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Gemeinschaftsbasiertes Übersetzen im Internet

Praxen, Vorstellungen, Technik

1013
2025
978-3-381-13542-4
978-3-381-13541-7
Gunter Narr Verlag 
Regina Rogl
10.24053/9783381135424

Ausgehend von einer virtuellen Ethnographie untersucht Regina Rogl Online-Übersetzung als Alltags-, Freizeit- und Unterhaltungsaktivität. Am Beispiel einer Übersetzungscommunity beleuchtet sie gemeinschaftsbasiertes Übersetzen auf virtuellen Plattformen - eine technologievermittelte Form partizipativer Peer-Produktion, die von den einzigartigen Übersetzungskonzepten engagierter Amateur:innen geprägt ist. Die Studie untersucht das enge Zusammenspiel von Handeln, Vorstellungen und Technik, und fragt: Wie gestalten die Mitglieder der Community ihre Übersetzungspraxen zwischen Arbeit, Pflicht, Spaß und Spiel? Welche Vorstellungen von Übersetzung und Gemeinschaft prägen ihre Aktivitäten? Und welche soziale Rolle entfaltet Technik hier? Das Buch zeichnet ein vielschichtiges Bild der soziotechnischen Handlungsräume, die die Community für sich geschaffen hat.

9783381135424/9783381135424.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-381-13541-7 Ausgehend von einer virtuellen Ethnographie untersucht Regina Rogl Online-Übersetzung als Alltags-, Freizeit- und Unterhaltungsaktivität. Am Beispiel einer Übersetzungscommunity beleuchtet sie gemeinschaftsbasiertes Übersetzen auf virtuellen Plattformen - eine technologievermittelte Form partizipativer Peer-Produktion, die von den einzigartigen Übersetzungskonzepten engagierter Amateur: innen geprägt ist. Die Studie untersucht das enge Zusammenspiel von Handeln, Vorstellungen und Technik, und fragt: Wie gestalten die Mitglieder der Community ihre Übersetzungspraxen zwischen Arbeit, Pflicht, Spaß und Spiel? Welche Vorstellungen von Übersetzung und Gemeinschaft prägen ihre Aktivitäten? Und welche soziale Rolle entfaltet Technik hier? Das Buch zeichnet ein vielschichtiges Bild der soziotechnischen Handlungsräume, die die Community für sich geschaffen hat. TW 18 Rogl GEMEINSCHAFTSBASIERTES ÜBERSETZEN IM INTERNET TRANSLATIONSWISSENSCHAFT BAND 18 GEMEINSCHAFTS- BASIERTES ÜBERSETZEN IM INTERNET Praxen, Vorstellungen, Technik Regina Rogl <?page no="1"?> Gemeinschaftsbasiertes Übersetzen im Internet <?page no="2"?> TRANSLATIONSWISSENSCHAFT · BAND 18 herausgegeben von Klaus Kaindl und Franz Pöchhacker (Universität Wien) Gyde Hansen (Kopenhagen) Christiane Nord ( ) Hanna Risku ( ) Christina Schäffner (Birmingham) Robin Setton (Paris) <?page no="3"?> Regina Rogl Gemeinschaftsbasiertes Übersetzen im Internet Praxen, Vorstellungen, Technik <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381135424 © 2025 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Überset‐ zungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 1614-5909 ISBN 978-3-381-13541-7 (Print) ISBN 978-3-381-13542-4 (ePDF) ISBN 978-3-381-13543-1 (ePub) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 11 1 13 1.1 14 1.2 18 1.3 20 1.4 22 1.5 24 1.5.1 25 1.5.2 25 1.5.3 26 1.5.4 27 1.5.5 28 2 35 2.1 35 2.2 38 2.2.1 38 2.2.2 41 2.2.3 44 2.2.4 47 Inhalt Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hintergrund der Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ziele der Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Theoretischer Zugang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Methodisches Vorgehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Relevanz für aktuelle -translationswissenschaftliche Forschungsperspektiven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vom Produkt zu Prozess, Akteur: innen und Kontext . . Von Individuen zu translatorischen Gefügen und Netzwerken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die zunehmende Berücksichtigung von Artefakten . . . Von schriftlichem Text zu multimedialen Inhalten . . . . Von beruflicher zu außerberuflicher Translation . . . . . Die Erforschung translatorischer Online-Communities . . . . . . . . . . . . . . . Der Weg zu einem neuen Forschungsbereich . . . . . . . . . . . . . . Die Suche nach Bezeichnungen und Konzeptualisierungsmöglichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ‚Crowdsourcing‘: vom Hype zum Randphänomen . . . . ‚Volunteer translation‘: ein Fokus auf Fragen der Bezahlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ‚Community Translation‘ und translatorische Netzwerke: Übersetzen in spezifischen Gemeinschaftsformen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ‚User-generated‘ und ‚participatory‘: ‚Prosumerism‘ und neue Nutzer: innen-Kulturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 2.2.5 53 2.2.6 59 2.3 62 2.3.1 63 2.3.2 64 2.3.3 68 2.3.4 71 2.3.5 81 3 83 3.1 84 3.1.1 85 3.1.2 89 3.1.3 93 3.1.4 102 3.2 105 3.2.1 106 3.2.2 109 3.2.3 112 3.2.4 119 3.2.5 124 3.2.6 129 3.3 130 3.3.1 132 3.3.2 140 3.3.3 154 3.3.4 164 3.3.5 165 ‚Collaborative translation‘: die Gemeinschaftlichkeit übersetzerischer Praxen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begriffsverwendung in dieser Untersuchung . . . . . . . . Soziologische Perspektiven auf Übersetzungscommunities im Web . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Profile außerberuflicher Übersetzer: innen im Internet Vorstellungen und Sinnkonstruktionen rund um Übersetzen in Online-Communities . . . . . . . . . . . . . . . . Handeln und Handlungsspielräume von Übersetzer: innen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Online-Übersetzungscommunities als soziotechnische Gefüge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ausgangspunkt dieser Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . Techniksoziologische Grundlegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zentrale Fragen der Technikforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Technikfolgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Technikentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Techniknutzung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mithandeln von Techniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft Technikdeterministische Perspektiven in der Translationswissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sozialkonstruktivistische Zugänge in der Translationswissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konzeptualisierung von Techniknutzung in der Translationswissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Technische Agency in der Translationswissenschaft . . Kritische Theorie der Technik in der Translationswissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anknüpfungspunkte für diese Untersuchung . . . . . . . . Technografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zentrale Einflüsse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Praxen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Techniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Relevanz der technografischen Perspektive für diese Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Methodische Konsequenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> 4 169 4.1 170 4.2 174 4.3 178 4.3.1 180 4.3.2 184 4.3.3 186 5 189 5.1 189 5.2 192 5.3 194 5.4 199 5.5 202 5.6 205 5.7 216 5.7.1 217 5.7.2 218 5.8 226 5.8.1 226 5.8.2 229 5.8.3 230 5.8.4 231 5.8.5 233 5.8.6 233 6 235 6.1 235 6.2 246 6.2.1 249 6.2.2 260 6.2.3 263 Virtuelle Ethnografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entwicklung der ethnografischen Internetforschung . . . . . . . Online-Ethnografie in der Translationswissenschaft . . . . . . . . Grundprinzipien der virtuellen Ethnografie . . . . . . . . . . . . . . . Embeddedness: die Einbettung von Online-Technologien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Embodiment: die Verkörperung von Online-Technologien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Everydayness: die Alltäglichkeit von Online-Technologien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Durchführung der Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Translaville . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begründung der Fallauswahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Feldzugang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beobachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Online-Kommunikation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Interviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Datenauswertung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Datenarchivierung und -aufbereitung . . . . . . . . . . . . . . Qualitative Inhaltsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Forschungsethische Überlegungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ethische Fragen der Fall- und Teilnehmer: innenauswahl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Offene/ verdeckte Beobachtung im öffentlichen/ privaten Raum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Informed Consent . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Privatsphäre und Vertraulichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . Möglichkeit zum Rückzug aus der Studie . . . . . . . . . . . Datensicherheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Praxen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mitglied werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Übersetzen und übersetzt werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Übersetzungsanfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Übersetzen von regulären Übersetzungsanfragen . . . . Übersetzen der Plattformneuigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="8"?> 6.2.4 264 6.2.5 269 6.2.6 270 6.3 276 6.3.1 277 6.3.2 279 6.3.3 285 6.4 292 6.4.1 293 6.4.2 298 6.4.3 301 6.4.4 302 6.5 303 7 307 7.1 308 7.1.1 308 7.1.2 315 7.1.3 333 7.2 341 7.2.1 342 7.2.2 357 7.3 370 8 375 8.1 376 8.2 383 8.3 387 8.3.1 388 8.3.2 388 8.3.3 393 8.4 397 8.5 406 Übersetzen der Online-Umgebung von Translaville . . . Korrekturleseaufträge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Übersetzungsprojekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere übersetzungsrelevante Praxen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hilfsmittel sammeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Übersetzungspunkte sammeln und spenden . . . . . . . . . Evaluieren von Übersetzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Praxen des Austauschs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommentare zu Übersetzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Austausch im Forum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Senden von privaten Nachrichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . Interaktion im Chat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zwischenfazit: Praxen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen . . . . . . . . . . . . . . . Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einstellungen in Bezug auf die Rolle von Übersetzung Vorstellungen vom Übersetzungsprozess . . . . . . . . . . . . Erwartungen an Übersetzungsprodukte . . . . . . . . . . . . . Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen . . . . . Nutzer: innen-Motivationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erwartungen in Bezug auf das Verhalten in der Community . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zwischenfazit: Vorstellungen und Sinnzuschreibungen . . . . . Techniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Technisiertes und/ oder nicht-technisiertes Handeln . . . . . . . . Wann tritt Medialität in den Vordergrund? . . . . . . . . . . . . . . . . Wirkungen von Zeichentechniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dateneingabe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Speichern und Repräsentation von Inhalten . . . . . . . . . Automatisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Handlungsfähigkeit und Handlungsspielräume . . . . . . . . . . . . Zwischenfazit: Techniken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="9"?> 9 411 9.1 411 9.2 413 9.3 415 9.4 416 9.5 417 9.6 418 9.7 419 9.8 421 9.9 422 9.10 424 9.11 424 9.12 425 10 427 435 469 A.1 469 A.2 471 A.3 472 A.4 473 A.5 474 475 Schlussfolgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Verteiltheit der Übersetzungspraxen auf verschiedene Handlungsträger: innen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Verteiltheit der Übersetzungspraxen auf verschiedene Handlungsakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Verteiltheit der Übersetzungspraxen auf verschiedene Handlungsmedien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fragen soziotechnischer Agency . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Rolle von Vorstellungen und Sinnkonstruktionen . . . . . . Die Bedeutung des Übersetzens für die Nutzer: innen . . . . . . . Vorstellungen vom Übersetzen und von der Community . . . . Die Einschreibung von Vorstellungen in technische Strukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die soziale Wirksamkeit technischer Strukturen . . . . . . . . . . . Die Kontingenz technischer Projekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Techniken als Projektionsflächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Historizität translatorischer Online-Phänomene . . . . . . . . Relevanz der Erkenntnisse und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bibliografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anfrageformular für reguläre Übersetzungen . . . . . . . . . . . . . Liste aktueller Übersetzungsanfragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eingabeformular für reguläre Übersetzungen . . . . . . . . . . . . . . Übersetzung von Plattforminhalten im Wiki-Format . . . . . . . Längenentsprechungen Ausgangstext-Zieltext . . . . . . . . . . . . Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 9 <?page no="11"?> Danksagung Ich möchte mich an dieser Stelle von Herzen bei allen Menschen bedanken, die mir während der Arbeit an meiner Dissertation und später an diesem Buch zur Seite gestanden sind. Diese Arbeit wäre nicht möglich gewesen ohne die Mitglieder von Transla‐ ville, die mich mit unerwarteter Offenheit und großer Neugierde aufgenommen haben und mir faszinierende Einblicke in ihre Leidenschaft für Sprache(n) gewährt haben. Ich danke besonders meinen Interviewpartner: innen dafür, dass sie sich Zeit genommen haben, ihre Erfahrungen und Eindrücke mit mir zu teilen. Danke für das Vertrauen in dieses Projekt und dafür, dass ich von euch lernen durfte! Mein besonderer Dank gilt auch Hanna Risku für ihre Unterstützung und Begleitung in allen Aspekten dieser Arbeit und weit darüber hinaus. Bedanken möchte ich mich außerdem bei meinen lieben Kolleg: innen in Wien und Graz - für die große moralische Unterstützung über die Jahre hinweg und für die vielen kleinen, aber essenziellen Beiträge zu dieser Forschungs‐ arbeit in der Form von wertvollen Gesprächen, Ideen und Ratschlägen. Ein besonderes Dankeschön gilt Daniela Schlager und Antonia Baumann für ihre konstruktiven Anmerkungen zum ersten Manuskript und ihre Unterstützung bei der Endredaktion dieser Arbeit - sowie Cornelia Truppe für die große Hilfe bei der Extraktion und Aufbereitung der empirischen Daten für dieses Forschungsvorhaben. Danke sagen möchte ich nicht zuletzt auch meiner Familie, insbesondere meinen Eltern, für den emotionalen Rückhalt, sowie meinen wunderbaren Freund: innen, dafür, dass sie in diesen Jahren immer für mich da waren. Danke von Herzen, Rainer, dass du mich auch auf dieser Reise begleitet hast. <?page no="13"?> 1 Für eine systematische Auseinandersetzung mit Fragen der Autorisierung von Trans‐ lator: innen siehe Grbić (2020). 1 Einleitung Dank der technischen Möglichkeiten im Internet stehen Nutzer: innen vielfältige Optionen offen, um digitale Medieninhalte zu konsumieren, zu gestalten, zu kommentieren, und diese über globale Verbreitungskanäle selbst zu veröffent‐ lichen bzw. weiterzugeben. So sind auch in virtuellen Communities organisierte Fan- und Amateurkulturen und andere Formen partizipativer kultureller Pro‐ duktion entstanden. Dieses oft als ‚Prosumerism‘ (z. B. Bruns 2009) bezeichnete Phänomen erstreckt sich auch auf den Bereich des Übersetzens und stellt diesen nunmehr in neue Zusammenhänge (Cronin 2010: 4 f.): Auf Online-Plattformen veröffentlichen Übersetzer: innen ihre Zieltexte nicht primär deshalb, weil sie im Zuge einer Beauftragung dazu ‚autorisiert‘ 1 werden. Vielmehr sind es oft die Nutzer: innen selbst, also Fans, Aktivist: innen und Sprachliebhaber: in‐ nen, die Übersetzungsprozesse initiieren. Die klassischen ‚Rollen‘ in einem Übersetzungsgefüge - wer verfasst den Ausgangstext, wer beauftragt eine Übersetzung, wer gestaltet den Zieltext, wer nutzt das Ergebnis? - sind fluider, weniger trennscharf und zuweilen auch austauschbar geworden. Übersetzung ist seit jeher ein mächtiges Werkzeug zur Verbreitung von Ideen und für den Austausch von Wissen. Seit Aufkommen des Web 2.0 ist allerdings allen auch ein potenziell globaler Verbreitungskanal für eigene Inhalte an die Hand gegeben, über den diese Inhalte - nach deren Übersetzung - auch weltweit konsumiert werden können. Übersetzungsaktivitäten erfolgen in diesem Kontext selten auf ausschließlich individueller Basis. Häufig finden sie in unterschiedlich eng organisierten Online-Gemeinschaften, -Gruppen oder -Netzwerken statt, die nicht nur Raum und Austauschmöglichkeit für diese translatorischen Praxen bieten, sondern diesen gleichzeitig auch Vorschub leisten. Als wesentlicher Teil multimedialer Gestaltungs- und Verbreitungsprozesse ist Übersetzen für viele Internetnutzer: innen in solchen Kontexten eine zugleich sinnvolle und unterhaltsame Freizeitbeschäftigung, die eine wesentliche Rolle in ihren All‐ tagspraxen spielt. <?page no="14"?> 2 Dies zeigt sich beispielswiese darin, dass Fanversionen mitunter stärker ausgangstext‐ orientiert sind als kommerzielle Untertitel, vgl. z. B. Bruti und Zanotti (2016). 1.1 Hintergrund der Studie Viele Communities, in denen sich außerberufliche Translator: innen engagieren, werden zur Übersetzung einer bestimmten Art von Material betrieben, wie beispielsweise fanbasierte (z. B. Orrego-Carmona und Lee 2017a), humanitäre (z. B. Munro 2010; Kageura et al. 2011; Rogl 2017) oder (informations-)aktivi‐ stische Übersetzungscommunities (Salzberg 2008; Baker 2013; Pérez-González 2014a, 2016; Jones 2018a, 2018b, 2019b). Die Handlungslogiken und Anforde‐ rungen in diesen spezifischen Einsatzbereichen scheinen maßgeblich dafür zu sein, wie die konkreten Übersetzungspraxen dort gestaltet werden und welche Erwartungen an sie angelegt werden: So hat sich etwa gezeigt, dass ehrenamtliche Translation im humanitären Bereich in der Regel rund um die zentrale Frage organisiert ist, wie den Erfordernissen der Krisenkommunikation bestmöglich Rechnung getragen werden kann; in ethischen Fragen werden die moralischen Maßstäbe der humanitären Hilfe priorisiert (vgl. z. B. Bulut und Kurultay 2001). Auf ähnliche Weise steht in Fansubbing-Communities ein geteiltes Interesse an einem bestimmten kulturellen Produkt im Zentrum der Aktivitäten; die gemeinsamen Zuschreibungen der Fans an dieses Produkt sind dann auch oft maßgebend für die gewählten Übersetzungsstrategien. 2 In Bezug auf informationsaktivistische Übersetzungscommunities zeigt etwa das Beispiel Wikipedia, dass Wikipedia-Übersetzer: innen die in bestimmten Wikipedia-Subgruppen vereinbarten Vorgaben zum Übersetzen als weniger wichtig erachten als plattformübergreifende Textbearbeitungsstandards und Verhaltensregeln (Góngora-Goloubintseff 2021: 225). Somit zeigt sich auch hier, dass die Gestaltung der Übersetzungspraxen in Communities mit einer spezifischen inhaltlichen Ausrichtung meist nicht vorrangig auf der Basis übersetzungsbezogener Überlegungen erfolgt. Es gibt jedoch auch Übersetzungscommunities ohne ein solches gemeinsames Interesse an einem spezifischen Thema oder Textmaterial - Gruppen, in denen die von den Nutzer: innen vorgeschlagenen, bearbeiteten und verbreiteten Übersetzungen auch nicht primär zur systematischen Deckung eines Bedarfs in einem bestimmten Bereich gedacht sind. Mehr als das übersetzerische Produkt mag bei diesen Gruppen der Prozess bzw. die Praxis des gemeinschaftlichen Übersetzens an sich im Mittelpunkt zu stehen. Viele Internetnutzer: innen scheinen sich in solchen Gemeinschaften zu engagieren, um um des Übersetzens willen zu übersetzen, und weil Übersetzen in ihrem Alltag auch als sozial verbindender Tätigkeit eine besondere Bedeutung zukommt (zu Übersetzen „as 14 1 Einleitung <?page no="15"?> a social activity“, vgl. O’Hagan 2011b). Zwar hat in der Übersetzungsforschung in jüngerer Zeit das Interesse an Übersetzung im Web als Alltags-, Freizeit- oder sogar Unterhaltungsaktivität zugenommen (vgl. beispielsweise O’Hagan 2012b). Gerade über diesen eher spezifischen Community-Typ wissen wir allerdings immer noch relativ wenig. Weitgehend offen ist bislang etwa, wie Mitglieder solcher Gruppen Übersetzung wahrnehmen, was ihre gemeinschaftlichen Über‐ setzungspraxen für sie bedeuten, warum von ihnen Übersetzungen initiiert werden (und welche), und wie sie ihre übersetzerischen Praxen gestalten. Von besonderem Interesse können diese Fragen dann sein, wenn es sich um selbstorganisierte Communities handelt. Immerhin werden Übersetzungs- oder Gemeinschaftskonzepte sowie Fragen der Rollenverteilung oder Zuständigkei‐ ten in solchen „Bottom-up“-Übersetzungsinitiativen (O’Hagan 2016: 937) nicht von einer zentralen, beauftragenden Instanz vorgegeben. Stattdessen unterlie‐ gen sie meist anhaltenden Austauschprozessen in der Gruppe und werden so auch für Forscher: innen in situ beobachtbar. Hier setzt diese Forschungsarbeit an und nimmt sich die Praxis gemeinschaftlichen Übersetzens auf einer virtuellen Plattform genau dieser Ausrichtung zum Gegenstand. Gemeinschaftsbasiertes Übersetzen in Online-Communities zeichnet sich au‐ ßerdem dadurch aus, dass es sich dabei um eine durchwegs technologievermit‐ telte Form übersetzerischer Praxis handelt. Online-Übersetzungscommunities sind in der Regel über virtuelle Umgebungen organisiert, die entweder auf Platt‐ formmodellen von externen Anbieter: innen oder - in eher seltenen Fällen - auf von Community-Mitgliedern selbst entwickelten Web-Oberflächen und Bedien‐ elementen basieren. Ohne solche technischen Infrastrukturen wäre Übersetzen in der Community nicht möglich: Sie liefern die technischen Voraussetzungen für das Hochladen, Bearbeiten, Übersetzen, Revidieren und Veröffentlichen von Texten. Sogar die Ausgangs- und Zieltexte werden ausschließlich über ihre Einbettung in ein digitales Trägermedium rezipierbar und verarbeitbar. Die Mit‐ glieder solcher Communities können ihre gemeinsamen Übersetzungspraxen also nur über die auf ihren Online-Plattformen implementierten Übersetzungs‐ interfaces, Textfelder, Auswahlmenüs, Chats oder Forenseiten erfahren und realisieren. Allerdings liefert Technologie in Online-Übersetzungscommunities nicht nur eine Umgebung für die praktische Arbeit an Übersetzungen. Digitale Artefakte ermöglichen außerdem (a-)synchrone und ortsunabhängige Formen der Interaktion und halten Übersetzungscommunities somit auch sozial zusam‐ men. In Bezug auf berufliche Übersetzung hat man sich in der Translationswis‐ senschaft gerade in den letzten Jahren intensiv mit der Frage beschäftigt, auf welche Weise Technologie in konkreten Arbeitszusammenhängen wirksam 1.1 Hintergrund der Studie 15 <?page no="16"?> 3 Die Verwendung des Plurals ‚Techniken‘ in dieser Untersuchung erfolgt in Anlehnung an Rammert (2015: 5) und soll die Vielgestaltigkeit, Situiertheit und Prozesshaftigkeit von Techniken betonen. Näher ausgeführt wird dies in Kap.-3.1.2. wird, wie Techniken 3 zu einer Neustrukturierung von Übersetzungspraxen beitragen können und welche mehr oder weniger intendierten Folgen sie nach sich ziehen können (vgl. Olohan 2011, 2017b, 2020; Koskinen und Ruo‐ konen 2017; Ruokonen und Koskinen 2017; Sakamoto 2019, 2021; Sakamoto und Yamada 2020; Haapaniemi 2023; sowie Kap. 3.2). Bedenkt man, dass die Übersetzungspraxen in (außerberuflichen) Online-Communities - wie oben dargestellt wurde - durchwegs technologievermittelt sind, so erscheint es erstaunlich, dass in Bezug auf diesen Gegenstand Fragen der Technologie bzw. der technischen Agency (vgl. z. B. Olohan 2011; Ruokonen und Koskinen 2017 sowie Kap. 3.2.4) noch nicht systematischer - und auch vermehrt empirisch - untersucht wurden: Die zentrale Rolle von Techniken in Online-Übersetzungs‐ communities wurde bislang entweder vorrangig auf konzeptueller Ebene, oder in empirischen Studien als ein Aspekt unter vielen (vgl. z. B. H.-K. Lee 2011; Li 2015) behandelt. In letzteren lag das Augenmerk eher auf den Wahrnehmungen der Übersetzer: innen (vgl. z. B. Dombek 2014; Góngora-Goloubintseff 2021). Eine detaillierte Analyse der Softwareartefakte und Desktopoberflächen selbst war allerdings oft nicht Ziel der Forschungsvorhaben. Auch zeigt sich, dass die in vielen Studien verwendeten Technikkonzepte in erster Linie die Funktionalität oder Produktivität technischer Strukturen in den Blick nehmen (vgl. jedoch Li 2015). Technologie versteht man dabei (sicherlich auch beeinflusst durch die Prominenz beruflicher Perspektiven in der Translationswissenschaft) oft nach wie vor primär als Hilfsmittel, das vieles erleichtert, für Nutzer: innen zuweilen aber auch hinderlich werden kann. Góngora-Goloubintseffs (2021) praxeologische Studie zu den Übersetzungs‐ praxen auf Wikipedia ist eine der wenigen empirischen Untersuchungen zu der Frage, wie Techniken zu einer Umstrukturierung übersetzerischer Praxen im Web 2.0 beitragen. Der Fokus der Untersuchung lag dabei primär auf den Wahrnehmungen und Nutzungserfahrungen von Wikipedia-Beitragenden. Dadurch rückten vor allem jene Themen in den Vordergrund, die in den untersuchten Onlinebeiträgen und Interviews explizit angesprochen wurden. Diejenigen technischen Elemente oder Prozesse, die von den Nutzer: innen als ‚nicht weiter disruptiv‘ wahrgenommen wurden (z. B. alltäglich wahrge‐ nommene, bestehende, funktionierende Technologien), fanden dadurch nicht Eingang in die Analyse. Vor dem Hintergrund der aktuellen Umwälzungen im Zusammenhang mit künstliche-Intelligenz-basierten Systemen interessierte sich Góngora-Goloubintseff (2021) in seiner Studie insbesondere für jene Tech‐ 16 1 Einleitung <?page no="17"?> 4 Zur Frage der Handlungsfähigkeit von Menschen und Techniken siehe auch Kap. 3.1.4, Kap.-3.2.4 sowie Kap.-3.3.2.4. niken, die einer Automatisierung übersetzerischer Teilpraxen dienen (z. B. Bots). Für die Diskussion der Auswirkungen von Technologie auf die Gestaltung von Übersetzungspraxen wurden hier also Techniken herangezogen, die sich durch einen besonders hohen Grad an Autonomie auszeichnen. Man könnte allerdings auch die Frage stellen, ob nicht auch weniger komplexe Techniken, wie etwa Textfelder bzw. Editiermöglichkeiten, Auswahlmenüs oder Bestätigungsfelder darauf Einfluss haben, wie Übersetzungspraxen letztlich gestaltet werden. Eine solche systematische Mikroanalyse der gesamten Bandbreite technischer Ele‐ mente, die in den Übersetzungsumgebungen außerberuflicher Communities auf unterschiedliche Art und Weise wirksam werden können, fehlt bislang. Diese Forschungsarbeit soll eine solche Untersuchung liefern und zeigen, welche Rolle im soziotechnischen Handlungsgefüge einer Online-Übersetzungscommunity sogar ‚einfachste‘ Software-Elemente, die lediglich eine einzelne Funktion erfüllen (z. B. Bestätigung einer Warnmeldung), spielen können. Ein Blick in die Science and Technology Studies zeigt eine Reihe von Perspektiven auf, deren Anwendung auf die translationswissenschaftliche Be‐ trachtung technologievermittelter Übersetzungspraxen lohnend erscheint, um ein differenzierteres Bild auf die Rollen und Bedeutungen von Techniken in Online-Übersetzungscommunities zu entwickeln. Dieser Untersuchung werden daher folgende Erkenntnisse zugrunde gelegt: Technikdeterministische Perspektiven stellen Technikfolgen als unaufhalt‐ samen Selbstläufer dar; sie sehen in ihrer kausalen Universaldeutung Technik als Motor sozialen Wandels - soziale, wirtschaftliche oder politische Faktoren hingegen nur als Konsequenzen; und sie stellen sich bei einem Blick auf die Mikroebene sozialer Phänomene oft als empirisch nicht wirklich haltbar heraus (vgl. Kap. 3.1.1 sowie 3.2.1). Hier wird daher darauf geachtet, technikdetermi‐ nistische Zuschreibungen und eine künstliche Entkoppelung oder Polarisierung technischer und sozialer Einflussfaktoren zu vermeiden. Die untersuchte On‐ line-Übersetzungscommunity wird als ein komplexes soziotechnisches Hand‐ lungsgefüge konzeptualisiert. Dementsprechend wird davon ausgegangen, dass Agency in diesem Gefüge auf eine Vielzahl menschlicher und nicht-menschli‐ cher Instanzen verteilt ist - und sowohl Menschen wie auch Techniken je nach situativem Kontext über unterschiedlich vielfältige (oder eingeschränkte) Handlungsressourcen 4 verfügen können. Techniken können für Nutzer: innen neben der erwähnten instrumentellen Ebene auf vielfältige Weise auch soziale und kulturelle Projektionsflächen 1.1 Hintergrund der Studie 17 <?page no="18"?> sein (vgl. Kap. 3.1.3). Sie können Mittel sozialer Kontrolle oder Statussymbole sein; sie sind für viele Menschen Ausdruck individueller oder kollektiver Identitätsstiftungs- oder Gruppenzugehörigkeitsprozesse; und sie werden mit verschiedenen emotionalen und ästhetischen Zuschreibungen besetzt. In dieser Untersuchung soll also nicht nur der Frage nach den Wirkungsweisen von Techniken nachgegangen werden, sondern auch untersucht werden, mit wel‐ chen „symbolisch-kommunikativen“ Bedeutungen (Braun-Thürmann 2006: 215) diese im Zuge konkreter gemeinschaftlicher Übersetzungspraxen besetzt wer‐ den (vgl. Kap.-3.3.2.2). Techniken sind keine vollendeten Tatsachen, auf die menschliche Nutzer: in‐ nen lediglich reagieren. Stattdessen handelt es sich dabei um durch und durch soziale Erzeugnisse, auf deren Ausgestaltung und Anpassung verschiedene Interessensgruppen einwirken. In Techniken werden bei ihrer Entwicklung auch soziale Agenden eingeschrieben (vgl. Kap. 3.1.2 sowie 3.2.2), was etwa zur Privilegierung oder Benachteiligung gewisser Nutzer: innen-Gruppen führen kann. Um solche Einschreibungsprozesse nachvollziehen zu können, wird in dieser Studie ein Übersetzer: innenkollektiv untersucht, das auf einer von den Community-Mitgliedern selbstentwickelten technischen Plattform aktiv ist. Somit kann der Frage nachgegangen werden, welche Folgen es hat, dass in die Techniken bei deren Design gewisse Handlungsprogramme (und somit auch Handlungsagenden) eingeschrieben werden können. Was bedeutet es, dass Techniken von einzelnen, privilegierten Akteur: innen verändert werden können, ansonsten aber relativ robust sind? Schließlich konnten die Science and Technology Studies zeigen, dass sich auch die Rolle von Techniknutzer: innen nicht auf das bloße Ausführen eines von Techniken vorgegebenen Handlungsprogramms reduzieren lässt (vgl. Kap. 3.1.3 und 3.2.3). Techniken funktionieren nicht immer ausschließlich so, wie ihre Entwickler: innen dies ursprünglich vorgesehen haben - und Nutzer: innen entwickeln durchaus von den Entwickler: innen nicht intendierte, kreative und widerständige Nutzungsformen. 1.2 Ziele der Studie Ausgehend von den zuvor skizzierten Forschungsinteressen und Anknüpfungs‐ punkten richtet sich der Fokus dieser Forschungsarbeit auf die Frage, wie technische Strukturen und soziale Praxen in der gemeinschaftsbasierten On‐ line-Übersetzung miteinander verwoben sind. Im Zentrum steht dabei die Frage, auf welche Weise in den Übersetzungspraxen, die in der Online-Community realisiert werden, Handeln, Vorstellungen und Techniken miteinander verwo‐ 18 1 Einleitung <?page no="19"?> ben sind und welchen Einfluss dies auf Fragen der übersetzerischen Agency hat. Daraus lassen sich eine Reihe von Subfragen in Bezug auf (1) Handeln, (2) Vorstellungen bzw. Sinnzuschreibungen sowie (3) Techniken ableiten, die dieses Buch beantworten soll. 1. Handeln: Inwieweit ist übersetzerische Agency in der untersuchten Com‐ munity auf mehrere Handlungsakte, Handlungsträger: innen und Hand‐ lungsmedien verteilt? Welche unterschiedlichen übersetzerischen Praxen werden in der Community entwickelt und realisiert, und welche weiteren Aktivitäten sind für die Nutzer: innen wesentlicher Teil ihrer gemeinschaft‐ lichen Praxen? Wer oder was ist in welche Aspekte des Übersetzens eingebunden und hat in diesem Kontext wie große Handlungsfähigkeit? Inwieweit und unter welchen Bedingungen wird auch davon gebraucht gemacht? Wer erhält überhaupt Zugang zu den verschiedenen (Teil-)Pra‐ xen des Übersetzens und wie wird dieser Zugang dabei sozial verhandelt und/ oder technisch durchgesetzt? Welches Verhältnis besteht zwischen individuellem und gemeinschaftlichem übersetzerischen Handeln? 2. Vorstellungen und Sinnkonstruktionen: Wie konstruieren die Mitglie‐ der der untersuchten Übersetzungscommunity ihre Übersetzungsaktivi‐ täten? Was bedeutet Übersetzen für sie und welche Rolle spielt es in ihrem Alltag? Was sind ihre Beweggründe? Welche Prioritäten formulie‐ ren die Nutzer: innen in Bezug auf übersetzerische Prozesse und deren Organisation? Welche Vorstellungen und Kriterien legen die Mitglieder an fertige Übersetzungen an und welche Erwartungen stellen sie an andere Nutzer: innen? Wie werden manche dieser Vorstellungen mit Techniken verknüpft bzw. in diese eingeschrieben und inwiefern trägt dies zu einer Fixierung und Perpetuierung solcher Sinnzuschreibungen bei? 3. Techniken: Welche Teilpraxen des Übersetzens werden auf mehr oder weniger technisierte Weise umgesetzt oder von den Nutzer: innen selbst als technisch bzw. nicht-technisch wahrgenommen und beschrieben? Gibt es Diskrepanzen zwischen Wahrnehmungen bzw. Zuschreibungen von Technisierung und der tatsächlichen Verteilung des Handelns auf stärker oder weniger stark technisierte Formen des Übersetzens? Unter welchen Umständen wird relevant, ob Handlungen primär über körperli‐ che Bewegungen, physische Objekte oder zeichenhafte Artefakte (z. B. Softwarestrukturen) realisiert werden? Welche kulturellen und sozialen Bedeutungen transportieren Techniken in den konkreten Kontexten? Wie groß oder klein ist die Handlungsautonomie sowohl menschlicher als auch technischer Handlungsträger: innen in bestimmten Situationen? Wann und zu welchem Zweck wird darauf bewusst über die Gestaltung des 1.2 Ziele der Studie 19 <?page no="20"?> Plattformdesigns Einfluss genommen? Aus welchen Gründen verzichten Übersetzer: innen freiwillig auf Agency und treten diese an technische For‐ men ab, und wer hat überhaupt die Möglichkeit und den Einfluss, technisch eingeschränkte Handlungsoptionen zu umgehen bzw. neuzugestalten? Ziel ist es, über die Beantwortung dieser Fragen eine vielschichtige Perspektive auf die Verwobenheit von technischen Strukturen und sozialen Praxen in der untersuchten Online-Übersetzungscommunity zu erarbeiten. Die Studie soll damit vertiefende Einblicke in die Verteiltheit von Agency in einem heterogenen soziotechnischen Übersetzungsgefüge liefern und ein differenziertes Bild der sozialen, medialen und kulturellen Rolle von Plattformtechnologien in der außerberuflichen Online-Übersetzung zeichnen. 1.3 Theoretischer Zugang Als theoretische Grundlage für die Konzeptualisierung der Verwobenheit von Handeln, Vorstellungen und Techniken in der untersuchten Online-Überset‐ zungscommunity dient vor allem das rund um den Techniksoziologen Wer‐ ner Rammert entwickelte Forschungsprogramm der ‚Technografie‘ (vgl. z. B. Braun-Thürmann 2006; Rammert 2006, 2007, 2016; Rammert und Schubert 2006a; Schulz-Schaeffer und Rammert 2019). Dabei handelt es sich um einen mikrosoziologischen Zugang zur Untersuchung von „Technik in Aktion“ (Ram‐ mert 2007: 16). Das bedeutet zum einen, dass ein besonderes Augenmerk auf die empirische Untersuchung soziotechnischer Praxen in konkreten Situationen gelegt wird. Zum anderen kann der technografische Zugang auch angewandt werden, um das „Mithandeln von Techniken“ analytisch fassbar zu machen, also verstärkt auch solche Aktivitäten in den Blick zu nehmen, die „von den Tech‐ niken selbst ausgehen“ (Rammert 2007: 16). Technisches und Soziales werden dabei als untrennbar miteinander verwoben und wechselseitig ko-evolutionär verstanden (Rammert 2016: 61 ff.; vgl. dazu auch Kap.-3.3). Anders als in Technikkonzepten, die Technik mit Materialität gleichsetzen, versucht man mit der Technografie einen essentialistischen Technikbegriff zu vermeiden. Unter Techniken versteht man dabei jene Objekte oder Prozesse, die in bestimmte Trägermedien - Körper, physische Objekte oder Zeichensysteme - eingeschrieben sind (vgl. Kap. 3.3.2.3) und darin ‚technische Form‘ angenommen haben. ‚Technisch‘ ist dabei das, was eine fixierte, relativ dauerhafte Gestalt hat, dabei stets gleiche Wirkungen erzielt und ohne Abweichungen gewissen Handlungsprogrammen folgt (vgl. Kap. 3.3.3.3). Der Fokus technografischer Untersuchungen liegt allerdings nicht primär auf Fragen der Konzeptualisie‐ 20 1 Einleitung <?page no="21"?> rung von Techniken. Empirische Untersuchungen haben eher das Ziel, konkrete Praxen des Umgangs mit Technik in spezifischen Situationen und Kontexten zu beschreiben (Rammert 2016: -58). Zusätzlich zum Konzept der ‚Trägermedien‘, in die Praxen eingeschrieben sind, sowie dem der ‚Technisierung‘ von Praxen wird hier auch das von Rammert und Schulz-Schaeffer (2002) vorgeschlagene Konzept ‚gradualisierten Handelns‘ zur Anwendung gebracht. Dieses soll es ermöglichen, die Handlungsfähigkeit von sowohl menschlichen als auch nicht-menschlichen Akteur: innen symme‐ trisch - also auf derselben Beschreibungsebene - zu analysieren. Mit den von Rammert und Schulz-Schaeffer (2002) ausformulierten Abstufungen in Bezug auf das Ausmaß von Handlungsfähigkeit lassen sich Fragen der soziotechni‐ schen Agency beim Übersetzen differenzierter besprechen als etwa auf der Basis der für die Untersuchung ähnlicher Fragestellungen häufig herangezogene Akteur-Netzwerk-Theorie (vgl. Kap. 3.1.4). Immerhin werden bei Anwendung des Zugangs von Rammert und Schulz-Schaeffer (2002) beispielsweise die Wirkungen von Elementen mit einer einzelnen, vorgegebenen Funktion und das Handeln von semibzw. vollautonomen Systemen (die vielleicht sogar in der Lage sind, selbst Handlungsoptionen zu entwerfen) nicht automatisch gleich behandelt. Dieselben Abstufungen hinsichtlich Fragen der Handlungsfä‐ higkeit werden in technografischen Studien allerdings auch auf menschliche Akteur: innen angewandt. Auch bei diesen geht man davon aus, dass ihre Handlungsautonomie nicht in allen Situationen immer gleich groß ist. Im Zentrum steht schließlich das Konzept der Verteiltheit von Agency. Dabei wird davon ausgegangen, dass Handeln und Handlungsfähigkeit in soziotechni‐ schen Gefügen auf verschiedene Handlungsakte, mehrere Akteur: innen und vor allem auch verschiedenartige Medien für Handlungen (also menschliche Körper, physische Objekte, Zeichensysteme) verteilt sind. Damit wird ein Instrumenta‐ rium zur Verfügung gestellt, mit dem nachvollzogen werden kann, inwieweit heterogene Handlungstragende in einem komplexen soziotechnischen Gefüge miteinander in Beziehung treten, wie sie aufeinander einwirken und über „[w]ie viel Widerständigkeit, Flexibilität und Eigensinnigkeit“ (Rammert 2016: 166) sie jeweils verfügen. Während Rammert in seiner theoretischen Ausarbeitung des Zugangs der Technografie und insbesondere in der Formulierung der oben vorgestellten Konzepte sowohl auf praxisals auch handlungstheoretische Zugänge zurück‐ greift (vgl. Kap. 3.3.2.1), legt er, wenn er selbst von Praxen spricht bzw. diese untersucht, den Fokus eher auf die Ebene beobachtbarer Handlungen. Dennoch betont er, es sei für technografische Studien von zentraler Bedeutung, dass sie ein Gleichgewicht zwischen der Beschreibung des praktischen Umgangs mit 1.3 Theoretischer Zugang 21 <?page no="22"?> Techniken und dem deutenden Umgang mit ihnen finden (Rammert 2007: 15). Immerhin seien Erwartungen und Wissensbestände ebenso an der Schaffung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt wie technische Artefakte, Zeichensys‐ teme, Natur und Körper (Rammert 2016: 47). Da in dieser Untersuchung gerade Vorstellungen und Sinnzuschreibungen als zentrale analytische Ebene in den Blick genommen werden, wird dort, wo Rammert in seinem Zugang weniger ins Detail geht, ergänzend auch Anleihe in praxistheoretischen Konzeptualisie‐ rungen genommen (vgl. Kap.-3.3.2.2). 1.4 Methodisches Vorgehen Konkret untersucht wurde eine Online-Community außerberuflicher Überset‐ zer: innen, für die hier das Pseudonym Translaville verwendet wird. Die Gruppe wurde 2005 von einem Software-Entwickler als Hobbyprojekt gegründet und dient den Mitgliedern zum Austausch von Übersetzungen. Translaville ist über eine selbstentwickelte Online-Plattform organisiert, auf der sich Internetnut‐ zer: innen ohne Einschränkungen registrieren können und damit Zugang zu den Gruppenaktivitäten erhalten. Mit wenigen Ausnahmen geben die meisten Nutzer: innen an, in ihrem beruflichen Leben nicht als Übersetzer: in zu arbeiten. Auf Translaville können nur Gruppenmitglieder, die auch selbst übersetzen, Übersetzungen von eigenen Ausgangstexten anfordern. So soll eine gewisse Balance von ‚Geben und Nehmen‘ aufrechterhalten werden. Translaville ist damit so angelegt, dass für viele Nutzer: innen nicht das fertige Produkt - die Übersetzung, die man angefordert hat - vorrangiges Ziel ist, die Plattform wiederholt zu besuchen. Mindestens genauso wichtig ist die Beteiligung an den Gruppenaktivitäten - das Übersetzen, Kommentieren und Verbessern von Übersetzungsvorschlägen, der Austausch in der Gruppe. Man könnte also sagen, auf dem prozessualen Aspekt liegt ein zumindest ebenso großes Augenmerk wie auf dem instrumentellen. Translaville ist für diese Untersuchung und die hier verfolgte Fragestellung deshalb von besonderem Interesse, weil die Community selbstorganisiert ist und über eine selbst entwickelte Online-Plattform verwaltet wird. Viele Entscheidungen über die Entwicklung der Gemeinschaft - sowohl in Bezug auf die gemeinsamen Ziele als auch das Plattform-Design - werden daher innerhalb der Gruppe offen diskutiert und ausverhandelt. Um sowohl die individuellen und kollektiven Handlungen, Erfahrungen und Zuschreibungen der Community-Mitglieder untersuchen als auch eine Mikroanalyse der technischen Elemente der Plattformoberfläche durchführen zu können, wurde eine virtuelle Ethnografie (Hine 2000, 2015) durchgeführt. Bei diesem Zugang werden die methodischen Prinzipien der klassischen Eth‐ 22 1 Einleitung <?page no="23"?> nografie umgelegt auf die Untersuchung von Forschungsfeldern, in denen die zunehmende Durchdringung des Alltags mit digitalen Medien besonders im Vordergrund steht (Hine 2015: 1). Fokuspunkte virtueller Ethnografien können unterschiedliche Arten von „experience, practice, relationships, things, localities, social worlds and events“ (Pink et al. 2016: 15) in virtuellen Gemein‐ schaften oder in Bezug auf verschiedene Formen digitaler Kommunikation sein - unabhängig davon, ob es sich nun um hochspezialisierte berufliche Settings oder die alltäglichen Lebenswelten von Nutzer: innen handelt. Die virtuelle Ethnografie (insbesondere nach Hine 2000, 2015) ergänzt den in dieser Untersuchung verwendeten theoretischen Rahmen besonders gut, da mit Hines Zugang auch materielle und mediale Aspekte von Online-Praxen berücksichtigt werden können: Online-Technologien werden darin sowohl als Kulturen als auch als kulturelle Artefakte verstanden, die von den Vorstellungen und Erwartungen der Menschen an virtuelle Welten und Interaktionen geprägt sind (Hine 2015: 30). Der methodische Zugang ist somit auch gut an die oben diskutierten theoretischen Annahmen aus den Science and Technology Studies anknüpfbar. Im Zuge der virtuellen Ethnografie von Translaville wurden Daten aus unter‐ schiedlichen Quellen erhoben: (1) öffentlich zugängliche Forumsdiskussionen, (2) von der Community auf den gemeinsamen Seiten veröffentlichte Texte (z. B. FAQs, Community- und Übersetzungsregeln usw.), (3) teilnehmende Be‐ obachtungen (inkl. Screenshots aller während der Beobachtungen zugänglichen Elemente der Web-Oberfläche der Plattform) sowie (4) ergänzende Interviews mit Community-Mitgliedern: 1. Online-Kommunikation: Die wichtigste Datenquelle für diese Studie sind Beiträge aus dem Mitgliederforum von Translaville. Dabei handelt es sich gewissermaßen um ein Kommunikationsarchiv: die Diskussionen erlauben einerseits eine breitere Kontextualisierung der im Zuge der teilnehmenden Beobachtung nachgezeichneten Praxen; sie bieten andererseits aber auch Einblick in die Geschichte von Translaville, also beispielsweise darin, wie sich Bewertungen und Zuschreibungen im Laufe der Zeit verändern. 2. Gemeinsame Texte: Dabei handelt es sich vor allem um Texte, die der allgemeinen Information der Mitglieder dienen sollen, wie beispielsweise die Zielsetzungen und Verhaltensregeln der Community, Prozessvorga‐ ben oder Kriterien für das Übersetzen und Bewerten von Übersetzungen, oder Antworten auf häufige Fragen. Diese Texte sind für diese Studie deshalb relevant, weil sie Idealisierungen der gemeinsamen Zielvorstel‐ lungen und Erwartungen der Gemeinschaft an ihre Mitglieder abbilden. 1.4 Methodisches Vorgehen 23 <?page no="24"?> 3. Teilnehmende Beobachtung: Es wurden über einen Zeitraum von 18 Monaten (teilnehmende) Beobachtungen durchgeführt. Alle Erfahrungen aus der Teilnahme an den Plattform-Aktivitäten und Interaktionen mit anderen Mitgliedern wurden in einem Feldtagebuch dokumentiert und kritisch reflektiert. Auch eine eigene Teilnahme an den Community-Akti‐ vitäten war für diese Studie wichtig, da sie Zugang zu jenen Teilen der Plattformoberfläche ermöglichte, in denen die Übersetzungs- und Evaluie‐ rungsprozesse tatsächlich stattfinden. Von allen zugänglichen Teilen der Plattform wurden Screenshots für eine Analyse der technischen Strukturen angefertigt. 4. Interviews: Zusätzlich wurden Leitfadeninterviews mit Mitgliedern von Translaville geführt, die in der Community in verschiedenen Rollen aktiv sind oder waren. In dieser Untersuchung haben sie insbesondere die Funktion einer ergänzenden Datenquelle. Sie dienten dazu, Muster, die sich im ersten Analysedurchgang der Forenbeiträge abzeichneten, mit zusätzlichen Daten abzugleichen. So konnte eine Kombination aus einerseits weitgehend ‚natürlichen‘ (also von der Forscherin möglichst unbeeinflussten) und ‚nicht-natürlichen‘ Daten (in Form der Interviews) erzielt werden. Die teilnehmende Beobachtung gibt Aufschluss über das tatsächlich beobachtbare Handeln von Personen, während die Interviews auch Rückschlüsse darauf zulassen, ob diese Handlungen bewusst oder unbewusst erfolgt sind, und wie die Befragten selbst ihre Aktivitäten auf Translaville wahrnehmen, bewerten oder rationalisieren. Die Datenanalyse und -interpretation orientierte sich an einem von Schreier (2012, 2014b) entwickelten modularen Verfahren für die qualitative Inhaltsanalyse. Das Kategoriensystem wurde zum Teil vor der Analyse und zum Teil datenbasiert während der Analyse entwickelt und besteht aus einer Kombination von vorab festgelegten deduktiven Hauptkategorien und induktiven Subkategorien. Zur Be‐ wältigung der großen Datenmenge und besseren Organisation der unterschiedli‐ chen Datenquellen wurde das Material mit der Software MAXQDA (vgl. Kuckartz 2018) verarbeitet und analysiert. 1.5 Relevanz für aktuelle translationswissenschaftliche Forschungsperspektiven Die Ergebnisse der Studie haben Implikationen für eine Reihe jüngerer transla‐ tionswissenschaftlicher Forschungsperspektiven. 24 1 Einleitung <?page no="25"?> 1.5.1 Vom Produkt zu Prozess, Akteur: innen und Kontext Verschiedene disziplinäre Entwicklungen haben in den letzten Jahrzehnten dazu beigetragen, dass der zuvor prominente Fokus auf translatorische Produkte in der Translationswissenschaft stärker hinterfragt wurde. Mit den ‚Descriptive Translation Studies‘ wurden konkrete Translate zunehmend vor dem Hinter‐ grund ihrer Einbettung in literarische Systeme betrachtet (wenn auch immer noch auf der Basis stärker produktzentrierter Forschung). Gleichzeitig deuteten die funktionalen Ansätze (z. B. Holz-Mänttäri 1984) verstärkt in Richtung der Rolle der in einem translatorischen Gefüge eingebundenen Personen - bis sich insbesondere soziologische und historische Zugänge mit den in Translati‐ onsprozesse involvierten Akteur: innen und Akteursgefügen auseinandersetzten (vgl. z. B. Wolf und Fukari 2007; Milton und Bandia 2009; Chesterman 2009; Kinnunen und Koskinen 2010). Darüber hinaus befasste man sich sowohl aus der Perspektive soziologischer (vgl. z. B. Buzelin 2006, 2007) als auch kognitiver Zugänge (vgl. z. B. Ehrensberger-Dow und Englund Dimitrova 2016; Risku 2016; Risku, Pein-Weber und Milošević 2016; Teixeira und O’Brien 2017) - wenn auch auf unterschiedlichen Beschreibungsebenen - mit dem Translationsprozess und mit Fragen des Handelns von Translator: innen. Damit verlagerte sich die Aufmerksamkeit in der translationswissenschaftlichen Forschung also weg vom primären Fokus auf das translatorische Produkt und hin zu Fragen des Translationsprozesses, der Akteur: innen sowie des Kontexts (z. B. auch die Rolle der physischen Umwelt, vgl. z. B. Ehrensberger-Dow und O’Brien 2015; Risku 2016; die soziohistorische Einbettung translatorischer Phänomene etc.). In dieser Untersuchung liegt das Augenmerk insbesondere auf Fragen des Handelns sowie auf den Vorstellungen, die dieses Handeln prägen. Im Zen‐ trum steht allerdings nicht ausschließlich das Übersetzen an sich, sondern auch das kooperative und kommunikative Handeln in einer translatorischen Online-Community. 1.5.2 Von Individuen zu translatorischen Gefügen und Netzwerken In Translationspraxis und -forschung hat sich - insbesondere im Bereich des Übersetzens - lange die stereotype Vorstellung von dem: der allein für sich arbei‐ tenden Translator: in gehalten. Historisch-biografische Studien und Forschung zu literarischem Übersetzen betonten besonders häufig das translatorische Ge‐ nie einzelner Persönlichkeiten, während weitere in den Translationsprozess in‐ volvierte Personen in diesen Darstellungen oft in den Hintergrund traten. Dabei zeigt ein Blick in die Geschichte, dass auch im 19. Jahrhundert (und weit davor) 1.5 Relevanz für aktuelle translationswissenschaftliche Forschungsperspektiven 25 <?page no="26"?> das romantische Ideal von Autor: innen und Translator: innen als singuläre Lichtgestalten nicht typisch war für die breite Realität der Übersetzungsarbeit und Buchproduktion der Zeit. Man denke etwa an die von Bachleitner (1989) be‐ schriebenen ‚Übersetzungsfabriken‘ oder an weitere historische Beispiele für im Kollektiv (Kremmel 2022) und in anderen gemeinschaftlichen Konstellationen (Cordingley und Frigau Manning 2017a; Monti und Schnyder 2018) verhandelte Übersetzungsprozesse. Auch Forschungsarbeiten zu aktuellen translatorischen Praxen im Bereich der Fachübersetzung zeigen, dass im Hintergrund meist weitaus mehr Personen in translatorische Prozesse eingebunden sind, als zuvor angenommen (Risku 2016; Risku et al. 2016; Kolb 2017). Mag ein translatorisches Gefüge auf den ersten Blick lediglich aus Auftraggeber: in und Übersetzer: in bestehen, so enthüllt eine genauere Analyse oft weitere Dienstleister: innen wie etwa Korrekturleser: innen oder Layouter: innen, zusätzliche Entscheidungsträ‐ ger: innen auf Auftraggeber: innenseite - oder etwa die zahlreichen verborgenen Stimmen in Übersetzungen (Kolb 2017), wie etwa die von privaten Kontakten. In den letzten beiden Jahrzehnten hat sich die Forschung daher zunehmend auch mehr oder weniger kooperativen Gefügen (O’Brien 2011; Cordingley und Frigau Manning 2017a; Sannholm 2018; Trzeciak Huss 2018; Kremmel 2022; Zwischenberger 2022a, 2022b), translatorischen Netzwerken (Buzelin 2006; Folaron und Buzelin 2007; Abdallah 2012; Risku et al. 2016), Communities (McDonough 2007; Risku und Dickinson 2009; O’Hagan 2011b; Yu 2017), oder Crowds (Munro 2010; DePalma und Kelly 2011; McDonough Dolmaya 2011, 2012; Jiménez-Crespo 2016, 2017a, 2017b, 2024) zugewandt. Der Fokus dieser Untersuchung liegt auf einer translatorischen Community, bei der der Austausch untereinander, kollaborative Gruppenprozesse sowie gemeinsame Vorstellungen vom Übersetzen und von der Community im Vor‐ dergrund stehen. 1.5.3 Die zunehmende Berücksichtigung von Artefakten Die Bedeutung von Technologie und Materialität für translatorische Praxen ist ein Thema, das lange aus der breiten translationswissenschaftlichen Diskussion ausgeklammert bzw. eher in stärker anwendungsorientierten Forschungsberei‐ chen behandelt wurde. Erst in jüngerer Zeit hat man sich auch vermehrt der Frage nach der medialen und sozialen Rolle von Technologie (vgl. z. B. Littau 2011; Kenny 2017a; Olohan 2017b, 2020) gewidmet - und zwar zunächst primär im Rahmen translatorischer Arbeitsplatzforschung (Risku et al. 2010; O’Brien 2012; Alonso und Calvo 2015; Alonso 2016; Ehrensberger-Dow und Massey 2020). 26 1 Einleitung <?page no="27"?> Mit zunehmender Aufmerksamkeit für die Auswirkungen der Möglichkeiten partizipativer Online-Peer-Produktion auf Translation - und für das damit verbundene Entstehen neuer Formen translatorischer Praxis (z. B. Fansubbing, vgl. z. B. Orrego-Carmona und Lee 2017a; Crowdsourcing, z. B. DePalma und Kelly 2011; Jiménez-Crespo 2017a; oder translatorischer Aktivismus im Web 2.0, z. B. Baker 2013; Colón Rodríguez 2016; Pérez-González 2016 etc.) beschäftigte man sich auch zunehmend mit der Rolle von Technologie in nicht-beruflichen translatorischen Kontexten. Die mediale und soziale Rolle von Technologie wurde dort besonders deutlich, wo Technologie die Bearbeitung und Verbrei‐ tung von Medienprodukten und deren Übersetzungen erst möglich macht ( Jones 2019a; Jiménez-Crespo 2020), sowie an den Schnittstellen zwischen maschineller Translation und ‚nicht-professioneller‘ Translation (vgl. z. B. zur Rolle von Technologie im translatorischen Katastropheneinsatz, Rogl 2017; O’Brien 2020). Wie oben bereits dargelegt wurde, knüpft diese Untersuchung hier an und nimmt Plattformtechnologien auch als analytische Kategorie in den Blick. Durch Anwendung eines theoretischen Zugangs aus den Science and Technology Studies, der zugleich der Robustheit, Medialität, Sozialität und Kulturalität von Techniken Rechnung tragen kann, soll mit dieser Forschungsarbeit ein Beitrag zur weiteren Differenzierung des translationswissenschaftlichen Tech‐ nikbegriffs geliefert werden. Ein detaillierter Überblick über soziotechnische theoretische Perspektiven in der translationswissenschaftlichen Forschung so‐ wie deren empirische Anwendung findet sich in Kapitel 3.2. 1.5.4 Von schriftlichem Text zu multimedialen Inhalten In der translationswissenschaftlichen Forschung erweiterte sich also der Blick ausgehend vom Text als zentralem Forschungsgegenstand zunehmend auf Forschung zu Translationsprozess, zu translatorischen Akteur: innen sowie zur Einbettung translatorischer Phänomene in einen größeren (sozialen, his‐ torischen, politischen) Kontext. Aber auch die produktorientierte Forschung erschloss zusehends neue Gegenstandsbereiche für sich und untersucht heute neben ausschließlich geschriebenem Text und ausschließlich gesprochener Rede eine Vielfalt multimodaler bzw. multimedialer übersetzter oder gedolmetsch‐ ter Inhalte: z. B. Kombinationen von geschriebenem Text und Bildmaterial, Audiodeskriptionen, Videomaterial, dynamische Texte auf Webseiten, Inhalte in Gebärdensprache, mit technischen Hilfsmitteln übertragene Rede (z. B. Re‐ mote-Dolmetschen) etc. Bei der Studie, über die hier berichtet wird, handelt es sich zwar nicht um produktorientierte Forschung im eigentlichen Sinne. Man könnte aber einen 1.5 Relevanz für aktuelle translationswissenschaftliche Forschungsperspektiven 27 <?page no="28"?> Teil der untersuchten Daten durchaus als Produkte der Online-Community bezeichnen. Unter diesen Produkten findet sich auch multimediale Inhalte wie etwa die Online-Kommunikation in der untersuchten Gruppe, die neben schriftlichem Text auch Bildmaterial und zum Teil bewegte Bilder (z. B. .gif-Da‐ teien) enthält, das Plattformdesign, das sich stark auf Grafikelemente wie z. B. Symbole, Icons oder Funktionsfelder, Eingabefelder und Logoelemente stützt, sowie auch die Klickroutinen, die die Mitglieder der Community durch jeden Übersetzungsprozess führen. 1.5.5 Von beruflicher zu außerberuflicher Translation Nicht zuletzt hat sich der Gegenstandsbereich der Translationswissenschaft von primär beruflicher Translation auf verschiedenste Tätigkeitsformen erweitert: also auch auf paraprofessionelle (Koskela et al. 2017), nicht-professionelle bzw. außerberufliche Formen der Translation (vgl. z. B. Pérez-González und Susam-Sarajeva 2012b; Antonini und Bucaria 2016; Antonini et al. 2017b), auf Translation in unterschiedlich stark formalisierten Settings, oder Translation im Alltag (vgl. z. B. Dimitroulia 2015; Flynn und van Doorslaer 2016). Hier liegt der Fokus auf Übersetzungspraxen, die von den Mitgliedern der untersuchten Community in ihrer Freizeit, also außerhalb der beruflichen Sphäre realisiert werden. Dabei gilt es zu bedenken, dass Vorstellungen von Beruf und Beruflichkeit eine lange Entwicklung durchgemacht haben und als soziale Konstrukte eng mit den sozioökonomischen Rahmenbedingungen der jeweiligen Zeit verbunden sind - vom traditionell-ständischen Berufsbegriff der mittelalterlichen Zünfte, über die idealistisch-ganzheitliche Berufsauffassung aus der Zeit der Renaissance und später Aufklärung, den funktionellen Berufs‐ begriff der arbeitsteiligen Gesellschaft, bis herauf zur Krise der Beruflichkeit im Postfordismus und der aktuellen Herauskristallisierung neuer Berufe der soge‐ nannten Gig-Economy (Demszky von der Hagen und Voß 2010: 756, 767 f.). Wie Kurtz (2015: 41) beschreibt, findet sich traditionell gerade in der deutschsprachi‐ gen Berufssoziologie ein eher starrer Berufsbegriff, der angesichts der Vielfalt aktueller Erwerbsformen an seine Grenzen stößt. Wie er weiter argumentiert (Kurtz 2015: 43), sei der Beruf dennoch nach wie vor etwas, das auf Arbeit - und damit meint er Erwerbsarbeit - aufbaue und somit Entlohnung impliziere. Im Gegensatz zu Erwerbsarbeit allgemein erfordere ein Beruf allerdings auch spezifische Formen der Qualifizierung. Weitere Elemente typischer Berufsdefi‐ nitionen, etwa, dass diese eine bestimmte Funktion in der Gesellschaft erfüllen oder Berufstätige auf eine spezifische Weise in die Gesellschaft einbinden würden (vgl. z. B. Demszky von der Hagen und Voß 2010: 751), sind für Kurtz Teil 28 1 Einleitung <?page no="29"?> 5 Die Autor: innen beziehen sich in diesem Zusammenhang etwa auf Missionierung, imperialistische und kolonialistische Bestrebungen, Kriege, Sprachpolitik als Teil von Nationenbildung, bis hin zur späteren Gründung internationaler Organisationen. des Begriffs der (Erwerbs-)Arbeit, auf dem der Berufsbegriff notwendigerweise aufbaue. Wenn hier also von (außer-)beruflicher Translation gesprochen wird, so erfolgt dies auf Basis bzw. in Abgrenzung von dieser - nach Kurtz’ (2015: 39) eigener Darstellung - „radikal komplexitätsreduzierenden Perspektive“ auf einen in der heutigen Zeit notwendigerweise breiten Berufsbegriff. Außerberufliche Formen der Translation wurden in der translationswissen‐ schaftlichen Forschung lange Zeit nicht in den Blick genommen, da Transla‐ tion primär als einkommensgenerierende Aktivität im Vordergrund stand (auf die es durch Qualitätsmechanismen oder Ausbildungen Einfluss zu nehmen gelte). Den Grund für diesen Fokus sehen Pérez-González und Susam-Saraeva (2012a: -157) in der Geschichte unserer Disziplin. Die Entwicklung der Transla‐ tionswissenschaft sei in engem Zusammenhang mit einer Reihe historischer Ereignisse 5 gestanden, die einen großen Bedarf an Translation bzw. Transla‐ tor: innen hervorgebracht hätten - daher auch die sehr präsente Perspektive einer bedarfsorientierten Translator: innenausbildung. So habe man auch in der Forschung den Fokus lange auf utilitaristische Perspektiven gelegt: „on what can be controlled and improved, not on what we can learn about translation in all the contexts in which it is encountered“ (Pérez-González und Susam-Sarajeva 2012a: -157). Auch Grbić und Kujamäki (2019: 121) konstatieren dem Forschungsbereich der ‚nicht-professionellen Translation‘ einen marginalisierten Status in unse‐ rem Fach. Sie liefern dafür einen ergänzenden Erklärungsansatz, indem sie die Entwicklung der Translationswissenschaft auf der Basis von Gieryns (1983) Konzept des ‚boundary work‘ nachzeichnen. Zentral in diesem Konzept sind sogenannte Grenzziehungsprozesse innerhalb von sozialen Gruppen, die Grbić und Kujamäki (2019) auch rund um den Bereich der ‚nicht-professionellen‘ Translation identifizieren. Beispielsweise hätten etwa die funktionalen Ansätze der Translationswissenschaft zwar dazu beigetragen, dass Translator: innen vermehrt als eigenständige Entscheidungsträger: innen und Expert: innen ver‐ standen wurden. Gleichzeitig sei es aber im Zuge von Prozessen der Abgrenzung gegenüber ‚anderen‘ Gruppen zu einer besonderen Fokussierung auf ‚den: die professionelle: n Translator: in‘ gekommen (Grbić und Kujamäki 2019: 118). Wie Grbić und Kujamäki (2019: 118 f.) zeigen, ziehen sich solche und ähnliche Prozesse durch die Entwicklung unserer Disziplin durch: von der aktiven Abgrenzung der Vertreter: innen der Pariser Schule gegenüber der damals einflussreichen Tradition der Dolmetschforschung in der Psychologie bis hin 1.5 Relevanz für aktuelle translationswissenschaftliche Forschungsperspektiven 29 <?page no="30"?> zur langjährigen Ausgrenzung der Kommunaldolmetschforschung durch For‐ scher: innen aus dem Bereich des Konferenzdolmetschens. Einflussreich waren laut Grbić und Kujamäki (2019: 119 ff.) auch Grenzziehungsprozesse in Form von Schutzmechanismen - darunter etwa der Versuch, das sich ausweitende translatorische Feld zu ‚schützen‘, indem Fragen des Expert: innentums, der Kompetenz und der Professionalität besonders in den Vordergrund gerückt wurden. Im Zusammenhang damit komme es auch oft zu Schuldzuschreibungen an konkurrierende Gruppen. Auch solche finden sich in unserer Disziplin - etwa, wenn die ‚anderen Gruppen‘ (also ‚nicht-professionelle‘ Translator: in‐ nen, Auftraggeber: innen etc.) für sinkende Preise oder schlechte Arbeitsbe‐ dingungen verantwortlich gemacht werden (Grbić und Kujamäki 2019: 121). Trotz dieser Grenzziehungsprozesse ist in der translationswissenschaftlichen Publikationslandschaft in jüngeren Jahren ein zunehmend breiteres Themen‐ spektrum vertreten. In diesem Zusammenhang ist es das zentrale Bestreben des Forschungsbereichs der ‚nicht-professionellen‘ Translation, wegzugehen von der systematischen Bevorzugung von ökonomisch relevanten, institutio‐ nell sichtbaren und akademisch prestigeträchtigen Formen der Translation (Pérez-González und Susam-Sarajeva 2012a: 158), und auch das Banale und Alltägliche in all seinen Ausprägungen in den Blick zu nehmen. Im letzten Jahrzehnt etablierte sich für translatorische Praxen, die nicht der ‚professionellen Translation‘ zugerechnet werden, vor allem in der eng‐ lischsprachigen Literatur die Bezeichnung ‚non-professional translation and interpreting‘ (vgl. insbesondere Pérez-González und Susam-Sarajeva 2012b; An‐ tonini und Bucaria 2016; Antonini et al. 2017b; Orrego-Carmona und Lee 2017a). Antonini et al. (2017a: 7 f.) stellen den Begriff zunächst primär als das Gegenteil ‚professioneller Translation‘ dar. Gleichzeitig räumen sie jedoch ein, dass (1) der Professionalitätsbegriff selbst bereits äußerst schwer abgrenzbar ist, und dass (2) auch der hier implizierte Umkehrschluss in Bezug auf ‚nicht-professionelle‘ Formen der Translation nicht immer haltbar ist, dass diese keines der Kriterien, die zur Definition von ‚Professionalität‘ herangezogen werden, je erfüllen würden (z. B. eine Erbringung translatorischer Leistungen durch Menschen mit Ausbildung bzw. formaler Qualifikation im Übersetzungs- oder Dolmetschbe‐ reich, eine Entlohnung oder Ausübung als Erwerbsarbeit, Berufserfahrung, die Kenntnis und Einhaltung beruflicher Standards). Diese Schwierigkeiten bei der Begriffsbestimmung von Beruflichkeit oder Professionalität scheinen dadurch zu entstehen, dass man sich meistens an essentialistischen Definitionen orien‐ tiert hat. Im Folgenden werden exemplarisch einige der wichtigsten Argumente vorgestellt, die die Grenzen einer solchen merkmalsbasierten Definition von ‚nicht-professioneller Translation‘ verdeutlichen: 30 1 Einleitung <?page no="31"?> Mit nicht-professioneller Translation ist oft eine unbezahlte Tätigkeit ge‐ meint. In der Praxis sind aber sogar bei translatorischen Tätigkeiten für den engsten Bekannten- oder Familienkreis Formen der Bezahlung (z. B. Auf‐ wandsentschädigungen) oder Vergütung (z. B. Geschenke oder persönliche Aufmerksamkeiten) möglich (Rajič 2008). Versteht man unter nicht-professio‐ neller Translation in erster Linie Translation durch Lai: innen, so ist für solche Praxen auch formale Entlohnung keine Seltenheit. Viele Formen sogenannter nicht-professioneller Translation werden in den involvierten Organisationen selbst bewältigt, und zwar oft von mehrsprachigen Mitarbeiter: innen mit ei‐ gentlich anderen Aufgabenbereichen, für die sie ein Gehalt erhalten (Antonini et al. 2017a: 7 f.) - vgl. dazu den Begriff der ‚para-professional translation‘ (Koskela et al. 2017; Pym 2011a: 93). Wird nicht-professionelle Translation mit dem Fehlen einer translatorischen Ausbildung oder Qualifizierung (vgl. Antonini et al. 2017a: 7) gleichgesetzt, so ist dies häufig nicht wertfrei gemeint, sondern es wird impliziert, dass Transla‐ tor: innen ohne eine solche Ausbildung weniger geeignet seien. Diese Verknüp‐ fung von translatorischer Ausbildung und Eignung kann jedoch dann an ihre Grenzen stoßen, wenn es beispielsweise um Translation in Extremsituationen geht. Ein Vergleich von psychologisch geschultem Personal mit ungeschulten ehrenamtlichen Helfer: innen in der Katastrophenhilfe (und dazu gehören in der Regel auch ehrenamtliche Dolmetscher: innen) hat beispielsweise gezeigt, dass bei den Helfer: innen ohne medizinisch-psychologische Ausbildung ein signifikant höheres Risiko bestand, posttraumatische Belastungssymptome zu entwickeln (Hagh-Shenas et al. 2005: 478). Fragen ausreichender Spezialisierung oder settingspezifischer Vorbereitung auf translatorische Tätigkeiten wird aber bei Vergleichen von Translator: innen mit und ohne Studienabschluss oft kaum Raum gegeben. Eng verbunden mit dem Kriterium der mangelnden Qualifizierung ist auch das der fehlenden Erfahrung in der Ausübung translatorischer Tätigkeiten: Dieses stellt Forscher: innen vor die Schwierigkeit, (messbare) Maßstäbe für Erfahrung festzulegen: Ab welcher Dauer oder welcher Intensität von Erfahrung mit einer Tätigkeit kann von ‚professioneller Erfahrung‘ gesprochen werden (vgl. dazu auch Jääskeläinen 2010)? Da Professionalität häufig mit der Kenntnis und Einhaltung bestimmter be‐ ruflicher Standards verbunden wird, geht man oft davon aus, dass bei nicht-pro‐ fessionellen Translator: innen das Gegenteil der Fall sei: Translatorische Berufs- und Ehrenordnungen sind nicht-professionellen Translator: innen freilich häu‐ fig nicht bekannt. Viele spontan engagierte Dolmetscher: innen (z. B. mehrspra‐ chiges medizinisches Personal im Krankenhaus) orientieren sich jedoch an den 1.5 Relevanz für aktuelle translationswissenschaftliche Forschungsperspektiven 31 <?page no="32"?> beruflichen Standards ihrer eigentlichen Berufe, welche wiederum enger gefasst sein können als das translatorische Berufsethos (Antonini et al. 2017a: 8). Dru‐ gan (2011) zeigte außerdem, dass auch viele Amateurübersetzer: innen-Commu‐ nities eigene ethische Standards entwickeln, auch wenn diese in wesentlichen Punkten von beruflichen Standards abweichen (vgl. Kap. 7.2.2). Außerdem hat sich gezeigt, dass in konkreten Arbeitssituationen auch beruflich tätige, ausgebildete Translator: innen an der konkreten Umsetzung von Berufskodizes scheitern - einerseits deshalb, weil die dort verankerten Grundprinzipien (z. B. Unparteilichkeit) zu abstrakt sind, um diese in einer komplexen realen Situation, in der schnell entschieden werden muss, auch immer anwenden zu können; andererseits auch deshalb, weil Berufskodizes oft veraltete Translationsmodelle zugrunde gelegt wurden (Prunč 2005: 169). Grbić (2023) adressiert diese definitorischen Schwierigkeiten mit dem Ent‐ wurf einer Typologie für möglichst alle translatorischen Phänomene. Anstelle der bis dato oft herangezogenen binären Gegensätze (z. B. professionell vs. nicht-professionell; Lai: in vs. Profi etc.) bildet ihr Beschreibungsversuch drei mögliche Sphären von Translation, ab, die wiederum als Spektren zu verste‐ hen sind, nämlich (1) konventionalisierte, (2) unkonventionelle, und (3) infor‐ melle Translation. Damit entwirft Grbić eine Art Landkarte zur Verortung der vielgestaltigen translatorischen Praxen, die im Alltag nun einmal nicht als trennscharfe Phänomene existieren; und zieht somit auch keine harten Grenzen ein, wo diese in der Realität nicht existieren. Die Typologie (Grbić 2023: 157-161) erlaubt beispielsweise die Beschreibung von Praxen, für die Menschen eine Zertifizierung oder andere Form der offiziellen Autorisierung besitzen, bis hin zu solchen Praxen, die in ähnlichem Rahmen erfolgen, aber auch Menschen ohne eine solche Bescheinigung, z. B. Quereinsteiger: innen, offenstehen (‚konventionalisierte Translation‘). Sie umfasst Formen der Trans‐ lation, die als Leistung angefordert werden, bis hin zu solchen, die von den Übersetzenden oder Dolmetschenden selbst initiiert werden (‚unkonventionelle Translation‘) - und ermöglicht zugleich die Beschreibung von Praxen, die von den Ausübenden selbst gar nicht als Translation bezeichnet werden, die in höchst informellen Kontexten der privaten Sphäre stattfinden, und auch nicht zwingend in Form vermittelter Interaktion erfolgen müssen (‚informelle Trans‐ lation‘). Folgt man dieser Einteilung, so wäre das in dieser Studie behandelte Phänomen gemeinschaftsbasierter Übersetzung wohl als ‚unkonventionelle Translation‘ einzuordnen, wobei auf Translaville sowohl angeforderte wie auch selbstinitiierte Übersetzungen erbracht werden. Hier wird die Bezeichnung ‚außerberufliche Translation‘ verwendet. Im Gegensatz zum Begriff ‚non-professional translation‘ bzw. ‚nicht-professionelle 32 1 Einleitung <?page no="33"?> Translation‘ trifft der Begriff der ‚außerberuflichen Translation‘ im Vorhinein noch keine Unterscheidung in Bezug auf das Vorhandensein einer Bezahlung, einer translatorischen Ausbildung oder einer gewissen Übersetzungserfahrung auf Seiten der betreffenden Translator: innen. In diesem Sinn findet sich hier also eine Parallele zu Grbićs (2023) Begriff der ‚unkonventionellen Translation‘. We‐ sentlich für diese Studie ist, dass es sich bei den untersuchten translatorischen Praxen um Tätigkeiten handelt, die die Mitglieder der Community außerhalb ihrer beruflichen Tätigkeiten leisten - also als Teil ihres Privatlebens, im Alltag, in der Freizeit oder als eine Form sozialen Engagements. Ein Großteil der Mitglieder von Translaville verfügt weder über eine formale Qualifikation noch über (Berufs-)Erfahrung im Bereich des Übersetzens oder Dolmetschens. Dennoch gibt es eine kleinere Gruppe von Mitgliedern, die unabhängig von ihren Aktivitäten in der Community auch erwerbsmäßig übersetzen bzw. dolmetschen, oder andere, die ein translatorisches Studium abgeschlossen oder eine formale Ausbildung (vielleicht gerade im Zusammenhang mit ihren Erfahrungen auf Translaville) begonnen haben. Die Übersetzungstätigkeiten dieser diversen Gruppe werden deshalb hier als ‚außerberuflich‘ bezeichnet, weil ihr ‚gemeinsamer Nenner‘ die Beschäftigung mit Translation in der priva‐ ten statt beruflichen Sphäre ist - ein Aspekt, der außerdem zentral für das Selbstverständnis der Community-Mitglieder zu sein scheint. 1.5 Relevanz für aktuelle translationswissenschaftliche Forschungsperspektiven 33 <?page no="35"?> 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities In den folgenden Abschnitten wird nachgezeichnet, wie (vorrangig außerbe‐ rufliche) Übersetzungspraxen im Internet zunehmend Gegenstand translations‐ wissenschaftlicher Auseinandersetzungen und schließlich Gegenstand eines höchst produktiven neuen Forschungsbereichs wurden. Diskutiert werden dabei nicht nur zentrale Fragestellungen, sondern auch die an die erforschten translatorischen Phänomene angelegten Begriffe und theoretischen Konzepte. Abschließend soll eine Auseinandersetzung mit bisheriger Forschung aus so‐ ziologischer Perspektive Ausgangs- und Anknüpfungspunkte für die in dieser Untersuchung verfolgten zentralen Fragen liefern. 2.1 Der Weg zu einem neuen Forschungsbereich Frühe Veröffentlichungen zu Online-Übersetzungscommunities, Crowdsour‐ cing-Plattformen und anderen Formen gemeinschaftlicher Übersetzung im Internet kamen zunächst vor allem aus dem anwendungsorientierten Bereich. Dabei handelte es sich oft um Arbeitsberichte von Plattformbetreiber: innen und Entwickler: innen, in denen ausgelotet werden sollte, inwieweit neue kollabo‐ rative bzw. plattformbasierte Organisationsmodelle im sogenannten Web 2.0 für die Erbringung von Übersetzungsleistungen kommerziell nutzbar gemacht werden können. Die Vorteile solcher Organisationsformen für übersetzerische Arbeit sah man (1) in der Möglichkeit zur Bewältigung großer Übersetzungsvo‐ lumen bei zwar geringerer Qualität, aber niedrigerem Kostenaufwand als bei herkömmlichen Formen der (professionellen) Übersetzung (wobei man zu dem Zeitpunkt immerhin von einer Qualitätsverbesserung gegenüber maschineller Übersetzung ausging); (2) in der Möglichkeit zur Übersetzung von Inhalten, die sonst womöglich nicht übersetzt würden; (3) in der Übersetzung von dynamischen oder nur kurzzeitig abrufbaren Inhalten oder der Übersetzung in Sprachen mit kleinen Märkten; (4) in einer Abkehr vom traditionellen, linearen Modell der Erbringung von Übersetzungsleistungen; sowie (5) in einem verkürzten Zeitaufwand bei Großübersetzungsvorhaben (vgl. z. B. Ellis 2009; Baer 2010; Anastasiou und Gupta 2011; DePalma und Kelly 2011: -381). Diese frühe anwendungsorientierte Forschung befasste sich außerdem mit Fragen der technischen Ausgestaltung verschiedener Plattformmodelle. Häufig diskutierte Problemstellungen aus Entwickler: innensicht waren etwa Schwie‐ <?page no="36"?> rigkeiten rund um die Implementierung multipler Sprachversionen auf einer Plattform (Désilets et al. 2006: 29); die technische Umsetzung von Plattfor‐ men, bei denen die Grenzen zwischen der Redaktion von Ausgangsmaterial und der Übersetzung von Texten verschwimmen (Huberdeau et al. 2008); die Gestaltung spezifischer technischer Designs für die Arbeitsprozesse in bestimmten Anwendungskontexten (vgl. für den Einsatz in der humanitären Übersetzung z. B. Munro 2010; Sutherlin 2013) bzw. für die Abwicklung von stets veränderlichen, dynamischen Online-Inhalten (Huberdeau et al. 2008); oder die Entwicklung und Integration von computergestützten Übersetzungstools, die auf eine Nutzung durch Amateur-Übersetzer: innen zugeschnitten sind (ibid.). Die Betreiber: innen entsprechender Übersetzungsplattformen sahen sich außerdem immer wieder mit dem Problem konfrontiert, dass ihre Plattformoberflächen und Anwendungsstrukturen von Übersetzer: innen nicht wirklich angenommen wurden. Damit wurde unterschiedlich umgegangen: Stützten sich manche Entwickler: innen auf ihre eigenen Vorstellungen vom technischen und sozialen ‚Funktionieren‘ einer Übersetzungsplattform, um diesen Problemen beizukommen, ohne dabei aber die Perspektiven der Übersetzer: innen selbst je einbezogen zu haben (vgl. z. B. Ellis 2009), so kamen andere zu dem Schluss, dass zuweilen einfach nicht feststellbar sei, ob auftretende Probleme nun einem mangelhaften Verständnis der Dynamiken von Online-Communities insgesamt zuzurechnen seien, oder diese mit der Spezifik übersetzerischer Praxen in Ver‐ bindung stünden, mit der man sich aus Entwickler: innen-Sicht erklärterweise noch zu wenig auseinandergesetzt habe (Désilets und van der Meer 2011: 41). So sprach sich etwa die Forschungsgruppe rund um Softwareentwickler Alain Désilets dafür aus (Désilets et al. 2008; Désilets et al. 2009), beim Design neuer kollaborativer Übersetzungsumgebungen stärker auch translationswis‐ senschaftliche Arbeitsplatzforschung zu berücksichtigen, um ein genaueres Bild davon zu erhalten, wie Übersetzer: innen technische Hilfsmittel nutzen, welche Tools diese für welche Arbeitsschritte und Problemlösungsprozesse bevorzugen und wie sie mit Terminologie- oder Übersetzungsvorschlägen (z. B. aus Translation Memories oder maschineller Übersetzung) umgehen. Gleichzeitig begann man sich solchen neuen, virtuellen Organisationsformen für das Übersetzen in der Translationswissenschaft zunächst aus stark beruflich geprägter Perspektive zu nähern. Das mag damit zusammenhängen, dass man sich anfangs vor allem in der Lokalisierungsbranche für dieses Phänomen interessierte und damit vorerst die Frage nach der Nutzbarkeit für die eigenen Arbeitsprozesse im Mittelpunkt stand. In diesem Kontext entstanden eine Reihe von Veröffentlichungen, in denen verschiedene Plattformmodelle oder Community-Typen typologisiert wurden (Perrino 2009; DePalma und Kelly 36 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="37"?> 2011; Kageura et al. 2011; Kelly et al. 2011). Immer mehr rückten aber auch die möglichen Beziehungen zwischen neuen (translatorischen) Online-Phäno‐ menen und beruflicher Übersetzung in den Mittelpunkt translationswissen‐ schaftlicher Auseinandersetzungen. Darin beschrieb man, wie diese neuen translatorischen Phänomene und Plattformmodelle einen immer relevanteren Teil der translatorischen Praxis bilden. In diesen ersten Jahren handelte es sich dabei allerdings vielfach noch eher um programmatische Essays als empirische Forschungsarbeiten (vgl. z. B. García 2009, 2010, 2012; Cronin 2010; Austermühl 2011; Fernández Costales 2011). Einige dieser Veröffentlichungen sind als Reaktion auf die großteils ablehnenden Reaktionen aus dem Berufsstand der Übersetzer: innen zu sehen. In gewisser Weise erinnern die Diskussionen an die weiter vorne diskutierten Debatten rund um außerberufliche translatorische Phänomene im Allgemeinen bzw. an die aktuellen Auseinandersetzungen rund um die Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf translatorische Berufe. Zur Idee, außerberufliche Translator: innen würden den Markt beruflich tätiger Translator: innen quantitativ (in Bezug auf das für sie noch verfügbare Arbeits‐ volumen) oder qualitativ (die Befürchtung erodierender Standards) beschnei‐ den, gesellt sich hier also ein gewisses Unbehagen gegenüber den Auswirkungen zunehmender Technisierung. Dies diente als Ausgangspunkt für zahlreiche Veröffentlichungen, in denen man versuchte, entsprechende Argumentations‐ linien entweder zu untermauern oder zu entkräften (vgl. z. B. García 2009, 2010, 2012; Austermühl 2011; Fernández Costales 2011; Capdevila Fernández 2012). Empirische Analysen der Einstellungen (und Unsicherheiten) beruflicher Übersetzer: innen gegenüber neuen Formen der Übersetzung im Web 2.0 liefern hingegen Flanagan (2016) und Pascoal et al. (2017) sowie Zwischenberger (2022a). Einen ebenfalls vornehmlich beruflich geprägten Blickwinkel verfolgten erste translationswissenschaftliche Studien zu der Frage, wie auf bestimmten Plattformen bzw. in verschiedenen Übersetzungscommunities übersetzt wird. Dabei beschäftigte man sich einerseits mit der Frage nach der ‚Qualität‘ der dort erbrachten Übersetzungen (vgl. z. B. Carreira Martínez und Pérez Jiménez 2012), im Bereich des Fansubbing insbesondere auch im direkten Vergleich mit kon‐ ventioneller Untertitelung (vgl. z. B. Izwaini 2014: 107 ff.), oder mit der Effizienz der Arbeitsabläufe in verschiedenen Anwendungsfällen und Einsatzbereichen (Kelly et al. 2011). Anderseits evaluierte man auch die ‚technische Reife‘ der dort verwendeten Tools (Perrino 2009: 73 f.). Auch hier geht es also primär um den expliziten oder impliziten Vergleich zwischen den Übersetzungspraxen von Amateur: innen und Profis. 2.1 Der Weg zu einem neuen Forschungsbereich 37 <?page no="38"?> Ähnlich wie in anderen translationswissenschaftlichen Forschungsberei‐ chen, die erst allmählich von der Peripherie in das Zentrum der wissen‐ schaftlichen Debatte rückten dauerte es etwas, bis man dazu überging, neue Übersetzungspraxen im Web als eigenständige Phänomene zu diskutieren. Dazu beigetragen hat auch die allmählich einsetzende Auseinandersetzung mit den Bezeichnungen für unterschiedliche Formen und Ausprägungen der Online-Übersetzung sowie mit möglichen Konzepten für deren Beschreibung und Analyse. 2.2 Die Suche nach Bezeichnungen und Konzeptualisierungsmöglichkeiten Auf diese erste Phase, in der man sich vornehmlich ersten Praxisberichten sowie einer Charakterisierung neuer translatorischer Phänomene im Web-Kontext widmete, folgten somit bald Versuche, diese neuen Praxen zu kategorisieren, voneinander abzugrenzen und sie auch konzeptuell beschreibbar zu machen. In diesem Abschnitt wird der Versuch unternommen, einige wesentliche Stränge der translationswissenschaftlichen Begriffsdiskussion in diesem Feld nachzu‐ zeichnen und zentrale Konzepte vorzustellen. 2.2.1 ‚Crowdsourcing‘: vom Hype zum Randphänomen Ein Begriff, der recht schnell seinen Weg in die Translationswissenschaft fand, ist der des ‚Crowdsourcing‘. Die Bezeichnung und der dahinterstehende Begriff werden auf den Journalisten Jeff Howe zurückgeführt, der damit 2006 neue Formen der Arbeitsorganisation beschrieb, bei denen Aufgaben, mit denen sonst einzelne Mitarbeiter: innen oder Auftragnehmer: innen betraut wurden, an in Online-Communities organisierte Gruppen von Internetnutzer: innen (‚Crowd‘) vergeben bzw. ausgelagert wurden - daher auch die Anlehnung an den Begriff des ‚Outsourcing‘ (Brabham 2013: xv-xvii). ‚Crowdsourcing‘ avancierte rasch zu einem Trendbegriff der 2010er-Jahre, mit entsprechend deutlicher Präsenz des Themas in Wirtschaftspublikationen und Marktstudien (Brabham 2013: 18). Es folgten erste systematische Auseinandersetzungen aus wissenschaftlicher Perspektive, insbesondere durch Vertreter: innen wirtschaftswissenschaftlicher und informationstechnologischer Disziplinen. Ihre Arbeiten lieferten auch die konzeptuellen Grundlagen, auf die später in der Translationswissenschaft zurückgegriffen wurde. Besonders breit rezipiert wurde der Versuch einer Typologie für Crowdsourcing-Formen von Estellés-Arolas und González-Lad‐ rón-de-Guevara (2012) (vgl. dazu eine ausführlichere Diskussion bei Jimé‐ 38 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="39"?> nez-Crespo 2017a: 15 f.). Estellés-Arolas und González-Ladrón-de-Guevara ana‐ lysierten insgesamt über 200 Forschungsarbeiten zu Crowdsourcing-Projekten und entwickelten im Zuge dessen eine weithin rezipierte Arbeitsdefinition für Crowdsourcing, die es erlauben sollte, das Phänomen von anderen Online-Ak‐ tivitäten abzugrenzen, unterschiedliche Bezeichnungen zu vereinheitlichen und die theoretische Grundlegung des Konzepts voranzutreiben: Crowdsourcing is a type of participative online activity in which an individual, an institution, a non-profit organization, or company proposes to a group of individuals of varying knowledge, heterogeneity, and number, via a flexible open call, the voluntary undertaking of a task. The undertaking of the task, of variable complexity and modularity, and in which the crowd should participate bringing their work, money, knowledge and/ or experience, always entails mutual benefit. The user will receive the satisfaction of a given type of need, be it economic, social recognition, self-esteem, or the development of individual skills, while the crowdsourcer will obtain and utilize to their advantage that what the user has brought to the venture, whose form will depend on the type of activity undertaken. (Estellés-Arolas und González-Ladrón-de-Guevara 2012: -197) Zentrale Charakteristika von Crowdsourcing sind für Estellés-Arolas und González-Ladrón-de-Guevara demnach die Beauftragung von Arbeitsaufgaben durch eine übergeordnete Organisation („top-down“-Prozess, vgl. Jiménez-Cre‐ spo 2017a: 18; 25), die Auslagerung von Aktivitäten an eine Gruppe von Internetnutzer: innen sowie der beiderseitige Nutzen für Auftraggeber: innen wie Nutzer: innen. Für Erstere scheint dieser Nutzen vorrangig in der Verwertung der von der ‚Crowd‘ erbrachten Leistungen (im Übersetzungsbereich in der Regel in der Form von Übersetzungen) sowie in der Bindung der Nutzer: innen an die Organisation bzw. Marke zu stecken. Es lässt sich jedoch einwenden, dass dieser Nutzen für die Mitwirkenden an den betreffenden Projekten allerdings oft nicht in unmittelbar verwertbarer Form vorliegt (sondern z. B. eher im Versprechen eines Statusgewinns in der Community, virtuellen Formen der Vergütung, einer Lernmöglichkeit). Auch ist nicht gesagt, dass die Betreiber: innen und Mitglieder von Crowdsourcing-Initiativen einen auch wirklich vergleichbar großen Nutzen aus dem jeweiligen Projekt ziehen können. Perrino (2009: 63 f.) schloss aus einer 2009 durchgeführten Online-Recherche, dass von ‚crowd-sourced translation‘ zu dem Zeitpunkt zunächst eher im Zusammenhang mit der Lokalisierung von Softwareprodukten gesprochen wurde. Es kann also davon ausgegangen werden, dass der Begriff über des‐ sen verstärkte Verwendung in der Lokalisierungsbranche den Weg in die Translationswissenschaft gefunden hat. In den folgenden Jahren beschrieben 2.2 Die Suche nach Bezeichnungen und Konzeptualisierungsmöglichkeiten 39 <?page no="40"?> und konzeptualisierten Translationswissenschaftler: innen eine Vielzahl von Online-Übersetzungsinitiativen als ‚Crowdsourcing-Projekte‘, vom audiovisu‐ ellen (O’Hagan 2012a) bis hin zum humanitären Bereich (Sutherlin 2013) - oder stellten Vergleiche zwischen professionellen Fachübersetzungen und Crowd‐ sourcing-Übersetzungen an (Zaidan und Callison-Burch 2011). Als einflussreich für die breitere Diskussion des Phänomens in einem nicht nur vorrangig technikaffinen Teilbereich der Translationswissenschaft erwies sich darüber hinaus ein von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebener und 2012 veröffentlichter Bericht zum Schwerpunktthema ‚Crowdsourcing Translation‘. Darin beziehen sich die Studienautor: innen begrifflich auf Howe (2006) und bezeichnen ‚translation crowdsourcing‘ als Oberbegriff für eine Reihe von translatorischen Phänomenen, die im Zusammenhang mit neuen Kommuni‐ kationsformen im Web 2.0 entstanden sind, etwa translatorische Praxen im Social-Media-Bereich, im Informations- und Non-Profit-Sektor oder im Bereich der audiovisuellen Übersetzung (Europäische Kommission 2012). Zur Verbreitung und Einordnung von Crowdsourcing relativ zu anderen Begriffen, die weiter unten noch diskutiert werden, hat außerdem der durchaus einflussreiche Bericht des US-amerikanischen Marktforschungs- und Consul‐ tingunternehmens Common Sense Advisory (DePalma und Kelly 2008) beige‐ tragen - bzw. zwei Auskoppelungen aus diesem Bericht, veröffentlicht in einem Sonderheft der Zeitschrift Linguistica Antverpiensia sowie in einem ATA-Sam‐ melband zu Projektmanagementprozessen in der Lokalisierungsbranche (De‐ Palma und Kelly 2011; Kelly et al. 2011). Darin beschreiben DePalma und Kelly (2011: 382) Crowdsourcing als eine von drei neuen Formen der Übersetzung im Zusammenhang mit digitalen Medien, neben „community translation (or social translation)“ und „collaborative technology and processes“. Als ‚Commu‐ nity Translation‘ (siehe dazu auch Kap.-2.2.3) bezeichnen sie Übersetzungspro‐ jekte, die von ehrenamtlich arbeitenden Gruppen abgewickelt werden, um gemeinsamen Interessen nachzukommen (DePalma und Kelly 2011: 382). Unter ‚collaborative translation‘ (siehe Kap. 2.2.5) verstehen sie technologiegestützte Übersetzungsprojekte, die von professionellen Übersetzer: innen-Teams abgewi‐ ckelt werden. In Abgrenzung dazu sprechen sie von ‚crowdsourcing‘ schließlich dort, wo eine Organisation ein heterogenes Team von Mitwirkenden engagiert, um von diesen bezahlt oder unbezahlt Übersetzungen anfertigen zu lassen, die von der betreffenden Organisation später kommerziell verwertet werden können (ibid.). Hier scheint es sich also um ein Begriffsverständnis im Sinne von Howe (2006) zu handeln, wobei die Abgrenzung zu ‚community translation‘ nicht allzu klar ausfällt. 40 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="41"?> Nach dem ursprünglichen ‚Hype‘ um Crowdsourcing-Modelle - sowohl in der Sprachindustrie als auch, in geringerem Maße, in akademischen Publi‐ kationen - scheint sich gerade in den letzten Jahren eine gewisse Ernüchte‐ rung um das Phänomen einzustellen: Wie Jiménez-Crespo (2021: 398 f.) in einem Rückblick auf vergangene Fachkonferenzen der Translation Automation Association (TAUS) schreibt, habe die Sprachindustrie erkannt, dass gerade unbezahltes Crowdsourcing für Unternehmen nur schwer effizient einsetzbar sei. Zu groß sei der Aufwand für die Bereitstellung einer geeigneten technischen Plattform sowie für die Koordination der Übersetzer: innen-Teams. Auf der TAUS-Fachkonferenz im Jahr 2020 sei außerdem eine Verschiebung der als besonders zukunftsweisend erachteten Technologien hin zu sogenannten ‚Da‐ tenmarktplätzen‘ und Künstliche-Intelligenz-Systemen zu beobachten gewesen, während Crowdsourcing beinahe von der Tagesordnung verschwunden sei. Crowdsourcing-Modelle finden sich jedoch nach wie vor als Organisationsform für kommerzielle, bezahlte Übersetzung - wobei aktuell die Grenze zu cloud‐ basierten Arbeitsmodellen zu verschwimmen scheint (vgl. z. B. Gough und Perdikaki 2018 sowie Gough et al. 2023 zu ‚concurrent translation‘). Diese Modelle sind somit weiterhin Thema wissenschaftlicher Untersuchungen. So hat man sich etwa damit beschäftigt, wie die Arbeitsprozesse auf solchen Plattformen organisiert sind und welche Qualitätsvorstellungen dort kommu‐ niziert werden ( Jiménez-Crespo 2021), man ist der Frage nachgegangen, wie die Anbieter bezahlter Crowdsourcing-Dienstleistungen ihre Übersetzer: innen darstellen und wie diese Darstellungen sich auf deren Status auswirken könnten ( Jiménez-Crespo 2024), und es wurden Vorschläge zur ethischen Bewertung der Konsequenzen solcher Geschäfts- und Arbeitsmodelle ausgearbeitet (Cukur 2024). 2.2.2 ‚Volunteer translation‘: ein Fokus auf Fragen der Bezahlung Kritisiert wurde die Verwendung des Begriffs ‚crowdsourcing‘ für neue Überset‐ zungspraxen im Web unter anderem von Pym (2011a: 80 f.), der dafür plädierte, stattdessen auf ‚volunteer translation‘ auszuweichen. Allerdings handelt es sich bei ‚volunteer translation‘ um einen weniger spezifischen Begriff, denn ehrenamtliche Translation muss weder zwingend online stattfinden, noch meint man damit automatisch Übersetzer: innengruppen oder gemeinschaftliches Über‐ setzen. Für Pym evoziert ‚volunteer translation‘ allerdings deutlicher den Aspekt der meist nicht vorgesehenen Bezahlung für Übersetzungen, was aus seiner Sicht „the fundamental difference at stake“ im Zusammenhang mit neuen 2.2 Die Suche nach Bezeichnungen und Konzeptualisierungsmöglichkeiten 41 <?page no="42"?> 6 In einer 2007 veröffentlichten Studie zu Netzwerken ehrenamtlicher Translator: innen zeigt Gambier (2007) etwa, wie gerade ehrenamtliche Übersetzer: innen begannen, ihre Aktivitäten im Zuge des Aufkommens interaktiver Plattform-Technologien zunehmend in die Online-Sphäre zu verlagern, um dort mehr Vernetzungsmöglichkeiten und technologiegestützte Organisationsformen für sich nutzbar zu machen. 7 Der Fokus von Untersuchungen zu aktivistischer Translation lag dabei häufig auf Fragen der Positionierung der Übersetzer: innen bzw. der Gruppen, in denen diese organisiert sind, oder auf dem Zusammenspiel zwischen der beauftragenden sozialen Bewegung und translatorischen Praxen; vgl. z. B. Boéri (2008); Pérez-González und Susam-Sarajeva (2012a); Baker (2013). translatorischen Praxen im Web darstelle (Pym 2011a: 108 f.). Dem widerspricht O’Hagan (2011b: 14): Das unbezahlte Erbringen von Übersetzungstätigkeiten sei eben nicht der Aspekt, der neue Formen von Online-Übersetzung am besten charakterisiere bzw. diese für sich ausreichend beschreiben könne. Einen Vorteil des Begriffs der ‚volunteer translation‘ sieht sie jedoch darin, dass er die Aspekte der Eigeninitiative bzw. Selbstorganisation hervorhebt, der viele Online-Übersetzer: innenkollektive auszeichnet. Als wesentlich erscheint es ihr daher, Formen der Online-Übersetzung auch hinsichtlich der Art der Beauftragung von Übersetzungen zu unterscheiden: Sind es die übersetzenden Internetnutzer: innen selbst, die Ausgangstexte zur Übersetzung vorgeschlagen und diese vielleicht sogar selbst verfasst haben? Oder erfolgt eine Beauftra‐ gung durch eine Organisation oder Plattform (vgl. „solicited“ bzw. „unsolicited translation“, O’Hagan 2009)? Pym (2015: 145) räumt ein, dass ehrenamtliches Übersetzen und Dolmetschen nicht erst mit den Entwicklungen im Bereich digitaler Medien entstanden ist - auch, wenn die Durchdringung unseres Alltags mit Online-Medien viele neue Formen ehrenamtlicher Arbeit in unterschiedlichsten Bereichen erst hervorgebracht bzw. befördert habe. 6 Während aber andere Begriffe - etwa ‚crowdsourcing‘, ‚community translation‘ oder ‚collaborative translation‘ - für ihn übermäßig ‚ideologisch durchdrungen‘ (Pym 2011a: 108 f.) seien, habe der Begriff ‚volunteer translation‘ den Vorteil, dass er breiter angelegt sei. Pyms Kritik scheint sich dabei vor allem auf frühe Arbeiten zu neuen translatorischen Praxen im Web 2.0 zu beziehen, in denen die Autor: innen sich nicht selten recht unkritisch dem Hype der ersten Stunde anschlossen und von gewissen Branchen (z. B. auch der Lokalisierungsindustrie) verbreitete Marketingbotschaften über solche Plattformmodelle undifferenziert reproduzierten. Olohan (2014) spricht ebenfalls von ‚volunteer translation‘, etwa in einer Studie zur Motivation ehrenamtlicher Übersetzer: innen auf der Plattform TED. In diesem Zusammenhang weist sie auch darauf hin, dass sich die Beschäftigung mit ehrenamtlicher Translation bis dato primär auf aktivistische Translation 7 42 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="43"?> 8 Vor allem auch in Abgrenzung von den amtlichen Translator: innen, die zum bestehenden Personal der zuständigen Behörde gehörten, und sich somit nicht in gleichem Maß für oder gegen eine Mitarbeit in der translatorischen Krisenarbeit entscheiden konnten. oder unterschiedliche Formen ‚nicht-professioneller‘ Translation beschränkt habe (Olohan 2014: 17). Andere Formen translatorischen Ehrenamts hätten bislang jedoch wenig Aufmerksamkeit erhalten, etwa das Übersetzen von wissenschaft‐ lichen Zeitschriften, Software, Webseiten etc. Olohan versuchte nunmehr, diese Lücke in ihrer eigenen Arbeit zu schließen. Sowohl die oben erwähnte Studie zu den ehrenamtlichen Übersetzer: innen der Online-Plattform TED (Olohan 2014) als auch eine Studie zu ehrenamtlicher Wissenschaftsübersetzung im 19. Jahrhundert (Olohan 2012) beschreiben ehrenamtliche Translationspraxen ohne spezifisch politische Agenda (obwohl man in diesem Kontext vermutlich von ‚Informations‐ aktivismus‘ sprechen könnte). Die letztgenannte, translationshistorische Studie führt außerdem deutlich vor Augen, dass eine Vereinnahmung des Begriffs der ‚volunteer translation‘ für die ausschließliche Beschreibung von translatorischen Praxen im Web 2.0 zur Folge haben kann, dass wesentliche Entwicklungen, wie etwa der historische Beitrag von Frauen zur Verbreitung wissenschaftlichen Wissens, aus dem Blick verloren oder zur Ausnahme abgestuft werden können. Eine ungewöhnliche Verwendung von ‚volunteer‘ bzw. ‚voluntary translators‘ findet sich bei P. Wang (2020). In einer Studie zum translatorischen Krisen‐ management in Wuhan zu Beginn der COVID-19-Pandemie beschreibt Wang einige der in der Region eingesetzten Translator: innen-Teams als „professional translators“, andere wiederum als „voluntary translators“. Letztere wurden in den ersten Tagen des Katastropheneinsatzes rekrutiert, um die Inhouse-Transla‐ tor: innen der Behörde in der Deckung des enormen Bedarfs an translatorischen Leistungen zu unterstützen. Tatsächlich erhielten beide Gruppen dieselben Ge‐ hälter, Anstellungskonditionen und Versicherungsleistungen. Beide Gruppen verfügten über eine grundlegende translatorische Ausbildung (wenn auch einige der ‚Freiwilligen‘ noch Masterstudierende im letzten Studienjahr waren und wenig Praxiserfahrung hatten). Tatsächlich besteht der Unterschied zwischen den beiden Gruppen nur in der Anstellungsdauer und darin, wie eng sie an die beauftragende Behörde angebunden waren. P. Wang (2020: 92) bezeichnet hier nach eigener Angabe die „adhoc professional translators“ als „volunteer translators“, um sie von den amtlichen Translator: innen abzugrenzen. Begrifflich scheint weniger die Frage nach der Bezahlung im Vordergrund zu stehen - vielmehr jedoch das, was Wang als grundsätzliche ‚Freiwilligkeit der Tätigkeit‘ versteht - also die Bereitschaft, die Tätigkeit trotz enormer gesundheitlicher Risiken und Belastungen und großem öffentlichen Drucks auszuüben. 8 2.2 Die Suche nach Bezeichnungen und Konzeptualisierungsmöglichkeiten 43 <?page no="44"?> 9 An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass die Bezeichnung ‚community translation‘ in der Translationswissenschaft zuvor bereits für einen anderen Begriff, nämlich für schriftliche Übersetzung im Kommunalbereich, verwendet wurde. Obwohl es sich dabei um einen eher kleinen Forschungsbereich handelt, der häufig hinter den Bereich des Kommunaldolmetschens bzw. des ‚community interpreting‘ zurücktritt, findet sich der Begriff bereits in den frühen 1990er-Jahren, etwa bei Fraser (1993), Chesher (1997) und Lesch (1999). Für aktuellere Veröffentlichungen zu ‚community translation‘ im Sinne von Kommunalübersetzen siehe z. B. Taibi und Ozolins (2016) sowie Taibi (2018). 2.2.3 ‚Community Translation‘ und translatorische Netzwerke: Übersetzen in spezifischen Gemeinschaftsformen Versucht man nachzuzeichnen, aus welchen Gründen in der Vergangenheit wiederholt neue Bezeichnungen - und mit ihnen teils auch neue begriffliche Differenzierungen - für Praxen geprägt wurden, die man auf den ersten Blick vielleicht als ähnlich beschreiben würde, so zeigt sich, dass viele der in diesem Abschnitt besprochenen Termini dazu eingeführt wurden, um damit der zunehmenden Vielfalt der in der Praxis beobachtbaren Phänomene gerecht zu werden. Zentral für neue Begriffsverwendungen scheint außerdem der Wunsch zu sein, Phänomenen insgesamt mehr Sichtbarkeit zu verleihen (vgl. dazu Zwischenbergers vertiefende Auseinandersetzung mit den konzeptuellen Hintergründen von Kategorisierungen, 2024: 20) - sowie der Versuch einer Neukonzeptualisierung dieser translatorischen Praxen. Das betrifft auch den Begriff der ‚community translation‘. Während etwa der oben diskutierte Begriff der ehrenamtlichen Übersetzung bzw. ‚volunteer translation‘ noch nicht näher bestimmt, ob es sich bei den involvierten Ak‐ teur: innen um Einzelpersonen oder eine Gruppe handelt, argumentiert etwa O’Hagan (2011b: 12), dass gerade das gemeinschaftliche Übersetzen in einer Gruppe bzw. Community der Aspekt ist, der für sie bei der Konzeptualisierung neuer Formen von Online-Übersetzung besonders stark im Vordergrund steht. Sie spricht daher von ‚community translation‘ - etwa in dem von ihr herausge‐ gebenen Special Issue zu diesem Schwerpunkt (vgl. O’Hagan 2011a). 9 Damit ist O’Hagan freilich nicht die erste Forscherin, die sich mit komplexe‐ ren Akteursgefügen des Übersetzens oder Dolmetschens beschäftigt hat. Seit den 2000er-Jahren näherte man sich Fragen der Vernetzung oder Interaktion un‐ ter Translator: innen bzw. von Translator: innen und anderen an translatorischen Praxen beteiligten Personen verstärkt auch aus einer Netzwerkperspektive. Dabei beschäftigte man sich einerseits mit Netzwerken als Forschungsgegen‐ stand - beispielsweise in Studien zu translatorischen Wissens- und Berufsnet‐ zwerken (Mihalache 2008; Risku und Dickinson 2009); zu Kooperation und 44 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="45"?> 10 Für eine umfassende Übersicht siehe Folaron und Buzelin (2007). 11 Also „nach der eine Übersetzung immer eine Lücke schließe oder eine bestimmte (a priori festgelegte) Funktion in der Zielkultur erfülle“ (meine Übersetzung). Konflikten in übersetzerischen Produktionsnetzwerken (Abdallah 2012; Födisch 2017; Risku et al. 2021), zu den Netzwerken ehrenamtlicher Übersetzer: innen und Dolmetscher: innen (Gambier 2007), und zu übersetzerischen Praxen in Online-Netzwerken (vgl. z. B. Risku, Rogl und Pein-Weber 2016). Einflussreich war die Netzwerkperspektive aber auch in der theoretischen Auseinanderset‐ zung mit translatorischen Phänomenen. Dabei machte man unterschiedliche Netzwerktheorien für die Translationswissenschaft nutzbar 10 - sehr prominent etwa die Akteur-Netzwerk-Theorie von Latour, Law, Callon und Kolleg: innen (Callon 1986; Latour 1993, 2005; Law 1999; für Anwendungsstudien aus der Translationswissenschaft, siehe z. B. Buzelin 2004, 2005, 2007; Tahir-Gürçağlar 2007; Hekkanen 2009; Bogic 2010; Luo 2020; Kung 2021 sowie Kap. 3.2.4). Außer‐ dem untersuchte man netzwerkartige Akteursgefüge aus der Perspektive von Barabásis (2002) Netzwerktheorie (vgl. Abdallah 2012) und unter Anwendung von Konzepten aus der Sozialen Netzwerkanalyse (vgl. Castro-Prieto und Olvera Lobo 2007; McDonough 2007; Risku, Rogl und Pein-Weber 2016). Dabei machte man sich zunutze, dass sich mit netzwerkorientierten Ansätzen besonders gut nachverfolgen lässt, wie Akteur: innen miteinander interagieren und kommunizieren, wie ihre Beziehungen gestaltet sind und wie sich diese Interaktionen und Beziehungen im Laufe der Zeit und über Ortswechsel hinweg auch wandeln können (Folaron und Buzelin 2007: 606; Pym 2007: 746). Ta‐ hir-Gürçağlar (2007) und Córdoba Serrano (2007) sehen in Netzwerkforschung auch eine gute Ergänzung zu translationswissenschaftlicher Forschung in der Tradition der Descriptive Translation Studies (DTS). So wurde an DTS-orientier‐ ten Forschungsarbeiten etwa kritisiert, sie verträten die eher reduktionistische Sicht, „selon laquelle la traduction viendrait toujours combler un vide ou remplir une fonction (attribuée a priori) dans la culture cible“ 11 (Córdoba Serrano 2007: 766). Indem Netzwerkforschung Akteur: in und Feld - also Mikro- und Makroebene - zugleich in den Blick nimmt, hofft man, die Einschränkungen systemischer Perspektiven (wie etwa der DTS) ausgleichen zu können. Zentraler Fokus netzwerkbasierter Zugänge sind Akteur: innen und ihre Bezie‐ hungen zueinander. Während der Netzwerkbegriff noch nicht festlegt, wie lose oder in sich geschlossen ein solches Akteursgefüge ist - bzw. man sich die Frage nach der Qualität von Akteursbeziehungen in einigen Zugängen (z. B. der Sozialen Netzwerkanalyse) erst zum Untersuchungsgegenstand macht -, impliziert der Begriff der ‚Community‘ von vornherein eine stärkere Kohäsion zwischen den Akteur: innen bzw. eine gewisse Geschlossenheit des untersuchten sozialen Gefüges. 2.2 Die Suche nach Bezeichnungen und Konzeptualisierungsmöglichkeiten 45 <?page no="46"?> 12 Lave und Wenger (2003/ 1991) untersuchten beispielsweise ursprünglich Praxisgemein‐ schaften wie Geburtshelfer: innen- oder Schneider: innen-Berufsgruppen oder Gruppen der ‚Anonymen Alkoholiker: innen‘. Beispiele für Studien zu nicht primär auf Online-Ver‐ netzung basierenden Praxisgemeinschaften aus der Translationswissenschaft sind etwa Taronnas (2016) Studie zu Sprachmittler: innen in der Flüchtlingshilfe oder D’Hayers (2012) Verwendung des Konzepts in einem Beitrag zu Entwicklungsmöglichkeiten in der Ausbildung und Professionalisierung von Kommunaldolmetscher: innen. Weitere Fallstudien aus einer Vielfalt translatorischer Settings wurden in einem Sonderheft mit dem Titel Communities of Practice and Translation (Cadwell et al. 2022) vorgestellt. Der Begriff der ‚community translation‘ scheint dabei insbesondere von dem ursprünglich in der Pädagogik formulierten, aber auch in den Sozialwissenschaften weitreichend rezipierten Konzept der ‚Praxisgemeinschaften‘ („communities of practice“; vgl. Lave und Wenger 2003/ 1991; Wenger et al. 2002) beeinflusst. Von Netzwerken unterscheiden sich Praxisgemeinschaften darin, dass sie als Gruppen konzeptualisiert sind, die von einem gemeinsamen Interesse bzw. gemein‐ samen Praxen zusammengehalten werden (anstatt in erster Linie von Beziehun‐ gen zwischen den Akteur: innen wie in Netzwerkkonzepten). Geprägt ist dieses ‚Community‘-Konzept dabei von einem praxistheoretischen Verständnis von gemeinschaftsbasierten Aktivitäten und Austauschprozessen: Es fokussiert auf gemeinschaftliche Konstruktionsprozesse und rückt die Rolle von Wissen, Wis‐ sensaneignung und die Einführung in Praxen durch ‚Gatekeeper: innen‘ in sozialen Gruppen in den Mittelpunkt. Es verdeutlicht, wie Mitglieder solcher Gemeinschaf‐ ten Wert aus den gemeinsamen Aktivitäten und aus dem erfolgreichen Zugang zu einer Gruppe schöpfen, und verweist gleichzeitig auf Identifikationsprozesse der Mitglieder mit der ‚Community‘ sowie auf die Rolle von persönlichen Beziehungen (Wenger et al. 2002: 4f.). Wie die Erkenntnisse aus dieser Studie noch zeigen werden, finden all diese Elemente sich auch in der hier untersuchten Gruppe. Daher wird dem Begriff der ‚Community‘ oder ‚Gemeinschaft‘ hier (gegenüber dem des ‚Netzwerks‘) der Vorzug gegeben. Zwar muss sich das Konzept der Praxisgemeinschaften nicht zwingend auf Online-Gemeinschaften beziehen. 12 Wie auch in zahlreichen anderen Dis‐ ziplinen (siehe z. B. eine Überblicksstudie von Dubé et al. 2006), wurde das Konzept in den letzten Jahren allerdings auch in der Translationswissenschaft verstärkt zur theoretischen Beschreibung translatorischer Communities im Web 2.0 herangezogen. In diesem Zusammenhang entstand so etwa eine Ana‐ lyse einer Online-Community für die Übersetzung von Open-Access-Didaktik‐ materialien, in der sich die Autor: innen mit Fragen des Gruppenzusammenhalts und gemeinsamen Identitätsstiftungsprozessen beschäftigten (M. M. Lee et al. 2007). Risku und Dickinson (2009) untersuchten außerdem die Rolle beruflicher Online-Communities von Translator: innen in der Weitergabe von Wissen, wäh‐ 46 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="47"?> rend Tatar Anđelić (2022) sich mit den Übersetzungsaktivitäten und -konzepten der Mitglieder einer Online-Nachrichtenplattform beschäftigte. Besonders um‐ fassende theoretische Aufarbeitungen des Konzepts der Praxisgemeinschaften in unserem Feld lieferten Yu (2017) und Góngora-Goloubintseff (2021). Yu (2017) zeigte in ihrer Dissertation zur Nachrichtenübersetzungscommunity Yeeyan, wie das Konzept für die Erforschung von Fragen der Partizipation, der eigenen Positionierung von Community-Mitgliedern (auch in Relation zu anderen), und von Aushandlungsprozessen rund um das Erleben von Wissen und Kompetenz nutzbar gemacht werden kann. Góngora-Goloubintseff (2021) wiederum hat untersucht, wie sich Regulierungs-, Aushandlungs- und Automatisierungspro‐ zesse auf die Textbearbeitungspraxen auf Wikipedia auswirken. Das Konzept der Praxisgemeinschaften ergänzt dabei die von ihm gewählte praxistheoretische Perspektive und ermöglicht eine Konzeptualisierung der Austauschprozesse zwischen den beteiligten Nutzer: innen. 2.2.4 ‚User-generated‘ und ‚participatory‘: ‚Prosumerism‘ und neue Nutzer: innen-Kulturen Bei den oben besprochenen Termini für gemeinschafts- oder netzwerkbasierte Formen des Übersetzens stehen in erster Linie Gruppen von Translator: innen im Mittelpunkt. Der Fokus wird dabei oft auf Fragen der Organisation, der Beziehungen zueinander und auf die gemeinsamen Praxen in der Community bzw. im Netzwerk gelegt. Etwas anders gelagert ist hingegen der Begriff der ‚user-generated translation‘. Dieser wird vor allem dann verwendet, wenn die besondere Rolle von Internetnutzer: innen und deren gestalterische Möglichkei‐ ten im Einsatz digitaler Medien in den Fokus gerückt werden sollen. Wie etwa Bruns (2009) beschreibt, sind Nutzer: innen nicht mehr bloß pas‐ sive Rezipient: innen von Online-Inhalten. Vielmehr gestalten sie diese auch aktiv mit, verändern sie und geben sie an andere Nutzer: innen weiter. Damit sind Nutzer: innen-Kulturen entstanden, die einem Phänomen ähneln, das der Zukunftsforscher Toffler (1981) bereits in den 1980er-Jahren als ‚prosumerism‘ beschrieben hat (vgl. auch die deutschsprachige Bezeichnung ‚Produtzer: in‘, z. B. Bruns 2009). Gemeint war damit bei Toffler ursprünglich die Übernahme bestimmter Dienstleistungen, die zuvor von spezifisch dafür zuständigen Per‐ sonen (z. B. Vertreter: innen bestimmter Berufsgruppen) erbracht wurden, durch Personen, die bis dahin lediglich Konsument: innen dieser Leistungen waren. Während Toffler (1981) sich in seiner Diskussion etwa auf Selbsthilfegruppen oder Heimwerker: innen bezieht, erfuhr der Begriff seit den frühen 2000er-Jah‐ ren im Zusammenhang mit Nutzer: innen-Kulturen im Web 2.0 eine Renaissance. 2.2 Die Suche nach Bezeichnungen und Konzeptualisierungsmöglichkeiten 47 <?page no="48"?> Der leichtere Zugang zu Medieninhalten sowie zu eigenen Bearbeitungs- und Verbreitungsmöglichkeiten hatte zur Folge, dass sich Nutzer: innen individuell oder in Communities Informations- und Unterhaltungsinhalte aneignen oder diese selbst gestalten konnten. So entstanden neue Formen der Selbstreprä‐ sentation für Nutzer: innen. Gleichzeitig liefert das Web 2.0 eine Möglichkeit zum globalen Austausch - nunmehr auch über alternative Verbreitungskanäle (Orrego-Carmona und Lee 2017b: 6) - und befördert die Entstehung höchst spezialisierter Gruppen rund um spezifische multimediale Inhalte und Daten. Bei den so produzierten und verbreiteten Inhalten - sogenanntem ‚user-generated content‘ (UGT) bzw. ‚nutzer: innengeneriertem Inhalt‘ - kann es sich auch um Übersetzungen von durch Nutzer: innen selbst ausgewählte und bearbeitete Ausgangstexte handeln, weshalb diese vielfach auch als „user-generated translations“ (vgl. z. B. Perrino 2009: 62) bezeichnet werden. Nutzer: innengeneriertes Übersetzen, so erklärt O’Hagan (2009: 97), erfolge im Rahmen von free user participation in digital media spaces where Translation is undertaken by unspecified self-selected individuals. The user in UGT therefore is somebody who voluntarily acts as a ‘remediator’ of linguistically inaccessible products and ‘direct producer’ of Translation on the basis of their knowledge of the given language as well as that of particular media content or genre, spurred by their substantial interest in the topic. (O’Hagan 2009: -97) Zentral für den Begriff sind O’Hagan (2009: 97) zufolge also der freie Zugang von Internetnutzer: innen zu Partizipationsmöglichkeiten - hier also die Möglichkeit Texte selbst auszuwählen und diese auch selbst zu übersetzen und zu verbreiten. Der Begriff konkretisiert dabei nicht näher, um wen es sich bei den Nutzer: innen in der Regel handelt und ob diese eher auf individueller Basis oder in einer Gruppe aktiv werden. Betont werden stattdessen die Freiwilligkeit (und häufig Eigeninitiative) der Tätigkeit, das starke persönliche Interesse der Übersetzer: innen an den bearbeiteten Themen sowie der Wunsch, die ausgewählten Inhalte breiter zugänglich zu machen. Typische Beispiele für nutzer: innengeneriertes Übersetzen können etwa Formen der Fanübersetzung wie etwa Fansubbing bzw. außerberuf‐ liches Untertiteln (vgl. z. B. Orrego-Carmona und Lee 2017a), Scanlation (vgl. z. B. Ferrer Simó 2005; Valero Porras und Cassany 2017; Fabbretti 2019), oder die Übersetzung von Fanfiction (vgl. z. B. Shafirova et al. 2020) sein, das Übersetzen in Citizen-Media-Projekten (vgl. z. B. Salzberg 2008), die Untertitelung bzw. das Voice-Over von nutzer: innengenerierten Videoinhalten (vgl. z. B. Krasnopeyeva 2018) oder Selbstübersetzung im Social-Media-Bereich (vgl. z. B. Desjardins 2019). 48 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="49"?> Im Gegensatz zum Begriff des ‚Crowdsourcing‘ spezifiziert der Begriff des ‚nutzer: innengenerierten Übersetzens‘ noch nicht, ob die betreffenden Überset‐ zungen von Auftraggeber: innen (z. B. einer Organisation, einem Unternehmen, einzelner Mitglieder einer Online-Community etc.) veranlasst werden. Eine Beauftragung oder Auswahl der Ausgangstexte durch Andere ist möglich, aber nicht zwingend der Fall. Im Gegensatz dazu erfolgt, wie oben besprochen, Crowdsourcing immer über eine gewisse Auslagerung der Übersetzungsauf‐ träge an eine Gruppe von Mitwirkenden. Auch besteht bei Crowdsourcing in der Regel ein gewisses Machtgefälle in Bezug auf die Verwertung der fertigen Übersetzungen - zwischen der mächtigen beauftragenden Organisation auf der einen Seite und der hierarchisch klar untergeordneten ‚Crowd‘ auf der anderen. Während der Begriff der ‚user-generated translation‘ also insbesondere der außergewöhnlichen Rolle von Nutzer: innen (sogenannten „user-translators“; vgl. z. B. O’Hagan 2009; Mesipuu 2012; Krasnopeyeva 2018) Rechnung tragen soll, stellt Pym (2011a: 97) gerade diesen Aspekt in Frage: Für ihn sei der Begriff paradox, da Übersetzungen aus seiner Sicht immer von Personen angefertigt werden, die selbst eben nicht die unmittelbaren Nutzer: innen des jeweiligen Zieltexts seien. Bezieht man sich dabei auf einzelne Übersetzer: innen, so mag das meist zutreffen: Dann wären die Nutzer: innen des Zieltexts nämlich die Perso‐ nen, für die Übersetzer: innen einen Text erst zugänglich machen - und Über‐ setzer: innen könnten nicht gleichzeitig Nutzer: innen sein, weil sie die jeweiligen Ausgangstexte ja durchaus verstehen. Sehr wohl ‚funktioniert‘ der Begriff in diesem Kontext, wenn man sich nicht auf eine rein individuelle Betrachtung des: der Nutzers: Nutzerin beschränkt und Übersetzer: innen vielmehr als Teil der Nutzer: innengruppe der Zieltexte versteht: Viele ‚user-translators‘ ergreifen nämlich die Initiative Texte zu übersetzen, gerade weil sie äußerst engagierte Mitglieder einer spezifischen Gruppe sind, in der übersetzte Medienprodukte verbreitet und konsumiert werden (z. B. einer Fan-Community für bestimmte audiovisuelle oder literarische Produkte oder einer Anwender: innen-Commu‐ nity für bestimmte Software). In diesem Sinne ist der: die betreffende Überset‐ zer: in gleichzeitig auch Nutzer: in (bzw. Teil der Nutzer: innen-Gruppe) des übersetzten Endprodukts. Der Unterschied zu ‚konventioneller‘ Übersetzungs‐ praxis besteht insbesondere darin, dass die Nutzung des Produkts erst den Anlass für die Initiation einer Übersetzung seitens von Nutzer: innen gibt (z. B., wenn ein Fan ein Medienprodukt zugänglich machen möchte). Geht man etwas weg von der Vorstellung, die Funktion einer Übersetzung bestehe primär im ‚Verständlich-Machen‘ eines Textes, so kann außerdem die Vorstellung vom: von der Nutzer: in einer Übersetzung breiter gedacht werden: Gerade aus Eigeninitiative übersetzende ‚user-translators‘ beteiligen sich auch 2.2 Die Suche nach Bezeichnungen und Konzeptualisierungsmöglichkeiten 49 <?page no="50"?> deshalb an Übersetzungen, weil Übersetzen für sie eine erfüllende oder unter‐ haltsame Aktivität darstellt (vgl. z. B. O’Hagan 2012b; Rogl 2016). Ziel der Übersetzung ist somit auch das Übersetzen per se. Da das spielerische oder gestalterische Arbeiten mit Texten als eine spezifische Art von deren Nutzung gesehen werden kann, können die Übersetzer: innen somit also gleichzeitig auch als Nutzer: innen der betreffenden Ausgangstexte und (ihrer eigenen) Zieltexte bezeichnet werden. Gerade im Kontext sozialer Medien ist auch Selbstübersetzung eigener Inhalte durch Internetnutzer: innen ein verbreitetes Phänomen (vgl. z. B. Desjardins 2019). Auch in diesem Kontext sind die betreffenden Personen gleichzeitig Übersetzer: innen und Nutzer: innen der von ihnen selbst übersetzten Zieltexte. Für Cronin (2013: 100) handelt es sich dabei um einen beachtenswerten Gegen‐ satz zu traditionelleren (z. B. beruflichen) Formen der übersetzerischen Praxis, der als Anlass genommen werden sollte, um Übersetzung insgesamt neu zu denken: Nutzer: innengenerierte Übersetzung führe etwa die Unzulänglichkeit der in der Translationswissenschaft über Jahrzehnte wiederkehrenden Frage nach der Ausgangsvs. Zieltextorientierung beim Übersetzen vor Augen. Wie Cronin (2013: 100) ausführt, zeichnet sich nutzer: innengenerierte Übersetzung dadurch aus, dass Übersetzer: innen nicht mehr einfach eigene Vorstellungen einer zieltextorientierten Übersetzung oder einer gewissen Zielgruppe auf Texte projizieren. Vielmehr würde das Zielpublikum selbst seine eigene Selbstrepräsen‐ tation ausverhandeln und in übersetzte Medien einbringen. Damit müssten auch bestimmte traditionelle Zuschreibungen von Handlungsfähigkeit in über‐ setzerischen Akteursgefügen in Frage gestellt werden, etwa solche, die „active translation agents“ einerseits „passive or unknowable translation recipients“ (Cronin 2013: -100) andererseits gegenüberstellen. Ähnlich wie der Begriff der „user-generated translation“ rückt auch der Begriff der „participatory translation“ (Salzberg 2008; H.-K. Lee 2011; Zhang und Mao 2013; Pérez-González 2014b; Li 2015; Yang 2020) die neue Rolle von Nutzer: innen in digitalen Medienkulturen in den Fokus. Der Begriff leitet sich aus dem von Jenkins (2006b) aus medienwissenschaftlicher Perspektive ausgearbeiteten Konzept der ‚participatory cultures‘ ab (vgl. auch Delwiche und Henderson 2013), welches globale mediale Austauschprozesse rund um (künst‐ lerische oder politische) Nutzer: innen-Beiträge in den Blick nimmt. Jenkins et al. (2009: -7) charakterisieren ‚participatory cultures‘ als Kulturen 1. with relatively low barriers to artistic expression and civic engagement 2. with strong support for creating and sharing one’s creations with others 3. with some type of informal mentorship whereby what is known by the most experienced is passed along to novices 50 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="51"?> 13 Vgl. dazu auch Keltys (2019) historisch-ethnografische Forschungsarbeit zum Begriff der Partizipation, in der er sich mit den Ausgangsbedingungen, der Reichweite und Wirkung partizipativer Prozesse beschäftigt. 4. where members believe that their contributions matter 5. where members feel some degree of social connection with one another (at the least they care what other people think about what they have created). Not every member must contribute, but all must believe they are free to contribute when ready and that what they contribute will be appropriately valued. ( Jenkins et al. 2009: -7) Jenkins et al. (2009: 7) betonen hier also insbesondere den gesteigerten Zugang zu Ausdrucksmöglichkeiten für Einzelne und eine gewisse Kultur der Wertschätzung für die Beiträge aller Beteiligten. Das Konzept der ‚participatory cultures‘ weist dabei einige Parallelen mit dem der ‚communities of practice‘ (vgl. voriger Abschnitt) auf - etwa in Bezug auf die Rolle des Lernens von anderen Mitgliedern der betreffenden Community bzw. Kultur. ‚Participatory cultures‘ sind jedoch weniger stark als geschlossener Community-Verband zu verstehen, und stattdes‐ sen weitaus durchlässiger bzw. vager definiert. Zwischenberger (2022b: 223) kritisiert an Jenkins’ Darstellung, dass darin die traditionell starke Anbindung des Begriffs der ‚Partizipation‘ an politikwissenschaftliche Konzeptualisierungen politischer Beteiligung, vor allem rund um den Begriff der ‚partizipativen Demo‐ kratie‘, verloren geht. Orientiert man sich an diesem, so müsse Partizipation als ethisches Konzept verstanden werden, das auf der Gleichverteilung von Macht und Beteiligungsmöglichkeiten basiere. Die politikwissenschaftliche Perspektive spreche nur dann von Partizipation, wenn die Beteiligung aller auf gleicher Basis erfolge - was bedeutet, dass viele der von Jenkins als partizipativ beschriebenen Phänomene, insbesondere Crowdsourcing oder andere ‚top-down‘-organisierte Social-Media-Praxen, nicht unter den politikwissenschaftlichen Partizipationsbe‐ griff fallen würden. 13 Bei Jenkins et al. (2009) stehen Aspekte wie die Eigenin‐ itiative bzw. der Eigenbeitrag von Nutzer: innen stärker im Vordergrund. Das Konzept der ‚participatory cultures‘ kann somit zwar kaum herangezogen wer‐ den, um berufliche Formen der Translation zu beschreiben. Eine Anwendung des Konzepts der ‚participatory cultures‘ auf translatorische Amateurkulturen, auf aktivistische Übersetzungskollektive oder andere Formen selbstinitiierter Translation ist jedoch naheliegend, wie auch die folgenden Beispiele jüngerer translationswissenschaftlicher Studien verdeutlichen: So zeigt etwa Yang (2020) in einer Dialogakt- und Netzwerkanalyse einer chinesischen Online-Übersetzungsplattform, wie das Konzept der ‚participatory cultures‘ lohnend dazu eingesetzt werden kann, den übersetzerischen Akti‐ 2.2 Die Suche nach Bezeichnungen und Konzeptualisierungsmöglichkeiten 51 <?page no="52"?> 14 ‚User-generated translation‘ so zu definieren, ergibt dann Sinn, wenn der Begriff als ‚translation of user-generated content‘ gelesen wird. Der Begriff kann jedoch auch so verstanden werden, dass es die Übersetzung ist, die von Nutzer: innen ‚generiert‘ wurde (siehe auch Kap. 2.2.4). Entsprechend unterschiedliche Begriffsverwendungen finden sich in der Literatur. vitäten von Nutzer: innen - insbesondere vor dem Hintergrund von deren „contribution as collaborators“ (Yang 2020: 353) - nachzugehen. Die Studie zeigt dabei, (1) von welchen Dialogakten die (Übersetzungs-)Praxen in der Commu‐ nity besonders stark geformt werden, (2) wie die Interaktionen zwischen den Nutzer: innen dazu beitragen, organisatorische Schwierigkeiten und Probleme mit der Übersetzungsqualität abzufedern, und (3) inwieweit die kommunikati‐ ven Prozesse in der Community einem Lernprozess seitens der Nutzer: innen unterliegen. Yang (2020: 347) beobachtete dabei auch, wie partizipative Prozesse (z. B. die Anerkennung des Beitrags Einzelner; Statuszuschreibung im Gegenzug für Engagement in der Gruppe) dialogisch konstruiert werden. H.-K. Lee (2011) beschäftigte sich vor diesem konzeptuellen Hintergrund mit Fansubs, nahm allerdings die Makroebene von deren Dissemination durch Nutzer: innen in den Blick. Dabei konzeptualisierte sie Fansubs als „participatory media“. Die Verbreitung fanuntertitelter Medienprodukte könne man dabei als einen Prozess des „mediated copying“ beschreiben. In diesem Zusammenhang nimmt H.-K. Lee (2011: 1132) auch eine Abgrenzung zwischen ‚participatory translation‘ und ‚user-generated translation‘ vor: ‚User-generated translation‘ impliziere für sie, dass die Nutzer: innen auch für die Produktion und Gestaltung der Originalmedien verantwortlich seien. In ihrem Beispiel für ‚participatory translation‘ würde von den Fans hingegen ursprünglich copyrightgeschütz‐ tes Material verbreitet. 14 Dabei würden diese dennoch eine aktive Rolle als ‚Prosumers‘ dieser Inhalte einnehmen, nämlich gleichzeitig als „mediators and distributors“ (H.-K. Lee 2011: 1132). Dieser Vermittlungsprozess, den Lee hier anspricht, könne dabei Aktivitäten wie „translation, editing, subtitling or dubbing“ (H.-K. Lee 2011: 1134) umfassen. Indem bei partizipativen Aktivitäten wie Fansubbing kulturelle Inhalte mehrfach geteilt und im Zuge (sprachlicher) Vermittlungsprozesse adaptiert werden und somit einen neuen Kanal für die Verbreitung von Medieninhalten eröffnen, könnten sich diese durchaus disrup‐ tiv auf die globale Medienlandschaft auswirken. Auch Zhang und Mao (2013) nehmen Bezug auf Jenkins’ Konzept der ‚participatory cultures‘. In ihrem Beitrag hinterfragen sie die Umlegbarkeit einer These von Jenkins auf den Kontext chinesischer Fanübersetzungskulturen. Dem‐ nach könnten in Fanprojekten erworbene Kenntnisse, darunter etwa „skills, sense of agency, mindset of collaboration, and structures supported by technologies“ 52 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="53"?> (Zhang und Mao 2013: 55 f.), mit der Zeit auch auf Projekte für politische Betei‐ ligung transferiert werden. Partizipative Populärkulturen könnten laut Jenkins also zu Wegbereitern für Kulturen der Bürger: innen-Beteiligung werden. Zhang und Mao (2013) zeigen in ihrem Beitrag allerdings, wie unwahrscheinlich es ist, dass dies auch auf chinesische Populärkulturen - wie etwa Fansubbing-Com‐ munities - zutrifft: Das systematische, repressive Vorgehen der chinesischen Behörden gegen politischen Aktivismus führe zu stärkerer Selbstkontrolle durch Communities und mehr Selbstzensur durch die einzelnen Nutzer: innen. Immerhin zeigt die Studie jedoch die Tendenz einiger Fansubber: innen, bei der Auswahl der zu übersetzenden Inhalte von ursprünglich primär unterhaltungsorientierten Inhalten allmählich auf stärker wissensorientierte Inhalte überzugehen. Der Beitrag zeigt eindrücklich, dass digitale Medienkulturen nicht abgekoppelt von realpolitischen Strukturen gedacht werden können. 2.2.5 ‚Collaborative translation‘: die Gemeinschaftlichkeit übersetzerischer Praxen Ein weiterer zentraler Begriff für die Beschreibung von (unter anderem) online stattfindenden Übersetzungspraxen ist der der „collaborative translation“ (vgl. z. B. O’Brien 2011; Cordingley und Frigau Manning 2017a; Jiménez-Crespo 2017a; Monti und Schnyder 2018; Trzeciak Huss 2018; Alfer 2021; Zwischenberger 2022a, 2022b), bei dem der Aspekt der gemeinschaftlichen Produktion von Übersetzun‐ gen durch mehrere beteiligte Akteur: innen in den Fokus gerückt wird. Je nach Anwendungsfall wird der Begriff in der Literatur unterschiedlich eng oder breit ausgelegt. Unterschiede gibt es zunächst in Bezug auf die einbezogenen Akteur: innen: Gemeint sein kann etwa (1) die Zusammenarbeit zwischen mehre‐ ren Übersetzer: innen, oder (2) die Zusammenarbeit zwischen Übersetzer: innen und weiteren Personen, die in unterschiedlichen Phasen des Übersetzungsproz‐ esses auf den Zieltext Einfluss nehmen (z. B. Autor: innen, Auftraggeber: innen, Verlage, Korrekturleser: innen, Lektor: innen, Sachverständige oder sogar sonst häufig verborgene ‚Stimmen‘ wie etwa Familienmitglieder, vgl. z. B. Kolb 2017). Gemeint sein kann außerdem (3) das Zusammenwirken zwischen verschiedenen menschlichen und nicht-menschlichen Akteur: innen. Während jedoch Trzeciak Huss (2018) in ihrem Plädoyer für eine Erweiterung der Forschungsperspektive auf nicht-menschliche Akteur: innen primär den Einbezug von Texten meint, bezieht sich etwa O’Brien (2011: 17) auf eine stärkere Berücksichtigung der Rolle von Übersetzungs- und Webtechnologien. Monti (2018: 15) betont in diesem Kontext, dass eigentlich jede Form computergestützter Übersetzung bereits als ‚kollaborativ‘ zu bezeichnen sei: Gerade Translation Memories, zu deren Entstehung in der 2.2 Die Suche nach Bezeichnungen und Konzeptualisierungsmöglichkeiten 53 <?page no="54"?> 15 Also einer „‚unfreiwilligen‘ oder sogar ‚erzwungenen‘ Zusammenarbeit mit den vorherge‐ henden Übersetzer: innen“ (meine Übersetzung). Regel unterschiedliche Übersetzer: innen über mehrere Projekte hinweg beitragen, seien der Inbegriff eines kollaborativen Übersetzungsprodukts - wenn auch, in diesem Fall, einer „collaboration ‚forcée‘ avec les traducteurs précédents“ 15 (ibid.). O’Brien (2011: 17) nennt ‚machine learning‘ (also das Trainieren von MÜ-Systemen mit posteditierten Zieltexten) als Beispiel für eine solche „human-to-machine collaboration“. Tatsächlich scheint in Studien zur Schnittstelle zwischen Überset‐ zer: innen und den von ihnen genutzten Technologien jedoch weniger das Konzept der „human-to-machine collaboration“ als vielmehr das der „human-computer interaction“ (O’Brien 2012; Bundgaard et al. 2016; Bundgaard 2017; Läubli und Green 2020) zur Anwendung zu kommen. ‚Collaborative translation‘ kann jedoch nicht nur das Zusammenwirken un‐ terschiedlicher Akteurskonstellationen beschreiben, sondern auch ein von Fall zu Fall verschieden großes Ausmaß an Gemeinschaftlichkeit der betreffenden Praxen bezeichnen (Cordingley und Frigau Manning 2017b: 24). Kollaborative Prozesse können also unterschiedlich stark ausgeprägt sein, je nachdem, welche der involvierten Akteur: innen auch wirklich selbst übersetzen; wie umfassend ihre jeweiligen Beiträge zum gemeinsamen Produkt sind; wer sich für die ursprüngliche Textproduktion verantwortlich zeigt, wer hingegen eher für das Redigieren eines Entwurfs; wie stark der Einfluss der Verfasser: innen des Ausgangstexts ist; und ob gemeinsam, gleichzeitig und womöglich sogar am selben physischen Ort an einem Text gearbeitet wird, oder die Bearbeitung eher asynchron und an unterschiedlichen Orten erfolgt. Je nach Quellenlage ist es allerdings nicht immer so leicht, das Ausmaß der Gemeinschaftlichkeit kollaborativer Praxen auch empirisch nachzuzeichnen: Wie Trzeciak Huss (2018: 448) beschreibt, fließen in Zieltexte häufig ‚unsichtbare Stim‐ men‘ ein - von Akteur: innen, die nicht offiziell in Erscheinung treten oder nicht als Beitragende genannt werden (vgl. dazu etwa auch eine Studie von Kolb 2017). In anderen Fällen wiederum kann der Beitrag bestimmter Personen unverhältnis‐ mäßig stark in den Mittelpunkt gerückt werden - etwa, wenn mit der Einbindung bekannter Persönlichkeiten besondere Aufmerksamkeit für einen Zieltext (z. B. eine literarische Übersetzung) lukriert werden soll (Trzeciak Huss 2018: 448). Ob - gerade im Bereich der literarischen Übersetzung - Daten über gemeinsame Arbeitsprozesse und Interventionen im Text (z. B. Manuskriptversionen, Notizen der Übersetzer: innen, Paratexte) archiviert oder sogar veröffentlicht werden, hängt meist vom Bekanntheitsgrad der beteiligten Personen ab. Entsprechende 54 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="55"?> 16 Vgl. beispielsweise das frei zugängliche Online-Archiv des Projekts Wayback Machine (Internet Archive 2018), das auch in dieser Studie verwendet wurde. Forschungsarbeiten privilegieren daher unweigerlich besonders prestigeträchtige Beispiele des Übersetzens (Trzeciak Huss 2018: -456). Das hat sich mit dem Aufkommen webbasierter Co-Authoring-Tools geän‐ dert. Diese liefern nun die technischen Voraussetzungen für die gemeinschaft‐ liche Bearbeitung oder Übersetzung von Texten. Sie ermöglichen die Zusam‐ menarbeit beliebig vieler Personen am gleichen Text, aber an unterschiedlichen Bildschirmen - und über beliebig große geografische Entfernungen hinweg. An‐ ders als zuvor können Arbeitsschritte, die bislang meist nacheinander erledigt wurden, nunmehr im Zuge gleichzeitiger Gestaltungsprozesse erfolgen (O’Brien 2011). Werden kollaborative Übersetzungspraxen in nicht primär technologie‐ vermittelten Kontexten untersucht, so steht häufig die Frage im Mittelpunkt, wie sich Autorität über einen Zieltext auf mehrere Übersetzer: innen oder auf Übersetzer: innen und andere Beteiligte aufteilt und zwischen diesen ausverhan‐ delt wird. Diese Frage muss in Bezug auf kollaborative Gefüge im Internet neu bewertet werden. Cordingley und Frigau Manning (2017b: 2) betonen in diesem Kontext gerade die veränderte Beziehung von online vernetzten Übersetzer: innen zu den von ihnen bearbeiteten, häufig schnell veränderlichen Ausgangs- und Zieltexten: Die Autorität der einzelnen Übersetzer: innen über die von ihnen verfassten Texte sei hier allemal provisorisch - die Texte selbst dynamisch und ständig aufs Neue in Aushandlung. Wesentlich ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Technisierung kolla‐ borativer Übersetzungspraxen nie dagewesene methodische Möglichkeiten für deren Erforschung mit sich gebracht hat (Trzeciak Huss 2018: 449): Dadurch, dass ein Großteil der Handlungen und Interaktionen digital erfolgen, werden diese in medialer Form fixiert und bleiben so als potenzielle Datengrundlage erhalten (bis sie gelöscht oder geändert werden - meist aber sogar darüber hinaus). So lässt sich mehr über Ausgangs- und Zieltexte sowie deren Versionen erfahren, oder auch über die an unterschiedlichen Phasen einer Übersetzung be‐ teiligten Akteur: innen. Aus Kommentaren lassen sich Rückschlüsse auf Motiva‐ tionen bzw. Zielsetzungen beim Übersetzen ziehen und Aushandlungsprozesse nachzeichnen. Gleichzeitig liefern solche Spuren digitaler Interaktionen auch Anhaltspunkte für die Analyse der betreffenden sozialen Gefüge (z. B. Fragen der Hierarchie, der Macht, der Asymmetrie im Zugang zu übersetzerischen Praxen etc.). Online-Archiv-Projekte 16 speichern außerdem über Jahre hinweg Webseiten-Versionen und können so zur Mikroanalyse von Textgeneseprozes‐ sen (vgl. dazu etwa Fan 2015; Pérez-González 2017: 30 f.) genutzt werden. 2.2 Die Suche nach Bezeichnungen und Konzeptualisierungsmöglichkeiten 55 <?page no="56"?> 17 Désilets und van der Meer (2011: 29 f.) verstehen „collaborative translation“ in jedem Fall als internetvermittelt: Sie zählen dazu etwa Crowdsourcing-Portale, Wiki-basierte Plattformen zur Abwicklung großer Übersetzungsprojekte, Terminologie-Verwaltungs‐ portale, Portale zum Austausch von Übersetzungsressourcen und zur Vergabe von Übersetzungsaufträgen sowie Post-Editing. 18 Dass die Relevanz kollaborativer Übersetzungskonstellationen in der Praxis gleichzeitig nicht immer auch in den Konzeptualisierungen vom Übersetzen reflektiert war und ist, führt Trzeciak Huss (2018: 449) auf den starken Einfluss bestimmter westlicher Denktra‐ ditionen zurück: (1) die Priorisierung von Objekten bzw. Produkten (z. B. fertige Texte) gegenüber Prozessen des Entstehens (z. B. Schreib- und Bearbeitungsprozessen); (2) die Privilegierung intentionalen Handelns (gegenüber nicht-intentionalem Handeln); und (3) die besondere Betonung der Handlungsträgerschaft einzelner Akteur: innen (gegenüber der von Kollektiven) - was auch das Entstehen des (post-)romantischen Ideals vom: von der alleinigen Autor: in bzw. Übersetzer: in (vgl. auch Cordingley und Frigau Manning 2017b: -2) befördert haben mag. Wie die zahlreichen Beispiele in den Aufsatzsammlungen von Cordingley und Frigau Manning (2017a) sowie von Monti und Schnyder (2018) - von der Antike über die Renaissance bis in die Gegenwart - zeigen, ist ‚collaborative translation‘ dennoch keinesfalls ein Phänomen, das primär dem ‚Internetzeit‐ alter‘ zuzurechnen ist - auch, wenn der Begriff mancherorts so verwendet wird (z. B. bei Désilets und van der Meer 2011 17 ). Perrino (2009: 63 f.) kritisiert überhaupt den Begriff der ‚collaborative translation‘ und bezeichnet diesen als „undoubtably vague and tautological“ - mit dem Argument, Zusammenarbeit solle „a sine qua non to translation“ sein. Während also klar ist, dass Translation immer schon unterschiedlich stark in kooperative Gefüge eingebettet war, haben die oben geschilderten neuen Möglichkeiten, online ausgeübte kollaborative Übersetzungspraxen methodisch zu erfassen, dazu geführt, dass in den letzten Jahren eine weitaus größere Viel‐ falt translatorischer Phänomene in den Fokus translationswissenschaftlicher Auseinandersetzung gerückt ist. Forscher: innen haben nunmehr auch Zugang zu alltäglichen Formen (meist außerberuflich ausgeübter) Translation, die zuvor wohl meist im Verborgenen geblieben sind. 18 Eine Reihe zentraler Fragestellungen bei der Erforschung von Praxen der ‚collaborative translation‘ bezieht sich auf die Verteiltheit der Beiträge unterschied‐ licher Akteur: innen zu einer Übersetzung: Von besonderem Interesse kann hier etwa sein, wie Co-Übersetzer: innen nicht nur Texte sondern auch einander beeinflussen; wie sie ihre Textgestaltungsprozesse (bewusst oder unbewusst) an die (erwarteten) Einstellungen und Reaktionen anderer Beteiligter anpassen; ob bzw. wie sie mit Kompromissen umgehen oder sogar Selbstzensur üben (Cordingley und Frigau Manning 2017b: 21f.); wie unterschiedlich Formen der Zusammenarbeit gestaltet sein können - etwa je nach Beziehung zwischen den Akteur: innen (Trzeciak Huss 56 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="57"?> 2018: -450); und nicht zuletzt, ob das Produkt solcher kollaborativen Übersetzungs‐ prozesse am Ende ein Flickwerk vieler einzelner Stimmen ergibt - oder nicht vielleicht sogar eine gemeinsame, neue, hybride Stimme entsteht (Cordingley und Frigau Manning 2017b: 20ff.; vgl. auch Zwischenberger 2022a: 7f.). Für Zwischenberger (2022a) besteht der Vorteil des Begriffs der „online collaborative translation“ darin, dass er so breit gefasst sei. Weil er offen lasse, ob es sich bei den betreffenden Praxen etwa um selbstorganisierte oder beauftragte For‐ men der Translation handelt, ob die beteiligten Übersetzer: innen Profis oder Laien sind, und ob die fertigen Übersetzungen kommerziell oder nicht-kommerziell ge‐ nutzt werden (Zwischenberger 2022a: 4f.), käme der Begriff auch als Metakonzept für neue übersetzerische Praxen im Web in Frage (vgl. dazu auch die Diskussion dieser Frage im nächsten Abschnitt). Allerdings brauche es vertiefende konzeptu‐ elle Arbeit, die über „general definitions of ‘working together’ and references to equally general dictionary entries“ (Zwischenberger 2022a: 7) hinausgehe (siehe dazu auch den Versuch einer systematischen Begriffsabgrenzung bei Zwischen‐ berger 2024). Zwischenberger selbst verweist auf eine Definition von Dombek (2014: 27f.). Dort erklärt Dombek (ibid.), unter „collaborative translation“ sei nicht immer automatisch die gleichzeitige Arbeit mehrerer Übersetzer: innen an ein und demselben Segment zu verstehen. Wesentlich sei vielmehr, dass die betreffende Gruppe die fertige Übersetzung als gemeinschaftliches Produkt der Arbeit vieler Beiträger: innen verstehe, was zur Folge habe, dass der Beitrag Einzelner in den Hintergrund rücke und es somit auch keine Anerkennung für die individuellen Beiträge der Übersetzenden (und anderer Mitwirkender) gäbe (Dombek 2014: 27f.). Tatsächlich scheint die Frage, ob die Übersetzungs- oder Revisionsarbeit einzelner Nutzer: innen (etwa durch Namensnennung) gewürdigt wird, jedoch stark von der jeweiligen Plattform und deren Zielen abzuhängen. Gerade selbstorganisierte Plattformen sind häufig so gestaltet, dass der Individualität der Übersetzungen bestimmter Nutzer: innen (und auch deren Person) durchaus besonderer Raum gegeben wird: Die Plattform lyricstranslate.com, auf der Nutzer: innen Übersetzun‐ gen von Liedtexten hochladen können, sieht beispielsweise vor, dass immer auch der Name der Übersetzer: innen ausgewiesen wird und Nutzer: innen sich bei diesen für ihren Beitrag bedanken können. Übersetzer: innen haben außerdem individuelle Nutzer: innen-Profile, auf denen sie sich und ihre Interessen und Motivationen vorstellen. Auch ist es durchaus üblich, dass mehrere Übersetzun‐ gen für dieselbe Sprache angefertigt werden und die Community in weiterer Folge kritisch, aber auch anerkennend, Übersetzungen und Neuübersetzungen vergleicht und mit den Übersetzer: innen diskutiert. Auch bei anderen Formen der Fanübersetzung können die Beiträge Einzelner durchaus im Mittelpunkt stehen, auch wenn die Übersetzungen letztlich ein Produkt vieler Beteiligter sind: Der 2.2 Die Suche nach Bezeichnungen und Konzeptualisierungsmöglichkeiten 57 <?page no="58"?> Vor- oder Abspann fanuntertitelter Videoprodukte enthält meist nicht nur einen Hinweis auf den Namen der betreffenden Fansubbing-Community, sondern auch auf die (Profil-)Namen der in unterschiedlichen Funktionen beteiligten Fans (z. B. Untertitler: innen, Verantwortliche für ‚Editing‘, ‚Typesetting‘, Karaokeeffekt etc.; vgl. z. B. Díaz Cintas und Muñoz Sánchez 2006). Möchte man also sowohl die Übersetzungspraxen auf Social-Media-Plattformen wie etwa Facebook als auch jene in Fansubbing-Gruppen als ‚collaborative translation‘ konzeptualisieren, so erscheint es sinnvoll, das In-den-Hintergrund-Treten individueller Beiträge nicht zum ausschlaggebenden Kriterium zu machen. Zwischenberger (2022a: 7 f.) verweist auf die Verwendung des Konzepts der „collaboration“ in der organisationswissenschaftlichen Forschung, wo die Idee im Mittelpunkt steht, dass bei kollaborativen Prozessen einzelne Beiträge zu einem „new hybrid whole“ zusammengeführt werden, „that none of the parties involved could have generated on their own“ (Zwischenberger 2022a: 7 f.). Der Fokus liege somit auf den anhaltenden Aushandlungsprozessen zwischen den Beteiligten, im Zuge derer diese unweigerlich mit ihren Differenzen und verschiedenen Sichtweisen konfrontiert seien und so notwendigerweise auf eine Lösung hinarbeiten, die über das hinausgeht, was sie womöglich von sich aus angestrebt hätten. „Collaboration“ muss also nicht automatisch Konfliktfreiheit oder Bereitwilligkeit zur Zusammenarbeit bedeuten. Damit ist diese Konzeptualisierung weitaus differenzierter angelegt als histo‐ rische und alltagssprachliche Begriffsverwendungen vielleicht glauben machen: Wie Cordingley und Frigau Manning (2017b: 16 f.) beschreiben, beinhaltet der Begriff der ‚collaborative translation‘ für viele Kritiker: innen immer noch die historischen Kontexten entstammende Konnotation von „collaboration“ als ‚verräterische Zusammenarbeit mit einem Feind‘ (vgl. z. B. Pym 2011a: 77). Zuletzt orten sie jedoch eine strategische Umdeutung des Begriffs, vor allem in jüngeren politischen Diskursen, wo „collaboration“ nunmehr bewusst mit Begriffen wie „openness, transparency, public participation, democracy, efficacy and effectiveness“ (Cordingley und Frigau Manning 2017b: 17) verknüpft werde. Auch dieses neue Begriffsverständnis ist dabei ideologisch behaftet: Gerade in kommerziellen Kontexten (auch in der übersetzerischen Praxis) bedient man sich dieser Konnotationen oft gezielt, um etwa kollaborative Übersetzungspro‐ jekte mit Narrativen zu verbinden, die letztlich darauf abzielen, ausbeuterische Unternehmensinteressen zu verschleiern. Entsprechende Kommunikationsstra‐ tegien betonen dann etwa (1) die Idee von der Aufgabe von Einzelinteressen zugunsten eines übergeordneten Ziels; (2) die Vorstellung von einer Gemein‐ schaft von Menschen mit vielfältigen Fähigkeiten und Erfahrungen, dank der die Gruppe stets Besseres leiste als der: die Einzelne; (3) und nicht zuletzt den 58 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="59"?