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Die W-Überschrift als selbständiger Satztyp

Eine korpuslinguistische Analyse zu Gebrauchspräferenzen in der Online-Presse

0630
2025
978-3-381-14072-5
978-3-381-14071-8
Gunter Narr Verlag 
Julian Michael Stawecki
10.24053/9783381140725

Die W-Überschrift ist ein besonderer Satztyp mit Verbletztstellung, der nur in Überschriften vorkommt. Diese Arbeit untersucht mit korpuslinguistischen Methoden, welche Bedeutung und Wirkung dieser Satztyp hat und wie sich diese systematisch beschreiben lassen. Grundlage der Analyse ist ein eigens erstelltes Korpus mit Überschriften aus über 19 deutschen Online-Presse texten. Die Studie zeigt, dass W-Überschriften nicht zufällig, sondern gezielt in bestimmten Textsorten verwendet werden, um Erwartungen an die Art und den Inhalt der Wissensvermittlung im Haupttext zu steuern. Die Arbeit nutzt verschiedene sprachwissenschaftliche Ansätze, um zu erklären, wie sich Form und Textposition auf die Bedeutung dieses Satztyps auswirken.

9783381140725/9783381140725.pdf
<?page no="0"?> Julian Michael Stawecki Die W-Überschrift als selbständiger Satztyp Eine korpuslinguistische Analyse zu Gebrauchspräferenzen in der Online-Presse 9 <?page no="1"?> Die W-Überschrift als selbständiger Satztyp <?page no="2"?> Herausgegeben von Prof. Dr. Eva Eckkrammer (Mannheim) Prof. Dr. Claus Ehrhardt (Urbino/ Italien) Prof. Dr. Anita Fetzer (Augsburg) Prof. Dr. Rita Finkbeiner (Mainz) Prof. Dr. Frank Liedtke (Leipzig) Prof. Dr. Konstanze Marx (Greifswald) Prof. Dr. Sven Staffeldt (Halle) Prof. Dr. Verena Thaler (Innsbruck) Die Bände der Reihe werden einem single-blind Peer-Review-Verfahren unterzogen. Bd. 9 <?page no="3"?> Julian Michael Stawecki Die W-Überschrift als selbständiger Satztyp Eine korpuslinguistische Analyse zu Gebrauchs‐ präferenzen in der Online-Presse <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.24053/ 9783381140725 © 2025 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Überset‐ zungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Druck: Elanders Waiblingen GmbH ISSN 2628-4308 ISBN 978-3-381-14071-8 (Print) ISBN 978-3-381-14072-5 (ePDF) ISBN 978-3-381-14073-2 (ePub) Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Natio‐ nalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 9 1 11 1.1 14 1.2 15 2 19 2.1 19 2.2 23 2.3 25 2.3.1 26 2.3.2 30 2.4 42 3 45 3.1 46 3.1.1 47 3.1.2 50 3.2 54 3.2.1 54 3.2.2 59 3.3 64 3.3.1 65 3.3.2 71 3.4 72 Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gegenstand und Motivation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Leitfragen und Ziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aufbau der Arbeit und Vorgehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift . . . . . . . . . . . Die Beziehung zwischen Satztypen und Textsorten . . . . . . . . . Überschriften und ihre Textsortenzugehörigkeit im Journalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Forschungsstand zur W-Überschrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die W-Überschrift als Randerscheinung (1983-2017) . Die W-Überschrift nach Finkbeiner (ab 2018) . . . . . . . . Zusammenfassung und offene Ansatzpunkte . . . . . . . . . . . . . . Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die W-Überschrift im Satzmodus-System nach Altmann (1993) Formale Merkmale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einordnung in das System etablierter Satztypen . . . . . Zur Strukturbedeutung der W-Überschrift nach Truckenbrodt (2004) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zur Strukturbedeutung der W-Überschrift nach Truckenbrodt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erwartungshaltung und Unterstellung von Wissen . . Der Bezug der W-Überschrift zum Text in QUD-Bäumen nach Riester (2019) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Repräsentation von Texten als QUD-Bäume im Diskurs Textsortenbindung durch Adressierung der impliziten QUD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zusammenfassung und Hypothesenbildung . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 4 75 4.1 76 4.1.1 77 4.1.2 79 4.2 83 4.3 86 4.4 90 5 93 5.1 94 5.1.1 94 5.1.2 99 5.1.3 102 5.1.4 105 5.2 109 5.2.1 109 5.2.2 110 5.2.3 110 5.2.4 111 5.2.5 112 5.2.6 112 5.2.7 113 5.2.8 114 5.2.9 114 5.2.10 115 5.2.11 115 5.3 116 6 119 6.1 119 6.1.1 120 Kommunikations- und Kontextmerkmale von Überschriften der Online- Presse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Kommunikation durch Überschriften in der Online-Presse Die Rolle des Textproduzenten und Textrezipienten . . Einflüsse auf Presse-Überschriften in Online-Medien . Die Presse-Überschrift und ihre Begleitelemente . . . . . . . . . . . Textsortenspezifische Merkmalsausprägungen in Überschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zusammenfassung und Erkenntnisse fürs methodische Vorgehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Textsorten-Typologisierung für Online-Pressetexte . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entwicklung einer Klassifizierungsgrundlage von Pressetextsorten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Klassifikation von journalistischen Darstellungsformen Die Textfunktion von Pressetexten . . . . . . . . . . . . . . . . Kontextuelle Indikatoren aus dem Online-Journalismus Typologisierungs- und Beschreibungsgrundlage für Pressetextsorten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Textsortentypologie für Online-Pressetexte . . . . . . . . . . . . . . . Meldung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bericht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Feature . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ratgebertext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Reportage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Interview . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kolumne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Glosse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rezension . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zusammenfassung und Diskussion zur Textsorten-Typologie Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . Theorie- und datenbezogene Gründe für den Korpusaufbau . Zur Entscheidung einer Korpuserstellung . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> 6.1.2 123 6.1.3 126 6.2 128 6.2.1 129 6.2.2 137 6.2.3 139 6.2.4 140 6.3 145 6.4 147 7 151 7.1 152 7.1.1 153 7.1.2 160 7.1.3 178 7.2 187 7.2.1 188 7.2.2 200 7.3 204 7.3.1 204 7.3.2 216 7.4 224 8 227 8.1 228 8.2 232 8.2.1 232 8.2.2 236 8.2.3 240 8.3 244 8.3.1 245 Zur Vorbereitung der Korpusgestaltung . . . . . . . . . . . . Korpustypologische Beschreibung des Überschriften- Korpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Prozesse der Korpuserstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auswahl und Beschreibung der Datenquellen . . . . . . . . Datengewinnung und Preprocessing . . . . . . . . . . . . . . . Annotationsvorgang und Annotationsrichtlinien . . . . . Qualitätssicherung und Bewertung der Annotationen Überblick des finalen Korpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zusammenfassung und Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Analyse der W-Überschriften im Korpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen . . . . . . . . . . . . . . Der Gebrauch in Online-Presseportalen . . . . . . . . . . . . . Der Gebrauch in Textsorten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Gebrauch in Pressegattungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Beziehung der W-Überschrift zum Inhalt ihres Bezugstextes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . W-Ausdruck als Anzeige der Modalität des Textinhalts Schließung der Wissenslücke durch den Bezugstext . . Mustererkennung mithilfe von n-Grammen . . . . . . . . . . . . . . . Rekurrente Muster und hochspezifizierte Instanzen . . Textsortenspezifische Leseradressierung . . . . . . . . . . . . Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die W-Überschrift als Konstruktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konstruktionsgrammatik als Modellierungsansatz für die W-Überschrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beschreibungsperspektiven für W-Überschriften als Konstruktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Satztypen als Konstruktionen in der Konstruktionsgrammatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Textebene in Konstruktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kontextbeschreibung in Diskurskonstruktionen . . . . . Beschreibungsansatz für die W-Überschrift als Konstruktion Merkmale . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="8"?> 8.3.2 248 8.3.3 256 8.4 261 9 265 273 273 281 285 285 300 300 301 302 305 309 Konstruktionsbeschreibung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hochspezifizierte Instanzen der W-Überschrift . . . . . . Zusammenfassung und Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fachliteratur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere Quellen und Statistiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anhang 1: Annotationsrichtlinien Überschriften-Korpus . . . . . . . . . . Anhang 2: Aufteilung der Artikel-Gesamtmengen im Korpus . . . . . . Anhang 2.1: Hochrechnung Gesamtmenge der Artikel . . . . . . Anhang 2.2: Gesamtmenge der Artikel mit WÜ . . . . . . . . . . . . Anhang 2.3: Gesamtmenge der Artikel mit WV2I in der Überschrift . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="9"?> Vorwort Der vorliegende Text ist eine überarbeitete Fassung meiner Dissertation, die ich im Juli 2023 an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz eingereicht habe. Sie wurde im Rahmen des DFG-geförderten Projekts „W-Überschriften im Deutschen. Empirische Untersuchung und theoretische Modellierung der Schnittstelle zwischen Satztyp und Textsorte“ (Geschäftszeichen FI 2297/ 1-1) erstellt. Erst durch die Förderung der DFG wurde diese Untersuchung möglich, und dafür gilt ihr mein tief empfundener Dank. Diese Arbeit wurde in einer Zeit großer gesellschaftlicher Veränderungen und Herausforderungen verfasst. Die Corona-Pandemie prägte den gesamten Entstehungsprozess, brachte unvorhersehbare Unsicherheiten im Alltag mit sich und veränderte die Arbeitsbedingungen grundlegend. Doch inmitten dieser Herausforderungen gab es auch Lichtblicke: Die Geburt meiner Tochter Yana. Viele Tage und Nächte verbrachte ich sowohl mit dem Schreiben als auch mit ihrer Betreuung - eine intensive Zeit, die mir nicht nur wertvolle Erfahrungen, sondern auch neue Perspektiven schenkte. Mein besonderer Dank gilt Prof. Dr. Rita Finkbeiner, deren geduldige Unter‐ stützung und stete Gesprächsbereitschaft mich durch die gesamte Entstehungs‐ phase der Dissertation begleitet haben. Ihr Vertrauen in meine Fähigkeiten als Computerlinguist und ihre Ermutigung, meine empirischen Ideen umzusetzen, waren von unschätzbarem Wert. Ebenso danke ich meinem Zweitprüfer, Prof. Dr. Alexander Ziem, dessen Vertrauen in meine Fähigkeiten mich stets bestärkt hat. Beide haben mir gezeigt, dass Wissenschaft nicht nur darin besteht, präzise zu arbeiten, sondern auch Mut zur eigenen Forschung zu haben, bestehende Annahmen zu hinterfragen und neue Wege zu gehen. Mein tiefster Dank gilt meiner Familie - meiner Frau Lin, meiner Tochter Yana und meinen Eltern. Ohne eure Liebe, Geduld und Unterstützung wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen. Ihr habt mir die nötige Kraft gegeben, um trotz aller Herausforderungen durchzuhalten und diese Dissertation zu vollenden. Besonderer Dank gebührt auch den studentischen Hilfskräften Lara Ker‐ kenberg, Tasnim Khayata, Darya Malukha, Nina Jakob, Juliet Gülükoglu und Sophia Atteln. Ihre sorgfältige Arbeit bei der Annotation der Korpusdaten hat wesentlich zur empirischen Basis dieser Untersuchung beigetragen. Ohne ihr Engagement hätte diese Arbeit nicht auf der fundierten Datenbasis stehen können, die sie auszeichnet. Kaarst, im Mai 2025, Julian Michael Stawecki <?page no="11"?> 1 Gegenstand und Motivation Satztypen spielen eine besondere Rolle in der sprachlichen Kommunikation. Sie sind grundlegende sprachliche Einheiten, die anhand bestimmter struktureller Merkmale wie der Stellung des finiten Verbs, der Satzintonation und dem Einsatz von Modalpartikeln definiert werden und eine spezifische illokutive Funktion kodieren. Diese illokutiven Funktionen - etwa Behaupten, Fragen oder Bitten - beeinflussen maßgeblich, wie Sätze in Kommunikationssituationen interpretiert werden. Satztypen sind daher nicht nur strukturelle Kategorien, sondern auch wesentliche Mittel zur Steuerung von Kommunikationsprozessen in unterschiedlichen Kontexten. Während Satztypen traditionell vor allem im Rahmen der mündlichen Kom‐ munikation untersucht werden, zeigt sich ihre Bedeutung auch in schriftsprach‐ lichen Kontexten, insbesondere in der Pressekommunikation. Hier fungieren Überschriften als Schnittstelle, an der der Textproduzent (TP) mit dem Textre‐ zipienten (TR) kommuniziert und einen Übergang zu einem Diskursbeitrag - dem eigentlichen Artikel - schafft. Dabei lassen sich verschiedene Satztypen erkennen, die bevorzugt in Überschriften eingesetzt werden. Häufig finden sich Deklarativsätze, insbesondere V2-Deklarativsätze wie in (1), aber auch Interrogativsätze, z.B. w-V2-Interrogativsätze wie in (2). Besonders auffällig ist jedoch der Gebrauch von w-VL-Sätzen, wie in (3). - (1) Belarussische Airline verhängt Flugverbot (faz.net, 15.11.2021) - (2) Was bringen Hamburgs neue Campusschulen? (abendblatt.de, 03.09.2019) - (3) Warum die FDP-Niederlage verdient ist (tagesspiegel.de, 02.09.2019) Während w-V2-Sätze wie in (2) in der Literatur als selbständige Interrogativsätze mit einem typischen Fragepotenzial gut beschrieben sind, stellen w-VL-Sätze wie in (3) ein besonderes Phänomen dar. Sie treten üblicherweise in Satzgefügen wie in (4-6) auf, wo sie als unselbständige Nebensätze vom pragmatischen Potenzial eines Hauptsatzes abhängen. In der Position der Überschrift werden sie allerdings selbständig verwendet. Diese besondere Form eines w-VL-Satzes wird nach Finkbeiner (2018) als W-Überschrift (WÜ) bezeichnet. - (4) Ich sage dir, warum die FDP-Niederlage verdient ist. - (5) Sag mir, warum die FDP-Niederlage verdient ist. <?page no="12"?> 1 Es gibt z.B. eine weit verbreitete Auffassung darüber, dass Fragesätze wie in (2) nicht in Überschriften gebraucht werden sollten (Wolff 2017). (6) Ich frage mich, warum die FDP-Niederlage verdient ist. Aufgrund der selbständigen Verwendung in der Überschriften-Position stellen sich die Fragen, wodurch die WÜ lizensiert ist und welches illokutive Potenzial sie besitzt. Dabei liegt es nahe, dass die Positionierung und der Bezugstext der Überschrift Hinweise hierauf geben könnten. Erste Evidenzen im Rahmen von Pressetexten deuten bereits darauf hin, dass bei WÜ ein präferierter Gebrauch in Rezensionen und Reportagen vorliegt (Finkbeiner 2018). Zudem lässt sich annehmen, dass in der Presse konventionalisierte Auffassungen und Regeln existieren, die bestimmen, welche Überschriften sich für welche Textsorten be‐ sonders eignen. 1 Daraus ergibt sich die Annahme, dass bestimmte Satztypen, wie die WÜ, eine stärkere Affinität zu spezifischen Textsorten aufweisen könnten. Die zentrale Frage lautet: Welche Rolle kann den Satztypen im Gebrauch der Überschrift zugesprochen werden und welche Bedeutung hat in diesem Zusam‐ menhang die Textsortenzugehörigkeit? Es erscheint denkbar, dass der Satztyp in der Überschrift auf einer Metaebene eine textverweisende Funktion übernimmt, die mit der Funktion der Textsorte korrespondiert. Diese Verbindung könnte erklären, warum bestimmte Satztypen eine besondere Eignung für bestimmte Textsorten aufweisen. Ausgehend vom Gegenstand der WÜ ist daher den Fragen nachzugehen, warum gerade dieser Satztyp auf die Überschriften-Position beschränkt ist und welche pragmatischen Effekte sich bei seinem Gebrauch in spezifischen Textsorten nachweisen lassen. Ein Vergleich mit anderen Satztypen könnte dazu beitragen, die Eigenschaften der WÜ besser zu verstehen. Die Motivation dieser Arbeit ergibt sich aus der Feststellung, dass die bestehenden Ansätze zur Beschreibung von Satztypen nicht ausreichen, um die WÜ als eigenständigen Satztyp adäquat zu beschreiben. Die WÜ wirft das Licht nämlich auf ein Phänomen, das bisher wenig Beachtung gefunden hat: Die funktionale Beziehung zwischen Satztypen und Textebene. Im Forschungsdiskurs finden sich kaum ausführliche Auseinandersetzungen, die sich mit dem Zusammenhang von Satztypen und Überschriften beschäftigen. Dabei ist das Phänomen der WÜ als ausschließlich in Überschriften lizenzierter w-VL-Satz schon länger bekannt. Bereits Weuster (1983) beobachtete im Kon‐ text von w-Wort-Sätzen diese Form des w-VL-Satzes, den sie als verweisende Ergänzungsfrage ohne Frage-Illokution klassifizierte und der häufig als Textü‐ berschrift oder Buchtitel verwendet wird (vgl. 1983: 54). Weitere Nennungen der 12 1 Gegenstand und Motivation <?page no="13"?> WÜ finden sich auch unter dem Begriff der „w-Schlagzeile“ bspw. bei Altmann (1987), Luuko-Vinchenzo (1988) und Oppenrieder (1989). Eine spezifische Aus‐ einandersetzung mit dem Gegenstand blieb aber längere Zeit aus. Erst Finkbei‐ ner (2018) prägte den Terminus W-Überschrift und widmete sich dem Satztyp im Detail. Es gelang ihr, eine höhere Verträglichkeit der WÜ mit Pressetexten, die eine gegebene Proposition p spezifizieren, nachzuweisen als bei Pressetexten, die eine neue Proposition p assertieren. Finkbeiner (2018) nimmt an, dass der TP mit dem schriftsprachlichen Gebrauch einer Textüberschrift eine eigenständige sprachliche Handlung vollzieht. Um die Rolle der WÜ in dieser Handlung angemessen zu beschreiben, fehlt aber ein angemessener Beschreibungsansatz, der die Textsortenbezogenheit und die damit einhergehenden kontextuellen Faktoren berücksichtigt. Durch eine nähere Auseinandersetzung mit der WÜ bietet sich die Möglich‐ keit, eine Brücke zwischen der Satztypenforschung und der Textlinguistik zu schlagen, da die WÜ aufgrund ihrer festen Bindung an die Überschriften- Position stets einen Bezugstext benötigt. Die Betrachtung der Überschriften- Position als Schnittstelle zwischen der Textebene und der Satztypenebene eröffnet das Potenzial, das Zusammenspiel von Satztypen in Überschriften und den Eigenschaften und Funktionen des Bezugstextes detaillierter zu analysie‐ ren. In diesem Zusammenhang bietet eine Betrachtung des Gebrauchs von Satztypen in Überschriften spezifischer Textsorten eine wertvolle Gelegenheit, detailliertere Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen der textuellen und kommunikativen Funktion der WÜ zu gewinnen. Dies könnte nicht nur dazu beitragen, die Verflechtungen zwischen Satztypologie und Textlinguistik besser zu verstehen, sondern auch neue Perspektiven auf die Rolle von Satztypen im Gesamtgefüge schriftlicher Kommunikation zu eröffnen. Die vorliegende Arbeit verfolgt daher das Ziel, mithilfe korpusgetriebener und korpusgeleiteter Methoden den Gebrauch der WÜ in Pressetextsorten zu erschließen, um Aussagen über die WÜ als Satztyp und ihre funktionale Beziehung zur Textebene zu treffen. Als Vergleichsgegenstand dienen w-V2-In‐ terrogativsätze, um Aussagen über die Signifikanz der Beobachtungen zum WÜ-Gebrauch zu treffen. Der Grund für diesen Vergleich liegt in der formalen und semantischen Nähe beider Satztypen, die bedingt durch den w-Ausdruck einen interrogativen Modus und eine offene Proposition aufweisen, womit eine Informationslücke als Leseanreizfunktion eröffnet wird - die sogenannte „curiosity inducing information gap“ (Blom/ Hansen 2015: 88). Die Einschränkung der Untersuchung auf den Bereich der Pressetexte ergibt sich aus zwei zentralen Gründen: einem theoretischen und einem methodi‐ schen. Erstens handelt es sich bei Pressetexten um stark konventionalisierte 1 Gegenstand und Motivation 13 <?page no="14"?> Gebrauchstexte, die primär eine assertive Funktion bzw. Informationsfunktion für den Leser erfüllen. Werden also Gebrauchstexte betrachtet, die nach einer systematischen Typologie (Rolf 1993) klassifizierbar sind, können sie funktional näher spezifiziert und somit auch feiner differenziert werden. Eine solche Feindifferenzierung ermöglicht es schließlich, präzisere Aussagen über den Textsortengebrauch der WÜ zu treffen. Zweitens sind Pressetexte durch das traditionelle journalistische Handwerk und den Pressekodex geprägt. Es kann also davon ausgegangen werden, dass die Textsorten etablierte, gefestigte Formen und einen begrenzten Funktionsumfang aufweisen. Dies erleichtert die Typologisierung insofern, dass sich an den Konventionen der Presse orientiert werden kann. Aber auch aus methodischer Sicht ist eine bevorzugte Erfassung von Überschriften aus der Presse begründbar: Journalistische Texte sind über‐ schaubare, abgeschlossene Einheiten, die sich vergleichsweise schnell in Bezug auf ihre Funktion und ihren Inhalt analysieren lassen. Darüber hinaus bieten öffentlich zugängliche Artikel in Online-Presseportalen eine umfangreiche und leicht zugängliche Datengrundlage, die sich gut für korpuslinguistische Studien eignet. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass durch die Untersuchung der WÜ ein Beitrag zur Erforschung der funktionalen Beziehung zwischen Satztypen und Textebene geleistet werden soll. Die bestehende Forschung soll am Beispiel der WÜ um eine Satztyp-Text-Schnittstelle erweitert und das Potenzial für die Beschreibung von Satztypen auf Textebene aufgezeigt werden. 1.1 Leitfragen und Ziele Anhand der vorherigen Ausführungen lassen sich für die Dissertation folgende Fragestellungen ableiten, die es in der Arbeit zu beantworten gilt: • Frage F 1 : Worin unterscheidet sich die WÜ von anderen etablierten Satzty‐ pen? • Frage F 2 : Wodurch lässt sich die Beschränkung der WÜ auf den Gebrauch in Überschriften erklären? • Frage F 3 : Liegt bei den WÜ eine Bindung an spezifische Textsorten vor, durch die sich pragmatische Effekte erklären lassen? • Frage F 4 : Wie kann eine potenzielle Schnittstelle zwischen Satztyp und Textsorte theoretisch modelliert werden? Um das Ziel der Erschließung der Schnittstelle Satztyp-Text am Beispiel der WÜ zu erreichen, werden korpuslinguistische Methoden zum Einsatz kommen. Konkret wird der Textsortengebrauch der WÜ datengestützt erschlossen, mit 14 1 Gegenstand und Motivation <?page no="15"?> dem ein Erklärungsansatz für die funktionale Beziehung zwischen Textebene und Satztypen geliefert werden soll. Damit dieses primäre Ziel erreicht werden kann, ergibt sich für das dargelegte Forschungsvorhaben eine Vorgehensweise, die theoretischer und methodischer Natur ist: 1. Die Beschreibung der WÜ als selbständiger w-VL-Satztyp, der auf den Gebrauch in Überschriften beschränkt ist. 2. Die Beschreibung der Presse-Überschrift in der Online-Massenkommu‐ nikation, ihr textsortenspezifischer Gebrauch und die Erfassung ihrer kontextuellen Merkmale. 3. Das Aufstellen einer funktional getriebenen Textsorten-Typologie für Pressetexte, die der Differenzierung möglicher Beziehungsaspekte zur Überschrift dient. 4. Aufbau eines qualitativ geprüften, ausgewogenen Überschriften-Korpus aus Online-Pressetexten mit textsorten- und satztypenspezifischer Anno‐ tation. 5. Die quantitative und qualitative Untersuchung des Textsortengebrauchs von WÜ in Online-Pressetexten und der damit einhergehenden kommuni‐ kativen Effekte mithilfe korpuslinguistischer Methoden. 6. Die Entwicklung eines Beschreibungsansatzes für WÜ, der auf Basis der Evidenzen aus der Korpus-Studie gestützt ist und die textuelle Ebene berücksichtigt. 1.2 Aufbau der Arbeit und Vorgehen Die vorliegende Arbeit teilt sich in einen theoretischen und einen empiri‐ schen Teil. Der theoretische Teil beginnt mit einer Betrachtung des aktuellen Forschungsstands und greift zentrale Aspekte der Satztypenforschung und Textlinguistik auf, anhand derer sich Schnittstellen zwischen beiden Disziplinen aufzeigen lassen. Zudem werden bisherige Erkenntnisse zur WÜ zusammenge‐ fasst (Kapitel 2). Das Kapitel trägt dazu bei, einen Überblick über die Beziehung zwischen Satztypen und der Textebene zu geben und den Gebrauch von Satz‐ typen in Überschriften und Textsorten zu beleuchten. Zudem wird aufgedeckt, welchen Status WÜ in alter und neuer Forschungsliteratur einnehmen und welche offenen Forschungspunkte sich feststellen lassen, an die in dieser Arbeit angeknüpft werden kann. Der hierauf folgende Teil der Dissertation dient der Vorbereitung auf die em‐ pirische Arbeit, indem Hypothesen entwickelt und sowohl das Beschreibungsin‐ 1.2 Aufbau der Arbeit und Vorgehen 15 <?page no="16"?> ventar als auch die Forschungsdesiderate herausgearbeitet werden. Es wird der Gegenstand der WÜ als Satztyp im Satzmodus-System und seine imperativischepistemische Strukturbedeutung genauer betrachtet. Zudem wird das Potenzial der diskurslinguistischen Perspektive auf die WÜ als Question Under Discussion (QUD) aufgezeigt, die Aufschluss über eine Textsortenbindung geben kann (Kapitel 3). Des Weiteren wird die Überschrift und ihr Textsortengebrauch in der Kommunikation der Online-Presse näher betrachtet (Kapitel 4). Anschließend wird eine Textsortentypologie für journalistische Textsorten aufgestellt, die funktional getrieben ist und die Grundlage für die empirische Arbeit darstellt (Kapitel 5). Zusammenfassend zielt der theoretische Teil darauf ab, den For‐ schungsgegenstand der WÜ sowie ihre Kommunikationssituation zu erfassen, Hypothesen zu entwickeln und die Basis für die Korpusstudie im empirischen Teil der Dissertation zu legen. Der Aufbau noch einmal im Detail: • Kapitel 3 führt theoretische Ansätze, Begriffe und Modelle aus der Satz‐ typenforschung und Diskurspragmatik ein, die für diese Arbeit relevant sind. Hierbei wird sich am Satztypenmodell nach Altmann (1993), der im‐ perativisch-epistemischen Strukturbedeutung von Interrogativsätzen nach Truckenbrodt (2004) und der Modellierung von QUD-Diskursbäumen nach Riester (2019) orientiert. Das Ziel ist es, für die Arbeit fruchtbare Beschrei‐ bungsansätze aufzuzeigen und Hypothesen in Bezug auf die pragmatischen Effekte und den Textsortengebrauch der WÜ aufzustellen. • Kapitel 4 dient der Definition der Presse-Überschrift und der Betrachtung ihres textsortenspezifischen Gebrauchs vor dem Hintergrund der Massen‐ kommunikationssituation der Online-Presse. Das Ziel ist es, eine klar abgrenzbare Definition der Überschrift zu formulieren, und am Beispiel der WÜ herauszuarbeiten, welchen potenziellen Einfluss kontextuelle Merk‐ male der Kommunikationssituation auf die Wahl von Überschriften in bestimmten Textsorten haben. • Kapitel 5 dient der Erstellung einer funktional geprägten Textsortentypo‐ logie von Online-Pressetexten, die in Bezug auf das Forschungsvorhaben induktiv erarbeitet wird. Es werden bestehende Typologisierungsmerkmale von Pressetextsorten vor dem Hintergrund des Online-Gebrauchs betrach‐ tet, um funktionale und gestalterische Merkmale zu erschließen, die als Grundlage für die eigene Typologie dienen. Die in diesem Kapitel entwi‐ ckelte Typologie wird im Weiteren für das empirische Vorgehen verwendet. Der empirische Teil dieser Arbeit beschreibt die Vorbereitung und Erstellung des Überschriften-Korpus (Kapitel 6) und seine anschließende Auswertung (Kapitel 7). Hierbei werden die theoretischen Vorüberlegungen aus den vor‐ 16 1 Gegenstand und Motivation <?page no="17"?> hergehenden Kapiteln herangezogen, um die Korpusgestaltung theoriegerecht umzusetzen und Schlussfolgerungen zur Beziehung zwischen WÜ und Textsorte bzw. Textfunktion zu ziehen. • Kapitel 6 begründet die Erstellung eines eigenen Überschriften-Korpus und dokumentiert den gesamten Erstellungsprozess. Der Fokus liegt auf der Erläuterung der einzelnen Prozessschritte, einschließlich der Annotation und Qualitätssicherung. Eine abschließende quantitative und qualitative Betrachtung dient dazu, das Korpus als Ganzes zu bewerten und seine Einsatzmöglichkeiten für korpuslinguistische Studien aufzuzeigen. • Kapitel 7 umfasst die Auswertung des Korpus hinsichtlich der Fragen und Hypothesen dieser Arbeit. Spezifisch wird der Gebrauch der WÜ in Textsorten analysiert und mit dem Gegenstand der w-V2-Interrogativsätze kontrastiv verglichen, um signifikante Gebrauchsspezifika hervorzuheben. Zudem wird die Beziehung der WÜ zu ihrem Bezugstext u.a. anhand der Beantwortung der durch die WÜ adressierte Frage im Bezugstext untersucht. Aufbauend auf den Ergebnissen des empirischen Teils wird ein konstruktions‐ grammatischer Beschreibungsansatz für die WÜ mit Bezug zur Textebene entwickelt (Kapitel 8). Für die WÜ scheint dieses Vorgehen insofern fruchtbar zu sein, da es ermöglicht, die spezifischen Merkmale, die die Textposition und die möglichen Funktionen für den Bezugstext betreffen könnten, zu erfassen. Das Kapitel wird motivieren, warum ein konstruktionsgrammatischer Ansatz einem projektionistischen Ansatz vorgezogen wird. Als Basis für den Beschrei‐ bungsansatz werden die gewonnenen Erkenntnisse aus dem theoretischen Teil und die Ergebnisse aus der Korpus-Studie herangezogen. Ziel dieses Kapitels ist die Entwicklung eines Satztypen-Modells, mit dem sich die WÜ beschreiben und neben ihrer pragmatischen Funktion auch ihr Bezug zur Textsorte bzw. Textfunktion integrieren lässt. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und einem Forschungsausblick ab (Kapi‐ tel 9). Hierbei wird auf die einzelnen Ergebnisse aus der Arbeit in Bezug auf die Ziele, Fragestellungen und Hypothesen zusammenfassend zurückgeblickt. Zudem zeigt ein kurzer Ausblick das Potenzial weiterer Forschungen im Grenz‐ bereich zwischen Satz- und Textebene. 1.2 Aufbau der Arbeit und Vorgehen 17 <?page no="19"?> 2 Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift Dieses Kapitel beleuchtet den aktuellen Forschungsstand zur Schnittstelle von Satztypen und Textsorten sowie den spezifischen Fall der WÜ im Kontext der Satztypenforschung und Textlinguistik. Das Ziel besteht darin, die Beziehungen zwischen Satztypen und Textsorten aus verschiedenen theoretischen Perspek‐ tiven darzustellen und die WÜ in ihrer besonderen Stellung zwischen Satz- und Textebene einzuordnen. Zunächst werden Bezüge zwischen Satztypen und Textsorten im Rahmen der Satztypenforschung und Textlinguistik aufgezeigt (Kapitel 2.1). Anhand einiger Beispiele wird der Gebrauch von Satztypen im Hinblick auf die Ebene Text(-sorte) veranschaulicht. Anschließend wird die Beziehung zwischen Über‐ schrift und Bezugstext aus Sicht der journalistischen und publizistischen For‐ schung näher betrachtet (Kapitel 2.2), um hervorzuheben, welche Funktionen Überschriften in Bezug auf ihren Bezugstext erfüllen und welche Eigenschaften hiermit in Verbindung gebracht werden. Auf dieser Grundlage wird die Behandlung der WÜ in früheren Arbeiten wie Weuster (1983) sowie in aktuellen Forschungsbeiträgen von Finkbeiner (2018; 2020; 2022), Finkbeiner et al. (2021), Finkbeiner/ Külpmann (2022) und Finkbeiner/ Fetzer (2022) aufgezeigt (Kapitel 2.3). Ziel ist es, den bisherigen Kenntnisstand zu WÜ zusammenzufassen und offene Fragen aufzudecken. Abschließend werden die aufgedeckten Forschungsfragen systematisch zu‐ sammengetragen (Kapitel 2.4). Es wird beschrieben, wie diese in der vorliegen‐ den Arbeit aufgegriffen werden, um die WÜ als Schnittstelle zwischen Satztyp und Textebene zu untersuchen und zur Erweiterung der Satztypenforschung beizutragen. 2.1 Die Beziehung zwischen Satztypen und Textsorten In der Satztypenforschung stehen die Textebene und der Gebrauch von Satzty‐ pen in Textsorten bislang weniger im Fokus. Die Untersuchungen konzentrieren sich überwiegend auf mündliche, dialogische Kommunikationssituationen. Die Sicht auf Satztypen aus einer schriftlichen, monologischen Perspektive bleibt eine Randerscheinung. Spezifische Typen wie bspw. Echofragen, die sich nur im Rahmen eines dialogischen Kontextes adäquat beschreiben lassen, da sie vorher Geäußertes echoartig wiederholen, sind Gegenstand zahlreicher Unter‐ <?page no="20"?> 2 Hierzu genauer: Im Althochdeutschen finden sich vermehrt Belegstellen des V1-De‐ klarativsatzes in Erzählungen, im Mittelhochdeutschen jedoch nicht. Erst im Frühneu‐ hochdeutschen wird er wieder von Dichtern und Schriftstellern in Gedichten und Liedern aufgegriffen (vgl. Schaller 2014: 8). suchungen (u.a. bei Reis, 2013; 2016; Altmann, 1987; 1993). Satztypen, wie z.B. monologische Fragen, die auf eine monologisch geprägte Kommunikation beschränkt sind und eingebettet im Monolog eine spezifische strukturierende Funktion erfüllen, finden hingegen weniger Aufmerksamkeit (Brandt et al. 1992; Truckenbrodt 2004). Es fehlt eine feindifferenzierte und systematische Betrachtung von Satztypen, die deutlicher zwischen der Medialität (mündlichschriftlich) und der Gesprächsform (dialogisch-monologisch) unterscheidet, um funktionale Unterschiede klar herauszuarbeiten. Trotz dieser fehlenden Systematisierung finden sich in Forschungsarbeiten dennoch immer wieder Hinweise und Fälle, bei denen der Bezug von Satztypen zur Textebene genannt wird. Ein häufig genanntes Beispiel, etwa bei Donhauser (1987), Oppenrieder (1987; 2013) und Schaller (2014) ist der V1-Deklarativsatz mit unbesetztem Vorfeld (7-8), der einen frequenten Gebrauch in Witzanfängen aufweist. Die Positionierung am Textanfang und die starke Bindung an die Textsorte Witz scheinen entscheidende Merkmale für den Gebrauch des Satztyps in Texten zu sein. - (7) Kommt ein Mann in eine Kneipe. - (8) Sitzen zwei Kühe auf einem Baum. Schaller (2014: 8f.) stellt bei der Betrachtung des Gebrauchs von V1-Deklarativ‐ sätzen aus sprachhistorischer Sicht fest, dass sie aus althochdeutschen Erzählun‐ gen und Textanfängen von frühneuhochdeutschen Gedichten und Volksliedern 2 stammen. So tauchen sie bspw. am Anfang von Goethes Heideröslein (9) oder im Kinderlied Kommt ein Vogel geflogen (10) auf. - (9) Sah ein Knab’ein Röslein stehen (Goethe in Trunz 1981: 78) - (10) Kommt ein Vogel geflogen, setzt sich nieder auf mein’ Schoß - - hat ein Zettel im Schnabel, von der Mutter ein’ Gruß. In zeitgenössischer Lyrik ist der V1-Deklarativsatz im Neuhochdeutschen je‐ doch seltener geworden, weshalb es so scheint, dass er „in der geschriebenen 20 2 Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift <?page no="21"?> 3 Die genannten Belegstellen stammen aus dem Deutschen Referenzkorpus (DeReKo) und sind dem dort vorgegebenen Zitierstil angepasst. Sprache beinahe ausschließlich […] auf bestimmte Textsorten beschränkt“ (Schaller 2014: 54) ist. Es ist aber zu hinterfragen, ob nicht eher von einer Gebrauchspräferenz als von einer Gebrauchsbeschränkung gesprochen werden sollte. „Gebrauchsbeschränkung“ impliziert, dass Satztypen ausschließlich in bestimmten Textsorten verwendet werden dürfen. Der Begriff „Gebrauchspräfe‐ renz“ drückt hingegen aus, dass ein Satztyp auch in anderen Texten verwendbar sein kann, empirisch jedoch nachweislich in bestimmten Textsorten frequenter bzw. am frequentesten vorkommt. V1-Deklarativsätze ohne Vorfeldbesetzung eignen sich bspw. aktuell nämlich immer noch für Kinderlieder und Reime, allerdings scheint ihr Gebrauch in Witzen häufiger bzw. präferierter. Dies zeigt sich bspw. darin, dass der Satztyp weiterhin als prominentes Beispiel für ein textstrukturierendes Element am Anfang von Witzen genannt wird, das den Rahmen für die abschließende Pointe schafft. So scheint die Annahme berechtigt, dass der V1-Deklarativsatz eine präferierte Verwendung hinsichtlich einer Textposition (initial) in einer bestimmten Textsorte (Witz) aufweist. Nur ist zu fragen, wodurch diese Präferenz zustande kommt und ob die Textsorte Witz den Gebrauch des Satztyps bedingt oder umgekehrt. - (11) Warum ich denn kein Autogramm von Lukas Podolski mitgebracht habe, mischt sich unsere Tochter ein. Die hat es nötig, denke ich. Wo sie doch sonst jeden oberpeinlich-uncool findet, der nur das Wort Fußball in den Mund nimmt. (brz06/ jul.01343 Braunschweiger Zeitung, 04.07.2006) 3 Bezüglich des Gebrauchs von Satztypen in Texten fallen auch wo-VL-Sätze mit doch-Modalpartikel (11) auf. Nach Müller (vgl. 2018: 413) tauchen solche wo-doch-Sätze insbesondere frequent in Texten des Feuilleton-Bereichs auf, in denen der Ich-Erzähler eine Beschwerde äußert, so bspw. in Kolumnen. Für sie lässt dies die Annahme zu, dass wo-doch-VL-Sätze (11) eine höhere Verträglichkeit mit Texten mit „lockerem Kontext“ (Müller 2018: 413) aufweisen. Offen bleibt nur, was mit einem solchen Kontext genau gemeint ist. Ist hiermit die Textsorte gemeint, das Genre, das Thema, die Sprachstilistik oder ein Mix aus allen? Es ist zwar anzunehmen, dass bestimmte textinterne Eigenschaften zum präferierten Gebrauch des Satztyps beitragen, aber welche könnten hierzu gezählt werden und sind sie für bestimmte Textsorten charakteristisch? Sowohl V1-Deklarativsätze als auch wo-doch-VL-Sätze scheinen Beispiele dafür zu sein, dass Gebrauchspräferenzen für Satztypen in bestimmten Texten vorliegen können. Dies legt die Annahme nahe, dass spezifische Formausprä‐ 2.1 Die Beziehung zwischen Satztypen und Textsorten 21 <?page no="22"?> gungen von Sätzen für bestimmte Textsorten und Textpositionen geeigneter scheinen als andere. Nun kann auch aus textlinguistischer Sicht die Frage gestellt werden, ob ähnliche Beobachtungen in Texten hinsichtlich der Verwendung bestimmter Satztypen zu finden sind und welchen Stellenwert sie bei der Konstituierung von Textsorten einnehmen. Simmler (vgl. 1996: 612) merkt bspw. an, dass Makro‐ strukturen - textinterne, satzübergreifende Einheiten von Texten - zusammen mit hierarchisch kleineren Einheiten wie Satztypen Textsorten konstituieren können. Welches Satztypen-Verständnis er hierbei jedoch vertritt, bleibt offen. Zudem fehlt bei ihm eine Auseinandersetzung damit, welche Prozesse zwischen Satztypen und Makrostrukturen bei der Bildung von Textsorten eine Rolle spielen. Satztypen können ihm zufolge jedoch als eine textinterne Eigenschaft interpretiert werden, die dazu beiträgt, eine Textsorte zu bestimmen. Die Annahme, dass der präferierte Gebrauch bestimmter Satztypen als Eigenschaft von Textsorten angesehen werden kann, wird aber nicht nur durch Beobachtungen wie den V1-Deklarativsatz in Witzanfängen gestützt, sondern auch durch Beobachtungen zur historischen Wandelbarkeit des Satztypenge‐ brauchs. So zeigt Donalies (2012) im Zuge der Betrachtung von Verbformen in Kochrezepten, dass sich die Verwendung der Verbformen historisch zusammen mit der Textsorte gewandelt hat. Mitte des 14. Jahrhunderts ist der Gebrauch von Imperativsätzen (12) typisch für Kochrezepte. In zeitgenössischen Rezepten finden sich allerdings nun u.a. auch Anweisungssätze mit dem Verbmodus Indikativ (13) oder Konjunktiv (14). Hieran ist zu sehen, dass der charakteris‐ tische V1-Imperativsatz früher eine Eigenschaft mit hoher Gewichtung zur Bestimmung der Textsorte Rezept oder Anweisungstext war, wohingegen er aus aktueller Sicht diese Gewichtung verloren hat. Zudem weist diese Beobachtung darauf hin, dass sich gewisse Konventionen in der Produktion und Rezeption von Kochrezepten geändert haben, die Einfluss auf die Verwendung von Satz‐ typen haben. - (12) Nimm den Kuchen aus dem Ofen und bestäube ihn mit Puderzucker - (13) Du nimmst den Kuchen aus dem Ofen und bestäubst ihn mit Puderzucker - (14) Man nehme den Kuchen aus dem Ofen und bestäube ihn mit Puderzucker Zusammenfassend zeigen sich beim Blick auf die aktuelle Forschungsliteratur Hinweise darauf, dass bestimmte Satztypen gezielt in Textsorten verwendet werden und als textinterne Eigenschaft hinweisend für die Sorte eines Textes sein können. Der V1-Deklarativsatz kann in der initialen Position eines Textes 22 2 Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift <?page no="23"?> auf die Textsorte Witz hindeuten oder wird in Gedichten oder Liedern verwen‐ det, und wo-doch-VL-Sätze werden präferiert in kommentierenden journalisti‐ schen Texten verwendet. Der Gebrauch bestimmter Satztypen in Textsorten scheint von Konventionen geprägt zu sein und ist historisch wandelbar, wie die rückläufige Verwendung von V1-Imperativsätzen in Kochrezepten beispielhaft verdeutlicht. Die aktuelle Literatur bietet aber keine ausreichende Beleuchtung des textsortenspezifischen Satztypengebrauchs, so dass eine tiefergehende Auseinandersetzung mit diesem Phänomen fehlt. Bei der Thematisierung des Bezugs zwischen Textsorte und Satztyp fallen allerdings zwei Aspekte auf: Die gezielte Verwendung von Satztypen in bestimmten Textsorten und ihre Positionierung bzw. Einbettung im Text. Gerade der letzte Aspekt spielt für die WÜ eine besondere Rolle, da ihre Positionierung in der Überschrift ein konstitutives Merkmal ist. Die obligatorische Beziehung der WÜ zu ihrem Bezugstext und dessen Textsorte kann also ein Schlüssel zur Erschließung dieses Satztyps sein. Bevor der Forschungsstand zur WÜ allerdings genauer beleuchtet wird, wird noch ein Blick auf die derzeitige Forschungslage zu Presse-Überschriften und ihrer Textsortenzugehörigkeit geworfen. 2.2 Überschriften und ihre Textsortenzugehörigkeit im Journalismus Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, wie der aktuelle Forschungsstand zur Funktion von Überschriften in der Institution Presse hinsichtlich mögli‐ cher Textsortenrestriktionen aussieht. Aus dem Blickwinkel der Journalistik betrachtet, liegt eine enge Beziehung zwischen der Form der Überschrift und spezifischen Textsorten vor. Wolff (2017) merkt hierzu Folgendes an: Überschriften sind ein spezifischer Teil der Darstellungsform, und sie erfüllen für ihre Darstellungsform eine bestimmte Aufgabe. Diese Aufgabe ist das attraktive Verpacken oder Verkaufen des Artikels, wobei die angestrebte Attraktivität ganz erheblich von der Darstellungsform und ihrer Funktion für die Leser abhängt (Wolff 2017: 260). Die Textsorte (Darstellungsform) und ihre Funktion haben dieser Aussage zufolge einen Einfluss darauf, welche Überschrift (Verpackung) für einen je‐ weiligen Artikel gewählt wird. In der Presse gibt es also für bestimmte Texte spezifische Überschriften-Formen. Nun stellt sich die Frage, ob auch Satztypen zu den hier genannten Überschriften-Formen zählen. Falls ja, könnten Satztypen in Überschriften dazu verwendet werden, um anzuzeigen, welche Textfunktion der Bezugstext besitzt und zu welcher Textsorte er gehört. 2.2 Überschriften und ihre Textsortenzugehörigkeit im Journalismus 23 <?page no="24"?> 4 Genauer widmen sich der Frage, ob die Erwartungshaltung aus der Überschrift im Text eingelöst wird, auch Ott/ Staffeldt (2013), indem sie den Aspekt der Irreführung in deutschsprachigen Zeitungsüberschriften untersuchen. Unter Irreführung verstehen sie den Widerspruch zwischen Überschrift und Inhalt des Folgetextes. Ott/ Staffeldt (2013) klassifizieren dies unter dem Begriff Verwirrspiel. Der Begriff Clickbait scheint aber auch hier für Überschriften passend, die TR in die Irre leiten. Auf eine textsortenanzeigende Funktion wird in der Literatur allerdings nicht explizit eingegangen. Vielmehr wird darauf verwiesen, welche Funktionen der Überschrift mit welchen Textsorten kompatibel sind. Ein häufig genanntes Bei‐ spiel ist die primär wirkende Informationsfunktion von Überschriften des Typs Meldung in Tageszeitungen, die u.a. den Telegrammstil verwenden (vgl. Wolff 2017: 264) und mit der Informationsvermittlungsfunktion von der Textsorte einhergeht. Weiterhin wird den Überschriften von Berichten in Magazinen verstärkt eine Leseanreizfunktion zugeschrieben (vgl. Wolff 2017: 260f.). Fragen hingegen werden in Zeitungsredaktionen oftmals als unzulässig betrachtet (vgl. Wolff 2017: 267), da sie in der Regel keine Informationsfunktion besitzen würden. Dennoch finden sie in der Praxis immer wieder Anwendung in Über‐ schriften. Solche groben Zuordnungen sind allerdings für eine systematische Betrachtung wenig gehaltvoll. Eine Ausnahme stellt allerdings Finkbeiner (2021a) dar. Sie betrachtet Presseüberschriften aus einer sprechakttheoretischen Sicht und geht von einer Überschriften-Illokution aus, die metasprachlicher Natur ist und mit der etwas über den Bezugstext ausgesagt wird. Von der Annahme ausgehend, dass die Überschrift etwas über ihren Bezugstext aussagt, ist es plausibel, dass auch indirekt etwas über die Funktion des Bezugstextes ausgesagt wird, was Rückschlüsse auf die verwendete Textsorte ermöglicht. Bei einer näheren Betrachtung von Interrogativsätzen in Überschriften und ihren zugehörigen Textsorten fallen in jüngster Zeit insbesondere im Bereich der Computerlinguistik Untersuchungen zum Thema Clickbait auf. Clickbait bezeichnet hier einen spezifischen Schreibstil in Überschriften aus dem Online- Bereich, der die TR dazu verleitet, den Artikel zu öffnen und zu lesen, unabhän‐ gig davon, ob der Textinhalt die Erwartungen der TR erfüllt oder nicht 4 (s. Kuiken et al. 2017: 1311; Burgess/ Hurcombe 2019: 363; Scott 2021). Anhand einer korpusgestützten Betrachtung zu redaktionellen Überarbeitungen von Clickbait-Titeln zum Zweck einer Generierung höherer Leserzahlen konnten Kuiken et al. (2017) bestätigen, dass u.a. der Gebrauch von Interrogativsätzen in Überschriften zu einem wesentlichen Merkmal von Clickbait-Titeln zählt. Sie kommen zu der Annahme, dass sowohl Thema als auch Genre des Textes einen Einfluss darauf haben könnten, was für eine Überschrift von TP eingesetzt wird (vgl. Kuiken et al. 2017: 1312). Dieses Beispiel zeigt, dass empirische Beobach‐ 24 2 Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift <?page no="25"?> tungen die Annahme stützen, dass eine Korrelation zwischen Interrogativsätzen in Überschriften und der Art ihrer Bezugstexte besteht. Ob diese Korrelation auch kausal zu begründen ist, so dass Interrogativsätze aufgrund spezifischer Merkmale in Überschriften bestimmter Textsorten verwendet werden, bleibt allerdings offen. Weiterhin zeigen Blom/ Hansen (2015) auf, dass es eine Beziehung zwischen der Überschrift und ihrem Bezugstext gibt, die durch kataphorische Referenzen zustande kommt. Diese Referenzen werden in der Regel mithilfe von Pronomen wie bspw. Interrogativpronomen in Überschriften realisiert. Mit ihnen wird die Aufmerksamkeit der TR gesteigert, da ein Verweis vorliegt, der erst im Bezugstext aufgelöst wird. Durch sie entsteht eine Wissenslücke - die „curiosity inducing information gap“ (Blom/ Hansen 2015: 88). Sie trägt dazu bei, dass TR den zugehörigen Artikel lesen wollen, um die eröffnete Lücke mithilfe des vermittelten Wissens aus dem Bezugstext zu schließen. Das bedeutet, dass w-In‐ terrogativsätze in Überschriften, einschließlich der WÜ, die Aufmerksamkeit des TR steigern und aufgrund des w-Ausdrucks eine kataphorische Referenz auf den Bezugstext besitzen, bei der das Referierte offen bleibt. Es ist also möglich, dass WÜ aufgrund der oben beschriebenen Funktion des w-Ausdrucks ähnliche textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen besitzen wie bspw. w-Fragen in der Überschrift. Zusammenfassend zeigt sich hinsichtlich eines Bezugs zwischen Überschrif‐ ten und Pressetexten ein heterogenes Bild, das aus unterschiedlichen For‐ schungsdisziplinen betrachtet werden kann. Es finden sich aber disziplinüber‐ greifend theoretische und empirische Hinweise darauf, dass Überschriften etwas über ihren Text aussagen und es eine Korrelation zwischen Interrogativ‐ sätzen in Überschriften und der Art ihrer Bezugstexte gibt, die mit formalen Merkmalen wie Interrogativpronomen als kataphorische Referenzen auf Texti‐ nhalte begründbar sein können. Welche konkreten Beziehungen spezifisch bei Satztypen in Überschriften und der Textebene bestehen, wird in der bisherigen Forschung aber nicht eingehend thematisiert. 2.3 Der Forschungsstand zur W-Überschrift Bisher wurden Berührungspunkte zwischen Satztypen und der Textebene aufgezeigt, die in der Forschungsliteratur thematisiert werden. Die WÜ wie in (15) als spezieller Satztyp, der nur in der Position der Überschrift verwendet wird, wurde dabei ausgeklammert. Ihrem Forschungsstand wird sich spezifisch in diesem Kapitel gewidmet. 2.3 Der Forschungsstand zur W-Überschrift 25 <?page no="26"?> 5 Weitere WÜ finden sich auch in Video-Überschriften auf Online Streaming-Plattformen wie z.B. „Warum wir Donald Duck lieben | WALULIS“ (WALULIS 2019) oder „Wie du ein passives Einkommen mit 1000€ aufbauen kannst“ (Talerbox Invest Smart 2019). (15) Was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist (zeit.de, 15.03.2019) Finkbeiner (2018) nahm in jüngster Zeit eine detaillierte Betrachtung dieses Satztyps vor, der schon früh von Weuster (1983) als W-Wort Satz in Buchtiteln und Schlagzeilen von Zeitungen erkannt worden war. Auch in weiteren For‐ schungsarbeiten zu Satztypen (u.a. Altmann, 1987; Oppenrieder, 1987; 1989; d’Avis, 2001) findet sich die WÜ unter verschiedenen terminologischen Be‐ zeichnungen wieder: Schlagzeile mit einleitendem w-Element (Altmann 1987), w-Satz als Überschrift (Pafel 2016) oder w-Schlagzeile (Oppenrieder 1987; 1989; d’Avis 2001). Die Bezeichnung w-Schlagzeile impliziert, dass sich der Satztyp ausschließlich auf Artikel-Überschriften in Pressetexten beschränkt. Wie aber bereits Weuster (1983) feststellt, ist dieser Typ eines selbständigen w-VL-Satzes bspw. auch in Buchtiteln zu finden, und wie Finkbeiner (2018) ergänzt, auch in Filmtiteln oder Kapitelüberschriften. 5 Daher prägte Finkbeiner (2018) den Begriff der W-Überschrift, um den Gebrauch dieses Satztyps in titelgebenden Positionen zusammenfassend zu beschreiben. Die vorliegende Arbeit schließt sich diesem Terminus an, so wie bereits zuvor geschehen. Das Ziel der folgenden Unterkapitel ist eine zusammenfassende Reflexion des Forschungsstands zur WÜ. Der erste Abschnitt beleuchtet die Anfänge und schaut darauf, wie die WÜ bis in die Mitte der 2010er Jahre in der Satztypen-Forschung behandelt wurde (Kapitel 2.3.1). Anschließend werden aktuelle Forschungsarbeiten thematisiert, die rund um Finkbeiner (2018) zum Gegenstand der WÜ entstanden sind und das aktuelle Verständnis der WÜ prägen (Kapitel-2.3.2). 2.3.1 Die W-Überschrift als Randerscheinung (1983-2017) Die zentrale Herausforderung bei der WÜ besteht in der Bestimmung ihrer kom‐ munikativen Funktion im Kontext der Überschriften-Position bzw. Textebene. Weuster (1983) greift das Phänomen der WÜ näher im Zuge ihrer Untersuchung von nicht eingebetteten Satztypen mit Verb-Endstellung auf. Sie argumentiert dafür, dass es sich bei VL-Sätzen mit finitem Verb um selbständige Sätze han‐ delt, für deren Selbständigkeit es syntaktische, semantische und pragmatische Indizien gibt. Sie benennt die Eigenschaften, dass die Proposition der WÜ nicht 26 2 Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift <?page no="27"?> spezifiziert ist und das w-Wort auf den fehlenden Teil der Proposition hinweist, ähnlich wie bei Ergänzungsfragesätzen, bei denen das w-Wort in verweisender Funktion mit unterschiedlichen Illokutionen der Äußerung korrespondiert (vgl. Weuster 1983: 28). Nach Weuster (vgl. 1983: 53f.) verweist die WÜ darauf, dass ein Teil der Proposition in einem bestimmten Zusammenhang erläutert wird. Da WÜ in Überschriften vorkommen, nimmt sie an, dass der Sprecher bzw. der TP etwas „glaubt oder glauben machen will“ (Weuster 1983: 54). Das, was der TP glauben machen will, spiegelt sich in den verwendeten w-Ausdrücken wider. So will der TP bspw. mit warum glauben machen, dass es Gründe für die Wahrheit des Präsupponierten gibt, oder mit was, dass es etwas gibt, das in dem genannten Zusammenhang der Äußerung von Bedeutung ist. Zusam‐ menfassend ausgedrückt: Mit der WÜ drückt der TP aus, dass der indizierte Inhalt aus dem w-Wort „für den Hörer von Interesse ist und ihm mitgeteilt werden soll“ (Weuster 1983: 54). An diesen Ausführungen wird deutlich, dass die Beziehung der w-Ausdrücke zum Bezugstext für das pragmatische Verständnis der Äußerung entscheidend ist. Die Überschrift weckt beim TR ein situatives Interesse an der Wissensvermittlung und erzeugt spezifische Erwartungen an den Bezugstext. Diese Annahmen werden bei Weuster (1983) zwar nicht weiter beleuchtet, deuten aber darauf hin, dass die w-Ausdrücke auf Inhalte und die Funktion des Bezugstexts verweisen. Weuster (vgl. 1983: 53f.) äußert sich hinsichtlich des Funktionstyps einer WÜ wie in (15), dass dieser nur mit einem Matrixsatz (16) paraphrasierbar ist, der sich aus dem Kontext ergeben müsste. Allerdings bietet die WÜ aufgrund ihrer Überschriften-Position keinen sprachlich realisierten Kontext, aus dem ein Matrixsatz erschlossen werden kann. - (16) Hier erfahren Sie, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist. Auch Altmann (vgl. 1987: 28) benennt für die WÜ genau diese Problematik eines fehlenden Kontextes, der zur Erschließung des Funktionstyps beitragen könnte. Als mögliche Funktionstypen gibt er sinngemäße Rekonstruktionen der WÜ (15) als Aussagesatz (17), Imperativsatz (18) oder Fragesatz (19) an, auch wenn er anmerkt, dass „man keine klaren Intuitionen über den Funktionstyp des isolierten Verb-Letzt-Satzes hat“ (Altmann 1987: 28). - (17) Wir sagen Ihnen, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist. - (18) Lesen Sie hier, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist. 2.3 Der Forschungsstand zur W-Überschrift 27 <?page no="28"?> (19) Möchten Sie wissen, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist? Die Ambiguität hinsichtlich des Funktionstyps ergibt sich also aus den fehlen‐ den Informationen des Kontextes. Da die WÜ in einer Überschriften-Position steht, fehlen entsprechende kontextuelle Ankerpunkte, mithilfe derer eine Paraphrasierung des Funktionstyps konstruierbar wäre. Lediglich kommunika‐ tionsbezogene und situative Kontextmerkmale können verwendet werden, um sich der pragmatischen Funktion der WÜ anzunähern. Eine eindeutige Erklärung hinsichtlich des Funktionstyps findet auch Luuko- Vinchenzo (vgl. 1988: 117f.) nicht. Sie vertritt die Ansicht, dass in der WÜ ein Direktiv vorliegt, unter dem eine Aufforderung an den TR zum Handeln zu verstehen ist, z.B. das Lesen des Artikels oder das Kaufen des Produkts (Tages‐ zeitung, Magazin, etc.). Jedoch schreibt sie den WÜ neben einem direktiven Illokutionspotenzial auch ein assertives Illokutionspotenzial zu, da sich die WÜ (15) sowohl in einem Matrixsatz sowohl als Assertiv (17) als auch Direktiv (18) paraphrasieren lässt. Oppenrieder (vgl. 1989: 215f.) beschreibt diese Ambiguität zwischen Direktiv und Assertiv als „spezialisierte assertive Funktion“ (Oppenrieder 1989: 215) der WÜ, bei der eine Information angekündigt wird. Die angekündigte Information wird durch die w-Ausdrücke angezeigt, ähnlich wie es bei Weuster (1983) ausgeführt ist. Als passende Funktionstypexplizierung einer WÜ (15) nennt er Formulierungen wie hier erfahren Sie (20) oder sehen/ lesen Sie (21) als impe‐ rativische Variante. Er erläutert jedoch nicht, wie diese funktionsanzeigende Paraphrasen entstehen und bezeichnet sie lediglich als vom „Sinn her passende Paraphrasen“ (Oppenrieder 1989: 215). Auch hier lassen sich die Funktionsty‐ pexplizierungen nicht aus dem Kontext rekonstruieren. - (20) Hier erfahren Sie, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist - (21) Sehen/ Lesen Sie, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist Pafel (vgl. 2016: 412) betrachtet die WÜ aus der Sicht von intentionalen Modi. Nach ihm ist die WÜ genau wie bei Oppenrieder (1989) als eine Ankündigung zu verstehen, bei der ein intentionaler Deklarativ vorliegt, bei dem die kommuni‐ kative Intention des Sprechers (S) es ist, dem Adressaten (A) etwas mitzuteilen. Der intentionale Deklarativmodus ist nach Pafel (2016: 409) auf folgende Weise zu beschreiben: „S intendiert (indem S X tut), A mitzuteilen, ___“. Im Fall der 28 2 Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift <?page no="29"?> WÜ (15) ergibt sich entsprechend die folgende Beschreibung des intentionalen Modus: - (22) S intendiert, A mitzuteilen, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist Einen solchen deklarativen Modus sieht er auch bei V1-Entscheidungsinterro‐ gativen (23) vorliegen, die ebenfalls in Überschriften oder auch eingebettet in monologischen Reden auftreten können. - (23) Ist die Finanzkrise jetzt beendet? (aus Pafel 2016: 412) Die Beispiele verdeutlichen, dass die kontextuelle Verwendung einer Äußerung - z.B. in der Überschrift oder im Monolog - Einfluss auf die Intention des Sprechers bzw. TP hat. Was Pafel (2016) jedoch unbeantwortet lässt, ist die Frage danach, ob eine Äußerung in der Überschriften-Position nicht stets einen intentionalen Deklarativmodus erfordert. Schließlich sollte es bei Äußerungen in der Überschrift immer die Intention des TP sein, dem TR etwas über den Inhalt oder das Thema des Bezugstextes (direkt oder indirekt) mitzuteilen. An der bisher gezeigten Literatur ist zu sehen, dass der Fokus bei der Erschließung der WÜ stets darin liegt, ihren Funktionstyp auf adäquate Weise zu explizieren. Dies scheitert allerdings daran, dass ein passender sprachlicher Kontext für die Rekonstruktion eines Matrixsatzes fehlt. Der situative Kontext der WÜ legt nahe, dass aufgrund der Position in der Überschrift bestimmte Intentionen beim TP vorliegen. Allerdings bleibt hierdurch die pragmatische Funktion der WÜ ambig. Es kann entsprechend keine adäquate Erfassung der Illokution bzw. des illokutiven Potenzials erfolgen. Was z.B. in bisherigen Ausführungen fehlt, ist eine weitaus systematischere und intensivere Ausein‐ andersetzung mit den Besonderheiten der WÜ, die sich aus ihrer Positionierung und Beziehung zur Textebene ergeben. Spezifische Merkmale wie die Bezüge der w-Ausdrücke auf Inhalte im Bezugstext oder die Intention des TP, den TR zum Lesen des Bezugstextes zu bewegen, werden zwar genannt, aber nicht weiter vertieft. Diese Aspekte im WÜ-Diskurs erkennt auch Finkbeiner (vgl. 2018: 24f.) und stellt fest, dass die Auseinandersetzung mit der WÜ zu stark von der Seite der syntaktischen Ebene stattfindet. Deshalb erweitert sie den Blick auf den Satztyp um die Textebene und eröffnet neue Beschreibungsmöglichkeiten. 2.3 Der Forschungsstand zur W-Überschrift 29 <?page no="30"?> 2.3.2 Die W-Überschrift nach Finkbeiner (ab 2018) In den bisher angesprochenen Arbeiten wird die WÜ lediglich als Rander‐ scheinung behandelt und meist im Zusammenhang mit Satztypklassen wie selbständigen VL-Sätzen (Weuster 1983) erwähnt. Über einen langen Zeitraum fehlten detaillierte Untersuchungen, die sich speziell mit dem Phänomen der WÜ beschäftigten. Erst Finkbeiner (2018) widmet sich gezielt diesem Thema und legt dabei zahlreiche Grundlagen, die in weiteren Arbeiten von ihr (Finkb‐ einer 2020) sowie gemeinsam mit Külpmann (Finkbeiner/ Külpmann 2022), Külpmann/ Stawecki (Finkbeiner et al. 2021) und Fetzer (Finkbeiner/ Fetzer 2022) vertieft werden. Im Folgenden werden die zentralen Erkenntnisse, die aus diesen Arbeiten stammen, zusammengefasst und in einzelnen Unterkapiteln erläutert. 2.3.2.1 Syntaktische Selbständigkeit Finkbeiner (2018) und Finkbeiner et al. (vgl. 2021: 132) schließen aus, dass es sich bei der WÜ um eine Ellipse handelt und argumentieren für eine syntaktische Selbständigkeit dieses Satztyps. Wie bisher erwähnt, lässt eine WÜ (24a) es zwar grundsätzlich zu, dass sie in einen Hauptsatz (24b) eingebettet werden kann, doch kann eine solche Rekonstruktion nur dem Sinn nach vorgenommen werden. Der Grund dafür ist das Fehlen eines Vorkontextes der Überschriften-Position, der dies rechtfertigen würde. Ein solch lose konstruierter Matrixsatz (24b) dient eher der Beschreibung einer funktionalen Prägung, weist aber nicht automatisch auf das Vorliegen einer Tilgung hin, denn eine derartige Rekonstruktion ist auch für weitere syntaktisch selbständige VL-Satztypen (25-26) möglich. - (24) a. Warum erwachsene Männer ihren Arbeitsplatz wie eine Kirmesbude dekorieren (sueddeutsche.de, 14.06.2019) - - b. Dieser Text sagt, warum erwachsene Männer ihren Arbeitsplatz wie eine Kirmesbude dekorieren. - (25) a. Ob ich das wohl sagen darf ? - - b. Ich frage mich, ob ich das wohl sagen darf. - (26) a. Was DER nicht alles weiß! - - b. Es ist unfassbar, was DER nicht alles weiß. Für den Ellipsenstatus der WÜ ist also nur haltbar zu argumentieren, falls sich ein Matrixsatz aus einem schriftlich realisierten Vorkontext rekonstruieren lässt. Wie Finkbeiner et al. (vgl. 2021: 133) zeigen, ist zwar in seltenen Fällen 30 2 Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift <?page no="31"?> 6 Die Spitzmarke ist ein diskurseinleitendes Begleitelement der Überschrift. Sie steht in der Überschriftenzeile und ist der Überschrift direkt vorgeschaltet. Die Spitzmarke wird in der Regel mit Interpunktionszeichen wie einem Doppelpunkt oder einem Gedankenstrich von der eigentlichen Überschrift getrennt. Mehr hierzu in Kapitel-4.2. eine solche Rekonstruktion anhand von Spitzmarken 6 - direkt vorgeschaltete Begleitelemente in der Überschriftenzeile - möglich, allerdings entstehen hier‐ durch bei den WÜ (27a, 28a) Bedeutungsunterschiede in den Matrixsätzen (27b, 28b). - (27) a. Gesetze und Urteile: Was im Kleingarten erlaubt ist (focus.de, 17.04.2019) - - b. Gesetze und Urteile (darüber), was im Kleingarten erlaubt ist - (28) a. Sportpsychologe erklärt: Was der HSV von Jürgen Klopp lernen kann (focus.de, 10.05.2019) - - b. Sportpsychologe erklärt, was der HSV von Jürgen Klopp lernen kann Die Spitzmarken Gesetze und Urteile (27a) sowie Sportpsychologe erklärt (28a) stellen eine semantische Beziehung zum w-VL-Satz her, indem sie ihn inhalt‐ lich einordnen und einen diskursiven Rahmen schaffen. Das kommunikative Gewicht liegt hier jeweils auf dem w-VL-Satz. Anders ist dies in den Rekon‐ struktionen (27b, 28b). Bei diesen liegt das kommunikative Gewicht jeweils auf dem Matrixsatz. Für das Vorliegen einer unterschiedlichen Gewichtung bei den WÜ und den rekonstruierten Matrixsätzen kann mithilfe eines Fortsetzungstests (vgl. Finkbeiner et al. 2021: 133) argumentiert werden, bei dem Sätze ohne ein kommunikatives Hauptgewicht (29a, 30a) schlechter fortführbar sind als solche Sätze mit einem kommunikativen Hauptgewicht (29b, 30b). - (29) a. Gesetze und Urteile: Was im Kleingarten erlaubt ist. ? ? Über die will ich mehr erfahren - - b. Gesetze und Urteile darüber, was im Kleingarten erlaubt ist. Über die will ich mehr erfahren - (30) a. Sportpsychologe erklärt: Was der HSV von Jürgen Klopp lernen kann. ? ? Das macht er gut. - - b. Sportpsychologe erklärt, was der HSV von Jürgen Klopp lernen kann. Das macht er gut. 2.3 Der Forschungsstand zur W-Überschrift 31 <?page no="32"?> 7 Alle aufgeführten Belege wurden aus Finkbeiner et al. (2021) übernommen. Die Beispiele verdeutlichen, dass eine Rekonstruktion der WÜ zusammen mit der Spitzmarke als Matrixsatz nicht ohne Bedeutungsunterschied möglich ist. Es liegt bei der WÜ also kein sprachlich realisierter Antezedent vor. Finkbeiner (2018) und Finkbeiner et al. (2021) schließen daher für die WÜ den Fall einer A-Ellipse (antecedent-based ellipsis) (Reich 2011) aus. Sowohl Finkbeiner (vgl. 2018: 26) als auch Finkbeiner et al. (vgl. 2021: 137) weisen allerdings darauf hin, dass bei der WÜ eine S-Ellipse (Situationsellipse) (Reich 2011) vorliegen kann, die erst durch ihren außersprachlichen Kontext zu interpretieren und zu verstehen ist. Im Falle der WÜ würde der Bezugstext die notwendigen kontextuellen Informationen für das Glücken der WÜ-Verwendung liefern. Die Möglichkeit einer S-Ellipse spricht jedoch nicht automatisch gegen eine syntaktische Selbständigkeit. Vielmehr verdeutlicht dies, dass der Bezugstext für das Verständnis der WÜ entscheidend ist. 2.3.2.2 Gebrauchsbeschränkung auf Überschriften Finkbeiner (vgl. 2018: 27) argumentiert dafür, dass WÜ als selbständige Äuße‐ rungen lizenziert sind, da sie Bestandteil einer Überschrift-Text-Konfiguration sind, in der sie die Position der Überschrift besetzen. Finkbeiner et al. (2021) belegen dies durch eine Korpusuntersuchung, die die These prüft, dass sich keine Evidenzen für WÜ außerhalb der Überschriften-Position nachweisen las‐ sen. Die Datengrundlage der Untersuchung besteht aus Sprachdaten des DWDS- Kernkorpus 21, das Texte aus Belletristik, Gebrauchsliteratur, Wissenschaft und Presse der Jahre 2000 bis 2010 umfasst. Durch die Auswertung von rund 874.113 Sätzen aus 12.184 Dokumenten sind 457 selbständig auftretende w-VL-Sätze ermittelbar (vgl. Finkbeiner et al. 2021: 139f.). Die Treffer 7 umfassen neben etablierten selbständigen w-VL-Sätzen, wie bspw. w-Exklamativsätze (31) und deliberative Fragen (32), auch solche w-VL-Sätze, bei denen es sich um textstilis‐ tische Phänomene, wie feste Wendungen (33), Zitateinleiter (34) oder verdeckte Einbettungen (35-40) handelt. Verdeckte Einbettungen bezeichnen w-VL-Sätze, die hinsichtlich Graphematik und Interpunktion als desintegriert erscheinen, da sie entgegen der orthographischen Norm keine Kommas, sondern Punkte und Doppelpunkte verwenden, aber dennoch als unselbständig einzustufen sind. Zu diesen gehören u.a. weiterführende Relativsätze (35), freie Relativsätze (36), attributive Relativsätze (37), Pseudocleft-Sätze (38), Konzessivsätze (39) und wo-doch-Sätze (40) (vgl. Finkbeiner et al. 2021: 140ff.). 32 2 Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift <?page no="33"?> (31) Was das wieder dauerte! (Dölling, Hör auf zu trommeln, S. 57) - (32) Was sie wohl angekreuzt hat? (Bach, Marsmädchen, S. 88) - (33) Wie Sie wollen. (Kopetzky, Grand Tour, S. 171) - (34) Wie mein Skilehrer immer sagte: (Nach dem Kopf ist der Stiefel das Wichtigste) (Die Zeit, 03.02.2000) - (35) (Lieber stiftete sie mich an Karamellen oder Kirschen zu stehlen.) Was wir zu bereuen hatten. (Koneffke, Paul Schatz im Uhrenkasten, S. 56) - (36) (Er hat ja gesagt, klar, du lernst Englisch, dann studierst du.) Was du willst. (Krausser, Eros, S. 91) - (37) (Sie sagten all das, was du niemals sagen kannst.) Was keiner hören will. (Hahn, Unscharfe Bilder, S. 142) - (38) Was ihn von vielen anderen Schlaubergern unterscheidet: (Krause tut was.) (Die Zeit, 06.04.2000) - (39) Was aber auch immer die Motive für diese Bezeichnungen sind: (Der Name für den Felsen kam zuerst […]) (Krämer/ Sauer, Lexikon der populären Sprachirrtümer, S. 172) - (40) (Aber du! ) Wo du doch selbst nordskogisches Blut in deinen Adern hast! (Boie, Skogland, S. 213) Die Korpusstudie liefert keine Belege für eine selbständige Verwendung von WÜ außerhalb der Überschriften-Position. Sie bekräftigt somit die These, dass dieser Satztyp auch nur in dieser Position gebraucht wird. Um aber den Fragen nachzugehen, ob WÜ dennoch ein Potenzial bergen, außerhalb der Überschrift eingesetzt zu werden, und ob Sprecher des Deutschen eine solche Verwendung als akzeptabel erachten, schließen Finkbeiner et al. (2021) der Korpusuntersu‐ chung eine Fragebogenstudie an. Mit dieser soll die Hypothese geprüft werden, dass WÜ in textmedialer Stellung eine geringere Akzeptabilität gegenüber WÜ in textinitialer Stellung besitzen, wo eher eine Überschriften-Lesart möglich ist. Für die Studie bewerteten 39 Studenten an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Testitems mit w-VL-Sätzen (WÜ) und w-V2-Sätzen (w-Fragen) in textinitialer und textmedialer Stellung. Die Testitems bestehen aus verkürzten Online-Artikeln des Online-Magazins Bento ohne typografische Auszeichnun‐ gen und ohne Satzendzeichen, da typografisch nicht erkennbar sein soll, ob die Äußerung zu einer Überschrift oder zum Fließtext zählt. Beispiel (41) zeigt ein solches Testitem, bei dem der zu bewertende Satz unterstrichen ist (vgl. Finkbeiner et al. 2021: 143ff.): 2.3 Der Forschungsstand zur W-Überschrift 33 <?page no="34"?> (41) w-VL-Satz in textmedialer Position - - Wir Millennials gelten oft als eine Generation, die etwas ganz anderes vom Leben will als ihre Eltern - die sich mehr um die richtige Work-Life- Balance kümmert, statt auf ein Eigenheim zu sparen | Für mehr Sinn im Job stecken wir bei der Bezahlung gerne zurück | Warum es Millennials schlechter geht als ihren Eltern | Blöd nur: Während unsere Eltern sich noch ein Haus im Grünen leisten konnten, können wir jetzt froh sein, wenn wir unsere winzige Stadtwohnung bezahlen können | Obwohl wir oft besser ausgebildet sind, verdienen wir nicht mehr und gleichzeitig steigen unsere Ausgaben | So wird der Traum vom sozialen Aufstieg für unsere Generation zunehmend ungreifbarer. Die Fragebogenstudie kommt zu dem Ergebnis, dass eine textinitiale Stellung der WÜ eher bevorzugt und akzeptiert wird als eine textmediale Stellung, da eine textinitiale Positionierung des Satztyps im Text eher eine Überschriften- Lesart zulässt. Zusammenfassend liefert die Korpusstudie Evidenzen dafür, dass Sprecher bzw. TP die WÜ nicht außerhalb der Überschrift verwenden, und die Fragebo‐ genstudie verdeutlicht, dass Hörer bzw. TR eine höhere Akzeptanz für die WÜ in textinitialer als in textmedialer Stellung haben, da die initiale Stellung eher eine Überschriften-Lesart erlaubt. Die Ergebnisse beider Studien legen nahe, dass bei WÜ tatsächlich eine Gebrauchsbeschränkung auf das Überschriften-Format vorliegt und dass die Überschriften-Position das entscheidende Merkmal für die Lizenzierung ihrer Selbständigkeit ist. 2.3.2.3 Metasprechakt Finkbeiner (vgl. 2018: 24) argumentiert dafür, dass die Illokution der WÜ nur in einem Satztyp-Text-Zusammenhang zu verstehen sei, anstatt sie wie die Arbeiten vor ihr (s. Kapitel 2.3.1) nur von syntaktischer Seite aus zu beschreiben. Die Funktion der WÜ sei im Kontext des Bezugstextes und des‐ sen Textsorte zu beschreiben. Diese Position führt sie in weiteren Arbeiten (Finkbeiner 2020; 2021a; Finkbeiner et al. 2021) fort. Generell für Überschriften in Pressetexten argumentiert Finkbeiner (2021a), dass das Illokutionspotenzial auf einer Metaebene liegt und ein Metasprechakt vollzogen wird, mit dem etwas über den Bezugstext der Überschrift ausgesagt wird. Die Überschriften- Illokution ist gegenüber der grammatisch determinierten Illokution dominant (vgl. Finkbeiner 2021a: 278f.). Spezifisch für WÜ argumentieren Finkbeiner et al. (2021) zudem, dass eine Funktionstypexplizierung wie z.B. bei Oppenrieder (1989) mit Paraphrasen wie Hier erfahren Sie oder Sehen/ Lesen Sie hier nicht adäquat sei, da hiermit die Beziehung zum Text ungenau repräsentiert wird. Bei 34 2 Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift <?page no="35"?> einer solchen Paraphrasierung wird nämlich die Tatsache vernachlässigt, dass der TP durch die Überschrift zeigt/ sagt, was der Bezugstext zeigen/ sagen wird. Es handelt sich also eher um „eine Assertion über eine Assertion“ (Finkbeiner et al. 2021: 135). Im Falle der WÜ kann entsprechend von einer Meta-Assertion bzw. einem metarepräsentativen Sprechakt ausgegangen werden (Finkbeiner 2018; Finkbeiner et al. 2021). Die Funktionstypexplizierung einer WÜ (42a) ist danach wie folgt anzugeben (42b): - (42) a. Wie du Müll im Alltag überflüssig machst (lifeverde.de, 25.08.2020) - - b. Ich sage, dass der Text sagt, wie du Müll im Alltag überflüssig machst Interessant ist an dieser Stelle zu beobachten, dass mit einer solchen Meta- Assertion bereits vermittelt wird, dass der Bezugstext der Überschrift die Lücke füllen wird. Der TP teilt dem TR mit, dass der Bezugstext die Informationen vermittelt, um die offene Proposition zu schließen. Es bleibt allerdings offen, ob die Funktionstypexplizierung bei w-Interrogativsätzen in Überschriften, wie etwa bei einem w-V2-Interrogativsatz (43a), ebenso anzugeben wäre, dass der Bezugstext etwas aussagt (43b) oder er (sich) eine Frage stellt (43c). Letz‐ tere Explizierung entspräche eher dem Funktionstyp in einer dialogischen Gesprächssituation: - (43) a. Warum ist Fracking so umstritten? (spiegel.de, 04.10.2022) - - b. Ich sage, dass der Text sagt, warum Fracking so umstritten ist. - - c. Ich sage, dass der Text (sich) die Frage stellt, warum Fracking so umstritten ist. Da der Gebrauch der WÜ auf die Überschriften-Position beschränkt ist, ist davon auszugehen, dass sie im Vergleich zu anderen w-Interrogativsätzen in der Überschriften-Position einen funktionalen Unterschied besitzt. Dieselbe Funktionstypexplizierung für w-V2-Interrogativsätze in der Überschrift wie in (43b) scheint daher weniger passend als (43c). Durch eine Untersuchung hinsichtlich der Beantwortung der eröffneten Wissenslücke in den Bezugstex‐ ten, die eine WÜ und bspw. einen w-V2-Interrogativsatz in der Überschrift verwenden, könnten allerdings weitere Erkenntnisse über diese möglichen Funktionsunterschiede gewonnen werden. 2.3 Der Forschungsstand zur W-Überschrift 35 <?page no="36"?> 2.3.2.4 Explizierung impliziter Fragen Finkbeiner (vgl. 2018: 24) merkt an, dass WÜ auch als zitierende Verwendungen betrachtet werden können, bei denen eine vorher bestehende Leserfrage aufge‐ griffen wird. Hierbei wird angenommen, dass bei der Leserschaft eine latente Frage im Diskurs besteht (44), die von der WÜ (45) aufgegriffen wird. - (44) Was müssen wir über die Corona-Sommerwelle wissen? - (45) Was wir über die Corona-Sommerwelle wissen müssen (wdr.de, 17.06.2022) Diese Annahme verfeinern Finkbeiner/ Külpmann (2022), indem sie die WÜ diskurspragmatisch unter dem Gesichtspunkt der Questions Under Discussion (QUD) betrachten. Kurz gefasst bietet die QUD-Theorie (Roberts 2012) einen diskurspragmatischen Ansatz, um Informationsstrukturen im Diskurs zu be‐ schreiben. Unter QUDs ist eine Reihe an Fragen zu verstehen, auf die sich die Teilnehmer eines Diskurses an einer bestimmten Stelle im Diskursgeschehen implizit oder explizit beziehen und die sie beantworten möchten. Alle Äußerun‐ gen und kommunikativen Schritte dienen somit der Beantwortung einer QUD aus der Gesamtmenge aller QUDs. Finkbeiner/ Külpmanns (2022) Überlegungen zur WÜ im Rahmen des QUD- Ansatzes basieren nun auf der Unterscheidung zwischen impliziten und expli‐ ziten QUDs. Implizite QUDs werden aus getätigten Äußerungen des Gesprächs‐ partners erschlossen und im Gespräch nicht explizit als Frage geäußert. Explizite QUDs hingegen sind direkt geäußerte Fragen an den Gesprächspartner. Rose‐ meyer (2022) vertritt die Annahme, dass explizite QUDs nur in Kontexten ver‐ wendet werden, von denen angenommen werden kann, dass der Adressat nicht in der Lage ist, eine implizit formulierte QUD aus dem bisherigen Diskursverlauf zu rekonstruieren, z.B. zu Beginn eines Gesprächs. Finkbeiner/ Külpmann (vgl. 2022: 63f.) wenden diese Annahmen auf die WÜ an. Sie gehen davon aus, dass sich der Nachrichten-Diskurs aus stetig publizierten Artikeln über bestimmte Ereignisse aufbaut und TP und TR entsprechend über einen gemeinsamen Common Ground (CG) zu gewissen Diskursthemen verfügen. Journalistische Artikel können daher in neue Diskurse einführen oder bestehende erweitern, indem sie offene Fragen aus dem Diskursverlauf aufgreifen oder beantworten. Die Presse-Überschrift eines Artikels könnte also solche offenen Fragen adres‐ sieren. Da Fragen in der dialogischen Kommunikation meist vom Sprecher verwen‐ det werden, um fehlendes Wissen zu erfragen, erscheint eine explizite Adres‐ sierung der QUD in Pressetext-Überschriften weniger angemessen. Schließlich 36 2 Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift <?page no="37"?> liegt bei der Kommunikation in Pressetexten das Wissensdefizit eher auf der Seite des TR und nicht auf der Seite des TP. Der TR ist also der Informations‐ suchende und der TP der Informationsvermittelnde. Eine WÜ scheint für die Kommunikation in der Überschrift insofern eine treffende Form, um eine impli‐ zite QUD zu explizieren, sie aber nicht direkt als eine Frage zu formulieren: „The basic discourse-pragmatic function of a wh-headline is to explicitly introduce an implicit QUD into discourse while not posing it explicitly as an informationseeking question“ (Finkbeiner/ Külpmann 2022: 67). Die Plausibilität dieser These prüfen Finkbeiner/ Külpmann (2022) durch eine diachrone Analyse des Auftretens von WÜ in mittelhochdeutschen und früh‐ neuhochdeutschen Texten. Sie gehen der Frage nach, welche sprachinternen und -externen Faktoren für die diachrone Entwicklung der WÜ eine Rolle spielen, und werten 350 Überschriften aus, die die formalen Merkmale der WÜ aufweisen und sowohl aus Texten des Deutschen Textarchivs (DTA) als auch des Bonner Frühneuhochdeutschkorpus (FnhdC) stammen. Anhand von konkreten Beispielen für den WÜ-Gebrauch wird sich auf drei Textsorten konzentriert, die in den jeweiligen Zeitperioden etabliert waren: Prosa, Ratgeber, Predigten. Für narrative Prosatexte wird das Beispiel der Überschrift (46) der dritten Aventiure im Nibelungenlied (Manuskript A) genannt, bei dem in den ersten zwei Aventiuren bereits Figuren und eine Handlung eingeführt wurden. TP und TR besitzen also zu Beginn der dritten Aventiure hinsichtlich der bisherigen Narration des Heldenepos einen „intra-textual CG“ (Finkbeiner/ Külpmann 2022: 76). Aufgrund ihres Textwissens erwarten TR, dass das narrative Epos in mehrere Aventiuren eingeteilt ist, die inhaltlich aufeinander bis zu einem Finale aufbauen. In den ersten zwei Aventiuren haben sich beim TR entsprechend bereits QUDs in Bezug auf den weiteren Verlauf der Geschichte gebildet (z.B. Was passiert auf der Reise nach Worms? ), da er davon ausgeht, dass das bisher Eingeführte weiter fortgeführt wird. Die WÜ (46) kann diese Fragen aufgreifen. - (46) Wie si ze Wormz chomen - - „Wie sie nach Worms kamen“ Einen CG zwischen TR und TP stellen Finkbeiner/ Külpmann (2022) auch in pharmazeutischen Texten fest, wie z.B. in der Überschrift (47) von Ortolf von Baierlands Pharmacopoeia, ein in mehrere Abschnitte aufgeteiltes Arznei‐ buch mit instruktionellen Texten zur Herstellung von Arzneien. Der TP kann aufgrund des Zwecks des Buches zur Arzneiherstellung annehmen, dass die TR über ein medizinisches Grundwissen verfügen, das für das Verstehen des 2.3 Der Forschungsstand zur W-Überschrift 37 <?page no="38"?