass es sich um das gesamte Spektrum von aggressiven Ausdrucksformen handelt, die in ihren extremen Formen toxisches Verhalten darstellen können. Die oftmalige Anonymität der Personen in den Online- Welten ist hierbei ein befördernder Faktor, wie bisherige Arbeiten zum Thema herausstreichen können: The nature of online environments provide [sic! ] a disinhibiting effect due to increased anonymity and invisibility, which afford individuals the freedom to 6 Kordyaka et al. (2022: 2908) wiederum definieren in ihrer Studie über Toxizität in Multiplayer-Spielen toxisches Verhalten als impulsiv und von kurzer Dauer sowie auch als Reaktion auf In-Game-Frustration. Weiterhin betonen sie, im Kontext von MOBAs (Multiplayer Online Battle Arena) könne sich toxisches Verhalten „ manifest through gameplay (e. g., intentionally stealing resources from teammates) and through team communication in the form of verbal and written abuse “ (Kordyaka et al. 2022: 2908). Deutlich wird darin, dass sie toxisches Verhalten weitaus einschränkender definieren als andere (siehe die Definition von Beres et al. im Text) und sich vor allem darin auf die Ingroup-Kommunikation beschränken, was sicher nicht ausreichend für alle Kommunikationskonstellationen - ebenso in MOBAS - ist. Hier ist das allgemeine Verhalten wie in Beres et al. beschrieben tragfähiger. 7 Das wäre ein solches spielzerstörendes Verhalten oder kommunikativ gesehen irreführende Wortmeldungen im Sinne von Spamming. Der schreibt ez, der Hurens … 189 <?page no="190"?> express themselves in ways they would refrain from exhibiting in the physical world. (Beres et al. 2021: 2) In den Arbeiten bleiben die kommunikativen Ressourcen allerdings häufig außen vor. Dabei nutzen Spieler: innen aber gerade die kontextuell gegebenen Möglichkeiten, um ihre Beleidigungen pointiert auf Ziel und Intention auszurichten (für eine - leider besonders kurze - Anmerkung zu computerspielspezifischen Beleidigung siehe auch Stypa 2017: 248 - 250). Natürlich ist der Rückgriff auf das Weltwissen und wiederum daraus aus den gängigsten semantischen Bereichen der Beleidigung vorherrschend, daneben finden sich aber gerade kontextspezifische, die nicht zu selten auf das Spiel und evtl. auch dessen Moderation, d. h. Verbote zugeschnitten sind. Zensurprogramme unterbinden nämlich ganz klassische sowie vielleicht im Spiel etablierte Beleidigungen, sodass die Community neue Wege findet, diese zu tarnen. In diesem Einfallsreichtum zeigt sich wiederum auch, wie wichtig für die Spieler: innen die Option auf Beleidigungen des Gegenübers ist. 2.2 Sprachvariation und Gaming In weiterer Folge ist dann das Wie der Sache interessant. Zum einen mit Bezug auf die Variation nach soziolinguistischen Parametern, aber letztlich auch bezüglich einer, wie sie auch im Titel dieses Bandes vorkommt, Variationspragmatik. Wann, unter welchen Umständen also passiert das Wie und wie verteilt es sich? Unter variationslinguistischen Gesichtspunkten sind die Parameter des Geschlechts, des Alters sowie der Herkunft hier zweifach interessant, da sie zum einen die klassischen Variationsfaktoren für Sprachvariation darstellen, an denen gruppenspezifische Sprachgebräuche nachgewiesen werden können, und zum anderen bilden diese Faktoren, sofern sie denn bekannt sind, gleichzeitig auch semantische Ressourcen als Kristallisationspunkte bzw. Angriffsflächen für aggressive Äußerungen. Für die Variation je nach regionaler Herkunft oder Prägung bedeutet das insbesondere, dass unterschiedliche Voraussetzungen in der kontextuellen Erwartbarkeit der Handlungen zu finden sind. Wie Schneider/ Placencia (2017) schon feststellen, ist (Un-)Höflichkeit nicht alleine makroskopisch zwischen Kulturen, sondern auch mikroskopisch innerhalb unterschiedlicher Regionen einer Einzelsprache vorzufinden: „ Perceptions of (im)politeness and (in)appropriateness have been found to be subject to regional variation. [ … ] Overwhelmingly, regionally distributed recurrent patterns of language use have been identified and interpreted as reflections of diverging norms and expectations “ (Schneider/ Placencia 2017: 563). Für den Parameter Alter ist ferner ein Generationenunterschied deutlich sichtbar, der sich iterativ an 190 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="191"?> Jugendgenerationen nachzeichnen lässt, wobei generell die Annahme gilt, dass eine jüngere Generation Gepflogenheiten nicht mehr kenne und in solcher Weise unangemessener, eben unhöflicher sei (vgl. Neuland et al. 2020: 11 - 12). In ihrer Studie über Jugendliche und (Un-)Höflichkeit können das die Studienautor: innen Neuland, Könning und Wessels aber gerade nicht nachzeichnen; vielmehr finden sie Veränderungen in der Gewichtung dieser Dinge sowie einen situationsadäquaten Einsatz, der sich in traditionellem Verhalten gegenüber Erwachsenen, aber weniger, dafür mit mehr Verständnis für Unhöflichkeiten gegenüber Gleichaltrigen zeigt (vgl. Neuland et al. 2020: 215 - 221). Letzteres erscheint vor allem wichtig, wenn der soziale Umgang einer jüngeren Generation im Bereich aggressiver Sprechakte angesehen wird. Hier kommt dann auch Geschlecht/ Gender zum Tragen, was sich in einer höheren Verwendung und Akzeptanz aggressiven Verhaltens bei männlichen und weniger bei weiblichen Personen zeigt (Bettencourt/ Miller 1996; Havryliv 2009; Marx 2019 zeigt wiederum differenziertere Verhältnisse für den Bereich sozialer Medien). Mit Blick auf Geschlecht und Alter erscheint daher die Einstellung junger männlicher Sprecher gegenüber Unhöflichkeit oder gar etwas darüber Hinausgehendem viel offener als bei anderen Personengruppen. Darüber hinaus gilt es für Computerspiele und dabei evtl. sogar nach einzelnen Spielen einen eigenen definierenden Rahmen anzunehmen; Ensslin/ Finnegan (2019: 141) setzen hier die Idee der Community of Practice an, Kiourti (2019: 162) nimmt für Computerspielende wiederum „ frames “ (nach Goffmann) an. Beides verweist darauf, dass sich für die Teilnehmenden am Spiel Rahmenbedingungen ergeben, die Handlungen angemessener oder unangemessener erscheinen lassen. Der enthemmende Effekt auf die Verwendung sonst sozial tabuisierter Formen ist gewiss ein Teil hiervon, den Ensslin/ Balteiro (2019: 6) bspw. als „ symptom of deep immersion that removes verbal inhibitions, of extreme levels of affect and emotional investedness, and of a degree of performative pressure to use bad language, imposed by the community of practice themselves “ beschreiben. Mit Blick auf Variation sei an dieser Stelle schon vorweggegriffen, dass die vorliegende Datensichtung resp. deren Analyse - die Alter und Geschlecht noch nicht als abhängige Variablen berücksichtigen kann - allerdings daraufhin weist, dass eine breite Variation in den Aggressionsentladungen z. T. schon Konventionalisierungstendenzen weicht, die es einer recht heterogenen Menge an Personen erlaubt, gezielt zu kommunizieren, und das eben auch im Bereich der Beleidigungen. Ganz im Sinne der Sprachdynamiktheorie (Schmidt/ Herrgen 2011) zeigt sich hier eine zunehmende Synchronisierung im Sprachverhalten der Teilnehmer: innen an diesen spezifischen Kommunikationssituationen, auch wenn diese sonst mit ganz anderen Sprachbiographien in diese Der schreibt ez, der Hurens … 191 <?page no="192"?> Situationen treten. In der Übereinkunft, d. h. Synchronisation der Partizipierenden findet sich die Vorstufe zu dem, was am Ende eine Konventionalisierung darstellt und was wiederum ein bedeutender Grund ist, wieso diese Verhaltensformen wenig überraschend oder gar als verpönt in den Augen der Rezipient: innen erscheinen. 8 Insofern zeigt sich auch potentielle Variation unter anderen Gesichtspunkten. Einer davon kann sich mit den genutzten Ressourcen je nach Gerichtetheit der Aggression beschäftigen und die Frage stellen: Aus welchem semantischpragmatischen Bereich geht welche Ressource gegen mich selbst, meinen Avatar oder den/ die Gegner: in und hier wieder auch gegen dessen/ deren Avatar oder den Spieler/ die Spielerin direkt. Ferner ist eine nicht zu unterschätzende Konstellation jene des beleidigten Zielobjekts, während Rezipienten: innen der Äußerung eigentlich Teamkamerad: innen sind. In dieser Hinsicht bemerken wir eine besondere Form der kommunikativen Gattung des Lästerns. 9 2.3 Aggression, Spiel und Kompetenzdifferenzen Der Einschätzung eines Ausdrucks oder einer Ausdrucksverwendung als Aggression geht schon eine semantische oder pragmatische Analyse voraus, die kaum rein objektiv sein kann und deren Komplexität im hier besprochenen, teils ludischen Kommunikationsraum noch eine zusätzliche Dimension erhält. Der Phänomenbereich aggressiven Sprechens wird häufig hinsichtlich konkreterer Sprechhandlungen bearbeitet, z. B. Beleidigung (Technau 2018), Hate Speech (Meibauer [Hrsg.] 2013; Scharloth 2021), Drohen, Schimpfen und Fluchen (Nübling/ Vogel 2004), sprachliche Ausgrenzung und Sprachgewalt (Krämer 2007; Lobenstein-Reichmann 2013; Marx (Hg.) 2022) oder Frotzeln, Lästern und Dissen (Deppermann/ Schmidt 2001), die hier nicht im Detail nachgezeichnet werden müssen. Es zeigt aber bereits die Bandbreite an Phänomenen auf, mit denen gerade in Spielumgebungen gerechnet werden muss. 8 Zu so einem Ergebnis kommen bspw. Karsch in ihrer Masterarbeit über Gaming und Politeness (vgl. Karsch 2022: 43 - 44) sowie Beres et al. (2021: 10 - 11) bzgl. der Toxizität. 9 Lästern, Frotzeln und Dissen wurden in gesprächsanalytischen Arbeiten wiederholt als kommunikative Gattungen beschrieben und voneinander abgegrenzt (vgl. bspw. Walther 2014). Stärkung und Bearbeitung der persönlichen Beziehung - oftmals einer absteckbaren Gruppe - ist das, was Lästern zunächst mit Frotzeln oder Dissen vereint. Gegenüber den anderen zeichnet sich Lästern allerdings durch die Abwesenheit des Ziel-, also Lästerobjekts aus. Für die vorfindbare Konstellation in den Computerspielen tritt hierbei demnach als Besonderheit hervor, dass das Zielobjekt an sich durchaus anwesend ist, aber der eigentliche Sprechakt es halt nicht erreicht. 192 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="193"?> Was nun aber überhaupt als Aggression zu gelten hat, was als aggressiv oder beleidigend empfunden wird und wogegen solche Äußerungen sich richten, ist in einem teils anonymen Gamingsetting nur schwer objektivierbar. Zur Annäherung an das Variationspotenzial erweist sich die funktionale Breite des Phänomens aber als Schlüssel, mit dem sich auch die dynamischen Bedingungen desselben erschließen lassen. Die Grundfunktion von Aggression fasst Bonacchi wie folgt und aus einer eher evolutionären Perspektive auf das Gesamtphänomen zusammen: Demnach ist Aggression grundsätzlich ein Device zur Selbsterhaltung und Fortentwicklung der Gattung in der Tierwelt, das Menschen als Teil ihrer genetischen Ausstattung geerbt und in › menschlichen ‹ kulturgebundenen Formen (vgl. Bonacchi 2012) weiterentwickelt haben. Zu diesen Weiterentwicklungen gehören auch die symbolischen Formen der Aggression, wie sprachliche Aggression oder Aggression in der Kunst. (Bonacchi 2018: 439) Verbale Aggressionsformen dienten beim Menschen schließlich insbesondere der „ Kontrolle des interaktionalen Raums “ (Bonnachi 2018: 441). Wie diese Kontrolle ausgeübt wird bzw. wie die sprachlichen Mittel eingesetzt werden, um den Interaktionsraum zu gestalten, ist damit noch nicht gesagt. Bonacchi (Hg.) (2019) und Havryliv (2009, 2017, 2022) veranschaulichen ein sehr umfassendes Funktionsspektrum formaler verbaler Aggression, das sich dieser Grundfunktion unterordnet. Die Autorinnen illustrieren, wie dynamisch dieses kommunikative Feld angelegt ist, indem z. B. Herabwürdigen des Gegenübers, eigener Emotionsausdruck, symbolische Rollenaushandlungen, Frustrationskompensation, soziales Bonding, Selbstbehauptung, Machtdemonstration usw. in einem kommunikativen Setting funktional mit einander amalgamieren können. Im vorliegenden Fall tritt nun noch weiterhin die Aggression im Spiel hinzu. Denn auch das ludische Moment menschlicher Handlungen fügt sich in diese Perspektive ein: Bei vielen Tierarten, insbesondere bei Primaten und Menschen, ist das Spielen genetisch angelegt und übernimmt verschiedene Funktionen, die für die ontogenetische und phylogenetische Entwicklung von Bedeutung sind. Eine herausragende Entwicklung und charakteristisches Merkmal beim Menschen ist das sogenannte pretend oder fantasy play (Smith/ Pellegrini 2005: 285), was z. T. das primitivere Kampfspiel (rough-and-tumble play) mit seinen physischen Aggressionsanteilen ablöst und sie auf das stellvertretende Feld des Symbolischen überführt. Beispielsweise lässt ein Kind im Spiel zwei Heldenfiguren miteinander kämpfen, anstatt selbst mit einem anderen Kind zu kämpfen und kann so aggressive Impulse aus der real physischen in die Dimension der Vorstellung verlagern. Symbolisch vermittelte Aggressionen jedoch eröffnen wiederum große Spielräume für Interpretationen. Der schreibt ez, der Hurens … 193 <?page no="194"?> Bezogen auf unseren Fall einer virtuellen Spielräumlichkeit werden diese Interpretationsspielräume in einigen der aggressionsgeladenen Handlungen durch bestenfalls teilkongruente semantisch-pragmatische Kompetenzen der beteiligten Akteur: innen sowie durch die häufige Anonymität und - damit einhergehend - die gegenseitige Unvertrautheit auch noch verstärkt. Das bedeutet, dass die Schwierigkeit, potenziell aggressive Äußerungen zu disambiguieren, zunimmt, je weniger die Interaktionspartner in ihren sprachlichen Kompetenzen synchronisiert sind. Dieses Interaktionspotenzial setzt aber wiederum sprachliche Dynamiken in Gang. Die Bewertung von vermeintlichen Aggressionsakten, die im Spiel des homo ludens auftreten, gestaltet sich vor diesem Hintergrund ausgesprochen komplex. Insbesondere verbale Aggressionsakte weisen hier einige Besonderheiten auf, die die Bestimmung von Illokution und Perlokution erschweren. Denn gerade in Rollenspielen kommt es leicht zu einer Diffusion zwischen der spielenden Person und dem gespielten Avatar sowie zu Interaktionen zwischen weiteren möglicherweise ebenso diffundierten Person-Avatar-Konstellationen. 10 Welche Möglichkeiten hat man hier, potenziell aggressive Akte in ihren Intentionen und Wirkungen zu beschreiben? Das Maß an Aggressivität muss v. a. juristisch in Beleidigungsverfahren immer wieder festgestellt werden; 11 aus linguistischer Sicht müssen hierbei jedoch semantisch-pragmatische Unterschiede der individuellen Registerkompetenzen berücksichtigt werden (was wiederum auch für die rechtliche Praxis relevant ist). Darunter verstehen wir die individuellen Abweichungen von Sprecher: innen hinsichtlich ihres semantischen und pragmatischen Wissens, das eben nicht nur individuell, sondern auch gruppal variiert. Schmidt/ Herrgens (2011) Grundannahme zu sprachlicher Dynamik ist gerade dieses Nicht- Identischsein, die Inkongruenz der idiolektalen Wissensbestände sämtlicher Sprecher: innen, die durch permanenten Abgleich in der mikroskopischen, mesoskopischen und makroskopischen Interaktion zu Änderungen oder Sta- 10 Eng damit verknüpft ist auch die mediale Diffusion der Wirklichkeitswahrnehmung, vgl. dazu das Modell konvergierender Rahmen bei Marx (2017: 139). 11 Dies zeigten auch die Diskussionen auf der interdisziplinären Arbeitstagung »Literatur vor Gericht - Freiheit der Kunst oder Schutz der Persönlichkeit? « an der Philipps- Universität Marburg im Juli 2022, wo insbesondere die Herausforderungen zwischen Fiktionalität und Faktualität von Beleidigungsdelikten in Kunstwerken u. a. zwischen Literatur-, Sprach- und Sozialwissenschaftler: innen sowie Jurist: innen diskutiert wurden; [www.uni-marburg.de/ de/ fb09/ neuere-deutsche-literatur/ arbeitsgruppen/ frueheneuzeit/ veranstaltungen/ literatur-vor-gericht-tagung-juni-juli-2022; 29.11.2023] 194 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="195"?> bilisierungen der individuellen Kompetenzen führen (=Synchronisierungen). Solche Kompetenzunterschiede bilden sich auch zwischen verschiedenen Gaming-Communities heraus, wenn in diesen nach innen gleichgerichtete, aber nach außen divergente Synchronisierungsakte vollzogen werden, welche dann ein für die Community geltendes Normsystem situationsadäquater Verwendungsweisen bereitstellen und sich von den Normsystemen anderer Gruppen z. T. unterscheiden (vgl. Schmidt/ Herrgen 2011: 38). Solche strukturellen Kompetenzdifferenzen bestehen nachvollziehbarerweise nicht nur auf einer von Schmidt/ Herrgen (2011) betonten phonologischen, morphologischen und syntaktischen Ebene oder, wie Technau (2018) zeigt, auf lexikalischsemantischer Ebene in puncto Expressions- und Beleidigungsgrad sowie Referenzialität, sondern auch hinsichtlich der pragmatischen Fähigkeiten. Folglich ist es wichtig, nicht nur die lexikalisch-semantischen Unterschiede bei der Einordnung des Aggressionspotenzials einzelner Ausdrücke zu berücksichtigen, sondern auch ins Verhältnis zu rücken, dass der Gebrauch potenziell aggressiver Varianten funktional variiert und daher bei unterschiedlichen sektoralen Kompetenzen von Interaktionsteilnehmer: innen zu divergenten situativen Schlussfolgerungen führen kann. Hierzu stehen empirisch belastbare, variationslinguistische Untersuchungen aber noch aus, welche die semantischen und pragmatischen Gebräuche (vermeintlicher) verbaler Aggressionsakte in verschieden Gruppenkonstellationen in den Blick nehmen. Gute Hinweise auf variationslinguistische Differenzierungen liefert aber Technau (2018), der mit einer Fragebogenuntersuchung bei Studierenden u. a. variierende Beleidigungsgrade und Referenzen für bestimmte Pejorativa feststellen kann. Dabei ist der Grad der empfundenen Beleidigungsstärke aber keinesfalls für alle untersuchten Items Konsens, sondern zeigt wiederum innerhalb der untersuchten Gruppen deutliche Varianzen bei Beleidigungswörtern wie Behindi, Kanake, Neger, Schlitzauge, Schlitzi und Zigeuner. Die Histogramme hierzu weisen aber häufig keine Normalverteilungen auf, sondern zeigen z. T. multimodale, d. s. mehrgipflige Verteilungen, die ihrerseits wieder auf systematische Variation nach gewissen Parametern wie Alter, Bildungshintergrund, Sozialisation, Herkunft, Geschlecht usw. hindeuten (vgl. Technau 2018: 125 ff.). 2.4 Zur Gerichtetheit und Semantik potenzieller Aggressionsakte im Spiel Eine Möglichkeit, die wir sehen, um diese variierenden Registerkompetenzen darzustellen, ist es, die Gerichtetheit und die semantischen Quellbereiche bzw. Referenzdomänen ludisch-verbaler Aggressionsakte in kompetitiven Spielen zu untersuchen. Unter ludisch-verbalen Aggressionsakten verstehen wir potenziell gewalthaltige, sprachliche Äußerungsformen, die interaktiv in der Der schreibt ez, der Hurens … 195 <?page no="196"?> unmittelbaren Spielpraxis und in direktem Bezug zur Spielpraxis auftreten. Da divergente Registerkompetenzen auch bei uns als den Analysierenden angenommen werden müssen, haben wir für unsere Gamingdaten einen möglichst breiten Ansatz zur Belegsammlung gewählt. Das bedeutet, dass wir sowohl von der lexikalisch-semantischen Seite zunächst sämtliche Äußerungssequenzen der analysierten Gamingsessions einbezogen haben, die (in Bezug auf standardsprachliche Erwartungen) Pejorativa enthalten, als auch von der pragmatischen Seite her solche Äußerungen, die potenziell aggressive Sprechhandlungen darstellen. Die folgenden Beispiele sollen nun zunächst die Phänomenbreite demonstrieren und stammen bereits aus dem im nächsten Abschnitt beschriebenen Korpus von Aufzeichnungen mehrerer Gamingsessions unterschiedlicher Spieltypen: (1) Was ist das denn für ne Scheiße, Alter! (League of Legends) (2) Du hast mehr farm 12 wie ich, also Fresse! (League of Legends) (3) Aaah, der Bot fickt mich! (Mario Kart 8) (4) Urrgh, ich habs verkackt! (Call of Duty - Warzone) (5) Digga, Danny, du verdammter Nuttensohn! (Mario Kart 8) (6) Gönn dir den Stern, du rothaarige Mastsau. Der Blitz soll dich beim Scheißen treffen, Alter! (Mario Kart 8) (7) Aalter, die Scherenfrau ist super nervig! (League of Legends) (8) Mcky, ich weiß nicht, ob meine Augen mich täuschen, aber ich glaube, du bist hinter mir. (Mario Kart 8) (9) Ich mach den Shen nass, Alter! (League of Legends) (10) Digga, lösch dich, Alter! (Mario Kart 8) (11) Ich peitsch die Gegner jetzt richtig aus! (League of Legends) Während in (1) - (6) also die Aggressivität semantisch über Pejorativa erzeugt wird (unterstrichene Wörter), sind (7) - (11) entweder nur kontextuell als aggressive Sprechakte zu erschließen oder es wird mehr oder weniger expressiv eine gewalthaltige Handlung angekündigt. Die Beispiele unterscheiden sich aber weiterhin auch darin, wogegen sie gerichtet sind. Wir haben nun versucht, diese Situation in einem Modell (vgl. Abb. 1) festzuhalten, das die potenziellen Ziele verbaler Aggression im Gaming sowie deren Richtungen lokalisiert. Dies geschieht in der Absicht, ein Instrument für die pragmatische Interpretation der Daten zu gewinnen. 12 farm beschreibt hier den Grad des Farmens, also des Erhalts von Gold und Erfahrung durch besiegen von Gegnern in League of Legends. Viel ‚ farm ‘ referiert auf einen potentiell starken Charakter. 196 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="197"?> Abb. 1: Richtungsmodell für Aggressivität in kompetitiven Spielen Das Richtungsmodell für Aggressivität in kompetitiven Spielen verortet nun erstens, welche Zielrichtungen die Aggressionsakte aus Perspektive der Gewährsperson (GP) potenziell nehmen können; zweitens, ob diese real oder ludisch, d. h. innerhalb der gespielten Welt konzeptionalisiert sind und ebenso diskursiv ludisch oder aber direkt in der realen, also der spielenden Welt zu verorten sind; und schließlich drittens, ob diese vermittelt über ein Identifizieren mit dem eigenen Avatar oder unvermittelt direkt durch den/ die Spieler: in geäußert werden. An erster Stelle steht hier die reale Autoaggression. Damit bezeichnen wir sprachliche Handlungen, die sich direkt gegen das sprechende Selbst richten wie in Beispiel (4): Der Spieler (bzw. dessen Avatar) wird in diesem Fall von seinem Gegner (bzw. dessen Avatar) im Spiel (Call of Duty - Warzone) getötet und wertet sich bzw. seine Spielkompetenz in dieser Runde daher ab. Ebenfalls autoaggressiv bestimmen wir sprachliche Handlungen, die sich gegen den eigenen Avatar, den eigenen gespielten Charakter richten. Für diesen Fall fand sich in unseren Daten leider noch kein Beleg, aber anekdotisch sind einige bekannt wie bspw. das Zu-Langsam-Sein (Wieso kann ‚ ich ‘ denn nicht schneller laufen/ fahren/ schwimmen/ fliegen) bzw. es lassen sich ohne weiteres plausible Fälle konstruieren, die das Prinzip verdeutlichen: *Ich bin halt einfach ´n verdammter dicker Affe im Schuh, wie soll ich da was gewinnen können! ? [Mario Kart 8: Spieler fährt Donkey Kong im Sneaker und verliert die Runde]. Solche Formen der Autoaggression würden wir stärker in der gespielten Welt verorten und bezeichnen sie daher als ludische (Auto - )Aggression. Weiterhin können Formen vermittelter ludischer Aggression vorkommen; Formen bei denen die sprachliche Handlung in der gespielten Welt sich gegen den gegnerischen Avatar oder den/ die Gegenspieler: in richtet. Die Schwierig- Der schreibt ez, der Hurens … 197 <?page no="198"?> keit besteht hier darin, dass der Kontext der Äußerung ausreichend mit identifizierenden Ausdrücken gesättigt sein muss, um die Handlung in diese Kategorie einzuordnen. Denn bei der ludischen Autoaggression genügen die Verwendung der 1P/ Sg und ein paar nominale oder verbale Ausdrücke, um das Matching zwischen Spieler: in und Avatar über deren Eigenschaften oder Tätigkeiten zu erzeugen, zumal diese identifizierenden Ausdrücke gleichzeitig diejenigen sind, mit denen die Aggression vermittelt wird (Ich bin in ne Banane gefahren, weil ich dumm bin; MK8). Für die vermittelten Formen der ludischen Aggression aber kommen 2. und 3. Person Singular wie Plural in Frage und die identifizierenden Ausdrücke wären nun gerade nicht jene, mit denen die Aggression vermittelt wird. Die spielende Person müsste also erst verbalisieren, dass sie aus Sicht ihres Avatars agiert. Möglich wäre hier auch eine prosodische Maskierung der Rollenverschiebung, z. B. also ein Verstellen der Stimme durch die spielende Person, das zum Matching mit dem Avatar führte und damit die Kategorisierung vereinfachte. Auch solche Formen finden sich im untersuchten Material aber bislang nicht. Ohne solche Signale ist eine verlässliche Einteilung der Sprechhandlungen als reale Äußerung des Spielers/ der Spielerin bzw. als ludische Äußerung über den gespielten Avatar auch kaum möglich. Fokus unserer Analyse bilden daher neben den autoaggressiven Formen insbesondere jene unvermittelten Äußerungen, die sich direkt gegen den gegnerischen Avatar (7, 9, 11) oder den/ die Gegner: in (2, 5, 6, 8, 10) bzw. gegen das Spiel, die Community, die Programmier: innen, die technische Infrastruktur usw. (1, 3) richten. Die Kernfragen, die sich nun stellen, sind, ob die verschiedenen Richtungen auch mit den verschiedenen semantischen Quellbereichen/ Ressourcen korrelieren. Wird die Aggressivität also konkreter oder abstrakter, wenn die reale Person oder der Avatar adressiert werden? Und gibt es hier semantische Unterschiede in der Referenzierung? Weiterhin wird zu fragen sein, ob diese ggf. sprecher: innentypisch ausgeprägt sind. 3 Korpus und Methode Für die erste funktionale Verortung des Modells zur Erfassung der Gerichtetheit der Aggressionsentladungen wurde auf eine frühe Sammlung an Computerspieldaten zurückgegriffen, wie sie zum Zeitpunkt der Textabfassung zur Verfügung standen. 13 Da es hier keine nachnutzbaren Daten gab, fand die Datenakquirierung explorativ bei mehreren Spielen und deren Aufzeichnun- 13 So wurden zeitgleich auch Aufnahmen im GameLab der Universitätsbibliothek Marburg durchgeführt, allerdings waren Auswertungen hier noch nicht möglich. 198 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="199"?> gen statt. Es wurde induktiv auf den Videoplattformen youtube und twitch und unter anderem auch ausgehend von den bisherigen Arbeiten, die solche Daten aufgreifen, nach einer einheitlichen und möglichst gesamtheitlichen Wiedergabe (ganze Spielesessions, Videoreihe der gleichen Personen etc.) beliebter, d. h. hochfrequentierter Spiele gesucht und diese dann in einem Zeitumfang von mindestens einer Stunde erfasst. Eine erste Erkenntnis daraus war, dass vollständige Spielsessions, d. h. die vollumfängliche Wiedergabe einer Spielsitzung, die 1-x Spielrunden umfassen kann, nur noch selten auf Plattformen bereitgestellt werden und solche Aufzeichnungen thematischen Zusammenschnitten gewichen sind. Es ist eine explorative Herangehensweise daher mit erheblichem Zeitaufwand verbunden. Ebenso lassen sich in dieser Weise die soziolinguistischen Parameter des Alters und des Geschlechts nicht kontrollieren, wobei Letzteres natürlich ein unbedingtes Desiderat für zukünftige Analysen bleibt. 14 Die phänomenologisch orientierte Annotation geschah anschließend in Form von an GAT2 orientierten bzw. bei geschriebener Sprache originalgetreu übernommenen Wiedergaben der auffindbaren Vorkommen sowie den dazugehörigen Timestamps. Für variationspragmatische Einsichten wird folglich im Artikel auf eine Auswahl aus vier unterschiedlichen Spielen eingegangen, um das diskutierte Phänomen inter-communitybasiert zu analysieren, auch Parallelen zwischen diesen zu ziehen sowie das Modell der Gerichtetheit zu erproben. League of Legends (LoL): Bei League of Legends handelt es sich um ein Spiel, das dem MOBA-Prinzip folgt. MOBA ist ein Akronym für Multiplayer Online Battle Arena und bezeichnet damit ein gladiatorenkampf-ähnliches Setting, in dem im Falle von LoL zwei fünfköpfige Mannschaften mit je einem Charakter pro Spieler: in gegeneinander antreten. Gewonnen hat am Ende die Mannschaft, die es schafft, bis zur gegnerischen Basis vorzudringen und diese zu zerstören. Der linguistische Input lebt hier vom Chat, der für gewöhnlich für alle offen gehalten wird. Der Voice Chat wiederum beinhaltet in der Regel die Wortmeldungen eines Teams, nicht jedoch des gegnerischen Teams. 14 Für die untersuchten Mario-Kart-Spielesessions lässt sich bspw. festhalten, dass die Streamer daraus in anderen Konstellationen auch zwei Streamerinnen in die Aufnahmen eingebunden haben und dabei deutlich der Eindruck entsteht, dass hier gänzlich andere Verhaltensweisen von und zu Mann und Frau* an den Tag gelegt werden. * Eine weitere Differenzierung lässt sich hier nicht anstellen. Der schreibt ez, der Hurens … 199 <?page no="200"?> Abb. 2: Screenshot aus League of Legends (LoL) Für dieses Spiel wurden zwei Videos 15 einer etablierten Streamergruppe rund um einen bekannten deutschen Streamer analysiert, in denen sie vier vollständige Spielrunden LoL durchspielen. Die zwei Stunden Material, die sich daraus ergeben, bieten einen umfangreichen Fundus für das untersuchte Thema. Minecraft: Minecraft gehört zu den Sandboxspielen, deren Besonderheit es ist, dass sie selbst wieder spielerische Gestaltungen zulassen. So gibt es von Minecraft auch unterschiedliche, teilweise nur von der Community entworfene Spielmodi. Manche davon sind kompetitive Settings, in denen Spieler: innen versuchen, andere Spieler: innen entweder möglichst oft zu besiegen, um am Ende den Highscore zu haben, oder auch in Last-Man-Standing/ Battle- Royal-Modi als einzige Person überzubleiben. Für die vorliegende Analyse wurden Spielsessions von SkyWars, einem solchen Battle-Royal-Modus von Minecraft, angesehen. Hier treten Spieler: innen gegeneinander an, um ihre Kontrahent: innen im Kampf zu besiegen und somit als letzte Person eine Spielrunde zu gewinnen. Abb. 3: Screenshot eines Chatausschnitt aus Minecraft SkyWars 15 youtu.be/ ZA10LBqlclI? si=wqY6sQjg_VV8e_zd; [20.06.2024] youtu.be/ _TGSsqilbd8? si=fZNuEnI5YYzIGUhk; [20.06.2024] 200 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="201"?> Der Zeitumfang der hier herangezogenen SkyWars-Daten 16 beträgt in etwa eine Stunde und der linguistische Input speist sich primär aus Chatbeiträgen, insbesondere Death Chats (siehe dazu gleich folgend). Call of Duty (CoD) Warzone: CoD ist heutzutage ein Klassiker der First- Person-Shooter, in denen es darum geht, gegnerische Spieler: innen mit unterschiedlichen Waffen zu eliminieren. Das geschieht ferner aus der Ego-Perspektive, weshalb dann auch von First-Person-Shooter gesprochen wird. Der CoD-Ableger Warzone ist dabei ein gratis Battle-Royal-Modus, in dem sich Spieler: innen darum bemühen, die anderen Spieler: innen zu eliminieren und als letzte Person in der Spielwelt überzubleiben. Abb. 4: Screenshot aus Call of Duty: Warzone mit eingeblendeter Äußerung aus dem Voice Chat Eine Besonderheit hier sind die Hot Mics, eine Funktion, bei der in den letzten Sekunden nach einer Niederlage das Spielermikrofon freigeschalten wird und Spieler: innen noch eine Wortmeldung abgeben können. Dem Prinzip der kommunikativen Gattung nach ließen sie sich wohl den Death Chats zuordnen, die sonst ebenso geschriebensprachlich (daher Chats) auftreten. Ob nun geschrieben- oder gesprochensprachlich, Death Chats zeichnen sich dadurch aus, dass nur wenige Sekunden bleiben, um eine Nachricht abzugeben, da man kurz darauf aus dem Spiel ausscheidet (der Death-Anteil des Begriffs). Was in diesen Sekunden wiedergegeben wird, wäre prinzipiell offen und könnte Gratulationen gegenüber dem/ der Sieger: in umfassen oder Dank für ein (gutes) 16 www.youtube.com/ watch? v=X0a4d2nshFc; [20.06.2024] www.youtube.com/ watch? v=fh5LFOeu3IQ; [20.06.2024] www.youtube.com/ watch? v=msyCHwjY6e8; [20.06.2024] www.youtube.com/ watch? v=_hN69otH4Qw; [20.06.2024] www.youtube.com/ watch? v=VqKbhXj-Jio; [20.06.2024] www.youtube.com/ watch? v=ejb8L9BA9_Y; [20.06.2024] www.youtube.com/ watch? v=Q1m_k-r3hqE; [20.06.2024] www.youtube.com/ watch? v=BLYwsch2IHk; [20.06.2024] www.youtube.com/ watch? v=a149qxfvwHs; [20.06.2024] Der schreibt ez, der Hurens … 201 <?page no="202"?> Spiel. Die Gattung zeichnet sich allerdings durch etwas anderes aus, was sie durchwegs dominiert, nämlich Beleidigungen, Wutausbrüche und überhaupt ‘ raw emotions ’ (überwiegend Schreie und Flüche). Verständlicherweise eigenen sie sich für die folgenden Erstanalysen daher ideal. Da solche Hotmics sehr komprimiert in kürzester Zeit (je nach Spiel etwa 5 - 10 Sekunden) ablaufen sowie auch eigentlich nur zur Schaffung einer exemplarischen Bandbreite an Beispielen herangezogen werden können, wurden hier nur 2 Hot-Mic-Compilations aus Spielsessions des Streamers Shmaiky analysiert, die insgesamt 51 solcher TCU enthielten. 17 Mario Kart 8 (MK8): Bei Mario Kart handelt es sich um ein Rennspiel mit erhöhtem Spaßfaktor, da Kontrahent: innen hier nicht nur ‚ um die Wette fahren ‘ , sondern dabei auch Gegenstände zur Verfügung haben, mit welchen sie ihre Gegner: innen auf unterschiedliche Art und Weise sabotieren können. Neben der Frage nach Sieg oder Niederlage kommen somit auch aufgrund der zusätzlichen Sabotage durch Kontrahent: innen zusätzliche Frustrations- und Konfliktpotentiale auf. Die Avatare, die hierbei als Fahrer: innen genutzt werden, entstammen unterschiedlichen Spielen der Firma Nintendo und haben durchaus stärkeren ikonischen Charakter, was wiederum eine Projektions- und Angriffsfläche bildet. Abb. 5: Screenshot aus Mario Kart 8 Für dieses Spiel wurden fünf Spielesessions 18 - jeweils bestehend aus einem vollständigen Grand Prix zu vier Rennen und ca. 10 - 15 Minuten Laufzeit - 17 www.youtube.com/ watch? v=NuwrK47GiAE; [20.06.2024] www.youtube.com/ watch? v=VhS0n3Xr_bA; [20.06.2024] 18 www.youtube.com/ watch? v=BhAIi7mRugc&list=PL10SOK-tpfUkIW0hXnib- ZenqfhgTrX_gm; [20.06.2024] www.youtube.com/ watch? v=idpaZFV3b3o&list=PL10SOK-tpfUkIW0hXnib- ZenqfhgTrX_gm&index=2; [20.06.2024] 202 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="203"?> einer Gruppe bekannter Streamer analysiert. Der linguistische Input basiert hier rein auf dem Voice Chat der befreundeten Streamer. Spielkonstellationen: Alle herangezogenen Spiele bewegen sich im Bereich der kompetitiven Spielmodi, kennen Einzelwie auch Gruppensettings und verlangen einen höheren Grad der Spielbeherrschung, um sich gegen andere Spieler: innen durchzusetzen. Die Fähigkeit, das Beherrschen des Spiels ist in den kompetitiven Settings hier also ein wichtiger Faktor und umso mehr Effekt hat es auch, wenn ein: e Spieler: in gut oder schlecht abschneidet. Diese Effekte sind folglich auch stark emotional unterlegt, weshalb Spieler: innenreaktionen in diesen Situationen (Sieg und Niederlage) eine gute Basis für die Analyse der Aggressionssprechakte in ihren Ausformungen der Wut, des Frusts, der Verzweiflung etc. sind. Methode: Alle Spielesessions wurden auf der Ebene von turn construction units (TCU) eingehend auf aggressionsbehaftete Äußerungen hin analysiert und das darin aufgefundene Sprachmaterial in semantische Kategorien eingeteilt. Die TCUs sind dabei häufig nicht länger als Einzeiler (Chat) oder Ein- Wort-Äußerungen (Chat/ Voice Chat), können aber auch in dieser Weise einen umfangreicheren Turn an Beleidigungshandlungen entwickeln. Methodische Orientierung bieten hier Arbeiten wie jene von Scheffler (2000), Havryliv (2003, 2017, 2018), Nübling/ Vogel (2004) und Lobenstein-Reichmann (2013), die bereits relevante Kategorien beschreiben. Diese Kategorien können aber kaum je exhaustiv dargelegt werden und überlagern sich im Äußerungskontext z. T. sogar mehrfach, in dem verschiedene Ressourcen miteinander verknüpft werden. Im qualitativen Auswertungsprozess wurden diese Kategorien iterativ um domänenspezifische Kategorien ergänzt. Die Themenbereiche, die in den untersuchten Aufnahmen besonders zum Tragen kommen, sind nun in Tabelle 1 aufgeführt. Klassische soziolinguistische Parameter wie Alter, Geschlecht und Herkunft lassen sich hier wie erwähnt nur rudimentär bestimmen, weshalb sie kein Fixpunkt in den Analysen sind, was gleichzeitig als Desiderat gelten darf. Es zeigt sich in ihrer Ungewissheit allerdings auch ein weiterer wichtiger thematischer Punkt, da nämlich die Akteur: innen diese Informationen ebenso nicht haben und dennoch auf sie resp. oftmals auf die stereotyp antizipierten Informationen referieren. Alter, Geschlecht und Herkunft werden dabei also zu www.youtube.com/ watch? v=BZ8WQy8o2ns&list=PL10SOK-tpfUkIW0hXnib- ZenqfhgTrX_gm&index=3; [20.06.2024] www.youtube.com/ watch? v=khLRzYvu6jo&list=PL10SOK-tpfUkIW0hXnib- ZenqfhgTrX_gm&index=4; [20.06.2024] www.youtube.com/ watch? v=T6OfJUfgY50&list=PL10SOK-tpfUkIW0hXnib- ZenqfhgTrX_gm&index=5; [20.06.2024] Der schreibt ez, der Hurens … 203 <?page no="204"?> Ressourcen, die aufgrund der kulturellen Stereotypizität erst recht als Mittel für Aggressionsausdrücke dienen können und womit sie dann auch wieder Einzug in die Analysen finden. Semantischer Quellbereich Beispiel Ableistisches Spasti, alter, ey ich geh raus! (LoL) / Was nehmt ihr mich mit ihr Idioten in euerm sch … (MK8) Familien-/ Ahnenbeleidigung Ich fick deine Toten / Deine Mutter ist ne dreckige Schlampe! (CoD) Flora/ Fauna (Tier- und Pflanzenmetaphern/ -metonymien) Sascha, deine Rote hat mich so gefickt, du elender Hund! (MK8) / alther, lauch (Minecraft) Hierarchie Ach, digga, so ein Opfer! (LoL) / LOSER (Minecraft) Physische Gewalt/ (elliptische) Drohungen Du dumme whore, junge, jetzt knallts aber gleich hier (LoL) / Ey, wehe einer von euch Nutten wirft gleich nen Blauen, Alter, ich schwöre … (MK8) Sexistisches Die Bots kriegen immer Blitze, die Fotzen. (MK8) / Schwitz nich, du Hure! (CoD) Sexuelles (Praktiken/ Gewalt/ Sexualorgane etc.) fick dich ins Knie, Shaco, ey, fick dich in dein Arschloch ey! (LoL) / Mann Junge, lutsch. (MK8) Skatologische Begriffe Ja perfekt, Digga, ich fahr so beschissen. (MK8) / Du hast so n Aluhut in dem Scheißspiel auf, das is Wahnsinn (LoL) Spielspezifisches ey, was bist du fürn 31er? (MK8) / Du Hurensohn-Camper (CoD) Reklamation & Resignation (auch Namensnennung + Schreien usw.) Wallah, ey, das macht überhaupt keinen Spaß! (CoD) / entweder schreit das Team ihn jetzt zusammen, oder ich spiel nicht mehr mit, der wird jetzt ma bitte heftig geflammt (LoL) Ridiküles ELOT: Na Mcky, alles klar? MCKY: Du bist so frech! (MK8) Sakrales Verdammte k … Kiste, Alter (LoL) Normabweichendes Verhalten Du bist so doll aufm Festival gewesen … man merkts! (LoL) / Was geht mit ihm ab, Alter! ? (CoD) Persönliche Referenzen Du Dieb. Sascha, das warst du, mit deiner riesen Nase? / Gönn dir den Stern, du rothaarige Mastsau. Der Blitz soll dich beim Scheißen treffen. Alter. (MK8) Tab. 1: Semantische Quellbereiche/ Kategorien und Beispiele aus den gesprochensprachlichen Daten 204 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="205"?