> Gedanken, dass eine größere Zahl von Beteiligten automatisch gleichzusetzen sei mit besserer Qualitätskontrolle und mehr Effizienz (Cordingley und Frigau Manning 2017b: 17 f.). Cordingley und Frigau Manning (2017b: 19) verweisen in diesem Zusammenhang auch auf den Versuch von Großunternehmen der Plattformindustrie, Inhalte und Anwendungsoberflächen im Zuge von Crowd‐ sourcing-Projekten von unbezahlten Nutzer: innen übersetzen zu lassen (etwa bei LinkedIn oder Facebook; vgl. z. B. McDonough Dolmaya 2011: 97 f.; 102 f.). Die oben beschriebene „positive rhetoric of collaborative translation“ missbrau‐ che man dabei als „smokescreen to induce and hide the exploitation of the vulnerable“ (Cordingley und Frigau Manning 2017b: -19). In den letzten Jahren sind daher eine Reihe von Beiträgen erschienen, die sich mit der Frage beschäftigen, inwiefern digitale Übersetzungspraxen als wenig oder unbezahlte Arbeit und neue Form der Ausbeutung zu bewerten sind (vgl. z. B. Rogl 2016; Fırat 2021; Zwischenberger 2022a: 10 ff.; Cukur 2024). Olohan (2017b) verweist in diesem Zusammenhang auf Fragen der Macht, die gewissen Technologien inhärent sind. Es sei daher eine essenzielle Aufgabe der translati‐ onswissenschaftlichen Forschung, neue Übersetzungspraxen im Web auch aus der Perspektive einer Kritischen Theorie der Technik zu untersuchen, um den breiteren gesellschaftlichen Auswirkungen der kapitalistischen Strukturen der Plattformökonomie auf den Grund zu gehen (vgl. dazu auch Kap.-3.2.5). 2.2.6 Begriffsverwendung in dieser Untersuchung Wie in den vorigen Abschnitten dargestellt wurde, werden in der translations‐ wissenschaftlichen Diskussion eine Reihe von Begriffen mit übersetzerischen Praxen im Web 2.0 verbunden. Zwischen einigen von ihnen sind, wie oben besprochen, Überschneidungen in wesentlichen Aspekten feststellbar - bei‐ spielsweise in einem vergleichbaren Fokus auf außerberuflich ausgeübte trans‐ latorische Aktivitäten wie etwa bei ‚volunteer translation‘ oder ‚participatory translation‘; in einem ähnlichen Bezug auf Übersetzung in Gruppen oder vernetzten Gefügen bei ‚community translation‘ oder ‚collaborative translation‘; und nicht zuletzt auch darin, dass einige dieser Begriffe der Rolle von Inter‐ netnutzer: innen besonders Rechnung tragen wie etwa die der ‚user-generated translation‘ und ‚participatory translation‘. Die Bewertungen der oben nachge‐ zeichneten terminologischen Vielfalt sind in der Translationswissenschaft un‐ terschiedlich: Cronin sieht darin ein Symptom dafür, dass translatorische Praxen im Online-Kontext einem konstanten und tiefgreifenden Wandel unterliegen (Cronin und Folaron 2013: 9). DePalma und Kelly (2011: 381) verweisen darauf, dass hier - wie auch anderswo oft - die Standardisierung der Terminologie jenen 2.2 Die Suche nach Bezeichnungen und Konzeptualisierungsmöglichkeiten 59 <?page no="60"?> 19 Hebenstreit (2019: 139) argumentiert, dass sich für neue Formen der Übersetzung im Web 2.0 soweit kein Metakonzept identifizieren lasse. Er selbst verwende zwar in dem hier diskutierten Beitrag den Terminus ‚social translation‘. Es handle sich dabei jedoch um einen Platzhalter für ein mögliches Metakonzept. Mit ‚social translation‘ greift er den Titel des Sonderhefts auf, in dem der Beitrag publiziert ist (vgl. McDonough Dolmaya und Sánchez Ramos 2019). Siehe auch Zwischenberger (2022a: 5) für eine Kritik. technologischen Entwicklungen nachhinkt, die deren Entstehung befördert haben. Andernorts werden solche und ähnliche konzeptuelle Überlappungen rund um translatorische Praxen im Web wiederum zum Anlass dafür genommen, um begriffliche Grenzziehungen einzufordern. Zwischenberger (2022a) argumentiert in diesem Kontext etwa für die Etablierung eines Metakonzepts und schlägt dafür den Begriff der ‚collaborative translation‘ vor. Allerdings besteht Uneinig‐ keit darüber, zwischen welchen der oben besprochenen Begriffe hierarchische Begriffsbeziehungen bestehen, die es überhaupt erlauben würden, ein Metakonzept zu identifizieren. Eine systematische terminologische Analyse liefert Hebenstreit (2019), indem er häufig in diesem Kontext verwendete Begriffe als Teil eines Begriffssystems beschreibt. Der in Abbildung 1 dargestellte Begriffsplan zeigt dabei im Gegensatz zu den oben kommentierten Begriffsdiskussionen nicht so sehr die konzeptuellen Überlappungen, sondern vielmehr die unterschiedlichen Abstraktionsstufen des Begriffssystems. Ober- und Unterbegriffe werden darin auf der Basis von Unterteilungsgesichtspunkten, wie etwa ‚Technologienutzung‘, ‚Nutzer: innengruppe‘ oder ‚Art des audiovisuellen Materials‘, systematisiert. Abbildung 1: Konzepte der „social translation“ 19 in einem Begriffssystem der Überset‐ zung (Hebenstreit 2019: 152) 60 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="61"?> 20 Zumindest ist dem so, wenn man bei der engen Anknüpfung des Begriffs an Jenkins’ Konzept der ‚participatory cultures‘ bleibt. In der Translationswissenschaft wird der Begriff aktuell jedoch in erster Linie zur Beschreibung internetvermittelter Praxen verwendet. Aus Hebenstreits (2019) Analyse wird auch deutlich, warum sich viele der oben vorgestellten Begriffe weniger gut als Metakonzepte eignen: Der Ruf nach einem Metakonzept bezieht sich in der Regel auf übersetzerische Phänomene im Zusammenhang mit dem Web 2.0. Damit ist bereits eine Einschränkung vorge‐ nommen - nämlich auf Begriffe, bei denen Technologienutzung im Vordergrund steht. Andere gängige Termini, wie etwa ‚partizipative‘ 20 und ‚kollaborative Übersetzung‘, beziehen sich jedoch auf Praxen, die nicht zwingend internetver‐ mittelt stattfinden. Allerdings betreffen sie Übersetzung in recht konkreten sozialen Gefügen oder Gruppen. Würde man diese Begriffe also in Hebenstreits Begriffssystem einordnen, so würden sich Unterteilungsgesichtspunkte wie ‚Kooperationsform‘, ‚Akteursgefüge‘ oder ‚Gemeinschaftlichkeit‘ anbieten, die auf derselben Abstraktionsstufe wie der Gesichtspunkt der ‚Technologienut‐ zung‘ anzusiedeln wären. Diese Begriffe wären dabei jenen, die unter dem Unterteilungsgesichtspunkt der ‚Technologienutzung‘ erfasst sind (also etwa „social-media-driven translation“), gleichrangig - und nicht untergeordnet, wie es für die Identifikation eines Metakonzepts erforderlich wäre. In dieser Forschungsarbeit sollte der Aspekt im Vordergrund stehen, der für die konzeptuelle Bearbeitung des Gegenstands am relevantesten ist. Da hier übersetzerische Praxen in einem relativ geschlossenen Community-Verband un‐ tersucht werden, wird im Folgenden in erster Linie von gemeinschaftsbasierter Übersetzung gesprochen. Die vorgeschlagene deutschsprachige Bezeichnung entspricht wohl am ehesten dem oben vorgestellten Begriff der ‚community translation‘ - jedoch ohne die im Englischen überlappende Bedeutung mit Kom‐ munalübersetzen. In Bezug auf den - wie Hebenstreit (2019: 152) es in seinem Begriffsplan bezeichnet - ‚beruflichen Status‘ der Aktivitäten werden die hier behandelten Übersetzungspraxen außerdem als ‚außerberufliche Translation‘ bezeichnet (vgl. Kap.-1.1.5). Insbesondere bei digital bzw. multimedial vermittelten Formen der außer‐ beruflichen Translation (z. B. im Zusammenhang mit Fanübersetzung wie Fansubbing, vgl. Li 2015; Orrego-Carmona und Lee 2017a; Translation Hacking, vgl. Muñoz Sánchez 2009; aktivistischer Translation in Online-Kontexten, vgl. Pérez-González 2017) wird auch häufig der Begriff der ‚Amateurübersetzung‘ verwendet. Während er aufgrund seiner negativen Konnotation („Amateurhaf‐ tigkeit“; vgl. in diesem Sinne etwa Perrino 2009: 63 f.) oft aus gutem Grund gemieden wird, wird er insbesondere im Kontext neuer digitaler Praxen im Web 2.2 Die Suche nach Bezeichnungen und Konzeptualisierungsmöglichkeiten 61 <?page no="62"?> wieder zunehmend verwendet. Dies liegt insbesondere an einem wachsenden wissenschaftlichen Interesse an der besonderen Bedeutung von Amateur- und Fankulturen im virtuellen Raum an den Kreuzungspunkten von Medienwissen‐ schaft, Soziologie und Anthropologie (vgl. z. B. Jenkins 2006a; Reichert 2008; Donnat 2009a; Flichy 2010; Hunter et al. 2013). In der Translationswissenschaft wird der Amateurbegriff im Kontext virtueller translatorischer Praxen oft weitgehend mit dem der ‚nicht-professionellen Translation‘ gleichgesetzt. Al‐ lerdings enthält der Begriff ‚Amateur‘ die zusätzliche etymologische Bedeutung eines „etwas sehr gern Machens“ (von lat. ‚amare‘, dt. ‚lieben‘; Kluge 1989: 24), was insbesondere auf translatorische Fankulturen zutrifft - aber auch auf die in dieser Studie untersuchte Gruppe. Eine historisch-kritische Besprechung des Amateurbegriffs unter besonderer Berücksichtigung von Amateurkulturen im Bereich digitaler Medien liefert etwa Uricchio in seinem Vorwort zu Mot‐ rescu-Mayes und Aasman (2019: x-xi). Dort wo hier also der Amateurbegriff verwendet wird, wird dies getan, um diese affektive Komponente bzw. diese besondere Rolle des Übersetzens für die Mitglieder von Translaville in ihrem Alltag zu betonen. Weitere mögliche Begriffe, mit der die hier untersuchten Praxen zutreffend beschrieben werden können, sind der der ‚ehrenamtlichen Übersetzung‘ (in Bezug auf die verfolgte Agenda) oder der ‚partizipativen Übersetzung‘ (in Bezug auf die besondere, wenn auch nicht gleichberechtigte Handlungsfähigkeit der ‚user-translators‘ im Web 2.0). Diese Begriffe sind in dieser Untersuchung jedoch nicht von zentraler Bedeutung, da hier die hinter ihnen stehenden theoretischen Konzepte nicht genauer weiterverfolgt werden können. 2.3 Soziologische Perspektiven auf Übersetzungscommunities im Web Die oben angerissene Begriffsdiskussion rund um Übersetzungspraxen im Web 2.0 und die mit diesen Begriffen verknüpften Konzeptualisierungen zeigen, dass Forscher: innen bei der Untersuchung von Übersetzung in Online-Commu‐ nities bislang insbesondere an den spezifischen Rollen, Beziehungen sowie Handlungen und Handlungsspielräumen von Akteur: innen - zunächst als Individuen, vor allem aber auch als Kollektive - interessiert waren. Ein zentra‐ ler Bereich der translationswissenschaftlichen Forschung in diesem Bereich befasst sich also mit soziologischen Fragen rund um übersetzerische Praxen in Online-Gefügen. Dabei handelt es sich - wie Jiménez-Crespo (2017a: 197) kommentiert - um einen gerade in jüngeren Jahren besonders produktiven Forschungsbereich, der von der Anwendung eines breiten Spektrums sozial‐ 62 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="63"?> 21 Die Gruppen unterscheiden sich z. B. in Hinblick auf die höchste abgeschlossene Ausbil‐ dung der Befragten; den Anteil an Community-Mitgliedern mit Bildungsabschlüssen in einerseits sprachbzw. translationsbezogenen Fächern und andererseits im IT-Bereich; den Anteil an auch beruflich als Translator: innen tätigen Mitgliedern; sowie in Bezug auf das Alter der primären Zielgruppe der Communities ( Jiménez-Crespo 2017a: 223 ff.). wissenschaftlicher Methoden profitiert. In Bezug auf Übersetzung im Kontext digitaler Medien verweist er auf zentrale Forschungsagenden wie: „identifying and describing the agents, their motivations, profiles, socializations, potential hierarchies or structuring, their ethics, ideologies, how they interface with professional practices, etc.“ (ibid.). Der folgende Überblick greift diese Schwer‐ punkte - neben einigen weiteren Aspekten - auf und soll damit die Grundlage für die in dieser Untersuchung verfolgte Fragestellung liefern. 2.3.1 Profile außerberuflicher Übersetzer: innen im Internet Das Hauptaugenmerk vieler Studien lag zunächst auf der Frage, aus welchen Be‐ weggründen sich Menschen an Online-Übersetzungsinitiativen verschiedenster Ausrichtung beteiligen. Solchen Studien, die in vielen Fällen auf Fragebögen beruhten (vgl. z. B. O’Brien und Schäler 2010; Mesipuu 2012; Cámara de la Fuente 2014; Dombek 2014; Luczaj et al. 2014), waren vielfach Abschnitte zu demografischen Fragen vorgelagert, die Rückschlüsse darauf erlauben, wer eigentlich die Menschen sind, die sich in Übersetzungsnetzwerken oder -com‐ munities engagieren. Diese Studien liefern somit aufschlussreiche Einblicke in die Bildungsbiografien und das aktuelle berufliche Umfeld der Befragten. Sie zeigen, auf welche Vorerfahrungen außerberufliche Online-Übersetzer: innen in unterschiedlichen Kontexten zurückgreifen können (oder auch nicht) - z. B. in Bezug auf typische Ausgangstextsorten, bearbeitete Themen, oder eine frühere Beteiligung an Online-Initiativen - und sie erlauben einen Vergleich der Altersstruktur von Online-Communities unterschiedlicher inhaltlicher Aus‐ richtung (z. B. von Fansubbing-Gruppen, vgl. Luczaj et al. 2014; Wikipedia, vgl. McDonough Dolmaya 2012; oder der Untertitelungsgruppe von TED-Talks, vgl. Cámara de la Fuente 2014). Jiménez-Crespo (2017a: 223 ff.) nahm einen Vergleich der oben genannten Forschungsarbeiten (vgl. O’Brien und Schäler 2010; McDonough Dolmaya 2012; Mesipuu 2012; Cámara de la Fuente 2014; Dombek 2014; Luczaj et al. 2014) vor und konnte darin zeigen, dass zwischen den dort untersuchten Communities, abhängig von ihrer inhaltlichen Ausrichtung, zum Teil recht große Unterschiede in Bezug auf ihre Gruppenzusammensetzung bestehen. 21 Das macht einmal mehr deutlich, dass es sich bei Übersetzung in Online-Communities eben nicht um ein weitgehend einheitliches Phänomen 2.3 Soziologische Perspektiven auf Übersetzungscommunities im Web 63 <?page no="64"?> 22 Vgl. dazu auch Wongserees (2017: 30 f.) Überlegungen zum möglichen Einfluss bud‐ dhistisch geprägter Wertvorstellungen auf die Motivationen und Einstellungen der Mitglieder einer von ihr untersuchten thailändischen Fansubbing-Gruppe. 23 Mit Ausnahme der Projekte, die sich gezielt primär an beruflich tätige Übersetzer: in‐ nen richten, wie etwa The Rosetta Foundation oder Translators Without Borders ( Jimé‐ nez-Crespo 2017a: -224). handelt. Luczaj et al. (2014) liefern in ihrem Vergleich der Motivationen tsche‐ chischer und polnischer Fansubber: innen die vermutlich detaillierteste Analyse demografischer Faktoren: Sie erfassten neben den oben beschriebenen Aspekten auch sonst in translationswissenschaftlichen Studien kaum berücksichtigte Fak‐ toren wie etwa die Haushaltsgröße der Befragten, ihren Familienstatus und ihre Familienzusammensetzung, das Verhältnis von Stadtzu Landbewohner: innen sowie die politischen und religiösen Überzeugungen der Studienteilnehmer: in‐ nen. 22 Ergebnis dieses Zugangs ist eine weitaus breitere Kontextualisierung von Fansubbing-Praxen auf Basis soziologischer Einflussfaktoren als in vielen anderen Studien zu ähnlichen Fragestellungen. Der Mehrwert der Studie ist, dass sie auch vertiefende Erkenntnisse zur Einbettung außerberuflicher Über‐ setzungspraxen in die alltäglichen, privaten Lebensrealitäten der Übersetzenden ermöglicht. Damit folgt man einem Forschungstrend aus der soziologischen und medienwissenschaftlichen Online-Forschung, Online-Praxen nicht mehr bloß als isolierte Internetphänomene zu betrachten, sondern vermehrt auch der Verwobenheit von Online- und Offline-Kontexten Aufmerksamkeit zu schen‐ ken, um der materiellen und leiblichen Vermittlung und Einbettung jeglicher Online-Aktivität in der physischen Welt besser Rechnung tragen zu können (vgl. dazu Kap.-4.1). 2.3.2 Vorstellungen und Sinnkonstruktionen rund um Übersetzen in Online-Communities Abgesehen von den Profilen der Menschen, die sich an unterschiedlichen Online-Übersetzungscommunities beteiligen, interessierte man sich außerdem schon früh für deren Einstellungen, Wahrnehmungen und Konstruktionen rund um ihre Übersetzungspraxen. Gerade für den Forschungsbereich der außerbe‐ ruflichen Translation können diese Fragen besonders aufschlussreich sein, weil sich gezeigt hat, dass in vielen der untersuchten Communities ein großer Teil der beteiligten Übersetzer: innen nicht über eine formale Übersetzungsausbildung verfügt und diese auch nicht Teil von Berufsorganisationen oder -netzwerken sind ( Jiménez-Crespo 2017a: 223 f.). 23 Somit kann man davon ausgehen, dass die Translationskonzepte dieser Übersetzer: innen weniger stark von den an Aus‐ 64 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="65"?> bildungsstätten oder in Berufsorganisationen vermittelten (häufig normativen) Diskursen geprägt sein könnten. Dass das Thema der Sinnkonstruktionen rund um Translation in der Erfor‐ schung gemeinschaftlicher Online-Übersetzung vielleicht sogar präsenter ist als in Untersuchungen zu vornehmlich offline stattfindenden übersetzerischen Pra‐ xen, hat sicherlich mit der Datenlage zu tun: Diskussionsforen, Chats, Blogs und Kommentarsektionen liefern Forscher: innen die Möglichkeit, Online-Interak‐ tionen dort nachzuvollziehen, wo diese stattfinden, und Aushandlungsprozesse in situ zu untersuchen. Erwartungen, Erfahrungen und Einstellungen können in den unmittelbaren Kontexten ihrer Einbettung in konkrete Praxiszusammen‐ hänge erhoben werden, was methodisch oft ein Vorteil gegenüber nachträglich oder abgekoppelt vom konkreten Praxiszusammenhang erhobenen Sinnkonst‐ ruktionen der Befragten sein kann. Prominent in der Erforschung solcher Konstruktionen und Einstellungen war dabei zunächst das Thema der Motivationen und Beweggründe von außerberuf‐ lichen Übersetzer: innen im Web-Kontext. Die oben erwähnte Querschnittana‐ lyse von Jiménez-Crespo (2017a: 219-223) liefert einen Vergleich der wichtigs‐ ten Studien zu dieser Fragestellung (vgl. Cámara de la Fuente 2014; Dombek 2014; Luczaj et al. 2014; McDonough Dolmaya 2012; Mesipuu 2012; O’Brien und Schäler 2010). Anders als in Bezug auf die Gruppenzusammensetzungen zeigten sich in dieser Analyse hinsichtlich der Motivationen der Beteiligten sehr wohl deutliche Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Studien - sogar zwischen Communities recht unterschiedlicher Ausrichtung und Zielsetzung. Die von den Studienteilnehmer: innen am häufigsten erwähnten Beweggründe bezogen sich dabei auf den Wunsch, (1) Inhalte breiter zugänglich zu machen, (2) eine bestimmte Organisation oder deren Ziele bzw. Grundsätze zu unterstützen, (3) einer intellektuell anspruchsvollen Freizeitbeschäftigung nachzugehen, (4) Sprachkenntnisse zu verbessern sowie (5) potenziell beruflich verwertbare Kompetenzen oder Erfahrungen zu sammeln. Ferner betrafen die genannten Motivationen für eine Beteiligung an solchen Übersetzungsinitiativen auch die Unterstützung von Minderheitensprachen; die Möglichkeit einen Beitrag zu gemeinwohlorientierten Projekten zu leisten; eine Wahrnehmung der Überset‐ zungsaktivitäten als sinnvolle oder unterhaltsame Freizeitbeschäftigung und ein gewisses Zugehörigkeitsgefühl zu einem Kollektiv ( Jiménez-Crespo 2017a: 221 f.; vgl. dazu auch eine Diskussion unter Einbezug der Erkenntnisse aus dieser Untersuchung in Kap.-7.2.1). Mit der Zeit erweiterte man den Fokus von Untersuchungen zu den Einstel‐ lungen der Übersetzenden um die Frage, was diese - und auch andere rele‐ 2.3 Soziologische Perspektiven auf Übersetzungscommunities im Web 65 <?page no="66"?> 24 Die translationswissenschaftliche Forschung hat sich Einstellungen und Sinnkonstruk‐ tionen rund um Online-Übersetzungen bislang freilich nicht nur in Bezug auf das Selbstbild der außerberuflichen Translator: innen angesehen. Eine Reihe von Studien hat sich auch mit der Wahrnehmung neuer Formen des Übersetzens im Web 2.0 aus der Sicht von beruflich tätigen Übersetzer: innen (Gough 2011; Flanagan 2016; Pascoal et al. 2017; Sosoni 2017) und auch Berufsorganisationen (Zwischenberger 2022a) beschäftigt. vante Akteur: innen 24 - mit außerberuflichen Übersetzungspraxen im Web 2.0 eigentlich verbinden und wie sie diese konstruieren. Solche Fragestellungen stellen bis zu einem gewissen Grad einen Gegenentwurf zu den zuvor oft von Forscher: innen angelegten, vorrangig dem beruflichen Diskurs entnommenen Beschreibungsversuchen dar. Um eine derart vorgeprägte Perspektive möglichst zu vermeiden, leitete man stattdessen induktive Kategorien aus der Analyse ‚na‐ türlicher‘ Forschungsdaten (z. B. von der Forscherin weitgehend unbeeinflusste Forenbeiträge) ab und versuchte aus diesen alternative Konzeptualisierungsver‐ suche auszuarbeiten. Um etwa der Frage nachzugehen, wie außerberufliche Übersetzer: innen ihre eigenen Aktivitäten verstehen und konstruieren, wurde auf der Basis der für diese Studie erhobenen Daten eine Voruntersuchung zu Translaville durchgeführt (vgl. Rogl 2016). Die Analyse lieferte Einblick in die vielfältigen Vorstellungen und Sinnkonstruktionen der Übersetzer: innen rund um ihre Aktivitäten und zeigte dabei, dass diese in vielen Fällen als ‚Arbeit‘ ver‐ standen werden. Gleichzeitig wurde jedoch deutlich, dass die Nutzer: innen ihre Übersetzungspraxen auch als eine ‚unterhaltsame, spielerische Freizeitbeschäf‐ tigung‘ sehen. Sie sprachen in Bezug auf dieselben Tätigkeiten also mal von ‚Ar‐ beitslast‘, ‚Zeitplänen‘, ‚dienstlichen Pflichten‘ und ‚Arbeitsprozessen‘, mal von ‚Spaß‘, ‚Spiel‘ und sogar einer ‚Sucht‘ (für eine ausführlichere Besprechung siehe Kap. 7.1.1). Dieses Verschwimmen von Arbeit und Spiel lässt sich mit dem in der Medienwissenschaft und Soziologie entwickelten Konzept „Playbour“ (Kücklich 2005; Goggin 2011; Rey 2014) konzeptualisieren (vgl. dazu auch eine neuere Diskussion aus translationswissenschaftlicher Perspektive bei Zwischenberger 2022a), das aufzeigt, wie Aktivitäten in partizipativen Online-Kulturen sich zunehmend dadurch auszeichnen, dass sie traditionelle Grenzen zwischen Beruf und Ehrenamt, Arbeit und Freizeit sowie öffentlichem und privatem Leben erodieren lassen. Dieser neue Blick auf die Vorstellungen außerberuflicher Übersetzer: innen im Web 2.0 wirft aber gleichzeitig auch neue ethische Fragen des Übersetzens auf: Mit dem „Playbour“-Konzept lässt sich aufzeigen, wie profitorientierte Organisationen eine Verlagerung von wertschaffender Arbeit in den Bereich der Freizeit oft bewusst anstoßen und fördern, um von der als ‚Spiel‘ getarnten kostenlosen Arbeit einer Online-Community zu profitieren. 66 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="67"?> Gegenstand der Untersuchung von Diskursen und Vorstellungen rund um außerberufliches Übersetzen in Online-Gemeinschaften sind aber nicht nur die Rollen und Bedeutungen, die die Übersetzenden ihren Aktivitäten zuschreiben. Entsprechende Konstruktionen betreffen auch die Praxen des Übersetzens selbst, also etwa Vorstellungen davon, wie in einem spezifischen Kontext übersetzt wird bzw. werden soll, wie Übersetzen in größeren Gruppen zu organisieren ist, wessen Entscheidungen in welchen Phasen eines gemeinschaft‐ lichen Übersetzungsprozesses Priorität haben und welche Übersetzungsstrate‐ gien in einem konkreten Kontext als ‚angemessen‘ betrachtet werden (vgl. beispielsweise Yu 2017; Góngora-Goloubintseff 2021 sowie, basierend auf den Erkenntnissen aus dieser Untersuchung, Rogl 2024). Andere Studien beschäftigen sich auch mit den ethischen Vorstellungen, die außerberufliche Übersetzer: innen in Bezug auf ihre Aktivitäten entwickeln. Drugan (2011) verglich etwa die von solchen Communities selbst entwickelten Standards für das Verhalten in ihrer Gruppe mit den ethischen Prinzipien in beruflichen Ehrenordnungen und konnte dabei zeigen, dass bei ersteren kollek‐ tivistische Ideen - unter anderem die Sanktionierung von Regelverstößen als gemeinschaftliche Aufgabe - stärker im Mittelpunkt stehen. Baker (2013) wie‐ derum untersuchte die Online-Auftritte aktivistischer Übersetzer: innen-Kollek‐ tive und ging der Frage nach, inwieweit sich deren gesellschaftspolitische Agenda in ihren Selbstdarstellungen auf den betreffenden Online-Plattformen manifestiert bzw. wie diese in textuellen Mitteln und Plattformstrukturen (An‐ ordnung von Sprachmenüs; Umgang mit Mehrsprachigkeit etc.) ausgedrückt wird. Góngora-Goloubintseff (2021) legte außerdem in einer praxeologischen Studie zu den Übersetzungs- und Textbearbeitungspraxen auf Wikipedia einen besonderen Fokus auf die Frage, wie Wikipedia-Beiträger: innen Übersetzungsstandards ausverhandeln und diese in weiterer Folge in ihren Textgestaltungs‐ praxen implementieren. Diese Studien zeigen, dass bei der Erforschung der Einstellungen und Sinn‐ konstruktionen von außerberuflichen Übersetzer: innen im Web 2.0 bislang der Frage nach der Normativität dieser Vorstellungen besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Das mag daran liegen, dass normative Vorstellungen in einem sozialen Gefüge eine besondere Wirksamkeit im größeren Kollektiv entfalten und daher auch in Bezug auf Fragen des Handelns in der Community von besonderem Interesse sein können. 2.3 Soziologische Perspektiven auf Übersetzungscommunities im Web 67 <?page no="68"?> 2.3.3 Handeln und Handlungsspielräume von Übersetzer: innen Die oben angesprochenen Fragestellungen rund um die Vorstellungen von außerberuflichen Übersetzer: innen in Online-Communities sind oft schwer von Fragen des tatsächlichen Handelns der Übersetzer: innen ablösbar. Immer‐ hin handelt es sich bei den untersuchten Daten oft um Kommentare oder Online-Diskussionen, in denen konkrete übersetzerische Entscheidungen ra‐ tionalisiert, ausverhandelt oder gerechtfertigt werden. In empirischen Untersu‐ chungen bietet es sich also in der Regel an, Übersetzungen (inkl. Vorversionen) gemeinsam mit den dazugehörigen Diskussionsdaten zu erheben und auszu‐ werten. Viele der in solchen Diskussionen enthaltenen Konstruktionen haben mit Vorstellungen von Gruppenprozessen und spezifischen Formen der sozialen Organisation bzw. Hierarchie in den betreffenden Gruppen (Yu 2017; Yang 2020) zu tun; andere mit ideologischen Motiven für spezielle übersetzerische Inter‐ ventionen (Pérez-González 2014a; Jones 2018a, 2018b; Góngora-Goloubintseff 2020, 2021). Sie beeinflussen, wie Übersetzende ihren Handlungsspielraum und ihre Verantwortlichkeiten im Übersetzungsprozess bewerten. Diesen Zusammenhang zwischen (politischen) Vorstellungen, Aushand‐ lungsprozessen und Übersetzungspraxen verdeutlicht etwa die Forschung von Pérez-González (2013, 2014a). Auf Basis der Konzepte der „remediation“ und „bricolage“ (Pérez-González 2013) zeichnet er nach, wie Amateur-Untertitler: in‐ nen in spontan rund um eine politische Kontroverse entstandenen Online-Grup‐ pen („Ad-Hocracies“; Pérez-González 2014a) politisches Videomaterial nicht nur in einer neuen Sprachversion verfügbar machen. Wesentlicher Teil ihrer aktivistischen Interventionen ist es auch, das zu untertitelnde Material gezielt auszuwählen, dieses in weiterer Folge um ihre eigene - auf ihren politischen Anschauungen beruhende - Meinung und Kontextualisierung zu ergänzen, um es dann in dieser Form online weiterzuverbreiten. Die von Pérez-González (2014a) untersuchten Prozesse der sprachlichen und vor allem inhaltlichen An‐ eignung und Neuvermittlung audiovisueller Inhalte erfolgen über verschiedene Vermittlungsstrategien, darunter etwa subjektive, humoristische oder satirische Kommentare, die das ausgewählte Material in einen neuen politischen Kontext stellen. Auch Jones (2018a, 2018b) liefert in seinen Forschungsarbeiten zu den par‐ tizipativen Übersetzungspraxen auf Wikipedia faszinierende Einblicke, insbe‐ sondere in Aushandlungsprozesse beim Übersetzen und in die Beweggründe, Einstellungen und Überzeugungen, auf deren Basis immer wieder neue Mei‐ nungsverschiedenheiten befeuert werden. Er zeigt, wie unterschiedlichste As‐ pekte der Textgestaltung (z. B. Wortwahl, Layout) Anlass zu Überarbeitungen 68 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="69"?> geben können ( Jones 2018b: 111). Da es auf Wikipedia keine ‚letztinstanzlich‘ entscheidungsverantwortlichen Nutzer: innen gibt und alle Nutzer: innen glei‐ chermaßen Zugang zu den plattformeigenen Überarbeitungsfunktionen haben, wird kein Übersetzungsvorschlag je endgültig übernommen und ist somit kein Zieltext je wirklich abgeschlossen (ibid.). Die von den Nutzer: innen angeregten Änderungsvorschläge sind dabei oft von ihren individuellen Einstellungen, Überzeugungen und Weltbildern motiviert - und liefern damit häufig eine Grundlage für Konflikte, die sich zu regelrechten „Edit Wars“ entwickeln kön‐ nen (vgl. z. B. die von Jones untersuchten Nutzer: innen-Auseinandersetzungen rund um Städtebezeichnungen in unterschiedlichen Sprachversionen von Wiki‐ pedia, z. B. Istanbul, 2018b; Paris, 2018a; oder Tokyo, 2019b). Ein noch aktuelleres Beispiel zu solchen, teils vehement ausgefochtenen Meinungsverschiedenheiten liefert auch Hu (2024) zur Übersetzung eines Wikipedia-Artikels zu ‚COVID-19‘. Wichtig für die Diskussion von Fragen des Handelns bzw. der Handlungs‐ spielräume von Übersetzer: innen im Web 2.0 ist in diesem Zusammenhang, dass den als Übersetzer: innen tätigen Nutzer: innen von Wikipedia ( Jones 2018a) eine weitaus breitere Handlungsrolle zukommt, als ein eng gefasstes Übersetzungs‐ verständnis vielleicht suggerieren mag. Ähnlich wie in den von Pérez-González (2013, 2014a) untersuchten, spontan entstandenen Untertitelungsinitiativen für politisches Videomaterial zeigt Jones (2018a: 289) in seiner Arbeit, dass die Über‐ setzer: innen auf Wikipedia ihre Zuständigkeit nicht auf die sprachlich-textuelle Ebene (z. B. auf das Übersetzen von importierten Textstellen, Strukturieren von Inhalten, Um- oder Neuformulieren von Text, das Korrigieren von sprachlichen Fehlern) beschränkt sehen. Tatsächlich lassen sich die Textbearbeitungspro‐ zesse der Wikipedia-Beiträger: innen viel eher als „active processes of creative, ‘authorial’ intervention“ ( Jones 2018a: -271) darstellen: Wikipedia’s translators are not merely “information bridges” or impassive conduits for the transmission of knowledge, but politically engaged and culturally embedded social actors who strive with argumentative determination to ensure their understanding of the world is reflected in Wikipedia’s content. ( Jones 2018a: -289) Ein genauerer Blick auf übersetzerisches Handeln in solchen Kontexten könne dabei zu einem besseren Verständnis der zentralen Rolle von Übersetzer: innen in der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit beitragen. Jones (2018a) plädiert daher für mehr Forschung zur „knowledge-producing agency“ von Überset‐ zer: innen in Online-Kollektiven. Die Beispiele von Pérez-González (2013, 2014a), Jones (z. B. 2018a, 2018b) und Hu (2024) betreffen jeweils virtuelle Räume, in denen allen Nutzer: innen entwe‐ der uneingeschränkt Beitrags- und Bearbeitungsmöglichkeiten zur Verfügung 2.3 Soziologische Perspektiven auf Übersetzungscommunities im Web 69 <?page no="70"?> stehen (Wikipedia bei Jones 2018a, 2018b und Hu 2024), oder, wo diese sich selbst rund um eine gemeinsame Agenda organisieren und auf selbstgewählte, frei verfügbare Tools zurückgreifen (z. B. die Gruppe Ansarclub bei Pérez-González 2013, 2014a). Die Übersetzenden haben also grundsätzlich - technisch (Zugang zu Tools, uneingeschränkte Bearbeitungsmöglichkeit, keine Nutzer: innen-Rol‐ len) und sozial (keine Zugangskriterien, keine formalisierten Entscheidungshie‐ rarchien) - die Möglichkeit, einen größtmöglichen Gestaltungsrahmen für ihre Aktivitäten zu nutzen. Das heißt aber nicht, dass außerberufliches Übersetzen im Web 2.0 immer mit größtmöglicher übersetzerischer Freiheit gleichzusetzen ist. Zhang und Mao (2013) zeigen in ihrer Studie zu Fansubbing unter dem Einfluss staatlicher Kontrolle in China, wie Zensur und politische Repressionen den Handlungsspielraum von Amateur-Übersetzer: innen drastisch einschrän‐ ken können bzw. dazu führen können, dass diese auf verstärkte Selbstzensur bzw. -kontrolle innerhalb ihrer Communities zurückgreifen, um nicht mit den dominanten politischen Diskursen und behördlichen Vorgaben in Konflikt zu geraten. Da der hier diskutierte translatorische Handlungsspielraum Übersetzungs‐ praxen betrifft, die technologievermittelt sind, spielen auch die auf den Benutzungsoberflächen der betreffenden Online-Plattformen zur Verfügung gestellten technischen Möglichkeiten eine wichtige Rolle für Fragen der über‐ setzerischen Agency (siehe Kap. 3.3.2.4 für eine Erläuterung des hier verwende‐ ten Agency-Begriffs). Wie oben bereits beschrieben wurde, stehen etwa den Übersetzer: innen auf Wikipedia oder in anderen partizipativen Kontexten in ihrer Rolle als ‚user-translators‘ (vgl. Kap. 2.2.4) umfassende Bearbeitungsmög‐ lichkeiten zur Verfügung. So können sie an unterschiedlichen Phasen eines Übersetzungsprozesses (z. B. der Ausgangstextauswahl, der Kontextualisierung des ausgewählten Materials rund um eine bestimmte Botschaft und für eine ausgewählte Zielgruppe, der Übersetzung und erweiterten inhaltlichen Gestal‐ tung von Zieltexten, der Verbreitung der Zieltexte) federführend beteiligt sein. Im Gegensatz dazu sind andere Plattformen, über die Übersetzungen beauf‐ tragt und abgewickelt werden, oft gezielt so angelegt, dass Übersetzer: innen nur Zugang zu denjenigen Arbeitsschritten erhalten, für die sie z. B. vom Plattformbetreiber zugelassen werden. Besonders deutlich wird dies bei Crowd‐ sourcing-Plattformen, wo Zieltexte in der Regel in sogenannte ‚micro tasks‘, also Kurzsegmente, heruntergebrochen werden (vgl. z. B. Exton et al. 2009; Zaidan und Callison-Burch 2011; Karsch 2015), und in der Form dann von dem: der jeweiligen Übersetzer: in bearbeitet werden. Die Evaluierung der Übersetzungen erfolgt häufig über ein ‚Voting‘-System, bei dem mehrere Nutzer: innen über den besten Übersetzungsvorschlag abstimmen können. Bei vielen Plattformen 70 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="71"?> können die Evaluator: innen an der Stelle jedoch nicht mehr selbst in den Zieltext eingreifen. Was Pym (2011b: 3 f.) in Bezug auf die Nutzung von Translation Memories diskutiert, gilt hier auch für ‚Crowdsoucing-Microtasks‘: Meist fehlt sowohl Übersetzer: innen wie auch Evaluator: innen der Gesamtkontext des übersetzten Abschnitts - und auch für den Austausch untereinander und das gemeinschaftliche Arbeiten an Zieltexten werden oft keine technischen Möglichkeiten zur Verfügung gestellt. Damit sind die Handlungsfähigkeit der Übersetzer: innen und ihre Gestaltungsmöglichkeiten im Übersetzungsprozess stark eingeschränkt. Durch den Fokus auf ein möglichst schnelles, individuelles Abarbeiten von Mikrosegmenten und die Abkoppelung der zu übersetzenden Mikrosegmente vom textuellen Gesamtkontext kommt es zu einer gewissen Entfremdung der Übersetzer: innen von den von ihnen bearbeiteten Texten. Die potenzielle Handlungsfähigkeit, Handlungsbereitschaft bzw. Handlungs‐ macht (Agency, vgl. Kap. 3.3.2.4) von Übersetzenden kann im Kontext transla‐ torischer Praxen im Web 2.0 also von besonders aktiv bis hin zu ausgesprochen beschränkt ausfallen, je nachdem, unter welchen organisatorischen und tech‐ nischen Gegebenheiten die betreffenden Übersetzer: innen tätig werden und welche Wertvorstellungen und Einstellungen zum Übersetzen sie letztlich dazu bewegen, ihren Handlungsspielraum aktiv zu nutzen. Durch partizipative Or‐ ganisationsformen werden außerdem Machtbeziehungen in Übersetzungsnetzwerken neu sortiert: Jene Rollen, die wir aus klassischen Übersetzungsgefügen kennen, also z. B. die der Auftraggeber: innen, Übersetzer: innen, Leser: innen etc., sind in Online-Communities oft nicht auf gleiche Weise verteilt oder überhaupt zuordenbar. Umso deutlicher wird die besondere Rolle von Agency im Bereich der außer‐ beruflichen Übersetzung im Web 2.0 allerdings, wenn nicht nur die individuelle Handlungsebene, sondern auch die des Kollektivs betrachtet wird. 2.3.4 Online-Übersetzungscommunities als soziotechnische Gefüge Wie vorne erwähnt wurde, bestand ein großer Teil der frühen Publikationen zu Online-Übersetzungscommunities bzw. Crowdsourcing-Modellen aus eher industrienahen ‚Best-Practice‘-Berichten, in denen man sich primär mit dem ‚Funktionieren‘ solcher Plattformen auseinandersetzte. In diesen Veröffentli‐ chungen waren die Organisation von Arbeitsprozessen, die Verteilung von Nut‐ zer: innen-Rollen, die Vor- und Nachteile unterschiedlicher Organisationsfor‐ men oder die Auswirkungen von virtuellen Anreizsystemen bereits ein Thema. Im Mittelpunkt der Beschreibungen stand dort jedoch meist die Frage nach der 2.3 Soziologische Perspektiven auf Übersetzungscommunities im Web 71 <?page no="72"?> höchstmöglichen Effizienz bzw. Effektivität verschiedener Organisations- und Prozessmodelle (vgl. z. B. Yahaya 2008; Désilets und van der Meer 2011; Zaidan und Callison-Burch 2011). Mit zunehmender Grundlagenforschung rund um au‐ ßerberufliches Übersetzen in Online-Kontexten und einem breiteren Interesse an soziologischen Fragestellungen rückten Online-Übersetzungscommunities jedoch auch als soziale Gefüge in den Fokus translationswissenschaftlicher Debatten. Wie in Kapitel 2.2 gezeigt wurde, lässt sich die Relevanz der Kollektivität vieler außerberuflicher Übersetzungspraxen bereits an der Vielzahl der an diese angelegten konzeptuellen Werkzeuge ablesen, die eine Untersuchung von Gruppenprozessen, Kooperationsformen, Hierarchien, gegenseitigem Lernen etc. ermöglichen sollen. Virtuelle Übersetzungscommunities wurden als unter‐ schiedlich lose oder rigide organisierte, verschieden offene oder geschlossene, oder mehr oder weniger stark hierarchische Gefüge beschrieben. Dabei hat sich, wie bereits dargestellt wurde, gezeigt, dass die soziale (und in weiterer Folge technisch implementierte) Organisation solcher Gruppen auch wesentliche Auswirkungen auf die Agency von Übersetzer: innen haben kann. Eine Mehrfallstudie von Risku et al. (2016) verweist etwa auf die Zusammen‐ hänge zwischen den Handlungsspielräumen einzelner Übersetzer: innen, ihrer Position in verschiedenen translatorischen Netzwerken und den (gewachsenen) internen Hierarchien und Machtkonstellationen in den untersuchten Kontex‐ ten. Einer der untersuchten Fälle basiert dabei auf Beobachtungen aus einer Vorstudie zu Translaville. Darin hat sich gezeigt, dass sich auch in partizipativ organisierten Übersetzungscommunities (wie Translaville), wo eigentlich alle Mitglieder angeregt werden, sich möglichst umfassend an den Gruppenaktivi‐ täten zu beteiligen, mit der Zeit interne Hierarchien herausbilden. Zentralere Positionen scheinen dabei vor allem jenen Akteur: innen zuzukommen, die es geschafft haben, aus der grundlegenden Anonymität der virtuellen Gemein‐ schaft herauszutreten. Sie erhalten im Laufe der Zeit Zugang zu privilegierten Informationen. Rund um sie bilden sich zuweilen Subgruppen heraus, die oft viel eher gemeinschaftlich - statt individuell - an Übersetzungsproblemen arbeiten und dies auch über private Kommunikationskanäle außerhalb der Community tun. Wie sichtbar jemand in der Community ist, scheint gruppendynamische Prozesse dabei mindestens ebenso stark zu beeinflussen wie das Ausmaß der Beteiligung an den Übersetzungsaktivitäten. Der Relevanz solcher Gemeinschaftsstiftungsprozesse widmet sich auch Li (2015, 2017) in ihrer Dissertation zu Fragen der Selbstorganisation in einer chinesischen Fansubbing-Gruppe. In ihrer Studie beobachtet sie eine gewisse emotionale Bindung der Übersetzenden an ihre Gruppe. Li (2015) geht in 72 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="73"?> weiterer Folge der Frage nach, wie in der Community rund um gemeinsame Wertvorstellungen - darunter etwa Solidarität, die Idee vom freien Teilen von Inhalten sowie der Selbstverwirklichung - eine gewisse Gruppenidentität gestiftet wird. Aus diesem kollektiven Selbstverständnis leiten die Mitglieder der Fansubbing-Gruppe gemeinsame Ziele ab, von denen erwartet wird, dass diese von den Mitgliedern auch individuell in der Gruppe verfolgt werden: etwa ein laufendes Beitragen zur Aufrechterhaltung und Stabilität der Community, das Erschließen eines breiteren Zielpublikums, aber auch die Nutzung von Möglichkeiten zur Selbstrepräsentation und das Bestreben, sich als Fansubber: in zu etablieren (Li 2015: 228 f.). Wie Li (2015: 229 ff.) zeigt, spiegelt sich dieses Selbstverständnis der Community auch in der selbstgegebenen Organisations‐ struktur und den impliziten Hierarchien in der Gruppe wider, wo einzelne Mitglieder am ehesten nach meritokratischen Maßstäben bewertet werden, Entscheidungen über die Community aber in der Regel auf der Basis kollekti‐ vistischer Prinzipien entschieden werden. Li (2015: 230) sieht hier einen starken Kontrast zu traditionellen gesellschaftlichen Hierarchien in China. Die Art und Weise, wie die gemeinsamen Übersetzungs- und Gemeinschaftspraxen in der Gruppe gestaltet werden, verstärkt und reproduziert dieses Selbstverständnis - und auch die technologischen Mittel, die von der Gruppe eingerichtet werden (z. B. diverse Kommunikationskanäle für anonymen Austausch), dienen dazu, das spezifische Selbstverständnis der Gruppe zu stützen und medial zu fixieren (Li 2015: 231 ff.). Besonders relevant können Fragen der Organisation für ethische Debatten zu Übersetzung in Online-Kontexten sein. Zentrale Beiträge dazu liefert etwa McDonough Dolmaya (2011, 2018: 354). Darin argumentiert sie, dass die potenziellen ethischen Konsequenzen unbezahlter, insbesondere nach dem Crowdsourcing-Modell organisierter Übersetzungsaktivitäten (vgl. die Diskus‐ sion in Kap. 2.2.1) nicht ausschließlich danach zu bewerten seien, „whether the initiative supports an open-source project, a non-profit cause, or a for-profit service“ (McDonough Dolmaya 2011: 106). Ob Übersetzung im Web 2.0 zu einer monetären und symbolischen Entwertung von übersetzerischer Arbeit beitrage, sei auch danach zu beurteilen, wie das betreffende Übersetzungsprojekt orga‐ nisiert ist und nach außen hin dargestellt wird (ibid.). Die Frage nach einer sozial gerechten Organisationsform für übersetzerische Freiwilligenarbeit beschäftigt auch Piróth und Baker (2020) in einem Vergleich der Organisationsmodelle von Translators Without Borders und Solidarités In‐ ternational. Ausbeutung von übersetzerischer Arbeit ist für sie dabei keine reine Frage der fehlenden Bezahlung, sondern vielmehr auch eine Frage der mangelnden Selbstbestimmung über das Produkt der eigenen Arbeit. In der von 2.3 Soziologische Perspektiven auf Übersetzungscommunities im Web 73 <?page no="74"?> 25 Vgl. die ausführlichere Diskussion der Erkenntnisse aus der bereits erwähnten Vorstu‐ die in Kap.-7.1.1. ihnen diskutierten Organisation Translators Without Borders produzieren eh‐ renamtliche Übersetzer: innen etwa nicht nur Übersetzungen, sondern auch von der Organisation (und ihren Partner: innen) langfristig nutzbare, replizierbare und übertragbare Güter mit beträchtlichem Marktwert, wie etwa Translation Memories, Glossare, mehrsprachige Korpora oder Sprachdaten zum Training von maschinellen Übersetzungssystemen. Während bei Translators Without Borders Übersetzungen aus ehrenamtlicher Arbeit durchaus entgeltfrei an Kund: innen in nicht-profitorientierten Organisationen weitergegeben werden, nutzt die Organisation die oben genannten Zusatzprodukte übersetzerischer Arbeit als „saleable intellectual property“ (Piróth und Baker 2020: 7). Als solche fließen sie im Rahmen von ‚Kooperationsabkommen‘ (für Fördergelder) nicht selten an Großkonzerne aus dem Technologiebereich ab. Somit sei hier - so die Kritik von Piróth und Baker (2020) - eine ethische Grundanforderung an die Erbringung von Leistungen im Non-Profit-Bereich, nämlich, dass alle Produkte ehrenamtlicher Arbeit kostenlos zugänglich zu machen sind, in we‐ sentlichen Aspekten der Aktivitäten von Translators Without Borders nicht umgesetzt. Die ehrenamtlichen Übersetzer: innen selbst haben dabei nicht die Möglichkeit, sich selektiv für oder gegen eine entsprechende Verwendung der Produkte ihrer Arbeit auszusprechen, was Piróth und Baker (2020) auch in der unternehmensähnlichen ‚Top-Down‘-Managementstruktur der Organisation begründet sehen: Die Gruppe der ehrenamtlichen Übersetzer: innen ist nicht in Entscheidungspositionen vertreten und hat somit auch keinen Einfluss auf strategische Fragen. Sowohl Piróth und Baker (2020) als auch McDonough Dolmaya (2011) und Rogl (2016) 25 werfen daher in diesem Zusammenhang die Frage auf, ob selbstorganisierte Übersetzungscommunities einen Gegenentwurf darstellen könnten. Es gilt daher künftig noch eingehender auszuloten, inwie‐ weit partizipative ‚Bottom-Up‘-Communities in der Lage sind, sozial gerechtere und solidarischere Modelle für die Erbringung ehrenamtlicher Übersetzungs‐ leistungen zu entwerfen und realisieren. Zusätzlich zu Fragen der Organisation hat man sich in jüngeren Jahren auch dafür interessiert, welche mehr oder weniger eigenständigen Praxen ge‐ wachsene Übersetzungskollektive entwickeln. In diesem Kontext sind kürzlich mehrere Forschungsarbeiten entstanden, die vertiefende Erkenntnisse zu den Interaktions- und Kommunikationsprozessen, zu den Arten der Beziehungen zwischen den Mitgliedern solcher Online-Übersetzungscommunities, zu Aus‐ 74 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="75"?> handlungs- und Regulierungsprozessen sowie zu Kooperation bzw. Konflikten in gemeinschaftlichen Übersetzungsinitiativen liefern können. Góngora-Goloubintseffs (2021) praxeologische Studie zu Übersetzung auf Wikipedia widmet sich etwa der Frage, wie Übersetzungsstandards bzw. -nor‐ men innerhalb der Community ausverhandelt werden und ob bzw. wie diese Standards von den Nutzer: innen in ihren eigenen Bearbeitungsaktivitäten berücksichtigt und umgesetzt werden. Interessanterweise ordnen die Nutzer: in‐ nen in den meisten Fällen die in den einzelnen Sprachversionen ausverhandelten Übersetzungsregeln den Wikipedia-übergreifenden Textbearbeitungsstandards unter. Für Góngora-Goloubintseff (2021: 225) ist das ein Zeichen dafür, dass Übersetzung auf Wikipedia „as a subtype of editing“ wahrgenommen werde. Vielfach werden gerade diese ‚lokal‘ (also in den Sprachbereichen) vereinbar‐ ten Übersetzungsstandards von den Nutzer: innen abgelehnt - und das aus unterschiedlichen Gründen: (1) weil sie nicht aktuell genug und auch nicht verpflichtend sind; (2) weil sie auf der Plattformoberfläche nicht prominent genug platziert sind; und (3) weil die Nutzer: innen zum Teil der Meinung sind, die Übersetzungsregeln entsprächen nicht der gelebten Praxis (Góngora-Golou‐ bintseff 2021: 224 f.). Aushandlungs- und Regulierungsprozesse rund um diese unterschiedlichen Standards sind in der Regel nicht konfliktfrei (vgl. die oben erwähnten „Edit Wars“; vgl. z. B. Jones 2018b, Hu 2024). Damit verbundene Meinungsverschiedenheiten werden oft von den spezifischen kommunikativen Voraussetzungen in Online-Umgebungen zusätzlich befeuert: Jones (2018b: 111) beobachtet etwa, dass viele Wikipedia-Übersetzer: innen ihren virtuellen Gegen‐ übern, mit denen sie nun einmal nur über Online-Interaktionen und über mehr oder weniger anonyme Nutzer: innenprofile in Kontakt stehen, nur wenig Vertrauen entgegenbringen (vgl. eine ähnliche Beobachtung aus dem Bereich beruflicher Online-Vernetzung von Übersetzer: innen bei Alonso 2016). Grund dafür seien die mangelnde Verbindlichkeit und Authentizität von Online-Inter‐ aktionen. Wie die Mitglieder einer Amateur-Literaturübersetzungsplattform mit den Unsicherheiten virtueller Interaktion umgehen, haben Pan und Xiao (2024) außerdem mit Rückgriff auf das Konzept des Risikomanagements un‐ tersucht. Yang (2020) beschäftigte sich in ihrer Untersuchung einer weiteren Online-Übersetzungscommunity darüber hinaus vertiefend mit der Rolle von Kommunikation und konnte zeigen, wie wichtig Austausch zwischen den Mitgliedern einer solchen Gruppe ist, etwa wenn es darum geht, Schwierigkei‐ ten mit organisatorischen Angelegenheiten oder mit der Übersetzungsqualität abzufedern. In der Studie konnte sie außerdem nachzeichnen, wie neue Mitglie‐ der gruppenspezifische Kommunikationsnormen erst mit zunehmender Einbin‐ dung in die gemeinsamen Aktivitäten erlernen. Ihre Analyse der Dialogakte der 2.3 Soziologische Perspektiven auf Übersetzungscommunities im Web 75 <?page no="76"?> Übersetzer: innen machte auch deutlich, dass diese oft zur Konstruktion einer gewissen Vorstellung von Gemeinschaftlichkeit eingesetzt werden. Dazu gehö‐ ren etwa auch Statuszuschreibungen in der Community oder die Anerkennung von Beiträgen der einzelnen Mitglieder zu den Community-Aktivitäten. Hier setzt auch die Dissertation von Yu (2017) an, in der sie die Überset‐ zungsaktivitäten einer Online-Community als partizipative Praxen untersucht. Sie versucht dabei, die vielseitigen Facetten von partizipativen Prozessen - über reines ‚Mitmachen‘ hinaus - zu beschreiben. In ihrer Studie zeigt Yu (2017: 244 f.), dass die Übersetzungspraxen in der untersuchten Community insbesondere Ausdruck gemeinschaftlicher Sinnstiftungsprozesse sind. Dabei zeichnet sie einerseits nach, wie in der Gruppe in allen Phasen und in Bezug auf verschiedenste Teilaspekte des Übersetzungsprozesses laufend Erwartungen zwischen Mitgliedern der Gruppe diskutiert und ausgeglichen werden. Ande‐ rerseits beschreibt Yu (2107: 245), dass diese Aushandlungsprozesse nicht nur die Übersetzungsaktivitäten selbst betreffen, sondern von den Mitgliedern der Community auch dazu genutzt werden, um ihre eigene Rolle in der Gruppe und ihre ‚Zugehörigkeit‘ zur Community zu konstruieren. Verstärkte Beteiligung an den gemeinsamen Austauschprozessen bedeutet für neue Mitglieder in der Regel eine Möglichkeit für Statusgewinn in der Community. Die Commu‐ nity-Mitglieder lernen voneinander, und zwar auf informelle, gemeinschaftliche sowie stark kontextgebundene Art und Weise. Diese Lernprozesse haben spezi‐ fische Konstruktionen von ‚Kompetenz‘ in der Gruppe zur Folge, die weniger mit ‚Übersetzungskompetenz‘ und vielmehr mit gegenseitiger Anerkennung, langfristigem Engagement in der Community, und mit den persönlichen Hin‐ tergründen der Übersetzenden in Verbindung stehen (Yu 2017: 252). Pym et al. (2016) interessieren sich ebenfalls für in Online-Kontexten neu entstandene oder bewertete Kompetenz- oder Expertisekonstrukte. In einer Mehrfallstudie haben sie sich unter anderem mit der Frage beschäftigt, welche Repräsentationen von Übersetzungsqualität oder Übersetzer: innen-Expertise (sie bezeichnen diese als „signalling mechanisms“, Pym et al. 2016: 35) in unter‐ schiedlichen beruflichen und außerberuflichen Online-Communities - darunter auch Fansubbing-Gruppen - eingesetzt werden. Sie konnten dabei zeigen, dass traditionelle Nachweise für Expertise oder fachliche Vertrauenswürdigkeit (z. B. Universitätsabschluss, Arbeitszeugnis etc.) in vielen Online-Kontexten zunehmend an Relevanz verlieren und durch elektronische Repräsentationen für Expertisezuschreibungen ersetzt werden. Umgesetzt werden diese oft als für alle sichtbare, communityspezifische Symbole bzw. ‚Abzeichen‘ in den Online-Profilen der Nutzer: innen. Diese signalisieren oft eine bestimmte (vom Umfang der Beiträge zur Community abhängige) Nutzer: innenrolle der Über‐ 76 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="77"?> setzer: innen (wie etwa „junior translator“, „translator“ oder „reviser“, vgl. Pym et al. 2016: 44), oder verweisen auf eine gewisse Dauer der aktiven Mitgliedschaft bei einer Gruppe oder einen bestimmten Umfang an aktiven Beiträgen zu den Community-Aktivitäten (z. B. im Forum, Anzahl der Übersetzungen). Der Vergleich mit Plattformen aus beruflichen Kontexten (z. B. ProZ.com oder The Translator Scammers Directory) machte außerdem deutlich, dass solche elektronischen Repräsentationen für Expertisekonstrukte zunehmend auch in der beruflichen Sphäre an Einfluss gewinnen und dort oft akademische Qualifikationsnachweise ablösen, weil diesen gerade in zunehmend digital vermittelten Kontexten aufgrund ihrer leichten Fälschbarkeit wenig Vertrauen entgegengebracht werde. Die in diesem Abschnitt diskutierten Forschungsarbeiten zeigen, dass gerade der Blick auf die kollektive Ebene übersetzerischer Praxen im Web 2.0 lohnend sein kann. Eine solche Perspektive gewährt etwa Einblick in die Zusammen‐ hänge zwischen Fragen der sozialen Organisation und der Wertschöpfung an übersetzerischer Arbeit. Sie zeigt, wie übersetzerisches Handeln in einem Kol‐ lektiv verteilt sein kann. Vor allem aber verdeutlicht sie die Relevanz kollektiver Vorstellungs- und Wertewelten für die konkrete Ausgestaltung übersetzerischer Praxen in der Community: Wie wird in einer Gruppe ausverhandelt, wofür man stehen möchte und ‚wer‘ man ist? In welche Sozialisierungsprozesse werden (neue) Mitglieder einbezogen? Entstehen Vorstellungen von Gemein‐ schaftlichkeit oder von einer gewissen Gruppenidentität? Welche normativen Vorstellungen und Erwartungen an andere bilden sich im Laufe der Zeit heraus - z. B. rund um Fragen des ethischen Handelns in der Gruppe, um Expertise oder Übersetzungsqualität, oder um die Organisation und Verteilung von Arbeitsprozessen - und als wie verbindlich werden diese eingestuft? Wie harmonisch oder konfliktreich sind die Aushandlungsprozesse rund um die verschiedenen Gruppenaktivitäten und wie wird mit Konflikten und mit den Unsicherheiten bzw. Intransparenzen virtueller Interaktionen umgegangen? Die oben besprochenen Studien zeigen nicht zuletzt, dass Fragen der Agency, der sozialen Organisation sowie der Interaktion in den oben beschriebenen Kontexten vielfach gerade deshalb eine neue Bedeutung annehmen, weil die die Übersetzungspraxen vermittelnde Technologie (in der Form von Online-Platt‐ formen, Übersetzungsinterfaces, Tools für den Austausch etc.) auf eine ganz spe‐ zifische Art und Weise auch sozial wirksam wird und die Übersetzungspraxen in den betreffenden Communities - gleichzeitig ermöglichend und limitierend - beeinflusst. Viele der vorgestellten Studien verweisen darauf, dass erst die spezifischen technischen Möglichkeiten des Web 2.0 die betreffenden gemeinschaftsbasier‐ 2.3 Soziologische Perspektiven auf Übersetzungscommunities im Web 77 <?page no="78"?> 26 Sie verweisen dabei jedoch auf den etwas paradoxen Umstand, „that the spread of technology supports yet simultaneously weakens state domination“ (D. Wang und Zhang 2017: -305). ten bzw. partizipativen Formen des Übersetzens ermöglicht haben: Für Jones (2018a, 2018b) sind es gerade frei zugängliche und editierbare Wiki-Umgebun‐ gen, die dazu beigetragen haben, dass Wikipedia-Übersetzer: innen eine breit gefasste ‚Prosumer: innen‘-Rolle einnehmen können. Wongseree (2020: 545- 548) beschreibt außerdem, wie die technische Plattform, über die die von ihr untersuchte Fansubbing-Community organisiert ist, für deren Nutzer: in‐ nen die vielfältigen Funktionen einer „viewing platform“, „learning platform“, „collaborative platform“ und „communicative platform“ erfüllt. Li (2015: 232 f.) wiederum argumentiert, dass die Plattformstruktur der von ihr untersuchten Fansubbing-Community Vergemeinschaftungsprozesse ermögliche, während D. Wang und Zhang (2017) auf die Relevanz von Technologie als Mittel zur Schaffung gewisser Freiräume in Kontexten massiver staatlicher Kontrolle 26 (vgl. dazu auch Wongseree 2020: 550) verweisen. Góngora-Goloubintseff (2021: 204) untersucht nicht zuletzt, inwieweit technische Lösungen wie ‚Bots‘ auch zur Automatisierung von Teilprozessen des Übersetzens beitragen und im Zuge dessen einerseits die Übersetzer: innen entlasten, andererseits jedoch neue Erfordernisse (wie z. B. mehr Kontrollbedarf in Bezug auf maschinelle Outputs) mit sich bringen. Seltener wird auf die ‚Widerständigkeit‘ von Technologie hingewiesen - also auf Instanzen, wo die mangelnde Flexibilität bzw. die Dauerhaftigkeit technischer Strukturen dazu führt, dass übersetzerische Praxen innerhalb eines ganz bestimmten, vorgegebenen Ablaufs und Rahmens stattzufinden haben, ohne dass die individuellen Nutzer: innen viel dagegen tun können. Dombek (2014: 254 f.) untersucht in einer Studie zur gemeinschaftlichen Übersetzung der Plattformoberfläche von Facebook unter anderem, wie die Übersetzer: innen das für ihre Arbeit zur Verfügung gestellte Webinterface konkret verwenden. Sie stellt dabei fest, dass die Rigidität der Bedienelemente und Plattformstrukturen zu einer zentralen Frustrationsquelle für die Übersetzenden werden kann, was sich in weiterer Folge auch negativ auf ihre Motivation auswirkt. Allerdings zeigt sich auch, dass die Nutzer: innen letztlich - vor allem im Austausch unter‐ einander - Wege finden, um um entsprechende technische Einschränkungen kreativ ‚herumzuarbeiten‘ (Dombek 2014: 263). Übersetzerische Agency kann also auch den widerständigen Umgang mit technischen Imperativen bedeuten. Vor allem Dombek (2014) und Góngora-Goloubintseff (2021) gehen auch der Frage nach, welche Einstellungen, Wahrnehmungen und Reaktionen in Bezug 78 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="79"?> auf technologische Strukturen Nutzer: innen mitbringen, und wie sie auf deren Basis ihre eigenen Übersetzungspraxen gestalten. Häufig stand bei translationswissenschaftlichen Beschreibungen der Rolle von Technologie in konkreten Übersetzungsgefügen ein instrumentelles Tech‐ nikverständnis im Vordergrund. Zentrales Argument war dabei in der Regel, dass bestimmte Benutzungsoberflächen, Open-Source-Tools oder Online-Foren Aspekte gemeinschaftlicher Übersetzungspraxen erst ermöglichen oder diese besonders befördern; oder dass sie umgekehrt auch bestimmte Arbeitsprozesse auf eine bestimmte Art und Weise beschränken oder eingrenzen; also beispiels‐ weise den grundsätzlichen Zugang zu Übersetzungspraxen, die Möglichkeit zum Austausch unter den involvierten Akteur: innen oder zu gemeinschaftlichen Arbeitsprozessen, oder das Ausmaß an Interventionsmöglichkeit der Überset‐ zenden in konkreten Texten. Was allerdings selten explizit zum Thema gemacht wird, ist, dass technische Artefakte über die rein instrumentelle Dimension des Umgangs mit ihnen hinaus auch auf vielfältige Weise symbolische bzw. kulturelle Bedeutungen für Nutzer: innen annehmen können (vgl. Kap. 3.1.3). Die oben beschriebenen, von Pym et al. (2016) untersuchten „signalling mechanisms“ werden in vielen Übersetzungscommunities als Symbole oder ‚Abzeichen‘ in Nutzer: innenpro‐ filen realisiert. Auch sie sind Artefakte, die gewisse Zuschreibungen, etwa einer gewissen Expertise oder eines bestimmten Status von Nutzer: innen in einer Community, repräsentieren. Denkbar ist außerdem, dass ähnliche virtuelle Artefakte (z. B. gemeinsame Symbole bzw. Logos) zu Repräsentationen der von Li (2015) und Yu (2017) beschriebenen Sinnstiftungsprozesse rund um Vorstellungen von Gemeinschaftlichkeit und Gruppenidentität werden können. Góngora-Goloubintseff (2021: 222 f.) beschreibt die Auffassungsunterschiede von Übersetzer: innen in Bezug auf die Nutzung von automatisch generierten Inhalten als einen Konflikt, bei dem die Fronten zwischen Nutzer: innen mit unterschiedlich großer Technikaffinität verlaufen. Auch dies zeigt, dass sym‐ bolische Zuschreibungen - wie etwa eine grundlegend ablehnende oder eher offene Haltung gegenüber technischen Hilfsmitteln - ein wesentlicher Faktor für die konkrete Gestaltung individueller Übersetzungspraxen in technologie‐ vermittelten Umgebungen sein können. Diese Projektionen kultureller und sozialer Bedeutungen auf technische Elemente passieren jedoch nicht immer zufällig, sondern versucht man sich bei der Ausgestaltung von Techniken oft auch gezielt zu Nutze zu machen. Es scheint daher wichtig, nicht nur die konkrete Wirkung von Technologie und deren Konsequenzen in übersetzeri‐ schen Gefügen zu untersuchen, sondern zunehmend auch das Spannungsfeld zwischen der Einschreibung bestimmter Agenden in Technologien bei deren 2.3 Soziologische Perspektiven auf Übersetzungscommunities im Web 79 <?page no="80"?> Design und der tatsächlichen (manchmal auch widerständigen oder kreativen) Handhabung von Technologien durch Übersetzer: innen in den Blick zu nehmen. Den sozialen Wirkungen von Technologie hat man sich in der Translations‐ wissenschaft in der Vergangenheit auch unter der Perspektive einer möglichen technischen Agency genähert (vgl. Kap.-3.2.4). Wenn die Rolle technischer Arte‐ fakte in einem übersetzerischen Gefüge zentral ist, ja diese vom Handeln der menschlichen Akteur: innen kaum abgekoppelt werden kann, kann dann nicht auch von einem Handeln der technischen Strukturen gesprochen werden? Und wenn dem so ist, wie umfassend ist ihr Beitrag im Kontext der untersuchten übersetzerischen Praxen? Wie die Darstellungen oben zeigen, kann es in dieser Diskussion um ganz verschiedene Arten von technischen Artefakten gehen - von unterschiedlich ausgestalteten Texteditoren oder Benutzungsoberflächen für den Übersetzungsprozess, über Tools für die synchrone oder asynchrone Kommuni‐ kation, Grafiken, Symbole, Logos oder eingebettetes audiovisuelles Material, bis hin zu komplexeren Elementen wie einer Plattform zugrunde gelegte Steuerungs- oder Suchmechanismen, maschinelle Übersetzungssysteme oder andere Formen der Automatisierung von (Teil-)Aufgaben. Die oben beschriebenen Studien haben sich bisher meist auf eine bestimmte Art solcher technischer Artefakte beschränkt und auch kaum eine umfassende Mikroanalyse aller in einem Kontext erfassbaren Plattformelemente durchgeführt. Daran mag es auch liegen, dass man bislang kaum systematisch der Frage nachgegangen ist, ob es denn einen Unterschied macht, welche Art von Artefakten besonders stark in welche Teilpraxen des Übersetzens über Online-Plattformen eingebracht werden. Haben alle techni‐ schen Elemente dasselbe Handlungs- oder Wirkungspotenzial und welche Rolle spielen zunehmend autonome Technologien? Sind Steuerelemente, die nur eine Handlungsoption vorsehen, gleich zu beurteilen wie Wiki-ähnliche Textseiten, die von Nutzer: innen auf vielfältige Weise bearbeitet und neugestaltet werden können? Unterscheiden sich solche Techniken nur in ihrer instrumentellen Funktion oder ermöglicht eine Perspektive auf solche technischen Elemente als kulturelle Artefakte ein neues Verständnis von vorrangig digital vermittelten Übersetzungspraxen in Online-Communities? Diese und weitere Fragestellungen zu Übersetzung als soziotechnischer Praxis werden zunehmend unter Verwendung von Konzeptualisierungen aus den Science and Technology Studies diskutiert. Kapitel 3 liefert eine Einführung in die zentralen Debatten rund um diese Thematik in unserem Feld und bespricht dabei gleichzeitig die wichtigsten theoretischen Zugänge für eine mögliche techniksoziologische Rahmung übersetzerischer Praxen. Daraus leitet sich auch der spezifische, hier verfolgte theoretische Zugang zur Beantwortung einer Reihe der oben aufgeworfenen Fragen ab. 80 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="81"?> 2.3.5 Ausgangspunkt dieser Untersuchung Wie die oben diskutierten Forschungsarbeiten gezeigt haben, sind gemeinschaft‐ liche Übersetzungspraxen im Internet nicht nur davon beeinflusst, welche Hand‐ lungsmöglichkeiten und -spielräume Übersetzende in konkreten Übersetzungs‐ gefügen nutzen können und möchten. Fragen des übersetzerischen Handelns sind außerdem untrennbar mit den individuellen und kollektiven Vorstellungen und Sinnkonstruktionen der Beteiligten verbunden. Dazu gehören unter anderem die Beweggründe außerberuflicher Übersetzer: innen (für eine Beteiligung, für die Nutzung des eigenen Handlungsspielraums in konkreten Situationen), die Übersetzungskonzepte unterschiedlicher am Übersetzungsprozess Beteiligter so‐ wie bestimmte Vorstellungen von Gemeinschaftlichkeit und individuelle oder in der Gruppe ausverhandelte Maßstäbe und Erwartungen an gemeinsame Überset‐ zungspraxen bzw. das Verhalten der anderen in der Community. Jüngere Forschung rückt dabei insbesondere die Relevanz nicht nur individu‐ eller, sondern vor allem auch kollektiver Handlungs- und Vorstellungswelten in den Vordergrund. Sichtbar wurden dabei etwa die Konsequenzen verschiedener Organisationsformen für die Selbstbestimmtheit übersetzerischer Praxen, die Verteilung von Handeln auf Beteiligte in unterschiedlichen Rollen (sowie auf Technologien), Kooperation und Lernprozesse, aber auch Konflikte, nie wirklich abgeschlossene Aushandlungs- und Standardisierungsprozesse sowie Identitäts- und Sinnstiftungen in Bezug auf Übersetzen und die Gemeinschaft. Gezeigt werden konnte dabei nicht zuletzt die vielschichtige Verwobenheit der untersuchten Übersetzungspraxen mit technologischen Strukturen, die nicht nur aus rein instrumenteller Perspektive, sondern auch als kulturelle und soziale Wirkungsgrößen für die translationswissenschaftliche Auseinanderset‐ zung von Relevanz sein können. Der oben beschriebene Forschungsstand liefert dabei unterschiedliche Anknüpfungs- und Ausgangspunkte für die in dieser Untersuchung verfolgten Fragestellungen: Welche Relevanz hat Selbstorganisation in einer Übersetzungscommunity? Wie werden Prozesse der Selbstverwaltung bewertet und unter welchen Bedin‐ gungen werden sie aufrechterhalten, wann jedoch revidiert? Welche Nutzer: in‐ nen-Rollen, Aufgabenteilungen oder Zuständigkeiten entwickeln sich mit der Zeit und von welchen Zuschreibungen und Vorstellungen vom Übersetzen sind sie beeinflusst? Welche Rolle spielt Übersetzen im Alltag von Menschen, die sich in ihrer Freizeit in einer Übersetzungscommunity engagieren? Welche Übersetzungs- und Gemeinschaftskonzepte vertreten diese Amateur-Übersetzer: innen? Wie entstehen in solchen Communities normative Vorstellungen und welche As‐ pekte des Übersetzens bzw. der gemeinschaftlichen Aktivitäten betreffen sie? 2.3 Soziologische Perspektiven auf Übersetzungscommunities im Web 81 <?page no="82"?> Welche Teilpraxen gehören für die Mitglieder einer außerberuflichen Über‐ setzungscommunity zu den gemeinschaftlichen Aktivitäten? Welche Wechsel‐ wirkungen bestehen zwischen Handeln bzw. Agency und den Vorstellungen von Übersetzer: innen? Da die gemeinschaftlichen Praxen technisch vermittelt sind: Inwieweit sind Techniken Teil der übersetzerischen Agency? Wie sind übersetzerische Praxen auf unterschiedliche (menschliche, technische, mediale) Instanzen verteilt? Welche Rolle spielt neben Selbstverwaltung auch die Selbstgestaltung der technischen Umgebung für Übersetzungspraxen? Welche technischen Elemente werden eingesetzt, wenn eine Community eine selbstdesignte technische Platt‐ form nutzt? Welche Teilpraxen versucht man über technische Lösungen zu ermöglichen, einzuschränken oder zu automatisieren und wo behält man sich Interventionsmöglichkeiten welchen Ausmaßes vor? Gibt es Konflikte zwischen den in technische Elemente eingeschriebene Agenden und ihrer tatsächlichen Nutzung durch die Mitglieder der Community? Die Antworten auf diese Fragen sollen Einblick darin liefern, wie auf Trans‐ laville soziale Praxen und technische Strukturen miteinander verwoben sind, und welche Konsequenzen sich daraus für Fragen der übersetzerischen Agency ergeben. 82 2 Die Erforschung translatorischer Online-Communities <?page no="83"?> 3 Techniksoziologische Grundlegung In diesem Kapitel werden die techniksoziologischen Grundlagen dieser For‐ schungsarbeit vorgestellt. Zentral dafür ist das Forschungsprogramm der Technografie rund um den Berliner Techniksoziologen Werner Rammert (Braun-Thürmann 2006; Rammert und Schubert 2006b; Rammert 2007). Anders als in vielen klassischen Technikkonzepten bemüht man sich im Umkreis der Technografie, von einem substanzialistischen bzw. rein ontologischen Technik‐ verständnis wegzugehen. Solche Zugänge, so kritisiert Rammert (2016: 59), fragen in erster Linie nach dem Wesen von Technik und konstruieren diese Eigenart von Technik vorrangig in Abgrenzung zu Kultur, Gesellschaft, Natur oder anderen „ontologischen Sphären“ (ibid.) - eine Sichtweise, die wenig produktiv ist, sobald man akzeptiert, dass Technik durch und durch sozial ist. Stattdessen schlägt man einen pragmatistischen, „relationalen Begriff der Technik“ (Rammert 2016: 59) vor, bei dem das Technische und das Soziale als untrennbar verwoben und wechselseitig ko-evolutionär verstanden werden (Rammert 2016: 61 ff.). Die Frage ‚Was ist Technik? ‘ beantwortet man folgender‐ maßen: Unter Technik verstehen wir demnach die Gesamtheit der in der Gesellschaft kreativ und künstlich eingerichteten Wirkzusammenhänge, die aufgrund ihrer Form, Funk‐ tionalität und Fixierung in verschiedenen Trägermedien zuverlässig und dauerhaft erwünschte Effekte hervorbringen. (Rammert 2016: -12) Der Technikbegriff der Technografie, den Rammert hier zusammenfasst, sieht Techniken also als Dinge oder Prozesse, die eine gewisse Wirkung erzielen können. Erfahrbar werden sie für uns, weil sie darauf angewie‐ sen sind, über bestimmte Trägermedien vermittelt zu werden - also etwa über Körper, Sachen oder Zeichensysteme. Von technischen Prozessen oder Dingen spricht Rammert (2016) dann, wenn diese eine ‚technische Form‘ angenommen haben: Als ‚technisch‘ bezeichnet man dabei solche Dinge und Prozesse, die eine relativ fixierte, dauerhafte Gestalt haben, die immer wieder gleiche Wirkungen erzielen, und die zuverlässig gewissen Handlungs‐ programmen folgen (vgl. Kap. 3.3.3.3). Dieser Technikbegriff unterscheidet sich von anderen Technikkonzepten dadurch, dass nicht Materialität als bestimmendes Merkmal von Techniken gesehen wird, sondern eben diese fixierte, bis zu einem gewissen Grad dauerhafte Form. Eine solche könne man genauso gut in menschlichen Körpern (z. B. bei automatisierten Handlungs‐ abläufen, wie etwa einem körperlichen Bewegungsablauf am Fließband) oder <?page no="84"?> in Zeichensystemen (z. B. einem Algorithmus oder einer Software) vorfinden. Der Fokus technografischer Untersuchungen liegt allerdings nicht auf der Frage, wie diese technische Form konzeptualisiert werden kann. Sie widmen sich primär der Beschreibung konkreter Praxen des Umgangs mit Technik in spezifischen situativen Kontexten (Rammert 2016: 58). Der theoretische Zugang sowie der Technikbegriff der Technografie werden in Kapitel 3.3.2 und 3.3.3 noch im Detail erläutert. Wie die nächsten Abschnitte zeigen sollen, sind für ein vertiefendes Ver‐ ständnis von Techniken nicht nur die einzelnen Gegenstände, Geräte, Maschi‐ nen oder Infrastrukturen relevant, sondern auch die Prozesse des Umgangs mit ihnen. Dazu gehören etwa Prozesse der Gestaltung und Entwicklung von Techniken, Prozesse der Herstellung und Konstruktion sowie Prozesse der Nutzung (vgl. Rammert 2007). In dieser Untersuchung liegt der Schwerpunkt primär auf Fragen der Techniknutzung - allerdings erlauben die erhobenen Daten auch Rückschlüsse auf die Entwicklungsbedingungen und sukzessive Anpassung der untersuchten Online-Plattform. Wie auch in der Technografie betont wird (vgl. Kap. 3.3.2.2), sind Techniken hier nicht nur als materielle Artefakte und Medien relevant - ein besonderes Augenmerk gilt auch deren symbolisch-kulturellen Bedeutungen. Um den Zugang der Technografie theoretisch verorten zu können, braucht es zuvor einen kurzen Überblick über bisherige Versuche, Technik zu konzep‐ tualisieren sowie eine Synthese der theoretischen Entwicklungen im Bereich der Technikforschung. Im Zuge dessen soll auch ausgelotet werden, welche Vorstellungen vom Wechselspiel zwischen Techniken und sozialen Praxen die Translationswissenschaft bisher an ihren Untersuchungsgegenstand angelegt hat, welche Forschungsagenden aus diesen Erkenntnissen für die translations‐ wissenschaftliche Forschung abgeleitet wurden und wie hier versucht wird, an diese anzuknüpfen. Abschließend wird das Forschungsprogramm der Tech‐ nografie - mit seinen theoretischen Vorläufern, zentralen Konzepten und methodischen Konsequenzen - vorgestellt. 3.1 Zentrale Fragen der Technikforschung Technik ist ein Gegenstand, der lange Zeit nicht so recht seinen Platz in der geistes- und sozialwissenschaftlichen Denktradition gefunden hat. Außer der ingenieurswissenschaftlichen Forschung, die sich dem Gegenstand primär aus anwendungsorientierter Perspektive näherte und für die Technik in erster Linie ein „selbstverständliches Produkt ihrer alltäglichen Konstruktionspraxis“ (Rammert 2007: 2) darstellte, fand eine eingehendere Auseinandersetzung mit 84 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="85"?> 27 Siehe im Gegensatz dazu jedoch die in Kap.-3.2 besprochenen neueren Entwicklun‐ gen. 28 Der folgende Überblick folgt in wesentlichen Linien dem Einteilungsversuch von Rammert (2007). Selbstverständlich existieren auch alternative Darstellungen, z. B. bei Jasanoff et al. (1995), Degele (2002), Bammé (2009), Sismondo (2010), Häußling (2010, 2019), oder Beck et al. (2012), um nur einige Übersichtswerke zu nennen. Technik zunächst am ehesten in der Philosophie statt. Dort beschäftigte man sich etwa mit der Frage nach dem Wesen der Technik, mit dem Verhältnis der Technik zu Mensch und Natur sowie mit den Auswirkungen von Techni‐ sierung auf Mensch und Gesellschaft (Rammert 2007: 2; für eine detaillierte historisch-systematische Einordnung zentraler Texte der Technikphilosophie, vgl. Rapp und Ropohl 2013). Unterdessen fasste man Technik in der Soziologie zumeist als außersoziale Größe, neutrales Werkzeug oder „bedingende Umwelt der Gesellschaft“ auf (Rammert 2007: 2). Die Wahrnehmung von Technik als exogene Größe, so Rammert und Schubert (2006a: 12), möge dabei ihren Ursprung in „der irre‐ führenden fundamentalen Gegenüberstellung von Technik und Gesellschaft haben - als ob Technik nicht integraler Teil der Gesellschaft sei“. Ähnliche Vorstellungen von Technik als rein instrumentell, neutral bzw. sozial wenig relevant finden sich zunächst lange Zeit in der Translationswissenschaft. 27 Was den Technikbegriff in der Soziologie betrifft, so versuchte man sich anfangs erst gar nicht an einem eigenen soziologischen Technikbegriff und nahm Anleihe an den Erklärungsversuchen der Philosoph: innen (Rammert 2007: 2). 28 3.1.1 Technikfolgen Wie Rammert und Schubert (2006a: 12) beschreiben, waren Vorstellungen von Technik und Technisierung in der Philosophie zunächst ähnlich gespalten zwischen ausgesprochen optimistischen und besonders pessimistischen Posi‐ tionen, wie man dies auch von alltäglichen Technikdiskursen kennt: Technik stilisierte man einerseits zum „rationalen Mittel per se, die Natur zu bezwingen und menschlichen Zwecken zu unterwerfen“ (ibid.), zu dem Werkzeug zur Steigerung von Effizienz und Effektivität. Andererseits wurden mit der zuneh‐ menden Durchdringung des Alltags mit Technik auch Stimmen laut, „dass das Mittel sich verselbstständigt habe, die Technik außer Kontrolle geraten sei und als Sachzwang oder Schicksal die gesellschaftliche Entwicklung bestimmte“ (Rammert und Schubert 2006a: -12). 3.1 Zentrale Fragen der Technikforschung 85 <?page no="86"?> 29 Tieber (2019: 246) argumentiert in einem explizit an techniksoziologische Frage‐ stellungen angelehnten Aufsatz zu Translationskonzepten rund um maschinelle Translation, eine technikdeterministische Perspektive könne neben sozialkonstruk‐ tivistischen Zugängen (vgl. nächster Abschnitt) „für eine Auseinandersetzung mit MÜ nutzbar gemacht werden“. Dies scheint in Hinblick auf Technikkonzepte inter‐ essant - allerdings nur dann, wenn technikdeterministische Positionen auch kritisch aufgearbeitet werden. Anders als dies Tieber (2019) darstellt, wird hier der Stand‐ punkt vertreten, dass es bei einer solchen Untersuchung gerade nachzuzeichnen gilt, wie deterministische Argumentationen künstliche Kausalitätsketten herstellen, die empirischer Überprüfung in der Regel nicht standhalten. Wie dieses und das nächste Kapitel zeigen sollen, wird hier die Position vertreten, dass technikdeterministische Positionen in ihrem kausalen Reduktionismus nicht geeignet sind, den vielseitigen Bedeutungen und Wirkungsweisen von Technologien in ihren konkreten Kontexten auf den Grund zu gehen. Solche technikdeterministischen Erklärungsversuche gehören bis heute zu den ‚Großerzählungen‘ der Technikforschung und anderer Forschungsberei‐ che an der Schnittstelle zwischen Technologie und Gesellschaft (für eine umfassende kritische Auseinandersetzung, vgl. z. B. auch Smith und Marx 1994). Degele (2002: 24 f.) fasst technikdeterministische Argumentationen rund um drei Annahmen zusammen; nämlich (1) dass technischer Wandel „unverursacht“ (ibid.) passiere und ausschließlich aus der Eigendynamik technischer Entwicklungen hervorgehe, (2) dass technische Neuerungen von menschlicher Einflussnahme unabhängig würden und somit „außer Kon‐ trolle“ geraten - ohne die Möglichkeit einer Kehrtwende und schließlich (3) dass technischer Wandel sozialen Wandel „verursach[e] bzw. determi‐ nier[e]“ (ibid.). Entsprechende Argumentationsmuster finden sich auch in der Translationswissenschaft und -praxis - in den letzten Jahren etwa beson‐ ders prominent rund um das Thema künstliche-Intelligenz-basierter ‚Large Language Models‘ und Übersetzungssysteme. Dabei werden KI-generierter oder -gestützter Übersetzung einerseits global wirksame Folgen unterstellt - beispielsweise ein allgemeiner Preisverfall, sinkende Übersetzungsqualität oder überhaupt ein Ersetzen jeglicher ‚Humanübersetzung‘. Weitere mögliche Einflussfaktoren, wie etwa globalisierte Produktionsbedingungen, veränderte Schreib- und Lesegewohnheiten, die tatsächlichen Nutzungsbedingungen ma‐ schineller Übersetzung in deren konkretem Anwendungskontext oder andere soziale, wirtschaftliche oder politische Einflussfaktoren, werden in solchen Argumentationen jedoch ausgeklammert. Doch auch die etwas hoffnungsvollere Annahme, maschinelle Übersetzung führe zu einer „Demokratisierung von Übersetzungspolitik“ (Tieber 2019: -246), ist in ihrer reduktionistischen Kausalitätszuschreibung deterministisch (vgl. dazu auch eine detailliertere Diskussion in Kap.-3.2.1). 29 86 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="87"?> Deterministische Deutungen finden sich also sowohl in optimistischen wie auch pessimistischen Darstellungen von Technik (Aibar 2010: 178). In einigen Bereichen halten sie sich nach wie vor hartnäckig, beispielsweise in der Me‐ dienwissenschaft in der Tradition des frühen McLuhan (vgl. z. B. McLuhan 1964/ 1994; McLuhan und Fiore 1967/ 2005). Auch in der Translationswissen‐ schaft sind sie in einigen Bereichen immer noch tonangebend. Dabei konnten die Science and Technology Studies in zahlreichen Studien nachweisen, dass es für deterministische Argumentationen keine wirkliche empirische Grundlage gibt (Degele 2002: 22 f.). Empirische Fallstudien zeigen, dass die Art und Weise, wie Techniken genutzt werden, aber auch wie diese sich auf konkrete Hand‐ lungsgefüge auswirken können, stark von dem jeweiligen situativen Kontext abhängig ist, in den diese Techniken eingebettet sind (Aibar 2010: 178). Das Problem deterministischer Argumentationen liegt, wie etwa Aibar (2010: 178) beschreibt, darin, dass diese einen unverhältnismäßig starken Fokus auf die Auswirkungen von Technologie legen, ohne dies weiter zu reflektieren, - was zu reduktionistischen Aussagen führe: The main problem with the impact frame is that it usually induces effects or consequences of technological innovation to be treated as universal, predictable and unidirectional. In most cases, this is inaccurate. (Aibar 2010: -178) Dabei werden die betreffende Technologie und der soziale Kontext, auf den diese sich auswirken solle, ungerechtfertigterweise voneinander entkoppelt. Effekte, so die Sicht der Kritiker: innen, seien zwar möglich - allerdings seien diese selten unilateral und ausschließlich ‚der Technik‘ zuordenbar. Alles andere - so Aibar (2010: 178) - „implies a dubious separation of technology and the context that it is supposed to affect“. Bis in die 1970er-Jahre beschäftigte sich die Techniksoziologie also primär mit der Erforschung von Technikfolgen, und zwar insbesondere rund um Themenbereiche wie etwa die Auswirkungen von Technologie auf Arbeit, Ar‐ beitsprozesse oder auf Organisations- und Machtstrukturen an Arbeitsplätzen (Rammert 2007: 5), ohne dass dabei aber „die Techniken selbst“ in ihren kon‐ kreten Anwendungskontexten in den Blick genommen wurden. Unter Technik verstand man primär großtechnische Maschinen und Produktionssysteme, die zur Rationalisierung oder Substitution menschlicher Arbeitsleistung eingesetzt 3.1 Zentrale Fragen der Technikforschung 87 <?page no="88"?> 30 Vgl. dazu auch die neuere Technikfolgenabschätzung - ein bewusst normativ ausge‐ richtetes Forschungsprogramm mit dem Ziel Gesellschaften und politischen Entschei‐ dungsträger: innen ein gewisses „Orientierungs- und Prognosewissen“ (Häußling 2019: 361) über neue Technologien zur Verfügung zu stellen. Anders als die stark technikde‐ terministische Folgenforschung der 1960er- und 1970er-Jahre versteht die neuere Tech‐ nikfolgenabschätzung Techniken als sozial konstruierte Größen, von denen nunmehr nicht mehr angenommen werden könne, dass sie lineare, eindeutig bestimmbare soziale Folgen nach sich zögen. Vielmehr versucht die Technikfolgenabschätzung detaillierte Analysen zum Stand bestimmter Techniken zu liefern, „unmittelbare und mittelbare technische, wirtschaftliche, gesundheitliche, ökologische, humane, soziale und andere Folgen dieser Technik und möglicher Alternativen“ (Häußling 2019: 365) zu evaluieren und Vorschläge für Gestaltungsoptionen auszuarbeiten. Das Problem der mangelnden Prognostizierbarkeit technischer Entwicklungen (s. dazu auch den nächsten Abschnitt) bleibt jedoch bestehen. Degele (2002: 55) sieht die Technikfolgenabschätzung daher gefangen „zwischen der Offenheit der Entwicklung und dem pragmatischen Interesse an Prognosen“. wurden, um den untersuchten Bereichen ihre technische „Eigenlogik“ aufzuokt‐ royieren (Degele 2002: -32). 30 Nachdem man sich methodisch schließlich stärker Feld- und Beobachtungs‐ studien zuwandte und sich dadurch „mit einer phänomenologischen Beschrei‐ bung an die Arbeitssituation herantastete“ (Rammert 2007: 5, eigene Her‐ vorhebung), erkannte man allerdings zusehends, dass zwei bislang zentrale Annahmen relativiert bzw. gar revidiert werden mussten: 1. Die erste Annahme betrifft das zuvor so präsente rein instrumentelle Technikverständnis (ibid.). Im Vergleich zu früheren Studien, die sich methodisch eher auf Interviews oder Fragebögen (mit deren „groben Klassifikationen“ der eingesetzten technischen Systeme; Rammert 2007: 5) stützten, gaben längere Feldaufenthalte nach und nach den Blick frei auf „verschiedenartige Beziehungsformen zwischen Mensch und Technik bei der Arbeit an der Maschine und der Arbeit mit der Maschine und bei der technisch vermittelten Kooperation“ (ibid., Hervorhebung im Original). Heute hat sich in der Techniksoziologie daher weitgehend die Vorstellung etabliert, dass „Technik und Soziales unentflechtbar aufeinander bezogen sind“ (Häußling 2019: -450), weshalb gerne von soziotechnischen Gefügen, Netzwerken, Systemen o. Ä. gesprochen wird. 2. Die zweite Annahme betrifft die Idee, technischer Wandel determiniere sozialen Wandel - eine automatische Kausalitätszuschreibung, die für Misa (1994: 141) insbesondere in einer zu großen Abstraktion im Rahmen von Makrostudien begründet liegt: 88 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="89"?> Properly understood, “technology” is a shorthand term for the elaborate sociotechnical networks that span society. To invoke “technology”, on the macro level of analysis, is to compact into one tidy term a whole host of actors, machines, institutions, and social relations. To expand “technology”, on the micro level of analysis, is to regain the complexity and messiness of the compacted whole. Insofar as people are necessary parts of the networks, to say that “technology” causes social change is really to say that people—through the sociotechnical networks they create and sustain—cause social change. Nachdem man also erkannt hatte, dass Großerzählungen von unvermeidbaren Technikfolgen in der Regel nur durch massive Abstraktion oder durch ein Ignorieren lokal-situativer Kontexte zustande kamen, wandte man sich in der nächsten Phase der Technikforschung, ungefähr ab den 1980er-Jahren, statt den Folgen von Technik deren Entstehung zu (Technikgenese). 3.1.2 Technikentwicklung Ausgehend vom neuen Verständnis von Technik als „endogene“, also der Gesell‐ schaft inhärente Größe, wurden Techniken nunmehr verstärkt als „historische und strategische Projekte von Akteuren und als soziale Konstrukte“ untersucht (Rammert 2007: 5). Dabei verlagerte sich das Interesse an Technologien - in zeitlicher Hinsicht - stark nach vorne, um nunmehr insbesondere die Phasen der „Forschung, Erfindung und konstruktive[n] Entwicklung“ (Rammert 2000: 55) von Techniken in den Blick zu nehmen. Die deutschsprachige Tradition der Technikgeneseforschung wandte sich primär historischen oder organisationsbezogenen Rekonstruktionsstudien zu (Rammert 2007: 5). Dabei entstanden zunächst vor allem historische Fallstu‐ dien zu bestimmten Technologien sowie zu den mit diesen in Verbindung stehenden Akteur: innen und deren strategischen Vorgehensweisen bei der Entwicklung dieser Technologien (vgl. dazu z. B. Knies Studie zur Entwicklung des Dieselmotors, 1991). Anhand solcher Fallbeispiele versuchte man dann jenen gesellschaftlichen und institutionellen Wirkungsweisen nachzugehen, die eine gewisse „Entwicklungsdynamik von Techniken“ begünstigen (Rammert 2007: -6). Eines der zentralen analytischen Werkzeuge der Technikgeneseforschung war die Leitbildforschung (vgl. insbesondere Dierkes et al. 1992). Dabei ging man davon aus, dass die an der Technikentwicklung beteiligten Akteur: innen sich bei ihrer Arbeit an bestimmten intuitiven, wissensbezogenen und/ oder kollek‐ tiven Vorstellungen davon orientieren, was in Bezug auf die zu entwickelnde Technologie „machbar und wünschenswert ist“ (Degele 2002: 47). In Anlehnung 3.1 Zentrale Fragen der Technikforschung 89 <?page no="90"?> 31 Pinch und Bijker (1984: 401) verweisen etwa auf Bloors (1976/ 1991) ‚Strong Programme in the Sociology of Knowledge‘ und übernehmen mit der ‚interpretativen Flexibilität‘ und den ‚Schließungsmechanismen‘ zentrale Begriffe des ‚Empirical Programme of Relativism‘ der Bath School, zu der Trevor Pinch ebenfalls zuzurechnen ist. Für einen kompakten Überblick über die beiden Zugänge, siehe Bammé (2009: -33-48). an solche Leitbilder fällen Entwickler: innen bei der Gestaltung neuer Techniken bereits sogenannte „Selektions- und Eliminierungsentscheidungen“ (Degele 2002: 48), die als Filter wirken und damit alternative Entwicklungspfade bereits in der Entstehungsphase ausscheiden lassen. Zusätzlich zur Leitbildforschung beschäftigte man sich mit „Konstruktions- und Forschungstraditionen, Kon‐ struktions- und Forschungsstile[n] sowie Organisationskulturen“ (ibid.) und versuchte so Einblick darin zu erhalten, von welchen Logiken Technologien vor ihrer Markteinführung bereits mitgeprägt sind. Somit wurde Technik nun‐ mehr als Produkt unterschiedlichster sozialer und kultureller Interessenswelten beschreibbar (Degele 2002: -48). Einflussreich war vor allem die angloamerikanische Tradition der sozi‐ alkonstruktivistischen Technikforschung, die eine Reihe verschiedener An‐ sätze und Forschungsprogramme unter dem Schirm des ‚Social Shaping of Technology‘ (SST, vgl. z. B. MacKenzie und Wajcman 1985) sowie der ‚Social Construction of Technology‘ (SCOT, vgl. z. B. Pinch und Bijker 1984; Bijker et al. 1987/ 2012b) zusammenführte. Bijker und Pinch, die Begründer: innen der ‚Social Construction of Technology‘ (SCOT), übertrugen sozialkonstruktivistische Konzepte aus der Wissenschaftssoziologie 31 auf die Technikforschung, um die Entwicklung von Technologie als „an alternation of variation and selection“ (Pinch und Bijker 1984: 411) zwischen verschiedenen Designmöglichkeiten darstellen zu können. Gemeint ist das Konzept von einem nicht-linearen, multidirektionalen Ent‐ wicklungsweg, auf den verschiedene, teils rivalisierende Interessensgruppen einwirken. Diese Interessensgruppen bezeichnen Pinch und Bijker (1984: 414 ff.) als ‚relevante sozialen Gruppen‘: Die Bezeichnung relevante soziale Gruppe weist darauf hin, dass Technik immer in Bezug zu bestimmten Akteursgruppen zu verstehen ist, und dass diese Akteursgrup‐ pen auf unterschiedliche Art und Weise dazu beitragen, Technik zu konstruieren. Damit ist nicht nur gemeint, dass die verschiedenen Gruppen die jeweilige Technik unterschiedlich verstehen, sondern auch, dass die Gruppen in der Art voneinander abweichen, wie sie zur tatsächlichen Ausgestaltung der Technik beitragen. (Sørensen 2012: -133) 90 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="91"?> 32 Einflussreiche erste empirische Anwendungen der SCOT waren etwa Pinch und Bijkers (1984) Beispiel von der Entwicklung des Fahrrads vom Hochrad zum Modell in der heute üblichen Bauart; sowie Bijkers (1987/ 2012) Studie zur Geschichte des Bakelits. Ein weiteres wesentliches Prinzip der SCOT, das aus der Wissenschaftssoziolo‐ gie adaptiert wurde, ist das der ‚interpretativen Flexibilität‘ (Pinch und Bijker 1984: 421-424). In Bezug auf Technologien bedeutet interpretative Flexibilität „not only that there is flexibility in how people think of, or interpret, artefacts, but also that there is flexibility in how artefacts are designed“ (ibid.: 421). Das heißt, dass Artefakte für unterschiedliche soziale Gruppen unterschiedli‐ che Bedeutungen annehmen - und, dass daher verschiedene Akteur: innen voneinander abweichende Problemstellungen rund um ein zu entwickelndes Artefakt formulieren (z. B. Ästhetik, Energieeffizienz, intuitive Bedienung, Kompaktheit etc.). Außerdem sei man bei der Untersuchung weit verbreiteter Technologien in der Vergangenheit oft automatisch davon ausgegangen, der Erfolg der betreffenden Technologie sei Beweis für die Überlegenheit und Qualität des jeweiligen Designs. Im Gegensatz dazu liefern Pinch und Bijker (1984) eine Reihe empirischer Beispiele, die zeigen, dass das Durchsetzen eines Designs Resultat komplexer, zum Teil lokaler, sozialer Aushandlungs- und Konsolidierungsprozesse ist. 32 Es kann also nicht von einem linearen Prozess der Technikentwicklung gesprochen werden. Am Ende des Prozesses können unterschiedliche Schließungsmechanismen (z. B. die ‚rhetorische Schließung‘, die Neudefinition des Problems, vgl. Pinch und Bijker 1984: 426 ff.) stehen, im Zuge derer Konsens für ein bestimmtes Design entsteht - oder wie Bammé (2009: 136) es formuliert, eine „Einigung verschiedener sozialer Gruppen auf eine für alle Beteiligten verbindliche Form und Bedeutung des Artefakts“. Sobald eine Technologie sich durchzusetzen beginnt, entsteht zunehmend der Eindruck, Alternativen seien nicht mehr möglich - eine Wahrnehmung, die allerdings „sozial erzeugt und keineswegs technisch notwendig“ sei (Degele 2002: 102). Allerdings führe eine Übermacht am Markt dazu, dass Technologien tatsächlich Alternativen verdrängen (ibid.). Eine ähnliche, aber stärker technik‐ deterministische Erklärung für dieses Phänomen liefert die deutschsprachige Technikgeneseforschung. Sie geht davon aus, dass Entscheidungen zu Beginn des Entwicklungsprozesses einer Technologie gewisse technische Rahmenbe‐ 3.1 Zentrale Fragen der Technikforschung 91 <?page no="92"?> 33 Dabei handelt es sich um die These der ‚Pfadabhängigkeit‘. Wie Degele (2002: 51) zusammenfasst, argumentiert die These der Pfadabhängigkeit, eine erfolgreiche Tech‐ nologie setze sich nicht automatisch deshalb durch, weil sie von Anfang an technisch überlegen sei. Vielmehr würden Technologien sich durch das Einwirken von Staat oder Organisationen etablieren. Entsprechende Technologien können sich dann gegenüber alternativen Designs durchsetzen, auch wenn diese vielleicht rein technisch gesehen besser seien. Die These der Pfadabhängigkeit sieht daher die „Selektionsmacht des Marktes“ (ibid.) durch institutionelles Einwirken relativiert. Die Konsequenz daraus sei, dass jegliche Bestrebungen aus einem einmal eingeschlagenen technologischen Pfad wieder auszusteigen sich als sehr schwer bzw. unmöglich erweisen werden. Häufiges Beispiel für diese These ist die Durchsetzung der QWERTY-Tastatur - vgl. dazu allerdings die Kritik von Liebowitz (1995). dingungen vorgeben, auf die spätere Designs dann unweigerlich aufbauen (Rammert 2000: -56). 33 Der Zugang der Social Construction of Technology ist einer der wenigen techniksoziologischen Ansätze, der auch in der Translationswissenschaft für Studien zu technologischen Aspekten des Übersetzens in Betracht gezogen wurde (Kenny 2017b; Olohan 2017b, 2021; Tieber 2019; Sakamoto und Yamada 2020). Kapitel 3.2.2 liefert eine Übersicht über die bisherige Auseinandersetzung mit SCOT in unserer Disziplin und bespricht mögliche zukünftige Forschungs‐ perspektiven, die aus deren Anwendung entstehen könnten. Rammert (2007: 7) fasst eine Reihe zentraler Erkenntnisse der konstruktivis‐ tischen Zugänge der Technikforschung zusammen, die auch als grundlegende Annahmen für diese Untersuchung gelten können. 1. Technik ist weitaus mehr als bloß das instrumentelle Artefakt. Wie Ram‐ mert (2015: 5) an anderer Stelle ausführt, ist Technik „nichts natürlich Gegebenes: Sie ist weder ‚unser Schicksal‘ noch naturwüchsiger ‚techni‐ scher Fortschritt‘. Sie ist auch keine abstrakte Größe und geschlossene Ganzheit“, weshalb der Begriff der ‚Techniken‘ auch häufig im Plural verwendet wird (ibid.). Dies ist insofern relevant für diese Arbeit, als hier besonders deutlich wird, wie wesentlich die Entwicklung, Konstruktion und Anpassung von Technologien sind - und dass diese nicht lediglich als fertiges Produkt, sondern als offene Prozesse untersucht werden sollten. In dieser Untersuchung ist eine solche Perspektive deshalb möglich, weil durch die Nutzung von Online-Foren als Datenquelle eine Art historisches Archiv verfügbar wird, das eine Rekonstruktion der Implementierungs-, Weiterentwicklungs- und Nutzungsphasen der untersuchten Plattform erlaubt. 2. Man erkannte, dass Artefakte unterschiedlichsten sozialen Deutungen unterliegen. Techniken werden daher statt als „fest fixiertes sachliches 92 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="93"?> 34 Rammert (2007: 7) verweist hier etwa auf Studien, die mit aggregierten Daten oder aus einer gewissen historischen Distanz durchgeführt werden. Artefakt“ und gesellschaftsexterne Größe als ein integrativer „Teil eines sozialen Prozesses“ und der Gesellschaft gesehen (Rammert 2007: 7). In dieser Studie werden daher neben den technischen Strukturen des Plattformdesigns und Fragen der Techniknutzung auch die Aushandlungs‐ prozesse und Diskurse rund um den Umgang mit Techniken untersucht. Das Plattformdesign von Translaville stammt ursprünglich von einem einzigen Entwickler. Die konstruktivistische Perspektive inspiriert jedoch dazu, über den ersten Designentwurf hinauszublicken und legt damit offen, dass der ursprüngliche Plattformentwurf erst der Beginn eines an‐ dauernden Aushandlungsprozesses zwischen Nutzer: innen und Entwickler ist. Deutlich wird durch diese Perspektive auch, dass die symbolischen Bedeutungen des Plattformdesigns offenbar so zentral für die Mitglieder der Community sind, dass sie sich über die Jahre hinweg immer wieder aktiv in deren Umgestaltung einbringen. 3. Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass technischer Wandel nicht linear, sondern kontingent, also ergebnisoffen verläuft, und damit nicht eindeutig prognostizierbar ist. Statt der Rede von technischen Revolutio‐ nen entsteht somit ein Blick auf Technikentwicklung als „Kette konkurrie‐ render und koalierender Technisierungsprojekte von Akteuren“ (Rammert 2007: 7). Entsprechend wird auch hier versucht, den Aushandlungsprozes‐ sen zwischen den Plattformnutzer: innen über einen größeren Zeitraum hinweg Rechnung zu tragen: vom ersten Plattformentwurf, zum Höhe‐ punkt der Aktivität, bis hin zum Zeitpunkt, wo die Plattform stark an aktiven Mitgliedern verliert. 3.1.3 Techniknutzung Wenn auch technikdeterministische Vorstellungen zunehmend überwunden waren (zumindest im breiten techniksoziologischen Diskurs), so bestand den‐ noch auch in späteren Phasen der Technikforschung weiterhin Interesse an den Folgen von Technik (Rammert 2007: 7). Es hatte sich gezeigt, dass der Blick auf technische Veränderungen aus einer Makroperspektive 34 primär „typische Fol‐ gen“ von Technisierung oder „typische Verläufe“ einer Arbeitspraxis offenbart (ibid.). Mit der Zeit wurde auch berücksichtigt, dass diese Auswirkungen nicht in der Technologie an sich begründet liegen, sondern durch ein komplexes Zu‐ sammenspiel sozialer, organisatorischer und politischer Rahmenbedingungen, 3.1 Zentrale Fragen der Technikforschung 93 <?page no="94"?> Vorstellungen und Traditionen zustande kommen. Das, was ex post als eine Folge von Technik erscheint, hätte also genauso gut auch anders kommen können (Rammert 2007: -7). Durch eine Umorientierung von der Makroebene der Beobachtung auf die Mikroebene wurde auch sichtbar, dass die Deutungen von Techniken innerhalb verschiedener Interessensgruppen stark variieren und konkurrieren können. Dabei zeigte sich, dass diese Pluralität von Sichtweisen einen erheblichen Einfluss auf Technikentwicklungsprojekte hat (wie vor allem die SCOT zeigen konnte; siehe voriger Abschnitt). Diesen Gedanken führte man nun konsequent weiter und dehnte ihn auf die Phase nach der Entwicklung, Konstruktion und Markteinführung eines Artefakts aus (ibid.). Ab sofort stand also nicht mehr primär der Blick auf Makrofolgen von Technik (Kap. 3.1.1), oder auf die Entwicklung von Technik (Kap. 3.1.2) im Vordergrund. Vielmehr beschäftigte man sich verstärkt mit Fragen der Techniknutzung. Wie Hörning (1989: 90) es formuliert, zeichnet sich diese neue Phase der Technikforschung dadurch aus, dass sie „nicht so sehr danach frage, was das Ding in unserem Leben anstellt, sondern vordringlich danach, was wir mit dem Ding anstellen“. Um die Wirkung von Artefakten besser verstehen zu können, brauchte es ein besseres Verständnis davon, wie unterschiedliche Anwender: innen diese in ihren verschiedenen Praxiskontexten nutzen. Immerhin bedingt die dominante Deutung einer Technologie (z. B. als was ein Artefakt von Entwickler: innen ursprünglich konzipiert wurde) nicht automatisch auch alle Möglichkeiten für deren Nutzung (Rammert 2007: 7). Ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte also „das Machen mit Techniken“ sowie die Auffassung von „Techniken als soziale Praktiken und kulturelle Modelle“ (ibid.). Damit verschob sich der Blick auch in eine neue soziale Arena. Nahm man Technik zuvor in erster Linie als das Produkt eines Konstruktionslabors wahr, so schenkte man ab sofort vor allem deren Einbettung in den Alltag stärkere Aufmerksamkeit. In der Translationswissenschaft nimmt gerade der Bereich der Nutzungsfor‐ schung rund um Technologien in der translatorischen Praxis einen besonderen Stellenwert ein. Dabei ging man von Fragen der Produktivität und Funktionalität von Tools über zu Fragen der Usability, zu den manchmal auch eigenwilligen Nutzungspraxen von Translator: innen oder auch zur Frage, wie Technologien sich in konkreten sozialen Kontexten auswirken. Kapitel 3.2.3 liefert einen Überblick über bisherige Forschungsarbeiten zur Nutzung von Technik in unserem Feld und bespricht, welche Konzeptualisierungsmöglichkeiten dazu bislang herangezogen wurden. In der Techniksoziologie näherte man sich solchen Techniken des Alltags unter anderem aus einer kultursoziologischen Perspektive (vgl. z. B. Hörning 94 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="95"?> 1987, 1989). Diese ermöglichte es, zugleich sachlich-funktionalen wie symbo‐ lisch-kulturellen Dimensionen von Artefakten Rechnung zu tragen. Ein beson‐ deres Interesse galt dabei der Technisierung alltäglicher Handlungsfelder. Man untersuchte, auf welche Art und Weise der Alltag von Techniken durchdrun‐ gen wird und wie Menschen neue Techniken (z. B. die Waschmaschine, das Telefon, den Computer) in ihren Alltag integrieren (Degele 2002: 114). Die Nutzung von Artefakten wird aus dieser Perspektive als „sozialer bzw. kulturell geprägter Aneignungsprozess“ (Häußling 2010: 631) konzeptualisiert. Dabei wird davon ausgegangen, dass Artefakte im Zuge des Entwicklungs- und Konstruktionsprozesses eine Reihe von Designelementen mitbekommen, die Nutzer: innen später eine bestimmte Bandbreite an Handlungsmöglichkeiten mit diesem Artefakt ermöglichen. In diesem Zusammenhang spricht man oft von der ‚Einschreibung‘ konkreter Nutzungsmöglichkeiten in ein Artefakt (Hörning 1987: -310). Allerdings, so hat sich gezeigt, bieten Techniken im Alltag „erhebli‐ che Spielräume der Nutzung und Innovationspotenziale“ (Hörning 1987: 310, Hervorhebung im Original), und zwar relativ unabhängig von während der Konstruktion „eingebaute[n] und eingeschriebene[n] Handlungsanweisungen“ (ibid.). Die kulturtheoretische Technikforschung interessiert sich daher neben der individuellen Anpassung von Alltagspraxen an Technologien insbesondere für sogenannte Prozesse der Aneignung. Das sind Prozesse der eigenwilligen Verwendung von Artefakten in Abweichung oder gar Widerspruch zu der von Hersteller: innen intendierten Nutzungsweise. Besondere Aufmerksamkeit wird auch solchen Prozessen geschenkt, bei denen eine Anpassung oder Aneignung nicht erfolgreich ist, oder sogar verweigert wird - also Formen des Widerstands gegenüber Technologien bzw. gegenüber bestimmten technologievermittelten Praxen (Degele 2002: -114). Indem sie diese Perspektive einnimmt, sieht die kulturtheoretische Tech‐ nikforschung in Technisierung oder der Einführung neuer Techniken nicht einzig und allein ein übermächtiges Überstülpen technisch-rationalistischer Handlungslogiken auf den Alltag der Nutzer: innen. Vielmehr betont dieser Ansatz, dass „sich im Verlauf des umfassenden Rationalisierungsprozesses [bei der Entwicklung der modernen Gesellschaft] nicht nur vehement die Maßstäbe zweckrationalen Handelns ausbreiten, sondern sich auch relativ eigenständige kulturelle Wertsphären abspalten“ (Hörning 1987: 311). In diesem Zusammenhang zeigten etwa Studien zur Computernutzung aus den frühen 1990er-Jahren (vgl. z. B. Rammert 1990b), dass auch die Entstehung bestimmter Anwendungsstile oder Nutzungskulturen eng mit Prozessen der Aneignung von Techniken verbunden ist: 3.1 Zentrale Fragen der Technikforschung 95 <?page no="96"?> 35 Hörning (1987, 1988, 1989) bezieht sich in seiner kulturtheoretischen Konzeptualisie‐ rung dieser symbolischen Bedeutung von Artefakten insbesondere auf Geertz (1973). Wenn die technischen Möglichkeiten, die im Computer und in den Programmen stecken, auf die sozialen Erwartungen, Werte und Vorstellungen der Menschen in den verschiedenen soziokulturellen Milieus stoßen, dann bilden sich Praktiken heraus, die zwischen Anpassung und Aneignung eine jeweils eigene Kultur der Computernutzung formen. (Rammert 1990a: -22) Die kulturtheoretische Perspektive stellt somit nicht den zweckrational-instru‐ mentellen Charakter von Artefakten in den Vordergrund, sondern betont deren symbolische Bedeutung. 35 Artefakte werden also nicht mehr nur als Werkzeug wahrgenommen. Vielmehr werden sie als „Projektionsfläche für unterschiedli‐ che Deutungen“ (Rammert 2007: 8) oder Ausdruck bestimmter (Wunsch-)Vor‐ stellungen ihrer Nutzer: innen untersucht. Diese verschiedenen Bedeutungen, die Menschen einerseits in Artefakte, die sie entwickeln, einschreiben - und, die sie andererseits auf die Artefakte übertragen, die sie nutzen, lassen sich laut Hörning (1988: 73-79) Handlungsorientierungen zuordnen, wie Menschen sie in ihrem ganz alltäglichen Handeln verfolgen. Diese können auch auf Artefakte projiziert werden. Hörning (ibid.) unterteilt sie in vier Subtypen: 1. Kontrollorientierung (Hörning 1988: 73 ff.): Jedem Objekt sind über Designelemente gewisse instrumentelle Eigenschaften eingeschrieben, die es Menschen ermöglichen, gewisse Handlungen mit diesem Objekt durch‐ zuführen und durch den „zielgerichteten Umgang“ mit ihnen „bestimmte Umweltaspekte zu kontrollieren“ (Hörning 1988: 73). Diese Eigenschaft zeigt sich etwa bei Terminologie-Datenbanken, indem sie jeweils eine kontrollierte Auswahl von terminologischen Vorschlägen zur Verfügung stellen. In diesem Zusammenhang verweist Hörning (ibid.) auch auf das, was er als „Verfügungsrecht“ über Artefakte bezeichnet: So verfüge der: die Nutzer: in über eine gewisse Kontrollmacht, sobald (ausschließlich) er: sie ein Artefakt nutzen kann. Noch mehr Verfügungsgewalt komme einer Person allerdings zu, wenn er: sie auch den Zugang zu einem Artefakt und dessen Nutzung kontrolliere. Dabei werde aus der Kontrolle über ein Artefakt gleichzeitig auch eine Form der sozialen Kontrolle (ibid.). Dies erklärt etwa, warum die Marktmacht einiger weniger Anbieter: innen von Software für computergestützte Übersetzung zu gewissen technologischen Abhängigkeiten für die Nutzer: innen führt. Umgekehrt kann es aber auch erklären, warum - wenn eine solche Kontrollmacht nicht gegeben ist, 96 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="97"?> wie etwa bei Open-Source-Software - Fansubbing-Gruppen entstehen, die völlig eigene soziotechnische Praxen entwickeln und sich technologischen Zwängen wie etwa den bis dahin als unverrückbar geltenden kommerziel‐ len Untertitelungskonventionen entziehen können. Auch die Bedeutung von Artefakten als Statussymbole habe mit der Kon‐ trollorientierung von Techniknutzung zu tun - immerhin dienen Artefakte Menschen auch als „Signale und Machtmittel“ (Hörning 1988: 74). So erklärt sich etwa, warum sich manche Übersetzungsdienstleister: innen als besonders technologieaffin präsentieren. Damit versucht man etwa, Kompetenz sowie einen Zugang zu Ressourcen und zu speziellem Wissen über bestimmte Software zu kommunizieren. Allerdings haben in unseren schnelllebigen Konsumgesellschaften be‐ stimmte Designs nur recht kurze Zeit Bestand - und auch die symbolische „Signalkraft“ von Artefakten ist ständig im Wandel begriffen (Hörning 1988: -74). 2. Ästhetisch-expressive Orientierung (Hörning 1988: 75 f.): Da wir un‐ sere Alltagswelt nicht nur funktional-strategisch, sondern insbesondere auch expressiv-ästhetisch erfahren, können Erwerb, Besitz und Verwen‐ dung von Artefakten für uns mit verschiedensten Emotionen (z. B. dem Stolz, ein Gerät zu besitzen; der Freude, eine komplexe Technologie kom‐ petent bedienen zu können etc.) oder ästhetischen Empfindungen behaftet sein (Hörning 1988: 75). Diese affektive Ebene zeigen etwa Ruokonen und Koskinen (2017) bzw. Koskinen und Ruokonen (2017) eindrücklich in Bezug auf die Gefühle und subjektiven Wahrnehmungen, die die von ihnen befragten Übersetzer: innen ihren täglichen Hilfsmitteln entgegenbringen. Gerade technische Neuerungen üben oft eine besondere Faszination auf uns aus. Hörnig (1988: 75) spricht in diesem Zusammenhang von einer „Ästhetik des Neuen“: „Technische Formen und Stile gewinnen in diesem Zusammengang ihre eigenständige ästhetische Bedeutung, die keinesfalls direkt mit dem Funktions- und Warencharakter der Dinge in Zusam‐ menhang zu bringen ist“ (ibid.). Solche ‚Trends‘ sind nicht nur in der Alltagswahrnehmung präsent, sondern finden sich auch in der wissen‐ schaftlichen Auseinandersetzung mit neuen Technologien. In Bezug auf die Translationswissenschaft identifiziert etwa Kenny (2017b: -1) ähnliche, beinahe verklärende Diskurse rund um neue Technologien - was in der Innovationsforschung als „pro-innovation bias“ (ibid.) bezeichnet wird. Verwenden wir Artefakte besonders intensiv, so beginnen wir oft, uns auf eine bestimmte Weise mit diesen zu identifizieren. Artefakte können dadurch „zum Ausdruck des eigenen Selbst werden“ (Hörning 1988: 75). 3.1 Zentrale Fragen der Technikforschung 97 <?page no="98"?> Die besondere Symbolkraft von Objekten zeigt sich schließlich darin, dass wir sie gewissermaßen „als Modelle für erstrebte Zustände“ verwenden (Hörning 1988: 76). Dabei werden die Artefakte für uns zu einer Projek‐ tionsfläche dafür, wie wir selbst sein wollen und wie wir von anderen wahrgenommen werden wollen. 3. Kognitive Orientierung (Hörning 1988: 76 f.): Artefaktnutzer: innen ver‐ suchen, ein besseres Verständnis über die Artefakte zu gewinnen, die sie nutzen; sie arbeiten daran, mehr Wissen über technische Prozesse zu sammeln und versuchen, ihre Kompetenz im Umgang mit diesen Objekten und Phänomenen auszuweiten. Die eigene Kompetenz im Umgang mit der technischen Umwelt (bzw. die Wahrnehmung davon) kann wiederum beeinflussen, wie Nutzer: innen sich selbst wahrnehmen - oder welcher wahrgenommenen Nutzer: innengruppe sie sich selbst zurechnen (ibid.). In diesem Zusammenhang verweist Hörning (1988: 77) auf eine frühe Studie von Turkle (1984/ 2005), in der diese die Entstehung ‚der Computerkultur‘ untersuchte. Turkles Studie, so kommentiert Hörning (1988: 77), liefere zahlreiche Einblicke in die Wahrnehmungen früher Computerfans, bei denen „Besessenheit, Machtvorstellungen und Freude am spielerischen, ja ‚ironischen‘ Umgang mit Technik“ nahe beieinander lagen. Hörning schreibt dies dem besonders lustvollen Erleben der eigenen Handlungs‐ kompetenz im Umgang mit dem Artefakt zu. Der Computer - so resümiert Hörning (ibid.) in diesem Zusammenhang - „fungiert damit mit vielen an‐ deren alltagstechnischen Geräten als Symbol der Teilnahme des einzelnen an einer hochtechnisierten Gesellschaft“. Eine relevante Parallele in der translatorischen Praxis stellen etwa Amateur-Übersetzungskulturen, und unter diesen wohl am prominentesten Fanübersetzungscommunities dar. Auch dort zeigt sich ein kreativer, wenn nicht mitunter sogar subversiver Umgang mit Technologien und Formaten - und selbst das Verständnis von Text wird im Zuge solcher ‚Prosumer: innen‘-Kulturen stets neu erfunden. 4. Kommunikative Orientierung (Hörning 1988: 77 f.): Mit der ‚kommu‐ nikativen Orientierung‘ bezieht sich Hörning (1988: 77) schließlich auf die Einbettung von Techniken in soziale Interaktionszusammenhänge. Artefakte werden uns in der Regel auf unterschiedliche Weise durch andere vermittelt: z. B. indem andere uns durch ihre Wertungen über ein Artefakt einen bestimmten Orientierungsrahmen für unsere eigene Interpretation liefern; oder indem sie uns den Gebrauch eines Artefakts und dessen Bedeutungen vermitteln (z. B. über eine Gebrauchsanleitung - und auch hier sind Symbole, Deutungsmuster etc. von großer Relevanz). Hörning (1988: 78) schließt daraus, dass „der Umgang mit Objekten Sozialisations‐ 98 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="99"?> 36 Rammert (2007: 8 f.) geht hier natürlich nicht davon aus, dass es sich dabei um objektive, allgemeingültige ‚stabile Sachen‘ oder ‚sinnvolle Objekte‘ handle. Bei diesen Bedeutungen von Techniken handelt es sich wie auch sonst bei Rammert um bis zu einem gewissen Grad verfestigte gesellschaftliche Zuschreibungen. prozesse voraussetzt und zur Folge hat, um ein Ding richtig zu handhaben“ (bzw. so handzuhaben wie es als ‚richtig‘ wahrgenommen wird). Gerade solche Prozesse der Sozialisation in einem soziotechnischen Gefüge sind auch in dieser Forschungsarbeit zu beobachten: Mit der Nutzung der untersuchten Übersetzungsplattform ist für die Community-Mitglieder eine ganze Reihe von impliziten und expliziten Nutzungsregeln verbunden. Ein Teil dieser Regeln wird neuen Nutzer: innen durch gemeinschaftlich produzierte ‚Regellisten‘ unterbreitet, oder über Foren und Kommentare persönlich kommuniziert. Hörnings vier Handlungsorientierungen treten in der Regel nicht jeweils für sich alleine auf, sondern sind eng miteinander verwoben (Hörning 1988: 78 f.). Als „Kulturobjekte“ sind Techniken somit „materialisierter Ausdruck von Sinn‐ bezügen, Träger für kollektive Wertvorstellungen“, und sie „wirken selbst an kulturspezifischen Stilprägungen mit“ (Hörning 1987: -311). Letztlich konnte die Erforschung alltäglicher Nutzungspraxen aus kultur‐ theoretischer Perspektive einmal mehr die Kontingenz technischer Artefakte deutlich machen. Sie hat gezeigt, wie außerordentlich kreativ und eigensinnig Alltagshandeln mit Technik ist, - „und wie viel Kultivierung der Nutzung und Umnutzung Techniken erst zu dem macht, was sie dann als stabile gesellschaft‐ liche Sachen und sinnvolle kulturelle Objekte sind“ (Rammert 2007: 8 f.). 36 Dem kulturtheoretischen Ansatz stehen - in manchen Positionen beinahe konträr - die realistischen Zugänge der Techniksoziologie (vgl. insbesondere Joerges 1989) gegenüber. Ihre Aufmerksamkeit gilt in erster Linie der Art und Weise, wie Technik den Alltag von Menschen über sogenannte „handlungsnor‐ mierende Zwänge“ formt, die in der Materialität der Technik begründet liegen (Degele 2002: 119). Aus dieser Perspektive auf Materialität leitet sich auch die Bezeichnung des Ansatzes als ‚realistische Techniksoziologie‘ ab: Anders als die sozialkonstruktivistischen Ansätze, die Technikentwicklung und -nutzung als sozial geformt verstehen und Technik jede eigenständig gestaltende Wirkungs‐ kraft absprechen, verstehen die realistischen Ansätze Technik „als eine äußere, den Handelnden gegenüberstehende soziale Struktur“ (Degele 2002: 119). Als solche verfüge Materialität an sich über das Potenzial, Handlungen zu regulieren und steuern. Diese Sichtweise entsteht vor allem durch die besondere Betonung „vergegenständlichter technischer Gebilde und Prozesse“ ( Joerges 1989: 47, 3.1 Zentrale Fragen der Technikforschung 99 <?page no="100"?> 37 Ganz ähnliche Prozesse rund um die Rolle eines Übersetzungsprojektmanagement-Sys‐ tems beschreiben Rogl und Risku (2024) aus der theoretischen Perspektive der ‚Grenz‐ objekte‘ (Boundary Objects, vgl. Star und Griesemer 1989). Hervorhebung im Original) in diesem Ansatz. Auch die realistische Technikso‐ ziologie beschäftigt sich mit dem Themenkomplex ‚Technik und Alltag‘. Aus ihrer Perspektive rückt dabei jedoch nicht wie in den kulturtheoretischen Ansätzen die Kreativität kultureller Aneignungsprozesse von Technologien in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, sondern vielmehr die „Formalisierung des Alltagshandelns durch Technisierung“ (Degele 2002: -120). Wie Degele (2002: 124 f.) aufzeigt, gibt es allerdings auch eine Reihe gemeinsa‐ mer Befunde der kulturtheoretischen und realistischen Zugänge. Beide Ansätze beschreiben Techniken als Mittel zur Problemlösung in Alltag (und Beruf). Sie gehen davon aus, dass bestimmte Handlungsformen in Techniken „integriert und formalisiert“ (Degele 2002: 124) werden; dass sie gleichzeitig aber auch neue Handlungsformen ermöglichen. Diese Handlungsweisen müssen Nutzer: innen sich erst aktiv bzw. kreativ aneignen (ibid.). Je größer die Bandbreite an Hand‐ lungsoptionen, umso größer wird der Ruf nach mehr Regulierung und/ oder Koordination. Das hat in der Regel zur Folge, dass neue Techniken entwickelt oder erworben werden (müssen). 37 Der Prozess der Aneignung fängt damit wieder von vorne an (Degele 2002: -125). Die nutzungsorientierte Technikforschung hat Einblick in eine zuvor unge‐ ahnte Bandbreite individueller und kollektiver Deutungsformen und Anwen‐ dungsstile von Techniken gewährt (Rammert 2007: 8). Sie hat dazu beigetragen, dass - wie Rammert (ibid.) es formuliert - „das ‚harte‘ sachliche Artefakt“ hinter den „‚weichen‘ oder ‚wolkigen‘ kulturellen Deutungen“ (ibid.) zurücktrat. Immerhin hätten gerade letztere sich „als bestimmender für den Umgang erwiesen als die technischen Eigenschaften“ (Rammert 2007: 8). Der Beitrag der Nutzungsforschung liegt darin, dass sie eine Abkehr von der Konzeptualisierung von Techniken als einzelne, kaum veränderliche Artefakte mit isolierten und zwingenden Folgen einläutete. Technik wurde nicht mehr primär als Artefakt mit einer Reihe von vorgegebenen, fix eingebauten Funktionen wahrgenom‐ men. Vielmehr richtete sich der Blick auf „die Praktiken des Entwerfens, Konstruierens und kombinierenden Bastelns in Entwicklungssituationen und die Praktiken des Aneignens, Umnutzens oder gar Umbauens in Anwendungs‐ situationen“ (Rammert 2007: 9). Techniken wurden somit also nicht mehr bloß als eine soziale Größe verstanden; vielmehr wird der praktische Umgang mit ihnen als soziale Praxis konzeptualisiert. Instrumentelles Handeln mit Technik ist dabei nur eine mögliche Handlungsform - neben interaktivem oder kom‐ 100 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="101"?> munikativem Handeln, oder vielen weiteren möglichen Handlungsoptionen (Rammert 2007: -10). Allerdings, so wendet Rammert (2007: 9) ein, liefern die meisten technik‐ soziologischen Zugänge in ihren Forschungsarbeiten nur Einblick in jeweils eine Phase des Werdegangs einer Technologie - also entweder den Herstellungs‐ prozess oder die Nutzungspraxen. Das treffe auf Seiten der Entstehung von Techniken auf die sozialkonstruktivistischen Ansätze zu, wie etwa die oben skizzierte SCOT (siehe voriger Abschnitt) oder auch die ebenfalls den konstruk‐ tivistischen Zugängen zuzurechnenden Laborstudien (Latour und Woolgar 1986; Knorr-Cetina 1995; für eine Übersicht siehe Amelang 2012 sowie Kap. 3.3.1.2). Gleiches gelte jedoch - auf Seiten der Anwendungskontexte - auch für die oben beschriebenen kultursoziologischen und realistischen Ansätze der deutschen Techniksoziologie, oder auch die Workplace Studies (Knoblauch und Heath 1999, 2006; Heath et al. 2000; Luff et al. 2000; siehe auch Kap. 3.3.1.1) oder die kulturwissenschaftliche Technikforschung (vgl. z. B. Du Gay et al. 1997): Auch diese wenden sich in erster Linie Fragen der Artefaktnutzung zu (sei es nun im Alltag oder an Arbeitsplätzen), ohne dabei aber die Frage zu stellen, woher diese Techniken kommen, welche Aushandlungsprozesse dazu geführt haben, dass gewisse Designs früher oder später bei Nutzer: innen ankommen, andere aber bereits in der Entstehungsphase verworfen werden. Diese Entkoppelung von Fragen der Entstehung und Nutzung von Techniken liegt freilich primär in forschungspraktischen Ursachen begründet. Immerhin sei es in konkreten Studien kein einfaches Unterfangen, „die Entwicklung neuer Techniken sowohl im Konstruktionslabor wie auch in den Nutzerwelten und zugleich noch ihre Wechselbeziehung aus der Nähe beobachtbarer Praktiken nachzuzeichnen“ (Rammert 2007: 9). Auch diese Untersuchung legt den Schwerpunkt auf die Nutzungskontexte. Allerdings gewährt sie darüber hinaus Einblicke in den Austausch zwischen ‚relevanten sozialen Gruppen‘ (um einen Begriff der SCOT zu bemühen, siehe oben) zu Fragen der Anpassung der betreffenden technischen Strukturen und Designelemente an die Bedürfnisse und Deutungsmuster der Nutzer: innen. Die virtuelle Ethnografie liefert hier die Möglichkeit, Technik‐ entwicklung als Prozess mit rekurrierenden Schleifen (zwischen Problemde‐ finition, Entwicklung, Nutzung, Aneignung, Widerstand und Neudefinition des Problems) nachzuzeichnen und dabei sowohl Entwicklungsals auch Nutzungsperspektiven in einem gemeinsamen Rahmen zu diskutieren. Wie im nächsten Abschnitt näher beleuchtet wird, reicht es aus der Perspektive aktueller theoretischer Entwicklungen in den Science and Technology Studies jedoch nicht mehr aus, das Augenmerk lediglich auf das „Machen von Technik“ und das „Handeln mit Technik“ zu lenken. Wesentlich für neuere Zugänge 3.1 Zentrale Fragen der Technikforschung 101 <?page no="102"?> zur Technikforschung ist überdies eine Perspektive auf das „Mithandeln von Technik“ (Rammert 2007: 10 f.). 3.1.4 Mithandeln von Techniken Im Zuge jüngerer Entwicklungen in den Science and Technology Studies kam es zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der lange weitgehend unhinter‐ fragten Dichotomisierung von Technik und Gesellschaft (Rammert 2007: 10). Wenn nämlich die vergangene Forschung etwas gezeigt hatte, dann dass Techniken untrennbar mit sozialen Praxen verwoben sind, dass Technik durch und durch sozial ist, und, dass somit Technisches und Soziales einander nicht als getrennte Sphären isoliert voneinander gegenüberstehen. Techniken, so hatte man erkannt, können nicht auf einzelne und ausschließlich dinghafte Formen beschränkt werden. Vielmehr formieren sie sich in komplexen Netzwerken und Gefügen und können nicht nur Ding, sondern auch Prozess sein. Die Erkenntnis von dieser komplexen Verwobenheit in soziotechnischen Gefügen warf zunehmend die Frage auf, auf welcher Basis die bislang viel‐ diskutierten Auswirkungen - etwa von Techniken auf soziale Gefüge, oder umgekehrt von sozialen Institutionen auf technische Designs - überhaupt identifiziert wurden. Immerhin bedeuten solche analytischen Grenzziehungen „zwischen menschlichem Handeln und technischem Funktionieren oder von sozialen Dispositionen und materialen Dispositiven“ bereits, dass dabei schon vorab begrifflich und konzeptuell festgelegt ist, „was den menschlichen Akteu‐ ren und was den technischen Agenten zugeschrieben wird“ (Rammert und Schubert 2006a: 12). Die zunehmende Prominenz von Konzepten wie etwa sozi‐ otechnischen Ensembles, Arrangements, Netzwerken oder Systemen (vgl. etwa Häußling 2019: 450 für einen Überblick) steht also in engem Zusammenhang mit einer Problematisierung der zuvor weitgehend unhinterfragten, automatischen Zuschreibung von Wirkungskraft an die jeweils eine oder andere Instanz, als ließen diese sich analytisch sauber trennen. Angestoßen wurde diese Debatte zunächst durch Forscher: innen, die zu‐ vor im Umfeld laborkonstruktivistischer Zugänge (vgl. Amelang 2012 sowie Kap. 3.3.1) tätig waren - darunter unter anderem Bruno Latour, Michel Callon, John Law und Madeleine Akrich. Ihre Überlegungen formulierten sie zur Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT; Callon 1986; Latour 1993, 2005) aus. Diese kann als direkte Kritik an den sozialkonstruktivistischen Zugängen (vgl. Kap. 3.1.2) verstanden werden, welchen man insbesondere vorwarf, dass sie an mensch‐ liche und nicht-menschliche Einflussgrößen zweierlei Maß anlegten. Sozial‐ konstruktivistische Positionen - so die Kritik - würden darauf beruhen, dass 102 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="103"?> 38 Vgl. dazu auch den Begriff des ‚Sozialdeterminismus‘, siehe z. B. Häußling (2019: -449). soziale Faktoren immer „nur als erklärende Variablen herangezogen“ werden, während „die technischen Faktoren als erklärungsbedürftig erachtet“ werden (Häußling 2019: 242). 38 Dem setzten Callon (1986) und Latour (1993: 94 ff.) das sogenannte ‚Prinzip der generalisierten Symmetrie‘ entgegen - also das Prinzip der epistemologischen Gleichbehandlung einer Reihe von Einflussgrößen, die bislang primär als Dichotomien konzeptualisiert wurden, nämlich Dichotomien „zwischen Natur und Gesellschaft, Technischem und Sozialem, Internalismus und Externalismus, menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren (Aktan‐ den)“ (Bammé 2009: 106). All diese Einflussgrößen seien in der ANT sowohl empirisch (in Bezug auf die verwendeten Methoden) als auch konzeptuell (in Bezug auf die verwendeten Begrifflichkeiten) als gleichwertig zu behandeln. Die ANT versuchte nun, das Begriffsinstrumentarium für eine solche sym‐ metrische Beschreibung zur Verfügung zu stellen. Zum zentralen Begriff wurde dabei der der ‚Übersetzung‘ - also die Verbindung von zuvor unverknüpften Entitäten (die ontologisch unterschiedlich sein können) in ein hybrides Netz‐ werkgefüge (Mathar 2012: 179). Nur solche Prozesse der Netzwerkbildung („a movement, a displacement, a transformation, a translation, an enrollment“, La‐ tour 2005: 64 f.) sind letztlich auch das, was Latour als ‚sozial‘ bezeichnet. ‚Sozial‘ ist daher nie ein einzelnes Element oder eine separate Einflussgröße, sondern ausschließlich das vernetzte Gefüge (Latour 2005: 65) - das Akteur-Netzwerk, das das Hauptaugenmerk der ANT darstellt. Dabei wird grundsätzlich allen Entitäten in einem Netzwerk Handlungsträgerschaft eingeräumt (sogenannte ‚Akteur: innen‘ oder ‚Aktant: innen‘) - „any thing that does modify a state of affairs by making a difference“ (Latour 2005: 71, Hervorhebung im Origi‐ nal) - seien diese nun Menschen, Tiere, Dinge, Naturgewalten, gesetzliche Bestimmungen oder andere Entitäten. Das Handeln an sich verortet Latour jedoch auf Ebene der Akteur-Netzwerke, immerhin komme es zu Handeln genaugenommen immer nur durch „ein Ineinandergreifen der Aktivitäten“ von ganz unterschiedlichen Aktant: innen in einem hybriden Gefüge (Häußling 2019: -247). Der Blick auf Akteur-Netzwerke erlaubte zunächst das Nachzeichnen von Prozessen der Netzwerkbildung. Dabei wird unter anderem analysiert, wie die ‚Handlungsprogramme‘ der Aktanten aufeinander bezogen sind; denn sie können ineinandergreifen, sich wechselseitig verstärken, gleichsam arbeitsteilig par‐ allel laufen oder sich neutralisieren bzw. wechselseitig aufheben. (Häußling 2019: 247 f.) 3.1 Zentrale Fragen der Technikforschung 103 <?page no="104"?> Dieser Blick auf die komplexe Zusammensetzung von Akteur-Netzwerken (aus menschlichen und nicht-menschlichen Entitäten) und die komplexe Beziehung der Entitäten des Netzwerkes zueinander zeigt, dass jeweils ganz unterschied‐ liche Handlungsoptionen gegeben sein können. Die ANT nimmt daher eine Perspektive auf Handeln (auch) als nicht-intentionalen Prozess ein (Mathar 2012: -188). Darüber hinaus lieferte die ANT auch Einblick darin, wie Technik als ‚Härter‘ wirksam werden kann - wie also durch das Entstehen neuer Ak‐ teur-Netzwerke in Verbindung mit Techniken gewisse Prozesse der Stabilisie‐ rung und Machtausübung angestoßen, verstärkt und dauerhaft gemacht werden (Latour 1991: 103). Degele (2002: 127) beschreibt die ANT daher auch als ein ‚realistisches‘ Forschungsprogramm - in dem Sinne, als es versucht, „die (widerständige) Materialität der Dinge wieder in den Vordergrund“ zu rücken (z. B. im Gegensatz zu den sozialkonstruktivistischen und kulturtheoretischen Zugängen). Das war zwar auch ein zentrales Anliegen der im vorigen Abschnitt besprochenen deutschen Tradition der realistischen Techniksoziologie (vgl. z. B. Joerges 1989). Während diese jedoch davon ausging, dass „die harte Materialität der Dinge“ (Degele 2002: 127) sich sozial steuernd auswirkt, betont die ANT, dass Technisches und Soziales analytisch grundsätzlich nicht differenzierbar ist. Einen anderen Versuch, die Handlungsbeteiligung nicht-menschlicher In‐ stanzen in eine aktuelle Konzeptualisierung soziotechnischer Gefüge zu inte‐ grieren, liefern Vertreter: innen der pragmatistischen Techniksoziologie rund um Werner Rammert, Cornelius Schubert und Holger Braun-Thürmann. Be‐ einflusst von der Akteur-Netzwerk-Theorie, aber ohne deren semiotisch-sym‐ metrisches Handlungskonzept zu übernehmen, entwarfen sie das Forschungs‐ programm der Technografie, das auch als Grundlage für diese Untersuchung herangezogen wird und in Kapitel 3.3 dargelegt wird. Der zentrale Unterschied zur ANT liegt darin, wie sie mit der Zuschreibung von Wirkungsmacht umge‐ hen: Anstatt einer von Technik gereinigten soziologischen Theorie oder einer von Sozi‐ altheorie unbeeindruckten ‚symmetrischen Anthropologie‘ (Latour 2005) zu folgen, wird mit der Technografie eine theoretische Perspektive verfolgt, die die Grenzziehun‐ gen und die Zurechnungen in soziotechnischen Konstellationen selbst noch einmal zum Thema soziologischer Analyse macht. (Rammert und Schubert 2006a: 12 f.) Anders als die Akteur-Netzwerk-Theorie soll der technografische Ansatz dabei die theoretischen Grundlagen für eine Auseinandersetzung mit der Frage liefern, wie Techniken tatsächlich an sozialem Handeln beteiligt sind, wenn nicht (wie in der ANT) jegliche Handlungsträgerschaft als gleichwertig ange‐ 104 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="105"?> sehen werden soll. Möchte man trotzdem nicht auf einen aktuellen, mehr als rein instrumentell und medial gefassten Technikbegriff verzichten (Rammert 2007: 10), so braucht es eine Möglichkeit zur Konzeptualisierung verschiedener Formen der Handlungsbeteiligung. Der technografische Zugang soll dabei helfen, „technische Phänomene von nicht-technischen Phänomenen des Sozia‐ len“ (Rammert 2007: 10) abzugrenzen und dabei immer noch deren konkrete Wirkungen analysieren zu können. Bevor das Forschungsprogramm der Technografie jedoch im Detail vorge‐ stellt wird, soll der in den letzten Abschnitten zusammengestellte Abriss zen‐ traler Fragen der Techniksoziologie genutzt werden, um vor dessen Hintergrund auch einen Blick in die Translationswissenschaft zu werfen. Das nächste Kapitel soll einen Einblick darin geben, welche Artefakt- und Technikbegriffe in translationswissenschaftlichen Studien, Modellen und Konzeptualisierungen herangezogen wurden; wie Vertreter: innen unserer Disziplin das Verhältnis zwischen Techniken und Gesellschaft beschreiben und ob bzw. in welcher Form Vorstellungen von soziotechnischen Gefügen oder maschineller Handlungsträ‐ gerschaft Eingang in unsere Forschungsbereiche gefunden haben. 3.2 Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft Keine Form des Übersetzens kommt ganz ohne Artefakte oder Techniken aus. Zwar beschäftigt man sich in der Translationswissenschaft vor allem seit dem Aufkommen von spezialisierten Softwareprodukten für die berufliche Übersetzung verstärkt mit Fragen der Technik. Die Praxis des Übersetzens selbst war aber auch historisch immer schon auf die praktische Vermittlung durch Artefakte angewiesen - ob es sich dabei nun um Papier, gebundene Bücher oder virtuellen Text handelt. Je nachdem, ob Übersetzungen nun in Stein gemeißelt (z. B. Stein von Rosette), auf Pergamentrollen verschriftlicht, in Büchern abgedruckt oder über virtuelle Plattformen verbreitet werden, haben diese eine mehr oder weniger große Breitenwirkung und überdauern unterschiedlich lange Zeit (Littau 2011). Je nachdem, in welchem Medium Übersetzungen produziert und verbreitet werden, können diese also auch von anderen (Ziel-/ Produzent: innen-)Gruppen produziert bzw. rezipiert werden und haben sie einen unterschiedlichen Wert als Einzelstück oder Massenprodukt. Artefakte sind jedoch nicht nur als ‚Trägermedien‘ für Übersetzungen rele‐ vant - sie sind auch zentrale Hilfsmittel in der übersetzerischen Arbeit oder Bestandteile physischer Arbeitsumgebungen, in denen Übersetzer: innen sich aufhalten. Zwar liegt das Augenmerk in unserem Fach meist insbesondere auf 3.2 Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft 105 <?page no="106"?> den jeweils aktuellen Neuerungen im Zusammenhang mit digitalen Arbeitsmit‐ teln. Dadurch werden physische Artefakte allerdings nicht weniger relevant: Sogar Übersetzer: innen an hochdigitalisierten Arbeitsplätzen verlassen sich neben einer Vielzahl von genau auf ihre Arbeit zugeschnittenen Software-Pro‐ dukten immer noch auf analoge Artefakte des Alltags (Post-Its, Skizzen, Schreib‐ blöcke; vgl. Risku 2016). Die physische Umgebung an ihren Arbeitsplätzen - die Ergonomie ihres Arbeitsstuhls, die Aufstellung ihrer Bildschirme, das Vorhandensein von ausreichend Licht - beeinflusst dabei wesentlich ihre Arbeitspraxen und ihr Wohlergehen am Arbeitsplatz (Ehrensberger-Dow et al. 2016; Ehrensberger-Dow und Hunziker Heeb 2016; Meidert et al. 2016). Artefakte und Technologien, so soll dieses Kapitel zeigen, sind auch für Übersetzer: innen nicht bloß allgegenwärtige Hilfsmittel, die nur auffallen, wenn sie nicht funktionieren: Sie sind die materielle Form der übersetzten Texte, die wir produzieren; sie helfen uns, Inhalte zu speichern und gemeinschaftlich auf diese zuzugreifen; sie strukturieren für uns Informationen; sie ermöglichen Kommunikation unabhängig von Raum und Zeit; wir verknüpfen mit ihnen soziale, politische und kulturelle Vorstellungen; und wir besetzen sie mit Emotionen (vgl. unter anderem Risku 2016; Ruokonen und Koskinen 2017; Risku und Rogl 2022; Rogl und Risku 2024). Eine translationswissenschaftliche Beschäftigung mit den Artefakten und Techniken der translatorischen Praxis erfordert also mehr als nur eine Unter‐ suchung von deren Funktionalität und Produktivität. Wie der vorige Abschnitt (Kap.-3.1) gezeigt hat, können Techniken aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet werden, je nachdem welche Form des Umgangs mit einer Technik man sich zum Gegenstand nimmt, inwieweit man Techniken Handlungsträger‐ schaft einräumt, oder ob man den Fokus stärker auf soziale Zuschreibungen an Technik oder den praktischen Umgang mit Technik legt. In den folgenden Abschnitten soll besprochen werden, inwiefern die oben vorgestellten Frage‐ stellungen der Technikforschung (Kap. 3.1) für unseren Gegenstandsbereich relevant sein können - und wo Translationswissenschaftler: innen bereits Kon‐ zepte aus den Science and Technology Studies zur Beschreibung der sozialen Rolle von Technologie zur Anwendung gebracht haben. 3.2.1 Technikdeterministische Perspektiven in der Translationswissenschaft Maeve Olohan gehört sicherlich zu den Forscher: innen, die sich in der Trans‐ lationswissenschaft am intensivsten mit dem Potenzial techniksoziologischer Konzepte für eine Untersuchung technologischer Aspekte des Übersetzens 106 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="107"?> beschäftigt haben (vgl. z. B. Olohan 2011, 2017b, 2020, 2021). Dabei diskutiert sie unter anderem technikdeterministische Positionen, wie sie auch bereits in Kapitel 3.1.1 beschrieben wurden. Technikdeterministische Erklärungsmuster mögen aus techniksoziologischer Sicht überholt sein. Wie Olohan (2017b: 267) jedoch zeigt, sind diese in beruflichen und öffentlichen Diskursen über Trans‐ lation durchaus präsent und weit verbreitet. Dabei verweist sie insbesondere auf die Debatte rund um technologische Abhängigkeiten - also die Frage danach, ob sich Übersetzer: innen etwa auf den Einsatz gewisser Translation-Memory-Sys‐ teme angewiesen fühlen (Olohan 2017b: 268 f.). Als Beispiel bespricht Olohan (2017b: 267) etwa den Internetauftritt eines großen Lokalisierungsanbieters. Dort kommuniziere man ein Bild von Übersetzungstechnologie als etwas, dem sich alles andere im Übersetzungsprozess unterzuordnen habe. Damit impliziere man, die rasante Entwicklung solcher Technologien sei etwas Gegebenes, in das vom Menschen nicht weiter eingegriffen werde (oder werden könne) - und somit liege es an den Sprachdienstleister: innen, sich an diese Technologien anzupassen und neue Arbeitspraxen rund um diese zu entwickeln. Versucht man also, die besondere Vormachtstellung gewisser Technologien in der beruflichen Übersetzungspraxis unter Rückgriff auf eine technikdetermi‐ nistische Sichtweise zu erklären, so wird man argumentieren, es gäbe, sobald etwa CAT-Tools, Terminologiemanagement-Systeme, maschinelle Übersetzung und ‚Large Language Models‘ einmal eine gewisse Verbreitung gefunden ha‐ ben, keine Umkehrmöglichkeit mehr und auch keine Alternative zu ihnen. Man würde darüber hinaus für individuelle, institutionelle, politische oder wirtschaftliche Akteur: innen keine Möglichkeit sehen, auf die Richtung, in die sich die technologischen Neuerungen bewegen, Einfluss zu nehmen. Eine solche Perspektive würde außerdem in veränderten Arbeitsweisen und Organisations‐ formen eine direkte Konsequenz aus der Wirkungsmacht dieser Technologien sehen. Wie Olohan (2017b: 266) erklärt, lässt sich die Häufigkeit technikdetermi‐ nistischer Sichtweisen dadurch erklären, dass diese auch unseren alltäglichen Erfahrungen mit Techniken entsprechen: wie wir diese also in unserem All‐ tag wahrnehmen und wie wir deren Wirkungen für uns rationalisieren. Für technikdeterministische Perspektiven ist typisch, dass Technologie als etwas gesehen wird, das aus der Kontrolle geraten ist und Soziales determiniert (vgl. Kap. 3.1.1). In unserer Alltagswahrnehmung entstehen solche Erklärungs‐ ansätze auch dadurch, dass wir wenig darüber wissen, woher die Techniken, die wir nutzen, kommen, wie deren Entwicklung und Anpassung in der Regel vonstattengehen, und welche Menschen in deren Design, Konstruktion, Anpas‐ sung und Überarbeitung eingebunden sind (Wyatt 2008: 169). Soziale, politische 3.2 Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft 107 <?page no="108"?> und wirtschaftliche Faktoren werden dadurch weitgehend unsichtbar - und technologischer Determinismus wird zur „common-sense explanation“ (Wyatt 2008: 169). Mitverantwortlich für deterministische Perspektiven in Bezug auf Übersetzungstechnologien mag auch die starke Abkoppelung zwischen der Welt der Technologieentwickler: innen einerseits und der Sphäre der beruflichen Translation (Dienstleister: innen, Berufsorganisationen) bzw. dem Diskurs in der Translationswissenschaft (wo technologische Fragen lange Zeit ignoriert oder in den Bereich der anwendungsorientierten Forschung ausgelagert wurden) andererseits sein. Gerade eine kritische und differenzierte Analyse von technik‐ deterministischen Alltagswahrnehmungen könnte somit ein spannendes Feld für künftige Studien darstellen. Die lange Zeit fehlende theoretische Auseinandersetzung mit der sozialen und gesellschaftlichen Rolle von Technologie in unserer Disziplin mag aller‐ dings dazu geführt haben, dass technikdeterministische Positionen nicht nur in Alltagsbeschreibungen von Translation verbreitet sind, sondern dass diese zuweilen auch nicht weiter reflektiert in wissenschaftliche Veröffentlichun‐ gen Eingang gefunden haben. Deterministische Argumentationsmuster - so beschreibt es etwa Cronin (2013: 11) - würden sich in translationswissenschaft‐ lichen Studien vor allem dort finden, wo die Rolle von Technologien überbetont werde: „The risk in prioritizing the role of tools is to fall into the trap of a techno determinism which ignores the profoundly social nature of humans’ interaction with each other and the world“. Entsprechende Erklärungsmuster entstehen dabei auch dadurch, dass zwischen der Einführung neuer Technolo‐ gien und den Veränderungen in der Art und Weise, wie Übersetzungen organi‐ siert und durchgeführt werden, klare Kausalitäts-Wirkungs-Zusammenhänge konstruiert werden. Im folgenden Beispiel verknüpft etwa García (2009: 199, eigene Hervorhebung) mit der Einführung von Translation Memories eine Reihe von unmittelbaren Konsequenzen: eine gewisse Professionalisierung, einen verstärkten Bedarf an Übersetzungen, schließlich aber auch eine gewisse Abwertung der Tätigkeit von Übersetzer: innen: This professionalisation [of translators] was further driven by the digital revolution in the 90s which caused a huge increase in translation demand, and the creation of purpose-designed translation tools—principally translation memory (TM). However, the same technological processes that briefly empowered the professional translator also signalled a return to a bottom-up approach by concentrating on the segment. Möchte man in der translationswissenschaftlichen Auseinandersetzung technikdeterministische Positionen vermeiden, so liefern die Science and Technology Studies eine Reihe theoretischer Zugänge zur Konzeptualisierung 108 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="109"?> von Fragen der sozialen Wirksamkeit bzw. Abhängigkeit von Techniken: darun‐ ter etwa die Konzepte der Verhärtung oder Institutionalisierung von Techniken (z. B. in der sozialkonstruktivistischen Technikforschung, vgl. Kap. 3.1.2 und unten; in der realistischen Techniksoziologie, vgl. Kap. 3.1.3, oder in der ANT, vgl. Kap. 3.1.4). Dabei geht man theoretisch feingliedriger vor, zieht eine Vielzahl möglicher Einflussfaktoren in Betracht und vermeidet eine zu starke Abstraktion auf der Makroebene der Technikfolgen. 3.2.2 Sozialkonstruktivistische Zugänge in der Translationswissenschaft Ein Forschungsprogramm, das einen differenzierteren Blick auf den Werdegang von Technologien liefert als die oben diskutierten technikdeterministischen Perspektiven, sind die in Kapitel 3.1.2 besprochenen sozialkonstruktivistischen Zugänge zur Technikforschung. Sie (1) stellen sich klar gegen deterministische Erklärungen, (2) rücken von der Vorstellung der Genialität einzelner Schlüs‐ selakteur: innen in der Entwicklungsgeschichte von Techniken ab, und (3) versuchen nicht zuletzt multiple Einflussfaktoren aus sozialen, technischen, politischen und wirtschaftlichen Einflusssphären in die Erklärung von technolo‐ gischen Entwicklungsprozessen miteinzubeziehen (Bijker et al. 1987/ 2012a: xli). Olohan (2017b: 272) sieht für die Translationswissenschaft insbesondere im Zusammenhang mit diesem Ansatz ein breites, offenes Betätigungsfeld. Das gelte sowohl für Untersuchungen, die sich auf bestimmte Technologien (z. B. ein konkretes Terminologiemanagement-System) konzentrieren, als auch für solche, die ihren inhaltlichen Fokus auf konkrete soziotechnische Praxen (also jegliche Form des Übersetzens oder Dolmetschens, bei denen Hilfsmittel eingesetzt werden), oder auf bestimmte Wissensprozesse (also z. B. das Wissen, das in der praktischen Nutzung eines Terminologiemanagement-Systems zum Ausdruck kommt) legen. Konkret fragt das Forschungsprogramm der ‚Social Construction of Technology‘ (SCOT) (Pinch und Bijker 1984; Bijker 1987/ 2012) nach der histo‐ rischen Entwicklung von Technologien; es identifiziert die sozialen Gruppen und Institutionen, die auf die eine oder andere Weise deren Entstehung und Weiterentwicklung beeinflussen; untersucht die vielschichtigen Aushandlungs‐ prozesse zwischen diesen unterschiedlichen Gruppen; und geht konkurrieren‐ den Anwendungszwecken für verschiedene Projektentwürfe auf den Grund (vgl. Kap. 3.1.2). Diese Art von Forschung steht in unserer Disziplin noch in ihren Anfängen - ob es sich nun um die Untersuchung von Lokalisierungs‐ software, Videodolmetschtechnologie, Crowdsourcing-Plattformen oder von 3.2 Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft 109 <?page no="110"?