> Arzneibuches notwendig ist. Er ist also in der Lage zu antizipieren, welche impliziten Fragen beim TR vorliegen können. Dies würde erklären, warum in der Kapitelüberschrift (48) die folgende implizite QUD adressiert wird: Wie kann man eine Papelsalbe herstellen? - (47) Wie man die papelsalben machen schol - - „Wie man die Papelsalben machen soll“ Das dritte Textsortenbeispiel betriff eine Predigt für die Anwendung auf Hoch‐ zeiten, die zur Erbauungsliteratur zählt. Die WÜ (48) ist inhaltlich an ein Lied Salomons angelehnt und der erwähnte Hochzeitsschmuck soll Braut und Bräutigam als Zeichen an den heiligen Bund der Ehe erinnern. - (48) Wie sich die Christlichen Eheleute bey den guldenen Ketten/ Hals- und Armbändern zu erinnern haben - - „Wie sich die christlichen Eheleute mit goldenen Ketten, Hals- und Arm‐ bändern einander erinnern sollen“ Da Texte aus der Erbauungsliteratur zur theologischen Bildung und Diskussion verwendet wurden, sind abhängig vom Hintergrund der TR verschiedene Propositionen anzunehmen. Im Rahmen der kirchlichen Eheschließung können z.B. bei Braut oder Bräutigam als TR der Predigt diverse implizite QUDs vorliegen, die in Überschriften von thematisch passenden Predigten wie in (48) adressiert werden. Die implizite Frage würde hier entsprechend lauten: Wie sollen sich christliche Eheleute mit goldenen Ketten, Hals- und Armbändern einander erinnern? Insgesamt zeigen Finkbeiner/ Külpmann (2022), dass WÜ als besondere Ver‐ wendungsform von Interrogativen in Überschriften angesehen werden können, mit denen keine Informationen erfragt werden, sondern mit denen implizit bestehende Fragen (QUD) explizit gemacht werden, ohne sie dabei als eine Frage zu formulieren. Die Beispiele der Korpusuntersuchung zeigen, dass WÜ in Texten vorkommen, die auf einem CG zwischen TP und TR basieren und dem TR fehlendes Wissen vermitteln. Zu diesen Texten zählen Predigten, die theologisches Wissen voraussetzen, Arzneibücher für Fachleute zur Arzneimit‐ telherstellung und narrative Texte, die auf eine bereits etablierte Handlung aufbauen. Sie greifen also stets einen CG der Diskursteilnehmer auf und erweitern das Wissen des TR. 38 2 Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift <?page no="39"?> 2.3.2.5 Textsortenkorrelation Wie im vorherigen Kapitel erwähnt, gibt es Hinweise darauf, dass die Textsorte eine entscheidende Rolle bei der Verwendung von WÜ spielt. Eine Bindung der WÜ an bestimmte Textsorten sieht auch Finkbeiner (2018) früh und argumentiert hierfür mithilfe von Präsuppositionen - implizite als gegeben angenommene Voraussetzungen, die einer Aussage zugrunde liegen. In einem ersten Schritt erläutert sie, dass WÜ (49a, 50a) als w-VL-Sätze ihre Proposition präsupponieren. Das bedeutet, sie setzen die von ihnen benannten Sachverhalte als gegeben voraus. Es würde also unseren Erwartungen entgegenlaufen, wenn in den Bezugstexten der Überschriften die offengelassenen Informationen des w-Ausdrucks fehlen, z.B. wenn der Bezugstext von (49a) die Informationen beinhaltet, dass Affenpocken nichts von Corona unterscheidet. Eine solche Er‐ wartungshaltung liegt hingegen bei w-V2-Fragen (49b, 50b), die die Sachverhalte nicht präsupponieren, nicht vor (vgl. Finkbeiner 2018: 33f.). - (49) a. Was Affenpocken von Corona unterscheidet (tagesschau.de, 31.05.2022) - - - >> Etwas unterscheidet Affenpocken von Corona - - b. Was unterscheidet Affenpocken von Corona? - - - >/ > Etwas unterscheidet Affenpocken von Corona - (50) a. Wo es jetzt wieder richtig Zinsen gibt (sueddeutsche.de, 20.07.2022) - - - >> Es gibt jetzt irgendwo wieder richtig Zinsen - - b. Wo gibt es jetzt wieder richtig Zinsen? - - - >/ > Es gibt jetzt irgendwo wieder richtig Zinsen Der Sprecher, der die w-V2-Fragen (49b, 50b) äußert, kann nach Finkbeiner (vgl. 2018: 34) also auch die Proposition anzweifeln, so dass die Antwort auf (49b) Nichts unterscheidet Affenpocken von Corona oder auf (50b) Es gibt jetzt nirgends wieder richtig Zinsen ausfallen kann. Bei WÜ hingegen scheint eine solche Antwort inadäquat. Hiervon ausgehend nimmt Finkbeiner (vgl. 2018: 35) an, dass nur Texte mit der WÜ verträglich sind, die bestimmte Eigenschaf‐ ten erfüllen. Eine mögliche Eigenschaft könnte mit der Funktion des Textes zusammenhängen. Sie nimmt an, dass WÜ „eher mit Textsorten verträglich sein sollten, deren Zweck es ist, eine (gegebene) Proposition p zu spezifizieren, als mit Textsorten, deren Zweck es ist, eine (neue) Proposition p mitzuteilen“ (Finkbeiner 2018: 35). Als typische Textsorte, die eine Proposition mitteilt, wird 2.3 Der Forschungsstand zur W-Überschrift 39 <?page no="40"?> die Meldung genannt, die eher mit Überschriften assoziiert wird, die ihren Inhalt assertieren, und nicht wie die WÜ präsupponieren. Um eine empirische Evidenz für diese Textsortenthese zu liefern, untersucht Finkbeiner (vgl. 2018: 36ff.) die Verteilung von WÜ über die Textsorten Rezension, Reportage, Kommentar und Meldung. Meldungen stehen für p assertierende Texte und die restlichen Textsorten für p spezifizierende Texte. Die herangezogenen Texte stammen aus diversen deutschsprachigen Tageszeitungen zwischen 1953 und 2009, die über das Korpusrecherchesystem COSMAS am IDS Mannheim zugänglich sind. Die Anteile der WÜ aus der Gesamtmenge der Rezensionen (1,32%), Reportagen (1,3%) und Kommentare (0,79%) standen signifikant dem niedrigeren Anteil der WÜ in Meldungen (0,05%) gegenüber. Die These ist dem Ergebnis zufolge ent‐ sprechend zu bekräftigen und zeigt die Tendenz einer Textsortenrestringiertheit im Gebrauch der WÜ auf. Im Zusammenhang mit der Textsortenbindung von WÜ spricht Finkbeiner (vgl. 2018: 31f.) ebenfalls w-Ausdrücke an, die offene Listen mit potenziellen inhaltlichen Fülloptionen eröffnen: Wenn Texte „in einem abstrakten Sinn Listen [sind], indem sie unterschiedliche Aspekte eines Themas spezifizieren“ (Finkbeiner 2018: 31), dann eignen sich insbesondere w-Sätze in der Überschrif‐ ten-Position sehr gut. Die empirischen Befunde stützen die These, dass WÜ ihre Proposition p im Bezugstext spezifizieren, und zeigen, dass sie aufgrund ihres w-Ausdrucks besonders für solche Textsorten geeignet sind. Nun treten w-Ausdrücke aber nicht nur in WÜ (51) auf, sondern auch in weiteren w-Sätzen (52-53). Es gibt also einen weiteren Unterschied, der sich darin äußert, wer die Wissenslücke, die durch den w-Ausdruck geöffnet wurde, schließt. Dabei wird die Wissensverteilung zwischen Sprecher S und Adressat A betrachtet: Wer verfügt über Wissen, und bei wem liegt ein Wissensdefizit vor? - (51) Was Emmanuel Macron nach der Wahlschlappe einfordert (stuttgarternachrichten.de, 22.06.2022) - (52) Was fordert Emmanuel Macron nach der Wahlschlappe ein? - (53) Was wohl Emmanuel Macron nach der Wahlschlappe einfordert? Finkbeiner (vgl. 2018: 32) greift bei der Beschreibung der Beispiele auf Trucken‐ brodts (2006) Beschreibungsansatz von Interrogativsätzen zurück, bei denen durch das +WH-Merkmal die Komponente „S wants it to be common ground whether“ induziert wird und durch V-in-C die Komponente „from A“. Im Fall des w-V2-Interrogativsatzes (52) wird demzufolge vorausgesetzt, dass beim Sprecher S ein Wissensdefizit vorliegt und S vom Adressaten A wünscht, dass dieser die 40 2 Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift <?page no="41"?> Wissenslücke schließt: S möchte von A, dass Common Ground erreicht wird. Wenn nun (52) in einer Überschrift verwendet wird, liegt aufgrund der Kommu‐ nikationssituation aber in aller Regel bei S keine Wissenslücke vor, sondern bei A, der den zugehörigen Artikel lesen möchte. Ähnlich ist es beim w-VL- Interrogativsatz (53), bei dem ein bei S vorliegendes Wissensdefizit ausgedrückt wird. A wird allerdings nicht adressiert: S möchte, dass Common Ground erreicht wird. Im Gebrauch der Überschrift wirkt aber auch (53) inadäquat, da S mit der Überschrift nicht sein Wissensdefizit offenbaren will. WÜ wie (51) hingegen scheinen spezifisch für die Überschriften-Position besser zu funktionieren, da sie das Wissensdefizit auf der Seite von A verorten. Das durch das +WH-Merkmal ausgedrückte Wissensdefizit wird bei der WÜ nicht wie üblich bei S, sondern bei A verortet. Dies kann mit dem „Zitatcharakter“ (Finkbeiner 2018: 33) der WÜ erklärt werden. Dabei greift S mit einer WÜ gewissermaßen die latente Frage von A auf, als würde S diese zitieren. In diesem Sinne bezieht sich S also nicht auf die eigene Sprechereinstellung, sondern auf die von A („Ich sage, dass A sich fragt …“) (vgl. Finkbeiner 2018: 33). Der Zitatansatz erlaubt es, das Wissensdefizit A zuzuschreiben. Finkbeiner (2018) weist mit diesen Ausführungen auf den entscheidenden Aspekt hin, dass die Kommunikationssituation in Überschriften einen spezifischen Wissenskontext erfordert, für den WÜ aufgrund ihrer Form besser geeignet sind als andere w-Interrogativsätze. 2.3.2.6 W-Überschrift als Konstruktion Anknüpfend an die empirische Pilotstudie zur textsortenspezifischen Präferenz diskutiert Finkbeiner (2018) die Frage, wie die Textbezogenheit von Satztypen am Beispiel der WÜ beschrieben werden kann, und vergleicht dabei einen kom‐ positionellen Ansatz von Truckenbrodt (2013a; 2013b) mit einem konstruktion‐ istischen Ansatz von Jacobs (2016). Truckenbrodt (2013a; 2013b) argumentiert im Rahmen eines kompositionellen Ansatzes, dass Sätze ihr Sprechaktpotenzial auch durch außerlinguistische Merkmale erhalten können, so wie z.B. durch das Merkmal der expressiven Intonation bei VL-Exklamativsätzen der Ausdruck von Emotionen ableitbar wird. Finkbeiner (2018) führt diesbezüglich die Idee aus, dass ein mögliches Kontextmerkmal Überschrift das Illokutionspotenzial zuweisen könnte. Der Metasprechakt der WÜ könnte durch ein solches Merkmal lizenziert sein. Finkbeiner (vgl. 2018: 41) warnt jedoch, dass ein Hineinregieren von weiteren kontextuellen Merkmalen, die ein solcher Schritt mit sich zieht, im kompositionellen Ansatz zu Bestimmungsschwierigkeiten führen kann. Finkbeiner (vgl. 2018: 42) nimmt auch einen konstruktionistischen Satzmo‐ dus-Ansatz unter die Lupe. Ein Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, dass das Illo‐ 2.3 Der Forschungsstand zur W-Überschrift 41 <?page no="42"?> kutionspotenzial der WÜ an keinem Einzelmerkmal festgemacht werden muss, sondern die WÜ als Satztyp-Konstruktion angesehen wird, deren Bedeutungs‐ aspekte nicht aus den Formmerkmalen abgeleitet werden, sondern mit ihnen assoziiert sind. Es könnten sich also potenziell Textsortenrestriktionen, der Il‐ lokutionstyp und weitere Kontext- und Textspezifikationen in die Konstruktion aufnehmen lassen. Der Nachteil einer solchen Konstruktionsbeschreibung ist allerdings, dass er keine Erklärung für die Entstehung der Bedeutung liefert, wie es bei einem Ableitungsansatz der Fall wäre. Zwar gibt es die Möglichkeit, dass WÜ zu anderen w-Sätzen gewisse regelhafte Beziehungen aufweisen, so dass etwas, was für w-Ausdrücke in w-Sätzen gilt, auch für WÜ zutrifft. Allerdings betont Finkbeiner (vgl. 2018: 43), dass ein solcher Ansatz die Grenzen zwischen Grammatik und Diskurs verschwimmen lassen könnte. 2.4 Zusammenfassung und offene Ansatzpunkte Ein Blick auf den Forschungsstand zeigt, dass sich in der Satztypenforschung wie in der Textlinguistik Hinweise auf eine Beziehung zwischen Satztypen und der Textebene finden lassen. Diese äußern sich in der Textpositionierung und einer Korrelation des Gebrauchs bestimmter Satztypen in spezifischen Textsor‐ ten. Die WÜ vereint diese beiden Eigenschaften: Sie ist auf die Überschriften- Position beschränkt und es gibt Hinweise darauf, dass sie einen präferierten Gebrauch in bestimmten (Presse-)Textsorten aufweist (Finkbeiner 2018). Ihr Illokutionspotenzial scheint auf einer Metaebene zu liegen, durch die sie etwas über ihren Bezugstext aussagt. Es bleibt jedoch unklar, warum die WÜ in einigen Textsorten häufiger vorkommt als in anderen, zumal ein Metasprechakt auch bei anderen Satztypen im Gebrauch der Überschriften-Position besteht. Wie sehen also die potenziellen Funktionstypexplizierungen anderer Satztypen aus und worin genau unterscheidet sich die WÜ von ihnen? Eine Betrachtung der Bezugstexte mit ihren Eigenschaften und Funktionen könnte zur Klärung dieser Fragen beitragen, da die Verwendung einer Überschrift von dem Vorliegen eines zugehörigen Textes abhängig ist und die Überschrift in vielfältiger Weise mit dem Text interagiert. Ausgehend von diesen Erkenntnissen ergeben sich offene Forschungsfragen, die in dieser Arbeit verfolgt werden sollen: Textsortenzugehörigkeit: Den Anstoß, dass die Zugehörigkeit zur Text‐ sorte ein Schlüssel zur Erklärung der WÜ sein kann, hat Finkbeiner (2018) bereits exemplarisch gegeben. Ihre Textsortenauswertung bewegt sich aber noch in einem begrenzten Rahmen, so dass eine weitaus feindifferenziertere und systematische Betrachtung der Textsorten offenbleibt. Welche Eigenschaften 42 2 Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift <?page no="43"?> machen die genannten Textsorten aus und worin unterscheiden sie sich von‐ einander? Finkbeiner (2018) beschränkt sich in ihrer Textsorten-Unterscheidung auf den Aspekt, ob eine Textsorte die präsupponierte Proposition aus der WÜ spezifiziert oder einführt. Denkbar sind aber noch weitere Merkmale zur Differenzierung wie bspw. die Textstrukturierung, die Textfunktion oder die Art und Weise, wie die Vermittlung von Informationen erreicht wird. Zudem sind Einflussfaktoren denkbar, die sich auf die Textsorte oder die Überschrift auswirken können, wie bspw. bei Pressetexten die Zugehörigkeit zu den Pres‐ segattungen Magazin und Zeitung. Epistemische Strukturbedeutung: Finkbeiner (2018) thematisiert in einem Abschnitt die Strukturbedeutung der WÜ mithilfe von Truckenbrodts (2006) Beschreibungsansatz für w-Interrogativsätze. Diese Betrachtung geschieht in einem kleinen Rahmen und macht deutlich, dass ein solcher Ansatz nicht 1: 1 auf die WÜ passt. Es spielen weitere kommunikative Faktoren eine Rolle, die mit der spezifischen Kommunikation via Überschriften zusammenhängt, in der bspw. der Verweis auf den Textinhalt und die Verleitung des TR zum Lesen des Bezugstextes eine Rolle spielen. Diese Punkte lassen sich näher betrachten. Wie bereits erläutert, spricht bereits Weuster (1983) davon, dass der TP mit der WÜ dem TR etwas glauben machen will, wobei der w-Ausdruck auf den Inhalt im Bezugstext verweist, der „für den Hörer von Interesse ist und ihm mitgeteilt werden soll“ (Weuster 1983: 54). Es geht also um das Leserinteresse und wie dieses durch die WÜ angesprochen wird. Nun kann in der Kommunikationssituation von Pressetexten davon ausgegangen werden, dass der TR stets ein Wissensdefizit im Vergleich zum TP besitzt. Entsprechend ist es das Ziel des TP, das fehlende Wissen des TR mit der Vermittlung von Inhalten bzw. (neuem) Wissen auszugleichen, so dass CG hergestellt wird. Mit dieser Erwartungshaltung liest der TR die Pressetexte, während der TP mit der Intention kommuniziert, Wissen zu vermitteln. Die Überschrift übernimmt dabei eine vorgeschaltete Vermittlerrolle, die die Wissens- oder Inhaltsvermitt‐ lung vorbereitet. WÜ scheinen mit dem fehlendem Wissen auf Seiten der TR, den Erwartungen an journalistische Texte und dem Interesse an bestimmten Themen zu spielen, da sie durch den w-Ausdruck eine Lücke lassen, die vom Text gefüllt werden muss. Eine differenziertere Betrachtung der epistemischen Strukturbedeutung im Zeichen von Truckenbrodt (2004), die den situativen und den Wissenskontext berücksichtigt, erscheint daher vielversprechend. Diskurspragmatischer Blick: Finkbeiner/ Külpmanns (2022) Betrachtung der WÜ aus dem Blickwinkel der QUD-Theorie zeigt einen weiteren Aspekt, der ein Baustein zur Klärung der Frage sein kann, warum WÜ für bestimmte Textsorten verwendet werden. Wenn WÜ als QUD betrachtet werden, explizieren 2.4 Zusammenfassung und offene Ansatzpunkte 43 <?page no="44"?> sie nach Finkbeiner/ Külpmann (2022) eine bestehende implizite QUD. Es liegt also ein Wissensdefizit im Diskurs vor, das aufgegriffen und für die Überschrift genutzt wird. Dasselbe ist der Fall, wenn andere Frage-Überschriften verwendet werden, die die implizite QUD explizit machen. Aber warum werden WÜ als Möglichkeit der Explizierung einer impliziten QUD anderen Frage-Überschriften vorgezogen? Die Annahme liegt nahe, dass mithilfe der WÜ kanonische Fragen in Überschriften vermieden werden, die in der Pressearbeit möglichst nicht ein‐ gesetzt werden sollen (Wolff 2017). Nun werden in der Pressearbeit aber durchaus auch Fragen in Artikel-Überschriften verwendet, selbst wenn dieser Gebrauch nach journalistischer Praxis vermieden werden sollte. Wenn allerdings in Betracht gezogen wird, dass bestimmten Textsorten in der Pressearbeit konventionell spezifische Überschriften-Typen zugeschrieben werden (Wolff 2017), wäre es möglich, dass die Gründe für das unterschiedliche Explizieren der impliziten QUD mit der Lesererwartung an die Funktion oder den Inhalt des Bezugstextes in Zusammenhang steht. Plausibel wäre es, dass die Beantwortung der adressierten QUD aus der Überschrift im Bezugstext eine Rolle dabei spielt, ob eine WÜ oder eine Frage wie z.B. ein w-V2-Interrogativsatz in der Überschrift verwendet wird. WÜ als Konstruktion: Eine Grundlage für die Diskussion um die Frage, wie das konstitutive Merkmal der Überschriften-Position von WÜ in eine Satztyp- Modellierung einfließen kann, hat bereits Finkbeiner (2018) gelegt. Eine weitere Auseinandersetzung mit dieser Frage bleibt jedoch offen, da es an weiteren Beobachtungen und Daten fehlt, die den Gebrauch der WÜ in Texten betreffen. Es sollte also auch Ziel für eine adäquate Beschreibung der WÜ sein, dass auf der Grundlage einer näheren Untersuchung des Textgebrauchs ihre Modellierung als Satztyp stattfindet. Die Möglichkeit einer konstruktionsgrammatischen Beschreibung der WÜ scheint angesichts Finkbeiners (2018) Überlegungen für die vorliegende Arbeit am naheliegendsten. Die Auffassung der WÜ als konventionalisiertes Form-Bedeutungspaar erlaubt die Einbeziehung weiterer textueller und kontextueller Merkmale wie Textsorte, Textfunktion, Pressegat‐ tung und Pressemedium, mit deren Hilfe der präferierte Gebrauch detaillierter erfasst und besser erklärt werden kann. Insgesamt zeichnet sich das Bild ab, dass eine zusammenhängende Betrach‐ tung der epistemischen Eigenschaften des Satztyps, der Kommunikationssitu‐ ation in Pressetexten und des Textsortengebrauchs entscheidend ist, um die pragmatische Funktion der WÜ zu erschließen. Diese Arbeit zielt darauf ab, diese Aspekte in einen übergreifenden Zusammenhang zu stellen und das Verständnis der WÜ als Satztyp im Kontext der Textebene zu erweitern. 44 2 Forschungsstand: Satztypen, Textebene und W-Überschrift <?page no="45"?> 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung Dieses Kapitel verfolgt das Ziel, bestehende Beschreibungsansätze zur WÜ zu nutzen, um Hypothesen zu ihren pragmatischen Effekten und ihrer text‐ spezifischen Verwendungsweise aufzustellen. Hierfür werden solche theoreti‐ schen Ansätze und Modelle herangezogen, die auf den bisher vorgestellten Beschreibungsansätzen zur WÜ aufbauen. Es wird also an den bestehenden Forschungsstand angeschlossen und bisherige Beobachtungen werden genutzt, um die WÜ und ihren Gebrauch an der Schnittstelle zwischen Satztyp und Text systematisch zu beschreiben. Diese Betrachtungen sollen helfen, zentrale Merkmale der WÜ (insbesondere ihre Position in der Überschrift und die daraus resultierende Kommunikationssituation) klarer zu umreißen. Zunächst wird die WÜ anhand von Altmanns (1993) Theorie zum Satzmodus beschrieben, um eine terminologische Grundlage zu schaffen und Abgrenzungs‐ schwierigkeiten gegenüber etablierten Satztypen aufzuzeigen. Dabei zeigt sich, dass die WÜ nur durch ihre enge Verbindung zur Textbindung angemessen beschrieben werden kann (Kapitel-3.1). Anschließend folgt eine eingehendere Betrachtung der epistemisch-impera‐ tivischen Strukturbedeutung der WÜ als Interrogativsatz nach Truckenbrodt (2004). Hierbei wird an die Überlegungen von Finkbeiner (2018) hinsichtlich der Wissensverteilung bei den Kommunikationspartnern angeknüpft. Das Ziel ist, zu zeigen, dass sich das Illokutionspotenzial der WÜ erst durch ihre Position in der Überschrift vollständig entfalten kann (Kapitel-3.2). Wichtig ist dabei zu betonen, dass Truckenbrodts (2004) Ansatz projektio‐ nistisch angelegt ist, indem er die formale Zusammensetzung von Interroga‐ tivsätzen auf syntaktisch-semantischer Ebene modelliert. Diese Sicht dient an dieser Stelle ausschließlich als Analyseinstrument, um Kernmerkmale zu identifizieren. Es wird sich zeigen, dass ein rein projektionistisches Modell die Textpositionierung und die damit einhergehenden spezifischen Merkmale der Kommunikationssituation nicht angemessen erfassen kann. Später in Kapitel 8 wird daher eine konstruktionsgrammatische Perspektive eingenommen, die Kontext und Form gemeinsam in den Blick nimmt. Eine Erklärung, warum dieser Ansatz einem projektionistischen vorgezogen wird, wird entsprechend begründet. Darüber hinaus wird eine diskurspragmatische Sicht auf die Über‐ schrift eingenommen, indem an die Ausführungen von Finkbeiner/ Külpmann (2022) zur WÜ als Explizierung einer impliziten QUD angeknüpft wird. Auf Basis von Riesters (2019) Modellierung von QUD-Diskursbäumen wird die <?page no="46"?> 8 Dem deskriptiven Satzmodus-Ansatz von Altmann (1993) steht der kompositionelle Ansatz Brandt/ Reis/ Inger/ Ilse (1992) entgegen, der auch als Ableitungsansatz bezeich‐ net wird. Satztypen ergeben sich dabei aus einer Interaktion von morphologischen und syntaktischen Merkmalen, die eine Satzbedeutung erzeugen, welche wiederum das illokutive Potenzial für den Satztyp unter Berücksichtigung von kontextuellem und situativen Wissen festlegt (vgl. Finkbeiner/ Meibauer 2016: 1). Da das illokutionäre Potenzial sich hierbei aus Gesetzmäßigkeiten ableitet, wird der kompositionelle Ansatz in der generativen Grammatik verortet (vgl. Meibauer et al. 2013: 7). Vermittlungsfunktion der WÜ zwischen Diskursuniversum und Bezugstext beleuchtet (Kapitel-3.3). Schließlich werden auf dieser theoretischen Grundlage die Hypothesen entwickelt, die im empirischen Teil der Arbeit als Untersuchungsrahmen die‐ nen. Dazu werden sowohl Erkenntnisse aus Truckenbrodts (2004) postulierten Strukturbedeutungen als auch diskurspragmatische Aspekte (QUD-Theorie) herangezogen (Kapitel-3.4). 3.1 Die W-Überschrift im Satzmodus-System nach Altmann (1993) Die WÜ ist ein w-VL-Satztyp, der sich aufgrund seiner sequenziellen Bindung an die Überschrift von anderen Satztypen abhebt. Sie kann als Satztyp in einem Satzmodus-System erfasst und beschrieben werden. Nach Altmanns (1993) deskriptivem Ansatz 8 ist der Satzmodus auf die Zeichentheorie Saussures bezogen als „ein komplexes sprachliches Zeichen mit einer Formseite […] und einer Funktionsseite“ (Altmann 1993: 1007) aufzufassen. Er ist ein System, das die arbiträre Beziehung zwischen der reinen Form und der Funktion eines Satzes auf der Grundlage des Zusammenspiels formaler Strukturen beschreibt: Die folgende Darstellung versteht unter ‚Satzmodus‘ ein komplexes sprachliches Zei‐ chen mit einer Formseite, normalerweise eine oder mehrere satzförmige Strukturen mit angebbaren formalen Eigenschaften und einer Funktionsseite, also der Beitrag dieser Struktur(en) zum Ausdruck propositionaler Einstellungen oder zur Ausführung sprachlicher Handlungen (Altmann 1993: 1007) Die formale Seite eines Satztyps wird anhand struktureller Merkmale beschrie‐ ben, die auf unterschiedlichen grammatischen Ebenen des Sprachsystems wie Prosodie, Syntax und Morphologie verortet sind (vgl. Holler/ Steinbach 2013: 904). Anhand der bestehenden formalen Merkmale erhalten Satztypen eine Benennung nach der Stellung des finiten Verbs (V1, V2, VL), eines möglichen 46 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung <?page no="47"?> 9 Altmann (1993) beschreibt den Funktionstyp, der die kontextunabhängige Strukturbe‐ deutung des Satztyps ist, als eine Zwischenstufe von Formtypen und Handlungstypen, die Truckenbrodt (2004: 3) auch als „Mittlerrolle“ bezeichnet. initialen kategorialen Merkmals (u.a. w-Ausdrücke) und ihrer funktionalen Prägung, zu denen Deklarativ (Aussage), Interrogativ (Frage), Imperativ (Auf‐ forderung/ Befehl), Exklamativ (Ausruf) und Optativ (Wunsch) zählen (Altmann 1993). Hierdurch ergeben sich diverse Formtypen wie bspw. w-V2-Interrogativ‐ sätze oder V2-Deklarativsätze. Auf der funktionalen Seite werden die Strukturbedeutungen der formalen Merkmale aus den Satztypen angegeben. Das bedeutet, dass sich aus der Form des Satzes semantische Eigenschaften ergeben, die der Funktionsseite zugesprochen werden. Eine solche Strukturbedeutung wird unabhängig vom Kontext ermittelt. Erst durch eine Einbettung des geäußerten Satzes in eine kommunikative Situation ergibt sich die Äußerungsbedeutung, bei der sich zeigt, dass bei einem Satztyp mit spezifischen Formmerkmalen unterschiedliche Handlungstypen vorliegen können. So können z.B. durch V1-Imperativsätze Verwünschungen (54), Warnungen (55) oder Wünsche (56) ausgedrückt werden. Die Beziehung zwischen Funktionstyp und Handlungstyp ist also nicht 1: 1 (vgl. Altmann 1993: 1008). - (54) Fahr zur Hölle! - (55) Lauf nicht so schnell! - (56) Bleib gesund! Die funktionale Seite eines Satztyps spiegelt also die kontextunabhängige Bedeutung des Zusammenspiels der formalen Merkmale im Satz wider, 9 wohin‐ gegen der Handlungstyp die kontextabhängige Verwendung zeigt. 3.1.1 Formale Merkmale Die Einordnung der WÜ in Altmanns (1993) Satzmodus-System beginnt mit der Identifikation ihres Formtyps und ihrer formalen Merkmale. Hierfür werden As‐ pekte der Prosodie (z.B. Tonverlauf, Akzentuierung), der Syntax (z.B. Verbstel‐ lung, Vorfeldbesetzung), der Morphologie (Verbmodus) und des Lexikons (z.B. Modalpartikeln, w-Ausdrücke) herangezogen, jedoch ohne Berücksichtigung lexikalischer Bedeutungen. Diese Aspekte werden nach (Altmann 1993) in vier Merkmalsebenen eingeordnet: Kategoriale Füllung, Morphologie, Satzstellung und Intonation. 3.1 Die W-Überschrift im Satzmodus-System nach Altmann (1993) 47 <?page no="48"?> 10 Neben dem Begriff des w-Ausdrucks werden auch Termini wie w-Element (Brandt et al. 1992) und w-Wort (Gallmann 1997) verwendet, die sich auf denselben Gegenstand be‐ ziehen. Die Bezeichnung w-Ausdruck wird für diese Arbeit bevorzugt, da sie sich nicht nur auf ein einzelnes Wort bezieht, sondern auch auf eine mögliche Präpositionalphrase (z.B. mit wem, durch was). Kategoriale Merkmale: Zu den allgemeinen Merkmalen der kategorialen Füllung gehören die Aspekte Verbfüllung, Satzeinleitungselement, Modalparti‐ kelselektion und Subjektspronomina (Altmann 1993). Das Merkmal der Verbfül‐ lung drückt sich in der Verwendung von finiten oder infiniten Formen des Verbs aus (Fries 1983). Im Falle der WÜ wird das Verb mit einer finiten Form gefüllt, was konstitutiv für den Satztyp ist. Das formale Merkmal des Einleitungsele‐ ments bzw. des Satzeinleiters (Oppenrieder 1989) bezieht sich auf die Füllung des Elements, das bei einem VL-Satz in der Komplementierer-Position (COMP) steht. Hierzu wird die Unterscheidung von dass, wenn, ob und w-Ausdrücken (Altmann 1993) vorgenommen. Für die WÜ ist der w-Ausdruck in der satzini‐ tialen Position als konstitutives Merkmal zu benennen. Unter der Bezeichnung w-Ausdruck 10 werden alle im Deutschen vorhandenen Fragewörter (Pronomen und Adverbien) verstanden. Darüber hinaus sind Präpositionalphrasen und Adjektivphrasen mit Fragepronomina ebenfalls als w-Ausdruck anzusehen. Entsprechend können w-Ausdrücke auch aus Fragepronomina bestehen, die von einer Präposition begleitet werden (z.B. mit wem, durch was) oder einem Adjektiv (z.B. wie lange). Zudem ist es möglich, feindifferenzierter zwischen adverbialen w-Ausdrücken (z.B. warum, wo) und pronominalen w-Ausdrücken (z.B. wer, was, mit wem) zu unterscheiden (Altmann 1993), oder weitergehend auch w-Artikel (z.B. wessen, welches, mit welchem) (Gallmann 1997). Es finden sich bei WÜ entsprechend auch Formen mit z.B. w-Adverbien (57), w-Pronomina (58) und w-Artikeln (59). - (57) Weshalb sich der Goldpreis auf hohem Niveau halten kann (handelszei‐ tung.ch, 05.08.2020) - (58) Was Spanien-Urlauber wissen müssen (sueddeutsche.de, 14.08.2020) - (59) Welcher Anreiz für Schwimmkurse in Offenburg geboten wird (bo.de, 13.08.2020) Ein weiteres kategoriales Merkmal ist der Gebrauch von Modalpartikeln. Ihre An- und Abwesenheit kann Satztypen indirekt markieren. Zu Modalpartikeln gehören u.a. ja, wohl, halt, doch oder vielleicht (Kwon 2005). WÜ zeichnen sich durch die Abwesenheit solcher Modalpartikeln aus, auch wenn vereinzelt 48 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung <?page no="49"?> 11 Subjektspronomina in WÜ scheinen häufig in Verbindung mit Modalverben aufzutre‐ ten, so dass zwischen diesen Merkmalen eine gewisse Bindung zu erkennen ist, wie z.B. „Warum du dein Gesicht nicht mehr abtrocknen solltest“ (woman.at, 11.08.2020) und „Was Sie über den Streit um Nord Stream 2 wissen müssen“ (capital.de, 14.08.2020). Dieser gekoppelte Gebrauch scheint den pragmatischen Effekt einer verstärkten Leser‐ adressierung zu verursachen, die gerade in Überschriften aus funktionaler Perspektive eine wichtige Rolle spielt. Im empirischen Teil der Arbeit (Kapitel 7) wird die Leserad‐ ressierung genauer untersucht. 12 Bisher sind nur Fälle von einem Konjunktiv II-Gebrauch wie in (65) bekannt. Ausnahmen (60) oder Grenzfälle (61) zu beobachten sind. In (61) ist sowohl eine betonte als auch unbetonte Lesart von eigentlich möglich. Eine betonte Lesart weist auf ein Adverb hin, wohingegen die unbetonte Lesart für eine Modalpar‐ tikel spricht. Hier muss also eine Disambiguierung der Lesart vorgenommen werden, die nur mithilfe des Inhaltes des Bezugstextes möglich ist. - (60) Warum Charity-Partys einfach nur heuchlerisch sind (bento.de, 04.05.2019) - (61) Warum Thunfisch für uns Deutsche eigentlich tabu ist (stern.de, 29.04.2019) Weiterhin zählt das Vorhandensein oder Fehlen von Subjektspronomina als formales Merkmal, das zur Distinktion von Imperativsätzen herangezogen wird. Weil Subjektspronomina gerade in Imperativsätzen nicht verwendet werden, kann das Fehlen von Subjektspronomina in diesen Satztypen konstitutiv sein. Hinsichtlich der WÜ ist daher erwartungsgemäß festzustellen, dass sie optional sind. Nach bisherigen Beobachtungen fällt aber auf, dass WÜ in frequenter Weise leseradressierende Personalpronomen (62) und Indefinitpronomen (63) verwenden. Ob es sich bei diesen Beobachtungen jedoch tatsächlich auch um Gebrauchspräferenzen 11 handelt, ist im empirischen Teil der Arbeit (Kapitel 7) genauer zu betrachten. - (62) Was Sie am Mittwoch an der Börse wissen müssen (finanzen.net 12.08.2020) - (63) Warum man heute nicht mehr „Schulzahnarzt“ sagt (schwaebische.de, 14.08.2020) Morphologische Merkmale: Relevante morphologische Merkmale sind die Verbmodi Indikativ, Imperativ und Konjunktiv II. Für WÜ gibt es keinen konstitutiven Verbmodus. So sind WÜ sowohl mit einem indikativen (64) als auch einem konjunktiven 12 Verbgebrauch (65) zu beobachten. 3.1 Die W-Überschrift im Satzmodus-System nach Altmann (1993) 49 <?page no="50"?> (64) Warum Zombies die besseren Menschen sind (welt.de, 27.01.2014) - (65) Warum HarmonyOS gut für Handy-Nutzer wäre (bild.de, 13.08.2019) Satzstellungsmerkmale: Das formale Merkmal der Satzstellung bezieht sich auf die Positionierung des finiten Verbs, das in der Erststellung (V1), Zweitstel‐ lung (V2) oder Letztstellung (VL) des Satzes auftreten kann. Für die WÜ ist das Merkmal der VL-Stellung konstitutiv. Daneben bezieht sich die Satzstellung auch auf die kategoriale Füllung der Komplementierer-Position. Für die WÜ wurde hier bereits bei den kategorialen Merkmalen (s.o.) darauf hingewiesen, dass w-Ausdrücke an dieser Position stehen. Intonatorische Merkmale: Die formalen Merkmale auf prosodischer Ebene umfassen mögliche Akzentuierungen, die Breite von Akzentuierungen, den Tonhöhenverlauf im Satz und die Intonation am Satzbzw. Äußerungsende (Altmann 1993). Da WÜ ausschließlich in schriftlicher Form in Überschriften vorkommen, stellt sich die Frage, wie ihre intonatorischen Merkmale zu be‐ nennen sind, wenn die WÜ als gesprochene Äußerung realisiert wird, z.B. durch Vorlesen. Hier zeigt sich, dass WÜ eine fallende Intonation am Satzende aufweisen, was sich als graphematischer Reflex in der Abwesenheit eines Fragezeichens äußern kann (jedoch nicht muss). Zusammenfassend lässt sich die WÜ formal als w-VL-Satztyp einordnen, der sich durch die Abwesenheit von Modalpartikeln und eine fallende Intonation am Satzende auszeichnet. Anhand dieser vorhandenen bzw. nicht vorhandenen Merkmale wird im Folgenden eine Einordnung der WÜ in bereits etablierte Satztypen vorgenommen. 3.1.2 Einordnung in das System etablierter Satztypen Bisher wurden die formalen Merkmale der WÜ genannt, mit denen sie als w-VL- Satz eingeordnet werden kann. Nun stellt sich die weitere Frage, wie die WÜ im Rahmen von etablierten Satztypen einzuordnen ist und welche Rolle die Textbeziehung bzw. die Überschriften-Position dabei spielt. Formal gehört die WÜ zur Gruppe der w-VL-Sätze , die durch einen in‐ itialen w-Ausdruck und das finite Verb in Endstellung gekennzeichnet sind. Da sie aufgrund ihrer Überschriften-Position selbständig gebraucht wird, ist sie weitergehend als selbständiger w-VL-Satz zu betrachten. Altmann (1993) beschreibt zwei selbständige w-VL-Sätze, zu denen die WÜ eine Nähe besitzen könnte: w-VL-Fragesätze und w-VL-Exklamativsätze. Beide Typen sind zu den 50 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung <?page no="51"?> selbständigen w-VL-Sätzen zu zählen, deren Selbständigkeit durch bestimmte Merkmale lizenziert ist. Die Selbständigkeit von w-VL-Fragesätzen (66-67) ist durch Modalpartikeln wie wohl und eine steigende Intonation am Satzende (im Weiteren markiert mit „/ “) lizenziert (Oppenrieder 1989; Truckenbrodt 2013a; 2013b). WÜ hingegen besitzen keine Modalpartikeln. Zudem besitzen sie eine fallende Intonation am Satzende (im Weiteren markiert mit „\“). Der WÜ fehlen also genau diese Merkmale, mit denen sie als w-VL-Fragesatz einordbar wären und die ihre Selbständigkeit lizensieren würden. - (66) Was der hier wohl zu suchen hat? (/ ) - (67) Wen er wohl zur Party einlädt? (/ ) Bei den w-VL-Exklamativsätzen (68-69) als weiterer genannter Satztyp ist die Selbständigkeit durch das Vorhandensein eines Exklamativakzents lizenziert (d’Avis 2001; d’Avis 2013). Das Vorliegen von Modalpartikeln ist optional. WÜ hingegen selegieren keine Modalpartikeln. Das heißt, es können keine Modalpartikeln auftreten. Auch hier fehlt das entscheidende Merkmal, um die Selbständigkeit der WÜ zu lizensieren und sie als w-VL-Exklamativsatz einordbar zu machen. - (68) Was DER an Kohle hat! - (69) Wie SCHLECHT er in Mathe ist! Der Formtyp der WÜ kann also aufgrund des Fehlens bestimmter Markierungen, die eine eindeutige Einordnung ermöglichen und für seine Selbständigkeit sprechen würden, keinem etablierten Satztyp zugeordnet werden. Gerade diese fehlenden Eigenschaften führen dazu, dass er auch als „nackter“ w-VL-Satz (Finkbeiner 2018; Finkbeiner et al. 2021) bezeichnet wird. Wird nach einem selbständigen Satztyp gesucht, der ebenfalls diese „Nackt‐ heit“ aufweist, finden sich w-VL-Sätze, die zitierend verwendet werden (70). Solche zitierenden w-VL-Sätze werden selbständig gebraucht, indem sie eine zuvor geäußerte Frage echoartig zitieren (Oppenrieder 1989; Truckenbrodt 2013a; Truckenbrodt 2013b). Aufgrund der Echo-Verwendung können sie auch mögliche Subjektspronomina (71) aus der vorherigen Äußerung aufgreifen und zitierend wiedergeben. 3.1 Die W-Überschrift im Satzmodus-System nach Altmann (1993) 51 <?page no="52"?> (70) A: Was sind die Hausaufgaben für heute? - - B: Wie bitte? - - A: Was die Hausaufgaben für heute sind. - (71) A: Was kannst du in der Schule über das Leben lernen? - - B: Wie bitte? - - A: Was du in der Schule über das Leben lernen kannst. Zitierende Verwendungen von VL-Sätzen sind durch ihre Verwendungsweise innerhalb eines Dialogs lizenziert, bei dem etwas zuvor Geäußertes in veränder‐ ter Form (echoartig) wiedergegeben wird. So z.B., wenn etwas vom Gesprächs‐ partner nicht verstanden wurde und der Sprecher aufgefordert wird, seine Äußerung bzw. Frage zu wiederholen (70-71). Der sprachliche Kontext lizenziert in diesem Fall den selbständigen Gebrauch. Mit einem vergleichenden Blick auf den Gebrauchskontext von WÜ ist nun allerdings festzustellen, dass WÜ keine vorherige Äußerung echoartig wiedergeben, da sie nicht in einem Dialog eingebettet sind, sondern ausschließlich in der Position von Überschriften auftreten (Finkbeiner et al. 2021). Eine echoartige Verwendung wäre daher nur begründbar, falls mit der WÜ auf eine vorherige Äußerung reagiert wird. Aufgrund des situativen Kontextes von Überschriften kann aber ausgeschlossen werden, dass eine vorherige Frage sprachlich realisiert wurde, auf die sich die WÜ bezieht. Eine solche Frage müsste im Diskursuniversum geäußert worden sein, um aufgegriffen zu werden (Finkbeiner 2018), was empirisch schwer nachzuweisen ist. Als theoretische Grundlage könnte allerdings der diskurspragmatische Ansatz der QUD dazu dienen, eine Erklärung zu liefern, dass sich auf eine unausgesprochene Frage bezogen wird und die QUD eine implizite Frage explizit wiedergibt, wofür bereits Finkbeiner/ Külpmann (2022) argumentiert haben. Die WÜ greift in diesem Fall die implizite Frage auf und gibt sie echoartig wieder. Dies spricht zusammen mit der festen Bindung an die Überschriften-Position dafür, dass die WÜ eine Frage adressiert, die von den Diskursteilnehmern unausgesprochen im Raum steht (oder womöglich auch direkt im Diskurs irgendwann bereits explizit genannt wurde). Der Unterschied zu zitierenden w-VL-Sätzen ist also im Gebrauchskontext zu suchen. WÜ sind beschränkt auf den Gebrauch in der Überschrift, zitierende w-VL-Sätze wie in (70-71) hingegen auf den Gebrauch im Dialog. Es liegen also unterschiedliche situative Kontexte vor, mit denen bestimmte kommunikative Eigenschaften einhergehen. Zum Beispiel liegt bei der Überschriftenkommuni‐ kation eine feste Rollenverteilung von TP und TR vor, von denen der TP eine 52 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung <?page no="53"?> aktive Rolle übernimmt. Anders als bei Dialogen liegt bei Überschriften eine monologisch, unidirektionale Kommunikation vor. Zudem findet die Äußerung des TP auf der Textebene in der Überschriften-Position statt und ein obligato‐ rischer Bezugstext muss vorliegen, für den die Überschrift eine spezifische Funktion erfüllt. Die Textebene scheint also essenziell für die Erschließung der WÜ zu sein. Wie dargestellt, berücksichtigt das Satzmodus-System eine solche textuelle Ebene aber bisher nicht. Die Schwierigkeit scheint hierbei in der Zuweisung von Form zu Funktion zu liegen, die mithilfe der (kontextfreien) Strukturbedeutung geschieht. Eine Strukturbedeutung der WÜ lässt sich zwar mit den bisherigen Formmerkmalen angeben, jedoch ist es mit ihnen nicht möglich, das konstitutive Merkmal der Überschriften-Position zu erfassen und so dem Funktionstyp der WÜ in ihrem Zusammenwirken mit dem Bezugstext gerecht zu werden. Bisherige Betrachtungen von möglichen Kontexteinflüssen auf die Bestim‐ mung von Satztypen finden sich im Rahmen eines kompositionellen Satzmodus- Systems. Hervorzuheben sind in diesem Rahmen monologische Fragen (Brandt et al. 1992; Truckenbrodt 2004), die auf kontextueller Ebene Parallelen zu WÜ aufweisen. Monologische Fragen werden entsprechend ihrer Bezeichnung nach in einem monologischen Kontext verwendet, in dem der Sprecher eine Frage äußert, die er im Anschluss selbst beantwortet. Dies kann sowohl schriftlich als auch mündlich geschehen. Mit der Selbstbeantwortung verfolgt der Sprecher bzw. der TP den Zweck, dass die Hörer bzw. die TR die aufgeworfene offene Proposition im Laufe des Textes geschlossen bekommen, ohne sie selbst zu beantworten. WÜ scheinen eine ähnliche Funktion zu besitzen, dass der TP eine offene Proposition äußert und diese selbst im Bezugstext füllt. Der TR bleibt also wie bei einer monologischen Frage in der passiven Rolle des Zuhörers und lässt die Schließung vom TP vornehmen. Allerdings entsprechen monologische Fragen laut Definition (Truckenbrodt 2004) VC-Interrogativsätzen (V1- oder V2-Interrogativsätzen). WÜ als w-VL-Sätze besitzen daher zwar eine Nähe zur funktionalen Seite von monologischen Fragen, nicht aber zu der formalen. Wie lässt sich die Strukturbedeutung von WÜ also adäquat erfassen? Im nach‐ folgenden Kapitel wird an diese Frage angeknüpft und Truckenbrodts (2004) Überlegungen als Ausgangspunkt für die Erschließung der Strukturbedeutung herangezogen, bei der kontextuelle Merkmale der Überschriften-Positionierung berücksichtigt werden. 3.1 Die W-Überschrift im Satzmodus-System nach Altmann (1993) 53 <?page no="54"?> 3.2 Zur Strukturbedeutung der W-Überschrift nach Truckenbrodt (2004) Der Versuch, die WÜ in das System der Formtypen nach Altmann (1993) einzu‐ ordnen, zeigt, dass die in der Satztypenforschung bisher verwendeten formalen Beschreibungsmöglichkeiten nicht ausreichen, um die WÜ systematisch einem Satztyp zuzuordnen. Um die WÜ adäquat zu beschreiben, ist aufgrund ihrer Positionierung in der Überschrift als vorgeschaltetes Textelement eines Textes ein Bezug zur Textebene notwendig. Es scheinen angesichts der Überschrift- Text-Konfiguration spezifische kontextuelle Gebrauchsbedingungen vorzulie‐ gen, die sich z.B. darauf beziehen, welche Funktion der Bezugstext in der Text- Kommunikation erfüllt oder welche Voraussetzungen bei TP und TR hinsicht‐ lich der Produktion und Rezeption der Texte und ihrer Überschriften gegeben sind. Diesbezüglich stellt sich die Frage, wie der Funktionstyp der WÜ zu beschreiben ist. Die Beschreibung der Strukturbedeutung von w-Interrogativen nach Truckenbrodt (2004) scheint hierfür besonders geeignet, denn sie bezieht sowohl die Wissensverteilung als auch die Unterstellung von Wissen bei den involvierten Kommunikationspartnern mit ein. Im Folgenden wird daher die WÜ anhand von Truckenbrodts (2004) An‐ satz zur Beschreibung der epistemisch-imperativischen Strukturbedeutung von w-Interrogativsätzen genauer untersucht. 3.2.1 Zur Strukturbedeutung der W-Überschrift nach Truckenbrodt Truckenbrodt (2004) postuliert Strukturbedeutungen von Interrogativsätzen, die auf einem imperativisch-epistemischen Beschreibungsansatz fußen. Beim Verständnis eines Interrogativsatzes orientiert er sich am Ansatz von Brandt et al. (1992), bei dem das grammatische Merkmal [w] als das einzige konsti‐ tuierende Merkmal von Interrogativsätzen betrachtet wird. Hiernach lassen sich WÜ als w-VL-Interrogativsätze einordnen. Er geht von der Annahme aus, dass Interrogativsätze in ihrer Strukturbedeutung genauso wie Imperativ‐ sätze ein imperativisches Element aufweisen, bei dem der Sprecher (S) einen Angesprochenen (A) dazu bringen will, etwas zu tun. Bei der Beschreibung verwendet Truckenbrodt (2004) dabei das dreistellige Prädikat WILL (S, A, …), das die Bedeutung des Imperativs darstellt. Es entspricht der Lesart, dass S eine Aufforderung an A stellt. Die Aufforderung hierbei ist es, Wissen zu teilen. Das geteilte Wissen, das den Common Ground (Stalnaker 2002) abbildet, wird mit dem Prädikat WEIß (S&A, p[w]) ausgedrückt, bei dem Sprecher und Angesprochener S&A gemeinsames Wissen teilen und p[w] die offene Propo‐ 54 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung <?page no="55"?> sition des Interrogativsatzes ist. Die nachfolgend verwendeten Beispiele der Strukturbedeutung für VC-Interrogative (V1- und V2-Interrogative) illustrieren die Anwendung der von Truckenbrodt (vgl. 2004: 4) beschriebenen Theorie: - (72) Strukturbedeutung für VC-Interrogativsätze nach Truckenbrodt (2004) - a. VC-Interrogativsatz WILL (S, A, WEIß (S&A, p[w])) - - Singt Maria? WILL (S, A, WEIß (S&A, ob Maria singt)) - - Paraphrase: S fordert A zu geteiltem Wissen darüber auf, ob Maria singt. - - - - b. VC-Interrogativsatz WILL (S, A, WEIß (S&A, p[w])) - - Wer singt? WILL (S, A, WEIß (S&A, wer singt)) - - Paraphrase: S fordert A zu geteiltem Wissen darüber auf, wer singt. Im Gegensatz zu VC-Interrogativsätzen (72a, b) wird bei VL-Interrogativsätzen (73a, b) nach Truckenbrodt (2004) keine Aufforderung an einen Angesproche‐ nen A vollzogen. In der Strukturbedeutung wird A also ausgeblendet. Der Sprecher äußert in diesem Fall lediglich den Wunsch, etwas wissen zu wollen. Entsprechend findet auch keine Aufforderung statt, Wissen zu teilen. - (73) Strukturbedeutung für VL-Interrogativsätze nach Truckenbrodt (2004) - a. VL-Interrogativsatz WILL (S, WEIß (S, p[w])) - - Ob Maria singt? WILL (S, WEIß (S, ob Maria singt)) - - Paraphrase: S will wissen, ob Maria singt. - - - - b. VL-Interrogativsatz WILL (S, WEIß (S, p[w])) - - Wer (wohl) singt? WILL (S, WEIß (S, wer singt)) - - Paraphrase: S will wissen, wer singt. Eine direkte Übertragung der Strukturbedeutung von VL-Interrogativsätzen auf die WÜ würde nun zu den folgenden (inadäquaten) Beschreibungen (74a, b) führen. 3.2 Zur Strukturbedeutung der W-Überschrift nach Truckenbrodt (2004) 55 <?page no="56"?> (74) Strukturbedeutung für WÜ im Sinne der VL-Interrogativsätze nach Tru‐ ckenbrodt (2004) - a. W-Überschrift # WILL (S, WEIß (S, p[w])) - - Was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist # WILL (S, WEIß (S, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist)) - - # Paraphrase: S will wissen, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist. - - - - b. W-Überschrift # WILL (S, WEIß (S, p[w])) - - Warum du einmal pro Woche Olivenöl essen solltest # WILL (S, WEIß (S, warum du [=A] ein‐ mal pro Woche Olivenöl essen solltest)) - - # Paraphrase: S will wissen, warum du [=A] einmal pro Woche Olivenöl essen solltest. An der direkten Übertragung der postulierten Strukturbedeutung für VL-Inter‐ rogativsätze auf WÜ (74a, b) zeigt sich, dass sie für WÜ unzutreffend sind. Eine WÜ drückt keinen Wunsch des Sprechers nach Wissenserweiterung aus (74a), auch in dem Fall, wenn eine Person (74b) angesprochen wird. Zudem scheint es eher der Fall zu sein, dass die WÜ aufgrund ihrer Überschriften- Position und der damit einhergehende spezifische Kommunikationssituation den TP (bzw. S) den TR (bzw. A) direkt oder indirekt adressiert. Zudem wissen TR aufgrund der konventionellen Verwendung von Überschriften, dass mit ihnen auf einen Bezugstext verwiesen wird. Es ist also anzunehmen, dass beim Lesen der Überschrift eine Erwartung an den Inhalt oder die Funktion des Textes entsteht. Bei WÜ ließe sich diese so ausdrücken, dass sich TR eine Schließung der offenen Proposition p[w] im Bezugstext erhoffen. Hier muss der TP also über das Wissen zur Schließung der Wissenslücke, die durch den w-Ausdruck aufgeworfen wird, verfügen und es im Bezugstext vermitteln. In der spezifischen Kommunikationssituation von WÜ gibt es also einen TP, der (potenziell) über Wissen zur Schließung der offenen Proposition p[w] ver‐ fügt, und einen TR, der über kein Wissen zur Schließung der offenen Proposition p[w] verfügt. Aufgrund des Textbezugs der Überschrift ist anzunehmen, dass der TP mit der WÜ ausdrückt, dass der TR das im Bezugstext geteilte Wissen zur Schließung von p[w] annehmen soll. Die Darstellung der Strukturbedeu‐ tung müsste also vielmehr der Strukturbedeutung von VC-Interrogativsätzen entsprechen: WILL (S, A, WEIß (S&A, p[w]))]. Diese lässt sich jedoch nicht an den Formmerkmalen, so wie Truckenbrodt (2004) vorgeht, festmachen. Es 56 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung <?page no="57"?> müsste also die Textpositionierung als Merkmal einbezogen werden, um die Strukturbedeutung erst erklären zu können. - (75) Angepasste Strukturbedeutung für WÜ - a. W-Überschrift WILL (TP, TR, WEIß (TP&TR, p[w])) - - Was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist WILL (TP, TR, WEIß (TP&TR, was über den Terrorangriff von Christchurch be‐ kannt ist)) - - Paraphrase: TP will von TR, dass TP und TR wissen, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist. - - - - b. W-Überschrift WILL (TP, TR, WEIß (TP&TR, p[w])) - - Warum du einmal pro Woche Olivenöl essen solltest WILL (TP, TR, WEIß (TP&TR), warum TR einmal pro Woche Olivenöl essen soll)) - - Paraphrase: TP will von TR, dass TP und TR wissen, warum TR einmal pro Woche Olivenöl essen soll. Was Truckenbrodts (2004) Modell also auch nicht leisten kann, ist eine Abbil‐ dung der ausgehenden Wissensverteilung zwischen den Kommunikationspart‐ nern. Es ist aber denkbar, diese im Modell zu ergänzen. Eine solche Ergänzung würde die Darstellung insofern bereichern, dass die Unterschiede zwischen WÜ und VC-Interrogativsätzen sichtbarer werden. Eine explizite Angabe der Vertei‐ lung des Wissens wäre bspw. vor WILL (…) denkbar, die den Ausgangsstatus bzgl. des Wissenbestands repräsentiert und mit dem bereits etablierten Element WEIß (…) darstellbar ist, das explizit aufnimmt, welcher der Kommunikations‐ partner Wissen über p[w] besitzt oder nicht. Bei der WÜ (76) könnte dies mit WEIß (+TP, -TR, p[w]) angegeben werden und bei VC-Interrogativsätzen (77) entsprechend mit WEIß (-S, +A, p[w]). - (76) Ergänzte Wissensverteilung für WÜ - - W-Überschrift WEIß (+TP, -TR, p[w]) - - - WILL (TP, TR, WEIß (TP&TR, p[w])) - - Was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist WEIß (+TP, -TR, was über den Terroran‐ griff von Christchurch bekannt ist) 3.2 Zur Strukturbedeutung der W-Überschrift nach Truckenbrodt (2004) 57 <?page no="58"?> WILL (TP, TR, WEIß (TP&TR, was über den Terrorangriff von Christchurch be‐ kannt ist)) - - Paraphrase: TP weiß, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist, TR nicht. TP will von TR, dass TP und TR wissen, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist. - (77) Ergänzte Wissensverteilung für VC-Interrogativsätze - - VC-Interrogativ WEIß (-S, +A, p[w]) - - - WILL (S, A, WEIß (S&A, p[w])) - - Warum ist die Erderwärmung ein Problem? WEIß (-S, +A, warum die Erderwärmung ein Problem ist) - - - WILL (S, A, WEIß (S&A, warum die Erderwärmung ein Problem ist)) - - Paraphrase: S weiß nicht, warum die Erderwärmung ein Problem ist, aber A. S will von A, dass S und A wissen, warum die Erderwärmung ein Problem ist. Allerdings muss bei dieser Modellierung beachtet werden, dass sie auf einer Kontextebene geschieht und nicht auf der Ebene der Strukturbedeutung. Während die WÜ aufgrund ihrer Textposition in der Überschrift an einen spezifischen Kontext gebunden ist, sind VC-Interrogativsätze hingegen nicht an einen festen Kontext gebunden. Es wird zwar in dem Beispiel (77) ein dialogischer Gebrauch angenommen, bei dem von einem Wissensdefizit bei S ausgegangen wird, allerdings sind auch andere dialogische Kontexte denkbar, bei denen von einer jeweils anderen Wissensverteilungen ausgegangen wird. So wäre es durchaus denkbar, dass bei einer Polizeifrage wie Wo waren sie gestern um 19 Uhr? in einem Befragungskontext die Möglichkeit besteht, dass S über Wissen zur Beantwortung der Frage verfügt. Zusammenfassend zeigen die imperativisch-epistemischen Betrachtungen hinsichtlich der Strukturbedeutung, dass die Integration der Textpositionierung, einem für die WÜ konstitutiven Merkmal, in bestehende Modelle schwierig ist. Insbesondere drei wesentliche Aspekte konnten festgestellt werden, die zum Verständnis der funktionalen Seite der WÜ eine wichtige Rolle einnehmen: Die Wissensverteilung der TP und TR, die Intention der Wissensvermittlung zur Herstellung eines CG und der Verweis auf Füllung der Wissenslücke im Bezugstext. 58 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung <?page no="59"?> 3.2.2 Erwartungshaltung und Unterstellung von Wissen Wie erwähnt, schreibt Truckenbrodt (2004) VC-Interrogativen den Ausdruck einer Aufforderung und VL-Interrogativen den Charakter eines Wunsches zu. VC-Interrogative fordern den Angesprochenen dazu auf, Wissen zu teilen. VL- Interrogative hingegen drücken den Wunsch aus, Informationen zu erhalten. Für die Charakterisierung der Interrogativsätze spielt dabei die Unterstellung und Nichtunterstellung von Wissen eine wichtige Rolle. Bei VC-Interrogativsätzen unterstellt S im Normalfall A, dass A über Wissen verfügt, um eine offene Proposition p[w] durch eine geschlossene Proposition p zu ersetzen. Es findet also eine Unterstellung von A-Wissen (Wissen, über das A verfügt) seitens S statt. S geht also davon aus, dass A sein Wissen teilen kann, um Common Ground herzustellen. Es findet ein Versuch statt, den Common Ground zu erweitern, wobei A eine Proposition p anbietet, die von S übernommen werden kann. Bei VL-Interrogativen hingegen wird dem Gesprächspartner ein solches Wissen nicht unterstellt, womit der Charakter eines Wunsches zum Ausdruck kommt. VL-Interrogativsätze sind daher nur in Kontexten anwendbar, in denen S die Antwort auf seine geäußerte Frage selbst nicht weiß und ein absichtlicher Verzicht auf die Antworterwartung gegeben wird. Ausgehend von diesen Folgerungen unterscheidet Truckenbrodt (vgl. 2004: 29) zwischen richtiger und falscher Unterstellung sowie richtiger und falscher Nichtunterstellung von A-Wissen, die abhängig vom kommunikativen Kontext sind: - (78) Situation 1: Zwei Kinder finden eine unbekannte Masse im Wald. Beide wissen voneinander, dass beide nicht wissen, was die Masse ist. - - S zu A: Ob man es essen kann? (Richtige Nichtunterstellung von A-Wis‐ sen) - - S zu A: # Kann man es essen? (Falsche Unterstellung von A-Wissen) - (79) Situation 2: Ratespiel, bei dem sich einer einen Gegenstand ausdenkt. Jemand anderes muss ihn mit Ja/ Nein-Fragen erfragen. - - S zu A: # Ob man es essen kann? (Falsche Nichtunterstellung von A- Wissen) - - S zu A: Kann man es essen? (Richtige Unterstellung von A-Wissen) In Situation 1 muss eine Nichtunterstellung von A-Wissen stattfinden, da beide Kinder wissen, dass sie beide kein Wissen über die Masse besitzen. Daher 3.2 Zur Strukturbedeutung der W-Überschrift nach Truckenbrodt (2004) 59 <?page no="60"?> ist lediglich (78a) als Äußerung eines Wunsches angebracht, jedoch nicht (78b), denn S unterstellt A hier fälschlicherweise Wissen. Ein umgekehrter Fall liegt in Situation 2 vor: Hier weiß S, dass A Wissen besitzt. Die Äußerung eines Wunsches (79a) ist also nicht angebracht, da S hiermit fälschlicherweise unterstellt, dass A kein Wissen besitzt. (79b) kann jedoch verwendet werden, da S korrekterweise A Wissen unterstellt und eine Aufforderung zur Teilung des Wissens ausgedrückt wird. Im Kern konzentriert sich Truckenbrodt (2004) in seinen Ausführungen auf die Seite des Angesprochenen und ob die durch den Sprecher vorgenommene Unterstellung oder Nichtunterstellung von A-Wissen situativ richtig oder falsch ist. Welche Rolle das Wissen des Sprechers spielt, wird bei ihm allerdings nicht beleuchtet. Wie aber bei WÜ und Interrogativsätzen in Überschriften ersichtlich ist, spielt auch das Vorhandensein von S-Wissen (Wissen, über das S verfügt) eine wichtige Rolle. Der Bezug zur textuellen Ebene ist hierbei entscheidend, so wie es Truckenbrodt (vgl. 2004: 15) auch für die monologischen Fragen beschreibt. Bei monologischen Fragen liegt stets ein S-Wissen vor, das im Verlauf eines Monologes oder Textes vermittelt wird, um die selbst entstandene Wissenslücke zu schließen. Dies kann auch für WÜ und Interrogativsätze in Überschriften im Zusammenhang mit ihrem Folgetext gelten. In der Überschriften-Kommunikation haben die TP normalerweise keine persönlichen Kenntnisse über ihre TR. Folglich haben sie auch keine Kenntnisse über deren konkreten Wissensstand. Außerdem haben beide Kommunikati‐ onspartner keine Möglichkeit eines direkten Groundings. Der TP muss also allein mithilfe des Diskursuniversums und seiner Kenntnisse über seine Durch‐ schnittsleserschaft Unterstellungen zum Wissensbestand der TR vornehmen. Vor diesem Hintergrund scheint es zielführender, nicht wie bei Truckenbrodt (2004) ausschließlich von Unterstellungen und Nichtunterstellungen von Wis‐ sen zu sprechen, sondern stattdessen feiner zwischen Unterstellungen von bestehendem Wissen (das, was der TR weiß) und Unterstellungen von fehlen‐ dem Wissen (das, was der TR nicht weiß) zu differenzieren. Auf diese Weise wird deutlich, dass TP WÜ (80) und Interrogativsätze wie bspw. w-V2-Interro‐ gativsätze in Überschriften (81) einsetzen, um Unterstellungen hinsichtlich des vorhandenen und fehlenden Wissensbestands des TR vorzunehmen. - (80) Was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist (zeit.de, 15.03.2019) - - • TP unterstellt dem TR, dass der TR weiß, dass etwas über den Terror‐ angriff von Christchurch bekannt ist • TP unterstellt dem TR, dass der TR nicht weiß, was über den Terroran‐ griff von Christchurch bekannt ist 60 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung <?page no="61"?> (81) Was hat das Burkaverbot in Frankreich bewirkt? (faz.net, 01.08.2019) - - • TP unterstellt dem TR, dass der TR weiß, dass das Burkaverbot in Frankreich etwas bewirkt hat • TP unterstellt dem TR, dass der TR nicht weiß, was das Burkaverbot in Frankreich bewirkt hat Angesichts Finkbeiners (vgl. 2018: 34) These, dass die Äußerung einer w-V2-Frage nicht notwendigerweise die in der Frage angesprochene Proposition präsupponiert, so dass die Antwort auf (81) auch Das Burkaverbot in Frankreich hat nichts bewirkt ausfallen kann, scheint die oben angegebene Unterstellung seitens des TP, dass der TR weiß, dass das Burkaverbot etwas bewirkt hat, fragwürdig. Allerdings bleibt es dem TP überlassen, ob er im Bezugstext eine Antwort darauf gibt, ob das Burkaverbot in Frankreich etwas bewirkt hat oder nicht. Finkbeiners (2018) Annahme, dass w-V2-Interrogativsätze nicht mit einer Existenzpräsupposition einhergehen, ist insofern also nicht widersprüchlich, da sie schon rein strukturell nicht die feste Erwartung erzeugen, dass das Burkaverbot tatsächlich etwas bewirkt hat. Die Überschriftenposition und die damit verbundene Kommunikationssitua‐ tion zwischen TP und TR legitimiert also die Unterstellungen von Wissensbe‐ ständen und Wissenslücken. Anders ausgedrückt: Mit diesen Unterstellungen antizipiert der TP, was den TR interessiert und welche Informationen er erhalten möchte, um das TR-Interesse zu stillen. In (80) wird ein solches spezifisches Leserinteresse angesprochen (TR möchte wissen, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist). Aus Sicht des TR könnte dieses auch als Frage ausgedrückt werden: Was ist über den Terrorangriff von Christchurch bekannt? Wenn das Leserinteresse also in Form einer Frage ausgedrückt werden kann, dann expliziert eine Überschrift wie (81) es direkt als kanonische Frage und eine WÜ wie in (80) eher auf indirekte Weise als nicht kanonische Frage. Beide Satztypen, WÜ und w-V2-Interrogativsatz, in der Überschrift zeichnen sich also dadurch aus, dass sie bestehendes und nicht bestehendes Wissen adres‐ sieren, die WÜ im Gegensatz zum w-V2-Interrogativsatz aber keine kanonische Frage ist (Finkbeiner/ Fetzer 2022). Warum aber wird das als Frage formulierbare Leserinteresse mit der WÜ auf andere Weise expliziert, obwohl beide Satztypen dem TR Wissensbestände und Wissenslücken unterstellen? Es kann vermutet werden, dass sich eine nicht kanonische Frage wie die WÜ besser in der Überschriften-Position eignet als eine kanonische Frage. Dies könnte daran liegen, dass Überschriften in der Regel dazu dienen, einen Über‐ blick über den Inhalt des Bezugstextes zu geben, anstatt echte Fragen an den TR zu richten. In der vorliegenden Kommunikationssituation erwartet der TR in der 3.2 Zur Strukturbedeutung der W-Überschrift nach Truckenbrodt (2004) 61 <?page no="62"?> Überschrift also keine „echten“ Fragen, sondern vielmehr informative Formu‐ lierungen. Luuko-Vinchenzo (1988) spricht diesbezüglich auch davon, dass dem TP „jede soziale Berechtigung [fehlt], dem Leser echte Fragen zu stellen“ (Luuko- Vinchenzo 1988: 188). Schließlich soll mit der Überschrift auf den Bezugstext verwiesen werden und kein Wissensdefizit zum Ausdruck gebracht werden. Dennoch werden Frage-Überschriften auch in Überschriften verwendet. Sie scheinen also auch für den Bezugstext eine spezifische Funktion zu erfüllen, die sich aber von der Funktion der WÜ unterscheidet. Es ist anzunehmen, dass der TR über die intertextuelle Funktion von Frage-Überschriften aufgrund der Überschriften-Position Bescheid weiß, so dass bei ihm ein Umdeutungsprozess stattfindet, bei dem er bspw. eine w-V2-Interrogativ-Überschrift als Signal für den Textinhalt und die Textaufbereitung bzw. Textsorte versteht und nicht als eine an den TR gerichtete „echte“ Frage. Die spezifischere Frage, die sich folglich stellt, ist, ob beim Lesen der WÜ und eines w-V2-Interrogativsatzes in der Überschrift beim TR möglicherweise dieselbe Erwartungshaltung an den Bezugstext entsteht oder nicht. Wie bereits angenommen, scheinen WÜ (82) in einer Weise auf ihren Bezugstext zu verwei‐ sen, die eine Erwartung erzeugt, dass dieser die aufgezeigte Wissenslücke tat‐ sächlich füllen wird. Bei w-V2-Interrogativsätzen in Überschriften (83) scheint ein solcher Verweis aufgrund des kanonischen Frage-Charakters eher offen oder unbestimmt zu bleiben. Es ließe sich daher in Abgrenzung zu WÜ also die Annahme formulieren, dass w-V2-Interrogativsätze in Überschriften eher darauf verweisen, dass die Frage selbst zum Thema gemacht wird, ohne jedoch eine Garantie für deren Beantwortung zu geben. In Anlehnung an Finkbeiners (2021a) Explizierung des Funktionstyps von Presse-Überschriften ließe sich die Funktion von WÜ und w-V2-Interrogativsätzen wie folgt angeben: - (82) Was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist (zeit.de, 15.03.2019) - - Ich sage, dass der Text sagt, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist - (83) Was hat das Burkaverbot in Frankreich bewirkt? (faz.net, 01.08.2019) - - Ich sage, dass der Text (sich) fragt, was das Burkaverbot in Frankreich bewirkt hat Dieser Annahme folgend zeigen WÜ (82), dass der TP das Wissen besitzt, um die aufgezeigte Wissenslücke zu füllen. W-V2-Interrogativsätze in Überschriften (83) lassen dagegen offen, ob der TP die Lücke füllen kann. Im Sinne der Betrachtung nach Truckenbrodt (2004) kann zudem angenommen werden, 62 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung <?page no="63"?> dass beim Lesen der Überschriften die TR ebenfalls Unterstellungen von vor‐ handenem oder fehlendem Wissen auf Seiten des TP vornehmen oder nicht. Beim TR entsteht also eine Annahme über den Wissensstand des TP. Die vorherigen Beispiele (80-81) sind insofern zu ergänzen, dass der TR bei WÜ dem TP unterstellt, dass der TP über das notwendige Wissen verfügt, um die Wissenslücke zu schließen. Bei w-V2-Interrogativsätzen in Überschriften nimmt der TR diese Unterstellung jedoch nicht vor. Der TR besitzt beim Lesen der w-V2-Interrogativsätze, anders als bei WÜ, keine spezifische Erwartungs‐ haltung in Bezug auf den tatsächlichen Wissenstands des TP. - (84) Was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist (zeit.de, 15.03.2019) - - • TP unterstellt dem TR, dass der TR weiß, dass etwas über den Terror‐ angriff von Christchurch bekannt ist • TP unterstellt dem TR, dass der TR nicht weiß, was über den Terroran‐ griff von Christchurch bekannt ist • TR unterstellt dem TP, dass der TP weiß, was über den Terrorangriff von Christchurch bekannt ist - (85) Was hat das Burkaverbot in Frankreich bewirkt? (faz.net, 01.08.2019) - - • TP unterstellt dem TR, dass der TR weiß, dass das Burkaverbot in Frankreich etwas bewirkt hat • TP unterstellt dem TR, dass der TR nicht weiß, was das Burkaverbot in Frankreich bewirkt hat • TR unterstellt dem TP nicht, dass der TP weiß, was das Burkaverbot in Frankreich bewirkt hat Aufgrund der Wissensverteilung und der Wissensunterstellungen in der Über‐ schriften-Kommunikation ist anzunehmen, dass WÜ eher mit Texten verträg‐ lich sind, die das in der Überschrift adressierte Leserinteresse erfolgreich stillen, indem sie die offene Proposition aus der Überschrift schließen. Hier lassen sich Texte annehmen, die das Ziel haben, Fragen und Probleme, die auf Seiten der TR bestehen, zu lösen oder eine aufklärende Funktion besitzen. Es ist aber nach wie vor empirisch zu klären, ob sich diese Annahmen bewahrheiten und sich ein textsortenspezifischer Gebrauch von WÜ und Überschriften mit w-V2-Interrogativsätzen nachweisen lässt oder nicht. Zusammenfassend ist festzustellen, dass die Wissensverteilung und die Un‐ terstellung oder Nichtunterstellung von bestehendem und fehlendem Wissen bei WÜ und w-V2-Interrogativsätzen in Überschriften entscheidend für das Verständnis der Erwartungshaltung an den Bezugstext der Überschrift sind. TP nehmen in Presseüberschriften stets gegenüber den TR eine Unterstellung von Wissen und Wissenslücken vor, die durch WÜ und w-V2-Interrogativsätzen 3.2 Zur Strukturbedeutung der W-Überschrift nach Truckenbrodt (2004) 63 <?page no="64"?> explizit adressiert werden. Bei den TR ist es allerdings offen, ob sie beim Lesen von Überschriften Unterstellungen von bestehendem oder fehlendem TP-Wissen vornehmen. Dies könnte abhängig von der Form der Überschrift sein. Wie gezeigt, ist anzunehmen, dass TR bei WÜ eher dazu neigen, dem TP Wissen zu unterstellen, das zur Schließung der offenen Proposition notwendig ist, aber nicht bei w-V2-Interrogativsätzen in Überschriften, da diese strukturell eine Nähe zu dialogisch verwendeten (kanonischen) Fragen besitzen. Der TR erwartet bei Pressetexten mit w-V2-Interrogativ-Überschriften daher weniger, dass die Frage beantwortet wird. Bei WÜ scheint diese Erwartung hingegen stärker zu sein. Es ist denkbar, dass diese durch die Kommunikationssituation gelernte Erwartungshaltung eher mit solchen Textsorten einhergeht, die die bestehenden Fragen auf Seiten der TR aufgreifen und beantworten, so wie es bspw. Ratgebertexte tun. 3.3 Der Bezug der W-Überschrift zum Text in QUD- Bäumen nach Riester (2019) Wie in Kapitel 2.3.2.4 zum Forschungsstand erläutert wurde, geben WÜ nach Finkbeiner/ Külpmann (2022) eine implizite Question Under Discussion auf explizite Weise wieder, ohne sie dabei als Frage zu formulieren: „The basic discourse-pragmatic function of a wh-headline is to explicitly introduce an implicit QUD into discourse while not posing it explicitly as an informationseeking question“ (Finkbeiner/ Külpmann 2022: 67). Mit der WÜ wird also die Ähnlichkeit zu kanonischen Fragen vermieden. Dies entspricht der Kommuni‐ kationssituation, da der TP mit der Überschrift auf den Text verweist und keine Frage an den TR stellt. Der Nutzen dieser besonderen QUD-Explizierung kann aber auch mit erweitertem Blick auf den Bezugstext der Überschrift betrachtet werden, da die Überschrift die Schnittstelle zwischen Diskursuniversum und ihrem Text als Diskursbeitrag bildet. Beeinflusst also die Art der QUD-Explizie‐ rung in der Überschrift - ob als WÜ oder kanonische Frage - die Fortführung des Diskurses, z.B. durch eine Beantwortung der explizierten Frage? Erste Hinweise, die sich in der Korpusstudie von Finkbeiner/ Külpmann (2022) feststellen lassen, deuten darauf hin, dass WÜ mit Texten verträglich sind, die auf bestehendem Wissen aufbauen und dieses erweitern. Es stellt sich also die Frage, ob eine Textsortenbindung nicht auch im Sinne der QUD-Theorie erklärbar ist und an die Ergebnisse von Finkbeiner/ Külpmann (2022) anknüpfen kann. Aufgrund der Überschriften-Positionierung der WÜ vor dem Text liegt nämlich die Vermutung nahe, dass es nicht nur eine Bindung innerhalb der QUD-Theorie zwischen Überschrift und Diskursuniversum gibt, sondern auch 64 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung <?page no="65"?> eine enge Verbindung zwischen Überschrift und ihrem Bezugstext als Diskurs‐ beitrag. Um diesen Fragen nachzugehen, wird im Folgenden ein erweiterter Blick auf die Diskursstruktur von Texten geworfen, die mithilfe von QUD- Bäumen beschreibbar sind. Als Grundlage hierfür dienen die Arbeiten von Riester (2019), Riester et al. (2018) und De Kuthy et al. (2018). 3.3.1 Repräsentation von Texten als QUD-Bäume im Diskurs Die Grundannahme der Questions Under Discussion (QUD) ist, dass Äußerun‐ gen niemals kontextfrei sind, sondern bestehende implizite oder explizite Fragen im Diskurs beantworten sollen, um Common Ground (CG) (Stalnaker 2002) her‐ zustellen. Nach Roberts (2012) besitzt ein natürlicher Diskurs demnach das Ziel, eine Frage zu beantworten, die in hierarchisch organisierten QUDs strukturiert ist. Sprecher verfolgen also stets die Beantwortung einer übergeordneten Frage, die sie in Sub-Fragen aufteilen und einzeln adressiert beantworten. Riester (2019) veranschaulicht eine solche Hierarchie am Beispiel der (übergeordneten) Frage Q 0 Wer aß was? , die zwei w-Ausdrücke enthält und in die Subfragen Q 0,1 Was aß Fred? und Q 0,2 Was aß Mary? aufgeteilt wird. Ein Sprecher bezieht sich auf diese zwei Subfragen, indem er sie nacheinander beantwortet: A 0,1 Fred aß die Bohne, A 0,2 Mary aß die Aubergine. Eine hierarchische Darstellung ist wie folgt möglich: Abb. 1: Beispiel eines Diskursbaums mit Subfragen übersetzt übernommen aus Riester (2019: 3) Die Fragen Q 0,1 und Q 0,2 sind Subfragen, die eine unterschiedliche Fokussierung auf die genannten Personen Fred und Mary besitzen. Miteinander zielen sie darauf ab, die übergeordnete Superfrage Q 0 zu beantworten. Aufgrund dieser Vernetzung von Fragen gehen Riester (2019), Riester et al. (2018) und De Kuthy et al. (2018) davon aus, dass auch Diskursstrukturen wie Texte auf eine solche 3.3 Der Bezug der W-Überschrift zum Text in QUD-Bäumen nach Riester (2019) 65 <?page no="66"?> 13 Kursivierte und in geschweifte Klammern gesetzte Fragen sind implizite QUDs, die nicht vom Sprecher geäußert wurden. Nicht kursivierte und nicht in Klammern gesetzte Sätze sind tatsächlich im Interview getätigte Äußerungen und Fragen. Bspw. liegt im Fall von Q 3 eine geäußerte Frage und somit eine explizite QUD vor. Weise strukturiert sind: „That means that every statement in a text is seen as the immediate answer to precisely one implicit or explicit QUD, and potentially also as an indirect answer to one or several more general QUDs“ (De Kuthy et al. 2018: 1932). Für die interne Struktur von Texten bedeutet dies, dass jede Äußerung und jeder Abschnitt eines Textes aus der Beantwortung einer oder mehrerer impli‐ ziter oder expliziter QUD besteht. Ein Text lässt sich demnach als Diskursbaum (Riester et al. 2018) modellieren, der aus QUDs und Antworten besteht, ähnlich wie es in Abbildung 1 der Fall ist, nur in einer größeren Dimension. Für jede Assertion im Text gibt es also eine implizite QUD, die der Äußerung vorausgeht. In ihrer Gesamtheit repräsentieren sie die Topik-Struktur eines Diskursbeitrags wie z.B. ein Textabschnitt oder ein gesamter Text. Als Beispieldarstellung 13 für einen Text zeigt die nachfolgende Abbildung 2 einen gekürzten Diskursbaum, der im Zuge der Annotationsarbeit von Riester (2019) entstanden ist. Die Datengrundlage ist ein Interviewtext des SWR2 mit der Politikerin Andrea Nahles (SPD), aus dem Jahr 2015. Abb. 2: Teil eines Diskursbaums übernommen aus Riester (2019: Appendix 1) Um einen QUD-Baum aus einem Text zu rekonstruieren, bieten Riester et al. (2018) eine Anleitung, die im Kern den folgenden drei Prinzipien folgt: 66 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung <?page no="67"?> • Q-A-Congruence: „QUDs must be answerable by the assertion(s) that they immediately dominate“ (Riester et al. 2018: 12) • Maximize-Q-Anaphoricity: „Implicit QUDs should contain as much given material as possible“ (Riester et al. 2018: 13) • Q-Givenness: „Implicit QUDs can only consist of given (or, at least, highly salient) material“ (Riester et al. 2018: 15) Nach diesen Prinzipien lassen sich Texte als Diskursbäume rekonstruieren. Nun stellt sich aber die Frage, welche die hierarchisch höchste QUD - die initiale QUD eines Textes - ist, die den Baum zusammenhält. Riester et al. (2018) formulieren hierfür eine Ausnahme des Prinzips Q-Givenness, die sich an Roberts‘ (2012) Annahme orientiert, dass die initiale Frage eines Textes thematisch offen und breit formuliert sein soll: „An assertion at the very beginning of a text should be preceeded by a very general QUD, such as: What is the way things are? “ (Riester et al. 2018: Appendix 2c). Der initiale Satz eines Textes muss jedoch nicht zwingend auf eine solch weit gefasste Frage eingehen, sondern kann sich auf eine spezifische Frage beziehen. Die folgende Abbildung 3 zeigt hierfür ein Beispiel: Abb. 3: Beispiel initiale QUD mit Subfrage am Textanfang nach Beispiel von Riester et al. (2018: 17f.) In Abbildung 3 ist A 0,1 der initiale Satz eines Textes. Dieser bezieht sich auf Q 0,1 und ist im Sinne von Roberts (2012) der größeren (unspezifischen) Frage Q 0 unterstellt. Diese Unterordnung scheint jedoch wie in dem Beispiel nicht immer gerechtfertigt, da die übergeordnete Frage Q 0 im Verhältnis zum Textinhalt unspezifisch ist. Riester et al. (vgl. 2018: 17f.) sind sich dieses Problems ebenfalls bewusst, begründen das Festhalten an diesem Vorgehen aber damit, dass 3.3 Der Bezug der W-Überschrift zum Text in QUD-Bäumen nach Riester (2019) 67 <?page no="68"?> sprachspezifische Aspekte und syntaktische Informationen hierbei eine Rolle spielen, die angesichts ihres Vorhabens methodisch nicht umsetzbar waren. Was Riester et al. (2018) allerdings nicht ansprechen, ist die Möglichkeit, dass die Spitze des Diskursbaumes eine spezifische QUD enthalten könnte, die der Text als kommunikative Gesamteinheit beantwortet. Laut der Quaestio- Theorie von Klein/ von Stutterheim (1992) beantworten alle Äußerungen einer Erzählung „in ihrer Gesamtheit eine - reale oder gedachte - Frage“ (Klein/ von Stutterheim 1992: 69). Diese zentrale Frage - die Quaestio - steuert den Aufbau des Textes und bestimmt, welche Informationen im Text enthalten sein müssen, um sie zu beantworten (vgl. Klein/ von Stutterheim 1992: 72). In diesem Sinne ließe sich annehmen, dass ein Text in seiner Gesamtheit eine spezifische Frage beantwortet. Demzufolge wäre es also auch denkbar, dass Pressetexte jeweils eine spezifische QUD aus einem größeren Diskurs aufgreifen und beantworten. Diese QUD kann ebenso in einen hierarchisch organisierten Diskursbaum eingebettet sein, an dessen Spitze eine übergeordnete Ausgangsfrage steht, die sich aus einem bestimmten Ereignis ergibt. Auf diese Weise fungieren die einzelnen Texte als Antworten auf Teilfragen innerhalb eines umfassenderen Diskurses, der insgesamt darauf abzielt, eine noch allgemeinere Hauptfrage zu klären. Wie genau eine solche zentrale Frage in einem Diskurs oder Diskursbaum entsteht, lässt sich anhand des Konzepts der Potential Questions (PQ) von Onea (2016) erläutern. Danach beantworten sprachliche Äußerungen nicht nur bestehende QUDs, sondern werfen häufig auch neue, zunächst nur potenzielle Fragen auf, die als PQs bezeichnet werden: Natural language utterances not only address questions […], they also have a tendency to raise questions. Questions raised by an utterance may (but need not) become the QUD addressed by some subsequent utterance. This is the sense in which such questions are called potential questions (Onea 2016: 2f.). Im Unterschied zu bereits aktiven QUDs, die unmittelbar beantwortet werden, sind PQs zunächst latente Fragen, die durch bestimmte Äußerungen oder Ereignisse lizenziert sind und vorerst still (also unausgesprochen) im Raum stehen. Wichtig ist, dass sie nicht zwingend eine Subfrage einer existierenden QUD sein müssen, sondern ergänzend funktionieren und sich unter Umständen erst später im Diskurs als QUD etablieren. Ein Diskursereignis wie der Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christ‐ church am 15.03.2019 kann bspw. mehrere PQs auslösen, darunter Was ist in Christchurch, Neuseeland, am 15.03.2019 passiert? oder Wie verlief der Tat‐ hergang? . Diese Fragen werden zunächst nicht explizit formuliert, ergeben 68 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung <?page no="69"?> sich jedoch implizit aus dem Ereignis selbst. Sie können für die weitere Dis‐ kursentwicklung relevant werden, etwa wenn Zeitungen oder Magazine auf Details der Tat eingehen. Sobald eine dieser PQs von den Diskursteilnehmern tatsächlich aufgegriffen und beantwortet wird, kann sie zur (aktuellen) QUD aufsteigen. Damit wirken PQs wie ein Bindeglied zwischen Diskursereignissen und der eigentlichen Diskursstruktur. Sie stellen offene Fragen in Aussicht, die durch spätere Äußerungen - etwa in Form von Pressetexten, Berichten oder Interviews - beantwortet werden können. Wie ein solcher Diskursbaum mit Textbeiträgen als elaborierte Antworten auf QUDs verstanden werden kann, zeigt Abbildung 4. Abb. 4: Mögliche Darstellung eines Diskursbaumes mit Pressetexten als Antworten auf QUDs im Diskurs am Beispiel des Moscheen-Attentates in Christchurch, Neuseeland am 15.03.2019 3.3 Der Bezug der W-Überschrift zum Text in QUD-Bäumen nach Riester (2019) 69 <?page no="70"?> Der Auslöser für den Diskursbaum in Abbildung 4 ist der Terroranschlag auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch am 15.03.2019, bei dem der rechtsradikale Attentäter Brenton Tarrant 51 Menschen tötete und seine Tat im Internet streamte. Dieses Ereignis lässt eine noch relativ unspezifische, übergeordnete Frage Q 0 entstehen, die als PQ durch neue, zum Zeitpunkt der Tat in den Diskurs gelangende Informationen lizenziert ist. Eine Meldung in der Presse A 0 greift diese Frage auf und liefert zumindest teilweise eine Antwort. Die Meldung ruft dann aufgrund ihres Textinhalts weitere PQs hervor, etwa was nach der Tat über den Tathergang, den Täter und seine Motive bekannt ist (Q 1 ). Diese Frage ordnet sich der initialen Frage Q 0 unter und ließe sich in die Subfragen Q 1,1 und Q 1,2 unterteilen, wobei eine den Tathergang fokussiert und die andere den Täter mit seinen Motiven. Auch diese PQs könnten zu QUDs werden, sobald sie im Diskurs explizit adoptiert und beantwortet werden, bspw. durch die Berichte A 1,1 und A 1,2 . Nachdem das Wissen über die Tat im Diskurs gewachsen ist, können auch weitere spezifischere PQs wie Q 2 entstehen, bei der nach der Meinung von Terrorismusexperten zur Tat und deren Hintergründe gefragt wird. Ein veröffentlichtes Interview A 2 mit einem solchen Terrorismusexperten könnte diese aufgreifen und beantworten. Werden Pressetexte auf diese Weise als elaborierte Antworten auf implizite (zuvor nur potenzielle) QUDs verstanden, wird klar, dass jede neue Textäu‐ ßerung eine oder mehrere Teilfragen eines Diskurses beantwortet. In einem größeren Diskurszusammenhang stehen daher PQs stets an der Schwelle, aktiv aufgegriffen zu werden. An dieser Stelle übernehmen Überschriften eine entscheidende Schnittstellenfunktion, indem sie zwischen dem Diskursu‐ niversum und ihrem Bezugstext als Diskursbeitrag vermitteln. Sie können aktive und latente Fragen aus dem Diskursuniversum aufgreifen und implizit oder explizit adressieren und möglicherweise anzeigen, ob der Text die QUD beantwortet oder zumindest thematisiert. De Kuthy et al. (2018) sprechen in diesem Zusammenhang auch davon, dass QUDs als stille Überschriften von Texten gewertet werden können: „QUDs can be thought of as fine-grained, silent headlines of sections, subsections, etc. […].“ (De Kuthy et al. 2018: 1932). Auf diese Weise erklärt sich, dass eine WÜ die im Diskurs bestehenden impliziten QUDs explizit aufgreifen kann (Finkbeiner/ Külpmann 2022) und damit eine Verbindung zwischen Diskursuniversum und Diskursbeitrag schafft. Sowohl WÜ als auch kanonische Fragen in Überschriften eignen sich somit, die aus dem Diskursuniversum stammende QUD sichtbar zu machen und den TR Signale zu senden, wie der nachfolgende Text sie behandelt. 70 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung <?page no="71"?