> 4 Auswertung 4.1 Allgemeine Frequenzen und Bereiche der Aggressionen in den Daten Die gesammelten Belege wurden den in Tabelle 1 genannten Kategorien zugeordnet. Insgesamt wurden 330 aggressive Äußerungen/ Äußerungssequenzen in den vier untersuchten Spielen ausgewertet und miteinander verglichen (vgl. Tab. 2). Hierbei liegt der Fokus des Interesses auf den Spielen LoL, MK8 und CoD, während Minecraft aufgrund der niedrigen Belegzahlen eher einen indizierenden Charakter erhält. Wie die Beispiele in Tabelle 1 illustrieren, manifestieren sich in einer Äußerung häufig mehrere der Spenderbereiche/ Quellbereiche gleichzeitig. So wird der Beleg Du Hurensohn-Camper (CoD) dreifach gezählt, weil in ihm eine Familienbeleidung (*-sohn) realisiert wird und weil er einen sexistischen (Huren-*) sowie einen gamingspezifischen Abwertungsausdruck (Camper) enthält. Eine solche Doppelung in der Analyse von Belegen liegt in der Natur der Sache, wie es auch Ensslin und Finnegan (2019: 144) in ihrer Sichtung festhalten: „ There is a certain degree of overlap in some terms of abuse (e. g., BITCH and COW are both sexist and animalrelated), and they often combine into expressions like HOLY SHIT “ . Wir erhalten also aus den Daten höhere Anzahlen für die in potenziell aggressiven Äußerungen jeweils einbezogenen semantischen Ressourcen (N = 421) im Vergleich zur Gesamtzahl der untersuchten Äußerungen/ TCUs. Das ermöglicht es, die Ausnutzungsgrade der semantischen Quellbereiche für jedes Spiel und für die verschiedenen Aggressionsrichtungen in den Blick zu nehmen. Die auf diese Weise ermittelten Häufigkeiten werden in einfache Frequenztabellen überführt, deren entsprechende Datenverteilungen über die Mosaikdiagramme in Abbildung 2 im folgenden Abschnitt diskutiert werden. Tabelle 2 gibt ferner einen Überblick darüber, wie viele distinkte Ressourcen darin pro Spiel ausgemacht werden konnten und in den potenziell aggressiven Äußerungen genutzt wurden. Während für LoL und MK8 mit je ca. 40 % ungefähr gleichviele genutzte Ressourcen vorliegen, entfallen auf CoD nur ca. 16 %, auf Minecraft gerademal ein knapp 4 % der auftretenden Ressourcen. Spiel N TCUs N Ressourcen % N LoL (Voice Chat) 158 173 41,1 MK8 (Voice Chat) 130 165 39,2 CoD (Hot Mics) 51 68 16,2 Minecraft (Voice Chat / Text Chat) 11 15 (6/ 9) 3,5 (1,4/ 2,1) Der schreibt ez, der Hurens … 205 <?page no="206"?> Spiel N TCUs N Ressourcen % Semantischer Quellbereich N % N Skatologisches 87 20,7 Sexuelles 65 15,4 Reklamation/ Resignation 64 15,2 Sexistisches 42 10,0 Flora/ Fauna 31 7,4 Ableistisches 30 7,1 Familie/ Ahnen 28 6,7 Hierarchie 19 4,5 Gamingspezifisches 17 4,0 Physische Gewalt 11 2,6 Ridiküles 10 2,4 Sakrales 7 1,7 Normabweichendes Verhalten 7 1,7 Persönliches 3 0,7 Gesamt 421 100 Tab. 2: Anzahl der analysierte TCUs sowie absolute und relative Häufigkeiten ausgewerteter Ressourcen nach Spiel und nach semantischem Quellbereich aggressiver Sprachhandlungen im Korpus Wenig überraschend ist für den deutschsprachigen Raum, dass das Skatologische als semantische Ressource mit 20,7 % an erster Stelle rangiert - ein Befund, der schon in früheren Arbeiten zu pejorativem Sprachgebrauch dokumentiert wurde (vgl. Nübling/ Vogel 2004; Gauger 2012). Auch das Sexuelle, sei es die Nennung tabuisierter sexueller Praktiken oder ein metonymischer Gebrauch der Bezeichnungen von Sexualorganen für die Kontrahent: innen etc., spielt mit ca. 15 % besonders in dieser tendenziell jüngeren Altersgruppe die zu erwartende bedeutende Rolle. Im Ranking der wichtigsten Quellen für aggressive Sprachhandlungen konkurriert das Sexuelle allerdings schon mit dem Reklamativen und Resignativen, die ebenfalls ca. 15 % der genutzten Ressourcen ausmachen. Diese Formen von Äußerungen, die nach Frustrationsereignissen auftreten und oft mit erhöhter stimmlicher Beteiligung (hoher Pitch, hohe Lautstärke etc.) einhergehen, reklamieren vor allem unfair erscheinende Spielbedingungen (Das kannste vergessen, niemals! , CoD) oder drücken Resignation aus (Wallah, ey, das macht überhaupt keinen Spaß, CoD). 206 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="207"?> Gemein ist diesen Äußerungen jeweils der inhärente Vorwurf unfairen Spiels, der zwar vielleicht ein sanftes, aber dennoch aggressives Mittel ist, um den/ die Gegner: in im Interaktionsraum umzupositionieren und schlechter zu stellen. Ähnlichere Variationsverhältnisse und daher wohl am interessantesten mit Blick auf sprecher: innen- oder gruppenspezifische Ausprägungen zeigen die Bereiche Sexistisches (10 %), Flora/ Fauna (7,4 %), Ableistisches (7,1 %), Familie/ Ahnen (6,7 %), Hierarchie (4,5 %) sowie Gamingspezifisches (4 %). Mit Blick auf das Sakrale (1,7 %) ist ebenso noch interessant, dass bei Ensslin und Finnegan im Englischen der sakrale Bereich überwiegt, dieser hier in deutschen Beispielen aber gänzlich bedeutungslos erscheint (vgl. ebenso die kontrastiven Unterschiede zwischen Niederländisch, Schwedisch und Deutsch im Ausnutzungsgrad sexueller, sakraler und skatologischer Ressourcen bei Nübling/ Vogel 2004). Allerdings bleibt an dieser Stelle noch unklar, ob diese semantischen Quellen aggressiver Sprachhandlungen strukturelle Unterschiede sowohl zwischen den einzelnen Spielen als auch im Hinblick auf die annotierten Aggressionsrichtungen aufzeigen. Dem soll im Weiteren nachgegangen werden. Abbildung 6 zeigt nun als Mosaikdiagramm, aufgeteilt nach den drei Spielen mit den meisten Belegen, den Anteil an der Nutzung der beschriebenen semantischen Quellen je Spiel. Im linken Teil der Grafik befinden sich die jeweiligen Verteilungen, rechts die Legende, die ihrerseits auf die Gesamtverteilung in den Daten verweist. Es wird darin deutlich, dass die Verteilung ungleichmäßig ist und gewisse Konfigurationen von Schwerpunkten in den einzelnen Spielen hervortreten. CoD fällt hier insbesondere dadurch auf, dass dort zum einen manche Bereiche wie Persönliches, Sakrales, Skatologisches, Ableistisches, Physische Gewalt überhaupt nicht oder nur in sehr geringem Umfang genutzt werden. Andererseits entfallen über ein Drittel der Bezugnahmen (35,3 %) auf den Bereich vorwurfsvoller Reklamation/ Resignation. Für die gezielteren Attacken kommen insbesondere Familien- und Ahnenbeleidigungen mit 22,1 % und sexistische Ausdrücke mit 19,1 % - oft in uncharmanter Kombination - zum Tragen, welche in den anderen Spielen (LoL= 4 % / 9,2 %, MK8=2,4 % / 6,7 %) eine geringere Rolle spielen. Ein solches, verengtes Variationsmuster könnte den Schluss nahelegen, dass eine dominante Personengruppe die Konventionalisierungstendenzen der semantischen Ressourcen im Spiel beeinflusst. Gerade ein hoher Anteil an Ahnenbeleidigungen (vgl. zum Thema Gauger 2012, S. 122, 241) sowie auch der phonetische Eindruck der Aufnahmen sprechen für einen höheren Anteil an Nicht-Deutsch-Muttersprachler: innen als in den anderen Spielen. Die unklaren Sozialdaten der Spieler: innen in den CoD-Hot-Mics lassen hier jedoch keine endgültigen Schlüsse zu und bleiben somit ebenfalls ein Desiderat. Für MK8 ist das Profil Der schreibt ez, der Hurens … 207 <?page no="208"?> Abb. 6: Mosaikdiagramm zu den Anteilen der Spiele an der Nutzung semantischer Quellen 208 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="209"?> in Abbildung 6 wesentlich ausgeprägter und zeigt die gesamte Bandbreite der Möglichkeiten. Ridiküles und persönliche Referenzen sind zwar insgesamt selten, aber wohl doch nicht zufällig in den Mario-Kart-Sessions zu finden, wo befreundete Spieler miteinander interagieren und das gesamte Setting aufgelockerter und von einer Vielzahl solcher Signale wie Lachen etc. begleitet wird. Das Profil von LoL befindet sich zwischen den anderen beiden und zeigt sowohl ein relativ breites Spektrum als auch einige un- oder nur schwach genutzte Bereiche (Persönliches, Ridiküles, Reklamation/ Resignation). Diese Profile reflektieren im Wesentlichen die Spielsettings und deren Grad an kompetitiver Ernsthaftigkeit. So ist in den Hot-Mic-Phasen bei CoD bspw. kaum Zeit für kreatives Sprachspiel. Dort werden also unter hohem Zeitdruck die erwarteten ‚ raw emotions ‘ präsentiert: z. B. die (v. a. oft sexualisierten) Familien- und Ahnenbeleidigungen wie Ich fick ʼ deine Toten oder wenig erhabene, aber um grob Sexistisches erweiterte Formulierungen wie Fickt eure Scheiss-Hurenmütter. Gewichtig sind daher auch semantisch zwar harmlose, dafür aber häufig phonetisch/ prosodisch umso aufgeladenere Reklamationen wie <<schreiend> Ja, wie gut sind die alle, Alta? >, die unterstellen, dass es nicht rechtmäßig und fair zugegangen sein könne. Die Spieler in MK8 hingegen haben keinen größeren Zeitdruck für ihre sprachlichen Äußerungen, sie sind befreundet und auch das Spiel selbst ist - im Gegensatz zu CoD, wo gegenseitige militärische Elimination fingiert wird - ein kaum an der Realität ausgerichtetes Wettrennen mit Phantasiefiguren. Sprachliche Kreativität ist hier also eher möglich und wird auch ausgiebig eingesetzt. Gegenseitige Bekanntheit schließt aber gleichzeitig ein, dass mehr Attribute bekannt sind, die man in seinen Äußerungen aggressiv referenzieren kann, wie folgendes Beispiel verdeutlicht: MCKY: <<schreiend> ! JA: ! ; ! CA: RS! ten; > ELOT: GÖNN dir den stErn; du rOthaarige ! MAST! sau; DIGger. der blItz soll dich beim ! SCHEIS! sen trEffen; ALder. In dieser Sequenz verliert ELOT eine MK8-Runde gegen MCKY, die nebenbei eine Geldwette laufen hatten. Die direkte, namentliche Adressierung von Carsten (alias ELOT) und die starke prosodische Aufladung der Freudenäußerung durch MCKY heben die Überlegenheit und den Sieg hervor, was auf ELOT besonders erniedrigend wirken muss. Entsprechend aufgeladen ist die direkte Reaktion von ELOT im Video 19 : Zunächst lehnt sich ELOT mit geschlossenen Augen und vom Bildschirm abgewandtem Kopf zurück und hält sich die Hand an die Stirn, was eine gewisse emotionale Betroffenheit sig- 19 www.youtube.com/ watch? v=T6OfJUfgY50; Minute 10: 42 [20.06.2024] Der schreibt ez, der Hurens … 209 <?page no="210"?> nalisiert. Dann wertet ELOT den Sieg nachdrücklich gönnerhaft ab, um daraufhin gezielt auf das konkrete Äußere (Rothaarigkeit + Körperfülle) seines Gegners (nicht dessen Avatar! ) als rothaarige Mastsau zu verweisen. Abgeschlossen wird das Ganze durch die förmliche Beschwörung, dass der Gegner in wenig komfortabler Lage vom Blitz getroffen werden möge. Besonders auffällig ist hier der Übergang von einer vermutlich echten Frustrationssituation mit entsprechender körperlicher Reaktion über eine stark persönlich beleidigende Äußerung zu einer eindeutig auf Humor abzielenden Beschwörung, bei der sich ELOT bereits wieder breit lächelnd dem Bildschirm zugewandt hat. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass in solchen Konstellationen zwar immer auch Entkräftigungssignale wie Lachen und Lächeln möglich sind, das Potenzial zur Persönlichkeitsverletzung aber aufgrund der gegenseitigen Bekanntheit noch einmal höher ist. Bei CoD oder in manchen Fällen von LoL hat man keine weiteren Attribute der Gegner: innen zur Verfügung als jene, die man über die Stimme (etwa Alter und Geschlecht) oder den Spielnamen (etwa Herkunft) erahnen kann, entsprechend unwahrscheinlich wird die konkrete Referenzierung. LoL befindet sich vermutlich auch deshalb im Mittelfeld dieser Profile, da es in der Mehrzahl der Fälle sowohl ein Team von vertrauten Mitspielenden als auch ein gegnerisches Team aus unbekannten Kontrahent: innen bietet. Der Zeitdruck ist auch hier nicht hoch und - noch wichtiger - der Voice Chat kann vom gegnerischen Team nicht gehört werden. Beim Sprechen besteht das Publikum also aus den Gefährt: innen und die Funktion potenziell aggressiver Äußerungen beruht entsprechend von vornherein nicht auf der Verunsicherung der Gegner: innen, sondern zielt viel mehr auf die Frustrationsbewältigung und erfüllt eine korporative Funktion zur Stärkung des Social Bondings mit dem eigenen Team (vgl. Havryliv 2017: 38). Ähnlich wie bei MK8 bestehen die gegnerischen Avatare nicht nur aus Humanoiden, sondern ebenso aus Phantasiewesen. Die gespielten Szenarien haben einen geringen Wirklichkeitsbezug, was möglicherweise ein kreativeres, zumindest aber ein thematisch breiter angelegtes Entladen von Aggression begünstigt. 4.2 Zielrichtungen aggressiver Akte Ergeben sich aufgrund der verschiedenen Spielumgebungen auch Unterschiede in der Zielrichtung potenziell aggressiver sprachlicher Handlungen? Abbildung 7 illustriert auf Grundlage der Äußerungshäufigkeiten signifikante Unterschiede in diesem Zusammenhang zwischen den drei Spielen. 210 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="211"?> Abb. 7: Anteile der annotierten Aggressionsrichtungen in den untersuchten Äußerungen je Spiel Die laut dem Modell in Abbildung 1 möglichen Aggressionsrichtungen sind, wie schon erwähnt, nicht vollständig in unserem Datenset zu finden. Der größte Teil fällt, wie Tabelle 3 zeigt, mit 34,1 % auf reale Aggression, also Äußerungen, die sich konkret auf die Gegenspieler: innen beziehen. Da das konkrete Referenzieren einfacher ist, wenn die Gegenspieler: innen bekannt sind, machen diese auch ca. 64,8 % der Äußerungen in MK8 aus, wo häufig eben auch die Namen im Äußerungsakt genannt werden; bei LoL sind es immerhin noch 17,7 %. In diese Kategorie ist auch die Titel gebende Äußerung der schreibt ez, der Hurens[ … ] einzuordnen. Die so bedachte, schreibende Person kann die Äußerungen zwar nicht wahrnehmen, da aber sie und nicht ihr Avatar im Spiel als Hurens … bezeichnet wird, handelt es sich hier um ‚ reale Aggression ‘ im Sinne des Modells. Bei CoD spielen solche Aggressionen mit 7,8 % nur eine geringe Rolle, was aber an der Auswahl der Snippets für die Hot-Mic- Compilation liegen mag, die hauptsächlich sich gegenseitig unbekannte Spieler: innen enthielt und die Äußerungen entsprechend häufig nicht zuzuordnen waren. Der schreibt ez, der Hurens … 211 <?page no="212"?> Aggressionsrichtung Spiel CoD % LoL % MK8 % Gesamt % Reale Aggression 4 7,8 28 17,7 83 64,8 115 34,1 Dritte 16 31,4 58 36,7 30 23,4 104 30,9 Diffundiert (semi-lud./ reale Aggression) 30 58,8 48 30,4 0 0,0 78 23,1 Unv. (semi-)ludische Aggression 0 0,0 18 11,4 1 0,8 19 5,6 Autoaggression 1 2,0 1 0,6 14 10,9 16 4,7 Antizipierte Heteroaggression 0 0,0 5 3,2 0 0 5 1,5 Tab. 3: Absolute und relative Häufigkeiten annotierter Aggressionsrichtungen je Spiel Die zweitgrößte Gruppe potenziell aggressiver Äußerungen bilden jene, die sich gegen unbeteiligte Dritte, die Spielsituation oder Objekte, also die Programmierer: innen, die Community, die Technik usw. richten. Äußerungen dieser Gruppe finden sich in allen Spielen in ähnlicher Proportion. Auffällig sind nun die Anteile diffundierter Äußerungen wie Am Mittelturm pushen die einfach, die Assis! (LoL) oder Du Hurensohn-Camper (CoD) - Äußerungen also, die nicht eindeutig gegen einen Avatar oder eine spielende Person gerichtet sind bzw. die anhand der rein sprachlichen Äußerung nicht exakt zugeordnet werden können. Diese machen mit 58,8 % den Großteil bei CoD aus und immerhin ein Drittel (30,4 %) bei LoL; bei MK8 hingegen konnte in allen Kontexten die Richtung der Aggression erschlossen werden. Sprachliche Aggressionsakte, die sich unvermittelt gegen die gegnerischen Avatare richten, finden wir mit einem Anteil von 11,4 % nur bei LoL in nennenswerter Zahl (Der Shen 20 , der is ‘ n Hurensohn). Autoaggressive Äußerungen wiederum tauchen mit 10,9 % v. a. in MK8 auf (Ja perfekt, Digga, ich fahr so beschissen). Eine Form der Aggression, die in unserem Modell aufgrund der Fixierung auf die Äußerungen der spielenden Person nicht vorgesehen war, die aber 3,2 % der Fälle in LoL ausmacht, nennen wir hier antizipierte Heteroaggression, wie in folgendem Beispiel: der is halt krass stark, der Fist wird halt kommen (LoL). Hier wird eine mögliche Niederlage durch einen überlegenen Gegner oder Champion angesprochen, die der Sprecher als ludische Aggression in (übertragener) Form einer sexuellen Erniedrigung (der „ Fist “ ) antizipiert. 20 Shen ist einer der spielbaren Charaktere in League of Legends (dort genannt Champions). 212 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="213"?> Auch diese Verteilungen reflektieren in gewissem Maße das Naturell der ausgewerteten Spielsettings. Dass in MK8 keine Diffusionen vorkommen, sondern alle Äußerungen zugewiesen werden konnten, liegt eben u. a. auch am Bekanntheitsgrad der Interagierenden, die sich namentlich ansprechen und auf konkrete, persönliche Eigenschaften referieren können. Diese aggressiven Äußerungen sind damit zwar auch direkter und persönlicher, was das Konfliktpotenzial zunächst anhebt - und, wie obige Interaktion zwischen MCKY und ELOT zeigt, nicht unbedingt harmloser erscheinen lässt - , sie können aber von den Spielenden besser eingeordnet werden und erfüllen damit häufiger un- Abb. 8: Semantische Quellbereiche der Aggressionsrichtungen Der schreibt ez, der Hurens … 213 <?page no="214"?> terhaltende und nähestiftende Funktionen. Die nicht zuordenbaren, diffundierten Äußerungen bei CoD und die Äußerungen hier sog. realer Aggression in MK8 rangieren mit jeweils etwa zwei Dritteln auf demselben Niveau und sprechen wohl auch für das Bedürfnis der Spielenden nach direkter Konfrontation bzw., etwas milder, direktem emotionalem Austausch. Abbildung 8 zeigt nun abschließend für die relevantesten semantischen Quellbereiche, wie häufig sie in den annotierten Aggressionsrichtungen zum Tragen kommen. Auch hier ergeben sich aus den Profilen gute Indizien für weitere Untersuchungen. Die Abbildung macht deutlich, dass trotz präferierter Quellbereiche im Deutschen die Ressourcenauswahl je nach Aggressionsrichtung unterschiedlich sein mag. So sind bspw. das Skatologische und Sexuelle sehr wohl in allen Richtungen stark präsent, sie machen aber bei weitem nicht in allen Fällen den Hauptanteil aus. Und ebenso zeigen sich Quellbereiche, die insbesondere für eine gewisse Aggressionsrichtung stimmig sein mögen. Hierbei tritt das Sexistische besonders deutlich hervor, das sich überwiegend in Avatarangriffen, d. h. in (semi-)ludischen und zwar auch unvermittelten Aggressionen zeigt. Ein größerer Datendurchsatz einzelner Spiele resp. Spielkonstellationen wird diese Verteilung noch besser einschätzen lassen. Die bisherigen Einsichten lassen aber auch jetzt schon manches an Präferenzen und Einschränkungen - gar Tabus? - erwarten. 5 Fazit und Ausblick Das Richtungsmodell für Aggressivität in kompetitiven Spielen, welches die Gerichtetheit aggressiver Sprechakte beschreibt, hat sich als guter Ausgangspunkt für die Einteilung solcher Handlungen herausgestellt. Es erfasst die möglichen Konstellationen zwischen Produzent: in und Zielobjekt der Aggressionshandlung sowie die Vermitteltheit über Avatare gut. Die Gesamtsituation inkl. des Rezipient: innenkreises - wenn nicht mit dem Zielobjekt zusammenfallend - und etwaiger Produktionen für diesen erfasst es jedoch nicht direkt. Das darf zunächst allerdings auch zweitrangig sein, da die Orientierung am Zielpublikum ein sekundärer Parameter ist, der dann das Motiv einer Äußerung anzeigen kann, aber nicht zwingend die Sache selbst mitbeschreibt. So finden wir dort bspw. Notwendigkeiten der Vergemeinschaftung und somit auch klassische kommunikative Gattungen wie Frotzeln, Lästern, evtl. Dissen. Im Falle eines Streamer: innen-Publikums haben wir auch noch einen Adressat: innenkreis, der unterhalten werden soll. Diese übergeordnete Ebene der kommunikativen Gattungen resp. Kommunikationssituationen stellt also Rahmenbedingungen dar, die zu jeder Zeit der kontextuellen Beschreibung dienen, 214 Georg Oberdorfer & Matthias Hahn <?page no="215"?> somit den Hintergrund der im Model beschriebenen Situation angeben können und darin ihren Platz haben. Mit Blick auf die vorkommenden Ressourcen und deren semantische Quellbereiche wird deutlich, dass unter den Kategorien eindeutig kulturell bevorzugte existieren sowie aber auch zwischen den Spielen unterschiedliche Kategorien unterschiedlich stark bevorzugt werden und dies wohl auch mit dem Bekanntheitsgrad der Spieler: innen untereinander sowie den Aggressionsrichtungen zu tun hat. Die Intensität der face threatening acts, die im sprechaktlichen Rückgriff auf diese Kategorien hier durchgeführt werden, kann umso höher ausfallen, desto weniger die Akteur: innen einander bekannt sind. Allerdings ist das ein zutiefst pragmatischer Effekt, der nicht allein an der semantischen Auswahl des Quellbereichs liegt. So ist die vermeintliche Härte hinter der Aggressivität der Äußerungen unter Freunden/ guten Bekannten wie in den Mario-Kart-Daten auf der Oberfläche um nichts geringer, allerdings hat sie von Beginn an einen spielerischen Charakter. Ebenso kann sie auch durch eine Reihe weiterer verbaler und paraverbaler Mittel (inkl. Lachen/ Lächeln, Mimik) unmittelbarer relativiert werden. Für weitere Erkenntnisse besteht zunächst noch die Notwendigkeit, ein Computerspiel-Korpus zu erstellen, das verschiedene Spielformate (kompetitiv und kooperativ, unter Freund: innen und Kontrahent: innen etc.) zusammenfasst, sodass individuelle Fragen zu Aggressionshandlungen und weit darüber hinaus erforscht werden können. An der Philipps-Universität Marburg läuft daher auch eine Kooperation des dasigen GameLabs und Mitarbeitern des Forschungszentrums Deutscher Sprachatlas, die passende Aufnahmekonstellationen für solche Daten ergründet. An diesem ausstehenden Erfordernis zeigt sich, dass es trotz der Digitalität und aller vorhandenen Aufzeichnungen nicht so einfach ist, an adäquate Computerspieldaten für (interaktionale) linguistische Analysen zu kommen. Die Parameter eines dafür aufgebauten Korpus müssen abgesteckt sein und das sind sie ‚ in freier Wildbahn ‘ nur in wenigen Fällen bzw. sind sie dort nur schwer zugänglich. So wundert es auch nicht, wenn bis hier noch kein linguistisch annotiertes oder zumindest aufbereitetes Korpus zu Computerspielen in deutscher Sprache existiert. Abschließend lässt sich mit einem Ausblick festhalten, dass die zukünftige Erforschung des Themas erst noch die soziale Praxis des Beleidigens im Gaming-Bereich erfassen muss, um hier einzelne Gebiete abstecken zu können, welche die folgenden Fragen beantworten: Welche sozialen Konstellationen liegen vor? Wie unterscheiden sich die vorzufindenden Praktiken in kompetitiven und kooperativen Spielen? Welchen Einfluss hat am Ende der Bekanntheitsgrad der Spieler: innen untereinander? Von einer basal linguistischen Ebene betrachtet, stellt sich weiterhin die Frage nach der semantischen Der schreibt ez, der Hurens … 215 <?page no="216"?> Bandbreite an Ressourcen für Beleidigungsakte. Welche Ressourcen werden hier ausgenutzt und vor allem auch mit welcher Stratifikation innerhalb der Dia-Perspektiven? Ist eine diatopische Dimension anhand der Sozialisierung der Spieler: innen festzustellen? 21 Was sagen uns die Parameter der diastratischen, der klassischen soziolinguistischen Dimension? Geschlecht alleine schon ist ein wichtiger Faktor in der Erfahrung des Online-Spielens. Ist es das dann auch innerhalb der Teilhabe an der sozialen Praktik der Aggressionshandlungen im Gamingumfeld? Und letztlich ist insbesondere die diaphasische Dimension in ihrem Variantenreichtum zu berücksichtigen. Welche Register werden hier in welchen Situationen gewählt? Das hat auch einen starken Bezug zu den semantischen Bereichen: Werden unter Freund: innen die gleichen Register mit ihren Quellbereichen aufgerufen wie unter - teils unbekannten - Kontrahent: innen? Es wird ersichtlich: Für etwas so wenig Erforschtes wie das vorliegend beschriebene Thema lässt sich eine Plethora an Fragen resp. dahintersteckenden Desideraten stellen. Nicht alle davon können auf einmal aufgearbeitet werden und manche davon eventuell auch noch lange nicht. Mit dem Beginn der Datenaufbereitung allerdings lässt sich die Variationsdimension in diesem Gebiet mit Sicherheit nach und nach beschreiben. Und frei nach Fishman sollte hier der Leitsatz sein: Wann wird was gegen wen in welcher Situation verwendet? 22 Literatur Balogh, Andrea/ Veszelszki, Ágnes (2020). Politeness and Insult in Computer Games - From a Pragmatic Point of View. Acta Universitatis Sapientiae, Communicatio 7, 68 - 91. Bareither, Christoph (2020). Playful Virtual Violence. 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The second part of the paper explores the possibility of using meta data categories included in the Research and Teaching Corpus of Spoken German (FOLK) in order to investigate the distribution of different variants of the pragmatic marker under investigation across three social categories (interactional domain, region, and gender). We find that the pragmatic marker is associated with private, largely informal interactions. The associations with the categories region and gender are hard to interpret, as the corpus is not balanced with regard to these categories and the total number of instances of the marker is too small for a more advanced quantification. Nevertheless, the study demonstrates how interactional linguistic and variational pragmatic research questions can be integrated methodologically. Keywords: pragmatic markers, interactional linguistics, macro-social variation, oral corpora 1 Einleitung Pragmatische Marker (vgl. z. B. Aijmer 2014; Brinton 1996) sind vielfältig in ihrer Form und Funktion; die Kategorie umfasst eine große Bandbreite an sprachlichen Einheiten mit besonderen (meta-)pragmatischen Funktionen. Zudem zeigen auch viele einzelne Marker selbst formale und funktionale Variation. Die Wahl zwischen verschiedenen Markern und zwischen unterschiedlichen <?page no="222"?> Varianten eines Markers hängt wesentlich von pragmatischen Faktoren wie der Gesprächssituation, der Position im Turn und in der Sequenz der Redebeiträge ab, wie sie in der Interaktionalen Linguistik (vgl. Couper- Kuhlen/ Selting 2018; Imo/ Lanwer 2019) beschrieben werden. In der Variationspragmatik (variational pragmatics) - die dem vorliegenden Sammelband den Namen gibt - wird betont, dass auch (makro-)soziale Faktoren (wie Region, Geschlecht und sozioökonomische Schicht) die Wahl von pragmatischen Makern mitbestimmen (Schneider 2021: 664). Die beiden empirisch ausgerichteten Forschungstraditionen nehmen also komplementäre Perspektiven auf die Erklärung der Variation in der Verwendung pragmatischer Marker ein. Somit besteht ein Desiderat, die jeweils andere Perspektive mit der eigenen abzugleichen und zu überprüfen, ob sie integriert werden kann. Der vorliegende Beitrag begegnet diesem Desiderat mit dem Versuch, aufbauend auf einer interaktionslinguistischen Untersuchung zum pragmatischen Marker wollt grad sagen die Distribution unterschiedlicher Varianten des Markers über drei soziale Kategorien (Interaktionsdomäne, Region, Geschlecht) auszuwerten. Diese Auswertung erfolgt über Metadatenkategorien, die in dem untersuchten Korpus, dem „ Forschungs- und Lehrkorpus Gesprochenes Deutsch “ (FOLK, vgl. Schmidt 2017), hinterlegt sind. Das Korpus ist nicht in erster Linie für solche Auswertungen konzipiert und nicht ausreichend hinsichtlich der sozialen Kategorien balanciert. Zudem gehört der untersuchte Marker nicht zu den häufigsten seiner Spezies, was die fehlende Balanciertheit schwerer wiegen lässt, als wenn man einen sehr frequenten Marker wie naja oder ach so untersucht hätte. Dennoch zeigt die Analyse exemplarisch, wie die im Korpus ohnehin vorhandenen Metadaten prinzipiell genutzt werden können, um die Perspektive von interaktionslinguistischen Analysen zu ergänzen und potenziell auszuweiten. Sie zeigt jedoch auch, dass die Beschreibung der unterschiedlichen Funktionen und sequenziellen Kontexte eines pragmatischen Markers für das Verständnis seiner Distribution über soziale Kategorien essenziell ist: Ohne das Wissen, dass bestimmte Verwendungsweisen nur in bestimmten interaktiven Kontexten vorkommen können und dass das Vorkommen dieser Kontexte nicht direkt von sozialen Kategorien beeinflusst ist, können die statistischen Verteilungen über die Kategorien leicht fehlinterpretiert werden. So zeigt sich z. B., dass die Mehrheit der Verwendungen des Markers wollt grad sagen von Frauen stammt; damit ist jedoch noch nicht gesagt, dass diese den Marker an sich häufiger verwenden als Männer, sondern zunächst nur, dass sie offenbar häufiger solche verbalen Handlungen und Turnkontexte produzieren, die eine Verwendung des Markers geschlechtsunabhängig begünstigen, und das zunächst auch nur im untersuchten Korpus, in dem ggf. sie oder diese Situationen überrepräsentiert sind. 222 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="223"?> Aus der Perspektive der Interaktionalen Linguistik sind die sozialen Kategorien Interaktionsdomäne, Region und Geschlecht als Ebenen der Variation bzw. als Faktoren, die Einfluss auf Variation haben, durchaus relevant, aber der Analyse anderer Variationsebenen in der Regel nachgelagert. Die Ebenen der Variation, die hier zunächst untersucht werden, sind folgende: a) die funktionale Ebene - welche Funktion(en) erfüllt der untersuchte pragmatische Marker? b) die kontextuelle Ebene - in welcher Turn- und Sequenzposition tritt der Marker auf? Ist er seinem Skopus voran- oder nachgestellt? 3) die formale Ebene, d. h. die Realisierungsform auf allen klassischen linguistischen Ebenen; bei Markern, die aus satzwertigen Mehrworteinheiten entstehen, heißt das: Syntax (Wortstellung, Realisierung von Verb-Argumenten), Lexik (Realisierungsform von Argumenten und Modifikatoren), Phonetik (Vollform vs. reduzierte Form). Wiederkehrende Bündel von Merkmalsausprägungen auf den drei Ebenen konstituieren kommunikative Praktiken (vgl. Schegloff 1997; Deppermann et al. 2016). Das heißt, einzelne Korpusbelege eines Markers werden je nach Kombination von Funktion, Realisierungsform und Verwendungskontext unterschiedlichen Praktiken zugeordnet. Anhand der Praktiken wird das Variationsspektrum eines Markers beschrieben. Der vorliegende Artikel gliedert sich wie folgt: In Abschnitt 2 werden einige Grundlagen zu pragmatischen Markern dargelegt. Nach einer Einordnung und Definition des Phänomens (2.1) wird darauf eingegangen, wie pragmatische Marker methodologisch in der Interaktionalen Linguistik behandelt werden und wie Variation in ihrer Verwendung auch vor dem Hintergrund des Programms der Variationspragmatik weitergehend erfasst werden könnte (2.2). Abschnitt 3 präsentiert die Fallstudie zu wollt grad sagen. Nach einer Erläuterung von Fragestellung, Methode und Forschungsstand (3.1) werden in zwei Schritten die Ergebnisse vorgestellt. Zunächst werden die vier Praktiken, für die der Marker verwendet wird, anhand von Beispielen beschrieben (3.2.1 - 3.2.4). Anschließend wird die Auswertung der Metadaten diskutiert (3.3.1 - 3.3.4) und mit einigen Überlegungen zur Rolle von individuellen Verwendungspräferenzen abgeschlossen (3.3.5). Das Fazit (Abschnitt 4) gibt einen Ausblick hinsichtlich weiterer Untersuchungsmöglichkeiten zur Variabilität pragmatischer Marker. 2 Pragmatische Marker 2.1 Einordnung und Definition Pragmatische Marker sind sprachliche Einheiten, die außerhalb der „ Kerngrammatik “ und auch außerhalb dessen, was als „ Kernwortschatz “ angesehen wird, stehen - sie sind nicht Teil der Satzgrammatik bzw. der syntaktischen Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch 223 <?page no="224"?> Regeln im engeren Sinne und sie sind auch größtenteils nicht in Wörterbüchern beschrieben. Ihre Bedeutung liegt außerhalb der Proposition einer Äußerung, gibt dieser aber eine metapragmatische Rahmung. Diese Rahmung kann sprecherbezogen oder hörerbezogen sein (z. B. epistemisch oder stancemarkierend) oder aber gesprächsorganisatorisch (vgl. z. B. Brinton 1996: 36 ff.; Traugott 2022). Pragmatische Marker sind in vielen linguistischen Teildisziplinen ein konstanter Forschungsschwerpunkt. Der Phänomenbereich ist aber durch eine große terminologische und definitorische Vielfalt geprägt (vgl. dazu Brinton 1996: 30 f.), so dass nicht alle einschlägigen Arbeiten den Begriff pragmatischer Marker verwenden, sondern teils auf verwandte, jedoch ebenfalls nicht einheitlich definierte Begriffe zurückgreifen. 1 Häufig werden pragmatische Marker als Oberbegriff für unterschiedliche Ausdrücke (Partikeln und Routineformeln) mit besonderer Gesprächsfunktion verwendet (vgl. z. B. Aijmer 2014: 195; Fraser 1996; Traugott 2022: 59). Wir schließen uns dieser Verwendung an. Das heißt, dass wir alle Einheiten, deren Funktion im Bereich der metapragmatischen Rahmung liegt, dieser Klasse zuordnen, unabhängig von ihrer genauen Form oder linearen Position (im Satz oder im Turn). In diesem Verständnis umfasst die Klasse der pragmatischen Marker initiale Einheiten (also, ich mein oder was ich noch sagen wollte) ebenso wie mediale (sozusagen), finale (verstehste, denke ich) und freistehende Einheiten (genau, ach so, das stimmt). Zudem sind neben monomorphemischen Einheiten auch Mehrworteinheiten unterschiedlichen Verfestigungsgrades inkludiert. Im Rahmen unserer eigenen Untersuchungen zu verfestigten metapragmatischen Einheiten mit dem Verb sagen unterscheiden wir zwischen pragmatischen Formeln und pragmatischen Markern. Als pragmatische Formeln 2 bezeichnen wir teilverfestigte, jedoch noch in verschiedenerlei Hinsicht variable (nämlich: umstell- und erweiterbare) komplexe Ausdrücke mit besonderen Gesprächsfunktionen. Als pragmatische Marker bezeichnen wir formal stärker verfestigte (und dabei in der Regel auch strukturell komprimierte) Varianten dieser Formeln mit denselben Funktionen. Dabei kann der Prozess der Verfestigung mehr oder weniger weit fortgeschritten sein. Bei der im vorliegenden Artikel im Fokus stehenden Formel kristallisiert sich als lexikalische Konvergenzform die Mehrworteinheit wollt grad sagen heraus, es gibt aber noch eine große Variationsbreite, was die Wortstellung und die Realisierung von Satzgliedern 1 Es gibt einen breiten Überlappungsbereich mit den Begriffen Diskursmarker, Diskurspartikel und pragmatische Partikel. Diese werden häufig sehr ähnlich definiert und ebenfalls oft als Oberbegriff für unterschiedliche Subkategorien bzw. feiner differenzierte Gruppen von Markern/ Partikeln verstanden (vgl. z. B. Blühdorn et al. 2017) oder aber sie gelten als eine der Subkategorien pragmatischer Marker (vgl. Traugott 2022). 2 Vgl. auch Stein (1995) zu „ gesprächsspezifischen Formeln “ . 224 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="225"?> ihrer syntaktischen Quellstruktur angeht: Sie reicht von (das) wollte ich (grad/ schon/ auch) sagen über (ich) wollte (grad/ schon/ auch) sagen bis hin zum verknappten wollt grad sagen, das sich als Zielform der Verfestigung abzeichnet. 3 Diese „ Markerform “ der Konstruktion bildet damit eine Untermenge aller Vorkommen der zugrundeliegenden Formel innerhalb der untersuchten Datenbasis. Damit grenzen wir die formale Seite unserer Definition von pragmatischen Markern stärker ein, als es meist in der Literatur explizit gemacht wird. Als Zitierformen genannt werden dort aber in der Regel auch verfestigte Formvarianten mit bestimmten Funktionen, das Ausmaß der Varianz wird selten thematisiert. Ebendiesem Desiderat kommen wir in unseren aktuellen Untersuchungen (vgl. Zeschel et al. 2025) nach, indem wir als noch umfassenderen, funktionalen Oberbegriff die pragmatische Formel ansetzen und ihr Realisierungsspektrum empirisch bestimmen. Zwischen Formel und Marker besteht ein Kontinuum. Deshalb werden in die Analyse und Beschreibung der Praktiken alle Realisierungsformen einbezogen. Im Text zu unseren Ergebnissen sprechen wir daher im Folgenden, anders als noch in der Einleitung, daher nicht mehr von einem pragmatischen Marker, wenn wir alle untersuchten Fälle meinen, sondern von einer pragmatischen Formel. 2.2 Interaktionslinguistische Untersuchungen und die Variation bei pragmatischen Markern Die Methodik unserer qualitativen Analysen ist eng an der Interaktionalen Linguistik (vgl. Couper-Kuhlen/ Selting 2018; Imo/ Lanwer 2019) orientiert, die wiederum stark von der Konversationsanalyse (vgl. Birkner et al. 2020; Sidnell/ Stivers 2013) beeinflusst ist. Beide Ansätze untersuchen sprachliche Formen als Ressourcen des Handelns in der sozialen Interaktion. Entsprechend ist die Datengrundlage immer spontan gesprochene Sprache. Aufgrund des Fokus auf authentische sprachliche Interaktion sind in der Interaktionalen Linguistik pragmatische Marker intensiv und extensiv erforscht worden, allerdings meist unter anderen Bezeichnungen, die eine feinkörnige funktionale Subklassifikation solcher Marker widerspiegeln. 4 In diesen Untersuchungen ist eine bestimmte Ebene der pragmatischen Variation immer schon berücksichtigt - und zwar die der Handlung (bzw. in anderer Terminologie: die des Sprechakts, oder 3 Nicht nur die Linearisierungs- und Realisierungspräferenzen gehören zur Konvergenzform, sondern ggf. auch prosodische oder phonetische Verfestigungen (z. B. Akzentuierung oder Tilgungen und Assimilationen, siehe dazu Abschnitt 3.1 sowie ausführlich Zeschel et al. 2025). 4 Beispiele für solche funktionalen Klassen sind z. B. Change-of-State-Tokens (vgl. Heritage 1984; Imo 2009) und Vergewisserungssignale/ Question Tags (vgl. Imo 2015; König 2017). Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch 225 <?page no="226"?> auf anderer Ebene: die der Praktik oder Aktivität), die auch als primäre Quelle der übrigen Variationsparameter gilt. Das heißt also z. B.: Wenn der Marker X die Handlung Y ausführt, dann kommt er (immer oder tendenziell) in 2. Sequenzposition und turninitial vor und hat meist eine steigende finale Tonhöhenbewegung. Wenn der Marker dagegen Handlung Z ausführt, dann steht er in einer anderen Position und hat ggf. eine andere Prosodie. 5 Die Untersuchung der positionsspezifischen Funktionen umfasst also die sequenzielle ebenso wie die turninterne Position (siehe auch Couper-Kuhlen/ Selting 2018: 493 - 538). Stark erforscht worden sind z. B. Question Tags wie ne (König 2017) und oder (König 2020) oder Responsive wie ach und ach so (Golato 2010), wie sie auch in der englischsprachigen variational pragmatics untersucht werden (vgl. z. B. Barron et al. 2015; O ’ Keeffe/ Adolphs 2008; Murphy 2012). Wie einleitend bereits erwähnt, findet in interaktionslinguistischen Studien meist keine Betrachtung im Hinblick auf Faktoren wie Region, Alter, Geschlecht usw. statt (vgl. aber Lanwer 2019). Die Gründe hierfür sind zum einen die methodologischen und theoretischen Prämissen der Forschungsrichtung: Nur solche Kategorien, an denen sich die Teilnehmenden sichtbar orientieren, werden in die Analyse einbezogen. Da die Relevanz sozialer Kategorien für das Interaktionsgeschehen und den Gebrauch sprachlicher Ressourcen nicht „ sichtbar “ ist, sondern auf Interpretationen der Analysierenden angewiesen ist, kommen sie in der klassischen interaktionslinguistischen Forschung nicht vor. Zum anderen sind oft keine oder keine ausreichenden Metadaten zu den untersuchten Interaktionen zugänglich und auswertbar, weil häufig mit Datenkollektionen gearbeitet wird, die für spezifische interaktionale Untersuchungswecke entstanden sind und keine umfassende Dokumentation von Metadaten beinhalten. Zudem sind solche Kollektionen in der Regel nicht im Hinblick auf soziale Faktoren balanciert. Insofern trifft eins der von der Variationspragmatik für „ die Pragmatik “ ausgemachten Desiderate auch auf die Interaktionale Linguistik zu - die beschriebene Variation wird meist nicht mit makro-sozialen Faktoren bzw. Unterschieden zwischen Varietäten in Verbindung gebracht. Ein weiteres, komplementäres Desiderat sieht die bisher in der deutschen Forschungslandschaft wenig etablierte Variationspragmatik in der Integration pragmatischer 5 Ein anschauliches konkretes Beispiel ist das von König (2020) untersuchte finale oder: Die Prosodie (steigend vs. gleichbleibend) entscheidet bei seiner Verwendung mit darüber, ob die Bearbeitung von Inferenzen aus dem zuvor Gesagten durch das Gegenüber relevant wird oder nicht (in letzterem Fall wird nur eine Ja-/ Nein-Antwort, aber keine Elaboration erwartet). Die Funktion ist also im ersten Fall das Einfordern einer Ratifikation relativ sicheren Wissens und im zweiten Fall eine Elaborationsaufforderung bei unsicherem Wissen. 