> 39 Dies würde aber eine umfassende Aufarbeitung des Handelns der beteiligten Akteur: in‐ nen und Nutzer: innen-Gruppen sowie ihrer vielfältigen Einflussnahme in unterschied‐ lichen Phasen der Technikentwicklung bedeuten - und eben nicht nur ein Nennen der beteiligten Personen und Gruppen. maschinellen Übersetzungssystemen handelt. Wie Olohan (2017b: 272) zeigt, erhielt in diesem Zusammenhang die Entwicklungsgeschichte der maschinellen Übersetzung noch am meisten Aufmerksamkeit. Zu dem Thema wurde eine Reihe von historischen Überblicken publiziert, in denen die wichtigsten an der Entwicklung beteiligten Forschungseinrichtungen, Institutionen und Ak‐ teur: innen zumindest erwähnt wurden (vgl. z. B. W. J. Hutchins 2010; Schwartz 2018; für eine Geschichte der maschinellen Übersetzung unter Berücksichtigung zentraler Biografien, siehe W. J. Hutchins 2000). Was in diesen Veröffentlichun‐ gen allerdings weitgehend fehlt - und von einer sozialkonstruktivistischen Perspektive durchaus abgedeckt werden könnte - ist eine differenzierte Analyse der sozialen Gemachtheit 39 maschineller Übersetzung vor dem Hintergrund eines Netzwerks verschiedenster einflussreicher Gruppen, Institutionen und Wirkungssphären (Olohan 2017b: 272). Betrachtet man darüber hinaus die For‐ schung zu anderen in der translatorischen Praxis verwendeten Artefakten, z. B. zu übersetzungsspezifischer Projektmanagement-Software, so gibt es hier kaum Publikationen, die sich auch mit deren Entwicklungsbedingungen beschäftigen, und noch weniger zu den spezifischen Prozessen der Anpassung und Aneignung dieser Technologien (ibid.). Olohan (2017b: 272 f.) formuliert daher in ihrem programmatischen Aufsatz zu den Anwendungsmöglichkeiten techniksoziologischer Zugänge eine ganze Liste höchst relevanter Forschungsfragen aus sozialkonstruktivistischer Per‐ spektive, die insgesamt aufzeigen, wie einseitig das Bild ist, das wir uns bisher von translatorischen Technologien gemacht haben: Where and how are the decisions pertaining to the design of translation technologies made, and by whom? Which actors or which social groups are relevant? Are actors aware of and can they identify other relevant actors? […] Does their ownership of resources give them dominance in the design process? What are the differences in design processes between companies […] who are both technology developers and providers of translation services, and those who are purely software developers […]? Are there competing interests in the development of the technology? What is the involvement of users (not just translators, but also translation companies and their clients) in design processes? To what extent can our analyses consider clients, not as direct users but as people to whom services are provided using the technology? Is 110 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="111"?> the decision-making of designers exposed for other actors to heed, or is it concealed behind an illusion of technological obligation or necessity? (Olohan 2017b: 272 f.) Aus diesen möglichen Fragestellungen wird deutlich, dass wir bislang nur sehr wenig darüber wissen, welche Stimmen bei der Entwicklung und Anpassung unserer Technologien am meisten Gewicht haben - und inwieweit Feedback von Nutzer: innen bei Überarbeitungen von Technologien berücksichtigt wird (vgl. auch Olohan 2017b: 273). So verweist etwa Cronin (2013: 49-55) darauf, wie wichtig es ist, Techniken als offene Projekte anstatt als abgeschlossene Produkte zu verstehen („the privileging of ongoing process over final form“, ibid.: 51). Sakamoto und Yamada (2020) führten eine der wenigen empirischen Untersuchungen zu diesen Fragen durch: Sie analysierten Fokusgruppeninter‐ views aus der theoretischen Perspektive der SCOT und gingen dabei der Frage nach, wie unterschiedliche Interessensgruppen aus der Sprachindustrie Post-Editing-Praxen formen (ibid.: 84). In der Studie konnten sie zunächst die in dem konkreten Kontext relevanten sozialen Gruppen (Projektmanager: innen, Kund: innen, Übersetzer: innen, Management von Sprachdienstleistern) identifi‐ zieren, insbesondere aber auch verschiedene ‚Schließungsmechanismen‘ (vgl. Kap. 3.1.2) nachzeichnen. Die Ergebnisse zeigen, wie die relevanten sozialen Gruppen Post-Editing-Praxen wahrnehmen, wie zwischen ihnen Probleme rund um Post-Editing verhandelt werden und wie bzw. unter welchen Einflussfakto‐ ren sich bestimmte Praxen und Sinnzuschreibungen stabilisieren. Auch haben wir uns selten die Frage gestellt, welche Translationskonzepte bzw. welche Vorstellungen davon, wie Translationsprozesse organisiert und ge‐ staltet werden, Übersetzungs- und Dolmetschtechnologien bei deren Entwick‐ lung zugrunde gelegt werden. Eine Untersuchung genau solcher Vorstellungen, und wie diese in die Entwicklung der maschinellen Übersetzung eingeflossen sind, wurde etwa von Tieber (2019) entworfen. Eine Auseinandersetzung mit maschineller Übersetzung als Produkt sozialer Aushandlungsprozesse könne dabei laut Tieber (2019: 253) dazu beitragen, dass der Bereich der maschinel‐ len Übersetzung wieder verstärkt als genuin translationswissenschaftlicher Forschungsgegenstand erkannt werde. Sie könne aber auch zu einer verstärkten Vernetzung von computerlinguistischen und translationswissenschaftlichen Erkenntnissen dienen. Dem kann hinzugefügt werden, dass sozialkonstruktivistische Perspektiven auf translatorische Artefakte nicht zuletzt verkürzten deterministischen Auf‐ fassungen von Technologie, wie sie im letzten Abschnitt skizziert wurden, ent‐ gegenwirken. Durch sie wird deutlich, dass Translation Memories, Remote-In‐ terpreting-Plattformen oder softwareseitig vorgegebene Arbeitsprozesse nicht einfach das Schicksal menschlicher Nutzer: innen sind, sondern ein durch und 3.2 Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft 111 <?page no="112"?> durch soziales Erzeugnis, auf das verschiedenste Interessensgruppen an unter‐ schiedlichsten Punkten in deren Entwicklung einwirken. Wie Kenny (2017b: 3) erklärt, haben sozialkonstruktivistische Betrachtungen von translatorischen Technologien somit Implikationen für ein Anliegen, das man wohl gleichzeitig als anwendungsorientiert wie auch als emanzipatorisch auslegen kann, nämlich die Frage, wie bessere Technologien entwickelt werden können. Der überwiegende Fokus translationswissenschaftlicher Arbeiten lag bislang auf der Nutzung von Technologien (siehe nächster Abschnitt), während Fragen des erzeugenden und gestaltenden Umgangs mit Technologie - also die Phasen der Entwicklung und sukzessiven Anpassung von Techniken - systematisch aus der Debatte ausgeschlossen wurden. Ein Rückgriff auf sozialkonstruktivistische Perspektiven könnte dazu beitragen, diesem Ungleichgewicht entgegenzuwir‐ ken, um ein vollständigeres Bild der sozialen Bedeutungen translationsspezifi‐ scher Technologie zu erhalten. 3.2.3 Konzeptualisierung von Techniknutzung in der Translationswissenschaft Translationswissenschaftliche Studien zu Fragen der Technik behandeln zu einem überwiegendem Teil Aspekte der Techniknutzung. Besondere Schwer‐ punkte liegen dabei auf Fragen der Produktivität und Effektivität von deren Einsatz, auf dem praktischen Umgang mit ihnen, auf Fragen der Benutzungsfreundlichkeit und Ergonomie von Techniken sowie auf den Vorstellungen und Einstellungen von Translator: innen gegenüber Technik. Dabei hat sich die Translationswissenschaft eine große Bandbreite von methodischen Zugängen zu Nutze gemacht - von experimentellen Verfahren (die selbst primär auf tech‐ nische Erhebungswerkzeuge und -software vertrauen, z. B. Eye-Tracking, die Aufzeichnung von Mausbewegungen, Bildschirmanzeige oder Tastaturanschlä‐ gen), über Qualitätsevaluierungen bis hin zu Methoden der Sozialforschung, wie etwa Umfragen, Interviews oder Retrospektion (für einen Überblick, vgl. Teixeira 2014). Die folgende Zusammenschau kann diesen vor allem in den letz‐ ten zwei Jahrzehnten rasant wachsenden Forschungsbereich nur exemplarisch behandeln. Ein Großteil der bisher durchgeführten Studien zur Nutzung von Techniken im Bereich des Übersetzens beschäftigt sich weniger mit der physischen Ar‐ beitsumgebung oder mit analogen Hilfsmitteln von Übersetzer: innen, sondern primär mit Software für computergestützte Übersetzung sowie für maschinelle 112 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="113"?> 40 Der physischen Arbeitsumgebung von Übersetzer: innen hat man sich bislang vor allem aus ergonomischer Perspektive genähert; vgl. Ehrensberger-Dow et al. (2016); Meidert et al. (2016). Die Relevanz von analogen Tools auch an hochtechnisierten Arbeitsplätzen unterstreicht insbesondere Risku (2016). Übersetzung (und Post-Editing). 40 Zahlreiche, meist experimentelle Studien untersuchten etwa, wie der Einsatz dieser Technologien sich auf die Überset‐ zungsqualität sowie auf die Produktivität und Arbeitsgeschwindigkeit der Über‐ setzer: innen auswirkt (Vallianatou 2005; Guerberof 2008; Jiménez-Crespo 2009), und ob die Zusammenhänge zwischen diesen Faktoren durch unterschiedliche Parameter verändert werden, beispielsweise wenn von der Übersetzungssoft‐ ware zusätzlich MÜ-basierte Übersetzungsvorschläge bereitgestellt werden (Läubli et al. 2013), oder wenn angezeigt wird, ob ein Übersetzungsvorschlag aus einem Translation Memory stammt oder maschinell übersetzt wurde (Teixeira 2011). Der Fokus dieser Studien liegt jedoch primär auf einer Evaluierung der Nützlichkeit von Übersetzungstechnologie aus einer rein instrumentellen Per‐ spektive: Soziale und kulturelle Bedeutungen dieser Technologien werden dabei weitgehend ausgeklammert. Kenny (2017b: 1) bezeichnet eine solche Forschungsausrichtung auch als „pro-innovation bias“, was einhergehe mit an overemphasis on the inherent characteristics of new technologies, on their novel functions and technical features, at the expense of any consideration of how those technologies emerge in, fit into or change their sociotechnical environments. (ibid.) Die ‚Nützlichkeit‘ übersetzungsrelevanter Software wurde also meist weder unter Berücksichtigung von deren Einbettung in die Praxis des Übersetzens untersucht - noch als vielschichtiges soziokognitives Artefakt, das in einem sozialen Gefüge weitaus mehr sein und bewirken kann als ein bloßes Mittel zum Zweck. Dabei kann - wie etwa Mihalache (2009: 159) eindrücklich vor Augen führt - nicht einmal die Bewertung von Übersetzungstechnologien auf abstrakte Variablen reduziert werden: „The evaluation of translation technologies is a social activity, which involves the establishment of knowledge communities as well as the creation of competition to produce better tools“. Auch hier sei somit eine Berücksichtigung des größeren sozialen Kontexts wesentlich. Einen etwas breiteren Zugang verfolgen Studien, die nicht nur den ‚Erfolg‘ dieser Technologien bewerten, sondern verschiedenen Aspekten der Nutzung in Praxiskontexten auf den Grund gehen. Das Interesse an diesen Fragen reicht dabei von Untersuchungen der praktischen Auswirkungen spezifischer Funktionen auf der Mikroebene des Softwaredesigns bis hin zum Einfluss von Technologien auf der Ebene von Organisationen. So hat sich etwa Forschung 3.2 Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft 113 <?page no="114"?> unter dem Blickwinkel der Human-Computer-Interaction (vgl. z. B. O’Brien 2012; Läubli und Green 2020) sowie der Usability (vgl. z. B. Krüger 2016) damit auseinandergesetzt, welcher Zusammenhang zwischen dem konkreten Design von Übersetzungstechnologien und dem kognitiven Aufwand besteht, der für die Übersetzer: innen bei deren Nutzung entsteht (Teixeira und O’Brien 2017). Dabei berücksichtigte man zum Teil auch, wie Übersetzer: innen mit diesen Tools praktisch umgehen und ob bestimmte übersetzungsspezifische Arbeitsstrategien (z. B. die Überprüfung von Quellen, die Orientierung im Text) von spezifischen Tools eher gestützt oder behindert werden (O’Brien 2007; Alves und Liparini Campos 2009). In einen breiteren Zusammenhang stellt diese Fragen etwa Pym (2011b), indem er die These aufstellt, die Art und Weise, wie Übersetzungstechnologien strukturell gestaltet sind, führe einerseits dazu, dass Übersetzer: innen weniger oft ihren translatorischen Handlungsspielraum nutzen - dass andererseits aber auch neue Formen der gemeinschaftlichen Übersetzung geschaffen würden, die einen breiteren gesellschaftlichen Dialog über Übersetzung zur Folge haben. Studien zur individuellen Nutzung von Übersetzungstechnologien widmen sich darüber hinaus auch der Frage, welche spezifischen Umgangsweisen mit - bzw. sogar Formen des Widerstands gegen - Tools Übersetzer: innen finden: etwa eine Tendenz zu Überkorrekturen von TM-Vorschlägen (Mellinger und Shreve 2016), oder ein gewisses Herumarbeiten um Tools und die in deren Design eingebauten Strukturen (Bundgaard et al. 2016; Ehrensberger-Dow und Hunziker Heeb 2016). Aus einer stärker emanzi‐ patorischen Perspektive widmen sich diesen Fragen Estellés und Monzó Nebot (2015), indem sie untersuchen, inwieweit CAT-Tools Übersetzer: innen Raum für Selbstbestimmung und spielerische Nutzungsformen bieten. Während die oben genannten Untersuchungen den Fokus in erster Linie auf den Einsatz von Übersetzungstechnologien durch individuelle Nutzer: innen bzw. an einzelnen Arbeitsplätzen legen, versuchen Studien aus soziokognitiver, ergonomischer oder soziologischer Perspektive zunehmend den Blick zu öff‐ nen für die Rolle von Technologien in größeren Interaktionsgefügen, z. B. in Übersetzer: innen-Teams bzw. Übersetzungsbüros (LeBlanc 2013; Olohan 2017a; Olohan und Davitti 2017, Sannholm 2021), oder in Interaktionsgefügen, die auch andere Akteur: innen im Übersetzungsprozess umfassen (Risku et al. 2021; Risku und Rogl 2022; Rogl und Risku 2024). Dazu werden nunmehr auch zunehmend Arbeitsplatz- oder Feldstudien durchgeführt (Risku et al. 2017, 2020; Ehrensberger-Dow und Massey 2020). Diese Studien zeigen, dass neue Tech‐ nologien in Organisationen einen wesentlichen Einfluss auf die Veränderung von Organisations- und Arbeitspraxen haben, und dabei die Arbeitsweisen, Kommunikations- und Kooperationsprozesse sowie die Vertrauensbeziehungen 114 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="115"?> zwischen den involvierten Akteur: innen völlig neu ordnen können. Entspre‐ chende Folgen der Einführung von Technologien in Organisationen beschreiben für maschinelle Übersetzung etwa Karamanis et al. (2011), für Translation Memories LeBlanc (2013, 2017) und für (unter anderem) Übersetzungsprojekt‐ management-Software Rogl und Risku (2024). Grass (2011) widmet sich in diesem Zusammenhang der Frage, welche Folgen die Nutzung von entweder kommerzieller oder freier Software für freiberufliche Übersetzer: innen hat und diskutiert, inwieweit die Nutzung spezifischer Software die Zusammenarbeit mit Übersetzungsbüros und Kund: innen beeinträchtigt oder fördert. Ebenfalls interessiert an den technologischen Bedürfnissen sowohl der Übersetzer: in‐ nen, Agenturen als auch Kund: innen sind Toudic und Brébisson (2011): Sie untersuchen, inwiefern unterschiedliche Technologien den konkreten Arbeits‐ bedürfnissen der verschiedenen Akteur: innen im Übersetzungsprozess gerecht werden. Einer ähnlichen Fragestellung widmen sich auch Rogl und Risku (2024): Ihre Langzeitstudie zeigt, wie sich die in einem Übersetzungsbüro genutzten Artefakte über einen Zeitraum von über 10 Jahren verändern - und wie von Übersetzungsbüro, Kund: innen und Übersetzer: innen gemeinsam genutzte Technologien zu Schnittstellen für die Ausverhandlung gegenseitiger Erwartungen werden können, ohne dass notwendigerweise alle Akteur: innen gleichermaßen in die Aufrechterhaltung der Zusammenarbeit investieren wol‐ len oder müssen. Weniger Aufmerksamkeit erhielten bislang Technologien, die weniger als Hilfsmittel für den Übersetzungsprozess dienen, sondern eher Mittel der Vernetzung und Kooperation in Produktionsnetzwerken sind. Dazu gehören etwa Online-Auftragsplattformen, virtuelle Übersetzer: innen-Netzwerke oder Crowdsourcing-Infrastrukturen. Zwar beschäftigt sich Forschung mit deren Bedeutung in unterschiedlichen Bereichen der translatorischen Arbeit (z. B. zur Vernetzung, vgl. Risku und Dickinson 2009; Mihalache 2008; zur Kooperation, vgl. Stoeller 2011; in der Auftragskommunikation, vgl. Alonso 2016). Bislang wurde jedoch der Technologie an sich kaum Aufmerksamkeit geschenkt und untersucht, welche Rolle etwa geänderte Bedingungen des Technischen in virtuellen Übersetzungskontexten spielen. Insbesondere fehlt dabei eine vertie‐ fende Auseinandersetzung mit technologischen Aspekten der außerberuflichen Translation ( Jiménez-Crespo 2020), die über eine rein instrumentelle Perspek‐ tive hinausgeht. In ihrem Versuch einer Mediengeschichte der Übersetzung stellt Littau (2011: 277) fest: „[T]ranslation bears the traces of its particular technological environment - performance-based, artisanal, industrial or electronic“. Aufbau‐ end auf dieser Erkenntnis spricht sich etwa Cronin (2013: 100 ff.) für eine 3.2 Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft 115 <?page no="116"?> Konzeptualisierung von Übersetzungstechnologien und -plattformen als Medien der Translation aus. So könne gezeigt werden, wie das materielle Medium, in das Übersetzungen (von der Pergamentrolle über die Buchform bis hin zu kollaborativen Online-Plattformen) eingeschrieben werden, wesentlichen Einfluss darauf ausübt, wie Übersetzungen in Raum und Zeit verbreitet werden können. Ein medienbasiertes Verständnis von Übersetzung könne aber auch aufzeigen, wie die materielle Struktur einer Technologie einen unterschiedlich großen Spielraum für menschliches Handeln ermögliche. Als Beispiel verweist Cronin (2013: 102) auf die Unterschiede zwischen Lokalisierungssoftware und Crowdsourcing-Umgebungen bzw. Tools für gemeinschaftliche Übersetzung: Beim Design der ersteren konzentriere man sich klar auf eine möglichst umfassende Automatisierung und versuche dabei, die Einflussnahme durch die menschliche Nutzer: in so gering wie möglich zu halten. Im Gegensatz dazu seien zweitere gekennzeichnet von „a strategic use of technical resources to further human concerns or agendas“ (ibid.). So können gemeinschaftlich genutzte Übersetzungsplattformen neben Übersetzungsumgebungen auch zu Orten des geselligen Austauschs oder zu Werkzeugen politischer Intervention werden. Die technische Ausgestaltung solcher kollaborativen Tools und die durch sie entstehenden (neuen) Praxen des Übersetzens stehen dabei im krassen Gegensatz zu dem oft monierten Bild der Interaktion zwischen Übersetzer: innen und Technologie als „fundamentally dehumanizing“ (Cronin 2013: -102). Wie in Kapitel 3.1.3 besprochen wurde, ist für ein besseres Verständnis dessen, was Artefakte für Nutzer: innen bedeuten, nicht nur ein Blick auf konkrete Anwendungskontexte relevant, sondern auch die Frage nach den Vorstellun‐ gen, Erwartungen und Einstellungen, die Nutzer: innen mit diesen Techniken verbinden. In diesem Kontext wurde eine Reihe von Studien durchgeführt, in denen Übersetzer: innen und Übersetzungsprojektmanager: innen nach ihren Erfahrungen und subjektiven Einschätzungen von Technologie gefragt wurden. Diese scheinen den Befund zu liefern, dass Technologieeinsatz im Übersetzungs‐ prozess als überwiegend positiv gesehen wird (Marshman 2014: 389; Koskinen und Ruokonen 2017: 13; LeBlanc 2017: 47; Sakamoto 2019: 62). Im Detail geht aus solchen Studien etwa hervor, inwieweit Übersetzer: innen das Gefühl haben, Übersetzungssoftware verleihe ihnen mehr oder weniger Kontrolle (Marshman 2014) oder Möglichkeiten zur Selbstbestimmung (Estellés und Monzó Nebot 2015) über ihre Arbeit. Sie zeigen auch, wie gewillt Translator: innen (und Projektmanager: innen) sind, neue Tools einzusetzen (Gough 2011), und inwie‐ weit die Akzeptanz neuer Technologien mit Fragen der Organisationskultur in Zusammenhang stehen kann (Ehrensberger-Dow und Massey 2017). 116 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="117"?> Es zeigt sich also auch in der translationswissenschaftlichen Forschung, dass für ein Verständnis dessen, was Technologien für deren Nutzer: innen in konkreten alltäglichen Anwendungszusammenhängen bedeuten, weitaus mehr erforderlich ist als bloß ein Blick auf deren Funktionalität in einer geschützten Laborumgebung (vgl. dazu Kap. 3.1.3). Eine nähere Betrachtung offenbart (1) die Relevanz von Nutzungskulturen des Technischen auch in translatorischen Kontexten; (2) die Heterogenität der Prozesse der Aneignung von Technologie durch deren Nutzer: innen (sowohl die Anpassung individueller und kollektiver Arbeitspraxen an die Technologien als auch Formen des Widerstands gegen sowie eine kreative Umkonfiguration von Tools) und nicht zuletzt (3) die Bedeutung von subjektiven Vorstellungen, Emotionen und Erwartungen rund um Technologien. Während die Erkenntnisse aus vielen der oben besprochenen Studien also die sozial strukturierende und symbolische Rolle von Technologien aufzeigen, fehlen in der Translationswissenschaft bislang weitgehend die theo‐ retischen Werkzeuge, um diese Aspekte auch vertiefend zu beleuchten (Kenny 2017b; Olohan 2020: -384). In einigen wenigen Studien wurde bislang versucht, eine Untersuchung von Artefakten und der rund um sie entstehenden soziotechnischen Praxen so theo‐ retisch zu fundieren, dass eine Konzeptualisierung von deren vielschichtigen sozialen, medialen und symbolischen Bedeutungen möglich ist. Ein Teil dieser Arbeiten beschäftigt sich etwa mit der Frage, ob Konzepte der Handlungsfähig‐ keit in Praxen, die so stark von Techniken durchdrungenen sind wie die der Übersetzung, tatsächlich auf den Menschen beschränkt bleiben sollen - oder ob in diesem Kontext nicht vielmehr auch von technischer Agency die Rede sein kann (Olohan 2011; Ruokonen und Koskinen 2017). Diese Diskussion wird im nächsten Abschnitt (Kap.-3.2.4) noch näher behandelt. Darüber hinaus wurden Artefakte etwa aus soziokognitiver Perspektive konzeptualisiert: Folgt man etwa dem Ansatz der ‚Situated Cognition‘ (Risku 2016; Rogl und Risku 2024), so eröffnet sich eine Perspektive auf Artefakte im Übersetzungsprozess als Möglichkeit zur Erweiterung, Verstärkung oder sogar als Teil der mentalen Fähigkeiten der Übersetzer: innen oder Projektma‐ nager: innen, aber auch als Wissensspeicher und Erinnerungshilfe für konkrete Arbeitsaufgaben (Rogl und Risku 2024). Eine solche Externalisierung mentaler Prozesse liefert Übersetzer: innen dabei eine Reihe von Erleichterungen für die Interaktion mit der Umwelt: „[It] not only facilitates complex problem solving but also helps to coordinate social processes and explain one’s thinking both to oneself and to others“ (Rogl und Risku 2024: 17). Während auch der Ansatz der ‚Situated Cognition‘ Artefakten Relevanz für die Koordination sozialer Prozesse einräumt, nimmt sich der Ansatz der ‚Distributed Cognition‘ (E. 3.2 Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft 117 <?page no="118"?> Hutchins 1995a, 1995b) diesen Aspekt zum Schwerpunkt. Dabei werden hete‐ rogene soziotechnische Gefüge unter dem Blickwinkel einer Verteiltheit von Kognition auf ein Netzwerk von menschlichen Akteur: innen und Artefakten (als Repräsentationen und Externalisierungen menschlicher Kognition) untersucht. Risku und Rogl (2022) diskutieren die Anwendungsmöglichkeiten des Ansatzes der Distributed Cognition auf die Nutzung von Artefakten im Übersetzungs‐ projektmanagement. Damit werde theoretisch beschreibbar, wie Expertise auf die verschiedenen Akteur: innen und Artefakte im Netzwerk verteilt ist, wie diese Verteiltheit auf (unter anderem) technische Instanzen das Netzwerk als Ganzes ‚robuster‘ mache - und wie Expertise in der Übersetzungspraxis auch das Wissen über den praktischen Umgang mit Artefakten und deren Nutzung als kollaborative Tools umfasse (ibid.). Das in dieser Forschungsarbeit verwendete Konzept verteilten Handelns (vgl. Kap. 3.3.2.1) ist wesentlich vom Ansatz der Distributed Cognition beeinflusst. Eine weitere Konzeptualisierungsmöglichkeit der sozialen Rolle von Techno‐ logien in der Übersetzungspraxis kann das wissenschaftssoziologische Konzept der Grenzobjekte (‚Boundary Objects‘, Star 2010; Star und Griesemer 1989) liefern. Wie etwa Rogl und Risku (2024) zeigen, eignet sich dieser Zugang beson‐ ders gut als theoretische Grundlage für die Beschreibung von Objekten, die von überlappenden Praxisgemeinschaften (als z. B. Projektmanager: innen, Kund: in‐ nen, Übersetzer: innen) gemeinschaftlich genutzt werden. Eine Anwendung des Konzepts kann sichtbar machen, wie solche Grenzobjekte die gemeinschaftliche Arbeit verschiedener Gruppen ermöglichen und Aushandlungsprozesse zwi‐ schen diesen vermitteln, ohne dass z. B. Projektmanager: innen und Kund: innen notwendigerweise einen Konsens in Bezug auf das gemeinsame Projekt erzielen (müssen). So konnten Rogl und Risku (2024) etwa nachzeichnen, wie kollabora‐ tive Technologien im Übersetzungsprozess zum kleinsten gemeinsamen Nenner in heterogenen Kooperationsgefügen werden können. Einen weiteren vielversprechenden soziologischen Zugang für die Konzep‐ tualisierung von Artefakten in der Translationspraxis hat Olohan (2017a, 2021) in die translationswissenschaftliche Diskussion eingebracht - nämlich den der Praxistheorie (siehe dazu auch Kap. 3.3.2.1). Ein für dieses Kapitel wesentlicher Fokus der Praxistheorie ist die Auffassung, dass jede Praxis in irgendeiner Weise körperlich oder materiell vermittelt ist. Unter diesem Blickwinkel wird das Übersetzen als fest in der physischen Welt und in den Körpern der Akteur: innen verankert verstanden, weshalb auch Artefakten - darunter Infrastrukturen, Geräte oder Ressourcen - eine zentrale Rolle eingeräumt wird: Some [material] entities may be central or even indispensable to the practice while others play a more peripheral role. Some are attended to by practitioners during 118 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="119"?> 41 Der in dieser Untersuchung verwendete Agency-Begriff wird in Kap.-3.3.2.4 erläutert. practice, while others are barely noticed. Some are more influential in shaping the practice than others. Some have undergone change while others have remained stable. (Olohan 2021: -41) Ein besonderer Fokus praxistheoretischer Arbeiten, auf den Olohan (2017b) auch in einer Arbeitsplatzstudie in einem Übersetzungsbüro zentralen Bezug nimmt, liegt auf Wissen. Wissen wird dabei nicht als bestehender Wissens‐ bestand gedacht, sondern als in der jeweiligen Praxis emergent sowie als verkörpert und materiell vermittelt. Angewandt auf Praxen des Übersetzens können praxistheoretische Konzeptualisierungen das Augenmerk darauf len‐ ken, wie Praxen und materielle Dinge einander gegenseitig formen, wobei insbesondere die Möglichkeit einer Veränderlichkeit über eine bestimmte Zeit hinweg beachtet wird (Olohan 2021: -56). Wie dieser Abschnitt zeigt, können theoretische Zugänge, die den sozialen, medialen und symbolischen Bedeutungen von Techniknutzung gerecht werden können, wertvolle neue Impulse für die Translationswissenschaft liefern. In dieser Forschungsarbeit wird ein Zugang verfolgt, der insbesondere an die oben vorgestellten Zugänge der medialen Konzeptualisierung von Translation, der verteilten Kognition sowie der Praxistheorie anschlussfähig ist. Aus der verteil‐ ten Kognition wird die Idee einer Verteiltheit von übersetzerischem Handeln auf ein heterogenes Netzwerk menschlicher und nicht-menschlicher Akteur: innen - als untrennbar verflochtenes soziotechnisches Gefüge - übernommen (vgl. Kap. 3.3.2.1). Von der Praxistheorie ist die Idee inspiriert, dass Übersetzen wie jede Praxis darauf angewiesen ist, in der physischen Welt durch ein Trä‐ germedium (körperliche Bewegungen, materielle Dinge oder Zeichensysteme) vermittelt zu werden (vgl. Kap. 3.3.2.3). Insbesondere ist dabei ein Verständnis der hier untersuchten Plattformstrukturen als Medien relevant: Diese haben Einfluss auf die Dauerhaftigkeit und Verbreitung virtueller Übersetzungen; gleichzeitig wirken sie sich aber auch auf den Umfang der sozialen Interventi‐ onsmöglichkeiten für die Übersetzer: innen der untersuchten Community aus. 3.2.4 Technische Agency in der Translationswissenschaft Wie in Kapitel 3.1.4 erläutert wurde - sowie unten in Kapitel 3.3.1.2 noch einmal näher besprochen wird, beschäftigt man sich in der Technikforschung nicht mehr nur mit den Folgen, der Entwicklung und Nutzung von Technik, sondern nimmt zunehmend auch Fragen der technischen Agency  41 in den Blick. Olohan (2011) ist eine der ersten Translationswissenschaftler: innen, die nach 3.2 Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft 119 <?page no="120"?> der Möglichkeit einer solchen Handlungsbeteiligung von Techniken gefragt hat. Dazu führte sie eine Studie zu Praxen der Translation-Memory-Nutzung von Übersetzer: innen durch und lotete darin die Anwendungsmöglichkeit von Pickerings (1995) Konzept der ‚Mangle of Practice‘ (vgl. Kap. 3.3.1.2) aus. Dieses Konzept beschreibt soziotechnische Praxen oder Gefüge als ständiges Wechselspiel zwischen menschlicher und technischer Handlungsbeteiligung, wobei dem Widerstand der einen Seite in der Regel ein Entgegenkommen und Anpassen durch die andere folgt, bevor der Prozess wieder von Neuem beginnt. Diesen Prozess bezeichnet Olohan (2011) in Anlehnung an Pickering (1995: 22) auch als „dance of agency“. Genau so ein Wechselspiel rekonstruiert sie in ihrer Studie aus den Beiträgen von Übersetzer: innen in einem technischen Support-Forum von SDL. In der Darstellung durch einen Übersetzer gestaltet sich dieses Abwechseln von Prozessen des Widerstands und der Anpassung folgendermaßen: He, as the human user, emerges as knowledgeable, well-intentioned and cooperative, obligingly doing everything he is supposed to, while the software and its interface and component parts emerge as recalcitrant, uncooperative, unreliable and prone to error. Only by T1 [der Übersetzer] carrying out additional actions in the face of each resistance can the interaction progress so that he achieves his aims in practice. (Olohan 2011: -349) Die Frustration mit dieser Widerständigkeit der Technik (es geht um Probleme mit einem Software-Update) entsteht für den Übersetzer laut Olohan (ibid.) daraus, dass er vorab nicht weiß, worin die Handlungsfähigkeit der Technik besteht, und wo deren Grenzen liegen. Diese „contours of human or machine agency“ - so folgert Olohan (2011: -349) - „emerge in the course of practice“. Darüber hinaus erlaubt das von Olohan (2011) gewählte theoretische Kon‐ zept der ‚Mangle of Practice‘ eine vertiefende Auseinandersetzung mit der wechselseitigen Beeinflussung technischer und sozialer Einflussfaktoren. Es rückt zunächst die Frage in den Mittelpunkt, wie Technik - also in Olohans Studie eine spezifische Version einer Translation-Memory-Software - durch soziale Agenden immer wieder neu überformt wird: Inwieweit wurde die Soft‐ ware spezifisch auf die Bedürfnisse spezieller Anwender: innen-Gruppen (also Übersetzer: innen, Projektmanager: innen etc.) zugeschnitten; inwieweit wurden Übersetzer: innen bei Softwaretests eingebunden; und mit welchen Modifikatio‐ nen reagiert der Softwareanbieter auf Nutzer: innen-Feedback (Olohan 2011: 350 f.)? Andererseits schenkt eine Betrachtung aus dieser Perspektive auch jenen Instanzen vermehrte Aufmerksamkeit, wo soziale Prozesse an der Materialität bzw. Widerständigkeit von Technik scheitern, von dieser umgeformt, oder an 120 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="121"?> diese angepasst werden: Das betrifft bei Olohan (2011: 351) etwa Berichte von Übersetzer: innen darüber, dass sie um gewisse Eigenheiten ihrer Tools ‚herumarbeiten‘, oder lieber ihre Arbeitsweisen adaptieren als eine Veränderung ihrer Standard-Hilfsmittel in Kauf nehmen. Wie aus dieser Darstellung deutlich wird, ist das Konzept der nicht-mensch‐ lichen Agency bei Pickering weniger umfassend gedacht als in anderen theoretischen Zugängen der Technikforschung, die hier vorgestellt wurden bzw. noch werden (vgl. Kap. 3.1.4 und Kap. 3.3.1.2). Wie Olohan (2011: 353) einräumt, entspricht Pickerings Konzept der maschinellen Agency eher dem einer „technological performativity“: Techniken wird zwar eine spürbare Wirk‐ samkeit, aber kein intentionales Handeln zugestanden. Anders als in der Akteur-Netzwerk-Theorie wird außerdem nicht von einer symmetrischen Be‐ ziehung zwischen menschlicher und nicht-menschlicher Handlungsbeteiligung ausgegangen (ibid.). Olohan (2011: 353) schließt daraus, dass „a more nuanced notion of material or technological agency than has been presented here might ultimately prove more palatable or more useful to translation scholars“. Ihre Empfehlung fällt dabei gerade auf das Konzept gradualisierten und verteilten Handelns (vgl. Kap. 3.3.2.1 sowie Kap. 3.3.2.4), das auch hier zur Anwendung gebracht wird. Der Zugang von Rammert (2016) liefere dabei a differentiation of human agency and technological action by their degree, as well as a typology of inter-agency between humans and technology. His [Rammert’s] aim is to produce a gradual model of agency with levels of causality, contingency and intentionality. (Olohan 2011: -353) Wie dieser Zugang zu verteilter Agency auf die soziotechnische Praxis des Übersetzens in einer Online-Übersetzungscommunity nutzbar gemacht werden kann, soll also in dieser Untersuchung noch ausgelotet werden. Ebenfalls auf Pickerings (1995: 22) Idee eines „dance of agency“ beziehen sich Ruokonen und Koskinen (2017) in einer Studie über die subjektiven Erfahrungen von Übersetzer: innen zum Wechselspiel zwischen menschlicher und maschineller Agency. Allerdings ist ihr Forschungsinteresse etwas anders gelagert als das von Olohan (2011). Ihnen geht es nicht so sehr darum, was Äußerungen über Technik denn nun über die Wirksamkeit menschlicher und technischer Agency im Kontext konkreter Übersetzungspraxen offenbaren. Ruokonen und Koskinen (2017) konzentrieren sich vielmehr auf die Frage, was Berichte von Übersetzer: innen über deren Vorstellungen und Konstruktionen von technischer Agency erzählen. Dazu haben sie einen innovativen methodischen Weg beschritten und Übersetzer: innen gebeten, Texte in der Form von „fictive love and break-up letters“ (ibid.: 311) an die von ihnen verwendeten technischen 3.2 Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft 121 <?page no="122"?> Hilfsmittel und Software-Tools oder andere Aspekte ihrer Arbeitsumgebung zu verfassen. Ein Teil dieser zutiefst emotionsbehafteten Berichte lässt darauf schließen, dass ihre Verfasser: innen den von ihnen benutzten Technologien sehr wohl Agency zuschreiben (61 der insgesamt 106 Briefe, in denen die von den Übersetzer: innen eingesetzten Tools zum Gegenstand genommen wurden). Das mag aber bis zu einem gewissen Grad auch der Aufforderung an die Überset‐ zer: innen geschuldet gewesen sein, einen persönlichen Brief zu verfassen. Es stellt sich also die Frage, ob auf der Basis ‚natürlicher‘ Daten ähnliche Ergebnisse reproduzierbar wären. Beachtenswert für künftige translationswissenschaftliche Studien zu techni‐ scher Agency ist an dieser Studie insbesondere die klar definierte Vorgehens‐ weise der Forscherinnen bei der Eingrenzung und Analyse ihrer Daten: In ihrem Artikel beschreiben sie theoriebasiert abgegrenzte sprachliche Indikatoren dafür, wann eine Aussage in den Daten als eine Beschreibung technischer Handlungsfähigkeit gewertet werden kann - etwa, wenn ein technisches Hilfsmittel in Aussagen Subjektstatus erhält und damit ein Verb des Handelns verbunden ist; wenn die Übersetzerin die Erfahrung anspricht, von ihrem Hilfsmittel beeinflusst oder verändert zu werden; wenn eine Technologie als aktive Partnerin konstruiert wird; oder wenn Techniken auf unerwartete Weise wirksam werden (Ruokonen und Koskinen 2017: -315). Diejenigen ‚Briefe‘, in denen es um Konstruktionen von menschlicher und maschineller Handlungsfähigkeit geht, haben Ruokonen und Koskinen (2017: 311) in weiterer Folge dahingehend untersucht, ob (1) die Übersetzer: innen den Eindruck hatten, menschliche und technische Akteur: innen würden in dieselbe - oder eine entgegengesetzte - Richtung arbeiten; ob (2) die Übersetzer: innen eher positive oder negative Wertungen damit verbinden; und ob (3) die Über‐ setzer: innen eher sich selbst oder ihren technischen Hilfsmitteln eine zentrale Handlungsrolle einräumen. Es zeigte sich, dass die Studienteilnehmer: innen ihre Technologien als überwiegend positiv bewerten - vor allem dann, wenn die Hilfsmittel so wirksam werden, wie sie es von ihnen erwarten. Einzelne Aussagen der Übersetzer: innen deuten allerdings durchaus auf komplexere Zu‐ sammenhänge zwischen menschlicher und maschineller Agency hin: etwa dort, wo Studienteilnehmer: innen sich negativ darüber äußern, dass Technologien nicht mehr schaffen als die Anweisungen der menschlichen Nutzer: innen zu befolgen; oder dort, wo Nutzer: innen abweichende oder unerwartete ‚Handlun‐ gen‘ ihrer Tools als bereichernd empfinden. Für Ruokonen und Koskinen (2017: 321) offenbaren diese vereinzelten, un‐ erwarteten Beobachtungen die Komplexität von Mensch-Maschine-Interaktio‐ nen. Darum kommen auch sie - ähnlich wie Olohan (2011: 353) - zu dem Schluss, 122 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="123"?> 42 Vgl. etwa Rozmysłowicz (2014) zur Frage, welche theoretischen Grenzziehungsprozesse zu einer Verdrängung der maschinellen Übersetzung aus dem breiten translationswis‐ senschaftlichen Diskurs geführt haben mögen. es brauche für diese Fragen Konzeptualisierungen, die über einfache Dichoto‐ misierungen von Mensch und Maschine hinausgehen. Diese Forschungsarbeit möchte hier ansetzen und zeigt, wie ein nach Handlungsgraden differenziertes Modell für menschliches und technisches Handeln auf das Übersetzen in einer Online-Umgebung angewendet werden kann (vgl. Kap.-3.3.2.4). Auch ein Rückgriff auf die in der Translationswissenschaft bereits mehrfach angewendete Akteur-Netzwerk-Theorie (z. B. Buzelin 2005; Tahir-Gürçağlar 2007; O’Hagan 2017; Trzeciak Huss 2018; Risku und Rogl 2022) kann dazu bei‐ tragen, dass Fragen der Handlungsträgerschaft auf neuartige Weise betrachtet werden können. Bislang scheint der Zugang allerdings primär dazu verwendet worden zu sein, um komplexe Netzwerke zu beschreiben - aus einzelnen Ak‐ teur: innen, Institutionen und vereinzelt auch nicht-menschlichen Akteur: innen wie Technologien oder Texten. Besonders aufschlussreich könnte aber auch eine verstärkte Auseinandersetzung damit sein, wie in der Akteur-Netzwerk-Theo‐ rie Handlungsgefüge und Fragen der Agency untersucht werden. Gerade die Tatsache, dass die ANT nicht zwischen menschlicher und nicht-menschlicher Handlungsfähigkeit unterscheidet, könnte dabei helfen, der Verwobenheit von Akteurskonstellationen in soziotechnischen Gefügen aus einem neuen Blick‐ winkel auf den Grund zu gehen. In diesem Sinne offenbart eine von der ANT inspirierte Perspektive die „complex forms of agency whose origin cannot at first be either clearly identified or ascribed to a single responsible instance“ (Risku und Rogl 2022: -45). Die Studien von Olohan (2011) sowie von Ruokonen und Koskinen (2017) zeigen, dass eine vertiefende Beschäftigung mit technischer Handlungsbeteili‐ gung wichtige Fragen der translationswissenschaftlichen Forschung auf neu‐ artige Weise beantworten kann. Bedenkt man die tiefgehende Durchdrungen‐ heit übersetzerischer Praxen und Arbeitsplätze mit analogen und digitalen Technologien, so ist es überraschend, dass diesem Aspekt bislang noch nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Erstaunlich ist darüber hinaus, dass man sich mit diesem Thema bislang noch nicht eingehender in Bezug auf maschinelle Übersetzung auseinandergesetzt hat. 42 Immerhin können Fragen der technischen Handlungsbeteiligung gerade dort besonders augenscheinlich werden, wo Technologien zunehmend künstliche-Intelligenz-basiert arbeiten, auf spezielle Nutzungsweisen und Anwender: innen trainiert werden, und wo multiple Software-Systeme in autonom interagierenden, komplexen Infrastruk‐ turen verknüpft sind. Neue Konzeptualisierungen für Fragen der Agency, die 3.2 Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft 123 <?page no="124"?> auch technische Eigenaktivität umfassen können, stellen daher ein vielverspre‐ chendes Feld für künftige Forschungsarbeiten dar. 3.2.5 Kritische Theorie der Technik in der Translationswissenschaft Zuletzt soll ein Ansatz diskutiert werden, der in Kapitel 3.1 noch nicht im Detail besprochen wurde: die Kritische Theorie der Technik. Der Zugang schlägt eine Brücke zwischen philosophischen Traditionen der Technikforschung (ins‐ besondere der Frankfurter Schule) und konstruktivistischen Perspektiven der Techniksoziologie (S. M. Grimes und Feenberg 2013: 122 ff.). Prominente Ver‐ treter dieses Zugangs, deren Arbeiten auch in der Translationswissenschaft rezipiert wurden, sind etwa der Technikphilosoph Andrew Feenberg (2009) oder der Sozialwissenschaftler Christian Fuchs (2008, 2014, 2017). Der Ansatz der Kritischen Theorie der Technik versucht - mit Rückgriff auf Arbeiten von z. B. Marx, Marcuse und Heidegger - insbesondere Fragen der Macht und Ideologie rund um Technologien stärker Rechnung zu tragen. Er ist als bewusster Gegenentwurf zu Zugängen entstanden, die Techniken als politisch neutral begreifen und diese auf ihre instrumentellen Funktionen reduzieren (S. M. Grimes und Feenberg 2013: -121). Während die oben diskutierten sozialkonstruktivistischen Ansätze und die verschiedenen Zugänge zu Formen der maschinellen Agency oft ein stärkeres Augenmerk auf die Organisations- oder Handlungsebene legen, bewegt sich die kritische Theorie verstärkt in die Arena globaler Einflussgrößen. Dabei wird davon ausgegangen, dass in unserem globalen kapitalistischen System Macht vor allem auf der Akkumulation wirtschaftlichen und technischen Kapitals beruht - und Technik gerade in einer Gesellschaft, die zutiefst von Technologie durchdrungen ist, ein zentrales Werkzeug hegemonialer Kräfte wird (Feenberg 2009: -32). Die Kritische Theorie der Technik versucht nun, glo‐ bale Machtstrukturen und die damit unweigerlich einhergehenden gesellschaft‐ lichen Ungleichheiten offenzulegen. Gleichzeitig versucht man aufzuzeigen, wie Machtstrukturen in Technologien verkörpert sind, und diese gleichzeitig befördern oder verstärken: „Technology can be and is configured in such a way as to reproduce the rule of the few over the many“ (Feenberg 2009: -32). Man geht davon aus, dass Machtasymmetrien unter anderem dadurch entstehen, dass bestimmte technische Entwürfe dominant werden. Im Zuge eines solchen technischen Selektionsprozesses verschwinden zunehmend die Alternativen zu dominanten Technologien - worin Feenberg (2009: 32) die Wurzel für einen bedeutenden Teil der gesellschaftlichen Ungleichheiten sieht: 124 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="125"?> „This narrowing [Begrenzung auf dominante Designs] distorts the structure of experience and causes human suffering and damage to the natural environment“ (Feenberg 2009: 32). Diese Asymmetrien der Macht können sich unter anderem deshalb fortsetzen, weil die in Technologien eingeschriebenen Beziehungen der Ungleichheit für Nutzer: innen kaum bewusst wahrnehmbar sind. Mit der Akzeptanz gewisser Technologien geht also auch eine Akzeptanz für ein gewisses gesellschaftliches Modell, das in diesen zum Ausdruck kommt, einher. In der Translationswissenschaft ist erst in jüngerer Zeit der Ruf nach einer verstärkten kritischen Auseinandersetzung mit den Zusammenhängen zwischen globalen wirtschaftlichen Mechanismen, Arbeit, Technologie und so‐ zialer Ungerechtigkeit laut geworden (vgl. insbesondere Baumgarten und Cor‐ nellà-Detrell 2017, 2018; O’Thomas 2017). Mögliche Fokuspunkte einer solchen Forschungsagenda beschreiben Baumgarten und Cornellà-Detrell (2017: 194) etwa folgendermaßen: [I]t is also crucial to diagnose the flows of power, its concentrations and fluctuations, in the shifting life worlds of modern societies and their institutions. From such an analytical angle, transcultural communication in times of advanced capitalism may be scrutinised against the backdrop of a dominant instrumental rationality (Horkheimer und Adorno 2002) that keeps evolving through the prism of hegemonic technological progress (Feenberg 2010). Während diese Darstellung den Fokus stärker auf analytische Kategorien legt, beschäftigt sich Olohan (2017b) mit der Frage, auf welche Bereiche und Fragestellungen der Translationswissenschaft die Kritische Theorie der Technik empirisch angewandt werden könnte. Beschäftigt man sich mit Fragen der Macht, so muss dies aus translations‐ wissenschaftlicher Sicht nicht automatisch einen Blick auf politische Strukturen und Ideologien bedeuten. Folgt man Feenbergs (2009: 32) Auffassung, dass in unserem aktuellen ‚technokapitalistischen‘ System (vgl. Baumgarten und Cornellà-Detrell 2017) Macht vor allem auch rund um wirtschaftliche und technische Dominanz konzentriert ist, so erscheint es dringend erforderlich, dass künftige Studien in unserem Fach auch verstärkt der Frage nachgehen, wer die globalen, wirtschaftlichen ‚Player‘ sind, die die Machtstrukturen in der Sprachindustrie nachhaltig beeinflussen, und diese nach ihren Vorstellungen strukturieren und dauerhaft fortschreiben. Dazu gehören etwa die dominanten Anbieter von Sprachtechnologien, Berufs- und Industrieverbände sowie Bera‐ tungsunternehmen für Sprachdienstleistungen, die, je nach ihrer jeweiligen Agenda, bestimmte Technologien und die damit verbundenen Dienstleistungs- und Arbeitspraxen besonders fördern, während sie andere ausgrenzen und zu 3.2 Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft 125 <?page no="126"?> 43 Für eine ausführliche Diskussion sozialtheoretischer Forschungsansätze zu Fragen der Industrialisierung, Rationalisierung und Kontrolle von Arbeit siehe Degele (2002: 75- 89). unterbinden versuchen (Olohan 2017b: 276). Olohan (ibid.) schlägt nun vor, diese unternehmerischen Agenden im Detail zu untersuchen und dabei zu ergründen, im Zuge welcher Machtkämpfe und mit Hilfe welcher Diskurse versucht wird, diese durchzusetzen. Ein kürzlich erschienener Sammelband von Monzó-Nebot und Tasa-Fuster (2024) ergänzt diese Debatte um eine Gender-Perspektive und beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Translationstechnologien und ‚Large Language Models‘ bereits auf eine Art und Weise entwickelt werden, dass sie etwa auch genderbezogene Zuschreibungen, Normen oder Asymmetrien verstärken. Die Beiträge in dem Band gehen außerdem darauf ein, inwieweit sich verschiedene Formen von ‚Gender Bias‘ auch in der Nutzung von Sprach- und Übersetzungstools identifizieren lassen (z. B. die Verstärkung von Gen‐ der-Stereotypen im Output KI-basierter Systeme). Eng verknüpft mit der Frage nach den Ungleichheiten und sozialen Verwer‐ fungen, die ein technokapitalistisches Wirtschaftssystem hervorbringt, sind Fragen der Industrialisierung und Arbeitsorganisation - die auch für das Feld der Translation höchst relevant sind. Die Untervergabe von Übersetzungsauf‐ trägen in immer längeren Auftragsketten, ‚Offshoring‘, zunehmender Preis- und Leistungsdruck, der über CAT-Tools legitimiert wird, oder die Massenpro‐ duktion von Billigübersetzungen (Rodríguez Castro 2013) sind nur einige der Symptome der sogenannten Netzwerkbzw. Plattformökonomie (vgl. Risku et al. 2013; Piróth und Baker 2020; Fırat 2021). Sie werden zwar in zahlreichen Studien zu den Arbeitsbedingungen in Übersetzungsproduktionsnetzwerken behandelt (Abdallah 2011, 2012; Dunne 2012; Alonso 2016; LeBlanc 2017). Im Ansatz der Kritischen Theorie der Technik sieht Olohan (2017b) nun allerdings eine Möglichkeit, diese Aspekte systematisch mit Fragen der gesellschaftlichen Wirkungsweisen von Technologie in Verbindung zu bringen. Damit ließe sich etwa genauer untersuchen, inwiefern die Arbeit von Übersetzer: innen - unter Einwirkung von Übersetzungstechnologien, Projekt‐ management-Software und Auftragsplattformen im Internet - zunehmend nach einem postfordistischen Rationalisierungsmodell 43 umstrukturiert wird (Olohan 2017b: 277): Gerade Übersetzer: innen sehen sich damit konfrontiert, dass Technologie sie zwar dabei unterstützt, schneller und billiger produzieren zu können. Seit Übersetzer: innen jedoch die Entscheidungsmacht darüber, wann welche Tools zum Einsatz kommen, weitgehend an zwischengeschaltete Stellen wie Übersetzungsagenturen verloren haben, sehen sie sich zunehmend damit konfrontiert, dass diese Tools nun von mächtigeren Akteur: innen dazu 126 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="127"?> eingesetzt werden, Übersetzer: innen unter Preis- und Zeitdruck zu bringen (García 2009: -199). Ein wesentlicher Aspekt der Rationalisierung von Arbeit ist darüber hinaus die technologiegestützte Kontrolle der Arbeitskräfte: Eine solche zeitliche Kontrolle bzw. eine Überwachung des Arbeitsfortschritts kann im Fall von freiberuflichen Übersetzer: innen etwa die Projektmanagement-Software der beauftragenden Übersetzungsagentur liefern. Schließlich kommt es im Zuge einer Rationalisierung und Industrialisierung auch zu Prozessen der Ent- und Höherqualifizierung von Arbeitskräften. Eine Entqualifizierung findet dort statt, wo Arbeitsprozesse immer kleingliedriger unterteilt werden und die Arbeitenden sich somit nur mehr für Teilschritte verantwortlich sehen (z. B. Post-Editing). Eine Höherqualifizierung geht in der Regel mit der Schaffung von Managementpositionen einher, die die Masse der unqualifizierten Arbeitskräfte steuern und kontrollieren sollen (die klassische Projektmanager: innen-Rolle). Diese Prozesse lassen sich laut Olohan (2017b: 277) gerade auf den Bereich des Übersetzens sehr gut umlegen. Sie (ibid.) geht jedoch davon aus, dass in unserem Bereich die Höherqualifizierungsprozesse durch verstärkte Spezialisierung in bestimmten Fachbereichen des Übersetzens überwiegen könnten. Letztlich kann man sich jedoch die Frage stellen, ob hier wirklich von Höherqualifizierung die Rede sein kann, oder es nicht eher zu einer Verschiebung von einer ausfüh‐ renden, kreativen Tätigkeit zu einer stärker kontrollierenden, verwaltenden Tätigkeit gekommen ist. Ein weiterer Anknüpfungspunkt für translationswissenschaftliche Studien könnte die Frage sein, wie eine zunehmende Prekarisierung digitaler Überset‐ zungsarbeit von großen Anbietern der Plattformökonomie über Diskurse von ‚Freiheit‘ und ‚Selbstbestimmung‘ verschleiert werden (vgl. z. B. Cordingley und Frigau Manning 2017b: 17 f.). Dies betrifft für Olohan (2017b: 277) besonders netzwerk- oder cloudbasierte Übersetzungstechnologien which produce a misleading impression of autonomy by ‘allowing’ translators the ‘freedom’ to complete their work anytime, anywhere, while their lived experience may be that of a translator on call, asked to complete translations any time of the day or night to be published as part of continuous updates of global content on globally accessible websites. (Olohan 2017b: -277) Übersetzungstechnologien und digitale Plattformlösungen tragen dabei zuneh‐ mend dazu bei, dass sich die Wertschöpfung in Übersetzungsproduktionsnetzwerken immer mehr von den produzierenden Übersetzer: innen auf Agenturen oder auf die Betreiber: innen von Online-Plattformen verlagert. Die Frage der Wertschöpfung wird insbesondere dort besonders heftig diskutiert, wo es 3.2 Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft 127 <?page no="128"?> um die Ausbeutung unbezahlter oder gering bezahlter digitaler Arbeit geht (Rogl 2016; Piróth und Baker 2020; Zwischenberger 2022a). Gerade auf großen Online-Übersetzungsplattformen, wo - wie auch in anderen Formen digitaler Medienproduktion im Web 2.0 - Arbeit und Spiel für die Nutzer: innen zuneh‐ mend verschwimmen (vgl. Gamification; O’Hagan 2012b: -137; Rogl 2016), wird unbezahlte Arbeit von Plattformbetreiber: innen oft bewusst nach dem Muster einer spielerischen Tätigkeit gestaltet und als solche präsentiert. Immerhin ist es sehr viel wahrscheinlicher, dass Übersetzer: innen keine Ansprüche auf eine Entlohnung oder etwaige Verwertungsrechte für die produzierten Übersetzun‐ gen erheben, wenn sie ihre Aktivitäten nicht mehr als ‚wertschaffende Arbeit‘ sondern als eine ‚Social-Media-Spielerei‘ wahrnehmen (Rogl 2016: 130 ff.). Während etwa Olohan (2017b) oder Baumgarten und Cornellà-Detrell (2017) die Kritische Theorie der Technik und verwandte Zugänge eher programmatisch diskutieren, um dabei neue Fragestellungen für die Translationswissenschaft zu entwickeln - oder den Ansatz nutzen, um globale technokapitalistische Machtstrukturen, in die Translation und Techniken eingebettet sind, theoretisch beschreibbar zu machen -, gibt es auch einige wenige empirische Fallstudien, die diesen Ansatz nutzen. So hat O’Hagan (2015) etwa untersucht, wie eine Konzeptualisierung von lokalisierten Videospielen auf der Basis der Kritischen Theorie der Technik dabei helfen kann, „formal bias in software design itself“ (ibid.: 765) offenzulegen. Die Kritische Theorie der Technologie nimmt aber bewusst keinen aus‐ schließlich deskriptiven Standpunkt ein, sondern versucht auch normative, emanzipatorische Perspektiven zu entwickeln. Man beschäftigt sich daher auch mit der Frage, wie Technologie so gestaltet sein kann, dass diese gesellschaftlich gerechter und demokratischer sein kann. In ihrer Studie zu ‚Massive Open Translation‘ hat etwa O’Hagan (2016) untersucht, ob bzw. wie mit offener Software und partizipativer nutzer: innengenerierter Übersetzung (z. B. auf Wikipedia) gerechtere Modelle des Übersetzens möglich sind und Widerstand gegen technische Dominanz geleistet werden kann. Ein ähnliches Interesse für die Implikationen spezifischer soziotechnischer Organisationsformen - in diesem Fall im Bereich des Fansubbings - hegt Li (2015). Sie beschäftigt sich dabei insbesondere mit Fragen der sozialen Dynamik in selbstorganisierten Fansubbing-Communities und untersucht, wie diese über längere Zeit bestehen, welche sozialen Hierarchisierungsprozesse beobachtbar sind und wie die Grup‐ pen sich dabei an äußere Bedingungen anpassen (vgl. Kap.-2.3). 128 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="129"?> 3.2.6 Anknüpfungspunkte für diese Untersuchung Aus der oben vorgestellten translationswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Rolle von Techniken in der translatorischen Praxis lassen sich einige Forschungsdesiderata ableiten, die hier aufgegriffen werden sollen: 1. Anders als ein großer Teil der bisherigen Forschungsarbeiten zu Transla‐ tion und Technik wird in dieser Untersuchung der Fokus auf Technologien im Bereich der außerberuflichen Translation gelegt. Dabei wird insbe‐ sondere der Frage nach der sozialen Rolle von Plattforminfrastrukturen nachgegangen. Immerhin können diese für große Übersetzer: innen-Com‐ munities weitaus mehr sein als bloße Übersetzungsumgebungen oder Auftragsplattformen. 2. Gleichzeitig soll hier eine Perspektive eingenommen werden, die keine deterministischen Schlüsse zieht oder ohne empirische Grundlage Makro‐ folgen von Technik formuliert. Dies soll durch einen mikrosoziologischen Zugang gelingen, der Technisches und Soziales nicht künstlich trennt, sondern als komplexes Gefüge versteht. 3. Zur Konzeptualisierung der untersuchten soziotechnischen Praxen wird auf ein techniksoziologisches Forschungsprogramm zurückgegriffen, das auch der sozialen, medialen und symbolischen Bedeutung von Artefakten gerecht werden kann. Der Zugang ist offen gegenüber der Möglichkeit menschlicher wie auch nicht-menschlicher Agency und stützt sich auf ein Modell verteilten Handelns in komplexen soziotechnischen Konstellatio‐ nen. 4. Soweit die erhobenen Daten es ermöglichen, wird hier unterschiedlichen Formen des Umgangs mit Techniken Rechnung getragen und neben der Nutzung von Techniken auch deren Entwicklung, Bedeutungen, und das Mithandeln von Techniken (also Fragen der technischen Agency) berück‐ sichtigt. 5. Der gewählte Zugang ist mikrosoziologisch: Er erlaubt also eine detaillierte Analyse von Softwareartefakten und deren Wirkungen im untersuchten soziotechnischen Gefüge. 6. Anders als in zahlreichen bisherigen Studien zu Technologien in der Trans‐ lationspraxis werden die soziotechnischen Praxen hier in situ untersucht - eingebettet in konkrete situative Zusammenhänge am tatsächlichen ‚Ort‘ des Geschehens. Praxen und Techniken werden als untrennbar miteinander verbunden verstanden. Zusätzlich zu den Situationen und Kontexten des Umgangs mit Techniken wird auch versucht, der zeitlichen 3.2 Soziotechnische Perspektiven in der Translationswissenschaft 129 <?page no="130"?> 44 Rammert und Schubert (2006a: 11) bezeichnen die Technografie zugleich als „metho‐ dologische[n] Pfad“, „theoretische Perspektive“ und „Forschungsprogramm“. Entwicklungsperspektive über einen größeren Zeitraum hinweg Rechnung zu tragen. 7. Fragen der Macht, wie sie oben in Bezug auf die Kritische Theorie der Technik besprochen wurden, fließen in dieser Studie unter einem anderen Blickwinkel ein. Die Technografie berücksichtigt sehr wohl die gestaltende und damit potenziell politische Wirkung von Technologien und die in sie eingeschriebenen Vorstellungen. Im Rahmen dieser Studie wird es aber nicht möglich sein, diese Wirkungsweisen in den größeren Rahmen von von außen einwirkenden Machtstrukturen einzubetten. Diese Frage‐ stellung könnte jedoch für künftige Studien interessant sein. Dabei wird allerdings zu eruieren sein, wie trotz einer solchen Makroperspektive technikdeterministische Sichtweisen vermieden werden können. 3.3 Technografie Als theoretische Grundlage für die Konzeptualisierung der Verwobenheit so‐ zialer und technischer Prozesse auf Translaville wird in dieser Untersuchung das Forschungsprogramm der Technografie herangezogen. Mit der Techno‐ grafie wurde rund um Werner Rammert (vgl. z. B. Braun-Thürmann 2006; Rammert 2006, 2007; Rammert und Schubert 2006a, 2006b; Schulz-Schaeffer und Rammert 2019) ein mikrosoziologisches Forschungsprogramm 44 entwickelt, das „versucht, eine Kultur so zu rekonstruieren, dass die Wechselwirkungen zwischen den Praktiken, Regeln und Symbolen und den technischen Artefakten sichtbar [werden]“ (Braun-Thürmann 2006: 215). Wesentlich für technografi‐ sche Studien ist, dass sie „Technik in Aktion“ (Rammert 2007: 16; vgl. auch Rammert 2006) untersuchen. Damit ist zunächst ein besonderer Fokus auf die empirische Untersuchung von Praxen in konkreten Situationen gemeint (Rammert 2007: 15). Darüber hinaus versteht Rammert (2007: 16) darunter die verstärkte Einbeziehung jener Aktivitäten, die von Techniken selbst ausgehen. Untersucht wird also nicht bloß die Konstruktion von Techniken oder das Handeln mit Technik, sondern auch das Mithandeln von Technik (vgl. Kap. 3.1.2 bis 3.1.4). Gegenstand von Technografien sind dabei häufig „gemischte Konstellationen, in denen Techniken mal mehr oder weniger mithandeln und in denen Handeln mal mehr oder weniger technisiert sein kann“ (Rammert 2007: 11). Als Beispiel liefert Rammert (2007: 2) so unterschiedliche Techniken wie etwa „Werkzeuge 130 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="131"?> und einfache Maschinen“, „Automaten“, „Infrastruktursysteme“, „Maschinen der Verarbeitung von Materie und Information“, „Medien der Speicherung und Kommunikation“, bis hin zu grundlegenden „Rechentechniken“ oder „Simulati‐ ons- und Auswertungsverfahren“. Technik kann also zugleich Objekt, Praxis, Prozess oder eine hybride Konstellation sein (zum Technikbegriff der Techno‐ grafie, siehe Kap. 3.3.3). Die Technografie versteht man dabei als ein Werkzeug zur „empirische[n] Rekonstruktion jener sozialen Ordnung, die maßgeblich durch Technologien (mit-)hergestellt wird“ (Braun-Thürmann 2006: -200). Die Technografie ermöglicht die Konzeptualisierung und Untersuchung von 1. verschiedensten Arten von Techniken und technischen Gefügen, 2. von Praxisformen für den Umgang mit diesen Techniken (Rammert 2007: 2) sowie 3. insbesondere von jenen Instanzen, bei denen menschliche Handlungen durch Aktivitäten von Techniken übernommen werden; wo die Handlun‐ gen von Techniken auf unterschiedliche Art und Weise die Handlungen anderer beeinflussen (sei es nun störend, stützend, verändernd etc.); oder, wo Handeln auf viele Instanzen - also verschiedene Handlungsträger: in‐ nen, Handlungsakte und Handlungsmedien - verteilt ist (ibid.). Entsprechend rücken in dieser Studie eine ganze Reihe unterschiedlicher Tech‐ niken, Praxisformen und soziotechnischer Interaktionen ins Zentrum der Auf‐ merksamkeit. Translaville kann als ein Verbund verschiedenster Technologien, Verfahren oder Medien verstanden werden. Die Plattform ist zugleich ein Kom‐ munikationsmedium, ein Medium zur Selbstpräsentation, ein Speicherort, eine Schnittstelle für technikvermittelte Übersetzungsprozesse, eine Veröffentlich‐ ungsmöglichkeit, uvm. Die verschiedenen auf Translaville realisierten Praxen (das gemeinschaftliche Übersetzen, die verschiedenen Formen des sozialen Austauschs und der Interaktion unter den Mitgliedern der Plattform) erfolgen zu unterschiedlichen Graden technikgestützt, -vermittelt, -geformt oder auch von Technik behindert. Hier wird davon ausgegangen, dass ‚das Technische‘ und ‚das Soziale‘ analytisch nicht trennbar sind. Das kommunikative und übersetze‐ rische Handeln ist auf Translaville auf viele menschliche und nicht-menschliche Handlungsträger: innen verteilt. Für die Zwecke dieser Studie wird die unter‐ suchte Übersetzer: innen-Community daher als ein komplexes soziotechnisches Gefüge (Häußling 2019: 450 f.) begriffen. 3.3 Technografie 131 <?page no="132"?> 3.3.1 Zentrale Einflüsse Die Technografie knüpft an die zentralen Erkenntnisse der techniksoziologi‐ schen Forschung an, für die Kapitel 3.1 einen Überblick liefert. Zur theoretischen und methodischen Fundierung des Forschungsprogramms baut man außerdem auf die ‚Workplace Studies‘ (Knoblauch und Heath 1999, 2006; Heath et al. 2000; Luff et al. 2000) und die Laborstudien auf (vgl. z. B. Latour und Woolgar 1986; Knorr-Cetina 1995; für eine aktuelle Übersicht siehe Amelang 2012). Gemeinsam haben diese beiden Zugänge, dass sie „die Aufmerksamkeit auf die kulturgene‐ tische Kraft von technischen Artefakten“ (Braun-Thürmann 2006: -200) richten. Die Forschungsbereiche der Workplace Studies sowie der Laborstudien und ihre Relevanz für den in dieser Untersuchung verfolgten theoretischen Zugang werden in den nächsten Abschnitten eingehender betrachtet. Zentral für die Technografie sind überdies ein aus der Distributed Cognition (E. Hutchins 1995a, 1995b, 2001, 2006) adaptiertes Konzept verteilten Handelns sowie ein Verständnis von Techniken als Teil sozialen Handelns. Das heißt, sie werden einerseits als (1) Elemente, „die aktiv als Agenturen am Handeln beteiligt sind“ verstanden; sowie andererseits (2) als „technisierte Teilform sozialen Handelns selbst“ (Rammert 2007: 11). Die Technografie unterscheidet sich von anderen symmetrischen Zugängen zu soziotechnischen Gefügen (darunter wohl am prominentesten die Akteur-Netzwerk-Theorie; vgl. Kap. 3.1.4) wesentlich darin, wie sie Handeln und Handlungsträgerschaft konzeptualisiert. Nach einem Überblick über zentrale Einflüsse aus den Workplace Studies und Laborstudien widmet sich dieses Kapitel daher einer detaillierten Darstellung der theoreti‐ schen Annahmen der Technografie (unter besonderer Berücksichtigung von deren Technik- und Handlungsbegriff) sowie der methodischen Konsequenzen, die sich aus diesem Zugang ergeben. 3.3.1.1 Mensch-Technik-Beziehungen im alltäglich-praktischen Vollzug: Der Einfluss der Workplace Studies Ähnlich wie etwa die Arbeits- und Industriesoziologie, die Ergonomie oder verschiedene ingenieurswissenschaftliche Disziplinen interessieren sich die Workplace Studies für das Aufeinandertreffen von Mensch und Maschine (Ram‐ mert 2007: 12). Theoretisch-methodischer Anknüpfungspunkt dafür sind insbe‐ sondere ethnomethodologische Zugänge (vgl. z. B. Eberle 2007; Pollner und Emerson 2007; Rouncefield und Tolmie 2011). Vor Entstehung der Workplace Studies wurden Arbeitsbedingungen und soziale Interaktionen oft nur metho‐ disch getrennt voneinander untersucht (etwa in arbeitssoziologischen Studien), während man die Datenerhebung, wie Rammert (2007: 12) kritisiert, entweder 132 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="133"?> „rudimentär über Arbeitsplatzbeschreibungen oder im besten Fall über kurze und schematisierte Arbeitsplatzbeobachtungen“ realisierte. Methodisch zu kurz griffen aber auch jene Forschungsbereiche, die sich als „Human-Factor-For‐ schung“ bezeichnen. Entsprechende Studien setzten primär auf quantitative Fragebögen oder experimentelle Forschung (Rammert 2007: 12), geleitet von der Vorstellung, „individuelle und soziale Fähigkeiten seien unabhängig von den Anwendungskontexten messbar“ (Knoblauch und Heath 2006: -143). Im Gegensatz dazu verstehen sich die Workplace Studies als Forschungspro‐ gramm zur Untersuchung alle[r] in einer Arbeitssituation vorfindlichen Praktiken in ihrer unzertrennlichen Verbindung von technischem Tun, koordinierendem Handeln und kommunikativen Interaktionen und in ihren konkreten zeitlichen und räumlichen Vollzügen. (Rammert 2007: -12) Insbesondere setzte man sich dabei mit Fragen der Kooperation und der ge‐ meinschaftlichen Arbeit in komplexen organisatorischen Zusammenhängen auseinander, wobei ein besonderes Augenmerk auf die technischen Hilfsmittel und Verfahren gelegt wurde, die mit den untersuchten Arbeits- und Kommuni‐ kationspraxen verbunden sind (Knoblauch und Heath 2006: -145). Wesentlich beeinflusst wurden die Workplace Studies vom Konzept des ‚si‐ tuierten Handelns‘ (‚situated action‘), das ursprünglich von der Anthropologin Lucy Suchman (1987) geprägt wurde. In ihrer Forschung konnte sie zeigen, dass sich menschliches Handeln nicht unweigerlich zielgerichtet, planmäßig und rational gestaltet, wie dies etwa von Vertreter: innen der Human-Computer-In‐ teraction oder der Künstlichen-Intelligenz-Forschung angenommen wurde (Knoblauch und Heath 2006: 144). Vielmehr lenkte Suchmans Forschung die Aufmerksamkeit stärker auf „die Bedeutung des unmittelbaren Kontextes, der Handlungen in ihrem praktischen Vollzug zu einer fortwährenden Anpassung an situative Kontingenzen zwingt“ (Knoblauch und Heath 2006: 144). Erforscht man Techniknutzung unter diesem Blickwinkel, wie etwa die Workplace Studies und später auch die Technografie, so heißt dies somit auch, dass diese nur umfassend erklärt werden kann, wenn berücksichtigt wird, wie Techniken in konkrete Situationen des Alltags eingebettet sind: „Der Sinn und Zweck von Technologien wird bestimmt von der Art, wie mit ihnen situativ umgegangen wird“ (Knoblauch und Heath 2006: -145). Methodisch brauchte es dazu ethnografische Langzeitbeobachtungen und ein spezialisiertes Aufzeichnungssystem für Beobachtungsdaten hoher Granularität (Rammert 2007: 12). Durch Beobachtungen im Feld oder Videografien vor Ort entstanden dabei detaillierte Beschreibungen von Situationen, bei denen 3.3 Technografie 133 <?page no="134"?> versucht wurde, „die Aktivitäten der Körper und die Abläufe zwischen allen Einheiten im realen Arbeitsalltag“ aufzuzeichnen, „nicht nur in den Köpfen der Arbeitenden und in den künstlichen Räumen des Experimentallabors“ (Rammert 2007: -12). Wesentliche theoretische Erkenntnisse der Workplace Studies betreffen etwa ein Neudenken des Konzepts der Arbeit. Statt Arbeit auf ein bloßes „Ausführen vorgeschriebener Tätigkeiten“ (Rammert 2007: 13) zu reduzieren, zeigte der ethnografische bzw. ethnomethodologische Zugang, dass Arbeit „durch Prakti‐ ken situativen Handelns immer wieder konkret und in Abstimmung mit anderen konstituiert wird“ (ibid.). Diese Erkenntnis hat auch den Blick auf technische Hilfsmittel und Verfahren verändert. Diese entpuppten sich als untrennbar mit den konkreten Arbeitspraxen und dem situativen Anwendungskontext verbunden. Der Fokus lag somit weniger auf der „Form und Funktion“ (Rammert 2007: 13) von Techniken, sondern stärker auf deren ‚Performanz‘ in einer bestimmten Verwendungssituation (ibid.). Auf dieses Technikverständnis deutet auch der Titel einer zentralen Publikation der Workplace Studies - „Technology in Action“ (Heath und Luff 2000) - hin: Technologie ist für Heath und Luff hier ein wesentlicher Teil sozialer Praxen und wird damit auch zu einem zentralen Gegenstand ihrer Studien: Social interaction - talk, visual and material conduct - forms a particular focus of many of these studies, as they address the ways in which participants collaborate in and through the tools and artefacts which are readily available to hand. (Heath und Luff 2000: x) Diese Vorstellung von Technik als soziale Praxis, so erklärt Rammert (2007: 12 f.), entspreche der in der sozialkonstruktivistischen Forschung erarbeiteten Kon‐ zeptualisierung von Techniken. Allerdings unterscheiden die Workplace Studies sich etwa von Studien im Rahmen der ‚Social Construction of Technology‘ (vgl. Kap. 3.1.2) durch den ethnografischen Zugang und die minutiöse Dokumenta‐ tion konkreter Situationszusammenhänge (Knoblauch und Heath 2006: 151). Der Technikbegriff der Workplace Studies umfasst dabei die Annahme von der „Konstitution von Techniken im Gebrauch“ (Rammert 2007: 12), nicht aber eine Konzeptualisierung von Technik als Entität mit eigener Handlungsträgerschaft, wie dies später von Vertreter: innen der Akteur-Netzwerk-Theorie postuliert wurde und in veränderter Form auch von den Entwickler: innen der Technogra‐ fie angenommen wird (vgl. dazu Kap.-3.1.4). Wie Rammert (2007: 13) beschreibt, ist dennoch auch in den Workplace Studies mit der Zeit eine verstärkte Auseinandersetzung mit der Debatte rund um die Verwobenheit technischer und sozialer Wirkungsgrößen spürbar. 134 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="135"?> Zunächst etwa, indem zunehmend die Rede von hybriden Konstellationen wie „human-machine reconfigurations“ (Suchman 2007) oder „socio-material relations“ oder „arrangements“ (Suchman et al. 2002) ist. Schließlich deuten jedoch auch die Fragen, die man stellt, auf eine verstärkte Rezeption von Schriften aus dem Umfeld der Akteur-Netzwerk-Theorie hin. In der Translationswissenschaft hat man sich Phänomenen translatorischer Arbeit empirisch bislang kaum unter explizitem Bezug auf die theoretischen Grundlagen der Workplace Studies genähert. Allerdings fand gerade Suchmans (1987, 2007) Arbeit - die die Workplace Studies grundlegend beeinflusste - Einzug in die soziokognitive Übersetzungsprozessforschung, und zwar ins‐ besondere in Verknüpfung mit der theoretischen Perspektive der Situated Cognition (Risku 2002, 2016; Risku und Rogl 2021). Einen Überblick über die Forschungsagenda der Workplace Studies aus translationswissenschaftlicher Sicht und mögliche Forschungs- und Entwicklungsperspektiven liefern Risku et al. (2020). Allerdings gibt es bislang kaum empirische Umsetzungen mit stärkerem Bezug auf die theoretischen Prinzipien der Workplace Studies. Die Technografie, die als theoretische Basis für diese Untersuchung heran‐ gezogen wurde, knüpft wesentlich an eine Reihe von Schwerpunkten der Workplace Studies an. Auch sie verpflichtet sich der empirischen Annäherung an Praxen durch intensive Beobachtungen und dichte Beschreibungen (Ram‐ mert 2007: 13) und strebt eine Aufzeichnung „möglichst vieler Details von Dingen, Deutungen und Aktivitäten“ (ibid.: 11) an. Anders als die Workplace Studies versucht die Technografie Techniken jedoch nicht primär über die beobachteten sozialen Praxen zu erklären, sondern nimmt die Techniken an sich noch stärker in den Blick - und zwar, indem sie „die Fülle der verfolgbaren Ein‐ schreibungen in technische Trägermedien“ (ibid.) zu ergründen versucht (vgl. dazu Kap. 3.3.2.3). Schließlich unterscheiden sich Workplace Studies und Tech‐ nografie darin, wie sie Fragen der Handlungsträgerschaft beurteilen: Anders als die Workplace Studies räumt das theoretische Programm der Technografie mit seinem Konzept des gradualisierten und verteilten Handelns (vgl. Kap. 3.3.3.1 und 3.3.2.4) auch nicht-menschlichen Elementen soziotechnischer Gefüge (un‐ terschiedliche Abstufungen eines) Akteursstatus ein (Rammert 2007: -13). 3.3.1.2 Nicht-menschliche Handlungsbeteiligung: Der Einfluss der Laborstudien Wesentlich beeinflusst wurde das Forschungsprogramm der Technografie dar‐ über hinaus von den Laborstudien sowie von neueren theoretischen Entwick‐ lungen aus den Science and Technology Studies. Der Begriff ‚Laborstudien‘ 3.3 Technografie 135 <?page no="136"?> mag aus translationswissenschaftlicher Sicht auf den ersten Blick missver‐ ständlich sein. Immerhin meint ‚Laborforschung‘ in unserer Disziplin meist experimentelle Forschung, die in einem Forschungslabor entsteht. Im Gegensatz dazu geht es bei den Laborstudien der Wissenschafts- und Techniksoziologie jedoch nicht um einen methodischen Laborbezug, sondern um den gewählten Forschungsgegenstand. Ziel dieses Zugangs ist es, Einblick darin zu erhalten, wie gerade an solchen Forschungsstätten - in Laboren - in situ und in der Praxis („mit Händen, Werkzeugen und Maschinen“ Rammert 2007: 13) Wissen bzw. Artefakte hergestellt und vor allem auch sozial konstruiert werden. Man versuchte - wie Latour und Woolgar (1986: 259) es ausdrücken -, die „Blackbox“ naturwissenschaftlicher Labore zu öffnen, also wissenschaftliche Erkenntnisse bzw. Artefakte in ihren konkreten Entstehungs- und Konstrukti‐ onsprozessen nachvollziehbar zu machen. Anders als in einem Großteil der bisherigen Studien der Wissenschaftsforschung untersuchte man also nunmehr „not only the surrounding institutional circumstances of scientific work but the ‘hard core’ itself: its technical content and the production of knowledge“ (Knorr-Cetina 1995: -140). Dabei ging es den Forscher: innen darum, soziale Prozesse nicht mehr primär als ‚Störfaktor‘ in der naturwissenschaftlichen Erkenntnisfindung herauszu‐ stellen, sondern zu zeigen, dass die im Labor ablaufenden sozialen Prozesse unabdinglich für die Wissensproduktion sind: Jenseits von Bewunderung einerseits und Polemik andererseits wird [durch die Laborstudien] einsehbar gemacht, wie der kognitive Sonderstatus dieses [naturwis‐ senschaftlichen] Wissens durch ganz spezifische soziale Praktiken hergestellt wird. Es wird dargelegt, wie das Soziale naturwissenschaftliche Wahrheit nicht verzerrt, sondern erst ermöglicht. (Braun-Thürmann 2006: -212) Zentrale erste Werke entstanden auf der Basis umfassender ethnografischer Studien aus den 1970er- und frühen 1980er-Jahren, darunter insbesondere die Arbeiten von Knorr-Cetina (1981), Lynch (1985), Latour und Woolgar (1986) sowie von Traweek (1988). So verschieden diese ersten bahnbrechenden Veröffentlichungen auch waren - etwa in ihrer disziplinären Ausrichtung (z. B. Wissenschaftssoziologie, Anthropologie, Ethnomethodologie), ihren Fra‐ gestellungen und Forschungsinteressen sowie hinsichtlich der untersuchten Teilbereiche naturwissenschaftlicher Forschung und Entwicklung -, so lassen sich in ihnen dennoch eine Reihe von Gemeinsamkeiten identifizieren, die später als wesentlich für das gesehen werden sollten, was heute als laborkonst‐ ruktivistischer Ansatz bezeichnet wird. Amelang (2012: 148) nennt in diesem Zusammenhang drei wesentliche Punkte: 136 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="137"?> 1. Die laborkonstruktivistischen Studien legen den Fokus auf Forschungsla‐ bore als den Ort zur Erforschung der Konstruktion naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und Artefakte; 2. sie setzen ethnografische Methoden ein, um Praxen der Wissensproduktion vor Ort, also „an ihrem ‚natürlichen‘ Schauplatz“ (Amelang 2012: 148) zu beobachten; 3. und sie legen nicht zuletzt besonderen Wert auf ausgesprochen detailreiche Beschreibungen situierter Prozesse der Wissensproduktion. Die in Kapitel 3.1.2 vorgestellten Zugänge zur Erforschung der Technikent‐ wicklung, wie etwa die ‚Social Construction of Technology‘ (SCOT), lassen sich vom laborkonstruktivistischen Ansatz dadurch unterscheiden, dass die Studien im Umfeld der SCOT bevorzugt eine breitere historische Perspektive auf den Gesamtentwicklungsprozess bestimmter Technologien einnehmen. Im Gegensatz dazu legen die Laborstudien den Fokus auf die Wirkungsweisen von technischen Hilfsmitteln und Instrumenten im wissenschaftlichen Erkenntnis‐ prozess, welcher in ethnografischen (Langzeit-)Studien direkt vor Ort - im konkreten Entstehungskontext naturwissenschaftlichen Wissens - untersucht wird (Amelang 2012: 150). Gemeinsam haben die beiden Ansätze jedoch, dass sie sich der sozialen Konstruktion (oder auch „fabrication“, vgl. Knorr-Cetina 1981) naturwissenschaftlichen Wissens bzw. dem sozialen Konstruktionsprozess von Artefakten widmen und an die untersuchten Phänomene einen konstruktivis‐ tischen Erklärungsansatz anlegen. Wie die SCOT lehnt es auch die Laborfor‐ schung ab, wissenschaftliche Neuerungen jeweils entweder durch technische Neuerungen oder durch soziale Einflussgrößen zu erklären. Vielmehr versuchte man, die beiden Faktoren in einem gemeinsamen Rahmen zu berücksichtigen (Amelang 2012: -149). Ethnografische Forschung an den tatsächlichen Orten, an denen naturwis‐ senschaftliches Wissen produziert wird, zeigte sehr bald, dass dieses Wissen keinesfalls „nur mit logisch und empirisch wahren Sätzen und objektiven Naturtatsachen zu tun“ hatte (Rammert 2007: 14). Vielmehr stellte sich heraus, dass die Art und Weise, wie man diese ‚harten naturwissenschaftlichen Fakten‘ miteinander in Bezug brachte, wesentlich davon beeinflusst war, welche „Er‐ zeugungs-, Mess- und Aufzeichnungsapparaturen“ (ibid.) zu welchem Grad und wie eingesetzt wurden und welche Repräsentation von Wissen diese abbilden konnten (vgl. in diesem Zusammenhang auch den einflussreichen Begriff der „inscription devices“, Latour und Woolgar 1986). Ein zentraler Beitrag der Laborstudien besteht somit darin, die Beteiligung von Techniken an der Produktion wissenschaftlichen Wissens zu verdeutlichen: 3.3 Technografie 137 <?page no="138"?> Die Techniken des Labors […] sind nicht nur einfache Mittel, eine objektiv gegebene Natur sichtbar zu machen, sondern sie sind aktive Mittler, die auch an der Herstellung der Naturtatsachen beteiligt sind. (Rammert 2007: -15) Eine spannende Anwendungsmöglichkeit des laborkonstruktivistischen Zu‐ gangs in unserer Disziplin könnte etwa eine Untersuchung der Entstehung translationswissenschaftlichen Wissens in den Laboren der Translationspro‐ zessforschung sein. So ließe sich untersuchen, inwieweit Techniken wie etwa Eye-Tracking, neurologische Bildgebungsverfahren oder Bildschirmaufzeich‐ nungen auch hier als ‚inscription devices‘ fungieren und auf die in diesen Verfahren entstehenden Repräsentationen von Wissen einwirken. Ein Blick in das Innere von Laboren ermöglichte allerdings nicht nur Aussagen über die im Forschungsprozess eingesetzten Artefakte und deren Wirkungsweisen. Vielfach widmete man sich auch der Erforschung von Kon‐ struktionslaboren und legte dabei zuvor gewonnene Erkenntnisse aus Studien zur Konstruktion von Wissen auf die soziale Konstruktion von technischen Ob‐ jekten um. So konnte etwa Woolgar (1991) zeigen, wie während der Entwicklung eines solchen Objekts (und im Zuge der damit einhergehenden ‚Usability‘-Tests) verschiedenste Vorstellungen der Entwickler: innen in das Design einfließen, wodurch gleichzeitig ‚mitkonfiguriert‘ (vgl. z. B. Woolgar 1991: 59) wird, wer die Nutzer: innen sein sollen und welche Grenzen ihren Nutzungsmöglichkeiten gesetzt werden. Die Aussagekraft der Laborstudien bezieht sich also nicht aus‐ schließlich auf den Herstellungskontext von Wissen und technischen Objekten. Vielmehr lassen sich auch wesentliche Auswirkungen auf den Nutzungskontext ableiten. Zentral für die Technografie und damit auch diese Studie sind die Er‐ kenntnisse der Laborstudien deshalb, weil Vertreter: innen dieses Ansatzes erstmals Studien an jenen besonderen Orten durchgeführt haben, an denen viele technische Objekte entwickelt, hergestellt, getestet und verändert wer‐ den (Braun-Thürmann 2006: 212). Daran anknüpfend nimmt man sich in der Technografie vor, „die praktische Herstellung und Installation technosozialer Ordnungen in strategisch relevanten Situationen“ (Rammert und Schubert 2006a: -13) nachzuzeichnen. Darüber hinaus konnten laborkonstruktivistische Arbeiten zeigen, wie stark technische Objekte am wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnungspro‐ zess ‚handlungsbeteiligt‘ sind - auch, wenn die Verwobenheit menschlicher und maschineller Handlungsträgerschaft („soziotechnische Interaktivitäten“, 138 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="139"?> 45 Bekanntlich hat jedoch Bruno Latour das Thema später wieder aufgegriffen und im Rahmen der Akteur-Netzwerk-Theorie (vgl. Kap.-3.1.4) auf neuartige Weise konzeptu‐ alisiert. Braun-Thürmann 2006: 212) zunächst kein expliziter theoretischer Schwerpunkt der Laborforschung war (Braun-Thürmann 2006: -212). 45 Ebenfalls prominentes Thema wurde die Handlungsträgerschaft von tech‐ nischen Objekten in den Arbeiten von Andrew Pickering (vgl. insbesondere 1995), die Rammert (2007: 14) an der Schnittstelle von Laborstudien und Wis‐ senschaftsgeschichte verortet. In der Wissenschaftsgeschichte schenkte man neben Fragen der Theoriegeschichte oder der institutionellen Rahmung von Wissenschaft auch bestimmten Experimentalverfahren bzw. Artefakten zur Durchführung von Experimenten besondere Aufmerksamkeit („Experimental‐ kulturen“, Rammert 2007: 14). Techniken, so merkte man dabei, entfalteten in den untersuchten Kontexten „eine starke mitprägende Kraft“ (Rammert 2007: 14). Pickering (1995) formulierte daraus den einflussreichen Begriff der „material agency“, also der Handlungsträgerschaft von technischen Objekten, der in Kapitel 3.2.4 bereits aufgegriffen wurde. Mit seinem prominenten Konzept der ‚mangle of practice‘ (Pickering 1995: 21) beschreibt er das Ineinandergreifen menschlicher und maschineller Agency als ein ständiges Wechselspiel zwischen einerseits materieller Widerständigkeit und andererseits menschlicher Reaktion auf diese Widerständigkeit, die etwa in Form von Anpassung oder Nachjustieren erfolgen kann. Dieses Spannungsfeld bezeichnet Pickering (1995: 22) auch als „dance of agency“. Auch die Intentionen menschlicher Akteur: innen können für Pickering (ibid.: 21) in der ‚mangle of practice‘ - also im praktischen Tun von Menschen und Dingen - neugeformt werden. In der Translationswissenschaft wurde das Konzept des „dance of agency“ erstmals von Olohan (2011) sowie Ruokonen und Koskinen (2017) angewandt (siehe Kap.-3.2.4). Pickering (1995: 53 f.) versteht unter nicht-menschlicher Handlungsbeteili‐ gung also weitaus mehr als nur eine passive Wirksamkeit. Anders als in der Akteur-Netzwerk-Theorie macht er jedoch einen Unterschied zwischen menschlichem und nicht-menschlichem Handeln, etwa im Zusammenhang mit menschlichen Handlungszielen und -absichten. Die Idee vom Wechselspiel zwischen menschlicher und nicht-menschlicher Handlungsträgerschaft wurde auch im Forschungsprogramm der Technografie übernommen. Allerdings ent‐ wickelte man dort das Handlungskonzept von Pickering weiter in ein Konzept des verteilten Handelns, das menschliche und nicht-menschliche Aktivitäten als ‚ko-evolutionär‘ begreift (Rammert 2007: -14). Während in diesem und dem vorherigen Abschnitt die theoretischen Vor‐ läufer der Technografie dargestellt wurden, liefern die nächsten Kapitel eine 3.3 Technografie 139 <?page no="140"?> 46 Zu praxeologischen Perspektiven auf Translation siehe Kap. 3.2.3 sowie ausführlicher Olohan (2021). Übersicht über ihre theoretischen Schwerpunkte. Die folgenden Abschnitte sollen zunächst illustrieren, auf welchen Untersuchungsebenen technografische Studien versuchen, Aussagen zu treffen. Darüber hinaus soll ein analytisches Vokabular zur Verfügung gestellt werden, mit dem die Praxen, Techniken und Vorstellungen in den in dieser Studie beobachteten Kontexten beschreibbar gemacht werden. 3.3.2 Praxen Der zentrale Fokus in Technografien liegt auf der Untersuchung von konkreten soziotechnischen Praxen (Schulz-Schaeffer und Rammert 2019: 55 ff.). Bislang untersuchte Beispiele für solche Praxen sind etwa der Umgang mit Techniken der Videoüberwachung (Rammert 2016: Kap. 8), Praxen der Selbstvermessung über Fitness-Apps oder Sportuhren (Strübing 2019), bis hin zum Einsatz von Artefakten in der katholischen Liturgie (Cress 2015). Seit den 1990er-Jahren besteht in der Technikforschung auch großes Interesse an der Erforschung zunehmend komplexer computervermittelter Praxen (Rammert 1990b) bzw. aktuell auch am Einsatz und der Nutzung von autonomen Systemen und sozialen Robotern (Rammert 2006; Böhle und Pfadenhauer 2014). Während etwa Carstensen (2015) in ihrer Studie Interaktionspraxen von Nutzer: innen mit dem Internet nachgegangen ist (nicht aber der Interaktion der Nutzer: innen unter‐ einander), widmet sich diese Untersuchung einerseits Praxen der Interaktion der Übersetzer: innen mit der untersuchten Online-Plattform, andererseits aber auch der virtuell vermittelten Interaktion zwischen den Community-Mitgliedern. Um solche Praxen zu konzeptualisieren, stützen Rammert und Kollegen sich auf eine Verknüpfung des Symmetrieprinzips der Akteur-Netzwerk-Theorie mit handlungs- und praxistheoretischen Überlegungen (Schulz-Schaeffer und Rammert 2019: 42). Wenn im Folgenden also wiederholt auf praxistheoretische Konzepte verwiesen wird, dann deshalb, weil für die Technografie der dort entwickelte Praxisbegriff übernommen wurde. Aus praxistheoretischer Sicht 46 werden Praxen etwa als „open-ended, spatial-temporal sets of organized doings and sayings“ (Schatzki 2019: 28) definiert. Unter ‚doings‘ versteht Schatzki (ibid.) das Ausüben von Handlungen - wobei hier sowohl Handlungsprozesse als auch Handlungssituationen Auf‐ merksamkeit geschenkt wird. ‚Sayings‘ bezeichnen hingegen Handlungen, bei denen etwas gesagt (oder auch geschrieben) wird (ibid.). In Betracht gezogen 140 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="141"?> wird dabei einerseits, wie Aussagen transportiert werden (also z. B. durch gesprochene Sprache, schriftliche Texte), andererseits aber auch, was mit diesen inhaltlich kommuniziert wird (Schatzki 2019: 28). Umgelegt auf den Gegenstand dieser Untersuchung bedeutet dies, dass für eine Erforschung von Übersetzen als soziotechnische Praxis nicht nur das übersetzerische Handeln als Prozess, oder das Geschehen in der Community als Bündel von Handlungssituationen, sondern auch die kommunikativen bzw. diskursiven Praxen in der Community (in Bezug auf deren Inhalt sowie deren technische Realisierung in Form von Online-Archiven) von Relevanz sind. So wie also Olohan (2011: 346) in ihrer Studie zu Fragen der menschlichen und technischen Agency bei der Nutzung von Translation Memories die von ihr erhobenen Anfragen von Übersetzer: innen in Support-Foren als integralen Bestandteil der untersuchten Praxen bezeich‐ net, können auch die Beiträge in den in dieser Studie analysierten Foren als „performative in their own right“ (Olohan 2011: 346) gesehen werden. Das bedeutet, „that they are part of practice, and that the writing of them can be viewed as performance“ (ibid.). 3.3.2.1 Praxen und Handeln in der Technografie Die meisten Technografien haben sich Praxen bislang unter dem Blickwinkel eines „Tun[s] und Machen[s] in bestimmten Situationen“ (Rammert 2007: 15) angenähert. Wie diese Formulierung zeigt, legt die von Rammert und Kollegen verfolgte Perspektive zunächst ein besonderes Augenmerk auf Fragen des Handelns. Für technografische Studien zentral ist dabei häufig die Frage, „wie Interaktionen unter Menschen und Interaktivitäten mit Dingen, Texten und Maschinen verbunden und verteilt sind“ (Rammert 2016: 67). Ein wichtiges An‐ wendungsbeispiel ist etwa Schuberts Studie (2006a, 2011) zum Ineinandergrei‐ fen menschlicher und maschineller Agency im hochtechnologisierten OP-Saal. Diese in der Technografie prominente Idee der Verteiltheit von Handeln geht auf das kognitionswissenschaftliche Konzept der Verteiltheit von Kognition von Edwin Hutchins (1995a, 1995b, 2006) zurück. Was Hutchins an den Beispielen der Mensch-Maschine-Koordination in einem Flugzeugcockpit sowie der Navi‐ gation eines großen Schiffs zeigen konnte, nämlich dass Kognitionen kollektiv verstanden werden können, und dass diese darüber hinaus auf ein komplexes Gefüge von Akteur: innen, Praxen und Objekten verteilt sind, inspirierte Ram‐ mert (vgl. z. B. 2006), dieses Konzept in ein Konzept ‚verteilten Handelns‘ umzuformulieren. Zentral für die Technografie ist dabei für Rammert (2006: 187) Hutchins’ Idee, 3.3 Technografie 141 <?page no="142"?> dass diese verteilten Aktivitäten keiner Planung, keiner hierarchischen Integration und keiner funktionalen Aufteilung bedürfen, sondern als naturwüchsiger Prozess der Koppelung, der Überlappung und der experimentellen Verbesserung von Routinen und Reflexionen entstehen und sich schrittweise zu einem funktionierenden Gesamt‐ system zusammenfügen und festigen. Für die Erarbeitung eines technografischen Analyseinstrumentariums ist dabei relevant, dass das von Rammert beschriebene Geflecht verteilten Handelns drei ineinandergreifende Formen der Verteiltheit von Handeln umfasst, nämlich die Verteiltheit auf (1) mehrere Handlungsakte, (2) auf mehrere Handlungsträger: in‐ nen sowie (3) „auf heterogene Handlungsträger“ - also neben Menschen auch physische Objekte und Zeichensysteme (Rammert 2016: 13; vgl. dazu insbeson‐ dere Kap. 3.3.2.3). Den Mehrwert dieses Konzepts sieht Rammert (2016: 166) darin, dass es Rückschlüsse auf „das Wechselspiel gegenseitiger Einwirkung, Delegation und Substitution“ in einem vielschichtigen Handlungskomplex er‐ laubt. Es ermöglicht eine neue Perspektive auf „verteilte Verantwortlichkeiten“ (Rammert 2016: 167) in soziotechnischen Gefügen und gewährt Einblick in die Frage, wie viel Handlungsspielraum den verschiedenen menschlichen oder maschinellen Akteur: innen jeweils eingeräumt wird: Inwieweit sind menschli‐ che Akteur: innen in einem soziotechnischen Gefüge überhaupt in der Lage, „spontane und selbstbestimmte Interventionen“ (ibid.) zu setzen? Als wie stabil erweisen sich soziotechnische Systeme unter verschiedenen (optimalen oder fehlerhaften) Bedingungen (Rammert 2006: 167)? All diese Fragen sind für diese Studie höchst relevant. Eine Untersuchung der Übersetzungspraxen in der aus‐ gewählten Online-Plattform als verteiltes Handeln kann wesentlich zu einem besseren Verständnis spezifischer Formen der Kooperation in großen virtuellen Übersetzer: innen-Netzwerken beitragen. Sie kann der Frage nachgehen, ob die übersetzerische Agency einzelner Mitglieder der untersuchten Community nicht vielleicht mancherorts auf bislang unsichtbare technische Widerstände stößt. Schließlich erscheint die Frage relevant, welcher Zusammenhang zwi‐ schen der speziellen Verteilung von Agency zwischen sozialen und technischen Handlungsträger: innen einerseits und dem spezifischen Community- und Über‐ setzungsverständnis der Mitglieder von Translaville andererseits besteht. Wie das Zitat zu Beginn dieses Abschnitts zeigt, wird im technografischen Verständnis von Praxen auch die situative Einbettung von Handeln als wesent‐ lich erachtet: Die Technografie betont dabei die Eingebundenheit von Praxen in dynamische, zeitlich offene Situationen. Wichtig sind also nicht nur die konkreten Praxen des Umgangs mit Techniken zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern auch die Prozesse des Herstellens, Implementierens, Aneignens und Weiterentwickelns über einen größeren Zeitraum hinweg (Rammert 2007: 18). 142 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="143"?> Die zeitliche Perspektive hat auch in dieser Studie große Relevanz. Sie erlaubt es, nachzuzeichnen, wie bestimmte Übersetzungspraxen und Vorstellungen vom Übersetzen sich mit der Zeit in der Community herausgebildet und etabliert haben - und ob manche Vorstellungen über die Jahre in technische Form überführt wurden und so eine gewisse Robustheit in der Community erlangt haben. 3.3.2.2 Praxen, Bedeutungen und Vorstellungen in der Technografie Wenn Rammert von Praxen spricht, so geht es oft insbesondere um die konkrete Handlungsebene (beobachtbarer Handlungen). Der Praxisbegiff, so wie ihn die Technografie aus der Praxistheorie übernommen hat, lässt aber natürlich auch Aussagen zu einer Reihe weiterer Aspekte zu, die für diese Untersuchung von zentraler Relevanz sind. Im ursprünglichen praxistheoretischen Verständnis umfasst der Praxisbegriff nicht nur das Handeln, sondern auch das Sprechen über bzw. im Zuge dieses Handelns (vgl. dazu den oben diskutierten Begriff der „sayings“ von Schatzki 2019: 28). Auch gibt es Praxen, die primär kommu‐ nikativer Natur sind. Wie Reckwitz (2003: 298) betont, sind „kommunikativ-zei‐ chenverwendende Praktiken“ wie etwa das Sprechen, Kommunizieren über Online-Foren oder Videotelefonieren auf einer Ebene mit „interobjektive[n] Praktiken“ (also dem Umgang mit Objekten) sowie „Techniken des Selbst“ (also Praxen, die dazu dienen, das eigene ‚Selbst‘ zu konstruieren) zu behandeln und analysieren. Das Sprechen und Kommunizieren über Handeln ist auf Translaville besonders präsent. Anders als die nicht direkt beobachtbaren Praxen des ‚physischen‘ Übersetzens der Community-Mitglieder vor ihren Computern sind ihre virtuellen Übersetzungs- und Community-Praxen durch ihre Vermittlung in Form von digitalen Interaktionen empirisch besonders gut nachvollziehbar. Die Praxistheorie trifft aber eben nicht nur Aussagen zur Ebene des Handelns oder Tuns, sondern auch dazu, wie diesen Praxen Sinn verliehen wird. Auch dieser Aspekt hat für diese Studie besondere Bedeutung. Jede Praxis erfordert auf Seiten des jeweiligen Handlungsträgers und innerhalb der jeweiligen Situa‐ tion eine sehr spezifische Art von Wissen (also „ein praktisches Wissen, ein Können im Sinne eines ‚know how‘ und eines praktischen Verstehens“, Reckwitz 2003: 292). Besonders betont wird dabei die Bedeutung impliziten Wissens rund um diese Praxen, aus dem Akteur: innen eine Art „Sinnwelt“ (ibid.) rund um jede Praxis konstruieren. Implizitem Wissen wird dabei eine größere Relevanz eingeräumt als Intentionen, Normen und symbolischen Schemata. Diese ver‐ steht man vielmehr als aus der jeweiligen impliziten Sinnwelt abgeleitete und 3.3 Technografie 143 <?page no="144"?> modifizierte Aspekte des Handelns (Reckwitz 2003: 291 f.). Vor jeder expliziten Vorstellung, jeder Absicht und Erwartung kommt also ein implizites Verständnis der Praxis. Im Vordergrund steht in diesem praxeologischen Begriffsverständnis somit die Idee von „einer ‚impliziten‘, ‚informellen‘ Logik des sozialen Lebens“ (ibid.: 290). Die Sinnkonstruktionen rund um Praxen ermöglichen erst, dass Menschen diese ausüben können. Wissen ist dabei etwas, das nicht als ein abstrakter Wissensspeicher einer Person konzeptualisiert wird, sondern als ein „Komplex aus regelmäßigen Verhaltensakten und praktischem Verstehen“ (Reckwitz 2003: -290). Auch in der Anwendung des Praxisbegriffs in der Technografie wird Wissen und Sinnzuschreibungen innerhalb von konkreten Situationen und Handlungen eine wesentliche Rolle eingeräumt. Dabei argumentiert man, ähnlich wie in der Praxistheorie, es seien nicht so sehr isolierte, individuelle Denk- und Zuschreibungsprozesse außerhalb der eigentlichen Handlung, durch die diese Handlungen für Menschen ihren Sinn erhalten. Vielmehr wird in technografi‐ schen Studien davon ausgegangen, dass sinnhaftes Handeln in erster Linie in der Interaktion mit anderen oder mit Objekten in den entsprechenden Situationen des Alltags konstruiert wird (Rammert 2016: xii f.). Man versucht dabei der Frage nachzugehen, wie im Zuge von Praxen (z. B. beim Entwurf eines neuen technischen Designs, beim Einsatz eines Werkzeugs etc.) technischen Objekten Sinn verliehen wird, oder umgekehrt verschiedene Bedeutungen mit einem konkreten ‚physischen Referenzpunkt‘ (z. B. in der Form eines konkreten technischen Objekts) verknüpft werden (Rammert 2016: 131). Ihre spezifische Bedeutung bekommen Handlungen dann, wenn es zu einer gewis‐ sen „Gerichtetheit, Wechselseitigkeit und Wiederholbarkeit von Aktivitäten“ kommt (Rammert 2016: xii f.). Daher versucht man in technografischen Studien auch nachzuzeichnen, wie und warum sich bestimmte individuelle Bedeutungen und Handlungssinne zeitlich oder räumlich verfestigen und zu kollektiven Bedeutungsmustern werden. Allerdings geht man davon aus, dass diesem Prozess immer eine gewisse „Widerständigkeit der Sachen“ (Rammert 2016: 131) entgegensteht: Diese „interveniert in Absichten und Konzepte dermaßen, dass sie - wie auch bei intervenierenden Aktionen menschlicher Akteure - diese beeinflussen und umlenken kann“ (ibid.). Gleich wie im Konzept der ‚Mangle of Practice‘ von Pickering (1995; vgl. dazu auch Kap. 3.2.4 und 3.3.1.2) geht man also von einem ständigen Wechselspiel zwischen menschlichem Planen, Deuten und Wünschen einerseits und der Materialität der physischen Welt andererseits aus (Rammert 2016: -131). Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass somit in technografischen Arbei‐ ten eine künstliche Trennung zwischen „einer kulturellen Welt der Sinnstiftung 144 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="145"?> und einer technischen Welt der blinden Regelbefolgung“ (Rammert 2016: 62) abgelehnt wird: Erwartungen und Wissensbeständen wird eine gleichberech‐ tigte Rolle in der Schaffung gesellschaftlicher Wirklichkeit eingeräumt wie technischen Objekten, Zeichensystemen, Natur und Körper (Rammert 2016: 47). Dass Rammert in seinen Arbeiten das beobachtbare Handeln oft besonders betont, kann als eine Reaktion auf das Gros der sozialkonstruktivistischen und kulturtheoretischen Arbeiten (vgl. Kap. 3.1.2 und 3.1.3) verstanden werden, die versuchen, soziotechnische Gefüge und Praxen ausschließlich auf der Basis sozialer Konstruktionen zu erklären (Rammert 2016: 131). In der Technografie versucht man nun eine Balance zwischen der Beschreibung des praktischen Um‐ gangs mit Techniken (Wie nutzen wir Techniken? Welche Aufgaben übertragen wir an sie? Inwieweit strukturiert die Materialität von technischen Objekten die Art und Weise, wie wir diese verwenden können? ) und dem deutenden Umgang mit ihnen (Welche sozialen Agenden werden in ein technisches Design ‚eingeschrieben‘? Welche Bedeutungen projizieren wir auf technische Objekte? Wie werden über technische Infrastrukturen Machtbeziehungen realisiert? ) zu finden (Rammert 2007: 15). Der Fokus liegt in dieser Untersuchung somit sowohl auf dem übersetzerischen und kommunikativen Handeln per se als auch auf intendierten und nicht-intendierten Routinen der Übersetzer: innen, ihren expli‐ ziten und impliziten Vorstellungen sowie auf den kollektiven Bedeutungen und Zuschreibungen, die auf Translaville rund um das untersuchte soziotechnische Handeln entstehen. 3.3.2.3 Trägermedien für Praxen Wesentlich für den hier verwendeten Praxisbegriff ist, dass eine Praxis, um zu existieren, auf irgendeine Weise von einem ‚Medium‘ vermittelt, getragen oder ausgeführt werden muss. Dieser Gedanke geht ebenfalls auf die Praxistheorie zurück, wo man von einer Vermittlung jeder Praxis entweder durch Artefakte, oder auch durch körperliche Bewegungen bzw. physiologisch-motorische Pro‐ zesse (darunter auch „nicht unmittelbar ‚sichtbare‘ Aktivitäten des Körpers wie ein bestimmtes Muster des Fühlens oder Formen des Denkens“, Reckwitz 2003: -290), ausgeht (ibid.). Genau dieser Aspekt der Vermittlung von Praxen durch bestimmte Träger- oder ‚Einschreibemedien‘ wurde von den Vertreter: innen der Technografie prominent aufgegriffen und um eine zusätzliche Ebene - die der Zeichen bzw. „zeichenhaften Prozesse“ (Rammert 2007: 15) - ergänzt. Rammert (2016: 75) zufolge wird demnach jede Praxis über mindestens eines, sehr häufig aber eine Kombination von mehreren der folgenden Medien realisiert: 3.3 Technografie 145 <?page no="146"?> 1. über den menschlichen Körper, mit seinen Bewegungen und Gesten, aber auch soziokognitiven Prozessen, wie Wahrnehmungen, Emotionen, oder Denkleistungen; 2. über physische Objekte, also materielle Dinge, die entweder natürlich in der Umwelt vorhanden sind (z. B. Gezeiten, ein Apfel, eine bestimmte Natur‐ landschaft) - oder, was für die hier vorgestellte Studie relevanter ist, Ob‐ jekte, die vom Menschen geschaffen wurden, vom einfachsten Werkzeug oder Gegenstand (z. B. ein Löffel oder Blatt Papier) bis hin zu hochtech‐ nologisierten, vollautomatisch arbeitenden technischen Infrastrukturen (z. B. Herstellungsanlagen, Stromumspannwerke oder Flugüberwachungs‐ systeme); und 3. über symbolische Zeichen, also menschliche Aufzeichnungen, Notations- oder Schriftsysteme, die dazu dienen, bestimmte Bedeutungen zu fixieren und sichtbar zu machen, „von der ersten Höhlenzeichnung bis zur letzten Version virtueller Realität im Cyberspace“ (Rammert 2016: 76). Dazu lassen sich etwa Alphabete, Skizzen, Programmiersprachen, mathematische For‐ meln, Graphiken, oder auch Elemente einer Webseite oder ‚Internetbots‘ zählen. In diesem Kontext wird davon ausgegangen, dass sich die materiellen Eigen‐ schaften dieser verschiedenen Trägermedien jeweils darauf auswirken werden, wie beständig, flexibel oder übertragbar Handlungsabläufe sind, die über sie ausgeführt und vermittelt werden. Je nach ihrer Beschaffenheit sind die drei Trägermedien (und die Handlungen, die mit ihnen ausgeführt werden) etwa mehr oder weniger formbar: Ist ein physischer Gegenstand, z. B. ein Blumentopf, einmal hergestellt, so ist er in seiner grundlegenden Form nicht mehr so leicht veränderbar. Im Gegensatz dazu können primär zeichenbasierte Objekte, wie beispielsweise der Quellcode einer Software laufend umgestaltet und angepasst werden. Gleichzeitig brauchen die oben beschriebenen Trägermedien eine gewisse Robustheit, um überhaupt eine klare äußere Form anzunehmen (Rammert 2016: 74 f.). Gewisse physische Gegenstände (z. B. ein Bilderrahmen), aber auch körperliche Routinen (z. B. das Dirigieren eines Orchesters), werden etwa nur deshalb auch von anderen Personen also solche erkannt, weil sie trotz indivi‐ dueller Variationen über eine gewisse gleichbleibende Grundform verfügen. Gerade bei körperlichen Bewegungsabläufen ist das schwieriger und erfordert nicht selten ein gewisses Maß an Übung, während physische und oft auch zeichenhafte Objekte nicht so leicht von sich aus von ihrer grundlegenden Form abweichen können. 146 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="147"?> Physische Objekte (also z. B. eine Gießkanne, ein Staubsauger) wiederholen problemlos Aktivitäten in exakt gleicher Weise und beliebig oft - und erfüllen damit in der Regel immer wieder die ursprünglich an sie gestellte Erwartungs‐ haltung (vgl. dazu auch Kap. 3.3.3.3). Werden solche Objekte also so konstruiert, dass mit ihnen in erster Linie sozial erwünschte Handlungen ausführbar sind, so lassen sich mit dem Trägermedium der ‚physischen Objekte‘ auch am ehesten soziale Vorstellungen dauerhaft reproduzieren (Rammert 2016: 63). Man spricht dabei oft von einer ‚Einschreibung‘ sozialer Agenden in Objekte. Im Gegensatz dazu sind genau wiederholte oder routinisierte körperliche Bewegungen (z. B. ein bestimmter Handgriff am Fließband) für den Menschen höchst anspruchsvoll und ungleich anfälliger für Abweichungen oder Fehler (Rammert 2016: 76 f.). Im Unterschied zu rein maschinellen Verfahren können solche körperlichen Routinen von den handelnden Personen bei Bedarf sehr leicht unterbrochen werden und situationsbedingt durch improvisierte oder kreative Handgriffe ersetzt werden (Rammert 2007: -19). Das Medium der Zeichen nimmt eine Sonderstellung ein: Zeichen sind selbst auf ein Trägermedium angewiesen, um eindeutig und bleibend angezeigt zu werden: Mathematische Formeln brauchen beispielsweise einen Taschenrech‐ ner oder Papier, um physisch abgebildet zu werden - oder bestimmte Denk- und Verstehensprozesse, um körperlich vermittelt zu werden. Dennoch können Zeichensysteme und -prozesse auch vollkommen von ihren Entstehungskon‐ texten abgekoppelt eingesetzt werden. Zwei unbekannte Personen können also unabhängig voneinander das Alphabet nutzen, ohne sich immer wieder neu über dessen Bedeutung verständigen zu müssen (Rammert 2016: 77 f.). Ihre spezifischen Eigenschaften machen Zeichensysteme leicht verbreitbar, übertragbar und anpassbar (Rammert 2007: 19). Im Rahmen konkreter Praxen können sie von Nutzer: innen wieder individuell oder kollektiv angeeignet und eingesetzt werden. Je nachdem, ob eine Praxis an (1) körperliche bzw. soziokognitive Routinen gebunden ist, sie (2) über die Handhabung eines physischen Objekts oder (3) unter Zuhilfenahme eines bestimmten Zeichensystems ausgeübt wird, geht die Technografie daher von einer unterschiedlich exakten Wiederholbarkeit der Handlungen oder einer verschieden großen Beständigkeit oder ‚Härte‘ der Medien selbst aus. Das macht eine entsprechende Differenzierung in der Untersuchung verteilter soziotechnischer Praxen sinnvoll. Die Frage, über welche konkreten Trägermedien Handlungen vermittelt werden, wie diese Medien in bestimmten Praxen gekoppelt oder verknüpft sind, und wie Praxen sich von einem Medium auf ein anderes verlagern, hat bislang eine Reihe interessanter Erkenntnisse geliefert. Beispielsweise hat man heraus‐ 3.3 Technografie 147 <?page no="148"?> 47 Eine ähnliche Beobachtung machte Risku (2016) in ihrer Untersuchung der Artefaktnut‐ zung in einer Übersetzungsagentur. Auch dort führte die zunehmende Digitalisierung der Arbeitspraxen auf Ebene der individuellen Arbeitsweisen nicht zu einer vollkom‐ menen Ersetzung analoger Artefakte durch komplexere digitale Systeme. gefunden, dass Habitualisierungen von bestimmten körperlichen Bewegungen häufig als Inspiration für die Entwicklung neuer physischer Objekte dienen. Es hat sich gezeigt, dass sowohl große kooperative Gefüge als auch die Entwicklung komplexer physischer Objekte kaum ohne das Vorhandensein spezifischer Zei‐ chentechniken (Aufzeichnungen, mathematische Funktionen etc.) erfolgreich sein können - und auch im Umfeld hochtechnologisierter soziotechnischer Praxen verlässt man sich neben komplexen künstliche-Intelligenz-basierten Systemen immer noch auf so grundlegende Zeichentechniken wie etwa Notizen auf Post-Its oder händische Skizzen (Rammert 2007: -19). 47 Umgelegt auf diese Untersuchung ist dieser Zugang deshalb interessant, weil hier davon ausgegangen wird, dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob Über‐ setzen, das Ausverhandeln übersetzerischer Vorstellungen, oder das Entstehen einer translatorischen Praxisgemeinschaft nun an einem physischen Ort, also z. B. in einem Übersetzer: innen-Team im Großraumbüro eines Unternehmens, stattfindet, oder ob diese Prozesse ohne (für die anderen Akteur: innen sichtbare) körperliche Prozesse der Vermittlung und stattdessen primär über Zeichentechniken - also etwa Online-Plattformen, digitale Anfrageformulare für Übersetzungen, einen automatisierten Workflow für Evaluierungen und virtuelle Austauschmöglichkei‐ ten - erfolgen. In dieser Forschungsarbeit kann die Beobachtung von Praxen freilich nicht gleich unmittelbar erfolgen, wie in technografischen Studien, die an einem physischen Ort durchgeführt werden. Doch auch der virtuelle Raum eröffnet Möglichkeiten zur Erforschung von Praxen: Die Handlungen der Nut‐ zer: innen von Translaville können hier bis zu einem gewissen Grad über virtuelle teilnehmende Beobachtungen erfasst werden (siehe dazu Kap. 5.4). Außerdem können gerade aufgrund der Virtualität des Forschungsfelds die von Rammert (2016: 75) angesprochenen ‚zeichenhaften‘ Strukturen (also hier etwa Elemente des Plattformdesigns, Funktionen der Übersetzungsumgebung, schriftliche Anwei‐ sungen zu den ‚Plattformregeln‘, grafische Elemente wie das Gruppenlogo, oder auch Forenkommunikation) digital besonders gut erfasst werden. Da es auch nur diese zeichenbasierten Trägermedien sind, die das Handeln der einzelnen Nutzer: innen für die anderen Mitglieder der Community sichtbar und erfahrbar machen, liegt der Fokus dieser Untersuchung auch stärker auf diesen Formen medialer Vermittlung. Dass der körperlichen Vermittlung der zu untersuchenden soziotechnischen Praxen kein größeres Augenmerk geschenkt werden kann, bedeutet zwar eine gewisse Einschränkung dieser Studie. Allerdings liefern die 148 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="149"?> 48 Ein solcher Handlungsbegriff findet sich in der Translationswissenschaft etwa promi‐ nent in Holz-Mänttäris (1984: 29 f.; 41) Konzept vom ‚translatorischen Handeln‘. Für Holz-Mänttäri ist ‚Handeln‘ dabei immer eine „zweckgerichtete Tätigkeit“ (ibid.: 29): „Handlungen als Teile von Gefügen haben je eigene Teilfunktionen und erfolgreich zu erfüllende Teilzwecke, die alle dem Gesamtziel untergeordnet sind“ (ibid.: 41). umfassenden Daten aus dem Online-Forum sehr wohl Anhaltspunkte auf die Wahrnehmungen der Nutzer: innen in Bezug auf körperliche Aspekte bzw. auf die weiter oben angesprochenen „Muster des Fühlens oder Formen des Denkens“ (Reckwitz 2003: -290). Auch der Rolle von physischen Objekten (z. B. den von den Nutzer: innen verwendeten PCs, Notizblöcken, gedruckten Wörterbüchern) kann bzw. muss hier über den Umweg der Aussagen und Erklärungen von Nutzer: innen im Forum oder in den Interviews nachgegangen werden. 3.3.2.4 Gradualisierungen des Handelns Um differenziert beschreiben zu können, wie soziotechnische Praxen sich in einem ständigen Wechselwirken zwischen menschlicher und nicht-mensch‐ licher Agency konstituieren und auf heterogene Handlungsträger verteilen, braucht es ein Handlungskonzept, das grundsätzlich verschiedensten Formen des Handelns (durch Menschen, Dinge, Naturzustände, Tiere etc.) gegenüber offen ist und eine einheitliche Beschreibungssprache für sie findet. Das ist nicht möglich, wenn Handeln automatisch auf „intentionales, reflexives Handeln“ (Rammert 2016: 152) durch den Menschen beschränkt wird und somit „das Operieren von und zwischen Objekten nach Regeln der kausalen Wirkung“ (ibid.) von der Analyse ausgeschlossen wird. 48 Mit dem in Folge genauer ausgeführten ‚gradualisierten Konzept des Han‐ delns‘ schafft man es, der Forderung der Akteur-Netzwerk-Theorie nach me‐ thodologischer Symmetrie (vgl. dazu Kap. 3.1.4) gerecht zu werden, indem körperlich vermittelte Handlungen, maschinelle Prozesse und zeichenbasierte Vorgänge auf einer Beschreibungsebene - gleichwertig - in Bezug auf ihre Handlungsfähigkeit analysiert werden können. Die Technografie räumt also grundsätzlich gleich wie die Akteur-Netzwerk-Theorie nicht-menschlichen Objekten, Tieren, natürlichen Begebenheiten, Institutionen etc. Agency ein. Ein wesentlicher Unterschied zur ANT besteht allerdings darin, dass die Techno‐ grafie nicht automatisch jedes Verhalten als gleichwertig betrachtet, sondern dass sie hier graduelle Abstufungen vornimmt, um in weiterer Folge „ohne Ansehen der Einheit, die agiert - die Art und das Maß von Handlungsfähigkeit identifizieren und klassifizieren zu können“ (Rammert 2016: -156). 3.3 Technografie 149 <?page no="150"?> 49 Theoretische Basis für das Konzept des gradualisierten Handelns ist der Handlungs‐ begriff von Giddens (1997). Giddens versteht die drei hier besprochenen Ebenen jedoch nicht als verschiedene Handlungsebenen. Der große Unterschied zu dem hier verwendeten Konzept von Handlungsgraden besteht darin, dass Giddens diese als Handlungskriterien versteht, die alle erfüllt sein müssen, damit etwas als Handlung konzeptualisiert werden kann. Rammert (2016: 152) kritisiert an Giddens’ handlungs‐ theoretischen Überlegungen insbesondere deren Widersprüchlichkeit in der Frage, ob Handeln immer mit Intention verbunden sein muss. Um diese Handlungsgrade nun symmetrisch beschreiben zu können (egal, wer oder was schließlich als Handlungsträger: in identifiziert wird), schlagen Rammert und Kollegen (erstmals in Rammert und Schulz-Schaeffer 2002; vgl. auch Rammert 2016: Kap. 6.4.2; Schulz-Schaeffer und Rammert 2019) ein Modell vor, das eine Differenzierung von Handlungsfähigkeit auf drei Ebenen ermög‐ licht (siehe Tab. 1). Damit möchte man Fragen der Agency von technischen Objek‐ ten nicht über ontologische Grenzziehungen zwischen Mensch und Maschine, sondern „in Abhängigkeit vom Stand der technischen Entwicklung und der Art und Weise ihrer gesellschaftlichen Deutung und Nutzung“ (Rammert 2016: 156) darstellen. Bei den im Folgenden vorgestellten Kategorien des Handelns geht es somit einerseits darum, ob die menschlichen und nicht-menschlichen Hand‐ lungsbeteiligten in einem konkreten Kontext über eine größere oder kleinere Befähigung verfügen, etwas zu bewirken. Andererseits ist jedoch genauso relevant, wie viel Handlungsfähigkeit ihnen von außen zugeschrieben wird. 49 Im ‚gradualisierten Handlungsbegriff ‘ drücken Handlungen entweder (1) nur eine „Fähigkeit zur verändernden Wirksamkeit“ aus; oder sie zeigen (2) außerdem eine „Fähigkeit des Auch-anders-handeln-Könnens“; oder sie sind (3) darüber hinaus sogar auf der „Ebene des Handelns als intentionale Verhaltens‐ steuerung“ verortbar (Schulz-Schaeffer und Rammert 2019: -44). Gradualisierung der Handlungsebenen Gradualisierung innerhalb der Handlungsebenen Veränderte Wirksamkeit „von der kurzzeitigen Störung bis hin zur dauerhaften Umstrukturierung von Handlungszusammenhängen“ Kontingenz („Auch-anders-han‐ deln-Können“) „von der Auswahl zwischen wenigen vorgegebenen Hand‐ lungsalternativen bis hin zur ‚freien‘ Selbstgenerierung wählbarer Alternativen“ Intentionalität und Reflexivität „von der Zuschreibung einfacher Dispositionen bis hin zur Verhaltenssteuerung und -koordination mittels komplexer intentionaler Semantiken“ Tabelle 1: Gradualisierter Handlungsbegriff nach Rammert (2016: 157) 150 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="151"?> Auf der untersten Ebene siedelt Rammert (2016: 153) den Handlungsbegriff mit den wenigsten konzeptuellen Voraussetzungen an. Dazu übernimmt er den ‚schwachen Handlungsbegriff ‘ der ANT, wonach dann von Handeln die Rede ist, wenn in einer Abfolge von Aktivitäten eine gewisse Veränderung bewirkt wird. Hier ist also noch keine Rede davon, dass Handlungsträger: innen (seien sie nun menschlicher, maschineller oder zeichenbasierter Natur) von einem gewissen Handlungsprogramm auch abweichen und Handlungsalternativen umsetzen können, oder sie das Handeln überhaupt aufgrund gewisser Absichten und Intentionen eigenständig gestalten können. Auf dieser untersten Handlungs‐ ebene, wo Handeln einfach nur das Hervorrufen einer bestimmten Wirksamkeit bedeutet, sind vor allem einfachste Wirkungszusammenhänge anzusiedeln: Eine einfache Glühbirne ist entweder eingeschaltet und leuchtet - oder ausgeschaltet. Zwar ging es Rammert hier wohl grundsätzlich darum, eine Ebene zu definieren, die es erlaubt, auch das Funktionieren einfacher Objekte und Werkzeuge (z. B. die Wirkungsweise eines Hammers) als Handeln zu konzeptualisieren. Diese Form der Konzeptualisierung räumt jedoch auch die Möglichkeit ein, dass selbst menschliche Handlungsträger: innen in bestimmten Situationen Handlungen ausführen, die (nur) diesem Handlungsbegriff entsprechen - etwa stark routini‐ sierte Aufgaben, bei denen eine Aktivität genau eine mögliche Umsetzungs- oder Ausführungsform hat, die entweder realisiert oder, falls eine der erforderlichen Rahmenbedingungen nicht eintritt, eingestellt wird. Auf der zweiten Handlungsebene sind für Rammert (2016: 153 f.) jene Hand‐ lungen anzusiedeln, die sich durch die Fähigkeit der Handlungsträger: innen auszeichnen, auch anders handeln zu können. Es geht also anders als auf der zuvor besprochenen Ebene um eine gewisse Kontingenz des Handelns - um die Möglichkeit, abhängig von spezifischen Rahmenbedingungen unter verschiedenen vorgegebenen Handlungsoptionen zu wählen oder sogar eigene Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Ein wichtiger Faktor für die hier beschriebene Form des Handelns ist auch die Lernfähigkeit - von Menschen und Maschinen: Lernen im Sinne der Fähigkeit, aus früheren Interaktionsfolgen Schlüsse ziehen zu können, und situatives Handeln im Sinne der Fähigkeit, Situationsmerkmale identifi‐ zieren und die Aktivitätsrahmen ändern zu können, sind die typischen Qualitäten des Handelns auf der mittleren Ebene. (Rammert 2016: -154) Kennzeichen von Handlungen auf dieser konzeptuellen Ebene sind also eine gewisse Anpassbarkeit von Handeln an Umgebungsbedingungen, aber auch an soziale Interaktionen. Als Beispiel verweist Rammert (2016: 154) etwa auf Videospiele. Diese sind oft so gestaltet, dass den Spieler: innen eine gewisse 3.3 Technografie 151 <?page no="152"?> Anzahl von Entscheidungen in Bezug auf mögliche Spielverläufe zur Verfügung steht, was die Handlungsfolgen im Spiel schwer berechenbar macht. Diese Unvorhersehbarkeit des Spielverlaufs soll für Spieler: innen das Spielvergnügen erhöhen. Andererseits gibt es auch im Alltag viele Situationen, in denen man nicht weiß, wie das Gegenüber (egal ob es sich nun um Menschen oder Maschi‐ nen handelt) reagieren wird. In diesen Fällen kann es wiederum vorkommen, dass diese Kontingenz von Handeln bei den involvierten Akteur: innen eher zu verstärkter Unsicherheit führt. Die dritte Ebene umfasst schließlich reflexives und intentionales Handeln. In diesem Zusammenhang kritisiert Rammert (2016: 154 f.) das klassisch essentialisti‐ sche Verständnis der beiden Begriffe, wonach man in der Regel automatisch davon ausgeht, Reflexivität und Intentionalität seien ausschließliche Domänen mensch‐ licher, also bewusstseinsbegabter Akteur: innen. Folgt man dieser Sichtweise, so geht man auch davon aus, dass nur der Mensch in der Lage sei, sich sinnhaft zu verhalten - und dass auch nur der Mensch sein Handeln an das anpasse, was er als sinnhaftes Verhalten seines menschlichen Gegenübers deutet. Rammert (ibid.) plädiert hingegen für eine pragmatistische Perspektive. Diese versteht Intentionalität und Reflexivität nicht als ausschließliche Wesenseigenschaften von Personen. Vielmehr konzentriert sie sich auf „die empirisch beobachtbaren gesell‐ schaftlichen Praktiken der Verwendung intentionaler Begriffe bei der Steuerung und Interpretation“ (Rammert 2016: 155) sowohl des Handelns von Menschen wie auch von Objekten. Das heißt, es geht nicht darum, was wir vorab als intentional und reflexiv definieren. ‚Intentional‘ bzw. ‚reflexiv‘ ist das, was von den umgebenden Akteur: innen in konkreten alltagsweltlichen Situationen als solches wahrgenommen wird - immerhin werden sich auch die Reaktionen dieser Akteur: innen entsprechend gestalten. Solche Zuschreibungen von Intentionalität und Reflexivität erlangen in der jeweiligen Situation somit Faktizität für die be‐ teiligten Akteur: innen. Die hier vertretene Auffassung von einer zugeschriebenen Intentionalität maschinellen Handelns ist vergleichbar mit der Vorgehensweise von Ruokonen und Koskinen (2017) in ihrer Studie zu den Agency-Konstruktionen von Übersetzer: innen (vgl. Kap. 3.2.4). Als Beispiel für technische Systeme, deren Handeln als ‚intentional und reflexiv‘ analysiert werden könnte, verweist Rammert (2007: 22) auf sogenannte ‚BDI-Software-Agenten‘. Dabei handelt es sich um ‚intelligente‘ Software, in deren grundlegende Architektur spezifische ‚beliefs‘, ‚desires‘ und ‚intentions‘ (daher auch das Kürzel ‚BDI‘) eingebaut werden. Auf Basis dieser logischen Vorgaben (und unter Einsatz künstlicher Intelligenz) soll der Software-Agent dann lernen, eigene Problemlösungsansätze zu entwickeln. Für Rammert (2007: 22) sei es daher naheliegend, solche Systeme der dritten Ebene des Handelns zuzuordnen. Dennoch handle es sich bei dieser Kategorisierung 152 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="153"?> 50 Vermutlich gingen Rammert und Kolleg: innen bei der Bildung der hier vorgestellten Handlungskategorien eher von den Handlungsmöglichkeiten unterschiedlich komple‐ xer bzw. autonomer technischer Systeme - und weniger von menschlichen Handlungs‐ möglichkeiten - aus. Bei rein menschlichem Handeln ist nämlich eine Grenzziehung zwischen der ‚freien Gestaltung von Handlungsmöglichkeiten‘ auf der zweiten Ebene und dem ‚reflexiven und intentionalen Handeln‘ auf der dritten Ebene schwierig. Allerdings geht es bei diesem Zugang auch explizit nicht um eine Kontrastierung von menschlichem und maschinellem Handeln, sondern um eine Beschreibung von Handeln in hybriden soziotechnischen Konstellationen. Handelt der Mensch ‚mit‘ Maschinen, so ist er oft auf die beschränkten Handlungsoptionen limitiert, die in der Maschine angelegt sind. Daher wird der gradualisierte Handlungsbegriff in dieser Untersuchung so übernommen wie oben vorgestellt. lediglich um eine analytische Beschreibungssprache und nicht um den Versuch, menschliche und technische Agency grundsätzlich gleichzusetzen. Wie die Darstellung oben zeigt (Tab. 1), sieht Rammert innerhalb der drei Handlungsebenen wiederum die Möglichkeit für Abstufungen oder Spezifizie‐ rungen vor: Dabei könne man sich etwa fragen, „wie reversibel oder irreversibel“ Handlungen auf der einfachsten Handlungsebene (der ‚veränderten Wirksam‐ keit‘) sind. Auf der mittleren Handlungsebene (das ‚Auch-anders-handeln-Kön‐ nen‘) können Handlungen genauer unterteilt werden, indem man der Frage nachgeht, ob für eine Handlung nur eine gewisse Anzahl festgelegter Hand‐ lungsoptionen zur Verfügung steht oder Handlungsalternativen frei entwickelt und umgesetzt werden können. Schließlich lässt sich auf der dritten Handlungs‐ ebene (‚Intentionalität und Reflexivität‘) noch genauer danach fragen, wie stark die Intentionalität des Handelns auf äußeren Zuschreibungen beruht oder wie sehr eine Technologie über semantische Programmstrukturen gesteuert wird, in deren grundlegende Architektur bereits ein Element von Intentionalität ein‐ geschrieben ist, wie im oben erwähnten Beispiel eines BDI-Software-Agenten (Rammert 2016: -158). Mit dem gradualisierten Handlungsbegriff schafft man es, jede Art von Handlung im Umgang mit physischen Objekten mit denselben Begrifflichkeiten zu beschreiben wie etwa körperliche Bewegungen oder sogar zwischenmensch‐ liche Interaktionen - ohne dass man dabei aber auf eine Differenzierung der Handlungsmöglichkeiten der einzelnen Handlungsträger: innen verzichten muss. Damit wird auch nicht verschleiert, dass einfachste Werkzeuge (wie etwa ein Stift) sehr wohl andere Handlungsfähigkeit und -wirkung haben als künstliche-Intelligenz-basierte autonome Systeme, und dass auch menschliches Handeln in unterschiedlichen Situationen und bezogen auf unterschiedliche Aufgaben entweder rein kausal, kontingent oder aber reflektiert und intentional sein kann. 50 3.3 Technografie 153 <?page no="154"?> In dieser Studie erlaubt der Begriff des gradualisierten Handelns eine ge‐ nauere Betrachtung der Frage, in welchem Ausmaß das Handeln im Über‐ setzungsprozess von menschlichen Akteur: innen, Plattformstrukturen, oder Web-Plugins auf entweder einzelnen, eingeschränkten - oder auch auf mul‐ tiplen oder frei gestaltbaren Handlungsoptionen beruht. Dabei kann auch näher beleuchtet werden, welche Handlungsausgänge auf der Plattform leichter umkehrbar sind als andere - und wie sich das wiederum auf die Erstellung von Übersetzungen und auf Gemeinschaftsprozesse auswirkt. Bedenkt man, dass jegliches Handeln auf Translaville virtuell erfolgt, so lässt sich in diesem Zusammenhang die Frage stellen, ob die im Plattformdesign angelegten Hand‐ lungsmöglichkeiten tatsächlich ausreichen, um einer so komplexen Praxis wie der des Übersetzens gerecht zu werden. Wie Rammert (2016: 38) beschreibt, ist jedoch nicht nur interessant, wie viel Autonomie menschlichen Akteur: innen oder technischen Systemen eingeräumt wird. Interessant ist hier insbesondere die Frage nach dem Warum: Welche Gründe nennen Plattformbetreiber und -mitglieder dafür, dass den menschli‐ chen Nutzer: innen in bestimmten Situationen mehr oder weniger Interventions‐ möglichkeiten eingeräumt werden, oder gewisse technische Funktionsweisen mehr oder weniger transparent gemacht werden? Rammert (ibid.) spricht in diesem Zusammenhang von Faktoren wie etwa Betriebskosten, Bedienbarkeit, Selbstbestimmung der Nutzer: innen, Systemsicherheit oder Datenschutz. In dieser Studie wird also zu ergründen sein, ob der Spagat zwischen menschlicher Autonomie und technischem Komfort im spezifischen Kontext der hier unter‐ suchten Übersetzer: innen-Plattform ebenfalls über diese Faktoren oder darüber hinaus auch rund um weitere, möglicherweise unerwartete Einflussgrößen ausverhandelt wird. 3.3.3 Techniken Wie im letzten Abschnitt dargelegt wurde, liegt der zentrale Fokus technogra‐ fischer Studien auf einer Beschreibung soziotechnischer Praxen, ohne dabei im Voraus Annahmen über die Handlungsfähigkeit von menschlichen und nicht-menschlichen Akteur: innen zu machen. Nachdem es sich bei der Techno‐ grafie um ein techniksoziologisches Forschungsprogramm handelt, versucht man außerdem, eine besondere theoretische Grundlegung für Techniken als soziale Produkte und Prozesse zu schaffen. Zentral dafür ist, dass Rammert und Kollegen Technik bzw. Techniken nicht nur als ‚physisches Objekt‘ verstehen, sondern auch als eine bestimmte ‚Form des Handelns‘. Dieses Technikverständ‐ nis wurde auch als Basis für diese Untersuchung herangezogen. 154 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="155"?> Im folgenden Abschnitt wird zunächst dargelegt, welche analytischen Per‐ spektiven an technische Objekte als physische Erzeugnisse angelegt werden können. Der Fokus liegt also zuerst auf dem Produkt-Aspekt von Techniken. Die darauffolgenden Abschnitte beschäftigen sich schließlich mit dem Prozess-As‐ pekt von Techniken. Kapitel 3.3.3.2 liefert einen Überblick über verschiedene Formen technikbezogenen Handelns. Kapitel 3.3.3.3 beschäftigt sich schließlich mit dem Konzept der ‚Technisierung‘. Dabei soll gezeigt werden, wie auch „Handlungen, natürliche Prozessabläufe oder Zeichenprozesse“ (Rammert 2007: 10) durch Wiederholung, Routinisierung und Schematisierung ‚technisch ge‐ macht‘ werden können. 3.3.3.1 Techniken als Produkte Wenn in der Techniksoziologie - aber auch der Translationswissenschaft - von ‚Technik‘ die Rede ist, so sind oft physische Erzeugnisse gemeint - das, was man landläufig als Werkzeug, Gerät oder als technischen Gegenstand bezeichnen würde. Im Vordergrund steht dabei die in Objektform ‚gegossene‘ Materialität von Techniken. Allerdings gehören zu solchen physischen Objekten nicht nur einzelne Maschinen, sondern auch komplexere, gekoppelte technische Systeme, wie etwa Großanlagen oder Infrastrukturen. Im Zusammenhang der hier vor‐ gestellten Studie zählen einerseits also die von den Amateur-Übersetzer: innen konkret genutzten Computer, Tastaturen und Notizhefte zu diesen Objekten. An‐ dererseits könnten das der Übersetzungsplattform zugrunde gelegte Design und die Internetprotokolle, über die diese Plattform weltweit zugänglich gemacht wird, als (zeichenbasierte) technische Infrastrukturen beschrieben werden. Wichtig ist in diesem Kontext auch die zeitliche Perspektive auf die unter‐ suchten technischen Objekte: So wie die Technografie Praxen als situiert und zeitlich wandelbar konzeptualisiert, versteht und untersucht sie technische Erzeugnisse „nicht als fertige und stabile Objekte, sondern als offene Projekte und mobile Elemente“ (Rammert 2007: -15). In technografischen Untersuchungen nähert man sich physischen Objekten (und auch Zeichentechniken, die an physische Objekte gekoppelt sind, z. B. Messgeräte, Software) aus zwei eng miteinander verknüpften Perspektiven: Einerseits beschäftigt man sich mit (1) dem „deutende[n] und praktische[n] Umgang“ (Rammert 2007: 15) mit solchen Objekten, also etwa damit, welche Bedeutungen Nutzer: innen auf Geräte projizieren, wie sie aus einem bestimm‐ ten Design mögliche Nutzungsvarianten ableiten, und wie Nutzer: innen mal konventionell, mal kreativ mit diesen Objekten interagieren. Andererseits untersucht man, (2) wie auch technische Objekte selbst auf widerständige 3.3 Technografie 155 <?page no="156"?> und eigenwillige Weise wirksam werden, wie sie dabei dem Handeln und den Intentionen von Nutzer: innen entgegenwirken können und wie sie mitunter zu einer gewissen Strukturierung von Praxen beitragen. Zu beiden dieser Per‐ spektiven lassen sich einige wesentliche Untersuchungsaspekte ableiten, die für eine technografische Untersuchung technischer Objekte und Infrastrukturen wesentlich sind. Sie werden im Folgenden kurz umrissen. 1. Die erste Untersuchungsperspektive soll, wie oben erwähnt, sichtbar machen, wie technische Objekte, Vorstellungen und symbolische Bedeu‐ tungen miteinander in Verbindung stehen. Sie offenbart also, wie in Objekten oder Infrastrukturen gewisse Bedeutungen und Informationen eingeprägt und vergegenständlicht sind, während sie umgekehrt auch in der Lage sind, gewisse Bedeutungen zu transportieren (Braun-Thürmann 2006: 215). Dabei knüpft die Technografie wesentlich an die Erkenntnisse der kulturtheoretischen Ansätze der Techniksoziologie (vgl. Kap. 3.1.3) an. Anders als diese vertritt man allerdings die Ansicht, dass die symbolischen Bedeutungen von Techniken nicht im Vorhinein gegeben sind, sondern erst im Zuge konkreter Praxen ausverhandelt werden (Rammert 2016: -131). Zunächst kann aus dieser Perspektive etwa untersucht werden, wie die materielle Form eines physischen Objekts Nutzer: innen gegenüber bereits mehr oder weniger deutlich suggeriert, welche Nutzungsmöglichkeiten dem betreffenden Objekt durch die Konstrukteur: innen mitgegeben wur‐ den (Braun-Thürmann 2006: 215 f.). Umgelegt auf das Beispiel der in dieser Studie untersuchten Übersetzungsplattform kann somit ein besonderes Augenmerk darauf gelegt werden, inwieweit das Plattformdesign mit seinen verschiedenen Funktionen den Übersetzer: innen bereits deutlich macht, welcher Umgang mit dem Übersetzungsinterface oder auch welche Form der sozialen Interaktion über die Plattformkanäle erwünscht sind. Technische Objekte sind darüber hinaus in bestimmten sozialen Gruppen oder kulturellen Gemeinschaften mit symbolischen Bedeutungen besetzt (Braun-Thürmann 2006: 216 sowie Kap. 3.1.3). Entsprechend können Artefakte für Nutzer: innen etwa mit Emotionen, mit Status oder mit einer gewissen Signalkraft verknüpft sein. Rammert (2016: 131) spricht in diesem Zusammenhang von einer „Kultivierung von Techniken“. In dieser Forschungsarbeit lässt dieser Untersuchungsaspekt besonders re‐ levante Einblicke in die Welt von Amateur-Übersetzer: innen erwarten. Amateur-Kulturen wie Translaville entwickeln neuartige Formen der Ge‐ staltung und Aneignung von Techniken und kulturellen Produkten. Es hat sich gezeigt, dass innerhalb solcher Communities gerade die Aushandlung von Bedeutungen sowie verschiedene Formen der Selbstrepräsentation 156 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="157"?> einzelner Nutzer: innen wesentlich dafür sind, wie diese gemeinschaftsba‐ sierten soziotechnischen Praxen letztlich ausgestaltet werden (Donnat 2009b). Schließlich lässt sich der Frage nachgehen, inwieweit technische Objekte auch selbst Informationen und Bedeutungen transportieren können - etwa, wenn, wie Rammert (2016: 77 f.; vgl. Kap. 3.3.2.3) es ausdrücken würde, in ihre physische Form auch Zeichentechniken integriert sind (Braun-Thürmann 2006: 216). So wie ein Taschenrechner der Bedienerin das Ergebnis einer Rechenoperation kommuniziert, kommunizieren auch die Elemente einer virtuellen Plattform wie Translaville den Nutzer: innen eine Vielzahl von Bedeutungen und Informationen: Plattform-Designele‐ mente wie Bestenlisten (z. B. ‚Liste der Übersetzer: innen mit den meisten Übersetzungspunkten‘) machen für alle auf einen Blick deutlich, welche Mitglieder besonders viel Zeit für die Aktivitäten in der Community investiert haben, bestimmte Elemente in den persönlichen Profilen der Nutzer: innen machen ihre Sprachkombination leicht identifizierbar und kleine Symbole neben den Profilnamen weisen bestimmte Nutzer: innen als Mitglieder mit besonderen Aufgaben in der Community aus. Technische Formen können also auch auf Translaville als Bedeutungsträger analysiert werden. 2. Die zweite Untersuchungsperspektive auf technische Objekte soll, wie oben kurz angesprochen wurde, insbesondere der Technizität dieser Ob‐ jekte und deren Auswirkungen auf konkrete Praxiskontexte Rechnung tragen (Braun-Thürmann 2006: 216 f.). Dabei bezieht Braun-Thürmann (2006: 215) sich im Wesentlichen auf jene Wirkungsweisen von Techniken, die sich entfalten, wenn Objekte wiederholt auf eine bestimmte Art und Weise agieren. Technische Objekte sind häufig so konstruiert, dass sie gewisse - von den Entwickler: innen bevorzugte - Nutzungsmöglichkeiten privilegieren, während sie andere erschweren oder überhaupt unmöglich machen. Dadurch, dass die Nutzung bestimmter Objekte auch die Ausführung einer Reihe ganz bestimmter Handlungen im Umfeld dieses Objekts erfor‐ dern, befördern solche Geräte oder Infrastrukturen auch das Entstehen gewisser ‚Nutzer: innen-Rollen‘ (Braun-Thürmann 2006: 216). Das kann bei bestimmten technischen Designs zur Folge haben, dass gewisse Nut‐ zer: innen-Gruppen bevorzugt, andere aber benachteiligt oder überhaupt ganz ausgeschlossen werden. Auf diese Weise können technische Objekte soziale (Macht-)Beziehungen verkörpern (vgl. etwa Monzó-Nebot und Tasa-Fuster 2024 zu „gendered technology“ im Bereich von Sprachtech‐ 3.3 Technografie 157 <?page no="158"?> 51 Vgl. dazu den einflussreichen Aufsatz von Winner (1985) zu der These, technische Ob‐ jekte (z. B. städtische Infrastrukturen) seien inhärent politisch und würden spezifische Formen politischer Machtausübung verkörpern, sowie eine kritische Aufarbeitung der Rezeption dieses Beitrags durch Joerges (1999). Physische Objekte, deren spezifisches Design darauf abzielt, bestimmte Nutzer: innen‐ gruppen auszuschließen, begegnen uns beispielsweise alltäglich im öffentlichen Raum: Parkbänke werden mit Armlehnen oder Abtrennungen für einzelne Sitzplätze ausge‐ stattet, damit sie von obdachlosen Menschen nicht mehr als Schlafplätze genutzt werden können; in Stufen auf öffentlichen Plätzen werden Metallbolzen eingelassen, um Menschen davon abzuhalten, sich dort zu setzen etc.; vgl. ‚feindliches Design‘, Rosenberger (2020). nologien). Sie werden Ausdruck bestimmter sozialer oder politischer Ord‐ nungen - oder verhärten diese sogar bis zu einem gewissen Grad. 51 Im Fall von Translaville handelt es sich um eine technische Infrastruktur, in der sich Nutzer: innen-Rollen besonders einfach konfigurieren lassen. Sie werden gezielt eingesetzt, um manchen Personen Zugriff zu privile‐ gierten Informationen zu gewähren und dienen dazu, bestimmten Nut‐ zer: innen weitreichendere Handlungsmöglichkeiten (in Bezug auf den Übersetzungsprozess und auf Möglichkeiten zur sozialen Sanktionierung im Community-Verband) einzuräumen. Eine Analyse rollenspezifischer Plattform-Konfigurationen gewährt demnach wertvolle Einblick in die ‚technik-gewordenen‘ Machtverhältnisse innerhalb der Community. Wie Braun-Thürmann (2006: 216 f.) weiter argumentiert, erlauben primär zeichenbasierte Objekte zudem das Überwinden bestimmter „Raum-Zeit-Verhältnisse“. Da physisch und zeichenbasierte Objekte, wie etwa ein USB-Speicherstick, leicht weitergegeben werden können, können Informationen völlig abgekoppelt vom Entstehungszusammenhang wie‐ derverwendet werden. Viele digitalen Medien sind durch diese Eigenschaft in der Lage, „die Reichweite der Kommunikation und der Erfahrung und die Weite der Wirkzone“ zu vergrößern (Rammert 2016: 47). Ähnlich verhält es sich mit der hier untersuchten Online-Plattform: In diesem Fall ermöglicht die vorrangig zeichenbasierte Vermittlung des Plattform-Designs, dass Nutzer: innen aus global sehr weit voneinander entfernten Orten mitein‐ ander an Übersetzungen arbeiten können - und dass sie auch asynchron miteinander kommunizieren können. Schließlich erlaubt die spezifische Untersuchungsperspektive der Techno‐ grafie, nachzuzeichnen, wie bestimmte Aufgaben an technische Objekte übertragen werden. Maschinen können etwa menschliches Handeln au‐ tomatisieren, ersetzen, verstärken, beschleunigen etc. Während einfache Geräte häufig eher körperliche Aufgaben des Menschen durch eine mecha‐ 158 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="159"?> nische Ausführung ersetzen, können gleichzeitig physische und zeichen‐ basierte Objekte, wie z. B. ein Computer, auch kognitive Aufgaben des Menschen ersetzen (Braun-Thürmann 2006: -217). Auf Translaville werden ebenfalls Aufgaben an die technische Infrastruktur delegiert. Von delegier‐ ten Denkaufgaben kann etwa dort gesprochen werden, wo in Eingabefelder eingetippte Informationen automatisiert in Übersichten strukturiert und visuell aufbereitet werden, oder wo eingebaute Funktionen dafür sorgen, dass Übersetzungen nicht als vollständig markiert werden können, wenn bestimmte Textfelder keinen Text enthalten. Mechanische Aufgaben wer‐ den z. B. dort an die Plattform delegiert, wo eine Suchfunktion (z. B. für Übersetzungsanfragen, Übersetzer: innen-Profile) Nutzer: innen ein ‚händi‐ sches‘ Durchsuchen großer Informationsbestände erspart. 3.3.3.2 Technikbezogenes Handeln Während im letzten Abschnitt die Wirkungsweisen und Konsequenzen der Technizität physischer Objekte diskutiert wurden, soll dieser Abschnitt zeigen, dass Techniken mehr sein können als lediglich fertige Produkte. Die Techno‐ grafie beschäftigt sich über die Ebene der fertigen technischen Erzeugnisse hinaus auch mit Techniken als „Prozesse des Werdens und Machens mit ihren Zwischenschritten“ (Rammert 2007: 18). Zunächst verweist Rammert (2007: 3 f.) auf die drei verschiedenen Formen technikbezogenen Handelns, die bereits in den Kapiteln 3.1.2 bis 3.1.4 ausführlicher besprochen wurden, nämlich (1) das Entwickeln oder Herstellen von Technik, (2) den praktischen Umgang mit Technik, und (3) die Handlungsbeteiligung bzw. das Mithandeln von Technik. 1. Entwickeln oder Schaffen von Technik: In diese Kategorie fällt der experi‐ mentierende, gestalterische und oft kreative Umgang von Entwickler: in‐ nen mit Projektentwürfen für neue Techniken bis hin zur Produktion der fertigen Produkte (Rammert 2007: 4). Dabei betrachtet man den Ent‐ wicklungsprozess nicht als abgeschlossen, sobald ein Prototyp am Markt eingeführt wird. Stattdessen untersucht man auch, welche vielfältigen Faktoren Anlass für spätere Designänderungen geben können und nimmt dabei insbesondere sogenannte ‚Rückkoppelungsschleifen‘ zwischen Nut‐ zer: innen-Feedback und Folgeversionen von Techniken in den Blick. Im Zusammenhang mit den Herstellungskontexten von Techniken ana‐ lysieren technografische Studien unter anderem die ‚Schemata‘, die in Techniken eingeschrieben werden (Rammert 2016: 59 f.). Solche Schemata folgen in der Regel bestehenden Vorbildern und beeinflussen damit nicht nur die Form und Funktionsweise einer Technik, sondern auch deren 3.3 Technografie 159 <?page no="160"?> grundlegendes ‚Konzept‘: Als Beispiel nennt Rammert (ibid.) etwa Informa‐ tionstechnologien, die sich an unterschiedlichen Vorstellungen von Kogni‐ tion orientieren. Je nachdem, ob das Vorbild eine konnektionistische oder eher eine situativ-verteilte Vorstellung von Kognition ist, wird man auf diesen Schemata aufbauend entweder „parallel prozessierende Programme und neuronale Computer“ (Rammert 2016: 60) oder aber „Multi-Agen‐ ten-Systeme der verteilten künstlichen Intelligenz“ (ibid.) entwerfen. Über die Schemata hinaus wird in diesem Kontext auch „[d]as ‚Projekt‘ einer Technik“ (ibid.) untersucht. Bei der Entwicklung von Techniken kön‐ nen etwa verschiedene Verwendungszwecke berücksichtigt werden: Dient eine Technologie der Steigerung von Effizienz für eine bestimmte Aktivität; soll ein Objekt zu einer spielerisch-kreativen Handhabung anregen; oder steht vielleicht die Förderung sozialer Interaktion im Mittelpunkt? Darüber hinaus unterscheiden sich Projekte technischer Entwicklung stark darin, welchen Konstruktions- und Entwicklungstraditionen sie folgen und wie sie institutionell gerahmt sind (Rammert 2016: 60; vgl. dazu auch Kap. 3.1.2). 