> 3.3.2 Textsortenbindung durch Adressierung der impliziten QUD Wenn Pressetexte als elaborierte Antworten auf QUDs verstanden werden, die vor ihrem Aufgreifen als PQs latent im Diskurs vorhanden sind, und wenn Überschriften die Mittlerposition zwischen der Frage im Diskurs und dem Text als Diskursbeitrag einnehmen, drängt sich die Frage auf, weshalb manche Überschriften die QUD als WÜ oder Frage explizieren. Um sich einer möglichen Antwort zu nähern, lohnt sich ein Blick darauf, wann genau QUDs explizit gemacht werden und wann nicht. Implizite QUDs werden aufgelöst, indem eine Assertion geäußert wird, die als Antwort auf die QUD zu verstehen ist. Werden QUDs allerdings explizit gemacht, kann in einer dialogischen Kommunikation normalerweise davon ausgegangen werden, dass der Sprecher ein Wissensdefizit aufweist und die Frage selbst nicht auflösen kann. In einer monologischen Kommunikation hingegen, z.B. in Pressetexten oder in Vorträgen, bleibt hingegen offen, ob der TP bzw. der Sprecher die explizit gemachte QUD im weiteren Äußerungsverlauf tatsächlich beantwortet oder nicht. Zum Zeitpunkt der Äußerung ist für den Adressaten somit ungewiss, ob die Frage letztlich aufgelöst wird. Allerdings besitzt die explizit gemachte QUD ungeachtet einer möglichen Beantwortung eine strukturierende Funktion für den Diskursbeitrag, weil sie offenkundig macht, welche QUD zum Zeitpunkt der Äußerung thematisiert wird. Wird eine QUD zu Beginn eines Textes in der Überschrift als Frage explizit ge‐ macht, lässt sich annehmen, dass damit signalisiert wird, welche QUD der Text thematisch behandelt. Allerdings bleibt - ähnlich wie bei Fragen im Monolog - offen, ob sie im weiteren Verlauf (also im Bezugstext) tatsächlich beantwortet wird. Eine eindeutige Signalisierung, ob die explizit gemachte QUD beantwortet wird, bleibt somit aus. Nun explizieren WÜ ebenso wie Frage-Überschriften die implizite QUD und weisen darauf hin, welche Frage der Text behandelt. Da WÜ jedoch nicht die Form einer kanonischen Frage annehmen und eher eine Nähe zu assertiven Sätzen aufweisen, könnte angenommen werden, dass sie sich vom Fragecharakter einer Informationsfrage abgrenzen. Sie suggerieren vielmehr, dass ihre Bezugstexte die explizierte Frage beantworten. In diesem Sinne ließen sich diese Texte als eine Art garantierte Antwort auf die adressierte QUD verstehen. Dies legt die Vermutung nahe, dass WÜ besonders gut für jene Textsorten geeignet sind, die dem Leser eine zufriedenstellende Antwort auf eine QUD liefern möchten. Gerade in Pressetexten, die aufgrund ihrer institutionellen Funktion als Informationstexte des öffentlichen Diskurses in der Regel nicht einfach neue Fragen aufwerfen, sondern verpflichtet sind, Informationen und 3.3 Der Bezug der W-Überschrift zum Text in QUD-Bäumen nach Riester (2019) 71 <?page no="72"?> Wissen zu vermitteln, erweist sich die WÜ als passender Hinweis auf die Beantwortung impliziter QUDs aus dem Diskursuniversum im Bezugstext. Es liegt daher nahe, dass die WÜ im Text eine Beantwortung der adressierten QUD im Bezugstext signalisiert und damit eine entsprechende Erwartung beim TR erzeugt. WÜ könnten insbesondere in Texten eingesetzt werden, die an einen beste‐ henden Diskurs anschließen, da sich im Verlauf eines Diskursgeschehens bereits spezifische PQs herausgebildet haben, auf die sich Leser Antworten erhoffen. Mögliche Beispiele sind Texte, die Ereignishintergründe aufarbeiten und diese inhaltlich in den Diskurs einordnen. Auf diese Weise ließe sich auch die empirisch belegte Annahme von Finkbeiner (2018) bekräftigen, dass WÜ eher in Texten verwendet werden, die eine bestehende Proposition spezifizieren, als in Texten, die eine neue Proposition einführen. Typischerweise fallen darunter Magazinberichte, die eine feste Leserschaft mit bestehendem Themen- und Fachwissen ansprechen. Denkbar ist auch die bevorzugte Verwendung von WÜ in Ratgebertexten, da eine Antwort auf ein Problem oder eine Frage grundsätzlich zum Zweck der Textsorte gehört. Eine fehlende Antwort in einem Ratgebertext würde folglich der typischen Erwartung der Leser widersprechen. 3.4 Zusammenfassung und Hypothesenbildung In diesem Kapitel wurde herausgearbeitet, dass die WÜ weder formal noch funktional in etablierte Satztypen einzuordnen ist. Ihr zentrales Merkmal, das ihre Selbständigkeit lizenziert, ist ihre Positionierung in der Überschrift. Diese Positionierung ist untrennbar mit dem Bezugstext verbunden, sodass es sich anbietet, die WÜ im Kontext der Funktion von Überschriften als Textelement - und ihrer Signale für den nachfolgenden Text - zu betrachten. Der Blick auf die WÜ mithilfe der von Truckenbrodt (2004) postulierten epistemisch-imperativischen Strukturbedeutungen für Interrogativsätze zeigt, dass ein projektionistisch orientierter Ansatz in Erklärungsschwierigkeiten gerät, sobald die Textpositionierung berücksichtigt werden muss. Ein rein formales Merkmal [w] ist für die WÜ nicht hinreichend. Es bedarf eines Merkmals, das die Textpositionierung erfasst. Allerdings würden mit einem solchen Merkmal weitere kontextuelle Bedingungen einhergehen, die sich wiederum auf die Unterstellungen und Erwartungshaltungen beim TP und TR bezüglich ihrer Wissensbestände auswirken. Im weiteren Verlauf soll allerdings kein projektionistisches Regelsystem übernommen werden. Die Gründe hierzu werden in Kapitel 8 genauer erläutert. 72 3 Beschreibungsansätze und Hypothesenbildung <?page no="73"?> Zusammen mit dem diskurspragmatischen Zugang aus der QUD-Theorie und der Modellierung von Diskursbäumen wird zudem deutlich, dass nicht nur Texte als QUD-Bäume beschrieben werden können, sondern auf übergeordneter Ebene auch ganze Textsammlungen, die einem Diskurs angehören. Wenn der Annahme gefolgt wird, dass Texte Antworten auf implizite QUDs im Diskurs sind - zuvor als PQs latent und unbeantwortet im Diskursraum vorhanden -, bilden die Überschriften die Schnittstelle zwischen der Frage im Diskurs und der Antwort im Bezugstext. WÜ und Interrogativsätze können also diese Fragen in der Überschrift explizieren, indem sie eine zuvor bestehende Frage im Diskurs aufgreifen, zu der ein Leserinteresse antizipiert wird. Durch das Lesen der Überschriften entsteht so aufseiten der TR eine entsprechende Erwartungs‐ haltung an den Bezugstext. Bei WÜ und Interrogativsätzen unterscheidet sich diese aufgrund der unterschiedlichen formalen Explizierung der QUD. Bei WÜ ist zu vermuten, dass die TR dem TP eher unterstellen, dass er über das nötige Wissen verfügt, um die offene Proposition zu schließen, und erwarten, dass er im Bezugstext dieses Wissen anwendet, um eine Antwort auf die adressierte Frage zu liefern. Bei (kanonischen) Fragen in Überschriften erfolgt diese Unterstellung hingegen nicht. Es kann also vermutet werden, dass WÜ eher mit Texten verträglich sind, die auch tatsächlich eine Antwort auf die QUD liefern. Hier lassen sich, wie bereits ausgeführt, insbesondere Texte annehmen, die das Ziel haben, Fragen und Probleme, die beim TR vorliegen, zu beantworten. Um diese Annahmen hinsichtlich der WÜ und ihres Textsortengebrauchs empirisch zu prüfen, werden zwei zentrale Hypothesen aufgestellt, die es im weiteren Verlauf empirisch zu prüfen gilt: • Hypothese H 1 : WÜ besitzen eine Gebrauchspräferenz in Textsorten, die eine erklärende, kommentierende oder einordnende Funktion für einen bestehenden Diskurs erfüllen. • Hypothese H 2 : WÜ erfüllen das Leserinteresse, dass ihre Bezugstexte die in der Überschrift adressierte Frage aus dem Diskursuniversum beantworten. 3.4 Zusammenfassung und Hypothesenbildung 73 <?page no="75"?> 4 Kommunikations- und Kontextmerkmale von Überschriften der Online-Presse Dieses Kapitel bereitet die empirische Untersuchung der WÜ vor, indem Merk‐ male der Kommunikationssituation und des Kontexts ermittelt werden, die auf die textspezifische Verwendung der WÜ einwirken oder mit dieser einherge‐ hen. Wenn ein potenziell präferierter Textsortengebrauch es ermöglicht, die Bedeutung der WÜ zu erschließen, dann besteht die Möglichkeit, dass weitere kontextuelle Merkmale der Kommunikationssituation zum Verständnis der WÜ beitragen und auf den textsortenspezifischen Gebrauch einwirken oder mit diesem einhergehen könnten. Der Fokus liegt daher nicht nur auf der Ermittlung von textsortenspezifischen Gebrauchspräferenzen, sondern auch auf der Untersuchung der Kommunikationssituation und ihrer Merkmale. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, den Begriff der Gebrauchsprä‐ ferenzen klar zu definieren. Im vorliegenden Ansatz werden Gebrauchspräfe‐ renzen als Merkmalskombinationen verstanden, die einen Teil des Kontextes beschreiben und mit denen die WÜ signifikant häufiger gebraucht wird als mit anderen Merkmalskombinationen. Sie bilden die Beschaffenheit des präferierten Kontextes ab, in dem die WÜ ihre Bedeutung und Funktion entfalten kann. Wenn die WÜ bspw. signifikant häufiger in der Textsorte Bericht verwendet wird als in anderen Textsorten, kann von einer Gebrauchspräferenz für Berichte gesprochen werden. Eine solche präferierte Verwendung kann jedoch auch durch die spezifische Kommunikationssituation beeinflusst werden, beispiels‐ weise durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Pressegattung. So könnte die WÜ präferiert in Berichten aus Magazinen vorkommen, jedoch seltener in Tageszeitungen, da sich beide in Aufbau und Funktion unterscheiden. Gebrauchspräferenzen lassen sich also durch verschiedene Merkmale weiter ausdifferenzieren. Darüber hinaus könnten textsortenspezifische Gebrauchs‐ präferenzen auch mit spezifischen Ausprägungen der WÜ einhergehen, bei‐ spielsweise durch die Wahl bestimmter w-Ausdrücke. Solche Unterschiede könnten Rückschlüsse auf die Bedeutung und den Gebrauch der WÜ zulassen. Die Betrachtung der Kommunikationssituation und die Erschließung weiterer präferierter Kontextmerkmale neben der Textsorte des Bezugstextes dienen in‐ sofern der präzisen Erfassung der Gebrauchspräferenzen, die für die empirische Auswertung und Interpretation der Ergebnisse von Bedeutung sind. Im weiteren Verlauf des Kapitels wird untersucht, welche Rolle die Über‐ schrift - speziell die WÜ - sowie die Kommunikationsumgebung bei der <?page no="76"?> Verwendung von Textsorten spielen. Zunächst wird auf die massenmediale Kommunikationssituation in Überschriften von Pressetexten im Internet ein‐ gegangen. Es werden die Bedingungen der Produktion und Rezeption von Presse-Überschriften beleuchtet, um herauszustellen, welche Faktoren die Wahl spezifischer Überschrift-Typen und Textsorten beeinflussen können. Die Rollen der Kommunikationspartner sowie externe Einflüsse auf die Entstehung von Überschriften und Texten werden ebenfalls berücksichtigt (Kapitel-4.1). Anschließend wird die Presse-Überschrift mit ihren abgrenzbaren Begleit‐ elementen definiert. Ziel ist es, eine einheitliche Terminologie für Presse-Über‐ schriften zu schaffen, die eine klare Trennung zwischen der Überschrift und ihren begleitenden Elementen ermöglicht. Ergänzend wird untersucht, ob sich Überschriften-Typen durch präferierte Textsorten auszeichnen und wie sich diese Präferenzen konkret zeigen (Kapitel-4.2). Schließlich werden spezifische Ausprägungsmerkmale der WÜ betrachtet, die auf ihren textsortenspezifischen Gebrauch hinweisen könnten. Im Fokus stehen die Leseradressierung und die Ausprägung der w-Ausdrücke, die poten‐ ziell eine textsortenanzeigende Funktion besitzen könnten (Kapitel-4.3). 4.1 Die Kommunikation durch Überschriften in der Online-Presse Im Rahmen der Erstellung von Pressetexten verfassen Journalisten Überschrif‐ ten, die zusammen mit den Artikeln für Leser öffentlich einsehbar in Online- oder Printmedien publiziert werden. Die Kommunikation erfolgt also einseitig unter räumlicher und zeitlicher Distanz zwischen TP und TR. Das heißt, Produktions- und Rezeptionszeitpunkt sind asynchron. Die kommunikative Situation weist also Merkmale einer Massenkommunikation auf (Maletzke 1963; Hickethier 1988; Oberhauser 1993; Kunczik/ Zipfel 2005). In Abgrenzung zum mündlichen Dialog sind die involvierten Kommunikationspartner zudem nicht als Sprecher und Adressat, sondern spezifischer als TP und TR zu bezeichnen. Die Akteure sind also vor dem Hintergrund einer Massenkommunikation auf schriftsprachlicher Basis zu betrachten. Der TP übernimmt in der Kommuni‐ kation eine aktive Rolle, wohingegen der TR passiv bleibt. Der TR kann die Textproduktion also weder beeinflussen noch unterbrechen, zudem findet kein aktiver Rollenwechsel statt. Vor dem Hintergrund dieser Kommunikationssituation werden im Folgenden die Merkmale untersucht, die die Kommunikation der Presse-Überschriften be‐ schreiben und die Einfluss auf die Gestaltung und den Gebrauch der Überschrift 76 4 Kommunikations- und Kontextmerkmale von Überschriften der Online-Presse <?page no="77"?> 14 Der ähnlich verwendete Terminus Online-Journalismus wird z. T. synonym für digitalen Journalismus verwendet. Beide Begriffe sind aber voneinander zu trennen. Der Begriff Online-Journalismus bezieht sich spezifisch auf die Distribution der Inhalte im Internet, wohingegen sich Digitaler Journalismus auf die Art und Weise der Textproduktion bezieht (Nuernbergk/ Neuberger 2018). in Textsorten haben können. Zuerst werden die Rollen der Kommunikations‐ teilnehmer (TP und TR) betrachtet, anschließend die situativen Merkmale. 4.1.1 Die Rolle des Textproduzenten und Textrezipienten Die Besonderheit in der Kommunikationssituation von Pressetexten liegt in der offenen Frage, welche und wieviele TP an der Produktion einer Presse-Über‐ schrift beteiligt sind und welche und wieviele TR die Überschrift und den Bezugstext lesen. Aufgrund der Produktion im Rahmen der Institution Presse ist davon auszugehen, dass anders als bspw. bei Artikeln in persönlichen Online- Blogs selten eine Einzelperson als TP agiert, sondern mehrere TP in dem Produktionsprozess involviert sind und diesen gegenseitig beeinflussen. Hierzu zählen neben dem eigentlichen TP weitere Redakteure, Bereichsleiter und Lektoren/ Korrektoren. Zudem können Einflussfaktoren innerhalb einzelner Redaktionen auf den Produktionsprozess einwirken. Zu diesen gehören u.a. die Orientierung an formalen und inhaltlichen Vorgaben aus einer Redaktions‐ richtlinie (vgl. Oberhauser 1993: 27ff.), die Einhaltung des Pressekodex des Deutschen Presserats und die Übernahme fremder Agenturmeldungen, die als Textgrundlage für Überschriften und Artikel genutzt werden. Die Frage danach, wer letztlich die finale Überschrift und den finalen Artikel erstellt und zu welchen Anteilen weitere TP involviert sind, kann also nicht allgemeingültig beantwortet werden, zumal die Produktionsabläufe nicht immer transparent sind. Ferner wird der klassische redaktionelle Journalismus gegenwärtig von einem digitalen Journalismus 14 abgelöst, weshalb sich in der Presse neben der Arbeitsumgebung auch die Publikationsstrategien geändert haben. Recherche, Erstellung und Distribution von Inhalten geschehen vermehrt oder ausschließ‐ lich mithilfe digitaler Hilfsmittel (Nuernbergk/ Neuberger 2018). Die journalistische Textproduktion ist somit nicht nur von einem einzel‐ nen TP abhängig, sondern ist als gemeinsame Produktion aufzufassen, die „gesellschaftlich, institutionell, organisational und individuell-kognitiv“ (Perrin 2015: 87) geleitet ist. Ein einzelner oder mehrere TP wenden sich also aktiv mit dem Artikel und seiner Überschrift an eine disperse Masse von passiven TR, die anonym, heterogen und räumlich wie auch zeitlich verstreut sind (Kunczik/ Zipfel 2005; Marr/ Bonfadelli 2010; Burger/ Luginbühl 2014). 4.1 Die Kommunikation durch Überschriften in der Online-Presse 77 <?page no="78"?> Aufgrund der Anonymität zwischen den TR und den TP entsteht eine persönliche Distanz zwischen beiden Rollen. Diese wird durch die zeitliche und räumliche Entfernung zusätzlich verstärkt. TP kennen ihre tatsächlichen TR in der Regel nicht und können lediglich anhand des Diskurses, der the‐ matischen Ausrichtung ihrer Presseinstitution und durch die Annahme eines (statistischen) Durchschnittslesers antizipieren, welche Interessen und welches (Vor-)Wissen ihre TR besitzen. Das bedeutet, dass TP das Wissen der TR prä‐ supponieren und Annahmen darüber treffen, welche Wissenslücken bei ihnen vorliegen, die es mithilfe des Pressetextes zu füllen gilt. Hierfür nutzen TP den Umstand, dass die TR ein Vorwissen, also (Fach-)Kenntnisse zu thematischen Gebieten, und bestimmte Erwartungen gegenüber dem Pressemedium haben, dass wahrheitsgemäße, aktuelle und relevante Inhalte für sie kommuniziert werden (vgl. Oberhauser 1993: 31f.). Die TP eines Pressehauses sprechen also eine gezielte Leserschaft mit fachlichen Interessen, politischen Ausrichtungen oder Lebensumständen (z.B. Beruf, Alter, Familienstand) an. So finden sich unter den deutschen Tageszeitungen politisch linksorientierte (Neues Deutschland) bis konservative rechtsorientierte Medien (FAZ.NET, Welt.de) und in Fachmagazi‐ nen spezielle Ausrichtungen für bspw. Technik/ Games (GameStar.de, Giga.de) und Wirtschaft (Wirtschaftswoche.de). Die Gestaltung von Überschriften und Texten wird insofern durch die thematische und leserspezifische Ausrichtung des jeweiligen Pressemediums beeinflusst. Als Gegengewicht zu den objektiven und faktenorientierten Textsorten innerhalb der Pressetexte, bei denen eine gemeinsame Textproduktion nach redaktioneller Ausrichtung vorgenommen wird, finden sich allerdings auch meinungsbetonte Textsorten wie Kommentare oder Kolumnen. Diese besitzen als konstitutives Merkmal die Auflösung der Anonymität des TP. Der TP kann sich also als eigenständiger Verfasser mit seinem Text zusammen präsentieren. Hierbei findet eine Verringerung der persönlichen Distanz zum TR statt. TP können sich im Vordergrund positionieren und explizit machen, dass die Textproduktion - und in diesem Zuge vermutlich auch die Erstellung der Überschrift - von ihnen selbst durchgeführt wurde. TP stellen hierdurch eine engere Beziehung zu ihren Lesern her oder schaffen zumindest die Illusion einer engeren Beziehung. Pragmatische Mittel hierfür finden sich bspw. in der Adressierung der TR und der Ich-Kennzeichnung des TP. Wie bisher beobachtet werden konnte, sind diese Mittel auch in Überschriften wie bei den WÜ (86-87) vermehrt festzustellen. - (86) Warum ich als Guide gekündigt habe (taz.de, 30.06.2019) 78 4 Kommunikations- und Kontextmerkmale von Überschriften der Online-Presse <?page no="79"?> (87) Wie du deine Kinder finanziell absichern kannst (watson.ch, 31.07.2020) Ob diese Mittel auch in den entsprechenden Texten verwendet werden, kann von der Textsorte beeinflusst sein, denn wertende und meinungsbetonte Texte wie Filmkritiken und Kommentare können von den TR differenzierter aufge‐ nommen werden, wenn sich der TP als Bezugs- und Identifikationsperson präsentiert. So ist es auch zu verstehen, dass der TP in meinungsbildenden und -betonten Texten sich ggf. von der Redaktionsrichtlinie des Pressemediums abgrenzt, um zu zeigen, dass er nicht mehr Teil des redaktionellen Sprachorgans ist, das bei objektiv geprägten Textsorten wie bspw. Meldungen in Erscheinung tritt. Regelmäßige TR kennen diese konventionellen Praktiken der Text- und Überschriftenerstellung in den von ihnen jeweils konsumierten Pressemedien. Es kann davon ausgegangen werden, dass sie über ein unterbewusst vorliegen‐ des textkontextuelles Wissen über die Textsorten, Überschriftengestaltung und Textumgebung des Pressemediums verfügen, mithilfe dessen sie in der Lage sind zu antizipieren, welche Textinhalte oder Textsorten sich hinter Überschriften verbergen. Insgesamt zeigt sich, dass sowohl bei TP als auch den TR eines Pressemediums ein gemeinsames Wissen über die redaktionelle Aufbereitung der Textsorten und ihrer Überschriften vorliegt. Es kann davon ausgegangen werden, dass die‐ ses Wissen bei der Textproduktion und Textrezeption angewendet wird. Neben dem notwendigen aktuellen Diskurswissen, um Überschriften semantisch zu verstehen (vgl. Kurz 2010: 300), benötigen TR daher auch ein Wissen über die vom TP geschaffene kommunikative Textumgebung, um sie pragmatisch und textuell korrekt einzuordnen. 4.1.2 Einflüsse auf Presse-Überschriften in Online-Medien Neben der im vorherigen Kapitel beschriebenen Beziehung der Kommunikati‐ onsteilnehmer spielen auch weitere kontextuelle Aspekte eine Rolle in der Kom‐ munikation und der Gestaltung von Presse-Überschriften. Gerade im Internet ist den Überschriften eine hohe Bedeutung für die Orientierung der TR zuzu‐ sprechen, wodurch onlinespezifische Kommunikationsmerkmale potenziell den Textsortengebrauch und die Gestaltung der Überschriften stärker beeinflussen. Im Folgenden werden daher einige Einflussfaktoren beschrieben, die spezifisch für die Presse im Internet sind. Wie bereits erwähnt, besitzen Zeitungen und Magazine eine gezielte inhalt‐ liche Ausrichtung und verfügen über eine Leserschaft, die über spezifisches 4.1 Die Kommunikation durch Überschriften in der Online-Presse 79 <?page no="80"?> 15 Internetnutzer haben ein anderes Konsumverhalten als die TR von Printmedien, da sie Informationen schnell und einfach anhand von Stichwörtern suchen und filtern können. Leser eines Printmediums hingegen müssen eine Seite visuell mit ihren Augen scannen und selektiv verarbeiten. Stichwörter bzw. Keywords sind daher im Online- Bereich als lexikalische Einheiten ein besonders relevanter Gestaltungsfaktor (vgl. Esslinger/ Schneider 2015: 133). Wissen zu dem jeweiligen Pressemedium und seinen Inhalten verfügt. Durch die Publikation in Online-Medien werden Presseinhalte jedoch zunehmend einer größeren und verstärkt heterogenen Leserschaft zugänglich gemacht. Neben regelmäßigen TR stoßen daher auch neue bzw. fremde TR durch soziale Medien, News-Aggregator-Webseiten oder Suchmaschinen auf Presseartikel von Presseportalen, die sie nicht kennen und über die sie kein Kontextwissen besitzen. In der Online-Distribution nimmt daher die Gestaltung der Überschrift eine zentrale Rolle bei der Gewinnung von TR ein. Entsprechend wird auch angenommen, sie hätte „eine ähnliche Funktion wie ein Werbeslogan, allerdings ohne falsche Versprechungen oder Übertreibungen“ (Kurz 2010: 299). Die Maximierung der Leseanreizfunktion (LaF) zum Zwecke der Lesergewinnung spielt bei der Gestaltung von Presse-Überschriften im Online-Bereich demnach eine gewichtigere Rolle als in den Printmedien. So orientieren sich Online- Redaktionen insbesondere an Formen von Überschriften, die u.a. durch die gezielte Verwendung von Stichwörtern oder Satzmustern für Suchmaschinen optimiert sind (SEO - Search Engine Optimization), um bei Suchanfragen von potenziellen TR gefunden zu werden. 15 Auf diese Weise erklären sich auch neuere Überschriften-Typen wie Clickbait-Überschriften, die besondere syntak‐ tische Formausprägungen für die Maximierung der LaF etabliert haben. Die WÜ könnte entsprechend eine dieser typischen Formausprägungen darstellen. Nicht zu vergessen ist jedoch auch der Aspekt, dass Online-Pressemedien neben institutionellen Presseorganen auch wirtschaftliche Unternehmen sind. So erklärt es sich, dass die TP neben dem Ziel der Informationsvermittlung auch das wirtschaftlich geleitete Ziel einer Maximierung von Page Impressions und Visits verfolgen, um mehr Werbung an ihre Leser ausspielen zu können. Unter Page Impressions sind einzelne Aufrufe der Artikelseite zu verstehen, und unter Visits der Verbleib auf dem Online-Portal von mindestens einer halben Stunde (vgl. Esslinger/ Schneider 2015: 135) oder einer individuell definierten Zeitperiode. Gerade in werbefinanzierten Pressemedien erhält die Presse-Über‐ schrift besondere Aufmerksamkeit, da sie als Aushängeschild des Bezugstextes Leser gewinnen und binden will, und weitergehend die Wirtschaftlichkeit der Pressearbeit absichert (vgl. Wolff 2017: 261). In der Online-Presse ist es gängige Praxis sogenannte Paywalls (Bezahlschranken) bei Artikeln einzusetzen, bei de‐ 80 4 Kommunikations- und Kontextmerkmale von Überschriften der Online-Presse <?page no="81"?> 16 Ein solches Phänomen kann auch bei Video-Titeln bspw. auf der Plattform YouTube festgestellt werden. Video-Produzenten orientieren sich bei der Erstellung von Titeln und Vorschaubildern an den Algorithmen der Plattform, um eine höhere Platzierung bei Suchtreffern zu erlangen und Zuschauer anzulocken. Zusammen mit dem Streben nach einer höheren Zuschauerschaft und der stetigen Veränderung intransparenter Algorithmen werden jedoch künstlich Trends in Titel-Formen und der optischen Gestaltung von Vorschaubildern geschaffen, die nicht zwingend im Sinne des Erstellers sind. Die Gestaltung erfolgt vielmehr aus wirtschaftlichen Interessen, um eine bessere Platzierung bei Suchanfragen von Videos zu erlangen und folglich mehr potenzielle Zuschauer anzusprechen, damit die Arbeit durch Werbeeinnahmen finanziert werden kann. Siehe zu diesem speziellen Phänomen auf dem Video-Portal YouTube auch Muller (2019). 17 Der hier verwendete Begriff der Lesebereitschaft entspricht der Auffassung von Kniffka (1980: 17), die er als „Lesewilligkeit“ beschreibt. Hiermit ist eine gezielte, lokale Lesebereitschaft gemeint, ob ein potenzieller TR genau einen spezifischen Artikel nach dem Lesen der Überschrift konsumieren möchte. Die hier genannte Lesebereitschaft wird also nicht im Sinne von Di Meola (1998) verwendet, der von einer globalen Lesebereitschaft ausgeht, die den Konsum eines ganzen Printmediums (z.B. Zeitung, Magazin) meint. nen erst nach einer Zahlung der Artikel vollständig einsehbar ist. Insbesondere Überschriften dienen hier als Anreiz, den Bezugstext lesen zu wollen und dafür zu zahlen bzw. ein Abonnement abzuschließen. Den Online-Pressemedien kann also ein generelles Interesse an einer Maximierung der LaF in Überschriften zugeschrieben werden. Zudem besteht ein Interesse an der Auffindbarkeit von Artikeln im Internet, weshalb Überschriften und Texte semantisch für Suchmaschinen optimiert werden. Bei der formalen, semantischen und funktionalen Gestaltung von Überschriften werden die TP also indirekt durch Suchmaschinen-Algorithmen beeinflusst, die in der Regel intransparent sind (Esslinger/ Schneider 2015). So gehört es zur gängigen Praxis, dass TP ihre Überschriften von Online-Artikeln auch nach einer Veröffentlichung im Zuge einer Relevanzoptimierung (Dor 2003) und einer LaF-Maximierung redigieren und so anpassen, dass sie bspw. in Suchtreffern eine höhere Platzierung erreichen, 16 um mehr TR zum Klicken bzw. Lesen des Artikels zu verlocken. So scheinen sich Überschriften nachrichten‐ portalübergreifend verstärkt solchen Formen anzupassen, die darauf abzielen, die Klickrate zu erhöhen. Anders als in Printmedien, bei denen bei einem TR eine generelle Lesebereit‐ schaft angenommen werden kann, da er sonst „die Zeitung bzw. Zeitschrift nicht gekauft [hätte]“ (Di Meola 1998: 226), kann bei öffentlichen Online-Pres‐ seartikeln von keiner generellen Lesebereitschaft ausgegangen werden, weil die Rezeption im Online-Bereich aufgrund der Werbefinanzierung größtenteils kostenlos ist und zum Teil auch zufällig geschehen kann. Die Lesebereitschaft 17 4.1 Die Kommunikation durch Überschriften in der Online-Presse 81 <?page no="82"?> 18 Es kann davon ausgegangen werden, dass durch die Erfassung der Website-Zugriffe statistische Auswertungen vorgenommen werden, durch die feststellbar ist, welche Artikel mit welchen Überschriften die meisten Zugriffe durch bestimmte Nutzer(grup‐ pen) erzielen. Ob alle TP diese Mittel jedoch einsetzen, um Überschriften zu optimieren, bleibt offen. eines Internetnutzers, der nach einer Suchanfrage aus vielen vorgeschlagenen Nachrichten eine auswählen muss, ist für einen Artikel eines Online-Presse‐ portals eher niedrig. Überschriften müssen dem potenziellen TR daher in unterschiedlicher Form Leseanreize bieten. Online-Portale von Magazinen und Zeitungen passen sich daher nicht nur den Interessen ihrer TR an, sondern auch den Suchalgorithmen im Internet, und orientieren sich an etablierten Überschriften-Formen, die nachweisbar effektiv TR gewinnen. 18 Ein Grund für die niedrige Lesebereitschaft im Online-Bereich scheint insbesondere das Konsumverhalten der TR zu sein, die nicht nur auf eine einzelne Nachrichtenquelle zurückgreifen können, sondern auf potenziell meh‐ rere gleichzeitig. Bspw. bieten News-Aggregator-Seiten den TR eine breite Auswahlmöglichkeit an aktuellen Artikeln verschiedener Online-Portale an und mithilfe von Social Media-Plattformen können einzelne Artikel von TR untereinander unabhängig vom Online-Portal geteilt werden (vgl. Kuiken et al. 2017: 1330). Presse-Überschriften im Internet scheinen sich also aufgrund der Einflussfaktoren aus dem Online-Bereich tendenziell einer ausgeprägteren LaF anzunähern, da die Lesebereitschaft beim TR aufgrund der großen Wahlmög‐ lichkeit von kostenlosen und inhaltlich ähnlichen Artikeln aus unterschiedli‐ chen Presseportalen als gering einzustufen ist. Mit Blick auf WÜ im Vergleich zu w-Interrogativsätzen, die beide eine erhöhte LaF aufweisen, erscheint es plausibel, dass WÜ tendenziell häufiger in Überschriften eingesetzt werden, da Internetnutzer eher nach Artikeln suchen, die konkrete Antworten liefern. Sollte sich die Hypothese H 2 bestätigen, dass TP durch die WÜ den TR anzeigen, dass der Bezugstext die in der Überschrift expli‐ zierte Frage beantwortet, könnten WÜ effizienter bei der Gewinnung von Lesern sein. Dies könnte darauf hindeuten, dass sie häufiger als w-Interrogativsätze in Überschriften verwendet werden. Diese Annahme wird im empirischen Teil der Arbeit genauer überprüft, um Aufschluss über die tatsächliche Verwendung zu geben. 82 4 Kommunikations- und Kontextmerkmale von Überschriften der Online-Presse <?page no="83"?> 19 Die Dachzeile wird auch als Oberzeile, Dachüberschrift, Überzeile oder Vorschlagzeile bezeichnet. Alle Bezeichnungen referieren somit auf das gleiche Element, das direkt über der Überschrift positioniert ist und typografisch abgehoben ist (vgl. Wolff 2017, S. 262). 20 Die Begleitelemente wie Dachzeile und Unterzeile werden in den Beispielen typogra‐ fisch in kleinerer Schrift gesetzt, um die Trennung von der Überschriftenzeile zu markieren. Dieses Schema wird für die weiteren Beispiele in der gesamten Arbeit angewendet. 4.2 Die Presse-Überschrift und ihre Begleitelemente Eine Presse-Überschrift ist eine Überschrift, die im Rahmen journalistischer Textsorten verwendet und vor oder über ihrem Bezugstext platziert wird. Im Gegensatz zu Überschriften von Abschnitten oder Bildern zeichnet sie sich formal durch die Möglichkeit optionaler Begleitelemente aus, wie etwa Dachzeile, Unterzeile oder Spitzmarke. Diese zusätzlichen Komponenten tragen zur Strukturierung der Informationen bei und unterstützen die Leser darin, den Bezugstext besser einzuordnen. Die Dachzeile 19 ist räumlich direkt über der Überschrift positioniert, die Un‐ terzeile direkt unter der Überschrift. Als diskurseinleitendes Element nimmt die Dachzeile mit einem Ausdruck oder einer Wendung Bezug auf die Überschrift, indem sie sie inhaltlich näher bestimmt (vgl. Haarkötter 2019: 116) und den diskursiven Rahmen für die Überschrift und den nachfolgenden Bezugstext setzt. Die Unterzeile ist hingegen ein diskursspezifizierendes Element der Überschrift, das in seiner nachgeschalteten Position den Inhalt des Bezugstextes bzw. des Artikels einordnet und ggf. Leerstellen, die die Überschrift eröffnet hat, rückwirkend füllt (Burger/ Luginbühl 2014; Sandig 1971). Sowohl die Dachzeile als auch die Unterzeile unterscheiden sich typografisch und funktional von der Überschrift, indem sie eine meist kleinere Schriftgröße verwenden und anapho‐ rische und kataphorische Referenzen auf die Überschrift, das Diskursuniversum und den Bezugstext besitzen. Obwohl die Bezeichnungen dieser Elemente in der Fachliteratur variieren, so besteht zumindest ein Konsens darin, dass eine Presse-Überschrift durch diese fakultativen Begleiter ergänzt werden kann. Sie kann also bspw. in einfacher Form (88) ohne Begleiter auftreten, mit einer Dachzeile (89) oder in Kombination mit einer Dachzeile und Unterzeile (90). 20 - (88) Was du unbedingt von Roger Federer über Niederlagen lernen solltest (tennisnet.com, 29.07.2020) - (89) Häufung von Cyberangriffen - - Warum Hacker an Weihnachten zuschlagen (faz.net, 20.12.2019) 4.2 Die Presse-Überschrift und ihre Begleitelemente 83 <?page no="84"?> 21 Aufgrund der funktionalen Ähnlichkeit werden die Begriffe Dachzeile und Spitzmarke in der Literatur z. T. gleichbehandelt (vgl. Wolff 2017: 262). Hierdurch kann es jedoch zu terminologischen Überschneidungen kommen, was nicht zielführend für eine Erfas‐ sung der Begleitelemente der Überschrift ist. Beide Termini müssen als unterschiedliche Elemente aufgefasst werden, denn allein die Positionierung in der Überschriften-Zeile ist ein obligatorisches Merkmal, um von einer Spitzmarke zu sprechen, wohingegen die Dachzeile auf die Positionierung über der Überschrift beschränkt ist. (90) Medienforscher zum Phänomen „Doom“ - - Warum Games auch Gewalt brauchen (bild.de, 15.04.2020) - - … und was die Darstellungen beim Spieler auslösen Ein weiteres fakultatives Element der Überschrift ist die Spitzmarke, die funk‐ tional synonym zur Dachzeile verstanden wird, 21 jedoch nicht als Element über oder unter der Überschrift platziert ist, sondern „ein vorgeschaltetes oder durch Interpunktion abgesetztes Wort innerhalb der Überschrift [ist], das deren Inhalt näher bestimmt“ (Haarkötter 2019: 118). Formal steht sie also in derselben Zeile wie die Überschrift. Die Trennung der Spitzmarke von der eigentlichen Überschrift wird in der Regel mithilfe des Doppelpunkts gekennzeichnet, ist jedoch nicht auf dieses Interpunktionszeichen beschränkt. So finden sich z.B. auch Verwendungen von Gedankenstrichen (91). Spitzmarken können aus der Nennung einzelner Wörter (92), Phrasen (93) oder vollständigen Satzeinheiten (94) bestehen und zusammen mit den weiteren Begleitelementen der Überschrif‐ ten wie bspw. der Dachzeile (95) auftreten. - (91) BASF-Boss warnt - „Klimaschutz darf nicht in Arbeitslosigkeit münden“ (focus.de, 19.08.2019) - (92) Ostersonntag: Mit dieser Formel legt die Kirche das Datum fest (focus.de, 17.04.2019) - (93) Wegen fehlerhafter Berechnungen: Caritas-Kasse kürzt Bezüge von 55.000 Rentnern (focus.de, 18.05.2019) - (94) Apple knipst das Licht aus: Besser spät, als nie (giga.de, 13.05.2020) - (95) Kommentar - - Energieversorgung: Was wir aus der Corona-Krise lernen (agrarheute.com, 14.04.2020) Die terminologische Vielfalt im Bereich der Presse-Überschriften zeigt sich aber nicht nur an der Definition von Begleitelementen, sondern ist auch hinsichtlich 84 4 Kommunikations- und Kontextmerkmale von Überschriften der Online-Presse <?page no="85"?> 22 Die Artikelweglassung in Schlagzeilen ist aufgrund ihrer typischen Gebräuchlichkeit in Presse-Überschriften ein oft untersuchtes Phänomen, und noch bis heute ein aktueller Gegenstand in Untersuchungen (u.a. Horch/ Reich, 2016). Allerdings weicht der typische Telegramstil aus Schlagzeilen zunehmend längeren, satzförmigen Überschriften. Da lange Überschriften eher mit Boulevardmedien in Verbindung gebracht werden, könnte dies auf eine zunehmende Boulevardisierung der Pressemedien hinweisen (Matić 2010). des Begriffs Schlagzeile zu beobachten. Dieser wird unregelmäßig als Synonym für Presse-Überschriften verwendet oder sogar von dem Begriff Überschrift abgegrenzt: „Journalistische Texte haben keine Überschrift - sie sind mit einer Schlagzeile betitelt“ (Hoffmann 2017: 227). Eine solche Definition der Schlagzeile als Sammelbegriff für Presse-Überschriften wird jedoch der Vielfalt von formal und funktional ausgeprägten Überschriften in journalistischen Texten nicht gerecht. Einer solchen Definition folgend müssten entsprechend auch Überschriften von journalistisch erarbeiteten Texten wie z.B. Reportagen in Magazinen, Nachrichten-Tickern in Online-Portalen oder Ratgebertexten in Gesundheitsmagazinen als Schlagzeilen definiert werden, was angesichts der unterschiedlichen Textsorten unangebracht scheint. Die Verwendung eines solchen Begriffs wirkt limitierend, zumal unter einer Schlagzeile vielmehr eine spezielle Ausprägung der Presse-Überschrift zu verstehen ist, die sich durch Artikeltilgungen, 22 eine elliptische Syntax (Sandig 1971; Wandruszka 1994) und eine dominante Verwendung in informationsbetonten Pressetexten wie Meldungen auszeichnet (Burger/ Luginbühl 2014). Für eine Behandlung der Schlagzeile als ein Subtyp der Presse-Überschrift spricht also, dass sich eine Fülle weiterer Überschriften-Typen in Pressetexten definieren lassen. U.a. ist eine Abgrenzung der Schlagzeilen von Thema-Über‐ schriften (Sandig 1971; Wandruszka 1994) möglich, die verstärkt in Feuilleton- und Leitartikeln verwendet werden (vgl. Wandruszka 1994: 585f.), oder es zeigen sich neue Überschriften-Formen in Online-Artikeln wie z.B. Clickbait-Über‐ schriften. Die Presse-Überschrift ist eher als Oberbegriff verschiedener Über‐ schriften in der Presse zu verstehen (Burger/ Luginbühl 2014; Geyer 2009). Bei einer tiefergehenden Betrachtung hinsichtlich einer Definition von Presse-Überschriften fällt zudem auf, dass spezielle Formausprägungen an bestimmte Textsorten oder Textkontexte (z.B. Themen, Ressorts, Medienform) gebunden sein können. So wird für Schlagzeilen behauptet, dass sie als verkürzte textzusammenfassende Überschriften mit Artikelweglassungen in Meldungen verwendet werden (Wandruszka 1994) oder generell mit informationsbetonten Pressetexten der Hard News in Verbindung stehen (Burger/ Luginbühl 2014; Oberhauser 1993). Kommentierende Überschriften oder Thema-Überschriften 4.2 Die Presse-Überschrift und ihre Begleitelemente 85 <?page no="86"?> werden hingegen in Bereichen der Soft-News oder verallgemeinert den „human interest“-Bereichen eingesetzt (Wandruszka 1994; Oberhauser 1993). Über eine Textsortenbindung hinaus werden bestimmten Presse-Überschrif‐ ten auch spezielle kommunikative Funktionen zugeschrieben. So besitzen bspw. Clickbait-Überschriften als sogenannte Klickköder eine stark werbende Funk‐ tion, die den TR primär zum Klicken bewegen soll, wohingegen Schlagzeilen primär informieren statt werben. Es kann also angenommen werden, dass bestimmte Typen bzw. formale Ausprägungen von Presse-Überschriften eher in Magazinen mit einem Fokus auf Soft-News vorzufinden sind als in klassischen Tageszeitungen mit Hard News. Der Grund hierfür können u.a. bereits erwähnte außertextliche Faktoren wie die Wirtschaftlichkeit eines Magazins sein, das sich primär durch Werbeanzeigen finanziert und daher vom Kauf und dem Konsum des Mediums durch TR abhängig ist (vgl. Esslinger/ Schneider 2015: 92). Zusammenfassend betrachtet, sind Presse-Überschriften als Oberbegriff für weitere Überschrift-Typen wie Schlagzeilen, Thema-Überschriften, Clickbait, etc. zu verstehen. Konstitutiv ist für sie aber nicht ihre formale Ausprägung, son‐ dern die Einordnung in den institutionellen Rahmen der Presse. Ihnen können fakultative Begleitelemente angebunden sein, die positionell, typografisch und durch Interpunktionszeichen von der Überschrift separiert sind. Die Spitzmarke steht in der Überschriftenzeile und ist der Überschrift direkt vorgeschaltet. Sie wird mit Interpunktionszeichen wie z.B. einem Doppelpunkt oder einem Gedankenstrich von der Überschrift abgetrennt. Über der Überschriftenzeile kann eine Dachzeile stehen und unter der Überschriftenzeile eine Unterzeile. Weiterhin ist zu beobachten, dass einigen Typen von Presse-Überschriften einen präferierten Gebrauch in bestimmten Pressegattungen oder Textsorten zugeschrieben wird. Es gibt also Hinweise darauf, dass die Beziehung zwischen Überschrift-Typen und der Textsorte des Bezugstextes nicht zufällig ist und dass die Pressegattung dies beeinflussen kann. 4.3 Textsortenspezifische Merkmalsausprägungen in Überschriften Wie bereits betont, kommt der Überschrift in der Online-Presse eine besondere Bedeutung zu, da sie als Aushängeschild des Textes in einer großen Datenmenge an weiteren Überschriften im Internet um Sichtbarkeit und die Aufmerksamkeit der potenziellen Leser kämpft. Die Art und Weise, wie die Überschrift auf den Text verweist und dem TR signalisiert, was für ein Text sich hinter ihr verbirgt, spielt also eine entscheidende Rolle. Die WÜ bedient sich dieses direkten Verweises auf ihren Text, indem sie mithilfe der w-Ausdrücke kataphorisch auf 86 4 Kommunikations- und Kontextmerkmale von Überschriften der Online-Presse <?page no="87"?> 23 Blom/ Hansen (2015) orientieren sich bei der Definition von Soft- und Hard-News an Patterson (2000), der Soft-News wie folgt beschreibt: „typically more personalitycentered, less time-bound, more practical, and more incident-based than other news“ (2000: 4). Hard-News definiert er ebenfalls: „refers to coverage of breaking events involving top leaders, major issues, or significant disruptions in the routine of daily life […]. Information about these events is presumably important to citizens‘ ability to understand and respond to the world of public affairs. “ (2000: 3) noch nicht etablierte Inhalte verweist. Können w-Ausdrücke als kataphorische Referenzen aber auch auf die Textsorte verweisen? Wird darauf geblickt, ob kataphorische Referenzen konventionell in be‐ stimmten Presse-Überschriften verwendet werden, so ist festzustellen, dass es empirische Nachweise für einen präferierten Einsatz im Bereich der Soft- News 23 (bspw. Sport und Kultur) gibt (Blom/ Hansen 2015). Dies würde die Annahme nahelegen, dass kataphorische Referenzen in Überschriften derartiger thematischer Ressorts frequenter eingesetzt werden. Da der w-Ausdruck ein konstitutives Merkmal der WÜ ist, könnte ihre bevorzugte Verwendung in Soft-News vermutet werden, so dass die WÜ als Merkmal für Texte in diesen Themenbereichen gelten kann. Bei einem genaueren Blick fällt aber auf, dass WÜ nicht nur in Soft-News (96a, 97a) eingesetzt werden, sondern auch in Hard News (96b, 97b), die thematische Bereiche wie Wirtschaft oder Politik abdecken. - (96) a. Was Dirk Nowitzki so wertvoll macht (faz.net, 06.01.2022) - - b. Wo der Kenia-Frust die Abgrenzung zur AfD aufweicht (zeit.de, 05.09.2019) - (97) a. Warum ich den ersten Schultag herbeisehne (spiegel.de, 19.08.2019) - - b. Warum die Union nicht um Bellevue kämpft (tagesschau.de, 05.01.2022) Wie steht es aber um die Ausprägung der w-Ausdrücke? Wie bereits im Forschungsstand in Kapitel 2.3.1 erwähnt, stellt Weuster (vgl. 1983: 54) die Annahme auf, dass der TP dem TR mit der WÜ etwas glauben machen will und sich dies in den verwendeten w-Ausdrücken widerspiegelt. So soll der TP mit warum glauben machen, dass es Gründe für die Wahrheit der Proposition gibt, und mit was, dass es etwas gibt, das in dem genannten Zusammenhang der Äußerung von Bedeutung ist. Die Ausprägung des w-Ausdrucks könnte entsprechend auf die Textaufbereitung oder -funktion hinweisen, was sich wiederum in der verwendeten Textsorte niederschlagen könnte. Mithilfe der folgenden zwei Überschriften soll dies verdeutlicht werden. 4.3 Textsortenspezifische Merkmalsausprägungen in Überschriften 87 <?page no="88"?> 24 TR müssen den Nachfolgetext lesen, um die künstlich geschaffene Wissenslücke des w-Ausdrucks zu schließen. Dieser Effekt wird auch als syntaktische Antizipation (vgl. Strauss/ Feiz 2014: 148) bezeichnet, bei dem der TR in einen Diskurs eingeführt wird, als würde er ihn bereits kennen, den er jedoch erst später erschließen kann. Wenn eine Wissenslücke nicht durch den späteren Diskurs geschlossen wird, geht der Verweis ins Leere. Die Antizipation des Lesers wird nicht erfüllt. In solchen Fällen kann von irreführenden Überschriften (Ott/ Staffeldt 2013) - also Überschriften mit Widerspruch zum Folgetext - gesprochen werden. (98) Warum der Kompromiss zwischen Mexiko und den USA eine Scheinlösung ist (handelsblatt.com, 08.06.2019) - (99) Wie Sie schlechte Ergebnisse zu-guten Nachrichten machen (spiegel.de, 11.09.2019) Die WÜ (98-99) präsupponieren, dass die aufgestellten Propositionen wahr sind und verweisen mit den adverbiellen w-Ausdrücken warum und wie auf Inhalte des nachfolgenden Textes, die für die Schließung der offenen Proposition notwendig sind. 24 In (98) erwartet der TR eine Begründung, warum der Kompromiss zwischen Mexiko und den USA eine Scheinlösung ist. Er kann davon ausgehen, dass der Text eine aufklärende Funktion und eine explikative Aufbereitung besitzt. In (99) erwartet der TR vom Bezugstext hingegen eine Beschreibung der Art und Weise, wie er schlechte Ergebnisse zu guten Nachrichten macht. Es wird auf eine ratgebende oder anleitende Textfunktion des Bezugstextes hingewiesen. In beiden Überschriften (98-99) würde der TR demnach Textsorten erwarten, die eine gegebene Proposition aus der Überschrift nehmen und sie spezifizieren bzw. sie mit weiteren Informationen anreichern (Finkbeiner 2018). Im Fall von (98) könnte ein Bericht angenommen werden, in (99) ein Ratgebertext. Was der TR in beiden Fällen (98-99) allerdings nicht annehmen würde, ist eine Textsorte wie die Meldung, bei der eine neue Proposition, die ihm unbekannt ist, in den Diskurs eingeführt wird (Finkbeiner 2018). Dies mag zwei bisher erklärbare Gründe haben: Einerseits liegt in der WÜ eine Präsupposition vor, mit der Diskursinhalte bzw. Wissen zum Diskurs beim TR vorausgesetzt werden, andererseits geben WÜ eine im Diskurs bestehende implizite Frage (QUD) explizit wieder, was heißt, dass bereits Wissen und Interesse an der Beantwortung dieser Frage beim TR vorliegen muss. Entsprechend scheinen WÜ nicht mit Texten kompatibel zu sein, die einen reinen Meldecharakter aufweisen, da sie bereits Vorhandenes im Diskurs spezifizieren oder fehlendes Wissen hierzu vermitteln (Finkbeiner 2018). Die Bezugstexte von WÜ sind in diesem Sinne also nicht diskurseinführend, sondern diskurserweiternd oder vielmehr diskursspezifizierend. So ist es auch aus journalistischer Perspektive 88 4 Kommunikations- und Kontextmerkmale von Überschriften der Online-Presse <?page no="89"?> zu verstehen, dass Überschriften, deren Bezugstexte der Textsorte Meldung entsprechen, in der Regel nicht mit interrogativen Satztypen, sondern mit assertiven Überschriftentypen (100-101) in Verbindung gebracht werden (Wolff 2017; Wandruszka 1994; Sandig 1971; Horch/ Reich 2016). Die Anwesenheit von w-Ausdrücken in Überschriften und ihre Ausprägung könnte entsprechend etwas mit der Textsorte des Bezugtextes zu tun haben. - (100) Mehrere US-Bundesstaaten führen Corona-Beschränkungen wieder ein (web.de, 30.06.2020) - (101) Google Stadia Pro: Das sind die Gratis-Games im Juli (chip.de, 24.06.2020) Auch durch die bereits erwähnten, häufig verwendeten Subjektspronomina (102-104) in WÜ ist eine gewisse Textsortenzugehörigkeit erklärbar. Diese ergibt sich aus der Beobachtung, dass Überschriften mit Leseradressierung eher werbenden Texten zugeordnet werden (Di Meola 1998), da sie eine Nähe zum TR aufbauen. Es kann vermutet werden, dass durch deiktische Referenzen wie ich/ wir eine Nähe zum TP oder zur Redaktion simuliert wird (102-103) und der TR durch die Adressierung mit Sie/ du auf einer persönlichen Ebene erreicht werden soll (104). Die Simulation von Nähe mit ich/ wir bietet sich insbesondere für Texte an, die eine kommentierende Funktion besitzen, da der TP bzw. die Redaktion in der Überschrift auf sich verweisen kann, um den kommenden Ausdruck der eigenen Meinung anzuzeigen. Hingegen bieten sich Ansprachen wie Sie/ du an, wenn der Bezugstext dem TR naheliegende Themen anspricht, was z.B. in Ratgebertexten der Fall wäre. Dass in WÜ vermehrt eine Leseradressierung eingesetzt wird, hat daher nicht nur damit zu tun, die LaF zu erhöhen, sondern dient potenziell dazu, verstärkend auf spezifische Textsorten zu verweisen. Zwar ist der Einsatz von Subjektspronomina für die WÜ kein obligatorisches Merkmal, allerdings würde ein frequenter Gebrauch darauf hindeuten, dass mit Ihnen eine feinere Textsortenanzeige möglich ist. Eine WÜ, die Subjektspronomina verwendet, könnte in dem Fall eine lexikalisch spezifizierte WÜ-Instanz darstellen, die dazu dient, spezifischer auf bestimmte Funktionen oder Merkmale der Textsorte des Bezugstextes hinzuweisen. - (102) Patient Null: Wie ich der erste Omikron-Fall Berlins wurde (berlinerzeitung.de, 11.12.2021) - (103) Warum wir in Europa mehr Optimismus brauchen (handelsblatt.com, 07.05.2019) - (104) Was Sie zur Rente ab 63 wissen müssen (sueddeutsche.de, 01.04.2019) 4.3 Textsortenspezifische Merkmalsausprägungen in Überschriften 89 <?page no="90"?> 4.4 Zusammenfassung und Erkenntnisse fürs methodische Vorgehen Dieses Kapitel hatte das Ziel, den situativen Kontext der Überschriften-Kom‐ munikation in der Online-Presse zu beleuchten und zentrale Merkmale zu iden‐ tifizieren, die Einfluss auf den textsortenspezifischen Gebrauch der WÜ haben könnten. Dabei wurden mehrere entscheidende Faktoren herausgearbeitet: das Pressemedium (bzw. das Online-Portal), die Pressegattung und der Einsatz von Paywalls. Diese Merkmale wurden als kontextuelle Einflussgrößen identifiziert, die bei der Analyse der WÜ in Bezug auf ihre Textsortenzugehörigkeit und Gebrauchspräferenzen berücksichtigt werden müssen. Ein weiterer wichtiger Punkt war die Definition der Überschrift und ihrer Be‐ gleitelemente. Es wurde festgestellt, dass in der bisherigen Forschungsliteratur weder einheitliche Begriffsbestimmungen noch eine konsistente Terminologie existieren. Dies stellt eine methodische Herausforderung dar, die durch die in Kapitel 4.2 vorgeschlagenen Begriffe und Definitionen adressiert wurde. Für die empirische Untersuchung ist diese präzise Abgrenzung essenziell, um die Überschriften-Elemente korrekt zu identifizieren und differenziert zu analysieren. Die Analyse des Kapitels legte zudem nahe, dass die Ausprägung von w-Ausdrücken sowie die Leseradressierung (z.B. durch Sie/ du oder ich/ wir) in der WÜ eine mögliche textsortenanzeigende Funktion besitzen könnten. Dies eröffnet methodische Ansätze für die Untersuchung, ob diese Merkmale nicht nur bei der WÜ, sondern auch bei anderen Satztypen in Überschriften - insbesondere w-V2-Interrogativsätzen - eine ähnliche Funktion erfüllen. Für die weitere Analyse ist es daher notwendig, diese Merkmale gezielt zu untersuchen, da sie potenziell die textsortenspezifischen Gebrauchspräferenzen der WÜ beeinflussen können. Insgesamt zeigt die Untersuchung der Kommunikationsmerkmale in der Online-Presse, dass Überschriften in diesem Medium eine zentralere Rolle einnehmen als in Printmedien. Sie dienen nicht nur als Leseanreiz, sondern signalisieren den TR auch, welche Inhalte oder Funktionen der Bezugstext bietet. Für TP ergibt sich daraus die Herausforderung, Überschriften so zu gestalten, dass sie das Interesse des TR wecken, gleichzeitig jedoch konkrete Hinweise auf den Bezugstext liefern. Insgesamt wurde in diesem Kapitel verdeutlicht, dass methodisch klar definierte Begriffe und eine präzise Abgrenzung der Überschrift von ihren Begleitelementen essenzielle Voraussetzungen für die Analyse der WÜ darstel‐ len. Diese Begriffsbestimmungen und Abgrenzungen wurden an dieser Stelle erarbeitet, um im weiteren Verlauf sicherzustellen, dass Überschriften-Elemente 90 4 Kommunikations- und Kontextmerkmale von Überschriften der Online-Presse <?page no="91"?> korrekt erfasst und kontextuelle Faktoren differenziert betrachtet werden kön‐ nen. Die identifizierten kontextuellen Merkmale - wie Pressegattung, Medium und Paywalls - werden im empirischen Teil herangezogen, um eine detaillierte Feinanalyse des WÜ-Gebrauchs durchzuführen. 4.4 Zusammenfassung und Erkenntnisse fürs methodische Vorgehen 91 <?page no="93"?> 25 An dieser Stelle sei hervorgehoben, dass die zu erarbeitende Textsortentypologie für Pressetexte keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Universalität hat. Die Eintei‐ lung der Pressetextsorten geschieht vor dem Hintergrund, dass die Hypothese zur Gebrauchspräferenz der WÜ in Textsorten adäquat untersucht werden kann. 5 Textsorten-Typologisierung für Online- Pressetexte Bisher lag der Schwerpunkt auf der Untersuchung der WÜ als Satztyp und der Kommunikationssituation in der Online-Presse. Dabei stellte sich heraus, dass es Hinweise auf einen präferierten Gebrauch der WÜ in bestimmten Pressetextsorten gibt. Die hierzu aufgestellte Hypothese H 1 lautet: WÜ besitzen eine Gebrauchspräferenz in Textsorten, die eine erklärende, kommentierende oder einordnende Funktion für einen bestehenden Diskurs erfüllen. Für die empirische Überprüfung dieser Hypothese ist eine systematische Klassifizierung der Pressetextsorten erforderlich, die sich an der kommunika‐ tiven Funktion des Textes orientiert. Ziel dieses Kapitels ist es daher, eine Textsortentypologie 25 für Pressetexte zu entwickeln, die im Rahmen der später folgenden empirischen Analyse (Kapitel 7) genutzt werden kann, um Textsor‐ tenkorrelationen und Gebrauchspräferenzen der WÜ zu bestimmten. Zunächst wird eine theoretische Grundlage für die Textsortentypologie er‐ arbeitet. Diese vereint textlinguistische und publizistische Perspektiven, wobei inhaltlich-formale Aspekte aus der Publizistik und kommunikativ-funktionale Ansätze aus der Textlinguistik berücksichtigt werden. Auf dieser Basis erfolgt die systematische Klassifizierung der Textsorten (Kapitel-5.1). Im Anschluss wird die erarbeitete Textsortentypologie vorgestellt, wobei jede relevante Textsorte der Presse detailliert beschrieben wird. Der Fokus liegt dabei auf der funktionalen Perspektive. Es werden jedoch auch inhaltlich strukturierende Merkmale aufgeführt, um funktional sich ähnelnde Textsorten besser unterscheiden zu können (Kapitel-5.2). Abschließend wird die entwickelte Typologie kritisch reflektiert. Ihr Nutzen für die empirische Untersuchung wird herausgestellt, indem Vor- und Nachteile der Typologie abgewogen werden. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der praktischen Anwendbarkeit der Typologie im Rahmen der Analyse der WÜ (Kapitel-5.3). <?page no="94"?> 26 Lüger (1995) verwendet ebenfalls ein ähnlich kombiniertes Verfahren aus einem induktiven und deduktiven Vorgehen, um für Pressetexte eine Typologie zu erarbeiten, die der Kommunikationssituation in der Presse gerecht wird. Induktiv meint an dieser Stelle eine Betrachtung von spezifischen Textsorten aus der Praxis und deduktiv, dass grob gefasste Textfunktionen bei der Annäherung an einzelne Textsorten näher spezifiziert werden. 27 Da der Begriff Darstellungsform an dieser Stelle nicht explizit mit der Textlinguistik assoziiert werden soll, wird er im Folgenden verwendet, um die Nähe zur Publizis‐ tikwissenschaft und der journalistischen Praxis zu kennzeichnen. Der Begriff Darstel‐ lungsform ist entsprechend nicht synonym zum Begriff der Textsorte zu verstehen. 5.1 Entwicklung einer Klassifizierungsgrundlage von Pressetextsorten Dieses Kapitel erarbeitet eine Grundlage für die systematische Klassifikation von Pressetextsorten anhand ihrer Textfunktion und ihren textinternen Merk‐ malen. Beschreibungen und Klassifizierungen von journalistischen Texten fin‐ den sich zahlreich u.a. in der Publizistikwissenschaft oder Praxishandbüchern des Journalismus (u.a. Wolff, 2017; Fasel, 2013; Neuberger/ Kapern, 2013). Der bisherigen Auseinandersetzung mit den formalen und funktionalen Eigenschaf‐ ten von journalistischen Darstellungsformen mangelt es jedoch an einer ein‐ heitlichen Beschreibungsgrundlage (Schäfer-Hock 2017). Zudem liegen von Seiten der Textlinguistik bisher kaum spezifische Auseinandersetzungen mit dem Phänomenbereich der Pressetexte vor, die die Textfunktion fokussieren. Um also eine genauere Abgrenzung zwischen den Pressetextsorten vornehmen zu können, bedarf es einer näheren Spezifizierung ihrer Funktionen. Das vorliegende Kapitel setzt sich daher das Ziel, eine Grundlage zur Ty‐ pologisierung von Pressetexten zu erarbeiten, die sich an Textsortenklassifika‐ tionen aus der journalistischen Praxis orientiert und einer textfunktionalen Beschreibung aus Sicht der Textlinguistik gerecht wird. Um sich diesem Ziel zu nähern, geschieht die Erarbeitung aus der Richtung der Publizistik und der Textlinguistik. 26 Am Ende wird die erarbeitete Beschreibungsgrundlage für die Typologie offengelegt. 5.1.1 Klassifikation von journalistischen Darstellungsformen Aus Sicht der Publizistikwissenschaft und des praktischen Journalismus gibt es zahlreiche wissenschaftliche Publikationen und Ratgeber, die sich um eine Beschreibung und Kategorisierung von Textsorten bemühen (u.a. Wolff, 2017; Fasel, 2013; Neuberger/ Kapern, 2013). Im journalistischen Kontext ist allerdings weniger der (text)linguistisch geprägte Begriff Textsorte üblich, sondern der der Darstellungsform. 27 Unter Darstellungsformen sind im weitesten Sinn alle 94 5 Textsorten-Typologisierung für Online-Pressetexte <?page no="95"?> 28 Die hier gezeigte Definition von Schäfer-Hock (2017) entstand aus einem systemati‐ schen Vergleich von theoretischen und atheoretischen Arbeiten zu Darstellungsformen in der Presse. Die gezeigten Bestandteile der Darstellungsformen mit Beispielen für Be‐ schreibungsebenen stellen somit eine Sammlung potenzieller Beschreibungsmerkmale dar, an denen sich einschlägige Literatur zu Darstellungsformen orientieren. journalistisch aufbereiteten Texte zu verstehen, die der Institution Presse zuzuordnen sind. Aufgrund der vielfältigen Literatur zum journalistischen Handwerk und seiner wissenschaftlichen Auseinandersetzung finden sich zahl‐ reiche Beschreibungsvarianten und Definitionen zu Darstellungsformen. Eine praktisch orientierte Definition 28 mit Blick auf Print- und Online-Medien bietet Schäfer-Hock (2017): Als Journalistische Darstellungsform in textbasierten Medien (Print und Online) wird die regelhafte, charakteristische Art und Weise verstanden, in der von Journalisten für publikationswürdig Befundenes hinsichtlich des Inhalts, der Textstruktur, der Quelle/ des Autors, des Layouts/ der Position, der Periodizität sowie der Funktion gestaltet wird. (Schäfer-Hock 2017: 80) Die hier genannten Definitionsmerkmale journalistischer Darstellungsformen können herangezogen werden, um sich einer Kategorisierung aus publizisti‐ scher Perspektive anzunähern. Sie bilden die notwendigen Kriterien zur Be‐ schreibung einer journalistischen Darstellungsform. Im Folgenden werden die potenziellen Beschreibungsebenen der in gekürzter Form nach Schäfer-Hock (vgl. 2017: 66f., 71, 87-93) aufgezeigt: Inhalt • Inhaltliche Ausrichtung (Tatsachen, Meinungen, Unterhaltung, etc.) • Inhaltliche Qualität (Aktualität, Wahrheitsgehalt, etc.) • Thematische Entfaltung (deskriptiv, narrativ argumentierend, explikativ, etc.) • Darstellungshaltung und Stilebene (sachlich, plastisch, polemisch, didak‐ tisch, etc.) • Rededarstellung (Autor direkt, indirekt oder nicht erkennbar) Textstruktur • Inhaltliche Reihenfolge (umgekehrte Pyramide, szenischer Einstieg, etc.) • Darstellungsperspektive (zeitlich, räumlich, personenorientiert, persönlich, etc.) • Stilmittelgebrauch und -reihenfolge (Thesen, Zitate, Dialog, Beispiele, Sa‐ tire, etc.) 5.1 Entwicklung einer Klassifizierungsgrundlage von Pressetextsorten 95 <?page no="96"?> Quelle und Autor • Erwähnung und/ oder Abbildung des Autors • Abwesenheit eines Autors • Recherchemethoden (konzentrierte Introversion, Beobachtung, Gespräche, etc.) Layout und Position • Positionierung im Medium (Titelseite, Doppelseite, etc.) • Umfang, Position, Aufmachung, Schriftart • Verwendung von Medien (Grafiken, Illustrationen, Tabellen, Textkästen, etc.) Periodizität • Periodische Erscheinungsweise des Artikels Funktion • Funktion und Wirkung (Tatsachen berichten, Eindrücke schildern, erklären, etc.) Schäfer-Hock (vgl. 2017: 87) vertritt die Ansicht, dass sich mit der Änderung einer Eigenschaft innerhalb der Bestandteile auch die Darstellungsform ändert. So kann z.B. die Kolumne zu einem Kommentar werden, wenn die Periodizität nicht mehr gegeben ist. Angesichts der Fülle an Beschreibungsmöglichkeiten und der Uneinigkeit in Bezug auf die charakteristischen Merkmale von Text‐ sorten ist allerdings zu hinterfragen, welches Gewicht einem Merkmal für die Bestimmung einer Darstellungsform zugeschrieben werden sollte oder darf. Die Kolumne ist bspw. nicht an eine feste thematische Entfaltung gebunden. Sie kann sowohl argumentativ als auch narrativ verfasst sein. Eine Änderung im Merkmal der Themenentfaltung führt somit nicht zwangsläufig zu einer anderen Darstellungsform. Andere Pressetextsorten wie z.B. Rezensionen sind hingegen stärker an eine argumentative Themenentfaltung gebunden. Sie besitzen eine judizierende Funktion, die mit Argumenten gestützt werden muss. Darüber hinaus sind in informationsbetonten Texten die Merkmale des Stilmit‐ telgebrauchs und der Einfluss von subjektiver Sprache je nach Pressegattung (Tageszeitung oder Magazin) variabel (vgl. Burger/ Luginbühl 2014: 220). Ein kategorieller Klassifizierungsansatz, so wie ihn Schäfer-Hock (vgl. 2017: 87) beschreibt, scheint der Bestimmung von Darstellungsformen daher nur bedingt gerecht zu werden. Aufgrund der Vielzahl an Beschreibungsmöglichkeiten 96 5 Textsorten-Typologisierung für Online-Pressetexte <?page no="97"?> und der Wandelbarkeit journalistischer Praktiken erscheint es an dieser Stelle zielführender, Darstellungsformen als prototypische Textausbildungen zu be‐ trachten, die im Kern gefestigte - da lang tradierte - Eigenschaften aufweisen und an den Rändern weniger gefestigte Eigenschaften besitzen. Dass es einen Kern an gefestigten, prototypisch genutzten Darstellungsfor‐ men gibt, zeigt ein erster Blick auf ihre Bezeichnungen und Eigenschaften in einschlägiger Literatur. Hier finden sich etablierte, lang tradierte Darstellungs‐ formen, die in ihrer Bezeichnung und ihren Eigenschaften gefestigt sind, wie die Meldung und der Kommentar (u.a. Burger/ Luginbühl, 2014; Wolff, 2017; Fasel, 2013; Neuberger/ Kapern, 2013). Es finden sich aber auch solche Formen wie das Feature, die einheitlich benannt sind, aber denen unterschiedliche charakteris‐ tische Eigenschaften zugeordnet sind (u.a. Wolff, 2017; Fasel, 2013; Neuberger/ Kapern, 2013). Weiterhin gibt es Darstellungsformen, die als Subklassen oder Instanzen von etablierten Formen zu verstehen sind. Hierzu zählt z.B. der Magazinbericht als spezifische Ausprägung des Berichts (u.a. Fasel, 2013; Mast, 2012). Es ist festzustellen, dass Darstellungsformen aus journalistischer Perspektive ein Phänomen sind, das sowohl von Konsens als auch Dissens geprägt ist und dessen Klassifizierungen und Bezeichnungen vom gefestigten oder nicht gefestigten Gebrauch in der Praxis geprägt ist. Historisch länger tradierte Darstellungsformen wie die Meldung weisen einen hohen Konsens hinsichtlich ihrer Merkmale auf. Solche Formen sind stark gefestigt und können prototy‐ pisch beschrieben werden. Jüngere Darstellungsformen wie z.B. das Feature sind hingegen weniger gefestigt, weshalb sich bisher kein einheitliches Verständnis seiner Merkmale in der Handlungspraxis etabliert hat. Eine prototypische Beschreibung solcher Formen ist aufgrund ihrer Diversität erschwert. Für das weitere Vorgehen der Bestimmung von Darstellungsformen und ihrer Merkmale wird sich daher möglichst an dem Ausmaß ihrer Normiertheit bzw. Standardisiertheit (Adamzik 2008) orientiert. Dieses ergibt sich aus dem Festigungsgrad des Gebrauchs. Die Textsorteneinteilung im weiteren Verlauf stützt sich daher auf die etablierten, prototypischen Darstellungsformen der Praxis. Hinsichtlich einer Funktionsbestimmung der etablierten Darstellungsformen von Seiten der Publizistik ist die klassische Trennung in informationsbetonte und meinungsbetonte Formen zu nennen (vgl. Schalkowski 2011). Diese Zwei‐ teilung dient der Differenzierung, ob der TP seine Meinungen und Eindrücke wiedergibt oder ob er frei von Wertungen Informationen vermittelt. Traditio‐ nellerweise wird zu den informationsbetonten Formen die Meldung gezählt, die in aller Kürze über ein Ereignis informiert, indem sie objektiv, faktenbasiert 5.1 Entwicklung einer Klassifizierungsgrundlage von Pressetextsorten 97 <?page no="98"?> die relevantesten Informationen benennt (vgl. Wolff 2017: 52ff.). Zu den mei‐ nungsorientierten Textsorten hingegen zählt bspw. der Kommentar, der die Meinung des TP zu einem meist aktuellen Thema transportiert (vgl. Wolff 2017: 123ff.). Allerdings finden sich auch Mischformen von Darstellungsformen, die in unterschiedlicher Stärke Meinungs- und Informationsanteile besitzen (vgl. Burger/ Luginbühl 2014: 237) und nicht adäquat in eine der zwei Kategorien einzuordnen sind. Diese Vermischung findet sich selbst bei lang etablierten Formen wie z.B. der Reportage, bei der der TP sinnlich wahrnehmbare Eindrücke subjektiv, wertend vermittelt, aber zugleich einen Anspruch auf eine fakten‐ basierte Informationsvermittlung hat (vgl. Burger/ Luginbühl 2014: 225). Um diese Mischformen feindifferenzieren zu können, findet sich eine Erweiterung der eindimensionalen Trennung von Meinungen und Tatsachen um eine wei‐ tere Dimension bei Neuberger/ Kapern (vgl. 2013: 44). Ihnen zufolge können Texte nicht nur auf der Ebene Tatsachenbetonung und Deutungsbetonung eingeteilt werden, sondern auch auf der Ebene Objektivität (Überprüfbarkeit äußerer Sachverhalte) und Subjektivität (innere Sachverhalte erfassbar durch Introspektion). Hiernach ergeben sich folgende Typen mit beispielhaften Dar‐ stellungsformen: 1. Objektive tatsachenbetonte Aussagetypen: Meldungen und Berichte (Ein‐ ordnung der Ereignisse und Beantwortung der w-Fragen) 2. Subjektive tatsachenbetonte Aussagetypen: Reportagen (Vermischung Er‐ lebnisse mit Empfindungen) 3. Objektive deutende Aussagetypen: Features (Einordnung und Typisierung) 4. Subjektive deutende Aussagetypen: Kommentare und Rezensionen (Wie‐ dergabe von Meinungen und Einstellungen) Nun ist es möglich, mithilfe einer solchen zweidimensionalen Betrachtung die Art und Weise der Aussageform hinsichtlich kommunikativer Aspekte genauer zu beschreiben. Die zwei Dimensionen umfassen im weitesten Sinne das Ver‐ hältnis des TP zu den von ihm vermittelten Informationen. Was die Dimensions‐ einteilung aber nicht liefert, ist die Beschreibung der Beziehung zwischen dem TP und dem TR und somit die Beschreibung einer kommunikativen Funktion des Textes, die beide Akteure einschließt. Dies kann an dem Beispiel der Ratgebertexte deutlich gemacht werden, deren Funktion die Adressierung des TR ist, indem ihm Lösungen zu Problemen gegeben oder seine Emotionen und Ängste aufgefangen werden (vgl. Fasel 2013: 20f.). Ratgebertexte sind bezüglich der zwei zuvor ausgeführten Dimensionen Subjektivität/ Objektivität und Tatsa‐ chenbetonung/ Deutungsbetonung in jede Richtung offen. Gesundheitsratgeber 98 5 Textsorten-Typologisierung für Online-Pressetexte <?page no="99"?> können z.B. tatsachenbetont und objektiv sein, Beziehungsratgeber hingegen eher subjektiv und deutend. Aus publizistischer Perspektive lassen sich Darstellungsformen anhand ihres Bezugs zur Faktenlage (Tatsachen oder Deutung) und ihrer Sprecherinvolviert‐ heit (subjektiv oder objektiv) kategorisieren. Diese Einordnung ist aber nicht mit der Textfunktion gleichzusetzen. Es ist daher notwendig, die kommunikative Textfunktion im Rahmen der Pragmatik zu betrachten, so dass erfassbar wird, was TP mit einem Text für eine Handlung vollziehen. Im Weiteren wird sich daher der Beschreibung von Textfunktionen der Pressetexte aus linguistischer Perspektive genähert. 5.1.2 Die Textfunktion von Pressetexten Die Textfunktion von Pressetextsorten sollte im linguistischen Rahmen be‐ schrieben werden, indem der Text als sprachliche, kommunikative Handlung aufgefasst wird. Er stellt einen geäußerten Bestandteil eines Kommunikations‐ aktes dar und erfüllt eine kommunikative Funktion bzw. besitzt ein Illokutions‐ potenzial (vgl. Schmidt 1973; Rosengren 1980). Ein pragmatisch orientierter Ansatz für die Textfunktionsbeschreibung von Pressetexten, der sowohl die journalistische Praxis als auch die Textlinguistik miteinander vereint, liegt bei Lüger (1995) vor. Er geht von der Intention als textkonstituierendes Element aus und fasst Textsorten als Handlungsschemata auf, die eine Folge von einzelnen Intentionen sind. Die Intentionalität beschreibt er als die Zielgerichtetheit in der Handlung, die dem Text grundlegend inne‐ wohnt (vgl. Lüger 1995: 51). Hiernach können fünf funktionale Textkategorien der Pressetexte erfasst werden: informationsbetont, meinungsbetont, instruie‐ rend-anweisend, auffordernd, kontaktorientiert. Unter diesen Textkategorien werden die einzelnen Textsorten gesammelt, worunter sich die typischen in der Journalistik etablierten Darstellungsformen finden. So wird z.B. die Meldung unter informationsbetonten Texten und der Kommentar unter den meinungsbetonten Texten eingeordnet, wobei die Einteilung in informations- und meinungsbetonte Texte - wie bereits im Kapitel zuvor erwähnt - kritisch zu sehen ist. Zudem werden bei Lüger (1995) unter den informationsbetonten Texten die Textsorten harte Nachricht und weiche Nachricht unterschieden. Diese Trennung geschieht aufgrund der thematischen Ausrichtung. So vermit‐ teln laut Lüger (vgl. 1995: 103) weiche Nachrichten u.a. Informationen über Skandale, Unglücksfälle und Prominente (Bereich „Human Interest“), und harte Nachrichten behandeln Themen über Politik und Wirtschaft (gesellschaftlich zentrale Themen) (vgl. Lüger 1995: 94). Auch hier ist aber zu hinterfragen, ob 5.1 Entwicklung einer Klassifizierungsgrundlage von Pressetextsorten 99 <?page no="100"?> allein die thematische Ausrichtung die Teilung einer Textsorte in eine harte und eine weiche Form rechtfertigt, obwohl sich die Textfunktion nicht ändert. Auch Textsorten wie Reportagen, Berichte und Kommentare können unterschiedliche thematische Ausrichtungen besitzen, ihre primäre Textfunktion bleibt jedoch gleich. Nach dieser Logik müssten auch diese Textsorten in harte und weiche Formen unterteilt werden. Dieses Vorgehen scheint hinsichtlich einer Textsor‐ teneinteilung mit primär funktionaler Orientierung allerdings nicht zielführend. Eine weitere Bestimmung von Textfunktionen, die sich an der Sprechaktthe‐ orie orientiert, findet sich indessen bei Brinker (2010), der Texte als sprachliche, kommunikative Einheiten mit den Bestandteilen Textstruktur und Textfunktion betrachtet. Hinsichtlich der Bestimmung von Textfunktionen orientiert er sich an der Sprechakttheorie Searles (1969) und geht davon aus, dass Texten wie Äußerungen eine illokutive Rolle als Ganzes zugeschrieben werden kann. Die Textfunktionen sind wie folgt zu benennen: Informationsfunktion, Appellfunk‐ tion, Kontaktfunktion, Obligationsfunktion, Deklarationsfunktion. Sie gelten als Basiskriterium für die Unterscheidung von Textklassen, die in einer Textsor‐ tentypologie die erste hierarchische Stufe darstellen. Die Textklassen markieren mit ihrer Bezeichnung die primäre Funktion der Textsorten, die unter ihnen stehen: • Informationstexte (Nachricht, Bericht usw.) • Appelltexte (Werbeanzeige, Kommentar usw.) • Obligationstexte (Vertrag, Garantieschein usw.) • Kontakttexte (Dankschreibung, Ansichtskarte usw.) • Deklarationstexte (Testament, Ernennungsurkunde usw.) Die einzelnen Textsorten sind „konventionell geltende Muster für komplexe sprachliche Handlungen und lassen sich als jeweils typische Verbindungen von kontextuellen (situativen), kommunikativ-funktionalen und strukturellen (grammatischen und thematischen) Merkmalen beschreiben“ (Brinker 2010: 125). Zu den strukturellen Merkmalen, die für die Textsortendifferenzierung herangezogen werden können, zählt die thematische Entfaltung, die die kogni‐ tive und inhaltliche Entwicklung eines Themas angibt. Hiermit werden die Beziehungen der Inhalte aus den einzelnen Textteilen zum zentralen Textthema angegeben, wozu bspw. die kommunikativen Funktionen der Spezifizierung oder Begründung zählen. Folgende Themenentfaltungen sind möglich: deskrip‐ tiv, narrativ, explikativ, argumentativ. Nun werden bei Brinker (2010) den Typen der thematischen Entfaltung zwar kommunikative Funktionen zugeschrieben, doch wirken diese für den Phänomenbereich der Pressetexte zu unspezifisch. Für Meldungen, die als 100 5 Textsorten-Typologisierung für Online-Pressetexte <?page no="101"?> 29 Rolf (1993: 79) verwendet den Begriff „informational“. Informationstexte typischerweise eine deskriptive Themenentfaltung besitzen und ein Thema u.a. darstellen, situieren oder spezifizieren, mag dies noch zutreffen, doch wie verhält es sich mit weiteren typischen Pressetextsorten wie dem Interview, der Reportage oder der Kolumne? Ein Interview wird dialogisch wiedergegeben und entfaltet sich erst durch die Äußerungen der Gesprächspartner. Keiner der angegebenen Themenentfaltungstypen ist hierfür angemessen. Eine Reportage vermischt eine primär narrative Entfaltung mit explikativen oder deskriptiven Entfaltungen. Welche Art der Entfaltung hier dominant ist, kann je nach Reportage variieren. Weiterhin sind Kolumnen frei von einer musterhaften Textstruktur, so dass diese potenziell offen gegenüber allen Entfaltungsformen sind. Angesichts dieser Beispiele erscheint die themati‐ sche Entfaltung als weniger geeignet für die präzise Funktionsbeschreibung von Pressetexten und eine darauf aufbauende Typologie, da eine Feindifferenzierung der spezifischen Textsortenfunktionen nicht möglich ist. Ein Typologisierungsansatz, der eine solche Feindifferenzierung jedoch bietet, indem die Intentionalität des Textes und die zentrale Textillokution betrachtet wird, findet sich bei Rolf (1993). Dieser schlägt ein dreistufiges Modell zur funktionsorientierten Typologisierung von Gebrauchstexten vor, zu denen auch Pressetexte zu zählen sind. Er fasst Texte als Handlungsträger und Handlungsmittel auf, nicht aber als Handlung selbst. Die Basis seiner funktionalen Textsorteneinteilung orientiert sich daher an dem Zweck einer Textsorte, mit der eine Handlung realisiert wird. Es ergeben sich die folgenden dominanten illokutiven Funktionen, die analog zur Sprechakttheorie von Searle (1969) eingeordnet werden: assertiv, 29 direktiv, kommissiv, expressiv, deklarativ. In Rolfs (vgl. 1993: 120) Modell wird der funktionale Klassifikationsansatz allerdings so weit getrieben, dass strukturelle Kriterien bei der Einordnung von Textsorten keine Beachtung finden. Dies kann kritisch gesehen werden, da Bestandteile von Pressetexten wie z.B. die Periodizität, die konstitutiv für die Darstellungsform der Kolumne ist, bei einer Klassifizierung unbeachtet bleibt. Allerdings bietet eine solch strikte Vorgehensweise den Vorteil, dass es eine deutliche Trennung von Funktion und Struktur gibt. Rolfs (1993) Klassifizierungsmethode orientiert sich an drei Beschreibungs‐ ebenen: Handlungszweck, Zielerreichungsweise und Bedingungen. Im Folgen‐ den werden diese Ebenen an dem Beispiel der Textsorte Meldung erläutert: • 1. Ebene - Handlungszweck: Der primäre Handlungszweck bzw. das pri‐ märe Handlungsziel wird angegeben. Es wird die zentrale Textfunktion mit einer Illokution benannt (assertiv, direktiv, kommissiv, expressiv, deklarativ) 5.1 Entwicklung einer Klassifizierungsgrundlage von Pressetextsorten 101 <?page no="102"?> - Beispiel: Die Meldung besitzt als primäres Handlungsziel die Über‐ mittlung von aktuellen, neuen Informationen zu Ereignissen an den TR. Der Handlungszweck ist assertiv. • 2. Ebene - Zielerreichungsweise: Mit dem Durchsetzungsmodus bzw. der Zielerreichungsweise wird der Handlungszweck (1. Ebene) näher spe‐ zifiziert. Hiermit ist im weitesten Sinne die Art und Weise gemeint, wie das Handlungsziel erreicht wird. - Beispiel: Die Meldung besitzt eine transmittierende Zielerreichungs‐ weise. Der Fokus liegt auf dem Aspekt, dass Informationen vermittelt werden. Das heißt, dass die Art und Weise der Übermittlung sekundär ist. Bei der assertiven Textsorte Bericht, die eine darstellende Zielerrei‐ chungsweise besitzt, liegt der primäre Fokus hingegen auf der Art und Weise, wie die komplexen Inhalte aufbereitet werden. • 3. Ebene - Bedingungen: Diese Ebene beschreibt die vorbereitenden oder vorliegenden Bedingungen, die die Handlung initialisiert haben. - Beispiel: Die vorliegende Bedingung bei der Meldung ist emittierend. Dies bedeutet, dass der initiale Auslöser für die Informationsübermitt‐ lung vom TP selbst kommt, der aus einem institutionellen Interesse (der Presse) heraus obligatorisch handelt oder freiwillig aufgrund seiner Verpflichtung zur journalistischen Arbeit. Das dreistufige Klassifizierungsmodell nach Rolf (1993) scheint für die Textsor‐ tenbestimmung und -einteilung von Pressetexten anwendbar und angesichts der weiteren Untersuchung fruchtbar, da es eine Feindifferenzierung zwischen den vorwiegend assertiven Textsorten der Presse ermöglicht. 5.1.3 Kontextuelle Indikatoren aus dem Online-Journalismus Bis hierhin wurden die inhaltlichen, strukturellen und funktionalen Aspekte für die Textsortenklassifizierung thematisiert. Ein weiterer Aspekt, der für die nähere Beschreibung der Textsorten noch nicht genannt wurde, sind die kontextuellen Indikatoren. Zu diesen zählen nach Brinker (vgl. 2010: 15f.) der institutionelle Rahmen des Textes, der Handlungsbereich und das beim TR vorausgesetzte Hintergrundwissen. Einige der kontextuellen Aspekte wurden bereits in Kapitel 4.1 im Zuge der Betrachtung der Kommunikationssituation von Überschriften in der Online- Presse beleuchtet, bei der eine Massenkommunikationssituation vorliegt - eine einseitige Kommunikation zwischen TP und TR mit räumlicher und zeitlicher Distanz im institutionellen Rahmen der Presse. Im Folgenden wird sich daher auf einige bisher ungenannte Aspekte beschränkt, die für die Beschreibung und 102 5 Textsorten-Typologisierung für Online-Pressetexte <?page no="103"?