226 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="227"?> Phänomene in die traditionell grammatisch geprägte Variationsforschung (vgl. Schneider 2021: 663). Die Variationspragmatik selbst sieht sich als Dachkonzept auch für bereits mit anderen Ansätzen durchgeführte Untersuchungen, die in der einen oder anderen Weise das Verhältnis von Pragmatik und Variation ausloten: The basic tenet of variational pragmatics is that macro-social factors such as ethnicity, gender and age impact language use in interaction in systematic ways, resulting in divergent sociopragmatic norms and language use conventions. Macrosocial factors are distinguished from micro-social factors such as power and distance. While the latter characterize relationships between participants in an interaction (e. g. as asymmetrical, or as distant), the former characterize identities as they are displayed and perceived by the participants. Variational pragmatics can thus be defined as the study of macro-social variation in language use conventions across social groups sharing the same language. (Schneider 2021: 663 f.) Am häufigsten ist in der Variationspragmatik wohl - nicht unähnlich der klassischen Konversationsanalyse - eine funktionale Ausgangsperspektive, die etwa fragt: Wie wird ein bestimmter Sprechakt (z. B. offers, vgl. Barron 2021) in unterschiedlichen Varietäten einer Sprache bevorzugt ausgedrückt? Hierbei kommen sowohl Korpusdaten als auch experimentell erhobene Daten zum Einsatz. Auch in der Variationspragmatik wurden pragmatische Marker bisher nur im Rahmen von Korpusstudien untersucht (vgl. z. B. Barron et al. 2015; O ’ Keeffe/ Adolphs 2008; Murphy 2012), weil ihr Gebrauch durch experimentelle Methoden schwer präzise zu elizitieren ist. Unser eigener Ansatz ist sowohl korpuslinguistisch als auch interaktionslinguistisch ausgerichtet. Die Daten stammen aus einem Referenzkorpus, dem „ Forschungs- und Lehrkorpus Gesprochenes Deutsch “ (FOLK, vgl. Schmidt 2017; Stand: DGD-Release 6 2.16 vom Mai 2021). Dieses Korpus ist sowohl auf interaktionslinguistische Fragestellungen ausgerichtet als auch korpustechnologisch für Untersuchungen anderer Art aufbereitet. Unser methodisches Vorgehen (siehe 3.1) umfasst neben qualitativen Analysen auch das Kodieren und Quantifizieren, was in solchen interaktionslinguistischen Arbeiten, die noch stark der Konversationsanalyse verhafteten sind, unüblich ist, sich aber insgesamt in der Interaktionalen Linguistik mittlerweile auch als ergänzende Methode durchgesetzt hat (vgl. z. B. Proske 2024; Stivers 2015). Die Kodierung und Quantifikation betrifft in erster Linie Form, Funktion und Kontext, um, 6 Das Korpus FOLK ist über die Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD) zugänglich. Die DGD macht derzeit (Version 2.22; Juni 2024) 41 gesprochensprachliche Korpora wissenschaftsöffentlich verfügbar (siehe https: / / agd.ids-mannheim.de/ datenbanken. shtml). Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch 227 <?page no="228"?> wie einleitend beschrieben, Praktiken identifizieren zu können (siehe 3.2). Um nun zusätzlich (makro-)soziale Variation zu erfassen, benötigt man Metadaten bzw. Kategorisierungen von Sprecher: innen hinsichtlich regionaler und sozialer Merkmale. In FOLK sind solche Metadaten enthalten (siehe 3.3). Diese müssen statistisch ausgewertet werden. Wir präsentieren im zweiten Ergebnisteil eine entsprechende deskriptiv-statistische Auswertung und zeigen auf, welche Schwierigkeiten bei ihrer Interpretation auftreten können. 3 Fallstudie zu wollt grad sagen 3.1 Fragestellung, Methode und Forschungsstand Der größere Rahmen der hier präsentierten Studie zu wollt grad sagen ist eine umfassende Untersuchung von pragmatischen Formeln und Markern mit sagen, dem häufigsten lexikalischen Verb im gesprochenen Deutsch (vgl. Zeschel et al. 2025). In dieser identifizieren wir korpusbasiert 7 eine Menge an pragmatischen Formeln mit sagen und bestimmen ihre überwiegende Funktion innerhalb von vier funktionalen Domänen (Positionierung, Koordination, Epistemik und Gesprächsorganisation). 8 Darauf aufbauend unternehmen wir detaillierte Fallstudien für je eine Formel pro Domäne (sozusagen, sagen wir, wollt grad sagen, wie gesagt). Dazu kodieren wir Verwendungen dieser Ausdrücke aus dem mündlichen Referenzkorpus FOLK hinsichtlich verschiedener formaler und positioneller Merkmale sowie ihrer unterschiedlichen Gesprächsfunktionen. Die Formel wollt grad sagen 9 ist der Domäne Epistemik zugeordnet. In ihrer Kernfunktion dient sie der Wahrung epistemischer Autonomie im Zuge einer Affiliation. Die verschiedenen kommunikativen Praktiken, die mit der Formel vollzogen werden können, werden im folgenden Abschnitt (3.2) im Einzelnen aufgezeigt. Damit wird der interaktionslinguistische Teil der Untersuchung vorgestellt, der als Grundlage für die Auswertung der Metadaten in Ab- 7 Für die Identifikation der Formeln wurde das Web-Korpus DECOW (Schäfer & Bildhauer 2012) genutzt, das ungleich größer ist als FOLK, für vertiefende funktionale Studien wurde dann auf die mündlichen FOLK-Belege zurückgegriffen. Zu den methodischen Einzelheiten der Bestimmung relevanter Formeln, die im vorliegenden Artikel keine Rolle spielen, siehe Zeschel et al. (2025). 8 Die Formeln haben in der Regel Funktionen in mehr als einer Domäne; meist dominiert aber ein Bereich. 9 Die „ Konvergenzform “ wollt grad sagen steht im Text für alle formalen Realisierungen zusammengenommen (Formel und Marker; mit unterschiedlichen Wortstellungen und mit unterschiedlichen modifizierenden Adverbien), in konkreten Beispielen wird bei direktem Zitat auf die realisierte formale Variante verwiesen (z. B. ich wollte gerade SAgen). 228 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="229"?> schnitt 3.3 dient. Es wurde auch untersucht, ob es einen Zusammenhang von lautlicher Komprimierung und Funktion der Formel gibt. Die entsprechenden Ergebnisse finden sich in Zeschel et al. (2025). Hier wird auf eine Darstellung dieses Teils der Ergebnisse verzichtet, da sich im Falle von wollt grad sagen keine klaren Zusammenhänge zwischen lautlicher Reduktion und Funktion (oder auch Faktoren wie Regionalität und Geschlecht) zeigen. Wir gehen nach unseren Ergebnissen davon aus, dass der sich abzeichnende Marker wollt grad sagen einen Prozess der Univerbierung aus dem verkürzten Syntagma ich wollte gerade sagen (+ Objekt) durchläuft. Als lautliche Konvergenzform konturiert sich dabei die verkürzte, dreisilbige Realisierung / v ɔ . k ʁɐ . ˈ (d)z ɐŋ / heraus. Die Quellform, ein Verbzweitsatz mit dem Modalverb wollen im Präteritum, kann mit Kuteva (1998) als ‚ avertiv ‘ bezeichnet werden; der Satz beschreibt eine Handlung, die ‚ beinahe passiert ‘ wäre bzw. ‚ knapp unterbunden ‘ wurde. Die Kategorie A VERTIV ist nach Kuteva (1998) eine in einigen Sprachen grammatikalisierte Kategorie, deren Quelle häufig in einer Konstruktion, die eine in der Vergangenheit liegende Intention bezeichnet, liegt. Im Deutschen gibt es zwar keinen grammatikalisierten A VERTIV , ‚ avertive ‘ Verwendungen des Modalverbs wollen sind jedoch auch hier belegt. 10 In der Mündlichkeit sind sie weitgehend auf die Kombination mit dem Vollverb sagen beschränkt. Tabelle 1 zeigt die Ergebnisse einer Suche nach wollen (in einer Präteritalform) gefolgt von gerade gefolgt von einem Vollverb in FOLK: Verb Häufigkeit sagen 74 (89,2 %) fragen 5 (6,0 %) anhalten 1 (1,2 %) nachfragen 1 (1,2 %) essen 1 (1,2 %) gucken 1 (1,2 %) Summe 83 (100,0 %) Tab. 1: wollen( PRÄT ) + gerade + V in FOLK 10 Ein Beleg aus FOLK: achtzehn uhr DREIßig, wollt grade ESsen, °h ruft mich mein KUMpel an und sacht - ey ich hab da_n proBLEM. (0.4) ja. (0.42) ich gesacht ich GEH. (FOLK_E_00354_SE_01, c395). Belege mit unbelebtem Subjekt finden sich in FOLK nicht, wohl aber im (ungleich größeren) schriftsprachlichen Referenzkorpus DeReKo: Ein Mann drückte noch rasch auf den Türöffner, die Tür wollte gerade aufgehen, doch die Schaffner griffen blitzschnell zu jeweils einem Türgriff und und pressten die beiden Türhälften mit aller Kraft aneinander. (Zeit, 30.01.2003) Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch 229 <?page no="230"?> Fast 90 % der Fälle von wollen( PRÄT ) + gerade + Verb kommen mit sagen vor. Die Formel wollt grad sagen kann also als für sich verfestigte avertive Form gelten, was sie für die im Folgenden beschriebenen interaktiven Funktionen prädestiniert. Zu einem Teil löst sich die Formel dabei von ihrer avertiven Quellbedeutung ab. Es gibt bisher nur wenige andere Arbeiten zu wollt grad sagen im Deutschen und seinen Äquivalenten in anderen Sprachen: Vorarbeiten zum Deutschen liegen mit Deppermann (2014) und Redder (1980) vor. Zum Französischen und Englischen gibt es Arbeiten von Lansari (2020) und von Küttner/ Raymond (2022). Diese Studien haben alle unterschiedliche Ausrichtungen. Dennoch finden sich einige Beschreibungen und Kategorisierungen, die sich mit unseren überlappen und insofern unsere Analyse stützen. In unsere Auswertung einbezogen wurden, grob gesagt, alle Hauptsatz- Verwendungen von wollen (1 SG , PRÄT ) + gerade + sagen, unabhängig von der Bedeutung, sowie alle avertiven Verwendungen von wollen (1 SG , PRÄT ) + sagen mit anderen Adverbien (z. B. schon, nur) oder ganz ohne adverbiale Modifikation (zu weiteren Ausschlusskriterien siehe Zeschel et al. 2025). Auf diese Weise sollte es ermöglicht werden, das formale Spektrum der pragmatischen Formel zu erfassen, ohne von Vornherein formale Einschränkungen vorzunehmen. Neben den Adverbien variiert die Realisierung von Subjekt (ich vs. Ellipse) und Objekt (das vs. es vs. Ellipse) und ihre Wortstellung (Vorfeld oder Mittelfeld). Insgesamt umfasst die Datenbasis der Studie 161 Belege. 3.2 Ergebnisse I: vier Praktiken Die vier Praktiken, zu denen sich die Belege gruppieren ließen, unterscheiden sich in der Funktion sowie in der Sequenzposition und der Handlungswertigkeit, dem Auftreten des Subjektpronomens und adverbialer Modifikatoren sowie dem Auftreten einer folgenden Elaboration der Äußerung. Diese Unterschiede werden in den folgenden Abschnitten beschrieben. Die Praktiken kommen unterschiedlich häufig vor (s. Tab. 2): 11 11 Die Anzahl der Belege ist höher als in Tabelle 1, da Instanzen der Formel nicht zwingend die genaue Wortfolge wollte gerade sagen enthalten müssen (vgl. das wollte ich nämlich gerade sagen etc.), die Abfrage für Tabelle 1 aber auf eben diese beschränkt war. 230 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="231"?> Rang Praktik Belege 1 Zustimmung 103 (64,0 %) 2 Explikation (Typ A und B) 26 (16,1 %) 3 Themensteuerung 21 (13,0 %) 4 Wissensanzeige 11 (6,8 %) Tab. 2: Vorkommenshäufigkeit der Praktiken mit wollt grad sagen in FOLK 3.2.1 Zustimmung Am häufigsten kommt wollt grad sagen im Rahmen der Praktik vor, die wir als „ Zustimmung “ bezeichnen. Die Formel steht hier in sequenziell zweiter Position 12 am Turnbeginn 13 und drückt Zustimmung zum vorausgehenden Turn eines Interaktionspartners oder einer Interaktionspartnerin aus. Die Formel ist in dieser Verwendung handlungswertig und kann allein stehen, tritt aber in den meisten Fällen (in rund 73 % der Belege für diese Praktik) mit einer folgenden Elaboration auf, die die epistemische Unabhängigkeit des Sprechers oder der Sprecherin demonstriert. In 87 % der Belege für die Praktik kommt das Adverb gerade vor, auch Fälle ganz ohne Adverb und mit auch sind typisch. Der folgende Beleg zeigt ein typisches Beispiel für die Praktik der Zustimmung. Es ist einem „ WG-Casting “ entnommen, bei dem sich JR seinen potenziellen künftigen Mitbewohner: innen vorstellt. JR berichtet in Z. 01 - 14, dass er sich bisher nur eine andere Wohnung angeschaut habe, bei der er sich schon beim Lesen der Anzeige gefragt hatte, was der Grund für den günstigen Preis bei guter Lage sein könnte (mögliche Einschränkung auf eine Studentenverbindung). WG-Bewohner ML wirft schon während dieser Schilderung ein, dass da Irgendwas FAUL gewesen sein müsse (Z. 15). 12 In der Konversationsanalyse spricht man von Vorkommen in zweiter Position, wenn ein Redebeitrag reaktiv auf einen vorausgehenden, eine Sequenz eröffnenden Beitrag eines anderen Sprechers (= erste Position) folgt. 13 „ Am Turnbeginn “ bedeutet unserer Kategorisierung zufolge, dass wollt grad sagen entweder das erste Element im Turn ist oder nach anderen turninitialen Partikeln steht. Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch 231 <?page no="232"?> (1) „ Altstadt “ , FOLK_E_00252_SE_01_T_01, c1099-1114 (WG-Casting) 14 01 JR nee- 02 eigentlich- (.) 03 hab ich mir GAR nichts angeschaut bis jEtz. 04 SL also_s ER[Ste? ] 05 JR [in einer] 06 ja: SCHON. (.) 07 in EIner wohnung war ich, 08 die hab ich bei we GE gesucht gefunden, 09 ML ʔ m_hm (.) 10 JR in der ALTstadt, 11 °h (.) superGÜNStig und so- 12 <<all> ich hab schon gedacht oh GEIL ey,> 13 weil stand nIx dabei von wegen verBINdung- 14 (.) [norMAL schreiben se_s] 15 ML [da isch Irgendwas ] FAUL, 16 ja[ja. ] 17 JR [<<f>nor]MAL schreiben_se immer da[zu; >] 18 ML [ja ] 19 JR hab isch gedach[t eGAL (xxx) ] 20 ML [ah wenn es sch]on GÜNStig is in der Altstadt, 21 is [irgendwas FAUL. ] 22 SL [des is <<f>ich wollt grad S]Agen,> 23 ALles unter dreihundertfÜnfzig euro [in der Altstadt] i[s irgendwie] kOmisch. 24 ML [jaja ] 25 JR [ja: ] Die angedeutete Pointe JRs (Z. 19, hab isch gedacht eGAL) wird von ML mit einer Reformulierung seines Einwurfs unterbrochen (Z. 20 - 21, ah wenn es schon GÜNStig is in der Altstadt, is irgendwas FAUL.). In Überlappung mit der Apodosis dieses Einwurfs äußert WG-Bewohnerin SL zunächst Zustimmung durch ich wollt grad SAgen, (Z. 22) und hebt dann die Vorgängigkeit und Unabhängigkeit ihrer Einschätzung durch die Nennung eines Mietpreises, ab dem Skepsis angebracht sei, hervor (Z. 23, ALles unter dreihundertfÜnfzig euro in der Altstadt is irgendwie kOmisch.). Die Funktion von wollt grad sagen innerhalb dieser Praktik ist es also, zu Beginn eines Turns Zustimmung anzuzeigen und dabei epistemische Auto- 14 Die Transkription der Beispiele folgt dem Gesprächsanalytischen Transkriptionssystem GAT 2 (vgl. Selting et al. 2009). 232 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="233"?> nomie zu behaupten. Letztere wird dann häufig im weiteren Verlauf des Turns durch elaborierende Wissensdemonstrationen oder Argumente „ belegt “ . Obwohl eine Elaboration nicht obligatorisch ist, lässt ihr häufiges Vorkommen nach turninitialer wollt grad sagen-Zustimmung dennoch eine Fortsetzung erwarten. Entsprechend kann wollt grad sagen eingesetzt werden, um erst einmal den Turn zu übernehmen und dann schrittweise die Formulierung der eigenen Position zu planen. Dies zeigt Beispiel 2. Entsprechend der Bedeutung von wollt grad sagen folgt zwar keine entgegengesetzte Positionierung, aber doch ein sehr eigenständiges Argument für eine mit der Partneräußerung gleichlaufende Bewertung der im Raum stehenden Fragestellung. Das Beispiel stammt aus einer Bandbesprechung. Die Gruppe diskutiert, ob sie ihren Proberaum während der Abwesenheit des Schlagzeugers weiterhin nutzen möchte. TV äußert die Meinung, dass er in dieser Zeit lieber zu Hause Songs schreiben würde, weil er nicht ohne Schlagzeug proben möchte (Z. 8 - 10). (2) „ Schlagzeug “ , FOLK_E_00045_SE_01_T_01, c316-330 (Bandbesprechung) 01 KL <<all> also was heißt hier> HIER weitermachen ne? 02 also wenn pee RAUS is, 03 dann seid ihr zu ZWEIT- 04 TREFFT ihr euch? 05 im MÄRZ? 06 (0.45) 07 KL dreimal hier zu ZWEIT? 08 TV nö das glaub ich eher WEniger; 09 dann schreib ich lieber SONGS zu hause; 10 weil [ohne schlag]zeug is DOOF. 11 OM [ja; ] 12 OM ja; 13 wollt grad SAgen. 14 äh (.) ohne SCHLAGzeuch, 15 und außerdem äh ((Schlag aufs Schlagzeug)) keine AHnung; 16 ich MEIN; 17 zu hause ka_man ja auch dran Üben scho_ma ne? 18 das muss ma EH erst ma machen? [°h ] ne? 19 KL [ ʔ m_hm,] 20 OM also 21 (1.64) 22 KL als[o (lass) doch jetz ] 23 OM [könn wa uns das auch hin] und HERschicken - Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch 233 <?page no="234"?> OM äußert zunächst Zustimmung durch ja und wollt grad SAgen (Z. 12 - 13) und wiederholt dann mit ohne SCHLAGzeuch (Z. 14) einen Teil von TVs Argument, bevor er ein ergänzendes Argument formuliert - man könne und müsse als ersten Schritt auch zu Hause neue Songs einüben (Z. 15 - 18). Die Formulierung dieser eigenen Positionierung ist gekennzeichnet durch zahlreiche Häsitationsmarker (äh, keine Ahnung, ich mein). Dies legt nahe, dass OM seinen Beitrag während des Sprechens zu Ende plant. Eine Turnübernahme mit wollt grad sagen eignet sich für solche Situationen, in denen man früh im Turn Zustimmung signalisieren kann, weil klar ist, in welche Richtung die eigene Meinung geht, in denen man aber noch Raum für leichte Verschiebungen und Ergänzungen innerhalb der Zustimmung hat oder sich der genauen (Begründung der) eigenen Position erst klar werden muss. Die Zustimmung zeigt das breiteste interne Spektrum unter den Praktiken. Die Skala reicht von reiner Zustimmung ohne Elaboration bis hin zu vorgeschalteter Affiliation, die vorwiegend zur Turnübernahme und anschließenden eigenen Positionierung dient. Die Fälle ohne Elaboration haben das Potenzial, eine Entwicklung von wollt grad sagen hin zum Responsiv zu fördern (vgl. auch Abschnitt 3.3.5). 3.2.2 Explikation Eine weitere Praktik, in deren Rahmen wollt grad sagen vorkommt, ist die Explikation von offensichtlichen Verarbeitungsschwierigkeiten und damit die Rechtfertigung von Störungen der Progression der Interaktion. Je nachdem, ob das Problem in der Produktion oder Rezeption liegt, unterscheiden wir zwei Typen der Praktik: Explikationen von Formulierungsproblemen (Typ A) und Explikationen von Verstehensschwierigkeiten (Typ B). Typ A ist eine Form der Selbstreparatur und tritt in unterschiedlichen Sequenzpositionen auf, je nachdem, an welcher Stelle die Formulierungsschwierigkeit vorkommt. Die Formel wollt grad sagen ist hierbei immer ihrem Bezugsausdruck, dem Reparandum, nachgestellt. Sie ist also innerhalb dieser Praktik nicht allein handlungswertig, sondern fungiert als Operator. Durch die Nachstellung ist das Subjekt immer realisiert. Die meisten Fälle haben nicht gerade als modifizierendes Adverb, typisch ist schon. 15 Das folgende Beispiel stammt aus einem Gespräch beim Pokerspielen. BS bietet an, das Bier zum Tisch zu holen und fragt den Gastgeber JM, wo er es finden kann (Z. 1 - 2). 15 Hier wird deutlich, wie formale und kontextuelle Realisierungsmerkmale (hier Nachstellung und Verzicht auf gerade) den Interpretationsraum der Formel auf bestimmte Varianten einschränken. 234 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="235"?> (3) „ Krankenhaus “ , FOLK_E_00040_SE_01_T_03_DF_01, c508-513 (Pokerspiel) 01 BS dann sag_mer wo_s IS, 02 isch HOL_S. 03 (0.33) 04 JM hm 05 (0.47) 06 JM hm KRANkehaus wollt isch sAgen, (.) 07 im KÜHLschrank. 08 (0.2) Auf die Frage von BS folgt eine Pause (Z. 3), ein Häsitationssignal von JM (Z. 4) und eine weitere Pause (Z. 5), bevor JM mit KRANkehaus wollt isch sAgen, (Z. 6) den Grund für die Verzögerung expliziert und schließlich die Antwort im KÜHLschrank (Z. 7) liefert. Die Explikation wird erst in Kombination mit der Antwort bzw. Reparatur vollständig interpretierbar: Aus dem Kontrast dessen, was BS ursprünglich sagen wollte (Krankenhaus) und dem, was er schließlich sagt (Kühlschrank), wird klar, dass es sich um eine durch denselben Anlaut der beiden Wörter ausgelöste Wortfindungsstörung gehandelt hat. Typ B, die Verwendung von wollt grad sagen für Explikationen von Verstehensproblemen, tritt in der Regel in zweiter Sequenzposition auf. Die Mehrheit der Belege hat gerade als modifizierendes Adverb, auch schon kommt relativ häufig vor. Das folgende Beispiel stammt aus einer Maptask-Interaktion. SOE3 hat die Aufgabe, SOE4 den Weg durch eine bebilderte Karte zu beschreiben, so dass diese ihn nachzeichnen kann. Sie können einander dabei nicht sehen, so dass sie auf verbale Rückmeldungen zur Herstellung der Intersubjektivität besonders angewiesen sind. Im Ausschnitt gibt SOE3 eine Anweisung (Z. 2 - 14), auf die von SOE4 zunächst knapp zwei Sekunden lang (Z. 15) keine verbale Reaktion erfolgt. (4) „ Käse “ , FOLK_E_00095_SE_01_T_01, c867-882 (Maptask) 01 SOE4 aber mit Abstand von CIRca EIm zentimeter; 02 SOE3 ja du GEHST jetzt nach - 03 JA, 04 Oben an der linken bild - 05 ja geNAU. (.) 06 SO kann man sagen; (.) 07 sEhr SCHÖN. 08 (0.79) Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch 235 <?page no="236"?> 09 SOE4 oKAY. 10 (0.48) 11 SOE3 jetz zIEhst du ne linie nach UNten, 12 °h bis auf HÖhe - (0.41) 13 ja m_m MITte - (.) 14 vom KÄse. 15 (1.48) 16 SOE4 ach so DA - (.) 17 ich wollt schon SAgen - 18 wo hast du d [enn jetz_n] KÄse, 19 SOE3 [°h ] 20 (0.61) 21 SOE4 ja? 22 SOE3 und JETZ gehst du zum zIEl. 23 (1.41) Schließlich produziert SOE4 das Change-of-state-Token ach so (vgl. Golato 2010) und ein deiktisches da, mit dem sie anzeigt, dass sie das gesuchte Bild nun gefunden hat. Daran schließt sich als indirekte Begründung für die Verzögerung die Explikation ich wollt schon SAgen - wo hast du denn jetz_n KÄse, (Z. 17 - 18) an. Explikationen beider Art sind Praktiken, die nicht die Funktion haben, die Progressivität einer momentan gestörten Interaktion wiederherzustellen; die Information, was jemand sagen wollte, bevor die Korrektur erfolgte, ist nicht an sich notwendig für das laufende gemeinsame Projekt. Sie hat vielmehr die Funktion, Interaktionspartner: innen aufzuzeigen, dass man stets um das Aufrechterhalten der Intersubjektivität bemüht ist. Das Explizieren und Begründen für Produktions- oder Rezeptionsschwierigkeiten hat also face-bezogene Funktionen. 3.2.3 Wissensanzeige Die dritte von uns identifizierte Praktik ist die Wissensanzeige im Rahmen von Vergewisserungen. Hierbei kommt wollt grad sagen in dritter Sequenzposition vor: In erster Position stellt eine Sprecherin oder ein Sprecher eine Vergewisserungsfrage hinsichtlich eines Sachverhalts, über den er oder sie unsicher ist, über den aber die gefragte Person epistemische Autorität hat. In zweiter Position reagiert diese Person, bevor die/ der Fragende durch die Formel ratifizierend die Sequenz (potenziell) schließt. Die meisten Belege haben gerade als modifizierendes Adverb. Der folgende Ausschnitt stammt aus einem Gespräch unter vier Freundinnen. Es geht schon länger um Hautirritationen verschiedener Art sowie ihre 236 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="237"?> Ursachen (Insektenbisse oder nicht) und ihre Behandlung, als MB von IN auf eine auffällige Hautstelle angesprochen wird (Z. 10, oh du has Aber auch (Xxx)). MB beschreibt daraufhin das Jucken und Aufkratzen der Stelle (Z. 12 und 15 - 17). Während IN das Thema Aufkratzen aufgreift (Z. 20, aber da hAb ich immer ANGST dass - ), äußert LV eine Annahme über die Ursache von MBs Hautproblem: das is doch kein MÜCkenstich. (Z. 23). (5) „ Mückenstich “ , FOLK_E_00267_SE_01_T_03, c75-105 (Gespräch beim Frühstück) 01 IN das hilft dann [ECHT immer noch ma - ] 02 MB [also bei MIR hilft ] noch (willkurEIn), 03 ich hab zwEImal was von (denen), 04 ich hab hier UNten ne? 05 an dem - 06 LV hmhm 07 MB ähm 08 (0.31) 09 MB (xxx) 10 IN oh du has Aber auch (Xxx). 11 (0.9) 12 MB (äh) das JUCKT wie verrÜckt; 13 (0.23) 14 LV ja - (.) 15 MB und wenn_s richtig BLUtet, (.) 16 also wenn ich es bis zum (---) BLUT KrAtze, (-) 17 [GEHT_es] wieder. 18 [hm ] 19 (0.98) 20 IN aber da hAb ich immer ANGST da[ss - ] 21 AR ((unverständlich)) 22 MB ((unverständlich)) 23 LV [das is] doch kein MÜCkenstich; 24 MB nein dAs is ekZEM; 25 (0.7) 26 LV wollt [grad SAgen; ] 27 MB [(dis is) ] bei ekzEm [AUCH so; ] 28 LV [ja: - ] 29 (0.51) 30 IN aber wenn i[ch das AUFgekratzt ] habe, 31 MB [is so ein bisschen auf,] Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch 237 <?page no="238"?> 32 IN hab ich ja AUCH schon, 33 dann tU ich da immer betaisoDOna drauf ne? (.) 34 da sch[wÖr ich] ja [AUCH drauf; ] 35 MB [hm ] 36 [ja, ] MB bestätigt diese Annahme mit nein dAs is ekZEM; (Z. 24). IN quittiert dies mit wollt grad sAgen; (Z. 26). Anders als ein Responsiv wie ja oder ein Changeof-State-Token wie ach so in dritter Sequenzposition zeigt der Marker an, dass die Sprecherin oder der Sprecher sich der zur Bestätigung vorgelegten Annahme schon vor dem Fragen relativ sicher war. Wie im Rahmen der anderen Praktiken wird also epistemische Parität beansprucht. Es mag am Ausdrücken dieses Anspruchs liegen, dass die potenziell so abgeschlossene Sequenz im vorliegenden Beispiel noch von der befragten Person weitergeführt wird. MB knüpft an das vorausgehende Thema des Aufkratzens an und demonstriert zugleich ihr Wissen über Ekzeme (Z. 27, (dis [= dass man es bis zum Bluten aufkratzen möchte] is) bei ekzEm AUCH so; ). Im Anschluss wird nicht das Thema Ekzem, sondern das Thema Aufkratzen weitergeführt (es geht um die Behandlung aufgekratzter Stellen, Z. 30 - 36). Im Falle der Praktik der Wissensanzeige kann man eine „ gebleichte “ , nicht mehr ‚ avertive ‘ Bedeutung von wollt grad sagen ansetzen, da durch die Verbalisierung einer Annahme ja bereits in erster Position gesagt wird, was dann in dritter Position von derselben Person wieder aufgegriffen und bekräftigt wird. 3.2.4 Themensteuerung Die vierte identifizierte Praktik ist gesprächsorganisatorisch, und damit weniger epistemisch motiviert als die übrigen. Die Verwendung von wollt grad sagen dient hier der Themensteuerung, indem sie einen Neuansatz, Rücksprung oder eine thematische Erweiterung einleitet. Im folgenden Beispiel wird ein unterbrochenes Thema wieder aufgegriffen. Der Ausschnitt stammt aus einem Verkaufsgespräch in einem Gartencenter. Die Kundin KG möchte eine Glanzmispel kaufen, um sie in einen schattigen Innenhof zu stellen und befürchtet, dass die fehlende Sonne die Rotfärbung der Pflanze beeinträchtigen könnte. Der Verkäufer GL setzt zu einer Antwort an (Z. 10 - 14), wird dann aber von der Frage eines anderen, vorbeikommenden Kunden unterbrochen (Z. 15) und beantwortet diese Frage (Z. 17 - 18 und 20). Derweil führt auch die Kundin mit ihrer Freundin ein Nebengespräch (Z. 19 und 21 - 28). 238 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="239"?> (6) „ Rotfärbung “ , FOLK_E_00213_SE_01_T_01, c67-92 (Verkaufsgespräch in einem Gartencenter) 01 GL °h (.) gut aber das is äh kein proBLEM in dem sinne; 02 es [KOMMT son]ne hin. ] 03 KG [nur dann werden die - ] 04 kein proBLEM, 05 aber dann wern die (.) blätter nich so SCHÖN rot. 06 wenn er [zu WEnig sonne hat ne, ] 07 KF [we_man hetzt ne GLANZmis]pel nimmt; 08 ne? 09 s[ach ich] 10 GL [oh j]oa: , 11 (0.22) 12 nIch so SCHÖN; 13 (0.34) 14 was is, 15 XM ((unverständlich im Hintergrund, 4.1 Sekunden)) 16 GL °h <<ff>die SCHÖNsten exemplare stehen dA, 17 (.) an dem HAUPTweg.> (-) 18 KG also DER [gefällt mir ] gUt. 19 GL [<<ff> die GROßen>] 20 KF ja? (.) 21 WELcher? 22 DER oder D[ER? ] 23 GL [äh: m] (.) so. 24 KG [der.] 25 GL [ähm ] 26 KG [ja NIMM] den ma mit darunter. 27 KF [(xx)] 28 GL [die: ] äh 29 ich wollt grad sagen zur ROTfärbung? 30 °h [hau]ptsache es kOmmen n paar stunden diREKte sonne hin, 31 KF [ja? ] 32 GL und sie ha sagen ja grad über MITtag kommen die j[a so] gar hin, 33 KF [ja ] Nach diesen Nebensequenzen leitet GL mit ich wollt grad sagen zur ROTfärbung? (Z. 29) wieder zurück zu dem Thema, das vor der Unterbrechung unabgeschlossen geblieben ist. Mit wollt grad sagen signalisiert er den Rücksprung und die bisherige Unabgeschlossenheit, mit der Nennung des Themas Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch 239 <?page no="240"?> liefert er die genaue Anschlussstelle. Diese wird aber nicht immer explizit gemacht. Das Adverb gerade kommt bei dieser Praktik eher selten vor; typisch ist noch als Adverbial, aber auch andere (nur, nämlich, doch) kommen vor. 3.2.5 Fazit zu den Praktiken Wollt grad sagen ist in zweierlei Hinsicht eine polyfunktionale Einheit: Zum einen kommt sie in verschiedenen Praktiken vor, die sich nicht nur in ihrer Funktion, sondern auch in ihrer (präferierten) Form und in ihrem Kontext unterscheiden. Zum anderen enthalten die Praktiken auch Bündelungen verschiedener Funktionsmerkmale. So ist die Praktik Zustimmung nicht nur dem epistemischen Bereich zuzuordnen, sondern auch dem affiliativen, und die Praktik Explikation ist neben dem epistemischen auch dem facebezogenen Bereich zuzuordnen. Die funktionalen Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Praktiken untereinander lassen sich anhand einer „ pragmatischen Karte “ modellieren und visualisieren (vgl. dazu Zeschel et al. 2025), 16 auf die hier aus Platzgründen nicht näher eingegangen wird. Es sei aber gesagt, dass diese Darstellungsform Anknüpfungspunkte für andere linguistische Teildisziplinen bietet. So können auf der Form- und Kontextebene dort auch Variationsmerkmale kartiert werden, die in unserer Analyse nicht betrachtet wurden. Diese können die (makro-)soziale Variation ebenso betreffen wie die phonetische Variation. Dies kann für Varietätenlinguistik und Variationspragmatik interessant sein. Zudem kann die Darstellung auch ein Ansatz für die Modellierung der Variabilität von Konstruktionen im Sinne der Konstruktionsgrammatik (vgl. z. B. Goldberg 2006; Ziem/ Lasch 2013) oder der Darstellung der Beziehungen unter Subkonstruktionen sein. Neben Form- und Funktionsebene, die auch in Konstruktionen repräsentiert sind, käme hier die kontextuelle Ebene hinzu, die in der Konstruktionsgrammatik bisher noch meist unberücksichtigt bleibt (siehe aber Imo 2007). 3.2.6 Verortung im Spektrum zustimmender Responsivformate Die Formel wollt grad sagen reiht sich in eine Gruppe zustimmender Responsivformate ein, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zueinander aufweisen: Response particles that confirm a position are specialized in indexing the relevance of prior access, knowledge, or experience. Confirmation particles share certain dimensions of interactional organization: German genau, like eben, can index 16 Die Idee ist angelehnt an die semantischen Karten, die u. a. aus der Sprachtypologie bekannt sind, mit denen die Beziehungen der verschiedenen Bedeutungen von sprachlichen Einheiten und grammatischen Kategorien dargestellt werden (vgl. z. B. Haspelmath 2003). Auch Zinken/ Küttner (2022) greifen diesen Ansatz für die Darstellung von pragmatischen Funktionen auf. 240 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="241"?> consensus while claiming a priori - and thus independent - knowledge/ positioning. Our article highlights the ways in which confirmation particles differ in the types of retrospective orientation they establish - that is, in the basis for claiming independence. (Betz/ Deppermann 2018: 190) Responsive Partikeln und Phrasen wie genau, eben und (das) stimmt haben gemeinsam, dass sie Zustimmung signalisieren, und Zustimmung impliziert immer einen Anspruch auf vorgängiges eigenes Wissen. Mithin signalisieren sie, dass der Sachverhalt, dem zugestimmt wird, nicht neu ist (vgl. Betz/ Deppermann 2018). Die bisher in der Forschung herausgehobenen Unterschiede zwischen den frequentesten zustimmenden Partikeln des Deutschen betreffen die behauptete Quelle der Vorgängigkeit: Mit genau wird in zweiter Position behauptet, dass man das, was in erster Position gesagt wurde, wörtlich selbst hätte sagen können (vgl. Auer 2020; Oloff 2017; Willkop 1988). Genau überlappt also semantisch-pragmatisch zwar mit anderen Diskursmarkern wie gut, schön, ok oder einfachem ja, denn sie alle können ebenfalls Zustimmung ausdrücken. Aber nur genau präsentiert diese Zustimmung so, dass der zustimmende Teilnehmer suggeriert, diese Übereinstimmung habe ‚ immer schon ‘ existiert. (Auer 2020: 272) Mit eben dagegen wird behauptet, dass man das, was jemand anders gerade gesagt hat, tatsächlich selbst bereits zuvor gesagt hat. Meist gibt es entsprechend im Präkontext ein Antezedens oder einen Anker, der dies belegt; falls nicht, wird in der Regel eine Elaboration als „ Beleg “ produziert (vgl. Betz/ Deppermann 2018). Die Formel wollt grad sagen zeigt Überschneidungen sowohl mit genau als auch mit eben: Die Verankerung im eigenen Wissen als (behauptete) Quelle für die Vorgängigkeit teilt die Formel mit genau; entsprechend ist sie innerhalb der Praktik Zustimmung oft gut mit ‚ genau ‘ paraphrasierbar. Die tatsächlich demonstrierte Verankerung im eigenen Wissen als Quelle für die Vorgängigkeit teilt die Formel dagegen mit eben; innerhalb der Praktik der Wissensanzeige ist sie daher teilweise mit ‚ eben ‘ paraphrasierbar. Anders als alle drei Formate signalisiert (das) stimmt trotz des Anspruchs auf epistemische Unabhängigkeit keine Vorgängigkeit, sondern signalisiert eine Änderung der eigenen Haltung bzw. eine Konzession (vgl. Betz 2015). Der Unterschied von wollt grad sagen gegenüber genau ist, dass damit eine noch stärkere Unabhängigkeit behauptet wird - nicht nur hätte ich es sagen können, ich wollte es auch sagen. Dies macht die semantisch transparente, avertive Verwendung möglich. Eben dagegen zeigt einen noch stärkeren unabhängigen Zugang an als wollt grad sagen; nicht nur wollte ich es sagen, sondern ich habe es gesagt. Obwohl wollt grad sagen in seiner mit eben Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch 241 <?page no="242"?> vergleichbaren Funktion eigentlich nicht mehr avertiv verwendet wird, wird es nur deshalb so verstanden, weil das Gesagte schon in erster Position formuliert wird. Eben dagegen wir auch dann so interpretiert, dass es ein vorher Gesagtes geben muss, wenn dieses nicht unmittelbar vorausgeht bzw. in der aktuellen Interaktion gar nicht „ sichtbar “ ist. Wollt grad sagen ist zwar auf dem Weg der Univerbierung, aber noch lange keine invariante Partikel. Semantisches Ausbleichen zeigt sich zudem nur bei Verwendung in dritter Position, normalerweise nicht aber bei der Zustimmung in zweiter Position. Bei Zustimmungspartikeln wie genau kommt es auch in zweiter Position häufig zur semantischen Ausbleichung - es wird dann keine epistemische Unabhängigkeit mehr signalisiert, sondern die Partikel wird wie ein Rezeptionssignal oder Continuer verwendet (vgl. Auer 2020: 272 f.). Es gibt allerdings auch zustimmende Verwendungen von wollt grad sagen einzelner Sprecher: innen ohne klar erkennbare epistemische Autonomie, die nahe legen, dass die Formel sich in Zukunft ebenfalls in diese Richtung entwickeln könnte (vgl. dazu 3.3.5). 3.3 Ergebnisse II: Metadaten Die Beschreibung der Praktiken im vorausgehenden Abschnitt deckt Bereiche der sprachlichen Variation ab, die allgemein in der Linguistik und speziell in der Interaktionalen Linguistik üblicherweise analysiert werden. Im vorliegenden Abschnitt werden nun auch Variationsfaktoren wie Region und Geschlecht betrachtet, die in anderen linguistischen Teildisziplinen wie der Dialektologie und Soziolinguistik zentral sind. Für die Betrachtung eines möglichen Zusammenhangs zwischen der Verwendung der pragmatischen Formel wollt grad sagen (in ihren vier Funktionen) und außersprachlichen Faktoren können wir auf die in FOLK vorhandenen Metadaten (Deppermann/ Reineke 2021) zu Sprecher: innen und Sprechereignissen zurückgreifen. Wir betrachten hier drei Metadatenkategorien: Interaktionsdomäne, Region und Geschlecht. 17 17 Eine weitere im Hinblick auf den Gebrauch pragmatischer Marker interessante Metadatenkategorie ist das Alter oder die Generation der Sprecher: innen. Mit den FOLK- Metadaten ließen sich sowohl synchrone Vergleiche zwischen unterschiedlichen Altersgruppen als auch mikro-diachrone Untersuchungen anstellen, indem auf das Geburtsjahr der Sprecher: innen und das Jahr der Aufnahme zurückgegriffen wird. Bei der in diesem Artikel fokussierten Formel schienen diese Aspekte weniger untersuchenswert. Erste Pilotuntersuchungen zu mikro-diachronen und altersgruppenspezifischen Unterschieden im Gebrauch anderer pragmatischer Marker laufen aktuell. 242 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="243"?> Die Metadatenkategorien sind zu Dokumentationszwecken entstanden. Sie können insofern nicht den Ansprüchen, die an genuin soziologische Untersuchungen gestellt werden, gerecht werden und nur als erste Indikatoren für mögliche Zusammenhänge gelten. Deshalb wurden hier Metadatenkategorien gewählt, bei denen soziologische Erwägungen nicht ganz so kontrovers sind wie z. B. im Bereich der sozioökonomischen Schicht. FOLK enthält auch Metadaten zum Bildungsniveau und Beruf der Sprecher: innen. Diese können wir jedoch nicht ohne Weiteres auswerten, da die Zusammenhänge dieser Merkmale mit der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen äußerst komplex sind. Für unsere explorative Untersuchung haben wir Kategorien gewählt, bei denen davon ausgegangen werden kann, dass sie bei pragmatischen Markern variationsbeeinflussend sein können. Die quantitative Auswertung gibt erste Hinweise darauf, ob dies auch bei unserem konkreten Fall wollt grad sagen angenommen werden kann. Grundsätzlich müssten aber eigentlich zunächst Hypothesen dazu formuliert werden, welche Einflüsse warum angenommen werden. Erste Überlegungen dazu finden sich in den folgenden Abschnitten zur jeweiligen Metadatenkategorie. 3.3.1 Interaktionsdomäne Mit der Kategorie Interaktionsdomäne betrachten wir zunächst eine Dimension, die auch in interaktionslinguistischen Arbeiten häufig eine Rolle bei der qualitativen Analyse spielt und die nicht zu den makro-sozialen Kategorien gehört, die besonderer Fokus der Variationspragmatik sind, sondern zu den mikro-sozialen. Es muss gleich vorweggeschickt werden, dass die Metadatenkategorie Interaktionsdomäne in FOLK sehr grob gegliedert ist; es wird unterschieden in „ privat “ , „ institutionell “ , „ öffentlich “ und „ Sonstiges “ . Die Zuordnung von Sprechereignissen zu diesen Domänen wird danach vorgenommen, ob sich die Interagierenden im privaten, institutionellen oder öffentlichen Raum begegnen bzw. danach, wie sie in ihren Beteiligtenrollen vorwiegend zueinander stehen. Die Vielfalt an Gesprächstypen innerhalb der Domänen ist groß. So umfassen die privaten Interaktionen z. B. sowohl längere Telefonate und Kaffeetischgespräche als auch Mehrparteieninteraktionen, die neben anderen Aktivitäten wie Kochen oder Spielen laufen. Zudem sind auch innerhalb eines Gesprächstyps häufig Sequenzen und Aktivitätstypen ganz unterschiedlicher Art enthalten, z. B. kann ein berufliches Meeting auch zu Teilen aus privaten Erzählungen der Beteiligten untereinander bestehen. Entsprechend sind die Schlüsse, die wir aus der Verteilung der Verwendung eines pragmatischen Markers bzw. seiner Funktionen auf die Interaktionsdomänen ziehen können, begrenzt. Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch 243 <?page no="244"?> Wie Tabelle 3 entnommen werden kann, kommt wollt grad sagen insgesamt am häufigsten in privaten Interaktionen vor, und zwar mit hochgerechnet rund 87 Vorkommen pro eine Million Wörter 18 mehr als doppelt so häufig wie in den institutionellen Interaktionen (mit rund 41 Vorkommen pMW) und fast sechsmal so häufig wie in den öffentlichen Interaktionen (mit rund 15 Vorkommen pMW). Daraus kann man schließen, dass es sich tendenziell um eine für eher informelle Kontexte typische Formel handelt. Die deutlich häufigste Funktion insgesamt ist die der Zustimmung, während insbesondere Wissensanzeigen selten sind. Domäne Funktion FOLK gesamt Zustimmung Explikation Wissensanzeige Themensteuerung Privat 87,41 56,47 17,79 5,41 7,74 Institutionell 41,48 28,72 1,06 3,19 8,51 Öffentlich 14,94 4,98 2,49 0,00 7,47 Sonstiges 10,02 3,34 3,34 3,34 0,00 FOLK gesamt 54,87 35,10 8,86 3,75 7,16 Tab. 3: Funktion von wollt grad sagen und Interaktionsdomäne (Vorkommen pro Million Wörter) Es zeigen sich aber darüber hinaus je nach Funktion Unterschiede in der Verteilung auf die Interaktionsdomänen: Die themensteuernde Funktion kommt in den institutionellen Interaktionen (knapp) am häufigsten vor, was sich damit plausibilisieren lässt, dass diese Interaktionen - anders als die meisten Privatgespräche - oft einer festgelegten Agenda folgen, auf die dann auch häufiger metapragmatisch verwiesen wird. 19 Bei den privaten Inter- 18 Für die Umrechnung der absoluten Häufigkeiten in Tabelle 2 in relative (Vorkommen pMW) wurde eine Gesamtwortzahl von 2.933.905 Wörtern angesetzt. Das entspricht allen als Wort gewerteten Tokens im benutzten FOLKbzw. DGD-Release (ausgeschlossen wurden z. B. als unverständlich ausgewiesene Elemente sowie die „ Dummy “ -Symbole „ § “ „ % “ , „ & “ und „ # “ (die u. a. zur Markierung nicht konventionalisierter Interjektionen, nicht rekonstruierbarer Wortabbrüche und nicht lexikalisierter Laute wie Stottern dienen, vgl. Schmidt et al. 2015; Winterscheid et al. 2019). 19 Auch unter den öffentlichen Interaktionen gibt es einige, die stark agendabasiert sind, weshalb es verwundern könnte, dass die themensteuernde Verwendung dort noch seltener vorkommt als in den privaten Interaktionen. Dies kann zum einen damit erklärt werden, dass die Formel wollt grad sagen insgesamt selten in den eher formellen, öffentlichen Interaktionen vorkommt. Zum anderen haben die öffentlichen Interaktionen oft lange und teilweise vorbereitete Redebeiträge, so dass die Sprechenden seltener durch andere unterbrochen werden als in spontan(er) gesprochenen institutionellen 244 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="245"?> aktionen besteht dagegen das stärkste Übergewicht gegenüber den anderen Domänen bei den Explikationen - einer Funktion, die ihren affiliativen Effekt auf Kosten der inhaltlichen Relevanz der Äußerung erzielt, wie man es am ehesten in informellen, vertrauten Interaktionen erwarten würde. Auch Zustimmungen sind in den privaten Gesprächen am häufigsten, am seltensten sind sie in den öffentlichen Interaktionen; insgesamt ist die Zustimmung aber in allen Domänen die häufigste Funktion. Für ein genaueres Verständnis der Gründe für diese Verteilungen müsste man allerdings eine feinkörnigere Analyse der Interaktionstypen vornehmen und sie z. B. nach dem Grad ihrer Interaktivität, Vertrautheit usw. unterscheiden. Die Interaktivität ist wahrscheinlich für die Unterschiede im Vorkommen der Zustimmungsfunktion verantwortlich - in durch viele monologische Passagen geprägten Interaktionstypen wie einer öffentlichen Podiumsdiskussion ergeben sich weniger Gelegenheiten für spontane zustimmende Rückmeldungen und Turnübernahmen mit wollt grad sagen; sowohl in privaten als auch in institutionellen Interaktionstypen kann man mehr Dialogizität bzw. Interaktivität annehmen. Im Grunde wäre es am zielführendsten, für jedes Vorkommen die Art der Sequenz (z. B. Erzählung, Frage-Antwort) zu annotieren und diese dann als Subkategorie der Interaktionsdomäne mit auszuwerten. 3.3.2 Region Tabelle 4 zeigt die Resultate für die Metadatenkategorie Region. Hier zeigt sich einerseits ein Gefälle von Nord nach Süd sowie andererseits eines von West nach Ost, mit der insgesamt stärksten Gebräuchlichkeit der Formel in den Regionen Nordwest und Mittelwest. Im Südwesten sind speziell themensteuernde Gebräuche deutlich häufiger als in den Daten zum Rest des Untersuchungsgebiets. Bei der Interpretation solcher Kontraste ist allerdings zu bedenken, dass das Korpus für Kreuzungen der verschiedenen Metadatenkategorien nicht balanciert ist. Es ist mit anderen Worten also denkbar, dass aus einer gegebenen Region zum Beispiel deutlich mehr institutionelle Belege in den Daten vertreten sind als aus einer anderen, so dass ein augenschein- Interaktionen. Hier zeigt sich aber auch wiederum, dass die Kategorisierung in „ institutionell “ vs. „ öffentlich “ selbst nicht unbedingt die relevanten variationssteuernden Merkmale abbilden kann. Ein relevantes Merkmal für das (Nicht-)Vorkommen von themensteuernden Verwendungen wäre die Agendabasiertheit. Bei den institutionellen und öffentlichen Interaktionen dürfte nicht nur das Vorhandensein einer thematischen Agenda verantwortlich für die häufigeren Themensteuerungen sein, sondern auch die Beteiligungsrechte. In der Schule z. B. können Schüler: innen nicht einfach an der relevanten Stelle dazwischenreden, sondern müssen abwarten, bis sie dran sind, und dann zunächst im Rücksprung Kohärenz herstellen für ihren folgenden Beitrag. Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch 245 <?page no="246"?> licher Regionalitätsunterschied ggf. auf diesen anderen Faktor zurückzuführen wäre. Kreuzungen von mehr als zwei Merkmalen können in diesem deskriptiven Überblick jedoch nicht mitbetrachtet werden, weil bei der insgesamt geringen Datenmenge, aber relativ großen Anzahl an Kategorien und deren Ausprägungen die Voraussetzungen für eine aussagekräftige komplexere Statistik nicht gegeben sind. Region Funktion FOLK gesamt Zustimmung Explikation Wissensanzeige Themensteuerung Nordwest 95,40 67,34 14,97 11,22 1,87 Nordost 30,22 0,00 20,15 0,00 10,07 Mittelwest 61,98 37,67 10,94 3,65 9,72 Mittelost 36,28 36,28 0,00 0,00 0,00 Südwest 44,51 27,82 0,00 0,00 16,69 Südost 46,02 26,95 15,40 0,00 3,85 Unbekannt 32,09 20,06 4,01 2,67 5,35 FOLK gesamt 54,87 35,10 8,86 3,75 7,16 Tab. 4: Funktion von wollt grad sagen und Region (Vorkommen pro Million Wörter) Man kann also letztendlich anhand der FOLK-Metadaten relativ wenig über die Regionalität von wollt grad sagen bzw. mögliche Verwendungsunterschiede in verschiedenen deutschen Varietäten aussagen. Prinzipiell kann jedoch mithilfe der regionalen Metadaten bei pragmatischen Markern mit mehr Korpusbelegen ein guter erster Eindruck über seine reine Frequenz (in allen Verwendungsweisen zusammengenommen) in unterschiedlichen Regionen gewonnen werden. Darüber hinaus können bei funktionaler Kodierung auch potenzielle regionale Unterschiede im Gebrauch von Marker-Varianten aufgedeckt werden. Welche und wie starke regionale Unterschiede in der Verwendung von pragmatischen Markern man annehmen kann, hängt von den konkreten betrachteten Einheiten und auch von bisherigen Erkenntnissen zu bestimmten Subkategorien ab. So ist bekannt, dass die Verwendung von Question Tags im Deutschen große regionale Unterschiede aufweist (gell vs. ne vs. wa usw.), während man bei epistemischen Formeln wie wollt grad sagen zunächst keine großen Unterschiede annehmen würde. 246 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="247"?> 3.3.3 Geschlecht Tabelle 5 zeigt die Verteilung nach Geschlecht. Auch hier zeigen sich Unterschiede: Frauen benutzen die Formel in den untersuchten Daten häufiger als Männer, und zwar speziell die stark epistemischen und explizierenden Verwendungen. Das deutlichste Übergewicht zeigt sich bei den Explikationen, die bei den Frauen mehr als doppelt so häufig auftreten wie bei den Männern. Nur wenig schwächer ausgeprägt ist der Kontrast bei den Zustimmungen. Wissensanzeigen werden in den untersuchten Daten überhaupt nur von Frauen produziert. Die Themensteuerung ist die einzige Funktionskategorie, die Männer (leicht) häufiger verwenden. Auch diese Kontraste mögen allerdings wieder damit zusammenhängen, dass die im Korpus vertretenen Interaktionstypen umfangsmäßig (d. h. bezüglich der Tokenzahl der je berücksichtigten Gesprächsausschnitte) nicht nach Geschlecht balanciert sind. Geschlecht Funktion FOLK gesamt Zustimmung Explikation Wissensanzeige Themensteuerung Männlich 38,09 25,69 5,87 0,00 7,34 Weiblich 70,58 44,44 11,76 7,19 7,19 FOLK gesamt 54,87 35,10 8,86 3,75 7,16 Tab. 5: Funktion von wollt grad sagen und Geschlecht (Vorkommen pro Million Wörter) Auch in Bezug auf den sozialen Faktor Geschlecht zeigt sich also wie bei der Region, dass die Aussagekraft quantitativer Vergleiche begrenzt ist, solange keine Balanciertheit der Daten besteht. Auch hier gilt aber: Bei häufigeren Markern, für die man ggf. ein balanciertes Subkorpus aus FOLK bilden kann, ließen sich die vorhandenen Metadaten gut nutzen. In Bezug auf die Kategorie Geschlecht ließen sich Hypothesen zu Unterschieden im Gebrauch pragmatischer Marker von Männern und Frauen überprüfen. In der Literatur gibt es hierzu einige Annahmen, die noch nicht alle ausreichend oder widerspruchsfrei empirisch belegt sind (vgl. Walther 2018). Häufig wird Frauen ein kooperativeres Gesprächsverhalten zugeschrieben als Männern; dies heißt in Bezug auf pragmatische Marker: Frauen tendieren stärker zu Zustimmungen und geben häufiger Rückmeldungen (vgl. Schmidt 1988). Hierzu würde es also passen, wenn Einheiten wie wollt grad sagen und genau häufiger von Frauen gebraucht werden. Zudem wird eine Tendenz von Frauen zu mehr Abschwächungen und Unsicherheitsmarkierungen behauptet, was mit der häufigeren Verwendung von Question Tags in Verbindung gebracht wird (vgl. Lakoff 1973, siehe aber Hepburn/ Potter 2011). Die Formel Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch 247 <?page no="248"?> wollt grad sagen eignet sich gerade nicht als Unsicherheitsmarkierung, sondern sie markiert relative Sicherheit. Insofern passt die häufigere Verwendung durch Frauen weniger ins angenommene Bild. Allgemein stellt sich die Frage, wie aussagekräftig das Geschlecht unabhängig von anderen Gruppenzugehörigkeiten, wie der Berufsgruppe oder der Lebensregion und -situation, ist. Z. B. sind Abschwächungen auch ein Merkmal akademischer Kommunikation allgemein, weil sie die Differenziertheit der wissenschaftlichen Sicht anzeigen können. In der aktuellen linguistischen Forschung wird Geschlecht entsprechend nicht als soziale Gruppe per se untersucht, sondern es werden Geschlechterunterschiede immer innerhalb von sozialen Gruppen betrachtet (vgl. Walther 2018). 3.3.4 Vorläufiges Fazit Die Metadatenkategorien von FOLK eignen sich in zweierlei Hinsicht nur bedingt für solche einfachen Auswertungen zur Variation, wie wir sie uns exploratorisch angesehen haben: a) zum einen ist die Art der Kategorisierung teilweise zu grob und damit nicht immer geeignet für präzise Aussagen, b) zum anderen ist keine ausreichende Balanciertheit der Metadatenkategorien gegeben. Zu a) ist anzumerken: Die Auswertung zu den Interaktionsdomänen sind zwar einerseits recht belastbar, da insbesondere aus dem privaten und institutionellen Bereich jeweils eine große Zahl an Interaktionen im Korpus vorhanden sind, so dass die erkennbare Neigung von wollt grad sagen zu eher informellen Kontexten wahrscheinlich kein reines Artefakt der Datenlage und Kategorisierungsart ist. Dennoch ist gerade aufgrund der sehr groben Kategorisierung der Erkenntnisgewinn aus der beobachteten Tendenz eher gering: Es lässt sich daraus nicht automatisch schließen, dass Sprecher: innen die Formel einfach stilistisch mit Informalität verbinden, dass sie ihnen also in informelleren Interaktionskontexten angemessener erscheint, so dass sie sie in vergleichbaren sequenziellen Kontexten hier häufiger nutzen würden als in formelleren Interaktionskontexten. Wie die funktionalen Analysen gezeigt haben, wird die Formel in einer Reihe von spezifischen Praktiken verwendet, die wiederum an bestimmte sequenzielle Kontexte gebunden sind, z. B. werden Zustimmungen eher im Rahmen von Argumentationen gebraucht als im Rahmen von Erzählungen, und Wissensanzeigen sind auf vorausgehende Verstehensprüfungen angewiesen. Diese sequenziellen Kontexte sind nicht per se an eine Interaktionsdomäne gebunden - so kann es in allen Domänen Argumentationen und Verstehensprüfungen geben, ggf. mit Unterschieden in der Häufigkeit. Eigentlich aussagekräftig wäre damit aber für den Zusammenhang von Vorkommen der Formel insgesamt und in ihren unterschiedlichen 248 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="249"?> Funktionen mit interaktiven Kontexten eine Auswertung nach dem Grad der Interaktivität. In Interaktionen, die mehr interaktive, nicht an einer Agenda orientierte Sequenzen aufweisen, wären wahrscheinlich mehr Verwendungen der Formel, insbesondere in den epistemischen Funktionen, zu erwarten. In weniger interaktiven - also stärker monologischen sowie eher agendagesteuerten - Gesprächen wären weniger Fälle insgesamt, aber mehr themensteuernde Verwendungen zu erwarten. Zu b) lässt sich erläutern: Anders als die Metadatenkategorie Interaktionsdomäne sind die Kategorien Region und Geschlecht etablierte Kategorien, deren Ausprägungen nicht unbedingt näher ausdifferenziert werden müssten, um aussagekräftig zu sein. Hier stehen allerdings die fehlende Balanciertheit und der geringe Umfang des Korpus einer Aussagekraft der Befunde im Wege. Im Hinblick auf die Regionen heißt das: Zum einen sind in FOLK schlicht nicht aus allen Regionen gleich viele Interaktionen enthalten. Zum anderen sind innerhalb der Daten aus den unterschiedlichen Regionen die Anteile der Interaktionstypen nicht gleich. Im Hinblick auf das Geschlecht lässt sich Vergleichbares festhalten: Auch wenn bei der Korpusstratifikation auf ein ausgeglichenes Verhältnis von Interaktionen mit Beteiligung von Männern und Frauen geachtet wird, ist die Verteilung insbesondere innerhalb einiger Gesprächstypen nicht ausgeglichen (z. B. gibt es vielleicht mehr Frauen in informellen Gesprächen, zudem sagen nicht immer alle Beteiligten gleich viel). Außerdem produzieren Männer und Frauen auch bei Balanciertheit aller Faktoren natürlich nicht automatisch die gleiche Menge an für wollt grad sagen einschlägigen Sequenztypen. Das heißt: Vielleicht enthält das Korpus mehr interaktive Sequenzen von Frauen und somit mehr Verwendungskontexte für wollt grad sagen, obwohl Männer möglicherweise außerhalb von FOLK in diesen Sequenztypen die Formel ebenso häufig gebrauchen. Neben all diesen Schwierigkeiten könnten zudem auch noch andere soziale Faktoren wie Bildungsgrad und Alter in die Analyse einbezogen werden. Und nicht zuletzt spielen auch individuelle Verwendungspräferenzen eine Rolle: Manche Sprecher: innen haben eine Präferenz für bestimmte Marker und Formeln, die ein Verzerrungspotenzial für statistische Auswertungen haben, wenn diese Sprecher: innen zahlreiche Belege in die Auswertung einbringen. 3.3.5 Ausblick: individuelle Verwendungspräferenzen Passend zu den Ausprägungen der drei Metadatenkategorien, in denen wollt grad sagen am häufigsten vorkommt, ist die stärkste „ Überverwenderin “ der Formel in den Daten eine Norddeutsche in einem privaten Alltagsgespräch: Sprecherin TU aus dem „ Gespräch in der Familie “ (FOLK-Ereignis-Nr. 00161), steuert allein 23 der 161 Belege in den Daten bei. Gegenüber dem Korpus- Ebenen der Variation bei pragmatischen Markern im gesprochenen Deutsch 249 <?page no="250"?> mittelwert von 54,87 Vorkommen pro Million Wörter liegt dieser Wert bei ihr mit (hochgerechneten) 2912,5 mehr als 53-mal höher als der Durchschnitt. TU benutzt die Formel in allen angesetzten Funktionen mit Ausnahme der Themensteuerung. Sie verwendet sie zudem auch dann in zustimmender Funktion, wenn in keiner Weise ersichtlich ist, dass sie auch etwas sagen wollte, das inhaltlich dem nahe kommt, das die Gesprächspartner: innen gesagt haben, und sie liefert dabei auch teilweise keinen nachgeschalteten „ Beleg “ für ihre Behauptung. Das folgende Beispiel zeigt diese Verwendung. NM berichtet hier vom Verhalten ihres Katers, der nachts von außen auf die Fensterbank springt und dort unaufhörlich jammert (Z. 01 - 04). (7) „ Jammern “ , FOLK_E_00161_SE_01_T_04_DF_01, c236-239 (Gespräch in der Familie) 01 NM un denn SITT der do; 02 un denn JAMmert der da wat rum; 03 ((ahmt Jammern nach)) 04 un dat hört NICH op; 05 also denn musste UPstan [und_n WEGjagen. ] 06 TU [wollt ich grad SAgen.] 07 (woi) h° ha ha ha ha ha 08 (0.17) 09 NM un der WEIT dat natürlich dat ma do IS, 10 un denn liecht man ((x xx xx)) 11 un denn denn hört man n do unnert FENSter. 12 ((ahmt Geräusche der Katze nach)) 13 er wartet denn AB. Als NM ihre übliche Reaktion auf das Verhalten des Katers formuliert - man müsse aus dem Bett aufstehen und ihn wegjagen, um das Jammern zu beenden (Z. 05) - , äußert TU in Überlappung wollt ich grad SAgen. (Z. 06). Sie äußert anschließend keine Reformulierung von NMs Aussage als Anzeichen für ihr behauptetes vorgängiges Sagen-Wollen, sondern lacht (Z. 07) und überlässt dann wieder NM den Floor, die die Schilderung der nächtlichen Kateraktivitäten weiter vertieft (Z. 09 - 13). Diese Verwendung von wollt grad sagen kann nun entweder eine Idiosynkrasie der Sprecherin TU sein, die insgesamt ein eher dominantes Interaktionsverhalten zeigt, indem sie selbstsicher in Themen eingreift, zu denen andere eigentlich die epistemische Autorität haben. Es könnte aber auch sein, dass sie eine „ Vorreiterin “ im Entwicklungsprozess des Markers hin zu einem reinen zustimmenden Rückmeldesignal ist, das auch ohne echten Anspruch auf 250 Nadine Proske & Arne Zeschel <?page no="251"?> epistemische Parität gebraucht werden kann (vgl. genau). Es gibt auch eine Handvoll Fälle anderer Sprecher, die die Praktik der Zustimmung ohne folgende Elaboration gebrauchen; bei den meisten dieser Fälle, ob von TU oder anderen, ist klar, dass die Sprecherin oder der Sprecher zumindest auch vorgängiges Wissen über die Domäne der Aussage haben kann (oft weil es allgemeine Normen, Bewertungen und Annahmen betrifft, die besprochen werden), aber das ist im obigen Beispiel eben anders - was genau NM mit dem Kater machen muss, wenn er jammert, ist nicht in TUs Wissensdomäne. Sie konstruiert diesen Bereich jedoch durch den Gebrauch von wollt grad sagen als common ground. Die Überverwenderin hat außerdem einen speziellen Gebrauch der Zustimmungspraktik im Repertoire, der mit dem „ autoreflexiven “ Gebrauch von genau (vgl. Auer 2020; Oloff 2017) vergleichbar ist (siehe dazu das letzte Beispiel in Abschnitt 6.3.3.1 bei Zeschel et al. 2025). 4 Fazit Unter den von uns in Zeschel et al. (2025) untersuchten pragmatischen Formeln und Markern mit sagen weist wollt grad sagen den schwächsten Verfestigungsgrad auf. Bei der Formel zeigt sich eine relativ große formale und funktionale Variation, die sich als Verwendung im Rahmen unterschiedlicher Praktiken modellieren lässt. Im Hinblick auf soziale Faktoren als möglicher Einfluss auf die Variabilität im Gebrauch der Formel hat sich gezeigt, dass sich aufgrund der fehlenden Balanciertheit des der Untersuchung zugrundeliegenden Korpus keine belastbaren Schlussfolgerungen ziehen lassen. Grundsätzlich zeigt das methodische Vorgehen unter Nutzung im Korpus vorhandener Metadaten aber ein großes Potenzial. Schneidet man die Forschungsfrage von vornherein entsprechend zu - statt wie wir das Ganze nur auf eine existierende Untersuchung aufzusetzen - , so lässt sich ein balanciertes Subkorpus erstellen und sinnvoll auswerten (sofern für das untersuchte Phänomen auch genügend Daten vorliegen). Literatur Auer, Peter (2020). Genau! 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Similarities between situational contexts (constellations of speaker role and type of conversational setting) are explored with regard to the use of verbs of different indexical types, i. e. verbs expressing different statistical associations to private, institutional or public conversational contexts. A descriptive approach is presented which explores indexicality-related diasituational variation in spoken German on the basis of natural interactional language as represented by the FOLK corpus. Within this approach the relationship between the situationally given context (assignment to private, institutional or public domain) and the indexical context (indexicality potential profile) is investigated. Keywords: diasituational variation, indexicality, corpus linguistic usagebased approach, spoken German, communication verbs 1 Einleitung Sprachliche Reflexivität, die Möglichkeit durch Sprache auf Sprache und Kommunikation Bezug nehmen zu können, ist eine grundlegende Eigenschaft menschlicher Sprachfähigkeit und konstitutiv für alle Funktionen von Sprache (vgl. Taylor 2000). So setzt die Regulierung laufender Kommunikation metasprachliche Bewusstheit voraus (vgl. Mertz/ Yovel 2002). Im Falle von expliziter Metakommunikation sind die Mittel, mit denen im Gespräch etwa zur Verständnissicherung <?page no="258"?> metasprachlich kommuniziert wird, an der sprachlichen Oberfläche erkennbar (vgl. Techtmeier 2001), ist Metasprache als Objekt im Sprachstrom segmentierbar (Verschueren 2000: 440). Betrachtet man das Phänomen auf einer von konkreten Gesprächskontexten abstrahierenden Ebene, kommen lexikalische Ausdrücke zur Bezeichnung von Aspekten von Sprache und Kommunikation in den Blick (Caffi 2006: 84; Hübler 2011: 120). Sprechhandlungsbezeichnende Verben (z. B. antworten, auffordern, versprechen) bilden einen besonderen Teilbereich des metasprachlichen Vokabulars (vgl. Verschueren 2022; Hübler 2011: 120; Techtmeier 2001: 1460). Der Phänomenbereich der sprachlichen Reflexivität betrifft jedoch nicht nur das Vorhandensein metasprachlicher Ausdrücke ( ‚ Objekte ‘ ), vielmehr ist sprachliche Reflexivität auch als Dimension in jeglicher Sprachverwendung präsent (Verschueren 2000: 440): So kann das kommunikative Agieren und die Wahl der eingesetzten Ausdrucksmittel selbst indexikalisch sein, wenn es mit bestimmten Kontexten oder Sprechereigenschaften assoziiert ist bzw. wird und so im Gebrauch diese Kontexte als pragmatische Bedeutungskomponente mit aufgerufen werden (vgl. Spitzmüller 2019). Diese Indexikalität wiederum kann als Mittel der Positionierung dienen (vgl. Spitzmüller 2013). Insofern kommen bei metasprachlichen Ausdrücken zwei Aspekte sprachlicher Reflexivität zusammen: Sie fixieren zum einen metasprachliche Konzepte in der expliziten Gestalt einer lexikalischen Einheit, sind also Metasprache als ‚ Objekt ‘ . Zum anderen ist mit ihrem Gebrauch eine metasprachliche ‚ Dimension ‘ verbunden, indem sie durch ihre Verwendung Kontexte evozieren können, für die sie eine Prägung erfahren haben. Diese Dimension ist implizit, d. h. an der sprachlichen Oberfläche nicht unmittelbar erkennbar. Die quantitative korpuslinguistische Analyse bildet einen Zugangsweg, über den sich statistisch begründete Assoziationen zwischen beobachtbaren Sprachgebrauchseigenschaften und Merkmalen des Kontextes erfassen lassen. Sie erlaubt so Rückschlüsse auf das Indizierungspotenzial (vgl. Müller 2012), die Qualität von Ausdrücken als indexikalische Zeichen, und ermöglicht damit eine Beschreibung metasprachlicher Ausdrücke hinsichtlich der metasprachlichen Dimension. Der Gebrauch metasprachlicher Ausdrucksmittel wurde bisher v. a. innerhalb stark spezialisierter Sprachverwendungsdomänen betrachtet. Untersuchungen zur Variation, insbesondere in diasituativer Dimension sowie auch im Hinblick auf eine größere Bandbreite an situativen Kontexten, werden hingegen als Desiderat benannt (vgl. Haugh 2018: 637; Schneider 2021; Hübler 2011: 123; Hyland 2017: 25). Im Hinblick auf die Beschreibung von Indizierungspotenzialen metasprachlicher Ausdrücke wären jedoch Untersuchungen zur Variation von besonderem Interesse: Aus Gebrauchsprofilen, die ein (möglichst) breites Spektrum an Kommunikationssituationen abdecken, könn- 258 Cordula Meißner <?page no="259"?> te eine Referenzbeschreibung zu Indizierungspotenzialen erschlossen werden, die es erlaubt, den Gebrauch in spezifischen Kommunikationssituationen relational einzuordnen und (Ähnlichkeits-)Beziehungen hinsichtlich der Indexikalität aufzudecken. In einer gebrauchsbasierten Sprachauffassung (vgl. Barlow/ Kemmer 2000; Ellis 2012) stellen Assoziationen von Ausdrucksmitteln zu Merkmalen des situativen Kontextes Aspekte des Gebrauchswissens dar, das Sprecher: innen aufgrund von Häufigkeitsverteilungen in ihrem sprachlichen Input aufbauen (vgl. Schmid 2014). Mit Hilfe korpuslinguistischer frequenzbasierter Analysen authentischer Sprachverwendung können Indizierungspotenziale von Ausdrücken ermittelt werden (Müller 2012, 2015), von denen ausgehend sich Rückschlüsse auf das Gebrauchswissen der Sprachgemeinschaft ziehen lassen, welche wiederum genutzt werden können, um Erwartungen an sprachliche Realisierungen zu begründen und bewusst sprachliche Mittel zur Indizierung (etwa eines fachlichen Registers) einzusetzen (vgl. Hyland 2017: 17). In dieser Hinsicht ist eine Erschließung von Indizierungspotenzialen aus angewandter Perspektive in Bezug auf Sprachbildung und Sprachvermittlung relevant, um konventionalisiertes Gebrauchswissen zu explizieren, es für Entscheidungen der Sprachproduktion verfügbar zu machen oder reflektieren zu können. Auch hierfür wären Untersuchungen der Variation, die Aufschluss über Spektren von Gebrauchssituationen geben und somit relationales Gebrauchswissen explizieren können, besonders wertvoll. Vor diesem Hintergrund soll im vorliegenden Beitrag diasituative Variation auf der Ebene der Indexikalität betrachtet werden. Der Beitrag 1 nähert sich dem Thema aus einer korpuslinguistischen strukturentdeckend ausgerichteten Perspektive. Er arbeitet dazu explorativ mit dem FOLK-Korpus als einer Repräsentation der interaktionalen medial mündlichen Sprache in Deutschland (vgl. Deppermann/ Hartung 2012: 148), geht also von natürlichen Gebrauchsdaten aus. Es wird die Indexikalität der bei Harras et al. (2004) erfassten Kommunikationsverben des Deutschen untersucht. Sie wird korpuslinguistisch als Indizierungspotenzial der Verben, d. h. als ihr statistisch signifikantes Auftreten in bestimmten Verwendungskontexten gefasst (vgl. Müller 2012, 2015), wobei sich die Analyse auf den situativen Verwendungskontext von öffentlicher, institutioneller bzw. privater Interaktionsdomäne richtet. Domänenbezogene Indizierungspotenziale von Kommunikationsverben werden strukturentdeckend gefasst, indem auf der Basis der Repräsentation der Interaktionsdomänen im FOLK-Korpus Typen statistischer Assoziation zu den drei Domänen (Indizierungspotenzialtypen) ermittelt werden. 1 Ich danke den Gutachtern für wertvolle Hinweise zu diesem Aufsatz. Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 259 <?page no="260"?> Davon ausgehend wird die Verteilung von Indizierungspotenzialtypen in ihrer diasituativen Variation betrachtet. In Anlehnung an die Registeranalyse (Biber/ Conrad 2009) wird dazu der situative Kontext mit Hilfe von Beschreibungsmerkmalen erfasst. In der vorgestellten Untersuchung werden Konstellationen von sozialer Rolle und Gesprächsart, wie sie anhand der Metadaten des FOLK- Korpus repräsentiert sind, zur Beschreibung situativer Kontexte herangezogen. Aus der Kombination der für Rolle-in-Gesprächsart-Konstellationen erfassten Häufigkeiten von Indizierungspotenzialtypen ergibt sich für jede Konstellation ein Indizierungspotenzialprofil. Strukturentdeckend werden mit Hilfe von Korrespondenzanalysen auf der Basis des Spektrums an Konstellationen, welches FOLK bietet, Muster in Bezug auf situative Kontexte, die durch ähnliche Indizierungspotenzialprofile gekennzeichnet sind, aufgedeckt, so dass darauf aufbauend nach dem Verhältnis von situativ gegebenem und indiziertem Kontext gefragt werden kann. Der Beitrag zeigt, wie sich ausgehend von Gemeinsamkeiten des Sprachgebrauchs (der Nutzung von Kommunikationsverben) ein Aspekt indexikalitätsbezogener diasituativer Variation im gesprochenen Deutsch erschließen lässt. Er möchte damit zugleich eine methodische Perspektive für eine gebrauchsbasierte Referenzbeschreibung eröffnen. Im Folgenden wird zunächst auf Kommunikationsverben als Teil des metasprachlichen Wortschatzes (2) sowie die korpuslinguistische Fassung von Indexikalität (3) und Variation (4) eingegangen, bevor der Beschreibungsansatz erläutert (5) und die explorative Korpusstudie zu Kommunikationsverben im gesprochenen Deutsch vorgestellt wird (6), die diesen Ansatz erprobt. 2 Kommunikationsverben als Teilbereich des metasprachlichen Wortschatzes Sprachliche Reflexivität beschreibt die Möglichkeit, durch Sprache auf Sprache und Kommunikation Bezug nehmen zu können. 2 Hierzu wird ein weites Feld von Phänomenbereichen gerechnet. 3 Sprachliche Reflexivität ist Gegenstand vielfältiger fachlicher Perspektiven (vgl. etwa Lucy 1993, Busch et al. 2022), 2 Die Beschäftigung mit sprachlicher Reflexivität gründet in der zunächst im Bereich der Philosophie getroffenen Unterscheidung zwischen Objektsprache, durch die auf Dinge und Sachverhalte in der Welt Bezug genommen wird, und Metasprache, durch die auf die Objektsprache Bezug genommen wird (vgl. zsfd. Lucy 1993: 11 - 14). 3 So werden unter dem Begriff sprachlicher Reflexivität im Rahmen eines soziolinguistischen (weiten) Ansatzes der Metapragmatik etwa Phänomenfelder wie metakommunikative Äußerungen zur Gesprächssteuerung und Hörerorientierung, Redewiedergabe, Reparaturen, Sprachdarstellungen in Wörterbüchern oder Grammatiken, metasprachliche Kommentare und Diskurse, Stilisierungen, sprachideologische Äußerungen und Diskurse betrachtet (Spitzmüller 2019: 20; Busch et al. 2022: 2). 260 Cordula Meißner <?page no="261"?> besondere Aufmerksamkeit hat sie unter dem weiten (und verschieden gefassten) Begriff der Metapragmatik erfahren (Verschueren 2000; Caffi 2006; Hübler 2011). In einer engeren Auffassung wird unter Metapragmatik die linguistische Untersuchung metasprachlicher Ausdrücke verstanden (Verschueren 2022: 3; auch Schneider 2021). So kommt als eine Bedingung der Möglichkeit des Sprechens über Sprache auf sprachsystematischer Betrachtungsebene das Vorhandensein lexikalischer Ausdrücke zur Bezeichnung von Aspekten der Sprache und Kommunikation in den Blick (Caffi 2006: 84; Hübler 2011: 120). Anhand der Ausdrücke, die der metasprachliche Wortschatz einer Sprache umfasst, zeigt sich, wie sprachliche Reflexivität konzeptualisiert wird, welche Aspekte für Sprecher: innen so wesentlich sind, dass sich hierfür sprachliche Mittel in der salienten Form lexikalischer Einheiten herausgebildet haben (vgl. Busse/ Hübler 2012; Lucy 1993: 24 - 27). Diese werden durch die Forschung zum metakommunikativen Lexikon in den Blick genommen, einem laut Hübler/ Busse (2012: 1) metapragmatischen Forschungsansatz, insofern die metapragmatische Bewusstheit von Sprecher: innen als Voraussetzung für die Bildung und Verwendung metasprachlicher Ausdrücke gesehen wird (vgl. Busse/ Hübler 2012, Bublitz/ Hübler 2007 v. a. zur historischen Pragmatik des Englischen). In den meisten Fällen handelt es sich bei den Ausdrücken des metakommunikativen Lexikons um polyseme Einheiten, für welche die metakommunikative Funktion nicht die einzige Funktion bzw. Lesart darstellt (Hübler/ Busse 2012: 3). Einen besonderen Bereich metasprachlicher Ausdrücke bilden sprechhandlungsbezeichnende Verben (z. B. antworten, auffordern, versprechen), da sie in ihrer lexikalischen Bedeutung Aspekte sprachlichen Handelns bezeichnen. 4 Hierunter fallen (wiederum oft polyseme) Ausdrücke der Gemeinsprache, die in ihrer (Sprechhandlungs-)Bedeutung nicht gleichzusetzen sind mit dem linguistischen Verständnis der durch sie bezeichneten Sprechakte (vgl. Verschueren 2000: 446). Sie können in spezifischen Konstruktionen semantisch- 4 Sprechhandlungsbezeichnende Verben nehmen für verschiedene Ansätze im weiten Feld der Forschung zu sprachlicher Reflexivität eine besondere Rolle ein. Sie werden als zentraler Bereich der Metasprache genannt, sind bedeutend für die explizite metasprachliche Funktion der Jakobsonschen Typen Äußerung über Äußerung (M/ M, z. B. Redewiedergabe) sowie Äußerung über das Sprachsystem (M/ C, z. B. explizite Metakommunikation in Gesprächen; Techtmeier 2001: 1460; Hübler 2011: 108). Daneben werden sie als wesentlicher expliziter Indikator metasprachlicher Bewusstheit gesehen (Verschueren 2000: 442). In Bezug auf Silversteins Weiterentwicklung des Begriffs der metapragmatischen Funktion bilden sie als denotational explizite, an der sprachlichen Oberfläche segmentierbar erscheinende Einheiten eine starke Form expliziter Metapragmatik (Silverstein 1993: 55). Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 261 <?page no="262"?> funktional unterschiedlich genutzt werden. 5 Der Gebrauch sprechhandlungsbezeichnender Verben (in Sprechhandlungslesart) ist nicht mit der Ausführung der Sprechhandlung gleichzusetzen. Es werden (z. T. korrespondierend mit dem Gebrauch in bestimmten grammatischen Konstruktionen) neben einem performativen Gebrauch zumindest noch ein deskriptiver, ein kommentierender sowie ein problematisierender Gebrauch unterschieden (vgl. etwa Schneider 2021: 14 f.). In der korpusbasierten Sprechhandlungsforschung werden sprechhandlungsbezeichnende Ausdrücke genutzt, um in Korpora auf die Realisierung oder Thematisierung von sprachlichen Handlungen zugreifen zu können (z. B. indem über die Suche nach Vorkommen des Ausdrucks compliment Zugang zu performativen, deskriptiven und diskursiv verhandelten Instanzen des Komplimentgebens genommen wird, vgl. Jucker 2017: 41 f.). Von annotierten Sprechhandlungsfunktionen ausgehende korpuspragmatische Untersuchungen deuten darauf hin, dass sprechhandlungsbezeichnende Verben nicht zu den Indikatormerkmalen spezifischer Handlungen gehören (vgl. diesbezüglich zu metakommentierenden Sprechhandlungen Meißner 2017, 2023). Für das Deutsche liegt eine lexikographische Erschließung des Feldes der Kommunikationsverben (im Weiteren abgekürzt als KV) vor (Harras et al. 2004, 2007). Unter dieser Bezeichnung werden dabei Verben gefasst, die eine Sprechsituation bezeichnen: Der Wortschatzausschnitt, der hier beschrieben wird, ist dadurch charakterisiert, dass mit allen ihm zugehörigen Verben auf einen allgemeinen Situationstyp Bezug genommen wird, der prototypisch mit vier Situationsrollen ausgestattet ist: einem Sprecher S, einer Hörerschaft H, einem Äußerungsprodukt mit einem propositionalen Gehalt SA(P) sowie einer komplexen kommunikativen Einstellung des Sprechers E(S). (Harras et al. 2004: 9). Der erschlossene Wortschatz umfasst damit nicht nur Sprechhandlungsbezeichnungen im engeren Sinne (Repräsentative, Direktive, Kommissive, Expressive, Deklarative), sondern auch allgemeine Verba dicendi (sprechen, reden), modale und mediale KV (schreien, telefonieren), Verben, mit denen auf gesprächs- und themenstrukturierende Akte Bezug genommen wird (unterstreichen, einwenden), Verben, mit denen auf Sequenzen sprachlicher Äuße- 5 Spezifische Gebrauchsweisen behandeln etwa Imo (2007) aus konstruktionsgrammatischer Perspektive (sagen in Operatorfunktion), Helmer (2020) aus konversationsanalytischer Perspektive (Bedeutungserklärungen mit heißen im Format x heißt y) oder Staffeldt (2022) aus sprechakttheoretischer Perspektive (behaupten in erster und dritter Person). 262 Cordula Meißner <?page no="263"?> rungen Bezug genommen wird (diskutieren) und Verben der Kontaktaufnahme (ansprechen) (vgl. Harras et al. 2004: 10; Müller-Spitzer/ Proost 2013: 297). Als Teil des metasprachlichen Wortschatzes können KV in zwei Lesarten von sprachlicher Reflexivität betrachtet werden. Eine Lesart bezieht sich auf ihre Eigenschaft, metasprachliche Ausdrücke ( ‚ Metasprache als Objekt ‘ ) zu sein. Daneben kommen sie in einer zweiten Lesart auch in der ‚ metasprachlichen Dimension ‘ in den Blick, die in jeglicher Sprachverwendung präsent ist (Verschueren 2000: 440). Hiermit ist gemeint, dass das kommunikative Agieren und die Wahl der eingesetzten Ausdrucksmittel selbst indexikalisch sind, wenn sie mit bestimmten Kontexten assoziiert werden und ihr Gebrauch diese Kontexte als pragmatische Bedeutungskomponente mit aufruft (vgl. Spitzmüller 2013, 2019). Bei metasprachlichen Ausdrücken, wie den KV, kommen beide Aspekte sprachlicher Reflexivität zusammen: Sie fixieren zum einen metasprachliche Konzepte in der expliziten Form einer lexikalischen Einheit, sind also Metasprache als ‚ Objekt ‘ . Zum anderen ist mit ihrem Gebrauch eine Indexikalität (als metasprachliche ‚ Dimension ‘ ) verbunden, indem sie durch ihre Verwendung Kontexte evozieren können, für die sie eine Prägung erfahren haben. Hinsichtlich dieser Indexikalität sollen KV im vorliegenden Beitrag betrachtet werden. 3 Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale als korpuslinguistische Fassung von Indexikalität Es wird ein korpuslinguistisch aus der Analyse größerer Mengen von Sprachgebrauchsdaten abgeleitetes Verständnis der Indexikalität zugrunde gelegt. Im Rahmen der Korpuspragmatik wurde hierfür der Begriff des Indizierungspotenzials herausgearbeitet: Durch Verfahren der korpuslinguistischen Analyse von Sprachgebrauchsdaten können Häufigkeitsmuster in der Verwendung von Ausdrücken in Abhängigkeit von erfassten Kontextmerkmalen ermittelt und dadurch Rückschlüsse auf Indizierungspotenziale der Ausdrücke gezogen werden (vgl. Müller 2012). Gefragt wird somit danach, in welchen situativen Kontexten sprachliche Mittel signifikant häufig gebraucht werden und welches Indizierungspotenzial, welche indexikalische Qualität, sich daraus schließen lässt. Im Ansatz der Korpuspragmatik werden Möglichkeiten der korpuslinguistischen Beschreibung für die Erforschung pragmatischer Phänomenbereiche genutzt (vgl. Rühlemann/ Aijmer 2014). Grundlage sind umfangreiche Sammlungen von Instanzen des natürlichen Sprachgebrauchs, die digital in der strukturierten Form eines Korpus aufbereitet durchsuchbar sind. Die Korpuspragmatik versteht sich als linguistischer Forschungsansatz, der auf der Basis solcher Korpora „ das Wechselverhältnis zwischen sprachlichen Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 263 <?page no="264"?