2. Handeln bzw. Umgang mit Technik: Aus technografischer Perspektive versucht man, die Interaktionen von Nutzer: innen mit Technik nicht lediglich auf instrumentelles Handeln zu beschränken. Stattdessen sind für Rammert (2016: 17) eine Vielzahl von Handlungsformen mit recht unterschiedlichen Logiken möglich: etwa kreatives, experimentierendes, rationalisierendes oder kultivierendes Handeln mit Technik. Relevant ist in diesem Zusammenhang auch, wie sich Nutzer: innen Techniken in konkre‐ ten Praxiszusammenhängen aneignen - wie ihr Umgang mit einem Gerät zwar meistens der intendierten Nutzung entspricht, wie sie in bestimmten Fällen aber womöglich eine höchst eigenwillige Form der Nutzung finden. Schließlich - das meint Rammert (ibid.) mit ‚kultivierendem Handeln mit Technik‘ - gilt es zu ergründen, wie Menschen Techniken in konkreten Situationen Bedeutungen zuschreiben und Sinn verleihen. 3. Handlungsbeteiligung bzw. ‚Mithandeln‘ von Technik: Zwar geht man in der Technografie nicht davon aus, dass jedes technische Objekt in der Lage ist, eigenständig handlungswirksam zu werden. Jedoch versucht man mit den oben besprochenen symmetrischen Konzepten des gradualisierten und verteilten Handelns zumindest, in jeder Studie die Möglichkeit für eine solche Handlungsbeteiligung von Techniken einzuräumen. Dabei geht man davon aus, dass erst die grundsätzliche Offenheit dafür und die systemati‐ sche symmetrische Analyse von verwobenen Handlungskonstellationen zuvor vielleicht verborgene Wirkungen und Aktivitäten von Techniken offenbaren können. 160 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="161"?> Während andere Ansätze der Technikforschung sich in ihren Studien häufig auf jeweils eine dieser drei Formen technikbezogenen Handelns beschränken, versucht die Technografie diese als eng verwobene Teilprozesse im Werdegang einer Technik zu verstehen. In konkreten Studien wird man somit Sorge dafür tragen, die Relevanz der Entwicklung, der Nutzung und der Eigenaktivität von Techniken gleichermaßen einzubeziehen. Diese Perspektive wird daher auch hier verfolgt. 3.3.3.3 Technisierung Wie oben bereits diskutiert wurde (vgl. Kap. 3.3.3.1), wird in klassischen Kon‐ zeptualisierungen von Technik oft ein besonderer Fokus auf deren Materialität gelegt. Entsprechend wird oft alles das als technisch verstanden, was mechani‐ siert und in physischer Form in einen Gegenstand gefasst ist. In der Technografie versteht man die oben diskutierten technischen Objekte allerdings lediglich als eine spezielle Form des Technischen, die in physischen Gegenständen und/ oder Zeichensystemen vergegenständlicht ist. Schenkt man aber Techniken als fertigen Produkten zu große Aufmerksam‐ keit, so argumentiert Rammert (2007: 18), dann verstellt sich der Blick auf Fragen des Prozesses. Diesem Aspekt von Techniken versucht Rammert (2016: Kap. 2.4) mit dem Begriff der ‚Technisierung‘ („etwas technisch machen“, Rammert 2016: 10) auf den Grund zu gehen. Damit liefert er ein Konzept, das beschreibbar machen soll, wie technische Formen entstehen und dauerhaft gemacht werden - ohne, dass dabei zwingenderweise auf die Materialität von Objekten Bezug genommen werden muss. Lässt man die Materialität beiseite, so zeichnen sich technische Formen für Rammert (2016: 65 f.) insbesondere dadurch aus, dass es in ihnen zu einer gewissen Fixierung von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen kommt. Technisiert sind ein Objekt oder eine Handlung also dann, wenn sie zuverlässig immer wieder dieselbe - erwartete - Wirkungsweise liefern: Ein physisches Objekt wie zum Beispiel ein Wasserkocher wird auf Knopfdruck immer wieder auf gleiche Weise die eingefüllte Flüssigkeit erhitzen. Eine Zeichentechnik wie etwa das Alphabet wird - unabhängig davon, wie oft und von wem es verwendet wird, zuverlässig dieselben Laute mit denselben Zeichen abbilden. Die Formulierung einer mathematischen Formel wäre also ein im Medium der Zeichen eingeschriebener technisierter Prozess. Wie die Beispiele des Alphabets oder der mathematischen Formel zeigen, zeichnen technisierte Formen sich auch durch einen gewissen Grad an Abstrak‐ tion und Dekontextualisierung aus. In technisierten Handlungen oder Objekten sind bestimmte beabsichtigte Funktionsweisen eingebaut. Gleichzeitig wird 3.3 Technografie 161 <?page no="162"?> aber der Umfang unerwünschter Wirkungsweisen und Bedeutungen so weit wie möglich reduziert. Technisierte Formen sind dabei so fixiert, dass sie kontext- und situationsunabhängig immer wieder ähnlich wirken (oder wirken sollen) (Rammert 2016: -65). Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass von technisierten Handlungs‐ zusammenhängen dann gesprochen werden kann, wenn diese „einem festen Schema folgen, das wiederholbar und zuverlässig erwartete Wirkungen und erwünschte Leistungen erzeugt“ (Rammert 2007: 18) - unabhängig davon, ob Handlungen nun unter Nutzung eines physischen Objekts, in Form von trainier‐ ten und routinisierten körperlichen Bewegungen oder zeichenbasiert erfolgen. Die Seziertechnik eines hochspezialisierten Chirurgen ist also diesem Konzept zufolge genauso eine technische Form wie die Handhabung einer Kaffeemühle oder die Darstellung statistischer Ergebnisse in einem Tortendiagramm. Nicht-technisierte und technisierte Handlungsformen können in der Praxis jedoch nicht immer trennscharf voneinander abgegrenzt werden. Rammert (2016: 66) sieht hier vielmehr einen fließenden Übergang. In Abhängigkeit vom jeweiligen Untersuchungszweck kann es sich in technografischen Studien auch anbieten, unterschiedliche Intensitätsgrade der Technisierung zu unterscheiden. Je nachdem, wie stark technisiert ein Prozess bzw. ein Objekt ist, umso stärker ist es etwa dekontextualisiert einsetzbar. Stärker technisierte Gefüge sind we‐ niger eng an konkrete Entstehungs- oder Anwendungssituationen angebunden. Während wenig technisierte Formen ihre Wirkung etwa nur in einem ganz konkreten Nutzungszusammenhang erfüllen, der zeitlich und räumlich begrenzt ist und auch an bestimmte Personen gebunden ist, können stärker technisierte Formen wesentlich leichter weitergegeben werden und auch von anderen Personen, in anderen Situationen zum Einsatz gebracht werden. Je größer der Grad der Technisierung, umso universeller einsetzbar sind die betreffenden Objekte oder Prozesse (Rammert 2016: 53 f.). Wie in Abschnitt 3.3.2.3 bereits vorweggenommen wurde, hängt es vom Trägermedium ab, in das Handlungen eingeschrieben sind, wie stabil bzw. instabil oder wie reversibel oder irreversibel technisierte Formen sind: 1. Physische Trägermedien sind die technisierte Form, die am beständigsten und exaktesten vorgegebene Wirkungsweisen umsetzt - allerdings auf Kosten der Flexibilität oder Umkehrbarkeit von Handlungen. Der Prozess der Technisierung über physische Objekte wird dabei in der Regel als „Mechanisierung“ bezeichnet (Rammert 2016: 77). Es gibt allerdings auch nicht-technisierte Formen physischer Objekte und Prozesse. Das ist der Fall, wenn in Objekte keine intendierten Wirkungsweisen eingeschrieben 162 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="163"?> sind, die das Objekt dann dauerhaft reproduziert. Rammert (2007: 17) nennt hier als Beispiel etwa Schrott oder auch Skulpturen. 2. Körperliche Bewegungen und Routinen können dann als technisiert be‐ zeichnet werden, wenn „sie dazu gebracht werden können, sich in einer fest fixierten und repetitiven Weise nach einem effektiven Schema zu verhalten“ (Rammert 2016: 76). Dieser Prozess kann auch als „Habituali‐ sierung“ bezeichnet werden. Zu habitualisierten Formen gehören etwa Bewegungen, die nach vorab festgelegten Ablaufschemata eingeübt und automatisiert werden - oder „kodifiziert[e] und ritualisiert[e]“ (ibid.) Sinneswahrnehmungen. Eine solche Automatisierung von Bewegungen und Wahrnehmungen führt dazu, dass das Handeln kaum noch bewusst reflektiert wird (ibid.). Im Gegensatz zu physisch-mechanisierten Formen lassen sich körperlich-habitualisierte Formen weitaus leichter abbrechen und durch situationsspezifisches, reflektiertes bzw. kreatives Handeln ersetzen (Rammert 2016: -76). 3. Technisierte Formen können schließlich auch in Verbindung mit zeichen‐ haften Prozessen entstehen. Rammert (2016: 78) bezeichnet das als „Algo‐ rithmisierung“. Technisierte Zeichensysteme zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf vielfältige Weise und höchst exakt konfiguriert werden können. Sie bilden die Grundlage für die Steuerung hochkomplexer technischer Systeme (z. B. in der Form von Programmiersprachen), können aber auch Voraussetzung für die Koordination in großen kooperativen Gefügen (z. B. in der Form von Projektmanagementplänen) sein (Rammert 2007: 19). Beispiele für nicht-technisierte zeichenbasierte Praxen sind etwa kreative, situationsbezogene bzw. einmalige Handlungen (ibid.) wie etwa kreatives Schreiben. Entsprechend den oben besprochenen Begrifflichkeiten wird in dieser Unter‐ suchung zunächst zwischen nicht-technisierten und technisierten Praxen un‐ terschieden. Letztere werden dann auch dahingehend untersucht, inwieweit sie an den konkreten situativen Kontext gebunden sind - oder ob sie sich im Laufe der Zeit zu dauerhaften, übertragbaren oder gar universellen Praxen ent‐ wickeln. Die „zeitliche Wiederholung“, „räumliche Ausbreitung“ und „sachliche Fixierung“ (Rammert 2016: 37) von soziotechnischen Praxen sind ein Zeichen dafür, dass sie in einer Nutzer: innen-Gemeinschaft die erwünschte Wirkung erzielen und damit auch an kollektiver Bedeutung gewinnen. Somit kann unter Rückgriff auf das Konzept der Technisierung analysiert werden, wie soziotechnische Konstellationen unter bestimmten Bedingungen dauerhaft gemacht bzw. institutionalisiert werden. Da die im Rahmen dieser Stu‐ die erhobenen Daten Aufschluss über die Langzeitentwicklung von Translaville 3.3 Technografie 163 <?page no="164"?> geben (von der Implementierung der Plattform über deren Nutzungshöhepunkt bis hin zu einem Zeitraum geringerer Nutzung; vgl. auch Kap. 5.2), kann der gewählte theoretische Rahmen also auch wesentliche Einblicke in Techniken als Prozesse liefern. 3.3.4 Relevanz der technografischen Perspektive für diese Untersuchung Wie in den letzten Abschnitten beschrieben wurde, handelt es sich beim For‐ schungsprogramm der Technografie um einen pragmatistischen Zugang: Dieser umfasst eine Untersuchung von Techniken und der damit verbundenen Praxen in konkreten Situationszusammenhängen und zeitlichen Entwicklungsperspek‐ tiven. Das Forschungsprogramm ist deshalb für diese Studie relevant, weil es ein Beschreibungsinstrumentarium für die Robustheit, Medialität, Sozialität und Kulturalität von Techniken liefert. Der Fokus auf ein Beschreibungsmodell auf der Basis verschiedener ‚Ein‐ schreibungsbzw. Trägermedien‘ für Handlungen dient zusammen mit dem Konzept der ‚Technisierung‘ als eine Alternative für die in der neueren Technik‐ soziologie kritisierte Dichotomisierung von technischen und sozialen Faktoren. Stattdessen werden soziotechnische Gefüge mit einem konzeptuellen Instru‐ mentarium untersucht, das verschiedenen Handlungsgraden und Trägermedien für Handlungen gerecht werden kann. Damit schafft es die Technografie, ohne vorgefertigte ontologische Unterscheidungen (z. B. zwischen menschlicher und maschineller Agency) ins Feld zu gehen. Ziel dabei ist es, nicht automatisch alles, was agieren kann oder menschliche Interaktion betrifft, als ‚sozial‘ zu bezeich‐ nen, und alles, was dinglich ist und reagiert als ‚technisch‘. Die Technografie umschifft diese Perspektive also durch die Anwendung eines differenzierten Beschreibungsinstrumentariums für Gradualisierungen des Handelns sowie für die unterschiedlichen Trägermedien, in die diese Handlungen eingeschrieben sein können. Damit, so fasst Strübing (2005: 14) zusammen, trägt dieser theoretische Zugang zur Beantwortung einer Reihe von Forschungsfragen bei, die auch in der Translationswissenschaft noch größere Aufmerksamkeit verdienen (vgl. Kap.-3.2): Diese Forschungsfragen berühren soziologische Kernthemen wie Handlungsträgerschaft, Wissen, Artefaktbe‐ griff, Heterogenität und Verteiltheit im Handeln. Zugleich erlauben diese Themen […] dem pragmatistisch-interaktionistischen Ansatz seine besonderen Qualitäten zu entfalten, also etwa das Prinzip des differenzhaltigen Kontinuums als Alternative zu dualistischen Konzeptionen, die Einbeziehung von Materialität in den Interaktions‐ 164 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="165"?> begriff, die Betonung der Bedeutung von Perspektivität für die Sinnkonstitution oder den prozessualen Wissensbegriff. (Strübing 2005: -14) Damit eröffnet sich eine vielschichtige Perspektive auf die Verwobenheit von technischen Strukturen und sozialen Praxen in der hier untersuchten Form gemeinschaftsbasierter Übersetzung, ein vertiefender Einblick in die Verteiltheit von Agency in einem heterogenen soziotechnischen Gefüge sowie ein besseres Verständnis der sozialen, medialen und kulturellen Rolle von Plattformtechno‐ logien in der außerberuflichen Online-Übersetzung. 3.3.5 Methodische Konsequenzen Zentral für den methodischen Pfad der Technografie ist der Einsatz ethnografi‐ scher Werkzeuge zur Erforschung der wechselseitigen Bezüge zwischen Mensch und Technik (Rammert 2007: 11). Als maßgebliche methodische Einflüsse nennen Rammert und Schubert (2006a: 11) etwa „die Ethnografien der Arbeit (vgl. u. a. Button 1992; Engeström und Middleton 1996; Heath und Button 2002), die Ethnografien der materiellen Kultur (vgl. Appadurai 1986; Tilley 2001) und die Ethnografien der Wissenschaft und der Technik (vgl. Knorr-Cetina 1995; Latour 1996; Hess 2001)“ der 1990er- und frühen 2000er-Jahre, mit deren klarem Bekenntnis zur teilnehmenden Beobachtung vor Ort und zur präzisen Beschrei‐ bung von Praxen. Diese Ansätze aus dem Umfeld von Workplace Studies und Laborstudien (siehe Kap. 3.3.1) versucht man mit der Technografie in einem gemeinsamen Forschungsprogramm zu bündeln und methodisch auszubauen (Rammert 2007: -11). Die Technografie orientiert sich methodisch in einigen wesentlichen Zügen an der klassischen Ethnografie - zunächst etwa in ihrer Vorgehensweise bei der „Beobachtung, Aufzeichnung und Beschreibung“ (Rammert und Schubert 2006a: 13) der untersuchten Praxen: Wie in der traditionellen Ethnografie wird dem Feldaufenthalt zentrale Bedeutung eingeräumt. Die Technografie, so betonen Rammert und Schubert (2006a: 12) „geht ins Feld zu den vielen strategischen Orten, wo Techniken gemacht, Techniken verwendet und Tech‐ niken verändert werden“. Dabei erfolgt die „teilnehmende oder reflektierende Beobachtung“ von „Dingen, Deutungen und Aktivitäten“ (Rammert 2007: 11) rund um den gewählten Forschungsgegenstand. Beim Forschungsgegenstand kann es sich sowohl um Alltagspraxen als auch um nicht-alltägliche Praxen handeln (Rammert 2007: 11). Wie auch bei anderen Ethnografien wird der kontinuierlichen Aufzeichnung von Feldnotizen ein besonderer Stellenwert eingeräumt. Darüber hinaus können auch bei Technografien weitere Materialien aus dem Feld (z. B. Schriftstücke, 3.3 Technografie 165 <?page no="166"?> E-Mails, Protokolle etc.), oder von den Forscher: innen angefertigte Quellen (z. B. Skizzen, Memos etc.) als Ergänzung des Datenmaterials herangezogen werden. Eine weitere wichtige Datenquelle sind Gespräche mit Personen im Feld (Rammert 2007: -11). Es gibt jedoch auch einige Unterschiede zu klassischen Feldstudien: Der Gegenstand technografischer Studien wird in der Regel bewusst auf bestimmte Situationen oder Aspekte von Forschungsfeldern eingeschränkt, anstatt eine ganze ‚Kultur‘ in den Blick zu nehmen. Rammert (2007: 11) verweist in diesem Zusammenhang auf Knoblauchs (2010) fokussierte Ethnografie, die sich ebenfalls von traditionell anthropologischen Ethnografien dadurch abhebt, dass sie „sich auf die eigene Kultur konzentriert“, dass sie andererseits den Fokus aber auch „auf einen besonderen Ausschnitt dieser Kultur“ lege (Knoblauch 2001: -125). Besonders für Technografien ist zudem, dass sie sich in der Regel mehr oder weniger komplexe soziotechnische Gefüge zum Gegenstand nehmen. Die „einzelnen technischen Gegenstände, ihre Bedeutungen und die Praktiken des Umgangs mit ihnen“ (Rammert 2007: 11) stehen also eher im Vordergrund als in klassischen Ethnografien. Insbesondere verweist Rammert (2007: 11) jedoch auf die besondere Bedeutung, die die Technografie der präzisen Aufzeichnung und Beschreibung „aller Aktivitäten, auch derjenigen von technischen Artefakten, und der Interaktivitäten zwischen allen Instanzen des Handelns“ (ibid.) zumisst. Er sieht daher auch einen Unterschied in der Art und Weise, wie die ethnogra‐ fische Beschreibung umgesetzt wird. Technografie unterscheide sich insofern von der „dichten Beschreibung“ („thick description“, vgl. Geertz 1973) in der klassischen Ethnografie, als sie versuche, der „Fülle der Einschreibungen in verschiedenen Aufzeichnungsmedien“ (Rammert 2007: 11; vgl. dazu Kap. 3.3.2.3) Rechnung zu tragen. Dennoch betont Braun-Thürmann (2006: 203), es handle sich bei der Technografie lediglich um eine Erweiterung ethnografischer Zu‐ gänge: Technografie ist weder ein Ersatz noch die Nachfolgerin der Ethnografie als Methode, Diskurs oder Beobachtungsform. Vielmehr ist sie eine konzeptionelle Zuspitzung des ethnografischen Ansatzes auf die Technizität einer Kultur hin. Schließlich muss bei Technografien häufig auf ein besonders breites methodi‐ sches Repertoire zurückgegriffen werden, um die Interaktivität mit Objekten überhaupt empirisch fassbar zu machen. Entsprechende methodische Weiter‐ entwicklungen umfassen etwa den zunehmenden Ausbau audiovisueller Erhe‐ bungsmethoden (z. B. den Einsatz von Videoethnografien, vgl. etwa Schubert 2006b), die Entwicklung von Methoden zur Aufzeichnung computergenerier‐ ter Daten oder die Ausweitung technografischer Feldforschung auf virtuelle 166 3 Techniksoziologische Grundlegung <?page no="167"?> Räume und Gemeinschaften (vgl. z. B. Strübings ‚Webnografie‘, 2006). Für die hier vorgestellte Studie wurde methodisch insbesondere bei Hines ‚virtueller Ethnografie‘ (Hine 2000, 2015) Anleihe genommen. Sie ist mit den theoretischen Vorannahmen der Technografie gut vereinbar, stellt gleichzeitig aber ein me‐ thodisches Instrumentarium zur Verfügung, das der Spezifik virtueller Welten Rechnung tragen kann. 3.3 Technografie 167 <?page no="169"?> 4 Virtuelle Ethnografie Um den Übersetzungsaktivitäten auf Translaville, den Vorstellungen und Dis‐ kursen rund um diese, und auch den mit ihnen in Zusammenhang stehenden Mikroordnungen und Aushandlungsprozessen auf den Grund gehen zu können, brauchte es einen methodischen Zugang, der qualitative Mikroanalysen und dichte Beschreibungen erlaubt, der gleichzeitig jedoch auch den vielfältigen Ausprägungen und Besonderheiten schriftlicher Online-Kommunikation und den unterschiedlichen Perspektiven auf den zu untersuchenden Gegenstand - etwa in Bezug auf verschiedene Gestaltungsphasen und -interessen, die Vielzahl der involvierten Akteur: innen, mediale und materielle Aspekte - gerecht wird. Daher wurde in dieser Studie auf das methodische Programm der virtuellen Eth‐ nografie (Hine 2000, 2015, 2016) - mit ihrem „hybrid archival-communicative and participative-observational stance“ (Kozinets 2015: 165) - zurückgegriffen. Es wurden drei für die virtuelle Ethnografie typische, grundlegende Datenfor‐ men erhoben, deren Bedeutung für das verfolgte Forschungsdesign in den folgenden Abschnitten erläutert wird (siehe Kap. 5.4 bis 5.6). Diese Datenformen umfassen (1) Archivdaten - also von der Forscherin weitgehend unbeeinflusste, im untersuchten Feld abrufbare Daten z. B. in Form von existierenden Forenbe‐ ständen; (2) Daten, die im Zuge der Forschungspraxis im Austausch zwischen Forscherin und Teilnehmer: innen entstanden sind („elicited or co-created“, Kozinets 2015: 165) - also etwa aufgezeichnete (Online-)Interviews oder ver‐ schiedene Formen der sozialen Interaktion im Feld; sowie (3) von der Forscherin produzierte Daten, wie in dieser Studie etwa in der Form von Feldnotizen („reflective/ reflexive immersive/ participative authored fieldnote data“, Kozinets 2015: -165). Die virtuelle bzw. Online-Ethnografie wurde ursprünglich für die Erfor‐ schung von Online-Communities entworfen und im letzten Jahrzehnt zuneh‐ mend weiterentwickelt, um vermehrt auch Online/ Offline-Interaktionen, Mul‐ timedialität, mobile Internetnutzung und Alltagskulturen in den Blick nehmen zu können (vgl. Robinson und Schulz 2009; Pink et al. 2016: 4 ff.). Dieses Kapitel zeichnet zunächst diese bisherigen konzeptuellen und methodischen Entwicklungen nach, präsentiert dann aktuelle Fragen der Internetforschung und stellt interdisziplinäre Forschungsperspektiven dabei auch der ethnografi‐ schen Internetforschung in der Translationswissenschaft gegenüber. Anschlie‐ ßend wird das methodisch-konzeptuelle Programm der virtuellen Ethnografie nach Hine (2000, 2015, 2016) vorgestellt, welches die Grundlage für den auch hier verfolgten Zugang bildet. Ausgehend davon werden schließlich eigene <?page no="170"?> methodische Entscheidungen, der Datenerhebungs- und Auswertungsprozess sowie die angestellten forschungsethischen Überlegungen geschildert. 4.1 Entwicklung der ethnografischen Internetforschung Die Entwicklung der ethnografischen Internetforschung kann einerseits als eine kontinuierliche Erweiterung und Anpassung methodischer und theoretischer Perspektiven der klassischen Ethnografie an die sich ständig verändernden technologischen Möglichkeiten digitaler Technologien beschrieben werden. Andererseits versuchen onlineethnografische Zugänge auch mit den eng mit diesen Entwicklungen verbundenen, neuen kulturellen und sozialen Bedeutun‐ gen des Internets Schritt zu halten. Robinson und Schulz (2009) beschreiben diese Entwicklungslinien der Online-Ethnografie in drei Phasen, die im Folgen‐ den kurz umrissen werden. Als Pionierphase der Online-Ethnografie gelten Robinson und Schulz (2009: 688 ff.) zufolge die ersten Versuche von Internetforscher: innen, überhaupt ‚vir‐ tuelle Welten‘ als Untersuchungsfeld für ethnografische Forschung zu nutzen. Interessant war das Forschungsfeld ‚Internet‘ für Ethnograf: innen vor allem deswegen, weil sie darin Bedingungen vorzufinden glaubten, die sich deutlich von denen in der gewohnten, nicht-virtuellen Realität unterschieden. Dabei standen zunächst insbesondere Themen wie etwa „identity play“ bzw. „identity deception“ (2009: 688 f.) im Mittelpunkt, also der spielerische oder missbräuch‐ liche Umgang von Internetnutzer: innen mit verschiedenen Identitäten, die sich von ihrer/ ihren übliche(n) Identität(en) in der Offline-Welt unterschieden. Durch diesen thematischen Fokus war der Vergleich zwischen (als deutlich voneinander getrennt wahrgenommenen) Online- und Offline-Realitäten meist zentraler Bestandteil solcher Studien (vgl. die von Robinson und Schulz geprägte Bezeichnung eines „verificationist approach“ für diese Phase der Internetfor‐ schung; 2009: 688). Zentral für diesen Zugang war die Auffassung, der soge‐ nannte ‚Cyberspace‘ habe das Potenzial, eine völlig neue soziale Wirklichkeit zu schaffen, in der sich eigene, in sich geschlossene Identitäts-, Gemeinschafts- und Kommunikationsformen entwickeln, die von der Offline-Welt getrennt in ihrer Gesamtheit beobachtet werden können (Greschke 2007: -8). Mit Beginn der 1990er-Jahre wurde das Internet zunehmend von immer brei‐ teren Bevölkerungsgruppen genutzt, wodurch Online-Communities gleichzei‐ tig repräsentativer für Offline-Gesellschaften wurden. In der hier ansetzenden zweiten Phase der Internetforschung, deren Ausrichtung Robinson und Schulz (2009: 689) als „integrationist perspective“ bezeichnen, wandte man sich in der 170 4 Virtuelle Ethnografie <?page no="171"?> Forschung stärker der Frage zu, wie offline ausgeübte ethnografische Praxis und klassische Konzepte der Feldforschung, wie etwa ‚Feld‘ oder ‚teilnehmende Beobachtung‘, auf die Gegebenheiten eines Online-Forschungsfelds umgelegt werden konnten. So bestand das zentrale Anliegen vieler Forschungsarbeiten darin, nachzuweisen, dass sich ethnografische Methoden selbst in einem Feld, das ohne direkten persönlichen Kontakt zwischen den interagierenden Perso‐ nen und somit auch zwischen Forscher: in und untersuchter Online-Kultur auskommen musste, anwenden ließen. Interaktion, so argumentierte man, finde im Internet nicht über mündliche Kommunikation (inklusive aller ihr eigenen nonverbalen Aspekte) statt, sondern erfolge vorrangig in Form von Text. Bringen Ethnograf: innen in der traditionellen Feldforschung ihre Erfahrungen und Beobachtungen mit Hilfe von Feldnotizen zu Papier, so würden diese Aufgabe in der Online-Ethnografie vielfach bereits die Internetnutzer: innen übernehmen. Die Nutzer: innen ‚übersetzen‘ dabei selbst bereits jene Aspekte der Interaktion, die in der mündlichen Kommunikation über das Wörtliche hinaus kommunizierbar sind, so gut wie möglich in eine textuelle Form, beispielsweise in Form von ‚Emoticons‘, ‚Emojis‘ oder bestimmten Text-Elementen (Robinson und Schulz 2009: 691). In dieser zweiten Phase der Internetforschung trat die zuvor übliche, konzep‐ tuelle und methodische Separierung von online und offline zunehmend in den Hintergrund. Insbesondere begann man sich mit der Frage auseinanderzusetzen, welche unterschiedlichen Bedeutungen Internetnutzung für verschiedene so‐ ziale und kulturelle Gruppen unter unterschiedlichen Bedingungen annehmen könne. So ging man bei der Wahl der zu untersuchenden Forschungsfelder auch nicht mehr nur von Gruppen oder Kulturen aus, die sich ausschließlich online als solche konstituiert hatten, sondern begann zusätzlich auf der Basis lokaler Gefüge und Strukturen unterschiedliche Arten der Interaktion mit dem Internet zu untersuchen (Hine 2015: 35 f.; vgl. dazu etwa Miller und Slaters Studie zu den vielschichtigen Ausprägungen der Internetnutzung in Trinidad, 2000). Diese Entwicklung mündete letztlich in die dritte von Robinson und Schulz (2009: 691 ff.) beschriebene Phase der ethnografischen Internetforschung. Wäh‐ rend der Fokus in der ersten Phase der Internetforschung laut Robinson und Schulz’ Darstellung deutlich auf einer Gegenüberstellung von Online- und Offline-Sphären lag, und in der zweiten Phase die Legitimation des Internets als eigenständiges Forschungsfeld im Mittelpunkt stand, beschreiben sie für die dritte Phase zunächst eine stärkere methodische Verschränkung von online und offline beobachtbarer Praxis. Dies gründete auf der Erkenntnis, dass [f]ace-to-face and mediated interaction do not take place in dichotomous realms that obey totally different logics. In point of fact, physical face-to-face interactions 4.1 Entwicklung der ethnografischen Internetforschung 171 <?page no="172"?> and virtual interactions are but two possibilities among other forms of mediated communication including, but not limited to, cell phones, texting, and video conferencing, as well as the traditional landline telephone or snail mail. (Robinson und Schulz 2009: 692) Diese Überlegung hat ihren Ursprung in der Medienwissenschaft, wo man zu der Einsicht gelangte, dass ein ausschließlicher methodischer Fokus auf Medien zur Erforschung medienbezogener Forschungsgegenstände häufig dazu führt, dass in empirischen Untersuchungen andere zentral mit diesen verwobene Aspekte (z. B. „other activities, technologies, materialities and feelings through which they are used, experienced and operate“, Pink et al. 2016: 9) übersehen oder ausgeblendet würden (Pink et al. 2016: -9). Umgelegt auf onlineethnografische Arbeiten bedeutet dies, dass Forscher: in‐ nen in jüngerer Zeit stärker davon abrücken, digitale Phänomene automatisch und ausschließlich mit digitalen Methoden zu erforschen oder umgekehrt digitale Methoden immer für ausschließlich als ‚digital‘ wahrgenommene Phä‐ nomene einzusetzen. Das gab den Blick frei für Fragen nach der Einbettung von Online-Technologien in größere Infrastrukturen, Netzwerke oder Umgebungen und nach der Rolle von digitalen Medien im täglichen Leben von Nutzer: innen. Das Forschungsfeld wird daher nicht mehr so sehr von der im Alltag zunehmend verschwimmenden Grenze zwischen Online und Offline bestimmt, sondern umfasst stärker jene Lebensbereiche, in denen Menschen digitale Technologien üblicherweise nutzen (Pink et al. 2016: 9 ff.). Damit begleitet die aktuelle online‐ ethnografische Praxis die Entwicklung der Technologie hin zum sogenannten ‚Ubiquitous Computing‘ in Form einer Ethnografie der vielen Orte (Marcus 1995) - seien sie nun physisch oder virtuell. Eine weitere, neue methodische Herausforderung während dieser dritten Phase der onlineethnografischen Forschung (sie wird von Robinson und Schulz auch als Phase der „multi-modal ethnographies“ bezeichnet), besteht darin, dass Internetinhalte nun nicht mehr bloß aus textuell vermittelten Informationen bestehen, sondern multimodal, also auch visuell und auditiv erfahrbar geworden sind. Ein großer Teil dieser Inhalte (in Form von Bildern, Videos, Musik oder Audioaufnahmen) wird dabei von Internetnutzer: innen selbst erstellt und ver‐ breitet. Dazu kommt eine Entwicklung, die von Jenkins (2006a) als ‚Convergence Culture‘ konzeptualisiert wurde: die zunehmende Verwobenheit unterschied‐ lichster Medienprodukte, -plattformen und -industrien, die Möglichkeit der gleichzeitigen Ausgabe von Inhalten auf verschiedensten, auch mobilen Endge‐ räten sowie die zunehmende Ausdifferenzierung digitaler Medienprodukte für möglichst individuelle Nutzungserfahrungen. Für die Feldforschung bedeutet dies nicht nur, dass es neue Methoden zur Erhebung und Interpretation multi‐ 172 4 Virtuelle Ethnografie <?page no="173"?> medialer Daten braucht. Vielfach versuchen sich Ethnograf: innen auch selbst an der Gestaltung und Verbreitung solcher Inhalte, um - gemäß dem Prinzip der teilnehmenden Beobachtung - die zum Teil technologisch anspruchsvol‐ len Erfahrungen der Nutzer: innen überhaupt erst nachvollziehen zu können (Robinson und Schulz 2009: 692). Ähnliche Konsequenzen können sich auch für die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen ergeben. So erscheint eine rein schriftliche Ergebnisdarstellung in Studien zu besonders multimedial durchdrungenen Forschungsfeldern zuweilen als schwer umsetzbar bzw. unzu‐ reichend, weshalb zur Veröffentlichung von Daten und Ergebnissen oft auf selbst erstellte Webseiten, Blogs, Videokanäle etc. zurückgegriffen wird (Pink et al. 2016: 13 f.). Dies bietet die Möglichkeit, ethnografische Forschung zeitnah und transparent zu kommunizieren, liefert ein Forum für den Dialog mit Forschungsteilnehmer: innen und führt Teile des Forschungsfelds, der Analyse und der Veröffentlichung eines Forschungsprojekts an einem ‚Ort‘ zusammen. Hine (2015: 22) beurteilt die von Robinson und Schulz (2009) nachgezeichne‐ ten Entwicklungsphasen der ethnografischen Internetforschung als brauchba‐ ren Orientierungsrahmen, weist jedoch darauf hin, dass dabei - wie häufig in Chronologien - historische Entwicklungen zwangsläufig vereinfacht und einige sich wesentlich unterscheidende Einzelperspektiven zur besseren Darstellbar‐ keit geglättet wurden. Darüber hinaus seien die beschriebenen Phasen nicht trennscharf abgrenzbar. Pink et al. (2016: 4 ff.) beziehen sich in ihrem Buch Digital Ethnography auf ähnliche Entwicklungen wie Robinson und Schulz. Sie beschreiben sie jedoch als Teil disziplinenübergreifender ideengeschichtlicher Makrotrends und Wenden. In den letzten beiden Jahrzehnten konstatieren sie vor allem eine Fokusverschiebung hin zu Genderfragen, sensorischen oder visuellen Aspekten, was auch einen entsprechenden Wandel des eingesetzten Methoden‐ repertoires (online-)ethnografischer Forschung zur Folge hatte. Die jüngsten Entwicklungen fassen sie dabei insbesondere als „a challenge to the dominant ways of ‚knowing‘ and ‚researching‘ that privilege particular senses“ zusammen (Pink et al. 2016: 4). Ein wachsendes Forschungsfeld verknüpft außerdem die Forschungsagenden der virtuellen Ethnografie und der Science and Technology Studies (Pink et al. 2016: 5). Eine Vertreterin dieses Felds ist Christine Hine, auf deren theoretischer und methodischer Arbeit der in dieser Studie verfolgte Zugang zur virtuellen Ethnografie beruht. 4.1 Entwicklung der ethnografischen Internetforschung 173 <?page no="174"?> 4.2 Online-Ethnografie in der Translationswissenschaft In der Translationswissenschaft ist die Zahl der Forschungsprojekte, in denen onlineethnografische Prinzipien in aller methodischen Konsequenz umgesetzt wurden, bislang noch überschaubar. Erste Studien mit onlineethnografischen, netnografischen bzw. ähnlichen Forschungsdesigns wurden erst im Laufe der letzten Jahre veröffentlicht und machen sich diesen methodischen Zugang primär in der Erforschung besonders medial durchdrungener Formen außerbe‐ ruflicher Translation zunutze. Sie unterscheiden sich zum Teil erheblich in der Art und Weise, wie die Methode umgesetzt wird bzw. wie deren Einsatz jeweils begründet wird. Das liegt einerseits daran, dass in den einzelnen Forschungsarbeiten jeweils unterschiedliche Zugänge zur ethnografischen On‐ line-Forschung herangezogen wurden. So umfassen beispielsweise die metho‐ dischen Programme der ‚Virtual Ethnography‘ (Hine 2000, 2015), ‚Netnography‘ (Kozinets 2002, 2010), ‚Online Ethnography‘ (Markham 2004), ‚Ethnography of Virtual Worlds‘ (Boellstorff et al. 2012) bzw. ‚Digital Ethnography‘ (Pink et al. 2016) jeweils Zugänge, die sich in vielen Aspekten sehr ähneln, die jedoch nicht alle denselben Herkunftsdisziplinen und Wissenschaftstraditionen entstammen. Zum Teil werden diese Bezeichnungen auch synonym verwendet. Dies führt mitunter zu Auffassungsunterschieden, etwa dahingehend, ob das Methodenprogramm nun als bloßes Werkzeug zu sehen ist, das online verfüg‐ bare Daten methodisch bearbeitbar macht, oder ob es sich dabei um einen Zugang handelt, der sich durchaus in der Tradition klassischer ethnografischer Studien sieht, also in erster Linie als eine Adaptierung ethnografischer Prinzi‐ pien auf internetvermittelte kulturelle Praxen. Die letztere Methodentradition der onlineethnografischen Forschung betont dabei die Rolle von klassisch eth‐ nografischen Methodenwerkzeugen, wie etwa der teilnehmenden Beobachtung und der Immersion der Forscher: innen im Feld, auch in der Erforschung von virtuellen Forschungsfeldern, während ersterer von Kritiker: innen häufig der ethnografische Anspruch überhaupt aberkannt wird, da in dieser Ausprägung von Online-Ethnografie bzw. ‚Netnografie‘ oft auch nicht-teilnehmende Beob‐ achtung mit ethnografischer Forschung gleichgesetzt wird oder bereits das Erheben von Online-Texten bzw. Online-Kommunikation als Beobachtung und somit ethnografischer Zugang bezeichnet wird. Kozinets (2010: 5 ff.) weist darauf hin, dass die häufige Prägung von Neologismen für entsprechende methodische Zugänge nicht unbedingt zu größerer Klarheit beiträgt, sondern methodische Unschärfen sogar verstärken kann. Zu lösen sei dieses Problem ihm zufolge durch eine möglichst detaillierte Darlegung des spezifisch für eine Studie entwickelten methodischen Zugangs bzw. des jeweils konkret umgesetzten Prozesses. 174 4 Virtuelle Ethnografie <?page no="175"?> In der Translationswissenschaft werden unter ‚ethnografischer Online-For‐ schung‘ daher in der Regel Arbeiten mit verschiedenen Zugängen zusammenge‐ fasst, die das oben beschriebene Spektrum gut widerspiegeln. Haddadian-Mog‐ haddam und Meylaerts (2014) argumentieren ihren Einsatz dieser Methode in einer Studie zu Medienübersetzung ausschließlich mit forschungspraktischen Gründen. Nachdem durch die geografische Entfernung der Forschenden kein unmittelbarer Zugang zu im Iran ausgestrahlten Fernsehsendungen bestand, wurde auf online abrufbare Sendungen und dazu verfügbare Kontextinforma‐ tionen zurückgegriffen. Es handelt sich also um einen Methodenbegriff, der weniger stark an die theoretisch-methodischen Vorannahmen der traditionellen Ethnografie anknüpft und der Konzeptualisierungen von Technologie (aus dem eher an Anthropologie, Soziologie und Science and Technology Studies angelehnten Bereich der ethnografischen Online-Forschung) keine zentrale Rolle in onlineethnografischen Analysen einräumt. Online-Ethnografie wird dabei in erster Linie als Datenerhebungsinstrument begriffen. In ähnlicher Weise beschreibt Khidir (2017) in seiner Studie zu Lokalisierungsstrategien bei der Übersetzung arabischer Nachrichtentexte im Kontext des Arabischen Frühlings seine Nutzung netnografischer Prinzipien primär als Datenauswertungsinstru‐ ment, das er in seinem Forschungsprojekt der Kritischen Diskursanalyse als übergeordnetem Rahmen unterordnet. In den beiden Studien liegt der metho‐ dische Fokus offenbar stärker auf den datenstrukturierenden Möglichkeiten von Online-Forschungsmethoden als auf einem konkreten Interesse an der Komplexität von Online-Praxen und den Verflechtungen zwischen Technologie und sozialen Prozessen. Allerdings führen sie deutlich vor Augen, was etwa Koskinen (2009: 212) in einer Rezension zu Sturges (2007) ethnografischer Studie zu Übersetzungspraxis in Museen anmerkt, nämlich dass onlineethnogra‐ fische Zugänge nunmehr erlauben, eine Reihe methodischer Einschränkungen im Zusammenhang mit räumlichen oder geografischen Begrenzungen des Forschungsfelds zu überwinden. Das kann insbesondere für die translations‐ wissenschaftliche Forschung Entwicklungspotenziale eröffnen - nicht nur aus methodischer und forschungspraktischer Sicht, sondern auch in Hinblick auf bestehende konzeptuelle Herausforderungen: Virtual ethnographies, then, entirely bypass the issue of geographic distance (see, for example, Hine 2000). The issues raised for both anthropology and for translation studies by such notions as transnationality, third spaces and hybridity - in short, by the growing (awareness of the) permeability and porousness of cultural boundaries and national identities - are far from being fully resolved and dealt with. (Koskinen 2009: 212) 4.2 Online-Ethnografie in der Translationswissenschaft 175 <?page no="176"?> Bezieht man sich auf ein Verständnis von Online-Ethnografie primär als Form der Erhebung von Online-Daten, so wird klar, dass eine zunehmende Nutzung dieses methodischen Instruments künftig umfassende Forschungsperspektiven in allen Bereichen der translationswissenschaftlichen Forschung eröffnen kann. Der Vorteil von Online-Inhalten liegt darin, dass sie großteils natürlich, also ohne Eingriff von Forscher: innen, entstanden sind, thematisch alle Lebensbe‐ reiche von Internetnutzer: innen betreffen und nicht an eine physische Lokalität gebunden sind. Sie können daher herangezogen werden, um unterschiedlichste Aspekte translatorischer Produktionsprozesse zu untersuchen. Insbesondere aber gewähren sie Einblick in die subjektiven Vorstellungen von Internetnut‐ zer: innen, unabhängig davon, ob sie nun selbst in die Produktion translatori‐ scher Produkte eingebunden sind, oder sie Kund: innen, Rezipient: innen, oder ganz einfach Teil einer bestimmten Zielgruppe sind. Exemplarisch können hier etwa Olohans (2011) Studie zu den Technikdiskursen von Übersetzer: innen auf Basis eines Online-Forums oder Bundgaard und Brøggers (2018) netnogra‐ fische Untersuchung der normativen Vorstellungen von Übersetzer: innen zu Strategien der Rückübersetzung von medizinischen Texten genannt werden. Darüber hinaus bilden online erhobene Daten wie etwa Social-Media-Postings, Online-Foren oder Bloginhalte immer häufiger eine komplementäre Daten‐ quelle in translationswissenschaftlichen Forschungsprojekten mit ansonsten eher klassisch ethnografischen Forschungsdesigns (vgl. dazu etwa Cadwells Dissertation zur Wahrnehmung von Übersetzung in der Folge des Tōhoku-Erd‐ bebens; vgl. Cadwell 2015). Am anderen Ende des besprochenen methodischen Spektrums finden sich Studien, die sich stärker an dem auch hier verfolgten Zugang der ‚Virtual Ethnography‘ nach Hine (2000, 2015) orientieren (vgl. etwa Hsiao 2014; Li 2015; 2017, 2019; oder Wongseree 2017), der es erlaubt, auch der gestaltenden bzw. strukturierenden Rolle von Technologie innerhalb von sozialen Zusammen‐ hängen Rechnung zu tragen. Die Anwendung dieses methodischen Rahmens in der translationswissenschaftlichen Forschung verdeutlicht das Potenzial on‐ lineethnografischer Zugänge für die Erforschung komplexer soziotechnischer Dynamiken innerhalb bestimmter Gruppen, Communities bzw. anderer Online- und Offline-Forschungsfelder. Ähnlich beschreibt auch Pérez-González (2017) - in Bezug auf audiovisuelle Übersetzungsforschung - die Stärken dieses Methodenprogramms. Wie er darlegt, versetze dieses Forscher: innen in die Lage to experience first-hand the constraining effect of structural embeddedness - whether in the form of editorial control, mandatory codes of subtitling standards or simply peer feedback from fellow amateur subtitlers commenting on each other’s work. (Pérez-González 2017: 29 f.) 176 4 Virtuelle Ethnografie <?page no="177"?> Ein Großteil der bisherigen Forschungsarbeiten stammt dabei, wohl nicht weiter verwunderlich, aus dem Bereich der audiovisuellen Übersetzung. So haben etwa Li (2015, 2017), Wongseree (2017) und Wu (2017) onlineethnografische Studien zu Fansubbing bzw. außerberuflicher Untertitelung veröffentlicht. Valero Porras und Cassany (2017) haben diesen methodischen Zugang erstmals auf Scanla‐ tion-Aktivitäten angewendet. Angesichts der zunehmenden Globalisierung der Produktion bzw. des Kon‐ sums audiovisueller Produkte sowie des zunehmenden Verschwimmens der Grenze zwischen traditionellen und digitalen Medien wird dieser methodische Rahmen nunmehr auch verstärkt dazu eingesetzt, die globalen Produktions-, Übersetzungs-, Distributions- und Rezeptionszusammenhänge, in die audiovi‐ suelle Medienproduktion eingebettet ist, empirisch erfassbar und innerhalb eines gemeinsamen methodischen Rahmens analysierbar zu machen (vgl. z. B. Haddadian-Moghaddam und Meylaerts 2014; Hsiao 2014; Xie 2016; Khidir 2017). Da wie in traditionellen Ethnografien auch die Forschungsfelder von On‐ line-Ethnografien meist durch den Fokus auf bestimmte kulturelle Gruppen oder Praxisgemeinschaften begrenzt sind, werden onlineethnografische Methoden in der übersetzungswissenschaftlichen Forschung darüber hinaus auch für die Untersuchung von gemeinschaftsbasierter Übersetzung im Internet oder translatorischen Crowdsourcing-Praxen eingesetzt (Rogl 2016; Yu 2017, 2019). Wie die oben dargestellte Entwicklung der ethnografischen Internetfor‐ schung (Kap. 4.1) gezeigt hat, müssen die Forschungsfelder onlineethnografi‐ scher Studien jedoch nicht zwingend auf internetvermittelte kulturelle und soziale Zusammenhänge sowie Kommunikation beschränkt bleiben. Gerade die möglichen Schnittstellen zwischen Online- und Offline-Sphären, in denen Übersetzungen zunehmend vermittelt, ausgehandelt, produziert, überprüft und verbreitet werden, können hier einen lohnenden Fokus darstellen. Dies zeigt etwa die Studie von Hsiao (2014), die zusätzlich zu (online stattfindenden) Aspekten der Produktion und Distribution von Untertiteln auch die gleichzeitige physische Einbettung dieser Aktivitäten (nämlich in den Wohnzimmern und sogar Schulen von zum Teil jugendlichen Studienteilnehmer: innen) beobach‐ tet hat. Bedenkt man die immer stärkere Technologisierung moderner trans‐ latorischer Arbeitsplätze bzw. die Unabdingbarkeit diverser instrumenteller, informativer sowie kommunikativer Online-Ressourcen für die Arbeit von Translator: innen (vgl. dazu z. B. Austermühl 2011; O’Brien 2012; Risku et al. 2010; Kenny 2017a), so ist künftig auch auf einen stärkeren Einbezug dieses methodischen Zugangs im Rahmen translatorischer Arbeitsplatzforschung zu hoffen (vgl. Risku et al. 2017; Risku et al. 2020). 4.2 Online-Ethnografie in der Translationswissenschaft 177 <?page no="178"?> 52 Diesen Zugang fasst Hine (2016: 562) an anderer Stelle folgendermaßen zusammen: „In this connective approach the frames of meaning-making for online activities are acknowledged to be multiple, and the connections which the ethnographer chooses to pursue therefore have to be viewed as strategic choices rather than as dictated by the prior boundaries of the field as an autonomous agent.“ 4.3 Grundprinzipien der virtuellen Ethnografie In der virtuellen bzw. Online-Ethnografie (Hine 2000, 2015; Boellstorff et al. 2012; vgl. auch Kozinets’ Netnografie, 2010, für einen ähnlichen methodischen Zugang mit unterschiedlicher disziplinärer Herkunft) wurden die Prinzipien der traditionellen Ethnografie adaptiert, um der Allgegenwärtigkeit digitaler Tech‐ nologien im Alltag und dessen zunehmender Durchdringung mit verschiedenen Formen von Online-Kommunikation Rechnung zu tragen (Hine 2015: 1). Ziel dabei ist es, Kategorien wie etwa „experience, practice, relationships, things, localities, social worlds and events“ (Pink et al. 2016: 15) in Online-Communities oder in Bezug auf verschiedene Formen internetvermittelter Praxis bzw. Kom‐ munikation methodisch erschließbar zu machen. Der Fokus onlineethnografi‐ scher Studien kann dabei sowohl auf fachlich spezialisierten Forschungsfeldern als auch auf Alltagspraxen liegen. Hine (2000) hat die methodische Grundlagenarbeit in diesem Bereich be‐ reits früh mit einem ersten Methodenwerk mitgestaltet, hat später wertvolle Ergänzungen zur Konzeptualisierung des Feldbegriffs in der Online-Ethnografie („getting there“ statt „being there“) geliefert und dabei in Anlehnung an die von Marcus (1995) vorgeschlagene ‚Multi-sited Ethnography‘ ihren methodischen Ansatz der ‚Connective Ethnography‘ (Hine 2007) beschrieben. 52 Ihren Zugang zur Online-Ethnografie beschreibt sie als „a bodily-located, circumstantially active and experientially focused ethnography“ (Hine 2015: 20). Dazu lieferte sie in einem neueren Methodenwerk (Hine 2015) eine umfassende Ergänzung onlineethnografischer Prinzipien um eine theoretische Konzeptualisierung des Internets als ‚E3 Internet‘ („embedded, embodied and everyday“). Damit ver‐ deutlichte sie die methodischen Konsequenzen körperlicher, sensorischer und emotionaler Aspekte der Internetnutzung, der Einbettung des Internets in unseren Alltag sowie der Alltäglichkeit des Internets. Diese Überlegungen sind auch für diese Forschungsarbeit relevant und werden daher in den nächsten Abschnitten genauer dargelegt. Aufgrund ihres spezifischen theoretisch-methodischen Zugangs lässt sich die virtuelle Ethnografie nach Hine (2000, 2015) besonders gut mit dem hier verfolgten theoretischen Zugang kombinieren: Sie kann auch materiellen oder medialen Fragen der Online-Kommunikation Rechnung tragen und begreift das 178 4 Virtuelle Ethnografie <?page no="179"?> 53 Vgl. hierzu die Diskussion, inwiefern bei virtuellen Ethnografien überhaupt von einem ethnografischen Forschungsfeld gesprochen werden kann (vgl. z. B. Dicks et al. 2005: 116 ff.; Strübing 2006; Greschke 2007; Hine 2015, 58 ff.; 2016, 561 ff.). Internet sowohl als kulturelle Sphäre wie auch kulturelles Artefakt, jeweils geprägt von den Erwartungen und Vorstellungen von Internetnutzer: innen in Bezug auf virtuelle Welten und Interaktionen. Sie ist darüber hinaus auch besonders gut an techniksoziologische Überlegungen anschlussfähig und wurde von diesen bis zu einem gewissen Grad beeinflusst (Pink et al. 2016: 24). Auch finden sich zahlreiche Überschneidungen mit ethnografischen Traditionen tech‐ niksoziologischer Forschung (Braun-Thürmann 2006; Knecht 2012; Rammert und Schubert 2006a: 17), die ihr methodisches Repertoire in den letzten Jahren ebenfalls stärker in Richtung Online-Ethnografie ausgebaut haben (Strübing 2006). Hine (2015: 31) beschreibt onlineethnografische Forschungsarbeit als eine durch und durch erfahrungs- und erlebensbasierte Methode der Feldforschung, die es je nach Feld und Forschungsfragen erforderlich machen wird, individu‐ elle Strategien dafür zu finden, wie von Forscher: innen in einem konkreten Zusammenhang Sinn gestiftet werden kann. Diese methodischen Anpassungen onlineethnografischer Forschungsdesigns erstrecken sich über den gesamten Forschungsprozess und erfolgen in dem Maße, in dem Forscher: innen ein für die konkret verfolgten Forschungsinteressen relevantes Forschungsfeld 53 konstruieren, Zugang zum Feld finden und in weiterer Folge Akteur: innen, Pra‐ xen und digitalen Artefakten über verschiedenste Kommunikationskanäle und sich überlappende Online- und Offline-Sphären hinweg folgen. Durch diesen notwendigerweise prozesshaften Zugang zur Ausgestaltung des Forschungs‐ designs erschließen sich die für ein konkretes Forschungsprojekt relevanten Datenquellen (z. B. Online-Foren, Social-Media-Beiträge, multimediale Texte, Online-Umfragen, elektronische oder konventionelle Interviews, Instant-Mes‐ saging-Dienste, Chatrooms, Beobachtungen etc.) häufig erst im Laufe der Studie. Unabhängig von der Individualität der Forschungsdesigns und -prozesse, so betont Hine (2015: -31), teilen virtuelle Ethnografien jedoch a commitment to ethnography as an experiential form of knowledge, and a belief that engagement with the field should be driven by a pursuit of the ways in which a setting uniquely makes sense, rather than the application of a particular model of what a field should be. In der konzeptuellen Grundlegung ihres methodischen Programms streicht Hine (2015: 32) daher drei Spezifika von Internettechnologien hervor, die beim 4.3 Grundprinzipien der virtuellen Ethnografie 179 <?page no="180"?> Entwickeln einer solchen individuellen ethnografischen Forschungsstrategie zu berücksichtigen sind: that it [the Internet] is embedded in various contextualizing frameworks, institutions, and devices, that the experience of using it is embodied and hence highly personal and that it is everyday, often treated as an unremarkable and mundane infrastructure rather than something that people talk about in itself unless something significant goes wrong. (Hine 2015: -32, Hervorhebung im Original) In den folgenden Abschnitten wird Hines Konzeptualisierung des Internets als eingebettete, verkörperte und alltägliche Technologie daher näher vorgestellt und insbesondere in Hinblick auf deren methodische Konsequenzen bespro‐ chen. 4.3.1 Embeddedness: die Einbettung von Online-Technologien Das Konzept des ‚embedded internet‘ steht in engem Zusammenhang mit der technologischen Entwicklung hin zu umfassend informationsverarbeitenden (vgl. ‚ubiquitäres Computing‘), internetfähigen und miteinander vernetzten Alltagsgegenständen (vgl. ‚Internet der Dinge‘). In der Erforschung von On‐ line-Technologien und internetbezogenen Praxen bringt diese zunehmende Verwobenheit von Technologie und Alltag eine Reihe neuer Perspektiven und Forschungsfragen mit sich, einerseits in Bezug auf die immer komplexeren Formen der Nutzung von und Interaktion mit Technologien und andererseits in Bezug auf die Diversifizierung der dabei genutzten Endgeräte und damit der Schnittstellen zwischen Offline und Online. Während, wie oben beschrieben, die erste Welle der Online-Forschung ‚das Internet‘ noch vorrangig als einen mehr oder weniger von der physischen Welt abgegrenzten Ort konzeptualisierte, in dem man völlig neue soziale Strukturen und Ordnungen zu beobachten hoffte, wandte man sich mit zunehmender Ver‐ breitung des Internets mehr und mehr der Frage zu, wie Menschen das Internet als eine unter vielen verschiedenen Möglichkeiten der Interaktion nutzen bzw. welche Bedeutung für sie die ‚Präsenz‘ in virtuellen Welten - neben anderen möglichen Erfahrungen - hat (Hine 2015: 35). Um dieser Einbettung des Inter‐ nets in das tägliche Leben und Handeln von Menschen in onlineethnografischen Studien gerecht werden zu können, brauchte es neue methodische Werkzeuge und theoretische Zugänge. Zwar widmete man sich in dieser neuen Phase der Internetforschung nach wie vor der Frage, welche Aktivitäten Menschen online verfolgen und wie Internetnutzer: innen online miteinander kommunizieren, 180 4 Virtuelle Ethnografie <?page no="181"?> hinzu kam jedoch ein breiterer Blick auf die untersuchten Aktivitäten und Interaktionen, indem man zusätzlich der Frage nachging, worin der Ursprung bestimmter Handlungen und Interessen bestand und in welchem Kontext, vielleicht auch ‚außerhalb‘ des Internets, diese entstanden waren. Neu war auch, dass man den Diskursen rund um Online-Aktivitäten nachging und jenen Strukturen und Prozessen auf den Grund ging, die einigen Personen besseren Zugang zu ihnen zu ermöglichen schienen als anderen (Hine 2015: 35; vgl. dazu auch das Stichwort der ‚digitalen Kluft‘). Dabei hat sich gezeigt, dass das Internet von verschiedenen Menschen je nach ihren spezifischen - kulturell und sozial geprägten - Interessen, Einstellungen und Wertvorstellungen in Bezug auf das Internet auf sehr unterschiedliche Weise wahrgenommen, erfahren und genutzt werden (Hine 2015: 36). Das Internet, so stellte sich heraus, „was not in fact a single cultural artefact, but many different cultural artefacts depending on the people who were using it“ (ibid.). Ein Zugang zur Online-Ethnografie, der dieser Einbettung des Internets in das tägliche Leben seiner Nutzer: innen Rechnung trägt, wird demnach unterschied‐ liche Forschungsfragen entwickeln als ein Zugang, der das Internet - in Anleh‐ nung an das ‚Cyberspace‘-Konzept der ersten Welle der Online-Ethnografie - als eine vom ‚echten Leben‘ abgegrenzte eigenständige kulturelle Sphäre versteht (Hine 2015: 33). Konkret ermöglicht die Perspektive des ‚embedded internet‘ ein besseres Verständnis der Frage, wie das Internet unter verschiedenen Alltagsbedingungen unterschiedliche Bedeutungen entwickeln kann - etwa als Ort, an den man sich begeben kann, als Werkzeug, als eine bestimmte Art der Lebensweise etc. (Hine 2015: 37). Diese theoretische Position findet in den sozi‐ alkonstruktivistisch orientierten Ansätzen der Science and Technology Studies (siehe auch Kap. 3.1.3) ihre Parallele, wo gezeigt wurde, dass Technologien ihre Bedeutung erst in konkreten Anwendungszusammenhängen, durch ihre Nutzung und Einbettung in ein spezifisches kulturelles und soziales Setting, erlangen: „Different practices can produce multiple and divergent enactments of a technology“ (Hine 2015: 37). Für die Online-Ethnografie leitet Hine (2015: 37) daraus ab, dass ein Ausgehen von vorgefertigten Taxonomien dessen, wie das Internet, das konkrete Setting oder die spezifische Nutzer: innengruppe in einer konkreten Studie einzuordnen und zu definieren sei, zu Beginn eines Forschungsprozesses vermieden werden sollte. Das gilt auch für eine Einord‐ nung etwa der Verbindungen zwischen Akteur: innen oder der sozialen oder räumlichen Struktur des Forschungsfelds. Vielfach wird daher eine Verwen‐ dung von Metaphern wie etwa ‚Netzwerk‘ oder ‚Community‘ vermieden, um für feldspezifische Bedeutungen und Interpretationen dieser Zusammenhänge durch die Menschen im Feld selbst offen zu bleiben (Hine 2015: 37). In dieser 4.3 Grundprinzipien der virtuellen Ethnografie 181 <?page no="182"?> Studie wurden daher auf Grundlage dieser Überlegungen jene Subkategorien der Datenanalyse, die die Vorstellungen der Gruppenmitglieder in Bezug auf ihre Plattform und Gruppenaktivitäten betreffen, ausschließlich induktiv, also datengeleitet, gebildet (vgl. Kap.-5.7.2). Durch die Allgegenwärtigkeit von Online-Offline-Bezügen im Alltag kommt es darüber hinaus zu einer zunehmenden Einbettung von Online-Inhalten in die alltägliche ‚Offline-Welt‘, also zu einer Art Intertextualität zwischen Online- und Offline-Sphären (Hine 2015: 39). Web-Inhalte werden in Gesprächen oder in der medialen Berichterstattung aufgegriffen und dabei auf verschiedenste Art und Weise neu kontextualisiert, mit anderen Informationen kombiniert, neu visualisiert oder einem neuen Zweck zugeschrieben (Hine 2015: 40). Auch diese Ungewissheit, in welchem Zusammenhang Menschen einen bestimmten Online-Inhalt rezipieren werden, oder wohin Daten im Endeffekt ‚wandern‘ werden, stellt eine wesentliche neue Herausforderung der Online-Ethnografie dar. Um die Relevanz dieses Aspekts für die eigene Untersuchung auszuloten, wurden in dieser Studie, zusätzlich zur eigentlichen Datenerhebung, zunächst auf der untersuchten Plattform Referenzen auf von Gruppenmitgliedern ‚nach außen‘ getragene Inhalte nachverfolgt und wurde darüber hinaus plattformex‐ tern eine breiter angelegte Recherche durchgeführt. Dies diente einer besseren Einschätzung des Ausmaßes dieser Art von Intertextualität in Bezug auf die untersuchte Gruppe und lieferte einen besseren Eindruck von der Einbettung der Gruppe in einen breiteren sozialen Kontext. Besondere Aufmerksamkeit galt in der Datenerhebung und -analyse darüber hinaus Referenzen auf offline ablaufende Interaktionen (z. B. Treffen zwischen Mitgliedern, Austausch von Fotos oder Postkarten etc.) oder Aktivitäten (z. B. Beschreibung von Aspekten physischer Anwesenheit während der Teilnahme an Plattformaktivitäten). Auch wenn die untersuchte Gruppe auf den ersten Blick wie eine in sich geschlossene Community wirken mag, zeigte sich dabei, dass die Übergänge zwischen Online und Offline bzw. zwischen verschiedenen virtuellen Räumen auch im untersuchten Forschungsfeld fließend sind (vgl. z. B. Kap.-8.2). Zusätzlich zu dieser sozialen Dimension der Einbettung des Internets kann außerdem von einer Einbettung der Internetnutzung in ein Gefüge verschie‐ denster Endgeräte gesprochen werden (Hine 2015: 39). Die Nutzung des Inter‐ nets auf mobilen Geräten bzw. unterwegs unterscheidet sich stark von der auf einem fix an einem bestimmten Ort aufgestellten Desktop-Gerät. Auch haben digitale Medien eine Vielzahl von Darstellungs- und Personalisierungs‐ möglichkeiten. Die Wahl des Endgeräts und der jeweiligen benutzerspezifischen Konfiguration wird unweigerlich dazu führen, dass sich die Erfahrung der Forscher: innen mehr mit der Erfahrung einer bestimmten Nutzer: innengruppe 182 4 Virtuelle Ethnografie <?page no="183"?> deckt, während sie die einer anderen Gruppe vielleicht weniger gut nachvoll‐ ziehen können. Zusätzlich gilt es zu berücksichtigen, dass bestimmte Formen von Online-Inhalten nur für sehr kurze Zeit verfügbar sind oder diese überhaupt ausschließlich für bestimmte Nutzer: innengruppen angezeigt werden (z. B. „mobile advertisements“, Pink et al. 2016: 9). Um in dieser Studie auch diesen unterschiedlichen Möglichkeiten, das Internet zu ‚erleben‘, Rechnung zu tragen, wurde zunächst eine Analyse der Plattformstruktur und deren Interaktionsinfrastrukturen durchgeführt, um zu eruieren, wie flüchtig bzw. permanent die dort auffindbaren Inhalte sind. Die untersuchte Plattform beruht im Wesent‐ lichen auf einem technischen Design aus dem Jahr 2005 und verfügt damit anders als neuere Plattformen kaum über dynamische Inhalte. Die meisten Nutzer: innen können eigene Beiträge nicht mehr löschen und bis auf Spam-In‐ halte werden Inhalte von den Administrator: innen kaum entfernt und können damit auch nach längerer Zeit noch archiviert werden. Damit kann davon ausgegangen werden, dass für die Untersuchung wesentliche Inhalte auch zu diesem späteren Erhebungsdatum noch beinahe in ihrer Gesamtheit vorhanden waren. Was zwischen verschiedenen Mitgliedern möglicherweise abweichende Nutzungserfahrungen (z. B. auch im Zusammenhang mit den jeweils verwen‐ deten Endgeräten) betrifft, so liefert hier insbesondere das technische Forum der untersuchten Plattform wertvolle Einblicke in die (technischen) Nutzungs‐ gewohnheiten und Schwierigkeiten von Community-Mitgliedern. Um dieses Bild zu vervollständigen wurde sowohl im Erhebungswie auch Analyseprozess ein besonderes Augenmerk auf die Frage gelegt, ob verschiedenen Nutzer: in‐ nengruppen unterschiedliche technische Ressourcen zur Verfügung stehen, was etwa zu einer Art digitaler Kluft beitragen oder andere Auswirkungen auf die Interaktionen der Nutzer: innen haben könnte. Versucht man einen Ausblick auf die künftige Entwicklung onlineethnogra‐ fischer Forschung, so wird diese stets versuchen müssen, mit technologischen Neuerungen Schritt zu halten. In dem Maß, in dem wir immer ‚smartere‘ Gegenstände des alltäglichen Lebens nutzen, die dank ihrer Einbettung in bzw. Vernetzung über das Internet in der Lage sind, Nutzer: innen Entscheidun‐ gen abzunehmen und für sie zu handeln (Hine 2015: 32), gewinnt aktuell auch die Frage nach der Handlungsträgerschaft (‚Agency‘) von Artefakten des täglichen Gebrauchs (vgl. z. B. Rammert 2006 für eine Studie zu Fragen der Handlungsträgerschaft in der Hochtechnologie) oder nach den sich im Zuge dieser Entwicklungen wandelnden Beziehungen zwischen Mensch und Mensch oder Mensch und Maschine zunehmend an Bedeutung. 4.3 Grundprinzipien der virtuellen Ethnografie 183 <?page no="184"?> 4.3.2 Embodiment: die Verkörperung von Online-Technologien Wie in Abschnitt 4.1 dargestellt wurde, wurde das Internet in der frühen Online-Forschung als ein alternativer Ort dargestellt, an den man sich ‚begab‘, um die Offline-Welt ‚hinter sich zu lassen‘. Der sogenannte ‚Cyberspace‘ wurde für viele Nutzer: innen damit zu einem Raum, in dem alles möglich war - man erhoffte sich, Identitäten, Regeln, Strukturen und soziale Zwänge aus der Offline-Realität beim Einloggen einfach ablegen und sich neu erfinden zu können (Hine 2015: 41). Hine (2015: 41 f.) verweist in diesem Zusammenhang auf das von D. Bell (2001: 137 ff.) beschriebene Motiv des „leaving the meat behind“, das sich in der ‚Cyberpunk‘-Literatur der 1980er- und 1990er-Jahre häufig wiederfindet und die Idee bezeichnet, den Körper mit Betreten einer virtuellen Sphäre zurücklassen zu können und einen Raum zu betreten, der eine ausschließlich geistige Existenz ermöglicht. Der Körper wurde dabei als unerwünschtes Hindernis dargestellt - Hindernis deswegen, weil man die eigene Identität in der physischen Welt als in ihren Ausdrucksmöglichkeiten begrenzt sah und man jede physische Existenz als zwangsläufig eingeschränkt durch körperliche oder physische Zwänge empfand, was im ‚Cyberspace‘ nicht mehr berücksichtigt werden müsse (Hine 2015: 41 f.). Mit der Nutzung des Internets durch eine breitere Masse veränderten sich schließlich sowohl die populären Diskurse rund um das Internet als auch die theoretischen Konzepte, die herangezogen wurden, um diesen auf den Grund zu gehen. Dabei wurde bald klar, dass digitale Medien Teil unseres alltäglichen Lebens geworden sind und eben nicht bloß auf eine eigenständige, vom Leben in der physischen Welt abgegrenzte Sphäre reduziert werden können. Virtuelle Identitäten, so erkannte man, sind nicht automatisch immer neu oder beste‐ hen auch nicht isoliert von Identitäten in der physischen Welt. Tatsächlich, so fand man heraus, ist der Grad der Kontinuität zwischen dem, was wir online und offline sind, tun und wollen, sehr viel größer als in der frühen Internetforschung angenommen (Hine 2015: 41). So etwa untersuchte Lupton (1995) die emotionalen und verkörperten Aspekte von Computernutzung und beschrieb dabei, wie der Köper von Nutzer: innen auf vielfältige Art und Weise während eines ‚Aufenthalts‘ im sogenannten ‚Cyberspace‘ präsent ist. So sehr die von ihr untersuchten Nutzer: innen auch das Gefühl hatten, in eine virtuelle Welt einzutauchen - irgendwann mussten sie zwangsläufig auch wieder ihrem Körper und dessen physischen Bedürfnissen Aufmerksamkeit schenken. Die Komplexität der Beziehung zwischen Körper und Internet ist jedoch nicht bloß eine Frage des Alternierens zwischen online und offline. Internetnutzer: innen sind auch, während sie online sind, körperlich präsent. Augenscheinlich wird 184 4 Virtuelle Ethnografie <?page no="185"?> diese Körperlichkeit dann, wenn Ereignisse in der virtuellen Welt emotionale oder physische Reaktionen auf Seiten der Nutzer: innen zur Folge haben (Lupton 1995). Ein aktuelles Verständnis des Internets, das dessen verkörperten Aspekten Rechnung tragen kann, beinhaltet daher laut Hine (2015: 44) die komplexen und multidimensionalen Wechselwirkungen zwischen Virtualität und Körper: „The internet thus can be seen to sit alongside, depend upon, and reinforce a sensual and emotional physical body, rather than necessarily substituting for that body“. Körperliche, sensorische und emotionale Erfahrungen können demnach in der Online-Ethnografie - wie auch in anderen ethnografischen Zugängen - wesentlich zum Erkenntnisgewinn beitragen. Auf Basis der oben vorgestellten Überlegungen sowie der in Kapitel 3.3.2.3 diskutierten Annahme von einer Einschreibung von Praxen in Trägermedien wurden körperlich-sensorische As‐ pekte daher in dieser Studie als Kategorie für die Datenanalyse aufgenommen. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei Bezügen der Studienteilnehmer: innen auf den eigenen Körper, auf sensorische Empfindungen oder physische Präsenz (siehe Kap.-8.2). Insbesondere im Zusammenhang mit Breitband-Internetdiensten und So‐ cial-Media-Plattformen hat sich auch unsere Beziehung zu Online-Technologien stark verändert. Es ist heute selbstverständlich, über Social Media eine breite Fülle an Informationen über ein physisches oder virtuelles Gegenüber beziehen zu können. Dazu gehören heute auch audiovisuelle Inhalte und Kommunika‐ tionsmöglichkeiten (Hine 2015: 43), die dazu genutzt werden, Auskunft über andere Menschen mit einer realen, in einem physischen Umfeld verankerten Identität einzuholen oder deren Authentizität zu überprüfen (ibid.: 41). Es handelt sich also um einen völlig anderen Zugang als in der Anfangszeit des Internets, wo es Nutzer: innen insbesondere um das Schaffen neuer, anonymer und vom Alltag unabhängiger Online-Identitäten ging. Für diese Untersuchung hatten diese Überlegungen insbesondere in Hinblick auf die Selbstdarstellung der Forscherin gegenüber der untersuchten Gruppe Relevanz. Da die damit einhergehenden methodischen Entscheidungen (etwa in Bezug auf ein Verfüg‐ barmachen von Informationen über die eigene Person oder die Wahl des Profilbilds) wesentlich für den Aufbau vertrauensvoller Feldbeziehungen sein konnten, wurde diesen vor Erfolgen des Feldzugangs besondere Aufmerksam‐ keit geschenkt. Eine genaue Darstellung der verfolgten methodischen Strategie findet sich in Abschnitt 5.3. 4.3 Grundprinzipien der virtuellen Ethnografie 185 <?page no="186"?> 4.3.3 Everydayness: die Alltäglichkeit von Online-Technologien Wie auch in anderen Forschungsbereichen, in denen man sich mit Praxen und Artefakten des Alltags (z. B. ‚Soziologie des Alltags‘; für einen kompakten Über‐ blick siehe Kalekin-Fishman 2013) beschäftigt, stellt gerade die Alltäglichkeit von Internettechnologien Online-Ethnograf: innen vor eine Reihe methodischer Herausforderungen. Hine (2015: 46 f.) verweist in diesem Zusammenhang zunächst darauf, dass es sich bei Online-Technologien um eine von Nutzer: innen im täglichen Gebrauch weitgehend unhinterfragte Infrastruktur handelt. Dabei zeigen etwa Studien zu großtechnischen Infrastrukturen (z. B. zu Verkehr, Telekommunikation, Energie etc.; vgl. Star 1999; Bowker und Star 2000; Anand 2011) aus den Science and Technology Studies, dass gerade Infrastrukturen genaue kritische Betrachtung verdienen, da in ihr Design bereits bestimmte (soziale oder politi‐ sche) Absichten und Prioritäten eingebaut sein können, die sich strukturierend auswirken. So etwa beeinflusst die Ausgestaltung einer Technologie, welche Nutzungsmöglichkeiten in Frage kommen, welche Handlungen einfacher oder schwieriger werden, wie viel Aufwand erforderlich ist, um eine von der üblichen Nutzung abweichende Handlung zu setzen, und welche Nutzer: innengruppen privilegierten Zugang zu einer Technologie haben (Hine 2015: 48). Bleiben Infra‐ strukturen unhinterfragt, so verfestigen sich diese Strukturen und können auf lange Sicht den Wechsel zu alternativen Technologien schwer oder unmöglich erscheinen lassen (sogenannte „Locked-in-Technologien“, Degele 2002: 69). Die Entwicklung und Implementierung einer Infrastruktur kann demnach durchaus zu einer sozialen und politischen Handlung werden (Hine 2015: 48; vgl. zu dieser Diskussion insbesondere Kap.-3.1.2). Für Online-Ethnograf: innen kann dies heißen, etwa entsprechend Latours (1987: 13-17) methodischer Empfehlung, die ‚Blackboxes‘ von Technologien zu öffnen und deren Entstehungskontexten auf den Grund zu gehen. Wie Hine (2015: 50) einwendet, braucht es dazu allerdings nicht zwingenderweise Daten zu den konkreten Entwicklungsprozessen und Kontakt zu Entwickler: innen. Auch Einblicke in die vielfältigen Formen der Akzeptanz, Aneignung und Nutzung von Technologien ermöglichen Rückschlüsse auf deren mögliche soziale Rolle(n). Diese Überlegungen entsprechen dem hier verfolgten Forschungsinteresse. Der für die Studie gewählte theoretische Rahmen liefert eine geeignete Grund‐ lage, um diese Aspekte in differenzierter Weise in der Analyse und Interpre‐ tation der Daten berücksichtigen zu können (siehe Kap. 3.3). Dazu brauchte es jedoch auch eine diesem Vorhaben entsprechende methodische Vorgehens‐ 186 4 Virtuelle Ethnografie <?page no="187"?> weise. Die Auswahl der Datenquellen für diese Studie orientierte sich daher unter anderem an der Frage, inwiefern diese Einblick in die technologische Ausgestaltung und Weiterentwicklung der untersuchten Plattform (Interviews mit Nutzer: innen mit besonderen Aufgaben, Forendiskussionen zu laufenden Entwicklungsprozessen), in konkrete Nutzungsformen (teilnehmende Beobach‐ tung, Anleitungstexte, Forendiskussionen, Interviews mit Nutzer: innen), Vor‐ stellungen und Diskurse rund um Technologie sowie technologiebezogene Kon‐ flikte (Diskussionen insbesondere im Forenbereich zu technischen Problemen, Interviews) liefern konnten. Eine genauere Besprechung der Datenerhebung und der Relevanz der verschiedenen Datenquellen findet sich in Kapitel 5. Eine weitere methodische Herausforderung im Zusammenhang mit der Alltäglichkeit des Internets besteht darin, dass als ‚gewohnt‘ oder ‚banal‘ empfundene Phänomene des Alltags in von Forscher: innen unbeeinflussten Situationen selten thematisiert werden und diese auch bei explizitem Nach‐ fragen, etwa in Interviews, von den Befragten zum Teil schwer verbalisiert werden können (vgl. dazu auch Kap. 5.6). Wie Hine (2015: 51) beschreibt, handelt es sich dabei um ein klassisches Problem der Ethnografie, dem von Ethnograf: innen oft damit begegnet wird, eine ‚verfremdende‘ Perspektive einzunehmen. Dabei wird versucht, zu beschreiben, was Befragte als ‚normal‘ darstellen und gleichzeitig zu reflektieren, welche alternativen Vorstellungen oder Handlungen denkbar wären. Zu diesem Zweck wurde in dieser Studie eine längere Phase der teilnehmenden Beobachtung durchgeführt und in einem Forschungstagebuch dokumentiert. Wie Hine (2015: 51) beschreibt, dient gerade das Eintauchen in das Forschungsfeld dem Ziel, ein Gefühl für Aspekte des Forschungsgegenstands zu bekommen, die für selbstverständlich erklärt oder als gegeben angenommen werden. Dabei sollte besonders das eigene Erfahren des Forschungsfelds im Mittelpunkt stehen: A sensitivity needs to be developed for changes in emotional mood, in feelings of presence and connectivity, for moves that are sanctioned and easy, and those that are difficult or taboo. Ethnographers for the internet move around, and learn much about the everyday Internet by constantly reflecting on the properties of their movement. (Hine 2015: -51) Trotz deren Alltäglichkeit rücken Technologien dennoch bisweilen in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, etwa dann, wenn sie ihre Funktion nicht erwartungsgemäß oder gar nicht erfüllen. Solche Situationen beschreibt Hine (2015: 52) als zentrale Erkenntnisquellen. Daher wurde in der Datenerhebung und -analyse im Rahmen dieser Studie ein besonderes Augenmerk auf die Forenabschnitte gelegt, in denen technische Probleme, deren Ursprung sowie 4.3 Grundprinzipien der virtuellen Ethnografie 187 <?page no="188"?> mögliche Lösungen diskutiert werden (siehe Kap. 5.5). In Anlehnung an Hine (2015: 52) wurde der Fokus dabei auf folgende Fragen gelegt: Wie charakterisie‐ ren die Mitglieder die untersuchte Plattform und ändert sich diese Darstellung unter bestimmten Bedingungen? Welche Bezüge lassen sich zwischen der Plattformstruktur bzw. den darin angelegten Funktionen und den sozialen und übersetzungsbezogenen Aktivitäten der Gruppenmitglieder herstellen? Und schließlich: Worauf beziehen sich die Nutzer: innen, wenn sie ihre Plattform erklären, und welche Kategorien bzw. Unterscheidungen konstruieren sie selbst im Zusammenhang mit verschiedenen Funktionen, Prozessen oder involvierten Akteur: innen? 188 4 Virtuelle Ethnografie <?page no="189"?> 54 Zur Problematik des Feldbegriffs in onlineethnografischen Studien siehe Hine (2015: 58 ff.) sowie Dicks et al. (2005: 116 ff.) bzw. allgemeiner zum Feldbegriff in der Feldfor‐ schung, siehe Rogl, Schlager und Risku (2025: 6 ff.). 55 Dies geht mit der Einschränkung einher, dass die semantischen Anspielungen und symbolischen Bedeutungen, die der eigentliche Community-Name transportiert, hier nicht abgebildet werden können. Der ursprüngliche Name erscheint auch deshalb bedeutsam, weil Mitglieder daraus manchmal Bezeichnungen für sich als Mitglieder dieser Gruppe ableiten und da auch im Plattformdesign an unterschiedlichen Stellen auf die im Namen enthaltene Symbolik angespielt wird. Dies dürfte zur Stiftung einer gewissen Gruppenidentität beitragen. Wo dies möglich ist, wird diesen Bezügen in Form von Nachbildungen oder erklärenden Anmerkungen Rechnung getragen. Vgl. dazu auch Kap.-8.3.2. 5 Durchführung der Studie Ethnografische Projekte können einzelne oder mehrere soziale Kontexte in den Blick nehmen, sich mit unterschiedlich großen Gruppen bzw. Gemeinschaften befassen, oder sogar die Aktivitäten einzelner Personen oder eines Individuums untersuchen (Iphofen 2013: 7). 54 Bei dieser Studie handelt es sich um eine onlineethnografische Studie zu einer ausgewählten Übersetzer: innen-Commu‐ nity. Dieser Fokus auf eine einzelne Gruppe soll eine spätere Theoriebildung auf einer zu hoch angesiedelten Ebene verhindern, da dies - so warnt Degele (2002: 31) in Bezug auf techniksoziologische Studien - dazu verleite, den involvierten Akteur: innen durch die damit verbundene eigene Interpretations- und Abstrahierungsleistung zu leicht rationales und zweckgeleitetes Handeln zuzuschreiben. „Aushandlungsprozesse“ - so führt sie aus - „lassen sich auf der Mikroebene sozialer Interaktionen plastischer beschreiben“ (ibid.). Das entspricht auch dem für diese Studie gewählten ethnografischen Zugang zum Untersuchungsgegenstand. 5.1 Translaville Bei der ausgewählten Online-Community handelt es sich um eine Gruppe, die über eine 2005 gegründete Online-Plattform organisiert ist, auf der sich Inter‐ netnutzer: innen ohne Einschränkungen (z. B. in Bezug auf Qualifikation, Alter, Herkunft etc.) registrieren können. In der Studie wurde für die Community das Pseudonym Translaville verwendet. 55 Dies soll als zusätzliche Maßnahme zur Wahrung der Privatsphäre der Community-Mitglieder dienen (siehe Kap. 5.8.4). Alle auf der Plattform veröffentlichten Inhalte (Ausgangstexte, Übersetzungen, <?page no="190"?> 56 Das konnte aus den analysierten Forumsdiskussionen geschlossen werden. Ein Grund dafür, warum Nutzer: innen sich häufig nur für eine einzige Übersetzung registrieren, ist, dass neue Mitglieder die erste(n) Übersetzung(en) ohne Gegenleistung erhalten. Alle weiteren Anfragen erfordern eine Beteiligung an den Gruppenaktivitäten, um sog. ‚Über‐ setzungspunkte‘ zu erhalten, mit denen dann weitere Übersetzungen angefordert werden können (siehe auch nächster Abschnitt sowie Kap.-6.3.2). Kommentare zu Übersetzungen, Forumsdiskussionen) sind - auch ohne Anmel‐ dung auf der Seite - öffentlich einsehbar. Translaville hatte zum Zeitpunkt der Datenerhebung ca. 260.000 registrierte Mitglieder (259.898, Stand: 01.10.2019). Es kann allerdings davon ausgegangen werden, dass viele Nutzer: innen sich lediglich für eine einmalige Übersetzung re‐ gistriert haben. 56 Somit ist der Anteil der tatsächlich über einen längeren Zeitraum aktiven Mitglieder wesentlich geringer. Genaue Zahlen dazu lassen sich auf Basis der auf der Plattform verfügbaren Informationen jedoch nicht eruieren. Plattformeigene Statistiken bilden ab, wie viele Mitglieder an einem bestimmten Tag registriert waren und welche Angaben sie bei der Registrierung zu ihrem Her‐ kunftsland gemacht haben. Um an dieser Stelle einen Eindruck der Heterogenität von Translaville vermitteln zu können, wurden diese Informationen im Folgenden in prozentuelle Angaben umgerechnet und in Abbildung 2 (siehe unten) dargestellt. Einschränkend gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass diese Informationen auf den Angaben beruhen, die von den Mitgliedern bei der Registrierung selbst gemacht wurden. Im Zuge dieser Studie waren sie nicht überprüfbar. Ein Blick in die persönlichen Profile der 20 aktivsten Übersetzer: innen zeigt beispielsweise, dass 5 der 20 aktivsten Nutzer: innen keine Informationen über sich preisgeben. 15 geben ein Geburtsjahr an, das zwischen 1922 und 1990 (und durchschnittlich bei 1968) liegt. Nachdem Translaville 2005 gegründet wurde, muss in diesem Zusammenhang auch berücksichtigt werden, dass viele Nutzer: innen ihre Aktivitäten auf der Plattform zu einem Zeitpunkt begonnen haben, als sie noch bis zu vierzehn Jahre jünger waren als zum Zeitpunkt der Datenerhebung. Nur 3 der 20 aktivsten Übersetzer: innen machen auf ihren Profilen Angaben zu ihrem beruflichen Hintergrund: zwei von ihnen geben an, in der Sprachlehre tätig zu sein, eine: r im Informatiksektor. Die teilnehmende Beobachtung sowie die Interviews vermittelten den Eindruck, dass der Anteil der Nutzer: innen, die beruflich keiner translatorischen Tätigkeit nachgehen, deutlich überwiegt. Es gibt jedoch auch Mitglieder, die angeben, als Übersetzer: innen oder in verschiedenen anderen Sprachberufen zu arbeiten. Auch hier stehen keine genauen Zahlen zur Verfügung. Die Aktivitäten der Community umfassen das Hochladen von Ausgangs‐ texten und Übersetzen dieser Texte in eine oder mehrere Sprachen (durch 190 5 Durchführung der Studie <?page no="191"?> 57 So kommt es, dass etwa auch Übersetzungen ins bzw. aus dem Klingonischen angefragt werden. Abbildung 2: Herkunftsländer der Mitglieder lt. Registrierung (Stand: 29.09.2019) jeweils ein Mitglied - also nicht gemeinschaftlich), das Evaluieren und Kom‐ mentieren von Übersetzungen, das Übersetzen der plattformeigenen Benut‐ zungsoberfläche oder von Ankündigungen für die Plattformmitglieder sowie den Austausch über unterschiedliche Themenbereiche im gemeinsamen Mit‐ gliederforum (siehe Kap. 5.5). Die Online-Umgebung der Plattform ist in 34 Sprachen verfügbar - für 18 davon gibt es auch ein eigenes sprachspezifisches Forum. Für hochgeladene Ausgangstexte oder erbetene Übersetzungen gibt es eine Auswahl von 74 von der Plattform vorgeschlagenen Sprachen sowie ein Zusatzfeld für weitere Sprachen, die dort nicht berücksichtigt wurden. 57 Nach Plattformangaben wurden auf Translaville bis zum Ende der Datenerhe‐ bung für diese Studie (01.10.2019) insgesamt 105988 Übersetzungen angefertigt. Von den 20 aktivsten Übersetzer: innen wurden pro Person zwischen 341 und 3281 Übersetzungen (arithmetisches Mittel: 1165,6; Median: 971) fertiggestellt. 5.1 Translaville 191 <?page no="192"?> 58 Dies unterscheidet die durchgeführte Studie insbesondere von autoethnografischen Forschungsprojekten. Die Forscherin war für den Zeitraum der Studie zwar Mitglied von Translaville und teilte soweit wie möglich die Erfahrungen und Aktivitäten der Community-Mitglieder. Es erfolgte aber für den Zweck der Studie kein größerer Rollen‐ wechsel - ausgehend von der Rolle eines reinen Gruppenmitglieds hin zur Doppelrolle Gruppenmitglied/ Forscherin - wie bei vielen autoethnografischen Forschungsprojekten (vgl. in der translationswissenschaftlichen Forschung z. B. Polanco 2011; Kleinert 2014; Hokkanen 2016; Davier 2025). Aufgrund der Anzahl der auf Translaville bearbeiteten Übersetzungen und der kaum existierenden Einschränkungen hinsichtlich Format, Zweck, Thema und Länge, lässt sich die Art der Texte, für die Übersetzungen erbeten werden, nur sehr schwer genauer bestimmen bzw. kategorisieren. Folgende Anfragen finden sich besonders häufig: persönliche Nachrichten, Kurzprosa und Lyrik, Liedtexte, Zitate und Sprichwörter, kurze Fachtexte aus unterschiedlichen Fachbereichen (z. B. Musik, Literatur, Kunst, Online-Marketing, Biologie, Che‐ mie, Fertigungstechnik), plattformeigene Textelemente oder Ankündigungen, Benutzungsoberflächen diverser Webseiten oder Online-Tools etc. (vgl. auch Kap. 6.2.1.1). Die meisten Anfragen umfassen nur wenige Zeilen oder gar einzelne Sätze. Wird mit einer Übersetzungsanfrage jedoch kein entsprechender Kommentar mitgeliefert, so bleibt oft unklar, welchem Kontext der jeweilige Text entstammt (vgl. auch Kap.-6.2.1.3). 5.2 Begründung der Fallauswahl Wie Iphofen (2013: 21) für die klassisch ethnografische Forschung beschreibt, erfolgte die Fallauswahl auch hier nicht zufällig („random sample“, ibid.), son‐ dern leitete sich aus den Forschungsfragen und dem theoretischen Zugang ab („purposive sample“; vgl. auch Walther 2002: 209 ff. zu Sampling in der Online-Forschung). 58 Translaville wurde deshalb für diese Studie ausgewählt, weil es sich dabei um eine selbstorganisierte Community handelt, die über eine eigens entwickelte Online-Plattform (mit einer speziellen Bearbeitungsoberfläche für Übersetzungs- und Evaluierungsprozesse) organisiert ist. Dies unterscheidet Translaville deutlich von Plattformen, die von Organisationen betrieben werden und dazu dienen, Übersetzungstätigkeiten an eine Übersetzer: innen-Community auszulagern, wodurch Arbeitsprozesse, technische Infrastruktur und das zu über‐ setzende Material im Wesentlichen ‚von oben‘ vorgegeben sind (‚Crowdsourcing‘ bzw. ‚solicited translation‘; O’Hagan 2009). Statt eines solchen ‚Top-Down‘-Zu‐ gangs verfolgt Translaville einen möglichst gemeinschaftlichen Ansatz. Viele Entscheidungen über die weitere Entwicklung der Community - sowohl in Bezug 192 5 Durchführung der Studie <?page no="193"?> auf gemeinsame Ziele als auch das Plattformdesign - werden in der Community offen diskutiert und ausverhandelt. Dies macht soziotechnische Prozesse nicht nur überhaupt erst beobachtbar, sondern macht die Community auch für die verfolgte Fragestellung besonders relevant, mit der ja insbesondere den Übersetzungs- und Technikpraxen und -konzepten von außerberuflichen Übersetzer: innen auf den Grund gegangen werden soll. Eine weitere für die Fallauswahl entscheidende Besonderheit der Community besteht darin, dass ihre Übersetzungstätigkeiten nicht mit einer bestimmten ‚gruppenexternen‘ Agenda verbunden sind - und sie sich daher nicht auf bestimmte Arten von Ausgangsmaterial beschränkt - wie es in der Regel in fan‐ basierter (Orrego-Carmona und Lee 2017a), humanitärer (Munro 2010; Kageura et al. 2011; Rogl 2017) oder aktivistischer Amateurübersetzung (Salzberg 2008; Olohan 2012; Pérez-González 2016) der Fall ist. Der Fokus der Aktivitäten von Translaville liegt auf einem gegenseitigen ‚Austausch‘ von Übersetzungen, un‐ abhängig von deren Zweck. Nur Gruppenmitglieder, die auch selbst übersetzen, können Übersetzungen von eigenen Ausgangstexten anfordern. Dies wird durch die Vergabe von sogenannten ‚Übersetzungspunkten‘ für jede erledigte Überset‐ zung gewährleistet, die die einzige Vergütung der Übersetzer: innen darstellen. Diese Punkte (bei Registrierung wird ein kleines Startguthaben zur Verfügung gestellt) können anschließend dafür verwendet werden, um Übersetzungen für eigene Texte anzufragen. Dieser Fokus auf eine gewisse Balance zwischen Geben und Nehmen sowie die Implementierung einer Reihe von Funktionen, die Kommunikation und Austausch der Gruppenmitglieder untereinander anregen sollen, legen die Annahme nahe, dass dem gewählten Plattformdesign in erster Linie ein Bild vom Übersetzen als Mittel für den sozialen Austausch zugrunde liegt. Die Nutzer: innen von Translaville organisieren sich nicht wie andere translatorische Communities, weil ein bestimmtes Ausgangsmaterial mit einem aus ihrer Sicht unterstützenswerten Zweck gesammelt, übersetzt und verbreitet werden soll. Vielmehr war anzunehmen, dass die Nutzer: innen von Translaville vorrangig um des Übersetzens willen übersetzen und die Community für Mitglieder primär aufgrund ihrer Eigenschaften als soziales Netzwerk attraktiv ist. Diese Annahmen wurden im Rahmen dieser Studie eingehender beleuchtet. Kapitel 7.1.1 und Kapitel 7.2 liefern dazu einen Antwortversuch. Die erste Auseinandersetzung mit Translaville im Rahmen der Fallauswahl zeigte, dass die Community-Aktivitäten zu diesem Zeitpunkt im Vergleich zu den ersten 5 bis 7 Jahren des Bestehens von Translaville wesentlich zurückge‐ gangen waren, sowohl was die Übersetzungsaktivitäten als auch die Interaktion in den Foren betraf. Zunächst schien die Community für diese Studie daher ungeeignet. Bei genauerer Betrachtung der potenziell nutzbaren Datenquellen 5.2 Begründung der Fallauswahl 193 <?page no="194"?> zeigte sich jedoch, dass der geplante Untersuchungszeitpunkt auch Vorteile bot - insbesondere deshalb, weil die auf Translaville verfügbaren Daten vielfältige Einblicke in die langfristige Entwicklung der Community gewähren konnten. Da die Daten einerseits eine Rekonstruktion jener Prozesse erlauben, die eine Zeit lang zu einer außerordentlichen Aktivität beigetragen hatten, sie anderer‐ seits aber auch jene Prozesse offenbaren konnten, die schließlich dazu geführt hatten, dass die Community weniger attraktiv für Nutzer: innen wurde, erschien Translaville gerade unter diesem Blickwinkel relevant für diese Studie. Eine sol‐ che Longitudinalperspektive wurde in der Forschung bislang selten umgesetzt und erschien besonders relevant für das verfolgte Forschungsinteresse, da sie Einblicke in die Langzeitkonsequenzen bestimmter soziotechnischer Prozesse auf die Community-Dynamik versprachen. 5.3 Feldzugang Der Feldzugang ist eine kritische Phase jeder ethnografischen Studie. In ihr entscheidet sich, ob ein Forschungsprojekt von den Entscheidungsträger: innen im Feld abgelehnt, akzeptiert oder unterstützt wird, und in welchem Umfang ein: e Forscher: in tatsächlich Zugang zum gewählten sozialen Feld erhält (Pole und Hill‐ yard 2016: -27). Zu diesem Zeitpunkt wird auch der Grundstein dafür gelegt, wel‐ ches Bild sich Forscher: innen und Studienteilnehmer: innen voneinander machen (Lindner 1981: -54) und wie sich daher ihre späteren Feldbeziehungen entwickeln. In onlineethnografischen Untersuchungen empfehlen sich daher vorbereitende Überlegungen zu Zeitpunkt und Intensität der teilnehmenden Beobachtung, zu Strategien der Kontaktaufnahme und Präsentation des Forschungsprojekts und schließlich zur eigenen Selbstrepräsentation in einem Medium, das üblicherweise ohne Kontakte im physischen Raum auskommen muss (vgl. Greschke 2007; Boellstorff et al. 2012: 75-79; Hine 2015: 71 ff.; Grønning 2015: 22 ff.). Um diese Entscheidungen treffen zu können, braucht es bereits ein erstes Verständnis der grundlegenden Eigenschaften und Abläufe des zu untersuchenden Felds. In dieser Studie erfolgte daher eine kurze Phase der nicht-teilnehmenden Beobachtung zu Beginn des Forschungsprojekts. Diese erste, oberflächliche Beobachtungsphase begann bereits einige Monate vor der ersten Kontaktaufnahme mit dem Gruppen‐ gründer. So konnte überprüft werden, ob die Community für eine Beantwortung der Forschungsfragen relevant erscheint, sie groß bzw. aktiv genug ist, sie eine ausreichende Menge sowie möglichst unterschiedliche Arten von Daten liefern würde, und wer die zentralen Akteur: innen sind, die im Zuge des Feldzugangs eine wesentliche Rolle spielen würden. 194 5 Durchführung der Studie <?page no="195"?> Vielfach ist ein ‚Eintauchen‘ in ethnografische Forschungsfelder nur möglich, wenn der: die Forscher: in sich vorab eine gewisse Expertise zu den untersuchten Aktivitäten aneignen kann. Das kann technische Aspekte umfassen, etwa den konkreten Umgang mit einer bestimmten Nutzungsumgebung, das Erlernen bestimmter technischer und sprachlicher Konventionen, die in einer Gruppe (etwa im Chat) üblich sind, und nicht zuletzt auch ein Auseinandersetzen mit der untersuchten Praxis selbst, was eine Teilnahme an den Aktivitäten im Feld vielfach überhaupt erst möglich macht. Dieses Erlernen des grundlegenden Funktionierens eines Felds hilft Forscher: innen, wie Boellstorff et al. (2012: 73) es beschreiben, „to get a feel for inhabiting that space“. Je nachdem, wie neu beispielsweise eine zu untersuchende Praxis für die betreffenden Forscher: innen ist, kann es sein, dass sie zunächst Schwierigkeiten haben, bestimmte Gescheh‐ nisse oder Interaktionen zu interpretieren. Diese Studie brachte die gegenteilige Herausforderung mit sich, gerade weil Übersetzen für die Forscherin kein völlig neu zu entdeckendes Feld darstellte. Als Translationswissenschaftlerin und -praktikerin (vgl. dazu auch Koskinens Überlegungen zu den Herausfor‐ derungen der Doppelrolle sogenannter ‚practisearchers‘, 2008: 8 f.) war für die Verfasserin zwar eine Vertrautheit mit den Gruppenaktivitäten gegeben - gleichzeitig bestand aber das Risiko, dass die während der Beobachtung gewon‐ nenen Eindrücke stark von bisherigen Erfahrungen in anderen, formalisierteren translatorischen Kontexten geprägt sein könnten. Daher wurde der Reflexion der Beobachtungen, deren Aufzeichnung in einem Forschungstagebuch (siehe Kap. 5.4) und der induktiven, datenbasierten Kategorienentwicklung in der Datenauswertung hier eine wesentliche Rolle eingeräumt (siehe Kap.-5.7.2). Die onlineethnografische Methodenliteratur empfiehlt Forscher: innen, die eigene Nutzungserfahrung während der Beobachtung möglichst an die der anderen Mitglieder im Feld anzupassen. Das kann etwa die Wahl des Endgeräts, des Internetbrowsers oder eine bestimmte Benutzungskonfiguration, aber auch mögliche Differenzen in der Übertragungsgeschwindigkeit oder grafischen Darstellbarkeit umfassen (Boellstorff et al. 2012: 72 f.). Die Plattform von Trans‐ laville basiert im Wesentlichen auf einem Design aus dem Jahr 2005 und wurde seitdem nie grundlegend überarbeitet. Dadurch ist zur Nutzung auch nur eine geringe Rechnerleistung erforderlich. Das grafisch verspielte, aber technisch - aus heutiger Sicht - wenig komplexe Design ist intuitiv und gleichzeitig niederschwellig genug, um auch für ältere Nutzer: innen attraktiv zu sein („eine der am leichtesten zu benutzenden Seiten, auf denen ich je war“, PB078_007). Die Plattform hat keine mobile Version und wird von Nutzer: innen in der Regel auf einem Desktopcomputer genutzt (vgl. Interviews 1, 2 und 3). Im Rahmen 5.3 Feldzugang 195 <?page no="196"?> dieser Studie waren daher im Datenerhebungsprozess keine Anpassungen an potenziell unterschiedliche Nutzungserfahrungen erforderlich. Wesentlichen Einfluss auf den Feldzugang und die sich daraus entwickelnden Feldbeziehungen hat auch die von Forscher: innen bewusst oder unbewusst gewählte Form der Selbstrepräsentation. Anders als in der konventionellen Ethnografie findet diese in Online-Forschungsfeldern nicht in einer physischen Umgebung und über die leibliche Präsenz der Forscher: innen statt, sondern muss diese sich auf die Online-Umgebungen inhärenten kommunikativen Möglichkeiten beschränken - etwa auf ein persönliches Nutzer: innenprofil. Dass diese Möglichkeiten im Vergleich zu direkten, offline stattfindenden Interaktionen in verschiedener Hinsicht (z. B. visuell, zeitlich, räumlich etc.) eingeschränkt sind, kann zur Folge haben, dass Internetnutzer: innen Menschen, denen sie ausschließlich virtuell begegnen, nur zögerlich Vertrauen schenken und Online-Interaktionen insgesamt als weniger verbindlich eingeschätzt wer‐ den. In diesem Forschungsprojekt wurde also besonders auf eine kohärente Selbstrepräsentation geachtet, um von potenziellen Forschungsteilnehmer: in‐ nen als seriös, vertrauenswürdig bzw. ‚in die Gruppe passend‘ wahrgenommen zu werden. Um den Mitgliedern von Translaville einen möglichst einfachen Zugang zu Informationen über die Person der Forscherin zu gewähren (vgl. auch Hine 2015: 71f.), wurde bei der Ankündigung des Forschungsvorhabens, bei Interviewanfragen sowie auf dem eigenen Nutzer: innenprofil auf Translaville jeweils ein Link zu einem akademischen Profil auf ResearchGate sowie eine Kontaktadresse zur Verfügung gestellt. Auf ResearchGate wurde eine eigene Projektseite zu dieser Studie angelegt, damit Aktualisierungen für Studienteil‐ nehmer: innen leicht auffindbar waren. Damit sollte auch dafür gesorgt werden, dass ein Austausch mit den Studienteilnehmer: innen nicht auf den Feldzugang beschränkt blieb, sondern diese auch während des Forschungsprozesses bzw. über diesen hinaus informiert blieben bzw. sich einbringen konnten. Neben dem Profilnamen wurde in der Kommunikation über Translaville bewusst auch der Klarname verwendet, um so eine größere Kohärenz zwischen verschiedenen Online-Auftritten herzustellen. Ethnograf: innen können unterschiedliche Wege beschreiten, um sich Zugang zu einem Feld zu verschaffen. In Organisationen oder Gruppen mit forma‐ lisierten Entscheidungsstrukturen (Unternehmen, öffentliche Einrichtungen, Vereine etc.) kann ein formeller Zugangsprozess über Kontakt mit den ‚Gate‐ keepers‘ des gewählten sozialen Felds angeraten oder über im Feld vorgegebene Abläufe sogar verpflichtend vorgesehen sein („Forschungszugangs-Steueragen‐ tur“, „Dienstweg“, Wolff 2017: 339; 342). Handelt es sich um ein Forschungsfeld ohne eine solche formelle Struktur, so kann es schwierig sein, überhaupt einen 196 5 Durchführung der Studie <?page no="197"?> gangbaren Weg zu finden, um Zustimmung zu einem ethnografischen Projekt einzuholen, etwa weil an manchen öffentlichen oder semi-öffentlichen Orten keine klare Grenze zwischen direkt Beobachteten und zufällig Anwesenden gezogen werden kann oder weil es vielleicht keine Möglichkeit gibt, alle Betroffenen zu kontaktieren oder informieren (vgl. Pole und Hillyard 2016: 26 f.). Die Feldzugangsstrategien können auch bei Online-Ethnografien auf einem Kontinuum zwischen einem eher formellen Zugangsprozess über ‚Gatekeepers‘ (Seitenbetreiber: innen, Administrator: innen o.Ä.) bis hin zu einem eher diffusen Zugangsprozess liegen (Hine 2015: 71; vgl. auch Boellstorff et al. 2012: 76 ff.). Letzteres ist etwa bei Online-Phänomenen der Fall, die nicht von einer Commu‐ nity mit einer formalen Rollenverteilung gerahmt werden, oder bei Webportalen mit einer großen Zahl an gleich entscheidungsberechtigten Einzelbeiträger: in‐ nen, die jedoch über keine zentrale Instanz moderiert werden (z. B. bestimmte Formen von Citizen Media). Wie eine erste Phase der nicht-teilnehmenden Beobachtung ergeben hat, handelt es sich bei Translaville um eine Community, die von einer Einzelperson gegründet wurde, die auch die technische Umsetzung des Plattformdesigns vorgenommen hat. Nachdem dieser Nutzer regelmäßig in Form von Ankündigungen an die gesamte Gruppe über Entwicklungen und Neuerungen in der Community informierte und sein persönliches Profil darüber hinaus seine Motivation für die Gruppengründung und Gedanken zum Leitbild von Translaville enthielt, war davon auszugehen, dass es sich um einen Schlüs‐ selakteur handelt. Die erste Kontaktaufnahme mit Translaville erfolgte daher in Form einer privaten Nachricht an den Gruppengründer, was allerdings ohne Reaktion blieb. Die späteren Interviews ergaben, dass er sich im Laufe der Zeit zurückgezogen hatte, um anderen Projekten nachzugehen. Daher war - nach einer längeren Wartephase mit erster teilnehmender Beobachtung - der nächste Schritt eine öffentliche Ankündigung über das Forum von Translaville. Kurz danach wurde über persönliche Nachrichten auch Kontakt mit den Administra‐ tor: innen der Gruppe und den aktivsten Übersetzer: innen aufgenommen. Dies diente einerseits bereits der Interviewanbahnung, sollte andererseits aber auch diesen im Community-Gefüge wesentlichen Akteur: innen die Möglichkeit ge‐ ben, die Regeln für die Feldaktivitäten mitzugestalten. Der oben angesprochene ‚Gatekeeping‘-Effekt zeigte sich etwa im Zusammenhang mit einer zusätzlichen Ankündigung des Forschungsprojekts auf der (inoffiziellen) Facebook-Gruppe von Translaville. Nach Zustimmung durch die Moderatorin wurde die Ankün‐ digung - mit Hinweis auf die erhaltene Erlaubnis - öffentlich geteilt und infolgedessen durchwegs positiv von den Gruppenmitgliedern aufgenommen. Basis für die Kontaktaufnahme mit Translaville waren die kommunikati‐ ven Ziele, die Li (2017: 44 f.) für die Erstkontaktaufnahme mit einer von ihr 5.3 Feldzugang 197 <?page no="198"?> 59 Vgl. in diesem Zusammenhang das in der Ethnografie vieldiskutierte Thema der Reziprozität bzw. der Erarbeitung einer gewissen Symmetrie zwischen Forscher: in und Beobachteten, um dem der Beobachtungssituation inhärenten Machtgefälle bzw. der Instrumentalisierung der Kommunikation durch die Forscher: innen zumindest ein Stück weit entgegenzuwirken (vgl. z. B. Lindner 1981: 62; in der Online-Ethnografie: Hine 2015: 57). 60 Vgl. dazu auch Milošević und Riskus (2020) Diskussion verschiedener Wahrnehmungen der Person der Forscher: innen durch die Teilnehmer: innen einer ethnografischen Studie zu translatorischen Prozessen am Arbeitsplatz - und die Konsequenzen, die sich daraus für den Feldzugang ergeben können. untersuchten Fansubbing-Gruppe formuliert hat (darunter die transparente Darstellung der Motivation für den Gruppenbeitritt, das Betonen gemeinsamer Interessen, sowie das Signalisieren von Bereitschaft, von der Gruppe zu lernen, sich selbst dort einzubringen und die Gruppenregeln zu respektieren). Um die Bereitschaft dafür glaubhaft zu machen, der Gruppe etwas ‚zurückzugegeben‘, erfolgte eine erste Phase der teilnehmenden Beobachtung (samt erster Überset‐ zungstätigkeit) bereits vor der Kontaktaufnahme mit der Gruppe. 59 Wäre der Kontaktaufnahme jedoch eine zu lange Phase der ‚einfachen‘ Teilnahme an den Übersetzungsaktivitäten vorausgegangen, so hätte im Nachhinein der Vorwurf der verdeckten Beobachtung erhoben werden können. Daher wurde darauf geachtet, die Interaktionen mit anderen Nutzer: innen in dieser Phase noch auf ein Minimum zu beschränken. Letztlich sind mit dem Feldzugang - wie etwa Lindner (1981) darlegt - für viele Ethnograf: innen gewisse Ängste verbunden, die mit dem Unbehagen vor der Reaktion der Menschen im Feld auf die eigene Person zusammenhängen. Dabei sei gerade die Art und Weise, wie ein Feld auf eine Störung von außen reagiert, analytisch durchaus wertvoll (Lindner 1981: 61 ff.) und könne als zusätz‐ liche Erkenntnisquelle dienen (Wolff 2017: 339). 60 Der Feldzugang - so führt Wolff (2017: 339) aus - kann bzw. „muss als eigenständiges soziales Phänomen betrachtet, analysiert und gestaltet werden“. Für diese Studie wurden eigene Befürchtungen (z. B. mangelnde Durchführbarkeit bei Ablehnung durch die Com‐ munity oder bereits durch die Administrator: innen; Unverständnis der Gruppe gegenüber der Ziele des Forschungsprojekts; ablehnende Haltung durch die Mitglieder und somit Kippen der Stimmung im Forum; Verbot gewisser geplanter Formen der Datenerhebung etc.) im Vorfeld und während des Feldzugangs in einem Feldtagebuch reflektiert. Dort wo es im Zuge der Aushandlung des Zugangs zu methodischen Adaptierungen des Forschungsprojekts kam, wurden diese ebenfalls im Forschungstagebuch dokumentiert. Die ersten Interaktionen mit dem Feld konnten somit auch als Daten im Zusammenhang mit Fragen nach der sozialen Dynamik der untersuchten Gruppe herangezogen werden. 198 5 Durchführung der Studie <?page no="199"?> 61 Vgl. Malinowskis (1922/ 2005: -21) Unterscheidung zwischen dem Handeln von Menschen und ihren Rationalisierungen dieser Handlungen - woraus er schließt, dass Interviewstu‐ dien allein für die Erforschung kultureller Phänomene nicht ausreichend sind. 5.4 Beobachtung Ethnografische Projekte können ein breites Methodenspektrum umfassen: von Einzel- oder Gruppeninterviews über Archivforschung oder Medien- und Arte‐ faktanalysen bis hin zu quantitativen Umfragen - fundamental für jede Ethno‐ grafie ist jedoch die teilnehmende Beobachtung. Teilnehmende Beobachtung, so beschreiben Boellstorff et al. (2012: 65), ist „the embodied emplacement of the researching self in a fieldsite as a consequential actor“. Dadurch werden Ethnograf: innen selbst zu einem Bestandteil des sozialen Rahmens, den sie erforschen. Ein Vorteil der teilnehmenden Beobachtung, der auch für dieses Forschungsvorhaben relevant war, ist, dass diese sich nicht ausschließlich auf Daten beschränken muss, die von den Forscher: innen in der Datenerhebung aktiv angestoßen werden („elicitation“, Boellstorff et al. 2012: 87). In Beobach‐ tungsstudien können auch implizite kulturelle Normen, Handlungen oder Vorstellungen etc. erfasst werden, ohne dass diese den Studienteilnehmer: innen selbst bewusst sein müssen. 61 Für diese Studie bot sich daher eine Kombination von teilnehmender Beobachtung und Gesprächen im Feld bzw. Interviews an, um sowohl impliziten wie auch expliziten Vorstellungen im kulturellen Gefüge von Translaville nachgehen zu können (Boellstorff et al. 2012: -88). In Bezug auf Online-Ethnografien herrscht zum Teil Unklarheit darüber, was bei der Erforschung virtueller Sphären konkret unter ‚Beobachtung‘ zu verstehen ist (Kozinets 2015: 188). Immerhin sind durch die Virtualität der untersuchten Umgebung nicht nur gerade ablaufende Ereignisse beobachtbar; auch Vergangenes bleibt textuell bestehen. Gerade, was also vornehmlich deskriptive Beobachtungsdaten betrifft, scheint die Grenze zwischen Archiv- und Beobachtungsdaten im Online-Kontext zu verschwimmen. Kozinets (ibid.) schränkt onlineethnografische Beobachtungsdaten daher auf all jene Daten ein, die produziert werden, während im Feld etwas ‚passiert‘. Für die hier vorgestellte Studie bedeutete dies etwa die Aufzeichnung und Beschreibung der eigenen Beteiligung an Übersetzungs- und Evaluierungsaktivitäten auf Translaville sowie eine Dokumentation der (eingeschränkten) Interaktionen mit anderen Community-Mitgliedern. Im Gegensatz zu traditionell ethnografischen Beobachtungen sind Online-In‐ halte in der Regel leichter aufzeichenbar, weil sie bereits in digitaler Form vorliegen. Der Fokus von Feldnotizen liegt in der virtuellen Ethnografie daher weniger darauf, Praxen und Interaktionen zu dokumentieren, sondern viel 5.4 Beobachtung 199 <?page no="200"?> 62 Vgl. in diesem Zusammenhang die seit den 1980erbzw. 1990er-Jahren geführte Debatte rund um den Begriff der Reflexivität in der ethnografischen Forschung. Insbesondere - so beschreiben Pink et al. (2016: 12) - habe diese Debatte das Augenmerk auf die Frage gelenkt, unter welchen Einflüssen Ethnograf: innen im Austausch mit Menschen und Artefakten Wissen produzieren und Erkenntnisse gewinnen. Reflexivität meine dabei mehr als lediglich ‚Voreingenommenheit‘. Vielmehr gehe es dabei um die Subjektivität der Interaktion mit einem Forschungsfeld und um den potenziellen Erkenntnisgewinn durch ethnografisches Schreiben. Zentral für diese Debatte waren etwa die Bände von Clifford und Marcus (1986) sowie James et al. (1997), wobei ihr Einfluss über die Felder der Ethnografie und Kulturanthropologie hinausreichte und auch z. B. in der Soziologie spürbar wurde (Pink et al. 2016: 12). Vgl. dazu auch Hines (2015: 81f.) Ausführungen der Relevanz dieser auch als „representational crisis“ bezeichneten Entwicklung für die virtuelle Ethnografie. mehr darauf, diese zu kontextualisieren. Zur besseren Unterscheidung von vornehmlich deskriptiven Beobachtungsdaten werden solche Notizen daher manchmal auch als ‚Feldreflexionen‘ bezeichnet (Kozinets 2015: 188). Durch die Aufzeichnung von Feldreflexionen wird somit auch in der virtuellen Ethnografie ein zentrales Augenmerk auf das subjektiv-persönliche Erfahren des Felds durch den: die Forscher: in gelegt: Through these written reflections, the netnographer records her journey from outside to inside, her learning of languages, rituals, sites, information, people, topics and practices, as well as her involvement in a social web of meanings and personalities. […] They [the field reflections] help the netnographer decipher the reasons behind cultural actions, rather than offer the more typical recording or description of them. (Kozinets 2015: -189) Gleichzeitig dienen die Feldnotizen dazu, die eigene Beobachter: innenrolle zu hinterfragen und dabei zu reflektieren, inwieweit die Forschung Resultat eines gemeinschaftlichen Erkenntnisprozesses ist, der von den Ethnograf: innen und den Menschen im Forschungsfeld wechselseitig konstruiert wird (Pink et al. 2016: -12). 62 Die Feldbeobachtungen für diese Studie erstreckten sich über einen Zeitraum von insgesamt 18 Monaten. Um zunächst mit den Normen im Feld vertraut zu werden und als Vorbereitung auf die kritische Phase des Feldzugangs sowie der Ankündigung des Forschungsprojekts (Hine 2015: 70 f.; sowie Kap. 5.3), erfolgte die Beobachtung während der ersten zwei Monate zunächst ohne Teilnahme an den Aktivitäten der Community. Die aktiv teilnehmende Beobachtung begann schließlich nach der Registrierung als Mitglied von Translaville im Juli 2018. Abgesehen von ihrer Bedeutung für die Kontextualisierung und Reflexion der Geschehnisse auf Translaville, war die teilnehmende Beobachtung insofern zentral für diese Studie, als sie erst Zugang zu den Teilen der Plattformumge‐ bung ermöglichte, wo die Übersetzungen und Evaluierungen vonstattengingen. 200 5 Durchführung der Studie <?page no="201"?> 63 Für eine umfassende Einführung in die methodisch-konzeptuellen Grundlagen der Auf‐ zeichnung von Feldnotizen siehe Emerson et al. (2011). Für eine Auseinandersetzung mit Feldnotizen im Kontext translationswissenschaftlicher Forschung siehe Davier (2025). Dadurch wurden die Übersetzungsprozesse, sozialen Interaktionen und tech‐ nischen Abläufe und Strukturen erst in ihrem konkreten situativen Kontext erfahrbar - und somit auch dokumentierbar (vgl. etwa Hine 2015: 71). Alle im Zuge der Beobachtung und Teilnahme gewonnenen Erfahrungen und Interaktionen mit anderen Mitgliedern wurden in einem Forschungstagebuch 63 dokumentiert. Die Aufzeichnung der dort gesammelten Feldeinträge orientierte sich dabei im Wesentlichen an den Empfehlungen für onlineethnografische Feldreflexionen nach Boellstorff et al. (2012: 82-85) und Kozinets (2015: 189- 194). Sie wurden möglichst zeitnah angefertigt - idealerweise gleichzeitig oder unmittelbar nach einem Ereignis, um retrospektivem Umdeuten oder Abstrahieren vorzubeugen. Wann immer ein Ereignis digital aufgezeichnet werden konnte, wurden Screenshots (insgesamt 165) aufgenommen und mit einer entsprechenden Datumsmarke versehen. Die Grafiken wurden im For‐ schungstagebuch verlinkt, um eine Abkoppelung vom Aufnahmekontext zu vermeiden. Bereits während der Beobachtung wurden erste Notizen verfasst, später ausführlichere Beschreibungen und Reflexionen ergänzt, wobei in der Verschriftlichung versucht wurde, deskriptive und reflexive Abschnitte sprach‐ lich möglichst klar voneinander abzugrenzen. Bei den Aufzeichnungen im Feldtagebuch wurde außerdem darauf geachtet, sprachlich nicht zu stark zu glätten und auch subjektive Wahrnehmungen und Emotionen bewusst nicht auszusparen. Außerdem wurden die Einträge vor der Datenanalyse möglichst wenig editiert, um zu vermeiden, dass dadurch voreilig Informationen gelöscht werden, die sich später als wesentlich herausstellen könnten. Von besonderer Bedeutung bei onlineethnografischen Beobachtungen sind die Artefakte der zu erforschenden virtuellen Welt (Boellstorff et al. 2012: 85). In dieser Studie gehören dazu - den oben vorgestellten Begrifflichkeiten folgend (vgl. Kap. 3.3.2.3) - insbesondere sogenannte ‚Zeichentechniken‘, also sämtliche Design- und Bedienelemente der untersuchten Plattform, die von Nutzer: innen virtuell-medial erfahrbar sind und mit denen sie in den meisten Fällen in irgendeiner Weise technisch interagieren können. Dieser besondere Fokus auf die Artefakte der untersuchten Community entspricht dem für diese Untersuchung gewählten Zugang der Technografie (vgl. Braun-Thürmann 2006; Rammert und Schubert 2006a; siehe auch Kap. 3.3.5) und erlaubte es erst, in differenzierter Weise den hier zu ergründenden (sozio-)technischen Perspektiven auf gemeinschaftsbasierte Übersetzung auf den Grund zu gehen. Im Zuge der Beobachtungen wurden daher Screenshots von allen zugänglichen Abschnitten der Anwendungsumgebung auf‐ 5.4 Beobachtung 201 <?page no="202"?> genommen (die konkreten Foreninhalte wurden jedoch gesondert erhoben; siehe nächster Abschnitt). Beispiele für solche Artefakte der Community sind etwa die verschiedenen Eingabeformulare für Übersetzungen oder für sogenannte ‚polls‘ oder ‚Umfragen‘, bei denen mehrere Nutzer: innen in die Evaluierung einer Übersetzung eingebunden werden. Screenshots wurden außerdem von Texten aufgenommen, die auf der Plattform veröffentlicht werden, um entweder neue Nutzer: innen mit der Gruppe vertraut zu machen oder Neuerungen bekannt zu geben. Diese Texte erläutern Übersetzungs- und Plattformprozesse, kommunizieren Ziele und Verhal‐ tensvorgaben der Gruppe und dokumentieren die Entwicklung der Online-Commu‐ nity. Für diese Studie sind sie deshalb von Bedeutung, weil sie über idealisierte und vom Kern der Community sanktionierte Zielvorstellungen und Erwartungen an die Mitglieder Aufschluss geben können. Insgesamt wurden 165 Screenshots aufgenommen und analysiert. Sie wurden mit zeitlichen und thematischen Markern zur leichteren Verknüpfung mit Beschreibungen im Forschungstagebuch versehen. Im Ergebnisteil dieser Forschungsarbeit werden Zitate und Auszüge aus Screenshots in den Quellenangaben mit dem Kürzel „SCR“ ausgewiesen. 5.5 Online-Kommunikation Die wichtigste und zugleich in Bezug auf die Datenmenge umfassendste Daten‐ quelle in dieser Studie sind Inhalte des Mitgliederforums von Translaville. Da es sich somit um ‚retrospektive‘ Daten handelt, konnte diese Untersuchung in einen breiteren zeitlichen Kontext gestellt werden als in der traditionellen Ethnografie möglich ist, wo der Fokus auf situierten, zeitlich und räumlich mit dem Moment der Erhebung verbundenen Erfahrungen liegt (Hine 2015: 20). Auf Translaville gibt es für 18 Sprachen ein eigenes Diskussionsforum mit einer jeweils variierenden Forensubstruktur sowie einer unterschiedlich hohen Anzahl an Einzelbeiträgen. Insgesamt beinhaltete das Forum von Translaville kurz nach Beendigung der Datenerhebung (Oktober 2019) 20.296 Beiträge, weshalb eine Einschränkung der zu erhebenden Forendaten vorgenommen werden musste. Mit ca. 12.300 Einträgen ist das englischsprachige Forum jenes Forum, das mit Abstand am stärksten genutzt wird bzw. wo jene Mitglieder sich austauschen, die am aktivsten an den Gruppenaktivitäten teilnehmen (ersichtlich in auf Translaville zur Verfügung gestellten Listen, z. B. der aktivsten Mitglieder). Das nächstgrößte Forum - für Türkisch - ist im Vergleich dazu lediglich rund ein Fünftel so groß. Daher wurden für diese Studie nur Beiträge aus dem englischsprachigen Forum analysiert. Das englischsprachige Forum ist in 4 Haupt- und 16 Subsektionen (vgl. Tab. 2) unterteilt. Für diese Studie wurden alle Einträge aus den in der Tabelle dunkel hinterlegten Sektionen - Allgemeines und Feedback (inklusive aller 202 5 Durchführung der Studie <?page no="203"?> 64 Die Titel der einzelnen Sektionen wurden übersetzt, um eine Identifikation der Com‐ munity (durch eine Suchmaschinenabfrage) zu erschweren. Unterabschnitte mit Ausnahme des Abschnitts Stellt euch vor! ) - erhoben und für eine qualitative Inhaltsanalyse aufbereitet (siehe Kap. 5.7). Grund für diese Einschränkung war, dass die ausgewählten Abschnitte Forenthemen beinhalten, die über soziotechnische Fragen Aufschluss geben können. Die übrigen beiden Hauptsektionen des Forums - Sprache(n) und Kulturforum (siehe Tab. 2) - wurden aus der Analyse ausgeklammert, da deren Inhalte weniger relevant für die verfolgten Forschungsfragen erschienen. In Abschnitt Stellt euch vor! lag der Fokus auf den persönlichen Porträts der Mitglieder. Die Daten daraus wurden hier ebenfalls nicht verwendet, da die dort veröffentlichten, höchst persönlichen Angaben ohnehin zum Schutz der Privatsphäre der Nutzer: innen aus dem Datenmaterial hätten gestrichen werden müssen. Die Inhalte waren außerdem nicht zentral für die hier verfolgte Fragestellung. Hauptsektionen Thematische Subsektionen Allgemeines Ankündigungen der Admins und Expert: innen Wie funktioniert’s? Stellt euch vor! Sprache(n) Lernen Sprachaustausch Jobangebote und -suche Dein Projekt Kulturforum Kulinarisches Kleidung Flora, Fauna & Geografie Sprichwörter, regionale Vorstellungen, Traditionen Sport und Freizeit Lifestyle Feedback Verbesserungsvorschläge Übersetzung der Webseite von [Translaville] Melden von Problemen Tabelle 2: Struktur des englischsprachigen Forums 64 (Stand: 01.10.2019) 5.5 Online-Kommunikation 203 <?page no="204"?> 65 Der Quellennachweis A001_002 im Ergebnisteil dieser Forschungsarbeit verweist also auf die zweite Nachricht im ersten Thema des Forenbereichs ‚Ankündigungen‘. Zur zeitlichen Eingrenzung der Stichprobe wurde ein Stichtag gewählt - der 01.10.2019. Für die Analyse wurden alle bis zu diesem Datum veröffentlichten Foreneinträge aus den oben genannten Forensektionen erhoben. Tabelle 3 liefert eine detaillierte Aufstellung der für diese Untersuchung erhobenen Anzahl an Forenthreads, Forenbeiträgen und der jeweiligen Wortanzahl der Beiträge in den fünf ausgewählten thematischen Subsektionen des Forums. Die verwendeten Kürzel für die einzelnen ‚Forenthreads‘ (siehe Kürzel in Klammern, Tab. 3) werden im Ergebnisteil dieser Forschungsarbeit auch als Quellennachweise 65 bei Zitaten aus dem Forenmaterial verwendet. - - - - Anzahl Threads - Anzahl Beiträge - Anzahl Wörter Allgemeines - - - - - - - - - Ankündigungen (A) 169 - 3 359 - 80 334 - Wie funktioniert’s? (WF) 57 - 306 - 14 756 - - - - - - - - - Feedback - - - - - - - - - Verbesserungen (V) 153 - 1 607 - 88 305 - - Problemberichte (PB) 79 - 455 - 24 170 - Website-Übersetzung (WÜ) 73 - 504 - 37 748 - - - - - - - - - - - - - 531 - 6 231 - 245 313 Tabelle 3: Umfang der ausgewerteten Foren-Daten Die Einträge erstrecken sich über einen Zeitraum von ca. 14 Jahren ab Grup‐ pengründung. Dadurch wird auch eine Langzeitperspektive auf die Entwicklung 204 5 Durchführung der Studie <?page no="205"?> 66 Dies erscheint für die durchgeführte Studie besonders relevant, da die Community-Ak‐ tivitäten gegen Ende des Beobachtungszeitraums stark zurückgingen. Die ersten Inter‐ views zeigten jedoch, dass der Zeitpunkt der Studie weniger ungünstig war als zunächst angenommen. Die Gespräche lieferten detailreiche, dichte Erzählungen darüber, warum Translaville über einen längeren Zeitraum besonders intensiv genutzt wurde und ein starkes Engagement der Nutzer: innen erfuhr - und warum die Attraktivität dieses Plattformtyps später offenbar nachließ (vgl. dazu auch Kap.-7.2.1.3). von Translaville über einen - gerade für Online-Phänomene - langen Zeitraum möglich. 66 Zusätzlich Teil der erhobenen Online-Kommunikation wurden die Interak‐ tionen der Forscherin mit anderen Nutzer: innen von Translaville, die im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung stattfanden. Diese Interaktionen erfolgten in der Regel über die auf Translaville implementierte Möglichkeit, private Nachrichten zu versenden. Gleichzeitig mit der Möglichkeit, Übersetzungen zu veröffentlichen, wurde auf Translaville auch eine Kommentarfunktion implementiert. Abgesehen von Einblicken darin, mit welchen Übersetzungsproblemen Amateur: innen hadern - was jedoch außerhalb des inhaltlichen Fokus dieser Untersuchung liegt -, könnte eine Analyse der Kommentare Aufschluss darüber geben, wie in der Online-Community über Übersetzen gesprochen wird, welche (normativen) Vorstellungen die Gruppenmitglieder verhandeln oder wie Entscheidungen und Prozesse rationalisiert werden. Diese Möglichkeit der zusätzlichen Daten‐ erhebung wurde allerdings für diese Studie verworfen, da damit ein enormes Datenvolumen (vgl. Anzahl der bis 01.10.2019 auf Translaville angefertigten Übersetzungen: 105.988) verbunden gewesen wäre und auf Translaville keine effektiven technischen Möglichkeiten zur Verfügung stehen, diese Kommentare zu filtern oder systematisch aufzurufen (z. B. Filtern nach Übersetzungen, die überhaupt Kommentare enthalten; oder nach Übersetzungen mit einer gewissen Anzahl an Kommentaren), was eine systematische Einschränkung der Stichprobe schwierig machte. Hinweise auf entsprechende Vorstellungen und Sinnkonstruktionen der Übersetzer: innen konnten allerdings aus den Forenda‐ ten gewonnen werden. 5.6 Interviews Der letzte Teil der Datenerhebung umfasste vier Leitfadeninterviews, die als er‐ gänzende Datenerhebungsmethode dienten. Sie wurden dazu verwendet, Muster, die sich in einer ersten Analyse der zuvor erhobenen Daten (aus Online-Kommu‐ nikation, teilnehmender Beobachtung und Artefaktanalyse) abzeichneten, durch 5.6 Interviews 205 <?page no="206"?> zusätzliche Daten zu bestätigen, zu entkräften bzw. mit vertiefenden Daten zu verdichten (vgl. Kozinets 2015: 185). Außerdem wurde so eine Kombination aus weitgehend ‚natürlichen‘ (also von der Forscherin möglichst unbeeinflussten) und ‚nicht-natürlichen‘ Daten (in Form der Interviews, die im Vergleich zu den übrigen Daten auf die Forschungsfragen und die theoretischen Vorannahmen zugeschnitten werden konnten) erzielt. Während die teilnehmende Beobachtung Aufschluss über das tatsächlich beobachtbare Handeln von Personen geben sollte, konnten die Interviews Rückschlüsse darauf liefern, ob diese Handlungen bewusst oder unbewusst erfolgt sind und wie die Befragten selbst dieses Handeln kon‐ textualisieren oder rationalisieren. Sie ermöglichen Einblicke in die subjektiven Vorstellungen, Rechtfertigungen, Motivationen, Einstellungen und Bestrebungen der Menschen im Feld (Boellstorff et al. 2012: 92 ff.) und dienten hier außerdem als Kommentar zu in der Gruppe bestehenden kulturellen Zusammenhängen. Diese werden zwar von Mitgliedern einer Gruppe nur selten auch bewusst als solche wahrgenommen. Dennoch waren die Interviews nützlich, wenn es um die Erläuterung und Kontextualisierung spezifischer Eigenheiten, Symbole und Ordnungen innerhalb von Translaville ging (z. B. „secret histories, internal power struggles, and unofficial customs“, Boellstorff et al. 2012: 93). Letztlich ermöglichen die Interviews auch Einblick in sensible, tabu- oder konfliktbehaftete Inhalte, da Einzelgespräche - im Gegensatz zu z. B. online frei einsehbaren Forendiskussionen oder Gruppengesprächen - den Gesprächspartner: innen eher einen Eindruck von Privatsphäre vermitteln (vgl. Boellstorff et al. 2012: 92 ff.). Nachdem das zu untersuchende Feld im Fall dieser Studie ausschließlich virtuell konstruiert war und die Personen im Feld sich daher an physisch voneinander weit entfernten Orten befanden, sprachen forschungspraktische Gründe gegen offline durchgeführte Interviews. Anders als konventionelle Interviews, die Interviewleiter: in und interviewte Person in einem gemeinsa‐ men zeitlichen und räumlichen Kontext zusammenbringen, müssen online durchgeführte Interviews nicht zwingend in Form eines mündlichen Gesprächs stattfinden. Je nach eingesetzter Technologie können sie entweder mündlich (z. B. über Software wie etwa Zoom) oder schriftlich (z. B. E-Mail-Interview, Diskussionsforum, Chatroom) realisiert werden. Außerdem können Online-In‐ terviews synchron oder asynchron stattfinden (vgl. O’Connor und Madge 2016). Als Entscheidungsgrundlage für die in dieser Studie gewählte Form von Online-Interviews diente eine von O’Connor und Madge (2016: 580) illustrierte Übersicht der relevantesten Unterschiede zwischen verschiedenen Formen von Onlinebzw. Offline-Interviews (vgl. Tab. 4). Wie die Darstellung zeigt, birgt die Entscheidung für eine bestimmte Interviewform jeweils methodische Vor- und Nachteile in Bezug auf deren zeitliche, räumliche, technische und 206 5 Durchführung der Studie <?page no="207"?> organisatorische Realisierungsbedingungen sowie hinsichtlich der Spontanität und Tiefe der im Zuge der Interviews zu erwartenden Antworten. - asynchrones Online-Interview synchrones Online-Interview Face-to-Face-Interview vor Ort Telefon-Interview VOIP-Interview Ort E-Mail, Forum Chatroom oder Konferenzsoftware physi‐ scher Ort Telefon VOIP- Software zeitliche Ein‐ schränkungen nicht in Echtzeit in Echtzeit in Echtzeit in Echt‐ zeit in Echtzeit Software- Anforderungen einfach, gewohnt komplexer - komplexer technische Kenntnisse niedrig mittel - mittel Zeitabstand Frage-Antwort Nachdenk‐ zeit spontan spontan spontan spontan Format schriftlich schriftlich verbale und non‐ verbale Elemente mündlich mündlich; ggf. non‐ verbale Elemente Nachteile einfach zu ignorieren oder löschen technische Probleme Kosten techni‐ sche Pro‐ bleme technische Probleme Transkription automatisch generiert automa‐ tisch generiert nicht generiert nicht generiert nicht generiert Kosten niedrig niedrig höher höher niedrig Tabelle 4: Charakteristika von Online- und Offline-Interviews (adaptiert nach O’Connor und Madge 2016: 580) 5.6 Interviews 207 <?page no="208"?> 67 Zu den spezifischen Kommunikationsbedingungen in Gesprächen mit virtuellen Ge‐ genübern, zu ‚textuellem Zuhören‘, zum Verschwimmen von Gesprächsebenen und -kanälen in virtuellen Welten, zum Umgang mit dem Fehlen nonverbaler Kommunika‐ tionselemente sowie zu technologiebedingten methodischen Herausforderungen siehe auch Boellstorff et al. (2012: 100-104). In dieser Studie wurde synchronen Online-Interviews unter Verwendung von VoIP-Software der Vorzug gegeben - und nur als Ausnahme auch ein asyn‐ chrones Interview ermöglicht. Grund für diese Präferenz für VoIP-Interviews (siehe Tab. 4) war, dass schriftlich-asynchrone Formen von Online-Interviews zwar relativ einfach in der Durchführung sind und von Studienteilnehmer: in‐ nen oft als niederschwelliger und subjektiv anonymer empfunden werden als ein persönliches Gespräch. Allerdings sind die Interaktionen bei diesem Interviewformat meist kürzer und gehen dabei auch oft weniger in die Tiefe. Asynchrone Interviews liefern außerdem Beiträge, die schwerer steuerbar und weniger spontan, dafür aber oft reflektierter sind - mit dem zusätzlichen Problem der womöglich größeren Orientierung an der sozialen Erwünschtheit der Antworten. Auch kann in rein textuell geführten Interviews das Fehlen von Stimme, Mimik und Körpersprache des Gegenübers die Interpretation des Gesagten erschweren (O’Connor und Madge 2016: 580 ff.). 67 In dieser Studie sollten die Interviews aber dem Zweck dienen, Eindrücke aus der Analyse der schriftlichen Kommunikation zu vertiefen, diese außerdem um subjektive, und vor allem ausführlichere Beschreibungen als in den Forenpostings zu ergänzen, und dabei im Gegensatz zu den bereits erhobenen schriftlichen Daten spontane Antworten zu erhalten. Da mündliche Online-Interviews in Bezug auf die oben beschriebenen Faktoren eine vergleichsweise große Ähnlichkeit mit konventionellen Interviews aufweisen, bot es sich bei der Planung und Durch‐ führung der Interviews auch an, die Prinzipien und Strategien traditioneller (Offline-)Interviewführung nachzubilden (O’Connor und Madge 2016: -583). Durchgeführt wurden so zunächst drei semistrukturierte Leitfadeninter‐ views (für eine Übersicht, siehe Tab. 5, unten). Dazu wurde in diesen ersten drei Interviews die VoIP-Software Skype verwendet. Die Interviews wurden mit der softwareinternen Aufnahmefunktion aufgezeichnet - zwei der Inter‐ views als Videodatei, eines ausschließlich als Audiodatei. Als Sicherheitskopie im Fall von Softwareproblemen wurden die Interviews zusätzlich auch mit ei‐ nem externen Aufnahmegerät aufgenommen. Zunächst schienen Videointer‐ views gegenüber reinen Audiointerviews fast nur Vorteile zu haben. Immerhin war davon auszugehen, dass so leichter ein natürliches Gespräch aufgebaut werden könne, bedenkt man, dass es zuvor ausschließlich schriftliche Kommu‐ nikation zwischen Interviewerin und Interviewpartner: innen gab. Nachdem 208 5 Durchführung der Studie <?page no="209"?> man sich nicht an einem gemeinsamen physischen Ort befand und also das Gegenüber nicht physisch wahrnehmen konnte, diente das Videointerview als eine wichtige kommunikative Stütze. In dem einen schließlich durchgeführten Audiointerview (Interview 2) zeigte sich allerdings, dass auch dieses Format Vorteile für die Interviewsituation bieten konnte. Der durch die fehlende Videoaufzeichnung nicht mehr bestehende Blickkontakt bewirkte, dass die visuelle Aufmerksamkeit der Gesprächspartner: innen während des Interviews für andere Aufgaben frei wurde - z. B. bei der Interviewerin für die Aufzeich‐ nung von Notizen zum Interviewverlauf während des Gesprächs bzw. zur genaueren Orientierung am Interviewleitfaden. Auch der Interviewpartner (in diesem Fall I2) nutzte das Wegfallen der Notwendigkeit von Blickkontakt in einer Form, die sich letztlich positiv auf das Interview auswirkte: Er rief parallel zum Interview die Plattform von Translaville auf und konnte dadurch zu einer Reihe von Interviewfragen konkrete Beispiele aus dem Community-Geschehen liefern sowie Informationen zu Teilbereichen von Translaville geben, die der Interviewerin selbst nicht zugänglich waren. Da die Phase der aktivsten Beteiligung an den Aktivitäten von Translaville bei den interviewten Nutzer: innen bereits etwas in der Vergangenheit lag, lieferte ein kommentierter Besuch der Plattform während des Interviews somit besonders relevante Einblicke in konkrete Situationen und Handlungszusammenhänge. Während die ersten drei Interviewpartner: innen in Vorgesprächen bereit‐ willig zu synchronen, mündlichen Interviews zustimmten, bat eine weitere Nutzerin darum, schriftlich interviewt zu werden. Grund dafür war, dass sie die mündliche Interviewsituation über eine Videotelefonie-Software als unan‐ genehm empfand. Sie gab auch an, sich ihrer Sprachkenntnisse im Englischen - der vereinbarten Interviewsprache - in schriftlicher Kommunikation siche‐ rer zu fühlen. Der schriftliche Modus ist für die Mitglieder von Translaville letztlich auch die gewohnte Kommunikationsform. Interview 4 wurde daher als schriftliches, asynchrones Interview durchgeführt. Interviewpartnerin 4 erhielt eine adaptierte Version des Interviewleitfadens zur schriftlichen Beantwortung. Vergleicht man Interview 4 mit den ersten drei Interviews, so zeichnen sich durchaus die oben diskutierten Vor- und Nachteile asynchroner Interviews ab: Die mündlichen Interviews waren wesentlich länger, dichter und subjektiver, während das schriftliche Interview eher ‚geglättet‘ wirkt, weil es weniger spontan zustande kam. Letztlich waren die mündlich durchgeführten Interviews für diese Studie ergiebiger. Interviewpartnerin 4 lieferte dennoch in einigen Fragen eine wichtige zusätzliche Perspektive, weshalb das Interview auch in die Analyse aufgenommen wurde. 5.6 Interviews 209 <?page no="210"?> Die Interviews wurden als Leitfadeninterviews gestaltet. In diesen sollten Elemente aus zwei möglichen Ausrichtungen von Leitfadeninterviews (Hopf 2016: 17) zusammengeführt werden: Primär handelte es sich um „Interviews, in denen es um die Erfassung von Deutungen, Sichtweisen und Einstellungen der Befragten selbst geht“; ergänzend wurden jedoch auch Elemente aus „Experteninterviews, in denen die Befragten als Spezialisten für bestimmte Konstella‐ tionen befragt werden“ (ibid.), verwendet (also typischerweise „Handlungen, Beobachtungen und Wissen“ der Interviewten; Gläser und Laudel 2009: 40). Der an Expert: inneninterviews (vgl. z. B. Gläser und Laudel 2009) angelehnte Interviewteil diente dabei primär der Datentriangulation. Die darin abgefragten Erfahrungen und Wissensbestände in Hinblick auf die Übersetzungspraxis der interviewten Personen lieferten Ergänzungen, Differenzierungen bzw. eine Bestätigung oder Widerlegung der Erkenntnisse, die im Rahmen der teilneh‐ menden Beobachtung und Analyse der Online-Kommunikation gewonnen wur‐ den. Expert: inneninterviews sind jedoch weniger geeignet, um die subjektiven Sinnkonstruktionen und Vorstellungen der Befragten (z. B. Vorstellungen vom Übersetzen, Technikdiskurse, Konstruktionen sozialer Praxis) zu ergründen, die ebenfalls zentral für diese Studien waren. Eine Kombination der beiden oben genannten Zugänge zum Leitfadeninterview erschien daher sinnvoll. Was ihren Grad der Standardisierung betrifft, so handelt es sich bei den münd‐ lich durchgeführten Interviews um semistrukturierte Interviews (Gibson und Hua 2016: 182), die auf der Basis eines vorab entwickelten Interviewleitfadens durchgeführt wurden. Eine ausschließlich narrativ ausgerichtete Interviewform wurde deshalb nicht gewählt, weil davon auszugehen war, dass mündliche Interviews mit einem Fokus auf vornehmend erzählenden Passagen ohne Nach‐ fragen durch die Interviewerin sehr schwer aufrechtzuerhalten sein würden und von den interviewten Personen schnell als künstlich wahrgenommen werden könnten (vgl. Flick 2017: 234). Auch war anzunehmen, dass unstrukturierte oder narrative Interviewformen eine besondere Atmosphäre der Vertrautheit bzw. Vertraulichkeit in der Interviewsituation erfordern würden, damit die Interviewten sich sicher genug fühlen, lange und detailreich über persönliche Erfahrungen zu sprechen. Gerade bei Online-Videointerviews erschien daher eine semistrukturierte Interviewform mit einer Kombination von einzelnen Erzählaufforderungen und stärker strukturierenden Vertiefungsfragen sinnvol‐ ler. Gerade die Erzählaufforderungen führten in den mündlichen Interviews zu einem besseren Ergebnis als in dem schriftlichen Interview, da der Inter‐ viewpartnerin im schriftlichen Interview trotz entsprechender Aufforderung knappere Antworten wohl natürlicher erschienen. 210 5 Durchführung der Studie <?page no="211"?> Die Leitfadenerstellung für die durchgeführten Interviews orientierte sich an Helfferichs (2009: 182-189) „SPSS-Prinzip“. Das Kürzel „SPSS“ steht für die vier von ihr vorgeschlagenen Schritte zur Leitfadenerstellung - das (1) „Sammeln“ möglicherweise relevanter Fragen; das (2) „Prüfen“, z. B. auf inhaltliche Eignung und ausreichende Offenheit; das (3) logische „Sortieren“ der Fragen und Bündeln in Fragenkomplexe; sowie (4) das „Subsumieren“ der Fragenkomplexe unter eine möglichst offene, vorannahmsfreie Erzählauffor‐ derung. Der erstellte Leitfaden wurde in drei Hauptthemen gegliedert, die das Hauptforschungsinteresse abbilden sollten: (1) Soziales, (2) Übersetzen sowie (3) Technologie. Eingesetzt wurde eine Kombination von jeden Inter‐ viewblock einleitenden mündlichen Erzählanregungen und weiterführenden Detailfragen - primär in Form von Aufrechterhaltungsfragen, Steuerungs‐ fragen sowie Wissens- und Einstellungsfragen. Im Gegensatz dazu wurde versucht, während der Interviews „Suggestivfragen, [ein] Konfrontieren mit Widersprüchen und Insistieren auf Richtigstellungen und Klärungen, das Anbieten von Deutungen, Spiegeln, (geschlossene) Nachfragen, mit denen das eigene Verständnis überprüft wird, sowie empathische Kommentare“ (Helfferich 2009: -107) so weit wie möglich zu vermeiden. Darüber hinaus wurde insbesondere auf die Umsetzung allgemeiner Emp‐ fehlungen für die Interviewgestaltung (vgl. Helfferich 2009: 108) geachtet. Dazu gehörte etwa das Vermeiden unklarer, schwer verständlich formulierter, unbeantwortbarer oder geschlossener Fragen; das Achten auf eine möglichst offene Formulierung der Fragen (Vermeiden von bereits in der Fragestellung mitschwingenden Wertungen oder Erwartungen); ein Anpassen der verwen‐ deten Sprache an die interviewte Person (keine Fachausdrücke, Fremdwörter etc.); das Absehen von im Interviewkontext sehr unerwarteten sowie von „aggressiv klingenden Fragen“ (Helfferich 2009: 108) oder Fragen, „die Scham- oder Schuldgefühle auslösen“ (ibid.) können; und nicht zuletzt ein möglichst bewusster Umgang mit bestätigenden Antworten durch die Interviewerin. Die Auswahl der Interview-Partner: innen erfolgte über eine informationsba‐ sierte Sampling-Strategie (vgl. Brinkmann 2013: 57). Diese richtet sich nach Annahmen über die Relevanz der Beiträge möglicher Gesprächspartner: innen für die zu beantwortenden Forschungsfragen, was ein gewisses Vorwissen über das zu untersuchende Feld erfordert. Für die in dieser Studie geplanten Interviews wurde dieses Vorwissen im Zuge der teilnehmenden Beobachtung gewonnen. Mögliche Interviewpartner: innen wurden laufend im Forschungs‐ tagebuch dokumentiert. Bei Anfragen an potenzielle Interviewpartner: innen wurden folgende von Gläser und Laudel (2009: 117) empfohlene Gruppen priorisiert: (1) Personen, die über die relevantesten Informationen in Bezug auf 5.6 Interviews 211 <?page no="212"?> die zu beantwortenden Fragen verfügen; (2) Personen, die am genauesten bzw. detailliertesten Auskunft geben können; (3) Personen, die am ehesten bereit sind, Einblicke in ihre Lebenswelt zu geben; sowie letztlich (4) Personen, die überhaupt für Interviews zur Verfügung stehen (möchten). Für diese Studie wurden die gewünschten Interviewpartner: innen über private Nachrichten kontaktiert. Um Mitglieder zu erreichen, bei denen davon ausgegangen werden konnte, dass sie besonders gute Einblicke in die Aktivitäten der Plattform ge‐ währen konnten, erfolgten diese Anfragen daher an jene Mitglieder, die auf der plattforminternen ‚Liste der Administrator: innen‘ sowie der ‚Liste der aktivsten Übersetzer: innen‘ vermerkt waren. Über diese Strategie konnte vorerst ein Interviewpartner (I1) gewonnen werden. Andere Nutzer: innen beantworteten zwar die Kontaktanfrage und lieferten zum Teil kurze schriftliche Erfahrungs‐ berichte, kamen jedoch einer Bitte um ein mündliches Interview letztlich nicht nach. Über eine öffentliche Anfrage in der inoffiziellen Facebook-Gruppe von Translaville konnten schließlich zwei weitere Interviewpartner: innen (I2 und I3) gewonnen werden. Interviewpartnerin 4 bat explizit um ein schriftliches Interview. Ein weiteres, bereits vereinbartes Interview kam nicht zustande, da die Teilnehmerin zu dem Zeitpunkt - der ersten Phase der COVID-19-Pandemie 2020 - aufgrund erschwerter Alltagsbedingungen nicht mehr an der Studie teilnehmen konnte. Zur Beschreibung der Bedeutung der durchgeführten Interviews im Gesamt‐ zusammenhang der Studie soll hier eine Typisierung nach Brinkmann (2013: 57 f.) vorgenommen werden (auch wenn Brinkmann diese Falltypisierung ur‐ sprünglich als Teil einer Sampling-Strategie darstellt). Nach Brinkmann (2013: 57 f.) können folgende Fälle identifiziert werden: (1) Extremfälle (also Perso‐ nen, die das untersuchte Phänomen „in its purest form“ beschreiben können; Brinkmann 2013: 57); (2) Personen, die eine größtmögliche Variation zwischen verschiedenen Fällen repräsentieren; (3) kritische Fälle, die dahingehend ausge‐ wählt werden, dass ihre Beschreibungen z. B. am ehesten eine Widerlegung oder Bestätigung vorläufiger Erwartungen in Bezug auf das untersuchte Pro‐ blem erwarten lassen; sowie (4) paradigmatische Fälle, also Personen, die für möglichst typische Fälle stehen (ibid.: 57 f.). Bei den vier durchgeführten Interviews handelt es sich um Fälle, die einerseits bis zu einem gewissen Grad als paradigmatisch bezeichnet werden können, da es sich bei allen Gesprächs‐ partner: innen um Langzeitnutzer: innen handelte, die Translaville sowohl zu Zeiten seiner höchsten Aktivität als auch danach nutzten. Andererseits bildet die Fallauswahl eine gewisse Variation ab, da alle vier Interviewpartner: innen jeweils verschiedene der auf Translaville eingerichteten Nutzer: innen-Rollen repräsentieren: Unter den Interviewpartner: innen ist ein Super-Administrator, 212 5 Durchführung der Studie <?page no="213"?> eine Administratorin, eine Expertin und ein regulärer Übersetzer, der später die Berechtigungen eines sogenannten Power-Nutzers erhielt (vgl. dazu die Darstellung der verschiedenen Aufgaben von Nutzer: innen mit diesen Rollen in Tab. 8, Kap. 6.2). Tabelle 5 (unten) zeigt eine Übersicht mit den wichtigsten Eckdaten der durchgeführten Interviews. Für jedes Interview wurde ein Durchführungsprotokoll angefertigt, in dem unter anderem folgende Inhalte festgehalten wurden: persönliche Daten (soweit im Interview genannt), Hinweise zur Kontaktaufnahme und Interviewanbah‐ nung, Interviewmotivation (soweit genannt), Gesprächsatmosphäre, Eindrücke der Interviewerin zum Interviewverlauf und zur Beziehung zu den Gesprächs‐ partner: innen sowie mögliche Schwierigkeiten (für Beispiele, siehe z. B. Flick 2017: 379; Gibson und Hua 2016: 190; Helfferich 2009: 201). Die Durchführungs‐ protokolle wurden in das Forschungstagebuch übernommen. Alle Angaben zu persönlichen Daten wurden für die Auswertung anonymisiert. Interview Mitglied seit Nutzer: innen-Rolle Alter Herkunft verfasste Übersetzungen Länge des Interviews Interviewtyp Interviewdatum 1 2007 Super-Admi‐ nistrator 40-50 Südamerika 2229 1h 26 Video 8.2019 2 2007 regul. Nutzer, ‚Power‘-Nut‐ zer 20-30 Europa 375 1h 17 Audio 9.2019 3 2008 Expertin 40-50 Europa 355 37min Video 9.2019 4 2007 Expertin, Ad‐ ministratorin 50-60 Europa 1075 1267 Wö. schrift‐ lich 12.2019 Tabelle 5: Übersicht über die durchgeführten Interviews Zu Beginn der mündlichen Interviews wurden die befragten Personen um eine mündliche Einverständniserklärung gebeten. Im Vorfeld wurden außerdem in schriftlicher Form Informationen zum Ziel der Studie, zur Durchführung des Interviews sowie zur Art der Verwendung der Daten und Anonymisierungsstra‐ tegie geliefert. Für das schriftliche Interview wurde im Rahmen des Interviews 5.6 Interviews 213 <?page no="214"?> eine schriftliche Einverständniserklärung eingeholt. In Kapitel 5.8.3 werden die genaueren forschungsethischen Überlegungen im Zusammenhang mit dieser Entscheidung erörtert. Die mündlichen Interviews wurden mit dem Transkriptionsprogramm easytranscript nach den Regeln des „erweiterten inhaltlich-semantischen Transkrip‐ tionssystems“ von Dresing und Pehl (2018: 16-33) transkribiert. Dabei handelt es sich um ein Transkriptionsverfahren, das den inhaltlichen Aspekten von Interviews eine stärkere Priorität einräumt als den parasprachlichen Aspekten des Gesagten. Bei der Transkription wird sprachlich leicht geglättet; gleichzeitig werden „Zögern, Wortfindungshemmungen und gleichzeitige Rede“ jedoch auf‐ gezeichnet. Anders als in komplexeren, stärker gesprächsanalytisch orientierten Systemen, wie etwa dem GATbzw. GAT2-System („Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem“, vgl. Selting et al. 2011), ist bei dem gewählten Trans‐ kriptionsverfahren „die Erfassung der Intonation (Betonung), sekundengenauer Pausen, Sprechüberlappungen, Wortabbrüche und -verschleifungen und natür‐ lich die exakte Darstellung des Gesprochenen inklusive möglicher Dialekte“ (Dresing und Pehl 2018: 26) nicht vorgesehen. Eine ausführliche Darstellung der Transkriptionsregeln sowie zusätzlicher Regeln zur Vereinheitlichung von Schreibweisen findet sich bei Dresing und Pehl (2018: -21-25). Schließlich gilt es an dieser Stelle bestimmte Einschränkungen transparent zu machen, denen die durchgeführten Interviews unterliegen. Wie bereits erwähnt, konnte für diese Studie lediglich eine geringe Anzahl an Interviewteilnehmer: in‐ nen gewonnen werden. Mehr Interviews wären wünschenswert gewesen. Allerdings handelt es sich bei den Interviews in diesem Forschungsdesign um eine ergänzende Datenquelle. Überhaupt gilt für qualitative Interviews, dass, wie etwa Brinkmann (2013: 58 f.) betont, ihr Ziel darin besteht, möglichst tiefgreifende und differenzierte Beschreibungen der Erfahrungen von Menschen zu sammeln - und nicht eine maximale Anzahl solcher Beschreibungen (daher hier auch die Entscheidung für vorrangig mündliche Interviews anstatt einer möglicherweise größeren Anzahl an knappen und nicht-spontanen schriftlichen Interaktionen). Die Argumentation, mehr Interviews seien gleichbedeutend mit mehr Validität oder Reliabilität, sieht Brinkmann (2013: 58) als fälschlicherweise verhaftet in einer quantitativ orientierten Forschungslogik. Vielmehr, so argu‐ mentiert er, sei es methodisch wertvoller, eine geringere, praktikable Anzahl an Interviews so detailliert wie möglich zu analysieren. Damit sei man in der fertigen Forschungsarbeit auch in der Lage, jede einzelne Stimme einfließen zu lassen und damit die Vielschichtigkeit der verschiedenen Interviews aufzuzei‐ gen. 214 5 Durchführung der Studie <?page no="215"?