> 30 Der Begriff Magazin wird in der vorliegenden Arbeit synonym zu dem Begriff Zeit‐ schrift verwendet. Unterscheidung von Textsorten in der Online-Presse von Bedeutung sind. Da sich in dieser Arbeit auf Online-Pressetexte beschränkt wird, ist von im Weite‐ ren von einer Produktion und Rezeption von Texten im Rahmen des Online- Journalismus auszugehen. Bei der Wahl der Textsorten für die zu entwickelnde Textsortentypologie, die sich an den etablierten, gefestigten journalistischen Darstellungsformen orientiert, sind entsprechend Beschreibungsaspekte aus diesem Bereich zu berücksichtigen. Als Online-Journalismus wird im engeren Sinn die Distribution von Artikeln für das Web verstanden. Er bezieht sich spezifisch auf die Art und Weise des Publizierens über den Vertriebsweg Internet (Nuernbergk/ Neuberger 2018). Ein Online-Artikel besteht also nicht wie bei einem Printmedium aus gedruckten Buchstaben, sondern Inhalte werden in digitaler Hypertextform angeordnet und sind jederzeit aufrufbar, veränderbar und mit anderen Medien(inhalten) ergänz‐ bar. Die Verbreitung von Online-Artikeln ist an das Internet gebunden (z.B. RSS- Feeds, soziale Medien, Websites, Apps) und ihre Rezeption von verschiedenen Endgeräten (z.B. Smartphone, Laptop, Desktop-PC, Tablet) abhängig. Obwohl sich die Gestaltung der journalistischen Inhalte an ihre digitale Umgebung und das Internet anpasst, indem Texte multimedialer werden und die intertextuellen Verbindungen wachsen (vgl. Burger/ Luginbühl 2014: 249), so werden dennoch die journalistisch gefestigten Darstellungsformen fortgesetzt. Die etablierten Darstellungsformen mit ihren Textfunktionen haben weiterhin Bestand, da sie weiter tradiert werden. Im Print-Journalismus findet sich die grobe Zweiteilung in die Gattungen Zeitung und Magazin, 30 die sich mithilfe der vier Dimensionen Periodizität, Publizität, Aktualität und Universalität beschreiben und voneinander abgren‐ zen lassen (vgl. Schulze 2001). Im Rahmen des Online-Journalismus verlieren diese Gattungseinteilungen anhand der genannten Kriterien aber zunehmend an Bedeutung. Im Print-Journalismus erscheinen Zeitungen regelmäßig (Pe‐ riodizität), sind öffentlich für jeden potenziellen TR zugänglich (Publizität), orientieren sich inhaltlich am aktuellen Gegenwartsgeschehen (Aktualität) und informieren über Inhalte aus allen Lebensbereichen (Universalität). Print- Magazine erscheinen ebenfalls in regelmäßigen Abständen (Periodizität) und sind für jeden zugänglich (Publizität), sie beziehen sich aber nicht zwingend auf das jüngste Gegenwartsgeschehen (Aktualität) und sind thematisch begrenzt (Universalität) (vgl. Schulze 2001: 11). Online-Portale, die aus einem Magazin gewachsen sind, bedienen im Internet aber ebenfalls tagesaktuelle Nachrichten 5.1 Entwicklung einer Klassifizierungsgrundlage von Pressetextsorten 103 <?page no="104"?> (Aktualität) und sind freier in ihren Themeninhalten (Universalität). Zudem besitzen die Dimensionen Periodizität und Publizität in der Online-Publikation keine Relevanz, da zu jeder Zeit Inhalte veröffentlicht und konsumiert werden können. An dieser verschwimmenden Gattungszuordnung zeigt sich bereits, dass das journalistische Handeln durch die Publikationsumgebung im Internet so stark geprägt ist, dass eine zunehmende Angleichung in den Produktionsvorausset‐ zungen und der Distribution der Online-Presseportale festzustellen ist (vgl. Haim 2019: 22). Für die Pressetextsorten heißt dies, dass bestimmte Texte nicht mehr traditionellerweise einer Gattung (Tageszeitung/ Magazin) zugeschrieben werden können. So wird die Meldung nicht mehr primär mit der Tageszeitung assoziiert, sondern kann auch in Online-Portalen von Magazinen auftreten, die inhaltlich auf einen bestimmten Lebensbereich bzw. ein bestimmtes Themen‐ gebiet fokussiert sind. Textsorten sind also in der Online-Presse gattungsunab‐ hängig in allen Medienformen verwendbar. Für die Textsortentypologie von Online-Pressetexten heißt dies, dass Generalisierungen für die Beschreibung von Textsorten in Online-Medien notwendig sind. Weiterhin ergeben sich durch das Handeln im Online-Journalismus zahlrei‐ che kontextuelle Einflüsse, die sich auf die inhaltliche und formale Gestaltung der Textsorten auswirken. Wie bereits in Kapitel 4.1.2 angedeutet, zählen hierzu bspw. suchmaschinenoptimiertes Schreiben (SEO) oder auch ökonomisch begründete Bezahlschranken (Paywalls), die erst nach einer Zahlung den kom‐ pletten Artikel zum Lesen freischalten. Diese Faktoren haben zwar einen direkten Einfluss auf die Gestaltung und die Funktion der Überschrift, für die Textsorte oder die Textfunktion der Pressetexte scheinen sie hingegen geringere Auswirkungen zu besitzen. So können zwar Texte nach SEO-Praktiken mit spezifischen Keyphrases oder Keywords optimiert verfasst worden sein, aller‐ dings betrifft dies primär die lexikalische Ebene, weniger die gesamte Funktion des Textes. Zudem beeinflussen Paywalls nicht die allgemeine Textfunktion, sondern eher die Gestaltung des Texteinstiegs, indem der initiale Textabschnitt, der oftmals als Anreißtext öffentlich einsehbar ist, anreizfördernd ausgearbeitet ist. Zweck eines solchen Anreißtextes ist es, den Leser zum Abschluss eines zahlpflichtigen Abos zu bewegen, um Zugriff auf den Volltext zu erhalten. Die primäre Funktion des Gesamttextes ändert sich aber auch hierdurch nicht. Dies gilt ebenso für Einbettungen von medialen Elementen wie z.B. Videos, die begleitend zum Artikel in Erscheinung treten. Einflüsse auf die Gestaltung von Texten können aber auch ökonomischer Natur sein. Dies zeigt sich insofern, dass sich in Online-Portalen die Praxis etabliert hat, Werbeanzeigen als Pressetexte zu tarnen. Sogenannte Advertorials 104 5 Textsorten-Typologisierung für Online-Pressetexte <?page no="105"?> oder Adverticles sind bezahlte Werbungen, die sich formal an einer journalisti‐ schen Textsorte orientieren, deren Thema aber ein zu bewerbendes Produkt des zahlenden Kunden ist (vgl. Schach 2015: 37). Welche Form das Advertorial annimmt, ist abhängig vom Werbeträger. Da sowohl Formen der Rezension oder des Reiseberichts möglich sind, ist dem Advertorial kein spezifischer Textsortenstil zuzusprechen. Die Texte werden entweder von der Redaktion im Auftrag des Werbepartners produziert oder vom Werbepartner selbst verfasst (vgl. Schach 2015: 38f.). Beim Advertorial bestimmt also nicht die Form des Pressetextes die werbende Funktion, sondern der nicht sprachliche Kontext bzw. die ökonomischen Einflussfaktoren. Zusammenfassend zeigt sich, dass die Modifizierungen von Textsorten hin‐ sichtlich textinterner Aspekte im Online-Journalismus vielfältig sind und durch kontextuelle Einflüsse bestimmt werden. Die Textfunktion und die Textsorte orientieren sich aber in den meisten Fällen weitgehend an ihrem medialen Vorgänger aus dem Print-Journalismus, wenn auch in modifizierter Form. 5.1.4 Typologisierungs- und Beschreibungsgrundlage für Pressetextsorten Bisher wurde gezeigt, dass für die Beschreibung und Klassifizierung von Pres‐ setextsorten neben funktionalen auch inhaltliche, strukturelle und kontextuelle Kriterien herangezogen werden müssen. In Vorbereitung auf die Erstellung der Textsortentypologie werden im Folgenden daher genau die Aspekte aufgeführt, die als Grundlage für die Einordnung und Beschreibung der Pressetexte dienen werden. Die zu beschreibenden Textsorten für Pressetexte werden anhand ihrer Gebräuchlichkeit im Rahmen des Online-Journalismus, ihrer Etabliertheit und der Stärke ihrer Normiertheit ausgewählt. Dies bedeutet, dass Pressetextsorten gewählt werden, die in der journalistischen Praxis zum Konsens gehören und in Online-Portalen von Magazinen und Tageszeitungen gleichermaßen verwendet werden. Es werden allerdings keine Subklassifizierungen von Text‐ sorten anhand der Ressortzugehörigkeit (z.B. Feuilleton-Kritik) oder der Pres‐ segattung (z.B. Magazinbericht) vorgenommen. Sowohl die Ressortals auch die Gattungszugehörigkeit werden als kontextuelle Merkmale gewertet, die den Inhalt und die Struktur beeinflussen können, aber nicht zur Konstitution der prototypischen Textsorte beitragen. Das bedeutet, dass die Textsorten im weiteren Verlauf möglichst offen gegenüber Kontexteinflüssen beschrieben werden. 5.1 Entwicklung einer Klassifizierungsgrundlage von Pressetextsorten 105 <?page no="106"?> Für die strukturelle Beschreibung der Textsorten wird sich weitgehend an den Bestandteilen von Darstellungsformen und deren Eigenschaften nach Schäfer- Hock (2017) orientiert. Ergänzend hierzu wird die Einordnung der inhaltlichen Ausrichtung in den Dimensionen Subjektivität/ Objektivität und Tatsachenbe‐ tonung/ Deutungsbetonung nach Neuberger/ Kapern (2013) vorgenommen. Die Beschreibung der kommunikativen Funktionen der Textsorten erfolgt nach dem Vorbild von Rolfs (1993) Typologie der Gebrauchstextsorten. Für die Funktionsbestimmung wird sich an dem dreistufigen Modell orientiert, das das Handlungsziel, die Zielerreichungsweise und die kommunikative Be‐ dingung einer Textsorte beschreibt. Für Pressetexte sind die Handlungsziele fast ausschließlich assertiv oder direktiv, wobei das assertive Ziel der Informa‐ tionsvermittlung vor dem Hintergrund der Institution Presse am häufigsten verwendet wird: Der TR soll etwas Bestimmtes zur Kenntnis nehmen, wissen oder glauben (vgl. Rolf 1993: 172). Direktive Funktionen, bei denen der TR eine Handlung vollziehen soll oder auch von sich aus verwirklichen will (vgl. Rolf 1993: 223), finden sich eher in nutzwertigen Pressetextsorten wie dem Ratgebertext oder in Anleitungen. Die Beschreibung der Zielerreichungsweise und der Vorbedingung von as‐ sertiven Textfunktionen (1-3) orientiert sich an den Ausführungen Rolfs (1993): 1. Transmittierende Erreichungsweise: Das kommunikative Ziel ist die Vermittlung von Informationen. Es ist primär wichtig, dass Informationen vermittelt werden und nicht die Art und Weise, wie sie vermittelt werden. a. Emittierende Bedingung: Der Anstoß zur Informationsübermitt‐ lung geht freiwillig oder verpflichtend vom TP aus (vgl. Rolf 1993: 174f.). Bspw. gehört zur Meldung als Pressetextsorte die vorbereitende Bedingung, dass sie obligatorisch aus institutionellem Interesse heraus realisiert wird (vgl. Rolf 1993: 177). b. Admittierende Bedingung: Der Anstoß zur Informationsübermitt‐ lung wird von den TR diktiert. Der TP nimmt an, „dass der Adressat wissen möchte, wissen sollte oder wissen muss, was ihm übermittelt werden soll“ (Rolf 1993: 179). U.a. zählen hierzu Todesanzeigen und Geburtsanzeigen. 2. Darstellende Erreichungsweise: Für die Erreichung des kommunika‐ tiven Ziels der Informationsübermittlung ist die Art und Weise der Ver‐ mittlung wichtig. Der Fokus liegt darauf, wie etwas vermittelt wird, da die Inhalte in der Regel komplexer und mehrdimensional sind. Es liegt entsprechend kein einzelner Sachverhaltskomplex vor, sondern mehrere, die in Beziehung gesetzt und verbunden werden (vgl. Rolf 1993: 173). 106 5 Textsorten-Typologisierung für Online-Pressetexte <?page no="107"?> a. Registrierende Bedingung: Die Vorbedingung dieser Texte ist die Erfassung von Gegenständen, Ereignissen, Abläufen, Zuständen und Entwicklungen. Im Bereich der Pressetexte zählen insbesondere Text‐ sorten wie die Reportage hierzu, bei der der TP selbst durchgeführte Tätigkeiten oder wahrgenommene/ erlebte Ereignisse und Handlun‐ gen anderer Personen vermittelt (vgl. Rolf 1993: 185). b. Judizierende Bedingung: Die Bedingung dieser Textsorten ist das Vorhandensein eines beurteilenden Elements, wozu u.a. Bewertungen und Evaluationen zählen. Beispielsweise vermitteln TP durch das beurteilende Element dem TR eine Einschätzung von Produkten (z.B. Filmkritik, Musik-Rezension), fällen ein Urteil bzw. äußern eine Mei‐ nung über etwas (z.B. Glosse, Kommentar) und zeigen Meinungen auf, die im Zuge eines Dialogs auch von Dritten stammen können (z.B. Interview) (vgl. Rolf 1993: 190-193). c. Disputierende Bedingung: Dies sind Texte mit der Bedingung, „ein bestimmtes theoretisches Problem in einem mehr oder weniger großen Umfang und unter Einbeziehung eines mehr oder weniger umgreifenden Zusammenhangs zu erörtern“ (Rolf 1993: 194). Der TP präsentiert Inhalte in einem theoretischen Zusammenhang. Den Texten geht eine Darlegungs- und Aufklärungsintention (z.B. Feature) oder ein spezifischer Anlass voraus (z.B. Bericht) (vgl. Rolf 1993: 195). 3. Indizierende Erreichungsweise: Das kommunikative Ziel der Informa‐ tionsübermittlung wird mithilfe der Vermittlung von Kenntnissen über bestimmte Daten erreicht, die entscheidungsrelevant bzw. handlungsrele‐ vant sind. Die Inhalte stehen immer in Handlungszusammenhängen (z.B. Tagungsprogramme, Diätpläne). Anders als bei darstellenden Textsorten fehlt hier die strukturelle Verbindung der Inhalte miteinander. Die Inhalte sind also nicht miteinander verbunden, sondern werden lediglich dargebo‐ ten (vgl. Rolf 1993: 173). a. Orientierende Bedingung: Die Texte präsentieren Datenkomplexe, die den Adressaten interessieren, indem sie den Daten eine Ordnung geben (vgl. Rolf 1993: 173). Hierzu gehören in der Presse bspw. im Wettervorhersagen oder Horoskope. b. Inzitierende Bedingung: Die Texte sollen mentale Prozesse in Gang setzen, wobei es allerdings nicht primär um die Hervorbringung einer Handlung geht (daher keine direktive Textsorte). Textsorten wie Witze, die der Unterhaltung dienen, sind u.a. hierzu zu zählen (vgl. Rolf 1993: 173). 5.1 Entwicklung einer Klassifizierungsgrundlage von Pressetextsorten 107 <?page no="108"?> Die direktiven Textfunktionen (4-5) zielen darauf ab, den TR zum Vollzug einer Handlung zu bewegen, die er ausführen soll oder die er von sich aus verwirklichen will (vgl. Rolf 1993: 223). Aufgrund der geringen Verwendung von Pressetexten mit einer direktiven Funktion werden im Folgenden lediglich sol‐ che Funktionsbeschreibungen aufgezeigt, die in der Textsortenklassifizierung Anwendung finden werden: 4. Bindende Erreichungsweise: Um das kommunikative Ziel zu erreichen, ist der TR daran gebunden, bestimmte Handlungsvorgaben auszuführen oder zu unterlassen (vgl. Rolf 1993: 224). a. Bindung bei Legislationsgewalt: Der TP ist die gesetzgebende Gewalt, was bedeutet, dass er spezielle Vorgaben zur Handlung for‐ muliert, an die sich der TR zur erfolgreichen Ausführung richten muss. Speziell bei Anleitungen, die in Pressetexten von Fachmagazinen verwendet werden können, wie z.B. Rezepte in Lifestyle-Magazinen, muss davon ausgegangen werden, dass der TR von sich aus die Handlung realisieren will (vgl. Rolf 1993: 231f.). 5. Nicht-bindende Erreichungsweise: Um das kommunikative Ziel zu erreichen, ist der TR nicht an bestimmte Handlungsvorgaben gebunden. Der TR ist demnach nicht verpflichtet, den Äußerungen des TP Folge zu leisten (vgl. Rolf 1993: 245). a. Nicht-Bindung bei Textrezipienteninteresse: Beim TR liegt das Interesse auf einem Problem, das er hat oder das er haben will. Zu den Texten, die den Zweck haben, das bestehende Problem zu reduzieren oder zu beseitigen, gehören bspw. Ratgebertexte. Zu den problemschaffenden Texten hingegen, bei denen beim TR ein Wunsch nach einer Problemstellung vorliegt, zählen z.B. Rätsel (vgl. Rolf 1993: 257). Textsorten, die an eine Legislationsgewalt (4a) gebunden sind und bei denen der TR von sich aus eine gewünschte Handlung erfolgreich vollziehen will (z.B. Anleitungen), „sind (nur) bedingt direktiv“ (Rolf 1993: 232). Das heißt, dass instruktionale Textsorten zwar direktiv sind, da der TP das Ziel verfolgt, dass der TR eine Handlung vollzieht, allerdings ist dies an die weitere Bedingung geknüpft, dass der TR die Handlung auch ausführen will und die Informationen hierfür aus dem Text nimmt (vgl. Rolf 1993: 235f.). Bei solchen bedingt direktiven Textsorten liegt also ein Interesse auf Seiten des TR vor, eine Handlungsanwei‐ sung zu erhalten. Dies gilt auch für nicht-bindende Textsorten, die auf ein Interesse des Textrezipienten abzielen (5a), zu denen bspw. Ratgebertexte zäh‐ len. Anleitungen oder Ratgebertexte, die als mögliche Pressetextsorten diesen 108 5 Textsorten-Typologisierung für Online-Pressetexte <?page no="109"?> beiden Textfunktionsgruppen zugeordnet werden können, sind entsprechend als direktive Textsorten mit assertivem Charakter zu bezeichnen, wobei der Handlungsbedarf vom TR ausgeht und der Text die Schritte (bindend oder nichtbindend) zur Problembeseitigung vermittelt. 5.2 Textsortentypologie für Online-Pressetexte In den folgenden Ausführungen werden ausgewählte Pressetextsorten anhand ihrer Funktion und ihrer inhaltlich-strukturellen Eigenschaften klassifiziert. Hinsichtlich der Funktionsbeschreibung einer Textsorte werden die Ebenen des Handlungszwecks, der Erreichungsweise und der Vorbedingung nach Rolf (1993) verwendet. Zudem werden weitere konstitutive Merkmale, die sich aus den Bestandteilen einer Darstellungsform ergeben, zusammenfassend ge‐ nannt, so dass eine prägnante prototypische Einordnung der Textsorte entsteht. Angesichts der Komplexität einzelner Textsorten und des Phänomenbereichs der Pressetexte insgesamt werden in den Erläuterungen Generalisierungen vorgenommen, so dass der Fokus auf etablierte prototypische Merkmale gelegt wird. Der Fokus einer jeden Textsortenbeschreibung liegt jedoch auf der Funk‐ tionsebene. Im Folgenden sind die 11 Textsorten aufgelistet, die für die Typologie aus‐ gewählt sind: Meldung, Bericht, Feature, Anleitung, Ratgebertext, Reportage, Interview, Kolumne, Kommentar, Glosse, Rezension. 5.2.1 Meldung Die Meldung ist die klassische Form der Pressenachricht und zielt darauf ab, in möglichst kurzer und prägnanter Form die wichtigsten Informationen (was, wer, wo, etc.) zu einem aktuellen Ereignis an den TR zu übermitteln. Sie ist tatsachenbetont und objektiv verfasst (vgl. Burger/ Luginbühl 2014; Wolff 2017; Fasel 2013). Meldungen werden in der Redaktion selbst erstellt oder von Nachrichtenagenturen in modifizierter oder unmodifizierter Form übernommen (vgl. Trappel 2007: 167). Üblicherweise werden offene Fragen und Spekulationen vermieden, da diese Textsorte ausschließlich Tatsachen vermitteln soll (vgl. Neuberger/ Kapern 2013: 137). Dennoch nutzen Boulevardmedien wie BILD Online oder Gala.de gelegentlich Spekulationen oder offene Fragen, um gezielt Emotionen zu erzeugen und das Leserinteresse zu steigern. Während Meldun‐ gen in der Regel kurz gehalten sind, können sie auch längere Formen annehmen, je nach dem Umfang des berichteten Ereignisses. 5.2 Textsortentypologie für Online-Pressetexte 109 <?page no="110"?> Handlungszweck: Assertiv (Übermittlung von Fakten zu einem aktuellen Ereignis) - Zielerreichungsweise: Transmittierend (Fokus liegt auf der reinen Informati‐ onsvermittlung, um die Fakten zu einem Thema zu vermitteln) - Bedingung: Emittierend (Anstoß zur Informationsübermittlung kommt aus der Obligation, dass die Institution Presse die Aufgabe besitzt, Informationen mit der Öffentlichkeit zu teilen) 5.2.2 Bericht Der Bericht ist eine ausführliche Nachrichtenform, die in meist größeren Ausführungen einen spezifischen Themeninhalt zu einem konkreten Ereignis (z.B. historisch, politisch, sozial) erklärt bzw. detailliert erläutert. In diesem Zuge werden Zusammenhänge aufgezeigt und in einen größeren Diskurs eingeordnet (vgl. Burger/ Luginbühl 2014: 228f.). Der Aufbau erfolgt in der Regel in fünf Akten (Exposition, Vertiefung, Hintergrund, Folgerung, Orientierung für Leser) (vgl. Wolff 2017: 94; Fasel 2013: 45f.), bei der auf Tatsachenebene möglichst objektiv Sachverhalte erklärt werden. Berichte können aber auch Anteile von Kommentierungen enthalten (vgl. Burger/ Luginbühl 2014: 228f.), was verstärkt in Magazinen möglich ist. Daher wird der Bericht in Magazinen häufig als Magazinbericht oder Magazinstory bezeichnet (vgl. Fasel 2013: 52f.). - Handlungszweck: Assertiv (Übermittlung eines komplexen Sachverhalts zu einem Thema) - Zielerreichungsweise: Darstellend (Fokus liegt auf einer analytischen, erklä‐ renden Inhaltsvermittlung, um die Fakten und Sach‐ verhalte zu einem Thema so einzuordnen, dass ihre Zusammenhänge deutlich werden) - Bedingung: Disputierend (Dem Bericht geht ein Anlass (z.B. politi‐ sches Ereignis) voraus, das unter Einbeziehung mehre‐ rer Zusammenhänge sachlich erörtert und eingeordnet wird) 5.2.3 Feature Das Feature ist eine Textsorte, bei der eine allgemeingültige Problematik anhand eines Beispiels vermittelt wird. Der Text besitzt einen induktiven Aufbau, der Zusammenhänge eines spezifischen Einzelbeispiels aufzeigt und hieraus auf 110 5 Textsorten-Typologisierung für Online-Pressetexte <?page no="111"?> etwas Generelles bzw. Allgemeingültiges schlussfolgert (vgl. Fasel 2013: 49f.). Diese Textsorte wird als deutungsbetont und objektiv eingestuft. Sie lässt sich als neuere journalistische Darstellungsform zwischen einer Reportage und einem Bericht verorten (vgl. Neuberger/ Kapern 2013: 44). Sie besitzt Anteile einer szenischen Gestaltung ähnlich wie in Reportagen, versucht aber, wie in einem Bericht komplexere Zusammenhänge darzustellen und zu erläutern (vgl. Fasel 2013: 49f.). Gerade deswegen werden thematisch oft sogenannte „Wie- Themen“ (Wolff 2017: 193) behandelt, die dem TR durch erläuternde Beispiele einen Mehrwert schaffen. - Handlungszweck: Assertiv (Übermittlung eines komplexen Sachverhalts anhand eines Beispiels) - Zielerreichungsweise: Darstellend (Fokus liegt auf einer aufklärenden Inhalts‐ vermittlung, um generalisierte Sachverhalte so einzu‐ ordnen, dass sie mithilfe eines konkreten Beispiels deut‐ lich werden) - Bedingung: Disputierend (Dem Feature geht ein konkretes Beispiel voraus, dass als Anlass für eine größere Einordnung des thematisierten Inhalts genommen wird) 5.2.4 Anleitung Die Anleitung ist keine typische journalistische Darstellungsform, da sie in erster Linie einen konkreten Lösungsweg für ein bestimmtes Problem aufzeigt. Dennoch wird sie zunehmend in Online-Portalen eingesetzt und deshalb in diese Typologie aufgenommen. Sie ist eine instruktionale Textsorte, die dem TR schrittweise erklärt, wie ein Ziel erreicht oder eine Aufgabe bewältigt werden kann. Sie weist einen deskriptiven Aufbau auf und kann Merkmale einer geordneten Liste besitzen (z.B. Schritt-für-Schritt-Anleitungen). Die jour‐ nalistische Anleitung unterscheidet sich von gebrauchsbasierten Anleitungen (wie etwa Bedienungsanleitungen) insofern, als sie nicht lediglich begleitender Bestandteil eines Produkts ist, sondern Instruktionen zu Inhalten vermittelt, die erst von einem Redakteur recherchiert, erarbeitet und gegebenenfalls getestet werden müssen. Dies ist häufig im Bereich von Computerspielen oder bei Software-Anwendungen zu beobachten, in denen spezifische Ziele erreicht werden sollen. Die Anleitung ist im journalistischen Sinne ein vorhabens- und verfahrensbezogener Text, der objektiv und tatsachenbetont den TR anleitet. - Handlungszweck: Direktiv (Anweisung der Adressatenhandlung zur Ziel‐ erreichung) 5.2 Textsortentypologie für Online-Pressetexte 111 <?page no="112"?> Zielerreichungsweise: Bindend (Fokus liegt auf direkten Anweisungen, die zur Durchsetzung von Handlungen seitens des TR um‐ gesetzt werden müssen, um ein spezifisches Ziel zu erreichen) - Bedingung: Legislationsgewalt (Das Verhalten des TP soll so kon‐ trolliert werden, dass er die Handlungen exakt in der be‐ schriebenen Form ausführen muss, um das Handlungs‐ ziel zu erreichen) 5.2.5 Ratgebertext Der Ratgebertext ist eine problemorientierte Textsorte, die sich direkt an den TR richtet und ihm einen informativen Mehrwert bietet, indem ihm (Hand‐ lungs-)Empfehlungen für eine Problemlösung gegeben werden. Die Textsorte orientiert sich an Fragen, Tipps und Allgemeinwissen, die den TR betreffen und ihm einen informativen Mehrwert für seinen Alltag liefern. Als journalistische Darstellungsform findet der Ratgebertext bisher wenig Beachtung und wird in der journalistischen Praxis eher unspezifisch als Text der Kategorie Service zugeordnet (vgl. Wolff 2017: 237f.). Dies wird der Textsorte jedoch nicht gerecht, da unter Service auch Wetterberichte, Terminkalender, etc. zu fassen sind, die eine andere Funktion besitzen. Ratgebertexte klären als spezifische Texte den TR über Fragen aus seinem Alltag oder aus einem bestimmten Fach-/ Interes‐ sensgebiet auf und bieten Lösungshinweise mit Handlungsempfehlungen. - Handlungszweck: Direktiv (Anweisung einer Adressatenhandlung zur Problembeseitigung) - Zielerreichungsweise: Nicht-bindend (Fokus liegt auf der Beschreibung mögli‐ cher Handlungsempfehlungen, die seitens des TR durch‐ geführt werden können, um ein spezifisches Problem zu lösen oder zu reduzieren) - Bedingung: Leserinteresse (Voraussetzung ist das Interesse des TR an einem spezifischen Problem und dessen Lösung) 5.2.6 Reportage Die Reportage ist eine journalistische Textsorte, bei der ein Thema durch direkte, selbst erlebte Eindrücke vermittelt wird. Der TP ist als beobachtendes und handelndes Individuum unmittelbar am Geschehen beteiligt und lässt den TR daran teilhaben, indem er seine physischen und psychischen Erfahrungen schildert (Burger/ Luginbühl 2014; Wolff 2017; Fasel 2013). Die Reportage ist 112 5 Textsorten-Typologisierung für Online-Pressetexte <?page no="113"?> typischerweise durch einen narrativen Aufbau gekennzeichnet, in dem sich szenische Abschnitte mit der Vermittlung von Fakten und Erzählungen abwech‐ seln. Obwohl sie faktenorientiert ist, bleibt die Reportage aber subjektiv gefärbt (vgl. Fasel 2013: 84). Der TP schildert nicht nur eigene Erlebnisse, sondern integriert auch die Perspektiven anderer Personen durch Gespräche, die er kommentiert und in den Kontext einordnet. Dabei kann er sich selbst sowohl direkt als auch indirekt im Text positionieren. - Handlungszweck: Assertiv (Übermittlung von Eindrücken und Tatsachen zu einem Thema) - Zielerreichungsweise: Darstellend (Fokus liegt auf der narrativ, erklärenden Inhaltsvermittlung, um mithilfe eigens gewonnener Ein‐ drücke tatsachenbasiert Inhalte zu einem Thema zu vermitteln) - Bedingung: Registrierend (Der Reportage liegt der Anlass zugrunde, dass der TP als beobachtende und wahrnehmende Per‐ son agiert, Ereignisse sowie eigene oder fremde Hand‐ lungen wahrnimmt und diese in einem übergeordneten Themenkomplex einordnet) 5.2.7 Interview Das Interview ist eine journalistische Textsorte in dialogischer Form, die darauf abzielt, Informationen von einem Interviewten zu einem oder mehreren Themen zu gewinnen. Dieser Dialog folgt typischerweise dem Muster von Frage-Antwort-Paaren, bei denen der Interviewer gezielt Fragen stellt und der Interviewte seine Sichtweise oder Fachkenntnisse darlegt (vgl. Burger/ Lugin‐ bühl 2014: 234ff.). Die Darstellung ist im Regelfall tatsachenbetont und objektiv, indem die Äußerungen der Gesprächspartner exakt wiedergegeben werden. In einigen Textvarianten können jedoch zusätzlich subjektive Beschreibungen einfließen, etwa wenn der Dialog durch narrative oder szenische Darstellungen angereichert wird, um eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen. Dadurch wird die Gesprächssituation lebendiger vermittelt und kann für die Leserschaft einen größeren Unterhaltungswert bieten. - Handlungszweck: Assertiv (Übermittlung von Meinungen eines Ge‐ sprächspartners zu einem Thema) - Zielerreichungsweise: Darstellend (Fokus liegt auf einer dialogischen Inhaltsver‐ mittlung, um die Meinung einer Person zu einem Thema mithilfe eines Frage-Antwort-Wechsels zu ermitteln) 5.2 Textsortentypologie für Online-Pressetexte 113 <?page no="114"?> Bedingung: Judizierend (Das Interview besitzt ein beurteilendes Ele‐ ment, bei dem die Meinung einer Person zu einem ge‐ zielten Thema in einem Gespräch von ihr selbst geäußert werden soll) 5.2.8 Kolumne Die Kolumne ist eine regelmäßig erscheinende Textsorte, die in der Regel vom selben TP verfasst wird und von diesem frei gestaltet wird (vgl. Mast 2012: 305). Die Textform ist nicht vorgegeben und kann abhängig vom TP, Thema oder Pressemedium wiederkehrend in gleicher stilistischer Form verfasst sein oder nicht. Die Periodizität ist daher ein konstitutives Merkmal dieser Textsorte. Der TP äußert seine Meinung zu einem bestimmten Thema auf unterschiedliche Weise und nutzt dabei verschiedene sprachliche Mittel. Das Pressemedium bietet dem TP einen Platz, seine Meinung zu äußern und sich selbst zu präsentieren. Die Kolumne ist daher auch als eine solche kenntlich gemacht und wird von der Redaktion in der Regel unverändert veröffentlicht (vgl. Mast 2012: 305). Der TP ist zudem als essenzieller Bestandteil der Textsorte medienwirksam präsentiert. - Handlungszweck: Assertiv (Übermittlung einer Meinung zu einem Thema) - Zielerreichungsweise: Darstellend (Fokus liegt auf einer offenen Inhaltsver‐ mittlung, um die Meinung zu einem Thema so zu ver‐ mitteln, wie der TP es will) - Bedingung: Judizierend (Die Kolumne besitzt ein beurteilendes Ele‐ ment, bei dem die Meinung des TP zu einem Thema auf seine individuelle Weise vermittelt werden soll) 5.2.9 Kommentar Der Kommentar gilt als klassische meinungsbetonte Textsorte, bei der der TP seine persönliche Meinung zu einem bestimmten (oft aktuellen) Ereignis argumentativ darlegt (vgl. Burger/ Luginbühl 2014: 229f.). Dabei handelt es sich um eine „wohl durchdachte und wohl formulierte Meinungsäußerung“ (Wolff 2017: 124) des Autors, die unabhängig von der Meinung der Redaktion steht. Der Kommentar wird daher in der Regel als solcher gekennzeichnet, um seine subjektive Natur klar zu signalisieren. Diese Textsorte ist deutungsbasiert und stark subjektiv geprägt. Abhängig von der redaktionellen Ausrichtung des jeweiligen Pressemediums gibt es jedoch auch tatsachenbasierte Kommentare, die ebenfalls subjektive Elemente enthalten (vgl. Neuberger/ Kapern 2013: 53). 114 5 Textsorten-Typologisierung für Online-Pressetexte <?page no="115"?> 31 Im Folgenden wird der Begriff Rezension synonym zu Review, Kritik und Test verwendet. Kritik ist als lang tradierter Begriff im Journalismus spezifisch für bewertende Texte im Umfeld der Kulturberichterstattung zu verstehen (vgl. Wolff 2017: 145). Unter Reviews bzw. Rezensionen werden im aktuellen Sprachgebrauch weitergehend auch Bewertungen von Konsumgütern außerhalb der Kulturbranche verstanden, die in spezifischen Magazinen Handlungszweck: Assertiv (Übermittlung einer Meinung zu einem Thema) - Zielerreichungsweise: Darstellend (Fokus liegt auf der argumentativen Inhalts‐ vermittlung, um die Meinung so zu übermitteln, dass sie nachvollziehbar ist und in den Diskurs eingeordnet werden kann) - Bedingung: Judizierend (Der Kommentar besitzt ein beurteilendes Element, bei dem die Meinung des TP zu einem Thema vermittelt werden soll) 5.2.10 Glosse Die Glosse ist eine besondere Textsorte, die durch die satirische Meinungsäußerung des TP geprägt ist. Der TP drückt seine Meinung mit übertriebenen und humorvollen sprachlichen Mitteln aus, indem er ein bestimmtes Detail ins Lächerliche zieht, das Gegenstand der Kritik ist. Die Glosse endet typischerweise mit einer Pointe, die den Artikel abschließt (vgl. Wolff 2017; Fasel 2013). Als deutungsbetonte Textsorte bringt sie eine stark subjektive Sichtweise zum Ausdruck (vgl. Neuberger/ Kapern 2013: 44). Ähnlich wie der Kommentar dient auch die Glosse der Meinungsäußerung des Autors zu einem spezifischen Thema und wird in der Regel explizit als solche gekennzeichnet. Darüber hinaus wird auch der Verfasser traditionell hervorgeho‐ ben, um die persönliche Perspektive des Artikels zu unterstreichen. - Handlungszweck: Assertiv (Übermittlung einer Meinung zu einem Thema) - Zielerreichungsweise: Darstellend (Fokus liegt auf einer überspitzten, satiri‐ schen Inhaltsvermittlung, um die Meinung des TP so zu vermitteln, dass sie interpretierbar wird) - Bedingung: Judizierend (Die Glosse besitzt ein beurteilendes Ele‐ ment, bei dem die Meinung des Verfassers zu einem Thema durch Humor vermittelt werden soll) 5.2.11 Rezension Die Rezension 31 ist eine vielseitige Textsorte, deren Zweck es ist, einen Gegenstand vorzustellen und zu bewerten, damit der TR sich ein fundiertes Urteil darüber 5.2 Textsortentypologie für Online-Pressetexte 115 <?page no="116"?> wie z.B. Technikmagazinen Anwendung finden. Hier hat sich parallel auch der Begriff Test durchgesetzt (z.B. Smartphone-Test, Spiele-Test), bei dem Produkte einer Kategorie nach objektiven Kriterien bewertet werden. Dieser vielfältige Phänomenbereich besitzt im Kern eine funktionale bewertende Ausrichtung mithilfe von Argumenten und Fakten, weshalb an dieser Stelle der zusammenfassende Begriff Rezension gewählt wird. bilden kann (Wolff 2017; Fasel 2013). Sie umfasst beispielsweise die Bewertung von Kunstwerken, kommerziellen Produkten oder Einrichtungen, wie etwa Restaurants. Der zu bewertende Gegenstand bestimmt dabei maßgeblich die Darstellungsweise der Textsorte. Während Rezensionen bei der Bewertung technischer Produkte fak‐ tenbasiert und objektiv gestaltet sein können, etwa durch den Vergleich messbarer Daten, findet bei Kunstwerken wie Filmen oder Musik eher eine deutungsbasierte und subjektive Betrachtung statt. In Fällen, bei denen subjektive Wertungen im Vordergrund stehen - wie bei Filmkritiken - kann der Autor stärker in den Fokus rücken und seine persönliche Sichtweise betonen, wodurch die Rezension zugleich als Meinungsäußerung verstanden wird und der TR eine Bezugsperson erhält. Bei Produktrezensionen, die auf Daten und Vergleichen beruhen, tritt der Autor hingegen oft in den Hintergrund, da seine persönliche Präsenz für den TR keinen zusätzlichen Mehrwert bietet. Üblicherweise endet eine Rezension mit einem Fazit und einer abschließenden Empfehlung, die dem TR eine fundierte Entscheidungshilfe bietet (vgl. Fasel 2013: 124). - Handlungszweck: Assertiv (Übermittlung einer Wertung über einen Ge‐ genstand) - Zielerreichungsweise: Darstellend (Fokus liegt darauf, wie Informationen über den Gegenstand übermittelt werden, um Inhalte argu‐ mentativ so aufzubauen, dass nachvollziehbare Bewer‐ tungen entstehen) - Bedingung: Judizierend (Die Rezension besitzt ein beurteilendes Element, bei dem mindestens ein Gegenstand für den TR nachvollziehbar bewertet werden sollen) 5.3 Zusammenfassung und Diskussion zur Textsorten- Typologie In diesem Kapitel wurde eine Textsortentypologie entwickelt, die sowohl funktionale als auch inhaltlich-strukturelle Merkmale von Pressetexten berück‐ sichtigt. Ziel war es, eine Grundlage für die feindifferenzierte Analyse des Textsortengebrauchs der WÜ zu schaffen. Die Typologie basiert auf einer me‐ thodischen Kombination struktureller und funktionaler Ansätze. Während die 116 5 Textsorten-Typologisierung für Online-Pressetexte <?page no="117"?> strukturelle Ebene die Eigenschaften und Merkmale typischer Darstellungsfor‐ men beschreibt, differenziert die funktionale Ebene zwischen Handlungszielen, Zielerreichungsweisen und den Bedingungen des kommunikativen Kontexts. Auf dieser Grundlage wurden etablierte, prototypische Darstellungsformen wie Meldung, Kommentar oder Reportage identifiziert. Diese Formen bilden das Fundament für die hier erarbeitete Typologie. Während der Erarbeitung zeigte sich, dass die linguistische Erforschung der Funktion von Pressetexten bislang wenig systematisch erfolgt ist. Ansätze wie die von Lüger (1995) bleiben für Feindifferenzierungen unzureichend und orientieren sich zu stark an veralteten journalistischen Definitionen. Daher wurde in diesem Kapitel eine alternative Typologie entwickelt, die die Funktionsbestimmungen von Rolf (1993) mit weiteren inhaltlichen und strukturellen Aspekten kombiniert, um eine feingliedrige Klassifikation zu ermöglichen. Im Folgenden wird näher auf die Vor- und Nachteile der entwickelten Typologie eingegangen. Textsorte Handlungszweck Erreichungsweise Vorbedingung Meldung Assertiv Transmittierend Emittierend Bericht Assertiv Darstellend Disputierend Feature Assertiv Darstellend Disputierend Anleitung Direktiv Bindend Legislationsgewalt Ratgebertext Direktiv Nicht-bindend Leserinteresse Reportage Assertiv Darstellend Registrierend Interview Assertiv Darstellend Judizierend Kolumne Assertiv Darstellend Judizierend Kommentar Assertiv Darstellend Judizierend Glosse Assertiv Darstellend Judizierend Rezension Assertiv Darstellend Judizierend Tab. 1: Funktionale Einteilung der Pressetexte An der Typologie in Tabelle 1 wird deutlich, dass auf funktionaler Ebene eine scharfe Abgrenzung bestimmter Textsorten voneinander nicht immer möglich ist. Dies betrifft einerseits die Textsorten Bericht und Feature, andererseits die Gruppe der Textsorten Interview, Kolumne, Kommentar, Glosse und Rezension. 5.3 Zusammenfassung und Diskussion zur Textsorten-Typologie 117 <?page no="118"?> Bericht und Feature zählen beide zu den darstellenden Texten mit disputie‐ render Vorbedingung. Ihr Fokus liegt jeweils auf der Erklärung und Diskussion spezifischer Sachverhalte. Dennoch unterscheiden sie sich in ihrer inhaltlichen Darstellungsweise grundlegend: Berichte folgen einem deduktiven Aufbau, bei dem ein umfassender Sachverhalt präsentiert und anschließend in seine Details aufgeschlüsselt wird. Features hingegen sind induktiv strukturiert, indem sie von einem spezifischen Fall ausgehen und diesen zum Ausgangspunkt nehmen, um auf einen übergeordneten Sachverhalt zu schließen. Für eine präzisere Abgrenzung dieser beiden Textsorten wäre eine detailliertere Unterteilung der darstellenden Zielerreichungsweise erforderlich, etwa in die Kategorien induktiv und deduktiv. Weiterhin zeigt sich, dass in Rolfs (1993) Beschreibungsmodell die Abgren‐ zung zwischen den Textsorten Interview, Kolumne, Kommentar, Glosse und Rezension nicht ausreichend erfasst werden kann. Obwohl sie alle zu den darstellenden und judizierenden Texten zählen, bedarf es auch hier formaler Merkmale, um sie voneinander klar zu unterscheiden. So zeichnen sich Glossen beispielsweise durch den konstitutiven Einsatz von Humor oder satirischen sprachlichen Mitteln aus, um ihr Ziel zu erreichen, während Kommentare meist nüchterner und argumentativer angelegt sind. Dies verdeutlicht, dass der Ein‐ satz bestimmter stilistischer Mittel ein nicht unwesentlicher Unterscheidungs‐ faktor zu sein scheint. Allerdings verwendet Rolf (1993) ein Klassifizierungsmo‐ dell, bei dem strukturelle und inhaltliche Merkmale keine Berücksichtigung finden. Da das Modell streng funktional aufgebaut ist, stößt es in solchen Fällen an seine Grenzen und erfordert eine ergänzende Betrachtung formaler und stilistischer Aspekte Bei der genaueren Betrachtung der Funktionseinteilung der Textsorten wird also deutlich, dass in bestimmten Fällen eine schärfere Differenzierung erfor‐ derlich ist. Es bedarf nicht nur einer granulareren Funktionseinteilung, sondern auch einer ergänzenden Berücksichtigung struktureller und inhaltlicher Merk‐ male. Die hier entwickelte Typologie ergänzt daher die Funktionsbestimmungen der Textsorten mit zusätzlichen inhaltlichen und strukturellen Beschreibungen. Dies ermöglicht es, eine genauere Feindifferenzierung vorzunehmen und gleich‐ zeitig Rolfs (1993) funktionale Einteilung als grundlegendes Modell beizubehal‐ ten. 118 5 Textsorten-Typologisierung für Online-Pressetexte <?page no="119"?> 32 Die Ausführungen in Kapitel 6.3. sind zusammenfassender Natur. Eine ausführlichere Beschreibung der Korpus-Struktur ist den Annotationsrichtlinien in Anhang 1 zu entnehmen. 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften- Korpus Dieses Kapitel beschreibt den Erstellungsprozess des Überschriften-Korpus, das die Grundlage für die empirische Auswertung in Kapitel 7 bildet. Ziel ist es, die Schritte von der Konzeption bis zur Fertigstellung des Korpus nachvollziehbar und transparent darzulegen. Zunächst werden die theoretischen und methodischen Vorüberlegungen erörtert, die den Einsatzzweck und die Zielsetzung des Überschriften-Korpus bestimmen. Dabei wird berücksichtigt, welche spezifischen Anforderungen sich aus der Untersuchung der WÜ als Satztyp sowie aus der Textebene ergeben. Es wird zudem begründet, warum der Einsatz eines bestehenden deutschspra‐ chigen Korpus nicht zielführend erschien und stattdessen ein eigenes Korpus erstellt wurde (Kapitel-6.1). Im Anschluss daran wird die praktische Umsetzung der Korpuserstellung dokumentiert. Dies umfasst die Beschreibung und Begründung der gewählten Datengrundlagen sowie die chronologische Darstellung der durchlaufenen Arbeitsschritte: von der Datengewinnung über den Annotationsvorgang und die Qualitätssicherung bis hin zur finalen Fertigstellung des Korpus (Kapitel 6.2). Darauf aufbauend folgt eine kurze Vorstellung des finalen Korpus, bei der dessen Struktur und Eckdaten 32 offengelegt werden. Sowohl quantitative als auch qualitative Merkmale des Korpus werden beschrieben, um ein klares Bild der Datenbasis zu vermitteln (Kapitel-6.3). Abschließend wird das Korpus kritisch reflektiert. In einer Diskussion werden zentrale Aspekte des Erstellungsprozesses sowie der Datenstruktur thematisiert, um die methodische Herangehensweise und mögliche Optimie‐ rungspotenziale transparent zu machen (Kapitel-6.4). 6.1 Theorie- und datenbezogene Gründe für den Korpusaufbau Das vorliegende Kapitel setzt sich mit der Frage auseinander, ob aktuelle Korpora der deutschen Sprache das Potenzial für eine empirische Auswertung <?page no="120"?> von WÜ und ihrem Textsortenbezug besitzen. Es wird aufgezeigt, dass deutsch‐ sprachige Korpora derzeit noch Unzulänglichkeiten in der Datenaufbereitung und -auszeichnung von Textsorten und Satztypen aufweisen (Kapitel 6.1.1). Eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik soll verdeutlichen, welche Grenzen aktuelle Korpora für die Satztypenforschung aufweisen und welche qualitativen Vorteile die Erstellung eines eigenen Überschriften-Korpus mit Satztypen- und Textsortenauszeichnung für die vorliegende Dissertation besitzt. Auf dieser Grundlage aufbauend werden theoretische Vorüberlegungen für die Gestaltung eines textsortenannotierten Überschriften-Korpus diskutiert und benannt (Ka‐ pitel 6.1.2). Das Kapitel schließt mit einer korpustypologischen Einordnung ab, die die für den Gestaltungsprozess theoretischen und methodischen Aspekte zusammenfasst (Kapitel 6.1.3). Mit diesem Kapitel soll deutlich werden, welchen Einfluss die Fragestellung der Dissertation auf die Zielsetzung und Ausgestal‐ tung des finalen Überschriften-Korpus hat. 6.1.1 Zur Entscheidung einer Korpuserstellung Um zu entscheiden, auf welche Art und Weise eine korpuslinguistische Unter‐ suchung durchgeführt werden soll, ist es notwendig, den Gegenstand bzw. Phänomenbereich der empirischen Arbeit zu benennen. Im Fall der vorliegenden Dissertation ist der Gegenstand die WÜ und das gegebene Ziel, die Schnittstelle zwischen Satztyp und Text zu untersuchen, indem die Beziehung der WÜ und ihres Textgebrauchs betrachtet wird. Das zu verwendende Korpus, das als Grundlage für die empirische Auswertung dienen soll, muss demnach Auszeichnungen bzw. Annotationen auf Text- und Satztypenebene besitzen. Um WÜ auffindbar zu machen und von anderen Satztypen disambiguieren zu können, müssen im Korpus Überschriften von Pressetexten mit formalen Satz‐ typenmerkmalen ausgezeichnet sein. Zu diesen formalen Merkmalen zählen u.a. die Stellung des finiten Verbs, die Markierung von w-Ausdrücken und die Auszeichnung von Modalpartikeln. Weiterhin ist es notwendig, dass das zu verwendende Korpus eine Textsortenauszeichnung besitzt, die einer genauen bzw. nachvollziehbaren Typologie folgt, um die Kohärenz und die Qualität der Auszeichnungen zu gewährleisten. Für die Nachprüfbarkeit der ausgezeichne‐ ten Textsorten ist zudem die Einsehbarkeit der Volltexte erforderlich. Es ist also die Frage zu stellen, ob es deutschsprachige Korpora gibt, die die eben genannten Kriterien erfüllen, sodass sie für die Untersuchung verwendet werden können. Hinsichtlich satztypenspezifischer Merkmale findet sich in aktuellen Kor‐ pora der deutschen Sprache kein Annotationsschema, das für eine gezielte Auswertung auf Satztypenebene geeignet ist. Als möglicher Grund hierfür lässt 120 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="121"?> 33 Eine Disambiguierung könnte vielleicht auch über Embeddings mit dem Einsatz von kontextsensitiven Sprachmodellen aus dem Bereich des maschinellen Lernens erreicht werden. Dies Bedarf aber ebenfalls eines weiteren Nachbereitungsschrittes, der zudem evaluiert werden muss. sich anführen, dass sich die formalen Merkmale für eine Bestimmung von Satztypen über mehrere Sprachebenen erstrecken, bei denen phonologische, morphologische und syntaktische Merkmale eine Rolle spielen. Eine solche breit gefächerte Abdeckung der Auszeichnungen liefern die meisten Korpora jedoch nicht, da sie häufig den Fokus auf bestimmte Sprachebenen legen. So findet bspw. die Auszeichnung von intonatorischen Merkmalen wie Betonung und Tonhöhenverlauf eher in Korpora der gesprochenen Sprache statt, nicht aber in Korpora der geschriebenen Sprache. Zudem zeichnen die Korpora in der Regel nicht direkt die Satzpositionierungen von bspw. finiten Verben oder w-Ausdrücken aus. Diese positionellen Auszeichnungen können zwar automa‐ tisiert werden, dafür bedarf es aber einer Nachbereitung der Datengrundlage. Aktuelle Korpora leisten die notwendigen satztypspezifischen Annotationen über die verschiedenen Sprachebenen hinweg also nicht, weshalb Umwege zur Identifizierung von Satztypen gefunden werden müssen. Laut Näf (2006) ist hierfür das Verfahren der Anfragezuspitzung anzuwenden. Bei einer solchen Anfragezuspitzung zur Erkennung von Satztypen sind sowohl automatisierte Prozesse als auch manuelle Nacharbeiten Teil des Vorgehens. Diese kommen in verschiedenen Filterebenen zum Einsatz, mit deren Hilfe sukzessiv Subkorpora erstellt werden, bei denen am Ende die gesuchten Satztypen enthalten sind. Bei der Filterung wird sich an speziellen Merkmalen oder Merkmalskombinationen orientiert, die als „Angriffshebel“ (Näf 2006: 106) für eine automatische Filterung verwendet werden können und abhängig vom gesuchten Satztyp sind. Solche halbautomatisierten Verfahren sind in der Umsetzung als aufwendig einzustufen, da sie ressourcenintensiv und erheblich von den Auszeichnungs‐ ebenen des verwendeten Korpus abhängig sind. Allerdings lässt sich ein halb‐ automatisches Vorgehen beim korpusbasierten Arbeiten an Satztypen aktuell nicht vollständig vermeiden. So ist es bspw. erforderlich, die Auszeichnung von Modalpartikeln manuell durchzuführen, da diese homonym zu anderen Wortarten wie Adjektiven, Gradpartikeln oder Satzadverbien sein können (Müller 2014) und eine Disambiguierung mithilfe des Satzkontextes stattfinden muss. Eine solche Annotation kann aber nur umfänglich ein menschlicher Annotator 33 leisten, weshalb eine händische Auszeichnung unumgehbar ist. Neben der Satztyperkennung spielen aber noch zwei weitere Aspekte bei der Untersuchung der WÜ eine Rolle: Der Textsortengebrauch und die Beziehung der WÜ zu ihrem Bezugstext. Ein Korpus, das für die Untersuchung verwendet 6.1 Theorie- und datenbezogene Gründe für den Korpusaufbau 121 <?page no="122"?> werden soll, muss also neben einer Auszeichnung von Überschriften auch eine Auszeichnung der Textsorte des Bezugstextes besitzen. Die Auszeichnung der Überschriften-Position und ihre Trennung von weiteren Textelementen wie z.B. der Dachzeile und Unterzeile finden sich in Korpora, die nach dem Corpus Encoding Standard (CES) ausgezeichnet sind. Hierzu zählt bspw. das Deutsche Referenzkorpus (DeReKo) vom Institut für Deutsche Sprache (2018a). Eine Filterung der Überschriften lässt sich also mit gezielten Suchanfragen in einigen deutschsprachigen Korpora vollziehen. Weniger eindeutig verhält es sich jedoch mit der Textsortenauszeichnung. Zwar existieren Korpora, die eine Textsortenauszeichnung aufweisen, jedoch ist bei diesen die Qualität der Annotationen zu hinterfragen. Werden z.B. im DeReKo mögliche Auszeichnungen für Textsorten betrachtet, so fällt auf, dass es im Korpus 78 Textsortenzuordnungen inkl. Abstufungen gibt. Zu diesen zählen u.a. Rezensionen, die in Buchrezension, Kunstrezension, etc. feindifferenziert sind. Es gibt aber auch weniger nachvollziehbare Textsorten, bei denen die Kategorien kurioser Fall, tragischer Fall und spektakulärer Fall unterschieden werden (vgl. Institut für Deutsche Sprache 2018b). Worin sich aber bspw. die Textsorte kurioser Fall von der Textsorte spektakulärer Fall unterscheidet, ist nicht einsehbar, da weder eine Beschreibung noch eine Typologie hinter den Textsorteneinteilungen steckt. Die Nachvollziehbarkeit bzw. Nachprüfbarkeit der Textsortenzuordnung ist im DeReKo also nicht gegeben. Auf diese Proble‐ matik wird auch in der Dokumentation hingewiesen: „Die meisten Textsorten- Klassifikationen werden automatisch aus den Metadaten der Originaldaten extrahiert, die auch fehlerhafte Zuweisungen enthalten können“ (Institut für Deutsche Sprache 2018b). Die automatische Zuweisung zu Textsorten ist auch der Grund für ein weiteres Problem des DeReKo: Ein Großteil der Daten besitzt keine Textsortenauszeichnung. Das Korpus ist also nicht im vollen Umfang für textsortenspezifische Analysen einsetzbar. Die fehlende systematische Auszeichnung von Textsorten ist jedoch kein Einzelfall. Weitere Korpora der deutschen Sprache wie bspw. das Deutsche Textarchiv (2019) und das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (2019) besitzen lediglich die Unterscheidung von Textgenres, wozu Belletristik, Ge‐ brauchsliteratur, Wissenschaft und Zeitung zählen. Wie genau diese Zuordnun‐ gen vorgenommen wurden, wird aber auch hier nicht weiter erläutert. Bezogen auf den Untersuchungsgegenstand dieser Dissertation lässt sich zusammenfassend feststellen, dass mehrere Gründe gegen den Einsatz von bestehenden Korpora der deutschen Sprache sprechen. Ein Hauptargument besteht darin, dass die Korpora ohne Neuaufbereitung der Datenstrukturen und erneute Annotation der Textsorten weder adäquat durchsuchbar noch 122 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="123"?> 34 Ob Authentizität bzw. Natürlichkeit der Sprachdaten als obligatorisches Kriterium für eine Korpusdefinition herangezogen werden muss, ist umstritten. Sprachdaten in Korpora bilden lediglich das Sprachverhalten ab, nicht jedoch die Sprache als abstraktes System im Ganzen. Der Zweck der Datenerfassung und die Frage danach, welches Sprachverhalten in welchem Kontext untersucht werden soll, geben somit vor, ob authentische bzw. auch natürliche Sprachdaten notwendig sind, um linguistisch auswertbar sind. Zwar sind Erweiterungen und Neuannotationen in Korpora prinzipiell denkbar, solange die Verwendungslizenzen dies zulassen, jedoch muss abgewogen werden, ob der Aufwand einer Korpusmodifizierung nicht höher ist als eine Korpusneuerstellung. Es sprechen mehrere Gründe für die Erstellung eines eigenen, neuen Korpus zum Zwecke der Untersuchung des textsortenspezifischen Gebrauchs der WÜ. Zu den Vorteilen zählen v.a. die Gestaltungsfreiheit der Annotation, die auf den Untersuchungsgegenstand zugeschnitten werden kann,und die Verwaltungsho‐ heit über die gewonnenen Daten. Ein eigenes Korpus lässt sich also in einer solchen Weise gestalten, dass eine gezielte Untersuchung der Satztyp-Text- Schnittstelle durchgeführt werden kann und es dahingehend ausbaufähig bleibt. Die Erstellung eines neuen Korpus birgt zwar im ersten Schritt einen Mehrauf‐ wand, ist jedoch vor dem Hintergrund fehlender Auszeichnungsebenen bzgl. ei‐ ner Satztypenerkennung und der nicht systematischen Textsortenauszeichnung in bestehenden Korpora als sinnvoll zu betrachten. Denn qualitative Aussagen über Korrelationen von Textsorten und Satztypen lassen sich nur treffen, wenn eine systematische Textsortentypologie für die Annotation vorliegt und sich Satztypen ohne aufwendige Verfahren identifizieren lassen. 6.1.2 Zur Vorbereitung der Korpusgestaltung Aus den in Kapitel 6.1.1 angestellten Überlegungen, die zu der Entscheidung für die Erstellung eines neuen Korpus geführt haben, ergeben sich zusätzli‐ che Aspekte, die vor der praktischen Umsetzung der Datensammlung und -strukturierung beachtet werden müssen: Authentizität, Repräsentativität und Metadatenerschließung. Denn ein digitales linguistisches Korpus sollte authen‐ tische Sprachdaten enthalten (Scherer 2006), muss repräsentativ für den zu untersuchenden Gegenstand sein (Stefanowitsch 2005) und in der Regel durch Metadaten erschlossen und linguistisch annotiert sein (Lemnitzer/ Zinsmeister 2015). Es ist daher wichtig, diese Faktoren zu berücksichtigen, um ein qualitativ hochwertiges und aussagekräftiges Korpus zu erstellen. Die Authentizität 34 der Sprachdaten bezieht sich darauf, dass Korpusdaten aus unreflektierter Sprache bestehen müssen, die in einem natürlichen Umfeld 6.1 Theorie- und datenbezogene Gründe für den Korpusaufbau 123 <?page no="124"?> evidente Ergebnisse für die Prüfung einer Hypothese zu liefern. Siehe hierzu auch Hirschmann (2019: 3). geäußert wurden (vgl. Lemnitzer/ Zinsmeister 2015: 39). Dies bedeutet, dass die verwendete Sprache „von wahren Sprechern in realen Kontexten“ (Mukherjee 2009: 21) entstanden sein muss. Somit wären authentische Sprachdaten klar abzugrenzen von Sprachdaten, die aus der Introspektion stammen - also ausgedachte, konstruierte Sprachbeispiele, die für Theoriebildungen herange‐ zogen werden - wie auch von Sprachdaten, bei denen die Sprachproduzenten wussten, dass ihre Sprache bzw. ihr Sprachverhalten beobachtet wird. Für den Korpusaufbau ist demnach zu beachten, dass die Überschriften und zugehörigen Texte in einem Umfeld produziert worden sind, in dem der TP kein Wissen darüber hatte, dass seine veröffentlichten Artikel zur Untersuchung von Über‐ schriften und Satztypen herangezogen werden. Hiervon kann jedoch in aller Regel ausgegangen werden, wenn die Daten aus öffentlich verfügbaren Online- Artikeln stammen. Die Repräsentativität der Sprachdaten in einem Korpus dient dazu, die Aussagekraft von Analysen und Auswertungen mithilfe des Sprachausschnittes, welches das Korpus darstellt, auf die Grundgesamtheit zu bestimmen (vgl. Stefanowitsch 2005: 148). Um Repräsentativität angeben zu können, muss also das Korpus die Stichprobe aus einer Grundgesamtheit darstellen. Da der Gegenstand der Sprache jedoch unendlich ist und täglich neue Sprachdaten von Sprechern erzeugt werden, kann die Grundgesamtheit nie genau bestimmt werden. Lemnitzer/ Zinsmeister (2015) sprechen somit auch davon, dass „die Repräsentativität einer Stichprobe im Verhältnis zur Grundgesamtheit eine Fik‐ tion“ (Lemnitzer/ Zinsmeister 2015: 51) sei. Möglichkeiten, um diesem Dilemma auszuweichen und ein repräsentatives Korpus zu erstellen, bestehen entweder darin, ein umfangreiches, vielfältiges Korpus zu erstellen (Kupietz/ Keibel 2009) oder ein ausbalanciertes Korpus anzustreben, bei dem gezielt eine ausgewogene und eingeschränkte Menge von Daten bspw. bezogen auf Textsorten und Zeitabschnitte abgebildet wird (McEnery et al. 2006; Storrer 2011). Im Rahmen der Dissertation bedeutet dies für das zu erstellende Überschriften-Korpus, dass es eine Stichprobe aus der Grundgesamtheit aller online verfügbaren deutschsprachigen Artikel aus Online-Presseportalen darstellen muss. Da die Grundgesamtheit aller Online-Artikel jedoch nie abgeschlossen ist - jeden Tag werden neue Artikel veröffentlicht -, muss auf eine Ausgewogenheit der Daten geachtet werden. Um diese Ausgewogenheit anzustreben, beschränken sich die zu erhebenden Daten auf alle Artikel von spezifischen Presseportalen in einem gegebenen Zeitraum. Bei den Presseportalen wird darauf geachtet, dass 124 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="125"?> nur solche berücksichtigt werden, bei denen die Artikel in der Regel durch ausgebildete, beruflich agierende TP und Lektoren/ Korrektoren veröffentlicht wurden. Der Fokus liegt somit auf professionell erstellten Pressetexten. Ein Vorteil dieser Beschränkung zeigt sich beim dritten genannten Punkt der Metadaten. Denn in Online-Portalen werden in der Regel dieselben Metadaten verwendet, wozu bspw. das Veröffentlichungsdatum, die Autorennennung und die Ressorts zählen. Diese Daten können also ins Korpus übernommen werden, um die Primärdaten anzureichern. Neben diesen grundlegenden Überlegungen zu der Authentizität/ Natürlich‐ keit, der Repräsentativität/ Ausgewogenheit und den Metadaten sind des Wei‐ teren auch gestalterische Aspekte relevant, die die Struktur der Datenauf‐ bereitung betreffen. So sollen Sprachdaten linguistisch adäquat aufbereitet, nachprüfbar und möglichst theorieneutral ausgezeichnet sein. Bei der Gewin‐ nung und Bearbeitung der linguistischen Daten für das Korpus muss daher eine Sorgfaltspflicht von allen Beteiligten eingehalten werden. Um die Transparenz und Korrektheit der Daten zu gewährleisten, wird sich beim bevorstehenden Korpus-Gestaltungsprozess an den Annotationsmaximen von Leech (1993) orientiert. Diesen zufolge sollen die Annotationen in andere Dateiformate extrahierbar und einsehbar sein. Zudem soll das Annotationsvor‐ gehen mit dem Annotationsschema nachvollziehbar und die Daten möglichst theorieneutral ausgezeichnet sein bzw. einer Theorie folgen, über die in der Forschungsgemeinschaft ein Konsens besteht. Zusammenfassend bedeutet dies, dass die Daten einsehbar und überprüfbar sein müssen. Da das angestrebte Korpus Überschriften aus Online-Artikeln als Primärdaten enthalten wird, muss also mindestens das Metadatum der URL für den Artikel enthalten sein, um die Originaldaten mit den Primärdaten und weiteren Metadaten im Korpus abglei‐ chen zu können. Weiterhin ist es wichtig zu beachten, dass online verfügbare Daten einem zeitlichen Wandel unterliegen und noch Tage später verändert oder gelöscht werden können. Aus diesem Grund muss ebenfalls ein Metadatum für das Veröffentlichungsdatum des Artikels aufgenommen werden. Für die Auszeichnung der satztypbezogenen Merkmale einer Artikelüberschrift ist es zudem notwendig, dass die Daten mit genau den Formmerkmalen ausgezeichnet werden, die für die Bestimmung eines formalen Satztyps notwendig sind. Hierunter fallen u.a. die Stellung des finiten Verbs im Satz oder die Markierung von w-Ausdrücken und Modalpartikeln. Weiterhin ist eine Textsortenauszeich‐ nung zu verwenden, die sich auf einer Typologie für Pressetexte stützt (s. Kapitel 5). Um die Annotation der Daten zu vereinheitlichen und transparent zu halten, wird den Annotatoren und Beteiligten eine Dokumentation mit Annotationsrichtlinien (s. Anhang 1) zugänglich gemacht. 6.1 Theorie- und datenbezogene Gründe für den Korpusaufbau 125 <?page no="126"?> 35 Der Beschreibungsaspekt Metadaten wird von Lemnitzer/ Zinsmeister (vgl. 2015: 137- 142) nicht explizit aufgeführt, in der folgenden Liste wird er jedoch gesondert behandelt, da die Metadaten im finalen Korpus bei der späteren empirischen Auswertung zur gezielten Filterung verwendet werden. Ein letzter Punkt, der bei der Erstellung des Korpus wichtig ist, betrifft dessen Wiederverwendbarkeit und Ausbaufähigkeit. Das finale Korpus soll so gestaltet sein, dass es für zukünftige empirische Forschungen genutzt, nach Bedarf modifiziert und gegebenenfalls erweitert werden kann. Aus diesem Grund wird angestrebt, das in der Korpuslinguistik übliche Dateiformat XML zu verwenden. Zusätzlich sollen möglichst viele eindeutige Metadaten aus den Online-Artikeln, wie beispielsweise Autor, Ressort oder Hinweise auf Paywalls, automatisiert aus den Quellen ausgelesen und in das Korpus integriert werden. In der Theorie soll das aufzubauende Korpus alle in diesem Kapitel erwähnten Aspekte mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Kapazitäten abdecken. Bevor aber mit der Erstellung begonnen wird, müssen die genaue Zielsetzung des Korpus sowie seine Einordnung in eine Korpustypologie festgelegt werden, was im folgenden Kapitel erläutert wird. 6.1.3 Korpustypologische Beschreibung des Überschriften- Korpus Für die Erstellung des Überschriften-Korpus ist eine konkrete Zielsetzung und typologische Einordnung notwendig, um zu bestimmen, welche Daten mit welchen Attributen und Werteausprägungen in das finale Korpus einfließen, welchen Umfang die Datensammlung haben soll und welche Beschreibungs‐ grenzen gezogen werden. Dieser Schritt dient sowohl der Klassifizierung der Korpus-Bestandteile als auch der Einordnung in die Reihe bestehender Korpora. Im Weiteren orientieren sich die Beschreibungen an der Korpustypologie von Lemnitzer/ Zinsmeister (vgl. 2015: 137-142), die sich auf die folgenden Aspekte konzentriert: Funktionalität, Sprachenauswahl, Medium, Größe, Annotation, Metadaten, 35 Persistenz, Sprachbezug, Verfügbarkeit. - Funktionalität: Der primäre Zweck des Korpus ist die Analyse von WÜ und ihrer Beziehung zu Textsorten bzw. Textfunktionen in Online-Pressetexten, um Schlussfolgerungen bzgl. der Schnittstelle Satztyp-Text zu ziehen. Der weiterge‐ hende Zweck besteht darin, auch andere Satztypen in Überschriften auf dieselbe Weise auswertbar zu machen, um kontrastierende Studien ihres Gebrauchs in der Überschriften-Position zu ermöglichen. 126 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="127"?> Sprachenauswahl: Das Korpus wird monolingual sein. D.h. die Daten stammen nur aus deutschsprachigen Artikeln. Übersetzte Artikel werden nicht Teil der Datensammlung sein. - Medium: Aufgrund der Festlegung auf Artikel-Überschriften aus Online-Nach‐ richtenportalen wird das Korpus keine multimedialen Daten beinhalten. Die Da‐ tensammlung enthält entsprechend nur schriftlich realisierte Überschriften aus Online-Artikeln. Artikel aus Printmedien oder digitale Versionen von Printausga‐ ben wie bspw. E-Paper werden kein Teil der Datensammlung sein. Falls Artikel eine Einbettung von weiteren Medien wie Audiodateien oder Videos enthalten, wird dies in den Metadaten gekennzeichnet. - - Größe: Die Größe des Korpus bzw. der Umfang der Datenmenge richtet sich nach der erfassten Anzahl von Artikeln und ihrer Überschriften. Angesichts der angestrebten Ausgewogenheit der Datensammlung wird darauf geachtet, dass alle Artikel, die in einem bestimmten Zeitraum veröffentlicht wurden, ins Korpus aufgenommen werden. - - Annotation: Die extrahierten Überschriften aus den Online-Pressetexten wer‐ den tokenisiert, lemmatisiert und auf weiteren linguistischen Annotationsebe‐ nen hinsichtlich der Satztypen- und Textebene ausgezeichnet. Der Annotations‐ vorgang wird eine Mischung aus automatisierter und manueller Annotation, die mithilfe unabhängiger Annotatoren auf den folgenden linguistischen Ebenen stattfindet: - - - Morphosyntax: Die tokenisierten Überschriften der Online-Artikel werden mithilfe eines TreeTaggers nach dem Schema des Tübinger STTS Tagsets automatisiert mit Wortarten ausgezeichnet. Dieser Vorgang dient primär dazu, um finite von infiniten Verben in einem ersten Schritt zu unterscheiden und w-Ausdrücke zu identifizieren. - - - Syntax: Auf dieser Ebene werden die Satzgrenzen festgehalten bzw. die Bestandteile der Überschrift. - - - Satztyp: Formale Eigenschaften von Satztypen werden in Anlehnung an Altmann (1993) ausgezeichnet. Hierzu zählen u.a. Verbstellung, Markierung von w-Ausdrücken und Modalpartikeln. Mithilfe dieser Auszeichnungsebene sollen die formalen Satztypen bestimmt werden. - - - Text: Auf dieser Ebene wird die Textsortenzugehörigkeit des Presse-Artikels markiert und die Abgrenzung der Überschrift zur Dachzeile vorgenommen. - - Metadaten: Die Angabe der Metadaten zur Anreicherung der Primärdaten wer‐ den sich auf kontextuelle Eigenschaften des jeweiligen Artikels beziehen. Dies umfasst bspw. die Erfassung der folgenden Informationen: Gattungs,- Ressort- und Rubrikzugehörigkeit, Autorschaft, Veröffentlichungsdatum, Verwendung von Paywalls und weiterer Medienformate wie Videos und Bilderstrecken. Hierdurch soll der Artikelbzw. Überschriftenkontext möglichst detailliert erfasst und analysierbar gemacht werden. - - Persistenz/ Beständigkeit: Aufgrund der eingeschränkten Kapazitäten bei der Korpuserstellung (personell, zeitlich, finanziell) wird ein statisches Korpus angestrebt, das während des Erstellungszeitraums anwächst und das Ziel besitzt, einen möglichst hohen Bestand an Daten aufzunehmen und auszuzeichnen. Das Korpus wird nach Fertigstellung in einer abgeschlossenen Version verfügbar 6.1 Theorie- und datenbezogene Gründe für den Korpusaufbau 127 <?page no="128"?> gemacht. Eine Überarbeitung oder Wiederaufnahme des Korpus kann in der Zukunft angestrebt werden. - - Sprachbezug/ Repräsentativität: Das Korpus soll ein ausgewogenes Verhält‐ nis an Online-Nachrichtenportalen abdecken, aus denen die Artikel-Überschrif‐ ten innerhalb eines festen Zeitraums entnommen werden. Die Grundgesamtheit aller Artikel dieser Online-Portale wird demnach eine abgeschlossene Menge darstellen, so dass das Korpus bezogen auf den Untersuchungsgegenstand und des gewählten Zeitraums möglichst repräsentativ ist. - - Verfügbarkeit: Das Überschriften-Korpus soll für wissenschaftliche Zwecke offen zugänglich gemacht werden, weshalb eine Nutzung unter einer freien Lizenz angestrebt wird. Es wird im XML-Dateiformat angelegt. Mithilfe der oben aufgeführten Beschreibungen lässt sich ein zusammenfassen‐ des Ziel für die Korpusgestaltung bestimmen, an welchem sich die weiteren Schritte der Datenaufbereitung orientieren werden: Das Ziel ist die Erstellung eines monolingualen Korpus der geschriebenen Sprache mit Überschriften deut‐ scher Pressetexte aus Online-Presseportalen innerhalb eines festen Zeitraums, das den Anspruch hat, hinsichtlich der Online-Presse ausgewogen zu sein, eine satztypen- und textspezifische Annotation zu bieten und durch Metadaten die kontextuelle Beschaffenheit der Artikel-Überschriften abzubilden. 6.2 Prozesse der Korpuserstellung Bisher wurden die Beweggründe für die Erstellung eines Überschriften-Korpus erläutert und gestalterische Faktoren genannt, die dabei zu berücksichtigen sind. Auf diese theoretischen Vorüberlegungen folgt nun die Durchführung der Korpuserstellung. Die methodische Grundlage für das Vorgehen bilden die Aus‐ führungen von Lemnitzer/ Zinsmeister (2015). Die einzelnen Arbeitsschritte, die zur Erstellung des finalen Korpus beigetragen haben, werden in den folgenden Unterkapiteln rückblickend betrachtet. Entsprechend ist es das Ziel des Kapitels, den durchgeführten Arbeitsprozess zusammenfassend zu dokumentieren und zu erläutern. Einleitend werden die Online-Presseportale, deren Artikel die Datengrund‐ lage für das Korpus darstellen, vorgestellt und ihre Auswahl begründet (Ka‐ pitel 6.2.1). Anschließend wird auf die Datengewinnung, die mit der Hilfe von RSS-Feedscrapern durchgeführt wurde, und die Verarbeitung der Sprach- und Metadaten eingegangen (Kapitel 6.2.2). Daran anschließend werden die Annotationsvorgänge beschrieben (Kapitel 6.2.3) und die Durchführung der Qualitätssicherung erläutert (Kapitel-6.2.4). 128 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="129"?> 36 Weitere Merkmale für die Quellenauswahl wären auch denkbar, z.B. Alter oder politi‐ sche Ausrichtung der Leserschaft. Mit den zu berücksichtigenden Merkmalen würden aber auch die Anzahl der Quellen steigen, was den möglichen Bearbeitungsrahmen dieser Arbeit sprengen würde. 6.2.1 Auswahl und Beschreibung der Datenquellen Das Korpus strebt an, ausgewogen zu sein, um im Bereich deutschsprachiger Online-Pressetexte eine möglichst hohe Repräsentativität zu erreichen. Bei der Wahl der Quellen wird daher darauf geachtet, dass Vertreter der größten Tages‐ zeitungen und Magazine Deutschlands mit ihren Online-Portalen vertreten sind. Da Zeitungen und Magazine unterschiedliche Themenschwerpunkte setzen, wird bei der Quellenauswahl auf eine ausgewogene Mischung von Online- Portalen geachtet, die Themen im Hard News- und im Soft-News-Bereich abdecken. Zudem wird darauf geachtet, dass die Quellen verschiedene Entste‐ hungshintergründe besitzen, da Online-Portale und ihre zugehörigen Redaktio‐ nen historisch unterschiedlich gewachsen sein können. So sind viele Online- Portale Ableger von Zeitungen und Magazinen und haben eine Transformation vom Printin den Online-Bereich hinter sich. Andere Nachrichten-Portale sind hingegen erst in jüngerer Zeit direkt online entstanden. Solche Portale haben keine Wurzeln im traditionellen Printmedium, weshalb anzunehmen ist, dass diese Online-Redaktionen kein für Printmedien geprägtes journalisti‐ sches Handwerk als Grundlage haben, sondern einen eigenen konventionellen Gebrauch entwickelt haben. Zusammengefasst bestehen die ausgewählten Quellen aus Online-Portalen von Tageszeitungen und Magazinen, die aus dem Print-Bereich stammen oder bereits online entstanden sind. Alle Quellen haben unterschiedliche Themen‐ fokussierungen und unterschiedliche Leserschaften. Sie sprechen also eine breite Masse an TR mit diversen Interessenbereichen an. Da alle Quellen feste Redaktionen besitzen, die regelmäßig Inhalte produzieren, kann davon ausge‐ gangen werden, dass die dort verfassten Texte von qualifizierten, geschulten Journalisten verfasst wurden, die das journalistische Handwerk beherrschen und nach gängigen Standards ihre Texte verfassen. Die nachfolgende Tabelle 2 zeigt die ausgewählten Online-Portale zusammen mit ihrer Pressegattung (Zeitung, Zeitschrift), dem Entstehungshintergrund (Print, TV, Online) und der Themenfokussierung (Hard- und Soft News). 36 6.2 Prozesse der Korpuserstellung 129 <?page no="130"?> 37 Bei N-tv.de liegt korrekterweise ein TV-Hintergrund vor (Fernsehsender NTV). Das Presseportal kommt den Tageszeitungen in seinen Inhalten und der Behandlung des tagesaktuellen Geschehens allerdings sehr nahe, weshalb es hier unter Tageszeitung eingeordnet wird. Quelle Entste‐ hung Pressegattung Themenfokus Bento Online Magazin Soft News (Lifestyle) BILD Online Print Tageszeitung Hard News (Politik, Gesellschaft) BuzzFeed Online Magazin Soft News (Lifestyle) FAZ.NET Print Tageszeitung Hard News (Politik inter-/ natio‐ nal) Focus Online Print Magazin Hard News (Politik, Finanzen) Gala.de Print Magazin Soft News (Königshäuser, Stars) GameStar.de Print Magazin Soft News (Games, Technik) Giga.de TV Magazin Soft News (Games, Technik) Handelsblatt.com Print Tageszeitung Hard News (Wirtschaft, Finanzen) Neues-Deutschland.de Print Tageszeitung Hard News (Politik, Wirtschaft) N-tv.de TV Tageszei‐ tung 37 Hard News (Politik, Wirtschaft) Spiegel Online Print Magazin Hard News (Politik, Wirtschaft) Stern.de Print Magazin Soft News (Kultur, Gesellschaft) Sueddeutsche.de Print Tageszeitung Hard News (Politik, Wirtschaft) TAZ.de Print Tageszeitung Hard News (Politik, Gesellschaft) Utopia Online Magazin Soft News (Gesundheit, Umwelt) Welt.de Print Tageszeitung Hard News (Politik, Wirtschaft) Wirtschaftswoche.de Print Magazin Hard News (Wirtschaft, Finanzen) Zeit Online Print Tageszeitung Hard News (Politik, Gesellschaft) Tab. 2: Im Korpus vertretene Online-Quellen Im Sinne der Transparenz und einer feineren Ausdifferenzierung der Quellen für die spätere Auswertung werden in den folgenden Abschnitten die einzelnen 130 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="131"?> 38 Bento wurde Ende September 2020 eingestellt (Bolmer/ Rieke 2020). Die Erfassung der Daten wurde aber nicht beeinflusst, da die Einstellung der Website erst nach der Fertigstellung des Korpus geschah. Verlinkungen zu den Artikeln führen nun ins Archiv zu Spiegel Online. 39 Eine Emotionalisierung des Lesers äußert sich auch in der nicht-sprachlichen Kommu‐ nikation wie bspw. der Einsatz gezielter Bilder oder der Typografie der Artikel (z.B. große Überschrift, uneinheitliche Kursiv- oder Fettschreibung und häufiger Gebrauch unterschiedlicher Textgrößen). Online-Portale kurz zusammenfassend beleuchtet und ihre Besonderheiten beschrieben. Bento: Das Nachrichtenportal Bento 38 beschreibt sich als „das junge Angebot von SPIEGEL ONLINE“ (Bento 2019) und ist ein Ableger des Online-Magazins Spiegel Online. Es besitzt einen Fokus auf Soft-News mit Bezug zu aktuellen Themen, die gezielt junge Erwachsene ansprechen sollen. Die Ressorts decken vage benannte Themenfelder ab, wie bspw. „Gefühle“ und „Gerechtigkeit“. Auf‐ fällig sind der nicht formale Sprachstil und der Einfluss subjektiver Eindrücke der Autoren in den jeweiligen Artikeln. Eine Trennung zwischen der Meinung des Autors und objektiver Berichterstattung ist nicht immer eindeutig möglich. BILD Online: Die Online-Präsenz der BILD-Tageszeitung besteht seit 1996. Sie besitzt eine Leserschaft mit durchschnittlich monatlich 25 Mio. Unique Usern (vgl. AGOF 2019a) und gehört zu den reichweitenstärksten Online-Nach‐ richtenportalen in Deutschland (vgl. AGOF 2019b). Die BILD-Zeitung besitzt überwiegend eine Leserschaft in der Altersgruppe 50-59 Jahre und bezeichnet sich selbst als ein „News- und Entertainment-Portal“ (BILD Online 2019), das ein breites Themenspektrum von Hard News (z.B. Politik, Wirtschaft) bis Soft News (z.B. Prominente, Sport) abdeckt. Der Sprachstil ist wie in der Printausgabe in‐ formell und einfach gehalten. Ereignisse werden „dramatisiert und simplifiziert“ (vgl. Goethe Institut [Memento] 2011). Das Ziel der Redaktion ist es, beim Leser Emotionen zu wecken, was u.a. durch eine expressive Rhetorik 39 erreicht wird (vgl. Pustka 2014: 126). BuzzFeed: BuzzFeed.de ist der deutschsprachige Ableger des gleichnamigen amerikanischen Online-Portals und besitzt weltweit neun Niederlassungen. BuzzFeed bezeichnet sich selbst als „globales, plattformübergreifendes Netz‐ werk“ (BuzzFeed 2019), das seine Artikel ergänzend zum Online-Portal in sozialen Medien verbreitet. Die Zielgruppe sind junge Erwachsene. Es wird eine informelle Sprache mit emotionalisierender Rhetorik verwendet, die den 6.2 Prozesse der Korpuserstellung 131 <?page no="132"?> 40 LOL steht für Laugh Out Loud (dt. lautes Lachen), FAIL entspricht der deutschen Übersetzung von Fehler im Sinne eines Missgeschicks und OMG steht für Oh My God (dt. Oh mein Gott). Leser ansprechen soll. Dies zeigt sich u.a. an der Benennung der Ressorts mit Ausdrücken, wie z.B. LOL, FAIL oder OMG. 40 FAZ.NET: Die Online-Präsenz der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), die als „bürgerlich-konservativ“ (vgl. Goethe Institut [Memento] 2011) gilt, besteht seit 2001 und besitzt monatlich im Durchschnitt 12 Mio. Unique User. Die Leserschaft der FAZ setzt sich hauptsächlich aus Menschen über 40 Jahren mit einem hohen Bildungsabschluss zusammen (vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung 2019). Print- und Online-Redaktion arbeiten bei der FAZ gemeinsam, so dass Artikel parallel auf dem Online-Portal und in der Printausgabe erschei‐ nen können (vgl. FAZ.NET 2019). Abgedeckt werden in der überregionalen Tageszeitung primär Hard News aus dem Spektrum Politik, Wirtschaft und Finanzen, jedoch werden auch Soft-News u.a. aus den Bereichen Feuilleton, Sport und Technik angeboten. Der Anspruch der FAZ ist es nach eigenen Angaben, faktenbasiert, analytisch und unabhängig zu sein, und ergänzend zu dieser Objektivität dem Leser auch Meinungen zu präsentieren (vgl. FAZ.NET 2019). Focus Online: Focus Online gehört zu den reichweitenstärksten Online-Nach‐ richtenportalen in Deutschland (vgl. AGOF 2019b) und entstand 1996 als Online- Präsenz des Printmagazins Focus. Wie in der Printausgabe bedient Focus Online gezielt Hard News mit einem politischen, finanziellen und gesellschaftlichen Fokus, jedoch werden auch Bereiche aus dem Alltagsleben der Leser wie Gesundheit, Kultur und Automobil angeboten. Focus Online positioniert sich als Magazin, das dem Ratgeberjournalismus zugeschrieben werden kann. So wird das Magazin als Medium präsentiert, das dem Leser dabei helfen will „die Komplexität des Alltags zu reduzieren“ (BurdaForward 2019) oder Empfeh‐ lungen für ihn auszusprechen. Angesprochen werden laut offizieller Angabe insbesondere junge Erwachsene und Erwachsene im Alter von 20-49 Jahre (vgl. BurdaForward 2019). Gala.de: Die Online-Präsenz des Magazins Gala bezeichnet sich als „People- und Style-Portal“ (Gruner + Jahr 2019a). Die Printausgabe ist als illustrierte Publikumszeitschrift v.a. mit Bildern ausgestattet und konzentriert sich auf Soft News, die über Ereignisse und Personen des Hochadels oder des Showbusiness berichten. Der Online-Ableger besitzt denselben Themenfokus und ergänzt die‐ sen in digitaler Form. Manche Artikel können z.B. aus Bilderstrecken bestehen, 132 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="133"?> die mit Kommentaren und Informationen angereichert sind. Zudem werden anders als in der Printausgabe auch tagesaktuelle Nachrichten angeboten. Die inhaltliche Aufbereitung ist emotionalisiert und weist spekulative und kommentierende Aspekte auf. Dies äußert sich bspw. darin, dass Fakten und Gerüchte bzw. Unbewiesenes für die Berichterstattung herangezogen werden. GameStar.de: Die Online-Präsenz GameStar.de, basierend auf dem gleichna‐ migen Spielemagazin GameStar, besteht seit 1997 (vgl. GameStar 2012) und spricht eine Fachleserschaft mit durchschnittlich ca. 4 Mio. Unique Usern (vgl. AGOF 2019c) im Bereich PC-Gaming an. Die Themen erstrecken sich über Gaming-Hardware bis zu aktueller Software. Fokussiert werden v.a. tagesaktu‐ elle Nachrichten, Tests und Ratgeber, deren Artikel mit Videos angereichert sind. Die Redaktion präsentiert sich dem Leser gegenüber transparent. Einzelne Redakteure besitzen ein individuelles Profil, das ihre Interessen offenlegt. Die Redaktion bietet der Leserschaft hiermit eine Identifikationsmöglichkeit: „Wir sind keine anonyme Redaktion, sondern stehen mit unseren Namen und unseren Gesichtern für unsere Inhalte. Unsere Redakteure sind für euch sicht- und erreichbar“ (GameStar 2019). Artikel sind daher häufig von der Meinung einzelner Redakteure subjektiv gefärbt. Giga.de: Das Online-Portal Giga.de entstand als Website für die TV-Sendung GIGA im Jahr 1998 und wurde nach dem Ende der Sendung 2011 als Nachrichten- Portal für die Themen Gaming, Technik und Entertainment wiederbelebt (vgl. Giga 2019). Angesprochen werden monatlich ca. 10 Mio. fachinteressierte Leser (vgl. AGOF 2019d) aus den Bereichen Konsolen- und PC Gaming, Smart- Devices, Software sowie Film und Fernsehen. Die Inhalte setzen sich v.a. aus tagesaktuellen Nachrichten, Tests, Anleitungen und Berichten zusammen, die mit Videos oder anderen Medienformen wie Podcasts oder Livestreams angereichert sind. Die Redaktion präsentiert sich ähnlich wie bei GameStar.de nach außen persönlich und nahbar. Die veröffentlichten Artikel verwenden oftmals einen informellen Sprachstil und beinhalten subjektive Eindrücke des Autors. Das Ziel ist es, dass die Leserschaft sich einer gemeinsamen Gruppe - einer sogenannten Community - zugehörig fühlt. Handelsblatt.com: Die Wirtschaftszeitung Handelsblatt zählt zu den größten überregionalen Tageszeitungen Deutschlands (vgl. IVW 2019) und die Online- Präsenz Handelsblatt.com erreicht ca. 6. Millionen Unique User im Monat (vgl. AGOF 2019e). Die Printausgabe spricht eine durchschnittlich männliche Leserschaft in der Altersgruppe 40-49 Jahre an, die häufig in hohen Positionen beschäftigt sind (vgl. IQ Media 2019). Besonders Wirtschafts- und Finanzinteres‐ sierte, die sich einen Überblick über aktuelle Marktentwicklungen verschaffen 6.2 Prozesse der Korpuserstellung 133 <?page no="134"?> wollen, werden angesprochen. Neben den Hard News in den Bereichen Unter‐ nehmen, Finanzen und Politik finden sich auch Ressorts aus dem Bereich Soft News. Neues-Deutschland.de: Neues Deutschland nennt sich selbst „sozialistische Tageszeitung“ in der Titelzeile ihrer Printausgaben. Sie entstand im Jahr 1946 als Parteizeitung und Sprachrohr der damaligen SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands). Seit dem Ende der DDR gibt es jedoch laut eigenen Angaben keine politische Einflussnahme mehr auf die Redaktion (vgl. Neues Deutschland 2019). Die Inhalte der Online-Präsenz Neues-Deutschland.de sind politisch links ausgerichtet und sprechen eine linksorientierte Leserschaft an. Neues-Deutsch‐ land.de besitzt einen Fokus auf tagesaktuelle Hard News u.a. mit den Themen Politik, Umwelt und Wirtschaft, bietet jedoch auch Soft News aus den Bereichen Sport, Feuilleton und Gesundheit. N-tv.de: Der Online-Ableger des TV-Senders NTV (Nachrichten-TV) gehört zu den zehn größten deutschen Nachrichtenportalen mit ca. 15,5 Mio. Unique Usern monatlich (vgl. AGOF 2019b). Obwohl N-tv.de als Online-Präsenz des TV-Senders gilt, werden die Inhalte von einer Online-Redaktion erstellt, die unabhängig von der TV-Redaktion agiert (vgl. Nachrichtenmanufaktur 2019). Das Portal spricht eine breite Leserschaft aller Altersstufen an (vgl. Gruner + Jahr 2019b). Der thematische Schwerpunkt liegt auf tagesaktuellen Nachrichten aus Politik und Wirtschaft. Ergänzt werden die Inhalte mit Beiträgen aus den Ressorts Technik, Leben und Wissen. N-tv.de besitzt aufgrund seiner überregio‐ nalen, tagesaktuellen Ausrichtung eine starke Nähe zu Nachrichtenportalen der etablierten Tageszeitungen, auch wenn die Seite einem TV-Sender zugehörig ist. Spiegel Online: Das Online-Portal des Magazins SPIEGEL zählt zu den reichwei‐ tenstärksten Online-Nachrichtenseiten in Deutschland mit ca. 23 Mio. Unique Usern monatlich (vgl. AGOF 2019b). 