> Mitteln einerseits und Kontextfaktoren andererseits erforscht und dabei eine Typik von Form-Funktions-Korrelationen herauszuarbeiten beabsichtigt “ (Felder et al. 2012: 4 f.). Es geht damit um Aspekte der Handlungstypik, die mit Ausdrucksformen systematisch, d. h. statistisch belegbar, in Zusammenhang stehen (Felder et al. 2012: 4). Kontext bildet für Fragestellungen der Pragmatik den wesentlichen Bezugspunkt, um Phänomene sprachlichen Handelns zu beschreiben. Für den korpuspragmatischen Ansatz wird eine sprachstatistisch begründete Erweiterung des Konzepts des Kontextualisierungshinweises „ im Sinne einer Serialisierung eines sprachlichen Merkmals relativ zu Kontexten “ (Felder et al. 2012: 20) vorgeschlagen, die Müller (2012, 2015) ausarbeitet. Die Grundlage bildet der semiotische Begriff des Index, der eine Interpretationsart (vgl. dazu Spitzmüller 2022: 193) von Zeichen fasst, bei der das Bezeichnete als Ursache für das Auftreten des Zeichens (als Anzeichen bzw. Symptom) auf der Basis einer Kontiguitätsbeziehung erschlossen wird (vgl. Müller 2015: 48 - 50). Sprachliche (symbolische) Zeichen, die ebenfalls indexikalisch gelesen werden können, sind als Indexe betrachtet „ Anzeichen für die Typik ihrer Verwendung in Kontexten “ (Müller 2015: 49). Die korpuslinguistisch ermittelten, statistisch belegbaren Assoziationen zwischen Ausdrücken und bestimmten Kontextmerkmalen werden zum gesprächsanalytischen Kontextualisierungsbegriff in Beziehung gesetzt. So ermöglichen es sprachstatistische Verfahren, Muster zu berechnen und damit „ die Serialität der Kontextualisierungsangebote in jeweils ähnlichen Sprachverwendungen relativ zu Kontexten “ zugänglich zu machen (Müller 2015: 58). Das signifikante Auftreten sprachlicher Merkmale in einem Verwendungszusammenhang wird davon ausgehend als Kontextualisierungshinweis zweiter Ordnung gefasst, als etisch, korpusbasiert im Nachvollzug durch die Forscherperson gewonnene Deutung im Gegensatz zu Kontextualisierungshinweisen erster Ordnung, die wahrnehmungsbasiert heuristisch im dynamisch durch die Interaktionspartner erzeugten Kontext verstanden werden (Müller 2012: 54, 2015: 82). Solche Kontextualisierungshinweise zweiter Ordnung können für qualitative Analysen einen Deutungshintergrund bieten. 6 Durch eine korpuslinguistische Ermittlung typischer Verwendungszusammenhänge für ein sprachliches Phänomen kann somit dessen Indizierungspotenzial aufgezeigt werden (Müller 2012: 60). Diese korpuslinguistische Bestimmung von Indexikalität als Indizierungspotenzial unterscheidet sich von anderen Fassungen des Begriffs der Indexi- 6 Genauer gesagt gewinnt die korpuspragmatische Perspektive durch die korpuslinguistischen Verfahren die Möglichkeit, Kontext horizontal (unmittelbarer Kotext eines Vorkommens des Phänomens) und vertikal (über alle Kotexte und erfassten Merkmale des außersprachlichen Kontextes hinweg) zu betrachten (vgl. zu einer Erläuterung am Beispiel der Konkordanzanalyse Rühlemann und Aijmer 2014: 3, 8). 264 Cordula Meißner <?page no="265"?> kalität sprachlicher Mittel (etwa in der variationslinguistischen Forschung als Hinweis auf eine strukturbezogene soziale Position, in der konversationsanalytischen Forschung als Aspekt der Bedeutungsaushandlung und Interpretation im Interaktionsprozess, in der metapragmatisch-soziolinguistischen Forschung als gesellschaftliche Bewertung von Sprachgebräuchen, vgl. ausführlich Spitzmüller 2022: 192 - 194, 259 - 265). Die korpuslinguistische Bestimmung von Indizierungspotenzialen anhand von Häufigkeitsverteilungen im Sprachgebrauch differiert vom soziolinguistischen Verständnis der (sozialen) Indexikalität, insofern sich die dort gefasste „ Fähigkeit sprachlicher Zeichen, soziale Werte, Akteurstypen und Lebensformen zu evozieren bzw. zu kontextualisieren “ (Spitzmüller 2013: 265) auf (diskursiv zugängliche) Zuschreibungen und Bewertungen von Sprecher: innen bezieht, wobei v. a. die (geäußerte) diskursive Entstehung solcher Zuschreibungen betrachtet wird, welche vom tatsächlichen Sprachgebrauch abweichen können (Spitzmüller 2013: 266). Was im Rahmen der Korpuspragmatik mit dem Begriff des Indizierungspotenzials bezeichnet wird, lässt sich in Beziehung setzen zu dem, was aus der Perspektive gebrauchsbasierter Sprachmodelle als ein Musterwissen in Bezug auf die Assoziationen von sprachlichen Mitteln und Kontextmerkmalen gefasst wird, das Sprecher: innen einer Sprachgemeinschaft auf der Basis ihres sprachlichen Inputs (v. a. durch implizites, frequenzbasiertes Lernen, vgl. Ellis 2012, 2017) ausbilden würden. Gebrauchsbasierte (usage-based) Modelle gehen davon aus, dass sich sprachliches Wissen auf der Basis wiederkehrender Merkmale in Sprachgebrauchsereignissen durch Prozesse der frequenzbasierten Verfestigung (Entrenchment) und Schematisierung (d. h. der Abstraktion von gemeinsamen Merkmalen) herausbildet (vgl. u. a. Barlow/ Kemmer 2000). Verfahren der Korpuslinguistik lassen sich als methodologische Einlösung dieser Annahmen sehen, wenn man die in einem Korpus gesammelten Daten der Sprachverwendung als Repräsentation für den sprachlichen Input betrachtet (vgl. Stefanowitsch/ Flach 2017) und die in der Korpusanalyse ermittelten statistischen Muster als Hypothesen dazu erachtet, welche Muster Sprecher: innen auf der Basis eines solchen Inputs aufbauen würden. Steht das Korpus als Repräsentant für den Input einer bestimmten Sprachgemeinschaft, können die erschlossenen Muster als Konventionen, als Musterwissen dieser Sprachgemeinschaft, interpretiert werden (vgl. Schmid 2020). In aktuellen gebrauchsbasierten Ansätzen geraten Assoziationen von sprachlichen Ausdrücken und Merkmalen des situativen Kontextes stärker in den Blick (vgl. Desagulier/ Monneret 2023). Im Modell von Entrenchment und Konventionalisierung bilden solche pragmatischen Assoziationen (Schmid 2014) die Basis für die Herausbildung von (Wissen über) Stilbzw. Registerunterschiede(n) oder Konnotationen (vgl. Schmid 2014, 2020). Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 265 <?page no="266"?> In diesem gebrauchsbasierten Verständnis wird hier die Indexikalität von KV als ihr Indizierungspotenzial gefasst und aus der Perspektive der Variation betrachtet. 4 Variation aus der Perspektive der korpuslinguistischen Registeranalyse Indizierungspotenziale von KV sollen in ihrer Variation hinsichtlich der diasituativen Dimension betrachtet werden. Hierzu wird auf die korpuslinguistische Registeranalyse Bezug genommen. Sie fasst Register als sprachliche Varietäten, die durch bestimmte Kombinationen situationaler und sprachlicher Merkmale gekennzeichnet sind (Goulart et al. 2020: 436). Diese Kombinationen werden empirisch auf der Grundlage von Korpora ermittelt, indem anhand der Vorkommenshäufigkeit sprachlicher Merkmale relativ zu situativen Merkmalen Assoziationen bestimmt werden. Es liegt die Annahme zugrunde, dass ein häufiges Vorkommen von bestimmten lexikalischen oder grammatischen Merkmalen ein Zeichen ihrer funktionalen Relevanz für den spezifischen Kontext darstellt (Biber/ Conrad 2009: 6 - 9). Sprachliche Merkmale umfassen die gesamte Bandbreite der Lexikogrammatik z. B. Merkmale bezogen auf Wortschatz, Wortart, Wortbildungsart, Flexion, Phrasentyp, Satzstruktur, Wortfolge (Biber/ Conrad 2009: 65 - 68), kurz „ any lexicogrammatical feature “ (Biber/ Conrad 2009: 16). Ihre Ermittlung erfolgt quantitativ auf der Formebene. Die funktionale Interpretation wird anschließend ausgehend von den statistischen Ergebnissen als funktionale Erklärung für die ermittelten Unterschiede vorgenommen (Biber/ Conrad 2009: 69). Situative Merkmale in der Registeranalyse umfassen z. B. Merkmale der Beteiligten, der Beziehung zwischen ihnen, des Mediums, der raum-zeitlichen Bedingungen der Kommunikation, kommunikative Zwecke und Themen (Biber/ Conrad 2009: 40). Sie werden durch die Korpuszusammensetzung, Vergleichskorpora bzw. Metadaten abgebildet und konzeptualisieren den Kontext damit statisch. Register sind auf verschiedenen Ebenen der Granularität beschreibbar (Biber/ Conrad 2009: 10, 32). Das Spektrum an Untersuchungen, die dem Registeransatz folgen, umfasst Einzelregisterbeschreibungen wie Beschreibungen der Variation zwischen Registern, Studien können ein sprachliches Merkmal, Sets oder eine ganze Bandbreite an Merkmalen einbeziehen sowie hinsichtlich der Granularität, die sie in der Bestimmung der situationalen Merkmale wählen, variieren (Goulart et al. 2020: 437). Die Registeranalyse als korpusbasierte Analyseperspektive auf sprachliche Variation (Conrad 2023: 14) unterscheidet sich von der Perspektive der Variationspragmatik. Register bildet für die Variationspragmatik einen mikro-sozialen Faktor, welcher die Sprecherkonstellation betrifft, im Gegensatz zu 266 Cordula Meißner <?page no="267"?> makro-sozialen Faktoren, die Sprecher: innen betreffen und anhand derer Sprecher: innengruppen verglichen werden (Barron/ Schneider 2009: 427). Das Hauptinteresse der Variationspragmatik gilt dem Einfluss makro-sozialer Faktoren (Region, soziale Schicht, Ethnizität, Gender, Alter) und ihrem Zusammenspiel in Bezug auf pragmatische Phänomene, welche auf den Ebenen von Ausdrucksmitteln in ihrer kommunikativen Funktion, Sprechhandlungen, Sequenzen, Gesprächsinhalten und Gesprächsorganisation betrachtet werden (vgl. Barron/ Schneider 2009: 427; Barron 2017: 92 - 94). Die korpusbasierte Registeranalyse zielt darauf ab, Variation im natürlich vorkommenden Sprachgebrauch zu erfassen. Für die Variationspragmatik ist eine möglichst umfassende Kontrolle aller nicht untersuchten Variablen methodisch wesentlich (Barron 2017: 96), wobei Kontext sehr differenziert (kognitiv, sozial, soziokulturell und sprachlich) einbezogen wird (vgl. Fetzer 2010). Die natürliche Sprachverwendung ist hier als Datenquelle problematisch, da eine so umfassende Kontrolle des Kontextes methodisch fast nur experimentell zu realisieren ist (vgl. Barron 2021 zu einem stark kontrolliert erstellten Spezialkorpus). Im vorliegenden Beitrag wird diasituative Variation in Bezug auf die Indexikalität von KV betrachtet. Situative Kontexte werden in Anlehnung an die Registeranalyse mit Hilfe von Beschreibungsmerkmalen gefasst. Es wird danach gefragt, welche Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen situativen Kontexten in Bezug auf die Indizierungspotenziale der genutzten KV beobachtet werden können. Variation wird hinsichtlich der mit der Nutzung von KV aufgerufenen Indizierungspotenziale, die aus den Gebrauchshäufigkeiten der KV-Lexeme im Gesamtkorpus abgeleiteten werden, betrachtet. Damit unterscheidet sich das Erkenntnisinteresse von Untersuchungen zur expliziten Metakommunikation (Hübler 2011; Techtmeier 2001 bzw. Hyland 2017), für die KV als metasprachliche Ausdrücke ein mögliches Mittel der Realisierung von Funktionen wie z. B. Verständnissicherung, Akzeptanzsteuerung, Gesprächsstrukturierung darstellen, von der korpusbasierten Sprechhandlungsforschung, die ausgehend vom Indikatorenproblem sprachlicher Handlungen metasprachliche Ausdrücke als Zugriff wählt, um die Ausführung bzw. Thematisierung der Handlung zu untersuchen (etwa Jucker 2017) sowie auch von Untersuchungen der variationslinguistischen Metapragmatik, die den Gebrauch metasprachlicher Ausdrücke in spezifischer grammatischer Konstruktion und (performativer, deskriptiver, kommentierender bzw. problematisierender) Funktion in verschiedenen Varietäten vergleicht (Schneider 2021: 14). Mit der korpusbasierten Registeranalyse wird hier davon ausgegangen, dass Frequenzunterschiede Unterschiede auf funktionaler Ebene (funktionale Relevanz) widerspiegeln. Angenommen wird also, dass die Nutzung von KV in verschiedenen situativen Kontexten anders (handlungs-)relevant ist und daher Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 267 <?page no="268"?> unterschiedlich frequent auftritt. Der Fokus liegt in diesem Beitrag dabei nicht darauf, diese funktionale Unterlegung von Häufigkeitsunterschieden in einem Einzelfall nachzuzeichnen, sondern darauf, Muster im Sinne von Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen situativen Kontexten hinsichtlich der Indizierung zu ermitteln, um ausgehend davon in Bezug auf die funktionale Unterlegung Hypothesen generieren zu können, die in weiteren Untersuchungen zu verfolgen wären. Der Ansatz, Muster der diasituativen Variation auf der Ebene der Indexikalität ausgehend von gebrauchsbasiert bestimmten Indizierungspotenzialen zu beschreiben, soll im Folgenden vorgestellt werden. 5 Ein gebrauchsbasierter Ansatz zur Beschreibung diasituativer Variation von Indexikalität Der vorgestellte Beschreibungsansatz möchte eine methodische Perspektive für eine gebrauchsbasierte Referenzbeschreibung eröffnen. Die Motivation für eine Referenzbeschreibung in Bezug auf Indexikalität erwächst vor dem Hintergrund einer gebrauchsbasierten Sprachauffassung, in der Assoziationen von sprachlichen Ausdrücken zu Merkmalen des situativen Kontextes Aspekte des Gebrauchswissens darstellen, welches Sprecher: innen aufgrund von Häufigkeitsverteilungen in ihrem sprachlichen Input aufbauen (Ellis 2012; Schmid 2014). Die Indizierungspotenziale, die durch frequenzbasierte Analysen auf der Basis eines den Input der Sprachgemeinschaft repräsentierenden Korpus authentischer Sprachverwendung erschließbar sind, können damit als Gebrauchswissen der Sprachgemeinschaft interpretiert werden, vor dessen Hintergrund aktuelle Verwendungen verarbeitet werden. Anhand von korpusbasiert ermitteltem Gebrauchswissen der Sprachgemeinschaft lassen sich Erwartungen an sprachliche Realisierungen begründen, lässt sich durch die Wahl von Ausdrucksmitteln bewusst ein bestimmter Kontext (z. B. ein fachsprachliches Register) indizieren (vgl. Hyland 2017: 17) oder Angemessenheit einschätzen (vgl. z. B. Brommer 2019). Eine Beschreibung von Indizierungspotenzialen ist daher in Bezug auf Sprachbildung und Sprachvermittlung relevant, da durch sie das auf der Ebene der Sprachgemeinschaft konventionalisierte Gebrauchswissen 7 explizierbar würde, es somit reflektiert und für Entscheidungen der Sprachproduktion verfügbar gemacht werden könnte. Untersuchungen zur Variation über Spektren von Gebrauchssituationen wür- 7 Zur Unterscheidung zwischen korpusbasiert zugänglichem Gebrauchswissen als Konventionalisierung in der Sprachgemeinschaft und als individuelles Wissen von Sprecher: innen (Entrenchment) vgl. Schmid (2020). 268 Cordula Meißner <?page no="269"?> den es erlauben, relationales Gebrauchswissen zu explizieren, d. h. eine Einordnung von Gebrauchsweisen in eine Bandbreite möglicher Typen zu treffen. 8 Es geht dabei um eine Beschreibung der statistisch begründeten aus natürlichem Sprachgebrauch abgeleiteten Typik. Ein Ansatz für die Gewinnung einer solchen das Gebrauchswissen der Sprachgemeinschaft als Referenz herausarbeitenden Beschreibung wird hier für die domänenbezogene Indexikalität von KV im gesprochenen Deutsch vorgestellt. Der Referenzcharakter leitet sich von den Repräsentativitätseigenschaften der Datengrundlage ab. So wird die Beschreibung in der vorgestellten Studie auf der Grundlage des FOLK-Korpus gewonnen, eines Korpus natürlicher Gebrauchsdaten, welches eine Repräsentation der interaktionalen medial mündlichen Sprache in Deutschland bieten möchte (vgl. Deppermann/ Hartung 2012: 148). Auf der Basis dieser Repräsentation wird das Gebrauchswissen der Sprachgemeinschaft (Konventionen) zur domänenbezogenen Indexikalität von KV modelliert. Dieses wird anhand von Indizierungspotenzialen der KV-Lexeme bestimmt, welche als ihre statistisch signifikanten Assoziationen zu Gesprächskontexten der öffentlichen, institutionellen bzw. privaten Interaktionsdomäne ermittelt werden. Die Indizierungspotenziale werden strukturentdeckend gefasst und bestehen relativ zur Datengrundlage, indem auf der Grundlage der Repräsentation der Interaktionsdomänen im FOLK-Korpus datenbasiert Typen der Assoziation zu den drei Domänen (Indizierungspotenzialtypen) gewonnen werden. Das so modellierte Gebrauchswissen der Sprachgemeinschaft hinsichtlich der Assoziation von KV-Lexemen zu Domänen stellt die Referenz für die Beschreibung diasituativer Variation dar. Die Perspektive auf Variation bildet dabei die Annahmen gebrauchsbasierter Sprachmodelle ab: Variation steht für die Muster bzw. Ähnlichkeitsbeziehungen, welche die modellierte Sprachgemeinschaft ausgehend von ihrem Gebrauchswissen zwischen verschiedenen situativen Kontexten wahrnehmen würde. Es werden statistisch basierte Ähnlichkeiten zwischen Indizierungspotenzialprofilen von situativen Kontexten ermittelt. Sie werden als jene Muster interpretiert, die einer Sprachgemeinschaft erscheinen würden, die ihr Gebrauchswissen auf der Basis von Input aufgebaut hat, wie ihn die Daten des FOLK-Korpus repräsentieren. Das Beschreibungsmerkmal des situativen Kontextes, in Bezug auf das Variation betrachtet wird, bildet die Gesprächskonstellation. Sie wird als Kombination 8 Aus angewandter Perspektive knüpft dies an die Forderung nach Gebrauchsorientierung, der Abbildung von Typik und Variation in Bezug auf eine bildungsbezogene Sprachbeschreibung (vgl. etwa Ender et al. 2023) an. Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 269 <?page no="270"?> von sozialer Rolle und Gesprächsart, wie sie anhand der Metadaten des FOLK- Korpus repräsentiert sind, gefasst. In Bezug auf Rolle-in-Gesprächsart-Konstellation werden Häufigkeiten der Indizierungspotenzialtypen erfasst. Aus den relativen Anteilen der Häufigkeitswerte ergibt sich für jede Konstellation ein Indizierungspotenzialprofil. Strukturentdeckend werden auf der Basis des Spektrums an Rolle-in-Gesprächsart-Konstellationen, welches FOLK bietet, Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen Konstellationen hinsichtlich ihrer domänenbezogenen Indizierungspotenzialprofile ermittelt und Muster in Bezug auf situative Kontexte, die durch ähnliche Indizierungspotenzialprofile gekennzeichnet sind, aufgedeckt. Der Beschreibungsansatz erschließt damit ausgehend von Gemeinsamkeiten des Sprachgebrauchs (der Nutzung von Kommunikationsverben) indexikalitätsbezogene diasituative Variation im gesprochenen Deutsch aus der Perspektive des Gebrauchswissens der Sprachgemeinschaft (welches die Referenz darstellt). Darauf aufbauend kann nach dem Verhältnis von situativ gegebenem und indiziertem Kontext gefragt werden, indem die Zuordnung zu einer Domäne und das gezeigte Indizierungspotenzialprofil verglichen werden. Im Folgenden wird eine Studie vorgestellt, die diesen Beschreibungsansatz explorativ umsetzt. 6 Korpusstudie: Diasituative Variation domänenbezogener Indexikalität in der Nutzung von KV im gesprochenen Deutsch Es wird eine explorative Korpusstudie zur diasituativen Variation domänenbezogener Indexikalität in der Nutzung von KV im gesprochenen Deutsch durchgeführt. Das FOLK-Korpus bildet als Repräsentation des gesprochenen Deutsch hierfür die Datenbasis (6.1). Die Studie umfasst drei Teilschritte. Den Ausgangspunkt bildet eine Varianzanalyse, welche die Vorkommenshäufigkeit von KV-Lexemen in den im FOLK-Korpus repräsentierten Interaktionsdomänen vergleicht, um eine Gesamteinschätzung zum Gebrauch dieses Ausdrucksmittels zu gewinnen (6.2). Davon ausgehend werden mit Hilfe distinktiver Kollexemanalysen domänenbezogene Indizierungspotenzialtypen der KV-Lexeme ermittelt (6.3) und darauf aufbauend Korrespondenzanalysen zur Exploration von Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen Gesprächskonstellationen hinsichtlich ihrer Indizierungspotenzialprofile durchgeführt (6.4). Dabei werden Korrespondenzanalysen für alle Konstellationen des Korpus sowie einzeln für jene der öffentlichen, der institutionellen und der privaten Domäne durchgeführt, um die Beziehung zwischen gegebenem Kontext (Domänenzuordnung) und indiziertem Kontext (Indizierungspotenzialprofil) und damit die Variation auf der Ebene der Indexikalität zu explorieren. 270 Cordula Meißner <?page no="271"?> 6.1 Datengrundlage Die Grundlage für die Untersuchung bildet der Gesamtwortschatz der im Handbuch der Kommunikationsverben erfassten Lexeme (Harras et al. 2004). Das Handbuch strebt mit wenigen Ausnahmen 9 eine vollständige Erfassung des Wortschatzbereiches an (Harras et al. 2004: 7). Die Lexeme sind in Verbparadigmen gruppiert, die einen gemeinsamen semantischen Gehalt abbilden (Harras et al. 2004: 9). Ihre Mehrdeutigkeit in Bezug auf KV-Bedeutungen ist systematisch erfasst, wobei die meisten Lemmata diesbezüglich monosem sind (Harras et al. 2007: 27). Nicht (systematisch) erfasst sind die nicht kommunikationsbezogenen Bedeutungen der Verben. Für die Untersuchung wurden alle im Verbregister von Harras et al. (2004: 427 - 437) verzeichneten Lexeme extrahiert, insgesamt 605. Bei 380 KV (63 %) handelt es sich um Verben, die im Handbuch nur einem Verbparadigma zugeordnet, also als monosem verzeichnet sind. Die Grundlage an Sprachdaten bildet das Forschungs- und Lehrkorpus gesprochenes Deutsch (FOLK) in der Version 2.18. Dieses als Referenzkorpus intendierte Gesprächskorpus soll in möglichst großer Ausgewogenheit die interaktionale und medial mündliche Sprache in Deutschland repräsentieren (Deppermann/ Hartung 2012: 148). Es strebt eine breite Abdeckung von Merkmalen an, um Aussagen über das Spektrum der Mündlichkeit in unterschiedlichen regionalen, sozialen und situativen Kontexten zu erlauben (Deppermann/ Hartung 2012: 118 f.; Kaiser 2018; Reineke et al. 2023: 74 f.). Der Aufbau folgt einem Stratifikationskonzept, das primäre (Sprechereignis) und sekundäre (Sprecher: innen) Parameter unterscheidet (Kaiser 2018: 543 - 46; Reineke et al. 2023: 74 f.), in Bezug auf die Metadaten zur Verfügung stehen. Die Merkmalskombinationen sind jedoch nicht ausgewogen besetzt (vgl. Kaiser 2018: 518). FOLK umfasst natürliche vollständige Interaktionen (vgl. Schmidt 2018: 210). Die Grundlage für die Ermittlung von Indizierungspotenzialen bildet der oberste Stratifikationsparameter des FOLK-Korpus, die Interaktionsdomäne, in den Ausprägungen öffentlich, institutionell und privat. Die öffentliche Domäne umfasst „ Gespräche, die im Rahmen öffentlich zugänglicher und/ oder massenmedial vermittelter Anlässe stattfinden “ , die institutionelle Domäne „ Gespräche, die im Rahmen institutioneller Räumlichkeiten bzw. Handlungen mit Personen in der Rolle institutioneller bzw. professioneller Vertreter und mit den entsprechenden konstitutiven Aktivitäten stattfinden “ und die private Domäne „ informelle Gespräche mit Familie und/ oder Freunden und Bekann- 9 Die Ausnahmen bestehen in Bezug auf Deklarative und gesprächsstrukturierende, modale und mediale KV (vgl. Harras et al. 2004: 7). Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 271 <?page no="272"?> ten “ (Kaiser 2018: 521 f.). Nach gesellschaftlichen Handlungsbereichen werden Gespräche der öffentlichen Domäne in die Lebensbereiche Politik, Unterhaltung, Wissenschaft und Wirtschaft differenziert, Gespräche der institutionellen Domäne in die Lebensbereiche Bildung, Behörden, Interprofessionelle Kommunikation, Vereinsleben und Selbstverwaltung, Religion/ Kirche, Kunst/ Unterhaltung/ Sport, Dienstleistungen sowie Medizin/ Gesundheitswesen (Kaiser 2018: 544). Die Zuordnung von Sprechereignissen zu einer Interaktionsdomäne ist über die Metadaten des Korpus zugänglich. Die Grundlage für das Beschreibungsmerkmal, im Hinblick auf das diasituative Variation untersucht wird, bildet die Kombination zweier weiterer Metadaten-Parameter des FOLK-Korpus, nämlich Rolle (ses_rolle_s) und Gesprächsart (e_se_art). Methodisch ist zu beachten, dass es sich hier aufgrund des Vergabeschemas der Metadatenwerte um heuristische Kategorien handelt. So ist die Basis für das Metadatum Gesprächsart eine je Sprechereignis ad hoc vergebene und keinem systematischen Schema folgende Kurzbezeichnung, deren Bezug variieren kann (vgl. Kaiser 2018: 530). Der Parameter Rolle benennt die soziale Rolle der Gesprächsbeteiligten, 10 wobei die Bezeichnungen auch hier eine offene und heterogene Werteliste darstellen (Kaiser 2018: 534). 11 Die Metadatenwerte für den Rollen- und den Gesprächsart-Parameter werden zum Kombinationsmerkmal der „ Rolle-in-Gesprächsart-Konstellation “ verbunden (z. B. „ Freund/ in_Telefongespräch “ oder „ Lehrer/ in_Unterrichtsstunde in der Berufsschule “ ). Das FOLK-Korpus enthält Gespräche in aussprachenah transkribierter Form (den GAT-Konventionen folgend, vgl. Schmidt et al. 2015). Zusätzlich stehen für die Auswertung eine orthographisch normalisierte Fassung der Transkripte, ihre Lemmatisierung sowie ihre Wortartenannotation zur Verfügung (vgl. Schmidt 2018). In Version 2.18 umfasst FOLK insgesamt 400 Sprechereignisse (SE) für 113 Gesprächsarten, an denen 1.177 verschiedene Sprecher: innen beteiligt sind. Die Anzahl der Vollverbtoken im gesamten Korpus als Referenzwert für die Korpusgröße in Bezug auf die hier betrachteten KV beträgt 290.035. Die Interaktionsdomänen sind nicht in gleicher Datenmenge und 10 Diese steht für „ die Beteiligungsrechte und -pflichten der Teilnehmer gemäß ihren offiziellen Identitäten, die konstitutiv für ihre Zulassung zu einem privaten Kontext sind bzw. aufgrund derer sie an einer institutionellen Interaktion teilnehmen “ (Deppermann/ Hartung 2012: 425). Es handelt sich damit nicht um Beteiligungsrollen, die durch Aktivitäten im Gespräch hergestellt werden (vgl. Kaiser 2018: 534). 11 Sie können eher interaktionsunabhängige (institutionell oder privat geprägte) Rollen wie „ Freund “ oder „ Polizeibeamter “ , aber auch interaktionsspezifische Bezeichnungen wie „ Experte auf der Kritikerseite “ (in den Schlichtungsinteraktionen) umfassen (vgl. Kaiser 2018: 534). 272 Cordula Meißner <?page no="273"?> Ausgewogenheit im Korpus repräsentiert: Während auf die öffentliche Domäne 16 SE für sieben Gesprächsarten mit 218 Sprecher: innen entfallen (36.923 Vollverbtoken, 13 % der Gesamtmenge für das FOLK-Korpus), sind es für die institutionelle Domäne 178 SE für 59 Gesprächsarten mit 470 Sprecher: innen (100.186 Vollverbtoken, 35 %) und für die private Domäne 155 SE für 41 Gesprächsarten mit 395 Sprecher: innen (129.461 Vollverbtoken, 45 %). Auf die Domäne Sonstiges entfallen 51 SE für sechs Gesprächsarten mit 94 Sprecher: innen (23.465 Vollverbtoken, 8 %). Es wurde zunächst ermittelt, welche der KV des Handbuches in FOLK vorkommen. Ein Abgleich der KV-Liste mit der über die Recherchefunktion der DGD abrufbaren Verblemmaliste des FOLK-Korpus zeigt, dass dies bei 393 (65 %) der 605 KV des Handbuches der Fall ist. Über den Recherchezugang ZuRecht wurden für diese Verben auf der Ebene der annotierten Lemmaform (Grundform) alle Belege mit ihren Metadaten abgefragt und exportiert. 12 Die Abfrage der KV auf der Ebene der Lemmaform bringt eine Ungenauigkeit in der Erfassung von Partikelverben mit sich. 13 Die Lemmaformen weisen Mehrdeutigkeit auf. Um homonyme Verwendungen in nicht sprechhandlungsbezogener Bedeutung auszuschließen (z. B. anordnen nicht direktiv, sondern als räumliches Positionieren), wurde eine manuelle Datenbereinigung vorgenommen, für die die Datenmenge auf KV mit mindestens 10 Vorkommen eingegrenzt wurde (eine Bedingung, die 222 KV erfüllen, welchen 42.965 Belege entsprechen). Nach Bereinigung verbleiben für die Auswertung 35.802 Belege für 216 KV (37 % der Handbuchlexeme). 14 Es wird für die Zählung nicht 12 Da die exportierten Belege in aussprachenaher Transkription vorliegen, wurden die Treffertoken mit Hilfe des TreeTaggers (Schmid 1995) nach ihrer Lemmaform annotiert, die Annotation geprüft und nachkorrigiert. 13 Die Abfrage auf der Lemmaebene erfasst nicht die in Distanzstellung gebrauchten Partikelverben. Wallner/ Stoppel (2017) haben für Konferenzvorträge (GWSS_EV_L1) einen Anteil von in Distanzstellung gebrauchten Partikelverben von 18 % ermittelt (vgl. Wallner/ Stoppel 2017: 125). 14 Maßgeblich für die Bereinigung waren die im Handbuch erfassten KV-Bedeutungen. So wurde z. B. heißen, das im Handbuch als direktiv erfasst ist, in der Verwendung als Paraphrasemarkierung (das heißt) ausgeschlossen oder zurückrufen, welches im Handbuch deklarativ sowie direktiv verzeichnet ist, in der Verwendung ‚ telefonisch antworten ‘ . Diese Fälle von Verwendungen, die nicht eine im Handbuch verzeichnete KV- Bedeutung, sondern eine andere, auch metakommunikativ verstehbare Bedeutung aufwiesen, fanden sich bei insgesamt acht Verben. Zudem wurden im Zuge dieser Bereinigung bei KV, die auch als Basis auftreten (rufen - anrufen) Vorkommen als Partikelverb ausgeschlossen, um fälschlich erhöhte Frequenzwerte für das Basisverb zu vermeiden. Für die häufigsten fünf KV (insgesamt 23.116 Belege) konnte dieser Fehler nur anhand von Zufallsstichproben von je 50 Belegen eingeschätzt werden. Er lag in den Zufallsstichproben für reden und sagen bei 0 %, für sprechen und fragen bei 2 %, für schreiben bei 20 %. Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 273 <?page no="274"?> zwischen verschiedenen sprechhandlungsbezogenen Bedeutungen desambiguiert. Die im Handbuch zugeordneten Verbparadigmen werden als Annotation auf Lemmaebene mitgeführt. 15 Von den 216 KV-Lemmata 16 kommen 161 sowohl in der öffentlichen als auch der institutionellen sowie der privaten Interaktionsdomäne vor (75 %). Die Häufigkeiten der KV-Lemmata folgen dem Zipfschen Gesetz, d. h. es gibt einzelne sehr häufige Lemmata. So haben die sechs häufigsten KV sagen, schreiben, fragen, sprechen, reden, erzählen je über 1.000 Vorkommen und decken 67 % aller KV-Token ab. Das Verb sagen deckt mit 16.856 Vorkommen allein 47 % ab. Auf die öffentliche Domäne entfallen insgesamt 6.328 KV-Token (durchschnittlich 171,4 pro 1.000 Vollverbtoken), auf die institutionelle 12.192 KV- Token (durchschnittlich 121, 7 pro 1.000 Vollverbtoken) und auf die private 13.931 KV-Token (durchschnittlich 107,6 pro 1.000 Vollverbtoken). 6.2 Häufigkeit von KV in SE der öffentlichen, institutionellen und privaten Interaktionsdomäne Es wurde eine Varianzanalyse durchgeführt, um die Häufigkeit in der öffentlichen, institutionellen und privaten Domäne zu vergleichen. 17 Die Basis dafür bilden die relativen Häufigkeiten von KV-Token pro 1.000 Vollverbtoken in den einzelnen SE. 18 Abb. 1 visualisiert die Verteilung der Häufigkeitswerte in Violin-Plots, wobei links die Werte für alle KV, rechts jene unter Ausschluss der sechs häufigsten KV dargestellt sind. Es wird zunächst die Verteilung mit allen KV betrachtet. Der Kruskal-Wallis-Test für nicht normalverteilte (nicht parametrische) Stichproben ist signifikant (Kruskal-Wallis chi-squared = 15 Über mehrgliedrige Tags werden dabei Mehrfachzuordnungen zu Verbparadigmen auf eine Lemmaform abgebildet, z. B. erhält angeben, für das die Verbparadigmen ‚ Expr.val. pos.angeb ‘ , ‚ Repr.info.nennen ‘ , ‚ Struktur.Gespräch(sthema) ‘ verzeichnet sind, als Annotation ‚ Expressiva_Repräsentativa_Struktur.Gespräch ‘ (vgl. zu den Zuordnungen der genannten KV Harras et al. 2004: 527). 16 In Bezug auf die Korpusanalyse wird die Bezeichnung Lemma (und nicht Lexem) verwendet, um deutlich zu machen, dass es sich um Einheiten handelt, die durch den Aufbereitungsschritt der Lemmatisierung erzeugt wurden. 17 Für die Berechnungen wurde das R-Paket rstatix (Kassambara 2023), für die Visualisierung in Abb. 1 das R-Paket ggstatsplot (Patil 2021) verwendet. Anzumerken ist, dass die Varianzanalyse von einer vollumfänglichen Unabhängigkeit der verglichenen Stichproben ausgeht, die bei Korpusdaten nicht gegeben ist. So werden mit der Gegenüberstellung der Domänen nicht alle möglichen Einflussfaktoren kontrolliert (z. B. weisen die SE mit der Zugehörigkeit zu einer Sprache, evtl. auch zu bestimmten Sprachregionen weitere Einflussfaktoren der Varianz auf (vgl. Winter/ Grice 2021). Dies bleibt in dieser explorativen Analyse unberücksichtigt. 18 Dabei wurden vier sehr kurze SE mit weniger als 10 Vollverbvorkommen ausgeschlossen. 274 Cordula Meißner <?page no="275"?> 20,071, df = 2, p-value = 4,383e-05). Paarweise Vergleiche mit dem Wilcox-Test und angepasstem p-Wert (Bonferroni) ergeben signifikante Unterschiede zwischen öffentlicher und institutioneller Domäne (p=0.0012, r=0.2607 (geringe Effektstärke 19 )) sowie zwischen öffentlicher und privater Domäne (p=7e-06, r=0.3634 (mittlere Effektstärke)). Werden die sechs häufigsten KV-Lemmata nicht in die Varianzanalyse einbezogen, zeigen sich deutlichere Unterschiede: Der Kruskal-Wallis-Test ist signifikant (Kruskal-Wallis chi-squared = 55,603, df = 2, p-value = 8,434e-13). Paarweise Vergleiche mit dem Wilcox-Test und angepasstem p-Wert (Bonferroni) ergeben signifikante Unterschiede zwischen öffentlicher und institutioneller Domäne (p=1,2e-05, r=0.3483 (mittlere Effektstärke)), zwischen öffentlicher und privater Domäne (p=1,1e-09, r=0.4847 (mittlere Effektstärke)) sowie jetzt auch zwischen institutioneller und privater Domäne (p=1,5e-06, r=0,2851 (geringe Effektstärke)). Die Verwendung von KV ist somit unterschiedlich stark mit den drei Interaktionsdomänen assoziiert, am stärksten mit der öffentlichen Domäne. Abb. 1: Relative Häufigkeit von KV in Sprechereignissen der öffentlichen, institutionellen und privaten Interaktionsdomäne des FOLK-Korpus für alle KV (links) und unter Ausschluss der sechs häufigsten KV (rechts) 6.3 Typen der Assoziation von KV und Interaktionsdomäne Mit Hilfe der distinktiven Kollexemanalyse wird für die einzelnen KV-Lemmata vergleichend ihre Assoziation zur öffentlichen, institutionellen und privaten Domäne bestimmt, um auf dieser Grundlage Typen von Assoziationsbeziehungen (Indizierungspotenzialtypen) ableiten zu können. Dazu werden die absoluten Häufigkeiten der KV-Lemmata jeweils für die öffentliche, institutionelle und private Domäne, die hier als verglichene Teilkorpora behandelt werden, bestimmt. Mittels distinktiver Kollexemanalysen (vgl. Gries/ Stefanowitsch 2004, im Bereich Variationslinguistik vgl. z. B. Deshors 19 Die Effektstärke r reicht von 0 bis nahe 1. Cohen (1992: 157) zufolge sind Effektstärken unter 0,3 gering, ab 0,3 moderat und ab 0,5 stark. Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 275 <?page no="276"?> 2017) werden statistisch signifikante Unterschiede in Gebrauchshäufigkeiten in paarweisen Vergleichen zwischen den Teilkorpora ermittelt. 20 Für jedes KV- Lemma werden Werte in Bezug auf die Signifikanz des Unterschiedes seiner Gebrauchshäufigkeit in der öffentlichen gegenüber der institutionellen Domäne, in der öffentlichen gegenüber der privaten Domäne sowie in der institutionellen gegenüber der privaten Domäne berechnet. Aus diesen paarweisen Vergleichen werden Indizierungspotenzialtypen entsprechend der in den FOLK-Daten belegten Kombinationen von signifikanten Unterschieden abgeleitet. So ergibt sich etwa für das Lemma diskutieren, welches 223-mal in der öffentlichen, 43-mal in der institutionellen und 34-mal in der privaten Domäne vorkommt, im Vergleich von öffentlicher und institutioneller Domäne eine signifikante Assoziation zur öffentlichen Domäne, auch im Vergleich öffentlich und privat eine signifikante Assoziation mit der öffentlichen Domäne, jedoch im Vergleich zwischen institutioneller und privater Domäne kein signifikanter Unterschied. Die Häufigkeit ist in der öffentlichen Domäne im Vergleich zu den beiden anderen Domänen somit signifikant größer, institutionelle und private Domäne unterscheiden sich nicht. Dieses Assoziationsverhalten wird zu einem Typ von Indizierungspotenzial zusammengefasst, der als singulär mit der öffentlichen Domäne assoziiert bezeichnet wird. Tab. 1 zeigt in einer Übersicht alle 18 auf diese Weise ermittelten Indizierungspotenzialtypen. Die interaktionsdomänenbezogenen Indizierungspotenziale von KV-Lemmata für das im FOLK-Korpus repräsentierte gesprochene Deutsch lassen sich anhand der ermittelten Makro-Typen beschreiben als singulär eine einzige Domäne indizierend, skalar eine Rangfolge von Domänen indizierend, gleichrangig zwei Domänen in Abgrenzung gegenüber einer dritten indizierend sowie schattiert eine Unterscheidung zwischen zwei Domänen mit einer Mittlerdomäne indizierend. Bezogen auf die Anzahl der Lemmata entfallen 30 % (64 KV) auf den Typ ohne signifikante domänenbezogene Assoziation. 25 % (54 KV) sind singulär assoziiert, 16 % skalar, 15 % gleichrangig und 14 % schattiert. Die spezifischen Typen mit der größten Lemmazahl sind öff_singulär (18 %) sowie öff_skalar_inst_priv und öff=inst mit jeweils 10 % der KV- Lemmata. Hinsichtlich der Token-Belegung entfallen 74 % auf den skalaren Typ, 13 % auf den gleichrangigen, 7 % auf den singulären, 2 % auf den schattierten und 4 % auf KV ohne Assoziation. Die spezifischen Typen mit den höchsten Werten sind priv_skalar_inst_öff (62 %), öff=inst (10 %), öff_ska- 20 Hierzu wurde das R-Paket zur Kollexemanalyse (Flach 2021) genutzt und aufgrund zum Teil niedriger Frequenzwerte als Assoziationsmaß Fisher-Yates Exakt verwendet (vgl. Gries/ Stefanowitsch 2004: 101). Es wurden signifikante Unterschiede einbezogen, die eine Irrtumswahrscheinlichkeit von p<0,05 oder geringer aufweisen. 276 Cordula Meißner <?page no="277"?> Tab. 1: Typen von Assoziationsbeziehungen zwischen KV-Lemmata und öffentlicher, institutioneller und privater Domäne auf der Basis des FOLK-Korpus (Version 2.18) (Indizierungspotenzialtypen) Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 277 <?page no="278"?> lar_inst_priv (6 %) und öff_singulär (5 %). Auf sie entfallen 83 % der KV-Token in den drei Domänen. Die verbleibenden 17 % verteilen sich auf die 14 restlichen Typen. Hierbei wirkt sich die Zugehörigkeit der sechs häufigsten KV aus, von denen vier (sagen, fragen, schreiben, erzählen) auf den Typ privat_skalar_inst_öff fallen. Das Lemma sprechen fällt auf den Typ öff=inst, reden auf den Typ öff_skalar_priv_inst. In Tab. 1 sind die vier Typen mit den größten Token-Belegungen grau hinterlegt. Der singulär mit der öffentlichen Domäne assoziierte Typ (öff_singulär) umfasst 38 KV, bspw. Verben mit denen auf Sequenzen sprachlicher Äußerungen Bezug genommen wird 21 (diskutieren, streiten, debattieren), Direktiva wie erlauben, fordern, zitieren, Repräsentativa wie vorstellen, darlegen, widersprechen oder gesprächssteuernde Verben wie hinweisen oder zusammenfassen. Der skalar mit der öffentlichen Domäne assoziierte Typ (öff_skalar_inst_priv) umfasst 21 KV, bspw. gesprächssteuernde Verben wie beantworten, eingehen (auf), erwähnen, das kommunikationseröffnende Verb ansprechen oder die Repräsentativa erläutern und verdeutlichen. Der gleichrangig öffentlich und institutionell assoziierte Typ (öff=inst) umfasst 22 KV, u. a. sprechen als Verb, das auf Sequenzen sprachlicher Äußerungen Bezug nimmt, Repräsentativa wie beschreiben, argumentieren, ankündigen oder gesprächssteuernde Verben wie ergänzen, andeuten, aufgreifen. Der skalar mit der privaten Domäne assoziierte Typ (priv_skalar_inst_öff) umfasst 8 KV, wobei es sich v. a. um sehr häufige Verben wie sagen, erzählen, schreiben, fragen handelt. Der Anhang zeigt Häufigkeitswerte und Ergebnisse der distinktiven Kollexemanalysen für die jeweils 10 häufigsten KV der vier in Tab. 1 grau hinterlegten Indizierungspotenzialtypen im Einzelnen. Anhand der ermittelten Indizierungspotenzialtypen lässt sich der indexikalische Charakter der Domänen (in ihrer Repräsentation durch das FOLK- Korpus) beschreiben. Die öffentliche Domäne ist in den quantitativ bedeutenderen Indizierungspotenzialtypen sowohl mit den Makrotypen singulär, skalar als auch gleichrangig vertreten. Damit kommt ihr gegenüber den beiden anderen Domänen ein differenziert distinktiver indexikalischer Charakter zu. Die private Domäne tritt hingegen nur in einem skalaren Typ quantitativ bedeutsam auf, während andere primär mit der privaten Domäne verbundene Indizierungspotenzialtypen quantitativ von geringer Bedeutung sind. Die institutionelle Domäne erscheint bei den quantitativ bedeutsamen Typen im Typ gleichrangig öffentlich-institutionell und an zweiter Stelle bei den beiden skalaren Typen öff_skalar_inst_priv bzw. priv_skalar_inst_öff. Alle primär mit der institutionellen Domäne verbundenen Indizierungspotenzialtypen sind 21 Genannt sind hier die Verbparadigmen, denen die KV im Handbuch zugeordnet sind. 278 Cordula Meißner <?page no="279"?