> Die Interviews wurden darüber hinaus alle in englischer Sprache durchge‐ führt - also einer Sprache, die weder für die Interviewerin noch für die vier Interviewpartner: innen Erstsprache war. Daher kann im Vergleich zu Interviews in der Erstsprache der Gesprächsteilnehmer: innen von gewissen kommunikativen Einschränkungen ausgegangen werden (vgl. Enzenhofer und Resch 2011: Kap. 4.4.1). Andere in der Methodenliteratur häufig diskutierte Möglichkeiten des mehrsprachigen Interviews (vgl. Brandmaier 2015) waren aus verschiedenen Gründen in dieser Studie nicht umsetzbar: Eine Einschrän‐ kung der Interviewpartner: innen ausschließlich auf Personen mit deutscher Erstsprache hätte etwa eine zu einseitige Auswahl der Interviewpartner: innen zur Folge gehabt. Außerdem wird in mehrsprachigen Interviews oft entweder auf Interviewer: innen zurückgegriffen, die das Gespräch in der Sprache der Interviewpartner: innen führen können, oder werden Dolmetscher: innen zum Interview hinzugezogen. Da Online-Interviews jedoch ohnehin hinsichtlich der Möglichkeit, überhaupt einen vertrauensvollen Austausch aufbauen zu können, eine besondere Herausforderung darstellen, wurde bei den in dieser Studie durchgeführten Interviews davon abgesehen, eine den Interviewpartner: innen zuvor unbekannte Person in der Person einer Dolmetscher: in hinzuzuziehen. Diese Vorgehensweise entspricht auch dem in diesem Forschungsprojekt ver‐ folgten ethnografischen Zugang, der sich durch den Erkenntnisgewinn der Forscherin auf der Basis ihres eigenen subjektiven Erfahrens des Forschungsfelds auszeichnet. Dieses Erfahren (aber auch das ‚Erfahren-Werden‘ durch die Menschen im Feld) sollte in dieser Studie nicht nur den Beobachtungen, sondern eben auch den persönlichen Gesprächen mit Nutzer: innen von Translaville zugrunde gelegt werden. Wie etwa Enzenhofer und Resch (2011: Abs. 31) mit einem Verweis auf postkoloniale Forschungsansätze betonen, ist die Ent‐ scheidung zur Verwendung einer Lingua Franca in Interviews allerdings nie völlig wertfrei und kann bestehende Asymmetrien zwischen Interviewer: in und interviewter Person noch verstärken. Für fremdsprachig geführte Interviews gilt es diese Bedingungen daher entsprechend zu reflektieren. Im Fall der konkret durchgeführten Interviews verfügten Interviewpartner: innen wie auch Forscherin über einen ähnlichen Bildungsstand (Hochschulabschluss in den drei Fällen, in denen der Bildungsabschluss bekannt war). Englisch war dabei eine Sprache, zu der drei der vier Interviewpartner: innen betonten, eine besondere Affinität zu haben. Außerdem war Englisch in keinem der Herkunftskontexte der Interviewpartner: innen als frühere Kolonialsprache relevant. Zwei der vier Interviewpartner: innen verwenden Englisch neben ihren Aktivitäten auf Translaville auch intensiv in ihrem Beruf - eine davon lebt und arbeitet in einem englischsprachigen Land. Ein weiterer Interviewpartner bezeichnete 5.6 Interviews 215 <?page no="216"?> die englischsprachige Interviewsituation als eine für ihn sehr willkommene sprachliche Herausforderung und äußerte sich auch in der Nachbesprechung des Interviews durchwegs positiv über die Erfahrung. Nur eine Interviewpart‐ nerin zeigte sich unsicher in Hinblick auf ihre sprachlichen Kenntnisse in einer mündlichen Interviewsituation. Ihr wurde daher die Möglichkeit für ein schriftliches Interview eingeräumt. Interview 4 ist somit unter den oben beschriebenen Einschränkungen zu betrachten. Schließlich gilt es, darauf hinzuweisen, dass die Interviews in einem gewissen zeitlichen Abstand zu der Phase stattgefunden haben, in der die Befragten sich am stärksten an den Aktivitäten auf Translaville beteiligt hatten. Daher war davon auszugehen, dass sich die für die vier Interviewpartner: innen unter‐ schiedlich stark retrospektive Perspektive auf Translaville im Interview auf die Spezifik ihrer Antworten auswirken würde. Im Zuge der Interviewgestaltung wurde daher ein besonderes Augenmerk auf narrative Elemente gelegt, die die Interviewten vorsichtig an eine Rekonstruktion konkreter Ereignisse und die umfassende Beschreibung sozialer Konstellationen heranführen sollten. Gerade hinsichtlich der Möglichkeit, im Interview spezifische Erfahrungen zu evozieren, bewährte sich auch das reine Audiointerview mit Interviewpartner 2, bei dem gleichzeitig konkrete Übersetzungen oder Plattform-Designelemente, oder archivierte Interaktionen recherchiert und kommentiert werden konnten. Diese Strategien stießen allerdings dort auf ihre Grenzen, wo es um technische Aspekte von Translaville ging - also etwa Erfahrungen der Interviewten mit der Benutzungsoberfläche bzw. durch diese eventuell für die Übersetzungstä‐ tigkeit entstehende Einschränkungen. Diese Aspekte lassen sich einfacher und ‚direkter‘ auf der Basis der erhobenen Forenbeiträge rekonstruieren - was zeigt, dass diese Studie - hätte man sie allein als Interviewstudie konzipiert - dem verfolgten Forschungsinteresse nicht ausreichend hätte gerecht werden können. 5.7 Datenauswertung In der ethnografischen Forschung werden je nach den Erfordernissen des jeweils verfolgten Forschungsprojekts unterschiedliche Datenauswertungsmethoden verwendet. Den meisten Zugängen liegt allerdings eine Reihe von Analyse‐ schritten zu Grunde, die der Datenaufbereitung, der vertiefenden Auseinander‐ setzung mit dem Material vor der formalen Analyse, der (induktiven) Katego‐ rienbildung, Kodierung oder Klassifizierung der Daten sowie dem Vergleich mit den theoretischen Vorannahmen und/ oder entsprechender Theoriebildung dienen (Angrosino 2007: 69). In dieser Studie erfolgte die Datenauswertung 216 5 Durchführung der Studie <?page no="217"?> mit einer qualitativen Inhaltsanalyse mit einem zunächst vorab festgelegten, groben deduktiven Kategoriensystem, das im Zuge des Auswertungsprozesses kontinuierlich ergänzt und datenbasiert verfeinert wurde. Zur Bewältigung der großen Menge von Daten und zur besseren Organisation der unterschiedlichen Datenquellen erfolgten die Datenaufbereitung, -organisation und -auswertung softwaregestützt mit dem Programm MAXQDA (Rädiker und Kuckartz 2019). 5.7.1 Datenarchivierung und -aufbereitung Da die für diese Studie erhobenen Daten aus unterschiedlichen Quellen (On‐ line-Kommunikation, plattformeigenes Text- und Bildmaterial, Forschungsta‐ gebuch, Interviews, Interviewdokumentationsbögen etc.) stammen, liegen sie auch in verschiedenen Formaten (unterschiedlich strukturierter Text, außerdem Screenshots sowie Audio- und Videoaufnahmen) vor. Vor Beginn der Datenana‐ lyse wurde daher ein besonderes Augenmerk auf die Datenarchivierung und -aufbereitung gelegt, mit dem Ziel, später alle Datenquellen auf der Basis eines einheitlichen Datenkorpus und mit Hilfe einer einzigen Software analysieren zu können. Für die Analyse wurde die Datenanalyse-Software MAXQDA gewählt. We‐ sentlich für die Entscheidung für diese Software war, dass sie (1) unabhängig von einem bestimmten qualitativen bzw. Mixed-Methods-Forschungsansatz eingesetzt werden kann; (2) dass sie eine große Zahl von (auch multimedialen) Dateiformaten (und deren Verknüpfung im Analyseprozess) unterstützt; (3) dass sie den Import und die Bearbeitung von Texten in allen für diese Studie relevanten Sprachen bzw. Schriften erlaubt; und (4) eine Reihe von Funktionen zur Verfügung stellt, die die Aufbereitung und Analyse komplex strukturierter Texte, wie etwa Daten aus Online-Kommunikation, ermöglicht (vgl. Rädiker und Kuckartz 2019: 3 ff.). Während ein Großteil der verwendeten Datenformen ohne größere Umstruk‐ turierung in die Software importiert werden konnte, mussten die aus verschie‐ denen Formen der Online-Kommunikation stammenden Daten zunächst in eine geeignete Struktur gebracht werden. Dazu wurde das Datenmaterial in Form einer Tabelle systematisiert, die alle relevanten Meta-Informationen für eine nähere Bestimmung der konkreten Einzelbeiträge abbilden sollte. Dazu gehörten: Datum und Uhrzeit jedes Beitrags, eine Kennzeichnung der Abfolge der Beiträge (chronologisch, Frage-Antwort etc.), Autor: in (inkl. einem Link zu ihrem persönlichen Profil) sowie Herkunftsinformationen des Beitrags (z. B. in Bezug auf Kommunikationsmedium, Forum, Subforum, Forenthread). Diese 5.7 Datenauswertung 217 <?page no="218"?> Form der Datenaufbereitung diente außerdem dazu, die Einzelbeiträge in eine zitierbare Form zu bringen. 5.7.2 Qualitative Inhaltsanalyse Im Anschluss an die Datenarchivierung und -aufbereitung wurde das Daten‐ material einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Schreier (2012) unterzogen. Die qualitative Inhaltsanalyse hat sich aus der quantitativen Inhaltsanalyse (vgl. z. B. Krippendorff 2004; Neuendorf 2017) herausentwickelt, mit dem Ziel, wesentlichen Kritikpunkten an dieser Methode zu begegnen - etwa deren Vernachlässigung von Kontext und latenten Sinnstrukturen sowie deren man‐ gelnder Umsetzung der selbst vorgegebenen Kriterien der „Systematik und Überprüfbarkeit“ (Mayring 2017: 469 f.). Eine wichtige Variante der qualitativen Inhaltsanalyse ist etwa der Zugang von Mayring (2015), der sich durch eine stärkere Theorieorientierung der Kategorien auszeichnet - sowie dadurch, dass meist stärker quantifizierend gearbeitet wird (Gläser und Laudel 2009: 198 f.). Anders als Mayring (2015) betonen etwa Kuckartz (2018) und Schreier (2012) die vorrangige Bedeutung der datenbasierten Kategorienentwicklung in der qualitativen Inhaltsanalyse, wobei Kuckartz (2018: 56 f.) außerdem einen anfänglich möglichst offenen Zugang zum Datenmaterial empfiehlt. Eine analy‐ tische Zusammenschau verschiedener Varianten der qualitativen Inhaltsanalyse findet sich bei Schreier (2014b). Im Folgenden werden zunächst kurz diejenigen Grundprinzipien der quali‐ tativen Inhaltsanalyse vorgestellt, die den meisten Varianten gemein sind. Auf‐ grund der Uneinheitlichkeit der verwendeten Bezeichnungen und der Vielfalt der ausgearbeiteten Zugänge findet sich in der Methodenliteratur mitunter die Empfehlung, das eigene Erkenntnisinteresse und das tatsächlich durchgeführte Verfahren zu explizieren (vgl. z. B. Baptiste 2001: Abs. 2; Schreier 2014b: Abs. 58; Stamann et al. 2016: Abs. 23). Zu diesem Zweck wird anschließend die für diese Untersuchung verwendete qualitative Inhaltsanalyse nach Schreier (2012) vorgestellt, deren modularer Aufbau mit für jeden Analyseschritt definierbaren Verfahrensvarianten eine gewisse Flexibilität, vor allem aber eine klare Erläu‐ terung des eigenen methodischen Vorgehens ermöglicht. Schreier (2014b: Abs. 4) definiert die qualitative Inhaltsanalyse allgemein „als ein Verfahren zur Beschreibung ausgewählter Textbedeutungen“, wobei unter „Text“, so Stamann et al. (2016, Abs. 9), „neben primär schriftlich realisierten (z. B. Zeitungsartikeln) und verschrifteten Erzeugnissen (z. B. Interviewtrans‐ kripten) auch Bild-, Audio- und Videomaterial sowie multikodierte Texte“ zu verstehen sind. Übergeordnetes Ziel dieser Methode ist es, eine systematische 218 5 Durchführung der Studie <?page no="219"?> Beschreibung des Materials zu ermöglichen. Es handelt sich also um einen primär deskriptiven Zugang zur Datenauswertung (Schreier 2012: Kap. 1). Die im Zuge der qualitativen Inhaltsanalyse vorgenommene Beschreibung der Textbedeutungen erfolgt in einem Verfahren, in dem „relevante Bedeutungen als Kategorien eines inhaltsanalytischen Kategoriensystems expliziert und an‐ schließend Textstellen den Kategorien dieses Kategoriensystems zugeordnet werden“ (Schreier 2014b: Abs. 4). Wesentlich in diesem Zusammenhang ist, dass es sich um die auf die Forschungsfrage zugeschnittene Ermittlung bestimmter Bedeutungen handelt und nicht um eine möglichst umfassende, vielfältige Deutung des Materials, was einen klaren Unterschied etwa zu hermeneutischen Zugängen darstellt. Es handelt sich bei der qualitativen Inhaltsanalyse also bewusst nicht um einen „holistischen“, sondern um einen analytisch fokussier‐ ten Zugang zum Datenmaterial - was vielfach überhaupt erst die Bewältigung qualitativer Daten ermöglicht, die meist in umfassender Menge und inhaltlich besonders dicht vorliegen (Schreier 2012: Kap.-1). Die verschiedenen in der Literatur beschriebenen Varianten der qualitativen Inhaltsanalyse teilen laut Schreier (2012, 2014a, 2014b) folgende Merkmale: 1. die Reduktion des zu untersuchenden Datenmaterials im Zuge der Analyse (Schreier 2014a: 170); 2. die „Kategorienorientierung des Verfahrens“ (Schreier 2014b: Abs. 4) zur Abstraktion vom Konkreten bzw. Spezifischen und für die leichtere Her‐ stellung von Bezügen im Material (Schreier 2014a: 170); 3. die - zumindest teilweise - Datenbasiertheit der Kategorien (vgl. Kriterium der Reliabilität; Schreier 2014b: Abs. 4); 4. das „interpretative Vorgehen“ der Forscher: innen, sowohl beim Erarbeiten als auch Zuordnen der Kategorien zu den zu analysierenden Daten, um eine „Einbeziehung des latenten Äußerungsgehalts“ des untersuchten Materials zu ermöglichen (Schreier 2014b: Abs. 4); 5. ihr „systematisches, regelgeleitetes Vorgehen“ (Schreier 2014b: Abs. 4) während der Datenauswertung, inklusive der Anforderung einer „Probe‐ kodierung“ (Schreier 2014a: 171); 6. sowie die Orientierung am Kriterium der Validität, was für die qualitative Inhaltsanalyse konkret bedeutet, „dass meist ein intersubjektiv-konsensua‐ les Textverständnis angestrebt wird“ (Schreier 2014b: Abs. 4). Die qualitative Inhaltsanalyse erschien aus einer Reihe von Gründen für diese Studie besonders geeignet: Sie bietet - insbesondere in der Variante nach Schreier (2012) - ein offenes und methodisch flexibles Verfahren mit guten Anpassungsmöglichkeiten an das konkrete Forschungsvorhaben. Gleichzeitig 5.7 Datenauswertung 219 <?page no="220"?> ermöglicht sie die Analyse unterschiedlicher Datenformen - also auch Bild- oder Videomaterial bzw. verschiedener Arten von Artefakten. Dadurch konnten alle im Rahmen dieser Studie erhobenen Daten im Zuge eines einzigen einheitlichen Verfahrens ausgewertet und somit auch analytisch miteinander in Verbindung gebracht werden. Der Fokus einer qualitativen Inhaltsanalyse kann dabei auf unterschiedlichen inhaltlichen Aspekten des Materials liegen, wie hier etwa auf den Beschreibungen von sowohl Handlungen wie auch Einstellungen und Wer‐ tungen, aber auch formalen Aspekten der Plattformoberfläche von Translaville. Der Unterschied zu etwa gesprächs- oder diskursanalytischen Verfahren liegt darin, dass das Hauptaugenmerk bei der Analyse in dieser Studie dennoch auf der Inhaltsebene - also stärker auf dem Was? statt auf dem Wie? einer Äußerung - liegt, dass latente Inhalte, allerdings immer noch berücksichtigt werden können. Wesentlich für die Entscheidung für eine qualitative Inhaltsanalyse war außerdem, dass es sich dabei im Kern um ein reduzierendes Auswertungsver‐ fahren handelt, was für die analytische und forschungspraktische Bewältigung der im Rahmen dieser Studie erhobenen Datenmenge in jedem Fall erforderlich war. Die Datenanalyse und -interpretation im Rahmen dieser Studie orientierte sich an dem von Schreier (2012, 2014b) entwickelten ‚Werkzeugkastenmodell‘ für die qualitative Inhaltsanalyse. Dieses basiert auf einer strukturierenden Inhaltsanalyse als Basisverfahren, das, wie Schreier (2014b: Abs. 7) erklärt, „als Kern einer qualitativen Inhaltsanalyse gelten kann“. Diesen strukturierenden Zugang zur qualitativen Inhaltsanalyse fasst Schreier (2014b: Abs. 8) wie folgt zusammen: Kern der inhaltlich-strukturierenden Vorgehensweise ist es, am Material ausgewählte inhaltliche Aspekte zu identifizieren, zu konzeptualisieren und das Material im Hinblick auf solche Aspekte systematisch zu beschreiben - beispielsweise im Hinblick darauf, was zu bestimmten Themen im Rahmen einer Interviewstudie ausgesagt wird. Diese Aspekte bilden zugleich die Struktur des Kategoriensystems; die verschiedenen Themen werden als Kategorien des Kategoriensystems expliziert. Die im Rahmen dieser Studie durchgeführte Analyse folgt den von Schreier (2014b: Abs. 58) für eine solche strukturierende Inhaltsanalyse als typisch beschriebenen Arbeitsschritten (siehe Tab.-6). 220 5 Durchführung der Studie <?page no="221"?> Schritte „Werkzeuge“ / Optionen Festlegen der Forschungsfrage - Auswahl des Materials Welches Material? Visuell, verbal, Hypertextstruktur, Dokumente, Interviews, Fokusgruppen, Webseiten usw. Welche Auswahlstrategie? Absichtsvoll, Zufallsverfahren, Ad-hoc-Auswahl Erstellen des Kate‐ goriensystems Welche Basisstrategie? Deduktiv, induktiv, deduktiv-induktiv Wenn induktiv: Welche Strategie? Subsumtion, Zusammenfassung, offenes Kodieren, Kontras‐ tierung Welche Aspekte des Materials? Inhalte allgemein, Handlungen, Emotionen, Werte, Formas‐ pekte allgemein, Elemente von Erzählungen usw. Wie viele Personen? Forscher: in alleine, gemeinsam mit anderen Wie viel Material wird einbezogen? Spektrum von wenigen Prozent bis 100 % Abbruchkriterium? Vorher festgelegt, Sättigung Unterteilung des Materials in Einhei‐ ten Welche Einheiten? Kodiereinheiten, Kontexteinheiten Wie systematisch? Explizites Markieren, Markieren und Kodieren in einem Schritt Wie viele Personen? Forscher: in alleine, zwei Personen gemeinsam, zwei Personen unabhängig voneinander Wie groß ist die Kodiereinheit? Spektrum von einzelnen Wörtern bis hin zum gesamten Text Probekodierung Durchführung einer Probekodierung? Ja / Nein Wenn ja: Wie viele Personen? Forscher: in alleine, zwei Personen gemeinsam, zwei Personen unabhängig voneinander Evaluation und Mo‐ difikation des Kate‐ goriensystems Art des Kodiervergleichs? Kodierbesprechung, Berechnung eines Interrater-Koeffizien‐ ten (welcher? ), beides 5.7 Datenauswertung 221 <?page no="222"?> Hauptkodierung Wie viele Personen? Forscher: in alleine, zwei Personen gemeinsam, zwei Personen unabhängig voneinander Wenn zwei Personen: Aufteilung des Materials? Beide kodieren alles, beide kodieren unterschiedliche Teile und einen kleineren gemeinsamen Teil Wenn zwei Personen: Umgang mit unterschiedlichen Kodierungen bei unter‐ schiedlichem Textverständnis: Auslassen der betroffenen Kodiereinheiten, Rücksprache mit dritter Person Wenn zwei Personen: Berechnung eines (weiteren) Interrater-Koeffizienten? Weitere Auswer‐ tung und Ergebnis‐ darstellung Was geschieht mit den Kodierungen? Anfertigen von Fallbeschreibungen, beschreibende Darstel‐ lung des Kategoriensystems, Kombination mit Typenbildung, Kombination mit der Herausarbeitung von Zusammenhän‐ gen, Kombination mit Einzelfallanalyse usw. Tabelle 6: Werkzeugkastenmodell der qualitativen Inhaltsanalyse von Schreier (2014b: Abs. 58) Das Kategoriensystem bildet den Kern der qualitativen Inhaltsanalyse. Es besteht in der Regel aus einer je nach Forschungsdesign unterschiedlich komplexen, meist hierarchisch strukturierten Kombination von Haupt- und Unterkategorien, wobei die Hauptkategorien das zentrale Forschungsinteresse widerspiegeln und die Unterkategorien deren konkrete, im Material enthaltene Ausprägungen abbilden (Schreier 2014a: 174 f.). Schreier (2014a: 175) nennt drei wesentliche Anforderungen, die Kategoriensysteme in der qualitativen Inhaltsanalyse zu erfüllen haben und in dieser Studie weitgehend umgesetzt wurden: 1. Bei der Wahl der Hauptkategorien wurde darauf geachtet, dass diese jeweils ausschließlich einen Aspekt des Materials abdecken („requirement of unidimensionality“, Schreier 2014a: 175). 2. Das Kategoriensystem wurde so ausdifferenziert, dass dieses auch wirklich alle relevanten Aspekte des Datenmaterials abdecken kann („requirement of exhaustiveness“; Schreier 2014a: 175), was auch durch die Bildung einiger weniger ‚Restkategorien‘ bewerkstelligt wurde. 3. Schließlich vertritt Schreier (2012: Kap. 3) die Position, die Unterkategorien jeder Hauptkategorie sollten so voneinander abgegrenzt sein, dass Inhalte immer ausschließlich einer Subkategorie pro Hauptkategorie zugeordnet 222 5 Durchführung der Studie <?page no="223"?> werden können („requirement of mutual exclusiveness“, Schreier 2014a: 175). Ein einzelnes Datensegment („Kodiereinheit“) könnte so zwar mehr‐ fach kodiert werden - allerdings immer nur mit einer Unterkategorie pro Hauptkategorie. In diesem Punkt folgt diese Untersuchung jedoch Kuckartz (2018: 102 f.), der einen flexibleren Zugang verfolgt. Er argumen‐ tiert, diese Anforderung bei Schreier könne zwar für ein Kategoriensystem sinnvoll sein, das aus analytischen Gründen bewusst so gestaltet ist, dass Subkategorien einander immer ausschließen. In dieser Studie betrifft dies jedoch nicht alle Kategorien und würde die Analysemöglichkeiten in manchen Fällen sogar erheblich einschränken, etwa bei Kategorien, die verschiedene Merkmale eines Phänomens oder Gründe dafür abbilden sollen (z. B. Gründe für die Ausweitung oder Beschränkung des Hand‐ lungsspielraums von Übersetzer: innen). Gerade in solchen Fällen ist es wahrscheinlich, dass es nicht nur ein Merkmal oder einen Einflussfaktor gibt. Das Kategoriensystem wurde so gestaltet, dass es unterschiedlichen für diese Studie relevanten Aspekten des Materials Rechnung tragen konnte, und zwar neben den Beschreibungen von Handlungen auch den Einstellungen sowie (Wert-)Vorstellungen der Mitglieder von Translaville, aber auch formalen As‐ pekten der Anwendungsoberfläche der untersuchten Plattform. Es wurde eine Kombination von theorie- und datenbasierten Kategorien verwendet, wobei die deduktiv entwickelten Kategorien „nur grobe Vorabkategorien liefern und somit in erster Linie das Vorwissen der Forscher: innen explizieren“ (Stamann et al. 2016: Abs. 15). Die vorläufigen theoriebasierten Kategorien wurden in dieser Studie also a priori festgelegt. Zu deren Überprüfung auf Eindimensiona‐ lität und Materialangemessenheit (siehe oben) wurde ein erster explorativer Analysedurchgang an einem Teil des Materials durchgeführt. Im Laufe der Hauptkodierung wurden die deduktiven Kategorien nicht mehr verändert. Ein Großteil der Subkategorien entstand ebenfalls im Zuge dieser ersten explorativen Auseinandersetzung mit dem Material. Sie wurden auf der Basis einer vorab festgelegten Datenauswahl aus dem Material heraus entwickelt. Diese Datenauswahl wurde so zusammengestellt, dass sie die Heterogenität der erhobenen Daten möglichst gut abbildete (Schreier 2012: Kap. 5). Dazu wurden konkret 1 Forenthread, 1 Interview, 3 möglichst unterschiedliche Screenshots sowie 1 Eintrag aus dem Forschungstagebuch ausgewählt, um ein erstes Ausgangskategoriensystem zu entwickeln. Diese Strategie erleichtert die Erstellung eines Kodierschemas bei großen Datenmengen heterogenen Ursprungs (Schreier 2012: Kap. 5). Gleichzeitig stand damit zu Beginn der Hauptkodierung bereits ein möglichst vielseitiges und teilweise erprobtes Kate‐ 5.7 Datenauswertung 223 <?page no="224"?> goriensystem zur Verfügung - das Risiko, zu Beginn der Kodierung wesentliche Aspekte zu übersehen, konnte damit reduziert werden. Sobald eine größere Anzahl von Kategorien gebildet wurde, wurde das vorläufige Kategoriensystem systematisiert (vgl. Kuckartz 2018: 85); das heißt, einzelne Kategorien wurden überbzw. untergeordnet oder ähnliche Kategorien zu einer neuen Hauptkate‐ gorie zusammengefasst. Im Zuge des eigentlichen Analyseprozesses wurden die bestehenden Kategorien laufend ergänzt, angepasst oder zusammengefasst. Das Kategoriensystem blieb also prinzipiell bis zum Ende der Analyse offen, außer es ergaben sich zuvor bereits keine neuen Subkategorien mehr (Prinzip der Sättigung, vgl. z. B. Kuckartz 2018: 85 f.). Damit ist allerdings noch nicht festgelegt, wie aus den Daten Kategorien abgeleitet wurden. Die induktive Kategorienbildung richtete sich nach Ku‐ ckartz’ (2018: 83-86) Vorschlägen für die „Kategorienbildung am Material“. Dabei erfolgte ein anfangs möglichst offener Zugang zur Bildung von Unter‐ kategorien, der noch ohne Berücksichtigung eines bestimmten „Grad[s] an Konkretheit oder Abstraktheit der Kategorien“ (ibid.) vorgenommen wurde. Angelehnt an Mayrings (2015: 87) Subsumptionsstrategie wurden Textelemente vorhandenen Kategorien zugeteilt, sofern sie diesen möglichst genau entspra‐ chen - ansonsten wurden neue Kategorien definiert. Anders als bei einem reinen Subsumptionsverfahren, für das eine gewisse Anzahl an (meist deduk‐ tiv gebildeten) A-priori-Kategorien bereits vorhanden sein muss, empfiehlt Kuckartz (2018: 84) zusätzlich die Bildung völlig neuer Kategorien, z. B. über sogenannte ‚In-Vivo-Codes‘. Dabei werden besonders relevante Formulierun‐ gen im Datenmaterial direkt als Kategorie übernommen, was etwa relevant sein kann, wenn auch untersucht werden soll, wie Studienteilnehmer: innen etwas ausdrücken (in dieser Untersuchung z. B. die Kategorien „Polls“, „echte: r Übersetzer: in“ oder „Sprachnerd“). In-Vivo-Codes wurden in dieser Studie auch deshalb umgesetzt, weil mit ihnen feldspezifischen Interpretationen durch die Studienteilnehmer: innen selbst besser Rechnung getragen werden kann, was einem ethnografischen Zugang zum Material am ehesten entspricht (vgl. dazu auch Kap. 4.3.1). Sollte ein Textelement einer bestehenden Kategorie weitgehend, aber dennoch nicht ganz entsprechen, so ist Kuckartz’ (2018: 84 f.) Zugang darüber hinaus offen genug, um die laufende Anpassung einer Kategorie bzw. die Zusammenlegung mehrerer Kategorien zu erlauben. Im Anschluss an die Kategorienbildung wurden Definitionen für die einzelnen Kategorien formuliert, die „möglichst typisch sein [sollten], die Abgrenzung zu anderen Kategorien verdeutlichen und dadurch Sicherheit im Umgang mit der Kategorie schaffen [sollten]“ (Kuckartz 2018: 86). Wo dies erforderlich war, wurden zur besseren Abgrenzbarkeit auch Kodierregeln formuliert. 224 5 Durchführung der Studie <?page no="225"?> 68 Da in einer qualitativen Inhaltsanalyse ein Großteil der Kategorien datenbasiert entwickelt werden, kann in den meisten Studien - so Schreier (2012: Kap. 11) - das Kategoriensystem als Ergebnis gesehen werden. Vor der eigentlichen Hauptkodierung erfolgte in dieser Studie wie von Schreier (2012: Kap. 8) vorgeschlagen eine Pilotkodierung, im Zuge derer im Abstand von 14 Tagen derselbe Auszug des Materials zwei Mal probekodiert wurde. Diese Pilotkodierung dient der Identifikation von Schwierigkeiten beim Kodierprozess und insbesondere bei der Anwendung des entwickelten Kategoriensystems möglichst früh im Forschungsprozess (z. B. unklare Kate‐ goriendefinitionen oder mangelhaft abgegrenzte Subkategorien). Ähnlich wie bei der Materialauswahl für die Entwicklung induktiver Kategorien galt es auch für die Probekodierung, einen möglichst heterogenen Auszug aus den Daten zu verwenden. Dementsprechend wurden für die Pilotkodierung erneut 1 Forenthread, 1 Interview, 3 möglichst unterschiedliche Screenshots sowie 1 Eintrag aus dem Forschungstagebuch ausgewählt. Diese Zusammenstellung wurde gewählt, um sicherzustellen, dass das Material die Möglichkeit bot, das gesamte Kategoriensystem zu testen. Im Anschluss an die Probekodierung erfolgte die Hauptkodierung, im Zuge derer das gesamte Datenmaterial analysiert wurde. Die Analyse erfolgte se‐ quenziell, also Zeile für Zeile in Hinblick auf die Gesamtheit der Kategorien (und nicht etwa parallel, d. h. textübergreifend zu jeweils einer bestimmten Hauptkategorie, vgl. Baptiste 2001: Abs. 35). Schreier (2012: Kap. 10) empfiehlt, im Zuge der Hauptkodierung die Konsistenz der Analyse zu überprüfen. Dazu wurden kritische Stellen des Materials mit einer weiteren Person besprochen und konsensual kodiert. Ansonsten musste aus forschungspraktischen Gründen einem Kodiervergleich gegenüber einem Kodierer: innenvergleich der Vorzug gegeben werden. Die Ergebnispräsentation für diese Studie orientiert sich am entwickelten Kategoriensystem 68 (vgl. dazu Schreier 2012: Kap. 11). Dadurch können in der Auswertung die Erkenntnisse aus den Analysen der unterschiedlichen Daten‐ formen zusammengeführt werden. Zusätzlich werden zur besseren Illustration der Ergebnisse Textmatrizen genutzt (Schreier 2012: Kap. 11; vgl. z. B. Tab. 9, 22, 33). Diese Darstellungsform liefert vor allem im Fall von sehr großen Datenmengen die Möglichkeit für eine übersichtliche, aber dennoch umfassende Ergebnispräsentation. Dabei können auch besser Zusammenhänge zwischen den Erkenntnissen aus unterschiedlichen Kategorien herausgearbeitet werden. Quantitative Angaben werden in dieser Untersuchung nicht gemacht, weil absolute Kodierhäufigkeiten die Relevanz eines Themas im Material nicht wirklich widerspiegeln können: Manche der kodierten Stellen umfassen we‐ 5.7 Datenauswertung 225 <?page no="226"?> 69 Zur Kontextabhängigkeit ethischer Strategien in der Online-Forschung siehe Estalella und Ardèvol (2007); J. M. Grimes et al. (2009: 51 ff.); Hine (2015: 187 f.). Argumente für einen stärkeren Fokus auf eine situative und reflexive forschungsethische Praxis in der Translationswissenschaft liefert außerdem Riondel (2025). nige Wörter, andere erstrecken sich über mehrere Foreneinträge, hätten aber genauso gut als mehrere einzeln kodierte Stellen aufgenommen werden können. 5.8 Forschungsethische Überlegungen Gerade in der Internetforschung lassen sich kaum einheitliche Standards für ethische Forschung festlegen: Nicht nur ist die Methodenvielfalt groß. Es werden auch verschiedene Arten von Online-Netzwerken, Mailinglisten, Social Media oder Plattform-Formate mit unterschiedlich eng- oder losegestrickten Nutzer: innengruppen oder Community-Verbänden untersucht, die jeweils ein ganz eigenes Verständnis davon haben, was in ihrer Gruppe oder auf ihrer Seite willkommen, erlaubt, gerade noch toleriert oder verboten ist. 69 Zwar müssen Forscher: innen solche Haltungen nicht zwingendermaßen als Richtschnur für forschungsethische Entscheidungen dienen, wenn eine andere Vorgehensweise durch rechtliche und institutionelle Richtlinien gedeckt ist und gleichzeitig von den geplanten Forschungszielen gerechtfertigt ist (vgl. z. B. Walther 2002: 207 f.). Allerdings wird es vom Vertrauensverhältnis zwischen Forscher: innen und Studienteilnehmer: innen abhängen, ob diese auch in Zukunft bereit sind, an Forschungsprojekten teilzunehmen, oder aber ihr Bild von Wissenschaft und Forschung durch eine unsensible Vorgehensweise der Forscher: innen nachhaltig beeinträchtigt ist (Iphofen 2013: 16 f.). In dieser Studie wurde daher besonderer Wert darauf gelegt, eine Strategie für forschungsethische Entschei‐ dungen zu finden, die nicht nur dem gewählten Forschungsdesign, sondern besonders auch der Community und ihren Mitgliedern gerecht wird und diese vor potenziellem Schaden schützt. 5.8.1 Ethische Fragen der Fall- und Teilnehmer: innenauswahl Bereits die Fall- und Teilnehmer: innenauswahl stellt (Online-)Ethnograf: innen vor entsprechende Entscheidungen. Diese beziehen sich etwa auf die grund‐ sätzliche Verlässlichkeit von Teilnehmer: innen-Daten aus dem Web, auf den Umgang mit besonders schützenswerten Gruppen sowie die Art und Weise, wie die Kontaktaufnahme gestaltet wird. 226 5 Durchführung der Studie <?page no="227"?> Forschungsprojekten, die mit online erhobenen Daten arbeiten, wird mitun‐ ter vorgeworfen, ihre Validität sei dadurch eingeschränkt, dass bei Online-Daten nicht nachvollziehbar sei, inwiefern diese überhaupt mit einer ‚echten‘ Person in Verbindung gebracht werden können oder ob Internetnutzer: innen eine gewisse Identität nur vortäuschen. Wie Walther (2002: 211 f.) einwendet, ist das Risiko, dass Teilnehmer: innen in Bezug auf ihr Alter (vgl. Walther 2002: 213), Geschlecht, ihre Herkunft oder ihre Einstellungen unwahre Angaben machen, allerdings bei anderen Studien, in denen die Datenerhebung nicht über persön‐ lichen Kontakt erfolgt (etwa bei Telefonumfragen oder Fragebogenstudien), genauso groß. Auch dort seien Personen nicht eindeutig identifizierbar. Die mangelnde Verifizierbarkeit bestimmter Daten gilt allerdings auch für diese Studie. Sämtliche tentativ demografischen Angaben, etwa in der Beschreibung von Translaville in Abschnitt 5.1, wurden daher unter der Einschränkung formuliert, dass es sich dabei um Angaben handelt, die von den Nutzer: innen von Translaville bei deren Registrierung selbst in der Form gemacht wurden. In jedem Forschungsprojekt erfordert außerdem der Umgang mit beson‐ ders schützenswerten Personengruppen, etwa Personen aus marginalisierten Gruppen, Menschen mit Behinderung, kranken oder älteren Menschen und Minderjährigen besondere Umsicht. Das beginnt bereits bei deren Einbezug in oder Ausschluss von einer Studie: Einerseits mag es nahe liegen, Personen, die weniger gut in der Lage sein könnten, sich selbst zu schützen, von vornherein nicht als potenzielle Studienteilnehmer: innen zu berücksichtigen. Andererseits kann ein systematisches Ausschließen ohnehin benachteiligter Personengrup‐ pen von Studien zu einer noch stärkeren Ausgrenzung ihrer Perspektiven aus gesellschaftlichen Debatten zur Folge haben (Iphofen 2013: 49 f.). In der Internetforschung ist insbesondere die Studienteilnahme von Minderjährigen ein Thema, da diese in bestimmten Online-Netzwerken und -Gruppen besonders stark vertreten sind und ihr systematischer Ausschluss von Studien somit die Aussagekraft der Ergebnisse beeinträchtigen würde. Das galt auch für diese Studie zu Translaville: Es war zu erwarten, dass ein nicht unwesentlicher Anteil der Nutzer: innen (zumindest bei Registrierung) minderjährig (gewesen) sein konnte. Der vollständige Ausschluss dieser Gruppe hätte somit ein verzerrtes Bild der zu interpretierenden Zusammenhänge ergeben. Darüber hinaus wäre ein Ausschluss aller Daten, die von minderjährigen Nutzer: innen stammen, aus mehreren Gründen auch praktisch nur schwer umsetzbar: Angaben zum Alter der Nutzer: innen finden sich auf den Profilseiten der einzelnen Mitglie‐ der (falls sie dazu überhaupt Angaben machen). Um jedoch die Daten aller Mitglieder einer gewissen Altersgruppe ausschließen zu können, hätten alle Profilseiten einzeln aufgerufen werden müssen, um die Altersangaben zu über‐ 5.8 Forschungsethische Überlegungen 227 <?page no="228"?> prüfen. In Anbetracht der sehr hohen Anzahl registrierter Nutzer: innen (259.898 Mitglieder laut Stand vom 01.10.2019) erschien diese Vorgehensweise nicht praktikabel. Darüber hinaus wäre zu entscheiden gewesen, welcher Stichtag für die Altersangabe verwendet wird - das Datum, an dem die betreffenden Nutzer: innen ein Posting veröffentlichen, oder das Datum, an dem die Daten schließlich erhoben wurden. Dazwischen konnten mehrere Jahre liegen. Für diese Studie wurde daher ein praktikablerer Zugang umgesetzt, der den Spagat zwischen einer größtmöglichen Validität der Daten einerseits und dem Schutz der Teilnehmer: innen vor Schaden andererseits schaffen sollte. Die Überprüfung des Alters wurde ausschließlich in Hinblick auf die tatsächlich wörtlich zitierten Auszüge aus den Daten vorgenommen. Das bedeutet, dass für die Erhebung schriftlicher Online-Kommunikation kein Alterslimit gesetzt wurde - wodurch diese Datenquelle möglichst vollständig in die Analyse einfließen konnte. Um Minderjährige dennoch in besonderen Schutz zu nehmen, wurden die persönli‐ chen Profile aller Urheber: innen direkter Zitate vor der Publikation noch einmal auf die Erfüllung der Altersvorgabe überprüft. Da jedes Online-Posting mit einer Datumsangabe versehen ist, konnte dabei auch überprüft werden, ob die betreffende Person zum Zeitpunkt des Postings nach eigenen Angaben bereits die erforderliche Altersgrenze überschritten hatte. Die Daten minderjähriger Personen flossen somit zwar in die Analyse ein, kommen in Veröffentlichungen aber lediglich implizit oder zusammenfassend vor. Dem Schaden, der Minder‐ jährigen durch einen potenziell achtlosen Umgang mit Online-Kommunikation entstehen kann, sollte damit möglichst vorgebeugt sein, da keine ihrer Aussagen wörtlich in eine Publikation einfließen. Bei den Interviews konnten Alter und Reife der Nutzer: innen im persönlichen Gespräch abgeklärt werden. Da einer der Interviewpartner wie viele Mitglieder von Translaville über Jahre hinweg in der Community aktiv war, konnte im Interview retrospektiv auch auf seine Erfahrungen und Motivationen als Minderjähriger eingegangen werden. Eine ethische Dimension hat schließlich auch die Kontaktaufnahme mit potenziellen Interviewpartner: innen. Hier galt es, eine geeignete Sprache zu finden, um das Projekt umfassend darzulegen. Die Teilnehmer: innen sollten nicht getäuscht werden, um sie zur Teilnahme zu bewegen, und es wurde darauf geachtet, auf Personen mit sichtlich ablehnender Haltung keinen ungebührli‐ chen Druck auszuüben (Iphofen 2013: 27 f.). Zur Kontaktanbahnung im Zuge dieser Studie siehe Abschnitt 5.3. 228 5 Durchführung der Studie <?page no="229"?> 5.8.2 Offene/ verdeckte Beobachtung im öffentlichen/ privaten Raum Eine zentrale Entscheidung zu Beginn dieses onlineethnografischen Projekts betraf außerdem die Art und Weise, wie das Feld beobachtet werden sollte. Wie in Abschnitt 5.4 erläutert wurde, war ein gewisses Ausmaß an teilnehmender Beobachtung erforderlich, damit das soziale Geschehen in der Gruppe für die Forscherin überhaupt beobachtbar und erfahrbar wurde. Aber auch ethische Überlegungen spielten in der Entscheidung für eine bestimmte Form der Beobachtung eine Rolle. Verdeckte Beobachtung (insbesondere im nicht-öffentlichen Raum) wird in der klassischen Ethnografie in der Regel als unethisch bewertet, verwehrt man Teilnehmer: innen damit doch die Möglichkeit, sich gegen eine Studienteilnahme zu entscheiden (Iphofen 2013: 34 f.; 37 f.). Gerade in der Internetforschung aber kann eine verdeckte Beobachter: innenrolle besonders einfach realisierbar sein und auch relevante Daten liefern. Die meisten Online-Communities begegnen einer rein passiven Präsenz anderer Internetnutzer: innen auf ihrer Plattform mit Ablehnung („lurking“, Garcia et al. 2009: 75 f.; siehe außerdem Greschke 2007; Grønning 2015; Goriunova 2017). Umso stärker kann die Empörung sein, wenn es sich dabei nicht um bloße Beobachter: innen handelt, sondern um Forscher: innen, die die vorgefundenen Unterhaltungen später auch in Publikationen wiedergeben und somit einer anderen Art von Öffentlichkeit zugänglich machen. Für die Studie auf Translaville gab es keinen triftigen Grund, der eine verdeckte Beobachtung gerechtfertigt hätte. Daher wurde das Forschungsvorhaben der untersuchten Gruppe gegenüber mehrfach angekün‐ digt, und zwar so, dass davon auszugehen war, dass möglichst viele Nutzer: innen diese Ankündigung auch sehen würden: (1) über Kontaktaufnahme mit dem Plattformbetreiber, (2) über einen öffentlichen Foreneintrag, (3) eine öffentliche Ankündigung über die inoffizielle Facebook-Gruppe von Translaville sowie (4) in Form eines dauerhaften Eintrags auf dem persönlichen Profil der Forscherin. Ob es zulässig ist, Daten aus Online-Foren, Mailinglisten, Social-Media-Post‐ ings etc. zu erheben, wird meist von der auch im Zusammenhang mit klassischen Forschungsmethoden üblichen Unterscheidung abhängig gemacht, ob die Daten im öffentlichen oder im privaten Raum erhoben wurden. Dabei wird von priva‐ tem Raum dort gesprochen, wo die Inhalte nur unter Eingabe eines Passworts abgerufen werden können - alles andere wird als öffentlicher Raum betrachtet (vgl. z. B. Langer und Beckmann 2005: 194 f.). Diese Unterscheidung wird zwar so auch von diversen Ethikrichtlinien empfohlen. Allerdings verweisen Internetforscher: innen (für eine Übersicht siehe z. B. Estalella und Ardèvol 2007 oder Garcia et al. 2009: 73 ff.) darauf, dass trotz der offensichtlichen 5.8 Forschungsethische Überlegungen 229 <?page no="230"?> 70 Zur Schwierigkeit der Anwendung von ‚Informed-Consent‘-Vorgaben in der ethnogra‐ fischen Forschung siehe K. Bell (2014: 519) und Fine (1993: 275). öffentlichen Zugänglichkeit von Online-Foren viele Nutzer: innen dennoch eine gewisse Illusion von Privatsphäre zu hegen scheinen. Auch aus diesem Grund wurde dieses Forschungsvorhaben gegenüber den Nutzer: innen von Translaville angekündigt. 5.8.3 Informed Consent Anders als in Offline-Kontexten, wo Ethnograf: innen direkte Interaktion beob‐ achten und schriftliche Daten ihnen oft sogar persönlich ausgehändigt werden, besteht das Internet aus einem von überall aus zugänglichen schriftlichen In‐ teraktionsarchiv. Online-Ethnograf: innen können dadurch auch auf vergangene Interaktions- und Konversationsdaten zurückgreifen, die unberührt von der Präsenz von Forscher: innen entstanden sind (Garcia et al. 2009: 74 f.). Was methodisch höchst attraktiv erscheint, stellt Forscher: innen jedoch vor die ethische Frage, inwiefern nachträglich Zustimmung zur Verwendung solcher Daten eingeholt werden kann. Aufgrund der Volatilität von Online-Vernetzung können die betreffenden Internetnutzer: innen zu einem späteren Zeitpunkt meist nur noch vereinzelt kontaktiert werden, während viele andere vielleicht nicht mehr auf der Plattform aktiv sind. Viele Gruppen und Gemeinschaften sind auch so groß, dass unmöglich alle Nutzer: innen persönlich kontaktiert werden können, unabhängig davon, ob nun die Daten retrospektiv erhoben werden oder man die Studie auf künftige Interaktionen einschränkt; und auch nach Ankündigung eines Forschungsvorhabens auf einer Seite können neue Internetnutzer: innen dazukommen, die somit nicht darüber informiert sind, dass die Gruppe zu diesem Zeitpunkt bereits Teil eines Forschungsprojekts ist. 70 Das Forschungsprojekt zu Translaville kam mit wenig sensiblen Inhalten bzw. ohne diese aus. Aufgrund der hohen Nutzer: innenzahl von Translaville war es unmöglich, die Zustimmung aller Mitglieder zur Verwendung ihrer Online-Postings einzuholen. Auch hätte sich das Einholen schriftlich unter‐ zeichneter Zustimmungserklärungen in dieser Art von Online-Setting als zu disruptiv erwiesen (vgl. auch Iphofen 2013: 33 f.). Daher musste in dieser Studie auf die Einholung einer persönlichen Zustimmungserklärung seitens aller Mitglieder verzichtet werden. Umso wichtiger erschien daher eine umfassende Aufklärung der Nutzer: innen über Zweck, Ziele und Umfang der Studie an leicht zugänglicher Stelle (siehe oben). Es wurde besonderer Wert darauf gelegt, Ver‐ knüpfungen zu institutionellen Web-Profilen der Forscherin anzulegen, damit 230 5 Durchführung der Studie <?page no="231"?> interessierte Nutzer: innen die Authentizität der Forscherin leicht überprüfen und detaillierte Informationen über das Forschungsvorhaben abrufen konnten. Außerdem wurde stets die Möglichkeit kommuniziert, dass Nutzer: innen der Verwendung ihrer Beiträge oder Zitation ihrer Aussagen in Veröffentlichungen widersprechen konnten. Da auch in diesem Forschungsprojekt das Risiko bestand, ein stark formali‐ sierter Aufklärungs- und Zustimmungsprozess „could alienate some potential participants who might fear the researcher is a representative of ‘officialdom’ and who might be wary of such engagements“ (Iphofen 2013: 29), erfolgte die Einholung der Zustimmungserklärungen von Interviewpartner: innen mög‐ lichst behutsam. Sie wurden im Vorfeld umfassend schriftlich über Forschungs‐ vorhaben, Studienzweck, Verwendung der Daten sowie die gewählte Anonymi‐ sierungsstrategie aufgeklärt. Zu Beginn des Interviews wurde dies im Gespräch noch einmal aufgegriffen, um offene Fragen der Interviewpartner: innen zu klären und um anschließend daran die mündliche Zustimmung der Interview‐ partner: innen zur Aufzeichnung und Verwendung der Daten einzuholen. Durch diese Vorgehensweise konnte - anders als bei schriftlichen Erklärungen - die Verwendung des Klarnamens der interviewten Personen vermieden werden, wodurch auch die Anonymität der Interviewpartner: innen besser gewahrt werden konnte. 5.8.4 Privatsphäre und Vertraulichkeit Bei der Verwendung von nicht-öffentlichen Online-Daten und Interviewdaten gilt es, geeignete Strategien zur Wahrung der Anonymität und Privatsphäre der Studienteilnehmer: innen zu finden. Vertraulich zu behandeln sind dabei in erster Linie personenbezogene Daten wie etwa Name, Telefonnummern, E-Mail-Adressen, Wohnort etc. Solche Angaben wurden im gesamten Datenma‐ terial für diese Untersuchung anonymisiert. Eine besondere Herausforderung stellte allerdings die Wahrung der Anony‐ mität der Teilnehmer: innen dar, was am (semi-)öffentlichen Charakter eines Großteils der erhobenen Daten liegt. Es reichte nicht, in Publikationen auf das Nennen von Klarnamen zu verzichten. Auch die von den Teilnehmer: innen verwendeten Benutzernamen können zur Identifikation ihrer Person innerhalb der Gruppe oder auch über die Plattform hinaus führen. Häufig verwenden Nutzer: innen solche Pseudonyme nicht nur auf einer Plattform, sondern in unterschiedlichen virtuellen Räumen und bauen sich so eine gewisse Web-Iden‐ tität auf, unter der sie auch einer breiteren virtuellen Öffentlichkeit bekannt sein können (Garcia et al. 2009: 76). In dieser Studie wurde diese ebenfalls als 5.8 Forschungsethische Überlegungen 231 <?page no="232"?> 71 Markham (2012) etwa bespricht eine Strategie zur Vermeidung der Rückverfolgbarkeit von zitierten Online-Daten, die sie bewusst polemisch als „fabrication“ (also ‚Erfindung‘ bzw. ‚Konstruktion‘) bezeichnet. Ihre Argumentation stützt sie mit einer Diskussion der ethischen Implikationen verschiedener Formen des Umgangs mit Online-Daten. schützenswert betrachtet. Während der Analyse wurde auf eine Entfernung der Profilnamen verzichtet, um die Verteilung der Sprecher: innen-Rollen in Diskussionen sowie Fragen der Selbstrepräsentation (durch die Wahl eines spezifischen Pseudonyms) bei der Datenauswertung nicht aus den Augen zu verlieren. Stattdessen wurden die Profilnamen erst in den Daten-Beispielen in Veröffentlichungen zu dieser Studie entfernt. Damit für Leser: innen dennoch ersichtlich bleibt, wer in einem Gespräch wie viele Wortmeldungen besteuert, wurden die Beiträge der einzelnen Mitglieder durch eine eindeutige Benennung - z. B. ‚Nutzerin A‘, ‚Nutzer B‘ - gekennzeichnet. Wo dies zum besseren Verständnis eines Gesprächs beiträgt, wurden auch die Nutzer: innen-Rollen der betreffenden Mitglieder vermerkt, also z. B. ‚Expertin A‘, ‚Administrator B‘. Damit bleiben die Postings eindeutig zuordenbar, die Online-Identitäten der Nutzer: innen werden jedoch geschützt. Überlegungen zur Wahrung der Privatsphäre der Mitglieder von Translaville betrafen auch den Namen der untersuchten Gruppe selbst. Ob der Name einer Community in einer Studie preisgegeben wird, hängt meist von der Gruppengröße, ihrem Bekanntheitsgrad oder auch der Sensibilität der dort behandelten Themen ab. So etwa hat sich Hine (2015) dafür entschieden, den Namen einer großen, sehr bekannten Tauschplattform zu nennen, während Greschke (2007) für das von ihr erforschte - und wesentlich kleinere - Forum ein Pseudonym verwendet. In dieser Forschungsarbeit wird der Name der untersuchten Plattform nicht preisgegeben. Der Einfachheit halber wird in allen Veröffentlichungen das Pseudonym Translaville verwendet (siehe Kap.-5.1). Mit den in diesem Abschnitt beschriebenen Strategien kann allerdings nur dann vollständige Anonymität gewährleistet werden, wenn gleichzeitig ein Weg gefunden wird, um direkte Zitate aus Forenpostings nicht mehr einfach durch eine Online-Suche rückverfolgbar zu machen. Mit dieser Schwierigkeit wird von Online-Ethnograf: innen auf ganz unterschiedliche Weise umgegangen. Eine Strategie kann etwa darin bestehen, in Veröffentlichungen auf direkte Zitate ganz zu verzichten und nur aus Interviews zu zitieren. Eine andere Möglichkeit besteht darin, nur die Postings jener Personen zu verwenden, die dazu ausdrücklich zugestimmt haben. Grønning (2015) zitiert Beiträge ausschließlich in englischer Übersetzung, was wiederum die Rückverfolgbarkeit unmöglich macht, während Hine (2015: 187 f.) empfiehlt, in der Online-Ethno‐ grafie verstärkt auch die Adaptierung 71 von zitierten Daten in Betracht zu 232 5 Durchführung der Studie <?page no="233"?> 72 Diese Lösung bringt natürlich neue Schwierigkeiten mit sich, da Übersetzungen auch von der Subjektposition der Übersetzer: innen - hier also der Forscherin - geprägt sind. Für eine tiefergreifende Auseinandersetzung mit der Rolle von Translation in der qualitativen Sozialforschung siehe Temple und Edwards (2002); Enzenhofer und Resch (2011); sowie Brandmaier (2015). ziehen. In dieser Untersuchung werden zu zitierende Passagen ins Deutsche übersetzt. 72 Sind diese im Original deutschsprachig, so wird auf geringfügige Pa‐ raphrasierung oder eine Umstellung der Satzstruktur zurückgegriffen, um eine Rückverfolgbarkeit durch eine Volltextsuche unmöglich zu machen. Auch die hier verwendeten Screenshots von Translaville wurden jeweils leicht bearbeitet. Wo dies zur Anonymisierung erforderlich war, wurden Bildausschnitte stellen‐ weise unkenntlich gemacht. Längere Textstellen in den Abbildungen wurden sprachlich leicht verändert. Einzelne Wörter oder häufig verwendete Phrasen wurden so weit wie möglich beibehalten, weil diese nicht automatisch eine Identifikation der Plattform durch eine Suchmaschinen-Suche ermöglichen. 5.8.5 Möglichkeit zum Rückzug aus der Studie Die Bedingungen eines ethnografischen Forschungsprojekts können sich im Laufe einer Studie verändern - und Teilnehmer: innen kann mitunter erst während oder nach einer Studie bewusst werden, dass sie sich mit ihrer Teilnahme an der Studie nicht wohl fühlen oder sie nicht möchten, dass gewisse Angaben Teil einer wissenschaftlichen Analyse werden. Daher wurde in diesem Forschungsprojekt bereits während der Aufklärung über die Studie deutlich auf das Recht auf Rückzug aus der Studie verwiesen. Dabei wurde darauf geachtet, dass Teilnehmer: innen nicht nur Kenntnis über dieses Recht hatten, sondern ihnen auch auf leichtem Wege ein Rückzug aus der Studie ermöglicht wurde, etwa durch die Angabe entsprechender Kontaktdaten (vgl. Iphofen 2013: 28 f.). Auch im Profil der Forscherin auf Transville wurde ein Hinweis auf das Recht auf Rückzug aus der Studie aufgeführt. 5.8.6 Datensicherheit Während und nach der Erhebung von Daten war zu überlegen, wie deren sichere Aufbewahrung gewährleistet werden konnte (vgl. auch Iphofen 2013: 42, vgl. auch Garcia et al. 2009: 76). Dies gilt insbesondere, wenn wie im Rahmen dieser Studie elektronische Daten verwendet werden und diese zum Schutz vor Datenverlust außerdem an mehr als einem Ort gespeichert werden. In den erhobenen Datensätzen wurden keine Klarnamen verwendet, damit kein 5.8 Forschungsethische Überlegungen 233 <?page no="234"?> Personenbezug in den Daten bestehen bleibt. Damit sind die erhobenen Daten von den Bestimmungen der EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) ausge‐ nommen. Die Speicherung der Daten erfolgte über einen passwortgeschützten institutionellen Cloud-Dienst mit Serverstandort in der Europäischen Union (also konform mit europäischem Datenschutzrecht). Da hier auf schriftliche Zustimmungserklärungen verzichtet wurde, in denen üblicherweise Klarnamen verwendet werden, entfiel auch dort der Personenbezug zwischen den Daten und den Nutzer: innen von Translaville (vgl. Iphofen 2013: 42). 234 5 Durchführung der Studie <?page no="235"?> 6 Praxen In den Kapiteln 6 bis 8 werden die Ergebnisse dieser Untersuchung vorgestellt. Die nächsten Abschnitte beschäftigen sich zunächst mit Übersetzen auf Trans‐ laville als Praxis. In diesem Kontext lenkt die Technografie den Blick - neben der Beziehung zwischen Mensch und Technik und der sozialen Konstruktion von Praxen - auf die Verteiltheit von Praxen auf mehrere Handlungsakte, Handlungsträger: innen und Handlungsmedien. Wie die folgenden Kapitel zei‐ gen werden, setzen sich die übersetzerischen Praxen auf Translaville aus einer ganzen Reihe solcher Teilpraxen und heterogener Handlungsgefüge zusammen, die das Übersetzen in der Community als Ganzes ausmachen. Die folgende Darstellung gibt zunächst Einblick darin, welche unterschiedli‐ chen Formen des Übersetzens in der Community im Laufe der Zeit entwickelt und ausgeübt werden und welche weiteren Aktivitäten für die Nutzer: innen we‐ sentlicher Teil der Übersetzungspraxen sind. Sie gibt allerdings auch Aufschluss darüber, wer in welche Aspekte des Übersetzens eingebunden ist und welche Formen des kommunikativen Austauschs die übersetzerischen Aktivitäten tatsächlich erst zu gemeinschaftlichen Praxen machen. Gleichzeitig können aus diesen Ausführungen auch Überlegungen zu weiter‐ führenden Fragen abgeleitet werden: etwa zur Frage nach der Verwobenheit von Handeln und Sprechen über Handeln in der Konstruktion von Praxen; zur Frage nach der Einbettung der verschiedenen Teilpraxen in materielle (bzw. aus technografischer Perspektive hier genaugenommen zeichenhafte) Strukturen, oder dazu, wer überhaupt Zugang zu den verschiedenen (Teil-)Praxen des Über‐ setzens erhält - und wie ‚Zugang‘ hier sozial konstruiert und/ oder technisch durchgesetzt wird. 6.1 Mitglied werden Um an der Praxis des Übersetzens auf Translaville teilnehmen zu können, müs‐ sen angehende Übersetzer: innen zunächst Mitglied der Community werden. Was braucht es also, um Mitglied von Translaville zu werden - wie wird jemand Übersetzer: in auf Translaville? Translaville ist so konzipiert, dass grundsätzlich jede: r Internetnutzer: in Mitglied werden kann, der: die dort ein Profil erstellt. Registrierte Mitglieder scheinen mit ei‐ nem eigenen Profil auf, können Übersetzungsanfragen veröffentlichen und können gleichzeitig auch selbst übersetzen. Darüber hinaus können sie sich am Austausch <?page no="236"?> 73 Datenquelle sind die Eigenangaben von Translaville gemäß einer plattformeigenen Live-Anzeige, rekonstruiert über den Online-Dienst ‚Wayback Machine‘. ‚Wayback Machine‘ ist ein Projekt der Non-Profit-Initiative ‚Internet Archive‘, das sich zum Ziel setzt, Internetseiten in regelmäßigen Abständen zu archivieren und so der Nachwelt zugänglich zu machen (Internet Archive 2018). in der Community beteiligen - also im Forum mitdiskutieren, Übersetzungen kommentieren oder Nachrichten an andere Nutzer: innen versenden. Abbildung 3 zeigt die Entwicklung der Mitgliederzahl von Translaville vom Zeitpunkt der Gründung im Juli 2005 bis 2020. Das größte Wachstum verzeich‐ nete die Community dabei in den ersten sechs Jahren. Abbildung 3: Mitglieder von Translaville insgesamt (2005-2020) 73 Wie die einzelnen Mitglieder erstmals auf Translaville aufmerksam wurden und warum sie sich entschieden haben, sich an den Community-Aktivitäten zu beteiligen, variiert - und wird in Abschnitt 7.2.1 zu den Motivationen der Nutzer: innen und ihren Erwartungen an die Community genauer besprochen. Die meisten Nutzer: innen haben ihren Weg zu Translaville jedenfalls von sich aus gefunden. In bestimmten Fällen versucht die Community jedoch auch, auf einen bestimmten Bedarf (z. B. an Mitgliedern mit bestimmten Sprachkombinationen, an Nutzer: innen mit hoher Kompetenz in einer gewissen Erstsprache, um als Evaluator: in eingesetzt zu werden) zu reagieren. In solchen Fällen sprechen beste‐ hende Mitglieder mitunter Menschen aus ihrem Bekanntenkreis an und versuchen diese als Übersetzer: innen zu gewinnen. So wird etwa ein Nutzer mit Erstsprache 236 6 Praxen <?page no="237"?> Färöisch ein schließlich langjähriges Mitglied, nachdem seine rumänischsprachige Ehefrau ihn gebeten hatte, bei einigen Übersetzungen auszuhelfen und bestehende Übersetzungen zu evaluieren (WF013). Und auch an anderen Stellen finden sich vereinzelt Hinweise darauf, dass Nutzer: innen Familienmitglieder oder Gruppen von Freund: innen als neue Mitglieder ‚angeworben‘ haben (z. B. V070_013). Wenn die Community also auch großteils aus einander zuvor Unbekannten besteht, so gibt es dennoch einzelne Anknüpfungspunkte zu zuvor bereits existierenden sozialen Netzwerken aus der physischen Welt. Aktive Mitgliederwerbung betreibt man darüber hinaus mit der Einführung eines virtuellen Anreizsystems (siehe Abb. 4, unten). Dazu wird vom Plattform‐ betreiber ein Link für neue Mitglieder zur Verfügung gestellt, der nachverfolgbar macht, auf wessen Empfehlung sich neue Nutzer: innen bei Translaville registrie‐ ren. Die bestehenden Mitglieder erhalten für ihre Empfehlung eine Gutschrift an ‚Übersetzungspunkten‘ (die beispielsweise dazu eingesetzt werden können, um selbst Übersetzungen anzufordern, vgl. Kap. 6.3.2). Aus den Diskussionen im Community-Forum bzw. aus den Interviews konnte jedoch nicht der Eindruck gewonnen werden, dass die Mitglieder dieser ‚Aktion‘ besondere Aufmerksam‐ keit geschenkt haben. Wie in Abschnitt 7.1.1.1 noch im Detail besprochen wird, sieht ein Großteil der Mitglieder den eigenen Beitrag zur Community als Ehrenamt, sodass der virtuellen Entlohnung in Form von Übersetzungspunkten eine weniger große Rolle eingeräumt wird. Abbildung 4: Pop-Up mit Info zur ‚Mitgliederaktion‘ (aus Anonymisierungsgründen übersetzt) Auch bei der Praxis des ‚Mitglied-Werdens‘ zeigt sich, dass Praxen materiell und körperlich vermittelt werden. Nach den Begrifflichkeiten der Technografie (siehe Kap. 3.3.2.3) könnte man präzisieren, dass auch das ‚Mitglied-Werden‘ auf verschiedene Trägermedien verteilt ist. Am augenscheinlichsten ist wohl die Bedeutung des Mediums der Zeichen, indem nämlich die Registrierung über ein Online-Formular erfolgt. Um dieses ausfüllen zu können, braucht es allerdings auch das Medium des menschlichen Körpers (Augen, Hände, 6.1 Mitglied werden 237 <?page no="238"?> 74 Die Angabe des Geburtsjahrs ist hier deshalb besonders relevant, da es als Kriterium dafür herangezogen wurde, ob ein Auszug aus dem Datenmaterial wörtlich zitiert wird (bei Personen, die angeben über 18 Jahre alt zu sein) oder nicht (bei Minderjährigen), vgl. dazu auch Kap. 5.8.1. Diese Vorgehensweise ist unter der Einschränkung zu verstehen, dass es sich dabei um eine nicht verpflichtende - und von der Community auch in keiner Weise verifizierte - Angabe der Nutzer: innen handelt. Fingerbewegungen) und das der physischen Objekte (Computer, Tastatur). Nachdem aber das physische Handeln der Nutzer: innen vor ihren eigenen Endgeräten in dieser Studie nicht genauer beobachtet werden konnte, liegt der Fokus hier auf der Vermittlung des ‚Mitglied-Werdens‘ über Zeichentechniken - hier konkret über das Online-Registrierungsformular. Das Formular enthält Eingabefelder für Profilname, Passwort, E-Mail-Adresse, Geburtsjahr und gegebenenfalls eine Webseite. Gerade Ge‐ burtsjahr und Webseite sind allerdings keine Pflichtangaben. 74 Außerdem gibt es Auswahlmenüs für Herkunftsland und Geschlecht. Zwar verwenden die meis‐ ten Nutzer: innen bei der Anmeldung einen fiktiven Profilnamen; ein erheblicher Anteil der Nutzer: innen meldet sich jedoch auch unter ihrem Klarnamen (oder einer Variation davon) auf Translaville an. In der Kommunikation zwischen langfristigen Mitgliedern bzw. Mitgliedern ‚des engeren Kreises‘ werden sehr häufig auch die echten Vornamen anstatt der Profilnamen verwendet. Viele Nutzer: innen scheinen dabei in ihrer Online-Präsenz einen gewissen Spagat zwischen Privatheit und Öffentlichkeit zu vollbringen: Einige Nutzer: innen fühlen sich der Community so verbunden, dass sie ihre höchst persönliche Krankengeschichte (V065_012), Fotos der neugeborenen Kinder (A099) oder von Schulausflügen (I2, 00: 47: 44-00: 49: 09) mit anderen teilen. Interviewpartner 2 (00: 47: 44-00: 49: 09) führt dies einerseits auf die vor zehn bis fünfzehn Jahren gesamtgesellschaftlich noch geringeren Bedenken im Zusammenhang mit Da‐ tenschutzfragen zurück. Andererseits sagt er aber auch von sich selbst, er sei zu dem Zeitpunkt als Minderjähriger insgesamt noch eher sorglos mit der eigenen Privatsphäre umgegangen. Auf der anderen Seite geben mehrere Nutzer: innen an, ihr Profil nicht unter ihrem vollständigen, ‚echten‘ Namen angelegt zu haben, um Schwierigkeiten mit Arbeitgeber: innen zu vermeiden - immerhin sei an den zahlreichen Beiträgen im Forum und den vielen Übersetzungen zu unterschiedlichsten Tageszeiten erkennbar, wie viel Zeit man auch während der eigenen (beruflichen) Arbeitszeit auf Translaville verbringe (V119_363). Der Grund für ein Beibehalten der eigenen Anonymität auf Translaville liegt also nicht immer in dem Wunsch begründet, den anderen Community-Mitgliedern gegenüber anonym zu sein, sondern zum Teil auch darin, dass man die Mitglied‐ schaft auf Translaville nach außen hin nicht breiter bekannt machen möchte. 238 6 Praxen <?page no="239"?> 75 Frühere Versionen des Plattformdesigns konnten mit dem Online-Dienst ‚Wayback Machine‘ rekonstruiert werden (Internet Archive 2018). Zusätzlich zu diesen Angaben können Nutzer: innen im Zuge der Registrie‐ rung diverse E-Mail-Benachrichtigungen abonnieren: um informiert zu werden, wenn sie eine Nachricht erhalten haben oder wenn eine von ihnen angeforderte Übersetzung fertig gestellt oder akzeptiert wurde. Diese Benachrichtigungen werden an späterer Stelle noch einmal Thema sein - wenn nämlich diskutiert wird, welche Rolle automatisierten Benachrichtigungen in der Aufrechterhal‐ tung der Community-Aktivitäten zukommt (vgl. Kap.-8.3.3). Ebenfalls im Zuge der Registrierung erfolgt die Zuordnung der Ausgangs- und Zielsprachen der neuen Nutzer: innen. Während dieser Abschnitt im For‐ mular bereits einen kleinen Einblick in die Vorstellungen der Community rund um (Arbeits-)Sprachen gewährt, lassen sich an den folgenden Beispielen auch weitere wesentliche Aspekte von Praxen zeigen, nämlich (1) wie diese in der Interaktion mit anderen konstituiert werden, wie sie (2) ihre Bedeutung erst in konkreten Situationen entfalten, und wie sie (3) auch als zeitlich bzw. in ihrer Entwicklung offen zu verstehen sind. Bezug genommen wird im Folgenden auf zwei verschiedene Versionen des Registrierungsformulars, nämlich zunächst auf eine frühe Version aus dem Jahr 2005 (Abb. 5) und im Vergleich dazu auf die zum Zeitpunkt der Datenerhebung aktuelle Version aus dem Jahr 2020 (Abb.-6). 75 Abbildung 5: Frühe Version der Sprachenauswahl bei der Registrierung, Nov. 2005 6.1 Mitglied werden 239 <?page no="240"?> Abbildung 6: Sprachenauswahl bei der Registrierung für neue Mitglieder, Jan. 2020 Beide Varianten des Formulars sehen die Auswahl einer Erstsprache und einer oder mehrerer ‚Arbeitssprachen‘ vor. Interessant ist in diesem Zusammenhang etwa, dass es für die Angabe der Erstsprache, wie auch in den früheren Versionen des Formulars, lediglich eine Einzelauswahlmöglichkeit in einem Drop-Down-Menü gibt. Dieses Format kann somit einer eventuellen Mehrspra‐ 240 6 Praxen <?page no="241"?> 76 Anstatt der tatsächlichen Nutzernamen werden hier die Nutzer: innen mit Buchstaben‐ kürzeln identifiziert. Die Buchstabenkürzel werden für jedes Beispiel neu vergeben. Nutzerin A im nächsten Beispiel kann also eine andere Person sein als Nutzerin A hier. 77 Wie in Kapitel 5.8.4 beschrieben wurde, werden alle Beispiele aus dem Datenmaterial hier in Übersetzung wiedergegeben, sofern bei deren wörtlicher Zitation das Risiko bestehen würde, dass durch eine Websuche die konkret untersuchte Plattform rückver‐ folgbar würde. Beispiele, die nur wenige Wörter umfassen und daher aufgrund ihrer Kürze nicht über eine Websuche an ihren Ursprung zurückverfolgt werden können, werden auf Englisch beibehalten, genauso wie Zitate aus den auf Englisch durchge‐ führten Interviews. Bei allen Übersetzungen handelt es sich um meine Übersetzung. Zu beachten ist in diesem Zusammenhang, dass der Großteil der originalen Forenbeiträge auf Englisch veröffentlicht wurde. Wenn in den hier in Übersetzung angeführten Beispielen also geschlechtergerechte Formulierungen verwendet werden, so handelt es sich dabei um meine Entscheidung. Wenn davon abgewichen wird, so ist dies auf eine eindeutige Entscheidung im Ausgangstext durch den: die Verfasser: in des Originals zurückzuführen. Da der Austausch im Forum in der Regel in einem eher informellen Ton erfolgt, wird hier im Deutschen die Du-Form verwendet. 78 Engl. „Gonkian“ ist eine Referenz auf eine fiktive, von einer bestimmten Robotergruppe gesprochene Sprache aus dem Star-Wars-Universum (Wookieepedia: The Star Wars Wiki o.-J.). chigkeit von Nutzer: innen nicht gerecht werden - ein Umstand, der im Laufe der Zeit auch in der Gruppe diskutiert wird: V076_002 17.09.2007 15: 20 Nutzerin A 76 […] Andererseits, vielleicht wäre es schön, wenn Mitglieder die Möglichkeit hätten, mehrere Muttersprachen auszuwählen, wenn sie mehrsprachig sind? 77 V076_003 18.09.2007 01: 06 Nutzerin B Ich denke, damit stechen wir in ein „Wes‐ pennest“, [Nutzerin A], aber ich mag den Gedanken, das einfach als „native language“ zu bezeichnen. V076_004 18.09.2007 04: 39 Entwickler OK, ist auf der To-Do-Liste. V076_005 18.09.2007 07: 45 Nutzer C Ich würde sagen, du kannst die Mutterspra‐ chen vielleicht auf drei beschränken, z. B. jemand aus Burundi, mit einer Mutter, die Gonkianisch, 78 und einem Vater, der Latein spricht…? V076_006 18.09.2007 13: 10 Nutzerin B Wie gesagt - ein Wespennest. Ich glaube, viele Menschen schätzen sich oft selbst als Muttersprachler ein, sind es aber tatsächlich nicht. V076_007 18.09.2007 13: 13 Nutzer C Du hast Recht. 6.1 Mitglied werden 241 <?page no="242"?> 79 Die im Ergebnisteil zitierten Beispiele aus dem Datenmaterial werden in Tabellenform wiedergegeben, um wichtige Kontextinformationen wie etwa Datum und Verfasser: in‐ nen-Wechsel mitzuliefern. Handelt es sich um ein längeres Beispiel, so wurde auch ein Titel ergänzt. Kürzere Beispiele erhalten keine Tabellenbeschriftung und sind zu lesen wie direkte Zitate im Textfluss. 80 Zu einem ähnlichen Schluss kommen auch Dizdar und Rozmysłowicz (2025: 310 f.) in ihrer Untersuchung zu sprachlich realisierten Grenzziehungsprozessen in Asylauf‐ nahmezentren. Sie konnten beobachten, wie unterschiedliche Zuschreibungen an die bürokratisch oft unhinterfragte Kategorie der ‚Muttersprache‘ im Aufnahmeformular für Asylsuchende für diese sogar weit später im Asylverfahren noch Konsequenzen nach sich ziehen konnten. V076_008 18.09.2007 13: 46 Nutzerin A Ja, ich bin gegen den Vorschlag von meh‐ reren Muttersprachen, war nur ein dum‐ mer Gedankenblitz meinerseits…: S Der arme Mensch aus Burundi mit der Gonkia‐ nisch-Mama und dem Latein-Papa wird sich wohl entscheiden müssen, aber wie [Nutze‐ rin B] sagt, es würde wohl nur zusätzliche Probleme schaffen. V076_009 18.09.2007 14: 49 Nutzer D Zweisprachigkeit existiert, müssen sie sich also für eine ihrer Sprachen entscheiden? Ich habe davon gehört im Norden der USA, ich denke es war Alaska… aber vielleicht liege ich falsch. Tabelle 7: Diskussion über die Angabe der ‚Muttersprache‘ („mother tongue“) 79 Während einige Nutzer: innen mit der Beschränkung auf eine einzelne Erst‐ sprache unzufrieden sind, scheint man sich letztlich der Argumentation von Nutzerin B zu beugen, die zu bedenken gibt, Nutzer: innen nähmen oft zu leicht‐ fertig erstsprachliche Kenntnisse einer Sprache an. Es kommt also zu keiner Überarbeitung des Registrierungsformulars und auch die folgenden Versionen enthalten lediglich eine Einfachauswahl. Die Diskussion zeigt, dass hier einem im Gedanken der Qualitätssicherung begründeten Argument stärkeres Gewicht eingeräumt wird als der Idee sprachlicher Vielfalt und der Ausdrucksmöglich‐ keit der einzelnen Nutzer: innen. Der Anlassfall zeigt aber auch die Relevanz einer Frage, die in Kapitel 8 im Detail aufgegriffen wird, nämlich, wie technische Designelemente soziale Prozesse (wie hier etwa die erzwungene Reduktion potenzieller Mehrsprachigkeit auf Einsprachigkeit) formen und verhärten kön‐ nen. 80 Die weiteren ‚Arbeitssprachen‘ können in einem Auswahlfeld mit mehreren anklickbaren Optionen festgelegt werden. Wie Abbildung 6 (oben) zeigt, be‐ stand zum Zeitpunkt der Datenerhebung eine Auswahlmöglichkeit zwischen 74 242 6 Praxen <?page no="243"?> Sprachen sowie zusätzlich die Möglichkeit, eine weitere, nicht-gelistete Sprache anzugeben. Auffallend bei der Liste der vorgeschlagenen Sprachen ist, dass darin etwa auch die Plansprache Esperanto oder die fiktionale Sprache Klingonisch zu finden sind; dass außerdem zwischen brasilianischem und europäischem Portugiesisch differenziert wird, während jedoch die Varietäten anderer Spra‐ chen nicht unterschieden werden; und dass auch ‚klassische‘ Sprachen wie etwa Latein, Altgriechisch, Sanskrit und klassisches Chinesisch (Wenyan) als Optionen unterstützt und somit sichtbar gemacht werden (vgl. Abb. 6). Ein Blick in eine frühe Version des Registrierungsformulars - mit zu diesem Zeitpunkt 43 vorgeschlagenen Sprachen - zeigt, dass sich auch 2005 bereits eine Reihe von ‚Exoten‘ unter diesen Sprachen finden (vgl. Abb.-5): etwa Klingonisch und Latein, oder auch Sprachen mit vergleichsweise geringen Sprecher: innenzahlen, wie etwa Isländisch oder Gälisch. Entsprechende Beiträge im Forum legen nahe, dass die Auswahl nicht nach systematischen Maßstäben erfolgt war, sondern organisch entstanden ist und mit der Community gewissermaßen ‚mitgewach‐ sen‘ ist. Die Wünsche und Bedürfnisse einzelner Nutzer: innen scheinen diesen Prozess wesentlich mitgestaltet zu haben: V146_002 30.11.2009 18: 05 - Entwick‐ ler Eigentlich brauchen wir manche der Sprachen [in der Liste] nicht, aber es hat nun einmal zu dem einen oder anderen Zeitpunkt einmal jemand danach gefragt. Ich glaube, es schadet nicht, wenn wir diese Sprachen behalten. Aber viel‐ leicht sollten Nutzer: innen [bei einer Übersetzungsanfrage] informiert werden, dass die Chancen gering sind, dass etwas in diese Sprachen dann auch wirklich übersetzt wird. Der Vergleich mit früheren Versionen des Registrierungsformulars offenbart auch Änderungen in Bezug darauf, wie die auszuwählenden Sprachen bezeich‐ net werden. Eine Änderung betrifft etwa die Bezeichnung „main language“ für die Sprache, in die die Nutzer: innen hauptsächlich übersetzen bzw. für die sie Übersetzungen evaluieren dürfen. Nach Rückmeldungen im Forum darüber, dass der Begriff wohl nicht intuitiv genug sei, wird der Vorschlag einer Nutzerin umgesetzt, anstelle von „main language“ von „native language“ zu sprechen - wie oben bereits diskutiert, mit der Einschränkung, dass jede: r Nutzer: in lediglich eine solche Erstsprache angeben kann: V076_001 16.09.2007 20: 10 - Nutzerin A [Entwickler], noch ein Punkt für deine To-Do-Liste: auf der Profilseite irgendwie klarer zu machen, dass unter „main language“ die stärkste Sprache (normalerweise die Muttersprache) zu verstehen ist. Eine Menge Leute scheinen das falsch zu verstehen. 6.1 Mitglied werden 243 <?page no="244"?> V076_002 17.09.2007 15: 20 - Nutzerin B Ich würde das einfach auf „native language“ ändern. Und für die anderen Sprachen gibt es ja dann die Benotungen [aus den Evaluierungen der Übersetzungen], damit man sehen kann, wie gut eine Person sie beherrscht! […] Eine weitere Änderung gab es bei der Bezeichnung für die zusätzlichen Spra‐ chen, die Nutzer: innen angeben können: War Ende 2005 noch von „languages that you can read and understand“ die Rede, so präzisiert man später und ersetzt den Abschnitt durch „languages you can read and understand at least 75 % at first reading it“ (vgl. Abb. 6). Dies sollte Nutzer: innen wohl dabei helfen, zu entscheiden, aus welchen Sprachen sie sich zutrauen (dürfen), zu übersetzen. Allerdings ist fraglich, ob der Hinweis auf ein 75-prozentiges Verständnis einer Sprache tatsächlich hilfreich war. Entsprechende Diskussionen finden sich im analysierten Material allerdings nicht. Die Art und Weise, wie dieser Abschnitt des Registrierungsformulars ge‐ staltet ist und wie die einzelnen Elemente des Formulars im Laufe der Zeit umgestaltet werden, zeigt, dass auch die Praxis des Mitgliedwerdens in der Interaktion zwischen den bestehenden und neuen Mitgliedern ausverhandelt wird. Das Hinzukommen neuer Nutzer: innen mit anderen Hintergründen, Bedürfnissen und Erwartungen an die Community macht dabei oft die Grenzen der bestehenden Ordnung erst sichtbar und liefert Anlass für eine Erweiterung oder Einschränkung des Plattformdesigns oder für einen anderen Umgang mit bestimmten Vorkommnissen. Damit entsteht in der Gruppe auch ein Austausch über verschiedene Perspektiven auf Sprache/ n und Translation. Das Registrie‐ rungsformular verrät somit einiges über die Vorstellungen der Community über Sprache/ n und wie diese Vorstellungen sich im Laufe der Zeit verändert haben. Eine vertiefende Diskussion dieses Themas findet sich in einem gesonderten Kapitel in Abschnitt 7.1.2.1. Um Mitglied zu werden, reicht rein formal also eine Registrierung. Wie von den Community-Mitgliedern jedoch über das ‚Mitglied-Werden‘ gesprochen wird, macht feine Unterschiede in der Wahrnehmung und Erwartungshaltung der Mitglieder an Neuankömmlinge deutlich: Als einfach nur ‚registriert‘ wer‐ den häufig diejenigen Nutzer: innen bezeichnet, die die Plattform einmalig besuchen (z. B. um eine einzelne Übersetzung anzufordern), oder Nutzer: innen, die nicht weiter aktiv in Erscheinung treten. Von ‚Mitglied‘ ist allerdings meist erst dann die Rede, wenn die betreffenden Nutzer: innen sich auch aktiv am Gruppengeschehen und vor allem an den Übersetzungsaktivitäten beteiligen (V006_008). 244 6 Praxen <?page no="245"?> 81 Hier und im gesamten Ergebnisteil dieser Forschungsarbeit handelt es sich bei fettge‐ druckten Abschnitten in den Zitaten aus dem Datenmaterial um eigene Hervorhebun‐ gen, die so nicht im Original vorhanden sind. Auch der Handlungsspielraum von sogenannten ‚Newbies‘ ist in der Com‐ munity zunächst eingeschränkt. Innerhalb der ersten drei bzw. fünf Tage nach Registrierung können neu registrierte Nutzer: innen keine persönlichen Nachrichten versenden oder Kommentare zu Übersetzungen veröffentlichen (WF003_002, WF018_011). Ihnen wird vorerst nicht erlaubt, in eine andere Sprache als ihre Erstsprache zu übersetzen oder die bei der Registrierung ausgewählte Erstsprache zu ändern (WF044_004). Sie können nicht an Umfragen zur gemeinschaftlichen Evaluierung von Übersetzungen teilnehmen (V096_002) - und ihnen wird untersagt, eine spezifische Kategorie von Übersetzungen anzufordern, nämlich solche, die ausschließlich von Übersetzer: innen mit so‐ genanntem ‚Expert: innenstatus‘ (vgl. Kap. 6.3.3.1) angefertigt und somit als qualitativ höher gesehen werden (V006_007). Der Weg vom bzw. von der einfach nur ‚registrierten Nutzer: in‘ zum ‚Mit‐ glied‘ umfasst somit mehr als bloß ein ausgefülltes Formular. Nutzer: innen durchlaufen mit den oben genannten Einschränkungen eine Art virtuelle Probephase, in der sie der restlichen Community beweisen sollen, wie ernst sie ihre Teilnahme an den Gruppenaktivitäten nehmen. Eine entsprechende Asymmetrie zwischen neuen und etablierten Mitgliedern wird wohl auch von den ‚Newbies‘ selbst wahrgenommen. Dies zeigt sich etwa in der Art und Weise, wie viele von ihnen im Forum ihren Status als Neuankömmlinge kommunizieren und Vorschläge an die Gruppe betont bescheiden formulieren, wie im Beispiel unten. 81 V139_001 16.06.2009 19: 39 - Nutzer A Es wäre wichtig zu wissen, ob jemand verfügbar ist, der direkt von einer Sprache in eine andere übersetzen kann, also z. B. von Rumänisch auf Swahili. […] Vielleicht wären auch Statistiken hilfreich, z. B. 154 Nut‐ zer: innen mit Rumänisch als Muttersprache, 10000 Nut‐ zer: innen mit Englisch usw. 3 Nutzer: innen mit Swahili als Muttersprache (und 5 Nutzer: innen, die auf Swahili übersetzen können, aber keine Natives sind). Das würde es einfacher machen, Zeit und Qualität abzuschätzen. Ich hoffe, die Idee ist klar genug. Ich weiß, es braucht Zeit, um Software zu entwickeln, aber es wäre gute Information darüber, was dieser Dienst leisten kann. Was er kann und was eben nicht geht. Alles Gute euch! 6.1 Mitglied werden 245 <?page no="246"?> V139_002 16.06.2009 20: 50 - Nutzer A […] Ich bin noch so neu, ich bin erst zwei Tage auf [Translaville]. Neben formalem Zugang und Akzeptanz in der Gruppe braucht es, um in eine neue Praxisgemeinschaft hineinfinden und sich darin etablieren zu können, in der Regel auch spezifisches neues Wissen rund um die Gruppenaktivitäten. Neuen Nutzer: innen wird dabei von Translaville bereits formalisiertes, systema‐ tisch aufbereitetes Wissen zur Verfügung gestellt (z. B. in der Form von Wikis oder Übersetzungsrichtlinien). Wesentlich erscheinen allerdings auch Prozesse des Lehrens und Lernens in der Community-Praxis. Dabei sind neue Mitglieder auf die Vermittlung von Wissen, aber auch von Normen, durch erfahrenere Mitglieder angewiesen. Welche Rolle Vorstellungen, Wissen und Normen für die Community- und Übersetzungspraxen auf Translaville spielen, wird in Kapitel 7 diskutiert. 6.2 Übersetzen und übersetzt werden Nachdem ein: e Nutzer: in Mitglied von Translaville geworden ist, erhält er: sie die Möglichkeit, Übersetzungen anzufordern, selbst zu übersetzen und sich mit anderen Mitgliedern auszutauschen. Die nächsten Abschnitte beschäftigen sich näher mit den Praxen des Übersetzens und übersetzt Werdens auf Translaville. Für eine bessere Übersicht folgt unten zunächst ein Ablaufdiagramm eines typischen Übersetzungsprozesses auf Translaville (Abb. 7). Die einzelnen unten dargestellten Schritte werden in dieser Untersuchung als Teilpraxen verstanden - mit den mit ihnen jeweils verbundenen spezifischen Erwartungen, Konven‐ tionen, sozialen Rollen, Wissensbeständen und Artefakten. Die Darstellung zeigt den Weg einer Übersetzung - von der Anfrage über die Erstellung eines Zieltexts bis hin zur Evaluierung und Überarbeitung der Übersetzung. 246 6 Praxen <?page no="247"?> Abbildung 7: Schema des Übersetzungsprozesses auf Translaville Wie in den nächsten Abschnitten deutlich wird, ist der Zugang zu bestimmten Teilpraxen wesentlich davon abhängig, welche Nutzer: innen-Rolle Mitglieder auf Translaville einnehmen. Nutzer: innen erhalten nach der Registrierung zunächst den Status eines ‚regulären Mitglieds‘. Sie können jedoch mit der Zeit auch zu sogenannten ‚Expert: innen‘ für ihre Erstsprache ernannt werden 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 247 <?page no="248"?> 82 Die Unterschiede zwischen den Aufgaben und Berechtigungen von Administrator: in‐ nen und Super-Administrator: innen ließen sich aufgrund widersprüchlicher Angaben in den Interviews und Foreninhalten nicht exakt voneinander abgrenzen. Es ist aber davon auszugehen, dass es graduelle Unterschiede in den Interventionsmöglichkeiten der beiden Gruppen gibt. Es gab Hinweise darauf, dass etwa nur Super-Administra‐ tor: innen das Recht haben, andere Nutzer: innen von der Community auszuschließen. Diese Vermutung konnte aber nicht durch weitere Quellen bestätigt werden. und erhalten damit Zugang zur Evaluierung von Übersetzungen. Außerdem gibt es Mitglieder, die ‚Power-User: innen‘-Status erhalten, mit erweiterten Nutzer: innen-Rechten gegenüber regulären Mitgliedern; und (Super-)Adminis‐ trator: innen, die darüber hinaus berechtigt sind, Übersetzungsanfragen oder Forenbeiträge zu löschen und andere Nutzer: innen zu sanktionieren. Tabelle 8 zeigt die wichtigsten Unterschiede im Handlungsspielraum von Mitgliedern mit verschiedenen Rollen: Entwickler (Super-)Admi‐ nistrator: in Expert: in Power- User: in Reguläres Mitglied technische Ent‐ wicklungsarbeit Forenmoderation Evaluierung von Übersetzungen Unterstützung der Expert: innen bei Evaluierungen [bei Bedarf] Überset‐ zungsanfra‐ gen regelmäßige Ak‐ tualisierung der Sprachdateien für die Benutzerumge‐ bung Bearbeiten des Community-Wiki Organisation von Evaluierungsum‐ fragen Relaisüberset‐ zungen für Eva‐ luierungszwecke Übersetzun‐ gen Löschen von Accounts [auf Anfrage von Nut‐ zer: innen] Zugang zu einge‐ schränktem Forum Zugang zu einge‐ schränktem Fo‐ rum Zugang zu einge‐ schränktem Fo‐ rum Kommentie‐ ren von Übersetzun‐ gen Administrator: in‐ nen-Aufgaben Löschen fehlerhaf‐ ter oder regelwidri‐ ger Übersetzungsan‐ fragen Löschen fehler‐ hafter oder regel‐ widriger Überset‐ zungsanfragen - Teilnahme an Evaluie‐ rungsumfra‐ gen - Übertragen von au‐ ßerordentlichen Übersetzungs‐ punkten an Nut‐ zer: innen Korrektur der Sprachdateien für Übersetzungen der Benutzerum‐ gebung Beiträge im Forum Ausschluss von Mitgliedern - - - Tabelle 8: Nutzer: innen-Rollen und Berechtigungen 82 248 6 Praxen <?page no="249"?> 83 Diese Zahlen stammen aus auf Translaville regelmäßig in Diagrammform veröffent‐ lichten Nutzungsstatistiken. Rückwirkend konnten diese Diagramme jedoch nur für die Zeitpunkte abgerufen werden, an denen im Internetarchiv ‚Wayback Machine‘ ein Screenshot der jeweiligen Seite abgelegt war. Von 2005 bis 2009 waren dort von dieser konkreten Subseite keine Daten mehr verfügbar - und auch danach konnten nur einzelne Screenshots aus den Jahren 2010, 2011, 2013, 2016, und 2017 abgerufen werden. Die im Folgenden genannten Zahlen müssen daher unter diesen Einschränkungen verstanden werden. Allerdings zeigen die Zahlen eine ähnliche Tendenz wie das im letzten Abschnitt besprochene Wachstum der Nutzer: innenzahlen (zu denen ungleich mehr Datenpunkte verfügbar waren): Auch diese lassen Rückschlüsse auf eine größere Aktivität in den ersten 5 bis 7 Jahren des Bestehens von Translaville zu. Im Zusammenhang mit diesen Nutzer: innen-Rollen wirft die hier eingenom‐ mene technografische Perspektive insbesondere die Frage auf, was es bedeutet, dass diese auch technisch realisiert sind. Die spezielle Bedeutung der Nutzer: in‐ nen-Rollen in der soziotechnischen Strukturierung der Community-Praxen wird in einem späteren Abschnitt noch einmal aufgegriffen (vgl. Kap.-8.4). 6.2.1 Übersetzungsanfragen Auf Translaville sind unterschiedliche Arten von Übersetzungsanfragen mög‐ lich: (1) reguläre Übersetzungsanfragen - das sind Texte, die von Mitgliedern zur Übersetzung in eine oder mehrere Sprachen hochgeladen werden; (2) Anfragen zur Übersetzung der Anwendungsoberfläche sowie (3) der Community-Neuig‐ keiten von Translaville - beide werden vom Entwickler der Plattform angelegt; (4) Korrekturleseaufträge; und schließlich (5) die offenbar eher unbekannte und wenig genutzte Möglichkeit, sogenannte Übersetzungsprojekte anzulegen, also Projekte aus einer Reihe zusammenhängender Texte für in der Regel mehrere Sprachen. Wie die Praxen des Übersetzens sich in Abhängigkeit von diesen unterschiedlichen Arten von Übersetzungsaufträgen unterscheiden, wird in späteren Abschnitten beschrieben (vgl. Kap. 6.2.2 bis 6.2.6). Hier liegt der Fokus zunächst auf den regulären Übersetzungsanfragen, rund um die sich die zentralen Aktivitäten auf Translaville gestalten. 6.2.1.1 Arten von Anfragen, Arten von Übersetzungen Im Zuge dieser Studie war es nicht möglich, genaue Daten zur Anzahl der täglichen Übersetzungsanfragen über einen größeren Zeitraum hinweg zu eruieren. Aus Kommentaren des Entwicklers im Forum lässt sich allerdings entnehmen, dass etwa im März 2008 ca. 100 Übersetzungsanfragen täglich gestellt wurden (V100_005). Plattformeigenen Statistiken 83 zufolge kann darüber 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 249 <?page no="250"?> hinaus davon ausgegangen werden, dass diese Zahl bis 2010 auf ca. 50 bis 70 tägliche Anfragen und 2017 schließlich auf durchschnittlich unter 10 Anfragen pro Tag gesunken ist. Wie an anderer Stelle bereits erwähnt wurde, werden die Übersetzungsan‐ fragen über ein Punktesystem geregelt und vergütet (vgl. dazu auch Kap. 6.3.2). Neue Mitglieder bekommen ein gewisses Startguthaben an virtuellen Punkten, mit denen sie eine erste Übersetzung anfordern können. Ist dieses Guthaben aufgebraucht, können sie selbst mit eigenen Übersetzungen Punkte ‚verdie‐ nen‘, um wieder die Möglichkeit zu erhalten, weitere Übersetzungen in Auftrag zu geben. Hat ein Mitglied nicht die Möglichkeit, selbst zu übersetzen, so wird ein leeres Punktekonto innerhalb von 10 Tagen wieder um ein kleines Guthaben aufgestockt. Damit soll es auch Nutzer: innen ohne Fremdsprachen‐ kenntnisse möglich sein, in sehr eingeschränktem Rahmen Übersetzungen anzufordern. Ein Blick in das Anfrageformular für neue Übersetzungen liefert Hinweise darauf, in welchem Rahmen sich ein Großteil der Ausgangstexte bewegt. Lädt jemand einen neuen Ausgangstext hoch, so wird er: sie gebeten, aus einem Dropdown-Menü Textsorte und Themengebiet des Texts auszuwählen. Aus Forendiskussionen lässt sich schließen, dass diese Kategorien nicht systematisch bei der Plattformgründung erstellt wurden, sondern dass diese gewissermaßen mit dem auf der Plattform registrierten Übersetzungsbedarf „mitgewachsen“ sind (V026). Kamen mit der Zeit Anfragen, die nicht mit der bestehenden Auswahl erfasst werden konnten, so wurde diese erweitert. So sind bis 2019 die unten abgebildeten Listen von Textsorten und Themengebieten (vgl. den Screenshot der englischsprachigen Online-Umgebung in Abb. 8) entstanden, für die davon ausgegangen werden kann, dass sie einen Großteil der Überset‐ zungsanfragen abdecken. 250 6 Praxen <?page no="251"?> Abbildung 8: Auswahl von Textsorte und Themengebiet bei Übersetzungsanfragen Die meisten Übersetzungsanfragen bestehen aus einzelnen Sätzen bis hin zu kurzen Texten. Technisch möglich ist pro Anfrage ein Text in der Länge von 3.000 Zeichen. In der Praxis richtet sich der Umfang der angefragten Texte allerdings oft nach den Übersetzungspunkten, die Nutzer: innen gerade zur Verfügung stehen. Wie im nächsten Abschnitt besprochen wird, scheint die Frage, was von Mitgliedern als geeigneter oder für Übersetzer: innen attraktiver Ausgangstext empfunden wird, damit zusammenzuhängen, wie viel Erfahrung sie mit den Community-Regeln haben, wie intensiv sie sich selbst an den Übersetzungsaktivitäten beteiligen und wie lange sie das bereits tun. 6.2.1.2 Wer stellt Übersetzungsanfragen? Die zahlenmäßig häufigsten Übersetzungsanfragen auf Translaville stammen von neuen Mitgliedern, oft sogar von Nutzer: innen, die sich nur für eine einzelne Übersetzung registrieren und die Community dann verlassen. Wie ein langjähriger Nutzer in dem Forenbeitrag unten beschreibt, kann dabei aus seiner Erfahrung von Nutzer: innen mit den folgenden Arten von Übersetzungsbedarf ausgegangen werden: 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 251 <?page no="252"?> WÜ043_027 - 15.03.2007 11: 00 Zu den Nutzer: innen [von Translaville] gehören: Menschen, die eine Fremdsprache nicht beherrschen, oder diese nicht gut genug sprechen, um selbst eine gute Übersetzung anzufertigen, die aber einen Text übersetzt benötigen. Dazu gehören möglicherweise: • Menschen, die ihren Lebenslauf oder berufliche Korrespondenz in Übersetzung benötigen (inkl. Geschäftliches) • Menschen, die für ihre Arbeit Übersetzungen brauchen (Techni‐ ker: innen, Wissenschaftler: innen, Landwirt: innen, Lehrer: innen, Angestellte im öffentlichen Bereich, in der Industrie) • Kinder und Jugendliche, die Probleme mit Übersetzungen haben, die sie für die Schule brauchen • Menschen, die ein [fremdsprachiges] Mail bekommen haben, oder eines senden möchten, inkl. SMS-Nachrichten • Menschen, die Gedichte, Lieder, oder philosophische Gedanken in eine andere Sprache übersetzt haben möchten • Menschen (wie [Nutzer] gesagt hat), zu deren Kultur es gehört, dass auch Namen übersetzt werden, oder dass diese in Sprachen transkribiert werden, die eine andere Schrift verwenden. […] Aufgrund ihrer mangelnden Vertrautheit mit der Plattform haben neue Mitglie‐ der oft Schwierigkeiten, habitualisierte Prozesse und Plattformkonventionen nachzuvollziehen und stellen daher Anfragen, die (in Format oder Inhalt) in der Community eigentlich weniger erwünscht sind (z. B. WF026): Viele dieser Über‐ setzungsanfragen werden von Expert: innen oder Administrator: innen noch vor deren Übersetzung gelöscht, weil sie etwa nicht dem korrekten Format entsprechen (Anfragen werden z. B. ins Forum hochgeladen statt über das Anfrageformular; oder sie werden in einem für Kommentare vorgesehenen Feld eingegeben statt im Eingabefeld für den Ausgangstext) oder weil sie den Community-Regeln widersprechen: Darunter fallen beispielsweise Anfragen zur Übersetzung einzelner Wörter oder Phrasen ohne vollständige Satzstruktur, oder von Eigennamen. (Vgl. Kap. 7.1.3.1 zur Entwicklung der normativen Vorstellungen und formalen Regeln auf Translaville) Gerade die Übersetzungsanfragen von solchen ‚Eintagsfliegen‘ auf Transla‐ ville werden von den bereits länger aktiven Mitgliedern häufig als weniger interessant empfunden. Immerhin beschränken diese sich oft auf wenige Phra‐ sen oder einzelne Wörter. Häufig werden sie auch mit zu wenig Kontext geliefert oder sind repetitiv (weil z. B. immer wieder beliebte Phrasen, Grußformeln etc. angefordert werden). Die für die Übersetzer: innen besonders interessanten Anfragen stammen aber auch nicht von Mitgliedern, die bereits lange Zeit auf Translaville aktiv sind (und somit wissen würden, welche Ausgangstexte für die Community attraktiv sind). Das liegt daran, dass diese schlichtweg kaum eigene Übersetzungsanfragen hochladen, weil sie sich nach einer gewissen Zeit fast ausschließlich mit dem 252 6 Praxen <?page no="253"?> Übersetzen und Evaluieren von Übersetzungen beschäftigen und selbst kaum noch Übersetzungen anfordern. Auch Interviewpartner 2 berichtet, er habe in den Jahren seiner Mitgliedschaft auf Translaville selbst nur eine einzelne Übersetzung angefordert: [A]t a certain point I did use a few thousand of my points to ask another person for a translation from Spanish to English about a text. It was also/ I admit it was for a school work, but I mean, it wasn’t a language work. It was another topic, and I needed to get it translated. So, then I made use of it, I think. But apart from that I didn’t actually ever submit a translation myself. (I2, 00: 38: 57-00: 40: 00) Ausnahmen bilden jene Nutzer: innen, die in Beruf oder Freizeit eine Aktivität verfolgen, die von Dissemination durch Übersetzung besonders profitieren kann: darunter etwa eine langjährige Nutzerin, die einen Blog zur Sensibili‐ sierung für eine bestimmte Form von Keimzelltumoren betreibt (V065_012), oder eine Künstlerin, die Kurzbeschreibungen und Untertitel für ihre Film- und Ausstellungsprojekte von der Community übersetzen lässt (A024_001). Manche Mitglieder erwähnen auch, sie würden den Übersetzungsbedarf von Familienmitgliedern an die Plattform weitergeben (WÜ043_112). Die für die Übersetzer: innen inhaltlich lohnendsten Anfragen, so erklärt der Plattformgründer in dem Forenkommentar unten, liefern Mitglieder, die einen regelmäßigen Übersetzungsbedarf haben und nach einer ersten Erfahrung mit der Community später wieder zurückkehren: WÜ043_024 - 15.03.2007 05: 40 […] Wenn ihr euch die Mitglieder mit den meisten Übersetzungs‐ punkten anseht, dann seht ihr, dass diese nie Übersetzungen auf [Translaville] anfordern. Ganz im Gegenteil: Leute, die unser Über‐ setzungsangebot einmal nutzen und dann später wiederkommen, um ihr Punkteguthaben aufgefüllt zu bekommen, laden meiner Meinung nach interessantere Übersetzungsanfragen hoch als ganz neue Mitglieder. Weil sie eben die Regeln immer besser kennen und wir ihnen auch mehr vertrauen können […]. Wenn also auf Translaville das grundsätzliche Funktionieren der Plattform diskutiert wird - etwa im Zusammenhang mit der Frage, ob auch Mitglieder ohne Fremdsprachenkenntnisse sich unter bestimmten Bedingungen an den Plattformaktivitäten beteiligen können -, so stößt man früher oder später auf die Frage, wie auf der einen Seite ein gewisser Nachschub an regelmäßigen, als lohnend empfundenen Übersetzungsanfragen aufrecht erhalten werden kann, wie andererseits aber möglichst alle Mitglieder der Community bis zu einem gewissen Grad in die Pflicht genommen werden können, zu den Gemeinschaftsaktivitäten beizutragen (V001). 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 253 <?page no="254"?> Ein besonderes Phänomen selbstorganisierter Online-Übersetzungscommu‐ nities scheint außerdem darin zu bestehen, dass Übersetzungen nicht automa‐ tisch immer nur dann angefertigt werden, wenn auf Auftraggeber: innen-Seite ein bestimmter Bedarf an einem übersetzten Produkt besteht. So kommt es auf Translaville etwa (in einzelnen Fällen) vor, dass Nutzer: innen Übersetzungsan‐ fragen stellen, um diesen Text dann auch selbst in eine bestimmte Sprache zu übersetzen (vgl. den Begriff der „unsolicited translation“, O’Hagan 2009 sowie die Diskussion in Kap. 6.2.2). Hier steht also nicht so sehr der Einsatzzweck des fertigen Produkts im Vordergrund, sondern eher der Prozess selbst: Das für die Mitglieder Wesentliche an der Übersetzungspraxis ist somit eher der Lerneffekt beim Übersetzen, die Möglichkeit, Feedback zu einer Übersetzung zu bekommen, und die Gelegenheit, einen Text mit anderen zu diskutieren. In diesem Abschnitt war immer wieder von besonders ‚erwünschten Aus‐ gangstexten‘ oder von als besonders ‚lohnend‘ empfundenen Übersetzungsan‐ fragen die Rede. Dabei handelt es sich um zutiefst subjektive Vorstellungen der Nutzer: innen vom Übersetzen, die über die Zeit des Bestehens der Plattform in der Gruppe ausverhandelt werden und schließlich in implizite oder sogar explizit formulierte Community-Konventionen münden. Nutzer: innen-Wahr‐ nehmungen und Erwartungen als zentrale Bestandteile übersetzerischer Com‐ munity-Praxen werden in Kapitel 7 vertiefend diskutiert. 6.2.1.3 Der Anfrageprozess Inhalt und Format der Übersetzungsanfragen werden wesentlich von den Möglichkeiten geprägt, die das digitale Anfrageformular auf Translaville bie‐ tet. Ein (aus Anonymisierungsgründen geringfügig überarbeiteter) Screen‐ shot des Formulars wird in Anhang A.1 angeführt. Jede Übersetzungsanfrage auf Translaville besteht aus folgenden Elementen: (1) Zustimmung zu den Community-Regeln für das Hochladen von Texten, (2) Auswahl von Aus‐ gangs- und Zielsprache(n), (3) Präzisierung von Textsorte und Thema, (4) Eingabe eines Ausgangstexts, (5) Angabe von Kontextinformationen, (6) Auswahl einer ‚Übersetzungsqualität‘ sowie (7) Zustimmung zu den Urheber‐ rechtsregeln (urheberrechtsfreie Texte oder Übertragung des Urheberrechts an Translaville). Zentralen Raum nimmt an oberster Stelle des Anfrageformulars die Liste der Community-Regeln für Anfragen und Übersetzungen ein. Wer eine Übersetzung in Auftrag geben möchte, wird dort zunächst darüber in Kenntnis gesetzt, welche Ausgangstextinhalte und -formate erwünscht oder unerwünscht sind, in welcher Qualität die Ausgangstexte vorliegen sollten und worauf bei der 254 6 Praxen <?page no="255"?> Anfrage von Übersetzungen besonders zu achten ist. Diese Regeln werden hier als formalisierter Ausdruck des Übersetzungsverständnisses der Community verstanden. Auf sie wird daher in Kapitel 7.1 zu den Vorstellungen und Erwar‐ tungen der Mitglieder von Translaville in Bezug auf Übersetzen noch im Detail eingegangen. In Infoboxen, die im Formular im Anhang allerdings nicht ersichtlich sind (sie können durch Anklicken des Info-Buttons aktiviert werden), finden sich außerdem Erläuterungen zu den verschiedenen Elementen des Anfrage‐ formulars - darunter etwa Angaben dazu, in welcher Sprache Text in den verschiedenen Textfeldern zu verfassen ist; der Hinweis, bei der Eingabe des Ausgangstexts besondere Sorgfalt walten zu lassen (insbesondere hinsichtlich Zeichensetzung und Groß-/ Kleinschreibung); sowie die Bitte, nicht einfach alle verfügbaren Zielsprachen auszuwählen. Außerdem wird dort empfohlen, eine zusätzliche Relaisübersetzung ins Englische in Betracht zu ziehen, um Übersetzungen in seltenen Sprachkombinationen potenziell zu beschleunigen. Viele dieser Hinweise waren in frühen Versionen des Anfrageformulars noch nicht vorhanden und wurden - mit zunehmender Erfahrung der Community mit den Erwartungen oder dem mangelnden Vorwissen neuer Mitglieder - mit der Zeit ergänzt. Erwähnenswert ist außerdem, dass bei einer Übersetzungsanfrage verschie‐ dene ‚Übersetzungsqualitäten‘ unterschieden werden können: Zusätzlich zur ‚normalen‘ Übersetzung, die von Übersetzer: innen meist in deren Erstsprache oder einer Sprache, für die sie konstant gute Evaluierungsergebnisse erhalten, realisiert wird, gibt es die Option „Nur Bedeutung“. Dabei handelt es sich um eine Art Rohübersetzung, die Übersetzer: innen auch in Sprachen anfertigen dürfen, die sie, wie es im Anfrageformular heißt, „nicht fließend beherrschen“ (vgl. Anhang A.1). Diese Option wurde eigentlich primär dazu eingeführt, um die Übersetzungsprozesse auf Translaville zu beschleunigen, da somit mehr Nutzer: innen für die Übersetzung in bestimmte Sprachen zur Verfügung standen. Außerdem konnte über einen gewissen Zeitraum die Option einer „Expert: innen-Übersetzung“ ausgewählt werden. Dabei handelte es sich um Übersetzungen, die besonders hochwertig sein sollten und deshalb nur von Mit‐ gliedern mit Expert: innenstatus in der Zielsprache angefertigt wurden. Dabei entstand jedoch das Problem, dass bald ein erheblicher Teil der Übersetzungen nur noch als „Expert: innen-Übersetzungen“ angefragt wurden, wodurch diese auch nicht mehr rechtzeitig bearbeitet werden konnten: Immerhin gibt es für viele Sprachen nur wenige (z. B. ein bis zwei) Expert: innen, die außerdem für die Evaluierung aller Übersetzungen zuständig sind. Die Funktion zur Anforderung einer „Expert: innen-Übersetzung“ wurde daher mit der Zeit für neue Mitglieder 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 255 <?page no="256"?> eine Zeit lang deaktiviert, da man davon ausging, dass diese die Sinnhaftigkeit entsprechender Anfragen noch nicht gut genug einschätzen konnten (V006). Schließlich wurde die Funktion vollständig deaktiviert. Die Tatsache, dass die Community ab einem gewissen Zeitpunkt zwischen unterschiedlichen Übersetzungsqualitäten unterscheidet, kann also auf unterschiedliche Faktoren zurückgeführt werden: Zunächst handelt es sich dabei um einen Versuch der Beschleunigung des Übersetzungsprozesses durch verstärkte Arbeitsteilung, die sich nach dem Schwierigkeitsgrad der hochgeladenen Ausgangstexte richten sollte. Nachdem es letztlich jedoch die anfragenden Personen sind, die die ‚Übersetzungsqualität‘ auswählen, stellte sich dieser Steuerungseffekt nicht ein. Dass Mitgliedern mit geringerer Sprachkompetenz die Möglichkeit eingeräumt wurde, Rohübersetzungen anzufertigen, kann außerdem darauf zurückgeführt werden, dass Translaville seinen Mitgliedern auch als Lernplattform dienen soll. Die Unterscheidung verschiedener Übersetzungsqualitäten liegt also in den Anforderungen der anfragenden Personen und in prozessbezogenen Überlegun‐ gen begründet, soll aber auch den Bedürfnissen der übersetzenden Mitglieder gerecht werden. Interessant an den Übersetzungsanfragen ist schließlich auch die Frage nach dem Kontext, der mit Ausgangstexten mitgeliefert wird. Im Anfrageformular wird explizit dazu aufgefordert, Erklärungen für „mehrdeutige Begriffe“ im Ausgangstext mitzuliefern und „alle weiteren Informationen, […], die den Übersetzern weiterhelfen könnten“ zur Verfügung zu stellen (vgl. Anhang A.1). Damit wird bereits ein gewisses Verständnis für das Funktionieren von Sprachen auf Seiten der anfragenden Mitglieder vorausgesetzt. Untersucht man die tatsächlichen Übersetzungsanfragen dahingehend, inwieweit diese Empfehlung auch umgesetzt wird, so zeigt sich zunächst, dass der Anteil an Übersetzungsanfragen ohne solche Kontextinformationen überwiegt. Dort wo allerdings Kontext geliefert wird, zeigt sich das Vorhandensein eines gewissen Bewusstseins dafür, dass Übersetzer: innen in Abhängigkeit von Auftrag und Ziel einer Übersetzung unterschiedlich an eine Übersetzung herangehen werden. Wie Tabelle 9 mit Beispielen aus dem Datenmaterial zeigt, gehen die mit den Ausgangstexten mitgelieferten Kontextinformationen weit über grammatikali‐ sche oder semantische Hinweise (vgl. Tab. 9, Bsp. 1-3) hinaus. Besonders häufig finden sich etwa Angaben zum Einsatzzweck (Bsp. 4-8) und zur gewünschten Wirkung der Übersetzungen (Bsp. 9, 10). Präzisiert werden außerdem Wünsche in Bezug auf besondere Schrift- oder Layoutformate (Bsp. 11-13) oder Vorgaben zu konkreten Sprachvarianten oder dem bevorzugten Register oder Stil (Bsp. 14- 17). Manche Anfragen kommen auch mit der Bitte, ob die Übersetzung nicht von einer bestimmten Person übernommen werden könne (Bsp. 18, 19). Zum 256 6 Praxen <?page no="257"?> 84 Bei Quellenverweisen, die mit dem Kürzel „SCR“ markiert sind, handelt es sich um Screenshots. Das Datum bezieht sich - wo relevant und identifizierbar - auf das Veröffentlichungsdatum der betreffenden Webseite (z. B. wie hier bei den konkreten Übersetzungsanfragen). Ist ein solches Datum nicht eruierbar, so wird das Datum der Erstellung des Screenshots verwendet. Da aber zahlreiche Screenshots am selben Tag aufgenommen wurden, wurden außerdem Stichwörter verwendet, um weiter zwischen Aufnahmen zu differenzieren. Teil finden sich im Kommentarfeld Quellenangaben für die zu übersetzenden Ausschnitte (z. B. bei literarischen Texten) oder es wird überhaupt eine längere Textstelle eingefügt, die den größeren Kontext zeigen soll. Handelt es sich um eine seltene Sprachkombination, so liefert zum Teil auch bereits die anfragende Person eine Relaisübersetzung ins Englische (auf Translaville in der Regel als „Brücke“ bezeichnet) im Kommentarfeld. In bestimmten Fällen wird der Text im Kommentarfeld auch von den Administrator: innen ergänzt, etwa wenn sie den Ausgangstext bei Überprüfung der Übersetzungsanfrage noch bearbeiten mussten oder wenn ein Auftrag trotz Regelwidrigkeit übernommen werden kann (Bsp.-20-22). Da, wie erwähnt, die meisten Anfragen ohne Kontextinformationen hochge‐ laden werden, sind die Beispiele in der folgenden Übersicht nicht repräsentativ für die Art von Übersetzungsanfragen, die insgesamt auf Translaville gestellt werden. Sie liefern jedoch einen Einblick darin, unter welchen Umständen die anfragenden Personen (und zum Teil die Administrator: innen) es für wichtig erachten, den Übersetzungsauftrag zu präzisieren. Grammatikbzw. Verständnis‐ hinweise 1 „Imperativ! “ (SCR, Ü_Brücke, 06.07.2008) 84 2 „Im 4. Satz bezieht sich ‚tanzend‘ auf das über den Boden tanzende Licht, nicht auf die ‚Ich-Person‘ im Gedicht! ! “ (SCR, Ü_Liedtext, 10.08.2010) 3 „Mit ‚girlfriend‘ ist hier eine Partnerin in einer Liebesbe‐ ziehung gemeint, nicht bloß eine weibliche Freundin.“ (SCR, Ü_Exfreundin, 10.11.2009) Einsatzzweck der Übersetzung 4 „Wir machen eine Kreuzfahrt ins Baltikum und ich möchte ein Kärtchen vorbereiten, das ich dann herzeigen kann, um sicherzugehen, dass die Kellner: innen verste‐ hen, dass ich keine Eier essen darf. Falls es besser wäre, das anders zu formulieren, um die Botschaft in der jewei‐ ligen Zielsprache insgesamt verständlicher zu machen, bitte lasst mich das gerne wissen.“ (SCR, Ü_Allergie, 02.04.2019) 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 257 <?page no="258"?> 5 „HINWEIS: ES GIBT EIN FISCHÖL VON NORDSEEFI‐ SCHEN. ICH MUSS ES MEINEM KIND VERABREICHEN UND VERSTEHE DIE DETAILS NICHT. BITTE HELFEN SIE MIR. Die Medizin heißt ‚LIVRALYSI‘. VIELEN DANK IM VORAUS! “ (SCR, Ü_Dosierung, 23.01.2012) 6 „Hallo. Hoffe, es gibt hier jemand, der mir helfen kann. Würde gerne ein Tattoo machen lassen, wo dieser Text enthalten sein sollte. Konnte aber nicht wirklich eine Seite finden, wo ich der Übersetzung vertraut hätte; nur diese Website erscheint mir glaubwürdig! Ich hoffe auf Hilfe, danke, [Nutzer]“ (SCR, Ü_Tattoo, 04.12.2010) 7 „Das möchte ich in unsere Hochzeitsringe gravieren lassen. Die erste Zeile kommt auf einen, die zweite auf den anderen Ring.“ (SCR, Ü_Hochzeitsringe, 25.06.2009) 8 „Dies ist eine Kampagne, die im Mai beginnt - und die Phrase wird auf Armbänder, Hemden, Mützen usw. gedruckt.“ (SCR, Ü_Kampagne, 19.04.2009) Gewünschte Wir‐ kung der Überset‐ zung 9 „sehr traurig bitte“ (SCR, Ü_Emotionen, 15.06.2009) 10 „Nachricht für den Mann meines Lebens“ (SCR, Ü_Lie‐ besbotschaft, 22.08.2008) Layoutanforde‐ rungen 11 „Bitte die Übersetzung im selben Layout gestalten! “ (SCR, Ü_Liedtext, 10.08.2010) 12 „Bitte die Tags [b] und [/ b] so beibehalten, wie sie sind, und nur den Text zwischen ihnen übersetzen.“ (SCR, Ü_Tags, 01.04.2008) Besondere Schrift‐ formate 13 „Ich hätte gerne, dass dieser Text in Runen mit 24 Zei‐ chen, Futhark, übersetzt wird; d. h. auch in der damaligen (500-800 n.-Chr.) ‚dänischen Sprache‘, wie sie u. a. auch in Norwegen gesprochen wurde. Also: NICHT bloß eine Übersetzung ins zeitgenössische Dänisch! “ (SCR, Ü_Ru‐ nen, 15.12.2010) Präzisieren der ge‐ wünschten sprach‐ lichen Variante, einer neuen Spra‐ che oder eines bestimmten Regis‐ ters bzw. Stils 14 „Britisches Englisch, bitte“ (SCR, Ü_Brief_BritEng, 09.09.2009) 15 „amerikanisches Englisch, Französisch aus Frankreich“ (SCR, Ü_Freundschaft, 01.04.2013) 16 „Ich bräuchte auch eine Übersetzung in den Mapudun‐ gún-Dialekt des Mapuche-Stamms (im Süden von Chile)“ (SCR, Ü_Mapudungún, 24.03.2009) 17 „[…] es sollte eine förmliche, elegante, reichhaltige und komplexe Sprache verwendet werden“ (SCR, Ü_Stilvor‐ gabe, 03.12.2011) 258 6 Praxen <?page no="259"?> Wunsch, dass Übersetzung von bestimmter Person angefertigt wird 18 „[Nutzerin A], hast du Lust, das zu übernehmen, oder [Nutzer B]? ? ? ? Ein: e amerikanische: r Brieffreund: in hat mir das geschickt und gefragt, ob ich das übersetzt bekommen könnte.“ (SCR, Ü_Brieffreundin, 15.11.2009) 19 „Ich hätte gerne, dass [Nutzerin A] diese Worte für mich übersetzt, obwohl sie überarbeitet ist, aber es eilt nicht.“ (SCR, Ü_konkrete Übersetzerin, 28.09.2009) Anmerkungen der Administra‐ tor: innen 20 „Diakritika in Anfrage überarbeitet und Anfrage akzep‐ tiert, auch wenn es kein konjugiertes Verb gibt, weil es sich um ein Motto handelt. <Admins>“ (SCR, Ü_Motto, 14.07.2009) 21 „Diakritika überarbeitet <[Nutzerin A]>“ (SCR, Ü_Brief_Sohn, 16.08.2010) 22 „Anm. d. Admin.: Das mag eine Übersetzungsanfrage für ein Einzelwort sein. Es wurde aber von unserem Webmaster angefragt, weshalb die Anfrage akzeptiert wird. Das Wort soll an unterschiedlichen Stellen unseres Interface auf [Translaville] verwendet werden.“ (SCR, Ü_Einzelwort, 20.04.2009) Tabelle 9: Übersicht über verschiedene Arten spezifischer Anweisungen in Überset‐ zungsanfragen Nachdem eine neue Übersetzungsanfrage hochgeladen wurde, erscheint diese in einer laufend aktualisierten Übersicht der neuesten Übersetzungsanfragen (vgl. Anhang A.2). Bevor die dort aufscheinenden Ausgangstexte aber übersetzt werden, werden sie - bei Auffälligkeiten - von den Administrator: innen noch einmal in Hinblick auf die Einhaltung der Community-Regeln überprüft. Falls die Administrator: innen die Ausgangssprache nicht beherrschen, werden sie dabei von den Expert: innen für die jeweilige Sprache unterstützt. Überprüft wird dabei auch die Nachvollziehbarkeit des Ausgangstexts, da gerade fehler‐ hafte Übersetzungsanfragen eine große Frustrationsquelle in der Community darzustellen scheinen. Bei offensichtlichen Problemen (z. B. Inkonsistenz, grobe orthografische Mängel etc.) wird das Mitglied, das die Anfrage hochgeladen hat, gebeten, den Text zu korrigieren (V090, V118). Wird dem nicht Folge geleistet, so wird die Übersetzungsanfrage oft zu einer Rohübersetzung herabgestuft („Nur Bedeutung“, siehe oben), wo dies sinnvoll ist, oder werden die Anfragen gänzlich gelöscht (V059). 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 259 <?page no="260"?> 6.2.2 Übersetzen von regulären Übersetzungsanfragen Um einen Text zu übersetzen, suchen sich die Nutzer: innen von Translaville in der Regel eine Übersetzungsanfrage von der laufend aktualisierten Übersichts‐ seite (vgl. Anhang A.2) aus, die registrierten Mitgliedern auch als Startseite angezeigt wird. Eine Filterfunktion erlaubt ein Einschränken auf Anfragen in der relevanten Sprachkombination. Wird eine Übersetzung innerhalb von wenigen Tagen nicht bearbeitet, so erhalten alle Mitglieder mit der entsprechen‐ den Sprachkombination eine E-Mail-Erinnerung, dass eine Übersetzung für sie verfügbar ist. Beschreibt man diese Form der Übersetzungspraxis mit Rückgriff auf die in Kapitel 2.2 vorgestellten Begriffe rund um gemeinschaftsbasierte Überset‐ zung, so kann diese in Hinblick auf die Beauftragung bzw. Auswahl der zu übersetzenden Texte wohl als eine Hybridform mit Elementen von sowohl „solicited translation“ wie auch „unsolicited translation“ gesehen werden ( Ji‐ ménez-Crespo 2017a: 28; 31; O’Hagan 2009). Mit „solicited translation“ hat die Übersetzungspraxis auf Translaville gemein, dass es auch hier eine Form der Beauftragung von Übersetzungen gibt. Üblicherweise werden unter dem Begriff der „solicited translation“ jedoch Plattformen mit einer recht rigiden „top down structure“ ( Jiménez-Crespo 2017a: 28) zusammengefasst, wo die Ausgangstexte von einem: einer zentralen Auftraggeber: in (meist auch der: die Plattformbetreiber: in) ausgewählt und zur Übersetzung freigegeben werden. „Unsolicited translation“ bezeichnet hingegen stärker „bottom up“ (ibid.) orga‐ nisierte Beauftragungsprozesse. Einem solchen entspricht die Übersetzungspra‐ xis auf Translaville ebenfalls in mancher Hinsicht. O’Hagan (2009) verweist im Zusammenhang mit „unsolicited translation“ insbesondere auf verschiedene Formen der Fanübersetzung, wo Fans oft selbst Texte auswählen, die sie dann auch selbst übersetzen möchten. Wie im vorigen Abschnitt (Kap. 6.2.1) erwähnt wurde, kommt diese Art der ‚Initiation‘ von Übersetzungen (vgl. dazu auch Hebenstreit 2019: 140 ff.) durch die Übersetzer: innen selbst (und nicht durch eine andere Person) auch auf Translaville vor, wenn auch selten. In den meisten Fällen sind der: die eine Übersetzung anfragende Nutzer: in und der: die Übersetzer: in nicht dieselbe Person. In jedem Fall kann die Beauftragungspraxis auf Trans‐ laville als ‚nutzer: innengenerierte Übersetzung‘ bezeichnet werden, wo alle Inhalte von den Mitgliedern einer Community zur Verfügung gestellt werden (und oft auch eigens für diesen Zweck verfasst wurden) und von derselben Community dann übersetzt werden. Die Übersetzung selbst erfolgt auf Translaville meist individuell und wird online über ein Eingabeformular bearbeitet (vgl. Anhang A.3). Der breitere Übersetzungsprozess - zu dem auch die Diskussion des Übersetzungsvorschlags 260 6 Praxen <?page no="261"?> 85 Beispiele für diese zeitlich beschränkte ‚Reservierung‘ von Ausgangstexten: Text mit 32 Wörtern: beschränkt auf 6min 15sek (SCR, Ü_A lebt in Belgrad, 09.10.2020) Text mit 74 Wörtern: beschränkt auf 16min 30sek (SCR, Ü2_Fertigungstechnik, 22.07.2018) mit anderen Mitgliedern, die Evaluierung sowie die eventuelle Überarbeitung von Übersetzungen gerechnet werden können - kann jedoch in jedem Fall als gemeinschaftliches (bzw. kollaboratives) Projekt bezeichnet werden. Das in Anhang A.3 angeführte Übersetzungsformular zeigt eine Reihe von Spezifika der Übersetzungspraxis auf Translaville. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang etwa eine Zeitbeschränkung für die Fertigstellung jeder Über‐ setzung. Beginnt ein: e Übersetzer: in mit der Bearbeitung einer Übersetzungs‐ anfrage, so wird je nach Länge des Ausgangstexts ein bestimmter Zeitrahmen im Eingabeformular eingeblendet. Für diese Dauer ist die Übersetzung für den: die Nutzer: in reserviert und kann nicht gleichzeitig von einer anderen Person bearbeitet werden. Damit soll verhindert werden, dass verschiedene Versionen einer Übersetzung entstehen, die dann alle gesondert evaluiert werden müssen. Wenn diese Funktion auch in einer besseren Steuerung des gemeinschaftli‐ chen Übersetzungsprozesses begründet liegt, so wirkt sich ein derart begrenzter zeitlicher Rahmen 85 doch auch auf die individuelle Übersetzungspraxis der Nutzer: innen aus. Der Eindruck eines gewissen Zeitdrucks beim Übersetzen wird durch eine entsprechende Formulierung im Eingabeformular verstärkt, wo Nutzer: innen gewarnt werden, nach Zeitablauf „könnte ein anderer Nutzer vor [i]hnen die Übersetzung hochladen und [i]hre Arbeit geh[e] verloren“ (vgl. Anhang A.3). Damit wird einerseits an die Kompetitivität der Übersetzer: in‐ nen appelliert, andererseits wird so aber auch ein Gefühl von Dringlichkeit vermittelt. Das Problem, dass nach Ablauf der Zeit bereits ein anderes Mitglied an derselben Übersetzung arbeiten könnte, mag zwar über einen gewissen Zeitraum mit sehr hoher Aktivität auf Translaville für sehr häufig vertretene Sprachkombinationen bestanden haben, dürfte aber in einem Großteil der Fälle nicht wirklich gegeben gewesen sein. Dennoch bemühen die Übersetzer: innen sich offenbar, innerhalb dieser Zeit zu bleiben - auch wenn dies auf Kosten von Zeit für Recherche, sorgfältiges Korrekturlesen oder eine etwas aufwändi‐ gere Anpassung an Vorgaben im Übersetzungsauftrag geht. Andere wiederum tauschen sich im Forum über Möglichkeiten aus, wie um die Zeitbeschränkung herumgearbeitet werden kann (vgl. das Beispiel in Tab.-10). 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 261 <?page no="262"?> V112_001 01.06.2008 16: 40 Nutzer A Hallo! Es wäre hilfreich, wenn man (be‐ vor man den „Übersetzen“-Button anklickt) wüsste, wie viel Zeit man hat, um den Text zu übersetzen. Ich mache meine Übersetzungen meistens offline, oder vielmehr in einem Word-Dokument, damit ich mehr Zeit habe, um ein paar Wörter im Wörterbuch nachzu‐ schlagen. Ich hoffe, ihr versteht, was ich meine hehehe V112_002 03.06.2008 07: 55 Nutzerin B Ich glaube, ich weiß, was du meinst, [Nutzer A]… Es hängt von der Textlänge ab. Kurzer Text - ein paar Minuten, langer Text - MEHR MINUTEN. V112_003 04.06.2008 16: 17 Nutzerin C Ein kleiner „Trick“: Das mache ich manch‐ mal, um mich nicht zu stressen (ich hoffe, das ist erlaubt): Klick einfach auf den „Ak‐ tualisieren“-Button [im Browser] und du be‐ kommst dieselbe Zeit noch einmal. V112_004 04.06.2008 16: 32 Admin Du Gaunerin! V112_005 04.06.2008 16: 34 Nutzerin C Ooooh, verzeih mir, ich habe nirgends in unseren Regeln gelesen, dass das verboten ist. Bannst du mich jetzt? V112_006 04.06.2008 16: 36 Admin Danke, dass du mir das gezeigt hast. V112_007 04.06.2008 16: 51 Nutzerin C Neeein, jetzt habe ich mein Geheimnis ver‐ raten! Sogar [Admin], einer unserer großen Bosse hier auf [Translaville], hat das davor noch nicht gewusst-… V112_008 04.06.2008 17: 00 Nutzer A hahaha lol, danke für diesen „Trick“ Tabelle 10: Austausch über das Erfahren und Umgehen der Zeitbeschränkung beim Übersetzen Aus technografischer Perspektive rückt in diesem Beispiel auch ein zentraler Aspekt soziotechnischer Agency in den Vordergrund, nämlich das widerständige bzw. anpassende Handeln von Nutzer: innen als Reaktion auf als zu rigide empfundene technische Strukturen (vgl. dazu auch Kap.-8.3 und Kap.-8.4). Wie die Anwendungsoberfläche für Übersetzungsanfragen liefert auch das Formular zum Verfassen von Übersetzungen Hinweise auf die normativen Vorstellungen vom Übersetzen der Community (vgl. Kap. 7.1): Diese zeigen sich etwa in der Form von Warnhinweisen zu einem Verbot maschineller 262 6 Praxen <?page no="263"?> Übersetzungen; einer Erinnerung, nur in die Erstsprache bzw. in eine Spra‐ che, die „fließend“ (vgl. Anhang A.3) gesprochen wird, zu übersetzen; sowie einem Hinweis, beim Übersetzen möglichst sorgfältig zu arbeiten. In verschie‐ denen Sprachversionen wurde dieses Eingabeformular auch angepasst, um sprachenspezifische Probleme zu antizipieren, z. B. in der Zeichensetzung oder Verwendung von Diakritika oder im Zusammenhang mit bestimmten Schriften (V021_002). Mit der Funktion „Eine neue Zielsprache für diesen Text anfordern“ können Nutzer: innen außerdem jeder Übersetzungsanfrage zusätzliche Zielsprachen hinzufügen, unabhängig davon, ob sie den Ausgangstext selbst hochgeladen haben oder nicht. Das wird in der Regel dann genutzt, wenn für einen Aus‐ gangstext eine sogenannte „Brücke“ oder Relaisübersetzung zur Verfügung gestellt wird. Übersetzer: innen können aber auch einfach entscheiden, einem Text, der ihnen gefällt, eine Übersetzung in einer neuen Sprache hinzuzufügen. Wie dies häufig im Bereich der Amateurübersetzung der Fall ist, bricht die Übersetzungspraxis auf Translaville somit auch hier mit der traditionellen Auftraggeber: innen-Übersetzer: innen-Beziehung: Übersetzt wird nicht nur das, wofür ein: e Auftraggeber: in Bedarf anmeldet, sondern oft vor allem, womit der: die Übersetzer: in sich besonders auseinandersetzen möchte. Nach Absenden der fertigen Übersetzung werden dem: der Nutzer: in die mit der Übersetzung ‚verdienten‘ Übersetzungspunkte zunächst als „virtuelle Punkte“ gutgeschrieben und die Übersetzung wird zur Evaluierung an ‚Ex‐ pert: innen‘ für die jeweilige Zielsprache weitergeleitet. Sobald die Übersetzung von diesen akzeptiert wurde, können die Nutzer: innen über die neu erhaltenen Übersetzungspunkte verfügen. 6.2.3 Übersetzen der Plattformneuigkeiten Eine Sonderform des oben vorgestellten Übersetzungsprozesses bildet die Über‐ setzung von Plattformneuigkeiten. Dabei handelt es sich um vom Entwickler von Translaville regelmäßig verfasste Kurznachrichten zu Neuerungen auf Translaville, die anschließend in einer speziellen Forensektion veröffentlicht werden. Da diese Forensektion automatisch in allen Sprachversionen von Translaville angelegt ist, werden die Nachrichten von den Mitgliedern in alle Plattformsprachen übersetzt. Ansonsten unterscheiden sich der Übersetzungs‐ prozess sowie die dafür vorgesehene Online-Umgebung jedoch nicht von den oben beschriebenen regulären Übersetzungsanfragen bzw. Übersetzungen. 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 263 <?page no="264"?> 6.2.4 Übersetzen der Online-Umgebung von Translaville Abgesehen von den regulären Übersetzungsanfragen besteht auf Translaville - vor allem in den ersten Jahren nach Gründung - auch ein großer Übersetzungs‐ bedarf für verschiedene Elemente des Plattform-Designs in den bei Ende der Datenerhebung 34 Sprachversionen von Translaville. Wie Interviewpartner 1 erklärt (I1, 00: 05: 42-00: 07: 31), habe es sich dabei um eine zentrale Aufgabe für die Mitglieder ‚der ersten Stunde‘ gehandelt, welche diesen Mitgliedern auch viele Übersetzungspunkte - und damit wohl auch eine zentrale Stellung in der sozialen Hierarchie von Translaville - eingebracht habe. In vielen Fällen sind es die Nutzer: innen selbst, die die Einrichtung einer neuen Sprachversion anregen. So finden sich im Forum zahlreiche Bitten von Mitgliedern an den Entwickler, sie würden die Plattform gerne in ihrer Erstsprache nutzen. Das folgende Beispiel zeigt etwa, wie stark emotional besetzt die Frage nach einer ‚eigenen‘ Sprachversion für viele Nutzer: innen ist: WÜ032_001 - 06.08.2007 04: 19 […] Ich würde mir wirklich wünschen, an der Umsetzung einer koreanischen Version von [Translaville] mitzuwirken. […] Es macht mich so unglücklich - und ich finde es ganz schlimm -, dass ich meine Sprache noch nicht [als Auswahloption] auf der Hauptseite von [Translaville] sehe. ^^ Ein Nutzer erklärt auch, er verbinde mit einer neuen färöischen Version von Translaville die Hoffnung, die Plattform werde für mehr Mitglieder aus diesem Sprachraum attraktiv und er erhalte somit auch mehr Übersetzungsanfragen in der Sprache (WÜ063_003). Im Laufe der Zeit melden sich einige Nutzer: innen freiwillig für die Überset‐ zung des Web-Interface in bestimmte Sprachen (WÜ061, WÜ067). Zum Teil bleibt es dabei jedoch bei Versuchen: Manche Mitglieder liefern nach Abflauen des anfänglichen Enthusiasmus nicht viel mehr als ein paar Begriffe und zeigen wenig Verständnis für die Entscheidung des Entwicklers, eine Sprachversion nur dann online zu stellen, wenn alle Elemente der Plattform übersetzt sind, anstatt einfach nur nach und nach einzelne Elemente der Online-Umgebung durch Übersetzungen auszutauschen (WÜ067). Vielfach wird auch der Aufwand für eine neue Sprachversion unterschätzt: Mit der laufenden Weiterentwick‐ lung der Plattform wuchs zugleich die Anzahl der Sprachdateien für eine Übersetzung des Grundgerüsts der Online-Umgebung. So war etwa 2005 von 400 bis 450 Sprachdateien für die schwedische Version von Translaville die Rede (WÜ006_002; WÜ007_002), während die Anzahl der Dateien 2006, für die norwegische Übersetzung, bereits auf 600 angewachsen war (WÜ011_002). Jede 264 6 Praxen <?page no="265"?> Datei umfasst einzelne zu übersetzende Segmente. Den Gesamtumfang schätzt der Entwickler 2007 im Zusammenhang mit der koreanischen Version auf ca. 20.000 Wörter ein (WÜ032_002). Nutzer A im unten angefügten Forenthread wünscht sich, dass Armenisch als neue Sprachoption ergänzt wird und zeigt sich erstaunt darüber, dass es dafür auch eine armenische Sprachversion des Web-Interface braucht - und darüber, wie viel Aufwand in diesem Zusammen‐ hang vonseiten der Community-Betreiber: innen betrieben wird: V133_001 29.12.2008 20: 02 - Nutzer A Hallo Leute, ich kann meine Muttersprache im Scroll-Down-Menü nicht finden. Also wer auch immer dafür zuständig ist: Bitte Armenisch (HY) hinzufügen V133_002 29.12.2008 20: 14 - Admin Hallo [Nutzer A]! Ja, es wäre großartig Armenisch ergänzen zu können, aber damit Armenisch ins Scroll-Down-Menü aufgenommen werden kann, muss jemand zuerst die ge‐ samte Benutzungsumgebung von [Translaville] ins Arme‐ nische übersetzen. Kannst du dir vorstellen, das zu machen? Wenn ja, dann kann ich deinen Vorschlag an unseren Webmaster weiter‐ leiten und er erklärt dir dann, wie ihr mit dem armenischen Interface weitermachen könnt, ok? CC: [Entwickler] V133_003 30.12.2008 17: 06 - Nutzer A Hi, das wird bestimmt sehr zeitaufwändig sein… Ihr habt eine übersetzte Online-Umgebung für jede einzelne Sprache, die ihr im Menü aufführt? Ich kann mir das über‐ haupt nicht vorstellen. Lass mich das kurz checken. Grüße, [Nutzer A] V133_004 01.01.2009 13: 44 - Entwick‐ ler Hey [Nutzer A], willst du das Interface ins Armenische übersetzen? Ich müsste dir dafür die Sprachdateien per Mail schicken. Wie kommt’s, dass plötzlich so viele Leute die Seite auf Armenisch übersetzt haben möchten? V133_005 02.01.2009 15: 45 - Nutzer A Sorry, keine Zeit-… V133_006 02.01.2009 16: 28 - Admin Du bist entschuldigt! Jetzt ist dir bewusst, dass eine neue Sprache nicht einfach so im Handumdrehen ergänzt werden kann. Tabelle 11: Diskussion über die Aufnahme von Armenisch Bei einem ersthaften Beginn der Arbeit an der Übersetzung für eine neue Sprachversion beauftragt der Entwickler in der Regel einzelne Nutzer: innen, zu 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 265 <?page no="266"?> denen aus verschiedenen Gründen ein gewisses Vertrauen besteht (z. B. längere ‚Bekanntschaft‘ auf Translaville, sehr gute Bewertungen für Übersetzungen, Erfahrung mit ähnlichen Projekten etc.). Einige der in die Plattformübersetzung involvierten Nutzer: innen geben auch an, an dem Projekt interessiert zu sein, weil sie in der Vergangenheit bereits an der Übersetzung von Open-Source-Soft‐ ware beteiligt waren (WÜ018_001). Für eine neue Sprachversion müssen zwei Arten von Web-Inhalten übersetzt werden: einerseits das fixe Grundgerüst der Plattformumgebung („hard coded“, WÜ066_002), und andererseits Inhalte, die im Wiki-Format angelegt sind. Letzteres betrifft Seiten mit größeren Textabschnitten, die öfter überarbeitet werden, wie z. B. die FAQ-Seite oder die Community-Regeln. Hier kann Text auch von Expert: innen und Administrator: innen einfach geändert werden. Die Übersetzung des Grundgerüsts der Plattformoberfläche erfolgt, anders als die oben besprochenen regulären Übersetzungsanfragen, nicht online über ein Eingabeformular. Da es sich dabei um ein recht großes Übersetzungsvolumen handelt, ergehen die zu übersetzenden Sprachdateien vom Entwickler per Mail an interessierte Mitglieder, die dann offline die einzelnen Sprachdateien überset‐ zen (WÜ063). Dabei scheint es sich üblicherweise um Einzelprojekte gehandelt zu haben. Nur für die vietnamesische Version wurde eine gemeinschaftliche Übersetzung in Gruppenarbeit vorgeschlagen. Allerdings war aus den Diskus‐ sionen im Forum nicht weiter nachvollziehbar, ob das Projekt letztlich auch so umgesetzt wurde (WÜ041). Bevor eine neue Sprachversion online geht, kann sie von den Übersetzer: innen in einer Voransicht überprüft werden. Um aber auch selbst Korrekturen vorneh‐ men zu können, brauchen die Übersetzer: innen Expert: innen-Status. Für viele Mitglieder ist die Beteiligung an der Übersetzung der Plattformoberfläche somit ein Trittbrett für den Expert: innen-Status (z. B. WÜ018). Korrekturen werden aber nicht automatisch auf der Seite übernommen, sondern müssen vom Entwickler erst händisch in die entsprechenden Sprachdateien übertragen werden - ein recht zeitintensives Unterfangen: „Update der Seitenübersetzungen: 3 Stunden damit verbracht! “ (Entwickler, A115_001). Im Gegensatz dazu steht für die Übersetzung der laufend aktualisierten Inhalte im Wiki-Format eine eigene Online-Umgebung zur Verfügung (vgl. Anhang A.4). Gerade bei den Wiki-Inhalten wird nicht immer ein vollständiger Text übersetzt, sondern weitaus öfter ein bestehender Text überarbeitet. Die dafür konzipierte Übersetzungsumgebung sollte daher den spezifischen Schwierigkeiten der Über‐ setzung solcher relativ dynamischen Inhalte gerecht werden und integriert dafür eine Ansicht mit Versionenvergleich, in der die bestehende und neue Version eines Texts einander gegenübergestellt und veränderte Textpassagen automatisch 266 6 Praxen <?page no="267"?> markiert werden. Dadurch soll für Übersetzende nicht nur sichtbar sein, was zu übersetzen ist, sondern auch, was der größere Kontext der betreffenden Textstelle ist. Die Textversionen werden dabei automatisiert grob in gleichbleibende, neue und überarbeitete Abschnitte segmentiert (siehe Screenshot in Anhang A.4). Wie der Forenbeitrag unten zeigt, ist dieses Format aber gerade bei stark überarbeiteten Passagen in der Praxis nicht immer so hilfreich wie beabsichtigt: V090_071 - 07.01.2008 14: 28 [Entwickler], ich habe versucht, das Wiki zur ‚Ablehnung von Über‐ setzungen‘ zu übersetzen und habe es jetzt einfach viel zu verwirrend gefunden. Der Text ist in großen Teilen verändert und gekürzt worden. Deshalb hilft das Feature für die Versionenunterschiede eigentlich überhaupt nicht dabei, dass man leichter erkennen kann, was jetzt wirklich geändert wurde. Ich habe schon ein paar übersetzte Versionen gesehen und die Anderen scheinen auch verwirrt zu sein. Wenn es nicht so aufwändig wäre, dann würde ich es für die beste Lösung halten, den Text als vollständig neuen Wiki-Beitrag hochzuladen. […] Schließlich kann beobachtet werden, dass die Praxis des Übersetzens der Benut‐ zungsumgebung in der Community eine wichtige Rolle in Bezug auf überset‐ zungsspezifische Aushandlungsprozesse spielt. Tauscht man sich bei regulären Übersetzungen in erster Linie während oder nach der Evaluierung über bereits bestehende Übersetzungen aus, so merken viele Nutzer: innen bei der Übersetzung der Sprachdateien für das Interface bzw. bei den Wiki-Übersetzungen, dass sie sich eine stärkere Koordination und Abstimmung zwischen den unterschiedlichen Sprachversionen wünschen. Das betrifft insbesondere Unterschiede in Bezug auf den Einsatz eher formeller oder informeller Sprache oder die Verwendung bestimmter Anredeformen (vgl. WÜ029 sowie das Beispiel unten): WÜ001_001 19.08.2005 14: 51 - Nutzer A Hallo! Frage: Sollen wir bei den Übersetzungen eher formelle Sprache (wo möglich) verwenden, oder ist informelle Sprache vorzuziehen? Im Ungarischen gibt es zum Beispiel eine respektvolle, formelle Form, die man verwendet, wenn man sich an Ältere richtet, oder auch bei Amtswegen. Aber in der Online-Kommunikation wird das selten verwendet. Die Verwendung dieser Art von Sprache hängt also vom Stil und der Zielgruppe der Seite ab (z. B. Banken vs. Online-Portale). Ich habe gesehen, dass in einer der deutschsprachigen Übersetzungen eher formelle Sprache verwendet wurde. Sollen wir also das verwenden, oder wäre ein informelle‐ rer Stil besser? [Nutzer A] 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 267 <?page no="268"?> WÜ001_002 19.08.2005 15: 38 - Entwickler neues Forenthema für Diskussion über formelle Anrede‐ formen angelegt WÜ001_003 19.08.2005 15: 50 - Entwickler Ich verwende in der französischen Sprachversion auch die formelle Anredeform, ABER, mir scheint, dass diese formel‐ len Formen sehr von der Sprache und Kultur eines Landes abhängen. In manchen Ländern wird die formelle Form für ausgesprochen respektierte Personen verwendet. Die spanischsprachigen Übersetzer: innen haben die informellere Form verwendet, und ich denke, die ist in Spanien auch am gängigsten. So wie ich deine Nachricht verstehe, scheint mir, dass die formelle Form im Ungarischen für sehr seriöse Zielgruppen verwendet wird (Banken). Meiner Meinung nach könnte man also die informelle Form verwenden, aber für diese Entscheidung ist deine Einschätzung wichtig. Tabelle 12: Aushandeln sprachübergreifender Übersetzungsstrategien Im Zuge dieser Aushandlungsprozesse kommt man schließlich auch überein, dass für die Übersetzung des Web-Interface Einheitlichkeit anzustreben ist, auch wenn andere Mitglieder hier ursprünglich den eigenen, individuellen Gestaltungsfreiraum beim Übersetzen als wichtiger einstufen (WÜ001_004- WÜ001_005). Weitere Diskussionspunkte betreffen etwa den Umgang mit Lehnwörtern aus dem Englischen. Ein aus heutiger Sicht womöglich eher ungewöhnliches Beispiel liefert diesbezüglich etwa der Kommentar eines bra‐ silianischen Nutzers (siehe Beispiel unten). Darin wird deutlich, dass sich die Community auch Gedanken über die Effekte sprachgestalterischer Entschei‐ dungen beim Übersetzen von Lehnwörtern macht (hier z. B. zur Übersetzung von zu dem Zeitpunkt noch nicht lexikalisierten Begriffen aus dem Bereich der Online-Technologien im Jahr 2006): WÜ010_001 06.03.2006 07: 12 Über Internetsprache. Ich habe „linque“ verwendet, um „Link“ zu übersetzen, und „onláine“ für „online“. Ich glaube, das wäre ein guter Weg, um denjenigen, die gerade das Schreiben erlernen, das Leben etwas leichter zu machen. Warum einen Laut mit „i“ schreiben, der eigentlich „ai“ ist? Oder warum das „k“ verwenden, das gar nicht zum portugiesischen Alphabet gehört? Ich würde gerne eure Meinungen dazu lesen. Der hier angesprochene Austausch beim Übersetzen ist auch Anlass und Ausgangspunkt für zahlreiche Überarbeitungen im Originaltext, etwa an Text‐ passagen, bei denen man erst durch die Diskussion in der Community merkt, wie 268 6 Praxen <?page no="269"?> sie vielleicht noch gestrafft oder nachvollziehbarer gestaltet werden könnten (V005_001). Diskutiert und damit hinterfragt wird im Zuge dessen auch der Name der Community selbst. Relevant ist eine tiefergehende Auseinanderset‐ zung über Bedeutung und Symbolkraft des Community-Namens insbesondere bei der Übersetzung in Sprachen mit anderen Schriftsystemen, wo überlegt wird, ob eher eine Transliteration oder aber ein Versuch, den Community-Namen semantisch abzubilden, vorzuziehen sei (PB041_003). 6.2.5 Korrekturleseaufträge Neben den oben beschriebenen Übersetzungsaktivitäten im engeren Sinne wird die Plattform von den Mitgliedern von Translaville auch dazu genutzt, um selbst verfasste Texte Korrekturlesen zu lassen. Interviewpartner 1 beschreibt solche Korrekturleseaufträge als gewissermaßen organisch entstanden - als ein Resul‐ tat eines gewissen Bedarfs, für den das Anfrageformular für Übersetzungen eigentlich zweckfremd genutzt wurde: [A]t some point, [Entwickler] made it possible to/ (.) to leave a comment on the translation to the reviewer: “Your translation is good or is not good, because of this, or because of that” and/ [this was] a very nice tool for people who wanted to [have] their own texts [proofread]. It works the following way: people request (.) his or her text to be translated and on the comment, he put the supposed translation of it, his own version. “I have a text in [language] A and I think it could be translated into language B like this. Can anyone confirm or can anyone proofread? ” So/ people who wanted to translate, would not translate it entirely, only proofread and suggest corrections, minor corrections, for this/ so we started to use the comments feature for this purpose, to post semi or translated versions of the text for people to proofread. (I1, 00: 50: 33-00: 52: 26) Das Beispiel der Nutzung des Übersetzungsformulars für Korrekturlesezwecke zeigt etwas, das in späteren Abschnitten (vgl. Kap. 8) noch aufgegriffen wird, nämlich die Tatsache, dass technische Strukturen nicht automatisch immer die eine Art und Weise vorgeben, wie Nutzer: innen diese verwenden können. Wie dieses Beispiel deutlich macht, finden Nutzer: innen immer wieder widerstän‐ dige oder kreative Möglichkeiten, um sich technische Strukturen anzueignen und diese eigenwillig - also entgegen des intendierten Nutzungszwecks - zu verwenden. Die Praxis des Korrekturlesens ist Gegenstand laufender Diskussionen in der Community: Während einige Nutzer: innen sich eine Korrekturlesemöglichkeit ausdrücklich wünschen (V149), stehen andere einer solchen eher ablehnend 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 269 <?page no="270"?> gegenüber. Die Argumente für und wider kommen dabei aus zwei Richtungen: Für eine Korrekturlesemöglichkeit sprechen sich vor allem diejenigen aus, die sich davon einen Lerneffekt für die anfragenden Nutzer: innen erhoffen. So argu‐ mentiert ein Nutzer etwa, eine Korrekturlesemöglichkeit ermutige Nutzer: innen eher, selbst eine (wenn auch fehlerhafte) Übersetzung zu erarbeiten, anstatt sich einfach eine fertige Übersetzung von anderen liefern zu lassen („Wir sollten die Idee des Selbermachens fördern, anstatt zu versuchen, Faulpelzen etwas Gutes zu tun“, V078_001). Gegen eine Korrekturlesemöglichkeit sprechen sich hingegen jene Mitglieder aus, die als Folge einen starken Mehraufwand für Expert: innen befürchten. Auch ohne eine große Anzahl an Korrekturleseaufträgen würden Mitglieder bereits viel Zeit in die Nachbearbeitung mangelhafter Ausgangstexte investie‐ ren (V138). Das Hauptproblem scheint allerdings in der Tatsache bestanden zu haben, dass die Community keine sinnvolle und technisch leicht umsetzbare Erweiterung des Punktesystems fand, um auch die Verbesserung von Texten mit einer gewissen Punktesumme vergüten zu können (V138_007). Korrekturleseaufträge sind also sehr wohl Teil der übersetzerischen Praxen auf Translaville. Ihnen scheint jedoch keine zentrale Rolle im Plattformgesche‐ hen zuzukommen. 6.2.6 Übersetzungsprojekte Schließlich gehört zu den Übersetzungspraxen auf Translaville auch die Einrich‐ tung und Bearbeitung sogenannter ‚Übersetzungsprojekte‘. Dabei handelt es sich um Sammlungen zusammenhängender Ausgangstextelemente mit größe‐ rem Umfang, die in der Regel in mehrere Sprachen übersetzt werden sollen. Für diese Projekte wird auf der Plattform ein gesonderter Bereich zur Verfü‐ gung gestellt, der vom übersetzerischen Hauptgeschehen auf Translaville (also den regulären Übersetzungsanfragen) allerdings eher abgegrenzt ist: Die dort beauftragten Übersetzungen erscheinen nicht in der Liste der aktuellen Über‐ setzungsanfragen der Mitglieder. Die Seite muss also von interessierten Nut‐ zer: innen aktiv aufgerufen und auf neu verfügbare Übersetzungen durchsucht werden. Auftraggeber: innen (im Projektbereich auch als ‚Projektmanager: in‐ nen‘ bezeichnet) wird daher empfohlen, Übersetzer: innen auch im persönlichen Austausch auf ihre Projekte hinzuweisen (WF035_002). Für die Beauftragung von Übersetzungsprojekten im Projektbereich benöti‐ gen Nutzer: innen keine Übersetzungspunkte - und Übersetzer: innen werden somit für die Erledigung von Übersetzungen auch nicht vergütet. Außerdem können auch nicht-registrierte Internetnutzer: innen sich an den Übersetzungen 270 6 Praxen <?page no="271"?> beteiligen und es gibt keinen Evaluierungsprozess wie bei regulären Überset‐ zungen. Ziel dieser Übersetzungsmöglichkeit scheint es zu sein, auch Auftrag‐ geber: innen, die sich nicht mit eigenen Übersetzungen am Gruppengeschehen beteiligen (können), eine Möglichkeit zu bieten, potenziell interessante Projekte auf Translaville vorzustellen und dafür ehrenamtliche Übersetzer: innen zu finden. Bei der Erstellung des Übersetzungsprojekts legen die Auftraggeber: innen die ausgangssprachlichen Inhalte in der Form von Einzelsegmenten an und wählen die gewünschten Zielsprachen. Für die Übersetzer: innen werden die zu übersetzenden Segmente in einer Liste dargestellt - mit Textfeldern für die Eingabe der Übersetzung bei jedem Segment und der Möglichkeit, Kommentare zur Übersetzung hinzuzufügen (siehe Abb. 9). Beginnt ein: e Nutzer: in mit der Bearbeitung eines Segments, so wird dieses wie bei den regulären Übersetzun‐ gen für eine gewisse Zeit für die Bearbeitung durch andere Übersetzer: innen gesperrt. Abbildung 9: Übersetzung von Einzelsegmenten, Projekt ‚Lateinische Zitate‘ 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 271 <?page no="272"?> Der Projektbereich ist zwar nicht an zentraler Stelle auf Translaville angesie‐ delt - er ist aber dennoch über einen von insgesamt neun Abschnitten des Hauptmenüs aufrufbar. Interessanterweise erklärten dennoch alle der dazu befragten Interviewpartner: innen, sie können sich an Übersetzungsprojekte nicht erinnern. Interviewpartner 2 bestätigt dies sogar nach Aufrufen des entsprechenden Bereichs während des Interviews. Während Interviewpartner 1 und 2 jeweils die Vermutung hegen, der Projektbereich sei erst nach der Zeit ihrer aktiven Nutzung der Plattform eingerichtet worden, zeigt ein genauerer Blick in die dort verfügbaren Projekte, dass bereits 2006 (also dem zweiten Jahr des Bestehens von Translaville) erste Projekte angelegt wurden. Auch in den Forendiskussionen finden sich nur vereinzelt Beiträge, in denen Übersetzungs‐ projekte erwähnt werden. Es kann also davon ausgegangen werden, dass es sich dabei um ein Randphänomen der übersetzerischen Praxen auf Translaville gehandelt haben muss. In diesem Abschnitt wird dennoch versucht, gerade auch den Gründen für die geringe Nutzung der Projektfunktion auf den Grund zu gehen. Schließlich kann davon ausgegangen werden, dass eine solche Analyse auch Aufschluss darüber geben kann, wie die Gestaltung eines virtuellen Objekts (z. B. in Bezug auf die verfügbaren Handlungsoptionen für Übersetzer: innen) sich auf die Bereitwil‐ ligkeit der Mitglieder der Community auswirkt, unvergütet Übersetzungen zur Verfügung zu stellen. In seinen Ausführungen darüber, wie die Wirkungsweisen von Objekten methodisch überhaupt sichtbar gemacht werden können, emp‐ fiehlt Latour (2005: 80 f.) insbesondere den Momenten nachzugehen, wo Objekte scheitern oder technische Gefüge auseinanderbrechen. Immerhin entstünden als Folge solcher Ereignisse ungleich mehr verwertbare Daten (z. B. wie hier in der Form von Forendiskussionen oder unvollständigen Projekteinträgen), die die Wirkungsweisen von Objekten und ihre Einbettung in soziotechnische Gefüge offenbaren, als dies rund um ‚funktionierende‘ und daher oft nur im Stillen wirksame Objekte der Fall ist. Für Forscher: innen zeigt sich dabei, woraus ein soziotechnisches Gefüge besteht und was es - vor dessen Scheitern - am Laufen gehalten hat. Zunächst wurde der Versuch unternommen, der Rolle der Übersetzungspro‐ jekte quantitativ näher zu kommen. Wie Tabelle 13 zeigt, wurden von 2006 bis 2020 insgesamt 89 Übersetzungsprojekte angelegt. 272 6 Praxen <?page no="273"?> 86 Als ‚Kurzzeit-Mitglieder‘ werden hier Nutzer: innen zusammengefasst, deren erster und letzter Besuch auf Translaville innerhalb einer Zeitspanne von unter einem Monat liegt, und die sich außerdem sonst kaum an den Plattformaktivitäten beteiligt haben (kaum Kommentare im Forum, wenig bis gar keine Übersetzungen). ‚Langfristige Mitglieder‘ sind alle übrigen Nutzer: innen. Angelegte Projekte gesamt 89 Projekte mit vorhandenen Sprachdateien 27 / 89 30,3 % Projekte mit Sprachdateien: angefordert von Langzeit-Mitgliedern 21 / 27 77,8 % Projekte mit Sprachdateien: angefordert von Kurzzeit-Mitgliedern 6 / 27 22,2 % Projekte mit Sprachdateien, bei denen Übersetzung begonnen wurde 26 / 27 96,3 % Projekte ohne vorhandene Sprachdateien 62 / 89 69,7 % Projekte ohne Sprachdateien: angefordert von Langzeit-Mitgliedern 19 / 62 30,6 % Projekte ohne Sprachdateien: angefordert von Kurzzeit-Mitgliedern 43 / 62 69,4 % von Langzeitmitgliedern angeforderte Projekte 40 / 89 44,9 % von Kurzzeitmitgliedern angeforderte Projekte 49 / 89 55,1 % Durchschnittl. Anzahl der Ausgangssegmente bei Projekten mit Sprachdateien 142,1 - Durchschnittl. Anzahl angefragter Ausgangssprachen bei Projekten mit Sprachdateien 25,8 - Tabelle 13: Eckdaten zu Übersetzungsprojekten im Projektbereich von Translaville Ein erstes Indiz dafür, dass der Projektbereich sich auf Translaville nie so richtig durchsetzen konnte, ist die große Anzahl der eigentlich unvollständig angeleg‐ ten Projekte: Von den insgesamt 89 Projekten sind nur in 27 Projekten auch wirklich zu übersetzende Ausgangstextsegmente bzw. Sprachdateien erfasst. Die restlichen 62 Projekte wurden entweder nicht fertig angelegt, entstanden durch die Eingabe von Inhalten an falscher Stelle (Anfragen, die eigentlich als reguläre Anfragen beabsichtigt waren; Kommentare, die eigentlich für das Forum bestimmt waren), waren eigentlich Stellenanzeigen, oder vor allem in den letzten Jahren auch Spam. Ein genauerer Blick auf die Person der Projektmanager: innen zeigt außerdem einen klaren Unterschied dahingehend, ob die beauftragende Person nur kurzzeitig 86 oder langfristig auf Translaville aktiv ist bzw. war: Vollständig angelegte Übersetzungsprojekte stammten zu 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 273 <?page no="274"?> 77,8 % von Langzeitmitgliedern, wohingegen die Projekteinträge mit fehlenden Ausgangstextsegmenten zu 69,4 % von Kurzzeit-Mitgliedern angefordert wur‐ den. Grund dafür könnte mangelnde Kenntnis der Plattformprozesse seitens der Kurzzeit-Mitglieder sein, eine nicht ausreichende Intuitivität des Web-Interface im Projektbereich (vgl. dazu auch die Diskussion in Tab. 14 weiter unten) bzw. die Tatsache, dass auch Spam in der Regel kurzfristigen Nutzer: innen zuzuordnen ist. Von den 27 Projekten mit vorhandenen Sprachdateien wurde in 26 auch mit der Übersetzung begonnen - allerdings sind die Übersetzungen oft nicht vollständig und wurden auch selten in allen angeforderten Sprachen begonnen. Was außerdem darauf hindeutet, dass es sich beim Projektbereich eher um einen Versuch handelte, der von den wirklich aktiven Nutzer: innen von Translaville irgendwann nicht mehr weiterverfolgt wurde, ist die Entwicklung der Übersetzungsanfragen im Laufe der Zeit. So zeigt etwa das Diagramm unten (Abb. 10), dass die erfolgreichen Übersetzungsprojekte (also solche mit angelegten Ausgangstextsegmenten) auf die Zeit von 2006 bis 2013 beschränkt sind - wobei im Jahr 2007 am meisten Übersetzungsprojekte zu verzeichnen sind, die auch weiterverfolgt wurden. Insgesamt am meisten Projekteinträge gibt es zwar im Jahr 2012. Von den 14 angelegten Projekten enthält aber nur eines auch wirklich zu übersetzende Textpassagen. Ab 2014 gibt es also kein ‚echtes‘ neues Projekt mehr auf Translaville. Abbildung 10: Anzahl der jährlich im Projektbereich angelegten Übersetzungsprojekte 274 6 Praxen <?page no="275"?