1994 war Spiegel Online neben TAZ.de eine der ersten Online-Präsenzen einer Tageszeitung in Deutschland (vgl. Spiegel Online 2014). Die größte Leserschaft besitzt Spiegel Online in der Altersgruppe 30-59 Jahre (vgl. AdAlliance 2019: 15). Die Inhalte beziehen sich insbesondere auf politische, wirtschaftliche und allgemeine gesellschaftliche Themen. Wei‐ tere Themengebiete bietet Spiegel Online zudem in den Bereichen Soft News wie Sport, Netzwelt und Wissenschaft. Stern.de: Das Magazin Stern zeichnet sich durch hohe Bebilderungen der Beiträge und einen Fokus auf Reportagen aus, was sich auch im Online-Portal wiederfindet. Stern.de bezieht sich auf tagesaktuelles Geschehen, legt jedoch den 134 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="135"?> Fokus auf ausführliche Artikel zu diskursspezifischen Themen. Laut eigenen Angaben werden „Nachrichten aus allen Lebensbereichen [angeboten], die die Menschen bewegen“ (Gruner + Jahr 2019d). Einen signifikanten Anteil der Nachrichten machen Soft News zu gesellschaftlichen und kulturellen Themen aus. Durchschnittlich zählen Berufstätige mit einem hohen Bildungsabschluss im Alter von 20-39 und über 50 zur Leserschaft des digitalen Angebots des Stern (vgl. Gruner + Jahr 2019c). Sueddeutsche.de: Die Süddeutsche Tageszeitung (SZ) startete 1995 als eine der ersten Tageszeitungen in Deutschland mit einem Internet-Angebot für ihre Leser (vgl. Süddeutscher Verlag 2019). Die heutige Website Sueddeutsche.de setzt sich aus einem zeitungsorientierten Teil der Süddeutschen Zeitung und einem Magazinteil des SZ-Magazins zusammen, bei denen sowohl exklusive Online- Artikel als auch Print-Artikel angeboten werden. Sueddeutsche.de besitzt jedoch einen Fokus auf dem der Tageszeitung zugehörigen Teil, der v.a. ausführliche Reportagen und Kommentare beinhaltet. Ergänzend hierzu werden auch kultu‐ relle und gesellschaftliche Themen bedient. Die Leser der Süddeutschen Zeitung gelten überwiegend als Zugehörige der Gruppe der „sozialliberalen und kulturell Interessierten“ (Goethe Institut [Memento] 2011). Von Seiten der Süddeutschen Zeitung wird die Leserschaft werbetechnisch als „Junge Elite“ (IQ Media 2019) bezeichnet, die zwischen 20-49 Jahre alt ist und eine überdurchschnittliche Bildung besitzt (vgl. IQ Media 2019). TAZ.de: Die Tageszeitung (TAZ) ist politisch grün-links orientiert (vgl. Goethe Institut [Memento] 2011) und bezeichnet sich selbst als die „erste deutsche Tageszeitung im Internet“ (TAZ 2019a) deren Artikel kostenlos und vollständig im Internet bereitgestellt wurden. Die heutige Online-Präsenz von TAZ.de verzeichnet durchschnittlich fast 1 Mio. Unique User monatlich (vgl. AGOF 2019f) und behandelt tagesaktuelle Hard News aus den Bereichen Politik und Gesellschaft. Ähnlich wie andere Online-Präsenzen der deutschen Tageszeitun‐ gen gibt es auch ein kleineres Angebot an Soft News, das u.a. die Themenfelder Kultur und Sport abdeckt. Die Leserschaft von TAZ.de besteht zu rund 46% aus Personen der Altersgruppe 25-34 Jahre, und ist im Vergleich zu anderen Angeboten von BILD Online, Zeit Online oder FAZ.NET mehrheitlich jünger (vgl. Die Medienanstalten 2016). TAZ.de gibt zudem an, anspruchsvolle, gebildete Leser mit einem hohen gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein zu haben (vgl. TAZ 2019b). Utopia: Das Portal Utopia hat seinen Ursprung Online und besteht einerseits aus einer Redaktion, die Artikel verfasst, und andererseits aus einer aktiven Leserschaft, die in internen Foren über die Themen aus den Artikeln diskutiert. 6.2 Prozesse der Korpuserstellung 135 <?page no="136"?> Das Portal wendet sich dem übergeordneten Thema Nachhaltigkeit zu und bietet neben aktuellen Nachrichten auch einen hohen Anteil an Ratgebertexten. Laut eigener Angabe bietet Utopia „Verbrauchern Information und Inspiration, wie sie ihr Leben nachhaltiger gestalten können“ (Utopia 2019). Die Rubriken im Online-Portal verteilen sich entsprechend über Themenfelder wie z.B. Ernäh‐ rung, Energie, Mode und Gesundheit. Die Leserschaft besteht im Durchschnitt aus monatlich 6 Mio. größtenteils weiblichen Lesern unter 49 Jahre (vgl. Utopia 2019). Welt.de: Das Online-Portal Welt.de zählt zu den fünf größten deutschen Nach‐ richtenseiten mit ca. 21 Mio. Unique Usern monatlich (vgl. AGOF 2019b). Es bietet neben einer Mediathek mit exklusiven Videoinhalten auch einen Bereich, der der Tageszeitung Die Welt und den Magazinen ICONIST und BILANZ zugehörig ist. Welt.de bietet primär Hard News aus den Bereichen Wirtschaft und Politik. Die Inhalte sprechen v.a. konservative, mittelständische, selbständig arbeitende Leser an und sind in einer verständlichen, leichten Sprache verfasst (vgl. Goethe Institut [Memento] 2011). Wirtschaftswoche.de: Die Onlinepräsenz des Magazins Wirtschaftswoche be‐ sitzt ca. 2,6 Mio. Unique User pro Monat und legt einen Schwerpunkt auf diskursaktuelle Wirtschaftsthemen, die ausführlich beschrieben werden (vgl. IQ Digital 2019a). Nach eigenen Angaben versteht sich das Online-Angebot als „Ratgeber in Wirtschafts-, Finanz-, Karriere- und Technikfragen“ (IQ Digital 2019a) und informiert die Leser über alles, „was Menschen zum beruflichen und persönlichen Fortkommen benötigen“ (WirtschaftsWoche 2019). Die Ressorts auf Wirtschaftswoche.de fassen diese Themenkomplexe unter Bezeichnungen wie Unternehmen, Finanzen und Erfolg zusammen. Mit den Inhalten erreicht Wirtschaftswoche.de eine Zielgruppe im Alter von 20-49 Jahren, die u.a. aus leitenden Angestellten besteht und ein Interesse an finanziellen Fragen besitzt (vgl. IQ Digital 2019a). Zeit Online: Die Zeit gilt politisch als linksliberal ausgerichtete Zeitung und besitzt mit Zeit Online eine der meistbesuchten Nachrichtenseiten Deutschlands. Wie in der Printausgabe sind die Themenschwerpunkte auf Politik, Wirtschaft und Kultur ausgelegt. Angereichert ist das Themenfeld von Zeit Online mit weiteren Inhalten der Magazinableger, zu denen bspw. Zeit CAMPUS oder Zeit GESCHICHTE gehören und ebenfalls einen eigenen Online-Auftritt besit‐ zen. Der redaktionelle Schwerpunkt liegt nach eigenen Angaben auf einer „analytischen Einordnung des Weltgeschehens“ (Zeit Verlagsgruppe 2019). Die angesprochene Zielgruppe wird als progressiv mit hohem Qualitätsbewusstsein eingestuft (vgl. IQ Digital 2019b). 136 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="137"?> 41 Die Bezeichnung Scraper bezieht sich auf die Funktion Scraping (dt. Schürfen). Hier‐ unter wird ein auf Skripten beruhendes Verfahren verstanden, das gezielt Inhalte aus 6.2.2 Datengewinnung und Preprocessing Die Erstellung des Korpus begann mit der Gewinnung der Rohdaten aus den Online-Portalen. Das primäre Ziel war es, eine möglichst große Menge an Artikel-Überschriften und Metadaten zu erfassen. Um die Artikel-Daten der Quellen auszulesen, wurde ein automatisiertes Verfahren auf der Basis von öffentlichen RSS-Feeds entwickelt. RSS steht für „Really Simple Syndication“ und ist ein Dateiformat, das Online- Nachrichtenportale häufig zur Verbreitung von Informationen verwenden. Sogenannte RSS-Feeds können von Nutzern abonniert werden und nehmen die Funktion eines Tickers an, der über aktuelle Neuigkeiten auf der jeweiligen Internetseite informiert. Bei Online-Presseportalen werden RSS-Feeds genutzt, um alle an einem Tag veröffentlichten Artikel mit ihren Verlinkungen aufzulis‐ ten. RSS-Feeds von Nachrichtenportalen bestehen dabei mindestens aus drei Elementen: Die Artikel-Überschrift, die Verlinkung zum Artikel und das Datum der Veröffentlichung. Je nach Anbieter des RSS-Feeds können diese Informatio‐ nen auch mit einem Vorschaubild, einem Anrisstext oder einer Autorenangabe angereichert sein. Das grundlegende Konzept der Datengewinnung für das Überschriften-Kor‐ pus baut somit auf der Nutzung der RSS-Feeds auf, um alle aktuell erschienenen Artikel eines Tages mitsamt ihrer Überschrift, der Verlinkung und des Veröffent‐ lichungsdatums zu sammeln. Der Vorteil dieses Vorgehens liegt darin, dass der zeitliche Aufwand für eine manuelle Erfassung entfällt und alle veröffentlichten Artikel eines Tages erfasst werden können. Es kann also davon ausgegangen werden, dass die Menge der im Korpus verfügbaren Artikel mit den tatsächlich veröffentlichten Artikeln im erfassten Zeitraum übereinstimmt. Der Nachteil eines solchen automatischen Verfahrens liegt lediglich in dem veränderlichen Wesen von Online-Dokumenten, weshalb die Gefahr besteht, dass sich nach dem Zeitpunkt der Auslesung von Artikelinhalten, z.B. durch Aktualisierungen, Korrekturen und Anpassungen durch Lektoren oder Autoren, die Überschrift des Artikels verändert. Zudem besteht die Gefahr, dass Artikel gelöscht werden und somit Verlinkungen verwaisen. Allerdings wird durch die Aufnahme der Artikel-Verlinkungen ins Korpus die Nachprüfbarkeit der Inhalte sichergestellt, so dass fehlerhafte oder veraltete Daten im Nachgang geprüft und entfernt werden können. Für die Datengewinnung wurden für jedes Online-Portal einzelne RSS- FeedScraper 41 implementiert, die auf einem externen Server mehrmals am 6.2 Prozesse der Korpuserstellung 137 <?page no="138"?> Webseiten - oder allgemein digitalen Dokumenten - ausliest. Im Online-Bereich kön‐ nen z.B. WebScraper eingesetzt werden, um automatisiert Webseiten zu durchsuchen und relevante Daten zu extrahieren. RSS-FeedScraper nutzen entsprechend RSS-Feeds und lesen die hier vorliegenden Daten aus. 42 Diese These wird in der Dissertation nicht weiter im Detail thematisiert. Eine Unter‐ suchung diesbezüglich könnte allerdings weitere Aufschlüsse über die Funktion von Überschriften und ihre Einbettung in unterschiedliche (Text)Kontexte bieten. Tag automatisiert die RSS-Feeds der Online-Nachrichtenportale auslasen. Die auf der Skriptsprache Python basierenden FeedScraper speicherten die Daten der RSS-Dokumente und die Metadaten der Artikel in einzelnen Subkorpora. Anschließend durchliefen die mit den Rohdaten ausgestatteten Korpusdateien ein Preprocessing. In diesem wurden die gewonnenen Primär- und Metadaten normalisiert, die Satzgrenzen in Überschriften getrennt und die Überschriften mit einem TreeTagger zur Auszeichnung von Wortarten auf Basis des Tübinger STTS-Tagsets getaggt. Weitergehend wurden Dubletten (doppelte Artikel) ent‐ fernt und falsch ausgelesene Inhalte wie bspw. Dachzeilen und Überschriften korrigiert. Im Zuge der Korrekturvorgänge fiel auf, dass die angegebenen Titel der Artikel in den RSS-Feeds häufig nicht mit den tatsächlichen Überschriften auf der Artikelseite übereinstimmten. Diese Feststellung hatte zur Folge, dass während des Preprocessings die jeweiligen Überschriften der Artikel erneut von der jeweiligen Seite ausgelesen werden mussten. Jedoch wurde hierdurch ersichtlich, dass die Titel der gelisteten Artikel in den RSS-Feeds eine andere Funktion zu erfüllen scheinen als die Überschriften auf der Artikelseite im Nachrichtenportal. Demnach würden sie funktional eher Schlagzeilen-Teasern auf Magazin-Covern oder Anreißern in Tageszeitungen nahekommen. 42 Ein weiterer Vorgang im Preprocessing bestand in der automatisierten Vorauszeichnung von formalen Merkmalen, die auf Basis der vorliegenden Sprachdaten geschah. Die hierfür eingesetzten Algorithmen orientierten sich an der Idee der Anfragezuspitzung von Näf (2006), bei der eine Vorfilterung anhand ausgewählter Merkmale und Merkmalskombinationen stattfindet, um daraufhin eine Auszeichnung vorzunehmen. Die hierdurch ausgezeichneten Merkmale bezogen sich u.a. auf die Verbstellung des finiten Verbs, die Satzkom‐ plexität oder die Angabe, ob ein Zitat in der Überschrift vorliegt. Zudem wurden in Einzelfällen bereits die Textsortenzugehörigkeiten der Artikel vorannotiert, bei denen eine hohe Wahrscheinlichkeit bestand, dass sie korrekt sind. Dies betraf insbesondere meinungsbetonte Texte wie Kommentare, in denen eine explizite Textsortenauszeichnung seitens der Nachrichtenportale z.B. in der Dachzeile oder als Spitzmarke vorlag. Die Annotatoren mussten im weiteren Verlauf der Korpuserstellung diese lediglich noch verifiziert. 138 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="139"?> Die nach dem Preprocessing erstellten Dateien wiesen die angestrebte Kor‐ pusstruktur auf (s. Annotationsrichtlinien in Anhang 1) und enthielten die ausgelesenen Primär- und Metadaten sowie erste Vorauszeichnungen bzgl. der Textsorte und formaler Überschriften- und Satztypenmerkmale. Am Ende dieser ersten Phase der Korpuserstellung besaßen die Daten entsprechend noch keine verifizierte Textsortenannotation. Die ausgelesenen Primär- und Metadaten mussten also in einem weiteren Schritt manuell geprüft und noch nichts ausgezeichnete Daten annotiert werden. Bei diesem Vorgehen wurden unabhängige Annotatoren eingesetzt. 6.2.3 Annotationsvorgang und Annotationsrichtlinien Der Annotationsvorgang bestand aus einer händischen Textsortenauszeich‐ nung und einer Überprüfung der automatisierten Vorannotationen aus dem Preprocessing. Während der Durchführung wurden die sieben Annotationsma‐ ximen von Leech (1993) berücksichtigt. Im Folgenden werden die Annotations‐ umstände und der Ablauf der Annotationsgänge näher erläutert. Für die manuelle Annotation wurden insgesamt drei unabhängige Annota‐ torinnen über einen Zeitraum von rund 11 Monaten (07.05.2019 bis 31.03.2020) eingesetzt, die insgesamt 8.222 Artikel bearbeiteten. Die Arbeit der Annotatorin‐ nen umfasste die Auszeichnung von Textsorten gemäß den Annotationsricht‐ linien (s. Anhang 1) und die Prüfung der bisher gewonnenen Primär- und Metadaten auf Korrektheit. Der Einsatz von Annotationsrichtlinien diente der Schaffung eines gemeinsamen Konsens und der Bildung einer Grundlage für eine spätere Vergleichbarkeit der Auszeichnungen, damit qualitative Aussagen über die Annotationen getroffen werden konnten. Die Annotatorinnen wurden über die Datenstruktur und konkrete Handlungsanweisungen informiert. Um bereits von Beginn an ein gemeinsames Verständnis zu schaffen, wurden die Annotatorinnen vor der Durchführung der Auszeichnungen in einer kurzen Schulung mit den Richtlinien und dem Aufbau der Daten vertraut gemacht. Während der Annotationsphasen stand den Annotatorinnen kontinuierlich mindestens ein Ansprechpartner für Rückfragen zur Verfügung. Zudem wurden in regelmäßigen Abständen Treffen einberufen, in denen Artikel besprochen wurden, deren Textsorteneinordnung nicht eindeutig zu bestimmen war. Mit‐ hilfe der Rückmeldungen seitens der Annotatorinnen wurden die Annotations‐ richtlinien sukzessiv erweitert, präzisiert und die Hilfestellungen angepasst. Die eingesetzten Annotatorinnen waren studentische Hilfskräfte aus dem Fachbe‐ reich der germanistischen Sprachwissenschaft. 6.2 Prozesse der Korpuserstellung 139 <?page no="140"?> Während der Annotationsphase arbeiteten je zwei Annotatorinnen zeitgleich an den Auszeichnungen. Jede erhielt das gleiche Set an Dateien mit der Aufgabe, die aufbereiteten Primär- und Metadaten hinsichtlich ihrer Korrektheit zu prüfen und die Textsorten für den jeweiligen Artikel anhand der ihnen zur Verfügung gestellten Annotationsrichtlinien unabhängig voneinander auszu‐ zeichnen. Die zu annotierenden Dateien enthielten alle gesammelten Artikel aus einer Kalenderwoche, in denen ein w-Ausdruck in der Überschrift enthalten war. Demzufolge haben die Annotatorinnen alle Artikel ausgezeichnet, die potenzi‐ elle w-Satztypen sein konnten. Die Annotatorinnen waren zudem angehalten, in selbst gewählten Zeitabständen kurze Pausen einzulegen, um zu gewährleisten, dass sie kognitiv nicht überlastet waren. In den ersten fünf Wochen der Annotationsphase bearbeiteten die Annota‐ torinnen pro Arbeitstag durchschnittlich ca. 60 Artikel. Diese anfängliche Leis‐ tung stieg schließlich auf ca. 85 Artikel pro Arbeitstag innerhalb der gesamten Annotationszeit an. Dieser Anstieg kann u.a. darauf zurückgeführt werden, dass die Annotatorinnen anfangs aufgrund der unterschiedlichen Quellen und des breiten Spektrums an Textsorten eine längere Einarbeitungszeit benötigt haben, wobei sich die Annotationsarbeit mit der Zeit routiniert hat. Es ist davon auszugehen, dass der regelmäßige Austausch und die Annotationstreffen, in denen Quellenbeispiele und Artikel reflektiert wurden, dazu beigetragen haben, die Schwierigkeiten zu überwinden und Unschlüssigkeiten zu klären. 6.2.4 Qualitätssicherung und Bewertung der Annotationen Um die Validität der durchgeführten Annotationen zur Textsortenzugehörigkeit von Artikeln zu prüfen, war eine Qualitätssicherung unumgänglich. Die Text‐ sortenzuordnungen erfolgten manuell durch die Annotatorinnen. Somit waren die Annotationsarbeiten mit einem hohen kognitiven Aufwand und introspek‐ tiver Wahrnehmung verbunden. Trotz sorgfältiger Aufbereitung der Annotati‐ onsrichtlinien bestand das Risiko von Unstimmigkeiten in den Auszeichnungen, wenn bspw. ein Artikel nicht einer prototypischen Textsorte entsprach. Es galt daher, die Qualität während der Annotationsphase in gewissen Abständen zu überprüfen und diese mit Maßnahmen zu verbessern, um eine möglichst konstant hohe Auszeichnungsqualität zu gewährleisten. Nach Artstein/ Poesio (2008) musste im Sinne der Qualitätsmessung die Reli‐ abilität ermittelt werden, die die Zuverlässigkeit der gewonnenen Daten reprä‐ sentiert. Um einen abstrakten Wert für die Interpretation dieser Verlässlichkeit zu erhalten, wurde auf das Inter-Annotator-Agreement (IAA) zurückgegriffen. Hierbei wird die Reliabilität anhand von Übereinstimmungen (Agreements) 140 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="141"?> 43 A o = 1i ∑ iϵI agr ee i entspricht der Menge der tatsächlich beobachteten Übereinstimmungen i in jeder Kategorie (vgl. Artstein/ Poesio 2008: 558). 44 A e = ∑ kϵK P k a 1 • P k a 2 entspricht der Wahrscheinlichkeit, dass Annotator a 1 und Annotator a 2 in jeder Kategorie k übereinstimmende Auszeichnungen besitzen (vgl. Artstein/ Poesio 2008: 559f.) in den jeweiligen Kategorien - in diesem Fall Textsorten - gemessen. Die Reliabilität ist erforderlich, um die Aussagekraft der Annotationsrichtlinien bzw. der verwendeten Textsortentypologie zu bewerten. In anderen Worten: Mithilfe des IAA kann eine Aussage getroffen werden, ob die Annotatoren konsistent dieselben Entscheidungen auf der Grundlage der Annotationsrichtlinien getrof‐ fen haben. Für die Bewertung der Annotationsqualität wird demnach davon ausgegangen, dass eine hohe Reliabilität mit einer hohen Validität einhergeht. Zur Bestimmung der Reliabilität werden Übereinstimmungskoeffizienten berechnet. Die verbreitetsten Koeffizienten sind die Kappa-Koeffizienten von Cohen (1960) für Auszeichnungen mit genau zwei Annotatoren und Fleiss (1971) für Auszeichnungen mit mehr als zwei Annotatoren. Welcher Koeffizient für die Angabe der Reliabilität angewendet wird, ist neben der Anzahl der Anno‐ tatoren von der Anzahl der Auszeichnungskategorien und Kategorienlabels abhängig. Im Fall der Textsortenannotation für das Überschriften-Korpus wur‐ den zeitgleich zwei Annotatoren eingesetzt, die dieselben Dateien mit denselben Artikeln unabhängig voneinander mithilfe der Annotationsrichtlinien ausge‐ zeichnet haben. Für die Berechnung der Reliabilität wurde daher der Kappa- Koeffizient κ von Cohen (1960) verwendet. Die Berechnung des Koeffizienten berücksichtigt dabei, dass bei den Annotatoren individuelle Interpretationen oder persönlich gefärbte Auffassungen der Auszeichnungskategorien vorliegen, was im Falle des Überschriften-Korpus durch die Textsortenauszeichnung gegeben war. κ = A o − A e 1 − A e Die Formel des Kappa-Koeffizienten κ (s. oben) setzt sich zusammen aus dem Observed Agreement 43 A o , das die Häufigkeit der beobachteten Übereinstim‐ mung beider Annotatoren repräsentiert, und dem Expected Agreement 44 A e , das die Wahrscheinlichkeit von zufällig übereinstimmenden Annotationen angibt (vgl. Artstein/ Poesio 2008: 559f.). Um den errechneten Wert des Koeffizienten adäquat interpretieren zu können, wurde die Einordnung von Landis/ Koch (vgl. 1977: 165) herangezogen, die für kategorische Annotationsdaten entwickelt 6.2 Prozesse der Korpuserstellung 141 <?page no="142"?> wurde und in der linguistischen Forschung weithin anerkannt ist. Im Folgenden wird die Einordnung dargestellt und erläutert. κ < 0 Poor Agreement (fast) keine Übereinstimmung 0 ≤ κ ≤ 0,2 Slight agreement wenig Übereinstimmung 0,2 < κ ≤ 0,4 Fair agreement schwache Übereinstimmung 0,4 < κ ≤ 0,6 Moderate agreement mäßige Übereinstimmung 0,6 < κ ≤ 0,8 Substantial agreement starke Übereinstimmung 0,8 < κ ≤ 1 (Almost) perfect agreement (fast) vollständige Übereinstimmung Artstein/ Poesio (vgl. 2008: 591) sprechen bei einem κ-Wert ab 0,8 von einer zuverlässigen Annotation, die eine gute Qualität kennzeichnet. Allerdings wird bei dieser Interpretation des Wertes nicht der Schwierigkeitsgrad der Annota‐ tionsarbeit berücksichtig. Bei der Auszeichnung von Textsorten kann bspw. davon ausgegangen werden, dass sie eine kognitiv herausforderndere Arbeit darstellt als bspw. die Markierung der finiten Verbstellung eines Satzes. Aus diesem Grund unterteilt Fort (vgl. 2011: 12) die Annotationsarbeit in einfache und schwierige Annotationsaufgaben. Zu den einfachen Aufgaben gehören ihr zufolge Objective Tasks wie bspw. die Auszeichnung von Part Of Speech Tags. Zu den schwierigen Annotationsaufgaben - den Subjective Tasks - gehören hingegen pragmatische oder diskursbezogene Auszeichnungen. Für Objective Tasks legt Fort (2011) ein IAA fest, das über 93% liegen sollte, für Subjective Tasks hingegen ein IAA von ca. 70%. Demzufolge wäre davon auszugehen, dass für die vorliegenden Annotationen des Überschriften-Korpus κ-Werte im Bereich von über 0,7 nach Fort (2011) und allgemein von 0,8 nach Artstein/ Poesio (2008) vorliegen müssen, um eine angemessene Reliabilität und gute Qualität der Annotationsarbeit und Annotationsrichtlinien anzuzeigen. Mithilfe des Kappa-Koeffizienten konnte nun festgestellt werden, welche Reliabilität die Annotationen besaßen. Während der Einarbeitungsphase der Annotationsarbeit wurde der Wert verwendet, um zu überprüfen, wie sich die Annotatorinnen bei der Auszeichnung der Textsorten verhalten. In den ersten zwei Wochen wurden die annotierten Artikel miteinander verglichen und der Kappa-Koeffizient ermittelt. Das Ergebnis betrug κ = 0,37, was nach Landis/ Koch (1977) einer schwachen Übereinstimmung (0,21 - 0,41) entspricht. Nach der Ermittlung dieser niedrigen Werte wurden Maßnahmen ergriffen, zu denen u.a. gemeinsame Treffen zählten, um Feedback von den Annotatoren einzuholen und Artikelbeispiele aus einzelnen Quellen zu besprechen. Als 142 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="143"?> Folge dieser Treffen und der daraus resultierenden feineren Spezifizierung der Annotationsrichtlinien verbesserte sich der Wert innerhalb eines Monats auf κ = 0,49, was einer mäßigen Übereinstimmung (0,41 - 0,61) entspricht. Dieser Wert konnte bis zum Ende der gesamten Annotationsphase auf κ = 0,76 gesteigert werden, was einer starken Übereinstimmung entspricht. Der Austausch während der Treffen hat also zu einem gemeinsamen Verständnis beigetragen, um die Qualität der Annotationen zu sichern. Ein weiterer Punkt, der bei der Auswertung der Artikel beachtet werden muss, ist die Paywall-Begrenzung der Online-Artikel. So gab es neben Artikeln, die öffentlich zugänglich waren, auch Artikel, die aufgrund einer Paywall keinen Zugriff auf den Volltext ermöglichten. Da bei diesen kein Einblick den Textinhalt möglich war, mussten die Annotatoren die Textsorte mithilfe der Anrisstexte antizipieren. Werden die κ-Koeffizienten für die Menge der Artikel mit und ohne Paywall separat betrachtet (Tabelle 3), zeigt sich eine starke Übereinstimmung (κ = 0,77) bei Artikeln ohne Paywall und eine mäßige Übereinstimmung (κ = 0,66) bei Artikeln mit Paywall. Zwar scheint eine niedrigere Übereinstimmung bei Artikeln mit Paywall aufgrund fehlender Artikelinhalte nicht ungewöhnlich, allerdings zeigt sich, dass der Wert an der Grenze zu einer starken Übereinstim‐ mung steht und für die konstante Qualität der Auszeichnungen spricht. Quelle κ für Artikel mit und ohne Paywall κ für Artikel ohne Paywall κ für Artikel mit Paywall Bento 0.72 0.72 - BILD Online 0.65 0.65 0.65 BuzzFeed 1.0 1.0 - FAZ.NET 0.69 0.73 0.61 Focus Online 0.75 0.75 - Gala.de 0.79 0.79 - GameStar.de 0.57 0.56 0.71 Giga.de 0.69 0.69 - Handelsblatt.com 0.65 0.79 0.56 Neues-Deutsch‐ land.de 0.79 0.76 0.83 N-tv.de 0.73 0.73 - Spiegel Online 0.8 0.8 - 6.2 Prozesse der Korpuserstellung 143 <?page no="144"?> 45 Der Adjucator kann nach Hovy (vgl. 2009: 62) zwei Rollen annehmen, wovon die eine ein Superannotator (Experte) und die andere ein Adjucator (Schiedsrichter) ist. In der Rolle des Superannotators sind die Auszeichnungen der Annotatoren nicht einsehbar und es muss eine Auszeichnung anhand des eigenen (Experten-)Wissens vorgenommen werden. Im Falle des Adjucators übernimmt eine Person eine Richter‐ funktion. Hierbei sind die Auszeichnungen einsehbar und es muss sich für eine der vorliegenden annotierten Varianten entschieden werden. Letzteres Vorgehen wurde für das Überschriften-Korpus verwendet, da hier einsehbar war, aus welchen Gründen sich jeweils für eine Textsorte entschieden wurde und genauer abgeschätzt werden konnte, welche Annotation eher passt. Stern.de 0.83 0.83 - Sueddeutsche.de 0.79 0.83 0.53 TAZ.de 0.79 0.79 - Utopia 0.73 0.73 - Welt.de 0.84 0.86 0.76 Wirtschaftswoche.de 0.71 0.74 0.74 Zeit Online 0.81 0.84 0.69 Gesamtkorpus 0.76 0.77 0.66 Tab. 3: Ermittelte κ-Werte für die Auszeichnungen im Korpus In der Gesamtbetrachtung bewegen sich die ermittelten κ-Werte für Artikel mit und ohne Paywall in den meisten Online-Portalen in einem Wertebereich von ca. 0.7 bis 0,8. Vor dem Hintergrund des Schwierigkeitsgrads der Textsorten- Annotation, die in den Bereich der Subjective Tasks fallen, sind die Auszeich‐ nungen nach Fort (2011) als qualitativ wertvoll einzustufen. Die Daten eignen sich somit als verlässliche Basis für weitere empirische Auswertungen. Im Anschluss an die Annotationsarbeit mussten die von den Annotatoren vorgenommenen Auszeichnungen zusammengeführt werden, um die finalen Korpusdateien zu generieren. Die Fälle, in denen es eine Übereinstimmung zwischen den Annotationen gab, konnten direkt für das Korpus übernommen werden. In den Fällen, in denen allerdings keine Übereinstimmung herrschte, war es erforderlich, sich für die Textsortenauszeichnung einer Annotatorin zu entscheiden. Für diese Aufgabe wurde ein Adjucator 45 ernannt, der als endgül‐ tige rechtsprechende Instanz in Bezug auf die Übernahme von Annotationen fungierte (vgl. Hovy 2009: 62). Der Adjucator prüfte die bestehenden Missmat‐ ches in den Annotationen und traf nach genauer Überprüfung der jeweiligen 144 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="145"?> Artikel letztendlich die Entscheidung zur Auszeichnung einer bestimmten Textsorte. 6.3 Überblick des finalen Korpus Das finale Überschriften-Korpus umfasst insgesamt 182.413 Presse-Überschrif‐ ten, die aus Artikeln von 19 deutschsprachigen Online-Presseportalen stammen und in dem Zeitraum vom 11.03.2019 bis 08.09.2019 veröffentlicht wurden. Die größten Anteile an Artikeln besitzen u.a. die Online-Presseportale Focus Online mit n=28.904 Überschriften (16%) und Welt.de mit n=21.356 Überschriften (12%). Darüber hinaus bietet das Korpus ein recht ausgeglichenes Mengenverhältnis zwischen Artikeln in Magazinen (44%) und Tageszeitungen (56%), wodurch sich auch vergleichende Untersuchungen hinsichtlich des WÜ-Gebrauchs in diesen Pressegattungen anbietet. Presseportal Artikel Anteil Focus Online 28904 15,85% Welt.de 21356 11,71% FAZ.NET 15388 8,44% BILD Online 15123 8,29% Handelsblatt.com 14511 7,96% Stern.de 14195 7,78% Spiegel Online 13504 7,40% Sueddeutsche.de 10207 5,60% N-tv.de 8767 4,81% Zeit Online 8156 4,47% Wirtschaftswoche.de 7799 4,28% Gala.de 6651 3,65% TAZ.de 6024 3,30% Giga.de 4417 2,42% GameStar.de 2768 1,52% Neues-Deutschland.de 2208 1,21% 6.3 Überblick des finalen Korpus 145 <?page no="146"?> Utopia 1530 0,84% Bento 721 0,40% BuzzFeed 184 0,10% Gesamt: 182413 100% Tab. 4: Verteilung der Artikel in Online-Portalen Von den insgesamt 182.413 Artikel-Überschriften wurden 8.222 von Annotato‐ rinnen mithilfe der Annotationsrichtlinien ausgezeichnet und die Daten auf Korrektheit geprüft. Der Fokus der Annotationen lag auf der Bestimmung der Textsorten und der Annotation satztypenspezifischer formaler Merkmale in den Überschriften. Ergänzt sind diese Primärdaten durch Metadaten, die die Online-Pressetexte und deren Kontexte näher beschreiben. Hierzu gehören u.a. die Kennzeichnung von Paywalls, Advertorials oder die Verwendung anderer Medienformate als Texte. Die Annotation der im Korpus vorhandenen Daten wurde mit einem halb‐ automatisierten Verfahren durchgeführt. Die Primär- und Metadaten wurden den jeweiligen Internetseiten der Online-Artikel entnommen und mithilfe eines TreeTaggers automatisiert vorannotiert. Anschließend wurden die gewonnenen Daten von Annotatorinnen qualitätsgesichert und eine manuelle Annotation von Textsorten nach Richtlinien durchgeführt. Das finale Korpus liegt im xml-Dateiformat vor und bietet insgesamt fünf Auszeichnungsebenen, die sich von der Beschreibung des Online-Presseportals über die Artikel bis hin zur Überschrift und der Token-Ebene erstrecken. Die folgende Tabelle zeigt die einzelnen Ebenen mit Nennungen der verwendeten Attribute. Eine detaillierte Ansicht und weitere Erklärungen zur Korpusstruktur ist den Annotationsrichtlinien in Anhang 1 zu entnehmen. Element Attribut Beschreibung und möglicher Wertebereich <corpus> publisher: Name des Online-Portals (z.B. BILD Online, Gala.de, Focus Online) - background: Historische Entwicklung des Online-Portals (z. B: Print, Online) - type: Zuordnung zu Zeitung oder Magazin - mainFocus: Themenschwerpunkt (Hard News oder Soft News) 146 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="147"?> <article> elementID: Eindeutige ID des Artikels - title: Überschrift des Artikels - creator: Name des Autors oder des Agenturmaterials (Quelle) - pubDate: Datum der Veröffentlichung - ressort: Ressort des Artikels (z.B. Politik, Wirtschaft) - category: Rubrik innerhalb eines Ressorts (z.B. Ausland, Fuß‐ ball, Gesundheit) - kicker: Dachzeile des Artikels - textType: Textsorte des Artikels - url: URL zum Online-Artikel - comment: Angabe bzgl. Verwendung von Paywalls, Medien‐ typs, etc. <headline> & <headline‐ Part> verbPlace‐ ment: Stellung finites Verb (V1, V2, VL, keinVerb) complexity: Markierung Satzkomplexität (Einfach, Koordination, Subordination) quote: Markierung Zitatverwendung ( Ja, Nein) <token> pos: Auszeichnung der Wortart (POS getaggt nach Tübin‐ ger STTS) - lemma: Lemmatisierte Form des Tokens - indicator: Markierung satztypenspez. Merkmale wie z.B. w-Ausdrücke Tab. 5: Vereinfachter Überblick der Annotationsebenen im Überschriften-Korpus 6.4 Zusammenfassung und Diskussion Mit dem Überschriften-Korpus wurde eine empirische Grundlage geschaffen, um die WÜ und ihren Gebrauch in unterschiedlichen Textsorten systematisch zu untersuchen. Da bestehende deutschsprachige Korpora weder über eine adäquate Auszeichnung von Satztypen verfügen noch einer konsistenten Text‐ sortentypologie folgen, war die Entwicklung eines eigenen Korpus erforderlich. Dieses umfasst 182.413 Artikel-Überschriften aus 19 Online-Presseportalen und zeichnet sich durch eine detaillierte Annotation satztypspezifischer Merkmale, 6.4 Zusammenfassung und Diskussion 147 <?page no="148"?> eine transparente Textsortenzuordnung sowie die Erfassung relevanter kontex‐ tueller Metadaten aus. Um eine möglichst hohe Repräsentativität journalistischer Online-Texte zu gewährleisten, wurde die Datengrundlage ausgewogen zusammengestellt. Die Annotation der Satztypen und Textsorten erfolgte sowohl automatisiert als auch manuell, wobei eine umfassende Qualitätssicherung sicherstellte, dass die Annotationen präzise und zuverlässig sind. Das Überschriften-Korpus wurde in einem kleinen Team mit begrenzten Mitteln und einem zeitlichen Rahmen erstellt, weshalb die Annotationen für Überschriften-Einträge, die keinen w-Satztyp aufweisen, im finalen Korpus unvollständig bzw. ungeprüft sind. Allerdings sind alle Daten ausgezeichnet, die für die Untersuchung des Gegenstands der WÜ relevant sind. Durch die Annotation aller Überschriften mit w-Ausdruck ist zudem sichergestellt, dass bspw. auch w-V2-Interrogativsätze als Vergleichsgegenstand für eine kontrastive Betrachtung mit der WÜ herangezogen werden können. Für eine umfassende Untersuchung der WÜ und ihrer zugehörigen Textsorten bietet das Korpus daher eine zuverlässige Datengrundlage. Trotz der eingeschränkten Menge an annotierten Daten im Vergleich zur Größe des Korpus ist dennoch hervorzuheben, dass viele Informationen zu Artikel-Überschriften und ihren satztypspezifischen Formmerkmalen gesammelt werden konnten. Mit weiteren Korrekturdurchgängen könnte mit dem Korpus daher potenziell eine Grundlage für eine weitaus ausführlichere Auswertung von Satztypen in Überschriften geschaffen werden. Das Korpus hebt sich insbesondere in drei Punkten von anderen Korpora ab: 1. Eine gezielte Annotation von satztypspezifischen Merkmalen 2. Eine Textsortenauszeichnung, die auf einer transparenten Textsortentypo‐ logie basiert 3. Die Abbildung der Kontextbeschaffenheit anhand spezifischer Merkmale der Pressetexte (z.B. Paywall, Ressortzugehörigkeit, Medieneinbindung). Während andere deutschsprachige Korpora keine oder uneinheitliche Typolo‐ gien verwenden, bietet das Überschriften-Korpus die Möglichkeit, Überschriften gezielt in Verbindung mit ihren Textsorten zu analysieren. Zudem erlaubt die hohe Reliabilität der Annotationen (Kapitel 6.2.4) präzise und qualitativ gesicherte Auswertungen. Die satztypenspezifische Annotation im Korpus ermöglicht eine vereinfachte Anfragezuspitzung zur Filterung spezieller Satztypen. So lassen sich Satzty‐ pen mithilfe der annotierten Daten effizient anhand der Verbstellung, der Anwesenheit eines w-Ausdrucks mit Satzposition und der Verwendung von 148 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="149"?> 46 Die heterogene Verwendung von Interpunktionszeichen in Überschriften wird auch im TüBa-D/ Z (vgl. Telljohann et al. 2017: 135) genannt, jedoch wird sie nicht ausführlicher betrachtet bzw. kritischer auf sie eingegangen. Es wird auf die Satztrennung durch Doppelpunkte und Kurzstriche hingewiesen, aber keine Lösung gegeben, wie bei der Korpuserstellung in solchen Fällen verfahren werden soll. Modalpartikeln mit geringem Aufwand identifizieren. Das bedeutet, dass an‐ hand dieser Merkmale die WÜ aus den Daten gefiltert werden kann. Darüber hinaus sind Satztypen, die uneingebettet oder eingebettet mit koordinierten und subordinierten Sätzen auftreten, filterbar. So kann bspw. eine Überschrift mit Subordination wie 5 gute Gründe, warum das Huawei P30 besser als die Pro-Version ist (Giga.de, 31.01.2019) von einer Überschrift mit Koordination wie Wie reich ist die katholische Kirche und warum zahlt sie nicht für Notre-Dame? (Stern.de, 17.04.2019) unterschieden werden. Diese Möglichkeiten, auf granula‐ rer Ebene formale Satztypmerkmale zu untersuchen, bietet weiteres Potential, bestimmte Formtypen im Überschriften-Kontext näher zu untersuchen. Hinsichtlich einer kritischen Auseinandersetzung mit der Korpusstruktur ist hinzuzufügen, dass sich die Erstellung des Korpus mit den folgenden zwei Herausforderungen konfrontiert sah: die Annotation von Koordinationen und Subordinationen sowie die Markierung von Satzgrenzen in Überschriften. Im finalen Korpus sind Koordinationen und Subordinationen zwar markiert, jedoch beziehen sich die Auszeichnungen der Formmerkmale eines Satztyps bei Subordinationen ausschließlich auf den Hauptsatz und bei Koordinationen auf den erstgestellten Satz. Die Folge hiervon ist eine fehlende Auszeichnung von Formmerkmalen der subordinierten und koordinierten zweitgestellten Sätze. Solche Fälle müssen demnach gesondert betrachtet und ausgewertet werden, falls diese für Analysen herangezogen werden sollen. Die zweite Herausforderung betraf die Festlegung der Satzgrenzen. Bei Überschriften liegt in der Regel kein Punkt am Satzende vor und die Verwendung von Gedankenstrichen <->, Doppelpunkten <: > oder Schrägstrichen </ > zur Trennung der Spitzmarke von der Überschrift werden in den Presseportalen heterogen verwendet. 46 Die Trennung von Sätzen und Spitzmarken im Korpus konnte daher nur unter erschwerten Bedingungen erfolgen. Das Überschriften- Korpus orientiert sich daher an der Regel, dass der Gebrauch von Doppelpunk‐ ten (105), Gedankenstrichen (106) und Schrägstrichen (107) auf eine Satztren‐ nung bzw. eine Abgrenzung von Überschriftenteilen hinweist, auch wenn es ambige Fälle (108-110) gibt, in denen die Trennung nicht eindeutig ist. Die Gedankenstriche in (108-110) könnten bspw. auch als typografisch markierte Sprechpausen verstanden werden, so dass in (108) nicht klar bestimmt werden 6.4 Zusammenfassung und Diskussion 149 <?page no="150"?> kann, ob hier eine Überschrift mit Parenthese vorliegt oder zwei koordinierte Sätze. - (105) Mit Kälte und Koriander gegen Gelenkschmerz: Was bei Arthrose hilft (focus.de, 13.03.2019) - (106) Osterferien beginnen - wo Autofahrer Geduld brauchen (faz.net, 11.04.2019) - (107) „Worte alleine reichen nicht“ / Warum sich das Bistum Trier für ein Tempolimit einsetzt (focus.de, 13.03.2019) - (108) Woran Firmenwandel so oft scheitert - und wie es besser geht (handels‐ blatt.com, 04.04.2019) - (109) Wofür die EU zuständig ist - und wofür nicht (faz.net, 17.05.2019) - (110) Warum wir Bier und Kaffee lieben - und manche Kaffee nur mit Zucker genießen können (focus.de, 06.05.2019) Zusammenfassend sind die angesprochenen Lücken im finalen Korpus als Herausforderungen zu sehen, die bei der Verwendung der Daten beachtet werden müssen. Für zukünftige korpuslinguistische Arbeiten, die im Bereich der Überschriften stattfinden, hat sich gezeigt, dass der Umgang mit spezifischen syntaktischen Phänomenen wie z.B. die Frage nach der Markierung von Satz‐ grenzen stärker fokussiert werden müssen. Korpora mit Überschriften-Daten müssen entsprechend Lösungen entwickeln, wie mit der Auszeichnung von ambigen Interpunktionen in Überschriften zu verfahren ist. Insgesamt bietet das erstellte Überschriften-Korpus aber eine umfassende Grundlage mit qualitativ geprüften Annotationen und kann für die weitere Auswertung der WÜ und ihres Textsortengebrauchs eingesetzt werden. 150 6 Erstellung und Aufbau eines Überschriften-Korpus <?page no="151"?> 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus Im Folgenden werden die Ergebnisse der Untersuchung zum Gebrauch der WÜ in Online-Presseartikeln präsentiert, die auf den Daten des Überschriften- Korpus basieren. Das Ziel ist es, die WÜ anhand der in Kapitel 3.4 aufgestellten Hypothesen hinsichtlich ihrer textsortenspezifischen Gebrauchspräferenzen und kommunikativen Funktionen zu untersuchen: • Hypothese H 1 : WÜ besitzen eine Gebrauchspräferenz in Textsorten, die eine erklärende, kommentierende oder einordnende Funktion für einen bestehenden Diskurs erfüllen. • Hypothese H 2 : WÜ erfüllen das Leserinteresse, dass ihre Bezugstexte die in der Überschrift adressierte Frage aus dem Diskursuniversum beantworten. Die nachfolgenden korpusgestützten Auswertungen basieren auf einem quan‐ titativ-qualitativen Ansatz (Lemnitzer/ Zinsmeister 2015). Dabei werden die Korpusdaten quantitativ mit statistischen Verfahren erschlossen und die Ergeb‐ nisse anschließend qualitativ interpretiert. Neben rein deskriptiven Verfahren kommen auch induktive statistische Methoden zum Einsatz, um die Signifikanz der Befunde zu prüfen. Darüber hinaus wird die WÜ nicht isoliert betrachtet, sondern den w-V2-In‐ terrogativsätzen (im Folgenden WV2I genannt) in der Überschriften-Position gegenübergestellt. Im Gegensatz zu anderen Satztypen wie ob-VL-Sätzen oder V1-Interrogativsätzen sind WV2I für einen Vergleich mit der WÜ geeigneter, da sie beide das konstituierende formale Merkmal des w-Ausdrucks und den interrogativen Modus teilen. Dies ermöglicht einen präzisen Vergleich, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Die empirische Untersuchung gliedert sich in vier thematische Schwer‐ punkte: Zunächst wird die Verwendung der WÜ in Online-Presseportalen analysiert, mit dem Fokus auf der Ermittlung ihrer Gebrauchspräferenzen in verschiedenen Textsorten. Dazu werden die Häufigkeiten der WÜ in Presseartikeln nach Textsorte, Textfunktion und Textgattung untersucht. Ziel dieser Analyse ist es, Aufschlüsse über die Funktion und Verteilung dieses Satztyps in unterschiedli‐ chen Kontexten zu gewinnen (Kapitel-7.1). Im zweiten Schritt wird die pragmatisch-inhaltliche Beziehung der WÜ zu ihrem Bezugstext untersucht. Ziel ist es, die Verträglichkeit der WÜ mit spe‐ zifischen Textsorten anhand inhaltlicher Merkmale zu bestimmen. Betrachtet werden w-Ausdrücke als Indikatoren für die inhaltliche Struktur des Bezugstex‐ <?page no="152"?> tes sowie die Schließung der Wissenslücke aus der Überschrift im Presseartikel (Kapitel-7.2). Darüber hinaus erfolgt eine semantisch-pragmatische Erschließung der WÜ. Mithilfe einer n-Gramm-Analyse werden wiederkehrende Wortmuster und hochspezifizierte Instanzen der WÜ identifiziert, die Hinweise auf textsorten‐ spezifische Gebrauchspräferenzen und ihre pragmatische Funktion geben kön‐ nen (Kapitel-7.3). Abschließend werden alle durchgeführten Analysen zusammengeführt und die Ergebnisse in Beziehung zu den zuvor formulierten Hypothesen gestellt. Auf diese Weise wird geprüft, inwieweit diese durch die Untersuchungsergebnisse bestätigt werden können (Kapitel-7.4). 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen Das folgende Kapitel legt die Beobachtungen zum Textsortengebrauch der WÜ aus dem Korpus offen und zeigt Gebrauchspräferenzen auf. Als Vergleichs‐ grundlage dienen WV2I in der Überschriften-Position, sodass die ermittelten Werte der WÜ in Relation zu denen von WV2I betrachtet werden können. Ziel ist es, die spezifischen Gebrauchscharakteristika der WÜ durch einen kontrastiven Vergleich zu verdeutlichen und mögliche Unterschiede hervorzuheben. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass Überschriften, die Zitate enthalten oder vollständig aus Zitaten bestehen, in den Auswertungen nicht berücksichtigt wurden. Da Zitierungen in Überschriften auf Äußerungen eines anderen Sprechers verweisen, sind diese erst mithilfe des Inhalts aus dem Be‐ zugstext kontextualisierbar. Sogenannte Zitat-Schlagzeilen (Burger/ Luginbühl 2014) haben daher primär eine intratextuelle Funktion und sind im Zuge der Texterschließung erst durch Begleitelemente der Überschrift wie z.B. der Dachzeile (111) oder der Spitzmarke (112) vollständig zu verstehen (vgl. Bur‐ ger/ Luginbühl 2014: 153). Um eine konsistente Grundlage zu schaffen, wird daher in dieser Untersuchung auf Zitat-Überschriften verzichtet. - (111) Cate Blanchett - - „Warum füttere ich nicht einfach die Hühner? “ (spiegel.de, 29.03.2019) - (112) Kahrs: „Was hat der geraucht? “ (n-tv.de, 02.05.2020) Das Hauptziel von Kapitel 7.1 besteht darin, den Textsortengebrauch der WÜ und WV2I in Überschriften offenzulegen. Darüber hinaus werden Häufigkeiten und Verteilungen innerhalb unterschiedlicher Presseportale und -gattungen 152 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="153"?> 47 Hierzu zählen bspw. auch zusammengesetzte Überschriften aus mehreren Satzeinheiten (a), und koordinierte Sätze mit WÜ (b): (a) Ja zu Uploadfiltern! Nein zu Uploadfiltern! Warum man die SPD vor der Europawahl abschreiben kann (spiegel.de, 05.04.2019), (b) Warum es so kommen musste und warum es Hoffnung gibt (gala.de, 11.04.2019) (etwa Magazin oder Tageszeitung) untersucht, um globale Tendenzen zu erfas‐ sen. Auf diese Weise können charakteristische Gebrauchsspezifika der WÜ besser verstanden und zugleich mögliche Einflüsse verschiedener Publikations‐ kontexte sichtbar gemacht werden. 7.1.1 Der Gebrauch in Online-Presseportalen In Vorbereitung auf die tiefergehende Analyse der Textsortenbeziehungen wird zunächst einleitend die Frequenz und Distribution der WÜ in den unterschied‐ lichen Presseportalen und -gattungen untersucht. Auf diese Weise soll ein globaler Überblick über die Gebrauchshäufigkeiten der WÜ gewonnen werden, um mögliche Unterschiede oder Auffälligkeiten zu erkennen. Dabei stellt sich unter anderem die Frage, ob die WÜ in der Online-Presse sehr verbreitet ist oder sich eher auf bestimmte Portale oder Gattungen konzentriert. Für die Analyse der Gebrauchshäufigkeiten wird zuerst ermittelt, welche Artikel im Korpus WÜ oder WV2I in ihrer Überschrift aufweisen. 47 Die in Abbildung 5 dargestellten Anteile machen deutlich, dass etwa rund 2% aller veröffentlichten Artikel eine WÜ verwenden, während 1,2% auf eine WV2I in ihren Überschriften zurückgreifen. Angesichts der Gesamtmenge aller Artikel (n=182.413) zeigt sich somit, dass beide Satztypen global betrachtet in einer recht ähnlichen Frequenz eingesetzt werden. Dies weist darauf hin, dass weder der Gebrauch der WÜ noch der WV2I in Überschriften auf bestimmte Online- Portale oder spezielle Gattungen beschränkt zu sein scheinen. 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 153 <?page no="154"?> Abb. 5: Anteile der WÜ und WV2I in Überschriften von Presse-Artikeln Es stellt sich die Frage, ob dieser Gebrauch auch in den einzelnen Presseportalen vorkommt oder ob einige Portale WÜ oder WV2I in Überschriften seltener oder häufiger verwenden. Tabelle 6 schlüsselt die Verteilung der Artikel mit WÜ oder WV2I in der Überschrift für die einzelnen Presseportale auf. Die Spalten mit den Werten für die Anteile beziehen sich jeweils auf die Gesamtmenge aller Artikel eines Presseportals. - - W-Überschrift WV2I Online-Portal Artikel Menge Anteil Menge Anteil Bento 721 123 17,06% 41 5,69% Utopia 1530 71 4,64% 16 1,05% BILD Online 15123 470 3,11% 498 3,29% Handelsblatt.com 14511 431 2,97% 23 0,16% Focus Online 28904 808 2,80% 347 1,20% Wirtschaftswoche.de 7799 173 2,22% 43 0,55% Welt.de 21356 412 1,93% 163 0,76% Giga.de 4417 81 1,83% 128 2,90% 154 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="155"?> 48 Chi-Quadrat-Signifikanztest: x 2 = 1384,45, Freiheitsgrad df = 18 49 Chi-Quadrat-Signifikanztest: x 2 = 1042.03, Freiheitsgrad df = 18 Sueddeutsche.de 10207 173 1,69% 104 1,02% Spiegel Online 13504 218 1,61% 120 0,89% FAZ.NET 15388 247 1,61% 195 1,27% GameStar.de 2768 39 1,41% 50 1,81% Stern.de 14195 199 1,40% 134 0,94% Gala.de 6651 81 1,22% 82 1,23% N-tv.de 8767 87 0,99% 76 0,87% Zeit Online 8156 73 0,90% 132 1,62% Neues-Deutschland.de 2208 13 0,59% 8 0,36% TAZ.de 6024 32 0,53% 31 0,51% BuzzFeed 184 0 0,00% 0 0,00% Tab. 6: Frequenzen und Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in Überschriften in Online- Portalen Unter Zuhilfenahme des Chi-Quadrat-Tests zur Prüfung der statistischen Signi‐ fikanz ist festzustellen, dass die beobachteten Anteile der Artikel mit WÜ 48 und WV2I 49 in der Überschrift nicht zufällig sind, sondern dass ein systematischer Unterschied vorliegt. Die Werte zeigen, dass WÜ und WV2I ähnlich frequent über die Online-Portale verteilt sind. WÜ machen in den meisten Portalen 1-3% aller Artikel-Überschriften aus, WV2I in Überschriften 1-2%. Die Anteile beider Überschrift-Typen sind daher mit den bisherigen Werten auf globaler bzw. portalübergreifender Ebene vergleichbar. Beim Gebrauch der WÜ sind jedoch Ausreißer nach oben in den Portalen Bento und Utopia zu erkennen. Ähnlich besitzen auch WV2I einen höheren Anteil in den Artikeln des Portals Bento, aber auch bei BILD Online und Giga.de. Ausreißer nach unten sind bei beiden Überschriften jeweils bei Neues-Deutschland.de, TAZ.de und BuzzFeed festzustellen. Allen beobachtbaren Ausreißern ist gemeinsam, dass die betreffenden Pres‐ seportale im Vergleich zu den anderen Portalen eine geringere Anzahl an produzierten Artikeln besitzen (n < 6.000), mit Ausnahme von BILD Online. Zudem fallen im Kontrast zu den Artikeln mit WV2I in der Überschrift die deutlich höheren Anteile der Artikel mit WÜ auf. Eine Visualisierung der Werte 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 155 <?page no="156"?> aus Tabelle 6 mithilfe eines Netzdiagramms (Abbildung 6) verdeutlicht diesen Unterschied des WÜ-Gebrauchs in den Portalen Bento und Utopia. Abb. 6: Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift an der Artikel- Gesamtmenge pro Online-Portal Da Bento und Utopia insgesamt nur eine geringe Gesamtzahl an Artikeln produzieren, aber dennoch einen hohen Anteil an WÜ aufweisen, ist darauf zu schließen, dass WÜ in diesen Portalen besonders häufig verwendet werden. Eine mögliche Begründung hierfür könnte in der Textsortendistribution dieser Portale liegen. Angesichts der inhaltlichen Ausrichtungen der beiden Online- Portale (s. Kurzvorstellungen in Kapitel 6.2.1) bietet sich folgende Erklärung an: Bento als Lifestyle-Magazin besitzt eine größere Menge an meinungsbetonten Textsorten und Utopia als Ratgeberportal mehr Ratgebertexte. WÜ könnten also vorrangig in solchen Textsorten verwendet werden. Diese Annahmen werden im nachfolgenden Kapitel-7.1.2 zum Textsortengebrauch näher untersucht. Eine mögliche Begründung für den geringen Gebrauch von WÜ und WV2I in Neues-Deutschland.de und TAZ.de könnten Merkmale der Produktionsumge‐ bung, die inhaltliche Ausrichtung und die Leserschaft sein. Die genannten Portale gehören zur linkspolitisch ausgerichteten Presse mit kleiner Redaktion und werden durch eine feste Leserschaft finanziert. Entsprechend produzieren sie eine geringe Anzahl an Artikeln und müssen aufgrund der Finanzierung 156 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="157"?> 50 Der Begriff Listicle kommt aus dem Englischen und vereint die Wörter list (dt. Liste) und article (dt. Artikel). durch ihre Leser weniger Leseanreize in der Überschrift schaffen als werbefi‐ nanzierte Portale. WÜ oder WV2I in Überschriften, die Leseanreiz fördernde Eigenschaften aufweisen, passen entsprechend nicht in eine solche Kommuni‐ kationsumgebung. Weiterhin sind im Falle von BuzzFeed weder Artikel mit WÜ noch WV2I in der Überschrift zu beobachten. Einen möglichen Erklärungsansatz hierfür können die stark verfestigten Inhalte und Überschriften in diesem Portal bieten. So finden sich in den Überschriften oftmals typische Clickbait-Muster (113), die satzinitial aus einer NP (Zahladjektiv + N) bestehen und von einem Relativsatz begleitet werden. Diesem Muster folgen bei BuzzFeed ca. 41% aller Überschriften, deren Bezugstexte Auflistungen von Bild-, Video- und Textinhalten sind - sogenannte Listicles 50 (Vijgen 2014). Aus dieser Beobachtung lässt sich darauf schließen, dass es ein stark gefestigtes stilistisches und formales Profil von BuzzFeed-Überschriften gibt, das keinen Spielraum für den Gebrauch von WÜ (und anderen Satztypen) lässt, so dass diese Überschriften verdrängt werden. - (113) 14 Bilder, die Supermarkt-Angestellte in ihren Alpträumen sehen (buzz‐ feed.de, 23.05.2019) Die Erklärungsansätze für den geringen oder erhöhten Gebrauch von WÜ und WV2I in Artikelüberschriften deuten darauf hin, dass kontextuelle Faktoren wie die redaktionelle Arbeit und die thematische Ausrichtung der Online- Portale einen Einfluss auf den Gebrauch der Überschriften haben könnten. Es stellt sich daher die Frage, ob auch die Pressegattung (Tageszeitung/ Magazin) den Gebrauch von WÜ und WV2I in Überschriften beeinflusst, da bestimmte Textsorten und deren Stilistik traditionell bestimmten Gattungen zugesprochen werden. Wie in Kapitel 4.3 gezeigt, gibt es Unterschiede in der textlichen Gestaltung zwischen Tageszeitungen und Magazinen, die sich auf Textsorten und Überschriften auswirken. Beispielsweise lassen sich Magazinberichte oft durch ihre inhaltliche Ausführung von Zeitungsberichten abgrenzen (vgl. Wolff 2017: 196). Zudem verwenden Überschriften von Meldungen aus Tageszeitun‐ gen in der Regel keine Fragen (vgl. Wolff 2017: 267), während in Magazinen Frage-Überschriften (114) eher auftreten. - (114) Welche Rolle spielt Ramstein im US-Drohnenkrieg? (spiegel.de, 14.03.2019) 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 157 <?page no="158"?> 51 Chi-Quadrat-Signifikanztest: x 2 = 22,51, Freiheitsgrad df = 1 Die nachfolgende Tabelle 7 zeigt die aus dem Korpus ermittelten Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in den Überschriften, bezogen auf die Gesamtmenge der Artikel in Tageszeitungen und Magazinen. - - W-Überschrift WV2I Pressegattung Artikel Menge Anteil Menge Anteil Magazin 80673 1793 2,22% 961 1,19% Tageszeitung 101740 1938 1,90% 1230 1,21% Tab. 7: Frequenzen und Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift in Pressegattungen Aus Tabelle 7 zeigt sich, dass Magazine und Tageszeitungen Artikelüberschrif‐ ten mit WÜ (ca. 2%) und WV2I (ca. 1,2%) in ähnlicher Frequenz wie in der Gesamtbetrachtung (s. Abbildung 5) einsetzen. Die ermittelten Werte sind als statistisch signifikant 51 einzustufen und zeigen, dass keine erheblichen Verwen‐ dungsunterschiede zwischen den Gattungen vorliegen. Zwar ist festzustellen, dass WÜ tendenziell höhere Anteile in Magazinen und WV2I in Tageszeitungen besitzen, allerdings sind die Differenzen so gering, dass ungewiss ist, ob dieser Unterschied aussagekräftig ist. Die Auswertung bekräftigt aber die in Kapitel 5.1.3 erwähnte Annahme, dass es in der Online-Presse zunehmend zu einer Angleichung des journalistischen Handelns in der Textgestaltung an gängige Muster und Standards kommt (vgl. Haim 2019: 22), bei der auch die Wahl der Überschrift eine Rolle spielt. Die Sichtweise hinsichtlich einer Trennung in Tageszeitung und Magazin ist insbesondere dadurch geprägt, dass die historischen Wurzeln dieser Gat‐ tungen in der gedruckten Schrift und somit dem Printmedium liegen. Nun befinden sich aufgrund der Ausgewogenheit der Korpusdaten jedoch auch Online-Portale in den Daten, die nicht Ableger eines Printmediums sind. So entstanden einige aus Formaten für das Fernsehen (z.B. Giga.de, N-tv.de) oder starteten direkt als (reines) Online-Presseportal (z.B. Bento, Utopia). Es ist davon auszugehen, dass Online-Redaktionen aufgrund ihres Entstehungshintergrunds nicht zwangsläufig an ein traditionell geprägtes journalistisches Handwerk gebunden sind und Artikel-Überschriften anders einsetzen bzw. gestalten, da das Publikationsmedium Internet andere Charakteristika der Textrezeption mit sich bringt. Das heißt, hier haben sich potenziell andere Gestaltungspraktiken 158 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="159"?> (z.B. für die Überschriftengestaltung) entwickelt, die sich vom traditionellen Handwerk in den Printmedien unterscheiden. Ergänzend zu diesen Überlegungen zeigt Tabelle 8 die Anteile der WÜ und WV2I in Artikelüberschriften gruppiert nach dem Entstehungshintergrund (TV, Print, Online) des jeweiligen Portals. Hierbei fällt auf, dass Presseportale, die direkt online gegründet wurden, in rund 8% ihrer Artikel eine WÜ verwenden. Bei den restlichen Portalen, die ihre Wurzeln in Print und TV besitzen, weisen hingegen lediglich 1-2% der Artikel eine WÜ auf. - - W-Überschrift WV2I Entstehung Artikel Menge Anteil Menge Anteil Online 2435 194 7,97% 57 2,34% Print 166794 3369 2,02% 1930 1,16% TV 13184 168 1,27% 204 1,55% Tab. 8: Frequenzen und Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift in Online-Portalen nach Entstehungshintergrund Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass WÜ in nahezu allen Portalen in einer ähnlichen Frequenz bezogen auf die Gesamtmenge der Presse-Artikel verwendet werden. Gleiches trifft auf WV2I in Überschriften zu. Beide Satztypen sind somit keine exklusive Erscheinung in spezifischen Presseportalen, sondern besitzen eine ähnliche Distribution über Portalgrenzen und Gattungsformen (Tageszeitung/ Magazin) hinweg. Sie sind ein fester Bestandteil im Pressege‐ brauch und können als etablierte Satztypen in Überschriften aufgefasst werden. Auffällig ist lediglich der erhöhte Gebrauch von WÜ in den Portalen Bento und Utopia, die mit ihren Texten eine spezifische Leserschaft ansprechen. Beide Portale schreiben exklusiv für den Online-Bereich und besitzen nicht wie andere Portale Wurzeln im Print- und Fernsehjournalismus. Charakteristisch für die WÜ deutet sich daher eine höhere Eignung für die Verwendung in Online- Artikeln an, die eine größere Nähe zum TR aufweisen. Diese Nähe zeigt sich bspw. bei Bento in einer meinungsbetonten Adressierung an die Leserschaft und bei Utopia in der Rat gebenden Portal-Funktion, dem TR in Alltagsfragen zu helfen. Dieser erste Eindruck wird im nachfolgenden Kapitel näher untersucht, indem der Fokus auf die Gebrauchspräferenzen in spezifischen Textsorten gelegt wird. 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 159 <?page no="160"?> 52 Die in den folgenden Abbildungen und Tabellen verwendete Kategorie keinText be‐ zeichnet Artikel, die keiner Textsorte zuordbar sind. Hierzu zählen solche, die kein Textformat besitzen - primär also bspw. aus einem Video oder einer Bilderstrecke bestehen - oder nicht als Pressetext einstufbar sind, wie bspw. Romanauszüge, die im Zuge eines werbenden Artikels verwendet werden. 7.1.2 Der Gebrauch in Textsorten Im Folgenden werden die Gebrauchspräferenzen von WÜ und WV2I in den Überschriften verschiedener Textsorten untersucht. Dazu werden die Frequen‐ zen der WÜ in den Pressetextsorten sowie deren Distribution ermittelt. Dieselbe Vorgehensweise wird auf WV2I in Überschriften übertragen, um die Verwen‐ dung beider Satztypen zu vergleichen. Zur Einführung zeigt Abbildung 7 die beobachteten Häufigkeiten der Artikel, die WÜ und WV2I in den Überschriften der Textsorten 52 aufweisen: Abb. 7: Häufigkeit der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Textsortenzu‐ gehörigkeit Die in Abbildung 7 beobachteten Häufigkeiten für WÜ und WV2I in den Überschriften zeigen, dass beide Satztypen eine ähnliche Distribution über die Textsorten hinweg besitzen. Die am häufigsten verwendete Textsorte ist der Bericht, der bei WÜ ungefähr 46% (n=1697) der Gesamtmenge (n=3731) ausmacht und bei WV2I rund 36% (n=796) der Gesamtmenge (n=2191). Weitere frequent verwendete Textsorten sind Ratgebertexte und Kommentare. Auffällig 160 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="161"?> 53 Im Zuge einer Diskussion um die Definition einer repräsentativen Woche für die Pres‐ selandschaft ist zu fragen, welche Faktoren für die Repräsentativität eine Rolle spielen und ob Großereignisse doch bis zu einem gewissen Grad zu einer repräsentativen Pressewoche zu zählen sind. Auch eine saisonal bedingte geringere Nachrichtenpro‐ duktion im Sommer könnte bspw. als ein Einflussfaktor herangezogen werden. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wurde sich jedoch aufgrund der eingeschränkten Rahmenbedingungen dafür entschieden, dass eine repräsentative Woche lediglich keine Großereignisse aufweisen sollte, da diese potenziell mit einer erhöhten Artikelproduk‐ tion einhergehen könnte. ist insbesondere die hohe Anzahl von WÜ (n=273) und WV2I (n=231) in den Überschriften von Meldungen, die im Vergleich zu anderen Textsorten deutlich höher ausfällt. Angesichts der Annahme, dass WÜ nicht gut mit Meldungen (transmittierende Texte) verträglich sein sollten, scheinen diese Zahlen über‐ raschend. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass die bloße Betrachtung der Häufigkeiten von WÜ (und WV2I in Überschriften) in den Textsorten nicht aus‐ reicht, um von Gebrauchspräferenzen zu sprechen, da diese Häufigkeiten nicht im Verhältnis zur Gesamtzahl der Artikel stehen. Das heißt: Die Gebrauchsprä‐ ferenzen der WÜ lassen sich erst ermitteln, wenn die Gesamtmenge aller Artikel einer Textsorte in die Betrachtung einbezogen wird. Die beobachtete Menge der Artikel einer Textsorte mit WÜ (und WV2I in der Überschrift) ist also ins Verhältnis zu der Menge aller produzierten Artikel dieser Textsorte zu setzen. Die einführende Betrachtung der reinen Frequenzen in Abbildung 7 leistet diesen Einblick nicht, verdeutlicht aber, dass WÜ und WV2I in Überschriften durchaus für Meldungen eingesetzt werden können. Es bleibt jedoch die Frage offen, ob sie für diese Textsorte (genauso wie alle anderen) auch bevorzugt verwendet werden. Um also eine umfassende Betrachtung der Gebrauchspräferenzen zu ermög‐ lichen, ist es erforderlich, die Gesamtmengen der Artikel einer Textsorte im Korpus zu ermitteln. Aus diesem Grund wurde ein weiterer Schritt der Datenauf‐ bereitung durchgeführt, bei dem eine repräsentative Stichprobe aus dem Korpus entnommen wurde. Die Artikel der Stichprobe, die zuvor keine Textsortenaus‐ zeichnung aufwiesen, wurden anschließend nach ihrer Textsortenzugehörigkeit annotiert. Das Ziel dieser Annotationen war es, sich anhand der Stichprobe an die tatsächlich enthaltene Gesamtmenge der Artikel einer Textsorte anzu‐ nähern. Als Stichprobe wurde eine repräsentative Woche (Kalenderwoche 28) ausgewählt, in der keine Großereignisse wie bspw. Terroranschläge oder Naturkatastrophen stattfanden, die die produzierte Anzahl an Artikeln hätte potenziell verfälschen können. 53 Die Auszeichnungen wurden unter denselben Rahmenbedingungen durchgeführt, wie in der ersten Annotationsphase zur Erstellung des Korpus (s. Kapitel 6). Drei Annotatorinnen haben dieselben 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 161 <?page no="162"?> 54 Der Wert κ = 0,84 ist trotz der schwierigen, teils subjektiv geprägten Annotation als recht hoch einzustufen. Er übersteigt den Wert aus der ersten Annotationsphase (s. Kapitel 6.2.4). Ein Grund hierfür kann die erhöhte Menge der Textsorte Meldung in den Daten sein. Denn aufgrund der gefestigten Textform von Meldungen (kurz, prägnant, objektiv, etc.) sind diese recht eindeutig zu erkennen und im Vergleich zu variantenreichen Textsorten wie bspw. das Feature oder die Reportage schneller und zuverlässiger bestimmbar. Artikel hinsichtlich ihrer Textsortenzugehörigkeit unabhängig voneinander ausgezeichnet. Nach Abschluss der Annotationen wurde der Kappa-Koeffizient zur Bestimmung der Reliabilität der Auszeichnungen berechnet, dessen Wert 54 von κ = 0,84 auf eine hohe Zuverlässigkeit der Textsortenannotation hindeutet. Diesem Ergebnis nach eignen sich die Daten, um sie als Grundlage für eine Hochrechnung der Gesamtmenge an verwendeten Textsorten im Korpus her‐ anzuziehen. Um die Gebrauchspräferenzen in den Textsorten zu ermitteln, wird der berechnete Näherungswert für die Gesamtzahl aller Artikel einer Textsorte ins Verhältnis zur beobachteten Anzahl der Artikel mit WÜ oder WV2I in der Überschrift gesetzt. Tabelle 9 zeigt die Frequenzen dieser Textsorten und ihre prozentualen Anteile an der (hochgerechneten) Gesamtmenge aller Artikel. Zur besseren Interpretation der in Tabelle 9 dargestellten Daten wurden die Anteilswerte auch in einem Netzdiagramm veranschaulicht (Abbildung 8). - - W-Überschrift WV2I Textsorte Artikel Menge Anteil Menge Anteil Ratgebertext 8892 669 7,52% 379 4,26% Feature 1300 80 6,15% 25 1,92% Kommentar 6474 391 6,04% 201 3,10% Bericht 40300 1697 4,21% 796 1,98% Kolumne 2106 85 4,04% 43 2,04% Interview 5746 137 2,38% 104 1,81% Rezension 4368 73 1,67% 117 2,68% keinText 21086 217 1,03% 249 1,18% Reportage 10972 103 0,94% 42 0,38% Glosse 572 3 0,52% 1 0,17% 162 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="163"?> Anleitung 624 3 0,48% 3 0,48% Meldung 76908 273 0,35% 231 0,30% Tab. 9: Frequenzen und Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Textsortenzugehörigkeit Abb. 8: Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Textsortenzuge‐ hörigkeit 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 163 <?page no="164"?> kein‐ Text Anlei‐ tung Bericht Fea‐ ture Glosse Inter‐ view Ko‐ lumne Kom‐ mentar Mel‐ dung Ratge‐ bertext Repor‐ tage Rezen‐ sion Bento 11,54% 0,00% 76,92% 0,00% 0,00% 7,21% 0,00% 42,31% 0,00% 5,77% 2,88% 3,85% BILD Online 1,21% 0,00% 6,41% 0,00% 0,00% 5,87% 3,85% 20,00% 0,80% 4,51% 5,24% 3,50% BuzzFeed 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% FAZ.NET 3,85% 0,00% 2,85% 6,41% 0,00% 0,62% 9,62% 4,77% 0,17% 5,43% 0,40% 1,81% Focus Online 3,13% 1,92% 6,45% 9,62% 0,96% 9,23% 7,21% 13,23% 0,74% 13,89% 2,48% 7,69% Giga.de 2,40% 0,00% 2,62% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 26,92% 1,60% 2,06% 2,56% 0,35% Gala.de 0,21% 0,00% 3,37% 0,00% 0,00% 2,14% 0,00% 5,13% 0,21% 7,05% 0,00% 0,77% GameStar.de 5,13% 0,00% 3,04% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 3,85% 0,59% 0,55% 0,00% 1,28% Handelsblatt.com 75,00% 0,00% 6,04% 8,12% 0,00% 2,40% 0,00% 32,69% 0,03% 29,23% 2,24% 8,46% Neues-Deutschland.de 0,00% 0,00% 0,96% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,48% 0,20% 3,85% 0,00% 0,00% Spiegel Online 3,37% 0,00% 5,36% 19,23% 0,00% 1,92% 6,92% 20,00% 0,22% 12,09% 1,03% 3,85% Stern.de 0,17% 0,00% 5,23% 0,00% 3,85% 2,40% 0,00% 46,15% 0,59% 6,28% 1,18% 1,28% Sueddeutsche.de 0,58% 0,00% 1,89% 5,49% 0,00% 0,77% 0,70% 1,67% 0,13% 4,01% 0,37% 1,05% Utopia 0,00% 0,00% 2,47% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 11,54% 0,38% 7,98% 0,00% 0,00% Welt.de 1,79% 0,00% 3,66% 3,21% 1,92% 1,92% 2,31% 4,30% 0,21% 4,69% 1,04% 1,78% Wirtschaftswoche.de 0,00% 0,00% 7,06% 61,54% 0,00% 0,77% 10,77% 17,31% 0,11% 8,46% 1,65% 7,69% Zeit Online 2,64% 0,00% 2,01% 0,00% 0,00% 0,20% 1,92% 2,64% 0,07% 5,13% 0,47% 1,44% 164 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="165"?> N-tv.de 0,00% 0,00% 2,19% 0,00% 0,00% 0,48% 0,00% 3,85% 0,09% 10,84% 0,43% 0,00% TAZ.de 0,00% 0,00% 0,53% 0,00% 0,00% 0,35% 1,05% 0,85% 0,00% 0,00% 0,26% 1,92% Tab. 10: Anteile der Artikel einer Textsorte mit WÜ in Online-Presseportalen 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 165 <?page no="166"?> 55 Die Einstufung als frequenter bzw. präferierter Gebrauch ergibt sich aus dem Anteil der Artikel mit WÜ in Bezug zur tatsächlich beobachteten Gesamtmenge aller Artikel. Diese Werte wurden im Zuge der globalen Betrachtung zum Gebrauch der WÜ (s. Kapitel 7.1.1) ermittelt. Alle Werte über 2% werden daher als ein überdurchschnittlicher Gebrauch angesehen. 56 In Anhang 2 finden sich die absoluten Werte, die zur Berechnung der Anteile notwendig sind, sowohl für die WÜ in Tabelle 10 als auch für die WV2I in Tabelle 11. 57 Wie bereits erwähnt, ergibt sich die Definition des frequenten Gebrauchs aus dem Anteil der Artikel mit WÜ in Bezug zur tatsächlich beobachteten Gesamtmenge aller Artikel (s. Kapitel 7.1.1). Alle Werte über 2% werden daher als überdurchschnittlicher Gebrauch angesehen. In Tabelle 9 und Abbildung 8 fällt auf, dass WÜ und WV2I in den Überschriften von Meldungen selten verwendet werden. Nur 0,35% der Meldungen enthalten eine WÜ, 0,3% eine WV2I. Es lässt sich also keine Gebrauchspräferenz beider Formen in Meldungen feststellen, dafür aber ein frequenter Gebrauch 55 (>=2%) in Ratgebertexten, Features, Berichten, Kommentaren und Kolumnen. Bei genauer Betrachtung der Gebrauchsanteile wird deutlich, dass WÜ und WV2I eine ähnliche Textsorten-Priorisierung haben. Hierbei ist auffällig, dass die Stärke der Gebrauchspräferenz - die Höhe des Anteils in den Textsorten - bei WÜ ausgeprägter ist als bei WV2I. Dies wird insbesondere in Abbildung 8 deutlich, wo die stärkere Präferenz bei WÜ erkennbar ist: - Ratgebertexte: WÜ mit Anteil von 7,52% im Vergleich zu WV2I mit 4,26% - Features: WÜ mit Anteil von 6,15% im Vergleich zu WV2I mit 1,92% - Berichte: WÜ mit Anteil von 4,21% im Vergleich zu WV2I mit 1,98% - Kommentare: WÜ mit Anteil von 6,04% im Vergleich zu WV2I mit 3,1% - Kolumnen: WÜ mit Anteil von 4,04% im Vergleich zu WV2I mit 2,04% Um ein feineres Bild der Gebrauchspräferenzen in den Presseportalen zu erhalten, berücksichtigt Tabelle 10 diese als weitere Dimension. Die Zellenwerte zeigen den Anteil der Artikel einer Textsorte mit WÜ im Verhältnis zur Gesamtzahl aller Artikel dieser Textsorte im jeweiligen Online-Portal. 56 Beispiel: 76,92% der Berichte in Bento verwenden eine WÜ. Der Wert basiert auf der Gesamtzahl der Berichte in Bento (52 Artikel) sowie der Anzahl der Berichte mit WÜ (40 Artikel). Die in Tabelle 10 aufgeführten Anteile der WÜ in den Textsorten der Online- Portale verdeutlichen eine fast durchgängig frequente Verwendung (>= 2%) 57 von WÜ in Artikeln von Berichten, Kommentaren und Ratgebertexten. Dies 166 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="167"?> bestätigt die bisherigen Beobachtungen zu den portalübergreifenden WÜ-Ge‐ brauchspräferenzen in diesen Textsorten. Tabelle 10 zeigt zudem die geringe Gebrauchspräferenz der WÜ in Meldungen, die ebenfalls portalübergreifend vorzuliegen scheint. Ein ähnliches Bild ergibt sich in der folgenden Tabelle 11 für die Anteile von WV2I in Textsorten. 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 167 <?page no="168"?> kein‐ Text Anlei‐ tung Bericht Fea‐ ture Glosse Inter‐ view Ko‐ lumne Kom‐ mentar Mel‐ dung Ratge‐ bertext Repor‐ tage Rezen‐ sion Bento 3,85% 0,00% 19,23% 0,00% 0,00% 4,33% 0,00% 5,77% 0,00% 6,73% 0,96% 0,00% BILD Online 3,24% 0,00% 5,48% 7,69% 0,00% 4,86% 0,64% 17,69% 0,79% 9,25% 1,75% 7,34% BuzzFeed 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% FAZ.NET 3,30% 0,00% 1,82% 5,13% 0,00% 1,54% 5,77% 4,15% 0,12% 3,17% 0,57% 4,52% Focus Online 1,20% 0,00% 2,73% 2,88% 0,00% 5,64% 0,96% 4,31% 0,78% 4,33% 0,62% 15,38% Giga.de 5,29% 0,00% 3,08% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 30,77% 1,18% 5,36% 0,00% 2,01% Gala.de 0,34% 0,00% 3,65% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 11,54% 0,22% 4,49% 0,00% 3,08% GameStar.de 15,38% 0,00% 3,04% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 5,77% 0,67% 1,10% 0,00% 0,00% Handelsblatt.com 1,92% 0,00% 0,37% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 3,85% 0,00% 1,54% 0,16% 0,00% Neues-Deutschland.de 0,00% 0,00% 0,32% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,72% 0,20% 0,00% 0,00% 0,64% Spiegel Online 6,97% 0,00% 2,13% 0,00% 0,00% 1,10% 3,08% 10,77% 0,09% 5,49% 0,77% 3,37% Stern.de 0,29% 0,00% 3,66% 0,00% 0,00% 5,29% 0,00% 11,54% 0,27% 1,62% 0,00% 3,21% Sueddeutsche.de 3,14% 0,00% 0,58% 1,10% 0,00% 0,00% 1,40% 0,50% 0,11% 1,12% 0,07% 0,87% Utopia 0,00% 0,00% 0,27% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 1,99% 0,00% 0,00% Welt.de 1,04% 0,00% 0,88% 1,28% 1,92% 0,90% 0,77% 1,96% 0,14% 1,88% 0,24% 2,96% Wirtschaftswoche.de 0,00% 0,00% 1,18% 3,85% 0,00% 0,38% 6,92% 9,62% 0,02% 1,54% 0,55% 3,85% Zeit Online 8,65% 0,00% 2,32% 0,64% 0,00% 2,63% 1,92% 4,81% 0,00% 12,82% 0,58% 2,40% 168 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="169"?> N-tv.de 0,00% 0,00% 1,92% 1,92% 0,00% 0,48% 1,92% 0,00% 0,17% 7,69% 0,64% 1,65% TAZ.de 0,00% 0,00% 0,65% 0,00% 0,00% 0,35% 0,52% 1,07% 0,00% 0,00% 0,38% 1,44% Tab. 11: Anteile der Artikel einer Textsorte mit WV2I in der Überschrift in Online-Presseportalen 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 169 <?page no="170"?> 58 Die Mindestgrenze von 1,2% für eine Einstufung als frequenter Gebrauch ergibt sich aus dem Anteil der Artikel mit WV2I in der Überschrift in Bezug zur tatsächlich beobachteten Gesamtmenge aller Artikel (s. Kapitel 7.1.1). Alle Werte über 1,2% werden daher als ein überdurchschnittlicher Gebrauch angesehen. 59 Der Begriff Online-Artikel wird an dieser Stelle lediglich in Ermangelung eines besseren Wortes verwendet, denn streng genommen handelt es sich nicht um einen Text-Artikel, sondern um Artikel, denen ein Text fehlt und die lediglich dazu dienen, ein Video oder eine Reihe Bilder im Online-Portal zu platzieren. Im Vergleich zu WÜ sind beim Textsortengebrauch der Artikel mit WV2I in der Überschrift zwei Auffälligkeiten festzustellen: Sie weisen genauso wie die WÜ eine frequente Verwendung (> 1,2%) 58 in Berichten, Kommentaren und Ratgebertexten auf und sie werden häufig in Artikeln mit fehlender Textbasis eingesetzt (keinText). Die unter keinText kategorisierten Online-Artikel 59 besit‐ zen keinen schriftlich ausformulierten Text, sondern fungieren lediglich als Platzhalter, um bspw. ein Video oder eine Bilderstrecke im Online-Portal zu platzieren. An den Auswertungen ist bisher zu erkennen, dass bei WÜ und bei WV2I Gebrauchspräferenzen für bestimmte Textsorten vorliegen. Zu diesen zählen insbesondere Berichte, Kommentare und Ratgebertexte. Im Kontrast zu WV2I in Überschriften ist der Ausprägungsgrad der Gebrauchspräferenz von WÜ zu diesen Textsorten aber generell stärker. Dies weist darauf hin, dass WÜ und WV2I in Überschriften zwar eine ähnliche Verwendungsgrundlage besitzen, im Fall der WÜ aber eine stärkere Eignung für diese Textsorten vorliegt. Um sich dem Grund dieser Eignung anzunähern, wird im Folgenden der Textsortengebrauch aus funktionaler Perspektive analysiert. Das heißt, die Textsorten werden nach ihrem Handlungszweck, Zielerreichungsweise und ih‐ rer (Vor-)Bedingung gruppiert. Als Grundlage hierfür wird die vorgenommene Klassifizierung aus Kapitel 5.2 herangezogen, die nach dem Vorbild von Rolfs (1993) Gebrauchstextsorteneinteilung angefertigt wurde. Zuerst werden die Textsorten gruppiert nach ihrem Handlungszweck be‐ trachtet, wobei zwischen direktiven und assertiven Textsorten unterschieden wird. Die Gruppe der direktiven Textsorten fällt im Korpus angesichts der assertiven Natur von Pressetexten verständlicherweise eher gering aus. Konkret handelt es sich nach Rolfs (1993) Einteilung bei der Gruppe der direktiven Texte um Ratgebertexte und Anleitungen. Tabelle 12 zeigt die Gesamtzahl der Artikel in jeder Kategorie sowie den Anteil der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift. 170 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="171"?> W-Überschrift WV2I Handlungszweck Artikel Menge Anteil Menge Anteil Assertiv 148746 2842 1,91% 1560 1,05% Direktiv 9516 672 7,06% 382 4,01% keinText 21086 217 1,03% 249 1,18% Tab. 12: Frequenzen und Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrem Handlungszweck Abb. 9: Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrem Handlungs‐ zweck Durch die Betrachtung des Netzdiagramms in Abbildung 9 wird deutlich, dass sowohl WÜ als auch WV2I bevorzugt in Überschriften von Pressetexten mit direktivem Handlungszweck verwendet werden. Es gilt hier jedoch zu beachten, dass zur Gruppe der direktiven Textsorten nur Ratgebertexte und Anleitungen zählen. Angesichts der geringen beobachteten Menge an Anleitungen mit WÜ und WV2I in der Überschrift (jeweils n = 3) kann die Gruppe der direktiven Texte 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 171 <?page no="172"?> 60 Die Kategorie keinText wird im Folgenden nicht mehr beachtet, da sich die Werte bei der weiteren Aufschlüsselung nicht mehr ändern und sie keine Relevanz für die weiteren Betrachtungen besitzen. an dieser Stelle im Grunde mit der Textsorte des Ratgebertextes gleichgesetzt werden. Daraus lässt sich schließen, dass dem Ratgebertext eine besondere Bedeutung im textsortenspezifischen Gebrauch von WÜ und WV2I in Über‐ schriften zukommt. Bei einer genaueren Betrachtung auf der Ebene der Zielerreichungsweise lassen sich Ratgebertexte und Anleitungen aber in unterschiedliche Gruppen einteilen, basierend auf dem Bindungsmerkmal. Ratgebertexte zeichnen sich durch eine nicht-bindende Zielerreichungsweise aus, während Anleitungen für die Erreichung ihres kommunikativen Ziels bindend sind. Des Weiteren lassen sich assertive Textsorten auf der Ebene der Zielerreichungsweise in transmittierende Texte (Meldung) und darstellende Texte (Bericht, Feature, Reportage, Interview, Kolumne, Kommentar, Glosse, Rezension) unterteilen. Tabelle 13 zeigt die Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift im Verhältnis zur Gesamtmenge. 60 - - W-Überschrift WV2I Zielerreichungsweise Artikel Menge Anteil Menge Anteil Transmittierend 76908 273 0,35% 231 0,30% Darstellend 71838 2569 3,58% 1329 1,85% Bindend 624 3 0,48% 3 0,48% Nicht-Bindend 8892 669 7,52% 379 4,26% Tab. 13: Frequenzen und Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in Überschriften nach Zielerreichungsweise 172 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="173"?> Abb. 10: Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Zielerreichungs‐ weise Aus den ermittelten Werten in Tabelle 13 geht hervor, dass WÜ und WV2I in Überschriften stärker in darstellenden und nicht-bindenden Texten ein‐ gesetzt werden, aber nicht in Texten mit transmittierender und bindender Zielerreichungsweise. Zu den nicht präferiert verwendeten Textsorten zählen also die Anleitung mit bindender Zielerreichungsweise und die Meldung mit transmittierender Zielerreichungsweise. Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Zielerreichungsweisen, bei denen der TR zur Erreichung des Ziels an den Text gebunden ist und der TR primär neue Informationen übermittelt bekommt, weniger mit WÜ und WV2I einhergehen, dafür aber mit Texten mit nichtbindender und darstellender Zielerreichungsweise. Das bedeutet, sie stehen eher mit Texten in Zusammenhang, bei denen der TR nicht an den Text gebunden ist, um eine Handlung durchzuführen, sondern gezielt aufbereitete Informationen in darstellender Form erhält. Auffällig ist bei dieser Feststellung, dass es sich bei den geeigneten und nicht geeigneten Textsorten jeweils um gegensätzliche Zielerreichungsweisen handelt. So liegt bei nicht-bindenden und bindenden Texten der Gegensatz in der Bindung des TR an den Inhalt, um sein Ziel zu erreichen, bei transmittierenden und darstellenden Texten in der Art und 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 173 <?page no="174"?