> quantitativ von geringer Bedeutung. Die Ausprägung der Indexikalität von KV lässt sich somit in Bezug auf die öffentliche Domäne als am deutlichsten und differenziertesten abgehoben charakterisieren, in Bezug auf die institutionelle Domäne als relational zu öffentlicher und privater Domäne (gleichrangig, skalar) und in Bezug auf die private Domäne als getragen durch einen skalaren, auf häufigen Verben beruhenden Typ. Es zeichnen sich hier die Typen singulär öffentlich, skalar öffentlich und gleichrangig öffentlich-institutionell durch eine größere Anzahl an Belegungen durch KV-Lemmata aus, während der Typ skalar privat durch wenige, aber hochfrequente KV-Lemmata belegt ist. Damit entspricht den öffentlich bzw. öffentlich-institutionell assoziierten Typen eine höhere Type-Frequenz, sie sind durch mehr verschiedene Lemmata instanziiert. Dem privat assoziierten Typ entsprechen hingegen hohe Token-Frequenzen der instanziierenden Lemmata. Gebrauchsbasierten Modellen zufolge fördert eine hohe Type-Frequenz die Herausbildung bzw. Verfestigung eines Schemas, eine hohe Token-Frequenz die Verfestigung der Instanzen (vgl. Schmid 2017: 14; Ellis 2012: 12). Somit ließe sich als Hypothese ableiten, dass die öffentlich bzw. öffentlich-institutionell assoziierten Typen im Gebrauchswissen stärker zur Schematisierung tendieren, der privat assoziierte Typ stärker zu einer Verfestigung der Instanzen. 6.4 Ähnlichkeiten zwischen domänenbezogenen Indizierungspotenzialprofilen von Gesprächskonstellationen im gesprochenen Deutsch Die in 6.3 ermittelten domänenbezogenen Indizierungspotenzialtypen lassen sich als Gebrauchswissen zu Assoziationen zwischen KV-Lemmata und Interaktionsdomänen interpretieren, das eine Sprachgemeinschaft auf der Basis sprachlichen Inputs wie ihn die Daten des FOLK-Korpus repräsentieren, aufbauen würde. Es soll nun ermittelt werden, welche Ähnlichkeitsbeziehungen vor dem Hintergrund eines solchen Gebrauchswissens in Bezug auf die Indizierungspotenzialprofile von Rolle-in-Gesprächsart-Konstellationen erscheinen würden. Mit Hilfe von Korrespondenzanalysen soll Einblick in die diasituative Variation domänenbezogener Indexikalität in der Nutzung von KV im gesprochenen Deutsch gewonnen werden. Es wird für alle Belege der Stichprobe auf Lemmaebene der domänenbezogene Indizierungspotenzialtyp entsprechend der ermittelten Zuordnungen (vgl. 6.3) annotiert. Auf dieser Basis werden für Rolle-in-Gesprächsart-Konstellationen Häufigkeitswerte für alle Indizierungspotenzialtypen ermittelt, so dass jede Konstellation in ihrem Indizierungspotenzialprofil, das sich aus der Kombination der Häufigkeitswerte für die einzelnen Typen ergibt, beschreibbar wird. Diese Indizierungspotenzialprofile werden mit Hilfe der Korrespon- Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 279 <?page no="280"?> denzanalyse verglichen, um Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Konstellationen und damit zwischen verschiedenen situativen Kontexten zu entdecken. Dazu werden die Häufigkeitswerte der Indizierungspotenzialprofile, die für alle Gesprächskonstellationen des FOLK-Korpus gewonnen werden, in Form einer Kontingenztabelle zusammengetragen. Das so erfasste mehrdimensionale Datenset kann mit Hilfe des Verfahrens der Korrespondenzanalyse auf Muster hin exploriert werden. Die Korrespondenzanalyse ermittelt Beziehungen (Korrespondenzen) zwischen dem, was die Spalten und Zeilen der Kontingenztabelle repräsentieren (Desagulier 2017: 257). Zu den Clustering-Verfahren gehörend zielt sie darauf ab, mit Hilfe der Gruppierung von Beobachtungen (Häufigkeiten) Strukturen (i. S. ähnlicher Objekte) in mehrdimensionalen Datensets aufzudecken. Dabei handelt es sich um ein exploratives Verfahren (im Gegensatz zu prädiktiven oder erklärenden), da die Forscherperson keine Annahmen darüber trifft, welche Gruppierungen gefunden werden. Korrespondenzanalysen eignen sich daher dafür, Hypothesen zu generieren (Desagulier 2017: 239). Mit Hilfe der Korrespondenzanalyse werden mehrdimensionale Datensets in zweidimensionale graphische Darstellungen (Biplots) abgebildet, anhand derer Zusammenhänge zwischen Spalten und Reihen interpretiert werden können. 22 Die hier durchgeführten Korrespondenzanalysen nehmen Gesprächskonstellationen des FOLK-Korpus als Zeilenvariablen. Die beschreibenden Spaltenvariablen bilden die Indizierungspotenzialtypen. Die Analysen haben explorativen Charakter. So ist methodisch hinsichtlich der Operationalisierung von Gesprächskonstellationen zum einen das Vergabeverfahren der Metadatenwerte für soziale Rolle und Gesprächsart in FOLK zu bedenken (vgl. 22 Dazu werden Reihen- und Spaltenprofile mit relativen Häufigkeiten anhand der Randsummen berechnet und Unterschiede zum Zeilenbzw. Spaltendurchschnitt (den bei Gleichverteilung erwarteten Werten) ermittelt. Die Informationen zu Spalten- und Reihenprofilen werden in Koordinaten konvertiert und im Diagramm visualisiert (Desagulier 2017: 261 - 263). Die Erklärung der Gesamtvarianz des Datensets (d. h. der Unterschied der tatsächlich beobachteten Werte zu einem bei Gleichverteilung angenommenen Datensample) wird dabei aufgeteilt nach Dimensionen dargestellt, die jeweils möglichst große Anteile der Gesamtvarianz erklären. In der Visualisierung im Biplot werden gleichzeitig Zeilen- und Spaltenvariablen in ihrer relativen Position zueinander dargestellt, wobei die tatsächlich beobachteten Abstände aus dem Datenset möglichst getreu abgebildet werden. Zwei Zeilenbzw. Spaltenprofile sind ähnlich, wenn sie im Diagramm nah beieinander liegen. Liegen eine Zeilen- und eine Spaltenvariable im Diagramm nah beieinander, hat die Zeile in der Spalte besonderes Gewicht bzw. umgekehrt die Spalte für die Zeile (Desagulier 2017: 266). Zur Nutzung der Korrespondenzanalyse in der Gesprächsforschung vgl. z. B. die Anwendung in Deppermann et al. (2017). 280 Cordula Meißner <?page no="281"?> 6.1), zum anderen auch, dass die Rolle-in-Gesprächsart-Konstellationen im Korpus durch Daten in unterschiedlichem Umfang und mit unterschiedlicher Variationsabdeckung repräsentiert sind. Die Gesprächskonstellationen sind z. T. nur durch geringe Datenmengen belegt. Es werden für die Korrespondenzanalysen nur jene einbezogen, die mindestens 30 Vorkommen von KV-Lemmata in KV-Bedeutung aufweisen. Ausgeschlossen wurden nicht identifizierte Rollen (NA). In Bezug auf die ermittelten Indizierungspotenzialtypen, von denen einige sehr niedrige Vorkommenswerte aufweisen, werden bei den Korrespondenzanalysen nur die vier häufigsten Typen (die in Tab. 1 grau hinterlegten) einzeln behandelt und die übrigen Typen in einer Sammelkategorie „ andere “ zusammengefasst. Die erste Korrespondenzanalyse behandelt alle Gesprächskonstellationen des FOLK-Korpus mit mindestens 30 KV-Vorkommen (einschließlich der Domäne Sonstiges, insgesamt 175) als Zeilenvariablen und die 5 Indizierungspotenzialtypen (d. h. die vier häufigsten Typen sowie „ andere “ ) als Spaltenvariablen. Die Varianz dieses Datensets wird durch Dimension 1 (66,14 %) und Dimension 2 (19,83 %) zu 85,97 % erklärt. Dimension 1 (horizontale Achse) stellt die Indizierungspotenzialtypen singulär öffentlich (Koordinatenwert 1,08), skalar öffentlich (0,97), gleichrangig öffentlich-institutionell (0,3) und andere (0,06) mit positiven Werten dem Typ skalar privat (-0,23) mit negativem Wert gegenüber. Dimension 2 (vertikale Achse) stellt mit positiven Werten die Typen gleichrangig öffentlich-institutionell (0,57) und andere (0,07) den übrigen Typen gegenüber. 23 Abb. 2 visualisiert die in der Korrespondenzanalyse berechneten Koordinatenwerte für Indizierungspotenzialtypen und Gesprächskonstellationen in Form von Biplots. Es sind einmal alle 175 Konstellationen des Datensets mit ihren Koordinaten dargestellt (links oben), daneben jeweils nur die Konstellationen der öffentlichen Domäne (rechts oben), der institutionellen Domäne (rechts unten) und der privaten Domäne (links unten). An der Verteilung der Punktwolken im Koordinatensystem, die für die nach Nähe bzw. Ferne zu den Indizierungspotenzialtypen gruppierten Rolle-in- Gesprächsart-Konstellationen stehen, kann ein Vergleich von situativem Kontext (Domänenzuordnung) und indiziertem Kontext (Indizierungspotenzialprofil) vorgenommen werden. Die Abbildung zeigt, dass es sich bei den Konstellationen mit hohen Werten auf Dimension 1, d. h. höheren Anteilen der öffentlichen Indizierungspotenzialtypen, um solche der öffentlichen Domäne handelt. Konstellationen mit niedrigen Werten auf Dimension 1, d. h. 23 Die größten Beiträge zu Dimension 1 leisten singulär öffentlich (37,83 %), skalar öffentlich (33 %) und skalar privat (22,51 %), bei Dimension 2 der Typ gleichrangig öffentlich-institutionell (72,81 %). Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 281 <?page no="282"?> höheren Anteilen des Typs skalar privat, sind sowohl solche der privaten als auch solche der institutionellen Domäne. Höhere Werte auf Dimension 2, d. h. größeren Anteile des Typs gleichrangig öffentlich-institutionell weisen v. a. Konstellationen der institutionellen Domäne auf, daneben auch einzelne der öffentlichen und einzelne der privaten Domäne. Abb. 2: Ergebnisse von Korrespondenzanalyse 1; dargestellt sind alle Konstellationen des FOLK- Korpus in ihren Koordinatenwerten (links oben), daneben nur jene der öffentlichen, nur jene der institutionellen und nur jene der privaten Domäne Aus den Positionen der Konstellationen der einzelnen Domänen im Gesamtspektrum lässt sich Folgendes herauslesen: Die Konstellationen der öffentlichen Domäne gruppieren sich überwiegend im rechten unteren Quadranten zusammen mit den Typen öff_singulär und öff_skalar_inst_priv, weisen also größere Anteile dieser mit der öffentlichen Domäne assoziierten Typen auf. Einzelne Konstellationen der öffentlichen Domäne liegen im rechten oberen Quadranten zusammen mit dem Typ öff=inst, weisen also größere Anteile von KV auf, die gleichrangig mit öffentlicher und institutioneller Domäne assoziiert sind. Die Konstellationen der öffentlichen Domäne des FOLK-Korpus bilden damit hinsichtlich ihrer Indizierungspotenzialprofile im Gesamtspektrum aller Konstellationen des Korpus eine Gruppierung, die sich durch 282 Cordula Meißner <?page no="283"?> größere Anteile von KV der singulär und skalar mit der öffentlichen Domäne assoziierten Typen auszeichnet und daran deutlich erkennbar ist (vgl. Abb. 2 oben rechts). Die Konstellationen der institutionellen Domäne gruppieren sich hingegen verteilt. Schwerpunkte bilden der linke untere Quadrant, dem größere Anteile von KV des Typs skalar privat korrespondieren, daneben der linke obere Quadrant, dem mit negativen Werten auf Dimension 1 und positiven Werte auf Dimension 2 größere Anteile von KV sowohl des Typs skalar privat als auch des Typs gleichrangig öffentlich-institutionell entsprechen. Eine dritte Gruppe formen Konstellationen im rechten oberen Quadranten, der mit größeren Anteilen von KV des Typs gleichrangig öffentlich-institutionell korrespondiert. Die Konstellationen der institutionellen Domäne des FOLK-Korpus bilden damit hinsichtlich ihrer Indizierungspotenzialprofile im Gesamtspektrum aller Konstellationen des Korpus keine einheitlich unterscheidbare Gruppierung, sondern verteilen sich auf Gruppen, die stärker private Gesprächskontexte indizieren oder sowohl private als auch gleichrangig öffentlich-institutionelle Kontexte indizieren oder stärker v. a. gleichrangig öffentlich-institutionelle Kontexte indizieren (vgl. Abb. 2 unten rechts). Die Konstellationen der privaten Domäne schließlich gruppieren sich überwiegend im linken unteren Quadranten zusammen mit dem Typ skalar privat, zeigen also größere Anteile von KV, die mit der privaten Domäne assoziiert sind. Einzelne Konstellationen finden sich im linken oberen Quadranten, zeigen also auch größere Anteil des Typs gleichrangig öffentlich-institutionell, wenige im rechten unteren Quadranten auch Anteile der Typen singulär und skalar öffentlich. Die Konstellationen der privaten Domäne des FOLK-Korpus bilden damit hinsichtlich ihrer Indizierungspotenzialprofile im Gesamtspektrum aller Konstellationen des Korpus eine Gruppierung, die sich durch einen größeren Anteil von KV des skalar mit der privaten Domäne assoziierten Typs auszeichnet und daran deutlich erkennbar ist (vgl. Abb. 2 unten links). Diese Ergebnisse lassen sich aus der Perspektive der gebrauchsbasierten Modellierung folgendermaßen interpretieren: Eine Sprachgemeinschaft, deren Wissen um domänenbezogene Assoziationen von KV auf der Basis von Input ausgebildet wurde, wie ihn die Daten des FOLK Korpus repräsentieren, würde somit die gegebenen Konstellationen der öffentlichen und der privaten Domäne mit jeweils klar unterscheidbarer Indexikalität wahrnehmen, während ihr die Indexikalität von Konstellationen der institutionellen Domäne als Spektrum zwischen einer stärker Kontexte der privaten Domäne indizierenden KV-Nutzung und einer stärker gleichrangig institutionelle und öffentliche Kontexte indizierenden KV-Nutzung erscheinen würde. Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 283 <?page no="284"?> Nachdem die Konstellationen der öffentlichen, institutionellen und privaten Domäne in Bezug auf das Gesamtspektrum von FOLK eingeordnet wurden, sollen nun durch weitere Korrespondenzanalysen Ähnlichkeitsbeziehungen innerhalb der drei Domänen exploriert werden. Es wird dazu für jede Domäne eine Korrespondenzanalyse durchgeführt, wobei jeweils alle Konstellationen der Domäne mit mindestens 30 KV-Vorkommen die Zeilenvariablen bilden und die 5 Indizierungspotenzialtypen die Spaltenvariablen. Abb. 3 zeigt die Ergebnisse für alle drei Analysen im Überblick. Sie illustriert zusätzlich jeweils in Balkendiagrammen die Anteile der Typen für die nach der Zuordnung zu einem Quadranten im Biplot gruppierten Konstellationen. 24 Aus dem Vergleich der Ergebnisse der Korrespondenzanalysen zu den drei Domänen lassen sich folgende Beobachtungen treffen: Eine Gemeinsamkeit, die über alle drei Domänen beobachtbar ist, besteht darin, dass die Hauptunterscheidung für die Gruppierung von Konstellationen (d. h. Dimension 1) zwischen einer stärkeren Nähe zum Typ skalar privat (d. h. größeren Anteilen von mit der privaten Domäne assoziierten KV, negative Werte auf Dimension 1) und einer Ferne zum privaten Typ (d. h. größeren Anteilen der übrigen Typen, positive Werte auf Dimension 1) differenziert. 25 Diese Unterscheidung 24 Exemplarisch werden hier zu Abb. 3 jeweils die ersten zwei Konstellationen benannt, die in den Balken visualisiert sind. Die Angaben erfolgen zu jedem Quadrant beginnend rechts oben im Uhrzeigersinn: Öffentliche Domäne - 1. Quadrant: Sitzungsleitung _ Ausschusssitzung, Parlamentarische/ r Staatssekretär/ in _ Plenarsitzung im Bundestag, 2. Quadrant: Bundeskanzler/ in _ Plenarsitzung im Bundestag, MdB (FDP) _ Plenarsitzung im Bundestag, 3. Quadrant: Interviewte/ r _ Interview-Podcast, Berater/ in (Umwelt) _ Podiumsdiskussion, 4. Quadrant: Schlichter/ in _ Schlichtungsgespräch, Gegner/ in des Schlichtungsgegenstands _ Schlichtungsgespräch; Institutionelle Domäne - 1. Quadrant: Ausbilder/ in _ Unterrichtshospitation, Referendar/ in _ Unterrichtshospitation, 2. Quadrant: Guide _ Führung (Stadtführung), Coach/ in _ Coaching-Sitzung (Videotelefonie), 3. Quadrant: Behandler/ in _ Medizinische Fußpflege-Behandlung, Berater/ in _ Bewerbungsmappen-Check, 4. Quadrant: Arzt/ Ärztin _ Fortbildungsplanung in einem Krankenhaus, Berater/ in / Angerufene/ r _ Telefongespräch; Private Domäne - 1. Quadrant: Partner/ in / Angerufene/ r _ Telefongespräch, Mitspieler/ in / Gastgeber/ in _ Spielinteraktion zwischen Erwachsenen, 2. Quadrant: Mitbewohner/ in _ Planung einer WG-Party, Freund/ in _ Paargespräch, 3. Quadrant: Bekannte/ r / Partner/ in _ Aquaristik, Familienmitglied _ Gespräch beim Renovieren, 4. Quadrant: Regisseur/ in _ Theaterprobe (einer Laienschauspielgruppe), Familienmitglied / Angerufene/ r _ Telefongespräch (vgl. die Metadatenwerte des FOLK-Korpus unter https: / / dgd.ids-mannheim.de) 25 Die Beitragsstärke des Typs skalar privat zu Dimension 1 ist in der Analyse zur öffentlichen Domäne am größten, gefolgt von der zur institutionellen und der zur privaten: In der Analyse zur öffentlichen Domäne leisten zu Dimension 1 die Typen priv_skalar_inst_öff (54,41 %) und öff=inst (27,09 %) die größten Beiträge, bei der Analyse zur institutionellen Domäne sind es priv_skalar_inst_öff (31,03 %), öff=inst (27,75 %) sowie öff_skalar_inst_priv (26,8 %), bei der Analyse zur privaten Domäne sind es andere (29,03 %), priv_skalar_inst_öff (24,93 %) und öff_singulär (24,12 %). 284 Cordula Meißner <?page no="285"?> Abb. 3: Ergebnisse der Korrespondenzanalysen für die drei Domänen (links) ergänzt um eine Visualisierung der Anteile der Indizierungspotenzialtypen für die nach Quadranten gruppierten Konstellationen (rechts). Die Gruppierung beginnt mit dem rechten oberen Quadranten und folgt dann dem Uhrzeigersinn. Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 285 <?page no="286"?> ist in der Abbildung an den größeren Anteilen des Typs skalar privat bei den jeweils in den linken Quadranten gruppierten Konstellationen gegenüber den in den rechten Quadranten gruppierten erkennbar. In der privaten Domäne liegen einige Konstellationen nah an der Achse, die Unterschiede sind hier also geringer. Daneben zeigen sich Gemeinsamkeiten von öffentlicher und institutioneller Domäne: In beiden Domänen wird in Bezug auf die zweite Hauptunterscheidung für die Gruppierung von Konstellationen (d. h. Dimension 2) zwischen Konstellationen mit einem höheren oder geringeren Anteil des Typs gleichrangig öffentlich-institutionell differenziert. 26 Öffentliche und institutionelle Domäne, wie sie im FOLK-Korpus repräsentiert sind, weisen damit eine ähnliche innere Struktur auf, insofern sich die ihnen zugeordneten Gesprächskonstellationen anhand der Linien stärkere/ schwächere Indizierung privater Gesprächskontexte sowie dem nachgeordnet stärkerer/ schwächerer Indizierung von Gesprächskontexten, die gleichrangig öffentlich und institutionell assoziiert sind, gruppieren. Ein Unterschied zwischen beiden Domänen besteht hinsichtlich der Beziehung der Typen singulär und skalar öffentlich und der Sammelkategorie andere. Während die Anteile dieser Typen in den Konstellationen der öffentlichen Domäne keine Unterscheidung erzeugen, werden für die institutionelle Domäne im linken oberen Quadranten Konstellationen mit größeren Anteilen des Sammeltyps (andere) und geringeren Anteilen der Typen singulär und skalar öffentlich gruppiert, im rechten oberen Quadranten Konstellationen mit höheren Anteilen aller drei Typen. Die private Domäne teilt zwar mit den anderen beiden Domänen die Hauptunterscheidung der ihr zugeordneten Gesprächskonstellationen anhand der Linie stärkere/ schwächere Indizierung privater Gesprächskontexte, jedoch kommt als weitere Hauptunterscheidung in Dimension 2 eine Differenzierung von Konstellationen mit größeren Anteilen des Sammeltyps andere (negative Werte) neben jenen mit größeren Anteilen des Typs gleichrangig öffentlichinstitutionell (positive Werte) hinzu. 27 So zeigt die Abbildung (unter (c) im rechten oberen Quadranten Konstellationen mit größeren Anteilen des Typs gleichrangig öffentlich-institutionell, im rechten unteren solche mit größeren Anteilen des Sammeltyps andere. 26 Der Typ öff=inst leistet für Dimension 2 sowohl in der Analyse zur öffentlichen (60,34 %), als auch in der Analyse zur institutionellen Domäne (56,04 %) den größten Beitrag. Für die institutionelle Domäne kommen der Sammeltyp andere (27,41 %) und öff_skalar_inst_priv (12,35 %) mit größeren Beiträgen hinzu, für die öffentliche Domäne öff_singulär (14,63 %) und öff_skalar_inst_priv (10,32 %). 27 In der Analyse zur privaten Domäne leisten zu Dimension 2 die Typen öff=inst (60,75 %) und andere (37,77 %) die größten Beiträge. 286 Cordula Meißner <?page no="287"?> 6.5 Zusammenfassung der Ergebnisse Zusammenfassend hat die Untersuchung zur diasituativen Variation domänenbezogener Indexikalität in der Nutzung von KV im gesprochenen Deutsch folgende Ergebnisse erbracht: Die Varianzanalyse zeigte eine signifikant häufigere Nutzung von KV in der öffentlichen sowohl gegenüber der privaten als auch gegenüber der institutionellen Domäne, bei Ausschluss der häufigsten sechs KV darüber hinaus auch eine signifikant häufigere Nutzung in der institutionellen im Vergleich zur privaten Domäne. Die distinktiven Kollexemanalysen ergaben, dass unter den vier quantitativ bedeutendsten Indizierungspotenzialtypen drei auf Typen mit spezifischem Bezug zur öffentlichen Domäne entfallen, nämlich die singuläre Assoziation zur öffentlichen Domäne, die skalare Assoziation absteigend zu öffentlicher, institutioneller und privater Domäne sowie eine gleichrangige Assoziation zu öffentlicher und institutioneller Domäne gegenüber der privaten. Den vierten unter den quantitativ bedeutenden Typen bildet die Assoziation skalar absteigend zu privater, institutioneller und öffentlicher Domäne. Dies erlaubt eine Charakterisierung der anhand von signifikanten Assoziationen bestimmten domänenbezogenen Indizierungsqualität von KV im durch das FOLK-Korpus repräsentierten gesprochenen Deutsch: Die Indizierung ist hinsichtlich der öffentlichen Domäne am deutlichsten (Anzahl der KV-Lexeme, Anzahl der Typen) ausgeprägt, in Bezug auf die institutionelle Domäne ist sie relational zu öffentlicher und privater Domäne (gleichrangig, skalar) ausgeprägt, in Bezug auf die private Domäne ist sie getragen durch einen skalaren, auf häufigen Verben beruhenden Typ. Anschließend konnten die Korrespondenzanalysen diasituative Variation hinsichtlich der Indizierungspotenzialprofile von Rolle-in-Gesprächsart-Konstellationen in den Blick nehmen. In Bezug auf das Gesamtspektrum aller Konstellationen hat sich gezeigt: Konstellationen der öffentlichen Domäne zeichnen sich klar durch größere Anteile der Indizierungspotenzialtypen singulär und skalar öffentlich aus. Konstellationen der institutionellen Domäne spannen ein Spektrum auf zwischen solchen mit größeren Anteilen des skalar privaten Indizierungspotenzialtyps und solchen mit größeren Anteilen des Typs gleichrangig öffentlich-institutionell. Konstellationen der privaten Domäne zeichnen sich im Gesamtspektrum durch größere Anteile des skalar privaten Indizierungspotenzialtyps aus. Die Korrespondenzanalysen zu den drei Domänen haben eine übergreifende Gemeinsamkeit der Unterscheidung von Konstellationen anhand der Linie größere/ geringere Anteile des skalar privaten Typs in allen drei Domänen gezeigt. Daneben wiesen öffentliche und institutionelle Domäne eine Gemeinsamkeit in der weiteren Unterscheidung anhand der Linie größere/ geringere Anteile des Indizierungspotenzialtyps gleichrangig öffentlich-institutionell auf. In der privaten Domäne findet sich Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 287 <?page no="288"?> hingegen eine Unterscheidung anhand der Linie größere Anteile des Typs gleichrangig öffentlich-institutionell oder größere Anteile der Sammelkategorie andere. 7 Fazit Der Beitrag hat sich der Beschreibung diasituativer Variation in Bezug auf die Indexikalität von KV aus einer korpuslinguistischen, strukturentdeckenden Perspektive genähert. Er untersuchte explorativ anhand des im FOLK-Korpus verfügbaren Spektrums von Gesprächskonstellationen des gesprochenen Deutsch die Beziehung zwischen situativ gegebenem Kontext (als der Zuordnung zu öffentlicher, institutioneller bzw. privater Interaktionsdomäne) und indiziertem Kontext (als dem Profil der Indizierungspotenziale, das sich durch die Nutzung von KV ergibt, insofern diese KV dem gebrauchsbasierten Sprachmodell folgend im Wissen von Sprecher: innen als mit Gebrauchskontexten assoziiert angenommen werden, in denen sie häufig auftreten). Es wurde ein Beschreibungsansatz vorgestellt, der von den Annahmen der gebrauchsbasierten Sprachauffassung ausgeht und Variation in Bezug auf die Ähnlichkeitsbeziehungen fasst, die eine Sprachgemeinschaft auf der Grundlage ihres Gebrauchswissens wahrnehmen würde. Dieses Gebrauchswissen wird über die in einem Referenzkorpus statistisch ermittelbaren Assoziationen von sprachlichen Mitteln und Kontextmerkmalen abgebildet. Es wurde eine explorative Studie vorgestellt, die in dieser Perspektive auf der Basis des FOLK- Korpus diasituative Variation in der domänenbezogenen Indizierung durch die Nutzung von KV untersucht hat. Dazu wurden Kategorien für die Beschreibung von domänenbezogener Indexikalität gebrauchsbasiert gewonnen, indem durch distinktive Kollexemanalysen Typen der statistischen Assoziation von KV-Lexemen zu öffentlichen, institutionellen und privaten Gesprächskontexten, so wie diese im FOLK-Korpus repräsentiert sind, ermittelt wurden. Die Kombinationen der Häufigkeitswerte dieser Typen für die im FOLK-Korpus abgebildeten Rolle-in-Gesprächsart-Konstellation wurden anschließend mit Hilfe der Korrespondenzanalyse auf Ähnlichkeiten hin exploriert. Dabei wurden Ähnlichkeitsbeziehungen in Relation zum Gesamtspektrum aller Konstellationen des Korpus betrachtet sowie innerhalb der Konstellationen der öffentlichen, der institutionellen und der privaten Domäne. Dadurch konnte die Frage nach der Beziehung zwischen gegebener Domänenzuordnung und ermitteltem domänenbezogenem Indizierungspotenzialprofil einerseits in Bezug auf eine Einordnung im Gesamtspektrum aller gegebenen Konstellationen, andererseits in Bezug auf Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen den Konstellationen innerhalb einer Domäne verfolgt werden. 288 Cordula Meißner <?page no="289"?> Den ermittelten Indizierungspotenzialen von KV liegen - entsprechend der Annahme der Registeranalyse, dass Häufigkeitsunterschiede Unterschiede in der funktionalen Relevanz reflektieren (Biber/ Conrad 2009: 6 - 9) - funktionale Unterschiede zugrunde. Diese können einerseits 28 durch das Vorkommen des Denotats begründet sein. Durch bestimmte KV bezeichnete Sprechsituationen (vgl. Harras et al. 2004: 9) sind in den Domänen unterschiedlich häufig (so kann die Verwendung von KV wie diskutieren oder streiten durch das Vorkommen entsprechender Sprechsituationen in der öffentlichen Domäne (die in FOLK stark durch Gesprächsarten des Lebensbereichs Politik geprägt ist) begründet sein (wobei solche Sprechsituationen auch in anderen Domänen (etwa im institutionellen Kontext bei Meetings) relevant sein könnten). Andererseits können funktionale Unterschiede auch darin begründet sein, dass auf eine vergleichbare Sprechsituation sprachlich unterschiedlich Bezug genommen wird, etwa eher mit Hilfe allgemeiner Verba Dicendi (z. B. sagen) oder mit KV, die spezifischere Sprechsituationen bezeichnen (z. B. beschreiben, darlegen). Die Indizierungspotenzialtypen geben somit darüber Auskunft, in welcher Abstufung bestimmte Sprechsituationen in den Domänen entweder tatsächlich stattfinden oder aber durch KV in ihrer Spezifik explizit sprachlich adressiert werden (z. B. entlang der deskriptiven, kommentierenden, problematisierenden Nutzung von KV, vgl. Schneider 2021: 14). Im Fokus des Beitrags stand die Exploration von Ähnlichkeitsbeziehungen hinsichtlich der diasituativen Variation domänenbezogener Indexikalität im gesprochenen Deutsch. Mit der Annahme, dass den gebrauchsbasiert vermittelt über Häufigkeitsunterschiede bestimmten Indizierungseigenschaften funktionale Unterschiede zugrunde liegen, ergeben sich mit den in der explorativen Studie gewonnen Ergebnissen Hypothesen im Hinblick auf diese funktionale Unterlegung. Wo Unterschiede in der Indexikalität beobachtet wurden, wären funktionale Unterschiede (hinsichtlich tatsächlichen Vorkommens und/ oder sprachlicher Adressierung von Sprechsituationen) zu erwarten. Es leiten sich Hypothesen auf drei Beschreibungsebenen ab: • funktionale Unterlegung der indexikalischen Eigenschaften der KV als metasprachliche Ausdrucksmittel: Aus den Gruppierungen von KV zu den einzelnen Indizierungspotenzialtypen leitet sich die Hypothese ab, dass der gemeinsamen Gruppierung bezüglich der Indexikalität auch Gemeinsamkeiten in Bezug auf die funktionale Unterlegung entsprechen, die zu der Häufigkeitsverteilung geführt haben. Bspw. wäre für KV wie diskutieren, streiten als auf Sequenzen sprachlicher Äußerungen Bezug 28 Ich danke dem Gutachter für diesen Hinweis. Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 289 <?page no="290"?> nehmende KV, fordern, erlauben oder zitieren als Direktiva oder vorstellen, darlegen oder bestreiten als Repräsentativa, die alle den Typ öffentlich singulär aufweisen (vgl. Tab. 1) eine diesem Typ unterliegende funktionale Gemeinsamkeit zu erwarten (begründbar hinsichtlich tatsächlichen Vorkommens und/ oder sprachlicher Adressierung von Sprechsituationen). • funktionale Unterlegung der Ähnlichkeitsbeziehungen, die aus Indexikalitätsprofilen von situativen Kontexten (Rolle-in-Gesprächsart- Konstellationen) hervorgehen: Aus der Zusammengruppierung von Gesprächskonstellationen nach Ähnlichkeiten ihrer Indizierungspotenzialprofile leiten sich Hypothesen dazu ab, dass einer gemeinsamen Gruppierung bezüglich des Indexikalitätsprofils auch Gemeinsamkeiten in Bezug auf die funktionale Unterlegung entsprechen, die vermittelt über die Häufigkeitsverteilung zu einem solchen Profil geführt hat. Bspw. wäre anzunehmen, dass Konstellationen, die sich mit größeren Anteilen des Typs gleichrangig öffentlich-institutionell im Spektrum der Konstellationen der institutionellen Domäne des FOLK-Korpus gemeinsamen im rechten unteren Quadranten gruppieren (u. a. Guide_Führung (Stadtführung), Coach/ in_Coaching-Sitzung (Videotelefonie), Prüfer/ in_Prüfungsgespräch in der Hochschule, Museumsführer/ in_Führung (Burg)) und jene, die sich mit größeren Anteilen des Typs skalar privat gemeinsam im linken unteren Quadranten gruppieren (u. a. Behandler/ in_Medizinische Fußpflege-Behandlung, Berater/ in_Bewerbungsmappen- Check, Chef/ in_Gruppenleiter/ in_Meeting in einer sozialen Einrichtung, Dozent/ in_Geigenunterricht) auch in der funktionalen Unterlegung ihrer KV-Nutzungsfrequenz verschiedene Gemeinsamkeiten zeigen (vgl. Abb. 3). • funktionale Unterlegung der Beziehung zwischen gegebener und indizierter Domäne: Jede Gesprächskonstellation ist beschreibbar einerseits durch eine im Korpus anhand der Metadaten gegebene Zuordnung zur öffentlichen, institutionellen oder privaten Domäne, andererseits durch die sich in ihrem Indizierungspotenzialprofil zeigende domänenbezogene Indexikalität. Die der öffentlichen, institutionellen und privaten Domäne zugeordneten Gesprächskonstellationen gruppieren sich aufgrund ihrer Indizierungspotenzialprofile verschieden im Gesamtspektrum aller Konstellationen des Korpus. In dieser Gruppierung sind die gegebenen Domänen als Gruppe unterschiedlich deutlich erkennbar. Es gibt unter den einer Domäne zugeordneten Konstellationen, solche, die sich zusammengruppieren. Andere sind entfernt von einer Mehrheit gruppiert. Es leiten sich hieraus Hypothesen dazu ab, dass in Gemeinsamkeiten der 290 Cordula Meißner <?page no="291"?> Gruppierung nach indizierter Domäne relativ zur zugeordneten Domäne auch Gemeinsamkeiten in Bezug auf die funktionale Unterlegung ablesbar sind, etwa hinsichtlich eines gemeinsamen funktionalen Kerns, der durch zusammengruppierte Konstellationen zum Ausdruck kommt, oder hinsichtlich der Randbereiche einer Domäne bzw. Nähebeziehungen zwischen Domänen, die in Konstellationen zum Ausdruck kommen, die in Bereichen gruppiert sind, in denen sich mehrheitlich Konstellationen finden, die einer anderen Domäne zugeordnet sind. Bspw. wäre ein funktionaler Kern der öffentlichen Domäne aus Gemeinsamkeiten der Konstellationen abzuleiten, die der öffentlichen Domäne zugeordnet sind und in ihrem Indizierungspotenzialprofil im Spektrum aller Konstellationen des Korpus im rechten unteren Quadranten mit größeren Anteilen der Typen singulär und skalar öffentlich gruppiert sind (vgl. Abb. 2). Funktionale Unterlegungen der Nähebeziehungen zwischen privater und institutioneller Domäne wären bspw. aus Konstellationen abzuleiten, die der institutionellen Domäne zugeordnet sind, jedoch in ihrem Indizierungspotenzialprofil im Spektrum aller Konstellationen des Korpus im linken unteren Quadranten mit größeren Anteilen des Typs skalar privat gruppiert sind (vgl. Abb. 2). Diese Hypothesen zur funktionalen Unterlegung wären in weiteren Untersuchungen zu überprüfen. Der Beitrag der Studie liegt mit dem strukturentdeckend explorativen Erkenntnisinteresse in der Generierung solcher Hypothesen. Die in der vorgestellten Untersuchung anhand der ermittelten Indizierungspotenzialtypen getroffenen Aussagen zur domänenbezogenen Indexikalität von KV im gesprochenen Deutsch bestehen relativ zur Zusammensetzung des FOLK-Korpus in der Version 2.18, geben also Auskunft über das gesprochene Deutsch, das hier abgebildet ist. Ebenso sind die ermittelten Ähnlichkeiten zwischen Gesprächskonstellationen in Bezug auf Indizierungspotenzialprofile relativ zu dieser Datengrundlage zu sehen, anhand der die Kategorien gebildet wurden. Die Untersuchung hat damit Muster für die gegebene Repräsentation des gesprochenen Deutsch erfasst. Interessant wäre daher eine Replikation an zukünftigen Versionen des Korpus (etwa mit einer umfangreicheren und weiter differenzierten öffentlichen Domäne). Dem vorgestellten Ansatz lag die Motivation zugrunde, eine das Gebrauchswissen der Sprachgemeinschaft als Referenz zugrunde legende Beschreibung für die domänenbezogene Indexikalität von KV im gesprochenen Deutsch zu gewinnen, um so für Sprachbildung und Sprachvermittlung konventionalisiertes Gebrauchswissen explizieren zu können. Die explorative Studie zeigt, wie Gebrauchsbasierte Indizierungspotenziale und diasituative Variation 291 <?page no="292"?> sich im Rahmen einer so verstandenen Referenzbeschreibung einerseits Informationen zur Indizierungsqualität von sprachlichen Mitteln, andererseits Informationen zu Ähnlichkeiten zwischen Gesprächskonstellationen hinsichtlich ihrer Indexikalitätsprofile gewinnen lassen und damit Hinweise sowohl für eine gezielte indizierende Nutzung der Mittel als auch auf den Spielraum, in dem eine Nutzung der Mittel dem Gebrauchswissen der Sprachgemeinschaft entsprechen würde. Literatur Barlow, Michael/ Kemmer, Suzanne (Hrsg.) (2000). Usage-based models of language. Stanford, Calif.: Center for the Study of Language and Information. Barron, Anne (2017). Variational pragmatics. In: Barron, Anne/ Gu, Yueguo/ Steen, Gerard (Hrsg.). The Routledge handbook of pragmatics. Abingdon/ New York: Routledge, 91 - 104. Barron, Anne (2021). 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To conceptualize social affiliation and explain the observed variation, Ludwik Fleck ’ s (2015) theory of thought collectives ( ‚ Denkkollektive ‘ ) and thought styles ( ‚ Denkstile ‘ ) is applied. It is demonstrated that the textbooks systematically differ in their selection, focus, and organization of central aspects, whereby the variation in text organization is attributed to the different thinking styles. Subsequently, case examples as a functional component of the textbooks are examined in detail. The identified pragmatic variation is then summarized and discussed, with a critical note that not all variation can be attributed to thought styles. The paper shows that a text-linguistic expansion of variational pragmatics is both possible and enriching for the scientific field of variational pragmatics. Methodologically rooted in text linguistics, the article focuses on diastratic variation and belongs to the field of specialized communication research. Keywords: Variation pragmatics, text linguistics, textbooks, homeopathy, internal medicine, specialized communication, diastratic dimension 1 Einleitung Unter der Variationspragmatik verstehen wir in Anlehnung an Barron et al. (2015: 497) „ a research area concerned with systematically investigating intralingual pragmatic variation according to the macro-social factors of region, <?page no="300"?> gender, social class, age and ethnic identity. “ Pragmatische Variation kann auf allen sprachsystematischen Ebenen untersucht werden. Angefangen bei phonetischen Markern, über grammatische Konstruktionen, lexikalische Mittel bis hin zu komplexen Gliederungsmustern - die pragmatische Variation stellt einen Untersuchungsgegenstand dar, der quer liegt zu Analyseebenen und methodischen Zugängen. Das Anliegen der Variationspragmatik ist es, die diversen Manifestationen der pragmatischen Variation zu erfassen und sie durch den Bezug auf außersprachliche Faktoren zu erklären. Im vorliegenden Beitrag werden zur Interpretation der Variationsmuster nicht die in der zitierten Definition genannten makrosozialen Faktoren herangezogen, sondern eine Kategorie, die auf der Mesoebene sozialer Kontextfaktoren liegt. Als entscheidender Faktor steht im Folgenden die Zugehörigkeit zu einer beruflichen, fachlich bestimmten sozialen Gruppe im Mittelpunkt. Zur Modellierung der interessierenden sozialen Gruppen wenden wir das Konzept der Denkkollektive nach Ludwik Fleck (2015 [1935]) an. Nach Fleck bilden Denkkollektive jeweils spezifische Denkstile heraus, die maßgeblich die Wahrnehmung und Interpretation der Welt, jegliche Erkenntnisprozesse und somit die Wissenskonstruktion prägen. Da Denkkollektive unterschiedliche soziale Stellung haben, unterschiedliche Interessen und Anliegen verfolgen und in deren Rahmen auch denkstilspezifisches Wissen konstruiert wird, ist anzunehmen, dass sich Texte aus den Denkkollektiven in pragmatischer Hinsicht unterscheiden. Um das zu prüfen und konkrete Mechanismen pragmatischer Variation aufzuzeigen, werden im vorliegenden Beitrag deutschsprachige Lehrbücher zur Inneren Medizin und zur klassischen Homöopathie untersucht und miteinander verglichen. Somit liegt der Fokus auf der Variation in geschriebenen Texten, die in der gleichen Sprache verfasst sind. Wir plädieren für eine Erweiterung des variationspragmatischen Blickes auf geschriebene Texte und pragmatische Entscheidungen von TextproduzentInnen, wodurch textlinguistische Analysekategorien unter der Perspektive der pragmatischen Variation als sinnvoll erscheinen. In der vorliegenden Studie wird die komplexe Ebene der Textgliederung und die damit verbundene Wissensorganisation in den Fokus gestellt. Die Art und Weise, wie ein Text aufgebaut und gegliedert ist, wird nicht nur von allgemeinen textlinguistischen Kriterien wie etwa der Kohäsion und Kohärenz oder von textsortenspezifischen Aspekten bestimmt, sondern sie wird ebenfalls durch pragmatische Anforderungen geprägt, die sich aus dem sozialen Kontext ergeben. Darüber hinaus gehen mit der sehr unterschiedlichen Stellung der Denkkollektive der akademischen Medizin und der Homöopathie ganz andere Möglichkeiten, Notwendigkeiten, Zwänge, Zielgruppen und damit pragmatische Entscheidungen der TextproduzentInnen einher. Dabei dient die gemein- 300 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="301"?