> Inhaltlich decken die Projekte unterschiedliche Bereiche ab: von Lokalisierungs‐ projekten über Sprachlernmaterial oder Patient: innen-Kommunikation bis hin zu häufigen Phrasen aus der Alltagssprache. Diskussionen im Forum lassen darauf schließen, dass der Projektbereich auch dazu genutzt wurde, um Anfra‐ gen, die im Bereich für die regulären Übersetzungen weniger erwünscht waren (z. B. Einzelwörter, wiederkehrende Phrasen), an einer Stelle zu bündeln. Einen entsprechenden Vorschlag liefert im Kommentar unten etwa der Gruppengrün‐ der in Bezug auf Anfragen zur Übersetzung von Namen: WÜ043_010 12.03.2007 07: 40 Vielleicht werde ich eines Tages ein Projekt für die Über‐ setzung von Namen anlegen (sobald der Projektbereich sich dafür eignet). Damit werden wir alle Übersetzungs‐ anfragen für Namen hier in der Hauptsektion los. Wenn ihr in der Zwischenzeit eine Anfrage für die Über‐ setzung von Namen seht, die nicht sehr klar ist und ohne Kontext/ Kommentare, bitte zögert nicht euch bei den Admins zu melden, damit sie die Anfrage entfernen können. […] Ähnlich verfuhr man etwa mit einem Projekt zur Übersetzung bekannter lateinischer Zitate (vgl. Abb. 9, oben). Durch das Verschieben gewisser Anfragen in den Projektbereich ließ sich vermeiden, dass Übersetzer: innen Punkte für Anfragen bekommen, die man als zu einfach einschätzte, und es entstand kein Evaluierungsaufwand für Expert: innen. Wenig erfolgreich war die Projektfunktion auf Translaville vermutlich vor allem deshalb, weil sie für die Nutzer: innen offenbar zu wenig intuitiv gestaltet war. Das lässt zunächst die oben genannte, außergewöhnlich hohe Anzahl an Projekten vermuten, die bereits in der Phase des ‚Anlegens‘ scheiterten; und auch die untenstehende Diskussion im Forum macht deutlich, dass Nutzer: innen mit der Handhabung der dafür zur Verfügung stehenden Anwendungsumge‐ bung Schwierigkeiten hatten: WÜ043_149 18.04.2007 09: 02 - Entwick‐ ler Hi [Nutzerin A], ich habe dein nagelneues Projekt wieder gelöscht. Funktioniert leider anders. Ich habe hier ein Projekt angelegt: [Link] Jetzt bist du Administratorin dieses Projekts, du kannst neue Texte eingeben. Ich habe mit 4 Sätzen begonnen. Nur du und ich können neue Texte hinzufügen. Jede: r, der: die selbst Inhalte zu dem Projekt hinzufügen möchte, kann Admi‐ nistrator: in werden, wenn er: sie mich fragt. Die neuen Sätze müssen zuerst auf Englisch eingegeben werden, damit ein neuer Eintrag angelegt wird. Dann können sie in alle Sprachen übersetzt werden. 6.2 Übersetzen und übersetzt werden 275 <?page no="276"?> Leider gibt es noch keine Suchfunktion, um die bereits eigegebenen Sätze durchsuchbar zu machen. Ich denke, da gibt es jede Menge Features, die man noch zum Projektbereich hinzufügen müsste, damit er für alle gut nutzbar ist. Schickt mir eure Vorschläge! WÜ043_150 18.04.2007 09: 05 - Nutzerin A Ja, danke, [Entwickler], ich wusste nicht, wie das geht. Ich finde den Projektbereich ein wenig kompliziert. WÜ043_151 18.04.2007 09: 11 - Entwick‐ ler Ja, nicht einfach. Wenn du neuen Text eingeben magst, melde dich bei mir und ich erkläre dir, wie du das am besten machst. […] Tabelle 14: Austausch über Schwierigkeiten mit der Nutzung der Projektfunktion beim Anlegen von Projekten Die teilnehmende Beobachtung lässt schließlich weitere Vermutungen zu, warum der Projektbereich aus der Sicht der Übersetzer: innen weniger Zulauf ge‐ habt haben könnte: (1) die Tatsache, dass Übersetzer: innen keine Punkte für ihre Übersetzungen bekommen, (2) die Frustration mit einer Plattformumgebung, in der unerfahrene Nutzer: innen immer wieder Inhalte an falscher Stelle eintragen (z. B. Übersetzungen im Kommentarfeld) oder unabsichtlich den Ausgangstext bearbeiten, was zu Verwirrung und großem Aufwand in der Datenbereinigung führt, und nicht zuletzt (3) der Umstand, dass im Projektbereich - anders als bei den regulären Übersetzungen - zwar Kommentare, aber kein wirklicher Austausch mit anderen Mitgliedern möglich ist. Die soziale Komponente, die einen Kern gemeinschaftsbasierter Übersetzungsinitiativen auszumachen scheint, ist hier also nicht im selben Ausmaß gegeben. Aus der Sicht der Auftraggeber: innen bzw. Initiator: innen mag sich die Projektfunktion außerdem als teilweise nachteilig herausstellen, weil in diesem Übersetzungsprozess keine Evaluierung der Übersetzungen vorgesehen ist - und, weil es mitunter sehr lange dauert, bis Projekte (in allen angeforderten Sprachen) begonnen werden, und viele von ihnen nie fertig gestellt werden. 6.3 Weitere übersetzungsrelevante Praxen Zusätzlich zu den in den letzten Abschnitten diskutierten Praxen des Überset‐ zens im engeren Sinne lassen sich eine Reihe weitere Teilpraxen rund um 276 6 Praxen <?page no="277"?> das Übersetzen identifizieren, die Übersetzen erst zu dem gemeinschaftlichen Projekt machen, zu dem es mit der Zeit auf Translaville wird. Dazu gehören etwa das Zusammentragen von Hilfsmitteln innerhalb der Community, das Sammeln oder Spenden von Übersetzungspunkten und das gemeinschaftliche Bewerten und Überarbeiten von Übersetzungsentwürfen. Die in den folgenden Abschnitten präsentierten Beobachtungen zeigen, dass ein großer Teil der Bestrebungen in der Community primär darauf ausgerichtet ist, möglichst viele Menschen in den Austausch rund um Übersetzungen einzubinden. 6.3.1 Hilfsmittel sammeln Translationswissenschaftliche Forschungsarbeiten, die sich mit der Rolle von Artefakten auseinandersetzen, legen den Fokus neben Übersetzungssoftware im engeren Sinne (CAT-Tools, Terminologiemanagement-Software, MÜ) oft auch auf eine Vielzahl von weiteren Hilfsmitteln, die in übersetzerischen Praxen genutzt werden - darunter etwa terminologische Ressourcen, Projekt‐ management-Software, Konvertierungs- und Desktop-Publishing-Tools etc. Ge‐ rade Teams von Übersetzer: innen profitieren dabei oft von gemeinschaftlich genutzten Ressourcen - sei es nun aus Gründen der Vereinheitlichung, der Ressourceneinsparung, der erleichterten Kommunikation oder des einfacheren Austauschs von Inhalten (Risku 2016; Rogl und Risku 2024). In den gemeinsamen Übersetzungspraxen auf Translaville scheinen Hilfsmit‐ tel abseits von der eigentlichen Übersetzungsumgebung jedoch eine bedeutend geringere Rolle zu spielen: Diskutiert und gemeinschaftlich erstellt werden hier vor allem Online-FAQs - darunter Wikis mit Hinweisen zum Ablauf des Über‐ setzungsprozesses, zu den Community-Regeln, oder Hilfestellungen für neue Administrator: innen oder Expert: innen. Diese Wikis umfassen in erster Linie eine Sammlung idealer Übersetzungsprozesse und normativer Vorstellungen vom Übersetzen, liefern allerdings wenig Anregungen zum Umgang mit konkre‐ ten Übersetzungsproblemen in der Praxis. Tatsächlich scheinen Nutzer: innen sich über diese bestehenden Inhalte hinaus Zugang zu in der Community gesammeltem Wissen zu wünschen: Auf die Anregung eines Nutzers, doch eine FAQ-Seite mit weiterführenden Anhaltspunkten zum Übersetzen zu gestalten (insbesondere zu Qualitätserwartungen in der Community oder zu typischen Übersetzungsstrategien), erhält dieser die recht unzeremonielle Antwort, sich doch auf Wikipedia einzulesen: 6.3 Weitere übersetzungsrelevante Praxen 277 <?page no="278"?> V062_002 29.07.2007 19: 34 - Expertin Das hat jetzt nichts mit [Translaville] zu tun, aber Wikipedia hat ganz gute Beschreibungen der Ziele, Prozesse und Stra‐ tegien des Übersetzens. Und, nachdem es sich um Wikipedia handelt, gibt es einige dieser Seiten auch in vielen, vielen weiteren Sprachen. Beginn doch mit http: / / en.wikipedia.org/ wiki/ Translation Dennoch richtet man mit der Zeit auf Nutzer: innen-Anregung (V004) eine eigene Seite mit wichtigen Links für Übersetzer: innen ein, auf der man vor allem Sprachlernmaterialien und -foren sowie Online-Tastaturen und Eingabehilfen für verschiedene Sprachen und Schriften teilt. Außerdem findet sich dort ein Hinweis auf Babelfish, einen frühen ma‐ schinellen Übersetzungsdienst (Vorläufer von Microsoft Bing Translator), der allerdings - so fügt man hinzu - dazu verwendet werden solle, „die Bedeu‐ tung eines Texts schnell nachvollziehen zu können“ (ibid.). Abgesehen von diesem Einsatzzweck nimmt Translaville aber eine grundsätzlich ablehnende Haltung gegenüber maschineller Übersetzung als Hilfsmittel ein (vgl. dazu auch Kap.-7.1.2.4). Ein Administrator erklärt diesbezüglich an anderer Stelle, anstatt einen verantwortungsvollen Umgang mit maschinellen Übersetzungsdiensten zu fordern, bevorzuge er es, diese der Community gegenüber überhaupt nicht zu propagieren (V113_002). Eine Reihe von Kommentaren unter der Linkseite legt nahe, dass ein Teil der Links auf Nutzer: innen-Vorschläge zurückgehen: So ist etwa die Sektion für Chinesisch-Lernhilfen unverhältnismäßig groß, weil ein Nutzer diese indi‐ viduell gesammelt und zur Verfügung gestellt hat; und es findet sich auf der Seite - ebenfalls auf Anregung eines Nutzers - auch ein Abschnitt zu „religiö‐ sen Ressourcen“: darunter etwa eine Datenbank mit Bibelübersetzungen in europäischen Sprachen oder ein Portal mit Bibelvers-Suchfunktion in mehreren Sprachen. Wie ursprünglich von diesem Nutzer vorgeschlagen, fanden sich letztlich aber keine Mitglieder, die diese Ressourcen auch um Informationen zu weiteren Religionen ergänzt hätten. Interessanterweise sucht man in dieser Linksammlung, abgesehen von einem einzigen Verweis auf ein Chinesisch-Online-Wörterbuch, vergeblich nach ter‐ minologischen Ressourcen. Das merkt ein Nutzer auch in den Kommentaren zur Linksammlung an, wobei das folgende Beispiel eines der wenigen aus dem gesamten Datenmaterial ist, in dem ein Mitglied von Translaville versucht, einem Vorschlag durch Verweis auf seinen: ihren Status als berufliche: r Überset‐ zer: in Autorität zu verleihen: „Als professioneller Übersetzer finde ich, es wäre hilfreich, mehr Links zu terminologischen Ressourcen und Referenzübersetzun‐ gen zu haben, so wie z. B. Linguee. Was denkt ihr? “ (SCR, Help_Useful links, 278 6 Praxen <?page no="279"?> 15.07.2017). Der Vorschlag wird nie umgesetzt - an anderer Stelle wird aber sehr wohl ein Hinweis auf Wörterbücher angefügt, und zwar weniger als Hil‐ festellung für Übersetzer: innen, sondern eher als Alternative für Nutzer: innen, die Translaville nur besuchen, weil sie die Bedeutung eines einzelnen Begriffs herausfinden möchten: A011_015 05.01.2008 21: 44 - Entwick‐ ler Was wäre, wenn wir diese Wörterbücher [externer Link] auf der Seite für Übersetzungsanfragen verlinken - direkt neben der Regel „[TRANSLAVILLE] IST KEIN WÖRTER‐ BUCH“? A011_016 05.01.2008 22: 02 - Nutzerin Ah, das ist sicher eine gute Idee. Nachdem da ja keine Alternative angegeben ist für die‐ jenigen, die die Übersetzung von einem einzelnen Wort anfragen, laden sie das dann trotzdem hoch. Wenn wir das so machen, haben sie eine Alternative und überlegen sich das vielleicht noch einmal. Und [Transla‐ ville] hilft ihnen trotzdem und löscht nicht einfach ihre Anfragen - und fertig. Verweise auf terminologische Ressourcen finden sich ansonsten eher auf den privaten Profilen von Nutzer: innen für deren jeweilige Arbeitssprachen. Die Nutzung von Hilfsmitteln rückt also nie besonders stark ins Zentrum der gemeinschaftlichen Praxen, sondern bleibt eher auf individueller Ebene verhaf‐ tet. Darin unterscheidet sich Translaville etwa klar von beruflichen Netzwerken von Übersetzer: innen, wo gerade der Austausch von Ressourcen und Wissen für viele Mitglieder einen zentralen Nutzungszweck solcher Plattformen darstellt (vgl. z. B. Mihalache 2008; Risku und Dickinson 2009). 6.3.2 Übersetzungspunkte sammeln und spenden Ein zentrales Element der übersetzerischen Praxen auf Translaville ist auch das Sammeln, Ausgeben oder auch Spenden von Übersetzungspunkten, mit denen Mitglieder für Übersetzungen ‚entlohnt‘ werden und die Nutzer: innen benötigen, um neue Übersetzungen anfordern zu können. Nutzer: innen erhalten Übersetzungspunkte zunächst als eine Art Startguthaben bei Anlegen ihres Profils, und später als Vergütung für angefertigte Übersetzungen (siehe Abb. 11). Administrator: innen und Expert: innen bekommen außerdem Punkte für Evalu‐ ierungstätigkeiten (1 % des Punktewerts einer Übersetzung, maximal aber 10 Punkte). 6.3 Weitere übersetzungsrelevante Praxen 279 <?page no="280"?> Abbildung 11: Information über die Punkte, die für eine Übersetzung vergeben werden Nutzer: innen können aber auch andere Mitglieder um eine Punktespende bitten oder im Zuge einer Mitglieder-Werbeaktion an zusätzliche Punkte kommen. Dabei erhalten Nutzer: innen für jedes von ihnen für Translaville angeworbene neue Mitglied einen gewissen Punktebonus sowie 5 % der Übersetzungspunkte von jeder Übersetzung, die das neue Mitglied fertigstellt (vgl. Abb. 4 in Kap. 6.1). Die Übersetzungspunkte können als typische ‚Gamification‘-Elemente gesehen werden - also eine Art als Spiel verpacktes virtuelles Anreizsystem (typischerweise in der Form von virtuellen Punkten, Auszeichnungen, Besten‐ listen etc.) zur Steigerung der Nutzer: innen-Motivation und ihrer Bindung an eine bestimmte Online-Aktivität (vgl. z. B. O’Hagan 2012b; Dombek 2014; Rogl 2016). Ähnlich drückt es auch der Entwickler von Translaville aus - auf die Frage eines Nutzers, welcher Sinn denn nun darin bestehe, Punkte zu sammeln: WF045_003 29.07.2007 -07: 01 […] Die Übersetzungspunkte sind eine Art Spiel. Sie sind wie eine Belohnung für das Übersetzen. Du kannst sie aber auch ausgeben, um Übersetzungen für dich anzufor‐ dern, in Sprachen, die du selbst nicht sprichst. Aus technografischer Perspektive können die Übersetzungspunkte außerdem als eine Art von Techniken gesehen werden, und zwar genaugenommen als symbolisch-zeichenhafte Objekte, die aufgrund ihrer Medialität auch kumuliert werden können und selbst Information ausdrücken können, wie hier etwa den Umfang der von Nutzer: innen bereits erbrachten Übersetzungsleistung für die Community. Die soziotechnische Bedeutung der Übersetzungspunkte (und ähnlicher Zeichentechniken) wird in Abschnitt 8.3 noch genauer besprochen. Für ein besseres Verständnis der soziotechnischen Praxen des Übersetzens auf Translaville ist in diesem Kontext allerdings nicht nur relevant, welcher grund‐ legende Zweck mit solchen virtuellen Objekten verfolgt wird, wenn sie auf der Plattform implementiert werden, sondern auch, wie diese von den Nutzer: innen 280 6 Praxen <?page no="281"?> selbst wahrgenommen werden. Einblick darin liefern etwa Auszüge aus den Interviews. So beschreibt Interviewpartnerin 3, sie habe die Übersetzungspunkte vor allem in ihrer Zeit als neues Mitglied als motivierend empfunden und habe durch das Sammeln von Punkten auch stärker das Gefühl gehabt, in die Community eingebunden zu sein und für ihren Beitrag Anerkennung zu erhalten. Langfristiges Mitglied bleibe man jedoch nicht wegen der Punkte, sondern wegen der Community selbst: I think it helped to get me involved because every time you get those points: “Whew! ” (lacht), it’s a nice perk and once you’re involved more personally with the members of the community that didn’t really matter so much anymore. So, from a certain number of points, the points don’t really have any meaning anymore. At least, they didn’t to me. […] But it’s definitely a good idea to get people involved, because it’s just a nice way of showing that you have done something for the community. (I3, 00: 20: 12-00: 26: 50) Ähnlich wie Interviewpartnerin 3 erklärt auch Interviewpartner 2, als wahre Entlohnung empfinde er weniger die virtuellen Übersetzungspunkte als viel‐ mehr die Dankbarkeit von Menschen, denen man helfen könne: [Y]ou got these points, these translation points, and you could use them yourself to [ask for] translations, but that wasn’t the whole point. It was just like, doing this translation, and then from time to time, people would say “Oh wow, thank you very much for your help! ” And that was just the reward. (I2, 00: 07: 08-00: 07: 32) Interviewpartnerin 4 erklärt, die Übersetzungspunkte seien der ursprüngliche Grund dafür gewesen, warum sie sich in der Community engagiert habe - allerdings nicht so sehr, weil sie sich wie Interviewpartnerin 3 über die Beloh‐ nung gefreut hätte, sondern weil das Punktesystem sie als neuangemeldetes Mitglied regelrecht dazu ‚gezwungen‘ hätte, zuerst so lange für die Community zu übersetzen, bis sie genug Punkte hatte, um die von ihr selbst benötigte Übersetzung in Auftrag geben zu können: I was searching for help translating an article, and found [Translaville]. I think it was through a Google search. The article was long, so I had to help the community (translate) to get enough ‘points’ to add my request. It took a while : -) and I became familiar with the site and fellow members. (I4, Abschn. 1) Auch in diesem Beitrag schwingt aber mit, dass für Interviewpartnerin 4 das eigentliche Engagement für Translaville damit begann, dass sie sich zunehmend als Teil der Community fühlte und ab einem gewissen Zeitpunkt gerade deshalb 6.3 Weitere übersetzungsrelevante Praxen 281 <?page no="282"?> 87 Da es sich bei Translaville um ein Pseudonym handelt, kann hier leider nicht der tatsächliche Vorschlag der Nutzerin genannt werden. So wie das Pseudonym ‚Trans‐ laville‘ auf eine Stadt anspielt, spielt der eigentliche Name der Community auf ein bestimmtes Objekt an. In Analogie dazu könnte man als Beispiel für die von der Nutzerin vorgeschlagene Umbenennung der Übersetzungspunkte etwa ‚Ziegelsteine‘ - als wesentliche Elemente zum Bau einer Stadt - nennen. wieder auf Translaville zurückkehrte - und nicht mehr so sehr wegen eines konkreten Bedarfs an Punkten. Dass die Übersetzungspunkte jedoch nicht allen Nutzer: innen gleichgültig sind, zeigt etwa folgender Optimierungsvorschlag eines Nutzers im Forum, der sich eine Sortierung neuer Übersetzungsanfragen nach ihrem Wert in Über‐ setzungspunkten wünscht, um so möglichst leicht die Anfragen identifizieren zu können, die ihm am meisten Punkte einbringen würden: V053_001 - 17.09.2006 02: 19 Die Übersicht mit den aktuellen Übersetzungsanfragen listet alle Anfragen mit Ausgangs- und Zielsprachen in einer bestimmten Sortierung, vermutlich nach dem Datum, an dem sie hochgeladen wurden. Nun kann es ja ein wenig materialistischere, „punkteorientiertere“ Menschen wie mich geben, die gerne [Translaville]-Millionäre wären. : -) Ich möchte so viele Punkte verdienen wie ich kann. Ich habe mir überlegt, ob man nicht eine Möglichkeit finden könnte, um die neuen Übersetzungsanfragen in der aufsteigenden/ absteigen‐ den Reihenfolge ihres Werts in Übersetzungspunkten zu sortieren. Also, Übersetzungen mit hohem Punktewert zuerst zu listen (250, 150, 75 etc.) und niedrig bewertete Übersetzungen (7, 5, 4 etc.) erst ganz unten. Dann kann ich Übersetzungen mit hoher Punktezahl zuerst erledigen und schnell Millionär werden. : -) Wenn ich weniger Zeit habe, oder nicht zu viel Arbeit reinstecken möchte, kann ich ganz ans untere Ende der Liste gehen und mit den Übersetzungen mit geringster Punktezahl zuerst anfangen. […] Über die vom Nutzer oben angesprochene rein materielle Bedeutung hinaus scheinen die Übersetzungspunkte für manche Nutzer: innen auch symbolische Bedeutung anzunehmen: So entsteht im Forum etwa eine Diskussion darüber, ob man die Bezeichnung ‚Übersetzungspunkte‘ nicht ändern solle in eine Bezeich‐ nung, die die Symbolik des Gruppennamens aufgreift. Während ein recht neues Mitglied von Translaville erwidert, für sie als ‚Newbie‘ seien ‚echte Punkte‘ weitaus aussagekräftiger, vertreten langjährige Mitglieder eher die Position, die Punkte würden durch eine Anbindung der Bezeichnung an die communityspe‐ zifische Symbolik erst recht an Bedeutung gewinnen und außerdem noch Spaß machen (V070). 87 Letztlich bleibt man aber bei der ursprünglichen Bezeichnung ‚Übersetzungspunkte‘. 282 6 Praxen <?page no="283"?> Viele Nutzer: innen weisen zwar darauf hin, nicht für die Punkte zu überset‐ zen. Regelmäßige Vorschläge zur Anpassung des Punktesystems im Forum zeigen jedoch, dass die Tatsache, dass es nun einmal so etwas wie eine virtuelle Währung gibt, dazu führt, dass die Nutzer: innen zunehmend Überlegungen zum Verhältnis zwischen dem Wert einer Übersetzung in Punkten und der dafür aufgebrachten Leistung anstellen. So ist die Expertin im Beispiel unten zwar vermutlich überzeugt vom grundlegenden Prinzip der Ehrenamtlichkeit beim Übersetzen auf Translaville. Dennoch scheint es für sie eine Frage der Fairness zu sein, dass das gemeinsame Punktesystem auch den tatsächlichen Arbeitsaufwand der jeweils an einer Übersetzung beteiligten Nutzer: innen widerspiegelt. A146_073 - 29.07.2007 21: 00 […] Ich habe (anderswo) vorgeschlagen, dass Expert: innen für ihre Überarbeitungen mehr Punkte bekommen sollen. Das ist zeitaufwen‐ dige, knifflige Arbeit. Aber vielleicht sollte ich [bei meinen Evaluierungen] einfach mal die Latte etwas höher legen und ab sofort jede Übersetzung ablehnen, die keine Bewertung von mindestens 8 bekommt. […] In eine ähnliche Kerbe schlägt der immer wiederkehrende (aber letztlich nie umgesetzte) Vorschlag von Nutzer: innen, die Höhe der zu vergebenden Über‐ setzungspunkte nicht wie gehabt von der Länge der zu übersetzenden Texte abhängig zu machen, sondern diese entweder an die Verfügbarkeit der jeweili‐ gen Sprachkombination auf Translaville zu knüpfen - oder die Punkte an den Schwierigkeitsgrad der Übersetzungen anzupassen. Entsprechend argumentiert etwa auch die Nutzerin im Beispiel unten: V070_002 - 17.08.2007 13: 02 […] Technische, medizinische, rechtliche … Übersetzungen erfordern absolute Präzision und es ist beinahe unmöglich, diese zu bearbeiten, ohne Wörterbücher, Thesauren, Enzyklopädien-… zur Hilfe zu neh‐ men. Das lässt sich nicht behaupten von Übersetzungen wie „Jack, ich bin ja so verliebt in dich, magst du dir mit mir ein Schinken-Sandwich teilen? “, aber sie ‚kosten‘ hier dasselbe wie eine weitaus komplizier‐ tere Übersetzung.-[…] Umgekehrt schlagen Mitglieder auch vor, das Punktesystem dafür zu verwen‐ den, Anfragen für in der Community weniger erwünschte Übersetzungsan‐ fragen unattraktiver zu machen (etwa, weil es Auftraggeber: innen sehr viel mehr kosten soll, einzelne Wörter übersetzen zu lassen; V070_003). Oder man diskutiert darüber, die mit einer Übersetzung zu erzielenden Punkte davon abhängig zu machen, wie gut die Übersetzung im Evaluierungsprozess bewertet 6.3 Weitere übersetzungsrelevante Praxen 283 <?page no="284"?> wurde. Abzüge aufgrund einer schlechten Bewertung für die Übersetzung könne man also einfach als „cost to them [the translators] of learning on the job“ (WF051_006) sehen. Übersetzungspunkte können jedoch nicht nur gesammelt werden, Nutzer: in‐ nen können ihre Punkte auch an andere Mitglieder ‚spenden‘. Interviewpartne‐ rin 4 erklärt zwar, diese Option sei nicht besonders breit genutzt worden (I4, Abschn. 18). Alle anderen Interviewpartner: innen gaben jedoch an, durchaus davon Gebrauch gemacht zu haben. Punkte spendeten sie etwa dazu, um neue Nutzer: innen zu unterstützen, die längere Übersetzungen anfordern wollten als sie sich zu dem Zeitpunkt leisten konnten (vgl. Bsp. 1 und 2, Tab. 15), um besonders interessante Projekte zu fördern (Bsp. 3), oder als Dankeschön an Mitglieder, die sie zuvor persönlich unterstützt hatten (etwa bei der Übersetzung ihres Profils, vgl. Bsp.-4). 1 „I used to give them [die Übersetzungspunkte] away when there was a newbie who needed more points and things like that.“ (I3, 00: 26: 35-00: 26: 40) 2 „I started to/ also donated my points/ […] because I think it was useful for people who needed them more than me.“ (I1, 00: 23: 18-00: 23: 38) 3 „The idea, initially, of the community was that you’d get a very limited number of points, but if you wanted a bigger stretch of text to be translated you’d need more points and you had to earn those points. And some people would say ‘Well, I just don’t really speak any languages. I really want to have this song or this bit of text translated. But, because I can’t earn any points, there is no way I can do it, unless you wait half a year until you get more points.’ So if I thought, ‘Well, that’s actually quite a nice thing to have translated.’ I would [spenden], yeah.“ (I3, 00: 27: 16-00: 27: 56) 4 „I forgot, but apparently, I gave donations of points to four different people. I see I gave 1000 points to a user called [Nutzerin] and I think it was, if I remember correctly, because she helped with the translation of my profile in Spanish.“ (I2, 00: 47: 05-00: 47: 35) Tabelle 15: Beispiele für verschiedene Gründe für Punktespenden Dass die Übersetzungspunkte für Nutzer: innen von Bedeutung sind, zeigt auch das folgende Beispiel eines Nutzers, der ankündigt, sich von Translaville zurückziehen zu wollen. Auch wenn er sich in Zukunft nicht mehr an den Community-Aktivitäten beteiligen möchte, scheint er dennoch den Wunsch zu hegen, dass seine Übersetzungspunkte in seinem Sinne weiterverwendet werden. Er entscheidet daher, sie einer langjährigen, besonders engagierten Nutzerin übertragen zu lassen. 284 6 Praxen <?page no="285"?> A057_001 - 30.12.2008 13: 14 […] Ich war über ein Jahr ein loyales Mitglied von [Translaville] und [Translaville] hat mir in vielerlei Hinsicht geholfen - mein Dankeschön dafür. Ich möchte allen Mitgliedern, die mir in diesen eineinhalb Jahren weitergeholfen haben, danken. (Alle meine Punkte möchte ich [Nutzerin] geben, weil ich denke, dass sie sehr gut weiß, was sie damit machen kann. Sie wird die Punkte weise ausgeben.) […] Bei all diesen Beispielen wird deutlich, dass nicht nur eine tatsächliche Bezah‐ lung, sondern auch eine symbolische Form der Vergütung für Übersetzungen letztlich dazu führt, dass in einer Gruppe Aushandlungs- und Konstruktionspro‐ zesse rund um den Wert übersetzerischer Praxen entstehen. Während die Punkte in der ersten Zeit der Mitgliedschaft auf der Plattform noch einen spürbaren Anreiz darzustellen scheinen, nimmt deren Bedeutung für viele Nutzer: innen im Laufe der Zeit zugunsten anderer, als lohnend empfundener Formen von Nutzen (z. B. ein gewisses Community-Gefühl) ab. Außerdem zeigt sich, dass die Übersetzungspunkte für die Community eine weitaus vielfältigere Rolle spielen als bloß die eines künstlichen Anreizsystems: Die Übersetzungspunkte sind ein objektgewordenes ‚Danke‘ der Community, sie tragen (für viele) eine gewisse symbolische Bedeutung und kommen nicht zuletzt als Artefakt der Regulierung im steten Aushandeln von Geben und Nehmen in der Community zum Einsatz. 6.3.3 Evaluieren von Übersetzungen Bevor Übersetzungen freigegeben und damit als ‚abgeschlossen‘ erklärt wer‐ den, durchlaufen sie einen Evaluierungsprozess. Grundsätzlich können alle Mitglieder von Translaville in einem Kommentarfeld Verbesserungsvorschläge zu vorläufigen Übersetzungen liefern. Interviewpartner 2 betont etwa die besondere Bedeutung, die gerade die Diskussionen zu einzelnen Übersetzungen für ihn hatten: [T]here was one of the Spanish - experts - I guess. I’m gonna look at the profile. No, he was just a translator. Saying like “Ok you translated this like this and this and this, and you should have used this and this and this, like, accents missing, some small words missing but that would actually change the meaning.” Well, I mean, but it was all very friendly, like he ends with “But I hope this helps you, smiley.” I think the real discussions were below the translations. (I2, 00: 23: 34-00: 27: 16) 6.3 Weitere übersetzungsrelevante Praxen 285 <?page no="286"?> 88 Nutzer: innen von Translaville können dann Expert: innen werden, wenn sie über längere Zeit Übersetzungen anfertigen, die sehr gut bewertet werden. Sie werden auf Vorschlag bestehender Expert: innen oder Administrator: innen ernannt und damit mit der Evaluierung von Übersetzungen für ihre Erstsprache betraut. Darüber hinaus ist auf Translaville jedoch auch ein formalisierter Evaluierungs‐ prozess vorgesehen, für den in der Regel Expert: innen 88 verantwortlich sind. In bestimmten Fällen können diese auch eine sogenannte ‚Evaluierungsumfrage‘ einrichten, um sich von der Community Unterstützung bei der Beurteilung von Übersetzungen zu holen. 6.3.3.1 Evaluierung durch Expert: innen Im regulären Evaluierungsprozess sind Expert: innen dazu aufgefordert, Über‐ setzungen zunächst zu korrigieren und dann auf einer Skala von 1 bis 10 zu beurteilen. Diese Beurteilung fließt in eine Gesamtbewertung aller Leistungen der Übersetzer: innen ein und scheint dann automatisch in deren persönlichem Profil auf (vgl. Abb.-12). Abbildung 12: Durchschnittliche Übersetzungsbewertungen im Profil einer Nutzerin Sollte jemand für ihre: seine Übersetzungen in eine bestimmte Zielsprache konstant sehr niedrig bewertet werden, so kann er: sie durchaus von den Administrator: innen für Übersetzungen in oder aus dieser Sprache gesperrt werden (A146_077). Wie viele Übersetzungen abgeschlossen werden, und wie schnell dies passiert, hängt wesentlich vom Engagement von Expert: innen ab. Umgekehrt können Übersetzungen in Sprachen, für die nur wenig oder keine Expert: innen zur Verfügung stehen, oft erst nach langer Zeit freigegeben werden. Zum Teil bleiben sie auch unevaluiert. Das hat das Problem zur Folge, dass die Nutzer: innen, die eine 286 6 Praxen <?page no="287"?> Übersetzung beauftragt haben, nicht einschätzen können, wie gut die Übersetzung letztlich wirklich ist, und dass die Übersetzer: innen noch keine Übersetzungs‐ punkte gutgeschrieben bekommen, die sie wiederum dafür verwenden könnten, eigene Übersetzungen in Auftrag zu geben. Ein Mangel an Expert: innen und die dadurch verzögerten Evaluierungsprozesse scheinen also zu den Hauptgründen von zeitweisen Einschränkungen in den Plattform-Aktivitäten zu gehören, wie auch im folgenden Beitrag angesprochen wird: WF026_021 13.09.2006 22: 29 - Entwick‐ ler Übersetzungen werden verifiziert, wenn es für eine Spra‐ che Expert: innen gibt. Gibt es keine, bleiben sie vorerst „Bereit zur Evaluierung“, bis ein: e Nutzer: in bereit ist, Ex‐ pert: in zu werden. Manchmal, wenn wir eine: n Nutzer: in kennen und ihm oder ihr vertrauen, dann validieren wir die Übersetzung, ohne selbst die Sprache zu kennen. Die Sterne [im Profil] bilden die durchschnittliche Bewer‐ tung für deine Übersetzungen in der jeweiligen Sprache ab. Diese Beurteilung ist am Beginn deiner Mitgliedschaft aber noch nicht sehr aussagekräftig. Neue Expert: innen werden in der Regel von bestehenden Mitgliedern mit Expert: innen-Status vorgeschlagen, wenn diese in ihrer Erstsprache regelmäßig gute Bewertungen für ihre Übersetzungen erhalten (A070). Wie Nutzer A im Kommentar unten (Tab. 16) andeutet, machen es ausbleibende Übersetzungsevaluierungen aber gleichzeitig auch wieder schwerer für die Plattform, einen gewissen Expert: innen-Nachwuchs aufzubauen. WF021_001 09.11.2006 14: 01 - Nutzer A Könnte mir bitte jemand sagen, wie lange es normaler‐ weise dauert, bis eine Übersetzung evaluiert wird? Ich bin neu hier und habe in den letzten Tagen bereits ein paar Übersetzungen hochgeladen, aber bis jetzt ist erst eine evaluiert worden. WF021_002 09.11.2006 16: 21 - Entwick‐ ler Hm, wir haben keine: n Bulgarisch-Expert: in mehr. Es könnte lange dauern, bis deine Übersetzungen akzeptiert werden. Was deine Englisch-Übersetzungen betrifft, so könnten sie entweder sehr früh oder recht spät evaluiert werden. Tut mir leid für die Verzögerung, aber wir haben jeden Tag eine Menge Übersetzungen zu checken. WF021_003 09.11.2006 17: 00 - Nutzer A Ok, alles klar. Danke für die schnelle Antwort. Was den Bulgarisch-Experten betrifft: Je schneller sie [die Übersetzungen] übersetzt sind, umso früher bekommt ihr vielleicht einen Neuen 😊 Tabelle 16: Keine Evaluierungen - keine neuen Expert: innen 6.3 Weitere übersetzungsrelevante Praxen 287 <?page no="288"?> Langjährige Mitglieder, die häufig in Evaluierungsprozesse eingebunden sind, scheinen aufgrund des Risikos solcher Engpässe eine gewisse Verpflichtung zu verspüren, anderen regelmäßig zur Verfügung zu stehen. Das deutet auch Interviewpartnerin 3 an: [A]t one point I was definitely coming back once or twice a day. Yeah, just to see what was going on in the forums and also because once you had done a certain amount of translations, you’d be regarded as / well just as an influential member and then I suppose it’s/ so people would ask your opinion on other translations as well. (I3, 00: 06: 45-00: 07: 20) Der Arbeitsaufwand beim Evaluieren erscheint beträchtlich: So ist beispiels‐ weise Kommentaren aus dem Forum zu entnehmen, dass einen neuen Tür‐ kisch-Experten bei Übernahme seiner Funktion bereits 350 zu evaluierende Übersetzungen erwarteten (A146_622). Ein neuer Estnisch-Experte musste sich um die Beurteilung von 92 Übersetzungen kümmern (A146_240), während jemand an anderer Stelle stolz darauf hinweist, er habe es geschafft, die noch zu evaluierenden Übersetzungen für Deutsch auf unter 30 zu halten, für Portugiesisch seien aber immer noch 186 offen (V114_001). Wie eine Nutzerin beschreibt, ist für viele Expert: innen der Zeitaufwand für Evaluierungstätigkei‐ ten so groß, dass sie keine Zeit mehr finden, selbst zu übersetzen. Die Nutzerin weist darauf hin, dass viele Übersetzer: innen, die einen Expert: innen-Status angeboten bekommen, diesen daher auch ablehnen (WF051_006). Vielfach wird im Forum deshalb der Ruf nach einer Aufwertung der Expert: innen-Rolle (in Form von mehr Übersetzungspunkten) laut (ibid.). Andere Mitglieder, wie etwa der Nutzer unten (auch selbst Experte), nehmen in diesem Kontext allerdings primär die Expert: innen selbst in die Pflicht: WF051_001 - 28.07.2007 02: 09 […] Wenn Übersetzungen nicht in der annähernd von uns angedach‐ ten Zeitspanne erledigt werden, dann denke ich, sollten wir uns überlegen, den: die Expert: in vor Ablauf dieser Zeitspanne neu zu evaluieren. Expert: innen MÜSSEN ihre Übersetzungen also regelmä‐ ßig checken, andernfalls sind sie keine Expert: innen. D. h. Expert: in‐ nen, die ihre Aufgabe nicht ernst nehmen, werden abgesetzt. Es ist schade, dass Expert: innen in verschiedenen Sprachen ihre Aufgabe nicht ernst nehmen. Ich denke, [Translaville] ist eine fan‐ tastische Idee, um Sprachen auf der ganzen Welt zu verbreiten-… ABER Expert: in zu sein ist eine ersthafte Aufgabe und alle Mitglieder müssen sich auf einen verlassen können. […] Im Forum tauschen sich Expert: innen ausführlich darüber aus, worauf im Evalu‐ ierungsprozess zu achten ist und wie für sie ein konkretes Bewertungsergebnis zustande kommen und aussehen soll. So betont etwa eine Nutzerin, wie wichtig 288 6 Praxen <?page no="289"?> für sie auch die Form der Evaluierungen ist: Immerhin sehen viele Nutzer: innen Translaville auch als eine Lernmöglichkeit und würden daher eher von Evaluie‐ rungen profitieren, die auch so gestaltet sind, dass die Übersetzer: innen aus Fehlern lernen können (PB078_008). Bei den Diskussionen über den idealen Evaluierungs‐ prozess auf Translaville wird deutlich, wie in der Gruppe Qualitätsvorstellungen ausverhandelt werden und welche Ziele die Expert: innen mit der Überarbeitung von Übersetzungen verbinden. Da es dabei zentral um Vorstellungen, Erwartungen und Konventionen des Übersetzens in der Community geht, wird dieses Thema in den Kapiteln 7.1.2.8 sowie 7.1.3 im Detail behandelt. 6.3.3.2 Evaluierungsumfragen Ein Sonderfall der Evaluierungspraxen sind sogenannte Evaluierungsumfra‐ gen („Polls“). Beherrscht ein: e Expert: in beispielsweise die Sprache des Aus‐ gangstexts nicht, so hat er: sie die Möglichkeit, unter Nutzer: innen mit der entsprechenden Sprachkombination eine Umfrage zu starten und von ihnen eine Einschätzung der betreffenden Übersetzung einzuholen. Dazu korrigiert der: die Expert: in zunächst den Zieltext auf sprachlicher Ebene und ordnet dann eine Evaluierungsumfrage an. Deren Ablauf und Zielsetzung beschreibt eine erfahrende Expertin folgendermaßen: V088_005 - 20.12.2007 14: 29 Und darf ich vorschlagen, dass du, wenn du dich für eine Evaluie‐ rungsumfrage entscheidest, folgende Schritte berücksichtigst: (1) Originalübersetzung (Zieltext) in ein Nachrichtenfeld im Diskussi‐ onsbereich kopieren, (2) eine weitere Nachricht posten, in der du deine Bedenken bzgl. der ursprünglichen Übersetzung angibst, (3) Zieltext vorkorrigieren, und (4) Evaluierungsumfrage anfordern. Wenn du Schritt 1 berücksichtigst, hilft dir das später, wenn es darum geht, die endgültige Übersetzung zu akzeptieren oder abzulehnen und die Arbeit der ursprünglichen Übersetzer: innen zu bewerten. Außerdem unterstützt dich das in deiner Mentor: innen-Rolle für andere, wenn du die ursprünglichen Übersetzer: innen unter‐ stützt und sie dazu ermutigst, sich an der Bearbeitung der Übersetzung zu beteiligen. Der Beitrag zeigt, dass die Umfrage Expert: innen nicht nur bei der Entschei‐ dungsfindung helfen soll, sondern diesen auch dazu dient, sowohl die Überset‐ zer: innen des betreffenden Texts als auch die zu Rate gezogenen weiteren Mitglieder aktiv in den gemeinschaftlichen Gestaltungsprozess von Überset‐ zungen einzubeziehen. Die Expert: innen sehen ihre Rolle hier also weniger als letzte Instanz in der Fertigstellung und Beurteilung von Übersetzungen, 6.3 Weitere übersetzungsrelevante Praxen 289 <?page no="290"?> 89 Die Option „[D]iese Übersetzung ist fast korrekt, könnte aber noch verbessert werden“ wurde erst später hinzugefügt, um differenziertere Rückmeldungen zu ermöglichen (A055). sondern vielmehr als sachverständige Koordinator: innen in der schrittweisen Erarbeitung einer möglichst konsensuellen Endversion. Die Einladung zur Evaluierungsumfrage erhalten Nutzer: innen mit der ent‐ sprechenden Sprachkombination automatisiert vom System. Dabei werden sie aufgefordert, den jeweiligen Ausgangs- und Zieltext zu vergleichen und zunächst einzuschätzen, ob die Bedeutung des Originals aus ihrer Sicht (1) „korrekt“; (2) „fast korrekt“, aber verbesserungswürdig; oder (3) „nicht korrekt“ übertragen wurde. Eine vierte Option erlaubt es den Mitgliedern, sich der Stimme zu enthalten. Im Kommentar unten versucht der Entwickler einem neuen Mitglied zu erklä‐ ren, wo er die Grenze zwischen den vorgeschlagenen Bewertungsoptionen 89 sieht: WF038_002 - 22.06.2007 20: 15 Wenn du kleinere Fehler entdeckst, ist es nicht einfach. Wenn du dir den Ausgangstext ansiehst und für dich kein Zweifel besteht, dass die Übersetzung eine geringfügig andere Bedeutung hat, und dir eine weitaus bessere Übersetzung einfallen würde, dann solltest du auf „Bedeutung nicht korrekt“ klicken. Wenn du bei einigen Kleinigkeiten nicht hundertprozentig einver‐ standen bist, aber einsiehst, dass es sich um eine Geschmackssache handelt, und vielleicht ohne mehr Kontext schwer zu entscheiden ist, was jetzt wirklich die bessere Lösung ist, dann solltest du „Bedeutung ist korrekt“ auswählen. Das Wichtigste ist, unter der Übersetzung eine Nachricht zu posten, um die Expert: innen über diese inhaltlichen Kleinigkeiten zu infor‐ mieren (damit sie dann die erforderlichen Korrekturen vornehmen können). Der Beitrag zeigt, dass wohl gerade ein System zur Evaluierung von Überset‐ zungen, bei dem die Einschätzungen und Erwartungen von Nutzer: innen auf Kategorien oder Punktesysteme abstrahiert werden, dazu führen wird, dass die Gruppe sich verstärkt darüber austauscht bzw. austauschen muss, wie hier Grenzziehungen vorgenommen werden. Die damit verbundenen Vorstellungen und Aushandlungsprozesse werden insbesondere in Abschnitt 7.1.2.8 noch einmal aufgegriffen. Wählt also der: die Nutzer: in eine der ersten drei Optionen, so lässt sich in einem weiteren Schritt das Abstimmungsergebnis mit einem Kommentar begründen und mit einer Note von 1 bis 10 beurteilen. An dieser Stelle sieht der: die Nutzer: in dann auch, wie andere Mitglieder abgestimmt haben (siehe Abb.-13). 290 6 Praxen <?page no="291"?> Abbildung 13: Abstimmungsergebnis einer Evaluierungsumfrage Die Option 4 („Ich weiß es nicht“) - so berichten Nutzer: innen im Forum - wird häufig von Mitgliedern ausgewählt, die entweder die Ausgangssprache nicht gut genug sprechen (V054_001), oder aber auch von Nutzer: innen, die vom System aufgefordert werden, ihre eigenen Übersetzungen zu evaluieren (V093). Manche Nutzer: innen erklären auch, in so einem Fall zunächst an der Umfrage teilzunehmen, weil dann für sie sichtbar ist, wie andere Mitglieder ihre Übersetzung beurteilt und kommentiert haben. Anschließend würden sie jedoch ihr eigenes Umfrageergebnis zurückziehen, um das Abstimmungsergebnis nicht zu beeinflussen (V093). Gerade diese Möglichkeit kritisiert eine Nutzerin an anderer Stelle. Die Option, das Abstimmungsergebnis nach Einsicht in die Evaluierungen anderer noch einmal ändern zu können, öffne Tür und Tor für ein sozial verträgliches Abstimmungsverhalten. Diese Kritik wird aber in weiteren Verbesserungen der Funktion nicht weiter berücksichtigt, da man der Meinung ist, es sei wichtiger, dass neue Nutzer: innen sich an den Evaluierungsprozess zunächst herantasten können und ihre Meinung auch zurückziehen können, 6.3 Weitere übersetzungsrelevante Praxen 291 <?page no="292"?> wenn sie merken, dass vielleicht doch die Argumente eines anderen Mitglieds besser waren (V054_004-V054_006). Abgeschlossen ist eine Evaluierungsumfrage, wenn das Mitglied, das die Evaluierungsumfrage ursprünglich angefordert hat, sich auf der Basis der eingelangten Beurteilungen ein Bild vom erforderlichen Korrekturaufwand gemacht hat. Die Korrekturvorschläge werden dann in der Regel in der Gruppe diskutiert und entweder von den Expert: innen oder den Übersetzer: innen in die finale Version eingearbeitet. 6.4 Praxen des Austauschs Die obigen Abschnitte zu weiteren übersetzungsrelevanten Praxen, wie etwa dem Sammeln von Wissen, Hilfsmitteln und Übersetzungspunkten oder zu den verschiedenen Formen der Evaluierung von Übersetzungen auf Transla‐ ville, zeigen, dass Übersetzen als gemeinschaftliche Praxis hier weitaus mehr umfasst als nur das Hochladen von Ausgangstexten und Übersetzen über eine virtuelle Plattformumgebung. Auf jeder Stufe des Übersetzungsprozesses sind Möglichkeiten der Interaktion vorgesehen, die dazu beitragen sollen, möglichst viele Nutzer: innen in die gemeinsame Gestaltung der Übersetzung einzubinden. Virtuelle Objekte wie die Übersetzungspunkte sollen als Anreiz und Würdigung für Engagement in der Community dienen und tragen zur kollektiven Konstruktion des ‚Werts‘ einer Übersetzung bei. Vorstellungen rund um den Übersetzungsprozess, über die im Zuge dessen entstehenden Zieltexte und über als adäquat empfundene Beurteilungspraxen werden gemeinschaftlich diskutiert und mit der Zeit in zeichenhafte Objekte (wie z. B. FAQs) überführt und somit dauerhaft gemacht. Nachdem es aber eigentlich erst die verschiedenen Praxen des Austauschs auf Translaville sind, mit denen die Übersetzungsaktivitäten in der Gruppe gemein‐ schaftlichen Charakter erhalten, widmet sich der folgende Abschnitt diesen in mehr Detail. Immerhin ermöglichen erst die verschiedenen Kommunikationskanäle der Plattform die Einbindung beliebig vieler Nutzer: innen in den Gestaltungsprozess von Übersetzungen. Damit schaffen sie auch Raum für Aushandlungsprozesse in der Community - etwa rund um die Frage, wie sich die Idee der Community weiterentwickeln soll und wie das Plattformdesign angepasst werden muss, um diese Vorstellungen und Erwartungen in technische Form zu gießen: In the beginning, many, many discussions were held, e.g., about what you mention above [Übersetzen, Evaluieren von Übersetzungen, Kooperation, Zukunft 292 6 Praxen <?page no="293"?> der Community], and the discussions played a role in how the platform was changed. (I4, Abschn. 14) Zu den Möglichkeiten für Austausch auf Translaville zählen insbesondere plattformeigene Formen der Interaktion in der Form von Kommentaren zu Übersetzungen, Forendiskussionen, Privatnachrichten und Gruppenchats. Teil‐ weise verlagert sich die Kommunikation der Mitglieder von Translaville auch auf externe Kommunikationskanäle - darunter E-Mails und Social Media (I4, Abschn. 5). In den nächsten Abschnitten wird umrissen, über welche Kommu‐ nikationsmedien die Mitglieder von Translaville sich austauschen und welche Bedeutung diese im Kontext der gemeinschaftlichen Übersetzungsprozesse und für die Community insgesamt annehmen. 6.4.1 Kommentare zu Übersetzungen Am meisten kommuniziert wird auf Translaville im Rahmen von Kommenta‐ ren zu Übersetzungen und im Forum. Wie Interviewpartnerin 3 im Auszug unten beschreibt, erfüllen diese beiden Kommunikationskanäle jeweils ihre spezifische und, wie sie es ausdrückt, auch eine ‚komplementäre‘ Funktion auf der Plattform. Die Kommentarfunktion dient dabei der Auseinandersetzung mit konkreten Übersetzungen: Well, there were different sections of the website. So, under a translation, it [die Kommunikation] would usually be very much directed at the translation, and then there was the forum where people would ask cultural questions or things about your personal life or things completely unrelated to translation and I suppose the two of them are complementary, and they kind of need each other to make it feel that the website is not just some random forum where people ramble. (I3, 00: 08: 25-00: 09: 02) Kommentare können von Nutzer: innen erst ab dem dritten Tag nach Registrie‐ rung angelegt werden, um Spam nach Möglichkeit zu verhindern (WF018_011). Beim Verfassen eines Kommentars muss zunächst die Sprache ausgewählt werden, in der der Nachrichtentext verfasst wird (auszuwählen aus den im Profil angegebenen Arbeitssprachen; vgl. z. B. Abb. 6, oben). Zusätzlich zur Eingabe des Kommentartexts können außerdem zwei Optionen ausgewählt werden: die Möglichkeit einer Systembenachrichtigung, sobald andere Nutzer: innen auf einen Kommentar reagiert haben, sowie eine Verständigung an die Ad‐ ministrator: innen, dass eine Überprüfung der betreffenden Seite (also einer Übersetzungsanfrage oder Übersetzung) erforderlich ist (vgl. Abb.-14). 6.4 Praxen des Austauschs 293 <?page no="294"?> Abbildung 14: Eingabefeld für Kommentare zu Übersetzungen Außerdem haben Nutzer: innen die Möglichkeit, andere Mitglieder in Kommen‐ taren zu markieren. Damit erhalten diese eine automatische Benachrichtigung, in der sie zur Teilnahme an der Diskussion einer Übersetzung eingeladen werden (vgl. Abb.-15, unten). Abbildung 15: Kommentare zu einer Übersetzung 294 6 Praxen <?page no="295"?> Während Interviewpartner 2 (00: 35: 07-00: 35: 37) berichtet, die Kommentarfunk‐ tion weniger häufig verwendet zu haben, beschreibt Interviewpartnerin 3 die oben erwähnten Systembenachrichtigungen im Grunde als eine Art Leitlinie, entlang derer sich ihre Aufenthalte auf Translaville gestalteten. Die Teilnahme an Diskussionen im Kommentarbereich von Übersetzungen war für sie somit ein zentraler Teil ihrer Aktivitäten auf Translaville - und stand dabei in der Regel auch am Beginn jedes neuen Besuchs auf der Seite: Yeah, when I was very active, lots of messages used to come in to my email account. So, that would essentially be, you’d click on one of the links, you’d be taken to the translation, when somebody had a question, or when somebody needed an opinion. And from there, there were all these notifications on the website that said ‘Here’s a question, there is an open translation’. Things like that, so, a bit directed usually. (I3, 00: 15: 24-00: 16: 01) Interessant sind in diesem Zusammenhang auch einige wenige Stellen im Forum, in denen Nutzer: innen sich darüber austauschen, wann und wie Kom‐ mentare zu Übersetzungen zu posten sind. Dabei wird deutlich, dass sich in der Community im Laufe der Zeit - insbesondere rund um eine Reihe von Funktionen des Plattformdesigns - habitualisierte Kommunikationspraxen he‐ rausentwickeln. Wie etwa im Beispiel unten angedeutet wird, ist das Auswählen bestimmter Optionen - etwa die oben angesprochene Möglichkeit, eine Seite von Administrator: innen überprüfen zu lassen - vielfach nur dann sinnvoll, wenn Informationen zum konkreten Anlassfall mitgeliefert werden: V045_004 03.04.2007 21: 40 - Nutzer A Eine kleine Anmerkung zur Funktion „Ich hätte gerne, dass diese Seite von einem Administrator überprüft wird“-… Wenn man das anklickt, wissen Admins und Ex‐ pert: innen immer noch nicht, was der Grund für die Benachrichtigung ist - und dann müsste ein: e Expert: in oder Admin dann extra eine Nachricht schreiben und nach‐ fragen, warum […]. […] Ist es also möglich, die Seite so umzugestalten, dass der Nutzer, der das anklickt, gleich eine kleine Nachricht mit‐ schicken kann, wie z. B. „Da ist ein Leerzeichen vor dem Punkt“? […] V045_005 03.04.2007 21: 43 - Entwick‐ ler Jep, gute Idee, ich werde das im Hinterkopf behalten. In der Zwischenzeit raten wir immer dazu, einfach gleich einen Kommentar zu posten. Ich habe etwas Text an der Stelle ergänzt, um die Leute dazu zu ermutigen einen Kommentar dazulassen. 6.4 Praxen des Austauschs 295 <?page no="296"?> Erkundigen sich wie in diesem Beispiel Nutzer: innen anfangs noch im Forum, wie in bestimmten Fällen vorzugehen ist, so scheinen sich mit der Zeit gewisse kommunikative Praxen in der Gruppe etabliert zu haben. Dabei haben die Nutzer: innen offenbar gelernt, unter welchen Umständen welcher Kommuni‐ kationskanal genutzt wird, welche Information dabei wem zur Verfügung zu stellen ist - und, in welcher Sprache bestimmte Eingabefelder ausgefüllt werden können (V010). Wie Tabelle 17 anhand von Auszügen aus dem Datenmaterial zeigt, wer‐ den Kommentare zu Übersetzungen aus unterschiedlichen Gründen und in verschiedenen Phasen des Übersetzungsprozesses veröffentlicht. So kann es etwa während des eigentlichen Übersetzungsprozesses Nachfragebedarf geben, wenn für eine: n Übersetzer: in Unklarheiten mit dem Ausgangstext bestehen (Bsp. 1, Tab. 17). Kommentare können jedoch auch an Administrator: innen gerichtet sein - wenn z. B. formale Fehler in der Übersetzungsanfrage passiert sind (und die Administrator: innen dann gebeten werden, die entsprechende Information nachträglich zu ändern; Bsp. 2). Entsprechende Nachrichten der Übersetzer: innen dienen außerdem oft der Erklärung oder Präzisierung von Übersetzungsvorschlägen (Bsp. 3, 4; Tab. 17) oder der Rückversicherung bei der übrigen Community, ob man bestimmte Passagen im Ausgangstext tatsächlich richtig verstanden hat (Bsp. 5). Zum Teil werden in Kommentaren auch Fragen beantwortet, die die Auftraggeber: innen bereits mit dem Ausgangstext mitge‐ liefert haben (Bsp.-6). Am häufigsten handelt es sich bei den Kommentaren zu den Übersetzungen jedoch um Verbesserungsvorschläge für die jeweilige Übersetzung (Bsp. 7, Tab 17). Die dabei entstehende Interaktion kann einen Umfang von zwei Kommentaren haben (Hinweis durch eine: n Nutzer: in und Antwort durch den: die Übersetzer: in oder eine: n Expert: in), entwickelt sich aber manchmal auch zu umfassenden Diskussionen, in die neben den Übersetzer: innen und evaluierenden Expert: innen auch weitere Nutzer: innen mit der entsprechenden Sprachkombination - und zuweilen auch Administrator: innen - eingebunden sind. Abgesehen von Kommentaren zur Verbesserung eines konkreten Über‐ setzungsvorschlags, wird dabei auch oft auf Probleme hingewiesen, die ihren Ursprung in Fehlern in einer Relaisübersetzung haben (Bsp. 8). Schließlich sind Kommentare insbesondere für Expert: innen ein wichtiges Werkzeug im Evaluierungsprozess, da sie so Entscheidungen in größerem Kreis diskutieren können (Bsp.-9, 10). 296 6 Praxen <?page no="297"?> Unklarheit des Aus‐ gangstexts 1 „Sie können eine Diskussion über eine Übersetzung beginnen oder auch eine persönliche Nachricht an die Person schicken, die den Text hochgeladen hat, um zusätzliche Informationen [zu einem Ausgangstext] einzuholen.“ (SCR, Help_Translation, 18.09.2019) Hinweis auf falsche Angabe der Ausgangs‐ sprache 2 „Manchmal macht die Person, die eine Übersetzung in Auftrag gibt, einen Fehler bei der Sprachauswahl. Wenn du so etwas siehst, bitte poste bei der Überset‐ zung eine Nachricht.“ (V028_002) Alternative Überset‐ zungsvorschläge oder weitere grammatische Formen 3 „Eigentlich sollte [Translaville] nicht verwendet wer‐ den, um die Übersetzung von einzelnen Wörtern anzufragen, weil dazu eher ein Wörterbuch da ist. Das Übersetzungsfeld ist für die beste Übersetzung vorgesehen. Da ‚männlich‘ das Standardgeschlecht ist, solltest du dieses grammatische Geschlecht wäh‐ len, wenn es keine weiteren Kontextinformationen zur Übersetzung gibt. Aber es gibt die Möglichkeit (und wir unterstützen das), in den Kommentaren zur abgeschickten Übersetzung mehr Details zu liefern - darunter auch die Formen für die [in diesem Fall] weiteren zwei Geschlechter.“ (WF012_002) Kontextinformatio‐ nen 4 „Ich habe gemeint, ich könnte [bei der Übersetzung] unten in der Box einen Kommentar posten wie z. B. ‚Biblisches Griechisch wie im Sonntagsgebet (ver‐ wenden wir immer noch in der Koine, aber nicht im modernen Griechisch). Im modernen Griechisch würde das so oder so heißen.‘“ (WF008_003) Bestätigung, dass Aus‐ gangstext richtig ver‐ standen wurde 5 „[W]enn du dir mit der Bedeutung nicht absolut sicher bist, kannst du zu deiner Übersetzung eine Nachricht posten und ein Mitglied, das die Ausgangs‐ sprache spricht, um Bestätigung der Bedeutung bit‐ ten.“ (WF008_002) Beantwortung von Fragen von Auftragge‐ ber: innen 6 „Nutzer B: Ist [im Deutschen] hier ‚Sind Sie‘ bei der Passivform korrekt? Nutzerin C: Hallo [Nutzer B]! Die korrekte Passiv‐ form im Deutschen ist ‚Werden Sie […] unterstützt? ‘“ (SCR, Ü6_3, 05.07.2019) Sprachliche oder in‐ haltliche Korrekturen 7 „Here there was one of the Spanish experts I guess, I’m gonna look at the profile. No, he was just a translator. Saying [im Kommentarfeld] like: Ok you translated this like this and this and this, and you should have used this and this and this, like, accents missing, some small words missing but that would actually change the meaning.“ (I2, 00: 25: 56-00: 26: 38) Fehler in Relaisüber‐ setzung 8 „Nutzerin A: Was mache ich, wenn ich gebeten werde, bei der Evaluierung einer Übersetzung auszuhelfen und die 6.4 Praxen des Austauschs 297 <?page no="298"?> Übersetzung ist-… naja: Der Originaltext ist auf Arabisch. Die englische Übersetzung verwendet die deutsche Übersetzung als Ausgangstext. Die engli‐ sche Übersetzung ist eine einigermaßen korrekte Übersetzung des deutschen Texts, aber sie ist defini‐ tiv keine korrekte Übersetzung des ursprünglichen arabischen Ausgangstexts. Klicke ich jetzt auf ‚Diese Übersetzung scheint korrekt zu sein‘ oder ‚Sie scheint nicht korrekt‘? (übrigens hat die deutsche Überset‐ zung wiederum die portugiesische Übersetzung des ursprünglichen arabischen Texts als Ausgangstext herangezogen-… ein wenig Stille Post das Ganze, Leute? ; -) Entwickler: Wähl’ in dem Fall ‚Nicht korrekte Bedeutung‘ aus und poste eine Nachricht unter der Übersetzung, um uns Bescheid zu geben.“ (WF027) Entscheidungshilfe für Expert: innen 9 „Wenn Sie nicht sicher sind [wie eine Übersetzung zu beurteilen ist], raten wir Ihnen, eine Diskussion über die Übersetzung zu starten und andere Mitglieder um Hilfe zu bitten.“ (SCR, Help_Translation, 18.09.2019) Einholen zweiter Mei‐ nung 10 „[Y]ou get a translation and then right below it, you could discuss the translation and you could tag people like ‘Hey, could you please help me with this’, and then you could tag people so they get a notification.“ (I2, 00: 25: 34-00: 25: 50) Tabelle 17: Übersicht über verschiedene Anlassfälle für Kommentare zu Übersetzungen 6.4.2 Austausch im Forum Neben den Kommentaren zu Übersetzungen, in denen konkrete Übersetzungen diskutiert werden, ist das Forum eine weitere wichtige Säule der Interaktion auf Translaville. Zusätzlich zum allgemeinen - englischsprachigen - Forum, das am umfangreichsten ist und in dem die meisten Interaktionen stattfinden, gibt es auch sprachspezifische Foren und ein eingeschränktes Forum, das nur für Administrator: innen, Expert: innen und Power-Nutzer: innen offensteht. Das allgemeine Forum ist der Ort, wo Probleme gemeldet und Verbesserungs‐ vorschläge geliefert werden (z. B. zur Organisation des Übersetzungsprozesses; Übersetzung der Online-Umgebung, WÜ001-073; Bitten um Relaisübersetzung, A043_025-028), wo Sprach- und Kulturspezifika diskutiert werden, wo neue Nutzer: innen von Erfahreneren lernen und neue Expert: innen oder Adminis‐ trator: innen vorgeschlagen werden. Es ist aber nicht zuletzt auch der Ort, an dem die Mitglieder sich kennenlernen und zu einer enggestrickten Community 298 6 Praxen <?page no="299"?> 90 Für eine Übersicht über die thematische Struktur und den Umfang des Forums siehe Kap.-5.5. werden. 90 Beispiele für besonders aktive Themenstränge im Forum liefert etwa Interviewpartner 2: [S]o people [in den verschiedenen Forensektionen] said “This is wrongly translated in the interface, so you should change that.” (.) Still some actual birthday threads. Some people asking “Somebody obviously put a medical diagnosis. Are we allowed to translate this? Shouldn’t you be a doctor to do so? I mean this could be dangerous for people if we translate it wrongly.” Then there is also one very active topic, called “I will be away for a while.” Somebody moved to Australia. And then, whenever people would go on holiday or take a longer break, they would actually just post there “I’m not available”. Because there was no way to let people know you weren’t there. (I2, 00: 18: 30-00: 19: 55) Interviewpartner 1 berichtet in diesem Kontext, die Inhalte des Forums hät‐ ten sich mit der Zeit spürbar gewandelt: von zuerst noch recht auf die Übersetzungsaktivitäten beschränkten Diskussionen hin zu immer persönli‐ cheren Gesprächen. Er erklärt weiter, er habe den Eindruck, Translaville sei tatsächlich erst zu einer ‚wahren‘ Community geworden, nachdem man auf‐ hörte, ausschließlich über übersetzungsbezogene Anliegen zu diskutieren (I1, 00: 34: 46-00: 40: 11). Gute Beispiele für solche Themen sind etwa die besonders beliebten Forenthreads mit Geburtstagsglückwünschen (z. B. A119-A122); der scherzhafte Vorschlag einer Gruppe von Nutzer: innen, eine community-interne Partner: innen-Vermittlung zu gründen („[Transla]-Wedding-Agency“, A054); ein Themenstrang mit Berichten von Mitgliedern zu ihrem persönlichen Erleben des Falls der Berliner Mauer (A090), oder eine recht ausführliche Diskussion über die Lebensdauer von Wespen (WÜ043_123-131). Auch Interviewpartnerin 3 berichtet, man habe im Forum eigentlich erstaun‐ lich wenig über Übersetzen im eigentlichen Sinne, also abseits von konkreten Ausgangs- und Zieltexten, diskutiert - z. B. was Übersetzen den Mitgliedern insgesamt bedeute, welche Strategien man dabei einsetzen könne etc. Dass solche Gespräche selten stattgefunden hätten, überrasche sie erst zum heutigen Zeitpunkt, wo sie auch beruflich als Übersetzerin tätig ist (I3, 00: 20: 13-00: 20: 35): [I]t was such a minor part of my life at the time. Because I now am a professional translator, I’d probably discuss that kind of thing more. But at the time, it was just a fun hobby and yeah, so it didn’t really occur to me. 6.4 Praxen des Austauschs 299 <?page no="300"?> Wie der Kommentar des folgenden Nutzers zeigt, dienen die Forenaktivitäten manchen Nutzer: innen auch als Überbrückung für die Zeit, in der gerade keine Übersetzungen oder Evaluierungen gebraucht werden: V119_245 10.08.2007 18: 46 […] Sieht aus als würde gerade niemand mehr eine Portu‐ giesisch-Übersetzung wollen. Und ich habe sonst nichts zu tun als weiter hier zu posten. […] Andererseits kann man den Kommentar oben auch als Rechtfertigung des Nutzers verstehen, warum er seine Zeit eben nicht mit Übersetzen oder Evalu‐ ieren verbringe - immerhin kommt es an anderer Stelle durchaus vor, dass ein Administrator eine längere Diskussion unterbricht, mit einem Appell an die Nutzer: innen, sich wieder ihren ‚eigentlichen Aufgaben‘ - also dem Übersetzen - zu widmen („Die Party ist aus, zurück an die Arbeit“, V119_261). In der Wahrnehmung, was ein Mitglied für die Community ‚leistet‘, scheint also Übersetzungsaktivitäten ein höherer Stellenwert eingeräumt zu werden als der Beteiligung an Diskussionen im Forum. Die sprachenspezifischen Foren dienen dem Austausch von Mitgliedern mit der gleichen Arbeitssprache. Wichtige Themen dieser Foren nennt etwa ein Experte für Norwegisch im folgenden Beitrag: V109_007 02.09.2007 11: 57 Ich habe mir ursprünglich ein Skandinavisches Forum über‐ legt, finde aber ein Nordisches Forum besser. […] Wir hätten dann die Möglichkeit sprachliche Unter‐ schiede zu diskutieren, Grammatik, klassische Sprach‐ formen, Ähnlichkeiten etc. Wir könnten uns auch über schwierige Übersetzungsanfragen austauschen, die man unterschiedlich interpretieren kann. Außerdem wäre das dann auch die ideale Beratungsstelle für alle anderen Übersetzer: innen, wenn sie nicht sicher sind, mit welcher Sprache sie es zu tun haben. (Es kommt ja recht häufig vor, dass bei nordischen Sprachen nicht die richtige angehakt wird.) […] Die sprachspezifischen Foren dürften dabei unterschiedlich gut angenommen worden sein. Interviewpartnerin 4 etwa erwähnt, die geringe Aktivität im Forum für ihre Erstsprache hätte dieses für sie weniger attraktiv gemacht. Im Gegensatz dazu habe sie das allgemeine Forum bevorzugt, da dieses der Austauschort für die Gesamtheit der Mitglieder gewesen sei (vorausgesetzt, sie sprachen Englisch) (I4, Abschn. 5). Wie die folgenden Beispiele zeigen, dürfte es anderen Nutzer: innen ähnlich ergangen sein: 300 6 Praxen <?page no="301"?> V109_027 18.04.2008 16: 35 - Nutzerin A Ich muss ganz ehrlich sein und sagen, dass ich mich persönlich höchstwahrscheinlich nicht viel an so ei‐ nem Forum beteiligen würde, aber das heißt natürlich nicht, dass es keine gute Idee ist - ist nur meine persönliche Meinung (weil ihr gefragt habt) 😊 V109_031 18.04.2008 21: 51 - Nutzerin B Ja, ein Nordisches Forum könnte eine gute Idee sein. Ich bin nicht sicher, ob ich es sehr häufig besuchen würde, aber das hängt wohl davon ab, was für Diskussionen wir dort haben und ob dort jemand vorbeischaut. Ich finde, einen Versuch ist es wert. Insgesamt bekommt man den Eindruck, dass die Nutzer: innen das gemeinsame Forum auch deshalb bevorzugen, weil es einen Austausch für Mitglieder aus der gesamten Welt - und nicht nur solche aus demselben Sprachraum - ermöglicht. Wie Interviewpartner 1 (01: 03: 27-01: 05: 05) erklärt, war es schließlich genau das, was Translaville für ihn attraktiv machte, insbesondere in einer Zeit, in der die heute weit verbreiteten sozialen Medien entweder noch nicht existierten oder eine untergeordnete Rolle spielten. Schließlich gibt es noch ein eingeschränktes Forum für Mitglieder mit besonderen Nutzer: innen-Rollen: also Administrator: innen, Expert: innen und Power-User: innen. Darin diskutiert man insbesondere Möglichkeiten zur Wei‐ terentwicklung der Plattform, Probleme bei der Evaluierung von Übersetzun‐ gen, die Ernennung neuer Expert: innen oder Administrator: innen - oder auch den Umgang mit ‚schwierigen‘ Nutzer: innen (I3, 00: 10: 27-00: 10: 48): [A]dministrators, I don’t know if you know it, have a private forum at [Translaville]. […] Yes, well, much of the discussions on how [Translaville] SHOULD work, not how it worked, (.) was taken there. And we administrators also felt more free to say face-to-face some things. (I1, 00: 12: 30-00: 13: 35) Wie Interviewpartner 2 (00: 16: 01-00: 16: 26) berichtet, habe er als Nutzer gerade die Freischaltung dieses zusätzlichen Bereichs als besonderes Vertrauenszeichen gewertet - als Symbol, er gehöre nun auch zum inneren Kreis der Community: „[T]his was like a real validation of ‘You belong! ’ (lacht) ‘We have trust in you’ (.)“. 6.4.3 Senden von privaten Nachrichten Abgesehen von den Kommentaren zu Übersetzungen und dem öffentlichen, gemeinschaftlichen Austausch im Forum haben die Mitglieder von Translaville 6.4 Praxen des Austauschs 301 <?page no="302"?> auch die Möglichkeit, einander persönliche Nachrichten an eine sogenannte ‚Inbox‘ zu schicken. Beim Absenden einer solchen Nachricht können Nutzer: in‐ nen auswählen, ob es sich dabei um eine private oder öffentliche Nachricht handeln soll, abhängig davon, ob der Nachrichtentext auch für andere einsehbar sein soll oder nicht. Die Nachrichten werden ähnlich anzeigt wie E-Mails in einem Posteingang: Sie werden dort chronologisch sortiert, werden aber nicht im gesamten Ge‐ sprächszusammenhang angezeigt, weshalb bei längeren Unterhaltungen immer nur Antworten, nicht aber die eigenen Nachrichten an andere Nutzer: innen angezeigt werden. Wie Interviewpartner 2 erzählt, war das der Übersichtlichkeit der Interaktionen nicht sehr zuträglich: [Y]ou would post a message on somebody’s / now you would call it a ‘wall’ I guess, but then it was on the messages page. So you don’t see the conversations. I can only see their replies, and it/ (lacht) sometimes makes no sense. Aus diesem Grund werden persönliche Nachrichten wohl weniger benutzt, um konkrete Übersetzungen zu diskutieren - dafür eignet sich die Kommentar‐ funktion weitaus besser. Für private Mitteilungen oder um konkrete Mitglieder um Unterstützung bei einer Übersetzung zu bitten, wurde jedoch durchaus diese Nachrichtenfunktion verwendet. 6.4.4 Interaktion im Chat Schließlich versuchte man über einen längeren Zeitraum auch, eine Chat-Funk‐ tion zu etablieren, um nicht nur asynchrone Formen der Kommunikation, son‐ dern auch Unterhaltungen in Echtzeit zu ermöglichen. Über die Zeit versuchte man die Implementierung unterschiedlicher Chat-Plattformen auf der Seite - jede von ihnen allerdings mit einer Reihe von Problemen, die dazu führten, dass die Chat-Funktion sich letztlich nicht wirklich durchsetzen konnte. Bei der Einführung der ersten Chat-Möglichkeit zeigen sich die Mitglieder noch begeistert von der Möglichkeit, andere Mitglieder kennenlernen zu kön‐ nen, wie etwa die folgende Nutzerin im Forum berichtet: V092_002 - 30.05.2007 08: 06 […] Ich habe ihn [den Chat] gestern ausprobiert und ganz lustig ge‐ funden. Es ist leicht, sich zurecht zu finden und die Idee ist auf jeden Fall großartig. Stell dir vor, wenn dort dann alle in verschiedenen Sprachen ‚sprechen‘, das wird lustig. […] Nachdem es sich aber um den Chat eines externen Anbieters handelte, gab es zunächst nicht die Möglichkeit, den Chat auf die Mitglieder von Translaville zu 302 6 Praxen <?page no="303"?> beschränken. Dazu kam, dass Nutzer: innen sich mit einem beliebigen Namen zum Chat anmelden konnten. Nutzer: innen berichteten bald von verbalen Belästigungen durch anonyme Nutzer: innen (V092_003). Man versuchte, vom externen Anbieter Moderationsrechte zu bekommen (V092_004) und den Chat nur mit einem Passwort zugänglich zu machen (V092_009), was die Situation wohl besserte. Aber auch nachdem unliebsame Nutzer: innen ausgeschlossen wurden, kam es immer wieder zu technischen Problemen mit dem Chat. Die Aktivitäten im Chat dürften also nach einigen erfolgversprechenden Versuchen nie wirklich angelaufen sein. So berichtet auch Interviewpartnerin 4, den Chat nie wirklich verwendet zu haben (I4, Abschn. 5). Letztlich scheint asynchrone Kommunikation einen Großteil der Interaktio‐ nen auf Translaville ausgemacht zu haben. Bei Bedarf nach synchroner Kom‐ munikation scheinen viele Mitglieder auch auf externe Messaging-Plattformen (z. B. MSN Messenger) ausgewichen zu sein, weil so ausgewählt werden konnte, mit wem man sich unterhält und auf welche Personen der Chat beschränkt bleibt (V092_006). 6.5 Zwischenfazit: Praxen In diesem Kapitel wurde zunächst insbesondere die Verteiltheit der übersetze‐ rischen Praxen auf Translaville deutlich. Die Technografie lenkt den Blick dabei auf die Frage, wie die untersuchten Praxen auf (1) mehrere Handlungsakte, (2) mehrere Handlungsträger: innen sowie (3) auf mehrere Handlungsmedien aufgeteilt sind. Die Beispiele in den vergangenen Abschnitten machen dabei deutlich, dass zu den übersetzerischen Praxen auf Translaville nicht nur unterschiedliche Teil‐ praxen des Übersetzens im engeren Sinne gehören, also etwa das Anfragen und Anfertigen von Übersetzungen, das Evaluieren von Zieltexten, das Recherchie‐ ren sowie das Sammeln bzw. Spenden von Übersetzungspunkten etc. Genauso wesentlich dafür, wie das Übersetzen sich auf Translaville letztlich gestaltet, sind auch die Möglichkeiten für Austausch und die Praxen des kommunikativen Handelns auf Translaville. Ohne sie gäbe es zwar einen virtuellen Raum - ein bloßes ‚Interface‘ - für Übersetzungen. Die Übersetzungspraxen blieben jedoch auf die Ebene individuellen Handelns beschränkt und die Übersetzungen würden nicht Teil eines kollektiven Projekts. Für die Community ist nicht nur wichtig, dass Übersetzungen hochgeladen werden und dass sich Mitglieder fin‐ den, die diese bearbeiten und evaluieren können. Ein Teil der Community-Pra‐ xen dient auch der Vermittlung zwischen den unterschiedlichen Vorstellungen und Erwartungen der verschiedenen Nutzer: innen(gruppen) sowie dem Aufbau 6.5 Zwischenfazit: Praxen 303 <?page no="304"?> einer gewissen ‚Community-Kultur‘: Zu Letzterem gehört etwa die Moderation im Forum, die Formulierung von übersetzungs- und communitybezogenen Regeln und der Aufbau einer gewissen kollektiven Symbolik rund um die eigene Community (etwa in der Form von Begrifflichkeiten, die nur für die Mitglieder der Community Sinn ergeben und die dabei identitätsstiftend wirken). Auf Translaville greifen all diese verschiedenen übersetzungs- und communitybezo‐ genen Handlungsakte ineinander. Spezifisch für eine Übersetzungscommunity dieser Ausprägung scheint dabei zu sein, dass auf Translaville das Übersetzen gegenüber anderen Handlungen und Teilpraxen zwar priorisiert wird, dass aber gerade auch die Gemeinschaftlichkeit der Aktivitäten ein weiteres, zentrales Motiv kollektiver Sinnstiftungsprozesse bildet. Neben der Heterogenität der Handlungsakte hat dieses Kapitel auch die Vielfalt der involvierten Handlungsträger: innen aufgezeigt. Dies betrifft nicht nur die Verschiedenheit der persönlichen Hintergründe und Motivationen der ein‐ zelnen Nutzer: innen (die in Kap. 7.2.1 noch eingehender behandelt werden), son‐ dern auch die unterschiedlichen Rollen, die diese in der Community einnehmen können (etwa als reguläre Nutzer: innen, Expert: innen, Power-Nutzer: innen oder Administrator: innen). Diese Rollen werden nach in der Community aus‐ verhandelten Kriterien verteilt - und so entstehen sich verändernde Netzwerke innerhalb eines größeren Netzwerks, die wechselnden Gruppen von Nutzer: in‐ nen einmal mehr, einmal weniger Handlungsspielraum und Handlungsmacht in der Community und beim Übersetzen gewähren. Dies mag typisch für Interaktionen in vielen sozialen Gruppen sein - interessant im Kontext dieser Untersuchung ist allerdings einerseits, wie spezielle Nutzer: innen-Rollen in der Gruppe konstruiert und mit Bezug auf übersetzungs- oder communityrelevante Kriterien gerechtfertigt werden (z. B.: Wie lange muss jemand Mitglied sein, um eine Meinung zu Übersetzungen abgeben zu dürfen, und warum? Wer darf Expert: in sein und ‚letztinstanzlich‘ über Übersetzungen entscheiden, und was muss man dafür ‚können‘? ); und andererseits, wie Handlungsspielraum (beim Übersetzen) technisch gestützt, erweitert oder eingeschränkt wird (vgl. Kap. 8). Schließlich zeigen die Beispiele in den vergangenen Abschnitten, dass es sich bei all den beschriebenen Aktivitäten um soziotechnische Praxen handelt, die über verschiedene Trägermedien vermittelt werden: Bleibt man bei den Begriff‐ lichkeiten der Technografie, so sind alle Praxen zwar unweigerlich körperlich und über physische Objekte vermittelt - zentral ist für diese Studie jedoch die Einbettung der Praxen in Zeichensysteme: also hier die virtuelle Plattform und deren Bedien- und Designelemente. Es wird Ziel eines späteren Kapitels (vgl. Kap. 8) sein, diesen Aspekt noch einmal aufzugreifen und in mehr Detail zu zei‐ gen, dass jede Art von Trägermedium (und damit auch das der Zeichensysteme) 304 6 Praxen <?page no="305"?> bestimmte Eigenschaften hat, die die mit ihnen ausgeübten Praxen bis zu einem gewissen Grad formen und mitgestalten: Zeichenhafte Medien wie virtuelle Übersetzungspunkte können einen numerischen Wert ausdrücken und sind damit kumulierbar; virtueller Text ist speicher- und durchsuchbar; bestimmte Funktionen wie Benachrichtigungen sind automatisierbar. Die Einbettung der übersetzerischen Praxen auf Translaville in solche zeichenhaften Medien hat somit zur Folge, dass bestimmte Handlungen erleichtert und andere erschwert werden - was sich unweigerlich darauf auswirkt, wie die Übersetzungspraxen insgesamt gestaltet sind. Die Beobachtungen in den vergangenen Abschnitten weisen also darauf hin, dass Praxen erst dadurch Bedeutung gewinnen, dass sie in einem sozialen Gefüge beständig mit neuen Erwartungen, Konventionen, sozialen Rollen, Wis‐ sensbeständen und Artefakten verknüpft werden. Es wird noch zu diskutieren sein, wie in der Community rund um übersetzerische Praxen über die Zeit und im Zuge von Aushandlungsprozessen Bedeutungen konstruiert werden (vgl. Kap. 7) - und wie diese Bedeutungen mit Objekten verbunden und damit in gewisser Weise fixiert werden (vgl. Kap.-8). 6.5 Zwischenfazit: Praxen 305 <?page no="307"?> 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen Möchte man untersuchen, wie in einem übersetzerischen Gefüge soziale Pro‐ zesse und technische Strukturen miteinander verwoben sind, so ist ein alleiniger Blick auf Fragen des Handelns noch nicht ausreichend. Vielmehr bedarf es auch einer Auseinandersetzung mit den vielschichtigen Bedeutungsmustern und Sinnzuschreibungen, die die handelnden Akteur: innen einerseits ihren übersetzerischen Praxen und andererseits ihrem Verhalten in bzw. gegenüber der Community zugrunde legen: Was heißt Übersetzen für die Mitglieder von Translaville? Was sind ihre Beweggründe für eine Beteiligung an den Plattformaktivitäten? Welche Prioritäten formulieren die Nutzer: innen in Bezug auf übersetzerische Prozesse und deren Organisation? Konstruieren die Mitglieder Kriterien, auf deren Basis sie fertige Übersetzungen bewerten? Und welche Erwartungen stellen sie nicht zuletzt an andere Nutzer: innen? Wie weiter oben (vgl. Kap. 3.3.2.2) theoretisch beschrieben wurde und in diesem Kapitel anhand von Beispielen aus dem Datenmaterial illustriert werden soll, sind es in der Regel gerade solche Vorstellungen und Zuschreibungen, die zentral dazu beitragen, dass Menschen Praxen überhaupt ausüben können. Es handelt sich dabei außerdem um Vorstellungen, die nicht immer bereits in dieser Form ex ante in den Köpfen der Nutzer: innen vorhanden sind. Vielmehr zeigen die analysierten Interviews und Forendiskussionen, dass viele Sinnzu‐ schreibungen rund um das Übersetzen und die gemeinschaftlichen Aktivitäten auf Translaville in der Interaktion zwischen den Akteur: innen und im Umgang mit der Plattformoberfläche in jeweils konkreten Situationen gemeinschaftlich konstruiert werden. Gerade solche Situationen und Aushandlungsprozesse gilt es in den folgenden Kapiteln nachzuzeichnen. Inspiriert durch die hier verfolgte technografische Sicht soll außerdem der Frage nachgegangen werden, wie und in welchen Kontexten kollektive Sinnkonstruktionen entstehen. Dabei wird auch deutlich werden, was in den Kapiteln 8.3 und 8.4 noch zu diskutieren sein wird: wie nämlich Sinnzuschrei‐ bungen und Vorstellungen vielfach auch mit Techniken verknüpft bzw. in diese eingeschrieben werden und damit dazu beitragen, dass solche Vorstellungen gewissermaßen fixiert und dauerhaft gemacht werden und so zentral zur Strukturierung von Übersetzungspraxen beitragen. <?page no="308"?> 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen Zunächst soll diskutiert werden, was Übersetzen für die Mitglieder von Trans‐ laville bedeutet und welche Vorstellungen sie mit Übersetzen auf einer Plattform dieser Ausrichtung verbinden. Dies meint zunächst eher abstraktere Vorstellun‐ gen und Sinnkonstruktionen rund um die übergeordnete Rolle, die Nutzer: innen dem Übersetzen zuschreiben. Zu den Vorstellungen vom Übersetzen gehören aber auch idealtypische bis normative Vorstellungen davon, wie die Nutzer: in‐ nen sich den Prozess des Übersetzens in der Community vorstellen und was dieser für sie alles umfasst. Schließlich werden auch die Erwartungen der Nutzer: innen von Translaville in Bezug auf übersetzerische Produkte diskutiert, wozu unter anderem die in der Community ausverhandelten Qualitätsvorstel‐ lungen gehören. 7.1.1 Einstellungen in Bezug auf die Rolle von Übersetzung In diesem Kontext erscheint zunächst die Frage relevant, welche Bedeutungen die Community dem Übersetzen auf Translaville einräumt. Die damit verknüpf‐ ten Vorstellungen werden in den folgenden Abschnitten in Bezug auf drei zentrale Themen diskutiert: die Vorstellung von Übersetzen auf Translaville als (1) Ehrenamt, als (2) Arbeit, oder - im auf den ersten Blick direkten Gegensatz dazu - als (3) Spiel, Spaß oder sogar Sucht. Dabei wird auch der Frage auf den Grund gegangen, warum gerade die vermeintlichen Gegensätze zwischen diesen drei Vorstellungswelten im Kontext des Web 2.0 durchaus vereinbar sind. 7.1.1.1 Übersetzen als Ehrenamt Wesentlich in den Vorstellungen der Nutzer: innen von Translaville ist zunächst die ehrenamtliche Ausübung ihrer übersetzerischen Praxen. Dieser Aspekt fin‐ det sich einerseits in Darstellungen des Community-Zwecks nach außen wieder - also beispielsweise auf der Hauptseite von Translaville, wo die Community für Besucher: innen und Interessent: innen vorgestellt wird: Sie müssen nichts zahlen. [Translaville] ist eine Plattform, auf der ehrenamtliche Übersetzer: innen Texte übersetzen, weil Übersetzen ihnen Freude macht und sie gerne helfen. (SCR, Help_FAQ, 18.09.2019) Andererseits ist Ehrenamtlichkeit auch in den Forendiskussionen ein wieder‐ kehrendes Thema. Besonders betont wird dort etwa das Engagement von Nutzer: innen in ihrer Freizeit. So finden sich im Forum zahlreiche Beiträge wie 308 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="309"?> die Beispiele unten (Tab. 18), in denen gewürdigt wird, wie viel Zeit einzelne Mitglieder für die Community-Aktivitäten aufbringen, auch wenn viele von ihnen beruflich bereits sehr belastet sind: 1 „[…] So viele Leute hier investieren fast ihre ganze Freizeit in [Translaville]. Falls der Plan ist, etwas an [Translaville] zu ändern, so fürchte ich, dass die meisten von uns gehen werden. […]“ (PB078_005) 2 „Es ist Zeit, [Nutzer A] willkommen zu heißen. Er ist unser neuer Experte für Aserbaidschanisch. Danke, dass du einen Teil deiner Freizeit damit verbringst, auf [Translaville] zu helfen.“ (A146_907) 3 „[…] Einige Admins und [der Entwickler] haben wirklich hart daran gearbeitet, [Translaville] zu dem zu machen, was es jetzt ist. Sie arbeiten in ihrem echten Leben und daneben verbringen sie so viel Zeit hier. […]“ (V147_007) Tabelle 18: Beispiele für Beschreibungen von Übersetzen als Ehrenamt In diesem Kontext hebt eine Nutzerin außerdem hervor, dass gerade die Tatsache, dass es sich nicht um eine berufliche, sondern eben um eine außerbe‐ rufliche Tätigkeit handelt, für die ehrenamtlichen Übersetzer: innen Vorteile bringe: etwa die Möglichkeit der freien Zeiteinteilung und weniger Druck bei der Erbringung von Übersetzungen (vgl. Bsp. 1 in der Übersichtstabelle weiter hinten, Tab.-22). Mit dem Thema der Ehrenamtlichkeit sind auf Translaville in der Regel auch Diskussionen rund um die Vergütung von Übersetzungen verbunden. Die Community spricht sich dabei stets deutlich gegen jede Bezahlung aus und verteidigt diese Position auch gegenüber vereinzelten Vorschlägen von Nutzer: innen, entweder bezahlte Übersetzungsaufträge anzubieten (V150) oder Mitgliedern die Möglichkeit zu geben, Übersetzungspunkte auch käuflich zu erwerben (V022). Mitunter schlagen einzelne Mitglieder vor, die Plattformakti‐ vitäten insgesamt stärker nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten auszurichten: also etwa vermehrt externe Auftraggeber: innen aus dem öffentlichen oder privatwirtschaftlichen Bereich anzusprechen (WÜ028_001), schwierigere Über‐ setzungen eher erfahreneren Übersetzer: innen zu übertragen (ibid.), oder das System der Übersetzungspunkte stärker nach Angebot und Nachfrage auszu‐ richten (V070). Ein Extrembeispiel für eine solche Anregung ist etwa das Beispiel unten, in dem sich ein Nutzer gerade gegen die von Translaville sonst als zentral erachteten Prinzipien der Vorrangigkeit des persönlichen Austauschs und der Übersetzung von Mitgliedern für Mitglieder wendet: 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 309 <?page no="310"?> WÜ028_001 - 08.05.2007 22: 15 […] 1. [Translaville] zielt zu stark auf die persönliche Ebene ab. Es ist nicht gut organisiert und administriert, obwohl hier sehr gute Übersetzer: innen vertreten sind. Mir erscheint es irgendwie als eine Verschwendung von Wissen, dass z. B. die hochkarä‐ tigsten Arbeitskräfte dazu eingesetzt werden, um [Texte mit den] niedrigsten Anforderungen zu bearbeiten. 2. Wir übersetzen für uns selbst. Es ist, wie wenn wir mit uns selbst reden würden. Das ist ja verrückt. Können wir uns nicht zusammenschließen, um Organisationen oder Web‐ seiten unsere Luxusarbeit anzubieten? Zum Beispiel: Webseiten zu übersetzen, die sich als international verstehen, oder der Öffentlichkeit, der Forschung oder Regierungen Sprach‐ dienstleistungen anzubieten? […] Wie der Vorschlag in diesem Beispiel stoßen auch andere, ähnliche Vorstöße in der Community in der Regel auf Ablehnung, da sie eigentlich genau das Gegenteil von dem fordern, wofür Translaville letztlich doch für die Mehrheit der Nutzer: innen steht: nämlich die Ehrenamtlichkeit, freie Zugänglichkeit und Gemeinschaftlichkeit von Übersetzen in der Community. Interviewpartnerin 3 (vgl. Bsp. 2, Tab. 22, weiter unten) betont in diesem Zusammenhang, die Atmosphäre in der Community habe wohl gerade deshalb einen derart positiven und gemeinschaftsbetonten Charakter gehabt, weil eine finanzielle Vergütung - und damit auch eine marktwirtschaftlich inspirierte Organisation der Übersetzungspraxen - eben kein Thema war, sondern alle Mitglieder sich ehrenamtlich engagiert hätten und in erster Linie Hilfestellung leisten wollten. Wie der folgende Forenbeitrag zeigt, lehnt ein Teil der Mitglieder jedoch nicht nur finanzielle Formen der Vergütung ab, sondern empfindet jegliche Art von instrumentellem Denken als eine Verletzung der Grundidee von Translaville. In dem Beispiel reagiert eine Nutzerin äußerst ablehnend auf den Vorschlag, eine Art virtuelles Zertifikat für Übersetzer: innen einzuführen, das diese dann als Referenz für potenzielle Auftraggeber: innen abseits von Translaville ver‐ wenden könnten. Wie die Nutzerin betont, stehe bereits der Wunsch nach einer verwertbaren, symbolischen Entlohnung, wie hier in der Form eines Zertifikats, in Widerspruch mit der Idee ehrenamtlicher Übersetzung. Ehren‐ amtliches Übersetzen sei dieser Nutzerin zufolge nicht die bloße Erbringung von Übersetzungen ohne eine rein finanzielle Vergütung, sondern die Unterstützung anderer Nutzer: innen aus rein altruistischen Motiven, wie etwa die Möglichkeit, anderen Menschen zu helfen. 310 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="311"?> V147_013 - 06.07.2009 18: 04 […] Es geht nicht darum, welchen Nutzen neue Mitglieder wohl [aus ihrem Engagement] ziehen. Jeglicher Nutzen, ob finanziell, materiell oder einfach beruflich (wie ein Zertifikat) kann dazu führen, dass [Translaville] nicht mehr selbstlos ist. Leute werden sich registrieren und länger bei uns bleiben, nur weil sie sich einen Nutzen, also ein Zertifikat, erhoffen-… Das ist dann aber nicht die selbstlose Motivation ehrenamtlicher Übersetzer: innen. In diesem Sinne verändert deine Idee den ganzen Charakter von [Trans‐ laville]. Ich übersetze, weil ich das gerne mache, ich möchte anderen Menschen helfen und ich habe Freude daran. Das ist die typische Motivation für ehrenamtliches Engagement. Wenn ich nur für ein Zertifikat übersetzen würde, wäre meine Motivation nicht so klar und selbstlos. Diese Argumentation lässt sich an Olohans (2012) Diskussion rein und unrein altruistischer Motive bei ehrenamtlicher Übersetzung anknüpfen. Unrein al‐ truistische Motive seien dabei etwa der Wunsch nach einem symbolischen Nutzen (z. B. nützliche Kontakte, Statusgewinn) trotz fehlender finanzieller Vergütung, während rein altruistische Motive die Idee des Gebens ohne jegliche Gegenleistung bzw. den Gedanken der selbstlosen Unterstützung anderer in den Vordergrund rücken. Die Nutzerin im Beispiel oben spricht sich also für die Vorrangigkeit rein altruistischer Motive in der Erbringung ehrenamtlicher Übersetzung auf Translaville aus. Wie allerdings Kapitel 6.3.2 und Kapitel 7.2.1 zeigen, vertreten nicht alle Mitglieder diese Position. Immerhin würden so auch ein gewisser Wettbewerb um Punkte zwischen den Mitgliedern oder das Streben nach einer sichtbareren Rolle in der Community bereits in Widerspruch zu dieser Auffassung stehen. Die Ehrenamtlichkeit der übersetzerischen Praxen auf Translaville wird demnach im Wesentlichen rund um die Vorstellungen der Aufgabe von Freizeit sowie der unbezahlten und (rein oder unrein) altruistischen Hilfestellung für andere konstruiert. 7.1.1.2 Übersetzen als Arbeit Die Art und Weise, wie die Mitglieder von Translaville über ihre übersetze‐ rischen Praxen sprechen, macht allerdings auch deutlich, dass diese für sie nicht nur irgendeine Art von ehrenamtlicher Tätigkeit oder Beschäftigung sind, sondern dass ein Großteil der Nutzer: innen ihre Übersetzungsaktivitäten als eine Form von Arbeit verstehen. Dies legen etwa zahlreiche Forenbeiträge nahe, in denen Administrator: innen, Expert: innen und reguläre Übersetzer: innen sich gegenseitig als „real hard worker“ (V115_029) bezeichnen oder einander dazu auffordern, wieder an ‚die Arbeit‘ zu gehen, nachdem man Zeit im Forum 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 311 <?page no="312"?> ‚vertrödelt‘ habe („That’s it. Let’s work! “, WÜ043_012; „Die Party ist aus, zurück an die Arbeit! “, V119_261). Die Nutzer: innen beschreiben ihre Übersetzungs‐ vorhaben als „big workload“ (WÜ063_002, WÜ063_003), bezeichnen einander als „workaholic“ (A146_568) oder warnen davor, jemand sei „overworked“ (A124_046; A146_1224). Dass Übersetzen auf Translaville als Arbeit verstanden wird, legt auch die Tatsache nahe, dass Aufgabenbereiche und arbeitsteilige Prozesse innerhalb eines „Teams“ (A146_260) bzw. einer „labour force“ (WÜ028_002) definiert werden. Mitglieder mit spezifischen Aufgaben (z. B. Expert: innen, Administra‐ tor: innen) bezeichnen ihre Rolle als „[job] position“ (A146_381) oder „office“ (A146_568) und melden sich bei längerer Abwesenheit in der Community ab (I2, 00: 19: 01-00: 19: 55) oder schlagen eventuell sogar eine Vertretung für ihre „duties“ (A146_101) vor: A146_1199 - 15.04.2010 13: 06 Die Abwesenheit von [Nutzer A] stimmt uns traurig, aber er hat ein zuverlässiges Mitglied vorgeschlagen, um seinen Platz einzunehmen, also haben wir [Nutzerin B] gefragt - und sie hat zugesagt, unsere neue Expertin für Afrikaans zu werden. […] Insgesamt schwingt in der Wahrnehmung der Nutzer: innen in jedem Fall ein gewisses Gefühl von Verbindlichkeit mit. Diese Verbindlichkeit hat aber vermutlich weniger mit der ‚Ernsthaftigkeit‘ zu tun, die dem Übersetzen selbst zugeschrieben wird (wenn auch manche Nutzer: innen gerne darauf hinweisen, es handle sich um einen „serious task“, WF051_001). Die Bereitschaft, sich beispielsweise in Arbeitsprozesse einzufügen, Koordinierungsversuche anzu‐ nehmen und mitzutragen und letztlich arbeitsteilig tätig zu werden, scheint vor allem in einem gewissen Gefühl der Verpflichtung gegenüber anderen begründet zu liegen. So könnte man an dieser Stelle also schlussfolgern, dass die Wahrnehmung der Übersetzungstätigkeiten auf Translaville in der Community also nicht nur eine von Arbeit zu sein scheint - sondern vielmehr eine von Teamarbeit. 7.1.1.3 Übersetzen als Spaß, Spiel und Sucht Letztlich ist jedoch auch die Vorstellung vom Übersetzen als ein Spiel bzw. als Aktivität, die im Großen und Ganzen einfach Spaß macht, ein wiederkehrendes Motiv in den Diskussionen auf Translaville. So beschreibt Interviewpartnerin 3 (00: 20: 29-00: 20: 31) ihr Engagement auf Translaville als „just a fun hobby“, wobei das Übersetzen dann am meisten Spaß mache, wenn man sich mit anderen Übersetzer: innen austauschen und 312 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="313"?> gemeinschaftlich an Übersetzungen feilen könne. Im Forum finden sich außer‐ dem zahlreiche Beiträge, in denen Nutzer: innen einander Spaß mit bestimmten Aufgaben wünschen (Tab.-19): 1 „Willkommen und viel Spaß mit deinen neuen Superkräften [Nutzer: innen-Rech‐ ten]! “ (A126_091) 2 „Hi [Nutzer]! Gratuliere zu deiner „Beförderung“ zum Experten für Hindi. Ich hoffe, du hast Spaß hier. […]“ (A146_121) Tabelle 19: Beispiele für Beschreibungen von Übersetzen als Spaß Dass die übersetzerischen Praxen auf Translaville auch als Spiel wahrge‐ nommen werden, zeigt sich in der Art und Weise, wie über die Überset‐ zungspunkte gesprochen wird. Mehr denn eine Vergütung werden diese immer wieder auch als eine Art Preis in einem spielerischen Wettbewerb beschrieben (Tab.-20): 1 „[…] Ich weiß, dass die meisten Übersetzer: innen hier sind, weil sie gerne übersetzen, nicht wegen der Punkte. Aber vielleicht verleihen die Punkte dem Übersetzen auch etwas Spaßiges. […]“ (V001_002) 2 „[…] Die Übersetzungspunkte sind eine Art Spiel. Sie sind wie eine Belohnung für das Übersetzen. […]“ (WF045_003) Tabelle 20: Beispiele für Beschreibungen von Übersetzen als Spiel So wie ein Spiel mitunter fesseln kann, beschreiben auch die Nutzer: innen von Translaville, sie hätten manchmal Schwierigkeiten, sich von ihren Überset‐ zungsaktivitäten loszureißen. Erstaunlich viele Beiträge verwenden in diesem Kontext scherzhaft den Begriff der ‚Sucht‘ (Tab.-21). A146_42 27.07.2007 15: 43 - Nutzer A Hi ihr alle, wie nett, Teil des Teams zu sein, und [Nutzer D], wa alaykom el salam. P.S.: Hat irgendjemand von euch davor gewarnt, dass das zu einer Sucht werden kann? Oh, ja, [Entwickler] hat uns gewarnt, er hat gesagt: BLEIBT COOL, also werde ich das jetzt einmal versuchen. A146_43 27.07.2007 15: 53 - Nutzer B […] [Nutzer A], meinst du [Translaville] insgesamt, oder das Forum? Weil ich kann dir sagen, dass ich eine [Transla]süchtige bin (wie ich schon mal gesagt habe) 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 313 <?page no="314"?> A146_45 27.07.2007 16: 03 - Nutzerin C Ich bin definitiv süchtig - aber das hier ist besser als andere Abhängigkeiten (Puzzles, Videospiele etc.). A146_46 27.07.2007 16: 04 - Nutzer A „[Transla]süchtig“ haahaa Ich werde [Transla]wahnsinnig LOL Tabelle 21: Beispiel für die Beschreibung von Übersetzen als Sucht Die Mitglieder von Translaville beschreiben also eine Reihe von Aspekten, die auf eine Vorstellung von Übersetzen als ‚Spiel‘ oder ‚Spaß‘ hindeuten: Übersetzen ist für sie etwas, das Spaß und Freude macht, unterhaltsam ist, und womit man sich die Freizeit vertreibt. Wie ein Spiel kann Übersetzen fesselnd und einnehmend sein - und in der Form eines spielerischen Wettbewerbs in einer Gruppe von ‚Mitspieler: innen‘ gemeinschaftlich ausgetragen werden. Interessant daran ist, dass diese Vorstellungen von übersetzerischen Aktivi‐ täten als Spaß und Spiel auf den ersten Blick in Widerspruch zum oben bespro‐ chenen Motiv von Übersetzung als ‚Arbeit‘ zu stehen scheinen. Tatsächlich ist ein Verschwimmen von Arbeit und Spiel jedoch ein zentrales Phänomen rund um viele Formen der nutzer: innengenerierten Produktion digitaler Medienin‐ halte. Internettheoretiker: innen verweisen in diesem Kontext unter anderem auf das Konzept „playbour“ (zusammengesetzt aus den Begriffen ‚labour‘ und ‚play‘; vgl. Kücklich 2005; Rey 2014), das kritisch hinterfragt, wie produktive Tätigkeiten im Internet (darunter auch Übersetzungstätigkeiten) mit Hilfe von virtuellen Anreizsystemen zunehmend als Spiel ‚getarnt‘ werden und somit von Nutzer: innen mehr als Unterhaltung denn als Arbeit wahrgenommen werden (Rogl 2016: 130 f.). Kritik wird vor allem an der Tatsache geübt, dass der im Rahmen dieser spielerischen Tätigkeiten dennoch produzierte Wert (z. B. der Wert einer Übersetzung) häufig von profitorientierten Plattformbetreiberorga‐ nisationen abgeschöpft wird und nicht der Community zugutekommt - wie dies etwa bei Crowdsourcing-Initiativen üblich ist. Inwiefern die übersetzerischen Praxen auf Translaville als ‚playbour‘ konzeptualisiert werden können, wurde an anderer Stelle ausführlicher besprochen (Rogl 2016). Im Allgemeinen kann jedoch gesagt werden, dass im Vergleich zu anderen Organisationsformen für Online-Übersetzung das Modell der Selbstorganisation von Translaville zumin‐ dest gewährleistet, dass eine gewisse Balance zwischen Geben und Nehmen aufrecht bleibt und die Community im Grunde selbst verhandelt, unter welchen Rahmenbedingungen Übersetzungen erbracht werden. 314 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="315"?> Ehren‐ amt 1 „I fell in love with this community very fast/ the whole concept, to work on a volunteering basis, when we had time, no pressure. To give your time and effort and receive translations asked for and friendship. : -)“ (I4, Abschn. 8) 2 „Most people would be quite reactive, and pretty much everybody is there to help. So that’s just a really nice thing. I suppose it’s BECAUSE it’s so voluntary, there’s no money involved. There’s only a bit of prestige and points. So that just makes it all very positive and collaborative.“ (I3, 00: 14: 11-00: 14: 38) Arbeit 3 „Viel Glück auch an [Nutzerin A], die ab sofort doppelte Schichten schieben wird! “ (A146_095) 4 „Hi [Nutzer B], würdest du mir glauben, wenn ich dir sagen würde, dass ich es genau gewusst habe, dass du hier früher oder später Experte wirst? Nun, ich bin normalerweise niemand, der in solchen Situationen immer gleich Glückwünsche ausspricht, aber in diesem Fall: Willkommen in unserem Team.“ (A146_156) 5 „Danke euch allen! Ich versuche mich gerade mit meiner neuen Stelle hier vertraut zu machen.“ (A146_381) 6 „[Nutzerin C] ist ein Workaholic und hat gerade unser ‚Amt‘ für Englisch-Expert: innen übernommen (zusätzlich zu denen für Spanisch und Admin Level 2).“ (A146_568) Spiel, Spaß und Sucht 7 „Übersetzen ist wie ein Spiel. Es macht manchmal so richtig süchtig.“ (V035_001) 8 „Ich bin auch süchtig nach [Translaville], aber [Übersetzen auf Translaville] ist eine nette Sucht und macht dich nicht dick oder beschert dir Mundgeruch. Es beansprucht maximal ein wenig mein Hinterteil. Ich brauche einen neuen Stuhl.“ (A146_052) 9 „Ich glaube, das Problem haben wir alle [Suchtfaktor von Transla‐ ville]. Ich habe gerade Urlaub (ist bald vorbei) und greife von zuhause aus auf [Translaville] zu, und meine Frau mag überhaupt nicht, wenn ich mehr als ein paar Minuten am Computer bin… Aber meine Sucht verbietet mir, zu lange Zeit [von Translaville] wegzubleiben. (Nächste Woche bin ich wieder in der Arbeit, und kann dort dann von 8 bis 17 Uhr online bleiben.)“ (A146_057) Tabelle 22: Übersicht über Vorstellungen rund um die Rolle von Übersetzungen für die Community 7.1.2 Vorstellungen vom Übersetzungsprozess Abgesehen von der Rolle oder Bedeutung, die man dem Übersetzen insgesamt in der Community zuschreibt, zeigt das analysierte Datenmaterial auch, welche Vorstellungen, Einstellungen und Erwartungen die Nutzer: innen von Translaville 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 315 <?page no="316"?> mit dem Übersetzungsprozess verbinden. Insgesamt haben sich im analysierten Material acht Kernthemen als besonders zentral herausgestellt: darunter zunächst Vorstellungen und Sinnkonstruktionen rund um die individuelle Arbeit an konkre‐ ten Ausgangs- und Zieltexten, in weiterer Folge jedoch auch Einstellungen in Bezug auf die gemeinschaftliche Abwicklung von Übersetzungen in der Community. 7.1.2.1 Erforderliche Sprachkenntnisse Interessant ist zunächst, welche Zuschreibungen Nutzer: innen von Translaville rund um die Frage der (für das Übersetzen als erforderlich empfundenen) Sprachkennt‐ nisse machen. Dieser Aspekt ist hier deshalb relevant, weil Wissen - und dazu gehören auch (Vorstellungen rund um) Sprachkenntnisse - in dieser Untersuchung nicht als mehr oder weniger fixierter Wissensbestand verstanden wird, sondern als situationsgebunden, prozesshaft und als im Zuge von Interaktionen konstruiert (vgl. Kap. 3.3.2.2). In Bezug auf Translaville kann hier unterschieden werden zwischen (1) dem individuellen Erleben der eigenen Sprachkenntnisse von Nutzer: innen und (2) den Zuschreibungen in der Community, welches ‚Sprachniveau‘ für die Anfertigung von Übersetzungen erforderlich sei. Die Kommentare im Forum zeigen zunächst, dass Nutzer: innen die eigenen Sprachkenntnisse äußerst unterschiedlich erleben. Ob man der Meinung ist, man beherrsche eine Sprache ‚gut‘ oder ‚weniger gut‘, wird auf der Basis unter‐ schiedlicher Kriterien und Abgrenzungsversuche konstruiert. Viele Nutzer: in‐ nen verweisen in diesem Zusammenhang etwa auf formale Qualifikationen, wie einen gewissen Umfang an Fremdsprachenunterricht an Schule, Universität oder anderen Bildungseinrichtungen (WF019_001; A146_887). Eine Sprache wirklich zu beherrschen, heißt für viele Mitglieder jedoch darüber hinaus, diese auch intensiv praktisch angewandt zu haben. Wie viele andere Nutzer: in‐ nen (z. B. A146_722; PB035_003) beschreibt etwa auch Interviewpartnerin 3 (I3, 00: 04: 47-00: 05: 00), sie habe sich ihre Sprachkenntnisse im Rahmen eines längeren Auslandsaufenthalts angeeignet. Eine andere Nutzerin scheint dies aber als noch nicht ausreichend wahrzunehmen: Sie beschreibt im Forum etwa (vgl. Bsp. 1, Tab. 23, unten), sie habe zwar längere Zeit in dem Land ihrer Arbeitssprache gelebt und sich dort in der Lage gefühlt, an allen Gesprächen teilzunehmen. Letztlich zieht sie ihre eigenen Sprachkenntnisse jedoch in Zweifel - und zwar aufgrund der Tatsache, dass sie beim Übersetzen in die betreffende Sprache nach wie vor ein Wörterbuch verwende. Ein anderer Nutzer wiederum reagiert auf heftige Kritik an seinen Übersetzungen (nicht in seine Erstsprache) mit dem Hinweis, er habe aufgrund der positiven Rückmeldung 316 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="317"?> eines (einzigen) Erstsprachlers das Vertrauen geschöpft, ohne weiteres in die betreffende Sprache übersetzen zu können (vgl. Bsp.-2, Tab.-23). Interviewpartner 1 (I1, 00: 04: 17-00: 05: 27) und Interviewpartner 2 (vgl. Bsp. 2, Tab. 23) beschreiben ihre anfängliche Selbsteinschätzung der eigenen Sprach‐ kenntnisse beide - aus heutiger Sicht - als eher naiv. Beide hätten bei der Registrierung eine Vielzahl an Sprachen ausgewählt, in die bzw. aus denen sie übersetzten. Allerdings seien sie erst im Laufe der Zeit und über das vor allem anfangs recht negative Feedback auf ihre Übersetzungen zu der Einsicht gekommen, dass ihre Sprachkenntnisse nicht in allen Sprachen ausreichend gewesen seien (vgl. Bsp.-3). Tatsächlich finden sich im Forum zahlreiche Auseinandersetzungen zwischen Mitgliedern zu der Frage, wann ein: e Nutzer: in eine Arbeitssprache ausreichend gut beherrscht, um übersetzen zu ‚können‘ - oder, mehr noch, um als Expert: in tätig zu werden. Vor allem Expert: innen liefern im Forum immer wieder Rück‐ meldungen zu Nutzer: innen, deren Übersetzungen sie regelmäßig ablehnen müssen. Das geht so weit, dass einzelne Mitglieder vom Gruppengründer oder von Administrator: innen für bestimmte Sprachen gesperrt werden (z. B. PB045_006; A146_360). In Kapitel 6.1 wurde bereits diskutiert, dass normative Vorstellungen der Community zu den erforderlichen Sprachkompetenzen schon im Registrie‐ rungsformular verankert sind. Dort wird Nutzer: innen bei jenen Sprachen, die nicht ihre Erstsprache sind, eine Hilfestellung zur Selbsteinschätzung ihrer Sprachkenntnisse gegeben: Es solle sich dabei um Sprachen handeln, „[that] you can read and understand at least 75 % at first reading it“ (vgl. Abb. 6, oben). An zahlreichen anderen Stellen ist immer wieder die Rede vom „fließenden“ Beherrschen einer Sprache (vgl. Bsp. 4, Tab. 23) - ohne dass jedoch genauer definiert wird, worum es sich dabei genau handelt. Nun handelt es sich bei dieser Formulierung um eine idealtypische, kollektive Konstruktion. In der Praxis - und auf individueller Ebene - zeigt sich, dass einige Nutzer: innen geneigt sind, diese formalen Vorgaben außer Acht zu lassen, wenn sie befürchten, dass eine Übersetzung ansonsten überhaupt nicht erledigt werden könne. Wie Beispiel 4 (Tab. 23) zeigt, kommt es bei Übersetzungen, für die es keine Mitglieder mit entsprechender Kompetenz in Ausgangs- und Zielsprache gibt, oft zur gemeinschaftlichen Arbeit an Übersetzungen durch mehrere Übersetzer: innen, die für sich alleine ihre Stärke entweder in der Ausgangs- oder Zielsprache sehen. Diese Vorgehensweise erinnert an die Ar‐ beitsweise von Literaturübersetzer: innen-Tandems, wie sie etwa Choi (2006) für Übersetzungen aus dem Koreanischen ins Französische beschreibt. 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 317 <?page no="318"?> Letztlich entwickelt sich im Forum eine Diskussion darüber, ob von Nut‐ zer: innen tatsächlich dasselbe Sprachniveau in sowohl Ausgangsals auch Zielsprache gefordert werden kann. Viele Nutzer: innen sind der Meinung, die erforderliche Sprachkompetenz hänge davon ab, wie die Übersetzung letztlich verwendet werde. Beispielsweise sei hohe Kompetenz in der Zielsprache mehr oder weniger relevant, je nachdem, ob der Zieltext nur verstanden oder aber publiziert werden solle. Hohe Kompetenz in der Ausgangssprache sei vor allem dann wichtig, wenn die Ausgangstexte komplex sind oder wenn die Übersetzer: innen mit der Textsorte weniger vertraut seien (WF033). 1 „Ich bin kein Ukrainisch-Native. Aber ich war oft in der Ukraine und habe dort eigentlich auch eine recht lange Zeit mit Ukrainer: innen zusammengewohnt, habe also jede mögliche Art von Gesprächen [auf Ukrainisch] geführt. Aber ich brauche immer noch ein Wörterbuch, wenn ich ins Ukrainische übersetze.“ (A146_888) 2 „Es war nicht meine Absicht, so eine schlechte Übersetzung zu liefern. […] Sorry, aber ich hatte Kontakt mit jemand aus Brasilien. Ich habe ihm einige Übersetzungen geschickt (hatte nichts mit [Translaville] zu tun) und er hat gemeint, sie seien sehr gut gewesen. Ich habe also wirklich gedacht, ich kann mir das zutrauen.“ (PB045_007) 3 „So I clicked on as many languages as I could. What did I put initially? As source languages I think I kind of started with the basic ones, and (lacht) also as a target language, I put [Sprache], [Sprache], [Sprache], [Sprache] and [Sprache]. Now when I think of it, I probably shouldn’t have put [Sprache], [Sprache] and [Sprache] as a target language, but I just wanted to/ because when you fill in the languages the algorithm of the website just checks the available translations with your translation preferences, and I just wanted to be able to do as many translations as possible. So, the list would be just as big as it could get. So, I think I probably added too many languages in retrospect, but still.“ (I2, 00: 05: 54-00: 06: 57) 4 Entwickler: „[…] Du darfst nicht übersetzen, wenn du die Sprache nicht fließend beherrscht. In einer idealen Welt wären wir nämlich gar nicht gezwungen, irgendeine Übersetzung abzulehnen, und wir sollten auch keine Übersetzungen bearbeiten müssen. Da unsere Expert: innen Freiwillige sind, haben sie nicht unbegrenzt Zeit. Deshalb bitten wir nur solche Nutzer: innen, Übersetzungen zu machen, die die Sprache auch wirklich fließend sprechen. […]“ Nutzerin A: „[…] Das heißt, dass eine Übersetzung vom Türkischen ins Griechi‐ sche von einer Person übernommen werden sollte, die beide Sprachen fließend spricht, und ich weiß nicht, ob wir hier so jemand haben. [Nutzerin B] und ich haben das am Ende gemeinsam hinbekommen. Mein Leseverständnis ist in beiden Sprachen gut, aber ich mache ein paar kleine Fehler, wenn ich schreibe. Ein: e Erstsprachler: in der Zielsprache kann aber mit Leichtigkeit nachvollziehen, was ich meine.“ (WF033_002-003) Tabelle 23: Vorstellungen rund um für das Übersetzen als erforderlich empfundene Sprachkenntnisse 318 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="319"?> Letztlich scheinen sich die Aushandlungsprozesse in der Community rund um Fragen der erforderlichen Sprachkenntnisse im Kern darum zu bewegen, was als Ziel der übersetzerischen Praxen gesehen wird: Will man Nutzer: innen eine Lernmöglichkeit bieten? Soll in irgendeiner Weise der Tatsache Rechnung getragen werden, dass es sich um eine Amateur-Plattform handelt? Oder soll bei der Einschätzung der Sprachkenntnisse auch berücksichtigt werden, dass man als Community nach außen hin mit hochwertigen Übersetzungsleistungen werben möchte? 7.1.2.2 Mit Übersetzungsanfragen mitgelieferter Kontext Während die oben besprochenen Vorstellungen zu Sprachkenntnissen eher im Vorfeld eigentlicher Übersetzungsprozesse von Relevanz sind, finden sich im Datenmaterial eine Reihe von Themen, die enger mit der eigentlichen Arbeit an Übersetzungen in Verbindung stehen, darunter etwa die Rolle, die Kontext beim Übersetzen zugeschrieben wird. Kontext ist ein zentrales Thema in den Einstellungen der Nutzer: innen zum Übersetzen in der Community - und findet in weiterer Folge Eingang in deren normative Vorstellungen zum Übersetzungsprozess (siehe auch Rogl 2024). In den Interviews haben sowohl Interviewpartner 1 als auch Interview‐ partner 2 von sich aus fehlenden Kontext als eines der Hauptprobleme im Zusammenhang mit Übersetzungsanfragen angesprochen (vgl. Tab.-24). Wie Interviewpartner 1 (Bsp.-1) im unten angeführten Beispiel betont, hatte dies besonders häufig Diskussionen in der Gruppe zur Folge. Während bei regulä‐ ren Übersetzungsanfragen in der Regel die Möglichkeit bestand, bei den Aus‐ gangstextautor: innen rückzufragen (falls diese erreichbar waren), bemängeln die Nutzer: innen fehlenden Kontext insbesondere bei der Übersetzung der Plattformumgebung (bei der einzelne, aus dem Zusammenhang gegriffene Sprachsegmente übersetzt werden, WÜ032_001), oder bei Übersetzungen über die Projektfunktion (wo Texte zum Teil sehr kleinteilig segmentiert werden; vgl. Kap.-6.2.6). Letztlich scheint man sich in der Community einig zu sein, dass Übersetzen ohne ausreichend Kontext in vielen Fällen nicht möglich ist. 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 319 <?page no="320"?> 1 „[A] frequent discussion all the time I spent there was about context. Many times, some requests couldn’t be done because we knew nothing about the context.“ (I1, 01: 11: 22-01: 11: 54) 2 „[O]ne of the hardest things was always lack of context. People would ask you to translate a single phrase, and ok, sometimes that was very easy, because you don’t really need the context. But sometimes you’re like: OK, WHAT is this about? “ (I2, 00: 33: 21-00: 33: 42) Tabelle 24: Beispiele für Vorstellungen und Einstellungen zur Relevanz von Kontext Dass das subjektive Erleben einer Praxis mit der Zeit oft wesentlich dafür ist, wie eine Praxis letztlich sozial und technisch (um-)gestaltet wird, zeigt die Reaktion der Community auf fehlenden Kontext in Übersetzungsanfragen. So wird man sich im Laufe der Diskussionen rund um dieses Problem etwa darüber einig, es gehe in Ordnung, Aufträge ohne Kontext zu löschen. Man versucht also, ein Problem über die Formulierung neuer Handlungsnormen zu lösen. Da jedoch technische Lösungen in der Regel ‚robuster‘ (also beständiger, weniger leicht änderbar, einfacher an einer bestimmten Stelle zu ‚fixieren‘) sind, reagiert die Community darüber hinaus mit einer Änderung des Eingabeformulars (extra Kommentarfeld für Kontext, Ergänzung einer Infobox mit einer expliziten Auf‐ forderung, Kontext zu ergänzen). Damit ergänzt man eine neue Handlungsnorm (‚Zu Übersetzungsanfragen muss Kontext mitgeliefert werden.‘) um eine neue, technisch realisierte Handlungsmöglichkeit, um dieser Norm mehr Raum und Sichtbarkeit zu verschaffen. (Welche Arten von Kontextinformation in diesem Eingabefeld besonders häufig mitgeliefert werden, fasst Tabelle 9 in Abschnitt 6.2.1.3 zusammen.) 7.1.2.3 Recherche Eng verbunden mit der Relevanz von Kontext beim Übersetzen ist die Not‐ wendigkeit von Recherche. Aus den Diskussionen im Forum und einzelnen Interviewpassagen wird deutlich, dass die Mitglieder von Translaville Recher‐ che als wesentlich beim Übersetzen erachten. Dabei werden unterschiedliche Arten von Recherche erwähnt: neben (1) terminologischen Recherchen und (2) Recherchen zur Identifizierung des Kontexts (vgl. z. B. letzter Abschnitt), auch (3) Recherchen, die bei einer weiterführenden Interpretation des Ausgangstexts helfen (z. B. Stilmittel, versteckte Motive, Intertextualität etc. bei literarischen Texten oder Liedtexten; vgl. z. B. Bsp. 1, Tab. 25) sowie (4) Recherchen, die bei der Verifizierung der sachlichen Richtigkeit von Inhalten in Ausgangstexten helfen (vgl. z. B. Bsp. 2, Tab. 25), oder (5) einfach durch den Inhalt eines Ausgangstexts 320 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="321"?> inspiriert sind und aus reinem Interesse am Thema durchgeführt werden, ohne aber dass sie für die eigentliche Übersetzung erforderlich wären. 1 „Was ich am liebsten mag [am Übersetzungsprozess], ist, die Bedeutung hinter einem Text zu recherchieren und herauszufinden, also nicht die offensicht‐ liche Bedeutung.“ (A146_078) 2 „[H]e said ‘I could not imagine such a story to be true, so I tried 10 or so Google researches in Japanese and not one of them has given me anything like the story you mentioned. So I think we can safely say it’s an urban legend.’ (lacht) I don’t know, (lacht), I really don’t remember the translation, but just to see, like, people were actually, in order to improve the quality of the translation, doing some googling, some lookup, to look for a context, ‘OK, what could this be about? ’ And then, you can discuss with other people to help them.“ (I2, 00: 34: 11-00: 34: 56) Tabelle 25: Beispiele für Vorstellungen und Einstellungen zur Relevanz von Recherche Diese Beschreibungen der Nutzer: innen zur Relevanz von Recherche zeigen zunächst, dass Übersetzen von vielen Mitgliedern der Community als mehr als ein bloßer sprachlicher Transfer gesehen wird. Die verschiedenen Arten von Recherche, die die Nutzer: innen als relevant erachten, deuten außerdem auf eine Wahrnehmung vom Übersetzen hin, die vor allem von Amateur-Übersetzer: innen (die sich aus Freude am Übersetzen und an der Beschäftigung mit Texten in entsprechenden Communities engagieren) oft besonders in den Vordergrund gerückt wird: dass Übersetzen zu einem umfassenderen ‚Erlebnis‘ werden kann, im Zuge dessen gemeinschaftlich an Texten gefeilt wird; bei dem man versucht, der Vielschichtigkeit von Bedeutungen im zu übersetzenden Material nachzugehen und diese intensiv mit anderen diskutiert; und wo Übersetzen auch Ausgangspunkt für eine tiefergehende Beschäftigung mit Inhalten werden kann, auf die man sonst vielleicht nicht gestoßen wäre. Sicherlich haben auch berufliche Übersetzer: innen in der Ausübung ihrer Tätigkeit Freude an genau diesen Aspekten des Übersetzens. Amateur-Übersetzung bietet den Mitgliedern entsprechender Communities jedoch in der Regel den Raum und die Zeit, den Fokus auf genau diese Bedürfnisse beim Übersetzen legen zu können, ohne dabei in vergleichbarer Weise Rücksicht auf Faktoren wie etwa Kosteneffizienz nehmen zu müssen. 7.1.2.4 Einstellung zu maschineller Übersetzung Wie in Kapitel 6.3.1 bereits erwähnt wurde, nimmt die Community überall dort, wo gemeinsame normative Vorstellungen vom Übersetzen auf Translaville kommu‐ niziert werden (z. B. in den FAQs oder Community-Regeln, vgl. Anhang A.1), eine klar 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 321 <?page no="322"?> ablehnende Position gegenüber der Verwendung maschineller Übersetzungsdienste ein. Dies kann zunächst darauf zurückgeführt werden, dass entsprechende Tools zum Zeitpunkt der Gründung von Translaville tatsächlich noch qualitativ weitaus schlechtere Ergebnisse produzierten als dies vielleicht wenige Jahre später der Fall war (vgl. Bsp. 1, Tab. 26, unten). Darüber hinaus scheint man in der Community gerade die Tatsache, dass es sich eben um menschliche Übersetzung - in Abgren‐ zung von maschinellen Übersetzungstools - handelt, als wesentlichen Teil des Selbstverständnisses von Translaville wahrzunehmen. Maschinelle Übersetzung sei dabei für sehr kurze oder wenig komplexe Anfragen sinnvoll, womit vermieden werden solle, dass wertvolle ‚menschliche Arbeitszeit‘ verschwendet wird. Auf Translaville hingegen wolle man sich auf aufwändige, anspruchsvolle oder kreative Projekte konzentrieren, die - so die Wahrnehmung in der Community - nur von ‚menschlichen Übersetzer: innen‘ in der Form erledigt werden können (V142). Um die Community nicht mit „useless translation“ (V142_003) zu überlasten, wird also mit der Zeit auf der Anfrageseite für Übersetzungen ein Link zu Google Translate eingebunden, mit dem Hinweis an Nutzer: innen, sie sollten zuerst überprüfen, ob eine damit erstellte Übersetzung für ihre Zwecke nicht ausreichend sei (V142). Liefert ein: e Nutzer: in wiederholt schlechte Übersetzungen, so wird oft schnell der Vorwurf laut, die Person hätte maschinelle Übersetzungssysteme verwendet - auch wenn die betreffenden Nutzer: innen dann oft zugeben, die Zielsprache einfach nicht besser zu beherrschen (PB045). Tatsächlich scheint es aber auch Nutzer: innen zu geben, die schnell an Übersetzungspunkte kommen möchten, um selbst (längere) Übersetzungen anfordern zu können, und dafür auf maschinelle Übersetzung zurückgreifen - entweder weil sie aufgrund fehlender Sprachkennt‐ nisse sonst gar nicht in der Lage wären, Übersetzungen fertigzustellen, oder weil es ihnen so gelingt, schneller mehr Übersetzungen hochzuladen (Bsp. 2, Tab. 26). Hat die Community den Verdacht, es handle sich bei einem Text um eine maschinell angefertigte Übersetzung, so wird zunächst oft noch versucht, den: die betreffende: n Nutzer: in zu verwarnen (PB045). Im äußersten Fall werden Mitglieder bei Verstoß gegen diese Regel aber von der Community ausgeschlossen (V113_002). Mit der Zeit melden sich immer wieder Nutzer: innen, die das absolute Verbot von maschineller Übersetzung aufweichen und stattdessen einen ver‐ antwortungsvollen Umgang mit entsprechenden Tools auf der Plattform pro‐ pagieren möchten. Entsprechende Vorschläge werden jedoch abgelehnt, mit der Begründung, es brauche klare Richtlinien für Anfänger: innen, ohne viel Deutungsspielraum in der Frage, was denn nun in einem gegebenen Fall ‚verantwortungsvoll‘ sei (vgl. Bsp. 3, Tab. 26). Allerdings räumen in Beispiel 3 sowohl ein Experte als auch der Gruppengründer selbst ein, persönlich auch 322 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="323"?> maschinelle Tools zu verwenden. Entsprechend sind sie der Auffassung, dass mit zunehmender Erfahrung beim Übersetzen Nutzer: innen auch eher einschätzen könnten, wann gruppeninterne Regeln zum Übersetzen außer Acht gelassen werden können (V113). 1 „Nach Jahren schlechter maschineller Übersetzung war es wundervoll, hier schon bei der ersten Anfrage so ein Ergebnis zu bekommen.“ (V042_001) 2 „Es gibt eine Sache, die wir hier nicht wollen, und das ist, dass Leute automatische Übersetzungstools nutzen, für Übersetzungen in eine Zielspra‐ che, die sie nicht sprechen. Wir möchten, dass Übersetzungen von Menschen angefertigt werden, die wenigstens die Zielsprache beherrschen und/ oder Natives der Zielsprache sind. (V113_002) 3 „Ich stimme dir zu, dass automatische Übersetzungssoftware hilfreich sein kann, aber wie [Nutzer A] gesagt hat, wissen erfahrene Nutzer: innen eher, wie diese zu verwenden ist. Für neue Mitglieder brauchen wir Regeln, die so klar wie möglich formuliert sind, [also haben wir hier die Regel] ‚Keine automatischen Übersetzungstools verwenden! ‘. Erfahrene Mitglieder wissen, dass sie automatische Tools verantwortungsvoll nutzen können.“ (V113_004) Tabelle 26: Beispiele für Einstellungen zu maschineller Übersetzung 7.1.2.5 Priorisierung der Übersetzungsanfragen Wie in Abschnitt 6.2 bereits erwähnt wurde, zeichnet sich Translaville (wie auch andere Amateur-Übersetzer: innen-Plattformen) dadurch aus, dass die Übersetzer: innen selbst entscheiden, welche Texte sie auswählen und bearbeiten möchten. Es war daher interessant, den Interviewpartner: innen die Frage zu stellen, auf der Basis welcher Kriterien oder Prioritäten sie bei freier Wahl aus den normalerweise sehr zahlreich vorhandenen Ausgangstexten diejenigen auswählen, die sie übersetzen möchten. Immerhin suchen sich, wie ein: e Nutzer: in dies im Forum erklärt, vermutlich ein Großteil der Nutzer: innen nur solche Texte zum Übersetzen aus, die sie auch wirklich gerne bearbeiten möchten (WT43_004). Interviewpartnerin 3 erklärt, sie habe sich bei der Auswahl von Ausgangstex‐ ten zunächst oft die Übersetzungsanfragen einer gewissen Sprachkombination angesehen. Immerhin sei sie eine der wenigen Nutzer: innen gewesen, die diese abdecken konnte. Sie habe also eine gewisse Verpflichtung verspürt, sich um diese Anfragen zuerst zu kümmern. Darüber hinaus habe sie entweder nach dem Anspruchsniveau der zu übersetzenden Texte oder nach der möglichen Relevanz der Übersetzung für die Auftraggeber: innen entschieden. Sie habe also einerseits die Herausforderung gesucht, sich auch an schwierigen Texten zu versuchen. 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 323 <?page no="324"?> Sie habe nämlich im Laufe der Zeit zunehmend die Motivation dafür verloren, jede beliebige Anfrage zu übernehmen - ein Großteil davon wiederkehrende, banale oder sehr kurze Ausgangstexte. Andererseits sei es Interviewpartnerin 3 aber auch wichtig gewesen, Texte auszuwählen, die den anfragenden Personen auf einer persönlichen Ebene wichtig zu sein schienen oder bei denen sie das Gefühl hatte, jemandem helfen zu können (vgl. Bsp.-1, 2; Tab.-27, unten). Ähnlich argumentiert auch Interviewpartner 1. Für ihn (und eine ähnliche Aussage machte auch Interviewpartnerin 4; I4, Abschn. 10) sei zunächst wichtig gewesen, nur Texte zu übernehmen, zu deren Übersetzung er sich in der Lage fühlte. In weiterer Folge habe er Übersetzungsanfragen aber danach priorisiert, aus welchen Themengebieten die Texte stammten. Er erwähnt dabei, er habe es bevorzugt, Texte zu ‚ernsthaften‘ bzw. ‚nützlichen‘ Themen zu übersetzen bzw. Texte, bei denen er das Gefühl hatte, sie würden von den Auftraggeber: innen besonders dringend gebraucht. Als Beispiel nennt er etwa wissenschaftliche Texte oder Informationstexte (vgl. Bsp.-3). 1 „I did like the challenging bits where I could really contribute something. And I liked the personal bits because it is just nice to feel that you helped someone say thank you or/ or keep in touch with people.“ (I3, 00: 18: 03-00: 18: 22) 2 „Well, the language combination would be my first choice. Anything from [Sprache], because there were not so many people who could do that, and because I like [Sprache], so I’d usually go there first. And (..) then the subjects, because, in the beginning, it’s all nice and new and you just jump in, and at some point, you realize, well, you know: ‘This sentence has come back so often and I’m a little bit tired of this sentence. I don’t particularly want to translate that anymore.’ I think, like that. So, you start looking at those things. So, letters from friends are always nice and thank-you notes to people in different countries. And then there are things like, yeah, just the mottos and the things you can find anywhere on the internet, and you think: Well, somebody else can do that.“ (I3, 00: 16: 35-00: 17: 28) 3 „I used to pick texts for translation based on, first, a text subject I could handle, and on the usefulness of the text to the requestor. So, I was very pleased when people used [Translaville] for academic papers, for work, for some information texts.“ (I1, 01: 12: 26-01: 13: 27) Tabelle 27: Beispiele für Vorstellungen und Einstellungen zur Priorisierung von Überset‐ zungsanfragen Eine etwas andere Perspektive beschreibt Interviewpartner 2 (00: 36: 12- 00: 37: 04). Er berichtet davon, sein Ziel bei der Wahl der Ausgangstexte sei es gewesen, einfach nur so viel wie möglich zu übersetzen. Dabei erwähnt er auch seine Enttäuschung, wenn andere Nutzer: innen ihm eine Übersetzung ‚weggeschnappt‘ hätten. Um dem so gut wie möglich vorzubeugen, hätte er mit 324 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="325"?> der Zeit zuerst immer alle Übersetzungsanfragen in auf Translaville häufiger vertretene Sprachkombinationen bearbeitet. Sobald diese erledigt waren und somit in der Zwischenzeit von niemand sonst fertiggestellt werden konnten, hätte er alles bearbeitet, was er sonst noch übernehmen konnte. Ähnlich wett‐ bewerbsorientiert scheinen auch andere Nutzer: innen vorzugehen, darunter etwa ein Nutzer, der im Forum berichtet, die Ausgangstexte nach den maximal zu erzielenden Übersetzungspunkten zu priorisieren (V053_001). Die Beispiele zeigen, dass unterschiedliche Motivationen für bzw. Vorstellun‐ gen vom Übersetzen dafür verantwortlich sind, wie Nutzer: innen ihren Über‐ setzungsprozess letztlich individuell gestalten. Je nachdem, ob Nutzer: innen das übergeordnete Ziel ihrer übersetzerischen Praxen nun in der erfolgreichen Fortführung der Gruppenaktivitäten, in ihrem persönlichen ‚Erfolg‘ in der Community oder auch in der Zufriedenheit der Auftraggeber: innen sehen, werden sie anderen Ausgangstexten Priorität einräumen. 7.1.2.6 Übersetzungsvolumen Ein wiederkehrendes Thema im Forum sind auch Erwartungen in Bezug auf ein bestimmtes Übersetzungsvolumen, das man als Community oder als ‚Sprachbe‐ reich‘ bewältigen kann oder möchte. Dabei finden sich im Forum zahlreiche Benachrichtigungen von Expert: innen oder Administrator: innen, in denen die Mitglieder der Community darauf aufmerksam gemacht werden, dass es einen gewissen „Rückstau“ bei Übersetzungsanfragen oder bei der Evaluierung von Übersetzungen gibt. Zum Zeitpunkt des Forenbeitrags in Beispiel 1 (Tab. 28, unten) sind für manche Sprachen etwa über 400 Übersetzungen ausständig, während für andere Sprachen jeweils noch über 200 Übersetzungen auf eine Evaluierung warten - für Übersetzungen ins Lateinische sogar über 500. Für besonders dringend gebrauchte Sprachen ruft man im Forum daher dazu auf, gezielt neue Mitglieder mit den entsprechenden Sprachkombinationen anzuwerben. Im analysierten Material finden sich jedoch nur einige wenige Hinweise auf Fälle, wo dies auch funktioniert hat (Bsp.-1, Tab.-28). Die Frage, wie viele Übersetzungen man als engagierte: r Nutzer: in täglich bewältigen könne oder sich sogar verpflichtet fühle, abzuarbeiten, ist somit ein häufig besprochenes Thema in der Community (vgl. Bsp. 2, Tab. 28). Gerade Expert: innen melden sich auch immer wieder im Forum zurück, wenn sie es geschafft haben, die noch zur Evaluierung ausstehenden Übersetzungen unter einer gewissen, selbstgesetzten Quote zu halten (V114_001). Immer wieder finden sich jedoch auch Kommentare von Mitgliedern, die von sich oder anderen berichten, dass sie „overworked“ (A124_046) oder „overloaded“ (WF043_004; 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 325 <?page no="326"?> V057_008; V089_004; V090_033) seien. Insbesondere der Entwickler scheint zu einem bestimmten Zeitpunkt den Anstieg an täglichen Übersetzungsanfragen eher mit Sorge mitzuverfolgen. Zwischendurch schien die Anzahl der täglichen Besucher: innen - und dementsprechend auch der zu bearbeitenden Texte - so hoch gewesen zu sein, dass er davon spricht, zeitlich an seine Grenzen zu stoßen (vgl. Bsp.-3, Tab.-28). Die Wahrnehmung dessen, was ein (noch) bewältigbares Übersetzungsvolu‐ men ist, scheint dabei auch bei Umgestaltungsprozessen des Plattformdesigns immer wieder relevant zu werden. Interessant sind in diesem Zusammenhang etwa die Reaktionen des Entwicklers auf Vorschläge von Nutzer: innen, die sich eigentlich eine übersichtlichere Gestaltung des Übersetzungsprozesses oder mehr Intuitivität bei der Nutzung der Plattform wünschen. Solche Vorschläge werden vom Entwickler wiederholt abgelehnt - mit der Begründung, man wolle es neuen Nutzer: innen nicht zu einfach machen, eine Übersetzungsanfrage hochzuladen, um das täglich anfallende Übersetzungsvolumen damit insgesamt auf einem noch bewältigbaren Niveau halten zu können (Bsp. 4). Technische Neuerungen - oder wie hier, das Aufrechterhalten des technischen Status Quo sind also nicht immer darin begründet, dass ein gegebenes technisches Design die bestmögliche Funktionalität aufweist oder die effizienteste Bedienung er‐ laubt. Das Beispiel zeigt, dass Entscheidungen zu technischen Entwicklungen auch organisatorischen Motiven oder bestimmten Prioritäten besonders ein‐ flussreicher Nutzer: innen-Gruppen folgen können. 1 „Bei [Translaville] haben wir immer einen ‚Rückstau‘ bei den hochgeladenen Texten, die auf die Übersetzung durch jemand warten, und bei den Über‐ setzungen, die auf die Bewertung durch eine: n Expert: in (oder auf eine Evaluierungsumfrage) warten. In den meisten Fällen ist ein solcher Rückstau, insbesondere, wenn er einmal wirklich groß wird, darauf zurückzuführen, dass wir zu wenige Übersetzer: innen haben, die mit den entsprechenden Ausgangsund/ oder Zielsprachen arbeiten können. Hier sind die aktuellen Zahlen zu allen ‚Rückständen‘ von über 200 Texten, nach Zielsprache: [Ausständige], angeforderte Übersetzungen: 438 Urdu, 411 Vietnamesisch, 400 Hindi, 348 Afrikaans, 240 Englisch, 226 Arabisch, 217 Kurdisch, 208 Thai, 206 Latein. Übersetzungen, die noch nicht evaluiert wurden: 505 Latein, 279 Slowenisch, 229 Farsi-Persisch, 222 Türkisch, 206 Deutsch. Wenn ihr jemanden kennt, der fließend Urdu, Vietnamesisch, Hindi oder Afrikaans spricht und eine zweite Sprache beherrscht, erzählt ihm: ihr bitte von [Translaville].“ (A042_001, 04.10.2008) 326 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="327"?> 2 „Über den Sommer scheint sich alles etwas beruhigt zu haben. Entweder das, oder ich habe einfach etwas mehr Zeit, sie [die Übersetzungen] zu erledigen. Im Frühjahr waren es über 30 Übersetzungen pro Tag - jetzt sind es nur noch etwas über 20, aber das liegt auch daran, dass ich nicht jedes Mal, wenn ich die Liste durchgehe, alle erledigen kann - einige landen in einer Evaluierungsumfrage, bei anderen habe ich Fragen, bei denen ich auf eine Antwort der Übersetzer: innen warten muss, usw.“ (A146_103) 3 „Der Traffic auf der Seite kann nicht ewig wachsen. Ich tue nichts [d. h. keine aktive Werbung] dafür, weil ich ein weiteres Wachstum in der Größenord‐ nung einfach nicht mehr schaffen würde. Ich habe keine Freizeit mehr. Vor ein paar Wochen war der Traffic sehr hoch, fast 16.000 Besucher pro Tag, und die noch zu bearbeitenden englischen bzw. türkischen Texte waren sehr schwer abzuarbeiten. Ich bin mir nicht sicher, ob [Translaville] es schaffen würde, wenn es einfach zu viele Anfragen oder Übersetzungen werden.“ (V141_004) 4 „Das könnte eine schöne Verbesserung [für das Design] sein. Meine Sorge gilt hier aber eher der Anzahl an zusätzlichen Übersetzungsanfragen, die wir dann bekommen würden. Ich weiß nicht, wie viele Leute letztlich doch keine Anfrage hochladen, weil sie nicht die richtige Seite finden.“ (V100_005) Tabelle 28: Beispiele für Vorstellungen und Einstellungen zum zu bewältigenden Über‐ setzungsvolumen Insgesamt wird deutlich, dass die Wahrnehmungen rund um die Frage, was für die Community oder einzelne Mitglieder bewältigbar ist, zentral ist dafür, wie Nutzer: innen auch ihre Verpflichtung gegenüber der Plattform individuell oder kollektiv konstruieren. Die oben dargestellten Beobachtungen zeigen außerdem, dass zentrale Plattformprozesse der Fertigstellung von Übersetzungen untergeord‐ net werden, während das für viele Plattformen zentrale Ziel der Erhöhung der Besucher: innenzahlen als nachrangig behandelt wird. 7.1.2.7 Akzeptable Dauer Zusätzlich zu Erwartungen rund um die Frage, ein wie großes Übersetzungs‐ volumen für einzelne Mitglieder bewältigbar ist (oder sein ‚sollte‘), werden die Vorstellungen vom Übersetzungsprozess auf Translaville auch davon be‐ einflusst, was für ein Zeitraum für die Fertigstellung einer Übersetzung als akzeptabel erachtet wird, und zwar sowohl in der Wahrnehmung der Mitglieder, die Übersetzungen beauftragen, als auch der der Übersetzer: innen selbst. Ob sich die Bearbeitung einer Übersetzung auf Translaville verzögert, hängt von verschiedenen Faktoren ab: etwa der Frage, wie viele Übersetzer: innen es für eine bestimmte Sprachkombination gibt, ob bzw. wie viele Expert: innen für eine Zielsprache vorhanden sind, wie aktiv die betreffenden Expert: innen auf der 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 327 <?page no="328"?> Plattform sind und wie gut das Evaluierungsaufkommen für die Expert: innen bewältigbar ist. Zahlreiche Kommentare im Forum weisen jedenfalls darauf hin, dass die Nutzer: innen von Translaville ein gewisses Verpflichtungsgefühl empfinden, die angefragten Übersetzungen in einer als ‚zumutbar‘ empfundenen Zeit zu erbringen. Dabei versuchen einige Nutzer: innen, bevorzugt solche Überset‐ zungsaufträge zu bearbeiten, bei denen sie davon ausgehen können, dass sie von den beauftragenden Nutzer: innen besonders dringend gebraucht werden (vgl. dazu auch Kap. 7.1.2.5). Vielfach ist auch Frustration auf Seiten der Über‐ setzer: innen zu spüren, wenn sie sich zwar bemüht haben, eine Übersetzung möglichst schnell zu liefern, wenn die Fertigstellung der Übersetzung sich dann aber erst wieder verzögert, weil diese nicht (schnell genug) evaluiert wird (PB078_015; PB047; A085_008-009; I1, 00: 18: 45-00: 20: 07). Als frustrierend empfinden Nutzer: innen eine solche Verzögerung aus sowohl altruistischen als auch eher egoistischen Gründen: weil die Auftraggeber: innen eine Übersetzung somit nicht dann bekommen, wenn sie diese brauchen (V013_001); oder weil es dann auch länger dauert, bis sie selbst Übersetzungspunkte für die betreffenden Übersetzungen gutgeschrieben bekommen (WF007_001). Gleichzeitig finden sich im Forum zahlreiche Anfragen von Nutzer: innen, die verärgert darüber sind, dass ihre Übersetzungsanfragen nicht schneller erledigt werden (z. B. A050_001). Während diese Frustration vom Rest der Community in den weiter oben genannten Fällen (z. B. fehlende Übersetzer: innen bzw. Expert: innen für eine Sprachkombination) als gerechtfertigt gesehen und den Mitgliedern dann auch entsprechend erklärt wird, finden sich im Forum auch zahlreiche Beispiele für Beschwerden, die von anderen Mitgliedern als unge‐ rechtfertigt empfunden werden: So klagen einige Mitglieder, unerfahrene Nut‐ zer: innen seien zu stark vom Bild maschineller Übersetzungsdienste beeinflusst und somit kaum gewillt, überhaupt auf Übersetzungen zu warten - auch, wenn es sich dabei um ‚menschliche Übersetzung‘ handle (V086). Erstaunlicherweise wird die Verzögerung von Übersetzungen jedoch nur in recht seltenen Fällen damit gerechtfertigt, dass es sich um eine Tätigkeit handelt, die die Mitglieder freiwillig, in ihrer Freizeit erbringen. Vielmehr scheint (insbesondere unter Expert: innen) die Einstellung zu überwiegen, wer sich bereit erklärt habe, eine Rolle in der Community zu übernehmen, habe automatisch bereit zu sein, so viel Freizeit wie nötig dafür zu opfern, um den ‚Verpflichtungen‘ für die Community auch nachkommen zu können (vgl. z. B. WF051_001). 328 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="329"?> 7.1.2.8 Evaluierungsprozess Zu den Vorstellungen rund um den Übersetzungsprozess gehören auch Vor‐ stellungen zum Evaluierungsprozess auf Translaville. Einzelne Aspekte dieses Themas wurden bereits in anderen Abschnitten (vgl. insbesondere Kap. 6.3.3) angerissen und werden hier noch einmal vertieft. Hier geht es vor allem um prozessbezogene Vorstellungen rund um die Beurteilung von Übersetzungen - also um das Wie? beim Evaluieren. In Kapitel 7.1.3 werden später auch Sinnkonstruktionen rund um die Qualität von Übersetzungen diskutiert. Die analysierten Daten zeigen zunächst, dass bereits die Organisation bzw. Gestaltung der Evaluierungspraxen auf Translaville auf bestimmten Vorstel‐ lungen und Erwartungen der Community basieren. Dies zeigt beispielweise die bewusste Entscheidung der Community für eine individuelle Evaluierung durch Expert: innen, also durch erfahrene Mitglieder von Translaville - und gegen ein zu einem späteren Zeitpunkt vorgeschlagenes Voting-System, bei dem die Gesamtheit der Mitglieder über die Qualität einer Übersetzung ab‐ stimmen würde, so wie dies häufig bei Crowdsourcing-Plattformen der Fall ist (PB078_001). Dabei argumentiert man, ein Voting-System könne der Quali‐ tät des Evaluierungsprozesses letztlich nur abträglich sein, immerhin könne man nicht davon ausgehen, dass die Masse der Nutzer: innen eine bessere Einschätzung eines Zieltexts liefern würde als ein: e Expert: in, der: die seine: ihre Expertise in der Community vielfach unter Beweis gestellt habe (PB078_003). Eine Tendenz zu stärker abstimmungsbasierten Organisationsformen für On‐ line-Übersetzung auf ähnlichen Plattformen führt man auf die solchen Platt‐ formen oft zugrunde gelegte Idee zurück, lieber möglichst viele Personen kommunikativ einzubinden, anstatt Qualitätssicherungsverfahren zu priorisie‐ ren (PB078_003). Dabei räumt man ein, ein Voting-System sei zwar womöglich der ‚demokratischere‘ Zugang zur Beurteilung von Übersetzungen. Man halte aber Mehrheitsentscheidungen schlichtweg nicht für auf die Evaluierung von Übersetzungen anwendbar (PB078_007) - immerhin sei ein Zieltext auf der Basis eines Ja-/ Nein-Abstimmungsergebnisses nicht wirklich sinnvoll korrigier- und verbesserbar. Auch sei nicht nachvollziehbar, ob einzelne Votings wirklich ernstgemeint, oder nur zum Spaß abgegeben worden seien (PB078_006). Das auf Translaville umgesetzte Beurteilungssystem schätze man hingegen vor allem deshalb, weil dabei neben dem Feedback durch Expert: innen auch die Diskus‐ sion von Texten unter Nutzer: innen derselben Sprachkombination angeregt werde (PB078_011). Man versucht also neben der Expertise Einzelner auch den Aspekt der Gemeinschaftlichkeit so gut wie möglich in die Gestaltung der Evaluierungsprozesse einzubeziehen. 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 329 <?page no="330"?> Ein weiterer Diskussionspunkt unter den Mitgliedern von Translaville ist die Frage, ob für Evaluator: innen ersichtlich sein soll, ob es sich bei den Perso‐ nen, die eine Übersetzung hochgeladen haben, um Nutzer: innen mit Expert: in‐ nen-Status oder reguläre Übersetzer: innen handelt (V049). Während einerseits argumentiert wird, damit sei automatisch ersichtlich, ob Übersetzer: innen einen ‚guten Ruf ‘ in der Community genießen würden und man ihren Übersetzungen somit eher ‚vertrauen‘ könne, verweisen andere auf den Verlust der Objektivität durch eine solche Änderung. Der Vorschlag wird daraufhin zurückgezogen. Das Beispiel zeigt jedoch, dass Vertrauen in andere gerade in einer virtuellen Community ein wichtiger Faktor bei der Evaluierung von Übersetzungen zu sein scheint. Nicht zuletzt werden Übersetzungen in Sprachen, für die es keine Expert: innen gibt, manchmal auch einfach angenommen, wenn die Adminis‐ trator: innen „eine: n Nutzer: in kennen und ihm oder ihr vertrauen können“ (WF026_021). Vorstellungen vom Übersetzen beeinflussen letztlich aber nicht nur die Organisation des Evaluierungsprozesses, sondern auch die Art und Weise, wie Feedback gegeben wird. So ergeht an die Expert: innen auf Translaville die Empfehlung, bei der Formulierung einer Rückmeldung zu einer Übersetzung die Erfahrung der betreffenden Übersetzer: innen zu berücksichtigen. Dabei wird von den Expert: innen erwartet, dass sie neuen Mitgliedern auch bei der Ablehnung einer Übersetzung möglichst konstruktives Feedback geben und ihnen somit dabei helfen, Neues dazuzulernen. Den Evaluierungspraxen wird hier also eine gewisse Vorstellung von Translaville als Ort des Lernens zugrunde gelegt. Die Analyse der Vorstellungen rund um die Evaluierungspraxen wirft außer‐ dem die Frage auf, inwiefern diese Vorstellungen bei der Gestaltung des Platt‐ formdesigns in technische Form gegossen werden. Wie in Abschnitt 6.3.3 bereits beschrieben wurde, teilen Expert: innen die Übersetzungen, die sie evaluieren, nicht nur in ‚abgelehnte‘ und ‚angenommene‘ Übersetzungen ein und geben ein Feedback. Mit der Zeit wird das Evaluierungssystem zunehmend nuancierter gestaltet und um ein Punktesystem ergänzt, bei dem die Expert: innen 1 bis 10 Punkte für jede Übersetzung vergeben (I3, 00: 24: 28-00: 25: 05). Dass die Beurtei‐ lungen auf diese Art und Weise abstrahiert und in ein zeichenhaft-symbolisches Artefakt überführt werden, um das Beurteilungsergebnis schneller fassbar und allgemeingültiger darzustellen, kann als Form der Technisierung (vgl. Kap. 8.1) verstanden werden. Intensive Forendiskussionen zum Umgang mit dem Punkteschema zeigen allerdings, dass Technisierung allein Evaluierungspraxen noch nicht automa‐ tisch für die Expert: innen leichter handhabbar oder für die Übersetzer: innen 330 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="331"?> besser nachvollziehbar macht. Dabei handelt es sich immer noch um einen subjektiven Prozess der Kategorisierung. Das zeigt etwa die Erkenntnis einiger Expert: innen darüber, dass unterschiedliche Bewertungen für sie jeweils recht unterschiedliche Sachverhalte abbilden: Verschiedene Expert: innen nutzen bei ihren Beurteilungen eine verschieden große Bandbreite möglicher Punktebe‐ wertungen (nur die höchsten drei Punktenoten vs. das gesamte verfügbare Punktespektrum). Bei einigen Expert: innen kann auch eine Übersetzung mit kleinen Korrekturen noch 10 von 10 Punkten erzielen (A146_080); bei anderen ist eine grundsätzlich korrekte Übersetzung 7 von 10 Punkten wert - alles darüber hinaus müsse sich stilistisch abheben (A146_084). Wie Beispiel 1 in Tabelle 29 (unten) zeigt, erklären einige Übersetzer: innen außerdem, sie würden sich bei der Punktevergabe am nötigen Korrekturaufwand orientieren. Andere wiederum gehen nach der Anzahl der in der Übersetzung enthaltenen Fehler vor (Bsp.-2, Tab.-29). Diese Beispiele zeigen, dass Aushandlungsprozesse zentraler Bestandteil der Evaluierungspraxen auf Translaville sind. Diese Aushandlungsprozesse betref‐ fen jedoch nicht nur die Abstimmung zwischen den Expert: innen untereinander, sondern auch die (zum Teil durchaus emotionsgeladene) Interaktion zwischen Übersetzer: innen und Expert: innen, im Zuge der bisweilen auch Konflikte zwischen Mitgliedern der Community entstehen. Während Interviewpartner 2 betont, er persönlich habe die Rückmeldungen von Expert: innen in der Regel als äußerst freundlich empfunden (00: 25: 55-00: 26: 39), spricht er auch Konflikte zwischen anderen Nutzer: innen und Expert: innen an, die aus unterschiedlichen Erwartungen an die Übersetzungen entstanden seien (z. B., weil Expert: innen zum Teil sprachliche Varietäten nicht ausreichend berücksichtigt hätten; I2, 00: 26: 48-00: 31: 20). Auch Interviewpartnerin 3 berichtet, viele Nutzer: innen hätten äußerst emotional auf negatives Feedback reagiert, sich unverstanden gefühlt, und hätten nicht versucht, konstruktiv mit Kritik umzugehen: I’d say that [das Schwierigste] was probably the bits where people feel like you don’t understand them. There was, I remember, one person who seemed to feel that I had a particular thing against him and I ALWAYS wanted to reject his translations for NO reason at all. And that was the difficulty where you felt personally involved and somebody was actually attacking YOU rather than saying “I don’t really agree with what you’re saying here”. (I3, 00: 19: 12-00: 19: 43) Unterschiedliche Vorstellungen vom Übersetzen und abweichende Erwartun‐ gen an den Evaluierungsprozess können auch dann zu Reibungspunkten zwi‐ schen Mitgliedern führen, wenn Nutzer: innen sich nicht vollständig auf das in der Community übliche Evaluierungsverfahren einlassen möchten (Bsp. 3, 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 331 <?page no="332"?> Tab. 29). Stark emotionsbehaftet ist der Evaluierungsprozess jedoch nicht nur aufgrund von Meinungsverschiedenheiten. Immer wieder machen Expert: innen im Forum auch einfach nur ihrem Ärger über schlechte Übersetzungen Luft, wie etwa in Beispiel 4 (Tab.-29). 1 „Bei der Bewertungsskala mache ich es wie [Nutzer A]. Eine 10 gebe ich nur für eine Übersetzung, die perfekt ist und keine Änderungen erfordert. Sobald ich mit der Bearbeitung beginnen muss […], sinkt die Bewertung. Wenn ich den Sinn verstehe, aber mehr als fünf Minuten für die Bearbeitung brauchen würde, lehne ich die Übersetzung normalerweise ab.“ (A146_085) 2 „Ich denke, ich würde mit einer 10 bewerten, wenn 0-2 Fehler vorhanden sind (das heißt, die Übersetzer: innen haben die Ausgangs- und Zielsprache verstanden, aber nicht die „Finessen“ einer der beiden Sprachen), da ich in dem Fall nur ein Wort gegen ein anderes austauschen muss. Bei anderen ‚einfachen‘ Fehlern reduziert sich die 10 auf eine 9 oder eine 8. Wenn ich einen Teil des Textes umschreiben muss, damit er funktioniert, bewerte ich den Text, aber eben wahrscheinlich nur mit einer 7. Falls zu viel umgeschrieben werden müsste, würde ich die Übersetzung gleich ablehnen und hoffen, dass jemand anderer einen besseren Versuch unternimmt.