> Weise der Informationsvermittlung. Transmittierende Texte legen ihren Fokus auf die Vermittlung von neuen Informationen, wohingegen darstellende Texte bestehende Inhalte in spezifischer Form aufgreifen, ergänzen und erklären. WÜ und WV2I in Überschriften scheinen sich also nicht mit einem rein transmittierenden Charakter des Bezugstextes zu vertragen, der primär das Ziel einer Informationsvermittlung an den TR anstrebt. Eine Unverträglichkeit lässt sich dadurch erklären, dass WÜ und WV2I dem TR aufgrund ihrer konstruierten Wissenslücke Inhalte vorenthalten, was im Gegensatz zu einer klaren Informationsvermittlung steht. Das Vorenthalten von Informationen in der Überschrift scheint daher besser mit Texten kompatibel zu sein, die eine darstellende Zielerreichungsweise verfolgen. Der Grund dafür könnte sein, dass die in der WÜ oder WV2I eröffnete Wissenslücke aus der Überschrift im Bezugstext aufgegriffen und/ oder gefüllt werden soll. Hinsichtlich der bindenden und nicht-bindenden Textsorten ist ein ähnlicher Grund für die Kompatibilität mit WÜ und WV2I in Überschriften denkbar. Bei bindenden Texten wie der Anleitung ist der TR an die aufbereiteten Informationen im Text gebunden, um sein Ziel zu erreichen, bei nicht-bindenden Textsorten wie dem Ratgebertext hingegen nicht, da der Text keine notwendigen Handlungsanweisungen an den TR beinhaltet, sondern Ratschläge, die mit Be‐ gründungen und Zusatzinformationen angereichert sind. Bei nicht-bindenden Texten liegt es im Ermessen des TR, ob er alternative Vorgehensweisen oder Wege zur Zielerreichung wählt. Dieser begründende, aufklärende Charakter, der zur eigenen Entscheidungsfindung beitragen soll, scheint zumindest mit einer darstellenden Zielerreichungsweise vergleichbar. Nicht-bindende und darstellende Texten besitzen also die Gemeinsamkeit, bestehendes Wissen zu erweitern und Inhalte explikativ aufzubereiten. Ratge‐ bertexte erklären dem TR Inhalte, die er als erweitertes Wissen für die Bewälti‐ gung eines Problems benötigt. Berichte und Features greifen etabliertes Wissen zu einem Diskurs auf und erweitern dieses mithilfe von bspw. Einordnungen, Veranschaulichungen oder Erklärungen. Da die Gruppe der darstellenden Texte jedoch vielfältig ist, ist eine detailliertere Betrachtung der Textsorteneintei‐ lung nach ihrer (Vor-)Bedingung erforderlich, um weitere Abstufungen der Gebrauchspräferenzen der WÜ zu bestimmen. Alle Textsorten werden daher erneut eingeteilt, diesmal nach ihrer (Vor-)Bedingung. Unterschieden wird dabei zwischen emittierenden, disputierenden, judizierenden und registrierenden Texten, aber auch solchen, bei denen ein Leserinteresse vorliegen muss oder die eine Legislationsgewalt besitzen. 174 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="175"?> W-Überschrift WV2I (Vor-)Bedingung Artikel Menge Anteil Menge Anteil Emittierend 76908 273 0,35% 231 0,30% Disputierend 41600 1777 4,27% 821 1,97% Legislationsgewalt 624 3 0,48% 3 0,48% Leserinteresse 8892 669 7,52% 379 4,26% Registrierend 10972 103 0,94% 42 0,38% Judizierend 19266 689 3,58% 466 2,42% Tab. 14: Frequenzen und Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrer (Vor-)Bedingung Abb. 11: Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrer (Vor-)Be‐ dingung Tabelle 14 und Abbildung 11 zeigen, dass WÜ und WV2I präferiert in Über‐ schriften von Texten verwendet werden, die ein Leserinteresse (Ratgebertext) voraussetzen oder disputierend (Bericht, Feature) und judizierend (Kommentar, 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 175 <?page no="176"?> Kolumne, Interview, Glosse, Rezension) sind. Disputierende und judizierende Texte sind auf der Ebene der Zielerreichungsweise zu den darstellenden Tex‐ ten zu zählen. Wie zuvor ersichtlich, ähnelt der Gebrauch eines WV2I in Überschriften auch hier dem der WÜ. Beide werden in denselben Textsorten präferiert verwendet. Auch hier lässt sich wieder erkennen, dass bei WÜ eine stärkere Ausprägung der Gebrauchspräferenzen vorliegt, was für ihre höhere Eignung für die genannten Textsorten spricht. Entsprechend stellt sich die Frage, warum gerade bei WÜ und nicht bei WV2I eine stark ausgeprägte Textsortenverträglichkeit vorliegt. Ein möglicher Ausgangspunkt, um diese Frage zu beantworten, kann das Leserinteresse sein, denn an den Auswertungen auf der Ebene der (Vor-)Be‐ dingungen ist insbesondere die Dominanz der Texte, die ein Leserinteresse erfordern, auffällig. Rolf (1993) versteht das Leserinteresse im Zusammenhang mit einem direktiven Handlungszweck und einer nicht-bindenden Zielerrei‐ chungsweise, was in der vorliegenden Typologie nur die Ratgebertexte betrifft. Rolf (1993) sieht bei dieser Textsorte das Leserinteresse als Bedürfnis des TR, eine Lösung für ein Problem zu finden und nicht-bindende Informationen hierfür zu bekommen, um es zu bewältigen. Bei genauerer Betrachtung wirkt diese eingeschränkte Definition des Leserinteresses im Kontext von Pressetexten allerdings irreführend bzw. überspezifiziert. Das Leserinteresse muss sich nicht nur durch den bestehenden Wunsch nach einer Problembewältigung definieren, sondern kann für Pressetexte auch generell das Bedürfnis nach einer Antwort auf eine latent bestehende Frage sein (s. Kapitel 4.3.2). Im Bereich von Ratge‐ bertexten kann eine solche latente Frage eine Problemstellung als Ursache haben (z.B: Wie bekämpfe ich effektiv eine Erkältung? ). In darstellenden Texten wie Berichten kann eine solche Frage aber auch aus einem spezifischen Interesse an einem Diskurs oder einem Themengebiet bestehen, zu dem der TR sein Wissen erweitern will (z.B: Warum streamte der Attentäter von Christchurch seine Gewalttat im Internet? ). Eine solche Auffassung des Leserinteresses scheint im Rahmen der Presse‐ texte angemessener und würde in disputierenden und judizierenden Textsorten bedient werden, denn diese Texte bauen auf vorherigen Diskursereignissen auf, setzen sich mit diesen auseinander und erklären sie aus verschiedenen Perspektiven. Den TR kann bei diesen Textsorten ebenfalls ein gewisses Vor‐ wissen unterstellt werden, auf dem aufgebaut wird und das erweitert werden soll. So erfordern judizierende Textsorten wie bspw. Kommentare ein spezifi‐ sches Interesse an der Meinung einer anderen Person zu einem bestimmten Thema und disputierende Textsorten wie z.B. Berichte setzen ein Vorwissen zu einem (meist) aktuellen Diskursgeschehen voraus. Ein solches Verständnis des 176 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="177"?> 61 Diese Zweiteilung wird entsprechend der Ergebnisse vorgenommen und dient lediglich als Erklärungsansatz. Allerdings entsteht an dieser Stelle auch die Frage, ob unspezifisch und spezifisch nicht auch als Endpunkte auf einer Skala betrachtet werden könnten und das Leserinteresse auch feindifferenzierter mit Abstufungen beschrieben werden kann. Leserinteresses ist jedoch nicht mit einem generell vorausgesetzten Interesse an neuen Informationen zu verwechseln, das beim Konsum von Pressetexten jeglicher Art als Grundvoraussetzung angenommen werden kann. Insbesondere bei Meldungen (transmittierende und emittierende Texte), in denen neue Ereig‐ nisse mit dem TR geteilt werden, kann ein solches unspezifisches Interesse vorausgesetzt werden, denn TR haben in der Regel zum Zeitpunkt der Textre‐ zeption kein spezifisches Vorwissen über das jeweilige Ereignis. Entsprechend bestehen kaum spezifische PQs, die TP bei den TR annehmen und in der Überschrift auffangen können. Eine Teilung in spezifisches und unspezifisches Leserinteresse 61 bei Pressetexten ermöglicht daher eine feinere Trennung der Textsorten voneinander. Von diesem Verständnis ausgehend, dass auch judizierende und disputierende Texte ein weiter gefassteres Leserinteresse als bei Rolf (1993) voraussetzen, ist es möglich, sich einer Antwort auf die Frage zu nähern, warum gerade WÜ eine ausgeprägtere Gebrauchspräferenz für diese Texte besitzen. Im Sinne des QUD-Ansatzes explizieren zwar WÜ und WV2I in Überschriften eine implizite Frage, allerdings tun sie das auf unterschiedliche Weise: das eine Mal als kanonische Frage (WV2I), das andere Mal als nicht kanonische Frage (WÜ). Sie behandeln das spezifische Leserinteresse also auf unterschiedliche Weise. WV2I als kanonische Fragen in der Überschrift scheinen nicht unbedingt zu signalisieren, dass die Frage im Text beantwortet wird, was zu einer Unklarheit über den Informationsgehalt führen kann. Hingegen scheinen WÜ als nicht kanonische Fragen eher zu signalisieren, dass spezifische Informationen zum w-Ausdruck im Bezugstext vermittelt werden. Zwar ist der TR daran gewöhnt, auch Fragen in Überschriften zu lesen, allerdings scheinen WÜ bei den TR eine klarere Erwartung auszulösen, dass der Bezugstext relevante Informationen liefert. Eine genauere Betrachtung dieser Annahme wird im Rahmen von Kapitel 7.2.2 durchgeführt, bei der die Verweisfunktion der Überschrift auf den Inhalt ihres Bezugstextes thematisiert wird. Vorerst lässt sich zum Textsortengebrauch die Beobachtung machen, dass WÜ ebenso wie WV2I in Überschriften vermehrt in Textsorten mit einer darstellenden Zielerreichungsweise und in Textsorten mit einem spezifischen Leserinteresse verwendet werden, wobei die Gebrauchspräferenz bei WÜ stärker ausgeprägt ist. Es lässt sich vermuten, dass beide Formen sich für genau diese Textsorten eignen. Der Grund hierfür ist, dass sie das als Frage 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 177 <?page no="178"?> formulierte Leserinteresse des TR aufgreifen und explizieren. WÜ behalten jedoch nicht die kanonische Form einer Frage bei, sondern bedienen sich aufgrund ihrer Überschriftenposition, die funktional mit der Vermittlung von Inhalten im Bezugstext in Beziehung steht, einer nicht kanonischen Form, um nicht einer Informationsfrage zu gleichen, sondern auf eine bevorstehende Informationsvermittlung hinzuweisen. WÜ vertragen sich also generell besser in Überschriften der Pressetexte, da sie eine dem Umstand entsprechende adäquate Form bieten, das Leserinteresse bzw. die Frage des TR aufzugreifen. 7.1.3 Der Gebrauch in Pressegattungen In Anknüpfung an die Auswertungen zum Textsortengebrauch stellt sich die Frage, ob sich die beobachteten Textsortenpräferenzen auch in Bezug auf die Pressegattungen Tageszeitung und Magazin feststellen lassen. Diese Fragestel‐ lung ergibt sich aus den Schlussfolgerungen des vorherigen Kapitels, wonach WÜ (und WV2I in Überschriften) eher mit Texten kompatibel sind, die ein spezifisches Leserinteresse bedienen. Dies lässt vermuten, dass WÜ verstärkt in Magazintexten zu finden sein sollten, da Magazine häufig eine konkrete Leserschaft ansprechen, die über spezifisches (fachliches) Vorwissen verfügt und eine Erweiterung ihres Wissens anstrebt. Ziel ist es daher, den Textsortenge‐ brauch erneut zu kategorisieren und ihn unter Berücksichtigung der jeweiligen Pressegattung zu analysieren, um mögliche Unterschiede aufzuzeigen. Um die Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in den Überschriften der verschiedenen Textsorten für die jeweilige Pressegattung zu ermitteln, wird - analog zu dem Vorgehen in Kapitel 7.1.2 - auf die hochgerechnete Gesamtmenge der Textsorten zurückgegriffen. Die folgende Tabelle 15 zeigt die berechneten Anteile der Textsortenverwendung in der Gattung Tageszeitung, während Abbildung 12 diese Werte als Netzdiagramm veranschaulicht. - - W-Überschrift WV2I Textsorte Artikel Menge Anteil Menge Anteil Ratgebertext 4004 234 5,84% 178 4,45% Feature 1066 44 4,13% 17 1,59% Bericht 28288 1007 3,56% 431 1,52% Kommentar 5252 177 3,37% 105 2,00% Kolumne 1638 42 2,56% 23 1,40% 178 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="179"?> keinText 6890 151 2,19% 118 1,71% Rezension 2522 48 1,90% 63 2,50% Interview 4030 67 1,66% 52 1,29% Reportage 8996 67 0,74% 30 0,33% Meldung 41132 100 0,24% 84 0,20% Glosse 442 1 0,23% 1 0,23% Anleitung 104 0 0,00% 0 0,00% Tab. 15: Frequenzen und Anteile der Artikel in Tageszeitungen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Textsortenzugehörigkeit Abb. 12: Anteile der Artikel in Tageszeitungen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Textsortenzugehörigkeit 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 179 <?page no="180"?> Die ermittelten Werte aus Tabelle 15 zeigen, dass WÜ und WV2I insbesondere in Überschriften von Ratgebertexten, Berichten, Features, Kommentaren und Kolumnen bevorzugt verwendet werden, wobei auch hier wieder höhere Ge‐ brauchsanteile bei den WÜ zu erkennen sind. Auffällig ist jedoch der vergleichs‐ weise frequente Gebrauch in Artikeln ohne Textgrundlage (keinText). WÜ und WV2I finden also auch in Überschriften von Tageszeitungen, beispielsweise in Video-Artikeln, Bilderstrecken usw., vergleichsweise häufig Verwendung. Auf‐ grund der vorliegenden Datenlage sind jedoch keine spezifischeren Aussagen über die Funktionen dieser Inhalte möglich. Für eine vertiefte Analyse wäre es sinnvoll, die Kategorie keinText weiter zu differenzieren, um die in den Artikeln enthaltenen Videos bspw. nach ihren Funktionen zu klassifizieren, so dass überprüfbar wird, ob diese sich mit der Funktion der präferierten Textsorten decken. Der Textsortengebrauch von WÜ und WV2I in den Überschriften von Tages‐ zeitungsportalen ähnelt also dem gattungsunabhängigen Gebrauch. Werden die Textsorten nun auf der Ebene der (Vor-)Bedingung betrachtet (Tabelle 16, Abbildung 13), ergibt sich ein ähnliches Bild, wie bei der gattungsunabhängigen Betrachtung: Es werden Texte mit einem vorbedingten Leserinteresse (Ratge‐ bertext) und disputierende und judizierende Texte präferiert. Zudem fallen erneut die etwas erhöhten Gebrauchspräferenzen für die Texte der Kategorie keinText auf. - - W-Überschrift WV2I (Vor-)Bedingung Artikel Menge Anteil Menge Anteil Leserinteresse 4004 234 5,84% 178 4,45% Disputierend 29354 1051 3,58% 448 1,53% Judizierend 13884 335 2,41% 244 1,76% KeinText 6890 151 2,19% 118 1,71% Registrierend 8996 67 0,74% 30 0,33% Emittierend 41132 100 0,24% 84 0,20% Legislationsgewalt 104 0 0,00% 0 0,00% Tab. 16: Frequenzen und Anteile der Artikel in Tageszeitungen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrer (Vor-)Bedingung 180 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="181"?> Abb. 13: Anteile der Artikel in Tageszeitungen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrer (Vor-)Bedingung Ein Vergleich der Werte aus den Magazinportalen mit den zuvor betrachte‐ ten Daten aus den Tageszeitungsportalen weist auf eine gattungsspezifische Gebrauchspräferenz der WÜ hin. Die folgende Tabelle 17 zeigt die ermittel‐ ten Werte für den Gebrauch der WÜ und WV2I in den Überschriften von Magazinportalen, während Abbildung 14 sie in Form eines Netzdiagramms veranschaulicht. - - W-Überschrift WV2I Textsorte Artikel Menge Anteil Menge Anteil Kommentar 1222 214 17,51% 42 3,44% Feature 234 36 15,38% 3 1,28% Kolumne 468 43 9,19% 14 2,99% Ratgebertext 4888 435 8,90% 40 0,82% Bericht 12012 690 5,74% 147 1,22% 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 181 <?page no="182"?> Interview 1716 70 4,08% 17 0,99% Reportage 1976 36 1,82% 5 0,25% Glosse 130 2 1,54% 0 0,00% Rezension 1846 25 1,35% 16 0,87% Anleitung 520 3 0,58% 1 0,19% Meldung 35776 173 0,48% 31 0,09% keinText 14196 66 0,46% 50 0,35% Tab. 17: Frequenzen und Anteile der Artikel in Magazinen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Textsortenzugehörigkeit Abb. 14: Anteile der Artikel in Magazinen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Textsortenzugehörigkeit 182 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="183"?> Wie die Werte zum Textsortengebrauch in Magazinportalen zeigen, liegt eine gegenüber den Tageszeitungsportalen stark abweichende Verwendung vor. So ist festzustellen, dass WV2I in den Überschriften von Magazinen textsortenspe‐ zifisch kaum präferiert eingesetzt werden. Lediglich Kommentare und Kolum‐ nen weisen im Verhältnis zu den anderen Textsorten minimale Präferenzen auf. Die präferiert verwendeten Textsorten der WÜ sind aber unverändert Ratge‐ bertexte, Kommentare, Kolumnen, Berichte und Features. Auffällig ist lediglich die vergleichsweise geringere Gebrauchspräferenz der WÜ für Ratgebertexte, die laut den ermittelten Werten niedriger als bei Kommentaren und Features ausfällt. Eine funktionale Einteilung der Textsorten nach ihrer (Vor-)Bedingung (Tabelle 18 und Abbildung 15) ergibt für die WÜ ein ähnliches Bild wie in der bisherigen gattungsunspezifischen Betrachtung: WÜ haben eine hohe Gebrauchspräferenz für Texte mit Leserinteresse (Ratgebertexte) sowie für disputierende und judizierende Texte. WV2I in Überschriften zeigen hingegen keine klaren Gebrauchspräferenzen, lediglich geringe Tendenzen zu judizieren‐ den und disputierenden Texten sind erkennbar. - - W-Überschrift WV2I (Vor-)Bedingung Artikel Menge Anteil Menge Anteil Leserinteresse 4888 435 8,90% 40 0,82% Judizierend 5382 354 6,58% 89 1,65% Disputierend 12246 726 5,93% 150 1,22% Registrierend 1976 36 1,82% 5 0,25% Legislationsgewalt 520 3 0,58% 1 0,19% Emittierend 35776 173 0,48% 31 0,09% KeinText 14196 66 0,46% 50 0,35% Tab. 18: Frequenzen und Anteile der Artikel in Magazinen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrer (Vor-)Bedingung 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 183 <?page no="184"?> Abb. 15: Anteile der Artikel in Magazinen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrer (Vor-)Bedingung Für die WÜ zeigt sich, dass sie in den Online-Portalen sowohl von Tageszei‐ tungen als auch von Magazinen generell für dieselben Textsorten bevorzugt verwendet werden. Sie scheinen dort eine besondere Eignung für genau solche Texte aufzuweisen, die ein Leserinteresse voraussetzen. Dies gilt sowohl in einem engen Verständnis des Leserinteresses (nur Ratgebertexte) als auch in einem weit gefassten Verständnis (disputierende und judizierende Texte). Werden die ermittelten Präferenzen bzw. die Anteile des Gebrauchs der WÜ in Artikeln der Pressegattungen Tageszeitung und Magazin miteinander verglichen, zeigt sich, dass die Präferenzen für den WÜ-Gebrauch spezifisch in Magazinportalen deutlich stärker ausgeprägt sind als in Tageszeitungen. Die folgenden Tabellen (19-20) und Visualisierungen (Abbildung 16-17) verdeutli‐ chen diesen Unterschied, indem sie die zuvor ermittelten Werte der WÜ-Anteile in Magazinportalen (MZ) und Tageszeitungsportalen (TZ) gegenüberstellen. Dadurch wird der Unterschied in der Verteilung der WÜ zwischen den beiden Pressegattungen nochmals klar veranschaulicht. 184 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="185"?> Textsorte WÜ in MZ WÜ in TZ Kommentar 17,51% 3,37% Feature 15,38% 4,13% Kolumne 9,19% 2,56% Ratgebertext 8,90% 5,84% Bericht 5,74% 3,56% Interview 4,08% 1,66% Reportage 1,82% 0,74% Glosse 1,54% 0,23% Rezension 1,35% 1,90% Anleitung 0,58% 0,00% Meldung 0,48% 0,24% keinText 0,46% 2,19% Tab. 19: Anteile der Artikel mit WÜ aus Magazinen und Tageszeitungen nach Textsor‐ tenzugehörigkeit (Vor-)Bedingung WÜ in MZ WÜ in TZ Leserinteresse 8,90% 5,84% Judizierend 6,58% 2,41% Disputierend 5,93% 3,58% Registrierend 1,82% 0,74% Legislationsgewalt 0,58% 0,00% Emittierend 0,48% 0,24% KeinText 0,46% 2,19% Tab. 20: Anteile der Artikel mit WÜ aus Magazinen und Tageszeitungen nach ihrer (Vor-)Bedingung 7.1 Textsortenspezifische Gebrauchspräferenzen 185 <?page no="186"?> Abb. 16: Anteile der Artikel mit WÜ aus Magazinen und Tageszeitungen nach Textsor‐ tenzugehörigkeit Abb. 17: Anteile der Artikel mit WÜ aus Magazinen und Tageszeitungen nach ihrer (Vor-)Bedingung 186 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="187"?> Werden alle Beobachtungen zum Gebrauch der WÜ und des WV2I in Überschrif‐ ten in den Pressegattungen zusammengefasst, zeigt sich, dass WÜ in den Online- Portalen der Tageszeitungen und Magazine für dieselben Textsorten präferiert werden. Die Präferenz in Magazinportalen ist jedoch deutlich stärker ausgeprägt als in Tageszeitungsportalen, was für eine gattungsspezifische Eignung des WÜ-Gebrauchs für Magazine spricht. Die besondere Eignung zeigt sich auch, wenn der Gebrauch von WV2I in Überschriften betrachtet wird. Während WV2I in Tageszeitungsportalen noch deutliche Gebrauchspräferenzen aufweisen, sind diese in Magazinportalen kaum feststellbar. WV2I werden dort in Überschriften ohne erkennbare Präferenz verwendet. Es ist daher naheliegend, dass WÜ in den Überschriften von Magazinportalen gegenüber WV2I bevorzugt eingesetzt werden. Dies könnte daran liegen, dass Magazine traditionell ein Publikum mit spezifischem Interesse an einem Themen- oder Fachgebiet ansprechen. Die Artikel eines Magazins zielen also darauf ab, dass der TR ein Vorwissen in dem Themengebiet des Magazins besitzt, auf dem aufgebaut wird und das erweitert werden soll. Tageszeitungen besitzen hingegen eine breite Leserschaft, bei de‐ nen kein spezifisches Vorwissen angenommen werden muss. Ihre Artikel dienen eher dazu, die Leser über Ereignisse und Diskurse zu informieren. Es kann also davon ausgegangen werden, dass nicht nur die Art der Frageadressierung mit der Gebrauchspräferenz von WÜ zu tun hat, sondern auch die inhaltliche Ausrichtung des Textes und wie die adressierte Frage im Text behandelt wird. 7.2 Die Beziehung der W-Überschrift zum Inhalt ihres Bezugstextes Nach der Betrachtung des Textsortengebrauchs der WÜ und WV2I in Über‐ schriften werden in diesem Kapitel mögliche Gründe für die spezifische Text‐ sorteneignung der WÜ untersucht. Wie sich herausgestellt hat, werden WÜ präferiert mit Texten verwendet, die ein Leserinteresse voraussetzen und eine darstellende Zielerreichungsweise verfolgen. Diese Präferenz ist jedoch nicht nur bei WÜ, sondern auch bei WV2I erkennbar. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass die Gebrauchspräferenz bei WÜ deutlich stärker ausgeprägt ist als bei Überschriften mit WV2I. Warum aber liegt diese stärkere Präferenz gerade bei WÜ? Wie bereits im vorherigen Kapitel angedeutet, könnte die Beziehung zum Inhalt des Bezugstextes zur Beantwortung dieser Frage beitragen. Um der Frage also nachzugehen, werden in den folgenden zwei Unterka‐ piteln die Beziehungen der WÜ und der WV2I in Überschriften zum Inhalt ihrer Bezugstexte betrachtet, um mögliche Unterschiede zu ermitteln, die für eine stärker ausgeprägte Textsorteneignung bei WÜ sprechen. Es werden die 7.2 Die Beziehung der W-Überschrift zum Inhalt ihres Bezugstextes 187 <?page no="188"?> w-Ausdrücke in den Überschriften mit WÜ und WV2I auf ihre Textsortenzuge‐ hörigkeit betrachtet. Zudem wird die Schließung der Wissenslücke aus den Überschriften in den Bezugstexten untersucht, um zu beobachten, wie die adressierten Fragen inhaltlich behandelt werden. 7.2.1 W-Ausdruck als Anzeige der Modalität des Textinhalts Das Ziel dieses Kapitels ist es, die Beziehung der w-Ausdrücke aus WÜ und WV2I in Überschriften zu der Textsorte ihrer Bezugstexte zu untersuchen. Es soll ermittelt werden, ob spezifische w-Ausdrücke mit den funktionalen Eigenschaften der Textsorten wie bspw. der Zielerreichungsweise einhergehen. Hiermit sollen mögliche Erklärungsansätze für die deutlich ausgeprägteren Gebrauchspräferenzen der WÜ gefunden werden. Die Grundlage für dieses Vorgehen bildet die kataphorische Verweisfunktion von w-Ausdrücken in Überschriften und die Ergebnisse der Untersuchung von Finkbeiner/ Fetzer (2022) zur textstrukturierenden Funktion von wh-Über‐ schriften (Überschriften mit syntaktischer Form eines w-Interrogativsatzes). Sie zeigen, dass die Wahl der w-Ausdrücke zusammen mit der wh-Überschrift in kanonischer (WV2I) und nicht-kanonischer Form (WÜ) spezifische Illokuti‐ onspotenziale und textstrukturierende Funktionen besitzen. Der w-Ausdrucks in Überschriften könnte somit eine Beziehung zum Inhalt des nachfolgenden Textes aufweisen, die sich in der Textsorte niederschlägt. Bspw. könnte warum mit darstellenden - oder spezifischer: disputierenden - Textsorten korrelieren, da diese Gründe und Ursachen thematisieren. Dies führt zu der Annahme, dass sich bspw. warum gut mit WÜ verträgt, da diese - wie zuvor festgestellt - eine Gebrauchspräferenz zu genau diesen darstellenden und disputierenden Textsorten aufweisen. Um zu erfahren, ob bestimmte w-Ausdrücke mit der WÜ in spezifischen Textsorten einhergehen, werden wieder Gebrauchspräferenzen ermittelt, indem die Anteile von w-Ausdrücken in WÜ der jeweiligen Textsorten berechnet werden. Als Vergleichsgegenstand dienen erneut WV2I in Überschriften. Zuerst werden die textsortenunabhängigen Anteile der w-Ausdrücke pronominaler Art (WAP) und adverbialer Art (WAA) ermittelt: 188 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="189"?> Abb. 18: Anteile von WAA und WAP in WÜ Abb. 19: Anteile von WAA und WAP in WV2I Die dargestellten Anteile adverbialer und pronominaler w-Ausdrücke weisen bereits auf eine unterschiedliche Verwendung in den Überschriften mit WÜ (Abbildung 18) und WV2I (Abbildung 19) hin: WÜ tendieren eher zu einem Gebrauch adverbialer w-Ausdrücke, wohingegen in WV2I mehr pronominale w-Ausdrücke gebraucht werden. Eine Antwort auf die Frage danach, warum dies so ist, kann möglicherweise ein genauerer Blick auf die jeweiligen Ausprä‐ gungen der w-Ausdrücke liefern. Um also ein differenzierteres Bild dieser Unterschiede im Gebrauch zu erhalten, werden im Folgenden die einzelnen Ausprägungen der w-Ausdrücke aufgeschlüsselt (Tabelle 21). Eine Visualisierung der Anteile ist in der anschlie‐ ßenden Abbildung 20 zu finden, wobei zwecks einer besseren Darstellbarkeit die weniger gebrauchten w-Ausdrücke mit einem Anteil von unter 2% (innerhalb der WÜ) ausgeblendet sind. w-Ausdruck in WÜ Anteil innerhalb WÜ in WV2I Anteil innerhalb WV2I warum 1679 42,88% 316 13,74% was 1228 31,36% 819 35,61% wo 318 8,12% 143 6,22% welch- 154 3,93% 229 9,96% wer 133 3,40% 458 19,91% wann 87 2,22% 144 6,26% wie 83 2,12% 29 1,26% 7.2 Die Beziehung der W-Überschrift zum Inhalt ihres Bezugstextes 189 <?page no="190"?> wieso 48 1,23% 24 1,04% worauf 35 0,89% 3 0,13% wen 33 0,84% 23 1,00% weshalb 26 0,66% 0 0,00% wem 20 0,51% 31 1,35% woran 12 0,31% 4 0,17% wofür 10 0,26% 12 0,52% woher 10 0,26% 27 1,17% wohin 6 0,15% 14 0,61% wovor 6 0,15% 0 0,00% worum 5 0,13% 3 0,13% wozu 5 0,13% 6 0,26% womit 4 0,10% 3 0,13% worin 4 0,10% 1 0,04% worüber 4 0,10% 3 0,13% wessen 2 0,05% 3 0,13% wovon 2 0,05% 2 0,09% wieviele 1 0,03% 3 0,13% wonach 1 0,03% 0 0,00% Tab. 21: Frequenzen und Anteile der w-Ausdrücke in WÜ und WV2I 190 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="191"?> Abb. 20: W-Ausdrücke in WÜ und WV2I mit einem Anteilswert über 3% Mit Blick auf die obige Distribution der w-Ausprägungen ist ersichtlich, dass WÜ und WV2I in Überschriften zwar ein breites Spektrum an w-Ausdrücken verwenden, es jedoch deutliche Präferenzen für den Gebrauch von warum, was und wer gibt. In WÜ dominiert der Gebrauch von warum (42,88%) und was (31,36%). Beide w-Ausdrücke zusammen machen hier rund 74% der verwendeten Ausprägungen aus. Ein anderes Bild zeigt sich hingegen bei den WV2I in Überschriften. Hier ist was (35,61%) die am häufigsten verwendete Form und warum (13,74%) die dritthäufigste. Der zweithäufigste w-Ausdruck ist wer (19,91%), der in WÜ allerdings kaum verwendet wird (3,4%). Zusammen machen die frequentesten w-Ausdrücke was, wer und warum in Überschriften mit WV2I rund 70% aus. Zusammenfassend sind bei den verwendeten w-Ausdrücken in WÜ und WV2I die folgenden Unterschiede zu betonen: • Wer zählt in Überschriften mit WV2I zu den gebräuchlichen Formen, in WÜ nicht. 7.2 Die Beziehung der W-Überschrift zum Inhalt ihres Bezugstextes 191 <?page no="192"?> • Was ist in Überschriften mit WV2I der am häufigsten eingesetzte w-Aus‐ druck, in WÜ der zweithäufigste. • Warum ist in den WÜ der frequenteste w-Ausdruck, in Überschriften mit WV2I hingegen nur der dritthäufigste hinter den pronominalen Ausdrücken wer und was. Es zeigt sich, dass WÜ anders als WV2I in Überschriften präferiert mit warum gebildet werden. Ähnlich scheint eine höhere Gebrauchspräferenz für den Ausdruck wer in WV2I vorzuliegen, der in WÜ hingegen kaum Verwendung findet. Von diesen Beobachtungen ausgehend stellt sich die weitergehende Frage, ob der präferierte Gebrauch von w-Ausdrücken in WÜ und WV2I in Überschriften im Zusammenhang mit einem textsortenspezifischen Gebrauch steht. Es ist also zu ermitteln, wie der Einsatz von w-Ausdrücken in Relation zum Textsortenge‐ brauch steht. Hierfür wird der Einsatz von w-Ausdrücken in den Überschriften einer Textsorte betrachtet. Die folgenden Tabellen stellen diesen textsorten‐ spezifischen Gebrauch von w-Ausdrücken in WÜ (Tabelle 22) und WV2I in Überschriften (Tabelle 23) dar, um einen Überblick über die Textsortenverteilung zu erhalten. Die Zellen jeder Spalte zeigen die Anteile eines w-Ausdrucks an der Gesamtmenge der verwendeten w-Ausdrücke in einer Textsorte. Die Summe jeder Spalte entspricht also 100%. Beispiel: In WÜ (Tabelle 22) liegt der Anteil des Ausdrucks warum in Berichten bei 45,25%. Das bedeutet, dass 45,25% der WÜ von Berichten warum einsetzen. 192 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="193"?> - kein‐ Text Anlei‐ tung Bericht Feature Glosse Inter‐ view Ko‐ lumne Kom‐ mentar Mel‐ dung Ratge‐ bertext Repor‐ tage Rezen‐ sion Warum 44,64% 14,29% 45,25% 61,73% 33,33% 46,81% 56,98% 63,07% 35,19% 26,78% 40,00% 27,27% Was 29,91% 28,57% 31,55% 18,52% 33,33% 29,08% 20,93% 24,87% 33,80% 37,28% 22,73% 40,26% Wie 2,23% 28,57% 1,42% 1,23% 0,00% 7,80% 3,49% 0,50% 2,44% 3,36% 1,82% 0,00% Wer 3,13% 0,00% 4,55% 0,00% 0,00% 3,55% 2,33% 1,51% 4,18% 1,08% 10,00% 2,60% Welch- 4,02% 0,00% 3,13% 2,47% 0,00% 2,13% 1,16% 1,26% 4,88% 7,54% 1,82% 9,09% Wo 5,36% 14,29% 7,90% 12,35% 0,00% 2,13% 4,65% 2,26% 10,80% 10,23% 21,82% 11,69% Woran 0,00% 0,00% 0,34% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,25% 0,35% 0,54% 0,00% 0,00% Worauf 1,34% 0,00% 0,17% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,50% 0,00% 3,36% 0,00% 2,60% Wozu 0,00% 0,00% 0,17% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,25% 0,00% 0,13% 0,00% 0,00% Wofür 0,00% 0,00% 0,28% 0,00% 33,33% 0,71% 0,00% 0,00% 0,00% 0,40% 0,00% 0,00% Woher 0,00% 0,00% 0,34% 0,00% 0,00% 0,00% 1,16% 0,00% 0,35% 0,27% 0,00% 0,00% Wann 0,89% 0,00% 0,91% 1,23% 0,00% 3,55% 2,33% 0,75% 2,09% 6,86% 0,00% 1,30% Wen 4,02% 0,00% 0,57% 0,00% 0,00% 0,00% 2,33% 0,50% 1,05% 0,81% 0,00% 1,30% Wem 0,00% 0,00% 0,57% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,25% 1,74% 0,13% 0,91% 2,60% Wieso 0,45% 14,29% 1,31% 1,23% 0,00% 2,13% 1,16% 0,50% 2,79% 0,81% 0,91% 1,30% Weshalb 3,13% 0,00% 0,40% 0,00% 0,00% 0,71% 2,33% 2,01% 0,00% 0,13% 0,00% 0,00% Worüber 0,00% 0,00% 0,17% 0,00% 0,00% 0,71% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 7.2 Die Beziehung der W-Überschrift zum Inhalt ihres Bezugstextes 193 <?page no="194"?> Wovor 0,00% 0,00% 0,28% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,35% 0,00% 0,00% 0,00% Womit 0,45% 0,00% 0,11% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,25% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% Wessen 0,00% 0,00% 0,06% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,25% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% Wovon 0,00% 0,00% 0,06% 0,00% 0,00% 0,71% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% Worum 0,00% 0,00% 0,17% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,25% 0,00% 0,13% 0,00% 0,00% Wohin 0,00% 0,00% 0,23% 1,23% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,13% 0,00% 0,00% Wonach 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,25% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% Worin 0,45% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 1,16% 0,50% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% Wieviele 0,00% 0,00% 0,06% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% Tab. 22: Anteile an w-Ausdrücken in WÜ nach Textsortenzugehörigkeit 194 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="195"?> Bei genauerer Betrachtung der w-Ausdrücke in Berichten zeigt sich, dass fast jede zweite WÜ warum (45,25%) verwendet und fast jede dritte WÜ was (31,55%). Dies entspricht in etwa demselben Gebrauch von warum und was auf textsortenunabhängiger Ebene (Tabelle 21). Dieses Verhältnis ist aber nicht nur in Berichten festzustellen, sondern in fast allen Textsorten. Warum wird nahezu immer häufiger verwendet als was und weitere w-Ausdrücke kaum. Bei der WÜ ist also nicht von einer Gebrauchspräferenz bestimmter w-Ausdrücke in spezifischen Textsorten auszugehen. Es handelt es sich beim Gebrauch der präferierten w-Ausdrücke in WÜ eher um ein textsortenübergreifendes Phänomen. Die Aufschlüsselung für WV2I in Überschriften (Tabelle 23) zeigt ein ähnli‐ ches Bild. Auch hier werden die frequentesten w-Ausdrücke was, wer und warum textsortenübergreifend ähnlich verwendet, was dem textsortenunabhängigen Gebrauch ähnelt (Tabelle 21). 7.2 Die Beziehung der W-Überschrift zum Inhalt ihres Bezugstextes 195 <?page no="196"?> - kein‐ Text Anlei‐ tung Bericht Feature Glosse Inter‐ view Ko‐ lumne Kom‐ mentar Mel‐ dung Ratge‐ bertext Repor‐ tage Rezen‐ sion Warum 9,20% 0,00% 16,81% 28,00% 0,00% 22,12% 25,53% 15,24% 8,40% 11,85% 9,52% 3,28% Was 39,85% 66,67% 33,01% 32,00% 100,00% 43,36% 12,77% 34,29% 31,51% 39,75% 52,38% 36,07% Wie 1,53% 0,00% 1,20% 0,00% 0,00% 6,19% 0,00% 0,48% 1,26% 0,99% 0,00% 0,00% Wer 20,69% 33,33% 22,33% 20,00% 0,00% 8,85% 27,66% 23,33% 29,41% 8,15% 14,29% 25,41% Welch- 15,33% 0,00% 5,52% 0,00% 0,00% 4,42% 10,64% 5,24% 9,24% 18,02% 2,38% 21,31% Wo 3,83% 0,00% 7,08% 8,00% 0,00% 0,88% 10,64% 8,10% 5,46% 6,17% 9,52% 5,74% Woran 0,00% 0,00% 0,12% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,42% 0,49% 0,00% 0,00% Worauf 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,48% 0,00% 0,49% 0,00% 0,00% Wozu 0,00% 0,00% 0,12% 0,00% 0,00% 1,77% 0,00% 0,00% 0,00% 0,49% 0,00% 0,82% Wofür 0,38% 0,00% 0,60% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,48% 0,00% 0,99% 2,38% 0,00% Woher 1,92% 0,00% 1,68% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 1,90% 0,00% 0,74% 2,38% 0,00% Wann 1,92% 0,00% 6,00% 0,00% 0,00% 6,19% 10,64% 6,19% 9,66% 9,63% 2,38% 0,82% Wen 2,68% 0,00% 0,72% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 1,43% 0,84% 0,74% 0,00% 1,64% Wem 0,00% 0,00% 1,80% 8,00% 0,00% 0,88% 2,13% 1,43% 2,10% 0,25% 0,00% 2,46% Wieso 1,53% 0,00% 0,72% 4,00% 0,00% 3,54% 0,00% 0,48% 0,84% 0,74% 2,38% 1,64% Weshalb 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% Worüber 0,38% 0,00% 0,12% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,48% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 196 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="197"?> Wovor 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% Womit 0,00% 0,00% 0,36% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% Wessen 0,00% 0,00% 0,24% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,48% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% Wovon 0,00% 0,00% 0,12% 0,00% 0,00% 0,88% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% Worum 0,00% 0,00% 0,36% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% Wohin 0,77% 0,00% 0,84% 0,00% 0,00% 0,88% 0,00% 0,00% 0,84% 0,00% 2,38% 0,82% Wonach 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% Worin 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,25% 0,00% 0,00% Wieviele 0,00% 0,00% 0,24% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,00% 0,25% 0,00% 0,00% Tab. 23: Anteile an w-Ausdrücken in WV2I in Überschriften nach Textsortenzugehörigkeit 7.2 Die Beziehung der W-Überschrift zum Inhalt ihres Bezugstextes 197 <?page no="198"?> Um den konsistent textsortenübergreifenden Gebrauch der w-Ausdrücke in WÜ und WV2I zu verdeutlichen, werden die folgenden Visualisierungen (Abbil‐ dung 21-22) präsentiert. Sie zeigen die Anteile der frequentesten w-Ausdrücke (warum, was, wer, wie, welch-, wo, wann) für die bevorzugten Textsorten Ratge‐ bertext, Bericht, Feature, Kommentar und Kolumne. Abbildung 21 zeigt für WÜ, wie häufig ein w-Ausdruck in einer Textsorte eingesetzt wurde. Beispielsweise wird warum in Kolumnen in 57% der Fälle verwendet, in Kommentaren in 63% und in Berichten in 45%. Abbildung 22 zeigt die Anteile für WV2I in Überschrif‐ ten. Sowohl für WÜ als auch für WV2I ist erkennbar, dass der Gebrauch von w-Ausdrücken unabhängig von der Textsorte erfolgt. Zudem lassen sich erneut die bisher festgestellten Gebrauchspräferenzen für bestimmte w-Ausdrücke beobachten: In Abbildung 21 ist der ausgeprägte präferierte Gebrauch von warum und was in WÜ zu sehen, in Abbildung 22 von was, warum und wer in WV2I von Überschriften. Abb. 21: Anteile der w-Ausdrücke in WÜ von präferierten Textsorten 198 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="199"?> Abb. 22: Anteile der w-Ausdrücke in WV2I in Überschriften von präferierten Textsorten Zusammenfassend ist zum Gebrauch der w-Ausdrücke zu sagen, dass WÜ eher zu adverbialen w-Ausdrücken tendieren, mit einer hohen Präferenz für die Ausprägung warum. Dass genau dies ein spezifischer Gebrauch für WÜ ist, zeigt sich im Vergleich mit WV2I. Diese verwenden warum eher in geringer Frequenz und tendieren verstärkt zu pronominalen w-Ausdrücken wie was und wer. Darüber hinaus ist festzustellen, dass weder bei den WÜ noch bei den WV2I in Überschriften ein textsortenspezifischer Gebrauch für w-Ausdrücke vorliegt. Das heißt, der präferierte Gebrauch von bestimmten w-Ausdrücken ist nicht abhängig von einer bestimmten Textsorte, sondern vielmehr vom Überschriften-Satztyp. Ein Erklärungsansatz dafür, dass die Ausprägungen der w-Ausdrücke in WÜ eher zu adverbialen Formen tendieren, ist womöglich in der stark ausgeprägten Gebrauchspräferenz zu darstellenden Textsorten zu suchen. Adverbiale w-Aus‐ drücke in WÜ weisen auf die nähere Bestimmung eines Umstands in ihrem Bezugstext hin. Dieses Beschreiben eines Umstands verträgt sich funktional mit dem erklärenden Charakter der darstellenden Textsorten. Ein vergleichender Blick auf WV2I in Überschriften stützt diese Annahme, da sie eine weniger stark ausgeprägte Gebrauchspräferenz für darstellende Textsorten aufweisen. Der Gebrauch von adverbialen w-Ausdrücken fällt also vergleichsweise geringer aus und auch pronominale Formen bieten sich an. Dies lässt vermuten, dass eine stärker ausgeprägtere Gebrauchspräferenz zu darstellenden Textsorten mit einer höheren Tendenz zu adverbialen w-Ausdrücken einhergehen könnte. 7.2 Die Beziehung der W-Überschrift zum Inhalt ihres Bezugstextes 199 <?page no="200"?> 7.2.2 Schließung der Wissenslücke durch den Bezugstext Wie bereits in Kapitel 2.3.2.5 erläutert, enthalten WÜ Präsuppositionen, die Diskursinhalte bzw. Wissen zum Diskurs beim TR voraussetzen. Sie präsuppo‐ nieren ihre Proposition. Nach Finkbeiner (vgl. 2018: 33f.) würde es also bei einer WÜ (115) unseren Erwartungen entgegenlaufen, wenn im Bezugstext die offengelassenen Informationen des w-Ausdrucks fehlen. Bei WV2I wie in (116) werden die Sachverhalte allerdings nicht präsupponiert. Entsprechend würde eine solche Erwartungshaltung bei WV2I in Überschriften, dass die Wissenslücke geschlossen wird, nicht vorliegen. - (115) Warum die Bundesregierung kaum Einfluss auf die Inflation hat (handels‐ blatt.com, 15.09.2021) - (116) Wer wird zum Netflix für Games? (zeit.de, 12.05.2019) Zudem äußern sich Finkbeiner/ Fetzer (vgl. 2022: 12) dazu, dass die Bezugstexte der Überschriften mit kanonischer (WV2I) und nicht-kanonischer wh-Syntax (WÜ) unterschiedlich mit der adressierten Frage umgehen. Überschriften mit kanonischer wh-Syntax (WV2I) weisen darauf hin, dass der Bezugstext die Frage zum Thema macht, während solche mit nicht-kanonischer wh-Syntax (WÜ) indizieren, dass der Bezugstext die Frage tendenziell beantwortet. Ander ausgedrückt, versuchen die Bezugstexte von WÜ die durch den w-Ausdruck entstandene Wissenslücke zu schließen, wohingegen die Bezugstexte von Über‐ schriften mit WV2I, die die Frage lediglich thematisieren. Das bedeutet, die Funktion des Bezugstextes einer Überschrift mit WV2I wie in (116) besteht eher darin, die Frage als Gesprächsthema zu behandeln, statt eine zufriedenstellende Antwort zur Schließung der Wissenslücke zu geben. Bei WÜ hingegen scheint eine gewisse Notwendigkeit der Beantwortung vorzuliegen. Diese Annahmen werden im Folgenden empirisch näher untersucht. Das Ziel ist es dabei zu prüfen, ob die Bezugstexte mit WÜ und WV2I in der Überschrift die eröffnete Wissenslücke schließen und eine Antwort auf die adressierte Frage liefern oder nicht. Um die Schließung der Wissenslücke durch die Bezugstexte der Überschrif‐ ten zu überprüfen, wird eine Stichprobe aus den vorliegenden Korpusdaten genommen. Bei dieser wurde darauf geachtet, dass die Anzahl an WÜ und WV2I in Überschriften gleich hoch ist. Um eine Vergleichbarkeit zu garantieren, wurden Überschriften mit den frequentesten w-Ausdrücken (warum, was) aus den präferiertesten Textsorten (Bericht, Kommentar, Ratgebertext) genommen. Zuletzt wurde darauf geachtet, dass alle Online-Portale und die w-Ausdrücke 200 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="201"?> warum und was in einem ähnlichen Anteil in der Stichprobe repräsentiert sind. Nach dem Zusammentragen der Daten wurden die Bezugstexte der Überschriften daraufhin annotiert, ob die Wissenslücke geschlossen wird oder offen bleibt. Diese Annotation erfolgte auf Basis der folgenden Definitionen: Eine erfolgreiche Schließung bedeutet, dass der Bezugstext mindestens eine faktisch korrekte Option für die Füllung der Wissenslücke liefert, so dass die offene Proposition aus der Überschrift vervollständigt werden kann. Eine nicht erfolgreiche Schließung bedeutet hingegen, dass der Text keine adäquate Option für die Füllung liefert oder der angebotene Inhalt aus Vermutungen besteht - also nicht faktisch belegbar ist. Dies wird anhand der folgenden Beispiele (117-118) veranschaulicht): - (117) Warum heute der „Star Wars“-Tag ist (focus.de, 04.05.2021) - (118) Spur führt in den Kaukasus: Wer steckt hinter dem Kopfschuss-Mord von Moabit? (focus.de, 26.08.2019) Die WÜ aus Beispiel (117) adressiert die Frage nach dem Grund, warum der 04. Mai eines Jahres als „Star Wars“-Tag betitelt wird. Im Bezugstext (FOCUS Online 2021) wird auf die Hintergründe eingegangen, dass es eine große Ähnlichkeit zwischen der englischen Aussprache von May the 4th mit dem Satz May the Force be with you gibt, der unter Fans der Filmreihe Kult erlangt hat. Der Text beantwortet die in der Überschrift adressierte Frage und schließt somit die Wissenslücke. In der Überschrift mit dem WV2I in Beispiel (118) wird nach dem Täter gefragt, der den Kopfschuss-Mord an Moabit begangen hat. Der Bezugstext (Osthold 2019) muss also den Mörder nennen, um erfolgreich die eröffnete Wissenslücke zu schließen. Allerdings findet sich im Text keine Antwort. Es wird zwar die Frage aus der Überschrift thematisiert, wer hinter dem Kopfschuss-Mord steckt, und eine Reihe von Antwortmöglichkeiten wer‐ den geboten, doch bleiben diese nur Vermutungen und sind faktisch nicht vollständig belegbar. Die Wissenslücke aus der Überschrift kann entsprechend nicht korrekt bzw. wahrheitsgemäß gefüllt werden. Auf der Grundlage dieser Vorgehensweise wurden insgesamt 162 Überschrif‐ ten und ihre Bezugstexte dahingehend ausgewertet, ob die adressierte Wissens‐ lücke aus der Überschrift im Text geschlossen wird oder nicht. Gegenstand waren 81 WÜ und 81 WV2I in Überschriften. Die nachfolgende Abbildung 23 zeigt die Ergebnisse. 7.2 Die Beziehung der W-Überschrift zum Inhalt ihres Bezugstextes 201 <?page no="202"?> Abb. 23: Anteile der Überschriften, die die Wissenslücke im Bezugstext offen lassen oder schließen Abbildung 23 zeigt, dass in fast allen Fällen die Wissenslücke aus der WÜ in den Bezugstexten geschlossen wird. In 95% (n=77) der Texte gibt der Text eine Antwort, in rund 5% (n=4) der Bezugstexte nicht. Bei den Überschriften mit WV2I hingegen bleiben die Wissenslücken in fast der Hälfte der Fälle offen bzw. werden nicht adäquate geschlossen. In 54% (n=45) der Bezugstexte wird eine Antwort gegeben, in 46% (n=36) der Fälle nicht. Basierend auf diesen Werten ist zu vermuten, dass WÜ stärker als WV2I in Überschriften darauf verweisen, dass die adressierte Frage im Bezugstext beantwortet wird. TR können bei WÜ also eher davon ausgehen, dass ihr Leserinteresse gestillt wird, da ihre Bezugstexte die Wissenslücke erfolgreich schließen. WV2I in Überschriften greifen zwar auch das Leserinteresse in Form einer Frage auf, lassen aber offen, ob die Frage beantwortet wird. Bei ihnen besteht wie in den Beispielen (117-118) die Möglichkeit, dass die Frage selbst zum Thema gemacht wird, um weitere Fragen aufzuwerfen oder die Frage zu vertiefen. Bei WÜ hingegen scheint das Vorliegen einer Frage-Antwort-Beziehung zwischen der Überschrift und dem Bezugstext stärker ausgeprägt. WV2I in Überschriften sind möglicherweise weniger geeignet, um diese Beziehung anzuzeigen, da die Frage nur in etwa 50% der Fälle beantwortet wird. Der WÜ kann daher im Kontext 202 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="203"?> der Massenkommunikation eine größere Signalwirkung zugeschrieben werden, dem TR das Thema des Bezugstextes anzuzeigen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die Schließung der Wissenslücken auch textsortenspezifisch stattfindet. Die Abbildungen 24-26 zeigen die Er‐ gebnisse der Auswertungen für die untersuchten Textsorten Ratgebertexte, Berichte und Kommentare. Abb. 24: Anteile der Über‐ schriften von Ratgebertex‐ ten, die die Wissenslücke offen lassen oder schließen Abb. 25: Anteile der Über‐ schriften von Kommentaren, die die Wissenslücke offen lassen oder schließen Abb. 26: Anteile der Über‐ schriften von Berichten, die die Wissenslücke offen las‐ sen oder schließen - Auch hier in den einzelnen Textsorten deutet sich ein ähnliches Bild wie zuvor an: WÜ von Ratgebertexten, Kommentaren und Berichten zeigen an, dass ihre Bezugstexte die Wissenslücke füllen. Eine Füllung bei Texten mit einem WV2I in der Überschrift findet fast nur in der Hälfte der Fälle statt - mit einer Ausnahme: Ratgebertexte. Bei diesen ist eher eine Tendenz zur Füllung der adressierten Wissenslücke festzustellen. Dies mag an der Natur der Textsorte selbst liegen, die die Beantwortung einer (Alltags-)Frage zum Ziel hat, um ein Problem zu lösen. Zusammenfassend zeigen die Auswertungen, dass WÜ konkreter als WV2I in Überschriften auf die Schließung der Wissenslücke in ihren Bezugstexten verweisen. Texte mit einer WÜ können daher als Antworten auf die in der Überschrift adressierte Frage interpretiert werden. 7.2 Die Beziehung der W-Überschrift zum Inhalt ihres Bezugstextes 203 <?page no="204"?> 7.3 Mustererkennung mithilfe von n-Grammen Ziel dieses Kapitels ist die Ermittlung von rekurrenten Sprachmustern, die auf die textsortenspezifischen Gebrauchspräferenzen der WÜ hinweisen könnten. Zu diesem Zweck werden auf Grundlage der Korpusdaten n-Gramme ermittelt, anhand derer sich syntaktische und semantische Muster in der WÜ aufdecken lassen können. Der Erkenntnisgewinn dieser Untersuchung besteht darin, die Rolle der WÜ in Pressetexten besser zu verstehen und näher spezifizierte Instan‐ zen der WÜ zu finden, anhand derer sich Rückschlüsse auf deren spezifischen Gebrauch ziehen lassen. Diese Perspektive kann in der Untersuchung dazu beitragen, mehr Aufschluss über die WÜ als sprachliches Phänomen zu gewinnen. Auch Altmann (vgl. 2016: 130) spricht sich dafür aus, dass korpusgetriebene Untersuchungen der Ermitt‐ lung von Gebrauchsvarianten von Satztypen dienlich sind. Die Analyse von Abweichungen und gebrauchsorientierten Varianten von Satztypen kann po‐ tenzielle Konstruktionsfamilien aufdecken. Für die vorliegende Untersuchung der WÜ in Pressetexten bedeutet dies, dass sie möglicherweise lexikalisch stärker spezifizierte Instanzen besitzen kann, die gebrauchsorientiert erklärbar sind und kontextuell präferiert werden. Mithilfe der Korpusdaten und der n- Gramm-Analyse können diese ermittelt werden. Die folgenden Unterkapitel legen die n-Gramme der WÜ offen und unter‐ suchen sie hinsichtlich ihres Textsortengebrauchs und ihres Kontextes. Zum Kontext zählen bspw. einzelne Presseportale und Pressegattungen, in denen sie verwendet werden. 7.3.1 Rekurrente Muster und hochspezifizierte Instanzen In der bisher durchgeführten Untersuchung konnte festgestellt werden, dass die Bezugstexte der WÜ die offene Wissenslücke füllen (Kapitel 7.2.2). Weiterhin konnte gezeigt werden, dass der w-Ausdruck warum spezifisch in WÜ hochfre‐ quent eingesetzt wird. Diese Beobachtungen lassen vermuten, dass sich in der Textproduktion von WÜ musterhafte Ausprägungen etabliert und verfestigt haben. In diesem Sinne kann also die Frage gestellt werden, ob sich lexikalisch hochgradig spezifizierte Instanzen der WÜ finden lassen, die Rückschlüsse auf ihre textsortenspezifischen Gebrauchspräferenzen geben könnten. Dieser Frage soll sich in diesem Unterkapitel gewidmet werden. Entsprechend ist es das Ziel, frequente Wörter und Wortmuster zu ermitteln, die spezifisch für den Gebrauch in der WÜ sind. Wie zuvor auch werden Überschriften mit WV2I als Vergleichsgegenstand für eine kontrastive Betrachtung herangezogen. 204 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="205"?> 62 Ungefiltert bedeutet hier, dass die Ergebnisse ohne Stopwort-Listen zustande gekom‐ men sind und daher auch semantisch arme n-Gramme wie warum die oder über die aufgelistet sind. Ziel ist es, hiermit den Wert der gefundenen semantisch reichen Muster zu verdeutlichen. Eine Analyse der WÜ und WV2I in Überschriften lässt sich methodisch mit der Ermittlung von frequenten n-Grammen im Korpus durchführen. Unter n- Grammen werden Mehrworteinheiten verstanden, die eine Sequenz von n Wör‐ tern (n>1) umfassen. Bigramme bestehen somit aus zwei Wörtern, Trigramme aus drei Wörtern, etc. Der Vorteil einer n-Gramm-Analyse besteht darin, dass frequente Wortkombinationen gefunden und quantitativ ausgewertet werden können (vgl. Hein/ Bubenhofer 2015: 180). Um statistische Aussagen über die Signifikanz einzelner Wörter zu treffen, wird der Keyness-Wert ermittelt. Dieser gibt die Signifikanz der Häufigkeit eines Wortes in einem Korpus im Verhältnis zu einem Vergleichskorpus an. Das bedeutet in diesem Fall, dass sich Aussagen darüber machen lassen, welche Begriffe in WÜ signifikant häufiger verwendet werden als in Überschriften mit WV2I. Für die Identifizierung möglicher Muster wurden in einem ersten Schritt die Bigramme und Trigramme mit Vorkommen in WÜ und WV2I in Überschriften aus dem gesamten Korpus ermittelt. Im Folgenden sind die ungefilterten 62 Frequenzlisten der häufigsten Bigramme und Trigramme den Tabellen 24-27 zu entnehmen. Bigramm in WÜ Vorkommen Bigramm in WÜ Vorkommen Warum die 232 Was hinter 31 Was die 128 und wie 31 Warum der 126 der Leyen 30 Was Sie 72 Sie über 28 Warum sich 67 für den 27 Wo die 62 so wichtig 27 wissen müssen 60 Was sich 26 Warum das 58 Wo der 26 Warum wir 54 wichtig ist 26 Warum es 52 Warum ein 25 Was der 52 Was du 20 7.3 Mustererkennung mithilfe von n-Grammen 205 <?page no="206"?> von der 52 Warum Sie 51 - - und was 51 - - über die 46 - - in der 45 - - in Deutschland 37 - - Was wir 36 - - bei der 36 - - über den 36 - - für die 34 - - Was das 33 - - Warum ich 31 - - Tab. 24: Bigramme aus WÜ Bigramm in WV2I Vorkommen Bigramm in WV2I Vorkommen Was ist 81 Warum sind 15 Wer ist 59 gibt es 15 Was macht 45 ist das 15 Was bedeutet 29 Wer wird 14 ist der 27 Wo sind 14 ist die 27 Was kann 12 Warum ist 25 Was will 12 in der 25 Wer zahlt 12 Wer hat 22 Wo bleibt 12 sind die 20 aus dem 12 Was hat 19 für die 12 ist eigentlich 19 steckt hinter 12 Wo ist 16 Was bringt 11 Tab. 25: Bigramme aus Überschriften mit WV2I 206 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="207"?> Trigramm in WÜ Vorkommen Trigramm in WÜ Vorkommen von der Leyen 30 zu tun hat 10 Was Sie über 26 Ursula von der 9 so wichtig ist 17 Warum sich die 9 Game of Thrones 14 Was von der 8 Was wir über 13 für von der 8 an einem Tag 13 Sie über das 7 Was hinter dem 12 Sie über den 7 einem Tag isst 12 Was Sie jetzt 7 Was du über 10 - - Tab. 26: Trigramme aus WÜ Trigramm in WV2I Vorkommen Trigramm in WV2I Vorkommen Wer ist der 16 Warum gibt es 7 Was ist eigentlich 12 Was läuft da 7 Warum ist die 10 Was verdienen eigentlich 7 Was macht eigentlich 10 Was verdient eigentlich 7 Wer sind die 10 Wo kann ich 7 Was bedeutet das 9 ist der Mann 7 Was ist das 8 Was ist dran 6 Was wurde aus 8 Was ist mit 6 Wer ist die 8 - - Tab. 27: Trigramme aus Überschriften mit WV2I Mit Blick auf die ermittelten Bi- und Trigramme sind drei zentrale Beobachtun‐ gen hervorzuheben, die im Vergleich zu WV2I in Überschriften spezifisch für die WÜ sind: 1. In den WÜ finden sich neben den zu vernachlässigenden unspezifischen Mustern (z.B. warum die, über die) auch Bigramme mit einer expliziten Adres‐ sierung des TR (Was Sie, Warum Sie, Was du) oder einem direkten oder indirekten Einbezug des TR und TP (Warum wir, Was wir, Warum ich). Diese Muster 7.3 Mustererkennung mithilfe von n-Grammen 207 <?page no="208"?> bilden frequente Einheiten, die sich ebenfalls in den Trigrammen wiederfinden. Hier werden Formen wie Was wir über, Was Sie über und Was du über häufig verwendet. Weiterhin ist das Bigramm wissen müssen auffällig, das explizit Bezug auf den Wissensstand nimmt. Eine nähere Betrachtung der Belegstellen von wissen müssen gibt Aufschluss darüber, dass es fast ausschließlich mit Was Sie in Verbindung steht. Zudem zeigt ein Blick auf die weiteren genannten Bi- und Trigramme mit Leseradressierung, dass auch bei ihnen eine Semantik des Wissens bzw. der Wissensaufforderung vorliegt. Dagegen ist in den Bi- und Trigrammen von WV2I in Überschriften eine solche Semantik nicht feststellbar. Die folgende Tabelle 28 zeigt beispielhaft eine Reihe von Belegstellen in WÜ, in denen Verbindungen von Bi- und Trigrammen mit einer Leseradressierung und Wissens-Semantik erkennbar sind: Was Sie über das Einhorn wissen müssen (welt.de, 12.04.2019) Was Sie - zur Rente ab 63 wissen müssen (sueddeutsche.de, 01.04.2019) Was Sie - zur EU-Wahl wissen sollten (zeit.de, 23.05.2019) Was du über den natürlichen Duftstoff wissen musst (utopia.de, 21.07.2019) Was du über den Zusatzstoff E621 wissen musst (utopia.de, 30.06.2019) Was du über (Bio-) Baumwolle wissen wissen solltest (utopia.de, 11.07.2019) Was du über den Kosmetik-Inhaltsstoff wissen solltest (utopia.de, 16.07.2019) Was wir über die Angriffe im Golf wissen - (welt.de, 14.06.2019) Tab. 28: Ausgewählte Belegstellen der n-Gramme mit Leseradressierung und Wissens- Semantik Die Belege zeigen WÜ, die den TR ansprechen und ihm explizit eine Wissens‐ lücke offenlegen, indem auf seinen (potenziell lückenhaften) Wissensstand verwiesen wird. An diesem Muster wird die Rollenverteilung (TP hat Wissen über Thema X, TR hat kein Wissen über Thema X) erkennbar, in der der TP dem TR mitteilt, das bestimmtes Wissen im Bezugstext vermittelt wird, das es zu wissen gilt. Der TP unterstellt dem TR also eine Wissenslücke. Dieses Muster scheint sich für Texte zu eignen, die dem TR einen Mehrwert zu seinem bisherigen Wissen über ein spezifisches Thema liefern. Hierzu zählen bspw. Berichte oder Kommentare, die auf bestehende Ereignisse/ Nachrichten aufbauen. Eine textsortenspezifische Auswertung hierzu wird im Anschluss an die weiteren Punkte vollzogen. 208 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="209"?> 2. Unter den Bigrammen fallen ebenfalls Wortsequenzen auf, die Bezug auf die Bedeutsamkeit von etwas nehmen: so wichtig und wichtig ist. Ein Blick auf die Trigramme zeigt, dass diese Bigramme Bestandteile des frequenten Musters so wichtig ist darstellen. Eine Kollokationsanalyse belegt, dass dieses Muster ausschließlich mit dem w-Ausdruck warum assoziiert ist: Warum X (so) wichtig ist - Warum Taschengeld für Kinder - wichtig ist (stern.de, 15.01.2020) Warum die Wut-Wahl im Osten so wichtig ist (bild.de, 31.08.2019) Warum der Fahrzeugbrief so wichtig ist (n-tv.de, 02.06.2019) Warum Pupsen im Flieger so wichtig ist (bild.de, 30.06.2019) Tab. 29: Ausgewählte Belegstellen für das Muster „Warum X (so) wichtig ist“ Die Form Warum X (so) wichtig ist präsupponiert, dass X besonders wichtig ist, lässt aber die Begründung hierfür offen. Mit diesem Muster wird dem TR die Relevanz eines Wissensbestands unterstellt, um bei ihm Neugierde zu wecken. Sie verhält sich ähnlich wie das vorher ermittelte Was Sie/ du wissen müssen/ musst mit dem Unterschied, dass aufgrund der fehlenden Leseradressierung die Involviertheit der TR fehlt und durch die explizite Betonung von Wichtigkeit die Relevanz des Wissen- Müssens vermittelt wird. Dass es sich hierbei um ein spezifisches Muster für WÜ handelt, zeigt ein vergleichender Blick auf die WV2I in Überschriften, bei denen in den n-Grammen keine explizite Adressierung von Wichtigkeit erkennbar ist. 3. Unter den Trigrammen finden sich die frequenten Einheiten an einem Tag und einem Tag isst. Mit Blick auf die Kollokationen bzw. Belegstellen ist auch hier ersichtlich, dass es sich um Bestandteile des stark verfestigten Musters Was X an einem Tag isst handelt, das ausschließlich in Artikeln der Artikelserie „Food Journal“ auf Gala.de auftaucht: Was X an einem Tag isst - Was Anna Hiltrop an einem Tag isst (gala.de, 17.04.2019) Was Anna Schürrle an einem Tag isst (gala.de, 01.05.2019) Was Elena Carrière an einem Tag isst (gala.de, 02.09.2019) Was Sylvie Meis an einem Tag isst (gala.de, 28.07.2019) Tab. 30: Beispiele für Überschriften mit dem Muster „Was X an einem Tag isst“ 7.3 Mustererkennung mithilfe von n-Grammen 209 <?page no="210"?> Die Artikel dieses Musters folgen alle derselben Form und demselben inhaltli‐ chen Konzept, bei dem eine prominente Persönlichkeit Gerichte vorstellt, die sie an einem Tag isst. Diese nahezu vollständig lexikalisch spezifizierte Instanz der WÜ weist eine direkte Assoziation mit dem Online-Portal, der Artikelserie und dem formalen/ inhaltlichen Konzept des Textes auf. Den (regelmäßigen) TR von Gala.de kann unterstellt werden, dass sie aufgrund einer solchen Überschrift wissen, um welche Art von Text es sich handelt. Bei dieser Instanz der WÜ liegt also eine Gebrauchsrestriktion vor, deren kontextuelle Beschränkungen das Online-Portal und die Textsorte (bzw. eine Artikelserie mit festem inhaltlichem Konzept und fester Form) sind. Auch bei WV2I in Überschriften zeigen sich stark verfestigte Muster, die mit einer Artikelserie einhergehen und entsprechend Si‐ gnalcharakter für die Art und den Inhalt des Bezugstextes haben. So finden sich die frequenten Trigramme Was verdient eigentlich und Was verdienen eigentlich exklusiv auf Stern.de in Überschriften von Artikeln, die über den Verdienst einer spezifischen Berufsgruppe informieren. Stark verfestigte Strukturen in der Überschrift, die einer Artikelserie zugehörig sind, sind also nicht exklusiv für WÜ, allerdings ist hierdurch exemplarisch nachweisbar, dass Überschriften mit bestimmten Satztypen an sich auch festere Formen annehmen können, die presseportal- und textsortenspezifisch verwendet werden. Was verdient/ en eigentlich X - Was verdient eigentlich eine Putzfrau? (stern.de, 26.07.2019) Was verdient eigentlich ein DHL-Paketbote? (stern.de, 18.07.2019) Was verdienen eigentlich Piloten? (stern.de, 20.08.2019) Was verdienen eigentlich Physiotherapeuten? (stern.de, 15.07.2019) Tab. 31: Beispiele für Überschriften mit dem Muster „Was verdient/ verdienen eigentlich X? “ Werden die drei eben kurz ausgeführten Muster hinsichtlich ihrer Semantik zusammengefasst, lässt sich ein spezifisches Charakteristikum feststellen: Der Ausdruck von Notwendigkeit und Relevanz bestimmten Wissens gegenüber den TR. Dies deckt sich mit den bisher angenommenen pragmatischen Effekten der WÜ, durch die der TP dem TR eine Wissenslücke aufzeigt und ihn darauf hinweist, dass durch das Lesen des Bezugstextes diese Lücke zuverlässig gefüllt 210 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="211"?> 63 Die Keyness-Werte sind abstrakte Werte, die mittels des Log-Likelihood Signifikanztes‐ tes über die Software AntConc ermittelt wurden. In Tabelle 32 sind die Werte aufgeführt, die einen p-Wert unter 0,001 besitzen (p < 0.001) und somit als signifikant einzustufen sind. wird. Die hohe Frequenz dieser Muster zeigt, dass es sich hierbei um verfestigte Instanzen der WÜ handelt. Werden nun auch die Keyness-Werte 63 für die verwendeten Wörter in WÜ betrachtet, kann diese Annahme bekräftigt werden. Bei der Betrachtung der unten in Tabelle 32 dargestellten Werte gilt, je höher der Keyness-Wert ist, desto signifikanter ist das Vorkommen des Wortes in WÜ im Vergleich zu Überschriften mit WV2I: „A word which is positively key occurs more often than would be expected by chance in comparison with the reference corpus“ (Scott 2015). Ein genauer Blick auf die Keyness-Werte zeigt, dass die Wörter sollen, müssen, jetzt und wissen, die eine wichtige Rolle bei der Darstellung der Notwendigkeit und Relevanz von Wissen einnehmen, signifikant häufiger in WÜ als in Überschriften mit WV2I verwendet werden. Die Wörter treten in WÜ also nicht zufällig häufiger auf, sondern scheinen gezielt verwendet zu werden. Frequenz Keyness Wort 1568 +182.34 Warum 124 +56.83 sollten 115 +47.24 müssen 341 +39.91 und 203 +29.75 jetzt 120 +28.24 wissen Tab. 32: Keyness-Werte von frequenteren Wörtern aus WÜ im Vergleich zu WV2I in Überschriften Im Sinne der Analyse zur Gebrauchspräferenz der WÜ werden im Weiteren die folgenden wiederkehrenden Muster hinsichtlich ihrer Textsortenverwendung näher untersucht: • Was Sie X wissen müssen/ sollten • Was du X wissen musst/ sollst • Was wir über X wissen • Warum X (so) wichtig ist 7.3 Mustererkennung mithilfe von n-Grammen 211 <?page no="212"?> Die Distribution der oben genannten Muster auf die Textsorten ist in Abbildung 27 dargestellt. Textsorten, in denen die Muster nicht auftreten, werden in den folgenden Darstellungen zwecks einer übersichtlicheren Veranschaulichung ausgeblendet. Abb. 27: Distribution rekurrenter Muster aus WÜ in Textsorten Aus Abbildung 27 ist ersichtlich, dass das Muster Was Sie X wissen müssen/ sollten in hoher Frequenz in Ratgebertexten (n=16) und Berichten (n=27) verwendet wird. Dasselbe Muster mit du wird hingegen (fast) ausschließlich in Ratgebertex‐ ten (n=14) gebraucht. Hier scheint auf den ersten Blick eine stärkere Restriktion des du-Musters auf Ratgebertexte erkennbar zu sein. Eine genauere Betrachtung hinsichtlich der Vorkommen beider Muster in Online-Portalen lässt jedoch erkennen, dass Was Sie X wissen müssen/ sollten eine größere Akzeptanz in unterschiedlichen Online-Portalen aufweist (Abbildung 28). Was du X wissen musst/ solltest wird hingegen lediglich im Portal Utopia eingesetzt (Abbildung 29). Die Verteilung beider Muster auf die Textsorten zeigt, dass sie sich für Texte mit einem vorliegenden Leserinteresse eignen, was im engeren Sinne nach Rolf (1993) die Ratgebertexte sind, und im weiteren Sinne die Berichte. 212 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="213"?> Abb. 28: Distribution Was Sie X wissen müssen/ sollten in Textsorten und Online- Portalen Abb. 29: Distribution Was du X wissen musst/ sollst in Textsorten in Utopia 7.3 Mustererkennung mithilfe von n-Grammen 213 <?page no="214"?> Wie erwähnt, zeigt sich anhand der ausgewerteten Daten, dass der Gebrauch der du-Adressierung als Variante des Musters Was Sie X wissen müssen/ soll‐ ten spezifisch für Utopia ist (Abbildung 29). Es spiegelt die weniger formale Kommunikationssituation in dem Online-Portal wider, die das Magazin mit seiner Leserschaft pflegt. Innerhalb des Korpus scheint dieses Muster exklusiv für Utopia zu sein. Ein Blick über die Datengrundlage hinaus zeigt jedoch, dass das Muster auch in anderen Quellen (119-120) vorzufinden ist. Dennoch lässt sich anhand der Korpusdaten zeigen, dass die du-Variante ein weniger weit verbreitetes Muster in den etablierten Presseportalen ist und eher von vergleichsweise kleineren Portalen mit einer spezifischen Kommunikationssi‐ tuation bzw. engeren Bindung zum TR verwendet wird. - (119) Was du zur ÖH-Wahl 2019 alles wissen musst (fm4.orf.at, 27.05.2019) - (120) Überstunden im Check: Was du über Ausgleich und gesetzliche Regelun‐ gen wissen musst (onlinemarketing.de, 23.04.2021) Das weitere Muster Was wir über X wissen tritt nur in Berichten und Meldungen auf. Ein Blick auf die Distribution (Abbildung 30) zeigt, dass es weit über die Online-Portale gestreut ist. Anhand dieser Verteilung ist davon auszugehen, dass der Gebrauch des Musters in der Presselandschaft für genau diese zwei Textsorten etabliert ist. Abb. 30: Distribution Was wir über X wissen in Textsorten und Online-Portalen 214 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="215"?> Eine breite Streuung über Online-Portale findet sich ebenfalls beim Muster Warum X wichtig ist, das in ähnlicher Frequenz in Berichten (n=5), Kommentaren (n=4) und Ratgebertexten (n=7) verwendet wird. Es besitzt eine geringere Bindung an eine spezifische Textsorte und weist anders als die bisher betrachteten Muster weder eine Leseradressierung noch eine explizite Referenz auf den Wissensstand auf. Es ist anzunehmen, dass das Fehlen dieser Eigenschaften dazu beiträgt, dass das Muster multifunktionaler in den Textsorten eingesetzt werden kann. Abb. 31: Distribution Warum X wichtig ist in Textsorten und Online-Portalen Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass für die WÜ etablierte lexikalisch hochgradig spezifizierte Instanzen mit einer charakteristischen Semantik vorlie‐ gen, die für den Gebrauch in bestimmten Textsorten in unterschiedlicher Stärke konventionalisiert sind. Zu den stark restringierten Mustern zählt Was X an einem Tag isst, dessen Verwendung auf das Portal Gala.de eingeschränkt ist und exklusiv für eine Textsorte mit einem festen inhaltlichen Aufbau eingesetzt wird. Ein weniger stark restringiertes Muster ist Was du über X wissen musst, das fast ausschließlich in Ratgebertexten in Utopia und - mit Blick über die Korpusdaten hinaus - ebenfalls von weiteren kleinen Online-Portalen gebraucht wird. Die weiteren ermittelten Muster Was Sie X wissen müssen/ sollten und Was wir über X wissen, die sich durch eine explizite Referenz auf den Wissensstand der TR und TP sowie eine Leseradressierung oder einen Lesereinbezug auszeichnen, besitzen 7.3 Mustererkennung mithilfe von n-Grammen 215 <?page no="216"?> ebenfalls einen ähnlich eingeschränkten bzw. präferierten Gebrauch für bestimmte Textsorten (z.B. Bericht und Kommentar). Aufgrund ihrer breiten Streuung über mehrere Online-Portale hinweg kann angenommen werden, dass es sich hierbei um konventionalisierte Formen der WÜ in der Online-Presselandschaft handelt. Ein weiteres etabliertes Muster ist Warum X (so) wichtig ist, das jedoch keinen spezifischen Gebrauch für bestimmte Textsorten oder Online-Portale aufweist. Auffällig hierbei ist, dass es in Kontrast zu den vorherigen Mustern weder eine Leseradressierung (Sie, du, wir) noch eine explizite Bezugnahme auf den Wissensstand besitzt. Es liegt also die Vermutung nahe, dass genau diese Eigen‐ schaften in der WÜ eine Eignung für bestimmte Textsorten wie z.B. Berichte oder Ratgebertexte fördern, da sie sich mit den funktionalen Eigenschaften des Textes decken. Hierfür spricht insbesondere die im Vergleich mit WV2I signifikant frequentere Verwendung der Wörter Sie und wissen. Entsprechend kommt der Leseradressierung und der Bezugnahme auf den Wissensstand des TR in WÜ eine zentralere Rolle zu als in WV2I in Überschriften. Auf die Relevanz der Leseradressierung wird im nachfolgenden Kapitel noch näher eingegangen. Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass sich spezifische WÜ-Muster für Text‐ sorten und Online-Portale verfestigt haben und konsistent verwendet werden. Dies weist darauf hin, dass sprachliche Muster existieren, die von den Kom‐ munikationspartnern (TP und TR) in Überschriften aus Online-Pressetexten textsortenspezifisch eingesetzt werden und eine fest etablierte Funktion in der Kommunikation erfüllen. 7.3.2 Textsortenspezifische Leseradressierung Wie die Auswertungen der n-Gramme zeigen, finden sich in WÜ frequente Muster mit Leseradressierung, bei denen der TR durch Sie/ du angesprochen wird oder ein Kollektiv durch das inklusive wir. Es ist zu sehen, dass diese Muster eine textsortenspezifische Eignung aufweisen: WÜ-Muster mit Sie/ du werden vorzugsweise in Ratgebertexten eingesetzt, WÜ-Muster mit wir in Berichten. Für WV2I in Überschriften lassen sich hingegen solche gebräuchlichen Muster mit einer Leseradressierung nicht feststellen. Es liegt daher die Vermutung nahe, dass sich die Leseradressierung weniger gut für WV2I in Überschriften eignet als WÜ, da sie eine direkt an den TR gerichtete Frage-Illokution hervor‐ rufen, die in der monologischen Kommunikationssituation als unangemessen erscheint. Schließlich erwartet der TR im Kontext der Überschrift keine an ihn gerichtete Frage. WÜ hingegen verfügen aufgrund ihrer syntaktischen Form über das Potenzial, eine Leseradressierung einzusetzen, ohne einer typischen Frage-Illokution zu entsprechen. Sie haben also die Möglichkeit, den TR direkt 216 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="217"?> anzusprechen, um einen verstärkenden Effekt des Leseanreizes zu schaffen. WÜ scheinen sich im Vergleich zu den WV2I in Überschriften entsprechend besser für den Einsatz einer Leseradressierung zu eignen. Das Ziel dieses Kapitels ist die Prüfung, ob unabhängig von dem Muster bzw. der lexikalisch spezifizierten Instanz mit bestimmter Semantik eher WÜ als WV2I in Überschriften eine Leseradressierung einsetzen. Die WÜ und WV2I aus dem Korpus werden daher hinsichtlich des Auftretens einer Leseradressierung untersucht. Konkret ist hiermit die direkte Adressierung des TR mit Sie/ du und die kollektive Adressierung mit wir gemeint. Darüber hinaus wird das auf den TP selbstreferenzierende Pronomen ich betrachtet, um alle Referenzen zwischen den Rollen des TP und TR in der Überschrift beispielhaft abzudecken. Auf die weitere Form der kollektiven Adressierung ihr wurde in der Auswertung aus methodischen Gründen verzichtet, da sie homonym zu dem Possessivpronomen ihr ist. Hier wäre eine händische Disambiguierung der automatisch ermittelten Daten notwendig gewesen, was aus Kapazitätsgründen im Rahmen dieser Arbeit nicht durchgeführt werden konnte. Im Folgenden wird sich daher auf die Auswertung von Überschriften mit Sie, du, ich und wir fokussiert. Abb. 32: Anzahl der Vorkommen von TP- und TR-Referenzen in WÜ und WV2I in Über‐ schriften 7.3 Mustererkennung mithilfe von n-Grammen 217 <?page no="218"?> Abbildung 32 zeigt die in WÜ und WV2I in Überschriften ermittelten Prono‐ menvorkommen. Die Darstellung macht deutlich, dass WÜ im Vergleich zu WV2I durchweg häufiger die Pronomen Sie (n=226), wir (n=139) und du (n=41) aufweisen. Diese Formen werden in WÜ durchschnittlich vier Mal häufiger eingesetzt als in WV2I. Das heißt, der Gebrauch findet in 70%-85% der Fälle in WÜ statt. Lediglich ich wird in WÜ (n=37) und WV2I (n=46) in vergleichbarer Häufigkeit verwendet. Die Auswertung bestätigt, dass eine Leseradressierung vergleichsweise häu‐ figer in WÜ stattfindet. Nun lässt sich der Gebrauch einer Leseradressierung in den Überschriften aber auch textsortenspezifisch untersuchen. Wird die Leseradressierung auch präferiert in bestimmten Textsorten verwendet? Um dieser Frage nachzugehen, bietet Tabelle 33 eine Aufschlüsselung des Textsor‐ tengebrauchs. Der Übersichtlichkeit dienend, ist sie beschränkt auf die reinen Häufigkeiten der Vorkommen von TP- und TR-Referenzen. - W-Überschrift WV2I - Sie du ich wir Sie du ich wir keinText 18 0 2 10 34 1 1 4 Anleitung 0 0 0 0 0 0 0 0 Bericht 40 5 0 53 5 3 4 21 Feature 0 0 2 2 0 0 0 1 Interview 7 0 4 6 4 0 1 2 Kolumne 2 0 3 7 0 0 1 3 Kommentar 4 0 23 29 2 1 8 7 Meldung 8 3 0 13 1 0 1 1 Ratgebertext 144 33 1 15 5 2 29 11 Reportage 3 0 2 1 1 0 1 3 Rezension 0 0 0 3 0 0 0 0 Gesamt 226 41 37 139 52 7 46 53 Tab. 33: Häufigkeiten der TP- und TR-Referenzen aus WÜ und WV2I in Überschriften nach Textsortenzugehörigkeit Ein Blick in Tabelle 33 verdeutlicht, dass der Gebrauch von Sie in WÜ verstärkt in Ratgebertexten stattfindet. Die vergleichsweise geringe Gesamtmenge von Sie (n=52) und du (n=72) in WV2I in Überschriften deutet darauf hin, dass 218 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="219"?> die direkte Adressierung des TR bei WV2I im Format der Überschrift weniger geeignet ist. Anders verhält es sich mit ich, das sowohl in Überschriften mit WÜ als auch WV2I in ähnlicher Häufigkeit verwendet wird. Bei WÜ findet sich ich vermehrt in Kommentaren, während es bei WV2I häufiger in Ratgebertexten vorkommt. Dies könnte darauf hindeuten, dass ein ich-WV2I in der Überschrift dem TR ermöglicht, das ich als Referenz auf die eigene Person zu verstehen. Das heißt, dass er die Frage auf sich selbst bezieht und er zum Fragenden wird, obwohl die ursprüngliche Äußerung vom TP kommt. Ein derartiger ich-WV2I in der Überschrift (121) von Ratgebertexten geht daher gut mit der Textfunktion einher, bei der ein (Alltags-)Problem bzw. eine (Alltags-)Frage thematisiert und beantwortet wird. In WÜ scheint im Kontrast hierzu bei der Verwendung von ich aufgrund ihres assertiven Charakters eher eine Lesart präferiert zu werden, bei der das ich auf den TP referiert. So ist es zu verstehen, dass ich-WÜ (122) eher mit der Textsorte Kommentar einhergehen, in der in der Regel die Meinung des Autors dargestellt wird. Anhand dieser Beobachtungen zeigt sich, dass der textsortenspezifische Gebrauch von WÜ und WV2I in Überschriften mit dem Gebrauch von TP- und TR-Referenzen in den Überschriften einhergehen kann. - (121) Wie bekomme ich mein Kind zum Üben? (swp.de, 22.02.2023) - (122) Wie ich Sprache und Wokeness sehe (br.de, 27.06.2022) Um ein präziseres Bild des textsortenspezifischen Gebrauchs der verschiedenen TP- und TR-Referenzen in WÜ und WV2I in Überschriften zu gewinnen, werden im Folgenden die Distributionen auf die Textsorten genauer beleuchtet. Nacheinander werden die Verteilungen von Sie/ du, ich und wir in WÜ und WV2I in Überschriften betrachtet, wobei die Textsorten nach ihrer (Vor-)Bedingung gruppiert sind. Beispiel: Tabelle 34 und Abbildung 33 zeigen, dass rund 17% aller Artikel mit einer Sie/ du-WÜ disputierende Textsorten sind. (Vor-)Bedingung WÜ WV2I Leserinteresse 66,29% 11,86% Disputierend 16,85% 13,56% keinText 6,74% 59,32% Judizierend 4,87% 11,86% Emittierend 4,12% 1,69% 7.3 Mustererkennung mithilfe von n-Grammen 219 <?page no="220"?> Registrierend 1,12% 1,69% Legislationsgewalt 0,00% 0,00% Tab. 34: Anteile der WÜ und WV2I in Überschriften mit Sie/ du-Gebrauch in Textsorten nach (Vor-)Bedingung Abb. 33: Anteile der WÜ und WV2I in Überschriften mit Sie/ du-Gebrauch in Textsorten nach (Vor-)Bedingung Die obige Darstellung der Distribution von Sie/ du bekräftigt die bisherige Feststellung, dass ein präferierter Gebrauch von Sie/ du in WÜ bei Texten mit einem Leserinteresse im engeren Sinn (Ratgebertexte) vorliegt. Rund 66% der Sie/ du-WÜ werden für diese Textsorte eingesetzt. Werden hier ebenfalls die disputierenden Texte (darstellend und judizierend) berücksichtigt, die ein Leserinteresse im weiten Sinne bedienen (s. Kapitel 7.1.2), würden sogar ca. 83% in Texten verwendet werden, die ein Leserinteresse erfordern. Ein anderes Bild zeigt sich hingegen bei den WV2I in Überschriften. Wie bereits thematisiert setzen sie die Adressierungen Sie/ du im höheren Maße für Artikel ein, die keiner Textsorte zuordbar sind (59,32%). 220 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="221"?> Wie nachfolgend in der Tabelle 35 und Abbildung 34 zu sehen ist, geht auch der textsortenspezifische Gebrauch von ich in WÜ und WV2I in Überschriften stark auseinander: (Vor-)Bedingung WÜ WV2I Judizierend 81,08% 21,74% Disputierend 5,41% 8,70% keinText 5,41% 2,17% Registrierend 5,41% 2,17% Leserinteresse 2,70% 63,04% Legislationsgewalt 0,00% 0,00% Emittierend 0,00% 2,17% Tab. 35: Anteile der WÜ und WV2I in Überschriften mit ich-Gebrauch in Textsorten nach (Vor-)Bedingung Abb. 34: Anteile der WÜ und WV2I in Überschriften mit ich-Gebrauch in Textsorten nach (Vor-)Bedingung 7.3 Mustererkennung mithilfe von n-Grammen 221 <?page no="222"?> Der Gebrauch von ich-WÜ zeigt einen deutlichen Schwerpunkt auf judizierende Texte (81,08%). Ich-WV2I in Überschriften werden hingegen verstärkt in Texten mit einem Leserinteresse im engeren Sinn (63,04%) eingesetzt, wozu nur Ratge‐ bertexte zählen. Anhand dieser textsortenspezifischen Verteilung ist ersichtlich, dass sich der Gebrauch der ich-Referenzen in WÜ und WV2I in Überschriften unterscheidet. Bei ich-WÜ scheint verstärkt eine Lesart mit Referenz auf den TP vorzuliegen, da die gebrauchspräferierten judizierenden Texte (Kommentare) die Meinung des TP wiedergeben. Bei ich-WV2I in Überschriften scheint hinge‐ gen eher eine Lesart mit Referenz auf den TR vorzuliegen, da die präferierten Ratgebertexte die Alltagsprobleme und -fragen des TR thematisieren. Zuletzt zeigen die nachfolgende Tabelle 36 und Abbildung 35 die Textsorten‐ verteilung von WÜ und WV2I in Überschriften mit wir: (Vor-)Bedingung WÜ WV2I Disputierend 39,57% 41,51% Judizierend 32,37% 22,64% Leserinteresse 10,79% 20,75% Emittierend 9,35% 1,89% keinText 7,19% 7,55% Registrierend 0,72% 5,66% Legislationsgewalt 0,00% 0,00% Tab. 36: Anteile der WÜ und WV2I in Überschriften mit wir-Gebrauch in Textsorten nach (Vor-)Bedingung 222 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="223"?> Abb. 35: Anteile der WÜ und WV2I in Überschriften mit wir-Gebrauch in Textsorten nach (Vor-)Bedingung Angesichts der ermittelten Werte aus Tabelle 36 scheint wir in WÜ und den Überschriften mit WV2I mit ähnlichen Präferenzen für dieselben Textsorten gebraucht zu werden. Auch wenn bereits eingangs gezeigt wurde, dass wir frequenter in WÜ eingesetzt wird (Abbildung 32), so ist zu sehen, dass die Verteilung auf die Textsorten dennoch ähnlich ist. In beiden Überschriften- Typen werden disputierende (WÜ 39,57%, WV2I 41,51%), judizierende (WÜ 32,37%, WV2I 22,64%) und Texte mit Leserinteresse (WÜ 10,79%, WV2I 20,75%) bevorzugt. Bei WÜ gibt es eine leicht höhere Tendenz zu judizierenden Texten und bei WV2I zu Texten mit Leserinteresse. Den Werten ist allerdings generell zu entnehmen, dass das inklusive wir universaler in beiden Überschriften für genau solche Textsorten gebraucht wird, die ein weit gefasstes Leserinteresse (also auch judizierende und disputierende Texte) als Vorbedingung erfordern. Zusammenfassend ist festzustellen, dass WÜ den Gebrauch einer direkten Leseradressierung mit Sie/ du in Ratgebertexten bzw. Texten mit einem vorbe‐ dingten Leserinteresse präferieren. WÜ mit einer Referenz auf den TR wird entsprechend eine stärkere Signalwirkung für Ratgebertexte zugesprochen, da 7.3 Mustererkennung mithilfe von n-Grammen 223 <?page no="224"?