> same Textsorte als Vergleichsbasis. Am Beispiel der untersuchten Lehrbücher soll verdeutlicht werden, wie die Verbindung von Variationspragmatik und Textlinguistik gestaltet werden kann. Der Beitrag ist wie folgt gegliedert. In Kapitel 2 wird zunächst die theoretische Verortung dieser Studie expliziert und ein Vorschlag für die konzeptuelle Verknüpfung der Variationspragmatik mit der Textlinguistik dargestellt. In Kapitel 3 wird das Untersuchungsmaterial vorgestellt, dessen Wahl begründet und die Methode vorgestellt. In Kapitel 4.1 wird die variierende Text- und Wissensorganisation in den untersuchten Lehrbüchern analysiert (4.1.1 aus qualitativer Sicht, 4.1.2 aus quantitativer Perspektive) und deren Abhängigkeit von sozialer Zuordnung zu einem der Denkkollektive diskutiert (4.1.3). Im nächsten Schritt wird in Kapitel 4.2 exemplarisch auf Fallbeispiele als einen besonderen Funktionsbaustein innerhalb der Lehrbücher eingegangen. Es werden vier Strukturelemente von typischen Fallbeispielen herausgearbeitet und anhand von Beispielzitaten aus dem Korpus wird die variierende Gestaltung der strukturellen Bausteine dargestellt. In Kapitel 5 werden die Erkenntnisse zusammengefasst und diskutiert. 2 Untersuchungskorpus und Methode Im Forschungsprojekt, das diesem Beitrag zugrunde liegt, werden deutschsprachige Lehrbücher zur Inneren Medizin und klassischen Homöopathie untersucht, die nach 2000 in Deutschland erschienen sind. 1 Die Zuordnung zur Inneren Medizin oder Homöopathie ist eine explizite Selbstzuordnung, kein Ergebnis der Interpretation. Das Gesamtkorpus, das dem Forschungsprojekt zugrunde liegt, enthält fünf Lehrbücher zur Inneren Medizin (=IM), 5 Lehrbücher zur klassischen Homöopathie (=HP) und zusätzlich zwei Kapitel zur Homöopathie aus Lehrbüchern zur Naturheilkunde. 2 Im Projekt werden heuristische und korpuslinguistische Analyseschritte miteinander kombiniert, das stärkere Gewicht liegt auf der heuristischen Analyse. 1 Dieser Beitrag repräsentiert einen kleinen Ausschnitt aus dem laufenden, DFG-geförderten Projekt mit dem Titel „ Schulmedizinische und homöopathische Lehrbücher als Ort der Verfestigung und Tradierung von Denkstilen. Eine linguistische Analyse von Sprachgebrauchsmustern als Indikatoren für Denkstile “ (Förderdauer 2022 - 2025). 2 Insgesamt umfasst das Gesamtkorpus 7383 Seiten, wobei es sich um 2793 Seiten aus HP- Lehrbüchern und 4590 Seiten aus IM-Lehrbüchern handelt. In korpuslinguistischer Perspektive enthält das Gesamtkorpus 3.150.318 Wörter, davon HP = 1.052.423, IM = 2.097.895. Das Ungleichgewicht im Umfang der IM- und HP-Lehrbücher spiegelt die Situation auf dem Lehrbuchmarkt zum Zeitpunkt der Korpuserstellung wider und wird bei der quantitativen Analyse berücksichtigt. Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern 301 <?page no="302"?> Die Gestaltung von Lehrbüchern unterliegt verschiedenen Faktoren. Je nach dem, aus welcher Perspektive man die Lehrbuchproduktion betrachtet, werden einzelne Faktoren prominenter oder treten in den Hintergrund. So sind beispielsweise fachspezifische Wissens- und Publikationstraditionen, didaktische Überlegungen, verlagsspezifische Vorgaben oder ökonomische Fragen der Vermarktung für die involvierten Akteure (LehrbuchautorInnen, Redaktionsmitglieder, andere Verlagsmitarbeitende u. a.) unterschiedlich relevant. Im Fokus des vorliegenden Beitrags stehen fachspezifische Einflüsse. Aus der denkstiltheoretischen Perspektive Flecks haben Lehrbücher die Funktion, in den jeweiligen Denkstil einzuführen und künftige ExpertInnen des jeweiligen Denkkollektivs auszubilden (mehr dazu vgl. Schäfer 2021, zur linguistischen Analyse von Denkstilen nach Fleck vgl. Andersen/ Fix/ Schiewe 2018). Lehrbücher sollen zukünftigen ExpertInnen eines Faches in einer didaktisch geeigneten Form Grundlagenwissen zu dem jeweiligen Wissens- und Praxisbereich vermitteln, sie auf anstehende Prüfungen und auf den gewählten beruflichen Weg vorbereiten. Die didaktische Einführung versteht Fleck dabei als eine autoritative Einführung: „ Jede didaktische Einführung in ein Gebiet enthält eine Zeit, wo rein dogmatisches Lehren vorherrscht. Man präpariert ein Intellekt für ein Gebiet, man nimmt es in eine in sich geschlossene Welt auf, man erteilt ihm eine Art Einführungsweihe. “ (Fleck 2015: 73) Damit verbunden ist die Kodifizierung von denkstilspezifischen Wissensbeständen, die darin sichtbar wird, dass bei Prüfungsleistungen nur ganz bestimmte, nämlich denkstilgemäße Antworten als richtig und damit als Nachweis der Fachkompetenz gelten. Ein Experte auf einem Gebiet ist ein „ speziell geformter Mensch, der seiner traditionellen und kollektiven Bindung nicht mehr entgeht, sonst wäre er kein Fachmann “ (Fleck 2015: 74). Die genannten Charakteristika von Lehrbüchern machen sie zu einem geeigneten Untersuchungsgegenstand von Denkstilanalysen. Für die Analyse in Abschnitt 4.2 wurde aus dem Gesamtkorpus ein kleines Spezialkorpus, das sog. „ Fall-Korpus “ erhoben. Dieses enthält alle Fallbeispiele aus den untersuchten Lehrbüchern. Als Fallbeispiel wurden hierbei alle in sich relativ abgeschlossenen und formal (durch Typographie, Layout, Farbe etc.) vom umstehenden Text abgehobenen Textabschnitte identifiziert, die zusätzlich mindestens eines der folgenden inhaltlichen Kriterien erfüllen: • Sie werden durch eine explizite Bezeichnung in der Überschrift als Fallbeispiel ausgewiesen (Fallbeispiel, Klinischer Fall, Fallanalyse, Fall, Beispiel, Beispielanamnese, Praxisbeispiel, Fallsammlung, Fall-Quiz) UND/ ODER 302 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="303"?> • Sie beziehen sich inhaltlich im weitesten Sinne auf konkrete und somit spezifische Krankheitsfälle oder Krankheitsabläufe und entwickeln diese als Szenarien. Damit enthält das Fall-Korpus insgesamt 292 Fallbeispiele, die eine Gesamtzahl von 106.634 Token sowie 4.541 Types aufweisen. Davon stammen 125 Fallbeispiele aus drei Lehrbüchern der Inneren Medizin (IM2, IM3 und IM5) sowie 167 Fallbeispiele aus sechs Lehrbüchern der Homöopathie (HP1, HP2, HP3, HP4, HP5, HP7). Die 125 IM-Fallbeispiele umfassen 33.962 Token, die 167 HP- Fallbeispiele 72.672 Token. Dieses Verhältnis ist auffällig, da es das genaue Gegenteil des Verhältnisses von IM- und HP-Tokenzahlen im Gesamtkorpus darstellt. Während das IM-Korpus - gemessen an absoluten Tokenzahlen - etwa doppelt so groß ist wie das HP-Korpus, enthält das HP-Korpus etwa doppelt so viele Tokens, die den Fallbeispielen zugeordnet wurden. Die Fallbeispiele sind als funktional-thematische Textbausteine im Rahmen der Lehrbücher anzusehen. In der Textlinguistik werden Fallbeispiele unter dem Fachbegriff Kasuistik als eine selbstständige Textsorte in Fachzeitschriften behandelt (vgl. Wiese 2000; Ylönen 1993). In unserem Zusammenhang sind sie in Lehrbücher eingebettet und erhalten dadurch eine stärkere didaktische Funktion. Die Lehrbücher wurden für die vorliegende Teilstudie primär heuristisch-qualitativ mit Hilfe von textlinguistischen Verfahren untersucht. Flankierend wurden korpuslinguistische Tools verwendet, um einen quantitativen Einblick in die Daten zu erhalten. Dieser Kombination der methodischen Schritte entspricht die Gliederung der Ergebnisse nach qualitativen und quantitativen Aspekten (vgl. Kap. 4.1.1 und 4.1.2). 3 Theoretischer Rahmen und Verortung im Forschungsfeld Die vorliegende Studie fokussiert die Text- und Wissensorganisation als pragmatische Phänomene in deutschsprachigen Lehrbüchern. Der Vergleich von Varietäten innerhalb einer Einzelsprache ist wissenschaftshistorisch gesehen ein jüngeres Unterfangen als die kontrastive Analyse von Sprachdaten aus unterschiedlichen Einzelsprachen. Barron/ Schneider (2009: 426) machen dies deutlich: „ Finally, variational pragmatics investigates intra-lingual differences, i. e., pragmatic variation between and across L1 varieties of the same language. It is an area of research which has been much neglected to date. “ Mit der Fokussierung auf intralinguale Variation innerhalb des Deutschen der Gegenwart wird diese lange vernachlässigte Facette in den Mittelpunkt gerückt. Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern 303 <?page no="304"?> Für die Zwecke der vorliegenden Studie wird das von Barron/ Schneider (2009) entworfene Programm der Variationspragmatik um die Analyse von geschriebenen Texten erweitert. Barrons (2021: 189) Definition pragmatischer Analyse als „ analysis of the pragmatic choices made by informants in a particular situation (pragmatic variability) “ soll für unser Anliegen so modifiziert werden, dass auch ProduzentInnen von geschriebenen Texten ergänzt werden. So können deren pragmatische Entscheidungen während der Textproduktion in den Blick genommen werden. Barron/ Schneider (2009: 426) heben explizit die Analysekategorien „ pronunciation, vocabulary and grammar, but also [ … ] language use in interaction “ hervor. Für die vorliegende Studie ist eine Erweiterung um textlinguistische Analysekategorien notwendig. Im Zuge der Fragestellung wird somit die Variationspragmatik mit der Textlinguistik verbunden. Die konzeptuelle Verbindung, für die hier plädiert wird, wird in Abb. 1 grafisch dargestellt. Wir verstehen die Variationspragmatik als einen übergeordneten Forschungsrahmen, aus dem sich die pragmatischen Grundannahmen dieses Beitrags speisen und der das Erkenntnisinteresse festlegt. Es geht folglich darum, die Variation von pragmatischen Phänomenen in den Blick zu nehmen. Aus diesem Erkenntnisinteresse wird in methodischer Hinsicht abgeleitet, dass die Untersuchungen empirisch und kontrastiv angelegt sein müssen, denn erst im Vergleich kann eine bestimmte Ausprägung des Sprachgebrauchs als Variation beschrieben werden. Insofern schließen wir uns Barron et al. (2015: 497) an, die als zentrale methodische Prinzipien der Variationspragmatik die empirische Herangehensweise, den Vergleich und die Vergleichbarkeit der Daten hervorheben. Je nachdem, welche konkreten Phänomene untersucht werden, wird dieses Erkenntnisinteresse weiter spezifiziert und die interessierenden Phänomene werden mit unterschiedlichen Methoden erforscht. Das Abb. 1: Konzeptuelle Verbindung der Variationspragmatik und Textlinguistik 304 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="305"?> Anliegen dieses Beitrags ist es, die Textlinguistik und deren Methoden zur Untersuchung von pragmatischen Phänomenen im Rahmen der Variationspragmatik heranzuziehen. Je nach Fragestellung sind ebenfalls diskurs- oder korpuslinguistische Untersuchungen pragmatischer Variation und die Kombination verschiedener Methoden möglich. Im vorliegenden Beitrag wird die Textorganisation und damit verbundene Wissenskonstruktion in Lehrbüchern als Untersuchungsgegenstand definiert. Das kontrastive Moment besteht im Vergleich von Lehrbüchern der Inneren Medizin mit Lehrbüchern der klassischen Homöopathie. Die herausgearbeitete Variation zwischen internistischen und homöopathischen Lehrbüchern soll nicht nur deskriptiv festgestellt werden, sondern sie soll mit Bezug auf die sozialen Akteure erklärt werden. Die AutorInnen der Lehrbücher gehören unterschiedlichen beruflichen Gruppen an und die Lehrbücher sind für die Ausbildung von Mitgliedern der jeweiligen Berufsgruppe konzipiert. Somit fungiert die soziale Zuordnung zu der Gruppe Ärzteschaft bzw. Homöopathenschaft als der hier fokussierte Parameter der pragmatischen Variation. Wir gehen ebenfalls - wie Barron (2021: 190) - davon aus, dass die pragmatischen Entscheidungen, die in der Textproduktion getroffen werden, durch eine Reihe von Kontextfaktoren beeinflusst sind, „ such as the relationship of interactants within a particular context, the particular identities of the speakers themselves, and also genre conventions [ … ]. “ Barron (2021: 192 - 193) unterscheidet in Anlehnung an Fetzer (2010) die sprachliche, kognitive, soziale und soziokulturelle Kontextschicht. Der soziale Kontext wird in Mikro- und Makroebene unterteilt, wobei die Mikroebene durch direkte zwischenmenschliche Kommunikation geprägt ist und die Makroebene nach größeren Kategorien wie Gender, Alter, Region oder sozioökonomische Verhältnisse strukturiert wird. Die Beachtung der Einbettung von Texten in größere Kontexte gehört auch in der Text- und Diskurslinguistik zu den zentralen methodischen Prämissen (vgl. Kostiu č enko/ Kuhnhenn 2022: 275 - 305, die für eine breite Kontextlinguistik plädieren). Die soziale Zugehörigkeit zu einer Berufsgruppe wird hier als Kontextfaktor verstanden und theoretisch mithilfe der Denkstiltheorie von Ludwik Fleck (2015 [1934]) modelliert. Die akademische Medizin und Homöopathie werden somit als zwei ‚ Denkkollektive ‘ mit unterschiedlichen ‚ Denkstilen ‘ konzeptualisiert. Dem Beitrag liegt die zentrale Annahme zugrunde, dass sich Denkstile u. a. in musterhaftem Sprachgebrauch manifestieren (zu Musterhaftigkeit in medizinischen Fachtexten vgl. Ylönen 1993; Gloning 2008; Schuster 2010). In Anlehnung an Barrons Aufteilung von Kontextschichten (Barron 2021: 192 - 193) können Denkkollektive als eine Mesoebene eingeführt werden. Denkstile führen nach Fleck zum gerichteten Wahrnehmen „ mit entsprechen- Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern 305 <?page no="306"?> dem gedanklichen und sachlichen Verarbeiten des Wahrgenommenen “ (Fleck 2015: 130). Sie münden darin, dass das, „ [w]as ganz außerhalb der Sphäre denkstilkonformer Ideen und Problemformulierungen liegt, [ … ] sich meist nicht nur der expliziten Problematisierung, sondern sogar der Wahrnehmung “ (Knobloch 2011: 11) entzieht. Somit führen Denkstile zu denkstilspezifischer Konstruktion von Wissen. Dazu gehören die Auswahl von relevanten und Abwahl von irrelevanten Aspekten, eine als logisch und nachvollziehbar verstandene Reihenfolge von Inhalten und eine spezifische Wahrnehmung und Darstellung von deren Zusammenhängen. Dadurch entsteht Variation auf der Ebene der Wissensorganisation, die sich in der Variation der Textorganisation manifestiert. Diese variierenden Aspekte der Wissens- und Textorganisation sind durchweg pragmatischer Natur. Sie hängen maßgeblich von den AutorInnen, deren Beruf und sozialen Status, deren Wissen, Interessen und Anliegen ab. Sie hängen ebenfalls mit den anvisierten Zielgruppen, deren Vorwissen, Ausbildungs- und Karrierewegen zusammen. All diese Faktoren sind wiederum in einen breiten sozialen Rahmen eingebettet. In diesem sozialen Kontext werden u. a. der Grad der sozialen und politischen Anerkennung, die als legitim oder illegitim wahrgenommenen Anliegen oder die sich daraus ergebenden Handlungsoptionen ausgehandelt. Die Lehrbücher sind ein Teil des Aushandlungsprozesses. Die Variation auf der Ebene der Text- und Wissensorganisation entfaltet ihre Wirkung in der fachlichen Sozialisation der zukünftigen ÄrztInnen und HomöopathInnen und wirkt sich - vermittelt durch gesellschaftliche Akteure - auf den kontroversen Diskurs um den Status der Homöopathie aus. Für eine methodische Einordnung des vorliegenden Beitrags schlagen wir im Folgenden eine Matrix vor, in der die diachrone und synchrone Betrachtungsweise als Zeilen quer zu den Spalten für die diatopische, diastratische, diaphasische und diamediale Variationsdimensionen stehen. Die Matrix kann so gelesen werden, dass die regionale, soziale, situativ-funktionale und mediale Variation, die jeweils im Fokus einer Untersuchung steht, aus historischer Perspektive oder als Momentaufnahme untersucht werden können. Die Einordnung des gleichbleibenden Kontextes und der jeweils dominanten variierenden Aspekte in dieses Koordinatensystem ermöglicht eine grobe methodische Verortung im Forschungsfeld. 306 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="307"?> Betrachtungsweise Variationsdimension diatopisch diastratisch diaphasisch diamedial diachron --- --- --- --synchron nicht relevant variabel gleich gleich Tab. 1: Einordnung der Studie in eine variationspragmatische Matrix Die vorliegende Untersuchung kann wie folgt eingeordnet werden (vgl. Tab. 1): Gleichbleibend ist die sprachliche Kontextschicht der untersuchten pragmatischen Phänomene (Barron 2021: 192 - 193). Diese Kontextschicht bildet die Vergleichsbasis. Dazu gehören die Textsorte Lehrbuch und die zugehörigen Textsortenmuster. Die Lehrbücher sind darüber hinaus medial gleich. Sie sind als gedrucktes Buch erschienen und als E-Book erhältlich (mit Ausnahme von HP7). Gleichbleibend sind ebenfalls diaphasische Aspekte wie die übergeordneten Funktionen der Lehrbücher und deren situationaler Gebrauch in der Lehre bzw. im Selbststudium. Auch die aus den Lehrbüchern erhobenen Fallbeispiele sind anhand von funktionalen Kriterien ermittelt worden. Konstant bleiben ebenso die kommunikative Konstellation und Rezeptionssituation, die durch den Kontext der Lehre und die sozialen Rollen AutorIn - LeserIn bzw. DozentIn - StudentIn geprägt sind. Die diatopische Dimension ist für die vorliegende Untersuchung nicht relevant, da die Grenzen der Denkkollektive nicht an räumliche Grenzen gebunden sind. Die Untersuchung ist synchron angelegt. Die Variable liegt auf der Ebene der sozialen Einbettung in Fachkollektive. Nach Barrons Modell handelt es sich dabei um den sozio-kulturellen Kontext. Vor dem Hintergrund der Denkstillehre von Fleck muss der sozio-kulturelle Kontext als eng verbunden mit dem kognitiven Kontext angesehen werden, denn Denkstile prägen maßgeblich die Wahrnehmung, Informationsverarbeitung, Erkenntnisroutinen und das praktische Handeln der Mitglieder eines Denkkollektivs. In Abhängigkeit von der Zugehörigkeit zu einem Denkkollektiv zeigt sich die Variation auf allen sprachsystematischen Ebenen. Diese lassen sich mit Gloning (2008: 71 - 72) als Aspekte der Handlungs- und Themenstruktur, als grammatische, lexikalische Aspekte und als Kommunikationsmaximen beschreiben, wobei diese Ebenen vielfach miteinander verschränkt sind. Variation zeigt sich ebenfalls auf der Ebene anderer Zeichentypen wie Grafiken, Bilder oder Tabellen. Im vorliegenden Beitrag liegt der Fokus auf der Text- und Wissensgliederung und somit vordergründig auf der thematischen Organisation der Lehrbücher. Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern 307 <?page no="308"?> 4 Exemplarische Analyse der Text- und Wissensorganisation Der Begriff „ Textorganisation “ , wie er hier verwendet wird, umfasst die Aspekte der Themenstruktur und der thematischen Organisation nach Gloning (2008: 72). Formen des Themenmanagements und der Themenentwicklung, die Gloning auf dieser Ebene ebenfalls anführt, werden nur am Rande thematisiert. Die Textorganisation wird hier als eine Manifestationsform der Wissensorganisation auf der sprachlich-strukturellen Ebene verstanden. Muster der Textorganisation sind ein Ausdruck der gedanklichen Ordnung sedimentierten Wissens, das in dem jeweiligen Denkkollektiv als sicher genug und damit als lehrbuchtauglich angesehen wird. Gleichzeitig ist die Textgliederung ein Instrument zur Lenkung der Textrezeption und erfüllt eine didaktische Funktion. Die Text- und Wissensorganisation der Lehrbücher werden im Folgenden anhand von typischen Merkmalen dargestellt. 4.1 Text- und Wissensorganisation in Lehrbüchern zur Inneren Medizin (IM) und klassischen Homöopathie (HP) 4.1.1 Qualitative Perspektive IM-Lehrbücher enthalten - bis auf die Ausnahme IM1 - keine einleitenden Kapitel und sind ohne Ausnahme primär nach Organsystemen (z. B. Krankheiten der Verdauungsorgane) bzw. einzelnen Organen (z. B. Lunge) gegliedert. Bezeichnet werden die Kapitel direkt nach dem Organ (z. B. Lunge), nach der zuständigen medizinischen Teildisziplin (z. B. Pneumologie) oder mit einer Genitivphrase (z. B. Krankheiten der Atmungsorgane). Zusätzlich zur Gliederung nach Organen und Organsystemen gibt es Kapitel, die Querschnittsthemen gewidmet sind (z. B. Gefäße oder Immunsystem). Kapitel 1 ist stets den Herz-Kreislauf-Erkrankungen gewidmet. Unterhalb der Organebene werden zunächst allgemeine Grundlagen zur Anatomie und Physiologie des Organs (systems) dargestellt. Danach bilden Diagnosen das wichtigste Gliederungskriterium. Bei jeder Diagnose werden Leitsymptome vorgestellt; enthalten sind Abschnitte zur Diagnostik und zu Behandlungsmethoden. Der Aufbau der Kapitel ist innerhalb eines Lehrbuchs zumeist einheitlich. Nach dem letzten Kapitel stehen in allen IM-Lehrbüchern Stichwortbzw. Sachverzeichnisse. Häufig sind ebenfalls Übersichten wie Referenzbereiche klinisch wichtiger Laborparameter oder Normalbereiche ausgewählter Laborwerte. Solche Übersichten deuten darauf hin, dass Krankheiten als pathologische Abweichungen vor dem Hintergrund des Normalen betrachtet werden. Sichtbar werden die Bestimmungen des Normalen ebenfalls in Abschnitten zu normalen, also physiologischen Funktionen der Organe (z. B. Die normale Atmung). 308 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="309"?> Homöopathische Lehrbücher sind systematisch anders gegliedert und es gibt eine größere Variation unter ihnen. Typischerweise stehen allgemeine, eher theoretische Themen (wie die Darstellung der Homöopathiegrundlagen) vor konkreten, eher methodischen und praxisbezogenen Themen (wie den Fallbeispielen). Die Gliederung nach Organsystemen spielt bis auf eine Ausnahme (HP4) keine Rolle und auch dort kommt sie in Verbindung mit der typischen homöopathischen Gliederung als Mischform vor. Homöopathische Lehrbücher enthalten stets ein reflektierendes Einleitungskapitel und mehrere Kapitel, die den Grundlagen der Homöopathie gewidmet sind. Zu den Grundlagen zählen die Entwicklungsgeschichte der Homöopathie seit der Gründung durch Samuel Hahnemann bis zur heutigen Zeit, das Verständnis von Gesundheit und Krankheit, die Krankheitslehre, das Ähnlichkeitsgesetz, die Symptomenlehre und die Arzneimittellehre. Typischerweise enthalten die Ausführungen explizite Abgrenzungen von der akademischen Medizin, die Schulmedizin oder Allopathie genannt wird. Nach den theoretischen Kapiteln stehen in allen HP-Lehrbüchern mehrere methodische Kapitel. Typisch sind Kapitel zur Anamnese, zum Fallmanagement inkl. Verlaufsbeurteilung, zur Arzneimittelherstellung, zur Repertorisation, zur Materia Medica und konkreten Arzneimittelbildern. Auch auf der methodischen Ebene findet eine Abgrenzung von der Schulmedizin statt, insbesondere in Bezug auf das Anamnesegespräch, das eng mit dem Symptomverständnis verbunden ist. Einige Lehrbücher enthalten gesonderte Kapitel zu Krankheitsformen und deren Behandlung. Darin werden akute und chronische Krankheiten unterschieden und ausgewählte Krankheiten detaillierter betrachtet. Der Fokus liegt dabei eindeutig auf chronischen Krankheiten. Neben der Darstellung theoretischer sowie methodischer Aspekte gehen einige Lehrbücher ebenfalls auf die Wissenschaftlichkeit der Homöopathie ein (z. B. Die Wissenschaftlichkeit der Homöopathie. Ansätze zu ihrer philosophischen Grundlegung oder Homöopathische Forschungsansätze und Studien). In der Einschätzung zu dieser Problematik unterscheiden sich die Lehrbücher, sodass dieser Aspekt - neben anderen - zur Erfassung der Variation innerhalb des homöopathischen Denkkollektivs herangezogen werden kann. Nach dem letzten inhaltlichen Kapitel folgen in allen HP-Lehrbüchern Anhänge. Vergleichbar zu IM-Lehrbüchern sind verschiedene Arten von Verzeichnissen. Hinzu kommt eine Vielzahl an anderen Anhängen, die kein Pendant in der IM haben. Dazu gehören u. a. Arzneimittelverzeichnisse, Anamnese-Fragebögen, Formblätter für die Praxis, eine Karte mit Hahnemanns Lebensorten, ein Glossar Homöopathie von A - Z, Repertorisationsbögen oder ein homöopathisches Tabellarium. Insgesamt enthalten HP-Lehrbücher eine größere Anzahl und ein breiteres Spektrum an Paratexten als IM-Bücher. Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern 309 <?page no="310"?> Die unterschiedliche Gliederung der Texte hängt maßgeblich mit den unterschiedlichen als relevant erachteten Wissenselementen zusammen. Die zentralen Themen in der IM, die unterhalb der Strukturebenen Organsystem - Organ - Diagnose stehen, sind: • anatomische und physiologische Grundlagen • Untersuchungs- und Diagnostikverfahren • klinische Befunde und deren Auswertung • Diagnosen, Leitsymptome und statistische Angaben • Behandlungsmethoden In thematischer Hinsicht weicht IM1 von anderen IM-Texten ab, da hier ebenfalls ausführlich auf gesellschaftliche Aspekte eingegangen wird, u. a. auf den sozialen Kontext des Arztberufs, die Geschichte der Medizin oder die Rolle der Pharmaindustrie. Soziale und historische Aspekte und die damit verbundene Reflexion über das eigene Fach sind in HP-Texten deutlich prominenter. Jedes HP-Lehrbuch enthält Abschnitte zu folgenden Themen: • Geschichte der Homöopathie, Hahnemann als Begründer, moderne Entwicklungslinien der Homöopathie nach Hahnemann • theoretische Grundlagen: u. a. Krankheitslehre, Symptomenlehre, Arzneimittellehre • methodische Grundlagen: u. a. Anamnesegespräch, Repertorisation, Arzneimittelbilder, Arzneimittelherstellung, Verlaufsbeurteilung, Zweitverschreibung • Bezugnahmen auf die Schulmedizin und den öffentlichen Diskurs - zumeist als ein Querschnittsthema, verteilt auf andere thematische Abschnitte In der Gegenüberstellung der Themen erscheinen die unterschiedlichen Schwerpunkte als thematische Lücken. Durch die Auswahl von bestimmten Aspekten erfolgt - ob intendiert oder nicht - eine Positionierung. Nach Abel (2015) sind Lehrbücher immer im fachinternen Diskurs positioniert: „ Lehrbücher sind bereits dann positioniert, wenn konkurrierende Methoden, Inhalte und Epistemologien in ihnen erst gar nicht thematisiert werden “ (Abel 2015: 15). Die hier untersuchten Lehrbücher sind nicht nur im fachinternen Diskurs positioniert, sondern ebenfalls im gesamtgesellschaftlichen Diskurs. Aus diesem Grund ist die Berücksichtigung von thematischen Lücken besonders aufschlussreich. Im Folgenden werden ausgewählte thematische Aspekte exemplarisch mit einem korpuslinguistischen Blick auf die Inhaltsverzeichnisse beleuchtet. 310 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="311"?> 4.1.2 Quantitative Perspektive Die thematischen Schwerpunkte in HP-Lehrbüchern machen deutlich, dass die HP sehr stark auf die Darstellung und Reflexion der eigenen theoretischen und methodischen Grundlagen fokussiert. Damit hängt eine ausgeprägte Selbstbezüglichkeit auf der sprachlichen Ebene zusammen. Diese Selbstbezüglichkeit hängt u. a. mit der schwächeren Position der Homöopathie im öffentlichen Diskurs und mit der Abgrenzung von der akademischen Medizin zusammen. Sie wird durch lexikalische Selbstbezüge mittels homöopath* deutlich, die in den Inhaltsverzeichnissen der HP-Lehrbücher 84-mal vorkommen (bei einer Gesamtzahl von 2654 Wörtern). Verwendet werden die Selbstbezeichnung Homöopathie, relationale Formulierungen wie für die Homöopathie und in der Homöopathie oder die Attribuierung durch homöopathisch. Vergleicht man die nach dem Rang geordneten häufigsten Wörter in den Lehrbüchern der HP mit denen der IM, wird die Häufigkeit der Selbstbezüge deutlich (vgl. Tab. 2). In den Inhaltverzeichnissen der HP finden sich auf den ersten Rängen die substantivische Referenz mit homöopathie sowie die adjektivische Referenz als homöopathisch (als Grundform für Flexionsformen im Singular) und homöopathische (als Grundform für Pluralbildungen). In Überschriften aus den IM- Lehrbüchern findet man keine analogen Selbstbezüge, obwohl sie durchaus denkbar wären. Darüber hinaus wird der Fokus der HP-Lehrbücher auf chronische Krankheiten deutlich, ebenfalls die HP-typische Relevanz der Repertorisation, der Miasmenlehre (miasmen) und der Rolle Hahnemanns stechen hervor. Dass Einführung auf Rang 12 steht, lässt sich damit erklären, dass alle HP-Lehrbücher Einführungskapitel enthalten. Die IM-Frequenzliste zeigt ein anderes Bild: Die Überschriften gliedern die Texte nach Gesichtspunkten, die sich aus der Zuordnung zu einer Erkrankung (erkrankung, störung, krankheit) ergeben. Diagnostische und therapeutische Kriterien, physiologische und anatomische Grundlagen stehen im Fokus (grundlage, diagnostik, diagnostisch, therapie, physiologie, anatomie etc.). Der Symptombegriff als solcher ist kein Thema, allerdings sind Leitsymptome ein häufiges Gliederungskriterium, da sie einen zentralen Stellenwert in der Methode und der Diagnosestellung haben. Die unterschiedlichen Wissensordnungen führen somit zur soziopragmatisch motivierten Variation auf der Ebene der Textgliederung, die sich in spezifischen Gliederungskriterien und Schwerpunktthemen und somit in einer spezifischen Textorganisation manifestiert. Auch die Gegenüberstellung der häufigsten 2- und 3-Gramme, die in den Überschriften vorkommen, zeichnet das Bild einer klaren Schwerpunktsetzung: Bis auf Rang 13 (chronischen erkrankungen) kommen die Muster auf den Rängen 1 bis 20 ausschließlich in der HP oder in der IM vor. Die folgende Tabelle 3 gibt einen Überblick über die ersten 10 Ränge. Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern 311 <?page no="312"?> Tab. 2: Häufigste Wörter in HP- (links) und in IM-Inhaltsverzeichnissen (rechts), lemmatisiert, sortiert nach Rang in HP bzw. IM 312 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="313"?> Wortkombination Häufigkeit Rang ▲ HP Inhaltsverzeichnisse IM Inhaltsverzeichnisse physiologische grundlagen 18 1 0 18 chronischen krankheiten 16 2 16 0 diagnostische methoden 16 2 0 16 diagnostisches vorgehen 16 2 0 16 hömorrhagische diathesen 14 5 0 14 körperliche Untersuchung 13 6 0 13 materia medica 13 6 13 0 diabetes mellitus 9 8 0 9 infektionen durch 8 9 0 8 erkrankungen durch 7 10 0 7 Tab. 3: Häufigste 2- und 3-Gramme in den Inhaltsverzeichnissen 3 4.1.3 Zusammenführung und Interpretation Um die Variation auf der Ebene der Wissensorganisation verstehen zu können, muss zunächst der Frage nachgegangen werden, wodurch die beobachteten thematischen Lücken entstehen. Wieso kommt die Homöopathie praktisch ohne jegliche Darstellung anatomischer und physiologischer Zusammenhänge aus? Und warum werden die eigenen Grundlagen in der Inneren Medizin gar nicht reflektiert? Diese Fragen müssen differenziert betrachtet werden. Um das Fehlen grundlegender Angaben zu Anatomie und Physiologie in HP-Büchern zu verstehen, müssen die Zielgruppen in den Blick genommen werden. IM- Lehrbücher sollen primär zur medizinischen Grundausbildung genutzt werden und sind sekundär als Nachschlagewerk für bereits praktizierende ÄrztInnen 3 1. Spalte Wortkombination, 2. Häufigkeit insgesamt, 3. Rang insgesamt, 4. Absolute Trefferzahlen HP, 5. absolute Trefferzahlen IM. Es wurde die Einstellung ‚ minimale Zeichenanzahl pro Wort = 4 ‘ gewählt, um thematische Schwerpunkte durch Autosemantika sichtbar zu machen. Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern 313 <?page no="314"?> nutzbar. Die physiologischen und anatomischen Grundlagen gehören zu den zentralen Themen der Lehrbücher. HP-Lehrbücher werden hingegen entweder im Rahmen einer Zusatzweiterbildung für approbierte ÄrztInnen verwendet (dieser Ausbildungsweg wird als „ ärztliche Homöopathie “ bezeichnet 4 ) oder im Rahmen einer HeilpraktikerInnenausbildung bzw. eines Fernstudiums, das von medizinischen Laien oder Personen aus Gesundheitsberufen besucht werden kann. Im Fall der Zusatzbezeichnung Homöopathie haben die LeserInnen bereits das Medizinstudium absolviert. Im Fall einer HeilpraktikerInnenausbildung oder eines Fernstudiums werden die anatomischen und physiologischen Grundlagen an anderer Stelle in der Ausbildung vermittelt. Somit werden sie in den einführenden Lehrbüchern zur Homöopathie als bekannt vorausgesetzt. Das wird auf der Textebene deutlich, indem grundlegende schulmedizinische Fachbegriffe zumeist unkommentiert verwendet werden. Die Unterschiede auf dieser Ebene sind somit weniger ein Unterschied der Denkstile, sondern eher ein Spiegelbild gesellschaftlicher Strukturen, die mit Ausbildungsstrukturen zusammenhängen und bestimmte Zielgruppen entstehen lassen. Anders gelagert ist die Frage nach den in HP-Büchern fehlenden methodischen Aspekten wie Diagnostik, Interpretation von klinischen Befunden, statistischen Angaben etc. Diese Aspekte machen nach Fleck (2015) maßgeblich einen Denkstil aus. Die Entscheidung, welche Diagnostik sich wofür eignet, die Art und Weise, wie mithilfe technischer Geräte plausible Ergebnisse erzielt werden, wie diese interpretiert und zur Tatsache werden, das alles sind Aspekte der jeweils denkstilgemäßen Erkenntnisarbeit. Die Verwendung von technisch hoch komplexen Untersuchungs- und Diagnostikmethoden, von bildgebenden Verfahren und spezialisierten Laboruntersuchungen etc. ist ein Ausdruck der legitimen und als notwendig erachteten medizinischen Erkenntnisarbeit. Diese Methoden gehen Hand in Hand mit dem Fokus auf einzelne Organe und Organsysteme, mit der Ausdifferenzierung der Medizin in viele einzelne, hochgradig spezialisierte Teildisziplinen und mit der Suche nach Krankheitsursachen, die durch spezielle Verfahren sichtbar gemacht werden können und müssen. Diese Erkenntnismethoden und die durch sie erzielten Tatsachen entsprechen nicht dem homöopathischen Denkstil und die organbezogene Fokussierung ist dem homöopathischen Denkstil fremd. Sie entspricht nicht dem holistischen Zugang zum Menschen in seiner Integrität als ganzheitliches Individuum. Nach dem homöopathischen Verständnis entsteht eine Krankheit aus einer Störung der sog. Lebenskraft. „ Diese Lebenskraft ist 4 Vgl. www.weiterbildung-homoeopathie.de/ weiterbildung-zur-zusatzbezeichnung-homoeopathie/ (letzter Zugriff am 18.6.2024). 314 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="315"?> ubiquitär, d. h., sie ist nicht an einem bestimmten Ort des Körpers gebunden und kann daher auch keiner bestimmten Krankheitssystematik unterworfen werden. “ (Eckart 2017: 228). Aus dem Fokus auf diese je individuelle Lebenskraft folgt, dass statistische Angaben, die in klinischen Studien gewonnen werden, für die Homöopathie nicht zentral sind. Ihr Fokus liegt nicht an den Gemeinsamkeiten zwischen vielen Krankheitsfällen, die in einem Diagnosekonzept gebündelt werden, sondern umgekehrt an dem, was über diese Gemeinsamkeiten hinaus die PatientInnen mit derselben Diagnose voneinander unterscheidet. Zwei Personen, die aus medizinischer Sicht die gleiche Krankheit haben, werden entsprechend unterschiedlich homöopathisch behandelt, denn sie unterscheiden sich in konkreten Symptomen und deren Zusammenhängen, in ihrem Krankheitserleben, ihrer Krankheitsgeschichte und vielen weiteren Aspekten, die für die homöopathische Anamnese und Mittelwahl wesentlich sind. Aus diesen Überlegungen folgt für eine variationspragmatische Betrachtung der Lehrbücher, dass die LehrbuchautorInnen nur solche Aspekte ihres Faches aufnehmen und darstellen, die der jeweiligen denkstilspezifischen Relevanzsetzung entsprechen. Solche Aspekte werden als Tatsachen verstanden. Die Orientierung an Organsystemen und Diagnosen in der IM oder der ganzheitliche Aufbau der HP-Lehrbücher entspringen dem jeweiligen Denkstil, sie gelten als selbstverständlich und werden nicht problematisiert. Aus der Stellung der Homöopathie als einer durch die akademische Medizin nicht anerkannten Heilkunde ergibt sich darüber hinaus ein Druck nach Reflexion und Selbstbeobachtung. Auf der Ebene der pragmatischen Variation wird dieser Druck u. a. durch Praktiken der Selbstreflexion (z. B. Darstellung und Begründung eigener Grundlagen), der Abgrenzung von der akademischen Medizin und der Legitimierung sichtbar. Ebenso zeigt sich, dass bestimmte strittige Aspekte in den HP-Lehrbüchern ausführlich dargestellt und vor dem Hintergrund der Methodenreflexion kritisch eingeordnet werden. Das alles sind Praktiken, die in IM-Lehrbüchern nicht vorkommen. Wie sind nun die vermeintlichen thematischen Lücken in den IM-Lehrbüchern zu erklären? Die auffälligsten Leerstellen entstehen in der Gegenüberstellung dadurch, dass IM-Lehrbücher (mit Ausnahme von IM1) keine Darstellung oder Diskussion eigener theoretischer und methodischer Grundlagen enthalten. Auch zwei weitere thematische Schwerpunkte der HP-Bücher finden kein Pendant in der IM: erstens die Arzneimittellehre und -herstellung und zweitens die Anamnese und das Fallmanagement, zu dem auch die Verlaufsbeurteilung und zweite Verschreibung gehören. Das Fehlen dieser Themenbereiche ist maßgeblich auf die starke Ausdifferenzierung der Schulmedizin zurückzuführen, die bereits in den Vorbereitungskursen für das Medizinstudi- Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern 315 <?page no="316"?> um beginnt und sich durch das gesamte Studium zieht. Entsprechend gibt es keine einführende Literatur in das Gesamtfach Humanmedizin, sondern nur Lehrbücher für einzelne naturwissenschaftliche Grundlagenfächer und für die medizinischen Teildisziplinen. Diese Ausdifferenzierung ist zum einen auf der strukturellen Ebene ein Ausdruck der gedanklichen Aufteilung des menschlichen Körpers, der aus medizinischer Sicht nur durch hochspezialisierte Disziplinen untersucht und adäquat behandelt werden kann. 5 Zum anderen stellt sie angesichts der extremen Komplexität des Faches eine praktische Notwendigkeit dar. Die vermeintlichen thematischen Lücken bedeuten somit nicht, dass die Medizin diese wichtigen Bereiche der Krankenbehandlung völlig aus den Augen verloren hätte, sie fallen aber nicht in den Kompetenzbereich der Inneren Medizin. Die theoretischen und historischen Grundlagen und deren Reflexion sind in weiten Teilen Gegenstand der Medizingeschichte und Medizinethik (vgl. Eckart 2017). Die Untersuchungsmethoden, die Konzeption klinischer Studien und deren Auswertung sind im Wesentlichen naturwissenschaftlich geprägt und bedienen sich statistischer Verfahren. Das Basiswissen wird in entsprechender Studienliteratur vermittelt - und ggf. in medizinethischen Kontexten kritisch reflektiert. Themen rund um das Anamnesegespräch und die Arzt-Patienten-Kommunikation sind Gegenstand der Medizinpsychologie. Die genaue Kenntnis der Arzneimittel und die Methoden ihrer Herstellung sind vollständig in die Fächer Pharmazie und Pharmakologie ausgelagert. So gesehen bestehen die vermeintlichen thematischen Lücken nur im Vergleich mit der Inneren Medizin, nicht aber, wenn man die gesamte Humanmedizin und benachbarte Fächer betrachtet. Auf der Ebene der pragmatischen Variation ergeben sich aus dieser Ausdifferenzierung erhebliche Unterschiede in Bezug auf die behandelten Themen und die Textarchitektur, denn die homöopathischen Lehrbücher behandeln die klassische Homöopathie als ein Gesamtfach und enthalten somit eine größere Bandbreite an unterschiedlichen theoretischen und methodischen Aspekten. Eine andere Situation liegt bei der Problematik des Fallmanagements vor, zu dem in der HP die Verlaufsbeurteilung und die zweite Verschreibung gehören. Diese therapeutischen Aspekte ergeben sich daraus, dass in der klassischen Homöopathie mit nur einem einzigen, nach vorgegebenen Regeln ausgewählten Arzneimittel behandelt wird, was der Arzneimittelsuche ein enormes 5 Das Regelcurriculum für das Studium der Humanmedizin in Deutschland ‚ zementiert ‘ diese Aufteilung. In reformierten Studiengängen hingegen spielen Querschnittsthemen eine stärkere Rolle. 