“ (A146_080) 3 „[…] Ich bin hauptberuflich Übersetzer: in. Meine Arbeit für [Translaville] ist aber schwieriger als meine berufliche Arbeit. Das ist ein Problem. [Translaville] kann nicht glauben, dass es so wirklich erfolgreich sein kann. Der Hauptgrund ist, dass die Expert: innen sehr aggressiv sind und verlangen, dass ich meine Übersetzungen ändere. Sie haben immer einen Grund für ihre Änderungsvorschläge, und ich bin mit ihren Vorschlägen fast nie einverstanden. Ich übernehme die Änderungen dann, aber es ist im Grunde genommen die doppelte Arbeit, die dann auch oft noch zu einem schlechteren Ergebnis führt. Es wäre hilfreich, wenn die Expert: innen berücksichtigen würden, dass es oft einen Grund dafür gibt, warum in einer Übersetzung ein bestimmter Stil verwendet wird. […]“ (V141_014) 4 „[…] Ich erhalte viele lausige, einfach lausige Übersetzungen. Manchmal werde ich so wütend, dass ich [die Übersetzung] mit einem ganz bestimmten Gesichts‐ ausdruck ablehne.“ (A146_078) Tabelle 29: Beispiele für Vorstellungen und Einstellungen zum Evaluierungsprozess Vorstellungen, Erwartungen und Sinnkonstruktionen rund um den Evaluie‐ rungsprozess erscheinen also auf mehreren Ebenen relevant für die über‐ setzerischen Praxen auf Translaville: Sie stoßen zentrale, zum Teil höchst emotional geladene Aushandlungsprozesse zwischen unterschiedlichen Nut‐ zer: innengruppen von Translaville an und haben zur Folge, dass Nutzer: innen sich mit einem Mal auch explizit mit den eigenen Vorstellungen vom Übersetzen auseinandersetzen. Sie werden zur Grundlage von Wertediskussionen rund um 332 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="333"?> die selbstgegebenen Prinzipien der Community: Möchte man die Rolle von Expert: innen-Meinungen priorisieren oder übersetzerische Entscheidungen stärker demokratisieren? Möchte man die Rolle ‚verdienter‘ oder ‚bekannter‘ Mitglieder in der Community stärken oder soll eine gewisse Anonymität auch zu mehr Objektivität in der Bewertung von Übersetzungsleistungen beitragen? Dass diese Vorstellungen und Motive auch als Grundlage für eine entsprechende technische Gestaltung der Plattformprozesse genommen werden, führt einmal mehr die enge Verwobenheit sozialer Prozesse und technischer Objekte vor Augen. Gleichzeitig hat die Analyse der Aushandlungsprozesse rund um den Evaluierungsprozess gezeigt, dass auch der Versuch, über die Einführung zeichenhaft-symbolischer Artefakte der Kategorisierung (Evaluierungsformu‐ lar mit Punktesystem) von subjektiven Vorstellungen zu abstrahieren, den Austausch zwischen relevanten Nutzer: innen und eine gewisse Verknüpfung des entsprechenden Artefakts mit konkreten Fallsituationen nicht erübrigt (vgl. dazu Kap.-8.1). 7.1.3 Erwartungen an Übersetzungsprodukte Relevant für diese Untersuchung sind allerdings nicht nur Vorstellungen, Erwar‐ tungen und Zuschreibungen rund um den Übersetzungsprozess. Im Zuge der zahlreichen Aushandlungsprozesse zwischen den Nutzer: innen etablieren sich auf Translaville auch Vorstellungen in Bezug auf übersetzerische Produkte. Dabei handelt es sich zunächst um Vorstellungen, die individuell und in nicht-formali‐ sierter Form in die Gruppe eingebracht und dort diskutiert werden. Manche dieser Vorstellungen entwickeln sich im Laufe der Zeit zu kollektiven Vorstellungen, die zum Teil Normcharakter in der Community annehmen und neuen Mitgliedern gegenüber auch entsprechend dargestellt und kommuniziert werden (vgl. dazu auch Rogl 2024). Durch Überführung in virtuelle Objekte (z. B. Warnmeldungen, FAQ-Ein‐ träge, Fehlermeldungen) werden diese Vorstellungen technisch fixiert und kontextunabhängig für Nutzer: innen sichtbar gemacht. Abbildung 16 zeigt eine solche Zusammenstellung kollektiver Normvorstellungen der Community in Bezug auf Übersetzungen. 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 333 <?page no="334"?> Abbildung 16: Formalisierte normative Vorstellungen in Bezug auf Übersetzungen 7.1.3.1 Qualitätskonstruktionen und normative Vorstellungen zu Übersetzungen Ein Großteil der normativen Vorstellungen der Community in Bezug auf über‐ setzerische Produkte sind Qualitätskonstruktionen. Diese beziehen sich unter anderem auf formale, semantische, textuelle, aber auch auf funktionale Aspekte von Übersetzungen. Besonders prominent in den Diskussionen unter den Mitgliedern scheinen dabei solche Aspekte zu sein, die im Zuge der Evaluierung von Übersetzungen auch einfach überprüfbar sind. Dazu gehören zunächst die orthografische Korrektheit von Texten (V067_001) und die korrekte Verwendung von Interpunktion. Als besonders schwerwiegend scheinen Expert: innen in diesem Kontext interessanterweise das Fehlen von Diakritika und Akzenten und mangelhafte Groß-/ Kleinschreibung einzustufen (vgl. Bsp. 1, Tab. 30, unten). Das mag daran liegen, dass man orthografische Fehler noch eher entschuldigt, weil sie als Teil des laufenden Lernprozesses der Nutzer: innen wahrgenommen werden, während man fehlende Diakritika oder Groß-/ Kleinschreibung in der Regel mit mangelnder Sorgfalt in Verbindung 334 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="335"?> bringt. Das geht so weit, dass sich manche Expert: innen in der Community als ‚Diakritika-Jäger: innen‘ beschreiben (A146_287-288). Daneben wird grammatikalische Korrektheit als wichtiges Bewertungs‐ kriterium und grundlegende Voraussetzung für gute Zieltexte gesehen. Umge‐ kehrt weisen Expert: innen im Forum wiederholt darauf hin, die Qualität einer Übersetzung sei bei gravierenderen grammatikalischen Problemen kaum noch zu beurteilen (vgl. Bsp. 2, Tab. 30). Auch korrekter Syntax wird von Expert: in‐ nen große Relevanz bei der Beurteilung von Übersetzungen zugeschrieben (Bsp.-3, Tab.-30). Wesentlich in den gemeinsamen Qualitätsvorstellungen auf Translaville ist auch ein gewisser Fokus auf die korrekte und vollständige Übertragung der Bedeutung des Ausgangstexts. Neue Nutzer: innen werden daher in den auf Translaville veröffentlichten Empfehlungen zum Übersetzen dazu angehalten, wirklich nur solche Texte zu bearbeiten, deren Bedeutung sie auch ausreichend gut nachvollziehen können (vgl. Abb. 16, oben). Zur Bedeutung eines Ausgangs‐ texts gehört für die Nutzer: innen auch dessen symbolischer Gehalt (Bsp. 4, Tab. 30). Ziel einer Übersetzung sei es außerdem, bei Leser: innen dieselbe (emotionale) Wirkung zu erzielen wie bei Ausgangstextleser: innen (ibid.). Die Vorstellung von stärker bedeutungsorientierten Übersetzungen scheint also in der Community wesentlich stärker verankert als Vorstellungen vom Übersetzen als eher wörtliche Übertragung von Inhalten (I1, 01: 07: 34-01: 08: 56). Explizit darauf hingewiesen, dass wörtliche Übersetzungen zu vermeiden sind, wird etwa auch in der oben abgebildeten Hilfestellung der Community an neue Übersetzer: innen (Abb. 16). Indessen verweisen die Nutzer: innen in Forendis‐ kussionen häufig auf die Relevanz von Genauigkeit bei der Übertragung der Bedeutung des Ausgangstexts. Dazu gehört für sie ein Achten auf Vollständig‐ keit der im Ausgangstext enthaltenen Bedeutungen sowie das Vermeiden von Weglassungen und Hinzufügungen (vgl. Bsp.-5, Tab.-30). Schließlich werden von den Mitgliedern von Translaville im Forum zwei Aspekte angesprochen, die zwar rein quantitativ weniger häufig vorkommen. Die Art und Weise, wie über sie gesprochen wird, macht aber dennoch deutlich, dass es sich dabei um wichtige normative Vorstellungen zum Übersetzen handelt. Da diese Aspekte aber vermutlich im Zuge des Evaluierungsprozesses weniger leicht überprüfbar sind, scheint es keinen Versuch gegeben zu haben, diese Vorstellungen auch in der Form von übersetzungsbezogenen Regeln für die ganze Community zu formalisieren. Dabei handelt es sich zunächst um die Idee der Anpassung der Übersetzungen an eine Zielgruppe. Wie in Tabelle 9 (Kap. 6.2.1.3, oben) bereits am Beispiel von Zusatzinformationen zu konkreten Übersetzungsanfragen gezeigt wurde, scheinen die Nutzer: innen von 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 335 <?page no="336"?> 91 Gemeint sind hier jene Mitglieder von Translaville, die im betreffenden Fall einen Text zur Übersetzung hochgeladen haben. Translaville über ein gewisses Bewusstsein dafür zu verfügen, dass verschie‐ dene Zielgruppen und Übersetzungsaufträge übersetzerische Entscheidungen wesentlich beeinflussen (können). Während bei den in der Regel recht kurzen, regulären Übersetzungen eine konkrete Zielgruppe oft nicht identifizierbar ist, falls nicht zusätzlicher Kontext mitgeliefert wird, scheint die Anpassung an das Zielpublikum insbesondere bei der Übersetzung der Plattformoberfläche von Translaville eine wichtige Rolle zu spielen (vgl. dazu die in Kap. 6.2.4 angesprochenen Diskussionen rund um die Anpassung der Anrede- und Höf‐ lichkeitsformen an die Mitglieder von Translaville als Zielgruppe). Dass das Thema in Diskussionen über die Übersetzung der Plattformoberfläche präsenter ist, könnte damit zusammenhängen, dass es für die Mitglieder in Bezug auf die eigene Community leichter sein könnte, sich eine konkrete Vorstellung von der Zielgruppe zu machen und somit entsprechende Anpassungen vorzunehmen (vgl. dazu auch Bsp.-6 und 7, Tab.-30). Wie etwa Beispiel 8 (Tab. 30) zeigt, scheint der Erfolg einer Übersetzung schließlich auch mit der Zufriedenheit der Auftraggeber: innen 91 mit von ihnen beauftragten Übersetzungen in Verbindung gebracht zu werden. Aller‐ dings scheint im Rahmen der konkreten Übersetzungsprozesse auf Translaville eigentlich meist nicht sehr viel Austausch zwischen Auftraggeber: innen und Übersetzer: innen bzw. Expert: innen zu bestehen, obwohl es mit der Kommen‐ tarfunktion grundsätzlich eine Möglichkeit dafür gäbe. Eher scheint man der Einschätzung der Expert: innen Priorität gegenüber der Perspektive der beauftragenden Nutzer: innen einzuräumen, und zwar insofern, als diese letzt‐ instanzlich entscheiden, wie ‚gut‘ eine Übersetzung ist und ob diese somit angenommen wird. Die Auftraggeber: innen selbst haben auf die Annahme oder Ablehnung einer Übersetzung in der Regel keinen Einfluss. Sie müssen also vorab sicherstellen, alle nötigen Informationen mitzuliefern, wenn diese von Übersetzer: innen und Expert: innen berücksichtigt werden sollen. Die Zufrie‐ denheit der Auftraggeber: innen mit den fertigen Übersetzungen ist also für die Übersetzer: innen zwar als Vorstellung durchaus präsent. Sie wird aber von den Expert: innen letztlich nur dann bei der Beurteilung der Übersetzungen berücksichtigt, wenn die Übersetzer: innen einen vorab explizit gemachten Übersetzungsauftrag missachtet haben. 336 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="337"?> Akzente, Diakri‐ tika, Zeichenset‐ zung, Groß-/ Klein‐ schreibung 1 „[…] Ich habe eine Übersetzung ins Rumänische gefun‐ den, die validiert wurde, auch wenn es KEINE Anzei‐ chen von Interpunktion gab, die rumänischen Buch‐ staben fehlten - und, obwohl es sich um einen Satz handelte, wurde der Satzanfang nicht großgeschrie‐ ben. Es tut mir leid, wenn ich zu kritisch bin, aber wenn wir korrekte Übersetzungen bekommen wollen, sollten alle diese Regeln beachtet werden. […]“ (A015_001) Grammatikalische Korrektheit 2 „[…] Meiner Meinung nach ist eine einwandfreie Grammatik absolute Voraussetzung dafür, den Sinn [die korrekte Übertragung des Sinns] einer Übersetzung beurteilen zu können. Manchmal ist die Grammatik so schlecht, dass ich den genauen Sinn nicht einmal erahnen kann. […]“ (WF033_016) Syntax 3 „[…] Bedenkt bitte, dass es nicht Ziel sein sollte, einfach nur die Bedeutungen [von Texten] zu liefern, sondern dass es auch darum geht, perfekte/ flüssige Satzkonst‐ ruktionen zu gestalten. Stellt euch vor, ihr bittet um die Übersetzung eines Briefs, den ihr einem ausländischen Freund schicken möchtet. Möchtet ihr, dass er perfekt ist, oder möchtet ihr, dass er einfach nur verständlich ist und immer noch einige Fehler enthält? “ (WF033_004) Übertragung der Be‐ deutung 4 „[…] Sie [gute Übersetzer: innen] müssen auch in der Lage sein, den gleichen symbolischen Gehalt im übersetz‐ ten Text zu rekonstruieren und bei Leser: innen dieselbe emotionale Reaktion hervorzurufen wie das Original. […]“ (V099_001) Vollständigkeit 5 „[…] In einer Übersetzung [eines von mir hochgeladenen] Texts wurden Bedeutungen hinzugefügt [, die im Ori‐ ginal nicht enthalten sind,] und es gibt noch andere Pro‐ bleme. Aber ein: e Expert: in hat die Übersetzung bereits angenommen. Scheinbar kann ich das nicht rückgängig machen, oder? […]“ (WF028_001) Zielgruppenanpas‐ sung 6 „Lokalisierung ist immer eine gute Sache […]“ (WÜ020_011) 7 „Ich übersetze normalerweise informell (die meisten Mitglieder sind jung) […]“ (WÜ001_004) Zufriedenheit der Auftraggeber: innen 8 „[…] Ich denke, letztlich ist das Wichtigste, dass der: die Auftraggeber: in mit der Übersetzung zufrieden ist. […]“ (WF030_002) Tabelle 30: Übersicht über produktbezogene Erwartungen und Qualitätskonstruktionen Das Datenmaterial zeigt also, dass auf Translaville unterschiedlich stark forma‐ lisierte, normative Vorstellungen rund um die Qualität von Übersetzungen 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 337 <?page no="338"?> präsent sind. Einige dieser Vorstellungen und Qualitätskonstruktionen bleiben individuell und werden oft nicht weiter von anderen Nutzer: innen aufgegriffen, auch wenn sie im Forum explizit gemacht werden. Andere Vorstellungen - wie viele der oben genannten - etablieren sich im Zuge von Aushandlungsprozessen und werden dabei zu kollektiven Vorstellungen. Von diesen scheinen im Laufe der Zeit vor allem solche stärker formalisiert (also auch niedergeschrieben und anderen gegenüber als Norm kommuniziert) zu werden, die leichter praktisch verwertbar sind, also auch bei der Evaluierung von Übersetzungen als praktische Richtlinie verwendet werden können. Konsequenz daraus ist aber wiederum, dass den Mitgliedern gerade in besonders komplexen oder strittigen Fragen erst recht keine Entscheidungshilfe an die Hand gegeben wird. Ein Verstoß gegen formalisierte Normvorstellungen in der Community wird unterschiedlich sanktioniert: vom Löschen regelwidriger Ausgangstexte, der Verwarnung der betreffenden Nutzer: innen oder dem Zurückweisen von Über‐ setzungen über das Sperren von Nutzer: innen für gewisse Sprachen bis hin zum Ausschluss von Mitgliedern aus der Community. Auffallend dabei ist: Je gravierender der Community ein Vergehen erscheint, umso stärker wird die ergriffene Sanktionierungsmaßnahme oft technisiert. Im Vergleich zu verbalen Verwarnungen funktionieren technisch realisierte Maßnahmen wie etwa die Einschränkung der Nutzer: innen-Rechte eines Mitglieds oder der Ausschluss aus der Community automatisiert und lassen damit keine situationsbedingten Ausnahmen zu. Sie können von dem: der betreffenden Nutzer: in auch nicht einfach ignoriert werden und sind außerdem oft schwer reversibel (vgl. dazu Kap.-8.4). 7.1.3.2 Vorstellungen zur Längenentsprechung von Ausgangs- und Zieltext Zusätzlich zu den oben vorgestellten, eher qualitätsorientierten Vorstellun‐ gen und Erwartungen der Community rund um übersetzerische Produkte finden sich in den Forendiskussionen immer wieder Referenzen auf ein Konstrukt, das auch in das Plattformdesign eingeschrieben wurde und damit Einfluss auf die Gestaltung der Übersetzungspraxen hat. Dabei handelt es sich um die Vorstellung, es gäbe eine gewisse allgemeingültige Längenent‐ sprechung zwischen Ausgangs- und Zieltext in jeder Sprachkombination. So geht man beispielsweise davon aus, französische Zieltexte seien immer um einen konkreten Faktor länger als englische Ausgangstexte, während im Gegensatz dazu etwa arabische Zieltexte um einen gewissen Faktor kürzer seien. Diese Vorstellung wird auch zur Grundlage für bestimmte technische 338 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="339"?> Funktionen und Plattformdesignelemente, die man zur Lösung oder Vorbeu‐ gung übersetzungsbezogener Probleme entwickelt. Dazu lässt man vom System zunächst automatisiert das Längenverhältnis zwischen Ausgangs- und Zieltext errechnen (vgl. Anhang A.5). Mit jeder neuen Übersetzung wird diese Zahl vom System weiter angepasst. Das ermittelte Längenverhältnis macht man sich dann einerseits bei der Errechnung der Punkte zu Nutze, die Übersetzer: innen mit einer konkreten Übersetzung ‚verdienen‘ können. Andererseits dient der errechnete Wert aber auch als eine Art in das Übersetzungsformular eingebauter ‚Sicherheitsmecha‐ nismus‘: Überschreitet eine Übersetzung beim Hochladen den minimalen Tole‐ ranzspielraum des aktuell festgelegten Standard-Längenverhältnisses zwischen einer Ausgangs- und Zielsprache, so erhält der: die betreffende Nutzer: in eine Fehlermeldung (vgl. Abb. 17, unten). Damit versucht man, technisch zu unter‐ binden, dass Nutzer: innen fälschlicherweise nicht den ganzen Ausgangstext übersetzen, dass sie zusätzlichen Text (z. B. Kommentare oder Alternativvor‐ schläge) in das für die Übersetzung vorgesehene Feld eintragen oder dass sie eine Übersetzung in die falsche Zielsprache hochladen. Abbildung 17: Fehlermeldung bei Abweichung vom Längenverhältnis zwischen Aus‐ gangs- und Zielsprache Dabei handelt es sich zwar nur um eine Fehlermeldung, die durch Bestätigung der Nutzer: innen in einem weiteren Schritt auch übergangen werden kann. Zahlreiche Kommentare im Forum, in denen Nutzer: innen darauf hinweisen, dass ein aus ihrer Sicht unrealistischer Wert für das Längenverhältnis sehr irritierend sei (vgl. Beispiele in Tab. 31 und 32), machen jedoch deutlich, dass diese Fehlermeldung sich durchaus disruptiv auf den Übersetzungsprozess vieler Nutzer: innen auswirkt: 7.1 Übersetzungsbezogene Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 339 <?page no="340"?> PB072_001 - 12.10.2009 18: 41 Ich finde, eure Berechnung für eine typische Übersetzungs‐ länge für Japanisch-Englisch ist immer falsch. Ihr müsst wissen, dass 10 japanische Zeichen in der Regel in 20 englische Wörter übersetzt werden. JEDES Mal, wenn ich aus dem Japanischen ins Englische übersetze, bekomme ich diese Meldung: „Die Länge Ihrer Übersetzung stimmt nicht mit der Länge des Ausgangstextes über‐ ein.“ Ich gehe davon aus, dass ihr das gleiche Problem bei der Übersetzung von Chinesisch und Japanisch in fast alle Sprachen feststellen werdet. Tabelle 31: Falsche Längenberechnung Japanisch-Englisch PB032_004 15.04.2007 15: 29 - Entwick‐ ler […] Laut der Liste [der Längenentsprechungen] ist die Länge eines türkischen Zieltexts im Durchschnitt gleich lang wie ein englischer Ausgangstext. Erscheint euch das korrekt? PB032_005 15.04.2007 15: 59 - Nutzerin A Definitiv nicht. Die türkische Sprache ist in Bezug auf die Anzahl der Wörter viel prägnanter, auch wenn die Wörter an sich manchmal länger sind. Aber wie [Nutzerin B] sagt: Wenn das System selbstanpassend ist, würde es das dann nicht auch automatisch korrigieren? PB032_006 15.04.2007 16: 05 - Entwick‐ ler Ja, das System passt sich selbst an, wenn wir Übersetzungen akzeptieren. Aber wenn wir Übersetzungen annehmen, die Kommentare enthalten, kann das zu falschen Zahlen in der Statistik führen. Im Durchschnitt sollte es sich aber selbst anpassen. PB032_007 15.04.2007 16: 07 - Nutzerin A Sicher, dass es das tut? Türkisch und Englisch sollten defi‐ nitiv nicht 1: 1 sein, außer vielleicht bei kürzeren Überset‐ zungen. Tabelle 32: Keine automatische Adjustierung der Längenberechnung Türkisch-Englisch Viele Übersetzer: innen versuchen daher mehr oder weniger bewusst, ihre Übersetzungen so zu gestalten, dass sie diese Fehlermeldung erst gar nicht erhalten. An diesem Beispiel lassen sich die komplexen Wechselwirkungen zwischen Vorstellungen vom Übersetzen, den Versuchen einer Community, spezifische Handlungsformen technisch zu normieren, und den möglicherweise unbeab‐ sichtigten Auswirkungen auf übersetzerische Praxen gut illustrieren: Aus tech‐ nografischer Sicht kann dieses Beispiel als ein Versuch beschrieben werden, eine als ‚falsch‘ empfundene Handhabung der technischen Objekte (also hier des Übersetzungsformulars), in die eine Praxis eingebettet ist, durch eine technische 340 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="341"?> Lösung automatisiert zu verhindern. Dieser technischen Lösung wird eine ganz bestimmte Vorstellung von der Beziehung zwischen Ausgangs- und Zieltext zugrunde gelegt. Diese Vorstellung wird im Web-Interface technologiegestützt fixiert und somit von den jeweiligen Anwendungskontexten (Textsorte, Länge des Texts,-…) abstrahiert und unabhängig gemacht: Für das technische System ist jegliche Übersetzung in einer bestimmten Sprachkombination ein einziger Anwendungsfall; es macht also keine Ausnahmen für Zieltexte, bei denen aus übersetzerischer Sicht Straffungen (z. B. aus Gründen der Idiomatik etc.) oder Ergänzungen (z. B. zur Erklärung von Kulturspezifika) sinnvoll sein könnten. Eine bestimmte Vorstellung vom Übersetzen wurde also in ein technisches Objekt eingeschrieben. Aufgrund seiner Technizität hat dieses Objekt aber eine gewisse Robustheit und bringt dadurch mit sich, dass für die Übersetzer: innen gewisse Nutzungsformen einfacher oder sogar unvermeidbar werden: Ab sofort wird es für Übersetzer: innen weitaus aufwändiger, von der technisch privile‐ gierten Handlungsform (also dem Übersetzen innerhalb des erwarteten Län‐ genverhältnisses) abweichende Übersetzungen zu liefern. Die meisten Überset‐ zer: innen werden also versuchen, mit ihren Übersetzungen möglichst innerhalb der vorgegebenen Längenentsprechung zu bleiben. Diese Längenentsprechung wird zwar mit jeder neuen Übersetzung vom System überprüft und adjustiert. Dadurch dass es für die Übersetzer: innen aber technisch weitaus einfacher ist, ‚innerhalb der Norm‘ zu bleiben, bewirkt das System wiederum, dass eine sehr konservative Vorstellung vom Übersetzen eher bestätigt als herausgefordert und neu verhandelt wird. Damit wurde hier bereits eine Reihe von Aspekten und Mechanismen vor‐ weggenommen, die in Kapitel 8 noch im Detail analysiert werden: die Frage, unter welchen Bedingungen welche übersetzerischen Aufgaben und Agenden vom Mensch auf Techniken übertragen werden; die Frage, inwiefern damit der menschliche Handlungsspielraum erweitert oder eingeschränkt wird; und nicht zuletzt die Frage, wie neue technische Formen die Nutzungspraxen von Übersetzer: innen beeinflussen und vielleicht auch zur Folge haben, dass diese kreative oder widerständige Nutzungsformen im Umgang mit den neuen Techniken entwickeln (müssen). 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen Die Analyse des Datenmaterials hat schließlich gezeigt, dass es sich bei den für die Aktivitäten auf Translaville zentralen - und diese letztlich auch formenden - Vorstellungen nicht nur um Einstellungen zum Übersetzen handelt, sondern 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 341 <?page no="342"?> dass diese insbesondere auch damit zu tun haben, was Nutzer: innen für sich persönlich in ihrem Engagement auf Translaville zu finden hoffen und was sie sich andererseits auch von anderen bzw. der Community insgesamt wünschen. Wie die oben diskutierten übersetzungsbezogenen Vorstellungen bewegen sich auch diese communitybezogenen Vorstellungen auf einem Kontinuum zwischen individuellen Erwartungen bzw. Erwartungen mit Wunschcharakter bis hin zu zunehmend verbindlichen, kollektiven Sinnkonstruktionen mit stärkerem Normcharakter. Um diesen verschiedenen Wunsch- und Normvorstellungen der Mitglieder von Translaville in Bezug auf ihre Community auf den Grund zu gehen, werden in den nächsten Abschnitten zunächst die individuellen Beweggründe der Nutzer: innen untersucht - vom Moment ihrer Registrierung über die Zeit ihrer aktivsten Beteiligung bis hin zur Entscheidung, die Community zu verlassen. In Ergänzung dazu werden abschließend im Laufe der Zeit ausverhandelte, kollektive Erwartungen in Bezug auf das Verhalten anderer Nutzer: innen in der Community diskutiert. 7.2.1 Nutzer: innen-Motivationen Wie in Kapitel 2.3.2 dargelegt wurde, entstanden im letzten Jahrzehnt zahlreiche translationswissenschaftliche Studien zu den Motivationen und Beweggründen von Menschen, die sich als außerberufliche Übersetzer: innen in verschiede‐ nen Online-Communities engagieren - darunter Arbeiten zur Motivation von Fansubber: innen (vgl. z. B. Luczaj et al. 2014; Čemerin und Toth 2017), von Mitgliedern eher informationsaktivistischer Online-Communities wie etwa TED (Cámara de la Fuente 2014; Olohan 2014), Rosetta Foundation (O’Brien und Schäler 2010) oder Wikipedia (McDonough Dolmaya 2012); oder zur Motivation von Internetnutzer: innen, die sich an der Lokalisierung von Social-Media-Platt‐ formen wie Facebook oder Skype beteiligen (vgl. z. B. Mesipuu 2012; Dombek 2014). Wie bereits beschrieben wurde, sind die einzelnen Studien zwar schwer vergleichbar, weil sie mit verschiedenen Methoden und theoretischen Zugängen sowie mit unterschiedlich großen Samples operieren. Dennoch lassen sich eine Reihe von zentralen Motiven identifizieren, die von Teilnehmer: innen aller Studien genannt werden. Einen solchen Vergleich liefert etwa die vorne besprochene Querschnittanalyse von Jiménez-Crespo (2017a: 219-223). Ergeb‐ nis dieser Analyse ist eine Übersicht plattformübergreifend besonders häufig genannter Nutzer: innen-Motivationen, die von Jiménez-Crespo in drei Katego‐ rien einteilt werden, nämlich in intrinsische, gemischt intrinsisch-extrinsische sowie weitere Motivationen: 342 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="343"?> Tier one represents the most common results in all studies, and they all represent intrinsic motivations. 1. Making information in other languages accessible to others 2. Helping the organization with their mission or a belief in the organization’s principles 3. Achieving intellectual stimulation and intellectual reasons. Probably related to what Shirky (2010) refers to as the “cognitive surplus” A second tier of motivations as reported by participants combines intrinsic and extrinsic ones: 4. The desire to practice the second language 5. Professional motivations related to the need to gain translation experience or increase one’s reputation Finally, a range of other motivations that appear consistently at the lower end of the results are: 6. The desire to support lesser-known languages 7. The satisfaction of completing something for the good of the community 8. The perception of this activity as something fun or as a hobby 9. The sense of belonging to a community or network. ( Jiménez-Crespo 2017a: 221 f.) Wie die folgenden Abschnitte zeigen, finden sich in den Beschreibungen der Nutzer: innen von Translaville sehr ähnliche Motivationen für ihr übersetze‐ risches Engagement. Allerdings muss dabei berücksichtigt werden, dass die von Jiménez-Crespo (2017a: 221 f.) aufgelisteten Motivationen in den von ihm analysierten quantitativen Studien in der Regel auf vorgegebenen Antwort‐ möglichkeiten beruhen. Bis auf die vier Interviews stammt ein Großteil des analysierten Materials hier jedoch aus weitgehend ohne Intervention der For‐ scherin entstandenen Daten (‚non-elicited data‘). Anders als bei Umfragen oder Interviews kann dabei das Augenmerk nicht gezielt auf Fragen der Motivation gelenkt werden. Anders als bei Jiménez-Crespo (2017a: 221 f.) in der oben angeführten Zusam‐ menfassung werden die Einstellungen der Nutzer: innen von Translaville hier nicht danach eingeteilt, ob es sich um stärker intrinsische oder extrinsische Mo‐ tivationen handelt. Stattdessen folgt die Darstellung einer Konzeptualisierung von Freeman (2007) in einer Studie zu den Motivationen ehrenamtlicher Mitar‐ beiter: innen in der Erstellung von Open-Source-Sprachtools. Dort argumentiert Freeman (2007), Motivationen seien weniger individuell als häufig angenommen 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 343 <?page no="344"?> und werden stattdessen insbesondere in Interaktion mit anderen konstruiert. Außerdem seien bei der Analyse von Motivationen Momentaufnahmen wenig aussagekräftig, da diese sich im Laufe der Zeit veränderten: Motivations are not static, but evolve during participation. The aspirations and ideas that lead a person to enter a project can be one thing, may (and often are) transformed in the course of participation, through contact with other participants and working with the objects of collective activity. (Freeman 2007: 60 f.) Freeman (2007: 67) untersucht Nutzer: innen-Beweggründe daher weniger in Hinblick auf die Frage, ob es sich dabei um extrinsische oder intrinsische Motivationen handelt, sondern vielmehr aus der Perspektive der „personal paths of participation“ der betreffenden Nutzer: innen. Zwar können solche Entwicklungspfade hier nicht umfassend nachgezeichnet werden, da es für entsprechende Daten Tiefeninterviews, idealerweise zu mehreren, länger aus‐ einanderliegenden Zeitpunkten bräuchte. Von Freemans Zugang ist hier aber die Idee inspiriert, die Motivationen der Mitglieder von Translaville aus einer Entwicklungsperspektive zu analysieren: von Motivationen für das ursprüngli‐ che Engagement (bei Registrierung auf der Plattform) bis hin zu längerfristigen Motivationen, also denjenigen Gründen, die letztlich dazu beitragen, dass die betreffenden Nutzer: innen auch über mehrere Jahre hinweg nicht das Interesse an den Plattformaktivitäten verlieren. Um dies zu rekonstruieren, wurden die Interviewteilnehmer: innen gezielt dazu befragt, wie sich ihre Perspektive im Laufe der Zeit verändert hat. In den Forenbeiträgen ließen sich solche veränder‐ ten (oder mit einer gewissen Mitgliedschaftsdauer verbundenen) Motivationen überall dort identifizieren, wo die betreffenden Nutzer: innen dies in ihren Beiträgen sprachlich explizit gemacht haben: Gerade neue Mitglieder verweisen in Postings gerne auf ihren ‚Newbie-Status‘, während langfristige Mitglieder oft versuchen, ihren Positionen durch einen Verweis auf ihre ‚Erfahrung in der Community‘ Gewicht zu verleihen. 7.2.1.1 Beweggründe für die Erstanmeldung auf Translaville Ein großer Teil der Nutzer: innen von Translaville scheint die Plattform über eine Internetrecherche gefunden zu haben, als sie selbst auf der Suche nach einer Möglichkeit waren, einen eigenen Übersetzungsbedarf zu decken. Ent‐ sprechende Angaben machen auch Interviewpartner: innen 1, 3 und 4 (Bsp. 1-3, Tab. 33, unten). Wie Interviewpartner: innen 1 (00: 02: 50-00: 04: 15) und 4 (Bsp. 1, Tab. 33) beschreiben, hätten sie in der Zeit, in der sie auf eine Erledigung ihrer ursprünglichen Anfrage warteten, die Community-Aktivitäten näher 344 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="345"?> kennengelernt und so zunehmend auch Interesse daran entwickelt, sich selbst zu beteiligen. Interviewpartner 2 (Bsp. 4, Tab. 33) erwähnt, er sei nicht über das Internet, sondern über einen Zeitschriftenbeitrag zu ‚Prosumerism‘-Phänomenen im Internet (vgl. Bruns 2009 und Kap. 2.2.4) auf Translaville gestoßen und habe später von anderen Mitgliedern erfahren, dass sie ebenfalls so ihren Weg auf die Plattform gefunden hätten. Dabei habe gerade die Idee sein Interesse geweckt, dass den Internetnutzer: innen Inhalte im Web 2.0 nicht mehr einfach nur von den jeweiligen Seitenbetreiber: innen ‚vorgesetzt‘ würden, sondern dass diese nunmehr auch selbst Inhalte produzieren, verändern und teilen können. Was ihn ursprünglich motiviert habe, sich an den Übersetzungsaktivitäten auf Translaville zu beteiligen, sei also der Wunsch gewesen, sich ebenfalls für diesen partizipativen Gedanken aktiver Nutzer: innen-Ermächtigung im Zusammenhang mit digitalen Medien einzusetzen. Letztlich dürfte es jedoch kein Zufall gewesen sein, dass Interviewpartner 2 gerade eine Plattform für nutzer: innengenerierte Übersetzung auswählte: Im‐ merhin beschreibt er im Interview ausführlich seine Leidenschaft für Sprachen von sehr jungem Alter an (Bsp. 5). Dass die Möglichkeit zum Austausch über Sprachen und die Freude am Übersetzen zu den wichtigsten Nutzer: innen-Mo‐ tivationen zählt, spricht auch Interviewpartner 1 an (Bsp. 6) und lässt sich in mehr oder weniger expliziter Form aus zahlreichen Forenbeiträgen herauslesen. Wie das analysierte Material zeigt, handelt es sich dabei außerdem um eine Motivation, die für viele Mitglieder nicht nur Anlass für die Erstregistrierung war, sondern viele auch später noch motivierte, sich dauerhaft in der Commu‐ nity zu engagieren (A164_001; A146_410, 411, 415; A146_553). Zusätzlich zum Interesse an der Arbeit mit Sprachen scheint ein wichtiger Be‐ weggrund für viele Nutzer: innen der zu sein, dass Translaville ihnen gleichzeitig die Möglichkeit bietet, ihre Sprachkenntnisse aktiv im Austausch mit anderen anzuwenden und sich dabei auch (trans-)kulturelles Wissen anzueignen. So berichtet etwa Interviewpartner 1 (Bsp. 7, Tab. 33), Translaville sei für viele Mitglieder ein Online-Netzwerk gewesen, das globalen Austausch unter Mit‐ gliedern aus unterschiedlichsten Sprach- und Kulturräumen ermöglicht habe. Gerade für ihn, der nie die Möglichkeit gehabt habe zu reisen, habe die Com‐ munity dabei neue Horizonte und Kontakt mit einer sehr diversen Gemeinschaft von Nutzer: innen eröffnet. Gerade diese Diversität (z. B. in Bezug auf Sprachen, Herkunft, berufliche Hintergründe, und - wie interessanterweise auch betont wird - Alter der Nutzer: innen; vgl. PB078_008) ist es, die zahlreiche andere Nutzer: innen als eine für sie persönlich besonders wertvolle Erfahrung be‐ zeichnen. Wie Interviewpartner 1 (01: 17: 08-01: 18: 37) an anderer Stelle erklärt, 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 345 <?page no="346"?> sei die Gründung von Translaville dabei an einen besonderen Zeitpunkt der Internetgeschichte gefallen: Viele der heute beliebten Social-Media-Plattformen habe es entweder noch nicht gegeben oder seien nur in bestimmten Regionen verbreitet gewesen. Translaville habe für viele Nutzer: innen also die Funktion eines ersten, global verfügbaren sozialen Netzwerks erfüllt, das nicht wie andere Netzwerke vorrangig dazu da war, mit bereits bekannten Menschen Kontakt zu halten, sondern das man außerdem dazu nutzen konnte, Bekanntschaften in aller Welt aufzubauen: V077_008 22.09.2017 11: 04 - Entwick‐ ler Ja, ich finde, wir sind ein kleines soziales Netzwerk, mit Fokus auf Sprachen. Wir übersetzen gerne, aber wir sind auch hier, um Freunde auf [Translaville] zu finden. Wie ein kleines Orkut, Myspace oder Facebook. Vielleicht könnte ich eine „Zu meinen Freunden hinzufü‐ gen“-Funktion auf [Translaville] integrieren. V077_009 22.09.2017 11: 34 - Nutzerin A Ah, verstehe… Ich hatte mal ein Orkut-Profil. Habe ich aber gelöscht, als ich Mitglied von [Translaville] geworden bin. Gerade in den vielen Forenbeiträgen aus den ersten Jahren nach Gründung von Translaville ist diese ‚Aufbruchstimmung‘ besonders spürbar (PB078_008; V092_002). Eigener Überset‐ zungsbedarf 1 „I was searching for help translating an article, and found [Translaville]. I think it was through a Google search. The article was long-… so I had to help the community (translate) to get enough ‘points’ to add my request … it took a while, : -) and I became familiar with the site and fellow members.“ (I4, Abschn. 1) 2 „I don’t even really remember how I found it [Translaville] in the first place, because that must have been about 10 years ago now, or maybe longer. So, it was probably some sort of Google result I came up with when I, I suspect, NEEDED a translation.“ (I3, 00: 04: 28-00: 04: 45) 3 „I think MOST people on [Translaville] enter because they had something to translate. And soon they discovered (.) they could also contribute.“ (I1, 00: 21: 39-00: 21: 54) Interesse an Übersetzen als nutzer: innenge‐ neriertem Inhalt 4 „So, actually I learned about [Translaville] in a sort of magazine we had to discuss in [Sprache] class. This was during my 4th year, so I must have been 13 or 14 years old. […] No, probably later. […] So, I guess I was maybe 346 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="347"?> 5th grade. Anyway, so we had this magazine in [Sprache], called ‘[Name der Zeitschrift]’, and there was this subject on the Internet and more specifically Web 2.0, where websites no longer force information on their users, but instead the user is generating their own contents, and [Translaville] was actually one of two examples that were discussed. And I was immediately like: Wow! Does this even exist? I am going to take a look.“ (I2, 00: 03: 25-00: 04: 38) Interesse an Spra‐ che(n) und Über‐ setzen 5 „So, I made an account and / languages are a bit of a hobby of mine. For instance, I always used to go to [Land] with my parents, but I really found it terrible that I couldn’t communicate with the people over there. So, I started taking [Sprache] classes quite early. Then, of course, in high school I had English, French, a bit of German, and I was studying ancient languages, so Greek and Latin. I mean, I really just enjoy grammar […], and also it is just that whenever I hear people talking and I can’t understand a thing of what they are saying, I’m really like ‘Wow, wouldn’t it be great if now I could understand them? ’ And it all started from there.“ (I2, 00: 04: 38-00: 05: 53) 6 „People were first interested in translating or langua‐ ges […]“ (I1, 01: 01: 04-01: 01: 10) (Trans-)Kulturel‐ ler Austausch 7 „[P]eople were very curious about other cultures. [For me, it was the] first time, for example, I ever exchanged some words with someone from another country. As I said, as [Herkunftsland] is very big, I NEVER went to other countries. So, the opportunity I had to meet peo‐ ple from other places was there on [Translaville]. And many people, I think, they think in the same manner.“ (I1, 01: 01: 12-01: 01: 57) Tabelle 33: Verschiedene Nutzer: innen-Motivationen für die ursprüngliche Registrierung auf Translaville 7.2.1.2 Beweggründe für ein längerfristiges Engagement auf Translaville Ein großer Teil der oben besprochenen initialen Motivationen - darunter insbesondere die Freude an Sprache(n) und am Übersetzen, aber auch die Möglichkeit zu (trans-)kulturellem Austausch in der Community - scheinen für die Nutzer: innen auch bei längerfristigem Engagement auf Translaville wichtig zu sein. In diesem Zusammenhang betonen viele Mitglieder auch, sie schätzten an Translaville nicht nur, dass sie dort ihre Sprachkenntnisse einsetzen können; wesentlich sei für sie außerdem, dass sie dort auch Gelegenheit erhielten, diese auszubauen (Bsp. 1-3, Tab. 34, unten). Wie auch andere Studien zur Nutzer: in‐ 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 347 <?page no="348"?> nen-Motivationen in der Online-Übersetzung gezeigt haben (vgl. z. B. O’Brien und Schäler 2010; McDonough Dolmaya 2012), ist also auf Translaville die Möglichkeit, (von anderen) zu lernen, ebenfalls ein zentraler Motivationsfaktor. Aus einigen Aussagen von Nutzer: innen wird deutlich, dass ihre Beweg‐ gründe für ein Engagement auf Translaville sich mit zunehmender Eingebun‐ denheit in die Community etwas verlagerten. So scheint etwa für neue Mit‐ glieder von Translaville das System der Übersetzungspunkte (vgl. Kap. 6.3.2) anfangs durchaus noch einen relevanten Anreiz für eine stärkere bzw. häufigere Beteiligung an den Übersetzungsaktivitäten darzustellen (vgl. Bsp. 4, 5; Tab. 34). Beispiel 6 (Tab. 34) zeigt jedoch, dass sich dies für erfahrenere Mitglieder oft ändert: Dort beschreibt Interviewpartnerin 3, wie die Vergütung mit Überset‐ zungspunkten für sie zwar ursprünglich dazu beigetragen habe, dass sie sich stärker eingebracht habe. Mit zunehmender Einbindung in die Interaktionen unter den Mitgliedern habe dieses Anreizsystem für sie jedoch seine Bedeutung verloren - und andere, stärker communitybezogene Beweggründe seien in den Vordergrund gerückt. Die analysierten Daten deuten darauf hin, dass mit zunehmender Beteiligung an den Übersetzungsaktivitäten gerade die Community an sich ein wichtiger Faktor in den Beweggründen der Mitglieder wird, der Nutzer: innen sichtlich auch stärker an die Plattform bindet als etwa eine virtuelle Vergütung in der Form von Punkten. Die Nutzer: innen nennen zwei communitybezogene Motivationen, die bis zu einem gewissen Grad ineinandergreifen: einerseits die Möglichkeit, persönliche Beziehungen aufzubauen, die - so die Beschreibungen in den Interviews und Forenbeiträgen - zuweilen auch zu Freundschaften werden (Bsp. 7-10), und andererseits auch ein gewisses Community-Erlebnis bzw. ein gutes Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein (Bsp. 11-13, Tab. 34). Bei einem längerfristigen Engagement in der Community scheinen aber auch altruistische Beweggründe immer noch eine wichtige Rolle zu spielen. So finden sich in den Daten immer wieder Aussagen von erfahrenen Nutzer: innen, wo diese betonen, ihnen sei besonders wichtig, anderen helfen zu können und einen Beitrag für eine Gemeinschaft zu leisten (Bsp.-14-16). Letztlich scheinen die Beweggründe der Nutzer: innen auch eng mit ihren persönlichen Lebensumständen verknüpft zu sein: Einige Mitglieder erwähnen ihre besondere zeitliche Verfügbarkeit - bis hin zu Langeweile während der Ausübung ihrer beruflichen Tätigkeit - als einen wesentlichen Grund für ihre intensive Beteiligung an den Plattform-Aktivitäten (Bsp. 17, 18). Aus ihren Beiträgen wird deutlich, dass für sie gerade auch der Wunsch, in Überfluss ver‐ fügbarer Zeit besonderen Sinn zu verleihen, eine wichtige Motivation darstellt. 348 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="349"?> Lernmöglichkeit 1 „Ich bin weit davon entfernt, ein professioneller Überset‐ zer zu sein. Ich liebe es einfach, von denjenigen unter euch zu lernen, die in diesem Bereich wirklich gut sind, und Wissen mit euch auszutauschen. Hier lerne ich jeden Tag, und ich muss sagen, dass ich mich ohne [Translaville] so fühlen würde, wie [Nutzerin A] gesagt hat (kalter Entzug! )“ (WÜ043_027) 2 „Was Englisch betrifft, so bin ich auch nicht gerade ein Meister der englischen Sprache. Ich versuche, es zu lernen, und ich finde [Translaville] ist ein sehr guter Ort zum Üben.“ (V147_011) 3 „The nicest thing was that you had these language experts and all these view your translation, and then they would give you tips on how to maybe improve it and they would also score your translation. And then, of course, it was kind of nice to do the translation as good as possible, it’s like in school, to get a high score on that language.“ (I2, 00: 07: 45-00: 08: 18) Spielerischer Wett‐ bewerb 4 „I guess there was some sort of competition, because then you would get the points and there was also/ I think it’s because there was this/ when you clicked on the list of active people, you would get ranked by points, so (lacht), of course, you wanted to get as high in the list as possible. I don’t know, to/ I guess that people are just competitive by nature. Yeah, there was a bit of competition.“ (I2, 00: 38: 13-00: 38: 47) 5 „Sollte nicht irgendwo in meinem Profil stehen, in wel‐ che Listen ich es geschafft habe? Angenommen, ich möchte einen Platz in der Liste der Expert: innen erzielen.“ (V019_002) 6 „I think it helps to GET me involved. Because every time you get those points ‘Whew! ’, it’s a nice perk and once you’re involved more personally with the members of the community, that didn’t really matter so much anymore. So, from a certain number of points, the points don’t really have any meaning anymore.“ (I3, 00: 26: 12-00: 26: 33) Aufbau von Bezie‐ hungen 7 „I suppose mostly because there was this/ quite a strong community, where people felt they really got to know each other.“ (I3, 00: 03: 43-00: 03: 52) 8 „And it’s of course always nice to hear that somebody asked for you, because most people want to help. So/ especially with little things like this, it made it very easy to come back and once you started to come, other people react and you’d get a bit of a friendly feeling from the website.“ (I3, 00: 06: 04-00: 06: 24) 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 349 <?page no="350"?> 9 „Login was like meeting old friends.“ (I4, Abschn. 1) 10 „Meine lieben Freunde! Ich weiß nicht, was ich sagen soll, außer dass ich euch alle liebe. Ihr seid Sonnenschein in meinem Herzen. Mein Leben ist im Moment ein wenig schwierig, und eure Nachrichten geben mir Mut weiter‐ zumachen. Der Tag, an dem ich [Translaville] und euch alle gefunden habe, war für mich ein riesiges Glück. DANKE! “ (A109_024) Community-Gefühl 11 „Only translating would not keep us 8 hours in there. No, that’s because [Translaville] [succeeded very well] in creating a community of people.“ (I1, 01: 00: 47- 01: 01: 04) 12 „This community feeling, I think, is the reason of success of [Translaville].“ (I1, 01: 01: 57-01: 01: 04) 13 „As I said, we started to feel like a community of people who felt close to one another and subjects on the private forum started to get more generic, more general.“ (I1, 00: 34: 46-00: 35: 02) Möglichkeit, etwas beizutragen und an‐ deren zu helfen 14 „I think MOST people on [Translaville] enter because they had something to translate. And soon they discovered (.) they could also contribute.“ (I1, 00: 21: 39- 00: 21: 54) 15 „[I]t was strange but you constantly had the feeling that you were helping people.“ (I2, 00: 07: 02-00: 07: 07) 16 „People wanted to help each other, with a lot of patience, mainly.“ (I1, 01: 14: 21-01: 14: 34) Sinnvolle Gestal‐ tung verfügbarer Zeit 17 „But, when I started participating in [Translaville], I was in a very boring job with so much time online. So I started participating ahm 8, 10 hours a day online.“ (I1, 00: 03: 53-00: 04: 15) 18 „Nebenbei bemerkt habe ich normalerweise sehr viel Freizeit. Mein Job ist nur zwei Monate im Sommer Vollzeit.“ (V081_007) Tabelle 34: Übersicht über Nutzer: innen-Motivationen für ein längerfristiges Engage‐ ment in der Community Vergleicht man die oben dargestellten Nutzer: innen-Motivationen mit dem Ergebnis von Jiménez-Crespos (2017a: 221 f.) Querschnittanalyse, so finden sich große Überschneidungen. Die wenigen Unterschiede, die sich feststellen lassen, könnten vor allem in der etwas anders gelagerten Ausrichtung von 350 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="351"?> Translaville - als themenunspezifischem, ehrenamtlichem Übersetzungsdienst für Einzelpersonen - begründet liegen. Ein solcher Unterschied ist etwa der, dass die Deckung eines eigenen Über‐ setzungsbedarfs und somit gewissermaßen auch ein recht unmittelbarer, per‐ sönlicher Bezug zu bestimmten Texten für manche Mitglieder von Translaville (zumindest zu Beginn ihrer Mitgliedschaft) stärker im Vordergrund steht als bei anderen Online-Initiativen, wo Nutzer: innen ihre eigenen Texte vielleicht gar nicht selbst zur Übersetzung hochladen können, sondern eher von den Plattformbetreiber: innen vorgeschlagene Inhalte übersetzen. Auf Translaville scheint auch die Motivation, Inhalte in ‚seltenen‘ Sprachen zugänglich machen zu wollen, weniger ausgeprägt. Immerhin handelt es sich bei den zu übersetzenden Texten nicht um Inhalte, die für ein breites Leser: in‐ nen-Publikum themenspezifisch aufbereitet werden, wie etwa bei Wikipedia (vgl. McDonough Dolmaya 2017; Jones 2018a, 2019b; Hu 2024) oder politisch motivierten Online-Übersetzungsprojekten wie etwa Tlaxcala oder Translator Brigades (vgl. Baker 2013). Von den zu übersetzenden Inhalten auf Transla‐ ville ist also nicht automatisch eine gewisse Breitenwirkung zu erwarten. Es handelt sich um Texte, die nach Registrierung eigentlich von jeder: jedem Internetnutzer: in beigetragen werden können und die völlig themenoffen sind. Im Unterschied zu anderen Übersetzungsplattformen verlagert sich der Fokus der Mitglieder von Translaville damit stärker auf die Erbringung ehrenamtlicher Übersetzungsdienstleistungen für Einzelne, wobei die Nutzer: innen besondere Freude daraus zu schöpfen scheinen, dass sie diesen Einzelpersonen, die sie auch kennenlernen können, unmittelbar weiterhelfen können. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zu den von Jiménez-Crespo (2017a) verglichenen Studien zeigt sich in den unterschiedlichen Einstellungen der Übersetzer: innen zu einem potenziellen beruflichen Nutzen der ehrenamtlichen Tätigkeit, z. B. als Referenz für potenzielle Auftraggeber: innen. Ein solcher Ne‐ beneffekt des Engagements auf Translaville wird zwar von einigen Nutzer: innen im Forum angesprochen. Wie jedoch in Kapitel 7.1.1.1 bereits diskutiert wurde, äußert sich ein Großteil der Community-Mitglieder deutlich ablehnend gegen‐ über einem solchen, eher instrumentell geprägten Zugang zu den gemeinsamen Übersetzungspraxen. Die Erwartung eines beruflich verwertbaren Nutzens für einzelne Mitglieder sieht man dabei eher als Bruch mit den Grundprinzipien der Community (V147_013). 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 351 <?page no="352"?> 7.2.1.3 Gründe von Nutzer: innen für ihren Rückzug aus der Community Was in bisherigen Studien zu den Beweggründen ehrenamtlicher Übersetzer: in‐ nen kaum besprochen wird, was sich allerdings dank der für diese Untersuchung erhobenen Daten gut rekonstruieren lässt, ist die Frage, welche Schlüsse über die Einstellungen von Nutzer: innen sich aus deren Negativerfahrungen ableiten las‐ sen. Dort wo die Mitglieder von Translaville darüber sprechen, was sie nicht nur motiviert, sondern eben gerade auch demotiviert, zeigt sich besonders deutlich, was diese Nutzer: innen letztlich im Zuge ihres Engagements in der Community gesucht und vielleicht dann nicht - bzw. ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr - gefunden haben. Oft sind es gerade solche Negativerfahrungen, die die Nutzer: innen dazu bringen, die Grundidee, die sie sich ursprünglich von Translaville gemacht hatten, anderen gegenüber explizit zu machen. Dabei machen Mitglieder beispielsweise ihrer Frustration mit bestimmten Funktionen der Plattform Luft, mit gewissen Vorkommnissen in der Community oder mit dem Gefühl, die Community entwickle sich in eine Richtung, die man nicht mehr mitmachen möchte. Für diese Studie ist in diesem Zusammenhang besonders wertvoll, dass die erhobenen Forendaten einerseits eine sehr lange Zeitspanne der ‚Community-Geschichte‘ (von deren Gründung bis zu einem Zeitpunkt sehr geringer Aktivität) abdecken und dass andererseits die Interviewpartner: innen eine retrospektive Perspektive auf die Zeit ihrer besonders aktiven Beteiligung an den Plattformaktivitäten einnehmen konnten. In den in weiterer Folge besprochenen Einstellungen der Nutzer: innen liegt der Fokus auf den Gründen von Nutzer: innen, ihre Mitgliedschaft auf Translaville zu beenden. Einige Gründe lassen sich gut an die Motivationen in den letzten beiden Abschnitten anknüpfen: Verändern sich die Gegebenheiten für Nutzer: innen so, dass einige dieser grundlegenden Motivationen nicht mehr erfüllt sind, so scheint dies für viele ein Grund zu sein, sich von der Plattform zurückzuziehen. Ähnlich wie bei den oben beschriebenen Motivationen zeigt sich auch hier, dass für die Mitglieder hier sowohl persönliche als auch commu‐ nitybezogene Faktoren ausschlaggebend sein können. Die von den Nutzer: innen angesprochenen persönlichen Gründe für einen Rückzug von Translaville haben zunächst oft mit veränderten Lebensumständen zu tun. Manche Mitglieder geben an, in Zukunft mehr Zeit für Familie (Bsp. 1, 2; Tab. 35, unten), Arbeit oder Ausbildung (Bsp. 3, Tab. 35) aufwenden zu wollen und daher weniger Freizeit für ehrenamtliches Übersetzen zur Verfügung zu haben. Andere weisen schlicht darauf hin, ihre Interessen hätten sich geändert (Bsp.-4). 352 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="353"?> Aus der hier verfolgten soziotechnischen Perspektive ist außerdem interes‐ sant, dass mehrere Mitglieder einen mangelhaften oder fehlenden Zugang zum Internet als einschränkenden Faktor nennen. In Beispiel 5 (Tab. 35) beschreibt etwa eine sehr engagierte Nutzerin, einer aktiveren Beteiligung stehe eine schlechte Verbindung im Wege. Interessanterweise dürfte das Problem nicht nur die Nutzerin selbst beschäftigt haben, sondern auch die breitere Community, da Interviewpartner 1 (00: 30: 26-00: 31: 03) das Thema im Interview noch neun Jahre später von sich aus anspricht. Während es sich in den meisten Fällen um unfreiwillige technische Schwierigkeiten handelt, kommt auch das Gegenteil vor: Ein Nutzer erklärt beispielsweise, eine Beteiligung auf Translaville sei ihm nicht weiter möglich, weil er sich ganz aus dem Internet zurückziehen wolle (Bsp. 6, Tab. 35). Die beiden Beispiele machen deutlich, dass die grundlegende Voraussetzung des Vorhandenseins einer Internetverbindung für den Zugang zur Plattform unter normalen Umständen unsichtbar bleibt und von den Nut‐ zer: innen als gegeben angenommen wird. Dass Techniken im Hintergrund den erforderlichen Rahmen für das Funktionieren einer entsprechenden Community bilden, wird erst offensichtlich, wenn diese nicht verfügbar oder vorhanden sind oder nicht wie erwartet funktionieren (vgl. dazu auch Kap.-8.2). Die Mitglieder von Translaville sprechen jedoch auch Gründe an, die damit zu tun haben, dass sie mit bestimmten Entwicklungen in der Community nicht (mehr) zufrieden sind. Dazu gehört etwa eine Frustration mit stark repetitiven Übersetzungsanfragen (Bsp. 7). Viele scheinen Translaville auch verlassen zu haben, als maschinelle Übersetzungsdienste präsenter wurden: Nutzer: innen, die Translaville in erster Linie nutzten, um selbst Übersetzungen anzufragen, be‐ vorzugten dann oft die Unmittelbarkeit maschineller Übersetzungstools (Bsp. 8), während diejenigen Nutzer: innen, die primär auf Translaville aktiv waren, um zu übersetzen, immer weniger Ausgangstexte vorfanden und verstärkt auch mit dem Gefühl eines Sinnverlusts ihrer Tätigkeiten zu kämpfen hatten (Bsp.-9). Eine wichtige Motivation für eine Beteiligung auf Translaville, die oben genannt wurde, ist der Wunsch von Nutzer: innen, einen Beitrag für die Com‐ munity leisten zu wollen. Entsprechend findet sich unter den Aussagen dazu, was Nutzer: innen von einer weiteren Beteiligung abhalten würde, auch der Gedanke, eben nichts (mehr) beitragen zu können - etwa, wenn eine Sprache nicht mehr angeboten wird (Bsp. 10) oder die eigenen Sprachkenntnisse doch nicht als zum Übersetzen ausreichend empfunden werden (Bsp.-11, Tab.-35). Zu den Gründen für einen Rückzug von der Plattform zählen jedoch auch persönliche Kränkungen und Konflikte unter den Mitgliedern. Interviewpartner 2 (Bsp. 12) berichtet etwa von einem Nutzer, der seine Mitgliedschaft auf Transla‐ ville zurücklegte, weil er Feedback auf seine Übersetzungen als ungerechtfertigt 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 353 <?page no="354"?> empfand. Interviewpartnerin 3 (Bsp. 13) verweist auf gewisse Interaktionsdy‐ namiken unter den Nutzer: innen - genaugenommen die Überpräsenz einzelner Mitglieder -, die ihr letztlich die Freude an der Beteiligung in der Community genommen hätten. Andere Nutzer: innen wiederum haben sich über viele Jahre auf Translaville engagiert und zeigen sich schließlich enttäuscht darüber, dass die Commu‐ nity-Aktivitäten irgendwann abzuflauen begannen (Bsp. 14, Tab. 35): Es werden weniger Übersetzungsanfragen gestellt (Bsp. 15), Expert: innen haben weniger Aufträge zu evaluieren, man findet bei Besuchen nicht mehr so viele Mitglieder online vor, und auch im Forum gibt es weniger Neues. Eng damit verknüpft ist auch die Tatsache, dass der Entwickler von Translaville irgendwann aufgrund anderer persönlicher und beruflicher Verpflichtungen weniger präsent war und die Plattform somit weniger gut technisch betreut war. Damit verlagerte sich viel Problemlösungsarbeit auf die Administrator: innen, die häufig aber nicht über die nötigen Berechtigungen für weitreichendere Modifikationen verfügten. Der daraus entstehende Frust führte bei vielen bis dahin besonders engagierten Nutzer: innen mit Administrator: innen- oder Expert: innen-Status dazu, dass diese ihre Funktionen zurücklegten oder weniger häufig aktiv waren (Bsp. 16, Tab.-35). Durch die weitgehende Abwesenheit des Entwicklers wurde auch die An‐ wendungsumgebung von Translaville irgendwann kaum noch erneuert. Das grundlegende Design blieb im Wesentlichen das, das bereits zum Zeitpunkt der Gründung, 2005, verwendet wurde. Gleichzeitig veränderten sich die Erwartun‐ gen von Internetnutzer: innen an die Funktionalität und das Nutzungserlebnis von Web-Plattformen in dieser Zeit rasant. Gerade jüngere Nutzer: innen von Translaville beklagten daher wiederholt das als veraltet empfundene Design der Plattform. Interviewpartner 2 (Bsp. 17, Tab. 35) geht davon aus, dass zahlreiche Mitglieder Translaville auch deshalb verlassen haben und sich stattdessen an‐ deren Online-Initiativen zugewandt haben. Im Gegensatz dazu reagieren andere Mitglieder auf (frühe) Vorschläge zur Umgestaltung der Plattform wiederum vehement ablehnend: Als (letztlich hypothetischen) Anlass, die Plattform zu verlassen, wird wiederholt der Fall genannt, dass sie so umgestaltet werde, dass sie nicht mehr die ursprüngliche Grundidee erfülle. Damit richten sich die Nutzer: innen insbesondere gegen ein voting-basiertes System nach dem Vorbild neuerer Crowdsourcing-Plattformen (Bsp.-18, 19; Tab.-35). 354 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="355"?> Zeitmangel durch veränderte Le‐ bensumstände 1 „[W]hen my first daughter […] was born, I’ve lost my free time (lacht) for [Translaville]/ so to say.“ (I1, 00: 08: 03- 00: 08: 12) 2 „Mein Leben hat sich sehr verändert, seit ich meine Zeit mit meiner Frau verbringe. Und ich besuche die Seite hier viel weniger als früher.“ (A072_009) 3 „Liebe Leute, ich habe lange darüber nachgedacht, aber ich habe meine Entscheidung getroffen: Ich verabschiede mich von [Translaville]. Ich weiß, es ist nicht das erste Mal, dass ich das ankündige, aber diesmal ist es mir wirklich ernst. Ich bin jetzt 18 Jahre alt, und es ist an der Zeit, diesen Abschnitt hinter mir zu lassen. In den 5 Monaten, seit ich in China bin, war ich hier nicht aktiv, und nächstes Jahr fange ich die Uni an und kann nicht mehr so aktiv sein.“ (A057_001) Interessenswan‐ del 4 „[M]y interests also shifted, I don’t know exactly why I quit.“ (I1, 00: 08: 26-00: 08: 34) Kein Internetzu‐ gang 5 „Es tut mir wirklich leid, dass ich so lange von [Translaville] abwesend war. Ich habe immer noch ernsthafte Probleme, eine stabile Internetverbindung zu bekommen, aber mein Computer ist jetzt endlich mit euch allen verbunden. Ich hoffe nur, dass ich nicht vergessen habe, wie man übersetzt, seit ich das letzte Mal hier war.“ (A116_001) 6 „Aus persönlichen Gründen werde ich mich bald ganz aus dem Internet zurückziehen. Daher werde ich nicht weiter in der Lage sein, bei Übersetzungen zu helfen.“ (A029_001) Frustration mit Übersetzungsan‐ fragen 7 „Yeah, I think it was gradual and I think some people like me kind of gradually lost interest, because it was the same thing coming up again and again.“ (I3, 00: 29: 26-00: 29: 36) Aufkommen von maschineller Übersetzung 8 „Im Vergleich zu Babelfish ist [Translaville] ein sehr langsames Tool. Deshalb bevorzugen die Leute auto‐ matische Übersetzungsprogramme.“ (V001_004) 9 „[Translaville] started to empty at the same pace Goo‐ gle Translator started to cover more languages and to do its work in a more/ higher standard way.“ (I1, 01: 09: 08- 01: 09: 27) Gefühl nichts (mehr) beitragen zu können 10 „Bitteeeeeeeeeeeee! ! Nehmt bloß die lateinischen Übersetzun‐ gen nicht raus! ! ! Wie soll ich überleben? ! ? ! ! ? ? ? ? Das ist das Einzige, was ich hier tun kann-…“ (WÜ043_059) 11 „Ich habe ein relativ gutes Japanisch-Sprachniveau er‐ worben, aber wenn mich jemand fragen würde, ob ich Japanisch fließend beherrsche, würde ich das verneinen. Trotzdem gibt es eine Reihe von Übersetzungsaufträgen, die ich selbst mit meinem derzeitigen Kenntnisstand 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 355 <?page no="356"?> leicht bewältigen könnte, aber als ich mich zum ersten Mal hier angemeldet habe, habe ich wegen der strikten Richtlinien zum erforderlichen Sprachniveau überhaupt keine Übersetzungen gemacht.“ (WF033_008) Kränkung nach schlechtem Feed‐ back 12 „[Nutzer A] was mad at [Experte B] for rejecting all his translations, even though for him, it was a good translation. And then [Nutzer A] was calling [Experte B] names. [… ] And then [Nutzer A] said like ‘Ok, well, if that’s the case, whatever, I’m just going to quit.’ And then I guess he just quit.“ (I2, 00: 29: 37-00: 30: 57) Überpräsenz Ein‐ zelner 13 „And for me, a small additional thing was that one or two members were/ seemed to be there all the time and react on everything - with the best of intentions, BUT they gave me the feeling that it’s really those two or three people who ARE the community. And well, you’re welcome to say something but if they don’t agree it won’t happen. They became a bit overpresent.“ (I3, 00: 29: 36-00: 30: 01) Abflauen der Plattform-Akti‐ vitäten 14 „The site seems very quiet, and there is nothing to do, as a member or expert, nothing to evaluate or translate. No one else has been online on my latest visits. It feels sad… once a community so alive.“ (I4, Abschn. 3) Weniger Überset‐ zungsanfragen 15 „I think also the amount of translations dropped. It would be like checking Facebook and there being zero new contents. So, I mean not even commercials or publicity. And exactly the same content on it when you checked yesterday and the day before. And then you just stop checking, because you don’t get the/ I suppose it also is a bit inside your head, like with the addiction stuff. You don’t get the immediate validation, so you kind of stop being hooked.“ (I2, 00: 44: 19-00: 45: 07) Weniger Betreu‐ ung durch den Entwickler 16 „Somehow, he [der Entwickler] had abandoned the project. We sometimes tried to reach him to fix some things, more functions, and he was not responsive. So people, we administrators, started to feel frustrated.“ (I1, 00: 10: 29- 00: 10: 56) Veraltetes Design 17 „Actually, I think the website didn’t evolve with the whole/ the user experience. When I look at it now, it’s SO old. It isn’t intuitive anymore. It doesn’t get any support any more from [Entwickler]. I mean, if there would be an app on the cell phone, I think, this could work again and people would find their way to [Translaville] again.“ (I2, 00: 42: 47-00: 43: 21) Verlust der Grundidee 18 „Wenn ihr [Translaville] ändert, bin ich sicher, dass die meisten von uns gehen werden. Was für eine Ver‐ schwendung. Ich werde sicher nicht bleiben.“ (PB078_005) 356 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="357"?> 19 „Sollte dieses ‚neue Konzept für [Translaville]‘ [Anm.: Vor‐ schlag eines Voting-Systems und moderneren Designs] um‐ gesetzt werden, würde ich die Seite verlassen, da sie dann nichts mehr mit der ursprünglichen Idee der Seite zu tun hat.“ (PB078_004) Tabelle 35: Übersicht über Beweggründe für den Rückzug von Translaville Die in den letzten beiden Abschnitten besprochenen Motivationen und Be‐ weggründe der Mitglieder von Translaville sagen viel darüber aus, welchen Stellenwert unterschiedliche Aspekte gemeinschaftsbasierter Übersetzung für Nutzer: innen einnehmen: Besonders relevant erscheinen dabei neben stärker eigennützigen Beweggründen (wie etwa dem Erhalten eigener Übersetzungen oder der Möglichkeit zur Weiterentwicklung der Sprachkenntnisse) auch über‐ setzungsbezogene Motivationen (z. B. die Freude an der Arbeit mit Sprachen, am Feilen an Übersetzungen) bis hin zu communitybezogene Motivationen (z. B. der Wunsch, sich an einem Gemeinschaftsprojekt zu beteiligen; die Möglichkeit, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen) und altruistische Motivationen (die Freude daran, anderen zu helfen; der Wunsch, verfügbare Zeit sinnbringend zu verbringen). Gerade die Gründe für einen Rückzug von der Plattform zeigen dabei, dass das Geschehen in der Community und die laufende Interaktion mit anderen dafür wesentlich sein können, dass ehrenamtliche Übersetzer: innen auch langfristig nicht das Interesse an einem Projekt verlieren. Ohne rege Aktivität in einer Community, laufende Rückmeldungen - ob auf Übersetzungen oder im Forum - und das Gefühl, man finde stets ein virtuelles Gegenüber vor, dem das eigene Handeln unmittelbar zugutekommt, scheint sich schnell ein Gefühl des Sinnverlusts einzustellen, das letztlich viele Mitglieder ihre Beteiligung abbrechen lässt. 7.2.2 Erwartungen in Bezug auf das Verhalten in der Community Während die oben diskutierten Beweggründe und Motivationen eher damit zu tun haben, was Nutzer: innen sich von ihrer Beteiligung an den Community-Ak‐ tivitäten wünschen - was sie also für sich selbst erwarten -, finden sich in den Forumsdiskussionen und Interviews auch zahlreiche Beiträge, die mit den Erwartungen der Nutzer: innen in Bezug auf andere zu tun haben. Während, wie oben beschrieben wurde, auch die persönlichen Beweggründe von Nutzer: innen bis zu einem gewissen Grad in der Interaktion mit anderen konstruiert werden, 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 357 <?page no="358"?> handelt es sich bei den hier vorgestellten Erwartungen in Bezug auf das Verhal‐ ten von Nutzer: innen in der Community um Vorstellungen mit noch stärker kollektivem Charakter. Wie die unten angeführten Beispiele zeigen, entstehen diese im Zuge von Aushandlungs- und Abstimmungsprozessen im Austausch miteinander. Dabei werden einerseits Vorstellungen davon konstruiert, wie man sich den: die ‚ideale: n Nutzer: in‘ von Translaville vorstellt. In Abgrenzung dazu formuliert man in weiterer Folge jedoch auch Vorstellungen davon, welches Verhalten von Nutzer: innen in der Community als unerwünscht betrachtet wird, oder welches sogar als missbräuchlich oder als aus moralischen Gründen abzulehnen eingestuft wird. 7.2.2.1 Vorstellungen von dem: der idealen Nutzer: in Zu den Vorstellungen von dem: der idealen Nutzer: in gehört zunächst natürlich der Wunsch nach Mitgliedern, die über umfassende Sprachkenntnisse verfügen und sich als gute Übersetzer: innen erweisen (Bsp. 1, Tab. 36, unten). Dies zeigt auch Beispiel 2 (Tab. 36), in dem etwa die Leistungen einer Nutzerin besonders hervorgehoben werden, die sich auch an schwierige und sogar ‚unübersetzbare‘ Ausgangstexte heranwage. Interessanterweise kommt die Vorstellung von her‐ vorragenden Sprach- und Übersetzungskompetenzen jedoch besonders dann zur Sprache, wenn potenzielle Kandidat: innen für Mitglieder mit besonderen Aufgaben in der Community (wie etwa Power-Nutzer: innen oder Expert: innen) diskutiert werden - weitaus weniger nachdrücklich aber in Bezug auf reguläre Übersetzer: innen (vgl. dazu insbesondere Kap. 7.1.2.1). Das zeigt, dass für die Umsetzung der communityeigenen Qualitätsvorstellungen in erster Linie die Mitglieder mit besonderen Nutzer: innen-Rollen verantwortlich gemacht werden, während in Bezug auf reguläre Mitglieder oft viel eher auf deren Amateur-Status und auf den Lerncharakter, der den Übersetzungsaktivitäten auf Translaville eingeräumt wird, Rücksicht genommen wird. Ein Großteil der weiteren Vorstellungen in Bezug auf ‚ideale‘ Nutzer: innen betrifft jedoch weniger ihre individuellen Fähigkeiten und Kenntnisse, sondern eher ihr Engagement für die Community und ihr Verhalten gegenüber anderen Mitgliedern: Dazu gehört etwa der Wunsch nach einer häufigen Online-Präsenz und aktiven Beteiligung an allen Plattform-Aktivitäten von Nutzer: innen (Bsp. 2, Tab. 36) - außerdem Zuverlässigkeit und Kollegialität gegenüber anderen (Bsp.-3, 4; Tab.-36). Besonders oft diskutiert wird jedoch die Art und Weise, wie ‚ideale Nutzer: in‐ nen‘ nach Vorstellung der Mitglieder von Translaville kommunizieren sollten: Wichtig ist vielen dabei ein guter Umgang der Nutzer: innen mit Feedback 358 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="359"?> (Bsp. 2, Tab. 36), aber auch ein aktives Einsetzen für eine positive Kommuni‐ kationskultur durch ein konstruktives, hilfsbereites und höfliches Auftreten gegenüber anderen Mitgliedern (Bsp. 5). Dieser Fokus auf ein funktionierendes Miteinander in der Community spiegelt eine Erkenntnis von Drugan (2011) in ihrem Vergleich von beruflichen Ehrenordnungen von Translator: innen und den Community-Standards ehrenamtlicher Online-Übersetzungsinitiativen wider: So zeige sich etwa ein merklicher Unterschied in den Erwartungen an das Verhalten von Übersetzer: innen gegenüber Kolleg: innen bzw. anderen Community-Mitgliedern, with professional codes stressing members’ duty of loyalty to one another, while the new communities seemed to have a different implicit concept of what being community-minded might mean. Loyalty here is to the community as a whole, rather than to potentially challenging individual confrères. (Drugan 2011: -118) Klare Erwartungen gibt es auch an den Umgang von Expert: innen bzw. Admi‐ nistrator: innen mit anderen Nutzer: innen: Von Expert: innen erwartet man sich, dass sie ihr Feedback so formulieren, dass es von den Übersetzer: innen gut ange‐ nommen werden kann. Außerdem sollten diese sich mit den Community-Regeln gut auskennen und immer ein Auge darauf haben, dass diese auch eingehalten werden (Bsp. 5, Tab. 36). Administrator: innen haben außerdem die Aufgabe, die Foren zu moderieren. Dazu bräuchten sie - so die Einschätzung der Community - vor allem Gelassenheit und ein diplomatisches Auftreten (Bsp.-6, 7). Gute: r Überset‐ zer: in, umfassende Sprachkenntnisse 1 „[T]here was also a thread where people would say: I see this person is very active and he is a very good trans‐ lator or she is a very good translator, it’s very/ he really has a profound knowledge of this language. […]“ (I2, 00: 22: 12-00: 22: 25) Übernahme von schwierigen Über‐ setzungen 2 „Vielleicht kannst du dir [Nutzerin A] als mögliche Ex‐ pertin überlegen. Sie ist eine Art Traum-Nutzerin, falls es so etwas gibt. Sie ist häufig online, hinterlässt im‐ mer ihre Meinung bei den Umfragen, begrüßt jede Verbesserung ihrer eigenen Übersetzungen - und es sind schwierige darunter - und ich mag ihre Art, Unübersetzbares zu übersetzen.“ (A085_010) Kreative Bearbei‐ tung von sog. ‚un‐ übersetzbaren‘ Tex‐ ten Häufige Online-Präsenz Aktive Beteiligung Guter Umgang mit Feedback 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 359 <?page no="360"?> Zuverlässigkeit 3 „Wir können [Entwickler] auch bitten, [Nutzer B] zu berücksichtigen, denn [Nutzer A] ist ein sehr strenger und zuverlässiger Experte. Er ist in meinem Herzen schon lange Administrator.“ (V081_004) Kollegialität 4 „Es ist schön, mit jemand zusammenzuarbeiten, für den: die Kollegialität kein Fremdwort ist … der: die weiß, wie man ein guter Mensch ist.“ (A159_001) -Hilfsbereitschaft und Höflichkeit - 5 „Als [Entwickler] und die Expert: innen und Administra‐ tor: innen der Seite sich entschieden haben, einen neuen Status für Mitglieder einzuführen [Anm.: Power-User: in‐ nen-Status], wollten wir diejenigen belohnen, die sich besonders fleißig und regelmäßig hier auf [Translaville] beteiligt haben. […] Sie sind freundliche Mitglieder. Das heißt, sie nehmen stets eine positive, hilfsbereite Hal‐ tung gegenüber anderen Mitgliedern, Expert: innen und Admins ein. Das lässt die Kommunikation fließen. Zweitens sind sie immer höflich, wenn sie sich an andere wenden. Wenn sie etwas korrigieren oder [Än‐ derungen] vorschlagen, bleiben sie bei ihrer korrekten Haltung, wodurch andere Mitglieder diese Korrekturen und Vorschläge auch leichter annehmen können, und die Arbeit der Expert: innen erleichtert wird. Sie versuchen nicht, ihren Standpunkt mit Gewalt durchzusetzen oder jemanden zu demütigen. Und wenn sie selbst korrigiert werden, verhalten sie sich ebenfalls so. Sturheit gehört nicht zu ihrer Persönlichkeit. Sie sind auch zuver‐ lässig in ihren Erstsprachen. Menschen, denen wir Ex‐ pert: innen und Admins vertrauen können, wenn wir ein Missverständnis aufklären oder um kleine Relais bitten müssen, […]. Schließlich sind sie wachsam gegenüber Anfragen, die gegen die Regeln von [Translaville] verstoßen, […].“ (A061_001) -Einsetzen für posi‐ tive Kommunikati‐ onskultur - -Kein Aufzwingen von Änderungsvor‐ schlägen - Aufmerksam ge‐ genüber regelwidri‐ gem Verhalten an‐ derer Nutzer: innen Gelassenheit 6 „Ich habe schon eine Weile über ein rumänisches Forum nachgedacht, gehöre nicht zu den besten Moderator: in‐ nen (vor allem, weil ich mich schnell aufrege) und außerdem leide ich unter chronischem ‚Zeitmangel‘.“ (V109_010) Diplomatisches Auftreten 7 „Nutzerin C: Ich weiß eigentlich nicht, wer der: die beste Admin sein könnte, aber ich glaube, wir brauchen je‐ manden, der ruhig und diplomatisch ist. Scharfsin‐ nig und freundlich zugleich. […] Nutzerin D: […] Ich bin fast jeden Tag eingeloggt, ich mag es, in Foren zu posten, ich versuche diplomatisch zu sein und ich kann gerne zum Albtraum aller missbräuch‐ lichen Nutzer: innen werden! Haha […]“ (V109_014-015) Tabelle 36: Übersicht über Vorstellungen von dem: der ‚idealen‘ Nutzer: in 360 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="361"?> 7.2.2.2 Einstellungen zu in der Community unerwünschtem Nutzer: innenverhalten Zusätzlich zu diesen Vorstellungen vom ‚idealen‘ Mitglied werden in den Foren oft Nutzer: innen diskutiert, deren Verhalten als unerwünscht empfunden wird. Oft scheint der Austausch über Probleme mit solchen Mitgliedern vor allem dem Zweck zu dienen, in der Gruppe die Grenze zwischen unerwünschtem und missbräuchlichem Verhalten besser auszuloten. Häufig negativ hervorgehoben wird in diesem Zusammenhang etwa man‐ gelnde Sorgfalt auf Seiten von Nutzer: innen - sowohl bei der Beauftragung als auch bei der Anfertigung von Übersetzungen (vgl. Bsp. 1, Tab. 37, unten). Außerdem erwartet man sich von Nutzer: innen, wie oben bereits erwähnt, dass sie konstruktiv auf Feedback reagieren. So wird einem Nutzer in Beispiel 2 (Tab. 37) etwa „mangelnde Reife“ konstatiert, nachdem er wiederholt abwehrend auf die Änderungswünsche von Expert: innen reagiert habe. Auch hier werden weniger mangelnde Kompetenzen als vielmehr inakzep‐ tables Verhalten gegenüber anderen bzw. der Gruppe insgesamt kritisiert: Mit mangelnden Sprachkenntnissen von Nutzer: innen wird eine Zeit lang noch einigermaßen konstruktiv umgegangen. Durch entsprechendes Feedback sollen Nutzer: innen selbst erkennen, dass sie ihre Kompetenzen mancherorts vielleicht überschätzt haben. Schärfer kritisiert wird hingegen, wenn Nutzer: innen sich über entsprechende Rückmeldungen von anderen (wiederholt) hinwegsetzen. Das geht so weit, dass Nutzer: innen von den Administrator: innen oder vom Entwickler für gewisse Sprachen gesperrt werden - wobei manche besonders hartnäckige Nutzer: innen sich (wiederholt) mit einem neuen Profil registrieren, um dies zu umgehen (Bsp. 3, Tab. 37). Hier sieht die Community die Grenze zum Missbrauch der Plattform überschritten. Nutzer: innen, die sich mehrfach registrieren, sei es nun, um Nutzungseinschränkungen zu umgehen oder mehr kostenlose Übersetzungen beauftragen zu können, werden nach einer Verwar‐ nung meist schnell von der Community ausgeschlossen. Ähnlich verfährt man mit Nutzer: innen, von denen man vermutet, dass sie sich nicht mit einem ernsthaften Interesse an der Plattform registriert haben, sondern eher, um spaßhalber Ausgangstexte ohne erkennbaren Sinn hochzuladen, um andere Nutzer: innen zu belästigen, oder Spam zu posten (Bsp.-5, 6; Tab.-37). 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 361 <?page no="362"?> Mangelnde Sorgfalt 1 Ich stelle immer wieder fest, dass manche Nutzer: in‐ nen, wenn sie einen Text zur Übersetzung hochladen, nicht einmal versuchen, sich über [die Korrektheit] ihre[r] Ausgangstexte Gedanken zu machen, selbst wenn sie die Zielsprachen kennen. (V078_001) Mangelnde Reife oder mangelnde Kritikfähigkeit 2 „[Nutzer A] ist sehr fleißig und erledigt eine enorme Menge an Übersetzungen, aber (und das ist ein riesi‐ ges Aber) es fehlt ihm an der nötigen Reife, um Power-Nutzer zu werden. Wie [Nutzer B] sagt, irgend‐ wann in der Zukunft, warum nicht. Er ist immer sehr höflich zu mir und bearbeitet, was ich vorschlage, aber ich weiß, dass er bei anderen Expert: innen sehr hartnä‐ ckig sein kann, wenn es um seine Übersetzungen geht.“ (A126_013) Hinwegsetzen über mangelhafte Sprachkenntnisse 3 „Das ist eine lange Geschichte. Ich habe so oft versucht mit ihm zu diskutieren, aber er meint einfach, er könne in alle Sprachen der Welt übersetzen. Er hatte so viele abgelehnte Übersetzungen, und nachdem wir ihn immer wieder ermahnt hatten, waren wir gezwungen, seine Berechtigungen auf Übersetzungen ins Französische zu beschränken. Von da an meldete er sich wieder und wieder [mit einem neuen Profil] an-… Jedes Mal habe ich versucht, mit seinem neuen Nutzerkonto zu diskutieren. Aber es war sinnlos. Ich habe nur meine Zeit mit ihm verschwendet. Seit ein paar Monaten lösche ich daher immer ohne jede weitere Diskussion seine neuen Konten.“ (A146_360) Mehrfachregistrierung 4 Beauftragung von ‚Sinnlosüber‐ setzungen‘ 5 „Bitte meldet Missbrauch durch Fake-User: innen (z. B. solche, die sich nur einmal anmelden - für irgendwelche Scherze oder sinnlosen Übersetzun‐ gen, und solche, die angeben, dass sie alle Sprachen beherrschen) […].“ (PB058_001) ‚Trolle‘ oder ‚Spaß‐ vögel‘ 6 „[A]t the time, we had some trolls. Yes, trolls. People who weren’t there to ask for or to contribute trans‐ lations but to get nasty. So, this kind of people were the bad ones. […] Spammers, people who asked several times for the same [text] to be translated. Most of the time, one phrase only. And we insisted we didn’t do that job. And people, even so, insisting. So, we had the power to ban these kinds of answers.“ (I1, 00: 46: 38-00: 47: 39) Spam Tabelle 37: Übersicht über Vorstellungen von unerwünschtem bis hin zu missbräuchli‐ chem Nutzer: innenverhalten 362 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="363"?> 7.2.2.3 Aushandlung ethischer Maßstäbe beim Übersetzen Als Missbrauch sieht man allerdings auch die Übertretung ethischer Prinzipien in Bezug auf das Übersetzen. Im Forum findet sich dabei ein außergewöhnlich intensiver Austausch rund um die Frage, wann Ausgangstexte von der Com‐ munity abgelehnt oder Übersetzungen aus ethischer Sicht verweigert werden sollten. Als Beispiele für solche Ausgangstexte werden von den Mitgliedern unter anderem als beleidigend empfundene oder diskriminierende Ausgangs‐ texte, also z. B. misogyne (V065_001; V065_027), homophobe (V065_027) oder rassistische Texte (V065_011; V065_027-028) oder auch Ausgangstexte mit vulgären (V065_010; V065_020) oder pornografischen Inhalten (V065) in die Diskussion eingebracht. Interessant ist, dass die Diskussionsteilnehmer: innen in der Debatte insbe‐ sondere mit Bezug auf allgemeinethische Prinzipien und rechtliche Rahmen‐ bedingungen argumentieren, wobei hier, was erstere betrifft, zwei Prinzipien aufeinanderzutreffen scheinen. Das ist einerseits das Prinzip, dass man als Community danach streben möchte, durch Übersetzung für alle Beteiligten einen gleichen Zugang zu Inhalten oder Informationen zu ermöglichen; und andererseits das Prinzip, die (weitere) Verbreitung diskriminierender oder als anstößig empfundener Inhalte durch Übersetzung verhindern zu wollen. Dabei handelt es sich natürlich um eine Diskussion, die insgesamt nicht neu ist und die unweigerlich überall dort auftritt, wo Inhalte veröffentlicht und verbreitet werden und wo letztlich unterschiedliche gesellschaftliche und recht‐ liche Antworten auf die Frage abgewogen werden müssen, wo die Grenze zwischen dem Grundrecht der Meinungsbzw. Pressefreiheit einerseits und Hass, Verhetzung oder Schaden für Minderjährige andererseits zu suchen ist. Entsprechende Argumente liefern hier auch die Mitglieder von Translaville: So zeigt sich in der Diskussion etwa ein klares Bewusstsein dafür, wie zentral die Rolle von Translation für die Verbreitung von Inhalten und Ideen sein kann. Dementsprechend argumentieren einige Nutzer: innen, damit gehe auch die Verpflichtung einher, dass man mit dieser auch besonders verantwortungsvoll umzugehen habe - etwa indem nur solche Texte übersetzt werden, die man auch ohne moralische Bedenken verbreiten könne. Damit sollen Leser: innen der betreffenden Inhalte - insbesondere aber minderjährige Nutzer: innen - vor als moralisch verwerflich empfundenen Inhalten geschützt werden. Im Gegensatz dazu verweisen andere Mitglieder auf das möglicherweise berechtigte Interesse von Nutzer: innen daran, auch diskriminierende oder beleidigende Texte zu verstehen. Immerhin könne in vielen Fällen ja auch davon ausgegangen werden, diese Nutzer: innen hätten den Text in irgendeiner Form (z. B. in einer Nachricht in einem Online-Forum o. Ä.) selbst erhalten 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 363 <?page no="364"?> (V065_014). Dasselbe gelte etwa für den Wunsch, öffentlich zugängliche Inhalte nachvollziehen zu können - gerade weil ein: e Nutzer: in sich vielleicht ein Bild davon verschaffen möchte, was dort gesagt wird. V065_001 - 16.03.2007 16: 17 […] Ich persönlich bin nicht der Meinung, dass wir Übersetzungen wegen obszöner Inhalte löschen sollten. Diese Wörter sind Teil einer Sprache, und es gibt oft ein legitimes Interesse daran, zu wissen, was sie bedeuten. […] Zum Beispiel gab es vor nicht allzu langer Zeit eine Anfrage für die Übersetzung eines Hip-Hop-Songs (vom Englischen ins Franzö‐ sische) auf dieser Website. Es handelte sich um eine legitime Anfrage von jemandem, der wissen wollte, was die Worte bedeuten. Der Text war nicht schön und sogar ziemlich frauenfeindlich, aber ich denke, es war trotzdem eine berechtigte Übersetzungsanfrage. In diesem Fall argumentiert man also eher auf der Basis des Prinzips des gleichbe‐ rechtigten Zugangs zu Inhalten. Wie auch die Nutzerin in dem Zitat andeutet, betonen andere Mitglieder, gerade eine Plattform wie Translaville, die sich intensiv mit Sprache(n) beschäftigt, dürfe sich nicht davor verschließen, dass zu Sprachen in der Regel mehr gehöre als nur die Hochsprache oder bestimmte Fachsprachen. Auch vulgäre Ausdrücke seien Teil jeder Sprache, weshalb man Sprachlernende nicht systematisch von diesen ausschließen dürfe. Die intensiven Aushandlungsprozesse in der Gruppe zeigen, dass Argumenta‐ tionen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Perspektiven in die Diskussion ethischer Prinzipien hineingetragen werden. Deutlich wird dies hier insbeson‐ dere an einem Gegensatz zwischen zwei Zugängen: (1) einem Fokus auf mehr Eigenverantwortung von Nutzer: innen bzw. auf einen liberaleren Umgang mit Inhalten (V065_002, 007); oder (2) der Einstellung, Organisationen, die Inhalte öffentlich zugänglich machen, hätten damit auch die Aufgabe, in bestimmten Fällen regulierend einzugreifen (V065_003, 008). Anders als in weiten Teilen der übrigen Diskussion wird an einer Stelle auch ein Prinzip genannt, das man sonst eher mit beruflichen Ehrenordnungen, z. B. von translatorischen Berufsverbänden, in Verbindung bringt: So betont eine Nutzerin hier etwa, die Mitglieder von Translaville sollen sich darauf konzentrieren, beim Übersetzen ‚loyal‘ gegenüber dem Ausgangstext zu bleiben und dessen Ton dabei in der Übersetzung möglichst genau wiederzugeben (V065_015). Die komplexe Diskussion über moralische Maßstäbe (etwa hier zur Frage, wie Pornografie abzugrenzen sei) solle man stattdessen eher beiseitelassen. Immerhin seien diese Wertvorstellungen gesellschaftlich, politisch und kulturell konstruiert und verän‐ derten sich laufend (z. B. in der Frage, ob Nacktheit alleine bereits als anstößig 364 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="365"?> empfunden werde). Es mache also keinen Sinn, den einen oder anderen Zugang als ‚gültigen Maßstab‘ zu etablieren: V065_015 - 03.08.2007 14: 49 […] Was die Generation meiner Eltern als skandalös porno empfunden hätte, würde heute wahrscheinlich nicht einmal mehr eine Nonne groß aufregen. Ich kann wiederum schockiert sein über etwas, was meine 16-jährige Tochter völlig akzeptabel findet. Mit anderen Worten: Mo‐ ral verändert sich nicht nur mit der Kultur, die sie hervorbringt, sondern hängt auch von der Zeit ab, zu der etwas in die sozialen Regeln der betreffenden Gesellschaft eingeht. Moral unterliegt ganz und gar den politischen, sozialen und fi‐ nanziellen Bestrebungen der Gesellschaft (oder Kultur), die sie etabliert, und entsprechend unterscheidet sie sich natürlich von einer Gesellschaft (oder Kultur) zur anderen. Unsere Aufgabe als Übersetzer: innen ist es nicht, zu entschei‐ den, was Pornografie nun konkret ist und was nicht, sondern loyal von einer Sprache in eine andere zu übersetzen, damit die Übersetzung genau den gleichen Ton trifft wie das Original. […] Auch die Verfasserin des nächsten Beitrags (Tab. 38) warnt davor, die Diskussion könne sich in eurozentrischen Moralvorstellungen festfahren - wiederum in Bezug auf die Frage, ab wann ein sexuell expliziter Text pornografisch bzw. moralisch anstößig sei. Sie plädiert für eine stärkere Eigenverantwortung der Übersetzer: innen, nur solche Texte zu übernehmen, die sie mit ihren eigenen persönlichen Wertvorstellungen in Einklang bringen könnten. Damit vermeide man einen systematischen Ausschluss von Texten, was - so auch die Befürch‐ tung anderer Nutzer: innen - womöglich irgendwann der Grenze zur Zensur nahekommen könnte. Ein vorauseilender Schutz anderer vor gewissen Inhalten könne unter Umständen bevormundend, und im schlimmsten Fall zensorisch, wirksam werden. V065_012 - 03.08.2007 09: 48 Was für den einen Pornografie ist, kann für den anderen akzeptabel sein. Ich stimme [Nutzer A] zu, dass es schwierig ist, eine morali‐ schen „Maßstab“ festzulegen, da ein solcher je nach Land oder Kultur oft unterschiedlich ist. Die Übersetzungen, die ich am ehesten anfragen werde, werden mit ziemlicher Sicherheit Teile der Anatomie behandeln, die andere viel‐ leicht als abstoßend empfinden. Es kann sein, dass ich [in meinen Ausgangstexten] über sexuelle Schwierigkeiten sprechen muss, die mit dieser oder jener Krankheit zusammenhängen und die Begriffe und Diskussionen über solche Probleme können aus der Sicht eines anderen durchaus einen „pornografischen“ Aspekt annehmen. Die abendländischen, jüdisch-christlichen Moralvorstellungen sind nicht das einzige Wertesystem der Welt und können daher nicht als Maßstab dafür dienen, was für alle moralisch akzep‐ tabel ist. 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 365 <?page no="366"?> 92 „Wer eine Botschaft gewalttätigen oder pornografischen oder die Menschenwürde schwerwiegend verletzenden Inhalts herstellt, befördert, verbreitet, gleichgültig durch welches Mittel und über welchen Träger, oder wer mit einer solchen Botschaft Handel treibt, wird mit drei Jahren Gefängnis und [75.000 Euro] Geldstrafe bestraft, wenn diese Botschaft von Minderjährigen gesehen oder wahrgenommen werden kann.“ (übers. von Gesine Bauknecht und Lieselotte Lüdicke; Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht Freiburg 1999) Wer einen Text nicht übersetzen möchte, der Sätze oder Ideen enthält, die ihn verärgern oder beunruhigen, sollte die Übersetzung jemandem überlassen, der bereit ist, sie zu übernehmen. Ich persönlich werde es wahrscheinlich vermeiden, Texte mit rassisti‐ schen und verhetzenden Inhalten (was ich persönlich schlimmer als pornografisch[e Inhalte] empfinde) zu übersetzen, aber das bedeutet nicht, dass sich nicht vielleicht jemand anderer findet, der so ein Material sehr wohl übersetzen möchte. Wenn man beginnt, Texte zu zensieren, fragt sich, wo man letztlich die Grenze zieht - und das ist gefährlich. Tabelle 38: Umgang mit moralisch nicht vertretbaren Ausgangstexten Am Ende wird diesem intensiven Austausch jedoch aus rechtlicher Sicht eine Grenze gesetzt. So weist etwa ein Administrator nach längeren Recherchen darauf hin, dass in Frankreich, wo Translaville registriert ist, die Veröffentli‐ chung und Verbreitung bestimmter Inhalte rechtlich nicht zulässig ist, sofern die Möglichkeit besteht, dass diese von Minderjährigen eingesehen werden können. Dazu zählen etwa Inhalte, die die menschliche Würde beschneiden (z. B. misogyne, homophobe, rassistische Inhalte; V065_027), pornografische Inhalte sowie Inhalte, in denen Gewalt verherrlicht oder verbale Gewalt ausgeübt wird. V065_019 - 04.08.2007 00: 18 Wir können hier weiter darüber diskutieren und die ganze Seite damit füllen, aber ich denke, es ist sinnlos, über Pornografie zu diskutieren (auch wenn es schön ist, Meinungen und Standpunkte auszutauschen). Aber wie [Nutzer A] sagte, ist das Problem hier eher ein rechtliches als ein moralisches. Was auch immer irgendjemand hier sagen könnte - es würde den folgenden Gesetzestext nicht ändern: „Der Artikel 227-24 des [französischen] Strafgesetzbuchs sieht Fol‐ gendes vor: Le fait soit de fabriquer, de transporter, de diffuser par quelque moyen que ce soit et quel qu’en soit le support un message à caractère violent ou pornographique ou de nature à porter gravement atteinte à la dignité humaine, soit de faire commerce d’un tel message, est puni de trois ans d’emprisonnement et de 75000 euros d’amende lorsque ce message est susceptible d’être vu ou perçu par un mineur.“ 92 366 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="367"?> 93 Für eine ausführlichere Diskussion zu Fragen des Missbrauchs und der Ausbeutung rund um die übersetzerischen Aktivitäten auf Translaville, insbesondere vor dem Hintergrund eines Erodierens der Grenzen zwischen Arbeit und Spiel im Web 2.0 siehe Rogl (2016). Jede: r, der: die hier online ist, sollte also bedenken, dass sein: ihr persönlicher Standpunkt sich im Rahmen des oben angegebenen Ge‐ setzestexts zu bewegen hat. Unabhängig davon, ob eure persönliche Sichtweise mit diesem Text übereinstimmt oder nicht, der Text gilt - so etwas nennt man „Gesetz“. […] Also, auch wenn, [Nutzerin B] mir in der Diskussion unter dem türkischen Text geschrieben hat: „Das ist Sprache, und Sprachen umfassen alle Teile der Kommunikation, gute und schlechte; man kann nicht so tun, als ob schlechte Teile nicht Teil einer Sprache sind. Wenn wir eine Sprache lernen, sollten wir sie gut und vollständig lernen.“ Diese Seite steht weit offen für Minderjährige, und somit darf KEIN EINZIGER Text mit pornografischem Inhalt öffentlich von einem minderjährigen Mitglied hier gelesen werden. […] Ärzte haben ihre „Ethik“ und ihren „Hippokratischen Eid“. Folglich haben auch Übersetzer: innen einer Webseite, die für Minderjährige weit offensteht, ethische Richtlinien, die sich innerhalb des oben zitierten Jugendschutzgesetzes bewegen müssen, unabhängig davon, was sein: ihr Standpunkt in der Frage ist oder was vernünftigerweise übersetzbar ist oder eben nicht. Damit ist zwar die Diskussion über moralische Standpunkte in Bezug auf den Umgang mit gewissen Ausgangstexten im Forum nicht beendet. Die Nut‐ zer: innen sind sich jedoch schnell einig, dass man rechtliche Konsequenzen und möglicherweise sogar Bußgelder für Translaville und dessen Betreiber vermeiden wolle (V065_009; 010). Abgesehen von der Diskussion rund um moralisch bedenkliche oder straf‐ rechtlich relevante Inhalte in Ausgangstexten kommt im Forum an einer Stelle jedoch auch ein weiteres Thema zur Sprache, das eher mit Missbrauch im Zusammenhang mit der Verwendung von Zieltexten zu tun hat. 93 In dem Beispiel in Tabelle 39 wendet sich ein Nutzer an die Community, da er den Verdacht hegt, es gebe auf Translaville Fälle, wo dort beauftragte Übersetzungen zum Zweck der Ausbeutung bzw. als Mittel der Gewalt und Machtausübung gegenüber Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen missbraucht würden. Genau genom‐ men handelt es sich dabei um die Telefoninhalte von Hausangestellten, die von deren Arbeitgeber: innen, so der Verdacht des Nutzers, kontrolliert - und durch eine Übersetzung auf Translaville - auch überwacht werden sollen. 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 367 <?page no="368"?> V135_001 - 28.02.2009 11: 14 Es gibt da ein Problem, das ich gerne mit euch [Translaville]-Mit‐ gliedern diskutieren möchte! Das, wovon ich berichte, ist nur meine Vermutung, aber ich denke, wir sollten uns über diese Art von Problem Gedanken machen. Ich liebe diese Website und die Idee, dass wir hier unsere Sprachkenntnisse miteinander teilen können. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass diese grund‐ sätzlich idealistische Idee auch missbraucht werden kann. Ich komme aus Südkorea und lebe derzeit in Indonesien, um hier zu indonesischen Wanderarbeiter: innen zu forschen. Der Grund, warum ich euch meinen Hintergrund nenne, ist, dass das Problem wirklich direkt mit meinem Forschungsgebiet zusam‐ menhängt. Von Anfang an habe ich oft Übersetzungsanfragen vom Indonesischen ins Englische oder Arabische gesehen. Anfangs war ich einfach froh, dass es Übersetzungen gab, die ich übernehmen konnte. Aber mit der Zeit erkannte ich in den Anfragen eine Art Muster, wurde sehr, sehr misstrauisch und hörte auf, sie zu übersetzen. Die meisten der angeforderten Übersetzungen stammen wahrscheinlich aus Textnachrichten und sind höchstwahrscheinlich von indonesischen Hausangestellten. Bei denjenigen, die diese Über‐ setzungen angefordert haben, handelt es sich aber wahrscheinlich um ihre arabischen Arbeitgeber: innen, da die Kommentare zu den Übersetzungsaufträgen oft auf Arabisch sind. […] Das heißt also (ich weiß, es ist nur eine Vermutung von mir), dass arabische Arbeitgeber: innen die Textnachrichten ihrer Hausangestellten kontrollieren und Übersetzungen davon auf [Translaville] anfordern! Und das sogar kostenlos! Indonesien ist unter den Herkunftsländern mit den weltweit größten Zahlen von Wanderarbeitskräften, insbesondere aber von Hausangestellten im Nahen Osten. Es ist bekannt, dass es Hunderte Millionen von Fällen gibt, wo diese von ihren arabischen Arbeitgeber: innen missbraucht werden, einschließlich Vergewaltigung, physischer Gewalt und na‐ türlich der Überwachung von Textnachrichten und Telefongesprä‐ chen. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Natürlich können wir sie nicht davon abhalten, Übersetzungen auf [Translaville] anzufordern, da wir keine Gewissheit haben. Ich habe vorerst aufgehört, verdäch‐ tige Nachrichten zu übersetzen, aber das reicht mir noch nicht. Zumindest kann ich mit euch über die Möglichkeit des Missbrauchs dieser kostenlosen Übersetzungsseite sprechen. Tabelle 39: Übersetzungen für ausbeuterische Zwecke Wie das Beispiel unten (Tab. 40) zeigt, einigt man sich daraufhin in Austausch mit den Expert: innen und Administrator: innen auf ein Verfahren, wie mit solchen „verdächtigen Ausgangstexten“ (V135) umgegangen werden kann, um diese melden und von der Seite entfernen lassen zu können. Der Nutzer, der den Anlassfall ursprünglich gemeldet hatte, zeigt sich positiv überrascht über den vorgeschlagenen Mechanismus. 368 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="369"?> V135_002 28.02.2009 11: 26 - Entwick‐ ler [Nutzer A], vielen Dank für diesen Hinweis. [Translaville] ist voll und ganz auf die Community angewiesen, um diese Art von Missbrauch zu erkennen. Die Expert: innen und Admins können Übersetzungsanfra‐ gen vorläufig ausblenden und pausieren, bis die Dinge sich geklärt haben. Wann immer du eine Übersetzung für verdächtig hältst, geh bitte folgendermaßen vor: Schreib eine Nachricht unter die Übersetzung: Erkläre darin in einem kurzen Satz, warum du misstrauisch bist (füg auch einen Link zu dieser Diskussion hinzu, damit du die Erklärung nicht wiederholen musst: [Link] Frag die Person, die die Übersetzung beauftragt hat, wozu er: sie diese Übersetzung braucht. Kreuz das Kästchen „Ich möchte, dass ein Admin diese Seite überprüft“ an. Die Übersetzung wird dann nach kurzer Zeit von einem: ei‐ ner Admin/ Expert: in pausiert und ausgeblendet. Wenn sich das Mitglied, das die Übersetzung angefragt hat, nicht mel‐ det, wird der Ausgangstext nach ein oder zwei Monaten automatisch gelöscht. […] V135_003 28.02.2009 17: 15 - Nutzer A Vielen Dank für die Antwort, [Entwickler]! Es gibt hier also tatsächlich eine Möglichkeit, mit diesem Problem umzugehen. Ich werde eine Nachricht posten, wenn ich wieder etwas Verdächtiges sehe. Ich habe sogar einen Übersetzungsauftrag mit [dem Kommentar] „Das ist ein SMS, das unser Bediensteter bekommen hat“ ge‐ funden. Puh! […] Tabelle 40: Entwicklung einer Möglichkeit für den Umgang mit missbräuchlichen Aus‐ gangstexten Letztlich zeigt das Beispiel, dass möglicherweise gerade Übersetzungsplattfor‐ men wie Translaville ein besonders großes Risiko bergen, dass Übersetzungs‐ anfragen mit missbräuchlicher Intention unentdeckt bleiben. Immerhin ist die Community groß genug, dass Nutzer: innen, die aus unlauteren Gründen anonym oder passiv bleiben möchten, nicht weiter auffallen. Durch diese Anonymität sind solche Nutzer: innen auch weitaus weniger sozialer Kontrolle ausgesetzt. Sieht man eine zusätzliche Verantwortung bei den Übersetzer: innen, die solche Ausgangstexte übernehmen, so muss dabei bedacht werden, dass Ausgangstexte auf Translaville in der Regel kurz und kontextlos sind, sodass für die Nutzer: innen, die die Übersetzung übernehmen, der Einsatzzweck oft gar nicht erkennbar sein kann. All das macht die potenziellen ethischen Konsequenzen von besonders arbeitsteilig organisierten Übersetzungsprozessen deutlich, wo die unterschied‐ lichen Beteiligten von der Beauftragung bis hin zur Fertigstellung einer Über‐ setzung nicht einmal unbedingt voneinander Notiz nehmen, geschweige denn 7.2 Communitybezogene Vorstellungen und Einstellungen 369 <?page no="370"?> 94 Für eine Diskussion von translatorischen Produktionsnetzwerken, die von gegenseiti‐ ger Intransparenz geprägt sind, und eine Besprechung von deren möglichen ethischen Konsequenzen siehe Abdallah (2011). miteinander in Interaktion treten müssen, und kein: e Beteiligte: r den gesamten Prozess wirklich überblicken kann. Durch die Abkoppelung der einzelnen Nutzer: innen vom Gesamtprozess mag für diese dann auch leicht das Gefühl der Verantwortlichkeit gegenüber der gesamten Übersetzung erodieren. 94 Daher ist hier gerade auch die Aussage des Entwicklers im obigen Beispiel (Tab. 40) interessant, man sei auf die Wachsamkeit der Community-Mitglieder gegenüber potenziell missbräuchlichem Verhalten angewiesen, um dieses auch ahnden zu können. Wie in der oben bereits genannten Studie von Drugan (2011) erscheint auch den Mitgliedern von Translaville letztlich nur ein besonderer Fokus auf „community policing“ und auf verstärkter Kommunikation das einzig wirksame Mittel im Umgang mit potenziellem Missbrauch: „The professional codes rarely suggest members have a duty to monitor one another, but community codes make this explicit and frame it positively“ (Drugan 2011: -118). 7.3 Zwischenfazit: Vorstellungen und Sinnzuschreibungen Wie die vergangenen Kapitel gezeigt haben, verknüpfen die Mitglieder von Translaville eine Vielzahl von Vorstellungen mit ihren übersetzerischen Praxen. Dabei handelt es sich einerseits um vorrangig übersetzungsbezogene und andererseits um eher communitybezogene Zuschreibungen. Erstere beziehen sich unter anderem auf die eher abstrakte Bedeutung, die die Nutzer: innen Übersetzen als gemeinschaftlicher Praxis zuschreiben - zwischen Ehrenamt, Arbeit, und Spiel oder Spaß. Sie betreffen aber auch die konkreten Arbeitsprozesse auf Translaville: die Art und Weise, wie man diese gestalten und organisieren möchte; die Hilfsmittel, von denen man die einen als relevant erachtet, andere aber eher ablehnt; die Frage, wie lange man maximal brauchen möchte, um ein wie großes Übersetzungsvolumen zu bewältigen; und nicht zuletzt auch die Vorgehensweise, die man sich als Community zurechtlegt, um gemeinschaftlich ‚bestmögliche‘ Übersetzungen zu produzieren. Hierzu kommen schließlich auch Vorstellungen darüber, was unter ‚bestmöglich‘ ei‐ gentlich zu verstehen ist, welche Kriterien man als Community also an die Beurteilung übersetzerischer Produkte anlegen möchte. Auffallend dabei war, dass im Austausch über all diese Vorstellungen rund um das Übersetzen gleich‐ zeitig auch eine gewisse Verbindlichkeit gegenüber der Community konstruiert 370 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="371"?> wird. Dieses Gefühl der Verbindlichkeit war deshalb bemerkenswert, weil es sich bei Translaville um eine ehrenamtliche Übersetzungsinitiative handelt. Es fand sich sowohl in den individuellen als auch kollektiven Konstruktionen der Mitglieder von Translaville. Gemeint war dabei in der Regel das Gefühl einer gewissen Verpflichtung, die Übersetzungen auch in ‚zumutbarer Zeit‘ zu erledigen; regelmäßig anwesend zu sein, um andere nicht ‚hängen‘ zu lassen; und sich aktiv einzubringen, um zu einem lebhaften Community-Geschehen beizutragen. Zusätzlich zu diesen übersetzungsbezogenen Vorstellungen lieferte das Da‐ tenmaterial auch Hinweise auf eine Vielzahl von Vorstellungen rund um die Bedeutung der Community für die einzelnen Nutzer: innen. Dazu gehören etwa die persönlichen Beweggründe der Nutzer: innen - warum sich diese auf der Plattform registriert, längerfristig engagiert, aber auch wieder abgemeldet haben. Diese Nutzer: innen-Motivationen können auf einem Kontinuum von unrein bis rein altruistischen Motiven verortet werden. Insbesondere aber hat sich gezeigt, dass diese zeitlich veränderlich sind; dass sie eng mit den individuellen Erfahrungen der Mitglieder verknüpft sind; dass sie aber vor allem in Interaktion mit anderen konstruiert werden. Zu den communitybezogenen Vorstellungen gehören aber nicht nur solche eher abstrakten persönlichen Erwartungen an die Community, sondern auch ganz konkrete Erwartungen an das Verhalten der anderen in dieser Gemein‐ schaft: Was wünscht man sich von anderen, was erwartet man sich vielleicht sogar von ihnen, und welches Verhalten lehnt man gänzlich ab? Wie werden hier Grenzen konstruiert und durchgesetzt? Welchen moralischen Rahmen etabliert man schließlich für die Community-Praxen? Es kann davon ausgegangen werden, dass trotz all dem, was in den ver‐ gangenen Abschnitten diskutiert wurde, viele Nutzer: innen sich ihre eigenen Vorstellungen vom Übersetzen entweder gar nicht erst vergegenwärtigen oder diese in der Community nie wirklich aussprechen. Gerade, wenn in der Com‐ munity wiederkehrende Probleme behandelt oder Designänderungen diskutiert werden, entwickeln sich im Forum jedoch oft regelrechte Deutungskämpfe, in denen konkurrierende Nutzer: innen-Vorstellungen sehr wohl zum Ausdruck gebracht werden. Dabei hat die Analyse gezeigt, dass Nutzer: innen in Kontro‐ versen oft gerade Zuschreibungen in Bezug auf das Übersetzen oder ihre eigene Idee von der Community heranziehen, um ihre Standpunkte zu legitimieren. Vermutlich gibt also vielfach erst die Interaktion in der Community vielen Nutzer: innen Anlass dazu, sich ihre Vorstellungen in Bezug auf das Übersetzen und die Community bewusst zu machen. 7.3 Zwischenfazit: Vorstellungen und Sinnzuschreibungen 371 <?page no="372"?> Je nachdem welchen zentralen Vorstellungen man letztlich Priorität einräumt und auf welche Position die Community-Mitglieder dabei übereinkommen, entwickelt man auf Translaville in Bezug auf manche Problemstellungen (z. B. den Umgang mit als ‚problematisch‘ empfundenen Mitgliedern oder eine bessere Organisation der Arbeitsprozesse) auch eine gemeinsame Linie und Vorgehensweise: So etablieren sich kollektive Normen, die in weiterer Folge oft in schriftlicher Form fixiert werden. Dabei hat sich gezeigt, dass man vor allem jene normativen Vorstellungen zu formalisieren scheint, die man für wenig interpretationsbedürftig und somit leichter praktisch anwendbar hält (z. B. das Verbot maschineller Übersetzung). Je gravierender ein Verstoß gegen eine ‚Community-Regel‘ eingestuft wird, desto eher scheint man au‐ ßerdem bereit zu sein, technisierte Mechanismen zum Umgang mit diesen einzusetzen. Mit der Implementierung solcher neuen technischen Funktionen verfolgt man unterschiedliche Ziele: Unerwünschtes Nutzer: innen-Verhalten soll erschwert oder verunmöglicht werden; Möglichkeiten des Umgangs mit bestimmten Vorfällen werden automatisiert; und der individuelle Ermessens- oder Interpretationsspielraum von Expert: innen oder Administrator: innen wird gezielt so eingeschränkt, dass diesen der Umgang mit etwaigen Problemen in der Community erleichtert wird. Zum Bezug zwischen den oben diskutierten Vorstellungen und den Techniken, die im nächsten Abschnitt noch einmal ver‐ tieft werden (Kap. 8), kann also gesagt werden, dass Techniken der Community zunächst einmal dazu dienen, kollektive Vorstellungen sichtbar zu fixieren (z. B. in symbolisch-zeichenhaften Objekten wie FAQs oder Community-Regeln) und diese so bis zu einem gewissen Grad dauerhaft zu machen. Gleichzeitig werden Vorstellungen und Sinnzuschreibungen in das technische Design eingeschrie‐ ben, um erwünschte Nutzungsformen zu privilegieren, andere aber gleichzeitig einzuschränken. Wie in Bezug auf die Längenentsprechungen zwischen Aus‐ gangs- und Zieltext, oder weiter oben in Bezug auf die Zeitbeschränkung beim Übersetzen aber bereits diskutiert wurde, gehen Nutzer: innen mit solchen Handlungsbeschränkungen unterschiedlich um: Manchmal passen sie ihr Han‐ deln an die neuen technischen Strukturen an und vermeiden jede Konfrontation mit deren Grenzen; zuweilen aber finden sie kreative, widerständige neue Nutzungsformen. Die in den letzten Abschnitten diskutierten Konstruktionsprozesse von Vorstellungen rund um das Übersetzen und die Community zeigen schließlich insbesondere, wie die Mitglieder von Translaville einen eigenen, gemeinsamen moralischen Rahmen für ihre Praxen etablieren, in dem Gemeinschaftlichkeit und Uneigennützigkeit besonders betont werden, und ‚gutes‘ Übersetzen vor allem auch als moralische Verpflichtung gegenüber anderen verstanden wird. 372 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="373"?> Mit der Studie von Drugan (2011) decken sich die Erkenntnisse dieser Studie dahingehend, dass auch in den auf Translaville verhandelten normativen Vor‐ stellungen ein besonderer Fokus auf respektvolles Verhalten in der Community gelegt wird. Erfolg sieht man (idealtypisch) stärker im Erfolg der Gemeinschaft statt in der Erfüllung individueller Ziele. Die Art und Weise, wie in der Community ethische Herausforderungen (z. B. diskriminierende oder pornografische Ausgangstexte) diskutiert werden, zeigt, dass die Nutzer: innen in diesen Debatten allgemeinethische Prinzipien (z. B. menschliche Würde, Transparenz; vgl. dazu auch Prunč 2012: 352 f.) gegenüber Prinzipien, die eher in beruflichen Ehrenordnungen zu finden sind (z. B. Vollständigkeit, Loyalität gegenüber dem Ausgangstext), teils priorisieren. Außerdem wird deutlich, wie vielschichtig die Perspektiven sind, die von den Nutzer: innen in diese Debatten hineingetragen werden. Das mag mit der Diver‐ sität der Community zu tun haben, die mit sich bringt, dass die Nutzer: innen unterschiedliche berufliche Ethiken und verschiedene gesellschaftspolitische Standpunkte beitragen. Letztlich war in dem im letzten Abschnitt zentral dis‐ kutierten Beispiel jedoch eher ein rechtliches Argument ausschlaggebend. Dass die gültigen Rechtsgrundlagen eine Zeit lang kaum Thema in der Wahrnehmung der Community-Mitglieder waren, zeigt, dass gerade die Virtualität der On‐ line-Plattform dazu beigetragen haben mag, dass bei den Mitgliedern das Gefühl entstanden ist, man interagiere und übersetze in einem bis zu einem gewissen Grad in sich geschlossenen Raum, in dem man selbst die Rahmenbedingungen vereinbare und festlege. Trotz allem sind aber natürlich auch virtuelle Räume immer in irgendeiner Weise in die physische Welt eingebettet und von deren spezifischen politischen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt auch rechtlichen Kontexten nicht entkoppelbar. Gleichzeitig hat die Auseinandersetzung mit diesen ethischen Debatten gezeigt, dass gerade aufgrund ihrer Virtualität und Größe schwer überschaubare Initiativen wie Translaville auch im Umgang mit potenziell missbräuchlichen Nutzungsformen gefordert sind. Durch die Abkoppelung der Ausgangstexte von ihren Verwendungszusammenhängen, durch die besondere Arbeitsteiligkeit der Übersetzungsprozesse und durch ein unterschiedlich großes Maß an Anonymi‐ tät unter den beteiligten Nutzer: innen wächst das Risiko eines Erodierens des individuellen ethischen Verantwortungsgefühls der einzelnen Mitglieder. Da die Nutzer: innen mit spezifischen Aufgaben (Expert: innen, Administrator: innen) schlicht nicht alle Community-Prozesse gleichzeitig überprüfen können, betont man auf Translaville, dass jede: r einzelne: r Nutzer: in einen wichtigen Beitrag zu dem zu leisten habe, was Drugan (2011: 118) als „community policing“ bezeich‐ net. Letztlich haben die oben diskutierten Beispiele gezeigt, dass mangelnde 7.3 Zwischenfazit: Vorstellungen und Sinnzuschreibungen 373 <?page no="374"?> Transparenz in Bezug auf die an einer Übersetzung beteiligten Nutzer: innen, den Kontext von Übersetzungen sowie deren Einsatzzweck potenziell auch ein größeres Risiko mit sich bringt, dass Fälle von Missbrauch oder eines Übertretens der eigenen oder communityinternen ethischen Maßstäbe nicht identifiziert werden können und stattdessen unkritisch reproduziert werden. Die Analyse der Vorstellungen und Sinnzuschreibungen rund um die über‐ setzerischen Praxen auf Translaville zeigt schließlich, dass eine Reihe typischer Phänomene im Zusammenhang mit nutzer: innengenerierten digitalen Medien auch für eine Übersetzungsplattform dieser Ausrichtung von höchster Relevanz sind: Dazu gehört (1) das Motiv der Nutzer: innen-Ermächtigung, das als Idee auch tatsächlich Nutzer: innen dazu bewegt, sich an einem Übersetzungsprojekt dieser Ausrichtung zu beteiligen, (2) das Erodieren der Grenze zwischen Arbeit und Spiel, das eine wichtige Diskussion zum (symbolischen oder materiellen) Wert übersetzerischer Praxen aufwirft; und schließlich (3) der ausdrückliche Fokus der Community auf Gemeinschaftlichkeit, wozu auch ein Teilen von Verantwortung zu zählen ist. 374 7 Vorstellungen, Einstellungen und Sinnzuschreibungen <?page no="375"?> 8 Techniken Die unterschiedlichen Formen, wie Techniken an der übersetzerischen Agency auf Translaville teilhaben, wurden in den vergangenen Abschnitten bereits mehrfach zum Thema gemacht. In diesem Abschnitt soll ihre Rolle im un‐ tersuchten Handlungsgefüge noch einmal im Detail untersucht und auf der Basis zentraler Begriffe der Technografie (vgl. Kap. 3.3) diskutiert werden. Im Zentrum stehen dabei Fragen nach der Technisierung und Medialität der gemeinschaftlichen Übersetzungspraxen sowie nach der Handlungsfähigkeit und den Handlungsspielräumen der beteiligten Akteur: innen. Gefragt wird etwa danach, welche Teilpraxen des Übersetzens auf mehr oder weniger technisierte Weise umgesetzt oder von den Nutzer: innen selbst als technisch bzw. nicht-technisch beschrieben werden. Entlang welcher Li‐ nien verlaufen außerdem die Übergänge zwischen in technischer Form fixier‐ tem, und damit schematisiertem und routinisiertem übersetzerischen Handeln einerseits und kreativem, individuellem und subjektivem Handeln anderer‐ seits? Gibt es Diskrepanzen zwischen Wahrnehmungen bzw. Zuschreibungen von Technisierung und der tatsächlichen Verteilung des Handelns auf stärker oder weniger stark technisierte Formen des Übersetzens? Ein besonderes Augenmerk wird außerdem auf die Medialität der Überset‐ zungspraxen gelegt: Unter welchen Umständen wird relevant, in welches Medium Handlungen eingeschrieben sind? Wann treten Medien für die Nut‐ zer: innen selbst überhaupt in Erscheinung? Welche kulturellen und sozialen Bedeutungen transportieren Techniken in den konkreten Kontexten? Schließlich wird der Fokus noch einmal auf die Frage nach der Handlungs‐ fähigkeit bzw. den Handlungsspielräumen sowohl menschlicher als auch technischer Handlungsträger: innen gelegt: Wie unterschiedlich fällt das Aus‐ maß ihrer Handlungsautonomie je nach auszuführender Aufgabe aus? Wann und inwieweit beeinflusst die Gestaltung des Plattformdesigns den Grad an Handlungsautonomie, der Nutzer: innen zur Verfügung steht? In welchen Fällen wird im technischen Design möglichst weitgehende Gestaltungsfreiheit priorisiert, wo wird der Spielraum für Nutzer: innen absichtlich auf einen recht engen Rahmen beschränkt? Wann wird von den Übersetzer: innen selbst aus welchen Gründen auf Agency verzichtet - und diese freiwillig an technische Formen abgetreten? Wer hat in einem konkreten Gefüge überhaupt die Möglichkeit und den Einfluss, technisch eingeschränkte Handlungsoptionen zu umgehen bzw. neuzugestalten? <?page no="376"?> Zur Beantwortung dieser Fragen werden in den nächsten Abschnitten eine Reihe zentraler Begrifflichkeiten des in dieser Untersuchung verfolgten tech‐ nografischen Zugangs (vgl. Kap. 3.3) noch einmal aufgegriffen und auf die Ergebnisse aus der Datenanalyse angewandt. 8.1 Technisiertes und/ oder nicht-technisiertes Handeln Zentral für diese Studie ist zunächst das in Kapitel 3.3.3.3 näher dargestellte Konzept der Technisierung - als Alternative zu Technikverständnissen, die Technik in erster Linie rund um Fragen der Materialität fassen. Im Gegensatz dazu werden aus technografischer Sicht als ‚technisch‘ nicht nur solche Objekte bezeichnet, die in physischer Form vergegenständlicht sind. Vielmehr versteht man darunter all jene Objekte oder auch Handlungen, die „einem festen Schema folgen, das wiederholbar und zuverlässig erwartete Wirkungen und erwünschte Leistungen erzeugt“ (Rammert 2007: 18). Das konkrete ‚Trägermedium‘ (vgl. Kap. 3.3.2.3), in das eine solche Technik eingeschrieben ist, ist dabei nicht ausschlaggebend. Bei Techniken kann es sich also sowohl um (1) körperliche bzw. soziokognitive Routinen als auch um (2) physische Dinge und Apparate oder um (3) zeichenbasierte Systeme oder Schemata handeln. Meistens kommt es dabei zu einer spezifischen Koppelung dieser drei Formen von Techniken. Übersetzerische Praxen sind, wie auch sehr viele andere Praxen, an alle drei dieser Trägermedien gebunden (vgl. Rammert 2016: 37). Der Begriff der ‚Tech‐ nisierung‘ beschreibt dabei jenen Prozess, im Zuge dessen solche technischen Formen entstehen und dauerhaft gemacht werden. Folgt man diesen Begriff‐ lichkeiten, so können die auf Translaville beobachteten Übersetzungspraxen als unterschiedlich stark technisierte Prozesse beschrieben werden. Wiederholung, Fixierung und Schematisierung zeichnen für Rammert (2016) stärker techni‐ sierte Handlungen, Sachen oder Zeichenschemata aus und charakterisieren auch die Prozesse auf Translaville: 1. Fixierung in einem bestimmten Medium bzw. in einer konkreten Form: Bei den verschiedenen Elementen des Plattformdesigns - wie etwa der Anwendungsoberfläche für den Übersetzungsprozess (vgl. Anhang A.3), dem Evaluierungsformular, den automatisierten Benachrichtigungs‐ mails etc. - handelt es sich primär um Zeichentechniken. Diese sind in einer bestimmten, robusten (aber dennoch grundsätzlich umkonfigurier‐ baren) Form verfestigt. Dadurch gestaltet sich ein Übersetzungsprozess auf Translaville nicht einfach nach dem individuellen Plan oder der per‐ sönlichen Arbeitsweise einer einzelnen Übersetzerin. Stattdessen sind die 376 8 Techniken <?page no="377"?> Übersetzungsprozesse auf Translaville (vgl. Kap. 6.2.1 bis Kap. 6.2.6) in einem Web-Interface fixiert, das dazu beiträgt, dass diese immer wieder einem vorgegebenen, erwartungsgemäßen Ablauf folgen, der für alle Mitglieder mit denselben Aufgaben gleich aussieht. Fixiert wird so etwa, wie lange Ausgangs- und Zieltext sein können; welche Eingabefelder von Übersetzer: innen in jedem Fall ausgefüllt werden müssen (z. B. das Feld für den Titel einer Übersetzung); oder welche Warnhinweise immer wieder bestätigt werden müssen (z. B. die Aufforderung, nur in die Erstsprache zu übersetzen). Folgt der: die betreffende Nutzer: in der so fixierten Struktur, so wird er: sie zum nächsten Schritt weitergeleitet; tut er: sie dies nicht, so sind keine weiteren Handlungen möglich (vgl. z. B. Anhang A.3). Eine solche zeichenbasierte Fixierung der Übersetzungsprozesse hat somit eine Vereinheitlichung der Abläufe zur Folge. 2. Abstraktion vom individuellen Ausgangskontext bzw. Schematisie‐ rung: Die Übersetzungsprozesse werden durch die Überführung und Einbettung in technische Form auch vom jeweiligen situativen Kontext abstrahiert - was für Rammert (2016: 52 ff.) ebenfalls ein Charakteristikum stärkerer Technisierung ist. Beispiel dafür sind etwa Auswahlfelder mit vorgegebenen Antwortmöglichkeiten oder Designelemente, die den Nut‐ zer: innen nur einen bestimmten Handlungsspielraum erlauben: Indem etwa das Formular für die sogenannte ‚Evaluierungsumfrage‘ (vgl. Abb. 3 in Kap. 6.3.3.2) nur vier vorgegebene Antwortmöglichkeiten enthält, wird das Feedback der Nutzer: innen in eine der dort vorgesehenen, recht konkreten Aussagen („korrekt“, „fast korrekt“, „nicht korrekt“, „weiß nicht“) einge‐ passt - unabhängig davon, ob der: die betreffende Nutzer: in eigentlich eine weitaus differenziertere Rückmeldung für den: die Übersetzer: in gehabt hätte oder ob er: sie die Evaluierung von sich aus womöglich gar nicht so konkret zum Ausdruck bringen hätte können. Ein weiteres Beispiel für eine solche Abstraktion durch Fixierung in einer technischen Form ist etwa die Gestaltung des Registrierungsformulars (vgl. Abb. 6 in Kap. 6.1): Die Nutzer: innen können dort etwa nicht ihre persönlichen Erfahrungen, Stärken und Schwächen mit Erst- und Arbeitssprachen beschreiben. Statt‐ dessen wird mit der konkreten Gestaltung des Formulars („Languages you can read and understand at least 75 % at first reading it“) von diesen individuellen Erfahrungen abstrahiert und die entsprechende Information auf eine festgelegte Auswahl von Parametern reduziert. Nach den Begriff‐ lichkeiten der Technografie können diese Formen einer Technisierung von Handlungszusammenhängen bei gleichzeitiger Fixierung in einer 8.1 Technisiertes und/ oder nicht-technisiertes Handeln 377 <?page no="378"?> zeichenbasierten Form auch als ‚Algorithmisierung‘ (Rammert 2007: 19) bezeichnet werden. 3. Wiederholung und Routinisierung: Je stärker technisiert eine Hand‐ lung ist, umso eher ist diese wiederholt auf gleiche Weise reproduzierbar und schafft mit der Zeit Routinen. Dies gilt auf Translaville für einen Groß‐ teil der Handlungsmöglichkeiten im Übersetzungsinterface: Die Anwen‐ dungsumgebung gibt bei jeder Übersetzung die gleichen Arbeitsschritte vor; fehlender Text in obligatorischen Eingabefeldern führt wiederholt zu denselben Fehlermeldungen; und jede Übersetzungsanfrage erfordert aufs Neue Klicks an den gleichen Stellen. Mit der Zeit entwickeln die Übersetzer: innen so gewisse Bearbeitungsroutinen: Sie klicken sich durch die betreffenden Eingabeformulare durch, ohne dabei immer wieder aufs Neue Handlungsoptionen abzuwägen. Ihre Handlungsroutinen laufen also mit zunehmender Wiederholung verstärkt quasi-automatisch ab. Wirklich bewusst zu machen scheinen die Nutzer: innen sich solche Routinen oft nur, wenn sie als zu umständlich oder langwierig empfunden werden, wie etwa in den folgenden beiden Beispielen aus Beiträgen im Forum (Tab.-41). 1 „[…] Ich würde vorschlagen, wir sollten versuchen, die Anzahl der Klicks, die für eine Übersetzung nötig sind, zu minimieren. Derzeit sind das die folgenden Schritte: 1. Öffnen der Liste der offenen Übersetzungen. 2. Ein Klick auf ein beliebiges Wort in der Liste öffnet eine weitere Seite, auf der weitere Details zu den Übersetzungen zu finden sind. 3. Klickt man wiederum darauf, so kommt man zur eigentlichen Übersetzungs‐ seite. 4. Bei Fertigstellung der Übersetzung wird man auf 4 Bestätigungsseiten wei‐ tergeleitet. 5. Bestätigt man diese, so gelangt man zur Ergebnisseite, wo man über die Übersetzungspunkte informiert wird. 6. Ein Klick darauf bringt wieder zurück zu Seite-1 und dann heißt es alles wieder von vorne beginnen. […]“ (V018_004) 2 „[…] Es stört mich wirklich, dass ich jedes Mal wieder ankreuzen muss „Ja, ich bin Muttersprachler: in“, „Ja, das ist eine gute Übersetzung“ usw. […]“ (V012_001) Tabelle 41: Beispiele für den Überdruss von Nutzer: innen mit Klickroutinen Solche Handlungsroutinen sind also nicht nur auf das Medium der Zeichen‐ techniken beschränkt (z. B., wenn ein Klick immer wieder auf eine bestimmte Seite weiterleitet). Wie oben erwähnt (vgl. Kap. 6.1), sind mit diesen gleich‐ zeitig körperliche Bewegungen (z. B. Mausbewegungen der Nutzer: innen, Tippen) und physische Objekte (z. B. die verwendete Hardware) verknüpft. Es 378 8 Techniken <?page no="379"?> kommt also auch in Hinblick auf die körperlich realisierten Handlungen der Nutzer: innen vor ihren Computern zu Wiederholung und Schematisierung. Die Übersetzer: innen bewegen die Maus mit zunehmender Erfahrung stärker automatisiert an die relevanten Stellen im Web-Interface und klicken gezielt - aber ohne noch im Detail darüber nachdenken zu müssen - an die passende Stelle in den immer gleichen Auswahlfeldern. Auch diese Routinen können also als Technik (im Sinne einer Arbeitstechnik) bezeichnet werden. Rammert (2007: 18 f.) spricht bei einer solchen Technisierung körperlicher Bewegungen von „Habitualisierung“. Die zahlreichen, oben erwähnten Instanzen einer sachlichen Fixierung und Schematisierung der Übersetzungspraxen auf Translaville sowie die beschrie‐ benen Formen körperlicher Routinisierung der Interaktion der Nutzer: innen mit der Plattformoberfläche deuten auf eine starke Technisierung der Überset‐ zungspraxen auf Translaville hin. Diejenigen Teilprozesse, die dabei besonders stark ‚technisiert‘ sind, würde man aus technografischer Perspektive somit auch als Übersetzungstechniken bezeichnen. Hier wird der Begriff jedoch nicht verwendet, um Verwechslungen mit dem gleichlautenden Begriff aus der Über‐ setzungsdidaktik zu vermeiden. Gleichzeitig lassen sich in einer Analyse der Plattformprozesse auch Charak‐ teristika nicht-technischer Prozesse identifizieren. Immerhin sind technisierte und weniger stark oder nicht technisierte Prozesse in der Praxis oft in größeren Handlungskomplexen miteinander verknüpft und auch nicht immer trennscharf voneinander abgrenzbar. Zu nicht-technisierten Prozessen werden nach den hier verwendeten Begrifflichkeiten etwa individuelles und/ oder kreatives Han‐ deln gezählt sowie Handlungen, die nur einmalig gesetzt werden oder die ein bewusstes Unterbrechen oder Heraustreten aus einem Handlungsschema bedeuten (vgl. Kap.-3.3.3.3). Als kreatives, höchst individuelles und subjektives Handeln würde ein Groß‐ teil der Mitglieder von Translaville vermutlich gerade ihre Übersetzungsarbeit beschreiben: als stetes Basteln an einem Zieltext; als mühsames Annähern an eine Version, mit der man letztlich zufrieden ist; und als kreatives und einfühlsames Abwägen von Optionen - sowohl beim eigenständigen Verfassen einer Erstversion als auch bei der gemeinschaftlichen Arbeit an weiteren Versionen. Die folgenden beiden Beispiele aus dem Forum verdeutlichen dieses nicht-technische Nutzer: innen-Verständnis von der eigenen Arbeit an Texten (Tab.-42, 43): 8.1 Technisiertes und/ oder nicht-technisiertes Handeln 379 <?page no="380"?> 95 In diesem Diskussionsstrang geht es um die Gedankenspiele einiger Nutzer: innen, welcher alternative Name für Translaville das Engagement und die übersetzerische Arbeit der Mitglieder womöglich besser ausdrücken hätte können. V114_002 - 09.06.2008 13: 03 […] Ich übersetze jeden Text, von dem ich denke, dass ich ihn schaf‐ fen könnte, aus dem Niederländischen ins Portugiesische; [Nutzer A] (oder ein: e andere: r Expert: in) feilt dann an dem Text und verän‐ dert oder editiert ihn so lange, bis mein „Portugiesisch“ richtiges Portugiesisch ist; und erstellt dann eine Evaluierungsumfrage. Tabelle 42: Beispiel für Übersetzen bzw. Überarbeiten von Übersetzungen als Basteln und Feilen am Text V119_001 06.06.2007 02: 58 - Nutzerin A Passionsfrucht! Oder Granatapfel! […] All diese Briefe von einsamen Herzen, diese Liebesbriefe, … Und das Feingefühl, mit dem Übersetzer: innen ver‐ suchen, unbeholfen formulierten Worten auf einer Seite das zu entlocken, was im Tiefsten eines Herzens gemeint war. V119_002- V119_008 […] […] V119_009 20.06.2007 04: 29 - Entwick‐ ler Schade, dass ich den Namen der Plattform allein aussuchen musste. Ich liebe ‚Granatapfel‘. „Und das Feingefühl, mit dem Übersetzer: innen versuchen, unbeholfen formulierten Worten auf einer Seite das zu entlo‐ cken, was im Tiefsten eines Herzens gemeint war.“ Das beschreibt so treffend, was wir hier tun, dass ich es am liebsten irgendwo auf der Plattform verwenden würde. V119_010 20.06.2007 04: 40 - Nutzerin B Ich liebe ‚Granatapfel‘ auch…. Es braucht ja auch den Saft so vieler wertvoller kleiner fruchtiger Kerne, um aus dieser feinen Frucht einen kleinen Schluck Saft zu gewinnen - genauso wie es oft die Arbeit so vieler von uns ‚seltenen Vögeln‘ hier braucht, bei der wir alle unsere Köpfe zusammenstecken, um eine winzige (aber dann kor‐ rekte) Übersetzung fertigzustellen. V119_011 20.06.2007 12: 18 - Nutzerin C Liebe, Leidenschaft, Romantik und Hingabe… Tabelle 43: Beispiel für Übersetzen als feinfühliges ‚Entlocken‘ von Bedeutungen und Gemeinschaftsprojekt 95 Dass die Nutzer: innen selbst ihre Arbeit an Texten rund um Charakteris‐ tika nicht-technischen Handelns beschreiben, heißt aber nicht, dass ihre 380 8 Techniken <?page no="381"?> 96 Bei ASCII-Kunst handelt es sich im Allgemeinen um „text art that is created or reproduced on a computer“ (Parberry 2014: 262). Die Kunstform hat sich aus der sog. ‚Schreibmaschinenkunst‘ entwickelt. Es werden Textzeichen (z. B. Buchstaben, Ziffern, Sonderzeichen) verwendet, um Bilder oder Piktogramme zu gestalten. ASCII ist ein häufig für diesen Zweck eingesetzter Zeichensatz. Herangehensweise in der Praxis nicht auch Elemente technisierten Handelns aufweisen kann: Verschiedene Freitextfelder an unterschiedlichen Positionen der Plattformoberfläche (z. B. für das Verfassen der eigentlichen Übersetzung) erlauben Nutzer: innen zwar grundsätzlich ausreichend Handlungsspielraum für nicht-routinisiertes, nicht-schematisiertes (also nicht-technisches) Han‐ deln. Es ist aber beispielsweise durchaus denkbar, dass die Übersetzer: innen sich beim Übersetzen trotz dieser Handlungsspielräume an gewissen Über‐ setzungsroutinen oder Formulierungsmustern orientieren, die sie über die Zeit und mit zunehmender Erfahrung entwickelt haben. Da jedoch die Mi‐ kro-Übersetzungsprozesse der Nutzer: innen von Translaville in dieser Studie methodisch nicht erfasst und analysiert wurden (was z. B. über eine Aufzeich‐ nung von Tastaturanschlägen, Bildschirmaufzeichnungen, mit retrospektiven Interviews oder ähnlichen typischen Methoden der Übersetzungsprozessfor‐ schung möglich wäre; vgl. Saldanha und O’Brien 2013: Kap.-4; Teixeira 2014), kann hier auch nicht näher untersucht werden, inwieweit die Arbeit der Über‐ setzer: innen an konkreten Zieltexten mal stärker musterhaft, abstrahiert von Einzelkontexten bzw. über kognitiv-physiologische Routinen oder Automa‐ tismen abgewickelt ist und mal stärker von kreativem, situationsspezifischem Gestalten geprägt ist. Zu den nicht-technischen Prozessen auf Translaville lässt sich allerdings auch eine Reihe weiterer kreativer Praxen der Nutzer: innen abseits der eigentlichen Übersetzungsarbeit zählen, darunter etwa die oft höchst individuelle Gestaltung von persönlichen Profilen durch die jeweiligen Mitglieder (z. B. mit kurzen Texten über die eigene Person, Lieblingszitaten, Fotos oder Bildern, z. B. auch in der Form sogenannter ASCII-Bilder 96 ) oder das Entwerfen von Avataren für das Profilbild (Abb.-18). 8.1 Technisiertes und/ oder nicht-technisiertes Handeln 381 <?page no="382"?> 97 Der Schriftzug auf dem T-Shirt des Avatars wurde zur Pseudonymisierung des Platt‐ formnamens geändert. Anstatt des dort abgebildeten Herzens verwendete der Nutzer ursprünglich eine Variante des Plattformlogos. Abbildung 18: Von einem Nutzer selbst gestalteter Avatar mit Bezug auf Translaville  97 Interviewpartner 2 berichtet im Interviewauszug unten außerdem, viele Nut‐ zer: innen hätten personalisierte Grußkarten für andere Mitglieder gebastelt: [P]eople put SO much effort in them. It wasn’t just like they went to a store, they wrote on the address, “Oh, Happy Christmas! ”, name, bye, send. No, they really put effort in them. I remember also decorating mine with little pieces of tin foil, cutting out stars, placing them, to really make / I don’t know, everybody was just so friendly. (I2, 00: 11: 18-00: 11: 55) In den Diskussionen im Forum zeigt sich auch immer wieder ein gewisser Wunsch der Nutzer: innen, aus den gegebenen technischen Schemata und Formen (z. B. bestimmte, feste Elemente des Plattformdesigns) auszubrechen. Ein Beispiel dafür ist etwa die Anregung einer Nutzerin, das Farbdesign der Online-Umgebung entweder individuell anpassbar zu machen oder nach Jah‐ reszeiten zu variieren, wofür sie selbst in einem Grafikprogramm Entwürfe vorbereitete (V119_012). Die oben diskutierten Beispiele legen nahe, dass die übersetzerischen Praxen auf Translaville aus einer Vielzahl von ineinandergreifenden Handlungen be‐ stehen, von denen die einen stärker technisiert, die anderen weniger stark oder nicht technisiert sind. Dass ein Großteil der Handlungsmöglichkeiten auf Trans‐ laville in der Form von digitalen Bedienelementen, Textfeldern und Auswahl‐ menüs fixiert ist, hat dabei wesentliche Konsequenzen für den gestalterischen Spielraum der Übersetzer: innen. Das betrifft vor allem individuelle Arbeitswei‐ 382 8 Techniken <?page no="383"?> sen: So verunmöglicht das Plattformdesign beispielsweise ein Unterbrechen und späteres Fortsetzen der Arbeit oder das direkte Übersetzen gemeinsam mit einer weiteren Person. Auch größere gestalterische Eingriffe beim Übersetzen - z. B. das Umstrukturieren, Kürzen oder Adaptieren von Texten - sind auf Translaville aufgrund der konkreten technischen Umsetzung der Übersetzungsumgebung nicht möglich. Es zeigt sich also, dass die Frage, wie stark übersetzerische Handlungen an physische Objekte oder Zeichentechniken geknüpft sind, eine interessante Perspektive auf das in vielen Kontexten beobachtbare Spannungs‐ feld zwischen translatorischer Agency und Standardisierung eröffnen kann. Der hier verwendete Technikbegriff liefert dabei einen neuen Blick auf das insbesondere in der Translationsprozessforschung diskutierte Thema überset‐ zerischer Routinen. Indem es nicht nur mentale Routinen, sondern insbesondere auch körperlich-habitualisierte, physisch-mechanisierte und zeichenhaft-algo‐ rithmisierte Routinen berücksichtigt, könnte Rammerts (2007, 2016) Konzep‐ tualisierung ergänzend auch dort eingesetzt werden, wo man versucht, sich übersetzerischen Arbeitsweisen aus der Perspektive der Situated Cognition (Risku und Rogl 2021) anzunähern. 8.2 Wann tritt Medialität in den Vordergrund? Bei der Analyse der Forendiskussionen wurde auch darauf geachtet, welche der ‚Trägermedien‘ von den Nutzer: innen selbst erwähnt wurden - und in welchen Kontexten diese überhaupt zur Sprache kommen. In ihren Gesprächen beziehen sich die Nutzer: innen in erster Linie auf die Zeichentechniken, in die das Plattformgeschehen eingebettet ist: also die Online-Umgebung und Bedien‐ elemente von Translaville. Das mag daran liegen, dass die Zeichentechniken das einzige Trägermedium sind, das von allen Nutzer: innen in weitgehend gleicher Weise wahrnehmbar und erfahrbar ist (mit leichten Unterschieden je nach Nutzer: innen-Rolle). Im Vergleich dazu sieht nur das jeweils individuelle Mitglied selbst den eigenen Rechner, die eigene Tastatur oder ein gebundenes Wörterbuch am Schreibtisch - und auch die Körper der Übersetzer: innen sind für die anderen Nutzer: innen unsichtbar. Ohne die Zeichentechniken wären die in dieser Untersuchung beschriebenen Übersetzungspraxen undenkbar: Ohne Eingabefelder gäbe es keine Möglichkeit, Ausgangstexte hochzuladen, ohne die diversen Auswahlmenüs keine standardi‐ sierte Form der Evaluierung, ohne Foren und Nachrichtenfunktion keine Kom‐ munikation. Trotzdem kommen diese Zeichentechniken in den analysierten Forenbeiträgen und Interviews interessanterweise fast nur dann zur Sprache, wenn sie aus irgendeinem Grund nicht wie gewünscht funktionieren oder den 8.2 Wann tritt Medialität in den Vordergrund? 383 <?page no="384"?> Nutzer: innen Schwierigkeiten bereiten (vgl. Beispiele in Tab. 44). Das betrifft etwa Fälle, wo Nutzer: innen sich beschweren, gewisse Funktionen seien für bestimmte Anwendungsfälle nicht sinnvoll umgesetzt (Bsp. 1, 2; Tab. 44), oder wo Nutzer: innen schwer nachvollziehbare oder langwierige Nutzungsroutinen bemängeln (Bsp. 3, 4; Tab. 44). Ebenfalls zur Sprache kommen Techniken dann, wenn Mitglieder mit aus ihrer Sicht umständlichen Klickroutinen unzufrieden sind (Bsp. 5) und wenn es zu Debatten darüber kommt, wie zeitgemäß das Plattformdesign noch ist. Immerhin wurde die Seite von Beginn an nur auf der Basis des bestehenden Gerüsts erweitert, nicht aber weitreichend überholt oder an neuere Designstandards angepasst. Spürbar werden Techniken für die Nutzer: innen vor allem dann, wenn sie ausfallen (Bsp. 7-9, Tab. 44). Das betrifft interessanterweise nicht nur Probleme mit den hier ausführlicher diskutierten Zeichentechniken (z. B. die unten in Bsp. 8 angesprochenen Schwierigkeiten mit einem E-Mail-Filter). Gerade die ansonsten beinahe unsichtbaren physischen Objekte (z. B. Nutzer: innen-End‐ geräte, Server, Router etc.), in die die virtuelle Plattform eingebettet ist und durch die diese somit erst erfahrbar wird, scheinen erst dann aufzufallen, wenn sie einmal nicht erwartungsgemäß ihre Funktion verrichten - wenn es also wie in Beispiel 7 zu einem Serverdefekt kommt oder Nutzer: innen Hardware-Probleme haben. Technische Lösung ist nicht situa‐ tionsadä‐ quat 1 „[…] [E]s gibt nur neben der Option, mit der man eine Übersetzung ablehnen kann, ein Kommentarfeld - und das ist irreführend. Wenn ich zum Beispiel faul bin, stimme ich eher für eine Überset‐ zung als gegen sie, einfach, weil ich nichts kommentieren mag. Und das Resultat wird sein, dass es viel mehr akzeptierte als abgelehnte Übersetzungen gibt.“ (V129_001) 2 „Als ich einige Wörter ins Lateinische übersetzen wollte, wurde ich aufgefordert, zu bestätigen, dass Latein entweder meine Mut‐ tersprache ist oder ich es fließend beherrsche. Von beidem bin ich weit entfernt, zumal es sich nicht um eine gesprochene Spra‐ che handelt, aber ich glaube, dass ich eine genaue Übersetzung anfertigen kann. […] Wie ernst ist das mit der Einschränkung der Sprachkenntnisse bei toten Sprachen? “ (WF019_001) Techniken stiften Ver‐ wirrung 3 „[…] Ich habe mich gefragt, ob wir die Expert: innen in der CC-Liste nicht alphabetisch sortieren könnten, wenn es darum geht, eine Nachricht unter einer Übersetzung zu schreiben. Ich brauche immer 2 Minuten oder mehr, bis ich [Admin A] [in der Liste] finde…“ (V063_001) 384 8 Techniken <?page no="385"?> 4 „Ich würde gerne etwas übersetzen lassen, und habe aber keine Ahnung, wie die Landesflagge [der Sprache] aussieht, in die ich übersetzen lassen möchte. Das ist nicht benutzerfreundlich! Bitte fügt, wenn ein: e Nutzer: in etwas übersetzen lassen möchte, wenigstens den Namen des Landes als Text [im Auswahlmenü mit den Flaggen] hinzu! “ (V056_001) Ermü‐ dende Routinen 5 „Nach jeder Übersetzung werde ich aufgefordert, die vier Felder zur Einhaltung der Website-Richtlinien zu bestätigen. Das ist eine Verschwendung von Zeit und Mühe. Ich würde vorschlagen, dass diese vier Felder NUR EINMAL für jede Sitzung bestätigt werden müssen.“ (V018_001) Veraltetes Design 6 „I think the website didn’t evolve with the whole/ the user experience. When I look at it now, it’s SO old. It isn’t intuitive anymore.“ (I2, 00: 42: 47-00: 43: 00) Ausfall, Wider‐ spenstig‐ keit 7 „Sorry, die Server-Festplatte ist heute abgestürzt. Die Daten‐ bank wurde [von der Sicherungskopie] vom 9. Januar wiederher‐ gestellt. Viele Daten sind verloren gegangen, alle Avatare sind weg. Es tut mir leid für alle, die durch den Absturz ihre Übersetzungen verloren haben. […] Fragt in diesem Thread nach, falls ihr etwas in eurem Account vermisst (Privilegien/ Punkte/ Übersetzungen etc.) Es ist jetzt 2: 30 Uhr und ich muss ins Bett.“ (PB006_001) 8 „[…] [Translaville].org wird bald auf einen neuen Server umziehen und es gibt auf diesem neuen Server Probleme, E-Mails an Hot‐ mail-Accounts zu senden. Grund dafür ist ein sehr schlechter Spam-Filter-Prozess auf Hotmail/ Microsoft-Servern …“ (A016_001) 9 „Alles Gute von Herzen! Entschuldigt die Verspätung, ich habe erst gestern wieder das Internet bezahlt.“ (A064_012) Tabelle 44: Übersicht über Anlässe, zu denen Techniken in den Vordergrund rücken Was gerade von den physischen Objekten gesagt wurde, trifft umso mehr auf das Trägermedium ‚Körper‘ zu: Als wesentlicher Träger jeglicher Handlung - als Medium, das die Bedienung der verschiedenen Endgeräte, das Eintippen von Übersetzungen und das Bewegen der Maus über die Anwendungsoberflä‐ che eigentlich erst möglich macht, ist der Körper auffallend abwesend aus den Diskussionen der Nutzer: innen. Die wenigen Stellen, wo Körperlichkeit überhaupt ein Thema ist, sind interessanterweise - genau wie oben in Bezug auf die Zeichentechniken und physischen Objekte - Stellen, an denen die Mitglieder der Community auch von einem ‚Versagen‘ ihrer Körper sprechen (Tab.-45). 8.2 Wann tritt Medialität in den Vordergrund? 385 <?page no="386"?> A146_052 27.07.2007 19: 46 - Nutzerin A […] Es [Übersetzen auf Translaville] beansprucht maxi‐ mal ein wenig mein Hinterteil. Ich brauche einen neuen Stuhl. A146_053 27.07.2007 20: 00 - Nutzerin B Ich auch! ! ! Ich habe einen dieser großen Gymnastikbälle ausprobiert, aber das war auch nicht viel besser. A146_053- A146_054 […] […] A146_055 27.07.2007 20: 15 - Nutzerin A Ich bin wie die Prinzessin im Märchen von der ‚Prinzessin auf der Erbse‘. Ich kann noch so viele Kissen auf meinen Stuhl legen, es wird trotzdem nie richtig gemütlich. Manchmal (sehr oft) stehe ich an meinem Schreibtisch auf, um Übersetzungen zu machen, oder (noch öfter) beuge ich mich über den Computersessel und arbeite in dieser gebeugten Haltung, bis mich jemand daran erinnert, dass ich mich aufrichten soll. A146_056 27.07.2007 20: 45 - Nutzerin C […] Mein Stuhl hat keine ‚Rückenstütze‘ (ich weiß nicht, wie ich es nennen soll), das ist schlimm! Und ich habe eine-… naja-… auf Portugiesisch: Escoliose [Anm.: Sko‐ liose, eine Wirbelsäulendeformation] Noch schlimmer! Tabelle 45: Der Körper wird erst über Fragen der physischen Ergonomie zum Thema Im Gegensatz zu den Ausführungen oben finden sich im untersuchten Da‐ tenmaterial jedoch auch Beispiele für Medien, die in den Gesprächen auf Translaville deshalb in den Vordergrund rücken, weil Nutzer: innen mit ihnen etwas besonders Positives verbinden. Auffallend häufig ist im Online-Forum von Translaville etwa die Rede von verschiedenen physischen Objekten, die Nutzer: innen einander außerhalb der Plattform als besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen - darunter etwa Postkarten, Briefe, kleine Geschenke, oder sogar Blumen (Tab.-46). 1 „Und nun zu 2 verrückten [Translavill]erinnen, die mich gestern Nachmittag ein klein wenig zum Weinen gebracht haben. Ich habe einen enormen Blumen‐ strauß von Interflora bekommen, beauftragt von diesen zwei wundervollen Freundinnen […]. Aber so sind die zwei nun einmal. Natürlich erratet ihr, um wen es geht: [Nutzerin A] und [Nutzerin B]. Vielen Dank an euch beide, meine lieben [Transla]-Freundinnen.“ (A109_011) 386 8 Techniken <?page no="387"?> 2 „Meine liebe [Nutzerin C]! Vielen Dank für deine Postkarte. Da fühle ich mich wie zu Hause, wenn ich sie mir ansehe. Und das Meer (oder ein See) rundherum! Kann nicht scannen. Werde versuchen, ein Bild auf Google zu finden, damit ich sie herzeigen kann. Für dich ist auch eine auf dem Weg. Tusind tak, [Nutzerin D]“ (A114_001) Tabelle 46: Beispiele für physische Objekte, die aufgrund der mit ihnen verbundenen positiven Emotionen in den Vordergrund treten Interessant ist an diesen Beispielen die besondere Bedeutung, die offenbar gerade physische Objekte für die Mitglieder einer virtuellen Community wie Translaville annehmen können: Sie dienen den Nutzer: innen dazu, aus der gewohnten Virtualität herauszutreten. So werden physische Objekte zu einem Mittel zur Herstellung einer gewissen physischen Nähe oder Unmittelbarkeit und unterstützen ein Vertiefen von ansonsten rein virtuellen Beziehungen. 8.3 Wirkungen von Zeichentechniken Wie bereits dargestellt wurde, können die übersetzerischen Praxen auf Trans‐ laville als multiple Handlungscluster beschrieben werden, die, eingebettet in verschiedene ‚Trägermedien‘ (also Körper, physische Objekte oder Zeichensys‐ teme), zu einem soziotechnischen Gefüge aus Techniken, Handlungen und Wissen bzw. Vorstellungen verknüpft sind. Dass diese Trägermedien jeweils über unterschiedliche Eigenschaften verfügen, macht man sich auch bei der Gestaltung solcher Handlungsgefüge zunutze: Je nachdem wie viel Handlungs‐ spielraum, Robustheit, Konfigurierbarkeit, Durchsuchbarkeit, Multimedialität etc. erwünscht sind, wird man entweder physische Objekte, zeichenhafte Sche‐ mata oder aber körperliche Routinen mehr oder weniger stark einbinden, oder diese unterschiedlich miteinander verknüpfen. Wie oben bereits erwähnt, werden die Übersetzungsaktivitäten auf Trans‐ laville technisch insbesondere über ‚Zeichenstrukturen‘ (d. h. die diversen Elemente des Plattformdesigns) geformt. Die Art und Weise, wie die Online-Um‐ gebung und Bedienelemente von Translaville gestaltet sind, ermöglicht somit bestimmte Formen der Nutzung, während andere wiederum erschwert werden. Es ist also durchaus relevant, in welches Trägermedium Praxen und Handlungen vorrangig eingeschrieben sind. 8.3 Wirkungen von Zeichentechniken 387 <?page no="388"?