> sie durch den Gebrauch von Sie und du eine größere Nähe zum TR herstellen, was sich für die Erfüllung der Textfunktion - die Beantwortung einer (All‐ tags-)Frage - eignet. WV2I in Überschriften, die Sie oder du aufweisen, besitzen hingegen eine vergleichsweise geringe Eignung für Ratgebertexte, da der TR in der Überschrift keine direkt an ihn adressierte Frage erwartet. Aufgrund seines fehlenden TR-Wissens bzgl. eines Alltagsproblems wäre die Rolle des Gefragten, der eine Lösung für das Problem liefern soll, situativ unpassend. Vielmehr erwartet der TR diese Problemlösung vom Bezugstext bzw. er erhofft sich eine Antwort auf die bestehende Frage vom TP. Diese Rollenverteilung spiegelt sich nicht in einem Sie/ du-WV2I in der Überschrift wider. Für Ratgebertexte eignen sich in der Überschrift daher keine an den TR gerichteten Fragen, dafür aber ich-WV2I. Dem TR ist es bei ich-WV2I in der Überschrift nämlich möglich, die Äußerung so umzudeuten, dass er selbst zum Äußernden der Frage wird. Wie eine monologische Frage muss er dann die Frage durch das Lesen des Bezugstextes selbst beantworten. WÜ, die ich einsetzen, zeigen hingegen keinen präferierten Gebrauch für Ratgebertexte, sondern für judizierende Texte wie z.B. Kommentare. Eine Eignung für diese Textsorte liegt darin begründet, dass judizierende Texte die Meinung des Autors bzw. des TP darstellend wiedergeben und der Gebrauch von ich in der Überschrift darauf hindeutet, dass die Ansichten des TP wiedergegeben werden. Insgesamt verrät die Betrachtung des textsortenspezifischen Gebrauchs von TP- und TR-Referenzen, dass WÜ eine Nähe zum TR oder TP herstellen, die mit den Textfunktionen ihrer Bezugstexte einhergehen. Ich-WÜ beziehen sich spezifisch auf TP-zentrierte Texte, bei denen der TP seine Meinung wiedergibt. Das ich aus der Überschrift referiert entsprechend auf den TP. Sie/ du-WÜ hingegen beziehen sich spezifisch auf Ratgebertexte, die TR-zentriert sind und bei denen der TR Hilfestellung bei einem Problem sucht. Das Sie/ du referiert hier auf den TR. Diese Korrelation zeigt, dass der Gebrauch der TP-/ TR-Referenzen im Einklang mit der jeweiligen Textsorte steht. Die Ergebnisse zeigen also, dass der Gebrauch von TP- und TR-Referenzen in WÜ nicht nur häufig vorkommt, sondern auch textsortenspezifisch variiert. Diese Variation weist auf eine bewusste sprachliche Strategie hin, die mit den Erwartungen der TR an den Bezugstext spielt. 7.4 Zusammenfassung Die Ergebnisse aus den empirischen Untersuchungen zeigen, dass die WÜ ein etablierter Satztyp für den Gebrauch in der Überschrift von Online-Pressetexten ist und für Ratgebertexte, Berichte und Kommentare präferiert verwendet wird. 224 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="225"?> Im Gegensatz zu WV2I in Überschriften, die auch außerhalb dieser Position verwendbar sind, zeigen WÜ eine deutlich stärkere Gebrauchspräferenz in Bezug auf diese Textsorten, die aus einer funktionalen Perspektive heraus ein spezifisches Leserinteresse bedienen (Ratgebertexte) und eine darstellende Zielerreichungsweise verfolgen. Zu den darstellenden Textsorten zählen sowohl judizierende Texte (z.B. Kommentare, Kolumnen) als auch disputierende Texte (z.B. Berichte, Features). Sie sind im weiteren Sinne ebenfalls als Texte zu ver‐ stehen, die ein spezifisches Leserinteresse voraussetzen. Dieses Leserinteresse lässt sich als latente Frage auffassen, die sich aus einem bestehenden Vorwissen sowie dem Wunsch nach einer Erweiterung dieses Vorwissens ergibt. Für diese Annahme spricht, dass darstellende Texte einen bestehenden Diskurs benötigen, um neue Informationen ergänzen und einordnen zu können. Zu einem solchen Diskurs besitzt der TR potenziell ein bestehendes (Vor-)Wissen, zu dem auch latente Fragen existieren, die sich aus Wissenslücken ergeben. Die WÜ greifen gezielt diese Fragen auf, adressieren die entsprechende Wissenslücke und zeigen dem TR an, dass der Bezugstext das Wissen zur Schließung der Lücke beinhaltet. Diese Annahmen vertragen sich auch mit der empirischen Evidenz zu den gattungsspezifischen Gebrauchspräferenzen, dass WÜ anders als WV2I in Überschriften in hoher Frequenz in Portalen von Magazinen verwendet werden, die traditionellerweise ein spezifisches (Fach-)Wissen ihrer Leser voraussetzen und es erweitern. Weiterhin ist anhand der Auswertungen zum Gebrauch der w-Ausdrücke festzustellen, dass WÜ anders als WV2I in der Überschrift generell eine deutliche Präferenz zu adverbialen w-Ausdrücken und spezifisch zur Ausprägung warum besitzen. WV2I in der Überschrift verwenden hingegen eher pronominale w-Ausdrücke. Der generell frequente Einsatz von warum in WÜ geht mit der Gebrauchspräferenz für darstellende Textsorten einher, die funktional Gründe erläutern und einen aufklärenden Charakter besitzen. Ergänzend hierzu zeigt die Untersuchung zur Schließung der Wissenslücke aus der Überschrift im Bezugstext, dass WÜ anders als WV2I in der Überschrift eher darauf verweisen, dass sie im Bezugstext geschlossen bzw. die adressierte implizite Frage beantwortet wird. Auch hier zeigt sich die spezifische Eignung der WÜ für darstellende Textsorten, da diese ein Leserinteresse bedienen - also eine bestehende Frage auf Seiten der TR voraussetzen - und einen aufklärenden Charakter besitzen - also auf die Beantwortung der initialen Frage abzielen. Darüber hinaus konnte anhand der n-Gramm-Analysen nachgewiesen wer‐ den, dass die Wörter Sie und wissen signifikant häufiger in WÜ als in WV2I, die in der Überschrift verwendet werden, auftreten. Diese Evidenz bekräftigt die bisherigen Ergebnisse, dass WÜ gezielt die TR und ihr Interesse an einer 7.4 Zusammenfassung 225 <?page no="226"?> Erweiterung des Vorwissens ansprechen. WÜ eignen sich daher insbesondere für Textsorten, die funktional das Leserinteresse bedienen und neues Wissen dem bestehenden Wissensstand des TR hinzufügen. Des Weiteren ist anhand des Gebrauchs von TR- und TP-Referenzen zu beobachten, dass der Gebrauch der Leseradressierung mit Sie/ du spezifisch in WÜ von Ratgebertexten stattfindet, bei denen Alltagsfragen thematisiert und beantwortet werden. Diese direkte Leseradressierung hat gerade deshalb eine besondere Eignung für WÜ, da Sie/ du-WÜ im Gegensatz zu Sie/ du-WV2I eine Frage-Illokution umgehen, dem TR aber dennoch seine vorliegende Alltagsfrage vor Augen führen und auf ihre Beantwortung im Bezugstext verweisen. Durch die Analyse von n-Grammen in WÜ konnten zudem rekurrente Muster ermittelt werden, die als lexikalisch hochgradig spezifizierte Instanzen der WÜ in bestimmten Presseportalen und Textsorten eingesetzt werden. Dies spricht genauso wie die bisherigen Beobachtungen zum Textsortengebrauch und zur Überschrift-Text-Beziehung für die Annahme, dass die WÜ ein konventionali‐ siertes Muster für den Gebrauch in Pressetexten ist. Im Zuge einer Betrachtung der WÜ als Konstruktion im Sinne der konstruktionsgrammatischen Theorie können diese Formen als Instanzen der WÜ beschrieben werden, die spezifisch für eine Kommunikationssituation sind und spezifische Eigenschaften auf der Text- und Kontextebene besitzen. Die bisherigen empirischen Auswertungen bieten eine fundierte Grundlage, um im folgenden Kapitel 8 eine konstruktions‐ grammatische Beschreibung der WÜ zu entwickeln. Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse der Korpusuntersuchung, dass bei WÜ eindeutig Gebrauchspräferenzen für spezifische Textsorten vorliegen. Die bevorzugten Textsorten erfordern ein Leserinteresse und erreichen ihre kommunikativen Ziele auf darstellende Weise (z.B. kommentieren, bewerten, erklären). WÜ greifen dieses erforderliche Leserinteresse gezielt auf und ver‐ weisen darauf, dass der Bezugstext es zufriedenstellend bedient. Genauer gesagt: Wird das Leserinteresse als Wunsch nach einer Erweiterung des bestehenden Wissensstands verstanden, ist es als latente Frage ausdrückbar, bei der die Wis‐ senslücke des TR offenbart wird. WÜ greifen diese Frage auf und verweisen auf den Bezugstext als Antwort. Sie vermitteln in der Überschriften-Position also zwischen dem TR als fragendem Akteur (passiv) und dem TP als antwortendem Akteur (aktiv). Die WÜ wird vom TP daher funktional in der Überschriften- Position verwendet, um die bestehende Frage des TR aufzufangen und auf ihre Beantwortung durch den Bezugstext hinzuweisen. 226 7 Analyse der W-Überschriften im Korpus <?page no="227"?> 8 Die W-Überschrift als Konstruktion Die empirischen Ergebnisse aus der Korpus-Studie weisen darauf hin, dass WÜ innerhalb von Pressetexten bevorzugt für solche Textsorten verwendet werden, die eine darstellende Zielerreichungsweise (erklären, kommentieren, einordnen) verfolgen. Ihre Funktion besteht darin, spezifische inhaltliche und funktionale Aspekte ihres Bezugstextes anzuzeigen. So verweist die WÜ auf die Schließung der Wissenslücke im Bezugstext und spricht ein spezifisches Leserinteresse beim TR an, das als implizite Frage explizit in der Überschrift adressiert wird. Angesichts der Ergebnisse stellt sich also die Frage, wie die Text(sorten)bezogenheit des WÜ-Satztyps modelliert werden kann. Wie sich bereits in Kapitel 3 abgezeichnet hat, stößt ein projektionistisch orientierter Beschreibungsansatz bei der Erfassung der WÜ an gewisse Grenzen. In diesem Kapitel wird sich begründend gegen einen solchen regelgeleiteten Ansatz entschieden, dafür aber für einen konstruktionsgrammatischen. Auf dieser Grundlage soll exemplarisch eine WÜ-Konstruktion skizziert werden, die die Schnittstelle zwischen Satztyp und Text abdeckt und zugleich kontextuelle Aspekte der Gebrauchsspezifik berücksichtigt. Zunächst wird beispielhaft dargelegt, wodurch sich ein konstruktionsgram‐ matischer Ansatz von einem projektionistischen unterscheidet. Im Fokus steht dabei, wo ein regelgeleitetes Modell bei der WÜ an seine Grenzen stößt und eine konstruktionsgrammatische Sichtweise flexibler ist. Zudem wird kurz erörtert, welche theoretischen Möglichkeiten ein projektionistischer Beschrei‐ bungsrahmen bei der WÜ bieten könnte (z. B. durch das Hinzufügen eines [+Überschrift]-Merkmals) und welche Konsequenzen sich daraus ergeben wür‐ den. Ziel ist es, zu verdeutlichen, weshalb eine konstruktionsgrammatische Analyse hier den Vorzug erhält (Kapitel-8.1). Anschließend wird ein Instrumentarium für die Modellierung der WÜ-Kon‐ struktion entwickelt, das die Eigenschaften von Satztypen, Textebene und Kontext integriert. Hierfür werden bestehende Modelle und Beschreibungsan‐ sätze analysiert und im Hinblick auf ihre Kompatibilität mit den spezifischen Merkmalen der WÜ bewertet. Ziel ist es, theoretische Grundlagen zu identifi‐ zieren, die für eine umfassende Beschreibung der WÜ-Konstruktion relevant sind (Kapitel-8.2). Auf dieser Grundlage wird ein Beschreibungsansatz für den WÜ-Satztyp entwickelt, der als Verbindung zur Textebene dient und dabei kontextuelle Merkmale berücksichtigt. Die im vorherigen Abschnitt erarbeiteten Beschrei‐ bungsmöglichkeiten werden systematisch angewandt, um ein Modell der <?page no="228"?> WÜ-Konstruktion zu erstellen, das die spezifischen Anforderungen dieses Satztyps abbildet (Kapitel-8.3). Abschließend wird der entwickelte Beschreibungsansatz kritisch diskutiert, wobei sowohl die theoretischen Implikationen als auch die praktische Anwend‐ barkeit des Modells bewertet werden, um dessen Potenziale und Grenzen bei der konstruktionsgrammatischen Erfassung der WÜ aufzuzeigen (Kapitel-8.4). 8.1 Konstruktionsgrammatik als Modellierungsansatz für die W-Überschrift In Kapitel 3 wurde deutlich, dass der formale Satzmodus-Ansatz von Altmann (1993) und der kompositionelle Ansatz von Truckenbrodt (2004) bei der Be‐ schreibung der WÜ an ihre Grenzen stoßen. Ein Hauptgrund hierfür liegt darin, dass beide Modelle das konstitutive Merkmal der Textpositionierung in der Überschrift sowie die daraus resultierenden Konsequenzen für den Gebrauch der WÜ in einer spezifischen Kommunikationssituation nicht ausreichend berücksichtigen können. Doch gerade diese kontextuellen Aspekte - die sich aus der Bindung an einen Bezugstext und der spezifischen Funktion der Überschrif‐ ten-Position ergeben - sind für das Verständnis des WÜ-Satztyps entscheidend. Die Auswertungen in Kapitel 7 zeigen außerdem, dass die WÜ vor allem in solchen Textsorten verwendet wird, die bestimmte kommunikative Ziele verfolgen (z. B. kommentieren, erklären, einordnen). Die WÜ stellt insofern Anforderungen an ihren Kontext, um adäquat eingesetzt werden zu können. Daher benötigt ein Modell der WÜ einerseits ein Merkmal für die Textpositio‐ nierung und muss andererseits kontextuelle Faktoren (z. B. Textsortenpräferenz) integrieren. Dies wirft die grundsätzliche Frage auf, welcher theoretische Be‐ schreibungsansatz sich am ehesten eignet, diese Aspekte einheitlich abzubilden. Angesichts dieser Erkenntnisse rückt die Konstruktionsgrammatik in den Mittelpunkt der Betrachtung. Ihre grundlegenden Annahmen haben bereits wichtige Impulse für die Beschreibung von Sprachgebrauchsphänomenen ge‐ liefert. Dabei werden sprachliche Strukturen als Konstruktionen aufgefasst - also Einheiten, die aus dem Sprachgebrauch und der kommunikativen Praxis heraus gelernt werden (vgl. Ziem/ Lasch 2013: 8). Nach Lakoff (vgl. 1987: 467) sind Konstruktionen Form-Bedeutungs-Paare, bei denen die Formseite Bedingungen für die syntaktische und phonologische Form umfasst und die Bedeutungsseite die Bedingungen für Bedeutung und Gebrauch. Ein zentraler Aspekt ist das Prinzip der Unableitbarkeit (vgl. Lakoff 1987: 467), wonach Form- oder Bedeutungsaspekte einer Konstruktion nicht aus ihren Bestandteilen ableitbar sind. Anders als in einem projektionistischen Modell müssen also 228 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="229"?> 64 Wenn-Sätze wie in (123b), die keine Illokution besitzen dürften, sind auch in der Überschriften-Position zu finden: Wenn ich einmal du wäre (taz.de, 02.02.2023). Ähnlich wie bei der WÜ scheint hier die Selbständigkeit und das Illokutionspotenzial durch die Überschriften-Position lizenziert zu sein. Es könnte also auch potenziell dafür argumentiert werden, dass ein Satz wie in (123b) durchaus eine Illokution besitzen kann, wenn er in der Überschriften-Position verwendet wird. keine Gesetzmäßigkeiten vorliegen, aus denen sich die Bedeutung aus einem Formmerkmal ableitet. Doch warum sollte für die WÜ eine konstruktionsgrammatische Beschrei‐ bung gewählt werden? Welche Vorzüge bietet das konstruktionsgrammatische Modell in diesem Fall? Dies lässt sich an Jacobs‘ (vgl. 2008: 29) Beispiel von Op‐ tativsätzen zeigen, die wie in (123a) folgende Merkmale aufweisen: Konjunktion wenn, Konjunktiv II und Modalpartikel nur. - (123) a. Wenn ich nur früher gegangen wäre! - - b. Wenn ich früher gegangen wäre Durch das Weglassen der Modalpartikel nur in (123a) wird der Optativsatz zu einem Satz ohne Illokution (123b). 64 Nur ist also obligatorisch bzw. konstitutiv für das optative Illokutionspotenzial, da hiermit die optative Bedeutung des Satzes erklärt wird. Ein projektionistischer Ansatz, der auf Regeln basiert, müsste nun erklären, wie sich das Illokutionspotenzial ausschließlich aus der Modalpartikel nur ableiten ließe. Laut Jacobs (vgl. 2008: 29f.) steht die Modalpartikel im genannten Beispiel (123a) jedoch nicht in einer Kopf-Position, was bedeutet, dass sie nicht als zentrales Element der Satzstruktur fungiert. Um das Illokutionspotenzial zu erklären, müsste ein leerer funktionaler Kopf angenommen werden, der die Bedeutung trägt. Dieser Ansatz gerät allerdings in Erklärungsnot, weil er diese Annahme nicht unabhängig motivieren kann - es fehlt eine klare Regel oder ein Prinzip, das die Existenz und Funktion dieses leeren Kopfes rechtfertigt. Demgegenüber schreibt der konstruktionsgrammatische Zugang das Illoku‐ tionspotenzial des Optativsatzes dem Zusammenspiel aller formalen Merkmale zu. Die Bedeutung ergibt sich also aus der gesamten Konstruktion und nicht lediglich aus der Modalpartikel nur. In der Konstruktionsgrammatik wird ein einzelnes Formmerkmal daher nicht als bedeutungstragend, sondern bedeu‐ tungsdifferenzierend aufgefasst (vgl. Jacobs 2016: 36). Um zwischen einer kon‐ struktionsgrammatischen oder projektionistischen Beschreibung zu wählen, ist 8.1 Konstruktionsgrammatik als Modellierungsansatz für die W-Überschrift 229 <?page no="230"?> also zu überlegen, ob das Illokutionspotenzial durch ein einzelnes Merkmal erklärt werden kann oder ob vielmehr mehrere Aspekte zusammenwirken. Wie Finkbeiner (vgl. 2018: 22; 2020: 155f.) für WÜ bereits erläutert, gehen kompositionelle Ansätze davon aus, dass durch die Bewegung des finiten Verbs in die linke Satzklammer (V-to-C-Movement) das Illokutionspotenzial grammatisch festgelegt wird (Lohnstein 2000; Truckenbrodt 2004; 2006). V1- und V2-Sätze haben somit ein eigenes Illokutionspotenzial, nicht aber VL-Sätze wie die WÜ. Es gibt jedoch weitere w-VL-Sätze im Deutschen mit eigenem Illokutionspotenzial, das durch bestimmte Merkmale festgelegt wird: w-Exkla‐ mativsätze (124a), deren Exklamativpotenzial an einem Exklamativakzenten festgemacht wird (d’Avis 2001; d’Avis 2013), und w-VL-Interrogativsätze (125a), welche das Fragepotenzial über die steigende Satzintonation [/ ] und die Modal‐ partikel wohl festlegen (Oppenrieder 1989; Truckenbrodt 2013a; 2013b). Der WÜ fehlen jedoch genau diese Merkmale. Dies wird deutlich, wenn die spezifischen Merkmale der w-VL-Sätze (124a, 125a) weggenommen werden und w-VL-Sätze (124b, 125b) erhält, die formal der WÜ gleichen. - (124) a. Was DER gegessen hat! - - b. Was der gegessen hat - (125) a. Was das Essen wohl kostet? [/ ] - - b. Was das Essen kostet [\] Es lässt sich also zeigen, dass sich die Bedeutung der WÜ nicht an spezifischen Formmerkmalen festmachen lässt. Finkbeiner (vgl. 2018: 40) schlägt daher für projektionistische Ansätze das Kontextmerkmal [+Überschrift] vor, um das Illokutionspotenzial zu erklären. Allerdings stellt sie kritische Folgefragen, wie das „Hineinregieren“ (Finkbeiner 2018: 41) von lokalen Kontexten in das Satztypensystem zu interpretieren sei: Wie müsste das Merkmal [+Überschrift] aussehen? Welche Kontexte bzw. Textsorten wären dann für Satztypen rele‐ vant? Sie bezweifelt, dass das komplexe Phänomen der WÜ allein durch ein solches Kontextmerkmal erfasst werden kann, und argumentiert, dass WÜ eine historisch gewachsene, textuelle Ressource sind, deren Beschränkungen auf spezifischem Textsortenwissen basieren. Eine solche Dimension wird in formal orientierten, kompositionellen Ansätzen aber nicht theoretisch behandelt. Ein konstruktionsgrammatischer Ansatz bietet insofern also Vorteile, da er WÜ als im Gebrauch verfestigte Form-Bedeutungs-Assoziationen (Konstruktionen) betrachtet (vgl. Finkbeiner 2018: 41f.). 230 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="231"?> Gleichwohl ist ein projektionistischer Ansatz nicht grundsätzlich ausge‐ schlossen. Wird Finkbeiners (2018) Vorschlag des Kontextmerkmals [+Über‐ schrift] weiterverfolgt, müsste angenommen werden, dass dieses für die Lizen‐ zierung solcher satzartigen Konstruktionen in Überschriften zuständig ist. Das [+Überschrift]-Merkmal könnte auf der höchsten Projektionsebene (z.B. CP) angesiedelt sein und bewirken, dass eine normalerweise eingebettete Struk‐ tur in der spezifischen Textposition einer Überschrift eigenständig auftreten kann. Theoretisch ließe sich so die bereits existierende Architektur beibehalten, die einfach um ein zusätzliches Kontextmerkmal erweitert würde. Dadurch wäre es möglich, die syntaktische Besonderheit der WÜ im Rahmen eines generativen Modells zu erfassen, ohne grundlegende Annahmen zu verwerfen. Finkbeiner (vgl. 2018: 41) weist jedoch darauf hin, dass dieser Vorschlag theo‐ retische Herausforderungen mit sich bringt. Die Einführung eines kontextuellen Merkmals wie [+Überschrift] wirft die Frage auf, wie Merkmale auf Textebene (z.B. Positionierung) in ein syntaktisches Regelsystem integriert werden könn‐ ten, ohne die Autonomie der Syntax zu gefährden. Zudem ist zu hinterfragen, ob die ad-hoc Bildung eines neuen Merkmals zielführend ist. Eine solche Erweiterung birgt die Gefahr, das bestehende System zu überfrachten und unnötig zu verkomplizieren, insbesondere wenn weitere positionsgebundene Merkmale in Betracht gezogen werden. Die Einführung eines weiteren Merk‐ mals - insbesondere eines, das textpositioneller Natur ist - würde nicht nur eine erhebliche Ausweitung des merkmalbasierten Systems nach sich ziehen, son‐ dern auch komplexe Wechselwirkungen mit bestehenden Merkmalen schaffen. Falls ein Merkmal wie [+Überschrift] tatsächlich aufgenommen würde, müsste zudem diskutiert werden, ob nicht auch andere textpositionelle Merkmale wie [+Satzinitial] oder [+Bildunterschrift] integriert werden müssten. Wo wird also die Grenze für die Aufnahme solcher Merkmale gezogen? Ein alternativer Ansatz wäre eine Art Hybridmodell, das Syntax und Pragma‐ tik stärker miteinander verknüpft. In diesem Ansatz würde die Syntax zunächst eine eingebettete Struktur erzeugen, während ein pragmatisches Modul im Anschluss prüft, ob die Konstruktion im Kontext einer Überschrift eigenständig funktioniert. Das pragmatische Modul könnte also die Eigenständigkeit des Satzes interpretieren und lizensieren. Ein solches Hybridmodell hätte den Vorteil, sowohl die syntaktische Struktur als auch den Kontext einzubeziehen. Es würde somit eine umfassendere Erklärung liefern, ohne das bestehende syntaktische System grundlegend zu verändern. Allerdings erfordert ein solcher Ansatz einen erheblichen theoretischem Aufwand, da eine genaue Definition der Interaktion zwischen Syntax und Pragmatik notwendig wäre. Dies würde 8.1 Konstruktionsgrammatik als Modellierungsansatz für die W-Überschrift 231 <?page no="232"?> 65 Innerhalb der Konstruktionsgrammatik finden sich drei prominente Strömungen: Bei Fillmore (1982) eine Konstruktionsgrammatik verankert in der Framesemantik, bei Goldberg (1995) und Lakoff (1987) ein kognitiv-linguistisch motivierter Konstruktions‐ begriff und bei Croft (2001) ein mit der Radical Construction Grammar typologisch motivierter Ansatz (vgl. Ziem/ Lasch 2013). den modularen Charakter projektionistischer Ansätze aufweichen, die in der Regel auf eine strikte Trennung dieser Ebenen haben. Insgesamt zeigt sich, dass ein projektionistischer Ansatz für die Beschreibung der WÜ zwar theoretisch möglich ist, seine Anwendung jedoch erhebliche Her‐ ausforderungen birgt. Die Integration einer pragmatisch-textuellen Dimension zur Berücksichtigung der Textposition und der Merkmale des lokalen Kontexts würde eine erhebliche Erweiterung des Modells erfordern. Ein solcher Schritt wäre nur unter dem Aufbrechen der bisherigen strikten Trennung von Syntax und Pragmatik möglich, was den projektionistischen Ansatz grundlegend ver‐ ändern würde. Eine konstruktionsgrammatische Beschreibung der WÜ erweist sich demge‐ genüber als flexibler, da sie keine strikte Regelableitung aus einzelnen Merkma‐ len verlangt, sondern diese als gesamte Form-Bedeutungs-Einheit betrachtet. In den folgenden Kapiteln wird entsprechend ein konstruktionsgrammatischer Zugang gewählt, um die WÜ als Form-Bedeutungs-Paar zu modellieren. 8.2 Beschreibungsperspektiven für W-Überschriften als Konstruktionen Die drei folgenden Unterkapitel betrachten konstruktionsgrammatische Mo‐ delle und Ansätze für die Erfassung von Satztypen (Kapitel 8.2.1), Texten bzw. Textsorten (Kapitel 8.2.2) und Kontexten (Kapitel 8.2.3). An dieser Stelle kann al‐ lerdings keine umfassende Betrachtung einzelner Modelle stattfinden, weshalb der Fokus auf Aspekten liegt, die eine Relevanz für die Beschreibung der WÜ besitzen. Das Ziel besteht darin, Eigenschaften und Beschreibungspotenziale für die Konstruktionsbeschreibung der WÜ zu identifizieren. 8.2.1 Satztypen als Konstruktionen in der Konstruktionsgrammatik In der Konstruktionsgrammatik herrscht unabhängig von ihren unterschiedli‐ chen Strömungen 65 Konsens darüber, dass Konstruktionen einfache und kom‐ plexe sprachliche Strukturen beschreiben, die emergent sind und aus dem 232 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="233"?> 66 Siehe Finkbeiner (2021b) für einen ausführlichen Überblick über Beschreibungsansätze für die Pragmatik-Grammatik-Schnittstelle in Konstruktionen. Sprachgebrauch und der kommunikativen Praxis entstehen. Sie sind nicht angeboren, konventionell geprägt und müssen vom jeweiligen Sprecher einer Sprachgemeinschaft gelernt werden (vgl. Ziem/ Lasch 2013: 8). Diesem Verständ‐ nis nach sind Konstruktionen als gelernte Form-Bedeutungs-Paare aufzufassen, die durch häufigen Gebrauch zu kognitiv verfestigten Einheiten werden. Je frequenter eine Konstruktion im Sprachgebrauch ist, desto höher ist ihr Status als konventionalisierte Einheit und desto verfestigter ist ihre Bedeutung als kognitive prototypische Einheit (Lakoff 1987). Hinweise auf eine Konstruktion sind Gebräuchlichkeit und die gebrauchsspezifische kognitive Verankerung beim Sprecher (vgl. Jacobs 2016: 27). Basierend auf den Ergebnissen der Korpusstudie aus Kapitel 7 liegen diese Anzeichen bei der WÜ vor: Es gibt eine Gebrauchsbeschränkung in der Überschriften-Position und ein frequenter Gebrauch in Pressetexten, die eine darstellende Zielerreichungsweise verfolgen und Antworten auf die adressierte Frage aus der Überschrift geben. Konstruktionen werden auf ihrer Form- und Bedeutungsseite Eigenschaften in einem weiten Sinn zugeschrieben. Das heißt, dass auf der Formseite in der Regel phonologische, morphologische und syntaktische Eigenschaften erfasst werden und auf der Bedeutungsseite neben semantischen Eigenschaften in maximalistischen Konstruktionsansätzen auch pragmatische (vgl. Ziem/ Lasch 2013: 10). Dies ist bspw. bei Croft (2001) der Fall, wo der Bedeutungsseite auch diskursfunktionale Eigenschaften zugeordnet werden können. Allerdings ist die Frage danach, ob die Pragmatik auf der Bedeutungsseite einer Konstruktion beschrieben werden sollte, umstritten. 66 Maximalistisch ausgerichtete Ansätze vertreten die Auffassung, dass auf der Bedeutungsseite vielfältige Bedeutungsaspekte festgehalten werden können, wozu bspw. lexikalische Ausdrucksbedeutungen, konventionelle Implikaturen, Präsuppositionen, illokutionäre Kräfte oder metasprachliche Informationen zählen (vgl. Ziem/ Lasch 2013: 25f.). Für die WÜ bieten solche maximalistischen Ansätze u.a. die Möglichkeit, ihre relevanten Eigenschaften hinsichtlich eines Metasprechakts, der textsortenspezifischen Gebrauchspräferenz und der Frage- Antwort-Beziehung zwischen WÜ und Bezugstext zu erfassen. Minimalistische Ansätze stehen hingegen vor der Herausforderung, dass z.B. pragmatische und textuelle Eigenschaften, wie konventionelle und intertextuelle Bezüge, außerhalb der Konstruktion festgehalten werden müssten. Daraus ergeben sich Fragen, wie diese Merkmale in Beziehung zur Konstruktion stehen könnten und welche Grenzen sie besitzen. Gerade bei der WÜ zeigt sich jedoch, dass durch 8.2 Beschreibungsperspektiven für W-Überschriften als Konstruktionen 233 <?page no="234"?> ihre Überschriften-Position der Textbezug, der sich auch im Metasprechakt findet, eine entscheidende Rolle bei der Konstruktion spielt. Es scheint daher adäquater, die funktionalen Eigenschaften, die sich aus der Überschriften- Position ergeben, auch in der Konstruktion zu verorten. Vor diesem Hintergrund scheinen maximalistische Beschreibungsansätze wie z.B. bei Croft (2001) und Östman (2005; 2015), die sich für die Integration von textbezogenen, pragmati‐ schen oder kontextuellen Merkmalen aussprechen, für die WÜ geeigneter, da sie eine umfassendere Perspektive eröffnen. In der weiteren Betrachtung wird daher ein maximalistisch ausgerichteter Beschreibungsansatz verfolgt. Wie eine formale Darstellung der Konstruktion in einem maximalistischen Beschreibungsansatz aussehen kann, zeigt die untere Abbildung 36 nach Croft (2001), bei der auf Eigenschaften verschiedener Sprachebenen Rücksicht genom‐ men wird. Da es aber keinen einheitlichen Formalismus für die Darstellung von Konstruktionen gibt, orientiert sich die vorliegende Arbeit einerseits an praktisch motivierten Darstellungen, so wie bspw. bei Goldberg (1995) und Lakoff (1987) und andererseits an objektorientierten Matrizen-Darstellungen mit Attributen und Wertezuweisungen, die in der Framesemantik verwurzelt sind (vgl. Fischer/ Stefanowitsch 2008: 14). Abb. 36: Struktur einer Konstruktion nach Croft (2001: 19) Nun stellt sich die weitergehende Frage, welche bestehenden Beschreibungs‐ ansätze mit maximalistischer Ausrichtung bereits für Satztyp-Konstruktionen vorliegen, die als Orientierung und Vorbild für die WÜ-Konstruktion dienen können. Mit Blick auf den aktuellen Forschungsstand ist festzustellen, dass es 234 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="235"?> 67 Jacobs (2016) beruft sich bei der Bestimmung des narrativen V1-Deklarativsatz auf Önnerfors‘ (1997) Einteilung von V1-Deklarativsätzen. eine Satztyp-Konstruktion bei Jacobs (2016) gibt, die Eigenschaften beschreibt, die auf der Text-, Pragmatik- und Diskurs-Ebene liegen: Der narrative V1-De‐ klarativsatz. Abb. 37: Narrativer V1-Deklarativsatz nach Jacobs (2016: 37) angepasst ans Schema von Croft (2001) Nach Jacobs (vgl. 2016: 37) 67 ist der oben dargestellte V1-Deklarativsatz (Ab‐ bildung 37) in seiner Verwendung auf narrative Texte beschränkt. Diese Ge‐ brauchsbeschränkung äußert sich in der Konstruktionsdarstellung durch das indirekt im Illokutionstyp ASSERT Erzähl vorliegende textbezogene Merkmal Erzähl . Durch die Angabe des Illokutionsoperators lässt sich der Versuch erkennen, auf der Bedeutungsseite einen implizierten Kontext (Erzähltexte) oder zumindest eine Textsorteneinschränkung in der Illokutionszuweisung einzubinden. Mit dieser Beschreibung wird eine Assertion beschränkt auf Erzähltexte markiert. Nun könnten auch Witze (126) oder lyrische Texte (127) zu dieser Sorte Text gezählt werden. Wird jedoch die Funktion des Satzes im Text betrachtet, scheint der V1-Deklarativsatz für jede dieser Textsorten jeweils eine andere spezifische Bedeutung zu haben: In Witzen (126) bereitet er eine pointierte, humorvolle Aussage vor und in lyrischen (hochstilisierten) Texten (127) ist ihm eine ästhetische Funktion zuzuschreiben. Die Angabe ASSERT Erzähl scheint also wenig spezifisch in Bezug auf die möglichen Funktionen des Satztyps in Erzähltexten, allerdings scheint diese Angabe wichtig für sein Verständnis zu sein. 8.2 Beschreibungsperspektiven für W-Überschriften als Konstruktionen 235 <?page no="236"?> (126) Ging ein Pferd in eine Kneipe. (Witzanfang) - (127) Sah ein Knab´ein Röslein stehen (Goethe in Trunz 1981: 78) (Lyrik) Nun ist es außerdem wichtig zu beachten, dass Jacobs (2016) in seinen Ausfüh‐ rungen von einer Gebrauchsbeschränkung des Satztyps ausgeht und nicht von einer Gebrauchspräferenz. Eine Beschränkung impliziert, dass der Gebrauch nur in genau einer Textsorte bzw. einer Textsortengruppe vorliegt, eine Präferenz hingegen, dass der Gebrauch auch in anderen Textsorten stattfinden kann, nur eben signifikant seltener. Für WÜ scheint eine Textsortenmarkierung wie ASSERT Erzähl auf der Bedeutungsseite also weniger geeignet, da sie Gebrauchs‐ präferenzen für bestimmte Textsorten besitzt und keine Beschränkungen. Dar‐ über hinaus wäre die Erfassung der von der WÜ präferierten Textsorten in der Form von ASSERT Erzähl ungeeignet, da sich die präferierten Textsorten nur schwierig genau einer Kategorie zuordnen lassen. Eine Kategorie wie Pressetexte wäre zwar denkbar, aber zu grob. Wie in Kapitel 5 angemerkt, bedarf es einer funktionalen Feindifferenzierung der Pressetexte. Zudem wurde in Kapitel 4 bereits erwähnt, dass es angebracht scheint, die Gebrauchspräferenzen der WÜ als ein Bündel von Merkmalen zu betrachten, die den präferiert verwendeten Kontext abbilden, wozu auch Merkmale des Bezugstextes zählen. Wie kann nun aber eine adäquate Erfassung von text- und kontextbezoge‐ nen Merkmalen in Konstruktionen formal vorgenommen werden und welche Ansätze sind hierbei als passend zu erachten? Diese Fragen werden in den nachfolgenden Kapiteln näher beleuchtet. 8.2.2 Die Textebene in Konstruktionen In Abschnitt 8.2.1 wurde motiviert, dass die Konstruktionsgrammatik potenziell einen geeigneten Beschreibungsansatz bietet, um den Satztyp der WÜ zu erfassen. Nun gilt es zu klären, wie das obligatorische Merkmal der Überschrif‐ ten-Positionierung und die Gebrauchspräferenzen für spezifische Textsorten adäquat erfasst werden können. Die Besonderheit beider Aspekte besteht darin, dass sie auf einer textuellen Beschreibungsebene liegen, die bei Satztypen bisher unbeachtet blieb, aber bei Konstruktionen angebbar gemacht werden können. Die Überschrift ist ein vorgeschaltetes Element eines Textes und der Textsortengebrauch bezieht sich auf den Bezugstext der Überschrift. Wie lassen sich also diese Aspekte im Rahmen einer Satztypen-Konstruktion darstellen? Im Folgenden wird in Bezug auf bestehende Ansätze untersucht, wie eine Positionsbindung auf Textebene in Konstruktionen angezeigt werden kann und 236 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="237"?> 68 In Stein/ Stumpf (2024) wird sich ebenfalls mit dem Phänomen der Beschreibung von Texten, Textsorten und Textmustern als Konstruktionen beschäftigt. Der Band lag zum Verfassungszeitpunkt der Dissertation noch nicht vor. wie Texte mit ihren Merkmalen als Konstruktionen generell erfassbar sind, um Möglichkeiten zur Integration textbezogener Eigenschaften auszuloten. Die Beschreibungsebene Text und die Erfassung ihrer Eigenschaften in Konstruktionen sind innerhalb der Konstruktionsgrammatik noch in geringem Maße ausformuliert und orientieren sich u.a. an spezifischen Phänomenen wie narrativen Texten (Ziem/ Lasch 2018) oder Gebrauchstexten (Hoffman/ Bergs 2018). Entsprechend finden sich noch keine etablierten Modelle für die Erfas‐ sung von Text-Konstruktionen oder Eigenschaften auf der Textebene. 68 Dies mag insbesondere an der Komplexität der Beschreibung liegen, die mit der Textebene einhergeht und bei der die situative bzw. kontextuelle Einbettung für die Konstruktionsbeschreibung eine Rolle spielt. Textgattungen und Textsorten können aber grundsätzlich wie Äußerungen auf Satzebene als konventionali‐ sierte Form-Bedeutungs-Paare aufgefasst werden. So ist davon auszugehen, dass jeder Sprecher einer Sprache ungeachtet seines spezifischen Wissens auch ein konventionalisiertes Wissen über Textsorten und Textgattungen innerhalb seiner Sprachgemeinschaft hat, die als Konstruktionen in einem mentalen Bottom-up-Prozess gespeichert werden (Hoffman/ Bergs 2018). Diese Annahme entspricht der gebrauchsbasierten (usage-based) Konstruktionsgram‐ matik (Goldberg 1995) und bedeutet, dass mit einer erhöhten Frequenz von Texten, die ein Mensch konsumiert, auch sein konventionalisiertes Wissen über Textsorten und Textgattungen steigt. Je mehr Sprachdaten der Sprecher aufnimmt und verarbeitet, desto spezifischer werden die Konstruktionen in sei‐ nem mentalen Wissensbestand. Sie verändern sich und schaffen neue kognitive Strukturen. Hoffman/ Bergs (2018) nehmen an, dass sich so im Wissensbestand mit der Zeit Mikro-, Meso- und Makrokonstruktionen auf Textebene bilden. Unter Mikrokonstruktionen lassen sich spezifische einzelne Texte verstehen, die gebündelt eine Mesokonstruktion - eine Textsorte - bilden. Gebündelte Mesokonstruktionen sind weitergehend als eine Makrokonstruktion - eine Textgattung - zu verstehen. Diese Systematik lässt sich am Beispiel der Re‐ zepte veranschaulichen (vgl. Hoffman/ Bergs 2018: 10): Ein Rezept kann als Mesokonstruktion angesehen werden (eine Textsorte). Unter ihr stehen einzelne Rezepttexte als Mikrokonstruktionen (spezifische Einzeltexte), wie z.B. private Familienrezepte oder Rezepte aus Kochbüchern. Durch den Konsum zahlreicher Einzeltexte entsteht ein Bildungsprozess, der formale prototypische Strukturen für die Mesokonstruktion Rezept bildet. Darüber hinaus kann über dem Rezept als Mesokonstruktion die Textgattung Gebrauchstexte als Makrokonstruktion 8.2 Beschreibungsperspektiven für W-Überschriften als Konstruktionen 237 <?page no="238"?> 69 Die Betrachtung von Pressetexten als Makrokonstruktionen ist im Rahmen der Arbeit angebracht, da keine weiteren Feindifferenzierungen in der Textsortentypologie (s. Kapitel 5) vorgenommen wurden, wie bspw. spezifische Einteilungen nach Gattung (z.B. Magazinbericht) oder Thema (z.B. Reisebericht). Mit Blick über die in dieser Arbeit verwendeten Typologie hinaus, sind Pressetexte als heterogene Gruppe aber vielschichtiger zu klassifizieren, als eben genannt. Auch über die Ebene Pressetexte hinaus lassen sich prinzipiell weitere Hierarchiestufen finden wie bspw. eine Klassifi‐ zierung in Gebrauchstexte oder massenmediale Texte. stehen. Die hierarchische Beziehung entspräche so bspw. Hobbyrezept (Mikro‐ konstruktion) - Rezept (Mesokonstruktion) - Gebrauchstext (Makrokonstruk‐ tion). Mit Blick auf die WÜ und die Rahmenbedingungen der vorliegenden Arbeit können Pressetexte als eine Makrokonstruktion angesehen werden. 69 Eine sol‐ che Konstruktion beinhaltet verschiedene Textsorten als Mesokonstruktionen, wie z.B. Meldung, Bericht, Reportage, etc. Weitergehend versammeln sich unter einer einzelnen Mesokonstruktion (z.B. Bericht) spezifische Texte als Mikrokonstruktionen, die als Gebrauchsvarianten angesehen werden können, z.B. Magazinbericht und Zeitungsbericht. Zu solchen Mikrokonstruktionen sind potenziell auch Artikel eines bestimmten Medienhauses bzw. eines Online- Portals zu zählen, die von der prototypischen Mesokonstruktion der Textsorte abweichende Eigenschaften aufweisen, bspw. die Emotionalisierung des TR durch Verwendung gezielter lexikalischer Mittel oder ergänzende Textelemente wie einen Leadtext zwischen Überschrift und Haupttext. Bestimmte Formen von Überschriften wie Schlagzeilen oder WÜ sind somit potenziell auch als bedeutungsdifferenzierende Eigenschaften einer Text(sorten)-Konstruktion zu betrachten. Bei der Repräsentation einer Textsorte als Konstruktion ist zudem darauf zu achten, dass allein die linguistische Form eines Textes nicht ausreicht, um auf die Bedeutung oder Funktion der Textsorte zu schließen. Die Form kann auch eine andere Bedeutung erhalten, wenn sie einen anderen Inhalt vermittelt und dadurch eine andere Textfunktion erfüllt, z.B. das Rezept für das perfekte Kind (vgl. Hoffman/ Bergs 2018: 10). Für Pressetexte bedeutet dies, dass satirische Artikel oder Advertorials (als Artikel getarnte Werbung) zwar die konventionalisierte Form einer zeitungsbezogenen Textsorte (z.B. Meldung, Bericht) besitzen, aber eine abweichende primäre Textfunktion wie Kritik/ Unterhaltung und Werbung erfüllen. Dies bekräftigt die Annahme in der Modellierung der WÜ-Konstruktion, dass bei der Beschreibung von Merkmalen auf Textebene textformale und textfunktionale Aspekte berücksichtigt werden sollten. 238 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="239"?> 70 Finkbeiner (2024) steht einer solch kognitiv geprägten Begründung für Text-Konstruk‐ tionen wie der von Hoffmann/ Bergs (2018) kritisch gegenüber, da sie auf der Modellie‐ rung von Textsortenwissen basiert anstatt auf sprachlichen Eigenschaften von Texten und Form-Bedeutungs-Beziehungen, was für die (Text-)Linguistik gewinnbringender wäre. Die Erfassung eines Textes oder einer Textsorte als Konstruktion lässt sich nach der bisherigen Betrachtung mit einem konventionalisierten (wachsenden) Wissen über die Form und Funktion von Texten begründen. 70 Auf der Formseite einer solchen Text-Konstruktion könnte die spezifische Form des Textes erfasst werden wie die Textstruktur oder Textelemente (z.B. Abschnitte und Überschrif‐ ten) sowie auf der Bedeutungsseite semantische Informationen wie Inhalt oder die kommunikativ-pragmatische Funktion bzw. Illokution des Textes (Ziem/ Lasch 2013; Hoffman/ Bergs 2018). Mit Blick auf die WÜ, die im Textelement der Überschrift steht, wäre entsprechend auch die hinweisende Funktion auf ihren Bezugstext ein aufzuführendes Merkmal auf der Bedeutungsseite. Ein weiterer Aspekt, den es zu betrachten gilt, ist die Kommunikationssitu‐ ation, denn spezifische Textsorten können bestimmte kommunikative Situatio‐ nen voraussetzen. Das bedeutet, dass eine Textsorte bestimmte Kontextvoraus‐ setzungen für ihren Gebrauch benötigt, um adäquat ihre Funktion erfüllen zu können. So kann z.B. ein Kochrezept nur dann erfolgreich sein Ziel erreichen, dem TR zur Zubereitung eines Gerichts zu verhelfen, wenn es in einer Situation verwendet wird, in der der TR das Gericht kochen will und die angegeben Hand‐ lungsschritte ausgeführt werden. Das heißt, der Gebrauch von Kochrezepten ist nur in bestimmten Kontexten präferiert- z.B. Kochbüchern, da bei diesen davon ausgegangen werden kann, dass der TR Interesse daran hat, etwas zu kochen. Denkbar, aber weniger präferiert, würde ein Kochrezept wohl in Zeitungen verwendet werden und bspw. gar nicht in einem Gesetzbuch. Im Fall der WÜ sind solche kontextuellen Angaben insbesondere daher notwendig, da erst durch sie sich z.B. die hinweisende Funktion auf den Bezugstext als Antwort auf die adressierte Frage in der Überschrift entfalten kann. Diese spezifische Funktion kommt nämlich nur zustande, weil die WÜ ob‐ ligatorisch durch die Überschriften-Position an einen Bezugstext gebunden ist, der bestimmte textfunktionale Merkmale (darstellende Zielerreichungsweise, Vorbedingung spezifisches Leserinteresse) erfüllen und hinsichtlich der Kom‐ munikationsteilnehmer die folgende Situation aufweisen sollte: TP verfügen über Wissen, das sie den TR, die dieses Wissen nicht besitzen, vermitteln wollen. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang nun stellt, ist, ob die Erfassung dieser Merkmale, welche u.a. die präferiert verwenden Textsorten betreffen, auf der Bedeutungsseite einer Satztyp-Konstruktion festgehalten 8.2 Beschreibungsperspektiven für W-Überschriften als Konstruktionen 239 <?page no="240"?> werden sollten oder nicht. Die Verortung solcher kontextuellen Merkmale auf der Bedeutungsseite der Konstruktion erscheint nämlich problematisch, denn sie sind nicht selbst Teil der Konstruktion, sondern beziehen sich auf etwas, das außerhalb der Überschrift liegt. Mit Ihnen wird eher das Setting bzw. der kontextuelle Rahmen festgelegt, in dem die WÜ gebraucht wird, um ihre Bedeutung zu entfalten. Es scheint angebrachter diese außerhalb bzw. neben der Satztyp-Konstruktion zu verorten. Für die WÜ bedeutet dies, dass ihre kontextuellen Eigenschaften, die den präferierten Gebrauch beschreiben, nicht auf einer Seite des Form-Bedeutungs- Paars verortet werden sollten, sondern außerhalb der Konstruktion. In der WÜ-Konstruktion selbst sollten also nur solche Eigenschaften stehen, die sich auf das Textelement der Überschrift beziehen, nicht aber auf ihren präferierten Kontext, wozu bspw. die Textsorte des Bezugstextes zählt. Bei der WÜ-Kon‐ struktion muss es eine klare Trennung von den Merkmalen geben, die zur Ebene der Überschrift gehören, und denen, die zum Kontext gerechnet werden können. Das heißt also, dass die Formseite der WÜ-Konstruktion auf der Textebene lediglich das Merkmal der Positionierung in der Überschrift trägt und auf der Bedeutungsseite funktionale Aspekte zugeordnet werden, die beschreiben, welche Funktionen der Satztyp in der Überschrift für den TR und den Bezugstext erfüllt. Hierzu wäre neben dem Metasprechakt bspw. die Angabe möglich, dass die WÜ ihren Bezugstext als Antwort auf ihre adressierte Frage markiert. Zu den kontextuellen Merkmalen sind hingegen solche zu zählen, die außerhalb der Überschrift zu verorten sind und die präferierte Kommunikationssituation erfassen, wozu insbesondere die Textsorten der Bezugstexte zählen. Der Kontext bildet also die Gebrauchspräferenzen ab. Im nachfolgenden Kapitel wird genauer auf die Möglichkeiten eingegangen, wie im Rahmen von Konstruktionen kontextuelle bzw. gebrauchsspezifische Merkmale erfasst werden können und welche bestehenden Ansätze adäquat erscheinen. 8.2.3 Kontextbeschreibung in Diskurskonstruktionen Wie eben am Ende von Kapitel 8.2.2 genannt, ist im Weiteren unter dem Begriff des Kontextes die Abbildung der Gebrauchspräferenzen zu verstehen. Die Gebrauchspräferenzen sind - wie auch schon in der Einleitung von Kapitel 4 genannt - als ein Bündel von Merkmalen aufzufassen, mit denen die präferierte Beschaffenheit des Kontextes abgebildet wird, in dem die WÜ ihre Funktion und Bedeutung entfalten kann. Das heißt, nur unter der zusätzlichen Angabe dieser Merkmale kann eine adäquate Erklärung für die Funktion und Bedeutung 240 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="241"?> 71 Die Frage, was unter Kontext zu verstehen ist und welche Aspekte hierzu zählen, ist ein riesiges Forschungsfeld. Angesichts der Komplexität dieses Themas erscheint es angemessen, den Kontext ausgerichtet am Gegenstand der WÜ einzuteilen, was zu den drei genannten Bereichen führt. der WÜ-Konstruktion gegeben werden, da sie aufgrund ihrer konstitutiven Überschriften-Position in einer (funktionalen) Beziehung zu einem Bezugstext steht. Dem (präferierten) Kontext muss in der Konstruktion also Rechnung getra‐ gen werden, da er mit der Bedeutung und Funktion der WÜ in Verbindung steht. Für die weitere Modellierung stellen sich nun zwei grundlegende Fragen: Wie können die Kontexteigenschaften eingeteilt werden und wie ist ihre Integration in die Konstruktionsbeschreibung möglich? Angesichts der bis jetzt thematisierten Aspekte zur WÜ erscheint es plausibel, den Kontext 71 in drei Kategorien einzuteilen: situativer Kontext, sprachlicher Kontext und Wissenskontext. Der situative Kontext bezieht sich auf die Massenkommunikation durch Überschriften in Online-Pressetexten, die durch räumlich-zeitliche Eigenschaf‐ ten sowie die teilnehmenden Akteure beschrieben werden kann. Auch die Verortung in eine Pressegattung (Zeitung, Magazin) und in ein Online-Presse‐ portal zählt zum situativen Kontext. Der sprachliche Kontext bezieht sich auf die sprachlichen Äußerungen, die in direkter Beziehung zur WÜ stehen. Hierzu zählen der Bezugstext der Überschrift, aber auch alle weiteren sprachlichen Elemente auf der Textebene, die zur Überschrift in Beziehung stehen können. Dies sind potenziell die fakultativen Begleitelemente der Überschrift wie die Dachzeile, die Unterzeile oder die Spitzmarke. Denkbar wäre es zudem, weitere Äußerungen über den Artikeltext hinaus in den sprachlichen Kontext einzubeziehen, wozu u.a. die Nennung von Rubriken oder Ressorts zählen könnte. Der Wissenskontext bezieht sich auf den Wissensstand des TP und TR, der das Hintergrundwissen bzgl. der sprachlichen Äußerung umfasst. Im Fall der WÜ bezieht sich das Wissen allerdings nicht ausschließlich auf die Äußerung aus der Überschrift, sondern auch auf den Inhalt des Bezugstextes. Wie aus den empirischen Ergebnissen ersichtlich ist, spielt das Wissen und Nicht- Wissen des TP und TR eine entscheidende Rolle für die Funktionsbedeutung. So kann von einem vollständigen Wissenstand beim TP zum thematisierten Inhalt der Überschrift und des Bezugstextes ausgegangen werden, wohingegen TR einen unvollständigen bzw. lückenhaften Wissensstand hinsichtlich des Textinhalts zu besitzen scheinen, aus dem heraus sich das Leserinteresse bildet. Die Funktion des Bezugstextes einer WÜ ist es, die unterstellte Wissenslücke 8.2 Beschreibungsperspektiven für W-Überschriften als Konstruktionen 241 <?page no="242"?> aus der Überschrift zu schließen, und verträgt sich daher nur mit einem TR, der seine Wissenslücke füllen möchte, und nicht mit einem TR, der bereits über das vollständige Wissen zum Textthema verfügt. Zusammenfassend kann der Kontext für die WÜ-Konstruktion typisch situ‐ ationsbeschreibende Eigenschaften (z.B. Pressegattung, Presseportal) umfassen. Eine entscheidende Rolle für die WÜ-Konstruktion spielt jedoch der sprachliche Kontext und der Wissenskontext, mit denen die funktionalen Merkmale des Bezugstextes und der Wissenstand bzw. die Wissensbeziehung der Akteure festgehalten werden. Nun stellt sich die zweite Frage, wie eine Anbindung des Kontextes mit seinen Merkmalen an die Konstruktion bzw. das Form- Bedeutungs-Paar vollzogen werden kann. Eine vielversprechende Möglichkeit, kontextuelle Merkmale in die Konstruk‐ tion einfließen zu lassen, findet sich in Östmans (2005; 2015) Ansatz des Construction Discourse (CxD). Hierbei ist die Prämisse, dass Sprache mit dem Verhalten und somit auch mit der Kommunikation eng verbunden ist: “Const‐ ruction Discourse (CxD) assumes that language is intricately interwoven with most other aspects of human behaviour, not least with aspects of communica‐ tion“ (Östman 2015: 15). Ein Beispiel bei Östman (2005) dafür, dass Kontexteigenschaften als Teil der Konstruktion berücksichtigt werden sollten, ist die Konstruktion „Mother drow‐ ned Baby“ (dt. „Mutter ertränkt Baby“). Östman (vgl. 2005: 122f.) sagt, dass diese für Schlagzeilen typische Konstruktion die Artikel weglässt und nur im Format der Überschrift adäquat ist. Die Weglassung von Artikeln würde in anderen Kontexten, wie etwa in einem normalen Familiengespräch oder einem Text von Nicht-Muttersprachlern ungrammatisch wirken (vgl. Östman 2005: 138f.). In der Überschrift eines Zeitungsartikels hingegen ist die gezeigte Artikelweglassung akzeptabel. Die kontextbezogene Verwendung schafft also die Voraussetzung dafür, dass eine derartige Konstruktion in der Kommunikation funktioniert und einen Effekt auf die Grammatik und die Interpretation des Satzes hat. Östman (2005) erfasst diesen kontextbezogenen Aspekt als „discourse pattern“ (dp), ein Attribut innerhalb eines Kontext-Frames, das mit dem grammatischen Wissen des TR assoziiert ist. Der TR kennt den Gebrauch von artikellosen Überschriften und kann diese Verwendung daher im spezifischen Kontext einer Zeitungsüberschrift akzeptieren und verstehen. Gleiches trifft auf die WÜ zu, die als selbständiger w-VL-Satztyp auf Überschriften beschränkt ist. Das Attribut dp sieht Östman (2005; 2015) als externes Feature der Kon‐ struktion. Es ist ein Merkmal des Kontext-Frames. Weitere externe Features umfassen z.B. grnd (Grounding) und sc (Speech Community) (vgl. Östman 242 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="243"?> 72 Östman (vgl. 2015: 25) benennt insgesamt 11 externe Features (diese nennt er auch Attribute). 2015: 25). 72 Diese externen Merkmale wirken in Verbindung mit den internen Features, die die Form- und Bedeutungsseite einer Konstruktion beschreiben. Er betont, dass die externen Features nicht außerhalb der Grammatik stehen, sondern ein zentraler Bestandteil der Grammatik einer Konstruktion sind: „The eleven external features of context are not outside grammar, but they are a central part of grammar“ (Östman 2015: 40). Darüber hinaus sagt er, dass die Gebrauchsbeschränkungen durch die externen Features bestimmt werden (vgl. 2015: 36). Diese Merkmale mögen formal außerhalb des Form-Bedeutungs- Paares liegen, sind jedoch integrale Bestandteile des Kontext-Frames und somit auch der Konstruktion selbst. Der CxD-Ansatz erweitert das Verständnis einer Konstruktion, indem er den Kontext-Frame als festen Bestandteil integriert, der gebrauchsspezifische Merkmale umfasst, die wiederum die grammatische Form und ihre angemessene Verwendung beeinflussen. Nach Östmans (2005; 2015) Beschreibungsansatz werden also in dem Kontext- Frame Gebrauchsbeschränkungen festgehalten. Allerdings liegen bei WÜ - wie in Kapitel 8.2.1 anhand Jacobs‘ (2016) narrativem Deklarativsatz beschrie‐ ben - Gebrauchspräferenzen vor, keine Beschränkungen. Dass hier eher von Präferenzen gesprochen werden sollte, zeigt auch Östmans (2005) Beispiel der Artikelweglassung in Zeitungsüberschriften: Artikellose Überschriften wie „Mother drowned Baby“ sind nicht ausschließlich auf Zeitungsüberschriften beschränkt, sondern können auch in anderen Überschriften und Titeln wie Liedern (128) verwendet werden, wobei sie in Zeitungsüberschriften stärker präferiert sind. - (128) Angst frisst Seele auf (Künstler: Feine Sahne Fischfilet) Wichtig ist an dieser Stelle also zu betonen, dass im Kontext-Frame der WÜ keine festen Gebrauchsbeschränkungen (im Sinne von constraints) festgelegt werden, sondern Gebrauchspräferenzen. Während Beschränkungen den Gebrauch einer Konstruktion streng regulieren und festlegen, in welchen Kontexten sie gram‐ matisch korrekt oder funktional ist, damit sie als solche erkannt und korrekt interpretiert werden kann, sind Gebrauchspräferenzen flexibler. Sie beschreiben bevorzugte, jedoch nicht zwingend erforderliche Kontexte, in denen eine Kon‐ struktion typischerweise verwendet wird. So bleibt die WÜ auch außerhalb der präferierten Kontexte grammatisch korrekt. Ihre pragmatische Wirkung entfaltet sie jedoch erst optimal, wenn sie in diesen spezifischen, präferierten 8.2 Beschreibungsperspektiven für W-Überschriften als Konstruktionen 243 <?page no="244"?> Umgebungen eingesetzt wird. Beschränkungen beeinflussen also den Erfolg der Konstruktion in einem strikten Sinn: Wird eine Beschränkung verletzt, funk‐ tioniert die Konstruktion nicht mehr korrekt. Gebrauchspräferenzen hingegen beeinflussen den Erfolg der Konstruktion in einem kommunikativen Sinn: Wird eine Präferenz ignoriert, könnte der Effekt der Konstruktion weniger optimal sein, sie bleibt jedoch formal korrekt. Für die WÜ-Konstruktion bedeutet das, dass im Kontext-Frame die empirisch belegten Gebrauchspräferenzen für spezifische Textsorten angegeben werden sollten, um die Funktion und Bedeutung der WÜ zu erklären. Zu den externen Features des sprachlichen Kontextes würden Eigenschaften des Bezugstextes zählen, wie z.B. eine darstellende Zielerreichungsweise. Weitere Features könn‐ ten Merkmale des Wissenskontextes sein (TP-Wissen vollständig, TR-Wissen lückenhaft) und des situativen Kontextes, wie der präferierte Gebrauch in Magazinen. Die formale Erfassung des Kontextes nach Östman (2005; 2015) eignet sich für die Beschreibung der WÜ, da der Kontext-Frame die Spezifizierung von Gebrauchspräferenzen ermöglicht und Aufschluss über die Gebrauchsbedeu‐ tung der Konstruktion gibt. Der CxD-Ansatz besagt, dass eine Konstruktion erst durch kontextuelle Aspekte ihrer interaktiven Verwendung eindeutig verstanden werden kann (vgl. Östman 2005: 130). Das gilt besonders für die WÜ, die aufgrund ihrer Positionierung in der Überschrift untrennbar mit ihrem Bezugstext verknüpft ist. Äußerungen in der Überschriften-Position wie die WÜ können daher nur abstrakt kontextfrei beschrieben werden, da ihre Beziehung zum Bezugstext und dessen Merkmale immer eine Rolle spielt. Zwar lässt sich der WÜ aufgrund der Überschriften-Position ein Metasprechakt zuschreiben, doch ihr volles Potenzial wird erst durch den Textsortengebrauch erklärbar. Kontextuelle Merkmale, wie die präferierte Zielerreichungsweise des Bezugstextes, sind bei der WÜ daher als externe Features außerhalb des Form- Bedeutungs-Paares in einem Kontext-Frame anzusiedeln. 8.3 Beschreibungsansatz für die W-Überschrift als Konstruktion Die vorhergehenden Kapitel haben gezeigt, dass eine konstruktionsgrammati‐ sche Erfassung vielversprechend ist, um die Befunde zur WÜ zu erklären. Es existieren bereits geeignete Beschreibungsansätze für Satztypen, Texte und Kontexte, die geeignet sind, relevante Eigenschaften auf diesen Ebenen zu erfas‐ sen. Um nun einen Beschreibungsansatz für die WÜ zu entwickeln, werden im Folgenden die konstitutiven Eigenschaften erfasst, die im Beschreibungsmodell 244 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="245"?> berücksichtigt werden müssen (Kapitel 8.3.1). Anschließend wird die WÜ-Kon‐ struktion unter Einbeziehung des Kontext-Frames vorgestellt und erläutert (Kapitel 8.3.2). Abschließend wird gezeigt, wie mit diesem Beschreibungsansatz auch weitere, näher spezifizierte WÜ-Instanzen, die sich während der empiri‐ schen Arbeit herauskristallisiert haben, beschreibbar werden (Kapitel 8.3.3). Anhand dieser Instanzen soll verdeutlicht werden, dass der Kontext-Frame für die Festlegung der Gebrauchspräferenzen notwendig ist, um Effekte der kontextuellen Merkmale auf das lexikalische Material und die syntaktische Form der WÜ sichtbar zu machen. 8.3.1 Merkmale Im Folgenden werden formale, semantische und pragmatische Merkmale zu‐ sammengefasst, die bedeutungsdifferenzierend und konstitutiv für die WÜ sind. Zusätzlich werden die kontextuellen Eigenschaften aufgeführt, die zur Beschreibung der Gebrauchspräferenzen notwendig sind. Die gesammelten Merkmale werden im Sinne der CxD ergänzend zur Form- und Bedeutungsseite der Konstruktion in einen Kontext-Frame integriert, der die Kommunikations‐ umgebung darstellt, in der die WÜ typischerweise verwendet wird. Diese Umgebung, die jeder Sprecher im Zusammenhang mit der WÜ gelernt hat, ist eng mit der Konstruktion verbunden. Der Kontext-Frame ist jedoch kein Teil der Form- oder Bedeutungsseite. Auf der Formseite werden nur formale Merkmale bis zur Textebene festgehalten, auf der Bedeutungsseite semantische und funktionale Merkmale, die durch den präferierten Kontext begründet sind. Merkmale des Kontextes umfassen den situativen Kontext, den sprachlichen Kontext und den Wissenskontext. Im Folgenden werden die Merkmale der Formseite, der Bedeutungsseite und des Kontext-Frames der WÜ-Satztyp-Kon‐ struktion genannt und erläutert. Formseite • Kategorial: - w-Ausdruck: [+WA] - finites Verb: [+VFIN] - keine Modalpartikeln: [-MP] • Morphologie: - kein Imperativmodus: [-IMP] • Satzstellung: - w-VL-Satzstellung: w-VL 8.3 Beschreibungsansatz für die W-Überschrift als Konstruktion 245 <?page no="246"?> 73 Mithilfe dieses Beschreibungselements könnte auch die Positionierung in anderen Textelementen wie der Dachzeile (Text Dachzeile ) und Unterzeile (Text Unterzeile ) gekennzeich‐ net werden. Ebenso ließe sich die Stellung im Text selbst, etwa textinitial (Text Initial ), textmedial (Text Medial ) oder textfinal (Text Final ), genauer markieren. Dies ermöglicht eine präzisere Erfassung und Analyse der vielfältigen Textpositionen. • Intonation: - am Satzende fallend: [\] • Position: - Positionierung in der Überschrift: Text Überschrift Die Formseite der WÜ-Konstruktion umfasst die in Kapitel 3 beschriebenen kategorialen, morphologischen, satzstellungsbezogenen und intonatorischen Merkmale. Ergänzend wird auf der Textebene die Position des Satztyps in der Überschrift berücksichtigt. Dabei wird dem Attribut zur Positionierung der Wert Text Überschrift zugeordnet, der die Position des Satztyps im Textelement der Überschrift angibt. Mit Text Überschrift wird also auf die Überschrift als vorge‐ schaltetes Element eines Textes Bezug genommen. 73 Hiermit ist explizit nicht die Positionierung im Text selbst, wie etwa die initiale oder mediale Stellung, gemeint, sondern die Positionierung im Textelement der Überschrift. Bedeutungsseite • Proposition: - offene Proposition: p[w] • Illokution: - Metasprechakt greift assertiv offene Proposition auf: META Assertiv (p[w]) • Kataphorik: - Bezugstext schließt (als Antwort) die offene Proposition: Text Antwort (p[w]) Auf der Bedeutungsseite der Konstruktion wird neben den Eigenschaften der offenen Proposition p[w] und der Illokution des Metasprechakts META Assertiv (p[w]) auch die kataphorische Verweisfunktion der WÜ festgehalten. Wie aus den empirischen Ergebnissen in Kapitel 7 hervorgegangen ist, verweist die WÜ darauf, dass der Bezugstext die offene Proposition aus der Überschrift schließt. Die kataphorische Verweisfunktion, dass der Text eine Antwort auf die adressierte implizite Frage aus der Überschrift ist, wird daher unter dem Attribut Kataphorik mit dem Wert Text Antwort (p[w]) festgehalten. 246 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="247"?> 74 Um evidenzbasierte Aussagen über den Gebrauch von WÜ außerhalb des Pressekon‐ textes zu treffen, sind weitere empirische Untersuchungen notwendig. An dieser Stelle wird dennoch aus eigenen Beobachtungen die Annahme getroffen, dass eine stärkere Konventionalisierung der WÜ in Pressetexten vorliegt und vorerst die Erfassung des Kontextmerkmals rechtfertigt. Kontext-Frame • Situativer Kontext: - Massenkommunikation der Pressetexte online: Online-Pressetexte - Verwendung in der Textgattung Magazin: Magazin • Sprachlicher Kontext: - Bezugstext benötigt Vorbedingung des Leserinteresses: [+Leserinte‐ resse] - Bezugstext besitzt darstellende Zielerreichungsweise: [+darstellend] • Wissenskontext: - TP mit Wissen zur Füllung der offenen Proposition: TP[+Wissen(p[w])] - TR ohne Wissen zur Füllung der offenen Proposition: TR[-Wissen(p[w])] Im Kontext-Frame finden sich die Merkmale, die sich auf den situativen Kontext, den sprachlichen Kontext und den Wissenskontext beziehen. Unter dem situati‐ ven Kontext wird das Merkmal der Massenkommunikation in Online-Pressetex‐ ten festgehalten. Obwohl WÜ nicht exklusiv in Pressetexten eingesetzt werden, ist es angesichts der auf Pressetexte eingegrenzten Korpusuntersuchung in dieser Arbeit dennoch notwendig, diese Einschränkung zu benennen. 74 Darüber hinaus wird die Gebrauchspräferenz der WÜ für Texte aus der Pressegattung Magazin als Merkmal erfasst, da die WÜ in dieser Gattung in einem höheren Maße konventionalisiert ist. Die Merkmale des sprachlichen Kontextes beziehen sich auf Beschreibungs‐ aspekte des Bezugstextes, der als komplexe (Text-)Äußerung verstanden werden kann. Zu den Merkmalen zählen seine textfunktionalen und textvoraussetzen‐ den Eigenschaften. Mit Blick auf die empirischen Ergebnisse der Korpusunter‐ suchung erfordern die Bezugstexte der WÜ ein spezifisches Leserinteresse und erreichen auf darstellende Weise ihr funktionales Ziel (hier sind judizierende und disputierende Texte eingeschlossen). Im Wissenskontext wird ergänzend die Beschreibung für die Verteilung des Wissensbestands beim TP und TR festgehalten. Die Markierung von vorhande‐ nem und fehlendem bzw. lückenhaftem Wissen ist an dieser Stelle relevant, da sie die Voraussetzung dafür ist, dass ein Leserinteresse beim TR vorliegt und der TP die offene Proposition aus der WÜ im Bezugstext wahrheitsgemäß schließen kann, um die Hinweisfunktion auf den Bezugstext als Antwort auf 8.3 Beschreibungsansatz für die W-Überschrift als Konstruktion 247 <?page no="248"?> die adressierte Frage zu erfüllen. Beim TP wird daher von einem vollständigen Wissen hinsichtlich der offenen Proposition mit TP[+Wissen(p[w])] ausgegan‐ gen und beim TR von einem nicht vorhandenen bzw. unvollständigen Wissen zur offenen Proposition mit TR[-Wissen(p[w])]. 8.3.2 Konstruktionsbeschreibung Im Folgenden wird sich einer angemessenen Darstellung der WÜ-Konstruktion mit einem Kontext-Frame gewidmet. Hierbei werden Überlegungen dazu ange‐ stellt, welchen Status die Kontextbeschreibung für die Konstruktion besitzt und welche theoretischen Implikationen sich aus der Kontextanbindung und der Textpositionierung für das Verständnis von Satztypen ergeben. Zuerst wird der Frage nachgegangen, wie die Interaktion zwischen der Konstruktion und dem Kontext beschrieben und im Modell repräsentiert werden kann (Kapitel 8.3.2.1). Daraufhin wird die Modellierung der WÜ auf der Grundlage der bereits zusam‐ mengefassten Merkmale durchgeführt (Kapitel 8.3.2.2). Zuletzt wird die Frage gestellt, welche Konsequenzen sich aus der aufgestellten Konstruktion für die Auffassung von Grammatik ergeben (Kapitel-8.3.2.3). 8.3.2.1 Interaktion zwischen Konstruktion und Kontext Um zu einer generalisierenden Repräsentation der WÜ-Konstruktion zu gelan‐ gen, bei der Merkmale aus dem Kontext zur Darstellung der Gebrauchspräferen‐ zen erfasst werden, ist zu fragen, wie die Interaktion zwischen dem Kontext und der Konstruktion beschrieben werden kann und welchen Wert diese Angaben für die WÜ besitzen. Wie bereits erwähnt, orientiert sich die hier durchgeführte Modellierung der WÜ-Konstruktion an der CxD von Östman (2005; 2015), bei der das Form-Bedeutungs-Paar in Beziehung zu einem Kontext-Frame steht. Anders als bei Östman (2005; 2015) wird im Folgenden allerdings nicht davon ausgegangen, dass der Kontext ein Bestandteil der Konstruktion ist und die Kontextmerkmale die Beschränkungen für den Gebrauch der Konstruktion darstellen, sondern dass der Kontext nicht Teil des Form-Bedeutungs-Paares ist und die Kontextmerkmale die Präferenzen für den Gebrauch darstellen. Es wird also von einer gelernten Verbindung zwischen dem Form-Bedeutungs-Paar und einem externen Kontext-Frame angenommen. Wenn der Kontext bzw. die Gebrauchspräferenzen aber nicht Bestandteil der Konstruktion sind, welchen Stellenwert kann dann dem Kontext in der WÜ-Konstruktion zugesprochen werden? Wie bereits erläutert, ist die WÜ aufgrund ihrer obligatorischen Überschriften-Position an einen Bezugstext 248 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="249"?> gebunden und steht daher immer in einer Beziehung zu diesem. Das bedeutet, dass sie nur im Rahmen eines Textes existieren und verwendet werden kann, für den sie eine spezifische Funktion und Bedeutung hat. Entsprechend stellt die WÜ für ihren Gebrauch in einem Bezugstext bestimmte Voraussetzungen an den Text und der Wissensverteilung der Kommunikationspartner - also spezifische Merkmale kontextueller Natur. Insofern spiegelt der Kontext die Anforderungen wider, die für die Verwendung der WÜ (bevorzugt) gestellt werden. Beispielhaft ist dies an der kataphorischen Verweisfunktion zu verdeutlichen, bei der die WÜ auf ihren Bezugstext als Antwort auf die von ihr adressierte Frage verweist. Die Tatsache, dass der Bezugstext als Antwort auf eine implizite Frage zu verstehen ist, wird erst dadurch erklärbar, dass die WÜ die implizite Frage auf nicht kanonische Weise explizit macht und mit Textsorten einhergeht, die eine aufklärende Funktion besitzen und deren primäre Textfunktion es ist, gezielte Wissenslücken in einem bestehenden Diskurs zu füllen. Das Funktions- und Bedeutungspotenzial der WÜ kann sich daher nur angemessen in einem Bezugstext entfalten, der die eben genannten Merkmale aufweist. In Textsorten wie z.B. der Meldung, die eine transmittierende Zielerreichungsweise (Fokus auf Übermittlung neuer Informationen) besitzt, kann sich die Antwort-Verweis-Funktion der WÜ nicht entfalten, da sie nicht aufklärender Natur ist und keine spezifisch im Diskurs bestehenden Fragen beantwortet. Sie verträgt sich entsprechend nicht mit derartigen Textsorten und findet dort selten Verwendung. Darüber hinaus stellt die WÜ bestimmte Bedingungen an den Wissenskon‐ text, um adäquat verwendet werden zu können: Der TP sollte über Wissen verfügen, von dem er glaubt, dass es dem TR fehlt, damit er auf den Bezugstext als Mittel zum Füllen dieser Wissenslücke verweisen kann. Hierüber erklärt sich auch die besondere Form der WÜ, die keiner kanonischen Frage entspricht, sondern einen assertiven Charakter aufweist. Schließlich soll nicht wie bei einer kanonischen Frage ein Wissensdefizit beim Sprecher angezeigt werden, sondern vielmehr ein Wissensüberschuss beim TP im Vergleich zum Wissenstand des TR. Um die WÜ also so zu verwenden, dass sie ihre Bedeutung und Funktion erfüllen kann, benötigt sie bestimmte Voraussetzungen für die (präferierte) Beschaffenheit des Kontextes, die sich insbesondere auf den Bezugstext und die Wissenskonstellation des TP und TR beziehen. Die WÜ zeigt entsprechend, dass der Kontextbeschaffenheit im Bereich der Überschriften-Schnittstelle zwischen Diskurs und Text eine größere Be‐ deutung zugeschrieben werden muss, denn eine Äußerung in der Überschrift erfüllt stets eine Vermittlungsfunktion zwischen Bezugstext und TR und die Anwendung einer Überschrift erfordert einen Bezugstext. Eine solche 8.3 Beschreibungsansatz für die W-Überschrift als Konstruktion 249 <?page no="250"?> kontextuelle Verankerung ist allerdings nicht exklusiv bei WÜ zu beobachten, sondern findet sich bspw. auch bei zitierenden VL-Sätzen (Oppenrieder 1989; Truckenbrodt 2013a; 2013b) wieder. So ist die Verwendung von zitierenden VL-Sätzen wie in Beispiel (129) nur aufgrund ihrer Einbettung in einen Dialog bzw. die Beziehung zu einer vorher getätigten Äußerung eines Dialogpartners möglich. Erst durch den sprachlichen Gebrauchskontext erhalten sie ihre spezifische Funktion im Dialog. Wenn ein zitierender VL-Satz wie in (129) als Konstruktion betrachtet wird, sollte er ähnlich wie bei der WÜ auf der Form‐ seite ein Merkmal hinsichtlich seiner Position erhalten und im Kontext-Frame eine Beschreibung des (präferierten) Gebrauchskontextes aufweisen. Auf der Formseite wäre in Anlehnung an die bisher verwendeten Formalia die Angabe eines positionellen Merkmals wie z.B. Dialog medial denkbar, um die sequenzielle Positionierung inmitten eines Dialogs zu kennzeichnen. Im Kontext-Frame könnten Merkmale zum präferierten Situationskontext angegeben werden, die den Bezug auf eine zuvor getätigte Frage näher beschreiben. Angenommen (129) bildet den präferierten Gebrauch eines zitierenden VL-Satzes ab - was an dieser Stelle rein hypothetisch ist -, so könnten bspw. Merkmale aufgeführt werden, die beschreiben, dass beim Sprecher ein Wissensdefizit vorliegt und auf seine ursprüngliche Frage verweist oder der Adressat Schwierigkeiten beim Verstehen der Äußerung besitzt. Durch die Berücksichtigung solcher kontextueller Angaben könnten Beschreibungsansätze dafür geschaffen wer‐ den, um die sequenzielle Position und die Form des VL-Satzes zu erklären. Das bedeutet, dass der Gebrauch eines zitierenden VL-Satzes wie in Beispiel (129), der sequenziell in der Mitte eines Dialogs geäußert wird, bestimmte Anforderungen an die Beschaffenheit seines Kontextes stellt. Eine solche Anforderung könnte bspw. die vorherige Äußerung einer Frage sein, auf die der Sprecher mit dem zitierenden VL-Satz Bezug nimmt. - (129) A: Warum sind Unternehmer als Quereinsteiger die besseren Winzer? - - B: Wie bitte? - - A: Warum Unternehmer als Quereinsteiger die besseren Winzer sind. Damit die WÜ ihre Bedeutung und Funktion also adäquat entfalten kann, ist ein präferierter Gebrauchskontext mit spezifischen Merkmalen notwendig. Die Merkmale des Gebrauchskontextes kennen die meisten TP und TR und sind im Umfeld der Kommunikation durch Presse-Überschriften konventio‐ nell geprägt. Aus diesem Grund werden WÜ auch nur in bestimmten Textu‐ mgebungen präferiert eingesetzt. Weist ein Text also bspw. eine darstellende 250 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="251"?> Zielerreichungsweise auf und möchte eine bestehende Frage im Diskurs beantworten, wissen TP, dass sie eine WÜ als Überschrift verwenden können, um den TR anzuzeigen, wie der Text aufbereitet ist und dass er eine Antwort auf die adressierte Frage gibt. Es kann also davon gesprochen werden, dass die WÜ mit bestimmten Gebrauchskontexten, wie etwa speziellen Textsorten, eng verknüpft ist. Insofern scheint es naheliegend davon auszugehen, dass die Interaktion zwischen der Konstruktion und dem Kontext-Frame netzwerkar‐ tig strukturiert ist. 8.3.2.2 Generalisierte Repräsentation der W-Überschrift Im vorherigen Kapitel 8.3.2.1 wurde erläutert, dass eine Beziehung zwischen der Konstruktion und dem Kontext-Frame besteht. Nun kann sich der Frage gewidmet werden, wie diese repräsentiert werden kann. Eine mögliche Darstel‐ lungsweise wird in der folgenden Abbildung 38 veranschaulicht: Abb. 38: WÜ-Konstruktion mit angebundenem externen Kontext-Frame Die Darstellung in Abbildung 38 zeigt auf der linken Seite den Kontext-Frame, der als separate Einheit mit der Konstruktion rechts verbunden ist. Die Merk‐ male im Kontext-Frame stellen die Gebrauchspräferenzen der Konstruktion dar, die dazu beitragen, dass die Konstruktion eine bestimmte Form besitzt und ihre Bedeutung entfalten kann. Die Verbindung zwischen den Einheiten der Kon‐ 8.3 Beschreibungsansatz für die W-Überschrift als Konstruktion 251 <?page no="252"?> 75 Die Form- und Bedeutungsseite der in Abbildung 40 dargestellten Bericht-Konstruktion ist unvollständig und dient lediglich der Veranschaulichung. struktion und des Kontextes wird durch eine Linie dargestellt. Sie repräsentiert ihre konventionelle Beziehung, die ähnlich wie die zwischen der Form- und Bedeutungsseite der Konstruktion gelernt ist. Diese Darstellung verdeutlicht, dass die Konstruktion auch unabhängig von einem bestimmten Kontextrahmen betrachtet werden könnte, nur gehen dabei genau die Informationen verloren, mit denen die Entstehung bestimmter Form- und Bedeutungsaspekte erklärt werden. Eine Beschreibung der WÜ-Konstruktion ohne Kontext-Frame wäre dann nur auf einer abstrakten Ebene möglich, da der Kontext für ihr Verständnis notwendig ist. Nun vereint der Kontext-Frame in der oben gezeigten Darstellung verschie‐ dene Teile des Kontextes, die auch feindifferenziert werden könnten: Sprach‐ kontext (bzw. Bezugstext), Situationskontext und Wissenskontext. Wenn der Kontext-Frame als modulare Einheit aufgefasst wird, könnten seine Bestandteile auch in weitere Frames aufgeteilt werden, so wie in Abbildung 39 gezeigt. Dies eröffnet die Möglichkeit, dass kontextuelle Aspekte auf weiteren granularen Ebenen als eigene Frames darstellbar wären, die miteinander in Beziehung ste‐ hen und weiter unterteilbar sind. Im Fall der WÜ-Konstruktion wäre es so auch denkbar, dass auch eine oder mehrere Textsorte/ n als eigene Konstruktionen mit der WÜ in Beziehung stehen. Abbildung 40 zeigt eine solche Möglichkeit durch die Verbindung der WÜ-Konstruktion mit der Textsorten-Konstruktion Bericht. 75 252 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="253"?> Abb. 39: Granulare Darstellung des mit der WÜ-Konstruktion angebundenen Kontextes in Frames für den Situations-, Wissens- und Sprachkontext Abb. 40: Beispiel einer WÜ-Konstruktion mit angebundener Textsorten-Konstruktion 8.3 Beschreibungsansatz für die W-Überschrift als Konstruktion 253 <?page no="254"?> Wie in Kapitel-8.2.2 ausgeführt, kann eine Textsorte als eine Mesokonstruk‐ tion verstanden werden, die unter sich Mikrokonstruktionen (spezifische Textausformungen) hat oder über sich eine Makrokonstruktion (Textgattung). Es wäre also denkbar, dass die WÜ potenziell mit der Textgattungs-Konstruk‐ tion Magazin oder einer spezifischen Textausformung (z.B. Bericht bei BILD Online) verbunden ist. Dies müsste zwar geprüft werden, aber es zeigt, dass der sprachliche Kontext als Bündel weiterer Konstruktionen darstellbar wäre. Mit Blick auf weitere Satztypen ließe sich mit der Angabe des Kontext- Frames auch der Textsortengebrauch des narrativen V1-Deklarativsatzes an‐ geben (Abbildung 41). Wie in Kapitel 8.2. bereits erläutert, wird die Beschrän‐ kung des Satztyps auf narrative Texte bei Jacobs (2016) im Illokutionstyp ASSERT Erzähl festgehalten. Allerdings ist ein solcher Zusatz wie Erzähl in dem hier entwickelten Model nicht notwendig, da der Textgebrauch im Kontext-Frame unter dem Attribut textgattung mit dem Wert Erzählung abgebildet werden kann. Wichtig ist allerdings zu beachten, dass dann von einer Gebrauchsprä‐ ferenz für Erzählungen und nicht einer Gebrauchsbeschränkung ausgegangen wird. Abb. 41: Narrativer V1-Deklarativsatz nach Jacobs (2016) angepasst auf das entwickelte Kontext-Frame-Modell Zudem findet sich im Gegensatz zu Jacobs‘ (2016) Darstellung auf der Formseite der Konstruktion (Abbildung 41) eine Angabe über die Positionierung an 254 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="255"?> Textanfängen mit dem Wert TEXT initial . Es wird also davon ausgegangen, dass der hier dargestellte V1-Deklarativsatz am Anfang eines Textes steht. Der feste Wert der Positionierung am Textanfang begründet insofern auch die Anbindung des Kontext-Frames, da die textinitiale Stellung eine Kontextnotwendigkeit mit sich zieht. Der Kontext-Frame beschreibt nun den präferierten Gebrauch des V1-Deklarativsatzes in erzählenden Texten. Dieser Aspekt findet sich in der kontextuellen Angabe [+narrativ] beim Attribut der Zielerreichung des Textes, in dem der V1-Deklarativsatz verwendet wird. Die zuvor angeführte Angabe der präferierten Textgattung Erzählung im Kontext-Frame orientiert sich an Jacobs‘ (2016) Annahmen, allerdings wären auch genauere Angaben wie z.B. spezifische Textsorten wie Witze denkbar, denn wie bereits in Kapitel 8.2 angemerkt, können narrative Texte feindifferenzierter betrachtet werden. Eine weitere Auseinandersetzung mit dem narrativen V1-Deklarativsatz könnte an dieser Stelle zu genaueren Angaben führen, weshalb die hier gezeigte Darstellung des Kontext-Frames recht grob ausfällt. Allerdings verdeutlicht dieses Satztypen- Beispiel in Ergänzung zur WÜ, dass die Konstruktionsbeschreibung mit einem externen Kontext-Frame eine adäquate Möglichkeit bietet, die Textebene und die durch die Textpositionierung entstehenden kontextuellen Gebrauchspräfe‐ renzen festzuhalten. 8.3.2.3 Folgen des Textmerkmals für das Verständnis von Satztypen In der Satztypenforschung werden grammatische Merkmale aus Morphologie, Syntax und Phonologie herangezogen, um einen Satz formal zu beschreiben. Aus dem Zusammenspiel der Merkmale entsteht dann das Illokutionspotenzial des Satztyps. Nach dieser Auffassung ist das Illokutionspotenzial von Satztypen rein grammatisch determiniert. Im Falle der WÜ kann allerdings allein aus den grammatischen Merkmalen kein Illokutionspotenzial entstehen, sie benötigt zusätzlich die Überschriften-Position, die konstitutiv für diesen Satztyp ist. Die Textposition ist aber kein grammatisches Merkmal. Das Illokutionspotenzial der WÜ ist also nicht nur grammatisch determiniert, sondern ergibt sich durch das Zusammenwirken der grammatischen Merkmale und der Überschriften- Position. Wie im Kapitel zuvor gezeigt, lässt sich die Überschriften-Position aber auf der Formseite einer Satztyp-Konstruktion angeben. Welche Konsequenzen hat der Fall der WÜ also für die Auffassung von Satztypen? Es bedeutet, dass sich das Illokutionspotenzial nicht bei allen Satztypen aus den grammatischen Merkmalen heraus ergeben muss, sondern auch die Position im sprachlichen 8.3 Beschreibungsansatz für die W-Überschrift als Konstruktion 255 <?page no="256"?> Kontext zur Bildung des Illokutionspotenzials beitragen kann. Nicht nur die formale Beschaffenheit des Satzes trägt zur Bedeutungsbildung bei, sondern auch die Position in einem sprachlichen Kontext. So trägt bei der WÜ die Über‐ schriften-Position dazu bei, dass das Illokutionspotenzial auf einer Metaebene entsteht. Für die Auffassung von Satztypen bedeutet dies, dass Formmerkmale eines Satztyps nicht auf der syntaktischen Ebene enden müssen, sondern, dass auch die Positionierung auf der Textebene bei der Erfassung der Formmerkmale Berücksichtigung finden sollte. Potenziell könnten durch die Berücksichtigung eines solchen positionellen Merkmals auch weitere Satztypen erfassbar gemacht werden, deren Selbstän‐ digkeit durch eine spezifische Textposition lizenziert ist. Denkbar wären hier bspw. in Überschriften vorkommende Nebensätze mit einleitenden Subjunkti‐ onen, wie wenn (130) und weil (131). Wie auch bei der WÜ besitzen diese keinen Vorkontext, aus dem eine versteckte Einbettung hervorgeht oder eine Rekonstruktion eines Matrixsatzes herleitbar ist. Ob diese Fälle jedoch als eigenständige Satztypen zu erfassen sind, kann im Rahmen dieser Arbeit nicht untersucht werden. - (130) Wenn Eltern uneins über die Corona-Impfung sind (saechsische.de, 30.11.2021) - (131) Weil er doch so erfahren ist (zeit.de, 19.05.2019) 8.3.3 Hochspezifizierte Instanzen der W-Überschrift Konstruktionen besitzen verschiedene Komplexitäts- und Schematizitäts‐ grade. Sie können einfach (atomistisch) oder komplex (bestehend aus meh‐ reren Konstruktionen) sein und spezifisch (mit konkretem lexikalischem Material) oder schematisch (ohne konkretes lexikalisches Material) (vgl. u.a. Croft, 2001). Der Grad der Abstraktheit und Komplexität kann von der linguistischen Ebene, auf der Konstruktionen beschrieben werden, und von der Tiefe der Vernetzung weiterer Konstruktionen abhängig sein. Im Fall der WÜ-Konstruktion liegt aufgrund der Text- und Kontextebene ein hoher Komplexitätsgrad vor und durch die Abwesenheit bestimmten lexikalischen Materials eine hohe Schematizität. Nun hat sich im Zuge der korpusgeleiteten Untersuchung zu den n-Grammen (Kapitel 7.3) abgezeichnet, dass lexikalisch-syntaktisch hochgradig spezifizierte Instanzen der WÜ mit bestimmter Semantik existieren. Die nähere Betrachtung dieser Instanzen ergab, dass es belegbare Präferenzen im Gebrauch der Leser‐ adressierung Sie oder der TP-Selbstreferenz ich in bestimmten Textsorten gibt. 256 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="257"?