316 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="317"?> Gewicht verleiht. 6 Nach der Bestimmung und (Erst-)Verschreibung des passenden Mittels wird möglichst genau beobachtet, wie sich der Zustand des Patienten/ der Patientin verändert. Eine sog. ‚ Erstverschlimmerung ‘ gilt zumeist als ein positives Zeichen, dass das Mittel richtig gewählt wurde, da es nach dem Simile-Prinzip zunächst die Symptomatik verstärkt und die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert. Fällt die Reaktion nicht wie erwartet aus, muss ggf. ein anderes Mittel gewählt werden. Dieses methodische Vorgehen in der Homöopathie ergibt sich aus dem theoretischen Verständnis des Symptomkonzeptes, das sich maßgeblich von dem Symptombegriff in der akademischen Medizin unterscheidet. Somit ist wenig überraschend, dass IM-Lehrbücher keine Abschnitte zu diesen methodischen Aspekten enthalten. Je nach Diagnose wird aber durchaus auf den Verlauf der Therapie und auf mögliche Komplikationen eingegangen, sodass es in den IM-Texten strukturell entsprechende Inhalte gibt. 4.2 Text- und Wissensorganisation in Fallbeispielen der IM und HP Nachfolgend soll eine exemplarische Analyse von Fallbeispiel-Texten aus Lehrbüchern der Inneren Medizin (IM) und der Homöopathie (HP) durchgeführt werden. Diese Analyse erfolgt vor dem Hintergrund der Fragestellung, welche pragmatischen Variationen in der Text- und Wissensgliederung der Fallbeispiele beobachtet werden können. Die Variation soll kontrastiv dargestellt werden, um die variationspragmatischen Unterschiede zwischen den Lehrbüchern zu visualisieren. Zudem werden die Ergebnisse vor dem Hintergrund der Denkstil-Lehre nach Ludwig Fleck (2015) betrachtet und im Hinblick auf ihre denkstilspezifischen Aspekte eingeordnet. Ziel ist es, anhand der Fallbeispiele ganz konkret und damit exemplarisch zu zeigen, welchen Mehrwert eine Erweiterung der Variationspragmatik um die Textlinguistik für den Erkenntnisgewinn bietet. Damit schließt sich die Analyse an die in der Einleitung genannte und den Aufsatz rahmende Forschungsfrage an. In den untersuchten Fallbeispielen können vier übergeordnete Strukturelemente herausgearbeitet werden, die aufeinanderfolgen sowie inhaltlich aneinander anschließen und ineinandergreifen: 1. Anamnese, 2. Methode: Diagnostik/ Arzneimittelfindung, 3. Therapie, Verlauf und Therapieausgang sowie 4. Prognose und weitere Therapieplanung. Bei der Formulierung dieser vier Strukturelemente wurde auf eine höhere Abstraktionsebene zurückgegriffen, die es ermöglicht, die Kategorien als Vergleichsbasis für die weitere Analyse zu nutzen. Von dieser gemeinsamen Basis ausgehend lassen sich wesentliche 6 In anderen Richtungen der Homöopathie sind auch sog. Komplexmittel möglich, d. h. mehrere Mittel können miteinander kombiniert werden. Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern 317 <?page no="318"?> Unterschiede hinsichtlich der variierenden Wissensorganisation ausmachen. Nachfolgend werden die Strukturelemente anhand von ausgewählten Beispielsätzen vorgestellt. Die Nummerierung der Beispiele verweist auf die Tabelle 4, in der die Strukturelemente anschließend zusammenfassend dargestellt und die Strukturunterschiede verdeutlicht werden. Innerhalb des ersten Strukturelementes Anamnese werden systematische Unterschiede offenbar. So findet sich die Angabe des PatientInnenalters zwar sowohl in den Texten der IM als auch denen der HP: (1a) Ein 60-jähriger Patient [ … ]. (IM3, S. 166) (1c) Eine 37 Jahre alte Patientin [ … ]. (HP3, S. 17) Zur weiteren Beschreibung der PatientInnen werden in der HP allerdings mitunter Namen genannt, die durch Adjektivattribute erweitert sein können, während sich die IM typischerweise auf Initialen beschränkt: (1d) Der kleine Lukas [ … ]. (HP1, S. 110) (1b) Herr O. [ … ]. (IM2, S. 463) Hinsichtlich der Schilderungen zu Vorgeschichte und Beschwerden fokussieren sich die Fallbeispiele der IM hauptsächlich auf solche Symptome, die körperliche Aspekte darstellen: (3a) Vor drei Tagen habe er plötzlich beim Treppensteigen stärkste Luftnot verspürt. (IM2, S. 463) Dahingegen nehmen in den Fallbeispielen der HP auch soziale sowie psychologische und familiäre Themen eine zentrale Rolle ein: (1e) Trotz seines hyperaktiven Verhaltens ist er ein sehr liebevoller Junge und scheint eine außerordentliche Liebe zu Tieren zu empfinden. (HP7, S. 533) Sowohl in der HP als auch der IM werden in der Anamnese mitunter Berufsbezeichnungen genannt. Dabei lässt sich jedoch eine Tendenz erkennen: So wird die Nennung des Berufs in der IM eher abstrahierend zur Zuordnung zu einer Gruppe ( ‚ Unternehmer, sportlich tätig ‘ ) eingesetzt und wird damit als ein Kriterium zur Kategorisierung des Patienten/ der Patientin verwendet. Dies lässt sich an dem attributlosen Substantiv Unternehmer erkennen: 318 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="319"?> (2a) Ein 58jähriger Unternehmer ist seit Jahren beruflich sehr eingespannt, geht aber regelmäßig Joggen. (IM5, F2) In der HP kann stattdessen beobachtet werden, dass mithilfe der Berufsbezeichnung tendenziell eher eine Individualisierung des Patienten/ der Patientin erfolgt, die durch das spezifizierende Attribut (pharmazeutisch) der Berufsbezeichnung sowie durch die weiteren Schilderungen zum Lebensstil erzeugt wird: (2b) Der 30-jährige Geschäftsführer eines pharmazeutischen Unternehmens suchte mich wegen Haarausfall auf. Sein Lebensstil war ausschweifend und zerrüttend: Partys, übermäßiger Alkoholkonsum und Einnahme von Drogen und Medikamenten. (HP7, S. 346) Die Angaben zum Lebensstil des Patienten/ der Patientin in der Homöopathie sind ein Mittel der Individualisierung und zentral für die richtige Mittelwahl. In diesem konkreten Beispiel ist darüber hinaus die Relevantsetzung der Information auffällig, was für eine Art von Unternehmen der Patient leitet - nämlich ein pharmazeutisches Unternehmen. Während auf den ersten Blick diese Information rein neutral erscheint, kann die Spezifikation des Unternehmens vor dem Hintergrund des homöopathischen Denkstils als markiert interpretiert werden. Um diese Markiertheit wahrzunehmen, ist viel Hintergrundwissen über die Homöopathie und über den kontroversen Diskurs notwendig. Sehr verkürzend gesagt kann man feststellen, dass die Pharmaindustrie und akademische Medizin im öffentlichen Homöopathiediskurs in enger Verbindung stehen und zusammen zu den wichtigsten Kontrahenten der Homöopathie gehören. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, wenn eine Person aus der Pharmaindustrie einen Homöopathen konsultiert. Die Markiertheit wird noch deutlicher, wenn man das Beispiel mit einem hypothetischen Fall vergleicht wie „ der 30-jährige Geschäftsführer eines gastronomischen Unternehmens “ . Die Nennung des Berufs kann aus homöopathischer Sicht mit der Krankheitsgeschichte des Patienten zusammenhängen und ist in dieser Hinsicht bedeutungsvoll. Angaben zur ärztlichen Vorgeschichte der PatientInnen inkl. bisheriger medizinischer Behandlungen liegen in Fallbeispielen der HP häufiger vor: (3c) Vor 5 Jahren kam eine 50-jährige Patientin zu uns, bei der ein follikuläres Non- Hodgkin-Lymphom 16 Jahre nach Chemotherapie und Radiatio im Augen-, Hals und Mediastinalbereich rezidivierte. Die Patientin lehnte eine erneute Chemotherapie ab, so dass wir mit der homöopathischen Behandlung begannen. (HP2, S. 259) Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern 319 <?page no="320"?> In den Fallbeispielen der HP fließen in die Anamnese ebenfalls Beobachtungen des Patienten/ der Patientin durch den Homöopathen/ die Homöopathin ein, wie etwa der Tonfall, die Körperhaltung oder der Gesichtsausdruck: (3b) Die Patientin schildert ihre Beschwerden in klagendem Tonfall, auf Nachfragen reagiert sie häufig gereizt. (HP3, S. 17) (4a) Er ist präkollaptisch mit schweißig-kalter Haut und deutlicher Orthopnoe. Die Herztöne sind tachykard aber rein, die Lunge ist frei. Die restliche Untersuchung ist unauffällig. Klinisch deutet nichts auf eine Beinvenenthrombose hin. Jedoch mehren sich die Hinweise auf eine Lungenembolie: Im Labor ist das D-Dimer deutlich erhöht, das EKG zeigt einen Sinusrhythmus von 115/ min bei SI/ QIII Typ und T-Negativierungen in V1-V3. (IM2, S. 463) (4b) Die körperliche Untersuchung erbringt nichts Auffälliges. Der neurologische Befund ist normal. Berührungsschmerz am Kopf, insbesondere der behaarten Haut, und die auffallende Schmerzhaftigkeit im Schultergürtelbereich lassen den Verdacht auf eine Vaskulitis aufkommen. Das klinische Labor einschließlich Blutbild erbringt einen altersentsprechenden Status. Auffallend hoch ist die BSG mit 70/ 110 mm. Sämtliche serologischen Marker einschließlich der Rheumafaktoren sind negativ. Eine trotz auffälligen Tastbefundes vorgenommene Biopsie der Temporalarterie zeigt histologisch regelrechte Verhältnisse. (IM3, S. 525) Im Strukturelement Methode folgt in der IM auf die Anamnese der Prozess der Diagnostik, der verschiedene, aufeinander aufbauende Untersuchungen, die klinischen Werte und deren Interpretation umfasst: In diesen Beispielen wird sehr deutlich, wie die klinischen Werte als Abweichung und somit Auffälligkeit vor dem Hintergrund der Normalwerte (und somit des Unauffälligen) interpretiert werden (unauffällig, deutlich erhöht, nichts Auffälliges, normal, auffallend, altersentsprechend, negativ, auffällig, histologisch regelgerecht). Der in diesem Strukturelement dargestellte Prozess dient der Diagnosestellung, von welcher der Therapieverlauf abhängt. Auch in der HP setzt an dieser Stelle ein mehrschrittiger Prozess an. Dessen Ziel ist jedoch nicht die Diagnose, sondern die Wahl einer passenden Arznei, deren Arzneimittelbild nach dem homöopathischen Simile-Prinzip dem Symptombild des Patienten am nächsten kommt (vgl. (5a)). Der Prozess der Arzneimittelfindung umfasst eine Analyse der erhobenen Gesamtheit aller Patientensymptome, deren Hierarchisierung und Gewichtung (s. auch Symptomengewichtung auf Rang 13 in der Tab. 2) sowie die Repertorisation (d. h. das Nachschlagen der hoch gewichteten Symptome im Repertorium, vgl. (5b), s. auch Rang 8 in Tab. 2) und mündet schließlich in die Wahl eines Arzneimittels: 320 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="321"?> (5a) Nux vomica war aus mehreren Gründen angezeigt: Nicht nur wegen der für Nux vomica typischen Lebensweise eines Sulphur-Menschen (wettbewerbsfreudig, ehrgeizig, ständig unter Stress, abhängig von Stimulanzien), sondern auch, um den üblen Auswirkungen von Drogen und Alkohol entgegenzuwirken. (HP7, S. 346) (5b) Die Repertorisation erbrachte, wohl auch aufgrund der seit langem bestehenden medikamentösen Unterdrückung, keine klaren Hinweise auf ein Simile. Eines der wichtigen Mittel für Übererregtheit, Ruhelosigkeit der Extremitäten und Krampfneigung ist Zincum. (HP3, S. 18) Auf der Ebene des dritten Strukturelementes Therapie, Verlauf und Therapieausgang findet der Textbaustein Therapiemaßnahme in der IM in struktureller sowie konzeptueller Hinsicht seine Entsprechung in dem HP-typischen Textbaustein der Arzneimittelgabe. Die Behandlung in der HP ist stets an die Gabe eines homöopathischen Arzneimittels gebunden: (7) Die Gabe von Zincum führte in diesem Fall innerhalb von drei Tagen zu grundlegender Besserung [ … ]. (HP3, S. 18) Das Spektrum der möglichen Therapiemaßnahmen ist in der IM größer, da für bestimmte Diagnosen neben medikamentöser Behandlung noch weitere Möglichkeiten bestehen: (6a) Eiweißnormale Kost unter Monitoring der Enzephalopathie, körperliches Training soweit belastbar, Glycylpressin bei hepatorenalem Syndrom, PPI-Therapie, Ornithinaspartat, Ursodeoxycholsäure. Listung zur Lebertransplantation. (IM3, S. 309) Im weiteren Therapieverlauf zeigen sich wiederum strukturelle Unterschiede. So gibt es etwa für die HP-typischen Bausteine der Erstverschlimmerung (s. (8)) sowie der Zweitverschreibung (s. (11)) weder eine strukturelle noch konzeptuelle Entsprechung in den Fallbeispielen der IM. In der IM werden die einzelnen Therapiemaßnahmen als logisch aufeinander aufbauende Schritte dargestellt. Explizit oder implizit werden komplexe Kausalketten von Symptomen über Diagnostik und Diagnose zur Therapie konstruiert (s. (6a, 6b), (9a, 9b)). Der Erfolg des Therapieverlaufs sowie der Therapieausgang werden in der IM sowie HP zumeist explizit thematisiert. Der Gradmesser, an dem der Therapieerfolg gemessen wird, ist dabei unterschiedlich. So wird in der IM beispielsweise auch eine Verlegung von der Intensivstation auf die Normalstation als Therapieerfolg gerahmt, was durch den Schweregrad internistischer Krankheitsfälle bedingt ist: Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern 321 <?page no="322"?> (9b) Unter der Therapie geht es Herrn O. bald deutlich besser, sodass er zwei Tage später auf die Normalstation verlegt werden kann. (IM2, S. 463) Darüber hinaus wird der Therapieerfolg in der IM auch mit Parametern wie völlige[r] Beschwerdefreiheit, der Normalisierung bestimmter Werte (s. beide (12a)) sowie durch das Ausbleiben eines Rückfalls markiert: (12b) Es kommt erfreulicherweise auch nach Beendigung der Therapie zu keinem Rezidiv. (IM3, S. 525) Die Homöopathie hat den Selbstanspruch auf echte Heilung (HP1, S. 18) und die Krankheitsfälle gelten erst dann als erfolgreich abgeschlossen, wenn Heilung erfolgt ist. Die Fallbeispiele enden zumeist mit einem Heilungserfolg, es kommen allerdings auch Fälle des Therapieabbruchs vor, wenn z. B. ein Patient die schulmedizinische Therapie in Anspruch nimmt und/ oder die (begleitende oder ausschließliche) homöopathische Behandlung abbricht: (12e) Er fühlte sich so gut, dass er nach drei Wochen aufhörte, das Mittel zu nehmen [ … ]. Einen Monat später begann er sich wieder schlecht zu fühlen, und ich wies ihn an, mit der Arznei fortzufahren. Dieses Mal bekam er einen noch schlimmeren Hautausschlag, was ihn dazu veranlasste, den Betriebsarzt aufzusuchen. [ … ] Der Arzt musste drei Wochen lang Cortison oral verabreichen, um den Ausschlag zu „ heilen “ . Dieser Patient war eindeutig für die Homöopathie verloren: Jedes Mal, wenn ich das Richtige tat, musste zwangsläufig ein Hautausschlag erscheinen. (HP7, S. 346 - 347) Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie die medizinische und homöopathische Behandlung einander in manchen Fällen ausschließen. Die kritische Abgrenzung von der Schulmedizin wird hier u. a. durch die Anführungszeichen markiert, in die „ heilen “ gesetzt wird. Verweise auf die schulmedizinische Behandlung in HP-Lehrbüchern haben keine Entsprechung in den IM-Fallbeispielen. Dort werden keine weiteren heilkundlichen Ansätze erwähnt und entsprechend ist keine Abgrenzung notwendig. Der Therapieausgang leitet in das vierte Strukturelement Prognose und ggf. weitere Therapieplanungen über. In IM-Fallbeispielen kommen Einschätzungen zu zukünftig evtl. notwendigen Therapiemaßnahmen vor: (13a) Herr O. soll nun erstmal für ein Jahr Phenprocoumon einnehmen. In einem Jahr soll er sich unbedingt in einer Gerinnungsambulanz zu einer vollständigen Thrombophiliediagnostik inklusive Protein C und S vorstellen. Dann wird auch über die weitere Antikoagulation entschieden. (IM2, S. 463) 322 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="323"?> (13b) Bei weiterem Fortschreiten ist Immunsuppression vorgesehen. (IM3, S. 519) In der HP finden sich explizite Prognosen insgesamt seltener, da die Fallbeispiele meist mit dem Behandlungserfolg (Therapieausgang) abschließen und von einer positiven Zukunftserwartung getragen sind: (12d) Sechs Monate später lag nichts Krankhaftes mehr vor außer zwei äußerlichen Hämorrhoiden, die juckten, aber nicht bluteten. Eine letzte Gabe von Mittel J heilte rasch. Es geht ihm weiterhin gut. (HP7, S. 565) Allerdings gibt es vereinzelt Fälle, in denen ein eher skeptischer Blick in die Zukunft geworfen wird. Das passiert beispielsweise, wenn der Patient die homöopathische Behandlung abbricht wie in (12e) oder wenn eine komplizierte chronische Krankheit das Leben eines Patienten auch in der Zukunft prägen wird: (13c) Aufgrund des schwerwiegenden syphilitischen Hintergrundes gehe ich davon aus, dass in der Zukunft Syphilinum benötigt werden wird, wobei es allerdings nicht gegeben werden sollte, bevor es wirklich angezeigt ist und bevor nicht die angezeigte antisyphilitische Arznei (in diesem Fall Nitricum acidum) aufgehört hat zu wirken. (HP7, S. 652) Die folgende Tabelle 4 fasst die Ausführungen zusammen. Sie verdeutlicht die variierende Gestaltung der Strukturelemente anhand der genannten Beispielzitate aus dem Korpus. Der Aufbau der Tabelle orientiert sich an der Chronologie der typischen Gliederung. Dabei stehen den IM-Lehrbüchern entnommene Zitate (linke Spalte) solchen der HP gegenüber (rechte Spalte). Fallbeispiele aus Lehrbüchern der IM Fallbeispiele aus Lehrbüchern der HP 1. Anamnese Geschlecht, Alter, ggf. Name (1a) Ein 60-jähriger Patient [ … ]. (IM3, S. 166) (1c) Eine 37 Jahre alte Patientin [ … ]. (HP3, S. 17) (1b) Herr. O. [ … ]. (IM2, S. 463) (1d) Der kleine Lukas [...] (HP1, S. 110) (1e) Trotz seines hyperaktiven Verhaltens ist er ein sehr liebevoller Junge und scheint eine außerordentliche Liebe zu Tieren zu empfinden. (HP7, S. 533) Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern 323 <?page no="324"?> Fallbeispiele aus Lehrbüchern der IM Fallbeispiele aus Lehrbüchern der HP Beruf, Lebenssituation (2a) Ein 58jähriger Unternehmer ist seit Jahren beruflich sehr eingespannt, geht aber regelmäßig Joggen. (IM5, F2) (2b) Der 30-jährige Geschäftsführer eines pharmazeutischen Unternehmens suchte mich wegen Haarausfall auf. Sein Lebensstil war ausschweifend und zerrüttend: Partys, übermäßiger Alkoholkonsum und Einnahme von Drogen und Medikamenten. (HP7, S. 346) Vorgeschichte, Symptomdarstellung (3a) Vor drei Tagen habe er plötzlich beim Treppensteigen stärkste Luftnot verspürt. Heute habe er wieder extrem schlecht Luft bekommen. Seit einem Autounfall vor zwei Jahren mit Protrusio disci der HWK 5/ 6 habe er stärkste Schmerzen der Halswirbelsäule bei leichtester körperlicher Betätigung. Deshalb nimmt er regelmäßig NSAR ein. (IM2, S. 463) (3b) Die Patientin schildert ihre Beschwerden in klagendem Tonfall, auf Nachfragen reagiert sie häufig gereizt. (HP3, S. 17) (3c) Vor 5 Jahren kam eine 50-jährige Patientin zu uns, bei der ein follikuläres Non-Hodgkin-Lymphom 16 Jahre nach Chemotherapie und Radiatio im Augen-, Hals und Mediastinalbereich rezidivierte. Die Patientin lehnte eine erneute Chemotherapie ab, so dass wir mit der homöopathischen Behandlung begannen. (HP2, S. 259) 2. Methode: Diagnostik/ Arzneimittelfindung Untersuchungen, klinische Werte und deren Interpretation Symptomendarstellung, -gewichtung und -wahl, Repertorisation, Arzneimittelfindung, Arzneiwahl (4a) Er ist präkollaptisch mit schweißigkalter Haut und deutlicher Orthopnoe. Die Herztöne sind tachykard aber rein, die Lunge ist frei. Die restliche Untersuchung ist unauffällig. Klinisch deutet nichts auf eine Beinvenenthrombose hin. Jedoch mehren sich die Hinweise auf eine Lungenembolie: Im Labor ist das D-Dimer deutlich erhöht, das EKG zeigt einen Sinusrhythmus von 115/ min bei SI/ QIII Typ und T-Negativierungen in V1-V3. (IM2, S. 463) (5a) Nux vomica war aus mehreren Gründen angezeigt: Nicht nur wegen der für Nux vomica typischen Lebensweise eines Sulphur-Menschen (wettbewerbsfreudig, ehrgeizig, ständig unter Stress, abhängig von Stimulanzien), sondern auch, um den üblen Auswirkungen von Drogen und Alkohol entgegenzuwirken. (HP7, S. 346) 324 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="325"?> Fallbeispiele aus Lehrbüchern der IM Fallbeispiele aus Lehrbüchern der HP (4b) Die körperliche Untersuchung erbringt nichts Auffälliges. Der neurologische Befund ist normal. Berührungsschmerz am Kopf, insbesondere der behaarten Haut, und die auffallende Schmerzhaftigkeit im Schultergürtelbereich lassen den Verdacht auf eine Vaskulitis aufkommen. Das klinische Labor einschließlich Blutbild erbringt einen altersentsprechenden Status. Auffallend hoch ist die BSG mit 70/ 110 mm. Sämtliche serologischen Marker einschließlich der Rheumafaktoren sind negativ. Eine trotz auffälligen Tastbefundes vorgenommene Biopsie der Temporalarterie zeigt histologisch regelrechte Verhältnisse. (IM3, S. 525) (5b) Die Repertorisation erbrachte, wohl auch aufgrund der seit langem bestehenden medikamentösen Unterdrückung, keine klaren Hinweise auf ein Simile. Eines der wichtigen Mittel für Übererregtheit, Ruhelosigkeit der Extremitäten und Krampfneigung ist Zincum. (HP3, S. 18) 3. Therapie, Verlauf & Therapieausgang Therapiemaßnahmen Arzneimittelgabe (6a) Eiweißnormale Kost unter Monitoring der Enzephalopathie, körperliches Training soweit belastbar, Glycylpressin bei hepatorenalem Syndrom, PPI-Therapie, Ornithinaspartat, Ursodeoxycholsäure. Listung zur Lebertransplantation. (IM3, S. 309) (7) Die Gabe von Zincum führte in diesem Fall innerhalb von drei Tagen zu grundlegender Besserung [ … ]. (HP3, S. 18) (6b) Wegen der massiven Embolie (Stadium III) kommt der Patient auf die Intensivstation. Dort wird neben einer Heparinisierung über den Perfusor sofort eine Fibrinolyse mittels rt-PA durchgeführt und der Patient engmaschig überwacht. (IM2, S. 463) Ggfs. Erstverschlimmerung (8) Wie die Heringsche Regel voraussagt, war sein Körper fünf Tage nach den ersten Dosen der Q-Potenz mit einem juckenden Hautausschlag übersät. (HP7, S. 346) Therapieverlauf Therapieverlauf Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern 325 <?page no="326"?> Fallbeispiele aus Lehrbüchern der IM Fallbeispiele aus Lehrbüchern der HP (9a) Die bei Riesenzellarteriitis übliche Therapie mit hochdosierten Glukokortikoiden, zunächst 100 mg Methylprednisolon täglich, bringt schlagartige Besserung. Daraufhin wird die Dosis zügig unter sorgfältiger Überwachung reduziert. Auch die BSG und das CRP gehen zurück. Dies führt nach einigen Wochen zu einer tolerablen Glukokortikoiddosis im Hinblick auf eine bevorstehende längerfristige Verabreichung. (IM3, S. 525) (10) Lara bekam nach der Erstanamnese am 20.03.2006 eine Einmalgabe von Calcarea C200. [ … ] Am Morgen nach der Erstaufnahme war Laras Zustand unverändert. [ … ] Abends ging es ihr viel besser. [ … ] Am 27.03.2006 teilte die Mutter mit, dass die Lunge frei und der Hals knallrot sei. Die Symptome verlagerten sich von der lebenswichtigen Lunge zum Pharynx (2. Heringsche Regel) (s. S. 64). (HP1, S. 63) (9b) Unter der Therapie geht es Herrn O. bald deutlich besser, sodass er zwei Tage später auf die Normalstation verlegt werden kann. (IM2, S. 463) Ggfs. Zweitverschreibung, Mittelwechsel (11) Erst als diese Behandlung nach 1 Jahr keine weiteren Fortschritte mehr brachte, wurde auf Sepia, das chronische Mittel der Patientin gewechselt. Nach 4 Jahren Behandlung mit Sepia, unter Einschaltung von Zwischengaben von Thuja, bestand klinisch und radiologisch kein Anhalt mehr für ein NHL-Rezidiv. (HP2, S. 260) Therapieausgang Therapieausgang (12a) Nach 18 Monaten kann bei völliger Beschwerdefreiheit und Normalisierung der BSG die Therapie beendet werden. (IM3, S. 525) (12d) Sechs Monate später lag nichts Krankhaftes mehr vor außer zwei äußer lichen Hämorrhoiden, die juckten, aber nicht bluteten. Eine letzte Gabe von Mittel J heilte rasch. Es geht ihm weiterhin gut. (HP7, S. 565) (12b) Es kommt erfreulicherweise auch nach Beendigung der Therapie zu keinem Rezidiv. (IM3, S. 525) 326 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="327"?> Fallbeispiele aus Lehrbüchern der IM Fallbeispiele aus Lehrbüchern der HP (12c) Daraufhin bessert sich die Symptomatik. Die Patientin ist zufrieden und erscheint nicht mehr. Ein Jahr später klagt sie über Gelenkbeschwerden ohne äußere Zeichen einer Entzündung. Im Röntgenbild finden sich die früheren Veränderungen weiter ausgeprägt. Unter Verabreichung eines Coxibs gehen die Symptome deutlich zurück. (IM3, S. 519) (12e) Er fühlte sich so gut, dass er nach drei Wochen aufhörte, das Mittel zu nehmen [ … ]. Einen Monat später begann er sich wieder schlecht zu fühlen, und ich wies ihn an, mit der Arznei fortzufahren. Dieses Mal bekam er einen noch schlimmeren Hautausschlag, was ihn dazu veranlasste, den Betriebsarzt aufzusuchen. [ … ] Der Arzt musste drei Wochen lang Cortison oral verabreichen, um den Ausschlag zu „ heilen “ . Dieser Patient war eindeutig für die Homöopathie verloren: Jedes Mal, wenn ich das Richtige tat, musste zwangsläufig ein Hautausschlag erscheinen. (HP7, S. 346 - 347) 4. Prognose und ggf. weitere Therapieplanung (13a) Herr O. soll nun erstmal für ein Jahr Phenprocoumon einnehmen. In einem Jahr soll er sich unbedingt in einer Gerinnungsambulanz zu einer vollständigen Thrombophiliediagnostik inklusive Protein C und S vorstellen. Dann wird auch über die weitere Antikoagulation entschieden. (IM2, S. 463) (13c) Aufgrund des schwerwiegenden syphilitischen Hintergrundes gehe ich davon aus, dass in der Zukunft Syphilinum benötigt werden wird, wobei es allerdings nicht gegeben werden sollte, bevor es wirklich angezeigt ist und bevor nicht die angezeigte antisyphilitische Arznei (in diesem Fall Nitricum acidum) aufgehört hat zu wirken. (HP7, S. 652) (13b) Bei weiterem Fortschreiten ist Immunsuppression vorgesehen. (IM3, S. 519) Tab. 4: Text- und Wissensgliederung in IM- und HP-Fallbeispielen mit exemplarischen Zitaten 5 Zusammenfassung und Diskussion Dieser Beitrag betrachtet die pragmatische Variation auf der Ebene der Text- und Wissensorganisation in Abhängigkeit von sozialer Zuordnung zu Denkkollektiven als einen lohnenden Untersuchungsgegenstand der Variationspragmatik. Textlinguistische Analyseverfahren können dabei das Spektrum der Analysemethoden innerhalb der Variationspragmatik erweitern. Lehrbücher stellen einen geeigneten Untersuchungsgegenstand der Variationspragmatik dar, da deren textuelle und funktionale Merkmale durch die Textsorte Lehrbuch bestimmt sind und als Vergleichsbasis fungieren können. Die beschriebene Variation ist weitgehend auf soziopragmatische Faktoren zurück- Text- und Wissensorganisation als Ebene der Variation in Lehrbüchern 327 <?page no="328"?> zuführen, die durch die Einbettung in das jeweilige Denkkollektiv modelliert werden können. In den untersuchten Lehrbüchern manifestieren sich die Wissensordnungen der Denkkollektive der Inneren Medizin und der klassischen Homöopathie. Lehrbücher stellen eine Momentaufnahme der jeweiligen Disziplin dar, sie sind nach Abel (2015: 13) „ Manifestationen kulturell gewachsener Wissensordnungen “ . Sie tragen zur Tradierung und Verfestigung derer Denkstile bei und sind Teil des aktuellen Homöopathiediskurses. Die exemplarische Analyse zeigt systematische Unterschiede zwischen HP- und IM- Lehrbüchern. Die Erkenntnisse aus der Studie können folgenderweise zusammengefasst werden. 1. Lehrbücher zur IM und HP sind systematisch unterschiedlich aufgebaut. Sie unterscheiden sich in den Gliederungskriterien, inhaltlichen Schwerpunkten sowie in der Anordnung und Häufigkeit der Inhalte. 2. Die Prinzipien der Textorganisation sind nicht willkürlich. Sie entsprechen den unterschiedlichen Herangehensweisen an Krankheit, Gesundheit, das Symptomkonzept, den menschlichen Körper und grundlegende Prinzipien der Behandlung, die im Sinne von Ludwik Fleck als zentrale Aspekte der Denkstile verstanden werden können. Die variierende Textorganisation ist eine Manifestation des grundsätzlich unterschiedlichen Wissens, das innerhalb der Denkkollektive als relevant und gesichert erachtet wird. 3. Die markanten Schwerpunktverschiebungen zwischen der IM und HP erscheinen in kontrastiver Perspektive als thematische Lücken. Um die Gründe für die vermeintlichen Lücken zu erforschen, müssen neben denkstilinternen Faktoren ebenfalls externe Faktoren wie die Stellung des Denkkollektiv in der Gesellschaft, die Zielgruppen der Lehrbücher, die Ausdifferenzierung des Faches und die Ausbildungsstrukturen betrachtet werden. 4. Die hier diskutierte pragmatische Variation auf der Ebene der Text- und Wissensorganisation kann in ihren wesentlichen Aspekten in Abhängigkeit von der sozialen Zuordnung zu Denkkollektiven interpretiert werden. Der soziale Kontext des jeweiligen Denkkollektivs, aus dem die Lehrbücher stammen, ist ausschlaggebend dafür, wie die Lehrbücher aufgebaut sind, welche Themen behandelt und ausgeklammert werden, welche Diagnostik- und Therapiemethoden dargestellt werden und ob bzw. wie über das eigene und das andere Fach reflektiert wird. 5. Nicht jede Art von Variation kann jedoch plausibel auf unterschiedliche Denkstile zurückgeführt werden. Variation, die sich aufgrund von externen strukturellen Faktoren wie vorgesehenen Karrierewegen oder 328 Pavla Schäfer & Mirjam Weiß <?page no="329"?> formalen Zulassungsvorgaben ergibt, kann nicht den Denkstilen zugeschrieben werden. Darüber hinaus gibt es auch innerhalb eines Denkkollektivs Variation in der Gestaltung der Lehrbücher. Diese Variation bezieht sich jedoch auf kleinere inhaltliche Aspekte und nicht auf grundlegende Gliederungsprinzipien. Die exemplarische Analyse der Fallbeispiele führte zur Herausarbeitung von vier Strukturelementen: 1. Anamnese, 2. Methode: Diagnostik/ Arzneimittelfindung, 3. Therapie, Verlauf und Therapieausgang sowie 4. Prognose und weitere Therapieplanung. Sie dienen als Vergleichsbasis für die Betrachtung der je unterschiedlichen Gestaltung dieser Bausteine. Die Wissenselemente innerhalb der vier identifizierten Strukturelemente unterscheiden sich zum Teil erheblich hinsichtlich deren Vorkommen/ Fehlen, deren Relevanz, Gewichtung und Anordnung. Die vorgestellte exemplarische Analyse macht deutlich, dass Textgliederung und Wissensorganisation pragmatische Phänomene darstellen, die starker Variation in Abhängigkeit vom sozialen Kontext unterliegen. Die Variation von Wissensorganisation zeigt sich auf der Ebene der Textgliederung, sodass auf dieser Ebene unterschiedliche Denkstile manifest werden. Aus Sicht der Variationspragmatik handelt es sich bei der beschriebenen Variation der Text- und Wissensgliederung um eine sehr komplexe Variable. Ihre Untersuchung ist jedoch mithilfe von etablierten Methoden aus der Text-, Diskurs- und auch Korpuslinguistik möglich und kann die variationspragmatische Forschung bereichern. Literatur Abel, Günter (2015). Strategien der Stabilisierung von Wissen - der Fall der Lehrbücher. In: Hassler, Uta (Hrsg.). Der Lehrbuchdiskurs über das Bauen. Zürich: vdf Hochschulverlag, 10 - 25. Andersen, Christiane/ Fix, Ulla/ Schiewe, Jürgen (Hrsg.) (2018). Denkstile in der deutschen Sprachwissenschaft. Bausteine einer Fachgeschichte aus dem Blickwinkel der Wissenschaftstheorie Ludwik Flecks. Berlin: Schmidt. Barron, Anne (2021). Contrastivity and comparability: Pragmatic variation across pluricentric varieties. 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Universität Greifswald Institut für Deutsche Philologie Rubenowstraße 3 17489 Greifswald sebastian.zollner@uni-greifswald.de <?page no="332"?> Autor: innen Prof. Dr. Tanja Ackermann Universität Bielefeld Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft Universitätsstraße 25 33615 Bielefeld tanja.ackermann@uni-bielefeld.de Prof. Dr. Lars Bülow Ludwig-Maximilians-Universität München Institut für Deutsche Philologie Schellingstraße 3 RG 80799 München lars.buelow@germanistik.uni-muenchen.de Prof. Dr. Florian Busch Universität Bern Institut für Germanistik Länggassstrasse 49 CH-3012 Bern florian.busch@unibe.ch Prof. Dr. Christa Dürscheid Universität Zürich Deutsches Seminar Schönberggasse 9 CH-8001 Zürich duerscheid@ds.uzh.ch Prof. Dr. Stephan Elspaß Paris Lodron Universität Salzburg Fachbereich Germanistik Erzabt-Klotz-Straße 1 A-5020 Salzburg stephan.elspass@plus.ac.at 332 Verzeichnis der Herausgebenden und Autor: innen <?page no="333"?> Prof. Dr. Karina Frick Leuphana Universität Lüneburg Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik Universitätsallee 1 21335 Lüneburg karina.frick@leuphana.de Dr. Matthias Hahn Philipps-Universität Marburg Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas Pilgrimstein 16 35032 Marburg matthias.hahn@uni-marburg.de Prof. Dr. Cordula Meißner Universität Innsbruck Institut für Germanistik Innrain 52d A-6020 Innsbruck cordula.meissner@uibk.ac.at Dr. Georg Oberdorfer Philipps-Universität Marburg Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas Pilgrimstein 16 35032 Marburg georg.oberdorfer@uni-marburg.de Dr. Nadine Proske Leibniz-Institut für Deutsche Sprache R 5 68161 Mannheim proske@ids-mannheim.de Sonja Quehenberger, M. A. Ludwig-Maximilians-Universität München Institut für Deutsche Philologie Schellingstraße 3 RG 80799 München sonja.quehenberger@lmu.de Verzeichnis der Herausgebenden und Autor: innen 333 <?page no="334"?> Dr. Pavla Schäfer Institut für Deutsche Philologie Rubenowstraße 3 17487 Greifswald pavla.schaefer@uni-greifswald.de Prof. Dr. Horst Simon Freie Universität Berlin Institut für Deutsche und Niederländische Philologie Habelschwerdter Allee 45 14195 Berlin horst.simon@fu-berlin.de Julie Täge, M. A. Universität Bern Institut für Germanistik Länggassstrasse 49 CH-3012 Bern julie.taege@unibe.ch Dr. Philip C. Vergeiner Ludwig-Maximilians-Universität München Institut für Deutsche Philologie Schellingstraße 3 RG 80799 München philip.vergeiner@germanistik.uni-muenchen.de Mirjam Weiß Institut für Deutsche Philologie Rubenowstraße 3 17487 Greifswald mirjam.weiss@stud.uni-greifswald.de Dr. Arne Zeschel Leibniz-Institut für Deutsche Sprache R 5 68161 Mannheim zeschel@ids-mannheim.de 334 Verzeichnis der Herausgebenden und Autor: innen <?page no="335"?> Studien zur Pragmatik herausgegeben von Eva Eckkrammer, Claus Ehrhardt, Anita Fetzer, Rita Finkbeiner, Frank Liedtke, Konstanze Marx, Sven Staffeldt und Verena Thaler Pragmatik, das Studium der Sprachverwendung in all ihren Facetten, hat sich zu einer allgemein anerkannten sprachwissenschaftlichen Disziplin entwickelt. Sie hat viele Fragestellungen benachbarter Disziplinen wie der Semantik oder der Syntax in sich aufgenommen und unter neuem Vorzeichen vorangetrieben. Dabei bezieht sie den Spracherwerb und Sprachwandel mit ein und reflektiert die Bezüge zu anderen Wissenschaften, zum Beispiel der Philosophie, Psychologie und Soziologie. Eine Folge dieser Entwicklung ist eine starke Ausdifferenzierung der Pragmatik in unterschiedliche Forschungsstränge und Teilparadigmen. Von der experimentellen bis zur formalen Pragmatik, von der Gesprächsforschung bis zur Textanalyse, von der Soziopragmatik bis zur pragmatischen Syntax erstreckt sich das Feld der pragmatischen Untersuchungsansätze. Die Studien zur Pragmatik bieten zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum ein Forum für qualitativ hochwertige Arbeiten zur Pragmatik in ihrer ganzen Breite. Sie sind theoretisch offen für die verschiedenen Strömungen dieser Disziplin und besonders geeignet für solche theoretisch und empirisch begründete Untersuchungen, die die pragmatische Diskussion weiter vorantreiben. Die Bände der Reihe werden einem Peer-Review Verfahren unterzogen. Bisher sind erschienen: 1 Detmer Wulf Pragmatische Bedingungen der Topikalität Zur Identifizierbarkeit von Satztopiks im Deutschen 2019, 260 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8260-7 2 Eva-Maria Graf, Claudio Scarvaglieri, Thomas Spranz-Fogasy (Hrsg.) Pragmatik der Veränderung Problem- und lösungsorientierte Kommunikation in helfenden Berufen 2019, 306 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8259-1 3 Simon Meier-Vieracker, Lars Bülow, Frank Liedtke, Konstanze Marx, Robert Mroczynski (Hrsg.) 50 Jahre Speech Acts Bilanz und Perspektiven 2019, 322 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8347-5 4 Kristin Börjesson, Jörg Meibauer (Hrsg.) Pragmatikerwerb und Kinderliteratur 2021, 264 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-8446-5 5 Marie-Luis Merten, Susanne Kabatnik, Kristin Kuck, Lars Bülow, Robert Mroczynski (Hrsg.) Sprachliche Grenzziehungspraktiken Analysefelder und Perspektiven 2023, 374 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8516-5 6 Lisa Soder Diskursmarker im schriftlichen Standard Status, Formen und Funktionen 2023, 520 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-381-10271-6 7 Susanne Kabatnik, Lars Bülow, Marie-Luis Merten, Robert Mroczynski (Hrsg.) Pragmatik multimodal 2024, 360 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8582-0 <?page no="336"?> 8 Sören Stumpf, Marie-Luis Merten, Susanne Kabatnik, Sebastian Zollner (Hrsg.) Variationspragmatik Regionale Vielfalt und situative Unterschiede im Sprachgebrauch 2025, 334 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-381-13511-0 9 Julian Michael Stawecki Die W-Überschrift als selbständiger Satztyp Eine korpuslinguistische Analyse zu Gebrauchspräferenzen in der Online-Presse 2025, 310 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-381-14071-8 <?page no="337"?> ISBN 978-3-381-13511-0 Dieser Band greift das Desiderat einer germanistischen Variationspragmatik auf. Dazu versammelt er Beiträge, die sich pragmatischer Variation im Deutschen insbesondere aus diatopischer und diaphasischer Perspektive widmen. Berücksichtigung nden sowohl klassische Bereiche der Pragmatik (z. B. Deixis, Sprechakte, pragmatische Marker) wie auch Ansätze einer weit gefassten Pragmatik (z. B. Schreibregister, Text- und Wissensorganisation, Metapragmatik). Hierbei kommen vielfältige Methoden zum Einsatz. Insgesamt gibt der Band einen Einblick in das breite Spektrum an Objektbereichen und Anwendungsfeldern der (germanistischen) Variationspragmatik. Er leistet somit einen fundierten Beitrag zur empirischen Untersuchung pragmatischer Variation sowie zur Methodologie- und Theoriebildung der Variationspragmatik. www.narr.de 8 Stumpf / Merten / Kabatnik / Zollner (Hrsg.) Variationspragmatik Sören Stumpf / Marie-Luis Merten / Susanne Kabatnik / Sebastian Zollner (Hrsg.) Variationspragmatik Regionale Vielfalt und situative Unterschiede im Sprachgebrauch 8