> 98 Kommentare zu Übersetzungen werden beispielsweise in ein ganz bestimmtes, dafür vorgesehenes Feld eingetragen und anderen Nutzer: innen dann dort angezeigt, wo diese genau diese Information auch suchen - also direkt unter der für alle einsehbaren Übersetzung. Damit braucht es also keine direkte Interaktion zwischen zwei oder mehr Mitgliedern. Die Information ist automatisch für alle sichtbar. 8.3.1 Dateneingabe Ein wesentlicher Zweck der hier untersuchten Plattformstrukturen ist die der Eingabe von Informationen oder Daten. Unterschiedlichste Seitenelemente, über die Nutzer: innen entweder selbstständig Text eingeben oder vorformulierte Antworten auswählen oder bestätigen können (vgl. Beispiele im Anhang, z. B. A.3), dienen hier zunächst als Schnittstelle zwischen den Nutzer: innen von Translaville, die alle physisch nicht am selben Ort sind. Die konkrete Gestal‐ tung dieser Plattformelemente über Eingabefelder mit unterschiedlich breiten Handlungsmöglichkeiten für Nutzer: innen (z. B. als Checkbox, Auswahlfeld, Freitextfeld etc.) bringt mit sich, dass die dort von Nutzer: innen eingegebene Information unterschiedlich stark abstrahiert und für einen konkreten Ein‐ satzzweck vorsortiert bzw. aufbereitet wird. Solche Informationsschnittstellen dienen einer Reduktion von potenziell sehr umfassenden Interaktions- und Kommunikationsflüssen zwischen den Mitgliedern, nämlich auf diejenigen Informationen, die für den jeweiligen Arbeitsschritt bei Entwicklung der An‐ wendungsoberfläche als erforderlich erachtet wurden. 98 Nimmt ein: e Nutzer: in eine Auswahl in einem Feld mit vorgegebenen Optionen vor (z. B. in einem Feld zur Auswahl von Ausgangs- oder Zielsprache), so wird diese Information auch maschinell kategorisierbar und kann in weiterer Folge statistisch ausgewertet werden (z. B. im Fall der täglich auf der Seite zur Verfügung gestellten Nut‐ zer: innenstatistiken zu Herkunftsländern der Mitglieder, täglich angeforderten Übersetzungen, bislang erfolgreich abgeschlossenen Übersetzungen etc.). 8.3.2 Speichern und Repräsentation von Inhalten Zusätzlich zur Eingabe und Vorstrukturierung von Daten ermöglichen Zei‐ chentechniken wie die verschiedenen Elemente der Plattformoberfläche von Translaville auch das Speichern bzw. die Repräsentation von Informationen. Informationen werden dabei so fixiert, dass sie allen Nutzer: innengruppen gleich angezeigt werden und so lange bestehen bleiben, bis sie bewusst verän‐ dert werden. Auch große Mengen an Information können so über beliebig lange Zeit erhalten bleiben. Das Speichern und Anzeigen von Informationen ist außerdem Grundbedingung für virtuelle Kommunikation, wenn Nutzer: innen 388 8 Techniken <?page no="389"?> 99 In der Original-Darstellung wurde anstatt der hier abgebildeten Symbole eine Variante des Plattformlogos verwendet. Die Symbole wurden zur Anonymisierung ersetzt. räumlich und zeitlich voneinander getrennt sind. Die Zeichentechniken, in die Translaville eingebettet ist, erweitern also die Handlungsreichweite der Nutzer: innen räumlich und zeitlich. Zeichensysteme ermöglichen auch eine gewisse Sichtbarkeit von Inhalten. Das ist nicht nur deshalb wichtig, weil so Nutzer: innen mit gleichen Berech‐ tigungen gleiche Inhalte einsehen können, sondern weil für viele Mitglieder gerade in einer oft als unübersichtlich empfundenen Online-Community wie auch im Fall von Translaville Sichtbarkeit offenbar auch sozial besonders erstrebenswert erscheint. Zeichentechniken werden auf Translaville somit auch gezielt zur Erhöhung der Sichtbarkeit einzelner Nutzer: innen in der Gruppe eingesetzt - sei es nun als Werkzeug der Selbstrepräsentation von einzelnen Mitgliedern oder als Belohnungs- und Anreizmechanismus der Com‐ munity gegenüber ihren Mitgliedern. So versuchen Nutzer: innen etwa durch häufiges Wechseln ihres Profilbilds (V055_015) oder durch eine aufwendige Gestaltung ihres eigenen Profils, wie in der Aussage von Interviewpartner 2 unten (I2, 00: 47: 44-00: 48: 05), aus der Anonymität der Community herauszutreten: I had this very extensive profile which, at the time, I thought like “OK, I have to put as many information of myself as I can.” I put pictures, all of my hobbies, like/ anything I put on there. Erhöhte Sichtbarkeit wird von der Community jedoch auch als Anreiz für die Mitglieder eingesetzt: So stellt man etwa ‚verdienten Mitgliedern‘ eine besondere visuelle Hervorhebung gegenüber anderen Mitgliedern in Aussicht - beispielsweise indem man diese Nutzer: innen in diverse Listen, wie etwa die sogenannte ‚Liste der aktivsten Übersetz: innen‘, aufnimmt. Das folgende Beispiel (Abb. 19) zeigt eine Darstellung von ‚Abzeichen‘, die automatisch dem Profil der Nutzer: innen hinzugefügt werden, um deren ‚Aktivitätsniveau‘ (orientiert sich an der Anzahl der angefertigten Übersetzungen) sichtbar zu machen (V115_002): Abbildung 19: Skala für Aktivitätsniveaus der Übersetzer: innen 99 8.3 Wirkungen von Zeichentechniken 389 <?page no="390"?> Die Eigenschaft von Zeichentechniken, Sichtbarkeit zu verleihen, wird aber auch dazu eingesetzt, um Mitglieder mit speziellen Nutzer: innen-Rollen von regulären Mitgliedern abzuheben, beispielsweise durch eine Ergänzung ihres Profilnamens um entsprechende Symbole wie der im Beispiel unten angespro‐ chene Schraubschlüssel für Administrator: innen: A124_032 - 11.09.2010 17: 44 Es ist an der Zeit, eine neue Administratorin zu begrüßen. [Nutzerin A] hat sich freundlicherweise bereit erklärt, uns weiterhin zu unter‐ stützen und immer aufmerksam hinzusehen (was sie auch in letzter Zeit bereits sehr gut gemacht hat), aber jetzt bekommt sie ihren eigenen Schraubschlüssel. Herzlichen Glückwunsch, meine Liebe, und viel Erfolg! Die Daten deuten also darauf hin, dass Zeichentechniken hier bewusst oder unbewusst auch zur Verhandlung von Fragen des Status in der Community eingesetzt werden. Gleichzeitig macht die Analyse der Plattformelemente deutlich, dass Zei‐ chentechniken den Mitgliedern außerdem dazu dienen, um Zugehörigkeit zu bzw. Zusammengehörigkeit in der Gruppe zu konstruieren. Wie bereits in Kapitel 2.3.4 dargestellt wurde, konnte etwa Li (2015: 232 f.) die Bedeutung solcher und ähnlicher Prozesse der Vergemeinschaftung in translatorischen Online-Communities für eine Fansubbing-Gruppe zeigen. In ihrer Studie beschreibt sie nicht nur, wie in der von ihr untersuchten Community (etwa über ein Etablieren von Community-Normen) bewusst ein gemeinsames Bild von der Community konstruiert und befördert wurde. Sie weist auch darauf hin, wie Designentscheidungen bei der Gestaltung der Plattformoberfläche solchen sozialen Agenden zusätzlich Vorschub leisten können. Die Soziologen Grenz und Eisewicht (2012) sprechen in diesem Zusammenhang auch von Werkzeugen des „Zugehörigkeitsmanagements“ und räumen Objekten, wie den hier in Bezug auf Translaville besprochenen Zeichentechniken, eine besondere Rolle in entsprechenden Aushandlungs- und Konstruktionsprozessen ein. Dabei gehen sie davon aus, „dass die Körperlichkeit, Sichtbarkeit bzw. ‚Oberflächen‘ von Dingen, noch ‚bevor‘ wir uns diese[n] (gemeinsam) handelnd zuwenden, sich in zunehmendem Maße zur Stütze für die Zuschreibung von Gemeinsamkeiten institutionalisier[en]“ (Grenz und Eisewicht 2012: 254). Genau solche in der Form von Zeichen‐ objekten vergegenständlichten Zuschreibungen von Gemeinsamkeit finden sich auch im hier analysierten Datenmaterial zuhauf: Als Projektionsfläche für Gemeinsamkeit in der Community kann etwa das Logo von Translaville verstanden werden. Das wird dort besonders deutlich, wo Mitglieder von 390 8 Techniken <?page no="391"?> Translaville eine Aktion zur Gestaltung nutzer: innengenerierter Varianten des Logos anstoßen (A043_012-022). In ihrer Arbeit an eigenen Entwürfen und bei der Diskussion erster Logo-Alternativen mit anderen Mitgliedern zeigt sich, dass die Gestalter: innen versuchen, in ihren Darstellungen be‐ stimmte Elemente der Community in den Vordergrund zu rücken, die sie als besonders typisch oder beachtenswert empfinden (z. B. die Diversität der Gruppe; der kreativ-spielerische Grundgedanke). Indem die entsprechenden Zeichenträger (also hier die verschiedenen Logo-Varianten) diese bewusst ausgewählten Aspekte anhaltend sichtbar machen und diese in ähnlichen Objekten immer wieder aufgegriffen und wiederholt werden, schreibt sich die so konstruierte Idee von der Community fort und wird über Zeichentechni‐ ken robuster bzw. eher dauerhaft gemacht. In ähnlicher Weise zeigen auch weitere gestalterische Projekte von Nutzer: innen Projektionen von Zusam‐ mengehörigkeit: Dazu können etwa verschiedene von Mitgliedern gestaltete Foto- und Videocollagen gezählt werden, bei denen versucht wurde, den Mitgliedern ‚des engeren Kreises‘ in der breiteren Community ein Gesicht zu verleihen. Entsprechend wurde etwa von einer Nutzerin eine animierte Video-Weihnachtskarte gestaltet, in der die Gesichter von Musiker: innen durch Fotos von Nutzer: innen von Translaville ersetzt wurden (A134_008). In einem weiteren Nutzer: innen-Projekt wurde eine interaktive Diashow mit den Profilbildern besonders aktiver Mitglieder gestaltet und an prominenter Stelle auf Translaville angezeigt (V119_320-331). Diese Diashow sollte den abgebildeten Mitgliedern einerseits (wie oben beschrieben) Sichtbarkeit in einer ansonsten eher unübersichtlichen virtuellen Community verschaffen; andererseits wurde mit der Darstellung die Idee einer gewissen Zusammen‐ gehörigkeit vergegenständlicht und für andere greifbar gemacht. Ähnliche Konstruktionsprozesse werden auch in der Art und Weise deutlich, wie Nutzer: innen über die Community sprechen („ich liebe mein [Translaville]; lustig, dass fast alle von uns MEIN [Translaville] sagen“, PB078_005; „Die‐ ser Thread ist Teil der Geschichte von [Translaville]“, A054_010). Besonders deutlich zeigt sich dies auch in diversen Wortneuschöpfungen durch die Nut‐ zer: innen (in der Form von Wortkombinationen mit dem Gruppennamen oder einzelnen Silben davon), bei denen Begriffe mit neuen - gruppenspezifischen - Bedeutungen belegt werden (vgl. Tab. 47 für entsprechende Beispiele aus dem Forum). Nach den in dieser Forschungsarbeit verfolgten Begrifflichkeiten zur Medialität von (technischem und nicht-technischem) Handeln sind solche Wortkreationen dann als Zeichentechniken einzuordnen, wenn es um deren auf der Plattform digital publizierte Form (als elektronischer Text) geht. Als solche transportieren sie spezifische Sinnkonstruktionen rund um Translaville 8.3 Wirkungen von Zeichentechniken 391 <?page no="392"?> 100 Die Beispiele in Tabelle 47 wurden zur Anonymisierung (vgl. Kap. 5.1 und 5.8.4) an den relevanten Stellen an das in dieser Untersuchung verwendete Pseudonym angepasst. Abgesehen von den ersetzten Silben handelt es sich jedoch um Originalzitate aus dem Forum. Zur Bedeutung einiger Begriffe: [transla]calculator: Hochrechnung der Mitgliederzahl bei gleichbleibender Entwicklung der Community; [transla]-flowers for the little [transla]-inheritor: Glückwunsch an den Entwickler zur Geburt seines Kindes; [transla]-rich: Mitglied mit hoher Anzahl an Übersetzungspunkten; [Translaville]-time: Serverzeit, in der auch Datum und Uhrzeit der Forennachrichten angegeben werden; Knights of the round [Transla]: Mitglieder mit besonderen Aufgaben in der Community; [Translav]ise Me! : Vorschlag für eine Aktion zur Mitgliederwerbung durch Einbinden des Logos von Translaville auf privaten Webseiten. als Community (vgl. auch Kap. 7): Sie evozieren Vorstellungen von einer ge‐ meinsamen Geschichte, einem geteilten Wissensstand bzw. einer gemeinsamen Gruppensymbolik, und dienen damit (1) der Gruppe als Konstruktionen von Zusammengehörigkeit sowie (2) einzelnen Nutzer: innen als Konstruktionen von Zugehörigkeit zu ebendieser Gruppe. [Translavillians] (A043, A047, A117, V102) [transla]pages (A043_020) [transla]-flowers for the little [transla]-inheritor (A082_005) [Translav]ise Me! (A043_012) [transla]-member (A043_024) [transla]calculator (A043_009) Knights of the round [Transla] (A126_022) Super-[transla]hero (A126_041) [Transla]-birthdayparty (A047_023), [Transla]-wishes (A142_053) [Transla]QA (PB078_039) [translav]addicts (V070_011); [translav]addicted, [transla]nuts (A146_046) [transla]-millionaire (WF049_002), [transla]-rich (V115_040) [transla]-friends (A109_011, A111_004) [Transla]versions (V144_052) [Translaville]land dream (V145_001) [Translav]isation (V119_337) [Transla]-daughter (A155_015) [Transla]-search (V102_007) [Translaville]-time (WF053_006) [Transla]-meeting (A123_001) Tabelle 47: Beispiele für Wortkreationen der Nutzer: innen von Translaville, die als Pro‐ jektionen von Zugehörigkeit bzw. Zusammengehörigkeit interpretiert werden können 100 Neben der Rolle von Zeichentechniken als Schnittstelle zwischen Nutzer: innen, als Anzeige- und Speichermedium sowie als Werkzeug der Sichtbarmachung 392 8 Techniken <?page no="393"?> zeigt die Analyse der Online-Umgebung also auch, wie diese gezielt Prozesse zur Konstruktion des Selbst bzw. der Community stützen und vergegenständlichen können. Dass die Bedeutung der Zeichentechniken auf Translaville über das rein Funktionale weit hinausgeht, zeigt sich auch an den verschiedenen Emotio‐ nen, die die Nutzer: innen mit der Plattform verknüpfen. Da ist man etwa genervt von den immer gleichen Klickroutinen (V012_001), hegt eine tiefe Abneigung gegenüber einem als veraltet empfundenen Chat-Tool (V087_001), beschreibt sich als „upset“ und „bouleversé“ über anhaltende Fehler nach einem Serverabsturz (PB058_016) oder fühlt sich „helpless“ beim Ausbleiben der erwarteten Systembenachrichtigungen (PB071_001). Andere reagieren höchst emotional auf unerwünschte Vorschläge zu Designänderungen („I’m feeling a bit upset while posting“, PB078_004) und werden nostalgisch bei einem Blick auf Screenshots aus den frühen Tagen von Translaville (A037). Wieder andere bezeichnen sich nach Erhalt eines ‚Abzeichens für Power-Nutzer: innen‘ als „flattered, honoured, and veeeeeeeeeeery happy“ (A126_022). Einige dieser Beispiele können natürlich als emotionale Reaktionen gegen‐ über einem mangelhaften Funktionieren der Plattform erklärt werden. Andere zeigen aber, dass auch die Plattform selbst, mit ihrem spezifischen Design und der Bedeutung, die diese im Leben der einzelnen Nutzer: innen einnimmt, für die Mitglieder von Translaville zu einer Projektionsfläche für symbolische Bedeutungen wird und somit ebenfalls ausgesprochen emotionsbehaftet sein kann. 8.3.3 Automatisierung Während das gerade etwas ausführlicher dargelegte Thema der Rolle von Zeichentechniken für Konstruktionsprozesse des Selbst bzw. der Community eng damit verknüpft ist, dass Zeichentechniken das sichtbare, (in diesem Fall) räumlich und zeitlich relativ stabile Anzeigen von Informationen oder Inhalten erlauben, ermöglichen sie außerdem die Automatisierung zeichenba‐ sierter Schemata und Abläufe. Nachdem es sich bei den hier untersuchten Zeichentechniken um ein System von über Hyperlinks miteinander verknüpften Webseiten mit Textseiten, Eingabeformularen, integrierten Foren, automatisier‐ ten Benachrichtigungsfunktionen, grafischen Darstellungen etc. handelt, zeigt bereits ein erster Blick auf die Plattform die ‚Fähigkeit‘ von Zeichentechniken, Handlungen zu Handlungsketten zu verknüpfen und Prozesse zu automatisie‐ ren: Schaltflächen leiten Nutzer: innen automatisch an eine bestimmte Stelle im Übersetzungsinterface weiter; Suchfunktionen liefern automatisiert eine Liste 8.3 Wirkungen von Zeichentechniken 393 <?page no="394"?> 101 Damit versucht man zu verhindern, dass Nutzer: innen mehrere Benutzer: innen-Konten anlegen, um von zusätzlichen ‚Start-Kontingenten‘ für Gratis-Übersetzungen zu profi‐ tieren. von Treffern; bestimmte Ereignisse im Plattformgeschehen lösen automatische Benachrichtigungsmails an Nutzer: innen aus. Ein genauerer Blick zeigt dabei, dass man sich solche Möglichkeiten der Automatisierung auf Translaville zur Verlagerung einer Reihe von Aufgaben an Zeichentechniken zunutze macht. Zeichentechniken werden zunächst etwa dazu eingesetzt, um automatisiert Inhalte zu sammeln, zu kategorisieren und durchsuchbar zu machen. So haben Nutzer: innen etwa die Möglichkeit bestimmte Übersetzungsprojekte als ‚Favoriten‘ abzulegen; Expert: innen erhalten über einen RSS-Feed eine automatisierte Zusammenstellung aller aktuell für sie zur Bearbeitung und Bewertung verfügbaren Übersetzungen; und mit der Zeit werden Schaltflächen zur Schnellnavigation eingerichtet, um Nutzer: innen z. B. automatisch zum ak‐ tuellsten Forenbeitrag weiterzuleiten (V137_003). Zeichentechniken dienen hier also zur Verkürzung von ‚Navigationswegen‘ und zum Filtern nach Inhalten, die für den: die jeweilige: n Nutzer: in relevant sind. Zeichentechniken erlauben also auch eine Reduktion von Handlungsket‐ ten oder ersetzen sonst manuell durchgeführte Handlungen. Translaville ist etwa so konzipiert, dass private Nachrichten mit der Zeit automatisiert gelöscht werden, um Speicherplatz am Server zu sparen (A009_020); neue Texte im Web-Interface werden automatisch in die Übersicht der aktuellen Überset‐ zungsanfragen geladen, damit sie in alle Plattformsprachen übersetzt werden können (WÜ006_002); und Nutzer: innen ohne Übersetzungspunkte erhalten automatisch nach 10 Tagen 500 Übersetzungspunkte zugeteilt (V035_004). Es müssen also für grundlegende, wiederkehrende Aufgaben nicht immer die gleichen Aktionen durch die Administrator: innen oder den Entwickler ausgeführt werden. Dies macht man sich insbesondere dort zunutze, wo man den Übersetzer: innen oder den Mitgliedern mit besonderen Aufgaben Zeit und Aufwand ersparen möchte. Automatisierte Prozesse werden aber auch dort eingesetzt, wo es um die Kontrolle von Nutzer: innen-Verhalten geht. So wurden etwa eine Reihe von Mechanismen in die Plattformumgebung eingebaut, durch die man versucht, unerwünschte Handlungen automatisch zu verunmöglichen: Das Übersetzungsformular ist beispielsweise so angelegt, dass immer automatisch die Länge jedes Zieltexts überprüft wird, da man so verhindern möchte, dass in der Übersetzung Text vergessen wird (PB060_002); oder Mehrfachprofile von Nutzer: innen mit derselben IP-Adresse werden auto‐ matisch gelöscht (PB033_002). 101 Die Funktionen des Plattforminterface werden so gezielt dazu eingesetzt, Mitgliedern nur den erwünschten Handlungsspiel‐ 394 8 Techniken <?page no="395"?> 102 Gemeint ist die Fehlermeldung: „Die Länge deiner Übersetzung entspricht nicht der Länge des Ausgangstexts.“ raum einzuräumen. Die in Kap. 7.2.2 diskutierten Erwartungen in Bezug auf das Verhalten von Nutzer: innen werden hier also in technische Objekte einge‐ schrieben - mit dem Versuch diese so zu verfestigen. Im Datenmaterial fanden sich eine ganze Reihe von Beispielen, die zeigen, dass die Mitglieder von Translaville mit solchen Automatisierungsmaßnahmen nicht immer glücklich sind. Eine Reduktion von Handlungsketten durch Zei‐ chentechniken beschränkt den Handlungsspielraum von Nutzer: innen. Aus der Sicht der Nutzer: innen ist die Verlagerung von Handlungen auf Zeichentechni‐ ken also dann problematisch, wenn automatisierte Prozesse von den Nutzer: in‐ nen, wenn erforderlich, nicht umgangen oder aufgehoben werden können. Das zeigt sich etwa in der Anfrage einer Nutzerin, die sich wünscht, die automatische Umwandlung bestimmter Buchstabenkombinationen in ‚Emoticons‘ individuell rückgängig machen zu können (PB025_001) - oder in Problemen mit der oben genannten Anforderung an eine gleiche Länge von Ausgangs- und Zieltext (PB060_001): PB060_001 - 08.05.2008 17: 20 Ich habe versucht, eine Übersetzung hochzuladen - meine erste - und wurde mit so einer Meldung geblockt. 102 […] Ich halte das für keine besonders gute Fehlermeldung - wenn überhaupt, sollte das System sich doch beschweren, wenn Ausgangs- und Zieltext dieselbe Länge haben. […] Nicht erstrebenswert scheint den Mitgliedern von Translaville eine Automatisie‐ rung komplexer Handlungszusammenhänge bzw. ein Ersatz wiederkehrender Aufgaben vor allem dort, wo es eine situationsspezifische Beurteilung oder Einschätzung durch Nutzer: innen braucht, z. B. in der Frage, welche Überset‐ zungsanfragen unerwünscht und daher abzulehnen sind. In diesem Fall sind die Expert: innen und Administrator: innen damit befasst, die entsprechenden Ausgangstexte einzeln zu überprüfen und eventuelle Probleme mit den Urhe‐ ber: innen der Texte zu klären. Gerade in diesem Beispiel zeigt sich auch das ständige Spannungsfeld zwi‐ schen einerseits dem Wunsch, wenn erforderlich, intervenieren oder eine Sachlage individuell beurteilen und entsprechend entscheiden zu können, und andererseits der Unzufriedenheit mit repetitiven Aufgaben, welche für viele Mitglieder im Rahmen einer Hobbytätigkeit einfach nicht bewältigbar sind. In‐ dem Expert: innen und Administrator: innen die Zulässigkeit von Übersetzungs‐ anfragen oder vermeintliche Regelverstöße anlassbezogen bewerten und den 8.3 Wirkungen von Zeichentechniken 395 <?page no="396"?> betroffenen Nutzer: innen auch Rückmeldungen schicken, kommt es zu einem beträchtlichen Kommunikationsaufwand, der von den Mitgliedern mit der Zeit als repetitiv und daher wenig reizvoll empfunden wird. Obwohl man also eigent‐ lich an einer Interventionsmöglichkeit festhalten möchte, finden sich im Forum recht bald Vorschläge, solche wiederkehrenden Kommunikationsaufgaben auf der Plattform zu automatisieren. Beispielsweise wünscht man sich ein Menü mit vorgefertigten Nachrichten zur Ablehnung von Übersetzungsanfra‐ gen, wo je nach Begründung bereits entsprechende Vorlagen in der jeweiligen Sprache der Nutzer: innen angelegt sind (z. B. keine Übersetzung von Eigenna‐ men, kein Übernehmen von Hausübungen etc.; V090_008). Tatsächlich realisiert wird die Automatisierung solcher kommunikativen Aufgaben schließlich in der Form von Schaltflächen zum Löschen von ‚Spammer: innen‘ (I1, 00: 47: 14- 00: 47: 39) oder über automatische Pop-Up-Nachrichten, wenn für die Zielsprache einer Übersetzung aktuell kein: e Expert: in für deren Bewertung verfügbar ist (V140_001). Besonders deutlich wird dieser Aspekt einer zunehmenden Automatisierung von Kommunikationsaufgaben auch im Zusammenhang mit den verschiedenen von Nutzer: innen abonnierbaren automatischen Benach‐ richtigungen (z. B. über neu verfügbare Übersetzungen für die eigene Sprach‐ kombination; über eine Antwort auf eine Nachricht) oder der sogenannten ‚CC-Funktion‘, mit der jemand automatisiert auf einen bestimmten Foreneintrag hingewiesen werden kann. Diese Formen der Automatisierung können also auch als Mechanismen zur Steuerung der Aufmerksamkeit der Nutzer: in‐ nen in einer manchmal wohl als überbordend empfundenen Plattformstruktur verstanden werden. Sie dienen gleichzeitig dazu, Nutzer: innen auch außerhalb von Translaville zu erreichen und sie dazu zu bewegen, sich weiterhin an den Plattformaktivitäten zu beteiligen: I think at the/ the website was quite well set up in that you would get a message when anyone needed a translation in your language combination. And it’s of course always nice to hear that somebody asked for you, because most people want to help. So/ especially with little things like this, it made it very easy to come back […]. (I3, 00: 05: 54-00: 06: 14) Trotz der weiter oben diskutierten Beschwerden über mangelnde Handlungs‐ fähigkeit in Bezug auf manche Aktivitäten und Funktionen, die von einer Automatisierung betroffen waren, finden sich letzten Endes weitaus weniger Wünsche nach einer Aufhebung automatisierter Prozesse als Vorschläge für ‚digitale Shortcuts‘ auf Translaville. Von den Nutzer: innen werden laufend neue Möglichkeiten zur Automatisierung repetitiver Aufgaben vorgeschlagen (z. B. das automatische Löschen von doppelten Übersetzungsanfragen; WÜ043_006). 396 8 Techniken <?page no="397"?> Im Vergleich dazu setzt sich nur auffallend selten jemand dafür ein, eine einmal eingerichtete technische Funktion wieder rückgängig zu machen. Grund dafür könnte sein, dass einmal in technische Form gegossene Handlungen (insbeson‐ dere bei physischen Objekten und Zeichentechniken) oft als weitaus robuster und schwieriger veränderbar wahrgenommen werden als etwa nicht-technische Abläufe. Es kann also auch vorkommen, dass unerwünschte technische Mecha‐ nismen sich mit der Zeit ‚einschleichen‘, weil Nutzer: innen das Gefühl haben, gegen sie könne nichts mehr unternommen werden. Die Ausführungen oben machen deutlich, dass Zeichentechniken die Über‐ setzungspraxen auf Translaville auf vielfältige Art und Weise mitgestalten. Bei vielen der oben diskutierten Beispiele wurden individuelle Handlungen in eine technisierte Form übertragen - wodurch vielfach auch Handlungsspielraum für Nutzer: innen verloren geht. Interessanterweise scheinen die Nutzer: innen in einem Großteil der Fälle durchaus bereitwillig auf diesen zu verzichten, wenn dafür repetitive Aufgaben ersetzt werden können. Es zeigt sich also selbst bei einer außerberuflichen Aktivität wie den Übersetzungspraxen auf Translaville, dass dort, wo einfacher Zugang zu Möglichkeiten der Technisierung besteht, letztlich auch gerne von solchen Rationalisierungsmechanismen (womöglich könnte man sogar von Formen der Industrialisierung sprechen) Gebrauch gemacht wird. Wie die Diskussion oben gezeigt hat, erfüllen Zeichentechniken jedoch nicht nur Aufgaben rund um die Verwaltung von Inhalten und um die Arbeitsorgani‐ sation beim Übersetzen. Funktionale und rationalisierende Gesichtspunkte von Techniken sind nicht allein ausschlaggebend; vielmehr werden Zeichentechni‐ ken auch - bewusst oder unbewusst - als Werkzeuge zur individuellen und kollektiven Konstruktion von Zugehörigkeit, Gemeinschaft und Status sowie zur Steuerung von Aufmerksamkeit eingesetzt. Sie wirken also auch sozial gestaltend. Nicht nur im hier untersuchten Fall, sondern auch in vielen anderen digital vermittelten Formen der Translation kann eine Mikroanalyse von Platt‐ form- oder Softwarestrukturen somit wertvolle Einblicke in Mechanismen der bewussten oder unbewussten Beeinflussung von Interaktionen, Wahrnehmung oder Aufmerksamkeit, und nicht zuletzt auch in Fragen des Status und der übersetzerischen Handlungsträgerschaft liefern. 8.4 Handlungsfähigkeit und Handlungsspielräume Neben den oben aufgegriffenen Aspekten der Technisierung und der Media‐ lität soziotechnischer Praxen ist ein weiteres Konzept zentral für das in dieser Studie angewandte Forschungsprogramm - nämlich das der Gradualisierung 8.4 Handlungsfähigkeit und Handlungsspielräume 397 <?page no="398"?> 103 Diese Handlungsebene entspricht weitgehend dem, was auch die Akteur-Netz‐ werk-Theorie als ‚Handeln‘ bezeichnen würde (Rammert 2016: 153). Im Gegensatz zu Rammert (2016) differenziert man in der ANT aber nicht weiter nach Abstufungen der Handlungsfähigkeit. menschlichen und nicht-menschlichen Handelns (Kap. 3.3.2.4). Das Konzept ist - wie weiter oben bereits im Detail ausgeführt wurde - Rammerts (z. B. 2016: 156) Antwort auf den Agency-Begriff der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT). Wie auch in der ANT verschreibt man sich dem Prinzip der methodi‐ schen Symmetrie und entwirft ein Begriffsinstrumentarium, das in gleicher Weise auf das Handeln von Menschen, physischen Objekten - und hier insbesondere auch - Zeichenschemata angewendet werden kann. Auch die Technografie erlaubt also die Möglichkeit nicht-menschlicher Handlungsfä‐ higkeit. Anders als die ANT unterscheidet man aber in weiterer Folge nicht nur zwischen Handeln und Nicht-Handeln, sondern versucht man der Tatsache gerecht zu werden, dass je nach Technologie - von den einfachsten Werkzeu‐ gen bis hin zu hochtechnologisierten Anlagen - Objekte und Zeichensysteme in manchen Fällen gar nicht, in anderen Fällen eingeschränkt, zuweilen aber vollständig autonom agieren können. Andererseits soll gleichzeitig be‐ rücksichtigt werden, dass auch Menschen nicht in allen Situationen immer vollumfänglich handlungsfähig sein müssen. Um diese Frage nach der soziotechnischen Agency für die hier untersuchte Übersetzer: innen-Plattform zu untersuchen, wurden also Rammerts (2016: Kap. 6.4.2) drei Ebenen von (menschlicher oder nicht-menschlicher) Handlungs‐ fähigkeit - (1) einfache Kausalität, (2) Kontingenz, und (3) Intentionalität und Reflexivität - an die analysierten Daten angelegt. Damit soll deutlich werden, inwieweit und in welchen Bereichen der übersetzerischen Praxen das Handeln der Übersetzer: innen, Evaluator: innen und Administrator: innen, aber auch der Plattform- und Bedienelemente von Translaville auf entweder vereinzelten, eingeschränkten oder auch auf multiplen bzw. frei gestaltbaren Handlungsoptionen beruht. Tabelle-48 (unten) zeigt Beispiele aus den Forenbeiträgen von Translaville sowie aus Teilen der Plattformoberfläche, die dem zugeordnet werden können, was Rammert (2016: 153) als die „Ebene des Bewirkens von Verände‐ rungen“ bezeichnet. 103 Damit meint er Handlungskonstellationen, wo den menschlichen oder nicht-menschlichen Akteur: innen nur eine einzelne Hand‐ lungsoption offensteht. Beispiele davon finden sich auf Translaville zuhauf - beispielsweise überall dort, wo die Bedienelemente so angelegt sind, dass es eine Bestätigung durch den: die Übersetzer: in braucht, um zur nächsten Seite zu gelangen. Das betrifft etwa einen Großteil der Navigationselemente 398 8 Techniken <?page no="399"?> (z. B. typische Schaltflächen wie <Weiter> oder <Zurück>) - aber auch, wie in Beispiel 1 (Tab. 48) - Bedienelemente, die eine einfache Bestätigung durch den: die Nutzer: in erfordern, wie hier die Zustimmung, dass im Ziel‐ text Bedeutung, Form und Interpunktion des Ausgangstexts berücksichtigt wurden. Hier sind also sowohl Menschen als auch Zeichentechniken bloße Ausführer eines festgelegten Programms: Sie können entweder handeln oder nicht handeln - wie etwa in Beispiel 2 (Tab. 48), wo es um das Abonnement von Benachrichtigungen im Fall einer fertiggestellten Übersetzung geht. In dem Beispiel ist es für die Administrator: innen der Seite letztlich auch nicht weiter relevant, wer oder was ihnen mitteilt, dass entsprechende Benachrichtigungen gewünscht sind. Auf dieser Ebene der geringsten Handlungsautonomie fallen also Unterschiede zwischen menschlichen Praxen und dem Operieren von Software noch nicht weiter ins Gewicht. Für beide gibt es keinen wirklichen Handlungsspielraum - außer in geringem Ausmaß dort, wo eine Handlung noch einmal rückgängig gemacht werden kann (vgl. Rammert 2016: 153). Ein einzi‐ ges Handlungs‐ programm 1 ☑ I’ve done this translation very carefully, being careful about the meaning as well as the appearance and the punctuation. (SCR, Ü6_7_Ü fertig_Fehlermel‐ dung, 05.07.2019) Handeln oder Nicht-Handeln 2 Send me an e-mail when a translation I requested has been done and/ or accepted [• Yes] [• No] (SCR, Registrierung_Versuch 1_3, 14.06.2018) Reversibilität und Irreversibilität 3 „Heute wurde ich über eine Übersetzung aus dem Bul‐ garischen ins Englische benachrichtigt, aber als ich sie mir angesehen habe, habe ich festgestellt, dass es sich in Wirklichkeit um eine Übersetzung vom Russischen ins Englische handelt. Es gibt hier keine Möglichkeit für mich, dass ich darauf hinweisen kann, damit das korrigiert wird.“ (V028_001) 4 „Nutzerin A: Kann ich meinen [Profil-]Namen ändern und lateinische Schrift verwenden? Nutzer B: Ja, [Nutzerin A]. Bitte, frag [Entwickler], unse‐ ren ‚Gott‘.“ (WF056) Tabelle 48: Beispiele für einfache Kausalität im übersetzerischen Handeln auf Translaville Funktioniert also etwas einmal nicht (vgl. Bsp. 3, Tab. 48), so zeigen sich plötzlich sehr wohl Unterschiede in der Handlungsfähigkeit von menschlichen und nicht-menschlichen Akteur: innen: Menschliche Handlungsträger: innen sind nämlich in der Lage, aus dem vorgegebenen Handlungsschema herauszutreten 8.4 Handlungsfähigkeit und Handlungsspielräume 399 <?page no="400"?> und können auch anders handeln (also Rammerts zweite Handlungsebene). In Beispiel 4 (Tab. 48) wird eine Nutzerin beispielsweise an den Entwickler verwiesen, damit er für sie eine Aktion wieder revidiert. Das zeigt vor allem, dass vielleicht nicht immer nur die Frage, ob nun ein Mensch oder eine Maschine handelt, zentral ist - sondern vielleicht noch viel konkreter die Frage, wer in einem konkreten Gefüge überhaupt die Möglichkeit und den Einfluss hat, eingeschränkte Handlungsoptionen zu umgehen bzw. neuzugestalten: Die Handlungsautonomie des Entwicklers ist auf Translaville in jedem Fall weitaus größer als die der übrigen Nutzer: innen (und auch der Plattformstrukturen und Bedienelemente). Die zweite Ebene der Handlungsfähigkeit nach Rammert (2016: 153 f.) bezieht sich auf die oben bereits angesprochene Fähigkeit von Akteur: innen, „auch anders handeln zu können“ - also zwischen unterschiedlichen Handlungs‐ optionen wählen zu können (‚Kontingenz des Handelns‘). In der Plattformstruk‐ tur von Translaville ist dies bereits sehr sichtbar in der Form von diversen Auswahlfeldern umgesetzt, wo Nutzer: innen beispielsweise Profileinstellungen (wie z. B. ihre persönliche Sprachkombination) erfassen können; wo bei der Evaluierung von Übersetzungen zwischen bestimmten Feedbackoptionen zu wählen ist (z. B. in der Form eines Punktesystems oder vorgefertigter verbaler Beurteilungen, vgl. Bsp. 1, Tab. 49, unten); oder wo Nutzer: innen angehalten sind, ihre Ausgangstexte einer bestimmten Kategorie zuzuordnen (z. B. Thema oder Textsorte des Ausgangstexts). Im Gegensatz zu Checkboxen (vgl. 1, 2; Tab. 48) wird hier der Handlungsspielraum der Nutzer: innen auf eine Reihe vorformulierter Optionen ausgeweitet. Das Vorhandensein von Optionen bringt dabei mit sich, dass Akteur: innen die Möglichkeit eingeräumt wird, situationsspezifisch zu handeln und somit auch auf wechselnde Bedingungen zu reagieren. In Beispiel 1 (Tab. 49) wird also das betreffende Mitglied je nach vorgefundener Ausgangslage (hier etwa seiner: ihrer Beurteilung eines Zieltexts) die in der konkreten Situation als angemessen empfundene Auswahlmöglichkeit anklicken. Wie der Vorschlag eines Nutzers in Beispiel 3 (Tab. 49) zeigt, findet sich eine kontextabhängige Gestaltung oder Auswahl von Handlungen allerdings auch bei nicht-menschlichen Handlungsträgern. In Beispiel 3 geht es etwa darum, dass Translaville so konfiguriert werden soll, dass es ‚erkennt‘, wann ein: e Nutzer: in auf das eigene Profil zurückkehrt, um sodann die betreffenden Seiten automatisch wieder in der bevorzugten Sprache des Mitglieds anzuzeigen. Das System wählt also unter den verschiedenen Spracheinstellungsmöglichkeiten situationsbedingt jene, die für den: die Nutzer: in gerade relevant ist. 400 8 Techniken <?page no="401"?> Wahl aus vorgege‐ benen Handlungs‐ optionen 1 „Entspricht der Zieltext der Bedeutung des Ausgangs‐ texts? [• Ich finde, die Bedeutung dieser Übersetzung ist kor‐ rekt] [• Ich finde, diese Übersetzung ist fast korrekt, könnte aber noch verbessert werden] [• Ich finde, die Bedeutung dieser Übersetzung ist nicht korrekt] [• Ich weiß es nicht]“ (SCR, Evaluierungsanfrage_1, 21.06.2018) 2 „As far as I remember, it [die Online-Umgebung] was quite simple and quite straightforward, so you’d have perhaps limited options, but I didn’t particularly miss any options.“ (I3, 00: 25: 35-00: 25: 54) Situationsspezifi‐ sches Handeln 3 „Ich hätte eine Idee: Wie wär’s mit der Möglichkeit für eine persönliche Spracheinstellung für die Anzeige der gewünschten Sprachversion? Grund: Wenn man das Sprachforum einer anderen Spra‐ che besucht und nachher wieder zu seinen eigenen ‚Din‐ gen‘ zurückkehrt, bleibt immer noch die Forensprache als Sprache eingestellt, in der die Seite angezeigt wird. [Mit meinem Vorschlag] würde das [automatisch] zurück‐ gesetzt werden, […].“ (V029_001) Freies Gestalten eigener Handlungs‐ optionen 4 „Neue, von [Admin A] lang erwartete Funktion: Die ‚Unbekannte Sprache‘! Ab sofort können [Ausgangs- und Zieltexte] für eine Sprache hochgeladen werden, die nicht in der Liste steht - vorausgesetzt man gibt die neue Sprache im Kommentarfeld an. Nicht vollständig getestet, also meldet Bugs, wenn es welche gibt. Der Text ‚Unbekannte Sprache‘ sollte aber vielleicht durch ‚Weitere Sprache‘ ersetzt werden-…“ (A012_001) Tabelle 49: Beispiele für Kontingenz im übersetzerischen Handeln auf Translaville Die Fähigkeit kontingent zu handeln umfasst grundsätzlich auch die Möglich‐ keit, nicht nur zwischen vorgegebenen Alternativen zu wählen, sondern Hand‐ lungsoptionen in Abhängigkeit von der vorgefundenen Situation und den je‐ weiligen Zielen vollständig eigenständig zu gestalten. Auch nicht-menschliche Handlungsträger: innen können heute über einen solchen Grad von Handlungs‐ autonomie verfügen - etwa bereits einfache Chatbots oder Smartphone-Sprach‐ assistenten, die automatisiert semantische Bausteine aus den Eingabedialogen von Nutzer: innen verwerten und dann ihre Aktionen danach ausrichten (z. B. die Ausgabe bestimmter Information). Translaville selbst ist weitaus weniger 8.4 Handlungsfähigkeit und Handlungsspielräume 401 <?page no="402"?> komplex gestaltet und weit entfernt von einer solchen ‚Interaktivität‘ zwischen Nutzer: in und Webseiten. Anders als menschliche Handlungsträger: innen und komplexere technische Systeme sind die zur Gestaltung von Translaville ver‐ wendeten Technologien auch nicht lernfähig. Gerade aber für Untersuchungen zu KI-basierten Sprach- und Übersetzungstechnologien könnte das volle Be‐ griffsinstrumentarium von Rammert (2007, 2016) lohnend genutzt werden. Da die übersetzerischen Praxen der Mitglieder von Translaville in die Platt‐ form eingebettet sind und im Wesentlichen von dieser begrenzt werden, verfü‐ gen auch die menschlichen Nutzer: innen nicht immer über das höchste Maß an Handlungsautonomie: Die übersetzerischen Praxen lassen sich also in manchen Teilaspekten eher kontingentem Handeln im engeren Sinne zuordnen, wenn wie in den Beispielen 1 und 2 (Tab. 49, oben) etwa nur unter beschränkten Möglichkeiten gewählt werden kann. Unter bestimmten Bedingungen können sie aber auch als kontingentes Handeln im weiteren Sinne verstanden werden; nämlich dort, wo Nutzer: innen - innerhalb eines vorgegebenen Rahmens - ihr Handeln bis zu einem gewissen Grad selbst gestalten können - wie in Beispiel 4 (Tab. 49) die Ergänzung einer neuen Ausgangs- oder Zielsprache. Dennoch zeigt sich bei Beispiel 4, dass auch freies Gestalten von Handlungsoptionen zuweilen in einem eher eng beschränkten Rahmen stattfinden kann. Die Ebene der höchsten Handlungsfähigkeit in Rammerts Konzept ist die des reflexiven und intentionalen Handelns (Rammert 2016: 154 f.). Auf Transla‐ ville könnte man dieses am ehesten in den verschiedenen für Nutzer: innen verfüg‐ baren Freitextfeldern realisiert sehen. Dort können Nutzer: innen beispielsweise Ausgangs- oder Zieltexte erfassen, Kommentare zu Übersetzungen mitliefern oder Beiträge im Forum oder über die private Nachrichtenfunktion versenden. Intentionalität und Reflexivität zeigen sich bei der Arbeit an Übersetzungen auf Translaville etwa im impliziten oder expliziten Formulieren eines Zwecks der Übersetzung sowie im (kollaborativen) Reflexionsprozess - sei es nun beim Erar‐ beiten einer Erstversion, beim Vorschlagen alternativer Übersetzungsvorschläge oder beim gemeinsamen Tüfteln an Reimen oder Liedtexten im Austausch mit anderen Nutzer: innen. Aus den Beispielen im Forum wird deutlich, dass auch die Mitglieder selbst ihre textgestalterischen Praxen als intentionale und reflexive Prozesse beschreiben würden. In Beispiel 1 (Tab. 50, unten) wird etwa die übersetzerische Autonomie angesprochen, zu der für den Urheber des Beitrags sichtlich auch die Möglichkeit gehört, nach eigenem Verständnis und Ermessen Ausgangstexte beurteilen und interpretieren zu können. In dem Beispiel klagt der Nutzer, er sehe seine Handlungsfähigkeit eingeschränkt - hier allerdings nicht von rigiden Plattformstrukturen, sondern von einer innerhalb der Community formulierten ‚Übersetzungsregel‘, bestimmte Ausgangstexte nicht zu akzeptieren 402 8 Techniken <?page no="403"?> 104 Vgl. dazu auch die „Regeln für Anfragen und Übersetzungen“ im Screenshot des Anfra‐ geformulars für reguläre Übersetzungen, Anhang A.1. 105 Gemeint ist der im Beispiel zitierte Forenbeitrag, der ebenfalls so formuliert ist, dass kein konjugiertes Verb vorkommt. (hier z. B. solche ohne Verb). 104 In seiner Argumentation findet der Nutzer sehr deutliche Worte dafür, dass aus seiner Sicht bei der Gestaltung von Übersetzungen dem persönlichen Ermessen und der eigenständigen Interpretationsfähigkeit von Übersetzer: innen mehr Vertrauen geschenkt werden solle. Nimmt man hier noch einmal gesondert die Handlungsmöglichkeiten der technischen Strukturen von Translaville in den Blick (gemeint sind hier ins‐ besondere die Zeichentechniken), so ist klar, dass es ohne wirklich breite Fähigkeit zu kontingentem Handeln für die Techniken auch keine Fähigkeit zu avancierten Möglichkeiten reflexiven und intentionalen Handelns geben kann. Rammert (2016: 155) rät in technografischen Studien jedoch dazu, gleichzeitig „die empirisch beobachtbaren gesellschaftlichen Praktiken der Verwendung intentionaler Begriffe bei der Steuerung und Interpretation menschlichen wie technischen Verhaltens“ nicht außer Acht zu lassen - also nicht nur beobacht‐ bare Intentionalität bzw. Reflexivität technischer Systeme in den Blick zu nehmen, sondern auch zu berücksichtigen, wo und unter welchen Bedingungen es zu Zuschreibungen intentionaler und reflexiver Handlungsfähigkeit durch Nutzer: innen kommt. Immerhin würden solche Zuschreibungen sich auch darauf auswirken, wie Nutzer: innen mit Techniken interagieren. Auch Beispiele dafür finden sich auf Translaville - wohl wie zu erwarten gehäuft in den Forenbereichen, wo Nutzer: innen Probleme mit der Seite oder Fehler bei neu eingerichteten Funktionen melden können. So berichtet etwa in Beispiel 2 (Tab. 50) ein Nutzer, sein Passwort habe sich eigenständig geändert, während in Beispiel 3 ein Nutzer seinem Computer eine gewisse Eigenwilligkeit und Selbstständigkeit und auch - beschränkte - Intelligenz zuschreibt. Intentionales und reflexives Handeln 1 „Ausgangstexte ohne konjugiertes Verb erlauben oder nicht erlauben? In jedem einzelnen Fall die schwammige und oft widersprüchliche Regel Nr.-4 einhalten oder nicht? … Das Recht haben oder nicht, als Übersetzer: innen nach unserem persönlichen Ermessen entscheiden zu können - und nach bestem Wissen und Gewissen für uns selbst die Übersetzbarkeit oder Unübersetzbar‐ keit der betreffenden Anfragen einschätzen zu können? Zur Veranschaulichung und als Denk- und Diskussions‐ anstoß für alle Mitglieder dieser Website - und um ein plakatives Beispiel zu geben: verboten, sogar diesen präzisen Text 105 - mit [110] Wörtern und einer klaren Bedeutung - hier auf [Translaville] übersetzen zu lassen.“ (V151_001) 8.4 Handlungsfähigkeit und Handlungsspielräume 403 <?page no="404"?> Zuschreibung re‐ flexiver Hand‐ lungsfähigkeit an Techniken 2 „Ich habe mich gefragt, ob jemand etwas darüber weiß, wie sich mein Passwort von selbst geändert hat.“ (PB061_001) 3 „Wahrscheinlich ein kleiner Fehler im System-… Kein großes Ding - manchmal leben Computer ihr eigenes Leben und sind auch nicht schlauer als die Person, die die Software entwickelt hat-…“ (PB059_007) Tabelle 50: Beispiele für Reflexivität und Intentionalität im übersetzerischen Handeln auf Translaville Die für diese Studie erhobenen Daten führen jedoch nicht nur vor Augen, wie unterschiedlich das Ausmaß der Handlungsautonomie je nach auszuführender Aufgabe ausfallen kann - sowohl für Menschen als auch für Techniken. Die Daten machen auch deutlich, dass das Ausmaß der Handlungsautonomie von Nutzer: innen in manchen Fällen wohl ganz bewusst gestaltet wird. Sie zeigen, in welchen Fällen möglichst weitgehende Gestaltungsfreiheit priorisiert wird, während anderswo der Spielraum für Nutzer: innen absichtlich auf einen recht engen Rahmen beschränkt wird (vgl. Tab.-51, unten). Beschränkt werden die Nutzungsoptionen für die Mitglieder von Translaville überall dort, wo Prozesse standardisiert und Nutzer: innen gezielt durch das Web-Interface geführt werden sollen. Weniger Optionen sollen so ‚entlasten‘ und schnelleres Navigieren ermöglichen. Andernorts wird deutlich, dass es auch weitaus pragmatischere Gründe für eine Beschränkung oder Ausweitung der Handlungsfähigkeit von Nutzer: innen geben kann. In Beispiel 1 (Tab. 51, unten) etwa weist der Entwickler darauf hin, dass eine aufwendigere technische Lösung (hier ein Chat, der nur für Translaville-Mitglieder zugänglich ist) einfach zu teuer sei. Gleichzeitig bleiben für Nutzer: innen jedoch dort Entscheidungs- und Hand‐ lungsräume gewahrt, wo es gerade um das selbstständige Handeln und um ein Einbringen der Einstellungen und Einschätzungen von Mitgliedern geht (vgl. Bsp. 2, Tab. 51). Diese sind häufig über Freitextfelder umgesetzt - beispielsweise für Übersetzungen, zum Kommentieren von Feedback oder zur Kommunikation mit einzelnen oder mehreren Mitgliedern. Der diachrone Blick auf die Daten zeigt, dass im Laufe der Zeit an einigen Stellen der Anwendungsoberfläche solche Freitextfelder zusätzlich ergänzt wurden, wo Nutzer: innen eben gerade eine mangelnde Handlungsmöglichkeit beklagten. Konkret der Fall war dies beispielsweise im Formular für Evaluierungen, wo nach und nach die Optionen ausgeweitet wurden: von einer Auswahlmöglichkeit, die auf ‚Ablehnen‘ und ‚Annehmen‘ von Übersetzungen beschränkt war, zu einer 10-Punkte-Skala für 404 8 Techniken <?page no="405"?> die Bewertung, bis hin zu einem zusätzlichen Kommentarfeld für Feedback - zunächst nur bei Ablehnen der Übersetzung, schließlich aber für abgelehnte und angenommene Übersetzungen (V129; I3, 00: 24: 28-00: 25: 05). Wie oben bereits diskutiert wurde (vgl. Kap. 8.3.2), dienen Zeichentechniken den Nutzer: innen von Translaville auch zur Konstruktion des Selbst bzw. der Zugehörigkeit zur Community. Auch dazu wird entsprechender Spielraum für individuelle Anpassungen, z. B. des eigenen Profils eröffnet (vgl. Bsp. 3, Tab. 51, unten). Neben eigenen Gestaltungsmöglichkeiten für reguläre Nutzer: innen (pri‐ mär in der Form von Texten wie z. B. Ausgangstexten, Übersetzungen, Kommentaren, Profiltexten etc.) werden auch Nutzer: innen in besonderen Rollen spezifische Interventionsmöglichkeiten eröffnet: Dazu gehören etwa Bewertungswerkzeuge und ein gesonderter Forenbereich für Expert: innen (vgl. Bsp. 4, Tab. 51) sowie die Möglichkeit für Administrator: innen oder den Entwickler, die Nutzer: innenrechte anderer einzuschränken (vgl. Bsp.-5, wo sich der Entwickler die Option vorbehält, die Registrierung neuer Mit‐ glieder auch abzulehnen). Solche Interventionsmöglichkeiten dienen dabei auch der Wahrung der Privatsphäre wie in Beispiel 6 und der Vermeidung einer missbräuchlichen Verwendung der Plattform: Beispiel 7 zeigt etwa die Möglichkeit für den Entwickler, auch private Nachrichten einzusehen, unter der Begründung, damit können Spammer: innen ausfindig gemacht werden. Beispiel 8 (Tab. 51) verweist auf die breiten Nutzer: innenrechte von Administrator: innen, die es, so hier ein Administrator, mit Bedacht und Zurückhaltung einzusetzen gelte. Kosten 1 „Ich habe hier eine kostenlose Lösung benutzt. Ich denke, wir bräuchten einen eigenen Chat-Server, um allen Mit‐ gliedern von [Translaville] einen privaten Zugang zum Chat zu ermöglichen. Aber ich brauche Zeit und vielleicht auch Geld - ich bin nicht sicher, ob diese Server kostenlos sind.“ (V087_004) Ermessensspiel‐ raum für die Nut‐ zer: innen 2 „Entwickler: Es verstößt gegen die Grundsätze von [Translaville] automatische Software zu verwenden. Du kannst eine Nachricht unter die abgelehnte Übersetzung posten, um [Nutzerin A] zu erklären, warum du so ent‐ schieden hast. […] Nutzerin B: Ich habe die Übersetzung schließlich akzep‐ tiert, allerdings mit einer sehr niedrigen Bewertung, und ich habe sie auch korrigiert. Das liegt daran, dass ich mir nicht 100%ig sicher war, dass sie eine ‚Übersetzungsma‐ schine‘ benutzt hat.“ (A002_001-002) 8.4 Handlungsfähigkeit und Handlungsspielräume 405 <?page no="406"?> Individualisierung 3 „Wo kann ich mein Bild ändern? Ich möchte auch etwas über mich schreiben, aber ich kann nicht sehen, wo ich das machen kann. Bitte lasst mich wissen, wie das geht. Einige Nutzer: innen haben [ein Symbol für Translaville] auf ihrem Bild. Wie komme ich zu so etwas? “ (V066_001) Interventions‐ möglichkeit 4 „Wir heißen unsere zwei neuen Türkisch-Expert: innen, [Nutzerin A] und [Nutzer B] willkommen. […] Ihr habt jetzt Zugriff zu einer Reihe neuer Werkzeuge. […] (A146_766) 5 „Your account has been created but has to be appro‐ ved. Please check your e-mail for details. An e-mail with an activation code will be sent to this address: [E-Mail-Adresse].“ (SCR, Registrierung, Nutzer: innen‐ profil, Versuch 1, 14.06.2018) Datenschutz 6 „Manchmal, wenn ich eine Nachricht sehe, die nicht privat ist, es aber sein sollte, kann ich sie bearbeiten und auf privat umstellen (zum Wohl und zur Sicherheit der Absender: innen).“ (A009_012) Schutz vor Missbrauch 7 „Von Zeit zu Zeit ist es gut, daran zu erinnern: Ich kann alle privaten Nachrichten lesen. Und ich lese sie die meiste Zeit nicht. Mein Ziel ist es, Spammer: innen aufzuspüren und nicht, private Details aus eurem Leben zu erfahren.“ (A009_001) 8 „Leute, der Schraubenschlüssel [Symbol für Administra‐ tor: innen-Status] ist zwar nur ein Werkzeug. Bei Miss‐ brauch kann er aber zu einer Waffe werden. OK, das ist vielleicht eine alberne Metapher, aber ich denke, es ist gut, das im Hinterkopf zu behalten. Der Job von Admins ist so nützlich wie gefährlich: Geht vorsichtig mit ihm um! “ (A146_457) Tabelle 51: Übersicht über unterschiedliche Gründe für die Ausweitung oder Einschrän‐ kung der Handlungsfähigkeit von Nutzer: innen 8.5 Zwischenfazit: Techniken Dieser Abschnitt hat zunächst gezeigt, dass die übersetzerischen Praxen auf Translaville auf unterschiedliche körperliche, objekthafte und zeichenbasierte Handlungsträger verteilt sind. Nicht alles Handeln erfolgt dabei jedoch in vorrangig technisierter Form. Je nachdem, wie stark routinisiert Handlungen erfolgen, inwieweit sie in fixierte Form gebracht worden sind und damit wiederholt auf weitgehend gleiche Weise reproduzierbar sind, haben sie mehr oder weniger ausgeprägt 406 8 Techniken <?page no="407"?> technischen Charakter. Die im vergangenen Abschnitt vorgestellte Analyse hat dabei ein gewisses Spannungsfeld zwischen Technisierung und Subjektivie‐ rung in den übersetzerischen Praxen auf Translaville offenbart: Zwar sind die Übersetzungspraxen auf Translaville durchwegs technikvermittelt. Dennoch verstehen die Nutzer: innen Übersetzen vor allem als kreatives Gestalten, als nie ganz abgeschlossenen, vielschichtigen, höchst subjektiven Prozess, der über die entsprechenden Freitextfelder zum Teil auch tatsächlich so umsetzbar ist (vgl. im Gegensatz dazu aber die Einschränkungen der übersetzerischen Handlungs‐ autonomie aufgrund der Vorgabe der Längenentsprechung zwischen Ausgangs- und Zieltext). Daneben konnten in Bezug auf unterschiedliche Aktivitäten in der Community auch weitere Prozesse beobachtet werden, bei denen das Subjektive, Persönliche, Einmalige und Wandelbare im Vordergrund stehen: Beispiele dafür sind etwa die oben erwähnten, höchst individuell gestalteten Nutzer: innen-Profile oder verschiedenen Formen von ‚Bastel-Arbeiten‘ für andere (seien sie nun digitaler Natur, wie etwa Videocollagen, oder analoger Natur, wie eigens gestaltete Postkarten). Solche Gestaltungsformen scheinen den Mitgliedern insbesondere zur Selbstrepräsentation oder zur Herstellung engerer Bezüge zu anderen sowie zur Community zu dienen. Dennoch sind selbst diese Handlungen alle in irgendeiner Weise an Techni‐ ken geknüpft. Wie oben dargestellt wurde, sind alle Praxen auf Translaville nur über Zeichentechniken für alle Mitglieder erfahrbar. Zu beobachten war dabei, dass im Laufe der Zeit sogar noch mehr Handlungen auf Techniken verlagert wurden (als umgekehrt Handlungen stärker für menschliche Interventionen geöffnet): Dies scheint insbesondere mit dem Wunsch zu tun zu haben, inmit‐ ten der schwer überschaubaren Datenmenge und Vielzahl von Abläufen und Kontakten auf Translaville, Information vorzusortieren und repetitive Prozesse zu automatisieren. In solchen Fällen scheinen die Nutzer: innen von Translaville auch gerne Teile ihrer Handlungsautonomie an technische Lösungen abzutre‐ ten. Immerhin bleibt ihnen somit mehr Zeit, um sich dem Übersetzen, dem Austausch untereinander, oder jenen Betätigungsfeldern zu widmen, in denen ihre persönliche Einschätzung und Intervention gefragt sind. Im Fokus stand bei der Analyse der Techniken auf Translaville insbeson‐ dere die Rolle der Zeichentechniken. Diese liefern im Fall von Translaville eine über räumliche und zeitliche Beschränkungen hinweg für alle nutzbare Schnittstelle zur individuellen und kollektiven Teilnahme an den gemeinsamen Übersetzungspraxen. Die anderen Trägermedien traten in den Konversationen der Nutzer: innen nur in bestimmten Fällen in den Vordergrund: im Negativen, wenn es ihr Scheitern zu bemängeln galt; im Positiven vor allem deshalb, weil 8.5 Zwischenfazit: Techniken 407 <?page no="408"?> physischen Objekten offenbar eine besondere Bedeutung als Brücke zwischen der Online- und Offline-Sphäre zugeschrieben wurde. Deutlich wurde auch, dass die Techniken auf Translaville auf vielfältige Weise Bedeutungen und Wirkungen jenseits des für sie intendierten Zwecks entfalten (vgl. dazu die in Kap. 3.3.3.1 vorgestellten Untersuchungsebenen). Die verschiedenen technischen Elemente, die im vergangenen Abschnitt untersucht wurden, sind nicht einfach neutrale, passive Artefakte. Ihnen kommt im sozio‐ technischen Gefüge von Translaville eine weitaus umfassendere Rolle zu als die von bloßen Mitteln zum Zweck: Techniken dienen auf Translaville nicht nur dazu, Übersetzungsprozesse oder den Austausch darüber zu ermöglichen. Sie werden auch zur Konstruktion von Zugehörigkeit oder Zusammengehörigkeit in der Gemeinschaft eingesetzt. Beispiel dafür ist etwa das Entstehen verschiedener Community-Symbole, die auf unterschiedliche Art und Weise in der Plattformstruktur integriert sind. Sol‐ che Prozesse zur Konstruktion von Zugehörigkeit oder Zusammengehörigkeit lassen sich auch auf individueller Ebene nachzeichnen. Die starke Personali‐ sierung der persönlichen Plattformbereiche, die Forderung nach Variation in der Farbgestaltung von Translaville oder das Aufgreifen von Community-Sym‐ bolen in den Profilen einzelner Mitglieder lassen hier etwa einen gewissen Wunsch nach Aneignung der gemeinsamen Techniken durch die einzelnen Mitglieder vermuten. Auch der mitunter heftige Widerstand gegen Änderungen im technischen Design der Plattform ist ein Beispiel dafür, dass Fragen der Gruppenidentität über das technische Design verhandelt werden. In diesem Kontext hat sich außerdem gezeigt, dass die Mitglieder unterschiedlichste Emotionen - von Ärger, Frustration und Hilflosigkeit über Freude, bis hin zu Nostalgie oder Stolz etc. - auf die verschiedenen Techniken projizieren. Auf Translaville dienen Techniken außerdem - bewusst und unbewusst - zur Fixierung sozialer Beziehungen und zur Fortschreibung von Machtver‐ hältnissen. Dies wird einerseits dadurch sichtbar, dass Mitglieder mit beson‐ deren Nutzer: innen-Rollen (z. B. Expert: innen, Administrator: innen) über weit‐ reichenderen Einfluss auf die technische Struktur zu verfügen (z. B. mehr Bearbeitungsmöglichkeiten, Zugang zu zusätzlichen Plattformbereichen etc.). Die formalen Hierarchien in der Community sind also an Fragen der Hand‐ lungsfähigkeit in einem mehr oder weniger eng gesteckten technischen Rahmen geknüpft. Andererseits wird Nutzer: innen in besonderen Rollen, oder Nutzer: in‐ nen, die sich besonders um die Community verdient gemacht haben, über spezifische Zeichentechniken (z. B. Symbole im Profil, farbliche Hervorhebun‐ gen etc.) besondere Sichtbarkeit in der Community verschafft. In einer sonst 408 8 Techniken <?page no="409"?> wohl unübersichtlichen, relativ anonymen Online-Community werden solche Zeichentechniken damit zu Statussymbolen. Dass Techniken Ausdruck sozialer Agenden sein können, wird auch darin sichtbar, dass anhaltende Probleme irgendwann nicht weiter zur Debatte ge‐ stellt, sondern ‚technisch gelöst‘ werden. Werden Handlungen in technische Form überführt, so wird damit ‚von oben‘ festgelegt, wie diese vonstatten zu gehen haben. Individuellen Nutzer: innen steht damit weniger Freiheit in der Gestaltung der konkreten Praxis offen - und auch die konkrete Form der betreffenden Technik ist von den einzelnen Übersetzer: innen nicht veränderbar. Es hat sich gezeigt, dass man sich dies auf Translaville unter anderem dort zu‐ nutze macht, wo man auf eine bestimmte Weise auf das Nutzer: innen-Verhalten einwirken möchte, etwa wenn als missbräuchlich empfundenes Verhalten durch eine technische Lösung verhindert werden soll (vgl. dazu auch Kap. 7.2.2). Damit werden bestimmte Agenden in technische Formen eingeschrieben. Die auf diese Weise technisch privilegierten Handlungsmöglichkeiten werden gleichzeitig dauerhafter und schwerer zu umgehen als Handlungsoptionen, die bloß im Aus‐ tausch untereinander vereinbart und dem Ermessen der einzelnen Nutzer: innen überlassen werden. Allerdings hat nur der Entwickler der Gruppe wirklich die Autorität, die gemeinsame Plattform entsprechend technisch umzugestalten (wenn auch auf Vorschlag der Community), und nur ein kleiner Kreis technisch versierter Mitglieder in spezifischen Nutzer: innen-Rollen (Super-Administra‐ tor: innen, Administator: innen) ist an der laufenden technischen Betreuung der Plattform beteiligt. Deutlich wurde auch, dass auf Translaville eine ganze Reihe von Aufgaben von Techniken erleichtert oder überhaupt an diese delegiert wird: Als zentral stellten sich in diesem Zusammenhang etwa die Möglichkeit zur Dateneingabe, zum Speichern von Inhalten, zur Repräsentation von Informationen sowie zur Automatisierung heraus. Damit waren Techniken zentral an der Vorstrukturie‐ rung von Informationen, der Reduktion von Optionen, der Standardisierung von Prozessen, der Verkürzung von Handlungsketten, der Hervorhebung bestimm‐ ter Informationen und damit auch der Lenkung von Aufmerksamkeit beteiligt. Ein differenzierter Blick auf Fragen der Handlungsautonomie führt außerdem vor Augen, dass sowohl menschliche als auch nicht-menschliche Akteure in unterschiedlichen Situationen und Handlungskonstellationen über eine ver‐ schieden starke Handlungsfähigkeit verfügen können. Die Daten aus der hier durchgeführten Studie haben außerdem bestätigt, was oben in theoretischen Linien bereits dargestellt wurde: dass nämlich auch menschliche Akteur: innen nicht in allen Kontexten immer über das höchste Maß an Handlungsfähigkeit verfügen müssen. So sehen sich die Nutzer: innen von Translaville etwa oft 8.5 Zwischenfazit: Techniken 409 <?page no="410"?> an vorgegebene technische Strukturen gebunden. Es sei denn, sie entscheiden sich, die gewünschte Handlung doch nicht zu setzen oder sie arbeiten um Einschränkungen herum. Es hat sich jedoch auch gezeigt, dass nicht alle Mitglieder im gleichen Ausmaß von eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten betroffen sind. Nutzer: innen mit besonderen Rollen, wie etwa Expert: innen, vor allem aber die Administra‐ tor: innen haben oft weitgehendere Nutzungsberechtigungen. Der Entwickler ist außerdem in der Lage, die technische Grundstruktur zu verändern. Zugang zur Administrator: innen-Rolle haben allerdings in erster Linie Nutzer: innen mit der entsprechenden technischen Expertise. Somit besteht in der Community eine gewisse Ungleichverteilung der Handlungsautonomie zwischen den ‚blo‐ ßen‘ Übersetzer: innen auf einer Seite und den technisch besonders versierten Mitgliedern auf der anderen. Die oben besprochenen Verflechtungen zwischen Vorstellungen, Praxen und Techniken im soziotechnischen Gefüge von Translaville betreffen nicht nur die Techniknutzung, sondern auch die ständig wiederkehrenden Prozesse der technischen Entwicklung, Neu- und Umgestaltung. Eine analytische Trennung der Phasen der Entwicklung und Nutzung von Techniken erscheint also kaum realisierbar. Der Blick auf den breiteren Werdegang von Techniken, der in tech‐ nografischen Studien angestrebt wird, hat sich somit als lohnend herausgestellt. Die Untersuchung der Gründe für eine bewusste Einschränkung oder Aus‐ weitung der menschlichen Handlungsautonomie zeigt ein gewisses Spannungs‐ feld zwischen dem Streben nach Standardisierung, Vereinfachung, Intuitivität der Nutzung und Automatisierung repetitiver Aufgaben einerseits und dem Wunsch nach mehr Interventions- und Gestaltungsräumen auf der anderen Seite. Der Handlungsspielraum der Nutzer: innen von Translaville wird in diesem Spannungsfeld laufend neu ausverhandelt. 410 8 Techniken <?page no="411"?> 9 Schlussfolgerungen Eingangs wurde die Frage gestellt, auf welche Weise in den auf Translaville realisierten Übersetzungspraxen Handeln, Vorstellungen und Techniken mit‐ einander verwoben sind und welchen Einfluss dies auf Fragen der übersetze‐ rischen Agency hat. Zur Beantwortung dieser Frage sollen im Folgenden die zentralen Erkenntnisse dieser Untersuchung noch einmal zusammengeführt und diskutiert werden. Zunächst lässt sich festhalten, dass die Studie gezeigt hat, wie Handeln bzw. Agency auf Translaville auf vielschichtige Art und Weise verteilt sind: An den in der Übersetzungscommunity realisierten Handlungen sind (1) mehrere Handlungsträger: innen beteiligt; sie erstrecken sich über (2) zahlreiche ver‐ schiedene Handlungsakte; und sie sind in (3) mehrere - und verschiedenartige - Handlungsmedien eingeschrieben. 9.1 Die Verteiltheit der Übersetzungspraxen auf verschiedene Handlungsträger: innen Ähnlich wie in dem in Kapitel 2.2.5 diskutierten Konzept der ‚collaborative translation‘ treten auf Translaville unterschiedlichste Akteurskonstellationen und ein verschieden großes Ausmaß an Gemeinschaftlichkeit in unterschiedli‐ chen Phasen des Übersetzungsprozesses zu Tage. Gemeinschaftlichkeit bedeutet im Fall von Translaville jedoch in den wenigsten Fällen auch wirklich die gleichzeitige Arbeit mehrerer Nutzer: innen an demselben Zieltext(-segment). Vielmehr besteht gemeinschaftliches Übersetzen hier eher in der aufeinander‐ folgenden Beteiligung unterschiedlicher Mitglieder in verschiedenen Phasen des Übersetzungsprozesses (z. B. Beauftragung von Übersetzung; Verfassen von Zieltext; Diskutieren und Vereinbaren von Überarbeitungsvorschlägen, oft im Zuge mehrerer Feedbackschleifen) - bis es am Ende zu einer Entschei‐ dung kommt und ein: e Expert: in eine finale Version des Zieltexts freigibt. Anders als in anderen Beispielen gemeinschaftlicher Übersetzung, die bisher Gegenstand translationswissenschaftlicher Studien wurden (z. B. Wikipedia, vgl. Jones 2018b: 111; siehe auch Kap. 2.3.3), gibt es auf Translaville also durchaus einen Zeitpunkt, zu dem eine Übersetzung als fertig erklärt wird. Das liegt daran, dass diese Autorität auf Translaville, anders als etwa im Beispiel von Wikipedia, einer bestimmten Nutzer: innen-Gruppe (den Expert: innen) einge‐ räumt wird. Auffallend ist dabei, dass Nutzer: innen durchaus die Möglichkeit <?page no="412"?> offensteht, in unterschiedlichen Phasen von Übersetzungen auf eine Weise aktiv zu werden, die über den vorgesehenen Standardprozess für Übersetzungen (also Beauftragung - Übersetzung - Evaluierung - Freigabe) hinausgeht: Sie können sich entscheiden, bei bestehenden Übersetzungen eigenständig einen Zieltext in einer weiteren Sprache anzufertigen (auch wenn eine Übersetzung in diese Sprache nie angefordert wurde); sie können bei den Übersetzungen anderer Mitglieder unaufgefordert Verbesserungsvorschläge liefern, sich an Diskussionen zu den Themen von Texten beteiligen und unternehmen dazu aus reinem Interesse oft sogar intensive weiterführende Recherchen; und sie können Texte hochladen, um diese dann auch selbst zu übersetzen und Feedback dazu zu erhalten. Diese Möglichkeiten zur Eigeninitiative von Nutzer: innen sind typisch für ‚Prosumer: innen‘-Kulturen im Web 2.0 (vgl. Kap. 2.2.4) und verweisen auf ein weitaus flexibleres Rollenverständnis als in traditionellen Übersetzungsge‐ fügen. Es geht nicht nur darum, eine Übersetzung zu produzieren, damit diese dann von jemand anderen gelesen bzw. in einem spezifischen Kontext eingesetzt werden kann. Vielmehr scheint diese Form der außerberuflichen Translation den Übersetzer: innen auch dazu zu dienen, eigene kreative Arbeiten unter Gleichgesinnten zur Diskussion zu stellen, sprachliches Feedback zu erhalten, die Community mit eigenen Ausgangstexten auf bestimmte Themen, Textsorten oder kulturelle Phänomene aufmerksam zu machen, und durch Textvorschläge wiederum zur Aktivität in der Gruppe beizutragen. Die Rollen sind so mitunter fluider als in traditionellen Übersetzungsgefügen oder neu verteilt: Mitglieder können mal die Rolle von Auftraggeber: innen bzw. Initiator: innen mal die von Übersetzer: innen oder Evaluierenden übernehmen; zuweilen können Auftrag‐ geber: in bzw. Initiator: in und Übersetzer: in in einem Übersetzungsprozess sogar ein und dieselbe Person sein; und oft werden Ausgangstexte nur hochgeladen, um der Community ausreichend Material für die gemeinsamen Aktivitäten zu liefern. Anlass für die Initiation von Übersetzungen ist also nicht immer der Gedanke, diese letztlich irgendwo zur Anwendung zu bringen. Auch wenn die Rollen auf Translaville also wandelbarer sind als in traditionellen Übersetzungs‐ kontexten - sie sind auch in diesem Kontext soziale Konstrukte: Die Analyse der Vorstellungen rund um diese Nutzer: innen-Rollen hat offenbart, welche Grenzziehungsprozesse die Community vornimmt (z. B. zwischen regulären Mitgliedern, Power-User: innen, Expert: innen und Administrator: innen oder sogar Super-Administrator: innen), wer aufgrund welcher Konstruktionen von ‚Befähigung‘ oder welches Status in der Community weitreichendere Hand‐ lungsbefugnisse erhält und bei welchen Aufgaben man also - weil sie nur von Nutzer: innen in besonderen Rollen übernommen werden dürfen - davon ausgehen kann, dass die Community diesen eine gewisse Priorität einräumt 412 9 Schlussfolgerungen <?page no="413"?> (etwa der Evaluierung von Übersetzungen, dem Ablehnen von Ausgangstexten oder Sanktionieren von Regelverstößen). 9.2 Die Verteiltheit der Übersetzungspraxen auf verschiedene Handlungsakte Anders als im Konzept der ‚collaborative translation‘ lenkt das Konzept der ‚Verteiltheit von Agency‘ den Blick auch auf die Verteiltheit von Praxen auf ver‐ schiedenste Handlungsakte: Dass sich die Übersetzungspraxen auf Translaville über verschiedene Teilhandlungen erstrecken, ist freilich keine neue Erkenntnis. Immerhin wurden in unterschiedlichen translationswissenschaftlichen Ansät‐ zen immer schon unterschiedlich breite Konzepte des Übersetzungsprozesses - mit einer mehr oder weniger feinen Gliederung typischer Teilprozesse des Übersetzens - zur Debatte gestellt. Das Besondere an dieser Studie ist hingegen, dass hier nicht nach vorab definierten, idealtypischen Teilprozessen des Überset‐ zens gesucht wurde. Vielmehr offenbarte die Analyse der Plattformelemente und der kollektiven Austauschprozesse auf Translaville, wie die Community selbst Teilprozesse des Übersetzens definiert und implementiert. Dabei wurde deutlich, welche Prozesse mit der Zeit von der Community eingerichtet wurden, in welchen Teilbereichen diese im Laufe der Zeit wie stark ausdifferenziert wurden, und aus welchen Gründen diese Prozesse (im Zuge ihrer Überführung in technikvermittelte Abläufe) für alle Mitglieder in einer standardisierten Form fixiert wurden. Es konnte etwa gezeigt werden, wie vielfältig die unter‐ schiedlichen Teilprozesse sind, die nach und nach auf Translaville eingerichtet wurden (z. B. die Bestätigung der Vollständigkeit der Übersetzung, die Abfrage der Einhaltung von ‚Übersetzungsregeln‘, die Einrichtung eines alternativen Evaluierungsprozesses in Form einer Umfrage, die Übermittlung von Korrek‐ turvorschlägen an Übersetzer: innen oder die Verständigung über die Freigabe einer fertigen Übersetzung). Außerdem konnte nachgezeichnet werden, wie die Übersetzungsprozesse damit in immer spezifischere, kleinteiligere Arbeits‐ schritte unterteilt wurden, die zum Teil vom übersetzenden Mitglied erledigt werden konnten, zum Teil hingegen ausschließlich Nutzer: innen in besonderen Rollen anvertraut wurden. Schließlich konnte beobachtet werden, dass für einzelne Prozesse im Laufe der Zeit Varianten entwickelt wurden, z. B. die unter‐ schiedlichen Übersetzungsprozesse für reguläre Anfragen, für die Online-Um‐ gebung oder für Sprachdateien im Übersetzungsprojektbereich, womit man den spezifischen Herausforderungen des jeweiligen Ausgangsmaterials bzw. deren Einsatzzwecken Rechnung zu tragen versuchte. In der Gestaltung und Weiterentwicklung der gemeinsamen Übersetzungspraxen ist also ein gewisses 9.2 Die Verteiltheit der Übersetzungspraxen auf verschiedene Handlungsakte 413 <?page no="414"?> Spannungsverhältnis zwischen Standardisierung bzw. zentraler Kontrolle über die Prozesse einerseits und einem Wunsch nach einer gewissen Anpassbarkeit der Prozesse an bestimmte Situationen und Anwendungskontexte andererseits zu beobachten. Wie Cordingley und Frigau-Manning (2017b: 2; vgl. Kap. 2.2.5) in Bezug auf einen Großteil heutiger Übersetzungspraxen feststellen, haben auch die Mitglie‐ der von Translaville, die sich in verschiedenen Rollen an einer Übersetzung be‐ teiligen, durch den gemeinschaftlichen Charakter der Übersetzungsprozesse nur provisorische Autorität über die jeweiligen Texte. Gerade diese Verteiltheit von Autorität bzw. Verantwortung birgt jedoch, wie ebenfalls gezeigt wurde, ihre eigenen Schwierigkeiten, nämlich dann, wenn die starke Arbeitsteilung dazu führt, dass Übersetzungsprojekte für einzelne Mitglieder zu stark dekontextu‐ alisiert werden und ethische Risiken (z. B. die missbräuchliche Verwendung von Zieltexten) damit schwerer einschätzbar werden. Trotz der Verteiltheit des Handelns auf mehrere Handlungsakte und Handlungsträger: innen werden die Beiträge Einzelner auf Translaville - anders als bei Dombek (2014: 27 f.) - jedoch nicht unsichtbar. Gerade Sichtbarkeit und Anerkennung für den Beitrag Einzelner scheinen in der potenziellen Anonymität bzw. Unübersichtlichkeit einer sehr mitgliederstarken Community wie Translaville sogar zu einer sym‐ bolischen Währung zu werden, was man sich auch aktiv bei der Gestaltung des Plattformdesigns zunutze macht (z. B. durch sog. Gamification-Elemente oder aufmerksamkeitslenkende Design-Elemente, die zur aktiveren Teilnahme an den Übersetzungspraxen motivieren sollen). Auffallend auf Translaville war außerdem, dass die gemeinschaftlichen Ak‐ tivitäten in der Community nicht nur auf unterschiedlichste Handlungsakte des Übersetzens, sondern auch auf vielfältige Praxen des Austauschs sowie des Aufbaus einer Community-Kultur (z. B. Mitglied und Teil der Community werden, Konstruktion von Zugehörigkeit, Entwicklung gemeinsamer Symbole, Signalisieren von Zusammengehörigkeit als Gruppe) verteilt sind. Gerade diese Interaktionen miteinander und das aktive Mitgestalten der Community wur‐ den von den Mitgliedern von Translaville als zumindest ebenso wesentliche Elemente ihrer Aktivitäten auf Translaville wahrgenommen wie die Überset‐ zungsaktivitäten - immerhin werden die Übersetzer: innen von Translaville erst dadurch wirklich Teil eines kollektiven Projekts. Die Konsequenz daraus ist, dass das Verhandeln unterschiedlicher Vorstellungen und Erwartungen besonders relevant und somit zentraler Teil des Geschehens wird. 414 9 Schlussfolgerungen <?page no="415"?> 9.3 Die Verteiltheit der Übersetzungspraxen auf verschiedene Handlungsmedien Schließlich hat sich gezeigt, dass Handeln auf Translaville auch auf verschieden‐ artige Handlungsträger: innen bzw. Handlungsmedien verteilt ist. Zentral für diese Forschungsarbeit war freilich die Einbettung der übersetzerischen Praxen in Zeichensysteme (also insbesondere die virtuelle Plattform von Translaville). Dabei konnte gezeigt werden, dass das Medium der Zeichensysteme bestimmte Eigenschaften hat, durch die die mit ihnen ausgeübten Praxen geformt oder mitgestaltet werden: Zeichenhafte Medien wie Eingabeformulare können so gestaltet werden, dass nur bestimmte Handlungen mit ihnen möglich sind; virtuelle Übersetzungspunkte können einen numerischen Wert ausdrücken und sind damit kumulierbar; Text- und Auswahlfelder erlauben die Eingabe und mitunter auch Vorstrukturierung von Informationen; virtueller Text ist speicher- und durchsuchbar, ermöglicht jedoch auch die Repräsentation von Text und Symbolen und dient damit auch zur Konstruktion von Zugehörigkeit bzw. Zusammengehörigkeit; bestimmte Funktionen wie Benachrichtigungen oder Suchabfragen sind automatisierbar und können so auch zur Lenkung der Aufmerksamkeit der Nutzer: innen eingesetzt werden. Die vorrangige Ein‐ bettung der übersetzerischen Praxen auf Translaville in solche zeichenhaften Medien hat somit zur Folge, dass bestimmte Handlungen erleichtert und andere erschwert werden - was sich unweigerlich darauf auswirkt, wie die übersetze‐ rischen Praxen insgesamt gestaltet sind. So hat sich etwa gezeigt, dass die spezi‐ fische technische Ausgestaltung des Übersetzungsinterface auf Translaville den Gestaltungsspielraum der Übersetzer: innen in einigen wesentlichen Punkten einschränkt: Unmöglich oder zumindest umständlich werden so etwa größere gestalterische Eingriffe beim Übersetzen, wie etwa das Umstrukturieren, Kürzen oder Adaptieren von Zieltexten, genauso wie das Unterbrechen und spätere Fortsetzen der Arbeit an Übersetzungen oder das gemeinsame Übersetzen an einem Text mit einer weiteren Person. Auch wenn der hier gewählte methodische Zugang (abgesehen von den Aufzeichnungen im Rahmen der teilnehmenden Beobachtung) kaum Einblick in die körperliche und physische Vermittlung der Praxen auf Translaville erlaubt hat und der Fokus somit unweigerlich stärker auf Zeichentechniken lag, wurde dennoch klar, dass Körper, physische Objekte und zeichenhafte Schemata untrennbar miteinander verbunden sind und diese je nach Handlung jeweils unterschiedlich stark handlungsbeteiligt sind: Auch gemeinschaftsba‐ sierte Übersetzung im Internet erfolgt nicht ausschließlich virtuell, sondern wird von leiblich vor ihren Bildschirmen anwesenden Menschen realisiert. Ohne die verschiedenen, physisch von den Übersetzer: innen bedienten Geräte 9.3 Die Verteiltheit der Übersetzungspraxen auf verschiedene Handlungsmedien 415 <?page no="416"?> (z. B. PC, Maus, Tastatur, Router) wären die Übersetzungspraxen für die Mit‐ glieder von Translaville nicht durchführbar. Auffallend war dabei, dass die Wahrnehmung von Translaville als ausschließlich virtuellem Raum für die Nutzer: innen offenbar so ausgeprägt war, dass sie ihre physische Umgebung und die körperliche Realisierung der Übersetzungspraxen meist erst dann themati‐ sierten, wenn etwas daran nicht ‚funktionierte‘ (z. B. ermüdende Mausbewegun‐ gen und Klickroutinen, unergonomische Arbeitsplätze und damit verbundene Verspannungsschmerzen; Serverabsturz oder Routerdefekt, eine mangelhafte Darstellung von Translaville am mobilen Endgerät). Eine Ausnahme bildeten einige wenige Verweise auf bestimmte physische Objekte (z. B. Blumenstrauß, Postkarten), die für die Mitglieder neben ihren virtuellen Interaktionen eine besondere Bedeutung zu entfalten schienen. Gerade das Physische bzw. Analoge schien im Austausch zwischen den Mitgliedern von Translaville einen beson‐ deren Stellenwert einzunehmen und für sie verstärkte persönliche Nähe zu anderen Nutzer: innen zu signalisieren. 9.4 Fragen soziotechnischer Agency Die beschriebene Verteiltheit von Agency hat durchaus Konsequenzen im soziotechnischen Gefüge von Translaville: Wenn Agency durch Designänderun‐ gen zwischen den vorrangig beteiligten Handlungstragenden, also z. B. vom Menschen auf die Maschine oder umgekehrt, verschoben wird, verändert sich dabei mitunter auch der Grad der Technisierung der betreffenden Handlungen - und damit deren Robustheit bzw. Standardisierungsgrad. Die Analyse ergab dabei, dass eine solche Verlagerung von Agency zwischen verschiedenen Medien aus unterschiedlichen, oft konkurrierenden Anlassfällen vorgenommen wird, um menschlichen Nutzer: innen im konkreten Fall entweder mehr oder weniger Handlungsspielraum einzuräumen. Eine technische Reduktion der Handlungsoptionen für Nutzer: innen lag in vielen Fällen etwa in der Absicht begründet, die Nutzer: innen zu entlasten oder ihnen mehr Bedienkomfort zu bieten. Oft stand auch der Wunsch im Vordergrund, die Arbeitsprozesse stärker zu standardisieren, womit man die Abläufe auf Translaville teilweise auch transparenter gestalten wollte. Die Automatisierung verschiedener Arbeitsprozesse sollte bei der Bewältigung überbordender Datenmengen unterstützen, um so gerade den eigentlich in ihrer Freizeit auf Translaville tätigen Nutzer: innen mehr Raum für diejenigen Aktivitäten freizumachen, die sie am lohnendsten empfinden - also in der Regel das gemeinsame Übersetzen und den Austausch untereinander. Dabei kam es interessanterweise gerade auch bei einem solchen außerberuflichen, 416 9 Schlussfolgerungen <?page no="417"?> ehrenamtlichen Projekt zu bestimmten Formen der Rationalisierung bzw. In‐ dustrialisierung von Arbeitsprozessen. Im Gegensatz dazu konnte eine ganze Reihe von Fällen beobachtet werden, in denen man sich bewusst für einen Verbleib der Handlungsfähigkeit bei den menschlichen Nutzer: innen entschied: Dabei ging es meistens darum, entweder allen oder bestimmten Nutzer: innen eine Interventionsmöglichkeit einzuräu‐ men, etwa um missbräuchliches Verhalten ahnden oder bei unzureichender Wahrung der Privatsphäre von Nutzer: innen eingreifen zu können. In einem Großteil der Fälle entschied man sich für eine Verlagerung von Agency auf die menschlichen Akteur: innen jedoch dann, wenn diesen eine Möglichkeit zur Individualisierung ihrer Beiträge auf Translaville zur Verfügung gestellt oder ihnen ein höheres Maß an Selbstbestimmung eingeräumt werden sollte. Dennoch zeigte sich auch (oder vielleicht sogar gerade) bei einer außerberuf‐ lichen Online-Plattform wie Translaville, dass nicht alle Entscheidungen für eine Designänderung primär davon abhängig gemacht wurden, was diese für die Nutzer: innen leisten würden. Oft lagen sie eher in einem Kosten-Kalkül begründet: Manche Prozesse hätten sehr wohl technisch vereinfacht bzw. automatisiert werden können, hätten aber die Anmietung zusätzlicher Server erfordert und somit von einer nicht-profitorientierten Plattform nicht tragbare Kosten verursacht. Der Handlungsspielraum der Nutzer: innen von Translaville wird also in diesem Spannungsfeld zwischen dem Streben nach Standardisie‐ rung, Vereinfachung, Intuitivität der Nutzung und Automatisierung einerseits und dem Wunsch nach mehr Interventions- und Gestaltungsräumen oder einer vorteilhafteren Kosten-Nutzen-Abwägung andererseits ständig neu ausverhan‐ delt. 9.5 Die Rolle von Vorstellungen und Sinnkonstruktionen Neben Fragen des Handelns wurde in dieser Untersuchung auch den Vorstel‐ lungen und Sinnkonstruktionen der Übersetzer: innen von Translaville beson‐ dere Aufmerksamkeit geschenkt. Von Interesse waren sie hier insbesondere deshalb, weil davon ausgegangen werden kann, dass die Vorstellungen der Übersetzer: innen von Translaville weder besonders stark von beruflichen Über‐ setzungskonzepten noch von einer bestimmten gemeinsamen Agenda (wie z. B. bei humanitären außerberuflichen Übersetzungsinitiativen) zentral beeinflusst sind. In der translationswissenschaftlichen Forschung hat man sich den Über‐ setzungskonzepten von Mitgliedern einer solchen Übersetzungscommunity, in der Übersetzen bis zu einem gewissen Grad Selbstzweck ist, bislang noch nicht 9.5 Die Rolle von Vorstellungen und Sinnkonstruktionen 417 <?page no="418"?> im Detail beschäftigt. Im Sinne der hier verfolgten theoretischen Perspektive waren Vorstellungen und Praxen außerdem gemeinsam zu betrachten, weil gerade die vielschichtigen Bedeutungsmuster und Sinnzuschreibungen rund um eine Praxis deren Ausübung erst möglich machen. Die Analyse der Diskussionen zwischen den Mitgliedern von Translaville hat dabei deutlich gemacht, dass viele ihrer Vorstellungen rund um das Übersetzen und ihre gemeinschaftlichen Akti‐ vitäten erst in der Interaktion miteinander und im Umgang mit den technischen Plattformstrukturen gemeinschaftlich konstruiert werden. Gerade die Gemein‐ schaftlichkeit der Übersetzungspraxen auf Translaville erfordert und befördert somit Aushandlungsprozesse darüber, was Übersetzen für die Nutzer: innen bedeutet, wie die Mitglieder der untersuchten Übersetzungscommunity ihre Übersetzungsaktivitäten konstruieren, welche Rolle diese in ihrem Alltag spie‐ len, welche Prioritäten die Nutzer: innen in Bezug auf übersetzerische Prozesse und deren Organisation formulieren, welche Vorstellungen und Kriterien die Mitglieder an fertige Übersetzungen anlegen und welche Erwartungen sie an andere Nutzer: innen stellen. 9.6 Die Bedeutung des Übersetzens für die Nutzer: innen Wie vielschichtig die Rolle ist, die eine Übersetzungscommunity wie Transla‐ ville für Amateur-Übersetzer: innen einnehmen kann, zeigte zunächst die Un‐ tersuchung der Bedeutungen, die die Nutzer: innen ihren Übersetzungspraxen zuschreiben: Zentral ist dabei die Vorstellung der gemeinsamen Übersetzungs‐ aktivitäten als Ehrenamt. Das geht so weit, dass ein nicht unerheblicher Teil der Mitglieder jegliche Anspielung auf einen möglichen beruflich verwertbaren Nutzen der auf Translaville gewonnenen Übersetzungserfahrung bereits als Bruch mit den Grundprinzipien der Community wertet. Interessant waren außerdem zwei weitere, scheinbar entgegengesetzte Wahrnehmungen von Übersetzen auf Translaville: nämlich einerseits die Vorstellung von Übersetzen als Arbeit, andererseits die Wahrnehmung der Übersetzungsaktivitäten als Spiel, Spaß oder sogar Sucht. Allerdings ist dieses Erodieren der Grenze zwischen Arbeit und Spiel ein typisches Phänomen kultureller Produktionsprozesse im Web 2.0 und wirft als solches die auch in den Community-Diskussionen durchaus präsente, zentrale Frage zum (symbolischen oder materiellen) Wert übersetzerischer Praxen auf. Letztlich konnten aber nicht nur diese etwas abstrakteren Vorstellungen vom Übersetzen darüber Aufschluss geben, welche Sinnkonstruktionen den Übersetzungspraxen auf Translaville zugrunde liegen bzw. diese letztlich auch 418 9 Schlussfolgerungen <?page no="419"?> formen. Als höchst relevant für die Gestaltung der Übersetzungspraxen stell‐ ten sich außerdem die persönlichen Motivationen der Nutzer: innen und ihre Erwartungen an die Community bzw. an das Verhalten anderer heraus: Neben stärker eigennützigen Beweggründen (z. B. die Möglichkeit, selbst Übersetzun‐ gen anzufordern; das Verbessern der eigenen Sprachkenntnisse), scheinen für die Nutzer: innen auch sprachbzw. übersetzungsbezogene Beweggründe (z. B. Spaß am Arbeiten mit Sprachen, am gemeinsamen Feilen an Übersetzungen), bis hin zu communitybezogenen Motivationen (z. B. die Beteiligung an einem Gemeinschaftsprojekt, der Austausch mit Gleichgesinnten) und altruistische Motivationen (z. B. der Wunsch, anderen zu helfen und die eigene Freizeit sinnvoll zu verbringen) wesentlich zu sein. In dieser Untersuchung wurde dabei versucht, nicht bloß eine Momentaufnahme der Beweggründe der Nut‐ zer: innen einzufangen. Vielmehr war es Ziel, zu rekonstruieren, auf welche Weise Motivationen in der Interaktion konstruiert werden und sich im Laufe der Zeit verändern. Ein Blick auf solche ‚Motivationspfade‘ der Nutzer: innen von Translaville ergab durchaus Unterschiede zwischen den Beweggründen für die Erstanmeldung und jenen für ein längerfristiges Engagement: Je län‐ ger Mitglieder sich an den Community-Aktivitäten beteiligten, umso stärker schienen für sie auch gemeinschaftsbezogene Motive (z. B. der Aufbau von Beziehungen, ein gewisses Gemeinschaftsgefühl, die Möglichkeit anderen zu helfen) im Vordergrund zu stehen. Aufschlussreich war außerdem der Blick auf die Gründe für einen Rückzug von der Plattform: Auch hier zeigt sich, dass ohne die vielen Interaktionen in der Gruppe, ohne laufende Rückmeldungen zu eigenen Beiträgen, oder bei Nachlassen der Aktivität in der Community viele Nutzer: innen langfristig das Interesse an einer Beteiligung an den gemeinsamen Übersetzungsaktivitäten verlieren. 9.7 Vorstellungen vom Übersetzen und von der Community Neben der Rolle oder Bedeutung, die die Mitglieder von Translaville Übersetzen insgesamt oder ihrem Engagement in der Community zuschreiben, wurde auch untersucht, welche Vorstellungen und Erwartungen sie in Bezug auf ihre konkreten Übersetzungspraxen in der Community verhandeln. Insgesamt scheint eine (im Sinne des hier verwendeten Technikbegriffs) nicht-technische Vorstellung vom Übersetzen in Vordergrund zu stehen: Die Nutzer: innen be‐ schreiben Übersetzen dabei als kreativen, subjektiven, mitunter sogar emotio‐ nalen Prozess, als Basteln und Feilen am Text, als feinfühliges Entlocken von Bedeutungen und vor allem als gemeinschaftliches Projekt. Dort wo normative 9.7 Vorstellungen vom Übersetzen und von der Community 419 <?page no="420"?> Vorstellungen vom Übersetzen in der Community verhandelt werden, finden sich (1) prozess-, (2) produkt- und (3) communitybezogene Konstruktionen. Die Vorstellungen der Mitglieder in Bezug auf den Übersetzungsprozess betref‐ fen insbesondere ihre Konstruktionen rund um erforderliche Sprachkenntnisse, mitgelieferten Kontext, die erwartete Intensität von Recherchen, ihre Einstel‐ lungen zu maschineller Übersetzung, zur Priorisierung von Übersetzungsan‐ fragen, zu dem zu erledigenden Übersetzungsvolumen bzw. einzuhaltendem Zeitrahmen sowie Vorstellungen vom gemeinsamen Evaluierungsprozess. Be‐ merkenswert - vor allem für eine außerberufliche Übersetzungscommunity - war dabei, dass sich sowohl in den individuellen wie auch kollektiven Sinn‐ konstruktionen der Mitglieder von Translaville immer wieder die Vorstellung einer gewissen Verbindlichkeit gegenüber der Community wiederfindet; also das Gefühl einer bestimmten Verpflichtung, regelmäßig online zu sein, ein be‐ stimmtes Arbeitspensum zu übernehmen bzw. dieses in einer ‚zumutbaren‘ Zeit zu erledigen und insgesamt aktiv zu einem lebendigen Community-Geschehen beizutragen. Unter den Erwartungen der Mitglieder von Translaville an Übersetzungs‐ produkte fanden sich in erster Linie Qualitätskonstruktionen auf Textebene, Vorstellungen in Bezug auf die Übertragung der Bedeutung oder Vollständigkeit von Übersetzungen, aber auch Normvorstellungen, die am ehesten einem funk‐ tionalistischen Übersetzungsverständnis zugerechnet werden können, etwa zur Anpassung von Übersetzungen an eine Zielgruppe oder an die Erwartung der Auftraggeber: innen. Neben solchen Vorstellungen zu Übersetzungsprozess und -produkt konstru‐ ieren die Mitglieder von Translaville im Laufe der Zeit auch einen gewissen normativen Rahmen für das Verhalten der Nutzer: innen in der Community. Besonders betont werden dabei die Prinzipien der Gemeinschaftlichkeit und Uneigennützigkeit der gemeinsamen Übersetzungsaktivitäten. ‚Gutes‘ Überset‐ zen wird dabei insbesondere als moralische Verpflichtung gegenüber anderen verstanden. Die Erkenntnisse aus dieser Forschungsarbeit decken sich mit Drugan (2011) dahingehend, dass auch in den auf Translaville verhandelten normativen Vorstellungen respektvolles Verhalten in der Community besonders priorisiert wird. Entsprechend unerwünscht sind also mangelnde Sorgfalt, fehlende Kritikfähigkeit oder das Ignorieren von Feedback anderer Nutzer: in‐ nen. Auf Translaville werden außerdem Maßstäbe dafür verhandelt, welches Verhalten in der Community als ‚missbräuchlich‘ gesehen wird. Im Zentrum von Konstruktionen von missbräuchlichem Verhalten steht dabei oft die Wahr‐ nehmung eines Verstoßes gegen des grundlegende Prinzip des Gleichgewichts von ‚Geben und Nehmen‘ in der Community. Dieses sieht man etwa bei der 420 9 Schlussfolgerungen <?page no="421"?> Registrierung mehrerer oder gefälschter Nutzerkonten, der Beauftragung ‚un‐ sinniger‘ Übersetzungen oder der Verbreitung von Spam verletzt. Insbesondere in Bezug auf konkrete Ausgangstexte entwickeln sich auch übersetzungsethi‐ sche Debatten auf Translaville. Im Zentrum der Auseinandersetzungen stehen dabei Diskussionen über den Umgang mit moralisch bedenklichen oder für Min‐ derjährige ungeeigneten oder sogar strafrechtlich relevanten Ausgangstexten. Das Vorkommen von Übersetzungsanfragen für ausbeuterische Zwecke machte außerdem deutlich, dass jeglicher Prozess für den Umgang mit nicht akzeptablen Ausgangstexten eigentlich auf die Wachsamkeit der einzelnen Nutzer: innen angewiesen ist. Allerdings haben gerade die weitgehende Kontextlosigkeit der Übersetzungsanfragen auf Translaville, die ausgeprägte Arbeitsteiligkeit der Übersetzungsprozesse sowie die Möglichkeit zu einer weitgehenden Anony‐ mität der Nutzer: innen in vielen Fällen zur Folge, dass die Einhaltung des gemeinsam abgesteckten moralischen Rahmens nur schwer überprüft werden kann. 9.8 Die Einschreibung von Vorstellungen in technische Strukturen Aus technografischer Sicht ist aber nicht nur interessant, wie im Zuge von Aus‐ handlungsprozessen rund um übersetzerische Praxen grundsätzlich Bedeutun‐ gen konstruiert werden und welche Aspekte der gemeinschaftlichen Aktivitäten diese betreffen. In dieser Studie wurde außerdem untersucht, auf welche Weise sich die oben diskutierten Vorstellungen in der Community mit der Zeit und insbesondere unter Mitwirkung von Techniken konsolidieren. Erster Schritt in der Verfestigung von Vorstellungen und Erwartungen war dabei oft deren Ausformulierung als ‚Community-Regel‘ und ihre Anzeige an für alle sichtbarer Stelle oder mitunter sogar in regelmäßig wiederkehrender Form (z. B. die Aufforderung, die Einhaltung der ‚Übersetzungsregeln‘ bei jeder Übersetzung zu bestätigen). Ein weiterer Schritt zur Fixierung solcher - meist normativer - kollektiver Vorstellungen bestand vielfach in deren Überführung in technische Form. Solche Prozesse waren etwa dort zu beobachten, wo man unerwünschtes Nutzer: innenverhalten zu sanktionieren oder überhaupt zu unterbinden suchte. Auffallend war dabei ein gewisser Zusammenhang zwischen der Einschätzung der Schwere eines Verstoßes gegen den in der Community verhandelten mora‐ lischen Rahmen und dem Grad der Technisierung der eingesetzten Sanktionie‐ rungsmechanismen: je gravierender das ‚Vergehen‘, umso stärker technisierte Mittel wurden eingesetzt, um unerwünschte Handlungen - mitunter sogar automatisiert - zu unterbinden: Die Bandbreite der eingesetzten Mechanismen 9.8 Die Einschreibung von Vorstellungen in technische Strukturen 421 <?page no="422"?> reichte dabei etwa von der Verwarnung der betreffenden Nutzer: innen oder dem Ablehnen von Übersetzungen über das Sperren von Nutzer: innen für bestimmte Sprachen oder Einschränken ihrer Nutzer: innenrechte bis hin zur Löschung ihres Profils sowie zu technischen Mechanismen für die automatische Verhinderung gewisser Handlungen. Stärker automatisierte Lösungen sind allerdings in weiterer Folge schwerer reversibel und verunmöglichen den in die Problemlösung eingebundenen Mitgliedern oft einen individuellen, stärker anlassbezogenen Umgang mit dem Vorfall. Überhaupt hat sich gezeigt, dass mit der Entwicklung von technischen Lösungen bestimmte Vorstellungen und Agenden der Community bzw. des Entwicklers auch in die Plattformstrukturen eingeschrieben und so dauerhaft gemacht werden. Das passiert etwa dann, wenn konkrete Vorstellungen und Absichten Anlass für eine Design-Änderung geben und die technischen Lösun‐ gen dann so gestaltet werden, dass bestimmte, präferierte Handlungsoptionen den Nutzer: innen leichter von der Hand gehen, während andere erschwert oder verunmöglicht werden. Ein Beispiel für eine solche Überführung von Übersetzungskonzepten und den damit verbundenen Regulierungsabsichten in technische Form ist etwa die in dieser Forschungsarbeit mehrfach erwähnte Vorstellung, es existiere eine relativ stabile Längenentsprechung zwischen den Ausgangs- und Zieltexten jeder Sprachkombination. Durch die Implementie‐ rung einer Funktion, die die Einhaltung dieser ‚Längenäquivalente‘ im Überset‐ zungsformular automatisiert überprüft, sollte die Vollständigkeit von Überset‐ zungen kontrolliert werden. Wie die Analyse der technischen Strukturen auf Translaville gezeigt hat, hat eine solche Überführung gewisser Vorstellungen oder sozialer Agenden in technische Form fast immer Auswirkungen auf die Handlungsautonomie der menschlichen Nutzer: innen. Auffallend war dabei allerdings auch, dass nicht immer ein zwingender Zusammenhang zwischen den Vorstellungen, die Anlass für technische Lösungen gaben, und der Art und Weise, wie diese Techniken dann tatsächlich in der Praxis strukturierend wirksam wurden, bestehen musste. ‚Gutgemeinte‘ technische Mechanismen brachten also auch auf Translaville manchmal nicht intendierte Nebeneffekte hervor, indem sie die Handlungsautonomie der Übersetzer: innen auch in Berei‐ chen einschränkten, in denen dies nicht beabsichtigt war. 9.9 Die soziale Wirksamkeit technischer Strukturen Es konnte also gezeigt werden, dass viele technische Strukturen auf eine ganz spezifische Weise sozial wirksam werden und mitunter für Nutzer: innen - also hier Übersetzer: innen - verborgene Agenden transportieren können. 422 9 Schlussfolgerungen <?page no="423"?> Dieses Zusammenspiel von normativen Vorstellungen und Techniken war am Beispiel von Translaville, bei dessen Plattform es sich um ein selbstverwalte‐ tes und auch selbst entwickeltes technisches Design handelt, besonders gut beobachtbar, da in den Austauschprozessen in der Community viele für die Entwicklung, Überarbeitung und Nutzung des technischen Designs relevante Prozesse sichtbar wurden: Im Forum wurden laufend Schwierigkeiten mit bestimmten technischen Elementen diskutiert und Argumente bzw. Vorschläge für Designänderungen gesammelt und an den Entwickler herangetragen, wäh‐ rend umgekehrt der Entwickler von Translaville auf der Plattform laufend Stellung zu etwaigen technischen Überarbeitungen bezog. Es ist jedoch davon auszugehen, dass selbst auf Übersetzungsplattformen, die nicht partizipativ organisiert sind oder wo weniger transparent mit der Gestaltung des technischen Designs umgegangen wird, laufend solche Vorstellungen und Agenden in die technischen Designs eingeschrieben werden. Im Gegensatz zum Beispiel von Translaville werden solche Prozesse dort aber vermutlich nur selten explizit gemacht oder wird für Übersetzer: innen wohl kaum je die Möglichkeit bestehen, auf Designänderungen so einzuwirken, dass auch ihre Bedürfnisse gewahrt bleiben. Diese Erkenntnis ist vor allem für die anhaltende Debatte darüber relevant, wie es möglich ist, berufliche und vor allem auch außerberufliche Community- oder Plattformmodelle des Übersetzens sozial gerecht zu gestalten. Die Auseinandersetzungen rund um diese Frage drehen sich häufig um den materiellen und symbolischen Wert von oft unbezahlter Übersetzungsarbeit; darum, wem letztlich die Verfügungsmacht über die fertigen Übersetzungspro‐ dukte zukommt; und um die Frage, wie die Wertschöpfung an diesen Produkten übersetzerischer Arbeit verteilt wird. All das sind Fragen, die gerade für Übersetzung im Dunstkreis plattformkapitalistischer Organisationsmodelle von höchster Relevanz sind. Diese Gefüge können jedoch nicht ohne die technischen Strukturen gedacht werden, in die die dort realisierten Übersetzungspraxen eingebettet sind und von denen sie dort auch mitgeformt werden. Wie diese Untersuchung gezeigt hat, wird in stark technikvermittelten Übersetzungsum‐ gebungen aus den unterschiedlichen, oben beschriebenen Gründen ein erheb‐ liches Maß übersetzerischer Handlungsautonomie auf technische Strukturen verlagert. Ohne größere Transparenz dahingehend, wie Agency verteilt wird, sowie ohne Interventionsmöglichkeiten in Fragen der technischen Gestaltung für diejenigen, die letztlich in Form von Übersetzungen Wert produzieren, scheinen faire Modelle des Übersetzens im Internet allerdings nur schwer umsetzbar. Die Untersuchung auf Translaville hat in diesem Kontext außerdem deutlich gemacht, dass nicht nur relevant ist, wie Handlungsfähigkeit in soziotechni‐ 9.9 Die soziale Wirksamkeit technischer Strukturen 423 <?page no="424"?> schen Gefügen verteilt ist, sondern vor allem auch, wer letztlich darauf Einfluss hat. Auf Translaville hat etwa nur der Entwickler der Plattform wirklich die Autorität, technische Änderungen umzusetzen (wenn auch meist auf Vorschlag der Community), und nur ein kleiner Kreis technisch versierter Mitglieder in spezifischen Nutzer: innen-Rollen ist auch an der laufenden technischen Betreuung der Plattform beteiligt. Somit besteht in der Community ein gewisses Machtgefälle zwischen den ‚regulären‘ Übersetzer: innen auf einer Seite und den Mitgliedern mit breiterem Zugang zu technischen Aufgaben auf der anderen. Techniken dienen hier also - bewusst und unbewusst - zur Fixierung sozialer Beziehungen und zur Fortschreibung von Machtverhältnissen. 9.10 Die Kontingenz technischer Projekte Allerdings haben die Erkenntnisse zur Handlungsfähigkeit der Übersetzer: innen von Translaville noch etwas gezeigt, was in den Science and Technology Studies bereits vielfach beobachtet wurde: dass nämlich die oben diskutierten ‚technischen Zwänge‘ kein unausweichliches Schicksal für Nutzer: innen sind. Nicht jede Intention seitens der Entwickler: innen mündet in ein technisches Design, das diese Intention dann auch tatsächlich wirkungsvoll implementieren oder technisch durchsetzen kann. Nicht zuletzt hat sich auch auf Translaville gezeigt, dass reguläre Nutzer: innen immer wieder individuelle Wege finden, um vermeintliche ‚technische Zwänge‘ wirkungsvoll zu umgehen (vgl. das Beispiel der im Übersetzungsinterface implementierten Zeitbeschränkung) oder um technische Rahmenbedingungen auf widerständige oder kreative Weise zu nutzen (vgl. die eigentlich nicht vorgesehene Nutzung des Übersetzungsinter‐ face für die Beauftragung von Korrekturlesearbeiten). Technikdeterministische Deutungen haben sich also auch hier, gerade bei einem Blick auf die Mikroebene soziotechnischen Handelns, als nicht haltbar erwiesen. 9.11 Techniken als Projektionsflächen Schließlich hat die Untersuchung gezeigt, dass Techniken auf Translaville nicht nur dazu dienen, Übersetzungsprozesse oder den Austausch darüber zu ermöglichen und diese in bestimmten, unter Umständen sozial erwünschten Abläufen zu fixieren. Deutlich wurde auch, dass Techniken hier vor allem auch zu einer Projektionsfläche für subjektive Bedeutungen und Zuschreibungen - z. B. zur individuellen und kollektiven Konstruktion von Zugehörigkeit oder Zusammengehörigkeit in der Gemeinschaft - werden. Wie das Beispiel des 424 9 Schlussfolgerungen <?page no="425"?> eher heftigen Widerstands gegen bestimmte ästhetische Änderungen im Design der Plattform zeigt, werden Deutungskämpfe in der Community (hier etwa über Fragen der Gruppenidentität) auch über das technische Design verhandelt. Auch unterschiedlichste Emotionen - von Ärger, Frustration und Hilflosigkeit über Freude bis hin zu Nostalgie oder Stolz - werden auf die verschiedenen Techniken projiziert und machen deutlich, dass Techniken letztlich auch in der Wahrnehmung der Nutzer: innen niemals ‚neutral‘ sind. 9.12 Die Historizität translatorischer Online-Phänomene Als besonders aufschlussreich hat sich schließlich der diachrone Blick auf die erhobenen Daten erwiesen. Die Möglichkeit, auf ein Online-Archiv mit Gesprächsinhalten aus einem Zeitraum von über 15 Jahren zurückzugreifen, lieferte eine einmalige Entwicklungsperspektive auf die untersuchte Commu‐ nity. So mussten die Motivationen, Einstellungen und Sinnkonstruktionen der Mitglieder von Translaville nicht als statisch bzw. als Momentaufnahme abge‐ bildet werden, sondern konnte nachgezeichnet werden, wie sich diese mit der Zeit und im Austausch mit anderen entwickeln. Es konnte gezeigt werden, wie Aushandlungsprozesse rund um Übersetzungs- und Gemeinschaftskonzepte verlaufen und wie sich manche davon zu kollektiven (normativen) Vorstel‐ lungen verfestigen und zum Teil in technische Form überführt werden. Die diachrone Perspektive gewährte außerdem Einblick darin, wie Arbeitsprozesse und Nutzer: innen-Rollen mit der Zeit variantenreicher werden oder sich ausdif‐ ferenzieren. Unerwartet produktiv war in diesem Kontext auch die Beobachtung der Community über den Zeitpunkt, an dem diese den Höhepunkt ihrer Akti‐ vitäten erreicht hatte, hinaus: Gerade der Blick auf das langsame Abflauen der Aktivitäten und auf den zunehmenden Exodus zuvor noch ausgesprochen engagierter Mitglieder bot die Möglichkeit nachzuvollziehen, welche vielfälti‐ gen Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit Amateur-Übersetzer: innen auch langfristig Interesse daran behalten, einen nicht unerheblichen Teil ihrer Freizeit mit gemeinsamen Übersetzungsaktivitäten zu verbringen (z. B. Lebens‐ umstände, die Raum für eine intensive Freizeitbeschäftigung bieten; das Gefühl, etwas beitragen zu können; positive Kontakte mit anderen Mitgliedern) - und unter welchen Bedingungen aus Euphorie und einem ausgeprägten Gefühl der Selbstverwirklichung mitunter Enttäuschung und Sinnverlust entstehen können (z. B. aufgrund einer Kränkung nach schlechtem Feedback; der Über‐ präsenz Einzelner; dem Abflauen der Plattformaktivitäten; wegen des Verlusts 9.12 Die Historizität translatorischer Online-Phänomene 425 <?page no="426"?> der Grundidee der Community oder einer durch die stärkere Verbreitung maschineller Übersetzung ausgelösten Sinnkrise). 426 9 Schlussfolgerungen <?page no="427"?> 10 Relevanz der Erkenntnisse und Ausblick Abschließend soll in diesem Abschnitt diskutiert werden, welche Relevanz die oben vorstellten Ergebnisse für die Translationswissenschaft haben, welche Fragen hier nicht behandelt werden konnten und welche zukünftigen For‐ schungsagenden sich aus den hier gewonnenen Erkenntnissen ableiten lassen. Für die translationswissenschaftliche Forschung ergeben sich Implikationen in Bezug auf den behandelten Forschungsgegenstand, die verfolgte theoretische Perspektive sowie in Bezug auf methodische Fragen. Die hier vorgestellte Fallstudie zu Translaville lieferte Erkenntnisse zu einer spezifischen Form gemeinschaftsbasierter Übersetzung („community transla‐ tion“), der in der translationswissenschaftlichen Forschung bislang kaum Auf‐ merksamkeit geschenkt wurde, nämlich einer Online-Übersetzungscommunity, die aus einem gemeinsamen Interesse an Übersetzung - und weniger an einem spezifischen Ausgangsmaterial - zusammengehalten wird. Diese Untersuchung lieferte damit Einblick in die Vorstellungen von Amateur-Übersetzer: innen in Online-Communities - insbesondere in die Übersetzungskonzepte von Inter‐ netnutzer: innen, deren Vorstellungen vom Übersetzen wenig oder nicht von einem beruflichen Verständnis der Tätigkeit geprägt sind. Es konnte aufgezeigt werden, wie und rund um welche zentralen Prinzipien solche Vorstellungen entstehen, wenn keine dem Übersetzen übergeordnete Agenda das Geschehen in der Gruppe bestimmt; welche Vorstellungen priorisiert werden und welche Rolle Übersetzung insgesamt für die Übersetzenden spielt. Die hier gewonnenen Ergebnisse können dabei eine Ergänzung zu bisherigen Studien liefern, deren Fokus eher auf Online-Übersetzungscommunities anderer Ausrichtung lag, z. B. auf Übersetzung im humanitären oder aktivistischen Bereich, auf Fan- oder Citizen-Media-Übersetzung. Die Untersuchung des spezifischen, für diese Fallstudie gewählten Plattform‐ typs kann darüber hinaus zur Debatte rund um Fragen der Organisation von Online-Übersetzungsgefügen beitragen: Können Plattformmodelle für ge‐ meinschaftsbasierte Übersetzung, die auf Selbstorganisation basieren, fairer, sozial gerechter sein, vielleicht sogar eine Alternative zu solchen Plattform‐ modellen bieten, die auf der Ausbeutung ehrenamtlicher Übersetzungsarbeit beruhen? Es konnte gezeigt werden, wie in der hier untersuchten Community Fragen des Werts ehrenamtlicher Übersetzungen verhandelt werden und welche Mechanismen und Prozesse eingerichtet werden, um eine gewisse Balance von ‚Geben und Nehmen‘ aufrechtzuerhalten und damit den Vorstellungen von Fairness in der Community gerecht zu werden. Gleichzeitig wurde auch <?page no="428"?> aufgezeigt, wo selbst dieses Organisationsmodell an seine Grenzen stößt, wo also auch eine selbstregulierte Community wie Translaville Schwierigkeiten hat, den selbstgesteckten moralischen Rahmen zu implementieren und durch‐ zusetzen, und wie gerade die schwer überschaubare Größe und Virtualität solcher Communities dazu führen können, dass ethische Risiken reproduziert bzw. sogar verstärkt werden. Künftige Arbeiten könnten Fragen des Werts ehrenamtlicher Übersetzung noch stärker unter Berücksichtigung der Debatte rund um die freie Zirkulation von Wissen bzw. um ‚Open Access‘ behandeln oder Möglichkeiten der Konzeptualisierung von Übersetzungscommunities als ‚(Wissens-)Allmende‘ nachgehen. Das gewählte Fallbeispiel lieferte jedoch nicht nur neue Erkenntnisse zur Selbstverwaltung einer Community im Rahmen von vorgegebenen technischen Plattformstrukturen. Translaville ist auch ein Beispiel für eine Community mit einer selbst entwickelten und laufend in Absprache mit der Community verbesserten technischen Umgebung. In dieser Studie konnte daher auch das Zusammenwirken von technischer und orga‐ nisatorisch-sozialer Selbstorganisation ausgelotet werden. Auch dies ist eine Perspektive, die in der Diskussion um gerechtere Organisationsmodelle der Online-Übersetzung bisher kaum berücksichtigt wurde. Diese Forschungsarbeit liefert auch insofern einen neuen Blick auf On‐ line-Übersetzungscommunities, als hier eine gewisse Entwicklungsperspektive auf das Geschehen auf Translaville berücksichtigt werden konnte. Auch in bisherigen Studien zu kollaborativen Formen des Übersetzens im Internet haben sich Forscher: innen die methodischen Möglichkeiten von Online-Daten zunutze gemacht (etwa im ‚übersetzungsgenetischen‘ Ansatz), um das Zustan‐ dekommen von Übersetzungen im Rahmen von unterschiedlich komplexen, oft gemeinschaftlich realisierten Übersetzungsprozessen zu untersuchen. Die in diesen Forschungsarbeiten umgesetzte diachrone Perspektive bezieht sich allerdings in der Regel auf textuelle Änderungen in den Zieltexten sowie auf die Aushandlungsprozesse rund um diese. Hier konnten hingegen Entwicklungen auf zusätzlichen Beschreibungsebenen nachgezeichnet werden, etwa Verände‐ rungen in den Beziehungen, Strukturen und Rollen in der Community, in den Vorstellungen der Mitglieder und in der Ausgestaltung des technischen Designs. Der hier verfolgte techniksoziologische theoretische Zugang trägt zur De‐ batte über Fragen der Handlungsautonomie bzw. des Handlungsspielraums von Akteur: innen in Übersetzungsgefügen bei. Das hier verwendete Konzept des ‚gradualisierten Handelns‘ kann dabei als Ergänzung bisheriger Arbeiten zu Fragen soziotechnischer Agency beim Übersetzen dienen. Anders als bis‐ her sollte dabei nicht nur die Verteilung von Agency auf unterschiedliche Arten von Handlungsbeteiligten (also z. B. menschliche Akteur: innen und 428 10 Relevanz der Erkenntnisse und Ausblick <?page no="429"?> nicht-menschliche Objekte) untersucht werden. Es wurden auch Abstufungen von Handlungsfähigkeit sowohl menschlicher als auch nicht-menschlicher In‐ stanzen berücksichtigt. Außerdem konnte die bestehende Auseinandersetzung zu übersetzerischer Agency um Erkenntnisse in der Frage ergänzt werden, was in einem Übersetzungsgefüge passiert, wenn Agency von einem Trägermedium auf ein anderes verlagert wird und wie Körper, physische Objekte oder Zeichentech‐ niken aufgrund der diesen Trägermedien inhärenten Eigenschaften in einem soziotechnischen Gefüge spezifisch wirksam werden können. Die Anwendung dieses Konzepts erwies sich hier bereits im Kontext einer Online-Plattform, die weitgehend auf dem technischen Stand der frühen 2000er-Jahre beruht, als aufschlussreich. Wenn dieses Konzept also bereits gewinnbringend auf sehr grundlegende, kaum autonome Technologien anwendbar ist, wieviel ergiebiger könnte eine solche Analyse bei einer Anwendung auf komplexe autonome Systeme, wie etwa aktuelle Generationen künstliche-Intelligenz-ba‐ sierter Sprachtechnologien, sein? In dieser Untersuchung lag der Fokus vor allem auf Techniken, die - nach den hier verwendeten Begrifflichkeiten - auf Zeichensystemen basieren, also Plattform-Designelementen, Auswahlmenüs, automatischen Benachrichtigungen, grafischen Elementen der Übersetzungs‐ plattform, Eingabefeldern, Übersetzungsformularen etc. Im Gegensatz dazu konnten die Möglichkeiten des hier verfolgten theoretischen Zugangs in Bezug auf die Trägermedien des Körpers und der physischen Objekte, ohne die die untersuchten Übersetzungspraxen ebenfalls nicht realisierbar wären, nicht annähernd ausgeschöpft werden. Das hier angewandte Konzept der Einbettung von Übersetzungspraxen in Trägermedien birgt also Potenzial für vielseitige weitere Anwendungsmöglichkeiten mit besonderem Fokus auf Fragen der Körperlichkeit oder Materialität von translatorischen Praxen. Ein vielverspre‐ chender Anwendungsbereich könnte beispielsweise die Untersuchung von Translation als ‚embodied practice‘ sein, die aktuell vor allem soziokognitive Ansätze in der Translationswissenschaft beschäftigt. Gleichzeitig konnte mit dem hier verfolgten Zugang an bisherige Arbeiten an‐ geknüpft werden, in denen aufgezeigt wurde, dass Technologie in unterschied‐ lich stark technikvermittelten Übersetzungsgefügen mehr als rein instrumentell wirksam wird. Die Untersuchung konnte dabei deutlich machen, auf welch vielseitige Weise auch die Sozialität, Medialität und Kulturalität von Techniken relevant werden und sich maßgeblich auf die Gestaltung übersetzerischer Praxen auswirken. Insofern kann auch zur konzeptuellen Arbeit an einem differenzierteren Technikbegriff in der Translationswissenschaft beigetragen werden. 10 Relevanz der Erkenntnisse und Ausblick 429 <?page no="430"?> Die Erkenntnisse aus dieser Forschungsarbeit sind auch für die Methodendis‐ kussion in unserer Disziplin von Relevanz. Während gerade in den letzten Jah‐ ren eine Reihe virtueller Ethnografien durchgeführt wurden, die auf ähnlichen methodischen Prinzipien beruhen wie diese Studie - darunter etwa ein Fokus auf die Immersion der Forscherin im Untersuchungsfeld, das Verfolgen von Beziehungen und Praxen durch virtuelle Welten sowie die Berücksichtigung von Sinnkonstruktionen im Feld -, wurde hier versucht, auch der Technikvermit‐ teltheit des Untersuchungsfelds methodisch noch stärker Rechnung zu tragen. Dabei sollte ausgelotet werden, wie Technologien als Artefakte und Medien stärker in onlineethnografische Beobachtungen einbezogen und insbesondere auch als analytische Kategorie untersucht werden können. Es gab allerdings auch eine Reihe von Aspekten, die in dieser Untersuchung aufgrund der konkreten Gestaltung des Forschungsdesigns nicht umfassend beschrieben werden konnten. Wie weiter oben bereits besprochen wurde, liegt im ursprünglichen theoretisch-methodischen Programm der Technografie ein besonderer Fokus auf Fragen des soziotechnischen Handelns. Im Gegensatz zu Fragen der Handlungsfähigkeit spielte das tatsächliche Handeln der Mitglieder von Translaville hier jedoch eine eher untergeordnete Rolle. Das lag am gewähl‐ ten Fall wie auch an den Datenquellen: Die Entscheidung für Beobachtungen ausschließlich in der virtuellen Sphäre (nicht aber vor den Computern der Übersetzer: innen) erschwerte umfassende Beobachtungen individueller Über‐ setzungsprozesse, da die Handlungen der Nutzer: innen online nicht in Echtzeit mitverfolgt werden konnten. Sichtbar wurde nur das Ergebnis dieser Handlun‐ gen oder die Austauschprozesse darüber. Hier musste also ein Umweg über die eigenen Erfahrungen der Forscherin im Rahmen der teilnehmenden Beobach‐ tungen oder über Berichte der Nutzer: innen über ihr Handeln im Forum und in den Interviews genommen werden. Konsequenz davon ist, dass Fragen des Handelns in dieser Studie somit nur eher eingeschränkt beobachtet und erklärt werden konnten und der Fokus stattdessen eher auf Fragen der Handlungsauto‐ nomie oder des Handlungsspielraums lag. Für künftige Studien stellt sich daher vor allem eine Kombination von Online- und Offline-Beobachtungen als viel‐ versprechend dar. So kann einerseits das tatsächliche Handeln unterschiedlicher Nutzer: innen-Gruppen (und nicht primär die Berichte und Rationalisierungen über dieses Handeln) nachvollzogen werden. Gleichzeitig eröffnet sich dem: der Forscher: in so eine weitaus umfassendere Perspektive auf Fragen der leiblichen und dinglichen Vermittlung von Übersetzungspraxen. Während hier die Frage, welche Rolle Übersetzung im Alltag von Amateur-Übersetzer: innen spielt, eher in Bezug auf die für die Übersetzer: innen damit verbundenen Bedeutungen untersucht wurde, würde Forschung an der Schnittstelle online und offline 430 10 Relevanz der Erkenntnisse und Ausblick <?page no="431"?> realisierter translatorischer Praxen außerdem vertiefende Einblicke darin erlau‐ ben, wie verschiedene Formen der Online-Übersetzung auch ‚praktisch‘ in das tägliche Leben der Akteur: innen eingebettet sind. Eine weitere Einschränkung dieser Untersuchung betrifft die schwierige Zugänglichkeit von Aspekten der Technikentwicklung bei der Datenerhebung. Hätte die Gelegenheit dazu bestanden, auch den Entwickler von Translaville als Studienteilnehmer zu gewinnen, so wäre mit Sicherheit ein weitaus umfassen‐ derer Einblick in die technische Gemachtheit von Translaville möglich gewesen. Interviews, Beobachtungen seiner Arbeit oder eine Analyse des Quellcodes der Plattform hätten etwa einen beträchtlichen Mehrwert für die Datenlage in dieser Untersuchung dargestellt. Da dies aber nicht möglich war, mussten Fragen der Technikentwicklung über eine Analyse der beobachtbaren technischen Oberfläche (jene Elemente, mit denen Nutzer: innen interagieren können) sowie aus Interviews und Forenbeiträgen rekonstruiert werden. Gerade in den Interviews und in der Online-Kommunikation waren tech‐ nische Strukturen außerdem eher dann ein Thema, wenn diese Techniken nicht funktionierten. Alltägliche, nicht weiter außergewöhnliche Praxen der Techniknutzung bzw. hier der technikvermittelten Übersetzung sind also durch Interviews und Forendiskussionen nicht vollständig rekonstruierbar, da Tech‐ niken, solange sie wie erwartet oder gewohnt funktionieren, oft nicht weiter hinterfragt werden. In Interviews werden Aspekte, die zur Klärung von Fragen technischer Routinen oder Zwänge dienen, daher nur selten verbalisiert. Gerade das in den Ergebnissen dieser Studie mehrfach erwähnte ‚Herumarbeiten‘ um technische Zwänge passiert dabei oft unbewusst. Viele Anhaltspunkte auf solche und ähnliche Fragen konnten daher eher über die eigenen Erfahrungen während der teilnehmenden Beobachtung und die Analyse der technischen Strukturen gewonnen werden. Ein größeres Augenmerk auf Beobachtungen der Akteur: innen beim Übersetzen - und zwar an den physischen Orten, an denen sie sitzen - hätte hier jedoch sicherlich noch umfassendere Einblicke liefern können. Die für diese Studie erhobenen Daten waren ausgesprochen umfangreich. Da mit den Forendaten ein Großteil des analysierten Materials aus von der Forscherin weitgehend unbeeinflussten Daten bestand, warf der Forschungs‐ prozess auch eine Reihe von neuen Themen und Fragen auf, die in dieser Untersuchung nicht weiter behandelt werden konnten, weil sie nicht in unmit‐ telbarem Zusammenhang mit der hier verfolgten Forschungsfrage standen. Einige dieser Themen sollen an dieser Stelle dennoch aufgegriffen werden, weil sie auf mögliche künftige Forschungsvorhaben verweisen. 10 Relevanz der Erkenntnisse und Ausblick 431 <?page no="432"?> So wurde in den analysierten Daten etwa wiederholt sichtbar, wie Nutzer: in‐ nen während ihrer Online-Aktivitäten laufend zwischen Öffentlichkeit und Privatheit verhandeln. Dies wirft eine Reihe von Fragen auf, die hier nicht behandelt werden konnten: Wie viel geben Mitglieder der Community in ihren Interaktionen mit anderen einerseits über sich selbst preis, wie viel offenbaren sie andererseits aber vielleicht bewusst nicht, um Überschneidungen mit anderen Bereichen ihres (auch beruflichen) Lebens zu vermeiden? Wie stark betonen Übersetzer: innen in ihren Selbstrepräsentationen private bzw. höchstpersönliche Details, um dadurch vielleicht gerade ein gewisses Gefühl der besonderen Verbundenheit in der Community aufzubauen? Wo ziehen Nutzer: innen die Grenze zwischen öffentlichen und privaten Interaktionen und wie wirkt sich dieses Spannungsfeld zwischen Öffentlichkeit und Privatheit letztlich auf die Community und die Übersetzungspraxen der Nutzer: innen aus? Fragen des Wissens (sei es nun translatorisches, sprachliches, fachspezifi‐ sches, communitybezogenes oder technisches Wissen) fanden hier nicht als solches, sondern eher unter dem breiteren Rahmen der Vorstellungen rund um Übersetzen oder in Bezug auf die Erwartungen an Community-Mitglieder Eingang. Die für diese Studie erhobenen Daten hätten jedoch Potenzial für eine Reihe weiterer Fragen geboten, die auf unterschiedliche Weise mit dem Thema Wissen zu tun haben: Aufschlussreich könnte es etwa sein, in künftigen Studien noch stärker der Frage nachzugehen, wie in Übersetzungscommunities Wissen und Nicht-Wissen verhandelt werden, wie Wissen in Interaktionen oder Praxen konstruiert wird und welche Rolle implizites Wissen in Übersetzungspraxen spielt. In der bisherigen Forschung zu Online-Übersetzungscommunities hat man sich außerdem noch kaum mit der Frage beschäftigt, wie Fragen des Wissens in Kollektiven verhandelt werden, in denen sowohl Mitglieder mit als auch Mitglieder ohne formale Qualifikation oder Berufserfahrung im Überset‐ zungsbereich gleichberechtigt an Übersetzungsaktivitäten mitwirken: Welche Rolle spielt in solchen Communities das formal erworbene Wissen einiger weniger? Welche Grenzziehungsprozesse zwischen ‚Profis‘ und ‚Nicht-Profis‘ sind zu beobachten? Welche Formen von Wissen werden priorisiert? Nicht zuletzt könnte auch ein stärkerer Fokus auf Fragen der Objektivierung von Wissen (von individuellem zu kollektivem Wissen, von lokalem zu verbreitetem Wissen, von zeitlich begrenzten zu dauerhaften Sinnzusammenhängen) sowie auf die Verknüpfung von Wissen mit Artefakten gelegt werden. Gerade ein praxeologischer Wissensbegriff erscheint für eine Weiterverfolgung dieser Fragestellungen vielversprechend. Auch in Bezug auf die Rolle von Technologie in Übersetzungsgefügen tun sich eine Reihe möglicher neuer Forschungsperspektiven auf. Wie oben bereits 432 10 Relevanz der Erkenntnisse und Ausblick <?page no="433"?> angesprochen wurde, könnte der hier verfolgte techniksoziologische Zugang und insbesondere ein graduell abgestuftes Konzept maschineller Handlungsfä‐ higkeit auch auf Übersetzungskontexte gewinnbringend angewendet werden, in denen vermehrt autonome Systeme (z. B. KI-basierte Sprach- und Übersetzungs‐ technologien) zum Einsatz kommen. Umgekehrt sollten allerdings auch physi‐ sche Artefakte (und ihr Einfluss in primär computervermittelten Arbeitsfeldern) und nicht-autonome Systeme nicht außer Acht gelassen werden. Die besondere Stärke des hier verwendeten theoretischen Zugangs besteht eben gerade darin, dass damit die Analyse einer ausgesprochenen Vielfalt möglicher Techniken - analog wie digital, von nicht-handlungsfähig bis vollständig autonom - in einem gemeinsamen Rahmen möglich ist, aber dennoch Differenzierungen zwi‐ schen unterschiedlichen Arten von Techniken vorgenommen werden können. Künftige Studien könnten außerdem noch stärker darauf eingehen, wie sich technische Innovationen, wie etwa neue Formen der Anzeige und Aufbereitung digitaler Medien (insbesondere dynamische Seiteninhalte, multimediale Inhalte etc.), und Veränderungen im technischen Nutzungsverhalten von Übersetzer: in‐ nen, z. B. in Bezug auf präferierte Endgeräte (Desktop, Tablets, Mobiltelefone), auf virtuelle Übersetzungspraxen auswirken. Da gerade Online-Technologien besonders schnellen Entwicklungen unter‐ worfen sind, wird in der translationswissenschaftlichen Auseinandersetzung häufig darauf vergessen, dass so eigentlich bereits in recht kurzer Zeit die Historizität dieser Techniken spürbar wird: Nutzer: innen verbinden oft ein ge‐ wisses Gefühl der Nostalgie mit als ‚retro‘ wahrgenommenen Technikstilen und -anwendungen. Ganze Amateur-Kulturen formieren sich rund um die Beschäf‐ tigung mit solchen Techniken. Mit ‚überholten‘ Technikstilen können also ganz bestimmte kulturelle Bedeutungen verbunden werden, denen so in der Trans‐ lationswissenschaft noch kaum Aufmerksamkeit geschenkt wurde, vermutlich weil ein gewisses „pro-innovation bias“ (Kenny 2017b: 1) Forscher: innen den Blick oft wohl in erster Linie auf die neuesten technischen Entwicklungen richten lässt. Nicht zuletzt lag in dieser Studie durch die Anwendung des Konzepts der Trägermedien ein besonderer Fokus auf Zeichentechniken. Diese wurden hier zwar durchaus gewinnbringend als Medien beschrieben und analysiert. Untersuchungen zu Übersetzung in Online-Communities können jedoch sicher‐ lich auch von alternativen Konzeptualisierungen für Übersetzungspraxen in virtuellen Welten profitieren. Der hier verfolgte theoretische Zugang erlaubte es etwa nicht, im Detail der Frage nachzugehen, welche virtuellen Bezüge zwischen Translaville und weiteren digitalen ‚Orten‘ außerhalb der beobach‐ teten Community bestanden - oder welche Kontinuitäten zwischen Online- 10 Relevanz der Erkenntnisse und Ausblick 433 <?page no="434"?> und Offline-Sphären im untersuchten Feld identifizierbar waren. Es war auch keine vertiefende Beschäftigung mit der Frage möglich, was unter ‚virtuellem Raum‘ eigentlich zu verstehen ist und inwiefern sich Vorstellungen von ‚Raum‘ auf die Übersetzungspraxen in der untersuchten Community auswirken. Zur Weiterverfolgung dieser und ähnlicher Fragen könnten sich insbesondere me‐ diensoziologische und raumtheoretische Ansätze als aufschlussreich erweisen. 434 10 Relevanz der Erkenntnisse und Ausblick <?page no="435"?> Bibliografie Abdallah,-Kristiina (2011). Towards empowerment: students’, ethical reflections on translating in production networks. The Interpreter and Translator Trainer 5 (1), 129- 154. Abdallah,-Kristiina (2012). Translators in production networks: reflections on agency, quality and ethics. Joensuu: University of Eastern Finland. Aibar,-Eduard (2010). A critical analysis of information society conceptualizations from an STS point of view. triple C - Cognition, Communication, Co-Operation 8 (2), 177-182. Alfer,-Alexa (2021). Entering the Translab: translation as collaboration, collaboration as translation, and the third space of ‚translaboration‘. Translation and Translanguaging in Multilingual Contexts 3 (3), 275-290. Alonso,-Elisa (2016). 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Akteur-Netzwerk-Theorie-21, 45, 102 ff., 121, 123, 149, 398 Prinzip der generalisierten Symmetrie-103, 121, 140, 149 aktivistische Translation-42, 68 Amateurbegriff-62 Amateur-Übersetzer: innen 37, 51, 61, 263, 321 amtliche Translator: innen-43 Anerkennung des Beitrags Einzelner-57, 76, 281, 358, 414 Anonymität in virtuellen Gemeinschaften-72, 75, 238, 369, 373, 389, 414, 421 anwendungsorientierte Forschung-35, 71 Arbeit-28, 59, 73, 125 f., 134 Arbeitsbedingungen-30, 126, 132 Arbeitsplatzforschung, translatorische-26, 36, 114, 119 Arbeitsprozesse in Übersetzungsgefügen-37, 246-257, 259-292, 323-333, 413 f. Kurzsegmente, micro tasks-70, 271 Ausbeutung übersetzerischer Arbeit-58 f., 73, 128, 427 Ausbildung von Translator: innen-31 Aushandlungsprozesse-47, 55, 58, 65, 68, 76, 91, 93, 111, 118, 189, 193, 244, 331, 338, 364, 418 außerberufliche Translation-29, 32, 61 Automatisierung von Übersetzung-17, 78, 116, 393-397, 416 Autorisierung von Translation-13, 32 Autorität von Übersetzer: innen über Zieltexte-55, 69, 414 Beauftragung von Übersetzungen-42, 49, 260 Beobachtung-135 nicht-teilnehmende-197 onlineethnografische-199-202 teilnehmende-24, 165, 199-202 Berufsbegriff-28 f. Berufskodizes von Translator: innen-31 f., 67, 359, 364 boundary objects-100, 118 boundary work-29 f., 242, 432 collaborative translation-42, 53-60, 411 ff. communities of practice-46 f., 51, 118, 246 Community-Begriff-45 f. Community-Identität-304, 390 Community-Regeln-254, 259, 262, 334, 359, 402, 413, 421 Regelverstoß-252, 338, 361, 363-370, 421 community translation-40, 42, 44, 46 f., 61 community translation (Kommunalübersetzen)-44 concurrent translation-41 Crowdsourcing-38-42, 70, 73, 116 Crowdsourcing-Begriff-38, 49 Cyberspace-146, 170, 181, 184 Descriptive Translation Studies (DTS)-25, 45 <?page no="476"?> diachrone Perspektive-23, 194, 202, 425 f., 428 Dichotomisierung Technik- Gesellschaft-102 Distributed Cognition-117 f., 132, 141 ehrenamtliche Translation-41 ff., 62, 74, 308-311 Eignung für translatorische Tätigkeiten-31, 358 f. Einschreibemedien-→ Trägermedien für Praxen Einschreibung sozialer Agenden in Objekte-147, 340 f., 394 f., 421 f. Einstellungen von Translator: innen gegenüber Technik-37, 116 f., 122, 321 ff. emanzipatorische Forschungsagenda 112, 114, 128 embodiment-→ Verkörperung Emotionen-97, 156, 331, 393, 425 Entfremdung von Übersetzer: innen-71 Erfahrung von Translator: innen-31, 330 Ergonomie-106, 386 ethische Fragen des Übersetzens-66, 73, 363-370, 373 f., 428 ethische Standards von Amateur-Übersetzer: innen-32, 67, 359, 363-370, 373 f., 420 f. Ethnografie-133, 136, 165 connective ethnography-178 fokussierte Ethnografie-166 multi-sited ethnography-178 Netnografie-174, 178 Online-Ethnografie in der Translationswissenschaft-174-177 virtuelle Ethnografie-22, 169 f., 176, 178-188, 430 Ethnomethodologie-132 Evaluierung von Übersetzungen-70, 285- 292, 329-333 votingbasiert-70, 329, 354 experimentelle Forschung-113, 133 Expert: innentum-30, 76 f. Fallauswahl-192 ff., 226 ff. Fansubbing-14, 37, 48, 52 f., 58, 63, 70, 72, 78, 97, 128, 177, 390 Feldbegriff (Feldforschung)-189 Feldbegriff (virtuelle Ethnografie)-178, 189 Feldbeziehungen-194, 228 Feldforschung-88, 114, 165 Feldnotizen-24, 165, 169, 171, 201 in der virtuellen Ethnografie-199 Feldzugang-194-198 Forendaten-→ Online-Kommunikation als Daten Forscher: innenrolle-192, 200 Forschungsethik-226-234 Anonymisierung-213, 231 ff. Datenschutz-233 f. Einverständniserklärung-213, 230 f. Minderjährige-227 f., 238 offene/ verdeckte Beobachtung-229 f. Pseudonymisierung-189, 231 ff. Teilnehmer: innenauswahl-226 ff. Forschungstagebuch-195, 201 funktionale Ansätze der Translationswissenschaft-25, 29 Gamification-128, 280, 314, 414 gemeinschaftliche Übersetzung-→ colla‐ borative translation gemeinschaftsbasierte Übersetzung-14 f., 26, 61 Gender-126, 173 Grenzobjekte-→ boundary objects Grenzziehungsprozesse-→ boundary work Gruppenidentität-73, 79, 425 476 Register <?page no="477"?> Handeln-19 gradualisiertes-21, 121, 149-154, 397- 403, 428 f. situiertes-133, 142 verteiltes-17, 21, 121, 132, 141 ff., 411- 416 von Translator: innen-25, 68-71 Handlungsbegriff-149-154 Intentionalität und Reflexivität-121, 150, 152 f., 402 f. Kontingenz-150 ff., 400 ff. veränderte Wirksamkeit-150 f., 398 ff. Handlungsfähigkeit-19 Handlungstheorie-21, 150 Hierarchie-68, 72 Hilfsmittel von Übersetzer: innen-105, 121 ff., 277 ff. historische Ansätze der Translationswissenschaft-25 Human-Computer Interaction 54, 114, 133 Identität(en)-18, 170, 184, 231, 304 Ideologie-68, 124 informelle Translation-32 Infrastruktur-123, 146, 155, 158, 186 Interviews-24, 199, 205-216 fremdsprachige-215 f. Leitfadeninterviews-210 f. Online-Interviews-206 ff. retrospektive-216 semistrukturierte-210 synchrone/ asynchrone-206 ff. Transkription-214 Kapitalismus-59, 124 ff., 423 kognitive Ansätze der Translationswissenschaft-25 kollaborative Übersetzung-→ collabora‐ tive translation Kommunalübersetzen-44 Kompetenz-30, 76 f., 316-319, 358 Konflikte-331, 353 konventionalisierte Translation-32 Kooperation-115, 133 Korrekturlesen-269 f. Krise der Repräsentation-200 Kritische Theorie der Technik 59, 124-128 künstliche-Intelligenz-basierte Systeme-41, 86, 126, 429 laborkonstruktivistische Zugänge-→ La‐ borstudien Laborstudien-101 f., 135-140 Langzeitstudie-133 Large Language Models-86, 107, 126 Lernen-76, 246, 254, 289, 330 literarische Übersetzung-54 Macht-49, 71, 96, 104, 124 ff., 158, 198, 367, 423 f. mangle of practice-120, 139, 144 maschinelle Übersetzung (MÜ)-86, 110 f., 353, 426 Einstellungen zu MÜ-278, 321 ff. Materialität-26, 83, 99, 104, 116, 120, 146, 156, 429 MAXQDA-24, 217 f. medientheoretische Ansätze in der Translationswissenschaft-115 f. Motivation-42, 65, 78, 280 f., 325, 342-348, 350-354, 357, 371, 419 Demotivation-352 ff., 357 Initialmotivation-344 ff. langfristige Motivation-281, 347 f., 350 f. multimediale Inhalte-28 natürliche Daten-66, 122, 206 Netzwerkbegriff-45 Netzwerke von Translator: innen-26, 42, 44 f. Netzwerktheorien-45 nicht-natürliche Daten-206 Register 477 <?page no="478"?> nicht-professionelle Translation-29-33, 62 Nutzer: innen-Feedback-111, 159 nutzer: innengeneriertes Übersetzen-→ user-generated translation Nutzer: innen-Kultur-47 f., 95, 98 Nutzer: innen-Rolle-76, 157, 247 ff., 424 Nutzer: innen von Übersetzungen-49 Online-Kommunikation als Daten-23, 65, 68, 178, 202-205, 216 f. Online-Offline-Kontinuum-64, 171, 177, 182, 373, 387, 434 online publizierte Texte als Daten-55 Organisationsmodell-73 f. Bottom-Up-Modell-15, 74, 192 gerechtere Modelle-74, 128, 423, 427 f. Top-Down-Modell-39, 51, 74, 192 paraprofessionelle Translation-28, 31 participatory culture-50-53, 61 participatory translation-50-53, 62, 76 Partizipation-51, 76 politische Partizipation-51, 53 philosophische Technikforschung-124 Plattformökonomie-28, 59, 126 f., 423 playbour-66, 314 politische Repression-53, 70 Postfordismus-28, 126 practisearchers-195 pragmatistische Techniksoziologie-104 Praxen, soziotechnische-140-149, 235, 303 ff. Praxen des Austauschs-292-296, 298-303 Praxisbegriff-140 f., 143 ff. Praxisgemeinschaften → communities of practice Praxistheorie-21, 47, 118 f., 140 f., 143 ff., 432 Produktivität-113, 394 Professionalität-30 Professionalitätsbegriff-30 ff. professionelle Translation-30 Profile von Translator: innen-63 f., 190 pro-innovation bias-97, 113, 433 prosumerism-13, 47 f., 52, 345 qualitative Inhaltsanalyse-24, 218 ff., 222- 226 Kategorienentwicklung-195, 218, 222 ff. Kodierung-225 Qualität von Übersetzungen-35, 37, 86, 113, 242, 254 ff., 334-338, 358, 420 signalling mechanisms-76 f., 79 Rationalisierung-87, 126 f., 397 Raum-434 öffentlicher/ privater-197, 229, 238, 432 physischer/ virtueller-64, 171, 177, 182, 373, 387, 434 Recherche-320 f. Reflexivität im Forschungsprozess-200 Relaisübersetzung-255, 257, 263, 296 remediation, Neuvermittlung von Übersetzungen-68 Reziprozität-198 Scanlation-48, 177 Screenshots als Daten-23, 201 f. Selbstbestimmung-73, 114, 127, 417 selbstinitiierte Übersetzung-13, 32, 42, 49, 51, 254, 260 Selbstrepräsentation-50, 73, 98, 156, 194, 196, 389, 432 Selbstübersetzung von Social-Media-Inhalten-48, 50 Selbstzensur-53, 56, 70 Sichtbarkeit-72, 389 f. Situated Cognition-117, 135, 383 Social Construction of Technology (SCOT)-90 ff., 137 in der Translationswissenschaft-92, 478 Register <?page no="479"?> 109-112 interpretative Flexibilität-91 relevante soziale Gruppen-90, 111 Schließungsmechanismen-91, 111 social-media-driven translation-61 Social Shaping of Technology (SST)-90 social translation-60 Software-Lokalisierung-39, 116 solicited translation-42 Sozialdeterminismus-103 Soziale Netzwerkanalyse (SNA)-45 soziale Organisation-68, 72 sozialkonstruktivistische Technikforschung-90-93, 102, 109- 112, 124 soziologische Ansätze der Translationswissenschaft-25, 62-80 soziotechnisches Gefüge-88 Sprachkombination-239-244, 316-319, 325 Status-76, 97, 390 Technikbegriff-16, 20, 84 f. in der Translationswissenschaft 16, 27, 85 Technikdeterminismus-17, 85-89, 106- 109, 424 Techniken-19, 406-410 als ‚Härter‘-104, 242 als Produkte-155-159 als soziale/ kulturelle Projektionsflächen-17, 79 f., 97 f., 390-393, 424 als Statussymbole-97, 156 ästhetische Zuschreibungen-97 autonome Techniken-17, 21, 429, 433 Einbettung in den Alltag-94, 180-183, 186 ff. Kontingenz-99, 424 Mithandeln von Techniken-20, 102- 105, 160 nicht intendierte Folgen-16, 422 soziale Wirkung-26, 77 f., 157, 422 ff. strukturierende Wirkung-16 f., 99 f., 176, 339 und Macht-59, 124 ff. Widerständigkeit von Techniken-120 Technikentwicklung, Technikgenese-89- 93, 112, 159, 423, 428, 431 Technikfolgen-17, 85-89, 93 Technikfolgenabschätzung-88 Techniknutzung-18, 22, 93-102, 112-119, 160 als soziale Praxis-100 aneignender Umgang-95 anpassender Umgang-95, 121, 262, 340 deutender Umgang-22, 143 ff., 156 kulturtheoretischer Ansatz-94-99 realistischer Ansatz-99 f., 104 widerständiger Umgang-78, 95, 114, 262, 424 Technisierung-21, 161-164, 330 f., 338, 375-379, 393-397 des Alltags-95 nicht-technisierte Prozesse-379-382 Technografie-20, 83 f., 104, 130 f., 165 ff., 201, 421 Technikbegriff-20 f., 83 f. textgenetische Analyse-55, 428 Trägermedien für Praxen-20, 105, 145- 149, 375, 383-387, 415 f. menschlicher Körper-146 f., 163, 184 f., 237, 378 f., 385 physische Objekte-146 f., 158, 162, 238, 378 f., 384, 386 f. symbolische Zeichen-146 f., 163, 201, 237-244, 376 f., 383 f., 387-397 Translation im Alltag-28, 56, 64 Translation Memories-53, 107 f., 120 Register 479 <?page no="480"?> Translationsprodukt 25, 333, 335-341, 420 Translationsprozess-25, 247, 260-269, 315-333, 413 f., 420 Translationsprozessforschung-138, 381, 383 Translaville-22, 66, 189-194, 202 f. Übersetzen- als Arbeit-66, 128, 311 f., 418 als Ehrenamt-237, 308-311, 351, 427 als Freizeit- und Unterhaltungsaktivität 14 f., 50, 321, 395 als kreatives Gestalten-50, 379 ff. als Spaß und Spiel 50, 66, 128, 312 f., 418 als Sucht-66, 313, 418 als Wissensproduktion-69 im Kollektiv-26, 72, 414 Übersetzungsanfrage-249-257, 259, 319 f., 323 ff. Kontextinformationen-256 f., 319 f. lohnende-252 f., 416 Übersetzungsbedarf-250 Übersetzungsbots-17, 78 Übersetzungscommunities- als soziotechnische Handlungsgefüge-17, 71-82 fanbasierte-14 humanitäre-14 (informations-)aktivistische-14, 51, 67, 351 selbstorganisierte-15, 22, 57, 74, 192, 427 f. zweckunspezifische-193, 351, 417, 427 Übersetzungsfabriken-26 Übersetzungsplattform-22, 191 technisches Design-15 ff., 35, 67, 70, 193, 338, 354 Übersetzungspunkte-193, 237, 250, 270, 279-285, 339, 348 Übersetzung von Fanfiction-48 unbezahlte Translation-41 f., 59, 73 Ungerechtigkeit, soziale-125 Ungleichheit-124 unkonventionelle Translation-32 unsolicited translation-42 Untertitelung-37, 97 Amateur-Untertitelung-48, 68 Usability-114 user-generated translation-47-50, 52, 260 user-translators-49, 62, 70 Vergemeinschaftungsprozesse-78, 390- 393 Vergütung-309 f. bezahlte Translation-41 unbezahlte Translation-31, 41 Verkörperung-184 f., 429 Vertrauen-75, 77, 196, 226 volunteer translation-→ ehrenamtliche Translation Vorstellungen-19, 22, 64-67, 143 ff., 370- 374, 417 f. normative-67, 75, 262, 333-338, 361, 363-370 politische-68, 124 von der Community 341-348, 350-354, 357 ff., 361, 363-370, 390-393, 420 f. von Gemeinschaft-73, 76, 79 von Sprache(n)-239-244, 316-319 von Technik-79 f., 97 f., 116 f., 121 ff. von Übersetzung-64, 67, 69, 308-341, 418 ff. zur Längenentsprechung von Ausgangs- und Zieltext-338-341, 422 Wayback Machine-55, 236, 239, 249 Wertschöpfung an übersetzerischer Arbeit-73 f., 77, 127, 314 Wert von Übersetzungen-283 ff., 314, 418, 480 Register <?page no="481"?> 427 Wikipedia 14, 16, 47, 63, 67-70, 75, 78, 277, 342, 351, 411 Edit Wars-69, 75 Wissen-47, 143, 246, 428, 432 Wissenschaftssoziologie-90 Workplace Studies-101, 132-135 Zeitbeschränkung für Übersetzungen-261 f., 424 Register 481 <?page no="482"?> Translationswissenschaft herausgegeben von Klaus Kaindl und Franz Pöchhacker Die am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien herausgegebene Reihe versteht sich als offenes, internationales Forum für wissenschaftliche Beiträge zu Forschungsthemen im gesamten Spektrum der Disziplin. Neben zentralen Themenfeldern wie dem Literatur- und Fachübersetzen, dem Konferenz-, Gerichts- und Kommunaldolmetschen sowie dem mehrsprachigen Terminologiemanagement und den damit verbundenen theoretischen, methodischen und didaktischen Ansätzen und Fragestellungen umfasst die Reihe vor allem auch neue Entwicklungen im Zusammenhang mit multimodaler Kommunikation und technologiebasierter Translation. Die in der Reihe erscheinenden Monographien und Sammelbände unterliegen einem Begutachtungsverfahren, um ein möglichst hohes Maß an wissenschaftlicher Qualität wie auch Lesbarkeit zu garantieren. Bisher sind erschienen: Band 1 Hanna Risku Translationsmanagement Interkulturelle Fachkommunikation im Informationszeitalter 3., überarbeitete und erweiterte Auflage 2016, 288 Seiten €[D] 59,90 ISBN 978-3-8233-6983-7 Band 2 Sonja Pöllabauer “I don’t understand your english, Miss” Dolmetschen bei Asylanhörungen 2005, 484 Seiten €[D] 58,00 ISBN 978-3-8233-6175-6 Band 3 Gyde Hansen Erfolgreich übersetzen Entdecken und Beheben von Störquellen 2006, 310 Seiten €[D] 58,00 ISBN 978-3-8233-6256-2 Band 4 Susanne Göpferich Translationsprozessforschung Stand - Methoden - Perspektiven 2008, XIV, 313 Seiten €[D] 58,00 ISBN 978-3-8233-6439-9 Band 5 Martin Will Dolmetschorientierte Terminologiearbeit Modell und Methode 2009, XVIII, 223 Seiten €[D] 49,00 ISBN 978-3-8233-6506-8 Band 6 Mira Kadri ć Dialog als Prinzip Für eine emanzipatorische Praxis und Didaktik des Dolmetschens 2011, 184 Seiten €[D] 39,00 ISBN 978-3-8233-6561-7 <?page no="483"?> Band 7 Ángela Collados Aís / Emilia Iglesias Fernández / E. Macarena Pradas Macias / Elisabeth Stévaux (Hrsg.) Qualitätsparameter beim Simultandolmetschen Interdisziplinäre Perspektiven 2011, 353 Seiten €[D] 64,00 ISBN 978-3-8233-6637-9 Band 8 Gerrit Bayer-Hohenwarter Translatorische Kreativität Definition - Messung - Entwicklung 2012, XVIII, 362 Seiten €[D] 68,00 ISBN 978-3-8233-6709-3 Band 9 Karin Reithofer Englisch als Lingua Franca und Dolmetschen Ein Vergleich zweier Kommunikationsmodi unter dem Aspekt der Wirkungsäquivalenz 2013, 308 Seiten €[D] 64,00 ISBN 978-3-8233-6795-6 Band 10 Don Kiraly / Silvia Hansen-Schirra / Karin Maksymski (Hrsg.) New Prospects and Perspectives for Educating Language Mediators 2013, VI, 229 Seiten €[D] 58,00 ISBN 978-3-8233-6819-9 Band 11 Daniela Di Mango The Role of Theory in Translator Training 2018, 440 Seiten €[D] 88,00 ISBN 978-3-8233-8161-7 Band 12 Larisa Cercel / Marco Agnetta / María Teresa Amido Lozano (Hrsg.) Kreativität und Hermeneutik in der Translation 2017, 469 Seiten €[D] 88,00 ISBN 978-3-8233-8074-0 Band 13 Mascha Dabi ć Dolmetschen in der Psychotherapie Prekäres Gleichgewicht 2021, 304 Seiten €[D] 78,00 ISBN 978-3-8233-8234-8 Band 14 Sylvi Rennert Redeflüssigkeit und Dolmetschqualität Wirkung und Bewertung 2019, 203 Seiten €[D] 59,00 ISBN 978-3-8233-8281-2 Band 15 Katia Iacono Dolmetschen im Medizintourismus Anforderungen und Erwartungen an DolmetscherInnen in Deutschland und Österreich 2021, 358 Seiten €[D] 68,00 ISBN 978-3-8233-8472-4 Band 16 Klaus Kaindl / Sonja Pöllabauer / Dalibor Miki ć (Hrsg.) Dolmetschen als Dienst am Menschen Texte für Mira Kadri ć 2021, 255 Seiten €[D] 78,00 ISBN 978-3-8233-8433-5 Band 17 Sonja Pöllabauer / Mira Kadri ć (Hrsg.) Entwicklungslinien des Dolmetschens im soziokulturellen Kontext Translationskultur(en) im DACH-Raum 2021, 335 Seiten €[D] 68,00 ISBN 978-3-8233-8352-9 Band 18 Regina Rogl Gemeinschaftsbasiertes Übersetzen im Internet Praxen, Vorstellungen, Technik 2025, 481 Seiten €[D] 98,00 ISBN 978-3-381-13541-7 <?page no="484"?> ISBN 978-3-381-13541-7 Ausgehend von einer virtuellen Ethnographie untersucht Regina Rogl Online-Übersetzung als Alltags-, Freizeit- und Unterhaltungsaktivität. Am Beispiel einer Übersetzungscommunity beleuchtet sie gemeinschaftsbasiertes Übersetzen auf virtuellen Plattformen - eine technologievermittelte Form partizipativer Peer-Produktion, die von den einzigartigen Übersetzungskonzepten engagierter Amateur: innen geprägt ist. Die Studie untersucht das enge Zusammenspiel von Handeln, Vorstellungen und Technik, und fragt: Wie gestalten die Mitglieder der Community ihre Übersetzungspraxen zwischen Arbeit, Pflicht, Spaß und Spiel? Welche Vorstellungen von Übersetzung und Gemeinschaft prägen ihre Aktivitäten? Und welche soziale Rolle entfaltet Technik hier? Das Buch zeichnet ein vielschichtiges Bild der soziotechnischen Handlungsräume, die die Community für sich geschaffen hat. TW 18 Rogl GEMEINSCHAFTSBASIERTES ÜBERSETZEN IM INTERNET TRANSLATIONSWISSENSCHAFT BAND 18 GEMEINSCHAFTS- BASIERTES ÜBERSETZEN IM INTERNET Praxen, Vorstellungen, Technik Regina Rogl