> Darüber hinaus konnten WÜ-Instanzen ermittelt werden, die ein spezifisches lexikalisches Material aufweisen und hinsichtlich ihrer Kontextverwendung eingeschränkt in bestimmten Textsorten oder Online-Portalen eingesetzt wer‐ den. So taucht z.B. die WÜ-Instanz Was Sie X wissen müssen/ sollten fast aus‐ schließlich in Berichten und Ratgebertexten auf. Diese Beobachtungen sprechen für einen konventionalisierten Gebrauch dieser Muster und macht die Untersuchung weiterer spezifischer Instanzen der WÜ-Konstruktion vielversprechend. Im Folgenden sollen auf der Grund‐ lage des erstellten Beschreibungsmodells Repräsentationen der beobachteten WÜ-Instanzen erstellt werden, um beispielhaft zu verdeutlichen, dass die kontextuellen Gebrauchsmerkmale einen Effekt auf das lexikalische Material und die syntaktische Form der WÜ haben. Die WÜ-Instanzen mit einem vergleichsweise hohen Schematizitätsgrad, aber mit festem lexikalischen Material weisen eine Leseradressierung mit Sie oder eine TP-Selbstreferenz mit ich (Kapitel 7.3.2) auf. Besonders deutlich sticht der unterschiedliche Gebrauch beider Instanzen hervor: WÜ mit Sie werden in Ratgebertexten präferiert eingesetzt und WÜ mit ich in judizierenden Texten. Dies weist darauf hin, dass im Fall der WÜ entweder die Textsorte einen Effekt auf das verwendbare lexikalische Material hat oder das lexikalische Material die brauchbaren Textsorten festlegt. Ratgebertexte scheinen den Gebrauch von Sie zu begünstigen, da sie inhaltlich nah am Leser sind. Judizierende Texte hingegen begünstigen den Gebrauch von ich, da der TP hierdurch auf sich selbst verweist und seine Meinung ausdrückt. Am Beispiel einer WÜ mit ich kann die in Abbildung 42 angenommene Konstruktionsbeschreibung angenommen werden. Abweichend von der bisherigen WÜ-Darstellung besitzt sie im Kontext- Frame das spezifischere Merkmal [+judizierend] der Textvorbedingung, da diese spezifischere Instanz der WÜ eher in judizierenden Texten als Überschrift gebraucht wird. Auf der Formseite der Konstruktion wird die syntaktische Form eines w-VL-Satzes mit der Verwendung von ich angegeben. 8.3 Beschreibungsansatz für die W-Überschrift als Konstruktion 257 <?page no="258"?> Abb. 42: Beispiel einer WÜ-Konstruktion, dessen Nominativ-NP durch das Pronomen ich in der 1.Ps.Sg. realisiert wird Der Gebrauch der Leseradressierung findet sich auch in der spezifischeren Instanz Was Sie X wissen müssen/ sollten, die es ebenfalls in der du-Form Was du X wissen musst/ sollst gibt. In beiden Fällen ist eine höhere Spezifizierung festzustellen, die sich z.B. durch die Einschränkung der Modalverben-Selektion auf müssen oder sollen zeigt. Diese WÜ-Instanzen weisen eine spezifischere formale Ausprägung als die bisher dargestellten Instanzen auf und besitzen einen niedrigeren Schematizitätsgrad. Ihr Gebrauch ist präferiert in Berichten und Ratgebertexten festzustellen. Die Auswertungen zur Gebrauchsspezifik zeigen, dass Was Sie X wissen müssen/ sollten in mehreren Online-Portalen eingesetzt wird und aufgrund dieser Streuung im generellen Pressegebrauch konventionalisiert scheint. Hingegen ist Was du X wissen musst/ sollst auf den Gebrauch im Portal Utopia begrenzt. Ein Blick über die Korpusdaten hinaus hat zwar ergeben, dass die du-Variante auch in anderen Portalen verwendet wird, aber angesichts der Beobachtungen seltener geschieht. Mit dem Fokus auf die Korpusdaten kann dennoch von einem hochpräferierten Gebrauch für das Portal Utopia ausgegangen werden. Diese stärkere Einschränkung kann in der Kon‐ struktionsbeschreibung erfasst werden, indem das Online-Portal als situatives Kontextmerkmal im Kontext-Frame aufgenommen wird. Die Verwendung des w-Ausdrucks was, der Leseradressierung du und des infiniten Verbs wissen sind 258 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="259"?> feste Teile der Äußerung, zudem ist der Gebrauch des finiten Modalverbs auf müssen oder sollen beschränkt. Eine beispielhafte Konstruktionsbeschreibung von Was du X wissen musst/ sollst, die die Gebrauchspräferenz für das Online- Portal Utopia beinhaltet, ließe sich wie folgt darstellen: Abb. 43: Beispiel der Konstruktion „Was du X wissen musst/ sollst“ Ergänzend zu Was du X wissen musst/ sollst ist auch die WÜ-Instanz Was X an einem Tag isst zu nennen, deren Verwendung ebenfalls auf genau ein Online-Portal beschränkt ist: Gala.de. Sie ist Teil einer spezifischen Textserie, deren Inhalte wie Einträge in einem Essenstagebuch von prominenten Frauen präsentiert werden. Die Texte folgen stets derselben inhaltlichen Struktur und besitzen dieselbe Textfunktion. Die Leerstelle X in Was X an einem Tag isst wird entsprechend mit dem Namen der prominenten Frau gefüllt, die ihr Essensta‐ gebuch vorstellt. Durch die hier feststellbare Gebrauchsbeschränkung auf genau ein Online-Portal ist anzunehmen, dass der Gebrauch im Kreis der TP und TR von Gala.de hochgradig konventionalisiert ist. Dieser konventionalisierte Gebrauch für die Texte, die inhaltlich, funktional und formal einem festen Schema folgen, muss im Kontext-Frame abgebildet werden. Hierfür ist das Merkmal der Verwendung auf Gala.de notwendig, das den Kreis der TP und TR und die thematische Ausrichtung auf Nachrichten über Prominente einschränkt. Zudem sind Merkmale hinsichtlich des Bezugstextes aufzunehmen, die bspw. die inhaltliche Ausrichtung eines Essenstagebuchs ausdrücken. Weitere Aspekte 8.3 Beschreibungsansatz für die W-Überschrift als Konstruktion 259 <?page no="260"?> wie die Textform oder die Textfunktion könnten ebenfalls aufgenommen wer‐ den, finden jedoch an dieser Stelle zwecks einer übersichtlicheren Darstellung nicht Einzug in die Beispiel-Konstruktion. Abb. 44: Beispiel der Konstruktion „Was X an einem Tag isst“ An den dargestellten Beispiel-Konstruktionen der WÜ-Instanzen (Abbildungen 42-44) ist zusammenfassend zu sehen, dass mit einer zunehmenden Spezifizie‐ rung des Kontextes der Schematizitätsgrad der WÜ abnimmt. Das heißt, die WÜ-Instanzen verwenden zunehmend spezifischeres lexikalisches Material für gezielte Texte und Textsorten, die zwischen TP und TR konventionalisiert sind. Ein stark eingeschränkter bzw. ein hochpräferierter Kontext kann somit den Gebrauch einer spezifischen formalen Instanz bedingen. Die Form einer WÜ kann also die Textsorte oder eine spezifische Art von Text mit fester inhaltlicher Ausrichtung anzeigen. Am Beispiel von Was X an einem Tag isst ist davon auszugehen, dass TR von Gala.de diese spezifische Instanz der WÜ im Laufe der Textserie erlernt haben, und aufgrund der Überschrift eine spezifische Textart erwarten. Je unspezifischer der Kontext jedoch ist, desto höher ist der Grad der Schematizität und das konkrete lexikalische Material verringert sich. Die WÜ als oberste Instanz besitzt daher keine Gebrauchspräferenz für genau eine spezifische Textsorte, sondern für eine Gruppe von Texten mit derselben Zielerreichungsweise: Die darstellenden Textsorten. Zu diesen zählen insbesondere judizierende und disputierende Texte. Nimmt nun das spezifische 260 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="261"?> lexikalische Material zu, findet ein Einschränkung der brauchbaren Textsorten statt. Konkret ist dies bspw. an der WÜ-Instanz zu sehen, die die TP-Referenz ich verwendet. Diese wird nämlich präferiert in judizierenden Texten gebraucht - also einer Teilmenge der Texte, in denen auch die WÜ präferiert wird. Dies kann als Hinweis dafür aufgefasst werden, dass es eine Korrelation zwischen dem Textsortengebrauch und dem Grad der Spezifizierung in WÜ-Instanzen gibt. 8.4 Zusammenfassung und Diskussion In diesem Kapitel wurde die WÜ im Rahmen der Konstruktionsgrammatik modelliert, um eine umfassende und theoretisch konsistente Beschreibung dieses Satztyps zu ermöglichen. Die Modellierung basierte auf der Annahme, dass die WÜ nicht allein durch grammatische Merkmale definiert werden kann, sondern dass ihre Textposition als zentrales Merkmal berücksichtigt werden muss. Hierzu wurden bestehende Ansätze zur Beschreibung von Konstruktio‐ nen auf Satz-, Text- und Kontextebene geprüft und auf ihre Anwendbarkeit hin bewertet. Basierend auf den gewonnenen Erkenntnissen wurde eine WÜ-Kon‐ struktion entwickelt, die ihre formalen, funktionalen und positionsbezogenen Merkmale integriert. Die entwickelte Konstruktionsbeschreibung berücksichtigt dabei die formale Struktur der WÜ, ihre selbständige Verwendung in der Überschriften-Position sowie die damit einhergehenden kontextuellen Anforderungen. Zentral ist die Erkenntnis, dass die Textposition ein entscheidendes Merkmal für die Lizenzierung der WÜ darstellt, indem sie die Selbständigkeit und das Illokuti‐ onspotenzial dieses Satztyps ermöglicht. Die Modellierung zeigt zudem, dass die WÜ durch die Anbindung eines Kontext-Frames spezifische Anforderungen an ihren Kontext stellt - ausgedrückt durch ihre Gebrauchspräferenzen -, die essenziell für die Entfaltung ihrer Bedeutung und Funktion sind. Die vorherigen Kapitel zeigen, dass die konstruktionsgrammatische Model‐ lierung für die WÜ von großer Erklärungskraft ist, da sie es schafft, die Eigenschaften der WÜ umfassend und theoretisch konsistent zu modellieren. In einem größeren Rahmen eingeordnet, zeigt das Beispiel der WÜ-Konstruktion, dass eine Schnittstelle zwischen der Satz- und Textebene beschreibbar gemacht werden kann. Dabei spielt die Textposition als zentrales formales Merkmal eine entscheidende Rolle, die für die WÜ als konstitutives Merkmal unverzicht‐ bar ist. Wird also die WÜ betrachtet, ist es notwendig die Textposition als formales Merkmal in die Beschreibung aufzunehmen. Dies wiederum würde Auswirkungen auf das Verständnis von Satztypen haben, da es zeigt, dass sie nicht nur durch interne grammatische, sondern auch durch positionsbezogene 8.4 Zusammenfassung und Diskussion 261 <?page no="262"?> kontextuelle Merkmale definiert werden können. Bei der WÜ ist es das Merkmal der Textposition, das die selbständige Verwendung und die Zuweisung eines Illokutionspotenzials auf Metaebene ermöglicht. Das heißt, die WÜ erhält ihr Illokutionspotenzial nicht allein durch ihre grammatische Struktur, sondern durch das Zusammenwirken mit der Position in der Überschrift des Textes mit ihren grammatischen Merkmalen. Ohne die Berücksichtigung der Textposition kann das Illokutionspotenzial der WÜ also nicht adäquat erklärt werden. Zudem muss die WÜ aufgrund ihres Positionsmerkmals notwendigerweise eine Anbindung an einen Text besitzen, der bestimmte Merkmale erfüllen muss, damit sich die Bedeutung und Funktion der WÜ entfalten kann. Das Positionsmerkmal zieht also eine Notwendigkeit eines Kontextes mit sich, an dessen Beschaffenheit bestimmte Anforderungen gestellt werden. Das heißt, die WÜ besitzt bestimmte Gebrauchspräferenzen, um adäquat verwendet zu werden, die sich in einer Bündelung bestimmter Kontextmerkmale ausdrücken. Mit der Darstellung der WÜ als Konstruktion, dessen Formseite ein Merkmal zur (Text-)Positionierung erhält, und an die ein externer Kontext-Frame ange‐ bunden ist, der die präferierten Merkmale des Kontextes abbildet, können diese Zusammenhänge dargestellt werden. Die Positionierung und die Gebrauchspräferenzen sind also bei der Beschrei‐ bung der WÜ nicht wegdenkbar. Auf Basis der eben beschriebenen Erkenntnisse ergeben sich jedoch Auswirkungen auf das Verständnis von Satztypen und der Auffassung von formalen Merkmalen innerhalb der Satztypentheorie, die im Folgenden kurz erläutert werden sollen: Die etablierte Definition von Satztypen, die sich primär auf grammatische Merkmale stützt, reicht für die Beschreibung der WÜ nicht mehr aus. Die Integration des konstitutiven Merkmals der Überschriften-Position auf der Formseite impliziert, dass die Textposition in die Satztypentheorie aufgenom‐ men werden müsste. Dies würde eine fundamentale Veränderung der Definition von Satztypen bedeuten: Satztypen könnten dann nicht mehr ausschließlich durch ihre syntaktischen und morphologischen Merkmale bestimmt werden, sondern auch durch ihre Einbettung in den Text. Das Illokutionspotenzial wäre somit nicht allein durch die grammatische Struktur determiniert, sondern müsste als Ergebnis eines Zusammenspiels von grammatischen und textuellen Faktoren betrachtet werden. Eine solche Perspektive stellt eine grundsätzliche Neuinterpretation des Satztypenverständnisses dar, die die rein grammatische Sichtweise erweitert und kontextuelle Einflüsse mit einbezieht. Daraus ergibt sich jedoch die Frage, wie solche positionsgebundenen Merk‐ male in die bestehende Theorie integriert werden können. Sollte die Textposi‐ tion als formales Merkmal gewertet werden, müsste das Verständnis dessen, 262 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="263"?> was als „Formmerkmal“ gilt, neu definiert werden. Eine denkbare Möglichkeit wäre, die bisherigen Formmerkmale als interne Eigenschaften eines Satztyps zu betrachten, die durch externe, positionsgebundene Merkmale ergänzt werden - wobei die Textposition eine Grenzfunktion erfüllen könnte, die zwischen der internen Struktur und dem umgebenden Kontext vermittelt. Textpositionelle, externe Merkmale müssten dann eine Rolle spielen, wenn die Selbständigkeit eines Satztyps nicht mehr ausschließlich durch interne Merkmale beschreibbar ist. Allerdings bleibt offen, wie genau diese beiden Ebenen - die interne Form und die externe Position - in der Theorie zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Eine umfassende theoretische Auseinandersetzung mit diesem Problem ist erforderlich, um die Grenze und das Zusammenwirken zwischen grammatischen und kontextuellen Merkmalen klar zu definieren. Abgesehen von diesen bedeutenden Auswirkungen auf das Satztypenver‐ ständnis könnte die Berücksichtigung der Textposition als potenzielles Merkmal aber nicht nur für den spezifischen Satztyp der WÜ relevant sein. Die gewonne‐ nen Erkenntnisse könnten auch auf andere, bisher nicht oder weniger erforschte Satztypen übertragen werden, die nur in spezifischen Textpositionen auftreten und dort eigenständig verwendet werden. Dies eröffnet neue Forschungsfelder, die sich mit den Auswirkungen der Textposition auf das Illokutionspotenzial und die Funktion solcher Satztypen befassen. Insbesondere die Untersuchung von sonst unselbständigen Satztypen, die aber in bestimmten Textpositionen selbständig verwendet werden, könnte eine umfassendere Erweiterung der Satztypentheorie ermöglichen. Die Einbindung der Textposition in die Satztypentheorie verdeutlicht au‐ ßerdem, dass die Grenze zwischen Grammatik und Pragmatik weitaus durch‐ lässiger ist, als bislang angenommen. Die Textposition der WÜ fungiert als Schnittstelle, an der diese beiden Bereiche aufeinandertreffen. Während die Position im Text auf einer formalen Ebene für die WÜ entscheidend ist, eröffnet sie zugleich eine pragmatische Dimension, da sie die Illokutionskraft und Funktion des Satzes im spezifischen Kontext prägt. Hier stellt sich die Frage, wo die Grenze zwischen Grammatik und Pragmatik zu ziehen ist, wenn externe Faktoren wie die Textposition eine wesentliche Rolle spielen. Traditionell wird Grammatik als das Regelsystem verstanden, das die Struk‐ tur eines Satzes auf der Grundlage syntaktischer und morphologischer Merk‐ male festlegt. Pragmatik hingegen beschäftigt sich mit der Bedeutung und Funktion einer Äußerung im Kontext, also mit der Art und Weise, wie ein Satz verwendet wird und welche kommunikativen Handlungen durch ihn vollzogen werden. Die WÜ zeigt jedoch, dass bei ihr diese Trennung nicht mehr eindeutig ist, sobald die Textposition in die Analyse einbezogen wird. Die Textposition hat 8.4 Zusammenfassung und Diskussion 263 <?page no="264"?> einerseits eine formale, grammatische Relevanz, indem sie als Teil des Musters der WÜ gilt. Andererseits ermöglicht sie es dem Satz, in einem bestimmten Kontext eine spezifische pragmatische Funktion zu erfüllen - in diesem Fall die Zuweisung eines Illokutionspotenzials. Die WÜ verdeutlicht also, dass formale Merkmale von Satztypen nicht nur auf die interne grammatische Struktur beschränkt sein müssen, sondern auch über die Satzebene hinausgehen und externe, kontextuelle Elemente wie die Position im Text umfassen können. Diese Erkenntnis stellt die konventionelle Abgrenzung zwischen Grammatik und Pragmatik in Frage und deutet darauf hin, dass eine erweiterte Satztypentheorie erforderlich ist, die beide Dimensio‐ nen integriert. 264 8 Die W-Überschrift als Konstruktion <?page no="265"?> 9 Fazit Diese Arbeit hatte das Ziel, mithilfe korpuslinguistischer Methoden die Schnitt‐ stelle zwischen Satztyp und Text am Beispiel der WÜ zu untersuchen, um die funktionale Beziehung zwischen Satztypen und der Textebene anhand des Textsortengebrauchs präzise darzustellen. Dazu wurde der Forschungsstand zur WÜ beleuchtet und offene Ansatzpunkte herausgearbeitet, die sich an der Grenze der Satztypen zur Text- und Diskursebene befinden. An diese offenen Fragen wurde in der Arbeit angeknüpft. Es zeigte sich, dass sich die WÜ als Satztyp aufgrund der Abwesenheit be‐ stimmter Merkmale nicht in ein bestehendes Satztypen-System wie das von Alt‐ mann (1993) einordnen lässt. Zugleich spielt ihre Überschriften-Positionierung eine Schlüsselrolle für das Verständnis dieses Satztyps. Durch eine heuristische Betrachtung der WÜ aus epistemischer Perspektive nach Truckenbrodt (2004) - der einen kompositionellen Blick auf Satztypen bietet - ließ sich zunächst verdeutlichen, wie der Gebrauch der WÜ beim TR eine Erwartungshaltung an den Bezugstext hervorruft. Im Gegensatz zu VC-Interrogativsätzen in Über‐ schriften unterstellen die TR hier dem TP, dass er über das ausreichende Wissen verfügt, um die aufgeworfene Wissenslücke zu schließen. Dies legt nahe, dass WÜ eher mit Textsorten korrelieren, die eine erklärende Funktion besitzen und dem TR Wissen zur Beantwortung einer bestimmten Frage vermitteln. Truckenbrodts (2004) Ansatz diente an dieser Stelle als Brücke, um die Relevanz der Wissensunterstellung bei WÜ zu illustrieren. Der schließlich entwickelte Modellierungsansatz (Kapitel 8) greift diese Idee zwar auf, rückt jedoch das Zusammenspiel von Textposition und Gebrauchsbeschränkungen in den Vor‐ dergrund. Die anschließende Betrachtung der WÜ im Kontext der QUD-Theorie, die an die Forschungsergebnisse von Finkbeiner/ Külpmann (2022) anknüpft, kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Werden Texte als QUD-Diskursbäume nach Riester (2019) aufgefasst, ist der Text selbst als elaborierte Antwort auf die initiale Frage des Baumes zu verstehen (Klein/ von Stutterheim 1992). Dabei lässt sich annehmen, dass Texte im Diskursuniversum vorhandene oder bislang nur latent vorhandene Fragen (PQs) aufgreifen und beantworten. Die Überschrift übernimmt dabei eine Vermittlerfunktion, indem sie die jeweilige Frage im Dis‐ kurs an den Bezugstext koppelt. Da sich WÜ von WV2I in Überschriften durch ihre Art der Frage-Explizierung unterscheiden, indem sie die Frage als nicht kanonische Frage wiedergeben, ermöglicht ihr assertiver Charakter - anders als bei WV2I in Überschriften - eher die Anzeige, dass die Frage im Bezugstext <?page no="266"?> beantwortet wird. Dies spricht ebenfalls für eine Gebrauchspräferenz der WÜ hin zu erklärenden/ aufklärenden Texten, die eine Antwort auf eine bestehende Frage geben. Darauf aufbauend wurden die Hypothesen formuliert, dass der Bezugstext der WÜ die in der Überschrift adressierte Frage beantwortet und eher mit Textsorten einhergeht, die eine erklärende (oder auch kommentierende, ratgebende) Textfunktion besitzen. In Vorbereitung auf die empirische Arbeit wurde eine Betrachtung der Kommunikationssituation von Presse-Überschriften in Online-Portalen vorge‐ nommen, um die kontextuellen und kommunikativen Merkmale zu erfassen, die die textsortenspezifische Verwendung der WÜ begleiten oder beeinflussen. Dabei zeigte sich u.a., dass die TR im Internet besonders ausgeprägte Erwartung an die institutionalisierte Arbeit der Presse besitzen. Die TP müssen in ihren Überschriften vermehrt Anreize zum Lesen schaffen und zugleich Hinweise auf die Funktion und den Inhalt des Bezugstextes geben. Mithilfe einer funktional geprägten Textsortentypologie von Pressetexten auf der Grundlage von Rolfs (1993) Kategorisierung von Gebrauchstextsorten und der Erstellung eines ausgewogenen Überschriften-Korpus konnte schließ‐ lich der textsortenspezifische Gebrauch von WÜ und WV2I in Überschriften kontrastierend untersucht werden. Es ließen sich Gebrauchspräferenzen beider Überschrift-Typen für genau solche Textsorten feststellen, die ein spezifisches Leserinteresse erfordern und darstellender Natur sind. Der Unterschied lag jedoch darin, dass die Gebrauchspräferenzen bei WÜ um einiges stärker ausge‐ prägt waren als bei WV2I, die in der Überschrift verwendet werden. Das heißt, dass WÜ sich besonders gut für Texte eignen wie z.B. Ratgebertexte, die primär Alltagsfragen der Leser adressieren und beantworten, und Berichte, die auf einem Ereignis aufbauend Erklärungen liefern und Zusammenhänge erläutern. WÜ eignen sich entsprechend für Texte, bei denen die TR erwarten, dass Erklä‐ rungen vorgenommen und Wissenslücken gefüllt werden. Weiterhin konnte die Annahme, dass WÜ anders als WV2I in der Überschrift auf die Füllung der eröffneten Wissenslücke im Bezugstext verweisen, empirisch bekräftigt werden, da anders als bei WV2I die Bezugstexte der WÜ eine Antwort auf die adressierte Frage in der Überschrift geben. Mithilfe der gewonnenen empirischen Ergebnisse wurde zuletzt ein kon‐ struktionsgrammatischer Modellierungsansatz für die WÜ entwickelt. Dieser zeichnet sich dadurch aus, dass das Form-Bedeutungs-Paar mit einem externen Kontext-Frame verbunden ist, der u.a. die textsortenspezifischen Gebrauchs‐ präferenzen durch kontextuelle Merkmale beschreibbar machen kann. Die Anbindung des Kontext-Frames ermöglicht es, die Anforderungen der WÜ festzuhalten, die sie aufgrund ihrer Textposition an die Beschaffenheit ihres 266 9 Fazit <?page no="267"?> Kontextes stellt und die sie zur Entfaltung ihrer Bedeutung benötigt. Außerdem wurde deutlich, dass Satztypen auch mit einem positionsanzeigenden Form‐ merkmal beschrieben werden können, das über der Satzebene liegt und die Textposition - in diesem Fall die Verwendung in der Überschrift - anzeigt. Dies verdeutlicht, dass das Illokutionspotenzial von Satztypen nicht immer allein grammatisch determiniert sein muss, sondern auch aus dem Zusammenspiel von grammatischen Merkmalen mit der Textposition heraus entstehen kann. Abschließend können die vier Leitfragen, die zu Beginn der Arbeit gestellt wurden, wie folgt beantwortet werden: Frage F 1 : Worin unterscheidet sich die WÜ von anderen etablierten Satztypen? Antwort A 1 : Die WÜ unterscheidet sich von anderen etablierten Satztypen da‐ durch, dass sie als selbständiger w-VL-Satz ausschließlich in der Überschriften- Position vorkommt und somit kontextgebunden ist. Ihre Verwendung ist eng an den Bezugstext gekoppelt, für den sie in der Überschrift eine spezifische Bedeutung und Funktion erfüllt. Anders als bei etablierten Satztypen wird ihr Illokutionspotenzial nicht rein grammatisch, sondern durch das Zusam‐ menwirken der grammatischen Merkmale mit ihrer Textposition bestimmt. Die WÜ stellt daher besondere Anforderungen an ihren Gebrauchskontext, um ihre Bedeutung entfalten zu können. Diese Anforderungen zeigen sich etwa in einem präferierten Gebrauch in bestimmten Textsorten und einer spezifischen Wissensverteilung zwischen den Kommunikationspartnern (TP, TR). Die WÜ erweitert insofern auch das Verständnis von Satztypen, indem sie ein positionelles Merkmal auf der Textebene einführt, das bisher in der Satztypentheorie nicht berücksichtigt wurde. Diese Erweiterung hat jedoch weitreichende theoretische Konsequenzen: Die traditionelle Satztypenbeschrei‐ bung muss überdacht werden, da sie komplexere Fälle wie die WÜ nicht erfasst. Eine Integration der Textposition als formales Merkmal in die Satztypentheorie würde die Frage aufwerfen, ob auch andere Satztypen durch ihre Position lizenziert werden könnten und wie das Zusammenspiel von grammatischen Merkmalen und der Textposition die Illokutionsfähigkeit beeinflusst. Diese neue Sichtweise könnte zwar die traditionelle Trennung zwischen grammatischen Merkmalen und pragmatischem Gebrauch verwischen, würde aber gleichzeitig eine tiefere Einsicht in komplexe Satztypen wie die WÜ ermöglichen. 9 Fazit 267 <?page no="268"?> Frage F 2 : Wodurch lässt sich die Beschränkung der WÜ auf den Gebrauch in Überschriften erklären? Antwort A 2 : Die Beschränkung der WÜ auf den Gebrauch in Überschriften lässt sich durch ihre nicht-kanonische Frageform und die pragmatischen Effekte erklären, die mit der Kommunikation in Überschriften einhergehen. Ausgehend von der QUD-Theorie ist anzunehmen, dass WÜ eine implizite QUD, die vor dem Aufgreifen in der Überschrift als PQ im Diskurs vorlag, nicht als Frage direkt wiedergeben, sondern sie in besonderer, indirekter Form explizieren. Damit un‐ terscheiden sie sich von kanonischen Fragen wie WV2I in Überschriften, die die Frage unverändert in kanonischer Form wiedergeben. Wenn die Überschriften- Position nun als Möglichkeit gesehen wird, die initiale QUD des Bezugstextes anzuzeigen (s. Kapitel 3.3), so wird deutlich, dass die WÜ als besondere Form der QUD-Explizierung eine andere Funktion für den Bezugstextes erfüllt als eine typische QUD-Explizierung eines WV2I in der Überschrift: Sie verweist auf den Inhalt des Bezugstextes und zeigt explizit an, dass die Wissenslücke, die durch die QUD aufgeworfen wird, im Text geschlossen wird. Die empirische Studie in Kapitel 7.2.2 verdeutlicht diese Unterschiede. Sie zeigt, dass Bezugstexte, die eine WÜ verwenden, die adressierte Frage aus der Überschrift zufriedenstellend beantworten und die Wissenslücke schließen. Im Gegensatz dazu führen Überschriften mit einer kanonischen Frageform wie WV2I in der Überschrift eher dazu, dass die adressierte Frage lediglich thematisiert, aber nicht direkt beantwortet wird. Die Wissenslücke bleibt in diesen Fällen offen und regt eher zur Diskussion an. Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass die WÜ bei TR die spezifische Erwar‐ tung erzeugt, dass der Text eine klare Antwort auf die in der Überschrift adressierte Frage liefern wird. Dies unterscheidet sich grundlegend von der Funktion kanonischer Fragen, die zwar eine thematische Auseinandersetzung signalisieren, aber keine explizite Beantwortung versprechen. In diesem Sinne kann die WÜ als eine Überschriftenform verstanden werden, die den TR darauf hinweist, dass der TP über ausreichendes Wissen verfügt, um die aufgezeigte Frage zufriedenstellend zu beantworten. Historisch betrachtet scheint die WÜ in der Überschriften-Kommunikation als eine Alternative zu kanonischen Fragen gewachsen zu sein. Sie wird gezielt vom TP eingesetzt, um den TR zu vermittelt, dass er über ausreichend Wissen verfügt, um eine adressierte Frage zu beantworten, und bereit ist, dieses Wissen mit den TR zu teilen. 268 9 Fazit <?page no="269"?> Frage F 3 : Liegt bei den WÜ eine Bindung an spezifische Textsorten vor, durch die sich pragmatische Effekte erklären lassen? Antwort A 3 : Auf der Grundlage der durchgeführten Korpusuntersuchung in Online-Pressetexten konnte eine deutliche Gebrauchspräferenz der WÜ für Textsorten festgestellt werden, die eine darstellende Zielerreichungsweise ver‐ folgen und ein spezifisches Leserinteresse voraussetzen. Als Textsorten, mit denen WÜ frequent einhergehen, sind insbesondere Berichte zu nennen, die Diskursereignisse erörtern, erklären und diskutieren, und Ratgebertexte, die problembewältigender Natur sind. Alle hochpräferierten Textsorten haben die Gemeinsamkeit, dass sie eine aufklärende Funktion besitzen und von einem spezifischen Leserinteresse ausgehen anstatt von einem generellen Leserinte‐ resse, das allgemein beim Rezipieren von Pressemedien anzunehmen ist. Dabei hebt sich ein spezifisches Leserinteresse von einem generellen Leserinteresse insofern ab, dass es auf Wissenslücken zu bereits etablierten öffentlichen Diskursen basiert oder aus Fragen zu spezifischen Themen im Umfeld des TR. Das Interesse ist als Wunsch nach der Füllung einer Wissenslücke bzw. der Beantwortung einer Frage zu verstehen. Die präferiert verwendeten Textsorten der WÜ besitzen genau so eine aufklärende Funktion, bei der das Leserinteresse gestillt wird: Sie schließen Wissenslücken und erweitern den Wissensbestand. Nun konnte ebenfalls gezeigt werden, dass auch WV2I in Überschriften eine ähnliche Gebrauchspräferenz für diese Textsorten besitzen, was daran liegen mag, dass beide Überschriften eine Frage adressieren. Beide Überschriften gehen also mit Texten einher, die eine aufklärende Funktion besitzen. Die empirischen Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass eher die Bezugstexte mit einer WÜ auch tatsächlich diese aufklärende Funktion erfüllen, indem sie die adressierte Frage aus der Überschrift beantworten. Dies ist bei WV2I in der Überschrift nicht der Fall. Die Fragen werden nicht beantwortet, sondern vielmehr selbst zum Thema gemacht. Dies spricht dafür, dass die unterschiedliche Explizierung der Frage in WÜ anders als in WV2I in Überschriften eher darauf verweist, dass der Bezugstext seine erklärende Funktion einlöst und die Frage beantwortet. Zugleich wird aber auch signalisiert, dass der TP über das notwendige Wissen hierfür verfügt. Zusammenfassend lässt sich die Frage F 3 daher bejahen: Ja, die WÜ zeigt eine klare Bindung an spezifische Textsorten, und diese Bindung lässt sich durch pragmatische Effekte erklären. Die nicht-kanonische Frageform der WÜ in der Überschrift weckt beim TR die Erwartungshaltung, dass eine Beantwortung der in der Überschrift adressierten Frage im Text stattfindet. Diese wird allerdings präferiert nur von solchen Textsorten erfüllt, die eine aufklärende Funktion haben. 9 Fazit 269 <?page no="270"?> Frage F 4 : Wie kann eine potenzielle Schnittstelle zwischen Satztyp und Textsorte theoretisch modelliert werden? Antwort A 4 : WÜ lassen sich konstruktionsgrammatisch als Konstruktion mit einem Positionsmerkmal auf der Formseite und einem externen Kontext-Frame beschreiben. Der konstruktionsgrammatische Ansatz bietet hierbei gegenüber einem projektionistischen Ansatz entscheidende Vorteile. Während ein projek‐ tionistischer Ansatz die Bedeutung und Funktion von Satztypen an spezifische Formmerkmale bindet, ermöglicht der konstruktionsgrammatische Ansatz eine flexiblere und umfassendere Beschreibung. Dieser Ansatz berücksichtigt die Bedeutung der WÜ nicht nur anhand eines einzelnen Formmerkmals, sondern im Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Die Integration der Gebrauchspräferen‐ zen als Kontext-Frame spielt dabei eine entscheidende Rolle, da hiermit die Anforderungen an den Kontext erfasst werden können, die die WÜ stellt, um ihre Bedeutung und Funktion entfalten zu können. Der Beschreibungsansatz von Östman (2005; 2015) bietet eine adäquate Möglichkeit, einen solchen Kontext in Form eines externen Frames an die Konstruktion zu binden und in ein Konstruktionsnetzwerk zu integrieren. Das entwickelte Modell für die Repräsentation der WÜ schlägt den folgenden Aufbau vor: Der Kontext-Frame enthält die Merkmale des Sprach-, Situations- und Wissenskontextes und ist als externer Frame mit der Konstruktion ver‐ bunden. Diese Merkmale zeigen die Gebrauchspräferenzen der Konstruktion an. Dazu gehören u.a. die bevorzugten Textsorten (z.B. darstellende Zieler‐ reichungsweise, Vorbedingung eines Leserinteresses) und die epistemische Vorbedingung der Wissensverteilung (TP weiß etwas, was TR nicht weiß). Die Darstellung der WÜ als Konstruktion ermöglicht es außerdem, Merkmale, die auf der Textebene liegen, sowohl auf der Formals auch auf der Bedeutungsseite zu erfassen. So kann die Positionierung in der Überschrift auf der Formseite der Konstruktion festgehalten werden, während die verweisende Funktion auf den Bezugstext als Antwort auf die adressierte Frage auf der Bedeutungsseite liegt. Die Beantwortung der vier Fragen zeigt, dass die WÜ die derzeit etablierte formale Beschreibung von Satztypen, die vornehmlich auf grammatische Merk‐ male fokussiert ist, herausfordert. Mit der WÜ kann demonstriert werden, dass die kontextuelle Positionierung innerhalb des Textes (als konstitutiven Merkmal des Satztyps) maßgeblich zur Bildung des illokutiven Potenzials beiträgt. Erst durch ihre Bindung an die Überschriftenposition erhält die WÜ ihre spezifische Funktion und Bedeutung im Bezugstext. Der Einbezug eines Positionsmerkmals würde die Möglichkeit eröffnen, auch bisher unbekannte Satztypen zu erfassen, deren Selbstständigkeit erst durch die Stellung im oder in Bezug auf den Text entsteht. Ein solches Merkmal bleibt jedoch bislang im Forschungsdiskurs 270 9 Fazit <?page no="271"?> weitgehend unbeachtet, da es in den Bereich der Pragmatik hineinragt. Im Kontext der WÜ wird die Grenze zwischen Grammatik und Pragmatik deutlich dynamischer, da die Überschriftenposition spezifische Erwartungen an den Text stellt, die über die rein grammatische Ebene hinausgehen. Dies eröffnet die Möglichkeit, Satztypen nicht nur als rein syntaktische Konstruktionen zu betrachten, sondern auch ihre Funktion im Kommunikationskontext stärker einzubeziehen. Eine tiefgehende Untersuchung der Schnittstelle zwischen Satz‐ typ und Text könnte zu einem tiefergehenden Verständnis von Satztypen führen, die eng mit ihrer textlichen Umgebung verknüpft sind. Zukünftige Forschungen könnten sich auf Satztypen konzentrieren, die nur in bestimmten Textpositionen auftreten, und dabei die komplexen Interaktionen zwischen formalen und pragmatischen Merkmalen weiter untersuchen. So könnte die Satztypentheorie in neuen, bisher wenig erforschten Bereichen erweitert werden, was zu einer präziseren Erfassung und Beschreibung von Satztypen wie der WÜ führt. Weiterhin verdeutlicht die WÜ, dass TP und TR Umdeutungsprozesse durch‐ laufen müssen, um Satztypen - auch grammatisch determinierte - in der Über‐ schriften-Position verstehen zu können. Die Frage ist jedoch, welche Prozesse sich hier konkret beschreiben lassen können. Eine Grundlage, um eine solche Frage zukünftig zu beantworten, bietet das erstellte Überschriften-Korpus. Mithilfe der entwickelten Annotationsrichtlinien (Anhang 1) kann das Korpus erweitert werden, um die Textsortenzugehörigkeit der Bezugstexte weiterer Satztypen in Überschriften konsistent zu annotieren. So wäre es möglich, andere Satztypen zu filtern und ihre textsortenspezifischen Gebrauchspräferenzen empirisch zu untersuchen. Darüber hinaus könnte das Korpus in Zukunft durch eine genauere Differenzierung der Kategorie keinText erweitert werden. Diese Kategorie umfasst bisher Presseartikel, die keiner Textsorte zugeordnet werden können, da ihre Inhalte primär aus Medien wie Videos oder Bilderstrecken bestehen. Solche Medien erfüllen jedoch ebenfalls spezifische kommunikative Funktionen, die in der derzeitigen Textsortentypologie nicht berücksichtigt wurden, da sie sich nicht um klassische Textinhalte, sondern um komplexere Medieninhalte handeln. Eine differenziertere Untersuchung dieser Kategorie könnte aufschlussreiche Ergebnisse darüber liefern, ob sich WÜ oder andere Satztypen in Überschriften anders verhalten, wenn der Artikel primär aus Videos besteht. Weicht die funktionale Beziehung der WÜ zu solchen Artikeln von der in Texten ab, oder bleibt sie identisch? Eine feinere Kategorisierung der Nicht-Text-Inhalte könnte diese Fragen klären und wertvolle Erkenntnisse über die Verwendung von WÜ in verschiedenen Medienformen liefern. Hinsichtlich der kataphorischen Funktion der WÜ, die auf den Bezugstext als Antwort auf die initiale QUD im Diskurs verweist, wären weiterführende 9 Fazit 271 <?page no="272"?> Untersuchungen sinnvoll, um die Ergebnisse dieser Arbeit zu untermauern. Im empirischen Teil wurde lediglich ein vergleichsweise kleiner Datensatz daraufhin analysiert, ob die in der Überschrift aufgezeigte Wissenslücke im Be‐ zugstext geschlossen wird oder nicht. Eine Ausweitung dieser Analyse auf einen größeren Datensatz und unter Einbeziehung mehrerer Annotatoren könnte zu einer tiefergehenden Validierung der bisherigen Ergebnisse führen. Darüber hinaus wäre eine ergänzende Fragebogenstudie unter TR nützlich, um die Erwartungshaltung gegenüber WÜ und WV2I in Überschriften zu untersuchen. Dies könnte klären, ob TR in der WÜ tatsächlich eine Verweisfunktion sehen, die darauf hindeutet, dass der Bezugstext die adressierte QUD beantwortet. Eine solche Studie ist besonders empfehlenswert, da eine rein korpusgetriebene Methodik die introspektive Fragestellung zur Erwartungshaltung der TR nicht umfassend beantworten kann. Abschließend betrachtet verdeutlicht die vorliegende Untersuchung, dass die WÜ ein besonderer Satztyp ist, der dazu beitragen kann, die Grenze zwischen Satztypen und der Textebene besser zu verstehen. Sie verdeutlicht, dass die Textposition, wie die der Überschrift, als Schnittstelle zwischen Satztyp und Text neue Forschungsperspektiven eröffnet. Gleichzeitig wirft ihre Betrachtung aber auch tiefgreifende Fragen zur Abgrenzung und Auffassung von Grammatik und Pragmatik auf. Die WÜ zeigt jedoch einen möglichen Weg hin zu einer stärker kontext- und gebrauchsorientierten Sichtweise auf Satztypen. 272 9 Fazit <?page no="273"?> Literaturverzeichnis Fachliteratur Adamzik, Kirsten (2008): Textsorten und ihre Beschreibung. In: Janich, Nina (Hrsg.): Textlinguistik. 15 Einführungen. Tübingen: Narr, 145-175. Altmann, Hans (1987): Zur Problematik der Konstitution von Satzmodi als Formtypen. In: Meibauer, Jörg (Hrsg.): Satzmodus zwischen Grammatik und Pragmatik. Tübingen: Niemeyer, 22-56. 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Grundsätzliches 2. XML-Elemente, Attribute und Wertebereiche - 2.1. <article>-Element - - 2.1.1. <elementID>-Attribut - - 2.1.2. <title>-Attribut - - 2.1.3. <creator>-Attribut - - 2.1.4. <pubDate>-Attribut - - 2.1.5. <ressort>-Attribut - - 2.1.6. <category>-Attribut - - 2.1.7. <kicker>-Attribut - - 2.1.8. <textType>-Attribut - - 2.1.9. <source>-Attribut - - 2.1.10. <comment>-Attribut - 2.2. <headline>-Element - 2.3. <headlinePart>-Element - - 2.3.1. <verbPlacement>-Attribut - - 2.3.2. <complexity>-Attribut - - 2.3.3. <quote>-Attribut - 2.4. <token>-Element - - 2.4.1. <pos>-Attribut - - 2.4.2. <lemma>-Attribut - - 2.4.3. <indicator>-Attribut 3. Arbeitsablauf 4. Mögliche Fragen und Uneindeutigkeiten 5. Textmerkmale Journalistische Textsorten (Entscheidungshilfe) <?page no="286"?> 1. Grundsätzliches Das Korpus beinhaltet Überschriften aus 19 verschiedenen Online-Präsenzen deutscher Zeitungen und Zeitschriften. Hierunter sind sowohl Tageszeitungen als auch themenspezifische Zeitschriften vertreten. Das Korpus zielt darauf ab, eine möglichst breite Masse an Presse-Überschrif‐ ten aus dem Online-Bereich zu sammeln und mit syntaktischen, pragmatischen und textuellen Merkmalen auszuzeichnen. Die vorliegenden Rohdaten sind z. T. aufgrund der Metadaten aus den Online-Quellen automatisch vorannotiert, müssen jedoch manuell geprüft und ggf. händisch nachgetragen werden. Der Aufbau eines Artikel-Eintrags in den ausgelieferten xml-Dateien ent‐ spricht dem folgenden Schema: <article title="Was ab heute neu bei GZSZ ist! " textType="Bericht" subject="Gegen‐ stand" source="https: / / www.bild.de/ unterhaltung/ tv/ tv/ gzsz-neuerung-ab-montagabendim-tv-zu-sehen60599566.bild.html" ressort="Unterhaltung" pubDate="11.03.2019" ki‐ cker="Fans, aufgepasst" elementID="BILD.11.03.2019.23" creator="" comment="Liste " category="Meldung"> - <headline> - - <headlinePart verbPlacement="VL" quote="Nein" complexity="Einfach"> - - - <token pos="PWS" lemma="was" indicator="WAP">Was</ token> - - - <token pos="ADV" lemma="ab" indicator="">ab</ token> - - - <token pos="ADV" lemma="heute" indicator="">heute</ token> - - - <token pos="ADJD" lemma="neu" indicator="">neu</ token> - - - <token pos="APPR" lemma="bei" indicator="">bei</ token> - - - <token pos="NE" lemma="GZSZ" indicator="">GZSZ</ token> - - - <token pos="VAFIN" lemma="sein" indicator=" ">ist</ token> - - - <token pos="$." lemma="! " indicator="">! </ token> - - </ headlinePart> - </ headline> </ article> 2. XML-Elemente, Attribute und Wertebereiche Die xml-Struktur des Korpus nutzt Elemente und Attribute für die unterschied‐ lichen Auszeichnungsebenen. Grundsätzlich werden zwischen optionalen und obligatorischen Attributen unterschieden, die mit Werten gefüllt werden müs‐ 286 Anhang <?page no="287"?> sen oder nicht. Für bestimmte Attribute kann ein Wertebereich definiert sein, aus dem der entsprechende Wert verwendet werden muss. Die folgende Auflis‐ tung erklärt die einzelnen Elemente und Attribute. 2.1. <article>-Element Element <article> Parent: <corpus> Child: <headline> Attribute: • category • creator • subject • elementID • kicker • pubDate • ressort • source • textType • title • comment Erklärung: Element, welches alle Attribute bzgl. des Textes (Artikels) besitzt. 2.1.1. <elementID>-Attribut Verwendet von: <article> Bezeichnung: <elementID> Füllung: obligatorisch Wertebereich: - Erklärung: Für die Kennzeichnung einer eindeutigen ID (unique id) des Arti‐ kels in der Form [Korpus].[TT].[MM].[ JJJJ].[lauf. Nr.] Code-Beispiele: <article elementID = "SPIEGEL.01.04.2019.1"> <article elementID = "BENTO.13.03.2019.13"> Anhang 1: Annotationsrichtlinien Überschriften-Korpus 287 <?page no="288"?> 2.1.2. <title>-Attribut Verwendet von: <article> Bezeichnung: <title> Füllung: obligatorisch Wertebereich: - Erklärung: Die Überschrift, so wie sie im Artikel verwendet wird. Soll ein ge‐ naues Abbild des Originals sein, weshalb folgende orthografische Merkmale übernommen werden sollen: • Groß- und Kleinschreibung, wie auch BinnenGroßschreibung und Binnen.Interpunktion • Orthografische Zeichen wie bspw. Auslassungspunkte (…), Anführungszeichen („“), Trennstriche (-) oder Parenthesen ([], ()) • Diakritische Zeichen wie bspw. Punkt (ḍ), Makron (ā) oder Schrägstrich (ø) • Typografische Satzzeichen wie bspw. Copyright-Symbol (©) oder Herzen (♥) • Fehlerhafte Orthografie soll nicht korrigiert werden Code-Beispiele: <article title = "Warum DAS gar nicht gut ankommt …"> <article title = "Was, wenn der Chaos-Brexit wirklich kommt? "> <article title = "Warum Aprilia gegen Ducati protestiert: ‚Uns wurde ähnliches Teil verboten‘"> 2.1.3. <creator>-Attribut Verwendet von: <article> Bezeichnung: <creator> Füllung: optional Wertebereich: - Erklärung: Der Urheber bzw. Ersteller des Artikels. Hierzu zählen Autor(en), Redaktionen, Presseagenturen, usw. Wenn es keine Hinweise auf den Texturheber gibt, kann das Attribut leer bleiben. Wenn mehr als ein Urheber genannt wird, wird ein Semikolon (; ) als Separator verwendet. Bei Nennungen von Namen wird zuerst der Vorname, dann der Nachname genannt. Code-Beispiele: <article creator = "Reuters"> <article creator = "Tobias Rabe"> <article creator = "FAZ.NET; Reuters"> <article creator = "Tobias Rabe; Gerald Braunberger"> 288 Anhang <?page no="289"?> 2.1.4. <pubDate>-Attribut Verwendet von: <article> Bezeichnung: <pubDate> Füllung: obligatorisch Wertebereich: - Erklärung: Datum, an dem der Artikel veröffentlicht wurde, im Format TT.MM.JJJJ Code-Beispiele: <article pubDate = "21.01.2019"> <article pubDate = "01.04.2019"> 2.1.5. <ressort>-Attribut Verwendet von: <article> Bezeichnung: <ressort> Füllung: obligatorisch Wertebereich: - Erklärung: Ressort, in dem der Artikel von der zuständigen Online-Redaktion verortet wurde. Ressort-Typologien unterscheiden sich in den Online-Quelle voneinander und sind daher nicht einheitlich. Code-Beispiele: <article ressort = "Wirtschaft"> <article ressort = "Royals"> <article ressort = "LOL"> 2.1.6. <category>-Attribut Verwendet von: <article> Bezeichnung: <category> Füllung: obligatorisch Wertebereich: - Erklärung: Rubrik bzw. thematische Kategorie, die für den Artikel von der zuständigen Online-Redaktion verwendet wurde. Rubrik-Typolo‐ gien unterscheiden sich in den Online-Quellen voneinander und sind daher nicht einheitlich. Anhang 1: Annotationsrichtlinien Überschriften-Korpus 289 <?page no="290"?> Code-Beispiele: <article category = "Ausland"> <article category = "Kino"> <article category = "Skandinavische Königshäuser"> 2.1.7. <kicker>-Attribut Verwendet von: <article> Bezeichnung: <kicker> Füllung: optional Wertebereich: - Erklärung: Die Dachzeile, die als Aufhänger für die Überschrift verwendet wird. Soll genau wie die Überschrift ein genaues Abbild des Origi‐ nals sein, weshalb folgende orthografische Merkmale zwingend übernommen werden sollen: • Groß- und Kleinschreibung, wie auch BinnenGroßschreibung und Binnen.Interpunktion • Orthografische Zeichen wie bspw. Auslassungspunkte (…), Anführungszeichen („“), Trennstriche (-) oder Parenthesen ([], ()) • Diakritische Zeichen wie bspw. Punkt (ḍ), Makron (ā) oder Schrägstrich (ø) • Typografische Satzzeichen wie bspw. Copyright-Symbol (©) oder Herzen (♥) • Fehlerhafte Orthografie soll nicht korrigiert werden Code-Beispiele: <article kicker = "Terror in Neuseeland"> <article kicker = "Flächendeckende Versorgung? "> <article kicker = "iPhone 2019"> 2.1.8. <textType>-Attribut Verwendet von: <article> Bezeichnung: <textType> Füllung: obligatorisch Wertebereich: • Meldung • Bericht • Feature • Ratgebertext • Anleitung • Reportage • Interview 290 Anhang <?page no="291"?> • Kolumne • Kommentar • Glosse • Rezension Erklärung: Journalistische Textsorte, die dem Artikel zuzuordnen ist. Bei der Erfassung der Textsorte spielen diverse Merkmale wie bspw. The‐ menentfaltung, Aktualität, Textlänge, Dialogizität, Präsenz des Text‐ produzenten, Subjektivität, etc. eine Rolle. In Kapitel-5 findet sich eine ausführliche Tabelle mit Merkmalstendenzen und Beispielen. Folgende grobe Definitionen für die Textsorten sind wie folgt: • Meldung: (deskriptiv) oft kurz und prägnant, beantwortet w-Fragen, objektiv, aktuell • Bericht: (deskriptiv) lang und ausführlich, keine subjektive Wertung, erklärt Zusammenhänge zum betrachteten Objekt • Feature: (explikativ) Szenischer Einstieg als Beispiel eines Sachverhalts, ähnlich wie Bericht Erklärung eines Sachver‐ halts, Textproduzent eher im Hintergrund (anders als beim Feature • Ratgebertext: (explikativ) erklärender Text über Fakten, Service‐ orientiert, soll dem Leser einen Mehrwert bieten, indem (Hand‐ lungs-)Empfehlungen direkt oder indirekt gemacht werden • Anleitung: (deskriptiv) Anweisungen zu einem Vorgehen, kann listenförmig sein (Schritt-für-Schritt), instruktionaler Text • Reportage: (narrativ) subjektive Eindrücke werden wieder‐ gegeben, szenische Aufbereitung, Wechsel von Fakten und Erzählung, der Textproduzent kann klassischerweise im Vor‐ dergrund stehen, muss es aber nicht • Interview: (narrativ) Frage-Antwort-Paare, Dialog findet statt, Textproduzent steht als Interviewer im Vordergrund • Kolumne: (-) regelmäßig erscheinender Text (Serie), häufig vom selben Textproduzenten, behandelt ein konkretes Thema (Politik, Alltag, Gesellschaft…), Thema kann auch privater Natur sein, Textproduzent kann sich im Vordergrund oder Hintergrund positionieren, meinungsbetont/ subjektiv, sehr variantenreich, kann sich auch der Form von anderen Textsor‐ ten bedienen (z.B. Interview des Textproduzenten mit sich selbst, Kommentar mit argumentativen Abschnitten, Glosse mit Überspitzungen und sprachlichem Spiel). • Kommentar: (argumentativ) subjektiv, monologisch, stellt Meinung des Textproduzenten dar, oft auf aktuelles Ereignis bezogen • Glosse: (argumentativ) stellt Meinung des Textproduzenten durch satirische Mittel und überzogener Sprache dar • Rezension: (argumentativ) Darstellung und Bewertung eines Gegenstands anhand seiner Eigenschaften (subjektiv, objektiv und/ oder messbar), z.B. Bücher, Bilder, Filme, Theaterauffüh‐ rungen, Musik, Konzerte, Hardware, Software, … Code-Beispiele: <article textType ="Meldung"> <article textType ="Reportage"> <article textType ="Kommentar"> Anhang 1: Annotationsrichtlinien Überschriften-Korpus 291 <?page no="292"?> 2.1.9. <source>-Attribut Verwendet von: <article> Bezeichnung: <source> Füllung: obligatorisch Wertebereich: - Erklärung: URL, die auf die Online-Quelle des Artikels verlinkt: Code-Beispiele: <article source = "https: / / www.gala.de/ royals/ skandinavier/ maerthalouise-vonnorwegen--sie-arbeitet-jetzt-als-hellseherin22024498.html… "> 2.1.10. <comment>-Attribut Verwendet von: <article> Bezeichnung: <comment> Füllung: optional Wertebereich: - Erklärung: Optionaler Platz für Kommentare bzgl. der Annotierung oder Hinweise auf aufgetretene Schwierigkeiten. Kommentar kann als Fließtext oder stichwortartig verfasst sein. Bitte hier möglichst präzise und kurz ausdrücken. Code-Beispiele: <article comment = "Seite/ URL nicht erreichbar"> <article comment ="Artikel ist ein Video"> 2.2. <headline>-Element Element <headline> Parent: <article> Child: <headlinePart> Attribute: - Erklärung: Element, welches die Teile (Sätze) der Überschrift vereint 292 Anhang <?page no="293"?> 2.3. <headlinePart>-Element Element <headlinePart> Parent: <headline> Child: <token> Attribute: • verbPlacement • complexity • quote Erklärung: Element, welches alle Attribute bzgl. eines Teils (Satzes) einer Überschrift (headline) besitzt. 2.3.1. <verbPlacement>-Attribut Verwendet von: <headlinePart> Bezeichnung: <verbPlacement> Füllung: obligatorisch Wertebereich: • V1 • V2 • VL • keinVerb Erklärung: Stellung des finiten Verbs im Satz: • V1 = Verb-Erststellung • V2 = Verb-Zweitstellung • VL = Verb-Letztstellung • keinVerb = Kein finites Verb vorhanden Code-Beispiele: <headlinePart verbPlacement = "V1"> <headlinePart verbPlacement = "V2"> <headlinePart verbPlacement = "keinVerb"> 2.3.2. <complexity>-Attribut Verwendet von: <headlinePart> Bezeichnung: <complexity> Typ: String Füllung: obligatorisch Anhang 1: Annotationsrichtlinien Überschriften-Korpus 293 <?page no="294"?> Wertebereich: • Koordination • Subordination • Einfach • Nichtsatz Erklärung: Komplexität der Überschrift bzw. des Satzes in der Überschrift. Im Falle eines komplexen Satzes wird zwischen den Fällen Koor‐ dination und Subordination unterscheiden. Folgende Werte sind zu verwenden: • Koordination: Nebenordnung zweier Teilsätze • Subordination: Unterordnung eines Teilsatzes • Einfach: Selbständiger Satz mit nur einem finiten Verb • Nichtsatz: Satz mit Auslassung von Satzteilen (oft Auslassung des Verbs oder unvollständige Realisierung der Verbvalenz) (z.B. Terrorangriff in Sri Lanka oder er weiß) Code-Beispiele: <headlinePart complexity = "Koordination"> <headlinePart complexity = "Einfach"> <headlinePart complexity = "Nichtsatz"> 2.3.3. <quote>-Attribut Verwendet von: <headlinePart> Bezeichnung: <quote> Füllung: obligatorisch Wertebereich: • ja • nein Erklärung: Markierung, ob der Überschriftenteil ein Zitat ist oder in ihm ein Zitat verwendet wird. Mögliche Fälle: • Komplettes Zitat: „Endlich können mich meine Fans als Ulrike erleben“ • Eingebettetes Zitat: „Er ist der Meinung, dass „kleine Summen beim Investieren keinen Unterschied machen“ Code-Beispiele: <headlinePart quote = "Ja"> <headlinePart quote = "Nein"> 2.4. <token>-Element Element <token> Parent: <headline> Child: - 294 Anhang <?page no="295"?> Attribute: • pos • lemma • indicator Erklärung: Element, welches alle Attribute bzgl. der Token aus dem Über‐ schriftenteil (headlinePart) des Artikels besitzt. 2.4.1. <pos>-Attribut Verwendet von: <token> Bezeichnung: <pos> Füllung: obligatorisch Wertebereich: Entsprechend des STTS-Tagsets Erklärung: Wortart für den entsprechenden Token aus dem Überschriftenteil. Verwendetes Tagset ist das Tübinger Tagset STTS • Dokumentation: http: / / www.sfs.uni-tuebingen.de/ resources/ stts-1999.pdf • Überblick: https: / / www.ims.uni stuttgart.de/ forschung/ resso urcen/ lexika/ TagSets/ stts-table.html Code-Beispiele: <token pos = "VAPP"> <token pos = "PWAV"> <token pos = "KOUS"> 2.4.2. <lemma>-Attribut Verwendet von: <token> Bezeichnung: <lemma> Füllung: obligatorisch Wertebereich: - Erklärung: Lemmatisierte Form des Tokens aus dem Überschriftenteil. Code-Bei‐ spiele: <token lemma = "laufen"> <token lemma = "schützen"> <token lemma = "dies"> Anhang 1: Annotationsrichtlinien Überschriften-Korpus 295 <?page no="296"?> 2.4.3. <indicator>-Attribut Verwendet von: <token> Bezeichnung: <indicator> Füllung: optional Wertebereich: • WAP • WAA • MP • SU Erklärung: Illokutionsindikatoren, die in der Überschrift auftreten, und mit dem entsprechenden Tag markiert werden. Folgende Tags sollen hierfür verwendet werden: • WAP = pronominaler w-Ausdruck oder Teil eines pronomi‐ nalen w-Ausdrucks (wer, wem, wen, wessen, was, welch-, …), zugehörige Präpositionen und Substantive/ Nomen wer‐ den ebenfalls markiert, z.B. durch wessen Schuld oder mit welchem Ausdruck • WAA = adverbialer w-Ausdruck oder Teil eines adverbialen w-Ausdrucks (warum, weshalb, weswegen, wann, wie, wieso, inwieweit, inwiefern, wieviel, wievielt-, wo, woher, wohin, wobei, woraus, wodurch, worin, wofür, worüber, wogegen, worum, wohinter, worunter, womit, wovon, wonach, wovor, woran, wozu, woraufhin, wozwischen, …), zugehörige Adjek‐ tive bei wie werden ebenfalls markiert, z.B. (wie groß oder wie bitter) • MP = Modalpartikel (ja, eben, halt, auch, doch, schon, denn, etwa, nur, bloß, aber, vielleicht, wohl, denn, doch, eben, halt, schon, mal, gar, rein, eh, eben) • Zu beachten: Modalpartikel sind nicht vorfeldfähig, können nicht negiert werden und nicht allein als Antwort auf eine Frage verwendet werden. Vorsicht ist geboten, da Modalpar‐ tikel Homonyme in anderen Wortarten haben, so bspw. viel‐ leicht als Satzadverb. • Bsp Modalpartikel: Das Kleid ist vielleicht schön. Das ist ja toll! • Bsp kein Modalpartikel: Vielleicht gehe ich ins Bett. Ja, das wäre gut. • SU = Subjunktion (dass, ob, als ob, nachdem, zumal, indem, außer, damit, obwohl, sodass, wohingegen, während, …) • Zu beachten: Subjunktionen ordnen Nebensätze oder Infini‐ tivphrasen unter. Jedoch können sie auch in selbständigen (Neben-)Sätzen am Satzanfang auftreten. Code-Bei‐ spiele: <token indicator = "WAP"> <token indicator = "WAA"> 296 Anhang <?page no="297"?> 3. Arbeitsablauf Der Ablauf wird für die Annotatoren von den durchführenden Personen des Projekts organisiert und wird in den folgenden Schritten ablaufen: 1. Annotatoren erhalten ein Set an xml-Dateien für die zu annotierenden Artikel 2. Annotatoren zeichnen die erhaltenen xml-Dateien anhand der Annotati‐ onsrichtlinien aus und prüfen die bisherigen Einträge bzw. korrigieren diese bei Fehlern. 3. Annotatoren senden nach Vereinbarung die annotierten xml-Dateien per Mail wieder zurück. 4. Mögliche Fragen und Uneindeutigkeiten 1. Frage: Was muss ich machen, wenn der Artikel kein Text ist (z.B. Video, reine Bilderstrecke ohne Text, Comicstrip)? Antwort: Bei anderen Medientypen ist anzugeben, welche Art von Me‐ dium/ welcher Art der Umsetzung verwendet wird. Die häufigsten Fälle sind hier genannt: Video, reine Bilderstrecke, Comic, Karikatur, etc. Der Wert für das Attribut <textType> bleibt in diesem Fall leer, aber unter dem Attribut <comment> wird die Medienform eingetragen. 2. Frage: Was muss ich machen, wenn der Artikel nicht eindeutig einem der angegebenen Textsorten entspricht? Antwort: Grundsätzlich muss ein Wert für das Attribut <textType> einge‐ tragen werden. Wenn es Zweifelsfälle gibt bzw. starke Unentschlossenheit herrscht, muss sich zwar für ein Wert bzw. eine Textsorte entschieden werden, aber unter dem Attribut <comment> kann kurz genannt werden, dass es eine starke Unsicherheit gab; vorzugsweise in folgender Form: „Textsorte sehr uneindeutig, weil …“. Bitte auch in diesem Fall kurzhalten. 3. Frage: Was muss ich machen, wenn der Artikel ein Advertorial bzw. von einem Geldgeber gesponsort/ beauftragt ist? Antwort: Unter dem Attribut <comment> muss in diesem Fall der Wert „Advertorial“ eingetragen werden. 4. Frage: Was muss ich machen, wenn der Artikel bzw. der Inhalt des Artikels von einer anderen Seite bzw. einer anderen Redaktion stammt? Antwort: Unter dem Attribut <comment> muss in diesem Fall der Wert „Fremdcontent“ eingetragen werden. Festzustellen ist dies oftmals an Markierungen „Inhalt wird bereitgestellt durch XXX“. 5. Frage: Was muss ich machen, wenn der Artikel eine Bilderstrecke, eine Auflistung von Fakten, eine Topliste, o.ä. ist? Anhang 1: Annotationsrichtlinien Überschriften-Korpus 297 <?page no="298"?> Antwort: Wenn Artikel eine reine Auflistung von Textblöcken mit mind. drei Punkten und gleichem Muster ist (z.B. Fakten, Kommentare zu Bildern) oder eine listenartige Form besitzen (Überschriften stets im selben syntak‐ tischen Muster und eine FAQ-artige Gestaltung besitzen, dann ist ein Wert unter <textType> einzugeben und unter dem Attribut <comment> wird „Liste“ eingetragen. Beispiel: Bei einer Topliste mit dem Titel „Warum das die Top-5 Filme im Sommer 2019 werden“ wäre je nach Textmerkmalen bspw. die Textsorte „Ratgebertext“ einzutragen und unter dem Attribut <comment> der Wert „Liste“. Wenn der Artikel eine reine Bilderstrecke ohne Text ist, wird wie bei Frage 1 (s.o.) verfahren: Der Wert für das Attribut <textType> bleibt leer, aber unter dem Attribut <comment> wird die Medienform „Bilderstrecke“ eingetragen. Bei sehr uneindeutigen Formen ist ähnlich wie in Frage 2 zu verfahren, nur muss der Kommentar um die Nennung der „Liste“ erweitert werden: Der Wert für das Attribut <text‐ Type> wird nach bestem Gewissen unter der Zuhilfenahme der Merkmale gemacht und unter dem Attribut <comment> wird „Liste; Textsorte sehr uneindeutig, weil …“ eingetragen. 6. Frage: Was muss ich machen, wenn der Artikel ein Newsticker zu einem besonderen Ereignis (z.B. Terroranschlag) oder Live-Ticker bei Fußballre‐ portagen ist? Antwort: Wenn Artikel eindeutig den Charakter von einem Live-Ticker haben, d.h. listenartig TextUpdates bereitstellt, wird der Wert <textType> nach bestem Gewissen unter der Zuhilfenahme der Merkmale eintragen (z.B. bei Nachrichten zu einem Terroranschlag „Meldung“, bei Sportüber‐ tragungen „Reportage“. Zudem ist unter dem Attribut <comment> „Ticker“ einzutragen. 298 Anhang <?page no="299"?> 5. Textmerkmale Journalistische Textsorten (Entscheidungshilfe) Textsorte Thematische Entfaltung Objektivität Wertung Monologizität Szenische Aufbereitung Präsenz Textproduzent Detailgrad an Informationen Lange Texte Aktualität Meldung deskriptiv + - + - - +/ - - + Bericht deskriptiv + - + - - + + +/ - Feature explikativ +/ - +/ - +/ - + - +/ - +/ - +/ - Anleitung deskriptiv + - + - - + +/ - +/ - Ratgeber‐ text explikativ + - +/ - +/ - - + + +/ - Reportage narrativ +/ - +/ - +/ - + + + +/ - +/ - Interview narrativ +/ - +/ - - +/ - + +/ - +/ - +/ - Kolumne - +/ - +/ - +/ - +/ - + - +/ - +/ - Kommen‐ tar argumentativ +/ - + +/ - +/ - +/ - - +/ - + Glosse argumentativ - + +/ - +/ - + - - +/ - Rezension argumentativ +/ - + +/ - +/ - +/ - +/ - +/ - +/ - Diese Tabelle dient lediglich als Entscheidungshilfe. Die Markierungen „+“ und „-“ für die An- und Abwesenheit der jeweiligen Merkmale sind entsprechend relativ und als Tendenzen zu verstehen, die eine Textsorte aufweisen kann. Anhang 1: Annotationsrichtlinien Überschriften-Korpus 299 <?page no="300"?> Anhang 2: Aufteilung der Artikel-Gesamtmengen im Korpus Anhang 2.1: Hochrechnung Gesamtmenge der Artikel Die hochgerechnete Anzahl der Artikel für 26 Wochen, aufgeteilt nach Textsorte und Presseportal: - keinText Anleitung Bericht Feature Glosse Interview Kolumne Kommentar Meldung Ratgebertext Reportage Rezension Gesamt Bento 52 0 52 0 0 208 0 104 0 104 104 26 650 BILD On‐ line 494 104 3978 52 0 494 156 130 7748 1352 286 286 15080 BuzzFeed 104 0 0 0 0 0 0 0 0 52 0 26 182 FAZ.NET 182 0 4498 156 52 650 156 650 7514 442 1768 442 16510 Focus On‐ line 416 156 4576 104 104 390 208 650 8762 1872 806 52 18096 Giga.de 208 0 650 26 0 26 0 26 1872 728 78 1144 4758 Gala.de 1456 26 1040 0 0 234 0 78 5356 312 78 130 8710 Game‐ Star.de 78 104 494 26 0 26 0 52 2704 182 0 78 3744 Handels‐ blatt.com 52 0 4550 234 52 416 0 52 7748 130 624 130 13988 Neues- Deutsch‐ land.de 52 0 936 52 52 78 78 416 494 26 234 156 2574 Spiegel On‐ line 416 52 1976 26 0 364 130 130 7748 182 390 208 11622 Stern.de 11466 52 1586 26 26 208 0 52 4420 494 338 156 18824 Sueddeut‐ sche.de 1560 0 4342 182 78 520 286 1196 3770 624 2730 572 15860 Utopia 0 104 364 0 0 0 0 26 260 702 0 0 1456 Welt.de 4134 0 4784 156 52 884 130 1326 5122 1066 1248 338 19240 Wirt‐ schaftswo‐ che.de 0 26 1274 26 0 260 130 104 4654 260 182 26 6942 Zeit Online 416 0 1638 156 26 494 208 416 3068 78 858 208 7566 300 Anhang <?page no="301"?> N-tv.de 0 0 1872 52 0 208 52 130 4576 286 468 182 7826 TAZ.de 0 0 1690 26 130 286 572 936 1092 0 780 208 5720 Gesamt 21086 624 40300 1300 572 5746 2106 6474 76908 8892 10972 4368 179348 Anhang 2.2: Gesamtmenge der Artikel mit WÜ Anzahl der Artikel mit WÜ an der Gesamtmenge der hochgerechneten Artikel (s. Anhang 2.1) für 26 Wochen, aufgeteilt nach Textsorte und Presseportal. Die hier aufgeführten Zahlen sind die Grundlage für die Berechnung der prozentualen Anteile der Artikel mit WÜ für jede Textsorte in einem Portal (s. Tabelle 10): - keinText Anleitung Bericht Feature Glosse Interview Kolumne Kommentar Meldung Ratgebertext Reportage Rezension Gesamt Bento 6 0 40 5 0 15 1 44 2 6 3 1 123 BILD Online 6 0 255 0 0 29 6 26 62 61 15 10 470 BuzzFeed 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 FAZ.NET 7 0 128 10 0 4 15 31 13 24 7 8 247 Focus Online 13 3 295 10 1 36 15 86 65 260 20 4 808 Giga.de 5 0 17 0 0 0 1 7 30 15 2 4 81 Gala.de 3 0 35 0 0 5 0 4 11 22 0 1 81 GameStar.de 4 0 15 0 0 0 0 2 16 1 0 1 39 Handels‐ blatt.com 39 0 275 19 0 10 6 17 2 38 14 11 431 Neues- Deutsch‐ land.de 0 0 9 0 0 0 0 2 1 1 0 0 13 Spiegel On‐ line 14 0 106 5 0 7 9 26 17 22 4 8 218 Stern.de 20 0 83 0 1 5 3 24 26 31 4 2 199 Sueddeut‐ sche.de 9 0 82 10 0 4 2 20 5 25 10 6 173 Utopia 0 0 9 0 0 0 0 3 1 56 0 2 71 Welt.de 74 0 175 5 1 17 3 57 11 50 13 6 412 Wirtschafts‐ woche.de 1 0 90 16 0 2 14 18 5 22 3 2 173 Anhang 2: Aufteilung der Artikel-Gesamtmengen im Korpus 301 <?page no="302"?> Zeit Online 11 0 33 0 0 1 4 11 2 4 4 3 73 N-tv.de 3 0 41 0 0 1 0 5 4 31 2 0 87 TAZ.de 2 0 9 0 0 1 6 8 0 0 2 4 32 Gesamt 217 3 1697 80 3 137 85 391 273 669 103 73 3731 Anhang 2.3: Gesamtmenge der Artikel mit WV2I in der Überschrift Anzahl der Artikel mit WV2I in der Überschrift an der Gesamtmenge der hoch‐ gerechneten Artikel (s. Anhang 2.1) für 26 Wochen, aufgeteilt nach Textsorte und Presseportal. Die hier aufgeführten Zahlen sind die Grundlage für die Berechnung der prozentualen Anteile an Artikeln mit WV2I in der Überschrift für jede Textsorte in einem Portal (s. Tabelle 11): - keinText Anleitung Bericht Feature Glosse Interview Kolumne Kommentar Meldung Ratgebertext Reportage Rezension Gesamt Bento 2 0 10 3 0 9 2 6 1 7 1 0 41 BILD Online 16 0 218 4 0 24 1 23 61 125 5 21 498 BuzzFeed 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 FAZ.NET 6 0 82 8 0 10 9 27 9 14 10 20 195 Focus Online 5 0 125 3 0 22 2 28 68 81 5 8 347 Giga.de 11 3 20 0 0 0 2 8 22 39 0 23 128 Gala.de 5 0 38 0 0 0 0 9 12 14 0 4 82 GameStar.de 12 0 15 0 0 0 0 3 18 2 0 0 50 Handels‐ blatt.com 1 0 17 0 0 0 0 2 0 2 1 0 23 Neues- Deutsch‐ land.de 0 0 3 0 0 0 0 3 1 0 0 1 8 Spiegel On‐ line 29 0 42 0 0 4 4 14 7 10 3 7 120 Stern.de 33 0 58 0 0 11 1 6 12 8 0 5 134 Sueddeut‐ sche.de 49 0 25 2 0 0 4 6 4 7 2 5 104 302 Anhang <?page no="303"?> Utopia 0 0 1 0 0 0 0 0 0 14 0 1 16 Welt.de 43 0 42 2 1 8 1 26 7 20 3 10 163 Wirtschafts‐ woche.de 0 0 15 1 0 1 9 10 1 4 1 1 43 Zeit Online 36 0 38 1 0 13 4 20 0 10 5 5 132 N-tv.de 1 0 36 1 0 1 1 0 8 22 3 3 76 TAZ.de 0 0 11 0 0 1 3 10 0 0 3 3 31 Gesamt 249 3 796 25 1 104 43 201 231 379 42 117 2191 Anhang 2: Aufteilung der Artikel-Gesamtmengen im Korpus 303 <?page no="305"?> Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Beispiel eines Diskursbaums mit Subfragen übersetzt übernommen aus Riester (2019: 3) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Abb. 2: Teil eines Diskursbaums übernommen aus Riester (2019: Appendix 1) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 Abb. 3: Beispiel initiale QUD mit Subfrage am Textanfang nach Beispiel von Riester et al. (2018: 17f.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Abb. 4: Mögliche Darstellung eines Diskursbaumes mit Pressetexten als Antworten auf QUDs im Diskurs am Beispiel des Moscheen-Attentates in Christchurch, Neuseeland am 15.03.2019 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Abb. 5: Anteile der WÜ und WV2I in Überschriften von Presse- Artikeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 Abb. 6: Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift an der Artikel-Gesamtmenge pro Online-Portal . . . . . . . . . . . . 156 Abb. 7: Häufigkeit der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Textsortenzugehörigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 Abb. 8: Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Textsortenzugehörigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Abb. 9: Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrem Handlungszweck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Abb. 10: Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Zielerreichungsweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173 Abb. 11: Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrer (Vor-)Bedingung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Abb. 12: Anteile der Artikel in Tageszeitungen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Textsortenzugehörigkeit . . . . . . . . . . . 179 Abb. 13: Anteile der Artikel in Tageszeitungen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrer (Vor-)Bedingung . . . . . . . . . . . . . 181 Abb. 14: Anteile der Artikel in Magazinen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Textsortenzugehörigkeit . . . . . . . . . . . . . . 182 Abb. 15: Anteile der Artikel in Magazinen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrer (Vor-)Bedingung . . . . . . . . . . . . . . . . 184 Abb. 16: Anteile der Artikel mit WÜ aus Magazinen und Tageszeitungen nach Textsortenzugehörigkeit . . . . . . . . . . 186 Abb. 17: Anteile der Artikel mit WÜ aus Magazinen und Tageszeitungen nach ihrer (Vor-)Bedingung . . . . . . . . . . . . 186 <?page no="306"?> Abb. 18: Anteile von WAA und WAP in WÜ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Abb. 19: Anteile von WAA und WAP in WV2I . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Abb. 20: W-Ausdrücke in WÜ und WV2I mit einem Anteilswert über 3% . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Abb. 21: Anteile der w-Ausdrücke in WÜ von präferierten Textsorten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 Abb. 22: Anteile der w-Ausdrücke in WV2I in Überschriften von präferierten Textsorten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 Abb. 23: Anteile der Überschriften, die die Wissenslücke im Bezugstext offen lassen oder schließen . . . . . . . . . . . . . . . . . 202 Abb. 24: Anteile der Überschriften von Ratgebertexten, die die Wissenslücke offen lassen oder schließen . . . . . . . . . . . . . . . 203 Abb. 25: Anteile der Überschriften von Kommentaren, die die Wissenslücke offen lassen oder schließen . . . . . . . . . . . . . . . 203 Abb. 26: Anteile der Überschriften von Berichten, die die Wissenslücke offen lassen oder schließen . . . . . . . . . . . . . . . 203 Abb. 27: Distribution rekurrenter Muster aus WÜ in Textsorten . . . 212 Abb. 28: Distribution Was Sie X wissen müssen/ sollten in Textsorten und Online-Portalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213 Abb. 29: Distribution Was du X wissen musst/ sollst in Textsorten in Utopia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213 Abb. 30: Distribution Was wir über X wissen in Textsorten und Online-Portalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 Abb. 31: Distribution Warum X wichtig ist in Textsorten und Online- Portalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 Abb. 32: Anzahl der Vorkommen von TP- und TR-Referenzen in WÜ und WV2I in Überschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 Abb. 33: Anteile der WÜ und WV2I in Überschriften mit Sie/ du- Gebrauch in Textsorten nach (Vor-)Bedingung . . . . . . . . . . 220 Abb. 34: Anteile der WÜ und WV2I in Überschriften mit ich- Gebrauch in Textsorten nach (Vor-)Bedingung . . . . . . . . . . 221 Abb. 35: Anteile der WÜ und WV2I in Überschriften mit wir- Gebrauch in Textsorten nach (Vor-)Bedingung . . . . . . . . . . 223 Abb. 36: Struktur einer Konstruktion nach Croft (2001: 19) . . . . . . . . 234 Abb. 37: Narrativer V1-Deklarativsatz nach Jacobs (2016: 37) angepasst ans Schema von Croft (2001) . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 Abb. 38: WÜ-Konstruktion mit angebundenem externen Kontext- Frame . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 306 Abbildungsverzeichnis <?page no="307"?> Abb. 39: Granulare Darstellung des mit der WÜ-Konstruktion angebundenen Kontextes in Frames für den Situations-, Wissens- und Sprachkontext . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 Abb. 40: Beispiel einer WÜ-Konstruktion mit angebundener Textsorten-Konstruktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253 Abb. 41: Narrativer V1-Deklarativsatz nach Jacobs (2016) angepasst auf das entwickelte Kontext-Frame-Modell . . . . . . . . . . . . . 254 Abb. 42: Beispiel einer WÜ-Konstruktion, dessen Nominativ-NP durch das Pronomen ich in der 1.Ps.Sg. realisiert wird . . . . 258 Abb. 43: Beispiel der Konstruktion „Was du X wissen musst/ sollst“ . 259 Abb. 44: Beispiel der Konstruktion „Was X an einem Tag isst“ . . . . . 260 Abbildungsverzeichnis 307 <?page no="309"?> Tabellenverzeichnis Tab. 1: Funktionale Einteilung der Pressetexte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Tab. 2: Im Korpus vertretene Online-Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 Tab. 3: Ermittelte κ-Werte für die Auszeichnungen im Korpus . . . . . . 143 Tab. 4: Verteilung der Artikel in Online-Portalen . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 Tab. 5: Vereinfachter Überblick der Annotationsebenen im Überschriften-Korpus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 Tab. 6: Frequenzen und Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in Überschriften in Online-Portalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154 Tab. 7: Frequenzen und Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift in Pressegattungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158 Tab. 8: Frequenzen und Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift in Online-Portalen nach Entstehungshintergrund 159 Tab. 9: Frequenzen und Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Textsortenzugehörigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 Tab. 10: Anteile der Artikel einer Textsorte mit WÜ in Online- Presseportalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164 Tab. 11: Anteile der Artikel einer Textsorte mit WV2I in der Überschrift in Online-Presseportalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168 Tab. 12: Frequenzen und Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrem Handlungszweck . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Tab. 13: Frequenzen und Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in Überschriften nach Zielerreichungsweise . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 Tab. 14: Frequenzen und Anteile der Artikel mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrer (Vor-)Bedingung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175 Tab. 15: Frequenzen und Anteile der Artikel in Tageszeitungen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Textsortenzugehörigkeit . . 178 Tab. 16: Frequenzen und Anteile der Artikel in Tageszeitungen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrer (Vor-)Bedingung . . . . 180 Tab. 17: Frequenzen und Anteile der Artikel in Magazinen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach Textsortenzugehörigkeit . . . . . . 181 Tab. 18: Frequenzen und Anteile der Artikel in Magazinen mit WÜ und WV2I in der Überschrift nach ihrer (Vor-)Bedingung . . . . . . . . 183 Tab. 19: Anteile der Artikel mit WÜ aus Magazinen und Tageszeitungen nach Textsortenzugehörigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 Tab. 20: Anteile der Artikel mit WÜ aus Magazinen und Tageszeitungen nach ihrer (Vor-)Bedingung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185 <?page no="310"?> Tab. 21: Frequenzen und Anteile der w-Ausdrücke in WÜ und WV2I . 189 Tab. 22: Anteile an w-Ausdrücken in WÜ nach Textsortenzugehörigkeit 193 Tab. 23: Anteile an w-Ausdrücken in WV2I in Überschriften nach Textsortenzugehörigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196 Tab. 24: Bigramme aus WÜ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205 Tab. 25: Bigramme aus Überschriften mit WV2I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206 Tab. 26: Trigramme aus WÜ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Tab. 27: Trigramme aus Überschriften mit WV2I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Tab. 28: Ausgewählte Belegstellen der n-Gramme mit Leseradressierung und Wissens-Semantik . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 Tab. 29: Ausgewählte Belegstellen für das Muster „Warum X (so) wichtig ist“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Tab. 30: Beispiele für Überschriften mit dem Muster „Was X an einem Tag isst“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 Tab. 31: Beispiele für Überschriften mit dem Muster „Was verdient/ verdienen eigentlich X? “ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 210 Tab. 32: Keyness-Werte von frequenteren Wörtern aus WÜ im Vergleich zu WV2I in Überschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211 Tab. 33: Häufigkeiten der TP- und TR-Referenzen aus WÜ und WV2I in Überschriften nach Textsortenzugehörigkeit . . . . . . . . . . . . . 218 Tab. 34: Anteile der WÜ und WV2I in Überschriften mit Sie/ du-Gebrauch in Textsorten nach (Vor-)Bedingung . . . . . . . . . . 219 Tab. 35: Anteile der WÜ und WV2I in Überschriften mit ich-Gebrauch in Textsorten nach (Vor-)Bedingung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 Tab. 36: Anteile der WÜ und WV2I in Überschriften mit wir-Gebrauch in Textsorten nach (Vor-)Bedingung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222 310 Tabellenverzeichnis <?page no="311"?> Studien zur Pragmatik herausgegeben von Eva Eckkrammer, Claus Ehrhardt, Anita Fetzer, Rita Finkbeiner, Frank Liedtke, Konstanze Marx, Sven Staffeldt und Verena Thaler Pragmatik, das Studium der Sprachverwendung in all ihren Facetten, hat sich zu einer allgemein anerkannten sprachwissenschaftlichen Disziplin entwickelt. Sie hat viele Fragestellungen benachbarter Disziplinen wie der Semantik oder der Syntax in sich aufgenommen und unter neuem Vorzeichen vorangetrieben. Dabei bezieht sie den Spracherwerb und Sprachwandel mit ein und reflektiert die Bezüge zu anderen Wissenschaften, zum Beispiel der Philosophie, Psychologie und Soziologie. Eine Folge dieser Entwicklung ist eine starke Ausdifferenzierung der Pragmatik in unterschiedliche Forschungsstränge und Teilparadigmen. Von der experimentellen bis zur formalen Pragmatik, von der Gesprächsforschung bis zur Textanalyse, von der Soziopragmatik bis zur pragmatischen Syntax erstreckt sich das Feld der pragmatischen Untersuchungsansätze. Die Studien zur Pragmatik bieten zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum ein Forum für qualitativ hochwertige Arbeiten zur Pragmatik in ihrer ganzen Breite. Sie sind theoretisch offen für die verschiedenen Strömungen dieser Disziplin und besonders geeignet für solche theoretisch und empirisch begründete Untersuchungen, die die pragmatische Diskussion weiter vorantreiben. Die Bände der Reihe werden einem Peer-Review Verfahren unterzogen. Bisher sind erschienen: 1 Detmer Wulf Pragmatische Bedingungen der Topikalität Zur Identifizierbarkeit von Satztopiks im Deutschen 2019, 260 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8260-7 2 Eva-Maria Graf, Claudio Scarvaglieri, Thomas Spranz-Fogasy (Hrsg.) Pragmatik der Veränderung Problem- und lösungsorientierte Kommunikation in helfenden Berufen 2019, 306 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8259-1 3 Simon Meier-Vieracker, Lars Bülow, Frank Liedtke, Konstanze Marx, Robert Mroczynski (Hrsg.) 50 Jahre Speech Acts Bilanz und Perspektiven 2019, 322 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8347-5 4 Kristin Börjesson, Jörg Meibauer (Hrsg.) Pragmatikerwerb und Kinderliteratur 2021, 264 Seiten €[D] 68,- ISBN 978-3-8233-8446-5 5 Marie-Luis Merten, Susanne Kabatnik, Kristin Kuck, Lars Bülow, Robert Mroczynski (Hrsg.) Sprachliche Grenzziehungspraktiken Analysefelder und Perspektiven 2023, 374 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8516-5 6 Lisa Soder Diskursmarker im schriftlichen Standard Status, Formen und Funktionen 2023, 520 Seiten €[D] 98,- ISBN 978-3-381-10271-6 7 Susanne Kabatnik, Lars Bülow, Marie-Luis Merten, Robert Mroczynski (Hrsg.) Pragmatik multimodal 2024, 360 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-8233-8582-0 <?page no="312"?> 8 Susanne Kabatnik, Marie-Luis Merten, Sören Stumpf, Sebastian Zollner (Hrsg.) Variationspragmatik Regionale Vielfalt und situative Unterschiede im Sprachgebrauch 2025, ca. 250 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-381-13511-0 9 Julian Michael Stawecki Die W-Überschrift als selbständiger Satztyp Eine korpuslinguistische Analyse zu Gebrauchspräferenzen in der Online-Presse 2025, 310 Seiten €[D] 88,- ISBN 978-3-381-14071-8 <?page no="313"?> ISBN 978-3-381-14071-8 Die W-Überschrift ist ein besonderer Satztyp mit Verbletztstellung, der nur in Überschriften vorkommt. Diese Arbeit untersucht mit korpuslinguistischen Methoden, welche Bedeutung und Wirkung dieser Satztyp hat und wie sich diese systematisch beschreiben lassen. Grundlage der Analyse ist ein eigens erstelltes Korpus mit Überschriften aus über 19 deutschen Online- Pressetexten. Die Studie zeigt, dass W-Überschriften nicht zufällig, sondern gezielt in bestimmten Textsorten verwendet werden, um Erwartungen an die Art und den Inhalt der Wissensvermittlung im Haupttext zu steuern. Die Arbeit nutzt verschiedene sprachwissenschaftliche Ansätze, um zu erklären, wie sich Form und Textposition auf die Bedeutung dieses Satztyps auswirken. www.narr.de